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diff --git a/76308-h/76308-h.htm b/76308-h/76308-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b5bee08 --- /dev/null +++ b/76308-h/76308-h.htm @@ -0,0 +1,14034 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Fetzen | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Fetzen" --> + <!-- AUTHOR="Alexander Weicker" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Georg Müller, München" --> + <!-- DATE="1921" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:35em; } +.halftitle { text-indent:0; text-align:center; padding-top:2em; margin-bottom:1em; } +.logo { margin-top:0; margin-bottom:4em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; color:rgb(100%,30%,2%); } +.subt { text-indent:0; text-align:center; 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er sagte: so habe ich die +Welt noch nie gesehen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Ich will ehrlich sein und, obwohl ich selbst zur Kaste +der Zeilenschinder und Tintenreiter gehöre, behaupten, +daß die Ehrlichkeit nicht das Wesen der Schriftsteller +ist. Weil ich die Vorrede zu allerletzt geschrieben, müßte +ich sie eigentlich Nachrede nennen. Aus dieser Tatsache +ziehe ich daher den geistreichen Schluß, daß es für +den Leser nicht von Wichtigkeit ist, das Buch zu kennen, +bevor er die Vorrede liest. Für den Verfasser ist +diese Kenntnis um so wichtiger. +</p> + +<p> +Wenn ich an die Geschichte der Entstehung des Buches +denke, will mich die Trauer schier nicht mehr verlassen. +Uebrigens weiß alle Welt von dem tragischen +Tod – die Tragik des Wortes Tod will es, daß das +Wort vorne hart und hinten weich, in der Mitte aber +oval ist, wie bei einem Krebs, wo man eigentlich nie +weiß, was hinten ist – also alle Welt weiß von dem +tragischen Tod meines Freundes. Ich überlege immer, +ob ich normal bin, weil der Vergleich, der überdies noch +ganz krebsig ist, mich trotz des traurigen Vorkommnisses +zum Lachen reizt. Da ich aber nicht antizipieren +will, verrate ich in der Vorrede nur, daß ich eines +Morgens aus meinem vierten Schlaf geklingelt wurde +und der Postbote mir ein Paket mit einem Stoß halb +unleserlicher Aufzeichnungen brachte, denen, in feinstes +Stanniol gewickelt, eine lebendige Kröte beigefügt +war (siehe Seite 9). Ferner enthielt das Paket einen +richtigen Abmeldeschein, der vorschriftsmäßig-korrekt +ausgefüllt war. Nur der Bestimmungsort machte mich +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +stutzig und nachdenklich. Ich las: Ziel der Reise – Jenseits. +</p> + +<p> +Mein Freund ist also ein Selbstmörder und obwohl ich +mit der menschlichen (fast schrieb ich unmenschlichen) +Gesellschaft gegen den Selbstmord bin – prinzipiell! – +will ich doch noch ein gutes Wort für meinen Freund +reden, weil es von Vorteil für meine viel wichtigere Persönlichkeit +ist. +</p> + +<p> +Das bedarf einer Erklärung für die, welche das Verhältnis +zwischen mir und meinem Freunde nicht kennen. Ich +bin überzeugt, daß man keinerlei Verpflichtungen gegen +einen toten Freund, wohl aber gegen eine lebendige Umwelt +hat. Deshalb will ich meinem Bekanntenkreis, ich +rechne darunter alle Leserinnen und Leser, deren lebhaftester +Anteilnahme ich sicher bin, alles rückhaltlos +beichten. Mein Freund hat mich zum Universalerben +einer Schuld von fünfundsiebzigtausend Mark in bar +eingesetzt. An beweglichem Inventar die lebende Kröte +und als eigentliches Gut der „Toten Hand“ das Manuskript +mit Aufzeichnungen aus seinem Leben. Er +hat mich beschworen, ja alle seine Schulden zu bezahlen, +weil seine Gläubiger sehr harmlose, wenn auch +reiche Gönner waren. Diese Beschwörung habe ich als +identisch mit einem von mir gegebenen Ehrenwort angesehen +und mich an die Aufgabe herangemacht, das +Material zu sichten. Das Manuskript ist eigentlich ein +lustiges Studententagebuch mit tragischem Ausgang +und ziemlich unvernünftigen Verwickelungen. Die Figuren +sind meist überlastete Sammelfiguren und verzerrte +Symbole. +</p> + +<p> +Ueber Wetter und Zeit konnte ich im – nennen wir +es schlechthin – Roman nur spärliche Andeutungen +machen, weil mein Freund, ich muß es zu seinem +Schimpfe leider sagen, mathematisch exakt gebildet +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +war, also weil mein Freund eine ganz spezielle Behandlungsweise +auf Zeit und Wetter angewandt hat. +Abgesehen von den kosmischen Theorien hat er sein +Zeit-Wettersystem nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung +aufgebaut, und ist dabei auf +komplizierte Integrationskurven gestoßen, die ich dem +Publikum vorenthalten will, zumal die Literarhistoriker +von dieser Art der Behandlung noch keine Kenntnis +zu nehmen geruht haben. Zudem bin ich der Ansicht, +daß Romane, die von Zeit oder Wetter abhängig +sind, leicht zu spät kommen oder verregnen, wenn sie +nicht vorher eingetrocknet sind. +</p> + +<p> +Mit dem Risiko dieser Ansicht habe ich es übernommen, +das Tagebuch zu veröffentlichen und nach dem +juristischen Erbrecht muß ich unbedingt einen hohen +Gewinnanteil haben. Daher warne ich alle Rezensenten, +ihre Feder gegen mich in die Tinte zu tunken, +denn ich schwöre es bei meiner Erbkröte, daß ich sie +wegen Kreditschädigung auf Schadenersatz verklagen +werde ... andernfalls aber bereit bin, mit ihnen zu paktieren +und ihnen ihre unveröffentlichten persönlichen +Verbalinjurien nach dem alten publizistischen Verlagsrecht +zu honorieren. +</p> + +<p> +Ich fühle mich um so mehr berechtigt, dieses Kompromiß +zu schließen, weil ich weiß, daß der Kampf +nicht der Sache wegen geführt wird, sondern des Futters +wegen. Nebenbei erachte ich es auch noch als eine +große Wohltat, die ich dem Publikum erweise, wenn +ich es mit diesem kritisch duftenden Bocksmist verschone. +Und weil Gott alle Tiere zu seiner größeren +Freude erschaffen hat, so soll man auch diese Menschen +von edelstem Futtererwerb leben lassen. +</p> + +<p> +Daher bekenne ich öffentlich, daß ich nie ein Tier, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +wenn es auch noch so ekelhaft war, zu töten gewagt +habe. +</p> + +<p> +Um mir selbst den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs +zu ersparen, steuere ich dem Schlußpunkt meiner +Vorrede zu, und sage: Die Ausmistung des Augiasstalles +ist nur eine Sage von fabelhaftem Unrat. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-2"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +ERSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer mit dem Stock erzieht, verwandelt +den physischen Widerstand +des Kindes in Ironie. Deshalb +haben wir den Klöstern die +köstlichste Frucht des menschlichen +Geistes zu danken. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes war ein Kerl. +</p> + +<p> +Die Instinkte ersetzten bei ihm die bestvernachlässigte +Erziehung. Ein wild-stürmischer Gang, ein krauser Tituskopf, +eine kühne Nase, am linken Arm drei Pockennarben: +Originalstiche! Weshalb gleich ein Steckbrief, +er hat ja noch nichts verbrochen! Vielleicht noch ein +Wort zum Hausklatsch für die Vorwitzigen: Seine Mutter +hatte neun Monate mit ihm unter gesegneten Umständen +verbracht und ihn ihrem Mann am Geburtstag +ins Bett geworfen: Da hast du das Balg! +</p> + +<p> +Sein Vater war ein alter Narr, der keinen Namen hatte, +denn die Mutter nannte ihn immer: Du. Eines Tages +sprach er zu Jappes: „Du wirst gewiß in einem Sumpf +sterben – und ich wünsche immer, du wärest als Kröte +auf die Welt gekommen.“ Dann hatte Jappes geweint +und die tröstende Mutter sagte: „Spar deine Tränen, +dein Vater ist ja ein Simpel!“ +</p> + +<p> +Und darum weinte er eben. +</p> + +<p> +Als „Du“ starb, trug man ihn feierlich durchs Dorf unter +Gesang und Weihrauchduft. Es war ein sonnenlichter +Tag. Die Mutter freute sich, daß Jappes schon geboren +war. +</p> + +<p> +Die Gute, sie hieß Angelica. +</p> + +<p> +Eines Tages weinten beide um den Tod des Vaters: +„Geh in deine Kammer,“ sagte Angelica, „das Gute +müssen wir im Verborgenen tun.“ Und Jappes fragte: +„Das Böse auch?“ +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +Es kamen viele Tage, an denen nichts geschah, außer, +daß Jappes körperlich und geistig gegerbt wurde. Mit +der Beize wurde nicht gespart, denn Jappes war eine +rohe Haut. Der Lehrer und Angelica schlugen sich abwechselnd +außer Atem und wenn Jappes dann die Luftknappheit +zu seinem Vorteil ausnutzte, geschah es mehr +aus Instinkt als aus Feigheit – wenn nicht gar Feigheit +ein Instinkt ist! Jappes war nicht feig. Er hatte +mehr Hosenböden und mehr vorsätzliche Katzenmorde +auf dem Zivil-Gewissen, als eine ganze keimende Dorfgeneration +zusammen. Wie für den Indianer der Skalp +das Kriterium der Tapferkeit, so für Jappes die Katzen- +und Hosenleichen. +</p> + +<p> +Angelica wunderte sich, daß ihr Sohn immer unter Arbeitern +steckte, wo es nur Schnaps und Hering und +Limburger Käse geben konnte. An einem grauen Regentage +untersuchte sie ihn, ob er noch keine Tätowierungen +habe. „Gottlob,“ sagte sie, „du bist blank +wie ein gescheuerter Bottich,“ und Jappes erhielt einen +freundschaftlichen Klaps. Angelica war eine gute Mutter, +die ihren Sohn immer schlug, nur die Beweggründe +wechselten. Jappes wurde auf diese Art ein gutgedrillter +Bursche, der mit den schlagenden Beweisen +einer schonungslosen und unerbittlichen Erziehungsmethode +vertraut war. +</p> + +<p> +Beim Arbeitervolk ging es auch nicht immer sachte +zu und deshalb liebte er das gewohnte Milieu! Er war +klug und dachte in seinem jungen Hirn: Arbeit ist +kein Laster, steckt also nicht an. +</p> + +<p> +Denkende Köpfe finden ein anderes Betätigungsfeld, +dachte Angelica, und war stolz auf ihre Leibesfrucht. +</p> + +<p> +Dann kam die Wandlung. +</p> + +<p> +Jappes wurde den Musen geweiht und Angelica wußte, +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +daß sie etwas tat, was sie sich und ihrer Stellung schuldig +war. +</p> + +<p> +Ungeratene Söhne pflegen immer wohlgeratene Mütter +zu haben! +</p> + +<p> +Angelica ging mit dem Sohne das pfarrherrliche Orakel +zu befragen. Pfarrer Trumb war ein grundgütiger Herr, +denn er predigte immer Demut. Weil er stets zur Enthaltsamkeit +und Mäßigkeit mahnte, hatte ihn Gott mit +einer Fettschicht begabt, durch welche die Transpiration +vollkommen nach göttlich weiser Anordnung funktionierte. +Die Köchin, ein jovialisiertes Frauenzimmerchen +mit einem heilig ergebenen Demutsblick, wie eine süße +Raffaelmadonna, empfing Angelica: „So, Frau Angelica, +Sie kommen wegen dem Sohn“ – und hier unterbrach +sie sich, um die gute Mutter von der Last eines +Schinkens – in größter Ausgabe – zu befreien. Pfarrer +Trumb kam. Gut-gütig lächelnd: „Ach! Herr Studiosus“ +– und verstohlen schaute er den Schinken an, +„dann beginnt jetzt ein neues Leben.“ Segnete Jappes, +sprach ein paar Worte von aufopfernder mütterlicher +Hingabe, redete, bis die gute Angelica mit der pfarrherrlichen +Magd Gottes weinte, und fand noch ein paar +rührende Trostesworte. Darauf gingen Mutter und +Sohn. +</p> + +<p> +Angelica sagte: „Der Herr Pfarrer ist ein grundguter +Mann. Er redet mit Worten, die selten sind und Trost +bringen. Sein Segen wird dir nützen.“ +</p> + +<p> +Jappes fragte: „Mutter, welchem Armen wird er unseren +Schinken wohl schicken!“ +</p> + +<p> +Angelica: „Das wird Gott ihm eingeben.“ +</p> + +<p> +Jappes war interner Pennäler bis zu seiner Emanzipation. +In der fünften Lateinklasse trat der Typus Weib in +sein Leben. Die Romanfiguren nahmen greifbare Gestalt +an. Gott schickte das Weib, auf daß sich der +Mann nicht selbst quäle. Die Technik des Umgangs +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +war Nebensache, denn junge Mädchen lieben unter +normalen Verhältnissen die Pennälermützen nur. Gerissen +und verschmitzt wie ein Fuchs, verstand er +nach einer klugtaktischen Strategie das Weib mit ihren +eigenen Mannen zu schlagen. Er wußte: Der Feind +der Frau steht in ihr selbst. Er kämpfte seine Vorpostengefechte +der Liebe, eroberte lodernde Küsse, +stürmte zuckende Brüstchen, die Redouten der Festung. +Manchmal fand er freies Gelände und offene +Schanzen und freie Bastionen. Er wußte, dort hatte +der Feind gehaust. +</p> + +<p> +Als die Sonne der Weisheit sein Hirn gereift hatte, +und er das Pennal verließ, wußte er aus Caesar: Greife +den Feind eher durch List als mit deinen Kräften an, +und aus Erfahrung wußte er, daß noch kein Mädchen +an hysterischen Weinkrämpfen gestorben war. +</p> + +<p> +Er sagte der Verziehungsanstalt Valet. +</p> + +<p> +Angelica war voll stolzer Bedenken, ob ihr Sohn, der +nun geistig reif war, nicht etwa auch vom Bazillus der +modernen Ungläubigkeit angesteckt sei. Sie klebte drei +Wachskerzen hinter die Tür und ließ eine zweipfündige +Kerze in der Kirche verbrennen. +</p> + +<p> +Jappes bezog die Universität mit einem klaren Kopf, +tollen Erinnerungen, mit krauser Stirnlocke, Reifezeugnis +und seligbangen Zukunftsplänen. +</p> + +<p> +Das wurde alles immatrikuliert. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-3"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +ZWEITES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Eine befangene Seele kann Alltägliches +sogar als Ausnahme genießen. +Und der Alltag bietet so +viel Alltägliches. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes schlenderte durch die Stadt, sog seine Seele +voll von neuen Eindrücken und frischte alte auf. Er +merkte sich alle Namen, die komisch klangen, und besah +die mit Modeartikeln gespickten Schaufenster. Er +dachte: die Menschen kaufen ihre Sachen hier und +sehen doch so unappetitlich aus im Vergleich zu den +leckeren Schaufenstern. Manchmal streifte eine Modepuppe +an ihm vorbei mit wiegender Hüfte; hinter +ihr drein ein Duftschweif von Oppoponax oder Lavendel +oder –. Dann war er immer etwas befangen. Weshalb +ziehen die Weibchen sich so duftig an? Weshalb +der süßprickelnde Duftschleier über der angemalten +Anmut? Sieht doch eine aus wie die andere und ist +das kein Trost für die Häßlichen! +</p> + +<p> +Manchmal grüßte er ulkig aussehende Männer – ach! +so viele Männer sehen ulkig aus – um sich an den verdrehten +Institutsbücklingen zu freuen, die sie ihm +machten. Aber er tat, als habe er Eile, um zu verhindern, +daß jemand ihn anrede. So machte er sich allerlei +Gedanken darüber, wen er wohl gegrüßt habe und +freute sich, weil der andere nicht wußte, daß er angeulkt +worden war. +</p> + +<p> +Die Straße war glühend heiß. Die Häuser standen +bleich und starr und hatten wehe Augen. Jappes sog +sein Teil Benzin- und Menschen- und Roßäpfelduft ein +und fluchte: „Verdammt, ist das eine Luft!“ +</p> + +<p> +Ein Wagen mit Obst. Die Birnen waren feuchtschmierig, +wie gepuderte Damen, die zu lange getanzt haben. +Am Wagen ein Mann und ein anderer Esel. Jappes +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +fragte: „Kosten?“ „’s Pfund eine Mark!“ „Bitte ein +Pfund. Ist der Esel schon alt?“ „So alt wie Sie, +Herr, wird er schon sein, Herr,“ und reichte die Birnen, +„aber gut ist er schon. Halt wie ein Zugpflaster, +man muß tüchtig aufschmieren und ziehen lassen.“ +</p> + +<p> +Der graue Zögling spitzte die Ohren. +</p> + +<p> +Ein Batisttaschentüchlein mit feinen Spitzchen rettete +ein Damennäschen vor Ueberschwemmung. Jappes +staunte, daß eine so unappetitliche Prozedur +mit soviel Grazie vollzogen wurde, und er wagte es +nicht, sein gemaltes Sacktuch hervorzuziehen, auf welchem +irgendeine rührende Liebesszene dargestellt war. +Bunte Taschentücher der Landleute haben etwas originell +Anschauliches; vielleicht sind so viele bunte +Motive auf den Tüchern der Alten, weil sie gewohnt +sind, ihre Nase in alles zu stecken! Vom Taschentuch +bis zum Schnupfen ist nur ein Schritt, dachte Jappes, +als es kühl wurde. Abends weinte sein grobes Leinen, +weil es allein war und vom duftigen Spitzenbatist +träumte. +</p> + +<p> +Schau, sagte Jappes, auch ich bin einsam, und da war +das Taschentuch sein Trost in Tränen. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wenn wir vor unseren dummen +Gedanken fliehen sollten, wären +wir beständig auf der Flucht. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nachts schrieb Jappes seinem Tagebuch: +</p> + +<p> +Liebes Tagebuch, du weißt, daß ich ein guter Kerl bin +und du immer der Sarg meiner Gefühle warst, daß +ich mich immer an den Bibelsprüchen erbaut und nie +eine Geige gestrichen habe; daß ich meinen Geist, die +beste Kuh, die ich in allen Notlagen melken kann, nie +auf unrechte Weise führte. Um recht in das Stadtbild +zu passen, muß ich meine äußere Fassade etwas +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +aufputzen, denn ich bin nun einmal in den +Kulturtopf umgepflanzt. Du weißt, ich stehe genau +wie du auf den untersten Sprossen der sozialen +Erwerbsleiter und werde wohl die neunundzwanzig +letzten Tage des Monats ohne Geld bleiben. Das +sage ich dir, weil ich mich in Zukunft auch mit Kleinigkeiten +abgeben will, und die eigenen Mängel können +wir autobiographisch am besten vertuschen, denn +die Dialektik ist der Vatermörder für den Kropf unserer +Verbildung. Ja, mein liebes Tagebuch, ich weiß +bestimmt aus einer Chronik, daß ein reicher Herr den +Vatermörder erfinden ließ, um seinen Kropf zu verdecken: +Eine Erfindung, die wie gute Kragen glänzend, +aber ebenso steif ist. +</p> + +<p> +Ich warne dich vor Vatermördern, denn es haftet der +Fluch daran, das heraufzubeschwören, was sie verdecken +sollen. Fatales Gesetz der dunklen Magie. Zudem +ist die Unterlassung von Modenarreteien ein sparsames +Hausrezept. Verzeihe, daß ich über etwas geschrieben +habe, was ich mir noch nicht leisten kann, +aber du weißt selbst, wieviel Trost es bringt, uns über +Unerreichbares hinwegzuekeln. Könnte ich das immer! +Heute war zum Beispiel ein jungatmiges Spitzentuch +– – – – doch nein! Ich will unsere Wehmut +nicht kitzeln. +</p> + +<p> +Noch ein Wort über die Stadt: Sie hat eine staubige +Atmung und ich weiß wie du aus Erfahrung, daß ein +Bauer sieben Kilogramm Staub schluckt – über die +Zeit ist nichts gesagt –, aber dabei gesund und grob +ist! Darum will ich Betrachtungen über die Unterschiede +des Stadt- und des Landstaubes anstellen; +werde gelehrsame Meditationen über die Wirkung des +Stadtstaubes auf Landbewohner und umgekehrt halten. +Der Wissenschaft zuliebe will ich mich als Versuchskarnickel +opfern. So wälze ich die staubigsten +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +Probleme in meiner Gehirnhöhle: sagte die gute Mutter +nicht immer, ich sei ein problematischer Kerl. +</p> + +<p> +Was Mütter gefühlsmäßig sagen, soll man immer +glauben. +</p> + +<p> +Mein liebes Tagebuch! Die Fliegen umsummen die +Lampe und lärmen unruhig. Ich schließe und lösche, +denn es ist wirklich Zeit, daß die Tierchen schlafen +gehen, und schlafend erwartet man am sichersten den +nahenden Tag. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Worte, die wir morgen reden, +waren heute noch nicht wahr. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes forderte im Schlaf das Recht der Jugend, +ruhend zu träumen. +</p> + +<p> +Ein Traum setzte sich kitzelnd wie eine Fliege auf +die Nasenspitze seiner Einbildung: Das zweibeinige +seidenrauschende Riechfläschchen, das ihm beim +Stadtbummel in die Nase gestiegen war, erschien. Es +trippelte kühn vor ihm her, trippelte, trippelte, langsam +und schwupp drehte es sich um. +</p> + +<p> +„Freund, erschrick nicht! was starrst du mich so an, +meine Dekolletage? Die Polizeigrenze verläuft tiefer, +seitdem die Zensur aufgehoben ist.“ Unterfaßte ihn +und ging mit ihm in den Abend hinein, wo das +Licht blind wurde. Da bat er um ihren Mund. +Sie sagte: „Es kommt jemand, er sieht unsere +Silhouetten.“ Und Jappes: „Laß den Silhouettenjäger, +komm, sei gut –“ +</p> + +<p> +Ein Klaps übers Ohr von weicher Hand, daß er erwachte: +„Gott ja! was hab ich nur geträumt? Oh! ich +weiß, wir träumen immer, was wir nicht haben können.“ +</p> + +<p> +Er dachte an seine Mutter und hatte Sehnsucht nach +Prügeln. +</p> + +<p> +Der Morgen brachte einen Brief. Das Tagebuch +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +schrieb: Mein staubiger Problematikus: Du schreibst: +Heute war zum Beispiel ein jungatmiges Spitzentuch +– – – – Die zwei letzten Gedankenstriche voller Ironie +hättest du dir sparen können. Die beiden ersten haben +mich traurig gestimmt, weil ich weiß, daß du wieder auf +der Pirsch nach Freiwild bist. Weshalb betrügst du mich +nicht und schweigst über diese Sachen! Mich als sächliches, +geschlechtsloses Tagebuch muß es um so tiefer +kränken; „der“ und „die“ können zusammen poussieren, +aber „das“ muß immer verzichten. Daß ich nie Vatermörder +trug, weißt du schon, weil ich keine Vatermörderkragenhalshöhe +habe: mithin technisch unmöglich. +Spintisierender Staubfänger, du willst das Opfer +der Wissenschaft werden. Nur Mut! Du bist das richtige +Karnickel dazu. Der ekle Rest deiner übrigen Andeutungen +über Personalveränderungen ist trieblos +spröde und in puncto Freundschaft bin ich sehr ernüchtert, +weil du gewaltsame Aenderungen durch allerlei +Modekrempel an dir vornehmen willst. Ueberhaupt – +ich kündige dir die Freundschaft auf acht Tage! +</p> + +<p> +Jappes lachte und freute sich, daß das Tagebuch sächlich +war. Er brummte: Bauer, du bist doch nur mein +Waschzettel, also fort mit dir. Nach acht Tagen, wenn +wieder großes Reinemachen ist, werde ich mit meinen +Siebenmeilenstiefelgedanken deinen Groll schon dämpfen. +</p> + +<p> +Das Tagebuch war dickköpfig und unwiderruflich, wie +alles Geschriebene. Doch kaum war der Brief weg, als +es leise-zitternd wimmerte: Acht Tage ist halt doch +eine lange Frist! +</p> + +<p> +Die Sehnsucht aber baute ihr Nest an dem Ausblick +auf einen Jappesschrieb. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-4"> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +DRITTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Wirklichkeit ist oft kühner +als der Traum. Aber es gibt auch +wirkliche Träume. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes wohnte bei Frau Wertheim in der Frans-Hals-Straße +auf Nummer 12 im dritten Stock. Er wunderte +sich selbst, wie er sich da hatte einmieten können. Auf +seinem Bummel las er an einem Aushängeschild, daß +ein vornehm möbliertes Zimmer gegen zivile Vergütung +an einen besseren soliden Herrn abzugeben sei. +Er war schnell handelseinig, zahlte den ersten geforderten +Preis im voraus, weil Frau Wertheim sagte: +Für die Herren, die im voraus zahlen, könne man eher +mehr Aufmerksamkeit aufwenden und es sei den Herren +Studenten ja auch leichter, am Anfang als am Ende +des Monats zu bezahlen. Dabei blinzelte sie verstohlen +und sagte: „Kenne das schon, mein Sohn war +auch Student!“ Jappes hatte Geld und zahlte willig, +weniger weil die Wirtin ihn überreden wollte als aus +Gutmütigkeit. Zudem lag ihm blutwenig an seinem +Geld. +</p> + +<p> +Seine Bude war ein wackelig möbliertes Zimmerchen +mit vergilbten Tapeten und alltäglichen Möbelstücken. +An der Wand hingen ein paar Bilder, die nicht so ganz +recht zum Prädikat solide paßten, und Frau Wertheim +sagte: „Der Herr wird halt keinen Anstoß an den Bilderchen +nehmen, es ist Münchener Kunst!“ Die Wirtin +war das komischste Möbel im ganzen Zimmer. +Wenn sie lachte, sah sie aus wie eine weinerliche Heiligenfigur, +die von Güte durchschauert ist, oder wie +eine Dolorosa, die ekstatisch verzückt Sieben-Wunden-Leiden +zu erdulden hat. Sie legte die mit einem zittrigen +„dankend erhalten“ quittierte Rechnung hin, empfahl +sich, kehrte noch mal um und bat, wenn der Herr +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +Doktor was benötige, von der Klingel Gebrauch zu +machen. Dann schlorpte sie davon. +</p> + +<p> +Jappes blieb allein mit seinen Gedanken. Hoh! rief er, +vornehm möbliertes Zimmer! Er stieß an den Schrank, +an den Tisch, stieß an die Toilette, alles wackelte, +wackelte vornehm. Er dachte: Das Aushängeschild +schicke ich meiner Mutter, es ist das beste Leumundszeugnis: +Ein solider Herr, hehe! Es schmeichelte ihm, +daß er ein besserer Herr war und solid, alles für fünfzig +Mark und noch obendrein Herr Doktor. Der schlotterbusigen +Tänzerin an der Tapete schnitt er eine höhnische +Grimasse, tippte die Klingel, pfiff eine mädelsüße +Melodie und sagte zu Frau Wertheim: „Ich hole meinen +Kram von der Bahn! Addio!“ +</p> + +<p> +Und er holte seinen Kram. +</p> + +<p> +Frau Wertheim sagte: „Den Anmeldeschein habe ich +schon hingelegt. Der Herr Doktor wird geruhen, ihn +auszufüllen.“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Herr Doktor ist gut – so schnell promoviert +man nur hier. Herr Doktor Jappes klingt nicht +schlecht. Ja! das kommt alles vom guten Klang; wie +soll ich Sie nennen, Frau Wirtin? Haben Sie auch +einen so hohen Kosenamen?“ +</p> + +<p> +Er ging zum Schreibpult: Familienname, Vorname. +Jappes Paul, geboren 16. Oktober 1893 auf dem +Schlapphof. Die Geburtswehen fallen mit den Nachwehen +des Namenstags meiner Mutter zusammen. +Vater: Ist tot. War ein Simpel und im Nebenberuf +Landwirt. Starb ohne höhere Bildung. Mutter: Angelica, +von Beruf Mutter. War zwölfmal erfolgreich +schwanger. Ledig: Ich glaube – schließlich kann man +es noch so nennen, das Gesetz ist ja noch nicht durch +die Heirat verletzt. Religion: Orthodox mammonistisch. +Strich. +</p> + +<p> +„Nun, Frau Wirtin, bringen Sie das der Polizei, einen +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +schönen Gruß, sie sollen mal was von sich hören lassen.“ +</p> + +<p> +„Der Herr Doktor ist in gutem Humor,“ sagte die +Wirtin, und Jappes: „Ach ja, der Herr Doktor!“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Sieh Mutter, es kommt ein Sturm, +sagte der Sohn. Da spannte sie +den Regenschirm auf. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Als es dunkelte, knipste er die Glühbirne an, hängte +die saloppen Bilder verkehrt an die Wand, flegelte sich +auf die Ottomane und spann seine Gedanken hinüber +zur Universität: Ein heilig-ernster Schauer durchrieselte +seine langen Glieder. Er war voll frommer Ehrfurcht +vor dieser mächtigen Geisteszentrale, wo die +antwortdurstigen Studentenseelen mit dem klaren +Quell reiner Vernunft getränkt wurden. Er malte sich +eine geistige Sahara, wo die durstigen Studenten +lechzend harrten, bis die Professoren wie Kamele, mit +den Schläuchen ihrer Weisheit zum Labetrunk erschienen. +Er verglich die Professoren mit zweibeinigen +wandelnden Lexicis, Vertretern verschiedener Fakultäten: +Meyer, Brockhaus, Herder, die alle dasselbe +sagten, aber in einer anderen genialen Ausstaffierung. +Oder mit tantenhaft peinlich geordneten Zettelkästen. +Männer, die wie eine Uhr funktionierten, die schwer +zum Lachen zu bringen waren, es sei denn über eigene +dumme Witze. Und der Neid, der schlimme Nager, befiel +ihn, als er dachte, wie die Professoren mit klassischer +Gebärde ganze Bücher hersagen konnten. Ja! der +Neid frißt das Beste im Menschen. +</p> + +<p> +Dann marschierten seine Vorstellungen über das Studentenleben +auf, um in ihrer Glorie zu paradieren. +Romantisch-sentimentale Lockenköpfe mit nachlässig +geschlungener Binde. Jünglinge mit kritischen +Denkrunzeln über der Stirn, Verse murmelnd, träumerische +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Augen und krankhaft bleicher Teint, das Wasserzeichen +des Genies in stillen Nächten durch musische +Arbeiten eingeprägt. Angesäuselte Studenten mit +Mandoline und Sackpfeife im klingenden Tonfall eine +Holde besingend, Schabernack und ulkige Nächte in +Braus und Schwulitäten. Jappes wurde misepetrig zumut +beim Gedanken, daß es auch solche gab mit bunten +Mützen und farbigen Bändern, wie sie kapitale Ochsen +bei Viehausstellungen in seiner Heimat trugen, die, +wenn man ihnen zu lange – und Gott, die Herren leben +rasch! – ins Einglas schaute, einem auf zehn Schritt +Entfernung Löcher in die Haut knallten. +</p> + +<p> +Das war der erste lebensgefährliche Gedanke, welcher +Jappes je befallen hatte und sinnend lag er mit zuckender +Seele, als es an die Tür klopfte: „Herr Doktor +braucht gewiß sehr viel Licht, doch das ist weiter nicht +schlimm, wollte auch gar nicht stören; es ist nur wegen +dem Bezahlen.“ Jappes klopfte der Wirtin auf die +Schulter: „Ich kann schließlich auch im Dunklen denken +und brauche die Bilder an der Wand nicht umzuhängen. +Ich wünsche eine gute Nacht.“ Aergerlich +schlug er sich in die Daunen. Beim Frühstück fragte +Frau Wertheim, wie er geschlafen habe: +</p> + +<p> +„Ohne Licht!“ sagte er barsch, biß seine Semmeln hinunter, +packte seine Papiere und ging. Ein leichter Regen +weinte über die Stadt, die Sehnsucht nach einem +schönen Tage hatte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-5"> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +VIERTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Gott erschuf den Gespielen der +Frau und nannte ihn Kavalier. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes wurde feierlich zum akademischen Bürger ernannt +und Seine Magnifizenz der Rector Magnificus +drückte ihm hochselbst die Hand. Damit war er Studierender +und hatte seine Ausweiskarte. +</p> + +<p> +Angelica erhielt einen Brief. Liebe Mutter! Dein Sohn +schreibt Dir Erfreuliches. Heute war sein erster großer +Tag: die feierliche Aufnahme in den Organismus des +Studentenkörpers. Der Rektor, ein glattrasierter Herr +im Brautanzug, drückte mir die Hand vor über tausend +Studenten. Denk Dir einen großen Saal, so groß wie +unsere Scheune und die Remise dazu. Mutter, nun muß +ich immer viel denken, bis ich auch ein großes Tier +bin. +</p> + +<p> +Angelica zerdrückte eine Träne, war stolz auf ihren +großen Sohn und sagte: Das ist der Segen des Herrn +Pfarrers. +</p> + +<p> +Jappes stand im Lichthof der Universität und lauschte +dem murmelnden Geräusch, das sich an dem hohen +Kuppelgewölbe brach. Eilige Studenten zogen vorüber, +knipsten die Asche wichtig von der Zigarette, verrieten +durch Haltung der Handschuhe, daß sie eine gute Kinderstube +absolviert hatten. Man sieht jedem Menschen +die Kinderstube an, dachte Jappes, und ich schmeichle +mir, daß ich im Freien aufgewachsen bin. Fesche +Burschen, deren Beinkleider von betörendem Schnitte +waren, lachten über irgendeinen Witz, stiegen die +Treppe hinauf und tippten mit dem Stock auf die +Stufen. Dandys, denen der Snob in den Nacken gebaut +hatte, bildeten eine Gruppe. Peinlich korrekte Ehrenmänner +mit Bügelfalten wie Anstandslehrer, Schlipsen, +die Ladenschwengelrepräsentationsschleifen ausstachen. +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Einer hielt ein Päckchen Keks unter dem Arm und +naschte sie zierlich hinunter. Es gab Ein- und Zweigläser +in der Gruppe; die Zweigläser schienen die Klügsten. +</p> + +<p> +Als sie gingen, wußte Jappes, daß sie zum Segeln wollten, +falls Egon zu pumpen beliebe. +</p> + +<p> +Die Weibsen sind an der Universität in der Minderheit. +Jappes sah zwei Arten, die einen mit Kavalier, die anderen, +die noch keinen hatten. Etliche gingen sinnend vorüber +und schleppten sich müde an ruppigen Büchermappen. +Jappes sagte: Das sind die fleißigen Arbeitsbienen, +denen vielleicht nur der literarische Stachel fehlt. Andere +klapperten mit Holzsandalen vorbei, hatten sonnengebräunte +Gesichter: Töchter der Rucksackkultur. Jappes +sah, daß die meisten blond waren und ihm schien, als +wären sie noch nicht schlüssig in der Wahl zwischen +Kavalier oder Studium. Selbst unter den Büchertragenden +gab es noch solche, die Jappes Zweifel einflößten: +Ob die Büchertaschen nicht gar Attrappen seien? +Oja-duftige Bürgertöchter hingen lässig am Arm ihrer +ehe- und pensionssicheren (in spe!) Kavaliere. Gierig +tranken sie den Honig der Worte, der von den angebeteten +Lippen floß, hörten die vernichtende Kritik gegen +ein Buch, gegen einen Vortrag und hauchend: Gelt, +wenn’s Doktor bist, hältst auch Vorträge – aber andere, +weißt! ... Es war eine bunte Mappe von dünnen +und dicken, von lachenden und ernsten Studentinnen. +Im Gewimmel glänzende Mitternachtstulpen und +göttliche Flirtmaschinen. Jappes dachte: Wie heißt +wohl der Geist, den sie suchen mit der Lampe des Geschlechts? +Er stieg die Treppe hinauf zur Quästur. +Zwei Studentinnen gingen vor ihm. Eine hatte kuhmagdpralle +Waden. Sie sagte: „... möglich, daß vom +ästhetischen Standpunkt aus etwas einzuwenden wäre, +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +aber die Form ist doch die Hauptsache – übrigens +willst du jetzt eine Kässtulle?“ +</p> + +<p> +Die andere piepste: „Ja, eine kleine!“ Jappes dachte: +Gottlob, daß es auch noch natürliche Menschen gibt, die +nicht nur metaphysische Bedürfnisse zu befriedigen haben. +Und das dralle Kind stahl sich in seine Sympathie. +Jappes belegte so viele Vorlesungen, bis sein Geld fast +alle war. Aber er war glücklich, daß er nicht zu knapp +eingekauft hatte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-6"> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +FÜNFTES KAPITEL. +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Beichtstuhl und Pfandhaus: Es +wird nur Speicherkram eingeliefert +gegen einen Vorschuß auf +Rückfall. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Wer wollte die unverschuldete Geldlosigkeit eines Studenten +nicht entschuldigen, zumal wenn er nach ehrlichen +Mitteln greift, um seine Finanzen aufzubessern? +Alle Studenten sind, von den Ausnahmen abgesehen, +ehrliche Burschen. +</p> + +<p> +In der Regel gibt es zwei Wege, um aus der Klemme +zu kommen, den Vater der Braut um einen unkündbaren +Vorschuß anzuhauen – doch dazu ist eine Braut +und ein bemittelter Vater vorausgesetzt. Dazu kommt +die Gefahr, daß Herr Studio im Verweigerungsfalle +nicht nur den Vorschuß, sondern auch die Braut verliert, +was um so peinsamer ist, wenn die Braut den +Vorschuß wirklich aufwiegt. Aber wie oft ist die Braut +nur ein Vorschuß auf Liebe! Der andere Weg ist, in +aller Demut und Gelassenheit mit irgendeinem versetzbaren +Gegenstand die große Bedürfnisanstalt der +Stadt aufzusuchen, um auf rechtmäßigem Wege das Allernötigste +leihweise aufzunehmen. Durch weise Verordnungen +der respektiven Stadtväter sind diese Anstalten +gegründet. Die Abschätzer, welche den Preis für +die zu versetzenden Gegenstände festsetzen, sind nur +bis zur Hälfte der normalen Wertskala geeichte Männer, +sind also nur halbanrechnungsfähig: Die Begründer +der Versatzämter waren sicher Juden, die eine bewegte +Studentenzeit hinter sich hatten. +</p> + +<p> +Jappes ging den Weg, den so viele schon gegangen sind, +denn er war Student und hatte nichts Wertvolles zu versetzen, +weil er nie große Bedürfnisse hatte. – – – +</p> + +<p> +Im Pfandhaus: +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +Ein vielfältiger Duft umkitzelt die Nase und weckt die +kühnsten Bilder, erinnert an Sachen, die man sonst +nicht leicht zu denken wagt. Geruch von Windeln, +Kleinkinderstube, Affenhaus, Hunden in der Brunstzeit, +schweißstinkigen Wäschestücken, stickigem Qualm – +Nase trink dir genug! Ein Archenduft, wo alles um +Vater Noah versammelt stank. Jappes hatte eine gute +Nase. Er war noch Novize, aber nicht schüchtern. Er tat +wie ein Esoteriker, wie ein alter Pfandgast. Verordnungen +und Bestimmungen waren an die Wand genagelt: +</p> + +<div class="block"> +<p class="noindent"> +Außer Kindern unter vierzehn Jahren, Geisteskranken +und betrunkenen Personen wird jedermann +als Verpfänder zugelassen. Dem Pfandgast +steht es frei, sich beim Abschluß des Pfandgeschäftes +des eigenen oder eines willkürlich gewählten +Namens zu bedienen ... usw. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes überlegte: vierzehn Jahre hatte er, war nicht +geisteskrank, nicht betrunken. Er las alle Tafeln durch, +hörte Namen rufen, alle mit derselben Betonung, wie +Nummern; denn auch vor dem Pfandgesetz sind alle +gleich. Alle, die versetzen, sind bedürftig und nur die +Bedürftigen beugen sich einem Gesetze. +</p> + +<p> +Durch ein Schalterfenster kam der krähende Diskant +eines Buckligen, der mit fiebernder Eile Zahlen hersagte. +Er sah aus wie ein Fragezeichen und hatte ein +zerknittertes Gesicht. Ein schwammiges Biergesicht daneben +verfolgte die schreibenden Finger, die wie Würstchen +über eine lange Zahlenliste glitten. +</p> + +<p> +Frauen mit Körben voll von Wäschestücken, Kleidern +und Schachteln, kamen und gingen, bettelnd und fluchend, +weil ihr Saumann kein Geld herausgab. Eine +brachte Bilder und heraldischen Schnickschnack, eine +andere eine ziselierte Lampe, eine wertvolle Uhr, eine +nackte Bronzefigur. Ein zerschossener Soldat kam mit +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Regenschirm und Tripperspritze, den Werkzeugen seiner +zivilen Praxis. Der Schätzer lehnte ab: „Luxusgebrauchsartikel +nehmen wir nicht an, lesen Sie die Verordnung!“ +</p> + +<p> +Ein Kind schrie auf und die Mutter schob es an ihre +Naturmilchflaschen. Buntes Stilleben! in welchem die +Frauen die Staffage sind! Jappes versetzte ein Schachspiel +mit Figuren aus Elfenbein geschnitzt und war mit +dem Erlös zufrieden. Nach ihm kam ein Mädchen an +die Reihe. Sie war nie auf dem Versatzamt gewesen +und paßte auch nicht hin. Verschüchtert bat sie um +fünfzig Mark für ein Opernglas. Der Schätzer gab +dreißig. Sie verzog die Lippen zu einer weinerlichen +Grimasse und sagte: „Dann langt es noch nicht.“ Jappes +bat: „Fräulein, verzeihen Sie, ich kann Ihnen mit +etwas aushelfen.“ Sie zuckte zusammen und erwiderte: +</p> + +<p> +„Glauben Sie, ich schäme mich nicht, hier zu sein, es ist +so hart. Die Mutter ist gestorben und ich will einen +Kranz aufs Grab kaufen.“ Dann weinte sie und war still. +Jappes gab ihr sein Geld, sie bat um seine Adresse und +ging. +</p> + +<p> +Auf seinem Pfandschein stand: Doktor Jappes. Der +Bucklige musterte ihn scharf: Doktor Jappes? und der +Student haßte das Fragezeichen. Draußen schrieb er mit +Bleistift an die Wand: Empfindsame Nasen sollen Karbolwatte +einstecken! Dann spuckte er hin und sagte: +Wozu war ich nun hier? +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-7"> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +SECHSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wem Gott eine Begierde gab, +dem gab er auch Gelegenheit, sie +zu befriedigen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nacht! Von den Gaslaternen tropft ein müdes Licht und +zerspritzt auf dem Pflaster. Paare flüstern Geheimnisse +im Schatten. Andere gehen müde umschlungen, zucken +auf im Licht, wenn sie ihre Gesichter sehen. Stehen eine +Sekunde still, gebannt vom Gedanken, daß sie im Wonnetaumel +eine Sünde taten: die Sünde! Ihre Blicke streifen +aneinander vorbei und zag: Wir verlassen uns +nicht. Sie wissen, daß sie müde sind und sich doch +nicht verlassen können, obwohl sie allein sein wollen. +Müde sein und nicht ruhen dürfen ist Qual. Ist Qual +nicht der Fluch der Lust, wenn sie die Jugend mordet! +Sie gehen in den Abend und ihre Seelen hüllen +sich in den Schatten der Nacht. Andere kommen. Ihre +Herzen sind trunken von Sehnsucht nach dem Geheimnis. +Stehen still, als wollten sie sich noch etwas Wichtiges +sagen, wozu ihnen der Mut fehlt. Schweigend küßt +er ihr die Stirne und hauchend, oh, du! Lächelnd drückt +sie ihm die Hand. Sie gehen und träumen vom Glück, +das der Erfüllung harrt. Durch die Straßen geht die +Begierde hingebungsvoll, geil, einladend, schüchtern. +Verführte Verführung, tierisch-triebhaft. Betrügt das +Leben um seine Inhalte und lacht den Hohn der Verworfenheit, +gleitet durch die Nacht, reicht die Schale +der verdorbenen Frucht und träufelt den Mohn des Vergessens +mit lässiger Hand in die Wunden des verlorenen +Selbst. +</p> + +<p> +So geht sie und dichtet die Parodie der Liebe. +</p> + +<p> +Das Haus schlief schon, als Jappes in seine Bude stieg, +und der Mond lag wachend in der Treppe, gelb wie +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Safran. Er rasselte geräuschvoll mit den Schlüsseln und +warf die Tür ins Schloß. Nach einer Weile: +</p> + +<p> +„Nun liegt sie drunten in der Erde und hat einen Kranz +aus Pfandhausblumen.“ Die Trauer wuchs in ihm, als +er an das Mädchen dachte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Draußen ging ein müder Wind. Jappes schrieb auf ein +Blatt: Der Tod ist der höchste Gott, weil wir ihm unser +letztes Opfer bringen; aber wozu an den Tod denken! +Er ist ja doch immer das letzte! Er riß eine Schublade +auf und langte ein paar Aepfel hervor: Das ist ein anderes +Kraut; die Mutter hat sie selbst eingepackt, ein +Borsdorfer, eine Kalville; Herr Doktor Jappes speist +schöne Aepfel und denkt nicht mehr an die letzten +Dinge. Puh! der dürre Tod. Und lustig: Im Anfang +war der Apfel! +</p> + +<p> +Aber eine Träne stahl sich durch die Wimper, als Jappes +durchs Zimmer ging und sich zwang, lustig zu sein. +Da hörte er ein leises schüchternes Klopfen an der Tür. +Im Türspalt erschienen zwei sanft bittende Augen und +eine schmiegsame Stimme klang: „Störe ich nicht, +Freund, ich bin so einsam, so arm heute ...“ +</p> + +<p> +„Mich stört man nie,“ sagte Jappes, „ich gebe Ihnen +einen Apfel, dann sind Sie nicht mehr so einsam.“ +</p> + +<p> +„Da muß ich lachen,“ sagte die Stimme, „wie ist das +komisch! Fast wie im Paradies.“ Er gab ihr den Apfel +und sie aß. „Schmeckt sehr schön, danke, wie ulkig! +Ich muß immer lachen. Heiße übrigens Reinette. Das +ist auch ein Apfelname. Der Apfel ist ein gefährliches +Talent. Freund! Ich habe so eine seichte Natur, bin immer +ein bißchen verliebt – ja Gott! wie lustig: In +Paris habe ich auch so einen Studenten gekannt, ein toller +Bursche, er hat mich auf der Straße aufgegabelt, in +sein Zimmer hat er mich eingesperrt und ist davon gerannt +– – – – willst du den Rest auch hören, ja?“ +</p> + +<p> +Jappes nickte: „Nun ja!“ +</p> + +<p> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +„Eine Viertelstunde war er weg und kam wieder: +‚Reinette, zieh dich aus!‘ Er legte mir ein neues Korsett +an. Ich mußte lachen, daß ich mir den Bauch in +Falten zog. Wie eine Gipsfigur stand er vor mir und +sagte: ‚So, nun hast du eine schöne Figur; ich bin +Aesthet und Philosoph, weißt du, Reinette, Menschen, +die alles mit dem Verstande tun, selbst das Gute.‘ Es +war zum Heulen komisch. Er schmiß mich die Treppe +hinunter und rief: ‚Mit der Vernunft kommt man der +Liebe nicht bei.‘ Ist das nicht zum, Schieflachen?“ Während +sie lachte, schüttelte sie ihre Ponnylocken und +dann: „Wohne da nebenan, sehr schön und bequem und +üppig.“ +</p> + +<p> +Jappes: „Kleine, du bist wie die Pointe zu einem zotigen +Witz.“ +</p> + +<p> +Reinette: „Das versteh ich nicht recht. Ach so, ja! +Mein ganzes Leben ist so ein schwüler Witz,“ – und +zärtlich – „hast du mich denn gar nicht lieb? Ich bin +doch so manierlich und gefällig.“ Sie lachte durch die +Nasenflügel und warf sich auf die Ottomane. Eine glühenddunkle +Macht peitschte ihr Wesen und zuckend +krampfte sie ein Kissen in den Händen. +</p> + +<p> +Jappes: „Du spreizt dich ja verlangend wie eine Kokotte +und wenn ich dich enttäusche und keiner von der +Sorte bin, die ...“ Sie unterbrach ihn: +</p> + +<p> +„Von was für einer Sorte?“ +</p> + +<p> +Und er: „Wenn ich kein Schrittmacher der Liebe bin.“ +Reinette: „Sei nicht gar so sportlich und nenn mich +Reinette.“ Verlangend hielt sie ihr Händchen hin und +bittend: „Noch einen Apfel!“ Jappes saß auf der Tischkante: +„Da fang!“ +</p> + +<p> +„Komm, Jappeschen, setz dich her und erzähle mir von +deiner Liebe. Komm! Ich hab dich ja so lieb ...“ +</p> + +<p> +Jappes lachte ihr ins Gesicht: „Du bist so eine Amorette.“ +</p> + +<p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +„Ach ja, Jappeschen, nenn mich Amourette, wie der +Baron und schau mich nicht so zynisch an, du willst +mich ja doch nur quälen und hernach bist du nett zu +mir, genau wie der Baron: Abholen mit Auto und +Dressing-gown und Orchidee im Knopfloch, küßt mir +die feinen Schweden, zwinkert durchs Monokel, aber +zu Hause ist der Teufel los, ich glaube, der Kerl ist +eifersüchtig, bin auch eine feine Nummer, die mit Baronen +umzugehen weiß, Ach! Komm, Jappeschen, ich +erzähle dir: Der Baron sitzt vor mir mit übergeschlagenen +Beinen, im persischen Salon, der Kerl ist blödsinnig +reich, mustert mich scharf und fragt: ‚Wo warst +du die Nacht, Amourette? bist so sanguinisch frisiert!‘ +Dabei sieht er so blasiert aus, wenn er den Schwedenpunsch +mit dem Halm schlürft – ‚Brauchst mir gar +nicht zu antworten, weiß, daß du nicht allein warst, +mir nicht treu bist!‘ Wenn ich dann weine, weil ich +wirklich allein war, wird er immer so nett und sein +Herz schmilzt. Von der Anrichte nimmt er ein Fläschchen +Barcarole, bespritzt mich damit und sein bißchen +Verstand wird brüchig. Wenn ich weiterschluchze, setzt +er sich zu mir auf den Diwan und tätschelt mir die +Beinchen: ‚Deine Wade ist so fein modelliert, und du +bist so süß, Amourette.‘ Dann bring ich ihn zur Verzweiflung +und wimmere: ‚Das sagt mir jeder!‘ Jappeschen, +gelt, das ist langweilig, wenn man über die Liebe +der anderen sprechen hört.