diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 76485-0.txt | 16376 | ||||
| -rw-r--r-- | 76485-h/76485-h.htm | 26587 | ||||
| -rw-r--r-- | 76485-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 179586 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 76485-h/images/logo.jpg | bin | 0 -> 6362 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
7 files changed, 42979 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/76485-0.txt b/76485-0.txt new file mode 100644 index 0000000..9ae5c81 --- /dev/null +++ b/76485-0.txt @@ -0,0 +1,16376 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 *** + + + F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke + + Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski, + Dmitri Philossophoff und anderen + herausgegeben von Moeller van den Bruck + + Übertragen von E. K. Rahsin + + + Zweite Abteilung: Neunzehnter Band + + + F. M. Dostojewski + + + + + Die Erniedrigten + und Beleidigten + + + Roman + + München und Leipzig + R. Piper u. Co., G. m. b. H. + 1910 + + + R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910 + + Druck von Mänicke & Jahn in Rudolstadt. + + + + + Vorwort. + + +Die ersten Werke, die Dostojewski nach seiner Rückkehr aus Sibirien +geschrieben, bezw. vollendet hatte, waren die satirisch-humoristischen +Dichtungen „Das Gut Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“ gewesen, +beide aus dem Jahre 1859. Diesen Dichtungen ließ er im Jahre 1861, noch +während der Arbeit an den bereits begonnenen Erinnerungen „Aus einem +Totenhause“, den Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“ folgen. Es ist +Dostojewskis Liebesroman, die Geschichte einer Leidenschaft, die wie ein +tragisches Idyll in dem breiten strömenden Epos seines Gesamtwerkes +steht. Im Ton, in einer gewissen großstädtischen, nebelfeuchten, +schattenschwankenden Petersburger Stimmung, in die sich auch hier noch +leise und unheimliche soziale Untertöne mischten, griff er darin auf +sein erstes Buch, die „Armen Leute“ zurück, wie es denn ersichtlich +dieses Werk ist, auf das er sich selbst, als auf das Erstlingswerk des +Erzählenden, des öfteren bezieht. Der Erzähler ist Dostojewski selbst, +der junge Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit, an den sich +der alte Dostojewski zurückerinnert. In der allgemeinen Behandlung +dagegen, die auch hier wieder alle alte Romantik abtat und dafür schon +in diesem Werke etwas wie eine neue Phantastik des modernen Lebens +heraufbeschwor, in der entschlossenen Charakterologie, die sich nicht +scheute, aus den Gestalten der beiden Liebenden die Vermenschlichung +psychologischer und im Falle des Helden pathologischer Probleme zu +machen, griff Dostojewski bereits seinen großen Romanen vor. Die +„Erniedrigten und Beleidigten“ wirken wie ein Versuch zu ihnen, und +nicht zufällig nähern sie sich ihnen von allem, was er in kleinerer Form +geschrieben hat, auch räumlich am meisten. Geistig ist das Buch diesen +Werken großer Form unmittelbar verwandt, fast könnte man sagen, es +gehört bereits zu ihnen. Nur noch fünf Jahre, und Dostojewski war +bereit, „Rodion Raskolnikoff“ zu schreiben. In den „Erniedrigten und +Beleidigten“ kündigt sich diese Entwicklung bereits an: es ist das +Jugendwerk, das er im Mannesalter geschrieben hat und in dem er sich zu +seinem eigentlichen Lebenswerk frei und reif gemacht hatte. + + M. v. d. B. + + + + + Erster Teil + + + I. + +Am zweiundzwanzigsten März des vorigen Jahres hatte ich gegen Abend ein +äußerst seltsames Erlebnis. Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach +einer neuen Wohnung in der Stadt herumgelaufen. Der Grund war, daß mir +mein Husten, der mir mit der Zeit doch Sorge zu bereiten begann, es +nicht länger möglich machte, daß ich in meiner alten feuchten Wohnung +blieb. Eigentlich hatte ich ja schon im Herbst umzuziehen beabsichtigt, +inzwischen war es darüber doch Frühling geworden. Einen ganzen Tag hatte +ich gesucht, trotzdem aber nichts Passendes gefunden. Freilich waren +auch meine Ansprüche nicht so leicht zu befriedigen. Erstens wollte ich +nicht in einer Familienwohnung ein möbliertes Zimmer mieten, sondern +eines für sich mit besonderem Eingang. Zweitens mußte dieses einzelne +Zimmer unbedingt groß oder zum mindesten geräumig, und drittens bei all +diesen Vorzügen selbstverständlich möglichst billig sein. Ich habe die +Erfahrung gemacht, daß in einem engen Raum auch die Gedanken sich beengt +fühlen. Ich aber gehe, wenn ich mir meine noch ungeschriebenen +Erzählungen in Gedanken zurechtlege, mit Vorliebe im Zimmer auf und ab, +was in einer kleinen Stube natürlich sehr unbequem und wenig tunlich zu +sein pflegt. Übrigens hat es mir immer mehr Vergnügen gemacht, in +Gedanken meine Werke auszuarbeiten, es mir vorläufig nur auszumalen, wie +ich sie schreiben würde, als sie buchstäblich zu schreiben – und das +wirklich nicht etwa aus Faulheit ... Woher das nur kommen mag? + +Schon am Morgen hatte ich mich nicht ganz wohl gefühlt, gegen Abend aber +fühlte ich mich geradezu krank: ich muß mich von neuem erkältet haben. +Hinzu kam, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; das hatte +mich natürlich sehr ermüdet. Als ich auf dem Wosnessenskij-Prospekt +anlangte, sah ich gerade noch das letzte Leuchten der Abendsonne. Ich +liebe die Märzsonne in Petersburg, namentlich den Sonnenuntergang, +natürlich nur dann, wenn der Abend klar und kalt ist. Dann ist die ganze +Straße plötzlich wie in Licht getaucht. Alle Häuser scheinen zu glänzen, +und ihre grauen, gelben, schmutzig-grünen Fassaden verlieren für einen +Augenblick ihre mürrische Stumpfheit. Auch in die Seele flutet das +Licht, es ist ordentlich, als zucke sie zusammen. Wie Schuppen fällt es +einem von den Augen und neue Gedanken strömen durch den Kopf ... Es ist +ganz erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl in der Seele des +Menschen bewirken kann. + +Doch das Abendrot erlosch; die Kälte wurde immer empfindlicher; auch die +Dämmerung nahm zu ... in den Schaufenstern und Läden flammte das Gas +auf. Plötzlich blieb ich, unter dem Eindruck des Vorgefühls, daß ich +sogleich etwas Ungewöhnliches erleben würde, wie angewurzelt stehen, +spähte suchend zu dem anderen Trottoir hinüber, wo sich eine mir gut +bekannte deutsche Konditorei befand, – und erblickte dort den Alten und +seinen Hund. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Herz sich unter +einer unangenehmen Empfindung gleichsam zusammenzog, und ich vermochte +selbst nicht einmal zu entscheiden, welches der Grund dieser Empfindung +war. + +Ich bin kein Mystiker; an Vorahnungen und Wahrsagungen glaube ich so gut +wie überhaupt nicht; indes habe ich in meinem Leben, wie vielleicht +jeder Mensch, einige ziemlich unerklärliche Erlebnisse gehabt. Nun, +nehmen wir zum Beispiel diesen Zwischenfall mit dem Alten: weshalb hatte +ich damals, als ich ihn erblickte, sogleich das Empfinden, daß ich an +diesem Abend etwas Außergewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich +krank, und Empfindungen in einem krankhaften Zustande pflegen fast immer +trügerisch zu sein. + +Der Alte näherte sich der Konditorei nur langsam, setzte langsam einen +Fuß vor den anderen, ohne die Gelenke dabei zu biegen, als ginge er +nicht auf Beinen, sondern auf Stöcken. Sein Rücken war ganz krumm, +gleichwohl stützte er sich, gleichsam tastend, nur leicht auf seinen +Stock. + +So ging er auf die Konditorei zu. Noch nie war mir ein so seltsamer, ein +so – unmöglicher Mensch begegnet. Auch früher schon, wenn ich ihn bei +Müller – so hieß der Konditoreibesitzer – angetroffen hatte, war der +Eindruck, den er auf mich machte, immer fast ein schmerzhafter gewesen. +Seine lange gebeugte Gestalt, das achtzigjährige Leichengesicht, der +alte Mantel, dessen Nähte überall aufgeplatzt waren, der verbeulte runde +Hut, den er wohl schon etliche zehn Jahre auf seinem kahlen Kopfe tragen +mochte, auf diesem seltsamen Schädel, von dessen Haaren sich nur noch im +Nacken einige nicht graue, sondern gelblichweiße Strähnen erhalten +hatten; alle seine Bewegungen, die etwas so Seltsames an sich hatten, +als wären sie Bewegungen einer aufgezogenen Puppe – alles das mußte +unwillkürlich einen jeden auf ihn aufmerksam machen. Es berührte in der +Tat sehr sonderbar, diesen hilflosen Greis so ganz ohne Aufsicht zu +sehen, um so mehr, als er tatsächlich schon eher einem Irrsinnigen +glich, der der Obhut seiner Wärter entschlüpft war. Ganz besonders +auffallend war auch seine ungewöhnliche Magerkeit: er sah aus, als habe +er überhaupt kein Fleisch, als sei über ein Knochengerüst nichts als +dünne, alte Haut geklebt. Seine großen trüben Augen, die von +dunkelblauen Ringen umgeben waren, blickten stets unverwandt geradeaus – +niemals sahen sie zur Seite; sie sahen überhaupt nie etwas, davon bin +ich überzeugt. Denn wenn er einen auch ansah, wie man aus der Richtung +seines Blickes schließen konnte, so setzte er doch so unbeirrt seinen +Weg fort, als wäre vor ihm nichts als freie Luft gewesen. Das habe ich +mehr als einmal bemerkt. Übrigens pflegte er erst seit nicht sehr langer +Zeit in dieser Konditorei zu erscheinen, und zwar stets in Begleitung +seines Hundes. Woher er kam, wußte niemand, denn noch nie hatte sich +jemand von den Stammgästen entschlossen, ihn anzureden, er selbst aber +sah sie nicht einmal an. + +„Weshalb schleppt er sich wohl täglich zu Müller, und was treibt er +dort?“ dachte ich, und beobachtete ihn, unwiderstehlich von ihm +angezogen, von der anderen Straßenseite. Ein gewisser Ärger – +wahrscheinlich eine Folge meiner Krankheit und Müdigkeit – stieg in mir +auf. „Was er wohl bei sich denkt?“ fragte ich mich, ohne mich beruhigen +zu können. „Was er im Sinn haben mag? Denkt er überhaupt etwas? Sein +Gesicht ist ja schon so tot, daß es entschieden nichts mehr ausdrückt. +Und woher er nur diesen scheußlichen Hund hat! Aber das Tier ist +wirklich wie verwachsen mit ihm, sieht ihm auch auffallend ähnlich ... +Es ist fast, als wären sie beide ein einziges unteilbares Ganzes ...“ + +Dieser arme Hund war, glaube ich, gleichfalls achtzigjährig; ja, wie +hätte er auch wohl jünger sein können! Erstens sah er so alt aus, wie +sonst kein einziger Hund aussieht, und zweitens: weshalb war mir +sogleich, beim ersten Blick auf diesen Hund, der Gedanke gekommen, daß +er kein Hund wie alle anderen Hunde sei, sondern ein ganz besonderer, +und daß in diesem Hunde unbedingt etwas Phantastisches, Verwunschenes +stecken müsse. Vielleicht war sein Kern ein mephistophelischer? wer +weiß! Jedenfalls aber war sein Schicksal durch geheimnisvolle, +untrennbare Fäden aufs engste mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft. +Wer diesen Hund betrachtete, mußte ohne weiteres zugeben, daß er vor +mindestens zwanzig Jahren zum letzten Mal, so wie es sich gehört, +gefressen hatte! Mager war er wie ein Knochengestell oder – was wäre +bezeichnender – wie sein Herr! Behaartes Fell hatte er fast überhaupt +nicht mehr, selbst die Rute, die wie ein Stock herabhing, war so gut wie +gänzlich unbehaart. Der Kopf und die langen Ohren hingen traurig herab. +Nein, in meinem ganzen Leben habe ich keinen so widerlichen Hund +gesehen. Wenn sie beide auf der Straße gingen, der Herr voran und der +Hund hinterher, dann berührte seine Schnauze unausgesetzt den +Mantelzipfel seines Gebieters, als wäre sie an ihn angeklebt. Und der +Gang der beiden und ihre Haltung und ganzes Aussehen schienen dann bei +jedem Schritt zu sagen: + +„Alt sind wir, ja, alt, Herrgott, wie sind wir alt!“ + +Ich erinnere mich noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf ging, der +Alte hätte sich mit seinem Hunde aus irgendeiner Hoffmannschen +Erzählung, illustriert von Gavarni, herausgestohlen und spaziere jetzt +als lebende Reklame des Werkes umher. Ich schritt über die Straße und +folgte dem Alten in die Konditorei. + +Dort hatte der Alte schon längst unliebsames Aufsehen erregt. Müller, +hinter dem Ladentisch, schnitt bei Erscheinen des unerwünschten Gastes +jedesmal eine unzufriedene Grimasse. Erstens, bestellte der eigenartige +Gast nie etwas. Sowie er eintrat, ging er gleich auf den Ofen in der +Ecke zu und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl nieder. War dieser Platz +besetzt, so blieb er in gedankenlosem Staunen vor der Person, die seinen +Platz eingenommen hatte, stehen und schritt dann wie vor den Kopf +geschlagen in die andere Ecke am Fenster. Dort nahm er irgendeinen +Stuhl, setzte sich langsam auf ihn nieder, nahm den Hut ab, legte ihn +auf den Fußboden, stellte den Stock daneben an die Wand, lehnte sich +zurück in den Stuhl und verharrte so regungslos drei bis vier Stunden. +Niemals nahm er eine Zeitung zur Hand, niemals sprach er ein Wort oder +gab einen Laut von sich; er saß nur, starrte mit einem so stumpfen und +leblosen Blick vor sich hin, daß man hätte wetten können, er sähe und +höre nichts von dem, was um ihn her vor sich ging. Der Hund legte sich +dann, nachdem er sich ein paarmal im Kreise herumgedreht hatte, knurrig +zu seinen Füßen nieder, drückte seine Schnauze zwischen die Stiefel +seines Herrn, seufzte tief auf und lag so, der Länge nach ausgestreckt, +den ganzen Abend unbeweglich da, als wäre er wirklich leblos. Es schien +überhaupt, als ob diese beiden Wesen den ganzen Tag über irgendwo tot +dagelegen und erst bei Sonnenuntergang sich plötzlich belebt hätten, nur +um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dort eine geheimnisvolle, +allen unbekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei bis vier +Stunden so dagesessen hatte, erhob er sich plötzlich, um sich nach Hause +zu begeben. Auch der Hund richtete sich auf, klemmte seinen Schwanz +zwischen die Beine und folgte gesenkten Hauptes, wie mechanisch, seinem +Herrn. Die Gäste der Konditorei mieden den Alten, setzten sich nie neben +ihn, als flößte er ihnen Widerwillen ein. Er aber merkte von alledem gar +nichts. + +Diese Gäste waren hauptsächlich Deutsche, Bewohner des +Wosnessenskij-Prospekt und Inhaber verschiedener Werkstätten, Schlosser, +Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler – patriarchalische Leute im deutschen +Sinne des Wortes. Bei Müller ging es überhaupt sehr patriarchalisch zu. +Der Wirt selbst setzte sich des öfteren zu seinen Gästen an den Tisch, +wobei eine gewisse Menge Punsch verabfolgt wurde. Auch die Hunde und die +kleinen Kinder des Wirtes erschienen bei den Gästen, von denen sie dann +geliebkost und gestreichelt wurden, die Kinder wie die Hunde. Alle waren +sie miteinander bekannt und alle achteten sie sich gegenseitig. Und wenn +die Gäste sich in das Lesen deutscher Zeitungen vertieften, so ertönte +aus der Wohnung des Wirtes der liebe Augustin, gespielt auf einem alten +Klimperkasten, von der ältesten Tochter, einem frischen, blondlockigen +Mädchen, das an eine weiße Maus erinnerte. Besonders gern hatten es +alle, wenn sie Walzer spielte. Ich selbst ging immer in den ersten Tagen +des Monats zu Müller, um dort russische Monatsschriften zu lesen. + +Als ich heute in die Konditorei trat, sah ich den Alten bereits am +Fenster sitzen und den Hund wie immer zu seinen Füßen. Schweigend setzte +ich mich in eine Ecke und stellte mir selbst die Frage: „Warum bin ich +hierhin gekommen, wo ich doch nichts zu suchen habe?“ Krank, wie ich +mich fühlte, hätte ich nach Hause gehen, einen heißen Tee trinken und +mich schlafen legen sollen. „Bin ich denn wirklich hierher gekommen, um +den Alten anzugaffen?“ Ich ärgerte mich. „Was geht er mich an,“ dachte +ich und erinnerte mich der krankhaften und sonderbaren Empfindung, die +der Alte auf der Straße in mir hervorgerufen hatte. Und was habe ich mit +all diesen langweiligen Deutschen zu tun? Wozu diese phantastische Idee? +Wozu diese Erregung wegen nichts, die mich in letzter Zeit so +beherrscht, ja mich nicht leben läßt und meine klare Anschauung über das +Leben verwirrt? Trotz aller dieser Vorstellungen blieb ich doch wie +angewurzelt auf der Stelle sitzen, während der Schüttelfrost in mir +immermehr zunahm und ich das warme Zimmer jetzt erst recht nicht mehr +verlassen mochte. Ich nahm die Frankfurter Zeitung, las ein paar Zeilen +und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht dabei. Sie lasen oder +rauchten und teilten sich nur hin und wieder mit abgebrochener und +halblauter Stimme eine Neuigkeit aus Frankfurt mit, oder irgend einen +Witz aus dem berühmten deutschen Witzblatt Satyr, worauf sie sich dann +mit verdoppeltem Nationalstolz von neuem ins Lesen vertieften. + +Ich mag wohl eine halbe Stunde geschlafen haben, als mich plötzlich ein +starker Fieberschauer aufriß. Es war wirklich an der Zeit, nach Haus’ zu +gehen! Eine stumme Szene jedoch, die sich gerade in diesem Augenblick im +Raume abspielte, hielt mich noch einmal davon zurück. Ich habe bereits +gesagt, daß der Alte, nachdem er sich niedergesetzt, immer sofort seinen +Blick auf einen Punkt heftete und ihn den ganzen Abend unverwandt auf +denselben Gegenstand geheftet hielt. Auch mir passierte es einmal, daß +dieser gedankenlose, starre und nichts unterscheidende Blick auf mich +fiel: ein unangenehmes, ja unerträgliches Gefühl überkam mich und ich +wechselte so schnell als möglich meinen Platz. Dieses Mal war das Opfer +des Alten ein kleiner, außerordentlich sorgsam gekleideter Deutscher mit +steif gestärktem hohen Kragen, und einem feuerroten Gesicht, ein +angereister Kaufmann aus Riga, Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später +erfuhr, ein Freund Müllers, dem der Alte und viele von den anderen +Gästen unbekannt war. Als dieser mit großem Genuß den „Dorfbarbier“ +gelesen und seinen Punsch getrunken, erhob er seinen Kopf und bemerkte +plötzlich den unbeweglich auf ihn gerichteten Blick des Alten. Das +machte ihn stutzig. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch, +wie überhaupt alle „anständigen“ Deutschen. Er fand es sonderbar und +beleidigend, daß man ihn so ungeniert ununterbrochen ansehen konnte. Mit +unterdrücktem Unwillen wandte er sich von dem „aufdringlichen“ Alten ab, +murmelte etwas in den Bart und verbarg sich hinter die Zeitung. Er hielt +es jedoch nicht lange aus, schon nach zwei Minuten schielte er über die +Zeitung hinweg: und wieder traf ihn derselbe starre, gedankenlose Blick. +Adam Iwanowitsch schwieg auch noch dieses Mal. Als es ihm aber zum +dritten Male passierte, da sprang er auf. Er hielt es für seine Pflicht +und Schuldigkeit, als Repräsentant der schönen Stadt Riga, als der er +sich fühlte, seine angegriffene Ehre zu verteidigen. Mit einer +ungeduldigen Bewegung klopfte er mit dem Zeitungsstock energisch auf den +Tisch, und noch röter vor Selbstgefühl und Punsch richtete er seine +kleinen, flammenden Augen auf den verdrießlichen Alten. Beide, schien +es, der Deutsche wie der Alte, wollten es auf die magnetische Kraft +ihrer Blicke ankommen lassen und einer den andern zwingen, den Blick +zuerst zu senken. Das Klopfen mit dem Zeitungsstock und die exzentrische +Haltung Adam Iwanowitschs erregte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. +Ein jeder ließ von seiner Beschäftigung und beobachtete mit ehrbarer, +schweigsamer Neugier die beiden Gegner. Die Szene begann sehr komisch zu +werden. Der Magnetismus der herausfordernden Augen Adam Iwanowitschs war +jedoch umsonst verschwendet. Der Alte, den nichts bekümmerte, fuhr fort, +auf den außer sich geratenen Herrn Schulz zu starren und bemerkte +überhaupt nicht, als wäre er auf dem Monde statt auf der Erde gewesen, +daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Endlich riß Adam +Iwanowitsch die Geduld und er platzte heraus: + +„Warum starren Sie mich so an?“ rief er auf deutsch mit scharfer, +durchdringender Stimme und drohender Miene. + +Doch sein Gegner blieb stumm, als hätte er die Frage überhaupt nicht +gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich russisch zu sprechen. + +„Ich frage Sie, warum Sie auf mich so sehen?“ rief er mit verdoppelter +Heftigkeit. „Ich, bei Hofe bekannt, und Sie nicht bei Hofe bekannt!“ +fügte er hinzu und sprang vom Stuhl auf. + +Doch der Alte rührte sich nicht einmal. Unter den Deutschen erhob sich +ein unwilliges Gemurmel. Der Wirt, durch den Lärm aufmerksam geworden, +trat hinzu. Als er erfahren, um was es sich handelte, beugte er sich ans +Ohr des Alten, weil er dachte, er wäre taub. + +„Herr Schulz bittet Sie höflichst, nicht ihn anzusehen,“ rief er so laut +als möglich, den unbegreiflichen Alten scharf beobachtend. + +Der Alte blickte mechanisch zu ihm auf und plötzlich gewahrte man auf +seinem unbeweglichen Gesicht den Ausdruck eines Gedankens und eine +gewisse ängstliche Erregung. Er schien verwirrt, beugte sich ächzend +nach seinem Hut, griff eilig nach seinem Stock, erhob sich vom Stuhl mit +einem gewissen wehleidigen Lächeln, dem verschämten Lächeln eines Armen, +der von einem Platze gewiesen wird, der ihm nicht zukommt und bereitete +sich vor, das Zimmer zu verlassen. In dieser stillen ergebenen Eile des +armen, zerbrechlichen Greises lag so vieles, was Mitleid erregte, so +vieles, was einem das Herz in der Brust erbeben ließ, daß alle Gäste, +selbst Adam Schulz nicht ausgenommen, sofort ihre Haltung änderten. Es +wurde allen klar, daß der Alte nicht nur nicht jemanden habe beleidigen +wollen, sondern selbst fühlte, daß man ihn jeden Augenblick wie einen +Bettler hätte davonjagen können. + +Müller war ein guter und mitfühlender Mensch. + +„Nein, nein,“ rief er aus, dem Alten beschwichtigend auf die Schulter +klopfend. „Herr Schulz bat Sie nur höflichst, nicht ihn anzusehen. Er +ist bei Hofe ...“ + +Doch der Arme verstand ihn auch jetzt nicht; er beeilte sich noch mehr +als vorhin, fortzukommen, bückte sich nach seinem alten, blauen, +durchlöcherten Taschentuch, das ihm aus dem Hut gefallen war, und rief +seinen Hund; dieser war unbeweglich auf dem Fußboden liegen geblieben, +scheinbar fest eingeschlafen, die Schnauze zwischen beiden Pfoten. + +„Asorka, Asorka!“ rief er ihm mit bebender, greisenhafter Stimme zu, +„Asorka!“ + +Doch Asorka bewegte sich nicht. + +„Asorka, Asorka!“ wiederholte kläglich der Alte und berührte den Hund +mit seinem Stock, um ihn zu wecken, doch dieser blieb unbeweglich. + +Der Stock entfiel seinen Händen. Er kniete nieder und ergriff mit beiden +Händen den Kopf seines Hundes. Armer Asorka! Er war tot. Er war lautlos +zu den Füßen seines Herrn verendet, vielleicht vor Alter, oder wer weiß, +vielleicht verhungert. Der Alte sah einen Augenblick wie erstarrt auf +ihn, als könne er nicht begreifen, daß Asorka tot war; langsam beugte er +sich zu seinem alten Freunde und Diener nieder und preßte sein +leichenblasses Gesicht an den leblosen Kopf des Hundes. Eine Minute +dauerte das Schweigen ... alle waren tief davon ergriffen ... endlich +richtete sich der Arme auf, er war kreideweiß und bebte am ganzen +Körper. + +„Man kann ihn ausstopfen,“ bemerkte der gutmütige Herr Müller, um den +Alten in irgend einer Weise zu trösten. „Man kann gut ausstopfen; Fedor +Karlowitsch Krüger versteht gut auszustopfen. Fedor Karlowitsch Krüger +ist großer Meister auszustopfen,“ bekräftige Müller noch seine Aussage, +und überreichte dem Alten den Stock, den er aufgehoben hatte. + +„Ja, ich kann gut machen ausstopfen,“ lobte sich selbst, bescheiden +vortretend, Herr Krüger. + +Das war ein langer, hagerer, gutmütiger Deutscher, mit roten, zerwühlten +Haaren und einer Brille auf der stark gebogenen Nase. + +„Fedor Karlowitsch Krüger hat große Talent, um wundervoll auszustopfen,“ +fügte wieder Müller hinzu, der sich für seine Idee zu begeistern anfing. + +„Ja, ich habe große Talent, um auszustopfen,“ bekräftigte seinerseits +von neuem Herr Krüger, „und ich werde Ihnen umsonst ausstopfen Ihren +Hund,“ fügte er in einem Anfall von Selbstaufopferung hinzu. + +„Nein, ich Ihnen bezahlen dafür, daß Sie machen ausstopfen!“ schrie Adam +Iwanowitsch Schulz, flammend vor Begeisterung, da er sich für die +unschuldige Ursache des Unglücks hielt. + +Der Alte hörte allen zu, augenscheinlich ohne etwas zu begreifen und +zitterte noch immer am ganzen Körper. + +„Warten! Trinken Sie ein Gläschen kuten Kognak!“ rief Müller, als er +sah, daß der rätselhafte Gast sich anschickte, fort zu gehen. + +Man brachte den Kognak. Mechanisch nahm der Alte das Gläschen, doch +zitterten seine Hände, und bevor er es an die Lippen geführt, hatte er +die Hälfte verschüttet. Ohne einen Tropfen zu trinken, legte er das Glas +zurück auf den Teller. Darauf lächelte er so sonderbar, so ganz verloren +und verließ eilig, ohne Asorka, die Konditorei. Alle waren ganz +verwundert. + +„Was für eine Geschichte!“ hörte man sie ausrufen. + +Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte rechts von der +Konditorei lag eine kleine Gasse, finster und eng, zwischen hohen +Häuserfassaden. Etwas sagte mir, der Alte müsse sich durchaus dahin +begeben haben. Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen +und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der Bretterzaun, der das Haus +umgab, nahm die Hälfte der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg +für Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun ums Haus +gebildet wurde, traf ich den Alten. Er saß auf dem Holzsteg für +Fußgänger, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände +gedrückt. Ich setzte mich neben ihn. + +„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu wissen, was ich sagen +sollte. „Trauern Sie nicht um Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach +Haus. Ich werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen Sie?“ + +Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In der +Gasse war niemand zu sehen. Plötzlich packte er mich an dem Arm. + +„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. „Luft!“ + +„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob mich und versuchte +ihn aufzuheben, „Sie werden Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich +werde sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... ich kenne +einen Arzt ...“ + +Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn einsprach. Er wollte +sich erheben, und richtete sich ein wenig auf, doch fiel er gleich +wieder zurück und murmelte etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme. +Ich beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können. + +„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... sechste Linie,“ röchelte der +Alte. + +Er verstummte. + +„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen Sie denn nach rechts, +statt nach links? Ich werde Sie gleich hinführen ...“ + +Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff seine Hand; die Hand fiel +leblos nieder. Ich blickte ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn, +– auch er war tot. Mir schien alles wie ein Traum. + +Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und in der Erregung schwand +mein Fieber. Die Wohnung des Alten wurde bald gefunden. Er lebte +indessen nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon +entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, unter dem Dach, in der +fünften Etage, in einer Wohnung, die aus einem kleinen Vorraum und einem +großen aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen Spalten +bestand. Er schien in der größten Armut gelebt zu haben. Seine Möbel +waren ein Tisch, zwei Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein, +aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese Möbel schienen noch +dem Hauswirt zu gehören. Der Ofen war ersichtlich lange nicht mehr +geheizt worden; ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest +davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller ging, um sich zu +wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf dem Tisch stand ein leerer, irdener +Krug und lag ein Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch Wäsche +besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu seiner Beerdigung ein +reines Hemd geben. Es war klar, daß er unmöglich allein so hätte leben +können, und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt haben +mußte. In der Schublade des Tisches fand man seinen Paß. Der Verstorbene +war Ausländer von Geburt, aber russischer Untertan und hieß Jeremias +Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei +Bücher; ein kleines Handbuch der Geographie und das neue Testament in +russischer Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter waren mit +Strichzeichen und Nägelspuren versehen. Diese Bücher erwarb ich mir +später. Man befragte die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte +etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr viele Einwohner, +meistenteils Handwerker und Deutsche, die Zimmer mit Beköstigung und +Bedienung vermieteten. Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr von dem +Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung sechs Rubel monatlich Miete +zahlte, im ganzen vier Monate in der Wohnung lebte und für die letzten +zwei Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn hätte hinausweisen +müssen. Man fragte, ob ihn jemand besucht habe? Doch niemand konnte auch +darüber eine befriedigende Auskunft geben. + +„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als ob denn wenig Leute in +ihm wohnten, ... alle seien doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der +über fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas über den +seltsamen Mieter hätte aussagen können, war gerade vor zwei Wochen in +sein Heimatsdorf gefahren. Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte +noch kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr genau, welches +Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen ergab. Der Alte wurde +wenigstens bald darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig +nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, mußte ich laut +auflachen: was anders konnte ich wohl in ihr vorfinden, als eine +Fassadenreihe allergewöhnlichster Häuser? „Doch warum hatte der Alte +sterbend von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ dachte ich bei +mir. „War es etwa nur Fieberphantasie gewesen?“ + +Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts an und sie gefiel mir. Ich +mietete sie. Hauptsächlich des großen Zimmers wegen, wenn es auch so +niedrig war, daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit dem +Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für +sechs Rubel monatlich hätte ich auch kein besseres Zimmer finden können. +Eine eigene separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich mußte mich +jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, denn ohne jegliche +Bedienung kann man doch nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten +Zeit einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste zu besorgen. „Wer +weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt auch jemand, um nach dem Alten zu +fragen!“ Übrigens waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, und +noch hatte sich niemand sehen lassen. + + + II. + +Damals, vor einem Jahre, schrieb ich noch für mehrere Zeitungen Artikel +verschiedener Art und glaubte fest daran, daß es mir einst gelingen +würde, etwas Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich an +einem großen Roman, doch das Ende von allem war – daß ich jetzt im +Krankenhaus liege und wahrscheinlich bald sterben werde. Wenn ich aber +sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen? + +Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte schwerste +Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, alles Erlebte +niederzuschreiben, um nicht aus Gram darüber zu sterben. All die +empfangenen Eindrücke erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter +der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, geordneteren Charakter +annehmen, und weniger Hirngespinsten und Alpdrücken ähnlich sein. So +hoffe ich wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung des +Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es kühlt das erregte Blut, es +weckt in mir frühere schriftstellerische Gewohnheiten und meine +Erinnerungen und krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit +umgesetzt, verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit dem Papier kann +man im Krankenhause die Doppelfenster zum Winter bekleben! ... + +Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. Um alles zu +erzählen, muß man von Anfang beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja +meine Autobiographie ganz kurz sein. + +Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier entfernt, im +Gouvernement X. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern brave Leute gewesen +sind, nur verwaiste ich schon in frühester Kindheit und wuchs im Hause +Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines kleinen Gutsbesitzers, der +mich aus Mitleid aufgenommen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine +Tochter, Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen wie +Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, wenn man mit 25 Jahren nur +an dich allein mit Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am Himmel +leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht die Sonne Petersburgs. +Mutwillig und fröhlich schlugen unsere kleinen Herzen. Um uns herum +lagen Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine lastete auf uns, +wie jetzt. Wie herrlich der Garten und der Park von Wassiljewskoje +waren! Nikolai Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In diesem +Garten spielten ich und Natascha, und hinter ihm lag ein großer, +feuchter Wald, in dem wir uns einmal als Kinder verirrten ... Goldene +schöne Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, und es war +so süß, es kennen zu lernen. Damals, als hinter jedem Strauch und jedem +Baum etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt +sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der tiefen Ebene ballte sich der +Abendnebel zu grauen gewundenen Bändern, die sich an die Sträucher +unseres großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich standen am +Flußufer, hielten uns beide die Hände und sahen mit ängstlicher Neugier +in die tiefe Ferne. Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das +aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns rufen und die +Erzählungen der Njänjä[1] wahr machen würde. Einmal in späteren Jahren +erinnerte ich Natascha daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte und +wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten alten Ahorn am +Teich liefen, um das Zaubermärchen „Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch +jetzt kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken und noch +vor einem Jahr zitierte ich Natascha die ersten Zeilen mit Tränen in den +Augen: „Alfons, der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; Don +Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl Natascha etwas sonderbar +vorgekommen sein in meiner Begeisterung, denn sie lächelte so +eigentümlich. Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort +selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere mich noch dessen. +Ein Wort gab das andere, sie selbst begeisterte sich dafür, wir +erzählten uns alles, was wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher +Abend ... Und als man mich in die Gouvernementsstadt in Pension gab ... +Gott, wie sie damals weinte! ... Und unsere letzte Trennung, als ich +Wassiljewskoje auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium beendet und +begab mich nach Petersburg, um mich zur Universität vorzubereiten. Ich +war siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha sagt, daß +ich damals ein so hoch aufgeschossener und linkischer Jüngling war, den +man ohne zu lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied wollte ich +ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die Zunge war steif und klebte +wie am Gaumen. Unser Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr +sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich +weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, ohne etwas gesagt zu haben. Wir +sahen uns erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das war vor +zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines Prozesses wegen hierher +gekommen war und ich meine literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte. + + + III. + +Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff stammte aus einer guten Familie, die +jedoch längst verarmt war. Übrigens hatten ihm seine Eltern noch eine +ganz schöne Besitzung mit hundertfünfzig Seelen hinterlassen. Mit +zwanzig Jahren ging er zu den Husaren. Alles lief gut ab, bis er im +sechsten Jahre seines Dienstes, an einem verhängnisvollen Abend sein +ganzes Vermögen verspielte. Er schlief die ganze Nacht nicht. Am +nächsten Abend erschien er wieder am Spieltisch und setzte das Letzte +ein, was er besaß, – sein Pferd. Die Karte gewann, die zweite, die +dritte und in einer halben Stunde hatte er eines seiner Dörfer, – +Ichmenjeffka mit fünfzig Seelen, wie es sich bei der letzten Revision +ergab – zurückgewonnen. Die hundert Seelen waren auf immer verloren. Am +nächsten Tage reichte er seinen Abschied ein, nach zwei Monaten verließ +er den Dienst im Range eines Leutnants und begab sich auf sein Gütchen. +Von diesem Spielverlust hat er in seinem Leben niemals mehr gesprochen +und hätte, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, mit jedem gebrochen, der es +gewagt hätte, ihn daran zu erinnern. Auf dem Gute beschäftigte er sich +fleißig mit der Wirtschaft und als er fünfunddreißig Jahre alt war, +verheiratete er sich mit einer armen Adeligen, Anna Andrejewna +Schumilowa, die ihm nichts mitbrachte, die aber in einem Adelspensionat +bei einer Emigrantin, einer Mont-Revèche, erzogen worden war, obgleich +niemand hätte sagen können, worin diese gute Erziehung bestanden. +Nikolai Ssergejewitsch wurde ein vorzüglicher Landwirt. Die benachbarten +Gutsbesitzer kamen zu ihm, um bei ihm zu lernen. Es vergingen einige +Jahre, als plötzlich auf dem benachbarten Gut Wassiljewskoje, ein Gut, +das neunhundert Seelen zählte, aus Petersburg der Besitzer desselben, +Fürst Peter Alexandrowitsch Walkowskij, auftauchte. Seine Ankunft machte +in der ganzen Gegend viel von sich reden. Der Fürst war noch ein Mann in +den besten Jahren, wenn auch nicht mehr ganz jung, von hohem Rang und +bedeutenden Verbindungen, ein schöner Mensch mit großem Vermögen, und +dazu Witwer, was die Damen und jungen Mädchen der ganzen Umgegend +ungemein interessierte. Man erzählte sich von dem glänzenden Empfang, +den ihm der Gouverneur in der Gouvernementshauptstadt, mit dem er +weitläufig verwandt war, bereitet und wie alle Damen durch seine +Liebenswürdigkeit den Verstand verloren usw. usw. Kurz, er war einer der +glänzendsten Vertreter der hohen Petersburger Gesellschaft, die selten +in der Provinz erscheinen, aber wenn sie erscheinen, riesigen Effekt +machen. Indessen gehörte der Fürst nicht zu den liebenswürdigen +Menschen: das zeigte sich besonders denen gegenüber, deren er nicht +bedurfte, oder die seiner Meinung nach unter ihm standen. Er hielt es +auch nicht für nötig, seinen Gutsnachbarn einen Besuch zu machen, und +erwarb sich dadurch viele Feinde. Alle waren deshalb sehr erstaunt, als +es dem Fürsten plötzlich einfiel, Nikolai Ssergejewitsch einen Besuch +abzustatten. Freilich war Nikolai Ssergejewitsch einer seiner nächsten +Nachbarn. Auf die Familie Ichmenjeff machte der Fürst einen großen +Eindruck, er entzückte sie alle beide, insbesondere Anna Andrejewna. In +kurzer Zeit wurden sie die besten Bekannten, er kam alle Tage zu ihnen +und lud sie zu sich ein, erheiterte sie, erzählte ihnen Anekdoten, +spielte ihnen auf ihrem schlechten Klavier vor, sang ... Ichmenjeffs +konnten sich nicht genug wundern, wie man von einem so lieben, guten +Menschen hätte sagen können, daß er ein stolzer, zurückhaltender +trockener Egoist sei – was alle Nachbarn von ihm einstimmig behaupteten! +Man hätte annehmen müssen, daß der Fürst wirklich an Nikolai +Ssergejewitsch, diesem einfachen, offenen und edlen Menschen, Gefallen +gefunden hatte. Übrigens klärte sich das alles bald auf. Der Fürst war +nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter zu entlassen, einen +Deutschen und Landwirt von großem Selbstbewußtsein, einen Mann, schon +ergraut und mit Brillen auf der gebogenen Nase, der jedoch bei allen +seinen Vorzügen den Fürsten gottverboten bestohlen und einige Bauern +fast zu Tode geprügelt hatte. Iwan Karlowitsch war denn auch endlich auf +seiner Unehrlichkeit ertappt worden, sprach sehr beleidigt von der +deutschen Ehrlichkeit, mußte jedoch ungeachtet dessen das Gut in etwas +entehrender Weise verlassen. Der Fürst hatte jetzt einen Verwalter +nötig, und seine Wahl fiel auf Nikolai Ssergejewitsch, einen +ausgezeichneten Landwirt und ehrlichen Menschen, woran niemand +gezweifelt hätte. Der Fürst hätte es nur sehr gewünscht, daß Nikolai +Ssergejewitsch sich ihm selbst zum Verwalter angeboten. Doch das geschah +nicht, und der Fürst machte ihm eines Tages von sich aus den Vorschlag, +in Form einer freundschaftlich ergebenen Bitte. Ichmenjeff selbst gab +zuerst eine abschlägige Antwort. Doch Anna Andrejewna schien das hohe +Gehalt verlockend, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Fürsten +zerstreute alle übrigen Bedenken. Der Fürst hatte sein Ziel erreicht. Er +war außerdem ein großer Menschenkenner. Während der kurzen Zeit seiner +Bekanntschaft mit Ichmenjeff hatte er sofort erraten, mit wem er es zu +tun hatte, und wußte, daß man Ichmenjeffs nur auf herzliche und +freundschaftliche Weise dazu bewegen konnte, und daß mit Geld bei ihnen +nichts zu erreichen war. Außerdem hatte er einen Verwalter nötig, dem er +blindlings vertrauen konnte, da er nicht die Absicht hatte, jemals +wieder nach Wassiljewskoje zu kommen. Das Vertrauen von Ichmenjeffs zu +ihm war so stark, daß sie niemals an seiner Freundschaft zu ihnen +gezweifelt hätten. Nikolai Ssergejewitsch gehörte zu diesen guten und +naiv-romantischen Leuten, die bei uns in Rußland so liebens- und +achtenswert sind, was man auch sonst von ihnen sagen mag, und die, wenn +sie einmal jemand gern haben (und Gott weiß wofür), sich ihm mit ihrer +ganzen Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit oft geradezu komisch +wirkt. + +Es vergingen mehrere Jahre. Das Gut des Fürsten blühte. Die Beziehungen +zwischen dem Besitzer und dem Verwalter des Gutes waren ungetrübte, +beschränkten sich jedoch auf eine trockene, geschäftliche Korrespondenz. +Der Fürst mischte sich in die Obliegenheiten Nikolai Ssergejewitschs +nicht ein, erteilte ihm nur hin und wieder einen Rat, der durch seinen +praktischen Wert und die Sachlichkeit Ichmenjeff in Erstaunen setzte. +Man sah daraus, daß der Fürst kein Freund von unnützen Ausgaben war, +sondern zu sparen verstand. In Verlauf von fünf Jahren schickte er +Nikolai Ssergejewitsch die Bevollmächtigung zum Ankauf eines anderen +schönen und in demselben Gouvernement gelegenen Gutes von vierhundert +Seelen. Nikolai Ssergejewitsch war ganz begeistert. Die Erfolge des +Fürsten, seine Rangerhöhung, seine Laufbahn, nahm er sich so zu Herzen, +als handelte es sich um seinen leiblichen Bruder. Seine Begeisterung +überstieg jedoch alle Grenzen, als der Fürst ihm in einer besonderen +Angelegenheit wirklich ein Zeichen seines außerordentlichen Vertrauens +gab. Es geschah das folgendermaßen ... Übrigens muß ich hier einige +besondere Einzelheiten aus dem Leben des Fürsten Walkowskij erwähnen, +der ja doch zum Teil zu den Hauptpersonen meiner Erzählung gehört. + + + IV. + +Ich erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. Er hatte sehr jung +geheiratet, und zwar – nur des Geldes willen. Von seinen Eltern, die +sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als gar +nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über und über verschuldet. Der +zweiundzwanzigjährige Fürst war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau +einzutreten, weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen +Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. Der Kaufmann betrog +ihn natürlich bei der Mitgift, doch konnte er immerhin mit dem Gelde +seiner Frau das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. Die +Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand weder zu lesen noch zu +schreiben und konnte beim Sprechen kaum zwei Worte miteinander +verbinden; außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen +Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der Fürst nützte diesen +Vorzug auch vollkommen aus; nach dem ersten Jahre der Ehe, als seine +Frau ihm einen Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und +siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er durch die +Protektion eines hohen Petersburger Verwandten einen bedeutenden Posten +erhielt. Seine Seele dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden +Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner Frau weder in +Petersburg noch in Moskau leben konnte, so beschloß er, in Erwartung +eines Besseren, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte +sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin durch Mißhandlungen +fast zu Tode gequält hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai +Ssergejewitschs und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er solcher +rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt. + +Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, und ihr verwitweter +Gemahl siedelte jetzt sofort nach Petersburg über. Hier machte er von +sich reden. Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften begabt, +geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, trat er hier nicht als +armer Glückssucher auf, sondern als eine blendende Erscheinung. Man +erzählte sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein unwiderstehlicher +Zauber von ihm ausging. Er gefiel den Frauen außerordentlich, und ein +Abenteuer mit einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte ihm denn +auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. Ungeachtet seiner angeborenen +Sparsamkeit warf er mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, ohne +eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war er nach Petersburg +gekommen, um sich zu vergnügen: ihm war es darum zu tun, seine Karriere +zu einem glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. Ein hoher +Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine Aufmerksamkeit nicht geschenkt +hätte, wäre er als gewöhnlicher Bittender zu ihm gekommen, hielt es, +entzückt durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, für nötig, +dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In die +Zeit fiel die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine +Bekanntschaft mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des Grafen erhielt er +dann eine bedeutende Stellung an einer der wichtigsten Gesandtschaften +und begab sich ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis zu uns +in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen Konflikt im Auslande, +doch konnte niemand sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur +der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem ich bereits erzählt +habe. Nach mehreren Jahren kehrte er dann mit erhöhtem Rang aus dem +Auslande zurück und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in +Petersburg. In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, daß er sich +zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, und zwar mit einer Tochter +aus bedeutendem alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich, +außer sich vor Vergnügen, die Hände. + +Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität und erinnere +mich noch, daß Ichmenjeff sich mit der Bitte an mich wandte, +Erkundigungen über die Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch +an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion für mich gebeten, +doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein +Sohn, der zuerst beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum besuchte, +im Alter von neunzehn Jahren sein erstes Examen machte. Ich teilte dies +Ichmenjeff mit und fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe, +sehr verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. Ich hatte es +von anderen Studenten, meinen Kameraden erfahren, die den jungen Fürsten +kannten. Um diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen +Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich verwunderte ... + +Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, in seinen +Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch nur auf eine trockene +Geschäftskorrespondenz beschränkte, schrieb ihm jetzt plötzlich in +ausführlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine +Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen Sohn, wie sehr dieser +ihm durch seine schlechte Aufführung Sorgen mache ... Freilich müsse man +die Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er bemühte sich +offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe er beschlossen, seinen Sohn +dafür zu strafen und ihn auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu +schicken. Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, edlen +Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen aber auf Anna +Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen in die Familie aufzunehmen, +ihn in der Einsamkeit zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu +lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und +„ihm heilsame, strenge, im menschlichen Leben so notwendige Gesetze“ +einzuflößen. Es versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem +Ernst und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge Fürst erschien +und wurde wie ihr eigener Sohn von ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit +gewann ihn Nikolai Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha; +auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, gedachte der alte +Ichmenjeff mit besonderer Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war, +den Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der Tat ein +reizender Jüngling: schön, schwach und nervös wie eine Frau, doch +harmlos und gutmütig, liebenswürdig und hochherzig, – so wurde er der +Abgott des ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war er noch +ein vollständiges Kind. Man konnte es gar nicht begreifen, warum der +Vater ihn fortgeschickt hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so +sehr liebte. Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr +leichtsinnig aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts habe +beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt hätte. Nikolai +Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht weiter darüber aus, da der Fürst +selbst ihm den wahren Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte +um von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer Dame, von einer +Herausforderung zum Duell, von einem kolossalen Spielverlust, das +Gerücht ging sogar so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld +unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der Fürst seinen Sohn nur +aus egoistischen Gründen entfernt habe. Die letzte Behauptung empörte +besonders Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der seinen +Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für ihn schwärmte, ihn +liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar war er ganz unter seinem +Einfluß. Aljoscha plauderte zuweilen auch von einer Gräfin, die sie +beide, Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha, +bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen wäre. Er erzählte +des öfteren davon in kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem Lachen; +doch Nikolai Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen. +Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn verheiraten +wollte. + +Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, schrieb von Zeit zu Zeit +dem Vater vernünftige und respektvolle Briefe und hatte sich in +Wassiljewskoje so gut eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf +das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) der Verbannte +den Vater selbst bat, ihn noch einige Zeit in Wassiljewskoje zu lassen, +da das Landleben, wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre. +Alle Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer +außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus seinem feurigen Herzen, +aus einer Leichtsinnigkeit, die bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus +der Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher +Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen verhielt sich +sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte +nur mit Mühe seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst Pjotr +Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. Er war plötzlich +besonders kleinlich in seinem Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch +geworden; bei der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch, +habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute Nikolai +Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu Herzen und bemühte sich, +selbst nicht daran zu glauben. Dieses Mal wickelte sich der Besuch in +umgekehrter Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte der +Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam +er nie und behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und plötzlich geschah +etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen Grund kam es zu einem +vollständigen Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch. +Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, hatte man beiden +hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort Wassiljewskoje, doch war die +Geschichte damit noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte man +sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, Nikolai +Ssergejewitsch habe den Charakter und die Fehler des jungen Fürsten zu +seinen Gunsten auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die +damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen Junker in sich +verliebt gemacht, und beide, der Vater wie die Mutter förderten diese +Liebe, indem sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor +allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha diesen noch ganz +jungen Menschen das ganze Jahr über, durch ihre Bemühungen, der +Bekanntschaft aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter +Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß zwischen den +Liebenden die Trauung im Dorfe Grigorjeff, fünfzehn Werst von +Wassiljewskoje entfernt, heimlich schon verabredet worden sei, und daß +die Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt hätten. +Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht zu fassen vermocht, was die +Gouvernementsklatschbasen beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser +Geschichte sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, daß der Fürst +ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich infolge eines anonymen +Briefes aus der Provinz nach Wassiljewskoje gekommen war. +Selbstverständlich hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch wirklich +kannte, diesen Geschichten Glauben schenken können, doch statt dessen, +wie das so zu geschehen pflegt, ereiferten sie sich alle, schüttelten +die Köpfe und ... verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff +war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen Klatschbasen zu +rechtfertigen und befahl auch strengstens Anna Andrejewna, sich den +Nachbarn gegenüber in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst, +die vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein Wort von +diesen Klatschereien. Man verheimlichte vor ihr die ganze Geschichte und +so blieb sie heiter und unschuldig, wie ein Kind. + +Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und mehr zu. Diensteifrige +Geister ruhten nicht und brachten es so weit, den Fürsten davon zu +überzeugen, daß die langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs +durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und nicht genug: vor +drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch beim Verkauf eines Wäldchens +zwölftausend Rubel für sich behalten haben, was durch die allerklarsten +Beweise vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er zum +Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht des Fürsten besaß, +sondern dabei aus eigener Initiative gehandelt hätte, um dann erst +hinterher den Fürsten von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen +und ihm eine geringere Summe als die für das Wäldchen erhaltene +einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen entbehrten selbstverständlich +jeglicher Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch +nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt und in +Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch einen Dieb genannt. +Ichmenjeff brauste auf und schleuderte ihm eine gleich kräftige +Beleidigung zurück. Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem +Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden +schriftlichen Beweise hatte, und was die Hauptsache war, keine +Protektion und keine Erfahrung in Gerichtssachen besaß, verlor den +Prozeß sofort, in der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. Der +erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte nach Petersburg +über, um für seine Sache persönlich zu wirken. Sein Gut überließ er +einem Sachverständigen. Dem Fürsten freilich schien es bald klar +geworden zu sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch waren +beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von einem friedlichen +Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte und der erbitterte Fürst auch +seinerseits alles tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das +heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot zu nehmen. + + + V. + +So waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt. + +Über mein Wiedersehen mit Natascha will ich mich weiter nicht +verbreiten. Ich hatte sie in diesen vier langen Jahren nicht vergessen, +im Gegenteil, ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich mir +selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche Gefühl, mit dem +ich an sie zurückdachte; als wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich, +daß das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der ersten Zeit schien +es mir, daß sie sich in diesen Jahren wenig entwickelt habe, ich dachte, +sie sei dasselbe kleine Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte. +Dann aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr zu entdecken, +etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, das gleichsam absichtlich vor +mir verborgen worden war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken +– ... und welch eine Wonne dieses Entdecken war! + +Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft sehr übel gelaunt und +dementsprechend reizbar. Seine Sache stand ziemlich schlecht, und da +ärgerte er sich denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm etwas +ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen Tag mit seinen Akten und +Geschäftspapieren und hatte überhaupt wenig Sinn für uns. Anna +Andrejewna dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen +Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. Petersburg +ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete sich, weinte und sehnte sich +nach ihrem früheren Leben in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen +Natascha Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so gar keine +Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher Offenherzigkeit +ihr ganzes Herz mir aus, freilich nur deshalb gerade mir, weil sie sonst +niemanden hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter +gewesen wäre. + +In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft in Petersburg, +hatte ich meinen ersten Roman beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich +meine Laufbahn begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich nicht, wo +ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs ließ ich jedoch kein Wort +davon verlauten; sie aber waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein +müßiges Leben führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst wo +eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb mitunter sogar +bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich nur seine väterliche +Zuneigung zu mir bewog. Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen, +womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen auch so offen sagen +sollen, daß ich überhaupt nicht in Staatsdienst treten, sondern +Schriftsteller werden wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie +inzwischen noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände keine +Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um eine solche bemühte. Der +Alte hatte keine Zeit, mein Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne +mich noch, wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches +Gespräch zwischen ihm und mir angehört hatte, heimlich einen Wink gab, +ihr ins Nebenzimmer zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen +beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie sie mich ins Verhör +nahm: sie wollte wissen, was ich treibe. Und als ich auch ihr nichts von +meiner Schriftstellerei mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich +mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und mich zugrunde +richten würde. Doch wenn ich ihr auch nicht gestand, was ich trieb, so +hätte ich doch – dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken, +selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten +Literaturkenner über meinen Roman hingegeben für ein einziges +aufmunterndes Wort von ihr. Eines Tages war dann das Buch endlich +erschienen. Schon lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen +viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. hatte sich wie ein +Kind gefreut, als er mein Manuskript gelesen. Nein! wenn ich jemals +glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten +berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern damals, als +ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: +in jenen langen Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung, +zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen Liebe zur +Arbeit, als ich mich mit meinen Phantasiegebilden, mit den Menschen, die +ich geschaffen, so eingelebt hatte, als wären es lebende, als wären es +wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie von ganzer Seele, ich teilte +ihr Leid wie ich ihre Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige +Tränen über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr sich die +Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich kaum beschreiben, obschon +sie die Tatsache zuerst vor lauter Verwunderung gar nicht so recht +fassen konnten: sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna wollte +zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue von allen gerühmte +Schriftsteller – dieser selbe Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie +schüttelte nur in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht so +bald, sprach langes und breites von verpfuschter Karriere im +Staatsdienst, sprach auch von dem nicht einwandfreien Lebenswandel der +Schriftsteller im allgemeinen. Doch die immer wieder auftauchenden neuen +Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, die Besprechungen in den +Tageszeitungen und schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender +Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs Wort glaubte, +zwangen ihn mit der Zeit doch, seine Auffassung von der Sache zu ändern. +Als er dann gar sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr, +wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen konnte, da schwanden +auch seine letzten Zweifel und Bedenken. Als er aber einmal die Zweifel +hatte fahren lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten Glauben +überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. Wie ein Kind freute er +sich über mein Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume, +indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die Zügel schießen ließ. An +jedem Tage, den Gott werden ließ, dachte er sich etwas Neues aus, +schmiedete er neue Pläne für mich – und was das für Pläne waren! Er +begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung zu bezeugen, was er bis dahin +natürlich nicht getan hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder +ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er mitten im begeisterten +Phantasieren inne hielt und mit sich selbst nicht recht im klaren war. + +„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! ’s ist doch sonderbar +... Wann sind denn die Dichter große Männer gewesen, werden sie je +Exzellenz? Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, so +’n unzuverlässiges Volk!“ + +Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden Gedanken, die so +kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich in der Dämmerung, die für ihn +überhaupt eine gefährliche Stunde zu sein schien: er wurde dann +eigentümlich nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, wie gut ich mich +noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha und ich, wir kannten seine +Schwächen und lächelten im stillen. Ich erzählte ihm literarische +Anekdoten, erzählte, wie Dershawin[2] eine Schnupftabaksdose mit +Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich Lomonossoff[3] besucht +hatte; erzählte zum Schluß auch noch von Puschkin und Gogol. + +„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist ja sehr gut und sehr +schön, aber ...“ versetzte der Alte, der diese Geschichten vielleicht +zum erstenmal hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich bin doch +froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen ist. Verse, weißt du, +Freund, die sind doch barer Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das +kannst du mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein Bestes. +Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten – +die können noch Verse schmieden, denen kann man es noch allenfalls +gestatten ... Aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut nur in +die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, gewiß, Puschkin war ein Genie, das +wird niemand bestreiten, doch davon reden wir nicht. Aber immerhin sind +es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben hat, nichts weiter, +so hm! – ephemerisch nennt man’s wohl ... Übrigens habe ich nur wenig +von ihm gelesen ... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! Hier +kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, gleichviel ... kann von der +Liebe zum Vaterlande reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ... +Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht auszudrücken, +aber du begreifst auch so, was? Ich rede ja nur aus Liebe zu dir. Nun, +nun, lies vor!“ schloß er plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit, +als ich endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem Tee an den +runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, was du dort +zusammengeschrieben hast. Es wird ja soviel Aufhebens von dir gemacht! +Jetzt werden auch wir es einmal zu hören bekommen.“ + +Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit dem Vorlesen zu +beginnen. Gerade an dem Tage war mein Roman im Druck erschienen, und +nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu +Ichmenjeffs geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen. + +Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich ihnen das Werk nicht +früher, nicht aus dem Manuskript, das beim Verleger war, vorlesen +gekonnt! Natascha hatte vor Ärger sogar geweint und mir bitter +vorgeworfen, daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen würden +als sie ... Doch da war nun endlich der große Augenblick gekommen. Wir +saßen am Tisch. Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches +Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht sitzen, wollte +unerbittlich streng urteilen, und vor allem „sich selbst überzeugen“. +Die Alte blickte gleichfalls ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu +diesem Vortrag ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon längst +bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha betrachtete, daß mir +der Atem stockte und es mir vor den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr +sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah als +früher. Ja! Endlich war auch diese Zeit angebrochen, gerade im +Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks, +– alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es ihr nicht entgangen, daß +ihr Alter mich ganz verdächtig zu loben begann und mich und seine +Tochter oft mit so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie: +ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder zum mindesten +ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, auf dessen junger Brust Orden +glänzten und der eine schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna +liebte es nicht, Halbes zu wünschen. + +„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ dachte sie, „weshalb, wofür +aber – das weiß niemand. Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber +solch ein Schriftsteller?“ + + + VI. + +Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach +dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in +Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er +vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes +mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches +und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich +um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder +interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches +geschrieben hätte ^à la^ Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so! +... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger +Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und +alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein +Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend +ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte +ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu +drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf +ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte +keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah +wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre +eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch +hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen +aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, +bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem +Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der +Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen +lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine +einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er, +„dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um +uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser +Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er +noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch +und mein Bruder ist.“ + +Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die +Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie +erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren +Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem +Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus. + +„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte, +doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar +gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes +Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle +er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen. + +Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor +gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie +sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon +soviel Aufsehens machen?“ + +Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen +kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran, +„ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der +nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen: + +„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist gut, sogar sehr gut! Hast +uns überrascht, das muß ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich +es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie hoch und +erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum Beispiel die ‚Befreiung +Moskaus‘ – dort auf dem Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, – +nun, das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an der ersten +Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie ein Adler emporschwingen +muß, um es zu verstehen ... Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles +viel einfacher, viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt es mir +auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist wie ... wie vertrauter; +als hätte ich das selbst alles erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn +das schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht selber nicht. +Aber weißt du, den Stil würde ich an deiner Stelle doch etwas schleifen; +das Buch ist ja gut so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist +eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, aber was! – jetzt ist es +zu spät: ist schon gedruckt. Doch in der zweiten Auflage, ginge es da +nicht? Was, Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und dann gibt +es wieder Geld ... Hm!“ + +„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, Iwan Petrowitsch?“ fragte +mich Anna Andrejewna. „Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer +noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man jetzt alles Geld +zahlt!“ + +„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er und seine Phantasie +immer lebhafter wurden, „das ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch +eine Laufbahn! Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es lesen. Du +sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche Unterstützung und sei ins +Ausland geschickt worden. Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest? +Wie? Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu noch mehr +geschrieben werden? Nun, dann schreib nur, Freund, schreib nur! Ruh dich +noch nicht auf deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“ + +Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, mit einer so gutmütigen +Offenherzigkeit, daß ich mich nicht entschließen konnte, seiner +Phantasie einen Dämpfer aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu. + +„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose übersandt ... Was! +Man kann eben auf verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen. +Vielleicht will man dir behilflich sein ... Wer weiß, vielleicht wirst +du sogar bei Hofe empfangen werden?“ fragte er fast flüsternd und sah +mich dabei bedeutsam an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht? +Dazu ist’s wohl noch zu früh?“ + +„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte Anna Andrejewna, wie es +schien, für den Hof fast gekränkt. + +„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ versetzte ich +von Herzen lachend. + +Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut gelaunt. + +„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte Natascha schelmisch vom +Eßtische her. Dann lachte sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn +krampfhaft. + +„Du guter, lieber Papa!“ + +Der Alte war ganz gerührt. + +„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur so. General hin oder +General her – aber gehen wir mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach +du, Kleine, sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er +zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange klopfte, was er gern +bei jeder Gelegenheit tat. „Ich habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen, +Wanjä ... Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum General +ist es weit! – aber du bist doch immer eine bekannte Persönlichkeit: ein +Verfasser.“ + +„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“ + +„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, dann meinethalben +Schriftsteller, aber ich wollte nur sagen: zum Kammerherr wird er dafür, +daß er einen Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; daran ist +nicht zu denken; aber schließlich kann er auch so auf die Staffel +kommen, zum Beispiel: kann irgend so etwas wie ein Attaché werden, wird +vielleicht ins Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der +Gesundheit, oder sonstwie – zur Vervollkommnung in der Wissenschaft etwa +... dazu kann man ihn mit Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur +in anständiger Weise geschehen, so, daß er auch wirklich etwas dafür +leistet, für das Geld und die Ehrungen, nicht aber so irgendwie durch +Protektion ...“ + +„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ unterbrach +ihn lachend Anna Andrejewna. + +„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen Orden an den Rock, denn +sonst – was ist denn ein Attaché!“ + +Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm. + +„Da macht sich der Racker wieder mal über mich lustig!“ rief der Alte +lachend, während seine Augen liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren +glänzender Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt ihr, +jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, Kinderchen, das +ist nun einmal mein alter Fehler ... Nun weißt du, Wanjä, es wundert +mich doch: du bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn man +dich so ansieht ...“ + +„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“ + +„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine ja nur, Wanjä, daß du +eben ein Gesicht hast ... das heißt so, so ... eben gar kein poetisches +... So, weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie seien so bleich, +die Dichter, so – na ja, mit solchem Haar und in den Augen so was ... +Na, du weißt schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen ... +ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen ... Wie? Was? Habe ich +wieder was Falsches gesagt? Da hat der Racker wieder gut lachen über +mich! Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein Gelehrter, ich +verstehe nur zu – zu fühlen. Na, Gesicht hin, Gesicht her – was ist +schließlich an solch einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein +Gesicht schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... Das war es +nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei du immer ehrlich, Wanjä, sei ein +Ehrenmann, das ist die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das +glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor dir liegt ein breiter +Weg. Diene ehrlich deiner Sache; sieh, nur das wollte ich dir sagen, +gerade dieses eine wollte ich dir nur sagen!“ + +Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, alle Abende verbrachte ich +bei ihnen. Dem Alten erzählte ich Neues aus der literarischen Welt und +von der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht warum, sehr +zu interessieren begann; er las sogar die kritischen Abhandlungen B.s, +von denen ich ihm viel erzählt hatte und die er doch fast überhaupt +nicht verstand, nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung lobte, +indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. Die Alte pflegte +eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, aber es half doch nichts! +Zwischen uns war schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha +hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen flüsternd „Ja“ +gesagt. Dann hatten es die Alten erfahren, sich darüber beraten, +nachgedacht; Anna Andrejewna hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt. +Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich. + +„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, ist ja alles gut,“ sagte +sie zu mir, „aber wenn der Erfolg ausbleibt – was dann? Wäre es nicht +besser, wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“ + +„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ entschied der Alte nach +langem Nachdenken, „ich habe es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt +und muß gestehen, daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... nun, was +ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide seid ihr aber noch sehr jung und +meine Anna Andrejewna hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, hast +vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun gerade kein Genie, wie sie +da anfangs über dich schrieben, sondern so, einfach ein Talent ... (ich +habe heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar zu schlecht +haben sie dich da behandelt; doch was ist denn das auch für eine +Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das heißt noch kein Geld auf der Sparkasse +haben, wenn man Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein +Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut auf deinem Wege +vorwärts – so sollst du sie haben; wenn nicht – so sage dir doch selbst +... du bist ein anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“ + +Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem Jahr: + +Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen Septembertage, kurz vor +Abend war es, da erschien ich bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele +und Körper und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – daß die +beiden, als sie sahen in welchem Zustande ich mich befand, sehr +erschrocken waren. Nicht etwa deshalb schwindelte mir der Kopf und +quälte mich mein Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war und +zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, – nicht deshalb +weil meine literarische Tätigkeit mir keinen Ruhm gebracht und ich kein +Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden und +niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen nach Italien zu +schicken; sondern deshalb, weil man in einem Jahr zehn Jahre durchleben +konnte, und weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr durchlebt +hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... Und ich erinnere mich, wie ich +dasaß vor meinem Alten und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen +den Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl daß Natascha käme?! +Meine Kleidung war vertragen, mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht +war bleich und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht einem +Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte kein großer Genius, wie ihn +damals der gute Nikolai Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah +auf mich mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und dachte +wohl bei sich: + +„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! Gott erhalte und +beschütze uns davor!“ + +„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ (Der Samowar kochte auf +dem Tisch.) „Wie geht es Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie +aus!“ Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme. + +Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir spricht, eine andere +Sorge auf dem Herzen, die auch ihrem Manne am Herzen nagt, der über +seiner stehengebliebenen Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich wußte, +daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem Fürsten, der für sie +keine günstige Wendung genommen, sehr beschäftigte, dazu kamen noch +andere Unannehmlichkeiten, die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten +erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen Geschichte +gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, Ichmenjeffs +aufzusuchen. Der Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen +Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm ihn mit Freuden +auf. Anna Andrejewna wurde an Wassiljewskoje erinnert und brach in +Tränen aus. Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er seine +Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai Ssergejewitsch +wiederum, offen und anständig wie er war, wies alle Bedenken und +Vorsichtsmaßregeln mit Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht +daran denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es erführe, daß +sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff sei und verachtete innerlich +jeglichen unsinnigen Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch +stark genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. Der junge Fürst +erschien jetzt jeden Tag und erheiterte durch seine Gegenwart die Alten. +Oft saß er bei ihnen bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der +Vater. Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der Fürst +schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher einen schrecklich +beleidigenden Brief über dieses Thema und verbot dem Sohn endgültig den +Besuch bei Ichmenjeffs. Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. Der +Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. Wie! Seine unschuldige edle +Natascha wagte man von neuem in diese schmutzige Geschichte zu +verwickeln! Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen in +schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles das, ohne irgend eine +Genugtuung zu erhalten! In den ersten Tagen erkrankte er vor +Verzweiflung und mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, die +ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich ich krank und +gequält in meiner Wohnung lag und drei Wochen lang bei ihnen nicht +erschienen war. Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte es +voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes auf der Welt noch +viel mehr beunruhigen, ja quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr +ich quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte aus meiner +ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute aufhalten zu können. Und doch +war ich nur deshalb zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu +gezwungen, hinzugehen! + +„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, der Alte an +mich, „bist du nicht krank gewesen? Warst lange nicht mehr hier? Ich +wollte mich nach dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“ + +Und er verfiel wieder in Nachdenken. + +„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich. + +„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf Minuten nachher. „Also +nicht gesund! Habe ich dir damals nicht gesagt, dich gewarnt – du +wolltest nicht hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, die hat +doch immer im Dachstübchen gehungert und da wird sie auch sitzen +bleiben. So ist’s!“ + +Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber wäre er nicht selbst so +tief in seinem Herzen verwundet gewesen, dann hätte er wohl nicht so +hart von der hungernden Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher: +seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen Augen lag eine +quälende Frage, die zu beantworten er keine Kraft mehr zu haben schien. +Er war zerstreut, unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau +betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn heimlich den Kopf. +Als er sich umwandte, machte sie mir ein Zeichen. + +„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Haus?“ fragte ich die +besorgte Anna Andrejewna. + +„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, doch ganz, als fiele es +ihr schwer, diese Frage zu beantworten. „Sie wird gleich kommen, um dich +zu begrüßen. Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht zu sehen! Hat +sie sich darum etwa so verändert, man weiß wirklich nicht, ist auch sie +krank oder ist sie gesund! Gott mit ihr!“ + +Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann. + +„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch kurz und +abgebrochen ein, „sie ist gesund. Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man +die Kinderschuhe auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen +Mädchenlaunen klug werden?“ + +„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna Andrejewna in gekränktem +Tone die Bemerkung auf. + +Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch. + +„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen +sein?“ dachte ich mit Schrecken. + +„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann er von neuem. „Schreibt +B. immer noch seine Kritiken?“ + +„Ja, er schreibt,“ antwortete ich. + +„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand abwinkend, „was sollen +uns hier die Kritiken!“ + +Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha. + + + VII. + +Sie hielt ihren Hut in der Hand und legte ihn auf das Klavier; darauf +kam sie zu mir und reichte mir schweigend die Hand. Die Lippen zitterten +leise: es schien, als hätte sie mir etwas sagen wollen, doch – sagte sie +nichts. + +Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Erschrocken sah ich sie an. +Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz krampfte +sich zusammen, als ich diese bleichen Wangen, diese wie im Fieber +zuckenden Lippen sah, und diese Augen, die unter den langen dunklen +Wimpern in leidenschaftlicher Entschlossenheit loderten. + +Gott! wie war sie schön! Niemals, weder vorher, noch nachher, habe ich +sie so gesehen wie an diesem verhängnisvollen Abend. War es wirklich +dieselbe Natascha, dasselbe junge Mädchen, das noch vor einem Jahr, als +sie meinem Roman zuhörte, mich mit ihren Augen verschlang und kaum zu +atmen wagte. Und wie konnte sie damals fröhlich sein, wie scherzte und +lachte sie damals mit ihrem Vater und mit mir beim Abendessen! + +Dumpfer Glockenklang ertönte zum Abendgottesdienst. Natascha fuhr +zusammen; die Alten bekreuzten sich. + +„Du wolltest zum Abendgottesdienst gehen, Natascha, man läutet schon,“ +sagte Anna Andrejewna. „Gehe Nataschenka, gehe, das Heil ist nahe! Ja, +gehe an die Luft, was sitzt du so eingeschlossen im Zimmer! Sieh, ganz +bleich bist du!“ + +„Ich ... gehe vielleicht ... heute nicht,“ sagte Natascha leise, fast +flüsternd. „Ich ... fühle mich nicht wohl,“ fügte sie hinzu und +erbleichte. Sie war weiß wie ein Tuch. + +„Besser, du gehst, Natascha, du hast doch die Absicht gehabt, zu gehen, +brachtest deinen Hut mit. Bete zu Gott, Nataschenka, daß er dir +Gesundheit verleihe ...“ beredete sie Anna Andrejewna und sah schüchtern +ihre Tochter an, als fürchtete sie sich vor ihr. + +„Ja, ja, gehe, gehe an die frische Luft,“ fügte jetzt auch der Alte +hinzu, der unruhig das Gesicht seiner Tochter betrachtete. „Die Mutter +hat recht. Wanjä wird dich begleiten.“ + +Mir schien, als glitt ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen. Sie +ging ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf. Ihre Hände +zitterten, alle ihre Bewegungen schienen ganz unbewußt – ganz als +begriffe sie selbst nicht, was sie tat. Vater und Mutter beobachteten +sie aufmerksam. + +„Lebt wohl!“ sagte sie kaum hörbar. + +„Mein Engel, wozu sich verabschieden, als wäre der Weg so weit! Sieh, +daß du keinen Zug bekommst; gib acht, wie du bleich bist. Ach! Und ich +habe vergessen (immer vergesse ich alles), ich habe ein kleines Amulett +für dich, mein Engel, habe ein Gebet darin eingenäht. Eine Nonne aus +Kiew hat es mich gelehrt, im vorigen Jahr. Es ist ein Gebet für alles; +erst neulich habe ich es eingenäht. Nimm es, Natascha. Möge Gott dir +Gesundheit schenken. Unser Einziges bist du.“ + +Und die Alte kramte im Arbeitskästchen und zog das goldene Kreuzchen von +Natascha hervor, an dessen Kettchen sie auch das Amulett gehangen. + +„Trage es zu deinem Glück!“ fügte sie hinzu, und hängte das Kreuz der +Tochter um den Hals, sich und sie bekreuzigend. „Es gab eine Zeit, da +bekreuzte ich dich jeden Abend zur Nacht und du sprachst dein Gebet. +Doch jetzt bist du nicht mehr dieselbe und Gott schenkt dir keine Ruh. +Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete können dir nicht +helfen.“ + +Und die Alte fing an zu weinen. + +Natascha küßte schweigend ihre Hand; wandte sich dann zur Tür; doch +plötzlich kehrte sie um und ging schnell auf den Vater zu. + +„Väterchen, segne auch du ... deine Tochter!“ rief sie mit vor +Schluchzen erstickter Stimme, und kniete vor ihm nieder. + +Vor diesem unerwarteten und feierlichen Kniefall standen wir ganz +bestürzt da. Der Vater sah seine Tochter einen Augenblick wie verloren +an. + +„Nataschenka, mein Kind, meine Tochter, mein Liebes, was ist mit dir?“ +rief er endlich aus und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen. „Was +bedrückt dich? Warum weinst du Tag und Nacht? Ich weiß doch alles, ich +schlafe die Nächte nicht und steh vor deiner Zimmertür und horche! ... +Sage mir alles, Natascha, vertraue mir, deinem alten Vater und wir ...“ + +Er brach ab, hob sie hoch und umarmte sie. Sie preßte sich krampfhaft an +seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter. + +„Nichts, nichts, das ist nur so ... ich bin nicht ganz wohl ...“ +bestätigte sie, schluchzend von verhaltenen Tränen. + +„Ja, segne dich Gott, wie ich dich segne, mein liebes, mein einziges +Kind!“ sagte der Alte. „Er schenke Frieden deiner Seele und befreie dich +von allem Kummer. Bete zu Gott, mein Kind, damit er mein sündhaft Gebet +erhöre.“ + +„Und meinen Segen, meinen Segen, über dich!“ fügte die Alte in Tränen +aufgelöst hinzu. + +„Lebt wohl!“ flüsterte Natascha. + +An der Tür blieb sie noch einmal stehen, sah noch einmal auf beide, +wollte noch etwas sagen, konnte jedoch nichts über die Lippen bringen +und ging rasch aus dem Zimmer. Ich stürzte ihr nach, das Böse ahnend. + + + VIII. + +Sie ging schweigend, schnell, den Kopf gesenkt und sah nicht auf mich. +Als wir die Straße durchschritten und zum Kai kamen, blieb sie stehen +und ergriff meine Hand. + +„Es ist so schwül!“ flüsterte sie, „mein Herz ist so beengt ... so +schwül ...“ + +„Kehre um, Natascha!“ rief ich, außer mir. + +„Verstehst du denn wirklich nicht, Wanjä, daß ich auf _immer_ von ihnen +gegangen bin und nie mehr zu ihnen zurückkehren werde?“ Und mit +unaussprechlicher Trauer sah sie mich dabei an. + +Mein Herz erbebte. Das hatte ich alles vorausgefühlt, noch bevor ich zu +ihnen ging, schon tagelang vorher, wie im Nebel ... und doch – trafen +mich ihre Worte jetzt wie Donnerschläge. + +Wir gingen schweigend den Kai entlang. Ich konnte nichts sagen, nichts +denken, mir schwindelte. Dieser Entschluß schien mir so unmöglich, so +unsinnig! + +„Du verurteilst mich, Wanjä?“ sagte sie endlich. + +„Nein ... aber, ich kann es nicht glauben; das ist so unmöglich! ...“ +antwortete ich, mir kaum bewußt, was ich sagte. + +„Nein, Wanjä, es ist schon geschehen! Ich habe sie verlassen und ich +weiß nicht, was aus ihnen werden wird ... ich weiß auch nicht, was aus +mir werden wird!“ + +„Du gehst zu ihm, Natascha?“ + +„Ja!“ antwortete sie. + +„Das ist doch unmöglich!“ schrie ich außer mir ... „Weißt du denn nicht, +daß es unmöglich ist, Natascha, du meine Arme. Das wäre ja Wahnsinn! Du +tötest sie und dich zugleich! Weißt du denn das nicht, Natascha?“ + +„Ich weiß es; doch, was soll ich tun, es ist nicht mein freier Wille,“ +und in ihrer Stimme klang eine Verzweiflung, als ginge sie zum Tode. + +„Kehre um, kehre um, solange es nicht zu spät ist,“ flehte ich sie an, +und um so inständiger bat ich, je hartnäckiger sie schwieg, je mehr ich +selbst die Nutzlosigkeit meines Flehens erkannte. „Begreifst du denn, +Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du es dir auch überlegt? Sein +Vater ist doch der Feind deines Vaters. Der Fürst hat doch deinen Vater +erniedrigt und beleidigt, ihn des Diebstahls verdächtigt, er hat ihn +einen Dieb genannt. Sie liegen beide im Prozeß miteinander ... Nun, das +wäre noch nichts! Doch weißt du denn nicht, Natascha ... (o, mein Gott, +du weißt doch alles! ...), weißt du denn nicht, daß der Fürst deinen +Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie hätten selbst eine +Annäherung zwischen dir und Aljoscha aus Berechnung gefördert, als +Aljoscha in Wassiljewskoje euer Gast war? Bedenke doch, stelle es dir +doch nur vor, wie sehr dein Vater unter diesen Verdächtigungen gelitten +hat. Er ist ja in diesen zwei Jahren ergraut – sieh ihn dir doch an! +Doch die Hauptsache: du weißt ja das alles, Natascha, gütiger Himmel! +Ich will schon gar nicht davon reden, ob sie überwinden werden, dich auf +immer zu verlieren! Du bist ja doch ihre einzige Freude, die ihnen für +ihr Alter geblieben. Es lohnt sich ja gar nicht davon zu reden: das mußt +du selbst wissen; sage dir doch, daß der Vater dich unschuldig +verleumdet glaubt von diesen stolzen hochmütigen Menschen! Jetzt, gerade +jetzt ist der alte Haß von neuem entbrannt, weil ihr Aljoscha bei euch +empfangen habt. Der Fürst hat deinen Vater von neuem beleidigt, die +Kränkung brennt noch jetzt im Herzen deiner Eltern, und plötzlich +erscheinen jetzt alle Kränkungen gerechtfertigt! Alle, die von der Sache +gehört haben, werden jetzt dem Fürsten recht und deinem Vater schuld +geben. Was wird jetzt aus ihm werden? Es wird ihn niederschmettern! +töten! Schmach und Schande – und durch wen? Durch dich, seine Tochter, +sein einziges vergöttertes Kind! Und die Mutter? Die wird den Alten doch +nicht überleben ... Natascha, Natascha! Was willst du tun? Kehre zurück! +Besinne dich!“ + +Sie schwieg; schließlich sah sie mich vorwurfsvoll an, mit einem Blick +so voll bitteren Leides, daß ich begriff, was in ihrem Herzen vorgehen +mußte. Ich begriff, was dieser Entschluß sie gekostet hatte, und daß ich +mit meinen nutzlosen, verspäteten Vorwürfen sie nur quälen, ihr das Herz +zerreißen konnte; ich begriff das alles sofort und doch konnte ich nicht +an mich halten und sprach weiter: + +„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, du würdest _vielleicht_ +heute nicht aus dem Hause gehen ... also wolltest du bleiben, also +hattest du dich noch nicht fest entschlossen?“ + +Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte diese Frage auch? Ich +hätte doch verstehen sollen, daß ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war. +Doch auch ich war meiner selbst nicht mächtig. + +„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit unsäglichem Weh im +Herzen und ohne eigentlich selbst zu begreifen, was ich sie fragte. + +„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du siehst doch: er hat mir +befohlen, zu kommen, und da bin ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie, +mit demselben bitteren Lächeln. + +„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann ich wieder, sie +anzuflehen, das letzte versuchend, „alles das läßt sich doch noch auf +eine andere Weise machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde dir +sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde euch helfen, euch +Zusammenkünfte vermitteln ... Nur aus dem Hause gehe nicht fort! Ich +werde euren Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre leichter +zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch beiden dienen, helfen, ihr +werdet sehen, ich werde euch zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein +Leben nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest dein Leben +damit, Natascha, vollständig! Willige doch ein, Natascha, alles wird gut +werden, ihr werdet euch lieben und glücklich sein ... Und wenn die +Eltern aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) dann +...“ + +„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, drückte mir kräftig die +Hand und lächelte unter Tränen. „Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger +Mensch, du! Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, und +dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an mein Glück. Unsere +Briefe willst du ...“ + +Sie fing an zu weinen. + +„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die ganze Zeit über hast du +mir keinen Vorwurf gemacht, kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich +... ich ... Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, weißt du +noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, ich hätte _ihn_ niemals +kennen gelernt! ... Wie gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten +lieben Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! Siehst du, wie +ich bin: dich in diesem Augenblick noch an unser früheres Glück zu +erinnern! und du leidest schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du +nicht zu uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch nicht einmal +der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß du mir vielleicht fluchst, mich +haßt. Ich wußte, warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören, +kein lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, wenn du uns +sahst. Und wie habe ich dich erwartet, wie habe ich dich erwartet, +Wanjä! Höre mich, Wanjä, ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine +Unsinnige, dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen Freund. Ich +weiß es, daß ich ohne dich nicht leben kann, daß du mir nötig bist, dein +Herz, deine goldene Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere +Zeit jetzt anbricht!“ + +Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich! + +„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen niederkämpfend. +„Wie bist du abgemagert, wie bist du krank und bleich; du bist wirklich +krank, Wanjä! Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer nur +von mir gesprochen; wie steht es mit deinen Arbeiten? Geht es mit deinem +neuen Roman gut vorwärts?“ + +„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob es sich um mich handelte, +Natascha! Ja, und meine Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen +wollte, Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm kommst?“ + +„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, doch ich selbst +... Siehst du, Lieber, ich werde dir alles erzählen: man will ihn +verheiraten mit einer reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem +Geschlecht. Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, der Vater, du +weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; er hat alles in Bewegung +gesetzt; und einen solchen Zufall findet er in zehn Jahren nicht wieder. +Verbindungen, Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, – +gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu ihr hinzuneigen. Außerdem +möchte der Vater ihn loswerden, um selbst wieder zu heiraten, und hat +deshalb beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung zu +lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha ...“ + +„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, „um eure +Liebe? Es war bis jetzt doch nur eine Verdächtigung von ihm.“ + +„Er weiß, weiß alles.“ + +„Wer hat es ihm denn gesagt?“ + +„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst sagte es mir ...“ + +„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er selbst hat alles erzählt +und in diesem Augenblick ...?“ + +„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich Natascha, „lache nicht +über ihn! Man kann ihn nicht wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch +gerecht. Er ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat ihn so +erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste Eindruck, der erste fremde +Einfluß, kann ihn von allem losreißen, woran er vor einem Augenblick +gehangen, worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er kann dir +schwören und noch am selben Tage einem andern, und als Erster kommt er, +um es dir selbst zu erzählen. Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise +nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er ist sogar einer +Selbstaufopferung fähig und noch dazu welcher! Doch nur bis zum nächsten +neuen Erlebnis: da vergißt er alles. _So wird er auch mich vergessen, +wenn ich nicht immer um ihn bin!_ Siehst du, so ist er!“ + +„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar nicht wahr. Doch, wie +soll er, so ein Kind wie er ist, heiraten!“ + +„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck dabei, sagte ich dir.“ + +„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein soll, und daß sie ihn +schon beeinflußt?“ + +„Er hat es mir doch selbst gesagt.“ + +„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere lieben kann, und +verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“ + +„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du kennst ihn zu wenig; man +muß ihn besser kennen, um ihn beurteilen zu können. Es gibt kein +aufrichtigeres, kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es denn +besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß er jetzt für sie schwärmt! +Wir brauchten uns nur eine Woche nicht zu sehen, und er würde mich +vergessen haben, so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen +Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! Sonst würde ich +sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! Ich weiß, was ich tue: _wenn ich nicht +immer bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden Augenblick, dann würde er +aufhören, mich zu lieben, würde mich vergessen und verlassen_. Er ist +schon einmal so, daß jede andere ihn beeinflussen kann. Und was wird +dann mit mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! Ich wäre +froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich aber ohne ihn leben? Das +wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä! +Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter verlassen! Rede +nicht mehr davon; es ist schon geschehen! Er muß bei mir sein, jede +Stunde, jeden Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß ich +verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, Wanjä!“ schrie sie +plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, „wenn er mich schon jetzt nicht +mehr lieben sollte! Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur +mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im Grund aber nur +ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige ihn jetzt vor dir, er +aber lacht vielleicht in diesem Augenblick mit einer anderen über mich +... und ich, ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und suche +ihn ... Ach, Wanjä!“ + +Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor Wehmut zerspringen +wollte. Ich begriff, daß Natascha alle Gewalt über sich verloren hatte. +Nur eine unsinnige, blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen +Entschlusse treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte auch in mir +und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ein +böses Gefühl kam über mich. + +„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines nicht: wie kannst +du ihn lieben, nach all dem, was du soeben über ihn gesagt hast? Du +achtest ihn nicht, du glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu +ihm auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, um +seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird dich dein ganzes Leben +lang quälen und du – ihn auch. Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu +sehr. Eine solche Liebe verstehe ich nicht.“ + +„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie vor Schmerz +erbleichend. „Ich habe dich niemals so geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch +selbst, daß ich wahnsinnig bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß. +Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: ich habe es schon +früher gewußt, in meinen glücklichsten Augenblicken habe ich es +vorausgefühlt, daß er mir nur Qualen bereiten wird. Doch was soll ich +tun, wenn selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – Glück +bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude zu erleben? Weiß ich denn +nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet, und was ich durch ihn +erleiden muß? Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein +Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine Versprechungen, wenn +ich auch weiß, daß er mich nicht belügt und mich niemals belügen kann. +Ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. Für +ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – ich gewiß nicht. Und doch +bin ich glücklich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, und +alles von ihm zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn +sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in meiner Gegenwart, +nur daß auch ich dabei bin ... Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“ +fragte sie mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden Augen +mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, als phantasiere sie: „Wie +niedrig solche Wünsche sind, nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und +doch, wenn er mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, +wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. Und du beredest mich +jetzt, zurückzukehren; was würde die Folge davon sein? Daß ich morgen +wieder davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde kommen. Pfeifen +wird er, und ich werde ihm folgen – wie ein Hündchen ... Qualen! Ich +fürchte keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich _seinetwegen_ quäle +... Ach, Worte geben das nicht wieder, Wanjä!“ + +„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien sie ganz vergessen zu +haben. + +„Er wird dich also heiraten, Natascha?“ + +„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er hat mich ja heute +darum zu sich gerufen, um sich morgen außerhalb der Stadt mit mir trauen +zu lassen; er weiß doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch +nicht, wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein Mann! +Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber verheiratet, so wird er +unglücklich sein, Vorwürfe machen ... Ich will nicht, daß er mir +irgendwie einmal Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm geben, er +aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn er nun durch die Heirat +unglücklich wird, warum soll ich ihn – unglücklich machen?“ + +„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du willst jetzt zu ihm +gehen?“ + +„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich abzuholen; wir +verabredeten uns ...“ + +Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war noch niemand zu +sehen. + +„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ rief ich +unwillig aus. + +Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. Ihr Gesicht war +krampfhaft verzerrt. + +„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit bitterem Lächeln. +„Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, daß er, wenn ich ihm nicht mein +Wort geben könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben, +sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater ihn zu einer anderen +führen würde. Und so natürlich, so einfach hatte er das geschrieben, als +läge darin wirklich gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren +ist, Wanjä?“ + +Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand und ihre Augen +blitzten. + +„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Er hoffte, daß ich +nicht kommen würde, um dann zu ihr zu fahren mit der Behauptung, er +hätte mich vorher davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen. +Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen ... Oh, Gott! +Ich Wahnsinnige! Ich glaube, er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich +ihn langweile ... Worauf warte ich noch?“ + +„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am Kai erblickend. + +Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich nähernden Aljoscha +erwartungsvoll entgegen, und plötzlich stürzte sie, meine Hand +loslassend, auf ihn zu. Auch er beschleunigte seine Schritte und in +einer Minute lagen sie sich in den Armen. Außer uns war niemand auf der +Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte +zugleich, als hätten sie sich nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre +bleichen Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude ... Aljoscha +bemerkte mich jetzt erst und ging sofort auf mich zu. + + + IX. + +Ich sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des öfteren gesehen; ich +sah ihm tief in die Augen, als hätte sein Blick alle meine Zweifel lösen +können, wodurch er dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige +Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen jeglicher Pflicht, +eine Liebe, der Natascha alles, was ihr bis jetzt heilig gewesen, zum +Opfer bringen wollte. Der Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie +kräftig und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in die +Seele. + +Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind war – in meinem Urteil +über ihn hatte irren können, denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch +niemals lieben können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, die +ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles nicht gewöhnen, +besonders nicht an sein elegantes Äußeres, vielleicht weil es schon zu +elegant und gesucht war. + +Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch beurteilt hatte. +Er war hoch und schlank; sein Gesicht war von länglicher Form und immer +bleich; er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die milde und +nachdenklich in die Welt schauten und aus denen dann zuweilen eine +kindliche Freude aufleuchtete. Seine vollen roten Lippen hatten einen +wunderschönen Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam +ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder war dann sein Lächeln, +so naiv und gutherzig, daß man, in welcher Stimmung man sich auch +befand, unwillkürlich mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand, +genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie gesagt, sehr elegant, +doch diese Eleganz kostete ihm keine Mühe, sie schien ihm angeboren. + +Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten und +Angewohnheiten des guten Tones: Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und +höfliche Grobheit. Doch war er offenherzig und sich seiner +Angewohnheiten so bewußt, daß er sich selbst tadelte und über sie +lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von Jüngling nicht einmal im +Scherz hätte lügen können, und wenn er es je getan, so würde er sich +gewiß nichts Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus war +anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war und nichts zu +verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig und schüchtern und +hatte gar keine Willenskraft. Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre +eine Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen und zu +betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, vollständig naiv und +unwissend und verstand nichts vom wirklichen Leben; übrigens würde er +auch mit vierzig Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen +sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es gab keinen +Menschen, der ihn nicht liebte, er war zu jedem zärtlich wie ein Kind. +Natascha hatte recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht zu +handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, doch hätte er +über die Folgen seiner Tat vor Reue sterben können. Natascha fühlte +instinktiv, daß sie seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer +sein würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, ihn sinnlos zu +lieben, und denjenigen, den sie liebte, sinnlos zu quälen, nur weil sie +ihn liebte – deshalb war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst +zuerst zu opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, und er +betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah sie mich an. In diesem +Augenblick vergaß sie alles – die Eltern, den Abschied und jedes +Mißtrauen ... In diesem Augenblick war sie glücklich. + +„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm und bin seiner nicht +wert! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß +meine schlechten Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“ +fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser Hingebung an. + +Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die Hand freizugeben, wandte +er sich an mich. + +„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte ich Sie als meinen +Bruder umarmen; sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis +jetzt eigentlich fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ... +verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme und etwas errötend +mit seinem bezaubernden Lächeln hinzu, sodaß ich nicht anders konnte, +als seinen Vorschlag von ganzem Herzen anzunehmen. + +„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, unser Bruder, er +hat uns schon verziehen und ohne seine Freundschaft würden wir nicht +glücklich sein. Ich habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder +sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien leben ... Wanjä!“ fuhr sie +fort und ihre Lippen zitterten ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen +nach Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch nicht vergeben +wollen, so werden sie sehen, daß du mir vergeben hast, und das wird sie +weicher stimmen. Erzähle ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen +kommenden Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen die Gründe +meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. Weißt du, Wanjä, ich hätte +mich vielleicht heute nicht dazu entschließen können, wenn du nicht +gekommen wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich gedacht +und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du würdest den ersten +Schmerz mildern helfen. O, Gott! Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte +es, daß sie mir nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen +sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen und für sie beten. +Mein Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle zusammen +glücklich sein! Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ rief sie, +sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen erschauernd schlug sie die +Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha umarmte sie und drückte sie schweigend +an sich. Wir schwiegen alle drei. + +„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ sagte ich zu ihm +mit vorwurfsvollem Blick. + +„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich versichere Ihnen, daß +alle Qualen, wenn sie auch jetzt sehr heftig sind – nicht von langer +Dauer sein werden. Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur den +Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, dasselbe hat auch sie +mir gesagt. Sie wissen, daß dieser Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß +an allem die Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt, +versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein Ende nehmen. Wir werden +uns alle wieder miteinander aussöhnen und vollständig glücklich sein. +Wer weiß, vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur +Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht anders sein kann. +Was glauben Sie?“ + +„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?“ fragte +ich, auf Natascha blickend. + +„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen bestimmt. Sehen Sie, ich +selbst weiß es noch nicht genau, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich +auch noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt Natascha +heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater noch durchaus zu meiner +Braut führen (Sie wissen, man will mich verheiraten; Natascha hat es +Ihnen doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf nichts +Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns übermorgen trauen. Auf dem +Wege nach Pskoff, nicht weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von +mir, aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden ihn vielleicht +noch kennen lernen. Im Dorfe wird es doch auch einen Geistlichen geben, +bestimmt weiß ich es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach +erkundigen sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im übrigen +sind das doch alles Nebensachen. Man könnte im Notfalle aus einem +Nachbardorfe einen Geistlichen holen; wie denken Sie darüber? Schade, +daß ich meinem Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, man hätte +ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist mein Freund noch nicht einmal +anwesend. Das ist jedoch das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere +wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen oder übermorgen wird +sie bei mir bleiben. Ich habe eine Wohnung gemietet, in der wir leben +werden. Ich werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht wahr +Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe alles sehr nett +eingerichtet. Meine Freunde werden mich besuchen; ich werde +Gesellschaftsabende ...“ + +Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte ich ihm zu. Natascha sah +mich flehend an, ihn nicht allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen +Erzählungen mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man einem lieben +fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen Geplapper zuhört. Ich +sah sie vorwurfsvoll an. Mir war unerträglich schwer zumut. + +„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, daß er Ihnen +verzeihen wird?“ + +„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? Das heißt, zuerst +wird er mich natürlich verfluchen; davon bin ich überzeugt. Er ist schon +einmal so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird er auch +versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber zu gebrauchen ... Doch +das ist nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich +ärgern und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle aussöhnen und +alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“ + +„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch darüber nachgedacht?“ + +„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht sofort. Nun, was tut +es? Ich werde ihm zeigen, daß auch ich Charakter besitze. Er macht mir +immer Vorwürfe, daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig sei. +Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht? Verheiratet +sein, ist keine Kleinigkeit. Ich bin kein Kind mehr ... das heißt, ich +wollte sagen, daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich meine, +wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir selbst mein Brot +verdienen. Natascha sagt, daß es besser sei, so zu leben, als auf +Rechnung anderer, wie wir alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes +sie mir sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin nicht so +aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. Freilich, ich weiß es +selbst, daß ich leichtsinnig bin und zu nichts fähig; doch wissen Sie, +vorvorgestern hatte ich einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich +nicht gerade der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch möchte +ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen Sie: ich möchte Romane +schreiben und sie an Zeitungen verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie +mir dabei helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern die +ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, so zur Probe, und wissen Sie: +es kann wirklich eine nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer +Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen später davon erzählen. +Die Hauptsache ist, daß man dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch +Geld dafür!“ + +Ich mußte lächeln. + +„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd. + +„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher Naivität hinzu, +„beurteilen Sie mich nicht darnach, wie ich scheine; ich besitze viel +Beobachtungsvermögen; Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es nicht +versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch andererseits haben Sie +recht; ich verstehe nichts vom wirklichen Leben; das hat mir Natascha +auch gesagt, übrigens sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller +werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, wirken Sie nur auf mich +ein, und machen Sie mich nur besser als ich bin – Sie tun es ja für sie, +Sie lieben sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer +nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, ich weiß gar +nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch – ich würde ihr mein ganzes +Leben hingeben wollen! Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich +nichts gefürchtet, doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! Sollte es +einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht hingibt, wirklich an +Geschick und Kraft fehlen, diese Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns +doch, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns +geblieben ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen Sie, daß +ich mich so auf Sie verlasse, aber ich halte Sie für einen edlen +Menschen und für besser als mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie +überzeugt davon, und will Ihrer beider wert sein.“ + +Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus seinen freundlichen Augen +strahlte eine aufrichtige Hingabe. So vertrauensvoll reichte er mir die +Hand, so überzeugt, daß ich sein Freund sei! + +„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er fort. „Denken Sie bitte +nicht schlecht von uns, machen Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache +mir viel Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir gewiß +gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem Roman nicht gehen sollte +(um die Wahrheit zu sagen, habe ich gleich, als ich davon sprach, bei +mir gedacht, daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte es +Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), wenn der Roman mir +nicht gelingen sollte, so könnte ich im äußersten Fall Musikunterricht +erteilen. Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich +werde mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich schließe +mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen an. Außerdem besitze ich +viele Wertsachen, Bibelots, Toilettengegenstände: was sollen sie mir? +Ich werde sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon leben! +Schließlich kann ich im äußersten Falle immer noch als Beamter +eintreten. Mein Vater wird sich sogar darüber freuen, er hat es schon +längst gewünscht, ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu sein, +davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, daß die Ehe mir Nutzen +bringt, mich vernünftig macht, und ich wirklich in den Staatsdienst +getreten bin ... so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“ + +„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was zwischen Ihrem und +Nataschas Vater daraus entstehen wird? Was, glauben Sie, was wird wohl +heute abend in ihrem Hause geschehen?“ + +Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. Ich war +erbarmungslos. + +„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete er. „Ich habe +schon daran gedacht und seelisch sehr darunter gelitten ... Doch was ist +zu machen? – Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern uns +vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide geliebt habe! Sie +standen mir so nahe, als wären sie meine eigenen Eltern! – und womit +zahle ich es ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie +glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum streiten sie sich. +Alle lieben wir uns gegenseitig, und streiten uns! Man sollte sich +endlich aussöhnen und der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an +ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, es ist +schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! Ich habe es schon früher +gesagt ... Du selbst hast darauf bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan +Petrowitsch, es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir werden sie +aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden unserer Liebe nicht +widerstehen können ... Mögen sie uns verfluchen, wir werden sie dennoch +lieb haben; sie werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein +gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur so finster unter den +Brauen hervor, doch ist er oft sehr zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie +liebevoll er heute mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen +versuchte! Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das stimmt +mich sehr traurig. Und alles dieser elenden Vorurteile wegen! Das ist +einfach – Wahnsinn! Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich +ansehen, mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? Er würde uns +sofort alles erlauben.“ + +Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf +Natascha. + +„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er sein Geplauder fort, +„wie er sie lieben wird, wenn er sie nur kennen lernt, und wie sie sie +alle in Verwunderung setzen würde. Denn sie haben doch alle noch nicht +ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, daß sie eine Intrigantin +ist. Meine Pflicht ist es, ihre Ehre wieder herzustellen, und das werde +ich tun! Ach, Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen +Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert hinzu. „Wenn +ich deiner auch nicht wert bin, so liebst du mich doch, ich aber ... O, +du kennst mich doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem +Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser Abend uns allen +zusammen Glück, Friede und Eintracht bringt. Gesegnet sei dieser Abend! +Nicht, Natascha? Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“ + +Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während Aljoschas weitläufiger +Rede kein Auge von ihm gewandt, doch allmählich wurde ihr Blick immer +trüber und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir schien es, +daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig abwesend dastand. Der +Ausruf Aljoschas weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen, +schaute um sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, und +als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie aus der Tasche +einen Brief und gab ihn mir. Er war an ihre Eltern gerichtet und am +Abend vorher geschrieben worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich +scharf und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick an mich +festgesogen. In diesem Blick lag eine solche Verzweiflung, niemals +vergesse ich diesen schrecklichen Blick! Mich schauderte: ich sah, daß +sie sich in diesem Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt +wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon und, plötzlich – +verlor sie das Bewußtsein. Ich fing sie auf. Aljoscha erbleichte vor +Schreck; er rieb ihre Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei +Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt stand die +Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha +in den Wagen gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und heiße +Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich +stand noch lange an derselben Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes +Glück entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach in zwei +Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. ... Langsam ging ich den +Weg zurück, zu den Alten. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte, +noch wie ich zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken +erstarrten mir, meine Füße wankten ... + +Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war das Ende meiner +Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen Erzählung fortfahren. + + + X. + +Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen +Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt, +vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für +einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus +Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es +bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so +niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich +in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so +geschah es denn auch. + +Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in +Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem +Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte +ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen +Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war +mir so voll von anderen Dingen ... + +Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits +und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken +lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch +schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu +aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die +freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die +ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den +Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen, +alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem +Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich +noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein +Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich +fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch +auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause, +was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“ + +So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel +geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie +hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten. +Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich +sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den +Schmutz. + +Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer +zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte +ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und +einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich +ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ. + +Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder +infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der +Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in +einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht +heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war +das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen +Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht +Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu +sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir +als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die +Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist +in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und +nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung +entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht +mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt +sich langsam aber sicher. + +Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach +meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort +hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen +und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise +mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine +trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit +seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von +diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und +deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen, +unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen +müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht +gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte +sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was +geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie +ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich +niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber +erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich +kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und +durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten +Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar +Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so +erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines +mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer. + +Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete. +Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der +Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als +wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und +blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie +deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, +klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere +Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine +großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der +Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor +der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig +sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und +zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns +gegenseitig anstarrend. + +„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer +Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle. + +Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte +nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm! + +„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf +diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen +Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber +erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme +einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach +einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung +sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte. + +„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt, +das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du +eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“ + +„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an. + +„Er hieß Smitt? Ja?“ + +„J–, Ja!“ + +„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein +Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie +haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du +bist also seine Enkelin?“ + +Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend +kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so +bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte. +Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir +gewandt, fragte sie: + +„Auch Asorka ist tot?“ + +„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so +sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem +Herrn hatte sterben müssen. + +Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür, +die sie vorsichtig hinter sich zuschloß. + +Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß +ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich +nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür +hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen +haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein +Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut +zugeschlagen. Dann war wieder alles still. + +Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten +Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und +hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in +großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick +war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten +Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich +hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete +mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine, +die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte. + +„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr +erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von +dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie +gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der +sechsten Linie ...“ + +Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich +wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer +mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich +stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte. +Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht +mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und +als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren: +sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir +versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“ + + + XI. + +Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts +hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der +offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr +beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten +Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich +wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich +begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er +früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern +verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht +aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut +zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er +seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig, +zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr +erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl +gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht +an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der +allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung +witterte. + +Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus, +in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer +Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar +quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen +Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte +es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte; +er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit +sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn +anzuschauen. + +„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin +ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“ + +„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst +krank, und jetzt gehen Sie aus?“ + +Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht +gehört. + +„Wie geht es Anna Andrejewna?“ + +„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat +es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist +du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“ +fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend. + +Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm +jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu +kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir +verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich +soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich +wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit +Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde. + +„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine +Antwort. „Das ist gut ...“ + +Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich. + +„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch +dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst +du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott +schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich +immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig +zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür +segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“ +Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne. + +„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum +warst du so lange nicht mehr bei uns?“ + +Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine +Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem +krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals +wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch +nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das +Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich +verstummte. + +Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer. +Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch +feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr +aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur +Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm +auszukommen, und auch das nicht immer. + +„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus. +„Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf +den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor +gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine +Kritiken?“ + +„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch +schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“ + +„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner +Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß +er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“ + +„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich. + +„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die +Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder +gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst +du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon +damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu +sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben. +Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich +habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B. +ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das +ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit +einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive +der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten +Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit +glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und +durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das +von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt +wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob +sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch +Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse +der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur +undeutlich zu erkennen waren. + +„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch +gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine +sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu +vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben +muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier +fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“ +fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat. + +Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in +schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten +in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte +zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst +schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns +zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener +Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen +entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu +ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück. + +„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm, +da!“ – + +Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei +oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog +seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in +ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes. + +„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes +Engel begleiten!“ + +Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah +und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die +Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort. + +„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich +kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor +Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter +wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses +Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich +sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die +Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind +Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ... +hm!“ + +Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er +fortfahren sollte. + +„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein +wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt, +wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein +Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines, +ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so +allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch +noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von +mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du +verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge +doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede +ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es +nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören +..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger +sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug! +Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch +weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“ + +Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen. + + + XII. + +Die alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und langjährige +Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. Doch war +Nikolai Ssergejewitsch nicht nur jetzt, sondern auch schon früher in +seinen glücklichen Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna +Andrejewna gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr +umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von fremden Leuten. In +einigen Naturen, die sehr zart und feinfühlend sind, erhebt sich +manchmal ein Widerstand dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre +Zärtlichkeit nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern auch unter +vier Augen zu zeigen. Nur hin und wieder bricht die Zärtlichkeit durch, +um so heißer und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten worden +war! So verhielt sich auch teilweise der alte Ichmenjeff zu seiner Anna +Andrejewna, und zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete und +liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur eine gute Frau +war, die nichts als ihn zu lieben verstand; und er ärgerte sich oft sehr +darüber, daß sie sich ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer +Natürlichkeit, keinen Zwang antat. Doch seit Natascha sie verlassen, +waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; sie fühlten es +schmerzlich, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt waren. Und obgleich +Nikolai Ssergejewitsch oft sehr verschlossen und finster war, so konnten +doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht voneinander +getrennt sein. Sie waren schweigend übereingekommen, von Natascha mit +keinem Wort zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. Anna +Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes denn auch nicht, Natascha nur +im geringsten zu erwähnen, obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte +Natascha in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war +gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen worden, daß ich +zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von ihrem unvergeßlichen, geliebten +Kinde brachte. + +Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten hatte, und +sobald ich dann wieder bei ihr erschien, wollte sie aber auch die +kleinste Einzelheit wissen. Mit zitternder Neugier erkundigte sie sich +nach allem, was ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, als +sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie selbst zu ihr +gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im äußersten Fall getan. Sie wagte +mir gegenüber nicht einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen, +auszusprechen, und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen, +nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für ihre Pflicht, +nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie sich auch nach wie vor sehr +um das Schicksal ihrer Tochter kümmere und sorge, Natascha doch eine +Verbrecherin bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch alles +nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna sich bis zur +Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart Natascha mit den +zärtlichsten Namen nannte, sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch +beklagte, und in seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht, +versteckte Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit der +Menschen sprach und davon, daß wir nicht zu verzeihen verstünden, Gott +aber den Verstockten seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte +sie in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen Augenblicken +verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er wurde mürrisch und +schweigsam, und plötzlich sprach er dann, gewöhnlich sehr ungeschickt, +laut von etwas ganz anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und +sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise Anna Andrejewna +die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer vor mir auszuschütten und sich +auszuweinen. Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er mich +begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit zu geben, Anna +Andrejewna die letzten Nachrichten über Natascha mitzuteilen. So tat er +es auch diesmal. + +„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir kaum ins Zimmer +getreten waren, „ich gehe in mein Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier. +Ihm ist eine Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr das. +Ich komme gleich wieder zurück ...“ + +Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als schäme er sich, +daß er uns selbst zusammenbrachte. Wenn er wieder zu uns zurückkehrte, +war er dann mürrisch, sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz, +als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit. + +„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter Zeit ihre frühere +Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben hatte. „Immer ist er so zu mir; +dabei weiß er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum +verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde für ihn? So ist +er auch zu seiner Tochter. Er könnte ihr doch verzeihen, vielleicht +wünscht er es sogar, Gott weiß es! Die Nächte über weint er, habe es +selbst gehört! Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz beherrscht +ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ schneller: wohin war er +gegangen?“ + +„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich wollte Sie fragen.“ + +„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, als ich ihn gehen sah. Er +ist doch krank, und bei solchem Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte +ich, der muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber wichtigeres +geben, als die uns bekannte Angelegenheit? So dachte ich bei mir, aber +zu fragen wagte ich ihn nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei +dem Gedanken an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht er zu ihr; +jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles erfahren, auch die +letzten Nachrichten von ihr kennt er. Ich bin fest überzeugt, daß er +alles weiß, woher er aber Nachrichten über sie erhält, kann ich mir +nicht vorstellen. Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und heute +gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle doch, mein Lieber, was +dort vorgefallen ist! Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet, +habe mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, verläßt dieser +Bösewicht Natascha?“ + +Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich selbst wußte. Zu ihr +war ich immer vollkommen aufrichtig. Ich teilte ihr mit, daß es in der +Tat diesmal zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen könnte; +daß diesmal der Konflikt ernster als die früheren sei; daß Natascha mir +gestern einen Zettel geschickt und mich gebeten, heute abend um neun Uhr +zu ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht gehabt, hierher +zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe mich mitgenommen. Ich +erzählte ihr, und erklärte ihr ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr +kritische sei; daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von einer +Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören wolle und energisch +gegen Aljoscha vorgehe. Doch wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es +scheine, zu der andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie +verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der Brief von Natascha +in großer Aufregung geschrieben sei, und daß heute, wie sie darin +schrieb, alles sich entscheiden würde. In welcher Richtung? Das sei noch +unentschieden. Sonderbar, daß sie _heute_ geschrieben, mir aber befohlen +habe, morgen um neun Uhr abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort +gehen, und zwar so schnell als möglich. + +„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna Andrejewna besorgt und +beunruhigt, „sobald er kommt, trinkst du noch rasch den Tee ... Warum +hat man den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der +Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn du also deinen Tee ausgetrunken hast, +finde einen passenden Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber komme +unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, komme so früh als möglich. +Großer Gott! Wenn nur kein Unglück geschieht! Kann es denn noch +schlechter kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles +erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon weiß. Ich habe ja +auch von Matrjona vieles erfahren und diese wieder durch Agascha; +Agascha wiederum ist ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause +des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. Böse war heute +Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach nur so von diesem und jenem, er +aber schrie mich an, wie ein Wütender; später tat es ihm leid, +behauptete, wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des Geldes wegen +wütend gewesen! Nun, du kennst ja doch unsere Verhältnisse. Nach dem +Mittagessen ging er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer +(in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts von ihr), er aber, +mein Täubchen, lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und betete. Als +ich das erblickte, da wankten mir die Knie. Und den Tee trank er nicht, +geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen Hut und ging. Ich wagte nicht +ihn zu fragen; er hätte mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des +öfteren, wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er aber zu +schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein Herz hört auf zu +schlagen. Wenn er auch übertreibt, nun ich weiß ja doch, daß er +absichtlich so tut, aber schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe +ich zu Gott eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken. +Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“ + +Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna Andrejewna nur den einen +Wunsch hatte, daß Aljoscha, den sie einen Bösewicht und dummen Jungen +nannte, zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein Vater, der +Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung dazu gäbe. Sie hatte es +einmal sogar mir gegenüber ausgesprochen, es dann jedoch bereut und +mehrmals widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen vor Nikolai +Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, obgleich sie wußte, daß der Alte +ihr das nachtrug und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen machte. +Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht und ihr Andenken ganz +aus seinem Herzen gerissen, wenn er auch nur von einer Möglichkeit +dieser Ehe erfahren hätte. + +Wir alle waren damals derselben Meinung. Er erwartete seine Tochter mit +jeder Fiber seines Herzens, doch erwartete er sie allein, reuig und +bereit, jede Erinnerung an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen. +Nur unter dieser einen Bedingung hätte er ihr verziehen – wenn er das +auch nicht in dieser Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort, +wenn man ihn nur ansah. + +„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer Junge ist er, das +habe ich immer gesagt,“ begann Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man +hat ihn nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. Um +dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! Gott, mein Gott! Was wird +aus der Armen werden? Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag, +das begreife ich nicht!“ + +„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, „daß diese Braut ein +reizendes, bezauberndes Mädchen sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat +es von ihr behauptet ...“ + +„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie mich. „Bezaubernd? Für +euch Federfuchser ist jede bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat. +Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles Herz +hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht sie ihm, selbst +aber leidet sie. Wie oft ist er ihr schon untreu gewesen! Böse, +hartherzige Menschen! Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der +Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens überwinden, +meinem Täubchen verzeihen und es wieder zu mir bringen würde! Wie wollte +ich sie umarmen, mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“ + +„Ja, Anna Andrejewna.“ + +„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz gut, Iwan Petrowitsch! +Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag habe ich geweint ... +worüber, das werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich ihm +nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: geradeaus wage +ich es ihm nicht zu sagen, doch so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen. +Das Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend wird, und +sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch nicht, das habe ich von +ihm noch nicht gehört ... Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß +er es nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der Fluch des Vaters +ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, jeden Tag zittere ich vor Angst. Und +auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause +aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen und hast dir auch +ausgedacht, daß die Andere bezaubernd sei! Was geht denn dich das an? +Was für eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser gesprochen. +(Ich habe es gewagt: habe sie einmal zu mir zum Kaffee eingeladen, als +Meiner einen ganzen Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über +alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, hat zu der Gräfin +in unerlaubten Beziehungen gestanden. Die Gräfin hat ihm schon immer +vorgeworfen, daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder +aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten ihres Gemahls +in schlechtem Rufe. Als ihr Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier +lernte sie Italiener, Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da hat +sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. Ihre Stieftochter +aber, die Tochter ihres ersten Mannes, der ein Branntweinpächter war, +wuchs allmählich heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis +dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna zusammen +aber wuchsen auch die zwei Millionen heran, die ihr Vater für sie in der +Bank deponiert hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da +hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft wäre, Aljoscha +mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich nicht, der läßt nichts durch.) Der +Graf, der vornehme, hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat +eingewilligt; drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, sprechen Sie +mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin seinen Wunsch mit. Die ist +dagegen, mit Händen und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden +Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, wie wird es +erst im Auslande gewesen sein! Nein, sagt sie, du, Fürst, mußt mich +heiraten, meine Stieftochter bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll +aber eine Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem +untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, sagt man, eine +engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich sofort, um was es sich +handelt, und sagt es ihr auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du +hast dein Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber deine +Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein gutes Paar: sie ist +unschuldig wie ein Engel und Aljoscha ein Dummkopf; wir werden sie beide +zusammen bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was nützt es dir, +wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein schlauer Mensch. Ein Freimaurer! +Vor einem halben Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen +können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, dort habe sie +eingewilligt. So ist es. Das hat mir alles Marja Wassiljewna erzählt, +die es selbst von einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst du +wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und nicht darum, daß sie +bezaubernd ist!“ + +Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in Erstaunen. Sie stimmte +vollkommen mit dem überein, was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört +hatte. Als er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des Geldes +wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina Fedorowna einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht. Ich hörte auch von Aljoscha, daß der Vater +selbst vielleicht heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr +bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich sagte bereits, daß +Aljoscha seinen Vater sehr liebte und pries, und an ihn, wie an einen +Gott, glaubte. + +„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine Bezaubernde!“ fuhr +Anna Andrejewna fort, sehr gereizt über das Lob, das ich der zukünftigen +Braut des jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für ihn eine +bessere Partie. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns. Natascha aber ist +aus altem adligem Geschlecht. Mein Alter öffnete gestern (ich habe es +vergessen, dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie doch, und +hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. So ernst saß er da. Ich +strickte meinen Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun sieht, +daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun selbst rufen und da +hat er mir den ganzen Abend unseren Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich +denn, daß die Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des +Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das Geschlecht der +Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch bekannt war, und eine +Rolle gespielt hat – wir haben die Dokumente darüber und auch in der +Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, mein Väterchen, wir +sind nicht schlechter in der Beziehung als die Anderen. Als der Alte mir +das zu erklären anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn kränkt +es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur mit dem Reichtum sind sie +uns über. Nun, möge sich dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein +Geld mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, gierige +Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den Jesuiten übergetreten? Ist +es wahr, was glaubst du?“ + +„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich interessierte mich +die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht verbreitete und erhielt. +Auch die Nachricht von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden +durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie seines +Geschlechtes Erwähnung getan. + +„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna Andrejewna fort. „Doch, +was tut sie, mein Täubchen? grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß +du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben +sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“ + +Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. Ich fragte sie, welches +Unglück sie denn noch betroffen hätte, wie sie vorhin gesagt. + +„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, als ob der Kelch +nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst du dich, mein Freund, oder +weißt du nicht mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas +Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre alt war sie damals, mein +Herzenskind. Wir bestellten es bei einem durchreisenden Maler, du hast +es wohl sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war es, er hat +sie als Kupido dargestellt: helles lockiges Haar hatte sie damals, +durchs Hemdchen schien ihre weiße Haut durch, und so reizend sah sie +aus, daß man sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den Maler, +ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es nicht tun. Nun, siehst du, +mein Lieber, in diesen schrecklichen Tagen hatte ich es aus der +Schatulle herausgenommen und es mir um den Hals gehängt; so hing es +neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, der Alte würde es +vielleicht bemerken. Er befahl doch damals, alle ihre Sachen aus dem +Hause zu entfernen oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an +sie erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das Bild +wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an und weine mich aus, +dann wird mir leichter ums Herz; ein anderes Mal aber, wenn ich allein +bin, küsse ich es, als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen +und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit ihr, wenn ich allein +bin, frage sie dies und jenes und mir ist, als antworte sie mir. Ach, +mein lieber Wanjä, schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war +froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt hatte; wie ich aber +gestern abend nach meinem Medaillon greife, ist es nicht mehr da. Mir +schwanden die Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren +und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren haben? Im Bett, denke +ich, habe ich es abgerissen; ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn +ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn nicht _er_ oder +Matrjona? Nun, Matrjona kann ich schon garnicht verdächtigen, sie ist +mir mit ganzer Seele zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar +aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, was wird dann sein? Ich +sitze da und weine, weine, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. +Und Nikolai Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich +bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da denke ich: er hat +das Medaillon gefunden und es aus dem Fenster geworfen! In seinem Herzen +ist er doch fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm +selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief unter das +Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – wir fanden nichts. Ich weinte +die ganze Nacht über. Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht +bekreuzigt. Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan +Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den nächsten Tag wurden +meine Augen nicht trocken, immer wieder weinte ich. Habe dich erwartet, +mein Freund, wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest ...“ + +Und sie weinte bitterlich. + +„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann sie plötzlich, ganz +erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, „hast du etwas von dem +Waisenkind gehört?“ + +„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie hätten beide beschlossen, +ein armes Mädchen, eine Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“ + +„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht gedacht! Und +überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht haben! Nur an unser schweres +Schicksal, an unser Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will +ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, meine einzige wird +sie auch bleiben. Doch, was soll das wohl bedeuten, dieser Einfall mit +der Waise? Was denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung, +etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen und mich an ein anderes +gewöhnen soll? Was hat er dir von mir erzählt? Wie schien er dir – +streng ... böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... Morgen mußt +du kommen, vergiß nicht ...“ + + + XIII. + +Der Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und fast etwas verschämt an, +dann verfinsterte sich sein Gesicht und er trat an den Tisch. + +„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den Samowar gebracht?“ + +„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da ist er schon,“ +beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken. + +Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als sie den Herrn erblickte, +ganz als hätte sie nur auf ihn gewartet. Diese Matrjona war eine alte, +erprobte und ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste +von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, rechthaberischem +Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch fürchtete sie und vor ihm hielt +sie den Mund. Dafür entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna +Andrejewna, war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt und Tritt den +Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, obwohl sie zu gleicher Zeit +ihr und Natascha von Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in +Ichmenjeffka gekannt. + +„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu sein, und hier will man +einem nicht einmal den Tee bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich +hin. + +Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen Blick zu, heimlich auf +ihren Mann weisend. Er aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht +leiden, und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe gab, sie +nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch ansehen, daß er alles wußte +und verstanden hatte. + +„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann er plötzlich. „Alles +in den Dreck gefahren. Sagte ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen. +Beweise habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die Angaben +sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“ + +Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich noch +immer hin, nahm aber für Nikolai Ssergejewitsch die denkbar schlechteste +Wendung. Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Er +blickte mich argwöhnisch an. + +„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte ihn unser Schweigen, +„je schneller, desto besser. Zum Schurken können sie mich nicht machen, +wenn sie mich auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines +Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens wird die +Sache einmal ihr Ende nehmen; sie befreien mich, indem sie mich zugrunde +richten ... Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“ + +„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so weit!“ konnte Anna Andrejewna +sich nicht enthalten, auszurufen. + +„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend etwas wert?“ fragte er +sie brutal und als freute er sich dieser Erwiderung. + +„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen ...“ erwiderte Anna +Andrejewna, mich traurig ansehend. + +„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden Blick von mir auf sie +heftend und wieder zurücklenkend, „von welchen Menschen? Von Räubern, +Verleumdern und Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht, +auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit mir fahren willst, so +bleibe, bitte, hier; ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen.“ + +„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich denn ohne dich!“ rief +die arme Anna Andrejewna. „Ich habe doch, außer dir, in der ganzen Welt, +niem...“ + +Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und flehend an, als bäte +sie mich um Beistand und Hilfe. Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem +Wort; ihm widersprechen durfte man jetzt nicht. + +„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, „in Sibirien ist es +durchaus nicht so schlimm, wie es scheint. Wenn das Unglück geschehen +sollte, daß Sie Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht +Nikolai Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann man einen guten +Privatverdienst finden, – und dann ...“ + +„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache verstehst, Iwan. Ich +habe so beschlossen; ich verwerfe die ganze Sache und fahre.“ + +„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief Anna Andrejewna und +schlug die Hände zusammen. „Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan +Petrowitsch, hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, du +hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, und jetzt ...“ + +„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? Wovon werden wir denn leben, +was denkst du wohl! Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem +Nichts! Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr +Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?“ + +Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie vor Schreck an zu +zittern. Der Löffel in ihrer Hand schlug hell und vernehmbar an die +Untertasse. + +„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der Alte weiter fort, mit +boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. „Warum nach Sibirien fahren? +Besser ist’s, ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, Anna +Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, werde mir neue +Handschuhe kaufen, und zu Sr. Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer +Durchlaucht, Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben Sie mir +mein Stück Brot wieder, ... meine Frau ... meine kleinen Kinder! ... +Soll ich’s so machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“ + +„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! Habe nur so aus +Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich dich geärgert habe, nur höre auf.“ +Sie zitterte immer mehr vor Angst und Erregung. + +Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er die Angst und die +Tränen seiner armen Frau sah, der Schmerz seine Seele durchbohrte; ich +bin überzeugt, daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr an +sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, aber weichen +Menschen, die ungeachtet ihrer Güte sich von ihrem eigenen Zorn und +Schmerz so weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, sich +selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden und ganz +unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen. Frauen, zum +Beispiel, haben oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu +fühlen, obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Auch +gibt es Männer, die in dem Falle oft den Frauen gleichen und sogar +starke Männer, die sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte +suchte den Streit, obgleich er selbst darunter litt. + +Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, ob er sich nicht in +der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen hatte, wie Anna Andrejewna +es befürchtete. Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha +aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht aufgegeben – +was doch gewiß eintreten mußte – und jetzt nach Hause zurückgekehrt war, +sich gekränkt und beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche und +Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an jemandem auslassen, und +zwar an demjenigen, den er am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche +und Gefühle zu haben, wie er sie selbst hatte. + +Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick rührte ihn anfangs. Er +schien sich seines Zornes zu schämen und hielt einen Augenblick an sich. +Wir schwiegen alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser +glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was daraus auch werden +möge, er mußte sich davon befreien, sollte es auch mit einem Wutausbruch +oder mit einem Fluch endigen! + +„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es leid, ich wollte +lieber nichts davon reden, doch ist jetzt die Zeit gekommen, daß ich +mich offen und ohne Winkelzüge ausspreche, wie es sich so für einen +aufrichtigen Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? Ich bin +froh, daß du gekommen bist, und deshalb möchte ich vor dir erklären, +damit es auch _andere_ hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern, +dem Unglück und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, vielleicht mit +großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen habe, kann ich nie und nimmer +wieder in mein Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so bleibt +es. Ich spreche von dem, was vor einem halben Jahr geschah, du verstehst +mich, Wanjä! und ich spreche jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus, +damit du dich nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, mit +flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten Blick seiner Frau +auszuweichen. „Ich wiederhole es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt +es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten Schurken +hält, daß _alle_ solcher niedrigen und schwachen Gefühle mich für fähig +halten ... sie denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere ... +Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle vergessen, aus meinem Herzen +gerissen! Für mich gibt es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es! +...“ + +Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Tassen +klirrten. + +„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, daß Ihnen Anna +Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie sie doch an, was Sie tun!“ sagte +ich, nicht mehr imstande, meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich goß +nur Öl ins Feuer. + +„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, „nicht leid, wenn +man auch mich nicht schont! Nicht leid, weil in meinem Hause +Verschwörungen gegen mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen +und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter angezettelt werden! +...“ + +„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie nicht! ... Alles was +du willst, doch verfluchen darfst du deine Tochter nicht!“ schrie Anna +Andrejewna außer sich. + +„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut als früher, „denn +von mir, dem Beleidigten und Beschimpften verlangt man, daß ich zu +dieser Verfluchten gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es! +Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, Tag und Nacht, mit +Tränen, Seufzern und dummen Bemerkungen! Man will mich weich machen ... +Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden Händen aus +seiner Brusttasche Papiere herausziehend, „sieh diese Papiere an, aus +meinem Prozeß! Nach diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und +habe meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich zum Schurken, +zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, sieh sie dir an, sieh! ...“ + +Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus der Tasche zu ziehen +und sie eines nach dem anderen auf den Tisch zu werfen, ungeduldig +dasjenige suchend, das er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand +er gerade dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der +Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas hell +aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna schrie laut auf ... es war +das verlorene Medaillon! + +Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg dem Alten zu Kopf und ergoß +sich über sein ganzes Gesicht. Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand +da, die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. Auf ihrem +Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. Die Röte, die Erregung +des Alten ... sie konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt +alles ... das Medaillon! + +Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, vor Freude über den +Fund und aus Begeisterung darüber, es eifersüchtig vor den Augen anderer +verborgen hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von allen +anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes nicht habe sattsehen +können; daß vielleicht auch er wie sie, die arme Mutter, sich allein in +seinem Zimmer eingeschlossen mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten, +vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht und Schluchzen +erstickt, dieses Bild geküßt und statt des Fluches Segen und Vergebung +vom Himmel erfleht hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und +vor allen verfluchte. + +„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna Andrejewna, die jetzt +ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte und ganz vergessen zu haben +schien, daß er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht hatte. + +Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte ihn eine wahnsinnige +Wut und mit flammenden Augen nahm er das Medaillon, warf es mit aller +Gewalt auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit den Füßen +zerstampfen. + +„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte er heiser vor Wut. +„Auf ewig, auf ewig!“ + +„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! Ihr Gesichtchen +... mit den Füßen zertreten! Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser +Mensch!“ + +Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der Alte inne, ganz +erschrocken über das, was geschehen. Plötzlich hob er das Medaillon auf +und wollte aus dem Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt +getan, als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden Händen +bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Diwan. + +Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes Schluchzen wühlte +in seiner Brust, als wollte es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde +in einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt hätte er niemand +mehr fluchen können, jetzt schämte er sich nicht seiner Liebesausbrüche +und bedeckte vor uns das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit +Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob alle Zärtlichkeit, +alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange zurückgehalten, sich jetzt +mit unwiderstehlicher Gewalt hinausdrängte, und die Riesenkraft des +Ausbruches sein ganzes Sein zerschmetterte. + +„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, die sich über +ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. „Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und +Gott selbst wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine Demut +und Güte anrechnen.“ + +„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, erstickter Stimme. +„Niemals! Niemals!“ + + + XIV. + +Ich kam sehr spät zu Natascha; es war bereits zehn Uhr. Sie lebte damals +an der Fontanka, bei der Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen +„Mietshause“ des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. In der ersten +Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause lebte sie und Aljoscha in +einer reizenden, wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf der +Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen Fürsten erschöpft. +Musiklehrer war er nicht geworden, hatte dagegen Geld aufgenommen und +bedeutende Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung der +Wohnung und für Geschenke an Natascha aus, die sich gegen diese +Verschwendung auflehnte, ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in +Tränen ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha konnte oft +wochenlang darüber nachsinnen und sich ausdenken, was er ihr schenken +solle, und wie sie sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses +Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im voraus alle seine +Erwartungen und Träume mitteilte, gab es dann jedesmal eine +Enttäuschung, wenn er statt dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte. +Späterhin kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen Szenen. +Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem Rücken Nataschas noch viel Geld. +Er ging mit seinen Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und +Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha grenzenlos. Er liebte +sie dann fast aus Selbstqual. Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt, +und klagte, daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse und +nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum Teil recht, zwischen +ihnen war ein großer Abstand; er fühlte sich vor ihr wie ein Kind und +sie behandelte ihn auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die +Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte er mich an, +Natascha nichts davon zu sagen; und wenn er dann demütig und zitternd +vor Angst sich nach diesem aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha +begab, (er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit mir +zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut einzuflößen +vermöge), so wußte Natascha schon auf den ersten Blick, um was es sich +handelte. Sie war sehr eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr +möglich war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer wieder +zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha tritt mit mir zusammen ein, +schuldbewußt und demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer +Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich schuldig fühlt, +doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie davon, fragt ihn nie aus, +sondern im Gegenteil: sie verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und +heiter. Es war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits. +Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine unendliche Genugtuung, zu +verzeihen und zu lieben. Es war, als ob in der Vergebung für sie ein +besonderer verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals nur +um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich und liebend sah, +konnte mit seinem Geständnis nicht länger zurückhalten und erzählte ihr +alles, um sich das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim alten“ +wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, so geriet er in +Begeisterung, weinte oft vor Freude und Entzücken, küßte und umarmte +sie. Darauf fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher +Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens mit Josephine, +lachte, freute sich und lobte Natascha, und der Tag wurde fröhlich und +glücklich beschlossen. Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine +Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine billige Wohnung +an der Fontanka gemietet. Die Sachen waren bald alle verkauft und +Natascha begann ihre Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als +Aljoscha davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, verfluchte +sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, trotzdem blieb aber +alles beim alten. In der letzten Zeit waren alle Einkünfte endgültig +erschöpft, es blieb ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit +elender Lohn. + +In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha hatte sich +Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. Die damaligen Absichten des +Fürsten, seinen Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der +Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst ein Projekt. +Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem Plan, brachte Aljoscha zu seiner +zukünftigen Braut, befahl ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und +zwang ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug sich die +Sache damals der Gräfin wegen. In der ersten Zeit nahm der Vater die +Verbindung seines Sohnes mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er +die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes kannte – +Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig werden. Daß Aljoscha sich +etwa mit Natascha hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in den +Sinn gekommen – darüber machte er sich keine Sorgen. Was nun die +Liebenden selbst betrifft, so hatten sie die Vermählung bis zur +formellen Aussöhnung Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften +überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha wollte +offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha dagegen deutete mir an, daß +die ganze Geschichte seinem Vater in mancher Beziehung sogar sehr +angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, die die +Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der Form halber fuhr er jedoch fort, seine +Unzufriedenheit seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er +verkleinerte dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung war er +übrigens immer ungemein geizig gewesen) und drohte, ihm auch noch dieses +zu entziehen. Doch bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die +dort geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte +unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha noch viel zu jung +zur Ehe, doch die Braut war reich und diese Gelegenheit sollte nicht +ungenützt vorübergehen. Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu uns +drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den Fürsten eine günstige +Wendung genommen hätte. Zu dieser Zeit war er dann wieder nach +Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch die +Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte ihn jetzt sehr +unangenehm. Er wurde nun doch ängstlich. Schroff und nachdrücklich +verlangte er die Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines +besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter der Gräfin +galt für eine Schönheit. Sie war fast noch ein Kind, von seltener +Herzensgüte, hatte eine reine unschuldige Seele und war heiter, klug und +zärtlich. Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach einem halben Jahr +für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit haben und er daher +allmählich mit anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, als +vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in der Tat auf Aljoscha +einen großen Eindruck gemacht zu haben. Hinzu kam, daß der Vater sich +jetzt ungemein gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm kein +Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser Zärtlichkeit vorbereitete +und war sehr niedergeschlagen, übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie +wenn er einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen hatte. Ich +wußte es, daß er schon den fünften Tag nicht mehr bei Natascha +erschienen war. Als ich jetzt von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging, +riet ich unterwegs hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben +würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf ihrem Fenster. Es war +nämlich unter uns abgemacht worden, daß sie ein Licht an das Fenster +stellen sollte, sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem +Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so konnte ich an dem Licht +erkennen, daß sie mich erwartete, und ich ihr unbedingt nötig war. In +der letzten Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ... + + + XV. + +Ich traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten Armen, in tiefe +Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab. Der erloschene Samowar stand +auf dem Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. Schweigend +und mit einem verlorenen Lächeln reichte sie mir die Hand. Ihr Gesicht +war bleich mit leidendem Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so +Zärtliches, Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen größer als +früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt und krank aussah. + +„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte sie, mir die Hand +reichend, „wollte schon Mawra zu dir schicken; fürchtete, du wärest +schon wieder erkrankt?“ + +„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten worden, werde dir +sogleich alles erzählen. Doch, was ist mit dir, Natascha? Was ist +geschehen?“ + +„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt über meine Frage. +„Was soll denn geschehen sein?“ + +„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, daß ich +kommen soll, hast die Stunde bestimmt, nicht früher und nicht später; +nicht wie gewöhnlich.“ + +„Ach, ja! Ich erwartete _ihn_ gestern.“ + +„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“ + +„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr kommt, so muß ich mit dir +sprechen,“ fügte sie hinzu und verstummte. + +„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“ + +„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends dort.“ + +„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr wiederkommen +wird?“ + +„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete sie, mich so +eigentümlich ernst ansehend. + +Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten beide und schritten im +Zimmer auf und ab. + +„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit einem sonderbaren +Lächeln, „und weißt du, was ich getan habe? Ich ging im Zimmer auf und +ab, und sagte mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, der +Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem eichenen Tisch ...‘ wir haben +es noch zusammen gelesen: + + Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt, + Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ... + +Und dann weiter: + + Und da scheint es mir – eine Stimme singt + Weich, harmonisch zum Schellengeläut: + ‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir, + Um zu ruhen an meiner Brust! ... + Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein + Rot durch der Eisblumen silberne Pracht – + Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ... + Und im Ofen knistert das Holz und flammt + Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘ + +Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... und wie phantastisch das +Bild! Man kann alles hineinmalen, alles was man will! Zwei Welten: wie +es war und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen Tisch‘, +und das Spiel der Flamme ‚an blumigen Vorhang am Bett ...‘ wie ist das +alles so bekannt. Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe +das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen Balken ... Und +dann das andere Bild: + + Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt + Trüb und traurig zum Schellengeläut: + ‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt + Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘ + Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng + Meine Stube; dort bläst es herein ... + Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht + Und auch er ist erfroren schon längst. + Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett, + Krank bin ich, schleppe mich hin ... + Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt – + Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ... + Und nur die Alte daneben, die brummt ... + +Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel Zärtlichkeit, wieviel +Qual, welch ein Rausch von Qual und Erinnerung, den man sich selbst +heraufbeschwört und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das schön!“ + +Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren Kampf zu bezwingen. + +„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem kurzen Augenblick und +verstummte dann plötzlich wieder, als hätte sie vergessen, was sie hatte +sagen wollen. + +Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im Zimmer auf und ab. Vor +dem Heiligenbild brannte das Lämpchen. Natascha schien in der letzten +Zeit sehr religiös geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn man +davon sprach. + +„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir brennt das Lämpchen.“ + +„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, Wanjä, du mußt müde sein. +Willst du Tee? du hast sicher noch keinen getrunken?“ + +„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“ + +„Ja, woher kommst du denn jetzt?“ + +„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die Alten. + +„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen sie dich? ...“ + +Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht wurde noch bleicher vor +Erregung. Ich erzählte ihr ausführlich meine Begegnung mit dem Alten, +mein Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon – erzählte +alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. Ich verheimlichte nie +etwas vor ihr. Sie griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in +ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie heftig erschüttert. + +„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung unterbrechend, +„erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich als möglich; du +erzählst nicht ausführlich genug! ...“ + +Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, durch ihre beständigen +Fragen immer wieder unterbrochen. + +„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?“ + +„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. Daß er sich +nach dir sehnt, daß er dich liebt – das ist sicher, aber ob er zu dir +wollte, das ...“ + +„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie mich. „Was sagte er, als er +es küßte?“ + +„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die zärtlichsten Namen, rief +dich ...“ + +„Rief mich?“ + +„Ja.“ + +Sie weinte still. + +„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem unterrichtet ist,“ fügte +sie nach einigem Schweigen hinzu, „daran ist kein Zweifel. Er hat von +Aljoschas Vater sicher Nachrichten erhalten.“ + +„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu ihnen! ...“ + +„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig erhebend. + +Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu kommen. + +„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die Schultern legend mit +traurigem Lächeln, „nein, mein Lieber, das sagst du immer, doch ... +sprich lieber nicht davon.“ + +„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt enden?“ rief ich +traurig aus. „Bist du wirklich zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt +tun kannst. Und doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der +Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... Er ist dein Vater; +du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz, er ist berechtigt, er ist +natürlich! Du mußt es tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos +alles vergeben.“ + +„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache mir keine unnützen +Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie +verlassen, ist vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran +gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! Du weißt doch +selbst, daß es unmöglich ist!“ + +„Versuche es!“ + +„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich +ihn noch mehr gegen mich erzürnen. Vergangenes kehrt nicht wieder; und +weißt du, was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen Tage +der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. Wenn der Vater mir auch +verzeihen würde, so würde er mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen. +Er liebte noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen +Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, wie damals, da ich +als kleines Mädchen auf seinen Knien saß und ihm meine Liederchen sang. +Von Kindheit an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans Bett und +bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor dem Unglück kaufte er mir noch +Ohrringe, heimlich vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie +ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach empört, als er später +erfuhr, daß ich vom Kauf dieser Ohrringe schon im voraus gewußt hatte. +Drei Tage vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und sofort +war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, und – was glaubst du? +um mich zu erheitern, nahm er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er +wollte mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte und liebte +das Kind in mir, doch wollte er niemals daran denken, daß auch ich einst +eine Frau werden würde. Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt +aber, wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich gar nicht +wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, was wird er in mir +wiederfinden? Ich bin nicht mehr dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind, +ich habe viel durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht zu +machen, so würde er doch immer an das vergangene Glück denken, sich +heimlich grämen, weil ich nicht mehr das von ihm geliebte Kind bin ... +das Vergangene erscheint einem ja immer so schön! Mit Qual wird er daran +denken! O, wie ist das Vergangene schön, Wanjä!“ rief sie, hingerissen +und sich selbst unterbrechend, mit diesem Wort, das so recht aus ihrem +wunden Herzen kam. + +„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, muß er dich jetzt +wieder von neuem kennen lernen und von neuem lieben. Hauptsächlich aber +– kennen lernen. Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! Denkst +du denn wirklich, daß er nicht imstande sein wird, dich zu verstehen, +er, er, mit seinem großen Herzen!“ + +„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an mir zu verstehen? Ich +spreche doch nicht davon. Siehst du: die väterliche Liebe ist auch +eifersüchtig. Er ist gekränkt, daß das mit Aljoscha so ohne ihn +geschehen konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, daß +alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht, daß das alles nur +meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist. +Ich bin nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von Anfang an +jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich habe im Gegenteil, alles in +meiner Seele verborgen gehalten, alles vor ihm versteckt, und das kränkt +ihn im Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen meiner Liebe, +kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen gegangen bin und mich meinem +Geliebten hingegeben habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie ein +Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same der Feindschaft wird +doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage beginnen die Mißverständnisse, +kommen die Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir nicht +bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife aus der ganzen +Tiefe meines Herzens, daß ich ihn beleidigt habe, daß ich vor ihm +schuldig bin, so würde es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was +mich selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche Qualen ich +gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn ich auch alles auf mich nehmen, +alles schweigend ertragen wollte, – so würde ihm das noch immer zu wenig +sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn fordern, er wird verlangen, +daß ich meine ganze Vergangenheit, daß ich Aljoscha verfluchen und meine +Liebe zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von mir +Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr aus meinem Leben +ausstreichen soll. Denn ich – kann niemandem fluchen, ich kann nichts +bereuen ... Wie es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä, +jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu gekommen.“ + +„Wann wird sie denn kommen?“ + +„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige Glück wieder durch Leiden +erkämpfen müssen; mit neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird +alles gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben gibt!“ + +Ich schwieg und sah sie nachdenklich an. + +„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ Sie versprach sich +und lächelte darüber. + +„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. Wie kommt das, früher +lächeltest du anders.“ + +„Was ist denn mit meinem Lächeln?“ + +„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl noch in ihm ... +Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint es einem immer, als ob dir zu +gleicher Zeit das Herz dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha, +doch dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für ein Kleid? Hast +du es jetzt machen lassen, oder schon früher?“ + +„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich zärtlich an. „Nun, und du, +was tust du jetzt? Wie geht es dir?“ + +„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es geht nicht gut vorwärts. +Ich bin nicht recht aufgelegt dazu. Ich könnte ihn ja so +niederschreiben, doch mir tut die gute Idee leid. Sie ist meine +Lieblingsidee. Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte +schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas Leichtes, +Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser düsteren Richtung bewegt ... +Es wäre Zeit, daß wir wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“ + +„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“ + +„Smitt ist beerdigt.“ + +„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. Deine Nerven sind +zerrüttet. Was sind das alles für Ideen. Als du mir von deiner Wohnung +sprachst, – diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“ + +„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares ... Doch, ich +erzähle es dir später.“ + +Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz in Gedanken versunken. + +„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen konnte, ich war +wie im Fieber,“ sagte sie endlich, mich mit einem Ausdruck ansehend, der +keine Antwort erwartete. + +Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört. + +„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, „ich habe dich hierher +gebeten, um dir etwas zu sagen.“ + +„Was ist geschehen?“ + +„Ich werde mich von ihm trennen.“ + +„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich trennen?“ + +„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. Ich habe dich gerufen, um +dir alles, alles, zu sagen, was sich in mir angesammelt hat und was ich +bis jetzt dir gegenüber verschwiegen habe.“ + +So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre geheimen Absichten +mitteilen wollte, und stets erwies es sich, daß ich von diesem Geheimnis +schon längst durch sie selbst unterrichtet war. + +„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von dir gehört! Natürlich +könnt ihr nicht zusammen leben, zwischen euch ist nichts Gemeinsames. +Doch ... wirst du die Kraft dazu haben?“ + +„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber habe ich es +beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch bin ich für ihn sein ärgster +Feind. Ich untergrabe ihm seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich +heiraten kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen des +Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an mich fesseln. Und +deshalb bin ich sogar glücklich, daß er sich in die – Braut verliebt +hat, die man ihm ausgewählt. Die Trennung von mir wird ihm leichter +fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... Wenn ich ihn wirklich +liebe, so muß ich mich für ihn opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht +wahr?“ + +„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“ + +„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich werde so zu ihm sein, wie +immer. Doch muß ich ein Mittel finden, damit er mich leicht und ohne +Gewissensbisse verlassen kann. Das aber quält mich, Wanjä. Hilf mir. +Kannst du mir einen Rat geben?“ + +„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen zu lieben, und nicht mehr +ihn! Und kaum wäre das in diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen +Charakter. Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. Nehmen wir +an, er habe dich auf immer verlassen; du brauchtest ihm nur zu +schreiben, daß du die Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort +zu dir gelaufen kommen.“ + +„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“ + +„Ich –?“ + +„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster Feind. Du kannst von +ihm nicht ohne Haß sprechen. Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir +eine Genugtuung ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! Besonders, +ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“ + +„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. Genug, lassen wir +das Gespräch.“ + +„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte sie nach längerem +Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, Wanjä ...“ + +„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. Ich, ich bin dir nicht +böse.“ + +„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. Wenn er zu mir +kommen sollte, dann wird es doch nur auf einen Augenblick sein, was +glaubst du?“ + +„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, ich glaube, er +kann die Andere heiraten und auch dich lieben. Er kann das alles zu +gleicher Zeit.“ + +„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde ich mich sofort +entschließen ... Wanjä! verheimliche nichts vor mir! Weißt du irgend +etwas, das du mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“ + +Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an. + +„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe dir +nie etwas verheimlicht. Übrigens, was ich noch sagen wollte: vielleicht +ist er garnicht so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir es +annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“ + +„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch nur wüßte! Oh, wie würde +ich in diesem Augenblick ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht +alles erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“ + +„Erwartest du ihn denn, Natascha?“ + +„Nein, er ist bei _ihr_; ich weiß es; ich habe auskundschaften lassen. +Wie gerne würde auch ich sie sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es +unsinnig von mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie +ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich unmöglich?“ + +Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde. + +„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist dir wohl zu wenig?“ + +„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann würde ich auch schon alles +andere wissen. Höre mich an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier +auf und ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und denke. Oft sind +die Gedanken so schwer, daß sie mich wie ein Wirbelsturm niederreißen! +Wanjä, kannst du nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du mir +damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman sehr gelobt. Du gehst +doch manchmal des Abends zum Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse +dich ihr vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr vorstellen. +Sieh, und du würdest mir dann alles von ihr erzählen.“ + +„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s sich darum: +glaubst du denn wirklich, daß du die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich +doch an, wie gequält und unruhig du bist.“ + +„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. „Alles für ihn. Mein +ganzes Leben für ihn. Doch, weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht +ertragen, daß er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem +Augenblick vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, ganz +wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen sieht, – er sieht immer +gerade in die Augen – und es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich +hier bin ... mit dir ...“ + +Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit Verzweiflung an. + +„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, soeben ...“ + +„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ unterbrach sie mich +mit blitzenden Augen. „Ich selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist +es, Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, was sind das für +Qualen! Ich selbst verstehe mich nicht: in Gedanken kann man alles, in +Wirklichkeit jedoch nichts. Was wird aus mir werden!“ + +„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“ + +„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede Minute ... im Traum, +wenn ich wache oder schlafe ... immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt +du, Wanjä, gehen wir dahin, bringe mich hin!“ + +„Aber, Natascha!“ + +„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanjä! Drei Tage lang +habe ich nur darüber nachgedacht. Darum hatte ich dich gerufen ... Du +mußt mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... Ich habe auf +dich gewartet ... drei Tage ... Dort ist heute ein Abend ... er ist dort +... gehen wir!“ + +Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte man Stimmen. Mawra schien +sich mit jemanden zu streiten. + +„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“ + +Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich erblaßte sie. + +„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme. + +Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich ging ins Vorzimmer +zu Mawra. Also doch! Es war Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn +anfangs gar nicht hereinlassen wollte. + +„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie ein Recht dazu hätte. +„Was? Wo hast du dich herumgetrieben? Nun, geh nur, geh! Mir wirst du +nichts vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten wirst!“ + +„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ sagte Aljoscha, etwas +konfus. + +„Nun, mal los!“ + +„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als er mich erblickte, +„wie gut das ist, daß Sie hier sind! Nun, und ich, sehen Sie, wie soll +ich jetzt ...“ + +„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete ich, „was fürchten Sie +denn?“ + +„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn ich bin, bei Gott, +nicht schuld. Sie denken vielleicht, daß ich schuldig bin? Sie werden +sehen, ich werde mich gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“ +rief er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an der +geschlossenen Tür lauschend stehen. + +Niemand antwortete. + +„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig. + +„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was sollte denn sein +...“ + +Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit schüchternem Blick +das Zimmer. Niemand war da. + +Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem Schrank und dem +Fenster. Sie stand da, als hätte sie sich verstecken wollen, halb tot, +halb lebendig. Und jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines +Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig auf sie zu. + +„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ sagte er schüchtern, und +sah sie ängstlich an. + +„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in schrecklicher +Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. „Du ... willst du Tee?“ + +„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und verloren. „Du bist +vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin ... Doch ich bin an nichts +schuld, an nichts! Ich werde dir gleich alles erzählen.“ + +„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar Natascha. „Nein, nein, das +ist nicht nötig ... gib mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie +immer ...“ + +Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf ihren Wangen. Sie +hielt die Augen niedergeschlagen, als fürchtete sie sich, Aljoscha +anzusehen. + +„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, „wenn ich mich +wirklich schuldig fühlte, so würde ich wahrlich nicht gewagt haben, sie +jetzt noch anzusehen! Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir +gewandt: „Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. Fünf +Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, ich sei bei der Braut – +und was glauben Sie? Sie hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die +Hand und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, mein Engel! Ich +bin nicht schuld daran, daß du es weißt! Ich bin nicht im geringsten +schuld daran. Im Gegenteil! Im Gegenteil!“ + +„Aber ... aber wie kommst du denn _hierhin_ ... Man hatte dich doch +_dahin_ gerufen? Wieviel Uhr ist es denn?“ + +„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei krank und bin +fortgefahren und – das ist das erste Mal, das erste Mal in diesen fünf +Tagen, daß ich frei bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir +fahren konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher kommen können, +doch wollte ich es absichtlich nicht! Und warum? Du wirst es gleich +erfahren; ich werde alles erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles +zu erklären; nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In nichts!“ + +Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein Blick leuchtete so +aufrichtig, sein Gesicht war so freudig erregt, so ehrlich und lustig, +daß man ihm alles glauben mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem +Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie das früher in +ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch Natascha, wie von zu viel +Glück überschüttet, senkte nur ihren Kopf und begann plötzlich ... leise +zu weinen ... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er stürzte zu +ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre Füße. Er war außer sich. Ich +schob ihr einen Sessel hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in +den Sessel. + + + + + Zweiter Teil + + + I. + +Nach einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig. + +„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte uns Aljoscha +mit seiner hellen Stimme. „Ihr denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit +Dummheiten komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes +mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht endlich mal aufhören!“ + +Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und er schien uns +wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu wollen. Doch seine Wichtigtuerei +und der naive Stolz über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha +zum Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung Aljoschas wiederum +brachten uns schließlich so weit, daß wir nur den kleinen Finger zu +zeigen gebraucht hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort vor +Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra aus der Küche und stellte +sich an der Tür auf; mit ernstem Unwillen betrachtete sie uns, wütend, +daß Aljoscha nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, auf +die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut hatte, und daß sie uns +statt dessen so fröhlich sehen mußte. + +Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, daß Aljoscha +anfing, sich beleidigt zu fühlen. + +„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie ihn. + +„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, Aljoscha ohne jegliche +Rücksicht unterbrechend. + +„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte ihr mit Händen und Füßen +ab, damit sie sich schneller entfernen sollte. „Ich werde alles +erzählen, wie es gewesen, wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß +jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt wissen, wo ich +die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, was ich euch erzählen will, ihr +aber laßt mich nicht dazu kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich +die ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange habe ich dich +betrogen, und das ist es ...“ + +„Betrogen?“ + +„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor Papas Ankunft; jetzt ist +endlich die Zeit gekommen, da ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor +einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich +plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden gar nicht +gezeigt habe. In diesem Brief erklärte er mir einfach und geradeaus – +und bemerkt wohl, in einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört +hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also einfach, daß +meine Heirat schon beschlossene Sache sei, daß meine Braut eine +weibliche Vollkommenheit und ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie +aber trotzdem heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir alle +Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, und so weiter – wie es +euch schon bekannt ist. Diesen Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht +gezeigt und auch nichts von ihm erwähnt.“ + +„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, „was du behauptest! Im +Gegenteil, du hast ihn uns sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch, +wie du plötzlich zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und nicht von +mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor mir ... und den ganzen +Brief hast du uns stückweise mitgeteilt.“ + +„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch sicher nicht erzählt. +Vielleicht habt ihr beide alles erraten, ich jedenfalls habe nichts +erzählt. Ich habe geschwiegen und schrecklich darunter gelitten.“ + +„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals jeden Augenblick um +Rat fragten und mir alles erzählten,“ fügte ich hinzu, mit einem Blick +auf Natascha. + +„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung auf. „Was kannst +du denn verheimlichen? Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar +Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“ + +„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich Mawra wieder ein. „In den +drei ersten Tagen hast du alles erzählt. Du Schlauberger!“ + +„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun zu haben! Das +behauptest du alles nur aus Bosheit, Natascha! Und du, Mawra, du irrst +dich gewaltig. Ich weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“ + +„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“ + +„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, das war damals, als wir +kein Geld hatten und du gingst noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu +versetzen; doch erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz und +gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. Nun, nehmen wir an, +ich habe euch wirklich damals alles erzählt, doch den Ton, den Ton des +Briefes, den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch die +Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“ + +„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha. + +„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. Scherze nicht. Ich +versichere dir, das ist sehr wichtig. Der Ton war so, daß ich einfach +die Hände fallen ließ. Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher +müßte Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: sieh, so ist der +Ton!“ + +„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du denn das vor mir +verheimlichen?“ + +„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, alles wieder +gut zu machen. Aber eine schwere Zeit brach an, als mein Vater nun +zurückkehrte. Ich wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar +antworten, und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte nicht einmal +danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, er gab sich den Anschein, als +wäre alles zwischen uns beschlossen und zu unserer gegenseitigen +Befriedigung abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche +Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich und +liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er klug ist, Iwan Petrowitsch, +wenn Sie wüßten! Er hat alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen +ansieht, so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat man ihn wohl auch +einen Jesuiten genannt. Natascha liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei +nicht böse, Natascha ... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang kein Geld, +gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. Natascha, mein Engel! +Jetzt hat unsere Armut aufgehört. Sieh, hier! Alles, was er mir in +diesem halben Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, wie +viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra sieh mal, wie +viel es ausmacht, jetzt brauchen wir keine Löffel mehr zu versetzen!“ + +Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, wohl über tausend Rubel +und legte ihn auf den Tisch. Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn +sehr. Natascha drang in ihn, weiter zu erzählen. + +„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr Aljoscha fort. „Wie soll +ich jetzt gegen seinen Willen handeln? Denn ich schwöre euch beiden, +wäre er schlecht und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir +weiter keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins Gesicht +gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener Mensch bin und – +Schluß! Und glaubt mir, ich hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt – +was soll ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich sehe, +daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum seht ihr euch +gegenseitig so an? Wahrscheinlich denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn +jetzt gekriegt und er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe +Charakter, mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet +meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine Pflicht, meine +Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ und ich habe ihm alles +gesagt und er hat mir ruhig zugehört.“ + +„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, unruhig geworden, +Natascha. + +„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich schon selbst eine habe – +und das wärest du! Das heißt, ich habe es ihm noch nicht genau so +gesagt, sondern ihn nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm +sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst begann ich damit, daß +es Schimpf und Schande wäre, um des Geldes willen zu heiraten, und wenn +wir uns für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre das einfach – +dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie zu einem Bruder). Darauf habe +ich ihm erklärt, daß ich zum Dritten Stande gehöre, zum ^tiers-état^ und +^le tiers-état c’est l’essentiel^; daß es mein Stolz wäre, mit allen +gleich zu stehen, mich von niemandem zu unterscheiden ... mit einem +Wort, ich habe ihm alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt +... Ich ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war selbst +über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte ihn einfach: was wir für +Fürsten seien? Vielleicht nur dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in +Wirklichkeit, was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären wir +nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. Heutigentags ist der +größte Fürst – Rothschild. Zweitens hat man in der großen Welt von uns +schon längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon Walkowskij, der +Letzte aus der Familie, der in Moskau bekannt war, ja – der hatte seine +ganzen dreihundert Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld +erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt selbst das Land +pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. Wir hätten also nichts, auf das +wir stolz sein könnten. Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen, +was in mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar noch manches +hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, sondern warf mir nur vor, daß +ich das Haus des Grafen Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die +Bekanntschaft der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse und daß +ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig aufnähme, überall empfangen +werden würde und Karriere machen könnte usw. usw.! Das waren alles +Anspielungen darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt hättest, diese +Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu sprechen, hat er bis jetzt +unterlassen. Wir sind beide schlau; wir warten beide, wie der eine den +andern fangen wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße wird es +Feiertag geben.“ + +„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet es denn, was hat er +beschlossen? Das ist doch die Hauptsache! – Was bist du doch für ein +Schwätzer, Aljoscha ...“ + +„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug werden; ich bin durchaus +kein Schwätzer, ich rede ganz sachlich. Er hat einfach nicht so +beschlossen, sondern nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm +sagte. ‚Ich bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst, +doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich aber dort, von +diesen Dingen zu reden. Ich verstehe dich zur Not noch, sie aber werden +dich nicht verstehen.‘ Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern +empfangen; daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint man +meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern zu sehen. Der Graf +empfing mich zuerst ganz von oben herab; er schien es völlig vergessen +zu haben, daß ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es für +‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, doch kann dabei +von Undankbarkeit meinerseits keine Rede sein; in seinem Hause ist es +einfach langweilig und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht +mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er so herablassend, so +herablassend, daß ich einfach nicht verstehe, wie er noch zu ihm fahren +kann. Das hat mich sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den Rücken +beugen, und das alles meinetwegen – und ich, ich habe das alles garnicht +nötig. Ich hätte meinem Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ +es bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung kann ich ihm nicht +nehmen, ich verärgere ihn nur und er hat es ohnehin schon schwer. Nun, +denke ich mir, ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen +zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich habe sofort alles +erreicht und in einem Tage hat sich alles geändert! Graf Nainskij weiß +jetzt nicht mehr, wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich +ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein Vater vor +Erstaunen ...“ + +„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ unterbrach ihn +ungeduldig Natascha: „ich dachte, du hättest etwas zu erzählen, was uns +anbetrifft, doch du erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen +ausgezeichnet hast. Was geht mich dein Graf an!