“ – Sie legt ihren Kopf an +seine Brust. – „Die Geschichte mit dem Baron artet immer +in ein paar angenehme Tätlichkeiten aus, ach! die +Männer fallen immer auf uns herein.“ +</p> + +<p> +Jappes bewußt: „Ich falle nie herein. Dein Baron ist ein +Affe!“ +</p> + +<p> +Reinette schmollte: „Ja, stimmt, ich halte mich immer +mit Affen auf. Das hat schon ein junger Privatdozent +gesagt, ein ganz flaumbärtiger, aber eine Glatze hatte +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +er schon mit dreißig Jahren und mordsgescheit! eine +Kapazität oder was Aehnliches, er hat es mir selbst gesagt. +Jappeschen, hast du schon so ein kleines Mädchen +liebgehabt?“ Sie kicherte. +</p> + +<p> +„Gehabt schon, aber nicht lieb,“ meinte Jappes, „du bist +ein interessantes Weibchen, das schon ganze Romane +erlebt hat.“ +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte Reinette, „genau ganze Romane, wo sie sich +am Schluß auch immer kriegten. Ich kriege alle Männer +herum, überhaupt Weiberröcke bringen die stabilsten +Grundsätze aus dem Gleichgewicht. Ein junger +Kaplan war einmal so weit, an mir Wohlgefallen zu +finden, da läutete es Angelus, er betete und kam auf +andere Gedanken. Aber das ist eigentlich nur ein Anfang +...“ +</p> + +<p> +„Glaubst du, daß Kapläne anders sind? Es sind doch +auch Brüder wie wir. Aus Fleisch und Blut und Begierden +und sie beten zu ihrem Gotte der Liebe.“ +</p> + +<p> +„Mit Gott halte ich es nicht,“ wehrte sie, „ich bete zum +Teufel, der ist zuverlässiger und schlauer und ...“ +</p> + +<p> +„Und? ...“ betonte Jappes. +</p> + +<p> +„Puh! Du bist langweilig,“ sagte Reinette, „du hast +keinen Takt, mit Damen umzugehen und kein Gemüt +und keine Liebe.“ +</p> + +<p> +„Kleine,“ flüsterte Jappes, „ich bin nicht gemütskrank.“ +</p> + +<p> +Und Reinette: „Sooo! Liebe ist eine Gemütskrankheit. +Du bist gefühlsroh und sadistisch und, und ...“ +</p> + +<p> +„Ja, und eifersüchtig,“ schrie Jappes, „dein Baron ist +ein Lump, sonst würde er dich heiraten. Ich weiß gar +nicht, ob ich deine Anmut oder deinen Witz am meisten +bewundern soll. Ich bin so verblüfft und voll von +neuen Eindrücken.“ +</p> + +<p> +Amourette stand starr: „Mache ich einen solchen Eindruck +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +auf dich, Jappeschen? Du bist doch wirklich ein +lieber, guter Kerl!“ +</p> + +<p> +Jappes nahm ihre Hand: „Armes Schwesterchen, du +tust mir leid, ich denke just, was aus dir wird, wenn +du so alt bist, sagen wir so alt, bis der Geschmack des +Barons nicht mehr mitmacht. Reinette, Barone sind +konservativ, aber Weiberchen sind wandelbar und der +feinste Puder frißt den Teint.“ +</p> + +<p> +„Jappes, liebes Dummerchen, laß mich machen, überhaupt +daran denkt man nicht, vorerst gut gelebt! Ich +quartiere mich schon bei einem alten Krebs ein.“ +</p> + +<p> +„Alte Krebse zwicken und schnappen lieber junge Fliegen. +Puh! mir graust, wenn ich bedenke, wie du runzlig +und abgeliebt aussiehst. Brrr.“ +</p> + +<p> +„Du quälst mich,“ schrie sie und lag zuckend auf der +Ottomane; nach einer Weile und schmollend: „dann +geh ich in die Isar.“ +</p> + +<p> +„Trottel,“ sagte Jappes, „dann sterben die Fische.“ +</p> + +<p> +Reinette sprang zur Tür und keifend: „Lump, Betrüger, +Komödiant, hast wohl eine andere, gelt, eine jüngere. +Zwanzig Jahre ist alt. Erst lockst du mich mit +Aepfeln, machst vor mir das süße Männchen, bist eifersüchtig, +schimpfst meinen Baron und ekelst mich zum +Schluß zur Tür hinaus. Der Baron wird mit dir reden. +Jesus! Der Baron ein Affe! Mit Kugeln wird er dich +durchsieben. Herr Doktor Jappes, mich verführen Sie +nicht! Ich bin ein ehrbares Mädchen.“ +</p> + +<p> +Die Tür flog zu. +</p> + +<p> +Jappes ging durchs Zimmer: Isartrottel! Deinen Baron +hau ich dir zu Brei. Ein nettes Lärvchen übrigens +und nett zum Unterhalten. Aufs Hirn ist sie nicht gefallen. +Schade, daß ihre Instinkte so stark entwickelt +sind, aber das hat auch was für sich. Eine Liebe ohne +Instinkte ist wie Feuer ohne Zugluft. Er nahm zwei +Aepfel: Wir werden Frieden schließen. Das arme +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Schindluderchen weint sich noch tot die Nacht. Und +weshalb heißt sie auch Amourette? Ohne zu klopfen +öffnete er ihre Tür. +</p> + +<p> +„Bravo, Freund, du bist tapfer, du suchst den Löwen +in seiner Höhle auf. Ich wußte, daß du kommst,“ +jauchzte Reinette. +</p> + +<p> +Jappes sanft: „Du sagst Löwe, ich sage Katze, lassen +wir die Tiere, hier ist ein Apfel, knabbere den und sei +meine Amourette.“ +</p> + +<p> +Die Luft war duftgeschwängert und jede Sitzgelegenheit +war einladend weich. Ein Tisch mit Lichtbildern: +„Darf ich vorstellen, meine letzten Freunde. Die vergriffenen +liegen dort im Koffer.“ Auf einer Kredenz +Schokolade, Sardinen, Keks, Vol au vent und Pralinés +und Schrippen. Eine smaragdene Flasche Anisette +und zwei Gläser. Auf der Toilette Duftflaschen, Puder +und Schminke und diskretes Werkzeug. Ueber dem +Bett eine einladende Nymphe vor einem grinsenden +Faun und die Aufschrift: „Treu für eine Nacht!“ +</p> + +<p> +Jappes fragend: „Und wenn dein Herr Baron das +sieht.“ +</p> + +<p> +„Hat er mir ja selbst geschenkt, Freundchen,“ und sie +hüpfte durchs Zimmer. +</p> + +<p> +Frau Wertheim trat ein: „Herr Doktor, das Zimmer +kostet zehn Mark die Nacht, darf ich bitten.“ +</p> + +<p> +„Zahle morgen,“ sagte er kurz, „zudem habe ich nur +einen Apfel gebracht.“ +</p> + +<p> +„Ich lege es aus,“ wehrte Reinette. +</p> + +<p> +Jappes bemerkte: „Das Haus ist solid!“ +</p> + +<p> +„Und reell,“ sagte die Dirne. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-8"> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +SIEBENTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Der Glaube macht selig, aber +wer glaubt, wird über die Ohren +gehauen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes +war eingeladen. „Herr Doktor wird heute mit uns speisen, +mein Mann wünscht seine Bekanntschaft zu machen,“ +hatte die Wirtin ausgerichtet. +</p> + +<p> +Sie saßen zu dritt bei Tisch. +</p> + +<p> +Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues +breites Gesicht. Um den Mund spielte eine +zuckende Ironie und sprang von den Lippen über die +vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein +quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. +Er trug einen grünen Kaftan, wie ihn die +Emire tragen, um ihre Verwandtschaft mit Mohammed +anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke +trotz Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr +gesprächiges Männchen, das trotzdem den Redefreiheitsparagraphen +bei seiner besseren Hälfte nicht zu +erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten +in seinem regen Geiste, weil er nie Gelegenheit +hatte, sie auszusprechen. Mit gönnerhafter Gebärde +stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir +werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein +wenig plaudern; ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt +und auch ans Erleben. Der Herr Studiosus wird +eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“ +</p> + +<p> +Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen +und Herr Wertheim ist ein interessanter +Kopf, der gewiß was Interessantes zu erzählen weiß.“ +</p> + +<p> +Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant +genug zu sein, aber manchmal ist es gefährlich, interessant +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +zu sein. Ich erinnere mich, auf einer meiner Reisen +in Italien besuchte ich das Grabmal des großen Michelangelo +zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten +Seitenschiff des alten Franziskanerklosters, es war an +einem schwülen Spätsommertag, zwischen dem ersten +und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal Buonarrotis, +vertieft im Andenken an den großen Meister, wie +er im Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine +Werke auf der Basis idealisierter Anschauungen schuf +– – – da plötzlich entstand ein Gemurmel um mich, +dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister! +Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen +mich über den wimmelnden Santa-Croce-Platz +durch die Via San Cristoforo in die Via Ghibellina ins +Haus Nummer 64 ... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte +der Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend +nickte. „Die begeisterte Menge war kaum zu +überzeugen, daß ich Deutscher sei und Studien über +Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden +Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist +gefährlich, großen Männern ähnlich zu sehen, wenn es +auch schmeichelt. Einem Globetrotter passiert doch +manch köstliches Abenteuerchen.“ +</p> + +<p> +Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis +des großen Meisters, aber ich bin überzeugt, daß +er Ihnen sehr ähnlich gesehen hat.“ +</p> + +<p> +Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, +aber Jappes fand, daß sie ihn gar nicht an türkische +Rauchware erinnerte und daß das Brodeln der Pfeife +nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als +er an die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein +Idiot sagte er mit lallender Zunge: Sein Traum wäre +es immer gewesen, ein großer Mann zu werden, aber +die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den +olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Mühe, ein imponierendes Pathos anzuschlagen, seine +Worte und seine Erregung illustrierte er durch einen +embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er sich deklamatorische +Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne +ihn zu Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, +vielleicht auch in Mailand, oder, Mutter, war es +in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein! Ihnen, Herr +Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die anstrengenden +Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen +herum. Ich las die Tage ein Traktätchen +über den biologischen Wert der Langweile, sehr interessant! +Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein nettes +Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das +unbesiegbar sein soll. Ein Brocken über den Wert der +Lüge in der Gesellschaft und eine bürgerliche Ansicht +über die Gottesidee ...“ +</p> + +<p> +Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt +keine Idee, und wenn Gott nach dem Hirngespinst eines +Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich wirklich nicht +dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus +nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist +doch die Wahrheit selbst nur eine Parodie der Lüge.“ +</p> + +<p> +„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen +Kloben auf den Tisch. „Dann sind wir einig: +Gott ist nur ein unrasierter Anthropomorphismus, in +der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung, großgepäppelt. +Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, +aber für den Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich +gebe mir mein Ehrenwort, an einen solchen Gott habe +ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und +die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und +durch meinen sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ +Jappes dachte, so siehst du aus, und brannte eine +Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer +der Dämon unserer Vergangenheit. Wir sind doch alle +ein bißchen die Söhne unserer Väter!“ +</p> + +<p> +„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes +zu, „und der verzwickte Verdammungsapparat wird +sein Menetekel nur für einige schreiben, wenn die +große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die +ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater +Adam –“ +</p> + +<p> +„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte +der Alte. +</p> + +<p> +Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige +gerade vom Affen geerbt und wir müßten ihm +danken und ihn laufen lassen, statt ihn einzusperren.“ +</p> + +<p> +„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch +vom Affen abstammt, wird die spätere Menschheit sicher +zum Kater kommen,“ meckerte Herr Wertheim. +</p> + +<p> +„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes. +</p> + +<p> +Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen +war. +</p> + +<p> +Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch +eine Handvoll Zigarren zu und die Wirtin begleitete +ihn auf die Diele. „Der Hecht war gut und mein Magen +dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er +nun rumschwimmt.“ +</p> + +<p> +„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für +den Rehschlegel, und den Likör zum Mokka. Mehr als +zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht, Herr Doktor“ – +und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte +Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er +nie und Italien kennt er nur aus den Büchern.“ +</p> + +<p> +„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und +geizig ist er auch nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die +Mikroben der Langweile.“ +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche +ich erzählen wollte, spielte in Padua!“ +</p> + +<p> +„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr +Gedächtnis.“ +</p> + +<p> +„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl +sich. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-9"> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +ACHTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Weil die Engel Gott gleich sein +wollten, versuchten sie Menschen +zu erschaffen, brachten aber nur +uneheliche fertig. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes saß auf dem Bett und rauchte eine Wertheim-Zigarre. +Er dachte an die Reisen des Alten. Mählich +dämmerte ihm, wie die Literarhistoriker behaupten +konnten, Homer habe nicht gelebt. Er malte sich den +epischen Aufschneider in Kaftan und Fes mit brodelnder +Pfeife. Nein! das war doch unmöglich: Einer, der +überhaupt nicht existiert, kann doch auch nichts erzählt +haben. Auf dem Flur schrillte die Klingel, Jappes +horchte auf, obwohl er niemand erwartete. Es ist eine +sonderbare Erscheinung, daß eine Klingel uns mit Blitzesschnelle +aus unserer Gedankenwelt reißen kann. +Wir lassen die Reihe unserer Bekannten plötzlich vorbeidefilieren, +haben das Empfinden, als müsse etwas +ganz Bestimmtes kommen, die Empfindung verdichtet +sich zur Vorstellung, – ein angstjammerndes Telegramm, +– eine himmelhochjauchzende Postanweisung +– – – – nichts! Alles ist still. Unsere Vorstellung +assoziiert keine Phantasiebrocken mehr. Und wenn der +Vorwitz, das weibliche Organ unseres besseren Ich, +uns nicht zu sehr quält, erfahren wir nie, wer geklingelt +hat. Es war halt nichts für uns – und das ist unser +Trost. +</p> + +<p> +Aber es war etwas für Jappes: Das Pfandhausmädchen. +Ein kleines, rundes Ding, mit Anlagen zu zappeliger +Fülle, harmonisch zusammengespielte Details mit angenehmen +Rundungen und sanften Uebergängen. Sie +lachte ein kleines, glückliches Lachen durch ihren +Crêpeschleier und bebte, als Jappes das „gnädige Fräulein“ +empfing: +</p> + +<p> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +„Nennen Sie mich nicht gnädiges Fräulein,“ sagte sie +untertänig, „ich bin Ihnen zu sehr viel Dank verpflichtet, +und ich will nicht, daß Sie sich demütigen. Damals +im Pfandhaus waren Sie so gut zu mir, und ohne Sie +hätte ich der Mutter den Kranz nicht kaufen können.“ +Ihre Worte wurden von Tränen erstickt. Brandrote +Locken fielen über den Tisch, als sie sich schluchzend +nach vorne beugte. Sie weinte, bis sie ihrem Gemüt +Genüge getan hatte, und Jappes ging es nahe. Streichelnd +hob er ihr Köpfchen: „Armes, kleines Mädchen, +mußt nicht heulen, ich bin ja bei dir.“ +</p> + +<p> +„Ich bin so gefühlvoll,“ wimmerte sie. +</p> + +<p> +„Das beweist eine gesunde Natur,“ erwiderte Jappes, +„wie heißt du, komm, sage mir? Ich will gut zu dir +sein.“ +</p> + +<p> +Zwei große rotgeweinte Augen standen unter Wasser: +„ich heiße ... meine Freundin nennt mich eigentlich +immer Pepy.“ +</p> + +<p> +„Mußt nicht weinen, Pepy,“ tröstete er, obwohl seine +Augen selbst kaum trocken blieben. Dann riß er sich +zu seiner starken Natur zurück, wie wir zu tun pflegen, +wenn wir mit einem geliebten Wesen um einen Menschen +trauern, der uns beiden nahestand, und uns +selbst die Rolle des Trösters unserem Freunde gegenüber +zufällt. Für Jappes war Trost ein Bedürfnis +schwacher Seelen. Er kannte zu wenig von dieser jungen +Mädchenseele und er schämte sich vor sich selbst, +weil er mit abgedroschenen Gemeinplätzen der Schulbank +ein einsames Mädchen über den Tod seiner Mutter +hinwegtäuschen sollte. Die traurigen Empfindungen +seiner eigenen Seele hatte er niedergekämpft und seine +Sprache hatte den Klang der Unsicherheit: Die Saite +des Mitleids darf im Trostakkord nicht fehlen. Er +sprach von der Unabänderlichkeit der ewigen Gesetze, +von der Vergänglichkeit alles Irdischen, vom Erwachen +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +im Jenseits zum besseren Sein, von der Erlösung +von den Trieben und dunklen Gewalten. „Die Glorie +der Verklärtheit umstrahlt die Verblichene, die, von +der Fessel des Alltags ledig, in seraphischer Reinheit +von der Erfüllung ihrer Träume durchschauert, den Allspender +des Glückes preist.“ ... Da fühlte er, daß er +log. Er wußte, wie weit er allem Pietistisch-Frömmelnden +fernstand, wie alles Sentimental-Weinerliche ihm +fremd war. Er fluchte sich beim Gedanken, daß er diesem +Mädchen den Popanz überirdischer Vergeltung +zum Trost vorhielt, obwohl das Sterben für ihn ein +biologisches Geschehen, ein chemischer Prozeß, ein +Auflösen der Materie in andere Daseinsformen war. +</p> + +<p> +Durchs Zimmer ging die Stille auf leisen Füßen. Pepy +nach einer Weile: „Ich bin sehr unglücklich!“ +</p> + +<p> +Jappes schwieg und er fühlte, daß seine Zunge am +Leim der Lüge klebte. Das Mädchen saß zusammengekauert +und Jappes hielt ihre Hände. Und unsicher: +„Pepy, der Tod nimmt uns alle mit sich. Wir weinen +und trauern und können das Verhängnis nicht abwenden. +Unsere Trauer ist Ohnmacht und unsere Liebe zu +den Toten ist ohne Sehnsucht. Unsere Seele wird vom +jähen Riß des Verlustes zerrissen. Wir trauern, weil +wir vor dem letzten Rätsel stehen und keine Lösung +sehen. Und unsere Seele, die nach einer Antwort ringt, +zerfließt in ihrer Ohnmacht in Tränen. Ist die Seele +uns nicht anerzogen mit all ihren Attributen der Sehnsucht +und Liebe? Unsere Seele ist nichts oder etwas +sehr Großes, das wir nicht fassen können.“ +</p> + +<p> +Pepy saß nachdenklich und ihr leuchtendes Gesicht lag +verklärt unter dem brandroten Gelock. Ein Zucken +warf sich über ihren jugendlichen Leib, ein Zittern, wie +es durchs Boot läuft, wenn der Wind in die gebauschten +Segel greift, und jäh sprang es über ihre Lippen: +„Die Seele ist unser Verhängnis,“ und nach einem Augenblick: +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +„Herr Jappes, ich bin ein uneheliches Mädchen.“ +</p> + +<p> +Als er schwieg, fühlte sie, daß sie mit ihm einsam war. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wir gebrauchen manchmal Worte, +die, aus dem Zusammenhang der +Rede gerissen, ein Schlagwort sind, +das ein Schicksal enthält. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Draußen kokettierte die Sonne mit den Abendschatten +und warf ihnen rosige Blicke zu. Jappes stand am Fenster +und sog nervös an seiner Zigarre, zählte die Fenster +der gegenüberliegenden Häuser, zählte die Vorübergehenden, +gruppierte sie dutzendweise, fuhr mit +dem Daumen die Umrisse der Fensterscheiben entlang. +Wieviel Uneheliche gehen wohl vorüber? dachte er, +und keinem sieht man es an. Dachte, ob es uneheliche +Zwillinge gäbe, ob Uneheliche ihren Vater lieben könnten, +ihren Vater, den sie nie gekannt. Dachte, daß sein +Vater gestorben war. Sein Vater, der sich nie um ihn +gekümmert hatte. Er wußte, daß er ein großer hagerer +Mann war, mit unruhigen Augen, der immer schnell +über den Hof ging, immer im Hause herumarbeitete +und doch nie etwas tat. Eines Tages war er gestorben +und Jappes wußte nichts von ihm. Eine Stimme in ihm +sagte: +</p> + +<p> +„Du bist unehelich seit dem Tod deines Vaters.“ Und +Jappes dachte: Es ist keine Unehre, unehelich zu sein, +wenn man in Liebe gezeugt wurde. Die Stimme in +ihm flüsterte: „Die Väter sind nicht die Herren der +Kinder. Sie haben sie im Taumel gezeugt und etwas +von ihrem Wesen verloren, aus dem im Kinde ein neues +fremdes Wesen entsteht.“ +</p> + +<p> +Jappes lauschte dem Locken eines Kreuzschnabels und +dachte verschwommene, uneheliche Gedanken. Hockte +auf dem Fensterbrett und warf die Zigarre in den Hof: +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +„Kinder sind fleischgewordene Begierden, sonst nichts,“ +– dann saß er bei Pepy – „die in der Gemeinschaft +der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. Unehelich +sind die in der Ehe Gezeugten in Gedanken an +einen anderen Gatten. Die Ehe ist die große Lüge, der +Ausgleich der Triebe ohne die Gemeinschaft der Seelen. +Viele verehren in der Ehe einen anderen Geliebten +oder eine andere Geliebte und der männliche oder +weibliche Gatte ist nur der Altar, auf dem sie das Opfer +ihrer Sehnsucht bringen.“ +</p> + +<p> +„Verachten Sie mich deswegen, Herr Jappes?“ +</p> + +<p> +Er nahm ihre Hand: „Pepy, wir sind nicht verantwortlich +für die Taten unserer Väter. In der Ehe wissen +unsere Väter nicht, was sie tun. Sie können das Geschlecht +der Seele so wenig bestimmen wie das Geschlecht +des Leibes. Im Zeugen ist der Mensch Tier; +die Väter wissen vom Wesen des Kindes am wenigsten; +sie wissen nur um die Not und die Bedürfnisse +des Leibes. Unser größtes Glück ist es vielleicht, dem +Einfluß des Vaters früh zu entgehen.“ +</p> + +<p> +Pepy sagte leise: „Herr Jappes, Sie reden wie ein Verführer, +sind Sie etwa nicht stolz, daß Sie ein eheliches +Kind sind?“ +</p> + +<p> +„Mein Vater ist nicht mehr, und ich weiß nur, daß er +der Mann meiner Mutter war, daß ich manchmal zufrieden +bin, nicht zu sein, wie mein Vater war. Das ist +mein Ernst, jawohl! Ein uneheliches Kind zeugen, ist +kein Verbrechen, auch kein Vergehen. Das Zivilgesetzbuch +hat es mit keiner Strafe bedacht, obwohl die Ehe +eine zivilrechtliche Gültigkeit ist. Pepy, fühlst du dich +nicht ebenso frei, wie ein anderes Mädchen, bist du +nicht aus dir selbst herausgewachsen ohne den traditionellen +Zwang der hierarchischen Familienbrödelei! +Vom Wesen der Väter haben wir nichts Wesentliches, +manchmal eine leise Erinnerung, und dann zucken wir +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +auf, weil wir wissen, daß es nicht unsere eigene Regung +ist, die in uns wach wird.“ +</p> + +<p> +„Haben Sie Ihren Vater nicht liebgehabt?“ +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte Jappes, „denn ich habe ihn nie gebraucht +und nicht gekannt, denn um einen Menschen zu lieben, +muß man ihn kennen, und um ihn zu kennen, muß +man ihn gebrauchen – komm, Pepy! sag’ ‚du‘, ich +werde dein Freund sein, denn ich habe nichts vom Vater.“ +</p> + +<p> +Und Pepy: „Sie sind sonderbar und haben eine verzerrte +Weltanschauung. Mein Vater ist ein berühmter +Mann und die Mutter ist aus Liebe zu ihm gestorben. +Sie dürfen nicht höhnen, weil ich die Frucht einer Liebe +bin.“ +</p> + +<p> +„Ich höhne nicht, denn ich sage dir, die in der Gemeinschaft +der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. +Die Welt ist verzerrt und ich schaue diese Verzerrung. +Wir sind immer das Material der Zufälligkeiten.“ Dann +zerdrückte er eine Fliege und sagte: „Du sollst nicht +töten! ... Der Mensch lebt nicht allein, aber er lebt +manchmal einsam. Pepy, komm wieder, wenn du +glaubst, daß ich dir was bin.“ +</p> + +<p> +Sie ging. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Schlechte Hirtenbriefe sind meist +gute Witze. Gute Hirtenbriefe sind +meist schlechte Possen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes lag zu Bett und die Langweile kritzelte ihm +ein dürres Kapitel. Er spann seine Gedanken durch die +Nacht: Die Ehe – Zwangsvorstellung der Liebe. Die +Instinkte sind die aktiven Kräfte, die uns die Sinne +verwirren, und uns die Echtheit unseres Gefühls vorzaubern. +Wir vergehen in der Schwüle der gegenseitigen +Unausstehlichkeit. Wir wissen um unsere geheimsten +Tricks, um unsere intimsten Regungen, Wünsche. +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Die Begierde bäumt sich hoch. Wir werden müde +vom Taumel. Armseligkeit! Wir tragen unsere Kinder +mit uns in latentem Zustand. Wir suchen nach Namen +und suchen nach den Kindern, die zu den Namen passen. +Bei jeder Geburt verrinnt ein neuer Traum, das +Kind paßt nicht zum Namen. Und wir haben so viele +Namen übrig. Wir verstäuben in der Ohnmacht des +Alters und die unmündige Hoffnung unserer Schöpferkraft +trinkt sich genug am Kelch der Enttäuschung. +Wir sind die Opfer der Zufallsväter. Und es ist der +Fluch des Opfers, daß es andere Opfer will. +</p> + +<p> +Er dachte daran, daß impotente Bischöfe in Fulda ein +Manifest zur Kindererzeugung zusammengepeitscht +hatten. Erinnerte sich, daß auf dem Gymnasium ein +schwindsüchtiger Lehrer über die physikalischen und +biogenetischen Kräfte sprach und dabei einen Ohnmachtsanfall +erlitt. Der Ekel fegte sein Hirn blank, als +er an die pensionierten Gefühle des Alters dachte. +Lauschte der Nacht, die draußen vorüberging, hörte +Gläserklang im Nebenzimmer, schmeichelndes Lachen +eines Mädchenmundes und dazwischen brünstige Laute +eines Mannes. Dachte, daß Kinder um die Existenz +betrogen wurden, daß die Begierde sich ins Leere verspritzte +und die Lust sich selbst auffraß. Dachte an +die Toten, die ihm gleichgültig waren, um welche er +nie geweint hatte, und laut: „Lasset uns beten, auf daß +sie nicht wieder auferstehen.“ +</p> + +<p> +Dann kam der Schlaf und trug ihn ins Vergessen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-10"> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +NEUNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Professoren sind Seifenblasen, +die meistens durch ihren eigenen +Wind platzen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Die Sonne warf einen gelben Klecks an die Tapete. Wagen +fuhren über die Straße mit Hüh und Hott. Die +Wirtin stellte den Kaffee auf den Nachttisch und Jappes +tat, als schliefe er noch. Er war ärgerlich und die +Langeweile durchzog seine Seele mit grauen Fäden. +Er wollte etwas erleben, was Neues hören. Rekelte sich +aus dem Schlaf und warf sich in die Kleider. Der Postbote +brachte einen Brief von der Mutter. Jappes legte +ihn auf den Tisch und quälte sich, was wohl drin stehe. +</p> + +<p> +Ging fort und ließ den Brief ungeöffnet. +</p> + +<p> +Tagsüber war er an der Universität und schlürfte das +Manna des Wissens am Busen der Alma Mater. Lutschte +sich stundenlang müde am ledernen Lutschbeutel +verbissener Pedanten, ließ sich anöden vom faden +Aesthetengeflunker, horchte der einschläfernden Musik +verkrüppelter Humanitätsduselei, hörte subjektive +Anschauungen über objektive Rhetorik, trieb im seichten +Fahrwasser der sturmlosen Logik, geriet in die +Strömung lyrischer Ergüsse und lauschte dem Gesäusel +romantischer Seiltänzer. Und die Abwechslung +reizte seinen Appetit, von allen Bissen zu essen, die +auf den Schanktischen der Universität angeboten wurden, +hörte, daß Moral keine Tugend sei, stocherte im +geistigen Riesenmüllkasten und fand nebst abgenagten +Knochen die Asche der guten Gedanken, ohne etwas +vom Feuer der Kohle zu merken. An dieser Brutstätte +großer Gedanken gewahrte er, daß das Gefieder der +Vögel buntschillernd gespreizt war, daß die Vögel aber +lauter faule Eier legten. Fand, daß das Schönste das +Getrampel war, das die Dozenten sich in der akademischen +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +Stunde ergreint hatten, zerbrach sich den Kopf +darüber, wie die Studenten die Rezepte der Weisheit +nachschreiben konnten, statt gegen den hirnzerschlitzenden +Blödsinn Front zu machen, der dort verzapft +wurde. Die Professoren rieben sich gegenseitig aneinander, +um sich von den eigenen Unsauberkeiten freizumachen. +Um sieben verließ er die letzte Vorlesung. Ein +Dozent hatte über den Empirismus geredet: Eine erkenntnistheoretische +Richtung, die alle Erkenntnis +aus der Erfahrung ableitet. Für Jappes praktische Begriffe +einer praktischen Lehre. Neben dem reflektierenden +und kritischen Empirismus gefiel ihm der naive +am besten. Die Hörer drängten zur Tür. Zwei Studenten +diskutierten, ob John Locke oder Francis Bacon +die Ehre gebühre, als Begründer des Empirismus anerkannt +zu werden. Jappes mischte sich ein: „Ich bin +dafür, Wilhelm Wundt aus Neckarau in Baden die +Ehre zu geben, weil er den naiven Empirismus erfunden +hat und ich bin Badenser!“ +</p> + +<p> +„Ein glänzender Kopf – Wilhelm Wundt,“ sagte der +eine Student, und Jappes dachte an Pomade. +</p> + +<p> +Er verfolgte eine üppige Bluse, die in ein Speisehaus +lenkte. Saß vis-à-vis von ihr und sah sie auf und nieder +wogen. Eine duftige handgearbeitete Guipurespitze +wehrte dem kühnsten Auge, zu den gewölbten Eigentümlichkeiten +des Mädchens zu dringen. Die Dame +bestellte zwei Menüs, schlang sie hinunter und unterhielt +sich mit Jappes über ihre Appetitlosigkeit. Er war +sprachlos und kaute ein wieherndes Beefsteak à la tartare +hinunter. Zahlte und empfahl sich: „Gnädiges +Fräulein, lieben könnte ich Sie, aber nicht füttern.“ +Und sie: „Reiten Sie angenehm mit Ihrem Roßbeef!“ +</p> + +<p> +Aus einem Kaffeehaus floß das sacharinsüßliche Ariengesäusel +einer Streichkapelle. Das viktoriaschwangere +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +Gebrüll eines Veteranenvereins zitterte durch den Tabaksqualm +eines säuerlichen Bierlokals. In den Anlagen +standen junge Astronomen, die sich mit dem Teleskop +der Liebe in die Augensterne ihrer Geliebten +verirrten. Jappes eilte vorüber, er hatte Sehnsucht nach +dem Brief, der am Morgen von seiner Mutter gekommen +war. +</p> + +<p> +Während er las, betete Reinette im Nebenzimmer ihr +Liebesbrevier. Der Mutter ging es gut, und Pepy +schrieb: Ich hole Dich morgen um sieben Uhr ab. Wir +gehen in den Lohengrin. Es hat seine Bedeutung. +</p> + +<p> +Es hat seine Bedeutung, las er zum zweitenmal. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-11"> +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +ZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Kunst bleibt rein, selbst wenn +sie vom Pöbel beschmutzt wird. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes führte Pepy aus. Beide in hoher Wichs. Er unterhielt +und war galant. Lässig schlenderte er mit ihr +in den Wandelgängen. „Ja, Pepy, wer ins Theater geht, +sollte alle seine Sorgen in der Garderobe ablegen können. +Eine Oper soll man eigentlich genießen wie ein +türkisches Bad: den Zauber wohlig-prickelnd über +sich ergehen lassen und dabei mit der Nacktheit seiner +Gefühle allein sein. Die Oper will ich durchaus nicht +mit einem türkischen Bade vergleichen. Nein!“ Pepy +zerknitterte das Programm in ihren Händen: „Jappes, +du bist wieder toll!“ +</p> + +<p> +„Kleine, liebe Puppe,“ fuhr Jappes fort, „ich habe den +Hang zum Raffinierten und das viele wimmelnde +Fleisch reizt mich. Dann könnte ich eine Dummheit begehen, +irgendeine Mastdame anrempeln und sie in den +großen Wandspiegel bugsieren. Die Lorgnetten machen +mich nervös und ich verspüre Lust, eine Dame in +der Abendtoilette in die Schulter zu beißen. Pepy, hier +dürfen wir nicht oft herein, wenn du keinen Skandal +aushalten kannst. Schau den Dickwanst drüben! Die +Verblüffung über seinen plötzlichen Reichtum ist nicht +mehr aus seinen Zügen gewichen und nun geht er mit +seinen plattfüßigen Metzgergefühlen eine Oper genießen. +Genußmenschen à hundertfünfzig Kilogramm +Lebendgewicht. Da, der Kerl, sieht aus wie ein geschundenes +Gerippe, ein Kopf wie eine Blase, und halluziniert +der Kokotte, die neben ihm geht, die schlotterndsten +Liebesgefühle. Aber wahrlich, das Weib ist +wie aus Milch und Rosenduft und schön wie eine Sünde. +Das Gefunkel der Geschmeide macht mich verrückt. +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Pepy, fühlst du dich wohl in diesem Massengeflunker?“ +</p> + +<p> +„Du bist wirklich lächerlich, es ist doch nett.“ +</p> + +<p> +„Nein! ich amüsiere mich, wie köstlich! das reinste +Panoptikum. Korsettstramme Offizierlichkeiten, mit +besäbelter Sicherheit im Auftreten, vierdimensionale +Damen, in ihren Zügen das flache Bedauern, daß ihr +Schoßhund fehlt. Junge flirtende Holdseligkeiten mit +halbgezwungen-flötender Drehung zu ihrem Manne gewandt. +Ihr Mann, eine selig-sichere Kotillon-Erinnerung. +Rauschende Seidenpuppen durchlauern die Gruppen, +ziehen die Blicke auseinander und mustern, mustern. +Und die Männer sehen dasselbe ins Weibliche +übersetzt, vielleicht zäher, sicherer, brünstiger. Die +Männer sind stärker, sicherer, zugeknöpfter!“ +</p> + +<p> +„Die Männer sind nicht alle wie du, komm, du machst +wirklich noch einen Alarm.“ +</p> + +<p> +„Ich sehe den Wind,“ entgegnete Jappes; „die Leute +würden mich nie langweilen, nicht einmal, wenn sie im +Negligé wären. Ich weiß, wie sie sind, und was sie nicht +sind. Die hier alle sind verblassend wenig, weil sie +etwas zeigen oder etwas sehen wollen. Den Leuten +steht die Form ihrer Nachttöpfe auf der Nase geschrieben. +Ich wollte, ich hätte keine Nase.“ +</p> + +<p> +Pepy stieß ihn in die Seite – „Jappes!“ – +</p> + +<p> +„Gehen wir hinein, die Menschen, die etwas sein wollen, +sitzen drinnen und sammeln sich, statt sich schon +am Flitterkram zu zersplittern. Schnell, dort wickeln +sie die Stullen aus dem Papier, das Pack frißt immer, +schade, daß es nicht unsterblich ist!“ +</p> + +<p> +„Komm, Jappes,“ bat Pepy, „sei vernünftig.“ +</p> + +<p> +„Ich will es versuchen, Liebe. Es ist gefährlich, mit +Menschen zusammenzukommen, man muß immer auf +etwas gefaßt sein. Du bist sehr schön, wenn du so +schweigend neben mir gehst. Hier die Plätze, ich glaube, +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +im Theater setzt sich die Dame rechts.“ Und Pepy: +„Jappes, du bist ein liebes Schaf.“ +</p> + +<p> +Er drückte ihre Hand. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Kunstgelehrten streiten darüber, +ob Lohengrin eine spaßhafte +oder eine ernste Figur sei. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Die ersten Takte gerannen zur Melodie und das Orchester +erzählte ein Märchen: +</p> + +<p> +Monsalvat im fernen Land ist eine heilige Burg. Ein +lichter Tempel, dessen Pracht die Rosen Schiras’ glühend +neiden, liegt im Purpur eines glückverklärten +Scheins. Verzückte Engel tragen Liebessehnsucht auf +dem weichen Flaum der Flügel nieder. Im ätherklaren +Schein harrt eine Ritterschar des Wunders, das aus lichten +Höhn herniederschwebt. Süßer Duft umschmeichelt +sanft die Wartenden. Und bebend legt die süße +Furcht das zage Herz in seinen Bann. Ein Purpurschein +umloht ein Flaumgewölk, das schwebend sich +der Erde naht. Die Wartenden, vom Strahl der Liebe +heiß durchglüht, erschauern in verklärter Wonne. Die +Schale mit dem Blut des Herrn, in weißen Nebelflor +gehüllt, erglüht im Flammenglanz der ewigen Glut +und senkt sich vor dem Auserkorenen der Schar, vor +Lohengrin, der seiner Sinne nicht mehr mächtig anbetend +sich als Opfer weiht. Segnend gibt der Gral dem +Ritter seinen Weihekuß. Im Herzen des Auserwählten +verzehrt sich die Beseligung zur Wirklichkeit, indes +die lichte Schar dem ätherklaren Zelt entgegenschwebt. +– – – – +</p> + +<p> +Die viergeteilten Violinen verklangen in hoher Lage +auf dem Gralmotiv modulierend. +</p> + +<p> +Jappes flüsternd zu Pepy: „Darf ich klatschen?“ +</p> + +<p> +„Wenn du etwas empfunden hast. Ja.“ +</p> + +<p> +„Ich habe sehr stark empfunden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Die fanfarenartig rauschenden Triolen, die König Heinrichs +Rede begleiteten, füllten Jappes mit hellem Jubel, +daß er Pepys Hand fast zerdrückte. Dem falschen +Telramund wäre er am liebsten an den Hals gesprungen. +Telramund, der in seiner blechernen Rüstung und +mit seiner blechernen Anklage eine jämmerliche Figur +bot. Als Oboe und Englischhorn erklangen, als +trauernde Zeugen von Elsas Unschuld, weinte Pepy, +und Jappes flüsterte: „Vergiß nicht, wo wir sind.“ Ein +Herr zischte und Jappes schwieg. Als der Schwan mit +Lohengrin erschien, sagte er lachend: „Der gefiederte +Omnibus!“ Erneutes Zischen und Pepy schaute ihren +„Kavalier“ vorwurfsvoll an. Als das Warnungsmotiv +im düsteren As-moll unheilkündend vor Ungehorsam +warnte, schaute Jappes den Zischenden bedeutungsvoll +an. Der erste Aufzug verlief unbefriedigend für Jappes, +weil Telramund nicht getötet worden war. +</p> + +<p> +Pause. +</p> + +<p> +Ein junger Künstler unterhielt sich mit Jappes über +Wagner: Es sei schauderbar, daß man Wagner früher +ausgepfiffen habe. Und dazu die unsinnigen Gerüchte, +daß der Besuch einer Wagner-Oper Pest und Blattern +und Gallensteine nach sich ziehe. „Das ist mir neu,“ +sagte Jappes, „ich erinnere mich, daß ein Jahr vor +meiner Geburt Lohengrin im Berliner Opernhaus seine +dreihundertste Aufführung erlebte. Uebrigens, haben +Sie den Draht gesehen, mit welchem der Schwan über +die Bühne gezogen wurde. Ich entdecke den Schwindel +immer.“ +</p> + +<p> +Der Fremde lachte: „Wann sind Sie geboren?“ +</p> + +<p> +„Am 16. Oktober 1893.“ +</p> + +<p> +„So, ein merkwürdiges Datum.“ +</p> + +<p> +Da begann der zweite Akt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-12"> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +ELFTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Guter Wein ist so erhaben, daß +man keine schlechten Aphorismen +darüber machen soll. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes und Pepy saßen in einer Nische der holländischen +Teestube. Sie trank ein Glas Glühwein, er aß +eine Schale Eis. Pepy überlegte, ob sie Jappes ernst +nehmen solle. Sie fand ihn entzückend und abstoßend. +Mußte ganz verbissen über seine Späße lachen, die +manchmal brutal klangen, dann stampfte sie mit dem +Fuß auf: Teufel! Er warf ihr huldigende Blicke zu und +sagte: „Pepy, du bist bezaubernd, lockend schön, faszinierend +wie der Nabel des Buddha, wenn man ihn gesehen, +kann man nicht mehr los.“ +</p> + +<p> +Pepy erfuhr gerne, daß sie reizend war, aber die Vergleiche +zerstörten die schauersüße und sinneglühende +Romantik. „Du bist der beste Mann, weil ich für dich +schwärme, aber du sollst dich auch liebhaben und das +Gute nicht in dir töten durch das Grobe deines Benehmens.“ +</p> + +<p> +„Soll ich schön schweigen und mich vor Langeweile +töten. Ich, Jappes, genannt Paul vom Schlapphof. Ein +tüchtiger Kerl, wer nicht am Weibe verrückt wird. Pepy, +du bist aus Dreck und ich bin aus Dreck und zwei +mal Dreck ist Dreck. Die längste Zeit waren wir zusammen, +glaubst du nicht auch? Feiern wir Abschied +heute, ein bißchen Abschied voneinander, wir haben +nicht viel aneinander zu verlieren, weil wir noch nicht +viel gewonnen haben.“ Pepy war starr. Jappes bestellte +eine Flasche Affentaler, und mit sinnlicher Ungeduld +fragte er Pepy, wieviel Männer sie lieb habe. +</p> + +<p> +„Aber Jappes, du bist wohl entgleist! Keinen einzigen, +sage ich dir, keinen!“ +</p> + +<p> +„So,“ sagte Jappes, „keinen?! Ich danke dir, daß du +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +nicht einmal mich lieb hast. Kapsele deine Gefühle +ein, bis dein guter Ritter kommt und die Schale der +Ehe bringt. Hehe! Der Storch wird die Taube sein, die +alljährlich wiederkommt, um die Wunderkraft des Kelches +neu zu stärken.“ Er lachte ein gedehntes, viehisches +Lachen. +</p> + +<p> +Pepy schluchzte, nahm seine Hand, und sagte weinend: +„Jappes, ich habe dich lieb.“ +</p> + +<p> +„Du willst wohl Ortrud sein und Rache nehmen, +Schlange du, du glatte. Komm, trink mit mir dies Trostgebräu, +daß deine Tränensäcke nicht versiegen.“ Er +schenkte ein: „Prosit! Trinken wir auf das, was wir +nicht lieben.“ Sie tat ihm nicht Bescheid. Er trank die +beiden Gläser leer. Dann war es still. +</p> + +<p> +„Soll ich gehen, Jappes?“ Er schwieg. +</p> + +<p> +„Soll ich noch dableiben?“ Er schwieg. +</p> + +<p> +„Was soll ich tun?“ Er schwieg. +</p> + +<p> +Sie goß die Gläser voll, „Trink Jappes, und sprich, dein +Schweigen ist gräßlich und paßt nicht zu dir.“ Er +trank. „Ich werde Arzt, prosit! Nabelstrangspezialist. +Weshalb schneidet man das Organ ab? Ich werde den +Nabelstrang kultivieren, pfropfen und ihn so drillen, +daß er der Rezeptator der okkulten Schwingungen wird. +Ich sage dir, der Nabel wird nicht umsonst in Indien +verehrt; wenn wir ihn ausbauen, können wir alle Geheimnisse +durchschauen. Ja, du lachst, ich werde den +Nabelstrang ausbauen und eine Physiologie schreiben, +eine Anatomie und eine Psychologie. Da muß das Feinste +der Seele hinein, das Animalische. Freundin! es +wird das zentrale Problem der medizinischen und okkulten +Forschung. Das Problem, um das sich alles +dreht. Es wird der Nabel von allem sein. Prosit!“ Er +soff sein Glas leer. „Trink nicht zuviel,“ sagte Pepy, +„du bist schon an der Grenze des Ungenießbaren.“ „Ja,“ +tat ihr Jappes Bescheid, „es ist ungefähr die Grenze. +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Aber ich bin nicht so dumm, wie ich mir die Mühe +gebe zu scheinen.“ Ihr Lachen streichelte seine grobe +Stimme. +</p> + +<p> +Jappes hob sein Glas: „Leben, ich küsse dich!“ +</p> + +<p> +„Du bist unberechenbar,“ sagte Pepy, „man weiß nie, +was kommt.“ +</p> + +<p> +„Ich tue immer das Gegenteil von dem, was man erwartet.“ +</p> + +<p> +Da wurde Pepy traurig: „Weißt du, Jappes, ich kann +dich nicht lieben, weil ich keinen Halt an dir finde, +weil dein Wesen mir immer entgleitet, und ich muß +dich lieben, weil du so bist. Ich kann das selbst nicht +verstehen.“ +</p> + +<p> +Er: „Da gibt es nichts zu verstehen! Bitte, Fräulein, +zahlen.“ +</p> + +<p> +Als sie gingen, nahm Jappes die leere Flasche mit, aber +er war traurig, als er das Mädchen sah, das nach Liebe +rang. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Schlichte Naturen haben manchmal +tiefe Gedanken, die uns heimlich von +ihrem Wesen Kunde geben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nebelhaft und drohend starrten die Häuser in die +Nacht, hier erlosch ein Licht, dort ein anderes. Straßenkehrer +säuberten die Schienen der Tram, kehrten den +Unrat der Straßen zusammen und schliefen dabei. „Die +Bedeutung, weshalb wir in Lohengrin waren?“ fragte +Jappes. +</p> + +<p> +„Hast du das Lohengrin-Motiv verstanden?“ +</p> + +<p> +„Ich glaube ja,“ sagte er und wurde ernst. „Sage mir +etwas von deiner Seele. Ich liebe deine Stimme, +Pepy!“ +</p> + +<p> +„In der Lohengrin-Idee liegt etwas von meinem Leben. +Ist es nicht das göttliche Sehnen aus der Einsamkeit +nach der Menschwerdung? Gott will keine unterwürfige +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Demut, kein Zerfließen in Anbetung, er will +durch die Liebe erlebt und begriffen werden. Gott will +ein fühlender Mensch sein und in seiner Sehnsucht ruft +er nach der Frau, nach dem Herzen. Ist es nicht die +Kraft, die sich in Liebe wandelt und die Tragik gebiert? +Der Mann, der sich läutert und die Frau, die aus Sehnsucht +stirbt. Lohengrin wieder rein vom Schmerz durch +das Opfer der sterbenden Elsa. Jappes, das wirst du +verstehen, wenn du dies Büchlein gelesen hast.“ Und +sie reichte es ihm. +</p> + +<p> +Zwölf Schläge rieselten durch die Nacht, und zwei Menschen +dachten an den Inhalt der vergangenen Stunden. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-13"> +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +ZWÖLFTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<p class="subt"> +Tagebuch des Malers Geraldo +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Frag mich, was Kunst ist, +ich sage Leben. +</p> + +<p> +Frag einer mich, was Leben ist, +ich sage Kunst: +</p> + +<p> +Wie Vater und Sohn unwandelbar +eins und doch ewig verschieden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Mit seiner Lampe las Jappes das Tagebuch: +</p> + +<p> +Frau Martha, die Geliebte des Malers Geraldo, war +eine seltsame Frau. +</p> + +<p> +Geraldo war ein phantastischer Mensch mit medialer +Veranlagung, der nur das Groteske und Spukhafte im +Leben sah. Marthas Liebe steigerte seine künstlerische +Begabung und weckte das Dämonische in ihm, durch +die Begierde nach künstlerischer Selbstvollendung, mit +Hilfe der geliebten Frau. Er ging den Leidensweg zwischen +den beiden Polen künstlerischen Werdens, Analyse +und Synthese, Geburt und Erlösung – den Kalvarienberg +der leidenden Erfüllung, des begierdelosen +Opfertums. Sein Gott war die werktätige, erzeugende +Idee, das Sich-selbst-finden in der Kunst, das Sich-über-sich-hinaussteigern. +In Gott erkannte er das schaffende +Wesen, das sich ihm offenbarte auf dem Wege +künstlerischer Erleuchtung. Bei der religiösen Hingabe +hat der Mensch ein rationales Bedürfnis, das Bedürfnis +der bewußten Anbetung eines Heiligsten. Aber immer +wieder erfährt er, daß für das Letzte, Tiefste die Vernunft +ein unzureichendes Werkzeug ist. Weder das suchende +Licht der Vernunft noch ihr messendes Lot +reicht in die letzten Wesenstiefen des Gotterlebnisses +hinunter. Dem anbetenden und gottsuchenden Menschen +bleibt immer ein ungeklärter und unerfaßbarer +Rest, von dem der religiöse Mensch gerade in Zeiten +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +tiefster Ergriffenheit und Bedürftigkeit ahnt, daß dieses +begrifflich nicht Definierbare, dieses der Vernunft Entschwindende +der Wesenskern der Religion ist. +</p> + +<p> +Im Taumel des Schaffens hatte Geraldo seine Geliebte +symbolisiert und allen Phasen seiner Entwicklung eine +Erinnerung geschaffen. Er schuf sich eine Galerie der +Liebe und feierte einen mystisch-brünstigen Kult. +</p> + +<p> +Wie Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca die klassischen +Typen der Sehnsucht sind, in denen der Mann +die letzte menschlich-männliche Ergänzung bei der +Frau auf dem Wege der Liebe sucht, so dachte Geraldo, +auch dieses Sehnen lebe in der Frau, nur unbewußter, +scheuer, verhüllter. Er fragte sich, warum der Dichter +immer so viel Mann ist und so wenig Mensch und weshalb +er nicht auch einmal den Versuch mache, das +Problem von der weiblichen Seelensehnsucht aus zu +lösen. Er verbiß sich in den Gedanken und schuf ein +Bild, das er wie eine Entdeckung und eine erste Gestaltung +der Welt offenbarte. Er nannte sein Bild Beatrice. +Eine neue Beatrice, geboren und geformt aus der +Sehnsucht des sich Entwachsen-wollens, des über sich +Hinaus-wollens. Eine Beatrice im Gefühl ihrer tiefen +Sehnsucht, im Glauben an die Möglichkeit der Selbststeigerung +durch den Geliebten, den Mann. Zugleich +gab Geraldo seinem Bilde den Unterton des sehnsuchtsvoll +Zweifelnden, des sehnsuchtsvoll Sichern, des sehnsuchtsvoll +Schmerzlichen. +</p> + +<p> +Es war sein eigener Seelenkonflikt. Ein Ringen nach +Selbsterlösung, eine Sehnsucht nach dem großen Unbekannten, +ein romantisches Streben, die Sucht nach +Ergänzung. Ein expressionistisches Bestreben, die tiefinnersten +Schwingungen seiner Seele ins Frauliche zu +transponieren. Wochenlang hatte er sich eingeschlossen +und Skizze um Skizze entworfen, bis ihm der große +klassische Wurf seines Werkes gelang: +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +Beatrice, die vom Wesen der Liebe durchgeistigte Frau, +durchschauert vom heiligen Odem abgeklärter Sehnsucht. +</p> + +<p> +Frau Martha hatte seiner überfließenden Seele oft in +Stunden seliger Andacht gelauscht und sie verzehrte +sich vor Verlangen, das Werk zu sehen, in welchem sie +die Seele des Malers in reiner Anschauung fühlen konnte. +Sie wußte, daß es ihre eigene Seele geworden war, +und daß Geraldo mit magischer Gewalt ihre beiden +Seelen in einem Bilde vereinigt hatte. Da kam der Tag +der Offenbarung und schweigend stand sie vor dem +Bilde ihres Traumes. Geraldo fühlte während der Arbeit +an seiner Beatrice, daß ihn das Problem seiner Liebe +weitertreibe. Der flutende Hauch des Genies umkoste +seine Seele und trieb seinen Genius zur Weitergestaltung. +Und doch fühlte er mit einer leisen Enttäuschung, +daß die tiefste Wurzel seiner genialen Versenkungsweise +in das Weibliche nur die eigene glücksuchende +Sehnsucht war: nur die eigene Sehnsucht. In +seiner Geliebten suchte er ein Wesen zu finden, das +aus dem ähnlichen Drängen wie er selbst nach dem +anderen Wesen, dem Kinde, suchte. Aus diesem Verdoppeln +des Sich-finden-wollens erträumte er die Loslösung +des göttlichen Funkens. Nach qualvollen Tagen +innerer Erschöpfung, kam er auf den Verkündigungsgedanken: +das Motiv zu einem zweiten Bilde. +</p> + +<p> +Er spürte, daß auch in diesem alten Thema ein viel +tieferes sich symbolisiere, daß auch Gott sich nach +einem Geschöpf sehne, das aus seiner eigenen Sehnsucht +heraus ihn erwartet. Geraldo malte im Engel den +Verkünder der Mutterschaft zu einem erlesenen Wesen, +in Maria eine Mischung von freudiger Selbstgewißheit, +von demütiger Scheu und rauschhafter Freude in +der Ahnung des Kommenden. In anbetender Betrachtung +war der Maler vor dem fertigen Bilde hingesunken, +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +und was er künstlerisch geahnt und geschaffen, begehrte +er mit der Leidenschaft eines Faszinierten. Ein +teuflischer Plan reifte in ihm: Er brauchte eine neue +Art von Modell zu seiner Weiterbildung, zu seiner Erlösung +aus dem Kampf mit den dunklen Gewalten seiner +brodelnden Kräfte, die nach Gestaltung rangen. Er +brauchte ein suggerierbares Weib, ein Medium. +</p> + +<p> +Seiner Freundin entwickelte er seine Gedanken, sagte +ihr, was er von ihr wollte, sprach ihr vom Wunder seiner +Berufung ... In der Freundin fand er eine leicht +entzündbare Frau und merkte, daß er ihr nichts zu suggerieren +brauche, daß auch in ihrer Seele diese Sehnsucht +nach Erfüllung sich drängte. Er verspürte ein +Glück, das ihm die Sinne raubte: Er hatte eine Beatrice-Natur +gefunden in seinem Sinne. Er fühlte die +willenlähmende Wirkung seines ersten Bildes und sah +in Frau Martha das Opfer seines Symbols; das sich vor +Sehnsucht verzehrende Weib. +</p> + +<p> +Geraldo war ein phantastisch-theosophischer Adept, der +sich auf Grund einer Vision als Werkzeug Gottes sah, +seine künstlerischen Träume plastisch zu gestalten. Er +führte die Freundin zu seinem neuen Bilde: der Verkündigung. +Sprach ihr über die Gedanken, die ihn dabei +geleitet, offenbarte ihr mit zündender Begeisterung seine +ringende und glückdurchglühte Seele. Die Freundin +erlebte sich selbst in der Anschauung des neuen Bildes, +mit verhülltem Gesicht saß sie lange und dann rang +sich der Gedanke durch: Es gibt einen Mann, der ein +Wissen um unser frauliches Schicksal hat. +</p> + +<p> +Sie war durchdrungen vom Glauben, daß Gottes allmächtiger +Wille die Seele geschaffen habe, und daß sie +durch die Geburt eines Kindes seinen Willen erfülle. Gebannt +durch den Gedanken, daß sie unter einem fatalistischen +Zwange ihren Weg durchs Leben zu gehen +bestimmt sei, lag ihr der Gedanke an die Sünde fern. +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +Mit Geraldo glaubte sie: Durch den geschlechtlichen +Akt kann der Mensch Gott nicht zwingen, eine Seele zu +erschaffen, deshalb wird die Seele nicht nach der Empfängnis +erschaffen, muß also schon früher erschaffen +worden sein. Das Kind ist die Erfüllung des göttlichen +Willens, ob es im Zwange der Ehe oder in den lockeren +Banden freier Liebe gezeugt wird. Wie seine Bilder die +Form gewordene Sehnsucht und die Beweise seiner +hohen künstlerischen Berufung sind, so ist das Kind das +gestaltete Sehnen der Frau, der konkrete Inhalt fraulicher +Sehnsucht. In der Mutterschaft ist das Weiterleben +der Mutter in ihrem Kinde enthalten; die Mutter +sieht darin ihr Ideal, an der Menschheit weiterzuarbeiten, +wie der Maler im Bilde sein innerstes Erleben +gestaltet und an der geistigen Fortentwicklung der +Menschheit wirkt. Die innere Erkenntnis muß die Frau +bestimmen, sich dem Manne anzuvertrauen, das Gefühl +muß ihr sagen, ob er der Würdige ist, der Gesinnungsgenosse, +nicht nur der Zeugungsgenosse ... Dann rannen +Bild und Wirklichkeit zusammen. Geraldo nahm die +Freundin in der Verzücktheit des wallenden Blutes. Sie +gab sich ihm im Schauer der Größe und im Glauben an +den Gedanken prophetischer Erfüllung. +</p> + +<p> +Nach diesem doppelten Schöpfungsakte befiel den Maler +ein doppelter Ekel. Die Erfüllung des Wunsches war +für ihn der Tod desselben. Die Freundin und das geschaffene +Bild waren ihm gleichgültig. Er fühlte, daß +er auf dieser Stufe der Entwicklung nicht bleiben konnte. +Eine dunkle Gewalt trieb ihn, neuen Stoff zu sammeln, +an dem er seine Kräfte betätigen könne. Es trieb +ihn nach Italien. Er wollte seine Seele läutern im klassischen +Lichte erhabenster Kunst. Die Enttäuschung +lauerte auf ihn und wies ihn in die Schranken seiner +düsteren Problematik. Der ewig blaue und reine Himmel +tat seiner Seele weh, das Licht war zu grell für +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +seine feuchte, nordische, kimmerisch-sagenhafte Gedankenwelt. +Er fühlte, wie seine besten Kräfte verwitterten +unter diesem zersetzenden Lichte. Und in seinem +Herzen wurde die Sehnsucht geboren, die Sehnsucht +nach dem Norden. Das Heitere tat ihm weh, das Ausgeglichene +berührte ihn schmerzlich. In ihm gab es zu +viele Fragen, die sich gebieterisch aufdrängten: er war +kein Fertiger, er war ein Streber nach Neuem, Großem, +Ungeahntem, nach sehnsüchtig Angehauchtem und dämonisch +Durchglühtem. +</p> + +<p> +Seine Problematik war, das Sphinxhafte im Leben zu +packen und es nicht restlos vernunftmäßig zu erschöpfen. +Er wollte noch Fragen offen lassen, die man nur +gefühlsmäßig bei der Anschauung beantworten konnte. +Er floh das Licht, die olympische Helligkeit und die +ätherische Durchsichtigkeit, er floh die grelle Linie, das +gelöste Problem und er ging den Weg zurück, den die +Sehnsucht ihn wies. +</p> + +<p> +Frau Martha ging mit einem Kinde schwanger und erstarb +im Sehnen nach dem geliebten Manne, den es hinausgetrieben +hatte, sich wieder zu suchen im Lichte der +Anschauung. Die plötzliche Abreise des Malers hatte +ihrer Seele mit banger Qual zugesetzt. Sie wußte, daß +sie ohne diesen Mann nicht weiterleben konnte, weil +er sie seine dunklen Wege geführt hatte und sie aus eignen +Kräften weder zurück noch vorwärts zu finden vermochte. +</p> + +<p> +In sich selbst zurückgeworfen, floh Geraldo Italien, beladen +mit dem Fluch der Enttäuschung. Sein Dämon +trieb ihn zurück an die Stätte seines Schaffens und seiner +künstlerischen Auswirkung. Er eilte, die Freundin +zu treffen, die ihn mit freudiger Unruhe empfing. Er +fühlte, wie sie während seiner Abwesenheit durch die +Sehnsucht viel inniger mit ihm verwachsen, und er +fühlte zugleich, wie weit sie durch den Zweifel von ihm +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +abgekommen war. Er empfand ein augenblickliches Mitleid +mit ihr beim Anblick ihrer vom Leiden durchgeistigten +Züge, und bei seiner plötzlich wiedererwachenden +Liebe empfand er ein vorwurfsvolles Gefühl der +Ungerechtigkeit und inneren Untreue gegen die Freundin. +Er erklärte der Geliebten seine Wandlung, seinen +Drang nach neuem Erleben, die Unrast und die Zerfahrenheit +seines suchenden Geistes. Ueber diesem Geständnis +zerfielen bei ihr alle Zweifel und Sorgen. Sie +gehörten sich wieder in innigem Beisammensein, und +das brachte dem Maler endgültig die Erkenntnis, daß +er doch seinen Weg allein gehen müsse. Frau Martha +selbst fühlte mehr, als daß sie erkannte, sein Schicksal, +das auch das ihre war, und sie fügte sich ihm in +schmerzlichem Verzicht. +</p> + +<p> +Frau Martha hatte das Kind geboren. Der Maler war +nicht von ihrem Leidensbett gewichen. Dieses Kind +war sein Werk wie diese Frau und wie seine Bilder. Alles +war entsprungen aus dem Drange des vollendeten +Schaffenwollens. Er war ergriffen, weil diese Frau ihm +entsagte und ihr eigenes Leid dem höchsten und heiligsten +Mutterschmerz zu Füßen legte. Er war voller Bewunderung +für die zarte mütterliche Liebe und die +Hoheit der Empfindung; ihre durchgeistigten Züge +spiegelten die Verklärtheit des Schmerzes, schilderten +das Erleben ihrer Trauer in bewußter Ergebenheit bis +zur Heiligkeit des schauervollen inneren Erlebnisses. +</p> + +<p> +Geraldo schöpfte daraus den Gedanken und die Kraft +zu einem neuen Bilde. Er schuf sein letztes großes +Werk: Die Pietà. Maria, die trauernde Mutter, die ihren +Sohn beweint. Der tote Sohn im Schoß der Pietà war +dieser Mutter der verlassene Mann, der von ihr die +letzte große Entsagung forderte. Frau Martha klammerte +sich verzweifelt an das letzte und einzige, was +ihr geblieben war; an ihr Kind. Durch das Kind sprach +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +sie zu Gott, dem unendlich Weisen, unendlich Guten, in +ihm liebte sie den Maler, der ihrer Seele das Licht und +ihrem Leben einen Inhalt gegeben hatte. +</p> + +<p> +Nach der Vollendung dieses Werkes ward dem Maler +die Erkenntnis, daß die expressionistische Ausdrucksform +und -möglichkeit dem Wesen seines Schaffensideals +am nächsten kamen. Ein Ahasver der Kunst irrte +er durch alle Richtungen. Er spürte, daß für ihn ein +neues Leben begann und zugleich ein neues Golgatha. +</p> + +<p> +Die Mutter war einsam zurückgeblieben. In schmerzlichem +Verzicht war sie von Geraldo geschieden. In dieser +letzten größten heroischen Opfertat hatte sie sich +körperlich und geistig erschöpft: Sie siechte dahin und +die Pietà wurde zugleich ihr Grabmal. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Tag fand Jappes schlafend auf der Ottomane. Irgendein +jäher Gedanke warf ihn ins Bewußtsein. Kräfte! +Kräfte! rief er, dunkle bestimmende Kräfte. Ich erwarte +die Dämonen. +</p> + +<p> +Da kam die Wirtin und stellte sein Frühstück hin, +„Herr Doktor hatte gewiß Zahnschmerzen, weil er so +stöhnte die Nacht?“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Grade habe ich es mit dem Weisheitszahn +zu tun.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-14"> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +DREIZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Weisheit ist der Schierlingsbecher, +den selbst der weise +Sokrates nicht vertragen konnte. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes hatte eine kluge Maxime ausgetüftelt: Dem +Dummen nutzen die Bücher nichts und die Klugen haben +sie nicht nötig – und pflegte er hinzuzufügen – +mit dem Satz kommt man immer aus als Student, einerlei, +ob man sich zu den Dummen oder zu den Klugen +rechnet. Er rechnete sich bald zu den einen, bald zu +den anderen. +</p> + +<p> +Manchmal ist es ein Vorteil, dumm zu sein! +</p> + +<p> +Er hatte jene geheimnisvolle Scheu vor der Tiefe der +Wissenschaft, wie sie uns zu befallen pflegt, wenn wir +auf einen abgrundtiefen Born der Weisheit stoßen. So +war er der Universitätsweisheit gar nicht abgeneigt. +Ihm widerstrebte vielmehr die ungeheure Komik der +Professoren und der Studenten, die sich während der +akademischen Stunden mit wissenschaftlichem Trockengemüse +unterhielten, sich monatelang an vorsintflutlichen +Steckenpferden müde ritten, die widerspenstigen +Weisheitsgäule noch einmal bei den Semestralprüfungen +oder beim Staatsexamen im eingedrillten Parademarsch +kabrieren ließen, um sie dann auf alle Zukunft +den Stallknechten der All- und Eintagssorgen zum langsamen +Abschinden zu überlassen. Sicher litt er an der +Verstiegenheit junger Studenten, die sich klüger als +ihre Lehrer dünken, und den Versuch machen, ein eigenes +pädagogisches System auszuknobeln, um dann in +einen noch viel größeren Zopf zu verfallen, um in eine +babylonische Verwirrung zu geraten, eine Verwirrung, +die sie über ihre eigenen Regeln stolpern läßt. So entsteht +in den jungen Hirnen der ewige Weichselzopf +von unentwirrbaren Verwicklungen, der vom widerspenstigen +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +Geist der Nörgelei geflochten wird. Gelingt +es diesen „Autodidakten auf eigene Gefahr“, sich einen +Weg zu der höheren menschlichen Erkenntnis zu bahnen, +so gelingt es ihnen auch meistens, die Lampenweisheit, +am grünen Tisch erarbeitet, zu eklipsieren. Und +ist es nicht eine geheime Schadenfreude der Gelehrten, +zu sehen, wie eigenmächtige Streber dem Geist der Zersplitterung +verfallen, um als tänzelnde Irrwische irgendwo +in einem Sumpf zu verlöschen! +</p> + +<p> +Jappes besuchte um so eifriger die Vorlesungen des +Privatdozenten Professor Dr. Günther, bei welchem er +seinen heißhungrigen Oppositionsgeist mit allen Gerichten +philosophischer Reaktion stillen konnte. Besuchte +literarhistorische Vorlesungen, war aber empört +und enttäuscht, weil er einen Marktschreier vorfand, +der seine literarische Boutique auskramte, einen +geistigen Trottel, der im Wahn einer pathologischen +Genieerscheinung lebte. Er hatte ein Buch über die +Symbolik des Kuhfladens bei Homer geschrieben. Mit +einer Stimme aus der Vergangenheit redete er über +die Zukunft mit einem Gegacker wie ein Huhn, das ein +Ei geboren hat. Ein Mann, der aus Schreck vor der +sozialen Revolution Vaterlandsparteiler geworden war, +ein Fachsimpler mit bewundernswertem Mangel an +eigenem Denkvermögen. +</p> + +<p> +In Jappes’ Kollegheft stand: Blödsinn in Permanenz! +Vielleicht findet man die Systematik bei Polonius unter: +Wahnsinn mit Methode ...!!! Das war seine einzige +Hoffnung und er ging mit dem Bedauern, daß die +anderen mehr geschrieben hatten. Er schrieb seinem +Tagebuch: +</p> + +<p> +Schalte deine Denkvorrichtung um oder ganz aus, wenn +du an die Erbauung denkst, die ich an der Universität +genieße. Die Wonnen der Wissenschaft sind wie +Senf auf nacktes Fleisch. Die Portionen sind groß und +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +ungenießbar. Die Sudelköche der Weisheit kochen das +Ochsenfleisch der fremden Gesinnung mit ein paar Lorbeerblättern +ihres eigenen Ruhmes. Ich tröste mich mit +dem Leitsatz: Das Wesen der Philosophie ist, sich mit +wenigem zu begnügen. Ich brauche Erholung und +fahre in die Berge, Addio! +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Berge sind Magneten, die nur +für gewisse Naturen Affinitäten +haben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Am nächsten Tage saß er mit Pepy auf der Bahn. Das +Abteil war voll Tabaksqualm und Jappes sagte: „Zwar +habe ich mir vorgenommen, sechs Wochen lang nicht +zu rauchen, aber hier muß ich den Qualm doch einsaugen, +drum rauche ich lieber auch.“ Er bot sich eine +Zigarette an: „Sehr liebenswürdig! da kann ich doch +nicht ausschlagen.“ Sie fuhren nach Oberstdorf. Es war +ein Spätherbsttag und in der Altweibersonne schwammen +die Herbstfäden wie träumende Erinnerungen. Sie +saßen auf der Plattform und die Füße baumelten vom +Trittbrett. Jappes griff in die Brusttasche und langte +sein Portefeuille hervor: „Unsere Visitenkarten!“ und +er zeigte die Pfandscheine. Dann entfiel ihm sein Portefeuille, +das er zwischen den Knien preßte. Der Zug rasselte +weiter und Pepy starrte auf den Bahnkörper. Jappes +saß nachdenklich und plötzlich schnalzte er mit den +Fingern. +</p> + +<p> +„Bist du traurig, mein Freund?“ fragte Pepy. +</p> + +<p> +„Nein! ich denke gerade, was drin war ... es sind nur +Fetzen, Pepy, Fetzen!“ +</p> + +<p> +Von ferne grüßten die Berge mit den leuchtenden +Schneekoppen und den wallenden Nebelschleiern. Am +Bahnhof sagte Pepy: „Hier sehen wir die ersten nackten +Knie.“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Wir werden bald mehr sehen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-15"> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +VIERZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wenn der Magen nicht erschaffen +wäre, müßte man ihn erschaffen, +sagte ein Bauer und machte einen +philosophischen Knicks. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Als Jappes in die Ferien fuhr, gab es ein schweres Fest +auf dem Schlapphof. Ein Mastochse war verblutet, ein +Schwein und eine Gans. Es gab Knödel und Braten und +Küsse und Suppe und Tränen. Fragen und Hasten. +Und Jappes sagte vergnügt: „Es ist Glück in der Bude!“ +Und in der Bude war Glück. Die Nachbarn waren +vollzählig erschienen und alle kannten die Briefe +auswendig, welche Jappes im Laufe des Semesters geschrieben +hatte: „Mein Bub ist klüger als alle Professoren +zusammen, weil er sich über sie lustig macht, +und mit keinem zufrieden ist,“ pflegte Angelica zu sagen. +Aber sie wagte es doch nicht mehr, so recht +daran zu glauben, seit der Herr Pfarrer ihr verraten +hatte: „Die Universität ist ein mühsames Studium. Die +Erfahrung, Mutter Angelica, die Erfahrung!“ Der Herr +Pfarrer war wirklich klug und unfehlbar. Kein Zweifel, +wenn er sagte: „Das Studium an der Universität sei ihn +hart angekommen.“ +</p> + +<p> +Die Gäste saßen in der großen Stube vor hochgetürmten +Schüsseln und Tellern, begannen ganze Berge von +Fleisch abzutragen und feierten den Gast mit kräftigem +Geschmatze. Bauern verschlingen maßlos! Mutter Angelica +ließ die Nachbarn gerne an ihrer gesteigerten +Freude teilnehmen. Sie tranken Bier und reichten es in +einer urgroßmütterlichen Amphore herum. Jappes trank +einen massigen Humpen mit einem Zuge leer und rief: +„Das könnte ich zehnmal!“ Da horchten selbst die geeichtesten +Säufer mit gespanntem Respekt. +</p> + +<p> +„Du bist ein echter Student, mein Bub, und du siehst, +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +alle sind stolz, daß du so viel verträgst. Es ist schon +ganz recht so, aber das darfst du nicht mehr tun.“ Und +Angelica küßte den Sohn. +</p> + +<p> +„Werd ich auch nicht,“ rief Jappes, „und ich schwöre +es bei diesem Humpen.“ Dann trank er ihn zum zweitenmal +leer, und die Bauern gröhlten vor viehischer +Freude. +</p> + +<p> +Ein Bauer mit markigen Zügen fixierte Jappes eine +Weile, lachte dann plötzlich ein gutmütiges Lachen und +meinte vertraulich in höchstem Hochdeutsch: „Es ist +viel Heiterkeit im Zimmer, gelt, Studiosus? Erzähl Er +einmal, was Er denn so studiert auf der hohen +Schule – ...“ +</p> + +<p> +Da wurde der Waffenstillstand proklamiert. Löffel und +Messer und Gabel ruhten. Die Kau- und Schluckbewegungen, +wurden eingestellt. Jede Tellerverschiebung +wurde untersagt. Es erwies sich unmöglich, die Integrität +der Fleisch- und Gemüseplatten wiederherzustellen +und die Reihen der fehlenden Stücke wieder aufzufüllen. +Aber die Blicke ließen erkennen, daß noch ein erbitterter +Kampf bevorstand. Ja! eine Magd schickte sich an, +die Bierkanone frisch zu laden. +</p> + +<p> +Da verkündigte Jappes das Evangelium seines Studienjahres: +„Ich habe alles studiert und auch nichts. Das +erste Jahr verstudiert man so, um in die Materie einzudringen. +Die Studenten sagen: Die ersten Hunde ersäuft +man! Es ist ein akademisches Jahr, um die +Bekanntschaft der Professoren zu machen. Aber es ist +derselbe Krach unter denen, wie unter den Bauern auf +dem Dorfe. Die einen beweisen, daß es einen Gott gibt, +die anderen beweisen, daß es keinen gibt. Das sind die, +welche sich Philosophen nennen und irgendwie mit +oder gegen den Erzbischof gehen. Sie haben ihre Zeitung +und schimpfen sich drin; eine Art geistiger Volksbote +mit hochklingendem Phrasengetön und ganz pfundigen +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Schimpfreden. Hauptsächlich unter ‚Verschiedenes‘ +findet man den größten Krakeel, aber was die +Zeitung von einem gewöhnlichen Käsblatt unterscheidet, +ist, daß die Herren nicht über jeden herfallen, sondern +sich selbst nur gegenseitig anschimpfen. Die Herren +sind Träger der höchsten Ideen, und deshalb machen +sie nur Musik für erprobte Ohren.“ +</p> + +<p> +„Du hältst es doch gewiß mit denen, die für Gott +streiten,“ sagte die besorgte Mutter, „deinen Gott +darfst du nie verleugnen.“ +</p> + +<p> +„Ich gehe schon lieber gleich nicht mehr hinein zu den +Raufbrüdern, man könnte höchstens noch um seinen +Glauben kommen. Aber so gehe ich immer mit denen, +die am stärksten schreien, und das tun die Klerikalen.“ +</p> + +<p> +„So soll’s sein,“ riefen die Bauern, „Angelica, dein +Sohn verleugnet seine Heimat nicht.“ – Da brachte die +Magd den bauchigen Bierkrug, und die Blicke der +Bauern umstreichelten ihn. Mutter Angelica konnte sich +nicht enthalten und küßte dem Sohn die gläubigen Lippen. +</p> + +<p> +„Wenn ich alles erzählen sollte, was man da lernt,“ +fuhr Jappes fort, „müssen wir schon noch einen Abend +zusammenkommen.“ +</p> + +<p> +„O–o–o–h!“ riefen die Bauern wie aus einem +Munde. +</p> + +<p> +Da legte Jappes los: +</p> + +<p> +„Psychobiologie und Kolloquium dazu, mexikanische +Mythologie, ethische Probleme der modernen Zivilisation, +Systeme der Pädagogik und Didaktik, koptische +Kurse und altägyptische, hieratisch geschriebene Texte, +Einführung in die babylonisch-assyrische Schrift und +Sprache, keilschriftliche Uebungen, Entziffern südarabischer +Inschriften, neupersische Grammatik nach Salemann +Shukovski, Einführung in die ältere chinesische +Sprache mit Lektüre von Mong-tsz’e, Rigveda mit dem +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +Kommentar des Sayana, Aristoteles’ Nikomachische +Ethik, Räthoromanisch, lateinische Paläographie, Astrophysik. +Theorie der Differentialgleichungen ...“ +</p> + +<p> +„Meiner Seel!“ grunzte ein Bauer begeistert, „wenn +ich die Namen nur wüßte.“ Ein anderer: „Du gebrauchst +ja so gelehrte Ausdrücke, daß man gar nichts +mehr versteht.“ Und ein dritter: „Aber so von der +Landwirtschaft verstehen eure Herren nichts?“ +</p> + +<p> +„Und ob!“ begann Jappes von neuem, „alles wissen sie, +alles! Sie wissen alles von den Bauern bis hinauf auf die +Aegypter im grauesten Altertum. Die Aegypter verwendeten +keinen Dünger und durch die künstliche Bewässerung +des Nilus hatten sie eine hohe Kultur. Die +Griechen mergelten und düngten und bewässerten. Wissen, +daß Karl der Große ein großer Landwirt war, kennen +die Geschichte der Dreifelderwirtschaft aufs Tipfelchen: +Winterfeld, Sommerfeld und Brachwirtschaft. +Alles hat seine Geschichte, die Runkeln, die Rüben, der +Klee. Und die Bauern machen den Gelehrten manchmal +nicht wenig zu schaffen. Die Gelehrten wissen alles +vom Vieh, kennen die Aetiologie und die Prophylaxis +der Tierseuchen, kennen die Krankheiten alle, den Rotz +bei den Einhufern, den akuten und den chronischen Verlauf. +Reden über das Kalbefieber und beweisen, daß es +eine Lähmung des Rückenmarks und der Ganglien der +Bauchorgane ist. Sie gebrauchen nur gelehrte Namen +dafür. So sprechen sie nicht von Abführmitteln gegen +das Gebärfieber der Kühe, sondern von Purgiermitteln.“ +</p> + +<p> +„Und dafür nimmt man ganz gewöhnliche Kühe her?“ +fragte ein Bauer. Jappes nickte bejahend, als ein zweiter +ihn bestürmte: „Aber odeln tun die Herren doch +nicht selbst?“ +</p> + +<p> +„Wenigstens nicht praktisch,“ erwiderte Jappes, „aber +sie wissen ganz genau, was Jauche ist, und beweisen, +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +daß es kein stinkendes Wasser ist, was sie allerdings +auch nicht leugnen. Sie nehmen das alles vom chemischen +Standpunkt und sagen: Es ist eine Flüssigkeit, +welche im wesentlichen aus Harn besteht, und 0,15 +Prozent Stickstoff und 0,5 Prozent Kali enthält – ich +habe die Münchener Universität erschöpft und im +nächsten Semester geht’s nach Berlin.“ +</p> + +<p> +Einem pfiffigen Bäuerlein wurde der Gelehrtendünkel +zu dumm: „Es ist immer schön, wenn man weiß, was +man riecht, aber ich habe auch ein paar Fragen: Wieviel +Jahre wird ein Roß älter, wenn es richtig Hafer +kriegt? und wie weh tut es, wenn ein Roß dich auf den +Fuß tritt? sag es, Studiosus!“ +</p> + +<p> +Hier wußte Jappes nicht mehr Bescheid, und die Bauern +freuten sich ungemein, daß einer der Ihren dem +„Weisen“ eine Schlinge geworfen hatte. Angelica aber +küßte den Sohn, weil er so genau wußte, was Odel war. +</p> + +<p> +Dann begann ein wütender Fraß und die Gesichter erglänzten +gedunsen vom Bier. +</p> + +<p> +Plötzlich erhob sich die Mutter, und Tränen standen in +ihren Augen: „Lasset uns beten für den Vater und die +abgestorbenen Geschwister! Vater unser, der du +bist –“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Tiefe der Seele muß man in +der naiven Art der Landleute +studieren. Wer darüber lacht, +kennt nur die schwindsüchtigen +Surrogate der Kulturseele. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Die Nacht fand berauschte und satte Gestalten, und als +der Mitternachtsmond in die Stube schien, wankten sie +alle nach Hause. Die Schwester traf Jappes auf dem +Flur: „Du, Paul, ein Gläubiger säuft nicht so wie du, +das tun höchstens die Türken und Juden. Wenn du +wirklich nicht glauben solltest, so glaube trotzdem, und +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +gehe jedenfalls in die Kirche, wenn du auch nicht +glaubst.“ +</p> + +<p> +Jappes staunte das Mädchen einen Augenblick an und +fand keine Worte. Sein Schulfreund ging vorüber. Der +zog ihn mit sich hinaus in den Hof: „Jappes,“ fragte er +forschend, „darf ich dich was fragen?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich!“ +</p> + +<p> +„Jappes, hast du schon eine Braut?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich!“ +</p> + +<p> +„So!?“ ... nach drei Schritten: „Und heißt?“ +</p> + +<p> +„Rudibub! Ich erkläre dir später, weshalb sie so heißt.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Da war der Freund still, und dachte nach, wie ein Mädchen +Rudibub heißen könne. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-16"> +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +FÜNFZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Damen-Bekanntschaften, welche +mit der Visitenkarte gemacht werden, +sind wie Suppen, die mit +Maggiwürze gezaubert sind: eine +Geschmacksache, die im Bereich +eines jeden liegt. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Am Opernhaus in Berlin trat eine Dame zu Jappes: +„Ich sehe Sie zum drittenmal heute. Ich sah Sie in Pankow, +in Tegel und nun an der Oper. Ich brauche Sie, +weil Sie so rasen. Ich gebe Ihnen Geld, viel Geld, nur +Geld. Nehmen Sie und suchen Sie mich heute noch auf. +Im Baltic-Hotel, Zimmer 29.“ +</p> + +<p> +Jappes bleckte die Zähne und zog die Lippen nach rückwärts: +„Sie kommen mir sehr gelegen. Ich bin voll von +niedrigen Dingen, von armseligen Dingen. Wir speisen +bei Hiller, das frischt auf. Kennen Sie Hiller?“ – Sie +nickte. „Sie kennen mich wohl schon lange und ich Sie +auch. Heute sind unsere Wege erst zusammengestoßen. +Madame sind kühn und ich habe auf etwas Kühnes gewartet.“ +</p> + +<p> +„Unsere Wege stoßen noch öfter zusammen. Um zwei +Uhr also oder früher! Irgendwo! Möglich, daß wir uns +treffen, eh wir es wünschen. Lesen Sie diese Zeilen, ich +habe Eile!“ +</p> + +<p> +Knapp vor einem Mietauto fegte sie über die Straße. +Jappes ging und dachte nichts. Dann überlegte er, wie +sie aussah. Er fand keinen Anhaltspunkt. Sicher hatte er +sie nicht angeschaut. Vielleicht war es nur eine Halluzination, +ein Spuk im Straßenwirbel. Aber das Corpus +delicti hielt er in der Hand. Eine düstere Ahnung setzte +sich in seiner Seele fest. Ueber die Stadt zischte ein +Sturm und die Menschen rannten, rissen ihn mit, im +Wirbel, im Taumel, nein, sie schleiften ihn mit, seine +Gedanken jagten sich wirr ... aber er blieb leer ohne +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +Halt. Er wußte von ihr und wußte doch nichts. Aber +sie war und war für ihn. Vielleicht ein Dämon? Wie +war sie nur? Dann war er müde und fingerte nervös +an seinem Spazierstock. Ging weiter, und dachte an +nichts mehr. An einer Litfaßsäule bremste der Vorwitz +ihn fest. Mechanisch las er die farbigen Zettel und +dachte an etwas ganz anderes: Ist sie aus einer Neppbude, +aus einem Irrenhaus, Kongregationsleiterin, eine +Hysterische? Ihre Worte überdachte er mit hartnäckiger +Analyse, nein! er wußte gar nichts und das quälte +ihn am meisten. Sicher würde er sie nicht wiedererkennen, +wenn er sie träfe. War sie schwarz, blond oder +braun??? ... aber nein! Unbestimmt ohne Form, ohne +Linie, sie war nicht und war doch. Ein Wolkenbruch +prasselte nieder. Er trat in ein Kaffeehaus und ging wieder. +Draußen sagte er seinen Namen: Jappes! und es +antwortete in ihm: Ich besitze dich noch. Da fuhr eine +Droschke vorüber. Sie hielt und eine seidene Dame +musterte ihn mit einem langen ruhigen Blick. – Er sah +sie und dachte nichts. +</p> + +<p> +Eine Stunde später streifte ihn eine Dame in elegantem +Straßenkleid. Sie hing nachlässig am Arm eines Offiziers, +besah die Schaufenster und schaute nachdenklich +in Jappes’ Auge. Er wich dem Blick aus – und dachte +an nichts. +</p> + +<p> +In der Frankfurter Allee drängten sich die Leute vor +einem Haus. Ein Feuerwehrmann stieg auf einer Leiter +hoch und klopfte an ein Fenster. Einer erzählte: +ein Liebespaar hat sich erschossen! Ein anderer: eine +schwangere Jungfer hat sich mit Kreosot vergiftet. +Noch ein dritter: ein Student hat sich an der Türklinke +erhängt. Er habe zweimal vorsprechen wollen, in drei +Tagen, wegen einer Geldforderung, das zweitemal habe +der Leichengeruch ihm durch das Schlüsselloch den +Atem geraubt. +</p> + +<p> +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Jappes dachte, wie er wohl sterben werde: Ich lebe +rasch und werde rasch sterben. +</p> + +<p> +Der Feuerwehrmann von der Leiter rief: „Damit das +Publikum sich nicht beunruhige, wisse es, daß es sich +um eine Filmaufnahme handelt.“ +</p> + +<p> +Jappes dachte im Gegröhl der Menge, ob man bei seinem +Tode auch kurbeln werde? Dann lockte die Zeit +ihn zu Hiller. Der Oberkellner geleitete ihn dienernd +an ein Ecktischchen. Das Dauerlächeln im Frack entfernte +sich wieder. Ein Boy brachte ein Briefchen auf +einer silbernen Platte. „Man muß sich geirrt haben,“ +betonte Jappes, „ich kenne niemanden hier.“ „Ich weiß +auch nicht,“ knixte der Boy – „vielleicht kennt man +Sie hier.“ In seinem Blicke fehlte das Trinkgeld, das +Jappes nicht zu geben pflegte. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Solange Knigge und die Lebensmittelindustrie +kein Rezept für +Unterhaltungswürze finden, wird +es noch raffinierte Tischgespräche +geben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Eine schwebend-blütenleichte Gestalt trat aus dem +Spiegel auf Jappes zu. Er hörte, wie Stühle gerückt +wurden und wie die Genicke der Männer knackten, die +sich nach der Gestalt umbogen. Eine flaumweiche +Hand faßte seine Schulter und aus einer schmeichelnd-vibrierenden +Stimme schmolz sein Name: Jappes! Er +war betäubt von der unerwarteten Berührung und ein +seltsamer Hauch durchwehte seine Seele. Er murmelte: +„Vielleicht bist du es, Freundin?“ +</p> + +<p> +„Zum dritten Male, mein Freund und für dich allein.“ +</p> + +<p> +Er erwies ihrer Hand seine Reverenz. Dann bemühten +zwei Kellner sich um das Ueberflüssige an der Dame, +und nannten sie Fräulein Armida. +</p> + +<p> +„Ich komme spät,“ hauchte sie, „was hast du von meinem +Brief gedacht, Freund?“ +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Jappes schob ihr den Brief zu: „Bei Briefen denke ich +mir nie etwas. Ich habe gewartet, was kommen soll. +Ich warte seit Wochen auf etwas Seltsames und bin +enttäuscht, weil du so natürlich bist, und mir Fragen +stellst. Ich frage nie. Ich weiß immer, mit wem ich zu +tun habe. Ich hätte bis zur Nacht gewartet, und hätte +dann bis zum Morgen gebrütet, hätte dann Narr gesagt, +und wäre gegangen. So war es ausgemacht. Ich +wollte warten, bis du kämest mir zu sagen, wer du +bist. Aus deinem Munde wollte ich es hören.“ Mit +ihren weichen Augen trank sie seine Blicke leer. +</p> + +<p> +„Hast du nun genug?“ fragte Jappes. +</p> + +<p> +„Mit einem Mal kann ich dein Wesen nicht trinken,“ +lächelte sie, „und das reizt mich, und während ich +berauscht bin, fließt immer etwas Neues, Eigenartiges +in dein Wesen hinein. Weshalb bist du so unerschöpflich. +Darf ich dir eine Nelke anbieten, eine weiße +Nelke, ich habe sie selbst gezogen.“ +</p> + +<p> +„Danke,“ wehrte Jappes. „Nelken liebe ich nicht. Der +Friedhofduft –“ ein Schütteln fiel ihn an. Er erzählte +ihr das Abenteuer in der Frankfurter Allee. Ihre +Zähne leuchteten weiß wie frischgeschälte Mandeln: +„Der Mann auf der Leiter war deine Freundin!“ +</p> + +<p> +„Albernheit,“ rekelte er gähnend, „ein Kinostern!?“ +</p> + +<p> +„Wäre ich abgestürzt ...?“ da zerbrach sie eine kostbare +Reiherfeder und ein nervöses Flimmern spielte +um ihre Lippen. +</p> + +<p> +„Dann wärest du nicht hier, und ich säße in schmerzlicher +Einsamkeit!“ Er sagte es mit weichem Tonfall, +und sein Blick bohrte sich in ihre Alabasterstirn. +</p> + +<p> +Nach der Suppe fragte sie: „Jappes, wer spricht aus +dir?“ Er punktierte: „Ein Gelangweilter.“ Und staccato: +„Ich kann nicht warten ...“ Der Ober deutete es +für sich und eilte, den Fisch zu holen, servierte ihn +mit einer schmalzigen Entschuldigung bei Jappes. +</p> + +<p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +„Fische sind laichdumm,“ griff sie das Gespräch wieder +auf und Jappes legte einen Karpfen auf ihren Teller. +</p> + +<p> +„Zum Glück sind es Portionsfische,“ bemerkte er, „ich +teil nie gerne, darf ich dir Mayonnaise übergießen? +So! das habe ich nie gegessen – Karpfen mit Mayonnaise. +Junge Karpfen sind geschmacklos wie alle jungen +Fische!“ +</p> + +<p> +„Und Backfische?“ forschte sie. +</p> + +<p> +„Geschmacklos! ich kenne es aus Erfahrung, mit und +ohne Mayonnaise, Fische sind laichdumm hast du gesagt, +es ist eine Fischerweisheit.“ An ihrem Kinn +lachte ein feines Grübchen. +</p> + +<p> +„Deine Leibspeise möchte ich kennen,“ perlte es von +ihren Lippen. „Senf und Rhabarber,“ schnalzte seine +Zunge, und das Grübchen zerfloß in eine Falte. +</p> + +<p> +„Ober,“ rief er über die Schulter, „eine Flasche ‚Chateau +Lafitte‘.“ – Ein Bleistift notierte den Namen und ergänzte +den Preis, eine dreizifferige Zahl. +</p> + +<p> +Zwei Lilienfinger führten das Glas an die Lippen. +</p> + +<p> +Ein Gaumen knurrte: „Ist das Chateau Lafitte?“ Der +Ober vergrößerte die Pupillen, als sein Ohr ihm sagte: +das ist nicht Lafitte. Aus seiner Brust quirlte es duckend: +„Kommt aus dem besten Haus, mithin kein Anlaß, +eine falsche Marke zu liefern.“ +</p> + +<p> +„Ist nicht Lafitte,“ brummte Jappes. An seinen Augen +las der Kellner, daß er Kenner war. „Mag sein, daß er +aus der unmittelbarsten Umgegend ist,“ beschwichtigte +der Ober. +</p> + +<p> +Dann Jappes: „Stecken Sie mir den Zeigefinger vorne +herein und den Daumen hinten herein und riechen Sie. +Die unmittelbarste Umgegend, aber das Bouquet ist +verflucht verschieden.“ Ein Grinsen schürzte die Lippen +des dienenden Bonzen, und Jappes sah, daß drei +Nelken unter dem Tisch zerfetzt wurden. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-17"> +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +SECHZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Leidenschaft ist die Dichterin der +Märchen, welche wir unseren jungen +Begierden zu erzählen lieben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Seit drei Tagen war Armida mit ihrem Freunde verkracht. +Und seit vier kannte sie ihn. An der Riviera +hatte er eine Villa und hieß Arco Calvandi. In der Bülowstraße +hatte er sie in einer Bar gefunden, als sie ihr +Korsett im Pharao mit ihm verspielte. Er hatte zehntausend +Mark gesetzt, gegen die Bedingung, wenn Armida +verliere, es selbst zu lösen. Lachend war sie mit +ihm nach Hause geautelt, und als er den linken Straps +löste, war er betäubt niedergesunken. Armida hatte +ohne den Einsatz das Haus verlassen und der Portier +bemerkte, daß Calvandi die Dame arg mitgenommen +hatte – nicht einmal die Figur war ihr geblieben. Hellichter +Tag war es, als der Gewinner erwachte. Er fand +einen Brief: Arco Calvandi! Hebe den Gewinst gut +auf. Wenn du einmal verspielst, darfst du mir das +Gerüst wieder anlegen, aber die Bedingungen bleiben +dieselben! Mit einer Gänsehaut rettete er sich nach +Paris. Die Nacht fraß seine Furcht, als er im D-Zug +über die Grenze raste. Dann atmete er frei und trank +die Entfernung. +</p> + +<p> +Oh! er war ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der D-Zug donnerte in die Gare-de-l’Est. An der +Sperre wartete ein stiernackiger Chauffeur: Zwei flackernde +Rattenaugen schwammen im krebsroten Gesicht. +Im Mundschlitz verzehrte sich eine Zigarette in +stiller Glut. Vor erregter Erwartung vergaß er den +Rauch einzuschlürfen ... Eine Hand legte sich auf +seine Oeljacke: „Sylvain angekurbelt, Panthéon, dort +Lunch, dann Rennen in St. Enghien. Habe Eile, laß +die Maschine das Letzte geben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +– Wir werden ankommen! knurrte Sylvain und ein +bläulicher Benzolschweif wirbelte gegen die Porte St. +Martin. Die Sorbonne und das Palais du Luxembourg +reichten sich die Hände, so raste Arco Calvandi. Er +fieberte in dumpfem Groll. +</p> + +<p> +Seine Zimmer lagen vis-à-vis vom Panthéon und von +seinem Rauchzimmer aus sah er den Denker von Rodin. +Er sprang die Treppe hinauf in den zweiten Stock. +Auf der Diele warf er seinen Mantel ab, lief in sein +Schlangenkabinett und öffnete seine Handtasche. +Ueberall Schlangen, Schlangen aus Glas, aus geädertem +Porphyr, gemalte Terrakotta, majolikaglatte +Schlangen. Augen wie zuckende Lohe, wie glänzende +Rubine, weiße Milchaugen mit einem blauen Strich, +Augen grün wie Malachit und züngelnde Zungen, gespalten +und pfeilartig und spitz. Kriechende Schlangen +an den Wänden von blauem Damast. Er riegelte die +Tür ab und schloß die Fensterläden, Kippte die Wippe +einer Schaltvorrichtung und eine pendelnde Schlange +wurde elektrisch hell. Eine zitronengelbe, geringelte +Schlange mit roten körnigen Augen. Gläsern klang die +Bewegung der Zunge. Der Damast trank das zischende +Geräusch und Arco Calvandi erbebte. Riß ein Paket +aus der Tasche, riß an der dünnen Verschnürung, daß +die Finger bluteten. „Schlange!“ kam es knirschend +von seinen Lippen und dann hielt er das Korsett in der +Hand – „bist du mein Opfer oder bin ich das deine?“ +Mit sinnlicher Begierde preßte er es an seine Lippen. +Vom kleinen Finger rann das Blut und befleckte Armidas +Palladium. „Gebrandmarkt!“ rief er jauchzend. +„Schlange, du hast mir eine List ersonnen!“ – Dann +ging er zum Lunch. +</p> + +<p> +Speiste mit einem Freund und zwei Fremden. Sie hatten +eine Gier in den Augen und lebten von den Einkünften +der anderen. „Gediegene Gestalten,“ schmeichelte +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Arco Calvandi Jerôme den Freund. Dann wurden +vier Gaumen gekitzelt und es dauerte länger als +eine Stunde. „Von einem Abenteuer komme ich,“ sprach +Arco Calvandi, als der Stöpsel von der ersten Cave +Pommery knallte. „Prickelnd war es und schaumig, +wie der Champagner, aber nicht so kühl.“ Drei Augenpaare +loderten von der Glut seiner Lüge, und ein +Lachen kollerte durch das Gehege der Zähne. Sie tranken +und horchten mit genäschigen Ohren: „Freunde, +die Schönste von allen war meine, wie ein Kätzchen so +weich und geschmeidig. Ihr kennt ihren Namen: Armida! +es klingt wie die Sprache der Gläser. Trinkt auf +ihr Wohl, sie brachte ihre Unschuld als Opfer!“ – +</p> + +<p> +Die Fremden tranken, aber Jerôme warf seine Stirne +in Falten: „Sonst pflegst du doch nicht zu lügen, mein +Freund Arco Calvandi. Armida ist alt in Sachen der +Liebe.“ +</p> + +<p> +„Schweig!“ warnte Calvandi, „und tu mir Bescheid. +Am Balkan herrscht die Sitte, daß bräutliche Mädchen +das Siegel der Tugend noch bringen. Ihr versteht +– – – daß das Linnen ein Tropfen noch trübe – – – +ein Tropfen des Bluts und, so wahr ich hier spreche, +nehmt eure Gläser und folgt.“ +</p> + +<p> +Im Schlangensaal feierten sie die blutige Rüstung! +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer Eile hat, kommt auch ans +Ziel. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Ein Rattern fraß sich durch den Staub der Straße und +strebte verlangend gegen St. Enghien. Eine Minute vor +dem Start bestieg Arco die Tribüne und ein Murmeln +hüllte ihn ein: +</p> + +<p> +„Das ist er! 125000 Franken! der Prix Calvandi und +heute sein bestes Roß, ein rassiges Vollblut, die Stute +Armida.“ +</p> + +<p> +Oh! er ist ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-18"> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +SIEBENZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Könige und Hanswürste tragen +nicht umsonst einen Purpurmantel. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Sie saßen im Wintergarten und die Berliner weideten +ihre Augen an den Schnörkeln einer tanzenden Korpulenz. +Lüsterne Blicke hafteten an der flaumigen Corsage +und im Taumel rissen sie die Fetzen vom wirbelnden +Fleisch. Armida saß wie eine Königin. Um die +Schultern ein brokatener Shawl, ein funkelndes Diadem +umlohte ihre weiche Frisur. Ihre Hand war ohne Ringe +und ihre Nägel rosig angehaucht wie Taubenfüße. Der +prangende Raum erzuckte im erotischen Taumel. Die +Tänzerin wagte eine groteske Spirale und die Musik erstarb +in einem glühend-weichen Seufzer. Jappes blies +eine feine Three Castle in einen blühenden Akanthus, +machte eine Drehung und tippte Armida auf die Nägel. +„Onglissa! Die Krallen sind scharf und passen zur +Musik – so erkünstelt –“ +</p> + +<p> +„Du sollst die Krallen einer Dame nicht höhnen. Die +Ehre einer Damenbegleitung weißt du nicht zu würdigen. +Sieh, wie der Clown auf der Bühne seine Dame +graziös umtänzelt.“ +</p> + +<p> +„Verzeih, Liebling!“ bemerkte Jappes und feixte, „beides +ist mir furchtbar gleichgültig: Sowohl der Gegenstand +auf der Bühne als der Gegenstand meiner Begleitung. +Wenn ich manchmal ein Gefühlchen hinüber +äußere, ist es nur die Routine des Angeborenen. Jappes +ist sehr weit von der Sache.“ +</p> + +<p> +– Hast du uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei +zitternde Löckchen, die sich aus der Umklammerung +des Haarreifs gerettet hatten. – Hast du uns sonst +nichts anzuvertrauen? baten zwei schattige Brauen, die +um den See zweier blauer Augen wuchsen. – +</p> + +<p> +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Jappes schneuzte sich geräuschvoll. Einer eingedorrten +Dame mit schlanker Turbanfrisur lief ein kalter +Schauer über den dürren Rücken und ein verachtender +Blick krallte sich in seine zwinkernden Augen. Er hüllte +das Produkt seiner Anstrengung in das Linnen und +wandte sich an Armida: „Verzeih, Liebling! manchmal +muß man Rücksicht auf sich nehmen und die angehäuften +Unannehmlichkeiten wegräumen. Die Dame ist +eine von den weichen, die aus der Not keine Tugend zu +machen wissen. Ueberhaupt will dieses späte Mädchen +hier im freiesten Lokal seine Konservenbüchse der Erziehung +öffnen! Eine alte Jungfer kann nicht so leicht +mit der Vergangenheit brechen, weil sie nie in der Gegenwart +gelebt hat.“ +</p> + +<p> +„Freiheit und Anstand sind blutsverwandte Begriffe +und zieren jeden, der sich ihrer zu bedienen weiß. Dein +Spruch ist: zurück zur Natur. Es gibt auch viel Natürliches, +was häßlich ist –“ +</p> + +<p> +„Gewiß, meine Gnädigste,“ – trank ein Glas Wasser +leer – „auf Ihr Wohl. Das macht frisch im Kopf, es ist +nichts schwieriger als gute Einfälle haben. Um ehrbare +Leute zu belästigen, bedarf es keines besonderen Talentes. +Man braucht nur ein Organ dazu. Liebling, die +Menschen sind komische Leute.“ +</p> + +<p> +Pause. +</p> + +<p> +Polichinell sang auf der Bühne ein schleimiges Couplet. +Er sah gar komisch aus in seinem gewürfelten Pierrot +und in seiner umgestülpten Stranitzenkegelmütze. Ein +buntes Mädchen fingerte eine quietschende Melodie am +Flügel und um ihren Mund war ein Lächeln gemalt. +Der Hanswurst sang: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt,</p> + <p class="verse">der ist verrückt.“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p> +Dabei machte er schweißtriefende Sprünge und klapperte +seine Armut über die Bretter. Jappes rümpfte die +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Nase: „Wenn der Tintenfisch in Gefahr ist, quetscht +er seine Tintenblase leer und die Feinde sehen ihn nicht +mehr.“ Die Dürre wurde durch die Worte in ihrer Andacht +gestört und die Wut zog ihre Lippen zum Strich. +„So ist sie sehr appetitlich, dachte Jappes, alte Schote, +dein olympischer Frühling ist vorbei!“ Am Applaus +merkte der Komiker, daß er gefallen hatte. Jappes war +aufgebracht, weil die knöcherne Dame ihm so viel vorwurfsvolle +Aufmerksamkeit schenkte: „Kannst du Runen +lesen, meine Teuerste?“ fragte er Armida. +</p> + +<p> +„Das hängt davon ab, wo sie geschrieben sind.“ +</p> + +<p> +„Versuch es einmal in dieser ledernen Visage,“ bat Jappes, +„kannst du nicht lesen, daß die Jungfer lebhaft bedauert, +daß in ihrer Jugend niemand sie um ihre Unschuld +begaunert hat.“ +</p> + +<p> +„Du sollst nicht so viel von Unschuld reden,“ gab Armida +zurück, „du magst das Wesen des Clowns auf der +Bühne nicht leiden und doch liebst du es, selbst frech +und lächerlich zu scheinen. Ich kann dein Wesen verstehen, +weil ich weiß, daß auch der Clown ein ernstes +Wesen birgt. Darum soll nichts dir zum Vorwurf gelten. +Wir gehen, heute abend haben wir noch Wichtiges +vor und die Zeit geht auf zwölf.“ Sie bezahlte die Zeche +und Jappes tat, als ob er an einer Seite gelähmt sei: +„Hol mir meinen Mantel, mein Lieb, ich liebe es, wenn +du mich bedienst.“ Armida gehorchte. +</p> + +<p> +„Geh vor mir her,“ – befahl sie auf der Straße – „es +könnte uns lästig werden, zu zweien zu gehen.“ +</p> + +<p> +„Du könntest vielleicht auch eine neue Bekanntschaft +wünschen.“ +</p> + +<p> +Zehn Schritt hinter ihm trippelte Armida. Sie trank den +Rhythmus seiner Bewegungen und ihre Seele erbebte: +Jappes ist Harmonie! Aber er wußte nichts von ihren +Gedanken. +</p> + +<div class="epi"> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +<p class="noindent"> +Die organische Funktionentheorie +ist das Schoßhündchen der Psychologen +– ist aber nicht immer +stubenrein. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Armida wechselte ihre Wohnung zweimal in achtundvierzig +Stunden. Ihre Kleider jede dritte Stunde und ihr +Wesen war ein stetes Uebergangsstadium. Jappes versicherte +sie: Er könne sich nie an diese Eigenarten gewöhnen, +wenn nicht seine zarte Ritterlichkeit ihm die +Kraft verleihe, das Ritual der Mode ihrer Gewohnheiten +nachzubeten. Er nannte Armida bald Zierstengelchen, +bald Seidenäffchen, bald Leckerchen. Er fand immer etwas +Süßes, Rauschendes, sagte es aber so kühl, daß alle +Wirkung dabei in die Brüche ging. Er sagte: „Sternchen, +ich liebe es, tote Kinder des Geistes zu gebären, +denn für die Geburtshilfe braucht man den Fötus und +für den Spiritus braucht man Verwendung. Meine Gedanken +saugen sich groß am Nabelstrang der Phantasie +und der geistige Trödelkram muß zum Lumpensammler +kommen.“ Armida ließ ihn reden, sie horchte nur der +Melodie und der Text war ihr Luft. Und so gefiel es +beiden. +</p> + +<p> +Ein Kraftwagen nahm beide in seine Arme und brachte +sie schnaufend zum Stettiner Hof. Sie fanden ein Telegramm +vor: +</p> + +<div class="letter w36"> +<p class="u noindent"> +Armida Grand Prix, Dresdener Bank<br> +Tausend hundert und zwanzig fünf. +</p> + +<p class="sign"> +Calvandi. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Ein Codetelegramm?“ fragte Jappes. +</p> + +<p> +„Eigentlich ist Calvandi nur ein Codewort,“ erklärte +Armida, „und dann mein Name. Das andere sind angenehme +Ziffern.“ Zwei Ohren spreizten sich neugierig. +– Der bunte Bettschirm sah, daß ein braunes Kleid +über einen weißen Mädchenkörper gestülpt wurde, und +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +er zitterte beim Gedanken an doppelte Szenen seiner +wachen Nächte in Treue. +</p> + +<p> +Von einem Turm fiel ein Glockenschlag in die Nacht. +Eins! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-19"> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +ACHTZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Gewohnheit macht selbst mit +dem Tode vertraut. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Um zwei in der Nacht stand ein zitternder Wagen am +Krankenhaus in Briez. Armida zog einen Schlüsselbund +aus ihrem „Ridicule“ und öffnete ein Seitenpförtchen. +Jappes schritt hinter ihr auf einem schmalen Pfad, der +mit Steinfliesen gepflastert war. Eine doppelte Zierbaumhecke +stach in schwarzen Linien vom matten Boden +ab. Ein müder Wind führte einen dumpf-süßen +Bromgeruch mit sich. Eine Jodwelle löste ihn ab. An +einem schmalen Gitterfenster lehnte eine Krankenschwester. +Dann verschluckte das Haus die späten +Wanderer. Schwere Bastläufer dämpften die Schritte +und geleiteten Armida und ihren Begleiter die Stiegen +hinan. An einer weißen Türe standen sie still. Sie klopften. +Und die Tür wich ihnen aus. Sie traten in einen +weißen Saal und ein Mann in weißer Litewka stellte sich +vor: „Doktor Seraph.“ Armida sagte: „Molo.“ Dann +kam ein Gruß mit den Lippen. +</p> + +<p> +Tische des Ekels und Tische voll röchelnder Schmerzen. +Leichentische, Operations- und Seziertische. In +einer Ecke ein Laparotomietisch mit Zinkplatte und +weißem Emailleanstrich: Apparate für Narkose: Chloroformmasken +mit Rinne und Netz. Flaschen aus braunem +Glas mit federndem Verschluß. Aethermasken mit +Bügeln und Stoffüberzügen und sechsfacher Gazeschicht. +Doktor Seraph hielt einen Apparat zur lokalen +Anästhesie in der Hand. Eine Tube mit Aethylchlorid +und ein Doppelgebläse. +</p> + +<p> +In einer Desinfektionsschale Scalpelle und Sticheltrephinen. +Lupuslöffel, Curetten und Acupuncturnadeln, +Pinzetten und Zangen und Bistouris. Messer und Schere +und Spatel. +</p> + +<p> +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Doktor Seraph sprach gedämpft, als wolle er die Tote +nicht wecken, die auf dem Leichentisch lag. Ihr Fleisch +war grünlich gelb. Er nahm einen Block mit Notizen +und trat zu der Toten. +</p> + +<p> +Milchdrüsenkrebs. Ein Ulcus mit torpidem Charakter. +Die Sekretion des Geschwürs serös, jauchig und stinkend. +Die Jauche enthielt nekrotische Gewebspartien. +Parenchymatöse Blutungen hatten die Kräfte erschöpft. +Die Lymphdrüsen am Hals waren affiziert und verschlechterten +die Prognose. Die Frau war mager und +schwach. Wir halfen mit Opiaten nach. Sie schlief und +vergaß ihre Schmerzen. Wir fürchteten, sie würde durch +die Ulceration und infolge der häufigen Blutungen an +Anämie sterben, aber die metastatische Geschwulst +entwickelte sich rasch. Wegen Recidivs war sie zweimal +operiert, und infiltrierte Lymphdrüsen waren exstirpiert +worden; ein operativer Eingriff konnte sie nicht +mehr retten. +</p> + +<p> +Jappes bemerkte: „Man pflegt die Therapie der carcinomatösen +Dyskrasie als die ‚Partie honteuse‘ der +Medizin und Chirurgie zu bezeichnen.“ +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete Doktor Seraph: „Einwandfreie Heilungen +sind selten. Es gibt noch heute kein Medikament +und auch keine wirksame Art von Diätetik gegen Carcinosis. +Deshalb grassieren die Scharlatane und Kurpfuscher, +die das Gebreste durch besondere Arcana zu +heilen wähnen. Die Aetiologie der Krebskrankheit gibt +leider für die Therapie keinen Anhaltspunkt. Wir können +nicht feststellen, weshalb die Tumoren so infektiös +sind. Ein Spezifikum für Carcinosis gibt es nicht, wenn +man auch mit der Condurangorinde und der Guackotinktur +den Glauben der Patienten zeitweise auffrischt.“ +</p> + +<p> +„Ermüde dich nicht, Molo,“ bat Armida, „unser junger +Freund ist noch nicht übers Physikum hinaus. Er wird +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +noch Gelegenheit haben, die chirurgische Pathologie +und Therapie zu hören.“ +</p> + +<p> +Doktor Seraph fuhr belehrend fort: „Die Therapie beschränkt +sich auf eine indirekte innere Behandlung, +ich sage indirekt, weil sie keine direkten Angriffspunkte +findet. Gegen Anämie gibt man Eisen oder Chinin. +Amarra zur Unterstützung der Verdauung. Das wirksamste +der wenig wirksamen Mittel ist das von alters +her angewandte Arsenik. Wenn es die Krankheit auch +nicht zu heilen vermag, so verzögert sich doch der Verlauf +und schiebt den Tod hinaus.“ +</p> + +<p> +„Kann man sich etwas von den Heilquellen erwarten?“ +fragte Jappes mit lebhaftem Interesse. +</p> + +<p> +Der Arzt: „Eher im Gegenteil! Die stark angreifenden +Brunnen von Aachen, Wiesbaden, Kreuznach und andere, +sind eher schädlich. Die indifferenten Thermen +jedoch, wie Ems und Gastein können gegen andere +Uebel gebraucht werden, wenn der Patient carcinomös +veranlagt ist. Sie fördern das Wachstum der krebsigen +Geschwulst nicht, der operative Eingriff und die +Narkose sind die einzigen Mittel, den Krebskranken +das Leiden und den Tod zu erleichtern.“ – Das sagte +er mit einer unbeholfen-sachlichen Ironie. +</p> + +<p> +„Es gibt Aerzte, die prinzipiell keine Krebse operieren,“ +füllte Jappes die Pause. +</p> + +<p> +„Die Operation mit dem Messer oder der Schere“, dozierte +Seraph, „ist am radikalsten und man hat eine +Kontrolle, ob durch die blutige Exstirpation die carcinomatöse +Geschwulst beseitigt ist; weil aber in der Regel +Recidive auftreten, ist die Operation meist nur vom +physiologischen Standpunkt aus ein galanter Aderlaß +...“ +</p> + +<p> +Armida glättete sein ironisches Grinsen: „Komm, +Freund Molo, die Nacht ist schon weit, und du verlierst +deine Kräfte in klinischer Prosa. Du hast nicht +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +nur für die Toten zu sorgen. Laß die gelehrten Reflexionen. +Töte den Krebs deiner müden Nächte durch +die Narkose des Schlafes.“ +</p> + +<p> +Doch Jappes: „Eine plastische Operation kann man im +Alter nicht machen oder bei anämischen Patienten. +Das wäre eine Kur nach Doktor Eisenbart. Der Blutverlust +wäre zu groß und die Qual würde jenseits des +Acheron enden.“ +</p> + +<p> +„Das wäre nicht das schlimmste,“ betonte Armida. +</p> + +<p> +„Du sprichst recht,“ sagte die gelehrte Litewka: „Wo +das Messer versagt und die Schere, bleibt noch die quälende +Aetzung. Die Idee hat etwas für sich, weil kein +Blut verloren geht und die ätzende Flüssigkeit bis in +die miterkrankten feinsten Lymphgefäße eindringt. So +würde der örtliche Krankheitsstoff zerstört. Doch nur +im Prinzip! Die Erfahrung beweist, daß das Gewebe, +welches mit dem Aetzmittel in Berührung kommt, mit +demselben eine innige, feste Verbindung eingeht und +das Aetzmittel unwirksam macht. Auch dann noch treten +Recidive auf und die Krankheit beginnt von neuem. +Erfolge hat man mit Chlorzink erzielt als Paste oder +als Aetzpfeil. Der Schmerz ist sehr heftig, den man +nach der Aetzung durch subcutane Morphiuminjektionen +dämpfen kann. Die Geschwulst wird ein mehliger +Schorf.“ +</p> + +<p> +Doktor Seraph öffnete ein Schränkchen. – „Chlorgold +und Antimonbutter finden manchmal wirksam Verwendung. +Von den Pasten Arsenik und die Wiener +Aetzpaste.“ Er reichte sie Jappes. +</p> + +<p> +„Ist sie an Peritonitis gestorben?“ deutete Armida auf +die Tote. +</p> + +<p> +„Sie ist in Marasmus verfallen und ist mit starken +Krämpfen in langem Todeskampf verschieden.“ +</p> + +<p> +Jappes besah die Tote mit ihrer zerfetzten Brust. Sie lag +mit geschwollenen Lippen und gläsernem Blick. Aus +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +ihrem Munde floß ein bräunlicher Schleim. Ihn quälte +die nächtliche Stille, die in unbestimmten Intervallen +von einem jammervoll-schmerzlichen Stöhnen zerrissen +wurde. Klänge wie gedämpfter Eulenruf, die in würgende +Laute verklangen ... Ihn quälte die tote Gestalt +auf dem schreiend-nackten Totengerüst. Vor den Fenstern +lag die lauernde Nacht, und Wärter schoben die +verzerrten Leichen. +</p> + +<p> +„Gegen den Tod kann man nicht prophylaktisch wirken, +auch nicht operativ,“ sagte Armida, „aber du +könntest dich schonen, Molo, sonst legt der knöcherne +Mann dir bald die seltsame Schlinge.“ Sie grüßte ihn +kurz. +</p> + +<p> +Armida und Jappes traten ins Dunkel. Von ferne +krähte ein Hahn. „Es hat wieder einer verleugnet,“ +lachte Jappes und sprang zum Wagen. Am Steuer +lehnte der Chauffeur und gähnte dem Morgen entgegen. +</p> + +<p> +Zwei Laternen fraßen die eilende Finsternis. +</p> + +<p> +Jappes dachte an zwei seltsame Ringe, welche der +Doktor an den Fingern trug. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-20"> +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +NEUNZEHNTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Man erzählt manchmal einen Witz, +um über eine Pointe zu lachen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Arco Calvandi hatte einen Witz erzählt: „Eine Landpomeranze +hatte von einem leckeren Schmeichler erfahren, +daß sie angenehm empfunden würde. Und die +Schönheit sagte ihr: du bist wie ich. Das wollte sie im +Bilde sehen, weil der Spiegel ihr Bild immer wieder +verlor. Sie suchte einen Maler auf. ‚Mögen Sie mich +malen,‘ flehte ihr weicher Sopran! Der Maler: ‚Gnädiges +Fräulein entschuldigen: wie wünscht gnädiges +Fräulein gemalt zu werden?‘ Und die Holde: ‚Wie man +so gemalt wird.‘ Der Maler witterte das Wild: ‚Ich +bin Historienmaler.‘ Sie sann und die Frage entfiel +ihr: ‚Was ist ein Historienmaler?‘ Er: ‚Einer, der nach +der Geschichte malt.‘ ‚Gut,‘ sagte die Schöne errötend, +‚dann komme ich nach der Geschichte wieder.‘ +Sie ging, und ein Lachen prallte an die Staffelei des +Malers.“ +</p> + +<p> +Aber Armida hatte eine richtige Geschichte, die war +kein Witz. Alf Skyölen, ihr Vater, in Saßnitz auf Rügen. +Von Norwegen war er gezogen, an der schwedischen +Grenze. Mit einem Schiff und zwei Segeln +hatte der Wind ihn südwärts geblasen. An die Insel +spie ihn das Meer. Dort fand er ein Weib vom Wetter +gebräunt. Er nahm es zur Frau. Sie bauten sich +Kähne und hielten sich Fischer; geteertes Holz und +gegerbte Gesichter. Das Jahr verschlang ein Boot und +drei Fischer, er baute dann zehn und dang sich die +nötigen Mannen. Zu Ostern rissen die Netze, so schwanger +vom zappelnden Hering; im Sommer ruderten die +Fischer die flache Last der Flundern. Das Gold in der +Truhe wuchs, die Summe der schwimmenden +Fänge. +</p> + +<p> +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +Alf Skyölen war stolz auf seine schwarze Armada. Sie +beherrschte die Küste und die laichenden Fische. Als +ihm eine Tochter ward, nannten die Fischer das Mädchen +Armida. Sie kannten den Namen nur so und dachten +an die Herrin der Meere. +</p> + +<p> +Da kam das Verhängnis von Westen. Netze und +Fischer und Skyölen mit Frau verschlangen die Tiefen. +</p> + +<p> +Und von der Armada blieb nur Armida. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Schornsteinfeger sind schwarz. +Bäcker sind weiß. Ich sage, was +vom Meere kommt, ist tückisch +und bewegt. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Mit dem Gold und dem Traum nach der Ferne wuchs +sie dann groß. Schön wie das Meer und verschlagen +wie dieses. Und ewig bewegt. Sich selbst überlassen, +wurde sie der Heimat fremd. In Greifswald war sie +im Pensionat und hörte Vorlesungen dortselbst, lebte +in Heidelberg und studierte ein Semester Jura, ein +anderes Philosophie, zwei weitere Theologie, im fünften +Medizin. Das lockte sie. War zwei Monate lang in +München, studierte Kunstgeschichte, besuchte die Pinakotheken +und die Ausstellungen, blieb am Rembrandt +haften und gewann Böcklin lieb. Ließ alles im +Stich und warf sich auf die Plastik und die Glyptothek +erhielt ihren Besuch fünf Monate. Am Tag in den +Galerien, des Nachts im Café. Abends im Theater und +morgens verließ sie irgendeine Bude nach einer wüst +durchzechten Nacht. Sie lockte Menschen, umkoste +sie und verschlang sie mit tückischer Tiefe. Der Taumel +küßte sie und Armida jagte die Begierde. Sie war +stürmisch und kühl und sie wußte: das Meer wuchs in +ihr. Fuhr in die Berge und stieg mit den Gemsen um +die Wette. Holte Edelweiß von den zerbröckelten Wänden +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +und mit Lächeln im Blick erzählte sie vom Locken +der Tiefe. Hatte nur zweierlei Freunde: denen sie +Geld abnahm, denen sie Geld gab, und gegen beide war +sie maßlos. Sie wußte, in ihr gab es eine Ebbe, eine +Flut, einen ruhigen Abgrund und eine stürmische +Brandung mit Gischt und mit donnerndem Wirbel. +Das Meer wuchs in ihr und sie wuchs mit dem Meere. +</p> + +<p> +Da fand ihr Wesen den Damm und sie fühlte, daß es +auch Menschen gab, die fern von dem Einfluß der anderen +sind. Sie traf in Berlin auf Molo Seraph, und +hier brachen sich die Fluten ihres wogenden Wesens. +Er war ihr der Damm und die Schleuse: Er lenkte sie +weiter in gebändigtem Fluß. Dann wurde sie mürrisch +und trübe. Doktor Seraph folgte der geregelten Bewegung, +aber ihm grauste vor der schlingenden +Tiefe. +</p> + +<p> +... Sie war wie das Meer mit der steten Bewegung, +mit Tang und mit Schlick und weiter Gebärde. Sie +war wie die Sehnsucht voll zuckender Bilder, sie war +wie der Abend voll dämmerndem Gram, sie war wie +ein Fest voll glänzender Freude. Sie war wie die Zeit +voll fiebernder Eile. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-21"> +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +ZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Plato hat vergessen zu behaupten, +daß alle Menschen grinsen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Sie ist kein Mädchen, sagte Jappes und er dachte an +Pepy. Sie ist auch kein Bub und ist auch kein Zwitter. +Sie steht zwischen den dreien, ein doppelt Geschlecht +und auch keines, sie ist ein Gebilde, ein Traum, ein +leuchtend Verhängnis, ein Fluch und ein Glück. Wer +weiß! Und er nannte sie Ruth, denn ihr Wesen war +Ruth und ihr Name war Pepy. +</p> + +<p> +Seine Seele erschrak. Sie schrieb von einem englischen +Freunde, der wollte sie retten im Hafen der Ehe. Die +Engländer sind kluge Schiffer, und mächtig und reich, +und er wird sie wohl retten, so dachte sich Jappes. An +der Leine der Gedanken führte er die Sorge, und knurrend +ging sie mit ihm wie eine treue Hündin. Er war +voll von Pepys flatterndem Wesen, und seine Erinnerung +bestieg die Leiter der vergangenen Tage. Er +dachte an eine Szene mit Pepy. +</p> + +<p> +„Du liebst mich,“ hatte sie am Fuße der Berge gesagt. +„Das ist unser reinstes Verhängnis. Ich weiß, daß ich +gleichgültig bin gegen Menschen, die mir mit Liebe +begegnen, mir fehlt das Organ für die Liebe und ich +muß Wache stehen bei meinem Geschlecht. Die Männer +sagen alle dasselbe, sie sprechen von Liebe und modulieren +auf demselben Motiv und greinen die Leier +des Herzens ... Vielleicht tue ich dir Unrecht, vielleicht, +vielleicht ...?“ Auf einem Baumstumpf saß sie +und preßte das Moos, und die Berge grüßten von +ferne. Sein Kopf lag in ihrem Schoß und sie haßte die +duckende Stellung. „Ich bin noch nicht klug,“ hob Jappes +den Kopf und verdrehte die glotzenden Augen. +Pepy sah, daß die Ohren sich spitzten, und sein wolliger +Kopf lag in lockengespreizter Umrahmung. +</p> + +<p> +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +„Es gibt eine Figur,“ hub Pepy nun an, „sie reizt mich +immer zum Lachen: Ein breites Gesicht, die Augen im +Winkel, und zottige Locken zu Berge. Golliwog! nennen’s +die englischen Kinder.“ +</p> + +<p> +„Dann bin ich für dich nur ein Spielzeug, ein gemaltes +und lachend verzerrtes. Eine Skizze, ein hampelndes +Männchen.“ Seine Augen lagen schielend im Winkel. +„Du bist mein Golliwog,“ kam es durch ihre perlenden +Zähne wie Emaille im roten Plüsche der Lippen. +</p> + +<p> +Jappes im Echo: „Und du mein Rudibub.“ +</p> + +<p> +Dann waren sie lachend gegangen, triefend von Küssen. +Tage kamen mit Wandern und den Schauern der +gierigen Nächte. Sie war kühl und dämpfte die Glut +der männlichen Sehnsucht. Fühlte, daß ihr Wesen +eine Schwenkung zur Freiheit machte, fühlte, daß der +Mut zur Liebe wuchs, der Mut zur leidenden Liebe. +Der Dampf riß sie fort und die rollenden Räder. Jappes +nach Norden und Pepy nach Süden. In München +wartete gähnend der englische Schiffer, gähnend, als +wollte er den Liebling verschlingen. So war es gut, +denn sein Herz bedurfte der Kühlung und Jappes +dachte, sie wird ihn schon kühlen. +</p> + +<p> +Er schrieb ihr den Brief voll liebender Fülle, voll rasender +Gier: +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Liebe kommt plötzlich wie +ein Föhn und wütet in den stärksten +Forsten, aber der Windbruch +birgt viel Nutzholz. +</p> + +</div> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +Mein Rudibub! Montag ist’s wieder. Acht Tage sind’s +her, seit der Zug Dich entführte. Der Traum ist vorbei +und die sonnigen Tage. Dein Name kommt manchmal +und klopft an mein Ohr – Rudibub. – Du Liebe, +ich habe Dich lieb. Vielleicht trübe ich Deine Freude, +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +wenn ich Dir sage, daß noch ein Mensch neben einem +anderen ist. – Golliwog! – Einer, der um Dich weiß. +Von meinen Lippen tropft es: Ruth! – rollend – +weich. Ich höre Deine Stimme und in meinem Herzen +ist ein Echo: – Rudibub! Die Sehnsucht quält Jappes, +die Sehnsucht an einen Traum. Und dehnt die Zeit, +die schrecklich tickende Zeit. Der Traum war Ruth. +Fort bist Du und hast einen Strich gemacht. Einen +Strich hinter den Golliwog. Und Golliwog verdreht die +Augen: – Ruth! – Es ist ein Traum, ein weicher, rollender +Traum. +</p> + +<p> +So war es schön. +</p> + +<p> +Golliwog denkt an Tage voll Nähe und Liebe. Denkt +an Nächte voll Schwüle und Glück. An heiße Nächte +und innige Nähe. Es springt über in ihm und alles sammelt +sich um Ruth. Er reicht ihr seinen Kuß. Schwester, +wo bist Du? Schwester meiner schwülen Nächte. +Weißt Du noch etwas von meiner Liebe? Weißt +Du von meiner Sorge, als Du gingst. Ich denke an die +blaue Glut der Berge. Die Wege und Täler sind voll +von Dir. Alles sagt mir, Ruth war da, mein Rudibub. +Sie war hüpfend wie ein Reh, und geschmeidig wie eine +Katze. Sie war Pepy zwei Tage und dann wurde sie +lieb und trank die fiebernde Nähe. Vier Tage war sie +Rudibub – mit Tränen und Glück. Golliwog gab ihr +seine zitternde Liebe, und doch ging mein Rudibub. +Die Glut blieb und die Sehnsucht und die marternde +Zeit. +</p> + +<p> +Ein anderer pflückt die Blume ihrer Liebe. Golliwog +wünscht, daß er sie nicht nur zum Schmucke bricht. +Pepy ist fort und Ruth ist mein Traum. Die Kühle +ging fort und in mir ist die Glut. Die Kleine ist da +und sie lacht. Ich sehe die Zähne, die Locken und +bete – – –: +</p> + +<p> +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +Ruth, mein Rudibub! +</p> + +<p> +Grinsend rollt er die Augen +</p> + +<p class="sign"> +Dein Golliwog. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes schämte sich fast, als er sah, daß ein junges +Glück in seinem Herzen zitterte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-22"> +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Das Wesen einer typischen Tante +ist Komik, und Komik ist immer +etwas Ernstes. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Am Bubenbad in Stuttgart entdeckte Armida eine mütterliche +Tante. Eine schwäbische Schwäbin mit Runzeln +im Blick und eine zierliche Zofe. Wie eine Robbe +war sie mit hängenden Armen und fettiger Schwarte. +Ihr Kleid von Kattun verdeckte die Trümmer der +Ehe. Ihr bäuchiger Leib gemahnte an das Kap der guten +Hoffnung. Ihr treues Geleite war ein knurrender +Mops, der die Art der Möpse auf der Straße mit sachgemäßer +Beschnüffelung absolvierte. Ihr Blick war auf +die Erde gerichtet, weil sie vom Himmel nichts hoffte. +</p> + +<p> +Armida nannte sie: Ida Telluren. +</p> + +<p> +Sie war eine einsame Frau, die den Abend mit Patiencen +verbrachte oder im Gespräch mit der schleichenden +Stille. Zwei Papageien hatten sich unter ihren +Liebkosungen zu Tode geschrien. +</p> + +<p> +Papageien werden bei Tanten nicht alt, so dachte +die gelenkige Nichte Armida. Ihr Mann, der +gesprenkelte Assessor, war hinter seiner Brille an +Gallenergüssen gestorben. Und die Witwe suchte den +Schmerz im Gähnen der Reisen zu töten. Sie war treu, +obzwar noch viele die stramme Fülle begehrten. Sie +kannte die Lust der flaumigen Betten, die den Männern +die besten Sinne verwirren und sie kannte die +eignen Pulse des Blutes. Bei Tag war sie sicher vor +dem Stachel des Satans. Nur die Nacht wob die Besorgnis +um das Pfand ihrer Treue. Ida Telluren war +klug, denn sie spürte sich noch nicht als vergöttertes +Tantchen. Sie fand eine List, die Männer vom Pfuhl +ihrer Träume zu bannen: Im Hotel stellte sie neben +die zierlichen Hülsen der eigenen Füße ein Paar Stiefel +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +aus derberem Leder. So lebte sie abends im Gedanken +an den seligen Mann; und draußen hielten die +Stiefel die Wache. +</p> + +<p> +Die Jahre verspritzten die üppigen Formen und das +Alter zeichnete die Skizze der Tante. Die Nase quoll +auf, und die Zähne entwichen. Die Brüste schlotterten +in fettiger Fülle. Wuchs der Geschmack für Kaffee, +für Schnäpse und Möpse. Ihr Wesen schrie auf: Nun +werde ich zur Tante. Der Ausgleich für ihr wackliges +Tantengemüt bestand in der Liebe zur jungfräulichen +Nichte Armida. Mit verschlissenem Plaid, der Beute +der jagenden Reisen, spülte die Zeit sie hinunter nach +dem schwäbelnden Schwaben. Am Nesenbach lag ihre +Kemenate und sie empfing nur gekrückte Gestalten, +die sie mit minniglicher Atzung von Tee und Kaffee +und Tantengebäck zu ermuntern suchte. Manchmal +war Vollblut im Haus: die niedliche Nichte Armida. +Mit zierlichen Füßen küßte sie die Läufer der Treppe. +Dann wurde die Tante viel jünger, und geschwätzig +floß ihr Bächlein der Rede. Verließ die opalisierenden +Schreier, mied den gekniffenen Schwanz des Mopses +und hielt das Kätzchen im Arme, die weiche Armida. +</p> + +<p> +Ihr Brevier waren die Räuber von Schiller. Sie wußte +das Jahr, da sie der junge medizinische Schiller in gefolterten +Nächten bei grimmiger Kälte geschrieben. Im +Winter 1778/1779! – Die Finger rieb sie vor Kälte, +wenn sie des fröstelnden Jünglings gedachte. Mit heiliger +Scheu ging sie an der Solitude vorüber, wo das +Große geboren worden war und starrte mit geknicktem +Genicke zu den lebendigen Gemälden der Decke. +Hetsch und Guibal und Heideloff hatten hier ihre Pinsel +verewigt. +</p> + +<p> +Ida Telluren liebte diluviale Gestalten. Sie selbst war +ein Mammut aus dem Diluvium der bräutlichen +Schichte. Wisent und Ur bockten kämpfend im Protz +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +ihrer geräumigen Säle. An den Wänden spreizten sich +die derben Gerüste der knochigen Ichthyosaurier von +kundiger Hand in Kohle gehalten. In der Tantenstube +ein Porträt von Victor Thaumatosaurus, aus Holzmaden, +der Jura-saurische Intimus von Ida Telluren. Knochen, +nur Knochen, denn Tante Telluren haßte das +Fleisch. Im Staatsarchiv an der Neckarstraße wohnten +die betagten Skelette und Ida liebäugelte oft mit den +geognostischen Typen. Seufzend verließ sie den Saal, +in Trauer über die knochigen Riesen sinnend. +</p> + +<p> +Tanten träumen seltsame Träume und Ida Telluren +war Tante; auch Tante im Traum: Sie sah schnäbelnde +Ichthyosaurier auf einer Bank im Mondenschein, <em>sie</em> +war so innig und ließ <em>ihn</em> gewähren. Doch bald befiel +ihn die Lust nach südlicheren Früchten. Da erbebte die +Tante und schwitzte Besorgnis, hob die Hand und +schrie zum Schutze der Unschuld. +</p> + +<p> +Armida lag wachend und dachte: Der Schweiß einer +Tante riecht seltsam! +</p> + +<p> +Am Morgen ging Ida Telluren zu einem Traumatologen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-23"> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Ein Ton in deiner Stimme sagt +mir, daß dein Wesen Lüge ist. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Professor Günther war ein überflüssiges Möbel, obwohl +er eine kluge Glatze trug, wie einen Spiegel der +Weisheit, in welchem der Gelehrtendünkel und der +Professorenwahnwitz jener verschrobenen Kaste sich +spiegelten. Er hatte den Tempel der Wissenschaft geplündert +und sich zum vielfachen Doktor gekrönt. Er +wußte, daß er eine Potenz war. Und das wurde sein +Verhängnis, denn nichts ist schlimmer als das Bewußtwerden +der eigenen Größe. +</p> + +<p> +Zwei Seelen wohnten in seiner Brust: im Privatleben +die Seele eines Schweines, im offiziellen Leben die +Seele eines Berufspsychologen. Er hatte eine Kurve seiner +Gemütsbewegungen gezeichnet, kannte die Grade +der Verliebtheit von der errötenden Unberührten über +das kanonische Alter hinaus bis zum fast begierdelosen +Weibe. Er hatte seine Beobachtung nach empirischer +Methode graphisch dargestellt, fand, daß die Kurve bei +der Frau aus dem Unendlichen kommt und bis zum +fünfundvierzigsten Jahre etwa mit regelmäßigen periodischen +Schwankungen parallel zur X-Achse verläuft +und von da langsam abfallend mit asymptotischer Annäherung +an die Abszisse wieder ins Unendliche überspringt. +Beim Manne beginnt die Kurve im Pubertätspunkte, +dessen Abszisse das Alter, dessen Ordinate die +Umgebung ist. Auch diese Kurve hat einen konstant-flachen, +aber schwankungslosen Verlauf, fällt indes gegen +siebzig Jahre steil ab. Die Flächen hatte er ausplanimetriert +und wußte alles zahlenmäßig auszudrücken. +Für ihn galt die Zahl, die Nummer. Jedes Gefühl +hatte er in eine Formel gefaßt, die er für das einzelne +Individuum mit der Variablen des Temperaments multiplizierte. +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Nach ihm war die Psychologie die Wissenschaft +dessen, was man unter Seele versteht. +</p> + +<p> +Seine privaten Vorlesungen waren interessant, weil er +seltsame Widersprüche lehrte und dadurch das Staunen +seines Auditoriums bis zur Verblüffung steigerte, +so daß er am Schlusse seines Vortrages mit frenetischem +Beifallstaumel hinausgetrampelt wurde. Der +Einpauker Günther bereitete im Gegensatz zur Universität +die Studenten für die praktische Seite des Doktor- +und Staatsexamens vor. Jappes merkte sich den +Mann, und während dessen Sprechstunde stand er dem +Seelenkundigen gegenüber. Er platzte mit der Frage +zur Tür hinein: „Ist Liebe ein Affekt oder ein Instinkt?“ +</p> + +<p> +Professor Günther rollte seine mausgrauen Augen eine +Weile musternd, brachte die Glatze in Kampfstellung +und kaute die Frage hervor: „Haben Sie keine Visitenkarte?“ +Jappes stand vor ihm mit eingeknicktem Fuß +wie ein Häuflein Elend. Von seinen Lippen schlotterte +es demütig: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich +bin immer etwas rasch und ich war so geblendet von +Ihrem Wissen, daß ich wie ein Falter in das lockende +Licht flatterte ...“ Hier überreichte er seine Visitenkarte: +</p> + +<div class="ccard"> +<p class="u center"> +Jappes Paul<br> +cand. med. et. phil. et. cam. +</p> + +<p class="center"> +<span class="left">Schlapphof</span> <span class="right">Baden</span> +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Sie sind sehr vielseitig, Herr Kommilitone Jappes Paul +vom Schlapphof.“ +</p> + +<p> +Eigentlich nur Vorder- und Rückseite, dachte Jappes, +letztere, na ... vielleicht würde der Herr Professor +doch nicht von meinem Anerbieten Gebrauch machen. +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Dann verschluckte ihn ein Klubsessel auf eine einladende +Handbewegung hin. +</p> + +<p> +„Nun, Herr Kommilitone,“ spreizte sich Professor +Günther vor Jappes, mit lohender Zigarre und paffte +einen wirbelnden Dunst an die Decke, – „unterbreiten +Sie mir Ihre Fragen, bitte!“ Hier machte er eine Geste +mit der Hand, als biete er einen Präsentierteller an: +Bitte, bedienen Sie sich! +</p> + +<p> +„Meine Frage muß Ihnen doch lächerlich sein, Herr +Professor, denn im Vergleich zu den Studenten sind +Sie ja unendlich klug und Sie vergessen an einem Tage +mehr, als unsereins in einem Jahre mühsam zusammenstoppelt.“ +</p> + +<p> +Professor Günther lachte sich Grübchen und der Stolz +perlte aus seiner Stirne. Er wehrte mit der Hand ab. +Jappes wiederholte: „Ist Liebe ein Instinkt oder ein +Affekt?“ +</p> + +<p> +Die Frage löste bei Professor Günther die strenge +Sachlichkeit des Gelehrten aus. Ein klassisches Räuspern +leitete seine Erklärung ein: „Entschieden, die +Liebe ist ein Affekt. Eine heftige Gemütserregung mit +einer Reaktion auf den Körper. Jeder andere Bewußtseinsinhalt +wird von den Affekten hintangestellt. Die +Vernunft ist ausgeschaltet, und unser Handeln ist +zwangsläufig und wir haben keine freie Ueberlegung, +weder in der Wahl noch in der Anwendung fester +Grundsätze.“ +</p> + +<p> +„Wer liebt, ist also unvernünftig, unzurechnungsfähig,“ +schlußfolgerte Jappes, „es scheint doch eine Grenze +zu geben, wo Affekte und Instinkte zusammenlaufen. +Der Instinkt ist doch die dauernde Disposition des +Nervensystems, den automatischen Ablauf einer komplizierten +Handlung zu bestimmen. Nach der Affektentheorie +ist die Vernunft doch auch ausgeschaltet und +mithin wäre alles, was im Affekt geschieht, eine automatische +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Handlung. Wir denken doch nichts dabei, +wenn wir lieben, es ist uns zur Selbstverständlichkeit +geworden, wir beten das Ritual der Liebe ohne den +Glauben, automatisch. Die Liebe wäre also ein Instinkt +und kein Affekt?“ +</p> + +<p> +Professor Günther streckte die linke Hand vor, Daumen +und Zeigefinger in Schnabelstellung, die übrigen +Finger gespreizt: „Distinguo! Wir unterscheiden, +Freund, zwischen objektiver Wahrnehmung und subjektiver +Empfindung. Denken Sie sich, Herr Kommilitone, +zwei Liebende von einem Dritten beobachtet.“ +</p> + +<p> +„Das wäre sehr unangenehm für alle drei,“ bemerkte +Jappes. +</p> + +<p> +Professor Günther verschluckte ein Lächeln: „Für den +objektiven Beobachter zweier Liebenden ist die Liebe +unbedingt ein Affekt! ...“ +</p> + +<p> +Jappes entschuldigte eine Unterbrechung: „Es ist doch +unmöglich eine objektive Beobachtung über die Liebe +anzustellen, weil unsere Instinkte sich aus den einfachen +Reaktionsvorgängen durch die äußeren Reize des Geschauten +entwickeln. Sind wir aber selbst verliebt, so +entzieht sich unsere Selbstanalyse der Kontrolle, weil +durch den Affekt die freie Ueberlegung ausgeschaltet +ist!“ +</p> + +<p> +„Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen,“ bejahte +der Psychologe, „gerade das ist die Grenze, die +Norm. Die platonische Liebe ist ein Affekt, die praktische +Liebe ist ein Instinkt: Entschuldigen Sie die +Frage, waren Sie schon verliebt?“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Platonisch noch nie, deshalb kam ich +auf den Gedanken, die Liebe sei kein Affekt.“ Und er +dachte, er müsse mit Pepy darüber reden. +</p> + +<p> +Jappes entschuldigte sich, er müsse gehen, er habe eine +Verabredung mit einer Freundin. Professor Günther +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +drückte ihm die Hand: „Dann leben Sie wohl, Herr +Jappes Paul vom Schlapphof, und kommen Sie mal zu +uns, unser Haus steht Ihnen offen. Ihre Freundin können +Sie mitbringen.“ +</p> + +<p> +Jappes entwich dankend dem Zigarrenqualm. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-24"> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wenn ein Herr ein Tagebuch +schreibt, will er etwas preisgeben. +Wenn eine Dame ein Tagebuch +schreibt, will sie etwas vertuschen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Ueber Nippsachen kann man immer etwas Spaßiges +sagen,“ scharwenzelte Jappes vor Armida; „heute +siehst du aus wie eine Teepuppe. So weich und flaumig +und warm und duftig und prickelnd und ...“ +</p> + +<p> +„Zu Dummheiten bin ich heute nicht aufgelegt,“ fiel +ihm Armida ins Wort, „da, geh zur Bank und hole das +Geld von Arco Calvandi.“ Sie gab ihm einen Scheck. +Er küßte ihre Hand und verließ ihr Zimmer. +</p> + +<p> +Sie wohnte seit zehn Stunden in der Pension Ethos, +ordnete ihre Briefschaften, schrieb Forderungen, ihre +Außenstände einzutreiben, bot anderen große Summen +zur Hilfeleistung an, ohne irgendwelche Verpflichtungen. +Redigierte ihr Tagebuch. Sie schrieb: Doktor +Seraph, ein verlorener Mensch, weil er seinen Beruf +ernst nimmt, wohnt mit seinem Schicksal zusammen, +aber er gewöhnt sich nach und nach an die Frau. Er +freut sich, wenn ich komme und noch mehr, wenn ich +gehe. Im Grunde doch ein glücklicher Mann. In seiner +Brautnacht wird er sicher zu einem Sterbenden gehen. +Heiraten sollte er nicht, denn er ist nicht fürs Leben +geschaffen. Der Tod hat ihm sein Siegel schon aufgedrückt: +die grauen, bohrenden Augen, der gramdurchsetzte +Blick, das starre Paragraphengesicht. Alles an +ihm schreit Pflicht, Pflicht, Pflicht und Dienst. Ein +wertvoller Mensch, der uns zeigt, wie wir das Leben +nicht verleben sollen. +</p> + +<p> +Es gibt zweierlei Gedanken: Gedanken, die wir denken +und solche, die wir schreiben oder sprechen. Korrupte +Gesellschaft! Wir sitzen an einem Tische, in +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +feinster Umgebung, geschmackvoll präparierte junge +Damen, Schlangen im Blick, zischende Schlangen als +Sinnbild des Geschlechts. Sie kennen alle unsere Mängel +und wissen unsere Vorzüge klug zu verleugnen. +Männer, außen Knigge und innen Canaille, legen ihre +geistreichelnde Unterhaltung ins Schaufenster und ihr +Laden ist leer. Trifft man sie oft, so merkt man den +Staub auf den Ladenhütern. Ihre Gefühle, die Ladenschwengel +des Instinkts! Sagen garnierte Liebenswürdigkeiten +und denken die nacktesten Gedanken dabei. +Kulissen überall und Attrappen. Aber man macht +mit, weil man vom Fach ist. Oh! der Kitzel, sich hinter +den Kulissen beobachtet zu wissen. Die Menschen +sind nur Zitate der Vergangenheit und stehen in den +Gänsefüßchen der Gegenwart. Taumelnde Gebärde +ohne Kraft, Versteckspielen der Rede, blinde Kuh +der Gesellschaft. Das ist der Kitzel, daß man sich und +die anderen wissend betrügt! Der menschliche Geist +ist ein Kolibri, leuchtend-schillernd wie Changeant-Seide +– kehrt man das Kolibri um, dann ist es matt, +schal, grau wie ein Zaunkönig, nur noch kleiner. Der +Mensch macht sich müde über sich nachzudenken. +Das Leben eine große Verdauungsübung, ein Fangballspiel +mit den hüpfenden Tagen. – –– +</p> + +<p> +Da war die Tinte zu Ende. +</p> + +<p> +Ein roter Radler brachte einen Brief von Jappes: +</p> + +<p class="ibr"> +„Sternchen,“ schrieb er, „zum Abendbrot mußt du auf +meine gefräßige Gegenwart verzichten. Ich weiß, Du +entschuldigst mein Ausbleiben, denn es gibt sogar +Fälle, in denen Damen galant sein dürfen. Um zehn +Uhr hole ich Dich ab mit achtzig Prozent Sicherheit. +Unterweilen sage ich Dir auf Wiedersehen und wünsche +Dir angenehme Empfindungen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-25"> +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Ein literarischer Salon ist wie +eine Kirche: Priester, die opfern, +und Gläubige, die beten, aber es +wird nicht immer richtig gesungen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Unser Roman geht weiter,“ sagte Armida zu Jappes +und nahm das Geld in Empfang, „betrage dich anständig, +wir machen einen hohen Besuch. Kommerzienrat +Winterstein kennst du noch nicht? er ist unser Mann.“ +Jappes hüpfte durchs Zimmer und lachte: „Kommerzienräte +wollen gute Manieren. Armida, rede mir nicht +zu viel zu, sonst blamiere ich dich durch sehr anständiges +Betragen. Kommerzienräte können sich alles +leisten. Hast du ihm schon von mir erzählt?“ +</p> + +<p> +„Er weiß alles über dich, du darfst ganz Jappes sein.“ +</p> + +<p> +„Ich danke!“ und er reichte ihr den Arm. +</p> + +<p> +Kommerzienrat Winterstein wohnte in einer Villa in +Tempelhof. In Geldsachen hatte er glänzende Erfahrungen +gemacht. Er hatte eine niedliche Tochter, ein +Blaustrumpf in den begehrtesten Jahren. Seine Villa +war mit den Begierden seiner Frau möbliert, und obwohl +Herr Winterstein eine tiefdeutsche Gesinnung +hatte, war alles im Louis-XV-Stil gehalten. Wagen fuhren +ein und aus. Lackierte Kutscher lenkten die vernickelten +Monturen durch das Parktor. Herr Kommerzienrat +Winterstein empfing die Gäste selbst: eine +behäbige Lebhaftigkeit, der man es auf eine Meile +ansah, daß sie nicht so leicht aus dem Konzept zu +bringen war. Er war im Gesellschaftsanzug und einer +Maréchal-Niel-Rose erwies er die Ehre, in seinem +Knopfloch duften zu dürfen. +</p> + +<p> +„Unser neuer Freund Jappes,“ stellte Armida vor, +Herr Winterstein erstrahlte purpurn: „Sehr angenehm, +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +dem Hause wird es eine Ehre sein, den Freund Armidas +zu Gaste zu haben.“ Neue Gäste kamen, und Jappes +sagte zu Armida: „Der Mann hat Gewicht, die Zähne +sind schadhaft, aber sein Mund ist eine Goldgrube. Das +ist der erste Kommerzienrat, der mir die Hand so angenehm +geschüttelt hat.“ +</p> + +<p> +Dann schwammen sie im Strudel der Unterhaltung. +Crêpe-de-Chine und Taft und Tüll, strotzende, federnde +Körper, Mädchen, die das erstemal in Gesellschaft waren +und die ihre fünf Sinne wie Antennen den Lockungen +und Reizen entgegenhielten: Kommt, wir sind +reif und schmachtend! Liebeblinzelnde Jungfern, die +liebeblinzelnd in langjähriger Praxis im gesellschaftlichen +Verkehr auf der Suche nach dem Manne ihrer +Wahl waren, entschlossen, sich im Leben mit einem +akademischen Grade zu klassieren. Duft und perlende +Weine. Frostige Matronen im Reif ihrer Jahre frischten +ihre Jugend wieder auf in der Retouche der gesellschaftlichen +Lüge: Ihre Reize: blitzende Geschmeide. +Lachen, vor dem Spiegel einstudiert, geglättet durch +kluge Massage. Duftschwerer Phlox in leuchtender +Glut winkte von den Tischen. Die Männer in Smoking +und weißer Brustfläche – wie Silhouetten. Armida +stellte Jappes vor: jeder Gruppe anders, für die einen +war er Kandidat Jappes, für die anderen Medizinmensch, +für dritte Publizist. +</p> + +<p> +Armida sagte zu allen: „Das ist mein Freund!“ Jappes +wurde in ein Gespräch gezogen: „Sie sind Schriftsteller,“ +sagte eine ältere Dame und ein blendender Straußfächer +kühlte ihre korpulenten Anstrengungen. „Man +hat uns gesagt, Sie sind auch so eine Art Dichter, eine +Art Goethe oder Hauptmann. Eine Ehre, mit Ihnen zusammen +zu sein. Werden wir bald im Theater etwas +beklatschen können?“ +</p> + +<p> +„Die gnädigste Dame beklatscht jetzt schon tüchtig. +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +Ich bin Schriftsteller,“ hob Jappes mit leiser Ironie an, +„ein Mensch, der allen Geschmäckern gerecht zu werden +sucht.“ +</p> + +<p> +„Sehr gut! Sehr gut!“ ging es durch die Gruppen. +</p> + +<p> +„Wenn man dichtet,“ fuhr Jappes fort, „hat man gewöhnlich +sehr viel Allgemeines zu sagen. Die Schriftsteller, +gnädigste Frau,“ wandte sich Jappes zu der +Dame, die ihn im Gespräch angezapft hatte, „die +Schriftsteller machen die Erfahrungen, die die anderen +so gerne lesen.“ +</p> + +<p> +„Glänzend!“ sprühte ein gutgescheitelter Assessor, +„der junge Mann hat eine Zukunft. Wie machen Sie +das eigentlich, die Gedanken so nach und nach zu finden? +jetzt muß ich schon dumm fragen.“ +</p> + +<p> +„Das Fragen bin ich schon gewöhnt; ein junger Dichter +muß aufs Interviewtwerden gefaßt sein. Aber das +ist sehr einfach, ich trinke eine Kanne Tee leer und +melke die Muse.