“ + +„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, was geht er Sie an? +Aber das ist doch die Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’ +mich doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum soll ich’s +nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, und Natascha haben oft +gefunden, daß ich nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich +wirklich einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere euch, +habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel Klugheit; so daß Sie beide, +denke ich, selbst sehr froh sein werden, daß ich nicht immer – dumm +bin.“ + +„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ doch, mein Lieber!“ + +Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha für dumm hielt. Wie +oft war sie nicht gekränkt gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie, +Aljoscha irgendeiner seiner Dummheiten überführte. Es war ein wunder +Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung Aljoschas nicht +ertragen, um so weniger, als sie sich seiner geistigen Beschränktheit +bewußt war. Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, um +seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber schien in der Beziehung +besonders empfindlich zu sein und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle. +Natascha wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte +davon abzulenken. Deshalb berührten sie seine Worte auch dieses Mal +peinlich ... + +„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist durchaus nicht so +...“ fügte sie hinzu, „warum sich erniedrigen?“ + +„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende erzählen. Nach diesem +Empfang beim Grafen war der Vater außer sich über mich. Warte, denke +ich! Wir fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, daß sie +vor Alter den Verstand verloren habe, fast taub sei und über alles Hunde +liebte. Sie besitzt ein ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf +sie kommen. Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß in der +Welt, daß sogar Graf Nainskij, ^le superbe^, bei ihr antichambriert. +Schon unterwegs hatte ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr +wohl, worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich lieben. +Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt in mir ein solcher +Magnetismus oder kommt es daher, daß ich selbst Tiere so gern habe, ich +weiß es nicht, doch die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den +Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, Natascha, daß +wir vor ein paar Jahren Geister beschwört haben, ich war bei einem +Spiritisten; das ist sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich +wirklich in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“ + +„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ rief Natascha, hell +auflachend. „Das fehlte auch noch!“ + +„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich weiß nicht, ver... Warum +soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn +dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“ + +„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein Lieber! Nun, und was +sagte dir Julius Cäsar?“ + +„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und der Bleistift schrieb +von selbst auf das Papier. Alle sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich +glaubte es aber nicht.“ + +„Und was schrieb er denn?“ + +„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu lachen!“ + +„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“ + +„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zur Fürstin und ich +begann sofort, Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist ein altes, +ekliges, widerwärtiges Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die +Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere Mimi sofort mit +Konfekt und bringe das Tier in zehn Minuten so weit, daß es mir die +Pfote gibt, was man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen +können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, fast hätte sie +vor Freuden weinen können: ‚Mimi, Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es, +wenn jemand eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat es ihm +beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi reicht die Pfote.‘ Dabei +sieht sie mich fast mit Tränen der Rührung an. Die gute Alte; sie kann +mir fast leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um ihr zu +schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild von ihr als Braut vor +sechzig Jahren. Die Dose also fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte +so, als wäre es mir garnicht bewußt: ^Quelle charmante peinture!^ Welch +ideale Schönheit! Da taute sie schon ganz auf; sprach mit mir von dem +und jenem, wo ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein Haar +wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, erzählte ihr ein +skandalöses Geschichtchen. Sie liebt das, drohte mir mit dem Finger, +aber lachen tat sie doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und +verlangt, daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. Der Graf +drückt mir die Hand, seine Augen schwammen ganz vor Rührung, und der +Vater, der doch der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist – +glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte fast vor Freude, +als wir beide zusammen nach Hause fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir +aufrichtig, teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere, +Verbindungen, Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht einmal +verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er mir denn auch das Geld. Das +war gestern. Morgen muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt, +der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes von ihm, wenn er +mich auch von Natascha trennen will, so sind es doch nur die Millionen +Katjäs, die ihn blind machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie +nur für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er ungerecht zu +dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem Sohne nicht Glück! So sind sie +alle! Man muß ihn nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er +bekommt sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, um dich +davon zu überzeugen, ich weiß, du bist ihm gegenüber voreingenommen und, +versteht sich, nicht schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht +anklagen ...“ + +„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der Fürstin Karriere +gemacht? Darin besteht deine ganze Schlauheit?“ fragte Natascha. + +„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich habe nur darum von der +Fürstin erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in die Hand bekomme, +doch mit der Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“ + +„Nun, so erzähle doch!“ + +„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber ich selbst noch ganz +erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. „Ich muß bemerken, daß die Verlobung +zwischen meinem Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch nicht +öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie ohne jeglichen Skandal +wieder gelöst werden kann; nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt +ja nur als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen Tagen Katjä +viel näher getreten bin, so hatten wir doch bis heute miteinander kein +Wort über Zukünftiges gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch von +der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, die Einwilligung der +Fürstin K. abzuwarten, von deren Gunst man Goldberge erwartet. Was sie +dazu sagen wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja so große +Verbindungen ... Man möchte mich durchaus in die Gesellschaft einführen. +Daran besteht besonders die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache ist +nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer im Auslande +wegen nicht mehr empfangen wird, und wenn die Fürstin sie nicht mehr +empfängt, so tun es die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung +mit Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. Darum freute +sich auch die Gräfin, die früher gegen die Verlobung war, so sehr über +meinen Erfolg bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die +Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor einem Jahr kennen +gelernt; aber damals war ich noch ein Junge und konnte nichts begreifen, +und nichts besonderes in ihr finden ...“ + +„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als jetzt,“ unterbrach ihn +Natascha, „deshalb konntest du nichts in ihr finden, aber jetzt ...“ + +„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, „du irrst dich in +allem und beleidigst mich! ... Ich werde dir nichts darauf antworten; +höre weiter und du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest! +Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, helle und reine Seele ist! +Doch, du wirst sie kennen lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als +der Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie mir näher +angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie mich beobachtete. Das erweckte in +mir die Neugierde schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei +verfolgte, sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die ich seit dem +Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen setzte, verfolgte. Ich +werde nichts über sie sagen, ich werde sie nicht loben, ich will nur +bemerken: daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie ist +nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke und aufrichtige Seele, +stark durch ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr, +wie ihr jüngerer Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst +siebzehn Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in ihr lebt ein +Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; im Hause schweigt sie +immer, als fürchte sie etwas ... Immer ist sie in Gedanken versunken. +Meinen Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt sie nicht, – +das habe ich sofort bemerkt. Wenn die Gräfin behauptet, daß ihre +Stieftochter sie sehr liebe, so tut sie es nur, um gewisser Ziele +willen, doch ist es garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz +als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es eine +verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen beschloß ich, meine +Absicht auszuführen, und heute abend ist es mir gelungen. Meine Absicht +war: alles Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere +Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male der ganzen Sache ein Ende +zu machen ...“ + +„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ fragte beunruhigt Natascha. + +„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und Gott, der mir diesen +Gedanken eingegeben, sei Dank, doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß +ich, nicht eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein +durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre ich unentschieden +geblieben, doch allein geblieben, hatte ich mich vor die Tatsache +gestellt, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie +durchführen! Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe ihn jetzt +ausgeführt!“ + +„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“ + +„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und mutig ... Doch vorher +muß ich von einem Zufall erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte. +Bevor wir uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In dem +Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb an der Türe stehen. Er +bemerkte mich nicht. Er war durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut +mit sich selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und mit dem +Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich fürchtete mich sogar, +einzutreten ... Der Vater war über irgend etwas dermaßen erfreut, so +erfreut, daß er mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach und +sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu früh war. Bei ihnen +war heute niemand zu Gast, und es war rein ein Irrtum von dir, Natascha, +wenn du gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. Man hat +dich falsch unterrichtet.“ + +„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ doch, was du alles +Katjä erzählt hast?“ + +„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden allein blieben. Ich +erklärte ihr einfach, daß man uns beide verloben möchte, doch daß diese +Ehe unmöglich sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große Sympathie +empfinde und daß sie allein mich retten könne. Darauf erzählte ich ihr +alles. Stelle dir nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer +Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert sie davon war. +Sie erbleichte sogar. Ich erzählte ihr also unsere ganze Geschichte: wie +du dein Elternhaus verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir uns +jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe bitten (ich sprach auch +in deinem Namen, Natascha), und hofften, daß sie auf unsere Seite träte +und einfach ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten +wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir einen anderen Ausweg +nicht finden könnten. Sie hörte mir mit großer Aufmerksamkeit und +Teilnahme zu. Was sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte! +Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue Augen. Sie dankte +mir, daß ich zu ihr Vertrauen gehabt, und versprach, uns mit allen +Kräften zu helfen. Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen +lernen wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie eine Schwester +lieb habe, und daß auch du sie lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß +ich dich bereits den fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich +selbst sofort zu dir ...“ + +Natascha war gerührt. + +„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei der tauben, alten +Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses mitzuteilen. Ach, Aljoscha, +Aljoscha!“ rief Natascha aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn +Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“ + +„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch brach sie bald darauf +in Tränen aus. Denn sie hat mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie +gestand mir, daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr schon +längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie von Lüge und +Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich allein für einen aufrichtigen +und ehrlichen Menschen hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit +Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie vollendete nicht, +brach in Tränen aus und verließ das Zimmer. Wir haben beschlossen, daß +sie morgen ihrer Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht +heiraten, und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. Sie +machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt +hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so +edel. Meinen Vater liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und +wolle nur Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn ich +morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt nämlich, ich würde +nichts erreichen), so ist sie dafür, daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann +wird es niemand wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig +das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. Wenn du ihre +Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch sie unglücklich ist, wie +widerwärtig sie ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung +empfindet! Sie sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es +auszusprechen, aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. Natascha, +mein Liebling! Wie würde sie sich freuen, dich zu sehen! Und was für ein +gutes Herz sie hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide wie +geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig wie Schwestern lieb +haben! Ich habe die ganze Zeit daran gedacht. Ich müßte euch beide +zusammenführen. Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich bitte +noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas Schlechtes. Mit ihr +zusammen möchte ich über dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt +doch, daß ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“ + +Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich traurig an. Seine +Worte umschmeichelten sie und quälten sie zugleich. + +„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich Katjä kennen und +schätzen gelernt. Ich bin doch jeden Abend bei ihr gewesen. Wenn ich +dann nach Hause zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und +verglich euch miteinander.“ + +„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd Natascha. + +„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du besser. Nur wenn ich +mit ihr spreche, fühle ich, daß ich selbst besser, klüger und edler bin. +Doch morgen, morgen wird sich alles entscheiden!“ + +„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest du selbst.“ + +„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei lieb haben, und dann +...“ + +„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha. + +Aljoscha sah sie unwillig an. + +Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter Weise unterbrochen. +In die Küche, die zu gleicher Zeit das Vorzimmer war, hörte man jemanden +eintreten. Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha, +hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um. + +„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller Stimme. + +„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha blickte uns ganz +verwundert an. „Ich werde sehen!“ + +Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick der Lakai des +Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt sich so, daß der Fürst auf +der Rückreise nach Hause bei Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu +erfahren, ob Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde, +entfernte er sich sofort wieder. + +„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ sagte verwirrt +Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“ + +Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Tür. + +„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu und verschwand. + +Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. Plötzlich flammten +ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht auf den Tisch und blickte +erwartungsvoll zur Tür, durch die der ungebetene Gast eintreten mußte. + +„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube niemanden, +dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, der seine Fassung nicht +verloren hatte, erregt zu. + +Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowskij in +eigener Person. + + + II. + +Ein rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus diesem Blicke +konnte man nicht erkennen, ob er von einem Freunde oder Feinde kam. Das +Äußere des Fürsten setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen. + +Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein Mann von +fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen und schönen +Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je nach den Umständen, und zwar +plötzlich, mit unvorhergesehener Geschwindigkeit, zu verändern pflegte, +und die in einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck +überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck einer mechanischen +Feder. Das ebenmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die +prachtvollen Zähne, die feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön +geschnittene etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch kein +Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen – dies alles machte ihn +zum schönen Manne. Und doch machten seine Züge keinen angenehmen +Eindruck. Dieses Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht +seinen eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, Erdachtes, +Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich die Überzeugung, daß man +niemals seinen wahren Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das +Gesicht näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas Böses, +Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu lauern. Namentlich zogen +die grauen, schönen, offenen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie +allein konnten sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen +weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die Strahlen seines +Blickes gleichsam zu spalten und mitten zwischen den milden, +freundlichen Strahlen blitzten dann böse, mißtrauische, harte, +forschende auf ... Er war von ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant. +So schien er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein +dunkelbraunes und weiches Haar war noch nicht ergraut. Seine Ohren, +Hände und Füße waren von wunderbarer Form. Er hatte durchaus das, was +man Rasse nennt. Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was +ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren Bruder von +Aljoscha halten können, niemals jedoch für den Vater eines erwachsenen +Sohnes. + +Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr ruhig und fest ins Auge. + +„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung mag Ihnen +sonderbar und unangebracht erscheinen; doch ich hoffe, Sie werden mir +glauben, daß ich das Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus +überschaue. Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu tun +habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich bitte Sie mir zehn +Minuten zu gewähren und Sie werden meine Handlungsweise begreifen und +selbst rechtfertigen.“ + +Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck. + +„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer noch verwirrt von der +Überraschung. + +Er verbeugte sich leicht und setzte sich. + +„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar Worte zu sagen. +Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, ohne dich von uns zu +verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katherina Fedorowna sich +schlecht fühle. Die Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina +Fedorowna selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. Sie +erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. Darauf sagte sie uns, +daß sie in ein Kloster ginge, daß du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr +selbst gestanden hättest, du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so +unwahrscheinliches Geständnis von seiten Katherina Fedorownas in einem +solchen Augenblick war natürlich nur die Folge deiner sonderbaren +Erklärung ihr gegenüber. Sie war einfach ganz außer sich. Du verstehst, +wie überrascht und bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte +ich Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. „Da kam mir +denn der Gedanke wieder, der mich schon lange beschäftigt hatte, so daß +ich jetzt dem ersten Impuls nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde +ich Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen +Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht zu verwundern. Alles +das kam so jäh ...“ + +„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es nötig ist ... und das +von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ sagte etwas stockend Natascha. + +Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in einem Augenblick +ganz und gar durchschauen. + +„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – „und wenn ich es mir +erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so tat ich es nur, weil ich +wußte, mit wem ich es zu tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange, +obgleich ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen muß. +Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Herrn +Vater eine alte Fehde besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen. +Vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher +angenommen habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, weil +ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch und ich mache kein +Geheimnis daraus. Ich bin immer geneigt, eher das Schlechte als das Gute +anzunehmen – ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit +hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, meine Mängel zu +verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen über Sie Glauben geschenkt, und +als Sie Ihre Eltern verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch +damals kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich nach und +nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. Ich konnte mich +schließlich davon überzeugen, daß meine Verdächtigung Ihnen gegenüber +tatsächlich unbegründet war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich +mit den Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr Vater +durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. Und schon allein, daß Sie, +die Sie einen solchen Einfluß auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht +zu einer Heirat mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein zeigt Sie +von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich bereits +fest entschlossen war, mit aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit +meinem Sohne entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur +allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick verlangt +nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. Sie werden es mir +selbst im Laufe unseres Gespräches zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr +Elternhaus verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es +verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich rechnete +auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, daß Sie die Ehe mit +Aljoscha nicht wollten, bevor der Familienstreit ein Ende genommen, und +daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu +zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit Ihnen verziehen +haben würde. Auch wollten Sie wohl nicht, daß man von Ihnen sagen +konnte, Sie hätten die Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht. +Im Gegenteil, Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse +Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, daß ich selbst zu +Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu erweisen und die Hand +meines Sohnes anzunehmen. Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger +Gegner. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die Gründe +Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; Ihre Familie ist nicht +angesehen. Wenn ich auch vermögend bin, so brauchen wir doch mehr. Mit +unserer Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und Geld nötig. +Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings keine Verbindungen, aber sie +ist sehr reich. Ich durfte keine Zeit verlieren, andere Freier hätten +uns die Braut fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha +viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche nichts +vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf den Vater sehen, der seinen +Sohn aus Habsucht und Vorurteil zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein +Mädchen, das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist eine +schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. Der +zweite Grund für eine Heirat meines Sohnes mit der Stieftochter der +Gräfin ist der, daß dieses Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung +würdig ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher +Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind ist. Aljoscha dagegen +ist ganz charakterlos, leichtsinnig, unüberlegt und mit seinen +zweiundzwanzig Jahren nicht nur ein halbes, sondern ein vollkommenes +Kind, das nur den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was bei +seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich habe schon längst +bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich verringert hat: das jugendliche +Feuer nimmt überhand, auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich +meinerseits liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr +und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht für ihn +ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er immer unter irgend einem +guten Einfluß stehen. Seine Natur ist schwach und liebebedürftig, auch +hat sie die Neigung, mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er sein +ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, wie froh ich war, in +Katherina Fedorowna ein Mädchen zu finden, wie ich es meinem Sohne gern +zur Frau gewünscht hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte +bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach meiner Rückkehr beobachtete +ich ihn scharf und bemerkte in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein +Leichtsinn, seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich +ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht nur für +Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine Ideen sind noch sonderbar +und ungeschickt, doch der Wille, der Wunsch zum Besseren ist entschieden +vorhanden und das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses +Bessere aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. Ich gestehe +Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, daß tatsächlich Sie allein +vielleicht sein Glück ausmachen könnten. Doch habe ich diesen Gedanken +sofort wieder unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es +so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß entreißen, was es +mich auch koste; ich handelte danach und hoffte schon, daß ich mein Ziel +erreichen würde. Noch vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf +meiner Seite. Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine +Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte mich diese ganz +unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser seltsame Ernst in Aljoscha, +seine Anhänglichkeit an Sie, und die Beharrlichkeit dieser +Anhänglichkeit. Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben ihn vollständig +umgewandelt und ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter +erstreckt, als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten Male an +ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und zu gleicher Zeit eine große +Feinfühligkeit des Herzens. Er hatte den rechten Weg gewählt, um aus +dieser Lage heraus zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er +rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, nämlich – +die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Großmut zu vergelten. Er gab +sich ganz in die Gewalt des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen +Teilnahme und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, die ihn +liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine Nebenbuhlerin hätte, +und zu gleicher Zeit erweckte er in ihr Sympathie zu dieser +Nebenbuhlerin und für sich Vergebung und brüderliche Freundschaft. So +etwas zu wagen und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten +und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines und +gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja +Nikolajewna, an seinem heutigen Schritte vollkommen unbeteiligt sind. +Sie haben, vielleicht, von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht +wahr, ich irre mich nicht?“ + +„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren Gesicht glühte und +deren Augen eigentümlich leuchteten. Die Dialektik des Fürsten begann +bereits, ihre Wirkung auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen +nicht mehr gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein +ausgedacht und allein ausgeführt.“ + +„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, ist seine +ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge Ihres Einflusses. Dies hatte +ich mir alles auf der Fahrt nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte +ich in mir die Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere +Werbung im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und kann nicht +wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch möglich wäre. Wie, wenn +ich mich jetzt hätte überzeugen müssen, daß nur Sie sein Glück +ausmachen, daß nur Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen +nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich liebe +Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz bewußtermaßen alles +das nur für ein Vorurteil halte, – doch ich liebe nun einmal diese +Vorurteile. Aber es gibt Umstände, in denen man auch andere Auffassungen +gelten lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben Maße +messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn über alles. Kurz, ich bin zu +der Überzeugung gekommen, daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen +soll, weil er ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß ich +mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu entschlossen hatte, +und daß ich jetzt recht daran getan, die Sache so aufzufassen. Freilich, +um Ihnen dieses Geständnis zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so +spät am Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen beweisen, +wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig ich mich der Sache annehme. +Ich bin kein Jüngling, in meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte +Schritte mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon +beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde noch viel Zeit +brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen ... Doch zur +Sache! Soll ich Ihnen jetzt noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen +bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit zu tun und +bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung zu Ihnen für meinen +Sohn um Ihre Hand anzuhalten. O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen +gekommen bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über sich +gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr Glück +einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, wenn Sie das von mir +voraussetzen. Denken Sie, bitte, auch nicht, daß ich schon im voraus von +Ihrer Einwilligung überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der +erste, der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist ... +(wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und er selbst wird es +bestätigen. Doch das wäre noch wenig. Mich hat zu dieser Stunde nicht +nur dies hierher gezogen ... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob +sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... ich bin +hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich weiß, daß ich dazu nicht das +kleinste Recht beanspruchen kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir, +daß ich mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“ + +Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete ihre Antwort. +Die ganze Zeit, während seiner Rede, beobachtete ich ihn aufmerksam. Er +merkte es. + +Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit merkbarer Absicht, +tadellose und zugleich gewinnende Sätze zu formen, und stellenweise +wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. Der Ton seiner Rede entsprach +durchaus nicht dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit. +Einige Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin und wieder gab +er sich, während seiner langen Rede, den Anschein eines Sonderlings, der +seine Gefühle durch Humor und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir +das alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit so viel +Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, daß er uns sofort alle +damit besiegte. An seinen Augenwimpern schienen Tränen zu erglänzen. +Nataschas edles Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls +von ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre Hand. Er ergriff +sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. Aljoscha war außer sich vor +Begeisterung. + +„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. „Du hast mir nicht +glauben wollen! Du hast mir nicht glauben wollen, daß er der edelste +Mensch auf der Welt ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“ + +Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser erwiderte seine +Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle Szene abzukürzen, +als schäme er sich seiner Gefühle. + +„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich gehe. Ich erbat +mir nur zehn Minuten und habe eine ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“ +fügte er lächelnd hinzu. „Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie +möglichst bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie des öfteren +besuche?“ + +„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch ich möchte Sie so bald +als möglich ... lieben lernen ...“ fügte sie ganz verwirrt hinzu. + +„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst über ihren +Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht nur eine einfache +Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit ist mir viel teurer als +alle Höflichkeit. Ja! Ich sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch +verdienen muß!“ + +„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ flüsterte Natascha +ganz bestürzt. + +Wie schön war sie in diesem Augenblick! + +„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch noch ein paar Worte zur +Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin, denn weder +morgen, noch übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt +heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die meine +Anwesenheit verlangt. Morgen früh also verlasse ich Petersburg. Bitte, +glauben Sie nicht etwa, ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen, +weil es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen wäre. Natürlich +denken Sie gar nicht daran, aber – nun sehen Sie, da haben Sie wieder +eine Probe meines Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in +meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, ist nichts +als die Folge dieses elenden Charakterzuges! ... Heute haben wir +Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, Freitag werde ich also nicht in +Petersburg sein. Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde Sie +dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?“ + +„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend abend werde ich Sie +erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!“ + +„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich Sie näher +kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! Ich kann nicht umhin, auch +Ihnen die Hand zu reichen,“ wandte er sich plötzlich an mich. +„Entschuldigen Sie, wir sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl +schon des öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir sind +uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von hier fortgehen, ohne +Ihnen versichert zu haben, daß es mir sehr angenehm ist, unsere +Bekanntschaft zu erneuern.“ + +„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine Hand, „doch +erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu sein.“ + +„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“ + +„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich versichere, daß ich +es dieses Mal nicht vergessen werde. Dieser Abend wird mir durchaus in +der Erinnerung bleiben.“ + +„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der aufrichtigste Freund +Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien +als der Vierte hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten wandte +er sich wieder an Natascha. + +„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen alle Freunde +sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung. + +Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, daß der Fürst mich +nicht vergessen hatte. Wie sie mich doch lieb hatte! + +„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ fuhr der Fürst fort, +„und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten Verehrerinnen. Es würde sie +sehr freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin, +meine beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna +Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen Damen vorstellen zu +dürfen.“ + +„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt wenig in der +Gesellschaft verkehre ...“ + +„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen +haben ...“ + +„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig ...“ + +„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“ + +„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm sein. Ich wohne in der +M.-Gasse im Hause Klugen.“ + +„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! Wohnen Sie ... +schon lange dort?“ + +„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich schärfer +ins Auge. „Meine Wohnung ist Nummer vierundvierzig.“ + +„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... allein?“ + +„Ganz allein.“ + +„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so besser ... Ich werde +Sie bestimmt besuchen, bestimmt! Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden +und ich verspreche mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen +Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich mit einer Bitte. +Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!“ + +Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals Nataschas Händchen, +und forderte Aljoscha nicht auf, ihm zu folgen. + +Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles das hatte sich so +plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle fühlten wir, daß sich in einem +Augenblick alles verändert und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen +würde. Aljoscha setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise +zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, als +erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde. + +„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ sagte sie +endlich zu ihm. + +„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich werde es bestimmt +tun.“ + +„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu sehen ... was meinst +du?“ + +„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe ich gedacht. Ich +werde sehen ... wie ich mich entschließe. Jetzt, Natascha, hat sich +alles bei uns geändert,“ konnte sich Aljoscha nicht enthalten zu +bemerken. + +Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an. + +„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie ärmlich deine Wohnung +ist, und nicht ein Wort hat er ...“ + +„Worüber?“ + +„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, oder so etwas Ähnliches,“ +fügte er errötend hinzu. + +„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“ + +„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie er dich lobte! Ich +habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, er fühlt und versteht alles! Und +von mir sprach er wie von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was +tut’s, ich bin es ja auch.“ + +„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir alle. Du, +lieber, guter Aljoscha! Du!“ + +„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie meint er das? Ich +verstehe es nicht. Doch, was meinst du, Natascha, soll ich jetzt nicht +gleich zu ihm fahren. Sowie es morgen hell wird, komme ich zu dir.“ + +„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. Und zeige dich ihm noch +heute abend, hörst du? Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst +du mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch hinzu, +ihn zärtlich ansehend. + +Alle waren wir voll stiller, reiner Freude. + +„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das Zimmer verlassend. + +„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, Wanjä. Auf morgen +früh also.“ + +„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war in großer Aufregung. Sie +hatte gehorcht und alles gehört, was der Fürst gesagt, doch vieles nicht +verstanden. Gern wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr +stolz und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß sich +nun alles ändern würde. + +Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine Hand und blieb stumm, +als wüßte sie nicht, womit sie beginnen sollte. + +„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher Stimme. „Höre, +du gehst doch morgen zu ihnen?“ + +„Selbstverständlich.“ + +„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“ + +„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“ + +„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie er es aufnehmen wird. +Mein Gott, Wanjä! Wird er mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen? +Nein, das kann nicht sein!“ + +„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich mich zu versichern. +„Er muß sich mit ihm aussöhnen und dann wird alles anders werden.“ + +„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das nur möglich wäre!“ rief +sie verzweifelt aus. + +„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt zum besten +kehren.“ + +Sie sah mich forschend an. + +„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“ + +„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er meiner Meinung +nach ein edler Mensch!“ + +„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du damit sagen? Könnte er +denn auch unaufrichtig gesprochen haben?“ + +„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. „Also steigen auch +in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. „Sonderbar!“ + +„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend ...“ + +„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“ + +„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich bin jetzt müde, mein +Lieber. Weißt du? Gehe auch du nach Haus. Und morgen komme von ihnen so +bald als möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, daß +ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“ + +„Nein ... wieso Beleidigendes?“ + +„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch eigentlich, daß ich ihn +jetzt noch nicht liebe.“ + +„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv und spontan. Du warst +so wunderbar in diesem Augenblick! Dumm wäre nur _er_, wenn er es mit +seinem Gesellschaftsempfinden nicht verstünde!“ + +„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? Wie schlecht, +mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! Lache nicht über mich, du +weißt, ich verberge nichts vor dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund! +Wenn ich nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder zu mir +kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir bleibt! Wodurch habe +ich das alles verdient! Verwünsche du mich nie, Wanjä! ...“ + +Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich sofort zu Bett. Im +Zimmer bei mir war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Sonderbare +Gedanken und Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte ich +nicht einschlafen. + +Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht haben, der in seiner +luxuriösen Wohnung in weichem Bette ruhig einschlief – wenn er uns +überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das +nicht einmal! + + + III. + +Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um +nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha, +stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen +Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum, +doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der +Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr +Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein +eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein +von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem, +dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast +unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln +müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag +so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr +abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch +mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren +Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus +zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften, +gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung +und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll +geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die +Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch +fast farblos. + +„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du +wiederkommst. Komm mal herein!“ + +Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte +mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr +Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen +Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die +Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei +Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete. + +„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen. + +„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich +aufgehoben.“ + +Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie +zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder +und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck. + +„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich +ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. + +„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“ + +„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen +gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend. + +„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne +jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte +ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du +hast wohl aus ihnen gelernt?“ + +„Nein.“ + +„Wozu brauchtest du sie denn?“ + +„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“ + +„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“ + +„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich +gleichsam entschuldigend, hinzu. + +„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“ + +Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter +Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und +ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie +gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie +stehen. + +„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt, +hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur +Tür gewandt, nach Asorka fragte. + +Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie +verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich +sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen +hätte. + +„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen +leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm +erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten +Augenblick an dich gedacht hat.“ + +„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“ + +Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte +ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche +Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu +verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an +ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich +konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie +würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah +nicht. + +„Wo ist der Zaun?“ + +„Welcher Zaun?“ + +„An welchem er starb.“ + +„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“ + +„Nicht nötig ...“ + +„Warum nicht?“ + +„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und +schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück. + +„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du +tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar +nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen +gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die +sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich +sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich +aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist +sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist +es so oder nicht?“ + +Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr +zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas +Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene +phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie +gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch +jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu +Boden. + +„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar. + +„Also, Helene heißt du?“ + +„Ja ...“ + +„Wirst du mich besuchen?“ + +„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren +Kampfe. + +In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem +unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch +flüsternd: + +„Wieviel Uhr ist es?“ + +„Ich glaube halb elf.“ + +Sie schrie auf. + +„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus. +Doch erhaschte ich sie noch im Flur. + +„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest +du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“ + +„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich +schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen +befreiend. + +„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß +dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke +nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du +schneller hin, als zu Fuß ...“ + +„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch +größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen +Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte. + +„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in +meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit +der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“ + +Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke, +die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig +haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß +ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den +Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich +sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn +das für ein Geheimnis?“ dachte ich. + +Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer +kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt +sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer +ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah +ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in +zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um +nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu +bemerken: + +„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man +barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“ + +„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen. + +„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn +nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“ + +„Nein.“ + +„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“ + +„Um so besser.“ + +Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie +offenbar sehr. + +„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte +verendet war. + +Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der +Bitte: + +„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen; +wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“ + +„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch +wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid, +dich anzusehen ...“ + +„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone. + +„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“ + +„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es +doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und +verächtlich. + +Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an +der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich +scheu um. + +„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie +in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen. +„Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“ + +Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang +gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich +ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht +weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal +blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder +nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt. +Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite. + +Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen +hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch +wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich +stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das +ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka +plötzlich verendet war. + + + IV. + +So waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, sie fast laufend, bis +sie endlich in einen Laden trat. Ich blieb stehen und wartete auf sie. +„Sie wird doch in keinem Laden leben,“ dachte ich. + +Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam sie wieder heraus und +statt der Bücher hielt sie jetzt eine irdene Schale in der Hand. Nach +ein paar Schritten trat sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten +zweistöckigen schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des +Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener Sarg – +das Zeichen eines Sargmachers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren +außergewöhnlich klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben, +durch die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über die Straße +auf das Haus zu und las über dem Hoftor auf dem Blechschild die +Inschrift „Haus der Kleinbürgerin Bubnowa.“ + +Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man plötzlich auf dem +Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche Stimme schreien und schimpfen +hörte. Ich blickte durchs Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein +dickes Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um den Kopf einen +grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von widerwärtiger rotblauer Farbe, +ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr +an, daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern war. Sie +fuhr auf die arme Helene los, die mit der Schale in den Händen +bewegungslos vor ihr stand. Oben auf der Treppe hinter dem Rücken der +Alten, stand eine zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte +Frauensperson. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk, +und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigerufen, eine +ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von bescheidenem und +angenehmem Äußern. Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes +lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter Mann und ein +kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe stand mit dem Besen in der Hand ein +kräftiger Bursche, wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die +Szene ansah. + +„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du ...“ schrie die Alte +einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern auf einmal heraus, ohne +Unterbrechung und Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst du +mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, sie aber treibt sich +herum! Mein Herz fühlte es, als ich sie ausschickte. Es nagte und nagte +in mir! Gestern abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie +wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, wo?! ... Zu wem +gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges Scheusal, du Giftkröte, zu +wem? Sprich, du Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“ + +Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die arme Kleine, als sie +aber die andere Frau an der Treppe erblickte, hielt sie plötzlich inne, +schrie jedoch jetzt noch mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen, +als wollte sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens machen, +das ihr armes Opfer begangen. + +„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß sie ganz allein auf der +Welt geblieben ist. Haben selbst nichts zu essen, dachte aber bei mir, +du bringst dem heiligen Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was +aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte ich sie schon, doch in +diesen zwei Monaten hat sie mir wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das +Fleisch abgenagt, Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, ich +schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie Wasser im +Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt sie mir – aber sie schweigt! +Sag’, wofür hältst du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich +würdest du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine Füße müßtest +du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt wärest du jetzt ohne mich!“ + +„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern Sie sich so sehr? Was hat +sie denn verbrochen?“ fragte ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die +wütende Megäre richtete. + +„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, daß man gegen meinen Willen +handelt! Sie hätte mich heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach +Gurken in den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden +zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie schickte, es nagte in +mir, es nagte! Wo war sie? Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz +gebeten? Bin ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete +mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, und ihren +Grasteufel zur Erziehung angenommen, meine Liebe, das weißt du doch +selbst alles! Habe ich nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das +anerkennen würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück +gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und Schuhe gekauft und +sie wie Feiertags angezogen! Und was glaubt ihr wohl, meine guten Leute! +In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen, +und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, mit Absicht hat sie +es zerrissen – ich will nicht lügen, habe es selbst gesehen. Da ging mir +die Seele über, da habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später +den Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken müßte man, +dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang nichts zu essen geben. Die +Fußböden hat sie zur Strafe waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie +wäscht sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie wäscht! +Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum hatte ich es gedacht, da +war sie mir auch schon fortgelaufen! Ihr habt es selbst gehört, wie ich +sie gestern dafür geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon, +nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch nicht barfuß +gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin gelaufen! Wo warst du? +Sprich? Bei wem hast du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du +Larvenfratz, sprich?“ + +Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst ganz erstarrte Kind, +packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schale mit den Gurken +flog zur Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die Wut der +betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; +Helene aber schwieg hartnäckig und gab keinen Laut von sich, keine Klage +wurde laut. Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu. + +„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise so zu behandeln!“ rief ich, +die Furie am Arm packend. + +„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn eigentlich?“ keifte sie +mich an, sie ließ von Helene ab und stützte ihre Arme in die Hüften. +„Was haben Sie in meinem Hause zu suchen?“ + +„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen Sie es, ein armes +Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen nicht; ich habe es selbst gehört, +daß sie eine Angenommene, eine arme Waise ist ...“ + +„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du dich da herein zu +mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, wie? Ich werde gleich die +Polizei benachrichtigen! Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester +Freund! Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? Wie wagst +du in ein fremdes Haus zu kommen?!“ + +Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch in dem Augenblick +ertönte ein scharfer, unmenschlicher Schrei. Ich sah mich um und +erblickte Helene besinnungslos und in konvulsivischen Krämpfen auf der +Erde. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie stieß +sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die geschminkte Dirne und die +einfache Frau hoben sie auf und trugen sie hinauf. + +„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend die Alte nach. +„Schon den dritten Anfall im Monat ... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich +wieder auf mich. + +„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen Lohn?“ + +„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich am Kragen nehme,“ +brummte faul der Hausknecht, nur der Form wegen. „Ein Dritter soll sich +nie einmischen. Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“ + +Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den Hof mit der vollen +Überzeugung, daß ich hier nichts ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut +in mir. Ich blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war ins +Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr zu sehen. Gleich +darauf erschien die Frau, die Helene hinaufgetragen, und eilte die +Treppe hinunter. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und +betrachtete mich mit Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir +Mut ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu. + +„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses Kind, und wer +diese scheußliche Alte? Glauben Sie nicht, daß ich nur aus Neugierde +frage. Diesem Kinde bin ich begegnet und es interessiert mich.“ + +„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre es besser, Sie nähmen +es zu sich oder suchten ihm einen Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte +die Frau etwas gezwungen und schickte sich an, fortzugehen. + +„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, was soll ich denn tun? +Ich kenne die Verhältnisse hier nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst, +die Wirtin des Hauses?“ + +„Ja, das war sie selbst.“ + +„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die Mutter des Kindes hier +gestorben?“ + +„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere Sache.“ + +Und sie wollte wieder fort. + +„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen doch, daß es mich sehr +interessiert. Ich bin vielleicht imstande, hier etwas zu tun. Wer ist +dieses Kind? Wer war ihre Mutter, – wissen Sie es?“ + +„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; sie war so krank +und starb an der Schwindsucht.“ + +„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten in einem Winkel +lebte?“ + +„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. Wir haben selbst kaum zu +essen, doch blieb sie auch uns die sechs Rubel schuldig in den fünf +Monaten, die sie bei uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat +ihr den Sarg gemacht.“ + +„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“ + +„Keineswegs!“ + +„Wie hieß sie denn?“ + +„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder deutscher Name.“ + +„Smitt?“ + +„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die Waise zu sich genommen zur +Erziehung, wie sie sagt. Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“ + +„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“ + +„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich und zögernd. „Doch +was geht es uns an ...“ + +„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter uns eine +Männerstimme. + +Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, in einem langen Kaftan +gekleidet, ein Kleinbürger und Tischlermeister. + +„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: das ist nicht unsere +Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch von der Seite ansehend. „Und du, +mach daß du fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher. +Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu Diensten ... sonst aber haben +wir nichts mit Ihnen zu tun ...“ + +Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das Haus. Tun konnte ich +hier jetzt nichts, doch fiel es mir schwer, zu gehen. Die wenigen Worte +der stillen Frau hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes +vor sich ging, das fühlte ich deutlich. + +Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße entlang, als +plötzlich eine laute Stimme meinen Namen rief. Als ich aufblickte, steht +vor mir ein berauschter, fast schwankender Mensch, ganz sauber +angezogen, aber in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien +sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte mir zu und +lächelte. + +„Er kennt mich nicht?“ + + + V. + +„Ah! Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm plötzlich einen +Schulkameraden aus der Provinz erkennend. „Das ist mal eine Begegnung!“ + +„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das heißt, begegnet sind +wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren haben nicht geruht, mich +eines Blickes zu würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den +Literaturgenerälen, ja–a ...“ + +Er lächelte ironisch. + +„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach ich ihn. +„Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle und die würden außerdem +nicht so aussehen wie ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein +paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst aus dem +Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? Und weißt du, was ich +glaube? Wenn du nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich +auch heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie geht es dir? +Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich dir begegnet bin.“ + +„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch ... mein Äußeres, +sozusagen? Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr, danach zu fragen: ich +denke, Bruder, immer daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich hat +man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du schwiegst aber und verrietest +mich nicht, und statt dir zu danken, habe ich dich noch eine ganze Woche +lang gefoppt. Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel Jahre schlage ich +mich schon – Tag und Nacht – allein durch die Welt, doch habe ich das +alte nie vergessen. So etwas vergißt man nie! Und du, was machst du? +...“ + +„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“ + +Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines betrunkenen +Menschen. Im übrigen war er ein guter Kerl. + +„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich in tragischem +Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, gelesen! ... Höre mich an: sprechen +wir aufrichtig und von Herzen! Hast du Eile!?“ + +„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, daß mich etwas +ungemein beschäftigt. Sage mir besser, wo du wohnst?“ + +„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht besser. Soll ich dir +aber sagen, was besser ist?“ + +„Nun, was?“ + +„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn Schritt von uns +entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, das ist ein guter Ort. +Ich sage dir, es ist ein gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts +Besseres! Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. Man +kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! Wie, +genierst du dich? Laß mich zu Ende reden. Jetzt ist es gleich ein +Viertel nach elf, in einer Viertelstunde gebe ich dich wieder frei. +Zwanzig Minuten kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“ + +„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, liebe Seele, ich schwöre +dir, ich kann nicht ...“ + +„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem muß ich dir sagen, daß +dein Gesicht keinen guten – na ... Ausdruck hat, hast du dich etwa +geärgert, wie?“ + +„Ja, du hast recht.“ + +„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich jetzt, Bruder, auf die +Physiognomik gelegt, das ist auch eine Beschäftigung. Nun, gehen wir, +reden wir miteinander. In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen +‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, dann einen +Pomeranzenschnaps und darauf einen parfait-amour und zu guter Letzt wird +sich schon auch noch was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an +den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. Du halte es, wie +du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst du auch, – willst du mir diese +Ehre erweisen, so komm! Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir +wieder auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe ja doch nicht +zu dir, Wanjä!“ + +„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, zwanzig Minuten und +dann ...“ + +Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite Etage. Auf der +Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen Herrn. Als sie uns +erblickten, machten sie nur wankend Platz. + +Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, bartlos und mit einem +ganz leichten Anflug von Schnurrbart und mit einem besonders dummen +Gesichtsausdruck. Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck, +doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden Anzug. Ringe +trug er an den Fingern und eine kostbare Busennadel trug er im Halstuch. +Er hatte einen Scheitel, der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte +und lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war ein Mann schon +von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, nachlässig gekleidet, +kahlköpfig, doch trug auch er eine kostbare Nadel im Halstuch. Der +Ausdruck seines Gesichts war sinnlich und roh, seine bösen, +mißtrauischen, kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus ein +paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. Der Ältere verzog +bei der Begegnung mit uns sein Gesicht zur Grimasse und der andere +lächelte widerlich-süßlich – er lüftete seine Mütze. + +„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, ihn süßlich +ansehend. + +„Was wünschen Sie?“ + +„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung nach, Filipp +Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“ + +„Was wollen Sie damit sagen?“ + +„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf auf seinen Kumpan) hat man in +der vorigen Woche auf Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen +unanständigen Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... khi!“ + +Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen. + +„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder mal ein halbes +Dutzend trinken, können wir darauf hoffen?“ + +„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. „Ich habe +jetzt zu tun.“ + +„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen.“ + +Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen. + +„Nachher, ein anderes Mal!“ + +Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht anzusehen. Als wir +in den ersten Raum eintraten, in dem sich ein reich beladenes Büfett +befand, brachte mich Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir: + +„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, eines reichen +Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des Vaters dessen Millionen +durchbringt. Er war jüngst in Paris und hat dort sein halbes Vermögen +vergeudet, nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm ist er wie +eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den besten Restaurants, dann +wieder in Kellern und Kabacken, mit Schauspielerinnen ... jetzt will er +zu den Husaren – hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter +Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, eine echte +Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund mit Ssisobrjuchoff, Judas und +Falstaff in einem, ein doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher +Wurm. Ich weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm hier +begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff plündert natürlich +den Ssisobrjuchoff. Er weiß und kennt alle Spelunken. Darum ist er für +diesen Jüngling ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm schon +lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch dort in reicher Kleidung +– der dort am Fenster steht mit dem Zigeunergesicht. Er handelt mit +Pferden und ist mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein +solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere fälschen, du siehst +es mit eigenen Augen und glaubst ihm doch. Er geht jetzt im Samtkaftan, +wie ein Slawophile; (der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack +an oder etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub und sage +von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, so wird man ihn dort +tatsächlich für einen Grafen halten: er wird Whist spielen und sich wie +ein Graf benehmen und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, er wird +sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka ist auf den Dicken +wütend, weil es ihm jetzt etwas faul geht und der Alte ihm +Ssisobrjuchoff, seinen früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch +bevor dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn sie hier +alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie wieder mal ein Stückchen +vor. Ich weiß sogar, um was es sich handelt, denn Mitroschka hat mich +davon unterrichtet, weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier +herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese Gelegenheit +ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka soll nichts davon +bemerken, sieh nicht zu ihm hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden, +wird er wohl selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... Doch +jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ wandte er sich an den +Kellner, „du weißt, was ich wünsche.“ + +„Ich verstehe.“ + +„Und wirst du mich befriedigen?“ + +„Ich werde Sie befriedigen!“ + +„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst du mich so an? Ich habe +schon lange bemerkt, daß du mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht, +mein Lieber. Alles kann einem Menschen passieren, auch, was ihm nie +geträumt, und besonders nicht damals ... als wir den Kornelius Nepos +studierten. Doch glaube mir, Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege +abgeraten ist, sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die +Verhältnisse haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts vorstelle, +Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte ich Arzt werden, dann unter +die Lehrer gehen, habe sogar einen Artikel über Gogol geschrieben, dann +wollte ich Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein, +obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte ich mir schon +Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll Löcher ... Doch kam es nicht +dazu. Sie wurde die Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da +entstand eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung mehr habe, +so verdiene ich mir doch genügend Geld: ich lasse mir nämlich Sporteln +zahlen und zeuge für die Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich +der Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. Die Regel +kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht keinen Krieg aus. Meine +Arbeit ist mehr eine unsichtbare ... Du begreifst?“ + +„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“ + +„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen Sachen ab, zum +Teil offiziell, zum Teil aus Liebe zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin +ein Trinker. Da ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir +meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen Mohren wirst du nicht +weiß waschen. Eins nur muß ich sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas +Menschliches regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. Du +hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, so wagte ich +doch nicht, dich anzureden, ich schob es immer auf. Ich bin deiner nicht +wert. Und die Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur, +weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, was ich rede, – +sprechen wir lieber von dir. Nun, mein Lieber, ich hab’s gelesen. Ich, +mein Freund, spreche von deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte, +Bruder, wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch habe ich +es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“ + +Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile und wurde immer mehr +und mehr betrunken. Zuletzt war er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff +war immer ein guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen +Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt schon von +Kindheit an, war er doch im Grunde genommen ein guter Mensch – ein +verlorener Mensch. Solcher Typen gibt es viele unter uns Russen. +Gewöhnlich sind sie außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt +in ihnen, und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen zu +handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens wissen sie es selbst, +daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff zum Beispiel ging mit Bewußtsein am +Schnaps zugrunde. + +„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr er fort. „Auch ich +erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; habe alle deine Kritiken +gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; du glaubst wohl, ich lese +nicht) begegnete dir darauf, du warst in schlechten Stiefeln, ohne +Galoschen im Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter +die Journalisten?“ + +„Ja, Masslobojeff.“ + +„Also, ein Postgaul bist du geworden?“ + +„So etwas Ähnliches.“ + +„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker ist besser! Sieh, +ich betrinke mich, lege mich in meinem Zimmer auf den Diwan (ich habe +einen schönen, weichen Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich +irgendein Homer oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – denn +vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst dir nicht vorstellen, +daß du Homer oder Dante bist, denn du willst du selbst sein und alles +‚wollen‘ ist dir verboten; du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in +der Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig – +brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache keine Grimassen. Nimm das Geld +und kaufe dich los von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie +dich für ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe eine +große Sache! Wie? Was meinst du?“ + +„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten schätze ich +sehr, doch kann ich dir jetzt noch nichts Bestimmtes darauf antworten – +warum – davon ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. Ich danke +dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, noch einmal darauf +zurückzukommen. Doch handelt es sich jetzt um etwas anderes, du bist zu +mir aufrichtig gewesen, darum habe ich mich entschlossen, auch dich um +Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen Sachen sehr +bewandert bist.“ + +Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt und seiner Enkelin. +Sonderbar: an seinen Augen glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall +nicht ganz unbekannt war. Ich fragte ihn darnach. + +„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten Smitt in einer +Konditorei gehört. Doch Madame Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser +Dame habe ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. ^Je prends mon +bien où je le trouve^, in der Beziehung bin ich ganz wie Molière. +Obgleich ich ihr damals schon hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich +mir doch das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert Rubel zu +erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt mit unlauteren Sachen. Dabei +wäre ja nichts, wenn sie es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte, +nicht für einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als ich +nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde antraf, war ich sehr +zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher der alte Archipoff +hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit welchen Dingen Archipoff +handelt, so schließe ich daraus ... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich +bin sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren habe; +jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, Bruder, habe die +verschiedensten Privataufträge, und du glaubst nicht, mit welchen +hochstehenden Leuten ich bekannt bin! Unlängst habe ich in Sachen eines +Fürsten nachgespürt, ich sage dir – eine Affäre, die man von einem +Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch eine andere +Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme mal zu mir, ich kann dir Sachen +erzählen, die man erdichtet, aber nicht für wahr hält ...“ + +„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich ihn ahnungsvoll. + +„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“ + +„Pjotr?“ + +„Ja. Kennst du ihn?“ + +„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, Masslobojeff, wegen +dieses Herrn werde ich des öfteren zu dir kommen,“ sagte ich, mich +erhebend, „jetzt hast du meine Neugierde erregt.“ + +„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, so viel du willst. +Und viel kann ich dir erzählen, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, +verstehst du? Denn Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs +Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“ + +„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“ + +Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es. + +„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir soeben erzählt +habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, oder nicht?“ + +„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich werde bezahlen.“ + +Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem jungen Mann +zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. Mir schien es, daß +Masslobojeff näher mit ihm bekannt war, als er es mir gegenüber +zugegeben. Wenigstens trafen sie sich augenscheinlich nicht zum +erstenmal. + +Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller Bursche. In seinem +russischen Samtrock und dem roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch +edlen Zügen, von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen, +machte er einen interessanten und äußerst anziehenden Eindruck auf mich. +Seine Gesten waren lebhaft, trotzdem er sich in diesem Augenblick +ersichtlich Mühe gab, sachlich, solid und wichtig zu erscheinen. + +„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, „komme heute +abend um sieben Uhr zu mir, ich werde dir manches mitteilen können. +Allein ... habe ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich +etwas, seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich mich auch +von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch sind mir noch meine früheren +Beziehungen geblieben, und ich kann vieles erfahren und die Sachen +beschnuppern ... Doch genug davon ... Meine Adresse ist +Schestilawotschnaja ... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, und dann nach +Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn du kommst, stelle ich dich +Alexandra Ssemjonowna vor, und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch +noch von der Literatur.“ + +„Und davon?“ + +„Vielleicht auch davon.“ + +„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt ...“ + + + VI. + +Anna Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. Das, was ich ihr +gestern von Nataschas Brief erzählt, hatte sie so sehr erregt, daß sie +mich bereits früh am Morgen, wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich +nun endlich um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung +bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem wollte sie mir ihre neuen +Hoffnungen mitteilen, die ihre Seele seit gestern erfüllten und mir von +Nikolai Ssergejewitsch erzählen, der sich seit gestern abend krank +fühlte, zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie empfing +mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, sprach sehr abgemessen +und zeigte nicht die geringste Neugierde, etwas von mir zu erfahren. +Fast hätte sie mir die Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es +dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ So ärgerte sie +sich über mein spätes Kommen. Doch ich ließ mich nicht stören und +erzählte ihr jede Einzelheit der gestrigen Szene bei Natascha. Als nun +die Alte vom Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte, +vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, wie +glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, weinte, lachte und +vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. Sie umarmte mich außer sich vor +Freude und wollte sofort zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles +mitzuteilen. + +„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen und +Beleidigungen; wenn er es nun erfahren wird, daß Natascha volle +Genugtuung widerfährt, so wird er im Augenblick alles vergessen.“ + +Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die gute Alte kannte ihren +Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm zusammen +gelebt. Sie wollte auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich +stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr ungehalten +darüber sein würde, sondern daß wir, durch eine so übereilte Handlung, +der ganzen Sache schaden könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich +aber wohl noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und sprach +die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer Freude ganz allein in ihren +vier Wänden sitzen solle“. Ich konnte sie endlich davon überzeugen, wie +eilig ich es hatte, und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte +bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen und begann +fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute abend bei ihr zu erscheinen, +wenn bei Natascha etwas Besonderes vorfallen sollte, abschlagen mußte. +Nikolai Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er hatte die +ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über Kopfweh und lag jetzt in +seinem Zimmer. + +Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. Als ich bei ihr +eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten Armen, in Nachdenken +versunken, im Zimmer auf und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke, +sehe ich sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, verlassen, +auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und gesenkten Augen, ziellos +auf- und abgehen. + +Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und fragte nur, +warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte ihr in aller Kürze meine +Erlebnisse, doch sie hörte mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz +anderem beschäftigt. + +„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie. + +„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren Betonung, der +man es sofort anhörte, daß sie nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue +mitzuteilen. Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht +sofort tun würde, sondern erst beim Abschied. + +So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete mich schon darauf vor und +wartete. + +Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. Es wunderte mich, +daß wir beide der gleichen Meinung über den Fürsten waren: er mißfiel +ihr, mißfiel ihr heute weit mehr noch, als gestern. Als wir alles +Gestrige durchgesprochen hatten, bemerkte plötzlich Natascha: + +„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, und es ist das beste +Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst nicht gefällt – dann gefällt er +einem später. Mir ist es des öfteren so gegangen.“ + +„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung ist es übrigens, wie +ich es mir auch hin und her überlege, daß der Fürst, obwohl er ein +Jesuit ist, eure Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“ + +Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah mich streng an. Ihr +ganzes Gesicht veränderte sich; ihre Lippen zitterten leicht. + +„Wie hätte er denn in _diesem_ Falle ... lügen können?“ fragte sie in +verhaltenem Unwillen. + +„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern. + +„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken ist einfach unmöglich. +Aus welch einem Grunde sollte er es getan haben? Und schließlich, was +bin ich denn in seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich +lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich einer solchen +Beleidigung fähig sein?“ + +„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich meinerseits, bei +mir aber dachte ich: „Gerade darüber denkst du jetzt nach, meine Arme, +also mißtraust du ihm mehr noch als ich.“ + +„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ sagte sie. „Den +ganzen Abend wollte er bei mir verbringen ... Es muß doch eine wichtige +Angelegenheit sein, wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts +davon, Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“ + +„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was wissen wir von +Geldsachen, Natascha.“ + +„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“ + +„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“ + +„Er war hier.“ + +„Früh?“ + +„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte ihn zu Katherina +Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, Wanjä?“ + +„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“ + +„Ja, er selbst ...“ + +Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte sie. Ich sah sie +erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern darum +gefragt, doch war ihr das oft nicht angenehm. + +„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. Sie verzog ein +wenig ihren Mund zu einem bitteren Lächeln und vermied es, mich +anzusehen. + +„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“ + +„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... Nur zu ...“ + +„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ sagte ich. + +Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien mir selbst gern +antworten zu wollen: „Welche Sorgen machte er sich denn früher,“ doch in +meinen Worten lag schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt. + +Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. Sie war sehr bald +wieder freundlich, liebenswürdig, und von ihrer alten stillen Art. Ich +blieb bei ihr wohl eine Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute +vor dem Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es ihr sehr +darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht +haben könne. Wie sie sich verhalten? Ob sie ihre Freude nicht zu +auffällig gezeigt? Ob sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil, +zu zuvorkommend gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über sie lustig +gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? ... Bei dem Gedanken schoß +ihr das Blut wie Feuer in die Wangen. + +„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch +über einen denkt? Soll er doch denken, was er will!“ sagte ich. + +Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und aufrichtig. Sie war +stolz und konnte es nicht ertragen, das, was sie hoch hielt, verspottet +zu sehen. Die Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit +Verachtung beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, daß +jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war keine Folge von +Charakterschwäche, sondern nur von geringer Kenntnis des Lebens und der +Menschen. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne ihn +jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft aller +gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, die vom Vater auf sie +übergegangen – stets einen Menschen besser zu machen als er ist, nur +Gutes in ihm zu sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt. +Derartige Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht fühlen, um +so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie fordern mehr, als andere +geben können. Und darum ist es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben +und nicht in die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid und +Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch geworden, den man +nicht beschuldigen darf – wenn in meinen Worten überhaupt etwa eine +Anklage liegt ... + +Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. Sie war ganz +erstaunt darüber und wäre fast in Tränen ausgebrochen, obgleich sie die +ganze Zeit sich mir gegenüber sehr kühl verhalten hatte, kühler als +gewöhnlich. Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an. + +„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute und hat mich +wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr nett und schien sehr +glücklich zu sein, doch kehrte und drehte er sich die ganze Zeit vor dem +Spiegel wie ein Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem +Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. Stelle dir vor, er +hat mir Konfekt gebracht!“ + +„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. Ach, was ihr beide für +Menschen seid! Er ist ja noch immer der lustige Schulbub von früher. +Aber du, du!“ + +Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und zu mir mit irgendeiner +Klage über Aljoscha kam, oder irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben +wollte, oder mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, so +sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, mit der +unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß ihrem Herzen leichter +wurde. In diesen Augenblicken nahm ich dann immer einen strengen Ton an, +als wollte ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast immer. +Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal ihre Wirkung. Der Mensch +empfindet manchmal geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören. +Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken immer +vollkommen getröstet. + +„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke Hand auf meine +Schulter legend und meinen Blick erhaschend, „mir schien es, daß er +schon ganz daran gewöhnt ist ... er schien mir schon zu – naiv ... weißt +du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau gewesen wären. Ist das +nicht viel zu früh? ... Er lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich +ihm eigentlich ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er +beeilte sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich spreche zu +ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, weißt du, in +dieser häßlichen, weltmännischen Manier, von der wir ihn schon glücklich +abgebracht hatten. Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue +ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, Wanjä, was für +eigensinnige Despoten! Das merke ich erst jetzt! Wir verzeihen dem +Menschen keine einzige Veränderung, und Gott weiß allein den Grund, +warum er sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten! +Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst erdenken uns alle Qualen der +Welt und dann klagen wir noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast +mich vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! Vielleicht +hat er sich noch geärgert!“ + +„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert aus. + +„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig traurig und er wurde +plötzlich nachdenklich und verabschiedete sich ein wenig trocken von +mir. Ich werde nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“ + +„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten werde.“ + + + VII. + +Um punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte im Flügel eines +kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, in einer etwas unsauberen +Wohnung von drei Zimmern, die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte +freilich überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir ein +reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, aber nett und +sauber gekleidet, mit guten fröhlichen Augen. Ich erriet sofort, daß es +Alexandra Ssemjonowna, seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt +hatte, und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich sei, und +als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, daß man mich erwarte und +führte mich ins Zimmer, wo Masslobojeff auf seinem schönen, weichen +Diwan, bedeckt mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem +alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, und rief mich +bei Namen. + +„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben sah ich im Traum, wie +du zu mir kamst und mich aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“ + +„Wohin?“ + +„Zur Dame.“ + +„Zu welcher Dame? Warum?“ + +„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. Was die für eine +Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich zu Alexandra Ssemjonowna und +küßte seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Madame Bubnowa. + +„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ bemerkte Alexandra +Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht hielt, sich etwas zu ärgern. + +„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, Bruder: Alexandra +Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen Literaturgeneral vor; man kann +ihn nur einmal im Jahr umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für +Geld.“ + +„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, bitte, nicht auf ihn, +er lacht immer über mich. Was sind Sie denn für ein General?“ + +„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und Sie, meine Dame, +glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; wir sind viel klüger als wir auf +den ersten Blick erscheinen.“ + +„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich vor anständigen +Leuten, Unverschämter! Wenn er mich doch wenigstens nur einmal ins +Theater brächte!“ + +„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre Pe... Haben Sie +vergessen, was Sie lieben müssen? Haben Sie das Wort vergessen, das ich +Ihnen gelehrt habe!“ + +„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen Unsinn bedeutet es.“ + +„Nun, wie hieß denn das Wort?“ + +„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer weiß, was dieses Wort +bedeutet. Eher trocknet meine Zunge aus, als daß ich es sage.“ + +„Also haben Sie es vergessen?“ + +„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen Sie, was er sich +ausgedacht! Es hat vielleicht niemals Penaten gegeben; und warum soll +ich sie lieben? Alles Lüge!“ + +„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“ + +„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“ + +Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem Zimmer. + +„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra Ssemjonowna!“ + +Wir traten ins Freie. + +„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die Droschke. So. Und +jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß ich manches und zwar ganz genau +erfahren habe. Ich blieb noch eine ganze Stunde nachher auf +Wassilij-Ostroff. Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, ein +schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist ihrer gewissen +Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. Vor ein paar Tagen hat sie es mit +einem jungen Mädchen aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese +Musselinkleidchen, von denen du mir erzähltest, ließen mir keine Ruh, +denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. Ich habe mich +jetzt davon überzeugen können, daß ich mich nicht irre. Wie alt ist die +Kleine?“ + +„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“ + +„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so treibt sie es. Wenn es +nötig, sagt sie, die Kleine sei elf Jahre alt und wenn es nötig, – +fünfzehn. Und da die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“ + +„Ist’s möglich?“ + +„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa wird doch nicht aus Mitleid +eine Waise zu sich nehmen. Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so +stimmt’s. Er ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf +Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine Schönheit versprochen +worden, die Frau eines Stabsoffiziers. Wenn Kaufleute durchgehen, +verlangen sie immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen +Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung ab. Übrigens, ich +bin noch, glaube ich, betrunken. Die Bubnowa soll es nur wagen, solche +Geschäftchen zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei hintergehen, mich +aber nicht, da soll sie mal sehen ... Nun, du verstehst mich?“ + +Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten mich im +höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß wir uns verspäten könnten und +trieb den Kutscher zur Eile an. + +„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ sagte Masslobojeff. +„Mitroschka ist dort, wir haben uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa +kommt auf meine Rechnung ...“ + +Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der Mitroschka hieß, war da +nicht zu finden. Wir befahlen dem Kutscher, uns an der Treppe des +Restaurants zu erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka +erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren hell erleuchtet und man hörte +Ssisobrjuchoffs betrunkenes Lachen. + +„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete Mitroschka. +„Jetzt ist es Zeit.“ + +„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich. + +„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt mich; auch Mitroschka +kennt sie. Wahrhaftig, da scheint ein großes Fest zu sein, nur nicht für +uns.“ + +Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete uns sofort; +während er sich mit Mitroschka verständigte, gingen wir beide die Treppe +hinauf. Im Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte an. Man +fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. Man öffnete uns und wir +traten alle auf einmal ein. Der Hausknecht verschwand sofort. + +„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und zerzaust, mit einem +Licht in der Hand. + +„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? Sie erkennen Ihre Gäste +nicht, Anna Trifonowna? Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“ + +„Ah, Filipp Filippytsch? Das sind Sie ... ein so teurer Gast ... Ja, wie +kommen Sie denn her ... ich ... tut nichts ... treten Sie ein ... +hierher bitte!“ + +Sie war ganz verwirrt. + +„Hierher? Nein ... Uns nehmen Sie bitte besser auf. Wir wollen bei Ihnen +ein Gläschen trinken und ...“ + +Die Wirtin faßte sofort Mut. + +„Ja, für solche Gäste ist alles bereit ...“ + +„Ein paar Worte, Anna Trifonowna: ist Ssisobrjuchoff hier?“ + +„Ja.“ + +„Ich muß ihn sehen. Wie wagt er es, ohne mich durchzugehen?“ + +„Er hat Sie sicher nicht vergessen. Er erwartete noch jemanden; +wahrscheinlich wohl Sie.“ + +Masslobojeff stieß die Tür auf und wir traten in ein Zimmer mit zwei +Fenstern, auf denen einige Geranientöpfe standen, mit einem alten +Klavier an der Wand ... und allem was dazu gehörte. Mitroschka blieb im +Vorzimmer. Wie ich später erfuhr, sollte er da Wache stehen. Zu ihm +gesellte sich das geschminkte Weib vom Vormittag. + +Im Zimmer auf einem kleinen Diwan aus rotem Holz vor einem runden Tisch +saß Ssisobrjuchoff. Auf dem Tische, der mit einer Decke belegt war, +standen vor ihm zwei warme Champagnerflaschen und eine Flasche mit +schlechtem Rum; standen Teller mit Konfekt, Nüssen und Kuchen. Ihm +gegenüber am Tisch saß eine widerliche Kreatur von vierzig Jahren, in +einem schwarzen Taftkleide, behängt mit goldenen Armbändern und +Broschen. Das war die Frau des Stabsoffiziers, sicher keine echte. +Ssisobrjuchoff war ganz betrunken und schien äußerst zufrieden. Das +dicke Scheusal war nicht zu sehen. + +„So also macht man’s!“ brüllte aus voller Kehle Masslobojeff, „mich hat +er zu Dusso eingeladen!“ + +„Filipp Filippytsch, Sie beehren uns?“ murmelte Ssisobrjuchoff, uns mit +seligem Lächeln begrüßend. + +„Du trinkst?“ + +„Entschuldigen Sie.“ + +„Entschuldige dich lieber nicht, sondern bewirte deine Gäste. Wir sind +gekommen, um uns mit dir zu amüsieren. Ich habe hier noch einen Gast +mitgebracht: meinen Freund!“ + +Masslobojeff wies auf mich. + +„Sehr angenehm, es beglückt mich ... Kchi!“ + +„Das nennt er Champagner! Der schmeckt nach Kohlsuppe.“ + +„Sie beleidigen mich.“ + +„Bei Dusso wagst du dich ja gar nicht zu zeigen; aber einladen tust du!“ + +„Er erzählte mir soeben, daß er in Paris gewesen,“ griff die +Stabsoffiziersfrau das Gespräch auf. „Sicher lügt er alles!“ + +„Fedossja Titischna, entschuldigen Sie, aber ich war in Paris. Wir waren +... wir fuhren ...“ + +„Was macht denn ein solcher Bauer in Paris?“ + +„Wir waren wirklich dort. Wir haben uns mit Karp Wassiljewitsch +ausgezeichnet amüsiert. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?“ + +„Wie soll ich denn Ihren Karp Wassiljewitsch kennen?“ + +„Vielleicht doch ... aus politischen Gründen. Wir waren im Örtchen Paris +und haben – bei Madame Joubert einen Trumeau zerschlagen.“ + +„Was haben Sie zerschlagen?“ + +„Einen Trumeau. Die ganze Wand war ein Trumeau und Karp Wassiljewitsch +war so betrunken, daß er mit Madame Joubert einfach nur russisch sprach. +Nun, und er stürzte sich an den Trumeau, die Joubert aber ruft ihm zu, +daß der Trumeau sieben hundert Franks kostet, wenn er ihn zerschlägt! Er +lächelt bloß und sieht mich an, ich saß ihm gegenüber auf einem Kanapee +mit einer Schönen, die nicht einen solchen Rüssel hatte, wie die da. +Kurz, er ruft mir zu: ‚Stepan Terentjytsch, die Hälfte fällt auf dich?‘ +Ich sage ‚schön!‘ Wie er da ins Glas schlägt – dsin! Madame Joubert +schreit auf und rückt ihm auf den Leib: ‚Du Räuber, aus welchem Lande +kommst denn du her?‘ Er aber sagt: ‚Du, Madame Joubert, nimm dein Geld +und kümmer dich nicht um meine Angewohnheiten.‘ Ihr wurden +sechshundertfünfzig Franks ausgezahlt. Ein halbes Hundert haben wir ihr +abgezogen.“ + +In diesem Augenblick ertönte ein durchdringender Schrei durch das ganze +Haus. Ich fuhr zusammen und schrie auf. Ich hatte die Stimme sofort +erkannt, es war Helene. Auf ihren kläglichen Schrei folgte ein ganzer +Tumult, man hörte schimpfen und klatschende Schläge, wie mit der flachen +Hand ins Gesicht geschlagen. Das war sicher Mitroschka, der seine +Pflicht tat. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Helene stürzte +bleich, mit verstörten Augen im weißen Musselinkleidchen, mit gekämmten, +doch im Kampfe aufgewühlten Haaren hinein ins Zimmer. Ich stand der Tür +gegenüber und sie stürzte geradewegs auf mich zu und umschlang mich mit +beiden Händen. Alle erschraken, alle sprangen auf. Schreie und Ausrufe +schwirrten durchs Zimmer. Ihr folgte in der Tür Mitroschka, den Dicken, +sein Opfer, an den Haaren im aufgelöstem Zustande herbeischleppend. Er +riß ihn zur Türschwelle und stieß ihn dann ins Zimmer. + +„Da ist er! Nehmt ihn in Empfang!“ rief er uns mit zufriedener Miene zu. + +„Höre,“ sagte Masslobojeff, ruhig auf mich zutretend und mir auf die +Schulter klopfend. „Nimm das Kind und bringe es zu dir, hier hast du +nichts mehr zu tun. Morgen wollen wir das Weitere besprechen.“ + +Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, nahm Helene bei der Hand und +führte sie hinaus aus dieser Hölle. Das alles geschah so unerwartet, daß +uns niemand aufhielt. Draußen wartete die Droschke auf uns und in +zwanzig Minuten waren wir in meiner Wohnung. + +Helene schien halbtot. Ich öffnete ihr das Kleid, bespritzte sie mit +Wasser und legte sie auf den Diwan. Sie fieberte und begann zu +phantasieren. Ich sah auf ihr bleiches Gesichtchen, auf ihre farblosen +Lippen, auf ihr dunkles pomadisiertes und aufgewühltes Haar, auf ihre +ganze Toilette mit den rosa Bändern – und begriff alles. Die Arme! Sie +fieberte immer mehr und mehr. Ich beschloß, am Abend nicht mehr zu +Natascha zu gehen. Hin und wieder hob Helene ihre langen Wimpern und sah +mich lange und forschend an, als wollte sie sich vergewissern, daß ich +es war. Spät, um ein Uhr nachts, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr +auf dem Fußboden. + + + VIII. + +Ich erhob mich sehr früh. In der Nacht wachte ich jede halbe Stunde auf, +und sah nach meiner armen Kleinen. Sie hatte immer noch Fieber und erst +gegen Morgen schlief sie fest ein. Ein gutes Zeichen, dachte ich, doch +als ich am Morgen erwachte, beschloß ich, während die Arme noch schlief, +einen Arzt zu holen. Ich kannte einen Doktor, einen gutmütigen, alten +Junggesellen, der seit undenklichen Zeiten auf der Wladimirskaja mit +seiner deutschen Wirtschafterin lebte. Ich begab mich zu ihm. Er +versprach mir, um zehn Uhr zu kommen. Es war acht Uhr, als ich bei ihm +war. Gerne wäre ich unterwegs zu Masslobojeff gegangen, doch gab ich es +auf: er schlief wohl sicher noch seinen gestrigen Rausch aus, und +außerdem hätte Helene erwachen können und in ihrem krankhaften Zustande +hätte sie dann vielleicht nicht gewußt, wo sie sich befand, und auf +welche Weise sie zu mir gekommen war. + +Sie erwachte in dem Augenblick, als ich ins Zimmer trat. Ich ging auf +sie zu und fragte sie vorsichtig, wie sie sich fühle? Sie antwortete mir +nicht, doch sah sie mich lange – lange mit ihren dunklen, +ausdrucksvollen Augen an. Ich erriet aus ihrem Blick, daß sie alles +begriff und bei vollem Bewußtsein war. Auf meine Frage antwortete sie +mir ihrer Gewohnheit nach nicht. Auch gestern und vorgestern, als sie +bei mir war, hatte sie viele meiner Fragen überhaupt nicht beantwortet +und mich nur mit ihrem hartnäckigen, forschenden Blick angesehen, in dem +außer Mißtrauen und Neugier ein so sonderbarer Stolz lag. Auch jetzt lag +in ihrem Blick eine gewisse Härte und ein Zweifel. Ich legte meine Hand, +glaube ich, auf ihren Kopf, um zu fühlen, ob sie noch Fieber hatte, sie +aber schob schweigend mit ihrer kleinen Hand meine Hand fort und kehrte +ihr Gesicht zur Wand. Ich zog mich zurück, um sie nicht zu stören. + +Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Ich brauchte ihn an Stelle +des Samowars und kochte in ihm das Teewasser. Holz besaß ich genügend, +der Hausknecht hatte mir wenigstens einen Vorrat auf fünf Tage gebracht. +Ich machte den Ofen an, holte Wasser und bereitete den Tee. Die +Teetassen stellte ich auf den Tisch. Helene sah zu und betrachtete alles +mit Neugier. Ich fragte sie, ob sie nicht einen Wunsch hätte. Sie aber +wandte sich wieder von mir ab und antwortete nicht. + +„Weshalb sie mir wohl böse sein mag? Wunderliches Ding!“ dachte ich. + +Mein alter Doktor kam, wie er versprochen, um zehn Uhr. Er untersuchte +die Kranke mit deutscher Sorgfalt und machte mir wieder Mut. „Es sei ein +fieberhafter Zustand,“ sagte er, „doch ohne jegliche ernstere Gefahr. Er +fügte hinzu, daß sie ein anderes Leiden haben müsse, ein Herzleiden, +woraufhin er sie noch einmal gründlicher untersuchen wolle, jetzt sei es +jedoch nicht vonnöten.“ Er verschrieb ihr eine Medizin und noch andere +Pulver, mehr der Form wegen, als aus Notwendigkeit, und fragte mich: auf +welche Weise sie zu mir gekommen sei? Zu gleicher Zeit sah er sich mit +Verwunderung meine Wohnung an. Der Alte schwatzte gern. + +Auch ihn setzte Helene in Erstaunen; sie entzog ihm ihre Hand, als er +ihren Puls fühlen wollte, und zeigte ihm nicht ihre Zunge. All seine +Fragen ließ sie unbeantwortet und sah die ganze Zeit nur auf seinen +großen Stanislaus-Orden, den er am Halse trug. + +„Ihr muß der Kopf sehr weh tun,“ bemerkte der alte Herr, „doch wie sie +einen ansieht, wie sie einen ansieht!“ + +Ich hielt es nicht für nötig, ihm alles über Helene mitzuteilen, und +entschuldigte mich mit der Erklärung, daß es eine sehr lange, +weitläufige Geschichte sei. + +„Wenn es nötig sein sollte, rufen Sie mich,“ sagte er beim Fortgehen. +„Jetzt ist sie außer Gefahr.“ + +Ich beschloß, den ganzen Tag bei Helene zu bleiben und sie so wenig als +möglich allein zu lassen. Doch wußte ich, daß Natascha und Anna +Andrejewna sich sehr aufregen würden, wenn sie mich vergeblich +erwarteten und beschloß daher, Natascha durch die Stadtpost zu +benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen könne. Anna +Andrejewna durfte ich nicht schreiben. Sie hatte mich ein für allemal +gebeten, ihr keinen Brief zu schicken, als ich es einmal Nataschas wegen +getan. „Der Alte wird ganz finster und unwillig, wenn er einen Brief +sieht,“ sagte sie, „möchte so gerne den Inhalt erfahren, doch danach zu +fragen – dazu kann er sich nicht entschließen, und ist dann den ganzen +Tag verstimmt. Und mich, mein Lieber, ärgerst du nur mit deinem Brief. +Was sind mir die paar Zeilen. Ich möchte dich ausführlich über alles +befragen und du bist nicht da.“ Darum schrieb ich nur Natascha, und als +ich nach der Medizin ging, warf ich den Brief in den Postkasten. + +In der Zeit war Helene wieder eingeschlafen. Im Schlaf war sie unruhig +und stöhnte. Der Doktor hatte recht, ihr schmerzte der Kopf sehr. +Plötzlich schrie sie auf und erwachte. Sie sah mich ärgerlich an, als +störe sie meine Aufmerksamkeit. Ich muß gestehen, daß es mir sehr weh +tat. + +Um elf Uhr kam Masslobojeff. Er war sehr besorgt und wie es schien +zerstreut; er hatte große Eile und kam nur auf einen Augenblick. + +„Nun, Freund, ich dachte mir schon, daß du nicht sehr verschwenderisch +leben würdest,“ bemerkte er, sich bei mir umschauend, „daß ich dich +jedoch in solch einer Kiste antreffen würde, das hatte ich denn doch +nicht geglaubt. Das ist ja ein Kasten, aber keine Wohnung! Doch, das +würde ja alles nichts besagen, es ist nur fatal, daß dich alle diese +Sachen von der Arbeit abhalten. Ich dachte bereits gestern daran, als +wir zur Bubnowa fuhren. Ich, Bruder, gehöre meiner Natur und meiner +sozialen Stellung nach zu den Leuten, die selbst nichts tun und nur +anderen vorwerfen, daß sie nichts arbeiten. – Jetzt höre zu: ich komme +vielleicht morgen oder übermorgen zu dir; du aber komme jedenfalls +Sonntag morgen zu mir. Bis dahin wird die Angelegenheit dieses Kindes +erledigt sein; dann nehme ich dich vor und rede ein ernstes Wort mit +dir. Nun, und sage doch, ist es in deinen Augen eine Schande, von mir +Geld zu leihen?“ + +„Laß das Gerede,“ unterbrach ich ihn. „Sage lieber, was für ein Ende hat +gestern die Sache genommen?“ + +„Wieso? Alles ist vortrefflich gegangen und das Ziel erreicht, verstehst +du? Jetzt habe ich keine Zeit, bin nur auf einen Augenblick gekommen, um +mich zu erkundigen, wo du sie unterbringen wirst – oder willst du sie +bei dir behalten? Darüber müssen wir noch ins reine kommen.“ + +„Das weiß ich selbst noch nicht, und offen gestanden, habe ich dich +erwartet, um mit dir zu beraten. Wie sollte ich sie wohl bei mir +behalten?“ + +„Eh, warum denn nicht, vielleicht als Magd ...“ + +„Ich bitte dich, sprich leiser. Wenn sie auch krank ist, so ist sie doch +vollkommen bei Bewußtsein, und als sie dich erblickte, bemerkte ich, wie +sie zusammenzuckte. Folglich hat sie das Gestrige nicht vergessen ...“ + +Darauf erzählte ich ihm von ihrem auffallenden Charakter und von allem, +was ich an ihr bemerkt. Meine Schilderung interessierte ihn sehr. Ich +fügte noch hinzu, daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie +unterbringen würde und erwähnte die Alten. Zu meiner großen Verwunderung +war ihm die Geschichte Nataschas bekannt und auf meine Frage woher, +antwortete er: + +„Ich habe gelegentlich davon gehört. Ich habe dir doch schon erzählt, +daß ich den Fürsten Walkowskij kenne. Das wäre sehr schön, wenn du die +Kleine zu Ichmenjeffs bringen könntest. Sie wird dich sonst hier nur +genieren. Aber was ich noch sagen wollte, sie hat doch Kleider nötig. +Mache dir deshalb keine Sorgen, das kommt auf meine Rechnung. Lebe wohl, +besuche mich also. Schläft sie jetzt?“ + +„Es scheint so,“ erwiderte ich. + +Doch kaum war er fort, als Helene mich zu sich rief. + +„Wer ist es?“ fragte sie mich. Ihre Stimme zitterte vor Erregung, doch +war ihr Blick immer noch so starr und abweisend. + +Ich nannte ihr seinen Namen und fügte hinzu, daß ich sie durch seine +Hilfe aus der Gewalt der Bubnowa gerettet hätte, und daß die Bubnowa ihn +sehr fürchte. Ihre Wangen erglühten plötzlich, bei der Erinnerung. + +„Und wird sie niemals hierher kommen?“ fragte Helene mit forschendem +Blick in mein Gesicht. + +Ich beeilte mich, sie darüber zu beruhigen. Sie schwieg und griff mit +ihren heißen Fingerchen nach meiner Hand, ließ sie aber sofort wieder +fallen, als besinne sie sich. + +„Es ist doch nicht möglich, daß sie solchen Widerwillen gegen mich +empfindet,“ dachte ich. „Das ist wohl so ihre Art, oder ... oder die +Arme hat so viel Schlechtigkeit gesehen, daß sie niemandem auf der Welt +mehr traut.“ + +Zur bestimmten Stunde ging ich in die Apotheke nach der Medizin und +unterwegs in ein mir bekanntes Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag +speiste und Kredit hatte. Dort holte ich etwas Hühnersuppe für Helene, +doch wollte sie nichts davon essen und ich mußte die Suppe in den Ofen +stellen, um sie warmzuhalten. + +Nachdem sie die Medizin eingenommen hatte, setzte ich mich an die +Arbeit. Ich dachte, daß sie schlief, aber als ich ganz zufällig +aufblickte, bemerkte ich, daß sie ihr Köpfchen erhoben hatte und mir +zusah, wie ich schrieb. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte. + +Endlich war sie zu meiner großen Freude wirklich eingeschlafen, ganz +ruhig, fieberfrei und ohne zu stöhnen. Ich fing an nachzudenken; +Natascha, dachte ich, könnte wirklich sehr betrübt darüber sein, daß ich +gerade in der Zeit sie verlassen, wo sie meiner vielleicht am meisten +bedurfte. + +Was nun Anna Andrejewna anbelangt, so wußte ich ganz und gar nicht, wie +ich mich morgen vor ihr rechtfertigen sollte. Ich dachte hin und her und +plötzlich beschloß ich, sie beide aufzusuchen. Meine Abwesenheit konnte +doch höchstens zwei Stunden dauern. Helene schläft und wird es gar nicht +bemerken, daß ich abwesend bin! Ich sprang auf, warf mir meinen Paletot +über, griff nach der Mütze und wollte zur Tür hinaus, als ich plötzlich +Helene meinen Namen rufen hörte. Ich war ganz betroffen: hatte sie sich +wirklich nur so angestellt, als schlafe sie? + +Ich muß übrigens bemerken, daß Helene nur so tat, als wolle sie nicht +mit mir sprechen: diese wiederholten Rufe, das Bedürfnis, von mir über +ihr Schicksal etwas zu erfahren, bewiesen das Gegenteil und waren, ich +muß es gestehen, mir sogar sehr angenehm. + +„Wohin wollen Sie mich fortgeben?“ fragte sie mich, als ich an sie +herantrat. + +Überhaupt richtete sie ihre Fragen immer plötzlich, ganz unerwartet, an +mich. Dieses Mal verstand ich sie nicht einmal sofort. + +„Vorhin sagten Sie zu Ihrem Bekannten, daß Sie mich in ein Haus geben +würden. Ich will aber nicht.“ + +Ich beugte mich über sie: sie fieberte wieder und war in höchster +Erregung. Ich versuchte sie wieder zu beruhigen und ihr Hoffnung +einzuflößen; ich sagte ihr daß, wenn sie bei mir bleiben wolle, ich sie +niemals fortgeben würde. Ich zog meinen Mantel aus, legte die Mütze aus +der Hand, denn in solchem Zustande konnte ich sie nicht allein lassen. + +„Nein, gehen Sie nur!“ sagte sie, sofort erratend, daß ich bleiben +wollte. „Ich bin müde und werde gleich einschlafen.“ + +„Wie, soll ich dich denn allein lassen?“ sagte ich zögernd. „Ich werde +allerdings in zwei Stunden wieder zurück sein ...“ + +„Nun, so gehen Sie doch. Sonst werde ich das ganze Jahr krank sein, und +Sie werden das ganze Jahr das Haus nicht verlassen können.“ + +Und sie versuchte zu lächeln und sah mich so sonderbar an, sie schien +irgendein gutes Gefühl in ihrem Herzen niederzukämpfen. Die Arme! Es war +ihre Zärtlichkeit und Güte, die trotz aller Menschenscheu und offenbarer +Verbitterung durchbrach. + +Zuerst eilte ich zu Anna Andrejewna. Sie erwartete mich mit fieberhafter +Ungeduld und war entsetzlich beunruhigt. Nikolai Ssergejewitsch war +gleich nach Tisch ausgegangen und man wußte nicht wohin. Mir ahnte, daß +die Alte ihm wie gewöhnlich alles erzählt hatte, wenn auch nur in +Andeutungen. Sie gestand es mir bald darauf selbst ein, daß sie nicht +habe an sich halten können und ihre Freude mit ihm habe teilen wollen, +daß aber Nikolai Ssergejewitsch, wie sie sagte, finster wie eine +Gewitterwolke dreingeschaut habe und auf alle ihre Fragen nur +geschwiegen hätte, und plötzlich nach Tisch fortgegangen sei. Zitternd +vor Angst flehte sie mich an, mit ihr zusammen Nikolai Ssergejewitsch zu +erwarten. Ich schlug ihre Bitte rund ab und sagte ihr, daß ich auch +morgen nicht zu ihr kommen könne und daß ich nur heute zu ihr gekommen +wäre, um sie davon zu benachrichtigen. Dieses Mal kam es fast zu einem +Bruch zwischen uns. Sie brach in Tränen aus und machte mir bittere +Vorwürfe, als ich aber schon zur Tür hinaus wollte, umarmte sie mich +plötzlich und flehte mich an, sie „arme Waise“ nicht zu verlassen, und +ihr nicht zu zürnen, falls sie mich gekränkt hätte. + +Natascha traf ich gegen meine Erwartung wieder allein an, – sonderbar, +aber mir schien es, als freute sie sich diesmal gar nicht über mein +Kommen, wie sie es sonst immer zu tun pflegte. Ich hatte den Eindruck, +als hätte mein Kommen sie irgendwie geärgert oder gestört. Auf meine +Frage, ob Aljoscha bei ihr gewesen, antwortete sie: + +„Versteht sich, er war da, aber nicht lange. Er versprach heute abend +wiederzukommen,“ fügte sie nachdenklich hinzu. + +„War er gestern abend hier?“ + +„N–nein. Man hat ihn aufgehalten,“ fügte sie schnell hinzu. „Und wie +geht es dir, Wanjä?“ + +Ich begriff, daß sie das Gespräch auf andere Dinge lenken wollte. Ich +betrachtete sie näher und bemerkte, daß sie verstimmt war. Als sie sah, +daß ich sie beobachtete, traf mich plötzlich ein zornig flammender Blick +von ihr: als hätte er mich verbrennen können, so stark empfand ich ihn. +Sie leidet wieder, dachte ich bei mir, und will es mir nicht zeigen. + +Ihre Frage nach meinen Angelegenheiten beantwortete ich mit einer +ausführlichen Erzählung von meinem Erlebnis mit Helene. Meine Erzählung +interessierte sie sehr, und versetzte sie in Erstaunen und Erregung. + +„Mein Gott! Und du konntest sie allein lassen!“ rief sie aus. + +Ich sagte ihr, daß ich eigentlich heute nicht zu ihr habe kommen wollen, +doch nicht sicher gewesen sei, ob sie, Natascha, meiner nicht bedurfte. + +„Ich deiner bedürfen,“ sprach sie vor sich hin, „oh ja, ich werde deiner +schon bedürfen, Wanjä, doch nicht heute, ein anderes Mal. Warst du bei +den – Unsrigen?“ + +Ich erzählte ihr alles. + +„Ja, Gott weiß, wie der Vater diese Nachrichten aufnehmen wird. Doch, +übrigens, was ist da aufzunehmen ...“ + +„Wieso denn? Eine solche Veränderung!“ + +„Nun ja ... Wohin ist er denn wieder gegangen? Neulich dachtet ihr, er +habe zu mir gewollt. Weißt du, Wanjä, wenn es dir möglich ist, komme +morgen zu mir. Vielleicht werde ich dir morgen etwas mitzuteilen haben +... Es ist zwar gewissenlos von mir, dich zu beunruhigen; und jetzt gehe +nach Haus zu deinem Gast. Es sind sicher schon zwei Stunden vergangen, +seit du von Hause weg bist!“ + +„Allerdings. Lebe wohl, Natascha. Nun, und wie war denn Aljoscha heute +zu dir?“ + +„Aljoscha, wie immer ... Deine Neugier wundert mich, Wanjä.“ + +„Auf Wiedersehn!“ + +„Leb wohl.“ + +Sie reichte mir etwas nachlässig die Hand und wich meinem Blick aus. Ich +ging ein wenig betroffen von ihr. „Übrigens,“ dachte ich, „sie hat allen +Grund nachdenklich zu sein; morgen wird sie mir ja doch alles erzählen.“ + +Ich kehrte in trauriger Stimmung nach Hause zurück. Erstaunt blieb ich +an der Türschwelle stehen. Im Zimmer war es dunkel. Ich konnte jedoch +sehen, wie Helene mit gesenktem Kopfe auf dem Diwan saß, in tiefes +Nachdenken versunken. Sie sah nicht einmal auf, als ich zu ihr trat; sie +murmelte nur etwas vor sich hin. „Ob sie nicht wieder phantasiert?“ +dachte ich. + +„Helene, mein Liebling, was fehlt dir?“ fragte ich, setzte mich zu ihr +und ergriff ihre Hand. + +„Ich möchte fort von hier. Ich möchte lieber zu ihr,“ sagte sie, den +Kopf noch immer gesenkt. + +„Wohin? zu wem?“ fragte ich ganz verwundert. + +„Zu ihr, zur Bubnowa. Sie sagt immer, daß ich ihr viel Geld schulde, daß +sie Mama für ihr Geld beerdigt hat ... Ich will nicht, daß sie über +meine Mama schimpft ... Ich möchte für sie arbeiten und ihr alles +zurückgeben ... Dann werde ich wieder von ihr fortgehen. Jetzt aber will +ich zu ihr ...“ + +„Beruhige dich, Helene, zu ihr kannst du nicht. Sie wird dich zugrunde +richten ...“ + +„Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich foltern,“ unterbrach mich +Helene ganz flammend, „ich bin nicht die Erste; es gibt bessere als ich, +die sich noch mehr quälen. Das hat mir eine Bettlerin auf der Straße +gesagt. Mein ganzes Leben lang werde ich arm bleiben, das hat mir meine +Mama befohlen, als sie starb. Ich werde arbeiten ... Ich will nicht +dieses Kleid tragen ...“ + +„Ich kaufe dir morgen ein anderes. Ich werde dir auch deine Bücher +wieder zurückbringen. Du wirst bei mir bleiben. Ich werde dich niemandem +abgeben, wenn du es nicht selbst willst; sei ruhig ...“ + +„Ich will Arbeiterin werden.“ + +„Gut, gut! Nur lege dich jetzt hin und versuche zu schlafen!“ + +Das arme Kind fing an zu weinen. Und langsam gingen ihre Tränen in +Schluchzen über. Ich wußte nicht, was ich mit ihr beginnen sollte; ich +reichte ihr Wasser, rieb ihr die Schläfen. Schließlich fiel sie kraftlos +auf den Diwan zurück und das Fieber schüttelte sie wieder. Ich deckte +sie zu und sie schlief ein, doch zuckte sie von Zeit zu Zeit wieder +zusammen und erwachte dann jedesmal. Obgleich ich den Tag über nicht +viel gegangen war, fühlte ich mich doch furchtbar müde und beschloß, +mich selbst so früh als möglich hinzulegen. Quälende Sorgen durchbohrten +mein Gehirn. Ich fühlte voraus, daß ich mit dem Kinde viel Mühe haben +würde. Doch machten mir Nataschas Angelegenheiten noch mehr Sorgen. +Überhaupt erinnere ich mich nicht, je in einer so schweren +Gemütsstimmung gewesen zu sein, als in dieser unglücklichen Nacht. + + + IX. + +Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr morgens, und fühlte mich ganz +krank. Mir schwindelte und der Kopf tat mir weh. Ich blickte auf +Helenens Lager: es war leer. Zu gleicher Zeit hörte ich aber im kleinen +Nebenzimmer Geräusch, wie wenn man mit dem Besen die Zimmer kehrt. Ich +ging hinein, um nachzusehen. Helene hielt in der einen Hand den Besen, +mit der anderen hob sie ihr Kleid auf, das sie seit jenem Abend noch +nicht abgelegt, und kehrte die Stube aus. Das Holz vor dem Ofen war in +der Ecke aufgestapelt, der Teekessel blankgeputzt. Kurz: Helene +wirtschaftete. + +„Höre, Helene,“ rief ich, „wer hat dir erlaubt, die Zimmer zu fegen? Du +bist krank, ich wünsche das nicht; bist du denn etwa als Magd zu mir +gekommen?“ + +„Wer wird denn hier die Zimmer reinigen?“ Sie richtete sich auf und sah +mir gerade in die Augen. „Jetzt bin ich nicht mehr krank.“ + +„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir genommen, Helene. Du +scheinst zu fürchten, daß ich wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen +könnte, daß du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen +schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert hinzu. + +„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher gebracht. Ich habe doch +Großpapa die Zimmer rein gemacht. Der Besen lag seit der Zeit dort, +unter dem Ofen.“ + +Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war es klar, daß ihr +meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, und daß sie sich bemühte, sie +verdienen zu wollen. „Was für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir. +Nach ein paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich auf +den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete ich den Tee, goß +auch ihr Tee ein und reichte ihr ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles +schweigend ohne jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze +vierundzwanzig Stunden nichts genossen. + +„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem Besen beschmutzt.“ Ich +bemerkte einen schmutzigen Streifen an ihrem Rock. + +Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und zu meiner +Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff ruhig mit beiden Händen +den Saum des Kleides und riß kaltblütig den Rock von unten bis oben +durch. + +Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig schweigend an, mit +flammenden Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide. + +„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken aus, denn ich glaubte +eine Wahnsinnige vor mir zu sehen. + +„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung ganz erstickter +Stimme. „Warum sagten Sie, daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es +nicht tragen,“ rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke +zerreißen! Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, sie hat +es gewaltsam mit mir getan. Ich habe schon ein solches Kleid zerrissen, +auch dieses werde ich zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“ + +In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. Als sie damit zu Ende +war, konnte sie sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit +Verwunderung auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. Sie sah +mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr gegenüber irgendwie +schuldig gewesen. Ich wußte bereits, was ich zu tun hatte. + +Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu kaufen. Dieses wilde, +erbitterte Geschöpf mußte man mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als +wäre sie nie einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet +der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in Stücke zerrissen, um +wieviel mehr mußte sie dieses Kleid und dieser Augenblick an alles +Schreckliche erinnern! + +Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes einfaches Kleidchen +kaufen. Das Unglück wollte es nur, daß ich in diesem Augenblick kein +Geld bei mir hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen +beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich nahm meinen Hut. +Helene folgte mir mit den Augen, als erwarte sie etwas von mir. + +„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ fragte sie, als ich nach dem +Schlüssel griff, um die Wohnung von außen zuzuschließen, wie ich es +gestern und vorgestern getan. + +„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht böse. Ich schließe die +Wohnung nur darum zu, weil ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du +bist krank und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer nicht +alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“ + +Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch nur ein, weil ich +fürchtete, daß sie von mir fortgehen könnte. Wenigstens für die erste +Zeit hatte ich beschlossen, vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir +nichts und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte einen Verleger, +der schon ein großes Sammelwerk herausgab. Von ihm holte ich mir immer +Arbeit, wenn ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute zu ihm +und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, dafür verpflichtete +ich mich in einer Woche einen bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber +hoffte auf diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das tat ich +oft, wenn die Not am höchsten war. + +Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort suchte ich eine mir +bekannte Händlerin auf, die allerhand Kleider verkaufte. Ich gab ihr +ungefähr den Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes, +starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid aus, das sie mir +zu geringem Preis verkaufte. Zufällig fand ich auch noch ein nettes +Halstuch. Als ich das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch +sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing an, kalt zu werden +und sie besaß absolut nichts. Doch ich ließ es bis auf ein nächstes Mal. +Helene war so empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses +Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht so billig und so +einfach als nur möglich gekauft hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch +zwei Paar baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die konnte ich ihr +unter dem Vorwand geben, daß sie krank und daß es im Zimmer kalt sei. +Sie hatte auch wohl Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns +näher kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber ein Paar alte +Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche Sache, die Helene nur angenehm +sein konnte. + +Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag zu Hause an. Das +Schloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Helene gar nicht bemerkte, +daß ich eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen Büchern +lesen. Als sie mich erblickte, schlug sie schnell das Buch zu, in dem +sie gelesen, und wandte sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster +Roman, auf dessen Titelblatt mein voller Name stand. + +„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte sie in einem Tone zu +mir, in dem man deutlich den Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich +eingeschlossen?“ + +„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du hast nichts geantwortet?“ + +„Nein.“ + +Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte ihr das Kleid. + +„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, die du anhast, kannst +du nicht bleiben. Ich habe dir ein billiges, einfaches Alltagskleid +gekauft, es kostet im ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“ + +Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über und über und sah +mich ganz verwundert starr an. + +Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir sehr verlegen. Doch etwas +Weiches, Zärtliches leuchtete in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß +sie schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische zu schaffen. +Meine Handlungsweise schien sie ganz zu verwirren. Sie saß da, mit Mühe +sich beherrschend, die Augen zu Boden geschlagen. + +Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische Luft hatte mir nicht gut +getan. Dabei mußte ich auf jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie +nahm zu. Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. Ich +wandte mich um. + +„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte nicht mehr ein,“ +sagte sie beiseite blickend und mit den Fingern an der Diwanschnur +zupfend, als nehme diese Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde +nicht von Ihnen fortgehen.“ + +„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch wenn nun jemand kommt, +Gott weiß, wer?“ + +„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür von innen zuschließen +und wenn jemand klopft, werde ich sagen: es ist niemand zu Haus.“ + +Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: „Sieh, wie man das +machen muß!“ + +„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, bevor ich noch +etwas erwidern konnte. + +„Hier im Hause ist eine Frau ...“ + +„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“ + +„Im Restaurant.“ + +„Ich verstehe auch zu kochen.“ + +„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“ + +Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. Meine Bemerkung +beleidigte sie offenbar. Es vergingen ungefähr zehn Minuten; wir +schwiegen beide. + +„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den Kopf zu erheben. + +„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich verwundert. + +„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen immer Suppe gekocht, +wenn sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.“ + +„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du bist,“ sagte ich und +setzte mich zu ihr auf den Diwan. „Ich bin zu dir, wie mein Herz mir +befiehlt. Du bist jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich +möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, würdest auch du mir +helfen wollen. Doch du denkst nicht so wie ich und dir fällt es schwer, +von mir etwas anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles +abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest dich doch schämen, +Helene!“ + +Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien mir etwas entgegnen +zu wollen, doch nahm sie sich zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um +zu Natascha zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den Schlüssel und +bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen sollte, zu fragen, wer da sei? +– Ich war innerlich davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand. +Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, sie sonst +aber weiter nicht mit meiner Gegenwart belästigen. + +So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit unzufriedener, strenger +Miene. Ich hätte sofort wieder weggehen sollen, doch meine Füße trugen +mich nicht mehr. + +„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ begann ich, „um dich +meines Gastes wegen um Rat zu fragen?“ + +Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich meine letzten +Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha hörte mich schweigend an. + +„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ antwortete sie +mir. „Es scheint ein eigenartiges Wesen zu sein, sicher sehr gequält und +verschüchtert. Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu +den Unsrigen bringen?“ + +„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß Gott, wie man sie +dort auch aufnehmen würde. Und du, wie geht es dir? Du schienst gestern +krank zu sein?“ fragte ich sie schüchtern. + +„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete sie zerstreut. +„Hast du jemanden von den Unsrigen gesehen?“ + +„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist ja Sonnabend ...“ + +„Nun, und dann?“ + +„Am Abend kommt der Fürst ...“ + +„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“ + +„Ich meinte ja nur so ...“ + +Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die Augen. In ihrem Blick +lag eine hartnäckige, fieberhafte, leidenschaftliche Entschlossenheit. + +„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du störst mich.“ + +Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender Verwunderung. + +„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ rief ich erschrocken +aus. + +„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen erfahren, jetzt aber +laß mich allein. Hörst du, Wanjä, gehe sofort. Ich kann dich nicht +ansehen, es zerreißt mir das Herz!“ + +„Sage mir doch wenigstens ...“ + +„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, wirst du denn nicht +gehen?“ + +Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte kaum mehr, wo ich mich +befand. Mawra stürzte mir auf die Treppe nach. + +„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich fürchte mich +schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“ + +„Ja, was hat sie nur?“ + +„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal seine Nasenspitze +gesehen!“ + +„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. „Sie hat mir doch +gestern selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen und am Abend +wiederkommen wollte ...“ + +„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen da. Ich sage Ihnen, den +dritten Tag hat er sich schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich +selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“ + +„Sie hat es selbst gesagt.“ + +„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es ihr so weh tun, daß sie es +sogar vor Ihnen verheimlichen will. Nun, das ist ’mal! ...“ + +„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an. + +„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ Mawra schlug die Hände über +dem Kopf zusammen. „Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und +jedesmal hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber spricht sie schon +kein Wort mehr mit mir. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Ich wage es +schon gar nicht mehr, sie allein zu lassen.“ + +Ich stürzte die Treppe hinunter. + +„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir Mawra nach. + +„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, nur um mich nach ihr zu +erkundigen. Wenn ich mich nur selbst auf den Beinen halten kann!“ + +Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen riß. + + + X. + +Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der +Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er +ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser +Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein +einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner +Verbindung mit Natascha. + +Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden +Brief: + +„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend +selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, +waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden +zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie +auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie +daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst +merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein +Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz +gleichgültig.“ + +„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht +mit mir von Ihnen gesprochen.“ + +Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage +antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause +sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre. + +Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die +Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen. +Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er +saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die +ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie +muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich. + +„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich +hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um, +und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene. + +In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich, +daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag. + +„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich +beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu +besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“ + +„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“ + +„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“ + +„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren. +Und Sie, wie fühlen Sie sich?“ + +„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu +mir.“ + +Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch. +Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme: + +„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen. +Was ist das für ein Gast, den du da hast?“ + +„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine +Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei +gestorben ist.“ + +„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein +sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir, +wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht +mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir +die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach +unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde +ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist +wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“ + +„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch, +bevor er starb.“ + +„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles. +Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist +... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie +fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“ + +„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“ + +Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten +und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne, +da sie ein Kind sei ... + +„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten, +mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“ + +Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man +von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt +und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits +ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren +sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des +neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art +gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen. + +„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem +... + +Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und +ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden. +„Was kann er wohl haben?“ dachte ich. + +„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch +bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir +erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art +...“ + +Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und +ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort: + +„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst +verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese +Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“ + +Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor +Verwunderung an. + +„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand +verloren.“ + +„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu +welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“ + +„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“ + +„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie +damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe, +daß ich nichts davon begreife.“ + +„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser +Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben +nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend +Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in +Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen +und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller +Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben. +‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben +meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten, +und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht +fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst +mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du +früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den +Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst, +ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du, +so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein, +endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“ + +Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern +seine geheimsten Gedanken erraten. + +„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich +hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein, +denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie +gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“ + +„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit. + +„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu +treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“ + +„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im +Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine +Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast, +daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich +verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie +von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten +Verhältnisse getrieben worden ist.“ + +„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die +Frage?“ + +„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an: +glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine +andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste +meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine +Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber +verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben +Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde +weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich +habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück, +doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft +geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich +eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte. +Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen +Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie +sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter +als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann +jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem +niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens, +einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, +so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man +noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu +vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch +mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt +und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche +schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene +Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich, +wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst +nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und +werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“ + +„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe +verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie +hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen +wieder.“ + +„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung +sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe +wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser +jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die +Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und +dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“ + +Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der +Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung +unfähig. + +„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte, +die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben. +Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie +liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich +verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und +beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich +verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung +treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag +ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren +Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten +beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche +Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer +Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“ + +Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort. + +„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und +Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich +ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz +umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut, +„ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter +gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe +auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“ + +„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber +erfahren?“ rief ich begierig aus. + +„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs +wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das +sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und +zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte, +oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser +Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz: +kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und +Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als +einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht +mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft +in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen, +Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch +mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es +zu spät sein! Lebe wohl!“ + +Ich hielt ihn zurück. + +„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten +wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die +Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum +besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell. +Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich +Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich +auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre +Herausforderung annehmen wird?“ + +„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“ + +„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt, +er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden +der Blamierte sein ...“ + +„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn +überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein +echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht +satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin +fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein +russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann, +und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“ + +„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie +selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“ + +„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich +werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir +abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort, +noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“ + +„Selbstverständlich.“ + +„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu +sprechen.“ + +„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“ + +„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei +uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren. +Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich +grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“ + +Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das +Versprechen. + +„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“ + +„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung. + +„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung +... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch +besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst +du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“ + +„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“ + +„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle +Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben, +Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht +hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den +Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das +ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst, +kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du +erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“ + +Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu +er es mir überließ. + +„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm. + +„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute +nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest. +Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir +erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich +nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe +wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das +Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus. +Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein +Lieber ...“ + +Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen +schicken. Helene hatte noch nichts genossen. + + + XI. + +Kaum war ich wieder zurückgekehrt, als ich das Bewußtsein verlor und +mitten im Zimmer hinstürzte. Ich hörte noch Helene aufschreien und +herbeistürzen, um mich zu halten ... + +Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Helene erzählte mir +nachher, daß sie mich zusammen mit dem Hausknecht, der das Essen +gebracht hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, sah +ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht Helenens. Doch dessen +erinnere ich mich nur noch wie im Traum, wie durch Nebel. Das liebe +Gesichtchen des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor mir +auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte mir die Bettdecke +zurecht, und saß traurig und erschrocken neben mir, hin und wieder mit +den Händchen mir über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch, +einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu haben. Ein andermal, +als ich plötzlich in der Nacht erwachte, bemerkte ich beim Scheine des +herabgebrannten Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten +Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes Gesichtchen neben mir auf +dem Kissen ruhen: sie hatte ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die +bleichen Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst vollständig +gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; ein heller, rosafarbener +Morgensonnenstrahl spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor +dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt und +schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe gerundetes Kindergesicht, das +auch im Schlafe seinen kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte, +dabei von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen Wimpern +lagen wie dunkle Strahlen auf ihren blassen Wangen, die umrahmt wurden +vom dunklen Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem Kissen. +Ich küßte leise, leise das magere Händchen, sie erwachte nicht davon, +doch schien im Schlaf ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen. +Ich sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, gesunden +Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis zum Nachmittag. Als ich +erwachte, fühlte ich mich fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche +und Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen Anfall hin. +Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten sich auch schon früher bei mir +gemeldet: ich kannte sie nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich +gewöhnlich in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich nicht +hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden sehr heftig und +bedrohlich auftrat. + +Es war also schon Nachmittag. Das erste, was mir in die Augen fiel, +waren die gestern von mir gekauften Vorhänge, die auf einer Schnur +aufgezogen die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene sich +ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem Augenblick stand sie am Ofen und +kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und +kam zu mir. + +„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff ihre Hand, „du hast +die ganze Nacht an meinem Bette gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so +gutes Herz hast.“ + +„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; ich habe vielleicht im +Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ sie sah mich schelmisch und +herausfordernd an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten. + +„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist du eingeschlafen ...“ + +„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre es ihr unangenehm, das +Gespräch fortzusetzen, wie es keuschen Menschen eigen ist, die sich +nicht loben hören können. + +„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend gegessen?“ + +„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht brachte das Essen. Doch +sprechen Sie lieber nicht so viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind +noch nicht gesund,“ fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und setzte +sich zu mir ans Bett. + +„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde bleibe ich liegen, +doch dann muß ich ausgehen. Ich muß es tun, Lenotschka.“ + +„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie denn? Doch nicht zum +Alten von gestern?“ + +„Nein, nicht zu ihm.“ + +„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er hat Sie gestern so +aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu seiner Tochter?“ + +„Was weißt du denn von seiner Tochter?“ + +„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte den Kopf und zog +finster die Brauen zusammen. + +„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf hinzu. + +„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.“ + +„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete sie gereizt. + +„Ja, was hast du denn gehört?“ + +„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“ + +„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber sorgt für sie, quält +sich um sie.“ + +„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr später verzeihen sollte, +so wird die Tochter nicht mehr zu ihm gehen.“ + +„Wieso? Warum nicht?“ + +„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn lieb hat,“ antwortete +sie erregt. „Soll sie ihn lieber auf immer verlassen, soll sie lieber +betteln gehen, als zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und +sich quälen.“ + +Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. „Sicher hat sie einen Grund, +wenn sie so spricht,“ dachte ich bei mir. + +„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ fügte sie hinzu und +verstummte. + +„Ja, Lenotschka.“ + +„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“ + +„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! Welch ein Unsinn; wer +würde denn dich engagieren?“ + +„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer erboster. + +Sie schien sehr heftig zu sein. + +„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ sagte ich +lachend. + +„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“ + +„Mit deinem Charakter?“ + +„Mit meinem, jawohl.“ + +Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete sie. + +„Du wirst es nicht aushalten.“ + +„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich aber werde schweigen. +Man wird mich schlagen, ich aber werde schweigen, schweigen, mögen sie +mich schlagen, ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor Wut, ich +aber werde schweigen.“ + +„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in dir steckt, und wie stolz +du bist! Viel Leid mußt du erfahren haben ...“ + +Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. Helene blieb auf dem +Diwan sitzen, sah zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg. +„Ob sie sich durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir. + +Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich mir gestern zur Arbeit +mitgebracht hatte, und vertiefte mich allmählich ins Lesen. Das +geschieht bei mir oft so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen +Augenblick, fange an zu lesen und vergesse alles. + +„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem Lächeln Helene, leise +an den Tisch tretend. + +„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld gibt.“ + +„Also Bittschriften?“ + +„Nein, nicht Bittschriften.“ + +Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten über die +Geschicke der verschiedensten Leute schreibe. Daraus entstehen Bücher, +die man Erzählungen oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem +Interesse an. + +„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“ + +„Nein, ich denke es mir aus.“ + +„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“ + +„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; du hast doch schon +einmal in ihm gelesen. Du verstehst doch zu lesen?“ + +„Ja.“ + +„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe ich geschrieben.“ + +„Sie? Ich werde es lesen ...“ + +Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte sie es offenbar nicht. +Sie war in großer Erregung. Hinter ihren Fragen steckte etwas. + +„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich. + +„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – gar nichts, je nachdem. Es +ist eine mühsame Arbeit, Lenotschka.“ + +„Sie sind also nicht reich?“ + +„Nein, ich bin nicht reich.“ + +„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“ + +Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug wieder schnell die +Augen nieder. Plötzlich trat sie auf mich zu und schlang ihre beiden +Ärmchen um mich und preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust. + +„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten gestern, daß ich +stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht so ... ich liebe Sie, und Sie +allein lieben mich ...“ + +Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß sich ihrer Brust und +durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, wie bei ihrem letzten Anfall. +Sie fiel vor mir auf die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ... + +„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur Sie allein, allein! +...“ + +Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, die sie lange +zurückgehalten, überwältigten sie in diesem Augenblick und ich begriff, +wie sie durch die Hartnäckigkeit ihres Herzens bis jetzt alles +niedergekämpft hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres +Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich der Augenblick +gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen bis zur Selbstvergessenheit der +Liebe, der Dankbarkeit, der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen +hingab. + +Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen richtigen +Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich ihre Hände von meinen Knien und +trug sie auf den Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als schäme +sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; meine Hand aber +hielt sie noch lange mit ihren kleinen Händchen und preßte sie an ihr +Herz. + +Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht hielt sie noch +immer versteckt. Hin und wieder streifte mich nur ein flüchtiger Blick, +in dem so viel Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, und +plötzlich lächelte sie wieder. + +„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, meine kleine +Lenotschka!“ + +„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte wieder ihr +Gesichtchen. + +„Nicht Lenotschka? Wie denn?“ + +„Nelly.“ + +„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist ja ein sehr netter Name. Wenn +du willst, kann ich dich so rufen.“ + +„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst nannte mich so, nur sie ... +und ich würde es auch niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen +mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer lieben, immer lieben +...“ + +„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, „wie lange mußte ich +mich darum mühen, bis es mich lieb gewann.“ + +Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer ergeben war. + +„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich beruhigt hatte, „du +sagst, daß dich außer deiner Mama niemand lieb gehabt hat. Und dein +Großpapa, liebte er dich denn gar nicht?“ + +„Nein, er liebte mich nicht ...“ + +„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf der Treppe, +erinnerst du dich?“ + +Sie dachte einen Augenblick nach. + +„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“ + +Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. + +„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, Nelly. Er hatte +bereits sein Gedächtnis verloren. Ich habe dir doch erzählt, wie er +starb.“ + +„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. Er saß hier den +ganzen Tag, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, so würde er noch +den dritten Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. Doch +früher war er viel besser.“ + +„Wann war das?“ + +„Als Mama noch lebte.“ + +„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen brachte, Nelly?“ + +„Ja, ich brachte ihm ...“ + +„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“ + +„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa genommen,“ ihre Stimme +hatte plötzlich einen harten, gesprungenen Klang. + +„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch nichts?“ + +Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf mit langem, fragendem +Blick an. + +„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich fünf Kopeken, so kaufte +ich ihm Brot und Schnupftabak ...“ + +„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“ + +„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. Als er es aber +erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich bettelte auf der Brücke und +er wartete auf mich in der Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab, +stürzte er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte ich es +vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich nicht für ihn.“ + +Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln. + +„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte sie hinzu. „Erst nach +ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“ + +„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? Warum lebtet ihr denn +nicht alle zusammen?“ + +„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat ihr nicht verziehen +... ganz wie der böse Alte von gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd +und erblaßte. + +Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines ganzen Romans lösten +sich in meiner Phantasie. Diese arme Frau, die bei einem Sargmacher im +Keller gestorben: die Tochter, eine Waise, die den Alten, der ihre +Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der geistesabwesende alte +Sonderling, der auf dem Wege von der Konditorei gleich nach seinem Hunde +gestorben war! ... + +„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, wie in Erinnerung +lächelnd. „Großpapa liebte Mama früher sehr und als Mama ihn verließ, +blieb Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... Mama verzieh +er nicht, als aber Asorka starb, ist er auch gestorben,“ fügte Nelly +hart hinzu und das Lächeln in ihrem Gesicht verschwand. + +„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte ich sie, nach einer +längeren Pause. + +„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ antwortete sie. „Er +hatte eine Fabrik ... So sagte Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so +klein und verstünde von alledem nichts. Sie küßte mich immer und sagte +zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, mein armes, mein +unglückliches Kind! Immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und in +der Nacht, wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an, +als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise und sagte +immer Armes, Unglückliches!“ + +„Woran ist deine Mutter gestorben?“ + +„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“ + +„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater reich war?“ + +„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. Mama hatte doch schon vor +meiner Geburt Großpapa verlassen.“ + +„Mit wem war sie denn fortgegangen?“ + +„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und nachdenklich. „Sie ging +ins Ausland, dort wurde ich geboren.“ + +„Im Auslande? Wo?“ + +„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in Italien war ich, in Paris.“ + +Ich staunte. + +„Und du erinnerst dich, Nelly?“ + +„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“ + +„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, Nelly?“ + +„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. Sie war Russin, denn ihre +Mutter war Russin, Großpapa aber war Engländer von Geburt, doch auch +ganz Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher zurückkehrten, +sprachen wir nur Russisch. Mama war damals schon krank. Wir wurden immer +ärmer und ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach Großpapa und +sagte immer, sie sei vor ihm schuldig und weinte ... Sie weinte so sehr, +so sehr! Als sie erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte sie +noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber antwortete nicht.“ + +„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur Großpapas wegen?“ + +„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und Nellys Augen glänzten. +„Mama lebte mit mir allein. Sie hatte einen Freund, der war so gut wie +Sie ... Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama kehrte +hierher zurück ...“ + +„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“ + +„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der sie verlassen hat ...“ + +„Mit wem denn, Nelly?“ + +Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar wußte sie, wer ihr +Vater war. Doch fiel es ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen. + +Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war ein sonderbarer +Charakter, nervös und heftig, der sich selbst immer bekämpfte, +sympathisch, doch stolz und unzugänglich. Die ganze Zeit über, seit ich +sie kannte, und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, mit +einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die zu ihrer +verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber doch so verschlossen, daß sie +nicht das Bedürfnis empfand, mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen, +sondern im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. Nur an diesem +einen Tage, in diesen Stunden teilte sie mir alles zwischen Tränen und +Schluchzen mit, was sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und +niemals werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch ihre ganze +Lebensgeschichte steht uns noch bevor. + +Wie furchtbar war diese Erzählung; die Geschichte einer verlassenen +Frau, die ihr Glück überlebt hatte; krank, gequält und von allen +verlassen; selbst von ihrem nächsten Menschen, auf den sie gehofft, von +ihrem Vater, den sie verlassen und der gequält von unendlichem Leid und +Erniedrigungen den Verstand verloren. Diese Geschichte einer Frau, die +zur Verzweiflung gebracht, mit ihrem kleinen Töchterchen, das sie noch +für ein Kind hielt, in den kalten, schmutzigen Petersburger Straßen +herumging, um Almosen zu bitten; eine Frau, die monatelang in einem +feuchten Keller mit dem Tode rang, während der Vater ihr bis zum letzten +Augenblick ihres Lebens die Vergebung nicht gewährte, und die er dann, +als er sich endlich besann und zu seinem über alles in der Welt +geliebten Kinde eilte, als Leiche vorfand. Es war eine wunderliche +Erzählung, von geheimnisvollen, fast unverständlichen Beziehungen +zwischen einem geistesabwesenden Alten und seiner kleinen Enkelin, die +ihn verstand, und trotz ihres frühen Alters vieles kannte, was andere in +langen Jahren ihres ruhig dahinfließenden sorglosen Lebens nicht kennen +lernen. Es war eine dieser dunklen und qualvollen Lebensgeschichten, die +fast unmerklich, fast geheimnisvoll unter dem schweren, trüben +Petersburger Himmel sich abspielen, in den dunklen Ecken und verborgenen +Winkeln dieser Großstadt, inmitten des Wirrsals unnatürlichen +Lebensgenusses, stumpfen Egoismus’, aufeinanderstoßender Interessen, +unheimlichen Lasters, geheimer Verbrechen, inmitten eines Höllenpfuhles +sinnlosen Lebens ... + +Doch diese Geschichte steht uns noch bevor ... + + + + + Dritter Teil + + + I. + +Schon längst hatte die Dämmerung begonnen und der Abend war bereits +hereingebrochen, als ich aus einem schweren Traum erwachte und mir der +ganzen Gegenwart und Wirklichkeit bewußt wurde. + +„Nelly,“ sagte ich zu ihr, „du bist krank und niedergeschlagen und ich +muß dich in diesem Zustande allein lassen. Doch du wirst mir vergeben, +mein Kind, wenn ich dir sage, daß ein unglückliches, verlassenes und von +mir geliebtes Wesen mich erwartet ... ja – sie erwartet mich ... und ich +habe keine Ruhe, ich kann mich nicht überwinden, ich muß sie sofort +sehen ...“ + +Ich weiß nicht, ob Nelly verstanden hatte, was ich ihr sagte. Meine +Nerven waren durch meine Krankheit und durch Nellys Erzählung dermaßen +erregt, daß ich sofort, von Sorgen getrieben, und ohne mich weiter um +Nelly zu kümmern, zu Natascha eilte. Es war schon spät, gegen neun Uhr +abends, als ich bei ihr eintrat. + +Noch auf der Straße, am Haustor, hatte ich eine Equipage bemerkt, die +mir diejenige des Fürsten zu sein schien. Der Eingang zu Nataschas +Wohnung ging vom Hof aus. Kaum als ich die Stiege betreten hatte, hörte +ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen sich vorsichtig +hinauftasten, und zwar ganz wie einer, dem die Treppe fremd war. Ich +dachte zuerst, es sei der Fürst, doch schien es mir schon bald darauf, +daß ich mich getäuscht hatte, denn der Unbekannte vor mir schimpfte und +verfluchte seinen Weg mit Worten, die um so gemeiner wurden, je höher er +stieg. Freilich war die Treppe eng, schmutzig, steil, kaum erleuchtet, +doch mußte ich die Flüche dieses Menschen eher einem Fuhrkerl als einem +Fürsten zutrauen. Der dritte Stock war hell erleuchtet: vor Nataschas +Tür brannte immer eine kleine Lampe. Ich holte den Unbekannten kurz vor +ihrer Tür ein und – wie groß war meine Verwunderung, als ich in ihm doch +den Fürsten erkannte. Es schien, daß ihn dieses Zusammentreffen mit mir +sehr unangenehm berührte. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht, +doch plötzlich veränderte sich sein Gesicht vollkommen. Sein kurzer +wütender Blick auf mich wurde heiter und freundlich und mit +außerordentlicher Liebenswürdigkeit streckte er mir seine beiden Hände +entgegen. + +„Ach, das sind Sie! Ich wollte schon Gott um die Errettung meines Lebens +anflehen. Haben Sie gehört, wie ich fluchte?“ + +Und er lachte herzlich, auf die allerungezwungenste Weise. Doch +plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder und nahm einen besorgten +Ausdruck an. + +„Aljoscha konnte Natalja Nikolajewna in dieser Wohnung unterbringen!“ +sagte er bedenklich den Kopf schüttelnd. „Diese sogenannten +Kleinigkeiten kennzeichnen den Menschen. Ich fürchte für ihn ... Er ist +gut, er hat ein edles Herz, doch da haben Sie ein Beispiel: diejenige, +die er über alles liebt, bringt er in einer Hundehütte unter. Ich hörte +sogar, sie hätte oft nichts zu essen gehabt,“ fügte er flüsternd hinzu, +mit der Hand nach der Klingel tastend. „Mir brummt der Schädel, wenn ich +an seine Zukunft denke und hauptsächlich an die Zukunft Anna +Nikolajewnas, wenn sie seine Frau wird ...“ + +Er hatte sich im Namen geirrt und vor Ärger darüber, daß er die Klingel +nicht finden konnte, dies gar nicht bemerkt. Eine Klingel gab es nicht. +Ich drückte auf die Türklinke und Mawra öffnete sofort, sich höflich +verneigend. In der Küche, die von dem kleinen Vorzimmer durch eine +Bretterwand geschieden war, bemerkte man die getroffenen Vorbereitungen; +alles in ihr war außergewöhnlich sauber. Im Ofen brannte Feuer, auf dem +Tisch stand neues Geschirr. Offenbar hatte man uns erwartet. + +„Ist Aljoscha hier?“ fragte sie der Fürst, als sie uns die Mäntel +abnahm. + +„Er ist nicht hier gewesen,“ flüsterte sie mir auf die Frage +geheimnisvoll zu. + +Wir betraten Nataschas Zimmer. In ihrem Zimmer war von besonderen +Vorbereitungen nichts zu bemerken. Bei ihr war es übrigens immer so +sauber und anheimelnd, daß es besonderer Vorbereitungen gar nicht +bedurfte. Natascha empfing uns an der Tür. Ich war erschrocken über ihr +elendes Aussehen, über ihre krankhafte Blässe, obgleich in diesem +Augenblick leichte Röte in ihre Wangen stieg. Ihre Augen glänzten +fieberhaft. Sie schwieg und reichte ein wenig verlegen dem Fürsten +hastig die Hand. Mich schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Ich stand +und wartete schweigend. + +„Da bin ich!“ begann der Fürst freundschaftlich und heiter. „Vor ein +paar Stunden bin ich zurückgekehrt, und die ganze Zeit über habe ich an +Sie gedacht (er küßte zärtlich ihre Hand). Viel, sehr viel habe ich +Ihnen zu sagen ... Doch davon später! Mein Taugenichts ist noch nicht +hier, wie ich sehe ...“ + +„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ihn Natascha etwas verwirrt, „ich habe +Iwan Petrowitsch ein paar Worte zu sagen. Wanjä komm ... einen +Augenblick.“ + +Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinter den Vorhang. + +„Wanjä,“ sagte sie halblaut, und sie führte mich in den allerdunkelsten +Winkel, „wirst du mir verzeihen, oder nicht?“ + +„Was hast du, Natascha?“ + +„Nein, nein, Wanjä, du hast mir zu oft, zu viel vergeben, auch deine +Geduld muß einmal ein Ende nehmen. Du wirst mich niemals aufhören zu +lieben, doch du wirst mich undankbar nennen, denn gestern und vorgestern +bin ich dir gegenüber undankbar, egoistisch und schlecht gewesen ...“ + +Sie brach plötzlich in Tränen aus und preßte ihr Gesicht an meine +Schulter. + +„Laß gut sein, Natascha,“ beeilte ich mich, sie zu beruhigen. „Ich war +gestern, die ganze Nacht hindurch, sehr krank und kann mich auch jetzt +kaum auf den Füßen halten, daher bin ich gestern abend und heute den Tag +über nicht bei dir gewesen, und du glaubtest vielleicht, daß ich dir +etwas nachtrüge ... Meine liebe Natascha, weiß ich denn nicht, was jetzt +in deiner Seele vorgeht?“ + +„Nun, dann ist ja alles gut ... Also hast du mir wieder verziehen, wie +immer,“ sie lächelte unter Tränen und drückte mir schmerzhaft die Hand. +„Alles übrige später. Ich habe dir viel zu sagen, Wanjä, doch jetzt zu +ihm.“ + +„Schnell, Natascha, wir haben ihn so plötzlich verlassen ...“ + +„Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen wird,“ flüsterte sie mir +noch schnell zu. „Ich weiß jetzt alles; ich habe alles erraten. An allem +ist nur _er_ schuld. Dieser Abend wird alles entscheiden. Gehen wir!“ + +Ich begriff nichts, doch fragen konnte ich sie nicht mehr. Natascha ging +mit heiterem Lächeln auf den Fürsten zu, der noch immer mit dem Hut in +der Hand dastand. Sie entschuldigte sich, nahm ihm den Hut ab und wies +ihm einen Stuhl an. Wir setzten uns alle drei rund um ihren Tisch. + +„Ich erwähnte vorhin meinen Sohn,“ fuhr der Fürst fort, „ich sah ihn nur +einen Augenblick auf der Straße, als er sich anschickte, zur Gräfin +Zinaida Fedorowna zu fahren. Er hatte es furchtbar eilig, stellen Sie +sich vor, er wollte nicht einmal ins Haus kommen, um mich nach vier +Tagen Trennung zu begrüßen. Übrigens bin auch ich schuld daran, Natalja +Nikolajewna, wenn er jetzt noch nicht hier ist, ich benutzte die +Gelegenheit, um ihm an die Gräfin einen Auftrag zu übergeben, da ich sie +heute selbst nicht mehr aufsuchen konnte. Er muß sicher jeden Augenblick +erscheinen.“ + +„Er hat Ihnen also versprochen, heute bestimmt zu kommen?“ fragte +Natascha den Fürsten in der allerungezwungensten Weise. + +„Ach, mein Gott, wie sollte er denn heute nicht kommen ... wie +eigentümlich Sie fragen!“ rief er erstaunt aus. „Übrigens, ich begreife, +Sie sind ihm böse. Es ist in der Tat nicht schön von ihm, später als +alle anderen zu kommen. Doch ich wiederhole es: ich bin schuld daran. +Seien Sie ihm nicht böse. Er ist leichtsinnig und unbeständig; ich will +ihn nicht entschuldigen, doch einige besondere Umstände verlangen es, +daß er das Haus der Gräfin nicht meidet, und verschiedene Verbindungen +nicht aufgibt, sondern im Gegenteil, so oft als möglich überall +erscheint. Er, der jetzt, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur bei Ihnen +sich aufhält und alle Welt vergißt, muß mit Ihrer Erlaubnis, hin und +wieder auch seinen Verpflichtungen nachkommen. Ich bin überzeugt, daß er +seit dem Abend nicht ein einziges Mal bei der Gräfin A. gewesen ist, es +tut mir leid, daß ich ihn vorhin nicht darnach habe fragen können! ...“ + +Ich blickte auf Natascha, die dem Fürsten mit halbironischem Lächeln +zuhörte. Er aber sprach davon so selbstverständlich, so natürlich, es +war scheinbar nicht möglich, ihn irgend einer besonderen und falschen +Absicht zu verdächtigen. + +„Und Sie wissen es wirklich nicht, daß er in all diesen Tagen kein +einziges Mal bei mir gewesen ist?“ fragte ihn Natascha mit leiser, +ruhiger Stimme, als hätte sie von einer ihr allergleichgültigsten +Angelegenheit gesprochen. + +„Wie! Kein einziges Mal bei Ihnen gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie?“ +rief der Fürst in scheinbar außergewöhnlicher Verwunderung. + +„Sie waren Dienstag, spät abends, bei mir. Am nächsten Morgen war er +eine halbe Stunde hier, seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.“ + +„Das ist doch unmöglich!“ (Sein Erstaunen wuchs immer mehr und mehr.) +„Ich dachte, er hat Sie in diesen Tagen überhaupt nicht verlassen. +Entschuldigen Sie, das ist zu sonderbar ... das ist einfach unmöglich.“ + +„Indessen, ist es so ... leider; ich habe Sie deshalb erwartet, und +glaubte von Ihnen zu erfahren, wo er sich befindet?“ + +„Mein Gott! Er muß sofort kommen! Was Sie mir soeben sagen, setzt mich +dermaßen in Erstaunen, daß ich ... ich gestehe es, alles andere von ihm +erwartet hätte als dieses ... dieses! ...“ + +„Wie erstaunt Sie sind! Und ich dachte, es würde Sie gar nicht +verwundern, sondern Sie hätten im voraus wissen müssen, daß es so sein +würde.“ + +„Wissen müssen! Ich? Ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich +ihn heute nur einen Augenblick gesehen habe, ich weiß nichts von ihm; +und sonderbarerweise, scheinen Sie es mir nicht zu glauben,“ fügte er +hinzu, uns beide ansehend. + +„Gott bewahre,“ griff Natascha auf, „ich bin durchaus überzeugt, daß Sie +die Wahrheit sagen.“ + +Und sie lachte ihm gerade ins Gesicht, so daß er etwas verwirrt und +gekränkt bemerkte: + +„Bitte, erklären Sie sich ...“ + +„Ich habe nichts zu erklären. Ich bemerke nur, daß Sie wissen mußten, +wie leichtsinnig und vergeßlich Ihr Sohn ist. Ihm ist jetzt volle +Freiheit gegeben und er läßt sich von ihr hinreißen.“ + +„Sich so gehen zu lassen, ist aber doch unmöglich, da muß noch etwas +anderes dahinter stecken; wenn er kommt, werde ich ihn sofort darüber +ausfragen. Doch mich wundert nur, daß Sie mich ... irgendwie anzuklagen +scheinen, während ich doch in der Zeit überhaupt nicht hier gewesen bin. +Im Grunde, Natalja Nikolajewna, scheinen Sie sehr böse auf ihn zu sein +... und das ist nur zu verständlich! Sie haben das Recht dazu ... und +... und ... versteht sich, ich muß als Erster daran schuld sein, +vielleicht auch nur deshalb, weil ich als Erster zurückgekehrt bin; +nicht wahr, so verhält es sich doch?“ fügte er hinzu und wandte sich +dabei mit gereiztem Lächeln an mich. + +Natascha fuhr auf. + +„Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna,“ hub der Fürst mit besonderer Würde +an, „ich gebe zu, daß mich die Schuld trifft, gleich am nächsten Tage +unserer Bekanntschaft abgereist zu sein, so daß Sie bei dem Mißtrauen, +der Ihrem Charakter eigen zu sein scheint, in der kurzen Zeit Ihre +Meinung über mich ändern konnten, wozu die Umstände vielleicht viel +beigetragen haben. Wäre ich nicht fortgereist, so hätten Sie mich besser +kennen gelernt, und Aljoscha wäre unter meiner Aufsicht geblieben. Sie +werden sehen, was ich ihm jetzt zu sagen habe.“ + +„Das heißt, Sie wollen es dazu bringen, daß er mich als Last zu +empfinden anfängt. Es ist nicht anzunehmen, daß Sie bei Ihrer Klugheit +in der Tat glauben können, mir damit einen Dienst zu erweisen.“ + +„Sie wollen damit wohl andeuten, daß ich bereits dahin gewirkt habe, daß +er Ihrer überdrüssig geworden? Oh, Sie beleidigen mich, Natalja +Nikolajewna.“ + +„Ich bemühe mich, mich stets klar und deutlich auszudrücken, wem +gegenüber es auch sei,“ antwortete Natascha. „Ich mache niemals +Andeutungen, sondern sage alles gerade heraus, wovon Sie sich noch heute +überzeugen werden. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu beleidigen – wozu +auch? Schon deshalb nicht, weil Sie meinen Worten ja doch keine +Beachtung schenken würden! Davon bin ich durchaus überzeugt, und ich +verstehe unsere beiderseitigen Beziehungen richtig einzuschätzen. Sie +werden sie doch niemals ernst nehmen, nicht wahr? Doch sollte ich Sie +wirklich beleidigt haben, so bin ich sofort bereit, meine Entschuldigung +zu machen, um vor Ihnen die Pflichten der Gastfreundschaft nicht zu +verletzen.“ + +Ungeachtet des ungezwungenen, fast scherzhaften Tones, in dem Natascha +mit lächelndem Munde diese Worte gesprochen, habe ich sie doch noch nie +in dem Maße erregt gesehen. Jetzt begriff ich, wie weh es ihr in diesen +drei Tagen ums Herz gewesen sein mußte! Ihre rätselhaften Worte: daß sie +jetzt alles erraten und begriffen habe, flößten mir Furcht ein; sie +bezogen sich bestimmt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn +geändert und betrachtete ihn als ihren Feind, – das war offensichtlich. +Sie schrieb seinem Einfluß ihr ganzes Unglück mit Aljoscha zu. Ich +befürchtete den Ausbruch einer heftigen Szene zwischen ihnen. Der +scherzhafte Ton verbarg ihre innere Erregung nicht. Ihre Bemerkungen dem +Fürsten gegenüber, – daß er ihre Beziehungen zueinander nicht ernst +nähme, die Phrase über die Gastfreundschaft, die Drohung, daß sie +geradeheraus die Wahrheit sagen würde – waren so offensichtlich und +herausfordernd, daß sie der Fürst unmöglich nicht bemerken konnte. Ich +sah, wie sich sein Gesicht veränderte, doch gab er sich den Anschein, +als verstände er die Anspielung überhaupt nicht, und er erwiderte +scherzhaft lachend: + +„Gott beschütze mich davor, von Ihnen eine Entschuldigung zu fordern! +Ich würde doch _niemals_ von einer Frau eine Entschuldigung verlangen – +noch annehmen!!! Bei meiner ersten Begegnung mit Ihnen, habe ich Sie +bereits vor meinem Charakter gewarnt, seien Sie mir darum, bitte, nicht +böse, wenn ich mir eine Bemerkung über die Frauen erlaube ... Sie werden +mir vielleicht darin zustimmen,“ wandte er sich liebenswürdig an mich. +„Ich habe bei Frauen die Eigenheit bemerkt, daß eine Frau nie ihre +Schuld sofort, im ersten Augenblick, zugeben wird, und wenn sie sie auch +später mit tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen sucht; im +Augenblick ihrer Handlungsweise jedoch wird sie es niemals tun. +Folglich, wenn Sie mich auch beleidigt haben sollten, so würde ich jetzt +keine Entschuldigung von Ihnen verlangen; für mich ist es vorteilhafter +abzuwarten, bis Sie Ihren Fehler selbst einsehen werden und ihn durch +... tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen suchen. Sie sind so +jung, rein und gut, daß der Augenblick, in dem Sie bereuen werden, ganz +bezaubernd sein muß. Besser als alle Entschuldigung jedoch wäre es, wenn +Sie mir sagen würden, wodurch ich es Ihnen zeigen soll, daß ich +aufrichtiger und wohlwollender Ihnen gegenüber bin, als Sie es von mir +glauben?“ + +Natascha errötete. Auch mir schien sein Ton ein wenig oberflächlich, +nachlässig, sogar unbescheiden. + +„Sie wollen es beweisen, daß Sie zu mir aufrichtig und offenherzig +sind?“ sagte Natascha und sah ihn herausfordernd an. + +„Ja.“ + +„Wenn dem so ist, so erfüllen Sie mir folgende Bitte.“ + +„Ich gebe Ihnen mein Wort ...“ + +„Mit keiner Silbe, mit keiner Bemerkung Aljoscha meinetwegen, weder +morgen noch übermorgen, zu belästigen. Keinen Vorwurf, daß er mich +vergessen, hören Sie? keine Bemerkung darüber! Ich möchte ihm so +begegnen, als wäre niemals zwischen uns etwas vorgefallen ... Ich +wünsche es. Werden Sie mir Ihr Wort geben?“ + +„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Fürst, „und erlauben Sie +mir, hinzuzufügen, daß ich noch niemals einer so vernünftigen +Anschauung, in diesen Dingen, begegnet bin ... Doch, das scheint ja +Aljoscha zu sein!“ + +Man hörte im Vorzimmer Geräusch. Natascha zuckte zusammen, dann schien +sie sich wie zu irgend etwas aufzuraffen. Der Fürst saß da mit ernster +Miene, als erwarte er gespannt die kommenden Dinge. Er beobachtete +scharf Natascha. Die Tür öffnete sich und Aljoscha stürzte ins Zimmer. + + + II. + +... Er flog ins Zimmer auf uns zu, mit strahlenden Augen, glücklich und +heiter. Er mußte diese vier Tage lustig und angenehm verbracht haben und +aus seinem ganzen Auftreten konnte man erraten, daß er uns viel +mitzuteilen beabsichtigte. + +„Da bin ich!“ rief er über das ganze Zimmer, „ich, der ich von allen als +Erster hätte hier sein müssen. Doch werdet ihr sofort, alles, alles, +alles von mir erfahren! Vorhin konnte ich mit dir, Papa, kaum ein paar +Worte sprechen, obgleich ich dir so viel zu sagen habe. – Nur in einigen +seltenen Augenblicken erlaubt er mir _du_ zu sagen,“ wandte er sich an +mich, „denn sonst verbietet er’s mir! Und was für eine sonderbare Taktik +er dann mir gegenüber gebraucht: er sagt zu mir einfach _Sie_. Doch von +heute ab wünschte ich, daß es nur solche seltene Augenblicke gäbe! +Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen ganz und gar verändert, +ganz und gar, ich werde euch alles erzählen. Doch davon später. Zuerst +kommt die Reihe an sie! sie! und wieder an sie, meine Natascha, mein +Engel!“ Er setzte sich neben sie und küßte ihr gierig die Hände. „Hast +du dich sehr um mich gegrämt in diesen Tagen! Doch, was soll ich sagen! +Ich konnte nicht kommen! Konnte nicht ... Mein Liebling! Du hast +abgenommen und bist so bleich ...“ + +Er bedeckte immer wieder ihre Hände mit Küssen, sah ihr in die Augen, +als könne er sich nicht an ihr sattsehen. Ich sah Natascha an und erriet +sofort, daß wir denselben Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig +war. Ja, und wie sollte dieser _Unschuldige_ jemals schuldig werden? +Eine helle Röte bedeckte plötzlich die bleichen Wangen Nataschas, als +hätte sich ihr ganzes Blut vom Herzen ins Gesicht ergossen. Ihre Augen +glänzten und sie sah stolz den Fürsten an. + +„Wo warst du denn ... alle diese Tage?“ fragte sie mit abgebrochener +Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie sie ihn +liebte! + +„Das ist es ja, daß es wirklich den Anschein hat, als wäre ich schuldig +vor dir; ja, als wenn _ich’s wäre_? Versteht sich von selbst, daß ich’s +bin, mit dem Bewußtsein bin ich auch hierhergekommen. Katjä sagte mir +noch gestern und heute, daß eine Frau eine solche Vernachlässigung +unmöglich verzeihen könne. Sie weiß doch, was sich Dienstag hier mit uns +zugetragen, ich habe es ihr gleich am andern Tage mitgeteilt. Ich habe +mich mit ihr gestritten, habe ihr gesagt, daß diese Frau _Natascha_ +heißt, und daß auf der ganzen Welt ihr nur eine ähnlich kommt: und das +ist Katjä; und ich bin hierhergekommen mit dem vollen Bewußtsein, daß +ich im Streite recht behalten. Wie soll ein solcher Engel wie du, nicht +verzeihen? ‚Es wird ihn etwas aufgehalten haben, aber er wird nicht +aufgehört haben, mich zu lieben,‘ so denkt meine Natascha! Ja und wie +kann man aufhören, dich zu lieben? Ist denn das möglich? Mir schmerzte +das Herz deinetwegen. Denn ich fühle mich doch schuldbewußt. Du selbst +wirst mich jedoch rechtfertigen, wenn du alles erfahren haben wirst! Ich +werde dir sofort alles erzählen, ich muß mein Herz vor euch allen +ausschütten; darum bin ich gekommen. Ich wollte heute auf einen freien +Augenblick zu dir eilen, um dich zu küssen, doch auch das mißlang mir: +Katjä verlangte, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit umgehend zu +ihr käme. Das war in dem Augenblick, als du mich trafst, Papa; auf einen +besonderen Brief Katjäs fuhr ich das zweitemal zu ihr. In diesen Tagen +sind Briefe zwischen uns hin- und hergegangen. Iwan Petrowitsch, Ihren +Brief habe ich erst gestern gelesen, Sie sind durchaus im Recht, in +allem, was Sie mir gesagt haben. Doch was sollte ich tun: eine physische +Unmöglichkeit! Ich dachte bei mir: morgen abend wirst du dich +verteidigen, denn heute abend war es mir doch schon ganz unmöglich nicht +zu dir zu kommen, Natascha.“ + +„Was war das für ein Brief?“ fragte Natascha. + +„Er war bei mir gewesen und hatte mich, versteht sich, nicht +angetroffen. Im Brief, den er mir hinterlassen, machte er mir heftige +Vorwürfe, dich nicht besucht zu haben. Und darin ist er vollkommen im +Recht. Das war gestern.“ + +Natascha sah mich an. + +„Wenn du aber Zeit hattest vom Morgen bis zum Abend bei Katherina +Fedorowna zu sein ...“ begann der Fürst. + +„Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst,“ unterbrach ihn Aljoscha: +„‚Wenn du bei Katjä deine Zeit zubringen kannst, um wieviel mehr hättest +du sie hier zubringen können.‘ Ich bin durchaus darin mit dir +einverstanden und füge noch meinerseits hinzu, daß ich noch tausendmal +mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein. Doch gibt es unerwartete, +sonderbare Zufälle, die alles um und um werfen. Nun, mit mir ist etwas +geschehen, das mich vollständig verändert hat – bis auf die +Fingerspitze, also muß es doch etwas Besonderes gewesen sein!“ + +„Ach, mein Gott, was ist denn mit dir geschehen? Martere mich nicht,“ +bemerkte Natascha, belustigt über den Eifer Aljoschas. + +In der Tat war er ein wenig lächerlich: er beeilte sich schon gar zu +sehr, seine Worte überstürzten sich, er redete zusammenhangslos. Er +schien nur zu reden, zu reden und nichts zu sagen. Zwischendurch führte +er immer wieder Nataschas Hand an seine Lippen, als könnte er sich nicht +an ihr sattküssen. + +„Was mit mir geschehen ist?“ fuhr Aljoscha fort. „Ach, meine Lieben! Was +ich getan, was ich gesehen, welche Menschen ich kennen gelernt habe! +Erstens, Katjä: sie ist die Vollkommenheit! Ich habe sie bis jetzt +überhaupt nicht gekannt! Auch am Dienstag, Natascha, als ich von ihr so +begeistert sprach, kannte ich sie noch fast gar nicht. Bis jetzt hatte +sie sich ja auch vor mir verschlossen, doch jetzt kennen wir einander +gut und sagen uns bereits _du_. Doch ich will von Anfang beginnen: +erstens, Natascha, wenn du gehört hättest, wie sie von dir gesprochen, +als ich ihr am nächsten Tage, am Mittwoch, alles mitteilte, was sich +hier, zwischen uns, ereignet hatte ... A propos: soeben fällt mir ein, +wie dumm ich mich hier bei dir am Mittwoch morgen betragen! Du empfingst +mich begeistert, so durchdrungen von der glücklichen Veränderung unserer +Verhältnisse; du wolltest mit mir von alledem sprechen; du warst +wehmütig gestimmt und zu gleicher Zeit liebkostest du mich und +scherztest mit mir; und ich ... ich machte einen soliden Menschen aus +mir! Oh, ich Dummkopf! Denn ich wollte den zukünftigen Ehemann spielen +und mir einen ernsten Anschein geben, vor wem? Vor dir! Wie mußt du über +mich gelacht haben, und wie verdiente ich deinen Spott!“ + +Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit einem +triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh gewesen, daß sein +Sohn sich von einer so lächerlichen und leichtsinnigen Seite gab. Den +ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der +festen Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, wenn auch +alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen. + +„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete Aljoscha weiter. „Ich +habe bereits erzählt, daß wir uns an diesem Morgen gegenseitig kennen +lernten, und wie sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich +selbst nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige starke +Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und wir verstanden uns ... +auf immer. Du mußt sie, du mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie +dich mir erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch ein Schatz +du für mich wärest! Nach und nach teilte sie mir alle ihre Ideen mit und +ihre Anschauung über das Leben. Was für ein ernster, was für ein +begeisterter Mensch sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von +unserer Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe von sechs +bis sieben Stunden in allem miteinander übereinstimmten, so schworen wir +uns ewige Freundschaft und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben +zusammen zu wirken!“ + +„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst. + +„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich über mich +wundern wirst, und ich fühle alle deine Entgegnungen mir gegenüber im +voraus,“ antwortete begeistert Aljoscha. „Alle seid ihr praktische +Menschen, die streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich +zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig und spöttisch +verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr derselbe, den du noch vor ein +paar Tagen kanntest. Ich bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller +Welt in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig ist, so +werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; und wenn ich nicht von +meinem Wege abweiche, so bin ich ein ehrlicher Mensch. Doch genug von +mir. Möget ihr sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“ + +„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst. + +Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. Sie fürchtete, daß +er sich in seinem Gespräch hinreißen lassen würde, wobei er sich nie in +einem für ihn günstigen Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in +unserer Gegenwart, namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich +erscheine. + +„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine Philosophie,“ sagte +sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht ... es wäre besser, du +erzähltest ...“ + +„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha aus. „Die +Sache verhält sich nämlich so: Katjä hat zwei Vettern, Ljowinka und +Borinka, der eine ist Student, der andere nur ein junger Mann. Sie steht +mit ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche +Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, und zwar – aus Prinzip. Als +wir, Katjä und ich, über die Aufgabe des Menschen und von all diesen +Dingen sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, und ich +eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Noch am selben Abend +wurden wir die besten Freunde. Dort waren Menschen der verschiedensten +Nationalitäten – Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein +Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan Petrowitsch, alle +hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten in Zukunft viel von Ihnen. +Ich sagte ihnen, daß ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen. +Alle empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich sagte ihnen +sofort, daß ich bald heiraten würde und alle behandelten sie mich +bereits wie einen verheirateten Menschen. Alle leben sie im fünften +Stock unter dem Dach und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka +und Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher Liebe zur +Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, von Wissenschaft und +Literatur, und alle sprachen sie so gut, so einfach und aufrichtig ... +Auch ein Gymnasiast ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so +edel sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! Wo ich +auch gewesen bin, was ich auch gesehen, unter welchen Menschen ich auch +aufgewachsen, nur du, Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach, +Natascha, du mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits. +Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä hat Ljowinka und +Borinka versprochen, sobald sie in den Besitz ihres Kapitals gelangt, +eine Million zum Wohle der Menschheit zu opfern.“ + +„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka und Borinka mit +ihrem ganzen Gefolge sein?“ fragte der Fürst. + +„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich schämen so zu +sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest Aljoscha. „Ich weiß, was du +meinst! Wegen dieser Million haben wir hin- und hergesprochen und +beraten, wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, sie +für die Volksaufklärung zu verwenden ...“ + +„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt nicht gekannt,“ +bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit demselben ironischen Lächeln. +„Ich habe übrigens viel von ihr erwartet, doch das ...“ + +„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir dabei so sonderbar? +Weil niemand von euch bis jetzt eine Million gegeben hat, sie aber +dieses Opfer bringen will? Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde +Rechnung nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, heißt auf +fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt erfahren.) Sie will +ihrem Vaterland Nutzen bringen und allen denen, die es brauchen. Und +worauf fußt eure ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt +habe? Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr oder +Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein Dummkopf bin! Wenn du wissen +würdest, Natascha, wie Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die +Hauptsache, sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die edlen +Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin zu diesen Dingen sagt, +– Besmygin ist ein Bekannter Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der +ganzen Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte er +noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu +sein, ist bereits nicht mehr ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit +solchen Wahrheiten wirft er nur so um sich.“ + +„Wirklich genial!“ brummte der Fürst. + +„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft +gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt man alles dem Erdboden so nah als +möglich, damit alle gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch +nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – ganz als ob das +möglich wäre! Als ob das nicht sogar tausendmal mehr unmöglich wäre, als +was wir denken und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du +gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“ + +„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon ihr gesprochen, ich +muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen habe,“ sagte Natascha. + +„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, zur Humanität +und Liebe führt; von allem, was zu den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir +sprechen von Reformen, von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke +unserer Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, wir haben +uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander vollkommen +aufrichtig zu sein. Nur durch vollkommene Aufrichtigkeit und +Wahrhaftigkeit kann man das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders +Besmygin. Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen bei: Und +deshalb haben wir uns alle unter seine Führung gestellt, haben ihm das +Wort gegeben, unser ganzes Leben hindurch ehrlich und aufrichtig zu +handeln, was man auch von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals +zu verzagen und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler zu +schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. Wenn du wünschst, daß +man dich achte, achte du dich selbst zuerst, nur durch deine +Selbstachtung wirst du andere zwingen, dich zu achten. Das sagt +Besmygin, und Katjä ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben +beschlossen, uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander +aufmerksam zu machen ...“ + +„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, „und wer ist dieser +Besmygin? Nein, das kann nicht so fortgehen.“ + +„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. „Höre, Papa, warum +erzähle ich dir das alles? Weil ich hoffe, dich für unseren Kreis zu +gewinnen. Ich habe es ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst +mich lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, höre +mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. Du kennst sie +nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, sie nicht angehört. Vielleicht +hast du von ihnen gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du +bist ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei +ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst wenn du bei +ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, ich gebe dir mein Wort, +dann wirst du ... unser! Denn ich will alle Mittel brauchen, um dich von +den Anschauungen deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so +hängst.“ + +Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln diesem Ausbruch zu; +in seinem Gesicht lag verhaltene Wut. Natascha betrachtete ihn mit +unverhohlenem Widerwillen. Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s +nicht. Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges Gelächter +ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück, als könne er sich +vor Lachen kaum mehr halten. Doch war das ein erzwungenes Lachen, und +man merkte es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen +wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu Herzen zu gehen, +sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Nichtsdestoweniger wartete +er ruhig, bis die Heiterkeit seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“ +sagte er traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber so +aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt +habe, so belehre mich doch eines besseren, aber lache nicht über mich. +Und worüber lachst du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig +schien. Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles woran +ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, wie du mich soeben +genannt hast; doch wenn ich mich geirrt habe, so tat ich es ehrlich und +aufrichtig und habe dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht +eingebüßt. Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht echt +sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, heilig. +Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere Gesellschaft mir nichts +Ähnliches, was mich so mitgerissen hätte, gegeben hat. Zeige mir was +Besseres und ich werde dir folgen, doch lache nicht über mich, denn das +beleidigt mich.“ + +Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha folgte seinen +Worten mit großem Mitgefühl. Der Fürst selbst schien mit Verwunderung +seinen Sohn anzuhören und veränderte sofort seinen Ton. + +„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein Freund, im +Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst einen so wichtigen Schritt +in deinem Leben zu machen, und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges +Kind zu sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich über +dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“ + +„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte Aljoscha bitter. „Und +warum fühle ich es denn schon lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt +und spöttisch verhältst, und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum +fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend zu +meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. Höre mich an, Papa, +sprechen wir uns ein für allemal darüber aus, damit es keine +Mißverständnisse mehr unter uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet, +euch alle hier anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht +besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann man durch +Aufrichtigkeit vermeiden!“ + +„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. „Was du vorschlägst, +scheint sehr klug zu sein. Vielleicht hätte man damit beginnen sollen,“ +fügte er, an Natascha gewandt, hinzu. + +„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann Aljoscha. „Du hast +sie selbst herausgefordert. Du hast in meine Ehe mit Natascha +eingewilligt; du hast uns dieses Glück geschenkt und dich selbst +überwunden. Du warst großmütig und wir alle haben deine edle +Handlungsweise anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt ununterbrochen +die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher Junge bin, der zum +Manne überhaupt nicht taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich +besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst dich geradezu zu +freuen, wenn du mich von irgendeiner Seite lächerlich machen kannst; das +habe ich nicht nur jetzt, sondern bereits früher bemerkt. Du willst +offenbar darauf hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint +und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du selbst nicht daran, +warum du eingewilligt, als wäre das alles nur ein Scherz, eine +Spielerei, ein lächerliches Vaudeville ... Ich schließe das nicht nur +aus deinen heutigen Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, als +ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare Bemerkungen, +die mich so wunderlich berührten. Und auch am Mittwoch, als du +fortfuhrst, machtest du einige Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die +in bezug auf Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol +waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu hören wünschte, +so lieblos waren sie im Grunde und so ohne jegliche Achtung für sie ... +Das ist schwer mit Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das +Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. Beruhige du mich +darüber ... und auch sie, denn auch sie muß es empfunden haben. Ich habe +es sogleich auf den ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“ + +Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha hörte ihm mit +flammendem Gesicht feierlich zu. Hin und wieder unterbrach sie ihn in +seiner Rede mit der Bestätigung: „Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst +schien unruhig und geärgert. + +„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich nicht mehr dessen +erinnern, was ich dir alles gesagt haben soll; doch sonderbar erscheint +es mir, daß du meine Worte hast so auslegen können. Wenn ich dagegen +soeben gelacht habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen +wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß du heiraten +willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, verzeih den Ausdruck +– sogar komisch. Wenn ich dich ausgelacht habe, so bist du allein daran +schuld, denn mich trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit +eine größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst und erst +heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht alles fähig bist. Ich +zittere bei dem Gedanken an Natalja Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu +übereilt gehandelt; ich sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die +Liebe vergeht, doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von +deinem Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch bist, so denke +doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben du vernichtest, vollkommen +vernichtest! Du hast, zum Beispiel, die ganze Zeit über von der Liebe +zur Menschheit, vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen +Menschen gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber Iwan +Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm hier auf der vierten +Etage einer engen, dunklen Treppe zusammentraf, Gott dankend, daß ich +mir nicht die Beine gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch +den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner großen Liebe zu +Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung +lebt? Hast du es dir denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne +die Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das Recht +hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt nicht, und Liebe äußert +sich in Taten; wie aber denkst du: ‚lebe mit mir, wenn du auch durch +mich leidest,‘ ist das etwa human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu +reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und zu +gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es nicht einmal zu +bemerken – ist mir unverständlich! Du sagst mir Aljoscha, daß du in +diesen Tagen erlebt, was schön und edel sei und wirfst mir vor, daß +unsere Gesellschaft nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das ist +schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und nach dem, was sich am +Dienstag hier zugetragen, auf vier Tage diejenige zu vergessen, die dir +am teuersten auf der Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina +Fedorowna gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so liebt und so +großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. Welch ein Recht hast du +denn auf ihre Vergebung, und wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast +du denn wirklich nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen, +wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit in Natalja +Nikolajewna erwecken mußte? Hattest du wirklich das Recht, um der neuen +Ideen willen, deine heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen? +Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort nicht +gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist wichtiger als dieses Wort: +Sie werden das selbst verstehen ... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja +Nikolajewna in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man wohl begreifen +kann, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die +die glücklichsten ihres Lebens sein sollten. Solche Handlungen +einerseits und – Worte nichts als Worte andererseits ... habe ich denn +nicht recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du allein schuld +bist?“ + +Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit hingegeben, +konnte er sich eines triumphierenden Gefühls nicht erwehren. Als +Aljoscha von Nataschas Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger +Blick auf sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen: + +„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere haben mehr Schuld +als du. Setze dich und höre zu, was ich deinem Vater sagen werde. Es ist +Zeit, der Sache ein Ende zu machen!“ + +„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich endlich zu erklären,“ +griff der Fürst auf. „Ich höre die Anspielungen bereits zwei Stunden und +ich muß gestehen, daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang +hatte ich nicht erwartet.“ + +„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten zu bezaubern, damit +wir Ihre geheimen Absichten nicht bemerkten. Was soll ich Ihnen da +sagen! Sie wissen und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht. +Ihr erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten und wissen +alles im voraus, wie es kommen muß, seit dem Abend als Sie hier waren +haben Sie sich alles an den Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits +gesagt, daß Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie spielen mit +uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. Ihr Spiel freilich ist +aufrichtig, und Aljoscha hat recht, wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf +unsere Sache wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im +Gegenteil über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen, wie gut er +mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, vielleicht besser, als man es +von ihm verlangen konnte.“ + +Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, daß es an diesem +Abend zu einer Katastrophe kommen würde. Doch diese beleidigende +Aufrichtigkeit Nataschas und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer +Worte setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der Tat etwas +erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen haben. Vielleicht +hatte sie sogar mit Ungeduld den Fürsten erwartet, um ihm alles ins +Gesicht zu schleudern. Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht +drückte naive Furcht und quälende Erwartung aus. + +„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt haben,“ rief der +Fürst aus, „und überlegen Sie sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon +verstanden.“ + +„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte Natascha, „sogar +er, sogar Aljoscha hat es empfunden und Sie wissen, daß wir uns nicht +gesehen noch gesprochen haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie +mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie liebt +und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben sich nicht einmal die +Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger ihm gegenüber zu sein, so sehr +rechneten Sie darauf, daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein +feinfühlendes, empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre Worte und +den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen nicht vergessen können ...“ + +„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte der Fürst und +wandte sich verwundert an mich, als wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er +war aufgeregt und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort, +„und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und darum wollen Sie +alle Welt und mich als Ersten beschuldigen ... und erlauben Sie, daß ich +schon alles sage: eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem +Charakter machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde +keinen Augenblick mehr hierbleiben, wenn nicht die Interessen meines +Sohnes ... Ich warte noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu +erklären?“ + +„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen Sie es nicht +begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? Sie wollen, daß ich alles +Ihnen gegenüber ausspreche?“ + +„Ich warte ja nur darauf.“ + +„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, mit blitzenden +Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“ + + + III. + +Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu +bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem +Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen +Charakter an. + +„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie +hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“ + +„Ja.“ + +„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu +gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die +Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr +über die Situation zu werden.“ + +„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“ + +„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit +äußerst gekränkter Würde. + +Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor +sich ging. + +„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles +zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie +sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß +nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so +weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte, +und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen +Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht +vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die +Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir +lassen ...“ + +„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“ + +„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich +um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie +wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer +Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere +Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie +wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht +hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die +Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten +Sie tun! ...“ + +„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“ + +„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem +Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht +in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um +Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja +aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe +das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne +aufgebaut.“ + +„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin. +„Einsamkeit, Grübelei und Romane!“ + +„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte +Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und +immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie +begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch +nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem +Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf, +weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses +Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel +Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß +er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem +Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als +er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in +Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen +haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am +nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr +fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal +war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur +einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf +diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man +dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ... +In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz +neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu +gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie +schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich +ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs +Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen +Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es +wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen +Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint +man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend +... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ... +alles ist ja gewesen ... bekannt ...“ + +Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch +einmal auf und fuhr fort: + +„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist +es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte, +Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese +Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und +... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch +der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht, +daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch +jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß +ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was +soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch +immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“ + +Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück +und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er +konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen. + +Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen. +Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er +anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles +auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte +Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ... + +„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst +zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit +... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn +das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die +Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an +Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“ + +„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“ +unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend. + +„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß +ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in +diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe +ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich +beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen? +Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen! +... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner +Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu +lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich +Unglückliche!“ + +Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte. + +„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen. + +„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie +allein, – allein!“ + +„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig – +„woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre +Annahmen, aber Beweise ...“ + +„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher +Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten +Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger +und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht +vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht +wahr sein!“ + +„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln, +„wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich +darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst +beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche +Vorwürfe zu machen ...“ + +„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig +machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen +Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen – +demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der +schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns +durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist +diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie +falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese +neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten +Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und +ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes +Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon +überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und +unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst! +So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles +erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich, +habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie +nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick +noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das +läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben! +Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“ + +„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches +Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch +vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“ + +„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren +Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom +Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich +zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“ + +„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken +Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits +beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so +weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt +annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar +zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie, +bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn +Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht, +so ist sein Herz eben gegen mich ...“ + +„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen +dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben +kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“ + +„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus. + +„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das +wäre schrecklich, das wäre Sünde!“ + +„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha. + +„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende +bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen +Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich +bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr +übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt +haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort +bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“ + +„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie +benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen +beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in +Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“ + +„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder +heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie +Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu +fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich +sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles +entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit +Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht +endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch +besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt +mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat +auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können, +ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch. +Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen +aufsuchen; Sie erlauben?“ + +Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer +Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die +Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck +gekränkter Würde, das Zimmer. + + + IV. + +Einige Minuten blieben wir alle stumm. Natascha saß traurig und +gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. Jede Energie hatte sie +verlassen. Sie starrte, ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als +hätte sie auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. Der +weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder mit ängstlicher +Neugier beobachtend. + +Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, ihm zu +verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld hätte: nur zu bemerkbar +war es, daß er seinen Vater rechtfertigen wollte; das schien ihm sehr am +Herzen zu liegen; er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu +wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. Er schwor +ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte voll Feuer seine +Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen wiederholte er, daß er sie nur +wie eine Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch +nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig und gemein +seinerseits und er versicherte immer wieder von neuem, daß Natascha, +wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit ihr befreunden und niemals von +ihr lassen würde, und daß von Mißverständnissen schon garnicht die Rede +sein könne. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich +nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, auch hatte er vieles, +was sie seinem Vater vorhin gesagt, überhaupt nicht begriffen. Er wußte +nur, daß sie sich entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein +auf dem Herzen. + +„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ fragte ihn Natascha. + +„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, „wenn ich selbst +den Grund zu allem gegeben habe und an allem schuld bin? Ich habe dich +so sehr gekränkt, daß du in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich +verteidigen zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es nicht +wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest du ihn für +schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, wirklich nicht!“ rief Aljoscha +bewegt aus. „War er denn deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das +erwarten!“ + +Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll ansah, +bereute er das Gesagte wieder sofort. + +„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache von allem!“ + +„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt ist er zwischen +uns getreten und hat uns fürs ganze Leben unsern Frieden zerstört. Du +hast immer an mich mehr geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in +dein Herz Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; er nahm +mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze Katze ist zwischen uns +gelaufen.“ + +„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze Katze?‘“ + +Der Ausdruck mißfiel ihm. + +„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut fesselt er dich an sich,“ +fuhr Natascha fort, „und wird dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr +aufhetzen.“ + +„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. „Er war gereizt, +als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ hätten, und du wirst sehen, morgen +bereits wird er uns wieder verloben und wenn er sich wirklich so +geärgert haben sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre ich +dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich werden meine Kräfte +noch so weit reichen ... Und weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er +plötzlich, von seiner Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns +helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes +Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein kann, und +uns zu entzweien beabsichtigt! Und wie ungerecht du gegen mich warst, +als du vorhin sagtest, ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach +der Hochzeit eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das tat! +Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft zu Katjä ...“ + +„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht das habe ich +vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Werde glücklich, mit wem +du willst. Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du +mir freiwillig gibst ...“ + +Mawra trat ins Zimmer. + +„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der Samowar kocht schon +zwei Stunden; es ist elf Uhr.“ + +Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei Laune, weil sie +sich über Natascha geärgert hatte. Sie hatte nämlich seit Dienstag +triumphiert, daß ihr Fräulein (die sie sehr liebte) sich verheiraten +würde, was sie bereits im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden, +beim Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher General +und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die Hand ihres Fräuleins +angehalten habe, was sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört hätte, und +plötzlich ging jetzt alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung +fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht sich, an +allem war das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie unehrerbietig sie +zu ihm gesprochen. + +„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha. + +„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“ + +„Gewiß, auch den Imbiß.“ + +Natascha lächelte. + +„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen Tag bin ich +gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt nach Wein gegangen und nun ...“ + +Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter sich zu. + +Natascha errötete und sah mich eigentümlich an. + +Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei Flaschen guten Wein +von Jelissejeff. „Wozu hatte man das alles vorbereitet,“ dachte ich. + +„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu mir, ganz verwirrt. +„Ich habe es gewußt, daß es heute so kommen würde, wie es gekommen ist +und doch hoffte ich, es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde +kommen und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen würden sich +als ungerecht erweisen, man würde mich bereden, davon überzeugen und ... +so hatte ich denn auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte +ich, werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“ + +Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie das sagte. Aljoscha +geriet in Entzücken. + +„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht daran geglaubt; +noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht daran! Nein; das muß alles +wieder gut gemacht werden; ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch +wieder alles gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu Papa +gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; man muß ihn +beruhigen, ich werde ihm alles sagen, was ich denke, von mir aus denke; +dich werde ich nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich +dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird sich vor +dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen werde ich den ganzen Tag +bei dir bleiben, zu Katjä werde ich nicht gehen.“ + +Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst den Rat zu +fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde jetzt mit Absicht ganze Tage +lang bei ihr bleiben und sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie +seinem Vater gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha +beim Abschied freundlich zuzulächeln. + +Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich umkehrte, sich +neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er sah sie mit +unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. + +„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht mehr böse und wir +wollen uns niemals mehr zanken. Und gib mir dein Wort, daß du mir in +allem glauben wirst und ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein +Engel! Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht mehr, +warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in der Stadt herum, +besuchte meine Kameraden, aber mein Herz war mir schwer, so schwer ... +Und plötzlich kam es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du +erkranktest und sterben würdest? Und wie ich mir das so vorstellte, +überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich dich tatsächlich auf +immer verloren. Meine Gedanken wurden immer dunkler und grauenvoller. +Ich stellte mir vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos +vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen würde, dich rufen, und +Gott um das Wunder anflehen würde, daß du auf einen Augenblick vor mir +erschienest; ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde, +um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich wäre +ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich nur auf einen Augenblick, wie +früher, hätte umarmen können. Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott +anflehe, dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch +schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen sechs Monaten so +oft mit dir gestritten und wir unser Glück nicht zu schätzen verstanden +..., jetzt aber fähig wäre für eine Minute Glück mit dir mein ganzes +Leben zu opfern ... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte +so schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest mich +bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich wirklich verloren +gehabt, Natascha! Wollen wir uns das Versprechen geben, niemals mehr zu +zanken! Mir ist dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir +vorstellen, großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“ + +Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha schwor ihr +nochmals, sie niemals zu verlassen. Er war fest überzeugt, daß er alles +wieder gut machen würde. + +„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, und drückte +krampfhaft meine Hand. + +„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; doch, er liebt +auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr lieben als mich. Und der +Fürst wird nicht ruhen ... und dann ...“ + +„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig handelt, doch +...“ + +„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! Ich habe es an +deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, du wirst noch sehen, ob ich recht +habe oder nicht? Ich habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein +weiß nur, was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher +Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- und abgegangen, ich +habe über alles nachgedacht, und bin hinter alles gekommen. Er will nur +das Herz Aljoschas von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich +diese Verlobung ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu bezaubern +und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! Auch hat Aljoscha einen +solchen Charakter. Er würde sich beruhigen, seine Unruhe um mich würde +aufhören. Er denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und +wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der Fürst kennt Katjä, er +hat sie gut beobachtet und findet, daß sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn +stärker beeinflussen kann, als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung +beruht auf dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen, +deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn nicht ab, sondern versuche +um Gotteswillen, so bald als möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst +Katjäs Bekanntschaft machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe deine +Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so gut, wie du, und du +allein weißt, was ich brauche. Beobachte ihre Freundschaft, und worüber +sie miteinander sprechen; besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch +diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber Wanjä! Nur auf +dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! ...“ + +Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein Uhr nachts. Nelly +öffnete mir mit verschlafenen Augen die Tür. Sie lächelte und sah mich +freudig an. Die Arme ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war. +Sie hätte mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in meiner +Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem Schreibtisch einen Zettel an +mich hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojeff. Er forderte mich +auf, morgen um ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über +alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand darauf, daß +sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war müde und hatte nur eine halbe +Stunde vor meinem Kommen geschlafen. + + + V. + +Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen +Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade +den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu +Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon +unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß +sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es +sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür +angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden +habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich, +nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um +mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich +zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm +sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der +Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer +verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund +und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und +habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber +nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei, +daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an +zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig +bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu +fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte +ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa +gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“ + +„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“ + +„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“ + +Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich +fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch +Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly +allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich. + +Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben. +Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons. + +„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich. + +„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich +habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“ + +Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits +wieder verlassen. + +„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen. + +„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so +lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich +bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich, +halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als +fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu +verlieren ... + +„Also ... und warum auch _nicht_ langweilig?“ fragte ich sie, +unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden. + +„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt. + +Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit +gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend. + +„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie. + +„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“ +sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und +über errötend auf mich. + +„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“ + +Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was +gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das +war nicht möglich. Nelly schwieg. + +„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster +Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen +niederzuschlagen. + +„Wer denn?“ + +„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“ + +„Es mußte so sein, Nelly.“ + +„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach +sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden +gerichtet. + +Es verging eine Minute. + +„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte +sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie +zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“ + +„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers, +er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr +nichts Beruhigenderes mitteilen konnte. + +„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“ + +Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch +und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor +heftiger Erregung. + +„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist +doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber +bist du denn böse, empfindsame Kleine!“ + +„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller, +liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr +Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen. + +Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und +weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute. +Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr +ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie +es an mich und lachte immer heftiger und heftiger. + +Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir +verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im +Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die +Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag +zurück zu sein. + +Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war +sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er +hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst +eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur +Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen +und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit +ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner +Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit +eines Bruches ohne jede Verwunderung hin. + +„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals +fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht +sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist +doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten. +Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er +weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser +letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft. +Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt +du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der +Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will +nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist +so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann +verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“ + +Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre +Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß +sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht +erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre +Gesundheit. + +Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber, +behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen +verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen, +pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr +erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn +er sie verlöre. + +Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet +hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er +hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich +mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit +großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie +erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine +Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck. + +„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis +dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine +Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“ + +Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung +war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer +gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und +reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit +dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen. + +Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte. + +„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch +eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn +Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es +freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und +hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich +habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige +Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der +Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit +Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch, +oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu +erscheinen. Doch jetzt ...“ + +Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen +verständnisvollen Blick zu und verschwand. + +... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend. + +„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig +nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich, +Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“ + +„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“ + +„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber +hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor +Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner +Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil +ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur, +doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf +mich ...“ + +„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe, +Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“ + +„Von dem _Nur_ werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich, +stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.) +„Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache +wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen. +Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so +gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt +sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann +zu Hause sein.“ + +„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend +wollte ich doch dahin gehn ...“ + +„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am +Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für +eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“ + +„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig +gemacht hast.“ + +Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir. + +„Du wirst also kommen?“ fragte er. + +„Ich habe gesagt, daß ich komme.“ + +„Gib dein Ehrenwort.“ + +„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“ + +„Das ist anständig. Wohin gehst du?“ + +„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts. + +„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä, +vergiß nicht ... sieben Uhr ...“ + +„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach. + +Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich +jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so +beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich +jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und +freute sich außerordentlich über mein Kommen. + +Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha. +Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an, +daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die +Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich. + +Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie +belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in +seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm +sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen. + +„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte +mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend +etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch +ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann +versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte +ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben +aufhört! Was soll ich tun?“ + +„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer +den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit +abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig +zur Last fallen.“ + +„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus. + +„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“ + +Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen +zu reinigen. + +„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach. + +Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte +er mich erwartet. + +„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe +noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich +darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin +bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich +die andere jetzt nicht ganz ...“ + +„Nun, so fahren Sie doch ...“ + +„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan +Petrowitsch, helfen Sie mir ...“ + +„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr +Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr +langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen +Sie, ich werde Ihnen helfen.“ + +„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“ + +Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm: + +„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“ + +„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus. + +„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob +ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“ + +„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich +Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte. + +„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“ + +„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“ + +„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha +traurig an. + +„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich +diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch +kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach +Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn +freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du +einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre +unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich +beruhigen.“ + +„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht +wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so +gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche +gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht. +Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so +schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und +ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä +anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern +passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie +ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“ + +„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du, +mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das +arrangieren?“ + +Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen, +wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß +Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha +die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen. + +„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha. + +„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine +ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig +Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen +wir nicht _Du_? Wollen wir uns duzen?“ + +„Schön.“ + +„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht +gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder _Sie_. +Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei +Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort +‚_Du_‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie +immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen +wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“ + +„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder +so viel vor lauter Freude ...“ + +„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“ + +Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus. + +„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus. + +Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte +natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn +ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war +hier zu machen? + +Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als +früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit. +Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem +Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch +versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln. + +Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles +über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des +Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei +ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr +alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs; +das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des +Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu +lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ... + +Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich +mit strahlendem Gesichtchen ... + + + VI. + +Um Punkt sieben Uhr abends war ich bei Masslobojeff. Er empfing mich mit +lautem Halloh und ausgebreiteten Armen. Es versteht sich von selbst, daß +er bereits halb betrunken war. Doch am meisten wunderten mich die +außerordentlichen Vorbereitungen, die zu meinem Besuch getroffen worden +waren. Aus allem war zu sehen, daß sie mich feierlich erwartet hatten. +Ein netter Samowar brodelte auf einem runden Tischchen, das bedeckt war +mit einem teueren und schönen Tischtuch. Das Teegeschirr blitzte vor +Kristall und Silber. Auf einem anderen Tisch, der nicht weniger reich +gedeckt war, standen Teller mit Früchten und Konfekt, Kiewsche +Marmeladen und Pastillen, eingemachte Früchte, wie Apfelsinen, Äpfel und +drei Sorten Nüsse – kurz, eine ganze Fruchthandlung. Auf dem dritten +Tisch, mit blendendweißem Tischtuch belegt, standen verschiedene +Eßwaren: Kaviar, Käse, Pasteten, Würste, Fisch und eine ganze Reihe +Kristallkaraffen mit Likör von den verschiedensten Sorten und den +schönsten Farben – grün, rot, braun, goldig. Auf einem kleinen +Nebentisch standen sogar zwei Flaschen Champagner und auf einem Tisch +vor dem Diwan standen gleichfalls drei Flaschen: Sauterne, Lafitte und +Kognak – teuere Jelissejeffsche Flaschen. Hinter dem Teetisch saß +Alexandra Ssemjonowna, wenn auch in einfachem Kleide, so doch sehr +gewählt und geschmackvoll angezogen. Sie wußte, daß es ihr stand und +schien sehr stolz darauf zu sein; sie begrüßte mich fast mit einer +gewissen Feierlichkeit. Fröhlichkeit und Zufriedenheit lagen auf ihrem +frischen Gesicht. Masslobojeff war mit einem teuren Schlafrock und +chinesischen Pantoffeln bekleidet und in teurer Wäsche. Am Hemd waren +überall, wo es nur anging, moderne Knöpfe und Schließen angebracht. Die +Haare waren gekämmt, pomadisiert und schräg, nach der Mode, gescheitelt. + +Ich war so erstaunt, daß ich mit offenem Munde mitten im Zimmer stehen +blieb und einmal Masslobojeff, das andere Mal Alexandra Ssemjonowna +anstarrte, deren Zufriedenheit sich bis zur Seligkeit steigerte. + +„Was hat das zu bedeuten, Masslobojeff, habt ihr heute einen +Besuchsabend?“ rief ich schließlich beunruhigt aus. + +„Nein, wir haben nur dich erwartet,“ antwortete er feierlich. + +„Ja, was hat denn das zu bedeuten,“ ich wies auf die Vorräte, „damit +kann man ja ein ganzes Heer bewirten!“ + +„Und betrinken, hauptsächlich betrinken!“ fügte Masslobojeff hinzu. + +„Und das alles ist nur für mich?“ + +„Und für Alexandra Ssemjonowna. Sie hat geruht, es sich so auszudenken.“ + +„Da haben wir’s! Ich wußte es ja!“ rief Alexandra Ssemjonowna errötend +aus, doch verlor sie den Ausdruck von Zufriedenheit nicht. „Man kann +nicht einmal anständig seinen Gast empfangen!“ + +„Kannst du dir vorstellen, bereits vom Morgen an, als sie es hörte, daß +du heute abend kommen würdest, hat sie alles vorbereitet; es war nicht +mehr auszuhalten ...“ + +„Das ist nicht wahr! Nicht vom Morgen an, sondern von gestern abend an. +Denn gestern abend, als du nach Hause kamst, sagtest du mir, daß Iwan +Petrowitsch morgen abend unser Gast sein würde ...“ + +„Da haben Sie sich verhört ...“ + +„Durchaus nicht, ich lüge niemals. Und warum soll man seinen Gast nicht +gut empfangen? Da leben wir, und leben wir, kein Mensch kommt zu uns, +und wir haben doch reichlich zu leben. Mögen doch die guten Leute sehen, +daß wir wie andere Menschen zu leben verstehen.“ + +„Und die Hauptsache, sie sollen es einmal sehen, was Sie für eine +vorzügliche Wirtin sein können,“ fügte Masslobojeff hinzu. „Stelle dir +nur vor, mein Freund, was ich habe ausstehen müssen. Ein Hemd aus +holländischem Leinen hat sie mir gekauft, Pantoffeln und einen +chinesischen Schlafrock, die Haare gekämmt und pomadisiert: mit +Bergamottenpomade; mit Parfüm wollte sie mich bespritzen ... da habe +ich’s aber nicht mehr ausgehalten, habe ihr meine eheliche Autorität +gezeigt ...“ + +„Durchaus nicht mit Bergamottenpomade, sondern mit der besten echten +französischen Pomade ...“ unterbrach ihn ganz erregt Alexandra +Ssemjonowna. „Urteilen Sie selbst, Iwan Petrowitsch, er bringt mich +nirgendwohin, weder ins Theater, noch auf einen Ball, nur Kleider +schenkt er mir ... doch wohin soll ich mit den vielen Kleidern? Ich soll +mich ankleiden und allein im Zimmer auf und ab spazieren. Neulich wären +wir beinahe ins Theater gegangen, ich ging nur in mein Zimmer, um mich +etwas zurecht zu machen, aber wie ich wiederkomme, hat er ein Gläschen +nach dem anderen getrunken und ist berauscht. So unterblieb es wieder. +Kein Mensch, niemand, niemand kommt zu uns zu Gast; nur am Morgen kommen +hin und wieder Menschen in Geschäften hierher; dann muß ich mich +zurückziehen. Und alles ist da; ein Samowar, ein schönes Service und +schöne Tassen – alles, alles hat er mir geschenkt. Und auch das Essen +wird uns gebracht, nur den Wein kaufen wir, und diesmal ein bißchen +Imbiß – eine Pastete, Kaviar, etwas Konfekt haben wir gekauft. Wenn doch +nur jemand sehen würde, wie wir leben! Das ganze Jahr habe ich daran +gedacht: wenn ein Gast kommt, ein wirklicher Gast, dann werde ich ihn +gut bewirten, und er wird sich finden, und uns ist’s angenehm. Daß ich +aber diesen Dummkopf pomadisiert habe, nun, er ist dessen nicht wert; am +liebsten würde er immer schmutzig gehen. Sehen Sie, was man ihm für +einen Schlafrock geschenkt hat: ja, ist er ihn denn wert? Wenn er nur +was trinken kann! Sie werden sehen, gleich wird er vor dem Tee sich noch +Schnaps eingießen.“ + +„Das ist wahr! Trinken wir eins, Wanjä, einen goldenen oder silbernen, +um dann mit erfrischter Seele zu den anderen Getränken überzugehen.“ + +„Nun, das wußte ich doch!“ + +„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka, wir werden auch Tee trinken, +Tee mit Kognak, auf Ihre Gesundheit.“ + +„Also doch!“ rief sie, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. „Tee +vom Khan zu sechs Rubel das Viertel hat ihm vorgestern der Kaufmann +geschenkt, er aber will ihn mit Kognak trinken. Hören Sie nicht auf ihn, +Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen gleich eingießen ... Sie werden selbst +sehen, was das für ein Tee ist!“ + +Es war augenscheinlich, daß sie mich den ganzen Abend festhalten +wollten. Alexandra Ssemjonowna hatte das ganze Jahr auf einen Gast +gewartet und nun sollte ich dazu herhalten. Das kam mir nicht gelegen. + +„Höre mal, Masslobojeff, ich bin zu dir nicht als Gast gekommen, sondern +in Geschäften; du hast mich selbst gerufen, um mir mitzuteilen ...“ + +„Nun Geschäft ist Geschäft, doch die Unterhaltung mit einem guten +Freunde ist auch eine Sache.“ + +„Nein, mein Lieber, darauf kannst du nicht rechnen. Um halb neun muß ich +fort. Ich habe mein Wort gegeben ...“ + +„Daran ist nicht zu denken. Wirklich, was du uns antust. Denke doch an +Alexandra Ssemjonowna? Sieh sie dir an, sie ist sprachlos. Wozu hat sie +mich pomadisiert, bedenke, mit Bergamotten!“ + +„Du scherzest, Masslobojeff. Ich werde Alexandra Ssemjonowna schwören, +in der nächsten Woche, am Freitag, zu kommen; heute jedoch habe ich mein +Wort gegeben – oder besser gesagt, ich muß heute an einem Ort +erscheinen, auf jeden Fall. Sage mir also lieber, was du mir mitteilen +wolltest?“ + +„So wollen Sie wirklich nur bis halb neun Uhr hier bleiben!“ rief +Alexandra Ssemjonowna mit kläglicher Stimme, fast weinend, während sie +mir eine Tasse mit prachtvollem Tee reichte. + +„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka; das ist alles Unsinn,“ +beruhigte sie Masslobojeff. „Er wird bleiben; sag mir doch bitte, Wanjä, +wohin du zu gehen hast? In welchen Geschäften? Kann man’s nicht +erfahren? Du läufst ja den ganzen Tag umher und arbeitest nichts? ...“ + +„Was geht es dich an? Übrigens, davon kannst du später erfahren. Sage +mir doch lieber, warum bist du gestern abend bei mir gewesen, wo ich es +dir doch gesagt hatte, daß ich nicht zu Hause sein würde?“ + +„Es fiel mir nachher ein, doch gestern abend hatte ich’s vergessen. Ich +wollte über eine ernste Angelegenheit mit dir sprechen, doch vorher +mußte ich Alexandra Ssemjonowna befriedigen. ‚Sieh,‘ sagt sie, ‚da ist +ein Mensch, der ist dein Freund, warum lädst du ihn nicht ein?‘ Und +deinetwegen, Freund, hat sie mich eine dreiviertel Stunde lang gequält. +Der Bergamottenpomade wegen werden mir sicher im Himmel viele Sünden +vergeben werden, doch, denke ich, warum soll ich nicht einen Abend mit +dir freundschaftlich zubringen? Ich ersann mir daher eine Kriegslist: +schrieb dir, wenn du nicht kommst, so werden alle unsere Schiffe +untergehen.“ + +Ich bat ihn im voraus, das nicht wieder zu tun, sondern mir gegenüber +aufrichtig zu sein. Übrigens befriedigte mich diese Erklärung +keineswegs. + +„Doch vorhin, warum bist du vorhin davongelaufen?“ fragte ich ihn. + +„Vorhin hatte ich wirklich ein dringendes Geschäft zu erledigen, das ist +nicht gelogen.“ + +„Mit dem Fürsten etwa?“ + +„Wie schmeckt Ihnen der Tee?“ fragte mit honigsüßer Stimme Alexandra +Ssemjonowna. + +„Siehst du, sie hat bereits fünf Minuten darauf gewartet, daß man ihren +Tee lobt.“ + +„Vorzüglich, Alexandra Ssemjonowna, vorzüglich! Ich habe einen solchen +noch nie getrunken.“ + +Alexandra Ssemjonowna war ganz stolz vor Vergnügen und wollte mir sofort +neuen einschenken. + +„Der Fürst!“ schrie Masslobojeff, „dieser Fürst, Bruderherz, ist solch +ein Schelm, ein Betrüger ... das! Ich Freund, ich sage dir, auch ich bin +manchmal ein Betrüger, doch trotz alledem wollte ich nicht in seiner +Haut stecken! Doch genug, ich schweige! Kein Wort mehr über ihn.“ + +„Und ich, ich bin gerade deshalb zu dir gekommen, um dich unter anderem +über ihn auszufragen. Doch davon später. Sage mir aber, warum hast du +gestern in meiner Abwesenheit Helene Konfekt angeboten und ihr +vorgetanzt? Und worüber hast du mit ihr anderthalb Stunden gesprochen!“ + +„Helene ist ein kleines Mädchen von elf oder zwölf Jahren und lebt zur +Zeit bei Iwan Petrowitsch,“ wandte sich plötzlich Masslobojeff erklärend +zu Alexandra Ssemjonowna. „Sieh nur, Wanjä, sieh,“ er wies mit dem +Finger auf sie, „wie sie rot geworden ist, als sie hörte, daß ich einem +unbekanntem jungen Mädchen Konfekt gebracht hätte, wie sie +zusammenzuckt, als hätten wir mit einer Pistole geschossen ... isch, wie +die Augen blitzen und wie Nadeln stechen. Da ist nichts mehr zu machen, +Alexandra Ssemjonowna ... nichts mehr zu verheimlichen. Sie sind +eifersüchtig! Hätte ich nicht gesagt, daß es sich hier um ein +elfjähriges Kind handelt, so wäre sie über mich hergefallen, hm! ... da +hätte mich keine Bergamottenpomade mehr retten können!“ + +„Sie kann dich auch sowieso nicht retten!“ + +Mit diesen Worten sprang Alexandra Ssemjonowna wie eine Feder hinter +ihrem Teetisch hervor und ehe es sich Masslobojeff versehen konnte, +hatte sie ihn an den Haaren gefaßt und ordentlich durchgerüttelt. + +„Das hast du davon, das hast du davon, wage es noch einmal zu sagen, daß +ich eifersüchtig bin, wage es, wage es noch einmal!“ + +Sie errötete über und über und wenn sie auch lachte, so mußte +Masslobojeff ihren Ärger doch ordentlich verspüren. + +„Von jeder Schande spricht er!“ fügte sie ernst, an mich gewandt, hinzu. + +„Ach, Wanjä, so ist nun einmal mein Leben! Da hilft nur eines – +Schnaps!“ beschloß Masslobojeff, brachte seine Haare in Ordnung und +stürzte sich auf die Schnapskaraffe. Doch Alexandra Ssemjonowna hatte da +schon vorgesehen, sie reichte ihm das Schnapsglas und streichelte ihm +zärtlich die Backe. Masslobojeff blinzelte mir stolz zu, schnalzte mit +der Zunge und leerte feierlich sein Glas. + +„Was das Konfekt anbelangt,“ begann er und setzte sich zu mir auf den +Diwan, „ich habe es gestern in einem Schmierladen in betrunkenem +Zustande gekauft, wozu, – weiß ich selbst nicht. Vielleicht, um den +vaterländischen Handel aufrecht zu erhalten, bestimmt kann ich es nicht +sagen; ich weiß nur, daß ich damals betrunken in den Schmutz gefallen +war, mir die Haare raufte und darüber weinte, daß ich zu nichts nütze +sei. Das Konfekt hatte ich natürlich vergessen, es blieb bis gestern in +der Tasche, erst als ich mich auf deinen Diwan setzen wollte, fühlte ich +es plötzlich. Getanzt habe ich wohl aus demselben Grunde, ich war +angetrunken, und bin ich dann mit meinem Schicksal zufrieden, so tanze +ich immer. Das ist alles; vielleicht hat die kleine Waise mein Mitleid +erregt und ich tanzte, um sie ein wenig zu erheitern. Auch wollte sie +kein Wort mit mir sprechen und schien sehr böse auf mich zu sein.“ + +„Wolltest du nicht etwas von ihr erfahren, gestehe es offen: Du gingst +zu ihr, weil du wußtest, daß ich nicht zu Hause sein würde. Ich weiß, +daß du anderthalb Stunden bei ihr gewesen und sie ausgefragt hast unter +dem Vorwande, daß du ihre Mutter gekannt.“ + +Masslobojeff lächelte verschmitzt. + +„Die Idee wäre nicht schlecht,“ sagte er. „Nein, Wanjä, das ist es +nicht. Das heißt, warum soll ich sie nicht bei Gelegenheit ausfragen; +aber, wie gesagt, das ist es nicht. Höre, alter Freund, ich bin auch +jetzt bereits betrunken, doch im allgemeinen weißt du, wird dich Filipp +in einer _schlechten Absicht_ nicht betrügen.“ + +„Nun, aber ohne eine schlechte Absicht?“ + +„Ohne eine schlechte Absicht. Zum Teufel damit, trinken wir eins, und +dann – zur Sache! Ich habe alles erfahren, diese Bubnowa hat auf das +Kind überhaupt kein Recht. Die Mutter schuldete ihr Geld und sie hat +darauf das Kind an sich genommen. Wenn die Bubnowa auch ein böses Weib +ist, dumm ist sie doch, wie alle Weiber. Die Verstorbene war im Besitz +eines guten Passes; daher ist alles im reinen. Helene kann bei dir +bleiben, solange du willst, gut wäre es jedoch, wenn sie in eine Familie +käme, wo sie eine gute Erziehung erhalten könnte. Doch fürs erste kann +sie bei dir bleiben. Ich werde schon für alles sorgen. Die Bubnowa wagt +nicht einen Finger zu rühren. Von der Verstorbenen konnte ich nichts +Bestimmtes erfahren. Sie war Witwe und hieß Salzmann.“ + +„Das hat mir auch Nelly gesagt.“ + +„Nun, das ist alles. Jetzt, Wanjä,“ begann er mit einer gewissen +Feierlichkeit, „habe ich eine Bitte an Dich. Du mußt sie erfüllen. +Erzähle mir so ausführlich als möglich, was du für Geschäfte hast, wohin +du täglich gehst? Ich habe manches zum Teil erfahren, doch möchte ich +darüber ausführlicher unterrichtet sein.“ + +Diese Feierlichkeit erstaunte und beunruhigte mich. + +„Was soll das? Wozu mußt du das wissen? Du fragst so feierlich ...“ + +„Siehst du, Wanjä, alle überflüssigen Worte beiseite: ich möchte dir +einen Dienst erweisen. Denn, Bruderherz, wenn ich wollte, könnte ich +dich auf schlaue Weise ausforschen, so, wie du es glaubst, daß ich es +bei der Kleinen durch Konfekt versucht hätte; ich habe es sofort +verstanden. Da ich dich aber höchst feierlich darum bitte, so weißt du, +daß ich dich im Ernst und in deinem Interesse ausfrage. Du brauchst mich +also nicht zu verdächtigen und kannst mir die Wahrheit sagen.“ + +„Welchen Dienst willst du mir denn erweisen? Höre, Masslobojeff, warum +willst du mir nichts vom Fürsten erzählen? Das wäre der einzige Dienst, +den du mir erweisen könntest.“ + +„Vom Fürsten? Hm! ... Nun, geradeaus gesagt: ich möchte dich ja in +Angelegenheiten des Fürsten ausfragen.“ + +„Wie?“ + +„Ich habe bemerkt, Bruderherz, daß er sich in deine Angelegenheiten +einmischen möchte; er hat mich übrigens über dich ausgefragt. Wie er es +erfahren, daß wir miteinander bekannt sind – das ist schon nicht mehr +deine Sache. Die Hauptsache aber: hüte dich vor ihm. Das ist ein Judas +und noch weit schlimmer. Ich zittere darum für dich. Übrigens weiß ich +sonst gar nichts, darum bitte ich dich mir alles zu erzählen, damit ich +darüber urteilen kann ... Darum habe ich dich heute hergebeten. Das ist +die wichtige Angelegenheit, wenn ich schon aufrichtig sein soll.“ + +„Etwas wenigstens wirst du schon wissen, und wenn auch nur das, weshalb +ich gerade vor dem Fürsten auf der Hut sein soll.“ + +„Nun gut, also sei’s denn! Du mußt nämlich wissen, Bruderherz, daß man +sich so im allgemeinen mitunter an mich wendet, wenn es sich um +verzwickte Fälle handelt. Aber eines überlege dir vorher: vertrauen mir +doch die meisten nur deshalb, weil ich kein Schwätzer bin – wie also +soll ich dir nun etwas erzählen? Deshalb, weißt du, schraube deine +Ansprüche nicht gar zu hoch und nimm damit fürlieb, was ich dir so in +Bausch und Bogen erzähle, denn ich tu’s ja nur, um dir eine Ahnung davon +zu geben, als was für ein bodenloser Schuft er sich nach alledem +entpuppt hat. Na, aber zuerst fange du an von deinen Sachen.“ + +Ich überlegte ein wenig, was ich ihm denn erzählen sollte, mußte mir +aber sagen, daß ich schließlich nichts vor ihm zu verheimlichen hatte. +Nataschas Erlebnisse waren kein Geheimnis; zudem konnte ich von +Masslobojeff vielleicht noch etwas erfahren, das sich zu ihrem Nutzen +verwenden ließ. Selbstverständlich bemühte ich mich, in meiner Erzählung +gewisse Punkte nach Möglichkeit zu umgehen. Am meisten jedoch +interessierte ihn alles, was ich ihm über den Fürsten erzählen konnte; +er unterbrach mich sogar mehrmals mit verschiedenen Fragen und bat mich, +vieles nochmals zu erzählen, so daß ich ihm zu guter Letzt doch alles +ziemlich ausführlich erzählt hatte, was ungefähr eine gute halbe Stunde +in Anspruch nahm. + +„Hm!“ meinte er zum Schluß, „jedenfalls ein verteufelt gescheites Mädel. +Wenn sie den Fürsten vielleicht auch nicht ganz durchschaut, so hat sie +doch wenigstens sofort erkannt, welcher Art dieser Mensch ist und nach +dieser Erkenntnis ohne weiteres jede Beziehung zu ihm abgebrochen. +Bravo, Natalja Nikolajewna! Ich trinke auf ihr Wohl!“ – Er leerte sein +Glas bis zur Nagelprobe –. „Dazu gehörte nicht nur Verstand, dazu +gehörte vor allen Dingen Herz! Hier galt es, mutig dem Feind ins +Angesicht zu schauen und sich nicht vom Gefühl verleiten zu lassen. Und +sie hielt stand! Natürlich hat sie damit jede Hoffnung verspielt. Der +Fürst wird jetzt mit allen Mitteln darauf hinwirken, daß Aljoscha sie +verläßt, und der wird sie sicherlich verlassen. Aber Ichmenjeff tut mir +leid, – zehntausend Rubel diesem Schurken zahlen zu müssen! Aber wer hat +denn auch seine Sache geführt, wer? Natürlich er selbst! Das ist’s ja! +Aber so sind sie nun einmal alle, diese Ehrenmänner und Hitzköpfe! Das +sind mir gerade die richtigen Advokaten! Diesen Fürsten hätte man ganz +anders anfassen sollen. Und was für einen Advokaten ich dem Ichmenjeff +hätte verschaffen können! – Teufel noch einmal!“ + +Vor Ärger schlug er sogar mit der Faust auf den Tisch. + +„Nun, und wie steht es denn jetzt mit dem Fürsten?“ + +„Ach, da kommst du wieder mit dem Fürsten! Tja, Mensch, was soll ich dir +denn sagen? ... Es war überhaupt eine Dummheit von mir, so etwas zu +versprechen. Aber ich wollte dich, weißt du, eigentlich nur warnen, um +dich beizeiten sozusagen gegen seinen Einfluß zu verbarrikadieren. Wer +sich mit ihm einläßt, der ist nicht ungefährdet. Deshalb spitze die +Ohren, Freund Wanjä, so, und das ist alles, was ich dir zu sagen habe. +Du dachtest wohl, ich würde dir Gott weiß was für Pariser Geheimnisse +mitteilen? Gefehlt! Da sieht man gleich den Schriftsteller, der den Kopf +voll von Romanen hat! ... Was soll ich dir denn von diesem Schurken +erzählen? Ist er einmal ein Schurke, nun, dann ist er eben einer ... Na, +schließlich so als Beispiel, weißt du, könnte ich dir eventuell noch so +’n kleines Geschichtchen erzählen, nur – versteht sich – ohne Angabe von +Ort und Zeit, ohne Städte oder Personen zu nennen, also ohne jede +kalendarische Genauigkeit. Bist du damit einverstanden? – Na, dann höre +zu. Du weißt, daß er in seiner ersten Jugend, als er noch mit seinem +mageren Kanzleigehalt auskommen mußte, eine reiche Kaufmannsfrau +geheiratet hatte. Nun, diese Person soll er aber nichts weniger als +höflich behandelt haben, und wenn es sich jetzt auch nicht um sie +handelt, so will ich doch die Bemerkung hier einflechten, Freund Wanjä, +daß er sein Leben lang gerade diese Art Erwerb jedem anderen vorgezogen +zu haben scheint. So zum Beispiel auch in folgendem Fall. Fuhr er da +einmal ins Ausland, wie man so eben fährt ...“ + +„Erlaub, Masslobojeff von welcher Reise redest du? In welchem Jahre?“ + +„Das war vor genau neunundzwanzig Jahren und drei Monaten. Nun und da +machte er eines schönen Tages einem alten Vater die einzige Tochter +abspenstig und entführte sie nach Paris. Kurz: er verstand die +Geschichte gut einzufädeln. Der Vater war so etwas wie ein reicher +Fabrikbesitzer oder, sagen wir, ein Aktionär, der an irgend einem +ähnlichen Unternehmen stark beteiligt war. Genau weiß ich es nicht. Du, +was ich dir jetzt so erzähle, sind nur meine eigenen Kombinationen, die +ich mir mit freier Dichtergabe aus verschiedenen gegebenen Momenten +zusammenbaue. Nun und der Fürst wußte ihn geschickt zu betrügen und sich +gleichfalls in das Unternehmen hineinzuschmuggeln. Also er betrog ihn +gründlich und nahm ihm obendrein noch bares Geld ab. Was nun dieses bare +Geld betrifft, so hatte der Alte dafür natürlich gewisse Papiere vom +Fürsten in den Händen. Der Fürst aber wollte das Geld so von ihm +geliehen haben, daß er es nicht mehr zurückzugeben brauchte, wollte es +also, prosaisch ausgedrückt und nach unseren Begriffen, einfach stehlen. +Dieser Alte hatte nun, wie gesagt, eine Tochter, und diese seine einzige +Tochter war eine Schönheit, und in diese Schönheit hatte sich ein junger +Idealist verliebt – solch ein Seitenstück von Schiller, weißt du – ein +Dichterling, der aber zugleich auch Kaufmann war, ein junger Träumer und +Schwärmer – mit einem Wort: ein echter Deutscher, Pfefferkuchen oder so +ungefähr mit Namen.“ + +„Wie? Sein Familienname war Pfefferkuchen?“ + +„Na, vielleicht wars nicht gerade Pfefferkuchen, ich will es nicht +verschwören, und im übrigen hole ihn der Teufel, nicht um ihn handelt es +sich jetzt. Nur war der Fürst im Verkehr mit der Tochter von gewinnenden +Umgangsformen, daß sie sich bis zum Wahnsinn in ihn verliebte. Dem +Fürsten aber erschienen damals namentlich zwei Dinge erstrebenswert: +erstens, in den Besitz der Tochter und zweitens in den der bewußten +Dokumente zu gelangen, die schwarz auf weiß bestätigten, daß er vom +Alten jene Summe geliehen erhalten hatte. Die Schlüssel aller +Geldschränke und Kassetten des Alten bewahrte jedoch die Tochter auf, +denn der Alte liebte sein einziges Kind geradezu sinnlos, nämlich +dermaßen, daß er sie unter keiner Bedingung verheiraten wollte. +Tatsache! Auf jeden Freiersmann war er eifersüchtig, und konnte es nicht +begreifen, daß er sich einmal doch von ihr würde trennen müssen. Selbst +den armen Pfefferkuchen jagte er zum Teufel. Er war eben ein ganzer +Sonderling, und dazu noch ein Engländer ...“ + +„Ein Engländer? Ja, aber wo ist denn das alles passiert?“ + +„Das heißt, nein, sieh mal: ich habe nur so gesagt, ‚ein Engländer‘, +bloß weil es sich gerade so machte, du aber mußt es natürlich sofort +aufgreifen! Herrgott, bewahre einen vor Schriftstellern! Geschehen aber +ist’s in Santa Fé de Bogotá, vielleicht aber auch in Krakau oder, was am +wahrscheinlichsten ist, im Fürstentum Nassau, – sieh mal, das hier auf +der Seltersflasche steht. Also wie gesagt: in Nassau. Bist du jetzt +zufrieden? Also der Fürst entführte die Tochter und die Tochter +entführte wiederum auf Wunsch des Fürsten gewisse Dokumente. Gibt es +doch solch eine Liebe, Wanjä! Pfui, Teufel! Und das Mädel war doch ein +edles, reines, ideales Geschöpf! Freilich hat sie wohl von der Bedeutung +dieser Papiere keinen ganz zutreffenden Begriff gehabt. Nur eines machte +ihr Sorge: der Vater würde sie verstoßen. Doch der Fürst war auch diesem +Hindernis gewachsen: er verpflichtete sich schriftlich, formell und +gesetzlich, daß er sie heiraten werde. So redete er ihr denn ein, daß +sie nur so ein wenig reisen würden, bis der Zorn des Alten sich gelegt, +dann aber würden sie vermählt zurückkehren und zu dreien glücklich und +einträchtig beisammen leben, Geld verdienen und sich freuen, und so +weiter ^ad infinitum^. Und so entfloh sie denn mit dem Fürsten, der Alte +verfluchte sie und damit war er gleichzeitig bankrott. Ihr folgte aber +nach Paris jener Frauenmilch, der um ihretwillen alles, sogar sein +Geschäft, verließ; er war nämlich gar zu sehr in sie verliebt ...“ + +„Erlaub! Was für ein Frauenmilch?“ + +„Ach, nun, zum Teufel mit ihm! Ich meinte jenen Feuerbach ... nein, wart +mal, wie hieß doch der verwünschte Kerl? Pfefferkuchen! Na, also – +diesen Pfefferkuchen meinte ich, wie gesagt. Der Fürst aber konnte sie +doch natürlich nicht heiraten, denn, nicht wahr: was würde die Fürstin +Soundso dazu sagen? Wie würde sich Baron Pomoikin darüber äußern? +Folglich hieß es: betrügen. Nun und das tat er denn auch, tat es aber +doch gar zu gemein. Erstens prügelte er sie fast, zweitens lud er +absichtlich den Pfefferkuchen ein, und der begann sie denn auch richtig +zu besuchen, und bald verbrachte er mit ihr ganze Abende in gemeinsamer +Trauer oder tröstete sie als ihr aufrichtiger Freund, der er nun einmal +war. Alles in allem wird es bei ihnen nur ein Gemisch von Romantik und +Mitleid mit sich selber gewesen sein. Kennt man. Der Fürst aber wußte +die Geschichte so zu drehen, daß er sie einmal spät abends überraschte: +und da behauptete er frech, daß sie sich vergessen hätten, er habe es +mit eigenen Augen gesehen, usw. usw. ... Das kam natürlich zu einer +großen Szene, die damit endete, daß er sie beide vor die Tür setzte und +selber nach London reiste. Sie aber war damals bereits stark in +Umständen: kaum hatte er sie verstoßen, da gebar sie auch schon ein +Töchterchen ... das heißt, nicht ein Töchterchen, sondern einen Sohn, +jawohl gerade ein Söhnchen, verlaß dich drauf. Es wurde denn auch ohne +viel Umstände Wolodjka[4] getauft. Pfefferkuchen hob ihn noch aus der +Taufe. Nun, und so reiste sie denn mit dem Pfefferkuchen weiter. Der +besaß nämlich ein kleines Kapital. Sie reisten in der Schweiz, in +Italien ... in all diesen poetischen Ländern, weißt du, so wie es sich +eben gehört. Jene weinte und Pfefferkuchen sah aus wie sieben Tage +Regenwetter, das Töchterchen aber wuchs heran. Somit wäre für den +Fürsten die ganze Angelegenheit aufs angenehmste erledigt gewesen, wenn +– ja, wenn er auch sein schriftliches Eheversprechen von ihr +zurückerhalten hätte. ‚Ein niedriger, verächtlicher Mensch bist du,‘ hat +sie ihm zum Abschied gesagt, ‚du hast mich bestohlen, du hast mich +entehrt und jetzt verläßt du mich. Nun gut! Aber dein Versprechen gebe +ich dir nicht zurück. Nicht deshalb, weil ich dich jemals noch heiraten +wollte, sondern einfach, weil du dieses Dokument fürchtest. So mag es +denn ewig in meinen Händen bleiben.‘ Mit einem Wort, sie ließ sich ein +wenig hinreißen, doch übrigens beunruhigte sich der Fürst dieserhalb +nicht allzu sehr. Überhaupt ist solchen Schurken nichts vorteilhafter, +als es mit solchen sogenannten höheren Wesen zu tun zu haben. Sie sind +so edeldenkend, daß man sie mit größter Leichtigkeit betrügen kann, +erstens; und zweitens antworten sie auf jeden Betrug mit nichts als +erhabener, edler Verachtung, anstatt mit praktischer Anwendung des +Gesetzes, selbst wenn dieses Gesetz sich auch noch so vorteilhaft für +sie anwenden ließe. Da haben wir ein Beispiel in dieser Frau: sie +begnügte sich vollkommen damit, ihn stolz verachten zu können, und wenn +sie auch das eine bewußte Dokument zurückbehielt, so hätte sie sich doch +eher erhängt, als davon Gebrauch gemacht. Und das wußte der Fürst und +deshalb ließ er sich auch ihretwegen weiter keine grauen Haare wachsen, +wenigstens vorläufig nicht. Sie aber blieb, wenn sie ihm auch moralisch +ins Gesicht gespien, doch verlassen und einsam mit ihrem Kinde zurück, – +mit dem Wolodjka. Stirbt sie heute oder morgen, was soll dann aus dem +Wurm werden? Und ihr Freund, dieser Schmachtlappen Bruderschaft, +bestärkte sie natürlich noch darin, anstatt ihr Vernunft zuzureden! +Wahrscheinlich lasen sie gemeinsam Schiller. Schließlich aber erkrankte +Bruderschaft doch mal irgendwie und starb.“ + +„Das heißt, Pfefferkuchen?“ + +„Na, ja, versteht sich doch, hol ihn der Teufel! Sie aber ...“ + +„Erlaub! Wieviel Jahre reisten sie denn zusammen?“ + +„Genau zwölf Jahre. Nun, sie aber kehrte, als er gestorben war, nach +Krakau zurück. Der Vater nahm sie natürlich nicht auf, verfluchte sie, +und schließlich starb sie, der Fürst aber pfiff darob Halleluja vor +Freude. Na ja, und so weiter – trinken wir, Wanjä!“ + +„Ich vermute, daß du ihm in dieser Angelegenheit behilflich gewesen +bist, Masslobojeff.“ + +„Das ist es wohl, was du gerade wünschst?“ + +„Ich verstehe nur nicht, was du in _dieser_ Angelegenheit hast +ausrichten können.“ + +„Ja, sieh mal: als sie nach Madrid zurückkehrte – nach zehnjähriger +Abwesenheit – da hieß es vor allen Dingen: auskundschaften, unter +welchem Namen sie lebte, wo der Bruderschaft geblieben war und wo der +alte Vater, und ob es auch wirklich sie selber war und wie es mit dem +Kinde stand, und dann, ob sie auch wirklich gestorben war und ob sie +Papiere hinterlassen hatte, und so weiter in lieblicher Reihenfolge. Und +dann gab es noch so diese und jene Persönlichkeit, die uns +interessierte. Wie gesagt: er ist der gemeinste Mensch, der mir je in +die Quere gekommen ist, hüte dich vor ihm, Wanjä! Was aber den +Masslobojeff betrifft, so merke dir folgendes: nenne ihn nie und unter +keinen Umständen einen Schuft! Denn wenn er auch einer ist – meiner +Meinung nach ist jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht unfehlbar ein +Schuft – so hat er doch dir speziell nichts Übles getan. Ich bin zwar +stark betrunken, Bruderherz, doch wenn du Ohren hast zu hören, dann höre +jetzt: sollte es dir jemals, sei es jetzt, bald oder erst im nächsten +Jahr, mal scheinen, daß Masslobojeff in irgendeiner Angelegenheit gegen +dich intrigiert hat – und, bitte, vergiß nicht den Ausdruck ‚intrigiert‘ +– so wisse, daß er nie eine böse Absicht gehabt hat. Masslobojeff +beobachtet dich bloß. Und deshalb schenke keinem Verdacht Glauben, +sondern sei gescheiter und komme dann persönlich zu diesem Masslobojeff +und rede mit ihm mündlich und brüderlich. Nun, willst du jetzt nicht +trinken?“ + +„Nein.“ + +„Aber wie verhältst du dich zu einem kleinen Imbiß?“ + +„Nein, Freund, entschuldige, aber ...“ + +„Na, dann pack dich zum Teufel, es ist auch schon zehn Minuten vor neun, +– damit ist es Zeit für dich.“ + +„Wie? was? Jetzt hat er sich angetrunken und da jagt er selbst den Gast +fort! So ist er ja immer! Ach, du Unverschämter!“ rief Alexandra +Ssemjonowna ganz erschrocken aus; sie war fast dem Weinen nahe. + +„Alexandra Ssemjonowna, laß ihn nur, er hat es eilig, und wir, meine +Liebe, wir werden allein zurückbleiben und uns gegenseitig vergöttern. +Er aber, weißt du, ist ein ganzer General! Nein, verzeih, Wanjä, du bist +kein General, ich aber – ich, siehst du, ich bin – ein Schuft! Sieh mal, +wie sehe ich jetzt aus? Als was stehe ich vor dir da? Vergib, Wanjä, +verurteile mich nicht, laß mich mein Herz ausschütten ...“ + +Er umarmte mich und Tränen traten ihm in die Augen. Ich begann, mich zu +verabschieden. + +„Ach, mein Gott, und er geht auch wirklich! Und bei uns ist schon der +ganze Abendbrottisch gedeckt!“ klagte Alexandra Ssemjonowna tief +betrübt. „Aber Freitag werden Sie doch zu uns kommen?“ + +„Unfehlbar, Alexandra Ssemjonowna, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ + +„Vielleicht schämen Sie sich, mit uns zu verkehren, weil ... Sie sehen +doch, wie er jetzt ist – ganz betrunken! Aber er ist ein guter Mensch, +Iwan Petrowitsch, ein sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Tag +und Nacht erzählt er mir jetzt nur noch von Ihnen, hat mir sogar Ihre +Bücher gekauft, nur habe ich sie noch nicht gelesen – die Zeit vergeht +so schnell! – aber morgen werde ich bestimmt damit beginnen. Und wie ich +mich erst freuen werde, wenn Sie kommen! Ich sehe doch hier so gut wie +gar keine Menschen, niemand besucht uns doch! Alles haben wir und dabei +sitzen wir tagaus tagein allein zu Haus. Jetzt saß ich da und hörte zu, +wie Sie sprachen, und wie war das schön ... Also Freitag dann!“ + + + VII. + +Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs +letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir +darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich +täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die +mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte. + +Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne. +Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom +Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so +daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses +zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im +Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte. + +Es war Nelly. + +„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“ + +„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“ + +„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“ + +„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen +ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“ + +Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete +die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman. +Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm. + +„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich, +daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe +über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre +dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen +würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt +kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich, +persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch +zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu +können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und +Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was +sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht +ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa +eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der +Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte +mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur +sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast +zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft +zu geschehen ...“ + +„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden, +ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“ + +„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie +mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe +ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit +Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle +diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten +vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die +Aufforderung nicht zurückweisen!“ + +Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar +wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits +hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs +Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich +Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher +beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß +ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte +noch Nelly. + +„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe +hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen +Winkel des Flurs. + +„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was +hat er dir denn gesagt?“ + +„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“ + +Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn, +daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch +die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte. + +„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du, +Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“ + +„Und Sie gehen mit ihm fort?“ + +„Ja, ich gehe mit ihm fort.“ + +Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen, +nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm +mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens +zu fragen. + +Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich +anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der +Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach +einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich +immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer +acht zu lassen. + +„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine +viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“ +schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack +besaß. + +Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen +Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von +Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie +zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich +förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen. + +„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich +der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses +kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“ + +„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“ + +„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht +ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz +bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie +mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich +an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen +Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange +wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück +lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben +Sie sich nur mit ihr einleben können?“ + +„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich. + +„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn +sie überhaupt unnormal ist ...“ + +Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei +mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich +nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor +wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit +ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben +Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu +halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber +unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle +diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang +standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde? + +Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten. + + + VIII. + +Bis zur Gräfin war es nicht sehr weit: sie wohnte in der Nähe der +Handelsbrücke. Eine Weile schwiegen wir. Ich dachte die ganze Zeit: +wovon wird er mit mir zu reden beginnen? Es schien mir, daß er mich +prüfen, sondieren und ausforschen wolle. Doch zu meiner Überraschung +begann er ohne alle Umschweife sogleich von der Sache selbst. + +„Ich mache mir jetzt in einer Angelegenheit große Sorgen, Iwan +Petrowitsch,“ hub er an, „da will ich Sie nun um Ihren Rat bitten und +überhaupt Ihre Meinung hören. Ich habe nämlich schon längst beschlossen, +das von mir im Prozeß gewonnene Geld Herrn Ichmenjeff abzutreten. Wie +soll ich das nun machen?“ + +Es kann doch nicht sein, dachte ich, daß er nicht weiß, wie er es machen +soll! Oder sollte er sich nur über mich lustig machen wollen? + +„Das weiß ich nicht, Fürst,“ versetzte ich möglichst unbefangen. „In +jeder anderen Frage, das heißt, namentlich was Natalja Nikolajewna +betrifft, bin ich bereit, Ihnen die für Sie und uns alle notwendigen +Erklärungen abzugeben, doch in dieser Angelegenheit wissen Sie natürlich +besser Bescheid als ich.“ + +„Nein, nein, wieso, ganz im Gegenteil! Sie sind mit der ganzen Familie +gut bekannt und vielleicht hat Ihnen sogar Natalja Nikolajewna ihre +diesbezüglichen Gedanken mitgeteilt. Das aber wäre für mich eine sehr +erwünschte Richtschnur. Sie könnten mir viel helfen, denn die Sache ist +verzwickter, als man glaubt. Ich bin bereit, ihm das Geld zu überlassen, +und ich werde es auch unfehlbar tun, gleichviel wie die anderen Dinge +sich gestalten sollten. Doch wie, in welcher Form wäre diese Abtretung +des Geldes am richtigsten – das ist die Frage. Sie verstehen mich doch? +Nun, sehen Sie: der Alte ist doch sehr stolz und sehr eigensinnig, da +könnte er mir ja noch zum Dank für meine Gutmütigkeit das Geld ins +Gesicht werfen ...“ + +„Erlauben Sie: als was betrachten Sie dieses Geld, wenn ich fragen darf? +Als sein oder als Ihr Eigentum?“ + +„Den Prozeß habe ich gewonnen, folglich als mein Eigentum.“ + +„Nun wohl, aber vor Ihrem Gewissen?“ + +„Selbstverständlich als _mein_ Eigentum,“ versetzte er, ein wenig +pikiert durch meine unhöfliche Frage. „Übrigens scheinen Sie über den +Sachverhalt nicht ganz unterrichtet zu sein. Ich habe den Alten durchaus +nicht eines bewußten, vorgefaßten Betruges beschuldigt, und ich gestehe +Ihnen, daß ich ihn zu einer solchen Tat nie für fähig gehalten hätte. Es +war sein eigener freier Wille, sich in seiner Ehre verletzt zu fühlen. +Seine Schuld besteht nur in seiner Unachtsamkeit, in seiner sorglosen +Verwaltung des ihm anvertrauten Vermögens. Unserer alten Abmachung gemäß +aber hat er seine Handlungsweise zu verantworten. Sie wissen auch, daß +es sich im Grunde gar nicht darum handelt, sondern einfach nur um +unseren Streit, den wir damals hatten, um die gegenseitigen Kränkungen, +– mit einem Wort: um unsere verletzte Eigenliebe. Ich hätte unter +anderen Umständen vielleicht überhaupt nicht an diese lumpigen +zehntausend Rubel gedacht. Doch es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt +sein, weshalb dann dieser ganze Prozeß begann. Ich gebe gern zu, daß ich +vielleicht zu argwöhnisch, daß ich sogar im Unrecht war – das heißt: nur +damals! – doch der Ärger über seine Grobheiten verwirrte mich, und da +wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das wird Ihnen +vielleicht nicht gerade edel erscheinen, aber ich will mich ja auch gar +nicht rechtfertigen. Ich meine nur, daß eine Handlungsweise, die Ärger +und hauptsächlich gereizte Eigenliebe diktiert haben, noch nicht als +ausschlaggebender Beweis für absoluten Mangel an Ehrgefühl angesehen +werden kann. Vielmehr ist sie etwas ganz Natürliches, menschlich +Verständliches. Und ich sage Ihnen nochmals, daß ich den alten +Ichmenjeff damals so gut wie gar nicht kannte und nur all diesen +Gerüchten über Aljoscha und seine Tochter Glauben schenkte, folglich +aber konnte ich auch an eine beabsichtigte Entwendung des Geldes glauben +... Doch das ist ja Nebensache. Die Hauptsache ist, was ich jetzt tun +soll. Verzichte ich auf das Geld, während ich mich doch gleichzeitig +durchaus im Recht fühle, so heißt das, daß ich es ihm schenke. Und wenn +man nun das etwas gespannte Verhältnis in Betracht zieht, in das uns +Natalja Nikolajewna ... Er wird mir zweifellos das Geld vor die Füße +werfen ...“ + +„Nun, sehen Sie, Sie sagen doch selbst: er würde es Ihnen vor die Füße +werfen. Folglich halten Sie ihn doch für einen ehrlichen Menschen und +daher können Sie auch überzeugt sein, daß er Ihr Geld nicht gestohlen +hat. Wenn es sich aber so verhält, weshalb sollten Sie dann nicht ohne +Umschweife erklären, daß Sie sich im Unrecht fühlen? Jedenfalls wäre das +anständig gehandelt, und Ichmenjeff würde sich dann vielleicht auch +nicht weigern, _sein_ Geld zu empfangen.“ + +„Hm! ... _sein_ Geld; das ist es ja eben. Bedenken Sie doch, was Sie von +mir verlangen! Ich soll zu ihm gehen und sagen, daß meine Klage +ungerecht war. Ja, weshalb habe ich dann überhaupt geklagt, wenn ich +selbst zugebe, daß mir kein Unrecht geschehen sei? – Das kann mich dann +doch ein jeder fragen. Das aber habe ich nicht verdient, denn meine +Klage war durchaus gerechtfertigt; ich habe weder gesagt noch +geschrieben, daß er mich bestohlen habe, doch von seiner Unfähigkeit, +seinem Leichtsinn in Geschäftssachen bin ich auch jetzt noch überzeugt. +Dieses Geld gehört ganz positiv mir, und deshalb empfände ich es als +nicht ganz angenehm, mich selbst zu verleumden ... und schließlich – ich +wiederhole es – hat doch der Alte aus freien Stücken sich in seiner Ehre +verletzt gefühlt, und da wollen Sie nun, daß ich ihn wegen dieser +Kränkung um Verzeihung bitte, – das fällt mir doch etwas schwer ...“ + +„Ich glaube, daß, wenn zwei Menschen sich versöhnen wollen ...“ + +„Daß es dann sehr leicht getan ist?“ + +„Ja.“ + +„Nein, mitunter ist es auch nichts weniger als leicht, um so weniger, +wenn ...“ + +„Ich verstehe: wenn es noch andere Umstände gibt, die zu berücksichtigen +sind. Darin stimme ich mit Ihnen allerdings vollkommen überein, Fürst. +Die Angelegenheit Natalja Nikolajewna und Ihres Sohnes muß vorher in all +jenen Punkten, in denen Sie zu entscheiden haben, in einer Ichmenjeffs +zufriedenstellenden Weise entschieden sein. Nur dann werden Sie sich mit +Ichmenjeff ganz aufrichtig über den Prozeß aussprechen können. So aber, +wie die Dinge jetzt liegen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: die +Unrechtmäßigkeit Ihrer Klage einzugestehen, und zwar ganz offen, ja, +falls nötig, sogar öffentlich. Das wäre meiner Ansicht nach das einzig +Richtige. Damit habe ich Ihnen meine Meinung gesagt, denn diese +wünschten Sie doch zu hören, und wahrscheinlich haben Sie auch nicht +gewünscht, daß ich mich vor Ihnen verstelle. Deshalb werden Sie mir wohl +auch folgende Frage gestatten: warum beunruhigt Sie dieses Geld so sehr? +Wenn Sie sich im Recht glauben und dieses Geld als Ihr Eigentum +betrachten, wie kommen Sie darauf, es ihm zurückgeben zu wollen? +Verzeihen Sie meine Frage, aber das eine ist mit dem anderen so eng +verbunden ...“ + +„Was meinen Sie,“ unterbrach er mich plötzlich, als habe er meine Frage +ganz überhört, „sind Sie überzeugt, daß der alte Ichmenjeff die +zehntausend Rubel zurückweisen wird, auch wenn man sie ihm ohne alle +Erklärungen und ... und ... Milderungen anbieten sollte?“ + +„Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!“ + +Wie unter einem physisch empfundenen Schlage zuckte ich zusammen und das +Blut stieg mir ins Gesicht. Diese schamlos skeptische Frage machte auf +mich einen Eindruck, als habe der Fürst mir ins Gesicht gespien. Und zu +dieser Beleidigung kam noch etwas anderes hinzu: das war die verletzend +nonchalante Art und Weise, in der er meine Frage vollkommen überging, +als habe er sie überhaupt nicht gehört. Offenbar wollte er mir damit zu +verstehen geben, daß ich mich gar zu sehr hatte hinreißen lassen, daß +ich zu familiär geworden war, indem ich es wagte, solche Fragen an ihn +zu richten. Ich haßte aber nichts so sehr, wie dieses in der höheren +Gesellschaft übliche Verfahren und hatte mir schon früher Mühe gegeben, +Aljoscha diese Angewohnheit abzugewöhnen. + +„Hm! ... Sie sind noch sehr ... temperamentvoll, doch werden im +alltäglichen Leben gewisse Dinge nicht so behandelt, wie Sie es sich +augenscheinlich denken,“ bemerkte er gleichmütig nach meinem erregten +Ausruf. „Übrigens fällt mir soeben ein, daß darüber zum Teil Natalja +Nikolajewna entscheiden könnte. Vielleicht sagen Sie ihr das. Sie könnte +uns jedenfalls raten ...“ + +„Das wird ihr nicht einfallen,“ versetzte ich in sehr unhöflichem Tone. +„Sie haben nicht geruht, anzuhören, was ich Ihnen vorhin sagte; Sie +unterbrachen mich. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß Sie, wenn Sie +das Geld unaufrichtig, nicht von Herzen ihrem Vater abtreten und ohne +alle diese ‚Milderungen‘, wie Sie sich auszudrücken beliebten, daß Sie +dann mit diesem Gelde dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha +eine Entschädigung zahlen wollen, damit sie zurücktrete ...“ + +„Hm! ... also so haben Sie mich verstanden, mein bester Iwan +Petrowitsch!“ – Der Fürst lachte. Worüber lachte er? – „Indes ...“ fuhr +er fort, „wir haben noch so vieles zu besprechen, nur haben wir jetzt +leider keine Zeit dazu. Ich bitte Sie nur, sich eines zu merken: es +handelt sich hier direkt um Natalja Nikolajewna und ihre ganze Zukunft, +und alles das hängt teilweise davon ab, zu welch einem Entschluß wir +kommen werden. Sie sind hierin unentbehrlich, – das werden Sie nachher +einsehen. Und deshalb werden Sie mir, wenn Sie Natalja Nikolajewnas +Freund sind, nicht eine Unterredung abschlagen, wie wenig Sie auch mit +mir sympathisieren sollten. Da sind wir schon angelangt ... ^à +bientôt^.“ + + + IX. + +Die Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. Die Raume waren alle gut +und geschmackvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch +ungeachtet des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für +einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es war das eben nur +eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, denn es fehlte hier ganz jener +Prunk einer alteingesessenen Familie, deren Heim stets den Stempel der +Herrschaft trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner +widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer auf ihr im +Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – das über und über verschuldet und +verpfändet war – reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich +hatte darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht und +mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn Katjä mit der Gräfin verreist? +Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich +davor; doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, daß auch sie, +wie es schien, von diesem Gerücht gehört haben mußte. Sie schwieg +darüber und litt allein. + +Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte mir mit einem +Lächeln die Hand und bestätigte, was der Fürst mir gesagt hatte: daß sie +mich schon lange bei sich zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst +den Tee, während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar +setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst vornehm +dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem Frack, steifen Bewegungen +und einer viel- oder nichtssagenden Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser +Gast wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr +aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen Verkehr finden +können, wie sie es sich gewünscht. Außer diesem Gast und mir kam niemand +mehr. Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß mit Aljoscha +im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen erfuhr, stand sie +sogleich auf und kam zu uns. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand +und die Gräfin wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor. +Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier betrachtete. Sie +trug ein weißes Kleid und war zart und blond, und von nur mittelgroßem +Wuchs. Ihr Gesicht hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen +waren „vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt hatte. +Alles in allem war es nur die Anmut der Jugend, die sie verschönte, +nichts weiter. Ich hatte erwartet, eine vollendete Schönheit zu +erblicken, doch konnte man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein +zartes Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes Haar, +das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen ruhigen, aufmerksamen +Blick. Bei einer Begegnung auf der Straße wäre ich an ihr +vorübergegangen, ohne sie besonders zu beachten, dachte ich; doch das +schien mir nur so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends +hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, und da +änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, wie sie mir die Hand +reichte und mit angespanntem Blick mir unverwandt in die Augen schaute, +ohne dabei ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und ich +lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand ich halb unbewußt +die kindliche Reinheit ihres ganzen Wesens. Die Gräfin beobachtete sie +aufmerksam. Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, mit +fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und setzte sich mit +Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in eine gemütliche Ecke. Bei der +Begrüßung hatte mir Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur +noch einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – zu ihr.“ + +Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen nicht kenne, nenne ich ihn +den „Diplomaten“ – sprach ruhig und erhaben und verfocht irgend eine +seiner Theorien. Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst lächelte +zustimmend und der Redner wandte sich oft an ihn speziell, da er +augenscheinlich glaubte, in ihm einen würdigen Zuhörer zu haben. Mir +wurde Tee gereicht und dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich +sehr zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört beobachten. + +Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir im ersten +Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen Willen gefiel. +Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch mir schien es, daß sie nicht +über achtundzwanzig Jahre alt sein könne. Sie hatte noch so frische +Farben und man sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen +sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr sehr gut; ihr +Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, verriet aber gleichzeitig +Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, Spottlust und Schelmerei. Doch während +der Rede des „Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und +aufmerksam zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, aber am +meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit und ein heiteres Gemüt. Es +schien mir, daß ihre vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn +sei; eine gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger Egoismus, +der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls aber stand sie, wie ich +auch schon gehört hatte, ganz unter der Vormundschaft des Fürsten, der +gewiß einen großen Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein +Verhältnis hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres +Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger Liebhaber +gewesen sei; mir aber schien es – und es scheint mir auch jetzt noch so +– daß außer dem früheren Verhältnis sie beide noch etwas anderes +verband, etwas zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer +gemeinsamen oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht in einer +gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas Ähnliches mußte es +jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß sie dem Fürsten im Augenblick sehr +lästig war, trotzdem aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist +möglich, daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die sie +noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese Pläne vom Fürsten +her und nur auf Grund derselben hatte er der Gräfin den Gedanken an eine +Heirat – sie soll in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate – +auszureden und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer +Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.[5] Wenigstens glaubte +ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen zu erraten, denn +schließlich war Aljoscha doch nicht völlig blind. Auch schien es mir +nicht zum wenigsten nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der +Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin zu fürchten, +obschon er sie vollkommen beherrschte. Das hatte auch sogar Aljoscha +bemerkt. Nachher erfuhr ich, daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit +jemandem verheiratet hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte, +auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der Hoffnung, dort +in der Provinz einen passenden Gatten für sie zu finden. + +Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, wie ich es +anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter vier Augen zu sprechen. +Der „Diplomat“ antwortete ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem +Stand der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert +seien. Er sprach viel und lange, ruhig und wie ein Mensch, der sich +seiner Macht bewußt ist. Seinen Gedanken entwickelte er sehr klug und +gut, doch war der Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck +hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen und Veränderungen“ +nur zu bald gewisse unerwünschte Früchte zeitigen werde, daß man dann +angesichts der Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft +kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand er wohl nur eine +Kaste – sich nicht nur von den neuen Reformideen abwenden, sondern, +nachdem sie deren Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der +Erhaltung des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, daß das +allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen könne, denn es werde +lehren, wie man dieses allein seligmachende Alte am besten aufrecht +erhalten könne, kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber +sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald bis zur größten +Unvorsichtigkeit vorgehe. + +„Ohne _uns_ kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, „ohne uns hat +sich bisher noch keine Gesellschaft gehalten. Verlieren können wir +nichts, im Gegenteil, wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere +Devise im gegenwärtigen Augenblick sein: ^pire ça va, mieux ça est^!“ + +Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung zu, was mich +geradezu ekelhaft berührte, während der Redner vollkommen mit sich +zufrieden war. Ich war so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte, +das Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des Fürsten +hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick glitt eigentlich nur +ganz flüchtig über mich hinweg, doch mir schien es, daß der Fürst gerade +irgend so einen jugendlich unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete; +ja, vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, wie +ich mich kompromittieren würde. Außerdem war ich fest überzeugt, daß der +„Diplomat“ meine Entgegnung unfehlbar ganz übersehen würde und +vielleicht sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen +sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha. + +Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich an der Schulter. + +„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu. + +Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So war es auch. Nach +wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. Zuerst betrachtete sie mich nur +sehr aufmerksam, als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und +im ersten Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, um ein +Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich überzeugt, daß sie nur +anzufangen brauchte, um dann womöglich bis zum Morgen sprechen zu +können. Aljoschas einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „_nur_ einige +fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, kam mir in den +Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha saß bei uns und erwartete +mit Ungeduld, wie und wovon wir sprechen würden. + +„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich und er sah uns mit +einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun beisammen und schweigt.“ + +„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden bald genug sprechen,“ sagte +Katjä. „Wir haben über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar +nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander +bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja schon längst. Und wie gern +ich Sie sehen wollte! Ich dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu +schreiben ...“ + +„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd. + +„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie ernst. „Nun, zum +Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, ob es wahr ist, was er von +Natalja Nikolajewna sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie +allein läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln wie er? +Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir das doch gefälligst?“ + +„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich habe doch schon +gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hier bleiben werde, nur um +noch zu sehen, was ihr beide tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“ + +„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, – hast du es jetzt +gesehen? Und so ist er immer!“ wandte sie sich an mich, mit dem Finger +auf ihn weisend, während sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick, +nur einen Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder +Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht böse sein, sie +ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er denkt! Was meinst du, +ist das schön von dir, ist das hübsch?“ + +„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er ganz kläglich, „ich +wollte nur so gern noch etwas bei euch bleiben ...“ + +„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr vieles unter vier Augen +zu beraten. Aber höre, du, sei deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas +sehr Notwendiges, – du verstehst doch?“ + +„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich ... weshalb sollte +ich da böse sein? Ich will nur noch auf einen Augenblick zu Ljowinka und +dann – schnell zu ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er +geschäftig fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen doch, daß mein +Vater auf das Geld, das er im Prozeß von Ichmenjeff gewonnen hat, +formell verzichten will?“ + +„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“ + +„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? Katjä will natürlich nicht +glauben, daß es edel von ihm sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf +Wiedersehen, Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha +liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir alle diese +Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe macht, mich beobachtet – +ganz als stände ich unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe +und sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich glaubt. Ich +liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen ... ich weiß nicht, +wie ich sie liebe. Ich liebe sie eben einfach! Und deshalb braucht mich +auch niemand ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So frage doch +Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und kann er es dir bestätigen, daß +Natascha eifersüchtig ist, und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so +liegt doch in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch nichts +opfern.“ + +„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute meinen Ohren nicht. + +„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt auf. + +„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? Iwan Petrowitsch weiß es +ganz gut. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch +nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern haben möchte.“ + +„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ rief Katjä ganz rot +vor Empörung aus. + +„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du wieder bist, Katjä! Ich +liebe sie doch mehr als sie glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte, +so wie es sich gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir +sicherlich ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich selbst +fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß es ihr schwer fällt, +folglich ist es für mich ebenso, als würde sie mich nicht fortlassen.“ + +„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich Katjä wieder an mich und +ihre Augen blitzten vor Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß +alles das dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? Bitte, +versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch die Wahrheit +erfahren! Nun, sprich!“ + +„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein wenig verwirrt. „Was +ist denn dabei? Er sprach so freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu +seinem Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er lobte sie +sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn doch so beleidigt, er +aber lobt sie noch.“ + +„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ sagte ich, „Sie, dem Natalja +Nikolajewna alles hingegeben hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte, +und deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich bei ihr +vielleicht langweilten, und wie sie es anstellen sollte, daß sie Sie +nicht von einem Besuch bei Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir +heute selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen falschen +Worten! Schämen Sie sich nicht?“ + +„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja nie!“ sagte Katjä mit +einer wegwerfenden Handbewegung, als sei er in ihren Augen doch ein +total verlorener Mensch. + +„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha ganz kläglich fort. +„Und immer bist du so, Katjä! Immer vermutest du in mir nur Schlechtes +... Von Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, daß ich +Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht in diesem Sinne von ihr +gesagt, sie sei eine Egoistin. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu +sehr liebt, so daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird +sowohl für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber wird mich nie +betrügen können, selbst wenn er es wollte. Ich bin nicht so dumm. Und er +hat auch das, daß sie eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten +Sinne gesagt; ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau so, wie +ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr liebe, mich dermaßen +liebe, daß ihre Liebe einfach zum Egoismus wird und sie dadurch mir und +sich das Leben schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch +schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, was er gesagt hat, +und er hat es doch nur aus Liebe zu mir gesagt und damit hat er doch von +Natascha nichts Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe +ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, der Liebe bis +zur Unmöglichkeit ...“ + +Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach ihn heftig. Sie +überschüttete ihn mit Vorwürfen und begann ihm zu beweisen, daß sein +Vater nur deshalb Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha, +durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen und ihn dann heimlich +und unmerklich gegen Natascha aufzuhetzen und sie so einander zu +entfremden. Sie redete sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein +und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn geliebt und wie +keine Liebe das je verzeihen werde, was er ihr jetzt antue, und daß +nicht sie, Natascha, sondern er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei. +Aljoscha wurde sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges +Gesicht: ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu Boden, +entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach seiner Leidensmiene zu +urteilen, sich förmlich vernichtet zu fühlen. Doch Katjä sprach +schonungslos weiter. Ich beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn +ich wollte diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer Seele +schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, nur hatte dieses Kind +schon manche selbst gewonnene Überzeugung und von sehr vielen Dingen +ganz richtige Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe zum Guten +und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch in der Tat noch ein Kind nennen +konnte, so gehörte sie doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“ +Kinder, deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt. +Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig gedacht hatte. Wie +sollte es mich da nicht interessieren, in dieses denkende Kindergemüt +hineinzuschauen und zu sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe +mit vollkommen ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen – +Katjä kannte bereits das Leben – und gleichzeitig mit ihr noch ganz +unbekannten Ideen vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht +selbst entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt +aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr offenbar noch eine ganze +Menge, doch wahrscheinlich hielt sie sie alle für ihre eigenen +Gedankenprodukte. Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im +Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen gelernt habe. Sie +hatte einen stolzen Charakter, doch ein empfängliches Herz. Mitunter +hatte es den Anschein, als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem +sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel nur für +vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war sie stolz auf diese ihre +Überzeugungen, was bei vielen stolzen Menschen sogar auch in nichts +weniger als in jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war es, was +ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken und die Wahrheit +ergründen, damit beschäftigte sie sich viel, doch war sie darin so wenig +pedantisch und außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß man +von vornherein ihre Originalität nett fand und sich vollkommen mit ihr +aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ und „Borinka“ und ich fand alles in +der besten Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den ersten +Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, wurde an diesem Abend – +wenigstens in meinen Augen – mit jeder Minute schöner und anziehender. +Dieses naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden Weibes, +dieses kindliche und doch im höchsten Grade aufrichtige Verlangen nach +Wahrheit und Gerechtigkeit, und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in +ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – alles das belebte ihr +Gesicht mit einem ... ich möchte sagen: reflektierenden Licht, das ihre +ganze aufrichtige Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine +ganz anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und man +begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die nicht sofort jedem +gewöhnlichen, gleichgültigen Blick zugänglich war, sich nicht so schnell +ergründen ließ. Und da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich +an ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken und zu urteilen +verstand, so liebte er doch gerade diejenigen, die für ihn dachten und +sogar für ihn zu denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz +unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, reines +Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig aufnahm, und bei ihrer +kindlichen Aufrichtigkeit hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes +Innenleben erschlossen. Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem Willen, +sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich sogar bis zur +Leidenschaft begeistern konnte, und nur an einen solchen Menschen, der +ihn zu beherrschen, ihm sogar zu befehlen verstand, konnte sich dieser +Junge anschließen. Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an Natascha +gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung viel vor der anderen +voraus: sie war selbst noch ein Kind und – wird es noch lange bleiben, +dachte ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren Verstande, +und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft – das war es, was sie für +Aljoscha passender machte, weshalb er sich auch immer mehr zu ihr +hingezogen fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, wenn sie +unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen und Zurechtweisungen, +auch von Spielsachen die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha bei +Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf wusch und ihn +überhaupt sehr im Zaum hielt, doch leichter sein als bei Natascha. Sie +paßten besser zueinander und das war die Hauptsache. + +„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer darauf hinaus, daß +du recht hast und nicht ich. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist +als meine,“ sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden. +„Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka aber werde ich nicht mehr +gehen ...“ + +„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ meinte Katjä, „daß +du aber jetzt gehorchst und zu ihr fährst, das ist sehr lieb von dir.“ + +„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ sagte der betrübte +Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“ + +Wir traten zur Seite. + +„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, „es war eine +Gemeinheit von mir, ich habe mich an allen versündigt, am meisten aber +an ihnen, an Natascha und an ihr. Heute machte mich mein Vater nach dem +Essen mit der Alexandrine bekannt – eine Französin, wissen Sie, ein +bezauberndes Weib. Ich ... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man +da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen zu sein ... Leben +Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ – + +„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann Katjä sogleich eilig zu +versichern, kaum daß ich mich wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir +werden noch viel zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine +Frage: für was halten Sie den Fürsten?“ + +„Für einen sehr schlechten Menschen.“ + +„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das wird uns vieles +erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst über Natalja Nikolajewna reden +... Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und +erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir das alles erklären, +denn gerade die Hauptsache ist mir völlig unklar, ich tappe da nur so im +Dunkeln herum und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was +Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe ich hier doch +keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren könnte. Sagen Sie also, +erstens – das ist das wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und +Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das muß ich ganz zuerst +wissen, um mich endgültig entscheiden zu können, um genau zu wissen, was +ich zu tun habe.“ + +„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher sagen? ...“ + +„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann natürlich kein +Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich will nur wissen, wie es Ihnen +scheint, – denn ich weiß, Sie sind ein sehr kluger Mensch.“ + +„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“ + +„Weshalb nicht?“ + +„Sie passen nicht zueinander.“ + +„Das habe ich mir auch gedacht.“ + +Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer. + +„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: ich möchte furchtbar +gern Natascha sehen. Ich muß mich mit ihr aussprechen und ich glaube, +wir werden dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche ich +immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie sie ist: sie muß furchtbar +klug sein, ernst, wahrheitsliebend und sehr schön. Nicht?“ + +„Ja.“ + +„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, wie hat sie sich dann in +Aljoscha, in diesen Knaben, verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich +habe darüber schon oft nachgedacht.“ + +„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. Es ist schwer, sich +vorzustellen, wie und weshalb man ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist +ein vollständiges Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind +bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich bei ihrer kindlichen +Ehrbarkeit, während der Blick ihrer tiefen, ernsten Augen in +erwartungsvoller Aufmerksamkeit unverwandt auf mir ruhte. + +„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde gleicht,“ fuhr ich fort, +„je ernster sie selbst ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er +wird nie lügen, er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an +ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat aber auch seine +Naivität etwas Liebenswürdiges an sich. Vielleicht hat sie ihn – wie +soll man das ausdrücken? ... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen. +Das pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen ... Übrigens +fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären kann, dafür aber möchte ich Sie +etwas fragen: Sie lieben ihn doch?“ + +Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich fühlte, daß ich weder +durch ihre Plötzlichkeit, noch durch sonst etwas die kindliche Reinheit +ihrer Seele trüben konnte. + +„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie leise und ihre klaren +Augen sahen mich dabei so ehrlich an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr +liebe ...“ + +„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb Sie ihn lieben?“ + +„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach einigem +Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in die Augen sieht und dabei +etwas zu mir spricht, so gefällt mir das sehr ... Hören Sie, Iwan +Petrowitsch, da spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein +Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt oder schlecht?“ + +„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“ + +„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei schlecht sein? +Nun, die dort aber,“ – sie wies mit dem Blick auf die Gruppe am Teetisch +– „würden sicherlich sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder +nicht recht?“ + +„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie nichts Schlechtes tun, +folglich ...“ + +„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, – offenbar wollte sie +an diesem Abend noch über vieles mit mir reden. „Sobald ich es einmal +nicht weiß, frage ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin +auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. Und mit Ihnen +spreche ich deshalb so aufrichtig, als spräche ich mit mir selbst, weil +Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere +Geschichte mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und ich +habe geweint als ich sie hörte.“ + +„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“ + +„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den Augen, als er +erzählte. Das war sehr gut von ihm und das hat mir auch sehr gefallen. +Ich glaube, daß er Sie mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen +Sie, gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, und dann +zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, weil Sie ein sehr kluger +Mensch sind und mir in vielen Dingen raten und mich belehren können.“ + +„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie belehren könnte?“ + +„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“ + +Sie dachte nach. + +„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch reden wir jetzt von +der Hauptsache. Raten Sie mir, Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß +doch, daß ich jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun? +Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander sein? +Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas Lage ist so furchtbar, so +furchtbar! Er hat doch schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich +liebt er immer mehr. Nicht?“ + +„Es scheint so.“ + +„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja selbst nicht, daß er +aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es bestimmt wissen. Da kann man +sich denken, wie sie sich quält!“ + +„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“ + +„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete sie ernst, „aber ich +komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb habe ich Sie auch so ungeduldig +erwartet, damit Sie mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als +ich. Sie sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich +alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn sie sich beide +lieben, so müssen sie glücklich werden, und deshalb muß ich mich opfern +und ihnen helfen. Nicht?“ + +„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“ + +„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam und mich immer mehr +zu lieben begann, da wurde ich nachdenklich und jetzt frage ich mich: +soll ich das Opfer bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr +schlecht von mir, nicht wahr?“ + +„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, „anders wäre es +kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls nicht schuld daran.“ + +„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, weil Sie sehr gut sind. +Ich denke aber nun, daß mein Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein +Herz rein wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – lassen wir +das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, einiges vom +Fürsten, einiges von Mama, einiges auch von Aljoscha, und ich erriet, +daß sie doch nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben Sie +nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. Was nun? Denn +wenn sie beide unglücklich werden würden, so würde es doch auch für sie +nur besser sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun von +Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – so habe ich +beschlossen – selbst zu Natascha fahren und mit ihr dann alles endgültig +beschließen.“ + +„Ja, aber wie, das ist die Frage.“ + +„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch mehr als alles auf +der Welt, deshalb müssen Sie auch in erster Linie sein Glück wünschen: +folglich müssen Sie sich von ihm trennen‘.“ + +„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, so etwas zu hören? Und +wenn sie einwilligt – wird sie auch fähig sein, es auszuführen?“ + +„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke und ... und +...“ + +Und sie brach in Tränen aus. + +„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ murmelte sie mit +zuckenden Lippen. + +Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst nicht übel Lust, wie +sie zu weinen, nur so, einfach aus einem Gefühl heraus, einem Gefühl, +das so wie Liebe war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich. +Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von sich +glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne. + +„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein wenig beherrscht +hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich gestimmt von den Tränen. + +„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert. + +„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das dritte Konzert von +Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Dort sind alle diese Gefühle +... ganz so wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. +Doch davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres zu +sprechen.“ + +Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen sei, daß sie mit +Natascha zusammenkäme. Sie sagte, daß sie nicht ohne Begleitung das Haus +verlassen dürfe; ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb, +doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, Natalja +Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher habe sie sich zu einer List +entschlossen. An manchen Vormittagen mache sie, wenn das Wetter schön +sei, eine Spazierfahrt, doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der +Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht mitfahren könne, +begleite sie die Französin, die im Augenblick krank war. Das käme aber +eigentlich nur dann vor, wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte +man warten, bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte die +Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie eine Gesellschafterin +war – „gewonnen“ werden, was gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie +sei sehr gut. Das Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im +voraus zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne. + +„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. „Sie will Sie +selbst sehr gern kennen lernen, und das ist durchaus notwendig, damit +sie wenigstens weiß, wem sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen +Sie sich das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit wird auch +ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden doch aufs Land fahren?“ + +„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte sie. „Ich weiß, daß +der Fürst darauf besteht.“ + +„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin fahren?“ + +„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und sah mich unverwandt +an. „Er wird doch wohl?“ + +„Zweifellos.“ + +„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden soll! Hören Sie, +Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen alles schreiben, ich werde Ihnen sehr +oft schreiben und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden. +Werden Sie uns oft besuchen?“ + +„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt von den Umständen ab. +Vielleicht werde ich hier überhaupt nicht wieder erscheinen.“ + +„Weshalb denn nicht?“ + +„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, doch hauptsächlich – +von meinem Verhältnis zum Fürsten.“ + +„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. „Aber wissen Sie, +Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn ich Sie einmal besuchen würde? Wenn +ich an einem Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut oder wäre +das nicht gut?“ + +„Wie finden Sie es?“ + +„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... ich würde Sie eben +einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich sage es ja nur +deshalb, weil ich Sie nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ... +Und von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie doch ... Aber +ich brauche mich doch nicht deshalb zu schämen, weil ich so mit Ihnen +spreche? ...“ + +„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir schon so lieb und wert, +als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte gefunden.“ + +„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“ + +„O, von Herzen gern!“ sagte ich. + +„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen müßte und daß ein +junges Mädchen so nicht reden dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf +die Gruppe am Teetisch weisenden Blick. + +Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir schien, absichtlich +allein ließ, um uns die Möglichkeit zu geben, über Natascha und Aljoscha +unter vier Augen nach Herzenslust zu sprechen. + +„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf mein Geld abgesehen +hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich noch für ein vollständiges Kind, +und sagen es mir ja auch ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein +Kind mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja noch selbst +die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: weshalb sorgen sie sich so?“ + +„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: wer sind dieser +Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft besucht?“ + +„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind sehr kluge und sehr +anständige Jungen, aber sie sprechen so viel, daß es einem denn doch zu +viel wird ... Ich kenne sie ...“ + +Und sie lächelte vor sich hin. + +„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million schenken wollen?“ + +„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie haben schon so viel +davon gesprochen, daß es einem einfach unerträglich wird. Ich gebe +natürlich gern zu allem Nützlichen, denn wozu hat man schließlich so +viel Geld, nicht wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis +ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits über +das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, schreien, streiten +über die beste Verwendung, ja sie geraten sich sogar in die Haare +deswegen, so daß ich mich wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch +gar zu eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, so +herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das ist doch +immerhin besser als so, wie andere leben ... Nicht wahr?“ + +Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben und +hörte mit brennendem Interesse zu, wenn ich erzählte. Doch immer wieder +wollte sie noch Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon +zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit das Zeichen zum +Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. Katjä drückte mir fest die Hand +und sah mich mit einem vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich +auf, sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus zusammen mit +dem Fürsten. + +Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht ganz +unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem aus dem dreistündigen +Gespräch mit Katjä davontrug, Erwähnung zu tun: es war dies eine für +mich selbst wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch so +weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen zwischen Mann +und Weib überhaupt noch nicht kannte. Das verlieh einzelnen ihrer +Äußerungen sowie dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst +wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige Komik. + + + X. + +„Was meinen Sie!“ sagte plötzlich der Fürst, als wir uns in den Wagen +setzten. – „Wie wäre es, wenn wir jetzt zusammen zu Abend speisten?“ + +„Wirklich, ich weiß nicht, Fürst,“ antwortete ich unschlüssig. „Ich +pflege nie zu Abend zu speisen ...“ + +„Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit dann auch _reden_ +können,“ fügte er bedeutsam hinzu, indem er mir mit einem halb +spöttisch, halb heimtückisch lächelnden Blick unverwandt in die Augen +sah. + +Wie sollte ich das mißverstehen! „Er will sich aussprechen,“ dachte ich, +„und das ist es ja gerade, worauf ich warte.“ + +Ich willigte ein. + +„Also abgemacht. In die Große Moskaja zu B.,“ rief er dem Kutscher zu. + +„Ins Restaurant?“ fragte ich ein wenig verwirrt. + +„Ja. Wieso? Ich speise doch abends nur selten zu Hause. Erlauben Sie mir +denn nicht, Sie aufzufordern?“ + +„Aber ich sagte Ihnen doch, daß ich mich überhaupt nicht daran gewöhnt +habe, zu Abend zu speisen.“ + +„Nun, dieses eine Mal! Zudem habe ich Sie doch aufgefordert, mein Gast +zu sein ...“ + +Das hieß: ich werde doch für dich zahlen. Ich bin überzeugt, daß er das +mit Absicht hinzufügte. Ich widersprach nicht weiter, beschloß aber, im +Restaurant selbst für mich zu zahlen. Der Fürst nahm ein einzelnes +Zimmer und wählte mit Kennermiene drei Gänge. Das war alles sehr teuer, +ebenso auch der feine Tischwein, den er dazu bestimmte, und daher nichts +für meine Tasche. Ich warf einen Blick auf die Karte und bestellte für +mich ein halbes Haselhuhn und dazu Lafitte. + +„Wie, Sie wollen nicht mit mir speisen?“ fragte der Fürst ganz +aufgebracht. „Aber das ... das ist ja geradezu lächerlich! Pardon, ^mon +ami^, aber das ist doch wirklich ... übertriebene Pedanterie. Sie können +doch in Ihrer Eigenliebe nicht so kleinlich sein. Das ist ja förmlich, +als wollten Sie auf den Standesunterschied pochen, – ich wette, daß das +im geheimen Ihre Absicht ist! Ich versichere Sie, Sie beleidigen mich +einfach!“ + +Doch ich bestand auf meinen Willen. + +„Nun – wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht ... Sagen Sie, Iwan +Petrowitsch, darf ich zu Ihnen einmal vollkommen freundschaftlich +reden?“ + +„Ich bitte Sie darum.“ + +„Nun, dann sage ich Ihnen, daß Sie sich, meiner Meinung nach, durch +solche Pedanterie nur schaden. Und dasselbe tun alle Ihre Kollegen. Sie +sind Literat, Schriftsteller, Sie müssen die Welt kennen lernen, +währenddessen ziehen Sie sich immer mehr zurück und wollen sich von +allem fernhalten. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern, aber Sie sind +ja doch bereit, auf jede Beziehung zu unseren Kreisen zu verzichten, das +aber schadet Ihnen doch sicher. Ganz abgesehen davon, daß Sie dabei viel +verlieren, – nun, zum Beispiel, was ihre Karriere betrifft und alles +weitere, was daraus folgt – ganz abgesehen davon, sage ich, müßten Sie +doch in erster Linie das kennen lernen, was Sie schildern. In solchen +Novellen kann doch alles vorkommen, Grafen, Fürsten, Boudoirs ... Doch, +was sage ich! Bei den Schriftstellern von heute dreht es sich ja jetzt +um nichts anderes mehr als um Armut, verlorene Mäntel, Revisoren, +verrückte Offiziere, Beamte, alte Jahrgänge und Sektiererleben, ich +weiß, ich weiß ...“ + +„Sie irren sich, Fürst. Wenn ich mich nicht in den sogenannten höheren +Kreisen bewege, so tue ich es nur deshalb nicht, weil es dort, erstens, +langweilig ist, und zweitens, weil man dort nichts zu suchen hat. Doch +schließlich bin ich auch hin und wieder ...“ + +„Ich weiß, beim Fürsten R., einmal im Jahr. Ich bin Ihnen ja dort mal +begegnet. Aber die übrige Zeit des Jahres verknöchern Sie wie Ihre +Kollegen in demokratischem Stolz irgendwo in kleinen Dachstuben. +Freilich tun das nicht gerade alle. Es gibt unter ihnen auch solche +Abenteuerjäger, daß es sogar mir ekelhaft zumute wird ...“ + +„Ich bitte Sie, Fürst, dieses Thema fallen zu lassen und unsere +Dachstuben nicht weiter zu berühren.“ + +„Ach, mein Gott, da sind Sie schon gekränkt. Sie hatten mir doch +erlaubt, vollkommen freundschaftlich mit Ihnen zu reden. Übrigens, ^je +vous demande pardon^, ich habe ja noch mit nichts Ihre Freundschaft +verdient. Der Wein ist nicht schlecht. Versuchen Sie ihn.“ + +Er schenkte mir ein halbes Glas ein – aus seiner Flasche. + +„Nun, sehen Sie, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja nur zu +gut, daß es unanständig ist, seine Freundschaft einem anderen ungebeten +aufzudrängen. Sind Sie doch der Meinung, daß wir alle Sie nur demütigend +behandeln wollen. Nun, ich begreife auch sehr gut, daß Sie nicht aus +Neigung zu mir hier sitzen, sondern weil ich versprochen habe, mit Ihnen +zu _reden_. Nicht wahr, so ist es doch?“ + +Er lachte. + +„Da Sie aber die Interessen einer gewissen Person im Auge haben, so sind +Sie natürlich sehr gespannt darauf, was ich sagen werde. Nicht wahr?“ +fragte er mit boshaftem Lächeln. + +„Sie irren sich nicht,“ sagte ich nervös – ich sah, daß er einer von +jenen war, die, wenn sie einen Menschen nur ein wenig in ihrer Macht +wissen, es diesem sogleich zu fühlen geben möchten. Und ich war in +seiner Macht. Sein Ton wurde mit jedem Satz familiärer, spöttischer, +unverschämter. „Sie haben es erraten, Fürst; ich bin einzig zu diesem +Zweck hergekommen, andernfalls würde ich wahrlich nicht ... so spät hier +noch sitzen.“ + +Ich hatte sagen wollen: andernfalls würde ich wahrlich nicht in Ihrer +Gesellschaft bleiben, unterließ es aber, und zwar nicht etwa aus Furcht +vor ihm, sondern weil mein verwünschtes Zartgefühl es nicht erlaubte. In +der Tat, wie soll man einem Menschen eine Grobheit ins Gesicht sagen, +wenn er es auch noch so verdient hätte und ich ihm gerade eine Grobheit +sagen wollte? Ich glaube, der Fürst erriet aus meinen Augen, was ich +dachte und blickte mich die ganze Zeit spöttisch an, als mokiere er sich +über meine Mutlosigkeit und als wolle er mir mit seinem Blick sagen: +„Nun was, hast es nicht zu sagen gewagt, hast klein beigegeben? Ja, ja, +Freundchen!“ Sicherlich waren das seine Gedanken, denn als ich meinen +Satz beendet hatte, lachte er auf und klopfte mir mit einer gewissen +protegierenden Liebenswürdigkeit aufs Knie. + +„Du erheiterst mich, Freundchen,“ las ich in seinem Blick. + +„Wart mal!“ dachte ich bei mir. + +„Ich bin heute sehr vergnügt!“ rief er lachend aus, „und wirklich, ich +weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über +diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal +aussprechen, und man muß doch auch zu einem Resultat kommen. Deshalb +hoffe ich, daß Sie mich diesmal richtig verstehen werden. Vorhin begann +ich mit Ihnen von jenem Gelde und der alten Schlafmütze von einem Vater, +dem sechzigjährigen Säugling ... Na, es lohnt sich nicht, darüber noch +Worte zu verlieren. Ich begann doch davon _nur so_! Hahah! Sie sind doch +Dichter – haben Sie denn das nicht erraten? ...“ + +Verwundert sah ich ihn an. Ich fragte mich, ob er schon betrunken sein +könne? + +„Nun, was aber sein Töchterchen betrifft, so muß ich sagen, daß ich sie +sehr achte, sogar liebe – versichere Sie! Sie ist zwar ein bißchen +eigensinnig, aber schließlich: ‚keine Rose ohne Dorn‘, wie man vor +fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das Wörtchen ist sogar sehr +treffend. Dornen stechen, aber das ist ja gerade das Verlockende, und +wenn auch mein Alexei ein Dummkopf ist, so habe ich ihm zum Teil doch +schon verziehen – weil er einen so guten Geschmack bewiesen hat. Kurz, +mir gefallen diese Mädchen und ich habe –“ er preßte vielsagend die +Lippen zusammen – „sogar besondere Absichten ... Nun, davon später ...“ + +„Fürst! Hören Sie, Fürst!“ rief ich aus, „ich verstehe diese plötzliche +Veränderung nicht, aber ... sprechen Sie von anderem, ich bitte Sie.“ + +„Sie regen sich schon wieder auf! Nun, gut ... ich werde das Thema +wechseln. Nur – sehen Sie, was ich Sie fragen will, mein lieber Freund: +achten Sie sie sehr?“ + +„Selbstverständlich!“ antwortete ich mit unhöflicher Gereiztheit und +Ungeduld. + +„Nun, nun ... und Sie lieben sie?“ fuhr er fort, mit einem widerlichen +Lächeln mir zublinzelnd. + +„Sie vergessen sich!“ + +„Nun, schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich nur. Ich bin heute bei +erstaunlich guter Laune, das muß ich sagen! Ich bin so heiter gestimmt +wie seit langer Zeit nicht mehr. Sollten wir nicht Champagner trinken? +Was meinen Sie, mein Poet?“ + +„Ich werde keinen Champagner trinken, ich will nicht!“ + +„Nichts da! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich +fühle mich so wundervoll und bin von einer Güte, die fast an +Sentimentalität grenzt, aber ich kann nicht allein glücklich sein. Wer +weiß, vielleicht bringen wir es noch so weit, daß wir Brüderschaft +trinken, hahaha! und ‚Du‘ zueinander sagen! Nein, nein, junger Freund, +Sie kennen mich noch nicht! Ich bin überzeugt, daß Sie mich lieb +gewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freud mit mir teilen, +Heiterkeit und Tränen, obschon ich hoffe, daß ich ... wenigstens nicht +weinen werde. Nun, wie steht’s, Iwan Petrowitsch? So bedenken Sie doch +nur, daß, wenn nicht das geschieht, was ich will, meine ganze +Inspiration zum Teufel gehen kann und Sie dann nichts mehr hören werden. +Nun, Sie aber sind doch einzig zu dem Zweck hier, um etwas zu hören. +Hab’ ich nicht recht?“ fragte er wieder mit einem frechen Blinzeln. +„Nun, dann wählen Sie also.“ + +Die Drohung war nicht mißzuverstehen. Ich willigte ein. „Will er mich +etwa betrunken machen?“ fragte ich mich. Übrigens dürfte es angebracht +sein, hier eines Gerüchts, daß auch mir zu Ohren gekommen war, Erwähnung +zu tun. Man erzählte vom Fürsten, daß er – der sich doch in der +Gesellschaft stets tadellos und vornehm zeigte – mitunter nachts es wie +der letzte Wüstling zu treiben liebte, sich toll und voll soff und sich +dann heimlich der Ausschweifung hingab, ganz heimlich und gemein ... Ich +hatte Scheußliches von ihm erzählen hören. Aljoscha wußte es, daß der +Vater sich bisweilen betrank, suchte es aber vor allen zu verbergen, +namentlich vor Natascha. Einmal verriet er sich unbedachtsamerweise im +Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und überging die Antwort auf eine +meiner diesbezüglichen Fragen. Von diesem Gerücht jedoch hatte ich +andere erzählen hören, nur muß ich gestehen, daß ich es für leeres +Geschwätz hielt und ihm keinen großen Glauben schenkte. + +Ich wartete, was weiter geschehen würde. + +Der Kellner erschien mit dem Champagner; der Fürst schenkte ein, sich +und mir. + +„Ein reizendes, reizendes Mädel! – wenn sie mich auch gescholten hat!“ +fuhr er fort, mit Hochgenuß den Wein schlürfend. „Aber gerade in solchen +Momenten sind ja diese reizenden Geschöpfe am reizendsten ... Und sie +glaubte doch sicherlich, daß sie mich beschämt habe – Sie wissen doch: +an jenem Abend? – daß ich einfach vernichtet sei! Hahaha! Und wie ihr +das Erröten steht! Sind Sie ein Weiberkenner? Es gibt blasse Gesichter, +denen ein plötzliches Erröten wundervoll steht, – ist Ihnen das nicht +aufgefallen? Ach, mein Gott! Sie ärgern sich wohl schon wieder?“ + +„Ja, ich ärgere mich!“ sagte ich, ohne mich noch zu beherrschen. „Ich +wünsche nicht, daß Sie jetzt von Natalja Nikolajewna sprechen ... das +heißt, in einem solchen Tone. Ich ... ich erlaube Ihnen das nicht!“ + +„Oho! Nun, wie Sie wünschen; ich bereite Ihnen das Vergnügen und werde +auf anderes übergehen. Ich bin ja doch nachgiebig und weich wie Wachs. +Reden wir also von Ihnen. Ich liebe Sie, Iwan Petrowitsch. Wenn Sie +wüßten, welch freundschaftliches, aufrichtiges Interesse ich für Ihr +Schicksal empfinde ...“ + +„Fürst, wäre es nicht besser, wir kämen zur Sache?“ unterbrach ich ihn. + +„Das heißt, zu _unserer_ Sache, wollen Sie sagen. Ich verstehe Sie auch +ohne Worte, ^mon ami^, nur ahnen Sie gar nicht, wie nah wir die Sache +berühren, wenn wir jetzt auf Sie zu sprechen kommen und wenn Sie mich, +was ich hoffe, nicht wieder unterbrechen werden. Also ich fahre fort: +ich wollte Ihnen nämlich sagen, mein teuerster Iwan Petrowitsch, daß so +leben, wie Sie leben, einfach ein Sichzugrunderichten ist. Erlauben Sie +mir einmal, dieses delikate Gebiet zu berühren; ich tu’s aus +Freundschaft. Sie sind arm, Sie müssen sich von Ihrem Verleger einen +Vorschuß zahlen lassen, um Ihre kleinen Schulden bezahlen zu können, und +für das übrige leben Sie ein halbes Jahr nur von Tee und zittern in +Ihrer Dachkammer vor Kälte, in der Erwartung des Augenblicks, wann +endlich Ihr Roman erscheinen wird. Ist es nicht so?“ + +„Und wenn es auch so ist, so ist es doch ...“ + +„Doch ehrenwerter als stehlen, Bücklinge machen, Sporteln nehmen, +intrigieren, nun, usw., usw. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen, +das ist ja alles schon längst gedruckt!“ + +„Folglich dürfte es auch überflüssig sein, davon weiter zu reden. Muß +ich Sie wirklich noch Takt lehren, Fürst?“ + +„O, selbstverständlich nicht. Nur, was ist da zu machen, wenn gerade +diese delikaten Seiten in der Hauptsache eine große Rolle spielen. Man +kann sie doch nicht totschweigen. Doch übrigens, wie Sie wollen, lassen +wir die Dachkammern in Ruh. Ich habe auch nichts für sie übrig, +abgesehen von gewissen Fällen ...“ Er lachte widerlich. „Mich wundert ja +nur eines: was für ein Vergnügen finden Sie daran, die Rolle der zweiten +Person zu spielen? A propos, einer Ihrer Kollegen sagt ja wohl irgendwo +in einem Werk, soviel ich mich entsinne, daß es vielleicht die größte +Tat sei, wenn ein Mensch es verstehe, sich im Leben auf die Rolle einer +zweiten Person zu beschränken ... Oder so etwas Ähnliches. Ich habe auch +einmal ein Gespräch darüber gehört ... mit halbem Ohr. Ich weiß doch, +daß Aljoscha Ihnen die Braut abspenstig gemacht hat, Sie aber wissen, +gleich einem idealen Schiller, nichts besseres zu tun, als sich für sie +noch aufzuopfern, sie womöglich zu bedienen oder sich von ihnen gar als +Laufbursche benutzen zu lassen ... Verzeihen Sie, mein Lieber, aber das +ist doch nur ein gewisses widerliches Spiel mit großmütigen Gefühlen ... +Daß es Ihnen noch nicht langweilig geworden ist, begreife ich nicht! Man +müßte sich doch eigentlich schämen. Ich würde an Ihrer Stelle, glaube +ich, umkommen vor Ärger, aber in erster Linie würde ich mich doch +schämen, schämen!“ + +„Fürst! Es scheint, daß Sie mich nur zu dem Zweck hergebeten haben, um +mich zu beleidigen!“ Ich war fast außer mir vor Wut. + +„O, nein, mein Freund, nein, ich bin im Augenblick ganz einfach nur ein +Sachverständiger, der Ihr Bestes wünscht. Mit einem Wort, ich will der +ganzen Geschichte einmal ein Ende machen. Doch vorläufig reden wir noch +nicht von der ‚ganzen Geschichte‘, sondern hören Sie mich zuerst bis zu +Ende an, und bemühen Sie sich, sich nicht aufzuregen, wenn auch nur für +die Dauer von zwei Minuten. – Nun, also, was meinen Sie, sollten Sie +nicht heiraten? Sie sehen, ich rede jetzt von ganz _Nebensächlichem_. +Weshalb sehen Sie mich denn so erstaunt an?“ + +„Bitte, weiter, ich warte,“ antwortete ich. Ich sah ihn in der Tat +verwundert an. + +„O, da ist nichts zu erwarten. Ich wollte nur wissen, was Sie dazu sagen +würden, wenn Ihnen jemand von Ihren Freunden, der Ihnen ein dauerhaftes, +wahres Glück wünscht – nicht irgend so ein ephemerisches – ein junges, +nettes Mädchen anböte, das aber ... bereits einiges durchgemacht hat. +Ich rede ganz allegorisch, doch Sie verstehen mich hoffentlich, – nun, +so ^à la^ Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer anständigen +Entschädigung ... Vergessen Sie nicht, daß ich von einer Nebensache, +nicht von _unserer_ Sache rede. Nun also: was würden Sie dazu sagen?“ + +„Ich sage Ihnen, daß Sie ... verrückt geworden sind.“ + +„Hahaha! Bah! Sie scheinen ja Lust zu haben, tätlich zu werden?“ + +Es fehlte allerdings nicht viel und ich hätte ihn geprügelt. Ich konnte +es kaum noch aushalten! Ich hatte das Empfinden, einem Geschmeiß, einer +riesigen ekelhaften Spinne gegenüber zu sitzen und ich brannte vor +Verlangen, das scheußliche Tier platt zu schlagen, unter die Füße zu +treten. Er ergötzte sich an seinem Spott, den er mit mir trieb, er +spielte mit mir, wie eine Katze mit der Maus, denn er glaubte, mich ganz +in seiner Gewalt zu haben. Es schien mir, daß er an seiner +Schamlosigkeit ein gewisses Vergnügen fand; vielleicht empfand er sogar +eine gewisse Wollust in dieser Gemeinheit, in diesem Zynismus, mit dem +er vor mir plötzlich sich die Maske vom Gesicht riß. Er wollte sich an +meiner Verwunderung, an meinem Schreck und Ekel weiden, wie es mir +schien. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich über mich lustig. + +Ich hatte erraten, daß er einen besonderen Zweck verfolgte; ich befand +mich aber in einer solchen Situation, daß ich ihn unter allen Umständen +anhören mußte. Ich mußte es im Interesse Nataschas; ich mußte mich auf +alles gefaßt machen und mußte alles ertragen, denn es war möglich, daß +jetzt die Stunde gekommen war, in der sich ihr Schicksal entschied. Wer +aber hätte diese zynischen, gemeinen Ausfälle auf ihre Rechnung +kaltblütig anhören können? Und er begriff nur zu gut, daß ich gezwungen +war, ihn anzuhören, was natürlich noch die Kränkung vergrößerte. +„Übrigens bin auch ich ihm unentbehrlich,“ dachte ich bei mir und begann +ihm schroff und verächtlich zu antworten. Er merkte es. + +„Hören Sie, mein junger Freund,“ begann er plötzlich, mir ernst in die +Augen schauend, „so können wir nicht fortfahren, deshalb ist es besser, +wir verständigen uns sogleich. Ich, sehen Sie mal, ich hatte die +Absicht, Ihnen einiges zu sagen; da müssen Sie aber schon so +liebenswürdig sein und einwilligen, mich anzuhören, gleichviel was ich +Ihnen auch erzähle oder sagen sollte. Ich wünsche so zu sprechen, wie +ich will und wie es mir gefällt, und genau genommen ist es so auch ganz +in der Ordnung, Nun, also wie steht es, mein junger Freund? Werden Sie +Geduld haben?“ + +Ich bezwang mich und schwieg, obschon er mich plötzlich mit so beißendem +Spott ansah, als wolle er mich absichtlich zu einer schroffen Weigerung +herausfordern. Doch er erriet aus meinem Schweigen, daß ich einwilligte, +alles anzuhören, und so fuhr er denn fort: + +„Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! Worüber ärgern Sie sich +denn, genau genommen? Einzig über eine äußere Form, nicht wahr? Sie +haben doch von mir im Grunde nichts anderes erwartet, gleichviel wie ich +mit Ihnen spreche: ob mit parfümierter Höflichkeit oder so wie jetzt; +folglich bliebe doch der Sinn immer ein und derselbe. Sie verachten +mich, nicht wahr? Sehen Sie doch, wieviel liebe Einfachheit, +Aufrichtigkeit und Bonhomie in mir ist! Ich gestehe Ihnen alles, sogar +meine Kinderlaunen. Ja, ^mon cher^, ja, ein wenig mehr Bonhomie auch +Ihrerseits und wir würden uns vorzüglich aussprechen, würden in allen +Punkten einig werden und uns gegenseitig vollkommen verstehen. Über mich +aber wundern Sie sich nicht. Ich habe diese ganze Unschuld, Aljoschas +Hirtenlieder und Schäferspiele, dieses ganze Schillerianertum und alle +die Ideale in diesem verwünschten Verhältnis mit jener Natascha – +übrigens an sich ein nettes Mädchen – wie gesagt, alles dies habe ich +jetzt so satt, daß ich mich ganz unwillkürlich der Gelegenheit freuen +muß, mich über diesen ganzen Rummel gründlich lustig machen zu können. +Nun und da haben wir denn jetzt die Gelegenheit. Hinzu kommt, daß ich ja +sowieso einmal mein Herz Ihnen ausschütten oder meine Seele vor Ihnen +ausbreiten wollte. Hahaha!“ + +„Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst. Ich verstehe Sie nicht. Sie +verfallen in den Ton eines Hanswurst; diese plötzlichen Offenbarungen +...“ + +„Hahaha! Das ist ja doch teilweise ganz richtig! Ein allerliebster +Vergleich! Hahaha! Ich _gehe durch_, mein Freund, ich _gehe durch_, ich +bin froh und zufrieden, nun, und Sie, mein Poet, Sie müssen alle nur +mögliche Nachsicht mit mir haben und sich dazu bequemen, aus Ihren Höhen +tief herabzusteigen. Doch lassen Sie uns trinken!“ unterbrach er sich, +in äußerster Zufriedenheit mit sich selbst, und er füllte die Gläser +nach. „Sehen Sie, mein Freund, allein schon dieser eine dumme Abend bei +Natascha – erinnern Sie sich? – gab mir den Rest. Freilich war sie +selbst sehr nett anzusehen in jenem Augenblick, aber nichtsdestoweniger +verließ ich sie doch in entsetzlicher Wut und das will ich nicht +vergessen. Weder vergessen noch verheimlichen. Natürlich wird auch meine +Zeit mal kommen und sie nähert sich ja schon rapid, doch vorläufig +lassen wir das aus dem Spiel. Indes wollte ich Ihnen erklären, daß ich +einen sehr beachtenswerten Charakterzug besitze, den Sie noch nicht +kennen: das ist, daß mir nichts so verhaßt ist, wie alle diese +ekelhaften, nichtswürdigen, billigen Naivitäten ^et toutes ces +pastourelles^; und einer der pikantesten Genüsse war für mich stets, +zuerst selbst in dieser Tonart zu singen, irgend so einen ewig jungen +Schiller zu entzücken, fast sogar zu begeistern für mich, und dann ihn +plötzlich wie mit einem Keulenschlage zu betäuben, plötzlich die +begeisterte Maske herunterzureißen und ihm eine Grimasse zu schneiden, +ihm die Zunge zu zeigen, und das gerade in dem Augenblick, wenn er am +allerwenigsten eine solche Überraschung erwartete. Wie? Sie begreifen +das nicht, Sie finden es vielleicht schändlich, dumm, gemein, nicht?“ + +„Selbstverständlich finde ich das.“ + +„Sie sind ziemlich aufrichtig. Nun, aber was kann ich dafür, wenn diese +Kerls mich schließlich quälen! Auch ich bin dumm genug, aufrichtig zu +sein, aber das ist nun mal mein Charakter. Übrigens will ich Ihnen noch +so einige Episoden aus meinem Leben erzählen. Sie werden mich dann +besser verstehen und das wird sehr interessant sein. Ja, Sie haben +recht, ich erinnere heute vielleicht wirklich an einen Hanswurst, aber +ein Hanswurst ist doch aufrichtig, nicht wahr?“ + +„Hören Sie, Fürst, es ist jetzt spät und wirklich ...“ + +„Was? Gott, welche Ungeduld! Was eilt denn so? Lassen Sie uns doch ein +wenig sitzen, wir können bei der Gelegenheit ganz freundschaftlich und +aufrichtig reden, so, wissen Sie, beim Glase Wein, wie es sich guten +Freunden ziemt. Sie glauben, ich sei betrunken? Na, um so besser für +Sie! Hahaha! In der Tat, diese freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben +einem nachher immer so lange noch im Gedächtnis und man denkt mit solch +einer Wonne an sie zurück. Sie sind kein guter Mensch, Iwan Petrowitsch! +Es ist keine Sentimentalität in Ihnen, Sie gehören nicht zu den +Gefühlvollen. Nun, was macht es Ihnen denn aus, ein bis zwei Stunden für +solch einen Freund zu opfern, wie ich es bin? Außerdem gehört das doch +durchaus zur Sache ... Wie sollten Sie denn das nicht verstehen, – Sie, +ein Schriftsteller noch dazu! Sie müßten doch den Zufall einfach segnen. +Sie können ja mich als Modell benutzen und einen großartigen Typ +schaffen, hahaha! Gott, wie reizend offenherzig ich heute bin!“ + +Der Wein stieg ihm augenscheinlich schon zu Kopf. Sein Gesicht +veränderte sich und nahm einen gewissermaßen verbissenen boshaften +Ausdruck an. Offenbar empfand er das Verlangen, zu verletzen, zu +verspotten, womöglich zu beißen. „Ganz gut, daß er betrunken ist,“ +dachte ich, „ein Betrunkener ist immer schwatzhaft und verrät sich in +der Regel.“ Doch ich täuschte mich: er vergaß sich keinen Augenblick und +verfolgte einen besonderen Zweck. + +„Mein Freund,“ hub er an – ersichtlich war ihm das Reden ein Genuß – +„ich habe Ihnen soeben ein Geständnis gemacht, das vielleicht nicht ganz +am Platze war. Ich meine, daß ich bisweilen den unbezwingbaren Wunsch +empfinde, irgend jemandem unter gewissen Umständen die Zunge zu zeigen. +Zum Dank für diese meine naive und gutmütige Offenheit vergleichen Sie +mich mit einem Hanswurst, was mich von Herzen erheitert hat. Doch wenn +Sie mir darob Vorwürfe machen wollen, oder sich darüber wundern, daß ich +Ihnen gegenüber unhöflich oder sogar unanständig sei, kurz – plötzlich +einen anderen Ton angeschlagen habe, so sind Sie durchaus im Unrecht. +Erstens paßt es mir nun einmal so, und zweitens bin ich nicht bei mir, +sondern mit _Ihnen_ ... will sagen, wir gehen jetzt beide _durch_, wie +es gute Freunde öfters tun; und drittens – liebe ich über alles Launen. +Wissen Sie auch, daß ich einmal aus Laune sogar Metaphysiker und +Philantrop gewesen bin und mich fast mit denselben Ideen abgegeben habe, +wie Sie heute? Übrigens liegt das so unendlich weit zurück, – in den +goldenen Tagen meiner Jugend war es mal! Ich weiß noch, ich fuhr damals +auf mein Gut, getragen von den humansten Absichten und, versteht sich, +grämte mich und sehnte mich ganz gottverboten. Aber Sie glauben nicht, +was dann mit mir geschah: vor lauter Langeweile begann ich, bei netten +Mädchen Zerstreuung zu suchen ... Schneiden Sie schon wieder eine +Grimasse? O, mein junger Freund! Wir sind doch ganz unter uns und sind +gute Freunde! Wann soll man denn sonst durchgehen, wann sich einmal +auftun, alle Hüllen zurückschlagen! – ich bin doch eine russische Natur, +eine unverfälschte russische Natur, bin Patriot, – wie sollte ich es da +nicht lieben! Und man muß doch den Augenblick erhaschen und das Leben +genießen. Sterben wir – was gibt’s dann noch? Nun, und so trieb ich es +denn mit den Mädeln. Ich entsinne mich noch, eine Hirtin hatte einen +Mann, ein hübscher junger Bursche war’s. Ich bestrafte ihn schmerzhaft +und wollte ihn unter die Soldaten stecken – vergangene Zeiten, mein +Poet! – tat es aber dann doch nicht. Er starb in meinem Krankenhause ... +Ich hatte doch auf meinem Gut ein Krankenhaus errichtet, für zwölf +Betten – großartig! Sauberkeit, parkettierter Fußboden und so weiter ... +Jetzt ist es natürlich schon längst eingegangen, damals aber war ich +sehr stolz auf mein Werk: ich war doch Philantrop! Nun, den Burschen +aber hatte ich seines Weibchens wegen dort zu Tode geprügelt ... Ja, +aber weshalb fabrizieren Sie denn schon wieder eine Grimasse? Es ekelt +Sie an? Empört Ihre edlen Gefühle? Na, na, beruhigen Sie sich. Das ist +ja schon lange her. Das tat ich damals, als ich Romantiker war, als ich +ein Wohltäter der Menschheit werden und eine Philantropische +Gesellschaft gründen wollte ... ich war eben in solches Fahrwasser +hineingeraten. Damals drosch ich denn auch. Jetzt unterlasse ich es; +jetzt muß man Grimassen schneiden; das tun wir doch jetzt alle, – es ist +nun mal solch eine Zeit ... Doch am meisten amüsiert mich im Augenblick +dieser Dummkopf Ichmenjeff. Ich bin überzeugt, daß er von diesem ganzen +Vorfall mit dem Burschen unterrichtet war ... und was glauben Sie? +Einzig aus Herzensgüte, da sein Herz aus Jungfernhonig geschaffen zu +sein scheint, und weil er sich damals in mich geradezu verliebt hatte – +entschloß er sich, keinem Wort davon Glauben zu schenken und – tat es +auch nicht! Verstehen Sie: er glaubte dem Beweise nicht, leugnete die +Tatsache und stand zwölf Jahre lang wie ein Fels für mich ein, bis es +ihm dann selbst an den Kragen ging. Hahaha! Na, das ist ja doch alles +Unsinn! Trinken wir, mein junger Freund: Sagen Sie: wie verhalten Sie +sich zu den Weibern? Lieben Sie sie?“ + +Ich antwortete nichts. Ich biß die Zähne zusammen und hörte nur zu. Er +hatte bereits die zweite Flasche begonnen. + +„Ich rede mit Vorliebe abends nach dem Essen von ihnen. Soll ich Sie +nicht nachher mit einer bekannt machen – Mademoiselle Philiberte, zum +Beispiel – wie? Was meinen Sie? Ja, was fehlt Ihnen denn? Sie wollen +mich nicht einmal ansehen ... hm!“ + +Er dachte nach. Doch plötzlich hob er den Kopf, sah mich ganz +eigentümlich an und fuhr fort: + +„Sehen Sie, mein Poet, ich will Ihnen ein Naturgeheimnis aufdecken, +eines, das Ihnen, wie es scheint, noch ganz unbekannt ist. Ich weiß, daß +Sie mich im Augenblick einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken, +ein Monstrum der Verderbnis und des Lasters nennen. Doch hören Sie, was +ich Ihnen sagen werde. Wenn es nur möglich wäre – ^en parenthèse^: der +menschlichen Natur gemäß ist es absolut unmöglich – also, wenn es +möglich wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes Innenleben beschriebe, +jedoch so, daß er nicht nur das, was er für keinen Preis den Menschen +sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten +würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, +einmal mit größter Wahrheitstreue beschriebe, so würde es doch in der +Welt einen solchen Gestank geben, daß wir alle ersticken müßten. Deshalb +sind denn auch, nochmals ^en parenthèse^, unsere gesellschaftlichen +Anstandsregeln und Gesetze so zweckentsprechend und segensreich. Es +liegt ein tiefer Gedanke in ihnen, – ich will nicht sagen, daß es gerade +ein sittlicher sei, aber einfach ein erhaltender, bequemer, was +natürlich noch besser ist, denn die Sittlichkeit ist ja doch im Grunde +nur Bequemlichkeit ... das heißt, ich meine, sie ist doch einzig zur +Bequemlichkeit erfunden. Doch von den Anstandsregeln später, ich komme +immer wieder vom Thema ab – erinnern Sie mich nachher daran. Sie +beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, Ausschweifung, Unsittlichkeit, +während man mir doch jetzt vielleicht nur das eine vorwerfen könnte, daß +ich _aufrichtiger_ bin als die anderen, und weiter nichts; daß ich das +nicht geheim halte, was die anderen sogar vor sich selbst verbergen, wie +ich vorhin sagte. Das ist allerdings eine Schändlichkeit von mir, aber +ich will es nun einmal so. Übrigens – beunruhigen Sie sich nicht,“ +unterbrach er sich mit einem spöttischen Lächeln, „ich sagte +‚vorwerfen‘, aber ich will mich ja durchaus nicht entschuldigen oder Sie +um Entschuldigung bitten. Und beachten Sie auch das noch: ich will Sie +nicht in Verlegenheit setzen, indem ich Sie frage: ‚haben Sie nicht auch +ähnliche Geheimnisse?‘ – um mit Ihren Geheimnissen dann auch mich in +etwas zu rechtfertigen ... Ich handle also anständig und gentlemanlike. +Überhaupt ist letzteres stets meine Richtschnur ...“ + +„Sie sind einfach ins Schwätzen gekommen,“ sagte ich und sah ihn mit +Verachtung an. + +„Ins Schwätzen ... hahaha! Und wenn man bedenkt, welche Frage Sie dabei +am meisten plagt! Soll ich’s sagen? Sie fragen sich: weshalb hat er mich +hierhergeschleppt und plötzlich mir nichts dir nichts angefangen, mir +alles das zu erzählen? Hab ich’s getroffen?“ + +„Ja.“ + +„Na, das werden Sie später erfahren.“ + +„Die einfachste Antwort ist aber: Sie haben zwei Flaschen Wein getrunken +und sind ... berauscht.“ + +„Das heißt, einfach betrunken. Auch das ist möglich. ‚Berauscht‘! Das +ist ja wohl eine höflichere Ausdrucksform. O, Sie in Zartgefühl +getauchter Mann! Aber ... ich glaube, wir verfallen schon wieder in +Liebenswürdigkeiten und begannen doch gerade mit einem so interessanten +Thema. Ja, was ich sagen wollte, mein Poet: wenn es in der Welt noch +etwas Reizendes und Süßes gibt, so sind es die Weiber.“ + +„Ich verstehe nicht, Fürst, weshalb es Ihnen eingefallen ist, gerade +mich zum Zuhörer zu wählen, wenn Sie Ihre Geheimnisse und Liebes ... +erlebnisse zum besten geben wollen.“ + +„Hm! ... Ja – aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß Sie das nachher +erfahren werden. Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, nehmen Sie +meinethalben an, daß überhaupt kein besonderer Grund vorliegt. Sie sind +doch ein Dichter, Sie werden mich verstehen – doch das habe ich Ihnen ja +schon gesagt. Es liegt eine besondere Art Wollust in diesem plötzlichen +Abreißen der Maske, in diesem Zynismus, in dem sich der Mensch einem +anderen plötzlich so zeigt, daß er ihn nicht einmal würdigt, sich vor +ihm zu schämen. Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war +einmal in Paris ein verrückter Beamter; später wurde er in einer +Irrenanstalt untergebracht, als man sich vollends überzeugt hatte, daß +er verrückt war. Nun, also dieser Mann hatte sich folgendes zu seinem +Vergnügen erdacht: er entkleidete sich zu Hause vollständig, nur die +Stiefel behielt er an, nahm sich dann einen weiten Mantel um, der fast +bis zu den Fersen reichte, hüllte sich in ihn ein und ging dann mit +ernster, erhabener Miene hinaus auf die Straße. Von der Seite gesehen – +ein Mensch in einem Mantel spaziert dort wie alle anderen zu seinem +Vergnügen. Sobald es sich aber so machte, daß ihm jemand entgegenkam, +ringsum aber kein anderer Mensch zu sehen war, so ging er mit dem +ernstesten und vertrauenerweckendsten Gesicht auf ihn zu, blieb dann +plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen Mantel auf und zeigte sich in +seiner ganzen ... Naturtreue. Das dauerte nur einen Augenblick, dann +hüllte er sich wieder ein und schritt stumm, ohne auch nur mit einem +Gesichtsmuskel zu zucken, an dem sprachlos ihn Anstarrenden vorüber, +ruhig, majestätisch, wie der Geist von Hamlets Vater. So tat er es mit +allen, Männern, Frauen, Kindern, und darin bestand sein ganzes +Vergnügen. Nun, einen Teil dieses Vergnügens kann man auch dann +empfinden, wenn man einem jungen Schillerianer plötzlich einen solchen +Keulenhieb versetzt und ihm die Zunge zeigt in einem Augenblick, in dem +er am wenigsten so etwas erwartet. Hm, – wie gefällt Ihnen das Wörtchen +‚Keulenhieb‘? Ich habe es irgendwo in unserer – pardon! – in Ihrer +modernen Literatur aufgestöbert.“ + +„Jener war ein Verrückter, Sie aber ...“ + +„Ich aber bin bei vollem Verstande?“ + +„Ja.“ + +Der Fürst begann zu lachen. + +„Sie urteilen sehr richtig, mein Lieber,“ fügte er mit der +unverschämtesten Miene nur kurz hinzu. + +„Fürst,“ begann ich empört über seine Frechheit, „Sie hassen uns und +jetzt wollen Sie sich an allen und für alles rächen. Und das tun Sie nur +aus der kleinlichsten Eigenliebe heraus. Sie sind boshaft, und kleinlich +boshaft. Wir haben Sie geärgert; und vielleicht ärgern Sie sich noch +mehr als über alles andere zusammengenommen über – jenen Abend! +Selbstverständlich konnten Sie sich dafür mit nichts so gut an mir +rächen als mit dieser grenzenlosen Verachtung, die Sie mir jetzt +bezeugen. Sie lassen sogar die alltäglichste Höflichkeit, um nicht zu +sagen Anständigkeit zu der wir alle verpflichtet sind, außer acht. Sie +wollen mir so deutlich wie möglich zeigen, daß Sie sich nicht einmal vor +mir schämen – da ich es in Ihren Augen wohl auch nicht ‚wert‘ bin –, +indem Sie so unverhohlen und unerwartet Ihre scheußliche Maske abreißen +und sich in einem sittlichen Zynismus präsentieren, der ...“ + +„Wozu sagen Sie mir denn das alles?“ fragte er, mich frech und boshaft +betrachtend. „Um Ihren Scharfblick zu beweisen?“ + +„Um zu beweisen, daß ich Sie durchschaue und um Ihnen das mitzuteilen.“ + +„^Quelle idée, mon cher!^“ Er verfiel wieder in den früheren +heiter-gutmütigen Plauderton. „Sie haben mich jetzt nur vom Thema +abgelenkt. ^Buvons, mon ami^, erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke. +Ich hatte gerade die Absicht, Ihnen ein entzückendes und höchst +interessantes Abenteuer zu erzählen. Ich will es nur so in großen Zügen +wiedergeben. Ich war einmal mit einer Dame bekannt. Sie war nicht mehr +ganz jung, sondern so zwischen sieben- und achtundzwanzig; dafür aber +eine erstklassige Schönheit. Welch eine Büste, welche Haltung, welcher +Gang! Ihr Blick war durchdringend scharf, hatte etwas Adlerhaftes, doch +blieb er stets streng und hart; in ihrem Benehmen war sie königlich +unnahbar. Es hieß von ihr, sie sei kalt wie ein sibirischer Winter, und +mit ihrer fast grausamen Tugend flößte sie allen Schrecken ein. Ja, +‚grausamen‘! Im ganzen Kreise gab es keinen strengeren Richter als sie. +Sie verurteilte nicht nur das Laster, sondern sogar die geringste +Schwäche an den anderen Frauen, und verurteilte erbarmungslos, ohne +Rücksicht und Appellationsmöglichkeit. Ihr Einfluß, ihre Bedeutung in +der Gesellschaft, waren unermeßlich. Selbst die stolzesten Damen und +wegen ihrer Tugend am meisten gefürchteten Greisinnen beugten sich vor +ihr und suchten sich sogar bei ihr einzuschmeicheln, während sie auf +alle gleichmütig erhaben herabblickte, wie etwa eine Äbtissin eines +mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen und Mädchen zitterten vor +ihr und erbleichten unter ihrem Blick, denn sie wußten, daß eine +Bemerkung, nur eine Andeutung von ihr genügte, um einen Ruf zu +vernichten – so groß war nun einmal ihr Ansehen in der Gesellschaft. +Sogar die Herren fürchteten sie. Zum Schluß versenkte sie sich in einen +gewissen philosophischen Mystizismus, in dem sie aber übrigens ebenso +ruhig und erhaben blieb. ... Und was glauben Sie: es gibt kein Weib, das +verderbter sein könnte als es diese war. Und ich hatte das Glück, ihr +Vertrauen im vollsten Maße zu gewinnen. Mit einem Wort – ich war ihr +heimlicher Geliebten. Die Zusammenkünfte wußte sie aber so geschickt, so +meisterhaft geschickt zu arrangieren, daß nicht einmal jemand von ihren +Hausgenossen auch nur den geringsten Verdacht schöpfen konnte. Nur ihre +Kammerzofe, eine nette kleine Französin, war in alle ihre Geheimnisse +eingeweiht; doch auf diese Zofe konnte man sich vollkommen verlassen, +denn sie war gleichfalls an den Geheimnissen beteiligt – inwiefern – das +übergehe ich diesmal. Meine Dame war aber so erotisch lüstern, daß +selbst der Marquis de Sade von ihr noch hätte lernen können. Doch das +Stärkste, das Durchdringendste und Erschütterndste an dieser Wollust war +– die Heimlichkeit und die Unverschämtheit des Betruges. Diese +Verhöhnung alles dessen, was die Gräfin in der Gesellschaft als Höchstes +und Heiligstes pries, was sie über Moral und Sittlichkeit sprach, und +schließlich dieses innerliche teuflische Gelächter, mit dem sie es tat, +dieses bewußte Unter-die-Füße-treten und Verleugnen alles dessen, was +man doch nicht verleugnen kann – und alles das grenzenlos, bis zum +äußersten getrieben, bis zu einem Grade, den sich auch die wildeste +Phantasie nicht träumen lassen könnte – sehen Sie, darin lag die +Quintessenz dieses Genusses. Sie war der leibhaftige Teufel, ein Teufel +von Fleisch und Blut, aber dieser Teufel war doch so bezaubernd, daß ihm +niemand hätte widerstehen können. Ich vermag auch jetzt noch nicht, ohne +Begeisterung an dieses Weib zurückzudenken. Gerade in der Glut des +heißesten Genusses begann sie plötzlich zu lachen – wie eine +Wahnsinnige, und ich begriff, begriff vollkommen dieses Gelächter und +stimmte selbst ein in ihr unbändiges Lachen. Auch jetzt noch stockt mir +der Atem, bei der bloßen Erinnerung daran, obschon es vor so vielen +Jahren war. Nach einem Jahr verabschiedete sie mich; sie nahm einen +anderen. Selbst wenn ich gewollt hätte – ich hätte ihr doch nicht +schaden können. Wer hätte es mir denn geglaubt? – Nun, wie finden Sie +diesen Charakter? Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?“ + +„Pfui, welch ein Ekel!“ sagte ich angewidert. + +„Sie wären nicht mein junger Freund, wenn Sie anders geantwortet hätten! +Ich wußte es ja, daß Sie genau so antworten würden. Hahaha! Warten Sie, +^mon ami^, Sie werden noch leben und es dann auch begreifen, jetzt aber +– jetzt muß ich Ihnen noch ein Törtchen servieren. Nein, wenn Sie das +nicht verstehen, dann sind Sie kein Dichter: diese Frau begriff das +Leben und sie verstand, es auszunutzen.“ + +„Aber weshalb es denn so bis zum Tierischen treiben?“ + +„Wieso, bis zum Tierischen?“ + +„Zu dem diese Frau gelangte und Sie mit ihr.“ + +„Ah, Sie nennen das tierisch, – ein Zeichen, daß Sie noch unselbständig +am Kindergängelbande gehen. Übrigens ... ich gebe ja gern zu, daß es +Selbständigkeit auch in der direkt entgegengesetzten Anschauungsweise +geben kann, aber ... reden wir einfacher, ^mon ami^ ... Sie müssen doch +zugeben, daß alles das Unsinn ist!“ + +„Was ist denn nicht Unsinn?“ + +„Nicht Unsinn ist – die Persönlichkeit, die bin ich selbst. Alles ist +für mich, die ganze Welt ist nur für mich geschaffen. Hören Sie, mein +Freund, ich glaube noch daran, daß man auf Erden gut leben kann. Das +aber ist der beste Glaube, denn ohne ihn kann man ja nicht einmal +schlecht leben: da müßte man sich vergiften. Ein Dummkopf soll es auch +getan haben. Er philosophierte so lange, bis er mit seiner Philosophie +alles zerstört hatte, alles, sogar die Gesetzmäßigkeit aller normalen +und natürlichen Pflichten der Menschen, und er ging darin so weit, daß +ihm zum Schluß nichts mehr übrig blieb: der Rest war gleich Null, und so +verkündete er denn, daß das Beste im Leben Blausäure sei. Sie werden +sagen: das war Hamlet, Hamlets grausame Verzweiflung, – mit einem Wort, +irgend so etwas Großes, an das wir überhaupt nicht zu denken pflegen. +Aber Sie sind ja Dichter, während ich ein gewöhnlicher Mensch bin, und +deshalb sage ich Ihnen, daß man nur vom praktischsten und gewöhnlichsten +Gesichtspunkt aus auf die Sache sehen muß. Ich zum Beispiel habe mich +schon längst von allen Fesseln und sogar Pflichten befreit. Ich +betrachte mich nur dann zu etwas verpflichtet, wenn mir daraus irgend +ein Vorteil erwächst. Sie können sich natürlich nicht auf diesen +Standpunkt stellen, Ihre Füße sind in Fesseln verwickelt und Ihr +Geschmack ist krank. Sie philosophieren nach dem Maßstab des Ideals. +Aber, mein Lieber, ich wäre doch selbst mit dem größten Vergnügen zu +jeder Anerkennung, die Sie nur wünschen, bereit, bloß – was soll ich +denn tun, wenn ich genau weiß, daß die Grundlage jeder menschlichen +Tugend der größte Egoismus ist. Und je tugendhafter etwas ist, um so +mehr Egoismus ist darin. Liebe dich selbst, – das ist das einzige +Gesetz, das ich anerkenne. Das Leben ist in meinen Augen ein +Handelsgeschäft: für nichts gibt’s nichts. Werfen Sie nicht umsonst Ihr +Geld fort, aber, falls nötig, zahlen Sie für die Bewirtung und Sie +kommen damit all Ihren Verpflichtungen nach, die Sie Ihrem Nächsten +schuldig sind – das ist meine Moral, wenn es Sie zu wissen interessiert +... Doch gestehe ich Ihnen, daß es meiner Meinung nach noch besser ist, +seinem Nächsten nicht zu zahlen, sondern es zu verstehen, ihn kostenlos +auszunutzen. Ideale habe ich nicht und will sie auch nicht haben; +gesehnt habe ich mich nach ihnen niemals. Es läßt sich auch ohne Ideale +so lustig, so reizend auf der Welt leben ... und ^en somme^ bin ich sehr +froh, daß ich ohne Blausäure auskommen kann. Denn – wäre ich nur ein +wenig tugendhafter, so würde ich vielleicht doch nicht ohne sie +auskommen, wie jener Dummkopf von Philosoph – zweifellos ein Deutscher +... Nein! Im Leben gibt es noch soviel Begehrenswertes! Ich liebe +Einfluß, Rang und Titel, ein eigenes Palais, einen hohen Einsatz beim +Spiel – überhaupt liebe ich das Spiel leidenschaftlich. Aber die +Hauptsache, die Hauptsache sind doch – die Weiber ... Weiber jeder +Kategorie; ich liebe sogar ganz heimliche, dunkle Ausschweifung, so eine +etwas seltsamere und originellere, sogar ein wenig mit Schmutz zur +Abwechslung ... Hahaha! Da sehe ich Ihr Gesicht: mit welch einer +Verachtung Sie mich jetzt anblicken!“ + +„Darin haben Sie recht.“ + +„Nun, sagen wir, daß Sie recht haben, aber in jedem Fall ist doch dieser +Schmutz immer noch besser als Blausäure. Nicht wahr?“ + +„Nein, da ist doch Blausäure besser.“ + +„Ich fragte Sie mit Absicht ‚nicht wahr‘, nur um mich an Ihrer Antwort +zu ergötzen. Ich wußte, was Sie antworten würden. Nein, mein Freund, +wenn Sie ein aufrichtiger Menschenfreund sind, so wünschen Sie allen +klugen Leuten den Geschmack, den ich habe, also auch am Schmutz Gefallen +zu finden, denn sonst würde doch ein kluger Mensch bald nichts auf der +Welt zu tun haben und es blieben einzig die Dummköpfe übrig. Was die +dann glücklich wären! Aber wissen Sie, es gibt nichts Angenehmeres als +unter Dummköpfen zu leben und zu allem, was sie reden, stets ‚Gewiß, +gewiß, sehr richtig!‘ zu sagen. Sie ahnen nicht, wie vorteilhaft das +ist! Beachten Sie es weiter nicht, daß Vorurteile mir gefallen, daß ich +mich nach gewissen Bedingungen richte, mich um größeren Einfluß bemühe. +Ich sehe doch, daß ich in einer leeren Gesellschaft lebe. Aber es ist +vorläufig ein warmer Platz, und ich stimme ihnen bei und tue, als stände +ich wie eine Mauer für sie, und dabei wäre ich bei Gelegenheit der +erste, der sie verläßt. Ich kenne doch alle Ihre neuen Ideen, wenn ich +auch um ihretwillen nie leide – wozu auch? Gewissensbisse habe ich nie +empfunden. Ich bin mit allem einverstanden, wenn es nur mir gut geht. +Und solcher wie ich gibt es unter uns Legionen, und wir sind auch +wirklich glücklich. Alles in der Welt kann untergehen, nur wir allein +werden nie untergehen. Wir existieren ebenso lange wie die Welt +existiert. Sollte auch die ganze Erde irgendwo im All ertrinken, wir +würden selbst dann wie Fett an die Oberfläche kommen und wieder obenauf +schwimmen. Nehmen Sie nur dies eine: sehen Sie doch, wie lebenszäh +solche Menschen wie wir sind. Wir sind doch phänomenal zäh! – ist Ihnen +das noch nicht aufgefallen? Wir leben achtzig, leben sogar neunzig +Jahre! Folglich kann man sagen, daß die Natur selbst uns beschützt, +hehehe ... Ich will unbedingt neunzig Jahre leben. Ich liebe den Tod +nicht, ich fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, wie man noch mal sterben +wird! Doch wozu davon reden! Dieser verd... Blausäuren-Philosoph hat +mich ja nur darauf gebracht. Hol der Teufel die ganze Philosophie. +^Buvons, mon cher.^ Wir begannen doch, wenn ich nicht irre, von den +netten Mädeln ... Wohin wollen Sie?“ + +„Ich gehe, und auch für Sie wäre es Zeit ...“ + +„^Eh bien, eh bien!^ Hören Sie mal, das geht so nicht: ich habe hier +mein ganzes Herz vor Ihnen ausgebreitet, und Sie wollen einen so +seltenen Freundschaftsbeweis nicht einmal würdigen! Hehehe! Es steckt +wenig Liebe in Ihnen, mein Poet. Warten Sie, ich will noch eine Flasche +...“ + +„Die dritte?“ + +„Die dritte. Was die Tugend betrifft, mein Zögling – Sie erlauben mir +doch, Sie mit diesem Kosewort anzureden? – und wer weiß, vielleicht +fallen meine Lehren noch auf fruchtbaren Boden ... Also, mein Zögling, +was die Tugend betrifft, so habe ich Ihnen ja schon gesagt: je +tugendhafter die Tugend ist, um so mehr liegt in ihr Egoismus. Als +Beispiel hierfür will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich +liebte einmal ein junges Mädchen und liebte sie fast aufrichtig. Sie hat +mir sogar manches geopfert ...“ + +„Ist das dieselbe, die Sie bestohlen haben?“ fragte ich plötzlich in +beleidigendem Tone, denn ich wollte mich nicht mehr beherrschen. + +Der Fürst zuckte zusammen, sein Gesicht veränderte sich und er sah mich +mit seinen entzündeten Augen unverwandt an: in seinem Blick lag +verständnislose Verwunderung und Wut. + +„Warten Sie,“ sagte er wie zu sich selbst, „warten Sie, lassen Sie mich +nachdenken. Ich bin in der Tat betrunken, es fällt mir schwer, zu denken +...“ + +Er verstummte und sah mich böse und gehässig an, während er meine Hand +festhielt, als fürchte er, daß ich fortgehen könnte. Ich bin überzeugt, +daß er sein Denken krampfhaft anspannte, um zu erraten, woher ich von +diesem seinem Erlebnis, von dem doch so gut wie niemand etwas wußte, +erfahren haben konnte, und ob nicht darin irgendeine Gefahr lag? So +verharrte er eine Weile regungslos. Plötzlich veränderte sich sein +Gesicht: der frühere spöttische, trunken heitere Ausdruck erschien +wieder in seinen Augen. Er lachte laut auf. + +„Ha–ha–ha! O Talleyrand! Nun, was, ich stand allerdings wie bespien vor +ihr, als sie es mir so ins Gesicht warf, daß ich sie bestohlen habe! Wie +sie kreischte, wie sie mich segnete! Ein verrücktes Frauenzimmer ... und +ohne jede Dressur. Aber so urteilen Sie doch selbst: erstens, hatte ich +sie durchaus nicht bestohlen, wie Sie sich ausdrückten – sie hatte mir +das Geld geschenkt und folglich gehörte es mir. Nehmen wir an, Sie +schenken mir Ihren besten Frack,“ – er warf einen kritischen Blick auf +meinen einzigen und ziemlich billigen Frack, den mir vor drei Jahren der +Schneider Iwan Skornjägin genäht hatte – „ich bin Ihnen dankbar und +trage ihn, nach einem Jahr aber ärgern Sie sich plötzlich über mich und +da verlangen Sie von mir den Frack zurück, ich aber habe ihn schon +vertragen ... So etwas ist unfein. Weshalb haben Sie ihn mir denn +geschenkt? Und zweitens hätte ich ihr das Geld, das mir und nicht mehr +ihr gehörte, unfehlbar zurückgegeben, aber, nicht wahr: wo hätte ich im +Augenblick eine so große Summe hernehmen können? Und vor allen Dingen +kann ich nun mal Schäferspiele und Schillerianer nicht ausstehen, wie +ich Ihnen schon sagte, nun, das aber war eben die ganze Veranlassung ... +Sie glauben nicht, wie sie vor mir Theater spielte, als sie schrie, daß +sie mir das Geld schenke – das Geld, das mir gehörte! Das machte mich +wütend und plötzlich sah ich ganz richtig ein – meine Geistesgegenwart +verläßt mich nie in solchen Augenblicken – daß ich sie ja einfach +unglücklich machen würde, wenn ich ihr das Geld zurückgeben würde. Damit +hätte ich ihr doch den Genuß geraubt, _durch mich_ vollkommen +unglücklich zu sein und mich ihr Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie +mir, mein Freund, in einem solchen Unglück liegt sogar ein gewisser +Rausch, wenn man sich selbst so vollkommen im Recht fühlt und wenn man +weiß, daß man großmütig gehandelt hat und berechtigt ist, den Beleidiger +einen Schurken zu nennen. Das sind natürlich zumeist Schillernaturen, +die sich an ihrem Haß so berauschen können. Vielleicht hat sie später +nichts zu essen gehabt, aber ich bin überzeugt, daß sie glücklich war. +Und da ich sie dieses Glückes nicht berauben wollte, sandte ich ihr das +Geld nicht zurück. Somit ist meine Theorie durchaus gerechtfertigt, daß, +je lauter und größer die menschliche Großmut ist, man bei genauerer +Beobachtung einen um so größeren und widerlicheren Egoismus hinter ihr +entdeckt ... Sollte Ihnen das wirklich nicht klar sein? ... Aber ... Sie +wollten mir ja nur ein Bein stellen und mich fangen, ha–ha–ha! ... Nun, +so gestehen Sie doch, daß Sie’s wollten? ... O, Sie Talleyrand!“ + +„Adieu!“ sagte ich, und ich stand entschlossen auf. + +„Einen Augenblick! Nur noch zwei Worte zum Schluß!“ rief er, mich +zurückhaltend, aus, und plötzlich in ernstem Ton, im Gegensatz zu seiner +bisherigen widerlich frivolen Weise. „Hören Sie nur noch das Letzte an, +das ich Ihnen zu sagen habe: aus all dem Gesagten geht, denke ich, klar +und deutlich hervor – ich hoffe, daß auch Sie es gemerkt haben –, daß +ich niemals und unter keiner Bedingung meinen Vorteil jemandem opfern +werde. Ich liebe Geld und ich brauche es. Katherina Fedorowna ist sehr +reich: ihr Vater war zehn Jahre lang Branntweinpächter. Sie hat drei +Millionen Rubel, und dieses Geld wird mir sehr zustatten kommen. +Aljoscha und Katjä sind wie geschaffen füreinander; beide sind sie +Dummköpfe erster Sorte, und das ist es gerade, was ich bedarf. Deshalb +wünsche und will ich, daß sie sich heiraten, und zwar möglichst bald. +Nach zwei, höchstens drei Wochen werden die Gräfin und Katjä Petersburg +verlassen. Aljoscha muß sie begleiten. Ich wünsche es so. Bereiten Sie +also Natalja Nikolajewna darauf vor: damit es zu keinen Szenen kommt und +keine Schillerrollen gespielt werden, und sie sich nicht etwa gegen mich +auflehnt. Ich bin rachsüchtig und böse von Natur; ich werde meinen +Willen durchsetzen. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich sie fürchte. +Selbstverständlich wird alles nach meinem Willen geschehen und deshalb +geschieht es fast nur in ihrem Interesse, wenn ich sie warnen lasse. +Also sorgen Sie dafür, daß es keine Dummheiten gibt und sie sich +vernünftig benimmt. Anderenfalls würde es ihr schlimm ergehen, sehr +schlimm. Müßte sie mir doch allein schon dafür dankbar sein, daß ich +nicht so, wie es sich eigentlich gehört hätte, mit ihr verfahren bin, +einfach gesetzmäßig. Wissen Sie auch, mein Poet, daß das Gesetz die +Familie beschützt: das Gesetz garantiert dem Vater für den Gehorsam des +Sohnes, und diejenigen, die die Kinder von ihren Pflichten den Eltern +gegenüber ablenken, stehen nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Und +ziehen Sie gefälligst auch das in Betracht, daß ich überaus +einflußreiche Verbindungen habe, wessen sie sich nicht im geringsten +rühmen kann, und – begreifen Sie denn nicht, was ich mit ihr tun könnte? +... Ich habe aber noch nichts getan, weil sie sich bisher noch +vernünftig verhielt. Während dieses halben Jahres haben achtsame Augen +jede ihrer Bewegungen beobachtet und ich wurde von jedem letzten Detail +in Kenntnis gesetzt. Und ich wartete ruhig ab, bis der Zeitpunkt kommen +würde, an dem Aljoscha sie von selbst verläßt, was ja jetzt bereits der +Fall ist; vorläufig aber ist es für ihn eine nette Zerstreuung. Und so +bin ich in seinen Augen der humane Vater geblieben, und das wünsche ich +gerade, daß er so über mich denkt. Ha–ha–ha! Wenn ich bedenke, daß ich +ihr beinahe Komplimente gesagt habe – damals, an jenem Abend – und mich +bei ihr quasi bedankt habe für ihre uneigennützige Großmut, die sie +darin bewiesen, daß sie ihn nicht geheiratet – ich möchte bloß wissen, +wie sie das angestellt hätte! Und was meinen damaligen Besuch bei ihr +betrifft, so ging ich nur deshalb zu ihr, weil es doch endlich Zeit war, +mit diesem Verhältnis ein Ende zu machen. Ich mußte mich von allem +persönlich überzeugen, das war es ... Nun, sind Sie jetzt +zufriedengestellt? Oder wollen Sie vielleicht noch erfahren, wozu ich +Sie hierher geführt, weshalb ich diese Gespräche vom Zaun gebrochen und +so rückhaltlos offen gewesen bin, während man dies auch ohne jede +Offenheit Ihnen hätte mitteilen können – ja?“ + +„Ja.“ + +Ich bezwang mich gewaltsam und wartete. Zu sagen hatte ich ihm nichts +weiter. + +„Einzig deshalb, mein Freund, weil ich in Ihnen ein wenig mehr Vernunft +und klaren Blick bemerkt habe, als sie unsere Närrchen besitzen. Sie +hätten auch früher schon wissen, ahnen, erraten können, wer ich bin, +vielleicht hatten Sie auch schon in bezug auf mich manche Vermutungen +entwickelt, doch nun wollte ich Sie dieser ganzen Mühe überheben und so +entschloß ich mich, Ihnen anschaulich zu zeigen, _mit wem Sie es zu tun +haben_. Ein persönlicher Eindruck will immer viel sagen. Bemühen Sie +sich also, mich zu verstehen, mon ami. Sie wissen, wer ich bin, und da +hoffe ich denn, daß Sie, der Sie sie lieben, Ihren ganzen Einfluß – den +Sie zweifellos auf sie haben – daransetzen werden, um sie von +Handlungen, die _gewisse_ Scherereien nach sich ziehen könnten, +abzuhalten. Sollte das nicht der Fall sein, so wird es Scherereien +geben, und ich versichere Ihnen, versichere Ihnen allen Ernstes, daß es +keine leichten Scherereien sein werden. Nun und dann – der dritte Grund +meiner Offenheit ... aber Sie haben ihn ja doch schon erraten, mein +Lieber: ja, ich wollte in der Tat diese ganze Geschichte einmal etwas +anspeien, und zwar gerade vor Ihnen ...“ + +„Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ sagte ich, zitternd vor Empörung. +„Ich gebe zu, daß Sie mit nichts Ihre Wut auf uns und die ganze +Verachtung, die Sie für mich und uns alle empfinden, so gut hätten +ausdrücken können wie gerade mit dieser Offenheit. Sie haben nicht nur +nicht befürchtet, daß diese Offenheit Sie in meinen Augen +kompromittieren könnte, Sie haben sich sogar nicht einmal vor mir +geschämt ... Sie erinnerten in der Tat an jenen Verrückten, der nackt +auf die Straße ging. Sie haben mich nicht für einen Menschen gehalten, +mich wenigstens nicht zu den Menschen gezählt ...“ + +„Sie haben es erraten, mein junger Freund,“ sagte er ruhig. Er erhob +sich. „Sie haben alles erraten: Sie sind doch nicht umsonst Literat. Ich +hoffe, daß wir uns friedlich trennen werden. Brüderschaft jedoch werden +wir wohl nicht trinken?“ + +„Sie sind betrunken, nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so wie es sich +gehörte ...“ + +„Wieder ein unvollendeter Satz. – Weshalb sprechen Sie es nicht aus, wie +es sich zu antworten gehörte? Hahaha! Für Sie zu zahlen erlauben Sie mir +nicht?“ + +„Beruhigen Sie sich, ich zahle selbst.“ + +„Nun, zweifellos. – Wir haben wohl nicht denselben Weg?“ + +„Ich werde nicht mit Ihnen fahren.“ + +„Adieu, mein Poet. Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben ...“ + +Er verließ mich – wie ich bemerkte, mit etwas unsicheren Schritten – +ohne sich noch nach mir umzuwenden. Der Portier half ihm beim +Einsteigen. Ich ging meiner Wege. Es war gegen drei Uhr morgens. Es +regnete, die Nacht war dunkel ... + + + + + Vierter Teil + + + I. + +Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so +ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so +überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so +überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen +schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich, +daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es +war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und +schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für +Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden, +und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen, +vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der +endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung +ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich +erschreckend schnell. + +Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte, +obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins +Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein +Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte +Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür +gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht +und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im +Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so +wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände +zitterten. + +„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr +niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen. + +Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und +stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als +habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre +Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie +aber sprach immer weiter wie im Fieber. + +Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es mir unmöglich, sie zu +bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: sie klammerte sich +krampfhaft an mich, immer als fürchte sie sich maßlos und bitte mich, +sie zu beschützen; und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie +wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, damit ich nur +nicht fortginge. Ich war aber von all dem Erlebten so nervös geworden, +und diese letzte Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als +ich so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen sah, +plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls krank. Als sie meine +Tränen bemerkte, sah sie mich lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft +angespannter Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu +geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich sehr schwer. +Endlich löste sich die Spannung in ihren Zügen, und ein Gedanke erhellte +ihr Gesicht. Ich wußte, daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall +gewöhnlich eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte und daher +vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal war es ebenso: sie +strengte sich vergeblich an, etwas zu sagen, doch als sie erriet, daß +ich sie nicht verstehen konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus +und wischte mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie ihren Arm um +meinen Hals und küßte mich. + +Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen epileptischen Anfall +gehabt, und zwar in einem Augenblick, als sie bei der Tür gestanden. +Nachher wird sie dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht +war ihr dann in den Delirien irgend etwas Furchtbares erschienen, was +sie so mit Angst erfüllt hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar +daran gedacht, daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen würde, +und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei meinem ersten Klopfen +zu erheben. + +„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick zur Tür?“ fragte ich +mich, und plötzlich bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß sie ihren +kleinen Pelz angezogen hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer +alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir Kredit gewährte, +dieses Mäntelchen für sie erstanden. Folglich mußte sie doch im Begriff +gewesen sein, das Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu +Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? Oder sollte sie auch +da schon im Fieber halb bewußtlos gewesen sein? + +Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen sein: sie lag +bewußtlos auf dem Bett und phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits +hatte sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch diesmal schien +sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich saß wohl über eine halbe Stunde bei +ihr am Bett, dann machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und +legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich aufstehen +zu können, falls sie mich rief. Das Licht ließ ich brennen. Bevor ich +einschlief, blickte ich noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war +beängstigend bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen bemerkte +ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand aber selbst im Schlaf nicht +der Ausdruck von Angst und einer gewissen qualvollen Sorge. Ich +beschloß, am nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, wenn +sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. Ich befürchtete, sie +könnte Nervenfieber bekommen. + +„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt hat!“ sagte ich +mir und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie +er von jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht geworfen. + + + II. + +... Es vergingen zwei Wochen. Nelly ging es besser. Zu einem +Nervenfieber war es glücklicherweise nicht gekommen, aber trotzdem war +sie nach dem Anfall sehr schwer erkrankt. An einem hellen klaren Tage +gegen Ende April verließ sie zum erstenmal das Bett. Es war in der +Karwoche. + +Armes kleines Geschöpf! + +Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren Weise fortsetzen. Jetzt, +wo ich all dies niederschreibe, ist schon viel Zeit darüber vergangen, +und dennoch kann ich nicht ohne bitteres Weh an dies bleiche, schmale +Gesichtchen zurückdenken, an den tiefen Blick ihrer dunklen Augen, wenn +wir allein waren und sie mich von ihrem Bett aus ansah, lange und +regungslos, als wolle sie mich auffordern, zu erraten, was sie im Sinne +hatte; und wenn sie dann sah, daß ich noch immer nichts erriet und sie +verständnislos ansah, lächelte sie still, gleichsam in sich hinein, um +dann plötzlich ihr heißes Händchen mit den hageren Fingerchen mir +entgegenzustrecken. Jetzt gehört das alles schon der Vergangenheit an, +alles hat sich entschieden und alles ist bekannt, nur das Geheimnis +dieses kranken, gequälten kleinen Herzens ist mir auf immer noch ein +Geheimnis geblieben. + +Ich weiß, daß es mich von der Erzählung ablenkt, aber ich kann nicht +anders, ich will immer nur an Nelly denken. Wie seltsam ist es jetzt: +ich liege im Hospital auf einem schlichten Krankenbett, vergessen von +allen, die ich einst so geliebt ... Und wenn mir jetzt irgend etwas +Nebensächliches aus jener Zeit einfällt, etwas, das ich damals +vielleicht kaum bemerkt und bald vergessen hatte, so beginnt es hier in +der Einsamkeit unmerklich zu wachsen und wird groß und größer und erhält +eine ganz andere Bedeutung, wird zu etwas Ganzem, Abgerundetem, das mir +nun manches erklärt, was ich damals nicht zu begreifen verstand. + +In den ersten vier Tagen ihrer Krankheit waren wir, der Arzt und ich, +sehr besorgt um sie, am fünften Tage aber nahm mich der Arzt beiseite +und sagte mir, daß ich mich beruhigen solle, denn sie werde bestimmt +gesund werden. Es war das derselbe Arzt, der alte Junggeselle und +gutmütige Sonderling, den ich schon bei Nellys erster Erkrankung +konsultiert und der ihr mit seinem Stanislausorden am Halse so +unendlichen Respekt eingeflößt hatte. + +„Dann ist also nichts mehr zu befürchten?“ fragte ich erfreut. + +„Nein, sie wird jetzt gesund werden, dann aber wird sie bald sterben.“ + +„Wie das? Sterben? Weshalb denn?“ rief ich ganz erschrocken aus, fast +verblüfft durch dieses seltsame Urteil. + +„Ja, sie wird unfehlbar bald sterben. Sie hat einen organischen +Herzfehler und wird bei der geringsten Gemütserregung wieder so weit +sein, daß sie ins Bett muß. Möglicherweise wird sie auch dann noch +einmal gesund werden, aber jedenfalls nicht mehr auf lange.“ + +„Und kann man sie denn wirklich nicht retten? Nein, das kann unmöglich +so sein!“ + +„Aber es ist so. Freilich ... wenn man alle Widerwärtigkeiten aus dem +Wege räumen, ihr ein ruhiges, stilles Leben und verschiedene +Vergnügungen bieten könnte, dann ließe sich der Tod noch etwas +hinausschieben. Es gibt allerdings Fälle ... allerdings nur Ausnahmen +... die in der Regel ganz unerwartet vorkommen, daß ... mit einem Wort, +die Kleine könnte sogar unter gewissen überaus günstigen Umständen +gerettet werden, auf immer gerettet aber – niemals.“ + +„Ja, aber ... mein Gott, was soll man denn jetzt tun?“ + +„Vor allen Dingen meine Vorschriften befolgen: sie muß ein ruhiges Leben +führen und regelmäßig die Pulver einnehmen. Wie ich bemerkt habe, +scheint die Kleine recht eigensinnig zu sein, vielleicht auch etwas +launenhaft und spottlustig. Jedenfalls liebt sie es nicht sonderlich, +pünktlich nach der Vorschrift die Pulver einzunehmen. Soeben weigerte +sie sich doch mit allem Nachdruck.“ + +„Ja, Sie haben recht. Sie ist in der Tat etwas sonderbar bisweilen, nur +möchte ich das ihrer krankhaften Reizbarkeit zuschreiben. Gestern war +sie sehr gehorsam; als ich ihr aber heute die Arznei brachte, nahm sie +den Löffel scheinbar aus Versehen so unvorsichtig, daß sie alles +verschüttete. Und als ich mit dem neuen Pulver kam, riß sie mir das +Kärtchen aus der Hand und schleuderte es dorthin in den Winkel, worauf +sie in Tränen ausbrach ... Doch glaube ich nicht, daß sie deshalb +geweint hat, weil sie die Pulver einnehmen sollte.“ + +„Hm! Nerven, nichts als Nerven! Das hängt mit dem früheren großen +Unglück zusammen, daher auch ihre Krankheit. (Ich hatte dem Doktor +ausführlich und offenherzig Nellys Lebensgeschichte erzählt, und meine +Erzählung hatte einen sehr großen Eindruck auf ihn gemacht.) Das einzige +Mittel dagegen sind diese Pulver, sie muß durchaus die Pulver einnehmen. +Ich werde ihr noch einmal eine Vorlesung halten über die Pflicht, den +ärztlichen Vorschriften nachzukommen ... das heißt im allgemeinen gesagt +... die Pulver einzunehmen.“ + +Wir verließen beide die Küche, wo unsere Unterredung stattgefunden, und +der Doktor trat wieder ans Bett der Kranken. Nelly mußte unser Gespräch +gehört haben, denn ich hatte aus der Küche bemerkt, wie sie den Kopf hob +und angestrengt zu lauschen schien. Als sie uns jetzt kommen hörte, +schlüpfte sie wieder unter die Decke und sah uns mit einem spöttischen +Lächeln entgegen. Die Arme hatte in diesen vier Tagen ihrer Krankheit +sehr abgenommen. Die Augen lagen in großen Höhlen und immer noch zehrte +das Fieber an ihr. Um so seltsamer fiel ihr schelmischer, herausfordernd +glänzender Blick auf, der meinen guten Doktor, den besten aller +Deutschen in Petersburg, höchst verwundern mußte. + +Er sprach ernst, wenn auch nach Möglichkeit mit weicher Stimme und im +zärtlichsten Ton auf sie ein, um sie von der Notwendigkeit und Heilkraft +der Pulver zu überzeugen und daß es also die Pflicht jedes Kranken sei, +dem Arzt zu gehorchen ... Nelly hob das Köpfchen, um die Medizin +einzunehmen, stieß aber wie zufällig mit einer Handbewegung an den +Löffel und die ganze Arzenei wurde wieder verschüttet. Ich bin fest +überzeugt, daß sie es mit Absicht getan. + +„Das war eine sehr unangebrachte Unvorsichtigkeit,“ sagte ruhig der +Alte, „und ich glaube, daß sie mit Absicht geschah, was durchaus nicht +lobenswert ist. Doch ... man kann alles wieder gut machen, darum werde +ich ein zweites Pulver zubereiten.“ + +Nelly lachte ihm offen ins Gesicht. Der Doktor schüttelte methodisch den +Kopf. + +„Das ist gar nicht schön,“ sagte er, „sehr, sehr wenig lobenswert.“ + +„Ärgern Sie sich nicht über mich,“ antwortete ihm Nelly, die sich Mühe +gab, nicht mehr zu lachen, „ich werde die Pulver einnehmen ... werden +Sie mich aber dafür lieb haben?“ + +„Wenn Sie sich lobenswert führen, werde ich Sie sehr lieb haben.“ + +„Sehr?“ + +„Sehr.“ + +„Sonst aber lieben Sie mich nicht?“ + +„Auch sonst liebe ich Sie.“ + +„Würden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen wollte?“ + +„Ja, wenn Sie es verdienen.“ + +Nelly konnte wieder nicht mehr an sich halten und brach in Lachen aus. + +„Die Patientin scheint einen fröhlichen Charakter zu haben, doch jetzt – +sind es nur Nerven,“ flüsterte mir der Doktor mit ernster Miene zu. + +„Nun schön, ich werde die Pulver nehmen!“ rief Nelly plötzlich mit ihrem +schwachen Stimmchen dazwischen. „Doch wenn ich erwachsen sein werde, +werden Sie mich dann heiraten?“ + +Offenbar schien ihr dieser neue Scherz sehr zu gefallen; ihre Augen +brannten und ihre Lippen zuckten vor Lachen in Erwartung einer Antwort +des einigermaßen in Erstaunen gesetzten alten Doktors. + +„Nun, ja,“ antwortete er, unwillkürlich über diese neue Laune von ihr +lächelnd, „wenn Sie gut und ein wohlerzogenes junges Mädchen sein +werden, und gehorsam ...“ + +„Die Pulver einnehmen werden?“ griff Nelly auf. + +„Oho! Stimmt! ... Die Pulver einnehmen werden. Ein gutes Kind ist sie,“ +wandte er sich wieder an mich, „in ihr ist viel, viel ... Gutes und +Kluges, doch, heiraten ... was für eine sonderbare Idee ...“ + +Und wieder reichte er ihr die Medizin, und diesmal tat sie es nicht +einmal mehr versteckt, sondern schlug einfach mit ihrer Hand die Hand +des Alten von unten in die Höh’, so daß ihm die ganze Medizin auf das +Vorhemd und ins Gesicht spritzte. Dabei lachte sie laut auf, doch war es +nicht mehr ein gutes oder fröhliches Lachen ... in ihrem +Gesichtsausdruck lag etwas Grausames, Böses. Die ganze Zeit war sie +meinem Blick ausgewichen, jetzt sah sie nur lächelnd den Doktor an, aber +in ihrem Lächeln lag eine gewisse Unruhe und Erwartung, was der +„lächerliche“ Alte jetzt tun würde. + +„O! schon wieder! ... Wie unangenehm! Nun ... man kann das Pulver noch +einmal bereiten!“ Der Alte wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht +ab. + +Das setzte Nelly wirklich in Erstaunen. Sie hatte unseren ganzen Zorn +erwartet, hatte gedacht, daß man ihr Vorwürfe machen würde, was sie sich +unbewußt vielleicht sogar herbeigewünscht – als Vorwand um gleich wieder +weinen und schluchzen zu können, die Pulver umzuschütten wie vorhin, +oder aus Ärger irgend etwas zu zerschlagen, um dadurch ihr verbittertes, +schmerzendes Herz zu betäuben. Das geschieht auch mit anderen, nicht nur +mit Kranken und nicht nur mit Nelly. Wie oft bin ich selbst im Zimmer +auf und ab gegangen mit dem unbewußten Verlangen, durch irgendeinen +Vorwand meinem Herzen Luft zu verschaffen. Wie oft verfallen Frauen, +deren Herz voll tiefer Trauer, die sie niemandem mitteilen können, in +Hysterie. + +Doch die Engelsgüte des von ihr beleidigten Alten und die Geduld, mit +der er von neuem, zum dritten Male, das Pulver verfertigte, ohne ihr +einen Vorwurf zu machen, entwaffnete Nelly vollständig. Das Lächeln +verschwand von ihren Lippen, sie errötete und der Blick ihrer Augen +verschleierte sich: sie streifte auch mich flüchtig mit ihrem Blick, +wandte sich aber sofort wieder von mir ab. Der Doktor reichte ihr die +Medizin. Sie nahm sie ruhig und bescheiden an, ergriff die rote, +gedrungene Hand des Alten und sah ihm in die Augen. + +„Sind Sie böse, daß ich ...“ sie konnte ihren Satz nicht beenden; sie +zog die Decke über den Kopf und fing an zu schluchzen. + +„O, mein Kind, weinen Sie nicht ... Das hat nichts zu sagen ... Das sind +Nerven; trinken Sie etwas Wasser.“ + +Doch Nelly hörte nicht auf ihn. + +„Beruhigen Sie sich ... regen Sie sich nicht so auf,“ dabei weinte er +fast selbst vor Rührung, denn er war ein sehr gefühlvoller Mensch, „ich +verzeihe Ihnen alles und werde Sie heiraten, wenn Sie bei gutem Betragen +ein ehrliches Mädchen sein werden, und die ...“ + +„Pulver einnehmen,“ hörte man unter der Decke wie ein dünnes Glöckchen, +ihr nervöses von Schluchzen unterbrochenes Lachen, das mir so gut +bekannt war. + +„Gutes, einsichtsvolles Kind!“ sagte der Doktor triumphierend und fast +mit Tränen in den Augen. „Armes Mädchen!“ + +Seit der Zeit entwickelte sich zwischen ihm und Nelly eine merkwürdige, +innige Sympathie. Mir gegenüber wurde Nelly jedoch immer finsterer, +nervöser und gereizter. Ich wußte nicht, wie ich mir diesen plötzlichen +Umschwung in ihr erklären sollte. In den ersten Tagen ihrer Krankheit +war sie zu mir so lieb und zärtlich gewesen; es schien, als könnte sie +sich nicht sattsehen an mir, hielt meine Hand in ihrem heißen Händchen, +und wenn sie bemerkte, daß ich erregt oder finster aussah, so bemühte +sie sich, mich zu erheitern, scherzte, lachte und spielte mit mir, +ungeachtet ihrer eigenen Schmerzen. Sie wollte nicht, daß ich arbeitete +und die Nächte über wach saß und war unglücklich, wenn ich nicht auf sie +hörte. Oft sah sie bekümmert und sorgenvoll aus und fragte mich, warum +ich so traurig wäre und was ich auf dem Herzen hätte; doch sonderbar, +kamen wir im Gespräch auf Natascha, so verstummte sie sofort und begann +von was anderem zu reden. Sie schien es vermeiden zu wollen, von +Natascha zu sprechen, und das wunderte mich. Wenn ich nach Hause +zurückkehrte, so freute sie sich, griff ich nach der Mütze, so wurde sie +finster und ein vorwurfsvoller Blick ihrer Augen begleitete mich. + +Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen Abend bis Mitternacht +bei Natascha. Wir hatten viel zu bereden. Als ich das Haus verließ, +versprach ich meiner Kranken bald zurückzukehren, was ich auch +beabsichtigt hatte. Als ich nun zufällig länger bei Natascha blieb, war +ich in betreff Nellys ganz ruhig: ich wußte, daß sie nicht allein +geblieben. Bei ihr war Alexandra Ssemjonowna, die durch Masslobojeff, +der einen Augenblick bei mir gewesen, erfahren, daß Nelly erkrankt sei +und ich sie ganz allein pflegen mußte. Mein Gott, wie die gute Alexandra +Ssemjonowna sich darüber aufgeregt hatte! + +„Also wird er auch Freitag nicht zu uns kommen! ... Und der Arme ist +doch allein, ganz allein. Aber da wollen wir ihm wenigstens unser +Mitgefühl zeigen und den Zufall nicht unbenutzt vorübergehen lassen.“ + +Sie erschien sofort bei mir und brachte in der Droschke ein ganzes +Bündel Sachen mit sich. Sie erklärte mir denn auch sofort, daß sie mich +nicht mehr allein lassen würde und gekommen sei, um mir zu helfen; dabei +öffnete sie ihr Bündel. In ihm waren eingemachte Früchte für die Kranke, +Hühner für den Fall, wenn es der Kranken besser gehen sollte, Äpfel, +Gebäck, Apfelsinen, Kiewer Bretzeln (für den Fall, daß der Doktor sie +erlaubte), zuletzt Wäsche, Bettücher, Servietten, Frauenhemden, +Kompressentücher – einfach ein ganzes Lazarett. + +„Wir haben ja alles,“ sagte sie, so schnell als möglich jedes Wort +aussprechend, als eilte es sehr, „Sie aber leben als Junggeselle, Sie +haben davon wenig. So erlauben Sie mir schon ... und auch Filipp +Filippytsch hat es mir befohlen. Nun, was soll ich jetzt ... schnell, +schnell! Was soll ich jetzt tun? Wie geht es ihr? Ist sie bei +Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie liegt, man muß ihr das Kissen zurecht +machen, damit ihr Kopf niedriger zu liegen kommt, wissen Sie was ... +sollte nicht ein Lederkissen besser sein? Kühler. Ach, wie dumm ich bin! +Mir ist es garnicht eingefallen, das Kissen mitzubringen. Ich werde es +noch holen ... Soll ich nicht Feuer anmachen? Ich werde Ihnen meine Alte +schicken. Ich habe eine Alte, Sie haben ja gar keine weiblichen +Dienstboten ... Nun, was soll ich jetzt tun? Was ist das? Die Medizin +hat der Doktor verschrieben? Wahrscheinlich Brusttee? Ich werde sofort +das Feuer anmachen ...“ + +Ich beruhigte sie und sie war sehr erstaunt, sogar betrübt, daß es gar +nicht so viel zu tun gab wie sie sich gedacht hatte. Doch, im übrigen, +wie gesagt, beruhigte sie sich demnach bald; sie befreundete sich sofort +mit Nelly und hat mir viel zur Zeit ihrer Krankheit geholfen. Sie +besuchte uns jeden Tag und immer schien es, als hätte sie etwas versäumt +und müßte es wieder einholen. Auch fügte sie zu allem hinzu, daß so +Filipp Filippytsch befohlen hätte. Nelly gefiel ihr sehr. Sie liebten +sich bald wie zwei Schwestern und ich glaube, daß Alexandra Ssemjonowna +in vielem noch ebenso ein Kind wie Nelly war. Sie erzählte ihr +verschiedene Geschichten, erheiterte sie und Nelly schien sich bald ohne +sie zu langweilen. Bei ihrem ersten Erscheinen setzte die Kranke sie in +Verwunderung, die es sofort erriet, warum der ungerufene Gast eigentlich +gekommen war und sie ihrer Gewohnheit nach denn auch finster, schweigsam +und unfreundlich empfing. + +„Warum ist sie gekommen?“ fragte mich unzufrieden Nelly, als Alexandra +Ssemjonowna uns verlassen hatte. + +„Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.“ + +„Warum? Wofür? Ich habe ihr doch nichts Gutes getan?“ + +„Gute Menschen warten nicht darauf, Sie helfen auch ohnedem, wo es +nottut. Es gibt auf der Welt sehr viel gute Menschen, Nelly. Es ist nur +ein Unglück, daß du ihnen nicht begegnet bist, als es nötig war.“ + +Nelly schwieg; ich entfernte mich auf einen Augenblick. Nach einer +Viertelstunde rief sie mich mit ihrem schwachen Stimmchen selbst zu sich +und bat um Wasser. Plötzlich aber umarmte sie mich und preßte ihr +Köpfchen an meine Brust. Am andern Tage, als Alexandra Ssemjonowna +wieder kam, empfing sie diese mit freundlichem, wenn auch verschämtem +und etwas schuldbewußtem Lächeln. + + + III. + +An diesem Tage hatte ich den ganzen Abend bei Natascha zugebracht. Als +ich zurückkehrte, schlief Nelly bereits. Auch Alexandra Ssemjonowna war +ganz schlaftrunken und erwartete mich am Krankenbette. Sie teilte mir +eilig, leise flüsternd mit, daß Nelly zuerst sehr lustig gewesen und +sogar gelacht habe, als ich aber nicht zurückgekehrt sei, sei sie +traurig, schweigsam und nachdenklich geworden. Sie habe über +Kopfschmerzen geklagt, geweint und so geschluchzt, daß Alexandra +Ssemjonowna nicht gewußt, was mit ihr anfangen. Sie habe auch mit ihr +über Natalja Nikolajewna gesprochen, doch als sie ihr nichts darauf +antworten konnte, hätte sie aufgehört, davon zu sprechen, geweint und +zuletzt sei sie dann unter Tränen eingeschlafen. „Nun, leben Sie wohl, +Iwan Petrowitsch; jetzt ist es ihr leichter, wie es mir scheint, ich muß +auch nach Haus, so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Ich muß Ihnen +gestehen, daß er mich diesmal nur auf zwei Stunden entlassen, und ich +bin bereits viel länger hiergeblieben. Doch, was tut’s, beunruhigen Sie +sich nicht meinetwegen, er wird es nicht wagen ... nur, mein lieber Iwan +Petrowitsch, was soll ich tun: er kommt jetzt immer betrunken nach Haus! +Er ist mit sich irgendwie sehr beschäftigt, spricht kein Wort mit mir, +macht sich Sorgen, ich weiß es, und am Abend kommt er betrunken nach +Haus ... Ich habe gedacht: wenn er nun nach Hause zurückgekehrt ist, wer +wird ihn dann dort empfangen haben? Nun, ich fahre schon, ich fahre! +Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch. Habe mir dort Ihre Bücher angesehen: +wieviel Bücher Sie haben, und alles ernste, kluge Bücher; ich Dumme, +habe noch nie etwas gelesen ... Also, auf morgen ...“ + +Am nächsten Morgen erwachte Nelly finster und sprach kein Wort mit mir. +Nur ungern antwortete sie auf meine Fragen, als wäre sie mir böse. Ich +bemerkte nur hin und wieder einen ihrer Blicke, mit denen sie mich +heimlich verfolgte; in ihnen lag viel verhaltenes Herzeleid und +unterdrückte Zärtlichkeit, was sonst, wenn sie mich gerade anschaute, +nicht der Fall war. An diesem Tage spielte sich denn auch die +Arzenei-Szene mit dem Doktor ab; ich wußte nicht, was ich denken sollte. + +Nellys Verhalten zu mir veränderte sich jetzt vollständig. Ihr seltsames +Wesen, ihre Launen, ja, ihr Haß gegen mich steigerten sich bis zu der +Katastrophe, die unser ganzes Zusammenleben abbrach. Doch davon später. + +Es geschah übrigens, daß sie von Zeit zu Zeit, wie früher, zärtlich zu +mir war. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu +verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie bitter in diesen Momenten. +Doch diese Stunden vergingen sehr schnell wieder; sie verfiel dann +wieder in ihren früheren Kummer, sah mich feindlich an, wurde launisch, +wie damals mit dem Doktor, und wenn sie bemerkte, daß irgendeiner ihrer +neuen Streiche mich unangenehm berührte, so brach sie in Lachen aus, das +dann in Tränen endete. + +Selbst gegen Alexandra Ssemjonowna hatte sie sich unfreundlich benommen, +ihr gesagt, daß sie nichts von ihr brauche. Als ich ihr in Gegenwart von +Alexandra Ssemjonowna darüber Vorwürfe machte, brauste sie auf, +verstummte dann und sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir, wollte +keine Medizin einnehmen, weder trinken noch essen, und nur der alte +Doktor verstand es noch mit ihr umzugehen. + +Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem Doktor ein merkwürdiges +Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu +haben und begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er kam, wie +traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen gewesen sein mochte. Der +Alte wiederum besuchte sie jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage, +und als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das Bett schon +verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert zu haben, daß er ohne +sie den Tag nicht verleben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über +sich zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte ihr +Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte ihr Süßigkeiten und +Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal erschien er dann mit besonders +feierlicher Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly sofort +erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. Das Geschenk zeigte er +aber nicht gleich, sondern lächelte nur pfiffig und setzte sich neben +Nelly mit der Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut +aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, daß so ein +junges Mädchen würdig einer Belohnung sei. Dabei sah er sie so gutmütig +und herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, wenn sie ihm auch +offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige und zärtliche Dankbarkeit +aufleuchtete. Zuletzt erhob sich dann der Alte feierlich, zog ein +Kästchen mit Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit der +Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen Frau Gemahlin.“ + +In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher als Nelly. + +Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit und medizinische +Ratschläge. + +„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten streben,“ sagte er zu +ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich darum, um leben zu bleiben, +immer gesund zu sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, mein +liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so vergessen sie ihn, oder +besser, trachten Sie, nicht an ihn zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer +haben, dann denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie an +Vergnügungen und Spiel.“ + +„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – fragte Nelly. + +Der Doktor war nicht wenig verblüfft ... + +„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das Ihrem Alter ansieht; oder +so ... etwas Ähnliches ...“ + +„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ sagte Nelly. „Ich liebe +zum Beispiel neue Kleider.“ + +„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger gut. Man muß mit seinem +bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht +... man kann auch neue Kleider lieben.“ + +„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, wenn ich Ihre Frau +sein werde?“ + +„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig unwillig. Nelly lachte +schelmisch und vergaß sich sogar so weit, daß sie auch mir zulächelte. +„Übrigens, warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, wenn +Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte er versöhnlicher hinzu. + +„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag Pulver einnehmen?“ + +„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“ + +Jetzt lächelte auch der Doktor. + +Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte ihrem Beispiel, +er freute sich über ihre Fröhlichkeit. + +„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. „Doch aus alledem +spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“ + +Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen +sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt nicht mehr mit mir sprechen, als +wäre ich in irgend etwas schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich +ärgerte mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht mehr +mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich bereits darüber. Sie +weinte oft, und ich wußte wirklich nicht, womit ich sie beruhigen +sollte. Übrigens einmal brach sie doch das Schweigen mit mir. + +Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach Haus und bemerkte, wie +Nelly unter ihrem Kissen ein Buch versteckte. Das war mein Roman, den +sie jetzt wieder in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte sie +ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ dachte ich und +tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als +ich auf einen Augenblick in die Küche ging, sprang sie schnell aus dem +Bett und legte das Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah +ich es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; in ihrer +Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen hatte sie kein Wort mit mir +gesprochen. + +„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit erstickter Stimme. + +„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“ + +Nelly schwieg. + +„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit schwacher Stimme. + +„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“ + +„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser Stimme hinzu. + +Wieder trat Schweigen ein. + +„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann Nelly von neuem. Ein +furchtsamer Blick streifte mich dabei. + +„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen verwundert. +„Hast du es denn schlecht bei mir?“ + +„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie bereden mich doch, zu +ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber möchte ich nicht. – Hat sie eine +Magd?“ + +„Ja.“ + +„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie bedienen. Ich +werde alles für sie tun und werde keine Belohnung von ihr annehmen; ich +werde sie lieben und ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“ + +„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was denkst du eigentlich von +ihr: glaubst du denn wirklich, daß sie das zulassen würde? Wenn sie dich +schon zu sich nehmen sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr, +als ihre jüngere Schwester.“ + +„Nein, das will ich nicht ...“ + +„Warum nicht?“ + +Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen. + +„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich. + +Ich war erstaunt. + +„Woher weißt du das, Nelly?“ + +„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern fragte ich den +Mann von Alexandra Ssemjonowna; er erzählte mir alles.“ + +„War denn Masslobojeff hier?“ + +„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder. + +„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“ + +„So ...“ + +Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum dieser Masslobojeff +sich hier geheimnisvoll herumtrieb, und was für Beziehungen er hier +angeknüpft haben mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen. + +„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“ + +„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, ohne mich anzusehen. +„Wenn Sie sie aber so lieben, so werden Sie sie doch heiraten, wenn der +andere fort fährt.“ + +„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, ja und ich ... +Nein, das wird nicht sein, Nelly.“ + +„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie würden glücklich +sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich anzusehen. + +„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und mein ganzes Innere +tat mir weh. Nelly verstummte und sprach den Abend kein Wort mehr mit +mir. Als ich fortgegangen war, weinte sie den ganzen Abend; wie +Alexandra Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen ein. +Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im Traum phantasierte sie. + +Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und verschlossener. Mit mir +sprach sie überhaupt nicht mehr. Es geschah wohl, daß ich hin und wieder +einen verstohlenen und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll +unsäglicher Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur Augenblicke +und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer finsterer und verschlossener, +sogar der Doktor wunderte sich über diese Veränderung in ihrem +Charakter. Inzwischen hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit +Erlaubnis des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte. +Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. Es war in der Karwoche, +als ich eines Morgens ausging; ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber +Nelly versprochen, früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren zu +gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben. + +Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer Schlag mich traf, +als ich damals nach Hause zurückkehrte! Schon draußen auf der Treppe +fiel es mir auf, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich +trete ein: es war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch +erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben +beschrieben: + + „Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr wieder. Ich liebe + Sie aber sehr. + + Ihre treue Nelly.“ + +Ich schrie auf und stürzte hinaus. + + + IV. + +Kaum war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu werden, wohin ich +mich wenden sollte, als plötzlich vor unserem Haustor eine Droschke +hielt; aus der Droschke stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly, +die sie fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch einmal +entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu. + +„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich. + +„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, dort werden Sie +alles erfahren,“ sagte Alexandra Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen +zu erzählen habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu. +„Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie sollen alles sofort +erfahren.“ + +Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche Neuigkeiten +mitzuteilen hatte. + +„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu ihr, als wir ins +Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es ist doch kein Spaß, nach der +Krankheit so herumzulaufen! Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber +wollen hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“ + +Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen. + +Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan und bedeckte +ihr Gesicht mit beiden Händen. + +Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna berichtete mir so +schnell als möglich den Tatbestand. Später erfuhr ich noch weitere +Einzelheiten. + +Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly zwei Stunden vor +meiner Rückkunft davongelaufen und hatte sich zuerst zum alten Doktor +begeben. Seine Adresse hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der +Doktor, wie er erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er +plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während ihres Daseins +habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ „Ich kann es auch jetzt noch +nicht glauben,“ fügte er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde +es nie und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock in seinem +Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich hineinstürzte und, ehe er +zur Besinnung gekommen war, sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte +sich an ihn, weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos sie +zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei mir nicht mehr leben +wolle noch könne und darum von mir fortgegangen sei; daß sie leide; daß +sie nie mehr über ihn lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde, +sondern sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie sich +unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt gehorsam sein und +jeden Tag, so viel er wolle, Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war +vor Schreck so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich +zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen. + +„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so wie ich Sie +verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie bei mir aufnehme. Doch, das +ist – unmöglich! Sie sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über +wenig Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu überlegen +... Das ist schrecklich! Und außerdem sind Sie, so weit es mir scheint, +einfach davongelaufen. Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und +schließlich habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig +spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, Sie aber +verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach zu mir, wo Sie sich doch +schonen und ... und ... Medizin einnehmen sollten. Und schließlich ... +schließlich, verstehe ich überhaupt nichts ...“ + +Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an zu weinen, ihn +anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen des Alten nahm immer mehr +zu und er konnte schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly +auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag unwohl,“ schloß der +Alte seine Erzählung, „und nahm zur Nacht ein Pulver ein.“ + +Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich ihr die Adresse +bekannt war, fand sie die Wohnung doch nur mit großer Mühe. Masslobojeff +war zu Haus. Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem Kopf +zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, vortrug. Auf ihre +Fragen: warum es ihr Wunsch sei und ob sie es bei mir so schwer habe, +antwortete Nelly nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl. +„Sie schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna, +„daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly flehte, sie als +Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, daß sie waschen und +plätten könne. Darauf schienen sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die +Meinung Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei sich zu +behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten und man mich davon +benachrichtigt hätte. Doch Filipp Filippytsch hatte sich dem durchaus +widersetzt und befohlen, mir den Flüchtling sofort einzuhändigen. +Unterwegs habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und getröstet, doch +dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen angefangen. Auch Alexandra +Ssemjonowna hatte dann vor Rührung geweint. + +„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; hat er dich denn +etwa beleidigt, wie?“ fragte sie Nelly unter Tränen. + +„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“ + +„Nun, warum willst du denn ...“ + +„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann nicht ... ich bin so +böse zu ihm ... er aber ist gut ... bei Ihnen würde ich nicht böse sein, +ich würde arbeiten,“ antwortete sie, krampfhaft schluchzend. + +„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“ + +„So ...“ + +„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ schloß Alexandra +Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. „Warum ist sie nur so trübsinnig? +Wohl von Geburt so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“ + +Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in den Kissen +vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem Bett nieder, nahm ihre Hände +und küßte sie. Sie entriß sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich +wußte nicht, was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der +alte Ichmenjeff ins Zimmer. + +„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ Verwundert sah er uns +alle an. + +Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war ganz +zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er wollte aber auf die +Ermahnungen seiner Frau nicht hören, legte sich nicht, sondern fuhr fort +– wie er sagte – „seine Geschäfte zu erledigen“. + +„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna mit neugierigen +Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch hat mir befohlen, so schnell +als möglich zurückzukommen. Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich auf +ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“ + +„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an ganz was anderes +denkend. + +Ich beantwortete ihm seine Frage. + +„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit zu dir gekommen, Iwan +...“ + +Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen Besuch bereits +erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna Andrejewna hatte endlich +eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Das war nach einem +geheimen Übereinkommen zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: ich +hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, deren +Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht worden war, sein Herz +rühren und seinen Sinn ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen, +daß sie jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. Er +seinerseits wollte natürlich vor allem seine Anna Andrejewna befriedigen +und dann hatte er selbst ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich +später ausführlicher erzählen ... + +Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem ersten Besuch +nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte sogar einen gewissen Haß aus, wenn +man seinen Namen nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle +Umstände sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die ihr Gesicht +noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand ergriff und sie fragte: ob +sie an Stelle seiner Tochter zu ihm kommen wolle? + +„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich selbst,“ schloß +der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. Sie ist tot. Willst +du ihren Platz in unserem Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“ + +Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, erglänzte eine +Träne. + +„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den Kopf zu erheben. + +„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz allein in der Welt. Du +kannst doch nicht immer bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie +im Elternhause.“ + +„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ fügte sie hinzu, +richtete sich auf und setzte sich dem Alten gegenüber aufs Bett. „Ich +selbst bin böse, böser als alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“ + +Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar ihre Lippen +erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog sich vor innerer Erregung. +Der Alte sah sie ganz verwundert an. + +„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht vergeben; sie +wollen sie auf immer vergessen und an ihrer Stelle ein anderes Kind +annehmen ... kann man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich +denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen werden, so müssen Sie sich +erinnern, daß ich Ihnen fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die +Sie vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will nicht bei so +grausamen Menschen leben; ich will nicht, ich will nicht! ...“ + +Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen Blick zu. + +„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist erstanden, alles +umarmt sich, alles versöhnt sich, allen wird vergeben ... Nur Sie ... +Sie allein ... wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“ + +Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien sie sich bereits lange +vorbereitet zu haben, für den Fall, daß der Alte sie noch einmal +auffordern sollte, zu ihm ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig +erbleicht, auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid. + +„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? Ich mag’s nicht!“ rief +Nelly plötzlich außer sich. „Ich werde ... werde ... betteln gehen!“ + +„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ rief ich unwillkürlich +aus, doch goß ich damit nur Öl ins Feuer. + +„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, als daß ich +hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch meine Mutter hat gebettelt und +als sie starb, sagte sie zu mir: sei arm und gehe lieber betteln, als +... Zu betteln ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen +Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen bitten ist keine +Schande, das hat mir eine alte Bettlerin gesagt; und ich bin klein und +kann mir nichts verdienen. Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse, +böse, böser als alle; seht, wie böse ich bin!“ + +Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer Tasse auf dem Tisch und +warf sie zu Boden. + +„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend hinzu, – „da ist +ja noch eine Tasse – ich werde auch die andere zerschlagen ... Woraus +werden Sie dann Tee trinken?“ + +Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, sich in dieser +Besessenheit gehen zu lassen. Sie fühlte wohl, daß es nicht gut und +eigentlich eine Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst +innerlich immer mehr und mehr dazu auf. + +„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte der Alte, „oder ... +oder ich begreife dieses Kind schon nicht mehr. Lebe wohl!“ + +Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum Abschied. Er war wie +zerschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt; ich war außer mir. + +„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als wir allein waren; +„du solltest dich schämen, schämen! Nein, du bist nicht gut, du bist +wirklich schlecht!“ + +Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten nach. Ich wollte ihn +wenigstens bis zum Haustor begleiten, um ihm ein paar Worte zur +Beruhigung zu sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys +erblaßtes Gesichtchen. + +Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt. + +„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen Kummer, und mir fiel es +ein, noch von meinem zu reden,“ sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte +an ihre Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen nicht verstehen +und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige den Hungrigen nicht +verstehen kann. Nun, lebe wohl!“ + +Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß mit der Hand ab. + +„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, daß sie dir nicht +davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ fügte er mit Erbitterung hinzu +und beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, wobei er mit +seinem Spazierstock laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug. + +Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung gewesen. + +Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly nicht im Zimmer +vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich suchte sie auf dem Treppenflur, auf +der Treppe, rief ihren Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich +konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen sei. +Und wie konnte sie fortlaufen? Es gab doch nur ein Haustor; sie mußte +also an mir vorbeigeschlüpft sein, als ich mit dem Alten gesprochen? +Doch bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf der Treppe +versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, und um dann hinter +meinem Rücken hinauszulaufen. Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr +weit gekommen sein. + +Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, sie zu suchen, und ließ +die Wohnung auf alle Fälle offen. + +Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber nicht zu Haus, +weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. Ich hinterließ ihnen einen Zettel, +in dem ich Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu ihnen +kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf ging ich zum Doktor: der +war gleichfalls nicht zu Haus, nur die Magd erklärte mir, daß niemand +dagewesen sei. Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr +dort von der Frau des Sargmachers, daß die Wirtin seit dem gestrigen +Tage sich auf der Polizei befinde. Nelly hatte man aber seit jenem Tag +nicht mehr wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder zu +Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu Hause. Mein Zettel +lag noch auf dem Tisch. Was sollte ich tun? + +In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach Hause begeben. Ich +mußte diesen Abend zu Natascha gehen, sie selbst hatte mich bereits am +Morgen rufen lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen; +der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir aufkommen lassen. + +„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten das wirklich nur die +Folgen der Krankheit sein? Hat sie nicht am Ende ihren Verstand +verloren? Doch, mein Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum +hatte ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir +entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand dort an einem +Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich wollte auf sie zulaufen, doch +blieb ich plötzlich stehen: „Was mag sie hier machen?“ dachte ich und +ich beschloß, da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren konnte, +hier zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen ungefähr zehn +Minuten, sie stand immer noch und blickte auf die Vorübergehenden. +Endlich kam ein gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn zu: +der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der Tasche und gab’s ihr. Sie +schien ihm zu danken. Ich kann es nicht beschreiben, was ich in diesem +Augenblick empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, als wäre +etwas Teures, das ich liebte und hegte, in diesem Augenblick, vor mir +beschmutzt und beschimpft worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen. + +Ja, Tränen über Nelly, zu gleicher Zeit fühlte ich etwas Unversöhnliches +gegen sie: sie hatte nicht aus Not gebettelt; sie war durchaus nicht der +Macht des Schicksals überlassen gewesen, sie war nicht ihren Peinigern +entlaufen, sondern ihren Freunden, die sie liebten und hegten. Als hätte +sie jemand damit schrecken und in Erstaunen setzen wollen, ja, fast +schien sie damit zu prahlen! In ihrer Seele war etwas Geheimnisvolles +aufgetaucht ... Der alte Ichmenjeff hatte recht, sie war verwundet, und +ihre Wunde wollte nicht vernarben; sie schien durch dieses +geheimnisvolle und mißtrauische Verhalten uns gegenüber geradezu in +ihrem Schmerz wühlen zu wollen, – als gewähre ihr dieser Schmerz, dieser +_Egoismus des Leidens_, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine besondere +Genugtuung. Dieses Gefühl der Genugtuung begriff ich durchaus: denn +viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergeworfen und +sich der Ungerechtigkeit desselben bewußt sind, müssen es empfinden. +Doch über welche Ungerechtigkeit konnte sich Nelly uns gegenüber +beklagen? Sie schien mit ihren Launen, mit ihren wilden Ausbrüchen uns +gegenüber sich geradezu selbst überbieten zu wollen! Doch warum hatte +sie jetzt gebettelt, da sie sich von uns nicht gesehen glaubte? Fand sie +denn wirklich darin einen Genuß? Wozu brauchte sie dieses Geld? + +Als sie das Geld von dem Fremden in Empfang genommen hatte, verließ sie +die Brücke und blieb vor den hellerleuchteten Fenstern eines Ladens +stehen, um es zu zählen; ich stand zehn Schritt von ihr entfernt und +konnte sehen, wie sie eine Menge Geldstücke in der Hand hielt. Offenbar +hatte sie bereits vom Morgen an gebettelt. Darauf ging sie auf die +andere Seite der Straße hinüber und trat in einen Laden. Ich folgte ihr +sofort, blieb an der Tür des Ladens, die offen war, stehen, um zu sehen, +was sie dort tun würde. + +Ich sah, wie sie ihr Geld auf den Ladentisch legte und man ihr dafür +eine Teetasse zeigte, eine ganz billige Tasse, ähnlich derjenigen, die +sie zerschlagen. – Sie wollte mir und dem alten Ichmenjeff doch zeigen, +wie böse sie sein konnte. – Die Tasse kostete vielleicht im ganzen nur +fünfzehn Kopeken, vielleicht sogar noch weniger. Der Kaufmann wickelte +sie in ein Papier ein, umschnürte das Päckchen und übergab es Nelly, die +eilig und mit zufriedenem Gesicht aus dem Laden trat. + +„Nelly!“ rief ich, als sie sich mir näherte. „Nelly!“ + +Sie sah auf und zuckte zusammen, die Tasse entglitt ihrer Hand, fiel +aufs Pflaster und brach in Scherben. Nelly erblaßte; als sie mich ansah +und erriet, daß ich alles gesehen, errötete sie plötzlich; es war die +Röte einer quälenden Scham. Ich nahm sie an der Hand und führte sie nach +Hause; wir waren nicht mehr weit davon entfernt. Unterwegs sprach keiner +von uns ein Wort. Nach Hause gekommen, setzte ich mich hin; Nelly blieb +vor mir stehen, finster, nachdenklich und bleich stand sie da, die Augen +zu Boden geschlagen. Sie konnte sich nicht überwinden mich anzusehen. + +„Nelly, du hast gebettelt?“ + +„Ja!“ flüsterte sie, kaum hörbar. + +„Du wolltest Geld sammeln, um die zerschlagene Tasse wieder zu +ersetzen?“ + +„Ja ...“ + +„Habe ich dir denn dieser Tasse wegen Vorwürfe gemacht? Siehst du denn +wirklich nicht, Nelly, wieviel selbstzufriedene Bosheit in deiner +Handlung liegt? Ist das wirklich gut von dir gehandelt? Schämst du ...“ + +„Ich schäme mich,“ flüsterte sie kaum hörbar und über ihre Wange rollte +eine Träne. + +„Du schämst dich ...“ wiederholte ich. „Nelly, meine Liebe, wenn ich vor +dir schuldig bin, so vergib mir und wir wollen uns wieder versöhnen!“ + +Sie sah mich an, brach in Tränen aus und umschlang mich mit ihren +Ärmchen. + +In diesem Augenblick kam Alexandra Ssemjonowna. + +„Wie! Ist sie wieder zu Haus? Ach, Nelly, Nelly, was tust du uns an! Ein +Glück, daß sie nun wenigstens wieder da ist ... Wo haben Sie sie +gefunden, Iwan Petrowitsch?“ + +Ich gab Alexandra Ssemjonowna zu verstehen, daß sie mich nicht fragen +sollte, und sie schwieg sofort. Ich verabschiedete mich zärtlich von +Nelly, die immer noch bitterlich weinte und bat die gute Alexandra +Ssemjonowna, bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben, ich selbst lief +zu Natascha. Ich hatte mich bereits verspätet und mußte eilen. + +An diesem Abend sollte sich unser Schicksal entscheiden: obgleich ich +mit Natascha von vielen anderen Dingen zu reden hatte, erzählte ich ihr +doch alles, was sich mit Nelly zugetragen. Meine Erzählung setzte +Natascha geradezu in Erstaunen. + +„Weißt du, Wanjä,“ sagte sie nachdenklich, „mir scheint es, daß sie dich +liebt.“ + +„Wieso ... wie?“ rief ich ganz erstaunt. + +„Ja, mit der Liebe einer Frau ...“ + +„Was du sagst, Natascha! Sie ist doch noch ein Kind!“ + +„Das bald vierzehn Jahre alt sein wird. Ihre Verbitterung kann nur daher +kommen, weil du deinerseits ihre Liebe nicht bemerkst und sie ihrerseits +wiederum sich selbst nicht versteht; ihre Verbitterung äußert sich wohl +ganz kindlich, ist aber darum nicht weniger ernst und quälend für sie. +Und dann – sie ist auf mich eifersüchtig. Du bist so mit mir +beschäftigt, daß du zu Hause wohl nur an mich denkst und von mir +sprichst, ihr aber wenig Aufmerksamkeit schenkst. Sie hat das bemerkt +und ist gekränkt. Sie hat vielleicht das Bedürfnis, ihr Herz vor dir +auszuschütten, versteht es aber nicht, schämt sich und wartet auf eine +Gelegenheit. Du aber verstehst sie nicht, läßt sie immer allein, sogar +während ihrer Krankheit bist du zu mir gekommen und hast sie tagelang +allein gelassen. Sie weint darüber, ihr tut es weh, daß du ihren Kummer +nicht bemerkst. Auch in diesem Augenblick hast du sie meinetwegen wieder +allein gelassen. Sie wird noch morgen davon krank sein. Und wie hast du +sie jetzt nur allein lassen können. Gehe doch sofort zu ihr ...“ + +„Ich hätte sie vielleicht nicht allein gelassen, aber ...“ + +„Weil ich dich gebeten hatte zu kommen. Doch jetzt gehe ...“ + +„Ich werde gehen, doch glaube ich natürlich von alledem nichts.“ + +„Weil es so ungewöhnlich scheint. Bedenke aber, was sie durchgemacht, +bedenke, daß sie anders aufgewachsen ist als wir ...“ + +Es war trotzdem spät geworden, als ich zurückkehrte. Alexandra +Ssemjonowna erzählte mir, daß Nelly wieder, wie an dem Abend, viel +geweint habe und unter Tränen eingeschlafen sei, ganz wie damals. + +„Ich muß jetzt gehn, Iwan Petrowitsch,“ fügte sie hinzu, „so hat mir +Filipp Filippytsch befohlen. Der Arme, er wartet auf mich.“ + +Ich dankte ihr und setzte mich an Nellys Lager. Mir selbst lastete es +schwer auf der Seele, daß ich sie in einem solchen Augenblick verlassen +hatte. Lange, bis in die Nacht hinein, saß ich grübelnd an ihrem +Bettchen – es war eine schwere, verhängnisvolle Zeit. + +Doch muß ich jetzt erzählen, was sich in diesen vierzehn Tagen +ereignete. + + + V. + +Seit dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im Restaurant B. +zugebracht hatte, lebte ich in einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit +bedrohte dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich an ihr +rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und erging mich in den +unmöglichsten Kombinationen. Ich kam nur immer zu dem Schluß, daß seine +Drohungen ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie noch zu +Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. Denn er war kleinlich, +rachsüchtig, berechnend und wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war +daher auch durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch Natascha +vergessen würde. In einem Punkte hatte er sich auch mir gegenüber +entschieden ganz unzweideutig ausgesprochen: er verlangte die Lösung des +Verhältnisses zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete von mir, daß +ich Natascha auf die nahbevorstehende Trennung vorbereite, damit es +keine sentimentalen Szenen gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm +natürlich nur darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und ihn +nach wie vor für einen zärtlichen Vater hielt. Damit mußte er durchaus +rechnen, um über Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich denn +vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von Aljoscha vorzubereiten. +Auch in Natascha hatte ich in letzter Zeit eine starke Veränderung +bemerkt; ihre frühere Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und +nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu mir zu verhalten. +Mein Trösten quälte sie nur; meine Fragen ärgerten sie, verbitterten sie +sogar. Oft saß ich bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die +Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, bleich, +abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz und gar vergessen. Fiel +dann einmal zufällig ihr Blick auf mich, so konnte sie ihr Gesicht +ungeduldig und geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst über +den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, und konnte sie es +denn ohne Schmerz, ohne Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen, +davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte nur ihre finstere +Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht mit ihr darüber zu sprechen und +erwartete mit Bangen, wie sich das alles entscheiden würde. + +Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und beunruhigte es mich +sehr, doch zweifelte ich nicht an dem Herz meiner Natascha; ich sah, wie +schwer sie es hatte und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das +Einmischen von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse +eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch war ich andererseits fest +davon überzeugt, daß Natascha im letzten Augenblick doch zu mir kommen +würde, um bei mir Trost und Frieden zu suchen. + +Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg ich natürlich, denn ich +hätte sie damit nur noch aufgeregt und gekränkt. Ich sagte ihr so +nebenbei, daß ich zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen wäre +und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner Mensch sei. Ich war +sehr froh, daß sie mich auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so +mehr aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung mit +Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte doch ihr bleiches Gesicht +eine Röte, und sie war den Tag über in erregter Stimmung. Ich +verheimlichte ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß Katjä +reizend sei und einen großen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und wozu +sollte ich es ihr verhehlen? Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten +und wäre mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so ausführlich +als möglich zu erzählen und versuchte alle ihre Fragen im voraus zu +beantworten, da ihr das Fragen in ihrer Lage nicht leicht fiel. + +Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha auf besonderen +Befehl des Fürsten mit der Gräfin und Katjä aufs Land fahren sollte, und +ich bemühte mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, um +den Schlag abzuschwächen. Doch wie groß war meine Verwunderung, als +Natascha bei meinem ersten Worte darüber mich unterbrach und mir +erklärte, daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr alles schon +seit fünf Tagen bekannt. + +„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“ + +„Aljoscha.“ + +„Wie? Er selbst?“ + +„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ fügte sie mit +Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, daß sie eine Fortsetzung +dieses Gespräches nicht wünschte. + +Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer nur auf ein paar +Augenblicke; einmal nur war er während meiner Abwesenheit mehrere +Stunden bei ihr geblieben. Meist erschien er in trauriger Stimmung und +sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha empfing ihn dann +immer so liebenswürdig und zärtlich, daß er bald alles vergaß und heiter +wurde. Auch mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte +sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein sein, sondern +lief zu mir, um sich Trost zu suchen. + +Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, Kälte und sogar +Bosheit ihm gegenüber vor; klagte und jammerte und ging dann schließlich +zu Katjä, wo er denn auch immer Trost fand. + +An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie von der Abreise +Aljoschas unterrichtet sei (es war eine Woche nach meinem Gespräch mit +dem Fürsten), kam er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um +den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete, was er sagen +würde. + +„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ begann er, „rette +mich vor mir selbst. Ich weine nicht darüber, daß ich gemein und niedrig +bin, sondern daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich +überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, sage du mir, wen ich +mehr liebe: Katjä oder Natascha?“ + +„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete ich ihm, „das mußt +du besser wissen als ich ...“ + +„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so dumme Frage stellen, wenn +ich’s wüßte, aber das ist es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage +mich und kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du aber hast alles +miterlebt, und kannst es eher wissen, als ... Und, wenn du es auch nicht +weißt, so sage mir doch wenigstens, wie es dir scheint?“ + +„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“ + +„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht so! Du hast es nicht +erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos und kann sie nie und nimmer +verlassen. Ich habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit +einverstanden. Warum schweigst du? Ich sah soeben, wie du lachtest. Ach, +Wanjä, wie hast du mich getröstet, wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe +wohl!“ + +Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck auf die verwunderte +Nelly machte, die schweigend unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war +damals immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin. +Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit ihr, er schenkte ihr +überhaupt keine Aufmerksamkeit. + +In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte mich über sein +erfreutes Gesicht. Er umarmte mich wie vorher. + +„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle Mißverständnisse +beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs zu Natascha gegangen: ich war +gequält und konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, fiel +vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich mußte es tun, sonst wäre +ich vor Kummer gestorben. Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da +habe ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr liebe als sie.“ + +„Was sagte sie?“ + +„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und beruhigte mich – +mich, der ich ihr das eben gesagt! Sie versteht zu trösten, Iwan +Petrowitsch! O, ich habe vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles +gestanden. Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr liebe, doch +wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich doch ohne sie, ohne Natascha, +nicht leben, sondern müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen +Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben wir beschlossen, uns +unverzüglich trauen zu lassen; da man es aber jetzt in den großen Fasten +nicht tun kann, so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich +wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht kein Zweifel. Und +Katjä? Was soll ich tun, ich kann ohne Natascha nicht leben ... Wir +werden uns trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“ + +Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, diesen Knaben zu trösten, +seine Bekenntnisse anzuhören und diesem naiven Egoisten zu seiner +Beruhigung noch Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha +war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er ging doch nur zu +Natascha, weil sein schwaches Herz nicht imstande war, diesen Kummer +allein zu tragen. Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte, +kam wieder die frühere Unruhe über ihn; wieder kam er öfter zu mir um +seinen Kummer auszuweinen. In der letzten Zeit hatte er sich so an +Natascha angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen konnte, +geschweige denn auf anderthalb Monate. Doch war er bis zum letzten +Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate +verlassen würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. Natascha dagegen +ihrerseits begriff durchaus, daß es eine Trennung auf immer sei, und daß +es so kommen mußte! + +Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit fieberglänzenden Augen +und trockenen Lippen sprach sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann +sah sie mich plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht, +antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie ein Blatt am Baume +als sie die helle Stimme des eintretenden Aljoscha hörte. Feuer übergoß +ihre Wangen, sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn und +lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte sie beunruhigt, ob sie +auch gesund wäre und versuchte sie damit zu beruhigen, daß er bald zur +Hochzeit zurückkehren würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha zu +bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. Sie weinte nicht ... + +Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, daß er ihr für die +Zeit seiner Reise Geld hinterlassen würde, und sie solle sich darüber +nicht beunruhigen, da ihm sein Vater viel Geld für die Reise +versprochen. Natascha wurde finster. Als wir darauf allein blieben, +sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall hundertfünfzig Rubel bereit +ständen. Sie fragte nicht woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor +Aljoschas Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung Nataschas +mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha einen Brief geschickt, in dem sie +Natascha um die Erlaubnis gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir +hatte sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung zugegen zu +sein. + +Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf Uhr bei Natascha zu +sein; denn Hindernisse gab es viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten +mich auch die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen. + +Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna einen Brief erhalten, mit +der Bitte, in einer wichtigen Angelegenheit so schnell als möglich zu +ihr zu kommen. Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in +zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter Aufregung im +Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, konnte ich auch diesmal nicht sofort +erfahren, was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es +vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich nach heißen und +gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: „warum ich nicht zu ihnen +gekommen sei und sie wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“ +so daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ erklärte +sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den letzten drei Tagen so +aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich zu beschreiben wäre“. + +„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte sie, „in der +Nacht schleicht er sich von mir fort, um auf den Knien vor dem +Gottesbild zu beten, im Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb +bei Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte seinen Löffel +nicht finden, der neben seinem Teller lag: frägt man ihn dies, so +antwortet er das. + +„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer in Geschäften,‘ sagt er, +‚um einen Advokaten zu suchen;‘ schließlich hatte er sich heute morgen +in seinem Kabinett eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen +Geschäftsbrief zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für einen +Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal deinen Löffel neben dir +auffinden kannst?‘ Ich spähte durch den Türspalt: da saß er, schrieb und +– weinte. ‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte ich. ‚Oder +tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also müssen wir unser Ichmenjeffka +doch auf immer verloren haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und +wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit blitzenden Augen +greift er nach dem Hut und stürzt zu mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna, +komme sofort wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe dann auf +seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, die da in Stößen +herumliegen, gesucht. Wievielmal habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß +ich deine Papiere in Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘ +Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen und Füßen ab: so +ungeduldig, solch ein Schreier ist er hier in Petersburg geworden. So +ging ich also zum Tisch und fing an zu suchen, was er soeben +geschrieben. Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen, +sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. Da, mein lieber Iwan +Petrowitsch, da ist’s, da ...“ + +Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur Hälfte beschrieben +und stellenweis so unleserlich beschrieben war, daß man ihn kaum +entziffern konnte. Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man +erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an seine Natascha, an +seine geliebte Natascha. Er begann warm und innig; er verzieh ihr alles +und rief sie zu sich. Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er +geschrieben, die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. Man fühlte +nur, daß er aus heißem Drang zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen +tiefempfunden den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige +anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb in grellen +Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn vor, beschuldigte sie der +Gefühllosigkeit, daß sie garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern +angetan. Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr +unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst würden ihre Eltern +„nach stillem, musterhaftem Leben im Schoße der Familie ihr vielleicht +Vergebung gewähren,“ schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl für +Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte und gequält und beleidigt +in seinem Stolz mit wütenden Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir +mit zusammengelegten Händen und erwartete in Angst und Schrecken was ich +sagen würde. + +Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. Nämlich: daß der +Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha zu leben, und daß man wohl +annehmen müsse, daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; doch +hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen ab. Auch habe +ihn der schlechte und für ihn unglückliche Ausgang des Prozesses +erschüttert und gereizt, und durch den Triumph des Fürsten wäre er in +seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen Augenblicken sucht +die Seele nach Mitgefühl, und er sehnte sich um so mehr nach derjenigen, +die er über alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er +wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet ist), daß +Aljoscha sie jetzt verlassen wird. Auch aus seiner Lage heraus begreift +er, wie sehr sie Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal +doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich durch sie gekränkt +und erniedrigt fühlt. Ihm kam der Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu +ihm kommt, und daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem +Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl den Brief nicht +beendigt, auch vielleicht aus Furcht vor neuen Beleidigungen die +Versöhnung noch länger aufgeschoben ... + +Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun sagte, daß ich sofort +zu Natascha müßte und mich bereits durch sie verspätet hätte, zuckte sie +zusammen und erklärte mir, daß sie die _Hauptsache_ noch garnicht +erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den Papieren +hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. Die eine Ecke des +Briefes war wirklich ganz mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie +sich sehr, daß der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie den +Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war durchaus gerechtfertigt: denn +bereits der Gedanke, sie wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und +Wut bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren würde. + +Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er +in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern +dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich +nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief +vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging, +wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden. +Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem +eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm +großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu +bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine +beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und +die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly +gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu: +Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich +sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte, +fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie +nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja, +sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war, +wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die +Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den +Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht +annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte +und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren +Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der +armen Waise schenken könnte. + +Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung +emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen +wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach +einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe +hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz. +Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff +erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an +die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des +seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte. +Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und +wußte nicht, was er sagen sollte. + +„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich +suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ... +ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint +er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“ + +Und er ging schnell die Treppen hinunter. + +Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen, +es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war, +mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die +ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in +sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten +Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen. + +Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich +es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr +schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr +niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von +seinen Angelegenheiten. + +„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch, +wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich +plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken +auswich. + +„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite. + +„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus +angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen: +im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“ + +Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann. + +Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu +erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins +Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu +machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die +Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben +wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von +Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst +früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn +morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am +nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein. + +Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in +seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er +den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz +nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten +Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht +kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden +Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und +verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell +fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen +wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so +außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als +ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe. + +Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war +damals auf zwei Tage verschwunden. + +Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von +mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu +Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem +Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen +Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß +er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell +fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa +abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen. + +Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt, +daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts +geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu +erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen, +schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast +vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief +hinaus. + +Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er +Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber +ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff +sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem +Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht +hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was +endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte +er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer +öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen +Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen +Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß. + +Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der +Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den +Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne +sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des +Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der +alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man +ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem +Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling +von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja +Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte +sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das +erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff +mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten. + +Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett +und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und +erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter +auf immer und ewig verfluche! + +Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für +den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette, +machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht +nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei +Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen +Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt; +diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte +er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an +welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am +Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich +zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch. + + + VI. + +Aljoscha war eine Stunde vor der Begegnung zu Natascha gekommen, ich kam +gerade in dem Augenblicke, als Katjäs Equipage vor dem Haustor hielt. +Katjä erschien mit der alten Französin, die nach langem Zögern endlich +eingewilligt hatte, sie zu begleiten und ihr sogar erlaubt hatte, allein +den Besuch bei Natascha zu machen, unter der Bedingung, daß Aljoscha +zugegen sein würde. Katjä rief mich zu sich an die Equipage, als sie +mich erblickte, und bat mich, Aljoscha zu ihr zu senden. Ich traf oben +Natascha und Aljoscha in Tränen an: beide weinten. Als Natascha hörte, +daß Katjä gekommen sei, erhob sie sich, wischte sich die Tränen ab und +stellte sich in Erwartung der Tür gegenüber. Gekleidet war sie diesen +Morgen ganz in weiß. Ihre dunkelbraunen Haare waren glatt zurückgekämmt +und hinten im Nacken zu einem dichten Knoten verschlungen. In dieser +Frisur liebte ich sie am meisten. Als sie sah, daß ich beabsichtigte, +bei ihr zu bleiben, bat sie mich auch, den Gästen entgegenzugehen. + +„Erst jetzt war es mir möglich, meine Absicht auszuführen, und Natascha +aufzusuchen,“ sagte Katjä zu mir, als wir die Treppe hinaufstiegen, „so +sehr hat man auf mich aufgepaßt, ... es war schrecklich! Mme. Albert +habe ich ganze zwei Wochen bereden müssen, bis sie endlich einwilligte. +Und Sie, und Sie, Iwan Petrowitsch, sind kein einziges Mal zu mir +gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht und es fehlte mir auch +die Lust dazu, denn im Brief kann man ja doch nicht alles sagen. Und wie +gern hätte ich sie gesprochen ... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz +klopft ...“ + +„Die Treppe ist so steil,“ bemerkte ich. + +„Nun, ja ... die Treppe ... Doch, was glauben Sie: wird Natascha mir +zürnen?“ + +„Nein, weshalb?“ + +„Nun, ja ... freilich, weshalb; ich werde es ja gleich selbst erfahren; +wozu frage ich Sie noch?“ ... + +Ich führte sie am Arme hinauf. Sie war bleich und schien sich sehr zu +fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen um Atem zu +schöpfen, dann aber stieg sie, mit einem bedeutsamen Blick auf mich, +entschlossen die letzten Stufen hinauf. + +Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und flüsterte mir zu: „ich +werde einfach hineingehen und ihr sagen, daß ich so an sie geglaubt +habe, ohne etwa befürchten zu müssen ... Übrigens, was sage ich, ich bin +doch überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf ist, das es gibt. +Nicht wahr?“ + +Sie trat schüchtern wie eine Schuldbewußte ein und sah Natascha starr +an, die ihr zulächelte. Da trat Katjä sofort auf sie zu, ergriff ihre +beiden Hände und küßte sie auf die Lippen. Darauf wandte sie sich, ohne +Natascha ein Wort gesagt zu haben, ernst und streng an Aljoscha und bat +ihn, sie auf eine halbe Stunde allein zu lassen. + +„Du, Aljoscha, sei deshalb nicht böse,“ fügte sie hinzu, „ich wünsche es +darum, weil ich mit Natascha über viele ernste und wichtige Dinge zu +reden habe, die du nicht hören sollst. Sei vernünftig, und gehe. Sie +aber, Iwan Petrowitsch, bleiben hier. Sie müssen bei unserem Gespräch +zugegen sein.“ + +„Setzen wir uns,“ sagte Katjä, als Aljoscha fort war, „so, ich setze +mich Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein wenig ansehen.“ + +Sie setzte sich Natascha gegenüber und betrachtete sie stumm. Natascha +mußte unwillkürlich lächeln. + +„Ich kenne Ihre Photographie,“ sagte Katjä, „Aljoscha hat sie mir +gezeigt.“ + +„Ist sie ähnlich?“ + +„Sie sind schöner,“ sagte Katjä ernst und bestimmt. „Ich wußte es, daß +Sie schöner sind.“ + +„Und ich freue mich über Sie, wie reizend Sie sind!“ + +„Was Sie sagen! reden Sie nicht von mir, meine Liebe!“ fügte Katjä +hinzu, und ergriff mit zitternden Händen Nataschas Hand, und wieder +schwiegen sie und sahen sich gegenseitig an. „Sehen Sie, Natascha,“ +unterbrach Katjä das Schweigen, „wir haben nur eine halbe Stunde für +uns; Madame Albert wollte mir kaum diese halbe Stunde schenken, – und +ich habe viel mit Ihnen zu reden ... Ich will ... ich muß ... Sie +einfach fragen: lieben Sie Aljoscha sehr?“ + +„Ja, sehr.“ + +„Wenn das so ist ... wenn Sie ihn sehr lieben ... so ... müssen Sie auch +sein Glück wünschen ...“ fügte sie leise schüchtern hinzu. + +„Ja, ich wünsche es, daß er glücklich würde.“ + +„So ist’s ... doch jetzt die Frage: kann ich sein Glück ausmachen? Habe +ich das Recht so zu sprechen, denn ich nehme Ihnen Aljoscha. Wenn es +Ihnen scheint, und wir wollen das jetzt entscheiden, daß er mit Ihnen +glücklicher wird, als, als ... so ...“ + +„Das ist bereits entschieden, liebe Katjä, Sie selbst wissen es doch, +daß alles entschieden,“ antwortete Natascha und neigte ihr Haupt. Es +fiel ihr offenbar schwer, das Gespräch weiterzuführen. + +Katjä hatte wahrscheinlich eine lange Auslegung über dieses Thema +vorbereitet: wer Aljoschas Glück ausmachte und wer von ihnen ihn der +anderen abtreten sollte? Doch durch Nataschas Antwort begriff sie +sofort, daß alles beschlossen und kein Wort mehr zu verlieren sei. Ihre +reizenden Lippen halb geöffnet, sah sie traurig Natascha an, deren Hand +sie immer noch in der ihren hielt. + +„Und Sie, Sie lieben ihn sehr?“ fragte Natascha sie plötzlich. + +„Ja; und ich wollte Sie auch darum fragen und bin deshalb +hierhergekommen, um zu erfahren, warum Sie ihn lieben?“ + +„Ich weiß es nicht,“ antwortete Natascha, in ihrer Antwort lag ein +Ausdruck gewisser Ungeduld. + +„Halten Sie ihn für klug?“ fragte Katjä. + +„Nein, ich liebe ihn einfach ...“ + +„Und ich auch. Er tut mir scheinbar immer so leid.“ + +„Und mir auch,“ antwortete Natascha. + +„Was soll man jetzt mit ihm beginnen! Und wie konnte er Sie um +meinetwillen verlassen, ich begreife es nicht!“ rief Katjä aus. „Jetzt, +wo ich Sie gesehen habe, kann ich es nicht verstehen!“ + +Natascha antwortete nicht und sah zu Boden. Auch Katjä verstummte und +plötzlich erhob sie sich und umarmte sie zärtlich. Sich umarmt haltend, +weinten sie miteinander. Katjä setzte sich auf den Arm des Lehnstuhls +und hielt Natascha fest umschlungen, ihr die Hände küssend. + +„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!“ sagte sie in Tränen +aufgelöst. „Wir wollen Schwestern bleiben und uns schreiben ... ich +werde Sie ewig lieben, ewig ...“ + +„Hat er Ihnen von unserer Hochzeit im Juni gesprochen?“ fragte sie +Natascha. + +„Ja, er hat gesagt, daß Sie dareinwilligen. Das ist doch alles nur so, +um ihn zu beruhigen, nicht wahr?“ + +„Natürlich.“ + +„So habe ich es auch aufgefaßt. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und +Ihnen von ihm schreiben. Wahrscheinlich wird man uns bald verheiraten; +so scheint es wenigstens. Sie sprechen alle davon. Liebe Natascha, Sie +werden doch jetzt zu Ihren Eltern gehen?“ + +Natascha antwortete nicht, sondern küßte sie schweigend. + +„Werden Sie glücklich!“ sagte sie. + +„Und ... Sie ... Sie auch,“ erwiderte Katjä. + +In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Aljoscha trat ein. Er war +nicht imstande, die halbe Stunde abzuwarten und als er sie jetzt umarmt +und in Tränen sah, stürzte er ihnen beiden zu Füßen. + +„Warum weinst denn du?“ fragte ihn Natascha. „Wir werden doch nicht auf +lange getrennt sein? Zum Juni kommst du doch wieder?“ + +„Und dann wird eure Hochzeit sein,“ beeilte sich auch Katjä ihn zu +trösten. + +„Doch, ich kann nicht, ich kann dich nicht auf einen Tag verlassen, +Natascha. Ich muß ohne dich sterben ... Du weißt nicht, wie teuer du mir +jetzt bist! Gerade jetzt! ...“ + +„Nun, mache es doch so,“ sagte plötzlich belebt Natascha, „die Gräfin +bleibt doch längere Zeit in Moskau?“ + +„Ja, fast eine Woche,“ bestätigte Katjä. + +„Eine Woche! Was wäre denn besser: du begleitest sie morgen nach Moskau, +bleibst dort einen Tag und kommst hierher zurück. Wenn sie Moskau +verlassen, fährst du wieder hin und begleitest sie auf einen Monat aufs +Land.“ + +„So, so ist’s ... Sie werden immerhin noch vier Tage zusammen sein!“ +rief Katjä entzückt, mit einem vielsagenden Blick auf Natascha. + +Das Entzücken Aljoschas über dieses neue Projekt läßt sich gar nicht +beschreiben. Er schien plötzlich vollkommen beruhigt; sein Gesicht +strahlte, er umarmte Natascha, küßte Katjä die Hand, umarmte mich. +Natascha sah ihn mit traurigem Lächeln an, doch Katjä konnte sich kaum +mehr beherrschen. Sie warf mir einen heißen, zornigen Blick zu, umarmte +Natascha, erhob sich vom Stuhl um aufzubrechen. In dem Augenblick +erschien auch schon der Diener mit der Meldung, daß die halbe Stunde +vorüber sei. + +Natascha erhob sich. Beide standen sich jetzt gegenüber und sahen sich +mit einem Blick an, der ihre ganze Seele ausdrücken sollte. + +„Wir werden uns niemals wiedersehen,“ sagte Katjä. + +„Niemals mehr,“ antwortete Natascha. + +„Dann leben Sie wohl.“ + +Sie umarmten sich. + +„Fluchen Sie mir nicht,“ flüsterte ihr eilig noch Katjä zu, „ich werde +immer ... seien Sie überzeugt ... er wird glücklich ... Komm, Aljoscha, +begleite mich!“ stieß sie eilig hervor und faßte ihn an der Hand. + +„Wanjä!“ wandte sich Natascha an mich, ganz erschöpft, als sie gegangen, +„folge auch du ihnen ... Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis +acht Uhr; länger kann er nicht, dann muß er gehen. Ich bleibe dann +allein ... Komme gegen zehn Uhr. Bitte!“ + +Als ich um neun Uhr Nelly (nach der zerschlagenen Tasse) mit Alexandra +Ssemjonowna allein ließ, ging ich zu Natascha, die bereits ungeduldig +auf mich wartete. Mawra gab den Tee; Natascha schenkte mir eine Tasse +ein, setzte sich auf den Diwan und ich mußte mich neben sie setzen. + +„Nun ist alles, alles aus!“ sagte sie mit einem Blick auf mich, den ich +nie vergessen werde. + +„Ein halbes Jahr der Liebe ... für ein ganzes Leben,“ fügte sie hinzu +und preßte meine Hand. + +Ihre Hände brannten. Ich fing an sie zu bereden, sich warm einzuhüllen +und zu Bett zu legen. + +„Sofort, Wanjä, sofort. Laß mich nur reden und mich an alles dies +erinnern ... Ich bin wie zerschlagen ... Morgen sehe ich ihn zum letzten +Male, um zehn Uhr ... zum letzten Mal!“ + +„Natascha, du bist wie im Fieber, gleich wird dich der Schüttelfrost +packen; habe Mitleid mit dir ...“ + +„Was glaubst du, Wanjä? Ich habe hier auf dich seit einer halben Stunde +gewartet und ich fragte mich, als er fortgegangen war – fragte mich: +liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht, und was war das eigentlich für +eine Liebe? Dir wird das wohl sonderbar vorkommen, Wanjä, daß es von mir +erst jetzt geschah?“ + +„Rege dich nicht auf, Natascha ...“ + +„Siehst du, Wanjä, ich glaube, daß ich ihn nicht so geliebt habe, wie +eine gewöhnliche Frau einen Mann liebt. Ich liebte ihn fast ... wie eine +Mutter. Ich glaube, daß es auf der Welt gar keine solche Liebe gibt, wo +sich gegenseitig beide ganz gleich lieben, ah? Wie denkst du?“ + +In banger Unruhe beobachtete ich sie und befürchtete einen +Fieberausbruch. Sie schien sich einem sonderbaren Gefühl hinzugeben, +einem Bedürfnis, zu reden; oft ganz unzusammenhängende Worte, die ich +kaum verstehen konnte. Ich fürchtete sehr für sie. + +„Er war mein,“ fuhr sie fort. „Gleich von der ersten Begegnung an, +tauchte in mir der unbezwingliche Wunsch auf, daß er mein sei, ganz +mein, und daß er niemanden kennen, niemanden sehen müßte, als nur mich +... Katjä hatte ganz recht vorhin, als sie sagte; ich habe ihn die ganze +Zeit mit einer Liebe geliebt, als ob er mir leid täte ... Immer hatte +ich den unbezwinglichen Wunsch, ja die Qual, wenn ich allein blieb, daß +er unendlich und ewig glücklich sein müsse. Ich konnte sein Gesicht +nicht ruhig ansehen. (Du kennst doch den Ausdruck seines Gesichtes, +Wanjä): einen solchen Ausdruck _gibt es nicht_ noch einmal, und wenn er +lachte, so lief mir ein kalter Schauer über den Rücken ... Das ist wahr! +...“ + +„Natascha, höre mich an ...“ + +„Alle sagten,“ unterbrach sie mich, „und übrigens auch du hast es +gesagt, daß er charakterlos und ... sein Verstand der eines Kindes sei. +Nun, und, das war es, was ich am meisten an ihm liebte ... glaubst du es +mir? Ich weiß nicht, ob ich ihn gerade nur darum liebte: kurz, ich +liebte ihn einfach so wie er war und wäre er anders gewesen, so hätte +ich ihn vielleicht gar nicht so lieb gehabt. Weißt du, Wanjä, ich muß +dir noch eines gestehen; erinnerst du dich, vor drei Monaten hatten wir +einen großen Streit, damals, als er mit seinen Kameraden bei dieser +Minna gewesen war ... Als ich es erfahren, glaubst du mir, tat es mir +sehr weh, zugleich war es aber so angenehm, daß er sich vor mir schuldig +fühlte, und ich das Gefühl hatte, daß er sich wie ein Erwachsener +aufgeführt und mit anderen Männern zu schönen Frauen gefahren! Und dann, +welch ein Entzücken, ihm vergeben zu können ... oh, Lieber!“ + +Sie sah mir ins Gesicht und lächelte so sonderbar. Darauf verfiel sie in +tiefes, tiefes Nachdenken. Und lange saß sie da, mit diesem Lächeln auf +den Lippen und dachte an Vergangenes. + +„Ich liebte es unendlich, ihm zu vergeben, Wanjä,“ fuhr sie fort. „Wenn +er mich allein ließ und ich im Zimmer auf und ab ging, weinte und mich +quälte, dann dachte ich immer: je schuldiger er vor mir sein wird, um so +besser ... Ja! Und weißt du: immer schien es mir, daß er ein kleiner +Junge sei: ich sitze da, er legt seinen Kopf auf meinen Schoß und +schläft ein, dann streiche ich ihm leise übers Haar ... Immer habe ich +ihn mir so vorgestellt, wenn er nicht bei mir war ... Weißt du, Wanjä,“ +wandte sie sich plötzlich an mich, „wie reizend ist doch Katjä!“ + +Ich fühlte es, daß sie mit Absicht ihre Wunde aufriß, als fühlte sie ein +Bedürfnis – ein Bedürfnis, der Verzweiflung und des Leides ... Das +geschieht oft mit Herzen, die viel verloren haben! + +„Wie es mir scheint, wird Katjä ihn glücklich machen,“ fuhr sie fort. +„Sie hat Charakter und spricht zu ihm so überzeugt, so ernst und +überlegen – und stets von hohen Dingen, wie eine Erwachsene. Und dabei +ist sie selbst – das reine Kind! Ein liebes, liebes Kind! Oh, möchten +sie glücklich sein!“ + +Tränen und Schluchzen erschütterten ihren Körper. Ganze anderthalb +Stunden konnte sie nicht zu sich kommen, sich irgendwie beruhigen. + +Dieser Engel von Natascha! Und doch konnte sie noch an demselben Abend, +trotz ihres Kummers, Teilnahme für mich und meine Sorgen haben, als ich +ihr, um sie zu zerstreuen, von Nelly erzählte ... Wir trennten uns erst +spät abends, ich wartete bis sie eingeschlafen war und bat Mawra, als +ich fortging, heute nacht bei ihrer kranken Herrin zu wachen. + +„Oh, schneller, schneller,“ dachte ich, als ich zu mir zurückkehrte, +„schneller ein Ende mit diesen Qualen! Einerlei wodurch, einerlei wie, +nur schneller, schneller!“ + +Um neun Uhr morgens war ich bereits wieder bei ihr. Zu gleicher Zeit mit +mir fand sich auch Aljoscha ein – um Abschied zu nehmen. Ich möchte +nicht von diesen Augenblicken sprechen, und nicht an sie denken. +Natascha wollte lustig und gleichgültig erscheinen, und konnte es nicht. +Sie umarmte Aljoscha krampfhaft. Sie sprach kein Wort mit ihm, sie sah +ihn nur ganz verstört an. Sie hörte gierig jedem seiner Worte zu und +schien doch nicht zu begreifen, was er zu ihr sprach. Ich weiß, er bat +sie, ihm zu vergeben, ihm und seiner Liebe alles das, womit er sie in +der letzten Zeit gekränkt, seine Untreue zu ihr und seine Liebe zu +Katjä, seine Abfahrt ... Er sprach zusammenhanglos, Tränen erstickten +seine Stimme. Dann versuchte er sie wieder zu beruhigen, sagte, daß er +nur auf einen Monat fortginge oder höchstens fünf Wochen, daß er im +Sommer wiederkomme und dann ihre Hochzeit sei, und daß der Vater +einwilligen würde, und schließlich, was die Hauptsache, daß er +übermorgen aus Moskau zurückkehre, um mit ihr noch vier Tage zusammen zu +verleben, also würden sie jetzt nur auf einen Tag getrennt sein ... + +Sonderbar: wenn er fest davon überzeugt gewesen wäre, daß er die +Wahrheit sprach und übermorgen aus Moskau zurückkehrte, – warum weinte +er und quälte er sich so? + +Endlich schlug die Uhr elf. Ich konnte ihn nur mit aller Gewalt bereden +aufzubrechen. Der Moskauer Schnellzug fuhr um Punkt zwölf Uhr ab. Es +blieb ihm nur noch eine Stunde. Natascha sagte mir später selbst, daß +sie sich der letzten Augenblicke nicht mehr entsinne. Sie bekreuzte ihn, +glaube ich, küßte ihn, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und lief +ins Zimmer zurück. Ich mußte Aljoscha zur Equipage führen, sonst wäre er +niemals fortgegangen. + +„Meine ganze Hoffnung beruht auf Dir,“ sagte er mir beim Abschied. +„Freund Wanjä, ich bin niemals deiner Liebe würdig gewesen, doch bleibe +mir trotzdem ein Bruder; verlasse du sie nicht, schreibe mir alles +ausführlich über sie, so ausführlich, als nur möglich. Übermorgen werde +ich wieder da sein, bestimmt, bestimmt! Doch dann, wenn ich dann +fortfahre, dann schreibst du!“ + +Ich setzte ihn in den Wagen. + +„Bis übermorgen!“ rief er mir noch zu, „bestimmt!“ + +Als ich mit bangem Herzen oben wieder Nataschas Zimmer betrat, stand sie +mitten im Zimmer, mit verkreuzten Armen und blickte mich so fremd an, +als erkenne sie mich nicht. Ihr Haar war in Unordnung; ihr Blick war +trübe und wie irrsinnig. Mawra stand an der Tür und sah sie angstvoll +an. + +Plötzlich blitzten ihre Augen auf. + +„Ah! Du bist es! Du!“ schrie sie mich an, „Du allein bist geblieben. Du +mochtest ihn nicht! Du hast es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn +liebte ... Jetzt bist du wieder da! Wie? Bist wohl wieder mich beruhigen +gekommen, mich bereden, zum Vater zurückzukehren, der mich verflucht +hat. Das wußte ich bereits seit gestern, seit zwei Monaten! ... Ich will +nicht, will nicht! Ich selbst werde sie verfluchen! ... Geh fort, ich +will dich nicht sehen! Fort, fort!“ + +Ich verstand, daß sie außer sich war, und daß mein Anblick ihren Zorn +bis zur Raserei steigerte, ich begriff zugleich, daß es so kommen mußte +und beschloß, hinauszugehen. Ich setzte mich auf die erste Treppenstufe +und – wartete. Von Zeit zu Zeit öffnete ich die Tür und rief Mawra +hinaus, um sie auszufragen; Mawra weinte. + +So vergingen anderthalb Stunden. Was ich in dieser Zeit durchlebt, ist +nicht wiederzugeben. Mein Herz erstarb in mir und tat mir zu gleicher +Zeit grenzenlos weh. Plötzlich öffnete sich die Tür und Natascha stürzte +in Hut und Mantel heraus. Sie war noch nicht zu sich gekommen und sie +gestand mir selbst später, daß sie nicht gewußt hätte, was sie +beabsichtigt, und wohin sie habe laufen wollen. + +Ich konnte kaum von meinem Platze springen, um mich vor ihr zu +verbergen, als sie mich bereits gewahrte und wie angewurzelt vor mir +stehen blieb. „Es fiel mir plötzlich ein, daß ich Wahnsinnige, +Hartherzige, dich hatte fortschicken können, dich, meinen einzigen +Freund, meinen Bruder und Retter!“ erzählte sie mir später. „Und als ich +sah, daß du, den ich beleidigt, vor meiner Tür auf der Treppe sitzest +und wartest bis ich dich wieder rufe, Gott! – wenn du wüßtest, Wanjä, +was damals in mir vorging – als hätte man mir einen Dolch ins Herz +gestoßen ...“ + +„Wanjä, Wanjä,“ rief sie und streckte mir beide Hände entgegen. „Du +hier! ...“ + +Und sie fiel in meine Arme. + +Ich hob sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. „Was tun?“ +dachte ich. „Sie wird erkrankt sein, das ist sicher!“ + +Ich entschloß mich zum Doktor zu laufen; hier mußte sofort eingegriffen +werden. Ich konnte schnell zu ihm fahren, bis zwei Uhr war mein alter +Deutscher immer zu Hause. Ich eilte zu ihm, und befahl Mawra, Natascha +nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, allein zu lassen, ihr auch jeden +Ausgang zu verweigern. Gott war mir gnädig: ein wenig später und ich +hätte meinen Alten nicht mehr zu Hause angetroffen. Er begegnete mir +bereits auf der Straße. Ich setzte ihn in die Droschke, so daß er kaum +zur Besinnung kam, und wir fuhren zurück zu Natascha. + +Ja. Wirklich, Gott war mir gnädig! In der halben Stunde meiner +Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, das sie +vollständig hätte vernichten können, wenn ich nicht zur rechten Zeit mit +dem Doktor erschienen wäre. Eine viertel Stunde nach meiner Entfernung, +war der Fürst bei ihr erschienen. Er hatte die Seinen zur Bahn begleitet +und war direkt von da zu Natascha gekommen. Dieser Besuch war +wahrscheinlich eine längst beschlossene Sache für ihn gewesen. Natascha +erzählte mir selbst später, daß sie im ersten Augenblick gar nicht +erstaunt gewesen, als sie den Fürsten gesehen. „Mein Geist war +umnachtet,“ sagte sie. + +Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit zärtlichen und mitleidigen +Blicken an. + +„Meine Liebe,“ sagte er seufzend zu ihr, „ich verstehe Ihren Kummer; ich +wußte, wie schwer Ihnen dieser Augenblick fallen würde, darum hielt ich +es für meine Pflicht, Sie aufzusuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie +können, wenigstens damit, daß Sie, indem Sie zurückgetreten sind, +Aljoscha den Weg zum Glück freigegeben haben. Doch werden Sie das besser +wissen als ich, denn Sie haben sich selbst zu diesem großmütigen Schritt +entschlossen ...“ + +„Ich saß da und hörte ihm zu,“ erzählte mir Natascha, „zuerst konnte ich +nicht begreifen, was er sagte. Ich habe ihn nur starr – starr angesehen. +Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinen. Das schien ihm sehr +angenehm zu sein. Ich war so geistesabwesend, daß ich es zuerst nicht +einmal bemerkte.“ + +„Sie haben verstanden,“ fuhr er fort, „daß, wenn Sie Aljoschas Frau +geworden wären, er Sie in der Folge vernachlässigt hätte, und Sie haben +so viel edlen Stolz ... doch, ich bin nicht gekommen, um Sie zu loben. +Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie in niemandem und niemals einen +so guten Freund finden werden, als in mir. Ich fühle mit Ihnen und +bedaure Sie. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit sehr Teil an Ihnen +genommen, doch – meine Pflicht mußte ich erfüllen. Ihr vorzügliches Herz +wird das verstehen und sich mit dem meinen aussöhnen ... Mir fiel es +vielleicht schwerer als Ihnen; glauben Sie mir.“ + +„Genug Fürst,“ erwiderte ihm Natascha. „Lassen Sie mich endlich in Ruh.“ + +„Gewiß, ich werde Sie sofort verlassen, doch liebe ich Sie, wie meine +Tochter. Werden Sie es mir erlauben, Sie zu besuchen? Sehen Sie in mir +einen Vater und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein.“ + +„Ich habe nichts nötig, wollen Sie mich bitte verlassen,“ antwortete ihm +wieder Natascha. + +„Ich weiß, daß Sie stolz sind ... Doch spreche ich zu Ihnen aufrichtig, +von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Werden Sie sich mit +Ihren Eltern versöhnen? Das wäre gewiß gut; doch Ihr Vater ist +ungerecht, stolz und ein Despot; verzeihen Sie mir, aber er ist es. In +Ihrem Hause werden Sie nur Vorwürfen und neuen Qualen begegnen ... Es +ist also nötig, daß Sie unabhängig bleiben und meine heilige Pflicht ist +es jetzt – für Sie zu sorgen und Ihnen zu helfen. Aljoscha hat mich +gebeten, Sie nicht zu verlassen und Ihnen ein Freund zu sein. Doch auch +außer mir gibt es Leute, die Ihnen sehr ergeben sind. Sie werden es mir +hoffentlich gestatten, daß ich Ihnen den Grafen N. vorstelle. Er ist ein +Verwandter von uns und mit seinem gütigen Herzen, man kann wohl sagen, +ein Wohltäter unserer Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha +hat ihn denn auch sehr geachtet und lieb gehabt. Er ist eine sehr hohe +Persönlichkeit, mit großem Einfluß, ein alter Mann, den Sie zu jeder +Zeit empfangen können. Er ist immer bereit, Ihnen, wenn Sie wollen, bei +einer seiner Verwandten, eine vorzügliche Stellung verschaffen. Ich habe +ihm bereits vor längerer Zeit von Ihnen erzählt und er interessiert sich +so sehr für Sie, daß er den Wunsch ausgesprochen hat, Ihnen so bald als +möglich vorgestellt zu werden ... Glauben Sie mir, er ist ein +freigebiger, ehrenwerter, alter Herr, der das Schöne zu schätzen weiß, +der noch unlängst sich Ihrem Vater gegenüber aufs edelste benommen, in +einer Geschichte, die ...“ + +Natascha fuhr tief gekränkt auf, jetzt hatte sie ihn verstanden. + +„Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich sofort!“ rief sie. + +„Nun, meine Liebe, Sie vergessen sich wirklich: der Graf kann Ihnen und +besonders Ihrem Vater sehr nützlich sein ...“ + +„Mein Vater wird von Ihnen niemals etwas annehmen. Verlassen Sie mich, +bitte!“ rief nochmals Natascha. + +„O, mein Gott, wie ungeduldig und mißtrauisch Sie sind! Wodurch habe ich +das verdient,“ erwiderte der Fürst etwas unsicher werdend. „Auf jeden +Fall, erlauben Sie mir,“ fuhr er fort, ein großes Papierpaket aus der +Tasche ziehend, „Ihnen als Beweis meiner Teilnahme für Sie und auch der +Teilnahme des Grafen N., der mit seinem Rat mir beigestanden, hier in +dem Paket zehntausend Rubel zu überreichen ... Warten Sie einen +Augenblick,“ fuhr er fort, als er sah, daß Natascha sich voll Zorn von +ihrem Platz erhoben hatte. „Hören Sie mich, bitte, geduldig an, Sie +wissen, daß Ihr Vater dieses Geld an mich verloren hat, und diese +zehntausend Rubel sollen jetzt zur Belohnung ...“ + +„Fort!“ schrie Natascha außer sich, „fort mit diesem Gelde! Ich +durchschaue Sie ganz. – Sie niedriger, gemeiner Mensch!“ + +Bleich vor Wut erhob sich der Fürst von seinem Stuhl. + +Aller Wahrscheinlichkeit nach war er zu Natascha gekommen, um etwas über +ihre jetzige Lage zu erfahren. Auch glaubte er fest daran, dieser armen +und von allen verlassenen Natascha dieses Angebot von zehntausend Rubel +machen zu dürfen. Niedrig und gemein wie er war, hatte er des öfteren +dem alten Lüstling Graf N. einen ähnlichen Dienst erwiesen. Er selbst +haßte Natascha und als er nun sah, daß er sich in der Sache verrechnet +hatte, so wollte er die Gelegenheit nicht unbenützt vorüber lassen, ohne +sie tödlich zu beleidigen. + +„Das ist durchaus nicht angebracht, meine Liebe, daß Sie sich darüber so +empören,“ brachte er mit vor Erregung zitternder Stimme vor, in der die +ganze Ungeduld der Erwartung lag, den Effekt seiner Beleidigung so bald +als möglich zu erleben; „man bietet Ihnen Schutz an, Sie aber rümpfen +das Näschen ... Sie scheinen es nicht zu wissen, wie dankbar Sie mir zu +sein haben, denn ich hätte Sie schon längst in eine Korrektionsanstalt +bringen können – als Vater eines von Ihnen verführten Sohnes, den Sie +ausgenützt haben – und ich habe es nicht getan ... he, he, he!“ + +Doch in dem Augenblick waren wir schon in der Wohnung. Ich hatte bereits +in der Küche die Stimme des Fürsten erkannt, ich ließ den Doktor stehen, +stürzte ins Zimmer und war Zeuge seiner letzten Worte. Er brach in ein +widerliches Gelächter aus, worauf ich Natascha „Oh, mein Gott!“ ausrufen +hörte. In dem Augenblick stürzte ich mich bereits auf ihn. + +Ich spie ihm ins Gesicht, ich schlug ihm ins Gesicht. Er wollte sich auf +mich stürzen, als er aber bemerkte, daß wir zwei waren, griff er schnell +nach seinem Geldpaket und lief hinaus. Unterdessen war der Doktor +Natascha zu Hilfe geeilt, die außer sich wie in einem Anfall um sich +schlug. Lange konnten wir sie nicht beruhigen: endlich aber gelang es +uns, sie zu Bett zu legen. + +„Doktor! Was fehlt ihr?“ wandte ich mich in meiner Angst an ihn. + +„Das muß man erst abwarten,“ antwortete er mir, „noch kann ich nichts +Näheres bestimmen. Das kann mit einem Nervenfieber enden ... Man muß +Maßnahmen treffen ...“ + +In mir blitzte ein neuer Gedanke auf. Ich flehte den Doktor an, zwei bis +drei Stunden bei Natascha zu verweilen, sie auf keinen Augenblick zu +verlassen. Er gab mir sein Wort und ich lief zu mir nach Haus. + +Nelly saß finster und erregt in der Ecke des Zimmers und sah mich +verwundert an. Ich muß wohl sehr sonderbar ausgesehen haben. + +Ich ergriff ihre Hand, setzte mich auf den Diwan, hob sie auf meine Knie +und küßte sie heiß und zärtlich. Sie errötete. + +„Nelly, mein Engel!“ sagte ich zu ihr. „Willst du unser aller Retter +sein?“ + +Sie sah mich verwundert an. + +„Nelly! Meine ganze Hoffnung ruht auf dir! Es gibt einen Vater: Du +kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und gestern kam er her, um +dich an Kindesstatt anzunehmen. Jetzt hat der, den Natascha liebte, und +um dessentwillen sie von ihrem Vater gegangen war, sie verlassen. Er ist +der Sohn dieses Fürsten, der, du erinnerst dich doch, an einem Abend +hier war, und dich nur allein antraf; du aber warst von ihm fortgelaufen +und nachher davon erkrankt ... Du kennst ihn doch? Er ist ein böser +Mensch!“ + +„Ich weiß,“ antwortete Nelly und zuckte zusammen. + +„Ja, er ist ein böser Mensch. Er haßte Natascha, weil sein Sohn Aljoscha +sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha fortgefahren und eine Stunde +nachher kam der Fürst zu ihr, beleidigte sie und drohte ihr mit der +Korrektionsanstalt und verspottete sie. Kannst du mich verstehen, +Nelly?“ + +Ihre dunkeln Augen blitzten, doch senkte sie sie schnell zu Boden. + +„Ich verstehe,“ flüsterte sie kaum hörbar. + +„Jetzt ist Natascha krank und allein; ich habe unseren Doktor bei ihr +gelassen und bin schnell zu dir gelaufen. Höre mich an, Nelly: gehen wir +beide zu Nataschas Eltern; du liebst ihren Vater nicht, du wolltest +nicht zu ihm, doch jetzt, mit mir zusammen mußt du es tun. Wir treten +zusammen ein, und ich sage, daß du willig bist, die Stelle Nataschas bei +ihm einzunehmen. Der Alte ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht, +und der Vater Aljoschas ihn vor ein paar Tagen tödlich beleidigt hat. Er +will jetzt nichts von seiner Tochter wissen, doch er liebt sie, liebt +sie, Nelly, und möchte sich mit ihr aussöhnen; ich weiß es, ich weiß es +alles! Es ist so! ... Hörst du, Nelly?“ ... + +„Ich höre,“ sagte sie mit demselben Flüsterton. + +Ich sprach zu ihr mit tränenerstickter Stimme. Sie sah mich scheu an. + +„Glaubst du daran?“ + +„Ich glaube.“ + +„Nun, dann komm mit mir! Man wird dich freundlich empfangen und dich +nach allem ausfragen. Ich werde dann das Gespräch auf deine Mutter und +deinen Großvater lenken. Du erzählst ihnen alles, Nelly, wie du es mir +erzählt hast. Erzähle ihnen, wie dieser böse Mensch deine Mutter +verlassen hat, wie sie in der Kellerwohnung bei der Bubnowa gestorben, +wie du mit deiner Mutter in den Straßen gebettelt hast; was sie dir +gesagt, und um was sie dich gebeten, als sie starb ... Bei der +Gelegenheit erzähle auch von deinem Großvater, wie er deiner Mutter +nicht verzeihen wollte, und wie sie dich in ihrer Sterbestunde zu ihm +schickte, damit er ihr Verzeihung gewähre, wie er es ihr verweigerte und +wie sie dann allein gestorben. Alles, alles erzähle! Durch deine +Erzählung wird das Gewissen des Alten aufgerüttelt werden. Denn er weiß, +daß heute Aljoscha sie verlassen, daß sie beleidigt und beschimpft +allein ohne Hilfe und Schutz zurückgeblieben, ihrem Feinde preisgegeben +ist. Er weiß das alles ... Nelly, rette Natascha! Willst du es tun?“ + +„Ja,“ antwortete sie, schwer atmend und mich mit einem so sonderbaren +Blick starr ansehend; es lag ein stummer Vorwurf in diesem Blick, ich +fühlte es wohl in meinem Herzen. + +Doch konnte ich mich von dem Gedanken nicht mehr trennen. Ich glaubte zu +sehr an ihn. Ich faßte Nelly an der Hand und wir gingen hinaus. In der +letzten Zeit war das Wetter so drückend und schwül gewesen, man hörte in +der Ferne jetzt den ersten Donner. Eine dunkle Wolke zog auf und der +Wind wirbelte den Staub hoch auf in den Straßen. Es war drei Uhr +nachmittags. + +Wir nahmen eine Droschke. Auf dem ganzen Wege schwieg Nelly, nur von +Zeit zu Zeit sah sie mich mit ihrem sonderbaren, rätselhaften Blick an. +Ihre Brust hob und senkte sich, ich fühlte wie in ihrer kleinen +Handfläche ihr Herzchen schlug, als wollte es herausspringen. + + + VII. + +Der Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen wir an und mit beklommenem +Herzen trat ich zu den Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen +Gefühlen ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand fest, nicht +ohne Versöhnung und Frieden für uns alle erlangt zu haben. + +Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten saßen allein, wie +gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch fühlte sich immer noch sehr schwach +und lag bleich in seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna +saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit fragenden und besorgten +Blicken an, was den Alten jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern +schien. Er schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht zu +brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide in Erstaunen. +Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken als sie mich mit Nelly +erblickte, und in dem ersten Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie +Schuldbewußtsein zu haben. + +„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte ich eintretend. „Sie +hat sich bedacht und selbst eingewilligt zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie +sie und haben Sie sie lieb ...“ + +Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, daß ihm bekannt, +daß Natascha jetzt verlassen, allein und erniedrigt dastehe. Er wollte +offenbar hinter das Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich, +wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte meine Hand fest in +der ihren, sah zu Boden, und warf nur flüchtig hin und wieder ihren +Blick, schnell wie einen Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann +sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte sich auf +Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an zu weinen, setzte sie +neben sich und ließ ihre kleinen Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah +sie mit Neugier und Verwunderung von der Seite an. + +Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost hatte, wußte sie +nicht mehr, was nun weiter zu tun, und sah mich in naiver Erwartung +fragend an. Der Alte runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum +ich Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene +und finstere Stirn bemerkt hatte, führte er die Hand zum Kopfe und sagte +mit abgerissener Stimme: + +„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“ + +Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, wie beginnen. Im +Zimmer war es düster; die dunkle Wolke kam immer näher, man hörte das +ferne Rollen des Donners. + +„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte Ichmenjeff. „Ich +erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka +ebenfalls so früh im Jahr ein Gewitter.“ + +Anna Andrejewna seufzte. + +„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte sie schüchtern; doch +niemand antwortete ihr, und sie wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie +heißt du, mein Täubchen?“ fragte sie sie. + +„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen und senkte das Köpfchen +noch tiefer. Der Alte sah sie forschend an. + +„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna aufmunternd hinzu. + +„Ja,“ antwortete Nelly. + +Und wieder folgte minutenlanges Schweigen. + +„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß die Kleine auch Helene,“ +bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, „man rief sie Nelly.“ + +„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fragte wieder +Anna Andrejewna. + +„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz. + +„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und ist deine Mutter schon +lange tot?“ + +„Nicht lange.“ + +„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna fort, sie mitleidig +betrachtend. + +Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit seinen Fingerspitzen auf +den Tisch. + +„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So erzählten Sie doch, Iwan +Petrowitsch?“ setzte scheu die Alte ihre Fragen fort. + +Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig an, als riefe sie mich +zu Hilfe. Sie atmete schwer und unregelmäßig. + +„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, „war die Tochter eines +Engländers und einer Russin, so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist +im Auslande geboren.“ + +„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten ins Ausland gefahren?“ + +Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna begriff sofort, daß sie +zu weit gegangen und zuckte unter dem strafenden Blick des Alten +zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster. + +„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen betrogen worden,“ +wandte er sich plötzlich an Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den +Vater verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er aber brachte +sie ins Ausland, betrog sie um das Geld und verließ sie. Ein guter +Freund von ihr hat ihr dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er +gestorben war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater zurück. +War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch. + +Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem Platze erhoben und +wollte zur Tür gehen. + +„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die Hand reichend, „setze +dich hierher, neben mich, so!“ + +Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und strich ihr leise +übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen Körper, doch beherrschte sie +sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie +Nikolai Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz schloß. + +„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser Mensch deine Mutter +zugrunde gerichtet hat, aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt +und geachtet hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort +Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, diese +Herausforderung an uns zu richten. Seine bleichen Wangen röteten sich +und er vermied es, uns anzusehen. + +„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie liebte,“ sagte Nelly mit +fester Stimme und bemühte sich ebenfalls niemanden anzusehen. + +„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte heftig und ungeduldig wie +ein Kind. + +„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden Nelly. „Er hat Mama nicht +zu sich genommen ... er hat sie von sich gestoßen ...“ + +Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten wollte, zum +Beispiel, daß der Alte das volle Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns +an und schwieg. + +„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der Großpapa euch nicht +aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, die plötzlich den Eigensinn zu haben +schien, dieses Thema weiter fortzusetzen. + +„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach Großpapa gesucht,“ +antwortete Nelly, „doch konnten wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir +damals, daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe +bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm geworden, weil derjenige, der +mit Mama ins Ausland fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr nicht +mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama selbst erzählt.“ + +„Hm! ...“ brummte der Alte. + +„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer mehr und mehr +belebend und offenbar mit dem Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre +Aussage zu beweisen, obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, „sie +sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen und sie in allem +vor ihm schuldig sei und daß sie jetzt außer Großpapa keinen Menschen +mehr auf der Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und sie +sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er ihr ‚nie verzeihen‘ +wird, doch vielleicht würde er, wenn er mich sieht, mich lieb gewinnen, +und ihr um meinetwillen vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte mich +immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie lehrte mich, für Großpapa +zu beten und betete selbst für ihn und immer erzählte sie mir dann, wie +sie früher zusammen mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt habe, +lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt und am Abend +vorgelesen und Großpapa hätte sie reich beschenkt ... Einmal habe er +sich zu Mamas Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für +Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich Ohrringe gewünscht und +Großpapa hatte gesagt, daß sie keine bekommen würde. Als Mama am +Namenstage gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe +geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... nachher habe er sie +aber geküßt und sie selbst um Verzeihung gebeten ...“ + +Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen lassen und ihre +bleichen, kranken Wangen hatten sich gerötet. + +Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von ihren glücklichen Tagen +erzählt zu haben, als sie da unten in der Kellerwohnung saßen und sie +ihr Kind, das einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und +dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, welchen starken und +krankhaften Eindruck ihre Erzählungen auf das frühentwickelte Herzchen +ihres kleinen Kindes machen mußten. + +Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch im Kreise +um und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte wieder auf +den Tisch; in Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die sie +sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete. + +„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ fügte Nelly mit leiser +Stimme hinzu. „Sie hatte eine kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange +und konnten ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im Keller.“ + +„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna entsetzt. + +„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. „Mama war sehr arm. Mama +hat mir gesagt,“ fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu +sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht ... und daß Gott +sie gestraft habe.“ + +„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? Dort bei +der Bubnowa?“ fragte der Alte, an mich gewandt mit einer gewissen +Nachlässigkeit. Es genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen. + +„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ antwortete Nelly. +„Dort war es sehr feucht und dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen +fort „und Mama war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich wusch +ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte Kapitanscha[6] und ein +verabschiedeter Beamter, der jede Nacht betrunken nach Hause kam und +dann schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen, +die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und sie wollte sie +verteidigen; da schlug der Beamte Mama und ich wieder den Beamten ...“ + +Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte sie, ihre Augen blitzten. + +„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz Ohr war und ihr Auge von +Nelly nicht abwenden konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an +sie. + +„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte Nelly weiter. „Wir +gingen den ganzen Tag bis zum Abend in den Straßen herum, Mama ging und +weinte und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr müde, wir +hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama sprach die ganze Zeit zu mir +und sagte mir: ‚bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf +niemanden und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe arm und +arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so bitte um Almosen, aber zu +ihnen gehe du nicht.‘ In der Dämmerstunde gingen wir durch eine große +hellerleuchtete Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, Asorka!‘ Es +sprang ein großer Hund herbei, kam winselnd zu Mama und sprang vor +Freude an Mama hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem +hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und immer zur Erde +sah, auf die Knie warf. Und dieser hohe alte Mann im abgetragenen +Überzieher, das war Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen. +Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als er sah, wie Mama +vor ihm auf der Straße kniete, aber er stieß Mama zurück, machte sich +von ihr los, schlug mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon. +Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude und beleckte Mama; +darauf lief er zu Großpapa, packte ihn an der Hose und zog und zerrte +ihn zurück, aber Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam darauf +wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, da lief er davon und +heulte noch immer. Mama aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten +sich Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte mich, Mama +aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, sah ganz verwundert um sich und +ging dann mit mir weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns +noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“ + +Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte sie sich wieder +auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem Blick lag feste +Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, wie es schien, alles zu +sagen. In ihr lag sogar etwas Herausforderndes in diesem Augenblick. + +„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer Stimme, in +gereiztem Tone. „Nun, deine Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie +hatte es verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“ + +„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte Nelly plötzlich, „und als +wir nach Haus gingen, sagte sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und +ich habe ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen +und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, und den ganzen Abend und +alle folgenden Tage sprach sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen +...“ + +Der Alte schwieg. + +„Aber wie kamt ihr denn später in die andere Wohnung?“ fragte Anna +Andrejewna, der noch die Tränen über die Wangen rollten. + +„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die Kapitanscha fand +schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, und nach drei Tagen zogen wir +dann hin. Als wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz krank und +sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte sie. Geld hatten wir gar +nicht mehr, aber uns halfen die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“ + +„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte ich erklärend. + +„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte und umherging, da +erzählte sie mir auch von Asorka.“ + +Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr willkommen zu sein, +daß das Gespräch auf Asorka überging. + +„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte er wie beiläufig, sich +noch mehr nach vorn neigend, als wolle er sein Gesicht verbergen. + +„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete Nelly auf seine +Frage, „als sie krank war, erzählte sie auch nur von ihm, und wenn sie +im Fieber phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und als sie +dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie mir wieder wie sie früher +gelebt hatte ... und dann erzählte sie auch von Asorka, denn einmal +hatten außerhalb der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur zum +Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte Mama ihnen Geld gegeben +und Asorka von ihnen gekauft. Als aber Großpapa Asorka zu sehen +bekommen, da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka dann +fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, daß Großpapa ganz +erschrocken gewesen war und gesagt hatte, er werde hundert Rubel +demjenigen geben, der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er +denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel und von da an begann +er Asorka sehr zu lieben. Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß +sie ihn sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei früher mit +Komödianten herumgezogen und ein Äffchen ist auf Asorka geritten und +Asorka hat zu sitzen verstanden und zu schießen und vieles andere hat er +noch verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen hatte, da +behielt Großpapa Asorka bei sich und ging niemals ohne ihn auf die +Straße, so wußte Mama jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß +Großpapa in der Nähe war ...“ + +Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu hören erwartet und +schien unangenehm berührt zu sein. Weiteres Fragen unterließ er +jedenfalls. + +„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie mehr den Großvater gesehen?“ +fragte Anna Andrejewna. + +„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich ihm wieder einmal. Ich +ging zum Bäcker nach Brot: plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und +ich erkannte in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus und drückte mich +an die Hauswand. Großpapa aber sah mich und sah mich lange an, und er +hatte solch ein böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an mir +vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an mir in die Höhe und +leckte meine Hände. Ich ging dann schnell nach Haus, blickte mich aber +noch einmal um, und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat. +Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, und ich erschrak noch +mehr, und als ich nach Haus kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie +nicht wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber nicht mehr zum +Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; als ich dann am dritten Tage +ging, begegnete mir niemand, nur hatte ich große Angst, und ich lief so +schnell ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die Ecke bog, +stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir und neben ihm Asorka. Ich +lief schnell fort und lief durch eine andere Straße, um von der andern +Seite zum Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf ihn +und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte. +Großpapa rührte sich auch nicht, er stand vor mir und sah mich wieder +lange an, dann aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte mich +mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte mit der Rute. Da sah ich +denn, daß Großpapa gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf +den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze Zeit. Er führte +mich zum Höker, der an der anderen Straßenecke saß und Äpfel und +Pfefferkuchen verkaufte. Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und einen +Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und einen Apfel, und als er das +Geld aus dem Lederbeutel nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein +Fünfkopekenstück auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf und gab es +ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken und gab mir auch die +Pfefferkuchen und streichelte mich wieder, so über den Kopf, nur sagte +er wieder kein Wort und ging von mir fort nach Haus. + +„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich ihr alles vom Großpapa und +wie ich mich zuerst gefürchtet und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte +mir zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich den ganzen +Abend immer wieder nach allem fragte, mich küßte und weinte, und als ich +ihr alles erzählt hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor +Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben müsse, wenn er +absichtlich zu mir gekommen war. Und sie sagte, ich solle freundlich zu +ihm sein und antworten, wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber +schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, obwohl ich ihr +sagte, daß Großpapa immer erst gegen Abend kommt. Und wenn ich ging, kam +sie selbst mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch am +anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und da es an diesem Tage +regnete, erkältete sich Mama, denn sie war doch hinausgegangen in den +Regen und da mußte sie wieder ins Bett. + +„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte mir wieder einen Fisch +und einen Apfel, sagte aber wieder nichts. Als er aber von mir fortging, +versteckte ich mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte ich +mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa wohnte, und um das +Mama zu sagen. Ich ging ganz weit hinter ihm auf der andern +Straßenseite, so, damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte aber +sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und starb, sondern in der +Gorochowaja, auch in einem großen Hause und vier Treppen hoch. Das +erfuhr ich denn alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte sich +sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich geblieben war. Als +ich ihr aber alles erzählt hatte, war sie wieder sehr froh und wollte +gleich am nächsten Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen +wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu fürchten, und sie +dachte immer an ihn und fürchtete sich ganze drei Tage; und so ging sie +denn nicht zu ihm. Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre, +Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, aber ich habe +einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, geh du zu ihm und gib ihm +diesen Brief. Und sieh zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er +sagt und wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die Hand und bitte +ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ Und Mama weinte die ganze Zeit und +küßte mich und segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben ihr +vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon sie sehr krank war, +begleitete sie mich doch bis auf die Straße hinaus, und als ich +zurückschaute stand sie immer noch dort und sah mir nach wie ich ging +... + +„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, denn die Tür war nicht +verschlossen und hatte auch gar keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und +aß Brot mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu wie er aß +und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte auch dort in jener Wohnung nur +einen Tisch und einen Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er +lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, daß er ganz +bleich wurde und zitterte. Ich erschrak auch und sagte auch nichts, ich +ging nur zum Tisch und legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah, +wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock griff und mich +schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, er führte mich nur hinaus in +den Treppenflur und stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe +hinuntergegangen, als er die Tür nochmals aufriß und mir den Brief +nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus und erzählte alles Mama. Da +wurde Mama wieder krank ...“ + + + VIII. + +In diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und der Regen schlug in +großen Tropfen an die Fensterscheiben; im Zimmer wurde es dunkler. Anna +Andrejewna schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. Wir waren +alle verstummt. + +„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der Alte nach einem Blick +zum Fenster hinaus. Dann stand er auf und ging eine Weile im Zimmer hin +und her, wie um sich Bewegung zu machen. + +Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft erregt, das sah ich; +doch sie vermied es, mich anzusehen. + +„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem er sich wieder auf +seinen Platz setzte. + +Nelly blickte scheu von einem zum anderen. + +„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“ + +„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“ + +„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ ermunterte sie +Anna Andrejewna. + +„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „bis +zum Winter. Dann wurde es kalt und es schneite. Als ich Großpapa +wiedersah, auf derselben Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war +ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht mehr kam. Als ich +ihn aber erblickte, lief ich absichtlich auf das andere Trottoir, damit +er sah, daß ich von ihm fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute, +sah ich, daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um mich +einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und Asorka lief ihm nach. +Mir tat er leid und so blieb ich stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich +bei der Hand und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb +er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte mich. Da sah er +auch, daß meine Schuhe schon ganz schlecht waren und er fragte mich, ob +ich denn keine besseren hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld +mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu essen gab. Großpapa +sagte darauf nichts, aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir +dort ein Paar Schuhe, die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so, +und dann führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs ging +er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete und zwei Bonbons, und als +wir in sein Zimmer kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er +sah mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann gab er mir +die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten auf den Tisch gelegt und +bat um ein Stückchen Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und +Großpapa lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm stehen und er +streichelte mein Haar und fragte mich, ob ich schon was gelernt habe und +was ich überhaupt wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er, +daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, er wolle mich selbst +unterrichten. Dann sagte er, ich müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm +wenden und zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich +wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, aber dann guckte +ich mich heimlich doch nach ihm um, und da sah ich, daß er sein Kissen +am unteren Ende auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm. +Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: ‚Das ist für dich +allein‘. Ich wollte es schon nehmen, aber dann dachte ich nach und +sagte: ‚Für mich allein nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse, +aber er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging fort, er +aber küßte mich nicht zum Abschied. + +Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. Sie fühlte sich aber +immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, bei dem wir wohnten, kam auch ein +Student; der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei. + +Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama wollte es so. Großpapa +kaufte das Neue Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; +manchmal aber erzählte er mir nur von den Ländern und Völkern und was +für Menschen es überall gibt und was für Meere und Berge, und was früher +alles war, und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst eine +Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte ich ihn immer recht +viel und er sagte mir dann alles und auch von Gott sprach er viel. +Manchmal aber lernten wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka +liebte mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock springen, und +Großpapa lachte und streichelte wieder meinen Kopf. Nur lachte Großpapa +eigentlich sehr selten. + +Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte er und saß dann +so, als wäre er eingeschlafen, die Augen aber waren offen. Und so saß er +bis es dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer so unheimlich, +so alt sah er dann aus ... Zuweilen aber war es so, wenn ich zu Großpapa +kam: er sitzt auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka liegt +neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich huste ich: Großpapa hört +aber gar nichts und rührt sich nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu +Hause aber erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich erzählte +ihr dann immer alles, alles, während sie im Bett lag, und es wurde +darüber Nacht, ich aber erzählte immer noch von Großpapa und sie hörte +zu: was er erzählt hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte, +und was ich das nächste Mal lernen würde. Und wenn ich von Asorka +erzählte, wie ich ihn über einen Stock hatte springen lassen und wie +Großpapa darüber gelacht hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen, +und sie lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem erzählen, +und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich aber dachte immer: wie kommt +es, daß Mama, ihn, den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und +als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie Mama ihn liebte. +Er hörte zu und rührte sich nicht, und so böse sah er aus, kein Wort +sagte er, er hörte nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama +ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er aber nach ihr gar nicht +fragte. Da wurde Großpapa sehr böse und jagte mich hinaus auf den +Treppenflur. Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, da +kam er aber wieder und rief mich zurück, aber er war immer noch sehr +böse und schwieg die ganze Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu +lesen begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß Jesus Christus +gesagt hat, wir sollen einander lieben und alles verzeihen, er aber +meiner Mama nicht vergeben wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich +von Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich wieder hinaus +und sagte, daß ich mich nicht unterstehen solle, nochmals zu ihm zu +kommen. Ich aber sagte, daß ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm +kommen wolle und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... Großpapa +zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung aus ...“ + +„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange dauern werde – da +hat es schon aufgehört zu regnen und dort scheint auch schon die Sonne +hervor ... sieh, Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster +wendend. + +Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, und plötzlich drückte +sich heftiger Unwille in den Augen der bis dahin ängstlichen, +eingeschüchterten alten Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran +und nahm sie auf ihren Schoß. + +„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, „ich werde allein +zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ – + +Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, und wischte sich +wieder die Tränen aus den Augen. Nelly sah mich, offenbar etwas +verwundert und vielleicht auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der +Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte jedoch nur mit +der Achsel und wandte sich sogleich wieder fort. + +„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich. + +„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann Nelly wieder zu erzählen, +„Mama aber fühlte sich damals schon sehr schlecht. Geld hatten wir +keinen Kopeken mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, und wir +aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei dem wir wohnten, hatte mit +seiner Frau nichts mehr zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu +machen, weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie sagten. Da stand +ich am dritten Tage auf und kleidete mich an. Mama fragte mich, wohin +ich denn gehen wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu bitten. +Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch alles erzählt, wie er +mich von sich fortgejagt, und daß ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen +wollte. Sie weinte wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen, +aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich ging hin und +erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen war. Ich ging dann zu seiner +neuen Wohnung. Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir +zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich sagte ihm schnell, +daß Mama sehr krank sei und daß wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig +Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich an und +stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug hinter mir die Türe zu, die +er dann noch verriegelte. Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm, +daß ich so lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, bis er +mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. Nach einer Weile +machte er die Tür auf und sah hinaus, und als er sah, daß ich dort saß, +da schloß er die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er wieder +die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die Treppe und wieder die Tür +schloß. Und noch mehrere Mal machte er so die Tür auf und wieder zu. +Endlich trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür ganz zu und +ging an mir vorüber aus dem Hause hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen. +Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“ + +„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna ganz erschrocken aus, +„aber es war doch kalt dort auf der Treppe!“ + +„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly. + +„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen ... Du mein Täubchen, +wieviel du ausgehalten hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“ + +Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich krampfhaft zusammen +und erzählte weiter. + +„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, und als er beim +Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, schrie er: wer ist hier? Ich +sagte, daß ich es sei. Er aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst +fortgegangen, und deshalb war er, als er mich immer noch dort sitzen +sah, sehr verwundert und stand lange Zeit ganz still vor mir. Plötzlich +schlug er mit dem Stock auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß +die Tür auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er brachte mir +Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und er warf sie auf die Treppe. ‚Da +hast du,‘ schrie er, ‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner +Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die Tür zu. Aber die +Geldstücke waren alle die Treppe hinunter gerollt. Ich begann sie in der +Dunkelheit zu suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen +sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im Dunkeln zu +finden, so kam er denn mit einer Kerze aus dem Zimmer und leuchtete, und +da sammelte ich sie schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen +und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen seien, und dann ging +er wieder zurück ins Zimmer. Als ich nach Haus kam, gab ich Mama das +Geld und erzählte ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, und +ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen Tage hatte ich auch +Fieber, aber ich dachte nur an eines, denn ich war böse auf Großpapa, +und als Mama wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die Straße +und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein Haus erreichte, blieb ich +auf dem Trottoir stehen. Da kam _jener_ ...“ + +„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem ich Ihnen, Nikolai +Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, – der zusammen mit dem Kaufmann +bei der Bubnowa war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat ihn +Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, Nelly.“ + +„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn auf und bat ihn um +Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich +sagte: ‚Ja.‘ Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich wußte +nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter kleiner Herr mit +einer goldenen Brille an uns heran, denn er hatte gehört, was ich haben +wollte, und er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade so +viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre und die Arznei so viel +kostete. Er fragte, wo wir wohnten und schrieb das in sein Taschenbuch +und gab mir einen Rubel. _Jener_ aber, als er den alten Herrn mit der +Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, daß ich mitgehen solle. +Ich ging dann in eine Bude und wechselte das Geld in kupferne +Fünfkopekenstücke; von denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein, +die behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken wickelte ich aber +nicht ein, sondern behielt sie in der Hand und ging mit ihnen zu +Großpapa. Als ich vor seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb +aber auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze Geld hin, so +daß alle Kupferstücke über den Fußboden rollten. ‚Da haben Sie Ihr +Geld!‘ sagte ich zu ihm. ‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie +verfluchen.‘ Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“ + +Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich stolzem, +herausforderndem Blick sah sie den Alten an. + +„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren Gatten weiter zu +beachten und indem sie Nelly fest an sich drückte. „So geschah ihm +recht! Dein Großvater war ein böser, grausamer Mensch ...“ + +„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch. + +„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ fragte Anna Andrejewna +ungeduldig. + +„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir nicht mehr entgegen,“ +sagte Nelly. + +„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, was tatet ihr? Ach, ihr +Armen, ihr Armen!“ + +„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte fast gar nicht mehr +aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer Stimme fort. „Geld hatten wir +überhaupt keines mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. Die +Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, aber auch auf der Straße +wandte sie sich an gutgekleidete Leute und bat sie um Geld, denn nur +davon lebte sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß sie +aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben stand, und auf denen +gesagt war, daß sie sehr arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor und +dafür gab man ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande sei, +von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich denn mit ihr und man +gab uns Geld und davon lebten wir. Mama erfuhr das bald, denn die +anderen Einwohner machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die Bubnowa +aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr +schicken als mich auf der Straße betteln lassen. Sie war auch früher zu +Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber nicht von +ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so stolz?‘ und schickte uns +dann etwas zu essen. Als sie das von mir aber Mama erzählt hatte, begann +Mama zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa aber, die +ganz betrunken war, begann sie zu schelten und sagte, daß ich sowieso +ein Bettelkind sei und schon mit der Kapitanscha ginge, und noch am +selben Abend jagte sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das alles +erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich auf, kleidete +sich an, nahm mich bei der Hand und führte mich mit sich fort. Iwan +Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn +und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke setzte +sie sich hin und ich stützte sie. Und sie sprach die ganze Zeit und +sagte, daß sie zu Großpapa gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur +war es schon lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen schönen +Hause, vor dem viele Equipagen standen und viele Menschen kamen aus dem +Hause und alle Fenster waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb +stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: ‚Nelly, sei arm, bleibe +dein Leben lang arm, gehe nicht zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch +zu dir kommen sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen, +schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse und roh, und nun +höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen, wenn man aber +zu dir kommt und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will nicht +zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als sie krank war und ich will +ihr mein ganzes Leben lang gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor +Erregung. Ihr Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde mein +ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich +gekommen, um zu arbeiten, ich will nicht so wie eine Tochter ...“ + +„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ unterbrach sie Anna +Andrejewna, die Nelly wieder mit ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit +an sich drückte. „Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das +sagte, mein Täubchen.“ + +„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte. + +„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, „und wenn sie auch +hundertmal wahnsinnig war, aber sie hat mir das so gesagt, und ich werde +mein ganzes Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel sie +aber in Ohnmacht.“ + +„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im Winter krank, auf der +Straße! ...“ + +„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein Herr trat für uns ein. +Er fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und ließ uns in +seiner Equipage nach Hause bringen. Von da an hat Mama das Bett nicht +mehr verlassen und nach drei Wochen starb sie ...“ + +„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ fragte Anna Andrejewna +angstvoll und erschrocken. + +„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich qualvoll +zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem Tode rief sie mich zu sich und +sagte: ‚Nelly, geh noch einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte +ihn, daß er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich nach wenigen +Tagen sterben werde und dich allein auf der Welt zurücklasse. Und sage +ihm noch, daß es mir schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa +und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber wie er mich +erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, doch hatte ich +mich schon mit beiden Händen an die Tür geklammert und schrie ihm zu: +‚Mama stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß mich +aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu Mama zurück, legte mich +neben sie hin, umarmte sie und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich +gleichfalls und fragte mich auch nichts ...“ + +Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der Hand schwer auf den +Tischrand und erhob sich langsam, doch blickte er uns alle nur mit einem +seltsamen, trüben Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft +wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna beachtete ihn nicht, sie +weinte und umarmte Nelly ... + +„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich zu sich – es war +schon Abend – und sie nahm meine Hand und sagte: ‚Ich werde heute +sterben, Nelly.‘ Sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht +mehr. Ich sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar nicht, +nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite ich vorsichtig +meine Hand und lief aus dem Hause und lief den ganzen Weg so schnell ich +konnte bis zu Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf +und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, daß er ganz bleich +wurde und zu zittern begann. Ich ergriff seine Hand und sagte nur das +eine: ‚Sie wird gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er +lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte zur Tür; sogar +seinen Hut vergaß er, und es war doch kalt. Ich nahm seinen Hut und gab +ihn ihm und wir liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur +Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn Mama würde gleich +sterben, aber Großpapa hatte im ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl +bei den Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber die +lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn Asorka lief uns +nach, und wir liefen immer weiter, immer weiter. Großpapa wurde müde und +atmete schwer, aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er +und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob ihn auf und half +Großpapa aufzustehen und dann führte ich ihn an der Hand, aber es war +schon Nacht als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon tot. Als +Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die Arme, erzitterte und starrte +sie an, sagte aber kein Wort. Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn +ans Bett und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser +Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa laut auf und fiel hin +wie ein Toter ...“ + +Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, sprang von +ihrem Schoß und blieb bleich, erschöpft und über alle Maßen erregt +zwischen uns stehen. Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, zog sie +von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase: + +„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, +laß uns von hier fortgehen, verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in +ihrem Stolz Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen +... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier fort, komm! ...“ + +Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen Erregung gesehn. Und +offen gestanden: ich hätte es auch gar nicht für möglich gehalten, daß +sie sich unter Umständen auch so erregen könnte. + +Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle bei den +letzten Worten etwas auf und als er sah, daß Anna Andrejewna es ernst +meinte, erhob er sich langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme: + +„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“ + +„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie erregt, Nelly zur Tür +nach sich ziehend. + +„Warte, warte doch, so warte doch!“ + +„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! Ich habe lange +genug gewartet und sie hat lange genug gewartet, jetzt gehe ich, lebe +wohl! ...“ + +Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal zu ihrem Mann zurück. +Da! – was war das? – sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai +Ssergejewitsch stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich mit +zitternden Händen seinen Paletot an. + +„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es fassen zu können, dann +faltete sie die Hände und sah ihn an, als wage sie noch nicht, an ein +solches Glück zu glauben. + +„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“ +rang es sich plötzlich hervor. „Gebt mir meine Tochter zurück, mein +Kind! Wo ist sie, wo ist sie?“ + +Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der Hand und wandte +sich hastig zur Tür. + +„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna. + +Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, wurde diese von außen +aufgestoßen und ins Zimmer stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit +glänzenden Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. Ihr Kleid war +verknüllt und vom Regen naß. Das Tuch, das sie sich um den Kopf +geschlungen hatte, war in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar +glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich vor ihrem Vater +auf die Kniee nieder und erhob flehend die Hände. + + + IX. + +Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust. + +Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem +Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits +vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich +nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als +glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah +und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna +Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend +Nataschas Köpfchen an ihre Brust. + +„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der +Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur +Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem +doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen +Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und +wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber +wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er +mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein +bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher, +aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie +früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter +einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen, +von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei. + +„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will +Sie doch auch küssen ...“ + +„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka, +wie lieb sie das gesagt hat!“ + +Und er umarmte sie leidenschaftlich. + +„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis +ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um +deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich +verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich +konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur +glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch +geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht +glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie +konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb +kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe +... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun, +dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr, +nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut +liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein +Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte +ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“ + +„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie +Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, +Müdigkeit, Qual und Glück. + +„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so +wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir +nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum +erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über +dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du, +so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst +Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir, +in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie +hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam +zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen +Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir +die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja +doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das +bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine +Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und +schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der +Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und +dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf +deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb +hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen, +vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die +Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es +nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal +bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf +dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch +die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich +dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir +alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich +es auf. ... O, Natascha!“ + +Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu +drücken. + +„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir, +Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für +deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter +auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O! +mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir +sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch +triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und +beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich +nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen +sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein +unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das +ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“ + +„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir +über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen. + +O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an +mich dachte und mich zu sich rief! + +„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend. + +„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf. +„Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz +vergessen!“ + +Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins +Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem +Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken. + +„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte +zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen. + +Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an. + +„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei +Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden +Hände nach uns ausstreckend. + +Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus +ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem +schweren Anfall fiel sie nieder ... + + + Letzte Erinnerungen. + +Mitte Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; ganz unmöglich in der +Stadt zu bleiben: überall Staub, Kalk, Baugerüste vor den Häusern, +glühend heiße Pflastersteine, von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch +da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; der Himmel wurde +trübe, umwölkte sich und wurde düster; der Wind erhob sich und trieb den +Straßenstaub in dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen +fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der Himmel seine +Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit seinen Wassermassen über die +Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken +brach, stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete gierig mit +meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. Wie ein Rausch kam es +über mich und ich wollte Feder und Papier liegen lassen, auch den +Verleger vergessen, und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den _Meinen_! +Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich doch und begann +mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: ich mußte heute noch mit meiner +Novelle fertig werden, um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur +wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er mir Geld geben, +das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten mich zwar, doch dafür würde ich +dann am Abend frei sein, vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser +Abend sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in denen +ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, vollauf belohnen. + +Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich die Arbeit beendet +vor mir liegen sah ... Ich warf die Feder hin und erhob mich, mit einem +Schmerzgefühl im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles +im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen angespannt waren +und es war mir, als hörte ich noch die letzten Worte meines alten +Arztes: „Nein, einer solchen Lebensweise könnte auch die beste +Gesundheit nicht lange standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ... +Vor meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum noch auf den +Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine +Novelle war beendet und der Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm +noch viel schuldete, doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur +fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so viel Geld in +Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... Ganz begeistert griff ich nach +meinem Hut, schnell das Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube +lief ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander Petrowitsch noch +im Bureau anzutreffen. + +Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er im Begriff, +fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas sehr Wichtiges beendet; +freilich keine Novelle, sondern nur eine ganz unliterarische, doch dafür +um so vorteilhaftere zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem +er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür geleitet hatte, streckte +er mir freundlich die Hand entgegen und erkundigte sich mit seinem +weichen gutmütigen Baß nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein +herzensguter Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht wenig zu Dank +verpflichtet. Was konnte er denn schließlich dafür, daß er in der +Literatur sein Leben lang _nur_ „Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe +auch nur „Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß unsere +Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es sogar sehr zur rechten +Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre gebührt – in diesem Fall, versteht +sich, allerdings nur Verlegerehre. + +Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich meine Novelle beendet +hatte und die folgende Nummer der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil +gesichert war. Er äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung +darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin hatte beenden können +und machte ein paar Bonmots ... Darauf begab er sich zu seinem +Geldschrank, um ihm die mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen, +machte mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam. + +Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: es war meine vorletzte +Novelle, die da besprochen wurde. Sie wurde nicht gerade gelobt, aber +auch nicht gerade heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte +ich sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der Kritiker, +daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß ich mir gar zu große Mühe +gäbe und so lange an ihnen feilte und polierte, daß es einem wirklich +widerlich würde. + +Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, daß ich diese meine +vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, die soeben gebrachte +aber, die über dreieinhalb Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen +und zwei Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte! + +„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: weshalb schieben +Sie das Arbeiten immer so lange auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe +nehmen müssen!“ + +Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter Mensch, nur hatte +er eine kleine, bisweilen etwas lästige Schwäche, und zwar: mit seinem +literarischen Urteil gerade vor jenen großzutun, die ihn, wie er es +mitunter sogar selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut +hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches Schaffen mit ihm +zu führen, war daher auch für mich nichts Verlockendes und so griff ich, +da ich das Geld schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem Hut. +Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem Wohin, und wie er hörte, +daß ich auf die Wassiljeff-Insel wollte, bot er mir großmütig einen +Platz in seinem Wagen an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im +Sommer auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre es für ihn +kein Umweg. + +„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie ihn noch nicht +gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“ + +Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene Wagen war allerdings +tadellos, und ich fand es begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der +ersten Zeit des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar +ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten zu einer +gemeinsamen Fahrt aufforderte. + +Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür ungehindert in +Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. Meine Gegenwart +verwirrte ihn nicht im geringsten und mit beneidenswerter Gewissensruhe +wiederholte er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit +gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, deren +Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei der Gelegenheit +passierte es ihm aber, daß er mitunter sehr wunderliche Dinge sagte, +denn da wir Menschen nicht alles auswendig behalten können, was wir nur +einmal hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit. +„Und alles das will er noch als seine eigene heilige Überzeugung +respektiert wissen!“ dachte ich seufzend bei mir. Ich saß, hörte +schweigend zu und wunderte mich über die Verschiedenheit und +Grillenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun +einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck es doch +zu sein scheint, Geld und nichts als Geld zusammenzuscharren, und das +müßte ihm doch eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach +Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker anerkannt +werden!“ + +So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir eine besondere +Auffassung der Literatur wiederzugeben, eine Auffassung, die er vor drei +Tagen von mir gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig +widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie als seine +ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was die Vergeßlichkeit in +solchen Dingen – wohlverstanden: nur in solchen Dingen! – anging, so +hatte es Alexander Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu +einer gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, in _seinem_ +Wagen reden zu können, wie zufrieden er mit seinem Schicksal war, wie +gütig! Er führte ein wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar +sein weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen die +Worte zu modellieren! Ganz allmählich, offenbar ungewollt und unbewußt, +ging er auf den Liberalismus über und verfocht unter anderem die +unschuldsvoll skeptische Überzeugung, daß es in unserer Literatur – das +heißt: in unserer sowohl wie in jeder anderen – weder Ehrlichkeit noch +Bescheidenheit geben könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette +laufen“. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch dann wohl auch +geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen Schriftsteller für seine +Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht gerade für einen Esel so doch +zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. Selbstverständlich war +diese seine individuelle Auffassung auf nichts anderes als auf seine +ganz außergewöhnliche Unschuld und Naivität zurückzuführen. + +Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel +verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus und eilte zu Ichmenjeffs. Im +Augenblicke hatte ich die Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch +ihr Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als sie mich +erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal vor den Mund, winkte +darauf beschwichtigend mit beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! – +leise!“ – damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache. + +„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme Kind!“ fügte sie dann zur +Erklärung hinzu. „Um Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was +ist sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich in Sorge +um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es vorläufig nichts Schlimmes sei, +aber aus _dem_ etwas Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich! +Ich danke für diesen _Ihren vielgepriesenen_ Arzt! Und Sie, Sie schämen +sich nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben auf Sie gewartet und gewartet – +die ganze Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht mehr hier +gewesen! ...“ + +„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich gesagt, daß ich +zwei Tage nicht kommen werde!“ flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich +mußte meine Arbeit beenden ...“ + +„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu kommen! Weshalb kamen Sie +denn nicht? Nelly war eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser +Engelchen, noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am Eßtisch und +wartete. ‚Ich will mit euch zusammen Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer +aber nicht kam – das war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben +Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer die Jugend von heute +nicht kennt! Und das hat sie so aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie +beruhigen ... ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen. +... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen – zum Tee wird er +wieder zurück sein – er hat doch Aussicht, eine Anstellung zu bekommen! +Wenn ich aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es mir +kalt über den Rücken.“ + +„Wo ist Natascha?“ + +„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im Gärtchen! Gehen Sie +mal zu ihr ... Sie scheint mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht, +was ich denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben wird einem +nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie heiter und zufrieden sei, +aber ich glaube es ihr nicht ... Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann +sagen Sie mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... Bitte, +bitte!“ + +Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser Garten gehörte zum +Hause. Er war etwa fünfundzwanzig Schritt lang und ungefähr auch ebenso +breit, und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten Bäumen, ein +paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; am Zaune wuchs Geisblatt +und an einer Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, und +durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale Wege. Der alte Ichmenjeff +war von seinem Garten bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte, +daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache war aber, daß Nelly +diesen Garten liebgewonnen hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl +auf den Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits zum Abgott +des ganzen Hauses geworden. Doch da erblickte ich schon Natascha: sie +kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch +aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von der Krankheit +erholt. + +„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, Wanjä?“ fragte sie mich. + +„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend frei.“ + +„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – Doch nicht zu überhin +geschrieben?“ + +„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat das nichts auf sich. Diese +angespannte Arbeit reizt meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer, +ich fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, sogar der +Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte Arbeitsweise sich +als die vorteilhaftere erweist. Alles ist gut ...“ + +„Ach, Wanjä, Wanjä!“ + +Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit auf meine +literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden eifersüchtig wurde. +Sie las nochmals alles der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres +geschrieben hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen weiteren +Plänen, interessierte sich für jede Kritik, die über mich geschrieben +wurde, ärgerte sich über jedes absprechende Wort, und wollte unbedingt, +daß ich es zu großer Berühmtheit brächte. + +„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ sagte sie zu mir, „du +wirst dich durch eine so angespannte Arbeit schnell erschöpfen; außerdem +untergräbst du damit auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt in +zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn Jahren im ganzen nur +einen Roman geschrieben. Dafür aber – wie ist der auch geschrieben! +Meisterhaft! Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein +einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“ + +„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten +Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter Postgaul. Ach, nun, das +ist ja doch Unsinn! Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst +Neues?“ + +„Vieles! Erstens einen Brief von _ihm_.“ + +„Noch einen?“ + +„Noch einen.“ + +Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. Es war der dritte +nach der Trennung. Den ersten hatte er aus Moskau geschrieben: er teilte +ihr damals mit, daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus +Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor der Trennung +verabredet worden war. Im zweiten Brief benachrichtigte er sie, daß er +in den nächsten Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich +dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das sei nun einmal +sein fester Entschluß, von dem ihn keine Macht der Welt abbringen könne. +Indes verriet der ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen +Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn überhaupt nicht +mehr zu wissen schien, was er tun oder lassen sollte. Unter anderem +schrieb er in diesem Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie +allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, daß ich mehr als +neugierig war, diesen seinen letzten Brief zu lesen. + +Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war unordentlich, flüchtig, +der ganze Brief mit Tinte besudelt und hier und da einzelne Worte von +Tränen verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von Natascha +lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, ihr zu +beweisen, daß eine Ehe zwischen ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen +feindliche „Einflüsse“ stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es +doch so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden in der Ehe +unglücklich geworden sein, da sie doch nicht zueinander paßten. +Plötzlich aber vergaß er alle seine Vernunftschlüsse und Beweise und +gestand – ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er +ein Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr die Kraft habe, +sich dem Willen seines Vaters, der übrigens auch schon auf dem Gute +eingetroffen war, zu widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht +fähig sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, was er +empfand, gestand aber im nächsten Satz, daß er durchaus die Fähigkeit in +sich fühle, Natascha glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann, +daß sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen wären, um zum +Schluß mit aller Hartnäckigkeit die Einwendungen des Vaters +zurückzuweisen. Mit wahrer Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit +des Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um darauf sich +selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen und – ihr auf ewig Lebewohl +zu sagen! + +Man sah es, daß er den Brief unter Qualen geschrieben hatte, daß er in +seiner Ratlosigkeit ganz außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich +Tränen in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. Es war +ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert mit dem Brief Aljoschas +gesandt hatte. + +Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat sehr +niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar der Verzweiflung +nahe und sogar ein wenig krank sei, daß _sie_ aber bei ihm bleiben und +ihn wieder glücklich machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus +nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde und seine Trauer +nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! „Niemals wird er Sie +vergessen,“ schrieb sie, „selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht, +denn sein Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos +und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: sollte er jemals – +gleichviel wann – aufhören, Sie zu lieben oder aufhören, sich nach Ihnen +zu sehnen bei der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, ihn +meinerseits zu lieben ...“ + +Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen uns nur einmal an und +sagten kein Wort. Dasselbe hatten wir auch nach den ersten Briefen +getan. Überhaupt vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu sprechen, +als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, das sah ich, aber +selbst mich wollte sie davon nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr +ins Elternhaus hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch jetzt noch +hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden Trennung +sprachen wir überhaupt nicht, obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater +eine Anstellung bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb zu mir, +interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft für alles, was mich +betraf und hörte mir mit so angespannter Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr +auf ihre dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs das +Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß sie mich für das +Vergangene entschädigen wollte. Doch bald begriff ich, daß es sich hier +um etwas ganz anderes handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz +unendlich liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich glaube, +selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht so lieb haben können, wie +Natascha mich lieb hatte. Ich wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende +Trennung wie ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte, +daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir sprachen nicht +davon, wenn wir uns auch oft genug sehr eingehend über Bevorstehendes +unterhielten ... + +Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch. + +„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, „zum Tee +jedenfalls bestimmt.“ + +„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“ + +„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er sie bekommt ... Ich +glaube, es war gar nicht so notwendig, daß er heute fortging,“ fügte sie +wie in Gedanken hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“ + +„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“ + +„Weil ich den Brief erhielt ...“ + +„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach kurzem Schweigen fort, +„und du kannst dir denken, Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er +denkt an nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf scheint er +mich vergessen zu können. Er weiß nicht, wie ich mich in diesem Leben +zurechtfinden werde, was ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus, +so ist er wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten soll, +ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten will. Mein Gott, +ich sehe doch, wie ungeschickt er sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit +vortäuscht, sich zum Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch ganz +unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, das sieht sie +doch ... So bleibt ihr nichts übrig, als zu seufzen ... Sich verstellen +– das versteht sie nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen +Menschen!“ Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt, +mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem Blick irgendwie zu +begegnen ... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als +alle anderen auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu +und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als dich ...“ + +Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder zu sprechen begann. + +„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war er hier.“ + +„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“ + +„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt an ihn wie an einen +Allmächtigen. Sie ist überzeugt, daß er alles so genau wisse – nun, da +die Gesetze und alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. Und +nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, weißt du, im Grunde +doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Das läßt ihr jetzt +keine Ruhe, und ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer +eingeweiht. Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas davon +verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, daß sich eventuell durch +Masslobojeff etwas machen ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines +Gesetzparagraphen. Masslobojeff ist natürlich klug genug, ihr nicht viel +zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, daß sie ihm jedesmal Wein +vorsetzt,“ schloß Natascha belustigt. + +„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher weißt du es denn?“ + +„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich doch immer selbst ... mit +ihren Andeutungen ... Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“ + +„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich. + +„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über dich, Wanjä: erst jetzt +erkundigst du dich nach ihr?“ + +Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen Vorwurf herauszuhören. + +Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. Natascha gewann sie +geradezu leidenschaftlich lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald +von ganzem Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht träumen +lassen, daß sie je im Leben solche Menschen und soviel Liebe finden +würde, und zu meiner Freude sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz +mit der Zeit ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte sie die +allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer nahezu fieberhaften +Gegenliebe, die man ihr nach ihrem früheren Mißtrauen, ihrer +Verstocktheit und Unnahbarkeit kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber +diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: lange Zeit +hatte sie sich noch wie ein Muscheltier zu den liebevollen +Annäherungsversuchen der anderen verhalten, bis sie dann endlich ihre +Scheu verlor und sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte +sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder vielmehr meine +Gegenwart wurde für sie förmlich zur ersten Lebensbedingung, so daß sich +ihr Zustand jedesmal verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu ihr +kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal beim Abschied, als ich +ihr sagen mußte, daß ich zwei Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich +eine Arbeit beenden mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ... +natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle viel zu sehr, +als daß ich offen von ihnen hätte sprechen können, daher mußte ich mir +den Anschein geben, daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre. + +Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. Selbstverständlich wurde +es schon von Anfang an als stillschweigend beschlossen angenommen – eben +weil es so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs blieb. +Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, Nelly aber wurde noch immer +nicht gesund, ja, ihre Krankheit verschlimmerte sich sogar +augenscheinlich. Erkrankt war sie nach jenem schweren Anfall an dem +Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen war, am Tage +der Versöhnung des Alten mit Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie +war ja doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte schon von +Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie auch, einmal zum Ausbruch +gekommen, so erschreckend schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit +bestand, vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen Anfälle +kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder als früher; doch in +der Hauptsache schien es eine Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner, +unaufhaltsamer Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses +Erregtsein. Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in den letzten +Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: je mehr sie ihrer Krankheit +erlag, um so freundlicher, liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor +drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich an ihrem Bett +vorüberging. Ich blieb natürlich stehen und sah sie an. Sie zog mich +näher zu sich. Es war außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das +so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen glühten und in ihren +fieberheißen Händchen zuckte es. Und zuckend, wie vor verhaltener +Leidenschaft, streckte sie sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich +mich zu ihr beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen +krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest auf den Mund, und dann +verlangte sie sogleich, Natascha solle zu ihr kommen. Ich rief sie. +Nelly wollte unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie +ansehe ... + +„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe euch heute nacht +beide im Traum gesehen ... aber nicht nur heute nacht, sondern sehr oft +... in jeder Nacht ...“ + +Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie begriff vielleicht +ihre Gefühle selbst nicht und wußte daher auch nicht, wie sie es +ausdrücken sollte, was sie auf dem Herzen hatte ... + +Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch den alten Nikolai +Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie +fast ebenso liebte, wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine +kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer getreten, da hörte +man sie schon beide lachen. Nelly wurde heiter und unartig wie ein +kleines unvernünftiges Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit +dem Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem Gesicht ihre +Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die ungeheuerlichsten Dinge +erfand, die er ihr dann – gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht – +zu deuten versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine Träume erzählte, +bei welcher Gelegenheit er eine nicht minder blühende Phantasie +entwickelte. Kurz, der Alte war von seinem „kleinen Töchterchen“ so +eingenommen, daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr +begnügte und für sie einfach zu schwärmen begann. + +„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns die Freude, die sie +uns bringt, für den Kummer dieses letzten Jahres entschädige,“ sagte er +einmal zu mir, als er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem +er sie zur Nacht gesegnet hatte. + +Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich versammelten wir +uns alle im Eßzimmer um den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an +jedem Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs +angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber immerhin ein paarmal in +der Woche. Dann trugen wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und +setzten sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand weit offen +und vor uns lag der grüne Rasenplatz im Licht der Abendsonne. Und es +duftete nach frischem Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich +nicht in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem Gespräch zu +und nur ihre Augen bewegten sich langsam, wenn sie vom einen zum anderen +sah. Mitunter aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer +Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, daß wir uns dann +etwas beunruhigt fühlten, zumal sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte, +die sie an Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, was wir +ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren uns unserer Schuld sehr wohl +bewußt, denn wenn sie uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte +erzählen _müssen_, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren +Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer Krankheit zur Folge hatte. +Auch der Doktor war sehr gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns +in solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das Gespräch +möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. Dann bemühte sich +wiederum Nelly, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht +erriet, und sie begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu +scherzen und zu lachen. + +Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. Ihre nervöse +Erregbarkeit nahm täglich zu und der Puls wurde immer unregelmäßiger. +Der alte Doktor sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne. + +Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie werden es ja noch +früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. Nikolai Ssergejewitsch war übrigens +fest überzeugt, daß sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden +würde. + +„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, die seine Stimme +gehört hatte. „Gehen wir, Wanjä.“ + +Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle getreten, seiner +Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen begonnen, so daß Anna +Andrejewna ihn nicht angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte. +Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede inne, um darauf, +als Natascha und ich ins Zimmer traten, flüsternd und – um seine +Verlegenheit zu verbergen – mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner +soeben gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um die er sich +bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen und das freute ihn +natürlich sehr. + +„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß er händereibend, doch +warf er gleichzeitig einen besorgten Blick auf Natascha. + +Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit einem beruhigenden +Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn, was seine +Befürchtungen im Augenblick verscheuchte. + +„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine Lieben!“ fuhr er erfreut +fort. „Nur du, Wanjä, sieh ... nur die Trennung von dir wird uns schwer +werden ...“ + +Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem Wort aufgefordert, mit +ihnen zu fahren, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unbedingt +getan haben würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha gewußt +hätte. + +„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was sein muß, muß sein! Es tut +mir mehr als leid, mein Junge ... Aber ich hoffe, daß diese +Lebensveränderung uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung der +Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt und ein altes +_abgetan ist_!“ schloß er, wieder mit einem Seitenblick auf seine +Tochter. + +Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser Glaube machte ihn froh. + +„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna. + +„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen ist noch ein wenig +schwach, aber bis dahin wird sie ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie +ist ja auch jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch, +Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, und dabei sah er +mich so an, als hinge von mir allein alles ab. + +„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? Ist ihr sonst +nichts passiert? Oder ist sie vielleicht von meinem lauten Sprechen +aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch +schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, wenn die anderen +kommen, und Nelly kann heute auch mal draußen sitzen, es ist doch ein +Wetter wie geschaffen dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie +nicht vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen ... +nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde sie schon nicht aufwecken!“ +beruhigte er Anna Andrejewna, da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen +wollte. + +Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir wie +gewöhnlich um den runden Tisch beim Abendtee. + +Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien auch der Doktor +und bald nach ihm kam Masslobojeff. Letzterer brachte Nelly ein großes +Bukett blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und besorgt zu +sein. + +Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener Gast und er besuchte +sie fast täglich. Sonderbar war aber eines: obschon wir ihn alle gern +hatten, was ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, wurde doch +Alexandra Ssemjonownas nie mit einem Wort Erwähnung getan; auch +Masslobojeff sprach nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich +erfahren hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch nicht dazu gebracht, +seine rechtmäßige Gattin zu werden, so war sie zu der Überzeugung +gekommen, daß sie dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen, +sondern nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb es – was +zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen mag. Übrigens glaube ich +aber, daß sie, wenn sie nicht Natascha gehabt hätte und – das mag wohl +der Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen wäre, was +geschehen war, so würde sie vielleicht auch nicht so strengdenkend +gewesen sein. + +Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und ihre Gedanken schienen +mit etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen +schlechten Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch über +Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit frohem +Lächeln die Blumen, die Anna Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den +Tisch gestellt hatte. + +„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der Alte. „Schau, schau! Na, +wart mal,“ meinte er schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen +...“ + +„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich weiß noch, wie wir Mama +einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren,“ – dort +bedeutete jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen Monat sehr +schwer krank. Da verabredeten wir uns, Heinrich und ich, für sie, wenn +sie zum erstenmal ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer +mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. Mama sagte am +Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt mit uns frühstücken wolle. Da +standen wir sehr, sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und +wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen und Blumensträußen. Es +waren da auch Efeuranken und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß +nicht mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall kleben +bleiben, und dann noch große weiße Blüten und weiße Narzissen – das sind +meine Lieblingsblumen – und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen, +und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das ganze Zimmer. Und +dann waren da noch solche Büsche, ganz wie kleine Bäume sahen sie aus, +in großen Kübeln, die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten von +Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie ganz verwundert und sie freute +sich sehr und Heinrich war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie +das war ...“ + +Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen zu wollen, +denn Nelly sah so erschöpft und bleich aus. Aber sie wollte sprechen und +so erzählte sie bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie „dort“ +geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. „Dort“ war sie mit ihrer +Mutter und Heinrich viel gereist und sie erzählte mit glücklichen Augen +vom tiefblauen Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, von +Wasserfällen und Gletschern. Dann sprach sie von den Seen und Schluchten +Italiens, von Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern und deren +braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; und sie erzählte +verschiedene Erlebnisse, und was ihnen hier und da begegnet war. Dann +sprach sie von großen Städten und Palästen, von einem großen Dom mit +einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten Farben +erstrahlte, als man einmal die ganze Stadt illuminiert hatte; und dann +von einer heißen südlichen Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und +ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen lag ... Es war +das das erstemal, daß Nelly so ausführlich von ihrer Vergangenheit +erzählte, und wir hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr +Leben in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren, +unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten Klima, unter einer trüben, +bleichen Sonne und unter bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie +und ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, wie sie beide +an so manchem feuchten Abend in der schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem +armseligen Lager eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen +haben mögen, vom toten Freunde und von den Wundern anderer Länder. Ich +dachte auch an Nelly, wie sie sich dann später allein dessen erinnert +haben mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa sie mit +tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten zwingen wollte ... + +Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte sich sehr schlecht +und wollte wieder ins Bett getragen werden. Nikolai Ssergejewitsch war +ganz erschrocken und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie +so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten +Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter geschehen. Als sie +sich wieder etwas erholt hatte, wollte sie mich sprechen. Und sie bat so +dringend, mich zu ihr zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte +Doktor zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen. + +„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ begann Nelly, als wir +allein waren. „Ich weiß, die denken alle, daß ich mit ihnen dorthin +fahren werde; aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und +vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir jetzt sagen.“ + +Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs sie so +liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, daß sie sehr traurig sein +würden, wenn sie sich von ihr trennen müßten, daß sie bei mir dagegen +ein sehr schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, so lieb sie +mir auch war, doch würden trennen müssen. + +„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, „denn ich sehe jetzt +Mama oft im Traum und sie sagt mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren, +sondern hierbleiben soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich +Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, wenn sie das sagt. +Ich will hierbleiben und Großpapa pflegen, Wanjä.“ + +„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ sagte ich, nachdem ich +sie etwas verwundert angehört hatte. + +Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen unbeweglichem, ernstem +Blick an. + +„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa gestorben ist. Erzähle +alles ganz genau, vergiß nichts!“ + +Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches Verlangen, begann aber +doch nach bestem Wissen zu erzählen. Ich sagte mir, daß sie vielleicht +nur phantasiere, oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem +Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig war. + +Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter Aufmerksamkeit. +Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, krank blickenden Augen mit dem +Fieberglanz unablässig auf mich gerichtet, solange ich erzählte. + +„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich überzeugt, als ich +verstummt war und sie noch eine Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht +jedesmal von Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist doch +tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann sagte sie mir, daß es +nicht wahr sei, daß man es mir nur so sage, daß er aber auch jetzt noch +dort gehe und um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ sagte +Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, wo wir ihn das erstemal +gesehen haben, als ich vor ihm niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“ + +„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, weil du selbst krank +bist,“ sagte ich ihr. + +„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum sein kann, und deshalb +habe ich auch niemandem etwas davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir +allein wollte ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen +einschlief, nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch Großpapa im +Traum. Er saß bei sich zu Hause und wartete auf mich, und er sah wieder +so unheimlich aus, und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen +habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir +Vorwürfe. Dann sagte er noch, daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne +diesen Tabak aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir wirklich auch +schon früher einmal gesagt, Wanjä, als Mama schon gestorben war und ich +noch zu ihm ging. Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht mehr +was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von ihm hörte, dachte ich bei +mir: ich werde auf die Straße gehen und um Almosen bitten, und dann für +ihn Brot, gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da ging ich +auch auf die Straße, stand und bat, nur sah ich plötzlich, daß auch +Großpapa nicht weit von mir auf der Straße war, er wartete ein wenig und +dann trat er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen hatte und +nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ sagte er, ‚jetzt sammle für +Tabak.‘ Ich bitte also weiter um Almosen und er kommt dann wieder und +nimmt mir das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch sowieso +das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts für mich behalten will. +Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir +gesagt, daß du eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals zu +mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ Ich begann zu +weinen, weil er mich eine Diebin genannt und mir nicht traute, er aber +hörte nicht auf mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du +gestohlen, gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu schlagen, dort vor +allen Menschen auf der Straße, und er schlug mich so stark, daß ich +schreien wollte vor Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da denke +ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo dort allein geht und +auf mich wartet ...“ + +Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, daß er +tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir zu guter Letzt doch zu glauben +schien. Sie sagte nur, daß sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil +sie dann den Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder ganz +plötzlich und heiß ... + +„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ sagte sie, ihr +Gesichtchen an meine Wange schmiegend. „Auch wenn Großpapa nicht wäre – +ich würde doch nicht von dir fortfahren!“ + +Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich ging mit dem Doktor +ins Nebenzimmer und erzählte ihm dort unter vier Augen von ihren +Träumen. Ich bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen. + +„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht genau, um was es +sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. „Ich beobachte vorläufig +noch, ich kombiniere und versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt +etwas sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: daß eine +absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist und sie unfehlbar bald +sterben wird. Ichmenjeffs habe ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich +darum so gebeten haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal +untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung heranziehen. +Vielleicht läßt sich da noch etwas machen, vielleicht! Sie tut mir leid, +die Kleine, es ist mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ... +Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig sie ist, wie +klug für ihr Alter!“ ... + +Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt und trug sich mit +großen Plänen. + +„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ begann er sogleich, als +ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir +da machen wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch einen +Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem Heinrich ihrer Mutter bereitet +hat, weißt du, so wie sie vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als +sie davon sprach ...“ + +„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet ihr,“ wandte ich ein. + +„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – das ist doch etwas ganz +anderes! Glaube mir nur, Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung: +angenehme Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann sogar gesund +machen oder wenigstens zur Gesundung beitragen ...“ + +Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so entzückt, daß er sich +für sie fast schon zu begeistern begann. Es war ganz unmöglich, ihm zu +widersprechen. Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, doch +bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon Hut und Stock in der +Hand und wandte sich zum Gehen. + +„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine Orangerie in der Nähe, +eine prächtige Orangerie. Und jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für +den billigsten Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich +billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, damit sie sich +nicht wegen der Ausgabe allzusehr beunruhigt ... Na, also das wäre das +... Ja! Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du bist doch +fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt nach Hause eilen? +Nächtige doch bei uns oben, in der Dachkammer – weißt du noch, wie +früher? Deine Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, – +nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich dort oben schlafen. +Was? Bleib mal hier! Morgen können wir dann früher aufstehen, und dann, +weißt du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir beide das Zimmer +schmücken, so daß zu acht Uhr alles fertig ist. Und Natascha wird uns +helfen – sie hat doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... Nun, +bist du einverstanden? Bleibst du?“ + +Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen Anordnungen. +Inzwischen verabschiedeten sich der Arzt und Masslobojeff und gingen +nach Hause, denn Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich +schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, still +und nachdenklich und wollte mir etwas mitteilen, schob es aber auf. + +„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er. + +Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und in meine Dachkammer +hinaufgestiegen war, da fand ich ihn zu meiner Verwunderung dort oben +vor. Er saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar erwartete er +mich. + +„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, „denn schließlich ist es +doch besser, ich erzähle es dir heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze +Geschichte ist so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber nur +ärgern kann ...“ + +„Was, was ist denn los?“ + +„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat mich vor zwei Wochen +so geärgert, so geärgert, sag ich dir, daß mein Ärger selbst in zwei +Wochen noch nichts an Kraft und Größe eingebüßt hat.“ + +„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?“ + +„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und Was schreien wirst, als +wäre Gott weiß was passiert! Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine +Alexandra Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches +Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! ... Da braucht nur eine +Krähe einmal zu krächzen, sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“ + +„Nun, ärgere dich nicht.“ + +„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen normalen Augen auf +die Dinge sehen, nicht durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“ + +Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über mich. Ich schwieg +gleichfalls und wartete. + +„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da auf eine Spur gestoßen +... das heißt, genau genommen bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch +hat es eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich so ... +Ich habe gewisse Dinge kombiniert und daraus die Schlußfolgerung +gezogen, daß Nelly ... vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten +rechtmäßige Tochter ist.“ + +„Was!“ + +„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich ‚was!‘ schreien +würdest! Bei Gott, es ist keine Möglichkeit, mit diesen Leuten zu +reden!“ rief er scheinbar wütend aus. „Habe ich dir denn schon was +Positives gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, daß sie +die _bewiesenermaßen rechtmäßige_ Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir +das gesagt oder nicht? ...“ + +„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, „schreie um Gottes +willen nicht so, sondern tue mir den Gefallen und erkläre es mir ruhig +und deutlich. Bei Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis +zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen ...“ + +„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? Wo sind die Beweise? +Ohne Beweise macht man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes +Geheimnis. Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir rede – das werde ich +dir später erklären. Du siehst, es ist notwendig, daß ich’s tue, und +damit basta. Also schweige vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein, +daß es dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgeteilt +wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich so: schon im Winter, noch +bevor der alte Smitt starb, begann der Fürst sogleich nach seiner +Rückkehr aus Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen hatte er +sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. Damals aber hatte er nach +etwas anderem geforscht, jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu +forschen. Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren +hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in Paris verlassen, doch +während dieser ganzen Zeit hatte er sie nicht aus dem Auge verloren: so +hatte er gewußt, daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, von +dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine Tochter, namens Nelly, +hatte, er wußte auch, daß sie selbst krank war; na, mit einem Wort, er +wußte alles, nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir scheint, +bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt nach Petersburg +zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte er sie allerdings bald gefunden, +gleichviel unter welchem Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die +Sache war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn betrogen +hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland irgendwo dort in +einer kleinen Stadt lebe, was sie selber für vollkommen richtig hielten, +doch hatten sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und das +dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der Fürst aber begann +schließlich Verdacht zu schöpfen, denn aus gewissen Umständen glaubte er +zu ersehen, daß es nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich: +wo war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den Sinn – so, ganz von +selbst, ohne jede Handhabe: sollte sie nicht in Petersburg sein? Während +nun seine Agenten sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier in +Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s scheint, nicht gar zu +offiziell vorgehen. Na und da wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm +empfohlen, so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich +mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so weiter, und so weiter +...“ + +„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, aber nur so mehr +andeutungsweise, der Hund, so schleierhaft und zweideutig, daß kein +Teufel recht klug draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte +manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst so, dann wiederum +so und dann nochmals anders, – kurz: alles doppelt, dreifach und +verschieden ... Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch +nicht verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster +Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: ergebenster Sklave. +Nach meinem Grundsatz aber, den ich mir ein für allemal aufgestellt +habe, erstens, und zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein +Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens ist das, was +er mir gesagt hat, das, was er wissen will? Und zweitens: verbirgt sich +nicht hinter dem angegebenen Beweggrunde ein ganz anderer, nicht +angegebener, ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das der Fall, so +will er mich – was du, mein Sohn, mit deinem Dichterschädel vielleicht +auch begreifen wirst – so will er mich einfach bestehlen: denn das eine, +siehst du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere aber +mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, wenn ich ihm für einen +Rubel das gebe, was vier wert ist. Ich begann nachzudenken und hin und +her zu raten und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die Spur. +Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von diesem und jenem, auf +wieder anderes verfiel ich selbst, – brauchte nur meinen Verstand +kombinieren zu lassen. Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch +nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt war, weil er gar +zu vieles zu befürchten schien. Was konnte er aber da schließlich zu +befürchten haben, wenn man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des +Vaters die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, verließ er +sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine liebe, nette Unart und nichts +weiter! Da hörte doch alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich +deshalb fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da schöpfte ich +eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du wissen, auf ungemein interessante +Spuren gestoßen, zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich +schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt ist sie hier +mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser Kusine, die einst glühend +in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang +unverändert weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, des +Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht Kinder in die Welt gesetzt +hat – also wie gesagt, von dieser Kusine habe ich denn endlich nach den +verschiedensten und kompliziertesten Manövern einen ungemein wichtigen +Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser Heinrich hatte ihr nämlich nach +deutscher Art lange Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr +dann noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch zugesandt. +Sie, diese Gans, hat natürlich von dem Geschreibsel nur die Stellen +verstanden, wo er vom Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland, +wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie kein Wort +kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich aber einiges, das für mich von +großer Wichtigkeit war und vor allem kam ich durch sie auf eine neue +Spur. So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, das die +Tochter ihm entwendet hatte, und daß der Fürst dieses Vermögen sich +angeeignet; und zwischen Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich +dann die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du verstehst doch? +Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen Heinrich hat absichtlich nichts +ausgesprochen, sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen +aber verbanden sich für mich zu geradezu himmlischer Harmonie! Versteh: +der Fürst war mit der Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat +trauen lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente sind – +alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund Wanjä, ich habe mir vor Ärger +die Haare aus dem Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht, +das heißt vielmehr – geforscht ...“ + +„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, da aber mußte es ihm +plötzlich einfallen zu sterben. So habe ich ihn lebend nicht einmal zu +Gesicht bekommen. Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, daß auf +dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die schon früher mein Verdacht +gefallen war, gestorben sei. Und da kam ich wieder auf eine richtige +Spur. Weißt du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel eilte? +Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat mir hier in mancher +Beziehung geholfen ...“ + +„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, daß Nelly es weiß ...“ + +„Was?“ + +„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“ + +„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter des Fürsten ist,“ +versetzte er und sah mich mit einem gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst +du so müßige Fragen? Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache, +ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, daß sie einfach nur +des Fürsten Tochter ist, sondern: daß sie seine _rechtmäßige_ Tochter +ist – begreifst du jetzt?“ + +„Das kann nicht sein!“ rief ich aus. + +„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht sein könne, auch jetzt +noch sage ich es mir bisweilen. Aber das ist es ja gerade, daß es +tatsächlich so sein _kann_ und höchstwahrscheinlich auch so _ist_!“ + +„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast übertrieben!“ +unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie es nicht weiß, – sie ist auch in +der Tat nur ein uneheliches Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur +irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so schreckliches +Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen und dabei nicht einmal an +die elende Zukunft ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“ + +„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das steht auch jetzt noch als +Rätsel vor mir. Aber sieh: die Smitt war doch an und für sich das +hirnverbrannteste Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich kaum +denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die Verhältnisse vor! Das ist +doch eine Romantik, die nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo +dort über den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit im +verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie sie ist: zuerst hat sie +nur an einen Himmel auf Erden gedacht und in ihm einen Engel in +Menschengestalt gesehn, kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute +schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später nicht deshalb +den Verstand verloren hat, weil er sie zu lieben aufhörte und verließ, +sondern weil er sie betrogen hatte, weil er _fähig gewesen war_, sie zu +betrügen und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich plötzlich als +schmutziger Lump entpuppte, der sie in den Schmutz herabgezogen. Diese +Verwandlung konnte ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem +noch diese Kränkung – du begreifst doch, von welch einer Kränkung ich +rede? Entsetzen und Stolz und grenzenlose Verachtung mußte sie +empfinden, als ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht alles +zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat ihm auch das Geld +geschenkt, ohne daran zu denken, daß es nicht ihr Geld, sondern ihres +Vaters Geld war. Sie verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf +Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit zu +erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, ihr Leben lang verachten +zu können, und sie wird ihm wohl gesagt haben, daß sie es für eine +Schmach halte, seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine +Scheidung, sie aber lebten ^de facto^ geschieden, – wie hätte sie also +noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, daß sie, diese Wahnsinnige, +ihrer Tochter Nelly noch auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu +ihnen, arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel _wer_ dich +auch rufen sollte. Also hat sie doch immer noch erwartet, daß man sie +_rufen_ werde, folglich aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch +einmal zu rächen, dem _Rufenden_ ihre Verachtung zu zeigen. Sagen wir es +kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern von ihrem Haß genährt. +Vieles, Freund, habe ich auch von Nelly erfahren; selbst jetzt noch +forsche ich sie aus. Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und +die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere Erbitterung und +Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von +einer Gevatterin der Bubnowa – daß sie einen Brief an den Fürsten +geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“ + +„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte ich gespannt. + +„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! Die Smitt hat sich +jedenfalls einmal an diese Gevatterin gewandt – du hast sie doch gesehn, +weißt du, dieses gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt sie im +Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte sie ihm den Brief senden, +den sie ^nota bene^ bereits geschrieben hatte. Aber da besann sie sich +plötzlich eines anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte ihn +zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... Nichtsdestoweniger ist +das von großer Wichtigkeit: denn wenn sie sich schon einmal entschlossen +hatte, an ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so kann sie +doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, sehr wohl ein anderes Mal +gesandt haben. Hat sie ihn nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte! +Ich habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn nicht abgesandt +hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst _nach_ ihrem Tode mit voller +Sicherheit erfahren hat, daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß +sie bei der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben muß!“ + +„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von einem Brief, den der +Fürst erhalten und über den er sich sehr gefreut habe. Das war vor gar +nicht langer Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter – wie +ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“ + +„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, was das heißt: die vollste +moralische Überzeugung und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben +– _keinen einzigen_, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! Ist das +nicht zum Verzweifeln? Ich hätte im Auslande nachforschen müssen, aber +wo im Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich begriff natürlich, +daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, daß ich ihm nur mit +Andeutungen einen Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte, +als wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall war ...“ + +„Nun und?“ + +„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch erschrak er übrigens +nicht wenig, erschrak sogar so, daß er mich auch jetzt noch fürchtet. +Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt +hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen aus Freundschaft – +selbst alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wisse +alles. Er erzählte gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit +Gefühl, offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit. +Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Eine +Zeitlang spielte ich den dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr +schlau hält. Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht +ungeschickt, sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – alles nur, damit +er mich für einen Tölpel halte und sich dann vielleicht einmal +unvorsichtigerweise verspreche. Er durchschaute mich aber, der Schuft! +Ein anderes Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch nichts +Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, Wanjä: ich mußte zuerst +feststellen, inwieweit er mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen, +daß ich viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“ + +„Nun und – was erreichtest du damit?“ + +„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, Beweise waren nötig, +ich aber habe keinen einzigen Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß +ich einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet ihn um so +mehr, als er hier bereits Verbindungen angeknüpft hat. Du weißt doch, +daß er heiraten wird?“ + +„Nein ...“ + +„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im vorigen Jahr +ausgesucht: damals war sie erst vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie schon +fünfzehn, geht noch im Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen. +Die Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, wie +notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? Diese Fünfzehnjährige +ist eine Generalstochter, und zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du +und ich, wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit meines +Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff plötzlich wütend aus +und er schlug mit der Faust auf den Tisch, „das ist: daß er mich +angeführt hat, jawohl! – vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“ + +„Wieso?“ + +„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, daß ich nichts +Positives gegen ihn in der Hand hatte und außerdem fühlte ich, daß er, +je mehr ich die Sache in die Länge zog, um so eher meine völlige +Machtlosigkeit erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit den +Zweitausend fürlieb.“ + +„Du nahmst Zweitausend! ...“ + +„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich sie. Gott, ist denn so +etwas bloß lumpige Zweitausend wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie +nahm! Wie ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er aber +sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre früheren Bemühungen +noch nicht entschädigt‘ – das war aber gar nicht der Fall, er hatte mir +schon längst der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt – +‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß wir +jetzt unsere _sämtlichen_ Geschäfte als erledigt betrachten können.‘ Na +und da antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte aber +dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich dachte bei mir, in +diesem Gesicht müsse geschrieben stehn: ‚Na, hast du viel +herausgeschunden? Ich gebe dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘ +Ich weiß nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“ + +„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ rief ich empört aus. +„Bedenke doch, was du mit Nelly getan hast!“ + +„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist einfach +niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... weißt du, es gibt keine +Worte, um das auszudrücken!“ + +„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens Nellys Zukunft sicherstellen!“ + +„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder meinst du, man könne ihn +einschüchtern? Da sei du unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen: +ich habe doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich doch selbst, +versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß meine ganze Macht gegen +ihn nur lumpige zweitausend Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt +noch ängstigen?“ + +„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können denn Nellys Ansprüche +damit für immer begraben sein?“ fragte ich ganz verzweifelt. + +„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und geriet sogar ganz aus +dem Häuschen. „Du glaubst, ich werde ihm das schenken? Ich fange von +neuem an, Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn dabei, +daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, zum Teufel damit! Ich habe +das Geld einfach für die Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du +willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, hat sich über +mich einfach lustig gemacht, hat mich zum Narren gehabt! Ich erlaube es +ihm aber nicht, mich an der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt +du, zuerst mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin zu der +Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten der ganzen Sache in der Hand +hat. Sie weiß _alles, alles_ ... Die Mutter hat es ihr erzählt. +Vielleicht schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im Fieber, +wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte sonst keinen bei sich, dem sie es +hätte klagen können, da wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn +sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr unfehlbar _alles_ +erzählt. Vielleicht aber können wir mit Nellys Hilfe auch noch gewisse +Dokumente entdecken!“ fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich +stillvergnügt die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb ich in +letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich aus Freundschaft zu dir, +das versteht sich von selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu +beobachten. Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du willst oder +nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn du hast großen Einfluß auf +Nelly ...“ + +„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft erfreut, „denn ich +hoffe, Masslobojeff, daß du dich in ihrem Interesse bemühst, daß du es +für das arme Waisenkind tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils +willen ...“ + +„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils willen, wie du sagst, +ich mich plagen werde, du seliger Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das +ist die Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache für das +Waisenkindchen, so will’s ja auch die Nächstenliebe. Aber du, Wanjä, +Wanjuscha, du verurteile mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich +dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, wie du weißt, er +aber soll es hinfort nicht wagen, arme Menschen zu beleidigen. Er +entzieht mir das, was mir von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er +mich noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich noch was +schenken, meinst du? Das wird mir gerade einfallen!“ + + * * * * * + +Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer Erwartung nicht +entsprechen: Nelly fühlte sich bedeutend schlechter und konnte das +Zimmer nicht verlassen. + +Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen. + +Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie kam sie +nur selten zu sich, gewöhnlich hielten seltsame Phantasien sie gefangen. +Es schien fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von Anfang +an war sie fest überzeugt, daß der Großvater sie zu sich rufe und sich +über sie ärgere, weil sie nicht käme, und dann klopfe er mit dem Stock +und sage, sie müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak +zusammenbetteln. Oft weinte sie im Schlaf, und wenn sie dann erwachte, +erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen habe. + +Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu sich kam; da schob sie +sich näher zu mir und ergriff meine Hand mit ihren abgezehrten, +fieberheißen Händchen. + +„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate Natascha!“ + +Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer Zeit in ihr +festgesetzt, und immerwährend schien er sie zu beschäftigen. Ich +lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie +gleichfalls und drohte mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und +dann küßte sie mich. + +An einem wundervollen Sommerabend – es war drei Tage vor ihrem Tode – +bat sie, man möge den Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das +Fenster öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange blickte sie in +das frische Grün und sah die leuchtenden Farben der Abendsonne, und +plötzlich bat sie, uns beide allein zu lassen. + +„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, denn sie war schon sehr +schwach, „ich werde bald sterben. Sehr bald, und ich will dir sagen, daß +du mich nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich dir dieses +hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, das sie an dem Bändchen, an +dem auch ihr Kreuz hing, auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend +hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses Amulett an dich, +nimm es und lies, was darin steht. Ich werde heute auch den andern +sagen, daß du allein dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen +hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu _ihm_ und sage ihm, daß +ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich +die Bibel vor nicht langer Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt +allen euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, _ihm_ aber vergebe ich +trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben lag und noch sprechen konnte, +war das Letzte, was sie mir sagte: ‚_Ich verfluche ihn_‘. Nun und so +verfluche auch _ich_ ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, sondern +um Mamas willen ... Und du erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich +bei der Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich bei der +Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle ihm und dann sage ihm auch, +daß ich lieber bei der Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich +bin nicht zu ihm gegangen ...“ + +Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten und ihr Herz klopfte so +stark, daß sie auf das Kissen zurücksank und eine Weile kein Wort +sprechen konnte. + +„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit schwacher Stimme. „Ich +will von allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanjä! ...“ + +Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich krampfhaft. Der Alte +konnte es nicht fassen, daß sie sterben solle, konnte diese Möglichkeit +überhaupt nicht zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit +uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden müsse. Er magerte +sichtlich ab vor Sorge und saß ganze Tage und sogar Nächte hindurch an +Nellys Bett. In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den +geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, noch bevor +sie ihn ausgesprochen hatte. Als er an jenem Tage, nachdem sie von uns +Abschied genommen, zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er bitterlich, +doch bald begann er wieder zu hoffen und uns zu versichern, daß sie +gesund werden müsse. Ihr Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal +kaufte er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen Rosen und +hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, nur um seiner kleinen Nelly +eine Freude zu bereiten ... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig +auf: war doch eine so große und so allgemeine Liebe etwas ganz Neues für +sie. Der Alte wollte unter keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da +lächelte Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, fröhlich zu +scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte sogar ... Wenigstens +verließen wir sie alle fast hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage +hatte sie schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie. + +Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit Blumen schmückte und +wie verzweifelt er ihr abgezehrtes totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln +und ihre schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, als habe +er sein leibliches Kind verloren. Natascha, ich und überhaupt alle +trösteten ihn, so gut wir zu trösten vermochten, doch er ließ sich nicht +trösten und erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer. + +Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie Nelly abgenommen hatte. Es +enthielt nur einen Brief, den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben +hatte. Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch an ihn, sie +sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie beschrieb ihr Leben in den +letzten Jahren und schilderte das Schicksal, das ihre Tochter erwarte, +und darauf flehte sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun. +„Es ist _Ihr Kind_,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter und _Sie wissen +es selbst, daß sie Ihre natürliche, Ihre rechtmäßige_ Tochter ist. Ich +habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich gestorben bin, und +Ihnen diesen Brief übergeben. Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde +ich Ihnen _dort_ vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts +vor dem Throne Gottes niederknien und den Richter anflehen, Ihnen Ihre +Sünden zu vergeben. Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn +ihr vorgelesen; ich habe ihr _alles_ erzählt, sie weiß _alles, alles_ +...“ + +Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie war nicht zum +Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben. + +Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen wir beide, Natascha und +ich, in den Garten. Es war ein heißer, blendend lichtheller Tag. In +einer Woche sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen +Blicken an. + +„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur ein Traum.“ + +„Was war ein Traum?“ fragte ich. + +„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem einen Jahr gewesen +ist. Wanjä, weshalb habe ich dein Glück zerstört?“ + +Und in ihren Augen las ich: + +„Wir hätten beide so glücklich sein können!“ + + + + + Fußnoten + + +[1] Kinderfrau. E. K. R. + +[2] Dershawin, geb. 1743, gest. 1816: Justizminister und Verfasser von +Memoiren. + +[3] Lomonossoff, geb. 1711, gest. 1765: Schöpfer der modernen russischen +Literatursprache, bekannt durch Oden an Katharina die Große. E. K. R. + +[4] Koseform für Wladimir. E. K. R. + +[5] Die orthodoxe Kirche gestattet offiziell auch die Ehe nicht zwischen +entfernten Verwandten, selbst dann nicht, wenn keine Blutsverwandtschaft +vorliegt. E. K. R. + +[6] Kapitänswitwe. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen +Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und +Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert +nach: + + F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. + Zweite Abteilung: Neunzehnter Band + R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910. + +Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen +Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den +ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, +Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt +nach der Titelseite eingefügt. + +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. + +Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen +(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von +Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. + +Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der +Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben +„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde +vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): + + Ssemjon (Semjon) + Ssergejewitsch (Sergejewitsch) + Ssimbirsk (Simbirsk) + Walkowskij (Walkowsky) + Wanjä (Wanja) + +Auf Seite 353 wurde das Wort „ишь“ nicht übersetzt und statt dessen als +„isch“ transliteriert. Es bedeutet in etwa „da!“ oder „schau!“. An allen +anderen Stellen und auch in späteren Ausgaben wurde es sinngemäß so +übersetzt. + +Das letzte Kapitel („Letzte Erinnerungen“) ist sowohl im russischen +Original als auch in späteren Ausgaben als „Epilog“ ausgewiesen. + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben und des +russischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 299]: + ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig. Ja, ... + ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig war. Ja, ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 *** diff --git a/76485-h/76485-h.htm b/76485-h/76485-h.htm new file mode 100644 index 0000000..cf50ee1 --- /dev/null +++ b/76485-h/76485-h.htm @@ -0,0 +1,26587 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Sämtliche Werke 19: Die Erniedrigten und Beleidigten | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Sämtliche Werke 19: Die Erniedrigten und Beleidigten" --> + <!-- AUTHOR="Fjodor Dostojewski" --> + <!-- TRANSLATOR="E. K. Rahsin" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Piper, München" --> + <!-- DATE="1910" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:30em; } +.logo { margin-top:6em; margin-bottom:1em; } +.ser { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.1em; } +.ed { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:5em; } +.ed .line1 { display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.25em; + margin-top:0.25em; font-size:0.8em; } +.ed .line2 { font-size:0.8em; } +.division { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:3em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1em; + padding-top:1em; margin-bottom:1em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; } +.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.trn { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.1em; } +.pub .line1{ display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.5em; } +.impr { text-indent:0; text-align:center; padding-top:2em; margin-bottom:6em; + font-size:0.8em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:2em; } +h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } +div.chapter h2 { margin-top:0; padding-top:4em; } +div.chapter h3 { margin-top:0; padding-top:2em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.first { text-indent:0; } +span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; } +span.prefirstchar { display:none; } +span.prefirstlong { font-size:0.33em; } +p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; } + +hr.tb { border:0; border-top:1px solid black; margin:1em; margin-left:45%; width:10%; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } + +/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */ +.antiqua { font-style:italic; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* footnotes */ +p.footnote { margin:1em; margin-bottom:0; text-indent:0; font-size:0.8em; } +p.footnote span.ekr { padding-left:1em; font-style:italic; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } +.trnote .center { text-indent:0; text-align:center; } +.trnote .list { text-indent:0em; margin-left:3em; text-align:left; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } +div.logo img { max-width:4em; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } +.x-ebookmaker span.firstchar { float:left; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 ***</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="ser"> +F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke +</p> + +<p class="ed"> +<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,</span><br> +<span class="line2">Dmitri Philossophoff und anderen</span><br> +<span class="line3">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span> +</p> + +<p class="trn"> +Übertragen von E. K. Rahsin +</p> + +<p class="division"> +Zweite Abteilung: Neunzehnter Band +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="aut"> +F. M. Dostojewski +</p> + +<h1 class="title"> +Die Erniedrigten<br> +und Beleidigten +</h1> + +<p class="subt"> +Roman +</p> + +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt=""></div> + +<p class="pub"> +<span class="line1">München und Leipzig</span><br> +<span class="line2">R. Piper u. Co., G. m. b. H.</span><br> +<span class="line3">1910</span> +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="impr"> +R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910 +</p> + +<p class="printer"> +Druck von Mänicke & Jahn in Rudolstadt. +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="intro" id="part-1"> +<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a> +Vorwort. +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> ersten Werke, die Dostojewski nach seiner Rückkehr +aus Sibirien geschrieben, bezw. vollendet hatte, +waren die satirisch-humoristischen Dichtungen „Das Gut +Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“ gewesen, +beide aus dem Jahre 1859. Diesen Dichtungen ließ er +im Jahre 1861, noch während der Arbeit an den bereits +begonnenen Erinnerungen „Aus einem Totenhause“, +den Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“ +folgen. Es ist Dostojewskis Liebesroman, die Geschichte +einer Leidenschaft, die wie ein tragisches Idyll +in dem breiten strömenden Epos seines Gesamtwerkes +steht. Im Ton, in einer gewissen großstädtischen, nebelfeuchten, +schattenschwankenden Petersburger Stimmung, +in die sich auch hier noch leise und unheimliche soziale +Untertöne mischten, griff er darin auf sein erstes +Buch, die „Armen Leute“ zurück, wie es denn ersichtlich +dieses Werk ist, auf das er sich selbst, als +auf das Erstlingswerk des Erzählenden, des öfteren +bezieht. Der Erzähler ist Dostojewski selbst, der +junge Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit, +an den sich der alte Dostojewski zurückerinnert. In der +allgemeinen Behandlung dagegen, die auch hier wieder +alle alte Romantik abtat und dafür schon in diesem Werke +<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a> +etwas wie eine neue Phantastik des modernen Lebens +heraufbeschwor, in der entschlossenen Charakterologie, die +sich nicht scheute, aus den Gestalten der beiden Liebenden +die Vermenschlichung psychologischer und im Falle des +Helden pathologischer Probleme zu machen, griff Dostojewski +bereits seinen großen Romanen vor. Die „Erniedrigten +und Beleidigten“ wirken wie ein Versuch zu +ihnen, und nicht zufällig nähern sie sich ihnen von allem, +was er in kleinerer Form geschrieben hat, auch räumlich +am meisten. Geistig ist das Buch diesen Werken großer +Form unmittelbar verwandt, fast könnte man sagen, es +gehört bereits zu ihnen. Nur noch fünf Jahre, und Dostojewski +war bereit, „Rodion Raskolnikoff“ zu schreiben. +In den „Erniedrigten und Beleidigten“ kündigt +sich diese Entwicklung bereits an: es ist das Jugendwerk, +das er im Mannesalter geschrieben hat und in dem er sich +zu seinem eigentlichen Lebenswerk frei und reif gemacht +hatte. +</p> + +<p class="sign"> +M. v. d. B. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-2"> +<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> +Erster Teil +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-1"> +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +I. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> zweiundzwanzigsten März des vorigen Jahres +hatte ich gegen Abend ein äußerst seltsames Erlebnis. +Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach einer neuen +Wohnung in der Stadt herumgelaufen. Der Grund +war, daß mir mein Husten, der mir mit der Zeit doch +Sorge zu bereiten begann, es nicht länger möglich machte, +daß ich in meiner alten feuchten Wohnung blieb. +Eigentlich hatte ich ja schon im Herbst umzuziehen beabsichtigt, +inzwischen war es darüber doch Frühling geworden. +Einen ganzen Tag hatte ich gesucht, trotzdem +aber nichts Passendes gefunden. Freilich waren auch +meine Ansprüche nicht so leicht zu befriedigen. Erstens +wollte ich nicht in einer Familienwohnung ein möbliertes +Zimmer mieten, sondern eines für sich mit besonderem +Eingang. Zweitens mußte dieses einzelne Zimmer unbedingt +groß oder zum mindesten geräumig, und drittens +bei all diesen Vorzügen selbstverständlich möglichst +billig sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß in +einem engen Raum auch die Gedanken sich beengt fühlen. +Ich aber gehe, wenn ich mir meine noch ungeschriebenen +Erzählungen in Gedanken zurechtlege, mit +Vorliebe im Zimmer auf und ab, was in einer kleinen +Stube natürlich sehr unbequem und wenig tunlich +<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> +zu sein pflegt. Übrigens hat es mir immer mehr Vergnügen +gemacht, in Gedanken meine Werke auszuarbeiten, +es mir vorläufig nur auszumalen, wie ich sie +schreiben würde, als sie buchstäblich zu schreiben – +und das wirklich nicht etwa aus Faulheit ... Woher +das nur kommen mag? +</p> + +<p> +Schon am Morgen hatte ich mich nicht ganz wohl +gefühlt, gegen Abend aber fühlte ich mich geradezu +krank: ich muß mich von neuem erkältet haben. Hinzu +kam, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen +war; das hatte mich natürlich sehr ermüdet. Als +ich auf dem Wosnessenskij-Prospekt anlangte, sah ich +gerade noch das letzte Leuchten der Abendsonne. Ich +liebe die Märzsonne in Petersburg, namentlich den +Sonnenuntergang, natürlich nur dann, wenn der Abend +klar und kalt ist. Dann ist die ganze Straße plötzlich +wie in Licht getaucht. Alle Häuser scheinen zu glänzen, +und ihre grauen, gelben, schmutzig-grünen Fassaden +verlieren für einen Augenblick ihre mürrische Stumpfheit. +Auch in die Seele flutet das Licht, es ist ordentlich, +als zucke sie zusammen. Wie Schuppen fällt es +einem von den Augen und neue Gedanken strömen durch +den Kopf ... Es ist ganz erstaunlich, was ein einziger +Sonnenstrahl in der Seele des Menschen bewirken +kann. +</p> + +<p> +Doch das Abendrot erlosch; die Kälte wurde immer +empfindlicher; auch die Dämmerung nahm zu ... in +den Schaufenstern und Läden flammte das Gas auf. +Plötzlich blieb ich, unter dem Eindruck des Vorgefühls, +daß ich sogleich etwas Ungewöhnliches erleben +würde, wie angewurzelt stehen, spähte suchend zu +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +dem anderen Trottoir hinüber, wo sich eine mir gut bekannte +deutsche Konditorei befand, – und erblickte dort +den Alten und seinen Hund. Ich erinnere mich noch +sehr gut, wie mein Herz sich unter einer unangenehmen +Empfindung gleichsam zusammenzog, und ich vermochte +selbst nicht einmal zu entscheiden, welches der Grund +dieser Empfindung war. +</p> + +<p> +Ich bin kein Mystiker; an Vorahnungen und Wahrsagungen +glaube ich so gut wie überhaupt nicht; indes +habe ich in meinem Leben, wie vielleicht jeder Mensch, +einige ziemlich unerklärliche Erlebnisse gehabt. Nun, +nehmen wir zum Beispiel diesen Zwischenfall mit dem +Alten: weshalb hatte ich damals, als ich ihn erblickte, +sogleich das Empfinden, daß ich an diesem Abend etwas +Außergewöhnliches erleben würde? Übrigens +war ich krank, und Empfindungen in einem krankhaften +Zustande pflegen fast immer trügerisch zu sein. +</p> + +<p> +Der Alte näherte sich der Konditorei nur langsam, +setzte langsam einen Fuß vor den anderen, ohne die +Gelenke dabei zu biegen, als ginge er nicht auf Beinen, +sondern auf Stöcken. Sein Rücken war ganz krumm, +gleichwohl stützte er sich, gleichsam tastend, nur leicht +auf seinen Stock. +</p> + +<p> +So ging er auf die Konditorei zu. Noch nie war +mir ein so seltsamer, ein so – unmöglicher Mensch begegnet. +Auch früher schon, wenn ich ihn bei Müller +– so hieß der Konditoreibesitzer – angetroffen hatte, +war der Eindruck, den er auf mich machte, immer fast +ein schmerzhafter gewesen. Seine lange gebeugte Gestalt, +das achtzigjährige Leichengesicht, der alte Mantel, +dessen Nähte überall aufgeplatzt waren, der verbeulte +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +runde Hut, den er wohl schon etliche zehn Jahre auf +seinem kahlen Kopfe tragen mochte, auf diesem seltsamen +Schädel, von dessen Haaren sich nur noch im +Nacken einige nicht graue, sondern gelblichweiße +Strähnen erhalten hatten; alle seine Bewegungen, die +etwas so Seltsames an sich hatten, als wären sie Bewegungen +einer aufgezogenen Puppe – alles das +mußte unwillkürlich einen jeden auf ihn aufmerksam +machen. Es berührte in der Tat sehr sonderbar, +diesen hilflosen Greis so ganz ohne Aufsicht +zu sehen, um so mehr, als er tatsächlich +schon eher einem Irrsinnigen glich, der der +Obhut seiner Wärter entschlüpft war. Ganz +besonders auffallend war auch seine ungewöhnliche +Magerkeit: er sah aus, als habe er überhaupt +kein Fleisch, als sei über ein Knochengerüst nichts +als dünne, alte Haut geklebt. Seine großen trüben +Augen, die von dunkelblauen Ringen umgeben waren, +blickten stets unverwandt geradeaus – niemals sahen +sie zur Seite; sie sahen überhaupt nie etwas, davon +bin ich überzeugt. Denn wenn er einen auch ansah, +wie man aus der Richtung seines Blickes schließen +konnte, so setzte er doch so unbeirrt seinen Weg fort, +als wäre vor ihm nichts als freie Luft gewesen. Das +habe ich mehr als einmal bemerkt. Übrigens pflegte +er erst seit nicht sehr langer Zeit in dieser Konditorei zu +erscheinen, und zwar stets in Begleitung seines Hundes. +Woher er kam, wußte niemand, denn noch nie +hatte sich jemand von den Stammgästen entschlossen, +ihn anzureden, er selbst aber sah sie nicht einmal an. +</p> + +<p> +„Weshalb schleppt er sich wohl täglich zu Müller, +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +und was treibt er dort?“ dachte ich, und beobachtete +ihn, unwiderstehlich von ihm angezogen, von der anderen +Straßenseite. Ein gewisser Ärger – wahrscheinlich +eine Folge meiner Krankheit und Müdigkeit – +stieg in mir auf. „Was er wohl bei sich denkt?“ fragte +ich mich, ohne mich beruhigen zu können. „Was er im +Sinn haben mag? Denkt er überhaupt etwas? Sein +Gesicht ist ja schon so tot, daß es entschieden nichts +mehr ausdrückt. Und woher er nur diesen scheußlichen +Hund hat! Aber das Tier ist wirklich wie verwachsen +mit ihm, sieht ihm auch auffallend ähnlich ... Es ist +fast, als wären sie beide ein einziges unteilbares Ganzes +...“ +</p> + +<p> +Dieser arme Hund war, glaube ich, gleichfalls +achtzigjährig; ja, wie hätte er auch wohl jünger sein +können! Erstens sah er so alt aus, wie sonst kein einziger +Hund aussieht, und zweitens: weshalb war mir +sogleich, beim ersten Blick auf diesen Hund, der Gedanke +gekommen, daß er kein Hund wie alle anderen +Hunde sei, sondern ein ganz besonderer, und daß in +diesem Hunde unbedingt etwas Phantastisches, Verwunschenes +stecken müsse. Vielleicht war sein Kern +ein mephistophelischer? wer weiß! Jedenfalls aber +war sein Schicksal durch geheimnisvolle, untrennbare +Fäden aufs engste mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft. +Wer diesen Hund betrachtete, mußte ohne +weiteres zugeben, daß er vor mindestens zwanzig Jahren +zum letzten Mal, so wie es sich gehört, gefressen +hatte! Mager war er wie ein Knochengestell oder – +was wäre bezeichnender – wie sein Herr! Behaartes +Fell hatte er fast überhaupt nicht mehr, selbst die Rute, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +die wie ein Stock herabhing, war so gut wie gänzlich +unbehaart. Der Kopf und die langen Ohren hingen +traurig herab. Nein, in meinem ganzen Leben habe ich +keinen so widerlichen Hund gesehen. Wenn sie beide +auf der Straße gingen, der Herr voran und der Hund +hinterher, dann berührte seine Schnauze unausgesetzt +den Mantelzipfel seines Gebieters, als wäre sie an ihn +angeklebt. Und der Gang der beiden und ihre Haltung +und ganzes Aussehen schienen dann bei jedem Schritt +zu sagen: +</p> + +<p> +„Alt sind wir, ja, alt, Herrgott, wie sind wir alt!“ +</p> + +<p> +Ich erinnere mich noch, daß mir der Gedanke durch +den Kopf ging, der Alte hätte sich mit seinem Hunde +aus irgendeiner Hoffmannschen Erzählung, illustriert +von Gavarni, herausgestohlen und spaziere jetzt als +lebende Reklame des Werkes umher. Ich schritt über +die Straße und folgte dem Alten in die Konditorei. +</p> + +<p> +Dort hatte der Alte schon längst unliebsames Aufsehen +erregt. Müller, hinter dem Ladentisch, schnitt +bei Erscheinen des unerwünschten Gastes jedesmal eine +unzufriedene Grimasse. Erstens, bestellte der eigenartige +Gast nie etwas. Sowie er eintrat, ging er gleich +auf den Ofen in der Ecke zu und ließ sich neben ihm +auf einen Stuhl nieder. War dieser Platz besetzt, so +blieb er in gedankenlosem Staunen vor der Person, +die seinen Platz eingenommen hatte, stehen und +schritt dann wie vor den Kopf geschlagen in die andere +Ecke am Fenster. Dort nahm er irgendeinen Stuhl, +setzte sich langsam auf ihn nieder, nahm den Hut ab, +legte ihn auf den Fußboden, stellte den Stock daneben +an die Wand, lehnte sich zurück in den Stuhl und verharrte +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +so regungslos drei bis vier Stunden. Niemals +nahm er eine Zeitung zur Hand, niemals sprach +er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur, +starrte mit einem so stumpfen und leblosen Blick vor +sich hin, daß man hätte wetten können, er sähe und +höre nichts von dem, was um ihn her vor sich ging. +Der Hund legte sich dann, nachdem er sich ein paarmal +im Kreise herumgedreht hatte, knurrig zu seinen +Füßen nieder, drückte seine Schnauze zwischen die +Stiefel seines Herrn, seufzte tief auf und lag so, der +Länge nach ausgestreckt, den ganzen Abend unbeweglich +da, als wäre er wirklich leblos. Es schien überhaupt, +als ob diese beiden Wesen den ganzen Tag über +irgendwo tot dagelegen und erst bei Sonnenuntergang +sich plötzlich belebt hätten, nur um in die Müllersche +Konditorei zu gehen und dort eine geheimnisvolle, +allen unbekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte +drei bis vier Stunden so dagesessen hatte, erhob er sich +plötzlich, um sich nach Hause zu begeben. Auch der +Hund richtete sich auf, klemmte seinen Schwanz zwischen +die Beine und folgte gesenkten Hauptes, wie mechanisch, +seinem Herrn. Die Gäste der Konditorei +mieden den Alten, setzten sich nie neben ihn, als flößte +er ihnen Widerwillen ein. Er aber merkte von alledem +gar nichts. +</p> + +<p> +Diese Gäste waren hauptsächlich Deutsche, Bewohner +des Wosnessenskij-Prospekt und Inhaber verschiedener +Werkstätten, Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, +Sattler – patriarchalische Leute im deutschen +Sinne des Wortes. Bei Müller ging es überhaupt sehr +patriarchalisch zu. Der Wirt selbst setzte sich des öfteren +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +zu seinen Gästen an den Tisch, wobei eine gewisse +Menge Punsch verabfolgt wurde. Auch die Hunde und +die kleinen Kinder des Wirtes erschienen bei den Gästen, +von denen sie dann geliebkost und gestreichelt +wurden, die Kinder wie die Hunde. Alle waren sie +miteinander bekannt und alle achteten sie sich gegenseitig. +Und wenn die Gäste sich in das Lesen deutscher +Zeitungen vertieften, so ertönte aus der Wohnung +des Wirtes der liebe Augustin, gespielt auf einem alten +Klimperkasten, von der ältesten Tochter, einem frischen, +blondlockigen Mädchen, das an eine weiße Maus erinnerte. +Besonders gern hatten es alle, wenn sie Walzer +spielte. Ich selbst ging immer in den ersten Tagen +des Monats zu Müller, um dort russische Monatsschriften +zu lesen. +</p> + +<p> +Als ich heute in die Konditorei trat, sah ich den +Alten bereits am Fenster sitzen und den Hund wie immer +zu seinen Füßen. Schweigend setzte ich mich in +eine Ecke und stellte mir selbst die Frage: „Warum bin +ich hierhin gekommen, wo ich doch nichts zu suchen +habe?“ Krank, wie ich mich fühlte, hätte ich nach +Hause gehen, einen heißen Tee trinken und mich schlafen +legen sollen. „Bin ich denn wirklich hierher gekommen, +um den Alten anzugaffen?“ Ich ärgerte mich. +„Was geht er mich an,“ dachte ich und erinnerte mich +der krankhaften und sonderbaren Empfindung, die der +Alte auf der Straße in mir hervorgerufen hatte. Und +was habe ich mit all diesen langweiligen Deutschen zu +tun? Wozu diese phantastische Idee? Wozu diese Erregung +wegen nichts, die mich in letzter Zeit so beherrscht, +ja mich nicht leben läßt und meine klare Anschauung +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +über das Leben verwirrt? Trotz aller dieser +Vorstellungen blieb ich doch wie angewurzelt auf der +Stelle sitzen, während der Schüttelfrost in mir immermehr +zunahm und ich das warme Zimmer jetzt erst recht +nicht mehr verlassen mochte. Ich nahm die Frankfurter +Zeitung, las ein paar Zeilen und schlief ein. Die +Deutschen störten mich nicht dabei. Sie lasen oder +rauchten und teilten sich nur hin und wieder mit abgebrochener +und halblauter Stimme eine Neuigkeit +aus Frankfurt mit, oder irgend einen Witz aus dem berühmten +deutschen Witzblatt Satyr, worauf sie sich +dann mit verdoppeltem Nationalstolz von neuem ins +Lesen vertieften. +</p> + +<p> +Ich mag wohl eine halbe Stunde geschlafen haben, +als mich plötzlich ein starker Fieberschauer aufriß. Es +war wirklich an der Zeit, nach Haus’ zu gehen! Eine +stumme Szene jedoch, die sich gerade in diesem Augenblick +im Raume abspielte, hielt mich noch einmal davon +zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, +nachdem er sich niedergesetzt, immer sofort seinen Blick +auf einen Punkt heftete und ihn den ganzen Abend unverwandt +auf denselben Gegenstand geheftet hielt. +Auch mir passierte es einmal, daß dieser gedankenlose, +starre und nichts unterscheidende Blick auf mich fiel: +ein unangenehmes, ja unerträgliches Gefühl überkam +mich und ich wechselte so schnell als möglich meinen +Platz. Dieses Mal war das Opfer des Alten ein kleiner, +außerordentlich sorgsam gekleideter Deutscher mit +steif gestärktem hohen Kragen, und einem feuerroten +Gesicht, ein angereister Kaufmann aus Riga, Adam +Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr, ein Freund +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Müllers, dem der Alte und viele von den anderen +Gästen unbekannt war. Als dieser mit großem Genuß +den „Dorfbarbier“ gelesen und seinen Punsch getrunken, +erhob er seinen Kopf und bemerkte plötzlich den +unbeweglich auf ihn gerichteten Blick des Alten. Das +machte ihn stutzig. Adam Iwanowitsch war ein sehr +empfindlicher Mensch, wie überhaupt alle „anständigen“ +Deutschen. Er fand es sonderbar und beleidigend, +daß man ihn so ungeniert ununterbrochen ansehen +konnte. Mit unterdrücktem Unwillen wandte er +sich von dem „aufdringlichen“ Alten ab, murmelte etwas +in den Bart und verbarg sich hinter die Zeitung. +Er hielt es jedoch nicht lange aus, schon nach zwei +Minuten schielte er über die Zeitung hinweg: und wieder +traf ihn derselbe starre, gedankenlose Blick. Adam +Iwanowitsch schwieg auch noch dieses Mal. Als es +ihm aber zum dritten Male passierte, da sprang er auf. +Er hielt es für seine Pflicht und Schuldigkeit, als Repräsentant +der schönen Stadt Riga, als der er sich +fühlte, seine angegriffene Ehre zu verteidigen. Mit +einer ungeduldigen Bewegung klopfte er mit dem Zeitungsstock +energisch auf den Tisch, und noch röter vor +Selbstgefühl und Punsch richtete er seine kleinen, flammenden +Augen auf den verdrießlichen Alten. Beide, +schien es, der Deutsche wie der Alte, wollten es auf die +magnetische Kraft ihrer Blicke ankommen lassen und +einer den andern zwingen, den Blick zuerst zu senken. +Das Klopfen mit dem Zeitungsstock und die exzentrische +Haltung Adam Iwanowitschs erregte die Aufmerksamkeit +aller Anwesenden. Ein jeder ließ von seiner Beschäftigung +und beobachtete mit ehrbarer, schweigsamer +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Neugier die beiden Gegner. Die Szene begann sehr +komisch zu werden. Der Magnetismus der herausfordernden +Augen Adam Iwanowitschs war jedoch umsonst +verschwendet. Der Alte, den nichts bekümmerte, +fuhr fort, auf den außer sich geratenen Herrn Schulz +zu starren und bemerkte überhaupt nicht, als wäre er +auf dem Monde statt auf der Erde gewesen, daß er der +Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Endlich +riß Adam Iwanowitsch die Geduld und er platzte +heraus: +</p> + +<p> +„Warum starren Sie mich so an?“ rief er auf +deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und drohender +Miene. +</p> + +<p> +Doch sein Gegner blieb stumm, als hätte er die +Frage überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch +entschloß sich russisch zu sprechen. +</p> + +<p> +„Ich frage Sie, warum Sie auf mich so sehen?“ +rief er mit verdoppelter Heftigkeit. „Ich, bei Hofe +bekannt, und Sie nicht bei Hofe bekannt!“ fügte er +hinzu und sprang vom Stuhl auf. +</p> + +<p> +Doch der Alte rührte sich nicht einmal. Unter den +Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Der +Wirt, durch den Lärm aufmerksam geworden, trat hinzu. +Als er erfahren, um was es sich handelte, beugte +er sich ans Ohr des Alten, weil er dachte, er wäre taub. +</p> + +<p> +„Herr Schulz bittet Sie höflichst, nicht ihn anzusehen,“ +rief er so laut als möglich, den unbegreiflichen +Alten scharf beobachtend. +</p> + +<p> +Der Alte blickte mechanisch zu ihm auf und plötzlich +gewahrte man auf seinem unbeweglichen Gesicht den +Ausdruck eines Gedankens und eine gewisse ängstliche +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Erregung. Er schien verwirrt, beugte sich ächzend nach +seinem Hut, griff eilig nach seinem Stock, erhob sich +vom Stuhl mit einem gewissen wehleidigen Lächeln, +dem verschämten Lächeln eines Armen, der von einem +Platze gewiesen wird, der ihm nicht zukommt und bereitete +sich vor, das Zimmer zu verlassen. In dieser +stillen ergebenen Eile des armen, zerbrechlichen Greises +lag so vieles, was Mitleid erregte, so vieles, was +einem das Herz in der Brust erbeben ließ, daß alle +Gäste, selbst Adam Schulz nicht ausgenommen, sofort +ihre Haltung änderten. Es wurde allen klar, daß der +Alte nicht nur nicht jemanden habe beleidigen wollen, +sondern selbst fühlte, daß man ihn jeden Augenblick wie +einen Bettler hätte davonjagen können. +</p> + +<p> +Müller war ein guter und mitfühlender Mensch. +</p> + +<p> +„Nein, nein,“ rief er aus, dem Alten beschwichtigend +auf die Schulter klopfend. „Herr Schulz bat Sie +nur höflichst, nicht ihn anzusehen. Er ist bei Hofe ...“ +</p> + +<p> +Doch der Arme verstand ihn auch jetzt nicht; er beeilte +sich noch mehr als vorhin, fortzukommen, bückte +sich nach seinem alten, blauen, durchlöcherten Taschentuch, +das ihm aus dem Hut gefallen war, und rief seinen +Hund; dieser war unbeweglich auf dem Fußboden +liegen geblieben, scheinbar fest eingeschlafen, die +Schnauze zwischen beiden Pfoten. +</p> + +<p> +„Asorka, Asorka!“ rief er ihm mit bebender, greisenhafter +Stimme zu, „Asorka!“ +</p> + +<p> +Doch Asorka bewegte sich nicht. +</p> + +<p> +„Asorka, Asorka!“ wiederholte kläglich der Alte +und berührte den Hund mit seinem Stock, um ihn zu +wecken, doch dieser blieb unbeweglich. +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Der Stock entfiel seinen Händen. Er kniete nieder +und ergriff mit beiden Händen den Kopf seines Hundes. +Armer Asorka! Er war tot. Er war lautlos +zu den Füßen seines Herrn verendet, vielleicht vor +Alter, oder wer weiß, vielleicht verhungert. Der Alte +sah einen Augenblick wie erstarrt auf ihn, als könne er +nicht begreifen, daß Asorka tot war; langsam beugte er +sich zu seinem alten Freunde und Diener nieder und +preßte sein leichenblasses Gesicht an den leblosen Kopf +des Hundes. Eine Minute dauerte das Schweigen +... alle waren tief davon ergriffen ... endlich +richtete sich der Arme auf, er war kreideweiß und bebte +am ganzen Körper. +</p> + +<p> +„Man kann ihn ausstopfen,“ bemerkte der gutmütige +Herr Müller, um den Alten in irgend einer Weise +zu trösten. „Man kann gut ausstopfen; Fedor Karlowitsch +Krüger versteht gut auszustopfen. Fedor Karlowitsch +Krüger ist großer Meister auszustopfen,“ bekräftige +Müller noch seine Aussage, und überreichte +dem Alten den Stock, den er aufgehoben hatte. +</p> + +<p> +„Ja, ich kann gut machen ausstopfen,“ lobte sich +selbst, bescheiden vortretend, Herr Krüger. +</p> + +<p> +Das war ein langer, hagerer, gutmütiger Deutscher, +mit roten, zerwühlten Haaren und einer Brille +auf der stark gebogenen Nase. +</p> + +<p> +„Fedor Karlowitsch Krüger hat große Talent, um +wundervoll auszustopfen,“ fügte wieder Müller hinzu, +der sich für seine Idee zu begeistern anfing. +</p> + +<p> +„Ja, ich habe große Talent, um auszustopfen,“ +bekräftigte seinerseits von neuem Herr Krüger, „und +ich werde Ihnen umsonst ausstopfen Ihren Hund,“ +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +fügte er in einem Anfall von Selbstaufopferung +hinzu. +</p> + +<p> +„Nein, ich Ihnen bezahlen dafür, daß Sie machen +ausstopfen!“ schrie Adam Iwanowitsch Schulz, flammend +vor Begeisterung, da er sich für die unschuldige +Ursache des Unglücks hielt. +</p> + +<p> +Der Alte hörte allen zu, augenscheinlich ohne etwas +zu begreifen und zitterte noch immer am ganzen Körper. +</p> + +<p> +„Warten! Trinken Sie ein Gläschen kuten Kognak!“ +rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast +sich anschickte, fort zu gehen. +</p> + +<p> +Man brachte den Kognak. Mechanisch nahm der +Alte das Gläschen, doch zitterten seine Hände, und bevor +er es an die Lippen geführt, hatte er die Hälfte +verschüttet. Ohne einen Tropfen zu trinken, legte er +das Glas zurück auf den Teller. Darauf lächelte er +so sonderbar, so ganz verloren und verließ eilig, ohne +Asorka, die Konditorei. Alle waren ganz verwundert. +</p> + +<p> +„Was für eine Geschichte!“ hörte man sie ausrufen. +</p> + +<p> +Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte +rechts von der Konditorei lag eine kleine Gasse, finster +und eng, zwischen hohen Häuserfassaden. Etwas sagte +mir, der Alte müsse sich durchaus dahin begeben haben. +Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen +und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der +Bretterzaun, der das Haus umgab, nahm die Hälfte +der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg für +Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun +ums Haus gebildet wurde, traf ich den Alten. +Er saß auf dem Holzsteg für Fußgänger, die Ellenbogen +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände +gedrückt. Ich setzte mich neben ihn. +</p> + +<p> +„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu +wissen, was ich sagen sollte. „Trauern Sie nicht um +Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach Haus. Ich +werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen +Sie?“ +</p> + +<p> +Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was +ich tun sollte. In der Gasse war niemand zu sehen. +Plötzlich packte er mich an dem Arm. +</p> + +<p> +„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer +Stimme. „Luft!“ +</p> + +<p> +„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob +mich und versuchte ihn aufzuheben, „Sie werden +Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich werde +sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... +ich kenne einen Arzt ...“ +</p> + +<p> +Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn +einsprach. Er wollte sich erheben, und richtete sich ein +wenig auf, doch fiel er gleich wieder zurück und murmelte +etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme. Ich +beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können. +</p> + +<p> +„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... +sechste Linie,“ röchelte der Alte. +</p> + +<p> +Er verstummte. +</p> + +<p> +„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen +Sie denn nach rechts, statt nach links? Ich werde +Sie gleich hinführen ...“ +</p> + +<p> +Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff +seine Hand; die Hand fiel leblos nieder. Ich blickte +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn, – auch +er war tot. Mir schien alles wie ein Traum. +</p> + +<p> +Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und +in der Erregung schwand mein Fieber. Die Wohnung +des Alten wurde bald gefunden. Er lebte indessen +nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon +entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, +unter dem Dach, in der fünften Etage, in einer Wohnung, +die aus einem kleinen Vorraum und einem großen +aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen +Spalten bestand. Er schien in der größten Armut gelebt +zu haben. Seine Möbel waren ein Tisch, zwei +Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein, +aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese +Möbel schienen noch dem Hauswirt zu gehören. Der +Ofen war ersichtlich lange nicht mehr geheizt worden; +ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest +davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller +ging, um sich zu wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf +dem Tisch stand ein leerer, irdener Krug und lag ein +Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch +Wäsche besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu +seiner Beerdigung ein reines Hemd geben. Es war +klar, daß er unmöglich allein so hätte leben können, +und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt +haben mußte. In der Schublade des Tisches +fand man seinen Paß. Der Verstorbene war Ausländer +von Geburt, aber russischer Untertan und hieß +Jeremias Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. +Auf dem Tisch lagen zwei Bücher; ein kleines Handbuch +der Geographie und das neue Testament in russischer +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter +waren mit Strichzeichen und Nägelspuren versehen. +Diese Bücher erwarb ich mir später. Man befragte +die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte +etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr +viele Einwohner, meistenteils Handwerker und Deutsche, +die Zimmer mit Beköstigung und Bedienung vermieteten. +Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr +von dem Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung +sechs Rubel monatlich Miete zahlte, im ganzen vier +Monate in der Wohnung lebte und für die letzten zwei +Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn +hätte hinausweisen müssen. Man fragte, ob ihn jemand +besucht habe? Doch niemand konnte auch darüber +eine befriedigende Auskunft geben. +</p> + +<p> +„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als +ob denn wenig Leute in ihm wohnten, ... alle seien +doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der über +fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas +über den seltsamen Mieter hätte aussagen können, war +gerade vor zwei Wochen in sein Heimatsdorf gefahren. +Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte noch +kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr +genau, welches Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen +ergab. Der Alte wurde wenigstens bald +darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig +nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, +mußte ich laut auflachen: was anders konnte ich wohl +in ihr vorfinden, als eine Fassadenreihe allergewöhnlichster +Häuser? „Doch warum hatte der Alte sterbend +von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +dachte ich bei mir. „War es etwa nur Fieberphantasie +gewesen?“ +</p> + +<p> +Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts +an und sie gefiel mir. Ich mietete sie. Hauptsächlich des +großen Zimmers wegen, wenn es auch so niedrig war, +daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit +dem Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte +ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich hätte +ich auch kein besseres Zimmer finden können. Eine eigene +separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich +mußte mich jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, +denn ohne jegliche Bedienung kann man doch +nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten Zeit +einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste +zu besorgen. „Wer weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt +auch jemand, um nach dem Alten zu fragen!“ Übrigens +waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, +und noch hatte sich niemand sehen lassen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-2"> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +II. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">amals,</span> vor einem Jahre, schrieb ich noch für +mehrere Zeitungen Artikel verschiedener Art und glaubte +fest daran, daß es mir einst gelingen würde, etwas +Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich +an einem großen Roman, doch das Ende von allem war +– daß ich jetzt im Krankenhaus liege und wahrscheinlich +bald sterben werde. Wenn ich aber +sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen? +</p> + +<p> +Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte +schwerste Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, +alles Erlebte niederzuschreiben, um nicht aus +Gram darüber zu sterben. All die empfangenen Eindrücke +erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter +der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, +geordneteren Charakter annehmen, und weniger Hirngespinsten +und Alpdrücken ähnlich sein. So hoffe ich +wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung +des Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es +kühlt das erregte Blut, es weckt in mir frühere schriftstellerische +Gewohnheiten und meine Erinnerungen und +krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit umgesetzt, +verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +dem Papier kann man im Krankenhause die Doppelfenster +zum Winter bekleben! ... +</p> + +<p> +Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. +Um alles zu erzählen, muß man von Anfang +beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja meine +Autobiographie ganz kurz sein. +</p> + +<p> +Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier +entfernt, im Gouvernement X. Es ist anzunehmen, +daß meine Eltern brave Leute gewesen sind, nur verwaiste +ich schon in frühester Kindheit und wuchs im +Hause Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines +kleinen Gutsbesitzers, der mich aus Mitleid aufgenommen. +Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, +Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir +wuchsen wie Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, +wenn man mit 25 Jahren nur an dich allein mit +Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am +Himmel leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht +die Sonne Petersburgs. Mutwillig und fröhlich schlugen +unsere kleinen Herzen. Um uns herum lagen +Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine +lastete auf uns, wie jetzt. Wie herrlich der Garten +und der Park von Wassiljewskoje waren! Nikolai +Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In +diesem Garten spielten ich und Natascha, und hinter +ihm lag ein großer, feuchter Wald, in dem wir uns +einmal als Kinder verirrten ... Goldene schöne +Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, +und es war so süß, es kennen zu lernen. Damals, als +hinter jedem Strauch und jedem Baum etwas Geheimnisvolles +und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der +tiefen Ebene ballte sich der Abendnebel zu grauen gewundenen +Bändern, die sich an die Sträucher unseres +großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich +standen am Flußufer, hielten uns beide die Hände und +sahen mit ängstlicher Neugier in die tiefe Ferne. +Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das +aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns +rufen und die Erzählungen der Njänjä<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> wahr machen +würde. Einmal in späteren Jahren erinnerte ich Natascha +daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte +und wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten +alten Ahorn am Teich liefen, um das Zaubermärchen +„Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch jetzt +kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken +und noch vor einem Jahr zitierte ich Natascha +die ersten Zeilen mit Tränen in den Augen: „Alfons, +der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; +Don Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl +Natascha etwas sonderbar vorgekommen sein in meiner +Begeisterung, denn sie lächelte so eigentümlich. +Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort +selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere +mich noch dessen. Ein Wort gab das andere, sie selbst +begeisterte sich dafür, wir erzählten uns alles, was +wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher Abend +... Und als man mich in die Gouvernementsstadt +in Pension gab ... Gott, wie sie damals weinte! +... Und unsere letzte Trennung, als ich Wassiljewskoje +auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +beendet und begab mich nach Petersburg, +um mich zur Universität vorzubereiten. Ich war +siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha +sagt, daß ich damals ein so hoch aufgeschossener +und linkischer Jüngling war, den man ohne zu +lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied +wollte ich ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die +Zunge war steif und klebte wie am Gaumen. Unser +Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr +sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. +Ich weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, +ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns +erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das +war vor zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines +Prozesses wegen hierher gekommen war und ich meine +literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-3"> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +III. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ikolai</span> Ssergejewitsch Ichmenjeff stammte aus +einer guten Familie, die jedoch längst verarmt war. +Übrigens hatten ihm seine Eltern noch eine ganz +schöne Besitzung mit hundertfünfzig Seelen hinterlassen. +Mit zwanzig Jahren ging er zu den Husaren. +Alles lief gut ab, bis er im sechsten Jahre seines +Dienstes, an einem verhängnisvollen Abend sein ganzes +Vermögen verspielte. Er schlief die ganze Nacht +nicht. Am nächsten Abend erschien er wieder am +Spieltisch und setzte das Letzte ein, was er besaß, – +sein Pferd. Die Karte gewann, die zweite, die dritte +und in einer halben Stunde hatte er eines seiner +Dörfer, – Ichmenjeffka mit fünfzig Seelen, wie +es sich bei der letzten Revision ergab – zurückgewonnen. +Die hundert Seelen waren auf immer verloren. +Am nächsten Tage reichte er seinen Abschied +ein, nach zwei Monaten verließ er den Dienst im +Range eines Leutnants und begab sich auf sein Gütchen. +Von diesem Spielverlust hat er in seinem Leben +niemals mehr gesprochen und hätte, ungeachtet +seiner Gutmütigkeit, mit jedem gebrochen, der es gewagt +hätte, ihn daran zu erinnern. Auf dem Gute +beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +als er fünfunddreißig Jahre alt war, verheiratete er +sich mit einer armen Adeligen, Anna Andrejewna +Schumilowa, die ihm nichts mitbrachte, die aber in +einem Adelspensionat bei einer Emigrantin, einer +Mont-Revèche, erzogen worden war, obgleich niemand +hätte sagen können, worin diese gute Erziehung +bestanden. Nikolai Ssergejewitsch wurde ein vorzüglicher +Landwirt. Die benachbarten Gutsbesitzer +kamen zu ihm, um bei ihm zu lernen. Es vergingen +einige Jahre, als plötzlich auf dem benachbarten Gut +Wassiljewskoje, ein Gut, das neunhundert Seelen +zählte, aus Petersburg der Besitzer desselben, Fürst +Peter Alexandrowitsch Walkowskij, auftauchte. Seine +Ankunft machte in der ganzen Gegend viel von sich +reden. Der Fürst war noch ein Mann in den besten +Jahren, wenn auch nicht mehr ganz jung, von hohem +Rang und bedeutenden Verbindungen, ein schöner +Mensch mit großem Vermögen, und dazu Witwer, +was die Damen und jungen Mädchen der ganzen +Umgegend ungemein interessierte. Man erzählte +sich von dem glänzenden Empfang, den +ihm der Gouverneur in der Gouvernementshauptstadt, +mit dem er weitläufig verwandt war, bereitet +und wie alle Damen durch seine Liebenswürdigkeit +den Verstand verloren usw. usw. Kurz, er war einer +der glänzendsten Vertreter der hohen Petersburger +Gesellschaft, die selten in der Provinz erscheinen, aber +wenn sie erscheinen, riesigen Effekt machen. Indessen +gehörte der Fürst nicht zu den liebenswürdigen +Menschen: das zeigte sich besonders denen gegenüber, +deren er nicht bedurfte, oder die seiner Meinung +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +nach unter ihm standen. Er hielt es +auch nicht für nötig, seinen Gutsnachbarn einen Besuch +zu machen, und erwarb sich dadurch viele Feinde. +Alle waren deshalb sehr erstaunt, als es dem Fürsten +plötzlich einfiel, Nikolai Ssergejewitsch einen Besuch +abzustatten. Freilich war Nikolai Ssergejewitsch einer +seiner nächsten Nachbarn. Auf die Familie Ichmenjeff +machte der Fürst einen großen Eindruck, er entzückte +sie alle beide, insbesondere Anna Andrejewna. +In kurzer Zeit wurden sie die besten Bekannten, er +kam alle Tage zu ihnen und lud sie zu sich ein, erheiterte +sie, erzählte ihnen Anekdoten, spielte ihnen +auf ihrem schlechten Klavier vor, sang ... Ichmenjeffs +konnten sich nicht genug wundern, wie man von +einem so lieben, guten Menschen hätte sagen können, +daß er ein stolzer, zurückhaltender trockener Egoist sei +– was alle Nachbarn von ihm einstimmig behaupteten! +Man hätte annehmen müssen, daß der Fürst wirklich +an Nikolai Ssergejewitsch, diesem einfachen, offenen +und edlen Menschen, Gefallen gefunden hatte. +Übrigens klärte sich das alles bald auf. Der Fürst +war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter +zu entlassen, einen Deutschen und Landwirt +von großem Selbstbewußtsein, einen Mann, schon ergraut +und mit Brillen auf der gebogenen Nase, der +jedoch bei allen seinen Vorzügen den Fürsten gottverboten +bestohlen und einige Bauern fast zu Tode geprügelt +hatte. Iwan Karlowitsch war denn auch endlich +auf seiner Unehrlichkeit ertappt worden, sprach sehr +beleidigt von der deutschen Ehrlichkeit, mußte jedoch +ungeachtet dessen das Gut in etwas entehrender +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Weise verlassen. Der Fürst hatte jetzt einen Verwalter +nötig, und seine Wahl fiel auf Nikolai Ssergejewitsch, +einen ausgezeichneten Landwirt und ehrlichen Menschen, +woran niemand gezweifelt hätte. Der Fürst +hätte es nur sehr gewünscht, daß Nikolai Ssergejewitsch +sich ihm selbst zum Verwalter angeboten. Doch +das geschah nicht, und der Fürst machte ihm eines +Tages von sich aus den Vorschlag, in Form einer +freundschaftlich ergebenen Bitte. Ichmenjeff selbst gab +zuerst eine abschlägige Antwort. Doch Anna Andrejewna +schien das hohe Gehalt verlockend, und die verdoppelte +Liebenswürdigkeit des Fürsten zerstreute alle +übrigen Bedenken. Der Fürst hatte sein Ziel erreicht. +Er war außerdem ein großer Menschenkenner. Während +der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenjeff +hatte er sofort erraten, mit wem er es zu tun +hatte, und wußte, daß man Ichmenjeffs nur auf herzliche +und freundschaftliche Weise dazu bewegen konnte, +und daß mit Geld bei ihnen nichts zu erreichen war. +Außerdem hatte er einen Verwalter nötig, dem er +blindlings vertrauen konnte, da er nicht die Absicht +hatte, jemals wieder nach Wassiljewskoje zu kommen. +Das Vertrauen von Ichmenjeffs zu ihm war so stark, +daß sie niemals an seiner Freundschaft zu ihnen gezweifelt +hätten. Nikolai Ssergejewitsch gehörte zu +diesen guten und naiv-romantischen Leuten, die bei +uns in Rußland so liebens- und achtenswert sind, was +man auch sonst von ihnen sagen mag, und die, wenn +sie einmal jemand gern haben (und Gott weiß wofür), +sich ihm mit ihrer ganzen Seele hingeben, so daß ihre +Anhänglichkeit oft geradezu komisch wirkt. +</p> + +<p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Es vergingen mehrere Jahre. Das Gut des Fürsten +blühte. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer +und dem Verwalter des Gutes waren ungetrübte, beschränkten +sich jedoch auf eine trockene, geschäftliche +Korrespondenz. Der Fürst mischte sich in die Obliegenheiten +Nikolai Ssergejewitschs nicht ein, erteilte +ihm nur hin und wieder einen Rat, der durch seinen +praktischen Wert und die Sachlichkeit Ichmenjeff in +Erstaunen setzte. Man sah daraus, daß der Fürst kein +Freund von unnützen Ausgaben war, sondern zu sparen +verstand. In Verlauf von fünf Jahren schickte er +Nikolai Ssergejewitsch die Bevollmächtigung zum Ankauf +eines anderen schönen und in demselben Gouvernement +gelegenen Gutes von vierhundert Seelen. Nikolai +Ssergejewitsch war ganz begeistert. Die Erfolge +des Fürsten, seine Rangerhöhung, seine Laufbahn, +nahm er sich so zu Herzen, als handelte es sich um seinen +leiblichen Bruder. Seine Begeisterung überstieg jedoch +alle Grenzen, als der Fürst ihm in einer besonderen +Angelegenheit wirklich ein Zeichen seines außerordentlichen +Vertrauens gab. Es geschah das folgendermaßen +... Übrigens muß ich hier einige besondere +Einzelheiten aus dem Leben des Fürsten Walkowskij +erwähnen, der ja doch zum Teil zu den Hauptpersonen +meiner Erzählung gehört. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-4"> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +IV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. +Er hatte sehr jung geheiratet, und zwar – nur des +Geldes willen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau +vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als +gar nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über +und über verschuldet. Der zweiundzwanzigjährige Fürst +war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau einzutreten, +weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen +Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. +Der Kaufmann betrog ihn natürlich bei der Mitgift, +doch konnte er immerhin mit dem Gelde seiner Frau +das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. +Die Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand +weder zu lesen noch zu schreiben und konnte beim +Sprechen kaum zwei Worte miteinander verbinden; +außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen +Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der +Fürst nützte diesen Vorzug auch vollkommen aus; nach +dem ersten Jahre der Ehe, als seine Frau ihm einen +Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und +siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er +durch die Protektion eines hohen Petersburger Verwandten +einen bedeutenden Posten erhielt. Seine Seele +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden +Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner +Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben +konnte, so beschloß er, in Erwartung eines Besseren, +seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte +sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin +durch Mißhandlungen fast zu Tode gequält +hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai Ssergejewitschs +und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er +solcher rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt. +</p> + +<p> +Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, +und ihr verwitweter Gemahl siedelte jetzt sofort nach +Petersburg über. Hier machte er von sich reden. +Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften +begabt, geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, +trat er hier nicht als armer Glückssucher auf, +sondern als eine blendende Erscheinung. Man erzählte +sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein +unwiderstehlicher Zauber von ihm ausging. Er gefiel +den Frauen außerordentlich, und ein Abenteuer mit +einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte +ihm denn auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. +Ungeachtet seiner angeborenen Sparsamkeit warf er +mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, +ohne eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war +er nach Petersburg gekommen, um sich zu vergnügen: +ihm war es darum zu tun, seine Karriere zu einem +glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. +Ein hoher Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine +Aufmerksamkeit nicht geschenkt hätte, wäre er als gewöhnlicher +Bittender zu ihm gekommen, hielt es, entzückt +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, +für nötig, dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung +in sein Haus zu nehmen. In die Zeit fiel die Fahrt +des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft +mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des +Grafen erhielt er dann eine bedeutende Stellung an +einer der wichtigsten Gesandtschaften und begab sich +ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis +zu uns in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen +Konflikt im Auslande, doch konnte niemand +sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur +der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem +ich bereits erzählt habe. Nach mehreren Jahren kehrte +er dann mit erhöhtem Rang aus dem Auslande zurück +und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in Petersburg. +In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, +daß er sich zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, +und zwar mit einer Tochter aus bedeutendem +alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich, +außer sich vor Vergnügen, die Hände. +</p> + +<p> +Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität +und erinnere mich noch, daß Ichmenjeff sich mit +der Bitte an mich wandte, Erkundigungen über die +Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch +an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion +für mich gebeten, doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. +Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst +beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum +besuchte, im Alter von neunzehn Jahren sein erstes +Examen machte. Ich teilte dies Ichmenjeff mit und +fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe, sehr +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. +Ich hatte es von anderen Studenten, meinen Kameraden +erfahren, die den jungen Fürsten kannten. Um +diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen +Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich +verwunderte ... +</p> + +<p> +Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, +in seinen Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch +nur auf eine trockene Geschäftskorrespondenz beschränkte, +schrieb ihm jetzt plötzlich in ausführlicher, +aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine +Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen +Sohn, wie sehr dieser ihm durch seine schlechte Aufführung +Sorgen mache ... Freilich müsse man die +Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er +bemühte sich offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe +er beschlossen, seinen Sohn dafür zu strafen und ihn +auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu schicken. +Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, +edlen Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen +aber auf Anna Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen +in die Familie aufzunehmen, ihn in der Einsamkeit +zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu +lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter +zu bessern und „ihm heilsame, strenge, im menschlichen +Leben so notwendige Gesetze“ einzuflößen. Es +versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem Ernst +und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge +Fürst erschien und wurde wie ihr eigener Sohn von +ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai +Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha; +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, +gedachte der alte Ichmenjeff mit besonderer +Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war, den Fürsten +Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der +Tat ein reizender Jüngling: schön, schwach und nervös +wie eine Frau, doch harmlos und gutmütig, liebenswürdig +und hochherzig, – so wurde er der Abgott des +ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war +er noch ein vollständiges Kind. Man konnte es gar +nicht begreifen, warum der Vater ihn fortgeschickt +hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so sehr liebte. +Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr leichtsinnig +aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts +habe beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt +hätte. Nikolai Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht +weiter darüber aus, da der Fürst selbst ihm den wahren +Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte um +von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer +Dame, von einer Herausforderung zum Duell, von +einem kolossalen Spielverlust, das Gerücht ging sogar +so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld +unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der +Fürst seinen Sohn nur aus egoistischen Gründen entfernt +habe. Die letzte Behauptung empörte besonders +Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der +seinen Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für +ihn schwärmte, ihn liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar +war er ganz unter seinem Einfluß. Aljoscha plauderte +zuweilen auch von einer Gräfin, die sie beide, +Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha, +bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +wäre. Er erzählte des öfteren davon in kindlicher +Offenherzigkeit und mit hellem Lachen; doch Nikolai +Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen. +Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn +verheiraten wollte. +</p> + +<p> +Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, +schrieb von Zeit zu Zeit dem Vater vernünftige und respektvolle +Briefe und hatte sich in Wassiljewskoje so gut +eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf +das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) +der Verbannte den Vater selbst bat, ihn noch einige +Zeit in Wassiljewskoje zu lassen, da das Landleben, +wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre. Alle +Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer +außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus +seinem feurigen Herzen, aus einer Leichtsinnigkeit, die +bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus der Fähigkeit, sich +jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher +Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen +verhielt sich sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... +Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte nur mit Mühe +seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst +Pjotr Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. +Er war plötzlich besonders kleinlich in seinem +Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch geworden; bei +der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch, +habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute +Nikolai Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu +Herzen und bemühte sich, selbst nicht daran zu glauben. +Dieses Mal wickelte sich der Besuch in umgekehrter +Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +der Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, +nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam er nie und +behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und +plötzlich geschah etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen +Grund kam es zu einem vollständigen Bruch +zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch. +Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, +hatte man beiden hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort +Wassiljewskoje, doch war die Geschichte damit +noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte +man sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, +Nikolai Ssergejewitsch habe den Charakter +und die Fehler des jungen Fürsten zu seinen Gunsten +auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die +damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen +Junker in sich verliebt gemacht, und beide, der +Vater wie die Mutter förderten diese Liebe, indem +sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor +allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha +diesen noch ganz jungen Menschen das ganze +Jahr über, durch ihre Bemühungen, der Bekanntschaft +aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter +Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß +zwischen den Liebenden die Trauung im Dorfe +Grigorjeff, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, +heimlich schon verabredet worden sei, und daß die +Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt +hätten. Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht +zu fassen vermocht, was die Gouvernementsklatschbasen +beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser Geschichte +sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +daß der Fürst ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich +infolge eines anonymen Briefes aus der Provinz +nach Wassiljewskoje gekommen war. Selbstverständlich +hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch +wirklich kannte, diesen Geschichten Glauben schenken +können, doch statt dessen, wie das so zu geschehen pflegt, +ereiferten sie sich alle, schüttelten die Köpfe und ... +verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff +war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen +Klatschbasen zu rechtfertigen und befahl auch strengstens +Anna Andrejewna, sich den Nachbarn gegenüber +in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst, die +vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein +Wort von diesen Klatschereien. Man verheimlichte +vor ihr die ganze Geschichte und so blieb sie heiter +und unschuldig, wie ein Kind. +</p> + +<p> +Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und +mehr zu. Diensteifrige Geister ruhten nicht und brachten +es so weit, den Fürsten davon zu überzeugen, daß die +langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs +durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und +nicht genug: vor drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch +beim Verkauf eines Wäldchens zwölftausend Rubel für +sich behalten haben, was durch die allerklarsten Beweise +vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er +zum Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht +des Fürsten besaß, sondern dabei aus eigener Initiative +gehandelt hätte, um dann erst hinterher den Fürsten +von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen +und ihm eine geringere Summe als die für das +Wäldchen erhaltene einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +entbehrten selbstverständlich jeglicher +Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch +nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt +und in Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch +einen Dieb genannt. Ichmenjeff brauste auf und +schleuderte ihm eine gleich kräftige Beleidigung zurück. +Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem +Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden +schriftlichen Beweise hatte, und was die +Hauptsache war, keine Protektion und keine Erfahrung +in Gerichtssachen besaß, verlor den Prozeß sofort, in +der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. +Der erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte +nach Petersburg über, um für seine Sache persönlich zu +wirken. Sein Gut überließ er einem Sachverständigen. +Dem Fürsten freilich schien es bald klar geworden zu +sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch +waren beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von +einem friedlichen Ausgleich nicht mehr die Rede sein +konnte und der erbitterte Fürst auch seinerseits alles +tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das +heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot +zu nehmen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-5"> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +V. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt. +</p> + +<p> +Über mein Wiedersehen mit Natascha will +ich mich weiter nicht verbreiten. Ich hatte sie in +diesen vier langen Jahren nicht vergessen, im Gegenteil, +ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich +mir selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche +Gefühl, mit dem ich an sie zurückdachte; als +wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich, daß +das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der +ersten Zeit schien es mir, daß sie sich in diesen Jahren +wenig entwickelt habe, ich dachte, sie sei dasselbe kleine +Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte. Dann +aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr +zu entdecken, etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, +das gleichsam absichtlich vor mir verborgen worden +war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken – +... und welch eine Wonne dieses Entdecken war! +</p> + +<p> +Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft +sehr übel gelaunt und dementsprechend reizbar. Seine +Sache stand ziemlich schlecht, und da ärgerte er sich +denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm +etwas ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +Tag mit seinen Akten und Geschäftspapieren und hatte +überhaupt wenig Sinn für uns. Anna Andrejewna +dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen +Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. +Petersburg ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete +sich, weinte und sehnte sich nach ihrem früheren Leben +in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen Natascha +Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so +gar keine Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher +Offenherzigkeit ihr ganzes Herz mir aus, freilich +nur deshalb gerade mir, weil sie sonst niemanden +hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter +gewesen wäre. +</p> + +<p> +In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft +in Petersburg, hatte ich meinen ersten Roman +beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich meine Laufbahn +begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich +nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs +ließ ich jedoch kein Wort davon verlauten; sie aber +waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein müßiges Leben +führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst +wo eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb +mitunter sogar bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich +nur seine väterliche Zuneigung zu mir bewog. +Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen, +womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen +auch so offen sagen sollen, daß ich überhaupt nicht in +Staatsdienst treten, sondern Schriftsteller werden +wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie inzwischen +noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände +keine Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +eine solche bemühte. Der Alte hatte keine Zeit, mein +Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne mich noch, +wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches +Gespräch zwischen ihm und mir angehört +hatte, heimlich einen Wink gab, ihr ins Nebenzimmer +zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen +beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie +sie mich ins Verhör nahm: sie wollte wissen, was ich +treibe. Und als ich auch ihr nichts von meiner Schriftstellerei +mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich +mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und +mich zugrunde richten würde. Doch wenn ich ihr auch +nicht gestand, was ich trieb, so hätte ich doch – +dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken, +selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten +Literaturkenner über meinen Roman hingegeben +für ein einziges aufmunterndes Wort von ihr. Eines +Tages war dann das Buch endlich erschienen. Schon +lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen +viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. +hatte sich wie ein Kind gefreut, als er mein Manuskript +gelesen. Nein! wenn ich jemals glücklich gewesen +bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten +berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern +damals, als ich mein Manuskript noch niemandem +gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: in jenen langen +Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung, +zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen +Liebe zur Arbeit, als ich mich mit meinen +Phantasiegebilden, mit den Menschen, die ich geschaffen, +so eingelebt hatte, als wären es lebende, als +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +wären es wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie +von ganzer Seele, ich teilte ihr Leid wie ich ihre +Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige Tränen +über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr +sich die Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich +kaum beschreiben, obschon sie die Tatsache zuerst vor +lauter Verwunderung gar nicht so recht fassen konnten: +sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna +wollte zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue +von allen gerühmte Schriftsteller – dieser selbe +Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie schüttelte nur +in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht +so bald, sprach langes und breites von verpfuschter +Karriere im Staatsdienst, sprach auch von dem nicht +einwandfreien Lebenswandel der Schriftsteller im allgemeinen. +Doch die immer wieder auftauchenden +neuen Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, +die Besprechungen in den Tageszeitungen und +schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender +Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs +Wort glaubte, zwangen ihn mit der Zeit doch, seine +Auffassung von der Sache zu ändern. Als er dann gar +sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr, +wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen +konnte, da schwanden auch seine letzten Zweifel und Bedenken. +Als er aber einmal die Zweifel hatte fahren +lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten +Glauben überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. +Wie ein Kind freute er sich über mein +Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume, +indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Zügel schießen ließ. An jedem Tage, den Gott werden +ließ, dachte er sich etwas Neues aus, schmiedete +er neue Pläne für mich – und was das für Pläne +waren! Er begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung +zu bezeugen, was er bis dahin natürlich nicht getan +hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder +ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er +mitten im begeisterten Phantasieren inne hielt und mit +sich selbst nicht recht im klaren war. +</p> + +<p> +„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! +’s ist doch sonderbar ... Wann sind denn die Dichter +große Männer gewesen, werden sie je Exzellenz? +Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, +so ’n unzuverlässiges Volk!“ +</p> + +<p> +Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden +Gedanken, die so kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich +in der Dämmerung, die für ihn überhaupt eine gefährliche +Stunde zu sein schien: er wurde dann eigentümlich +nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, +wie gut ich mich noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha +und ich, wir kannten seine Schwächen und lächelten +im stillen. Ich erzählte ihm literarische Anekdoten, +erzählte, wie Dershawin<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> eine Schnupftabaksdose +mit Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich +Lomonossoff<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> besucht hatte; erzählte zum +Schluß auch noch von Puschkin und Gogol. +</p> + +<p> +„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +ja sehr gut und sehr schön, aber ...“ versetzte der +Alte, der diese Geschichten vielleicht zum erstenmal +hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich +bin doch froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen +ist. Verse, weißt du, Freund, die sind doch barer +Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das kannst du +mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein +Bestes. Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! +Gymnasiasten – die können noch Verse +schmieden, denen kann man es noch allenfalls gestatten +... Aber im allgemeinen können Verse euch junges +Blut nur in die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, +gewiß, Puschkin war ein Genie, das wird niemand bestreiten, +doch davon reden wir nicht. Aber immerhin +sind es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben +hat, nichts weiter, so hm! – ephemerisch nennt man’s +wohl ... Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen +... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! +Hier kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, +gleichviel ... kann von der Liebe zum Vaterlande +reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ... +Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht +auszudrücken, aber du begreifst auch so, was? Ich rede +ja nur aus Liebe zu dir. Nun, nun, lies vor!“ schloß er +plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit, als ich +endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem +Tee an den runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, +was du dort zusammengeschrieben hast. Es wird ja +soviel Aufhebens von dir gemacht! Jetzt werden auch +wir es einmal zu hören bekommen.“ +</p> + +<p> +Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +dem Vorlesen zu beginnen. Gerade an dem Tage war +mein Roman im Druck erschienen, und nachdem ich endlich +ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu Ichmenjeffs +geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen. +</p> + +<p> +Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich +ihnen das Werk nicht früher, nicht aus dem Manuskript, +das beim Verleger war, vorlesen gekonnt! Natascha hatte +vor Ärger sogar geweint und mir bitter vorgeworfen, +daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen +würden als sie ... Doch da war nun endlich der +große Augenblick gekommen. Wir saßen am Tisch. +Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches +Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht +sitzen, wollte unerbittlich streng urteilen, und vor allem +„sich selbst überzeugen“. Die Alte blickte gleichfalls +ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu diesem Vortrag +ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon +längst bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha +betrachtete, daß mir der Atem stockte und es mir vor +den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr sprach, +und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah +als früher. Ja! Endlich war auch diese +Zeit angebrochen, gerade im Augenblick der Erfolge, +der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks, +– alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es +ihr nicht entgangen, daß ihr Alter mich ganz verdächtig +zu loben begann und mich und seine Tochter oft mit +so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie: +ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder +zum mindesten ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, +auf dessen junger Brust Orden glänzten und der eine +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna +liebte es nicht, Halbes zu wünschen. +</p> + +<p> +„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ +dachte sie, „weshalb, wofür aber – das weiß niemand. +Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber +solch ein Schriftsteller?“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-6"> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +VI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende +vor. Ich begann nach dem Tee und las bis zwei Uhr +nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in Falten. Er +hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er +vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt +Erhabenes mußte es sein. Statt dessen aber +war es plötzlich etwas so Alltägliches und so längst +Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich +um einen herum geschah! Wenn doch der Held +wenigstens ein großer oder interessanter Mensch gewesen +wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches +geschrieben hätte <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, +aber so! ... Irgend ein kleiner, verschüchterter +und sogar ziemlich einfältiger Beamter, von dessen +Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und +alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, +auf ein Haar so wie wir selbst sprechen ... +Sonderbar! Die Alte blickte fragend ihren Alten an, +setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte +ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas +überhaupt zu drucken und anzuhören! Und dafür +wird noch Geld gezahlt!“ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. +Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an +meinen Lippen, sah wie ich jedes Wort aussprach, und +bewegte hin und wieder unbewußt ihre eigenen reizenden +Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? +Noch hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen +schon in den Augen aller meiner Zuhörer – Tränen. +Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen +Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in +seinem Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren +naiven Ausrufen ersah. Der Alte hatte bald alle Erwartungen +auf hohe und erhabene Dinge fallen lassen. +„Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, +eben eine einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu +Herzen,“ sagte er, „dafür ist sie verständlich und begreiflich +und erklärt einem, was um uns geschieht, und +ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser Geschehnisse. +Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, +mag er noch so eingeschüchtert und heruntergekommen +sein, doch auch ein Mensch und mein Bruder ist.“ +</p> + +<p> +Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter +dem Tisch krampfhaft die Hand, natürlich nur heimlich. +Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie erhob sich; +ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an +ihren Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte +sie und lief aus dem Zimmer. Die beiden Alten +tauschten einen Blick aus. +</p> + +<p> +„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie +ist,“ sagte der Alte, doch etwas verdutzt. „Übrigens +hat das nichts zu sagen, es ist sogar gut, weißt du, sogar +sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes +Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +seine Frau, als wolle er Natascha in Schutz nehmen +und gleichzeitig auch mich rechtfertigen. +</p> + +<p> +Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon +sie noch kurz zuvor gerührt und aufgeregt gewesen war, +mit einer Miene drein, als wollte sie sagen: „Das ist +ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon +soviel Aufsehens machen?“ +</p> + +<p> +Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, +und im Vorübergehen kniff sie mich heimlich. Der +Alte machte sich zwar wieder daran, „ernstlich“ meinen +Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der +nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen: +</p> + +<p> +„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist +gut, sogar sehr gut! Hast uns überrascht, das muß +ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich es gar +nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie +hoch und erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum +Beispiel die ‚Befreiung Moskaus‘ – dort auf dem +Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, – nun, +das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an +der ersten Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie +ein Adler emporschwingen muß, um es zu verstehen ... +Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles viel einfacher, +viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt +es mir auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist +wie ... wie vertrauter; als hätte ich das selbst alles +erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn das +schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht +selber nicht. Aber weißt du, den Stil würde ich an +deiner Stelle doch etwas schleifen; das Buch ist ja gut +so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, +aber was! – jetzt ist es zu spät: ist schon gedruckt. +Doch in der zweiten Auflage, ginge es da nicht? Was, +Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und +dann gibt es wieder Geld ... Hm!“ +</p> + +<p> +„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, +Iwan Petrowitsch?“ fragte mich Anna Andrejewna. +„Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer +noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man +jetzt alles Geld zahlt!“ +</p> + +<p> +„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er +und seine Phantasie immer lebhafter wurden, „das +ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch eine Laufbahn! +Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es +lesen. Du sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche +Unterstützung und sei ins Ausland geschickt worden. +Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest? Wie? +Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu +noch mehr geschrieben werden? Nun, dann schreib +nur, Freund, schreib nur! Ruh dich noch nicht auf +deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“ +</p> + +<p> +Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, +mit einer so gutmütigen Offenherzigkeit, daß ich mich +nicht entschließen konnte, seiner Phantasie einen Dämpfer +aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu. +</p> + +<p> +„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose +übersandt ... Was! Man kann eben auf +verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen. Vielleicht +will man dir behilflich sein ... Wer weiß, +vielleicht wirst du sogar bei Hofe empfangen werden?“ +fragte er fast flüsternd und sah mich dabei bedeutsam +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht? +Dazu ist’s wohl noch zu früh?“ +</p> + +<p> +„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte +Anna Andrejewna, wie es schien, für den Hof fast gekränkt. +</p> + +<p> +„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ +versetzte ich von Herzen lachend. +</p> + +<p> +Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut +gelaunt. +</p> + +<p> +„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte +Natascha schelmisch vom Eßtische her. Dann lachte +sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn krampfhaft. +</p> + +<p> +„Du guter, lieber Papa!“ +</p> + +<p> +Der Alte war ganz gerührt. +</p> + +<p> +„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur +so. General hin oder General her – aber gehen wir +mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach du, Kleine, +sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er +zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange +klopfte, was er gern bei jeder Gelegenheit tat. „Ich +habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen, Wanjä ... +Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum +General ist es weit! – aber du bist doch immer eine +bekannte Persönlichkeit: ein Verfasser.“ +</p> + +<p> +„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“ +</p> + +<p> +„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, +dann meinethalben Schriftsteller, aber ich wollte nur +sagen: zum Kammerherr wird er dafür, daß er einen +Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; +daran ist nicht zu denken; aber schließlich kann er auch +so auf die Staffel kommen, zum Beispiel: kann irgend +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +so etwas wie ein Attaché werden, wird vielleicht ins +Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der Gesundheit, +oder sonstwie – zur Vervollkommnung in +der Wissenschaft etwa ... dazu kann man ihn mit +Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur in anständiger +Weise geschehen, so, daß er auch wirklich +etwas dafür leistet, für das Geld und die Ehrungen, +nicht aber so irgendwie durch Protektion ...“ +</p> + +<p> +„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ +unterbrach ihn lachend Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen +Orden an den Rock, denn sonst – was ist denn ein +Attaché!“ +</p> + +<p> +Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm. +</p> + +<p> +„Da macht sich der Racker wieder mal über mich +lustig!“ rief der Alte lachend, während seine Augen +liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren glänzender +Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt +ihr, jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, +Kinderchen, das ist nun einmal mein alter Fehler ... +Nun weißt du, Wanjä, es wundert mich doch: du +bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn +man dich so ansieht ...“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine +ja nur, Wanjä, daß du eben ein Gesicht hast ... das +heißt so, so ... eben gar kein poetisches ... So, +weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie +seien so bleich, die Dichter, so – na ja, mit solchem +Haar und in den Augen so was ... Na, du weißt +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen +... ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen +... Wie? Was? Habe ich wieder was Falsches gesagt? +Da hat der Racker wieder gut lachen über mich! +Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein +Gelehrter, ich verstehe nur zu – zu fühlen. Na, +Gesicht hin, Gesicht her – was ist schließlich an solch +einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein Gesicht +schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... +Das war es nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei +du immer ehrlich, Wanjä, sei ein Ehrenmann, das ist +die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das +glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor +dir liegt ein breiter Weg. Diene ehrlich deiner Sache; +sieh, nur das wollte ich dir sagen, gerade dieses eine +wollte ich dir nur sagen!“ +</p> + +<p> +Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, +alle Abende verbrachte ich bei ihnen. Dem Alten erzählte +ich Neues aus der literarischen Welt und von +der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht +warum, sehr zu interessieren begann; er las sogar +die kritischen Abhandlungen B.s, von denen ich ihm viel +erzählt hatte und die er doch fast überhaupt nicht verstand, +nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung +lobte, indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. +Die Alte pflegte eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, +aber es half doch nichts! Zwischen uns war +schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha +hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen +flüsternd „Ja“ gesagt. Dann hatten es die Alten +erfahren, sich darüber beraten, nachgedacht; Anna Andrejewna +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt. +Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich. +</p> + +<p> +„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, +ist ja alles gut,“ sagte sie zu mir, „aber wenn der Erfolg +ausbleibt – was dann? Wäre es nicht besser, +wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“ +</p> + +<p> +„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ +entschied der Alte nach langem Nachdenken, „ich habe +es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt und muß gestehen, +daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... +nun, was ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide +seid ihr aber noch sehr jung und meine Anna Andrejewna +hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, +hast vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun +gerade kein Genie, wie sie da anfangs über dich schrieben, +sondern so, einfach ein Talent ... (ich habe +heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar +zu schlecht haben sie dich da behandelt; doch was ist +denn das auch für eine Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das +heißt noch kein Geld auf der Sparkasse haben, wenn man +Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein +Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut +auf deinem Wege vorwärts – so sollst du sie haben; +wenn nicht – so sage dir doch selbst ... du bist ein +anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“ +</p> + +<p> +Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem +Jahr: +</p> + +<p> +Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen +Septembertage, kurz vor Abend war es, da erschien ich +bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele und Körper +und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +daß die beiden, als sie sahen in welchem Zustande +ich mich befand, sehr erschrocken waren. Nicht etwa +deshalb schwindelte mir der Kopf und quälte mich mein +Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war +und zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, +– nicht deshalb weil meine literarische Tätigkeit +mir keinen Ruhm gebracht und ich kein Geld besaß; +nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden +und niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen +nach Italien zu schicken; sondern deshalb, weil man +in einem Jahr zehn Jahre durchleben konnte, und +weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr +durchlebt hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... +Und ich erinnere mich, wie ich dasaß vor meinem Alten +und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen den +Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl +daß Natascha käme?! Meine Kleidung war vertragen, +mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht war bleich +und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht +einem Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte +kein großer Genius, wie ihn damals der gute Nikolai +Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah auf mich +mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und +dachte wohl bei sich: +</p> + +<p> +„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! +Gott erhalte und beschütze uns davor!“ +</p> + +<p> +„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ +(Der Samowar kochte auf dem Tisch.) „Wie geht es +Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie aus!“ +Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme. +</p> + +<p> +Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +spricht, eine andere Sorge auf dem Herzen, die auch +ihrem Manne am Herzen nagt, der über seiner stehengebliebenen +Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich +wußte, daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem +Fürsten, der für sie keine günstige Wendung genommen, +sehr beschäftigte, dazu kamen noch andere Unannehmlichkeiten, +die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten +erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen +Geschichte gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit +gefunden, Ichmenjeffs aufzusuchen. Der +Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen +Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm +ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna wurde an +Wassiljewskoje erinnert und brach in Tränen aus. +Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er +seine Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai +Ssergejewitsch wiederum, offen und anständig wie er +war, wies alle Bedenken und Vorsichtsmaßregeln mit +Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht daran +denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es +erführe, daß sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff +sei und verachtete innerlich jeglichen unsinnigen +Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch stark +genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. +Der junge Fürst erschien jetzt jeden Tag und erheiterte +durch seine Gegenwart die Alten. Oft saß er bei ihnen +bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der Vater. +Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der +Fürst schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher +einen schrecklich beleidigenden Brief über dieses Thema +und verbot dem Sohn endgültig den Besuch bei Ichmenjeffs. +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. +Der Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. +Wie! Seine unschuldige edle Natascha wagte man +von neuem in diese schmutzige Geschichte zu verwickeln! +Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen +in schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles +das, ohne irgend eine Genugtuung zu erhalten! In +den ersten Tagen erkrankte er vor Verzweiflung und +mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, +die ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich +ich krank und gequält in meiner Wohnung lag +und drei Wochen lang bei ihnen nicht erschienen war. +Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte +es voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes +auf der Welt noch viel mehr beunruhigen, ja +quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr ich +quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte +aus meiner ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute +aufhalten zu können. Und doch war ich nur deshalb +zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu +gezwungen, hinzugehen! +</p> + +<p> +„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, +der Alte an mich, „bist du nicht krank gewesen? +Warst lange nicht mehr hier? Ich wollte mich nach +dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“ +</p> + +<p> +Und er verfiel wieder in Nachdenken. +</p> + +<p> +„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich. +</p> + +<p> +„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf +Minuten nachher. „Also nicht gesund! Habe ich dir +damals nicht gesagt, dich gewarnt – du wolltest nicht +hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +die hat doch immer im Dachstübchen gehungert und da +wird sie auch sitzen bleiben. So ist’s!“ +</p> + +<p> +Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber +wäre er nicht selbst so tief in seinem Herzen verwundet +gewesen, dann hätte er wohl nicht so hart von der hungernden +Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher: +seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen +Augen lag eine quälende Frage, die zu beantworten +er keine Kraft mehr zu haben schien. Er war zerstreut, +unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau +betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn +heimlich den Kopf. Als er sich umwandte, machte sie +mir ein Zeichen. +</p> + +<p> +„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu +Haus?“ fragte ich die besorgte Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, +doch ganz, als fiele es ihr schwer, diese Frage zu beantworten. +„Sie wird gleich kommen, um dich zu begrüßen. +Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht +zu sehen! Hat sie sich darum etwa so verändert, man +weiß wirklich nicht, ist auch sie krank oder ist sie gesund! +Gott mit ihr!“ +</p> + +<p> +Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann. +</p> + +<p> +„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch +kurz und abgebrochen ein, „sie ist gesund. +Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man die Kinderschuhe +auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen +Mädchenlaunen klug werden?“ +</p> + +<p> +„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna +Andrejewna in gekränktem Tone die Bemerkung auf. +</p> + +<p> +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern +auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen +ihnen vorgefallen sein?“ dachte ich mit Schrecken. +</p> + +<p> +„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann +er von neuem. „Schreibt B. immer noch seine +Kritiken?“ +</p> + +<p> +„Ja, er schreibt,“ antwortete ich. +</p> + +<p> +„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand +abwinkend, „was sollen uns hier die Kritiken!“ +</p> + +<p> +Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-7"> +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +VII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> hielt ihren Hut in der Hand und legte ihn auf +das Klavier; darauf kam sie zu mir und reichte mir +schweigend die Hand. Die Lippen zitterten leise: es +schien, als hätte sie mir etwas sagen wollen, doch – +sagte sie nichts. +</p> + +<p> +Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Erschrocken +sah ich sie an. Wie hatte sie sich in diesen +drei Wochen verändert! Mein Herz krampfte sich zusammen, +als ich diese bleichen Wangen, diese wie im +Fieber zuckenden Lippen sah, und diese Augen, die unter +den langen dunklen Wimpern in leidenschaftlicher Entschlossenheit +loderten. +</p> + +<p> +Gott! wie war sie schön! Niemals, weder vorher, +noch nachher, habe ich sie so gesehen wie an diesem +verhängnisvollen Abend. War es wirklich dieselbe +Natascha, dasselbe junge Mädchen, das noch vor einem +Jahr, als sie meinem Roman zuhörte, mich mit ihren +Augen verschlang und kaum zu atmen wagte. Und wie +konnte sie damals fröhlich sein, wie scherzte und lachte +sie damals mit ihrem Vater und mit mir beim Abendessen! +</p> + +<p> +Dumpfer Glockenklang ertönte zum Abendgottesdienst. +Natascha fuhr zusammen; die Alten bekreuzten +sich. +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +„Du wolltest zum Abendgottesdienst gehen, Natascha, +man läutet schon,“ sagte Anna Andrejewna. +„Gehe Nataschenka, gehe, das Heil ist nahe! Ja, gehe +an die Luft, was sitzt du so eingeschlossen im Zimmer! +Sieh, ganz bleich bist du!“ +</p> + +<p> +„Ich ... gehe vielleicht ... heute nicht,“ sagte +Natascha leise, fast flüsternd. „Ich ... fühle mich +nicht wohl,“ fügte sie hinzu und erbleichte. Sie war +weiß wie ein Tuch. +</p> + +<p> +„Besser, du gehst, Natascha, du hast doch die Absicht +gehabt, zu gehen, brachtest deinen Hut mit. Bete +zu Gott, Nataschenka, daß er dir Gesundheit verleihe +...“ beredete sie Anna Andrejewna und sah schüchtern +ihre Tochter an, als fürchtete sie sich vor ihr. +</p> + +<p> +„Ja, ja, gehe, gehe an die frische Luft,“ fügte jetzt +auch der Alte hinzu, der unruhig das Gesicht seiner +Tochter betrachtete. „Die Mutter hat recht. Wanjä +wird dich begleiten.“ +</p> + +<p> +Mir schien, als glitt ein bitteres Lächeln über Nataschas +Lippen. Sie ging ans Klavier, nahm ihren +Hut und setzte ihn auf. Ihre Hände zitterten, alle ihre +Bewegungen schienen ganz unbewußt – ganz als begriffe +sie selbst nicht, was sie tat. Vater und Mutter beobachteten +sie aufmerksam. +</p> + +<p> +„Lebt wohl!“ sagte sie kaum hörbar. +</p> + +<p> +„Mein Engel, wozu sich verabschieden, als wäre +der Weg so weit! Sieh, daß du keinen Zug bekommst; +gib acht, wie du bleich bist. Ach! Und ich habe vergessen +(immer vergesse ich alles), ich habe ein kleines +Amulett für dich, mein Engel, habe ein Gebet darin +eingenäht. Eine Nonne aus Kiew hat es mich gelehrt, +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +im vorigen Jahr. Es ist ein Gebet für alles; erst neulich +habe ich es eingenäht. Nimm es, Natascha. Möge +Gott dir Gesundheit schenken. Unser Einziges bist du.“ +</p> + +<p> +Und die Alte kramte im Arbeitskästchen und zog +das goldene Kreuzchen von Natascha hervor, an dessen +Kettchen sie auch das Amulett gehangen. +</p> + +<p> +„Trage es zu deinem Glück!“ fügte sie hinzu, und +hängte das Kreuz der Tochter um den Hals, sich und sie +bekreuzigend. „Es gab eine Zeit, da bekreuzte ich dich +jeden Abend zur Nacht und du sprachst dein Gebet. +Doch jetzt bist du nicht mehr dieselbe und Gott schenkt +dir keine Ruh. Ach, Natascha, Natascha! Auch +meine mütterlichen Gebete können dir nicht helfen.“ +</p> + +<p> +Und die Alte fing an zu weinen. +</p> + +<p> +Natascha küßte schweigend ihre Hand; wandte sich +dann zur Tür; doch plötzlich kehrte sie um und ging +schnell auf den Vater zu. +</p> + +<p> +„Väterchen, segne auch du ... deine Tochter!“ +rief sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme, und kniete +vor ihm nieder. +</p> + +<p> +Vor diesem unerwarteten und feierlichen Kniefall +standen wir ganz bestürzt da. Der Vater sah seine +Tochter einen Augenblick wie verloren an. +</p> + +<p> +„Nataschenka, mein Kind, meine Tochter, mein +Liebes, was ist mit dir?“ rief er endlich aus und ein +Tränenstrom brach aus seinen Augen. „Was bedrückt +dich? Warum weinst du Tag und Nacht? Ich +weiß doch alles, ich schlafe die Nächte nicht und steh +vor deiner Zimmertür und horche! ... Sage mir +alles, Natascha, vertraue mir, deinem alten Vater und +wir ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Er brach ab, hob sie hoch und umarmte sie. Sie +preßte sich krampfhaft an seine Brust und verbarg +ihren Kopf an seiner Schulter. +</p> + +<p> +„Nichts, nichts, das ist nur so ... ich bin nicht +ganz wohl ...“ bestätigte sie, schluchzend von verhaltenen +Tränen. +</p> + +<p> +„Ja, segne dich Gott, wie ich dich segne, mein +liebes, mein einziges Kind!“ sagte der Alte. „Er schenke +Frieden deiner Seele und befreie dich von allem Kummer. +Bete zu Gott, mein Kind, damit er mein sündhaft +Gebet erhöre.“ +</p> + +<p> +„Und meinen Segen, meinen Segen, über dich!“ fügte +die Alte in Tränen aufgelöst hinzu. +</p> + +<p> +„Lebt wohl!“ flüsterte Natascha. +</p> + +<p> +An der Tür blieb sie noch einmal stehen, sah noch +einmal auf beide, wollte noch etwas sagen, konnte jedoch +nichts über die Lippen bringen und ging rasch aus dem +Zimmer. Ich stürzte ihr nach, das Böse ahnend. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-8"> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +VIII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> ging schweigend, schnell, den Kopf gesenkt und +sah nicht auf mich. Als wir die Straße durchschritten +und zum Kai kamen, blieb sie stehen und ergriff meine +Hand. +</p> + +<p> +„Es ist so schwül!“ flüsterte sie, „mein Herz ist so +beengt ... so schwül ...“ +</p> + +<p> +„Kehre um, Natascha!“ rief ich, außer mir. +</p> + +<p> +„Verstehst du denn wirklich nicht, Wanjä, daß ich +auf <em>immer</em> von ihnen gegangen bin und nie mehr zu +ihnen zurückkehren werde?“ Und mit unaussprechlicher +Trauer sah sie mich dabei an. +</p> + +<p> +Mein Herz erbebte. Das hatte ich alles vorausgefühlt, +noch bevor ich zu ihnen ging, schon tagelang vorher, +wie im Nebel ... und doch – trafen mich ihre +Worte jetzt wie Donnerschläge. +</p> + +<p> +Wir gingen schweigend den Kai entlang. Ich +konnte nichts sagen, nichts denken, mir schwindelte. +Dieser Entschluß schien mir so unmöglich, so unsinnig! +</p> + +<p> +„Du verurteilst mich, Wanjä?“ sagte sie endlich. +</p> + +<p> +„Nein ... aber, ich kann es nicht glauben; das +ist so unmöglich! ...“ antwortete ich, mir kaum bewußt, +was ich sagte. +</p> + +<p> +„Nein, Wanjä, es ist schon geschehen! Ich habe +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +sie verlassen und ich weiß nicht, was aus ihnen werden +wird ... ich weiß auch nicht, was aus mir werden +wird!“ +</p> + +<p> +„Du gehst zu ihm, Natascha?“ +</p> + +<p> +„Ja!“ antwortete sie. +</p> + +<p> +„Das ist doch unmöglich!“ schrie ich außer mir +... „Weißt du denn nicht, daß es unmöglich ist, Natascha, +du meine Arme. Das wäre ja Wahnsinn! Du +tötest sie und dich zugleich! Weißt du denn das nicht, +Natascha?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es; doch, was soll ich tun, es ist nicht +mein freier Wille,“ und in ihrer Stimme klang eine +Verzweiflung, als ginge sie zum Tode. +</p> + +<p> +„Kehre um, kehre um, solange es nicht zu spät ist,“ +flehte ich sie an, und um so inständiger bat ich, je +hartnäckiger sie schwieg, je mehr ich selbst die Nutzlosigkeit +meines Flehens erkannte. „Begreifst du denn, +Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du es +dir auch überlegt? Sein Vater ist doch der Feind deines +Vaters. Der Fürst hat doch deinen Vater erniedrigt +und beleidigt, ihn des Diebstahls verdächtigt, er +hat ihn einen Dieb genannt. Sie liegen beide im Prozeß +miteinander ... Nun, das wäre noch nichts! Doch +weißt du denn nicht, Natascha ... (o, mein Gott, du +weißt doch alles! ...), weißt du denn nicht, daß der +Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, +sie hätten selbst eine Annäherung zwischen dir und Aljoscha +aus Berechnung gefördert, als Aljoscha in Wassiljewskoje +euer Gast war? Bedenke doch, stelle es +dir doch nur vor, wie sehr dein Vater unter diesen Verdächtigungen +gelitten hat. Er ist ja in diesen zwei Jahren +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +ergraut – sieh ihn dir doch an! Doch die Hauptsache: +du weißt ja das alles, Natascha, gütiger Himmel! +Ich will schon gar nicht davon reden, ob sie überwinden +werden, dich auf immer zu verlieren! Du +bist ja doch ihre einzige Freude, die ihnen für ihr Alter +geblieben. Es lohnt sich ja gar nicht davon zu reden: +das mußt du selbst wissen; sage dir doch, daß der Vater +dich unschuldig verleumdet glaubt von diesen stolzen +hochmütigen Menschen! Jetzt, gerade jetzt ist der alte +Haß von neuem entbrannt, weil ihr Aljoscha bei euch +empfangen habt. Der Fürst hat deinen Vater von +neuem beleidigt, die Kränkung brennt noch jetzt im Herzen +deiner Eltern, und plötzlich erscheinen jetzt alle +Kränkungen gerechtfertigt! Alle, die von der Sache gehört +haben, werden jetzt dem Fürsten recht und deinem +Vater schuld geben. Was wird jetzt aus ihm werden? +Es wird ihn niederschmettern! töten! Schmach und +Schande – und durch wen? Durch dich, seine Tochter, +sein einziges vergöttertes Kind! Und die Mutter? +Die wird den Alten doch nicht überleben ... Natascha, +Natascha! Was willst du tun? Kehre zurück! Besinne +dich!“ +</p> + +<p> +Sie schwieg; schließlich sah sie mich vorwurfsvoll an, +mit einem Blick so voll bitteren Leides, daß ich begriff, +was in ihrem Herzen vorgehen mußte. Ich begriff, +was dieser Entschluß sie gekostet hatte, und daß ich mit +meinen nutzlosen, verspäteten Vorwürfen sie nur quälen, +ihr das Herz zerreißen konnte; ich begriff das alles +sofort und doch konnte ich nicht an mich halten und +sprach weiter: +</p> + +<p> +„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +du würdest <em>vielleicht</em> heute nicht aus dem Hause +gehen ... also wolltest du bleiben, also hattest du dich +noch nicht fest entschlossen?“ +</p> + +<p> +Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte +diese Frage auch? Ich hätte doch verstehen sollen, daß +ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war. Doch auch +ich war meiner selbst nicht mächtig. +</p> + +<p> +„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit +unsäglichem Weh im Herzen und ohne eigentlich selbst +zu begreifen, was ich sie fragte. +</p> + +<p> +„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du +siehst doch: er hat mir befohlen, zu kommen, und da bin +ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie, mit demselben +bitteren Lächeln. +</p> + +<p> +„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann +ich wieder, sie anzuflehen, das letzte versuchend, +„alles das läßt sich doch noch auf eine andere Weise +machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde +dir sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde +euch helfen, euch Zusammenkünfte vermitteln ... Nur +aus dem Hause gehe nicht fort! Ich werde euren +Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre +leichter zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch +beiden dienen, helfen, ihr werdet sehen, ich werde euch +zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein Leben +nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest +dein Leben damit, Natascha, vollständig! Willige doch +ein, Natascha, alles wird gut werden, ihr werdet euch +lieben und glücklich sein ... Und wenn die Eltern +aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) +dann ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, +drückte mir kräftig die Hand und lächelte unter Tränen. +„Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger Mensch, du! +Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, +und dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an +mein Glück. Unsere Briefe willst du ...“ +</p> + +<p> +Sie fing an zu weinen. +</p> + +<p> +„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die +ganze Zeit über hast du mir keinen Vorwurf gemacht, +kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich ... ich ... +Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, +weißt du noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, +ich hätte <em>ihn</em> niemals kennen gelernt! ... Wie +gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten lieben +Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! +Siehst du, wie ich bin: dich in diesem Augenblick noch +an unser früheres Glück zu erinnern! und du leidest +schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du nicht zu +uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch +nicht einmal der Gedanke durch den Kopf gegangen, +daß du mir vielleicht fluchst, mich haßt. Ich wußte, +warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören, kein +lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, +wenn du uns sahst. Und wie habe ich dich erwartet, +wie habe ich dich erwartet, Wanjä! Höre mich, Wanjä, +ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine Unsinnige, +dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen +Freund. Ich weiß es, daß ich ohne dich nicht leben +kann, daß du mir nötig bist, dein Herz, deine goldene +Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere +Zeit jetzt anbricht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich! +</p> + +<p> +„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen +niederkämpfend. „Wie bist du abgemagert, wie bist +du krank und bleich; du bist wirklich krank, Wanjä! +Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer +nur von mir gesprochen; wie steht es mit deinen +Arbeiten? Geht es mit deinem neuen Roman gut vorwärts?“ +</p> + +<p> +„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob +es sich um mich handelte, Natascha! Ja, und meine +Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen wollte, +Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm +kommst?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, +doch ich selbst ... Siehst du, Lieber, ich werde +dir alles erzählen: man will ihn verheiraten mit einer +reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem Geschlecht. +Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, +der Vater, du weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; +er hat alles in Bewegung gesetzt; und einen solchen Zufall +findet er in zehn Jahren nicht wieder. Verbindungen, +Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, +– gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu +ihr hinzuneigen. Außerdem möchte der Vater ihn loswerden, +um selbst wieder zu heiraten, und hat deshalb +beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung +zu lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß +auf Aljoscha ...“ +</p> + +<p> +„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, +„um eure Liebe? Es war bis jetzt doch nur +eine Verdächtigung von ihm.“ +</p> + +<p> +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +„Er weiß, weiß alles.“ +</p> + +<p> +„Wer hat es ihm denn gesagt?“ +</p> + +<p> +„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst +sagte es mir ...“ +</p> + +<p> +„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er +selbst hat alles erzählt und in diesem Augenblick ...?“ +</p> + +<p> +„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich +Natascha, „lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht +wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch gerecht. Er +ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat +ihn so erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste +Eindruck, der erste fremde Einfluß, kann ihn von allem +losreißen, woran er vor einem Augenblick gehangen, +worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er +kann dir schwören und noch am selben Tage einem andern, +und als Erster kommt er, um es dir selbst zu erzählen. +Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise +nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er +ist sogar einer Selbstaufopferung fähig und noch dazu +welcher! Doch nur bis zum nächsten neuen Erlebnis: +da vergißt er alles. <em>So wird er auch mich vergessen, +wenn ich nicht immer um ihn bin!</em> +Siehst du, so ist er!“ +</p> + +<p> +„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar +nicht wahr. Doch, wie soll er, so ein Kind wie er ist, +heiraten!“ +</p> + +<p> +„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck +dabei, sagte ich dir.“ +</p> + +<p> +„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein +soll, und daß sie ihn schon beeinflußt?“ +</p> + +<p> +„Er hat es mir doch selbst gesagt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere +lieben kann, und verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“ +</p> + +<p> +„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du +kennst ihn zu wenig; man muß ihn besser kennen, um +ihn beurteilen zu können. Es gibt kein aufrichtigeres, +kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es +denn besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß +er jetzt für sie schwärmt! Wir brauchten uns nur eine +Woche nicht zu sehen, und er würde mich vergessen haben, +so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen +Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! +Sonst würde ich sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! +Ich weiß, was ich tue: <em>wenn ich nicht immer +bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden +Augenblick, dann würde er aufhören, +mich zu lieben, würde mich vergessen +und verlassen</em>. Er ist schon einmal so, daß jede +andere ihn beeinflussen kann. Und was wird dann mit +mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! +Ich wäre froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich +aber ohne ihn leben? Das wäre schlimmer als der +Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä! +Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter +verlassen! Rede nicht mehr davon; es ist schon geschehen! +Er muß bei mir sein, jede Stunde, jeden +Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß +ich verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, +Wanjä!“ schrie sie plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, +„wenn er mich schon jetzt nicht mehr lieben sollte! +Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur +mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +Grund aber nur ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige +ihn jetzt vor dir, er aber lacht vielleicht in diesem +Augenblick mit einer anderen über mich ... und ich, +ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und +suche ihn ... Ach, Wanjä!“ +</p> + +<p> +Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor +Wehmut zerspringen wollte. Ich begriff, daß Natascha +alle Gewalt über sich verloren hatte. Nur eine unsinnige, +blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen Entschlusse +treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte +auch in mir und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich +nicht mehr beherrschen, ein böses Gefühl kam über mich. +</p> + +<p> +„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines +nicht: wie kannst du ihn lieben, nach all dem, was du +soeben über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du +glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu ihm +auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, +um seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird +dich dein ganzes Leben lang quälen und du – ihn auch. +Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu sehr. Eine +solche Liebe verstehe ich nicht.“ +</p> + +<p> +„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie +vor Schmerz erbleichend. „Ich habe dich niemals so +geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch selbst, daß ich wahnsinnig +bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß. +Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: +ich habe es schon früher gewußt, in meinen glücklichsten +Augenblicken habe ich es vorausgefühlt, daß er mir nur +Qualen bereiten wird. Doch was soll ich tun, wenn +selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – +Glück bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +zu erleben? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich +bei ihm erwartet, und was ich durch ihn erleiden muß? +Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein +Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine +Versprechungen, wenn ich auch weiß, daß er mich +nicht belügt und mich niemals belügen kann. Ich selbst +habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. +Für ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – +ich gewiß nicht. Und doch bin ich glücklich, seine Sklavin +zu sein, seine freiwillige Sklavin, und alles von ihm +zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn +sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in +meiner Gegenwart, nur daß auch ich dabei bin ... +Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“ fragte sie +mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden +Augen mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, +als phantasiere sie: „Wie niedrig solche Wünsche sind, +nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und doch, wenn er +mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der +Welt, wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. +Und du beredest mich jetzt, zurückzukehren; was +würde die Folge davon sein? Daß ich morgen wieder +davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde +kommen. Pfeifen wird er, und ich werde ihm folgen – +wie ein Hündchen ... Qualen! Ich fürchte keine +Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich <em>seinetwegen</em> +quäle ... Ach, Worte geben das nicht +wieder, Wanjä!“ +</p> + +<p> +„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien +sie ganz vergessen zu haben. +</p> + +<p> +„Er wird dich also heiraten, Natascha?“ +</p> + +<p> +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er +hat mich ja heute darum zu sich gerufen, um sich morgen +außerhalb der Stadt mit mir trauen zu lassen; er weiß +doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch nicht, +wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein +Mann! Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber +verheiratet, so wird er unglücklich sein, Vorwürfe machen +... Ich will nicht, daß er mir irgendwie einmal +Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm +geben, er aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn +er nun durch die Heirat unglücklich wird, warum soll +ich ihn – unglücklich machen?“ +</p> + +<p> +„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du +willst jetzt zu ihm gehen?“ +</p> + +<p> +„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich +abzuholen; wir verabredeten uns ...“ +</p> + +<p> +Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war +noch niemand zu sehen. +</p> + +<p> +„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ +rief ich unwillig aus. +</p> + +<p> +Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. +Ihr Gesicht war krampfhaft verzerrt. +</p> + +<p> +„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit +bitterem Lächeln. „Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, +daß er, wenn ich ihm nicht mein Wort geben +könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben, +sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater +ihn zu einer anderen führen würde. Und so natürlich, +so einfach hatte er das geschrieben, als läge darin wirklich +gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren +ist, Wanjä?“ +</p> + +<p> +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand +und ihre Augen blitzten. +</p> + +<p> +„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. +„Er hoffte, daß ich nicht kommen würde, um dann zu +ihr zu fahren mit der Behauptung, er hätte mich vorher +davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen. +Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen +... Oh, Gott! Ich Wahnsinnige! Ich glaube, +er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich ihn langweile +... Worauf warte ich noch?“ +</p> + +<p> +„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am +Kai erblickend. +</p> + +<p> +Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich +nähernden Aljoscha erwartungsvoll entgegen, und plötzlich +stürzte sie, meine Hand loslassend, auf ihn zu. Auch +er beschleunigte seine Schritte und in einer Minute lagen +sie sich in den Armen. Außer uns war niemand +auf der Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; +Natascha lachte und weinte zugleich, als hätten sie sich +nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre bleichen +Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude +... Aljoscha bemerkte mich jetzt erst und ging +sofort auf mich zu. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-9"> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +IX. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des +öfteren gesehen; ich sah ihm tief in die Augen, als hätte +sein Blick alle meine Zweifel lösen können, wodurch er +dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige +Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen +jeglicher Pflicht, eine Liebe, der Natascha alles, was ihr +bis jetzt heilig gewesen, zum Opfer bringen wollte. Der +Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie kräftig +und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in +die Seele. +</p> + +<p> +Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind +war – in meinem Urteil über ihn hatte irren können, +denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch niemals lieben +können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, +die ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles +nicht gewöhnen, besonders nicht an sein elegantes +Äußeres, vielleicht weil es schon zu elegant und gesucht +war. +</p> + +<p> +Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch +beurteilt hatte. Er war hoch und schlank; sein Gesicht +war von länglicher Form und immer bleich; +er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die +milde und nachdenklich in die Welt schauten und aus +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +denen dann zuweilen eine kindliche Freude aufleuchtete. +Seine vollen roten Lippen hatten einen wunderschönen +Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam +ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder +war dann sein Lächeln, so naiv und gutherzig, daß man, +in welcher Stimmung man sich auch befand, unwillkürlich +mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand, +genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie +gesagt, sehr elegant, doch diese Eleganz kostete ihm keine +Mühe, sie schien ihm angeboren. +</p> + +<p> +Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten +und Angewohnheiten des guten Tones: +Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und höfliche Grobheit. +Doch war er offenherzig und sich seiner Angewohnheiten +so bewußt, daß er sich selbst tadelte und +über sie lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von +Jüngling nicht einmal im Scherz hätte lügen können, +und wenn er es je getan, so würde er sich gewiß nichts +Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus +war anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war +und nichts zu verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig +und schüchtern und hatte gar keine Willenskraft. +Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre eine +Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen +und zu betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, +vollständig naiv und unwissend und verstand nichts vom +wirklichen Leben; übrigens würde er auch mit vierzig +Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen +sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich +glaube, es gab keinen Menschen, der ihn nicht liebte, +er war zu jedem zärtlich wie ein Kind. Natascha hatte +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht +zu handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, +doch hätte er über die Folgen seiner Tat vor +Reue sterben können. Natascha fühlte instinktiv, daß sie +seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer sein +würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, +ihn sinnlos zu lieben, und denjenigen, den sie liebte, +sinnlos zu quälen, nur weil sie ihn liebte – deshalb +war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst zuerst zu +opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, +und er betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah +sie mich an. In diesem Augenblick vergaß sie alles – +die Eltern, den Abschied und jedes Mißtrauen ... +In diesem Augenblick war sie glücklich. +</p> + +<p> +„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm +und bin seiner nicht wert! Ich dachte schon, du würdest +nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten +Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“ +fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser +Hingebung an. +</p> + +<p> +Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die +Hand freizugeben, wandte er sich an mich. +</p> + +<p> +„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte +ich Sie als meinen Bruder umarmen; sie hat mir viel +von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis jetzt eigentlich +fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ... +verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme +und etwas errötend mit seinem bezaubernden Lächeln +hinzu, sodaß ich nicht anders konnte, als seinen Vorschlag +von ganzem Herzen anzunehmen. +</p> + +<p> +„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +unser Bruder, er hat uns schon verziehen und ohne +seine Freundschaft würden wir nicht glücklich sein. Ich +habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder +sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien +leben ... Wanjä!“ fuhr sie fort und ihre Lippen zitterten +ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen nach +Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch +nicht vergeben wollen, so werden sie sehen, daß du mir +vergeben hast, und das wird sie weicher stimmen. Erzähle +ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen kommenden +Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen +die Gründe meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. +Weißt du, Wanjä, ich hätte mich vielleicht heute nicht +dazu entschließen können, wenn du nicht gekommen +wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich +gedacht und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du +würdest den ersten Schmerz mildern helfen. O, Gott! +Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte es, daß sie mir +nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen +sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen +und für sie beten. Mein Herz ist bei ihnen! Ach, +warum können wir nicht alle zusammen glücklich sein! +Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ +rief sie, sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen +erschauernd schlug sie die Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha +umarmte sie und drückte sie schweigend an sich. Wir +schwiegen alle drei. +</p> + +<p> +„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ +sagte ich zu ihm mit vorwurfsvollem Blick. +</p> + +<p> +„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich +versichere Ihnen, daß alle Qualen, wenn sie auch jetzt +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +sehr heftig sind – nicht von langer Dauer sein werden. +Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur +den Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, +dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen, daß dieser +Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß an allem die +Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt, +versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein +Ende nehmen. Wir werden uns alle wieder miteinander +aussöhnen und vollständig glücklich sein. Wer weiß, +vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur +Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht +anders sein kann. Was glauben Sie?“ +</p> + +<p> +„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich +denn trauen lassen?“ fragte ich, auf Natascha blickend. +</p> + +<p> +„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen +bestimmt. Sehen Sie, ich selbst weiß es noch nicht genau, +und um die Wahrheit zu sagen, habe ich auch +noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt +Natascha heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater +noch durchaus zu meiner Braut führen (Sie wissen, +man will mich verheiraten; Natascha hat es Ihnen +doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf +nichts Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns +übermorgen trauen. Auf dem Wege nach Pskoff, nicht +weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von mir, +aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden +ihn vielleicht noch kennen lernen. Im Dorfe wird es +doch auch einen Geistlichen geben, bestimmt weiß ich +es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach erkundigen +sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im +übrigen sind das doch alles Nebensachen. Man könnte +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +im Notfalle aus einem Nachbardorfe einen Geistlichen +holen; wie denken Sie darüber? Schade, daß ich meinem +Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, +man hätte ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist +mein Freund noch nicht einmal anwesend. Das ist jedoch +das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere +wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen +oder übermorgen wird sie bei mir bleiben. Ich habe +eine Wohnung gemietet, in der wir leben werden. Ich +werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht +wahr Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe +alles sehr nett eingerichtet. Meine Freunde werden +mich besuchen; ich werde Gesellschaftsabende ...“ +</p> + +<p> +Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte +ich ihm zu. Natascha sah mich flehend an, ihn nicht +allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen Erzählungen +mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man +einem lieben fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen +Geplapper zuhört. Ich sah sie vorwurfsvoll +an. Mir war unerträglich schwer zumut. +</p> + +<p> +„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, +daß er Ihnen verzeihen wird?“ +</p> + +<p> +„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? +Das heißt, zuerst wird er mich natürlich verfluchen; +davon bin ich überzeugt. Er ist schon einmal +so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird +er auch versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber +zu gebrauchen ... Doch das ist nicht ernst zu +nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich ärgern +und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle +aussöhnen und alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch +darüber nachgedacht?“ +</p> + +<p> +„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht +sofort. Nun, was tut es? Ich werde ihm zeigen, daß +auch ich Charakter besitze. Er macht mir immer Vorwürfe, +daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig +sei. Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin +oder nicht? Verheiratet sein, ist keine Kleinigkeit. Ich +bin kein Kind mehr ... das heißt, ich wollte sagen, +daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich +meine, wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir +selbst mein Brot verdienen. Natascha sagt, daß es besser +sei, so zu leben, als auf Rechnung anderer, wie wir +alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes sie mir +sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin +nicht so aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. +Freilich, ich weiß es selbst, daß ich leichtsinnig bin und +zu nichts fähig; doch wissen Sie, vorvorgestern hatte ich +einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich nicht gerade +der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch +möchte ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen +Sie: ich möchte Romane schreiben und sie an Zeitungen +verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie mir dabei +helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern +die ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, +so zur Probe, und wissen Sie: es kann wirklich eine +nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer +Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen +später davon erzählen. Die Hauptsache ist, daß man +dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch Geld +dafür!“ +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +Ich mußte lächeln. +</p> + +<p> +„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd. +</p> + +<p> +„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher +Naivität hinzu, „beurteilen Sie mich nicht darnach, +wie ich scheine; ich besitze viel Beobachtungsvermögen; +Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es +nicht versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch +andererseits haben Sie recht; ich verstehe nichts vom +wirklichen Leben; das hat mir Natascha auch gesagt, übrigens +sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller +werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, +wirken Sie nur auf mich ein, und machen Sie mich nur +besser als ich bin – Sie tun es ja für sie, Sie lieben +sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer +nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, +ich weiß gar nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch +– ich würde ihr mein ganzes Leben hingeben wollen! +Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich nichts gefürchtet, +doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! +Sollte es einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht +hingibt, wirklich an Geschick und Kraft fehlen, diese +Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns doch, Sie, unser +Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns geblieben +ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen +Sie, daß ich mich so auf Sie verlasse, aber ich +halte Sie für einen edlen Menschen und für besser als +mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie überzeugt +davon, und will Ihrer beider wert sein.“ +</p> + +<p> +Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus +seinen freundlichen Augen strahlte eine aufrichtige Hingabe. +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +So vertrauensvoll reichte er mir die Hand, so +überzeugt, daß ich sein Freund sei! +</p> + +<p> +„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er +fort. „Denken Sie bitte nicht schlecht von uns, machen +Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache mir viel +Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir +gewiß gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem +Roman nicht gehen sollte (um die Wahrheit zu sagen, +habe ich gleich, als ich davon sprach, bei mir gedacht, +daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte +es Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), +wenn der Roman mir nicht gelingen sollte, so könnte ich +im äußersten Fall Musikunterricht erteilen. Sie wissen +es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich werde +mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich +schließe mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen +an. Außerdem besitze ich viele Wertsachen, Bibelots, +Toilettengegenstände: was sollen sie mir? Ich werde +sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon +leben! Schließlich kann ich im äußersten Falle immer +noch als Beamter eintreten. Mein Vater wird +sich sogar darüber freuen, er hat es schon längst gewünscht, +ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu +sein, davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, +daß die Ehe mir Nutzen bringt, mich vernünftig macht, +und ich wirklich in den Staatsdienst getreten bin ... +so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“ +</p> + +<p> +„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was +zwischen Ihrem und Nataschas Vater daraus entstehen +wird? Was, glauben Sie, was wird wohl heute abend +in ihrem Hause geschehen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. +Ich war erbarmungslos. +</p> + +<p> +„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete +er. „Ich habe schon daran gedacht und seelisch +sehr darunter gelitten ... Doch was ist zu machen? – +Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern +uns vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie +beide geliebt habe! Sie standen mir so nahe, als wären +sie meine eigenen Eltern! – und womit zahle ich es +ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! +Sie glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum +streiten sie sich. Alle lieben wir uns gegenseitig, und +streiten uns! Man sollte sich endlich aussöhnen und +der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an +ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, +es ist schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! +Ich habe es schon früher gesagt ... Du selbst hast darauf +bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan Petrowitsch, +es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir +werden sie aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden +unserer Liebe nicht widerstehen können ... Mögen sie +uns verfluchen, wir werden sie dennoch lieb haben; sie +werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein +gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur +so finster unter den Brauen hervor, doch ist er oft sehr +zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie liebevoll er heute +mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen versuchte! +Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das +stimmt mich sehr traurig. Und alles dieser elenden +Vorurteile wegen! Das ist einfach – Wahnsinn! +Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich ansehen, +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? +Er würde uns sofort alles erlauben.“ +</p> + +<p> +Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher +Zärtlichkeit auf Natascha. +</p> + +<p> +„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er +sein Geplauder fort, „wie er sie lieben wird, wenn er +sie nur kennen lernt, und wie sie sie alle in Verwunderung +setzen würde. Denn sie haben doch alle noch +nicht ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, +daß sie eine Intrigantin ist. Meine Pflicht ist es, ihre +Ehre wieder herzustellen, und das werde ich tun! Ach, +Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen +Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert +hinzu. „Wenn ich deiner auch nicht wert bin, so +liebst du mich doch, ich aber ... O, du kennst mich +doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem +Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser +Abend uns allen zusammen Glück, Friede und Eintracht +bringt. Gesegnet sei dieser Abend! Nicht, Natascha? +Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“ +</p> + +<p> +Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während +Aljoschas weitläufiger Rede kein Auge von ihm gewandt, +doch allmählich wurde ihr Blick immer trüber +und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir +schien es, daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig +abwesend dastand. Der Ausruf Aljoschas weckte sie aus +ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen, schaute um +sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, +und als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie +aus der Tasche einen Brief und gab ihn mir. Er war +an ihre Eltern gerichtet und am Abend vorher geschrieben +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich scharf +und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick +an mich festgesogen. In diesem Blick lag eine solche +Verzweiflung, niemals vergesse ich diesen schrecklichen +Blick! Mich schauderte: ich sah, daß sie sich in diesem +Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt +wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon +und, plötzlich – verlor sie das Bewußtsein. Ich fing +sie auf. Aljoscha erbleichte vor Schreck; er rieb ihre +Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei Minuten +kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt +stand die Droschke, in der Aljoscha gekommen +war; er rief sie herbei. Als Natascha in den Wagen +gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und +heiße Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen +setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange an derselben +Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes Glück +entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach +in zwei Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. +... Langsam ging ich den Weg zurück, zu den Alten. +Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte, noch wie ich +zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken +erstarrten mir, meine Füße wankten ... +</p> + +<p> +Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war +das Ende meiner Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen +Erzählung fortfahren. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-10"> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +X. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ünf</span> Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen +Wohnung ein. Den ganzen Tag fühlte ich mich elend +und traurig; das Wetter war feucht und kalt, vom +Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen +Abend zeigte sich für einen Augenblick die Sonne und +ein verlorener Strahl huschte, wohl aus Neugier, für +einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es +bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war +ja groß, doch so niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. +Ich dachte mir gleich, daß ich in dieser Wohnung +den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so +geschah es denn auch. +</p> + +<p> +Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren +gelesen und sie in Ordnung gebracht. Da ich +keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem Kissenbezug +hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf +setzte ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals +an meinem großen Roman, doch konnte ich die +Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war mir so +voll von anderen Dingen ... +</p> + +<p> +Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. +Es dunkelte bereits und auch in meiner Seele wurde es +immer düsterer. Schwere Gedanken lasteten auf mir. +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch schließlich +untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich +würde neu aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem +Gefängnis wieder an die freie Gotteswelt käme, +den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die ich +so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der +Gedanke durch den Kopf, wie gut es wäre, wie durch +einen Zauberspruch alles zu vergessen, alles was ich in +der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem +Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. +Damals träumte ich noch davon und hoffte auf eine +Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein Irrenhaus käme, +und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ +Ich fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an +das Leben! ... Doch auch bei diesem Gedanken lachte +ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause, was würde +dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“ +</p> + +<p> +So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es +war ganz dunkel geworden. Am Abend stand mir ein +Wiedersehen mit Natascha bevor; sie hatte mich durch +einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten. +Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. +Es drängte mich sowieso fort aus dieser Wohnung, +einerlei wohin, in den Regen, in den Schmutz. +</p> + +<p> +Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien +es bei mir im Zimmer zu werden, das sich immer mehr +und mehr erweiterte. Mir war, als müßte ich in jeder +Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so +dasaß und einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen +Asorka. Und plötzlich ereignete sich etwas, das tiefe +Spuren in mir hinterließ. +</p> + +<p> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser +Schwäche, oder infolge der aufregenden Eindrücke +in der neuen Wohnung und von der Erkältung her geschehen +konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in +einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der +Nacht heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken +nennen möchte. Es war das die allerschrecklichste quälendste +Furcht vor einem ungewissen Etwas, das man +selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht +Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus +in jeder Minute zu sein vermag, allen Vernunftgründen +zum Trotz auftaucht und sich vor mir als unerbittliche, +schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die +Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, +daß der Geist in diesen Augenblicken noch größere +Klarheit gewinnt, und nichtsdestoweniger alle Macht +verliert, dieser Empfindung entgegenzutreten. Man gehorcht +ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht mehr +nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung +verdoppelt sich langsam aber sicher. +</p> + +<p> +Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken +zur Tür und griff nach meinem Hut auf dem Tische, +als mir der Gedanke kam, ich würde sofort hinter mir +den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam +öffnen und er würde auf der Schwelle stehen und ins +Zimmer blicken, würde leise mit gesenktem Kopf auf +mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine trüben Augen +auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen +mit seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein +großer Körper würde von diesem Lachen hin- und hertanzen. +Diese Vision richtete sich so klar und deutlich +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen, unerschütterlichen +Überzeugung wurde, daß alles das sofort +geschehen müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, +und daß ich es nur nicht gesehen, da ich mit dem Rücken +zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte sich die +Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um +und – was geschah? – die Tür öffnete sich wirklich +leise, lautlos, genau so wie ich es mir vorgestellt hatte. +Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich niemand, als +hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber erschien +auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein +Paar Augen, die ich kaum in der Dunkelheit unterscheiden +konnte, blickten mich finster und durchdringend +an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem +größten Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein +Mädchen, und wenn es sogar Smitt selbst gewesen +wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so erschrecken können, +wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung +eines mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und +Stunde in meinem Zimmer. +</p> + +<p> +Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam +und unhörbar öffnete. Es war, als fürchtete sie +sich, einzutreten. Als sie endlich auf der Schwelle erschien, +sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, +als wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei +Schritte vor und blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor +mir stehen. Jetzt konnte ich sie deutlicher erkennen. Es +war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, klein von +Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere +Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber +leuchteten seine großen, dunklen Augen. Mit der linken +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +Hand hielt die Kleine über der Brust ein altes, durchlöchertes +Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor der +Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man +kann ruhig sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte +dunkle Haar war ungekämmt und zerwühlt. Wir standen +uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, +uns gegenseitig anstarrend. +</p> + +<p> +„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum +hörbarer, heiserer Stimme, als schmerzte ihr die Brust +oder die Kehle. +</p> + +<p> +Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. +Man fragte nach Smitt! Ganz unerwartet +kam ich also auf eine Spur von ihm! +</p> + +<p> +„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich +ohne Besinnen, da ich auf diese Frage garnicht vorbereitet +war. Ich bereute es sofort. Einen Augenblick +blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann +aber erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich +fürchtete, sie bekäme einen Nervenanfall. Ich mußte sie +halten, damit sie nicht fiele. Nach einigen Minuten +wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung +sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte. +</p> + +<p> +„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so +einfach herausgeplatzt, das war vielleicht nicht dein +Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du eigentlich? +Den Alten, der hier lebte?“ +</p> + +<p> +„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte +mich unruhig an. +</p> + +<p> +„Er hieß Smitt? Ja?“ +</p> + +<p> +„J–, Ja!“ +</p> + +<p> +„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +nicht traurig, mein Täubchen! Warum bist du nicht +früher gekommen? Woher kommst du? Sie haben ihn +gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... +Du bist also seine Enkelin?“ +</p> + +<p> +Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten +Fragen. Schweigend kehrte sie sich um und ging fast +lautlos aus dem Zimmer. Ich war so bestürzt, daß ich +sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte. +Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und +halb zu mir gewandt, fragte sie: +</p> + +<p> +„Auch Asorka ist tot?“ +</p> + +<p> +„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir +schien die Frage so sonderbar; sie klang so überzeugt davon, +daß Asorka zusammen mit seinem Herrn hatte +sterben müssen. +</p> + +<p> +Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann +lautlos durch die Tür, die sie vorsichtig hinter sich zuschloß. +</p> + +<p> +Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, +voll Ärger darüber, daß ich sie hatte gehen lassen. Sie +war so lautlos verschwunden, daß ich nicht gehört, wie +sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür hinter +sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen +haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man +vernahm weder ein Geräusch noch Schritte. In einem +unteren Stockwerk wurde eine Tür laut zugeschlagen. +Dann war wieder alles still. +</p> + +<p> +Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung +in den vierten Stock machte eine Biegung, erst +von dort an führte sie geradeaus und hinab. Es war +eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. +In diesem Augenblick war es auf ihr vollständig finster. +Ich tastete mich bis zum nächsten Stockwerk hinunter +und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse +sich hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt +haben. Ich tastete mit den Händen längs der +Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine, die mit +dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, +weinte. +</p> + +<p> +„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, +„habe ich dich so sehr erschreckt? Das tut mir leid. Als +dein Großpapa starb, sprach er von dir; das waren +seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; +sie gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst +du? Er sagte, in der sechsten Linie ...“ +</p> + +<p> +Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt +darüber, daß ich wissen konnte, wo sie wohne, +schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer mageren kleinen +Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich +stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen +Schritte. Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die +Straße trat, war sie nicht mehr zu sehen. Ich eilte bis +auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und als ich da +anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens +waren: sie war verschwunden. „Wahrscheinlich +hat sie sich irgendwo vor mir versteckt,“ dachte ich, +„vielleicht gleich unten bei der Treppe.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-11"> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +XI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">och</span> kaum war ich auf das feuchte, schmutzige +Trottoir des Prospekts hinausgetreten, als ich mit +einem Vorübergehenden zusammenstieß, der offenbar +ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr +beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in +ihm den alten Ichmenjeff. Es war für mich ein +Abend unerwarteter Begegnungen. Ich wußte, daß +der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun +plötzlich begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf +der Straße! Zudem war er früher nie zur Abendzeit +ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern verlassen, +das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte +er sich nicht aus dem Hause. Als er mich erblickte, +schien er außerordentlich erfreut zu sein, wie ein +Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er +seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, +drückte sie kräftig, zog mich mit sich fort und fragte, +wohin ich ginge. Er schien sehr erregt, seine Bewegungen +waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl +gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu +fragen, das ging nicht an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch +geworden, daß er oft in der allereinfachsten +Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung +witterte. +</p> + +<p> +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht +sah krankhaft aus, in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, +der Bart war ihm seit einer Woche nicht mehr +geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar +quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und +hing in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten +abgetragenen Überziehers. Ich hatte es schon öfter +bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte; +er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, +sprach laut mit sich selbst und gestikulierte mit den +Armen. Es tat weh, ihn anzuschauen. +</p> + +<p> +„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst +du, mein Lieber, ich, ich bin ausgegangen; in Geschäften. +Bist du gesund?“ +</p> + +<p> +„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie +waren doch unlängst krank, und jetzt gehen Sie aus?“ +</p> + +<p> +Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte +er mich garnicht gehört. +</p> + +<p> +„Wie geht es Anna Andrejewna?“ +</p> + +<p> +„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein +bißchen erkaltet. Sie hat es bei mir ein wenig traurig +... Sie sprach auch von dir ... Warum bist +du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, +Wanjä, oder nicht?“ fragte er plötzlich, mich scharf und +fragend ansehend. +</p> + +<p> +Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, +daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, es sei +nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu kommen, er +sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir +verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, +daß ich soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +aufzusuchen, obgleich ich wußte, daß ich mich +dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit +Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde. +</p> + +<p> +„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt +durch meine Antwort. „Das ist gut ...“ +</p> + +<p> +Und plötzlich verstummte er wieder und wurde +nachdenklich. +</p> + +<p> +„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten +wieder mechanisch dasselbe, als erwache er aus einer +tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst du, Wanjä, +du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; +Gott schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte +uns dich; so habe ich immer gedacht. Die Alte ... +auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig zu +uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge +dich Gott dafür segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten +dich segnen und lieben ... Ja!“ Seine Stimme +bebte, er hielt einen Augenblick inne. +</p> + +<p> +„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst +du nicht erkältet? Warum warst du so lange nicht +mehr bei uns?“ +</p> + +<p> +Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, +entschuldigte meine Abwesenheit durch diese Angelegenheit, +sagte, daß ich mich außerdem krank gefühlt, und +daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals wohnten), +sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich +auch noch nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, +doch fiel mir das Unangebrachte dieser Bemerkung +noch zur rechten Zeit ein und ich verstummte. +</p> + +<p> +Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er +wurde aufmerksamer. Als er erfuhr, daß meine neue +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +Wohnung feucht war, vielleicht noch feuchter als die +alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr aufgebracht. +Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig +geworden. Nur Anna Andrejewna verstand +es, in solchen Augenblicken mit ihm auszukommen, +und auch das nicht immer. +</p> + +<p> +„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, +Wanjä!“ rief er wütend aus. „Sie hat dich bis unter +das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf den +Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? +Dich davor gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; +schreibt er immer noch seine Kritiken?“ +</p> + +<p> +„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. +Ich habe es Ihnen doch schon mitgeteilt, wenn +ich nicht irre.“ +</p> + +<p> +„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte +es kommen. Hat er seiner Frau und seinen Kindern +etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß er +Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten +diese Leute überhaupt?“ +</p> + +<p> +„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete +ich. +</p> + +<p> +„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, +als ginge ihn die Sache etwas an und als wäre der +verstorbene B. sein eigener Bruder gewesen. „Nichts! +Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst +du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er +enden, und schon damals, weißt du noch, als du ihn +immer so lobtest. Sehr einfach zu sagen: hat nichts +hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben. +Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +von Ruhm lebt man nicht. Ich habe damals, mein +Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B. +ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht +sterben! Ist denn das ein Leben hier ... in dieser +Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit einer +unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige +Perspektive der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre +nur schwach erleuchteten Straßen, auf die schmutzigen +Häuser, auf die vor Feuchtigkeit glitzernden +Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und +durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses +ganze Bild, das von der eintönig tuschfarbenen Kuppel +eines Petersburger Himmels umrahmt wurde. Wir +traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns +erhob sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben +und von unten durch Gasarme und Kandelaber +beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse der +Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des +Himmels nur undeutlich zu erkennen waren. +</p> + +<p> +„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, +sympathischer Mensch gewesen sei, mit Herz und Verstand. +Alle sind sie so, deine sympathischen Leute mit +den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu vermehren, +das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... +ja und zu sterben muß für ihn lustig gewesen sein, +denke ich! he, he, he! Wäre er von hier fortgefahren, +und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“ +fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat. +</p> + +<p> +Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben +Jahren etwa, in schmutzige Lumpen, beinah Fetzen +gekleidet. Die nackten Füßchen steckten in durchlöcherten +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte +zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, +dem sie längst schon entwachsen war. Das abgemagerte, +bleiche Gesichtchen war uns zugewandt; sie sah uns +stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener +Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes +Händchen entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah +und wandte sich so hastig zu ihr hin, daß sie erschrak. +Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück. +</p> + +<p> +„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest +du? Da, nimm ... nimm, da!“ – +</p> + +<p> +Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche +herum und holte zwei oder drei Silberstücke heraus. +Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog seine Geldtasche +hervor und nahm einen Rubelschein heraus – +alles was in ihr enthalten war – und legte das Geld +in die Hand des Bettelkindes. +</p> + +<p> +„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen +dich, mein Kind, Gottes Engel begleiten!“ +</p> + +<p> +Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die +Kleine, doch als er sah und ihm einfiel, daß ich dabeistand +und ihm zusah, runzelte er die Stirne und setzte +mit raschen Schritten seinen Weg fort. +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast +wütendem Schweigen, „ich kann es nicht ansehen, wie +diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor Kälte zitternd +auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter +und Väter wegen ... Übrigens, welche Mutter +wird wohl ihr Kind hinaus in dieses Unglück schicken, +wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich +sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +diese war wohl die Älteste; sicher ist sie krank ... die +Mutter und ... hm! Nicht alle sind Fürstenkinder +... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... +die ... hm!“ +</p> + +<p> +Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er +nicht, wie er fortfahren sollte. +</p> + +<p> +„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ +begann er ein wenig verwirrt und unsicher, +„ich habe ihr versprochen ... das heißt, wir sind beide +miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein Waisenkind +zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein +armes, kleines, ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst +doch? Uns Alten ist es einsam, so allein ... hm +... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich +doch noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, +weißt du, nicht von mir aus, du weißt schon, sondern +von dir aus, berede sie doch ... Du verstehst mich? +Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie +möge doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht +tun ... aber was rede ich von diesen Albernheiten! +Was geht mich ein Kind an? Ich habe es nicht nötig! +Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen +zu hören ..., und, ich tue es doch nur der Alten +wegen; es wird für sie lustiger sein, als immer mit mir +Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug! Und +– so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine +Droschke, es ist noch weit und Anna Andrejewna erwartet +uns schon lange ...“ +</p> + +<p> +Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna +ankamen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-12"> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +XII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und +langjährige Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. +Doch war Nikolai Ssergejewitsch nicht +nur jetzt, sondern auch schon früher in seinen glücklichen +Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna Andrejewna +gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr +umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von +fremden Leuten. In einigen Naturen, die sehr zart +und feinfühlend sind, erhebt sich manchmal ein Widerstand +dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre Zärtlichkeit +nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern +auch unter vier Augen zu zeigen. Nur hin und +wieder bricht die Zärtlichkeit durch, um so heißer +und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten +worden war! So verhielt sich auch teilweise der +alte Ichmenjeff zu seiner Anna Andrejewna, und +zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete +und liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur +eine gute Frau war, die nichts als ihn zu lieben verstand; +und er ärgerte sich oft sehr darüber, daß sie sich +ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer Natürlichkeit, +keinen Zwang antat. Doch seit Natascha +sie verlassen, waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; +sie fühlten es schmerzlich, daß sie jetzt ganz +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +allein auf der Welt waren. Und obgleich Nikolai Ssergejewitsch +oft sehr verschlossen und finster war, so konnten +doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht +voneinander getrennt sein. Sie waren schweigend +übereingekommen, von Natascha mit keinem Wort +zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. +Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes +denn auch nicht, Natascha nur im geringsten zu erwähnen, +obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte Natascha in +ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war +gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen +worden, daß ich zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von +ihrem unvergeßlichen, geliebten Kinde brachte. +</p> + +<p> +Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten +hatte, und sobald ich dann wieder bei ihr erschien, +wollte sie aber auch die kleinste Einzelheit wissen. Mit +zitternder Neugier erkundigte sie sich nach allem, was +ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, +als sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie +selbst zu ihr gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im +äußersten Fall getan. Sie wagte mir gegenüber nicht +einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen, auszusprechen, +und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen, +nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für +ihre Pflicht, nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie +sich auch nach wie vor sehr um das Schicksal ihrer Tochter +kümmere und sorge, Natascha doch eine Verbrecherin +bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch +alles nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna +sich bis zur Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Natascha mit den zärtlichsten Namen nannte, +sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch beklagte, und in +seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht, versteckte +Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit +der Menschen sprach und davon, daß wir +nicht zu verzeihen verstünden, Gott aber den Verstockten +seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte sie +in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen +Augenblicken verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er +wurde mürrisch und schweigsam, und plötzlich sprach er +dann, gewöhnlich sehr ungeschickt, laut von etwas ganz +anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und sich +in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise +Anna Andrejewna die Möglichkeit zu geben, ihren +Kummer vor mir auszuschütten und sich auszuweinen. +Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er +mich begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit +zu geben, Anna Andrejewna die letzten Nachrichten +über Natascha mitzuteilen. So tat er es auch +diesmal. +</p> + +<p> +„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir +kaum ins Zimmer getreten waren, „ich gehe in mein +Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier. Ihm ist eine +Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr +das. Ich komme gleich wieder zurück ...“ +</p> + +<p> +Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als +schäme er sich, daß er uns selbst zusammenbrachte. +Wenn er wieder zu uns zurückkehrte, war er dann mürrisch, +sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz, +als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit. +</p> + +<p> +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter +Zeit ihre frühere Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben +hatte. „Immer ist er so zu mir; dabei weiß +er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum +verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde +für ihn? So ist er auch zu seiner Tochter. Er könnte +ihr doch verzeihen, vielleicht wünscht er es sogar, Gott +weiß es! Die Nächte über weint er, habe es selbst gehört! +Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz +beherrscht ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ +schneller: wohin war er gegangen?“ +</p> + +<p> +„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich +wollte Sie fragen.“ +</p> + +<p> +„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, +als ich ihn gehen sah. Er ist doch krank, und bei solchem +Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte ich, der +muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber +wichtigeres geben, als die uns bekannte Angelegenheit? +So dachte ich bei mir, aber zu fragen wagte ich ihn +nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei dem Gedanken +an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht +er zu ihr; jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles +erfahren, auch die letzten Nachrichten von ihr kennt er. +Ich bin fest überzeugt, daß er alles weiß, woher er aber +Nachrichten über sie erhält, kann ich mir nicht vorstellen. +Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und +heute gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle +doch, mein Lieber, was dort vorgefallen ist! +Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet, habe +mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, +verläßt dieser Bösewicht Natascha?“ +</p> + +<p> +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich +selbst wußte. Zu ihr war ich immer vollkommen aufrichtig. +Ich teilte ihr mit, daß es in der Tat diesmal +zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen +könnte; daß diesmal der Konflikt ernster als die +früheren sei; daß Natascha mir gestern einen Zettel geschickt +und mich gebeten, heute abend um neun Uhr zu +ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht +gehabt, hierher zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe +mich mitgenommen. Ich erzählte ihr, und erklärte ihr +ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr kritische sei; +daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von +einer Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören +wolle und energisch gegen Aljoscha vorgehe. Doch +wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es scheine, zu der +andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie +verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der +Brief von Natascha in großer Aufregung geschrieben +sei, und daß heute, wie sie darin schrieb, alles sich entscheiden +würde. In welcher Richtung? Das sei noch +unentschieden. Sonderbar, daß sie <em>heute</em> geschrieben, +mir aber befohlen habe, morgen um neun Uhr +abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort gehen, +und zwar so schnell als möglich. +</p> + +<p> +„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna +Andrejewna besorgt und beunruhigt, „sobald er kommt, +trinkst du noch rasch den Tee ... Warum hat man +den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo +bleibt denn der Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn +du also deinen Tee ausgetrunken hast, finde einen passenden +Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +komme unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, +komme so früh als möglich. Großer Gott! Wenn nur +kein Unglück geschieht! Kann es denn noch schlechter +kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles +erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon +weiß. Ich habe ja auch von Matrjona vieles erfahren +und diese wieder durch Agascha; Agascha wiederum ist +ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause +des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. +Böse war heute Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach +nur so von diesem und jenem, er aber schrie mich an, +wie ein Wütender; später tat es ihm leid, behauptete, +wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des +Geldes wegen wütend gewesen! Nun, du kennst ja +doch unsere Verhältnisse. Nach dem Mittagessen ging +er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer +(in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts +von ihr), er aber, mein Täubchen, lag auf den Knien +vor einem Heiligenbild und betete. Als ich das erblickte, +da wankten mir die Knie. Und den Tee trank +er nicht, geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen +Hut und ging. Ich wagte nicht ihn zu fragen; er hätte +mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des öfteren, +wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er +aber zu schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein +Herz hört auf zu schlagen. Wenn er auch übertreibt, +nun ich weiß ja doch, daß er absichtlich so tut, aber +schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe ich zu Gott +eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken. +Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“ +</p> + +<p> +Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +Andrejewna nur den einen Wunsch hatte, daß Aljoscha, +den sie einen Bösewicht und dummen Jungen nannte, +zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein +Vater, der Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung +dazu gäbe. Sie hatte es einmal sogar mir gegenüber +ausgesprochen, es dann jedoch bereut und mehrmals +widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen +vor Nikolai Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, +obgleich sie wußte, daß der Alte ihr das nachtrug +und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen +machte. Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht +und ihr Andenken ganz aus seinem Herzen gerissen, +wenn er auch nur von einer Möglichkeit dieser +Ehe erfahren hätte. +</p> + +<p> +Wir alle waren damals derselben Meinung. Er +erwartete seine Tochter mit jeder Fiber seines Herzens, +doch erwartete er sie allein, reuig und bereit, jede Erinnerung +an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen. +Nur unter dieser einen Bedingung hätte er +ihr verziehen – wenn er das auch nicht in dieser +Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort, +wenn man ihn nur ansah. +</p> + +<p> +„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer +Junge ist er, das habe ich immer gesagt,“ begann +Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man hat ihn +nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. +Um dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! +Gott, mein Gott! Was wird aus der Armen werden? +Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag, +das begreife ich nicht!“ +</p> + +<p> +„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +„daß diese Braut ein reizendes, bezauberndes Mädchen +sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat es von ihr +behauptet ...“ +</p> + +<p> +„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie +mich. „Bezaubernd? Für euch Federfuchser ist jede +bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat. Und wenn +Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles +Herz hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht +sie ihm, selbst aber leidet sie. Wie oft ist er ihr +schon untreu gewesen! Böse, hartherzige Menschen! +Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der +Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens +überwinden, meinem Täubchen verzeihen und es wieder +zu mir bringen würde! Wie wollte ich sie umarmen, +mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“ +</p> + +<p> +„Ja, Anna Andrejewna.“ +</p> + +<p> +„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz +gut, Iwan Petrowitsch! Die ganze Nacht und den ganzen +heutigen Tag habe ich geweint ... worüber, das +werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich +ihm nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: +geradeaus wage ich es ihm nicht zu sagen, doch +so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen. Das +Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend +wird, und sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch +nicht, das habe ich von ihm noch nicht gehört ... +Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß er es +nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der +Fluch des Vaters ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, +jeden Tag zittere ich vor Angst. Und auch du solltest +dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen +und hast dir auch ausgedacht, daß die Andere bezaubernd +sei! Was geht denn dich das an? Was für +eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser +gesprochen. (Ich habe es gewagt: habe sie einmal +zu mir zum Kaffee eingeladen, als Meiner einen ganzen +Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über +alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, +hat zu der Gräfin in unerlaubten Beziehungen gestanden. +Die Gräfin hat ihm schon immer vorgeworfen, +daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder +aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten +ihres Gemahls in schlechtem Rufe. Als ihr +Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier lernte sie Italiener, +Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da +hat sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. +Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres ersten Mannes, +der ein Branntweinpächter war, wuchs allmählich +heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis +dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna +zusammen aber wuchsen auch die zwei Millionen +heran, die ihr Vater für sie in der Bank deponiert +hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da +hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft +wäre, Aljoscha mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich +nicht, der läßt nichts durch.) Der Graf, der vornehme, +hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat eingewilligt; +drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, +sprechen Sie mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin +seinen Wunsch mit. Die ist dagegen, mit Händen +und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, +wie wird es erst im Auslande gewesen sein! Nein, +sagt sie, du, Fürst, mußt mich heiraten, meine Stieftochter +bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll aber eine +Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem +untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, +sagt man, eine engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich +sofort, um was es sich handelt, und sagt es ihr +auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du hast dein +Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber +deine Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein +gutes Paar: sie ist unschuldig wie ein Engel und Aljoscha +ein Dummkopf; wir werden sie beide zusammen +bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was +nützt es dir, wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein +schlauer Mensch. Ein Freimaurer! Vor einem halben +Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen +können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, +dort habe sie eingewilligt. So ist es. Das hat +mir alles Marja Wassiljewna erzählt, die es selbst von +einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst +du wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und +nicht darum, daß sie bezaubernd ist!“ +</p> + +<p> +Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in +Erstaunen. Sie stimmte vollkommen mit dem überein, +was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört hatte. Als +er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des +Geldes wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina +Fedorowna einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Ich +hörte auch von Aljoscha, daß der Vater selbst vielleicht +heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich +sagte bereits, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte und +pries, und an ihn, wie an einen Gott, glaubte. +</p> + +<p> +„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine +Bezaubernde!“ fuhr Anna Andrejewna fort, sehr gereizt +über das Lob, das ich der zukünftigen Braut des +jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für +ihn eine bessere Partie. Sie ist die Tochter eines +Kaufmanns. Natascha aber ist aus altem adligem Geschlecht. +Mein Alter öffnete gestern (ich habe es vergessen, +dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie +doch, und hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. +So ernst saß er da. Ich strickte meinen +Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun +sieht, daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun +selbst rufen und da hat er mir den ganzen Abend unseren +Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich denn, daß die +Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des +Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das +Geschlecht der Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch +bekannt war, und eine Rolle gespielt hat – +wir haben die Dokumente darüber und auch in der +Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, +mein Väterchen, wir sind nicht schlechter in der Beziehung +als die Anderen. Als der Alte mir das zu erklären +anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn +kränkt es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur +mit dem Reichtum sind sie uns über. Nun, möge sich +dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein Geld +mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, +gierige Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Jesuiten übergetreten? Ist es wahr, was glaubst du?“ +</p> + +<p> +„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich +interessierte mich die Hartnäckigkeit, mit der sich +dieses Gerücht verbreitete und erhielt. Auch die Nachricht +von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden +durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie +seines Geschlechtes Erwähnung getan. +</p> + +<p> +„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna +Andrejewna fort. „Doch, was tut sie, mein Täubchen? +grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß du zu ihr gehst! +Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben +sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“ +</p> + +<p> +Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. +Ich fragte sie, welches Unglück sie denn noch betroffen +hätte, wie sie vorhin gesagt. +</p> + +<p> +„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, +als ob der Kelch nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst +du dich, mein Freund, oder weißt du nicht +mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas +Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre +alt war sie damals, mein Herzenskind. Wir bestellten +es bei einem durchreisenden Maler, du hast es wohl +sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war +es, er hat sie als Kupido dargestellt: helles lockiges +Haar hatte sie damals, durchs Hemdchen schien ihre +weiße Haut durch, und so reizend sah sie aus, daß man +sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den +Maler, ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es +nicht tun. Nun, siehst du, mein Lieber, in diesen schrecklichen +Tagen hatte ich es aus der Schatulle herausgenommen +und es mir um den Hals gehängt; so hing +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +es neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, +der Alte würde es vielleicht bemerken. Er befahl doch +damals, alle ihre Sachen aus dem Hause zu entfernen +oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an sie +erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das +Bild wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an +und weine mich aus, dann wird mir leichter ums Herz; +ein anderes Mal aber, wenn ich allein bin, küsse ich es, +als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen +und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit +ihr, wenn ich allein bin, frage sie dies und jenes und +mir ist, als antworte sie mir. Ach, mein lieber Wanjä, +schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war +froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt +hatte; wie ich aber gestern abend nach meinem Medaillon +greife, ist es nicht mehr da. Mir schwanden die +Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren +und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren +haben? Im Bett, denke ich, habe ich es abgerissen; +ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn +ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn +nicht <em>er</em> oder Matrjona? Nun, Matrjona kann ich +schon garnicht verdächtigen, sie ist mir mit ganzer Seele +zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar +aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, +was wird dann sein? Ich sitze da und weine, weine, +kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Und Nikolai +Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich +bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da +denke ich: er hat das Medaillon gefunden und es aus +dem Fenster geworfen! In seinem Herzen ist er doch +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm +selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief +unter das Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – +wir fanden nichts. Ich weinte die ganze Nacht über. +Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht bekreuzigt. +Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan +Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den +nächsten Tag wurden meine Augen nicht trocken, immer +wieder weinte ich. Habe dich erwartet, mein Freund, +wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest +...“ +</p> + +<p> +Und sie weinte bitterlich. +</p> + +<p> +„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann +sie plötzlich, ganz erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, +„hast du etwas von dem Waisenkind gehört?“ +</p> + +<p> +„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie +hätten beide beschlossen, ein armes Mädchen, eine +Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“ +</p> + +<p> +„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht +gedacht! Und überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht +haben! Nur an unser schweres Schicksal, an unser +Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will +ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, +meine einzige wird sie auch bleiben. Doch, was soll das +wohl bedeuten, dieser Einfall mit der Waise? Was +denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung, +etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen +und mich an ein anderes gewöhnen soll? Was hat er +dir von mir erzählt? Wie schien er dir – streng ... +böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... +Morgen mußt du kommen, vergiß nicht ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-13"> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +XIII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und +fast etwas verschämt an, dann verfinsterte sich sein Gesicht +und er trat an den Tisch. +</p> + +<p> +„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den +Samowar gebracht?“ +</p> + +<p> +„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da +ist er schon,“ beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken. +</p> + +<p> +Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als +sie den Herrn erblickte, ganz als hätte sie nur auf ihn +gewartet. Diese Matrjona war eine alte, erprobte und +ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste +von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, +rechthaberischem Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch +fürchtete sie und vor ihm hielt sie den Mund. Dafür +entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna Andrejewna, +war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt +und Tritt den Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, +obwohl sie zu gleicher Zeit ihr und Natascha von +Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in +Ichmenjeffka gekannt. +</p> + +<p> +„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu +sein, und hier will man einem nicht einmal den Tee +bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich hin. +</p> + +<p> +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen +Blick zu, heimlich auf ihren Mann weisend. Er +aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht leiden, +und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe +gab, sie nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch +ansehen, daß er alles wußte und verstanden hatte. +</p> + +<p> +„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann +er plötzlich. „Alles in den Dreck gefahren. Sagte +ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen. Beweise +habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die +Angaben sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“ +</p> + +<p> +Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser +Prozeß zog sich noch immer hin, nahm aber für Nikolai +Ssergejewitsch die denkbar schlechteste Wendung. +Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten +sollte. Er blickte mich argwöhnisch an. +</p> + +<p> +„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte +ihn unser Schweigen, „je schneller, desto besser. Zum +Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich +auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines +Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens +wird die Sache einmal ihr Ende nehmen; sie +befreien mich, indem sie mich zugrunde richten ... +Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“ +</p> + +<p> +„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so +weit!“ konnte Anna Andrejewna sich nicht enthalten, +auszurufen. +</p> + +<p> +„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend +etwas wert?“ fragte er sie brutal und als freute er sich +dieser Erwiderung. +</p> + +<p> +„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +...“ erwiderte Anna Andrejewna, mich traurig ansehend. +</p> + +<p> +„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden +Blick von mir auf sie heftend und wieder zurücklenkend, +„von welchen Menschen? Von Räubern, Verleumdern und +Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht, +auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit +mir fahren willst, so bleibe, bitte, hier; ich werde dich +nicht zwingen, mitzukommen.“ +</p> + +<p> +„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich +denn ohne dich!“ rief die arme Anna Andrejewna. „Ich +habe doch, außer dir, in der ganzen Welt, niem...“ +</p> + +<p> +Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und +flehend an, als bäte sie mich um Beistand und Hilfe. +Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem Wort; ihm +widersprechen durfte man jetzt nicht. +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, +„in Sibirien ist es durchaus nicht so schlimm, wie es +scheint. Wenn das Unglück geschehen sollte, daß Sie +Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht Nikolai +Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann +man einen guten Privatverdienst finden, – und +dann ...“ +</p> + +<p> +„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache +verstehst, Iwan. Ich habe so beschlossen; ich verwerfe die +ganze Sache und fahre.“ +</p> + +<p> +„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief +Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. +„Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan Petrowitsch, +hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +du hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, +und jetzt ...“ +</p> + +<p> +„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? +Wovon werden wir denn leben, was denkst du wohl! +Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem Nichts! +Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch +gehe und ihn um Verzeihung bitte?“ +</p> + +<p> +Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie +vor Schreck an zu zittern. Der Löffel in ihrer Hand +schlug hell und vernehmbar an die Untertasse. +</p> + +<p> +„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der +Alte weiter fort, mit boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. +„Warum nach Sibirien fahren? Besser ist’s, +ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, +Anna Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, +werde mir neue Handschuhe kaufen, und zu Sr. +Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer Durchlaucht, +Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben +Sie mir mein Stück Brot wieder, ... meine +Frau ... meine kleinen Kinder! ... Soll ich’s so +machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“ +</p> + +<p> +„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! +Habe nur so aus Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich +dich geärgert habe, nur höre auf.“ Sie zitterte immer +mehr vor Angst und Erregung. +</p> + +<p> +Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er +die Angst und die Tränen seiner armen Frau sah, der +Schmerz seine Seele durchbohrte; ich bin überzeugt, +daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr +an sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, +aber weichen Menschen, die ungeachtet ihrer +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +Güte sich von ihrem eigenen Zorn und Schmerz so +weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, +sich selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden +und ganz unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft +zu ziehen. Frauen, zum Beispiel, haben +oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, +obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück +vorliegt. Auch gibt es Männer, die in dem Falle +oft den Frauen gleichen und sogar starke Männer, die +sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte suchte +den Streit, obgleich er selbst darunter litt. +</p> + +<p> +Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, +ob er sich nicht in der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen +hatte, wie Anna Andrejewna es befürchtete. +Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha +aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht +aufgegeben – was doch gewiß eintreten mußte – +und jetzt nach Hause zurückgekehrt war, sich gekränkt und +beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche +und Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an +jemandem auslassen, und zwar an demjenigen, den er +am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche und Gefühle +zu haben, wie er sie selbst hatte. +</p> + +<p> +Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick +rührte ihn anfangs. Er schien sich seines Zornes zu +schämen und hielt einen Augenblick an sich. Wir schwiegen +alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser +glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was +daraus auch werden möge, er mußte sich davon befreien, +sollte es auch mit einem Wutausbruch oder mit einem +Fluch endigen! +</p> + +<p> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es +leid, ich wollte lieber nichts davon reden, doch ist jetzt +die Zeit gekommen, daß ich mich offen und ohne Winkelzüge +ausspreche, wie es sich so für einen aufrichtigen +Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? +Ich bin froh, daß du gekommen bist, und deshalb +möchte ich vor dir erklären, damit es auch <em>andere</em> +hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern, dem Unglück +und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, +vielleicht mit großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen +habe, kann ich nie und nimmer wieder in mein +Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so +bleibt es. Ich spreche von dem, was vor einem halben +Jahr geschah, du verstehst mich, Wanjä! und ich spreche +jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus, damit du dich +nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, +mit flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten +Blick seiner Frau auszuweichen. „Ich wiederhole +es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt +es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten +Schurken hält, daß <em>alle</em> solcher niedrigen +und schwachen Gefühle mich für fähig halten ... sie +denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere +... Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle +vergessen, aus meinem Herzen gerissen! Für mich gibt +es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es! ...“ +</p> + +<p> +Er stand auf und schlug mit der Faust auf den +Tisch, daß alle Tassen klirrten. +</p> + +<p> +„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, +daß Ihnen Anna Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie +sie doch an, was Sie tun!“ sagte ich, nicht mehr imstande, +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich +goß nur Öl ins Feuer. +</p> + +<p> +„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, +„nicht leid, wenn man auch mich nicht schont! Nicht +leid, weil in meinem Hause Verschwörungen gegen +mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen +und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter +angezettelt werden! ...“ +</p> + +<p> +„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie +nicht! ... Alles was du willst, doch verfluchen darfst +du deine Tochter nicht!“ schrie Anna Andrejewna außer +sich. +</p> + +<p> +„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut +als früher, „denn von mir, dem Beleidigten und Beschimpften +verlangt man, daß ich zu dieser Verfluchten +gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es! +Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, +Tag und Nacht, mit Tränen, Seufzern und dummen +Bemerkungen! Man will mich weich machen ... +Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden +Händen aus seiner Brusttasche Papiere herausziehend, +„sieh diese Papiere an, aus meinem Prozeß! Nach +diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und habe +meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich +zum Schurken, zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, +sieh sie dir an, sieh! ...“ +</p> + +<p> +Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus +der Tasche zu ziehen und sie eines nach dem anderen auf +den Tisch zu werfen, ungeduldig dasjenige suchend, das +er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand er gerade +dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas +hell aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna +schrie laut auf ... es war das verlorene +Medaillon! +</p> + +<p> +Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg +dem Alten zu Kopf und ergoß sich über sein ganzes Gesicht. +Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand da, +die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. +Auf ihrem Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. +Die Röte, die Erregung des Alten ... sie +konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt alles +... das Medaillon! +</p> + +<p> +Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, +vor Freude über den Fund und aus Begeisterung darüber, +es eifersüchtig vor den Augen anderer verborgen +hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von +allen anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes +nicht habe sattsehen können; daß vielleicht auch er wie +sie, die arme Mutter, sich allein in seinem Zimmer eingeschlossen +mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten, +vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht +und Schluchzen erstickt, dieses Bild geküßt und statt des +Fluches Segen und Vergebung vom Himmel erfleht +hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und vor +allen verfluchte. +</p> + +<p> +„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna +Andrejewna, die jetzt ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten +konnte und ganz vergessen zu haben schien, daß +er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht +hatte. +</p> + +<p> +Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +ihn eine wahnsinnige Wut und mit flammenden Augen +nahm er das Medaillon, warf es mit aller Gewalt +auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit +den Füßen zerstampfen. +</p> + +<p> +„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte +er heiser vor Wut. „Auf ewig, auf ewig!“ +</p> + +<p> +„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! +Ihr Gesichtchen ... mit den Füßen zertreten! +Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser Mensch!“ +</p> + +<p> +Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der +Alte inne, ganz erschrocken über das, was geschehen. +Plötzlich hob er das Medaillon auf und wollte aus dem +Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt getan, +als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden +Händen bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor +ihm stehenden Diwan. +</p> + +<p> +Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes +Schluchzen wühlte in seiner Brust, als wollte +es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde in +einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt +hätte er niemand mehr fluchen können, jetzt schämte er +sich nicht seiner Liebesausbrüche und bedeckte vor uns +das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit +Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob +alle Zärtlichkeit, alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange +zurückgehalten, sich jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt +hinausdrängte, und die Riesenkraft des Ausbruches +sein ganzes Sein zerschmetterte. +</p> + +<p> +„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, +die sich über ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. +„Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und Gott selbst +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine +Demut und Güte anrechnen.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, +erstickter Stimme. „Niemals! Niemals!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-14"> +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +XIV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> kam sehr spät zu Natascha; es war bereits +zehn Uhr. Sie lebte damals an der Fontanka, bei der +Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen „Mietshause“ +des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. +In der ersten Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause +lebte sie und Aljoscha in einer reizenden, +wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf +der Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen +Fürsten erschöpft. Musiklehrer war er nicht geworden, +hatte dagegen Geld aufgenommen und bedeutende +Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung +der Wohnung und für Geschenke an Natascha +aus, die sich gegen diese Verschwendung auflehnte, +ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in Tränen +ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha +konnte oft wochenlang darüber nachsinnen und +sich ausdenken, was er ihr schenken solle, und wie sie +sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses +Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im +voraus alle seine Erwartungen und Träume mitteilte, +gab es dann jedesmal eine Enttäuschung, wenn er statt +dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte. Späterhin +kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +Szenen. Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem +Rücken Nataschas noch viel Geld. Er ging mit seinen +Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und +Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha +grenzenlos. Er liebte sie dann fast aus Selbstqual. +Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt, und klagte, +daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse +und nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum +Teil recht, zwischen ihnen war ein großer Abstand; er +fühlte sich vor ihr wie ein Kind und sie behandelte ihn +auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die +Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte +er mich an, Natascha nichts davon zu sagen; und wenn +er dann demütig und zitternd vor Angst sich nach diesem +aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha begab, +(er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit +mir zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut +einzuflößen vermöge), so wußte Natascha schon auf den +ersten Blick, um was es sich handelte. Sie war sehr +eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr möglich +war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer +wieder zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha +tritt mit mir zusammen ein, schuldbewußt und +demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer +Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich +schuldig fühlt, doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie +davon, fragt ihn nie aus, sondern im Gegenteil: sie +verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und heiter. Es +war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits. +Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine +unendliche Genugtuung, zu verzeihen und zu lieben. Es +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +war, als ob in der Vergebung für sie ein besonderer +verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals +nur um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich +und liebend sah, konnte mit seinem Geständnis +nicht länger zurückhalten und erzählte ihr alles, um sich +das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim +alten“ wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, +so geriet er in Begeisterung, weinte oft vor +Freude und Entzücken, küßte und umarmte sie. Darauf +fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher +Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens +mit Josephine, lachte, freute sich und lobte Natascha, +und der Tag wurde fröhlich und glücklich beschlossen. +Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine Sachen +zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine +billige Wohnung an der Fontanka gemietet. Die Sachen +waren bald alle verkauft und Natascha begann ihre +Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als Aljoscha +davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, +verfluchte sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, +trotzdem blieb aber alles beim alten. In der letzten +Zeit waren alle Einkünfte endgültig erschöpft, es blieb +ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit elender +Lohn. +</p> + +<p> +In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha +hatte sich Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. +Die damaligen Absichten des Fürsten, seinen +Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der +Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst +ein Projekt. Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem +Plan, brachte Aljoscha zu seiner zukünftigen Braut, befahl +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und zwang +ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug +sich die Sache damals der Gräfin wegen. In der +ersten Zeit nahm der Vater die Verbindung seines Sohnes +mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er +die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes +kannte – Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig +werden. Daß Aljoscha sich etwa mit Natascha +hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in +den Sinn gekommen – darüber machte er sich keine +Sorgen. Was nun die Liebenden selbst betrifft, so hatten +sie die Vermählung bis zur formellen Aussöhnung +Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften +überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha +wollte offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha +dagegen deutete mir an, daß die ganze Geschichte +seinem Vater in mancher Beziehung sogar +sehr angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, +die die Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der +Form halber fuhr er jedoch fort, seine Unzufriedenheit +seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er verkleinerte +dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung +war er übrigens immer ungemein geizig gewesen) +und drohte, ihm auch noch dieses zu entziehen. Doch +bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die dort +geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte +unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha +noch viel zu jung zur Ehe, doch die Braut war +reich und diese Gelegenheit sollte nicht ungenützt vorübergehen. +Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu +uns drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +Fürsten eine günstige Wendung genommen hätte. Zu +dieser Zeit war er dann wieder nach Petersburg zurückgekehrt. +Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch +die Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte +ihn jetzt sehr unangenehm. Er wurde nun doch +ängstlich. Schroff und nachdrücklich verlangte er die +Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines +besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter +der Gräfin galt für eine Schönheit. Sie war +fast noch ein Kind, von seltener Herzensgüte, hatte eine +reine unschuldige Seele und war heiter, klug und zärtlich. +Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach +einem halben Jahr für seinen Sohn nicht mehr den +Reiz der Neuheit haben und er daher allmählich mit +anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, +als vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in +der Tat auf Aljoscha einen großen Eindruck gemacht zu +haben. Hinzu kam, daß der Vater sich jetzt ungemein +gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm +kein Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser +Zärtlichkeit vorbereitete und war sehr niedergeschlagen, +übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie wenn er +einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen +hatte. Ich wußte es, daß er schon den fünften Tag +nicht mehr bei Natascha erschienen war. Als ich jetzt +von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging, riet ich unterwegs +hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben +würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf +ihrem Fenster. Es war nämlich unter uns abgemacht +worden, daß sie ein Licht an das Fenster stellen sollte, +sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so +konnte ich an dem Licht erkennen, daß sie mich erwartete, +und ich ihr unbedingt nötig war. In der letzten +Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-2-15"> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +XV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten +Armen, in tiefe Gedanken versunken, im Zimmer +auf und ab. Der erloschene Samowar stand auf dem +Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. +Schweigend und mit einem verlorenen Lächeln reichte +sie mir die Hand. Ihr Gesicht war bleich mit leidendem +Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so Zärtliches, +Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen +größer als früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt +und krank aussah. +</p> + +<p> +„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte +sie, mir die Hand reichend, „wollte schon Mawra zu +dir schicken; fürchtete, du wärest schon wieder erkrankt?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten +worden, werde dir sogleich alles erzählen. Doch, was +ist mit dir, Natascha? Was ist geschehen?“ +</p> + +<p> +„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt +über meine Frage. „Was soll denn geschehen +sein?“ +</p> + +<p> +„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, +daß ich kommen soll, hast die Stunde bestimmt, +nicht früher und nicht später; nicht wie gewöhnlich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +„Ach, ja! Ich erwartete <em>ihn</em> gestern.“ +</p> + +<p> +„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“ +</p> + +<p> +„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr +kommt, so muß ich mit dir sprechen,“ fügte sie hinzu +und verstummte. +</p> + +<p> +„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“ +</p> + +<p> +„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends +dort.“ +</p> + +<p> +„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr +wiederkommen wird?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete +sie, mich so eigentümlich ernst ansehend. +</p> + +<p> +Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten +beide und schritten im Zimmer auf und ab. +</p> + +<p> +„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit +einem sonderbaren Lächeln, „und weißt du, was ich getan +habe? Ich ging im Zimmer auf und ab, und sagte +mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, +der Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem +eichenen Tisch ...‘ wir haben es noch zusammen gelesen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt,</p> + <p class="verse">Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ...</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Und dann weiter: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und da scheint es mir – eine Stimme singt</p> + <p class="verse">Weich, harmonisch zum Schellengeläut:</p> + <p class="verse">‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir,</p> + <p class="verse">Um zu ruhen an meiner Brust! ...</p> + <p class="verse">Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein</p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> + <p class="verse">Rot durch der Eisblumen silberne Pracht –</p> + <p class="verse">Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ...</p> + <p class="verse">Und im Ofen knistert das Holz und flammt</p> + <p class="verse">Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... +und wie phantastisch das Bild! Man kann alles hineinmalen, +alles was man will! Zwei Welten: wie es war +und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen +Tisch‘, und das Spiel der Flamme ‚an blumigen +Vorhang am Bett ...‘ wie ist das alles so bekannt. +Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe +das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen +Balken ... Und dann das andere Bild: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt</p> + <p class="verse">Trüb und traurig zum Schellengeläut:</p> + <p class="verse">‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt</p> + <p class="verse">Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘</p> + <p class="verse">Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng</p> + <p class="verse">Meine Stube; dort bläst es herein ...</p> + <p class="verse">Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht</p> + <p class="verse">Und auch er ist erfroren schon längst.</p> + <p class="verse">Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett,</p> + <p class="verse">Krank bin ich, schleppe mich hin ...</p> + <p class="verse">Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt –</p> + <p class="verse">Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ...</p> + <p class="verse">Und nur die Alte daneben, die brummt ...</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel +Zärtlichkeit, wieviel Qual, welch ein Rausch von Qual +und Erinnerung, den man sich selbst heraufbeschwört +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das +schön!“ +</p> + +<p> +Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren +Kampf zu bezwingen. +</p> + +<p> +„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem +kurzen Augenblick und verstummte dann plötzlich wieder, +als hätte sie vergessen, was sie hatte sagen wollen. +</p> + +<p> +Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im +Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte das +Lämpchen. Natascha schien in der letzten Zeit sehr religiös +geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn +man davon sprach. +</p> + +<p> +„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir +brennt das Lämpchen.“ +</p> + +<p> +„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, +Wanjä, du mußt müde sein. Willst du Tee? du hast +sicher noch keinen getrunken?“ +</p> + +<p> +„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“ +</p> + +<p> +„Ja, woher kommst du denn jetzt?“ +</p> + +<p> +„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die +Alten. +</p> + +<p> +„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen +sie dich? ...“ +</p> + +<p> +Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht +wurde noch bleicher vor Erregung. Ich erzählte ihr +ausführlich meine Begegnung mit dem Alten, mein +Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon +– erzählte alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. +Ich verheimlichte nie etwas vor ihr. Sie +griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie +heftig erschüttert. +</p> + +<p> +„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung +unterbrechend, „erzähle ausführlicher, alles, +alles, so ausführlich als möglich; du erzählst nicht ausführlich +genug! ...“ +</p> + +<p> +Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, +durch ihre beständigen Fragen immer wieder unterbrochen. +</p> + +<p> +„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu +mir war?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. +Daß er sich nach dir sehnt, daß er dich liebt +– das ist sicher, aber ob er zu dir wollte, das ...“ +</p> + +<p> +„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie +mich. „Was sagte er, als er es küßte?“ +</p> + +<p> +„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die +zärtlichsten Namen, rief dich ...“ +</p> + +<p> +„Rief mich?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Sie weinte still. +</p> + +<p> +„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem +unterrichtet ist,“ fügte sie nach einigem Schweigen hinzu, +„daran ist kein Zweifel. Er hat von Aljoschas Vater +sicher Nachrichten erhalten.“ +</p> + +<p> +„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu +ihnen! ...“ +</p> + +<p> +„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig +erhebend. +</p> + +<p> +Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu +kommen. +</p> + +<p> +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die +Schultern legend mit traurigem Lächeln, „nein, mein +Lieber, das sagst du immer, doch ... sprich lieber nicht +davon.“ +</p> + +<p> +„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt +enden?“ rief ich traurig aus. „Bist du wirklich +zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun kannst. Und +doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der +Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... +Er ist dein Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen +Stolz, er ist berechtigt, er ist natürlich! Du mußt es +tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos alles +vergeben.“ +</p> + +<p> +„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache +mir keine unnützen Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran +Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie verlassen, ist +vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran +gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! +Du weißt doch selbst, daß es unmöglich ist!“ +</p> + +<p> +„Versuche es!“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es +versuchte, so würde ich ihn noch mehr gegen mich erzürnen. +Vergangenes kehrt nicht wieder; und weißt du, +was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen +Tage der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. +Wenn der Vater mir auch verzeihen würde, so würde er +mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen. Er liebte +noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen +Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, +wie damals, da ich als kleines Mädchen auf seinen +Knien saß und ihm meine Liederchen sang. Von Kindheit +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans +Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor +dem Unglück kaufte er mir noch Ohrringe, heimlich +vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie +ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach +empört, als er später erfuhr, daß ich vom Kauf dieser +Ohrringe schon im voraus gewußt hatte. Drei Tage +vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und +sofort war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, +und – was glaubst du? um mich zu erheitern, nahm +er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er wollte +mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte +und liebte das Kind in mir, doch wollte er niemals daran +denken, daß auch ich einst eine Frau werden würde. +Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber, +wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich +gar nicht wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, +was wird er in mir wiederfinden? Ich bin nicht mehr +dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind, ich habe viel +durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht +zu machen, so würde er doch immer an das vergangene +Glück denken, sich heimlich grämen, weil ich nicht mehr +das von ihm geliebte Kind bin ... das Vergangene erscheint +einem ja immer so schön! Mit Qual wird er +daran denken! O, wie ist das Vergangene schön, +Wanjä!“ rief sie, hingerissen und sich selbst unterbrechend, +mit diesem Wort, das so recht aus ihrem wunden +Herzen kam. +</p> + +<p> +„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, +muß er dich jetzt wieder von neuem kennen lernen und +von neuem lieben. Hauptsächlich aber – kennen lernen. +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! +Denkst du denn wirklich, daß er nicht imstande sein +wird, dich zu verstehen, er, er, mit seinem großen Herzen!“ +</p> + +<p> +„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an +mir zu verstehen? Ich spreche doch nicht davon. Siehst +du: die väterliche Liebe ist auch eifersüchtig. Er ist gekränkt, +daß das mit Aljoscha so ohne ihn geschehen +konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, +daß alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine +Flucht, daß das alles nur meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit +ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist. Ich bin +nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von +Anfang an jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich +habe im Gegenteil, alles in meiner Seele verborgen gehalten, +alles vor ihm versteckt, und das kränkt ihn im +Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen +meiner Liebe, kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen +gegangen bin und mich meinem Geliebten hingegeben +habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie +ein Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same +der Feindschaft wird doch bleiben. Am zweiten, dritten +Tage beginnen die Mißverständnisse, kommen die +Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir +nicht bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife +aus der ganzen Tiefe meines Herzens, daß ich ihn +beleidigt habe, daß ich vor ihm schuldig bin, so würde +es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was mich +selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche +Qualen ich gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn +ich auch alles auf mich nehmen, alles schweigend ertragen +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +wollte, – so würde ihm das noch immer zu +wenig sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn +fordern, er wird verlangen, daß ich meine ganze Vergangenheit, +daß ich Aljoscha verfluchen und meine Liebe +zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von +mir Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr +aus meinem Leben ausstreichen soll. Denn ich – kann +niemandem fluchen, ich kann nichts bereuen ... Wie +es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä, +jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu +gekommen.“ +</p> + +<p> +„Wann wird sie denn kommen?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige +Glück wieder durch Leiden erkämpfen müssen; mit +neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird alles +gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben +gibt!“ +</p> + +<p> +Ich schwieg und sah sie nachdenklich an. +</p> + +<p> +„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ +Sie versprach sich und lächelte darüber. +</p> + +<p> +„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. +Wie kommt das, früher lächeltest du anders.“ +</p> + +<p> +„Was ist denn mit meinem Lächeln?“ +</p> + +<p> +„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl +noch in ihm ... Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint +es einem immer, als ob dir zu gleicher Zeit das Herz +dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha, doch +dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für +ein Kleid? Hast du es jetzt machen lassen, oder schon +früher?“ +</p> + +<p> +„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +zärtlich an. „Nun, und du, was tust du jetzt? Wie geht es +dir?“ +</p> + +<p> +„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es +geht nicht gut vorwärts. Ich bin nicht recht aufgelegt +dazu. Ich könnte ihn ja so niederschreiben, doch mir +tut die gute Idee leid. Sie ist meine Lieblingsidee. +Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte +schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas +Leichtes, Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser +düsteren Richtung bewegt ... Es wäre Zeit, daß wir +wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“ +</p> + +<p> +„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“ +</p> + +<p> +„Smitt ist beerdigt.“ +</p> + +<p> +„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. +Deine Nerven sind zerrüttet. Was sind das alles für +Ideen. Als du mir von deiner Wohnung sprachst, – +diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“ +</p> + +<p> +„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares +... Doch, ich erzähle es dir später.“ +</p> + +<p> +Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz +in Gedanken versunken. +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen +konnte, ich war wie im Fieber,“ sagte sie endlich, +mich mit einem Ausdruck ansehend, der keine Antwort +erwartete. +</p> + +<p> +Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört. +</p> + +<p> +„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, +„ich habe dich hierher gebeten, um dir etwas zu +sagen.“ +</p> + +<p> +„Was ist geschehen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +„Ich werde mich von ihm trennen.“ +</p> + +<p> +„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich +trennen?“ +</p> + +<p> +„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. +Ich habe dich gerufen, um dir alles, alles, zu sagen, +was sich in mir angesammelt hat und was ich bis jetzt +dir gegenüber verschwiegen habe.“ +</p> + +<p> +So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre +geheimen Absichten mitteilen wollte, und stets erwies +es sich, daß ich von diesem Geheimnis schon längst durch +sie selbst unterrichtet war. +</p> + +<p> +„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von +dir gehört! Natürlich könnt ihr nicht zusammen leben, +zwischen euch ist nichts Gemeinsames. Doch ... wirst +du die Kraft dazu haben?“ +</p> + +<p> +„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber +habe ich es beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch +bin ich für ihn sein ärgster Feind. Ich untergrabe ihm +seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich heiraten +kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen +des Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an +mich fesseln. Und deshalb bin ich sogar glücklich, daß +er sich in die – Braut verliebt hat, die man ihm ausgewählt. +Die Trennung von mir wird ihm leichter +fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... +Wenn ich ihn wirklich liebe, so muß ich mich für ihn +opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“ +</p> + +<p> +„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich +werde so zu ihm sein, wie immer. Doch muß ich ein +Mittel finden, damit er mich leicht und ohne Gewissensbisse +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +verlassen kann. Das aber quält mich, +Wanjä. Hilf mir. Kannst du mir einen Rat geben?“ +</p> + +<p> +„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen +zu lieben, und nicht mehr ihn! Und kaum wäre das in +diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen Charakter. +Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. +Nehmen wir an, er habe dich auf immer verlassen; +du brauchtest ihm nur zu schreiben, daß du die +Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort zu +dir gelaufen kommen.“ +</p> + +<p> +„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“ +</p> + +<p> +„Ich –?“ +</p> + +<p> +„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster +Feind. Du kannst von ihm nicht ohne Haß sprechen. +Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir eine Genugtuung +ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! +Besonders, ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“ +</p> + +<p> +„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. +Genug, lassen wir das Gespräch.“ +</p> + +<p> +„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte +sie nach längerem Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, +Wanjä ...“ +</p> + +<p> +„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. +Ich, ich bin dir nicht böse.“ +</p> + +<p> +„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. +Wenn er zu mir kommen sollte, dann wird es doch +nur auf einen Augenblick sein, was glaubst du?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, +ich glaube, er kann die Andere heiraten und auch +dich lieben. Er kann das alles zu gleicher Zeit.“ +</p> + +<p> +„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +ich mich sofort entschließen ... Wanjä! verheimliche +nichts vor mir! Weißt du irgend etwas, das du +mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“ +</p> + +<p> +Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an. +</p> + +<p> +„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein +Ehrenwort, ich habe dir nie etwas verheimlicht. Übrigens, +was ich noch sagen wollte: vielleicht ist er garnicht +so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir +es annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“ +</p> + +<p> +„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch +nur wüßte! Oh, wie würde ich in diesem Augenblick +ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht alles +erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“ +</p> + +<p> +„Erwartest du ihn denn, Natascha?“ +</p> + +<p> +„Nein, er ist bei <em>ihr</em>; ich weiß es; ich habe auskundschaften +lassen. Wie gerne würde auch ich sie +sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es unsinnig von +mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie +ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich +unmöglich?“ +</p> + +<p> +Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde. +</p> + +<p> +„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist +dir wohl zu wenig?“ +</p> + +<p> +„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann +würde ich auch schon alles andere wissen. Höre mich +an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier auf und +ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und +denke. Oft sind die Gedanken so schwer, daß sie mich +wie ein Wirbelsturm niederreißen! Wanjä, kannst du +nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du +mir damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +sehr gelobt. Du gehst doch manchmal des Abends zum +Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse dich ihr +vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr +vorstellen. Sieh, und du würdest mir dann alles von +ihr erzählen.“ +</p> + +<p> +„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s +sich darum: glaubst du denn wirklich, daß du +die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich doch an, wie +gequält und unruhig du bist.“ +</p> + +<p> +„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. +„Alles für ihn. Mein ganzes Leben für ihn. Doch, +weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht ertragen, daß +er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem Augenblick +vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, +ganz wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen +sieht, – er sieht immer gerade in die Augen – und es +kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich hier +bin ... mit dir ...“ +</p> + +<p> +Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit +Verzweiflung an. +</p> + +<p> +„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, +soeben ...“ +</p> + +<p> +„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ +unterbrach sie mich mit blitzenden Augen. „Ich +selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist es, +Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, +was sind das für Qualen! Ich selbst verstehe mich +nicht: in Gedanken kann man alles, in Wirklichkeit jedoch +nichts. Was wird aus mir werden!“ +</p> + +<p> +„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“ +</p> + +<p> +„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Minute ... im Traum, wenn ich wache oder schlafe ... +immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt du, Wanjä, +gehen wir dahin, bringe mich hin!“ +</p> + +<p> +„Aber, Natascha!“ +</p> + +<p> +„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, +Wanjä! Drei Tage lang habe ich nur darüber nachgedacht. +Darum hatte ich dich gerufen ... Du mußt +mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... +Ich habe auf dich gewartet ... drei Tage ... Dort +ist heute ein Abend ... er ist dort ... gehen wir!“ +</p> + +<p> +Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte +man Stimmen. Mawra schien sich mit jemanden zu +streiten. +</p> + +<p> +„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“ +</p> + +<p> +Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich +erblaßte sie. +</p> + +<p> +„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum +hörbarer Stimme. +</p> + +<p> +Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich +ging ins Vorzimmer zu Mawra. Also doch! Es war +Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn anfangs gar +nicht hereinlassen wollte. +</p> + +<p> +„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie +ein Recht dazu hätte. „Was? Wo hast du dich herumgetrieben? +Nun, geh nur, geh! Mir wirst du nichts +vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten +wirst!“ +</p> + +<p> +„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ +sagte Aljoscha, etwas konfus. +</p> + +<p> +„Nun, mal los!“ +</p> + +<p> +„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +er mich erblickte, „wie gut das ist, daß Sie hier sind! +Nun, und ich, sehen Sie, wie soll ich jetzt ...“ +</p> + +<p> +„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete +ich, „was fürchten Sie denn?“ +</p> + +<p> +„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn +ich bin, bei Gott, nicht schuld. Sie denken vielleicht, +daß ich schuldig bin? Sie werden sehen, ich werde mich +gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“ rief +er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an +der geschlossenen Tür lauschend stehen. +</p> + +<p> +Niemand antwortete. +</p> + +<p> +„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig. +</p> + +<p> +„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was +sollte denn sein ...“ +</p> + +<p> +Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit +schüchternem Blick das Zimmer. Niemand war da. +</p> + +<p> +Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem +Schrank und dem Fenster. Sie stand da, als hätte sie +sich verstecken wollen, halb tot, halb lebendig. Und +jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines +Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig +auf sie zu. +</p> + +<p> +„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ +sagte er schüchtern, und sah sie ängstlich an. +</p> + +<p> +„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in +schrecklicher Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. +„Du ... willst du Tee?“ +</p> + +<p> +„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und +verloren. „Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig +bin ... Doch ich bin an nichts schuld, an nichts! Ich +werde dir gleich alles erzählen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar +Natascha. „Nein, nein, das ist nicht nötig ... gib +mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie immer +...“ +</p> + +<p> +Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf +ihren Wangen. Sie hielt die Augen niedergeschlagen, +als fürchtete sie sich, Aljoscha anzusehen. +</p> + +<p> +„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, +„wenn ich mich wirklich schuldig fühlte, so würde ich +wahrlich nicht gewagt haben, sie jetzt noch anzusehen! +Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir gewandt: +„Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. +Fünf Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, +ich sei bei der Braut – und was glauben Sie? Sie +hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die Hand +und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, +mein Engel! Ich bin nicht schuld daran, daß du es +weißt! Ich bin nicht im geringsten schuld daran. Im +Gegenteil! Im Gegenteil!“ +</p> + +<p> +„Aber ... aber wie kommst du denn <em>hierhin</em> +... Man hatte dich doch <em>dahin</em> gerufen? Wieviel +Uhr ist es denn?“ +</p> + +<p> +„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei +krank und bin fortgefahren und – das ist das erste +Mal, das erste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei +bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir fahren +konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher +kommen können, doch wollte ich es absichtlich nicht! Und +warum? Du wirst es gleich erfahren; ich werde alles +erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles zu erklären; +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In +nichts!“ +</p> + +<p> +Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein +Blick leuchtete so aufrichtig, sein Gesicht war so freudig +erregt, so ehrlich und lustig, daß man ihm alles glauben +mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem +Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie +das früher in ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch +Natascha, wie von zu viel Glück überschüttet, senkte nur +ihren Kopf und begann plötzlich ... leise zu weinen +... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er +stürzte zu ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre +Füße. Er war außer sich. Ich schob ihr einen Sessel +hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in +den Sessel. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-3"> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +Zweiter Teil +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +I. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ach</span> einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig. +</p> + +<p> +„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte +uns Aljoscha mit seiner hellen Stimme. „Ihr +denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit Dummheiten +komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes +mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht +endlich mal aufhören!“ +</p> + +<p> +Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und +er schien uns wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu +wollen. Doch seine Wichtigtuerei und der naive Stolz +über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha zum +Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung +Aljoschas wiederum brachten uns schließlich so weit, +daß wir nur den kleinen Finger zu zeigen gebraucht +hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort +vor Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra +aus der Küche und stellte sich an der Tür auf; mit ernstem +Unwillen betrachtete sie uns, wütend, daß Aljoscha +nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, +auf die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut +hatte, und daß sie uns statt dessen so fröhlich sehen +mußte. +</p> + +<p> +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, +daß Aljoscha anfing, sich beleidigt zu fühlen. +</p> + +<p> +„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie +ihn. +</p> + +<p> +„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, +Aljoscha ohne jegliche Rücksicht unterbrechend. +</p> + +<p> +„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte +ihr mit Händen und Füßen ab, damit sie sich schneller +entfernen sollte. „Ich werde alles erzählen, wie es gewesen, +wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß +jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt +wissen, wo ich die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, +was ich euch erzählen will, ihr aber laßt mich nicht dazu +kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich die +ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange +habe ich dich betrogen, und das ist es ...“ +</p> + +<p> +„Betrogen?“ +</p> + +<p> +„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor +Papas Ankunft; jetzt ist endlich die Zeit gekommen, da +ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor einem Monat, +als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich +plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden +gar nicht gezeigt habe. In diesem Brief erklärte +er mir einfach und geradeaus – und bemerkt wohl, in +einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört +hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also +einfach, daß meine Heirat schon beschlossene Sache sei, +daß meine Braut eine weibliche Vollkommenheit und +ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie aber trotzdem +heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir +alle Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +und so weiter – wie es euch schon bekannt ist. Diesen +Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht gezeigt und auch +nichts von ihm erwähnt.“ +</p> + +<p> +„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, +„was du behauptest! Im Gegenteil, du hast ihn uns +sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch, wie du plötzlich +zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und +nicht von mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor +mir ... und den ganzen Brief hast du uns stückweise +mitgeteilt.“ +</p> + +<p> +„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch +sicher nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide alles erraten, +ich jedenfalls habe nichts erzählt. Ich habe geschwiegen +und schrecklich darunter gelitten.“ +</p> + +<p> +„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals +jeden Augenblick um Rat fragten und mir alles erzählten,“ +fügte ich hinzu, mit einem Blick auf Natascha. +</p> + +<p> +„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung +auf. „Was kannst du denn verheimlichen? +Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar +Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“ +</p> + +<p> +„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich +Mawra wieder ein. „In den drei ersten Tagen hast du +alles erzählt. Du Schlauberger!“ +</p> + +<p> +„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun +zu haben! Das behauptest du alles nur aus Bosheit, +Natascha! Und du, Mawra, du irrst dich gewaltig. Ich +weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“ +</p> + +<p> +„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“ +</p> + +<p> +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, +das war damals, als wir kein Geld hatten und du gingst +noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu versetzen; doch +erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz +und gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. +Nun, nehmen wir an, ich habe euch wirklich damals +alles erzählt, doch den Ton, den Ton des Briefes, +den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch +die Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“ +</p> + +<p> +„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha. +</p> + +<p> +„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. +Scherze nicht. Ich versichere dir, das ist sehr wichtig. +Der Ton war so, daß ich einfach die Hände fallen ließ. +Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher müßte +Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: +sieh, so ist der Ton!“ +</p> + +<p> +„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du +denn das vor mir verheimlichen?“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich +hoffte, alles wieder gut zu machen. Aber eine schwere +Zeit brach an, als mein Vater nun zurückkehrte. Ich +wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar antworten, +und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte +nicht einmal danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, +er gab sich den Anschein, als wäre alles zwischen uns +beschlossen und zu unserer gegenseitigen Befriedigung +abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche +Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich +und liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er +klug ist, Iwan Petrowitsch, wenn Sie wüßten! Er hat +alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen ansieht, +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat +man ihn wohl auch einen Jesuiten genannt. Natascha +liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei nicht böse, Natascha +... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang +kein Geld, gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. +Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut aufgehört. +Sieh, hier! Alles, was er mir in diesem halben +Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, +wie viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. +Mawra sieh mal, wie viel es ausmacht, jetzt brauchen +wir keine Löffel mehr zu versetzen!“ +</p> + +<p> +Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, +wohl über tausend Rubel und legte ihn auf den Tisch. +Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn sehr. Natascha +drang in ihn, weiter zu erzählen. +</p> + +<p> +„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr +Aljoscha fort. „Wie soll ich jetzt gegen seinen Willen +handeln? Denn ich schwöre euch beiden, wäre er schlecht +und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir weiter +keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins +Gesicht gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener +Mensch bin und – Schluß! Und glaubt mir, ich +hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt – was soll +ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich +sehe, daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum +seht ihr euch gegenseitig so an? Wahrscheinlich +denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn jetzt gekriegt und +er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe Charakter, +mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet +meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine +Pflicht, meine Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +und ich habe ihm alles gesagt und er hat mir +ruhig zugehört.“ +</p> + +<p> +„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, +unruhig geworden, Natascha. +</p> + +<p> +„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich +schon selbst eine habe – und das wärest du! Das heißt, +ich habe es ihm noch nicht genau so gesagt, sondern ihn +nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm +sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst +begann ich damit, daß es Schimpf und Schande wäre, +um des Geldes willen zu heiraten, und wenn wir uns +für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre +das einfach – dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie +zu einem Bruder). Darauf habe ich ihm erklärt, daß +ich zum Dritten Stande gehöre, zum <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">tiers-état</span> und +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le tiers-état c’est l’essentiel</span>; daß es mein Stolz +wäre, mit allen gleich zu stehen, mich von niemandem +zu unterscheiden ... mit einem Wort, ich habe ihm +alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt ... Ich +ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war +selbst über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte +ihn einfach: was wir für Fürsten seien? Vielleicht nur +dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in Wirklichkeit, +was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären +wir nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. +Heutigentags ist der größte Fürst – Rothschild. Zweitens +hat man in der großen Welt von uns schon +längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon +Walkowskij, der Letzte aus der Familie, der in Moskau +bekannt war, ja – der hatte seine ganzen dreihundert +Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt +selbst das Land pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. +Wir hätten also nichts, auf das wir stolz sein könnten. +Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen, was in +mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar +noch manches hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, +sondern warf mir nur vor, daß ich das Haus des Grafen +Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die Bekanntschaft +der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse +und daß ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig +aufnähme, überall empfangen werden würde und Karriere +machen könnte usw. usw.! Das waren alles Anspielungen +darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt +hättest, diese Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu +sprechen, hat er bis jetzt unterlassen. Wir sind beide +schlau; wir warten beide, wie der eine den andern fangen +wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße +wird es Feiertag geben.“ +</p> + +<p> +„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet +es denn, was hat er beschlossen? Das ist doch die +Hauptsache! – Was bist du doch für ein Schwätzer, +Aljoscha ...“ +</p> + +<p> +„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug +werden; ich bin durchaus kein Schwätzer, ich rede ganz +sachlich. Er hat einfach nicht so beschlossen, sondern +nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm sagte. ‚Ich +bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst, +doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich +aber dort, von diesen Dingen zu reden. Ich verstehe +dich zur Not noch, sie aber werden dich nicht verstehen.‘ +Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern empfangen; +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint +man meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern +zu sehen. Der Graf empfing mich zuerst ganz von +oben herab; er schien es völlig vergessen zu haben, daß +ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es +für ‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, +doch kann dabei von Undankbarkeit meinerseits +keine Rede sein; in seinem Hause ist es einfach langweilig +und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht +mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er +so herablassend, so herablassend, daß ich einfach nicht +verstehe, wie er noch zu ihm fahren kann. Das hat mich +sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den +Rücken beugen, und das alles meinetwegen – und ich, +ich habe das alles garnicht nötig. Ich hätte meinem +Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ es +bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung +kann ich ihm nicht nehmen, ich verärgere ihn nur und +er hat es ohnehin schon schwer. Nun, denke ich mir, +ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen +zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich +habe sofort alles erreicht und in einem Tage hat sich +alles geändert! Graf Nainskij weiß jetzt nicht mehr, +wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich +ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein +Vater vor Erstaunen ...“ +</p> + +<p> +„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ +unterbrach ihn ungeduldig Natascha: „ich dachte, du +hättest etwas zu erzählen, was uns anbetrifft, doch du +erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen ausgezeichnet +hast. Was geht mich dein Graf an!“ +</p> + +<p> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, +was geht er Sie an? Aber das ist doch die +Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’ mich +doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum +soll ich’s nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, +und Natascha haben oft gefunden, daß ich +nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich wirklich +einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere +euch, habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel +Klugheit; so daß Sie beide, denke ich, selbst sehr froh +sein werden, daß ich nicht immer – dumm bin.“ +</p> + +<p> +„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ +doch, mein Lieber!“ +</p> + +<p> +Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha +für dumm hielt. Wie oft war sie nicht gekränkt +gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie, Aljoscha irgendeiner +seiner Dummheiten überführte. Es war ein +wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung +Aljoschas nicht ertragen, um so weniger, +als sie sich seiner geistigen Beschränktheit bewußt war. +Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, +um seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber +schien in der Beziehung besonders empfindlich zu sein +und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle. Natascha +wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte +davon abzulenken. Deshalb berührten sie +seine Worte auch dieses Mal peinlich ... +</p> + +<p> +„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist +durchaus nicht so ...“ fügte sie hinzu, „warum sich +erniedrigen?“ +</p> + +<p> +„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +erzählen. Nach diesem Empfang beim Grafen war der +Vater außer sich über mich. Warte, denke ich! Wir +fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, +daß sie vor Alter den Verstand verloren habe, fast +taub sei und über alles Hunde liebte. Sie besitzt ein +ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf sie kommen. +Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß +in der Welt, daß sogar Graf Nainskij, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le superbe</span>, +bei ihr antichambriert. Schon unterwegs hatte +ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr wohl, +worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich +lieben. Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt +in mir ein solcher Magnetismus oder kommt es daher, +daß ich selbst Tiere so gern habe, ich weiß es nicht, doch +die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den +Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, +Natascha, daß wir vor ein paar Jahren Geister +beschwört haben, ich war bei einem Spiritisten; das ist +sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich wirklich +in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ +rief Natascha, hell auflachend. „Das fehlte auch noch!“ +</p> + +<p> +„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich +weiß nicht, ver... Warum soll ich nicht das Recht +haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn +dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“ +</p> + +<p> +„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein +Lieber! Nun, und was sagte dir Julius Cäsar?“ +</p> + +<p> +„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und +der Bleistift schrieb von selbst auf das Papier. Alle +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich glaubte es aber +nicht.“ +</p> + +<p> +„Und was schrieb er denn?“ +</p> + +<p> +„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu +lachen!“ +</p> + +<p> +„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“ +</p> + +<p> +„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also +zur Fürstin und ich begann sofort, Mimi den Hof zu +machen. Diese Mimi ist ein altes, ekliges, widerwärtiges +Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die +Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere +Mimi sofort mit Konfekt und bringe das Tier in +zehn Minuten so weit, daß es mir die Pfote gibt, was +man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen +können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, +fast hätte sie vor Freuden weinen können: ‚Mimi, +Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es, wenn jemand +eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat +es ihm beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi +reicht die Pfote.‘ Dabei sieht sie mich fast mit Tränen +der Rührung an. Die gute Alte; sie kann mir fast +leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um +ihr zu schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild +von ihr als Braut vor sechzig Jahren. Die Dose also +fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte so, als +wäre es mir garnicht bewußt: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Quelle charmante +peinture!</span> Welch ideale Schönheit! Da taute sie +schon ganz auf; sprach mit mir von dem und jenem, wo +ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein +Haar wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, +erzählte ihr ein skandalöses Geschichtchen. Sie liebt +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +das, drohte mir mit dem Finger, aber lachen tat sie +doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und verlangt, +daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. +Der Graf drückt mir die Hand, seine Augen +schwammen ganz vor Rührung, und der Vater, der doch +der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist – glauben +Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte +fast vor Freude, als wir beide zusammen nach Hause +fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir aufrichtig, +teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere, Verbindungen, +Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht +einmal verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er +mir denn auch das Geld. Das war gestern. Morgen +muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt, +der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes +von ihm, wenn er mich auch von Natascha trennen will, +so sind es doch nur die Millionen Katjäs, die ihn blind +machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie nur +für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er +ungerecht zu dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem +Sohne nicht Glück! So sind sie alle! Man muß ihn +nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er bekommt +sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, +um dich davon zu überzeugen, ich weiß, du bist +ihm gegenüber voreingenommen und, versteht sich, nicht +schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht anklagen +...“ +</p> + +<p> +„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der +Fürstin Karriere gemacht? Darin besteht deine ganze +Schlauheit?“ fragte Natascha. +</p> + +<p> +„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +habe nur darum von der Fürstin erzählt, weil ich durch +sie meinen Vater in die Hand bekomme, doch mit der +Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“ +</p> + +<p> +„Nun, so erzähle doch!“ +</p> + +<p> +„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber +ich selbst noch ganz erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. +„Ich muß bemerken, daß die Verlobung zwischen meinem +Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch +nicht öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie +ohne jeglichen Skandal wieder gelöst werden kann; +nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt ja nur +als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen +Tagen Katjä viel näher getreten bin, so hatten wir +doch bis heute miteinander kein Wort über Zukünftiges +gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch +von der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, +die Einwilligung der Fürstin K. abzuwarten, von deren +Gunst man Goldberge erwartet. Was sie dazu sagen +wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja +so große Verbindungen ... Man möchte mich durchaus +in die Gesellschaft einführen. Daran besteht besonders +die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache +ist nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer +im Auslande wegen nicht mehr empfangen wird, +und wenn die Fürstin sie nicht mehr empfängt, so tun es +die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung mit +Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. +Darum freute sich auch die Gräfin, die früher +gegen die Verlobung war, so sehr über meinen Erfolg +bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die +Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +einem Jahr kennen gelernt; aber damals war ich noch +ein Junge und konnte nichts begreifen, und nichts besonderes +in ihr finden ...“ +</p> + +<p> +„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als +jetzt,“ unterbrach ihn Natascha, „deshalb konntest du +nichts in ihr finden, aber jetzt ...“ +</p> + +<p> +„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, +„du irrst dich in allem und beleidigst mich! ... Ich +werde dir nichts darauf antworten; höre weiter und +du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest! +Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, +helle und reine Seele ist! Doch, du wirst sie kennen +lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als der +Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie +mir näher angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie +mich beobachtete. Das erweckte in mir die Neugierde +schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei verfolgte, +sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die +ich seit dem Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen +setzte, verfolgte. Ich werde nichts über sie sagen, +ich werde sie nicht loben, ich will nur bemerken: +daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie +ist nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke +und aufrichtige Seele, stark durch ihre Reinheit und +Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr, wie ihr jüngerer +Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst siebzehn +Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in +ihr lebt ein Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; +im Hause schweigt sie immer, als fürchte sie etwas +... Immer ist sie in Gedanken versunken. Meinen +Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +sie nicht, – das habe ich sofort bemerkt. Wenn die +Gräfin behauptet, daß ihre Stieftochter sie sehr liebe, +so tut sie es nur, um gewisser Ziele willen, doch ist es +garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz +als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es +eine verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen +beschloß ich, meine Absicht auszuführen, und heute +abend ist es mir gelungen. Meine Absicht war: alles +Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere +Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male +der ganzen Sache ein Ende zu machen ...“ +</p> + +<p> +„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ +fragte beunruhigt Natascha. +</p> + +<p> +„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und +Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben, sei Dank, +doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß ich, nicht +eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein +durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre +ich unentschieden geblieben, doch allein geblieben, hatte +ich mich vor die Tatsache gestellt, daß die Sache ein +Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie durchführen! +Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe +ihn jetzt ausgeführt!“ +</p> + +<p> +„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“ +</p> + +<p> +„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und +mutig ... Doch vorher muß ich von einem Zufall +erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte. Bevor wir +uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In +dem Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb +an der Türe stehen. Er bemerkte mich nicht. Er war +durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut mit sich +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und +mit dem Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich +fürchtete mich sogar, einzutreten ... Der Vater war +über irgend etwas dermaßen erfreut, so erfreut, daß er +mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach +und sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu +früh war. Bei ihnen war heute niemand zu Gast, und +es war rein ein Irrtum von dir, Natascha, wenn du +gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. +Man hat dich falsch unterrichtet.“ +</p> + +<p> +„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ +doch, was du alles Katjä erzählt hast?“ +</p> + +<p> +„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden +allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, daß man +uns beide verloben möchte, doch daß diese Ehe unmöglich +sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große +Sympathie empfinde und daß sie allein mich retten +könne. Darauf erzählte ich ihr alles. Stelle dir +nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer +Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert +sie davon war. Sie erbleichte sogar. Ich erzählte +ihr also unsere ganze Geschichte: wie du dein Elternhaus +verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir +uns jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe +bitten (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha), +und hofften, daß sie auf unsere Seite träte und einfach +ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten +wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir +einen anderen Ausweg nicht finden könnten. Sie hörte +mir mit großer Aufmerksamkeit und Teilnahme zu. Was +sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte! +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue +Augen. Sie dankte mir, daß ich zu ihr Vertrauen +gehabt, und versprach, uns mit allen Kräften zu helfen. +Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen lernen +wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie +eine Schwester lieb habe, und daß auch du sie lieben +möchtest; und als sie erfuhr, daß ich dich bereits den +fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich selbst +sofort zu dir ...“ +</p> + +<p> +Natascha war gerührt. +</p> + +<p> +„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei +der tauben, alten Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses +mitzuteilen. Ach, Aljoscha, Aljoscha!“ rief Natascha +aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn +Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“ +</p> + +<p> +„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch +brach sie bald darauf in Tränen aus. Denn sie hat +mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie gestand mir, +daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr +schon längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie +von Lüge und Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich +allein für einen aufrichtigen und ehrlichen Menschen +hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit +Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie +vollendete nicht, brach in Tränen aus und verließ das +Zimmer. Wir haben beschlossen, daß sie morgen ihrer +Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht heiraten, +und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. +Sie machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht +schon früher gesagt hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch +dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so edel. Meinen Vater +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und wolle nur +Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn +ich morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt +nämlich, ich würde nichts erreichen), so ist sie dafür, +daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann wird es niemand +wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig +das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. +Wenn du ihre Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch +sie unglücklich ist, wie widerwärtig sie ihr Leben bei der +Stiefmutter und diese ganze Umgebung empfindet! Sie +sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es auszusprechen, +aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. +Natascha, mein Liebling! Wie würde sie sich +freuen, dich zu sehen! Und was für ein gutes Herz sie +hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide +wie geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig +wie Schwestern lieb haben! Ich habe die ganze Zeit +daran gedacht. Ich müßte euch beide zusammenführen. +Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich +bitte noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas +Schlechtes. Mit ihr zusammen möchte ich über +dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt doch, daß +ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“ +</p> + +<p> +Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich +traurig an. Seine Worte umschmeichelten sie und quälten +sie zugleich. +</p> + +<p> +„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich +Katjä kennen und schätzen gelernt. Ich bin doch jeden +Abend bei ihr gewesen. Wenn ich dann nach Hause +zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und +verglich euch miteinander.“ +</p> + +<p> +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd +Natascha. +</p> + +<p> +„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du +besser. Nur wenn ich mit ihr spreche, fühle ich, daß ich +selbst besser, klüger und edler bin. Doch morgen, morgen +wird sich alles entscheiden!“ +</p> + +<p> +„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest +du selbst.“ +</p> + +<p> +„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei +lieb haben, und dann ...“ +</p> + +<p> +„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha. +</p> + +<p> +Aljoscha sah sie unwillig an. +</p> + +<p> +Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter +Weise unterbrochen. In die Küche, die zu gleicher Zeit +das Vorzimmer war, hörte man jemanden eintreten. +Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha, +hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um. +</p> + +<p> +„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller +Stimme. +</p> + +<p> +„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha +blickte uns ganz verwundert an. „Ich werde sehen!“ +</p> + +<p> +Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick +der Lakai des Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt +sich so, daß der Fürst auf der Rückreise nach Hause bei +Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu erfahren, ob +Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde, +entfernte er sich sofort wieder. +</p> + +<p> +„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ +sagte verwirrt Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“ +</p> + +<p> +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete +Mawra wieder die Tür. +</p> + +<p> +„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu +und verschwand. +</p> + +<p> +Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. +Plötzlich flammten ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht +auf den Tisch und blickte erwartungsvoll zur Tür, durch +die der ungebetene Gast eintreten mußte. +</p> + +<p> +„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube +niemanden, dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, +der seine Fassung nicht verloren hatte, erregt zu. +</p> + +<p> +Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst +Walkowskij in eigener Person. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +II. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus +diesem Blicke konnte man nicht erkennen, ob er von einem +Freunde oder Feinde kam. Das Äußere des Fürsten +setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen. +</p> + +<p> +Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein +Mann von fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen +und schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je +nach den Umständen, und zwar plötzlich, mit unvorhergesehener +Geschwindigkeit, zu verändern pflegte, und die in +einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck +überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck +einer mechanischen Feder. Das ebenmäßige Oval des +etwas gebräunten Gesichtes, die prachtvollen Zähne, die +feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön geschnittene +etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der +noch kein Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen +– dies alles machte ihn zum schönen Manne. Und doch +machten seine Züge keinen angenehmen Eindruck. Dieses +Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht seinen +eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, +Erdachtes, Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich +die Überzeugung, daß man niemals seinen wahren +Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das Gesicht +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas +Böses, Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu +lauern. Namentlich zogen die grauen, schönen, offenen +Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie allein konnten +sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen +weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die +Strahlen seines Blickes gleichsam zu spalten und mitten +zwischen den milden, freundlichen Strahlen blitzten dann +böse, mißtrauische, harte, forschende auf ... Er war von +ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant. So schien +er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein dunkelbraunes +und weiches Haar war noch nicht ergraut. +Seine Ohren, Hände und Füße waren von wunderbarer +Form. Er hatte durchaus das, was man Rasse nennt. +Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was +ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren +Bruder von Aljoscha halten können, niemals jedoch für +den Vater eines erwachsenen Sohnes. +</p> + +<p> +Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr +ruhig und fest ins Auge. +</p> + +<p> +„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung +mag Ihnen sonderbar und unangebracht erscheinen; +doch ich hoffe, Sie werden mir glauben, daß ich das +Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus überschaue. +Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu +tun habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich +bitte Sie mir zehn Minuten zu gewähren und Sie +werden meine Handlungsweise begreifen und selbst +rechtfertigen.“ +</p> + +<p> +Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck. +</p> + +<p> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer +noch verwirrt von der Überraschung. +</p> + +<p> +Er verbeugte sich leicht und setzte sich. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar +Worte zu sagen. Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, +ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, +daß Katherina Fedorowna sich schlecht fühle. Die +Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina Fedorowna +selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. +Sie erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. +Darauf sagte sie uns, daß sie in ein Kloster ginge, daß +du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr selbst gestanden hättest, +du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so unwahrscheinliches +Geständnis von seiten Katherina Fedorownas +in einem solchen Augenblick war natürlich nur die Folge +deiner sonderbaren Erklärung ihr gegenüber. Sie war +einfach ganz außer sich. Du verstehst, wie überrascht und +bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte ich +Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. +„Da kam mir denn der Gedanke wieder, der mich schon +lange beschäftigt hatte, so daß ich jetzt dem ersten Impuls +nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde ich +Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen +Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht +zu verwundern. Alles das kam so jäh ...