“ +</p> + +<p> +Der Assessor schüttelte sich vor Lachen: „Verwechseln +Sie nicht manchmal den Tee mit der Tinte?“ +</p> + +<p> +„Das ist ja weiter nicht schlimm,“ erwiderte Jappes, +„solange das Publikum nichts davon merkt.“ +</p> + +<p> +„Der Herr Assessor spricht Ihnen eine Zukunft zu,“ +sagte die fächelnde Dame, „mein Freund, der Herr +Assessor, hat ein Auge für Größen.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Sogar sinnvolle Gedichte können +verstanden werden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Ein junger Klaviervirtuose spielte ein triebhaft-schrankenlos-musikalisches +Symbol und seine Akkorde fielen +das Ohr an wie eine kläffende Meute. Seine Gewalt +hielt die Lippen in Bann und die Ohren gefangen. +Etwas Schreckhaft-Erotisches, etwas Dunkel-Mystisches +legte sich über die erhitzten Seelen. Drängend-pulsierendes +Leben schwebte durch den Saal, wie +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +eine Narkose nahm die Musik allmählich von den Sinnen +Besitz, leise einschmeichelnd, und als sie verklang, +war es, als wolle der Zauber nicht weichen. +</p> + +<p> +„Musik liebe ich nicht,“ sagte Jappes einer jungen +Dame. „Wieso?!“ fragte das rosige Stimmchen, „Musik +und Sekt ist das Schönste auf der Welt und Cakes +und Caesar Flaischlen!“ +</p> + +<p> +„Neben vielem anderen sind das Sachen für Damen. +Backfische schwärmen für platzend-prickelnde Sachen, +für sacharinsüße Gedichte.“ +</p> + +<p> +„Machen Sie welche?“ fragte das Stimmchen. +</p> + +<p> +„Ja!“ +</p> + +<p> +„Oh, bitte, bitte, bitte, erzählen Sie uns etwas von Ihren +Gedichten, das mag ich liebend gern.“ +</p> + +<p> +„Bedauere,“ darauf Jappes, „ich habe leider auch noch +nichts davon verstanden.“ +</p> + +<p> +„Das glaube ich,“ kicherte eine junge Fülle, „für das +Geständnis müssen Sie schon was hersagen.“ Sie drängten +sich um Jappes, und im Tumult des Saales sagte er +ihnen vier Strophen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Ein Hund vor meiner Tür</p> + <p class="verse">und wedelt in die Nacht.</p> + <p class="verse">Aus meiner Brust ein Laut, er lacht,</p> + <p class="verse">ein Wächter meiner selbst, wie dieses Tier.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Blume bebt im Mittagsfeld</p> + <p class="verse">und trinkt von Sonne sich so voll und rot.</p> + <p class="verse">Hoffnung, bang, durchzuckt die Welt</p> + <p class="verse">– trinkt sich am Leben tot.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Schöpfer spendet sprudelnd Licht,</p> + <p class="verse">daß Seele dran sich labe;</p> + <p class="verse">was störst du meine flüchtige Habe</p> + <p class="verse">du neckisch kleiner Menschenwicht?</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> + <p class="verse">Nicht zagen Muts! Taumel-wirr,</p> + <p class="verse">trink auch vom roten Leben,</p> + <p class="verse">trink dich am Leben irr</p> + <p class="verse">und laß das Schicksal weben.“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p> +„Das klingt so unverständlich, wie die Sachen von +Stefan George,“ kicherte von neuem die junge Fülle, +„all unsere jungen Dichter sind Kanonenfutter für die +Lyrik der Zukunft.“ +</p> + +<p> +Jappes: „Bei Stefan George ist nicht alles unverständlich. +Wer literarischen Takt hat, tut als ob er Modernes +versteht. Die moderne Richtung ist, unverständlich +zu sein; denn alles was man verstehen kann, ist +schon gesagt. Es ist besser, etwas Unverständliches +sagen, als das Alte zu wiederholen, denn die Kunst +kann nicht stille stehen.“ +</p> + +<p> +Fräulein Winterstein deutete ihre Ankunft durch ein +elegisches Lächeln an. Jappes grüßte sie sehr umständlich, +obwohl er ihr schon vorgestellt worden war: +„Ich habe viel Ulkiges von Ihnen gehört,“ begann sie, +„und wünsche meine Ohren selber auf die Weide zu +führen. Wie gefällt Ihnen unser musischer Kreis? Lauter +gebildete Menschen, gelt?“ +</p> + +<p> +Jappes machte eine Verbeugung: „Lauter Menschen, +die den Anschein haben, sehr gebildet sein zu wollen. +Man spricht von Hölderlin-Bestrebungen, vom Tempo +eines Kasimir Edschmid, vom Sinne-kitzelnden Hanns +Heinz Ewers ... Ueberall gelehrtes Gegacker; man +kann sich hier allen Schliff holen, den man sich im +Lesesalon aneignen sollte. Und vor allem die Interpretation +der Bücher, sehr interessant, hochinteressant! +Die Damen haben direkt einen Flair für das +Schöne.“ +</p> + +<p> +„Sie sind wohl auch einer von den Modernen, ein Skribifax, +der allerlei Industriewaren auf den Olymp +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +schmuggelt und sich die lachende Gage des Publikums +erkitzelt? Unsere heutigen Schriftsteller sind alle ein +bißchen – – hm! wie soll ich sagen ...?“ +</p> + +<p> +„Geniale Schweine!“ ergänzte Jappes. +</p> + +<p> +Das Fräulein lachte: „Wenn Sie es selbst sagen, ja! +Man erkennt das Vieh am Grunzen, aber es hat unsere +ganze Sympathie, wenn es geschmackvoll zubereitet +ist.“ „Mit ein paar Trüffeln des Witzes,“ lachte Jappes. +</p> + +<p> +Fräulein Winterstein: „Aber die Kritiker haben keinen +richtigen Anhaltpunkt, weil dem modernen Zeug so +schwer beizukommen ist.“ +</p> + +<p> +„Die Schriftsteller schreiben manchmal absichtlich +Blödsinn, um die Kritiker auch zu inspirieren.“ Da +wandte sich Jappes zu Herrn Winterstein, um ihn zu +begrüßen, lächelnd wie eine Putte war er hinzugetreten. +„Na,“ drückte er behäbig hervor, „interessante +Unterhaltung, was? Hoher Ton?“ +</p> + +<p> +„Wir haben über die Frauen geredet, Herr Kommerzienrat,“ +sagte Jappes. „Wenn einem das Thema ausgeht, +kann man immer noch etwas über die Frau +sagen.“ +</p> + +<p> +„Interessantes Thema,“ bemerkte Herr Winterstein, +„unerschöpflich!“ +</p> + +<p> +Frau Winterstein begrüßte ihre Gäste in wallender +Abendtoilette. Wie eine Göttin schwebte sie durch den +ätherischen Tabaksqualm. Herr Kommerzienrat nahm +die Gelegenheit des Erscheinens seiner Frau wahr, um +sich auf französisch zu empfehlen und Jappes notierte, +daß man sein Verschwinden weder bedauerte, noch +Herrn Kommerzienrat vermißte. Die Unterhaltung +war bis zu dem Punkte gediehen, wo es für Frauen +unterhaltend ist, zuzuhören. Frauen hören immer gern, +daß irgendein kleiner Dämon in ihnen steckt. Jappes +traf mit dem Klaviervirtuosen zusammen, dessen +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +ganze Ausdrucksmöglichkeit auf die Noten konzentriert +war. Man sah ihm an, daß er es vorzog, nur von +hinten angesehen zu werden, wenn er im Reich der +Töne phantasierte. +</p> + +<p> +„Sie kennen sicher Schrekers Oper ‚Ferner Klang‘,“ +bekräftigte Jappes. „Gerade das Ueberspannte daran ist +es, was einen reizt. Das Urgewaltige, das Zischende und +Brodelnde. Es sind nicht Töne für jedermanns Ohr. +Die neuen Sachen sind gottlob noch nicht zur klassischen +Alltagskartoffel geworden. Sie verstehen es, Noten +zu lesen? Den wenigsten ist das gegeben, und Sie +wissen, Ihre Gefühle in Tönen auszudrücken.“ +</p> + +<p> +Der Musiker stellte eine dankende Ueberlegung +an und sprach mit leiser, vibrierender Stimme: +„Fr–r–anz Schr–r–r–eker–r–r!“ Er rollte die R +sehr ausdrucksvoll. „Ueber Schreker bin ich hinaus. +Ich wünsche russische Musik. Das Neueste in Farbenvisionen. +Rußland ist mein Traum. Die verborgene +Seele mit ihren phosphoreszierenden Gefühlen. Scrjabin +kennen Sie wohl nicht? Nein, er ist zu rezent, sein +Prometheus?“ +</p> + +<p> +„Von den Russen kenne ich keine Tonwerke,“ gab Jappes +zu, und fragend: „ist es ein expressionistischer +Künstler?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht Wagner im Expressionismus, dieselbe Utopie, +nur daß er auf dem Realismus des Wahnsinns aufbaut. +Das ist das Große, daß Scrjabin uns aus der +Sphäre unserer Bewußtseinsvorgänge reißt und es versteht, +durch ein paar Zaubertakte die musikalischen +Lichtwirbel wieder zu dämpfen.“ +</p> + +<p> +Jappes fragend: „Das ist ja etwas wie telepathische Musik?!“ +Der Virtuose: „Nein, tatsächlich, Sie spaßen +wohl? Die Russen gebrauchen zur Aufführung der +Symphonie ein Farben-Lichtklavier, das die opalisierenden +Tonwellen mit entsprechenden Lichtwellen +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +illustriert. Sie sehen und hören die Musik. Die Themata +sind nach Farben gruppiert, Zinnober-Takte, Karmoisin, +Preußischblau, kurz Farben, alle Farben, Farben-Symphonien. +Sie kennen Kandinsky vielleicht?“ „Habe +nicht die Ehre,“ sagte Jappes. +</p> + +<p> +„Er ist ein Künstler,“ tönte der Virtuose, „und arbeitet +auch auf dem Gebiet der symphonischen Farben-Akustik. +Er würde sicher durchdringen, wenn die Kritiker +ihn nicht so scharf anfahren würden und wenn er von +der Sache überzeugt wäre.“ +</p> + +<p> +„Das ist es, die Ueberzeugung, die Ueberzeugung,“ rief +Jappes. „Das elfte Gebot, du sollst überzeugt sein! Nicht +wahr, gnädiges Fräulein?“ redete er Fräulein Flavia +Winterstein an, die Nichte des Kommerzienrates – die +Tochter hieß Henny – „nicht wahr, gnädiges Fräulein, +die Musik war entzückend heute abend?“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie es sagen, ist es ein großes Kompliment +für Herrn Berendtsen.“ Der Künstler stellte sich vor +und entschuldigte sich, daß er es bis jetzt übersehen +hatte: „Der Name tut nichts zur Sache,“ tröstete Jappes +den Virtuosen, „und Vergeßlichkeit ist ein Zeichen +von Genie, denken Sie an Beethoven.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer feine Finger hat, kann sogar +mit einem Schmetterling spielen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +In einer Nische ließ er sich mit Fräulein Flavia nieder. +„Ich will mich ein wenig an Ihrer reizenden Gegenwart +entzücken,“ komplimentierte Jappes. „Sie sind mir den +ganzen Abend aufgefallen durch Ihre schmiegsame Art. +Ihrem Verlobten kann man zu seiner glücklichen Wahl +gratulieren,“ fuhr er fort und zeigte auf ihren Verlobungsring. +</p> + +<p> +„Oh, Sie Schmeichler!“ wehrte sie errötend. +</p> + +<p> +„Gut, wenn Sie wollen, jedes Kompliment ist eine +Schmeichelei. Ich sage, die Venus von Milo ist schön, +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +die Putten des Perugino sind entzückend, die raffaelschen +Engel sind himmlisch. Das sind alles Schmeicheleien. +Aber sie treffen die Sache. Es wäre eine doppelte +Taktlosigkeit, Ihnen zu sagen: Gnädiges Fräulein, Sie +sind häßlich, erstens weil Sie es nicht sind, und zweitens, +weil Sie hübsch sind.“ +</p> + +<p> +„Sie sind ein Dämon,“ wehrte die dankend Geschmeichelte. +</p> + +<p> +„Glauben Sie an das Dämonische im Menschen? gnädiges +Fräulein, dann waren Sie wirklich nie Backfisch!“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Ich glaube an das Dämonische im Menschen,“ wiederholte +sie. +</p> + +<p> +Der Virtuose saß mit verschränkten Beinen auf einem +Polster. Seine Lackstiefel umarmten blaue Seidenstrümpfe. +Jappes bemerkte: „Vielleicht gibt es blaue +Seidenstrumpftakte in der Musik?“ +</p> + +<p> +Flavia: „Seidenstrümpfe sind bei Herren geschmacklos.“ +</p> + +<p> +„Ich möchte sie nicht auf den Geschmack prüfen, nicht +einmal bei Damen.“ +</p> + +<p> +„O Sie.“ +</p> + +<p> +Jappes schnalzte mit den Fingern: „So ein Luder von +Virtuose redete mir heute abend von spiritistischen +Klopflauten, die er in der Nacht gehört haben will, eine +ganze Oper wurde geklopft, ganz hinreißend, sagte er. +Als er Licht anmachte und die Takte nachschreiben +wollte, war der Spuk zu Ende. Die Künstler leiden +eigentlich immer an Halluzinationen.“ +</p> + +<p> +„O Sie! ...“ entfuhr es Flavia, „Sie sind ja selbst +Künstler.“ +</p> + +<p> +Jappes: „Weshalb erklären Sie mich für halluzinatorisch? +Ich lehne die Künstlerschaft ab. In ihrer Jugend +haben die Künstler irgendeine Halluzination gehabt, +und das ganze Leben suchen sie nach dem Inhalt +und der Gestaltung und sterben mit einer großen Enttäuschung. +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Die blaue Blume der Romantik war nichts +anders als der blaue Dunst einer poetisch-ungereimten +Halluzination, welche die Dichter in Reime zu fassen +suchten. Und das bläuliche Phosphoreszieren unserer Tage, +die ultravioletten Strahlen, alles blau, blau, blauer +Dunst!“ Die Dame hatte den Faden verloren ... „Die +weiße Tür verletzt mein ästhetisches Gefühl,“ lenkte sie +ab, und zeigte auf eine Doppeltür in der rosa Stofftapete. +„Man müßte sich erkundigen, was hinter der +Tür ist, und sie dann öffnen lassen,“ sagte Jappes, aber +da erschien Frau Kommerzienrat. +</p> + +<p> +„Wünsche angenehme Unterhaltung,“ nickte sie gönnerhaft. +„Das Arrangement ist sehr geschmackvoll,“ lobte +Flavia. „Sie müssen sich verheiraten, Herr Jappes,“ +ermunterte Frau Winterstein, „dann wird Ihre Frau +Ihnen auch solche geschmackvolle Abende bereiten.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, ob meine Frau soviel Geschmack +hätte!“ +</p> + +<p> +„Na, na, na, Sie Schmeichler,“ drohte Frau Kommerzienrat +mit dem funkelnden Finger. In einer Vase stand +Flieder. Jappes nahm ein Sträußchen: „Bitte, gnädiges +Fräulein, lila-blaß-blau. Nehmen Sie den romantischen +Gruß.“ Verschüchtert wehrte sie: „Ach, ich danke +Ihnen, ich danke Ihnen wirklich, im Garten haben wir +selbst Flieder. Wirklich, Herr Jappes, wirklich.“ Sie +entschwebte und lief einem verstört-besorgten Verlobten +in die Arme. +</p> + +<p> +Armida traf auf ihrer Runde auf Jappes. Sie reichte +ihm einen großen amethystfarbenen Kußring: „Mein +Freund, wie verbringst du den Abend?“ +</p> + +<p> +„Gut, danke, Freundin, sehr gut, ich füttere die Gänse.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-26"> +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer die Dämonologie studieren +will, sollte mit der Frau beginnen, +und – mit der Frau aufhören. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Mit dem Nachtschnellzug fuhr Jappes nach München. +Er wollte Pepy sehen und Professor Günther einen Besuch +abstatten. Armida fuhr zu ihrer Tante nach Stuttgart +und stieg in Nürnberg um. Pepy erwartete Jappes +am Bahnhof: „Nett, daß du gekommen bist,“ empfing +sie ihn. Jappes küßte sie auf die Stirne: „Eine halbe +Stunde Verspätung nach Bamberg und doch fahrplanmäßig +angekommen. Darf man sich erkundigen, wie es +dir geht, mein Rudibub?“ Pepy lachte: „Du bist der +alte Golliwog, uns scheint es beiden sehr gut zu +gehen.“ +</p> + +<p> +Der Autokutscher der Vier Jahreszeiten nahm sein Gepäck +und öffnete den Droschkenschlag. „Ach, wir laufen +das Stück,“ dankte Jappes und schmiß ihm ein +Trinkgeld. „Du siehst ja glänzend aus, mein Golliwog, +und hast Abenteuer erlebt, du mußt erzählen, o bitte, +bitte!“ Jappes zog Pepy ins Café Arkadia, und in zwei +Plüschsesseln saßen sie vor ihrem Tee. „Wenn du artig +bist, erzähle ich dir von meiner Freundin Armida.“ Pepy +setzte sich in horchende Stellung: „Ich werde sehr +artig sein.“ Und Jappes erzählte: +</p> + +<p> +„Armida ist ein Staatsweib. Kann alles, was die andern +nicht können. Ist Wassermädel und Putzmacherin. Reitet +das feurigste Berberroß bei Busch im Zirkus, trinkt +wie drei Polen, frisiert sich à la vireloque und improvisiert +die ulkigsten Couplets. Lenkt selbst den Phaethon +und frißt die Entfernungen im Auto. Sie muß immer +führen, immer eine Leistung, wenn sie etwas beginnt +und alles gelingt ihr. Hat sicher ein Bündnis mit dem +Teufel. Und Menschen kennt sie, kennt alle. Die Schuhwichser +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +am Anhalter Bahnhof, die Maquereaux der +Motzstraße, Zeitungsfrauen und Lohnkutscher, Ministerialbeamte, +Räte, geheime und wirkliche und Kommerzienräte. +Hat tausend Engagements, sagt zu und +schreibt im letzten Moment ab. Wird immer wieder +vorgemerkt. Ist überall Amateur und überall erste Geige. +Kann keine Frau ausstehen und tritt am schroffsten +für die Forderungen in der Frauenbewegung ein. Sie +ist eine Maschine, man braucht sie nur auf das Gewünschte +umzuschalten. Weiß Geld zu machen aus +ihren Freunden, so daß die Geschröpften es noch angenehm +empfinden. Das ist die Kunst unserer Tage! +Wohnt im Edenhotel, wo nur Nietzscheaner Absteigequartier +haben, und wohnt in den Spelunken an der Spree, +wo ihre Antipoden hausen. Hat tausend Pläne und führt +sie alle aus. Ehe ich wegfuhr, hat sie geäußert, sie +wolle ein Asyl für heimlich Liebende gründen.“ +</p> + +<p> +Und Pepy: „Das Unternehmen wird Erfolg haben, ein +pfiffiger Gedanke!“ +</p> + +<p> +„Eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung, alle +Zahlungen im bargeldlosen Verkehr. Eine Größe im Film, +spielt Charakter- und Titelrollen, spielt die Rollen der +entsagenden Liebe und der hingebungsvollen Brunst. +Hauptdarstellerin in den Oden von Horaz. Erste Pantomime. +Ihr neuestes Projekt im Film: Homer. Spielt +alle Heldenrollen und es gibt nur Helden in der Ilias +und in der Odyssee. Alles aktive Rollen, nur die passive +Rolle des hölzernen Pferdes liegt ihr nicht. Sino, +dem man die Ohren abschneidet, will sie tragieren. +Sie ist imstande, sich die Ohren abschneiden zu lassen, +um die Rolle naturgetreu wiedergeben zu können. +Bei Gott, es wäre schade, sie hat so schöne +Ohren!“ +</p> + +<p> +„Und wohin würde man ihr die Ohrringe hängen?“ +Pepy lachte ihn aus. +</p> + +<p> +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +„Oh, das ist das wenigste, dafür fände sie einen Ausweg. +Und ein seelenguter Mensch ist sie dazu, +schleppt ganze Bündel Wäsche in die armseligsten +Baracken, kauft Nestles Kindermehl und füttert die +junge Brut, kocht es auf und pflegt die Wöchnerinnen, +beglückwünscht den Vater; kauft ihm eine Flasche +Schnaps, macht ihn hagelvoll besoffen, freut sich +königlich an seinen wackligen Gebärden und bändigt +die gröbsten Wüteriche, wenn der Alkohol sie zu sehr +reizt. In der Havelgasse habe ich eine rührende Szene +mit Armida erlebt: Eine Frau war niedergekommen +und war eines putzigen Knäbleins genesen. Der Vater +stand weinend am Bett und weinte wie Magdalena, +weil es keine Zwillinge waren. Armida vertröstete +ihn so liebevoll auf das nächste Mal, daß der +Tränenquell versiegte.“ +</p> + +<p> +„Jappes,“ sagte Pepy, „du tust einen Griff ins Lateinische?“ +</p> + +<p> +„Auf Ehre, nein,“ schwor Jappes, „beim Nabel des +Buddha, ich rede wahr. Ein seltsames Weib ohne +Schlaf und ohne Rast. Die Nächte pflegt sie die Kranken. +Leert die Urinflaschen und Spucknäpfe, führt die +Kranken zu Stuhl, reicht ihnen Medizin und Essen +und wischt sie sauber vom Schleim des Erbrechens. +Säubert vom blutigen Gerinnsel mit Eiter vermengt, +macht Kompressen und legt Eisbeutel auf. Kühlt den +Phantasierenden die heiße Stirne und tröstet die Sterbenden +in der Agonie.“ +</p> + +<p> +„Bist du begeistert von ihr,“ fragte Pepy, „willst du +sie heiraten?“ +</p> + +<p> +„Sie heiratet nicht,“ beschwichtigte Jappes. „Sie ist +keine Frau. Sie hat keine Nerven. Tee trinkt sie die +Masse und Kaffee und Wein. Raucht spanische Zigarillos +und ägyptische Zigaretten. Ohne Wirkung! +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +Sie hat mir gesagt, nur ein Inkubus könne sie befruchten, +ein Inkubus mit kaltem Samen.“ +</p> + +<p> +„Sie wird dein Verhängnis sein,“ warf Pepy dazwischen. +</p> + +<p> +„Aber sie liebt das Leben, den Taumel, die Lust. Zersetzt +und zerstäubt und wer sie liebt, den zieht sie in +den Abgrund. Ich sage dir, Pepy, eine seltsame Frau. +Beim Bakkarat hat sie eine fünfstellige Zahl verloren. +An einen jüdischen Grafen. Hat ihr Scheckbuch verspielt +und einen Kreditbrief dazu. Ohne Mucks hat +sie alles hergegeben und ging lächelnd vom Tisch, +fragte den Grafen beglückwünschend nach seiner +Adresse und lud ihn ein für den Abend: ‚Wir machen +einen Mitternachtspoker, wenn die Gespenster tanzen, +Sie kommen! – Ja? Ich erwarte Sie!‘ Sie hing an +meinem Arm und machte die tollsten Zicken. Verabschiedete +mich und klingelte mich um drei in der +Nacht aus dem Schlaf: ‚Meine Requisiten habe ich +wieder.‘ Und sie zeigte das Geld, die Schecks und den +Brief. So ist meine Freundin. Pepy, wir brechen noch +einer Flasche den Hals.“ +</p> + +<p> +Sie tranken auf die Freundin Armida. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-27"> +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es gibt drastische Wahrheiten, +die wie Lügen klingen, aber viel +gefährlicher sind. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Professor Günther stak in einer grauen Litewka mit +braunen Kordeln. Ohne die Lorbeeren am Kragen +hätte er wie ein Husar ausgesehen. Saß in seiner +Bibliothek vor einem Stoß Manuskripte und rauchte +aus einer aromatischen Ruhla. Ein russisches Windspiel +lag auf einem Bärenpelzfetzen neben dem Spucknapf. +Jappes hatte sich telephonisch angemeldet: +Wenn es Herrn Professor genehm sei, komme er auf +einen Sprung vorbei, ob es nicht störe, wenn die +Freundin mitkomme? Im Gegenteil, hatte der Professor +verbindlich gesagt. Kommen Sie ungeniert. Auf +Wiedersehen! Jappes und Pepy wurden mit lebhafter +Höflichkeit empfangen. +</p> + +<p> +Es wurde Tee serviert und Frau Professor dazu. Ein +schmuddeliges Weibchen, das ihrem Manne alles mit +talmudistischer Ueberzeugungstreue glaubte und +manch verworrene Ehekonflikte auf die unverständliche +Gelehrsamkeit ihres Mannes zurückzuführen gewußt +hatte. Sie hatte sich schon vom Leben zurückgezogen, +weil alle ihre Wünsche erfüllt waren. Einen +berühmten Gatten, einen berühmten Sohn und eine +geordnete Häuslichkeit. Sicher war dieses ausgeglichene +Wesen ein Werk des Psychologen. Frau +Günther hatte sich in ihren Betrachtungen eingekapselt +und lebte ihren Gedanken: von der Außenwelt +um ihr Glück beneidet zu werden. Ohne Bedürfnis +nach fremden Männern, fand sie keine Worte für Jappes +außer den zeremoniellen Begrüßungsformeln: +</p> + +<p> +„Wir haben allerliebste kleine Hunderl,“ platzte sie +heraus, „ich liebe sie so sehr. Vielleicht hat gnädiges +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +Fräulein Lust, die zappelnden Dingerchen zu sehen.“ +Pepy warf Jappes einen fragenden Blick hin. Er kniff +die Augen zu und schürzte die Lippen: Geh halt mit +der Frau! Pepy und Frau Günther gingen zur Hundeschau. +</p> + +<p> +„Die Frauen sind seltsame Dinge,“ begann der Professor. +„Sie haben immer ein Steckenpferd und es ist +das Glück der Männer, wenn sie sich sehr früh von +ihnen abwenden: Der Instinkt vertritt bei ihnen den +Geist und immer zum Vorteil der Frau.“ +</p> + +<p> +„Das könnte ich nicht gerade behaupten,“ sagte Jappes, +um nicht zu schweigen. Und Professor Günther: +„Wieso?“ +</p> + +<p> +Jappes: „Ich weiß auch nicht. Ich meine nur so.“ +</p> + +<p> +„Es gibt nur einen Glauben, das ist die Erfahrung. +Glauben Sie mir, Freund, die Frau ist nicht mehr als +ein Prinzip, eine Idee, das Prinzip der Zeugung, mehr +strebt das Weib im Leben nicht an. Alles in der Frau +ist Liebe und was dazu führen kann.“ +</p> + +<p> +„Das ist doch weiter nicht schlimm oder ...?“ +</p> + +<p> +„Bewahre, bewahre,“ fuhr Professor Günther fort, +„wenn der Auerhahn balzt, versteckt er den Kopf. Er +balzt nur in der Brunstzeit. Die Natur hat ein Exempel +statuiert. Sie will zeigen, wie die Liebe das blinde +Prinzip ist, das Lichtscheue.“ +</p> + +<p> +„Auch der Strauß versteckt seinen Kopf in den Wüstensand,“ +warf Jappes ein, „wenn er verfolgt wird, +aber aus purer Furcht.“ +</p> + +<p> +„Liebe und Furcht ist dasselbe,“ lachte der Professor, +„sehen Sie, Freund, wenn das Mädchen verliebt ist, +fürchtet es, keinen Mann zu finden und findet es einen, +so fürchtet es, ihn zu verlieren – von anderer Furcht +nicht einmal zu reden. Ergo, Liebe ist dasselbe wie +Furcht. Quod erat demonstrandum!“ +</p> + +<p> +„Die Ableitung ist sehr gut, eine akademische Form. +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Sicher und logisch, aber das Weib muß sich doch seines +Wertes auch bewußt sein, weil es mit den Männern +spielt. Im Flirt, dem spezifisch-weiblichen Attribut, +ist von der ‚lieblichen Blindheit‘ verdammt wenig +dran.“ +</p> + +<p> +„Freund, Sie sehen etwas, aber nichts Genaues. Ich erkläre +Ihnen den Vorgang. Um banal zu sein: Der Flirt +beruht auf Gegenseitigkeit. Verstehen Sie mich recht! +Sie haben eine Dame gefunden und wünschen ihre Bekanntschaft +zu machen. – Ich spreche Ihnen soviel +Geschmack zu, daß ich annehmen darf, die Dame hat +noch viele andere Freunde. – Wenn Sie der Dame +den Hof machen, fühlt sie sich geschmeichelt und hat +sie auch Sympathie für Sie, so entwickelt sich der +Flirt. Aus Courtoisie gegen die Dame geben die Männer +gesellschaftlich zu: der Flirt gehe von den Damen +aus. Unter uns gesagt, Freund Jappes, die Sachen liegen +doch nicht gar so pantoffelartig für uns. Wir sind +scheinbar die Mucker und Duckmäuser und doch führen +wir die Frauen am Narrenseil!“ +</p> + +<p> +„Oh, das tu ich nicht und glaube nicht, daß man es tun +kann mit selbständigen Frauen.“ +</p> + +<p> +„Alle Frauen sind abhängig,“ sagte der Professor gereizt, +„und diejenigen, welche sich einbilden, am unabhängigsten +zu sein, sind gerade die Unselbständigsten. +Noch ein Wort, mein Freund, was bei den Frauen Koketterie +ist, das ist es, womit wir spielen. Wir spielen +also mit dem Wesen der Frau, weil jede Frau kokett +ist und mit sich spielen läßt.“ +</p> + +<p> +„Das ist ein Sophismus,“ betonte Jappes, „meine Auffassung +vom Wesen der Frau ist grundverschieden. +Ich denke, die Frau ist das, was den Mann ergänzt +und um so tiefer ergänzt, je unbewußter die Frau +ist.“ +</p> + +<p> +„Wahr, wahr, Freund Jappes,“ beeilte sich der Professor +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +zuzugestehen, „sehr wahr für schlappe Pantoffelritter, +für Lappschwänze, aber für ganze Männer, nein. +Die Frau ist da nur eine Begleiterscheinung der Größe +eines Mannes, der Nebel, der den Kometen begleitet. +Ein astroides Nebulargebilde.“ Dazu lachte er, daß das +Zimmer wackelte. – „Sprechen wir praktisch. Wir renommieren +soviel mit den Frauen, die wir uns kirre gemacht +haben, wie es die Frauen tun, die uns den Kopf +verdreht haben.“ +</p> + +<p> +„Eine Frau wird mehr umworben als ein Mann,“ stellte +Jappes die Antithese. +</p> + +<p> +„Pflichte Ihnen nicht bei, Herr Jappes,“ sagte der Professor +wichtig, „nach der Ueberlieferung ist die Liebe +beim Mann und bei der Frau eine Parallelerscheinung. +Der okkulte Kult der Aegypter erzählt, daß Osiris und +Isis sich schon im Mutterleibe geliebt haben. Die +Aegypter haben uns wichtige Papyri über die Frauen +hinterlassen. Sicher ist, daß die Liebe ein einträgliches +Geschäft war. Einträglicher wie zu unserer Zeit, was +doch beweist, daß die Frau wirtschaftlich bedeutend +gesunken ist.“ +</p> + +<p> +„Die Anspielung verstehe ich nicht,“ entgegnete Jappes +nachdenklich. Und Professor Günther belehrte ihn: +„Als Cheops seine Pyramiden baute, geriet er in Geldverlegenheit +und um ihr abzuhelfen, gab er seine Tochter +den Edlen seines Hofes preis.“ – Und lächelnd +fügte er bei – „Die Prinzessin fand soviel Geschmack +an der Erbauung der Pyramiden, daß sie sich selbst +eine Pyramide errichten ließ, alles von ihrem eigenen +Gelde.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen daraus die Werterniedrigung der Frau +ableiten, ich bin eher der Ansicht, daß die Männer zur +Zeit der Pyramide des Cheops noch nicht so ausgepowert +waren wie heute.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie Ihre Bemerkung nicht ernst auffassen, verzeihe +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +ich Ihnen die Wortklauberei recht gerne. Die +Welt wäre längst mit den Gestirnen in Kollision geraten, +hätten nicht Kepler und Newton und Laplace und +die anderen siderischen Lokomotivführer ihre Bahnen +und die Wege der Gestirne erkannt. Da finden Sie +keine Frau. Keine Erfindung segelt unter der Flagge +der Frau. Ueberall ist der Mann das Agens, die treibende +Kraft. Nennt man heute den Namen einer Frau, +dann ist es immer im Zusammenhang mit einem großen +männlichen Namen.“ +</p> + +<p> +„Der Frau spricht man doch die Erfindung der Sünde +zu, und all den hysterischen Zappelfritzen der Geschichte +hätte man kein Kind bis zur Geburt anvertrauen +können. Die Frau hat die Geduld, ein Kind zu +gebären und sie würde es vielleicht noch länger als +dreiviertel Jahr verborgen halten, wenn der Vorwitz +danach bei ihr nicht so groß wäre. Das Monopol der +Menschenerneuerung wollen Sie der Frau doch nicht +absprechen? Die Frauen sind zu bescheiden, um den +Ruhm für sich zu nehmen, deshalb setzen sie ihre +Trabanten in die Welt, ihre geistigen Kulis, die Erfindungen +zu machen und die Wissenschaften zu fördern. +Jeder Gelehrte hat sein Leben von einer Frau geschenkt +bekommen, und die Arbeit eines jeden Mannes +ist Dienst zur Ehre des Weibes.“ +</p> + +<p> +Professor Günther wehrte mit der Hand ab. „Versuchskarnickel +sind die Weiber, glauben Sie meiner +Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel!“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Gesellschaft ist ein Fünfuhrtee. +Es wird leider meist Aufguß +serviert. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Frau Professor und Pepy erschienen mit einem Körbchen +junger, wippender Boxerhündchen. Das Windspiel +heulte auf und schlug Alarm, weil es sich in seiner +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +Hundeliebe zurückgesetzt fühlte. Frau Professor nahm +es in ihren Schoß und tröstete es über die Eifersucht +auf die jungen Hunde. Das Windspiel hatte einen russischen +Namen: Duschitschko-Seelchen. Professor +Günther, dem das Winseln verhaßt war, klingelte dem +Zimmermädchen: „Bringen Sie den Hund Gassi-gassi, +er möchte nach dem Wetter sehen.“ Frau Günther hob +ein zitterndes Hündchen aus dem Korb, führte es mit +einem jähen Ruck an die Lippen und knutschte es ab, +spielte Fangball damit und nannte es Mollchen, Knäuelchen, +Bubele. Der Herr Professor gab Aufschluß über +die Eigenarten des deutschen Boxerhundes und die +Frau wandte sich stolz an Pepy: „Mein Gemahl kennt +sich aus in der Hundezucht.“ +</p> + +<p> +„Der Tee wird kalt, Mutter,“ beeilte sich Herr Professor +Günther einzuschenken. „Belieben gnädiges Fräulein +Rum oder Zitrone?“ +</p> + +<p> +„Danke, Herr Professor, ich erlaube mir ein Stückchen +Zucker und etwas Milch.“ „Wie gnädiges Fräulein belieben!“ +Und er reichte ihr das Gewünschte. Frau Günther +reichte eine Dose mit petits fours und biscuits de +Reims. Herr Günther servierte Himbeergelee: „Das +Süße den Süßen,“ fügte er liebenswürdig und kavaliermäßig +lächelnd hinzu. Er bediente Pepy und seine +Frau – die Mutter. +</p> + +<p> +Pepy sprach sich belobigend über die tadellose Einrichtung +aus. Frau Günther nannte die Preise der einzelnen +Möbel, nannte einen übertriebenen Preis für den +gemusterten Smyrnateppich und fand ihn lächerlich +billig für so ein Prachtstück. „Schöngeister“ – und sie +zeigte auf Professor Günther, „brauchen eine luxuriöse +Umgebung, das weckt die kühnsten Gedanken.“ +</p> + +<p> +Der Tee war alle und die Uhr ging auf zwölf. „Der +Uhr geht die Zeit aus, und wir möchten uns heute noch +verabschieden,“ sagte Jappes. Frau Günther geleitete +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +die Gäste bis zur Tür: „Gelt, Fräulein Pepy, Sie +schauen mal nach den Hündchen.“ Pepy versprach zu +kommen. +</p> + +<p> +Dann traten sie in die Nacht. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Vom Salon bis zur Küche ist oft +nur ein Schritt. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Eine liebe Frau,“ sagte Pepy, „ein glückliches Verhältnis, +die zwei.“ +</p> + +<p> +„Sehr anständige Menschen,“ bemerkte Jappes, „die +einem nicht sagen, daß man überflüssig ist. Aber es ist +schön, die Rolle des Geduldetwerdens zu spielen.“ +</p> + +<p> +„Die Leute sind riesig nett,“ und Pepy hängte sich in +Jappes’ Arm, „er ist ein entzückend liebenswürdiger +Mensch. Siehst du, wenn du den Professor vom Katheder +los machst, ist er auch ein Mensch ...!“ +</p> + +<p> +„Zu Hause ein Mordsvieh,“ unterbrach Jappes, „gewiß, +aber immer noch furchtbar klug und sehr beschränkt. +Mag sein, daß ich Vorurteile habe, für mich ist es eine +Gesellschaft, die den Tee im Salon serviert, die +Schwarte vom Schinken und die Rinde vom Käse herunterschneidet +– sie aber in der Küche auffrißt, wenn +der Besuch gegangen ist.“ Pepy zwickte Jappes in den +Arm: „Jappes, du bist ein Kerl. Wie kommst du auf +einmal auf den Gedanken? Mit dir kann man nicht reden. +Sie waren doch sehr aufmerksam gegen uns, weshalb +redest du das konfuse Zeug?“ +</p> + +<p> +„Ich meine nur so,“ sagte Jappes. +</p> + +<p> +Das Pflaster warf die hallenden Schritte durch die +Nacht. Polizisten drückten sich in die Ecken, in ihre +blauen Pelerinen gehüllt. Sie sahen aus, als fürchteten +sie etwas Polizeiwidriges zu sehen. Aus der Ferne rollte +das dumpfe Gedröhne eines Eisenbahnzuges. Manchmal +schlich eine Katze duckend übers Trottoir und +verschwand in einer Kellerluke. Der Wind trieb die +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Wolken von Westen. Jappes brachte Pepy bis zur Pension, +wo sie wohnte. Ein Kuß, und dann Abschied. +</p> + +<p> +„Gelt Jappes,“ sagte sie, „die Hundchen waren doch +nett.“ +</p> + +<p> +„Sehr nett, Pepy.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Mitleid ist die letzte Form des +Anstandes. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Ich reise mit dem Frühzug nach Stuttgart,“ sagte +Jappes zum Portier der Vier Jahreszeiten, „richten Sie +das Frühstück und wecken Sie mich um fünf.“ In seinem +Zimmer schrieb er an Pepy: Mein Rudibub, ich +wollte Dir den Abschied ersparen. In der Früh, um sieben +Uhr, bin ich nach Stuttgart gefahren. Schreib, wenn +Du etwas, oder mich brauchst. Ich bin Dein Freund. +</p> + +<p class="sign"> +Herzlichst Dein Golliwog. +</p> + +<p class="noindent"> +Er fügte eine Visitenkarte bei auf den Namen Doktor +Golliwog. Er schrieb darauf: Ich lasse meine Visitenkarten +in Zukunft immer mit dem Spitznamen drucken. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-28"> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es gibt Menschen, die glauben, +nur das Erhabene sei lächerlich. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Der D-Zug eilte mit Jappes nach Stuttgart. Armida lag +schlafend wegen Unpäßlichkeit. Ida Telluren bereitete +Jappes einen emphatischen Empfang. Als Geschenk +brachte er eine Büste von Schiller. Die Tante war im +siebenten Himmel. „Herr Jappes,“ rief sie aus, „das ist +schön von Ihnen, oh! wie liebe ich Schiller! das ist +schön, Herr Jappes. Wir müssen zur Akademie hinüber, +in die Solitude,“ sagte sie mit stolpernden Worten, +„dort ist mein Heiligtum. Wo Schiller die Räuber +schrieb.“ +</p> + +<p> +Jappes dachte: ein romantisches Tantchen. +</p> + +<p> +Ida Telluren führte den Gast in ihr Schillerkabinett: +Gipsabgüsse, Aquarelle, Marmorbüsten, Kupferstiche, +Oeltempera, Terrakotta und Majolika – alles Schillerdarstellungen. +„Freund Armidas,“ nahm sie seine +Hand, „das Traurigste, was ich in meinem Leben empfand,“ +– und sie zeigte auf den Abguß einer überlebensgroßen +Schillerbüste – „Sie wissen, daß Dannecker +in einem Anfall geistiger Umnachtung noch soviel +Bosheit fand, die Stirnlocken des Dichters wegzumeißeln.“ +Mit zitternder Hand strich sie über die fehlenden +Locken und vertraute ihrer Schürze einen salzigen +Tropfen an, der von der tantigen Wimper troff. „Wir +müssen am Nachmittag auf den Bopser,“ unterbrach sie +die schluchzende Rührung, „nach der Schillerhöhe, ein +Platz, der dem Dichter gebührt.“ +</p> + +<p> +Die weiße Haube einer Zofe gab zu an daß der +Tee serviert sei. Jappes und Tante Telluren überboten +sich in Höflichkeitsphrasen, wem der Vortritt gebühre. +Die Tante als die Klügere gab nach. Mit der Schillerbüste +unter dem Arm, trat sie an den Teetisch. Ein Papagei +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +rollte modulierend L-o-o-r-r-a, Lorra. Nur durch +die süße Vermittlung eines Stückchen Zuckers war er +stumm zu machen. Die weichsamten-diaphanen Hände +von Ida Telluren griffen nach der Teekanne. +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, was für einen Trost ich in meinem +Alter gefunden hätte,“ seufzte die Tante, „wenn Schiller +nicht geboren worden wäre.“ Sie servierte Jappes ein +Stück Sandkuchen. Eine große Rosine gähnte in dem +körnigen Gebäck und mit einem bißchen Phantasie war +es anzusehen wie ein malaiischer Zyklop. Jappes liebte +süße Aufmerksamkeiten: „Sie sind noch jung, erlauben +Sie, daß ich Sie Tante Telluren nenne,“ schmeichelte +er, „wenn man eine solche geräuschvolle Umgebung +aushalten kann,“ – und er zeigte auf den Papageienzwinger +– „dann hat man noch gesunde Empfindlichkeitssträhne.“ +</p> + +<p> +„Mit den Nerven bin ich nicht geplagt, gottlob, und +Veronal nehme ich selten. Höchstens als Gegenwirkung +für Kaffee.“ Sie lächelte beschämt, weil sie etwas +Intim-Tantenhaftes preisgegeben hatte. +</p> + +<p> +„Jedenfalls eine gesunde Konstitution,“ bemerkte Jappes, +„mir wäre Opium angenehmer,“ fügte er feinschmeckerisch +hinzu, „wegen der üppigen Träume, die +man im Schlafe noch gratis vorgefilmt bekommt.“ +</p> + +<p> +„Opium hat einen lasterhaften Beigeschmack und ich +leide eigentlich nicht an Traumlosigkeit. Ich habe mich +schon nach einem Antitraumin umgesehen, aber die +Apotheker führen das nicht. Ich habe manchmal absonderliche +Träume, wenn der Sturm draußen um die +Fenster paukt: An einem stürmisch-kalten Novemberabend +träumte mir, ich erhalte hohen Besuch. In der +Eile goß ich eine Tasse Kaffee über das lilienreine +Tischtuch. Bin vor Schreck aufgewacht ... und dachte +nach über den Traum, es war klar, was er bedeuten +sollte: Die Ankunft Schillers, denn es war der 10. November, +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +der Geburtstag des meistgefeierten Deutschen. +Heute beschleicht noch eine bittere Wehmut mein +Herz, wenn ich daran denke, daß der Kaffeeklecks – +(übrigens ein wunderbarer Schillerkopf) – mir das +hold-elegische Gesicht vorenthalten hat, denn der +Traumgott hatte mich ausersehen, den hohen Gast zu +bewirten.“ +</p> + +<p> +Jappes fand, daß seine Bildung noch lange nicht ausreichte, +die Träume der Ida Telluren zu deuten. An den +traumdeutenden alttestamentarischen Joseph dachte er +nicht, denn Tante Telluren hatte mit Potiphars Weib +nichts gemeinsam, und es war keine Gefahr, einen Mantel +zu riskieren. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Frau ist eine Blume des Paradieses, +die nach dem Sündenfall +ihren Namen verloren hat, deshalb +wird sie heute so verschieden +klassifiziert. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Ich hatte einen erbaulichen Traum,“ plapperte die unermüdliche +Tante, „ich sah meine Nichte in einer Nische +der Kirche als Mutter der immerwährenden Hilfe. Viele +junge Männer kamen, Armida ihre Not zu klagen. Sie erhörte +alle. Von Milde und Güte war sie durchschauert, +daß ich mir das Bild von einem tüchtigen Pinsel in +Farbe gewünscht habe.“ +</p> + +<p> +„Ein schöner Traum, ein erhabenes Bild, wahrlich, Armida +kann jeden Pinsel entzücken!“ Und Jappes begoß +seine Zunge mit der würzighellen arabischen Brühe. +</p> + +<p> +„Ihr Wesen ist Liebe,“ sagte die Tante mit sanfter +Gebärde. „Armida voll Klang und Melodie. Klingt es +nicht wie ein Teufelswort, wenn man sie die Tochter +Arbilans, des Königs von Damaskus, nennt. Doch +täuschend ist ihr Bild, so zauberisch-schön, und Männer +wird sie auch dereinst verwirren wie Arbilans Tochter +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +mit den Christenhelden tat. Rinaldo war ein tapferer +Held, den sie in ihren Zaubergarten in Antiochia +lockte und durch Wollust seinem Tatendrang entzog.“ +</p> + +<p> +„Tante Ida, Sie sind eine kluge Sibylle. Armida ist +verführerisch-schön und weiß die Männer auch zu locken. +Soll ich etwa ein Rinaldo sein, meine kluge Sibylle, +fürwahr, es wäre keine Schande, tatenlos in ihren +Gärten zu verweilen.“ +</p> + +<p> +„Tapferer Freund, am Teetisch lernt man eines Mannes +Werte kennen. Herr Jappes wird schon seinen +Gottfried finden, der ihn vom süßen Taumel löst im +Zaubergarten der Armida; mir bangt nur, daß Torquato +Tasso mit der selten-ausgereimten Frucht der listig +schönen Magd Armida meines Schillers Räuber einst +verdrängen wird?“ +</p> + +<p> +„Tante, in Ihrem großen Herzen wird wohl Platz für +beide sein, Rinaldo war doch auch ein Räuber ...“ +</p> + +<p> +„Recht, mein Freund,“ sprach Frau Telluren, „für ideale +Räuber gab es immer Platz in meinem Herzen und +wenn mein neuer Räuber einst mein Neffe wird, soll +er in meinem Herzen eine warme Kammer haben.“ +</p> + +<p> +Die Abreise beweinte Ida Telluren in stiller Abgeschiedenheit. +Erst die abendliche Ruhe löste ihre Stimme. +</p> + +<p class="ibr"> +„Ein schöner Tag im reinsten Licht,“ klang es der +Zofe an die Ohren. Der Tante Wunsch war, in der +Nacht dem Neffen mit der Nichte still im Liebeszwiegespräch +zu lauschen. „Gott segne meine Träume,“ +war ihr Gebet voll Innigkeit. +</p> + +<p> +Dann klappten ihre Augen zu. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-29"> +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Mitmann, wenn deine Freundin +sich nach deiner Mitfreundin erkundigt, +tut sie es nicht immer +aus Eifersucht, sondern manchmal +auch aus Neugierde. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Vielleicht steigen wir in Erfurt aus und kaufen der +Tante Sonnenblumensamen für die Papageien,“ sagte +Jappes in Ritschenhausen zu Armida, „dort gibt es die +größten und besten Sämereien.“ +</p> + +<p> +„Du scheinst dein Herz ummöbliert zu haben seit deiner +Münchener und Stuttgarter Reise,“ warf Armida +nachlässig hin, „und wenn du mich ganz ausrangieren +willst, tu es bitte gleich und gebrauche keine langen +Flausen, dich von meiner Nebensächlichkeit zu überreden.“ +Dabei sah sie seltsam-schön aus. Um ihre Lippen +zuckte ein nervöses Lächeln und ihre Nasenflügel +erbebten. Sie hielt die Augen geschlossen und die Locken +tropften über ihre Stirn. Ihr leichtbrauner Teint, +der sich unter den untern Lidern zum Halbbogen +verdunkelte, diente dem kastanienbraunen welligen Gelock +als Folie. „Gott, die Circe ist schön,“ dachte Jappes. +So seltsam unruhig hatte er sie nie gesehen. „Die +Galle muß ihr ins Blut gelaufen sein,“ phantasierte +er weiter, „sonst ist sie weiß wie Alabaster und flaumig-rosig +wie ein Pfirsich,“ aber von ihrem Gesichte +kam er nicht mehr los. +</p> + +<p> +Sie saß unbeweglich und ein blaugesprenkelter Reiseshawl +wehte um ihren Kopf. Sie schien dem Poltern der +Räder zu lauschen und ein rieselndes Vibrieren durchlief +sie. Die eigenartige Wollust des stampfenden Rollens +zeichnete zuweilen in ihren Zügen die Gier, sich +von diesen drehenden Rädern zermalmen zu lassen. +Jäh zuckte sie dann zusammen und ein Schauer +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +krampfte in ihr. Ein Schauer, der ihr die Lider preßte. +Sie riß die Knie aneinander und biß die Eckzähne zusammen, +daß ihr Gebiß aus der klaffenden Muschel der +Lippen leuchtete. Ein frostiger Schauer warf ihr die +Schulter hoch und eine Sekunde oder zwei schien sie +im Trancezustand, so entrückt war sie allem Irdischen. +Wie das Meer war sie, im jähen Wechsel zwischen +körnigem Gekräusel und brüllender Gier und +glatter lauernder Ruhe. +</p> + +<p> +Jappes liebte es, sie so zu sehen. Er wußte, dann gab es +einen wilden Kampf in ihr. Sie haßte die Gleichgültigkeit, +mit welcher er sich ihr gegenüber benahm und +doch hatte sie ihm gesagt, er solle sich keine Schmeicheleien +erlauben, denn sie halte ihn keiner fähig, er +solle ihr nie den Hof machen und seine Aufmerksamkeiten +nicht in eine überschwengliche Form kleiden. +Er solle Jappes sein, hatte sie ihm befohlen, so wie sie +sich ihn denke. Er liebte zu sprechen und als seine Bewunderung +für Armida bis zu dem Grade gesteigert +war, daß er ihre Stimme vernehmen wollte, lehnte er +sich hinüber und flüsterte: +</p> + +<p> +„Armida, heute möchte ich nicht Jappes sein. Heute +ist es uns zu schwer, die Harmonie unserer Seelen +richtig zu finden. Hat dich die Reise ermüdet?“ +</p> + +<p> +Armida hielt die Augen geschlossen und flüsterte zurück: +„Ich ertrage schwer, daß du nicht bei mir bist. +Hat dein Münchener Rudibub dich so fest umstrickt?“ +Sie sagte es mit einem langgedehnten Satz, und ihre +Frage klang bestimmt wie ein Ausruf. +</p> + +<p> +„Du verstehst das nicht mehr, Freundin. Die naive +Liebe und Pepys Jugendlichkeit haben meiner irrenden +Seele viel Glück gebracht. Ich lache, wenn ich das +Fremdwort meiner Seele höre. Pepy liebt mich nicht. +Sie liebt etwas in mir, was sie ahnt und was mir nicht +gehört, Pepy liebt Menschen aus Mitleid und mich +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +liebt sie, weil ich mit dem Glücke spiele. Pepy ist das +naive Verhängnis im Kampf mit den Urgewalten der +Triebe. Ich bin zu feig, um mich über das Glück zu +freuen und Pepy ist zu schwach, um das Glück zu genießen. +Ich bin vermessen gegen das Glück meiner Jugend +und das ist mein erstes tödliches Gebot.“ +</p> + +<p> +„Und das zweite?