“ +</p> + +<p> +„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es +nötig ist ... und das von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ +sagte etwas stockend Natascha. +</p> + +<p> +Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in +einem Augenblick ganz und gar durchschauen. +</p> + +<p> +„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +„und wenn ich es mir erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, +so tat ich es nur, weil ich wußte, mit wem ich es zu +tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange, obgleich +ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen +muß. Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß +zwischen mir und Ihrem Herrn Vater eine alte Fehde besteht. +Ich will mich nicht rechtfertigen. Vielleicht bin ich +ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher angenommen +habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, +weil ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch +und ich mache kein Geheimnis daraus. Ich bin immer +geneigt, eher das Schlechte als das Gute anzunehmen – +ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit +hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, +meine Mängel zu verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen +über Sie Glauben geschenkt, und als Sie Ihre Eltern +verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch damals +kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich +nach und nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. +Ich konnte mich schließlich davon überzeugen, daß meine +Verdächtigung Ihnen gegenüber tatsächlich unbegründet +war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich mit den +Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr +Vater durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. +Und schon allein, daß Sie, die Sie einen solchen Einfluß +auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht zu einer Heirat +mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein +zeigt Sie von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich +Ihnen gestehen, daß ich bereits fest entschlossen war, mit +aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit meinem Sohne +entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick +verlangt nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. +Sie werden es mir selbst im Laufe unseres Gespräches +zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr Elternhaus +verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es +verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich +rechnete auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, +daß Sie die Ehe mit Aljoscha nicht wollten, bevor der +Familienstreit ein Ende genommen, und daß Sie das gute +Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu +zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit +Ihnen verziehen haben würde. Auch wollten Sie wohl +nicht, daß man von Ihnen sagen konnte, Sie hätten die +Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht. Im Gegenteil, +Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse +Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, +daß ich selbst zu Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns +die Ehre zu erweisen und die Hand meines Sohnes anzunehmen. +Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger Gegner. +Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die +Gründe Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; +Ihre Familie ist nicht angesehen. Wenn ich auch vermögend +bin, so brauchen wir doch mehr. Mit unserer +Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und +Geld nötig. Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings +keine Verbindungen, aber sie ist sehr reich. Ich durfte +keine Zeit verlieren, andere Freier hätten uns die Braut +fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha +viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche +nichts vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf +den Vater sehen, der seinen Sohn aus Habsucht und Vorurteil +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein Mädchen, +das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist +eine schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. +Der zweite Grund für eine Heirat meines +Sohnes mit der Stieftochter der Gräfin ist der, daß dieses +Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung würdig +ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher +Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind +ist. Aljoscha dagegen ist ganz charakterlos, leichtsinnig, +unüberlegt und mit seinen zweiundzwanzig Jahren nicht +nur ein halbes, sondern ein vollkommenes Kind, das nur +den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was +bei seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich +habe schon längst bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich +verringert hat: das jugendliche Feuer nimmt überhand, +auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich meinerseits +liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr +und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht +für ihn ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er +immer unter irgend einem guten Einfluß stehen. Seine +Natur ist schwach und liebebedürftig, auch hat sie die Neigung, +mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er +sein ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, +wie froh ich war, in Katherina Fedorowna ein Mädchen +zu finden, wie ich es meinem Sohne gern zur Frau gewünscht +hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte +bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach +meiner Rückkehr beobachtete ich ihn scharf und bemerkte +in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein Leichtsinn, +seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich +ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +nur für Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine +Ideen sind noch sonderbar und ungeschickt, doch der Wille, +der Wunsch zum Besseren ist entschieden vorhanden und +das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses Bessere +aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. +Ich gestehe Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, +daß tatsächlich Sie allein vielleicht sein Glück ausmachen +könnten. Doch habe ich diesen Gedanken sofort wieder +unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es +so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß +entreißen, was es mich auch koste; ich handelte danach und +hoffte schon, daß ich mein Ziel erreichen würde. Noch +vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf meiner Seite. +Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine +Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte +mich diese ganz unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser +seltsame Ernst in Aljoscha, seine Anhänglichkeit an Sie, +und die Beharrlichkeit dieser Anhänglichkeit. Ich wiederhole +es Ihnen, Sie haben ihn vollständig umgewandelt und +ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter erstreckt, +als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten +Male an ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und +zu gleicher Zeit eine große Feinfühligkeit des Herzens. Er +hatte den rechten Weg gewählt, um aus dieser Lage heraus +zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er +rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, +nämlich – die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit +Großmut zu vergelten. Er gab sich ganz in die Gewalt +des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen Teilnahme +und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, +die ihn liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Nebenbuhlerin hätte, und zu gleicher Zeit erweckte er in +ihr Sympathie zu dieser Nebenbuhlerin und für sich Vergebung +und brüderliche Freundschaft. So etwas zu wagen +und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten +und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines +und gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, +daß Sie, Natalja Nikolajewna, an seinem heutigen +Schritte vollkommen unbeteiligt sind. Sie haben, vielleicht, +von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht +wahr, ich irre mich nicht?“ +</p> + +<p> +„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren +Gesicht glühte und deren Augen eigentümlich leuchteten. +Die Dialektik des Fürsten begann bereits, ihre Wirkung +auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen nicht mehr +gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein +ausgedacht und allein ausgeführt.“ +</p> + +<p> +„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, +ist seine ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge +Ihres Einflusses. Dies hatte ich mir alles auf der Fahrt +nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte ich in mir die +Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere Werbung +im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und +kann nicht wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch +möglich wäre. Wie, wenn ich mich jetzt hätte überzeugen +müssen, daß nur Sie sein Glück ausmachen, daß nur +Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen +nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich +liebe Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz +bewußtermaßen alles das nur für ein Vorurteil halte, – +doch ich liebe nun einmal diese Vorurteile. Aber es gibt +Umstände, in denen man auch andere Auffassungen gelten +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben +Maße messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn +über alles. Kurz, ich bin zu der Überzeugung gekommen, +daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen soll, weil er +ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß +ich mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu +entschlossen hatte, und daß ich jetzt recht daran getan, die +Sache so aufzufassen. Freilich, um Ihnen dieses Geständnis +zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so spät am +Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen +beweisen, wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig +ich mich der Sache annehme. Ich bin kein Jüngling, in +meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte Schritte +mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon +beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde +noch viel Zeit brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu +überzeugen ... Doch zur Sache! Soll ich Ihnen jetzt +noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin? Ich +bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit +zu tun und bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung +zu Ihnen für meinen Sohn um Ihre Hand anzuhalten. +O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen gekommen +bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über +sich gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr +Glück einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, +wenn Sie das von mir voraussetzen. Denken Sie, bitte, +auch nicht, daß ich schon im voraus von Ihrer Einwilligung +überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der erste, +der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist +... (wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und +er selbst wird es bestätigen. Doch das wäre noch wenig. +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +Mich hat zu dieser Stunde nicht nur dies hierher gezogen +... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob +sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... +ich bin hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich +weiß, daß ich dazu nicht das kleinste Recht beanspruchen +kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir, daß ich +mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“ +</p> + +<p> +Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete +ihre Antwort. Die ganze Zeit, während seiner Rede, +beobachtete ich ihn aufmerksam. Er merkte es. +</p> + +<p> +Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit +merkbarer Absicht, tadellose und zugleich gewinnende Sätze +zu formen, und stellenweise wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. +Der Ton seiner Rede entsprach durchaus nicht +dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit. Einige +Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin +und wieder gab er sich, während seiner langen Rede, den +Anschein eines Sonderlings, der seine Gefühle durch Humor +und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir das +alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit +so viel Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, +daß er uns sofort alle damit besiegte. An seinen Augenwimpern +schienen Tränen zu erglänzen. Nataschas edles +Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls von +ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre +Hand. Er ergriff sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. +Aljoscha war außer sich vor Begeisterung. +</p> + +<p> +„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. +„Du hast mir nicht glauben wollen! Du hast mir nicht +glauben wollen, daß er der edelste Mensch auf der Welt +ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser +erwiderte seine Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle +Szene abzukürzen, als schäme er sich seiner Gefühle. +</p> + +<p> +„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich +gehe. Ich erbat mir nur zehn Minuten und habe eine +ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“ fügte er lächelnd hinzu. +„Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie möglichst +bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie +des öfteren besuche?“ +</p> + +<p> +„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch +ich möchte Sie so bald als möglich ... lieben lernen ...“ +fügte sie ganz verwirrt hinzu. +</p> + +<p> +„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst +über ihren Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht +nur eine einfache Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit +ist mir viel teurer als alle Höflichkeit. Ja! Ich +sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch verdienen muß!“ +</p> + +<p> +„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ +flüsterte Natascha ganz bestürzt. +</p> + +<p> +Wie schön war sie in diesem Augenblick! +</p> + +<p> +„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch +noch ein paar Worte zur Sache. Können Sie sich vorstellen, +wie unglücklich ich bin, denn weder morgen, noch +übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt +heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, +die meine Anwesenheit verlangt. Morgen früh also +verlasse ich Petersburg. Bitte, glauben Sie nicht etwa, +ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen, weil +es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen +wäre. Natürlich denken Sie gar nicht daran, aber – +nun sehen Sie, da haben Sie wieder eine Probe meines +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in +meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, +ist nichts als die Folge dieses elenden Charakterzuges! +... Heute haben wir Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, +Freitag werde ich also nicht in Petersburg sein. +Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde +Sie dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen +Abend zu Ihnen kommen?“ +</p> + +<p> +„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend +abend werde ich Sie erwarten! Mit Ungeduld werde +ich Sie erwarten!“ +</p> + +<p> +„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich +Sie näher kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! +Ich kann nicht umhin, auch Ihnen die Hand zu reichen,“ +wandte er sich plötzlich an mich. „Entschuldigen Sie, wir +sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl schon des +öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir +sind uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von +hier fortgehen, ohne Ihnen versichert zu haben, daß es +mir sehr angenehm ist, unsere Bekanntschaft zu erneuern.“ +</p> + +<p> +„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine +Hand, „doch erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu +sein.“ +</p> + +<p> +„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich +versichere, daß ich es dieses Mal nicht vergessen werde. +Dieser Abend wird mir durchaus in der Erinnerung bleiben.“ +</p> + +<p> +„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der +aufrichtigste Freund Natalja Nikolajewnas und meines +Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien als der Vierte +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten +wandte er sich wieder an Natascha. +</p> + +<p> +„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen +alle Freunde sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung. +</p> + +<p> +Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, +daß der Fürst mich nicht vergessen hatte. Wie sie mich +doch lieb hatte! +</p> + +<p> +„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ +fuhr der Fürst fort, „und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten +Verehrerinnen. Es würde sie sehr freuen, Sie persönlich +kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin, meine +beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna +Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen +Damen vorstellen zu dürfen.“ +</p> + +<p> +„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt +wenig in der Gesellschaft verkehre ...“ +</p> + +<p> +„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? +Ich werde das Vergnügen haben ...“ +</p> + +<p> +„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig +...“ +</p> + +<p> +„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm +sein. Ich wohne in der M.-Gasse im Hause Klugen.“ +</p> + +<p> +„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! +Wohnen Sie ... schon lange dort?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich +schärfer ins Auge. „Meine Wohnung ist +Nummer vierundvierzig.“ +</p> + +<p> +„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... +allein?“ +</p> + +<p> +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +„Ganz allein.“ +</p> + +<p> +„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so +besser ... Ich werde Sie bestimmt besuchen, bestimmt! +Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden und ich verspreche +mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen +Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich +mit einer Bitte. Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir +noch einmal Ihre Hand!“ +</p> + +<p> +Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals +Nataschas Händchen, und forderte Aljoscha nicht auf, ihm +zu folgen. +</p> + +<p> +Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles +das hatte sich so plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle +fühlten wir, daß sich in einem Augenblick alles verändert +und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen würde. Aljoscha +setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise +zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, +als erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde. +</p> + +<p> +„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ +sagte sie endlich zu ihm. +</p> + +<p> +„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich +werde es bestimmt tun.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu +sehen ... was meinst du?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe +ich gedacht. Ich werde sehen ... wie ich mich entschließe. +Jetzt, Natascha, hat sich alles bei uns geändert,“ konnte +sich Aljoscha nicht enthalten zu bemerken. +</p> + +<p> +Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an. +</p> + +<p> +„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie +ärmlich deine Wohnung ist, und nicht ein Wort hat er ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +„Worüber?“ +</p> + +<p> +„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, +oder so etwas Ähnliches,“ fügte er errötend hinzu. +</p> + +<p> +„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“ +</p> + +<p> +„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie +er dich lobte! Ich habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, +er fühlt und versteht alles! Und von mir sprach er wie +von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was +tut’s, ich bin es ja auch.“ +</p> + +<p> +„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir +alle. Du, lieber, guter Aljoscha! Du!“ +</p> + +<p> +„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie +meint er das? Ich verstehe es nicht. Doch, was meinst +du, Natascha, soll ich jetzt nicht gleich zu ihm fahren. Sowie +es morgen hell wird, komme ich zu dir.“ +</p> + +<p> +„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. +Und zeige dich ihm noch heute abend, hörst du? +Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst du +mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch +hinzu, ihn zärtlich ansehend. +</p> + +<p> +Alle waren wir voll stiller, reiner Freude. +</p> + +<p> +„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das +Zimmer verlassend. +</p> + +<p> +„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, +Wanjä. Auf morgen früh also.“ +</p> + +<p> +„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war +in großer Aufregung. Sie hatte gehorcht und alles gehört, +was der Fürst gesagt, doch vieles nicht verstanden. Gern +wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr stolz +und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß +sich nun alles ändern würde. +</p> + +<p> +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine +Hand und blieb stumm, als wüßte sie nicht, womit sie +beginnen sollte. +</p> + +<p> +„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher +Stimme. „Höre, du gehst doch morgen zu ihnen?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich.“ +</p> + +<p> +„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“ +</p> + +<p> +„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“ +</p> + +<p> +„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie +er es aufnehmen wird. Mein Gott, Wanjä! Wird er +mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen? Nein, das +kann nicht sein!“ +</p> + +<p> +„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich +mich zu versichern. „Er muß sich mit ihm aussöhnen und +dann wird alles anders werden.“ +</p> + +<p> +„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das +nur möglich wäre!“ rief sie verzweifelt aus. +</p> + +<p> +„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt +zum besten kehren.“ +</p> + +<p> +Sie sah mich forschend an. +</p> + +<p> +„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“ +</p> + +<p> +„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er +meiner Meinung nach ein edler Mensch!“ +</p> + +<p> +„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du +damit sagen? Könnte er denn auch unaufrichtig gesprochen +haben?“ +</p> + +<p> +„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. +„Also steigen auch in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. +„Sonderbar!“ +</p> + +<p> +„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend +...“ +</p> + +<p> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“ +</p> + +<p> +„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich +bin jetzt müde, mein Lieber. Weißt du? Gehe auch du +nach Haus. Und morgen komme von ihnen so bald als +möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, +daß ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“ +</p> + +<p> +„Nein ... wieso Beleidigendes?“ +</p> + +<p> +„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch +eigentlich, daß ich ihn jetzt noch nicht liebe.“ +</p> + +<p> +„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv +und spontan. Du warst so wunderbar in diesem Augenblick! +Dumm wäre nur <em>er</em>, wenn er es mit seinem Gesellschaftsempfinden +nicht verstünde!“ +</p> + +<p> +„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? +Wie schlecht, mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! +Lache nicht über mich, du weißt, ich verberge nichts vor +dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund! Wenn ich +nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder +zu mir kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir +bleibt! Wodurch habe ich das alles verdient! Verwünsche +du mich nie, Wanjä! ...“ +</p> + +<p> +Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich +sofort zu Bett. Im Zimmer bei mir war es feucht und +dunkel wie in einem Keller. Sonderbare Gedanken und +Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte +ich nicht einschlafen. +</p> + +<p> +Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht +haben, der in seiner luxuriösen Wohnung in weichem +Bette ruhig einschlief – wenn er uns überhaupt eines +Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das +nicht einmal! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +III. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung +verlassen wollte, um nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs +zu gehen und von dort zu Natascha, stieß ich an +der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen +Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. +Ich weiß nicht warum, doch war ich ungemein erfreut +darüber. Gestern hatte ich sie mir in der Dunkelheit +kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr +Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich +gewesen, ein eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem +Äußeren nach, zu finden. Klein von Wuchs, mit blitzenden, +dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem, dunklem, +widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, +fast unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden +fesseln müssen. Besonders aber setzte mich dieser +Blick in Erstaunen: in ihm lag so viel Klugheit und +ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr abgetragenes +und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch +mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend +einer inneren Krankheit leiden müßte, die langsam, aber +sicher ihren Organismus zerstörte. Ihr bleiches, mageres +Gesichtchen hatte einen krankhaften, gelblich braunen +Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie +hatte wundervoll geschwungene Brauen, schön war ihre +breite etwas niedrige Stirn, die Lippen waren fein gezeichnet +in einem stolzen und kühnen Bogen, doch fast +farblos. +</p> + +<p> +„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich +wußte, daß du wiederkommst. Komm mal herein!“ +</p> + +<p> +Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, +und blickte mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete +sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, +als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen Einwohner +verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch +die Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch +nicht recht bei Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen +immer noch; ich wartete. +</p> + +<p> +„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden +geschlagen. +</p> + +<p> +„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! +Ich hatte sie für dich aufgehoben.“ +</p> + +<p> +Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein +wenig den Mund, wie zu einem ungläubigen Lächeln. +Doch das Lächeln verschwand sofort wieder und verwandelte +sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck. +</p> + +<p> +„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie +plötzlich, mich ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. +</p> + +<p> +„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“ +</p> + +<p> +„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen +würde? Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte sie, mich +plötzlich unterbrechend. +</p> + +<p> +„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +ganz allein, ohne jegliche Hilfe hätte leben können. Er +war so alt und schwach, da dachte ich, jemand muß doch +für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du hast +wohl aus ihnen gelernt?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Wozu brauchtest du sie denn?“ +</p> + +<p> +„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm +kam.“ +</p> + +<p> +„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“ +</p> + +<p> +„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank +wurde,“ fügte sie, sich gleichsam entschuldigend, hinzu. +</p> + +<p> +„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“ +</p> + +<p> +Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und +ein erschreckter Blick traf mich. Sie verstummte wieder +vollständig, drehte sich um und ging leise aus dem Zimmer, +ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie +gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle +blieb sie stehen. +</p> + +<p> +„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu +mir gekehrt, hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, +als sie, mit dem Gesicht zur Tür gewandt, nach Asorka +fragte. +</p> + +<p> +Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen +Worten. Sie verharrte bewegungslos in ihrer Stellung +und hörte gespannt zu. Ich sagte ihr auch, daß der Alte +sterbend von der sechsten Linie gesprochen hätte. +</p> + +<p> +„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand +von den Seinen leben mußte, daher erwartete ich auch, +daß man sich bei mir nach ihm erkundigen würde. Sicher +hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten Augenblick an +dich gedacht hat.“ +</p> + +<p> +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht +geliebt.“ +</p> + +<p> +Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater +erzählte, beugte ich mich zu ihr hinab, um ihr ins +Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche Anstrengungen sie +machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu verbergen. +Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte +krampfhaft an ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte +mich ihr Herzklopfen: ich konnte es auf zwei bis drei +Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie würde +plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah +nicht. +</p> + +<p> +„Wo ist der Zaun?“ +</p> + +<p> +„Welcher Zaun?“ +</p> + +<p> +„An welchem er starb.“ +</p> + +<p> +„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. +Höre, wie heißt du?“ +</p> + +<p> +„Nicht nötig ...“ +</p> + +<p> +„Warum nicht?“ +</p> + +<p> +„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte +sie abgebrochen und schickte sich an fortzugehen. Ich hielt +sie zurück. +</p> + +<p> +„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir +doch nur Gutes tun; du tust mir leid seit gestern, wie du da +in der Ecke weintest. Ich kann gar nicht daran denken +... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen gestorben, +und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die +sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. +Ich sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die +Bücher habe ich für dich aufbewahrt, und du bist so scheu +und fürchtest dich vor mir. Du bist sicher ein Waisenkind, +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist es so +oder nicht?“ +</p> + +<p> +Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, +was mich zu ihr zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes +als nur Mitleid. Etwas Geheimnisvolles, das +mit Smitt zusammenhing, und meine eigene phantastische +Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen +sie gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer +mißtrauisch an, wenn auch jetzt nicht mehr so finster. +Dann blickte sie wieder nachdenklich zu Boden. +</p> + +<p> +„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und +kaum hörbar. +</p> + +<p> +„Also, Helene heißt du?“ +</p> + +<p> +„Ja ...“ +</p> + +<p> +„Wirst du mich besuchen?“ +</p> + +<p> +„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte +sie wie im inneren Kampfe. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte +zusammen und mit einem unbeschreiblich qualvollen Ausdruck +fragte sie mich immer noch flüsternd: +</p> + +<p> +„Wieviel Uhr ist es?“ +</p> + +<p> +„Ich glaube halb elf.“ +</p> + +<p> +Sie schrie auf. +</p> + +<p> +„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte +zur Tür hinaus. Doch erhaschte ich sie noch im Flur. +</p> + +<p> +„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. +„Wen fürchtest du? Warum hast du dich verspätet? +Wohin mußt du?“ +</p> + +<p> +„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! +Sie wird mich schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich +aus meinen Händen befreiend. +</p> + +<p> +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, +auch ich muß dahin. Ich habe mich gleichfalls +verspätet und werde mir eine Droschke nehmen. Du +fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann +kommst du schneller hin, als zu Fuß ...“ +</p> + +<p> +„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ +schrie sie in noch größerer Angst. Ihre Züge verzerrten +sich bei dem für sie fürchterlichen Gedanken, ich könnte +dahin kommen, wo sie lebte. +</p> + +<p> +„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte +Linie muß, in meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus +nicht zu dir kommen will! Mit der Droschke geht +es schneller. Fahren wir!“ +</p> + +<p> +Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die +erste beste Droschke, die vor Alter in allen Fugen krachte. +Sie mußte es wohl sehr eilig haben, da sie einwilligte, +mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß ich sie +nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit +den Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke +zu springen, als ich sie nur danach fragte, wen sie doch +zu Hause so fürchte? „Was ist denn das für ein Geheimnis?“ +dachte ich. +</p> + +<p> +Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem +Stoß griff sie mit ihrer kleinen, schmutzigen Hand nach +meinem Paletot. In der anderen Hand hielt sie ihre +Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie +teuer ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal +zurechtsetzte, sah ich zu meinem größten Erstaunen, +daß ihre Füße ohne Strümpfe in zerrissenen Stiefeln staken. +Obgleich ich beschlossen hatte, sie um nichts mehr +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas +zu bemerken: +</p> + +<p> +„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. +„Wie kann man barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte +gehen?“ +</p> + +<p> +„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen. +</p> + +<p> +„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, +konntest du dir denn nicht Strümpfe verschaffen, wenn +du schon ausgehen mußtest.“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“ +</p> + +<p> +„Um so besser.“ +</p> + +<p> +Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen +ärgerten sie offenbar sehr. +</p> + +<p> +„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das +Haus, wo der Alte verendet war. +</p> + +<p> +Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich +an mich mit der Bitte: +</p> + +<p> +„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich +werde zu Ihnen kommen; wenn es mir nur möglich sein +wird, werde ich kommen!“ +</p> + +<p> +„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht +zu kommen. Doch wen oder was fürchtest du so? Du +quälst dich furchtbar, es tut mir leid, dich anzusehen ...“ +</p> + +<p> +„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem +Tone. +</p> + +<p> +„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“ +</p> + +<p> +„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen +blitzten. „Soll sie es doch!“ rief sie bitter aus und ihre +Oberlippe zitterte leise und verächtlich. +</p> + +<p> +Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +befahl dem Kutscher, an der sechsten Linie zu halten, +sprang dann aus dem Wagen und sah sich scheu um. +</p> + +<p> +„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde +kommen!“ wiederholte sie in großer Aufregung und bat +mich flehentlich, ihr nicht zu folgen. „Fahren Sie weiter, +schneller, schneller!“ +</p> + +<p> +Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke +am Kai entlang gefahren war, aus der Droschke und +bog in die sechste Linie ein, wo ich ihr auf der anderen +Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht weit +gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; +einmal blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu +können ob ich ihr folge oder nicht? Ich bog sofort in +ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt. Sie ging +weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite. +</p> + +<p> +Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. +Obgleich ich beschlossen hatte, ihr nicht in das Haus +selbst zu folgen, so wollte ich doch wenigstens wissen, in +welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich stand +unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, +das ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals +in der Konditorei Asorka plötzlich verendet war. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +IV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, +sie fast laufend, bis sie endlich in einen Laden trat. Ich +blieb stehen und wartete auf sie. „Sie wird doch in +keinem Laden leben,“ dachte ich. +</p> + +<p> +Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam +sie wieder heraus und statt der Bücher hielt sie jetzt eine +irdene Schale in der Hand. Nach ein paar Schritten trat +sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten zweistöckigen +schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des +Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener +Sarg – das Zeichen eines Sargmachers. Die +Fenster des oberen Stockwerkes waren außergewöhnlich +klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben, durch +die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über +die Straße auf das Haus zu und las über dem Hoftor +auf dem Blechschild die Inschrift „Haus der Kleinbürgerin +Bubnowa.“ +</p> + +<p> +Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man +plötzlich auf dem Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche +Stimme schreien und schimpfen hörte. Ich blickte durchs +Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein dickes +Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um +den Kopf einen grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +widerwärtiger rotblauer Farbe, ihre kleinen, blutunterlaufenen +Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr an, +daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern +war. Sie fuhr auf die arme Helene los, die mit der +Schale in den Händen bewegungslos vor ihr stand. Oben +auf der Treppe hinter dem Rücken der Alten, stand eine +zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte Frauensperson. +Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk, +und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei +herbeigerufen, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren +Jahren von bescheidenem und angenehmem Äußern. +Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes +lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter +Mann und ein kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe +stand mit dem Besen in der Hand ein kräftiger Bursche, +wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die Szene ansah. +</p> + +<p> +„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du +...“ schrie die Alte einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern +auf einmal heraus, ohne Unterbrechung und +Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst +du mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, +sie aber treibt sich herum! Mein Herz fühlte es, als ich +sie ausschickte. Es nagte und nagte in mir! Gestern +abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie +wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, +wo?! ... Zu wem gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges +Scheusal, du Giftkröte, zu wem? Sprich, du +Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“ +</p> + +<p> +Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die +arme Kleine, als sie aber die andere Frau an der Treppe +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +erblickte, hielt sie plötzlich inne, schrie jedoch jetzt noch +mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen, als wollte +sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens +machen, das ihr armes Opfer begangen. +</p> + +<p> +„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß +sie ganz allein auf der Welt geblieben ist. Haben selbst +nichts zu essen, dachte aber bei mir, du bringst dem heiligen +Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was +aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte +ich sie schon, doch in diesen zwei Monaten hat sie mir +wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das Fleisch abgenagt, +Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, +ich schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie +Wasser im Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt +sie mir – aber sie schweigt! Sag’, wofür hältst +du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich würdest +du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine +Füße müßtest du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt +wärest du jetzt ohne mich!“ +</p> + +<p> +„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern +Sie sich so sehr? Was hat sie denn verbrochen?“ fragte +ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die wütende Megäre +richtete. +</p> + +<p> +„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, +daß man gegen meinen Willen handelt! Sie hätte mich +heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach Gurken in +den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden +zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie +schickte, es nagte in mir, es nagte! Wo war sie? +Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz gebeten? Bin +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete +mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, +und ihren Grasteufel zur Erziehung angenommen, +meine Liebe, das weißt du doch selbst alles! Habe ich +nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das anerkennen +würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück +gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und +Schuhe gekauft und sie wie Feiertags angezogen! Und +was glaubt ihr wohl, meine guten Leute! In zwei Tagen +hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen, +und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, +mit Absicht hat sie es zerrissen – ich will nicht lügen, +habe es selbst gesehen. Da ging mir die Seele über, da +habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später den +Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken +müßte man, dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang +nichts zu essen geben. Die Fußböden hat sie zur Strafe +waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie wäscht +sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie +wäscht! Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum +hatte ich es gedacht, da war sie mir auch schon fortgelaufen! +Ihr habt es selbst gehört, wie ich sie gestern dafür +geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon, +nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch +nicht barfuß gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin +gelaufen! Wo warst du? Sprich? Bei wem hast +du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du +Larvenfratz, sprich?“ +</p> + +<p> +Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst +ganz erstarrte Kind, packte es an den Haaren und warf +es zu Boden. Die Schale mit den Gurken flog zur +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die +Wut der betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins +Gesicht, auf den Kopf; Helene aber schwieg hartnäckig +und gab keinen Laut von sich, keine Klage wurde laut. +Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu. +</p> + +<p> +„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise +so zu behandeln!“ rief ich, die Furie am Arm packend. +</p> + +<p> +„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn +eigentlich?“ keifte sie mich an, sie ließ von Helene ab und +stützte ihre Arme in die Hüften. „Was haben Sie in +meinem Hause zu suchen?“ +</p> + +<p> +„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen +Sie es, ein armes Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen +nicht; ich habe es selbst gehört, daß sie eine Angenommene, +eine arme Waise ist ...“ +</p> + +<p> +„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du +dich da herein zu mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, +wie? Ich werde gleich die Polizei benachrichtigen! +Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester Freund! +Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? +Wie wagst du in ein fremdes Haus zu kommen?!“ +</p> + +<p> +Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch +in dem Augenblick ertönte ein scharfer, unmenschlicher +Schrei. Ich sah mich um und erblickte Helene besinnungslos +und in konvulsivischen Krämpfen auf der Erde. +Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie +stieß sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die +geschminkte Dirne und die einfache Frau hoben sie auf +und trugen sie hinauf. +</p> + +<p> +„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +die Alte nach. „Schon den dritten Anfall im Monat +... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich wieder auf mich. +</p> + +<p> +„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen +Lohn?“ +</p> + +<p> +„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich +am Kragen nehme,“ brummte faul der Hausknecht, nur +der Form wegen. „Ein Dritter soll sich nie einmischen. +Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“ +</p> + +<p> +Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den +Hof mit der vollen Überzeugung, daß ich hier nichts +ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut in mir. Ich +blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war +ins Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr +zu sehen. Gleich darauf erschien die Frau, die Helene +hinaufgetragen, und eilte die Treppe hinunter. Als sie +mich erblickte, blieb sie stehen und betrachtete mich mit +Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir Mut +ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses +Kind, und wer diese scheußliche Alte? Glauben Sie +nicht, daß ich nur aus Neugierde frage. Diesem Kinde +bin ich begegnet und es interessiert mich.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre +es besser, Sie nähmen es zu sich oder suchten ihm einen +Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte die Frau etwas +gezwungen und schickte sich an, fortzugehen. +</p> + +<p> +„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, +was soll ich denn tun? Ich kenne die Verhältnisse hier +nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst, die Wirtin +des Hauses?“ +</p> + +<p> +„Ja, das war sie selbst.“ +</p> + +<p> +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die +Mutter des Kindes hier gestorben?“ +</p> + +<p> +„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere +Sache.“ +</p> + +<p> +Und sie wollte wieder fort. +</p> + +<p> +„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen +doch, daß es mich sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, +hier etwas zu tun. Wer ist dieses Kind? Wer +war ihre Mutter, – wissen Sie es?“ +</p> + +<p> +„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; +sie war so krank und starb an der Schwindsucht.“ +</p> + +<p> +„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten +in einem Winkel lebte?“ +</p> + +<p> +„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. +Wir haben selbst kaum zu essen, doch blieb sie auch uns +die sechs Rubel schuldig in den fünf Monaten, die sie bei +uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat ihr +den Sarg gemacht.“ +</p> + +<p> +„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“ +</p> + +<p> +„Keineswegs!“ +</p> + +<p> +„Wie hieß sie denn?“ +</p> + +<p> +„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder +deutscher Name.“ +</p> + +<p> +„Smitt?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die +Waise zu sich genommen zur Erziehung, wie sie sagt. +Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“ +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“ +</p> + +<p> +„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich +und zögernd. „Doch was geht es uns an ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter +uns eine Männerstimme. +</p> + +<p> +Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, +in einem langen Kaftan gekleidet, ein Kleinbürger und +Tischlermeister. +</p> + +<p> +„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: +das ist nicht unsere Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch +von der Seite ansehend. „Und du, mach daß du +fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher. +Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu +Diensten ... sonst aber haben wir nichts mit Ihnen +zu tun ...“ +</p> + +<p> +Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das +Haus. Tun konnte ich hier jetzt nichts, doch fiel es mir +schwer, zu gehen. Die wenigen Worte der stillen Frau +hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes +vor sich ging, das fühlte ich deutlich. +</p> + +<p> +Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße +entlang, als plötzlich eine laute Stimme meinen Namen +rief. Als ich aufblickte, steht vor mir ein berauschter, +fast schwankender Mensch, ganz sauber angezogen, aber +in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien +sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte +mir zu und lächelte. +</p> + +<p> +„Er kennt mich nicht?“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +V. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>A</span><span class="postfirstchar">h!</span> Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm +plötzlich einen Schulkameraden aus der Provinz erkennend. +„Das ist mal eine Begegnung!“ +</p> + +<p> +„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das +heißt, begegnet sind wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren +haben nicht geruht, mich eines Blickes zu +würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den Literaturgenerälen, +ja–a ...“ +</p> + +<p> +Er lächelte ironisch. +</p> + +<p> +„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach +ich ihn. „Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle +und die würden außerdem nicht so aussehen wie +ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein paarmal +auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst +aus dem Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? +Und weißt du, was ich glaube? Wenn du +nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich auch +heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie +geht es dir? Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich +dir begegnet bin.“ +</p> + +<p> +„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch +... mein Äußeres, sozusagen? Doch jetzt lohnt es +sich nicht mehr, danach zu fragen: ich denke, Bruder, immer +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich +hat man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du +schwiegst aber und verrietest mich nicht, und statt dir zu +danken, habe ich dich noch eine ganze Woche lang gefoppt. +Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel +Jahre schlage ich mich schon – Tag und Nacht – allein +durch die Welt, doch habe ich das alte nie vergessen. So +etwas vergißt man nie! Und du, was machst du? ...“ +</p> + +<p> +„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“ +</p> + +<p> +Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines +betrunkenen Menschen. Im übrigen war er ein guter +Kerl. +</p> + +<p> +„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich +in tragischem Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, +gelesen! ... Höre mich an: sprechen wir aufrichtig +und von Herzen! Hast du Eile!?“ +</p> + +<p> +„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, +daß mich etwas ungemein beschäftigt. Sage mir besser, +wo du wohnst?“ +</p> + +<p> +„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht +besser. Soll ich dir aber sagen, was besser ist?“ +</p> + +<p> +„Nun, was?“ +</p> + +<p> +„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn +Schritt von uns entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, +das ist ein guter Ort. Ich sage dir, es ist ein +gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts Besseres! +Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. +Man kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! +Wie, genierst du dich? Laß mich zu Ende +reden. Jetzt ist es gleich ein Viertel nach elf, in einer +Viertelstunde gebe ich dich wieder frei. Zwanzig Minuten +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“ +</p> + +<p> +„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, +liebe Seele, ich schwöre dir, ich kann nicht ...“ +</p> + +<p> +„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem +muß ich dir sagen, daß dein Gesicht keinen guten – na +... Ausdruck hat, hast du dich etwa geärgert, wie?“ +</p> + +<p> +„Ja, du hast recht.“ +</p> + +<p> +„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich +jetzt, Bruder, auf die Physiognomik gelegt, das ist auch +eine Beschäftigung. Nun, gehen wir, reden wir miteinander. +In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen +‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, +dann einen Pomeranzenschnaps und darauf einen +parfait-amour und zu guter Letzt wird sich schon auch noch +was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an +den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. +Du halte es, wie du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst +du auch, – willst du mir diese Ehre erweisen, so komm! +Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir wieder +auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe +ja doch nicht zu dir, Wanjä!“ +</p> + +<p> +„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, +zwanzig Minuten und dann ...“ +</p> + +<p> +Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite +Etage. Auf der Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen +Herrn. Als sie uns erblickten, machten sie nur wankend +Platz. +</p> + +<p> +Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, +bartlos und mit einem ganz leichten Anflug von Schnurrbart +und mit einem besonders dummen Gesichtsausdruck. +Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck, +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden +Anzug. Ringe trug er an den Fingern und eine kostbare +Busennadel trug er im Halstuch. Er hatte einen Scheitel, +der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte und +lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war +ein Mann schon von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, +nachlässig gekleidet, kahlköpfig, doch trug auch er eine +kostbare Nadel im Halstuch. Der Ausdruck seines Gesichts +war sinnlich und roh, seine bösen, mißtrauischen, +kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus +ein paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. +Der Ältere verzog bei der Begegnung mit uns sein +Gesicht zur Grimasse und der andere lächelte widerlich-süßlich +– er lüftete seine Mütze. +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, +ihn süßlich ansehend. +</p> + +<p> +„Was wünschen Sie?“ +</p> + +<p> +„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung +nach, Filipp Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“ +</p> + +<p> +„Was wollen Sie damit sagen?“ +</p> + +<p> +„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf +auf seinen Kumpan) hat man in der vorigen Woche auf +Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen unanständigen +Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... +khi!“ +</p> + +<p> +Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen. +</p> + +<p> +„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder +mal ein halbes Dutzend trinken, können wir darauf +hoffen?“ +</p> + +<p> +„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. +„Ich habe jetzt zu tun.“ +</p> + +<p> +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit +zu besprechen.“ +</p> + +<p> +Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen. +</p> + +<p> +„Nachher, ein anderes Mal!“ +</p> + +<p> +Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht +anzusehen. Als wir in den ersten Raum eintraten, in +dem sich ein reich beladenes Büfett befand, brachte mich +Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir: +</p> + +<p> +„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, +eines reichen Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des +Vaters dessen Millionen durchbringt. Er war jüngst +in Paris und hat dort sein halbes Vermögen vergeudet, +nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm +ist er wie eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den +besten Restaurants, dann wieder in Kellern und Kabacken, +mit Schauspielerinnen ... jetzt will er zu den Husaren +– hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter +Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, +eine echte Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund +mit Ssisobrjuchoff, Judas und Falstaff in einem, ein +doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher Wurm. Ich +weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm +hier begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff +plündert natürlich den Ssisobrjuchoff. Er weiß und +kennt alle Spelunken. Darum ist er für diesen Jüngling +ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm +schon lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch +dort in reicher Kleidung – der dort am Fenster steht mit +dem Zigeunergesicht. Er handelt mit Pferden und ist +mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein +solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +fälschen, du siehst es mit eigenen Augen und glaubst ihm +doch. Er geht jetzt im Samtkaftan, wie ein Slawophile; +(der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack an oder +etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub +und sage von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, +so wird man ihn dort tatsächlich für einen Grafen +halten: er wird Whist spielen und sich wie ein Graf benehmen +und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, +er wird sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka +ist auf den Dicken wütend, weil es ihm jetzt etwas +faul geht und der Alte ihm Ssisobrjuchoff, seinen +früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch bevor +dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn +sie hier alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie +wieder mal ein Stückchen vor. Ich weiß sogar, um was +es sich handelt, denn Mitroschka hat mich davon unterrichtet, +weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier +herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese +Gelegenheit ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka +soll nichts davon bemerken, sieh nicht zu ihm +hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden, wird er wohl +selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... +Doch jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ +wandte er sich an den Kellner, „du weißt, was ich +wünsche.“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe.“ +</p> + +<p> +„Und wirst du mich befriedigen?“ +</p> + +<p> +„Ich werde Sie befriedigen!“ +</p> + +<p> +„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst +du mich so an? Ich habe schon lange bemerkt, daß du +mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht, mein Lieber. +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Alles kann einem Menschen passieren, auch, was +ihm nie geträumt, und besonders nicht damals ... als +wir den Kornelius Nepos studierten. Doch glaube mir, +Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege abgeraten ist, +sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die Verhältnisse +haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts +vorstelle, Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte +ich Arzt werden, dann unter die Lehrer gehen, habe sogar +einen Artikel über Gogol geschrieben, dann wollte ich +Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein, +obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte +ich mir schon Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll +Löcher ... Doch kam es nicht dazu. Sie wurde die +Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da entstand +eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung +mehr habe, so verdiene ich mir doch genügend Geld: +ich lasse mir nämlich Sporteln zahlen und zeuge für die +Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich der +Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. +Die Regel kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht +keinen Krieg aus. Meine Arbeit ist mehr eine unsichtbare +... Du begreifst?“ +</p> + +<p> +„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“ +</p> + +<p> +„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen +Sachen ab, zum Teil offiziell, zum Teil aus Liebe +zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin ein Trinker. Da +ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir +meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen +Mohren wirst du nicht weiß waschen. Eins nur muß ich +sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas Menschliches +regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +Du hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, +so wagte ich doch nicht, dich anzureden, ich schob +es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und die +Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur, +weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, +was ich rede, – sprechen wir lieber von dir. Nun, mein +Lieber, ich hab’s gelesen. Ich, mein Freund, spreche von +deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte, Bruder, +wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch +habe ich es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“ +</p> + +<p> +Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile +und wurde immer mehr und mehr betrunken. Zuletzt war +er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff war immer ein +guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen +Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt +schon von Kindheit an, war er doch im Grunde genommen +ein guter Mensch – ein verlorener Mensch. Solcher Typen +gibt es viele unter uns Russen. Gewöhnlich sind sie +außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt in ihnen, +und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen +zu handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens +wissen sie es selbst, daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff +zum Beispiel ging mit Bewußtsein am Schnaps zugrunde. +</p> + +<p> +„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr +er fort. „Auch ich erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; +habe alle deine Kritiken gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; +du glaubst wohl, ich lese nicht) begegnete dir darauf, +du warst in schlechten Stiefeln, ohne Galoschen im +Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter +die Journalisten?“ +</p> + +<p> +„Ja, Masslobojeff.“ +</p> + +<p> +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +„Also, ein Postgaul bist du geworden?“ +</p> + +<p> +„So etwas Ähnliches.“ +</p> + +<p> +„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker +ist besser! Sieh, ich betrinke mich, lege mich in meinem +Zimmer auf den Diwan (ich habe einen schönen, weichen +Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich irgendein Homer +oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – +denn vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst +dir nicht vorstellen, daß du Homer oder Dante bist, denn +du willst du selbst sein und alles ‚wollen‘ ist dir verboten; +du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in der +Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig +– brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache +keine Grimassen. Nimm das Geld und kaufe dich los +von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie dich für +ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe +eine große Sache! Wie? Was meinst du?“ +</p> + +<p> +„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten +schätze ich sehr, doch kann ich dir jetzt noch +nichts Bestimmtes darauf antworten – warum – davon +ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. +Ich danke dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, +noch einmal darauf zurückzukommen. Doch handelt es +sich jetzt um etwas anderes, du bist zu mir aufrichtig gewesen, +darum habe ich mich entschlossen, auch dich um +Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen +Sachen sehr bewandert bist.“ +</p> + +<p> +Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt +und seiner Enkelin. Sonderbar: an seinen Augen glaubte +ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall nicht ganz unbekannt +war. Ich fragte ihn darnach. +</p> + +<p> +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten +Smitt in einer Konditorei gehört. Doch Madame +Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser Dame habe +ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je +prends mon bien où je le trouve</span>, in der Beziehung +bin ich ganz wie Molière. Obgleich ich ihr damals schon +hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich mir doch +das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert +Rubel zu erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt +mit unlauteren Sachen. Dabei wäre ja nichts, wenn sie +es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte, nicht für +einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als +ich nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde +antraf, war ich sehr zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher +der alte Archipoff hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit +welchen Dingen Archipoff handelt, so schließe ich daraus +... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich bin +sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren +habe; jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, +Bruder, habe die verschiedensten Privataufträge, und du +glaubst nicht, mit welchen hochstehenden Leuten ich bekannt +bin! Unlängst habe ich in Sachen eines Fürsten nachgespürt, +ich sage dir – eine Affäre, die man von einem +Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch +eine andere Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme +mal zu mir, ich kann dir Sachen erzählen, die man erdichtet, +aber nicht für wahr hält ...“ +</p> + +<p> +„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich +ihn ahnungsvoll. +</p> + +<p> +„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“ +</p> + +<p> +„Pjotr?“ +</p> + +<p> +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +„Ja. Kennst du ihn?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, +Masslobojeff, wegen dieses Herrn werde ich des öfteren +zu dir kommen,“ sagte ich, mich erhebend, „jetzt hast du +meine Neugierde erregt.“ +</p> + +<p> +„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, +so viel du willst. Und viel kann ich dir erzählen, doch +nur bis zu einer gewissen Grenze, verstehst du? Denn +Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs +Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“ +</p> + +<p> +„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“ +</p> + +<p> +Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es. +</p> + +<p> +„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir +soeben erzählt habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, +oder nicht?“ +</p> + +<p> +„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich +werde bezahlen.“ +</p> + +<p> +Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem +jungen Mann zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. +Mir schien es, daß Masslobojeff näher mit ihm bekannt +war, als er es mir gegenüber zugegeben. Wenigstens +trafen sie sich augenscheinlich nicht zum erstenmal. +</p> + +<p> +Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller +Bursche. In seinem russischen Samtrock und dem +roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch edlen Zügen, +von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen, +machte er einen interessanten und äußerst anziehenden +Eindruck auf mich. Seine Gesten waren lebhaft, +trotzdem er sich in diesem Augenblick ersichtlich Mühe gab, +sachlich, solid und wichtig zu erscheinen. +</p> + +<p> +„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +„komme heute abend um sieben Uhr zu mir, ich +werde dir manches mitteilen können. Allein ... habe +ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich etwas, +seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich +mich auch von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch +sind mir noch meine früheren Beziehungen geblieben, und +ich kann vieles erfahren und die Sachen beschnuppern ... +Doch genug davon ... Meine Adresse ist Schestilawotschnaja +... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, +und dann nach Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn +du kommst, stelle ich dich Alexandra Ssemjonowna vor, +und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch noch von +der Literatur.“ +</p> + +<p> +„Und davon?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht auch davon.“ +</p> + +<p> +„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt +...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +VI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">nna</span> Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. +Das, was ich ihr gestern von Nataschas Brief erzählt, +hatte sie so sehr erregt, daß sie mich bereits früh am Morgen, +wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich nun endlich +um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung +bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem +wollte sie mir ihre neuen Hoffnungen mitteilen, die ihre +Seele seit gestern erfüllten und mir von Nikolai Ssergejewitsch +erzählen, der sich seit gestern abend krank fühlte, +zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie +empfing mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, +sprach sehr abgemessen und zeigte nicht die geringste Neugierde, +etwas von mir zu erfahren. Fast hätte sie mir die +Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es +dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ +So ärgerte sie sich über mein spätes Kommen. Doch ich +ließ mich nicht stören und erzählte ihr jede Einzelheit der +gestrigen Szene bei Natascha. Als nun die Alte vom +Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte, +vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, +wie glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, +weinte, lachte und vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. +Sie umarmte mich außer sich vor Freude und wollte sofort +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles mitzuteilen. +</p> + +<p> +„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen +und Beleidigungen; wenn er es nun erfahren +wird, daß Natascha volle Genugtuung widerfährt, so +wird er im Augenblick alles vergessen.“ +</p> + +<p> +Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die +gute Alte kannte ihren Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig +Jahre mit ihm zusammen gelebt. Sie wollte +auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich +stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr +ungehalten darüber sein würde, sondern daß wir, durch +eine so übereilte Handlung, der ganzen Sache schaden +könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich aber wohl +noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und +sprach die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer +Freude ganz allein in ihren vier Wänden sitzen solle“. Ich +konnte sie endlich davon überzeugen, wie eilig ich es hatte, +und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte +bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen +und begann fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute +abend bei ihr zu erscheinen, wenn bei Natascha etwas Besonderes +vorfallen sollte, abschlagen mußte. Nikolai +Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er +hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über +Kopfweh und lag jetzt in seinem Zimmer. +</p> + +<p> +Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. +Als ich bei ihr eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten +Armen, in Nachdenken versunken, im Zimmer auf +und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke, sehe ich +sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +verlassen, auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und +gesenkten Augen, ziellos auf- und abgehen. +</p> + +<p> +Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und +fragte nur, warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte +ihr in aller Kürze meine Erlebnisse, doch sie hörte +mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz anderem +beschäftigt. +</p> + +<p> +„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie. +</p> + +<p> +„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren +Betonung, der man es sofort anhörte, daß sie +nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue mitzuteilen. +Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht +sofort tun würde, sondern erst beim Abschied. +</p> + +<p> +So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete +mich schon darauf vor und wartete. +</p> + +<p> +Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. +Es wunderte mich, daß wir beide der gleichen Meinung +über den Fürsten waren: er mißfiel ihr, mißfiel ihr heute +weit mehr noch, als gestern. Als wir alles Gestrige durchgesprochen +hatten, bemerkte plötzlich Natascha: +</p> + +<p> +„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, +und es ist das beste Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst +nicht gefällt – dann gefällt er einem später. Mir ist es +des öfteren so gegangen.“ +</p> + +<p> +„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung +ist es übrigens, wie ich es mir auch hin und her +überlege, daß der Fürst, obwohl er ein Jesuit ist, eure +Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“ +</p> + +<p> +Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah +mich streng an. Ihr ganzes Gesicht veränderte sich; ihre +Lippen zitterten leicht. +</p> + +<p> +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +„Wie hätte er denn in <em>diesem</em> Falle ... lügen +können?“ fragte sie in verhaltenem Unwillen. +</p> + +<p> +„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern. +</p> + +<p> +„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken +ist einfach unmöglich. Aus welch einem Grunde sollte er +es getan haben? Und schließlich, was bin ich denn in +seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich +lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich +einer solchen Beleidigung fähig sein?“ +</p> + +<p> +„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich +meinerseits, bei mir aber dachte ich: „Gerade darüber +denkst du jetzt nach, meine Arme, also mißtraust du ihm +mehr noch als ich.“ +</p> + +<p> +„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ +sagte sie. „Den ganzen Abend wollte er bei mir verbringen +... Es muß doch eine wichtige Angelegenheit sein, +wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts davon, +Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“ +</p> + +<p> +„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was +wissen wir von Geldsachen, Natascha.“ +</p> + +<p> +„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“ +</p> + +<p> +„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“ +</p> + +<p> +„Er war hier.“ +</p> + +<p> +„Früh?“ +</p> + +<p> +„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte +ihn zu Katherina Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, +Wanjä?“ +</p> + +<p> +„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“ +</p> + +<p> +„Ja, er selbst ...“ +</p> + +<p> +Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte +sie. Ich sah sie erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +Ich hätte sie gern darum gefragt, doch war ihr das +oft nicht angenehm. +</p> + +<p> +„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. +Sie verzog ein wenig ihren Mund zu einem bitteren +Lächeln und vermied es, mich anzusehen. +</p> + +<p> +„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“ +</p> + +<p> +„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... +Nur zu ...“ +</p> + +<p> +„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ +sagte ich. +</p> + +<p> +Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien +mir selbst gern antworten zu wollen: „Welche Sorgen +machte er sich denn früher,“ doch in meinen Worten lag +schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt. +</p> + +<p> +Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. +Sie war sehr bald wieder freundlich, liebenswürdig, und +von ihrer alten stillen Art. Ich blieb bei ihr wohl eine +Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute vor dem +Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es +ihr sehr darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck +sie auf ihn gemacht haben könne. Wie sie sich verhalten? +Ob sie ihre Freude nicht zu auffällig gezeigt? Ob +sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil, zu zuvorkommend +gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über +sie lustig gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? +... Bei dem Gedanken schoß ihr das Blut wie Feuer in +die Wangen. +</p> + +<p> +„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein +schlechter Mensch über einen denkt? Soll er doch denken, +was er will!“ sagte ich. +</p> + +<p> +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und +aufrichtig. Sie war stolz und konnte es nicht ertragen, +das, was sie hoch hielt, verspottet zu sehen. Die +Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit Verachtung +beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, +daß jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war +keine Folge von Charakterschwäche, sondern nur von geringer +Kenntnis des Lebens und der Menschen. Sie +hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne +ihn jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft +aller gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, +die vom Vater auf sie übergegangen – stets einen Menschen +besser zu machen als er ist, nur Gutes in ihm zu +sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt. Derartige +Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht +fühlen, um so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie +fordern mehr, als andere geben können. Und darum ist +es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben und nicht in +die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid +und Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch +geworden, den man nicht beschuldigen darf – wenn in +meinen Worten überhaupt etwa eine Anklage liegt ... +</p> + +<p> +Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. +Sie war ganz erstaunt darüber und wäre fast in Tränen +ausgebrochen, obgleich sie die ganze Zeit sich mir gegenüber +sehr kühl verhalten hatte, kühler als gewöhnlich. +Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an. +</p> + +<p> +„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute +und hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr +nett und schien sehr glücklich zu sein, doch kehrte und +drehte er sich die ganze Zeit vor dem Spiegel wie ein +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem +Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. +Stelle dir vor, er hat mir Konfekt gebracht!“ +</p> + +<p> +„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. +Ach, was ihr beide für Menschen seid! Er ist ja noch +immer der lustige Schulbub von früher. Aber du, du!“ +</p> + +<p> +Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und +zu mir mit irgendeiner Klage über Aljoscha kam, oder +irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben wollte, oder +mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, +so sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, +mit der unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß +ihrem Herzen leichter wurde. In diesen Augenblicken +nahm ich dann immer einen strengen Ton an, als wollte +ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast +immer. Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal +ihre Wirkung. Der Mensch empfindet manchmal +geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören. +Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken +immer vollkommen getröstet. +</p> + +<p> +„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke +Hand auf meine Schulter legend und meinen Blick erhaschend, +„mir schien es, daß er schon ganz daran gewöhnt +ist ... er schien mir schon zu – naiv ... +weißt du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau +gewesen wären. Ist das nicht viel zu früh? ... Er +lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich ihm eigentlich +ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er beeilte +sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich +spreche zu ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, +weißt du, in dieser häßlichen, weltmännischen Manier, +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +von der wir ihn schon glücklich abgebracht hatten. +Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue +ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, +Wanjä, was für eigensinnige Despoten! Das merke ich +erst jetzt! Wir verzeihen dem Menschen keine einzige Veränderung, +und Gott weiß allein den Grund, warum er +sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten! +Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst +erdenken uns alle Qualen der Welt und dann klagen wir +noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast mich +vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! +Vielleicht hat er sich noch geärgert!“ +</p> + +<p> +„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert +aus. +</p> + +<p> +„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig +traurig und er wurde plötzlich nachdenklich und verabschiedete +sich ein wenig trocken von mir. Ich werde +nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“ +</p> + +<p> +„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten +werde.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-7"> +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +VII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">m</span> punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte +im Flügel eines kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, +in einer etwas unsauberen Wohnung von drei Zimmern, +die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte freilich +überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir +ein reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, +aber nett und sauber gekleidet, mit guten fröhlichen +Augen. Ich erriet sofort, daß es Alexandra Ssemjonowna, +seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt hatte, +und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich +sei, und als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, +daß man mich erwarte und führte mich ins Zimmer, wo +Masslobojeff auf seinem schönen, weichen Diwan, bedeckt +mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem +alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, +und rief mich bei Namen. +</p> + +<p> +„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben +sah ich im Traum, wie du zu mir kamst und mich +aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“ +</p> + +<p> +„Wohin?“ +</p> + +<p> +„Zur Dame.“ +</p> + +<p> +„Zu welcher Dame? Warum?“ +</p> + +<p> +„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +Was die für eine Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich +zu Alexandra Ssemjonowna und küßte seine Fingerspitzen +bei der Erinnerung an Madame Bubnowa. +</p> + +<p> +„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ +bemerkte Alexandra Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht +hielt, sich etwas zu ärgern. +</p> + +<p> +„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, +Bruder: Alexandra Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen +Literaturgeneral vor; man kann ihn nur einmal im Jahr +umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für Geld.“ +</p> + +<p> +„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, +bitte, nicht auf ihn, er lacht immer über mich. Was sind +Sie denn für ein General?“ +</p> + +<p> +„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und +Sie, meine Dame, glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; +wir sind viel klüger als wir auf den ersten Blick erscheinen.“ +</p> + +<p> +„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich +vor anständigen Leuten, Unverschämter! Wenn er mich +doch wenigstens nur einmal ins Theater brächte!“ +</p> + +<p> +„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre +Pe... Haben Sie vergessen, was Sie lieben müssen? +Haben Sie das Wort vergessen, das ich Ihnen gelehrt +habe!“ +</p> + +<p> +„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen +Unsinn bedeutet es.“ +</p> + +<p> +„Nun, wie hieß denn das Wort?“ +</p> + +<p> +„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer +weiß, was dieses Wort bedeutet. Eher trocknet meine +Zunge aus, als daß ich es sage.“ +</p> + +<p> +„Also haben Sie es vergessen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen +Sie, was er sich ausgedacht! Es hat vielleicht niemals +Penaten gegeben; und warum soll ich sie lieben? Alles +Lüge!“ +</p> + +<p> +„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“ +</p> + +<p> +„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“ +</p> + +<p> +Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem +Zimmer. +</p> + +<p> +„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra +Ssemjonowna!“ +</p> + +<p> +Wir traten ins Freie. +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die +Droschke. So. Und jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß +ich manches und zwar ganz genau erfahren habe. Ich +blieb noch eine ganze Stunde nachher auf Wassilij-Ostroff. +Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, +ein schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist +ihrer gewissen Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. +Vor ein paar Tagen hat sie es mit einem jungen Mädchen +aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese Musselinkleidchen, +von denen du mir erzähltest, ließen mir keine +Ruh, denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. +Ich habe mich jetzt davon überzeugen können, daß +ich mich nicht irre. Wie alt ist die Kleine?“ +</p> + +<p> +„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“ +</p> + +<p> +„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so +treibt sie es. Wenn es nötig, sagt sie, die Kleine sei +elf Jahre alt und wenn es nötig, – fünfzehn. Und da +die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“ +</p> + +<p> +„Ist’s möglich?“ +</p> + +<p> +„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +wird doch nicht aus Mitleid eine Waise zu sich nehmen. +Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so stimmt’s. Er +ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf +Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine +Schönheit versprochen worden, die Frau eines Stabsoffiziers. +Wenn Kaufleute durchgehen, verlangen sie +immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen +Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung +ab. Übrigens, ich bin noch, glaube ich, betrunken. +Die Bubnowa soll es nur wagen, solche Geschäftchen +zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei +hintergehen, mich aber nicht, da soll sie mal sehen ... +Nun, du verstehst mich?“ +</p> + +<p> +Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten +mich im höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß +wir uns verspäten könnten und trieb den Kutscher zur +Eile an. +</p> + +<p> +„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ +sagte Masslobojeff. „Mitroschka ist dort, wir haben +uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa kommt +auf meine Rechnung ...“ +</p> + +<p> +Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der +Mitroschka hieß, war da nicht zu finden. Wir befahlen +dem Kutscher, uns an der Treppe des Restaurants zu +erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka +erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren +hell erleuchtet und man hörte Ssisobrjuchoffs betrunkenes +Lachen. +</p> + +<p> +„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete +Mitroschka. „Jetzt ist es Zeit.“ +</p> + +<p> +„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich. +</p> + +<p> +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt +mich; auch Mitroschka kennt sie. Wahrhaftig, da scheint +ein großes Fest zu sein, nur nicht für uns.“ +</p> + +<p> +Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete +uns sofort; während er sich mit Mitroschka verständigte, +gingen wir beide die Treppe hinauf. Im +Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte +an. Man fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. +Man öffnete uns und wir traten alle auf einmal ein. +Der Hausknecht verschwand sofort. +</p> + +<p> +„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und +zerzaust, mit einem Licht in der Hand. +</p> + +<p> +„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? +Sie erkennen Ihre Gäste nicht, Anna Trifonowna? +Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“ +</p> + +<p> +„Ah, Filipp Filippytsch? Das sind Sie ... ein +so teurer Gast ... Ja, wie kommen Sie denn her +... ich ... tut nichts ... treten Sie ein ... hierher +bitte!“ +</p> + +<p> +Sie war ganz verwirrt. +</p> + +<p> +„Hierher? Nein ... Uns nehmen Sie bitte besser +auf. Wir wollen bei Ihnen ein Gläschen trinken +und ...“ +</p> + +<p> +Die Wirtin faßte sofort Mut. +</p> + +<p> +„Ja, für solche Gäste ist alles bereit ...“ +</p> + +<p> +„Ein paar Worte, Anna Trifonowna: ist Ssisobrjuchoff +hier?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Ich muß ihn sehen. Wie wagt er es, ohne mich +durchzugehen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +„Er hat Sie sicher nicht vergessen. Er erwartete +noch jemanden; wahrscheinlich wohl Sie.“ +</p> + +<p> +Masslobojeff stieß die Tür auf und wir traten in +ein Zimmer mit zwei Fenstern, auf denen einige Geranientöpfe +standen, mit einem alten Klavier an der +Wand ... und allem was dazu gehörte. Mitroschka +blieb im Vorzimmer. Wie ich später erfuhr, sollte er +da Wache stehen. Zu ihm gesellte sich das geschminkte +Weib vom Vormittag. +</p> + +<p> +Im Zimmer auf einem kleinen Diwan aus rotem +Holz vor einem runden Tisch saß Ssisobrjuchoff. Auf +dem Tische, der mit einer Decke belegt war, standen vor +ihm zwei warme Champagnerflaschen und eine Flasche +mit schlechtem Rum; standen Teller mit Konfekt, Nüssen +und Kuchen. Ihm gegenüber am Tisch saß eine +widerliche Kreatur von vierzig Jahren, in einem schwarzen +Taftkleide, behängt mit goldenen Armbändern und +Broschen. Das war die Frau des Stabsoffiziers, sicher +keine echte. Ssisobrjuchoff war ganz betrunken und +schien äußerst zufrieden. Das dicke Scheusal war nicht +zu sehen. +</p> + +<p> +„So also macht man’s!“ brüllte aus voller Kehle +Masslobojeff, „mich hat er zu Dusso eingeladen!“ +</p> + +<p> +„Filipp Filippytsch, Sie beehren uns?“ murmelte +Ssisobrjuchoff, uns mit seligem Lächeln begrüßend. +</p> + +<p> +„Du trinkst?“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie.“ +</p> + +<p> +„Entschuldige dich lieber nicht, sondern bewirte +deine Gäste. Wir sind gekommen, um uns mit dir zu +amüsieren. Ich habe hier noch einen Gast mitgebracht: +meinen Freund!“ +</p> + +<p> +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +Masslobojeff wies auf mich. +</p> + +<p> +„Sehr angenehm, es beglückt mich ... Kchi!“ +</p> + +<p> +„Das nennt er Champagner! Der schmeckt nach +Kohlsuppe.“ +</p> + +<p> +„Sie beleidigen mich.“ +</p> + +<p> +„Bei Dusso wagst du dich ja gar nicht zu zeigen; +aber einladen tust du!“ +</p> + +<p> +„Er erzählte mir soeben, daß er in Paris gewesen,“ +griff die Stabsoffiziersfrau das Gespräch auf. „Sicher +lügt er alles!“ +</p> + +<p> +„Fedossja Titischna, entschuldigen Sie, aber ich +war in Paris. Wir waren ... wir fuhren ...“ +</p> + +<p> +„Was macht denn ein solcher Bauer in Paris?“ +</p> + +<p> +„Wir waren wirklich dort. Wir haben uns mit +Karp Wassiljewitsch ausgezeichnet amüsiert. Kennen Sie +Karp Wassiljewitsch?“ +</p> + +<p> +„Wie soll ich denn Ihren Karp Wassiljewitsch +kennen?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht doch ... aus politischen Gründen. Wir +waren im Örtchen Paris und haben – bei Madame +Joubert einen Trumeau zerschlagen.“ +</p> + +<p> +„Was haben Sie zerschlagen?“ +</p> + +<p> +„Einen Trumeau. Die ganze Wand war ein +Trumeau und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, +daß er mit Madame Joubert einfach nur russisch sprach. +Nun, und er stürzte sich an den Trumeau, die Joubert +aber ruft ihm zu, daß der Trumeau sieben hundert +Franks kostet, wenn er ihn zerschlägt! Er lächelt bloß +und sieht mich an, ich saß ihm gegenüber auf einem Kanapee +mit einer Schönen, die nicht einen solchen Rüssel +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +hatte, wie die da. Kurz, er ruft mir zu: ‚Stepan +Terentjytsch, die Hälfte fällt auf dich?‘ Ich sage +‚schön!‘ Wie er da ins Glas schlägt – dsin! Madame +Joubert schreit auf und rückt ihm auf den Leib: +‚Du Räuber, aus welchem Lande kommst denn du her?‘ +Er aber sagt: ‚Du, Madame Joubert, nimm dein Geld +und kümmer dich nicht um meine Angewohnheiten.‘ Ihr +wurden sechshundertfünfzig Franks ausgezahlt. Ein halbes +Hundert haben wir ihr abgezogen.“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick ertönte ein durchdringender +Schrei durch das ganze Haus. Ich fuhr zusammen und +schrie auf. Ich hatte die Stimme sofort erkannt, es +war Helene. Auf ihren kläglichen Schrei folgte ein +ganzer Tumult, man hörte schimpfen und klatschende +Schläge, wie mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. +Das war sicher Mitroschka, der seine Pflicht tat. +Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Helene stürzte +bleich, mit verstörten Augen im weißen Musselinkleidchen, +mit gekämmten, doch im Kampfe aufgewühlten Haaren +hinein ins Zimmer. Ich stand der Tür gegenüber und +sie stürzte geradewegs auf mich zu und umschlang mich +mit beiden Händen. Alle erschraken, alle sprangen auf. +Schreie und Ausrufe schwirrten durchs Zimmer. Ihr +folgte in der Tür Mitroschka, den Dicken, sein Opfer, +an den Haaren im aufgelöstem Zustande herbeischleppend. +Er riß ihn zur Türschwelle und stieß ihn dann +ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Da ist er! Nehmt ihn in Empfang!“ rief er uns +mit zufriedener Miene zu. +</p> + +<p> +„Höre,“ sagte Masslobojeff, ruhig auf mich zutretend +und mir auf die Schulter klopfend. „Nimm das +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Kind und bringe es zu dir, hier hast du nichts mehr zu +tun. Morgen wollen wir das Weitere besprechen.“ +</p> + +<p> +Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, nahm Helene +bei der Hand und führte sie hinaus aus dieser +Hölle. Das alles geschah so unerwartet, daß uns niemand +aufhielt. Draußen wartete die Droschke auf uns +und in zwanzig Minuten waren wir in meiner Wohnung. +</p> + +<p> +Helene schien halbtot. Ich öffnete ihr das Kleid, +bespritzte sie mit Wasser und legte sie auf den Diwan. +Sie fieberte und begann zu phantasieren. Ich sah auf +ihr bleiches Gesichtchen, auf ihre farblosen Lippen, auf +ihr dunkles pomadisiertes und aufgewühltes Haar, auf +ihre ganze Toilette mit den rosa Bändern – und begriff +alles. Die Arme! Sie fieberte immer mehr und +mehr. Ich beschloß, am Abend nicht mehr zu Natascha +zu gehen. Hin und wieder hob Helene ihre langen +Wimpern und sah mich lange und forschend an, als +wollte sie sich vergewissern, daß ich es war. Spät, um +ein Uhr nachts, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf +dem Fußboden. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-8"> +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +VIII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> erhob mich sehr früh. In der Nacht wachte +ich jede halbe Stunde auf, und sah nach meiner armen +Kleinen. Sie hatte immer noch Fieber und erst gegen +Morgen schlief sie fest ein. Ein gutes Zeichen, dachte +ich, doch als ich am Morgen erwachte, beschloß ich, +während die Arme noch schlief, einen Arzt zu holen. Ich +kannte einen Doktor, einen gutmütigen, alten Junggesellen, +der seit undenklichen Zeiten auf der Wladimirskaja +mit seiner deutschen Wirtschafterin lebte. Ich +begab mich zu ihm. Er versprach mir, um zehn Uhr +zu kommen. Es war acht Uhr, als ich bei ihm war. +Gerne wäre ich unterwegs zu Masslobojeff gegangen, +doch gab ich es auf: er schlief wohl sicher noch +seinen gestrigen Rausch aus, und außerdem hätte Helene +erwachen können und in ihrem krankhaften Zustande +hätte sie dann vielleicht nicht gewußt, wo sie sich +befand, und auf welche Weise sie zu mir gekommen war. +</p> + +<p> +Sie erwachte in dem Augenblick, als ich ins Zimmer +trat. Ich ging auf sie zu und fragte sie vorsichtig, wie +sie sich fühle? Sie antwortete mir nicht, doch sah sie +mich lange – lange mit ihren dunklen, ausdrucksvollen +Augen an. Ich erriet aus ihrem Blick, daß sie alles +begriff und bei vollem Bewußtsein war. Auf meine +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +Frage antwortete sie mir ihrer Gewohnheit nach +nicht. Auch gestern und vorgestern, als sie bei mir war, +hatte sie viele meiner Fragen überhaupt nicht beantwortet +und mich nur mit ihrem hartnäckigen, forschenden +Blick angesehen, in dem außer Mißtrauen und Neugier +ein so sonderbarer Stolz lag. Auch jetzt lag in ihrem +Blick eine gewisse Härte und ein Zweifel. Ich legte +meine Hand, glaube ich, auf ihren Kopf, um zu fühlen, +ob sie noch Fieber hatte, sie aber schob schweigend mit +ihrer kleinen Hand meine Hand fort und kehrte ihr Gesicht +zur Wand. Ich zog mich zurück, um sie nicht zu +stören. +</p> + +<p> +Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Ich +brauchte ihn an Stelle des Samowars und kochte in +ihm das Teewasser. Holz besaß ich genügend, der +Hausknecht hatte mir wenigstens einen Vorrat auf fünf +Tage gebracht. Ich machte den Ofen an, holte Wasser +und bereitete den Tee. Die Teetassen stellte ich auf den +Tisch. Helene sah zu und betrachtete alles mit Neugier. +Ich fragte sie, ob sie nicht einen Wunsch hätte. Sie +aber wandte sich wieder von mir ab und antwortete +nicht. +</p> + +<p> +„Weshalb sie mir wohl böse sein mag? Wunderliches +Ding!“ dachte ich. +</p> + +<p> +Mein alter Doktor kam, wie er versprochen, um +zehn Uhr. Er untersuchte die Kranke mit deutscher +Sorgfalt und machte mir wieder Mut. „Es sei ein +fieberhafter Zustand,“ sagte er, „doch ohne jegliche ernstere +Gefahr. Er fügte hinzu, daß sie ein anderes Leiden +haben müsse, ein Herzleiden, woraufhin er sie noch +einmal gründlicher untersuchen wolle, jetzt sei es jedoch +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +nicht vonnöten.“ Er verschrieb ihr eine Medizin und +noch andere Pulver, mehr der Form wegen, als aus +Notwendigkeit, und fragte mich: auf welche Weise sie +zu mir gekommen sei? Zu gleicher Zeit sah er sich +mit Verwunderung meine Wohnung an. Der Alte +schwatzte gern. +</p> + +<p> +Auch ihn setzte Helene in Erstaunen; sie entzog ihm +ihre Hand, als er ihren Puls fühlen wollte, und zeigte +ihm nicht ihre Zunge. All seine Fragen ließ sie unbeantwortet +und sah die ganze Zeit nur auf seinen großen +Stanislaus-Orden, den er am Halse trug. +</p> + +<p> +„Ihr muß der Kopf sehr weh tun,“ bemerkte der +alte Herr, „doch wie sie einen ansieht, wie sie einen +ansieht!“ +</p> + +<p> +Ich hielt es nicht für nötig, ihm alles über Helene +mitzuteilen, und entschuldigte mich mit der Erklärung, +daß es eine sehr lange, weitläufige Geschichte sei. +</p> + +<p> +„Wenn es nötig sein sollte, rufen Sie mich,“ sagte +er beim Fortgehen. „Jetzt ist sie außer Gefahr.“ +</p> + +<p> +Ich beschloß, den ganzen Tag bei Helene zu bleiben +und sie so wenig als möglich allein zu lassen. Doch +wußte ich, daß Natascha und Anna Andrejewna sich +sehr aufregen würden, wenn sie mich vergeblich erwarteten +und beschloß daher, Natascha durch die Stadtpost +zu benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen +könne. Anna Andrejewna durfte ich nicht schreiben. +Sie hatte mich ein für allemal gebeten, ihr keinen +Brief zu schicken, als ich es einmal Nataschas wegen +getan. „Der Alte wird ganz finster und unwillig, wenn +er einen Brief sieht,“ sagte sie, „möchte so gerne den +Inhalt erfahren, doch danach zu fragen – dazu kann +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +er sich nicht entschließen, und ist dann den ganzen Tag +verstimmt. Und mich, mein Lieber, ärgerst du nur mit +deinem Brief. Was sind mir die paar Zeilen. Ich +möchte dich ausführlich über alles befragen und du +bist nicht da.“ Darum schrieb ich nur Natascha, und +als ich nach der Medizin ging, warf ich den Brief in +den Postkasten. +</p> + +<p> +In der Zeit war Helene wieder eingeschlafen. Im +Schlaf war sie unruhig und stöhnte. Der Doktor hatte +recht, ihr schmerzte der Kopf sehr. Plötzlich schrie sie +auf und erwachte. Sie sah mich ärgerlich an, als störe +sie meine Aufmerksamkeit. Ich muß gestehen, daß es +mir sehr weh tat. +</p> + +<p> +Um elf Uhr kam Masslobojeff. Er war sehr besorgt +und wie es schien zerstreut; er hatte große Eile und +kam nur auf einen Augenblick. +</p> + +<p> +„Nun, Freund, ich dachte mir schon, daß du nicht +sehr verschwenderisch leben würdest,“ bemerkte er, sich +bei mir umschauend, „daß ich dich jedoch in solch einer +Kiste antreffen würde, das hatte ich denn doch nicht +geglaubt. Das ist ja ein Kasten, aber keine Wohnung! +Doch, das würde ja alles nichts besagen, es ist nur fatal, +daß dich alle diese Sachen von der Arbeit abhalten. +Ich dachte bereits gestern daran, als wir zur +Bubnowa fuhren. Ich, Bruder, gehöre meiner Natur +und meiner sozialen Stellung nach zu den Leuten, die +selbst nichts tun und nur anderen vorwerfen, daß sie +nichts arbeiten. – Jetzt höre zu: ich komme vielleicht +morgen oder übermorgen zu dir; du aber komme jedenfalls +Sonntag morgen zu mir. Bis dahin wird die Angelegenheit +dieses Kindes erledigt sein; dann nehme ich +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +dich vor und rede ein ernstes Wort mit dir. Nun, und +sage doch, ist es in deinen Augen eine Schande, von mir +Geld zu leihen?“ +</p> + +<p> +„Laß das Gerede,“ unterbrach ich ihn. „Sage lieber, +was für ein Ende hat gestern die Sache genommen?“ +</p> + +<p> +„Wieso? Alles ist vortrefflich gegangen und das +Ziel erreicht, verstehst du? Jetzt habe ich keine Zeit, bin +nur auf einen Augenblick gekommen, um mich zu erkundigen, +wo du sie unterbringen wirst – oder willst du +sie bei dir behalten? Darüber müssen wir noch ins +reine kommen.“ +</p> + +<p> +„Das weiß ich selbst noch nicht, und offen gestanden, +habe ich dich erwartet, um mit dir zu beraten. Wie +sollte ich sie wohl bei mir behalten?“ +</p> + +<p> +„Eh, warum denn nicht, vielleicht als Magd ...“ +</p> + +<p> +„Ich bitte dich, sprich leiser. Wenn sie auch krank +ist, so ist sie doch vollkommen bei Bewußtsein, und als +sie dich erblickte, bemerkte ich, wie sie zusammenzuckte. +Folglich hat sie das Gestrige nicht vergessen ...“ +</p> + +<p> +Darauf erzählte ich ihm von ihrem auffallenden +Charakter und von allem, was ich an ihr bemerkt. Meine +Schilderung interessierte ihn sehr. Ich fügte noch hinzu, +daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie +unterbringen würde und erwähnte die Alten. Zu +meiner großen Verwunderung war ihm die Geschichte +Nataschas bekannt und auf meine Frage woher, antwortete +er: +</p> + +<p> +„Ich habe gelegentlich davon gehört. Ich habe dir +doch schon erzählt, daß ich den Fürsten Walkowskij +kenne. Das wäre sehr schön, wenn du die Kleine zu +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +Ichmenjeffs bringen könntest. Sie wird dich sonst hier +nur genieren. Aber was ich noch sagen wollte, sie hat +doch Kleider nötig. Mache dir deshalb keine Sorgen, +das kommt auf meine Rechnung. Lebe wohl, besuche +mich also. Schläft sie jetzt?“ +</p> + +<p> +„Es scheint so,“ erwiderte ich. +</p> + +<p> +Doch kaum war er fort, als Helene mich zu sich +rief. +</p> + +<p> +„Wer ist es?“ fragte sie mich. Ihre Stimme zitterte +vor Erregung, doch war ihr Blick immer noch so +starr und abweisend. +</p> + +<p> +Ich nannte ihr seinen Namen und fügte hinzu, daß +ich sie durch seine Hilfe aus der Gewalt der Bubnowa +gerettet hätte, und daß die Bubnowa ihn sehr fürchte. +Ihre Wangen erglühten plötzlich, bei der Erinnerung. +</p> + +<p> +„Und wird sie niemals hierher kommen?“ fragte +Helene mit forschendem Blick in mein Gesicht. +</p> + +<p> +Ich beeilte mich, sie darüber zu beruhigen. Sie +schwieg und griff mit ihren heißen Fingerchen nach meiner +Hand, ließ sie aber sofort wieder fallen, als besinne +sie sich. +</p> + +<p> +„Es ist doch nicht möglich, daß sie solchen Widerwillen +gegen mich empfindet,“ dachte ich. „Das ist +wohl so ihre Art, oder ... oder die Arme hat so viel +Schlechtigkeit gesehen, daß sie niemandem auf der Welt +mehr traut.“ +</p> + +<p> +Zur bestimmten Stunde ging ich in die Apotheke +nach der Medizin und unterwegs in ein mir bekanntes +Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag speiste und +Kredit hatte. Dort holte ich etwas Hühnersuppe für +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +Helene, doch wollte sie nichts davon essen und ich mußte +die Suppe in den Ofen stellen, um sie warmzuhalten. +</p> + +<p> +Nachdem sie die Medizin eingenommen hatte, setzte +ich mich an die Arbeit. Ich dachte, daß sie schlief, aber +als ich ganz zufällig aufblickte, bemerkte ich, daß sie ihr +Köpfchen erhoben hatte und mir zusah, wie ich schrieb. +Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte. +</p> + +<p> +Endlich war sie zu meiner großen Freude wirklich +eingeschlafen, ganz ruhig, fieberfrei und ohne zu stöhnen. +Ich fing an nachzudenken; Natascha, dachte ich, +könnte wirklich sehr betrübt darüber sein, daß ich gerade +in der Zeit sie verlassen, wo sie meiner vielleicht am +meisten bedurfte. +</p> + +<p> +Was nun Anna Andrejewna anbelangt, so wußte +ich ganz und gar nicht, wie ich mich morgen vor ihr +rechtfertigen sollte. Ich dachte hin und her und plötzlich +beschloß ich, sie beide aufzusuchen. Meine Abwesenheit +konnte doch höchstens zwei Stunden dauern. +Helene schläft und wird es gar nicht bemerken, daß ich +abwesend bin! Ich sprang auf, warf mir meinen Paletot +über, griff nach der Mütze und wollte zur Tür hinaus, +als ich plötzlich Helene meinen Namen rufen hörte. +Ich war ganz betroffen: hatte sie sich wirklich nur so +angestellt, als schlafe sie? +</p> + +<p> +Ich muß übrigens bemerken, daß Helene nur so tat, +als wolle sie nicht mit mir sprechen: diese wiederholten +Rufe, das Bedürfnis, von mir über ihr Schicksal etwas +zu erfahren, bewiesen das Gegenteil und waren, ich +muß es gestehen, mir sogar sehr angenehm. +</p> + +<p> +„Wohin wollen Sie mich fortgeben?“ fragte sie +mich, als ich an sie herantrat. +</p> + +<p> +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +Überhaupt richtete sie ihre Fragen immer plötzlich, +ganz unerwartet, an mich. Dieses Mal verstand ich sie +nicht einmal sofort. +</p> + +<p> +„Vorhin sagten Sie zu Ihrem Bekannten, daß Sie +mich in ein Haus geben würden. Ich will aber nicht.“ +</p> + +<p> +Ich beugte mich über sie: sie fieberte wieder und war +in höchster Erregung. Ich versuchte sie wieder zu beruhigen +und ihr Hoffnung einzuflößen; ich sagte ihr +daß, wenn sie bei mir bleiben wolle, ich sie niemals fortgeben +würde. Ich zog meinen Mantel aus, legte die +Mütze aus der Hand, denn in solchem Zustande konnte ich +sie nicht allein lassen. +</p> + +<p> +„Nein, gehen Sie nur!“ sagte sie, sofort erratend, +daß ich bleiben wollte. „Ich bin müde und werde gleich +einschlafen.“ +</p> + +<p> +„Wie, soll ich dich denn allein lassen?“ sagte ich zögernd. +„Ich werde allerdings in zwei Stunden wieder +zurück sein ...“ +</p> + +<p> +„Nun, so gehen Sie doch. Sonst werde ich das ganze +Jahr krank sein, und Sie werden das ganze Jahr das +Haus nicht verlassen können.“ +</p> + +<p> +Und sie versuchte zu lächeln und sah mich so sonderbar +an, sie schien irgendein gutes Gefühl in ihrem Herzen +niederzukämpfen. Die Arme! Es war ihre Zärtlichkeit +und Güte, die trotz aller Menschenscheu und +offenbarer Verbitterung durchbrach. +</p> + +<p> +Zuerst eilte ich zu Anna Andrejewna. Sie erwartete +mich mit fieberhafter Ungeduld und war entsetzlich +beunruhigt. Nikolai Ssergejewitsch war gleich nach +Tisch ausgegangen und man wußte nicht wohin. Mir +ahnte, daß die Alte ihm wie gewöhnlich alles erzählt +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +hatte, wenn auch nur in Andeutungen. Sie gestand es +mir bald darauf selbst ein, daß sie nicht habe an sich +halten können und ihre Freude mit ihm habe teilen +wollen, daß aber Nikolai Ssergejewitsch, wie sie sagte, +finster wie eine Gewitterwolke dreingeschaut habe und +auf alle ihre Fragen nur geschwiegen hätte, und plötzlich +nach Tisch fortgegangen sei. Zitternd vor Angst +flehte sie mich an, mit ihr zusammen Nikolai Ssergejewitsch +zu erwarten. Ich schlug ihre Bitte rund ab und +sagte ihr, daß ich auch morgen nicht zu ihr kommen +könne und daß ich nur heute zu ihr gekommen wäre, um +sie davon zu benachrichtigen. Dieses Mal kam es fast +zu einem Bruch zwischen uns. Sie brach in Tränen +aus und machte mir bittere Vorwürfe, als ich aber +schon zur Tür hinaus wollte, umarmte sie mich plötzlich +und flehte mich an, sie „arme Waise“ nicht zu verlassen, +und ihr nicht zu zürnen, falls sie mich gekränkt hätte. +</p> + +<p> +Natascha traf ich gegen meine Erwartung wieder +allein an, – sonderbar, aber mir schien es, als freute +sie sich diesmal gar nicht über mein Kommen, wie sie +es sonst immer zu tun pflegte. Ich hatte den Eindruck, +als hätte mein Kommen sie irgendwie geärgert oder gestört. +Auf meine Frage, ob Aljoscha bei ihr gewesen, +antwortete sie: +</p> + +<p> +„Versteht sich, er war da, aber nicht lange. Er versprach +heute abend wiederzukommen,“ fügte sie nachdenklich +hinzu. +</p> + +<p> +„War er gestern abend hier?“ +</p> + +<p> +„N–nein. Man hat ihn aufgehalten,“ fügte sie +schnell hinzu. „Und wie geht es dir, Wanjä?“ +</p> + +<p> +Ich begriff, daß sie das Gespräch auf andere Dinge +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +lenken wollte. Ich betrachtete sie näher und bemerkte, +daß sie verstimmt war. Als sie sah, daß ich sie beobachtete, +traf mich plötzlich ein zornig flammender Blick von +ihr: als hätte er mich verbrennen können, so stark empfand +ich ihn. Sie leidet wieder, dachte ich bei mir, und +will es mir nicht zeigen. +</p> + +<p> +Ihre Frage nach meinen Angelegenheiten beantwortete +ich mit einer ausführlichen Erzählung von meinem +Erlebnis mit Helene. Meine Erzählung interessierte +sie sehr, und versetzte sie in Erstaunen und Erregung. +</p> + +<p> +„Mein Gott! Und du konntest sie allein lassen!“ +rief sie aus. +</p> + +<p> +Ich sagte ihr, daß ich eigentlich heute nicht zu ihr +habe kommen wollen, doch nicht sicher gewesen sei, ob sie, +Natascha, meiner nicht bedurfte. +</p> + +<p> +„Ich deiner bedürfen,“ sprach sie vor sich hin, „oh +ja, ich werde deiner schon bedürfen, Wanjä, doch nicht +heute, ein anderes Mal. Warst du bei den – Unsrigen?“ +</p> + +<p> +Ich erzählte ihr alles. +</p> + +<p> +„Ja, Gott weiß, wie der Vater diese Nachrichten +aufnehmen wird. Doch, übrigens, was ist da aufzunehmen +...“ +</p> + +<p> +„Wieso denn? Eine solche Veränderung!“ +</p> + +<p> +„Nun ja ... Wohin ist er denn wieder gegangen? +Neulich dachtet ihr, er habe zu mir gewollt. Weißt du, +Wanjä, wenn es dir möglich ist, komme morgen zu mir. +Vielleicht werde ich dir morgen etwas mitzuteilen haben +... Es ist zwar gewissenlos von mir, dich zu beunruhigen; +und jetzt gehe nach Haus zu deinem Gast. +Es sind sicher schon zwei Stunden vergangen, seit du +von Hause weg bist!“ +</p> + +<p> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +„Allerdings. Lebe wohl, Natascha. Nun, und wie +war denn Aljoscha heute zu dir?“ +</p> + +<p> +„Aljoscha, wie immer ... Deine Neugier wundert +mich, Wanjä.“ +</p> + +<p> +„Auf Wiedersehn!“ +</p> + +<p> +„Leb wohl.“ +</p> + +<p> +Sie reichte mir etwas nachlässig die Hand und wich +meinem Blick aus. Ich ging ein wenig betroffen von +ihr. „Übrigens,“ dachte ich, „sie hat allen Grund +nachdenklich zu sein; morgen wird sie mir ja doch alles +erzählen.“ +</p> + +<p> +Ich kehrte in trauriger Stimmung nach Hause zurück. +Erstaunt blieb ich an der Türschwelle stehen. Im +Zimmer war es dunkel. Ich konnte jedoch sehen, wie +Helene mit gesenktem Kopfe auf dem Diwan saß, in +tiefes Nachdenken versunken. Sie sah nicht einmal auf, +als ich zu ihr trat; sie murmelte nur etwas vor sich hin. +„Ob sie nicht wieder phantasiert?“ dachte ich. +</p> + +<p> +„Helene, mein Liebling, was fehlt dir?“ fragte ich, +setzte mich zu ihr und ergriff ihre Hand. +</p> + +<p> +„Ich möchte fort von hier. Ich möchte lieber zu +ihr,“ sagte sie, den Kopf noch immer gesenkt. +</p> + +<p> +„Wohin? zu wem?“ fragte ich ganz verwundert. +</p> + +<p> +„Zu ihr, zur Bubnowa. Sie sagt immer, daß ich +ihr viel Geld schulde, daß sie Mama für ihr Geld beerdigt +hat ... Ich will nicht, daß sie über meine Mama +schimpft ... Ich möchte für sie arbeiten und ihr alles +zurückgeben ... Dann werde ich wieder von ihr fortgehen. +Jetzt aber will ich zu ihr ...“ +</p> + +<p> +„Beruhige dich, Helene, zu ihr kannst du nicht. Sie +wird dich zugrunde richten ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +„Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich foltern,“ +unterbrach mich Helene ganz flammend, „ich +bin nicht die Erste; es gibt bessere als ich, die sich noch +mehr quälen. Das hat mir eine Bettlerin auf der +Straße gesagt. Mein ganzes Leben lang werde ich +arm bleiben, das hat mir meine Mama befohlen, als +sie starb. Ich werde arbeiten ... Ich will nicht dieses +Kleid tragen ...“ +</p> + +<p> +„Ich kaufe dir morgen ein anderes. Ich werde dir +auch deine Bücher wieder zurückbringen. Du wirst bei +mir bleiben. Ich werde dich niemandem abgeben, wenn +du es nicht selbst willst; sei ruhig ...“ +</p> + +<p> +„Ich will Arbeiterin werden.“ +</p> + +<p> +„Gut, gut! Nur lege dich jetzt hin und versuche zu +schlafen!“ +</p> + +<p> +Das arme Kind fing an zu weinen. Und langsam +gingen ihre Tränen in Schluchzen über. Ich wußte +nicht, was ich mit ihr beginnen sollte; ich reichte ihr +Wasser, rieb ihr die Schläfen. Schließlich fiel sie kraftlos +auf den Diwan zurück und das Fieber schüttelte +sie wieder. Ich deckte sie zu und sie schlief ein, doch +zuckte sie von Zeit zu Zeit wieder zusammen und erwachte +dann jedesmal. Obgleich ich den Tag über nicht viel +gegangen war, fühlte ich mich doch furchtbar müde und +beschloß, mich selbst so früh als möglich hinzulegen. +Quälende Sorgen durchbohrten mein Gehirn. Ich +fühlte voraus, daß ich mit dem Kinde viel Mühe haben +würde. Doch machten mir Nataschas Angelegenheiten +noch mehr Sorgen. Überhaupt erinnere ich mich nicht, +je in einer so schweren Gemütsstimmung gewesen zu +sein, als in dieser unglücklichen Nacht. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-9"> +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +IX. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> erwachte erst spät, gegen zehn Uhr morgens, und +fühlte mich ganz krank. Mir schwindelte und der Kopf +tat mir weh. Ich blickte auf Helenens Lager: es war +leer. Zu gleicher Zeit hörte ich aber im kleinen Nebenzimmer +Geräusch, wie wenn man mit dem Besen die +Zimmer kehrt. Ich ging hinein, um nachzusehen. Helene +hielt in der einen Hand den Besen, mit der anderen +hob sie ihr Kleid auf, das sie seit jenem Abend noch +nicht abgelegt, und kehrte die Stube aus. Das Holz +vor dem Ofen war in der Ecke aufgestapelt, der Teekessel +blankgeputzt. Kurz: Helene wirtschaftete. +</p> + +<p> +„Höre, Helene,“ rief ich, „wer hat dir erlaubt, die +Zimmer zu fegen? Du bist krank, ich wünsche das nicht; +bist du denn etwa als Magd zu mir gekommen?“ +</p> + +<p> +„Wer wird denn hier die Zimmer reinigen?“ Sie +richtete sich auf und sah mir gerade in die Augen. +„Jetzt bin ich nicht mehr krank.“ +</p> + +<p> +„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir +genommen, Helene. Du scheinst zu fürchten, daß ich +wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen könnte, daß +du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen +schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert +hinzu. +</p> + +<p> +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher +gebracht. Ich habe doch Großpapa die Zimmer rein gemacht. +Der Besen lag seit der Zeit dort, unter dem +Ofen.“ +</p> + +<p> +Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war +es klar, daß ihr meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, +und daß sie sich bemühte, sie verdienen zu wollen. „Was +für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir. Nach ein +paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich +auf den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete +ich den Tee, goß auch ihr Tee ein und reichte ihr +ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles schweigend ohne +jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze vierundzwanzig +Stunden nichts genossen. +</p> + +<p> +„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem +Besen beschmutzt.“ Ich bemerkte einen schmutzigen +Streifen an ihrem Rock. +</p> + +<p> +Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und +zu meiner Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff +ruhig mit beiden Händen den Saum des Kleides und +riß kaltblütig den Rock von unten bis oben durch. +</p> + +<p> +Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig +schweigend an, mit flammenden Augen. Ihr Gesicht +war weiß wie Kreide. +</p> + +<p> +„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken +aus, denn ich glaubte eine Wahnsinnige vor mir zu +sehen. +</p> + +<p> +„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung +ganz erstickter Stimme. „Warum sagten Sie, +daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es nicht tragen,“ +rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke zerreißen! +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, +sie hat es gewaltsam mit mir getan. Ich habe +schon ein solches Kleid zerrissen, auch dieses werde ich +zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“ +</p> + +<p> +In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. +Als sie damit zu Ende war, konnte sie sich kaum +mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit Verwunderung +auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. +Sie sah mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr +gegenüber irgendwie schuldig gewesen. Ich wußte bereits, +was ich zu tun hatte. +</p> + +<p> +Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu +kaufen. Dieses wilde, erbitterte Geschöpf mußte man +mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als wäre sie nie +einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet +der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in +Stücke zerrissen, um wieviel mehr mußte sie dieses Kleid +und dieser Augenblick an alles Schreckliche erinnern! +</p> + +<p> +Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes +einfaches Kleidchen kaufen. Das Unglück wollte es +nur, daß ich in diesem Augenblick kein Geld bei mir +hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen +beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich +nahm meinen Hut. Helene folgte mir mit den Augen, +als erwarte sie etwas von mir. +</p> + +<p> +„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ +fragte sie, als ich nach dem Schlüssel griff, um die Wohnung +von außen zuzuschließen, wie ich es gestern und +vorgestern getan. +</p> + +<p> +„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht +böse. Ich schließe die Wohnung nur darum zu, weil +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du bist krank +und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer +nicht alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“ +</p> + +<p> +Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch +nur ein, weil ich fürchtete, daß sie von mir fortgehen +könnte. Wenigstens für die erste Zeit hatte ich beschlossen, +vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir nichts +und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte +einen Verleger, der schon ein großes Sammelwerk herausgab. +Von ihm holte ich mir immer Arbeit, wenn +ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute +zu ihm und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, +dafür verpflichtete ich mich in einer Woche einen +bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber hoffte auf +diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das +tat ich oft, wenn die Not am höchsten war. +</p> + +<p> +Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort +suchte ich eine mir bekannte Händlerin auf, die allerhand +Kleider verkaufte. Ich gab ihr ungefähr den +Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes, +starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid +aus, das sie mir zu geringem Preis verkaufte. Zufällig +fand ich auch noch ein nettes Halstuch. Als ich +das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch +sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing +an, kalt zu werden und sie besaß absolut nichts. Doch +ich ließ es bis auf ein nächstes Mal. Helene war so +empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses +Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht +so billig und so einfach als nur möglich gekauft +hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch zwei Paar +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die +konnte ich ihr unter dem Vorwand geben, daß sie krank +und daß es im Zimmer kalt sei. Sie hatte auch wohl +Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns näher +kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber +ein Paar alte Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche +Sache, die Helene nur angenehm sein konnte. +</p> + +<p> +Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag +zu Hause an. Das Schloß öffnete sich fast geräuschlos, +so daß Helene gar nicht bemerkte, daß ich +eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen +Büchern lesen. Als sie mich erblickte, schlug +sie schnell das Buch zu, in dem sie gelesen, und wandte +sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster Roman, +auf dessen Titelblatt mein voller Name stand. +</p> + +<p> +„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte +sie in einem Tone zu mir, in dem man deutlich den +Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich eingeschlossen?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du +hast nichts geantwortet?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte +ihr das Kleid. +</p> + +<p> +„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, +die du anhast, kannst du nicht bleiben. Ich habe dir +ein billiges, einfaches Alltagskleid gekauft, es kostet im +ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“ +</p> + +<p> +Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über +und über und sah mich ganz verwundert starr an. +</p> + +<p> +Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir +sehr verlegen. Doch etwas Weiches, Zärtliches leuchtete +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß sie +schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische +zu schaffen. Meine Handlungsweise schien sie ganz zu +verwirren. Sie saß da, mit Mühe sich beherrschend, die +Augen zu Boden geschlagen. +</p> + +<p> +Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische +Luft hatte mir nicht gut getan. Dabei mußte ich auf +jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie nahm zu. +Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. +Ich wandte mich um. +</p> + +<p> +„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte +nicht mehr ein,“ sagte sie beiseite blickend und mit den +Fingern an der Diwanschnur zupfend, als nehme diese +Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde nicht +von Ihnen fortgehen.“ +</p> + +<p> +„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch +wenn nun jemand kommt, Gott weiß, wer?“ +</p> + +<p> +„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür +von innen zuschließen und wenn jemand klopft, werde +ich sagen: es ist niemand zu Haus.“ +</p> + +<p> +Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: +„Sieh, wie man das machen muß!“ +</p> + +<p> +„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, +bevor ich noch etwas erwidern konnte. +</p> + +<p> +„Hier im Hause ist eine Frau ...“ +</p> + +<p> +„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“ +</p> + +<p> +„Im Restaurant.“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe auch zu kochen.“ +</p> + +<p> +„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“ +</p> + +<p> +Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +Meine Bemerkung beleidigte sie offenbar. Es vergingen +ungefähr zehn Minuten; wir schwiegen beide. +</p> + +<p> +„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den +Kopf zu erheben. +</p> + +<p> +„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich +verwundert. +</p> + +<p> +„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen +immer Suppe gekocht, wenn sie krank war. Ich bin auch +auf den Markt gegangen.“ +</p> + +<p> +„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du +bist,“ sagte ich und setzte mich zu ihr auf den Diwan. +„Ich bin zu dir, wie mein Herz mir befiehlt. Du bist +jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich +möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, +würdest auch du mir helfen wollen. Doch du denkst +nicht so wie ich und dir fällt es schwer, von mir etwas +anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles +abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest +dich doch schämen, Helene!“ +</p> + +<p> +Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien +mir etwas entgegnen zu wollen, doch nahm sie sich +zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um zu Natascha +zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den +Schlüssel und bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen +sollte, zu fragen, wer da sei? – Ich war innerlich +davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand. +Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, +sie sonst aber weiter nicht mit meiner Gegenwart +belästigen. +</p> + +<p> +So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit +unzufriedener, strenger Miene. Ich hätte sofort wieder +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +weggehen sollen, doch meine Füße trugen mich nicht +mehr. +</p> + +<p> +„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ +begann ich, „um dich meines Gastes wegen um Rat zu +fragen?“ +</p> + +<p> +Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich +meine letzten Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha +hörte mich schweigend an. +</p> + +<p> +„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ +antwortete sie mir. „Es scheint ein eigenartiges +Wesen zu sein, sicher sehr gequält und verschüchtert. +Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu +den Unsrigen bringen?“ +</p> + +<p> +„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß +Gott, wie man sie dort auch aufnehmen würde. Und +du, wie geht es dir? Du schienst gestern krank zu sein?“ +fragte ich sie schüchtern. +</p> + +<p> +„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete +sie zerstreut. „Hast du jemanden von den +Unsrigen gesehen?“ +</p> + +<p> +„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist +ja Sonnabend ...“ +</p> + +<p> +„Nun, und dann?“ +</p> + +<p> +„Am Abend kommt der Fürst ...“ +</p> + +<p> +„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“ +</p> + +<p> +„Ich meinte ja nur so ...“ +</p> + +<p> +Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die +Augen. In ihrem Blick lag eine hartnäckige, fieberhafte, +leidenschaftliche Entschlossenheit. +</p> + +<p> +„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du +störst mich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender +Verwunderung. +</p> + +<p> +„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ +rief ich erschrocken aus. +</p> + +<p> +„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen +erfahren, jetzt aber laß mich allein. Hörst du, Wanjä, +gehe sofort. Ich kann dich nicht ansehen, es zerreißt +mir das Herz!“ +</p> + +<p> +„Sage mir doch wenigstens ...“ +</p> + +<p> +„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, +wirst du denn nicht gehen?“ +</p> + +<p> +Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte +kaum mehr, wo ich mich befand. Mawra stürzte mir +auf die Treppe nach. +</p> + +<p> +„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich +fürchte mich schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“ +</p> + +<p> +„Ja, was hat sie nur?“ +</p> + +<p> +„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal +seine Nasenspitze gesehen!“ +</p> + +<p> +„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. +„Sie hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er +am Morgen dagewesen und am Abend wiederkommen +wollte ...“ +</p> + +<p> +„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen +da. Ich sage Ihnen, den dritten Tag hat er sich +schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich selbst +gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“ +</p> + +<p> +„Sie hat es selbst gesagt.“ +</p> + +<p> +„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +ihr so weh tun, daß sie es sogar vor Ihnen verheimlichen +will. Nun, das ist ’mal! ...“ +</p> + +<p> +„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an. +</p> + +<p> +„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ +Mawra schlug die Hände über dem Kopf zusammen. +„Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und jedesmal +hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber +spricht sie schon kein Wort mehr mit mir. Wenn sie +ihn doch nur sehen würde! Ich wage es schon gar nicht +mehr, sie allein zu lassen.“ +</p> + +<p> +Ich stürzte die Treppe hinunter. +</p> + +<p> +„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir +Mawra nach. +</p> + +<p> +„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, +nur um mich nach ihr zu erkundigen. Wenn ich mich +nur selbst auf den Beinen halten kann!“ +</p> + +<p> +Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen +riß. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-10"> +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +X. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte +bei seinem Vater in der Kleinen Mosskaja. Der Fürst +bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er ganz allein +lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser +Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, +ich glaube, nur ein einziges Mal. Er dagegen besuchte +mich öfter, besonders zu Anfang seiner Verbindung +mit Natascha. +</p> + +<p> +Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer +und schrieb ihm folgenden Brief: +</p> + +<p> +„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als +Ihr Vater Dienstag abend selbst Natascha bat, Ihnen +die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, waren Sie +über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie +werden zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam +erscheint. Wissen Sie auch, was Sie Natascha +gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie daran +erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau +gegenüber höchst merkwürdig und leichtsinnig erscheint. +Ich weiß sehr wohl, daß ich kein Recht habe, Ihnen +Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz gleichgültig.“ +</p> + +<p> +„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +und hat überhaupt nicht mit mir von Ihnen gesprochen.“ +</p> + +<p> +Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas +Tisch. Auf meine Frage antwortete der Diener, daß +Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause sei und nur +in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre. +</p> + +<p> +Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der +Kopf schwindelte mir, die Füße waren schwach und +zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen. Bei +mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete +auf mich. Er saß am Tisch und sah schweigend mit +Verwunderung Helene an, die ihrerseits ihn nicht weniger +erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie muß +sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich. +</p> + +<p> +„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte +ich dich schon, ich hätte nicht gedacht, dich so zu finden +...“ Er sah sich im Zimmer um, und wies mit +den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene. +</p> + +<p> +In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn +näher ansah, bemerkte ich, daß sein Gesicht erdfahl +war und Kummer und Unruhe in ihm lag. +</p> + +<p> +„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter +Miene auf. „Ich beeilte mich, zu dir zu kommen, +habe eine Angelegenheit mit dir zu besprechen, doch +was fehlt dir? Wie siehst du aus?“ +</p> + +<p> +„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen +schwindelt mir der Kopf.“ +</p> + +<p> +„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich +nicht erkältet?“ +</p> + +<p> +„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das +habe ich des öfteren. Und Sie, wie fühlen Sie sich?“ +</p> + +<p> +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. +Setze dich zu mir.“ +</p> + +<p> +Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber +an den Tisch. Der Alte beugte sich vor und +begann mit halblauter Stimme: +</p> + +<p> +„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir +über sie sprechen. Was ist das für ein Gast, den du +da hast?“ +</p> + +<p> +„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist +ein armes Mädchen, eine Waise, Enkelin desselben +Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei gestorben +ist.“ +</p> + +<p> +„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, +ist das aber ein sonderbares Geschöpf! Die sieht einen +so an, so! Wirklich, ich sage dir, wenn du in fünf +Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier +nicht mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie +nur dazu bringen, daß sie mir die Tür öffnete; sie +spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach unheimlich, +mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem +Menschenkinde ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? +Ach, ich verstehe, sie ist wohl zum Großvater +gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“ +</p> + +<p> +„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte +sich ihrer noch, bevor er starb.“ +</p> + +<p> +„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher +erzählst du mir alles. Vielleicht kann ihr geholfen +werden, wenn sie doch so unglücklich ist ... Doch +jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie +fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt +hier bei mir.“ +</p> + +<p> +Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich +in ein paar Worten und fügte hinzu, daß man +ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne, da sie +ein Kind sei ... +</p> + +<p> +„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst +mich wohl zum besten, mein Freund. Sie lebt bei dir, +sagst du? Gott im Himmel!“ +</p> + +<p> +Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. +Helene fühlte, daß man von ihr sprach, sie saß schweigend +da, den Kopf auf die Brust gesenkt und spielte mit +ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits +ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut +stand. Die Haare waren sorgfältig gekämmt, sorgfältiger +als früher, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. +Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen +Art gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind +halten müssen. +</p> + +<p> +„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann +der Alte von neuem ... +</p> + +<p> +Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger +Miene da und ungeachtet seines „kurz und bündig“ +konnte er den Anfang nicht finden. „Was kann er +wohl haben?“ dachte ich. +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte +zu dir gekommen. Doch bevor ich sie ausspreche – +ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir erst die näheren +Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher +Art ...“ +</p> + +<p> +Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +er; errötete und ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, +ärgerte sich und fuhr fort: +</p> + +<p> +„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du +wirst es von selbst verstehen! Kurz, ich will den +Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese Sache zu arrangieren +und mein Sekundant zu sein.“ +</p> + +<p> +Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte +ihn außer mir vor Verwunderung an. +</p> + +<p> +„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch +nicht den Verstand verloren.“ +</p> + +<p> +„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter +welchem Vorwand, zu welchem Zweck? Und +schließlich, ist es denn möglich? ...“ +</p> + +<p> +„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist +’mal schön! ...“ +</p> + +<p> +„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; +doch was werden Sie damit erreichen? Welch einen +Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe, daß +ich nichts davon begreife.“ +</p> + +<p> +„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen +würdest. Höre: unser Prozeß ist zu Ende, d. h., wird +in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben nur noch die +Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend +Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für +sie wird Ichmenjeffka in Beschlag genommen. Folglich +hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen und ich, +der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller Verpflichtungen +ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf +hoch heben. ‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei +Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen beschimpft +und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten, +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! +Ich habe Sie dazumal nicht fordern können. Sie hätten +mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst mich +erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, +zu dem du früher oder später verurteilt werden wirst! +Nein, erst wollen wir den Prozeß beenden und dann +kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst, ist der +Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst +du, so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich +nicht im Recht sein, endlich mich für alles, alles rächen +zu wollen!“ +</p> + +<p> +Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend +an. Ich wollte gern seine geheimsten Gedanken erraten. +</p> + +<p> +„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ +wandte ich mich an ihn. Ich hatte mich entschlossen, +ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein, denn sonst +wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. +„Können Sie gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“ +</p> + +<p> +„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit. +</p> + +<p> +„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der +Rache, was Sie dazu treibt, oder verfolgen Sie dabei +auch noch andere Ziele?“ +</p> + +<p> +„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden +erlaube, im Gespräch mit mir an gewisse +Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine Ausnahme +gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten +hast, daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. +Ja, du hast recht, ich verfolge dabei noch ein +Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem +unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die +letzten Verhältnisse getrieben worden ist.“ +</p> + +<p> +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses +Duell retten, das ist die Frage?“ +</p> + +<p> +„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort +planen. Höre mich an: glaube nicht, daß irgendeine +väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine andere Schwäche +aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste +meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es +nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus +mit ihrem Liebhaber verlassen und ich habe sie +aus meinem Herzen gerissen, an demselben Abend – +du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über +ihrem Bilde weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, +daß ich ihr vergeben habe. Ich habe es auch damals +nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück, +doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht +jetzt oft geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, +ebenso wie ich eingestehe, daß ich mein Kind früher +über alles in der Welt liebte. Alles das scheint offenbar +mit meinem Vorhaben in einem gewissen Widerspruch +zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so +ist, daß Sie sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig +verhalten und Ihre Tochter als solche schon nicht +mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann jetzt in +ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich +diesem niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph +lassen will und zweitens, einfach aus Menschenliebe. +Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie +doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, +das man noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie +schließlich gänzlich zu vernichten. In die Sache selbst +kann ich mich nicht einmischen, doch mittelbar, durch +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt +und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich +über meine Leiche schreiten und mit dem Sohne meines +Mörders zum Altare gehen, wie jene Zarentochter über +die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich, +wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere +Fürsten die Ehe selbst nicht mehr wünschen. Kurz, ich +wünsche diese Ehe auf keinen Fall und werde alles tun, +um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“ +</p> + +<p> +„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum +wollen Sie dann ihre Ehe verhindern, nur sie allein +kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie hat +noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren +guten Namen wieder.“ +</p> + +<p> +„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das +müßte ihre Gesinnung sein! Sie sollte erkennen, daß +die größte Schmach für sie diese Ehe wäre, die Verbindung +mit diesem gemeinen Menschen und dieser jämmerlichen +Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort +an die Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr +wieder meine Hand reichen und dann wollen wir sehen, +wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“ +</p> + +<p> +Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. +Doch ich erriet, daß der Alte in diesem Augenblick außer +sich war und jeder kühlen Berechnung unfähig. +</p> + +<p> +„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen +von ihr Kräfte, die Sie ihr als Vater bei ihrer +Geburt vielleicht nicht gegeben haben. Und willigt sie +denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie +liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. +Und schließlich verlangen Sie von ihr Verachtung der +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +gesellschaftlichen Meinung und beugen sich selbst vor +dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich verdächtigt, +durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in +Beziehung treten zu wollen und Sie denken: wenn sie +jetzt diesen formellen Antrag ausschlägt, so ist das die +beste Widerlegung aller früheren Klatschereien. Das +ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten beweisen, +daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche +Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern +dafür das Glück Ihrer Tochter. Ist denn das kein +Egoismus?“ +</p> + +<p> +Der Alte saß lange finster und mürrisch da und +sagte kein Wort. +</p> + +<p> +„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er +endlich langsam, und Tränen glänzten in seinen Augen +– „ich schwöre es dir, daß du gegen mich ungerecht +bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein +Herz umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und +griff nach seinem Hut, „ich sage dir nur eines: du hast +soeben vom Glück meiner Tochter gesprochen. Ich +glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe +auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“ +</p> + +<p> +„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie +etwas Besonderes darüber erfahren?“ rief ich begierig +aus. +</p> + +<p> +„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch +dieser verfluchte Fuchs wird sich niemals dazu entschließen +können. Das ist alles Unsinn, das sind Fallen. Ich +bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und +zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande +kommen sollte, oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +unbekannten Vorteil aus dieser Ehe zu ziehen glaubt – +so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz: kann +sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe +und Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, +der bereits ihre Liebe als einen Zwang zu empfinden +anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht mehr +achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die +Leidenschaft in dem Maße wachsen, in dem seine +Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen, Hölle, vielleicht +noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei +noch mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, +und dann wird es zu spät sein! Lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Ich hielt ihn zurück. +</p> + +<p> +„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s +vorläufig so: warten wir ab. Seien Sie überzeugt, +nicht meine Augen allein verfolgen die Entwicklung +dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst +zum besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel +dieses Duell. Die Zeit ist der beste Richter! Und +außerdem, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen sage, daß +Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich +auch nur einen Augenblick daran glauben können, +daß der Fürst Ihre Herausforderung annehmen wird?“ +</p> + +<p> +„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“ +</p> + +<p> +„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; +und seien Sie überzeugt, er würde schon ein Mittel finden, +es zu rechtfertigen, und Sie werden der Blamierte +sein ...“ +</p> + +<p> +„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie +kann er es denn überhaupt – nicht annehmen? Nein +Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein echter Dichter! +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht satisfaktionsfähig +bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich +bin fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein +Sekundant, ein russischer Schriftsteller, der Anspruch +auf höhere Achtung erheben kann, und ... und ... +Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“ +</p> + +<p> +„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen +Gründen kommen, daß Sie selbst, Sie zuerst Ihre Forderung +zurückziehen werden.“ +</p> + +<p> +„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, +wie du es denkst. Ich werde warten, bis zu einem gewissen +Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir abwarten. +Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder +dort, noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem +Gespräch mitteilst.“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich.“ +</p> + +<p> +„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals +mehr darüber mit mir zu sprechen.“ +</p> + +<p> +„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“ +</p> + +<p> +„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein +Lieber, daß du es bei uns vielleicht langweilig hast, +doch besuche uns trotzdem des öfteren. Meine arme +Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... +ohne dich grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“ +</p> + +<p> +Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von +ganzem Herzen das Versprechen. +</p> + +<p> +„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast +du Geld?“ +</p> + +<p> +„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung. +</p> + +<p> +„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„für deine Wohnung ... und für deine Bedürfnisse +... und dann, denke ich, daß du noch besondere +Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) +... siehst du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel +auf alle Fälle ...“ +</p> + +<p> +„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß +verloren haben!“ +</p> + +<p> +„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen +willst! Auf alle Fälle, verstehe doch. In manchem +Falle bedeutet Geld haben, Unabhängigkeit der Lage, +Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht hast du in +diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für +den Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens +behalte es bei dir. Das ist alles, was ich dir geben +kann. Wenn du es nicht brauchen wirst, kannst du +es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, +wie du erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“ +</p> + +<p> +Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war +ja nur zu deutlich, wozu er es mir überließ. +</p> + +<p> +„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete +ich ihm. +</p> + +<p> +„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm +dich in acht! Gehe heute nicht mehr aus. Ich werde +Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest. Hast +du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen +nach dir erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, +es zu tun, wenn ich mich nur selbst noch auf +den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe +wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch +fünf Rubel für das Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie +dir gegeben habe. Gib sie für sie aus. Kaufe ihr +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, +mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den +Hausknecht nach Essen schicken. Helene hatte noch +nichts genossen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-3-11"> +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +XI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">aum</span> war ich wieder zurückgekehrt, als ich das +Bewußtsein verlor und mitten im Zimmer hinstürzte. +Ich hörte noch Helene aufschreien und herbeistürzen, +um mich zu halten ... +</p> + +<p> +Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im +Bett. Helene erzählte mir nachher, daß sie mich zusammen +mit dem Hausknecht, der das Essen gebracht +hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, +sah ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht +Helenens. Doch dessen erinnere ich mich nur noch wie +im Traum, wie durch Nebel. Das liebe Gesichtchen +des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor +mir auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte +mir die Bettdecke zurecht, und saß traurig und erschrocken +neben mir, hin und wieder mit den Händchen mir +über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch, +einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu +haben. Ein andermal, als ich plötzlich in der Nacht +erwachte, bemerkte ich beim Scheine des herabgebrannten +Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten +Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes +Gesichtchen neben mir auf dem Kissen ruhen: sie hatte +ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die bleichen +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst +vollständig gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; +ein heller, rosafarbener Morgensonnenstrahl +spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor +dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken +Arm gelegt und schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe +gerundetes Kindergesicht, das auch im Schlafe seinen +kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte, dabei +von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen +Wimpern lagen wie dunkle Strahlen auf ihren +blassen Wangen, die umrahmt wurden vom dunklen +Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem +Kissen. Ich küßte leise, leise das magere Händchen, +sie erwachte nicht davon, doch schien im Schlaf +ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen. Ich +sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, +gesunden Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis +zum Nachmittag. Als ich erwachte, fühlte ich mich +fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche und +Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen +Anfall hin. Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten +sich auch schon früher bei mir gemeldet: ich kannte sie +nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich gewöhnlich +in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich +nicht hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden +sehr heftig und bedrohlich auftrat. +</p> + +<p> +Es war also schon Nachmittag. Das erste, was +mir in die Augen fiel, waren die gestern von mir gekauften +Vorhänge, die auf einer Schnur aufgezogen +die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene +sich ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Augenblick stand sie am Ofen und kochte Tee. Als sie +bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und kam +zu mir. +</p> + +<p> +„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff +ihre Hand, „du hast die ganze Nacht an meinem Bette +gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so gutes Herz +hast.“ +</p> + +<p> +„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; +ich habe vielleicht im Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ +sie sah mich schelmisch und herausfordernd +an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten. +</p> + +<p> +„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist +du eingeschlafen ...“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre +es ihr unangenehm, das Gespräch fortzusetzen, wie es +keuschen Menschen eigen ist, die sich nicht loben hören +können. +</p> + +<p> +„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend +gegessen?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht +brachte das Essen. Doch sprechen Sie lieber nicht so +viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind noch nicht gesund,“ +fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und +setzte sich zu mir ans Bett. +</p> + +<p> +„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde +bleibe ich liegen, doch dann muß ich ausgehen. +Ich muß es tun, Lenotschka.“ +</p> + +<p> +„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie +denn? Doch nicht zum Alten von gestern?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +hat Sie gestern so aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu +seiner Tochter?“ +</p> + +<p> +„Was weißt du denn von seiner Tochter?“ +</p> + +<p> +„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte +den Kopf und zog finster die Brauen zusammen. +</p> + +<p> +„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf +hinzu. +</p> + +<p> +„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein +sehr guter Mensch.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete +sie gereizt. +</p> + +<p> +„Ja, was hast du denn gehört?“ +</p> + +<p> +„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“ +</p> + +<p> +„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber +sorgt für sie, quält sich um sie.“ +</p> + +<p> +„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr +später verzeihen sollte, so wird die Tochter nicht mehr +zu ihm gehen.“ +</p> + +<p> +„Wieso? Warum nicht?“ +</p> + +<p> +„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn +lieb hat,“ antwortete sie erregt. „Soll sie ihn lieber +auf immer verlassen, soll sie lieber betteln gehen, als +zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und sich +quälen.“ +</p> + +<p> +Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. +„Sicher hat sie einen Grund, wenn sie so spricht,“ +dachte ich bei mir. +</p> + +<p> +„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ +fügte sie hinzu und verstummte. +</p> + +<p> +„Ja, Lenotschka.“ +</p> + +<p> +„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! +Welch ein Unsinn; wer würde denn dich engagieren?“ +</p> + +<p> +„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer +erboster. +</p> + +<p> +Sie schien sehr heftig zu sein. +</p> + +<p> +„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ +sagte ich lachend. +</p> + +<p> +„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“ +</p> + +<p> +„Mit deinem Charakter?“ +</p> + +<p> +„Mit meinem, jawohl.“ +</p> + +<p> +Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete +sie. +</p> + +<p> +„Du wirst es nicht aushalten.“ +</p> + +<p> +„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich +aber werde schweigen. Man wird mich schlagen, ich +aber werde schweigen, schweigen, mögen sie mich schlagen, +ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor +Wut, ich aber werde schweigen.“ +</p> + +<p> +„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in +dir steckt, und wie stolz du bist! Viel Leid mußt du erfahren +haben ...“ +</p> + +<p> +Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. +Helene blieb auf dem Diwan sitzen, sah zu Boden und +spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg. „Ob sie sich +durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir. +</p> + +<p> +Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich +mir gestern zur Arbeit mitgebracht hatte, und vertiefte +mich allmählich ins Lesen. Das geschieht bei mir oft +so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen Augenblick, +fange an zu lesen und vergesse alles. +</p> + +<p> +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem +Lächeln Helene, leise an den Tisch tretend. +</p> + +<p> +„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld +gibt.“ +</p> + +<p> +„Also Bittschriften?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht Bittschriften.“ +</p> + +<p> +Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten +über die Geschicke der verschiedensten Leute +schreibe. Daraus entstehen Bücher, die man Erzählungen +oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem +Interesse an. +</p> + +<p> +„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich denke es mir aus.“ +</p> + +<p> +„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“ +</p> + +<p> +„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; +du hast doch schon einmal in ihm gelesen. Du verstehst +doch zu lesen?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe +ich geschrieben.“ +</p> + +<p> +„Sie? Ich werde es lesen ...“ +</p> + +<p> +Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte +sie es offenbar nicht. Sie war in großer Erregung. +Hinter ihren Fragen steckte etwas. +</p> + +<p> +„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich. +</p> + +<p> +„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – +gar nichts, je nachdem. Es ist eine mühsame Arbeit, +Lenotschka.“ +</p> + +<p> +„Sie sind also nicht reich?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich bin nicht reich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“ +</p> + +<p> +Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug +wieder schnell die Augen nieder. Plötzlich trat sie auf +mich zu und schlang ihre beiden Ärmchen um mich und +preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust. +</p> + +<p> +„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten +gestern, daß ich stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht +so ... ich liebe Sie, und Sie allein lieben mich ...“ +</p> + +<p> +Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß +sich ihrer Brust und durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, +wie bei ihrem letzten Anfall. Sie fiel vor mir auf +die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ... +</p> + +<p> +„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur +Sie allein, allein! ...“ +</p> + +<p> +Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, +die sie lange zurückgehalten, überwältigten sie in diesem +Augenblick und ich begriff, wie sie durch die Hartnäckigkeit +ihres Herzens bis jetzt alles niedergekämpft +hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres +Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich +der Augenblick gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen +bis zur Selbstvergessenheit der Liebe, der Dankbarkeit, +der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen +hingab. +</p> + +<p> +Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen +richtigen Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich +ihre Hände von meinen Knien und trug sie auf den +Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als +schäme sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; +meine Hand aber hielt sie noch lange mit ihren +kleinen Händchen und preßte sie an ihr Herz. +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht +hielt sie noch immer versteckt. Hin und wieder +streifte mich nur ein flüchtiger Blick, in dem so viel +Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, +und plötzlich lächelte sie wieder. +</p> + +<p> +„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, +meine kleine Lenotschka!“ +</p> + +<p> +„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte +wieder ihr Gesichtchen. +</p> + +<p> +„Nicht Lenotschka? Wie denn?“ +</p> + +<p> +„Nelly.“ +</p> + +<p> +„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist +ja ein sehr netter Name. Wenn du willst, kann ich +dich so rufen.“ +</p> + +<p> +„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst +nannte mich so, nur sie ... und ich würde es auch +niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen +mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer +lieben, immer lieben ...“ +</p> + +<p> +„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, +„wie lange mußte ich mich darum mühen, bis es mich +lieb gewann.“ +</p> + +<p> +Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer +ergeben war. +</p> + +<p> +„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich +beruhigt hatte, „du sagst, daß dich außer deiner Mama +niemand lieb gehabt hat. Und dein Großpapa, liebte +er dich denn gar nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein, er liebte mich nicht ...“ +</p> + +<p> +„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf +der Treppe, erinnerst du dich?“ +</p> + +<p> +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +Sie dachte einen Augenblick nach. +</p> + +<p> +„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“ +</p> + +<p> +Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. +</p> + +<p> +„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, +Nelly. Er hatte bereits sein Gedächtnis verloren. +Ich habe dir doch erzählt, wie er starb.“ +</p> + +<p> +„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. +Er saß hier den ganzen Tag, und wenn ich nicht +zu ihm gekommen wäre, so würde er noch den dritten +Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. +Doch früher war er viel besser.“ +</p> + +<p> +„Wann war das?“ +</p> + +<p> +„Als Mama noch lebte.“ +</p> + +<p> +„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen +brachte, Nelly?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich brachte ihm ...“ +</p> + +<p> +„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa +genommen,“ ihre Stimme hatte plötzlich einen harten, +gesprungenen Klang. +</p> + +<p> +„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch +nichts?“ +</p> + +<p> +Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf +mit langem, fragendem Blick an. +</p> + +<p> +„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich +fünf Kopeken, so kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak +...“ +</p> + +<p> +„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“ +</p> + +<p> +„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. +Als er es aber erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich +bettelte auf der Brücke und er wartete auf mich in der +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab, stürzte +er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte +ich es vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich +nicht für ihn.“ +</p> + +<p> +Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln. +</p> + +<p> +„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte +sie hinzu. „Erst nach ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“ +</p> + +<p> +„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? +Warum lebtet ihr denn nicht alle zusammen?“ +</p> + +<p> +„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat +ihr nicht verziehen ... ganz wie der böse Alte von +gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd und erblaßte. +</p> + +<p> +Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines +ganzen Romans lösten sich in meiner Phantasie. Diese +arme Frau, die bei einem Sargmacher im Keller gestorben: +die Tochter, eine Waise, die den Alten, der +ihre Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der +geistesabwesende alte Sonderling, der auf dem Wege +von der Konditorei gleich nach seinem Hunde gestorben +war! ... +</p> + +<p> +„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, +wie in Erinnerung lächelnd. „Großpapa liebte +Mama früher sehr und als Mama ihn verließ, blieb +Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... +Mama verzieh er nicht, als aber Asorka starb, ist er +auch gestorben,“ fügte Nelly hart hinzu und das Lächeln +in ihrem Gesicht verschwand. +</p> + +<p> +„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte +ich sie, nach einer längeren Pause. +</p> + +<p> +„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +antwortete sie. „Er hatte eine Fabrik ... So sagte +Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so klein und verstünde +von alledem nichts. Sie küßte mich immer und +sagte zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, +mein armes, mein unglückliches Kind! Immer +nannte sie mich arm und unglücklich. Und in der Nacht, +wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an, +als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise +und sagte immer Armes, Unglückliches!“ +</p> + +<p> +„Woran ist deine Mutter gestorben?“ +</p> + +<p> +„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“ +</p> + +<p> +„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater +reich war?“ +</p> + +<p> +„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. +Mama hatte doch schon vor meiner Geburt Großpapa +verlassen.“ +</p> + +<p> +„Mit wem war sie denn fortgegangen?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und +nachdenklich. „Sie ging ins Ausland, dort wurde ich +geboren.“ +</p> + +<p> +„Im Auslande? Wo?“ +</p> + +<p> +„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in +Italien war ich, in Paris.“ +</p> + +<p> +Ich staunte. +</p> + +<p> +„Und du erinnerst dich, Nelly?“ +</p> + +<p> +„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“ +</p> + +<p> +„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, +Nelly?“ +</p> + +<p> +„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. +Sie war Russin, denn ihre Mutter war Russin, Großpapa +aber war Engländer von Geburt, doch auch ganz +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher +zurückkehrten, sprachen wir nur Russisch. Mama war +damals schon krank. Wir wurden immer ärmer und +ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach +Großpapa und sagte immer, sie sei vor ihm schuldig +und weinte ... Sie weinte so sehr, so sehr! Als sie +erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte +sie noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber +antwortete nicht.“ +</p> + +<p> +„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur +Großpapas wegen?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und +Nellys Augen glänzten. „Mama lebte mit mir allein. +Sie hatte einen Freund, der war so gut wie Sie ... +Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama +kehrte hierher zurück ...“ +</p> + +<p> +„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der +sie verlassen hat ...“ +</p> + +<p> +„Mit wem denn, Nelly?“ +</p> + +<p> +Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar +wußte sie, wer ihr Vater war. Doch fiel es +ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen. +</p> + +<p> +Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war +ein sonderbarer Charakter, nervös und heftig, der sich +selbst immer bekämpfte, sympathisch, doch stolz und unzugänglich. +Die ganze Zeit über, seit ich sie kannte, +und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, +mit einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die +zu ihrer verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber +doch so verschlossen, daß sie nicht das Bedürfnis empfand, +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen, sondern +im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. +Nur an diesem einen Tage, in diesen Stunden teilte +sie mir alles zwischen Tränen und Schluchzen mit, was +sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und niemals +werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch +ihre ganze Lebensgeschichte steht uns noch bevor. +</p> + +<p> +Wie furchtbar war diese Erzählung; die Geschichte +einer verlassenen Frau, die ihr Glück überlebt hatte; +krank, gequält und von allen verlassen; selbst von +ihrem nächsten Menschen, auf den sie gehofft, von ihrem +Vater, den sie verlassen und der gequält von unendlichem +Leid und Erniedrigungen den Verstand verloren. +Diese Geschichte einer Frau, die zur Verzweiflung gebracht, +mit ihrem kleinen Töchterchen, das sie noch für +ein Kind hielt, in den kalten, schmutzigen Petersburger +Straßen herumging, um Almosen zu bitten; eine Frau, +die monatelang in einem feuchten Keller mit dem Tode +rang, während der Vater ihr bis zum letzten Augenblick +ihres Lebens die Vergebung nicht gewährte, und die er +dann, als er sich endlich besann und zu seinem über alles +in der Welt geliebten Kinde eilte, als Leiche vorfand. +Es war eine wunderliche Erzählung, von geheimnisvollen, +fast unverständlichen Beziehungen zwischen +einem geistesabwesenden Alten und seiner kleinen Enkelin, +die ihn verstand, und trotz ihres frühen Alters +vieles kannte, was andere in langen Jahren ihres ruhig +dahinfließenden sorglosen Lebens nicht kennen lernen. +Es war eine dieser dunklen und qualvollen Lebensgeschichten, +die fast unmerklich, fast geheimnisvoll unter +dem schweren, trüben Petersburger Himmel sich abspielen, +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +in den dunklen Ecken und verborgenen Winkeln +dieser Großstadt, inmitten des Wirrsals unnatürlichen +Lebensgenusses, stumpfen Egoismus’, aufeinanderstoßender +Interessen, unheimlichen Lasters, geheimer Verbrechen, +inmitten eines Höllenpfuhles sinnlosen Lebens ... +</p> + +<p> +Doch diese Geschichte steht uns noch bevor ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-4"> +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +Dritter Teil +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +I. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chon</span> längst hatte die Dämmerung begonnen und +der Abend war bereits hereingebrochen, als ich aus +einem schweren Traum erwachte und mir der ganzen +Gegenwart und Wirklichkeit bewußt wurde. +</p> + +<p> +„Nelly,“ sagte ich zu ihr, „du bist krank und niedergeschlagen +und ich muß dich in diesem Zustande allein +lassen. Doch du wirst mir vergeben, mein Kind, wenn +ich dir sage, daß ein unglückliches, verlassenes und von +mir geliebtes Wesen mich erwartet ... ja – sie erwartet +mich ... und ich habe keine Ruhe, ich kann +mich nicht überwinden, ich muß sie sofort sehen ...“ +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, ob Nelly verstanden hatte, was ich +ihr sagte. Meine Nerven waren durch meine Krankheit +und durch Nellys Erzählung dermaßen erregt, daß +ich sofort, von Sorgen getrieben, und ohne mich weiter +um Nelly zu kümmern, zu Natascha eilte. Es war +schon spät, gegen neun Uhr abends, als ich bei ihr eintrat. +</p> + +<p> +Noch auf der Straße, am Haustor, hatte ich eine +Equipage bemerkt, die mir diejenige des Fürsten zu +sein schien. Der Eingang zu Nataschas Wohnung ging +vom Hof aus. Kaum als ich die Stiege betreten hatte, +hörte ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +sich vorsichtig hinauftasten, und zwar ganz wie einer, dem +die Treppe fremd war. Ich dachte zuerst, es sei der +Fürst, doch schien es mir schon bald darauf, daß ich +mich getäuscht hatte, denn der Unbekannte vor mir +schimpfte und verfluchte seinen Weg mit Worten, die +um so gemeiner wurden, je höher er stieg. Freilich war +die Treppe eng, schmutzig, steil, kaum erleuchtet, doch +mußte ich die Flüche dieses Menschen eher einem Fuhrkerl +als einem Fürsten zutrauen. Der dritte Stock +war hell erleuchtet: vor Nataschas Tür brannte immer +eine kleine Lampe. Ich holte den Unbekannten kurz +vor ihrer Tür ein und – wie groß war meine Verwunderung, +als ich in ihm doch den Fürsten erkannte. +Es schien, daß ihn dieses Zusammentreffen mit mir +sehr unangenehm berührte. Im ersten Augenblick erkannte +er mich nicht, doch plötzlich veränderte sich sein +Gesicht vollkommen. Sein kurzer wütender Blick auf +mich wurde heiter und freundlich und mit außerordentlicher +Liebenswürdigkeit streckte er mir seine beiden +Hände entgegen. +</p> + +<p> +„Ach, das sind Sie! Ich wollte schon Gott um die +Errettung meines Lebens anflehen. Haben Sie gehört, +wie ich fluchte?“ +</p> + +<p> +Und er lachte herzlich, auf die allerungezwungenste +Weise. Doch plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder +und nahm einen besorgten Ausdruck an. +</p> + +<p> +„Aljoscha konnte Natalja Nikolajewna in dieser +Wohnung unterbringen!“ sagte er bedenklich den Kopf +schüttelnd. „Diese sogenannten Kleinigkeiten kennzeichnen +den Menschen. Ich fürchte für ihn ... Er +ist gut, er hat ein edles Herz, doch da haben Sie ein +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Beispiel: diejenige, die er über alles liebt, bringt er in +einer Hundehütte unter. Ich hörte sogar, sie hätte oft +nichts zu essen gehabt,“ fügte er flüsternd hinzu, mit +der Hand nach der Klingel tastend. „Mir brummt der +Schädel, wenn ich an seine Zukunft denke und hauptsächlich +an die Zukunft Anna Nikolajewnas, wenn sie +seine Frau wird ...“ +</p> + +<p> +Er hatte sich im Namen geirrt und vor Ärger darüber, +daß er die Klingel nicht finden konnte, dies gar +nicht bemerkt. Eine Klingel gab es nicht. Ich drückte +auf die Türklinke und Mawra öffnete sofort, sich höflich +verneigend. In der Küche, die von dem kleinen Vorzimmer +durch eine Bretterwand geschieden war, bemerkte +man die getroffenen Vorbereitungen; alles in +ihr war außergewöhnlich sauber. Im Ofen brannte +Feuer, auf dem Tisch stand neues Geschirr. Offenbar +hatte man uns erwartet. +</p> + +<p> +„Ist Aljoscha hier?“ fragte sie der Fürst, als sie +uns die Mäntel abnahm. +</p> + +<p> +„Er ist nicht hier gewesen,“ flüsterte sie mir auf die +Frage geheimnisvoll zu. +</p> + +<p> +Wir betraten Nataschas Zimmer. In ihrem Zimmer +war von besonderen Vorbereitungen nichts zu bemerken. +Bei ihr war es übrigens immer so sauber +und anheimelnd, daß es besonderer Vorbereitungen gar +nicht bedurfte. Natascha empfing uns an der Tür. +Ich war erschrocken über ihr elendes Aussehen, über ihre +krankhafte Blässe, obgleich in diesem Augenblick leichte +Röte in ihre Wangen stieg. Ihre Augen glänzten fieberhaft. +Sie schwieg und reichte ein wenig verlegen +dem Fürsten hastig die Hand. Mich schien sie überhaupt +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +nicht zu bemerken. Ich stand und wartete schweigend. +</p> + +<p> +„Da bin ich!“ begann der Fürst freundschaftlich +und heiter. „Vor ein paar Stunden bin ich zurückgekehrt, +und die ganze Zeit über habe ich an Sie gedacht +(er küßte zärtlich ihre Hand). Viel, sehr viel habe ich +Ihnen zu sagen ... Doch davon später! Mein Taugenichts +ist noch nicht hier, wie ich sehe ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ihn Natascha +etwas verwirrt, „ich habe Iwan Petrowitsch ein paar +Worte zu sagen. Wanjä komm ... einen Augenblick.“ +</p> + +<p> +Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinter +den Vorhang. +</p> + +<p> +„Wanjä,“ sagte sie halblaut, und sie führte mich in +den allerdunkelsten Winkel, „wirst du mir verzeihen, +oder nicht?“ +</p> + +<p> +„Was hast du, Natascha?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, Wanjä, du hast mir zu oft, zu viel +vergeben, auch deine Geduld muß einmal ein Ende nehmen. +Du wirst mich niemals aufhören zu lieben, doch +du wirst mich undankbar nennen, denn gestern und vorgestern +bin ich dir gegenüber undankbar, egoistisch und +schlecht gewesen ...“ +</p> + +<p> +Sie brach plötzlich in Tränen aus und preßte ihr +Gesicht an meine Schulter. +</p> + +<p> +„Laß gut sein, Natascha,“ beeilte ich mich, sie zu +beruhigen. „Ich war gestern, die ganze Nacht hindurch, +sehr krank und kann mich auch jetzt kaum auf den +Füßen halten, daher bin ich gestern abend und heute +den Tag über nicht bei dir gewesen, und du glaubtest +vielleicht, daß ich dir etwas nachtrüge ... Meine liebe +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +Natascha, weiß ich denn nicht, was jetzt in deiner Seele +vorgeht?“ +</p> + +<p> +„Nun, dann ist ja alles gut ... Also hast du mir +wieder verziehen, wie immer,“ sie lächelte unter Tränen +und drückte mir schmerzhaft die Hand. „Alles übrige +später. Ich habe dir viel zu sagen, Wanjä, doch jetzt +zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Schnell, Natascha, wir haben ihn so plötzlich +verlassen ...“ +</p> + +<p> +„Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen +wird,“ flüsterte sie mir noch schnell zu. „Ich weiß +jetzt alles; ich habe alles erraten. An allem ist nur <em>er</em> +schuld. Dieser Abend wird alles entscheiden. Gehen +wir!“ +</p> + +<p> +Ich begriff nichts, doch fragen konnte ich sie nicht +mehr. Natascha ging mit heiterem Lächeln auf den +Fürsten zu, der noch immer mit dem Hut in der Hand +dastand. Sie entschuldigte sich, nahm ihm den Hut +ab und wies ihm einen Stuhl an. Wir setzten uns +alle drei rund um ihren Tisch. +</p> + +<p> +„Ich erwähnte vorhin meinen Sohn,“ fuhr der Fürst +fort, „ich sah ihn nur einen Augenblick auf der Straße, als +er sich anschickte, zur Gräfin Zinaida Fedorowna zu fahren. +Er hatte es furchtbar eilig, stellen Sie sich vor, er +wollte nicht einmal ins Haus kommen, um mich nach vier +Tagen Trennung zu begrüßen. Übrigens bin auch ich +schuld daran, Natalja Nikolajewna, wenn er jetzt noch +nicht hier ist, ich benutzte die Gelegenheit, um ihm an die +Gräfin einen Auftrag zu übergeben, da ich sie heute selbst +nicht mehr aufsuchen konnte. Er muß sicher jeden Augenblick +erscheinen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +„Er hat Ihnen also versprochen, heute bestimmt zu +kommen?“ fragte Natascha den Fürsten in der allerungezwungensten +Weise. +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott, wie sollte er denn heute nicht kommen +... wie eigentümlich Sie fragen!“ rief er erstaunt +aus. „Übrigens, ich begreife, Sie sind ihm böse. Es ist +in der Tat nicht schön von ihm, später als alle anderen zu +kommen. Doch ich wiederhole es: ich bin schuld daran. +Seien Sie ihm nicht böse. Er ist leichtsinnig und unbeständig; +ich will ihn nicht entschuldigen, doch einige besondere +Umstände verlangen es, daß er das Haus der Gräfin +nicht meidet, und verschiedene Verbindungen nicht aufgibt, +sondern im Gegenteil, so oft als möglich überall erscheint. +Er, der jetzt, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur +bei Ihnen sich aufhält und alle Welt vergißt, muß mit +Ihrer Erlaubnis, hin und wieder auch seinen Verpflichtungen +nachkommen. Ich bin überzeugt, daß er seit dem +Abend nicht ein einziges Mal bei der Gräfin A. gewesen +ist, es tut mir leid, daß ich ihn vorhin nicht darnach habe +fragen können! ...“ +</p> + +<p> +Ich blickte auf Natascha, die dem Fürsten mit halbironischem +Lächeln zuhörte. Er aber sprach davon so selbstverständlich, +so natürlich, es war scheinbar nicht möglich, +ihn irgend einer besonderen und falschen Absicht zu +verdächtigen. +</p> + +<p> +„Und Sie wissen es wirklich nicht, daß er in all diesen +Tagen kein einziges Mal bei mir gewesen ist?“ fragte +ihn Natascha mit leiser, ruhiger Stimme, als hätte sie +von einer ihr allergleichgültigsten Angelegenheit gesprochen. +</p> + +<p> +„Wie! Kein einziges Mal bei Ihnen gewesen? Erlauben +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Sie, was sagen Sie?“ rief der Fürst in scheinbar +außergewöhnlicher Verwunderung. +</p> + +<p> +„Sie waren Dienstag, spät abends, bei mir. Am nächsten +Morgen war er eine halbe Stunde hier, seit der Zeit +habe ich ihn nicht wiedergesehen.“ +</p> + +<p> +„Das ist doch unmöglich!“ (Sein Erstaunen wuchs +immer mehr und mehr.) „Ich dachte, er hat Sie in diesen +Tagen überhaupt nicht verlassen. Entschuldigen Sie, das +ist zu sonderbar ... das ist einfach unmöglich.“ +</p> + +<p> +„Indessen, ist es so ... leider; ich habe Sie deshalb +erwartet, und glaubte von Ihnen zu erfahren, wo er sich +befindet?“ +</p> + +<p> +„Mein Gott! Er muß sofort kommen! Was Sie +mir soeben sagen, setzt mich dermaßen in Erstaunen, daß +ich ... ich gestehe es, alles andere von ihm erwartet +hätte als dieses ... dieses! ...“ +</p> + +<p> +„Wie erstaunt Sie sind! Und ich dachte, es würde Sie +gar nicht verwundern, sondern Sie hätten im voraus +wissen müssen, daß es so sein würde.“ +</p> + +<p> +„Wissen müssen! Ich? Ich versichere Ihnen, Natalja +Nikolajewna, daß ich ihn heute nur einen Augenblick +gesehen habe, ich weiß nichts von ihm; und sonderbarerweise, +scheinen Sie es mir nicht zu glauben,“ fügte er +hinzu, uns beide ansehend. +</p> + +<p> +„Gott bewahre,“ griff Natascha auf, „ich bin durchaus +überzeugt, daß Sie die Wahrheit sagen.“ +</p> + +<p> +Und sie lachte ihm gerade ins Gesicht, so daß er etwas +verwirrt und gekränkt bemerkte: +</p> + +<p> +„Bitte, erklären Sie sich ...“ +</p> + +<p> +„Ich habe nichts zu erklären. Ich bemerke nur, daß +Sie wissen mußten, wie leichtsinnig und vergeßlich Ihr +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +Sohn ist. Ihm ist jetzt volle Freiheit gegeben und er läßt +sich von ihr hinreißen.“ +</p> + +<p> +„Sich so gehen zu lassen, ist aber doch unmöglich, da +muß noch etwas anderes dahinter stecken; wenn er kommt, +werde ich ihn sofort darüber ausfragen. Doch mich +wundert nur, daß Sie mich ... irgendwie anzuklagen +scheinen, während ich doch in der Zeit überhaupt nicht +hier gewesen bin. Im Grunde, Natalja Nikolajewna, +scheinen Sie sehr böse auf ihn zu sein ... und das ist +nur zu verständlich! Sie haben das Recht dazu ... +und ... und ... versteht sich, ich muß als Erster daran +schuld sein, vielleicht auch nur deshalb, weil ich als +Erster zurückgekehrt bin; nicht wahr, so verhält es sich +doch?“ fügte er hinzu und wandte sich dabei mit gereiztem +Lächeln an mich. +</p> + +<p> +Natascha fuhr auf. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna,“ hub der Fürst +mit besonderer Würde an, „ich gebe zu, daß mich die +Schuld trifft, gleich am nächsten Tage unserer Bekanntschaft +abgereist zu sein, so daß Sie bei dem Mißtrauen, +der Ihrem Charakter eigen zu sein scheint, in der kurzen +Zeit Ihre Meinung über mich ändern konnten, wozu die +Umstände vielleicht viel beigetragen haben. Wäre ich +nicht fortgereist, so hätten Sie mich besser kennen gelernt, +und Aljoscha wäre unter meiner Aufsicht geblieben. Sie +werden sehen, was ich ihm jetzt zu sagen habe.“ +</p> + +<p> +„Das heißt, Sie wollen es dazu bringen, daß er mich +als Last zu empfinden anfängt. Es ist nicht anzunehmen, +daß Sie bei Ihrer Klugheit in der Tat glauben können, +mir damit einen Dienst zu erweisen.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen damit wohl andeuten, daß ich bereits dahin +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +gewirkt habe, daß er Ihrer überdrüssig geworden? +Oh, Sie beleidigen mich, Natalja Nikolajewna.“ +</p> + +<p> +„Ich bemühe mich, mich stets klar und deutlich auszudrücken, +wem gegenüber es auch sei,“ antwortete Natascha. +„Ich mache niemals Andeutungen, sondern sage +alles gerade heraus, wovon Sie sich noch heute überzeugen +werden. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu beleidigen +– wozu auch? Schon deshalb nicht, weil Sie meinen +Worten ja doch keine Beachtung schenken würden! Davon +bin ich durchaus überzeugt, und ich verstehe unsere beiderseitigen +Beziehungen richtig einzuschätzen. Sie werden +sie doch niemals ernst nehmen, nicht wahr? Doch sollte +ich Sie wirklich beleidigt haben, so bin ich sofort bereit, +meine Entschuldigung zu machen, um vor Ihnen die +Pflichten der Gastfreundschaft nicht zu verletzen.“ +</p> + +<p> +Ungeachtet des ungezwungenen, fast scherzhaften Tones, +in dem Natascha mit lächelndem Munde diese Worte gesprochen, +habe ich sie doch noch nie in dem Maße erregt +gesehen. Jetzt begriff ich, wie weh es ihr in diesen drei +Tagen ums Herz gewesen sein mußte! Ihre rätselhaften +Worte: daß sie jetzt alles erraten und begriffen habe, flößten +mir Furcht ein; sie bezogen sich bestimmt auf den Fürsten. +Sie hatte ihre Meinung über ihn geändert und betrachtete +ihn als ihren Feind, – das war offensichtlich. +Sie schrieb seinem Einfluß ihr ganzes Unglück mit Aljoscha +zu. Ich befürchtete den Ausbruch einer heftigen +Szene zwischen ihnen. Der scherzhafte Ton verbarg ihre +innere Erregung nicht. Ihre Bemerkungen dem Fürsten +gegenüber, – daß er ihre Beziehungen zueinander nicht +ernst nähme, die Phrase über die Gastfreundschaft, die +Drohung, daß sie geradeheraus die Wahrheit sagen würde +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +– waren so offensichtlich und herausfordernd, daß sie +der Fürst unmöglich nicht bemerken konnte. Ich sah, wie +sich sein Gesicht veränderte, doch gab er sich den Anschein, +als verstände er die Anspielung überhaupt nicht, und er erwiderte +scherzhaft lachend: +</p> + +<p> +„Gott beschütze mich davor, von Ihnen eine Entschuldigung +zu fordern! Ich würde doch <em>niemals</em> von einer +Frau eine Entschuldigung verlangen – noch annehmen!!! +Bei meiner ersten Begegnung mit Ihnen, habe ich Sie +bereits vor meinem Charakter gewarnt, seien Sie mir +darum, bitte, nicht böse, wenn ich mir eine Bemerkung +über die Frauen erlaube ... Sie werden mir vielleicht +darin zustimmen,“ wandte er sich liebenswürdig an mich. +„Ich habe bei Frauen die Eigenheit bemerkt, daß eine +Frau nie ihre Schuld sofort, im ersten Augenblick, zugeben +wird, und wenn sie sie auch später mit tausend Zärtlichkeiten +wieder gut zu machen sucht; im Augenblick ihrer +Handlungsweise jedoch wird sie es niemals tun. Folglich, +wenn Sie mich auch beleidigt haben sollten, so würde +ich jetzt keine Entschuldigung von Ihnen verlangen; für +mich ist es vorteilhafter abzuwarten, bis Sie Ihren Fehler +selbst einsehen werden und ihn durch ... tausend Zärtlichkeiten +wieder gut zu machen suchen. Sie sind so jung, +rein und gut, daß der Augenblick, in dem Sie bereuen +werden, ganz bezaubernd sein muß. Besser als alle Entschuldigung +jedoch wäre es, wenn Sie mir sagen würden, +wodurch ich es Ihnen zeigen soll, daß ich aufrichtiger und +wohlwollender Ihnen gegenüber bin, als Sie es von mir +glauben?“ +</p> + +<p> +Natascha errötete. Auch mir schien sein Ton ein wenig +oberflächlich, nachlässig, sogar unbescheiden. +</p> + +<p> +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +„Sie wollen es beweisen, daß Sie zu mir aufrichtig und +offenherzig sind?“ sagte Natascha und sah ihn herausfordernd +an. +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Wenn dem so ist, so erfüllen Sie mir folgende Bitte.“ +</p> + +<p> +„Ich gebe Ihnen mein Wort ...“ +</p> + +<p> +„Mit keiner Silbe, mit keiner Bemerkung Aljoscha meinetwegen, +weder morgen noch übermorgen, zu belästigen. +Keinen Vorwurf, daß er mich vergessen, hören Sie? keine +Bemerkung darüber! Ich möchte ihm so begegnen, als +wäre niemals zwischen uns etwas vorgefallen ... Ich +wünsche es. Werden Sie mir Ihr Wort geben?“ +</p> + +<p> +„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Fürst, +„und erlauben Sie mir, hinzuzufügen, daß ich noch niemals +einer so vernünftigen Anschauung, in diesen Dingen, +begegnet bin ... Doch, das scheint ja Aljoscha zu sein!“ +</p> + +<p> +Man hörte im Vorzimmer Geräusch. Natascha zuckte +zusammen, dann schien sie sich wie zu irgend etwas aufzuraffen. +Der Fürst saß da mit ernster Miene, als erwarte +er gespannt die kommenden Dinge. Er beobachtete +scharf Natascha. Die Tür öffnete sich und Aljoscha stürzte +ins Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +II. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstlong">...</span></span><span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">r</span> flog ins Zimmer auf uns zu, mit strahlenden +Augen, glücklich und heiter. Er mußte diese vier Tage +lustig und angenehm verbracht haben und aus seinem ganzen +Auftreten konnte man erraten, daß er uns viel mitzuteilen +beabsichtigte. +</p> + +<p> +„Da bin ich!“ rief er über das ganze Zimmer, „ich, +der ich von allen als Erster hätte hier sein müssen. Doch +werdet ihr sofort, alles, alles, alles von mir erfahren! +Vorhin konnte ich mit dir, Papa, kaum ein paar Worte +sprechen, obgleich ich dir so viel zu sagen habe. – Nur in +einigen seltenen Augenblicken erlaubt er mir <em>du</em> zu sagen,“ +wandte er sich an mich, „denn sonst verbietet er’s +mir! Und was für eine sonderbare Taktik er dann mir +gegenüber gebraucht: er sagt zu mir einfach <em>Sie</em>. Doch +von heute ab wünschte ich, daß es nur solche seltene Augenblicke +gäbe! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen +ganz und gar verändert, ganz und gar, ich werde +euch alles erzählen. Doch davon später. Zuerst kommt +die Reihe an sie! sie! und wieder an sie, meine Natascha, +mein Engel!“ Er setzte sich neben sie und küßte +ihr gierig die Hände. „Hast du dich sehr um mich gegrämt +in diesen Tagen! Doch, was soll ich sagen! Ich konnte +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +nicht kommen! Konnte nicht ... Mein Liebling! Du +hast abgenommen und bist so bleich ...“ +</p> + +<p> +Er bedeckte immer wieder ihre Hände mit Küssen, sah +ihr in die Augen, als könne er sich nicht an ihr sattsehen. +Ich sah Natascha an und erriet sofort, daß wir denselben +Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig<a id="corr-178"></a> war. Ja, +und wie sollte dieser <em>Unschuldige</em> jemals schuldig +werden? Eine helle Röte bedeckte plötzlich die bleichen +Wangen Nataschas, als hätte sich ihr ganzes Blut +vom Herzen ins Gesicht ergossen. Ihre Augen glänzten +und sie sah stolz den Fürsten an. +</p> + +<p> +„Wo warst du denn ... alle diese Tage?“ fragte sie +mit abgebrochener Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. +Mein Gott, wie sie ihn liebte! +</p> + +<p> +„Das ist es ja, daß es wirklich den Anschein hat, als +wäre ich schuldig vor dir; ja, als wenn <em>ich’s wäre</em>? +Versteht sich von selbst, daß ich’s bin, mit dem Bewußtsein +bin ich auch hierhergekommen. Katjä sagte mir noch gestern +und heute, daß eine Frau eine solche Vernachlässigung +unmöglich verzeihen könne. Sie weiß doch, was sich +Dienstag hier mit uns zugetragen, ich habe es ihr gleich +am andern Tage mitgeteilt. Ich habe mich mit ihr gestritten, +habe ihr gesagt, daß diese Frau <em>Natascha</em> +heißt, und daß auf der ganzen Welt ihr nur eine ähnlich +kommt: und das ist Katjä; und ich bin hierhergekommen +mit dem vollen Bewußtsein, daß ich im Streite recht behalten. +Wie soll ein solcher Engel wie du, nicht verzeihen? +‚Es wird ihn etwas aufgehalten haben, aber er +wird nicht aufgehört haben, mich zu lieben,‘ so denkt meine +Natascha! Ja und wie kann man aufhören, dich zu lieben? +Ist denn das möglich? Mir schmerzte das Herz deinetwegen. +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +Denn ich fühle mich doch schuldbewußt. Du selbst +wirst mich jedoch rechtfertigen, wenn du alles erfahren haben +wirst! Ich werde dir sofort alles erzählen, ich muß +mein Herz vor euch allen ausschütten; darum bin ich gekommen. +Ich wollte heute auf einen freien Augenblick zu +dir eilen, um dich zu küssen, doch auch das mißlang mir: +Katjä verlangte, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit +umgehend zu ihr käme. Das war in dem Augenblick, als +du mich trafst, Papa; auf einen besonderen Brief Katjäs +fuhr ich das zweitemal zu ihr. In diesen Tagen sind +Briefe zwischen uns hin- und hergegangen. Iwan Petrowitsch, +Ihren Brief habe ich erst gestern gelesen, Sie sind +durchaus im Recht, in allem, was Sie mir gesagt haben. +Doch was sollte ich tun: eine physische Unmöglichkeit! Ich +dachte bei mir: morgen abend wirst du dich verteidigen, +denn heute abend war es mir doch schon ganz unmöglich +nicht zu dir zu kommen, Natascha.“ +</p> + +<p> +„Was war das für ein Brief?“ fragte Natascha. +</p> + +<p> +„Er war bei mir gewesen und hatte mich, versteht sich, +nicht angetroffen. Im Brief, den er mir hinterlassen, +machte er mir heftige Vorwürfe, dich nicht besucht zu haben. +Und darin ist er vollkommen im Recht. Das war +gestern.“ +</p> + +<p> +Natascha sah mich an. +</p> + +<p> +„Wenn du aber Zeit hattest vom Morgen bis zum +Abend bei Katherina Fedorowna zu sein ...“ begann +der Fürst. +</p> + +<p> +„Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst,“ unterbrach +ihn Aljoscha: „‚Wenn du bei Katjä deine Zeit zubringen +kannst, um wieviel mehr hättest du sie hier zubringen können.‘ +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +Ich bin durchaus darin mit dir einverstanden und +füge noch meinerseits hinzu, daß ich noch tausendmal +mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein. Doch gibt es unerwartete, +sonderbare Zufälle, die alles um und um werfen. +Nun, mit mir ist etwas geschehen, das mich vollständig +verändert hat – bis auf die Fingerspitze, also +muß es doch etwas Besonderes gewesen sein!“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott, was ist denn mit dir geschehen? +Martere mich nicht,“ bemerkte Natascha, belustigt über +den Eifer Aljoschas. +</p> + +<p> +In der Tat war er ein wenig lächerlich: er beeilte sich +schon gar zu sehr, seine Worte überstürzten sich, er redete +zusammenhangslos. Er schien nur zu reden, zu reden und +nichts zu sagen. Zwischendurch führte er immer wieder +Nataschas Hand an seine Lippen, als könnte er sich nicht +an ihr sattküssen. +</p> + +<p> +„Was mit mir geschehen ist?“ fuhr Aljoscha fort. +„Ach, meine Lieben! Was ich getan, was ich gesehen, +welche Menschen ich kennen gelernt habe! Erstens, Katjä: +sie ist die Vollkommenheit! Ich habe sie bis jetzt überhaupt +nicht gekannt! Auch am Dienstag, Natascha, als +ich von ihr so begeistert sprach, kannte ich sie noch fast +gar nicht. Bis jetzt hatte sie sich ja auch vor mir verschlossen, +doch jetzt kennen wir einander gut und sagen +uns bereits <em>du</em>. Doch ich will von Anfang beginnen: +erstens, Natascha, wenn du gehört hättest, wie sie von dir +gesprochen, als ich ihr am nächsten Tage, am Mittwoch, +alles mitteilte, was sich hier, zwischen uns, ereignet hatte +... A propos: soeben fällt mir ein, wie dumm +ich mich hier bei dir am Mittwoch morgen betragen! Du +empfingst mich begeistert, so durchdrungen von der glücklichen +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +Veränderung unserer Verhältnisse; du wolltest mit +mir von alledem sprechen; du warst wehmütig gestimmt +und zu gleicher Zeit liebkostest du mich und scherztest mit +mir; und ich ... ich machte einen soliden Menschen aus +mir! Oh, ich Dummkopf! Denn ich wollte den zukünftigen +Ehemann spielen und mir einen ernsten Anschein +geben, vor wem? Vor dir! Wie mußt du über mich gelacht +haben, und wie verdiente ich deinen Spott!“ +</p> + +<p> +Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit +einem triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh +gewesen, daß sein Sohn sich von einer so lächerlichen und +leichtsinnigen Seite gab. Den ganzen Abend beobachtete +ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der festen +Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, +wenn auch alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen. +</p> + +<p> +„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete +Aljoscha weiter. „Ich habe bereits erzählt, daß wir uns +an diesem Morgen gegenseitig kennen lernten, und wie +sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich selbst +nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige +starke Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und +wir verstanden uns ... auf immer. Du mußt sie, du +mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie dich mir +erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch +ein Schatz du für mich wärest! Nach und nach teilte sie +mir alle ihre Ideen mit und ihre Anschauung über das Leben. +Was für ein ernster, was für ein begeisterter Mensch +sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von unserer +Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe +von sechs bis sieben Stunden in allem miteinander +übereinstimmten, so schworen wir uns ewige Freundschaft +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben zusammen +zu wirken!“ +</p> + +<p> +„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst. +</p> + +<p> +„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich +über mich wundern wirst, und ich fühle alle deine +Entgegnungen mir gegenüber im voraus,“ antwortete begeistert +Aljoscha. „Alle seid ihr praktische Menschen, die +streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich +zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig +und spöttisch verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr +derselbe, den du noch vor ein paar Tagen kanntest. Ich +bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller Welt in +die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig +ist, so werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; +und wenn ich nicht von meinem Wege abweiche, so bin ich +ein ehrlicher Mensch. Doch genug von mir. Möget ihr +sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“ +</p> + +<p> +„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst. +</p> + +<p> +Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. +Sie fürchtete, daß er sich in seinem Gespräch hinreißen +lassen würde, wobei er sich nie in einem für ihn günstigen +Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in unserer Gegenwart, +namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich erscheine. +</p> + +<p> +„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine +Philosophie,“ sagte sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht +... es wäre besser, du erzähltest ...“ +</p> + +<p> +„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha +aus. „Die Sache verhält sich nämlich so: Katjä +hat zwei Vettern, Ljowinka und Borinka, der eine ist Student, +der andere nur ein junger Mann. Sie steht mit +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche +Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, +und zwar – aus Prinzip. Als wir, Katjä und ich, über +die Aufgabe des Menschen und von all diesen Dingen +sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, +und ich eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. +Noch am selben Abend wurden wir die besten Freunde. +Dort waren Menschen der verschiedensten Nationalitäten +– Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein +Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan +Petrowitsch, alle hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten +in Zukunft viel von Ihnen. Ich sagte ihnen, daß +ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen. Alle +empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich +sagte ihnen sofort, daß ich bald heiraten würde und alle +behandelten sie mich bereits wie einen verheirateten Menschen. +Alle leben sie im fünften Stock unter dem Dach +und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka und +Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher +Liebe zur Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, +von Wissenschaft und Literatur, und alle sprachen sie so +gut, so einfach und aufrichtig ... Auch ein Gymnasiast +ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so edel +sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! +Wo ich auch gewesen bin, was ich auch gesehen, +unter welchen Menschen ich auch aufgewachsen, nur du, +Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach, Natascha, du +mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits. +Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä +hat Ljowinka und Borinka versprochen, sobald sie in den +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +Besitz ihres Kapitals gelangt, eine Million zum Wohle +der Menschheit zu opfern.“ +</p> + +<p> +„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka +und Borinka mit ihrem ganzen Gefolge sein?“ +fragte der Fürst. +</p> + +<p> +„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich +schämen so zu sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest +Aljoscha. „Ich weiß, was du meinst! Wegen dieser +Million haben wir hin- und hergesprochen und beraten, +wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, +sie für die Volksaufklärung zu verwenden ...“ +</p> + +<p> +„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt +nicht gekannt,“ bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit +demselben ironischen Lächeln. „Ich habe übrigens viel +von ihr erwartet, doch das ...“ +</p> + +<p> +„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir +dabei so sonderbar? Weil niemand von euch bis jetzt eine +Million gegeben hat, sie aber dieses Opfer bringen will? +Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde Rechnung +nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, +heißt auf fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt +erfahren.) Sie will ihrem Vaterland Nutzen bringen +und allen denen, die es brauchen. Und worauf fußt eure +ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt habe? +Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr +oder Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein +Dummkopf bin! Wenn du wissen würdest, Natascha, wie +Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die Hauptsache, +sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die +edlen Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin +zu diesen Dingen sagt, – Besmygin ist ein Bekannter +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der ganzen +Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte +er noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt +ist, ein Dummkopf zu sein, ist bereits nicht mehr +ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit solchen +Wahrheiten wirft er nur so um sich.“ +</p> + +<p> +„Wirklich genial!“ brummte der Fürst. +</p> + +<p> +„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer +Gesellschaft gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt +man alles dem Erdboden so nah als möglich, damit alle +gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch +nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – +ganz als ob das möglich wäre! Als ob das nicht sogar +tausendmal mehr unmöglich wäre, als was wir denken +und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du +gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“ +</p> + +<p> +„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon +ihr gesprochen, ich muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen +habe,“ sagte Natascha. +</p> + +<p> +„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, +zur Humanität und Liebe führt; von allem, was zu +den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir sprechen von Reformen, +von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke unserer +Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, +wir haben uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander +vollkommen aufrichtig zu sein. Nur durch +vollkommene Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit kann man +das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders Besmygin. +Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen +bei: Und deshalb haben wir uns alle unter seine Führung +gestellt, haben ihm das Wort gegeben, unser ganzes Leben +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +hindurch ehrlich und aufrichtig zu handeln, was man auch +von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals zu verzagen +und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler +zu schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. +Wenn du wünschst, daß man dich achte, achte du dich selbst +zuerst, nur durch deine Selbstachtung wirst du andere +zwingen, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katjä +ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben beschlossen, +uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander +aufmerksam zu machen ...“ +</p> + +<p> +„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, +„und wer ist dieser Besmygin? Nein, das kann nicht so +fortgehen.“ +</p> + +<p> +„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. +„Höre, Papa, warum erzähle ich dir das alles? Weil ich +hoffe, dich für unseren Kreis zu gewinnen. Ich habe es +ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst mich +lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, +höre mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. +Du kennst sie nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, +sie nicht angehört. Vielleicht hast du von ihnen +gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du bist +ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei +ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst +wenn du bei ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, +ich gebe dir mein Wort, dann wirst du ... unser! Denn +ich will alle Mittel brauchen, um dich von den Anschauungen +deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so hängst.“ +</p> + +<p> +Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln +diesem Ausbruch zu; in seinem Gesicht lag verhaltene +Wut. Natascha betrachtete ihn mit unverhohlenem Widerwillen. +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s nicht. +Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges +Gelächter ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl +zurück, als könne er sich vor Lachen kaum mehr halten. +Doch war das ein erzwungenes Lachen, und man merkte +es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen +wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu +Herzen zu gehen, sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer +aus. Nichtsdestoweniger wartete er ruhig, bis die Heiterkeit +seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“ sagte er +traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber +so aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung +nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich doch eines +besseren, aber lache nicht über mich. Und worüber lachst +du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig schien. +Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles +woran ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, +wie du mich soeben genannt hast; doch wenn ich mich +geirrt habe, so tat ich es ehrlich und aufrichtig und habe +dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht eingebüßt. +Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht +echt sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, +heilig. Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere +Gesellschaft mir nichts Ähnliches, was mich so mitgerissen +hätte, gegeben hat. Zeige mir was Besseres und ich werde dir +folgen, doch lache nicht über mich, denn das beleidigt mich.“ +</p> + +<p> +Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha +folgte seinen Worten mit großem Mitgefühl. Der +Fürst selbst schien mit Verwunderung seinen Sohn anzuhören +und veränderte sofort seinen Ton. +</p> + +<p> +„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +Freund, im Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst +einen so wichtigen Schritt in deinem Leben zu machen, +und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges Kind zu +sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich +über dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich +zu beleidigen.“ +</p> + +<p> +„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte +Aljoscha bitter. „Und warum fühle ich es denn schon +lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt und spöttisch verhältst, +und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum +fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend +zu meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. +Höre mich an, Papa, sprechen wir uns ein für allemal +darüber aus, damit es keine Mißverständnisse mehr unter +uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet, euch alle hier +anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht +besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann +man durch Aufrichtigkeit vermeiden!“ +</p> + +<p> +„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. +„Was du vorschlägst, scheint sehr klug zu sein. Vielleicht +hätte man damit beginnen sollen,“ fügte er, an Natascha +gewandt, hinzu. +</p> + +<p> +„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann +Aljoscha. „Du hast sie selbst herausgefordert. Du +hast in meine Ehe mit Natascha eingewilligt; du hast uns +dieses Glück geschenkt und dich selbst überwunden. Du +warst großmütig und wir alle haben deine edle Handlungsweise +anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt +ununterbrochen die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher +Junge bin, der zum Manne überhaupt nicht +taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst +dich geradezu zu freuen, wenn du mich von irgendeiner +Seite lächerlich machen kannst; das habe ich nicht nur jetzt, +sondern bereits früher bemerkt. Du willst offenbar darauf +hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint +und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du +selbst nicht daran, warum du eingewilligt, als wäre das +alles nur ein Scherz, eine Spielerei, ein lächerliches Vaudeville +... Ich schließe das nicht nur aus deinen heutigen +Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, +als ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare +Bemerkungen, die mich so wunderlich berührten. Und +auch am Mittwoch, als du fortfuhrst, machtest du einige +Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die in bezug auf +Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol +waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu +hören wünschte, so lieblos waren sie im Grunde und so +ohne jegliche Achtung für sie ... Das ist schwer mit +Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das +Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. +Beruhige du mich darüber ... und auch sie, denn auch +sie muß es empfunden haben. Ich habe es sogleich auf den +ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“ +</p> + +<p> +Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha +hörte ihm mit flammendem Gesicht feierlich zu. Hin +und wieder unterbrach sie ihn in seiner Rede mit der Bestätigung: +„Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst schien unruhig +und geärgert. +</p> + +<p> +„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich +nicht mehr dessen erinnern, was ich dir alles gesagt haben +soll; doch sonderbar erscheint es mir, daß du meine Worte +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +hast so auslegen können. Wenn ich dagegen soeben gelacht +habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen +wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß +du heiraten willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, +verzeih den Ausdruck – sogar komisch. Wenn ich dich +ausgelacht habe, so bist du allein daran schuld, denn mich +trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit eine +größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst +und erst heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht +alles fähig bist. Ich zittere bei dem Gedanken an Natalja +Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu übereilt gehandelt; ich +sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die Liebe vergeht, +doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von deinem +Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch +bist, so denke doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben +du vernichtest, vollkommen vernichtest! Du hast, zum Beispiel, +die ganze Zeit über von der Liebe zur Menschheit, +vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen Menschen +gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber +Iwan Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm +hier auf der vierten Etage einer engen, dunklen Treppe +zusammentraf, Gott dankend, daß ich mir nicht die Beine +gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch +den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner +großen Liebe zu Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, +daß sie in einer solchen Wohnung lebt? Hast du es dir +denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne die +Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das +Recht hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt +nicht, und Liebe äußert sich in Taten; wie aber denkst du: +‚lebe mit mir, wenn du auch durch mich leidest,‘ ist das etwa +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu reden, +sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und +zu gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es +nicht einmal zu bemerken – ist mir unverständlich! Du +sagst mir Aljoscha, daß du in diesen Tagen erlebt, was +schön und edel sei und wirfst mir vor, daß unsere Gesellschaft +nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das +ist schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und +nach dem, was sich am Dienstag hier zugetragen, auf vier +Tage diejenige zu vergessen, die dir am teuersten auf der +Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina Fedorowna +gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so +liebt und so großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. +Welch ein Recht hast du denn auf ihre Vergebung, und +wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast du denn wirklich +nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen, +wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit +in Natalja Nikolajewna erwecken mußte? Hattest +du wirklich das Recht, um der neuen Ideen willen, deine +heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen +Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort +nicht gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist +wichtiger als dieses Wort: Sie werden das selbst verstehen +... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna +in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man +wohl begreifen kann, in welche Hölle du diese vier Tage +für sie verwandelt hast, die die glücklichsten ihres Lebens +sein sollten. Solche Handlungen einerseits und – Worte +nichts als Worte andererseits ... habe ich denn nicht +recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du +allein schuld bist?“ +</p> + +<p> +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit +hingegeben, konnte er sich eines triumphierenden +Gefühls nicht erwehren. Als Aljoscha von Nataschas +Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger Blick auf +sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen: +</p> + +<p> +„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere +haben mehr Schuld als du. Setze dich und höre zu, was +ich deinem Vater sagen werde. Es ist Zeit, der Sache ein +Ende zu machen!“ +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich +endlich zu erklären,“ griff der Fürst auf. „Ich höre die +Anspielungen bereits zwei Stunden und ich muß gestehen, +daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang +hatte ich nicht erwartet.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten +zu bezaubern, damit wir Ihre geheimen Absichten nicht +bemerkten. Was soll ich Ihnen da sagen! Sie wissen +und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht. Ihr +erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten +und wissen alles im voraus, wie es kommen muß, seit +dem Abend als Sie hier waren haben Sie sich alles an den +Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, daß +Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie +spielen mit uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. +Ihr Spiel freilich ist aufrichtig, und Aljoscha hat recht, +wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf unsere Sache +wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im Gegenteil +über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu +machen, wie gut er mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, +vielleicht besser, als man es von ihm verlangen konnte.“ +</p> + +<p> +Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +daß es an diesem Abend zu einer Katastrophe kommen +würde. Doch diese beleidigende Aufrichtigkeit Nataschas +und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer Worte +setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der +Tat etwas erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen +haben. Vielleicht hatte sie sogar mit Ungeduld den +Fürsten erwartet, um ihm alles ins Gesicht zu schleudern. +Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht drückte +naive Furcht und quälende Erwartung aus. +</p> + +<p> +„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt +haben,“ rief der Fürst aus, „und überlegen Sie +sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon verstanden.“ +</p> + +<p> +„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte +Natascha, „sogar er, sogar Aljoscha hat es empfunden +und Sie wissen, daß wir uns nicht gesehen noch gesprochen +haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie mit uns +ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie +liebt und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben +sich nicht einmal die Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger +ihm gegenüber zu sein, so sehr rechneten Sie darauf, +daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein feinfühlendes, +empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre +Worte und den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen +nicht vergessen können ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte +der Fürst und wandte sich verwundert an mich, als +wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er war aufgeregt +und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort, +„und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und +darum wollen Sie alle Welt und mich als Ersten beschuldigen +... und erlauben Sie, daß ich schon alles sage: +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem Charakter +machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; +ich würde keinen Augenblick mehr hierbleiben, +wenn nicht die Interessen meines Sohnes ... Ich warte +noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu erklären?“ +</p> + +<p> +„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen +Sie es nicht begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? +Sie wollen, daß ich alles Ihnen gegenüber ausspreche?“ +</p> + +<p> +„Ich warte ja nur darauf.“ +</p> + +<p> +„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, +mit blitzenden Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +III. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer +Erregung zu bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob +sich gleichfalls von seinem Platze. Die ganze Szene +nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen Charakter +an. +</p> + +<p> +„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. +Sie sagten, Sie hätten Geld nötig, Beziehungen zur +großen Welt ... nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die +Ihnen aus den Händen zu gleiten drohten, kamen Sie am +Dienstag hierher, und dachten sich die Verlobung aus, +weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr +über die Situation zu werden.“ +</p> + +<p> +„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“ +</p> + +<p> +„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte +der Fürst mit äußerst gekränkter Würde. +</p> + +<p> +Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe +er nicht, was vor sich ging. +</p> + +<p> +„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe +geschworen, alles zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. +„Das ganze halbe Jahr haben Sie sich Mühe gegeben, +ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, +als es nicht mehr so weiter ging, ihm die Erlaubnis +zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte, und die +Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die +drei Millionen Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese +günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen ... Was +sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die Braut verlieben, +die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von +mir lassen ...“ +</p> + +<p> +„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, +„was redest du!“ +</p> + +<p> +„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr +Natascha fort, ohne sich um Aljoscha zu kümmern, „also +die alte Geschichte, ich störte Sie wieder! Doch eines gab +Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer Mensch +der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere +Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden +anfing. Sie wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne +daß Aljoscha mich besucht hätte. Sie hofften schon am +Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die Handlung Aljoschas +einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was +sollten Sie tun! ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese +Tatsache ...“ +</p> + +<p> +„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. +„An dem Abend fragten Sie sich: ‚was soll man +nun tun?‘ und beschlossen, nicht in der Tat, doch anscheinend +in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um Aljoscha zu +beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja aufschieben, +so lang als man wollte, unterdessen würde die +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +neue Liebe das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue +Liebe alle Ihre Pläne aufgebaut.“ +</p> + +<p> +„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut +vor sich hin. „Einsamkeit, Grübelei und Romane!“ +</p> + +<p> +„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ +wiederholte Natascha, ohne seinen Worten Beachtung +zu schenken, wie im Fieber und immer aufgeregter +– „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie +begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen +Mädchens noch nicht einmal kannte! Sie begann in demselben +Augenblick, als er an dem Abend ihr das Geständnis +machte, daß er sie nicht lieben kann und darf, weil +eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und +dieses Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut +erweist, so viel Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin +empfindet, so viel Vergebung, daß er, wenn er auch von +ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem Augenblick +doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. +Als er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr +hatte sie ihn in Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein +unüberwindliches Verlangen haben, dieses reizende Geschöpf, +wenn auch nur aus Dankbarkeit, am nächsten Morgen +wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu +ihr fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht +mehr, ihr Schicksal war beschlossen, ihr würde er doch +sein ganzes Leben hingeben, jener nur einen Augenblick +... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie +auf diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt +entzieht man dieser Natascha statt Augenblicke Tage, +den ersten, zweiten, dritten ... In der Zeit geschieht +es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, +zu gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum +so passend für Aljoscha. Sie schwören sich gegenseitig +Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich ihr ganzes +Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs +Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz +den neuen Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem +ganzen Herzen hin ... Es wird die Zeit kommen, +denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen Eindrücken +vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, +dort weint man, ist eifersüchtig ... hier ist alles +jung, frisch und beherrschend ... dort liebkost man ihn +fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ... alles ist ja +gewesen ... bekannt ...“ +</p> + +<p> +Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte +sie sich noch einmal auf und fuhr fort: +</p> + +<p> +„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der +Zeit; bis zur Trauung ist es noch weit hin und mit der +Zeit kann sich alles ändern ... Worte, Bemerkungen, +Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese +Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht +stellen und ... und wie sich das alles noch lösen wird ... +ist noch ungewiß, doch der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! +vergib mir, mein Freund! Sage nicht, daß ich deine Liebe +nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch +jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. +Ich weiß, daß ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos +auszusprechen. Doch was soll ich tun, wenn ich es auch +selbst weiß, so liebe ich dich doch noch immer mehr ... und +mehr ... bis zum Wahnsinn!“ +</p> + +<p> +Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +ihren Sessel zurück und weinte wie ein Kind. Aljoscha +schrie auf und stürzte zu ihr. Er konnte sie nicht weinen +sehen, ohne selbst zu weinen. +</p> + +<p> +Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten +sehr gelegen. Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen +ihm gegenüber, hätte er anstandshalber als Beleidigung +auffassen müssen, jetzt konnte man alles auf einen +Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte +Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse +Teilnahme zeigen ... +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ +versuchte sie der Fürst zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, +Folgen der Einsamkeit ... Sie sind gereizt +durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn das +nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch +die Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose +Hingebung an Sie – gezeigt haben und Sie im +Gegenteil ...“ +</p> + +<p> +„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich +jetzt nicht noch!“ unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend. +</p> + +<p> +„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben +Sie denn wirklich, daß ich es nicht fühle, daß seine frühere +Liebe dahin ist ... Hier, in diesem Zimmer, immer +allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe ich alles +erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da +tun! Ich beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum +wollen Sie mich täuschen? Glauben Sie denn etwa, daß +ich nicht versucht habe, mich zu täuschen! ... O, wie oft, +wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner +Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben +... Oh, ich Unglückliche!“ +</p> + +<p> +Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte. +</p> + +<p> +„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er +unter Schluchzen. +</p> + +<p> +„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere +Feinde sind’s ... Sie allein, – allein!“ +</p> + +<p> +„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst +ungeduldig – „woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen +zu? Das sind alles nur Ihre Annahmen, aber +Beweise ...“ +</p> + +<p> +„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise +wollen Sie, Sie falscher Mensch! Sie konnten nur mit +dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten Ihren Sohn +beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger +und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er +mich nicht vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: +Sollte denn das nicht wahr sein!“ +</p> + +<p> +„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem +Lächeln, „wenn ich Sie wirklich hätte betrügen +wollen, so hätte ich tatsächlich darauf gerechnet; Sie sind +sehr ... klug, doch müssen Sie es erst beweisen können, +bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche Vorwürfe +zu machen ...“ +</p> + +<p> +„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie +ihn mir abspenstig machten! Derjenige, welcher seinen +Sohn auffordert mit solchen Pflichten, um des Vorteils +und des Geldes wegen, zu spielen – demoralisiert ihn! +Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der schlechten +Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, +um uns durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +zu gehen? Ihre Schuld ist diese Treppe und diese +Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie falscher +Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem +Abend diese neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen +kommen? Und warum hatten Sie mich auf +einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf +und ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe +alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, das Mienenspiel +Ihres Gesichtes, und habe mich davon überzeugt, daß +alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und unserer +unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie +bereits längst! So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, +habe ich an seinen Mienen alles erraten, was Sie ihm gesagt +hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich, habe ich +durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können +Sie nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst +in diesem Augenblick noch andere Berechnungen gegen +oder durch mich im Sinn führen – doch das läßt mich +gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen +haben! Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“ +</p> + +<p> +„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie +doch, exzentrisches Fräulein, durch meinen Antrag am +Dienstag hatte ich mich doch vollständig gebunden. Es +war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“ +</p> + +<p> +„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was +will denn das in Ihren Augen besagen, mich zu hintergehen? +Mich Unglückliche, Schutzlose, vom Vater Verstoßene, +deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, +mich zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was +einbringt!“ +</p> + +<p> +„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +bedenken Sie doch! Sie wollen durchaus darauf +bestehen, daß ich Sie meinerseits beleidigt habe. +Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so weittragend, +daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt +annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß +in allen Lebenslagen gar zu unerfahren sein, um so etwas +überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie, bitte, ich bin +durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, +denn Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er +jetzt für Sie einsteht, so ist sein Herz eben gegen mich ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis +jetzt mich nicht gegen dich geäußert habe, so geschah es deshalb +nicht, weil ich nicht glauben kann, daß du zu einer +solchen Beleidigung fähig seiest!“ +</p> + +<p> +„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus. +</p> + +<p> +„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige +ihn nicht. Das wäre schrecklich, das wäre Sünde!“ +</p> + +<p> +„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief +Natascha. +</p> + +<p> +„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen +Szene ein Ende bereiten. Dieser verblendete +und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen Leidenschaft zeigt +mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich bin +gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat +sehr übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie +mich beleidigt haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt +... freilich, mein Wort bleibt bestehen, doch ... +als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“ +</p> + +<p> +„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha +außer sich. „Sie benutzen den Zufall! Doch wissen +Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen beschlossen habe, +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in Gegenwart +aller tue. Ich gebe ihn frei!“ +</p> + +<p> +„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe +wieder heraufbeschwören wollen, das Gefühl der +Pflicht Ihnen gegenüber – wie Sie sich noch soeben ausgedrückt +haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu +fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so +ereignen; ich sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; +die Zeit wird alles entscheiden. Ich werde einen +ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. +Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht +endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß +Sie mich noch besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen +noch heute ein Projekt mitteilen, wonach Ihre Eltern ... +doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat auf mich zu, +„jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können, +ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein +langgehegter Wunsch. Ich hoffe, daß Sie mich verstehen +werden. Ich werde Sie in diesen Tagen aufsuchen; Sie +erlauben?“ +</p> + +<p> +Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt +einer Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. +Er reichte mir die Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha +und verließ, mit dem Ausdruck gekränkter Würde, +das Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +IV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inige</span> Minuten blieben wir alle stumm. Natascha +saß traurig und gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. +Jede Energie hatte sie verlassen. Sie starrte, +ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als hätte sie +auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. +Der weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder +mit ängstlicher Neugier beobachtend. +</p> + +<p> +Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, +ihm zu verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld +hätte: nur zu bemerkbar war es, daß er seinen Vater rechtfertigen +wollte; das schien ihm sehr am Herzen zu liegen; +er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu +wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. +Er schwor ihr ewige, unveränderliche Liebe und +verteidigte voll Feuer seine Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen +wiederholte er, daß er sie nur wie eine +Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch +nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig +und gemein seinerseits und er versicherte immer wieder von +neuem, daß Natascha, wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit +ihr befreunden und niemals von ihr lassen würde, und daß +von Mißverständnissen schon garnicht die Rede sein könne. +Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, +auch hatte er vieles, was sie seinem Vater vorhin gesagt, +überhaupt nicht begriffen. Er wußte nur, daß sie sich +entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein +auf dem Herzen. +</p> + +<p> +„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ +fragte ihn Natascha. +</p> + +<p> +„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, +„wenn ich selbst den Grund zu allem gegeben habe und an +allem schuld bin? Ich habe dich so sehr gekränkt, daß du +in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich verteidigen +zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es +nicht wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest +du ihn für schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, +wirklich nicht!“ rief Aljoscha bewegt aus. „War er denn +deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das erwarten!“ +</p> + +<p> +Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll +ansah, bereute er das Gesagte wieder sofort. +</p> + +<p> +„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache +von allem!“ +</p> + +<p> +„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt +ist er zwischen uns getreten und hat uns fürs ganze Leben +unsern Frieden zerstört. Du hast immer an mich mehr +geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in dein Herz +Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; +er nahm mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze +Katze ist zwischen uns gelaufen.“ +</p> + +<p> +„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze +Katze?‘“ +</p> + +<p> +Der Ausdruck mißfiel ihm. +</p> + +<p> +„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +fesselt er dich an sich,“ fuhr Natascha fort, „und wird +dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr aufhetzen.“ +</p> + +<p> +„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. +„Er war gereizt, als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ +hätten, und du wirst sehen, morgen bereits wird er uns +wieder verloben und wenn er sich wirklich so geärgert haben +sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre +ich dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich +werden meine Kräfte noch so weit reichen ... Und +weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er plötzlich, von seiner +Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns helfen! +Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes +Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin +sein kann, und uns zu entzweien beabsichtigt! Und +wie ungerecht du gegen mich warst, als du vorhin sagtest, +ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach der Hochzeit +eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das +tat! Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft +zu Katjä ...“ +</p> + +<p> +„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht +das habe ich vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. +Werde glücklich, mit wem du willst. Ich kann doch +von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du mir freiwillig +gibst ...“ +</p> + +<p> +Mawra trat ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der +Samowar kocht schon zwei Stunden; es ist elf Uhr.“ +</p> + +<p> +Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei +Laune, weil sie sich über Natascha geärgert hatte. Sie +hatte nämlich seit Dienstag triumphiert, daß ihr Fräulein +(die sie sehr liebte) sich verheiraten würde, was sie bereits +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden, beim +Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher +General und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die +Hand ihres Fräuleins angehalten habe, was sie, Mawra, +mit eigenen Ohren gehört hätte, und plötzlich ging jetzt +alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung +fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht +sich, an allem war das Fräulein schuld. Mawra +hatte gehört, wie unehrerbietig sie zu ihm gesprochen. +</p> + +<p> +„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha. +</p> + +<p> +„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“ +</p> + +<p> +„Gewiß, auch den Imbiß.“ +</p> + +<p> +Natascha lächelte. +</p> + +<p> +„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen +Tag bin ich gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt +nach Wein gegangen und nun ...“ +</p> + +<p> +Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter +sich zu. +</p> + +<p> +Natascha errötete und sah mich eigentümlich an. +</p> + +<p> +Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei +Flaschen guten Wein von Jelissejeff. „Wozu hatte man +das alles vorbereitet,“ dachte ich. +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu +mir, ganz verwirrt. „Ich habe es gewußt, daß es heute so +kommen würde, wie es gekommen ist und doch hoffte ich, +es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde kommen +und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen +würden sich als ungerecht erweisen, man würde +mich bereden, davon überzeugen und ... so hatte ich denn +auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte ich, +werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie +das sagte. Aljoscha geriet in Entzücken. +</p> + +<p> +„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht +daran geglaubt; noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht +daran! Nein; das muß alles wieder gut gemacht werden; +ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch wieder alles +gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu +Papa gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; +man muß ihn beruhigen, ich werde ihm alles sagen, +was ich denke, von mir aus denke; dich werde ich +nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich +dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird +sich vor dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen +werde ich den ganzen Tag bei dir bleiben, zu Katjä werde +ich nicht gehen.“ +</p> + +<p> +Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst +den Rat zu fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde +jetzt mit Absicht ganze Tage lang bei ihr bleiben und sich +bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie seinem Vater +gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha +beim Abschied freundlich zuzulächeln. +</p> + +<p> +Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich +umkehrte, sich neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er +sah sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. +</p> + +<p> +„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht +mehr böse und wir wollen uns niemals mehr zanken. Und +gib mir dein Wort, daß du mir in allem glauben wirst und +ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein Engel! +Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht +mehr, warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in +der Stadt herum, besuchte meine Kameraden, aber mein +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +Herz war mir schwer, so schwer ... Und plötzlich kam +es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du erkranktest +und sterben würdest? Und wie ich mir das so +vorstellte, überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich +dich tatsächlich auf immer verloren. Meine Gedanken +wurden immer dunkler und grauenvoller. Ich stellte mir +vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos +vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen +würde, dich rufen, und Gott um das Wunder anflehen +würde, daß du auf einen Augenblick vor mir erschienest; +ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde, +um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich +wäre ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich +nur auf einen Augenblick, wie früher, hätte umarmen können. +Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott anflehe, +dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch +schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen +sechs Monaten so oft mit dir gestritten und wir unser Glück +nicht zu schätzen verstanden ..., jetzt aber fähig wäre für +eine Minute Glück mit dir mein ganzes Leben zu opfern +... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte so +schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest +mich bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich +wirklich verloren gehabt, Natascha! Wollen wir uns das +Versprechen geben, niemals mehr zu zanken! Mir ist +dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir vorstellen, +großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“ +</p> + +<p> +Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha +schwor ihr nochmals, sie niemals zu verlassen. Er +war fest überzeugt, daß er alles wieder gut machen +würde. +</p> + +<p> +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, +und drückte krampfhaft meine Hand. +</p> + +<p> +„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; +doch, er liebt auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr +lieben als mich. Und der Fürst wird nicht ruhen ... +und dann ...“ +</p> + +<p> +„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig +handelt, doch ...“ +</p> + +<p> +„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! +Ich habe es an deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, +du wirst noch sehen, ob ich recht habe oder nicht? Ich +habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein weiß nur, +was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher +Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- +und abgegangen, ich habe über alles nachgedacht, und bin +hinter alles gekommen. Er will nur das Herz Aljoschas +von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich diese Verlobung +ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu +bezaubern und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! +Auch hat Aljoscha einen solchen Charakter. Er würde sich +beruhigen, seine Unruhe um mich würde aufhören. Er +denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und +wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der +Fürst kennt Katjä, er hat sie gut beobachtet und findet, daß +sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn stärker beeinflussen kann, +als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung beruht auf +dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen, +deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn +nicht ab, sondern versuche um Gotteswillen, so bald als +möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst Katjäs Bekanntschaft +machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +deine Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so +gut, wie du, und du allein weißt, was ich brauche. Beobachte +ihre Freundschaft, und worüber sie miteinander sprechen; +besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch +diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber +Wanjä! Nur auf dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! +...“ +</p> + +<p> +Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein +Uhr nachts. Nelly öffnete mir mit verschlafenen Augen +die Tür. Sie lächelte und sah mich freudig an. Die Arme +ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war. Sie hätte +mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in +meiner Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem +Schreibtisch einen Zettel an mich hinterlassen. Der Zettel +war von Masslobojeff. Er forderte mich auf, morgen um +ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über +alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand +darauf, daß sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war +müde und hatte nur eine halbe Stunde vor meinem Kommen +geschlafen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +V. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige +Dinge vom gestrigen Besuch. Es war übrigens schon +sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade den Abend ausgesucht +hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu +Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein +davon unterrichtet, ich erinnere mich dessen +nur zu gut. Nelly behauptete, daß sie am Anfang nicht +habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es sei bereits +acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür +angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für +mich zu melden habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht +ergehen könne. Gleich, nachdem er eingetreten, hatte er +sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um mir den Zettel zu +schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich zu ihr +auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit +ihm sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er +begann von der Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, +daß sie mich jetzt für immer verloren und darauf lobte er +Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund und er habe +Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst +und habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich +wollte es aber nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er +kein schlechter Mensch sei, daß er zu tanzen und zu singen +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +verstehe; er stand sofort auf und fing an zu tanzen. Ich +mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig +bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich +sehr, ihn nicht zu fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. +Ich setzte mich, doch wollte ich kein Wort mit ihm +sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa gekannt +habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er +saß noch lange ...“ +</p> + +<p> +„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“ +</p> + +<p> +„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von +Großpapa.“ +</p> + +<p> +Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie +gesprochen. Ich fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich +hoffte alles durch Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine +nach hatte Masslobojeff Nelly allein antreffen wollen. +„Wozu nur das?“ dachte ich. +</p> + +<p> +Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er +ihr gegeben. Das waren schlechte in einem Schmierladen +gekaufte Bonbons. +</p> + +<p> +„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten +Brauen. „Ich habe sie nicht genommen, er hat sie +auf dem Diwan liegen lassen ...“ +</p> + +<p> +Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und +mußte Nelly bereits wieder verlassen. +</p> + +<p> +„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim +Fortgehen. +</p> + +<p> +„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, +weil Sie immer so lange fortbleiben.“ Und sie sah mich +mit großer Liebe an. Sie hatte mich bereits den ganzen +Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich, halb +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas +Scheues, als fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern +oder mein Wohlwollen zu verlieren ... +</p> + +<p> +„Also ... und warum auch <em>nicht</em> langweilig?“ +fragte ich sie, unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und +teuer war sie mir geworden. +</p> + +<p> +„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd +und verschämt. +</p> + +<p> +Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly +stand vor mir mit gesenkten Augen, mit einer Hand an +meinem Rockärmel zupfend. +</p> + +<p> +„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie. +</p> + +<p> +„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr +Buch zu lesen angefangen,“ sagte sie mit leiser Stimme +und richtete ihren zärtlichen Blick über und über errötend +auf mich. +</p> + +<p> +„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“ +</p> + +<p> +Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich +hätte weiß Gott was gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick +hätte küssen können. Doch das war nicht möglich. +Nelly schwieg. +</p> + +<p> +„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit +einem Ausdruck tiefster Trauer, heimlich mich ansehend, +um dann plötzlich wieder die Augen niederzuschlagen. +</p> + +<p> +„Wer denn?“ +</p> + +<p> +„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... +im Buche, da?“ +</p> + +<p> +„Es mußte so sein, Nelly.“ +</p> + +<p> +„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch +plötzlich brach sie ab, halb böse, halb schmollend und +hartnäckig die Augen zu Boden gerichtet. +</p> + +<p> +<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> +Es verging eine Minute. +</p> + +<p> +„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und +der Alte,“ flüsterte sie kaum hörbar und zupfte mich immer +heftiger am Ärmel, „bleiben sie zusammen? Und +werden sie nicht mehr arm sein?“ +</p> + +<p> +„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau +eines Gutsbesitzers, er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir +wirklich leid, daß ich ihr nichts Beruhigenderes mitteilen +konnte. +</p> + +<p> +„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“ +</p> + +<p> +Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, +ging an den Tisch und blieb so von mir abgewandt stehen. +Sie atmete unregelmäßig vor heftiger Erregung. +</p> + +<p> +„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie +heran, „das ist doch alles nicht wahr, das habe ich mir +doch nur ausgedacht. Worüber bist du denn böse, empfindsame +Kleine!“ +</p> + +<p> +„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf +ein heller, liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine +Hand, preßte ihr Gesicht an meine Brust und fing an zu +weinen. +</p> + +<p> +Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, +lachte und weinte zusammen. Auch mir war es so komisch +und doch – so süß zumute. Doch sie wollte um nichts in der +Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr ich mir Mühe +gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte +sie es an mich und lachte immer heftiger und heftiger. +</p> + +<p> +Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein +Ende. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +eilte davon. Nelly, ganz rot im Gesicht und verschämt +mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die Treppe +und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, +zu Mittag zurück zu sein. +</p> + +<p> +Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. +Anna Andrejewna war sogar ganz krank. Nikolai +Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er hörte, daß +ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit +erst eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns +miteinander Zeit zur Aussprache zu geben. Ich wollte +Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen und schwächte +meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit +ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; +zu meiner Verwunderung jedoch nahm die Alte die +Nachricht von der Möglichkeit eines Bruches ohne jede +Verwunderung hin. +</p> + +<p> +„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. +„Als du damals fortgegangen warst, habe ich mir noch +lange alles überlegt, daß es nicht sein kann. Wir haben +es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist doch ein +so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes +erwarten. Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst +zehntausend Rubel nimmt; er weiß es, daß er sie umsonst +bekommt, und doch nimmt er sie. Unser letztes Stück Brot +nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft. Nataschenka +ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, +weißt du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; +„der Meine, der Meine ... ist durchaus gegen die +Hochzeit. Ich beredete ihn: er will nicht, sagt er! Zuerst +dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist so. Was soll +dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +dann verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was +tut er?“ +</p> + +<p> +Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, +wie es so ihre Gewohnheit war, seufzend und murrend. +Ich hatte überhaupt bemerkt, daß sie in letzter Zeit +fassungslos und verworren war. Jede Nachricht erschütterte +sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre +Gesundheit. +</p> + +<p> +Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er +klagte über Fieber, behandelte aber seine Frau, die ganze +Zeit über, die ich bei ihnen verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, +sah ihr zärtlich in die Augen, pflegte sie und sorgte +sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr erschreckt, auch +fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn er +sie verlöre. +</p> + +<p> +Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von +ihnen verabschiedet hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer +und fragte nach Nelly. Er hatte die ernste Absicht, +sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich mit +mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen +könne. Mit großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht +noch etwas Neues über sie erfahren hätte? Ich erzählte +ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine Erzählung +machte auf ihn einen großen Eindruck. +</p> + +<p> +„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem +Tone, „– bis dahin ... übrigens, ich werde +noch selbst zu dir kommen, wenn meine Gesundheit es mir +erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“ +</p> + +<p> +Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu +meiner großen Verwunderung war die erste Person, der +ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer gerade +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig +dabei und reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von +seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten erzählt, aber diese +Begegnung setzte mich doch in Erstaunen. +</p> + +<p> +Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er +mich erblickte. +</p> + +<p> +„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. +„Welch eine sonderbare Begegnung! Übrigens +habe ich soeben von Herrn Masslobojeff erfahren, daß Sie +mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es freut mich sehr, +Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und hoffe, +so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben +doch? Ich habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären +Sie mir unsere jetzige Lage. Sie sind dort befreundet, +Sie kennen den ganzen Gang der Angelegenheit; +Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit +Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten +Tagen jedoch, oder noch früher, werde ich das Vergnügen +haben, bei Ihnen zu erscheinen. Doch jetzt ...“ +</p> + +<p> +Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf +Masslobojeff einen verständnisvollen Blick zu und verschwand. +</p> + +<p> +... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, +ins Zimmer tretend. +</p> + +<p> +„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, +der eilig nach der Mütze griff und ins Vorzimmer +stürzte – „ich habe zu tun! Ich, Bruderherz, muß +selbst eilen, habe mich verspätet! ...“ +</p> + +<p> +„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen +...“ +</p> + +<p> +„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +heute aber hat man mir geschrieben ... ich sage +dir, daß mir der Kopf brummt – vor Geschäften! Man +erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner +Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln +kannst, weil ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es +dir gefällt, so haue mich nur, doch um Christi willen, +schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf +mich ...“ +</p> + +<p> +„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, +nun so laufe, Unvorhergesehenes kann jedem passieren. +Nur ...“ +</p> + +<p> +„Von dem <em>Nur</em> werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach +er mich, stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel +an. (Auch ich zog mich an.) „Deinetwegen habe ich +eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache wegen +habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen. +Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles +erzählen kann, so gib mir, bitte, um Christi willen, dein +Wort, daß du heute um punkt sieben Uhr, nicht früher +und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann zu +Hause sein.“ +</p> + +<p> +„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, +heute abend wollte ich doch dahin gehn ...“ +</p> + +<p> +„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, +gehe jetzt und am Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, +du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Sache ich dir +mitzuteilen habe.“ +</p> + +<p> +„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, +daß du mich neugierig gemacht hast.“ +</p> + +<p> +Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem +Trottoir. +</p> + +<p> +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +„Du wirst also kommen?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Ich habe gesagt, daß ich komme.“ +</p> + +<p> +„Gib dein Ehrenwort.“ +</p> + +<p> +„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“ +</p> + +<p> +„Das ist anständig. Wohin gehst du?“ +</p> + +<p> +„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts. +</p> + +<p> +„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach +links. „Lebe wohl, Wanjä, vergiß nicht ... sieben +Uhr ...“ +</p> + +<p> +„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah +ihm nach. +</p> + +<p> +Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. +Doch da ich jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben +hatte, zu ihm zu kommen, so beschloß ich, jetzt zu ihr zu +gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich jetzt Aljoscha +bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, +und freute sich außerordentlich über mein Kommen. +</p> + +<p> +Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich +zu Natascha. Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, +doch sah man es ihr an, daß es ihr schwer fiel. +Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die Nacht nicht geschlafen. +Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich. +</p> + +<p> +Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte +er sie belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. +Er erwähnte aber in seinem Gespräche weder Katjä noch +seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm sein gestriger Versöhnungsversuch +nicht gelungen. +</p> + +<p> +„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von +mir fortgehen,“ flüsterte mir Natascha in aller Eile zu, als +Aljoscha hinausging, um Mawra irgend etwas aufzutragen. +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +– „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und +auch ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen +soll, denn dann versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, +und am meisten fürchte ich mich, daß er sich bei mir langweilt +und mich überhaupt zu lieben aufhört! Was soll +ich tun?“ +</p> + +<p> +„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und +wie mißtrauisch einer den andern verfolgt! Erklärt euch +doch gegenseitig einfach und damit abgemacht. Durch solches +Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig zur +Last fallen.“ +</p> + +<p> +„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus. +</p> + +<p> +„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“ +</p> + +<p> +Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra +zu bitten meine Galoschen zu reinigen. +</p> + +<p> +„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach. +</p> + +<p> +Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf +mich stürzte, als hätte er mich erwartet. +</p> + +<p> +„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten +Sie mir: ich habe noch gestern mein Wort gegeben, um +diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich darf es nicht verfehlen! +Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin bereit +für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß +ich die andere jetzt nicht ganz ...“ +</p> + +<p> +„Nun, so fahren Sie doch ...“ +</p> + +<p> +„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr +wehetun ... Iwan Petrowitsch, helfen Sie mir ...“ +</p> + +<p> +„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. +Sie wissen, wie sehr Natascha Sie lieb hat: sie +wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr langweilen, wenn +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen +Sie, ich werde Ihnen helfen.“ +</p> + +<p> +„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“ +</p> + +<p> +Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich +zu ihm: +</p> + +<p> +„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“ +</p> + +<p> +„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus. +</p> + +<p> +„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und +fragte nach Ihnen, ob ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er +müßte Sie durchaus sprechen.“ +</p> + +<p> +„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte +mich Natascha, die sofort begriff, was ich damit +wollte. +</p> + +<p> +„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu +Hause sein?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin +sein würde.“ +</p> + +<p> +„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha +und sah Natascha traurig an. +</p> + +<p> +„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst +du denn wirklich diese Bekanntschaft aufgeben, um mich +zu beruhigen. Das wäre doch kindisch. Erstens wäre +es unmöglich, und zweitens wäre es einfach Undankbarkeit +Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man +denn freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und +mich beleidigst du einfach, wenn du glaubst, daß ich so +eifersüchtig sei. Fahre also, fahre unverzüglich, ich bitte +dich! Ja, und auch dein Vater wird sich beruhigen.“ +</p> + +<p> +„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen +Fingers nicht wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung +und Reue zugleich. „Du bist so gut, und ich ... ich ... +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche gebeten +mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht. +Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle +ich mich gar nicht so schuldig, denn ich liebe dich tausendmal +mehr als alles auf der Welt und ich habe mir da +etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä anvertrauen, +ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles +was gestern passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer +Rettung ausdenken, denn sie ist uns mit ganzer Seele +zugetan ...“ +</p> + +<p> +„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, +„und weißt du, mein Freund, auch ich möchte ihre +Bekanntschaft machen. Wie soll man das arrangieren?“ +</p> + +<p> +Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging +sich sofort in Plänen, wie es sich machen ließe. Doch das +Problem löste er sofort dadurch, daß Katjä es schon machen +würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha +die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen. +</p> + +<p> +„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig +Natascha. +</p> + +<p> +„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, +meine Liebe – meine ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! +Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig Wanjä genannt. +Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum +sagen wir nicht <em>Du</em>? Wollen wir uns duzen?“ +</p> + +<p> +„Schön.“ +</p> + +<p> +„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. +Ich habe nur immer nicht gewagt, es Ihnen zu sagen. +Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder <em>Sie</em>. Es ist zu +schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei +Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +das Wort ‚<em>Du</em>‘ zu sagen, und können sich nicht daran +gewöhnen, da vermeiden sie immer die Sätze, in denen +sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen wir +einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so +schön!“ +</p> + +<p> +„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, +„jetzt redest du wieder so viel vor lauter Freude ...“ +</p> + +<p> +„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir +sein!“ +</p> + +<p> +Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus. +</p> + +<p> +„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in +Tränen aus. +</p> + +<p> +Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte +sie. Sie hatte natürlich in allen ihren Befürchtungen +recht. Mir tat das Herz weh, wenn ich an ihre jetzige +Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war hier zu +machen? +</p> + +<p> +Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht +weniger als früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender +vor Reue und Dankbarkeit. Doch zu gleicher Zeit setzte +sich die neue Liebe immer mehr in seinem Herzen fest. Ich +selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch versprach +ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln. +</p> + +<p> +Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem +erzählte ich ihr alles über Nelly und Masslobojeff; von der +Bubnowa und meiner Begegnung des Fürsten bei Masslobojeff +und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei +ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte +ich ihr alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai +Ssergejewitschs; das Duell hätte sie erschrecken können. +Ihr schienen die Beziehungen des Fürsten zu Masslobojeff +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu lernen, +erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ... +</p> + +<p> +Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach +Hause. Nelly empfing mich mit strahlendem Gesichtchen +... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +VI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">m</span> Punkt sieben Uhr abends war ich bei Masslobojeff. +Er empfing mich mit lautem Halloh und ausgebreiteten +Armen. Es versteht sich von selbst, daß er bereits +halb betrunken war. Doch am meisten wunderten mich +die außerordentlichen Vorbereitungen, die zu meinem Besuch +getroffen worden waren. Aus allem war zu sehen, +daß sie mich feierlich erwartet hatten. Ein netter Samowar +brodelte auf einem runden Tischchen, das bedeckt +war mit einem teueren und schönen Tischtuch. Das Teegeschirr +blitzte vor Kristall und Silber. Auf einem anderen +Tisch, der nicht weniger reich gedeckt war, standen +Teller mit Früchten und Konfekt, Kiewsche Marmeladen +und Pastillen, eingemachte Früchte, wie Apfelsinen, Äpfel +und drei Sorten Nüsse – kurz, eine ganze Fruchthandlung. +Auf dem dritten Tisch, mit blendendweißem Tischtuch +belegt, standen verschiedene Eßwaren: Kaviar, Käse, +Pasteten, Würste, Fisch und eine ganze Reihe Kristallkaraffen +mit Likör von den verschiedensten Sorten und den +schönsten Farben – grün, rot, braun, goldig. Auf einem +kleinen Nebentisch standen sogar zwei Flaschen Champagner +und auf einem Tisch vor dem Diwan standen gleichfalls +drei Flaschen: Sauterne, Lafitte und Kognak – +teuere Jelissejeffsche Flaschen. Hinter dem Teetisch saß +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +Alexandra Ssemjonowna, wenn auch in einfachem Kleide, +so doch sehr gewählt und geschmackvoll angezogen. Sie +wußte, daß es ihr stand und schien sehr stolz darauf zu +sein; sie begrüßte mich fast mit einer gewissen Feierlichkeit. +Fröhlichkeit und Zufriedenheit lagen auf ihrem frischen +Gesicht. Masslobojeff war mit einem teuren Schlafrock +und chinesischen Pantoffeln bekleidet und in teurer Wäsche. +Am Hemd waren überall, wo es nur anging, moderne +Knöpfe und Schließen angebracht. Die Haare waren gekämmt, +pomadisiert und schräg, nach der Mode, gescheitelt. +</p> + +<p> +Ich war so erstaunt, daß ich mit offenem Munde mitten +im Zimmer stehen blieb und einmal Masslobojeff, das +andere Mal Alexandra Ssemjonowna anstarrte, deren Zufriedenheit +sich bis zur Seligkeit steigerte. +</p> + +<p> +„Was hat das zu bedeuten, Masslobojeff, habt ihr +heute einen Besuchsabend?“ rief ich schließlich beunruhigt +aus. +</p> + +<p> +„Nein, wir haben nur dich erwartet,“ antwortete er +feierlich. +</p> + +<p> +„Ja, was hat denn das zu bedeuten,“ ich wies auf die +Vorräte, „damit kann man ja ein ganzes Heer bewirten!“ +</p> + +<p> +„Und betrinken, hauptsächlich betrinken!“ fügte Masslobojeff +hinzu. +</p> + +<p> +„Und das alles ist nur für mich?“ +</p> + +<p> +„Und für Alexandra Ssemjonowna. Sie hat geruht, +es sich so auszudenken.“ +</p> + +<p> +„Da haben wir’s! Ich wußte es ja!“ rief Alexandra +Ssemjonowna errötend aus, doch verlor sie den Ausdruck +von Zufriedenheit nicht. „Man kann nicht einmal anständig +seinen Gast empfangen!“ +</p> + +<p> +„Kannst du dir vorstellen, bereits vom Morgen an, +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +als sie es hörte, daß du heute abend kommen würdest, hat +sie alles vorbereitet; es war nicht mehr auszuhalten ...“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht wahr! Nicht vom Morgen an, sondern +von gestern abend an. Denn gestern abend, als du nach +Hause kamst, sagtest du mir, daß Iwan Petrowitsch morgen +abend unser Gast sein würde ...“ +</p> + +<p> +„Da haben Sie sich verhört ...“ +</p> + +<p> +„Durchaus nicht, ich lüge niemals. Und warum soll +man seinen Gast nicht gut empfangen? Da leben wir, +und leben wir, kein Mensch kommt zu uns, und wir haben +doch reichlich zu leben. Mögen doch die guten Leute sehen, +daß wir wie andere Menschen zu leben verstehen.“ +</p> + +<p> +„Und die Hauptsache, sie sollen es einmal sehen, was +Sie für eine vorzügliche Wirtin sein können,“ fügte Masslobojeff +hinzu. „Stelle dir nur vor, mein Freund, was ich +habe ausstehen müssen. Ein Hemd aus holländischem +Leinen hat sie mir gekauft, Pantoffeln und einen chinesischen +Schlafrock, die Haare gekämmt und pomadisiert: mit +Bergamottenpomade; mit Parfüm wollte sie mich bespritzen +... da habe ich’s aber nicht mehr ausgehalten, +habe ihr meine eheliche Autorität gezeigt ...“ +</p> + +<p> +„Durchaus nicht mit Bergamottenpomade, sondern mit +der besten echten französischen Pomade ...“ unterbrach +ihn ganz erregt Alexandra Ssemjonowna. „Urteilen Sie +selbst, Iwan Petrowitsch, er bringt mich nirgendwohin, +weder ins Theater, noch auf einen Ball, nur Kleider +schenkt er mir ... doch wohin soll ich mit den vielen +Kleidern? Ich soll mich ankleiden und allein im Zimmer +auf und ab spazieren. Neulich wären wir beinahe ins +Theater gegangen, ich ging nur in mein Zimmer, um mich +etwas zurecht zu machen, aber wie ich wiederkomme, hat er +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +ein Gläschen nach dem anderen getrunken und ist berauscht. +So unterblieb es wieder. Kein Mensch, niemand, niemand +kommt zu uns zu Gast; nur am Morgen kommen +hin und wieder Menschen in Geschäften hierher; dann +muß ich mich zurückziehen. Und alles ist da; ein Samowar, +ein schönes Service und schöne Tassen – alles, +alles hat er mir geschenkt. Und auch das Essen wird uns +gebracht, nur den Wein kaufen wir, und diesmal ein bißchen +Imbiß – eine Pastete, Kaviar, etwas Konfekt haben +wir gekauft. Wenn doch nur jemand sehen würde, wie +wir leben! Das ganze Jahr habe ich daran gedacht: wenn +ein Gast kommt, ein wirklicher Gast, dann werde ich ihn +gut bewirten, und er wird sich finden, und uns ist’s +angenehm. Daß ich aber diesen Dummkopf pomadisiert +habe, nun, er ist dessen nicht wert; am liebsten würde +er immer schmutzig gehen. Sehen Sie, was man ihm für +einen Schlafrock geschenkt hat: ja, ist er ihn denn wert? +Wenn er nur was trinken kann! Sie werden sehen, gleich +wird er vor dem Tee sich noch Schnaps eingießen.“ +</p> + +<p> +„Das ist wahr! Trinken wir eins, Wanjä, einen +goldenen oder silbernen, um dann mit erfrischter Seele +zu den anderen Getränken überzugehen.“ +</p> + +<p> +„Nun, das wußte ich doch!“ +</p> + +<p> +„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka, wir werden +auch Tee trinken, Tee mit Kognak, auf Ihre Gesundheit.“ +</p> + +<p> +„Also doch!“ rief sie, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. +„Tee vom Khan zu sechs Rubel das +Viertel hat ihm vorgestern der Kaufmann geschenkt, er +aber will ihn mit Kognak trinken. Hören Sie nicht auf +ihn, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen gleich eingießen +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +... Sie werden selbst sehen, was das für ein Tee +ist!“ +</p> + +<p> +Es war augenscheinlich, daß sie mich den ganzen +Abend festhalten wollten. Alexandra Ssemjonowna hatte +das ganze Jahr auf einen Gast gewartet und nun sollte +ich dazu herhalten. Das kam mir nicht gelegen. +</p> + +<p> +„Höre mal, Masslobojeff, ich bin zu dir nicht als Gast +gekommen, sondern in Geschäften; du hast mich selbst gerufen, +um mir mitzuteilen ...“ +</p> + +<p> +„Nun Geschäft ist Geschäft, doch die Unterhaltung mit +einem guten Freunde ist auch eine Sache.“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Lieber, darauf kannst du nicht rechnen. +Um halb neun muß ich fort. Ich habe mein Wort gegeben +...“ +</p> + +<p> +„Daran ist nicht zu denken. Wirklich, was du uns +antust. Denke doch an Alexandra Ssemjonowna? Sieh +sie dir an, sie ist sprachlos. Wozu hat sie mich pomadisiert, +bedenke, mit Bergamotten!“ +</p> + +<p> +„Du scherzest, Masslobojeff. Ich werde Alexandra +Ssemjonowna schwören, in der nächsten Woche, am Freitag, +zu kommen; heute jedoch habe ich mein Wort gegeben +– oder besser gesagt, ich muß heute an einem Ort +erscheinen, auf jeden Fall. Sage mir also lieber, was du +mir mitteilen wolltest?“ +</p> + +<p> +„So wollen Sie wirklich nur bis halb neun Uhr hier +bleiben!“ rief Alexandra Ssemjonowna mit kläglicher +Stimme, fast weinend, während sie mir eine Tasse mit +prachtvollem Tee reichte. +</p> + +<p> +„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka; das ist alles +Unsinn,“ beruhigte sie Masslobojeff. „Er wird bleiben; +sag mir doch bitte, Wanjä, wohin du zu gehen hast? In +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +welchen Geschäften? Kann man’s nicht erfahren? Du +läufst ja den ganzen Tag umher und arbeitest nichts? ...“ +</p> + +<p> +„Was geht es dich an? Übrigens, davon kannst du +später erfahren. Sage mir doch lieber, warum bist du +gestern abend bei mir gewesen, wo ich es dir doch gesagt +hatte, daß ich nicht zu Hause sein würde?“ +</p> + +<p> +„Es fiel mir nachher ein, doch gestern abend hatte +ich’s vergessen. Ich wollte über eine ernste Angelegenheit +mit dir sprechen, doch vorher mußte ich Alexandra Ssemjonowna +befriedigen. ‚Sieh,‘ sagt sie, ‚da ist ein Mensch, +der ist dein Freund, warum lädst du ihn nicht ein?‘ Und +deinetwegen, Freund, hat sie mich eine dreiviertel Stunde +lang gequält. Der Bergamottenpomade wegen werden +mir sicher im Himmel viele Sünden vergeben werden, +doch, denke ich, warum soll ich nicht einen Abend mit dir +freundschaftlich zubringen? Ich ersann mir daher eine +Kriegslist: schrieb dir, wenn du nicht kommst, so werden +alle unsere Schiffe untergehen.“ +</p> + +<p> +Ich bat ihn im voraus, das nicht wieder zu tun, sondern +mir gegenüber aufrichtig zu sein. Übrigens befriedigte +mich diese Erklärung keineswegs. +</p> + +<p> +„Doch vorhin, warum bist du vorhin davongelaufen?“ +fragte ich ihn. +</p> + +<p> +„Vorhin hatte ich wirklich ein dringendes Geschäft zu +erledigen, das ist nicht gelogen.“ +</p> + +<p> +„Mit dem Fürsten etwa?“ +</p> + +<p> +„Wie schmeckt Ihnen der Tee?“ fragte mit honigsüßer +Stimme Alexandra Ssemjonowna. +</p> + +<p> +„Siehst du, sie hat bereits fünf Minuten darauf gewartet, +daß man ihren Tee lobt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +„Vorzüglich, Alexandra Ssemjonowna, vorzüglich! +Ich habe einen solchen noch nie getrunken.“ +</p> + +<p> +Alexandra Ssemjonowna war ganz stolz vor Vergnügen +und wollte mir sofort neuen einschenken. +</p> + +<p> +„Der Fürst!“ schrie Masslobojeff, „dieser Fürst, Bruderherz, +ist solch ein Schelm, ein Betrüger ... das! Ich +Freund, ich sage dir, auch ich bin manchmal ein Betrüger, +doch trotz alledem wollte ich nicht in seiner Haut stecken! +Doch genug, ich schweige! Kein Wort mehr über ihn.“ +</p> + +<p> +„Und ich, ich bin gerade deshalb zu dir gekommen, um +dich unter anderem über ihn auszufragen. Doch davon +später. Sage mir aber, warum hast du gestern in meiner +Abwesenheit Helene Konfekt angeboten und ihr vorgetanzt? +Und worüber hast du mit ihr anderthalb Stunden +gesprochen!“ +</p> + +<p> +„Helene ist ein kleines Mädchen von elf oder zwölf +Jahren und lebt zur Zeit bei Iwan Petrowitsch,“ wandte +sich plötzlich Masslobojeff erklärend zu Alexandra Ssemjonowna. +„Sieh nur, Wanjä, sieh,“ er wies mit dem +Finger auf sie, „wie sie rot geworden ist, als sie hörte, +daß ich einem unbekanntem jungen Mädchen Konfekt gebracht +hätte, wie sie zusammenzuckt, als hätten wir mit +einer Pistole geschossen ... <a id="isch"></a>isch, wie die Augen blitzen und +wie Nadeln stechen. Da ist nichts mehr zu machen, Alexandra +Ssemjonowna ... nichts mehr zu verheimlichen. +Sie sind eifersüchtig! Hätte ich nicht gesagt, daß es sich +hier um ein elfjähriges Kind handelt, so wäre sie über +mich hergefallen, hm! ... da hätte mich keine Bergamottenpomade +mehr retten können!“ +</p> + +<p> +„Sie kann dich auch sowieso nicht retten!“ +</p> + +<p> +Mit diesen Worten sprang Alexandra Ssemjonowna +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +wie eine Feder hinter ihrem Teetisch hervor und ehe es sich +Masslobojeff versehen konnte, hatte sie ihn an den Haaren +gefaßt und ordentlich durchgerüttelt. +</p> + +<p> +„Das hast du davon, das hast du davon, wage es +noch einmal zu sagen, daß ich eifersüchtig bin, wage es, +wage es noch einmal!“ +</p> + +<p> +Sie errötete über und über und wenn sie auch lachte, +so mußte Masslobojeff ihren Ärger doch ordentlich verspüren. +</p> + +<p> +„Von jeder Schande spricht er!“ fügte sie ernst, an +mich gewandt, hinzu. +</p> + +<p> +„Ach, Wanjä, so ist nun einmal mein Leben! Da +hilft nur eines – Schnaps!“ beschloß Masslobojeff, +brachte seine Haare in Ordnung und stürzte sich auf die +Schnapskaraffe. Doch Alexandra Ssemjonowna hatte +da schon vorgesehen, sie reichte ihm das Schnapsglas und +streichelte ihm zärtlich die Backe. Masslobojeff blinzelte +mir stolz zu, schnalzte mit der Zunge und leerte feierlich +sein Glas. +</p> + +<p> +„Was das Konfekt anbelangt,“ begann er und setzte +sich zu mir auf den Diwan, „ich habe es gestern in einem +Schmierladen in betrunkenem Zustande gekauft, wozu, – +weiß ich selbst nicht. Vielleicht, um den vaterländischen +Handel aufrecht zu erhalten, bestimmt kann ich es +nicht sagen; ich weiß nur, daß ich damals betrunken in +den Schmutz gefallen war, mir die Haare raufte und darüber +weinte, daß ich zu nichts nütze sei. Das Konfekt +hatte ich natürlich vergessen, es blieb bis gestern in der Tasche, +erst als ich mich auf deinen Diwan setzen wollte, +fühlte ich es plötzlich. Getanzt habe ich wohl aus demselben +Grunde, ich war angetrunken, und bin ich dann mit meinem +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +Schicksal zufrieden, so tanze ich immer. Das ist +alles; vielleicht hat die kleine Waise mein Mitleid erregt +und ich tanzte, um sie ein wenig zu erheitern. Auch wollte +sie kein Wort mit mir sprechen und schien sehr böse auf +mich zu sein.“ +</p> + +<p> +„Wolltest du nicht etwas von ihr erfahren, gestehe es +offen: Du gingst zu ihr, weil du wußtest, daß ich nicht +zu Hause sein würde. Ich weiß, daß du anderthalb +Stunden bei ihr gewesen und sie ausgefragt hast unter +dem Vorwande, daß du ihre Mutter gekannt.“ +</p> + +<p> +Masslobojeff lächelte verschmitzt. +</p> + +<p> +„Die Idee wäre nicht schlecht,“ sagte er. „Nein, +Wanjä, das ist es nicht. Das heißt, warum soll ich sie +nicht bei Gelegenheit ausfragen; aber, wie gesagt, das ist +es nicht. Höre, alter Freund, ich bin auch jetzt bereits +betrunken, doch im allgemeinen weißt du, wird dich Filipp +in einer <em>schlechten Absicht</em> nicht betrügen.“ +</p> + +<p> +„Nun, aber ohne eine schlechte Absicht?“ +</p> + +<p> +„Ohne eine schlechte Absicht. Zum Teufel damit, +trinken wir eins, und dann – zur Sache! Ich habe alles +erfahren, diese Bubnowa hat auf das Kind überhaupt +kein Recht. Die Mutter schuldete ihr Geld und sie hat +darauf das Kind an sich genommen. Wenn die Bubnowa +auch ein böses Weib ist, dumm ist sie doch, wie alle +Weiber. Die Verstorbene war im Besitz eines guten Passes; +daher ist alles im reinen. Helene kann bei dir bleiben, +solange du willst, gut wäre es jedoch, wenn sie in +eine Familie käme, wo sie eine gute Erziehung erhalten +könnte. Doch fürs erste kann sie bei dir bleiben. Ich +werde schon für alles sorgen. Die Bubnowa wagt nicht +einen Finger zu rühren. Von der Verstorbenen konnte ich +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +nichts Bestimmtes erfahren. Sie war Witwe und hieß +Salzmann.“ +</p> + +<p> +„Das hat mir auch Nelly gesagt.“ +</p> + +<p> +„Nun, das ist alles. Jetzt, Wanjä,“ begann er mit +einer gewissen Feierlichkeit, „habe ich eine Bitte an Dich. +Du mußt sie erfüllen. Erzähle mir so ausführlich als +möglich, was du für Geschäfte hast, wohin du täglich +gehst? Ich habe manches zum Teil erfahren, doch möchte +ich darüber ausführlicher unterrichtet sein.“ +</p> + +<p> +Diese Feierlichkeit erstaunte und beunruhigte mich. +</p> + +<p> +„Was soll das? Wozu mußt du das wissen? Du +fragst so feierlich ...“ +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä, alle überflüssigen Worte beiseite: +ich möchte dir einen Dienst erweisen. Denn, Bruderherz, +wenn ich wollte, könnte ich dich auf schlaue Weise ausforschen, +so, wie du es glaubst, daß ich es bei der Kleinen +durch Konfekt versucht hätte; ich habe es sofort verstanden. +Da ich dich aber höchst feierlich darum bitte, so weißt du, +daß ich dich im Ernst und in deinem Interesse ausfrage. +Du brauchst mich also nicht zu verdächtigen und kannst +mir die Wahrheit sagen.“ +</p> + +<p> +„Welchen Dienst willst du mir denn erweisen? Höre, +Masslobojeff, warum willst du mir nichts vom Fürsten +erzählen? Das wäre der einzige Dienst, den du mir erweisen +könntest.“ +</p> + +<p> +„Vom Fürsten? Hm! ... Nun, geradeaus gesagt: +ich möchte dich ja in Angelegenheiten des Fürsten ausfragen.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Ich habe bemerkt, Bruderherz, daß er sich in deine +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +Angelegenheiten einmischen möchte; er hat mich übrigens +über dich ausgefragt. Wie er es erfahren, daß wir miteinander +bekannt sind – das ist schon nicht mehr deine +Sache. Die Hauptsache aber: hüte dich vor ihm. Das +ist ein Judas und noch weit schlimmer. Ich zittere darum +für dich. Übrigens weiß ich sonst gar nichts, darum +bitte ich dich mir alles zu erzählen, damit ich darüber urteilen +kann ... Darum habe ich dich heute hergebeten. +Das ist die wichtige Angelegenheit, wenn ich schon aufrichtig +sein soll.“ +</p> + +<p> +„Etwas wenigstens wirst du schon wissen, und wenn +auch nur das, weshalb ich gerade vor dem Fürsten auf der +Hut sein soll.“ +</p> + +<p> +„Nun gut, also sei’s denn! Du mußt nämlich wissen, +Bruderherz, daß man sich so im allgemeinen mitunter an +mich wendet, wenn es sich um verzwickte Fälle handelt. +Aber eines überlege dir vorher: vertrauen mir doch die +meisten nur deshalb, weil ich kein Schwätzer bin – wie +also soll ich dir nun etwas erzählen? Deshalb, weißt +du, schraube deine Ansprüche nicht gar zu hoch und nimm +damit fürlieb, was ich dir so in Bausch und Bogen erzähle, +denn ich tu’s ja nur, um dir eine Ahnung davon +zu geben, als was für ein bodenloser Schuft er sich nach +alledem entpuppt hat. Na, aber zuerst fange du an von +deinen Sachen.“ +</p> + +<p> +Ich überlegte ein wenig, was ich ihm denn erzählen +sollte, mußte mir aber sagen, daß ich schließlich nichts vor +ihm zu verheimlichen hatte. Nataschas Erlebnisse waren +kein Geheimnis; zudem konnte ich von Masslobojeff vielleicht +noch etwas erfahren, das sich zu ihrem Nutzen verwenden +ließ. Selbstverständlich bemühte ich mich, in meiner +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +Erzählung gewisse Punkte nach Möglichkeit zu umgehen. +Am meisten jedoch interessierte ihn alles, was ich +ihm über den Fürsten erzählen konnte; er unterbrach mich +sogar mehrmals mit verschiedenen Fragen und bat mich, +vieles nochmals zu erzählen, so daß ich ihm zu guter Letzt +doch alles ziemlich ausführlich erzählt hatte, was ungefähr +eine gute halbe Stunde in Anspruch nahm. +</p> + +<p> +„Hm!“ meinte er zum Schluß, „jedenfalls ein verteufelt +gescheites Mädel. Wenn sie den Fürsten vielleicht +auch nicht ganz durchschaut, so hat sie doch wenigstens +sofort erkannt, welcher Art dieser Mensch ist und +nach dieser Erkenntnis ohne weiteres jede Beziehung zu +ihm abgebrochen. Bravo, Natalja Nikolajewna! Ich +trinke auf ihr Wohl!“ – Er leerte sein Glas bis zur +Nagelprobe –. „Dazu gehörte nicht nur Verstand, dazu +gehörte vor allen Dingen Herz! Hier galt es, mutig dem +Feind ins Angesicht zu schauen und sich nicht vom Gefühl +verleiten zu lassen. Und sie hielt stand! Natürlich hat sie +damit jede Hoffnung verspielt. Der Fürst wird jetzt +mit allen Mitteln darauf hinwirken, daß Aljoscha sie verläßt, +und der wird sie sicherlich verlassen. Aber Ichmenjeff +tut mir leid, – zehntausend Rubel diesem Schurken +zahlen zu müssen! Aber wer hat denn auch seine Sache +geführt, wer? Natürlich er selbst! Das ist’s ja! Aber +so sind sie nun einmal alle, diese Ehrenmänner und Hitzköpfe! +Das sind mir gerade die richtigen Advokaten! +Diesen Fürsten hätte man ganz anders anfassen sollen. +Und was für einen Advokaten ich dem Ichmenjeff hätte +verschaffen können! – Teufel noch einmal!“ +</p> + +<p> +Vor Ärger schlug er sogar mit der Faust auf den +Tisch. +</p> + +<p> +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +„Nun, und wie steht es denn jetzt mit dem Fürsten?“ +</p> + +<p> +„Ach, da kommst du wieder mit dem Fürsten! Tja, +Mensch, was soll ich dir denn sagen? ... Es war überhaupt +eine Dummheit von mir, so etwas zu versprechen. +Aber ich wollte dich, weißt du, eigentlich nur warnen, um +dich beizeiten sozusagen gegen seinen Einfluß zu verbarrikadieren. +Wer sich mit ihm einläßt, der ist nicht ungefährdet. +Deshalb spitze die Ohren, Freund Wanjä, so, +und das ist alles, was ich dir zu sagen habe. Du dachtest +wohl, ich würde dir Gott weiß was für Pariser Geheimnisse +mitteilen? Gefehlt! Da sieht man gleich den +Schriftsteller, der den Kopf voll von Romanen hat! ... +Was soll ich dir denn von diesem Schurken erzählen? Ist +er einmal ein Schurke, nun, dann ist er eben einer ... +Na, schließlich so als Beispiel, weißt du, könnte ich dir +eventuell noch so ’n kleines Geschichtchen erzählen, nur +– versteht sich – ohne Angabe von Ort und Zeit, ohne +Städte oder Personen zu nennen, also ohne jede kalendarische +Genauigkeit. Bist du damit einverstanden? – Na, +dann höre zu. Du weißt, daß er in seiner ersten Jugend, +als er noch mit seinem mageren Kanzleigehalt auskommen +mußte, eine reiche Kaufmannsfrau geheiratet hatte. +Nun, diese Person soll er aber nichts weniger als höflich +behandelt haben, und wenn es sich jetzt auch nicht um sie +handelt, so will ich doch die Bemerkung hier einflechten, +Freund Wanjä, daß er sein Leben lang gerade diese Art +Erwerb jedem anderen vorgezogen zu haben scheint. So +zum Beispiel auch in folgendem Fall. Fuhr er da einmal +ins Ausland, wie man so eben fährt ...“ +</p> + +<p> +„Erlaub, Masslobojeff von welcher Reise redest du? +In welchem Jahre?“ +</p> + +<p> +<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> +„Das war vor genau neunundzwanzig Jahren und +drei Monaten. Nun und da machte er eines schönen +Tages einem alten Vater die einzige Tochter abspenstig +und entführte sie nach Paris. Kurz: er verstand die Geschichte +gut einzufädeln. Der Vater war so etwas wie +ein reicher Fabrikbesitzer oder, sagen wir, ein Aktionär, +der an irgend einem ähnlichen Unternehmen stark beteiligt +war. Genau weiß ich es nicht. Du, was ich dir jetzt +so erzähle, sind nur meine eigenen Kombinationen, die ich +mir mit freier Dichtergabe aus verschiedenen gegebenen +Momenten zusammenbaue. Nun und der Fürst wußte ihn +geschickt zu betrügen und sich gleichfalls in das Unternehmen +hineinzuschmuggeln. Also er betrog ihn gründlich +und nahm ihm obendrein noch bares Geld ab. Was nun +dieses bare Geld betrifft, so hatte der Alte dafür natürlich +gewisse Papiere vom Fürsten in den Händen. Der +Fürst aber wollte das Geld so von ihm geliehen haben, +daß er es nicht mehr zurückzugeben brauchte, wollte es also, +prosaisch ausgedrückt und nach unseren Begriffen, einfach +stehlen. Dieser Alte hatte nun, wie gesagt, eine Tochter, +und diese seine einzige Tochter war eine Schönheit, und +in diese Schönheit hatte sich ein junger Idealist verliebt – +solch ein Seitenstück von Schiller, weißt du – ein Dichterling, +der aber zugleich auch Kaufmann war, ein junger +Träumer und Schwärmer – mit einem Wort: ein echter +Deutscher, Pfefferkuchen oder so ungefähr mit Namen.“ +</p> + +<p> +„Wie? Sein Familienname war Pfefferkuchen?“ +</p> + +<p> +„Na, vielleicht wars nicht gerade Pfefferkuchen, ich +will es nicht verschwören, und im übrigen hole ihn der +Teufel, nicht um ihn handelt es sich jetzt. Nur war der +Fürst im Verkehr mit der Tochter von gewinnenden Umgangsformen, +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +daß sie sich bis zum Wahnsinn in ihn verliebte. +Dem Fürsten aber erschienen damals namentlich +zwei Dinge erstrebenswert: erstens, in den Besitz der +Tochter und zweitens in den der bewußten Dokumente +zu gelangen, die schwarz auf weiß bestätigten, daß er vom +Alten jene Summe geliehen erhalten hatte. Die Schlüssel +aller Geldschränke und Kassetten des Alten bewahrte +jedoch die Tochter auf, denn der Alte liebte sein einziges +Kind geradezu sinnlos, nämlich dermaßen, daß er sie unter +keiner Bedingung verheiraten wollte. Tatsache! Auf +jeden Freiersmann war er eifersüchtig, und konnte es nicht +begreifen, daß er sich einmal doch von ihr würde trennen +müssen. Selbst den armen Pfefferkuchen jagte er zum +Teufel. Er war eben ein ganzer Sonderling, und dazu +noch ein Engländer ...“ +</p> + +<p> +„Ein Engländer? Ja, aber wo ist denn das alles +passiert?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, nein, sieh mal: ich habe nur so gesagt, +‚ein Engländer‘, bloß weil es sich gerade so machte, du +aber mußt es natürlich sofort aufgreifen! Herrgott, bewahre +einen vor Schriftstellern! Geschehen aber ist’s in +Santa Fé de Bogotá, vielleicht aber auch in Krakau oder, +was am wahrscheinlichsten ist, im Fürstentum Nassau, +– sieh mal, das hier auf der Seltersflasche steht. Also +wie gesagt: in Nassau. Bist du jetzt zufrieden? Also +der Fürst entführte die Tochter und die Tochter entführte +wiederum auf Wunsch des Fürsten gewisse Dokumente. +Gibt es doch solch eine Liebe, Wanjä! Pfui, Teufel! +Und das Mädel war doch ein edles, reines, ideales Geschöpf! +Freilich hat sie wohl von der Bedeutung dieser +Papiere keinen ganz zutreffenden Begriff gehabt. Nur +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +eines machte ihr Sorge: der Vater würde sie verstoßen. +Doch der Fürst war auch diesem Hindernis gewachsen: +er verpflichtete sich schriftlich, formell und gesetzlich, daß +er sie heiraten werde. So redete er ihr denn ein, daß sie +nur so ein wenig reisen würden, bis der Zorn des Alten +sich gelegt, dann aber würden sie vermählt zurückkehren und +zu dreien glücklich und einträchtig beisammen leben, Geld +verdienen und sich freuen, und so weiter <span class="antiqua">ad infinitum</span>. +Und so entfloh sie denn mit dem Fürsten, der Alte verfluchte +sie und damit war er gleichzeitig bankrott. Ihr +folgte aber nach Paris jener Frauenmilch, der um ihretwillen +alles, sogar sein Geschäft, verließ; er war nämlich +gar zu sehr in sie verliebt ...“ +</p> + +<p> +„Erlaub! Was für ein Frauenmilch?“ +</p> + +<p> +„Ach, nun, zum Teufel mit ihm! Ich meinte jenen +Feuerbach ... nein, wart mal, wie hieß doch der verwünschte +Kerl? Pfefferkuchen! Na, also – diesen +Pfefferkuchen meinte ich, wie gesagt. Der Fürst aber +konnte sie doch natürlich nicht heiraten, denn, nicht wahr: +was würde die Fürstin Soundso dazu sagen? Wie würde +sich Baron Pomoikin darüber äußern? Folglich hieß es: +betrügen. Nun und das tat er denn auch, tat es aber doch +gar zu gemein. Erstens prügelte er sie fast, zweitens lud +er absichtlich den Pfefferkuchen ein, und der begann sie +denn auch richtig zu besuchen, und bald verbrachte er mit +ihr ganze Abende in gemeinsamer Trauer oder tröstete sie +als ihr aufrichtiger Freund, der er nun einmal war. Alles +in allem wird es bei ihnen nur ein Gemisch von Romantik +und Mitleid mit sich selber gewesen sein. Kennt man. +Der Fürst aber wußte die Geschichte so zu drehen, daß er +sie einmal spät abends überraschte: und da behauptete er +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> +frech, daß sie sich vergessen hätten, er habe es mit eigenen +Augen gesehen, usw. usw. ... Das kam natürlich zu +einer großen Szene, die damit endete, daß er sie beide vor +die Tür setzte und selber nach London reiste. Sie aber +war damals bereits stark in Umständen: kaum hatte er sie +verstoßen, da gebar sie auch schon ein Töchterchen ... +das heißt, nicht ein Töchterchen, sondern einen Sohn, jawohl +gerade ein Söhnchen, verlaß dich drauf. Es wurde +denn auch ohne viel Umstände Wolodjka<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> getauft. Pfefferkuchen +hob ihn noch aus der Taufe. Nun, und so reiste +sie denn mit dem Pfefferkuchen weiter. Der besaß nämlich +ein kleines Kapital. Sie reisten in der Schweiz, in Italien +... in all diesen poetischen Ländern, weißt du, so +wie es sich eben gehört. Jene weinte und Pfefferkuchen +sah aus wie sieben Tage Regenwetter, das Töchterchen +aber wuchs heran. Somit wäre für den Fürsten die ganze +Angelegenheit aufs angenehmste erledigt gewesen, wenn – +ja, wenn er auch sein schriftliches Eheversprechen von ihr +zurückerhalten hätte. ‚Ein niedriger, verächtlicher Mensch +bist du,‘ hat sie ihm zum Abschied gesagt, ‚du hast mich +bestohlen, du hast mich entehrt und jetzt verläßt du mich. +Nun gut! Aber dein Versprechen gebe ich dir nicht zurück. +Nicht deshalb, weil ich dich jemals noch heiraten +wollte, sondern einfach, weil du dieses Dokument fürchtest. +So mag es denn ewig in meinen Händen bleiben.‘ +Mit einem Wort, sie ließ sich ein wenig hinreißen, doch +übrigens beunruhigte sich der Fürst dieserhalb nicht allzu +sehr. Überhaupt ist solchen Schurken nichts vorteilhafter, +als es mit solchen sogenannten höheren Wesen zu tun +zu haben. Sie sind so edeldenkend, daß man sie mit größter +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +Leichtigkeit betrügen kann, erstens; und zweitens antworten +sie auf jeden Betrug mit nichts als erhabener, edler +Verachtung, anstatt mit praktischer Anwendung des +Gesetzes, selbst wenn dieses Gesetz sich auch noch so vorteilhaft +für sie anwenden ließe. Da haben wir ein Beispiel +in dieser Frau: sie begnügte sich vollkommen damit, ihn +stolz verachten zu können, und wenn sie auch das eine bewußte +Dokument zurückbehielt, so hätte sie sich doch eher +erhängt, als davon Gebrauch gemacht. Und das wußte +der Fürst und deshalb ließ er sich auch ihretwegen weiter +keine grauen Haare wachsen, wenigstens vorläufig nicht. +Sie aber blieb, wenn sie ihm auch moralisch ins Gesicht +gespien, doch verlassen und einsam mit ihrem Kinde zurück, +– mit dem Wolodjka. Stirbt sie heute oder morgen, +was soll dann aus dem Wurm werden? Und ihr +Freund, dieser Schmachtlappen Bruderschaft, bestärkte sie +natürlich noch darin, anstatt ihr Vernunft zuzureden! +Wahrscheinlich lasen sie gemeinsam Schiller. Schließlich +aber erkrankte Bruderschaft doch mal irgendwie und starb.“ +</p> + +<p> +„Das heißt, Pfefferkuchen?“ +</p> + +<p> +„Na, ja, versteht sich doch, hol ihn der Teufel! Sie +aber ...“ +</p> + +<p> +„Erlaub! Wieviel Jahre reisten sie denn zusammen?“ +</p> + +<p> +„Genau zwölf Jahre. Nun, sie aber kehrte, als er +gestorben war, nach Krakau zurück. Der Vater nahm sie +natürlich nicht auf, verfluchte sie, und schließlich starb sie, +der Fürst aber pfiff darob Halleluja vor Freude. Na ja, +und so weiter – trinken wir, Wanjä!“ +</p> + +<p> +„Ich vermute, daß du ihm in dieser Angelegenheit +behilflich gewesen bist, Masslobojeff.“ +</p> + +<p> +„Das ist es wohl, was du gerade wünschst?“ +</p> + +<p> +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +„Ich verstehe nur nicht, was du in <em>dieser</em> Angelegenheit +hast ausrichten können.“ +</p> + +<p> +„Ja, sieh mal: als sie nach Madrid zurückkehrte – +nach zehnjähriger Abwesenheit – da hieß es vor allen +Dingen: auskundschaften, unter welchem Namen sie lebte, +wo der Bruderschaft geblieben war und wo der alte Vater, +und ob es auch wirklich sie selber war und wie es mit dem +Kinde stand, und dann, ob sie auch wirklich gestorben war +und ob sie Papiere hinterlassen hatte, und so weiter in +lieblicher Reihenfolge. Und dann gab es noch so diese und +jene Persönlichkeit, die uns interessierte. Wie gesagt: +er ist der gemeinste Mensch, der mir je in die Quere gekommen +ist, hüte dich vor ihm, Wanjä! Was aber den +Masslobojeff betrifft, so merke dir folgendes: nenne ihn +nie und unter keinen Umständen einen Schuft! Denn wenn +er auch einer ist – meiner Meinung nach ist jeder Mensch +in irgendeiner Hinsicht unfehlbar ein Schuft – so hat er +doch dir speziell nichts Übles getan. Ich bin zwar stark +betrunken, Bruderherz, doch wenn du Ohren hast zu hören, +dann höre jetzt: sollte es dir jemals, sei es jetzt, bald +oder erst im nächsten Jahr, mal scheinen, daß Masslobojeff +in irgendeiner Angelegenheit gegen dich intrigiert hat – +und, bitte, vergiß nicht den Ausdruck ‚intrigiert‘ – so +wisse, daß er nie eine böse Absicht gehabt hat. Masslobojeff +beobachtet dich bloß. Und deshalb schenke keinem +Verdacht Glauben, sondern sei gescheiter und komme dann +persönlich zu diesem Masslobojeff und rede mit ihm +mündlich und brüderlich. Nun, willst du jetzt nicht trinken?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Aber wie verhältst du dich zu einem kleinen Imbiß?“ +</p> + +<p> +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +„Nein, Freund, entschuldige, aber ...“ +</p> + +<p> +„Na, dann pack dich zum Teufel, es ist auch schon zehn +Minuten vor neun, – damit ist es Zeit für dich.“ +</p> + +<p> +„Wie? was? Jetzt hat er sich angetrunken und da +jagt er selbst den Gast fort! So ist er ja immer! Ach, du +Unverschämter!“ rief Alexandra Ssemjonowna ganz erschrocken +aus; sie war fast dem Weinen nahe. +</p> + +<p> +„Alexandra Ssemjonowna, laß ihn nur, er hat es +eilig, und wir, meine Liebe, wir werden allein zurückbleiben +und uns gegenseitig vergöttern. Er aber, weißt du, +ist ein ganzer General! Nein, verzeih, Wanjä, du bist kein +General, ich aber – ich, siehst du, ich bin – ein Schuft! +Sieh mal, wie sehe ich jetzt aus? Als was stehe ich vor +dir da? Vergib, Wanjä, verurteile mich nicht, laß mich +mein Herz ausschütten ...“ +</p> + +<p> +Er umarmte mich und Tränen traten ihm in die +Augen. Ich begann, mich zu verabschieden. +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott, und er geht auch wirklich! Und +bei uns ist schon der ganze Abendbrottisch gedeckt!“ klagte +Alexandra Ssemjonowna tief betrübt. „Aber Freitag +werden Sie doch zu uns kommen?“ +</p> + +<p> +„Unfehlbar, Alexandra Ssemjonowna, ich gebe Ihnen +mein Wort darauf.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht schämen Sie sich, mit uns zu verkehren, +weil ... Sie sehen doch, wie er jetzt ist – ganz betrunken! +Aber er ist ein guter Mensch, Iwan Petrowitsch, +ein sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Tag +und Nacht erzählt er mir jetzt nur noch von Ihnen, hat +mir sogar Ihre Bücher gekauft, nur habe ich sie noch +nicht gelesen – die Zeit vergeht so schnell! – aber morgen +werde ich bestimmt damit beginnen. Und wie ich mich erst +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +freuen werde, wenn Sie kommen! Ich sehe doch hier so +gut wie gar keine Menschen, niemand besucht uns doch! +Alles haben wir und dabei sitzen wir tagaus tagein allein +zu Haus. Jetzt saß ich da und hörte zu, wie Sie sprachen, +und wie war das schön ... Also Freitag +dann!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-7"> +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +VII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: +Masslobojeffs letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. +Ich muß sagen, daß mir darob die seltsamsten +Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich täuschte +mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, +die mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte. +</p> + +<p> +Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand +eine Straßenlaterne. Ich war gerade im Begriff, einzutreten, +als sich plötzlich vom Laternenpfosten eine seltsame +Gestalt löste und auf mich zustürzte, so daß ich vor Schreck +sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses zitternde, entsetzte, +halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im +Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte. +</p> + +<p> +Es war Nelly. +</p> + +<p> +„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“ +</p> + +<p> +„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“ +</p> + +<p> +„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit +mir hinauf.“ +</p> + +<p> +„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis +er fortgegangen ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“ +</p> + +<p> +Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen +hinauf: ich öffnete die Tür und erblickte den Fürsten. +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +Er saß am Tisch und las einen Roman. Wenigstens lag +das Buch aufgeschlagen vor ihm. +</p> + +<p> +„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut +aus. „Es freut mich, daß Sie endlich zurückgekehrt +sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe über +eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der +Gräfin auf ihre dringende Bitte versprechen, daß ich nicht +ohne Sie bei ihr erscheinen würde. Sie hat mich so +sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt kennen +lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß +ich, persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar +etwas früher, um Sie noch zu Hause anzutreffen und +Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu können. +Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier +eintrat und Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß +Sie ausgegangen seien. Was sollte ich tun! Hatte ich +mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht ohne Sie bei +der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um +etwa eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun +sehen Sie, was aus der Viertelstunde geworden ist! Ich +schlug Ihren Roman auf und vertiefte mich in ihn. Iwan +Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur +sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie +haben mich ja fast zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, +und das pflegt bei mir nicht oft zu geschehen ...“ +</p> + +<p> +„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin +fahre? Offen gestanden, ich habe jetzt ... wenn ich auch +durchaus nicht abgeneigt bin ...“ +</p> + +<p> +„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken +Sie nur, was Sie mir antun? Ich habe mich +doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe ich anderthalb +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig +mit Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, +worüber. Sie sind in alle diese Verhältnisse bedeutend +besser eingeweiht als ich ... Wir könnten vielleicht etwas +Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die +Aufforderung nicht zurückweisen!“ +</p> + +<p> +Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren +müssen. Zwar wußte ich, daß Natascha allein war +und mich erwartete, aber andererseits hatte sie mich doch +ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs Bekanntschaft +zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, +daß ich Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, +daß Natascha sich nicht eher beruhigen würde, als bis +ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß ich mich, +die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich +beunruhigte noch Nelly. +</p> + +<p> +„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat +auf die Treppe hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner +Zimmertür in einem dunklen Winkel des Flurs. +</p> + +<p> +„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was +hat er dir getan? ... Was hat er dir denn gesagt?“ +</p> + +<p> +„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich +fürchte mich ...“ +</p> + +<p> +Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So +sagte ich ihr denn, daß sie, sobald ich mit dem Fürsten +aus dem Zimmer trete, schnell durch die Tür schlüpfen +und sie von innen verriegeln sollte. +</p> + +<p> +„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die +Tür klopft, hörst du, Nelly? Und wenn man dich auch +noch so bittet.“ +</p> + +<p> +„Und Sie gehen mit ihm fort?“ +</p> + +<p> +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +„Ja, ich gehe mit ihm fort.“ +</p> + +<p> +Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie +mich anflehen, nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch +sagte sie kein Wort. Ich nahm mir vor, sie am nächsten +Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens zu +fragen. +</p> + +<p> +Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung +und begann mich anzukleiden. Er versicherte zwar, daß +ich mich zu einem Besuch bei der Gräfin durchaus nicht +umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach einem +peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja +freilich immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile +nicht ganz außer acht zu lassen. +</p> + +<p> +„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren +Kreisen oft genug eine viel zu große Bedeutung beigemessen. +Das ist nun leider einmal so,“ schloß er, offenbar +angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack besaß. +</p> + +<p> +Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, +noch einen Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer +zurück, um mich nochmals von Nelly, die inzwischen schon +hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie zitterte vor +Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich +förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen. +</p> + +<p> +„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß +ich sagen,“ wandte sich der Fürst auf der Treppe an mich, +während wir hinabstiegen. „Dieses kleine Mädchen ist +doch Ihre Aufwärterin?“ +</p> + +<p> +„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei +mir.“ +</p> + +<p> +„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie +<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> +geistig nicht ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem +sie mir zuerst ganz bescheiden auf meine Fragen geantwortet, +schreit sie plötzlich, wie sie mich genauer ansieht, +laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich an +meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor +Erregung keinen Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, +daß mir sogar angst und bange wurde und ich mich bereits +in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück lief sie +selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. +Wie haben Sie sich nur mit ihr einleben können?“ +</p> + +<p> +„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich +weiter nicht ... wenn sie überhaupt unnormal ist ...“ +</p> + +<p> +Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs +letzter Besuch bei mir während meiner Abwesenheit +(obschon er genau gewußt hatte, daß ich nicht zu Hause +sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor wenigen +Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der +Betrunkenheit ungern erzählte Geschichten, ferner seine +Aufforderung, heute um sieben Uhr bei ihm zu sein, sowie +die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu halten, und +endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber +unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – +kurz: daß alle diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander +in Zusammenhang standen. Was war da natürlicher, +als daß ich nachdenklich wurde? +</p> + +<p> +Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des +Fürsten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-8"> +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +VIII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">is</span> zur Gräfin war es nicht sehr weit: sie wohnte in +der Nähe der Handelsbrücke. Eine Weile schwiegen wir. +Ich dachte die ganze Zeit: wovon wird er mit mir zu +reden beginnen? Es schien mir, daß er mich prüfen, sondieren +und ausforschen wolle. Doch zu meiner Überraschung +begann er ohne alle Umschweife sogleich von der +Sache selbst. +</p> + +<p> +„Ich mache mir jetzt in einer Angelegenheit große +Sorgen, Iwan Petrowitsch,“ hub er an, „da will ich Sie +nun um Ihren Rat bitten und überhaupt Ihre Meinung +hören. Ich habe nämlich schon längst beschlossen, das von +mir im Prozeß gewonnene Geld Herrn Ichmenjeff abzutreten. +Wie soll ich das nun machen?“ +</p> + +<p> +Es kann doch nicht sein, dachte ich, daß er nicht weiß, +wie er es machen soll! Oder sollte er sich nur über mich +lustig machen wollen? +</p> + +<p> +„Das weiß ich nicht, Fürst,“ versetzte ich möglichst unbefangen. +„In jeder anderen Frage, das heißt, namentlich +was Natalja Nikolajewna betrifft, bin ich bereit, +Ihnen die für Sie und uns alle notwendigen Erklärungen +abzugeben, doch in dieser Angelegenheit wissen Sie +natürlich besser Bescheid als ich.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, wieso, ganz im Gegenteil! Sie sind mit +<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> +der ganzen Familie gut bekannt und vielleicht hat Ihnen +sogar Natalja Nikolajewna ihre diesbezüglichen Gedanken +mitgeteilt. Das aber wäre für mich eine sehr erwünschte +Richtschnur. Sie könnten mir viel helfen, denn +die Sache ist verzwickter, als man glaubt. Ich bin bereit, +ihm das Geld zu überlassen, und ich werde es auch +unfehlbar tun, gleichviel wie die anderen Dinge sich gestalten +sollten. Doch wie, in welcher Form wäre diese +Abtretung des Geldes am richtigsten – das ist die Frage. +Sie verstehen mich doch? Nun, sehen Sie: der Alte ist +doch sehr stolz und sehr eigensinnig, da könnte er mir ja +noch zum Dank für meine Gutmütigkeit das Geld ins +Gesicht werfen ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie: als was betrachten Sie dieses Geld, +wenn ich fragen darf? Als sein oder als Ihr Eigentum?“ +</p> + +<p> +„Den Prozeß habe ich gewonnen, folglich als mein +Eigentum.“ +</p> + +<p> +„Nun wohl, aber vor Ihrem Gewissen?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich als <em>mein</em> Eigentum,“ versetzte +er, ein wenig pikiert durch meine unhöfliche Frage. „Übrigens +scheinen Sie über den Sachverhalt nicht ganz unterrichtet +zu sein. Ich habe den Alten durchaus nicht eines +bewußten, vorgefaßten Betruges beschuldigt, und ich gestehe +Ihnen, daß ich ihn zu einer solchen Tat nie für fähig +gehalten hätte. Es war sein eigener freier Wille, sich +in seiner Ehre verletzt zu fühlen. Seine Schuld besteht +nur in seiner Unachtsamkeit, in seiner sorglosen Verwaltung +des ihm anvertrauten Vermögens. Unserer alten +Abmachung gemäß aber hat er seine Handlungsweise zu +verantworten. Sie wissen auch, daß es sich im Grunde +gar nicht darum handelt, sondern einfach nur um unseren +<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> +Streit, den wir damals hatten, um die gegenseitigen +Kränkungen, – mit einem Wort: um unsere verletzte +Eigenliebe. Ich hätte unter anderen Umständen vielleicht +überhaupt nicht an diese lumpigen zehntausend Rubel gedacht. +Doch es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt sein, +weshalb dann dieser ganze Prozeß begann. Ich gebe gern +zu, daß ich vielleicht zu argwöhnisch, daß ich sogar im +Unrecht war – das heißt: nur damals! – doch der Ärger +über seine Grobheiten verwirrte mich, und da wollte ich +mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das wird +Ihnen vielleicht nicht gerade edel erscheinen, aber ich will +mich ja auch gar nicht rechtfertigen. Ich meine nur, daß +eine Handlungsweise, die Ärger und hauptsächlich gereizte +Eigenliebe diktiert haben, noch nicht als ausschlaggebender +Beweis für absoluten Mangel an Ehrgefühl angesehen +werden kann. Vielmehr ist sie etwas ganz Natürliches, +menschlich Verständliches. Und ich sage Ihnen +nochmals, daß ich den alten Ichmenjeff damals so gut wie +gar nicht kannte und nur all diesen Gerüchten über Aljoscha +und seine Tochter Glauben schenkte, folglich aber +konnte ich auch an eine beabsichtigte Entwendung des +Geldes glauben ... Doch das ist ja Nebensache. Die +Hauptsache ist, was ich jetzt tun soll. Verzichte ich auf +das Geld, während ich mich doch gleichzeitig durchaus im +Recht fühle, so heißt das, daß ich es ihm schenke. Und +wenn man nun das etwas gespannte Verhältnis in Betracht +zieht, in das uns Natalja Nikolajewna ... Er +wird mir zweifellos das Geld vor die Füße werfen ...“ +</p> + +<p> +„Nun, sehen Sie, Sie sagen doch selbst: er würde es +Ihnen vor die Füße werfen. Folglich halten Sie ihn +doch für einen ehrlichen Menschen und daher können Sie +<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> +auch überzeugt sein, daß er Ihr Geld nicht gestohlen hat. +Wenn es sich aber so verhält, weshalb sollten Sie dann +nicht ohne Umschweife erklären, daß Sie sich im Unrecht +fühlen? Jedenfalls wäre das anständig gehandelt, und +Ichmenjeff würde sich dann vielleicht auch nicht weigern, +<em>sein</em> Geld zu empfangen.“ +</p> + +<p> +„Hm! ... <em>sein</em> Geld; das ist es ja eben. Bedenken +Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich soll zu ihm +gehen und sagen, daß meine Klage ungerecht war. Ja, +weshalb habe ich dann überhaupt geklagt, wenn ich selbst +zugebe, daß mir kein Unrecht geschehen sei? – Das kann +mich dann doch ein jeder fragen. Das aber habe ich +nicht verdient, denn meine Klage war durchaus gerechtfertigt; +ich habe weder gesagt noch geschrieben, daß er +mich bestohlen habe, doch von seiner Unfähigkeit, seinem +Leichtsinn in Geschäftssachen bin ich auch jetzt noch überzeugt. +Dieses Geld gehört ganz positiv mir, und deshalb +empfände ich es als nicht ganz angenehm, mich selbst zu +verleumden ... und schließlich – ich wiederhole es – hat +doch der Alte aus freien Stücken sich in seiner Ehre verletzt +gefühlt, und da wollen Sie nun, daß ich ihn wegen +dieser Kränkung um Verzeihung bitte, – das fällt mir +doch etwas schwer ...“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, daß, wenn zwei Menschen sich versöhnen +wollen ...“ +</p> + +<p> +„Daß es dann sehr leicht getan ist?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Nein, mitunter ist es auch nichts weniger als leicht, +um so weniger, wenn ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe: wenn es noch andere Umstände gibt, +die zu berücksichtigen sind. Darin stimme ich mit Ihnen +<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> +allerdings vollkommen überein, Fürst. Die Angelegenheit +Natalja Nikolajewna und Ihres Sohnes muß vorher in +all jenen Punkten, in denen Sie zu entscheiden haben, in +einer Ichmenjeffs zufriedenstellenden Weise entschieden +sein. Nur dann werden Sie sich mit Ichmenjeff ganz +aufrichtig über den Prozeß aussprechen können. So aber, +wie die Dinge jetzt liegen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: +die Unrechtmäßigkeit Ihrer Klage einzugestehen, +und zwar ganz offen, ja, falls nötig, sogar öffentlich. Das +wäre meiner Ansicht nach das einzig Richtige. Damit +habe ich Ihnen meine Meinung gesagt, denn diese wünschten +Sie doch zu hören, und wahrscheinlich haben Sie auch +nicht gewünscht, daß ich mich vor Ihnen verstelle. Deshalb +werden Sie mir wohl auch folgende Frage gestatten: +warum beunruhigt Sie dieses Geld so sehr? Wenn Sie +sich im Recht glauben und dieses Geld als Ihr Eigentum +betrachten, wie kommen Sie darauf, es ihm zurückgeben +zu wollen? Verzeihen Sie meine Frage, aber das eine ist +mit dem anderen so eng verbunden ...“ +</p> + +<p> +„Was meinen Sie,“ unterbrach er mich plötzlich, als +habe er meine Frage ganz überhört, „sind Sie überzeugt, +daß der alte Ichmenjeff die zehntausend Rubel zurückweisen +wird, auch wenn man sie ihm ohne alle Erklärungen +und ... und ... Milderungen anbieten sollte?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!“ +</p> + +<p> +Wie unter einem physisch empfundenen Schlage zuckte +ich zusammen und das Blut stieg mir ins Gesicht. Diese +schamlos skeptische Frage machte auf mich einen Eindruck, +als habe der Fürst mir ins Gesicht gespien. Und zu dieser +Beleidigung kam noch etwas anderes hinzu: das war die +verletzend nonchalante Art und Weise, in der er meine +<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> +Frage vollkommen überging, als habe er sie überhaupt +nicht gehört. Offenbar wollte er mir damit zu verstehen +geben, daß ich mich gar zu sehr hatte hinreißen lassen, daß +ich zu familiär geworden war, indem ich es wagte, solche +Fragen an ihn zu richten. Ich haßte aber nichts so sehr, +wie dieses in der höheren Gesellschaft übliche Verfahren +und hatte mir schon früher Mühe gegeben, Aljoscha diese +Angewohnheit abzugewöhnen. +</p> + +<p> +„Hm! ... Sie sind noch sehr ... temperamentvoll, +doch werden im alltäglichen Leben gewisse Dinge nicht so +behandelt, wie Sie es sich augenscheinlich denken,“ bemerkte +er gleichmütig nach meinem erregten Ausruf. +„Übrigens fällt mir soeben ein, daß darüber zum Teil +Natalja Nikolajewna entscheiden könnte. Vielleicht sagen +Sie ihr das. Sie könnte uns jedenfalls raten ...“ +</p> + +<p> +„Das wird ihr nicht einfallen,“ versetzte ich in sehr +unhöflichem Tone. „Sie haben nicht geruht, anzuhören, +was ich Ihnen vorhin sagte; Sie unterbrachen +mich. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß Sie, wenn +Sie das Geld unaufrichtig, nicht von Herzen ihrem Vater +abtreten und ohne alle diese ‚Milderungen‘, wie Sie sich +auszudrücken beliebten, daß Sie dann mit diesem Gelde +dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha eine Entschädigung +zahlen wollen, damit sie zurücktrete ...“ +</p> + +<p> +„Hm! ... also so haben Sie mich verstanden, mein +bester Iwan Petrowitsch!“ – Der Fürst lachte. Worüber +lachte er? – „Indes ...“ fuhr er fort, „wir haben +noch so vieles zu besprechen, nur haben wir jetzt leider +keine Zeit dazu. Ich bitte Sie nur, sich eines zu merken: +es handelt sich hier direkt um Natalja Nikolajewna und +ihre ganze Zukunft, und alles das hängt teilweise davon +<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> +ab, zu welch einem Entschluß wir kommen werden. Sie +sind hierin unentbehrlich, – das werden Sie nachher +einsehen. Und deshalb werden Sie mir, wenn Sie Natalja +Nikolajewnas Freund sind, nicht eine Unterredung +abschlagen, wie wenig Sie auch mit mir sympathisieren +sollten. Da sind wir schon angelangt ... <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à bientôt</span>.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-9"> +<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> +IX. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. +Die Raume waren alle gut und geschmackvoll eingerichtet, +wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch ungeachtet +des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für +einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es +war das eben nur eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, +denn es fehlte hier ganz jener Prunk einer alteingesessenen +Familie, deren Heim stets den Stempel der Herrschaft +trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner +widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer +auf ihr im Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – +das über und über verschuldet und verpfändet war – +reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich hatte +darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht +und mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn +Katjä mit der Gräfin verreist? Mit Natascha hatte +ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich davor; +doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, +daß auch sie, wie es schien, von diesem Gerücht +gehört haben mußte. Sie schwieg darüber und +litt allein. +</p> + +<p> +Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte +mir mit einem Lächeln die Hand und bestätigte, was der +<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> +Fürst mir gesagt hatte: daß sie mich schon lange bei sich +zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst den Tee, +während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar +setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst +vornehm dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem +Frack, steifen Bewegungen und einer viel- oder nichtssagenden +Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser Gast +wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer +Rückkehr aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen +Verkehr finden können, wie sie es sich gewünscht. +Außer diesem Gast und mir kam niemand mehr. +Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß +mit Aljoscha im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen +erfuhr, stand sie sogleich auf und kam zu uns. Der +Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand und die Gräfin +wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor. +Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier +betrachtete. Sie trug ein weißes Kleid und war zart und +blond, und von nur mittelgroßem Wuchs. Ihr Gesicht +hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen waren +„vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt +hatte. Alles in allem war es nur die Anmut der +Jugend, die sie verschönte, nichts weiter. Ich hatte erwartet, +eine vollendete Schönheit zu erblicken, doch konnte +man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein zartes +Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes +Haar, das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen +ruhigen, aufmerksamen Blick. Bei einer Begegnung auf +der Straße wäre ich an ihr vorübergegangen, ohne sie +besonders zu beachten, dachte ich; doch das schien mir nur +so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends +<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> +hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, +und da änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, +wie sie mir die Hand reichte und mit angespanntem +Blick mir unverwandt in die Augen schaute, ohne dabei +ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und +ich lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand +ich halb unbewußt die kindliche Reinheit ihres ganzen +Wesens. Die Gräfin beobachtete sie aufmerksam. +Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, +mit fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und +setzte sich mit Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in +eine gemütliche Ecke. Bei der Begrüßung hatte mir +Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur noch +einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – +zu ihr.“ +</p> + +<p> +Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen +nicht kenne, nenne ich ihn den „Diplomaten“ – sprach +ruhig und erhaben und verfocht irgend eine seiner Theorien. +Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst +lächelte zustimmend und der Redner wandte sich oft an +ihn speziell, da er augenscheinlich glaubte, in ihm einen +würdigen Zuhörer zu haben. Mir wurde Tee gereicht und +dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich sehr +zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört +beobachten. +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir +im ersten Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen +Willen gefiel. Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch +mir schien es, daß sie nicht über achtundzwanzig Jahre alt +sein könne. Sie hatte noch so frische Farben und man +sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen +<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> +sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr +sehr gut; ihr Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, +verriet aber gleichzeitig Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, +Spottlust und Schelmerei. Doch während der Rede des +„Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und aufmerksam +zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, +aber am meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit +und ein heiteres Gemüt. Es schien mir, daß ihre +vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn sei; eine +gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger +Egoismus, der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls +aber stand sie, wie ich auch schon gehört hatte, ganz unter +der Vormundschaft des Fürsten, der gewiß einen großen +Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein Verhältnis +hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres +Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger +Liebhaber gewesen sei; mir aber schien es – und +es scheint mir auch jetzt noch so – daß außer dem früheren +Verhältnis sie beide noch etwas anderes verband, etwas +zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer gemeinsamen +oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht +in einer gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas +Ähnliches mußte es jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß +sie dem Fürsten im Augenblick sehr lästig war, trotzdem +aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist möglich, +daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die +sie noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese +Pläne vom Fürsten her und nur auf Grund derselben hatte +er der Gräfin den Gedanken an eine Heirat – sie soll +in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate – auszureden +und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer +<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> +Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> Wenigstens +glaubte ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen +zu erraten, denn schließlich war Aljoscha doch +nicht völlig blind. Auch schien es mir nicht zum wenigsten +nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der +Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin +zu fürchten, obschon er sie vollkommen beherrschte. Das +hatte auch sogar Aljoscha bemerkt. Nachher erfuhr ich, +daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit jemandem verheiratet +hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte, +auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der +Hoffnung, dort in der Provinz einen passenden Gatten für +sie zu finden. +</p> + +<p> +Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, +wie ich es anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter +vier Augen zu sprechen. Der „Diplomat“ antwortete +ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem Stand +der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert +seien. Er sprach viel und lange, ruhig und +wie ein Mensch, der sich seiner Macht bewußt ist. Seinen +Gedanken entwickelte er sehr klug und gut, doch war der +Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck +hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen +und Veränderungen“ nur zu bald gewisse unerwünschte +Früchte zeitigen werde, daß man dann angesichts der +Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft +kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand +er wohl nur eine Kaste – sich nicht nur von den neuen +<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> +Reformideen abwenden, sondern, nachdem sie deren +Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der Erhaltung +des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, +daß das allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen +könne, denn es werde lehren, wie man dieses allein +seligmachende Alte am besten aufrecht erhalten könne, +kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber +sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald +bis zur größten Unvorsichtigkeit vorgehe. +</p> + +<p> +„Ohne <em>uns</em> kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, +„ohne uns hat sich bisher noch keine Gesellschaft +gehalten. Verlieren können wir nichts, im Gegenteil, +wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere Devise +im gegenwärtigen Augenblick sein: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pire ça va, mieux +ça est</span>!“ +</p> + +<p> +Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung +zu, was mich geradezu ekelhaft berührte, während +der Redner vollkommen mit sich zufrieden war. Ich war +so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte, das +Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des +Fürsten hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick +glitt eigentlich nur ganz flüchtig über mich hinweg, doch +mir schien es, daß der Fürst gerade irgend so einen jugendlich +unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete; ja, +vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, +wie ich mich kompromittieren würde. Außerdem +war ich fest überzeugt, daß der „Diplomat“ meine Entgegnung +unfehlbar ganz übersehen würde und vielleicht +sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen +sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha. +</p> + +<p> +<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> +Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich +an der Schulter. +</p> + +<p> +„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu. +</p> + +<p> +Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So +war es auch. Nach wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. +Zuerst betrachtete sie mich nur sehr aufmerksam, +als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und im ersten +Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, +um ein Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich +überzeugt, daß sie nur anzufangen brauchte, um dann womöglich +bis zum Morgen sprechen zu können. Aljoschas +einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „<em>nur</em> einige +fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, +kam mir in den Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha +saß bei uns und erwartete mit Ungeduld, wie und +wovon wir sprechen würden. +</p> + +<p> +„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich +und er sah uns mit einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun +beisammen und schweigt.“ +</p> + +<p> +„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden +bald genug sprechen,“ sagte Katjä. „Wir haben +über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar +nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät +miteinander bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja +schon längst. Und wie gern ich Sie sehen wollte! Ich +dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu schreiben ...“ +</p> + +<p> +„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd. +</p> + +<p> +„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie +ernst. „Nun, zum Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, +ob es wahr ist, was er von Natalja Nikolajewna +sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie allein +<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> +läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln +wie er? Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir +das doch gefälligst?“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich +habe doch schon gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick +hier bleiben werde, nur um noch zu sehen, was ihr beide +tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“ +</p> + +<p> +„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, +– hast du es jetzt gesehen? Und so ist er immer!“ wandte +sie sich an mich, mit dem Finger auf ihn weisend, während +sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick, nur einen +Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder +Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht +böse sein, sie ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er +denkt! Was meinst du, ist das schön von dir, ist das +hübsch?“ +</p> + +<p> +„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er +ganz kläglich, „ich wollte nur so gern noch etwas bei euch +bleiben ...“ +</p> + +<p> +„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr +vieles unter vier Augen zu beraten. Aber höre, du, sei +deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas sehr Notwendiges, +– du verstehst doch?“ +</p> + +<p> +„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich +... weshalb sollte ich da böse sein? Ich will nur noch +auf einen Augenblick zu Ljowinka und dann – schnell zu +ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er geschäftig +fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen +doch, daß mein Vater auf das Geld, das er im Prozeß +von Ichmenjeff gewonnen hat, formell verzichten will?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> +„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? +Katjä will natürlich nicht glauben, daß es edel von ihm +sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf Wiedersehen, +Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha +liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir +alle diese Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe +macht, mich beobachtet – ganz als stände ich +unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe und +sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich +glaubt. Ich liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen +... ich weiß nicht, wie ich sie liebe. Ich liebe +sie eben einfach! Und deshalb braucht mich auch niemand +ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So +frage doch Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und +kann er es dir bestätigen, daß Natascha eifersüchtig ist, +und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so liegt doch +in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch +nichts opfern.“ +</p> + +<p> +„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute +meinen Ohren nicht. +</p> + +<p> +„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt +auf. +</p> + +<p> +„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? +Iwan Petrowitsch weiß es ganz gut. Sie verlangt +immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch +nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern +haben möchte.“ +</p> + +<p> +„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ +rief Katjä ganz rot vor Empörung aus. +</p> + +<p> +„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du +wieder bist, Katjä! Ich liebe sie doch mehr als sie +<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> +glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte, so wie es sich +gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir sicherlich +ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich +selbst fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß +es ihr schwer fällt, folglich ist es für mich ebenso, als +würde sie mich nicht fortlassen.“ +</p> + +<p> +„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich +Katjä wieder an mich und ihre Augen blitzten vor +Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß alles das +dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? +Bitte, versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch +die Wahrheit erfahren! Nun, sprich!“ +</p> + +<p> +„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein +wenig verwirrt. „Was ist denn dabei? Er sprach so +freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu seinem +Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er +lobte sie sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn +doch so beleidigt, er aber lobt sie noch.“ +</p> + +<p> +„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ +sagte ich, „Sie, dem Natalja Nikolajewna alles hingegeben +hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte, und +deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich +bei ihr vielleicht langweilten, und wie sie es +anstellen sollte, daß sie Sie nicht von einem Besuch bei +Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir heute +selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen +falschen Worten! Schämen Sie sich nicht?“ +</p> + +<p> +„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja +nie!“ sagte Katjä mit einer wegwerfenden Handbewegung, +als sei er in ihren Augen doch ein total verlorener +Mensch. +</p> + +<p> +<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> +„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha +ganz kläglich fort. „Und immer bist du so, Katjä! Immer +vermutest du in mir nur Schlechtes ... Von +Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, +daß ich Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht +in diesem Sinne von ihr gesagt, sie sei eine Egoistin. +Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu sehr liebt, so +daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird sowohl +für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber +wird mich nie betrügen können, selbst wenn er es wollte. +Ich bin nicht so dumm. Und er hat auch das, daß sie +eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten Sinne gesagt; +ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau +so, wie ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr +liebe, mich dermaßen liebe, daß ihre Liebe einfach zum +Egoismus wird und sie dadurch mir und sich das Leben +schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch +schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, +was er gesagt hat, und er hat es doch nur aus Liebe zu +mir gesagt und damit hat er doch von Natascha nichts +Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe +ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, +der Liebe bis zur Unmöglichkeit ...“ +</p> + +<p> +Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach +ihn heftig. Sie überschüttete ihn mit Vorwürfen +und begann ihm zu beweisen, daß sein Vater nur deshalb +Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha, +durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen +und ihn dann heimlich und unmerklich gegen Natascha +aufzuhetzen und sie so einander zu entfremden. Sie redete +<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> +sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein +und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn +geliebt und wie keine Liebe das je verzeihen werde, was +er ihr jetzt antue, und daß nicht sie, Natascha, sondern +er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei. Aljoscha wurde +sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges Gesicht: +ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu +Boden, entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach +seiner Leidensmiene zu urteilen, sich förmlich vernichtet +zu fühlen. Doch Katjä sprach schonungslos weiter. Ich +beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn ich wollte +diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer +Seele schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, +nur hatte dieses Kind schon manche selbst gewonnene +Überzeugung und von sehr vielen Dingen ganz richtige +Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe +zum Guten und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch +in der Tat noch ein Kind nennen konnte, so gehörte sie +doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“ Kinder, +deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt. +Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig +gedacht hatte. Wie sollte es mich da nicht interessieren, +in dieses denkende Kindergemüt hineinzuschauen und zu +sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe mit vollkommen +ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen +– Katjä kannte bereits das Leben – +und gleichzeitig mit ihr noch ganz unbekannten Ideen +vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht selbst +entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt +aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr +offenbar noch eine ganze Menge, doch wahrscheinlich +<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> +hielt sie sie alle für ihre eigenen Gedankenprodukte. +Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im +Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen +gelernt habe. Sie hatte einen stolzen Charakter, doch +ein empfängliches Herz. Mitunter hatte es den Anschein, +als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem +sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel +nur für vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war +sie stolz auf diese ihre Überzeugungen, was bei vielen +stolzen Menschen sogar auch in nichts weniger als in +jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war +es, was ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken +und die Wahrheit ergründen, damit beschäftigte sie +sich viel, doch war sie darin so wenig pedantisch und +außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß +man von vornherein ihre Originalität nett fand und +sich vollkommen mit ihr aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ +und „Borinka“ und ich fand alles in der besten +Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den +ersten Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, +wurde an diesem Abend – wenigstens in meinen Augen +– mit jeder Minute schöner und anziehender. Dieses +naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden +Weibes, dieses kindliche und doch im höchsten +Grade aufrichtige Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, +und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in +ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – +alles das belebte ihr Gesicht mit einem ... ich möchte +sagen: reflektierenden Licht, das ihre ganze aufrichtige +Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine ganz +anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und +<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> +man begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die +nicht sofort jedem gewöhnlichen, gleichgültigen Blick +zugänglich war, sich nicht so schnell ergründen ließ. Und +da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich an +ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken +und zu urteilen verstand, so liebte er doch gerade +diejenigen, die für ihn dachten und sogar für ihn zu +denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz +unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, +reines Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig +aufnahm, und bei ihrer kindlichen Aufrichtigkeit +hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes Innenleben erschlossen. +Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem +Willen, sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich +sogar bis zur Leidenschaft begeistern konnte, und nur an +einen solchen Menschen, der ihn zu beherrschen, ihm sogar +zu befehlen verstand, konnte sich dieser Junge anschließen. +Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an +Natascha gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung +viel vor der anderen voraus: sie war selbst noch +ein Kind und – wird es noch lange bleiben, dachte +ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren +Verstande, und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft +– das war es, was sie für Aljoscha passender machte, +weshalb er sich auch immer mehr zu ihr hingezogen +fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, +wenn sie unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen +und Zurechtweisungen, auch von Spielsachen +die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha +bei Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf +wusch und ihn überhaupt sehr im Zaum hielt, doch +<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> +leichter sein als bei Natascha. Sie paßten besser zueinander +und das war die Hauptsache. +</p> + +<p> +„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer +darauf hinaus, daß du recht hast und nicht ich. Das +kommt daher, daß deine Seele reiner ist als meine,“ +sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden. +„Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka +aber werde ich nicht mehr gehen ...“ +</p> + +<p> +„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ +meinte Katjä, „daß du aber jetzt gehorchst und zu ihr +fährst, das ist sehr lieb von dir.“ +</p> + +<p> +„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ +sagte der betrübte Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, +ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“ +</p> + +<p> +Wir traten zur Seite. +</p> + +<p> +„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, +„es war eine Gemeinheit von mir, ich habe mich an +allen versündigt, am meisten aber an ihnen, an Natascha +und an ihr. Heute machte mich mein Vater +nach dem Essen mit der Alexandrine bekannt – eine +Französin, wissen Sie, ein bezauberndes Weib. Ich +... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man +da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen +zu sein ... Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ – +</p> + +<p> +„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann +Katjä sogleich eilig zu versichern, kaum daß ich mich +wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir werden noch viel +zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine +Frage: für was halten Sie den Fürsten?“ +</p> + +<p> +„Für einen sehr schlechten Menschen.“ +</p> + +<p> +„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das +<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> +wird uns vieles erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst +über Natalja Nikolajewna reden ... Wissen Sie, +Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und +erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir +das alles erklären, denn gerade die Hauptsache ist mir +völlig unklar, ich tappe da nur so im Dunkeln herum +und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was +Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe +ich hier doch keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren +könnte. Sagen Sie also, erstens – das ist das +wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und +Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das +muß ich ganz zuerst wissen, um mich endgültig entscheiden +zu können, um genau zu wissen, was ich zu tun +habe.“ +</p> + +<p> +„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher +sagen? ...“ +</p> + +<p> +„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann +natürlich kein Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich +will nur wissen, wie es Ihnen scheint, – denn ich weiß, +Sie sind ein sehr kluger Mensch.“ +</p> + +<p> +„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“ +</p> + +<p> +„Weshalb nicht?“ +</p> + +<p> +„Sie passen nicht zueinander.“ +</p> + +<p> +„Das habe ich mir auch gedacht.“ +</p> + +<p> +Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer. +</p> + +<p> +„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: +ich möchte furchtbar gern Natascha sehen. Ich muß +mich mit ihr aussprechen und ich glaube, wir werden +<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> +dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche +ich immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie +sie ist: sie muß furchtbar klug sein, ernst, wahrheitsliebend +und sehr schön. Nicht?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, +wie hat sie sich dann in Aljoscha, in diesen Knaben, +verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich habe +darüber schon oft nachgedacht.“ +</p> + +<p> +„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. +Es ist schwer, sich vorzustellen, wie und weshalb man +ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist ein vollständiges +Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind +bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich +bei ihrer kindlichen Ehrbarkeit, während der Blick ihrer +tiefen, ernsten Augen in erwartungsvoller Aufmerksamkeit +unverwandt auf mir ruhte. +</p> + +<p> +„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde +gleicht,“ fuhr ich fort, „je ernster sie selbst ist, um so +eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er wird nie lügen, +er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an +ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat +aber auch seine Naivität etwas Liebenswürdiges an +sich. Vielleicht hat sie ihn – wie soll man das ausdrücken? +... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen. Das +pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen +... Übrigens fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären +kann, dafür aber möchte ich Sie etwas fragen: +Sie lieben ihn doch?“ +</p> + +<p> +Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich +fühlte, daß ich weder durch ihre Plötzlichkeit, noch durch +<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> +sonst etwas die kindliche Reinheit ihrer Seele trüben +konnte. +</p> + +<p> +„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie +leise und ihre klaren Augen sahen mich dabei so ehrlich +an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr liebe ...“ +</p> + +<p> +„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb +Sie ihn lieben?“ +</p> + +<p> +„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach +einigem Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in +die Augen sieht und dabei etwas zu mir spricht, so gefällt +mir das sehr ... Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da +spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein +Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt +oder schlecht?“ +</p> + +<p> +„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“ +</p> + +<p> +„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei +schlecht sein? Nun, die dort aber,“ – sie wies mit +dem Blick auf die Gruppe am Teetisch – „würden sicherlich +sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder +nicht recht?“ +</p> + +<p> +„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie +nichts Schlechtes tun, folglich ...“ +</p> + +<p> +„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, +– offenbar wollte sie an diesem Abend noch über vieles +mit mir reden. „Sobald ich es einmal nicht weiß, frage +ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin +auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. +Und mit Ihnen spreche ich deshalb so aufrichtig, als +spräche ich mit mir selbst, weil Sie erstens ein prächtiger +Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere Geschichte +<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> +mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und +ich habe geweint als ich sie hörte.“ +</p> + +<p> +„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“ +</p> + +<p> +„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den +Augen, als er erzählte. Das war sehr gut von ihm und +das hat mir auch sehr gefallen. Ich glaube, daß er Sie +mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, +gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, +und dann zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, +weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir in vielen +Dingen raten und mich belehren können.“ +</p> + +<p> +„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie +belehren könnte?“ +</p> + +<p> +„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“ +</p> + +<p> +Sie dachte nach. +</p> + +<p> +„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch +reden wir jetzt von der Hauptsache. Raten Sie mir, +Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß doch, daß ich +jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun? +Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander +sein? Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas +Lage ist so furchtbar, so furchtbar! Er hat doch +schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich liebt er immer +mehr. Nicht?“ +</p> + +<p> +„Es scheint so.“ +</p> + +<p> +„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja +selbst nicht, daß er aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es +bestimmt wissen. Da kann man sich denken, wie sie sich +quält!“ +</p> + +<p> +„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“ +</p> + +<p> +„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete +<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> +sie ernst, „aber ich komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb +habe ich Sie auch so ungeduldig erwartet, damit Sie +mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als ich. Sie +sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich +alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn +sie sich beide lieben, so müssen sie glücklich werden, und +deshalb muß ich mich opfern und ihnen helfen. Nicht?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“ +</p> + +<p> +„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam +und mich immer mehr zu lieben begann, da wurde ich +nachdenklich und jetzt frage ich mich: soll ich das Opfer +bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr schlecht von +mir, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, +„anders wäre es kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls +nicht schuld daran.“ +</p> + +<p> +„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, +weil Sie sehr gut sind. Ich denke aber nun, daß mein +Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein Herz rein +wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – +lassen wir das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, +einiges vom Fürsten, einiges von Mama, +einiges auch von Aljoscha, und ich erriet, daß sie doch +nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben +Sie nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. +Was nun? Denn wenn sie beide unglücklich +werden würden, so würde es doch auch für sie nur besser +sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun +von Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – +so habe ich beschlossen – selbst zu Natascha fahren und +mit ihr dann alles endgültig beschließen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> +„Ja, aber wie, das ist die Frage.“ +</p> + +<p> +„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch +mehr als alles auf der Welt, deshalb müssen Sie auch +in erster Linie sein Glück wünschen: folglich müssen Sie +sich von ihm trennen‘.“ +</p> + +<p> +„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, +so etwas zu hören? Und wenn sie einwilligt – wird +sie auch fähig sein, es auszuführen?“ +</p> + +<p> +„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht +nachdenke und ... und ...“ +</p> + +<p> +Und sie brach in Tränen aus. +</p> + +<p> +„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ +murmelte sie mit zuckenden Lippen. +</p> + +<p> +Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst +nicht übel Lust, wie sie zu weinen, nur so, einfach aus +einem Gefühl heraus, einem Gefühl, das so wie Liebe +war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich. +Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von +sich glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne. +</p> + +<p> +„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein +wenig beherrscht hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich +gestimmt von den Tränen. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert. +</p> + +<p> +„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das +dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es +jetzt. Dort sind alle diese Gefühle ... ganz so wie ich +sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Doch +davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres +zu sprechen.“ +</p> + +<p> +Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen +sei, daß sie mit Natascha zusammenkäme. Sie sagte, +<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> +daß sie nicht ohne Begleitung das Haus verlassen dürfe; +ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb, +doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, +Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher +habe sie sich zu einer List entschlossen. An manchen Vormittagen +mache sie, wenn das Wetter schön sei, eine Spazierfahrt, +doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der +Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht +mitfahren könne, begleite sie die Französin, die im Augenblick +krank war. Das käme aber eigentlich nur dann vor, +wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte man warten, +bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte +die Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie +eine Gesellschafterin war – „gewonnen“ werden, was +gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie sei sehr gut. Das +Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im voraus +zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne. +</p> + +<p> +„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. +„Sie will Sie selbst sehr gern kennen lernen, und das +ist durchaus notwendig, damit sie wenigstens weiß, wem +sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen Sie sich +das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit +wird auch ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden +doch aufs Land fahren?“ +</p> + +<p> +„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte +sie. „Ich weiß, daß der Fürst darauf besteht.“ +</p> + +<p> +„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin +fahren?“ +</p> + +<p> +„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und +sah mich unverwandt an. „Er wird doch wohl?“ +</p> + +<p> +„Zweifellos.“ +</p> + +<p> +<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> +„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden +soll! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen +alles schreiben, ich werde Ihnen sehr oft schreiben +und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden. +Werden Sie uns oft besuchen?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt +von den Umständen ab. Vielleicht werde ich hier überhaupt +nicht wieder erscheinen.“ +</p> + +<p> +„Weshalb denn nicht?“ +</p> + +<p> +„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, +doch hauptsächlich – von meinem Verhältnis zum Fürsten.“ +</p> + +<p> +„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. +„Aber wissen Sie, Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn +ich Sie einmal besuchen würde? Wenn ich an einem +Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut +oder wäre das nicht gut?“ +</p> + +<p> +„Wie finden Sie es?“ +</p> + +<p> +„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... +ich würde Sie eben einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd +hinzu. „Ich sage es ja nur deshalb, weil ich Sie +nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ... Und +von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie +doch ... Aber ich brauche mich doch nicht deshalb zu +schämen, weil ich so mit Ihnen spreche? ...“ +</p> + +<p> +„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir +schon so lieb und wert, als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte +gefunden.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“ +</p> + +<p> +„O, von Herzen gern!“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen +<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> +müßte und daß ein junges Mädchen so nicht reden +dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf die Gruppe am +Teetisch weisenden Blick. +</p> + +<p> +Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir +schien, absichtlich allein ließ, um uns die Möglichkeit zu +geben, über Natascha und Aljoscha unter vier Augen nach +Herzenslust zu sprechen. +</p> + +<p> +„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf +mein Geld abgesehen hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich +noch für ein vollständiges Kind, und sagen es mir ja auch +ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein Kind +mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja +noch selbst die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: +weshalb sorgen sie sich so?“ +</p> + +<p> +„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: +wer sind dieser Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft +besucht?“ +</p> + +<p> +„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind +sehr kluge und sehr anständige Jungen, aber sie sprechen +so viel, daß es einem denn doch zu viel wird ... Ich +kenne sie ...“ +</p> + +<p> +Und sie lächelte vor sich hin. +</p> + +<p> +„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million +schenken wollen?“ +</p> + +<p> +„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie +haben schon so viel davon gesprochen, daß es einem einfach +unerträglich wird. Ich gebe natürlich gern zu allem Nützlichen, +denn wozu hat man schließlich so viel Geld, nicht +wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis +ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits +über das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, +<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> +schreien, streiten über die beste Verwendung, ja sie geraten +sich sogar in die Haare deswegen, so daß ich mich +wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch gar zu +eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, +so herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das +ist doch immerhin besser als so, wie andere leben ... +Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast +ihr ganzes Leben und hörte mit brennendem Interesse zu, +wenn ich erzählte. Doch immer wieder wollte sie noch +Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon +zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit +das Zeichen zum Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. +Katjä drückte mir fest die Hand und sah mich mit einem +vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich auf, +sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus +zusammen mit dem Fürsten. +</p> + +<p> +Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht +ganz unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem +aus dem dreistündigen Gespräch mit Katjä davontrug, +Erwähnung zu tun: es war dies eine für mich selbst +wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch +so weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen +zwischen Mann und Weib überhaupt noch nicht +kannte. Das verlieh einzelnen ihrer Äußerungen sowie +dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst +wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige +Komik. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-10"> +<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> +X. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">as</span> meinen Sie!“ sagte plötzlich der Fürst, als wir +uns in den Wagen setzten. – „Wie wäre es, wenn wir +jetzt zusammen zu Abend speisten?“ +</p> + +<p> +„Wirklich, ich weiß nicht, Fürst,“ antwortete ich unschlüssig. +„Ich pflege nie zu Abend zu speisen ...“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit +dann auch <em>reden</em> können,“ fügte er bedeutsam hinzu, +indem er mir mit einem halb spöttisch, halb heimtückisch +lächelnden Blick unverwandt in die Augen sah. +</p> + +<p> +Wie sollte ich das mißverstehen! „Er will sich aussprechen,“ +dachte ich, „und das ist es ja gerade, worauf +ich warte.“ +</p> + +<p> +Ich willigte ein. +</p> + +<p> +„Also abgemacht. In die Große Moskaja zu B.,“ +rief er dem Kutscher zu. +</p> + +<p> +„Ins Restaurant?“ fragte ich ein wenig verwirrt. +</p> + +<p> +„Ja. Wieso? Ich speise doch abends nur selten +zu Hause. Erlauben Sie mir denn nicht, Sie aufzufordern?“ +</p> + +<p> +„Aber ich sagte Ihnen doch, daß ich mich überhaupt +nicht daran gewöhnt habe, zu Abend zu speisen.“ +</p> + +<p> +„Nun, dieses eine Mal! Zudem habe ich Sie doch +aufgefordert, mein Gast zu sein ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> +Das hieß: ich werde doch für dich zahlen. Ich bin +überzeugt, daß er das mit Absicht hinzufügte. Ich widersprach +nicht weiter, beschloß aber, im Restaurant selbst +für mich zu zahlen. Der Fürst nahm ein einzelnes Zimmer +und wählte mit Kennermiene drei Gänge. Das war +alles sehr teuer, ebenso auch der feine Tischwein, den er +dazu bestimmte, und daher nichts für meine Tasche. Ich +warf einen Blick auf die Karte und bestellte für mich ein +halbes Haselhuhn und dazu Lafitte. +</p> + +<p> +„Wie, Sie wollen nicht mit mir speisen?“ fragte der +Fürst ganz aufgebracht. „Aber das ... das ist ja +geradezu lächerlich! Pardon, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon ami</span>, aber das ist +doch wirklich ... übertriebene Pedanterie. Sie können +doch in Ihrer Eigenliebe nicht so kleinlich sein. Das ist +ja förmlich, als wollten Sie auf den Standesunterschied +pochen, – ich wette, daß das im geheimen Ihre Absicht +ist! Ich versichere Sie, Sie beleidigen mich einfach!“ +</p> + +<p> +Doch ich bestand auf meinen Willen. +</p> + +<p> +„Nun – wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht ... +Sagen Sie, Iwan Petrowitsch, darf ich zu Ihnen einmal +vollkommen freundschaftlich reden?“ +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie darum.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann sage ich Ihnen, daß Sie sich, meiner +Meinung nach, durch solche Pedanterie nur schaden. Und +dasselbe tun alle Ihre Kollegen. Sie sind Literat, +Schriftsteller, Sie müssen die Welt kennen lernen, währenddessen +ziehen Sie sich immer mehr zurück und wollen +sich von allem fernhalten. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern, +aber Sie sind ja doch bereit, auf jede +<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> +Beziehung zu unseren Kreisen zu verzichten, das aber schadet +Ihnen doch sicher. Ganz abgesehen davon, daß Sie +dabei viel verlieren, – nun, zum Beispiel, was ihre Karriere +betrifft und alles weitere, was daraus folgt – +ganz abgesehen davon, sage ich, müßten Sie doch in erster +Linie das kennen lernen, was Sie schildern. In solchen +Novellen kann doch alles vorkommen, Grafen, Fürsten, +Boudoirs ... Doch, was sage ich! Bei den Schriftstellern +von heute dreht es sich ja jetzt um nichts +anderes mehr als um Armut, verlorene Mäntel, Revisoren, +verrückte Offiziere, Beamte, alte Jahrgänge und Sektiererleben, +ich weiß, ich weiß ...“ +</p> + +<p> +„Sie irren sich, Fürst. Wenn ich mich nicht in den +sogenannten höheren Kreisen bewege, so tue ich es nur +deshalb nicht, weil es dort, erstens, langweilig ist, und +zweitens, weil man dort nichts zu suchen hat. Doch +schließlich bin ich auch hin und wieder ...“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, beim Fürsten R., einmal im Jahr. Ich +bin Ihnen ja dort mal begegnet. Aber die übrige Zeit +des Jahres verknöchern Sie wie Ihre Kollegen in demokratischem +Stolz irgendwo in kleinen Dachstuben. Freilich +tun das nicht gerade alle. Es gibt unter ihnen auch +solche Abenteuerjäger, daß es sogar mir ekelhaft zumute +wird ...“ +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie, Fürst, dieses Thema fallen zu lassen +und unsere Dachstuben nicht weiter zu berühren.“ +</p> + +<p> +„Ach, mein Gott, da sind Sie schon gekränkt. Sie +hatten mir doch erlaubt, vollkommen freundschaftlich mit +Ihnen zu reden. Übrigens, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">je vous demande pardon</span>, +ich habe ja noch mit nichts Ihre Freundschaft verdient. +Der Wein ist nicht schlecht. Versuchen Sie ihn.“ +</p> + +<p> +<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> +Er schenkte mir ein halbes Glas ein – aus seiner +Flasche. +</p> + +<p> +„Nun, sehen Sie, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich +begreife ja nur zu gut, daß es unanständig ist, seine +Freundschaft einem anderen ungebeten aufzudrängen. Sind +Sie doch der Meinung, daß wir alle Sie nur demütigend +behandeln wollen. Nun, ich begreife auch sehr gut, daß Sie +nicht aus Neigung zu mir hier sitzen, sondern weil ich +versprochen habe, mit Ihnen zu <em>reden</em>. Nicht wahr, +so ist es doch?“ +</p> + +<p> +Er lachte. +</p> + +<p> +„Da Sie aber die Interessen einer gewissen Person im +Auge haben, so sind Sie natürlich sehr gespannt darauf, +was ich sagen werde. Nicht wahr?“ fragte er mit +boshaftem Lächeln. +</p> + +<p> +„Sie irren sich nicht,“ sagte ich nervös – ich sah, daß +er einer von jenen war, die, wenn sie einen Menschen nur +ein wenig in ihrer Macht wissen, es diesem sogleich zu +fühlen geben möchten. Und ich war in seiner Macht. +Sein Ton wurde mit jedem Satz familiärer, spöttischer, +unverschämter. „Sie haben es erraten, Fürst; ich bin +einzig zu diesem Zweck hergekommen, andernfalls würde +ich wahrlich nicht ... so spät hier noch sitzen.“ +</p> + +<p> +Ich hatte sagen wollen: andernfalls würde ich wahrlich +nicht in Ihrer Gesellschaft bleiben, unterließ es aber, +und zwar nicht etwa aus Furcht vor ihm, sondern weil +mein verwünschtes Zartgefühl es nicht erlaubte. In der +Tat, wie soll man einem Menschen eine Grobheit ins Gesicht +sagen, wenn er es auch noch so verdient hätte und +ich ihm gerade eine Grobheit sagen wollte? Ich glaube, +der Fürst erriet aus meinen Augen, was ich dachte und +<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> +blickte mich die ganze Zeit spöttisch an, als mokiere er sich +über meine Mutlosigkeit und als wolle er mir mit seinem +Blick sagen: „Nun was, hast es nicht zu sagen gewagt, +hast klein beigegeben? Ja, ja, Freundchen!“ Sicherlich +waren das seine Gedanken, denn als ich meinen +Satz beendet hatte, lachte er auf und klopfte mir mit +einer gewissen protegierenden Liebenswürdigkeit aufs +Knie. +</p> + +<p> +„Du erheiterst mich, Freundchen,“ las ich in seinem +Blick. +</p> + +<p> +„Wart mal!“ dachte ich bei mir. +</p> + +<p> +„Ich bin heute sehr vergnügt!“ rief er lachend aus, +„und wirklich, ich weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Ja, +ja, mein Freund, ja! Gerade über diese Person wollte ich +mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal aussprechen, +und man muß doch auch zu einem Resultat kommen. +Deshalb hoffe ich, daß Sie mich diesmal richtig verstehen +werden. Vorhin begann ich mit Ihnen von jenem Gelde +und der alten Schlafmütze von einem Vater, dem sechzigjährigen +Säugling ... Na, es lohnt sich nicht, +darüber noch Worte zu verlieren. Ich begann doch davon +<em>nur so</em>! Hahah! Sie sind doch Dichter – haben +Sie denn das nicht erraten? ...“ +</p> + +<p> +Verwundert sah ich ihn an. Ich fragte mich, ob er +schon betrunken sein könne? +</p> + +<p> +„Nun, was aber sein Töchterchen betrifft, so muß +ich sagen, daß ich sie sehr achte, sogar liebe – versichere +Sie! Sie ist zwar ein bißchen eigensinnig, aber schließlich: +‚keine Rose ohne Dorn‘, wie man vor fünfzig Jahren +zu sagen pflegte, und das Wörtchen ist sogar sehr +treffend. Dornen stechen, aber das ist ja gerade das +<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> +Verlockende, und wenn auch mein Alexei ein Dummkopf +ist, so habe ich ihm zum Teil doch schon verziehen – +weil er einen so guten Geschmack bewiesen hat. Kurz, +mir gefallen diese Mädchen und ich habe –“ er preßte +vielsagend die Lippen zusammen – „sogar besondere Absichten +... Nun, davon später ...“ +</p> + +<p> +„Fürst! Hören Sie, Fürst!“ rief ich aus, „ich verstehe +diese plötzliche Veränderung nicht, aber ... sprechen +Sie von anderem, ich bitte Sie.“ +</p> + +<p> +„Sie regen sich schon wieder auf! Nun, gut ... +ich werde das Thema wechseln. Nur – sehen Sie, was +ich Sie fragen will, mein lieber Freund: achten Sie sie +sehr?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich!“ antwortete ich mit unhöflicher +Gereiztheit und Ungeduld. +</p> + +<p> +„Nun, nun ... und Sie lieben sie?“ fuhr er fort, +mit einem widerlichen Lächeln mir zublinzelnd. +</p> + +<p> +„Sie vergessen sich!“ +</p> + +<p> +„Nun, schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich nur. +Ich bin heute bei erstaunlich guter Laune, das muß ich +sagen! Ich bin so heiter gestimmt wie seit langer Zeit +nicht mehr. Sollten wir nicht Champagner trinken? Was +meinen Sie, mein Poet?“ +</p> + +<p> +„Ich werde keinen Champagner trinken, ich will +nicht!“ +</p> + +<p> +„Nichts da! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft +leisten. Ich fühle mich so wundervoll und bin von +einer Güte, die fast an Sentimentalität grenzt, aber ich +kann nicht allein glücklich sein. Wer weiß, vielleicht bringen +wir es noch so weit, daß wir Brüderschaft trinken, +hahaha! und ‚Du‘ zueinander sagen! Nein, nein, junger +<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> +Freund, Sie kennen mich noch nicht! Ich bin überzeugt, +daß Sie mich lieb gewinnen werden. Ich will, daß Sie +heute Leid und Freud mit mir teilen, Heiterkeit und +Tränen, obschon ich hoffe, daß ich ... wenigstens +nicht weinen werde. Nun, wie steht’s, Iwan Petrowitsch? +So bedenken Sie doch nur, daß, wenn nicht das +geschieht, was ich will, meine ganze Inspiration zum +Teufel gehen kann und Sie dann nichts mehr hören werden. +Nun, Sie aber sind doch einzig zu dem Zweck hier, +um etwas zu hören. Hab’ ich nicht recht?“ fragte er wieder +mit einem frechen Blinzeln. „Nun, dann wählen +Sie also.“ +</p> + +<p> +Die Drohung war nicht mißzuverstehen. Ich willigte +ein. „Will er mich etwa betrunken machen?“ fragte +ich mich. Übrigens dürfte es angebracht sein, hier eines +Gerüchts, daß auch mir zu Ohren gekommen war, Erwähnung +zu tun. Man erzählte vom Fürsten, daß er – der +sich doch in der Gesellschaft stets tadellos und vornehm +zeigte – mitunter nachts es wie der letzte Wüstling zu +treiben liebte, sich toll und voll soff und sich dann +heimlich der Ausschweifung hingab, ganz heimlich und +gemein ... Ich hatte Scheußliches von ihm erzählen hören. +Aljoscha wußte es, daß der Vater sich bisweilen +betrank, suchte es aber vor allen zu verbergen, namentlich +vor Natascha. Einmal verriet er sich unbedachtsamerweise +im Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und +überging die Antwort auf eine meiner diesbezüglichen +Fragen. Von diesem Gerücht jedoch hatte ich andere erzählen +hören, nur muß ich gestehen, daß ich es für leeres +Geschwätz hielt und ihm keinen großen Glauben schenkte. +</p> + +<p> +Ich wartete, was weiter geschehen würde. +</p> + +<p> +<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> +Der Kellner erschien mit dem Champagner; der Fürst +schenkte ein, sich und mir. +</p> + +<p> +„Ein reizendes, reizendes Mädel! – wenn sie mich +auch gescholten hat!“ fuhr er fort, mit Hochgenuß den +Wein schlürfend. „Aber gerade in solchen Momenten sind +ja diese reizenden Geschöpfe am reizendsten ... Und sie +glaubte doch sicherlich, daß sie mich beschämt habe – Sie +wissen doch: an jenem Abend? – daß ich einfach vernichtet +sei! Hahaha! Und wie ihr das Erröten steht! +Sind Sie ein Weiberkenner? Es gibt blasse Gesichter, +denen ein plötzliches Erröten wundervoll steht, – ist +Ihnen das nicht aufgefallen? Ach, mein Gott! Sie +ärgern sich wohl schon wieder?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich ärgere mich!“ sagte ich, ohne mich noch zu +beherrschen. „Ich wünsche nicht, daß Sie jetzt von Natalja +Nikolajewna sprechen ... das heißt, in einem solchen +Tone. Ich ... ich erlaube Ihnen das nicht!“ +</p> + +<p> +„Oho! Nun, wie Sie wünschen; ich bereite Ihnen +das Vergnügen und werde auf anderes übergehen. Ich +bin ja doch nachgiebig und weich wie Wachs. Reden wir +also von Ihnen. Ich liebe Sie, Iwan Petrowitsch. Wenn +Sie wüßten, welch freundschaftliches, aufrichtiges Interesse +ich für Ihr Schicksal empfinde ...“ +</p> + +<p> +„Fürst, wäre es nicht besser, wir kämen zur Sache?“ +unterbrach ich ihn. +</p> + +<p> +„Das heißt, zu <em>unserer</em> Sache, wollen Sie sagen. +Ich verstehe Sie auch ohne Worte, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon ami</span>, nur ahnen +Sie gar nicht, wie nah wir die Sache berühren, wenn +wir jetzt auf Sie zu sprechen kommen und wenn Sie mich, +was ich hoffe, nicht wieder unterbrechen werden. Also +ich fahre fort: ich wollte Ihnen nämlich sagen, mein +<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> +teuerster Iwan Petrowitsch, daß so leben, wie Sie leben, +einfach ein Sichzugrunderichten ist. Erlauben Sie mir +einmal, dieses delikate Gebiet zu berühren; ich tu’s aus +Freundschaft. Sie sind arm, Sie müssen sich von Ihrem +Verleger einen Vorschuß zahlen lassen, um Ihre kleinen +Schulden bezahlen zu können, und für das übrige leben +Sie ein halbes Jahr nur von Tee und zittern in Ihrer +Dachkammer vor Kälte, in der Erwartung des Augenblicks, +wann endlich Ihr Roman erscheinen wird. Ist +es nicht so?“ +</p> + +<p> +„Und wenn es auch so ist, so ist es doch ...“ +</p> + +<p> +„Doch ehrenwerter als stehlen, Bücklinge machen, +Sporteln nehmen, intrigieren, nun, usw., usw. Ich weiß, +ich weiß, was Sie sagen wollen, das ist ja alles schon +längst gedruckt!“ +</p> + +<p> +„Folglich dürfte es auch überflüssig sein, davon weiter +zu reden. Muß ich Sie wirklich noch Takt lehren, +Fürst?“ +</p> + +<p> +„O, selbstverständlich nicht. Nur, was ist da zu +machen, wenn gerade diese delikaten Seiten in der +Hauptsache eine große Rolle spielen. Man kann sie doch +nicht totschweigen. Doch übrigens, wie Sie wollen, lassen +wir die Dachkammern in Ruh. Ich habe auch nichts +für sie übrig, abgesehen von gewissen Fällen ...“ Er lachte +widerlich. „Mich wundert ja nur eines: was für ein +Vergnügen finden Sie daran, die Rolle der zweiten Person +zu spielen? A propos, einer Ihrer Kollegen sagt ja +wohl irgendwo in einem Werk, soviel ich mich entsinne, +daß es vielleicht die größte Tat sei, wenn ein Mensch es +verstehe, sich im Leben auf die Rolle einer zweiten Person +zu beschränken ... Oder so etwas Ähnliches. Ich habe +<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> +auch einmal ein Gespräch darüber gehört ... mit halbem +Ohr. Ich weiß doch, daß Aljoscha Ihnen die Braut abspenstig +gemacht hat, Sie aber wissen, gleich einem idealen +Schiller, nichts besseres zu tun, als sich für sie noch +aufzuopfern, sie womöglich zu bedienen oder sich von ihnen +gar als Laufbursche benutzen zu lassen ... Verzeihen Sie, +mein Lieber, aber das ist doch nur ein gewisses widerliches +Spiel mit großmütigen Gefühlen ... Daß es Ihnen noch +nicht langweilig geworden ist, begreife ich nicht! Man +müßte sich doch eigentlich schämen. Ich würde an Ihrer +Stelle, glaube ich, umkommen vor Ärger, aber in erster +Linie würde ich mich doch schämen, schämen!“ +</p> + +<p> +„Fürst! Es scheint, daß Sie mich nur zu dem Zweck +hergebeten haben, um mich zu beleidigen!“ Ich war fast +außer mir vor Wut. +</p> + +<p> +„O, nein, mein Freund, nein, ich bin im Augenblick +ganz einfach nur ein Sachverständiger, der Ihr Bestes +wünscht. Mit einem Wort, ich will der ganzen Geschichte +einmal ein Ende machen. Doch vorläufig reden wir noch +nicht von der ‚ganzen Geschichte‘, sondern hören Sie mich +zuerst bis zu Ende an, und bemühen Sie sich, sich nicht +aufzuregen, wenn auch nur für die Dauer von zwei Minuten. +– Nun, also, was meinen Sie, sollten Sie nicht +heiraten? Sie sehen, ich rede jetzt von ganz <em>Nebensächlichem</em>. +Weshalb sehen Sie mich denn so erstaunt +an?“ +</p> + +<p> +„Bitte, weiter, ich warte,“ antwortete ich. Ich sah +ihn in der Tat verwundert an. +</p> + +<p> +„O, da ist nichts zu erwarten. Ich wollte nur wissen, +was Sie dazu sagen würden, wenn Ihnen jemand +von Ihren Freunden, der Ihnen ein dauerhaftes, wahres +<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> +Glück wünscht – nicht irgend so ein ephemerisches – +ein junges, nettes Mädchen anböte, das aber ... bereits +einiges durchgemacht hat. Ich rede ganz allegorisch, +doch Sie verstehen mich hoffentlich, – nun, so +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer +anständigen Entschädigung ... Vergessen Sie nicht, daß +ich von einer Nebensache, nicht von <em>unserer</em> Sache +rede. Nun also: was würden Sie dazu sagen?“ +</p> + +<p> +„Ich sage Ihnen, daß Sie ... verrückt geworden +sind.“ +</p> + +<p> +„Hahaha! Bah! Sie scheinen ja Lust zu haben, +tätlich zu werden?“ +</p> + +<p> +Es fehlte allerdings nicht viel und ich hätte ihn geprügelt. +Ich konnte es kaum noch aushalten! Ich hatte +das Empfinden, einem Geschmeiß, einer riesigen ekelhaften +Spinne gegenüber zu sitzen und ich brannte vor +Verlangen, das scheußliche Tier platt zu schlagen, unter +die Füße zu treten. Er ergötzte sich an seinem Spott, den +er mit mir trieb, er spielte mit mir, wie eine Katze mit der +Maus, denn er glaubte, mich ganz in seiner Gewalt zu +haben. Es schien mir, daß er an seiner Schamlosigkeit +ein gewisses Vergnügen fand; vielleicht empfand er sogar +eine gewisse Wollust in dieser Gemeinheit, in diesem +Zynismus, mit dem er vor mir plötzlich sich die Maske +vom Gesicht riß. Er wollte sich an meiner Verwunderung, +an meinem Schreck und Ekel weiden, wie es mir +schien. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich +über mich lustig. +</p> + +<p> +Ich hatte erraten, daß er einen besonderen Zweck verfolgte; +ich befand mich aber in einer solchen Situation, +daß ich ihn unter allen Umständen anhören mußte. Ich +<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> +mußte es im Interesse Nataschas; ich mußte mich auf +alles gefaßt machen und mußte alles ertragen, denn es war +möglich, daß jetzt die Stunde gekommen war, in der sich +ihr Schicksal entschied. Wer aber hätte diese zynischen, +gemeinen Ausfälle auf ihre Rechnung kaltblütig anhören +können? Und er begriff nur zu gut, daß ich gezwungen +war, ihn anzuhören, was natürlich noch die Kränkung +vergrößerte. „Übrigens bin auch ich ihm unentbehrlich,“ +dachte ich bei mir und begann ihm schroff und verächtlich +zu antworten. Er merkte es. +</p> + +<p> +„Hören Sie, mein junger Freund,“ begann er plötzlich, +mir ernst in die Augen schauend, „so können wir +nicht fortfahren, deshalb ist es besser, wir verständigen +uns sogleich. Ich, sehen Sie mal, ich hatte die Absicht, +Ihnen einiges zu sagen; da müssen Sie aber schon so +liebenswürdig sein und einwilligen, mich anzuhören, +gleichviel was ich Ihnen auch erzähle oder sagen sollte. +Ich wünsche so zu sprechen, wie ich will und wie es mir +gefällt, und genau genommen ist es so auch ganz in der +Ordnung, Nun, also wie steht es, mein junger Freund? +Werden Sie Geduld haben?“ +</p> + +<p> +Ich bezwang mich und schwieg, obschon er mich plötzlich +mit so beißendem Spott ansah, als wolle er mich +absichtlich zu einer schroffen Weigerung herausfordern. +Doch er erriet aus meinem Schweigen, daß ich einwilligte, +alles anzuhören, und so fuhr er denn fort: +</p> + +<p> +„Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! +Worüber ärgern Sie sich denn, genau genommen? Einzig +über eine äußere Form, nicht wahr? Sie haben doch +von mir im Grunde nichts anderes erwartet, gleichviel +wie ich mit Ihnen spreche: ob mit parfümierter Höflichkeit +<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> +oder so wie jetzt; folglich bliebe doch der Sinn +immer ein und derselbe. Sie verachten mich, nicht wahr? +Sehen Sie doch, wieviel liebe Einfachheit, Aufrichtigkeit +und Bonhomie in mir ist! Ich gestehe Ihnen alles, sogar +meine Kinderlaunen. Ja, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon cher</span>, ja, ein wenig +mehr Bonhomie auch Ihrerseits und wir würden uns +vorzüglich aussprechen, würden in allen Punkten einig +werden und uns gegenseitig vollkommen verstehen. Über +mich aber wundern Sie sich nicht. Ich habe diese ganze +Unschuld, Aljoschas Hirtenlieder und Schäferspiele, dieses +ganze Schillerianertum und alle die Ideale in diesem verwünschten +Verhältnis mit jener Natascha – übrigens +an sich ein nettes Mädchen – wie gesagt, alles dies habe +ich jetzt so satt, daß ich mich ganz unwillkürlich der Gelegenheit +freuen muß, mich über diesen ganzen Rummel +gründlich lustig machen zu können. Nun und da haben wir +denn jetzt die Gelegenheit. Hinzu kommt, daß ich ja +sowieso einmal mein Herz Ihnen ausschütten oder meine +Seele vor Ihnen ausbreiten wollte. Hahaha!“ +</p> + +<p> +„Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst. Ich verstehe +Sie nicht. Sie verfallen in den Ton eines Hanswurst; +diese plötzlichen Offenbarungen ...“ +</p> + +<p> +„Hahaha! Das ist ja doch teilweise ganz richtig! +Ein allerliebster Vergleich! Hahaha! Ich <em>gehe +durch</em>, mein Freund, ich <em>gehe durch</em>, ich bin froh +und zufrieden, nun, und Sie, mein Poet, Sie müssen alle +nur mögliche Nachsicht mit mir haben und sich dazu bequemen, +aus Ihren Höhen tief herabzusteigen. Doch +lassen Sie uns trinken!“ unterbrach er sich, in äußerster +Zufriedenheit mit sich selbst, und er füllte die Gläser +nach. „Sehen Sie, mein Freund, allein schon dieser eine +<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> +dumme Abend bei Natascha – erinnern Sie sich? – gab +mir den Rest. Freilich war sie selbst sehr nett anzusehen +in jenem Augenblick, aber nichtsdestoweniger verließ ich +sie doch in entsetzlicher Wut und das will ich nicht vergessen. +Weder vergessen noch verheimlichen. Natürlich +wird auch meine Zeit mal kommen und sie nähert sich +ja schon rapid, doch vorläufig lassen wir das aus dem +Spiel. Indes wollte ich Ihnen erklären, daß ich einen +sehr beachtenswerten Charakterzug besitze, den Sie noch +nicht kennen: das ist, daß mir nichts so verhaßt ist, wie +alle diese ekelhaften, nichtswürdigen, billigen Naivitäten +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et toutes ces pastourelles</span>; und einer der pikantesten +Genüsse war für mich stets, zuerst selbst in dieser +Tonart zu singen, irgend so einen ewig jungen Schiller +zu entzücken, fast sogar zu begeistern für mich, und dann +ihn plötzlich wie mit einem Keulenschlage zu betäuben, +plötzlich die begeisterte Maske herunterzureißen und ihm +eine Grimasse zu schneiden, ihm die Zunge zu zeigen, und +das gerade in dem Augenblick, wenn er am allerwenigsten +eine solche Überraschung erwartete. Wie? Sie begreifen +das nicht, Sie finden es vielleicht schändlich, dumm, gemein, +nicht?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich finde ich das.“ +</p> + +<p> +„Sie sind ziemlich aufrichtig. Nun, aber was kann +ich dafür, wenn diese Kerls mich schließlich quälen! Auch +ich bin dumm genug, aufrichtig zu sein, aber das ist nun +mal mein Charakter. Übrigens will ich Ihnen noch so +einige Episoden aus meinem Leben erzählen. Sie werden +mich dann besser verstehen und das wird sehr interessant +sein. Ja, Sie haben recht, ich erinnere heute vielleicht +<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> +wirklich an einen Hanswurst, aber ein Hanswurst ist doch +aufrichtig, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Hören Sie, Fürst, es ist jetzt spät und wirklich ...“ +</p> + +<p> +„Was? Gott, welche Ungeduld! Was eilt denn +so? Lassen Sie uns doch ein wenig sitzen, wir können +bei der Gelegenheit ganz freundschaftlich und aufrichtig +reden, so, wissen Sie, beim Glase Wein, wie es sich guten +Freunden ziemt. Sie glauben, ich sei betrunken? Na, +um so besser für Sie! Hahaha! In der Tat, diese +freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben einem nachher +immer so lange noch im Gedächtnis und man denkt mit +solch einer Wonne an sie zurück. Sie sind kein guter +Mensch, Iwan Petrowitsch! Es ist keine Sentimentalität +in Ihnen, Sie gehören nicht zu den Gefühlvollen. +Nun, was macht es Ihnen denn aus, ein bis zwei Stunden +für solch einen Freund zu opfern, wie ich es bin? +Außerdem gehört das doch durchaus zur Sache ... Wie +sollten Sie denn das nicht verstehen, – Sie, ein Schriftsteller +noch dazu! Sie müßten doch den Zufall einfach +segnen. Sie können ja mich als Modell benutzen und +einen großartigen Typ schaffen, hahaha! Gott, wie reizend +offenherzig ich heute bin!“ +</p> + +<p> +Der Wein stieg ihm augenscheinlich schon zu Kopf. +Sein Gesicht veränderte sich und nahm einen gewissermaßen +verbissenen boshaften Ausdruck an. Offenbar empfand +er das Verlangen, zu verletzen, zu verspotten, womöglich +zu beißen. „Ganz gut, daß er betrunken ist,“ +dachte ich, „ein Betrunkener ist immer schwatzhaft und +verrät sich in der Regel.“ Doch ich täuschte mich: er +vergaß sich keinen Augenblick und verfolgte einen besonderen +Zweck. +</p> + +<p> +<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> +„Mein Freund,“ hub er an – ersichtlich war ihm +das Reden ein Genuß – „ich habe Ihnen soeben ein +Geständnis gemacht, das vielleicht nicht ganz am Platze +war. Ich meine, daß ich bisweilen den unbezwingbaren +Wunsch empfinde, irgend jemandem unter gewissen Umständen +die Zunge zu zeigen. Zum Dank für diese meine +naive und gutmütige Offenheit vergleichen Sie mich mit +einem Hanswurst, was mich von Herzen erheitert hat. +Doch wenn Sie mir darob Vorwürfe machen wollen, oder +sich darüber wundern, daß ich Ihnen gegenüber unhöflich +oder sogar unanständig sei, kurz – plötzlich einen anderen +Ton angeschlagen habe, so sind Sie durchaus im Unrecht. +Erstens paßt es mir nun einmal so, und zweitens +bin ich nicht bei mir, sondern mit <em>Ihnen</em> ... will +sagen, wir gehen jetzt beide <em>durch</em>, wie es gute Freunde +öfters tun; und drittens – liebe ich über alles Launen. +Wissen Sie auch, daß ich einmal aus Laune sogar Metaphysiker +und Philantrop gewesen bin und mich fast mit +denselben Ideen abgegeben habe, wie Sie heute? Übrigens +liegt das so unendlich weit zurück, – in den goldenen +Tagen meiner Jugend war es mal! Ich weiß noch, +ich fuhr damals auf mein Gut, getragen von den humansten +Absichten und, versteht sich, grämte mich und sehnte +mich ganz gottverboten. Aber Sie glauben nicht, was +dann mit mir geschah: vor lauter Langeweile begann ich, +bei netten Mädchen Zerstreuung zu suchen ... Schneiden +Sie schon wieder eine Grimasse? O, mein junger Freund! +Wir sind doch ganz unter uns und sind gute Freunde! +Wann soll man denn sonst durchgehen, wann sich einmal +auftun, alle Hüllen zurückschlagen! – ich bin doch eine +russische Natur, eine unverfälschte russische Natur, bin +<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> +Patriot, – wie sollte ich es da nicht lieben! Und man +muß doch den Augenblick erhaschen und das Leben genießen. +Sterben wir – was gibt’s dann noch? Nun, +und so trieb ich es denn mit den Mädeln. Ich entsinne +mich noch, eine Hirtin hatte einen Mann, ein hübscher +junger Bursche war’s. Ich bestrafte ihn schmerzhaft und +wollte ihn unter die Soldaten stecken – vergangene Zeiten, +mein Poet! – tat es aber dann doch nicht. Er starb +in meinem Krankenhause ... Ich hatte doch auf meinem +Gut ein Krankenhaus errichtet, für zwölf Betten – +großartig! Sauberkeit, parkettierter Fußboden und so +weiter ... Jetzt ist es natürlich schon längst eingegangen, +damals aber war ich sehr stolz auf mein Werk: ich +war doch Philantrop! Nun, den Burschen aber hatte ich +seines Weibchens wegen dort zu Tode geprügelt ... Ja, +aber weshalb fabrizieren Sie denn schon wieder eine +Grimasse? Es ekelt Sie an? Empört Ihre edlen Gefühle? +Na, na, beruhigen Sie sich. Das ist ja schon +lange her. Das tat ich damals, als ich Romantiker war, +als ich ein Wohltäter der Menschheit werden und eine +Philantropische Gesellschaft gründen wollte ... ich war +eben in solches Fahrwasser hineingeraten. Damals +drosch ich denn auch. Jetzt unterlasse ich es; jetzt muß +man Grimassen schneiden; das tun wir doch jetzt alle, – +es ist nun mal solch eine Zeit ... Doch am meisten +amüsiert mich im Augenblick dieser Dummkopf Ichmenjeff. +Ich bin überzeugt, daß er von diesem ganzen Vorfall +mit dem Burschen unterrichtet war ... und was +glauben Sie? Einzig aus Herzensgüte, da sein Herz aus +Jungfernhonig geschaffen zu sein scheint, und weil er sich +damals in mich geradezu verliebt hatte – entschloß er +<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> +sich, keinem Wort davon Glauben zu schenken und – tat +es auch nicht! Verstehen Sie: er glaubte dem Beweise +nicht, leugnete die Tatsache und stand zwölf Jahre lang +wie ein Fels für mich ein, bis es ihm dann selbst an den +Kragen ging. Hahaha! Na, das ist ja doch alles Unsinn! +Trinken wir, mein junger Freund: Sagen Sie: +wie verhalten Sie sich zu den Weibern? Lieben Sie sie?“ +</p> + +<p> +Ich antwortete nichts. Ich biß die Zähne zusammen +und hörte nur zu. Er hatte bereits die zweite Flasche +begonnen. +</p> + +<p> +„Ich rede mit Vorliebe abends nach dem Essen von +ihnen. Soll ich Sie nicht nachher mit einer bekannt machen +– Mademoiselle Philiberte, zum Beispiel – wie? +Was meinen Sie? Ja, was fehlt Ihnen denn? Sie wollen +mich nicht einmal ansehen ... hm!“ +</p> + +<p> +Er dachte nach. Doch plötzlich hob er den Kopf, sah +mich ganz eigentümlich an und fuhr fort: +</p> + +<p> +„Sehen Sie, mein Poet, ich will Ihnen ein Naturgeheimnis +aufdecken, eines, das Ihnen, wie es scheint, noch +ganz unbekannt ist. Ich weiß, daß Sie mich im Augenblick +einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken, ein +Monstrum der Verderbnis und des Lasters nennen. Doch +hören Sie, was ich Ihnen sagen werde. Wenn es nur +möglich wäre – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en parenthèse</span>: der menschlichen Natur +gemäß ist es absolut unmöglich – also, wenn es möglich +wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes Innenleben beschriebe, +jedoch so, daß er nicht nur das, was er für keinen +Preis den Menschen sagen, nicht nur das, was er +nicht einmal seinem besten Freunde verraten würde, sondern +sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, +einmal mit größter Wahrheitstreue beschriebe, so würde +<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> +es doch in der Welt einen solchen Gestank geben, daß wir +alle ersticken müßten. Deshalb sind denn auch, nochmals +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en parenthèse</span>, unsere gesellschaftlichen Anstandsregeln +und Gesetze so zweckentsprechend und segensreich. Es liegt +ein tiefer Gedanke in ihnen, – ich will nicht sagen, daß +es gerade ein sittlicher sei, aber einfach ein erhaltender, bequemer, +was natürlich noch besser ist, denn die Sittlichkeit +ist ja doch im Grunde nur Bequemlichkeit ... das +heißt, ich meine, sie ist doch einzig zur Bequemlichkeit +erfunden. Doch von den Anstandsregeln später, ich komme +immer wieder vom Thema ab – erinnern Sie mich +nachher daran. Sie beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, +Ausschweifung, Unsittlichkeit, während man mir doch +jetzt vielleicht nur das eine vorwerfen könnte, daß ich +<em>aufrichtiger</em> bin als die anderen, und weiter nichts; +daß ich das nicht geheim halte, was die anderen sogar vor +sich selbst verbergen, wie ich vorhin sagte. Das ist allerdings +eine Schändlichkeit von mir, aber ich will es nun +einmal so. Übrigens – beunruhigen Sie sich nicht,“ +unterbrach er sich mit einem spöttischen Lächeln, „ich sagte +‚vorwerfen‘, aber ich will mich ja durchaus nicht entschuldigen +oder Sie um Entschuldigung bitten. Und +beachten Sie auch das noch: ich will Sie nicht in Verlegenheit +setzen, indem ich Sie frage: ‚haben Sie nicht auch +ähnliche Geheimnisse?‘ – um mit Ihren Geheimnissen +dann auch mich in etwas zu rechtfertigen ... Ich handle +also anständig und gentlemanlike. Überhaupt ist letzteres +stets meine Richtschnur ...“ +</p> + +<p> +„Sie sind einfach ins Schwätzen gekommen,“ sagte ich +und sah ihn mit Verachtung an. +</p> + +<p> +„Ins Schwätzen ... hahaha! Und wenn man bedenkt, +<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> +welche Frage Sie dabei am meisten plagt! Soll +ich’s sagen? Sie fragen sich: weshalb hat er mich hierhergeschleppt +und plötzlich mir nichts dir nichts angefangen, +mir alles das zu erzählen? Hab ich’s getroffen?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Na, das werden Sie später erfahren.“ +</p> + +<p> +„Die einfachste Antwort ist aber: Sie haben zwei Flaschen +Wein getrunken und sind ... berauscht.“ +</p> + +<p> +„Das heißt, einfach betrunken. Auch das ist möglich. +‚Berauscht‘! Das ist ja wohl eine höflichere Ausdrucksform. +O, Sie in Zartgefühl getauchter Mann! Aber +... ich glaube, wir verfallen schon wieder in Liebenswürdigkeiten +und begannen doch gerade mit einem so interessanten +Thema. Ja, was ich sagen wollte, mein +Poet: wenn es in der Welt noch etwas Reizendes und +Süßes gibt, so sind es die Weiber.“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht, Fürst, weshalb es Ihnen eingefallen +ist, gerade mich zum Zuhörer zu wählen, wenn Sie +Ihre Geheimnisse und Liebes ... erlebnisse zum besten +geben wollen.“ +</p> + +<p> +„Hm! ... Ja – aber ich habe Ihnen doch schon +gesagt, daß Sie das nachher erfahren werden. Beunruhigen +Sie sich deshalb nicht, nehmen Sie meinethalben +an, daß überhaupt kein besonderer Grund vorliegt. Sie +sind doch ein Dichter, Sie werden mich verstehen – doch +das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Es liegt eine besondere +Art Wollust in diesem plötzlichen Abreißen der +Maske, in diesem Zynismus, in dem sich der Mensch +einem anderen plötzlich so zeigt, daß er ihn nicht einmal +würdigt, sich vor ihm zu schämen. Ich werde Ihnen eine +kleine Geschichte erzählen. Es war einmal in Paris ein +<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> +verrückter Beamter; später wurde er in einer Irrenanstalt +untergebracht, als man sich vollends überzeugt +hatte, daß er verrückt war. Nun, also dieser Mann hatte +sich folgendes zu seinem Vergnügen erdacht: er entkleidete +sich zu Hause vollständig, nur die Stiefel behielt er an, +nahm sich dann einen weiten Mantel um, der fast bis +zu den Fersen reichte, hüllte sich in ihn ein und ging dann +mit ernster, erhabener Miene hinaus auf die Straße. Von +der Seite gesehen – ein Mensch in einem Mantel spaziert +dort wie alle anderen zu seinem Vergnügen. Sobald es +sich aber so machte, daß ihm jemand entgegenkam, ringsum +aber kein anderer Mensch zu sehen war, so ging er mit +dem ernstesten und vertrauenerweckendsten Gesicht auf +ihn zu, blieb dann plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen +Mantel auf und zeigte sich in seiner ganzen ... Naturtreue. +Das dauerte nur einen Augenblick, dann hüllte er +sich wieder ein und schritt stumm, ohne auch nur mit einem +Gesichtsmuskel zu zucken, an dem sprachlos ihn Anstarrenden +vorüber, ruhig, majestätisch, wie der Geist von Hamlets +Vater. So tat er es mit allen, Männern, Frauen, +Kindern, und darin bestand sein ganzes Vergnügen. Nun, +einen Teil dieses Vergnügens kann man auch dann empfinden, +wenn man einem jungen Schillerianer plötzlich +einen solchen Keulenhieb versetzt und ihm die Zunge +zeigt in einem Augenblick, in dem er am wenigsten so +etwas erwartet. Hm, – wie gefällt Ihnen das Wörtchen +‚Keulenhieb‘? Ich habe es irgendwo in unserer – +pardon! – in Ihrer modernen Literatur aufgestöbert.“ +</p> + +<p> +„Jener war ein Verrückter, Sie aber ...“ +</p> + +<p> +„Ich aber bin bei vollem Verstande?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> +Der Fürst begann zu lachen. +</p> + +<p> +„Sie urteilen sehr richtig, mein Lieber,“ fügte er mit +der unverschämtesten Miene nur kurz hinzu. +</p> + +<p> +„Fürst,“ begann ich empört über seine Frechheit, „Sie +hassen uns und jetzt wollen Sie sich an allen und für +alles rächen. Und das tun Sie nur aus der kleinlichsten +Eigenliebe heraus. Sie sind boshaft, und kleinlich boshaft. +Wir haben Sie geärgert; und vielleicht ärgern Sie +sich noch mehr als über alles andere zusammengenommen +über – jenen Abend! Selbstverständlich konnten Sie +sich dafür mit nichts so gut an mir rächen als mit dieser +grenzenlosen Verachtung, die Sie mir jetzt bezeugen. Sie +lassen sogar die alltäglichste Höflichkeit, um nicht zu sagen +Anständigkeit zu der wir alle verpflichtet sind, außer acht. +Sie wollen mir so deutlich wie möglich zeigen, daß Sie +sich nicht einmal vor mir schämen – da ich es in Ihren +Augen wohl auch nicht ‚wert‘ bin –, indem Sie so unverhohlen +und unerwartet Ihre scheußliche Maske abreißen +und sich in einem sittlichen Zynismus präsentieren, +der ...“ +</p> + +<p> +„Wozu sagen Sie mir denn das alles?“ fragte er, +mich frech und boshaft betrachtend. „Um Ihren Scharfblick +zu beweisen?“ +</p> + +<p> +„Um zu beweisen, daß ich Sie durchschaue und um +Ihnen das mitzuteilen.“ +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Quelle idée, mon cher!</span>“ Er verfiel wieder in +den früheren heiter-gutmütigen Plauderton. „Sie haben +mich jetzt nur vom Thema abgelenkt. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Buvons, mon +ami</span>, erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke. Ich hatte +gerade die Absicht, Ihnen ein entzückendes und höchst interessantes +Abenteuer zu erzählen. Ich will es nur so in +<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> +großen Zügen wiedergeben. Ich war einmal mit einer +Dame bekannt. Sie war nicht mehr ganz jung, sondern +so zwischen sieben- und achtundzwanzig; dafür aber eine +erstklassige Schönheit. Welch eine Büste, welche Haltung, +welcher Gang! Ihr Blick war durchdringend scharf, +hatte etwas Adlerhaftes, doch blieb er stets streng und +hart; in ihrem Benehmen war sie königlich unnahbar. Es +hieß von ihr, sie sei kalt wie ein sibirischer Winter, und +mit ihrer fast grausamen Tugend flößte sie allen Schrecken +ein. Ja, ‚grausamen‘! Im ganzen Kreise gab es +keinen strengeren Richter als sie. Sie verurteilte nicht nur +das Laster, sondern sogar die geringste Schwäche an den +anderen Frauen, und verurteilte erbarmungslos, ohne +Rücksicht und Appellationsmöglichkeit. Ihr Einfluß, ihre +Bedeutung in der Gesellschaft, waren unermeßlich. Selbst +die stolzesten Damen und wegen ihrer Tugend am meisten +gefürchteten Greisinnen beugten sich vor ihr und suchten +sich sogar bei ihr einzuschmeicheln, während sie auf alle +gleichmütig erhaben herabblickte, wie etwa eine Äbtissin +eines mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen und +Mädchen zitterten vor ihr und erbleichten unter ihrem +Blick, denn sie wußten, daß eine Bemerkung, nur eine Andeutung +von ihr genügte, um einen Ruf zu vernichten – +so groß war nun einmal ihr Ansehen in der Gesellschaft. +Sogar die Herren fürchteten sie. Zum Schluß versenkte +sie sich in einen gewissen philosophischen Mystizismus, in +dem sie aber übrigens ebenso ruhig und erhaben blieb. +... Und was glauben Sie: es gibt kein Weib, das verderbter +sein könnte als es diese war. Und ich hatte das +Glück, ihr Vertrauen im vollsten Maße zu gewinnen. Mit +einem Wort – ich war ihr heimlicher Geliebten. Die +<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> +Zusammenkünfte wußte sie aber so geschickt, so meisterhaft +geschickt zu arrangieren, daß nicht einmal jemand von ihren +Hausgenossen auch nur den geringsten Verdacht schöpfen +konnte. Nur ihre Kammerzofe, eine nette kleine +Französin, war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht; doch +auf diese Zofe konnte man sich vollkommen verlassen, denn +sie war gleichfalls an den Geheimnissen beteiligt – inwiefern +– das übergehe ich diesmal. Meine Dame +war aber so erotisch lüstern, daß selbst der Marquis de +Sade von ihr noch hätte lernen können. Doch das Stärkste, +das Durchdringendste und Erschütterndste an dieser +Wollust war – die Heimlichkeit und die Unverschämtheit +des Betruges. Diese Verhöhnung alles dessen, was die +Gräfin in der Gesellschaft als Höchstes und Heiligstes +pries, was sie über Moral und Sittlichkeit sprach, und +schließlich dieses innerliche teuflische Gelächter, mit dem sie +es tat, dieses bewußte Unter-die-Füße-treten und Verleugnen +alles dessen, was man doch nicht verleugnen kann – +und alles das grenzenlos, bis zum äußersten getrieben, bis +zu einem Grade, den sich auch die wildeste Phantasie nicht +träumen lassen könnte – sehen Sie, darin lag die Quintessenz +dieses Genusses. Sie war der leibhaftige Teufel, +ein Teufel von Fleisch und Blut, aber dieser Teufel war +doch so bezaubernd, daß ihm niemand hätte widerstehen +können. Ich vermag auch jetzt noch nicht, ohne Begeisterung +an dieses Weib zurückzudenken. Gerade in der Glut +des heißesten Genusses begann sie plötzlich zu lachen – +wie eine Wahnsinnige, und ich begriff, begriff vollkommen +dieses Gelächter und stimmte selbst ein in ihr unbändiges +Lachen. Auch jetzt noch stockt mir der Atem, bei der +bloßen Erinnerung daran, obschon es vor so vielen Jahren +<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> +war. Nach einem Jahr verabschiedete sie mich; sie nahm +einen anderen. Selbst wenn ich gewollt hätte – ich hätte +ihr doch nicht schaden können. Wer hätte es mir denn +geglaubt? – Nun, wie finden Sie diesen Charakter? +Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?“ +</p> + +<p> +„Pfui, welch ein Ekel!“ sagte ich angewidert. +</p> + +<p> +„Sie wären nicht mein junger Freund, wenn Sie anders +geantwortet hätten! Ich wußte es ja, daß Sie genau +so antworten würden. Hahaha! Warten Sie, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon +ami</span>, Sie werden noch leben und es dann auch begreifen, +jetzt aber – jetzt muß ich Ihnen noch ein Törtchen servieren. +Nein, wenn Sie das nicht verstehen, dann sind +Sie kein Dichter: diese Frau begriff das Leben und sie +verstand, es auszunutzen.“ +</p> + +<p> +„Aber weshalb es denn so bis zum Tierischen treiben?“ +</p> + +<p> +„Wieso, bis zum Tierischen?“ +</p> + +<p> +„Zu dem diese Frau gelangte und Sie mit ihr.“ +</p> + +<p> +„Ah, Sie nennen das tierisch, – ein Zeichen, daß +Sie noch unselbständig am Kindergängelbande gehen. +Übrigens ... ich gebe ja gern zu, daß es Selbständigkeit +auch in der direkt entgegengesetzten Anschauungsweise +geben kann, aber ... reden wir einfacher, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon ami</span> +... Sie müssen doch zugeben, daß alles das Unsinn ist!“ +</p> + +<p> +„Was ist denn nicht Unsinn?“ +</p> + +<p> +„Nicht Unsinn ist – die Persönlichkeit, die bin ich +selbst. Alles ist für mich, die ganze Welt ist nur für mich geschaffen. +Hören Sie, mein Freund, ich glaube noch daran, +daß man auf Erden gut leben kann. Das aber ist der +beste Glaube, denn ohne ihn kann man ja nicht einmal +schlecht leben: da müßte man sich vergiften. Ein Dummkopf +<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> +soll es auch getan haben. Er philosophierte so lange, +bis er mit seiner Philosophie alles zerstört hatte, alles, sogar +die Gesetzmäßigkeit aller normalen und natürlichen +Pflichten der Menschen, und er ging darin so weit, daß +ihm zum Schluß nichts mehr übrig blieb: der Rest war +gleich Null, und so verkündete er denn, daß das Beste im +Leben Blausäure sei. Sie werden sagen: das war Hamlet, +Hamlets grausame Verzweiflung, – mit einem Wort, +irgend so etwas Großes, an das wir überhaupt nicht zu +denken pflegen. Aber Sie sind ja Dichter, während ich +ein gewöhnlicher Mensch bin, und deshalb sage ich Ihnen, +daß man nur vom praktischsten und gewöhnlichsten Gesichtspunkt +aus auf die Sache sehen muß. Ich zum Beispiel +habe mich schon längst von allen Fesseln und sogar +Pflichten befreit. Ich betrachte mich nur dann zu etwas +verpflichtet, wenn mir daraus irgend ein Vorteil erwächst. +Sie können sich natürlich nicht auf diesen Standpunkt +stellen, Ihre Füße sind in Fesseln verwickelt und Ihr Geschmack +ist krank. Sie philosophieren nach dem Maßstab +des Ideals. Aber, mein Lieber, ich wäre doch selbst mit +dem größten Vergnügen zu jeder Anerkennung, die Sie +nur wünschen, bereit, bloß – was soll ich denn tun, +wenn ich genau weiß, daß die Grundlage jeder menschlichen +Tugend der größte Egoismus ist. Und je tugendhafter +etwas ist, um so mehr Egoismus ist darin. Liebe +dich selbst, – das ist das einzige Gesetz, das ich anerkenne. +Das Leben ist in meinen Augen ein Handelsgeschäft: für +nichts gibt’s nichts. Werfen Sie nicht umsonst Ihr Geld +fort, aber, falls nötig, zahlen Sie für die Bewirtung und +Sie kommen damit all Ihren Verpflichtungen nach, die +Sie Ihrem Nächsten schuldig sind – das ist meine Moral, +<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> +wenn es Sie zu wissen interessiert ... Doch gestehe +ich Ihnen, daß es meiner Meinung nach noch besser ist, +seinem Nächsten nicht zu zahlen, sondern es zu verstehen, +ihn kostenlos auszunutzen. Ideale habe ich nicht und +will sie auch nicht haben; gesehnt habe ich mich +nach ihnen niemals. Es läßt sich auch ohne Ideale so +lustig, so reizend auf der Welt leben ... und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en somme</span> +bin ich sehr froh, daß ich ohne Blausäure auskommen +kann. Denn – wäre ich nur ein wenig tugendhafter, +so würde ich vielleicht doch nicht ohne sie auskommen, wie +jener Dummkopf von Philosoph – zweifellos ein Deutscher +... Nein! Im Leben gibt es noch soviel Begehrenswertes! +Ich liebe Einfluß, Rang und Titel, ein eigenes +Palais, einen hohen Einsatz beim Spiel – überhaupt +liebe ich das Spiel leidenschaftlich. Aber die Hauptsache, +die Hauptsache sind doch – die Weiber ... Weiber +jeder Kategorie; ich liebe sogar ganz heimliche, dunkle +Ausschweifung, so eine etwas seltsamere und originellere, +sogar ein wenig mit Schmutz zur Abwechslung ... Hahaha! +Da sehe ich Ihr Gesicht: mit welch einer Verachtung +Sie mich jetzt anblicken!“ +</p> + +<p> +„Darin haben Sie recht.“ +</p> + +<p> +„Nun, sagen wir, daß Sie recht haben, aber in jedem +Fall ist doch dieser Schmutz immer noch besser als Blausäure. +Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Nein, da ist doch Blausäure besser.“ +</p> + +<p> +„Ich fragte Sie mit Absicht ‚nicht wahr‘, nur um +mich an Ihrer Antwort zu ergötzen. Ich wußte, was Sie +antworten würden. Nein, mein Freund, wenn Sie ein +aufrichtiger Menschenfreund sind, so wünschen Sie allen +klugen Leuten den Geschmack, den ich habe, also auch am +<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> +Schmutz Gefallen zu finden, denn sonst würde doch ein +kluger Mensch bald nichts auf der Welt zu tun haben +und es blieben einzig die Dummköpfe übrig. Was die +dann glücklich wären! Aber wissen Sie, es gibt nichts +Angenehmeres als unter Dummköpfen zu leben und zu +allem, was sie reden, stets ‚Gewiß, gewiß, sehr richtig!‘ +zu sagen. Sie ahnen nicht, wie vorteilhaft das ist! Beachten +Sie es weiter nicht, daß Vorurteile mir gefallen, +daß ich mich nach gewissen Bedingungen richte, mich um +größeren Einfluß bemühe. Ich sehe doch, daß ich +in einer leeren Gesellschaft lebe. Aber es ist vorläufig +ein warmer Platz, und ich stimme ihnen bei und +tue, als stände ich wie eine Mauer für sie, und dabei +wäre ich bei Gelegenheit der erste, der sie verläßt. Ich +kenne doch alle Ihre neuen Ideen, wenn ich auch um +ihretwillen nie leide – wozu auch? Gewissensbisse habe +ich nie empfunden. Ich bin mit allem einverstanden, +wenn es nur mir gut geht. Und solcher wie ich gibt es +unter uns Legionen, und wir sind auch wirklich glücklich. +Alles in der Welt kann untergehen, nur wir allein werden +nie untergehen. Wir existieren ebenso lange wie die +Welt existiert. Sollte auch die ganze Erde irgendwo im +All ertrinken, wir würden selbst dann wie Fett an die +Oberfläche kommen und wieder obenauf schwimmen. Nehmen +Sie nur dies eine: sehen Sie doch, wie lebenszäh +solche Menschen wie wir sind. Wir sind doch phänomenal +zäh! – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Wir +leben achtzig, leben sogar neunzig Jahre! Folglich kann +man sagen, daß die Natur selbst uns beschützt, hehehe ... +Ich will unbedingt neunzig Jahre leben. Ich liebe den +Tod nicht, ich fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, wie +<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> +man noch mal sterben wird! Doch wozu davon reden! +Dieser verd... Blausäuren-Philosoph hat mich ja nur +darauf gebracht. Hol der Teufel die ganze Philosophie. +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Buvons, mon cher.</span> Wir begannen doch, wenn ich +nicht irre, von den netten Mädeln ... Wohin wollen +Sie?“ +</p> + +<p> +„Ich gehe, und auch für Sie wäre es Zeit ...“ +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Eh bien, eh bien!</span> Hören Sie mal, das geht +so nicht: ich habe hier mein ganzes Herz vor Ihnen ausgebreitet, +und Sie wollen einen so seltenen Freundschaftsbeweis +nicht einmal würdigen! Hehehe! Es steckt +wenig Liebe in Ihnen, mein Poet. Warten Sie, ich will +noch eine Flasche ...“ +</p> + +<p> +„Die dritte?“ +</p> + +<p> +„Die dritte. Was die Tugend betrifft, mein Zögling +– Sie erlauben mir doch, Sie mit diesem Kosewort +anzureden? – und wer weiß, vielleicht fallen meine Lehren +noch auf fruchtbaren Boden ... Also, mein Zögling, +was die Tugend betrifft, so habe ich Ihnen ja schon gesagt: +je tugendhafter die Tugend ist, um so mehr liegt in +ihr Egoismus. Als Beispiel hierfür will ich Ihnen +eine kleine Geschichte erzählen. Ich liebte einmal ein +junges Mädchen und liebte sie fast aufrichtig. Sie hat +mir sogar manches geopfert ...“ +</p> + +<p> +„Ist das dieselbe, die Sie bestohlen haben?“ fragte +ich plötzlich in beleidigendem Tone, denn ich wollte mich +nicht mehr beherrschen. +</p> + +<p> +Der Fürst zuckte zusammen, sein Gesicht veränderte +sich und er sah mich mit seinen entzündeten Augen unverwandt +an: in seinem Blick lag verständnislose Verwunderung +und Wut. +</p> + +<p> +<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> +„Warten Sie,“ sagte er wie zu sich selbst, „warten +Sie, lassen Sie mich nachdenken. Ich bin in der Tat +betrunken, es fällt mir schwer, zu denken ...“ +</p> + +<p> +Er verstummte und sah mich böse und gehässig an, +während er meine Hand festhielt, als fürchte er, daß ich +fortgehen könnte. Ich bin überzeugt, daß er sein Denken +krampfhaft anspannte, um zu erraten, woher ich von +diesem seinem Erlebnis, von dem doch so gut wie niemand +etwas wußte, erfahren haben konnte, und ob nicht +darin irgendeine Gefahr lag? So verharrte er eine +Weile regungslos. Plötzlich veränderte sich sein Gesicht: +der frühere spöttische, trunken heitere Ausdruck erschien +wieder in seinen Augen. Er lachte laut auf. +</p> + +<p> +„Ha–ha–ha! O Talleyrand! Nun, was, ich +stand allerdings wie bespien vor ihr, als sie es mir so ins +Gesicht warf, daß ich sie bestohlen habe! Wie sie kreischte, +wie sie mich segnete! Ein verrücktes Frauenzimmer ... +und ohne jede Dressur. Aber so urteilen Sie doch selbst: +erstens, hatte ich sie durchaus nicht bestohlen, wie Sie sich +ausdrückten – sie hatte mir das Geld geschenkt und folglich +gehörte es mir. Nehmen wir an, Sie schenken mir +Ihren besten Frack,“ – er warf einen kritischen Blick +auf meinen einzigen und ziemlich billigen Frack, den mir +vor drei Jahren der Schneider Iwan Skornjägin genäht +hatte – „ich bin Ihnen dankbar und trage ihn, nach +einem Jahr aber ärgern Sie sich plötzlich über mich und +da verlangen Sie von mir den Frack zurück, ich aber habe +ihn schon vertragen ... So etwas ist unfein. Weshalb +haben Sie ihn mir denn geschenkt? Und zweitens hätte +ich ihr das Geld, das mir und nicht mehr ihr gehörte, +unfehlbar zurückgegeben, aber, nicht wahr: wo hätte ich +<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> +im Augenblick eine so große Summe hernehmen können? +Und vor allen Dingen kann ich nun mal Schäferspiele +und Schillerianer nicht ausstehen, wie ich Ihnen schon +sagte, nun, das aber war eben die ganze Veranlassung ... +Sie glauben nicht, wie sie vor mir Theater spielte, als +sie schrie, daß sie mir das Geld schenke – das Geld, das +mir gehörte! Das machte mich wütend und plötzlich sah +ich ganz richtig ein – meine Geistesgegenwart verläßt +mich nie in solchen Augenblicken – daß ich sie ja einfach +unglücklich machen würde, wenn ich ihr das Geld zurückgeben +würde. Damit hätte ich ihr doch den Genuß geraubt, +<em>durch mich</em> vollkommen unglücklich zu sein und +mich ihr Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie mir, +mein Freund, in einem solchen Unglück liegt sogar ein +gewisser Rausch, wenn man sich selbst so vollkommen im +Recht fühlt und wenn man weiß, daß man großmütig gehandelt +hat und berechtigt ist, den Beleidiger einen Schurken +zu nennen. Das sind natürlich zumeist Schillernaturen, +die sich an ihrem Haß so berauschen können. Vielleicht +hat sie später nichts zu essen gehabt, aber ich bin +überzeugt, daß sie glücklich war. Und da ich sie dieses +Glückes nicht berauben wollte, sandte ich ihr das Geld +nicht zurück. Somit ist meine Theorie durchaus gerechtfertigt, +daß, je lauter und größer die menschliche Großmut +ist, man bei genauerer Beobachtung einen um so +größeren und widerlicheren Egoismus hinter ihr entdeckt +... Sollte Ihnen das wirklich nicht klar sein? ... Aber +... Sie wollten mir ja nur ein Bein stellen und mich +fangen, ha–ha–ha! ... Nun, so gestehen Sie doch, daß +Sie’s wollten? ... O, Sie Talleyrand!“ +</p> + +<p> +„Adieu!“ sagte ich, und ich stand entschlossen auf. +</p> + +<p> +<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> +„Einen Augenblick! Nur noch zwei Worte zum +Schluß!“ rief er, mich zurückhaltend, aus, und plötzlich in +ernstem Ton, im Gegensatz zu seiner bisherigen widerlich +frivolen Weise. „Hören Sie nur noch das Letzte an, das +ich Ihnen zu sagen habe: aus all dem Gesagten geht, denke +ich, klar und deutlich hervor – ich hoffe, daß auch Sie es +gemerkt haben –, daß ich niemals und unter keiner +Bedingung meinen Vorteil jemandem opfern werde. Ich +liebe Geld und ich brauche es. Katherina Fedorowna ist +sehr reich: ihr Vater war zehn Jahre lang Branntweinpächter. +Sie hat drei Millionen Rubel, und dieses Geld +wird mir sehr zustatten kommen. Aljoscha und Katjä +sind wie geschaffen füreinander; beide sind sie Dummköpfe +erster Sorte, und das ist es gerade, was ich bedarf. +Deshalb wünsche und will ich, daß sie sich heiraten, +und zwar möglichst bald. Nach zwei, höchstens drei Wochen +werden die Gräfin und Katjä Petersburg verlassen. +Aljoscha muß sie begleiten. Ich wünsche es so. Bereiten +Sie also Natalja Nikolajewna darauf vor: damit es zu +keinen Szenen kommt und keine Schillerrollen gespielt +werden, und sie sich nicht etwa gegen mich auflehnt. Ich +bin rachsüchtig und böse von Natur; ich werde meinen +Willen durchsetzen. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich +sie fürchte. Selbstverständlich wird alles nach meinem +Willen geschehen und deshalb geschieht es fast nur in ihrem +Interesse, wenn ich sie warnen lasse. Also sorgen Sie +dafür, daß es keine Dummheiten gibt und sie sich vernünftig +benimmt. Anderenfalls würde es ihr schlimm ergehen, +sehr schlimm. Müßte sie mir doch allein schon dafür +dankbar sein, daß ich nicht so, wie es sich eigentlich gehört +hätte, mit ihr verfahren bin, einfach gesetzmäßig. +<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> +Wissen Sie auch, mein Poet, daß das Gesetz die Familie +beschützt: das Gesetz garantiert dem Vater für den Gehorsam +des Sohnes, und diejenigen, die die Kinder von +ihren Pflichten den Eltern gegenüber ablenken, stehen +nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Und ziehen Sie +gefälligst auch das in Betracht, daß ich überaus einflußreiche +Verbindungen habe, wessen sie sich nicht im geringsten +rühmen kann, und – begreifen Sie denn nicht, +was ich mit ihr tun könnte? ... Ich habe aber noch +nichts getan, weil sie sich bisher noch vernünftig verhielt. +Während dieses halben Jahres haben achtsame Augen jede +ihrer Bewegungen beobachtet und ich wurde von jedem +letzten Detail in Kenntnis gesetzt. Und ich wartete ruhig +ab, bis der Zeitpunkt kommen würde, an dem Aljoscha +sie von selbst verläßt, was ja jetzt bereits der Fall ist; +vorläufig aber ist es für ihn eine nette Zerstreuung. Und +so bin ich in seinen Augen der humane Vater geblieben, +und das wünsche ich gerade, daß er so über mich denkt. +Ha–ha–ha! Wenn ich bedenke, daß ich ihr beinahe +Komplimente gesagt habe – damals, an jenem Abend – +und mich bei ihr quasi bedankt habe für ihre uneigennützige +Großmut, die sie darin bewiesen, daß sie ihn +nicht geheiratet – ich möchte bloß wissen, wie sie das +angestellt hätte! Und was meinen damaligen Besuch bei +ihr betrifft, so ging ich nur deshalb zu ihr, weil es doch +endlich Zeit war, mit diesem Verhältnis ein Ende zu +machen. Ich mußte mich von allem persönlich überzeugen, +das war es ... Nun, sind Sie jetzt zufriedengestellt? +Oder wollen Sie vielleicht noch erfahren, wozu ich Sie +hierher geführt, weshalb ich diese Gespräche vom Zaun +gebrochen und so rückhaltlos offen gewesen bin, während +<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> +man dies auch ohne jede Offenheit Ihnen hätte mitteilen +können – ja?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Ich bezwang mich gewaltsam und wartete. Zu sagen +hatte ich ihm nichts weiter. +</p> + +<p> +„Einzig deshalb, mein Freund, weil ich in Ihnen +ein wenig mehr Vernunft und klaren Blick bemerkt habe, +als sie unsere Närrchen besitzen. Sie hätten auch früher +schon wissen, ahnen, erraten können, wer ich bin, vielleicht +hatten Sie auch schon in bezug auf mich manche +Vermutungen entwickelt, doch nun wollte ich Sie dieser +ganzen Mühe überheben und so entschloß ich mich, Ihnen +anschaulich zu zeigen, <em>mit wem Sie es zu tun +haben</em>. Ein persönlicher Eindruck will immer viel +sagen. Bemühen Sie sich also, mich zu verstehen, mon +ami. Sie wissen, wer ich bin, und da hoffe ich denn, daß +Sie, der Sie sie lieben, Ihren ganzen Einfluß – den Sie +zweifellos auf sie haben – daransetzen werden, um sie von +Handlungen, die <em>gewisse</em> Scherereien nach sich ziehen +könnten, abzuhalten. Sollte das nicht der Fall sein, so +wird es Scherereien geben, und ich versichere Ihnen, versichere +Ihnen allen Ernstes, daß es keine leichten Scherereien +sein werden. Nun und dann – der dritte Grund +meiner Offenheit ... aber Sie haben ihn ja doch schon erraten, +mein Lieber: ja, ich wollte in der Tat diese ganze +Geschichte einmal etwas anspeien, und zwar gerade vor +Ihnen ...“ +</p> + +<p> +„Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ sagte ich, +zitternd vor Empörung. „Ich gebe zu, daß Sie mit nichts +Ihre Wut auf uns und die ganze Verachtung, die Sie +für mich und uns alle empfinden, so gut hätten ausdrücken +<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> +können wie gerade mit dieser Offenheit. Sie +haben nicht nur nicht befürchtet, daß diese Offenheit Sie +in meinen Augen kompromittieren könnte, Sie haben sich +sogar nicht einmal vor mir geschämt ... Sie erinnerten +in der Tat an jenen Verrückten, der nackt auf die Straße +ging. Sie haben mich nicht für einen Menschen gehalten, +mich wenigstens nicht zu den Menschen gezählt ...“ +</p> + +<p> +„Sie haben es erraten, mein junger Freund,“ sagte +er ruhig. Er erhob sich. „Sie haben alles erraten: Sie +sind doch nicht umsonst Literat. Ich hoffe, daß wir uns +friedlich trennen werden. Brüderschaft jedoch werden +wir wohl nicht trinken?“ +</p> + +<p> +„Sie sind betrunken, nur deshalb antworte ich Ihnen +nicht so wie es sich gehörte ...“ +</p> + +<p> +„Wieder ein unvollendeter Satz. – Weshalb sprechen +Sie es nicht aus, wie es sich zu antworten gehörte? +Hahaha! Für Sie zu zahlen erlauben Sie mir nicht?“ +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich, ich zahle selbst.“ +</p> + +<p> +„Nun, zweifellos. – Wir haben wohl nicht denselben +Weg?“ +</p> + +<p> +„Ich werde nicht mit Ihnen fahren.“ +</p> + +<p> +„Adieu, mein Poet. Ich hoffe, daß Sie mich verstanden +haben ...“ +</p> + +<p> +Er verließ mich – wie ich bemerkte, mit etwas unsicheren +Schritten – ohne sich noch nach mir umzuwenden. +Der Portier half ihm beim Einsteigen. Ich ging +meiner Wege. Es war gegen drei Uhr morgens. Es +regnete, die Nacht war dunkel ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-5"> +<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> +Vierter Teil +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> +<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> +I. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon +ich mich so ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, +fühlte ich mich doch so überrumpelt, als hätte ich das +nicht von ihm erwartet und als wäre er so überraschend +wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen +schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens +entsinne ich mich, daß ich mir meiner Empfindungen +im Augenblick nicht ganz bewußt war: es war mir, +als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und +schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. +Ich fürchtete für Natascha. Konnte ich mir doch denken, +wieviel Qualen ihr bevorstanden, und ich suchte +halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen, +vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um +ihr diese letzte Zeit vor der endgültigen Entscheidung +zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung ausfallen +würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte +sich erschreckend schnell. +</p> + +<p> +Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach +Haus zurücklegte, obschon der Regen mich gründlich +durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins Haus trat. +Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein +Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie +<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> +es schien, hatte Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern +die ganze Zeit an der Tür gewartet. Das Licht brannte +auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht und erschrak: +es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im +Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei +sah sie mich so wild und scheu an, als erkenne sie +mich nicht. Ihre glühend heißen Hände zitterten. +</p> + +<p> +„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, +mich zu ihr niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen +Armen. +</p> + +<p> +Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie +sich, und stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie +mir etwas zu erzählen, als habe sie mich nur deshalb +erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre Worte +waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff +nichts. Sie aber sprach immer weiter wie im Fieber. +</p> + +<p> +Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es +mir unmöglich, sie zu bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: +sie klammerte sich krampfhaft an mich, immer +als fürchte sie sich maßlos und bitte mich, sie zu beschützen; +und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie +wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, +damit ich nur nicht fortginge. Ich war aber von all +dem Erlebten so nervös geworden, und diese letzte +Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als ich +so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen +sah, plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls +krank. Als sie meine Tränen bemerkte, sah sie mich +lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft angespannter +Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu +geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich +<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> +sehr schwer. Endlich löste sich die Spannung in ihren +Zügen, und ein Gedanke erhellte ihr Gesicht. Ich wußte, +daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall gewöhnlich +eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte +und daher vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal +war es ebenso: sie strengte sich vergeblich an, etwas +zu sagen, doch als sie erriet, daß ich sie nicht verstehen +konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus und wischte +mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie +ihren Arm um meinen Hals und küßte mich. +</p> + +<p> +Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen +epileptischen Anfall gehabt, und zwar in einem Augenblick, +als sie bei der Tür gestanden. Nachher wird sie +dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht +war ihr dann in den Delirien irgend etwas +Furchtbares erschienen, was sie so mit Angst erfüllt +hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar daran gedacht, +daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen +würde, und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei +meinem ersten Klopfen zu erheben. +</p> + +<p> +„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick +zur Tür?“ fragte ich mich, und plötzlich bemerkte ich +zu meiner Verwunderung, daß sie ihren kleinen Pelz angezogen +hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer +alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir +Kredit gewährte, dieses Mäntelchen für sie erstanden. +Folglich mußte sie doch im Begriff gewesen sein, das +Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu +Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? +Oder sollte sie auch da schon im Fieber halb bewußtlos +gewesen sein? +</p> + +<p> +<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> +Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen +sein: sie lag bewußtlos auf dem Bett und +phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits hatte +sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch +diesmal schien sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich +saß wohl über eine halbe Stunde bei ihr am Bett, dann +machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und +legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich +aufstehen zu können, falls sie mich rief. Das +Licht ließ ich brennen. Bevor ich einschlief, blickte ich +noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war beängstigend +bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen +bemerkte ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand +aber selbst im Schlaf nicht der Ausdruck von Angst und +einer gewissen qualvollen Sorge. Ich beschloß, am +nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, +wenn sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. +Ich befürchtete, sie könnte Nervenfieber bekommen. +</p> + +<p> +„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt +hat!“ sagte ich mir und mein Herz zog sich +schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie er von +jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht +geworfen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> +<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> +II. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstlong">...</span></span><span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> vergingen zwei Wochen. Nelly ging es +besser. Zu einem Nervenfieber war es glücklicherweise +nicht gekommen, aber trotzdem war sie nach dem Anfall +sehr schwer erkrankt. An einem hellen klaren Tage +gegen Ende April verließ sie zum erstenmal das Bett. +Es war in der Karwoche. +</p> + +<p> +Armes kleines Geschöpf! +</p> + +<p> +Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren +Weise fortsetzen. Jetzt, wo ich all dies niederschreibe, +ist schon viel Zeit darüber vergangen, und dennoch kann +ich nicht ohne bitteres Weh an dies bleiche, schmale Gesichtchen +zurückdenken, an den tiefen Blick ihrer dunklen +Augen, wenn wir allein waren und sie mich von ihrem +Bett aus ansah, lange und regungslos, als wolle sie +mich auffordern, zu erraten, was sie im Sinne hatte; +und wenn sie dann sah, daß ich noch immer nichts erriet +und sie verständnislos ansah, lächelte sie still, +gleichsam in sich hinein, um dann plötzlich ihr heißes +Händchen mit den hageren Fingerchen mir entgegenzustrecken. +Jetzt gehört das alles schon der Vergangenheit +an, alles hat sich entschieden und alles ist bekannt, nur +das Geheimnis dieses kranken, gequälten kleinen Herzens +ist mir auf immer noch ein Geheimnis geblieben. +</p> + +<p> +<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> +Ich weiß, daß es mich von der Erzählung ablenkt, +aber ich kann nicht anders, ich will immer nur an Nelly +denken. Wie seltsam ist es jetzt: ich liege im Hospital +auf einem schlichten Krankenbett, vergessen von allen, +die ich einst so geliebt ... Und wenn mir jetzt irgend +etwas Nebensächliches aus jener Zeit einfällt, etwas, +das ich damals vielleicht kaum bemerkt und bald vergessen +hatte, so beginnt es hier in der Einsamkeit unmerklich +zu wachsen und wird groß und größer und erhält +eine ganz andere Bedeutung, wird zu etwas Ganzem, +Abgerundetem, das mir nun manches erklärt, was +ich damals nicht zu begreifen verstand. +</p> + +<p> +In den ersten vier Tagen ihrer Krankheit waren +wir, der Arzt und ich, sehr besorgt um sie, am fünften +Tage aber nahm mich der Arzt beiseite und sagte mir, +daß ich mich beruhigen solle, denn sie werde bestimmt +gesund werden. Es war das derselbe Arzt, der alte +Junggeselle und gutmütige Sonderling, den ich schon +bei Nellys erster Erkrankung konsultiert und der ihr mit +seinem Stanislausorden am Halse so unendlichen Respekt +eingeflößt hatte. +</p> + +<p> +„Dann ist also nichts mehr zu befürchten?“ fragte +ich erfreut. +</p> + +<p> +„Nein, sie wird jetzt gesund werden, dann aber wird +sie bald sterben.“ +</p> + +<p> +„Wie das? Sterben? Weshalb denn?“ rief ich +ganz erschrocken aus, fast verblüfft durch dieses +seltsame Urteil. +</p> + +<p> +„Ja, sie wird unfehlbar bald sterben. Sie hat +einen organischen Herzfehler und wird bei der geringsten +Gemütserregung wieder so weit sein, daß sie ins +<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> +Bett muß. Möglicherweise wird sie auch dann noch +einmal gesund werden, aber jedenfalls nicht mehr auf +lange.“ +</p> + +<p> +„Und kann man sie denn wirklich nicht retten? +Nein, das kann unmöglich so sein!“ +</p> + +<p> +„Aber es ist so. Freilich ... wenn man alle Widerwärtigkeiten +aus dem Wege räumen, ihr ein ruhiges, +stilles Leben und verschiedene Vergnügungen bieten +könnte, dann ließe sich der Tod noch etwas hinausschieben. +Es gibt allerdings Fälle ... allerdings nur +Ausnahmen ... die in der Regel ganz unerwartet +vorkommen, daß ... mit einem Wort, die Kleine +könnte sogar unter gewissen überaus günstigen Umständen +gerettet werden, auf immer gerettet aber – +niemals.“ +</p> + +<p> +„Ja, aber ... mein Gott, was soll man denn +jetzt tun?“ +</p> + +<p> +„Vor allen Dingen meine Vorschriften befolgen: +sie muß ein ruhiges Leben führen und regelmäßig die +Pulver einnehmen. Wie ich bemerkt habe, scheint die +Kleine recht eigensinnig zu sein, vielleicht auch etwas +launenhaft und spottlustig. Jedenfalls liebt sie es +nicht sonderlich, pünktlich nach der Vorschrift die Pulver +einzunehmen. Soeben weigerte sie sich doch mit +allem Nachdruck.“ +</p> + +<p> +„Ja, Sie haben recht. Sie ist in der Tat etwas +sonderbar bisweilen, nur möchte ich das ihrer krankhaften +Reizbarkeit zuschreiben. Gestern war sie sehr gehorsam; +als ich ihr aber heute die Arznei brachte, nahm +sie den Löffel scheinbar aus Versehen so unvorsichtig, +daß sie alles verschüttete. Und als ich mit dem neuen +<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> +Pulver kam, riß sie mir das Kärtchen aus der Hand +und schleuderte es dorthin in den Winkel, worauf sie in +Tränen ausbrach ... Doch glaube ich nicht, daß sie +deshalb geweint hat, weil sie die Pulver einnehmen +sollte.“ +</p> + +<p> +„Hm! Nerven, nichts als Nerven! Das hängt mit +dem früheren großen Unglück zusammen, daher auch +ihre Krankheit. (Ich hatte dem Doktor ausführlich und +offenherzig Nellys Lebensgeschichte erzählt, und meine +Erzählung hatte einen sehr großen Eindruck auf ihn +gemacht.) Das einzige Mittel dagegen sind diese Pulver, +sie muß durchaus die Pulver einnehmen. Ich +werde ihr noch einmal eine Vorlesung halten über die +Pflicht, den ärztlichen Vorschriften nachzukommen ... +das heißt im allgemeinen gesagt ... die Pulver einzunehmen.“ +</p> + +<p> +Wir verließen beide die Küche, wo unsere Unterredung +stattgefunden, und der Doktor trat wieder ans +Bett der Kranken. Nelly mußte unser Gespräch gehört haben, +denn ich hatte aus der Küche bemerkt, wie sie den +Kopf hob und angestrengt zu lauschen schien. Als sie +uns jetzt kommen hörte, schlüpfte sie wieder unter die +Decke und sah uns mit einem spöttischen Lächeln entgegen. +Die Arme hatte in diesen vier Tagen ihrer +Krankheit sehr abgenommen. Die Augen lagen in großen +Höhlen und immer noch zehrte das Fieber an ihr. +Um so seltsamer fiel ihr schelmischer, herausfordernd +glänzender Blick auf, der meinen guten Doktor, den +besten aller Deutschen in Petersburg, höchst verwundern +mußte. +</p> + +<p> +Er sprach ernst, wenn auch nach Möglichkeit mit +<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> +weicher Stimme und im zärtlichsten Ton auf sie ein, um +sie von der Notwendigkeit und Heilkraft der Pulver zu +überzeugen und daß es also die Pflicht jedes Kranken +sei, dem Arzt zu gehorchen ... Nelly hob das Köpfchen, +um die Medizin einzunehmen, stieß aber wie zufällig +mit einer Handbewegung an den Löffel und die +ganze Arzenei wurde wieder verschüttet. Ich bin fest +überzeugt, daß sie es mit Absicht getan. +</p> + +<p> +„Das war eine sehr unangebrachte Unvorsichtigkeit,“ +sagte ruhig der Alte, „und ich glaube, daß sie mit +Absicht geschah, was durchaus nicht lobenswert ist. +Doch ... man kann alles wieder gut machen, darum +werde ich ein zweites Pulver zubereiten.“ +</p> + +<p> +Nelly lachte ihm offen ins Gesicht. Der Doktor +schüttelte methodisch den Kopf. +</p> + +<p> +„Das ist gar nicht schön,“ sagte er, „sehr, sehr wenig +lobenswert.“ +</p> + +<p> +„Ärgern Sie sich nicht über mich,“ antwortete ihm +Nelly, die sich Mühe gab, nicht mehr zu lachen, „ich +werde die Pulver einnehmen ... werden Sie mich +aber dafür lieb haben?“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie sich lobenswert führen, werde ich Sie +sehr lieb haben.“ +</p> + +<p> +„Sehr?“ +</p> + +<p> +„Sehr.“ +</p> + +<p> +„Sonst aber lieben Sie mich nicht?“ +</p> + +<p> +„Auch sonst liebe ich Sie.“ +</p> + +<p> +„Würden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen +wollte?“ +</p> + +<p> +„Ja, wenn Sie es verdienen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> +Nelly konnte wieder nicht mehr an sich halten und +brach in Lachen aus. +</p> + +<p> +„Die Patientin scheint einen fröhlichen Charakter +zu haben, doch jetzt – sind es nur Nerven,“ flüsterte +mir der Doktor mit ernster Miene zu. +</p> + +<p> +„Nun schön, ich werde die Pulver nehmen!“ rief +Nelly plötzlich mit ihrem schwachen Stimmchen dazwischen. +„Doch wenn ich erwachsen sein werde, werden +Sie mich dann heiraten?“ +</p> + +<p> +Offenbar schien ihr dieser neue Scherz sehr zu gefallen; +ihre Augen brannten und ihre Lippen zuckten +vor Lachen in Erwartung einer Antwort des einigermaßen +in Erstaunen gesetzten alten Doktors. +</p> + +<p> +„Nun, ja,“ antwortete er, unwillkürlich über diese +neue Laune von ihr lächelnd, „wenn Sie gut und ein +wohlerzogenes junges Mädchen sein werden, und gehorsam +...“ +</p> + +<p> +„Die Pulver einnehmen werden?“ griff Nelly auf. +</p> + +<p> +„Oho! Stimmt! ... Die Pulver einnehmen werden. +Ein gutes Kind ist sie,“ wandte er sich wieder an +mich, „in ihr ist viel, viel ... Gutes und Kluges, +doch, heiraten ... was für eine sonderbare Idee ...“ +</p> + +<p> +Und wieder reichte er ihr die Medizin, und diesmal +tat sie es nicht einmal mehr versteckt, sondern schlug +einfach mit ihrer Hand die Hand des Alten von unten +in die Höh’, so daß ihm die ganze Medizin auf das +Vorhemd und ins Gesicht spritzte. Dabei lachte sie +laut auf, doch war es nicht mehr ein gutes oder fröhliches +Lachen ... in ihrem Gesichtsausdruck lag etwas +Grausames, Böses. Die ganze Zeit war sie meinem +Blick ausgewichen, jetzt sah sie nur lächelnd den Doktor +<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> +an, aber in ihrem Lächeln lag eine gewisse Unruhe +und Erwartung, was der „lächerliche“ Alte jetzt tun +würde. +</p> + +<p> +„O! schon wieder! ... Wie unangenehm! Nun +... man kann das Pulver noch einmal bereiten!“ Der +Alte wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht +ab. +</p> + +<p> +Das setzte Nelly wirklich in Erstaunen. Sie hatte +unseren ganzen Zorn erwartet, hatte gedacht, daß man +ihr Vorwürfe machen würde, was sie sich unbewußt +vielleicht sogar herbeigewünscht – als Vorwand um +gleich wieder weinen und schluchzen zu können, +die Pulver umzuschütten wie vorhin, oder aus Ärger +irgend etwas zu zerschlagen, um dadurch ihr verbittertes, +schmerzendes Herz zu betäuben. Das geschieht +auch mit anderen, nicht nur mit Kranken und nicht nur +mit Nelly. Wie oft bin ich selbst im Zimmer auf und +ab gegangen mit dem unbewußten Verlangen, durch +irgendeinen Vorwand meinem Herzen Luft zu verschaffen. +Wie oft verfallen Frauen, deren Herz voll tiefer +Trauer, die sie niemandem mitteilen können, in Hysterie. +</p> + +<p> +Doch die Engelsgüte des von ihr beleidigten Alten +und die Geduld, mit der er von neuem, zum dritten +Male, das Pulver verfertigte, ohne ihr einen Vorwurf +zu machen, entwaffnete Nelly vollständig. Das Lächeln +verschwand von ihren Lippen, sie errötete und der +Blick ihrer Augen verschleierte sich: sie streifte auch +mich flüchtig mit ihrem Blick, wandte sich aber sofort +wieder von mir ab. Der Doktor reichte ihr die Medizin. +Sie nahm sie ruhig und bescheiden an, ergriff die +<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> +rote, gedrungene Hand des Alten und sah ihm in die +Augen. +</p> + +<p> +„Sind Sie böse, daß ich ...“ sie konnte ihren Satz +nicht beenden; sie zog die Decke über den Kopf und fing +an zu schluchzen. +</p> + +<p> +„O, mein Kind, weinen Sie nicht ... Das hat +nichts zu sagen ... Das sind Nerven; trinken Sie etwas +Wasser.“ +</p> + +<p> +Doch Nelly hörte nicht auf ihn. +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich ... regen Sie sich nicht so +auf,“ dabei weinte er fast selbst vor Rührung, denn er +war ein sehr gefühlvoller Mensch, „ich verzeihe Ihnen +alles und werde Sie heiraten, wenn Sie bei gutem Betragen +ein ehrliches Mädchen sein werden, und die ...“ +</p> + +<p> +„Pulver einnehmen,“ hörte man unter der Decke +wie ein dünnes Glöckchen, ihr nervöses von Schluchzen +unterbrochenes Lachen, das mir so gut bekannt war. +</p> + +<p> +„Gutes, einsichtsvolles Kind!“ sagte der Doktor +triumphierend und fast mit Tränen in den Augen. +„Armes Mädchen!“ +</p> + +<p> +Seit der Zeit entwickelte sich zwischen ihm und +Nelly eine merkwürdige, innige Sympathie. Mir gegenüber +wurde Nelly jedoch immer finsterer, nervöser +und gereizter. Ich wußte nicht, wie ich mir +diesen plötzlichen Umschwung in ihr erklären sollte. +In den ersten Tagen ihrer Krankheit war sie zu mir +so lieb und zärtlich gewesen; es schien, als könnte sie +sich nicht sattsehen an mir, hielt meine Hand in ihrem +heißen Händchen, und wenn sie bemerkte, daß ich erregt +oder finster aussah, so bemühte sie sich, mich zu erheitern, +scherzte, lachte und spielte mit mir, ungeachtet +<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> +ihrer eigenen Schmerzen. Sie wollte nicht, daß +ich arbeitete und die Nächte über wach saß und war unglücklich, +wenn ich nicht auf sie hörte. Oft sah sie bekümmert +und sorgenvoll aus und fragte mich, warum +ich so traurig wäre und was ich auf dem Herzen hätte; +doch sonderbar, kamen wir im Gespräch auf Natascha, +so verstummte sie sofort und begann von was anderem +zu reden. Sie schien es vermeiden zu wollen, von Natascha +zu sprechen, und das wunderte mich. Wenn ich +nach Hause zurückkehrte, so freute sie sich, griff ich nach +der Mütze, so wurde sie finster und ein vorwurfsvoller +Blick ihrer Augen begleitete mich. +</p> + +<p> +Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen +Abend bis Mitternacht bei Natascha. Wir hatten +viel zu bereden. Als ich das Haus verließ, versprach ich +meiner Kranken bald zurückzukehren, was ich auch beabsichtigt +hatte. Als ich nun zufällig länger bei Natascha +blieb, war ich in betreff Nellys ganz ruhig: ich +wußte, daß sie nicht allein geblieben. Bei ihr war Alexandra +Ssemjonowna, die durch Masslobojeff, der einen +Augenblick bei mir gewesen, erfahren, daß Nelly erkrankt +sei und ich sie ganz allein pflegen mußte. Mein +Gott, wie die gute Alexandra Ssemjonowna sich darüber +aufgeregt hatte! +</p> + +<p> +„Also wird er auch Freitag nicht zu uns kommen! +... Und der Arme ist doch allein, ganz allein. +Aber da wollen wir ihm wenigstens unser Mitgefühl +zeigen und den Zufall nicht unbenutzt vorübergehen lassen.“ +</p> + +<p> +Sie erschien sofort bei mir und brachte in der +Droschke ein ganzes Bündel Sachen mit sich. Sie erklärte +<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> +mir denn auch sofort, daß sie mich nicht mehr +allein lassen würde und gekommen sei, um mir zu +helfen; dabei öffnete sie ihr Bündel. In ihm waren +eingemachte Früchte für die Kranke, Hühner für den +Fall, wenn es der Kranken besser gehen sollte, Äpfel, +Gebäck, Apfelsinen, Kiewer Bretzeln (für den Fall, daß +der Doktor sie erlaubte), zuletzt Wäsche, Bettücher, Servietten, +Frauenhemden, Kompressentücher – einfach +ein ganzes Lazarett. +</p> + +<p> +„Wir haben ja alles,“ sagte sie, so schnell als möglich +jedes Wort aussprechend, als eilte es sehr, „Sie +aber leben als Junggeselle, Sie haben davon wenig. +So erlauben Sie mir schon ... und auch Filipp +Filippytsch hat es mir befohlen. Nun, was soll ich jetzt ... +schnell, schnell! Was soll ich jetzt tun? Wie geht +es ihr? Ist sie bei Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie +liegt, man muß ihr das Kissen zurecht machen, damit ihr +Kopf niedriger zu liegen kommt, wissen Sie was ... +sollte nicht ein Lederkissen besser sein? Kühler. Ach, +wie dumm ich bin! Mir ist es garnicht eingefallen, das +Kissen mitzubringen. Ich werde es noch holen ... +Soll ich nicht Feuer anmachen? Ich werde Ihnen +meine Alte schicken. Ich habe eine Alte, Sie haben ja +gar keine weiblichen Dienstboten ... Nun, was soll +ich jetzt tun? Was ist das? Die Medizin hat der +Doktor verschrieben? Wahrscheinlich Brusttee? Ich +werde sofort das Feuer anmachen ...“ +</p> + +<p> +Ich beruhigte sie und sie war sehr erstaunt, sogar +betrübt, daß es gar nicht so viel zu tun gab wie sie sich +gedacht hatte. Doch, im übrigen, wie gesagt, beruhigte +sie sich demnach bald; sie befreundete sich sofort mit +<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> +Nelly und hat mir viel zur Zeit ihrer Krankheit geholfen. +Sie besuchte uns jeden Tag und immer schien es, +als hätte sie etwas versäumt und müßte es wieder einholen. +Auch fügte sie zu allem hinzu, daß so Filipp +Filippytsch befohlen hätte. Nelly gefiel ihr sehr. +Sie liebten sich bald wie zwei Schwestern und ich +glaube, daß Alexandra Ssemjonowna in vielem noch ebenso +ein Kind wie Nelly war. Sie erzählte ihr verschiedene +Geschichten, erheiterte sie und Nelly schien sich bald +ohne sie zu langweilen. Bei ihrem ersten Erscheinen +setzte die Kranke sie in Verwunderung, die es sofort erriet, +warum der ungerufene Gast eigentlich gekommen +war und sie ihrer Gewohnheit nach denn auch +finster, schweigsam und unfreundlich empfing. +</p> + +<p> +„Warum ist sie gekommen?“ fragte mich unzufrieden +Nelly, als Alexandra Ssemjonowna uns verlassen hatte. +</p> + +<p> +„Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.“ +</p> + +<p> +„Warum? Wofür? Ich habe ihr doch nichts +Gutes getan?“ +</p> + +<p> +„Gute Menschen warten nicht darauf, Sie helfen +auch ohnedem, wo es nottut. Es gibt auf der Welt sehr +viel gute Menschen, Nelly. Es ist nur ein Unglück, daß +du ihnen nicht begegnet bist, als es nötig war.“ +</p> + +<p> +Nelly schwieg; ich entfernte mich auf einen Augenblick. +Nach einer Viertelstunde rief sie mich mit ihrem +schwachen Stimmchen selbst zu sich und bat um Wasser. +Plötzlich aber umarmte sie mich und preßte ihr Köpfchen +an meine Brust. Am andern Tage, als Alexandra +Ssemjonowna wieder kam, empfing sie diese mit +freundlichem, wenn auch verschämtem und etwas schuldbewußtem +Lächeln. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> +<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> +III. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Tage hatte ich den ganzen Abend bei Natascha +zugebracht. Als ich zurückkehrte, schlief Nelly +bereits. Auch Alexandra Ssemjonowna war ganz +schlaftrunken und erwartete mich am Krankenbette. Sie +teilte mir eilig, leise flüsternd mit, daß Nelly zuerst sehr +lustig gewesen und sogar gelacht habe, als ich aber nicht +zurückgekehrt sei, sei sie traurig, schweigsam und nachdenklich +geworden. Sie habe über Kopfschmerzen geklagt, +geweint und so geschluchzt, daß Alexandra Ssemjonowna +nicht gewußt, was mit ihr anfangen. Sie +habe auch mit ihr über Natalja Nikolajewna gesprochen, +doch als sie ihr nichts darauf antworten konnte, +hätte sie aufgehört, davon zu sprechen, geweint und +zuletzt sei sie dann unter Tränen eingeschlafen. „Nun, +leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch; jetzt ist es ihr leichter, +wie es mir scheint, ich muß auch nach Haus, so hat +mir Filipp Filippytsch befohlen. Ich muß Ihnen gestehen, +daß er mich diesmal nur auf zwei Stunden +entlassen, und ich bin bereits viel länger hiergeblieben. +Doch, was tut’s, beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen, +er wird es nicht wagen ... nur, mein lieber +Iwan Petrowitsch, was soll ich tun: er kommt jetzt immer +betrunken nach Haus! Er ist mit sich irgendwie sehr +<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> +beschäftigt, spricht kein Wort mit mir, macht sich Sorgen, +ich weiß es, und am Abend kommt er betrunken +nach Haus ... Ich habe gedacht: wenn er nun nach +Hause zurückgekehrt ist, wer wird ihn dann dort +empfangen haben? Nun, ich fahre schon, ich fahre! Leben +Sie wohl, Iwan Petrowitsch. Habe mir dort Ihre +Bücher angesehen: wieviel Bücher Sie haben, und alles +ernste, kluge Bücher; ich Dumme, habe noch nie etwas +gelesen ... Also, auf morgen ...“ +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen erwachte Nelly finster und +sprach kein Wort mit mir. Nur ungern antwortete sie +auf meine Fragen, als wäre sie mir böse. Ich bemerkte +nur hin und wieder einen ihrer Blicke, mit denen +sie mich heimlich verfolgte; in ihnen lag viel verhaltenes +Herzeleid und unterdrückte Zärtlichkeit, was sonst, +wenn sie mich gerade anschaute, nicht der Fall war. An +diesem Tage spielte sich denn auch die Arzenei-Szene +mit dem Doktor ab; ich wußte nicht, was ich denken +sollte. +</p> + +<p> +Nellys Verhalten zu mir veränderte sich jetzt vollständig. +Ihr seltsames Wesen, ihre Launen, ja, ihr +Haß gegen mich steigerten sich bis zu der Katastrophe, +die unser ganzes Zusammenleben abbrach. Doch davon +später. +</p> + +<p> +Es geschah übrigens, daß sie von Zeit zu Zeit, wie +früher, zärtlich zu mir war. Ihre Zärtlichkeit schien +sich in diesen Augenblicken sogar zu verdoppeln; am +häufigsten aber weinte sie bitter in diesen Momenten. +Doch diese Stunden vergingen sehr schnell wieder; sie +verfiel dann wieder in ihren früheren Kummer, sah +mich feindlich an, wurde launisch, wie damals mit dem +<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> +Doktor, und wenn sie bemerkte, daß irgendeiner ihrer +neuen Streiche mich unangenehm berührte, so brach sie +in Lachen aus, das dann in Tränen endete. +</p> + +<p> +Selbst gegen Alexandra Ssemjonowna hatte sie sich +unfreundlich benommen, ihr gesagt, daß sie nichts von +ihr brauche. Als ich ihr in Gegenwart von Alexandra +Ssemjonowna darüber Vorwürfe machte, brauste sie +auf, verstummte dann und sprach zwei Tage lang kein +Wort mit mir, wollte keine Medizin einnehmen, weder +trinken noch essen, und nur der alte Doktor verstand es +noch mit ihr umzugehen. +</p> + +<p> +Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem +Doktor ein merkwürdiges Freundschaftsverhältnis entwickelt +hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu haben und +begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er +kam, wie traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen +gewesen sein mochte. Der Alte wiederum besuchte sie +jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage, und +als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das +Bett schon verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert +zu haben, daß er ohne sie den Tag nicht verleben +konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über sich +zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte +ihr Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte +ihr Süßigkeiten und Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal +erschien er dann mit besonders feierlicher +Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly +sofort erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. +Das Geschenk zeigte er aber nicht gleich, sondern lächelte +nur pfiffig und setzte sich neben Nelly mit der +Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut +<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> +aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, +daß so ein junges Mädchen würdig einer Belohnung +sei. Dabei sah er sie so gutmütig und +herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, +wenn sie ihm auch offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige +und zärtliche Dankbarkeit aufleuchtete. Zuletzt erhob +sich dann der Alte feierlich, zog ein Kästchen mit +Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit +der Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen +Frau Gemahlin.“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher +als Nelly. +</p> + +<p> +Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit +und medizinische Ratschläge. +</p> + +<p> +„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten +streben,“ sagte er zu ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich +darum, um leben zu bleiben, immer gesund zu +sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, +mein liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so +vergessen sie ihn, oder besser, trachten Sie, nicht an ihn +zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer haben, dann +denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie +an Vergnügungen und Spiel.“ +</p> + +<p> +„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – +fragte Nelly. +</p> + +<p> +Der Doktor war nicht wenig verblüfft ... +</p> + +<p> +„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das +Ihrem Alter ansieht; oder so ... etwas Ähnliches +...“ +</p> + +<p> +„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ +sagte Nelly. „Ich liebe zum Beispiel neue Kleider.“ +</p> + +<p> +<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> +„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger +gut. Man muß mit seinem bescheidenen Los im Leben +zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht +... man kann auch neue Kleider lieben.“ +</p> + +<p> +„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, +wenn ich Ihre Frau sein werde?“ +</p> + +<p> +„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig +unwillig. Nelly lachte schelmisch und vergaß sich sogar +so weit, daß sie auch mir zulächelte. „Übrigens, +warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, +wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte +er versöhnlicher hinzu. +</p> + +<p> +„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag +Pulver einnehmen?“ +</p> + +<p> +„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“ +</p> + +<p> +Jetzt lächelte auch der Doktor. +</p> + +<p> +Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte +ihrem Beispiel, er freute sich über ihre Fröhlichkeit. +</p> + +<p> +„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. +„Doch aus alledem spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“ +</p> + +<p> +Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich +mit ihr anfangen sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt +nicht mehr mit mir sprechen, als wäre ich in irgend etwas +schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich ärgerte +mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht +mehr mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich +bereits darüber. Sie weinte oft, und ich wußte wirklich +nicht, womit ich sie beruhigen sollte. Übrigens einmal +brach sie doch das Schweigen mit mir. +</p> + +<p> +<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> +Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach +Haus und bemerkte, wie Nelly unter ihrem Kissen ein +Buch versteckte. Das war mein Roman, den sie jetzt wieder +in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte +sie ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ +dachte ich und tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine +Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die +Küche ging, sprang sie schnell aus dem Bett und legte das +Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah ich +es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; +in ihrer Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen +hatte sie kein Wort mit mir gesprochen. +</p> + +<p> +„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit +erstickter Stimme. +</p> + +<p> +„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“ +</p> + +<p> +Nelly schwieg. +</p> + +<p> +„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit +schwacher Stimme. +</p> + +<p> +„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“ +</p> + +<p> +„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser +Stimme hinzu. +</p> + +<p> +Wieder trat Schweigen ein. +</p> + +<p> +„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann +Nelly von neuem. Ein furchtsamer Blick streifte mich +dabei. +</p> + +<p> +„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen +verwundert. „Hast du es denn schlecht bei +mir?“ +</p> + +<p> +„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie +bereden mich doch, zu ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber +möchte ich nicht. – Hat sie eine Magd?“ +</p> + +<p> +<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie +bedienen. Ich werde alles für sie tun und werde keine +Belohnung von ihr annehmen; ich werde sie lieben und +ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“ +</p> + +<p> +„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was +denkst du eigentlich von ihr: glaubst du denn wirklich, daß +sie das zulassen würde? Wenn sie dich schon zu sich nehmen +sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr, als +ihre jüngere Schwester.“ +</p> + +<p> +„Nein, das will ich nicht ...“ +</p> + +<p> +„Warum nicht?“ +</p> + +<p> +Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen. +</p> + +<p> +„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich. +</p> + +<p> +Ich war erstaunt. +</p> + +<p> +„Woher weißt du das, Nelly?“ +</p> + +<p> +„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern +fragte ich den Mann von Alexandra Ssemjonowna; +er erzählte mir alles.“ +</p> + +<p> +„War denn Masslobojeff hier?“ +</p> + +<p> +„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder. +</p> + +<p> +„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“ +</p> + +<p> +„So ...“ +</p> + +<p> +Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum +dieser Masslobojeff sich hier geheimnisvoll herumtrieb, +und was für Beziehungen er hier angeknüpft haben +mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen. +</p> + +<p> +„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“ +</p> + +<p> +„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, +<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> +ohne mich anzusehen. „Wenn Sie sie aber so lieben, so +werden Sie sie doch heiraten, wenn der andere fort fährt.“ +</p> + +<p> +„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, +ja und ich ... Nein, das wird nicht sein, Nelly.“ +</p> + +<p> +„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie +würden glücklich sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich +anzusehen. +</p> + +<p> +„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und +mein ganzes Innere tat mir weh. Nelly verstummte und +sprach den Abend kein Wort mehr mit mir. Als ich fortgegangen +war, weinte sie den ganzen Abend; wie Alexandra +Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen +ein. Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im +Traum phantasierte sie. +</p> + +<p> +Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und +verschlossener. Mit mir sprach sie überhaupt nicht mehr. +Es geschah wohl, daß ich hin und wieder einen verstohlenen +und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll unsäglicher +Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur +Augenblicke und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer +finsterer und verschlossener, sogar der Doktor wunderte +sich über diese Veränderung in ihrem Charakter. Inzwischen +hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit Erlaubnis +des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte. +Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. +Es war in der Karwoche, als ich eines Morgens ausging; +ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber Nelly versprochen, +früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren +zu gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben. +</p> + +<p> +Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer +Schlag mich traf, als ich damals nach Hause zurückkehrte! +<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> +Schon draußen auf der Treppe fiel es mir auf, daß der +Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trete ein: es +war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch +erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben +beschrieben: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +„Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr +wieder. Ich liebe Sie aber sehr. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre treue Nelly.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Ich schrie auf und stürzte hinaus. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-4"> +<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> +IV. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">aum</span> war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu +werden, wohin ich mich wenden sollte, als plötzlich vor +unserem Haustor eine Droschke hielt; aus der Droschke +stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly, die sie +fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch +einmal entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu. +</p> + +<p> +„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich. +</p> + +<p> +„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, +dort werden Sie alles erfahren,“ sagte Alexandra +Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen zu erzählen +habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu. +„Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie +sollen alles sofort erfahren.“ +</p> + +<p> +Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche +Neuigkeiten mitzuteilen hatte. +</p> + +<p> +„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu +ihr, als wir ins Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es +ist doch kein Spaß, nach der Krankheit so herumzulaufen! +Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber wollen +hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“ +</p> + +<p> +Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen. +</p> + +<p> +Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan +und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. +</p> + +<p> +<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> +Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna +berichtete mir so schnell als möglich den Tatbestand. +Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten. +</p> + +<p> +Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly +zwei Stunden vor meiner Rückkunft davongelaufen und +hatte sich zuerst zum alten Doktor begeben. Seine Adresse +hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der Doktor, wie er +erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er +plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während +ihres Daseins habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ +„Ich kann es auch jetzt noch nicht glauben,“ fügte +er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde es nie +und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock +in seinem Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich +hineinstürzte und, ehe er zur Besinnung gekommen war, +sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte sich an ihn, +weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos +sie zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei +mir nicht mehr leben wolle noch könne und darum von mir +fortgegangen sei; daß sie leide; daß sie nie mehr über ihn +lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde, sondern +sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie +sich unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt +gehorsam sein und jeden Tag, so viel er wolle, +Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war vor Schreck +so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich +zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen. +</p> + +<p> +„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so +wie ich Sie verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie +bei mir aufnehme. Doch, das ist – unmöglich! Sie +sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über wenig +<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> +Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu +überlegen ... Das ist schrecklich! Und außerdem +sind Sie, so weit es mir scheint, einfach davongelaufen. +Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und schließlich +habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig +spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, +Sie aber verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach +zu mir, wo Sie sich doch schonen und ... und ... Medizin +einnehmen sollten. Und schließlich ... schließlich, +verstehe ich überhaupt nichts ...