“ fragte Armida ... Jappes fürchtete +sich vor dem Blick, der die drei Worte wie eine düstere +Melodie begleitete. +</p> + +<p> +„Das zweite in mir ist, mit Seelen zu spielen, wie wir +es tun. Ich möchte sagen das böse Prinzip, das Dämonische. +Aber beide Gebote schließen sich ein.“ Er sagte +es mit einem fixierenden Blicke und betonte jedes +Wort, was dem Satze das Gepräge eines Vorwurfs gegen +Armida gab. „Ich bin müde,“ sagte sie, „meine Gedanken +haben mich ermüdet. Erzähle mir von Pepy +und von deiner Liebe, ich freue mich an eurem Glücke. +– An eurem kranken, menschlichen Glück!“ +</p> + +<p> +Jappes erzählte ihr die uneheliche Geschichte der Mutter +Pepys aus dem Tagebuch des Malers Geraldo und +erzählte ihr die Pfandhausszene. Jappes liebte Pepy +teils aus Mitleid, weil sie ein apokryphes Mädchen +war, teils aus Stolz, denn die Welt sieht nicht gern, +daß uneheliche Mädchen Verehrer haben! – Die Welt +liebt es nicht, den Selbstmördern ein liebevolles Andenken +zu bewahren. Selbstmörder und Uneheliche +sind Menschen, denen ein apokalyptisches Zeichen anhaftet, +das wir nicht zu deuten vermögen: „Ihre piksüße +Innigkeit“, fuhr Jappes in seiner Erzählung fort, +„und ihre schmiegsame Anhänglichkeit sind es, was ich +an Pepy liebe. Sie hat Künstlerblut und einen regen +Geist, es gibt noch vieles in ihr zu wecken, und viel +Waches in ihr zu ergründen. Von Pepys Seele habe +ich dir mehr gesagt, als sie selbst davon weiß, der +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +Verkehr mit ihrer Seele ist mir kein Spiel. Mit einem +Verhängnis kann man nicht spielen.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, du wärest imstande, Pepy eine Liebeserklärung +zu machen.“ Sie warf ihm einen kätzchenpfotenweichen +Blick zu, und Jappes bemerkte: „In einem +süßen Blick liegt immer eine Schlinge.“ +</p> + +<p> +Armida: „Das Lächeln einer Frau ist eine Gunst, die +sie dem Mann erweist.“ +</p> + +<p> +Jappes: „Wenn Frauen geben, haben sie immer einen +Wunsch. Ich fürchte diese weiblichen Danaer.“ +</p> + +<p> +Sie: „Für mich ist es kein Grund zu trauern, wenn du +eine gute Freundin hast.“ +</p> + +<p> +Jappes war gereizt: „Wenn Frauen weinen, sind ihnen +alle anderen Waffen ausgegangen. Und du weinst +nicht. Ich möchte ein wenig in deinem Arsenal herumstöbern +und deine Angriffsrequisiten ansehen. Tante +Telluren hat uns schon getraut. Wir sollen in der Ehegaleere +durchs Leben schiffen.“ +</p> + +<p> +„Tanten vermischen oft Traum und Wirklichkeit,“ erwiderte +Armida und lachte ihr seltsames Lachen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-30"> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Menschen sind das beste +Bildungsmaterial. Es wird durch +unseren Umgang abgenützt, erneuert +sich aber selbst an uns. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy verlebte Tage harmlosen Glücks. Sie war in dem +Alter, wo junge Mädchen anfangen, über ihre Begierden +nachzudenken, in den Jahren, wo junge Mädchen +noch selbst die knospende Fülle des Busens streicheln +und in schüchterner Sehnsucht an ihre Bestimmung +denken. Uebermütig wie ein junges Füllen, sanft wie +ein Täubchen, lieb wie ein Kind und manchmal der unglücklich-phantastische +Zug, den sie wohl von Geraldo +hatte. Sie wußte, sie trug eine fatale Bestimmung +mit sich. +</p> + +<p> +Hatte eine große Vorliebe für illustrierte Romane und +Märchen. Hatte nicht durch Zufall Busch- und Andersen-Märchen +gelesen, Meyrink und E. T. A. Hoffmann +nahm sie in Stunden der dunklen Gedanken. +Merkwürdig genug zu hören, daß alle ihre Vorstellungen +in ihr irgendeine graphische Form auslösten. Ihre +Freude war nicht ohne Besorgnis, als sie ihr Talent +entdeckte und an die Mutter dachte, an den Weg, den +diese gegangen war; in Freude und Erwartung, in +Schmerz und sterbender Enttäuschung. +</p> + +<p> +Jappes hatte für Pepy gesorgt nach seiner Bekanntschaft +mit Armida, hatte sie in eine der besten Pensionen +gesteckt und ihr Geld für ihre Garderobe zur +Verfügung gestellt. „Ich kann doch nichts annehmen +von dir,“ hatte sie anfangs gesagt, aber es war Jappes +nicht schwer geworden, sie zu überzeugen, daß eine +schöne Ausstaffierung ihr gar nicht unwillkommen sei. +Sie fügte sich und sah es als einen guten Wink ihres +Schicksals an, daß ihr nach den paar Monaten großer +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Entbehrungen auf einmal soviel Glück – denn Geld ist +Glück! – in den Schoß fiel. Er hatte ihr gesagt: „Pepy, +du bist im Zeichen Merkurs geboren und wirst immer +Geld im Ueberfluß haben.“ Pepy glaubte ihm, vergaß +aber, an die Vergangenheit zu denken. Sie wußte, daß +Jappes sein Wort hielt und er hatte versichert: Er habe +Geld, solange die anderen welches hätten, und er sei +nicht gesonnen mit dem Gelde der anderen sparsam zu +wirtschaften. +</p> + +<p> +Ehe die Reise- und Abenteuerlust Jappes nach Berlin +verschlugen, pflegte er mit Pepy zu beratschlagen, was +aus ihr werden solle. Er nannte es den „Familienrat“. +Es war das reinste Idyll, wenn sie zur Beratung zusammenkamen, +immer in der Bude von Jappes. Er +dachte gerne an die Stunden zurück, wenn Pepy die +Brote strich und er den Tee übers Tischtuch goß, wenn +Frau Wertheim der Sicherheit halber an der Türe erschien, +um zu fragen: Ob der Herr Doktor Jappes +nichts benötige? Er dachte gerne an die schwesterlich-traute +Sorge, die Pepy für ihn hegte und fühlte sein +Herz von Bruderliebe durchpulst. Er sah es nicht als +Tugend an, daß er Pepy so gelassen hatte, wie sie zu +ihm gekommen war. Ihm schien alles wie ein romantischer +Studentenwitz, ein junges Mädchen, frisch und +rosig, sein eigen zu nennen, dabei die Grenzen des +Unerlaubten nicht zu überschreiten. Pepy war +ihm so ergeben, weil er sich trotz seines lebhaften +Temperamentes in der Tat sehr anständig benahm. +Jappes selbst deutete sein „kavaliermäßiges“ Benehmen +Pepy gegenüber nur als ein Schnippchen, das er +dem allgemeinen Umgang zu schlagen suchte – nicht +so zu sein wie die anderen. Er war zu ehrlich und zu +klug, ein Mädchen verführen zu wollen, denn trotz allem +Barock-Burschikosen und allem Sinnlich-Unausgeglichenen +stak ein guter Kerl in ihm. Er war nicht nur +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +Student, sondern auch Mensch, der den Charitasgedanken +nicht mit den leeren Worten tonsurierter Dunkelmänner +predigte, sondern auch in die Tat umsetzte. +</p> + +<p> +Es ist schwer, das Rätsel der naiven Liebe zu ergründen. +Man weiß nicht, was sie ist, nicht was sie will. +Nicht alle naiv-verliebten Werthergestalten endigen +mit einer Knallerbse. Dazu ist die moderne Zeit nicht +mehr dumm genug. Unsere Zeit ist eher dazu angetan, +die Idee der platonisch-naiven Liebe in einer Wertherform +zu opfern und sich für erlittene Unbill durch +olympische Blasiertheit schadlos zu halten. Der junge +Werther in Sturm und Drang mit dem romantisch-knallenden +Tode ist eine Parallele zur enttäuschten +Jugendliebe. Und ist der klassisch abgebrühte Goethe +nicht eine Parallele zum blasierten Junggesellentum? – +ein Parallelismus, der nicht mit Winkel und Reißschiene +nachzuweisen ist! +</p> + +<p> +Jappes trug Pepy eine ganze Bibliothek Kunstschmöker +zu. Sie beeilte sich, die Lücken ihres Wissens in +Gemeinschaft mit ihm zu füllen: „Wenn du auch +einstweilen nur über die Kunst orientiert bist, das aber +weißt du doch gründlich,“ meinte der Freund. +</p> + +<p> +Pepy lachte, war stolz auf ihr Wissen und ihren geschäftigen +Impresario. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wenn Gott kein Künstler wäre, +hätte er keinen nackten Menschen +erschaffen dürfen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy trat in die Kunstgewerbeschule ein. Dasio und +Ehmke lehrten sie die Kniffe der graphischen Praxis. +Das Neue lockte sie. Der Holzstock und die eigene +Technik, welche aus der Uebung entstand. Das neue +Leben gefiel Pepy. Die strenge Arbeit, die Betätigung +des ganzen Talentes, der Ehrgeiz, eine gestellte Aufgabe +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +originell zu lösen. Das Bewußtsein, etwas zu können, +der Wunsch, etwas Großes zu werden, die erbauenden +Stunden an der vollendeten Technik Holbeins +und Dürers. Die Anregung der Klasse selbst und +deren Auffassung, das Lehrerkorps und die Studenten +beiderlei Geschlechts allegorisierend darzustellen. +Das laute Hallo, wenn ein Professor unter irgendeiner +Tierform herumgereicht wurde. Mit tropfenden Knüttelversen +bekleckste Skizzierbogen, die lustig-intimen +Feste und kleinen Verschwörungen, die Großzügigkeit, +mit welcher man sich gegenseitig die Lächerlichkeiten +austrieb. In ihrer Umgebung sah Pepy die werdenden +Künstler, das Sichloslösen von den Stänkereien +des Alltags, alles Allegorie und epigrammatische +Zeichnungsmethode, neben der zensurierbaren Arbeit +der obligatorischen Stunden, welche Anspruch auf +ernste Auffassung haben mußten. +</p> + +<p> +Die Kunstgewerbeschule ist kein Institut für Mädchen, +deren rote Hautpigmente zu nahe an der Oberfläche +der Gesichtsfassade liegen. Für künstlerisches +Schaffen ist das sinnliche Gleichgewicht ein Postulat, +und das erotische Prinzip überdeckt ein großes Areal +unserer sinnlichen Welt. +</p> + +<p> +Welcher Künstler könnte im Taumel ein großes Werk +schaffen! Im Taumel wird die Idee konzipiert und +wenn der Künstler genügend Abstand gewonnen hat, +wenn alle Eindrücke auskristallisiert sind zur konsistenten +Masse schöpferischer Kraft, dann entsteht das +Werk einer stilisierten oder idealisierten Form, oder +unter natürlicher Gestalt, beleuchtet von dem Scheine +künstlerischen Schauens. Anfangs fand Pepy Anstoß +an der Natürlichkeit des Akt-Zeichnens. Es dauerte +nicht lange, bis sie alles als künstlerische Natürlichkeit +hinnahm. Das angenehme Gift lasziver Perversität, +das in den sprühenden Zötchen genießbar herumgereicht +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +wurde, machte Pepy mit der Theorie der sinnlichen +Praxis vertraut. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Wahrheit Salomons stammt +aus dem Harem, seine Moral ist +eine sündige Frucht in heiliger +Packung. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Sind wir Männer nicht alle Bösewichte, die junge +Mädchen verführen wollen, und sehen wir nicht immer +mit der größten Empörung, wenn ein anderer +dasselbe getan hat. Oh! wir geilen Bocksgesichter mit +der Maske des moralischen Anstandes können vor +dem ewigen Richter nicht bestehen, am Jüngsten Tage, +wenn das Tal Josaphat von verführten Freundinnen +wimmelt. Trauern wir in Sack und Asche, ehe +die Tage da kommen, von denen der Prophet lamentiert: +Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel bedecket +uns! Wer wollte beim großen Gerichte an die +Brust schlagend bekennen: Das Blut derer, die wir +verführt haben, komme über uns selbst. Wir lüsternen +Feiglinge mit dem grinsenden Faunskopf haben der +Frau in ihrer aufopfernden Gläubigkeit die Fabel von +der Schlange erzählt, um sie kirre zu machen für unsere +armseligen Hundebegierden. Wir taumeltrunkenen +Silene, Ritter vom Phallus, haben die groteske +Gebärde der Zeugung erfunden, weil unsere Begierde +sich nicht genug an uns fressen konnte. +</p> + +<p> +Erdenwurm! du pflanzest deine Art fort in brünstiger +Betäubung und auf dem Todbett quält dich noch der +Kitzel des Fleisches. Der Tag ist schon nahe, an welchem +alles in erotischem Wirbel ertanzt und Eros +schwingt seine Fackel um die gleißenden Fliegen des +Alltags. Wir malen das Fleisch mit raffinierter Exaktheit, +unsere Musik erschauert vom Zucken verhaltener +Begierde. Schreit nicht alles: Komm, nimm mich, +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +Leben! Tanzen wir nicht die Begierde mit lässigem +Schnörkel, sind unsre Tänze nicht Symbole der Unzucht? +Wie soll uns Erlösung werden aus dem Pfuhle +der Sünde! Christus kann sein consummatum est nicht +mehr von Golgatha rufen, Christus der Langverheißene, +der bewußt in den Tod ging. Ein göttlicher +Selbstmörder, der sich im Freitod von aller Begierde +lossagte, aller Liebe entschwor, das Leben von sich +warf, als Jugendsaft ihm seine Lenden schwellte. +</p> + +<p> +In Pepy wuchsen die Begierden der Jugend, erst weiche +Pfötchen und zahnlose Mäuler, dann spitzige Krallen +und verschlingende Schlünde. Jappes lehrte Pepy, +die Tiere bändigen: „Durch Hunger macht man sie +zahm.“ Und Pepy hungerte nach Liebe. Alle die +freundlichen Freunde umlungerten Pepy: Die Musik +und die Männer, die Tänze und ihr eigen Geschlecht. +Der fatale Geist ihrer dunklen Seele flüsterte: der +Weg zur Erlösung geht über die Trümmer des Verderbens! +</p> + +<p> +Pepy wollte rasch zur Erlösung kommen und die Verführung +lauerte, sie ins Verderben zu jagen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-31"> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +DREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer früh über seine Jugend urteilt, +tut seinem Alter leicht Abbruch. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Arco Calvandi hatte drei Viertel seines Vermögens in +Monte Carlo beim Roulette verspielt. Zur Erholung +von seiner entnervenden Anstrengung war er nach +Chamounix gefahren und von dort schrieb er einen +Brief an Armida: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +Hochgnädige Teuerste, mein Vermögen ist bis auf ein +Viertel den Lauf alles Rollenden gegangen. Ueberzeugt, +daß meine Kinder eine würdige Nachkommenschaft +sein werden, habe ich mich entschlossen, zu +heiraten und meine Rolle als Vater sehr ernst zu nehmen. +In den Alpen ruhe ich mich aus von den zukünftigen +Strapazen. Einen Onkel, der auf dem Mars gestorben +ist, gilt es zu beerben. Ich verstehe es, zu +erben. Die Zuzugsbedingungen zum Mars sind sehr erschwert. +Vorläufig bewerbe ich mich um den Prix +Montyon, denn tugendhaft können meine Vorsätze alle +genannt werden. Meine Kinder, oh, ich küsse die lieben +Dingerchen in zärtlicher Vaterumarmung, werde +ich davor warnen, Glückspiele zu üben. Quarante-et-un +und Poker und Pharao und Roulette und Bakkarat sei +die verfemte Fünf, die nicht in ihr heilig-junges Leben +spielen darf. Das sind die fünf Laster der Reichen, +werde ich ihnen sagen und heute bete ich: Gott schütze +meine Kinder vor Reichtum. +</p> + +<p> +Hochallergnädigste Fraue! +</p> + +<p> +Mein Leben ist ein Zickzack mit zwei Pfeilen. Darf +ich zu Ihnen eilen, den Balsam Ihrer Nähe zu trinken +und mich an der Gleichgültigkeit erbauen, mit welcher +Sie meine Anwesenheit dulden. Darf ich zu Ihnen +kommen? Ich habe Ihnen so vieles zu verschweigen. +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +Ich hoffe, Gnade bei Ihnen zu finden, weil ich überzeugt +bin, daß Sie ohne mich kaum unglücklich werden +könnten. – Sonst erschieße ich mich über sieben +Tage ab heute courant um 4.45 nachmittags in meinem +Schlangenkabinett, auf daß niemand mehr sage, kein +Mensch weiß, wann und wo er stirbt. +</p> + +<p> +Ihr alleruntertänigster hochfraulichen Wünschen lauschender +</p> + +<p class="sign"> +Arco Calvandi. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Meine Wahl habe ich getroffen, die Braut sollen +Sie sein. +</p> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es gibt Fakultäten, für welche +gewöhnliche Professoren zu klug +sind. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Arco Calvandi war Doktor der sportlichen Fakultät +und beehrte die Vie Sportive mit gelehrten Artikeln +über den Hürdenlauf. War Amateurreporter der meisten +sportlichen Veranstaltungen, setzte Preise aus in +Auteuil, Chantilly und Vincennes. Konkurrierte in +Longchamps und in den Maisons-Laffitte. Geschah etwas +Verrücktes bei einem Rennen, so murmelte man +unwillkürlich den Namen Calvandi. War gewissenhaft +wie ein Beichtkind, verließ beim Sechs-Tage-Rennen +das Velodrom keine Sekunde, um alle Wechsel zu notieren. +Ließ sich, während er schlief, von seinem Diener +vertreten, der bei Gott nicht wußte, weshalb die +Rennfahrer stundenlang Ellipsen fuhren. +</p> + +<p> +Der Diener händigte Arco Calvandi den Notizblock +unbeschrieben aus: „Sie haben immer gewechselt, die +Rennfahrer, und jetzt fährt nicht einer mehr +von den alten. Ich schrieb nichts, weil ich nicht +wußte, wie schnell auch die andern verschwinden +würden.“ Arco Calvandi gab ihm ein Trinkgeld +so hoch, daß selbst der Diener sich schämte, +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +es zu nehmen. Er liebte es, die Dummheit zu bezahlen. +Bei Ehre, er gab oft Trinkgelder, weil er viel mit +Menschen zusammen war. +</p> + +<p> +Innenleben hatte Calvandi nicht, seine ganze Seele +war mit erlebten Tatsachen gepolstert. Zum Nachdenken +hatte er keine Zeit, für die Zukunft hatte er keine +Berechnung. Er lebte dem Augenblick in maßloser +Verschwendung. Reiche Naturen sind verschwenderisch +nach außen und nach innen, leben das Leben der anderen +und sind immer der Mittelpunkt, um den sich +ihre Umgebung dreht. Wenn ein Augenblicksmensch +mit seiner spontanen Handlungsentschlossenheit von +der berechnenden Vernunft überrumpelt wird, setzt es +immer eine Katastrophe. Er war eine von den seltenen +Ausnahmen, die, wenn die Liebe über sie kommt, vernünftig +werden, weil die meisten Menschen, so die +Liebe sie durchglüht, reif für den Affenstein sind – +und Arco Calvandi war unter normalen Verhältnissen +verrückt. Sein Benehmen war verrückt, obwohl seine +Neigung zu Armida sehr vernünftig war. Kaum +hatte er den Brief abgesandt, als er zur Post eilte und +ein dringendes Telegramm aufgab: „Armida, laß dir +zwei Millionen und mich antrauen. Es wird mein Glück +sein.“ +</p> + +<p> +Herr Arco war ein fünfundzwanzigjähriger Junggeselle, +der mit dem Leben abgerechnet hatte und darüber +nachzudenken pflegte, wie er sich bei einer zukünftigen +Krankheit verhalten würde. Wenn er sich +von seinem Mittagsschläfchen erholt hatte, ließ er den +Tee an den Diwan bringen und seufzte: Armida. +</p> + +<p> +Es ist schwer, die Psyche eines Junggesellen zu ergründen +und sich in den abgrundtiefen Schächten ihrer +Junggesellenwelt zurechtzufinden, im Gewimmel grinsender +Schrullen und hüpfender Steckenpferde. Junggesellen +pflegen, wie der allmächtige göttliche Hagestolz, +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +ihren eigenen Werken die größte Bewunderung +zu zollen, pflegen ihre Lieblinge mit der Gunst ihrer +Freigebigkeit zu beehren und den infamsten Groll über +ihre Widersacher zu entladen. Sie treiben ihre Liebe +bis zur Entselbstung und kommen dadurch meistens +wieder zur Originalität zurück, die sie durch den Mottenfraß +ihrer Zurückgezogenheit in sich selbst eingebüßt +haben. +</p> + +<p> +Herr Arco Calvandi hatte seine Steckenpferde alle zu +Tode geritten, und was blieb ihm noch übrig, als seine +aktiven Kräfte in der Narkose der Ehe einzuschläfern? +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-32"> +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wäre die Kunst Gemeingut, man +könnte den Sinai abtragen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Sie haben den reinsten Kunstsalon,“ sagte Pepy zu +Professor Günther, „das muß ich mir mal alles ansehen.“ +</p> + +<p> +„Oh, bitte, bitte,“ dienerte Herr Günther, „gnädiges +Fräulein soll sich ungeniert umsehen. Originalkopien +und Originaldrucke!“ – „und wunderbare Rahmen in +passender Ausführung,“ ergänzte Pepy. Der Geschmack +des Professors fühlte sich angenehm gekitzelt. +In der Sammlung gab es nur feinste Kultur und +höchste Rasse: Aus der oberdeutschen Schule die leckere +Frau Venus mit dem putzigen Cupidobuben von +Cranach dem Jüngeren. Von seinem künstlerischen Namensvetter, +Lukas dem Alten, der Untergang Pharaos. +Zwei Originalkopien der holländischen Schule: eine +kranke Ziege von Du Jardin und ein seltsam juckendes +Bild von Dou, eine greise Mutter, welche junge Läusebrut +auf einem Bubenkopf zerstört. +</p> + +<p> +Pepy dachte, das ist höchste Rasse, würde Jappes sagen, +weil sie obenauf krabbeln. +</p> + +<p> +Der Professor deutete ihr Lächeln auf das komische +Motiv. Der Barberinische Faun, in einer feuchten +Nische von lebendem Efeu umrankt, grinste sein übermütiges +Satyrlachen im Schlaf. An der Wand die seltsame, +rätselumlauerte Medusa Rondanini, und des großen +griechischen Meisters Boethos Gans mit den ringenden +Knaben. Der Kopf des phantastisch-phantasierenden +Homeros, mit einem Auge die olympischen Ueberfreuden +schauend, mit dem anderen das Tosen der Feldschlacht +verfolgend. Demosthenes, der klassischste +Kopf Athens, der Kieselstein-lutschende Bürger der +Polis. Die große Allegorie mit den Triumphen Petrarcas, +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +aus der Schule von Andrea Mantegna: Ruhm und +Zeit, Ewigkeit, Keuschheit und Tod. Murillos Betteljungen, +Trauben und Melonen verspeisend. +</p> + +<p> +Ein paar Gelegenheitsbilder, teils Geschenke, teils zufällige +Ankäufe – modern chaotische Farbenagglomerationen, +sprühend witzige Farbensynthesen, kraß grollendes +Geschehen, hysterisch zusammengeschweißte +Koloraturen, taumelnde Bewegung, pointilliertes Gestoppel +auf schreiender Leinwand, drängend stoßendes +Genie, im Ruck des Zufalls Unverdauliches prostituierend, +visionäre Gestalten, apokalyptische Gebilde, +hingerülpst, Unflat hingespuckt – da! – Linienwelle, +Punkt, strebende Fläche, Strich, Klecks, ein +Name: Dada im Bilde. Irrende Pinsel, und lachendes +Niesen. Ein Stolpern der Farbe, geile Fetzen im +Traume der Lues, Krüppelwesen in verquetschten Formen, +krötige Brunst im Schlamme der Zeit, kreiselnder +Drang und flatternde Lappen. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Klassik: Meine Eisstücke kühlen +dein siedendes Hirn. +</p> + +<p> +Moderne Kunst: Meine fliessenden +Wasser treiben deine Mühlen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Die Modernen machen sich das Handwerk leicht,“ begann +Professor Günther die Unterhaltung, „sie schöpfen +nicht, sie erschöpfen sich, aber sie scheinen ihre +Kunst wirklich ernst zu nehmen.“ Pepy zog ihre Augen +von einer kolorierten Zeichnung von Paul Klee +und zu Herrn Günther gewandt: „Ist es nicht das erhabenste +Opfer, sich im Dienste der Kunst zu erschöpfen? +Unsere Künstler leben im raschen Wirbel der Zeit +und dürfen nichts Ausgeglichenes schaffen. Sie müssen +die Fetzen der Eindrücke gobelinartig zusammensetzen, +um nicht fremd zu erscheinen. Sie wollen los von +der Natur, von der Materie, sie wollen los von der +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +klassischen Form, von der geraden Gebärde. Die Antike +ist überwunden. Der beschleunigte Schritt der +Zeit erlaubt nicht genau hinzusehen, sie wollen Seelen +malen und wandelbare Eindrücke. Die Körper +sind alle gezeichnet und das war nur ein Vorstudium +für die Kunst der Gegenwart. Die Kunst hat nie eine +Vergangenheit, die lebendige Kunst. Ein Moderner +kann sich nicht an die Antike anlehnen, nicht an die +Renaissance, nicht an das Barock. Gesetzt, die moderne +Kunst sei eine Krankheit, auch eine Krankheit muß +man ernst nehmen. Ein Künstler muß Lebendiges +schaffen und das Vergangene ist tot.“ +</p> + +<p> +Professor Günther: „Die Pflanze und das Tier bauen +ihre Gewebe aus dem Verfall ihrer Ahnen. Es ist die +ewige Kette des Geschehens, in welchem jedes Lebende +nur ein auslösbares und ein einschaltbares Glied +bedeutet.“ +</p> + +<p> +Pepy: „Die Zeichentechnik ist das formhaft Kompakte, +was der Moderne braucht, aber sein Erlebnis ist +die vitale Substanz. Das Erlebnis kann so verschieden +gedeutet werden, um den Ausgleich zwischen Außen- +und Innenwelt herzustellen. Wir sind alle etwas Künstler +geworden und unser Schaffen ist das Ringen unserer +Seele, uns nach außen zu erleben. Unsere Kunst +ist das romantisch-ironische Spiel, unser Selbst vor +uns zu behaupten. Die Alten hatten das Monopol in +ihrem künstlerischen Schaffen, sie waren die Träger +der Idee, des Absoluten. Die wenigen Olympier hatten +die Möglichkeit, ihre Träume nach eigenen festen Gesetzen +zu gestalten, es gab nur Mensch und Tier und +Pflanze und Träume. Ihr Betätigungsfeld war begrenzt. +Sie schufen ihre Werke, um sich über die Nöte +der Zeit hinwegzuhelfen. Sie schufen ihre Werke, um +ihrem Ideal näher zu rücken. Aber sie schufen kein Leben, +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +sie schufen Natur durch getreue Kopie des Gegebenen. +Die Deutung ihrer Werke hat ihrem Schaffen +den Inhalt gegeben.“ +</p> + +<p> +Professor Günther: „Ueber Ansichten kann man nicht +streiten. Die künstlerische Objektivität hat den sittlichen +Relativismus geschaffen, aus welchem die Gesetze +unserer sozialen Entwicklungsrichtung geflossen +sind. Die Idee mußte in einer Form auskristallisiert +werden und die alten Meister vollführten die Sublimation +in der Retorte ihres Geistes. Das wortgewordene +Prinzip hat die Richtlinien für unsere ethische +Entwicklung gezogen.“ +</p> + +<p> +„Die Modernen verleugnen die Antike nicht. Sie erkennen +sie stillschweigend an. Sie schaffen auf einem +neuen Boden. Das neue Prinzip in der Kunst ist die +Anklage der Zeit, der Schrei der fiebernden Zeit, das +Sichhineinbohren in den Charakter der kino-dramatischen +Zeit; deshalb werden die Thesen der Kunstgelehrten +zu schwindsüchtigen Dogmen. Die Kunstideologie +der führenden Männer fußt in der Tiefe des Irrtums +des individual Geschauten, und weil sie jedes Paktieren +mit dem Geschmack der Masse ablehnt, muß sie +abseits und fremd dastehen wie jede Utopie. Von ein +paar Anhängern geglaubt, von ein paar Eingeweihten +zum Popanz erhoben, sind die Kunstideen in klassischer +Fassung unverdaulich für die praktische Sucht +der Allgemeinheit. Der starre Dogmenglaube hat in der +Philosophie den Skeptizismus geschaffen; so weckt auch +die bedingungslose Unterwürfigkeit der kompromißlosen +Klassik die Skepsis gegen das stereotyp-traditionelle +Artistentum, gegen die Regel, die Schablone, gegen +die Prinzipien. +</p> + +<p> +Kunst ist ein Lavieren zwischen Geist und Materie. +Kunst entsteht in der Siedeglut der keimenden Jahre, +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +und unsere Zeit ist zerfetzt. Ein ewiges Fließen und +Wirbeln in zügellosem Rasen der Zeit. Wir sind alle +mehr Künstler denn je, die Bewegung, die Fläche und +die Linie stehen in einem anderen Verhältnis zwischen +Anschauung und Wirklichkeit. Der Idee kommt man +näher durch Schaffen illusorischer Typen als durch +die Methode des naturgetreuen Konterfeis. Wie könnten +die Klassiker unsere dröhnende Zeit malen! ... Wie +gelänge es den größten, die stampfende Eile zu bannen +... Wie würde Goethe die bebende Hast der keuchenden +Industrieapparate besingen ...? Die Alten +verstehen die klassische Gebärde, aber nicht die wogende +Bewegung der Seele. Die Antiken zeichnen ingenieurmäßig +die verdauliche Behäbigkeit der hämmernden +Mittelpunkte, aber die Bewegung fehlt, die +weltflüchtige kämpfende Gier. +</p> + +<p> +Das Bestreben der Modernsten ist das Loslösen der Bewegung +von der Form, und die Kritik will ihnen das +Suchen verbieten. Die Kleinen sind die Vorläufer, die +Verheißer der neuen Epoche, unwürdig im Vergleich +zu dem, der da kommen wird, die Seele der pulsierenden +Kräfte zu fassen. Die vielen suchenden Künstler im +drängenden Sturm sind die Steine zum Aufbau der +mächtigen Pyramide, auf deren Spitze der Große erscheint, +um den Anachoreten der Wüste zu predigen +...“ +</p> + +<p> +Pepy war erschöpft von der langen Tirade, und Professor +Günther stand bewundernd vor der jungen +Kampfnatur, die ihm ihr unausgeglichenes Wesen zur +Schau stellte. Er staunte den Willen des Mädchens an, +weil sie die Tradition verleugnete und sich eine neue +Welt zu schaffen gesonnen war. Ihre wirren, brandroten +Locken über der pochenden Schläfe reizten ihn, und +ihre junge lebende Fülle lockte wie die zittrige Glut +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +ihrer Ausführungen. Ihre Begeisterung hatte ihn einen +Augenblick gebannt, dann kam es ihm wieder ins Bewußtsein, +daß er dieses junge Mädchen nicht zu sich +geladen hatte, um Kunstprobleme mit ihr zu erörtern ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-33"> +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Christus hat uns sein Reich gepredigt, +aber er hat uns keinen +Fingerzeig gegeben, wie wir es +erkennen können, deshalb ist +unser Irrtum Unwissenheit und +schuldlos. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Bei Kommerzienrat Winterstein drängten sich die +Gäste. Die Zeit webte den Abend am westlichen +Himmel. Lässige Paare schlenderten raschelnd durch +das Laub der Parkwege der Villa in Tempelhof. Leicht +erregte Gestalten, in animierter Stimmung, im Gespräche, +von Tee und Wein und Kaffee, von Zigarren- +und Zigaretten-Wirkung diktiert. Leicht fröstelnde +Damen mit übergeworfenem Shawl, gütig gelangweilt +der Unterhaltung lauschend. Die Kavaliere interessiert +erzählend. Ein wohliger Rhythmus schwebte durch die +Abendschatten, und taumelnd sanken dürre Blätter nieder. +Ueber den spärlich nackten Baumgipfeln grinste +der Mond, gelb wie eine Kunsthonigscheibe, auf die +gesellschaftlichen Feinschmecker. Der Abend streute +herbstlich herbe Gerüche in die steigenden Nebel. +</p> + +<p> +Frau Kommerzienrat in ihrer leichtgerafften Robe redete +ihrem Gemahl eindringlich zu, und neben seiner +geschwollenen Fleischigkeit sah sie aus wie die geschmackvolle +Garnitur einer appetitlichen Platte. Armida +und Jappes sprachen über Calvandis Brief. Herr +Arco Calvandi wurde für den Abend erwartet, auch +Doktor Seraph war geladen. +</p> + +<p> +Das Kicksen der Billardbälle sprang aus einem offenen +Fenster in den Park: „Die Leute drinnen arbeiten tüchtig +am Billard,“ begann Jappes, eine Zigarette inhalierend, +„arbeitsames Volk, muß immer den Bizeps betätigen +und Gehirngymnastik machen im Zusammenzählen +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +der Pointen ...“ Armida im eleganten Ballkleid mit +übergeworfener Mantille ging nachdenklich und achtete +nicht auf das, was Jappes sagte. Ihre Gedanken weilten +in der Welt ihrer Träume, Bekannten lachte sie ein +automatisches Lächeln im Vorübergehen, oder sandte +einen zeremoniellen Gruß hinüber. Jappes trat Kastanien +entzwei, welche am Boden lagen und schnalzte zu +dem knirschenden Platzen der aufspringenden Stachelschalen. +Stieß hie und da einen unzufriedenen, einsilbigen +Ruf aus: „Pf! ... Blöd! ... Puh! ... Hm ... +Uuuh! ...“ +</p> + +<p> +„Du illustrierst deine Langweile,“ spöttelte Armida, +„du hast nur ein Ohr für Lächerlichkeiten, auch deine +Art, dich zu benehmen, treibt manchem die Galle auf. +Meide die Gesellschaft, wenn sie dich ärgert. Auch in +deiner Welt ist nichts wahr. Nichts ist originell, alles +ist Gegenteil, Geist oder Widerspruch, Täuschung und +Betrug an dir selbst. Dein Leben ist Ichsucht und Verleugnung +der bestehenden Ordnung ohne Ersatz für +dich. Deine mitleidlose Sittlichkeit ist für deine eigene +Bequemlichkeit zugeschnitten, und der ätzende Humor +mit der hingeluderten Ausdrucksform ist kein Beweis +von Geist. Jappes, du bist mein größter Irrtum!“ +</p> + +<p> +„Mäßige deinen göttlichen Eifer,“ begegnete ihr Jappes +ironisch, „der Narr ist mir noch nicht geschnitten, +solange ich warm bin, hast du noch Aussicht, daß ich +mich bessere. Bei allen neunundneunzig Namen Gottes! +ja, ich bin ein großer Lump und will kein Hehl +daraus machen. Sei dreimal verflucht, du Weib, weil +ich dir folge, keinen Anteil an dir habe und doch nicht +von dir loskomme. Wie willst du, daß ich dich liebe, +wie in einem Roman, wie in einer Novelle, wie in einer +Zote?“ +</p> + +<p> +Armida drehte sich mit einem unwilligen Ruck jäh um. +„Flegel!“ +</p> + +<p> +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +Jappes pflanzte sich breit vor sie hin: „Freundin,“ +sagte er demütig, „deine Nerven sind heute nicht für +die Maximalbelastung berechnet. Wenn ich ungenießbar +bin, so will ich mich erziehen. Gewiß, um Schönheit +zu genießen, darf man mit keinem Mann vertraut +werden. Ich bin noch nicht klug, nur kühn bin ich, und +das ist keine Tugend. Der Mann ist ein gefährliches +Prinzip. Ich bin durch eine Ironie der Natur geschaffen. +Die Taten sehe ich nicht, ich sehe nur Zwecke und +die Beweggründe der Menschen, und deshalb bin ich so +geworden. Du wolltest mich für deine Bedürfnisse ausschlachten, +und deine Vorwürfe gegen mich sind nichts +als Erkenntnisse deines Irrtums. Wo ist deine große +Toleranz, die manchmal dein Wesen bestimmt, alle +Menschen zu entschuldigen? Mein Herz kriegt +schier eine Gänsehaut, wenn ich die abgeschöpften +Moralpauken aus deinem Munde höre ...“ +</p> + +<p> +Armida ließ Jappes stehen und eilte durch den Park +der Villa zu. Jappes stand eine Weile still und paffte +die blauen Kringel einer Zigarette in den Abend. +Dachte nach über den plötzlichen Umschwung bei Armida +und ging mit sich zu Gericht. Er richtete eine +sich selbst verspöttelnde Anklage gegen den Bummler +Jappes: Weshalb soll ich mich mit der trüben Neigung +herumbalgen und zahm werden! Mensch, du bist ein +lachender Fetzen im Wirbel deiner Gewohnheiten. +Weshalb soll ich mich in die allzu engen Grenzen des +Lebens zwängen? Ich tummle mich jenseits der Barriere, +mache Kapriolen wie ein tolles Zicklein und ergötze +mich am Feiglingsgewimmel, das nach Genüssen +lechzt, sie aber nicht befriedigen kann, weil es sich +müde an seinen Prinzipien und Moralparagraphen +schleppt, unfähig, die huschenden Freuden zu haschen. +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +... Der Wert des Lebens steckt im Sittlichen? dann +hat mein Leben keinen Wert. Abseits vom Leben geht +ein dunkler Pfad, der Pfad der Isolierten, den soll ich +gehen und mich zur korrekten Sittlichkeit erniedrigen? +Was ist Sittlichkeit? Pilatusfrage! – Zum Schlagwort +erniedrigte Lebensnorm, Thema einer kapitelweisen +Abhandlung eines Lehrbuches der Ethik, Tummelplatz +der Relativisten. Oh! die Sittlichkeit ist erhaben in den +Lehrbüchern, in den Erziehungsanstalten, auf den Kanzeln, +in der Gesellschaft. Sittlichkeit ist das Mutabor +der Erziehungskalifen – sich damit zur Welt des +Scheins zurückzulügen. Was ist Sittlichkeit? frage ich +in den Zuchthäusern und Bordellen, was ist Sittlichkeit? +frage ich in den Klöstern, in den Tiergärten und was +ist Sittlichkeit? frage ich die kriechenden Legionen der +Unterdrückten auf dem Wege nach Paria. Alle antworten +mir im Chor: Knute und Knebel und Maske! +Wiederum frage ich: Wer hat euch eure Sittlichkeit gelehrt? +Im Chore fallen sie ein: – Unsere Sittlichkeit ist +die Lüge, die vom Willen, sich im Leben behaupten zu +müssen, vernichtet wurde. Unser ganzes Sein war +Lüge, unser Glaube, unsere Hoffnung und unsere Liebe +war Lüge, die Lüge an uns! Der Storch bringt die +Kinder, der Weihnachtsmann die Geschenke, der Wauwau +ist das böse Prinzip. Die junge Seele wird reif für +die Lüge gemacht. Haben die materiellen Geister mit +ihrer Freigebigkeit keine Zugkraft mehr, dann kommen +die geistigen Kobolde und Wichtelmännchen, Engel +und Teufel, Vergeltung und Sühne ... Der Löwe legt +seine Pranken an das Gitter des Zwingers, die sittliche +Barriere, die Freude und Freiheit umklammert, +und brüllt in die Nacht U-u-u-a-h! ... Der tierische +Schrei nach Freiheit, nach sittlicher Gerechtigkeit, nach +der bestmöglichen erschaffenen der Welten. Der Appell +des Instinktes an die Vernunft, die im Zwang der Erniedrigung +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +in wollüstiger Selbstanbetung ihre Macht +bewundert. Elend Gekreuch, den Ekel meiner Verworfenheit +spucke ich dir in die lachende Fresse! +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Eifersüchtige sind tragische Figuren, +die eine komische Rolle +spielen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Der Abend schwieg im lauernden Dunkel und in Jappes +kochte die Wut der Empörung. Er stieß einen gellenden +Pfiff in die Nacht, riß ein paar Immortellen von +einem Beete: „Narr sei klug!“ warf er hervor und lief +dem Lichte entgegen. +</p> + +<p> +„Soll ich dich lieber mit meiner Abwesenheit beehren?“ +fragte Jappes und reichte Armida die Immortellen. +„Die Unterwürfigkeit ist die legitime Tochter der Erziehung, +ich will die Tochter adoptieren und pflegen.“ +</p> + +<p> +„Bleib,“ sagte Armida, und dankend nahm sie die Blumen, +„ich bedauere, daß du so bist, und wünsche doch, +daß du so bleibst. Unterhalte dich gut und referiere mir +über den Abend. Herr Calvandi kommt erst um elf Uhr +an. Am Potsdamer Bahnhof. Such mich morgen auf.“ +Reichte Jappes eine Karte, hielt ihm die Hand zum +Kuß hin und verließ den Saal. Jappes dachte an Pepy +und die Sehnsucht krampfte sein Herz zusammen. Mit +verstörter Miene schritt er durch den Saal und trat an +ein Tischchen, wo Erfrischungen für die Gäste bereit +standen. Begrüßte ein paar Bekannte, wechselte gleichgültige +Worte mit ihnen und suchte den Dämon zu +töten, der in seiner Seele wühlte, seit Armida den +Namen Calvandi gesprochen. +</p> + +<p> +Fräulein Flavia Winterstein konzentrierte ihre ganze +Aufmerksamkeit auf Jappes. Sie war ein wundervollbusiges +Mädchen, entzückend und weich wie die geträumte +Begierde. Voll kecker Grazie und übersprudelnder +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Tollheit, wie ein taumelnder Schmetterling, +der auf die leuchtende Blüte flattert. Sie liebte den bittersüßen +Honig, den Jappes barg. Sie war geschaffen, +die verwirrten Sinne des Gastes zu ordnen. Er stand +mit unheiliger Braue wie ein grollender Gott: „Nanu,“ +lächelte Flavia, „allein auf dem Ball? Einen Tanz habe +ich für Sie reserviert. Sind Sie schon für den ganzen +Abend vergeben?“ +</p> + +<p> +„Der Teufel tanzt heute mit mir den höllischen Reigen +und die Geister der trüben Gedanken spielen dazu. Verflucht +und zugenäht! Ich bin in einer verrückten Stimmung. +Heute tanze ich nicht, kommen Sie später, wir +verplaudern die Pause bei einem Gläschen Chartreuse.“ +</p> + +<p> +„Ich werde kommen,“ sagte sie entschwebend, und im +Gehen ließ sie ihr schönes Lächeln zu ihm spielen: Cakewalk +und Czardas, Pas-de-deux und Walzer, Foxtrott +und Steps wechselten in rhythmischer Folge. +Française artete aus in Cancan. Jappes entdeckte die +lüsternen Blicke, verfolgte die lohende Brunst, die nach +einer Umarmung geilte, kippte Glas um Glas, und die +Sehnsucht folterte ihn. Er wünschte mit Pepy zu tanzen, +wünschte sich an ihrem lodernden Jubel zu berauschen, +wenn sie mit fliegenden Locken und erhitztem +Fleisch dem Tanz ihre Hingebung weihte. Dachte +an Armida, und eine Blutwelle schoß ihm jäh in die +Schläfe. Verließ den Saal und trat in die Stille. Lehnte +sich an einen Baum und lauschte dem Huschen der +Schatten, horchte dem Schritt der Einsamkeit, die lautlos +durch die Nacht ging und seine Seele mit weichen +Händen berührte. Die jagende Hast der vergangenen +Tage flog vorüber, seine Zeit, seine nutzlos verbrachte +Zeit. Er hörte eine Stimme flüstern: Jappes, du bist +noch nicht weit, du hast erst das Bewußtsein zum Tier. +Du kennst erst den Schein und verfolgst das Trugbild, +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +den Wahn. Kehre um, der Inhalt des Lebens liegt hinter +dir! – Seltsame Kämpfe, die dich zur Qual der Erkenntnis +führen! Du hast den Weg zum Leben verloren. +Deine Träume sind schleichende Einsamkeit und deine +Freude ist Qual. Trug ist dein Wesen und Sorge. +Schleune den Schritt und lasse den Wahn des irrenden +Dunkels. Dein Weg geht nach rückwärts zur dämmernden +Sphinx. +</p> + +<p> +Jappes stand mit geschlossenen Augen: Irgendeine +Landschaft sah er in drehender Bewegung, die zum +Wirbel wuchs, fühlte sich emporgehoben, von der Erde +gelöst, schwebend, drehend, machtlos. Fühlte, daß er +einer Ohnmacht nahe war, einem Wahnsinnsanfall, daß +der Taumel ihn ergriff, daß er ein Spielzeug war und +die Macht über sich verlor ... Teilte die Augenlider +und tastete sich an den dunklen Umrissen der Gegenstände +zur Wirklichkeit zurück. Sagte die Namen des +Geschauten ... ein Baum, der Weg, ein Beet, orientierte +sich in der Umgebung, hob die Blicke hinüber +zu den Walzertakten, die von der Villa kamen, sah die +tanzenden Schatten an den verhangenen Fenstern – +gab sich einen Ruck mit der Schulter, schritt über den +knirschenden Rieselkies und dachte an das verwirrende +Spiel der Dämonen. +</p> + +<p> +Die Pause war längst vorüber. Fräulein Winterstein +hatte sich am Serviertisch beim Diener nach Jappes erkundigt. +Der Diener kniff ein Auge zu und sagte mit +vertraulicher Geste: „Der Herr hat eine Halbe Kognak +binnen,“ und er wies auf die Flasche, „er ist benebelt +und paßt in die Nacht.“ +</p> + +<p> +Doktor Seraph hatte sich entschuldigen lassen. Frau +Kommerzienrat brachte der Tochter die Nachricht: +„Der Totenkopf kommt wieder nicht. Er muß eine +Leiche massieren.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-34"> +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Diskretes sucht man immer so +schnell als möglich zu erleben ... +Wozu wäre die Heuchelei da, +wenn es nichts gäbe, was man +nur durch sie erlangen kann. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy machte Toilette mit der Umständlichkeit, wie sie +jungen Damen eigen ist, wenn sie einen Besuch machen, +wo sie ihre Eigenliebe zur Schau stellen wollen. +Merkwürdig für das eigenliebige Geschlecht, daß es +die Umständlichkeit beim Toilettieren zur zweiten Natur +gestempelt, wenn nicht gar zur ersten erhoben hat. +Damen fühlen den Kitzel wohliger Wollust am stärksten +in ihren Boudoirs, wenn sie mit dem Bewußtsein +ihrer Reize allein sind und an all die begierlichen +Schmeicheleien und lüsternen Lockungen der Männerlippen +denken. Wir sündigen am stärksten in den Begierden. +Die Tat, der große erotische Akt ist für uns +nur bewußtloses Geschehen. Die Sünde ist der Schrei +nach Dämpfung der tätigen Empfindung. Die Erinnerung +an die Freude bewegt die Seele nur schwach, +aber die Begierde danach wühlt sie auf zum chaotischen +Wirbel. Das Wesen des Glückes ist Begierde nach +Freude. +</p> + +<p> +Pepy packte eine Ordnungsmappe, gefüllt mit sauber +geschnittenen und sorgsam geklebten Scherenschnitten; +gute Abdrücke von Holzschnitten, Tapetenmuster, +mit Tusche kolorierte Zeichnungen. Ihr Freund +Günther hatte sie mitsamt ihren Arbeiten zu sich geladen. +Eine Auslese wollte er treffen und ihr eine Empfehlung +an einen Freund schreiben, welcher sich um die +Arbeiten Pepys bemühen sollte, um sie in den Ausstellungen +bekannt zu machen. +</p> + +<p> +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +Pepys Traum war es, in die Oeffentlichkeit zu treten +und aller Welt ihr Talent vor Augen zu führen. +</p> + +<p> +Professor Günther war selbst Amateurmaler und hatte +eine bürgerlich-mittelmäßige Pinselführung erarbeitet, +kannte die alten und neuen Meister, und war: bereit, +selbst zu den Neuesten bejahend zu nicken, sobald es +ihm möglich war, die Farbentumulte im Ausdruck eines +Vorstellbaren zu deuten. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wir können nicht vermeiden, bei +speziellen Anlässen über Allgemeines +zu reden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Das Atelier habe ich beibehalten, als mein Sohn seine +Praxis in Baden-Baden übernahm,“ plauderte Professor +Günther und öffnete die Tür zum Atelier. „Er war +ein gutes Talent,“ fuhr er fort, „ein paar Bilder sind +noch da, aber die letzte Hand hat er nicht drangelegt. +Meist Kopien mit kaum merklichen Variationen in +den Tönungen. Teniers Alchimist mit mittelalterlich-abenteuerlichem +Gerät, die Madonna von Fra Filippo +Lippi, einige Landschaften, ein Stilleben, der einzige +Entwurf von Günther junior, der Kopf der Madonna +Tempi von Raffael.“ Auf einer Staffelei eine fertige +Skizze, die Pepys Aufmerksamkeit aufsog, und ihr +Wesen mit dem Basiliskenblick der Bestürzung +bannte: +</p> + +<p> +„Eine seltsame Geschichte knüpft sich an das Bild, es +ist von meinem Jugendfreund,“ erzählte Professor Günther, +„Meister Geraldo kennen Sie wohl nicht? Er lebt +in Antwerpen und studiert Rubens. Er verkehrte viel +bei uns und hat manchmal im Atelier gemalt. Bei seiner +plötzlichen Abreise blieb das Bild unvollendet stehen. +Es ist eine persönliche Variation des Pietà-Gedankens. +Die Tragik des Bildes liegt in der Geschichte seiner +Entstehung. Der Weg zur künstlerischen Vollendung +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +geht über viele Opfer hinweg und Menschenmaterial +wird dabei nicht geschont. Die Geliebte Geraldos, im +Bilde symbolisiert, war ein doppeltes Opfer. Das Opfer +Geraldos und ihr eigenes. Die Sehnsucht nach Liebe +hat sie getötet, nachdem sie Meister Geraldo ein überflüssiges +Kind geboren hatte ...“ +</p> + +<p> +Pepy hörte die Anklage und sie fühlte ihre Niedrigkeit, +ihre Ueberflüssigkeit. Der Gedanke an die Mutter riß +die vernarbte Qual wieder zum blutigen Leiden. Sie +biß ihre Hand in duldender Ohnmacht und vermochte +die Tränen nicht zu hindern, die durch die gepreßte +Wimper drangen. „Ueberflüssig!