“ +</p> + +<p> +Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an +zu weinen, ihn anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen +des Alten nahm immer mehr zu und er konnte +schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly +auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag +unwohl,“ schloß der Alte seine Erzählung, „und nahm +zur Nacht ein Pulver ein.“ +</p> + +<p> +Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich +ihr die Adresse bekannt war, fand sie die Wohnung doch +nur mit großer Mühe. Masslobojeff war zu Haus. +Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem +Kopf zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, +vortrug. Auf ihre Fragen: warum es ihr Wunsch +sei und ob sie es bei mir so schwer habe, antwortete Nelly +nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl. „Sie +schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna, +„daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly +flehte, sie als Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, +daß sie waschen und plätten könne. Darauf schienen +sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die Meinung +Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei +<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> +sich zu behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten +und man mich davon benachrichtigt hätte. Doch Filipp +Filippytsch hatte sich dem durchaus widersetzt und befohlen, +mir den Flüchtling sofort einzuhändigen. Unterwegs +habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und +getröstet, doch dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen +angefangen. Auch Alexandra Ssemjonowna hatte dann +vor Rührung geweint. +</p> + +<p> +„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; +hat er dich denn etwa beleidigt, wie?“ fragte sie +Nelly unter Tränen. +</p> + +<p> +„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“ +</p> + +<p> +„Nun, warum willst du denn ...“ +</p> + +<p> +„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann +nicht ... ich bin so böse zu ihm ... er aber ist gut ... +bei Ihnen würde ich nicht böse sein, ich würde arbeiten,“ +antwortete sie, krampfhaft schluchzend. +</p> + +<p> +„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“ +</p> + +<p> +„So ...“ +</p> + +<p> +„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ +schloß Alexandra Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. +„Warum ist sie nur so trübsinnig? Wohl von Geburt +so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“ +</p> + +<p> +Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in +den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem +Bett nieder, nahm ihre Hände und küßte sie. Sie entriß +sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich wußte nicht, +was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der +alte Ichmenjeff ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ +Verwundert sah er uns alle an. +</p> + +<p> +<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> +Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war +ganz zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er +wollte aber auf die Ermahnungen seiner Frau nicht hören, +legte sich nicht, sondern fuhr fort – wie er sagte – +„seine Geschäfte zu erledigen“. +</p> + +<p> +„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna +mit neugierigen Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch +hat mir befohlen, so schnell als möglich zurückzukommen. +Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich +auf ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“ +</p> + +<p> +„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an +ganz was anderes denkend. +</p> + +<p> +Ich beantwortete ihm seine Frage. +</p> + +<p> +„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit +zu dir gekommen, Iwan ...“ +</p> + +<p> +Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen +Besuch bereits erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna +Andrejewna hatte endlich eingewilligt, die Waise in ihr +Haus zu nehmen. Das war nach einem geheimen Übereinkommen +zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: +ich hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, +deren Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht +worden war, sein Herz rühren und seinen Sinn +ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen, daß sie +jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. +Er seinerseits wollte natürlich vor allem seine +Anna Andrejewna befriedigen und dann hatte er selbst +ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich später +ausführlicher erzählen ... +</p> + +<p> +Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem +ersten Besuch nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte +<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> +sogar einen gewissen Haß aus, wenn man seinen Namen +nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle Umstände +sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die +ihr Gesicht noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand +ergriff und sie fragte: ob sie an Stelle seiner Tochter zu +ihm kommen wolle? +</p> + +<p> +„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich +selbst,“ schloß der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. +Sie ist tot. Willst du ihren Platz in unserem +Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“ +</p> + +<p> +Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, +erglänzte eine Träne. +</p> + +<p> +„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den +Kopf zu erheben. +</p> + +<p> +„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz +allein in der Welt. Du kannst doch nicht immer +bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie im +Elternhause.“ +</p> + +<p> +„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ +fügte sie hinzu, richtete sich auf und setzte sich dem Alten +gegenüber aufs Bett. „Ich selbst bin böse, böser als +alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“ +</p> + +<p> +Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar +ihre Lippen erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog +sich vor innerer Erregung. Der Alte sah sie ganz verwundert +an. +</p> + +<p> +„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter +nicht vergeben; sie wollen sie auf immer vergessen und +an ihrer Stelle ein anderes Kind annehmen ... kann +man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie +mich denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen +<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> +werden, so müssen Sie sich erinnern, daß ich Ihnen +fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die Sie +vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will +nicht bei so grausamen Menschen leben; ich will nicht, +ich will nicht! ...“ +</p> + +<p> +Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen +Blick zu. +</p> + +<p> +„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist +erstanden, alles umarmt sich, alles versöhnt sich, allen +wird vergeben ... Nur Sie ... Sie allein ... +wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“ +</p> + +<p> +Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien +sie sich bereits lange vorbereitet zu haben, für den Fall, +daß der Alte sie noch einmal auffordern sollte, zu ihm +ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig erbleicht, +auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid. +</p> + +<p> +„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? +Ich mag’s nicht!“ rief Nelly plötzlich außer sich. „Ich +werde ... werde ... betteln gehen!“ +</p> + +<p> +„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ +rief ich unwillkürlich aus, doch goß ich damit nur Öl +ins Feuer. +</p> + +<p> +„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, +als daß ich hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch +meine Mutter hat gebettelt und als sie starb, sagte sie zu +mir: sei arm und gehe lieber betteln, als ... Zu betteln +ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen +Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen +bitten ist keine Schande, das hat mir eine alte Bettlerin +gesagt; und ich bin klein und kann mir nichts verdienen. +<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> +Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse, böse, böser +als alle; seht, wie böse ich bin!“ +</p> + +<p> +Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer +Tasse auf dem Tisch und warf sie zu Boden. +</p> + +<p> +„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend +hinzu, – „da ist ja noch eine Tasse – ich werde +auch die andere zerschlagen ... Woraus werden Sie +dann Tee trinken?“ +</p> + +<p> +Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, +sich in dieser Besessenheit gehen zu lassen. Sie +fühlte wohl, daß es nicht gut und eigentlich eine +Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst innerlich +immer mehr und mehr dazu auf. +</p> + +<p> +„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte +der Alte, „oder ... oder ich begreife dieses Kind schon +nicht mehr. Lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum +Abschied. Er war wie zerschlagen; Nelly hatte ihn +furchtbar gekränkt; ich war außer mir. +</p> + +<p> +„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als +wir allein waren; „du solltest dich schämen, schämen! +Nein, du bist nicht gut, du bist wirklich schlecht!“ +</p> + +<p> +Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten +nach. Ich wollte ihn wenigstens bis zum Haustor begleiten, +um ihm ein paar Worte zur Beruhigung zu +sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys +erblaßtes Gesichtchen. +</p> + +<p> +Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt. +</p> + +<p> +„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen +Kummer, und mir fiel es ein, noch von meinem zu reden,“ +sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte an ihre +<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> +Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen +nicht verstehen und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige +den Hungrigen nicht verstehen kann. Nun, lebe +wohl!“ +</p> + +<p> +Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß +mit der Hand ab. +</p> + +<p> +„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, +daß sie dir nicht davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ +fügte er mit Erbitterung hinzu und beeilte sich so schnell +als möglich fortzukommen, wobei er mit seinem Spazierstock +laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug. +</p> + +<p> +Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung +gewesen. +</p> + +<p> +Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly +nicht im Zimmer vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich +suchte sie auf dem Treppenflur, auf der Treppe, rief ihren +Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich +konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen +sei. Und wie konnte sie fortlaufen? Es +gab doch nur ein Haustor; sie mußte also an mir vorbeigeschlüpft +sein, als ich mit dem Alten gesprochen? Doch +bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf +der Treppe versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, +und um dann hinter meinem Rücken hinauszulaufen. +Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr weit gekommen +sein. +</p> + +<p> +Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, +sie zu suchen, und ließ die Wohnung auf alle Fälle +offen. +</p> + +<p> +Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber +nicht zu Haus, weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. +<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> +Ich hinterließ ihnen einen Zettel, in dem ich +Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu +ihnen kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf +ging ich zum Doktor: der war gleichfalls nicht zu Haus, +nur die Magd erklärte mir, daß niemand dagewesen sei. +Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und +erfuhr dort von der Frau des Sargmachers, daß die +Wirtin seit dem gestrigen Tage sich auf der Polizei befinde. +Nelly hatte man aber seit jenem Tag nicht mehr +wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder +zu Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu +Hause. Mein Zettel lag noch auf dem Tisch. Was +sollte ich tun? +</p> + +<p> +In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach +Hause begeben. Ich mußte diesen Abend zu Natascha +gehen, sie selbst hatte mich bereits am Morgen rufen +lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen; +der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir +aufkommen lassen. +</p> + +<p> +„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten +das wirklich nur die Folgen der Krankheit sein? Hat +sie nicht am Ende ihren Verstand verloren? Doch, mein +Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum hatte +ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte +von mir entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand +dort an einem Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich +wollte auf sie zulaufen, doch blieb ich plötzlich stehen: +„Was mag sie hier machen?“ dachte ich und ich beschloß, +da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren +konnte, hier zu warten und sie zu beobachten. Es +vergingen ungefähr zehn Minuten, sie stand immer noch +<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> +und blickte auf die Vorübergehenden. Endlich kam ein +gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn +zu: der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der +Tasche und gab’s ihr. Sie schien ihm zu danken. Ich +kann es nicht beschreiben, was ich in diesem Augenblick +empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, +als wäre etwas Teures, das ich liebte und hegte, in +diesem Augenblick, vor mir beschmutzt und beschimpft +worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen. +</p> + +<p> +Ja, Tränen über Nelly, zu gleicher Zeit fühlte ich +etwas Unversöhnliches gegen sie: sie hatte nicht aus +Not gebettelt; sie war durchaus nicht der Macht des +Schicksals überlassen gewesen, sie war nicht ihren Peinigern +entlaufen, sondern ihren Freunden, die sie liebten +und hegten. Als hätte sie jemand damit schrecken und +in Erstaunen setzen wollen, ja, fast schien sie damit +zu prahlen! In ihrer Seele war etwas Geheimnisvolles +aufgetaucht ... Der alte Ichmenjeff hatte +recht, sie war verwundet, und ihre Wunde wollte +nicht vernarben; sie schien durch dieses geheimnisvolle +und mißtrauische Verhalten uns gegenüber geradezu in +ihrem Schmerz wühlen zu wollen, – als gewähre ihr +dieser Schmerz, dieser <em>Egoismus des Leidens</em>, +wenn ich mich so ausdrücken darf, eine besondere Genugtuung. +Dieses Gefühl der Genugtuung begriff ich +durchaus: denn viele Erniedrigte und Beleidigte, die +vom Schicksal niedergeworfen und sich der Ungerechtigkeit +desselben bewußt sind, müssen es empfinden. Doch über +welche Ungerechtigkeit konnte sich Nelly uns gegenüber +beklagen? Sie schien mit ihren Launen, mit ihren wilden +Ausbrüchen uns gegenüber sich geradezu selbst überbieten +<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> +zu wollen! Doch warum hatte sie jetzt gebettelt, da sie +sich von uns nicht gesehen glaubte? Fand sie denn wirklich +darin einen Genuß? Wozu brauchte sie dieses +Geld? +</p> + +<p> +Als sie das Geld von dem Fremden in Empfang +genommen hatte, verließ sie die Brücke und blieb vor +den hellerleuchteten Fenstern eines Ladens stehen, um es +zu zählen; ich stand zehn Schritt von ihr entfernt und +konnte sehen, wie sie eine Menge Geldstücke in der Hand +hielt. Offenbar hatte sie bereits vom Morgen an gebettelt. +Darauf ging sie auf die andere Seite der Straße +hinüber und trat in einen Laden. Ich folgte ihr sofort, +blieb an der Tür des Ladens, die offen war, stehen, +um zu sehen, was sie dort tun würde. +</p> + +<p> +Ich sah, wie sie ihr Geld auf den Ladentisch legte +und man ihr dafür eine Teetasse zeigte, eine ganz billige +Tasse, ähnlich derjenigen, die sie zerschlagen. – Sie wollte +mir und dem alten Ichmenjeff doch zeigen, wie böse +sie sein konnte. – Die Tasse kostete vielleicht im ganzen +nur fünfzehn Kopeken, vielleicht sogar noch weniger. +Der Kaufmann wickelte sie in ein Papier ein, umschnürte +das Päckchen und übergab es Nelly, die eilig und mit +zufriedenem Gesicht aus dem Laden trat. +</p> + +<p> +„Nelly!“ rief ich, als sie sich mir näherte. „Nelly!“ +</p> + +<p> +Sie sah auf und zuckte zusammen, die Tasse entglitt +ihrer Hand, fiel aufs Pflaster und brach in Scherben. +Nelly erblaßte; als sie mich ansah und erriet, daß ich +alles gesehen, errötete sie plötzlich; es war die Röte +einer quälenden Scham. Ich nahm sie an der Hand +und führte sie nach Hause; wir waren nicht mehr weit +davon entfernt. Unterwegs sprach keiner von uns ein +<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> +Wort. Nach Hause gekommen, setzte ich mich hin; +Nelly blieb vor mir stehen, finster, nachdenklich und +bleich stand sie da, die Augen zu Boden geschlagen. Sie +konnte sich nicht überwinden mich anzusehen. +</p> + +<p> +„Nelly, du hast gebettelt?“ +</p> + +<p> +„Ja!“ flüsterte sie, kaum hörbar. +</p> + +<p> +„Du wolltest Geld sammeln, um die zerschlagene +Tasse wieder zu ersetzen?“ +</p> + +<p> +„Ja ...“ +</p> + +<p> +„Habe ich dir denn dieser Tasse wegen Vorwürfe +gemacht? Siehst du denn wirklich nicht, Nelly, wieviel +selbstzufriedene Bosheit in deiner Handlung liegt? +Ist das wirklich gut von dir gehandelt? Schämst +du ...“ +</p> + +<p> +„Ich schäme mich,“ flüsterte sie kaum hörbar und +über ihre Wange rollte eine Träne. +</p> + +<p> +„Du schämst dich ...“ wiederholte ich. „Nelly, +meine Liebe, wenn ich vor dir schuldig bin, so vergib mir +und wir wollen uns wieder versöhnen!“ +</p> + +<p> +Sie sah mich an, brach in Tränen aus und umschlang +mich mit ihren Ärmchen. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam Alexandra Ssemjonowna. +</p> + +<p> +„Wie! Ist sie wieder zu Haus? Ach, Nelly, Nelly, +was tust du uns an! Ein Glück, daß sie nun wenigstens +wieder da ist ... Wo haben Sie sie gefunden, +Iwan Petrowitsch?“ +</p> + +<p> +Ich gab Alexandra Ssemjonowna zu verstehen, +daß sie mich nicht fragen sollte, und sie schwieg sofort. +Ich verabschiedete mich zärtlich von Nelly, die immer +noch bitterlich weinte und bat die gute Alexandra Ssemjonowna, +<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> +bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben, ich +selbst lief zu Natascha. Ich hatte mich bereits verspätet +und mußte eilen. +</p> + +<p> +An diesem Abend sollte sich unser Schicksal entscheiden: +obgleich ich mit Natascha von vielen anderen Dingen +zu reden hatte, erzählte ich ihr doch alles, was sich +mit Nelly zugetragen. Meine Erzählung setzte Natascha +geradezu in Erstaunen. +</p> + +<p> +„Weißt du, Wanjä,“ sagte sie nachdenklich, „mir +scheint es, daß sie dich liebt.“ +</p> + +<p> +„Wieso ... wie?“ rief ich ganz erstaunt. +</p> + +<p> +„Ja, mit der Liebe einer Frau ...“ +</p> + +<p> +„Was du sagst, Natascha! Sie ist doch noch ein +Kind!“ +</p> + +<p> +„Das bald vierzehn Jahre alt sein wird. Ihre Verbitterung +kann nur daher kommen, weil du deinerseits +ihre Liebe nicht bemerkst und sie ihrerseits wiederum +sich selbst nicht versteht; ihre Verbitterung äußert sich +wohl ganz kindlich, ist aber darum nicht weniger ernst +und quälend für sie. Und dann – sie ist auf mich eifersüchtig. +Du bist so mit mir beschäftigt, daß du zu +Hause wohl nur an mich denkst und von mir sprichst, +ihr aber wenig Aufmerksamkeit schenkst. Sie hat das +bemerkt und ist gekränkt. Sie hat vielleicht das Bedürfnis, +ihr Herz vor dir auszuschütten, versteht es +aber nicht, schämt sich und wartet auf eine Gelegenheit. +Du aber verstehst sie nicht, läßt sie immer allein, sogar +während ihrer Krankheit bist du zu mir gekommen und +hast sie tagelang allein gelassen. Sie weint darüber, +ihr tut es weh, daß du ihren Kummer nicht bemerkst. +Auch in diesem Augenblick hast du sie meinetwegen wieder +<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> +allein gelassen. Sie wird noch morgen davon +krank sein. Und wie hast du sie jetzt nur allein lassen +können. Gehe doch sofort zu ihr ...“ +</p> + +<p> +„Ich hätte sie vielleicht nicht allein gelassen, +aber ...“ +</p> + +<p> +„Weil ich dich gebeten hatte zu kommen. Doch jetzt +gehe ...“ +</p> + +<p> +„Ich werde gehen, doch glaube ich natürlich von +alledem nichts.“ +</p> + +<p> +„Weil es so ungewöhnlich scheint. Bedenke aber, +was sie durchgemacht, bedenke, daß sie anders aufgewachsen +ist als wir ...“ +</p> + +<p> +Es war trotzdem spät geworden, als ich zurückkehrte. +Alexandra Ssemjonowna erzählte mir, daß Nelly wieder, +wie an dem Abend, viel geweint habe und unter +Tränen eingeschlafen sei, ganz wie damals. +</p> + +<p> +„Ich muß jetzt gehn, Iwan Petrowitsch,“ fügte sie +hinzu, „so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Der +Arme, er wartet auf mich.“ +</p> + +<p> +Ich dankte ihr und setzte mich an Nellys Lager. Mir +selbst lastete es schwer auf der Seele, daß ich sie in +einem solchen Augenblick verlassen hatte. Lange, bis +in die Nacht hinein, saß ich grübelnd an ihrem Bettchen +– es war eine schwere, verhängnisvolle Zeit. +</p> + +<p> +Doch muß ich jetzt erzählen, was sich in diesen vierzehn +Tagen ereignete. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-5"> +<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> +V. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">eit</span> dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem +Fürsten im Restaurant B. zugebracht hatte, lebte ich in +einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit bedrohte +dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich +an ihr rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und +erging mich in den unmöglichsten Kombinationen. Ich +kam nur immer zu dem Schluß, daß seine Drohungen +ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie +noch zu Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. +Denn er war kleinlich, rachsüchtig, berechnend und +wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war daher auch +durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch +Natascha vergessen würde. In einem Punkte hatte er +sich auch mir gegenüber entschieden ganz unzweideutig +ausgesprochen: er verlangte die Lösung des Verhältnisses +zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete +von mir, daß ich Natascha auf die nahbevorstehende +Trennung vorbereite, damit es keine sentimentalen Szenen +gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm natürlich nur +darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden +blieb und ihn nach wie vor für einen zärtlichen Vater +hielt. Damit mußte er durchaus rechnen, um über +Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich +<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> +denn vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von +Aljoscha vorzubereiten. Auch in Natascha hatte ich in +letzter Zeit eine starke Veränderung bemerkt; ihre frühere +Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und +nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu +mir zu verhalten. Mein Trösten quälte sie nur; meine +Fragen ärgerten sie, verbitterten sie sogar. Oft saß ich +bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die Hände +über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, +bleich, abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz +und gar vergessen. Fiel dann einmal zufällig ihr Blick +auf mich, so konnte sie ihr Gesicht ungeduldig und +geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst +über den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, +und konnte sie es denn ohne Schmerz, ohne +Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen, +davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte +nur ihre finstere Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht +mit ihr darüber zu sprechen und erwartete mit Bangen, +wie sich das alles entscheiden würde. +</p> + +<p> +Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und +beunruhigte es mich sehr, doch zweifelte ich nicht an dem +Herz meiner Natascha; ich sah, wie schwer sie es hatte +und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das Einmischen +von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse +eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch +war ich andererseits fest davon überzeugt, daß Natascha +im letzten Augenblick doch zu mir kommen würde, +um bei mir Trost und Frieden zu suchen. +</p> + +<p> +Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg +ich natürlich, denn ich hätte sie damit nur noch aufgeregt +<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> +und gekränkt. Ich sagte ihr so nebenbei, daß ich +zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen +wäre und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner +Mensch sei. Ich war sehr froh, daß sie mich +auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so mehr +aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung +mit Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte +doch ihr bleiches Gesicht eine Röte, und sie war +den Tag über in erregter Stimmung. Ich verheimlichte +ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß +Katjä reizend sei und einen großen Eindruck auf mich +gemacht hätte. Und wozu sollte ich es ihr verhehlen? +Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten und wäre +mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so +ausführlich als möglich zu erzählen und versuchte alle +ihre Fragen im voraus zu beantworten, da ihr das Fragen +in ihrer Lage nicht leicht fiel. +</p> + +<p> +Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha +auf besonderen Befehl des Fürsten mit der Gräfin +und Katjä aufs Land fahren sollte, und ich bemühte +mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, +um den Schlag abzuschwächen. Doch wie +groß war meine Verwunderung, als Natascha bei meinem +ersten Worte darüber mich unterbrach und mir erklärte, +daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr +alles schon seit fünf Tagen bekannt. +</p> + +<p> +„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“ +</p> + +<p> +„Aljoscha.“ +</p> + +<p> +„Wie? Er selbst?“ +</p> + +<p> +„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ +<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> +fügte sie mit Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, +daß sie eine Fortsetzung dieses Gespräches nicht +wünschte. +</p> + +<p> +Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer +nur auf ein paar Augenblicke; einmal nur war er während +meiner Abwesenheit mehrere Stunden bei ihr geblieben. +Meist erschien er in trauriger Stimmung und +sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha +empfing ihn dann immer so liebenswürdig und zärtlich, +daß er bald alles vergaß und heiter wurde. Auch +mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte +sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein +sein, sondern lief zu mir, um sich Trost zu suchen. +</p> + +<p> +Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, +Kälte und sogar Bosheit ihm gegenüber vor; +klagte und jammerte und ging dann schließlich zu Katjä, +wo er denn auch immer Trost fand. +</p> + +<p> +An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie +von der Abreise Aljoschas unterrichtet sei (es war eine +Woche nach meinem Gespräch mit dem Fürsten), kam +er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um +den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und +wartete, was er sagen würde. +</p> + +<p> +„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ +begann er, „rette mich vor mir selbst. Ich weine +nicht darüber, daß ich gemein und niedrig bin, sondern +daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich +überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, +sage du mir, wen ich mehr liebe: Katjä oder Natascha?“ +</p> + +<p> +„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete +<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> +ich ihm, „das mußt du besser wissen als ich ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so +dumme Frage stellen, wenn ich’s wüßte, aber das ist +es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage mich und +kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du +aber hast alles miterlebt, und kannst es eher wissen, als +... Und, wenn du es auch nicht weißt, so sage mir doch +wenigstens, wie es dir scheint?“ +</p> + +<p> +„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“ +</p> + +<p> +„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht +so! Du hast es nicht erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos +und kann sie nie und nimmer verlassen. Ich +habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit einverstanden. +Warum schweigst du? Ich sah soeben, +wie du lachtest. Ach, Wanjä, wie hast du mich getröstet, +wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck +auf die verwunderte Nelly machte, die schweigend +unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war damals +immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin. +Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit +ihr, er schenkte ihr überhaupt keine Aufmerksamkeit. +</p> + +<p> +In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte +mich über sein erfreutes Gesicht. Er umarmte +mich wie vorher. +</p> + +<p> +„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle +Mißverständnisse beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs +zu Natascha gegangen: ich war gequält und +konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, +fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich +mußte es tun, sonst wäre ich vor Kummer gestorben. +<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> +Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da habe +ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr +liebe als sie.“ +</p> + +<p> +„Was sagte sie?“ +</p> + +<p> +„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und +beruhigte mich – mich, der ich ihr das eben gesagt! +Sie versteht zu trösten, Iwan Petrowitsch! O, ich habe +vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles gestanden. +Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr +liebe, doch wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich +doch ohne sie, ohne Natascha, nicht leben, sondern +müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen +Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben +wir beschlossen, uns unverzüglich trauen zu lassen; da +man es aber jetzt in den großen Fasten nicht tun kann, +so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich +wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht +kein Zweifel. Und Katjä? Was soll ich tun, ich kann +ohne Natascha nicht leben ... Wir werden uns +trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“ +</p> + +<p> +Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, +diesen Knaben zu trösten, seine Bekenntnisse anzuhören +und diesem naiven Egoisten zu seiner Beruhigung noch +Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha +war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er +ging doch nur zu Natascha, weil sein schwaches Herz +nicht imstande war, diesen Kummer allein zu tragen. +Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte, +kam wieder die frühere Unruhe über ihn; +wieder kam er öfter zu mir um seinen Kummer auszuweinen. +In der letzten Zeit hatte er sich so an Natascha +<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> +angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen +konnte, geschweige denn auf anderthalb Monate. +Doch war er bis zum letzten Augenblick fest davon +überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate verlassen +würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. +Natascha dagegen ihrerseits begriff durchaus, daß es +eine Trennung auf immer sei, und daß es so kommen +mußte! +</p> + +<p> +Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit +fieberglänzenden Augen und trockenen Lippen sprach +sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann sah sie mich +plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht, +antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie +ein Blatt am Baume als sie die helle Stimme des eintretenden +Aljoscha hörte. Feuer übergoß ihre Wangen, +sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn +und lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte +sie beunruhigt, ob sie auch gesund wäre und versuchte +sie damit zu beruhigen, daß er bald zur Hochzeit zurückkehren +würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha +zu bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. +Sie weinte nicht ... +</p> + +<p> +Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, +daß er ihr für die Zeit seiner Reise Geld hinterlassen +würde, und sie solle sich darüber nicht beunruhigen, +da ihm sein Vater viel Geld für die Reise versprochen. +Natascha wurde finster. Als wir darauf +allein blieben, sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall +hundertfünfzig Rubel bereit ständen. Sie fragte nicht +woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor Aljoschas +Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung +<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> +Nataschas mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha +einen Brief geschickt, in dem sie Natascha um die Erlaubnis +gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir hatte +sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung +zugegen zu sein. +</p> + +<p> +Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf +Uhr bei Natascha zu sein; denn Hindernisse gab es +viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten mich auch +die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen. +</p> + +<p> +Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna +einen Brief erhalten, mit der Bitte, in einer wichtigen +Angelegenheit so schnell als möglich zu ihr zu kommen. +Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in +zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter +Aufregung im Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, +konnte ich auch diesmal nicht sofort erfahren, +was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es +vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich +nach heißen und gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: +„warum ich nicht zu ihnen gekommen sei und sie +wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“ so +daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ +erklärte sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den +letzten drei Tagen so aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich +zu beschreiben wäre“. +</p> + +<p> +„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte +sie, „in der Nacht schleicht er sich von mir fort, +um auf den Knien vor dem Gottesbild zu beten, im +Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb bei +Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte +seinen Löffel nicht finden, der neben seinem Teller +<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> +lag: frägt man ihn dies, so antwortet er +das. +</p> + +<p> +„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer +in Geschäften,‘ sagt er, ‚um einen Advokaten zu suchen;‘ +schließlich hatte er sich heute morgen in seinem Kabinett +eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen Geschäftsbrief +zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für +einen Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal +deinen Löffel neben dir auffinden kannst?‘ Ich spähte +durch den Türspalt: da saß er, schrieb und – weinte. +‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte +ich. ‚Oder tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also +müssen wir unser Ichmenjeffka doch auf immer verloren +haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und +wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit +blitzenden Augen greift er nach dem Hut und stürzt zu +mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna, komme sofort +wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe +dann auf seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, +die da in Stößen herumliegen, gesucht. Wievielmal +habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß ich deine Papiere in +Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘ +Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen +und Füßen ab: so ungeduldig, solch ein Schreier ist er +hier in Petersburg geworden. So ging ich also zum +Tisch und fing an zu suchen, was er soeben geschrieben. +Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen, +sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. +Da, mein lieber Iwan Petrowitsch, da ist’s, da ...“ +</p> + +<p> +Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur +Hälfte beschrieben und stellenweis so unleserlich beschrieben +<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> +war, daß man ihn kaum entziffern konnte. +Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man +erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an +seine Natascha, an seine geliebte Natascha. Er begann +warm und innig; er verzieh ihr alles und rief sie zu sich. +Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er geschrieben, +die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. +Man fühlte nur, daß er aus heißem Drang +zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen tiefempfunden +den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige +anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb +in grellen Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn +vor, beschuldigte sie der Gefühllosigkeit, daß sie +garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern angetan. +Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr +unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst +würden ihre Eltern „nach stillem, musterhaftem Leben +im Schoße der Familie ihr vielleicht Vergebung gewähren,“ +schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl +für Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte +und gequält und beleidigt in seinem Stolz mit wütenden +Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir mit zusammengelegten +Händen und erwartete in Angst und +Schrecken was ich sagen würde. +</p> + +<p> +Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. +Nämlich: daß der Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha +zu leben, und daß man wohl annehmen müsse, +daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; +doch hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen +ab. Auch habe ihn der schlechte und für ihn +unglückliche Ausgang des Prozesses erschüttert und gereizt, +<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> +und durch den Triumph des Fürsten wäre er in +seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen +Augenblicken sucht die Seele nach Mitgefühl, und er +sehnte sich um so mehr nach derjenigen, die er über +alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er +wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet +ist), daß Aljoscha sie jetzt verlassen wird. +Auch aus seiner Lage heraus begreift er, wie sehr sie +Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal +doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich +durch sie gekränkt und erniedrigt fühlt. Ihm kam der +Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu ihm kommt, und +daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem +Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl +den Brief nicht beendigt, auch vielleicht aus Furcht +vor neuen Beleidigungen die Versöhnung noch länger +aufgeschoben ... +</p> + +<p> +Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun +sagte, daß ich sofort zu Natascha müßte und mich bereits +durch sie verspätet hätte, zuckte sie zusammen und +erklärte mir, daß sie die <em>Hauptsache</em> noch garnicht +erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den +Papieren hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. +Die eine Ecke des Briefes war wirklich ganz +mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie sich sehr, daß +der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie +den Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war +durchaus gerechtfertigt: denn bereits der Gedanke, sie +wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und Wut +bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren +würde. +</p> + +<p> +<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> +Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern +beruhigen, daß er in dieser großen Erregung sich +kaum dieser Kleinigkeiten erinnern dürfte, und denken +würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich +nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten +wir den Brief vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, +und bevor ich fortging, wollte ich noch einmal in der +Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden. Mir +schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter +von ihrem eigenen Vater verflucht worden war, den +Alten rühren und ihm großmütigere Gefühle einflößen +könnte. Denn alles war in ihm dazu bereit; der Gram +um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine beleidigte +Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß +dazu und die günstige Gelegenheit, und diese konnte +vielleicht durch Nelly gegeben werden. Die Alte hörte +mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu: Hoffnung und +Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich +sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits +früher gesagt hätte, fragte mich ungeduldig über +Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie nun selbst +Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. +Ja, sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, +daß sie krank war, wollte mir für Nelly einen Topf +Apfelmus mitgeben, lief in die Kleiderkammer und +brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den +Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als +ich diese nicht annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly +auch Kleider und Wäsche hätte und ob sie ihr +da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort +ihren Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen +<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> +herauszusuchen, die sie der armen Waise schenken +könnte. +</p> + +<p> +Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu +ihrer Wohnung emporstieg, sah ich jemand vor ihrer +Tür stehen, der soeben anklopfen wollte, doch als er +meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach einigem +Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam +die Treppe hinunter und begegnete mir auf der letzten +Stufe vor dem Treppenabsatz. Wie groß war aber +meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff erkannte. +Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. +Er drückte sich an die Wand, um mir Platz zu +machen, und ich erinnere mich noch jetzt des seltsamen +Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet +hatte. Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war +er sehr verwirrt und wußte nicht, was er sagen sollte. +</p> + +<p> +„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer +Stimme ... „Ich suchte einen Menschen ... +einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ... ich +suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... +Hier scheint er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. +Lebe wohl.“ +</p> + +<p> +Und er ging schnell die Treppen hinunter. +</p> + +<p> +Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung +nichts zu sagen, es ihr aber gleich nach Aljoschas +Abreise, wenn sie allein war, mitzuteilen. Gegenwärtig +war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die +ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn +doch nicht so in sich hätte aufnehmen können, wie später +in einem Augenblick der letzten Verzweiflung. Dieser +Augenblick war jetzt noch nicht gekommen. +</p> + +<p> +<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> +Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen +können, doch tat ich es absichtlich nicht: Dem Alten +mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr schwer fallen. +Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr niedergeschlagen, +begrüßte mich aber ganz frei und sprach +viel von seinen Angelegenheiten. +</p> + +<p> +„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so +hoch oben, weißt du noch, wo wir uns begegneten ... +vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich plötzlich in nachlässigem +Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken auswich. +</p> + +<p> +„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls +zur Seite. +</p> + +<p> +„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man +hatte mir dieses Haus angegeben ... es war ein Irrtum +... Um also auf meinen Prozeß zu kommen: im +Senate hat man entschieden ... usw. usw.“ +</p> + +<p> +Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen +begann. +</p> + +<p> +Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, +um die Alte zu erfreuen, bat sie aber doch +unter anderem, ihm nicht besonders ins Gesicht zu +schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf +zu machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon +unterrichtet war. Die Alte war so erstaunt und +erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben wollte. Ihrerseits +erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von +Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo +er sie doch sonst früher immer selbst dazu überredet +hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn morgen direkt darum +<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> +bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am +nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher +Angst und Pein. +</p> + +<p> +Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten +gesprochen, der in seiner Sache unterrichtet war. +Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er den Fürsten +gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz +nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ +dem alten Ichmenjeff die zehntausend +Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht kam der +Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden +Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, +hinaus auf die Treppe und verlangte von mir, daß ich +sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell fordere. +Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu +fassen wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. +Doch der Alte geriet so außer sich, daß ihm schlecht +wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als ich +zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der +Treppe. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber +nicht zu Hause; er war damals auf zwei Tage verschwunden. +</p> + +<p> +Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm +ereignet hatte. Von mir aus war er geradewegs zum +Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu Hause angetroffen, +hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in +dem Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen +Beamten von seinen Worten unterrichtet sei und sich +durch sie tödlich beleidigt fühle, daß er, der Fürst, ein +gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell +<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> +fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung +zum Duell etwa abzulehnen, da er dann gezwungen +wäre, ihn öffentlich zu beleidigen. +</p> + +<p> +Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung +zurückgekehrt, daß er sich sofort hingelegt und +auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts geantwortet hätte. +In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu erwarten. +Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als +er ihn gelesen, schrie er auf und faßte sich an den Kopf. +Anna Andrejewna erstarrte fast vor Schreck und Angst. +Er griff sofort nach Hut und Stock und lief hinaus. +</p> + +<p> +Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und +höflich erklärte er Ichmenjeff, daß er über seine Worte, +die er dem Beamten gegenüber ausgesprochen, niemand +Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff sehr +bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch +trotz allem Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß +der Verurteilte das Recht hätte, seinen Prozeßgegner +aus Rache zum Duell herauszufordern. Was endlich +die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, +so bäte er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, +da von einer öffentlichen Beschimpfung gar nicht die +Rede sein könne, da er seinen Brief sofort der Polizei +vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen Ordnung +und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen +muß. +</p> + +<p> +Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort +zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu +Haus; dem Alten gelang es aber durch den Lakaien zu +erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. +<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> +Ohne sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. +Der Portier des Grafen hielt ihn zurück, als er auf die +Treppe hinaufsteigen wollte. Der alte Ichmenjeff geriet +in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man +ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der +Vorfall wurde dem Grafen sofort gemeldet. Als nun +der anwesende Fürst dem alten Wüstling von Grafen +mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja +Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und +sein Zorn wandelte sich in Milde: er befahl Ichmenjeff +sofort zu befreien; doch geschah das erst in drei Tagen, +wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff +mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht +für ihn gebeten. +</p> + +<p> +Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf +sich der Alte aufs Bett und lag eine ganze Stunde bewegungslos; +endlich erhob er sich, und erklärte feierlich +zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter +auf immer und ewig verfluche! +</p> + +<p> +Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; +zum Glück mußte für den Alten gesorgt werden. Die +ganze Nacht wachte sie an seinem Bette, machte ihm +Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück +weiter nicht nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. +Ich verließ sie um drei Uhr nachts. Am nächsten +Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen +Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe +ich bereits erzählt; diese Szene erschütterte ihn endgültig. +Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder zu +Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an +welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha +<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> +stattfinden sollte, am Tage vor Aljoschas Abfahrt aus +Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich zugegen. +Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-6"> +<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> +VI. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ljoscha</span> war eine Stunde vor der Begegnung zu +Natascha gekommen, ich kam gerade in dem Augenblicke, +als Katjäs Equipage vor dem Haustor hielt. Katjä +erschien mit der alten Französin, die nach langem +Zögern endlich eingewilligt hatte, sie zu begleiten und +ihr sogar erlaubt hatte, allein den Besuch bei Natascha +zu machen, unter der Bedingung, daß Aljoscha zugegen +sein würde. Katjä rief mich zu sich an die Equipage, +als sie mich erblickte, und bat mich, Aljoscha zu ihr zu +senden. Ich traf oben Natascha und Aljoscha in Tränen +an: beide weinten. Als Natascha hörte, daß +Katjä gekommen sei, erhob sie sich, wischte sich die Tränen +ab und stellte sich in Erwartung der Tür gegenüber. +Gekleidet war sie diesen Morgen ganz in weiß. Ihre +dunkelbraunen Haare waren glatt zurückgekämmt und +hinten im Nacken zu einem dichten Knoten verschlungen. +In dieser Frisur liebte ich sie am meisten. Als sie sah, +daß ich beabsichtigte, bei ihr zu bleiben, bat sie mich +auch, den Gästen entgegenzugehen. +</p> + +<p> +„Erst jetzt war es mir möglich, meine Absicht auszuführen, +und Natascha aufzusuchen,“ sagte Katjä zu +mir, als wir die Treppe hinaufstiegen, „so sehr hat man +auf mich aufgepaßt, ... es war schrecklich! Mme. Albert +<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> +habe ich ganze zwei Wochen bereden müssen, bis sie +endlich einwilligte. Und Sie, und Sie, Iwan Petrowitsch, +sind kein einziges Mal zu mir gekommen! Schreiben +konnte ich Ihnen auch nicht und es fehlte mir +auch die Lust dazu, denn im Brief kann man ja doch +nicht alles sagen. Und wie gern hätte ich sie gesprochen +... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz +klopft ...“ +</p> + +<p> +„Die Treppe ist so steil,“ bemerkte ich. +</p> + +<p> +„Nun, ja ... die Treppe ... Doch, was glauben +Sie: wird Natascha mir zürnen?“ +</p> + +<p> +„Nein, weshalb?“ +</p> + +<p> +„Nun, ja ... freilich, weshalb; ich werde es ja +gleich selbst erfahren; wozu frage ich Sie noch?“ ... +</p> + +<p> +Ich führte sie am Arme hinauf. Sie war bleich und +schien sich sehr zu fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz +blieb sie stehen um Atem zu schöpfen, dann aber +stieg sie, mit einem bedeutsamen Blick auf mich, entschlossen +die letzten Stufen hinauf. +</p> + +<p> +Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und flüsterte +mir zu: „ich werde einfach hineingehen und ihr +sagen, daß ich so an sie geglaubt habe, ohne etwa befürchten +zu müssen ... Übrigens, was sage ich, ich +bin doch überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf +ist, das es gibt. Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +Sie trat schüchtern wie eine Schuldbewußte ein und +sah Natascha starr an, die ihr zulächelte. Da trat +Katjä sofort auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände und +küßte sie auf die Lippen. Darauf wandte sie sich, ohne +Natascha ein Wort gesagt zu haben, ernst und streng +<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> +an Aljoscha und bat ihn, sie auf eine halbe Stunde +allein zu lassen. +</p> + +<p> +„Du, Aljoscha, sei deshalb nicht böse,“ fügte sie +hinzu, „ich wünsche es darum, weil ich mit Natascha +über viele ernste und wichtige Dinge zu reden habe, die +du nicht hören sollst. Sei vernünftig, und gehe. Sie +aber, Iwan Petrowitsch, bleiben hier. Sie müssen bei +unserem Gespräch zugegen sein.“ +</p> + +<p> +„Setzen wir uns,“ sagte Katjä, als Aljoscha fort +war, „so, ich setze mich Ihnen gegenüber. Ich möchte +Sie zuerst ein wenig ansehen.“ +</p> + +<p> +Sie setzte sich Natascha gegenüber und betrachtete sie +stumm. Natascha mußte unwillkürlich lächeln. +</p> + +<p> +„Ich kenne Ihre Photographie,“ sagte Katjä, „Aljoscha +hat sie mir gezeigt.“ +</p> + +<p> +„Ist sie ähnlich?“ +</p> + +<p> +„Sie sind schöner,“ sagte Katjä ernst und bestimmt. +„Ich wußte es, daß Sie schöner sind.“ +</p> + +<p> +„Und ich freue mich über Sie, wie reizend Sie +sind!“ +</p> + +<p> +„Was Sie sagen! reden Sie nicht von mir, meine +Liebe!“ fügte Katjä hinzu, und ergriff mit zitternden +Händen Nataschas Hand, und wieder schwiegen sie und +sahen sich gegenseitig an. „Sehen Sie, Natascha,“ +unterbrach Katjä das Schweigen, „wir haben nur eine +halbe Stunde für uns; Madame Albert wollte mir +kaum diese halbe Stunde schenken, – und ich habe viel +mit Ihnen zu reden ... Ich will ... ich muß ... +Sie einfach fragen: lieben Sie Aljoscha sehr?“ +</p> + +<p> +„Ja, sehr.“ +</p> + +<p> +„Wenn das so ist ... wenn Sie ihn sehr lieben +<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> +... so ... müssen Sie auch sein Glück wünschen ...“ +fügte sie leise schüchtern hinzu. +</p> + +<p> +„Ja, ich wünsche es, daß er glücklich würde.“ +</p> + +<p> +„So ist’s ... doch jetzt die Frage: kann ich sein +Glück ausmachen? Habe ich das Recht so zu sprechen, +denn ich nehme Ihnen Aljoscha. Wenn es Ihnen +scheint, und wir wollen das jetzt entscheiden, daß er mit +Ihnen glücklicher wird, als, als ... so ...“ +</p> + +<p> +„Das ist bereits entschieden, liebe Katjä, Sie selbst +wissen es doch, daß alles entschieden,“ antwortete Natascha +und neigte ihr Haupt. Es fiel ihr offenbar +schwer, das Gespräch weiterzuführen. +</p> + +<p> +Katjä hatte wahrscheinlich eine lange Auslegung +über dieses Thema vorbereitet: wer Aljoschas Glück +ausmachte und wer von ihnen ihn der anderen abtreten +sollte? Doch durch Nataschas Antwort begriff sie sofort, +daß alles beschlossen und kein Wort mehr zu verlieren +sei. Ihre reizenden Lippen halb geöffnet, sah sie traurig +Natascha an, deren Hand sie immer noch in der +ihren hielt. +</p> + +<p> +„Und Sie, Sie lieben ihn sehr?“ fragte Natascha sie +plötzlich. +</p> + +<p> +„Ja; und ich wollte Sie auch darum fragen und bin +deshalb hierhergekommen, um zu erfahren, warum Sie +ihn lieben?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht,“ antwortete Natascha, in ihrer +Antwort lag ein Ausdruck gewisser Ungeduld. +</p> + +<p> +„Halten Sie ihn für klug?“ fragte Katjä. +</p> + +<p> +„Nein, ich liebe ihn einfach ...“ +</p> + +<p> +„Und ich auch. Er tut mir scheinbar immer so +leid.“ +</p> + +<p> +<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> +„Und mir auch,“ antwortete Natascha. +</p> + +<p> +„Was soll man jetzt mit ihm beginnen! Und wie +konnte er Sie um meinetwillen verlassen, ich begreife +es nicht!“ rief Katjä aus. „Jetzt, wo ich Sie gesehen +habe, kann ich es nicht verstehen!“ +</p> + +<p> +Natascha antwortete nicht und sah zu Boden. Auch +Katjä verstummte und plötzlich erhob sie sich und umarmte +sie zärtlich. Sich umarmt haltend, weinten sie miteinander. +Katjä setzte sich auf den Arm des Lehnstuhls +und hielt Natascha fest umschlungen, ihr die Hände küssend. +</p> + +<p> +„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!“ sagte +sie in Tränen aufgelöst. „Wir wollen Schwestern bleiben +und uns schreiben ... ich werde Sie ewig lieben, +ewig ...“ +</p> + +<p> +„Hat er Ihnen von unserer Hochzeit im Juni gesprochen?“ +fragte sie Natascha. +</p> + +<p> +„Ja, er hat gesagt, daß Sie dareinwilligen. Das +ist doch alles nur so, um ihn zu beruhigen, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Natürlich.“ +</p> + +<p> +„So habe ich es auch aufgefaßt. Ich werde ihn sehr +lieben, Natascha, und Ihnen von ihm schreiben. Wahrscheinlich +wird man uns bald verheiraten; so scheint es +wenigstens. Sie sprechen alle davon. Liebe Natascha, +Sie werden doch jetzt zu Ihren Eltern gehen?“ +</p> + +<p> +Natascha antwortete nicht, sondern küßte sie schweigend. +</p> + +<p> +„Werden Sie glücklich!“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Und ... Sie ... Sie auch,“ erwiderte Katjä. +</p> + +<p> +In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Aljoscha +trat ein. Er war nicht imstande, die halbe Stunde +<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> +abzuwarten und als er sie jetzt umarmt und in Tränen +sah, stürzte er ihnen beiden zu Füßen. +</p> + +<p> +„Warum weinst denn du?“ fragte ihn Natascha. +„Wir werden doch nicht auf lange getrennt sein? Zum +Juni kommst du doch wieder?“ +</p> + +<p> +„Und dann wird eure Hochzeit sein,“ beeilte sich +auch Katjä ihn zu trösten. +</p> + +<p> +„Doch, ich kann nicht, ich kann dich nicht auf einen +Tag verlassen, Natascha. Ich muß ohne dich sterben +... Du weißt nicht, wie teuer du mir jetzt bist! Gerade +jetzt! ...“ +</p> + +<p> +„Nun, mache es doch so,“ sagte plötzlich belebt Natascha, +„die Gräfin bleibt doch längere Zeit in Moskau?“ +</p> + +<p> +„Ja, fast eine Woche,“ bestätigte Katjä. +</p> + +<p> +„Eine Woche! Was wäre denn besser: du begleitest +sie morgen nach Moskau, bleibst dort einen Tag und +kommst hierher zurück. Wenn sie Moskau verlassen, +fährst du wieder hin und begleitest sie auf einen Monat +aufs Land.“ +</p> + +<p> +„So, so ist’s ... Sie werden immerhin noch +vier Tage zusammen sein!“ rief Katjä entzückt, mit +einem vielsagenden Blick auf Natascha. +</p> + +<p> +Das Entzücken Aljoschas über dieses neue Projekt +läßt sich gar nicht beschreiben. Er schien plötzlich vollkommen +beruhigt; sein Gesicht strahlte, er umarmte Natascha, +küßte Katjä die Hand, umarmte mich. Natascha +sah ihn mit traurigem Lächeln an, doch Katjä +konnte sich kaum mehr beherrschen. Sie warf mir einen +heißen, zornigen Blick zu, umarmte Natascha, erhob +sich vom Stuhl um aufzubrechen. In dem Augenblick +<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> +erschien auch schon der Diener mit der Meldung, daß +die halbe Stunde vorüber sei. +</p> + +<p> +Natascha erhob sich. Beide standen sich jetzt +gegenüber und sahen sich mit einem Blick an, der ihre +ganze Seele ausdrücken sollte. +</p> + +<p> +„Wir werden uns niemals wiedersehen,“ sagte +Katjä. +</p> + +<p> +„Niemals mehr,“ antwortete Natascha. +</p> + +<p> +„Dann leben Sie wohl.“ +</p> + +<p> +Sie umarmten sich. +</p> + +<p> +„Fluchen Sie mir nicht,“ flüsterte ihr eilig noch +Katjä zu, „ich werde immer ... seien Sie überzeugt +... er wird glücklich ... Komm, Aljoscha, begleite +mich!“ stieß sie eilig hervor und faßte ihn an der +Hand. +</p> + +<p> +„Wanjä!“ wandte sich Natascha an mich, ganz erschöpft, +als sie gegangen, „folge auch du ihnen ... +Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis acht +Uhr; länger kann er nicht, dann muß er gehen. Ich +bleibe dann allein ... Komme gegen zehn Uhr. +Bitte!“ +</p> + +<p> +Als ich um neun Uhr Nelly (nach der zerschlagenen +Tasse) mit Alexandra Ssemjonowna allein ließ, ging +ich zu Natascha, die bereits ungeduldig auf mich wartete. +Mawra gab den Tee; Natascha schenkte mir eine +Tasse ein, setzte sich auf den Diwan und ich mußte mich +neben sie setzen. +</p> + +<p> +„Nun ist alles, alles aus!“ sagte sie mit einem +Blick auf mich, den ich nie vergessen werde. +</p> + +<p> +„Ein halbes Jahr der Liebe ... für ein ganzes +Leben,“ fügte sie hinzu und preßte meine Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> +Ihre Hände brannten. Ich fing an sie zu bereden, +sich warm einzuhüllen und zu Bett zu legen. +</p> + +<p> +„Sofort, Wanjä, sofort. Laß mich nur reden und +mich an alles dies erinnern ... Ich bin wie zerschlagen +... Morgen sehe ich ihn zum letzten Male, um zehn +Uhr ... zum letzten Mal!“ +</p> + +<p> +„Natascha, du bist wie im Fieber, gleich wird dich +der Schüttelfrost packen; habe Mitleid mit dir ...“ +</p> + +<p> +„Was glaubst du, Wanjä? Ich habe hier auf +dich seit einer halben Stunde gewartet und ich fragte +mich, als er fortgegangen war – fragte mich: liebe ich +ihn, oder liebe ich ihn nicht, und was war das eigentlich +für eine Liebe? Dir wird das wohl sonderbar vorkommen, +Wanjä, daß es von mir erst jetzt geschah?“ +</p> + +<p> +„Rege dich nicht auf, Natascha ...“ +</p> + +<p> +„Siehst du, Wanjä, ich glaube, daß ich ihn nicht +so geliebt habe, wie eine gewöhnliche Frau einen +Mann liebt. Ich liebte ihn fast ... wie eine Mutter. +Ich glaube, daß es auf der Welt gar keine solche +Liebe gibt, wo sich gegenseitig beide ganz gleich lieben, +ah? Wie denkst du?“ +</p> + +<p> +In banger Unruhe beobachtete ich sie und befürchtete +einen Fieberausbruch. Sie schien sich einem sonderbaren +Gefühl hinzugeben, einem Bedürfnis, zu reden; +oft ganz unzusammenhängende Worte, die ich +kaum verstehen konnte. Ich fürchtete sehr für sie. +</p> + +<p> +„Er war mein,“ fuhr sie fort. „Gleich von der +ersten Begegnung an, tauchte in mir der unbezwingliche +Wunsch auf, daß er mein sei, ganz mein, und daß er +niemanden kennen, niemanden sehen müßte, als nur +mich ... Katjä hatte ganz recht vorhin, als sie sagte; +<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> +ich habe ihn die ganze Zeit mit einer Liebe geliebt, als +ob er mir leid täte ... Immer hatte ich den unbezwinglichen +Wunsch, ja die Qual, wenn ich allein +blieb, daß er unendlich und ewig glücklich sein müsse. Ich +konnte sein Gesicht nicht ruhig ansehen. (Du kennst doch +den Ausdruck seines Gesichtes, Wanjä): einen solchen +Ausdruck <em>gibt es nicht</em> noch einmal, und wenn er +lachte, so lief mir ein kalter Schauer über den Rücken +... Das ist wahr! ...“ +</p> + +<p> +„Natascha, höre mich an ...“ +</p> + +<p> +„Alle sagten,“ unterbrach sie mich, „und übrigens +auch du hast es gesagt, daß er charakterlos und ... +sein Verstand der eines Kindes sei. Nun, und, das +war es, was ich am meisten an ihm liebte ... glaubst +du es mir? Ich weiß nicht, ob ich ihn gerade nur darum +liebte: kurz, ich liebte ihn einfach so wie er war +und wäre er anders gewesen, so hätte ich ihn vielleicht +gar nicht so lieb gehabt. Weißt du, Wanjä, ich muß +dir noch eines gestehen; erinnerst du dich, vor drei Monaten +hatten wir einen großen Streit, damals, als er +mit seinen Kameraden bei dieser Minna gewesen war +... Als ich es erfahren, glaubst du mir, tat es mir +sehr weh, zugleich war es aber so angenehm, daß er sich +vor mir schuldig fühlte, und ich das Gefühl hatte, daß er +sich wie ein Erwachsener aufgeführt und mit anderen +Männern zu schönen Frauen gefahren! Und dann, welch +ein Entzücken, ihm vergeben zu können ... oh, Lieber!“ +</p> + +<p> +Sie sah mir ins Gesicht und lächelte so sonderbar. +Darauf verfiel sie in tiefes, tiefes Nachdenken. +Und lange saß sie da, mit diesem Lächeln auf den Lippen +und dachte an Vergangenes. +</p> + +<p> +<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> +„Ich liebte es unendlich, ihm zu vergeben, Wanjä,“ +fuhr sie fort. „Wenn er mich allein ließ und ich im +Zimmer auf und ab ging, weinte und mich quälte, +dann dachte ich immer: je schuldiger er vor mir sein +wird, um so besser ... Ja! Und weißt du: immer +schien es mir, daß er ein kleiner Junge sei: ich sitze da, +er legt seinen Kopf auf meinen Schoß und schläft ein, +dann streiche ich ihm leise übers Haar ... Immer +habe ich ihn mir so vorgestellt, wenn er nicht bei mir +war ... Weißt du, Wanjä,“ wandte sie sich plötzlich +an mich, „wie reizend ist doch Katjä!“ +</p> + +<p> +Ich fühlte es, daß sie mit Absicht ihre Wunde aufriß, +als fühlte sie ein Bedürfnis – ein Bedürfnis, der +Verzweiflung und des Leides ... Das geschieht oft +mit Herzen, die viel verloren haben! +</p> + +<p> +„Wie es mir scheint, wird Katjä ihn glücklich machen,“ +fuhr sie fort. „Sie hat Charakter und spricht zu +ihm so überzeugt, so ernst und überlegen – und stets +von hohen Dingen, wie eine Erwachsene. Und dabei ist +sie selbst – das reine Kind! Ein liebes, liebes Kind! +Oh, möchten sie glücklich sein!“ +</p> + +<p> +Tränen und Schluchzen erschütterten ihren Körper. +Ganze anderthalb Stunden konnte sie nicht zu sich +kommen, sich irgendwie beruhigen. +</p> + +<p> +Dieser Engel von Natascha! Und doch konnte sie +noch an demselben Abend, trotz ihres Kummers, Teilnahme +für mich und meine Sorgen haben, als ich ihr, +um sie zu zerstreuen, von Nelly erzählte ... Wir +trennten uns erst spät abends, ich wartete bis sie eingeschlafen +war und bat Mawra, als ich fortging, heute +nacht bei ihrer kranken Herrin zu wachen. +</p> + +<p> +<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> +„Oh, schneller, schneller,“ dachte ich, als ich zu mir +zurückkehrte, „schneller ein Ende mit diesen Qualen! +Einerlei wodurch, einerlei wie, nur schneller, schneller!“ +</p> + +<p> +Um neun Uhr morgens war ich bereits wieder bei +ihr. Zu gleicher Zeit mit mir fand sich auch Aljoscha +ein – um Abschied zu nehmen. Ich möchte nicht von +diesen Augenblicken sprechen, und nicht an sie denken. +Natascha wollte lustig und gleichgültig erscheinen, und +konnte es nicht. Sie umarmte Aljoscha krampfhaft. +Sie sprach kein Wort mit ihm, sie sah ihn nur ganz +verstört an. Sie hörte gierig jedem seiner Worte zu +und schien doch nicht zu begreifen, was er zu ihr +sprach. Ich weiß, er bat sie, ihm zu vergeben, ihm und +seiner Liebe alles das, womit er sie in der letzten +Zeit gekränkt, seine Untreue zu ihr und seine Liebe +zu Katjä, seine Abfahrt ... Er sprach zusammenhanglos, +Tränen erstickten seine Stimme. Dann +versuchte er sie wieder zu beruhigen, sagte, daß er nur +auf einen Monat fortginge oder höchstens fünf Wochen, +daß er im Sommer wiederkomme und dann ihre Hochzeit +sei, und daß der Vater einwilligen würde, und schließlich, +was die Hauptsache, daß er übermorgen aus +Moskau zurückkehre, um mit ihr noch vier Tage zusammen +zu verleben, also würden sie jetzt nur auf einen +Tag getrennt sein ... +</p> + +<p> +Sonderbar: wenn er fest davon überzeugt gewesen +wäre, daß er die Wahrheit sprach und übermorgen aus +Moskau zurückkehrte, – warum weinte er und quälte +er sich so? +</p> + +<p> +Endlich schlug die Uhr elf. Ich konnte ihn nur +mit aller Gewalt bereden aufzubrechen. Der Moskauer +<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a> +Schnellzug fuhr um Punkt zwölf Uhr ab. Es blieb ihm +nur noch eine Stunde. Natascha sagte mir später +selbst, daß sie sich der letzten Augenblicke nicht mehr entsinne. +Sie bekreuzte ihn, glaube ich, küßte ihn, bedeckte +ihr Gesicht mit beiden Händen und lief ins +Zimmer zurück. Ich mußte Aljoscha zur Equipage +führen, sonst wäre er niemals fortgegangen. +</p> + +<p> +„Meine ganze Hoffnung beruht auf Dir,“ sagte er +mir beim Abschied. „Freund Wanjä, ich bin niemals +deiner Liebe würdig gewesen, doch bleibe mir trotzdem +ein Bruder; verlasse du sie nicht, schreibe mir alles +ausführlich über sie, so ausführlich, als nur möglich. +Übermorgen werde ich wieder da sein, bestimmt, bestimmt! +Doch dann, wenn ich dann fortfahre, dann +schreibst du!“ +</p> + +<p> +Ich setzte ihn in den Wagen. +</p> + +<p> +„Bis übermorgen!“ rief er mir noch zu, „bestimmt!“ +</p> + +<p> +Als ich mit bangem Herzen oben wieder Nataschas +Zimmer betrat, stand sie mitten im Zimmer, mit +verkreuzten Armen und blickte mich so fremd an, als erkenne +sie mich nicht. Ihr Haar war in Unordnung; ihr +Blick war trübe und wie irrsinnig. Mawra stand an +der Tür und sah sie angstvoll an. +</p> + +<p> +Plötzlich blitzten ihre Augen auf. +</p> + +<p> +„Ah! Du bist es! Du!“ schrie sie mich an, „Du +allein bist geblieben. Du mochtest ihn nicht! Du hast +es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn liebte ... +Jetzt bist du wieder da! Wie? Bist wohl wieder mich +beruhigen gekommen, mich bereden, zum Vater zurückzukehren, +der mich verflucht hat. Das wußte ich bereits +<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a> +seit gestern, seit zwei Monaten! ... Ich will +nicht, will nicht! Ich selbst werde sie verfluchen! ... +Geh fort, ich will dich nicht sehen! Fort, fort!“ +</p> + +<p> +Ich verstand, daß sie außer sich war, und daß mein +Anblick ihren Zorn bis zur Raserei steigerte, ich begriff +zugleich, daß es so kommen mußte und beschloß, hinauszugehen. +Ich setzte mich auf die erste Treppenstufe und +– wartete. Von Zeit zu Zeit öffnete ich die Tür und +rief Mawra hinaus, um sie auszufragen; Mawra +weinte. +</p> + +<p> +So vergingen anderthalb Stunden. Was ich in +dieser Zeit durchlebt, ist nicht wiederzugeben. Mein +Herz erstarb in mir und tat mir zu gleicher Zeit grenzenlos +weh. Plötzlich öffnete sich die Tür und Natascha +stürzte in Hut und Mantel heraus. Sie war noch +nicht zu sich gekommen und sie gestand mir selbst später, +daß sie nicht gewußt hätte, was sie beabsichtigt, und +wohin sie habe laufen wollen. +</p> + +<p> +Ich konnte kaum von meinem Platze springen, um +mich vor ihr zu verbergen, als sie mich bereits gewahrte +und wie angewurzelt vor mir stehen blieb. „Es +fiel mir plötzlich ein, daß ich Wahnsinnige, Hartherzige, +dich hatte fortschicken können, dich, meinen einzigen +Freund, meinen Bruder und Retter!“ erzählte sie mir +später. „Und als ich sah, daß du, den ich beleidigt, vor +meiner Tür auf der Treppe sitzest und wartest bis ich +dich wieder rufe, Gott! – wenn du wüßtest, Wanjä, +was damals in mir vorging – als hätte man mir einen +Dolch ins Herz gestoßen ...“ +</p> + +<p> +„Wanjä, Wanjä,“ rief sie und streckte mir beide +Hände entgegen. „Du hier! ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a> +Und sie fiel in meine Arme. +</p> + +<p> +Ich hob sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war +ohnmächtig. „Was tun?“ dachte ich. „Sie wird erkrankt +sein, das ist sicher!“ +</p> + +<p> +Ich entschloß mich zum Doktor zu laufen; hier +mußte sofort eingegriffen werden. Ich konnte schnell +zu ihm fahren, bis zwei Uhr war mein alter Deutscher +immer zu Hause. Ich eilte zu ihm, und befahl Mawra, +Natascha nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, allein +zu lassen, ihr auch jeden Ausgang zu verweigern. Gott +war mir gnädig: ein wenig später und ich hätte meinen +Alten nicht mehr zu Hause angetroffen. Er begegnete +mir bereits auf der Straße. Ich setzte ihn in die +Droschke, so daß er kaum zur Besinnung kam, und wir +fuhren zurück zu Natascha. +</p> + +<p> +Ja. Wirklich, Gott war mir gnädig! In der halben +Stunde meiner Abwesenheit hatte sich bei Natascha +etwas zugetragen, das sie vollständig hätte vernichten +können, wenn ich nicht zur rechten Zeit mit dem Doktor +erschienen wäre. Eine viertel Stunde nach meiner +Entfernung, war der Fürst bei ihr erschienen. Er +hatte die Seinen zur Bahn begleitet und war direkt von +da zu Natascha gekommen. Dieser Besuch war wahrscheinlich +eine längst beschlossene Sache für ihn gewesen. +Natascha erzählte mir selbst später, daß sie im +ersten Augenblick gar nicht erstaunt gewesen, als sie den +Fürsten gesehen. „Mein Geist war umnachtet,“ sagte +sie. +</p> + +<p> +Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit zärtlichen +und mitleidigen Blicken an. +</p> + +<p> +„Meine Liebe,“ sagte er seufzend zu ihr, „ich verstehe +<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a> +Ihren Kummer; ich wußte, wie schwer Ihnen dieser +Augenblick fallen würde, darum hielt ich es für +meine Pflicht, Sie aufzusuchen. Trösten Sie sich, wenn +Sie können, wenigstens damit, daß Sie, indem Sie zurückgetreten +sind, Aljoscha den Weg zum Glück freigegeben +haben. Doch werden Sie das besser wissen als +ich, denn Sie haben sich selbst zu diesem großmütigen +Schritt entschlossen ...“ +</p> + +<p> +„Ich saß da und hörte ihm zu,“ erzählte mir Natascha, +„zuerst konnte ich nicht begreifen, was er sagte. +Ich habe ihn nur starr – starr angesehen. Er ergriff +meine Hand und drückte sie in der seinen. Das schien +ihm sehr angenehm zu sein. Ich war so geistesabwesend, +daß ich es zuerst nicht einmal bemerkte.“ +</p> + +<p> +„Sie haben verstanden,“ fuhr er fort, „daß, wenn +Sie Aljoschas Frau geworden wären, er Sie in der +Folge vernachlässigt hätte, und Sie haben so viel edlen +Stolz ... doch, ich bin nicht gekommen, um Sie zu +loben. Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie in +niemandem und niemals einen so guten Freund finden +werden, als in mir. Ich fühle mit Ihnen und bedaure +Sie. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit sehr +Teil an Ihnen genommen, doch – meine Pflicht mußte +ich erfüllen. Ihr vorzügliches Herz wird das verstehen +und sich mit dem meinen aussöhnen ... Mir +fiel es vielleicht schwerer als Ihnen; glauben Sie mir.“ +</p> + +<p> +„Genug Fürst,“ erwiderte ihm Natascha. „Lassen +Sie mich endlich in Ruh.“ +</p> + +<p> +„Gewiß, ich werde Sie sofort verlassen, doch liebe +ich Sie, wie meine Tochter. Werden Sie es mir erlauben, +<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a> +Sie zu besuchen? Sehen Sie in mir einen Vater +und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein.“ +</p> + +<p> +„Ich habe nichts nötig, wollen Sie mich bitte verlassen,“ +antwortete ihm wieder Natascha. +</p> + +<p> +„Ich weiß, daß Sie stolz sind ... Doch spreche +ich zu Ihnen aufrichtig, von Herzen. Was beabsichtigen +Sie jetzt zu tun? Werden Sie sich mit Ihren Eltern +versöhnen? Das wäre gewiß gut; doch Ihr Vater ist ungerecht, +stolz und ein Despot; verzeihen Sie mir, aber er +ist es. In Ihrem Hause werden Sie nur Vorwürfen +und neuen Qualen begegnen ... Es ist also nötig, daß +Sie unabhängig bleiben und meine heilige Pflicht ist es +jetzt – für Sie zu sorgen und Ihnen zu helfen. Aljoscha +hat mich gebeten, Sie nicht zu verlassen und Ihnen +ein Freund zu sein. Doch auch außer mir gibt es +Leute, die Ihnen sehr ergeben sind. Sie werden es mir +hoffentlich gestatten, daß ich Ihnen den Grafen N. vorstelle. +Er ist ein Verwandter von uns und mit seinem +gütigen Herzen, man kann wohl sagen, ein Wohltäter +unserer Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha +hat ihn denn auch sehr geachtet und lieb gehabt. +Er ist eine sehr hohe Persönlichkeit, mit großem Einfluß, +ein alter Mann, den Sie zu jeder Zeit empfangen +können. Er ist immer bereit, Ihnen, wenn Sie +wollen, bei einer seiner Verwandten, eine vorzügliche +Stellung verschaffen. Ich habe ihm bereits vor längerer +Zeit von Ihnen erzählt und er interessiert sich so +sehr für Sie, daß er den Wunsch ausgesprochen hat, +Ihnen so bald als möglich vorgestellt zu werden ... +Glauben Sie mir, er ist ein freigebiger, ehrenwerter, +alter Herr, der das Schöne zu schätzen weiß, der noch +<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a> +unlängst sich Ihrem Vater gegenüber aufs edelste benommen, +in einer Geschichte, die ...“ +</p> + +<p> +Natascha fuhr tief gekränkt auf, jetzt hatte sie ihn +verstanden. +</p> + +<p> +„Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich sofort!“ +rief sie. +</p> + +<p> +„Nun, meine Liebe, Sie vergessen sich wirklich: der +Graf kann Ihnen und besonders Ihrem Vater sehr +nützlich sein ...“ +</p> + +<p> +„Mein Vater wird von Ihnen niemals etwas annehmen. +Verlassen Sie mich, bitte!“ rief nochmals Natascha. +</p> + +<p> +„O, mein Gott, wie ungeduldig und mißtrauisch Sie +sind! Wodurch habe ich das verdient,“ erwiderte der +Fürst etwas unsicher werdend. „Auf jeden Fall, erlauben +Sie mir,“ fuhr er fort, ein großes Papierpaket +aus der Tasche ziehend, „Ihnen als Beweis meiner +Teilnahme für Sie und auch der Teilnahme des Grafen +N., der mit seinem Rat mir beigestanden, hier in dem +Paket zehntausend Rubel zu überreichen ... Warten +Sie einen Augenblick,“ fuhr er fort, als er sah, daß Natascha +sich voll Zorn von ihrem Platz erhoben hatte. +„Hören Sie mich, bitte, geduldig an, Sie wissen, daß +Ihr Vater dieses Geld an mich verloren hat, und diese +zehntausend Rubel sollen jetzt zur Belohnung ...“ +</p> + +<p> +„Fort!“ schrie Natascha außer sich, „fort mit diesem +Gelde! Ich durchschaue Sie ganz. – Sie niedriger, +gemeiner Mensch!“ +</p> + +<p> +Bleich vor Wut erhob sich der Fürst von seinem +Stuhl. +</p> + +<p> +Aller Wahrscheinlichkeit nach war er zu Natascha +<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a> +gekommen, um etwas über ihre jetzige Lage zu erfahren. +Auch glaubte er fest daran, dieser armen und von allen +verlassenen Natascha dieses Angebot von zehntausend +Rubel machen zu dürfen. Niedrig und gemein wie er +war, hatte er des öfteren dem alten Lüstling Graf N. +einen ähnlichen Dienst erwiesen. Er selbst haßte Natascha +und als er nun sah, daß er sich in der Sache verrechnet +hatte, so wollte er die Gelegenheit nicht unbenützt +vorüber lassen, ohne sie tödlich zu beleidigen. +</p> + +<p> +„Das ist durchaus nicht angebracht, meine Liebe, daß +Sie sich darüber so empören,“ brachte er mit vor Erregung +zitternder Stimme vor, in der die ganze Ungeduld +der Erwartung lag, den Effekt seiner Beleidigung so +bald als möglich zu erleben; „man bietet Ihnen Schutz +an, Sie aber rümpfen das Näschen ... Sie scheinen +es nicht zu wissen, wie dankbar Sie mir zu sein haben, +denn ich hätte Sie schon längst in eine Korrektionsanstalt +bringen können – als Vater eines von Ihnen verführten +Sohnes, den Sie ausgenützt haben – und ich +habe es nicht getan ... he, he, he!“ +</p> + +<p> +Doch in dem Augenblick waren wir schon in der +Wohnung. Ich hatte bereits in der Küche die Stimme +des Fürsten erkannt, ich ließ den Doktor stehen, stürzte +ins Zimmer und war Zeuge seiner letzten Worte. Er +brach in ein widerliches Gelächter aus, worauf ich Natascha +„Oh, mein Gott!“ ausrufen hörte. In dem +Augenblick stürzte ich mich bereits auf ihn. +</p> + +<p> +Ich spie ihm ins Gesicht, ich schlug ihm ins Gesicht. +Er wollte sich auf mich stürzen, als er aber bemerkte, +daß wir zwei waren, griff er schnell nach seinem +Geldpaket und lief hinaus. Unterdessen war der Doktor +<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a> +Natascha zu Hilfe geeilt, die außer sich wie in einem +Anfall um sich schlug. Lange konnten wir sie nicht +beruhigen: endlich aber gelang es uns, sie zu Bett zu +legen. +</p> + +<p> +„Doktor! Was fehlt ihr?“ wandte ich mich in meiner +Angst an ihn. +</p> + +<p> +„Das muß man erst abwarten,“ antwortete er mir, +„noch kann ich nichts Näheres bestimmen. Das kann +mit einem Nervenfieber enden ... Man muß Maßnahmen +treffen ...“ +</p> + +<p> +In mir blitzte ein neuer Gedanke auf. Ich flehte +den Doktor an, zwei bis drei Stunden bei Natascha zu +verweilen, sie auf keinen Augenblick zu verlassen. Er +gab mir sein Wort und ich lief zu mir nach Haus. +</p> + +<p> +Nelly saß finster und erregt in der Ecke des Zimmers +und sah mich verwundert an. Ich muß wohl sehr +sonderbar ausgesehen haben. +</p> + +<p> +Ich ergriff ihre Hand, setzte mich auf den Diwan, +hob sie auf meine Knie und küßte sie heiß und zärtlich. +Sie errötete. +</p> + +<p> +„Nelly, mein Engel!“ sagte ich zu ihr. „Willst du +unser aller Retter sein?“ +</p> + +<p> +Sie sah mich verwundert an. +</p> + +<p> +„Nelly! Meine ganze Hoffnung ruht auf dir! +Es gibt einen Vater: Du kennst ihn; er hat seine Tochter +verflucht und gestern kam er her, um dich an Kindesstatt +anzunehmen. Jetzt hat der, den Natascha liebte, +und um dessentwillen sie von ihrem Vater gegangen +war, sie verlassen. Er ist der Sohn dieses Fürsten, der, +du erinnerst dich doch, an einem Abend hier war, und +dich nur allein antraf; du aber warst von ihm fortgelaufen +<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a> +und nachher davon erkrankt ... Du kennst ihn +doch? Er ist ein böser Mensch!“ +</p> + +<p> +„Ich weiß,“ antwortete Nelly und zuckte zusammen. +</p> + +<p> +„Ja, er ist ein böser Mensch. Er haßte Natascha, +weil sein Sohn Aljoscha sie heiraten wollte. Heute ist +Aljoscha fortgefahren und eine Stunde nachher kam der +Fürst zu ihr, beleidigte sie und drohte ihr mit der Korrektionsanstalt +und verspottete sie. Kannst du mich verstehen, +Nelly?“ +</p> + +<p> +Ihre dunkeln Augen blitzten, doch senkte sie sie +schnell zu Boden. +</p> + +<p> +„Ich verstehe,“ flüsterte sie kaum hörbar. +</p> + +<p> +„Jetzt ist Natascha krank und allein; ich habe unseren +Doktor bei ihr gelassen und bin schnell zu dir gelaufen. +Höre mich an, Nelly: gehen wir beide zu Nataschas Eltern; +du liebst ihren Vater nicht, du wolltest nicht zu +ihm, doch jetzt, mit mir zusammen mußt du es tun. Wir +treten zusammen ein, und ich sage, daß du willig bist, +die Stelle Nataschas bei ihm einzunehmen. Der Alte ist +jetzt krank, weil er Natascha verflucht, und der Vater +Aljoschas ihn vor ein paar Tagen tödlich beleidigt hat. +Er will jetzt nichts von seiner Tochter wissen, doch er +liebt sie, liebt sie, Nelly, und möchte sich mit ihr aussöhnen; +ich weiß es, ich weiß es alles! Es ist so! ... +Hörst du, Nelly?“ ... +</p> + +<p> +„Ich höre,“ sagte sie mit demselben Flüsterton. +</p> + +<p> +Ich sprach zu ihr mit tränenerstickter Stimme. Sie +sah mich scheu an. +</p> + +<p> +„Glaubst du daran?“ +</p> + +<p> +<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a> +„Ich glaube.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann komm mit mir! Man wird dich freundlich +empfangen und dich nach allem ausfragen. Ich +werde dann das Gespräch auf deine Mutter und deinen +Großvater lenken. Du erzählst ihnen alles, Nelly, wie +du es mir erzählt hast. Erzähle ihnen, wie dieser böse +Mensch deine Mutter verlassen hat, wie sie in der Kellerwohnung +bei der Bubnowa gestorben, wie du mit +deiner Mutter in den Straßen gebettelt hast; was sie +dir gesagt, und um was sie dich gebeten, als sie starb +... Bei der Gelegenheit erzähle auch von deinem +Großvater, wie er deiner Mutter nicht verzeihen wollte, +und wie sie dich in ihrer Sterbestunde zu ihm schickte, +damit er ihr Verzeihung gewähre, wie er es ihr verweigerte +und wie sie dann allein gestorben. Alles, alles +erzähle! Durch deine Erzählung wird das Gewissen +des Alten aufgerüttelt werden. Denn er weiß, daß +heute Aljoscha sie verlassen, daß sie beleidigt und beschimpft +allein ohne Hilfe und Schutz zurückgeblieben, +ihrem Feinde preisgegeben ist. Er weiß das alles ... +Nelly, rette Natascha! Willst du es tun?“ +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete sie, schwer atmend und mich mit +einem so sonderbaren Blick starr ansehend; es lag ein +stummer Vorwurf in diesem Blick, ich fühlte es wohl in +meinem Herzen. +</p> + +<p> +Doch konnte ich mich von dem Gedanken nicht mehr +trennen. Ich glaubte zu sehr an ihn. Ich faßte Nelly +an der Hand und wir gingen hinaus. In der letzten +Zeit war das Wetter so drückend und schwül gewesen, +man hörte in der Ferne jetzt den ersten Donner. Eine +dunkle Wolke zog auf und der Wind wirbelte den +<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a> +Staub hoch auf in den Straßen. Es war drei Uhr +nachmittags. +</p> + +<p> +Wir nahmen eine Droschke. Auf dem ganzen Wege +schwieg Nelly, nur von Zeit zu Zeit sah sie mich mit +ihrem sonderbaren, rätselhaften Blick an. Ihre Brust +hob und senkte sich, ich fühlte wie in ihrer kleinen Handfläche +ihr Herzchen schlug, als wollte es herausspringen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-7"> +<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a> +VII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen +wir an und mit beklommenem Herzen trat ich zu den +Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen Gefühlen +ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand +fest, nicht ohne Versöhnung und Frieden für uns alle +erlangt zu haben. +</p> + +<p> +Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten +saßen allein, wie gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch +fühlte sich immer noch sehr schwach und lag bleich in +seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna +saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit +fragenden und besorgten Blicken an, was den Alten +jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern schien. Er +schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht +zu brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide +in Erstaunen. Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken +als sie mich mit Nelly erblickte, und in dem ersten +Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie Schuldbewußtsein +zu haben. +</p> + +<p> +„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte +ich eintretend. „Sie hat sich bedacht und selbst eingewilligt +zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie sie und +haben Sie sie lieb ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a> +Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, +daß ihm bekannt, daß Natascha jetzt verlassen, allein +und erniedrigt dastehe. Er wollte offenbar hinter das +Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich, +wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte +meine Hand fest in der ihren, sah zu Boden, und warf +nur flüchtig hin und wieder ihren Blick, schnell wie einen +Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann +sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte +sich auf Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an +zu weinen, setzte sie neben sich und ließ ihre kleinen +Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah sie mit Neugier +und Verwunderung von der Seite an. +</p> + +<p> +Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost +hatte, wußte sie nicht mehr, was nun weiter zu tun, und +sah mich in naiver Erwartung fragend an. Der Alte +runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum ich +Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene +Miene und finstere Stirn bemerkt hatte, +führte er die Hand zum Kopfe und sagte mit abgerissener +Stimme: +</p> + +<p> +„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“ +</p> + +<p> +Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, +wie beginnen. Im Zimmer war es düster; die dunkle +Wolke kam immer näher, man hörte das ferne Rollen +des Donners. +</p> + +<p> +„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte +Ichmenjeff. „Ich erinnere mich, im Jahre +siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka ebenfalls +so früh im Jahr ein Gewitter.“ +</p> + +<p> +Anna Andrejewna seufzte. +</p> + +<p> +<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a> +„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte +sie schüchtern; doch niemand antwortete ihr, und sie +wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie heißt du, +mein Täubchen?“ fragte sie sie. +</p> + +<p> +„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen +und senkte das Köpfchen noch tiefer. Der Alte sah sie +forschend an. +</p> + +<p> +„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna +aufmunternd hinzu. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete Nelly. +</p> + +<p> +Und wieder folgte minutenlanges Schweigen. +</p> + +<p> +„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß +die Kleine auch Helene,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, +„man rief sie Nelly.“ +</p> + +<p> +„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine +Mutter mehr?“ fragte wieder Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz. +</p> + +<p> +„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und +ist deine Mutter schon lange tot?“ +</p> + +<p> +„Nicht lange.“ +</p> + +<p> +„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna +fort, sie mitleidig betrachtend. +</p> + +<p> +Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit +seinen Fingerspitzen auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So +erzählten Sie doch, Iwan Petrowitsch?“ setzte scheu die +Alte ihre Fragen fort. +</p> + +<p> +Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig +an, als riefe sie mich zu Hilfe. Sie atmete schwer und +unregelmäßig. +</p> + +<p> +„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, +<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a> +„war die Tochter eines Engländers und einer Russin, +so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist im Auslande +geboren.“ +</p> + +<p> +„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten +ins Ausland gefahren?“ +</p> + +<p> +Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna +begriff sofort, daß sie zu weit gegangen und zuckte unter +dem strafenden Blick des Alten zusammen. Er sah +sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster. +</p> + +<p> +„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen +betrogen worden,“ wandte er sich plötzlich an +Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den Vater +verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er +aber brachte sie ins Ausland, betrog sie um das Geld +und verließ sie. Ein guter Freund von ihr hat ihr +dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er gestorben +war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater +zurück. War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch. +</p> + +<p> +Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem +Platze erhoben und wollte zur Tür gehen. +</p> + +<p> +„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die +Hand reichend, „setze dich hierher, neben mich, so!“ +</p> + +<p> +Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und +strich ihr leise übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen +Körper, doch beherrschte sie sich. Anna Andrejewna +sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie Nikolai +Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz +schloß. +</p> + +<p> +„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser +Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat, aber ich +weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt und geachtet +<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a> +hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort +Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, +diese Herausforderung an uns zu richten. Seine +bleichen Wangen röteten sich und er vermied es, uns +anzusehen. +</p> + +<p> +„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie +liebte,“ sagte Nelly mit fester Stimme und bemühte +sich ebenfalls niemanden anzusehen. +</p> + +<p> +„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte +heftig und ungeduldig wie ein Kind. +</p> + +<p> +„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden +Nelly. „Er hat Mama nicht zu sich genommen ... +er hat sie von sich gestoßen ...“ +</p> + +<p> +Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten +wollte, zum Beispiel, daß der Alte das volle +Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns an und +schwieg. +</p> + +<p> +„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der +Großpapa euch nicht aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, +die plötzlich den Eigensinn zu haben schien, dieses +Thema weiter fortzusetzen. +</p> + +<p> +„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach +Großpapa gesucht,“ antwortete Nelly, „doch konnten +wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir damals, +daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine +Fabrik habe bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm +geworden, weil derjenige, der mit Mama ins Ausland +fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr +nicht mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama +selbst erzählt.“ +</p> + +<p> +„Hm! ...“ brummte der Alte. +</p> + +<p> +<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a> +„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer +mehr und mehr belebend und offenbar mit dem +Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre Aussage zu beweisen, +obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, +„sie sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen +und sie in allem vor ihm schuldig sei und daß sie +jetzt außer Großpapa keinen Menschen mehr auf der +Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und +sie sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er +ihr ‚nie verzeihen‘ wird, doch vielleicht würde er, wenn +er mich sieht, mich lieb gewinnen, und ihr um meinetwillen +vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte +mich immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie +lehrte mich, für Großpapa zu beten und betete selbst für +ihn und immer erzählte sie mir dann, wie sie früher zusammen +mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt +habe, lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt +und am Abend vorgelesen und Großpapa hätte +sie reich beschenkt ... Einmal habe er sich zu Mamas +Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für +Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich +Ohrringe gewünscht und Großpapa hatte gesagt, daß sie +keine bekommen würde. Als Mama am Namenstage +gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe +geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... +nachher habe er sie aber geküßt und sie selbst um Verzeihung +gebeten ...“ +</p> + +<p> +Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen +lassen und ihre bleichen, kranken Wangen hatten +sich gerötet. +</p> + +<p> +Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von +<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a> +ihren glücklichen Tagen erzählt zu haben, als sie da unten +in der Kellerwohnung saßen und sie ihr Kind, das +einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und +dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, +welchen starken und krankhaften Eindruck ihre Erzählungen +auf das frühentwickelte Herzchen ihres kleinen +Kindes machen mußten. +</p> + +<p> +Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch +im Kreise um und verstummte. Der Alte runzelte +die Stirn und trommelte wieder auf den Tisch; in +Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die +sie sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete. +</p> + +<p> +„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ +fügte Nelly mit leiser Stimme hinzu. „Sie hatte eine +kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange und konnten +ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im +Keller.“ +</p> + +<p> +„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna +entsetzt. +</p> + +<p> +„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. +„Mama war sehr arm. Mama hat mir gesagt,“ +fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu +sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht +... und daß Gott sie gestraft habe.“ +</p> + +<p> +„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? +Dort bei der Bubnowa?“ fragte der Alte, +an mich gewandt mit einer gewissen Nachlässigkeit. Es +genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen. +</p> + +<p> +„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ +antwortete Nelly. „Dort war es sehr feucht und +dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen fort „und Mama +<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a> +war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich +wusch ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte +Kapitanscha<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> und ein verabschiedeter Beamter, der +jede Nacht betrunken nach Hause kam und dann schrie und +schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen, +die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und +sie wollte sie verteidigen; da schlug der Beamte Mama +und ich wieder den Beamten ...“ +</p> + +<p> +Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte +sie, ihre Augen blitzten. +</p> + +<p> +„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz +Ohr war und ihr Auge von Nelly nicht abwenden +konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an sie. +</p> + +<p> +„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte +Nelly weiter. „Wir gingen den ganzen Tag bis zum +Abend in den Straßen herum, Mama ging und weinte +und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr +müde, wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama +sprach die ganze Zeit zu mir und sagte mir: ‚bleibe +arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf niemanden +und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe +arm und arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so +bitte um Almosen, aber zu ihnen gehe du nicht.‘ In +der Dämmerstunde gingen wir durch eine große hellerleuchtete +Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, +Asorka!‘ Es sprang ein großer Hund herbei, kam +winselnd zu Mama und sprang vor Freude an Mama +hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem +hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und +immer zur Erde sah, auf die Knie warf. Und dieser +<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a> +hohe alte Mann im abgetragenen Überzieher, das war +Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen. +Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als +er sah, wie Mama vor ihm auf der Straße kniete, aber +er stieß Mama zurück, machte sich von ihr los, schlug +mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon. +Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude +und beleckte Mama; darauf lief er zu Großpapa, packte +ihn an der Hose und zog und zerrte ihn zurück, aber +Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam +darauf wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, +da lief er davon und heulte noch immer. Mama +aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten sich +Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte +mich, Mama aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, +sah ganz verwundert um sich und ging dann mit mir +weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen +uns noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“ +</p> + +<p> +Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte +sie sich wieder auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem +Blick lag feste Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, +wie es schien, alles zu sagen. In ihr lag sogar +etwas Herausforderndes in diesem Augenblick. +</p> + +<p> +„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer +Stimme, in gereiztem Tone. „Nun, deine +Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie hatte es +verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“ +</p> + +<p> +„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte +Nelly plötzlich, „und als wir nach Haus gingen, sagte +sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und ich habe +ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen +<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a> +und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, +und den ganzen Abend und alle folgenden Tage sprach +sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen ...“ +</p> + +<p> +Der Alte schwieg. +</p> + +<p> +„Aber wie kamt ihr denn später in die andere +Wohnung?“ fragte Anna Andrejewna, der noch die +Tränen über die Wangen rollten. +</p> + +<p> +„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die +Kapitanscha fand schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, +und nach drei Tagen zogen wir dann hin. Als +wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz +krank und sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte +sie. Geld hatten wir gar nicht mehr, aber uns halfen +die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“ +</p> + +<p> +„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte +ich erklärend. +</p> + +<p> +„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte +und umherging, da erzählte sie mir auch von Asorka.“ +</p> + +<p> +Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr +willkommen zu sein, daß das Gespräch auf Asorka überging. +</p> + +<p> +„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte +er wie beiläufig, sich noch mehr nach vorn neigend, als +wolle er sein Gesicht verbergen. +</p> + +<p> +„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete +Nelly auf seine Frage, „als sie krank war, erzählte +sie auch nur von ihm, und wenn sie im Fieber +phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und +als sie dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie +mir wieder wie sie früher gelebt hatte ... und dann +erzählte sie auch von Asorka, denn einmal hatten außerhalb +<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a> +der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur +zum Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte +Mama ihnen Geld gegeben und Asorka von ihnen gekauft. +Als aber Großpapa Asorka zu sehen bekommen, +da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka +dann fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, +daß Großpapa ganz erschrocken gewesen war und gesagt +hatte, er werde hundert Rubel demjenigen geben, +der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er +denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel +und von da an begann er Asorka sehr zu lieben. +Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß sie ihn +sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei +früher mit Komödianten herumgezogen und ein Äffchen +ist auf Asorka geritten und Asorka hat zu sitzen verstanden +und zu schießen und vieles andere hat er noch +verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen +hatte, da behielt Großpapa Asorka bei sich und +ging niemals ohne ihn auf die Straße, so wußte Mama +jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß +Großpapa in der Nähe war ...“ +</p> + +<p> +Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu +hören erwartet und schien unangenehm berührt zu sein. +Weiteres Fragen unterließ er jedenfalls. +</p> + +<p> +„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie +mehr den Großvater gesehen?“ fragte Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich +ihm wieder einmal. Ich ging zum Bäcker nach Brot: +plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und ich erkannte +in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus +<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a> +und drückte mich an die Hauswand. Großpapa aber +sah mich und sah mich lange an, und er hatte solch ein +böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an +mir vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an +mir in die Höhe und leckte meine Hände. Ich ging dann +schnell nach Haus, blickte mich aber noch einmal um, +und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat. +Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, +und ich erschrak noch mehr, und als ich nach Haus +kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie nicht +wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber +nicht mehr zum Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; +als ich dann am dritten Tage ging, begegnete mir niemand, +nur hatte ich große Angst, und ich lief so schnell +ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die +Ecke bog, stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir +und neben ihm Asorka. Ich lief schnell fort und lief durch +eine andere Straße, um von der andern Seite zum +Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf +ihn und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht +mehr weiter konnte. Großpapa rührte sich auch nicht, +er stand vor mir und sah mich wieder lange an, dann +aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte +mich mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte +mit der Rute. Da sah ich denn, daß Großpapa gar +nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf +den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze +Zeit. Er führte mich zum Höker, der an der anderen +Straßenecke saß und Äpfel und Pfefferkuchen verkaufte. +Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und +einen Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und +<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a> +einen Apfel, und als er das Geld aus dem Lederbeutel +nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein Fünfkopekenstück +auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf +und gab es ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken +und gab mir auch die Pfefferkuchen und streichelte +mich wieder, so über den Kopf, nur sagte er wieder +kein Wort und ging von mir fort nach Haus. +</p> + +<p> +„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich +ihr alles vom Großpapa und wie ich mich zuerst gefürchtet +und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte mir +zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich +den ganzen Abend immer wieder nach allem fragte, +mich küßte und weinte, und als ich ihr alles erzählt +hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor +Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben +müsse, wenn er absichtlich zu mir gekommen war. Und +sie sagte, ich solle freundlich zu ihm sein und antworten, +wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber +schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, +obwohl ich ihr sagte, daß Großpapa immer erst gegen +Abend kommt. Und wenn ich ging, kam sie selbst +mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch +am anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und +da es an diesem Tage regnete, erkältete sich Mama, +denn sie war doch hinausgegangen in den Regen und +da mußte sie wieder ins Bett. +</p> + +<p> +„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte +mir wieder einen Fisch und einen Apfel, sagte aber wieder +nichts. Als er aber von mir fortging, versteckte ich +mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte +ich mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa +<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a> +wohnte, und um das Mama zu sagen. Ich ging +ganz weit hinter ihm auf der andern Straßenseite, so, +damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte +aber sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und +starb, sondern in der Gorochowaja, auch in einem großen +Hause und vier Treppen hoch. Das erfuhr ich denn +alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte +sich sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich +geblieben war. Als ich ihr aber alles erzählt hatte, +war sie wieder sehr froh und wollte gleich am nächsten +Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen +wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu +fürchten, und sie dachte immer an ihn und fürchtete sich +ganze drei Tage; und so ging sie denn nicht zu ihm. +Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre, +Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, +aber ich habe einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, +geh du zu ihm und gib ihm diesen Brief. Und sieh +zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er sagt und +wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die +Hand und bitte ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ +Und Mama weinte die ganze Zeit und küßte mich und +segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben +ihr vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon +sie sehr krank war, begleitete sie mich doch bis auf die +Straße hinaus, und als ich zurückschaute stand sie immer +noch dort und sah mir nach wie ich ging ... +</p> + +<p> +„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, +denn die Tür war nicht verschlossen und hatte auch gar +keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und aß Brot +mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu +<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a> +wie er aß und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte +auch dort in jener Wohnung nur einen Tisch und einen +Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er +lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, +daß er ganz bleich wurde und zitterte. Ich erschrak +auch und sagte auch nichts, ich ging nur zum Tisch und +legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah, +wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock +griff und mich schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, +er führte mich nur hinaus in den Treppenflur und +stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe hinuntergegangen, +als er die Tür nochmals aufriß und mir +den Brief nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus +und erzählte alles Mama. Da wurde Mama wieder +krank ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-8"> +<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a> +VIII. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und +der Regen schlug in großen Tropfen an die Fensterscheiben; +im Zimmer wurde es dunkler. Anna Andrejewna +schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. +Wir waren alle verstummt. +</p> + +<p> +„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der +Alte nach einem Blick zum Fenster hinaus. Dann stand +er auf und ging eine Weile im Zimmer hin und her, wie +um sich Bewegung zu machen. +</p> + +<p> +Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft +erregt, das sah ich; doch sie vermied es, mich anzusehen. +</p> + +<p> +„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem +er sich wieder auf seinen Platz setzte. +</p> + +<p> +Nelly blickte scheu von einem zum anderen. +</p> + +<p> +„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“ +</p> + +<p> +„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“ +</p> + +<p> +„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ +ermunterte sie Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder +zu erzählen, „bis zum Winter. Dann wurde es kalt +und es schneite. Als ich Großpapa wiedersah, auf derselben +<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a> +Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war +ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht +mehr kam. Als ich ihn aber erblickte, lief ich absichtlich +auf das andere Trottoir, damit er sah, daß ich von ihm +fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute, sah ich, +daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um +mich einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und +Asorka lief ihm nach. Mir tat er leid und so blieb ich +stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich bei der Hand +und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb +er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte +mich. Da sah er auch, daß meine Schuhe schon ganz +schlecht waren und er fragte mich, ob ich denn keine besseren +hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld +mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu +essen gab. Großpapa sagte darauf nichts, aber er führte +mich auf den Markt und kaufte mir dort ein Paar Schuhe, +die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so, und dann +führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs +ging er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete +und zwei Bonbons, und als wir in sein Zimmer +kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er sah +mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann +gab er mir die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten +auf den Tisch gelegt und bat um ein Stückchen +Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und Großpapa +lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm +stehen und er streichelte mein Haar und fragte mich, ob +ich schon was gelernt habe und was ich überhaupt +wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er, +daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, +<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a> +er wolle mich selbst unterrichten. Dann sagte er, ich +müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm wenden und +zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich +wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, +aber dann guckte ich mich heimlich doch nach ihm um, +und da sah ich, daß er sein Kissen am unteren Ende +auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm. +Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: +‚Das ist für dich allein‘. Ich wollte es schon nehmen, +aber dann dachte ich nach und sagte: ‚Für mich allein +nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse, aber +er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging +fort, er aber küßte mich nicht zum Abschied. +</p> + +<p> +Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. +Sie fühlte sich aber immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, +bei dem wir wohnten, kam auch ein Student; +der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei. +</p> + +<p> +Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama +wollte es so. Großpapa kaufte das Neue Testament +und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; manchmal +aber erzählte er mir nur von den Ländern und +Völkern und was für Menschen es überall gibt und +was für Meere und Berge, und was früher alles war, +und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst +eine Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte +ich ihn immer recht viel und er sagte mir dann alles und +auch von Gott sprach er viel. Manchmal aber lernten +wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka liebte +mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock +springen, und Großpapa lachte und streichelte wieder +<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a> +meinen Kopf. Nur lachte Großpapa eigentlich sehr +selten. +</p> + +<p> +Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte +er und saß dann so, als wäre er eingeschlafen, +die Augen aber waren offen. Und so saß er bis es +dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer +so unheimlich, so alt sah er dann aus ... Zuweilen +aber war es so, wenn ich zu Großpapa kam: er sitzt +auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka +liegt neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich +huste ich: Großpapa hört aber gar nichts und rührt sich +nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu Hause aber +erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich +erzählte ihr dann immer alles, alles, während sie im +Bett lag, und es wurde darüber Nacht, ich aber erzählte +immer noch von Großpapa und sie hörte zu: was er erzählt +hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte, +und was ich das nächste Mal lernen würde. Und +wenn ich von Asorka erzählte, wie ich ihn über einen Stock +hatte springen lassen und wie Großpapa darüber gelacht +hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen, und sie +lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem +erzählen, und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich +aber dachte immer: wie kommt es, daß Mama, ihn, +den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und +als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie +Mama ihn liebte. Er hörte zu und rührte sich +nicht, und so böse sah er aus, kein Wort sagte er, er hörte +nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama +ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er +aber nach ihr gar nicht fragte. Da wurde Großpapa +<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a> +sehr böse und jagte mich hinaus auf den Treppenflur. +Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, +da kam er aber wieder und rief mich zurück, aber +er war immer noch sehr böse und schwieg die ganze +Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu lesen +begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß +Jesus Christus gesagt hat, wir sollen einander lieben +und alles verzeihen, er aber meiner Mama nicht vergeben +wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich von +Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich +wieder hinaus und sagte, daß ich mich nicht unterstehen +solle, nochmals zu ihm zu kommen. Ich aber sagte, daß +ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm kommen wolle +und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... +Großpapa zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung +aus ...“ +</p> + +<p> +„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange +dauern werde – da hat es schon aufgehört zu regnen +und dort scheint auch schon die Sonne hervor ... sieh, +Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster +wendend. +</p> + +<p> +Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, +und plötzlich drückte sich heftiger Unwille in den Augen +der bis dahin ängstlichen, eingeschüchterten alten +Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran und +nahm sie auf ihren Schoß. +</p> + +<p> +„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, +„ich werde allein zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ – +</p> + +<p> +Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, +und wischte sich wieder die Tränen aus den Augen. +Nelly sah mich, offenbar etwas verwundert und vielleicht +<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a> +auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der +Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte +jedoch nur mit der Achsel und wandte sich sogleich wieder +fort. +</p> + +<p> +„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann +Nelly wieder zu erzählen, „Mama aber fühlte sich damals +schon sehr schlecht. Geld hatten wir keinen Kopeken +mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, +und wir aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei +dem wir wohnten, hatte mit seiner Frau nichts mehr +zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu machen, +weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie +sagten. Da stand ich am dritten Tage auf und kleidete +mich an. Mama fragte mich, wohin ich denn gehen +wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu +bitten. Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch +alles erzählt, wie er mich von sich fortgejagt, und daß +ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen wollte. Sie weinte +wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen, +aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich +ging hin und erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen +war. Ich ging dann zu seiner neuen Wohnung. +Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir +zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich +sagte ihm schnell, daß Mama sehr krank sei und daß +wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig Kopeken, und +daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich +an und stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug +hinter mir die Türe zu, die er dann noch verriegelte. +Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm, daß ich so +<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a> +lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, +bis er mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. +Nach einer Weile machte er die Tür auf und sah +hinaus, und als er sah, daß ich dort saß, da schloß er +die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er +wieder die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die +Treppe und wieder die Tür schloß. Und noch mehrere +Mal machte er so die Tür auf und wieder zu. Endlich +trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür +ganz zu und ging an mir vorüber aus dem Hause +hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen. Auch ich sagte +kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“ +</p> + +<p> +„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna +ganz erschrocken aus, „aber es war doch kalt dort auf +der Treppe!“ +</p> + +<p> +„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly. +</p> + +<p> +„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen +... Du mein Täubchen, wieviel du ausgehalten +hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“ +</p> + +<p> +Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich +krampfhaft zusammen und erzählte weiter. +</p> + +<p> +„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, +und als er beim Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, +schrie er: wer ist hier? Ich sagte, daß ich es sei. Er +aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst fortgegangen, +und deshalb war er, als er mich immer noch +dort sitzen sah, sehr verwundert und stand lange Zeit +ganz still vor mir. Plötzlich schlug er mit dem Stock +auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß die Tür +auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er +<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a> +brachte mir Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und +er warf sie auf die Treppe. ‚Da hast du,‘ schrie er, +‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner +Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die +Tür zu. Aber die Geldstücke waren alle die Treppe +hinunter gerollt. Ich begann sie in der Dunkelheit zu +suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen +sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im +Dunkeln zu finden, so kam er denn mit einer Kerze aus +dem Zimmer und leuchtete, und da sammelte ich sie +schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen +und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen +seien, und dann ging er wieder zurück ins Zimmer. Als +ich nach Haus kam, gab ich Mama das Geld und erzählte +ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, +und ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen +Tage hatte ich auch Fieber, aber ich dachte nur an +eines, denn ich war böse auf Großpapa, und als Mama +wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die +Straße und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein +Haus erreichte, blieb ich auf dem Trottoir stehen. Da +kam <em>jener</em> ...“ +</p> + +<p> +„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem +ich Ihnen, Nikolai Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, +– der zusammen mit dem Kaufmann bei der Bubnowa +war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat +ihn Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, +Nelly.“ +</p> + +<p> +„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn +auf und bat ihn um Geld, um einen Rubel. Er sah +mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ +<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a> +Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich +wußte nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter +kleiner Herr mit einer goldenen Brille an uns +heran, denn er hatte gehört, was ich haben wollte, und +er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade +so viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre +und die Arznei so viel kostete. Er fragte, wo wir wohnten +und schrieb das in sein Taschenbuch und gab mir +einen Rubel. <em>Jener</em> aber, als er den alten Herrn +mit der Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, +daß ich mitgehen solle. Ich ging dann in eine Bude und +wechselte das Geld in kupferne Fünfkopekenstücke; von +denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein, die +behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken +wickelte ich aber nicht ein, sondern behielt sie in der +Hand und ging mit ihnen zu Großpapa. Als ich vor +seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb aber +auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze +Geld hin, so daß alle Kupferstücke über den Fußboden +rollten. ‚Da haben Sie Ihr Geld!‘ sagte ich zu ihm. +‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie verfluchen.‘ +Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“ +</p> + +<p> +Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich +stolzem, herausforderndem Blick sah sie den Alten an. +</p> + +<p> +„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren +Gatten weiter zu beachten und indem sie Nelly fest +an sich drückte. „So geschah ihm recht! Dein Großvater +war ein böser, grausamer Mensch ...“ +</p> + +<p> +„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch. +</p> + +<p> +„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ +fragte Anna Andrejewna ungeduldig. +</p> + +<p> +<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a> +„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir +nicht mehr entgegen,“ sagte Nelly. +</p> + +<p> +„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, +was tatet ihr? Ach, ihr Armen, ihr Armen!“ +</p> + +<p> +„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte +fast gar nicht mehr aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer +Stimme fort. „Geld hatten wir überhaupt keines +mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. +Die Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, +aber auch auf der Straße wandte sie sich an gutgekleidete +Leute und bat sie um Geld, denn nur davon lebte +sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß +sie aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben +stand, und auf denen gesagt war, daß sie sehr arm sei. +Diese Papiere zeigte sie immer vor und dafür gab man +ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande +sei, von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich +denn mit ihr und man gab uns Geld und davon lebten +wir. Mama erfuhr das bald, denn die anderen Einwohner +machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die +Bubnowa aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle +mich doch lieber zu ihr schicken als mich auf der Straße +betteln lassen. Sie war auch früher zu Mama gekommen +und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber +nicht von ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so +stolz?‘ und schickte uns dann etwas zu essen. Als sie +das von mir aber Mama erzählt hatte, begann Mama +zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa +aber, die ganz betrunken war, begann sie zu schelten und +sagte, daß ich sowieso ein Bettelkind sei und schon mit +der Kapitanscha ginge, und noch am selben Abend jagte +<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a> +sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das +alles erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich +auf, kleidete sich an, nahm mich bei der Hand und +führte mich mit sich fort. Iwan Alexandrowitsch wollte +sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn und wir +gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke +setzte sie sich hin und ich stützte sie. Und sie +sprach die ganze Zeit und sagte, daß sie zu Großpapa +gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur war es schon +lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen +schönen Hause, vor dem viele Equipagen standen und +viele Menschen kamen aus dem Hause und alle Fenster +waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb +stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: +‚Nelly, sei arm, bleibe dein Leben lang arm, gehe nicht +zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch zu dir kommen +sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen, +schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse +und roh, und nun höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite +und bitte um Almosen, wenn man aber zu dir kommt +und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will +nicht zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als +sie krank war und ich will ihr mein ganzes Leben lang +gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor Erregung. Ihr +Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde +mein ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch +zu Ihnen bin ich gekommen, um zu arbeiten, ich will +nicht so wie eine Tochter ...“ +</p> + +<p> +„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ +unterbrach sie Anna Andrejewna, die Nelly wieder mit +ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit an sich drückte. +<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a> +„Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das +sagte, mein Täubchen.“ +</p> + +<p> +„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte. +</p> + +<p> +„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, +„und wenn sie auch hundertmal wahnsinnig war, aber +sie hat mir das so gesagt, und ich werde mein ganzes +Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel +sie aber in Ohnmacht.“ +</p> + +<p> +„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im +Winter krank, auf der Straße! ...“ +</p> + +<p> +„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein +Herr trat für uns ein. Er fragte mich, wo wir wohnten, +gab mir zehn Rubel und ließ uns in seiner Equipage +nach Hause bringen. Von da an hat Mama +das Bett nicht mehr verlassen und nach drei Wochen +starb sie ...“ +</p> + +<p> +„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ +fragte Anna Andrejewna angstvoll und erschrocken. +</p> + +<p> +„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich +qualvoll zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem +Tode rief sie mich zu sich und sagte: ‚Nelly, geh noch +einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte ihn, daß +er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich +nach wenigen Tagen sterben werde und dich allein auf +der Welt zurücklasse. Und sage ihm noch, daß es mir +schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa +und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber +wie er mich erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder +schließen, doch hatte ich mich schon mit beiden Händen +an die Tür geklammert und schrie ihm zu: ‚Mama +stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß +<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a> +mich aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu +Mama zurück, legte mich neben sie hin, umarmte sie +und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich gleichfalls +und fragte mich auch nichts ...“ +</p> + +<p> +Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der +Hand schwer auf den Tischrand und erhob sich langsam, +doch blickte er uns alle nur mit einem seltsamen, trüben +Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft +wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna +beachtete ihn nicht, sie weinte und umarmte Nelly +... +</p> + +<p> +„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich +zu sich – es war schon Abend – und sie nahm meine +Hand und sagte: ‚Ich werde heute sterben, Nelly.‘ Sie +wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht mehr. Ich +sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar +nicht, nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite +ich vorsichtig meine Hand und lief aus dem Hause +und lief den ganzen Weg so schnell ich konnte bis zu +Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl +auf und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, +daß er ganz bleich wurde und zu zittern begann. Ich +ergriff seine Hand und sagte nur das eine: ‚Sie wird +gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er +lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte +zur Tür; sogar seinen Hut vergaß er, und es war doch +kalt. Ich nahm seinen Hut und gab ihn ihm und wir +liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur +Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn +Mama würde gleich sterben, aber Großpapa hatte im +ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl bei den +<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a> +Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber +die lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn +Asorka lief uns nach, und wir liefen immer weiter, immer +weiter. Großpapa wurde müde und atmete schwer, +aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er +und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob +ihn auf und half Großpapa aufzustehen und dann +führte ich ihn an der Hand, aber es war schon Nacht +als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon +tot. Als Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die +Arme, erzitterte und starrte sie an, sagte aber kein Wort. +Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn ans Bett +und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser +Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa +laut auf und fiel hin wie ein Toter ...“ +</p> + +<p> +Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, +sprang von ihrem Schoß und blieb bleich, +erschöpft und über alle Maßen erregt zwischen uns stehen. +Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, +zog sie von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase: +</p> + +<p> +„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du +mein Kind! Ja, Nelly, laß uns von hier fortgehen, +verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in ihrem Stolz +Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen +... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier +fort, komm! ...“ +</p> + +<p> +Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen +Erregung gesehn. Und offen gestanden: ich hätte +es auch gar nicht für möglich gehalten, daß sie sich unter +Umständen auch so erregen könnte. +</p> + +<p> +Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle +<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a> +bei den letzten Worten etwas auf und als er sah, +daß Anna Andrejewna es ernst meinte, erhob er sich +langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme: +</p> + +<p> +„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“ +</p> + +<p> +„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie +erregt, Nelly zur Tür nach sich ziehend. +</p> + +<p> +„Warte, warte doch, so warte doch!“ +</p> + +<p> +„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! +Ich habe lange genug gewartet und sie hat lange genug +gewartet, jetzt gehe ich, lebe wohl! ...“ +</p> + +<p> +Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal +zu ihrem Mann zurück. Da! – was war das? – +sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai Ssergejewitsch +stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich +mit zitternden Händen seinen Paletot an. +</p> + +<p> +„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es +fassen zu können, dann faltete sie die Hände und sah +ihn an, als wage sie noch nicht, an ein solches Glück zu +glauben. +</p> + +<p> +„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? +Wo ist meine Tochter?“ rang es sich plötzlich hervor. +„Gebt mir meine Tochter zurück, mein Kind! Wo ist +sie, wo ist sie?“ +</p> + +<p> +Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der +Hand und wandte sich hastig zur Tür. +</p> + +<p> +„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, +wurde diese von außen aufgestoßen und ins Zimmer +stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit glänzenden +Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. +<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a> +Ihr Kleid war verknüllt und vom Regen naß. Das +Tuch, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte, war +in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar +glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich +vor ihrem Vater auf die Kniee nieder und erhob flehend +die Hände. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-5-9"> +<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a> +IX. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust. +</p> + +<p> +Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu +seinem Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, +um dann seinerseits vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre +Hände, ihre Kniee, er konnte sich nicht satt sehen an ihr, +als wolle er das Versäumte nachholen, als glaube er +noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder +sah und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine +Natascha! Anna Andrejewna drückte, unfähig ein Wort +hervorzubringen, schluchzend Nataschas Köpfchen an ihre +Brust. +</p> + +<p> +„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine +Freude du!“ stammelte der Alte, Nataschas Hände mit +Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur Verliebte +haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem +doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben +Augen, in denen Tränen glänzten. „Mein Kind, +mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und wieder verstummte +er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. +„Aber wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen +habe!“ fuhr er mit seltsamem Kinderlächeln +fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein bißchen +ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig +<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a> +bleicher, aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! +Noch schöner als sie früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich +verstummte er wie unter einem seelischen +Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen, +von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei. +</p> + +<p> +„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ +bat Natascha. „Ich will Sie doch auch küssen ...“ +</p> + +<p> +„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast +du gehört, Annuschka, wie lieb sie das gesagt hat!“ +</p> + +<p> +Und er umarmte sie leidenschaftlich. +</p> + +<p> +„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen +Füßen liegen, bis ich fühle, daß du mir verziehen hast! +Sage mir, was soll ich tun, um deine Verzeihung zu erlangen! +Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich verflucht +– hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, +ich konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, +wie konntest du nur glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen +würde! Und du hast es doch geglaubt, hast es geglaubt! +Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht glauben +sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! +Wie konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu +halten? Weshalb kamst du nicht zu mir? Du hättest +doch wissen müssen, wie ich dich liebe ... O, Natascha, +du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun, +dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal +so sehr, nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! +Mit meinem ganzen Blut liebte ich dich! Meine Seele +hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein Herz mir aus +der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So +liebte ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“ +</p> + +<p> +„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf +<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a> +die Wangen, so wie Mama!“ rief Natascha mit einer +Stimme, in der Tränen zitterten, Müdigkeit, Qual und +Glück. +</p> + +<p> +„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! +Weißt du noch, so wie früher ...“ und der Alte +küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir nicht von +uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im +Traum erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen +und ich habe über dich geweint. Einmal aber erschienst +du als kleines Mädchen, weißt du, so wie damals, +als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade +erst Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem +kurzen Kleidchen zu mir, in hellen Stiefelchen, und deine +kleinen Händchen waren rot ... sie hatte doch damals +oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie +kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die +Ärmchen um meinen Hals ... Und du, du böses Mädchen, +konntest noch glauben, daß ich dir die Tür gewiesen +hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war +ja doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, +nur hat das bisher niemand gewußt, auch sie, +deine Mutter, nicht, keine Menschenseele! So stand ich +dort auf der anderen Straßenseite und schaute hinauf zu +den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der +Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht +ausgehen und dann könnte ich dich von ferne sehen. +Oft sah ich abends eine Kerze auf deinem Fensterbrett +brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb hingegangen +sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen, +vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, +und um dich für die Nacht zu segnen. Hast du auch so +<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a> +an mich gedacht? Hast du? Hast du es nicht gefühlt, +daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal +bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen +und habe auf dem dunklen Treppenabsatz gestanden +und mein Gehör angestrengt, um durch die Tür +vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du +nicht? Ich dich verfluchen! War ich doch an jenem +Abend zu dir gegangen, um dir alles zu verzeihen – ja, +das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich es auf. +... O, Natascha!“ +</p> + +<p> +Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an +seine Brust zu drücken. +</p> + +<p> +„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz +drücken! Ich danke dir, Gott, für alles, für alles, auch +für deinen Zorn, und danke dir für deine Güte! ... Und +auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter auf +uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke +ich dir! O! mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte +sein, was tut das! – wir sind doch wieder alle +beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch triumphieren, +die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt +und beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! +Fürchte dich nicht, Natascha ... Wir werden +Hand in Hand gehen und ich werde ihnen sagen: dies hier +ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein unschuldiges +geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, +das ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle +Zeiten segne! ...“ +</p> + +<p> +„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu +sich und streckte mir über den Arm ihres Vaters die Hand +entgegen. +</p> + +<p> +<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a> +O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem +Augenblick noch an mich dachte und mich zu sich rief! +</p> + +<p> +„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, +sich umschauend. +</p> + +<p> +„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna +ganz erschrocken auf. „Mein Täubchen, wo bist du! Haben +wir sie doch über der Freude ganz vergessen!“ +</p> + +<p> +Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt +war sie ins Schlafzimmer geschlüpft. Wir +gingen alle hin; Nelly stand in einem Winkel hinter der +Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken. +</p> + +<p> +„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ +fragte der Alte zärtlich, und er wollte den Arm um sie +legen. +</p> + +<p> +Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen +Augen an. +</p> + +<p> +„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht +mehr ganz bei Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief +sie angstvoll, ihre zitternden Hände nach uns ausstreckend. +</p> + +<p> +Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder +Schrei aus ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief +über ihr Gesicht und in einem schweren Anfall fiel sie +nieder ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="EPILOG"> +Letzte Erinnerungen. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">itte</span> Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; +ganz unmöglich in der Stadt zu bleiben: überall Staub, +Kalk, Baugerüste vor den Häusern, glühend heiße Pflastersteine, +von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch +da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; +der Himmel wurde trübe, umwölkte sich und wurde düster; +der Wind erhob sich und trieb den Straßenstaub in +<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a> +dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen +fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der +Himmel seine Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit +seinen Wassermassen über die Stadt. Als nach einer +halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken brach, +stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete +gierig mit meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. +Wie ein Rausch kam es über mich und ich wollte Feder +und Papier liegen lassen, auch den Verleger vergessen, +und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den <em>Meinen</em>! +Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich +doch und begann mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: +ich mußte heute noch mit meiner Novelle fertig werden, +um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur +wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er +mir Geld geben, das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten +mich zwar, doch dafür würde ich dann am Abend frei sein, +vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser Abend +sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in +denen ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, +vollauf belohnen. +</p> + +<p> +Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich +die Arbeit beendet vor mir liegen sah ... Ich warf +die Feder hin und erhob mich, mit einem Schmerzgefühl +im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles +im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen +angespannt waren und es war mir, als hörte ich noch die +letzten Worte meines alten Arztes: „Nein, einer solchen +Lebensweise könnte auch die beste Gesundheit nicht lange +standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ... Vor +meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum +<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a> +noch auf den Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude +erfüllte mein Herz. Meine Novelle war beendet und der +Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm noch viel schuldete, +doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur +fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so +viel Geld in Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... +Ganz begeistert griff ich nach meinem Hut, schnell das +Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube lief +ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander +Petrowitsch noch im Bureau anzutreffen. +</p> + +<p> +Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er +im Begriff, fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas +sehr Wichtiges beendet; freilich keine Novelle, sondern +nur eine ganz unliterarische, doch dafür um so vorteilhaftere +zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem +er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür +geleitet hatte, streckte er mir freundlich die Hand entgegen +und erkundigte sich mit seinem weichen gutmütigen Baß +nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein herzensguter +Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht +wenig zu Dank verpflichtet. Was konnte er denn schließlich +dafür, daß er in der Literatur sein Leben lang <em>nur</em> +„Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe auch nur +„Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß +unsere Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es +sogar sehr zur rechten Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre +gebührt – in diesem Fall, versteht sich, allerdings nur +Verlegerehre. +</p> + +<p> +Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich +meine Novelle beendet hatte und die folgende Nummer +der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil gesichert war. Er +<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a> +äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung +darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin +hatte beenden können und machte ein paar Bonmots ... +Darauf begab er sich zu seinem Geldschrank, um ihm die +mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen, machte +mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam. +</p> + +<p> +Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: +es war meine vorletzte Novelle, die da besprochen wurde. +Sie wurde nicht gerade gelobt, aber auch nicht gerade +heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte ich +sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der +Kritiker, daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß +ich mir gar zu große Mühe gäbe und so lange an ihnen +feilte und polierte, daß es einem wirklich widerlich würde. +</p> + +<p> +Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, +daß ich diese meine vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, +die soeben gebrachte aber, die über dreieinhalb +Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen und zwei +Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte! +</p> + +<p> +„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: +weshalb schieben Sie das Arbeiten immer so lange +auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe nehmen müssen!“ +</p> + +<p> +Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter +Mensch, nur hatte er eine kleine, bisweilen etwas lästige +Schwäche, und zwar: mit seinem literarischen Urteil gerade +vor jenen großzutun, die ihn, wie er es mitunter sogar +selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut +hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches +Schaffen mit ihm zu führen, war daher auch für mich +nichts Verlockendes und so griff ich, da ich das Geld +<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a> +schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem +Hut. Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem +Wohin, und wie er hörte, daß ich auf die Wassiljeff-Insel +wollte, bot er mir großmütig einen Platz in seinem Wagen +an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im Sommer +auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre +es für ihn kein Umweg. +</p> + +<p> +„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie +ihn noch nicht gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“ +</p> + +<p> +Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene +Wagen war allerdings tadellos, und ich fand es +begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der ersten Zeit +des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar +ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten +zu einer gemeinsamen Fahrt aufforderte. +</p> + +<p> +Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür +ungehindert in Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. +Meine Gegenwart verwirrte ihn nicht im geringsten +und mit beneidenswerter Gewissensruhe wiederholte +er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit +gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, +deren Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei +der Gelegenheit passierte es ihm aber, daß er mitunter +sehr wunderliche Dinge sagte, denn da wir Menschen nicht +alles auswendig behalten können, was wir nur einmal +hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit. +„Und alles das will er noch als seine eigene +heilige Überzeugung respektiert wissen!“ dachte ich seufzend +bei mir. Ich saß, hörte schweigend zu und wunderte +mich über die Verschiedenheit und Grillenhaftigkeit +<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a> +der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun +einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck +es doch zu sein scheint, Geld und nichts als +Geld zusammenzuscharren, und das müßte ihm doch +eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach +Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker +anerkannt werden!“ +</p> + +<p> +So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir +eine besondere Auffassung der Literatur wiederzugeben, +eine Auffassung, die er vor drei Tagen von mir +gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig +widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie +als seine ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was +die Vergeßlichkeit in solchen Dingen – wohlverstanden: +nur in solchen Dingen! – anging, so hatte es Alexander +Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu einer +gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, +in <em>seinem</em> Wagen reden zu können, wie zufrieden er +mit seinem Schicksal war, wie gütig! Er führte ein +wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar sein +weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen +die Worte zu modellieren! Ganz allmählich, +offenbar ungewollt und unbewußt, ging er auf den Liberalismus +über und verfocht unter anderem die unschuldsvoll +skeptische Überzeugung, daß es in unserer +Literatur – das heißt: in unserer sowohl wie in jeder +anderen – weder Ehrlichkeit noch Bescheidenheit geben +könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette laufen“. +Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch +dann wohl auch geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen +Schriftsteller für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, +<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a> +wenn nicht gerade für einen Esel so doch +zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. +Selbstverständlich war diese seine individuelle Auffassung +auf nichts anderes als auf seine ganz außergewöhnliche +Unschuld und Naivität zurückzuführen. +</p> + +<p> +Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel +verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus +und eilte zu Ichmenjeffs. Im Augenblicke hatte ich die +Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch ihr +Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als +sie mich erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal +vor den Mund, winkte darauf beschwichtigend mit +beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! – leise!“ +– damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache. +</p> + +<p> +„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme +Kind!“ fügte sie dann zur Erklärung hinzu. „Um +Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was ist +sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich +in Sorge um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es +vorläufig nichts Schlimmes sei, aber aus <em>dem</em> etwas +Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich! Ich +danke für diesen <em>Ihren vielgepriesenen</em> Arzt! +Und Sie, Sie schämen sich nicht, Iwan Petrowitsch? +Wir haben auf Sie gewartet und gewartet – die ganze +Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht +mehr hier gewesen! ...“ +</p> + +<p> +„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich +gesagt, daß ich zwei Tage nicht kommen werde!“ +flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich mußte meine +Arbeit beenden ...“ +</p> + +<p> +„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu +<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a> +kommen! Weshalb kamen Sie denn nicht? Nelly war +eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser Engelchen, +noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am +Eßtisch und wartete. ‚Ich will mit euch zusammen +Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer aber nicht kam – das +war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben +Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer +die Jugend von heute nicht kennt! Und das hat sie so +aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie beruhigen ... +ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen. +... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen +– zum Tee wird er wieder zurück sein – er hat doch +Aussicht, eine Anstellung zu bekommen! Wenn ich +aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es +mir kalt über den Rücken.“ +</p> + +<p> +„Wo ist Natascha?“ +</p> + +<p> +„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im +Gärtchen! Gehen Sie mal zu ihr ... Sie scheint +mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht, was ich +denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben +wird einem nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie +heiter und zufrieden sei, aber ich glaube es ihr nicht ... +Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann sagen Sie +mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... +Bitte, bitte!“ +</p> + +<p> +Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser +Garten gehörte zum Hause. Er war etwa fünfundzwanzig +Schritt lang und ungefähr auch ebenso breit, +und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten +Bäumen, ein paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; +am Zaune wuchs Geisblatt und an einer +<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a> +Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, +und durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale +Wege. Der alte Ichmenjeff war von seinem Garten +bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte, +daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache +war aber, daß Nelly diesen Garten liebgewonnen +hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl auf den +Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits +zum Abgott des ganzen Hauses geworden. Doch +da erblickte ich schon Natascha: sie kam mir freudig +entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch +aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von +der Krankheit erholt. +</p> + +<p> +„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, +Wanjä?“ fragte sie mich. +</p> + +<p> +„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend +frei.“ +</p> + +<p> +„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – +Doch nicht zu überhin geschrieben?“ +</p> + +<p> +„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat +das nichts auf sich. Diese angespannte Arbeit reizt +meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer, ich +fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, +sogar der Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte +Arbeitsweise sich als die vorteilhaftere erweist. +Alles ist gut ...“ +</p> + +<p> +„Ach, Wanjä, Wanjä!“ +</p> + +<p> +Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit +auf meine literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden +eifersüchtig wurde. Sie las nochmals alles +der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres geschrieben +<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a> +hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen +weiteren Plänen, interessierte sich für jede Kritik, +die über mich geschrieben wurde, ärgerte sich über jedes +absprechende Wort, und wollte unbedingt, daß ich es zu +großer Berühmtheit brächte. +</p> + +<p> +„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ +sagte sie zu mir, „du wirst dich durch eine so angespannte +Arbeit schnell erschöpfen; außerdem untergräbst du damit +auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt +in zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn +Jahren im ganzen nur einen Roman geschrieben. Dafür +aber – wie ist der auch geschrieben! Meisterhaft! +Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein +einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“ +</p> + +<p> +„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten +Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter +Postgaul. Ach, nun, das ist ja doch Unsinn! +Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst +Neues?“ +</p> + +<p> +„Vieles! Erstens einen Brief von <em>ihm</em>.“ +</p> + +<p> +„Noch einen?“ +</p> + +<p> +„Noch einen.“ +</p> + +<p> +Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. +Es war der dritte nach der Trennung. Den ersten hatte +er aus Moskau geschrieben: er teilte ihr damals mit, +daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus +Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor +der Trennung verabredet worden war. Im zweiten +Brief benachrichtigte er sie, daß er in den nächsten +Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich +dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das +<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a> +sei nun einmal sein fester Entschluß, von dem ihn keine +Macht der Welt abbringen könne. Indes verriet der +ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen +Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn +überhaupt nicht mehr zu wissen schien, was er tun +oder lassen sollte. Unter anderem schrieb er in diesem +Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie +allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, +daß ich mehr als neugierig war, diesen seinen letzten +Brief zu lesen. +</p> + +<p> +Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war +unordentlich, flüchtig, der ganze Brief mit Tinte besudelt +und hier und da einzelne Worte von Tränen +verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von +Natascha lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er +bemühte sich, ihr zu beweisen, daß eine Ehe zwischen +ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen feindliche „Einflüsse“ +stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es doch +so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden +in der Ehe unglücklich geworden sein, da sie doch nicht +zueinander paßten. Plötzlich aber vergaß er alle seine +Vernunftschlüsse und Beweise und gestand – ohne die +erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er ein +Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr +die Kraft habe, sich dem Willen seines Vaters, der übrigens +auch schon auf dem Gute eingetroffen war, zu +widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht fähig +sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, +was er empfand, gestand aber im nächsten Satz, +daß er durchaus die Fähigkeit in sich fühle, Natascha +glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann, daß +<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a> +sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen +wären, um zum Schluß mit aller Hartnäckigkeit die +Einwendungen des Vaters zurückzuweisen. Mit wahrer +Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit des +Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um +darauf sich selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen +und – ihr auf ewig Lebewohl zu sagen! +</p> + +<p> +Man sah es, daß er den Brief unter Qualen +geschrieben hatte, daß er in seiner Ratlosigkeit ganz +außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich Tränen +in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. +Es war ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert +mit dem Brief Aljoschas gesandt hatte. +</p> + +<p> +Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat +sehr niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar +der Verzweiflung nahe und sogar ein wenig krank sei, +daß <em>sie</em> aber bei ihm bleiben und ihn wieder glücklich +machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus +nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde +und seine Trauer nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! +„Niemals wird er Sie vergessen,“ schrieb sie, +„selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht, denn sein +Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos +und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: +sollte er jemals – gleichviel wann – aufhören, Sie zu +lieben oder aufhören, sich nach Ihnen zu sehnen bei +der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, +ihn meinerseits zu lieben ...“ +</p> + +<p> +Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen +uns nur einmal an und sagten kein Wort. Dasselbe +hatten wir auch nach den ersten Briefen getan. Überhaupt +<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a> +vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu +sprechen, als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, +das sah ich, aber selbst mich wollte sie davon +nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus +hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch +jetzt noch hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden +Trennung sprachen wir überhaupt nicht, +obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater eine Anstellung +bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb +zu mir, interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft +für alles, was mich betraf und hörte mir mit so angespannter +Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr auf ihre +dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs +das Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß +sie mich für das Vergangene entschädigen wollte. Doch +bald begriff ich, daß es sich hier um etwas ganz anderes +handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz unendlich +liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich +glaube, selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht +so lieb haben können, wie Natascha mich lieb hatte. Ich +wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende Trennung wie +ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte, +daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir +sprachen nicht davon, wenn wir uns auch oft genug +sehr eingehend über Bevorstehendes unterhielten ... +</p> + +<p> +Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch. +</p> + +<p> +„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, +„zum Tee jedenfalls bestimmt.“ +</p> + +<p> +„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“ +</p> + +<p> +„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er +<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a> +sie bekommt ... Ich glaube, es war gar nicht so notwendig, +daß er heute fortging,“ fügte sie wie in Gedanken +hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“ +</p> + +<p> +„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“ +</p> + +<p> +„Weil ich den Brief erhielt ...“ +</p> + +<p> +„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach +kurzem Schweigen fort, „und du kannst dir denken, +Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er denkt an +nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf +scheint er mich vergessen zu können. Er weiß nicht, +wie ich mich in diesem Leben zurechtfinden werde, was +ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus, so ist er +wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten +soll, ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten +will. Mein Gott, ich sehe doch, wie ungeschickt er +sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit vortäuscht, sich zum +Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch +ganz unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, +das sieht sie doch ... So bleibt ihr nichts übrig, +als zu seufzen ... Sich verstellen – das versteht sie +nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen Menschen!“ +Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt, +mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem +Blick irgendwie zu begegnen ... Ich liebe ihn +mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als alle anderen +auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe +hinzu und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als +dich ...“ +</p> + +<p> +Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder +zu sprechen begann. +</p> + +<p> +<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a> +„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war +er hier.“ +</p> + +<p> +„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“ +</p> + +<p> +„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt +an ihn wie an einen Allmächtigen. Sie ist überzeugt, +daß er alles so genau wisse – nun, da die Gesetze und +alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. +Und nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, +weißt du, im Grunde doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin +geworden bin. Das läßt ihr jetzt keine Ruhe, und +ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer eingeweiht. +Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas +davon verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, +daß sich eventuell durch Masslobojeff etwas machen +ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines Gesetzparagraphen. +Masslobojeff ist natürlich klug genug, +ihr nicht viel zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, +daß sie ihm jedesmal Wein vorsetzt,“ schloß +Natascha belustigt. +</p> + +<p> +„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher +weißt du es denn?“ +</p> + +<p> +„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich +doch immer selbst ... mit ihren Andeutungen ... +Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“ +</p> + +<p> +„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über +dich, Wanjä: erst jetzt erkundigst du dich nach ihr?“ +</p> + +<p> +Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen +Vorwurf herauszuhören. +</p> + +<p> +Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. +Natascha gewann sie geradezu leidenschaftlich +<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a> +lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald von ganzem +Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht +träumen lassen, daß sie je im Leben solche Menschen +und soviel Liebe finden würde, und zu meiner Freude +sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz mit der Zeit +ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte +sie die allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer +nahezu fieberhaften Gegenliebe, die man ihr nach +ihrem früheren Mißtrauen, ihrer Verstocktheit und Unnahbarkeit +kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber +diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: +lange Zeit hatte sie sich noch wie ein Muscheltier +zu den liebevollen Annäherungsversuchen der anderen +verhalten, bis sie dann endlich ihre Scheu verlor und +sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte +sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder +vielmehr meine Gegenwart wurde für sie förmlich zur +ersten Lebensbedingung, so daß sich ihr Zustand jedesmal +verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu +ihr kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal +beim Abschied, als ich ihr sagen mußte, daß ich zwei +Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich eine Arbeit beenden +mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ... +natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle +viel zu sehr, als daß ich offen von ihnen hätte +sprechen können, daher mußte ich mir den Anschein geben, +daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre. +</p> + +<p> +Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. +Selbstverständlich wurde es schon von Anfang an als +stillschweigend beschlossen angenommen – eben weil es +so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs +<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a> +blieb. Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, +Nelly aber wurde noch immer nicht gesund, ja, ihre +Krankheit verschlimmerte sich sogar augenscheinlich. Erkrankt +war sie nach jenem schweren Anfall an dem +Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen +war, am Tage der Versöhnung des Alten mit +Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie war ja +doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte +schon von Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie +auch, einmal zum Ausbruch gekommen, so erschreckend +schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit bestand, +vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen +Anfälle kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder +als früher; doch in der Hauptsache schien es eine +Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner, unaufhaltsamer +Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses Erregtsein. +Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in +den letzten Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: +je mehr sie ihrer Krankheit erlag, um so freundlicher, +liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor +drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich +an ihrem Bett vorüberging. Ich blieb natürlich stehen +und sah sie an. Sie zog mich näher zu sich. Es war +außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das +so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen +glühten und in ihren fieberheißen Händchen zuckte es. +Und zuckend, wie vor verhaltener Leidenschaft, streckte sie +sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich mich zu ihr +beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen +krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest +auf den Mund, und dann verlangte sie sogleich, Natascha +<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a> +solle zu ihr kommen. Ich rief sie. Nelly wollte +unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie +ansehe ... +</p> + +<p> +„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe +euch heute nacht beide im Traum gesehen ... aber +nicht nur heute nacht, sondern sehr oft ... in jeder +Nacht ...“ +</p> + +<p> +Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie +begriff vielleicht ihre Gefühle selbst nicht und wußte +daher auch nicht, wie sie es ausdrücken sollte, was sie +auf dem Herzen hatte ... +</p> + +<p> +Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch +den alten Nikolai Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, +daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie fast ebenso liebte, +wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine +kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer +getreten, da hörte man sie schon beide lachen. Nelly +wurde heiter und unartig wie ein kleines unvernünftiges +Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit dem +Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem +Gesicht ihre Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die +ungeheuerlichsten Dinge erfand, die er ihr dann – +gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht – zu deuten +versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine +Träume erzählte, bei welcher Gelegenheit er eine nicht +minder blühende Phantasie entwickelte. Kurz, der Alte +war von seinem „kleinen Töchterchen“ so eingenommen, +daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr begnügte +und für sie einfach zu schwärmen begann. +</p> + +<p> +„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns +die Freude, die sie uns bringt, für den Kummer dieses +<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a> +letzten Jahres entschädige,“ sagte er einmal zu mir, als +er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem +er sie zur Nacht gesegnet hatte. +</p> + +<p> +Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich +versammelten wir uns alle im Eßzimmer um +den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an jedem +Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs +angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber +immerhin ein paarmal in der Woche. Dann trugen +wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und setzten +sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand +weit offen und vor uns lag der grüne Rasenplatz im +Licht der Abendsonne. Und es duftete nach frischem +Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich nicht +in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem +Gespräch zu und nur ihre Augen bewegten sich langsam, +wenn sie vom einen zum anderen sah. Mitunter +aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer +Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, +daß wir uns dann etwas beunruhigt fühlten, zumal +sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte, die sie an +Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, +was wir ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren +uns unserer Schuld sehr wohl bewußt, denn wenn sie +uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte erzählen +<em>müssen</em>, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren +Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer +Krankheit zur Folge hatte. Auch der Doktor war sehr +gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns in +solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das +Gespräch möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. +<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a> +Dann bemühte sich wiederum Nelly, uns nicht +merken zu lassen, daß sie unsere Absicht erriet, und sie +begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu +scherzen und zu lachen. +</p> + +<p> +Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. +Ihre nervöse Erregbarkeit nahm täglich zu und +der Puls wurde immer unregelmäßiger. Der alte Doktor +sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne. +</p> + +<p> +Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie +werden es ja noch früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. +Nikolai Ssergejewitsch war übrigens fest überzeugt, daß +sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden +würde. +</p> + +<p> +„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, +die seine Stimme gehört hatte. „Gehen wir, +Wanjä.“ +</p> + +<p> +Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle +getreten, seiner Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen +begonnen, so daß Anna Andrejewna ihn nicht +angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte. +Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede +inne, um darauf, als Natascha und ich ins Zimmer traten, +flüsternd und – um seine Verlegenheit zu verbergen +– mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner soeben +gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um +die er sich bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen +und das freute ihn natürlich sehr. +</p> + +<p> +„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß +er händereibend, doch warf er gleichzeitig einen besorgten +Blick auf Natascha. +</p> + +<p> +Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit +<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a> +einem beruhigenden Lächeln, legte die Hände auf seine +Schultern und küßte ihn, was seine Befürchtungen im +Augenblick verscheuchte. +</p> + +<p> +„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine +Lieben!“ fuhr er erfreut fort. „Nur du, Wanjä, sieh +... nur die Trennung von dir wird uns schwer +werden ...“ +</p> + +<p> +Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem +Wort aufgefordert, mit ihnen zu fahren, was er, nach +seinem Charakter zu urteilen, unbedingt getan haben +würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha +gewußt hätte. +</p> + +<p> +„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was +sein muß, muß sein! Es tut mir mehr als leid, mein +Junge ... Aber ich hoffe, daß diese Lebensveränderung +uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung +der Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt +und ein altes <em>abgetan ist</em>!“ schloß er, wieder +mit einem Seitenblick auf seine Tochter. +</p> + +<p> +Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser +Glaube machte ihn froh. +</p> + +<p> +„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna. +</p> + +<p> +„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen +ist noch ein wenig schwach, aber bis dahin wird sie +ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie ist ja auch +jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch, +Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, +und dabei sah er mich so an, als hinge von mir +allein alles ab. +</p> + +<p> +„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? +Ist ihr sonst nichts passiert? Oder ist sie vielleicht +<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a> +von meinem lauten Sprechen aufgewacht? Weißt +du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch +schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, +wenn die anderen kommen, und Nelly kann heute auch +mal draußen sitzen, es ist doch ein Wetter wie geschaffen +dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie nicht +vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen +... nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde +sie schon nicht aufwecken!“ beruhigte er Anna Andrejewna, +da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen wollte. +</p> + +<p> +Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde +saßen wir wie gewöhnlich um den runden Tisch +beim Abendtee. +</p> + +<p> +Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien +auch der Doktor und bald nach ihm kam Masslobojeff. +Letzterer brachte Nelly ein großes Bukett +blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und +besorgt zu sein. +</p> + +<p> +Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener +Gast und er besuchte sie fast täglich. Sonderbar +war aber eines: obschon wir ihn alle gern hatten, was +ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, +wurde doch Alexandra Ssemjonownas nie mit einem +Wort Erwähnung getan; auch Masslobojeff sprach +nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich erfahren +hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch +nicht dazu gebracht, seine rechtmäßige Gattin zu werden, +so war sie zu der Überzeugung gekommen, daß sie +dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen, sondern +nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb +es – was zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen +<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a> +mag. Übrigens glaube ich aber, daß sie, wenn sie nicht +Natascha gehabt hätte und – das mag wohl der +Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen +wäre, was geschehen war, so würde sie vielleicht auch +nicht so strengdenkend gewesen sein. +</p> + +<p> +Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und +ihre Gedanken schienen mit etwas Besonderem beschäftigt +zu sein. Es war, als habe sie einen schlechten +Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch +über Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete +mit frohem Lächeln die Blumen, die Anna +Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den Tisch gestellt +hatte. +</p> + +<p> +„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der +Alte. „Schau, schau! Na, wart mal,“ meinte er +schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen ...“ +</p> + +<p> +„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich +weiß noch, wie wir Mama einmal mit Blumen überraschten. +Als wir noch dort waren,“ – dort bedeutete +jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen +Monat sehr schwer krank. Da verabredeten wir +uns, Heinrich und ich, für sie, wenn sie zum erstenmal +ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer +mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. +Mama sagte am Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt +mit uns frühstücken wolle. Da standen wir sehr, +sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und +wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen +und Blumensträußen. Es waren da auch Efeuranken +und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß nicht +mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall +<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a> +kleben bleiben, und dann noch große weiße Blüten +und weiße Narzissen – das sind meine Lieblingsblumen +– und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen, +und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das +ganze Zimmer. Und dann waren da noch solche Büsche, +ganz wie kleine Bäume sahen sie aus, in großen Kübeln, +die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten +von Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie +ganz verwundert und sie freute sich sehr und Heinrich +war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie das +war ...“ +</p> + +<p> +Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen +zu wollen, denn Nelly sah so erschöpft und +bleich aus. Aber sie wollte sprechen und so erzählte sie +bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie +„dort“ geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. +„Dort“ war sie mit ihrer Mutter und Heinrich viel gereist +und sie erzählte mit glücklichen Augen vom tiefblauen +Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten +Gipfeln, von Wasserfällen und Gletschern. Dann +sprach sie von den Seen und Schluchten Italiens, von +Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern +und deren braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; +und sie erzählte verschiedene Erlebnisse, und was +ihnen hier und da begegnet war. Dann sprach sie von +großen Städten und Palästen, von einem großen Dom +mit einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten +Farben erstrahlte, als man einmal die ganze +Stadt illuminiert hatte; und dann von einer heißen südlichen +Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und +ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen +<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a> +lag ... Es war das das erstemal, daß Nelly so +ausführlich von ihrer Vergangenheit erzählte, und wir +hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr Leben +in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren, +unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten +Klima, unter einer trüben, bleichen Sonne und unter +bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie und +ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, +wie sie beide an so manchem feuchten Abend in der +schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem armseligen Lager +eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen +haben mögen, vom toten Freunde und von den +Wundern anderer Länder. Ich dachte auch an Nelly, +wie sie sich dann später allein dessen erinnert haben +mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa +sie mit tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten +zwingen wollte ... +</p> + +<p> +Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte +sich sehr schlecht und wollte wieder ins Bett getragen +werden. Nikolai Ssergejewitsch war ganz erschrocken +und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie +so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten +Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter +geschehen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, wollte +sie mich sprechen. Und sie bat so dringend, mich zu ihr +zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte Doktor +zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen. +</p> + +<p> +„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ +begann Nelly, als wir allein waren. „Ich weiß, die +denken alle, daß ich mit ihnen dorthin fahren werde; +<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a> +aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und +vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir +jetzt sagen.“ +</p> + +<p> +Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs +sie so liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, +daß sie sehr traurig sein würden, wenn sie sich von ihr +trennen müßten, daß sie bei mir dagegen ein sehr +schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, +so lieb sie mir auch war, doch würden trennen müssen. +</p> + +<p> +„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, +„denn ich sehe jetzt Mama oft im Traum und sie sagt +mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren, sondern hierbleiben +soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich +Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, +wenn sie das sagt. Ich will hierbleiben und Großpapa +pflegen, Wanjä.“ +</p> + +<p> +„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ +sagte ich, nachdem ich sie etwas verwundert angehört +hatte. +</p> + +<p> +Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen +unbeweglichem, ernstem Blick an. +</p> + +<p> +„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa +gestorben ist. Erzähle alles ganz genau, vergiß nichts!“ +</p> + +<p> +Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches +Verlangen, begann aber doch nach bestem Wissen zu erzählen. +Ich sagte mir, daß sie vielleicht nur phantasiere, +oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem +Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig +war. +</p> + +<p> +Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter +Aufmerksamkeit. Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, +<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a> +krank blickenden Augen mit dem Fieberglanz unablässig +auf mich gerichtet, solange ich erzählte. +</p> + +<p> +„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich +überzeugt, als ich verstummt war und sie noch eine +Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht jedesmal von +Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist +doch tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann +sagte sie mir, daß es nicht wahr sei, daß man es mir +nur so sage, daß er aber auch jetzt noch dort gehe und +um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ +sagte Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, +wo wir ihn das erstemal gesehen haben, als ich vor ihm +niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“ +</p> + +<p> +„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, +weil du selbst krank bist,“ sagte ich ihr. +</p> + +<p> +„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum +sein kann, und deshalb habe ich auch niemandem etwas +davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir allein wollte +ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen einschlief, +nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch +Großpapa im Traum. Er saß bei sich zu Hause und +wartete auf mich, und er sah wieder so unheimlich aus, +und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen +habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf +mich und machte mir Vorwürfe. Dann sagte er noch, +daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne diesen Tabak +aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir +wirklich auch schon früher einmal gesagt, Wanjä, als +Mama schon gestorben war und ich noch zu ihm ging. +Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht +mehr was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von +<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a> +ihm hörte, dachte ich bei mir: ich werde auf die Straße +gehen und um Almosen bitten, und dann für ihn Brot, +gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da +ging ich auch auf die Straße, stand und bat, nur sah +ich plötzlich, daß auch Großpapa nicht weit von mir auf +der Straße war, er wartete ein wenig und dann trat +er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen +hatte und nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ +sagte er, ‚jetzt sammle für Tabak.‘ Ich bitte also weiter +um Almosen und er kommt dann wieder und nimmt mir +das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch +sowieso das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts +für mich behalten will. Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst +mich; auch die Bubnowa hat mir gesagt, daß du +eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals +zu mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ +Ich begann zu weinen, weil er mich eine Diebin +genannt und mir nicht traute, er aber hörte nicht auf +mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du gestohlen, +gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu +schlagen, dort vor allen Menschen auf der Straße, und +er schlug mich so stark, daß ich schreien wollte vor +Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da +denke ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo +dort allein geht und auf mich wartet ...“ +</p> + +<p> +Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, +daß er tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir +zu guter Letzt doch zu glauben schien. Sie sagte nur, daß +sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil sie dann den +Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder +ganz plötzlich und heiß ... +</p> + +<p> +<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a> +„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ +sagte sie, ihr Gesichtchen an meine Wange schmiegend. +„Auch wenn Großpapa nicht wäre – ich würde doch +nicht von dir fortfahren!“ +</p> + +<p> +Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich +ging mit dem Doktor ins Nebenzimmer und erzählte +ihm dort unter vier Augen von ihren Träumen. Ich +bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen. +</p> + +<p> +„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht +genau, um was es sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. +„Ich beobachte vorläufig noch, ich kombiniere und +versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt etwas +sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: +daß eine absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist +und sie unfehlbar bald sterben wird. Ichmenjeffs habe +ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich darum so gebeten +haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal +untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung +heranziehen. Vielleicht läßt sich da noch etwas +machen, vielleicht! Sie tut mir leid, die Kleine, es ist +mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ... +Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig +sie ist, wie klug für ihr Alter!“ ... +</p> + +<p> +Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt +und trug sich mit großen Plänen. +</p> + +<p> +„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ +begann er sogleich, als ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie +liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir da machen +wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch +einen Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem +Heinrich ihrer Mutter bereitet hat, weißt du, so wie sie +<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a> +vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als sie davon +sprach ...“ +</p> + +<p> +„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet +ihr,“ wandte ich ein. +</p> + +<p> +„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – +das ist doch etwas ganz anderes! Glaube mir nur, +Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung: angenehme +Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann +sogar gesund machen oder wenigstens zur Gesundung +beitragen ...“ +</p> + +<p> +Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so +entzückt, daß er sich für sie fast schon zu begeistern begann. +Es war ganz unmöglich, ihm zu widersprechen. +Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, +doch bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon +Hut und Stock in der Hand und wandte sich zum +Gehen. +</p> + +<p> +„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine +Orangerie in der Nähe, eine prächtige Orangerie. Und +jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für den billigsten +Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich +billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, +damit sie sich nicht wegen der Ausgabe allzusehr +beunruhigt ... Na, also das wäre das ... Ja! +Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du +bist doch fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt +nach Hause eilen? Nächtige doch bei uns oben, in der +Dachkammer – weißt du noch, wie früher? Deine +Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, +– nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich +dort oben schlafen. Was? Bleib mal hier! Morgen +<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a> +können wir dann früher aufstehen, und dann, weißt +du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir +beide das Zimmer schmücken, so daß zu acht Uhr alles +fertig ist. Und Natascha wird uns helfen – sie hat +doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... +Nun, bist du einverstanden? Bleibst du?“ +</p> + +<p> +Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen +Anordnungen. Inzwischen verabschiedeten sich der +Arzt und Masslobojeff und gingen nach Hause, denn +Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich +schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, +still und nachdenklich und wollte mir etwas +mitteilen, schob es aber auf. +</p> + +<p> +„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er. +</p> + +<p> +Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und +in meine Dachkammer hinaufgestiegen war, da fand ich +ihn zu meiner Verwunderung dort oben vor. Er +saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar +erwartete er mich. +</p> + +<p> +„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, +„denn schließlich ist es doch besser, ich erzähle es dir +heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze Geschichte ist +so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber +nur ärgern kann ...“ +</p> + +<p> +„Was, was ist denn los?“ +</p> + +<p> +„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat +mich vor zwei Wochen so geärgert, so geärgert, sag ich +dir, daß mein Ärger selbst in zwei Wochen noch nichts +an Kraft und Größe eingebüßt hat.“ +</p> + +<p> +„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer +noch in Verbindung?“ +</p> + +<p> +<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a> +„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und +Was schreien wirst, als wäre Gott weiß was passiert! +Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine Alexandra +Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches +Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! +... Da braucht nur eine Krähe einmal zu krächzen, +sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“ +</p> + +<p> +„Nun, ärgere dich nicht.“ +</p> + +<p> +„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen +normalen Augen auf die Dinge sehen, nicht +durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“ +</p> + +<p> +Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über +mich. Ich schwieg gleichfalls und wartete. +</p> + +<p> +„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da +auf eine Spur gestoßen ... das heißt, genau genommen +bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch hat es +eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich +so ... Ich habe gewisse Dinge kombiniert und +daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß Nelly ... +vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten rechtmäßige +Tochter ist.“ +</p> + +<p> +„Was!“ +</p> + +<p> +„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich +‚was!‘ schreien würdest! Bei Gott, es ist keine +Möglichkeit, mit diesen Leuten zu reden!“ rief er scheinbar +wütend aus. „Habe ich dir denn schon was Positives +gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, +daß sie die <em>bewiesenermaßen rechtmäßige</em> +Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir das +gesagt oder nicht? ...“ +</p> + +<p> +„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, +<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a> +„schreie um Gottes willen nicht so, sondern tue mir den +Gefallen und erkläre es mir ruhig und deutlich. Bei +Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis +zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen +...“ +</p> + +<p> +„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? +Wo sind die Beweise? Ohne Beweise macht +man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes Geheimnis. +Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir +rede – das werde ich dir später erklären. Du siehst, es ist +notwendig, daß ich’s tue, und damit basta. Also schweige +vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein, daß es +dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit +mitgeteilt wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich +so: schon im Winter, noch bevor der alte Smitt starb, +begann der Fürst sogleich nach seiner Rückkehr aus +Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen +hatte er sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. +Damals aber hatte er nach etwas anderem geforscht, +jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu forschen. +Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren +hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in +Paris verlassen, doch während dieser ganzen Zeit hatte +er sie nicht aus dem Auge verloren: so hatte er gewußt, +daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, +von dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine +Tochter, namens Nelly, hatte, er wußte auch, daß sie +selbst krank war; na, mit einem Wort, er wußte alles, +nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir +scheint, bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt +nach Petersburg zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte +<a id="page-590" class="pagenum" title="590"></a> +er sie allerdings bald gefunden, gleichviel unter welchem +Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die Sache +war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn +betrogen hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland +irgendwo dort in einer kleinen Stadt lebe, +was sie selber für vollkommen richtig hielten, doch hatten +sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und +das dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der +Fürst aber begann schließlich Verdacht zu schöpfen, denn +aus gewissen Umständen glaubte er zu ersehen, daß es +nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich: wo +war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den +Sinn – so, ganz von selbst, ohne jede Handhabe: sollte +sie nicht in Petersburg sein? Während nun seine Agenten +sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier +in Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s +scheint, nicht gar zu offiziell vorgehen. Na und da +wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm empfohlen, +so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich +mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so +weiter, und so weiter ...“ +</p> + +<p> +„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, +aber nur so mehr andeutungsweise, der Hund, so +schleierhaft und zweideutig, daß kein Teufel recht klug +draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte +manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst +so, dann wiederum so und dann nochmals anders, +– kurz: alles doppelt, dreifach und verschieden ... +Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch nicht +verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster +Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: +<a id="page-591" class="pagenum" title="591"></a> +ergebenster Sklave. Nach meinem Grundsatz aber, den +ich mir ein für allemal aufgestellt habe, erstens, und +zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein +Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens +ist das, was er mir gesagt hat, das, was er wissen +will? Und zweitens: verbirgt sich nicht hinter dem angegebenen +Beweggrunde ein ganz anderer, nicht angegebener, +ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das +der Fall, so will er mich – was du, mein Sohn, mit +deinem Dichterschädel vielleicht auch begreifen wirst – +so will er mich einfach bestehlen: denn das eine, siehst +du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere +aber mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, +wenn ich ihm für einen Rubel das gebe, was vier wert +ist. Ich begann nachzudenken und hin und her zu raten +und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die +Spur. Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von +diesem und jenem, auf wieder anderes verfiel ich selbst, +– brauchte nur meinen Verstand kombinieren zu lassen. +Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch +nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt +war, weil er gar zu vieles zu befürchten schien. Was +konnte er aber da schließlich zu befürchten haben, wenn +man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des Vaters +die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, +verließ er sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine +liebe, nette Unart und nichts weiter! Da hörte doch +alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich deshalb +fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da +schöpfte ich eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du +wissen, auf ungemein interessante Spuren gestoßen, +<a id="page-592" class="pagenum" title="592"></a> +zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich +schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt +ist sie hier mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser +Kusine, die einst glühend in ihn verliebt gewesen +ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang unverändert +weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, +des Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht +Kinder in die Welt gesetzt hat – also wie gesagt, von +dieser Kusine habe ich denn endlich nach den verschiedensten +und kompliziertesten Manövern einen ungemein +wichtigen Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser +Heinrich hatte ihr nämlich nach deutscher Art lange +Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr dann +noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch +zugesandt. Sie, diese Gans, hat natürlich von dem +Geschreibsel nur die Stellen verstanden, wo er vom +Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland, +wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie +kein Wort kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich +aber einiges, das für mich von großer Wichtigkeit war +und vor allem kam ich durch sie auf eine neue Spur. +So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, +das die Tochter ihm entwendet hatte, und daß +der Fürst dieses Vermögen sich angeeignet; und zwischen +Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich dann +die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du +verstehst doch? Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen +Heinrich hat absichtlich nichts ausgesprochen, +sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen +aber verbanden sich für mich zu geradezu +himmlischer Harmonie! Versteh: der Fürst war mit der +<a id="page-593" class="pagenum" title="593"></a> +Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat trauen +lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente +sind – alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund +Wanjä, ich habe mir vor Ärger die Haare aus dem +Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht, +das heißt vielmehr – geforscht ...“ +</p> + +<p> +„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, +da aber mußte es ihm plötzlich einfallen zu sterben. +So habe ich ihn lebend nicht einmal zu Gesicht bekommen. +Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, +daß auf dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die +schon früher mein Verdacht gefallen war, gestorben sei. +Und da kam ich wieder auf eine richtige Spur. Weißt +du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel +eilte? Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat +mir hier in mancher Beziehung geholfen ...“ +</p> + +<p> +„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, +daß Nelly es weiß ...“ +</p> + +<p> +„Was?“ +</p> + +<p> +„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“ +</p> + +<p> +„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter +des Fürsten ist,“ versetzte er und sah mich mit einem +gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst du so müßige Fragen? +Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache, +ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, +daß sie einfach nur des Fürsten Tochter ist, sondern: +daß sie seine <em>rechtmäßige</em> Tochter ist – begreifst +du jetzt?“ +</p> + +<p> +„Das kann nicht sein!“ rief ich aus. +</p> + +<p> +„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht +sein könne, auch jetzt noch sage ich es mir bisweilen. +<a id="page-594" class="pagenum" title="594"></a> +Aber das ist es ja gerade, daß es tatsächlich so sein +<em>kann</em> und höchstwahrscheinlich auch so <em>ist</em>!“ +</p> + +<p> +„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast +übertrieben!“ unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie +es nicht weiß, – sie ist auch in der Tat nur ein uneheliches +Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur +irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein +so schreckliches Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen +und dabei nicht einmal an die elende Zukunft +ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“ +</p> + +<p> +„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das +steht auch jetzt noch als Rätsel vor mir. Aber sieh: die +Smitt war doch an und für sich das hirnverbrannteste +Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich +kaum denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die +Verhältnisse vor! Das ist doch eine Romantik, die +nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo dort über +den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit +im verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie +sie ist: zuerst hat sie nur an einen Himmel auf Erden +gedacht und in ihm einen Engel in Menschengestalt gesehn, +kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute +schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später +nicht deshalb den Verstand verloren hat, weil er sie zu +lieben aufhörte und verließ, sondern weil er sie betrogen +hatte, weil er <em>fähig gewesen war</em>, sie zu betrügen +und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich +plötzlich als schmutziger Lump entpuppte, der sie in den +Schmutz herabgezogen. Diese Verwandlung konnte +ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem +<a id="page-595" class="pagenum" title="595"></a> +noch diese Kränkung – du begreifst doch, von +welch einer Kränkung ich rede? Entsetzen und Stolz +und grenzenlose Verachtung mußte sie empfinden, als +ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht +alles zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat +ihm auch das Geld geschenkt, ohne daran zu denken, daß +es nicht ihr Geld, sondern ihres Vaters Geld war. Sie +verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf +Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit +zu erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, +ihr Leben lang verachten zu können, und sie wird ihm +wohl gesagt haben, daß sie es für eine Schmach halte, +seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine Scheidung, +sie aber lebten <span class="antiqua">de facto</span> geschieden, – wie hätte +sie also noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, +daß sie, diese Wahnsinnige, ihrer Tochter Nelly noch +auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu ihnen, +arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel +<em>wer</em> dich auch rufen sollte. Also hat sie doch immer +noch erwartet, daß man sie <em>rufen</em> werde, folglich +aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch einmal zu +rächen, dem <em>Rufenden</em> ihre Verachtung zu zeigen. +Sagen wir es kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern +von ihrem Haß genährt. Vieles, Freund, habe ich auch +von Nelly erfahren; selbst jetzt noch forsche ich sie aus. +Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und +die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere +Erbitterung und Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch +weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von einer Gevatterin +der Bubnowa – daß sie einen Brief an den +Fürsten geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-596" class="pagenum" title="596"></a> +„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte +ich gespannt. +</p> + +<p> +„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! +Die Smitt hat sich jedenfalls einmal an diese Gevatterin +gewandt – du hast sie doch gesehn, weißt du, dieses +gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt +sie im Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte +sie ihm den Brief senden, den sie <span class="antiqua">nota bene</span> bereits geschrieben +hatte. Aber da besann sie sich plötzlich eines +anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte +ihn zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... +Nichtsdestoweniger ist das von großer Wichtigkeit: +denn wenn sie sich schon einmal entschlossen hatte, an +ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so +kann sie doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, +sehr wohl ein anderes Mal gesandt haben. Hat sie ihn +nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte! Ich +habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn +nicht abgesandt hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst +<em>nach</em> ihrem Tode mit voller Sicherheit erfahren hat, +daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß sie bei +der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben +muß!“ +</p> + +<p> +„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von +einem Brief, den der Fürst erhalten und über den er sich +sehr gefreut habe. Das war vor gar nicht langer +Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter +– wie ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“ +</p> + +<p> +„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, +was das heißt: die vollste moralische Überzeugung +<a id="page-597" class="pagenum" title="597"></a> +und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben – +<em>keinen einzigen</em>, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! +Ist das nicht zum Verzweifeln? Ich +hätte im Auslande nachforschen müssen, aber wo im +Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich +begriff natürlich, daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, +daß ich ihm nur mit Andeutungen einen +Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte, als +wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall +war ...“ +</p> + +<p> +„Nun und?“ +</p> + +<p> +„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch +erschrak er übrigens nicht wenig, erschrak sogar so, daß +er mich auch jetzt noch fürchtet. Wir haben mehrere +Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt +hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen +aus Freundschaft – selbst alles zu erzählen. +Das war damals, als er dachte, ich wisse alles. Er erzählte +gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit Gefühl, +offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit. +Eben daran konnte ich ermessen, wie +sehr er mich fürchtete. Eine Zeitlang spielte ich den +dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr schlau hält. +Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht ungeschickt, +sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – +alles nur, damit er mich für einen Tölpel halte und sich +dann vielleicht einmal unvorsichtigerweise verspreche. +Er durchschaute mich aber, der Schuft! Ein anderes +Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch +nichts Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, +Wanjä: ich mußte zuerst feststellen, inwieweit er +<a id="page-598" class="pagenum" title="598"></a> +mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen, daß ich +viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“ +</p> + +<p> +„Nun und – was erreichtest du damit?“ +</p> + +<p> +„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, +Beweise waren nötig, ich aber habe keinen einzigen +Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß ich +einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet +ihn um so mehr, als er hier bereits Verbindungen +angeknüpft hat. Du weißt doch, daß er heiraten +wird?“ +</p> + +<p> +„Nein ...“ +</p> + +<p> +„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im +vorigen Jahr ausgesucht: damals war sie erst vierzehn +Jahre alt, jetzt ist sie schon fünfzehn, geht noch im +Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen. Die +Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, +wie notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? +Diese Fünfzehnjährige ist eine Generalstochter, und +zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du und ich, +wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit +meines Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff +plötzlich wütend aus und er schlug mit der Faust +auf den Tisch, „das ist: daß er mich angeführt hat, jawohl! +– vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“ +</p> + +<p> +„Wieso?“ +</p> + +<p> +„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, +daß ich nichts Positives gegen ihn in der Hand hatte +und außerdem fühlte ich, daß er, je mehr ich die Sache +in die Länge zog, um so eher meine völlige Machtlosigkeit +erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit +den Zweitausend fürlieb.“ +</p> + +<p> +<a id="page-599" class="pagenum" title="599"></a> +„Du nahmst Zweitausend! ...“ +</p> + +<p> +„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich +sie. Gott, ist denn so etwas bloß lumpige Zweitausend +wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie nahm! Wie +ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er +aber sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre +früheren Bemühungen noch nicht entschädigt‘ – das +war aber gar nicht der Fall, er hatte mir schon längst +der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt +– ‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, +und ich hoffe, daß wir jetzt unsere <em>sämtlichen</em> Geschäfte +als erledigt betrachten können.‘ Na und da +antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte +aber dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich +dachte bei mir, in diesem Gesicht müsse geschrieben +stehn: ‚Na, hast du viel herausgeschunden? Ich gebe +dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘ Ich weiß +nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“ +</p> + +<p> +„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ +rief ich empört aus. „Bedenke doch, was du mit Nelly +getan hast!“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist +einfach niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... +weißt du, es gibt keine Worte, um das auszudrücken!“ +</p> + +<p> +„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens +Nellys Zukunft sicherstellen!“ +</p> + +<p> +„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder +meinst du, man könne ihn einschüchtern? Da sei du +unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen: ich habe +doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich +doch selbst, versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß +<a id="page-600" class="pagenum" title="600"></a> +meine ganze Macht gegen ihn nur lumpige zweitausend +Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt noch ängstigen?“ +</p> + +<p> +„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können +denn Nellys Ansprüche damit für immer begraben +sein?“ fragte ich ganz verzweifelt. +</p> + +<p> +„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und +geriet sogar ganz aus dem Häuschen. „Du glaubst, ich +werde ihm das schenken? Ich fange von neuem an, +Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn +dabei, daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, +zum Teufel damit! Ich habe das Geld einfach für die +Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du +willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, +hat sich über mich einfach lustig gemacht, hat mich zum +Narren gehabt! Ich erlaube es ihm aber nicht, mich an +der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt du, zuerst +mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin +zu der Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten +der ganzen Sache in der Hand hat. Sie weiß <em>alles, +alles</em> ... Die Mutter hat es ihr erzählt. Vielleicht +schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im +Fieber, wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte +sonst keinen bei sich, dem sie es hätte klagen können, da +wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn +sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr +unfehlbar <em>alles</em> erzählt. Vielleicht aber können wir +mit Nellys Hilfe auch noch gewisse Dokumente entdecken!“ +fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich stillvergnügt +die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb +ich in letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich +<a id="page-601" class="pagenum" title="601"></a> +aus Freundschaft zu dir, das versteht sich von +selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu beobachten. +Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du +willst oder nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn +du hast großen Einfluß auf Nelly ...“ +</p> + +<p> +„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft +erfreut, „denn ich hoffe, Masslobojeff, daß du dich in +ihrem Interesse bemühst, daß du es für das arme Waisenkind +tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils +willen ...“ +</p> + +<p> +„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils +willen, wie du sagst, ich mich plagen werde, du seliger +Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das ist die +Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache +für das Waisenkindchen, so will’s ja auch die +Nächstenliebe. Aber du, Wanjä, Wanjuscha, du verurteile +mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich +dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, +wie du weißt, er aber soll es hinfort nicht wagen, arme +Menschen zu beleidigen. Er entzieht mir das, was mir +von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er mich +noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich +noch was schenken, meinst du? Das wird mir gerade +einfallen!“ +</p> + +<hr class="tb"> + +<p class="noindent"> +Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer +Erwartung nicht entsprechen: Nelly fühlte sich +bedeutend schlechter und konnte das Zimmer nicht verlassen. +</p> + +<p> +<a id="page-602" class="pagenum" title="602"></a> +Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen. +</p> + +<p> +Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen +ihrer Agonie kam sie nur selten zu sich, gewöhnlich +hielten seltsame Phantasien sie gefangen. Es schien +fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von +Anfang an war sie fest überzeugt, daß der Großvater +sie zu sich rufe und sich über sie ärgere, weil sie nicht +käme, und dann klopfe er mit dem Stock und sage, sie +müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak zusammenbetteln. +Oft weinte sie im Schlaf, und wenn +sie dann erwachte, erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen +habe. +</p> + +<p> +Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu +sich kam; da schob sie sich näher zu mir und ergriff +meine Hand mit ihren abgezehrten, fieberheißen Händchen. +</p> + +<p> +„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate +Natascha!“ +</p> + +<p> +Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer +Zeit in ihr festgesetzt, und immerwährend schien er +sie zu beschäftigen. Ich lächelte ihr schweigend zu. Als +sie mein Lächeln sah, lächelte sie gleichfalls und drohte +mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und dann +küßte sie mich. +</p> + +<p> +An einem wundervollen Sommerabend – es war +drei Tage vor ihrem Tode – bat sie, man möge den +Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das Fenster +öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange +blickte sie in das frische Grün und sah die leuchtenden +Farben der Abendsonne, und plötzlich bat sie, uns +beide allein zu lassen. +</p> + +<p> +<a id="page-603" class="pagenum" title="603"></a> +„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, +denn sie war schon sehr schwach, „ich werde bald sterben. +Sehr bald, und ich will dir sagen, daß du mich +nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich +dir dieses hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, +das sie an dem Bändchen, an dem auch ihr Kreuz hing, +auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend +hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses +Amulett an dich, nimm es und lies, was darin steht. +Ich werde heute auch den andern sagen, daß du allein +dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen +hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu <em>ihm</em> und +sage ihm, daß ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen +habe. Sage ihm auch, daß ich die Bibel vor nicht langer +Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt allen +euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, <em>ihm</em> aber +vergebe ich trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben +lag und noch sprechen konnte, war das Letzte, was sie +mir sagte: ‚<em>Ich verfluche ihn</em>‘. Nun und so +verfluche auch <em>ich</em> ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, +sondern um Mamas willen ... Und du erzähle +ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich bei der +Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich +bei der Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle +ihm und dann sage ihm auch, daß ich lieber bei der +Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich +bin nicht zu ihm gegangen ...“ +</p> + +<p> +Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten +und ihr Herz klopfte so stark, daß sie auf das Kissen zurücksank +und eine Weile kein Wort sprechen konnte. +</p> + +<p> +„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit +<a id="page-604" class="pagenum" title="604"></a> +schwacher Stimme. „Ich will von allen Abschied nehmen. +Leb wohl, Wanjä! ...“ +</p> + +<p> +Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich +krampfhaft. Der Alte konnte es nicht fassen, daß sie +sterben solle, konnte diese Möglichkeit überhaupt nicht +zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit +uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden +müsse. Er magerte sichtlich ab vor Sorge und saß +ganze Tage und sogar Nächte hindurch an Nellys Bett. +In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den +geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, +noch bevor sie ihn ausgesprochen hatte. Als +er an jenem Tage, nachdem sie von uns Abschied genommen, +zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er +bitterlich, doch bald begann er wieder zu hoffen und +uns zu versichern, daß sie gesund werden müsse. Ihr +Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal kaufte +er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen +Rosen und hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, +nur um seiner kleinen Nelly eine Freude zu bereiten +... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig +auf: war doch eine so große und so allgemeine +Liebe etwas ganz Neues für sie. Der Alte wollte unter +keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da lächelte +Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, +fröhlich zu scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte +sogar ... Wenigstens verließen wir sie alle fast +hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage hatte sie +schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie. +</p> + +<p> +Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit +Blumen schmückte und wie verzweifelt er ihr abgezehrtes +<a id="page-605" class="pagenum" title="605"></a> +totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln und ihre +schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, +als habe er sein leibliches Kind verloren. Natascha, +ich und überhaupt alle trösteten ihn, so gut wir zu +trösten vermochten, doch er ließ sich nicht trösten und +erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer. +</p> + +<p> +Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie +Nelly abgenommen hatte. Es enthielt nur einen Brief, +den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben hatte. +Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch +an ihn, sie sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie +beschrieb ihr Leben in den letzten Jahren und schilderte +das Schicksal, das ihre Tochter erwarte, und darauf flehte +sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun. +„Es ist <em>Ihr Kind</em>,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter +und <em>Sie wissen es selbst, daß sie Ihre +natürliche, Ihre rechtmäßige</em> Tochter ist. +Ich habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich +gestorben bin, und Ihnen diesen Brief übergeben. +Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde ich Ihnen +<em>dort</em> vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts +vor dem Throne Gottes niederknien und den +Richter anflehen, Ihnen Ihre Sünden zu vergeben. +Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn +ihr vorgelesen; ich habe ihr <em>alles</em> erzählt, sie weiß +<em>alles, alles</em> ...“ +</p> + +<p> +Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie +war nicht zum Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben. +</p> + +<p> +Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen +wir beide, Natascha und ich, in den Garten. Es war +<a id="page-606" class="pagenum" title="606"></a> +ein heißer, blendend lichtheller Tag. In einer Woche +sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen +Blicken an. +</p> + +<p> +„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur +ein Traum.“ +</p> + +<p> +„Was war ein Traum?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem +einen Jahr gewesen ist. Wanjä, weshalb habe ich dein +Glück zerstört?“ +</p> + +<p> +Und in ihren Augen las ich: +</p> + +<p> +„Wir hätten beide so glücklich sein können!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="footnotes" id="part-6"> +Fußnoten +</h2> + +</div> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Kinderfrau. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Dershawin, geb. 1743, gest. 1816: Justizminister und Verfasser +von Memoiren. +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Lomonossoff, geb. 1711, gest. 1765: Schöpfer der modernen +russischen Literatursprache, bekannt durch Oden an Katharina die +Große. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Koseform für Wladimir. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Die orthodoxe Kirche gestattet offiziell auch die Ehe nicht +zwischen entfernten Verwandten, selbst dann nicht, wenn keine +Blutsverwandtschaft vorliegt. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Kapitänswitwe. +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung +der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren +Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde +transkribiert nach: +</p> + +<p class="nowrap center"> +F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br> +Zweite Abteilung: Neunzehnter Band<br> +R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910. +</p> + +<p class="skip_in_txt"> +Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen +Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt. +</p> + +<p> +Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ +vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen +Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. +sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt. +</p> + +<p> +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. +</p> + +<p> +Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) +eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen +wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. +</p> + +<p> +Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: +Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. +Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe +wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): +</p> + +<p class="list"> +Ssemjon (Semjon)<br> +Ssergejewitsch (Sergejewitsch)<br> +Ssimbirsk (Simbirsk)<br> +Walkowskij (Walkowsky)<br> +Wanjä (Wanja) +</p> + +<p> +Auf <a href="#page-353">Seite 353</a> wurde das Wort „<a href="#isch">ишь</a>“ nicht +übersetzt und statt dessen als „isch“ transliteriert. Es bedeutet in etwa +„da!“ oder „schau!“. An allen anderen Stellen und auch in späteren Ausgaben +wurde es sinngemäß so übersetzt. +</p> + +<p> +Das letzte Kapitel („<a href="#EPILOG">Letzte Erinnerungen</a>“) ist sowohl im russischen +Original als auch in späteren Ausgaben als „Epilog“ ausgewiesen. +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben +und des russischen Originals, +sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig. Ja, ...<br> +... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig<a href="#corr-178"><span class="underline"> war</span></a>. Ja, ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76485-h/images/cover.jpg b/76485-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..63cf778 --- /dev/null +++ b/76485-h/images/cover.jpg diff --git a/76485-h/images/logo.jpg b/76485-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e569b5e --- /dev/null +++ b/76485-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..37743a0 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #76485 +(https://www.gutenberg.org/ebooks/76485) |