“ Das Verdammungswort +brannte in ihr mit ätzender Qual. Sie trug die +Hölle der „Verworfenheit“ mit sich, weil sie außerhalb +des Eheparagraphen geboren war. Ueberflüssig! Sie +hörte das Anathema der Gesellschaft, nur unter Gleichgeborenen +konnte sie anerkannt werden, aber die Unehelichen +sind die verruchte Minderheit! +</p> + +<p> +Weinend stand sie, die Pietà in Trauer um die verlorenen +bürgerlichen Ehren. +</p> + +<p> +„Sie sind wehleidig,“ sagte Professor Günther, verwundert +über die Wirkung seiner Worte, „Sie müssen +die Vergehen der anderen nicht zur eigenen Qual machen.“ +Er nahm Pepys Hand: „Seien wir Freunde,“ +sagte er listig, „und hüten wir uns, nicht selbst unter +die Räder zu kommen. Unser Geist ist schlau, unsere +Witterung ist gut und wir haben Mut. Mein Freund +hat sich durchgekämpft und Frau Martha – ich glaube +so hieß seine Geliebte – hat das erhabenste Opfer gebracht +und sich im Dienste der Kunst erschöpft. Ich +habe viel über mein letztes Gespräch mit Ihnen, Fräulein +Pepy, nachgedacht. Das Kind Marthas hat ein gutes +Stück Weg fürs Leben voraus. Mit einem gehäuften +Kapital an Erfahrung und Leiden trat sie ins Leben +und ist der Sorge enthoben, in trauernder Liebe an +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +die Mutter zu denken. Sie hat ihre ganze Kraft, um +gegen den Frevel zu kämpfen, den sie ihm antat, weil +sie es als Opfer ihrer ungezügelten Lust in die Welt +setzte ...“ +</p> + +<p> +Professor Günther fühlte, daß er gegen Tränen machtlos +war. Entschuldigte sich einen Augenblick und verließ +das Atelier. Pepy blieb allein mit ihrer zermürbenden +Qual, und ihr Stolz verbot ihr, diesem Manne zu gestehen, +daß sie diese Ueberflüssige war. Der Psychologe +eilte in seine Bibliothek und las ein Kapitel über +hysterische Anwandlungen. In einer Marginale notierte +er die Symptome und den Verlauf der Anwandlung. +In Klammern schrieb er: (Beobachtungen an einem +jungen, gesunden Mädchen!). +</p> + +<p> +Pepy schämte sich ihres Benehmens, und als Professor +Günther wieder erschien, fand er sie mit einem verweinten +Lächeln, das um Entschuldigung bat: „Das +kenne ich bei jungen Mädchen,“ sagte er begütigend, +„ein wenig Schwäche ziert die stärkste Frau.“ Das +Mädchen lachte ein fröhliches Lachen und war zufrieden, +daß ihr neuer: väterlicher Freund ihr die Tränen +nicht übelnahm. +</p> + +<p> +Beide wußten nichts um ihr gegenseitiges inneres Leben. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Ehre ist Ichsucht, eine bürgerliche +Tugend. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Professor Günther nahm Platz in einem Sessel neben +Pepy. Sie reichte ihm ihre Arbeiten, er musterte sie +einzeln, sagte der Freundin ein paar belobigende Worte +über das gute Verhältnis zwischen Ausführung und +Motiv, wagte einen kleinen Tadel gegen die Linienführung, +fand eine gegenteilige Ansicht zu Pepys Auffassung +in der Darstellung einer Tänzerin. Pepy hatte eine +Bacchantin dargestellt, eine weintaumelnde Mänade mit +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +fliegend-zerzaustem Haar, den Thyrsus schwingend in +der Rechten, in der Linken einen überfließenden Becher +und lüsterne Blicke nach den fallenden Tropfen. +Die Linien waren schwebender Rhythmus und hüpfendes +Haschen. +</p> + +<p> +Günther fand das Motiv überlastet, weil die Aufmerksamkeit +auf zwei Punkte zugleich zu lenken sei, auf +Thyrsus und Becher. Der Rhythmus ließe sich plastischer +gestalten, wenn der Becher mit den fallenden +Tropfen Weins allein das Symbol ihres Rausches sei; +die Tänzerin verliere dadurch den Sinn eines Piedestals, +sie werde leichter, geschmeidiger, tanzender. +Pepy versprach das Motiv in dem Sinne zu variieren +und Professor Günther riet ihr, die Meister nicht zu +verkennen. Klopfte Pepy auf die Schulter, mit väterlicher +Hand: „Nur Technik, Freundin, Technik, Technik, +Technik. Im allgemeinen versprechen Ihre Arbeiten +Erfolg. Die Linienführung ist sicher, die Flächenverteilung +vortrefflich. Der Raum geschmackvoll ausgenützt, +das Kolorit schmeichelnd. Die Motive sind entzückend.“ +</p> + +<p> +Er reichte Pepy eine Empfehlung an seinen Freund: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +Die Dame hat Stil, und ich gratuliere zu unserer Entdeckung. +Sie wird uns Ehre machen, sie wird mir Geraldo +ersetzen. +</p> + +<p class="sign"> +Günther. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +In Pepy wühlte die Unsicherheit der gequälten Natur. +Ihr Leben schien ihr eine fatale Groteske, wo alles +in nebelhafter Ferne groß und drohend erschien. +Wo dunkle Mächte im Spiele waren, wo das Verhängnis +lauerte, wo die Entscheidung sich vorbereitete, die +Antwort verzögernd, ob alles sich zur Katastrophe oder +zur Erlösung wenden würde. Sie war arglos und ohne +Falsch, sorglos wie selbstsichere Mädchen, die sich in +sich selbst genug sind. Sie empfand das Glück, ihre +Arbeiten ausgestellt zu sehen, wie junge Versifexe, +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +wenn sie ihre Löwenklauen vor dem kritischen Publikum +in Sonderdruck erscheinen lassen. Junge ahnungslose +Seele, gequält von der geheimnisvollen Furcht, +ein Spielball der fataltätigen Gewalten werden zu müssen. +Arme Mädchenseele! die das verhängnisvolle Erbe +ihrer Mutter mit sich trug. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Tiefe eines Kunstwerkes liegt +in der Tragweite seines Symbols. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Irgendein Anlaß brachte Günther und Pepy im Gespräche +auf Ibsen. Der Professor redete literar-philosophisch, +und Pepy redete mit Ibsen. +</p> + +<p> +„Die Bedeutung Ibsens kann man nicht leugnen,“ sagte +er, „Ibsen ist der größte Ethiker und auf die Spezialpsychologie +in Eheangelegenheiten ist er nicht ohne +Einfluß. Er ist Universalmoralist und der geeignetste, +ins Esperanto übertragen zu werden. Die moderne +Gesellschaft muß auf Ibsenschem Boden stehen und +aus dem verhängnisvoll-toleranten Nährboden die +Kraft schöpfen, um sich zum Uebermenschen emporzuranken.“ +</p> + +<p> +Pepy: „Das Gefährlichste und Wahrste sind die Gespenster +von Ibsen. Die Manen, die Geister der Toten, +zitieren sich von selbst. Sie erscheinen, uns vor dem +Verhängnis zu warnen und versichern uns der Nutzlosigkeit, +ihm entrinnen zu wollen. Die Tochter des +Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu +gehen. Von Schuld kann man nicht reden und Sühne +darf niemand verlangen. Das Rätsel der Vererbung der +sittlichen Schuld.“ +</p> + +<p> +Professor Günther fürchtete einen neuen Weinanfall +Pepys und Mitleid glitt über seine mit theoretischem +Moralwasser gewaschene Seele: „Wenn das Kind Marthas +Freunde findet, die ihr sittlichen Beistand leisten, +wird sie die Gespenster bannen. Nur sittliche Kräfte +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +können der sittlichen Schuld begegnen. Gespenster +beißen nicht, man muß ihnen zu begegnen wissen. Ibsen +zum Trotz haben seine Gespenster die soziale Stellung +der Gespenster stark in Mitleidenschaft gezogen. +Ibsen ist der Dichter der gesunden Moral und des +praktischen Ausgleichs. Die theoretische Erörterung +einer Frage ist der einzige Trost, wenn die unsühnbare +Schuld geschehen. Die sittlichste Rechtfertigung +ist, die Schuld durch Ueberredung des Geistes zu tilgen +durch Abstraktion von der Wirklichkeit, denn die +Wirklichkeit ist das Vehikel, das uns zur Erkenntnis +führt. Die Befolgung des Guten oder des Bösen – was +man allgemein gut oder bös nennt – ist unterschiedlos +entscheidend für unseren Werdegang. Die Gesetze unserer +Moral sind auf der Basis des bösen Beispiels entstanden, +und die Ethik wurzelt in der Unmoral. Unsere sittliche +Läuterung entspringt aus unseren schlechten Taten. +Gut und Bös sind zwei sittlich gleichlautende Termini. +Mit Hilfe der Relativität kann man das Böse zum +Guten biegen, und ethische Werte sind an sich schon +dehnbare Begriffe.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Von den Jesuiten haben wir die +Überrumpelungsmethode. Sie +nannten sie Rhetorik. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy nickte versunken vor sich hin. Jedes Wort war +eine Prägung ihrer Gedanken, eine feste Form, in welcher +ihre Erfahrung lag. Die kluge Selbstsicherheit, +mit welcher Professor Günther über die Grundlagen +der sozialen Ethik sprach, imponierten der jungen +Künstlerin: +</p> + +<p> +„Die sozialen Reformen gehen aus den Mißständen +hervor, die Hygiene aus den großen Epidemien, die +Schulen sind die Palästra, wo Weisheit gegen das +größte Uebel, die Dummheit kämpft, die Zuchthäuser +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +werden gebaut, um dem arbeitsscheuen Diebesgesindel +– den mittellosen Marodeuren der menschlichen Gesellschaft +– und den geschlechtlich depravierten Subjekten +ein Asyl zur Besserung zu bieten. Eine schlau +ausgeklügelte Diät! Die geistige Nahrung ist völlig +gestrichen. Die aussichtslose Methode der körperlichen +Einwirkung auf den Geist, durch harte Fron, steht in +voller Blüte. Was erreichen die elenden Paragraphendrechsler +von Legislatoren durch Formulierung der +Gefängnisverordnungen?! Sie lassen den Geist der Delinquenten +hungern und zermürben den Körper. Zappelige +Theoretiker! Ihr seid die Depravierten, ihr seid die +Mumien und liegt starr, allem Leben fern, umwickelt +vom ruchlosen Gewebe juristisch-spröder Leitsätze. +Feiglinge! Hört ihr den Schrei aus der Gehenna! Hört +ihr das Röcheln der Hinsterbenden in den Käfigen, +euren Moralanstalten! Sie schreien nach dem Tode, sie +schreien nach Freiheit. Zu feig seid ihr, sie durch den +Tod zu erlösen; zu feig seid ihr, euch gegen ihre Freiheit +zu wehren. Euer lahmes Gewissen ist noch nicht +reif für den Mord. Allmählich schläfert ihr es ein in der +Narkose sittlichen Wahnes. Korrektion! Die Schere, +mit welcher ihr das wuchernde Gestrüpp eurer Unmoral +zustutzen wollt. Achtung vor den Pulsöffnern +und Seidenschnürorden! Achtung vor Nero! Ehrfurcht +vor den Inquisitoren! Achtung vor allen Massenmördern +aller Zeiten! Sie sind nicht zurückgeschreckt vor +dem Blute, aber ihr! Ihr heuchelnden Mörder habt +Angst vor dem fließenden Blut und doch füllt ihr die +Totenlisten derer, die in euren Besserungsanstalten verreckt +sind. +</p> + +<p> +Die Menschheit hat ihre Bastille noch zu stürmen, viele +Burgen haben noch zu fallen. Zum Aufruhr mit Feuer +und Schwert gegen die schleichenden Mörder der bürgerlichen +Gerechtigkeit. Baut die Arbeiterfürsorgegesetze +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +aus, Unfall- und Invaliden-Rente, und die grauen +Bauten moralischen Siechtums stehen überflüssig und +erlöst vom Fluch der gärenden Revanche! Menschheit! +du bist im Widerspruch geschaffen. Der große +Horus Ahura Mazda wurde von Ahriman, dem bösen +Prinzip, besiegt. Der Dämon Malignus ist der Herr unserer +Weltordnung. Ihr blinden Prinzipienreiter redet +über gut und bös. Nehmt beides als gegeben hin und +ihr abstrahiert von der Frage: wie kam das Böse in +die Welt? Wo bleibt euer Gott, der alles erschaffen +hat – auch das böse Prinzip! Ehe Gott den Engeln +die Wahl zwischen gut und bös freistellen konnte, +mußte er das böse Prinzip bereits erschaffen haben. Wo +ist euer Gott? Wie kann er Böses schaffen! Und wo ist +der Zweite, der Schöpfer des bösen Prinzips: Der sein +Reich gegen das Reich Gottes setzen konnte? +</p> + +<p> +Gehet hin zu den Bogumilen, sie lehren euch mit den +Manichäern, daß Satan und Christus gemeinsame Söhne +Gottes sind. Erkennt nicht Christus selbst den Herrscher +der Welt bei Joh. 12, 31 an: ‚Jetzt ergeht das Gericht +und wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen.‘ +Unsere Gesellschaft hat das Faustrecht bekämpft und +basiert ihre Macht hinwiederum auf Gewalt. Gestehen +wir vor aller Welt, im offenen Kampfe würde Ahriman +wieder siegen, denn unsere Kampfkraft stirbt am Bewußtsein +unserer heuchelnden Ohnmacht, an unserer +ohnmächtigen Heuchelei. Fürchtet die dunkle Rache +der Bösen, die sich zum Kampfe sammeln und zu eurem +Röcheln lachen werden. Die Rache wird die Anführerin +der Unterdrückten sein und den schlauen Köpfen der +Gesetzgebung die tönernen Postamente rabulistischer +Verkommenheit entzweischlagen. Bessert euch im +Gericht über euch selbst, dann könnt ihr den Samen der +Reformen um euch ausstreuen. Drachenzähne sät ihr +aus, und die Bestürzung lähmt euch, wenn die stählerne +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Wehr der daraus erstehenden Kämpfer euch entgegenblitzt +– –!!!“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Der Wind ist ein falscher Bräutigam, +er betrügt die Windblütler +um ihre Unschuld. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Dieser Sturmbock revolutionärer Gedanken hatte Pepy +begeistert. Sie staunte über das jugendliche Draufgängertum +dieses alten Professors, dessen Leben ihr vorkam +wie ein Konflikt zwischen Anarchie und Gesellschaft. +Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied: +</p> + +<p> +„Sie weihen mich in die Abgründe des Lebens ein, ich +danke Ihnen für die Lichtblicke. Vieles ist wahr von +dem, was Sie sagen.“ +</p> + +<p> +Er hielt ihre Hand lange brünstig umklammert. „Freundin +Pepy, man findet nicht die richtige Anerkennung +bei einer dummen Frau, die Oede des Familienlebens +lauert in allen Winkeln, wenn der Mann den Geist zuviel +hat, welcher der Frau fehlt. Das Verhältnis zwischen +mir und meiner Frau ist zu ungleich, und das +habe ich erst gemerkt, als die sinnlichen Reize bei +ihr zur Begierdelosigkeit abgestumpft waren. Das +Schlimmste ist, wenn der Mann jung bleibt und die +Frau altert!“ ... Er geleitete Pepy zur Tür und preßte +einen sinneglühenden Kuß auf ihre warme Hand. +</p> + +<p> +Der Abend lag friedlich über der Stadt! Im Unendlichen +zitterten die Sterne. +</p> + +<p> +Pepy dachte an Günther mit mitleidvoller Begierde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-35"> +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Magie ist ein Kompendium +tierisch-wertvoller Naturen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Doktor Seraph war ein maskenhafter Mensch, wie eine +verwischte Skizze zum Leben. Seine Stirne, die blutleer +schien, war mattgrau wie plastischer Fensterkitt +und von zwei Linien durchfurcht, die an den beiden +Enden zusammenliefen und ein Schifflein bildeten. Der +Mund war wie zugeklebt und ohne Lippen. Runzeln von +den Augen fächerförmig über die intelligent mageren +Backen sich verlierend, bargen die Bitternis einer hartverlebten +Jugendzeit. Die schmalen gepreßten Schultern +verrieten die bückende Haltung bei grübelnder Beschäftigung. +Die unruhig flackernden Augen schienen +beständig eine Gefahr erspähen zu wollen. Der Prototyp +jener telepathischen Vorführungskünstler, die in +ihrer zuckenden Ueberreiztheit ihre abgrundtiefen animalischen +Kräfte betätigen. Seit seiner Geburt hatte er +nicht gelebt – und seltsam – er war wie eine versteinerte +Figur, mit den bedeutungstiefen Runen diabolischer +Rätsel. Mit ruhigen verglasten Augen stierte er +mit weitausholendem Blick in die Ferne, wie ein Somnambule, +der plötzlich durch eine unglaubliche Macht +erschreckt, ins Endlose starrt. Etwas schwebend Taumelndes +in der Erstarrung. +</p> + +<p> +Trug an dem mager-langen Ehefinger einen schwarzen +Ring, der alles Licht auftrank. Ein Pfand des Teufels, +das sich in der Familie weitererbte. Ein Stein, der den +Schlaf raubte, und alle, die ihn trugen, in Verbindung +mit Toten brachte. Doktor Seraphs Ahnen waren +Aerzte und Totengräber. Ein Großonkel war katholischer +Pfarrer gewesen, hatte sich am Vorabend seiner +Primiz verachtend von seinem Ring getrennt und ihn +in ein Kästchen eingeschlossen. Ein unruhiger Traum +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +hatte ihn gequält. Etwas Grausiges war geschehen und +doch konnte er sich nicht entsinnen, was es war. Er +amtierte kein Jahr in seiner fetten Pfründe, da kam +Freund Hein, um ihm den Ring zu kündigen. In der +ganzen Pfarrei hatte niemand einen schöneren Herren +gesehen und die Trauer war groß, als er so plötzlich +starb. Nach der Weissagung einer Wahrfrau sollte +Doktor Seraph der letzte Träger des Ringes sein und +in seiner Hand war eine übermäßig große Lebenslinie. +</p> + +<p> +Am Zeigefinger der rechten Hand trug er den Pesach, +einen Blutstein in Platin gefaßt. Der Stein hatte die +Kraft, den Blutfluß zu stillen. Wenn eine Frau ihn bei +der Entbindung in die Hand nahm, gebar sie ihr Kind +ohne Schmerzen. Die trübrote Farbe war wie ein Blutfleck +auf dem Finger des Doktors. +</p> + +<p> +Er war erschrocken-naiv wie ein Medium im magnetischen +Schlaf. Sein lautloser Katzentritt und die vorgehaltene +Rechte wie bei einem Wünschelrutengänger ließen +an das Wahngebilde eines Spukes denken. Mitschüler +erzählen, daß er vieles wußte, was er nie gelernt hatte, +und niemand erinnerte sich, den schwarzen Doktor je +lachen gesehen zu haben. Er hatte nie Freunde gehabt, +und seine Wirtsfrau hatte ihn nie zu Gesichte bekommen. +Alle Aufträge schrieb er mit fadendünner englischer +Steilschrift auf ein Konzeptpapier, in höflich-geschraubter +Form, als richte er eine untertänige Bitte +an die durchlauchtigst allmächtigste Majestät. +</p> + +<p> +Der schwarze Ring hatte eine merkwürdige Herkunft. +Eine ganze Legendenwelt war drum gedichtet worden. +Alle dreihundert Jahre sollte der Ring nach Californien +zurückkehren, an den Ort seiner Herkunft. Der +Stammbaum der Seraphs trieb seine Aeste ein halbes +Jahrtausend aufwärts, und es schien wie ein sonderbarer +Zufall, daß alle den schwarzen Stein trugen, oder war +es durch die Kraft des Steines, daß der Stammbaum +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +bis auf den ersten Inhaber zurückging? Ende des vorigen +Jahrhunderts erhielt Doktor Seraph plötzlich in +Heidelberg, wo er studierte, ein Päckchen mit dem +seltsamen Ring aus Californien, wo ein entfernter Verwandter, +der Millionär Eduard Bain in Pasadova gestorben +war. Bain war dreiviertel Jahrhundert alt und +die letzten sechzehn Jahre hatte er nicht geschlafen. +Man erzählte sich im geheimen, weil der Zufall den +Stein von dem Toten getrennt habe (denn Bain verkehrte +nur mit lebenden Leichen, für welche der Stein +keine Affinität zeigte), habe der Tod auch den Schlaf, +seinen dunklen Bruder, von ihm gerissen ... +</p> + +<p> +Der Millionär konnte nur in Theatern und geräuschvollen +Lokalen einnicken. +</p> + +<p> +Doktor Seraph saß oft stundenlang in träumerischer +Betäubung vor einem Kästchen aus dreifachem Holz, +Taxus, Kreuzdorn und Hollunder. Legte den Blutstein +hinein und geriet in eine schlaflose Erschöpfung. Sein +scheinbar erloschenes Leben flackerte mählich auf, steigerte +die Kräfte bis zum magneto-elektrischen Prozeß. +Seine Gesichtszüge wurden von einer unendlich verzückten +Beseligung beschienen, seine mattgebeizte +Fleischfarbe nahm ein leichtes hauchiges Rot an und +mit einer bis zum Paroxysmus gesteigerten Aufmerksamkeit +schien er berauschender Musik zu lauschen, +schien das Farbenspiel eines Festgepränges zu verfolgen, +schien von ambrosischen Düften umfächelt, geriet in +Ekstase, bis zum Wahnsinn gesteigerte Begeisterung, +machte keine Bewegung, alles bildete sich in seinen plastischen +Wachszügen. Die Ermattung warf den leuchtenden +Ausdruck plötzlich aus seinem Gesicht und die +Totenstarre malte den gelben Ton über sein Fleisch. Er +schien von einem unendlichen Leiden gefoltert, von ungeheueren +Krämpfen zerrissen, von stechender Qual +zermürbt. +</p> + +<p> +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +Mechanisch griff er in das Kästchen. Steckte den Blutring +an den Finger und legte den Teufelstein lautlos +hinein ... Sprach mit eintönig hölzerner Stimme – +die Worte wie Bewegungen eines Hypnotisierten, eckig +und zäh – sagte Sätze mit unheimlicher Bedeutung +und mit schleichend dürrem Tonfall: „Tödin-Tod ihr +bejaht das Gegenteil! – Geist von Mitternacht furchtbarer +als das Leben! – Schauerjungfern fliegen aus +und säen Kindersamen auf die keuschen Mädchenäcker. +Ungetauft sind sie im Tod erlöst. Weilen ohne Gut und +Bös am seltenen Ort, in Nobiskraten. Legt eine offene +Schere auf – die jungen Wiegen sind dann erlöst vom +Nachtgejaid. Wechselbälge – Haare – Beine. Schwefelhölzer +– Spinnen – Molche – Kröten – Echsen. +Aeugig eins der Hase, Beine drei, ist Loki nicht der +Feind vom Morgen? Gehenkte klappern schon am Galgenholz. +Im Sturm nimmt Wodan die gehängten Seelen +mit. Geborsten und verflucht – naht der Gesell mit +Dreispitz schon, mit Feuerstein und läßt die Funken +stieben. +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Zottig zottig Hühnerei</p> + <p class="verse">Hahnenkamm im Wirbelwind</p> + <p class="verse">Reicht ihm schnell den Hexenbrei</p> + <p class="verse">Beule – Warze – Narbe – Grind</p> + <p class="verse">Schafriri, friri, riri, zi – –“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p> +Dann änderte sich seine Stimme plötzlich, wurde weich, +schwebend, melodisch; er griff in das Kästchen und +tanzte mit den Ringen durchs Zimmer, singend schien +er einem Trugbild zu folgen. +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Tod mit Muck</p> + <p class="verse">In jähem Lauf</p> + <p class="verse">Leg Spuck auf Spuck</p> + <p class="verse">Und spucke drauf.</p> + </div> + </div> +</div> + +<div class="epi"> +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +<p class="noindent"> +Wer Herr seines Schicksals ist, +ist selbst das Opfer einer großen +Kraft, die aus der Ferne wirkt. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +So war sein Schlaf, seine Träume. Träume ohne Schlaf +sind seltsame schwebende Gebilde, und wer Bilsenkraut +oder Nachtschatten in der Walpurgisnacht durch einen +hohlen Totenknochen schlürft, kann eine schaurige +Fahrt machen. +</p> + +<p> +Armida wußte um das geheimnis- und verhängnisvolle +Dasein des schwarzen Doktors. Ihre Weiberlist, ihn +des Ringes im Schlaf ledig zu machen, war nicht anwendbar +– er schlief nie. Seraph hatte ein höllisches +Laster, er trank den Totenhauch der Sterbenden ... Das +stechende Feuer seines düster-fahlen Blickes gab seinen +Augen etwas Ausgehöhltes, etwas Feucht-Kühles, Unterirdisch-Nächtliches. +Doktor Seraph empfand sein Leben +nicht als Verhängnis. Es war für ihn eine Tatsache, +ein So-sein-müssen, Sich-nicht-denken-können wie anders +sein. Er war schön wie der Tod im Leichenhaus. Kein +Mitarzt wußte um ihn, allen war er der Totenkopf, der +nur die Operationen vornahm, die vom Aerztekollegium +als unmöglich erklärt worden waren. Trotzdem +waren nicht alle unter seinem Messer geblieben, und +das Staunen war groß im Operationssaal. +</p> + +<p> +Armida kannte ihn aus seiner Studentenzeit von Heidelberg +her. In der Anatomie saß er neben ihr, schaute sie +nie an und gab ihr jeden Tag einen kleinen Würfel +weißen Zuckers. Im dritten Semester hatten sie sich +plötzlich gegenseitig und zu gleicher Zeit angeredet: +„„Weshalb reden wir eigentlich nichts??““ Eine Woche +waren sie nicht aus dem Lachen gekommen, beim Anblick +befiel beide ein hysterisches, konvulsivisches, unstillbares +Lachen. Das übertolle Lachen brachte das Semester +dazu, Armida „Gluckerchen“ zu nennen. In dieser +Zeit des erotischen Frühscheins wollte Seraph der +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +Medizin entsagen. Er bereitete sich vor, die leichttönende +Leier seiner Muse in würdigen Empfang zu nehmen, +schrieb fleißig Rezensionen und Skizzen, schlief +ganze Tage und die Nächte dazu, ließ die medizinischen +Vorlesungen im Stich, schwänzte die Uebungen, +schaffte sich alle möglichen und unmöglichen Romane +an, besang „seine befreite Armida“ und kündigte seinem +Professor seine Promotionszusage. Schrieb ihm einen +Brief voll Hohn auf die Quacksalberei: Plötzlich habe +er sie satt bekommen, um sich auf das Feuerroß der Begeisterung +zu setzen, das mit der Phantasie, dem Hafer +der utopischen Begabung gefüttert, den Olymp des +Ruhmes erstürmt. In Knüttelversen hatte er seine Umsattlung +angedeutet: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Mein Doktor wartet unentwegt auf die Geburt,</p> + <p class="verse">Doch fehlt die Amme, ihn zu säugen,</p> + <p class="verse">Wenn so ein Knabe literarisch hurt,</p> + <p class="verse">Kann er doch keinen Doktor zeugen ...</p> + </div> + </div> +</div> + +<p> +Er hatte seine medizinische Bibliothek an einen Trödler +losgeschlagen und mit Ekel an sein Leichenschinder-Leben +zurückgedacht; voller Ekel dreimal vor dem +Namen Arzt ausgespuckt, wie schwäbische Bauern +tun, wenn sie einem Schwein begegnen, verlebte mit +Gluckerchen sanfte Tage gegenseitiger Ergüsse in lyrischer +Umarmung, dachte an Familienleben, geordnete +Zukunft, eine gesicherte Tracht Ruhm, vor den Kritikern, +den Prügeljungen der Literatenkaste, noch rechtzeitig +gerettet. Da kam plötzlich der schwarze Ring +und mit ihm der freudelose Pflichteifer an seinem eklen +Handwerk. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-36"> +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer viel vom Leben spricht, +nimmt es nie von der ernsten +Seite. Wir nennen die Flöhe Ungeziefer, +weil sie uns jucken, ein +Flohologe hat allerdings zwei +Namen dafür, den wissenschaftlichen +und den vulgären. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Sie machten einen Ausflug mit der Wannseebahn, Jappes, +Armida und Arco Calvandi. Stiegen in Schlachtensee +aus. Es war irgendeine Zeit. Vielleicht warm, vielleicht +kühl – ein angenehmes Halbdunkel in den verschlungenen +Pfaden, die sich durch den Wald am See +entlang schlängelten. Die spezifisch ewige Stimmung, +wie sie einen befällt, wenn man einen schattigen See entlang +bummelt. Die breite, gleißend-ruhige Fläche des +Sees mit abwechselnd dunklen und weißen Einkerbungen +am Ufer, lag in dem schweren Holzrahmen der umragenden +Wälder. Herr Arco Calvandi, der bewußt-verrückte +Franzose, der schäkernde Lebemann, mit einem +freien Knabengesicht. Ein leichtes, zugestutztes flaumiges +Bärtchen, wie hingeklebt in das milch-rosige, gutmütig-offene +Muttergesicht. Mit den Privilegien der +Reichen hatte er von seinem Vater jene Offenheit und +Gutmütigkeit derer in den Zügen, die nie jemandem +Rechenschaft abzulegen haben und von frühester Jugend +durch toleranteste Erziehung daran gewöhnt sind, +über die intimsten Angelegenheiten des Lebens mit +gentlemanreifer Bravour zu reden, ohne zu erröten. Ein +bezaubernder Mensch, der kein Hehl daraus machte, +daß Menschen seiner Ansicht nach zu gegenseitiger +Lust geschaffen sind, und es so schnell wie möglich einsehen +sollen. Sein wiegend sicherer Gang und seine +Kleidung verrieten den Autofahrer, der daran gewöhnt +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +war, sich bei den schaukelnden Bewegungen sicher und +ohne Anstrengung zu äquilibrieren. +</p> + +<p> +Armida hatte eines ihrer ungezählten aber gutgezahlten +Cover-coat-Strapazierkleider an. Kragen und Schlips +und Reitgerte. Eine deplacierte englische Miß mit der +ungeduldigen Spannung eines Walter Scottschen Romanes +auf das Abenteuerlichste gefaßt und, was für +Armida charakteristisch war, zu naivst-mädchenhaften +Kapitulationen vor starken Männern bereit. So war +sie heute. +</p> + +<p> +Jappes war die dritte Seite dieses ungleichseitigen Dreieckes. +Er schien überflüssig, wie für den Geometer die +dritte Seite eines rechtwinkligen Dreieckes, die man +leicht mit der Hypotenuse Calvandi, der Grundlinie +Armida und aus dem Verhältniswinkel beider bestimmen +konnte nach dem Lehrsatz: sagt mir, wer ihr seid, +und ich sage euch, mit wem ihr umgeht. +</p> + +<p> +Von seiner sportlichen Praxis her war Calvandi gewöhnt, +das Tempo anzugeben. Das knabenhaft listige +Feuer seiner lüsternen Augen wußte die Ironie seiner +Worte ohne das Mienenspiel zu markieren. Seine unsicher-stockende +Ausdrucksform gab seiner Sprache +etwas Hastendes, als habe er Eile, eine gedachte Pointe +durch die Lebhaftigkeit der Rede über die Lücken der +fehlenden Wörter hinwegzuheben. Er faßte seinen Besuch +bei Armida sehr ernst und für sich ausschlaggebend +auf. Calvandi und Jappes musterten sich mit der +ruhigen Unruhe zweier Menschen, die in derselben fatalen +Lage sind: Bei einer Frau und zwei Männern +gibt es immer eine doppelte Intrige, denn eine Frau +hat immer einen Schimmer von Aufmerksamkeit für einen +dritten, der in ihr Leben hereinspielt, sei es in der +Hoffnung, einen Freund zu gewinnen durch die Maske +ihres Interesses, sei es, ihren Mann durch die Eifersucht +fester an sich zu schmieden. Eine doppelt umworbene +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Frau hat unfehlbar die stärksten Trümpfe in der Hand +und kann ruhig Jeu ansagen. Sie wird selten verlieren. +</p> + +<p> +„Wir nehmen die Direktion am See entlang,“ begann +Calvandi zu Armida gewandt, „wir werden einen charmanten +Abend haben, ein reizendes Hors-d’oeuvre für +die pikante Nacht. Liebespärchen pflegen nicht zu dritt +zu gehen, wir werden also auffallen.“ +</p> + +<p> +„Wir sind nicht mehr im Alter, wo man verliebte Mondscheinbummel +macht,“ lachte Jappes, „Verlobte pflegen +sich nicht mehr öffentlich und vorlaut in der Liebe +zu betätigen. Ich hätte dem Sittenrichter einen Vorschlag +zu machen: Einen roten Crêpe am rechten Arm +für Verlobte, damit man sie erkennt wie die Trauernden +am schwarzen Flor.“ +</p> + +<p> +„Eine Idee!“ baute Calvandi aus, „eine deliziöse Idee! +Wenn die Verlobten ihre Verliebtheit nicht mehr durch +gegenseitige Anhuldigungen nach außen betätigen, +sollten sie den roten Crêpe tragen bis zur Ehe, dem Gesetz +der zwangsvoll-gegenseitigen Hingabe.“ +</p> + +<p> +Armida verzog die Lippen zu spöttisch-fragender Grimasse +und bewegte die Reitgerte mit gelenkigen Fingern. +„Sonderbar, die Männer reden immer über Frauen +und denken dabei an Liebe, oder sie reden über Liebe +und denken dabei an Frauen, – ob ein Mann aufrichtig +liebt, persönlich lieben kann ...? na, ich wollte die +Frage nicht entscheiden.“ +</p> + +<p> +„Verzeihen Sie, Madame; meine erste größte Dummheit +wäre es gewesen, wenn ich mich nicht sterblich in +Sie verliebt hätte,“ sagte der Blaubart, „für Sie allein +habe ich mehr Dummheiten begangen, als für meine +übrigen Eintagsfrauen zusammen. Madame, mein Herz +hat sich in glühender Liebe für Sie verzehrt ...“ +</p> + +<p> +Armida wehrte: „Freund, keine Flausen, die uns kompromittieren +könnten. Mir scheint das größte Uebel für +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +einen jungen Mann, wenn das Gerücht über sein wildverbraustes +Leben schlimmer ist als die Wirklichkeit.“ +</p> + +<p> +„Madame,“ fiel Arco hastig ein, „heute bedauere ich +zum ersten Male in meinem Leben, kein Tagebuch geführt +zu haben, ein persönliches Bändchen Casanova, +ein paar schwüle Kapitel Paul de Kock. Meine Sprache +stört Sie wohl am meisten. Die Form ist ungelenk, +meine Calembours kann ich nicht richtig anbringen.“ +</p> + +<p> +Jappes machte eine Bewegung voll graziöser Koketterie: +„Ich glaube, wir langweilen uns so agréable als +possible.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die grössten Schweiger waren +Philosophen und umgekehrt. +</p> + +<p> +Schade, dass sie geschrieben +haben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Mit nachlässig-nebensächlicher Gebärde bot Calvandi +Zigaretten an und hielt das Etui, aus getriebenem Silber +mit massivem Wappen und verschnörkelten Initialen, +spielend in der Hand. Jappes dankte, sein Geschmack +gehe nach einer Zigarre. „Die Liebe ist die +einzige Religion, in welcher es keine Renegaten und +keine Sektierer gibt,“ – Arco Calvandi unterbrach – +und reichte Armida Feuer. „Die Leidenschaften muß +man bis zur Gewohnheit abschwächen. Sehen Sie die +Zigarette, ein einzelner Massengenuß. Die einzelne Zigarette +verraucht und Kenner halten sich nicht an eine +Marke. Die Namen vergißt man, vielleicht erinnert man +sich, daß man einmal ein wunderbares Kraut verdampft +hat. Das Rauchen an sich ist das große Beständige, das +Bleibende, der Reiz am Rauchen. Eine einzelne Zigarette +macht das Rauchen nicht aus, wir brauchen +mehr, viel, nur keine Spezialitäten. Allmählich stellen +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +wir den Geschmack auf ein besonderes Aroma ein und +bleiben dabei. Es genügt, daß wir rauchen. So ist die +Liebe, eine Gewöhnung an die Frau, bei einer Marke +dauert es zuweilen länger, – vielleicht ist die Marke +eines Tages ausverkauft, wir finden eine andere, nicht +schlechter, nicht besser –, das Wesentliche ist, daß die +Leidenschaft unterhalten wird, dann erst werden die +Gefühle seßhaft und lernen an der alten Scholle kleben. +Der Vergleich ist mir so eingefallen in rauchender Damengesellschaft.“ +</p> + +<p> +„Möglich, daß der Vergleich stimmt,“ eiferte Armida, +Calvandi zu unterstützen. „Mancher verbrennt sich an +der Zigarette, kriegt Kopfweh, verpulvert sein Vermögen +für Luxuszigaretten. Sie haben mich überzeugt, +Herr Arco, habe ich richtig verstanden, eine Frau ist +Gift in brennender Hülle?!“ +</p> + +<p> +„Darf ich noch einmal um Feuer bitten,“ bettelte Jappes, +„die meine scheint schief gewickelt – und ist doch +keine Gewohnheitszigarre zum Hausgebrauch für die +besten Freunde. Die Gewohnheiten sind die erloschenen +Krater der Leidenschaft; die Leidenschaft ist ein Spiel, +das Spiel unserer Instinkte mit den Kräften. Wir werden +gespielt, wie wir gelebt werden – irgendein großer +Lebenskünstler hat das Leben so geprägt.“ +</p> + +<p> +Arco Calvandi dachte an die Tage von Monte Carlo, wo +er sechs Millionen im Roulett verjeut hatte, dachte an +seine Auferstehung, die er durch Armida erhoffte, +dachte an die Wiedergeburt des Sünders aus dem Pfuhle +zügelloser Verschwendung, dachte, daß Berlin sein Damaskus +werden sollte. Er hatte Gründe genug, ein ernstes +Wort zu reden, aber der Zwittergeist von Witz +und Ironie diktierte ihm: +</p> + +<p> +„Manches Leben endigt in einem Spiel und manches +Spiel in einem Leben. In der Ehe hält die Frau die +Grillen eines Mannes warm. Für einen Roman ist sie +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +die Hauptperson, weil sie für die Spannung sorgt. Die +Frau ist zäh und wird auf Seite 313 in Romanen erst getötet +oder in der Ehe unschädlich gemacht.“ +</p> + +<p> +„Schau ihn, den Weisheitsstengel,“ und Armida klopfte +ihm mit der Reitpeitsche auf die Finger, „er spricht wie +ein ergrautes Ehesemester. Dümmer als die Rede eines +Weisen klingt es nicht. Die Frauen haben alle eine +Grille, nennt mir sie schnell – nanu, wie still! Wie +heißt die Grille, Freunde?“ +</p> + +<p> +„???“ +</p> + +<p> +„Ihr schweigt, wohlan, die Grille ist der Mann. Ein +Mann ist eine kleine Welt. Das Feuer einer Frau ist +viel zu groß, um so ein Einzelgrillchen alleine daran zu +wärmen. Nicht nur Frauen heiraten in Romanen – +Wie könnten sie allein die Tragik schaffen! Romane, +wo eine Frau und viele Männer sind, kann man zum +Ueberdruß noch lesen. Wo nur ein Mann und viele +Frauen vorkommen – bei Gott! – da hält der Mann +den letzten Akt nicht aus. Er zappelt hin und her und +stirbt aus Ueberdruß. Ist er ein Kavalier, schießt er +sich eine Kugel vor. Ist er ein Lump, tut er desgleichen. +Und ist die Frau allein im Prunkgebäude des +Romans, dann wird gekämpft, bis nur der Stärkste +übrigbleibt – und der gehört dann noch der Frau.“ +</p> + +<p> +Arco Calvandi dankte für die Belehrung. „Mein Exempel +hat diesmal nicht recht gestimmt. Es ist nicht +schwer daneben hauen, denn das Beispiel trifft den Fall +ganz einfach oder trifft ihn nicht.“ +</p> + +<p> +Jappes stellte sich beiden in den Weg, kreuzte die Arme +über der Brust: „Es wär vernünftiger, das Leben nach +einem Roman zu leben, als einen Roman nach dem Leben +zu schreiben. Alle berechenbaren Zufälligkeiten +würde man miterleben, während das Pikante der Romane +nur der Treppengeist des Lebens ist. Im Leben +fällt uns immer erst später ein, was wir hätten tun sollen. +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Würde einer von Jugend auf nach einem gegebenen +Roman leben, dann käme wenigstens eine unglaubliche +Spannung hinein. Romane soll man für die Jugend +schreiben, aber die Romane nicht aus dem Hinterhalt +aufs Leben loslassen, wie eine zahnlose Meute mit dem +Schaum der Moral in dem lüsternen Maul. Treppengeist! +Die vernünftige Jugend lacht die meisten Romanhelden +aus, sie würde heute ganz anders gehandelt +haben: Keine langen Intrigen, um etwas zu erhaschen, +was man viel leichter im Laden nebenan haben kann. +Alle Helden und alle Heldinnen verschenken dasselbe. +Die Romane müßte man von rückwärts schreiben. Sie +würden verblüffend kurz und auch ...“ +</p> + +<p> +„Wir sind vom Leben abgekommen,“ unterbrach Calvandi, +„die Romane der Armen werden viel zu oft gelebt, +um geschrieben werden zu dürfen, und die Romane der +Reichen werden viel zu oft geschrieben, um gelesen +werden zu sollen. Die Ehe ist die schweinslederne Ausgabe +unserer sterilisierten Gefühle. Das Kind ist eine +Dichtung zu zweien. Die Dichtung ist das fidele Handwerk, +das die Liebe mit der Welt versöhnt. Setzt Frau +statt Liebe, Mann statt Welt, und der Vergleich ist fertig, +wenn ihr Kind statt Dichtung setzt. Ihnen, gnädige +Frau, will ich mein Herz zu Füßen legen ...“ +</p> + +<p> +Jappes lachte laut auf: „Ihr Herz hat sich in glühender +Liebe für sie verzehrt – – oder wie sagten Sie erst +kurz? – und jetzt wollen Sie es ihr zu Füßen legen. +Selbst Armida kann zurückdenken.“ +</p> + +<p> +Armida lachte Arco spöttisch an: „Rückfällige Kranke +sind die undankbarsten Patienten. Ich danke, Freund, +für Ihre edle Herzenssache. Ist die Glut zu groß in +Ihrem Herzen, dort ist der See, die Glut zu kühlen.“ +</p> + +<p> +Da fiel das Lachen auch Calvandi an: „Verliebte sind +immer lächerlich, Madame, Sie wägen die Worte auf +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +der feinen Wage, weh! ich habe schon verlernt, die +Komplimente gut zu drechseln.“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Wir sind schon daran gewöhnt, die Menschen +nicht mehr ernst zu nehmen.“ Vor Wannsee ließ +der Pfad den See und kroch zum Bahnhof. Vom See +sprang ein kühler Wind und rüttelte die Bäume aus dem +Schlaf, weil der Mond schon aufgegangen war und neidisch +auf die elektrischen Lichter hernieder sah. +</p> + +<p> +„Kommt, Freunde,“ rief Armida, „ich sollt von mir auch +etwas haben.“ Sie riß beide an ihre Seite und hängte +sich ein. Sie hüpfte zwischen den beiden dunklen Gestalten +und wunderte sich über die Männer im allgemeinen +und über die ihren im besonderen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-37"> +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Niemand glaubt gern die Erlebnisse: +der andern, und es gibt +Erlebnisse, die man nicht für +einen anderen erleben möchte. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Jappes,“ sagte Armida, „ich brauche Calvandi allein. +Tu mir den Gefallen und fahre nach Saßnitz. Das Meer +wird dich entschädigen und du wirst deine Ueberflüssigkeit +vergessen. Arco Calvandi reizt mich, und du +weißt, was das bedeutet.“ +</p> + +<p> +In Stralsund wartete das Schiff, das den D-Zug auf seinem +starken Buckel nach dem Eiland hinüberbrachte. +Jappes saß in seinem Abteil mit der Gleichgültigkeit +eines Weggeschickten, der kein Ziel hat, auf alle Fälle +aber acht Tage auf irgendeine Weise totschlagen muß. +Der scharfe Wind, der von der See dem fahrenden +Schiff entgegenblies, riß den Zigarrenrauch jäh in den +feuchten Morgen. Schwarze Fischerbarken mit gelbgrauen +Segeln trieben auf den schlecht gekämmten +Wellen. Ein Eiland reihte sich ans andere und alle grüßten +mit ihren Laubwäldern herüber. +</p> + +<p> +Auf dem Wasser gibt es keine Jahreszeit. +</p> + +<p> +Kaputte Fische trieben mit der Strömung, die weiß-tote +Bauchfläche nach oben. Der Tod kehrt das Unterste +nach oben, das ist das Wesen des Todes. Jappes zielte +mit einer halben Zigarre nach einem toten Hering, und +die beiden Leichen schwammen friedlich nebeneinander. +Ein erloschener Hering und eine tote Zigarre tun +sich gegenseitig nichts. Er warf sich in die Polster, +brach Schokolade aus der Tasche in den Mund und +rauchte eine Zigarette dazu. Ihm gegenüber saß ein +Reisender. Sonst war niemand im Abteil. Eine graue +Handtasche nickte vom Netz herunter: Merkwürdig, +daß Menschen graue Handtaschen haben, dachte Jappes, +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +die Farbe der Scheinlosigkeit, der Unauffälligkeit, +die Farbe des Nichts, der unausstehlichen Ueberflüssigkeit, +des Elendes. Ich muß mir eine graue Handtasche +kaufen. Seine Züge sprangen vom Netz herunter +und wühlten sich in die Züge des Reisenden. Zuckerbäcker! +schoß es Jappes durch den Kopf. Schwammig-verwaschene +Züge wie Zuckerbäcker, Zuckerbäcker +sind nie Charaktere. +</p> + +<p> +War überhaupt ein Anhaltspunkt vorhanden vom Aeußeren +auf das Innere dieses Menschen zu schließen? +Die Konturen des Kopfes waren nicht scharf geprägt. +Graumeliertes Haar oder blond? Man konnte nicht genau +unterscheiden. War der Mann unrasiert oder überpudert? +Die Augen verrieten nichts und sandten nur +zufällige Blicke hinaus. Ein Mann, der zu allem unendlich +viel Zeit zu haben schien und dann noch warten +konnte, wenn diese schon abgelaufen war. Die staubigen +Stiefel, der verschlissene Mantel, die Hände ... +sollte er ein Philosoph sein? Auf keinen Fall paßt das +zum Fahrpreis, fiel es Jappes ein. Uuiih ... da ist etwas +nicht in Ordnung! Gibt es nicht in uns allen jene +odische Lohe, mit deren Hilfe wir den sympathischen +oder unsympathischen Nimbus unseres Gegenüber +durchforschen können? Gibt es nicht in uns allen jene +undefinierbare Kraft, die uns vor den Gedanken der +Umgebung warnt, in uns die widerstrebende Regung +wachruft, nichts von uns preiszugeben, ja! stehen wir +nicht unverrückbar fest unter dem dunkel-machtvollen +Gesetz der Dämonologie! Liegen die Geister, welche +von unserem Körper Besitz ergriffen haben, nicht beständig +auf der Lauer, sich gegen die Einwirkung von +außen zu schützen! Wir sterben nicht, die aktiven Geister +müssen den Totengeistern weichen, die ihren Raub +in der Erde bergen, wo er ihnen von den Lebensgeistern +wieder langsam Stück für Stück entführt wird, +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +um irgendwo in der Ferne die neue Wohnung alter +Geister zu sein. Weshalb hätten wir sonst den Traum +und die Sehnsucht nach der Ferne? +</p> + +<p> +Der Fremde saß unbeweglich, in sich abgeschlossen. +Kein Gedanke verriet sich nach außen. Sein huschender +Blick trug irgend etwas von Jappes in die Denkmaschinerie, +verarbeitete es zu einer Hypothese, ein Schluß +entstand und wieder eilte der Blick, eine neue Partikel +zu holen. Die Unbeweglichkeit des verschossen Gekleideten +in der Ecke störte Jappes, er fühlte, wie die +Blicke ihn umklammerten, wie die Augen an ihm leckten. +Es widerte ihn an, mit diesem abgefeimten Wesen +zusammenzusitzen. Ueber Altefähr hinaus rasselte +der Zug wieder auf den Rädern, und Jappes fühlte sich +unbehaglich in dieser zweideutigen Gegenseitigkeit, in +dieser rollenden Ruhe. Er fühlte, wie die Spannung sich +in ihm vorbereitete, wie das Mißtrauen wuchs, wie es +sich innerlich in ihm aufbäumte, sich diesem verrucht +Ruhigen und gleichgültig Beobachtenden zu entziehen. +</p> + +<p> +War es Furcht? ... War es die Wehrlosigkeit gegen +das Unbestimmte? ... Da erwachte der Teufel in ihm: +Der in der Ecke war ein Schurke! Huh! ... seine bohrenden +Blicke stachen in jede Pore ... berührten mit +frecher Gebärde sein Ich ... auflösend, zerstörend. +Nichts war diesem Blicke heilig ... er bohrte und berechnete +... Stellte das Verhältnis der gegenseitigen +Muskelkraft auf ... Maß die Schulterbreite ... studierte +die Bewegungen ... berechnete kühl, ob eine +Ueberrumpelung die Kräfte lähmen oder stärken würde +... hatte Zweifel, wie sie Mörder haben, ehe sie +fähig sind zum Mord. +</p> + +<p> +Jappes erbebte, als ihm die Gewißheit wurde, was in +dem Fremden vorging. Die Erregung schüttelte ihn +wie ein jäher Frost und mit der Rechten griff er in die +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +Tasche und umklammerte seine Pistole. Der Reisende +sagte mit ruhig-sicherer Stimme: „Sie frösteln, es ist +etwas kühl, vielleicht schließen wir das Fenster.“ Die +Worte kamen wie ein Verhängnis durch die schadhaften +Zähne. Jappes hörte eine mahnende Stimme: Gib +dir keine Schwäche, befolge seinen Willen nicht. Laß +ihn keine Kraft in dir festsetzen. Er hörte die Stimme +schwach, wußte nur, daß sie widerriet, fühlte, daß +es gut sein mußte, wie sie gebot. +</p> + +<p> +„Danke, nein,“ gab er zurück, „es ist nicht kalt.“ +</p> + +<p> +Der Fremde ließ nicht mehr locker, und Jappes war +es angenehm, durch die Rede Gewißheit über seine +Zweifel zu erhalten: +</p> + +<p> +„Der Zug hat Anschluß an den Dampfer nach Trelleborg?“ +fragte er Jappes. „Wann kommen Sie in Trelleborg +an?“ und sein Blick lauerte, die Wirkung zu haschen. +</p> + +<p> +„Ich fahre nicht nach Trelleborg,“ erwiderte Jappes, +„ich steige in Saßnitz Hauptbahnhof aus, der Zug fährt +bis zum Hafen weiter.“ +</p> + +<p> +„Sie kennen Saßnitz wohl gut, vielleicht können Sie +mir ein Hotel empfehlen.“ +</p> + +<p> +„Ich war nie dort, deshalb kann ich Ihnen gut alle +empfehlen, Hotels, die man einmal besucht hat, pflegt +man nicht gerne zu empfehlen.“ +</p> + +<p> +„Ach so, Sie kennen Rügen nicht.“ +</p> + +<p> +„Nein, nur einmal bin ich von Stralsund herübergekommen, +um am Strand zu bummeln.“ +</p> + +<p> +Jappes überdachte die Fragen, inquisitorisch waren sie +nicht, nicht einmal verfänglich, vielleicht nicht einmal +neugierig, vielleicht nur Gelegenheitsfragen? – +Der Schaffner kontrollierte die Fahrscheine. „Ich zahle +einen Zuschlag zweiter ab Stralsund,“ erklärte der +Fremde und überreichte sein Billett. +</p> + +<p> +„Der Fahrschein ist am Stettiner Bahnhof gelöst, Sie +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +müssen die Uebergangskarte von Berlin nach Saßnitz +nachlösen.“ +</p> + +<p> +Der Fremde zog eine Karte aus der Westentasche: +„Ich dachte anfangs nur bis Stralsund zu fahren und +habe den Zuschlag nur bis Stralsund bezahlt. Heute +habe ich mich entschlossen, weiterzufahren.“ +</p> + +<p> +Jappes horchte auf, klang das nicht verdächtig? Hatte +er den Mann nicht schon gesehen? Jappes war einen +Tag in Stralsund geblieben. Sonderbar? Der Kontrolleur +überreichte die Scheine: „So sind wir schon in +Ordnung.“ +</p> + +<p> +„Herr Schaffner,“ bat Jappes und bot ihm eine Zigarette +an, „ist der erste Tunnel vor Bergen oder nach +Bergen?“ +</p> + +<p> +„Es gibt keinen Tunnel auf dieser Strecke,“ dankte +der Schaffner für die Zigarette. „Dann ist mein Reiseführer +nicht genau,“ sagte Jappes. +</p> + +<p> +Es war kein Zweifel, der Fremde war ein Verbrecher +und es reizte Jappes, mit ihm zu spielen. Er empfand +die lebhaft brennende Gier, diesem Fremden seine +Ahnungslosigkeit zu zeigen, und er redete mit der +verschwenderischen Offenheit und mit der sprunghaften +Erzählerlust, wie sie Freunde befällt, die lange +nicht mehr zusammen waren und ihr Programm überhastend +entwickeln, um Fragen auszulösen, und alles +möglichst schnell anzudeuten suchen, um die Reichhaltigkeit +ihrer Erlebniskarte darzulegen. +</p> + +<p> +„Ich steige im Strandhotel ab,“ begann er, „es ist jedenfalls +das vornehmste in Saßnitz, vielleicht wohnen +wir zusammen? Vielleicht haben Sie auch keine Zeit, +keine Lust, na, jedenfalls können wir zusammen Mittagbrot +essen und eine Flasche leeren. Ich werde baden +und um zwei Uhr können wir uns treffen. Ich hole +noch ein paar postlagernde Telegramme; ich erwarte +auch einen Scheck von der Dresdener Bank. Nachmittags +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +können wir ja einen Spaziergang am Meere entlang +machen, vielleicht über den Hafen gegen Stubbenkammer, +wo das Meer braust und die Felsen öde +sind. Ich habe mich sehr aufs Meer gefreut. Das Meer +lockt mich immer mit starker Kraft. Die letzten Tage +haben mich niedergedrückt ... doch das ist eine subtile +Affäre, ich will Sie lieber damit verschonen.“ +</p> + +<p> +Der Fremde fühlte eine große Sicherheit und seine Gedanken +wimmelten um sein neues Ziel: – gegen Stubbenkammer, +wo das Meer braust und die Felsen öde +sind, wiederholte er für sich und laut: „Ja, gut, das +können wir tun, es wird mich freuen, den Spaziergang +mit Ihnen zu machen. Bis zwei Uhr habe ich noch geschäftlich +zu tun. Ich glaube, ich traf Sie einmal an +der Dresdener Bank, als Sie einen Scheck abhoben. Ich +glaube, hunderttausend Mark?“ +</p> + +<p> +„Ich erinnere mich nicht,“ sagte Jappes, „ich habe ein +schwaches Personengedächtnis, aber hundert Mille +habe ich einmal abgehoben.“ +</p> + +<p> +Der D-Zug hielt. Saßnitz Hauptbahnhof. Jappes stieg +aus und der Fremde fuhr bis zum Hafen. Vom Meer +blies ein scharfer Wind: „Das gibt Sturm,“ sagten +zwei Reisende und deuteten auf den westlichen Himmel. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Christus und der jüdische Schächer: +Als Tatsache unmöglich, +als Symbol unglaublich, als Märchen +wertvoll. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes hatte sich unter dem Namen Dr. Golliwog ins +Fremdenbuch eingetragen. Er ließ sich und seinen +grauen Gast in einem Separatzimmer bedienen: +„Wünscht Herr Doktor jetzt schon zu zahlen?“ dienerte +der Kellner, erstaunt, weil Jappes ihn um die +Rechnung bat. +</p> + +<p> +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +„Ja!“ scherzte Jappes, „ich liebe es nicht, mit einer +Schuld ans Meer zu gehen, man weiß nie, wo man bei +einer Seefahrt landet. Das Essen und den Wein zusammen, +bitte.“ Der Fremde und der Kellner lachten +zu dem Scherz. Jappes zog eine schwergefüllte Banknotentasche +hervor, blätterte durch die braunen und +blauen Scheine, warf die Tasche nachlässig zur Seite +und langte nach einem kleinen Maroquintäschchen, faltete +ein großes Trinkgeld für den Kellner zurecht, zahlte +die Zeche, brannte eine Zigarre an und ging mit dem +eilfertigen Fremden zum Strand. +</p> + +<p> +Wer ein Stück Wegs am Meer entlang auf Lohme zugeht, +merkt bald, wie der Weg zum Pfade wird und +zwischen den massigen Kieselklötzen eingeengt kaum +Platz für einen Strandläufer bietet. In fremder Begleitung +ist es gefährlich im Gänsemarsch zu gehen, dachte +Jappes und hüpfte nebenher von Stein zu Stein wie die +Springflut. „Oh, ich liebe es, über die Steine zu springen,“ +wehrte er der Einladung des Fremden, im Pfade +zu gehen, „das Meer, das Meer, es macht mich ganz +trunken, ganz toll. Drüben ist das Meer wilder, da lagern +wir uns in der windgeschützten Tannenpflanzung +hart am Wasser.“ +</p> + +<p> +Der Fremde trug seine graue Handtasche und schritt +vorsichtig an den ragenden Kieseln vorbei: „Sie sind +ein Schwärmer, mich hat das Meer auch immer begeistert.“ +Die ewigen Wellen schluckten über die Kiesel +und die Möwen zogen ihre schreienden Kreise tangierend +an die wogende Fläche. Vom Hertha-See herüber +ragt eine weiße Kreidenase ins Meer. Spült eine Welle +heran, dann zerschellt sie an der kahlen Wand, sonst +ist der Boden sandig und ein eilender Fuß kann bis zur +nächsten Welle jenseits des eckigen Felsens sein. +</p> + +<p> +„Sie warten die Welle ab und laufen hinüber,“ rief Jappes, +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +„ich komme noch rechtzeitig hin und ein kleines +Fußbad schadet nicht viel.“ +</p> + +<p> +Der Fremde lief mit steifer Bewegung und kam trocken +hinüber. Jappes plätscherte durchs Wasser der antreibenden +Welle und setzte sich auf einen abgerundeten +Felsblock, der auf dem Trockenen lag. +</p> + +<p> +„So stelle ich mir die Predigt am See Genezareth vor, +erhaben auf einem Stein und mit dem Wellengang um +die Wette brüllend. Setzen Sie sich einen Augenblick, +fremder Freund, die Sonne malt die Wasser gerade rot. +– Seltsam, heute früh haben wir nichts voneinander +gewußt und schon flanieren wir zusammen am Strand. +Wenn das Meer so rieselnd blutig ist, reizt es mich, +peitscht mein Blut, mich ins Wasser zu stürzen, einen +Menschen umzubringen und dazu zu brüllen, damit ich +sein heilig-letztes Röcheln nicht vernehme. Die Wassergeister +haben eine geheimnisvolle Kraft, die Undinen, +Elfen, Nixen – der Meermann, das ganze Heer der +Nebelmänner. Mich überläuft es kalt. Heiiih ... die +ewig schwebenden Wellen, der lockende Wassertanz, +das Spiel der tanzenden Geister.“ Er riß seine Pistole +aus der Tasche und feuerte sie ins Meer. Der Fremde +fuhr zusammen und kauerte auf einem Stein. Jappes +krallte seinen Blick in die irrenden Augen des Gegners: +„Meine Pistole trage ich immer bei mir. Meine siebenmal +treue Freundin – einmal in Westerland auf Sylt +– doch nein! weshalb die Stimmung verderben durch +eine Raubmordgeschichte, die ich dort mit einem Fremden +... Puh, heiih ... keine Grillen! unsere Opfer sind +uns alle sicher.“ Ein zweiter Schuß rollte übers Meer +und Jappes sprang vor den Fremden. +</p> + +<p> +„Ich bin ein Mörder!“ brüllte er im Sprung und zielte +mit der Pistole in das aschfahle Gesicht. „Wie du, bin ich +ein Mörder! Geh deinen Weg zurück. An mir kannst +du dein blutiges Handwerk nicht üben! Heb deine +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +Hände hoch, du verstehst die Parole ja: Hie Geld, hie +Blut! Beim Mord geht es von rot auf rot!“ – Zog +dem Fremden einen kleinen vernickelten Revolver aus +der Westentasche, öffnete dessen graue Reisetasche: +Ein Rock, Charpie und Watte, eine Mütze, ein Dietrich, +Seife, Taschentücher und ein massives Brecheisen. Der +Fremde starrte mit verlorenem Blick und eine wutverhaßte +Linie zog sich um seinen Mund. Jappes warf ein +paar Kiesel in die Tasche und schleuderte sie ins Meer. +Machte dem Fremden ein Zeichen, daß er vor ihm hergehe. +</p> + +<p> +Sie warteten zwei Stunden am Bahnhof und der Fremde +fuhr mit dem Nachtschnellzug nach Berlin. Jappes löste +ihm einen Fahrschein zweiter Klasse und reichte ihm +die Hand bei der Abfahrt: „Ich hoffe, Sie brauchen keinen +Zuschlag für die erste Klasse nachzulösen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-38"> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Sünde ist eine Erbschleicherin, +die auf den Tod der +Tugend lauert. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Meine ganze Mappe wird im Glaspalast ausgestellt,“ +rief Pepy freudestrahlend und hob ihre Hand graziös +an Professor Günthers Lippen. „Ich bin sehr glücklich +und ich danke Ihnen vielmals, mein Freund.“ +</p> + +<p> +„Schön, schön, für seine Freunde muß man immer etwas +Angenehmes tun können und es wird zur Pflicht, wenn +man ein Talent fördern kann. Wir gehen ins Atelier hinauf, +da können wir ungestörter plaudern. Gestört werden +wir sowieso nicht, meine Frau ist mit einer Freundin +ins Residenztheater.“ +</p> + +<p> +Sie stiegen die Treppe hinauf und die Läufer dämpften +ihre Schritte. Professor Günther ging hinter diesem +jugendbebenden Wesen. Sein Blick umfaßte die +vollen geschweiften Hüften des Mädchens, die prall-molligen +Waden, in gemusterten durchsichtigen Strümpfen +gerundet. Er umfing ihre Bewegung, trank den +Rhythmus, der von ihr ausströmte, berauschte sich an +seinem glühenden Verlangen. Sein wild pulsierendes +Blut trieb ihn, dieses rothaarige Kind zu berühren, +ihr in lodernder Brunst seine Sehnsucht zu klagen, in +ihrem weichen elastischen Busen zu wühlen, ihr heißes +Fleisch zu küssen, jede Fläche, einzeln, lange, lange ... +Er stolperte die Treppe hinauf, von der Begierde gepeitscht, +von der Unsicherheit gefesselt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wer könnte die geheimnisvolle Macht des Fleisches +bezweifeln! Sind die mystischen Verzückungen der +Heiligen etwas anderes als erotischer Taumel? Sind die +devoten Verzückungen der Klosterfrauen etwas anderes +als saugende Erschöpfung im Andenken an das liebeglühende +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +Herz des Erlösers? Ewige Gesetze des Blutes, +die uns die Sinne verwirren, die uns im Rausch der +kreisenden Säfte zum gesteigerten Leben führen. Göttlicher +Funke der Empfindung, der du das Leben zur +Wonne machst! Oh! die Wollust der schlingenden +Arme. Oh! die Nähe der rieselumrauschten Umarmung. +Oh! der Zauber der müden Gestalten. Taumel, +Wirbel, Glut und Beben und selig still Versinken in +sich selbst. +</p> + +<p> +Günther und Pepy sahen keine Staffelei, keine Bilder. +Ihre gegenseitigen Gedanken waren Wirklichkeit. Sie +gehörten sich, von Mund zu Mund, von Fleisch zu +Fleisch. Das Mädchen in erschrocken-erregter Erwartung +erzitterte, als Günther ihr das gekräuselte Gelock +löste, ihr glühendes Gesicht an seine pochende Schläfe +drückte, ihr Stirn und Auge streichelte und in langer +Umarmung ihre Lippen preßte. Sie begehrte diesen +Mann, wie er sie begehrte. Ihre köstlich-reifen Brüste +quollen aus dem gelösten Mieder, und Wonne durchschauerte +den willenlosen Körper, als er seine Lippen +zum Kuß hinunterneigte. Löste ihre leuchtende Unterkleidung +und ihr Fleisch quoll hervor, perlend, blendend +weich. Wundersam samtige Knie, die Fülle der +flaumigen Beine, die Wölbung des bebenden Leibes, +der dunkle Schatten der männlichen Sehnsucht. Günther +hüllte sie ein mit den Blicken. Umschmeichelte +streichelnd die lockenden Reize und seine Sinne stöhnten +von der Marter des flutenden Blutes. Biß seine +Zähne in das saftige Fleisch, das sich wehrlos dem +Drängen entgegenspreizte, zuckend in betäubender +Lohe. +</p> + +<p> +Worte sind schwache Trabanten, wissen nicht von den +Lüsten der Menschen zu sprechen. Und Taten sind +stumm ... +</p> + +<p> +Heilig ist die Lust, welche die Sinne berauscht, welche +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +die Begehrenssehnsucht nach dem Tempel der Freude +weckt. Mensch! entsprossen aus dem Mutterleib, ewig +zieht es dich zum Mutterschoß zurück. Der Traum +vom Kind, der Traum vom Weib wird nie so schön +geträumt als unbewußt. O heilig-weicher Schoß! du +birgst das Wunder einer Welt in Seligkeit aus nichts +erschaffen. Fluch dem Schöpfer, daß er die Begierde +nackter Zweisamkeit bei Tieren schuf! Ward der +Mensch erniedrigt? Ward das Tier erhoben? Das Leben +ist aus Lust geworden nach einem heiligen +Schmerz im Mutterleib. Liebend hegt die Frau die +Frucht, die ihr mit schmerzlich-banger Qual die Mutterschaft +zerriß. Geheimnisvoll Gefäß der schmerzlich-süßen +Lust! O Litanei der süßen Namen! Nicht +Fleisch ist Schöpfer – Heiliger Geist aus jenem Wunderland, +das die Erlösung in die Welt gesetzt. Marter +ist dein Traum von Lust und alle träumen wir die +martervolle Freude. Kelch der Gnade, du Labung des +begierdevollen Opfertums. O Mater lacrimosa, hast du +auf Golgatha das Wunder deiner Ueberschattung nicht +verzückt beweint, als mit dem Sohnesblut das Mutterwort +vom Kreuze tropfte? Weh deiner heiligen Ohnmacht, +daß du den Tabernakel glückverklärter Herrlichkeit +nicht künftiger Erlösung weihen durftest. Löwenmutter, +die nur einen Sohn der Wüste schenkte, +wende deine Huld den Armen zu, die deine Leiden +in der Mutterwürde büßen. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Kunst und Leben: Traum und Wirklichkeit; +Erwachen liegt dazwischen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy kannte kalte Marmormänner, die mit ihren toten +Reizen keine Sinne kitzeln. Gips und Stein! so war die +Kunst, kalt und tot. In dieser Nacht sprach der erste +warme Mann zu ihr, den sie wie einen Traum erlebte. +Fleisch und Blut! so ist das Leben warm und schaffend. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-39"> +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es gibt Menschen, bei denen der +Fortpflanzungstrieb stärker ist, +als der Selbsterhaltungstrieb. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Es reizt mich, dich zu heiraten mit allem Formelkram +und allem Jirimiri. Dein angetrautes Weib! Ein +Jahr vergeht im Flug, bis dahin bin ich dieses Abenteuers +überdrüssig. Die Welt dreht bunt zu unseren +Füßen, wir täten unrecht, uns nicht mitzudrehen. Wo +ist der Weg, den diese Welt durchmißt? Sie dreht und +dreht um Sonne, Mond und Sterne, und übers Jahr ist +sie am selben Fleck. Vergiß nicht, daß die Drehung +rasch ist und daß der Taumel uns die Richtungswerte +nimmt.“ +</p> + +<p> +So sprach Armida und Calvandi grinste: +</p> + +<p> +„Es wird ein seltenes Paar, und Seltenheit ist selten +auf dem Torkelglobus. Ich werde dir am Tage treu +und nachts dein Diener sein. Die Familie beruht auf +Beischlaf, und das Glück des Kindes hängt vom Vatersegen +ab. Mein Täubchen, komm, sei meine süße +Maus. Die Ehehälften müssen sich zu einem Ganzen +schlagen. Wir gehen los: zum Schöps, zum Paternoster, +kehren heim in unsere trauten Brautgemächer. +O holder Engel du! In meinen Tränendrüsen herrscht +die ewige Ebbe, heute wär ein Tag, dem Glücke von +der salzigen Flut zu spenden. Wie ist der Brauch allhier: +darf man die ungeweihte Braut mit einem Kuß +versehen?“ +</p> + +<p> +„Tu wie du willst und laß den Brauch für die Gebräuche.“ +</p> + +<p> +„Du honigsüße Lorelei. Laß mich den Inhalt deiner +Waben pressen und meine Muskelkraft mit dir in der +Umschlingung üben. Die Schnute fix! Wie feierlich +die Gegend schweigt – – – Deine Fresse ist recht +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +appetitlich, noch einen Kuß für deinen Lippenzwilling, +bei Ehr, das ist der beste Liebesschilling.“ +</p> + +<p> +„Laß mich schnaufen, Arco, du bist grob.“ +</p> + +<p> +„Ich bin nie grob, manchmal stürmisch galant. Die +Last der Ehe wird die Glut schon dämpfen. In Flittertagen +darf man nicht empfindlich sein. Bist du nicht +Mutter übers Jahr, dann sterben meine Vaterträume, +die in der heißen Brust gehegten. Wie schön, von einer +Frau geliebt zu sein! Arme Freundin, das kannst du +nie erleben und mußt mit eines Mannes Liebe fürliebnehmen. +Du hast mich doch lieb? Verzeih, wenn du +dein Denken durch die Ueberlegung schändest.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube ja und du?“ +</p> + +<p> +„Ich habe mich nicht lieb.“ +</p> + +<p> +„Und mich?“ +</p> + +<p> +„So lieb, wie wir uns beide gegenseitig lieben. Ich habe +Sehnsucht nach den Hügeln meiner Träume, nach dem +Tale meiner Sehnsucht. Treten wir ins Eden, ins Dorado, +dein Michael ist abgereist, der am Garten der +Armida Wache stand. Du bist die Schlange, ich der +Apfel und der Teufel wird beim Pflücken geigen.“ +</p> + +<p> +„Jappes ist am Meer mit seinem Flammenschwerte +und das Dorado steht dir offen. Vergiß nicht, daß der +Teufel Kolophonium zum Fiedeln braucht. Die Schlange +häutet sich noch nicht. Jappes-Michael muß sein Nein +zum Ja für dich verwandeln. Das Jawort ist die Klausel +der Geschlechter, und Michael ist eine Großmacht, +die mit zähem Wall mein Ich umschlossen hat.“ +</p> + +<p> +„Weh mir der Qual, den Terminus noch abzuwarten!“ +</p> + +<p> +„Denk, daß du ein Mann und ein Franzose bist und +einer Dame ritterlich entgegenstehst. Der Rittersinn +soll nicht allein im Rosse liegen. Ich denke, deine +Ahnen waren Ritter?“ +</p> + +<div class="epi"> +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +<p class="noindent"> +Perversität und Genie treiben +zum selben Ziel: dem Wahnsinn. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Von meinen Ahnen soll ich dir erzählen, dem Stammbaum +meiner Ritterschaft, mein Pedigree ... Vom: +Hausgeist derer, die sich meine Väter nannten, von der +Kette meiner Uren, die sich zum Gedeih des Stammes +der Calvandi zeugten. Frankreich steht und fällt mit +dem Geschlechte der Calvandi! Unsere ersten Streitrosse +standen unter Ludwig dem Frommen, le Débonnaire. +Nach dem Normannenzug ritten sie zum Grafen +Eudes, als bei Karl dem Kahlen keine Wolle mehr zu +scheren war. Der Stammbaum reitet durch die Wirren +treu an königlicher Tafel seinem Glanze nach. +Meine Ahnen waren kühne Zeitgenossen aller großen +Taten; mit den Königen standen sie auf du und du, +mit der Reihe derer, die man Ludwig nennt, auf geldvertrautem +Fuß. Meine Phantasie illuminiert mir die +Taten aller Louis, wenn ich an die Namen denke, die +von ihrem Wesen Kunde geben; Ludwig der Fromme, +der Dicke, der Junge, der Löwe, der Heilige, der Zänker, +der Elfte, der Vater des Volkes, der Unglücksziffrige, +der Sonnenkönig, der Namenlose, mit Maria +Leszczynska ins Ehebett getraut, der Sechzehnte, den +man vom Denken suspendierte. Die Philipp, Karl und +Heinrich, die in den Ludwigslücken glänzen, haben +meiner Ahnen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren und +sie für ihren Raub geadelt. +</p> + +<p> +Seit der große Korse die Ländertafel anders malte, leben +meine Väter vom Goldstaub der Jahrhunderte. +Mein Vater war korrekt und zäh in der Verfolgung +eines Zieles. Es soll kein Tadel sein: Drei Jahre ritt er +an der Bahn entlang mit einem Terzerol, den Führer +eines Zugs, der ihn zu spät aus der Provinz zu einer +Freundin in die Stadt gebracht, zur Rechenschaft zu +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +ziehen. Mit verhängtem Zügel hat er sein Roß am Zug +entlang gepeitscht ... Da dämmerte im dritten Jahr +in seinem geistverwirrten Sinn, daß er nicht wußte, +wie der Führer war. Die Jugendtage hat er in heilig-augustinischer +Versunkenheit verliebt, die Kirche wurde +sein Refugium. Zur Vesperzeit sah man ihn mit einer +Koppel Hunde und mit seinem Jagdgewehr im kühlen +Raum der Kirchenwölbung, mit unverwandtem +Blick die Frauen äugend ... Seltsam, keine lachte.“ +</p> + +<p> +„Die Ehrfurcht ist um die Ehre länger als die Furcht. +Dein Vater war ein Feuergeist. Sein Hitzkopf ist dein +Erbe. Ich liebe Männer, die sich Opfer bringen.“ +</p> + +<p> +„Ich nutze meine Zeit, eh auch der Wahnsinn mich +befällt. Der Geist, der die Calvandi lenkt, wird müde +nach dem ersten Drittel ihres Lebens. Kein Edelstein +ist erblich in der Familie, der den dunklen Geist des +Hauses bannt und seine Kraft für den Ruin des Trägers +ins Spiel der Zeiten wirft. So sterben wir durchs Blut, +das unserem Leben seinen Rhythmus leiht. Der letzte +unserer Art wird nie geboren werden. Der Wahnsinn +ist der starke Geist, das Absolutgesetz, das willenlos +den freien Willen zwingt. Die transzendente Kraft des +Wahnsinns schafft den Uebergeist. Und Priester dieses +Geistes sind wir alle vom Geschlechte der Calvandi!“ +</p> + +<p> +Armida nahm seinen Arm und sie verließen Calvandis +Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-40"> +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Der Tod ist eine Allegorie, die +aus einem praktischen Gebrauch +entstanden ist: Dem Sterben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Die Nacht ging Jappes am Hafen entlang. Aufgestapeltes +Kistenzeug für den Versand der Fische türmte +sich ins Dunkel. Lastkrane griffen in die Luft. Traniger +Petroleumgeruch schwängerte um die Kohlenschiffe, +die in den Docks lagen, wie schwarze Seeungeheuer. +Toter Fischgeruch kam mit dem scharfen Seewind. +Der Leuchtturm am Ende der ins Meer getriebenen +Mole zwinkerte sein abwechselnd erlöschendes und +aufflackerndes Licht herüber. Jappes wunderte sich, +daß der Hafen so regungslos lag, wie ausgestorben. +Keine Hafenschenke mit wettergebräunten Gesichtern, +keine Schnapsräusche und Schlägereien. Und die Stille +tat ihm weh im atmenden Rhythmus des flüsternden +Windes. Kam an den Eingang zur Mole; las eine Warnungstafel: +„Das Betreten des Molo bei Sturm oder +Nebel ist verboten!“ Das Wasser leckte an dem massiven +Gemäuer. Er kletterte vom Fahrdamm auf die +breite Brüstung, die ihren blankgespülten Streifen zum +Leuchtturm zog. Ein Passagierdampfer mit schiefen +Schornsteinen schlief friedlich in der Brut der schwarzen +Fischerbarken. Jappes sprang über das spitzstäbige +Geländer und stieg die Treppe hinauf, die zu den Lichtschlitzen +des Leuchtturmkopfes führte. +</p> + +<p> +Sein Leben setzte sich neben ihn und blätterte mit ihm +in der Erinnerung. Seine Art Leben war erschöpfend, +aber nicht befriedigend. Vielleicht kannte er die Ansprüche +nicht, die er an das Leben stellte, er wandte +nur Kräfte an, die dem Unterbewußtsein entsprangen, +und sein Ziel war der Zufall. Sein Ziel war allerorts. +Weshalb war er so geworden? Die Jahre reihten sich +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +aneinander, immer kleiner, entfernter, bis sie irgendwo +um die Ecke bogen, wo Leben und Unleben sich +scheiden. Zeiten, deren Substrat sein Leben war. +Kämpfe, Glauben, Schwankungen, Zuversicht. Er trieb +im Leben, getragen von der starr-unsichtbaren Gesetz- +und Zweckmäßigkeit des sittlichen Auftriebs. Er speicherte +seine Kräfte auf, immer bereit zur Entladung, +zum Schlag, zum jähen Panthersprung, federnd, instinktiv. +</p> + +<p> +Im Strome, der ihn trug, trieben Episoden, zerstückeltes +Leben, verronnene Träume. Er überholte die irrenden +Fetzen, und die Jahre woben daraus sein gobelinhaft-allegorisierendes +Reliefleben. Die Tage standen +da, starr wie Stangen; trugen Fahnen oder trugen +keine, trugen bunte wehende Wimpel oder graue +hängende Tücher. Manche Tage hatten auf Halbmast +geflaggt, die toten Tage der Sehnsucht. Er sah eine +ragende Flaggenstadt. Die grellen Farben töteten das +Grau und die Oriflammen, er sah seine bewegte Welt +der wogenden Fahnen. Wie oft war er die verschlungensten +und unsichersten Pfade gegangen, die Pfade, +die jeden Augenblick aufhören konnten, irgendwohin +weiterzuführen. Aber ihn hatten sie in die große Lichtung +geführt, wo die Tatsachen des Lebens in ihrer +Nichtigkeit zerstoben. +</p> + +<p> +Das Meer atmete seine stickigen Nebel in die Nacht +und die Stille kroch über das Wasser. Pepy trat in +seine Erinnerung. Das rothaarige, blutbebende Mädchen. +War sie die Braut des Engländers ...? Hatte sie +den Weg der Lust schon beschritten ...? War ihr junger +Leib in den Zuckungen des Taumels erbebt ...? +War sie noch Pepy oder hatte sie den Stempel der gierigen +Lust schon empfangen ...? Er litt seine Sehnsucht +nach ihr, er fühlte seine schmerzliche Liebe, litt +in seiner Seele beim Gedanken an das unberührte, hingebungsvolle +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Mädchen, das in den Jahren der unbewachten +Begierde ihr Leben entscheiden mußte. Er +riß sich los von den quälenden Gedanken und durch +den Nebelflor klang sein Gebet in die Nacht: Ruth, +mein Rudibub! +</p> + +<p> +Weshalb kam er nicht von Armida los, von diesen +schwebenden Wesen ohne Begierden und voller Lüste! +War es der Reiz des Zwittergeistes, der in ihr steckte? +War es die lockende Kraft ihres ernst-tändelnden Daseins? +Weshalb lockte ihn das Meer? Die Fragen verwirrten +ihn. Gab es überhaupt eine Antwort darauf? +Er folgte ihr, weil er wollte, weil er mußte. Er folgte +dem hüpfenden Irrwisch, dem tänzelnden Flämmchen. +Er folgte! – Calvandi erschien mit einem sarkastischen +Grinsen, mit seiner ermüdeten Geilheit in den +Augen. Jappes krampfte die Finger zusammen. Er +dachte an die foltereinsame Nacht im Park der Winterstein. +Weshalb ließ er sich von Armida befehlen, +weshalb war er vor Calvandi gewichen? Mit dem Finger +schrieb er die Antwort in die Nacht: Feigling! +Dachte an seinen Spaziergang mit dem Fremden am +Strand und an die graue Sorgentasche, die er ins Meer +geschleudert hatte. Wo war der Fremde? In Berlin. +Wo war Calvandi? Bei Armida. Wo war Armida? Bei +Calvandi. Eine heiße Blutwelle schoß ihm in die +Schläfe. Er war tolerant, duldete, daß seine Freundinnen +Freunde hatten, war liebenswürdig gleichgültig +gegen sie. Weshalb betrog er sich in seiner laxen +Liebe! weshalb duldete er alles mit erlebter Selbstverständlichkeit?! +War er ans Meer gegangen, um Armida +einen Gefallen zu tun? ... Nein! er war Calvandi +ausgewichen, und das Bewußtsein der duckenden Feigheit +folterte ihn. +</p> + +<p> +Jappes opferte zu vielen Göttern. +</p> + +<div class="epi"> +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +<p class="noindent"> +Der Mord geht durch die Nebel +und küßt seine Opfer. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Feucht von dem haftenden Nebel trat er in eine +Schenke. Dunkle Teerjacken hockten an den schmierigen +Tischen, stützten die Ellbogen auf und stierten +in die Fuselgläser. Schnapstrinker reden und lärmen +wenig. Sie rauchten aus braunen Erdkloben und hatten +die Mützen im Nacken. Ueber dem Schanktisch +nickte die verhutzelte Wirtin. Sie schien ihre beste +Kundin zu sein. Dann und wann kam sie mit trunkensicheren +Schritten und schenkte die Gläser voll bis +scharf an den Rand, ohne einen Tropfen zu vergießen. +Die Trinker stießen ihren Gruß vor sich hin, ohne nach +dem Eintretenden hinzublicken. Jappes setzte sich an +ihren Tisch und bestellte eine Runde, bestellte eine +Flasche, eine zweite. Bestellte Kautabak, schob einen +Priem in die Backe, gab die Spirale weiter. Die Fischer +bissen hinein und das Feuer in ihren scharfen +Augen hinter den schweren Wimpern begann zu glimmen, +wurde zur Lohe gesteigert. Es waren nicht mehr +die stummen Trinker, die in Gedanken um ihr geplagtes +Dasein den Schnaps hinuntergossen, als hätten sie +Bewußtsein vom Unrecht, das sie sich taten. Der Alkohol +war ihr Sorgenbrecher, der sie von der Erde loslöste, +sie aus der Fron der strengen Tage herausriß +in höhere Gefilde, wo sie wieder zu ihrer Natur kamen, +sich stark fühlten und frei, den Augenblick der Beseligung +genossen und keinem armseligen Erwachen +entgegendachten. Und sie tranken, tranken, weil ein +anderer zahlte und wurden froh dabei. +</p> + +<p> +Da saßen die massiven Gestalten und brachten Gesundheiten +aus, erzählten Jappes irgendwelche Begebenheiten, +die ihnen gerade einfielen; die Wirtin war +näher getreten, lehnte an der rauchbraunen Holzwand, +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +horchte auf die Erzählungen, mit denen sie seit Jahren +vertraut war, aber horchte, weil sie einem Fremden +erzählt wurden. Jedes Wort kam stoßweise wie eine +Bö, wie ein Ruderschlag, und die Erzählung schwamm +sicher weiter. +</p> + +<p> +Sie erzählten ihr Leben ohne Murren, ohne überhobene +Freude; erzählten von ihren Leistungen, jeder war ein +Held, ein Sieger in den Gefahren. Was hatten diese +Männer erlebt neben ihrer Arbeit! Seenot, gekenterte +Boote, tote Kameraden, zerrissene Netze. Das Meer +war ihnen Fluch und Segen. Die Türe flog auf. Ein +junger Fischer mit federnden Schritten trat ein, er roch +nach der frischen Nacht. Die Trinker blieben in atemspannender +Erwartung und sogen die Kühle, die von +der Tür kam. „Ein Glas!“ dröhnte der Fischer, riß ein +Gewehr von der Schulter und stampfte mit dem Kolben +auf den Tisch. Das Hutzelweib brachte ein Weinglas +Schnaps. Die Gläser klangen zusammen, der Fischer +musterte Jappes scharf und stieß sein Glas an +das seine: „Prost! Das fließt wie Oel und brennt wie +Feuer,“ rief er, und die Wirtin füllte sein Glas wieder +voll. +</p> + +<p> +„Heute können wir dir gleichtun,“ sagte ein Trinker +mit schwerem Baß zum jungen Fischer und, auf Jappes +deutend: „Der Fremde zahlt eine freie Nacht.“ +</p> + +<p> +„Ich zahle eine freie Kugel,“ gab der Junge zurück, +„es geschieht ein Unglück. Ihr wißt, daß gestern nacht +ein Boot mit einer Leiche ans Ufer getrieben wurde. +Ich kam vom Hafen herauf. Da stand das Boot auf dem +Sand mit der angefaulten Leiche.“ – Dann schleuderte +er sein gefülltes Glas in die Ecke und ergriff sein Gewehr: +„Jan Meeren fand ich bei meinem Weib,“ brüllte +er wutbebend, „hier ist sein Tod! Am Morgen bin ich +zu den Sakramenten gegangen und habe die Hostie aus +dem Munde genommen, ins Gewehr gesteckt und in +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +die Sonne geschossen. – So bin ich himmlischer Freischütz +geworden ...“ +</p> + +<p> +Dann hatte er die Tür aufgerissen und war in die +Nacht hinausgegangen. Niemand wagte über den Teufelsschützen +zu reden – sein Vorhaben war zu ungeheuerlich, +zu satanisch, zu gerecht. Ein alter Seebär +saß in der Ecke und weinte. Die Fischer sagten: er ist +schwermütig, und wenn er Schnaps trinkt, muß er +immer weinen. Als er jung war, gab es keinen fideleren +Burschen auf der ganzen Insel, und keinen verwegeneren. +Einer flüsterte Jappes ins Ohr: „Vielleicht +hat er einmal eine Hostie gestohlen!“ +</p> + +<p> +Ein Holländer, der mit zwei Pinken im Hafen lag, sang +mit breiter wässeriger Stimme: +</p> + +<p> +„Lust en rust mijn genoegen,“ kippte sein Glas leer, +sabbelte sein schnapsgeschwängertes „Aannemen“ +hervor, warf einen „blanken gouden Willem“ auf den +Tisch: „Ik heb geen kleingeld bij mij. Kun je mij wisselen?“ +Die Wirtin hob den Willemsd’or auf, als wolle +sie ihn auf seine Echtheit prüfen: „Ich kann nicht +wechseln,“ schnäpselte die Alte und ließ das Stück auf +den Tisch klinkern. „Ich zahle die ganze Zeche,“ rief +Jappes der Wirtin zu, „lassen Sie dem Mann das Geld +und bringen Sie uns noch eine Flasche.“ +</p> + +<p> +„Ik dank U, mijn-heer,“ empfahl sich der Holländer, +„hier verkoopt men sterke dranken,“ und er beschrieb +einen unsicheren Bogen nach der Tür. Die Nacht ging +zur Neige und die Schenke war voll Qualm und Fuselduft. +Die Trinker sägten im Schlaf, daß die Stube zitterte. +Jappes zahlte die freie Nacht und zahlte eine +zweite. Draußen dachte er an den Freischützen, der +einen Gottesraub begangen hatte, um die Schmach zu +rächen, die ein anderer ihm angetan hatte durch Benutzung +seines Weibes. +</p> + +<p> +Der Morgenwind spielte im Sandrohr. War es nicht +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +wie eine Toteninsel? Was sollte die seltsame Leiche +bedeuten? Ein Unglück? Eine Rache? Und er dachte +an den Freischütz, dachte an Arco Calvandi. +</p> + +<p> +Auf der Post gab er ein Telegramm auf: Tante Ida +empfangen Sie mich um Schillers willen, Jappes. +</p> + +<p> +Draußen brannte die Sonne in Gluten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-41"> +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +VIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Rezensenten sind Organe, +und der gute Ton gebietet, daß +man gewisse Organe nur mit dem +Anfangsbuchstaben andeutet. +Hier ist er zufällig A. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +In Tempelhof war Abendunterhaltung. Bewegliche +Damen in hauchiger Toilette, Blumen, Gekicher, Sorbet, +Wein, Liköre und Protz. Die Zimmer reich ausgestattet, +halb modern, halb orientalischer Stil. Teppiche, +Kissen und kostbares Pelzwerk. Ambraduft im +molligen Retirado der Damen. Auch die Galane hatten +Zutritt, wenn sie nicht rauchten. +</p> + +<p> +Am Abend wurde wenig geraucht. +</p> + +<p> +Geladene Gäste und Freunde des Hauses. Der dicke +Winterstein, die Ursache des Reichtums, seine panachierte +Gattin, Henny, die Tochter, die knospende +Fülle der bräutlichen Flavia. Jappes, der Bummler, +der Musiker Friedrich Wilhelm Berendtsen, Doktor +Nepomuk Keupe, der Bräutigam der holdumstrickten +Flavia und andere verschwindend kleine Größen zweiter +und dritter Ordnung. Bediente hasteten wie Ordonanzen +im Hauptquartier. +</p> + +<p> +Doktor Nepomuk Keupe schrieb die Waschzettel bei +Scherl für Nikolausbücher. Er war durch Ullstein +gegangen. Er hatte viel Gutes getan und manch +armes Geschreibsel mit den wärmenden Worten +bezahlter Anerkennung bekleidet. Aber in den Büchern +war noch allzuviel armselige Nacktheit unbekleidet +geblieben. Er führte die Unterhaltung bei den +Damen, sprach ihnen über die polizeiliche Notwendigkeit +der Kritik: „Die Kritiker sind die Regulatoren der +Moral, die Gegengifte der Schamlosigkeit und der Frivolität. +Gegen angemessene Bezahlung wissen sie die +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +Frivolität in Unflätigkeit umzumodeln, die Schamlosigkeit +in Würdelosigkeit. Die Kritiker sanieren die +ethische Begriffsverwirrung des Volkes, sie stellen die +geistige Hausapotheke mit den genießbaren Mixtürchen +zusammen, versenden die anregenden Baldriantropfen +gegen die Ohnmacht lasziver Versumpfung, +machen das Publikum gefeit gegen das große Gift sittlicher +Perversität, durch Verabreichung des schleichenden +Giftes in erprobter Dosis. Deshalb schufen die +Verleger die verantwortungsvollen Posten der Rezensenten, +welche der Nacktheit wenigstens eine +Schwimmhose überziehen. +</p> + +<p> +Der Kampf gegen die Unmoral ist auf der ganzen Linie +entbrannt, wenn die Kritiker auch das letzte Mittel +noch nicht gefunden haben, die Nacktheit wirksam zu +bekämpfen. Der Kampf gegen die Bekämpfer der Konvention +ist eingeleitet. Die Kritik ist sich ihrer kulturellen +Verpflichtung bewußt, sie tritt ein für eine höhere +Geistigkeit, auf ihrem Banner weht das Motto des gesteigerten +Ethos. Gebrandmarkt! die an der bestehenden +Ordnung rütteln, gebrandmarkt! welche die Anarchie +der Empfindung predigen, gebrandmarkt! die mit +den heiligsten Gefühlen spielen, die mit unersättlicher +Ironie und gleißendem Witz das Intimste persifflieren, +die Heines der modernsten Salons, die ihre Federn +an den obszönsten Mätzchen wetzen. Dreimal Pfui! den +schamlosen Vaterlandsverrätern, welche, in fremdem +Sold, das Teuerste ihres Volkes, wie eine Kurtisane auf +der Straße ihre Reize, feilbieten. Pfui und Elend dem +eklen Geschmeiß, das wie Heine die edelsten Triebe in +der Pfütze der Zote schleift. Pfui! Pfui! Pfui!“ +</p> + +<p> +Die Damen horchten der sittlichen Entrüstung, die +sich wie ein Donnerwetter aus der schwül-gespannten +Atmosphäre des Doktors entlud. Die Dramatik der polternden +Verdammungsrede hatte die Damen eingeschüchtert. +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Doktor Nepomuk Keupe stand wie der wetternde +Moses, der in seinem heiligen Zorn die Gesetzestafeln +vor den umtanzten goldenen Kalbsfüßen zerschellte. +Jappes hörte mit lächelnder Aufmerksamkeit +zu, wie der zähe Jude Heine heruntergerissen wurde, +wie der Doktor sich ins weiche Pyjama moralisierender +Stoffe drapierte, um seine abscheuliche Nacktheit zu bedecken. +Er trat näher zu dem witzigen Köter, der mit +sittlichem Gebelle in der Nacht seiner Verworrenheit +den guten Mond Heine ankläffte. Horchte den holprigen +Dithyramben, die er auf das Lob des Judenfressers und +Ueberjuden Bartels sang, weil er Heinrich Heine den +letzten Tritt versetzt und ihn mit kluger Umständlichkeit +hinter die spanische Wand gebettet habe. Lauschte +den literarischen Mätzchen des kritischen Urteilsbeamten, +der die Schablone zum Symbol erhob, der an literarhistorischen +Expektorationen litt, welcher zufälliges +Genie vom armseligen Postament bürgerlicher Unzulänglichkeit +beurteilte. +</p> + +<p> +Jappes trat zu der Gruppe: „Sie gestatten,“ er stellte +sich vor: „Jappes Paul.“ +</p> + +<p> +„Doktor Nepomuk Keupe.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie so viele Jahre Universität hinter sich hätten +wie ich, wären Sie nicht mehr so klug,“ wandte sich +Jappes an Doktor Keupe. „Sie haben das Lob der Kritik +gesungen. Entschuldigen Sie, wenn ich mich eines +Lächelns nicht erwehren konnte. Das klang alles zu +hanebüchen, zu geschraubt. Ueberall gibt es Pharisäer +und Schriftgelehrte, die den Heiland der Wahrheit kreuzigen. +Glauben Sie nicht, daß Heine nach dem ewigen +Gesetz der Kausalität geworden ist, nach dem unwandelbaren +Prinzip der Genialität? Sie sprechen ihm Würde +ab. Konnte er als Notleidender würdevoll sein? War +es nicht sein gutes Recht, die Talmiwerte der Kultur +zu verstoßen? aber in den Goldkammern hat er nicht +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +geplündert, wie die zivile Clique der gedungenen Häscher +der Gesellschaft. Die stinkige Jauche, die aus den +verschrobenen Gehirnwindungen des Literarhistorikers +Bartels floß, hat die Asche Heines nicht besudelt. +Er hat Heine den Eselstritt gegeben. Heine hat den +Tritt erhalten und uns Sterblichen blieb der Esel zurück. +</p> + +<p> +Es gibt nur eines zu beweisen: Daß Heine Deutscher +war. Hat jemand Schöneres und Tieferes aus der sehnsuchtkranken +tiefen deutschen Seele geholt als der +Dichter der trauerliebenden Lieder? Weshalb wollt ihr +kriechenden Verleumder beweisen, daß Heine schlecht +war! Zweifelt ihr nicht selbst an der Wahrhaftigkeit +des Urteils? Wie könntet ihr sonst beweisen wollen! +Weshalb sucht ihr die Läuse des großen Meisters zu +fangen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, eine +solche Laus ist erhabener als ihr, denn sie hat vom +lebendigen Safte des Dichters gesogen, derweil ihr euch +am Aas genugtun müßt, Leichentöter, Leichenschänder! +Heine war sittlicher denn ihr. Seine Selbstanalyse, +seine Selbstironie war seine Beichte und seine Buße. +Seinen Leichnam habt ihr für Gold verkauft. Schacher +habt <em>ihr</em> getrieben mit den Gefühlen eures Volkes. +</p> + +<p> +Treitschke verurteilt Heine, weil dem Dichter der historische +Sinn abgeht. Sollen wir Treitschke verurteilen, +weil ihm der lyrische Sinn fehlt? +</p> + +<p> +Heine war das unendlich gute Enfant terrible der Literatur, +die grollend-fluchende Güte. Es ist keine Vermessenheit, +Heine mit dem alttestamentlichen Gotte zu vergleichen, +mit dem ewig fluchenden, verwünschenden, +zermalmenden Urwesen, das die Erde trotzdem nicht +auf die rotierenden Gestirne prallen läßt, selbst wenn +die Zornesader auf der göttlichen Stirne zum Platzen +schwillt. Hättet ihr Heine verstanden, ihr steifen +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Zwerchfellträger, wie unendlich feiner könntet ihr eure +Tartüfferie zum Dogma absoluter Glaubwürdigkeit ausgeben. +Weshalb rührt ihr beständig in der Odelgrube, +wenn der Gestank euch so verhaßt ist?“ +</p> + +<p> +Jappes stieß einen Luchspelz mit dem Fuß: „Man sollte +sich schämen, im Kragen über solche Dinge zu reden. +Die Sorte Leute kommt mir wunderlich vor. Wie ein +Mensch, der ein Schloß sieht und nur über dessen +W.C.s redet, die sicherlich sehr nützliche Institute sind +und in besonderen Nöten alle Achtung verdienen. Lesen +Sie Heines Lieder und die Wunder seiner Prosa und +lesen Sie ein paar Seiten gehässiger Polemik im Stile +Bartels ... Na! dann haben Sie das Schloß und die +W.C. Die Leute haben recht, so zu urteilen, aber sie +sollten ihren Unrat in aller Stille umrühren, wenn der +ahnungslose Bürger friedlich schlummert!“ +</p> + +<p> +Herr Doktor Nepomuk Keupe reichte Jappes die Hand: +„Sie ereifern sich, mein Herr, die Auffassung Barthels’ +ist durchaus nicht meine Meinung. Sie haben recht, die +unsaubersten Handwerke verhelfen am schnellsten zur +Pinke. Das Pamphlet Bartels ist eine Verquickung von +Augendienerei und Patriotismus in verschrumpelter +Form. Bartels beißt den Heinekenner heraus, er ist nur +eine notwendige Verwesungserscheinung des lyrischen +Leichnams.“ +</p> + +<p> +Die Damen atmeten auf, als das Gespräch die abschüssige +Kurve gefährlicher Reibereien passiert hatte und +in der flachen Bahn des gegenseitigen Ausgleichs weiterrollte. +Jappes verglich die Kritiker mit Spinnen, die +ihre Netze ausspannen und auf ein neues Werk lauern, +um es auszusaugen, wenn es klein genug ist, um die Maschen +nicht zu zerreißen. Er bewunderte die Unermüdlichkeit +der literarhistorischen Spinnen, die mit seltsamer +Ausdauer ihre Netze immer wieder neu weben, +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +wenn ein zu großes Tier achtlos durch ihre Netze +jagte. +</p> + +<p> +„Ihre Vergleiche sind entzückend,“ sagte die besorgte +Flavia, „sie sind von seltener Treffsicherheit. Sie können +so weitermachen, Herr Jappes,“ fügte sie in freundschaftlichem +Tone hinzu. +</p> + +<p> +„Meine Gnädigste,“ wandte sich Jappes an Flavia, „die +besten Vergleiche sind die, welche man nicht macht. +Würden die Dummköpfe das Gegenteil von dem sagen, +was sie denken, sie würden die Welt in Staunen setzen.“ +Ein Ventilator zischte am Fenster: „So wird man +immer ausgepumpt von den vielen unsichtbaren Ventilatoren +der Umgebung,“ fuhr er fort, „puh, ich hasse +diese Saugmaschinen, solange sie kein absolutes Vakuum +erzeugen. Mich reizt es, eine Zigarette zu rauchen, +wenn die Damen gestatten.“ Er empfahl sich und +ging ins Rauchzimmer. Doktor Nepomuk Keupe folgte +in kurzem Abstand und nahm in einem für die größten +Dimensionen berechneten Klubsessel Platz. Sie sprachen +über Romane, über neue Schöpfungen, über neue +Richtungen. Kramten ihre Weisheit aus über Sturm und +Drang, über die ewigstarre Klassik, gedachten der Romantik +im sehnsuchtkranken Hölderlin, hechelten das +junge Deutschland und die klassizistischen Epigonen. +Trafen auf den Naturalismus voll strotzender Berühmtheiten, +wagten sich an den Expressionismus mit seinem +ewig-ineinanderfließenden und ewig-voneinanderstrebenden +Naturalismus und individuellen Mystizismus: der +Schleier der Maja, jeder sah die Welt, die er sich brennend +in der Seele schuf. +</p> + +<p> +Was ist die Kunst anders als das Evangelium für die +Evolution des Geistes! Sollen wir die Prediger verdammen, +welche die grellen Widersprüche zwischen Lehrern +und Schülern predigen, zwischen Vätern und Söhnen, +zwischen lebender Kultur und toter Tradition? Die +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +Jugend hat recht in ihrer Kraft, im Schatten des Alten +darf sie nicht zum Krüppelwesen werden. Weshalb will +man den wenigen Olympiern das Monopol des Geistes +zuschreiben? Haben nicht auch die Kleinen das Unrecht +ihrer Umgebung gesehen, erlebt, erlitten? Es ist nicht +genug, daß Christus mit göttlichem Pathos die Bergpredigt +in die Welt verkündet hat, seine Diener wiederholen +und variieren die Gedanken des göttlichen Redners, +werden nicht müde, sie dem Volke in allen Tonarten +mundgerecht zu machen mit der Kraft der wiederholten +Behauptung. Ihr nüchternen Skribenten des grünen +Tisches! Ihr habt nicht das Recht, den Kleinen den +Mund zu wehren – denn ihr gehört selbst dazu. Die +Kleinen, die Auflehnung predigen, die Gleichheit fordern, +die nach Freiheit lechzen, nach der Freiheit der +Entwickelung, die den Kampf des Ichs predigen, die +Selbstbehauptung, die Selbstwerdung. Nicht alle sind +Künstler des Wortes, nicht alle geben sich die Mühe, +die Gedanken im Rhythmus der fließenden Sätze zu prägen. +</p> + +<p> +Weshalb wollt ihr euch müde klauben, ihr Lohnarbeiter +der gewerblichen Feder, um herauszuschnüffeln, zu welcher +Kategorie ein Schriftsteller gehört. Alle passen in +euer Prokrustesbett, denn die Gedanken sind dehnbar +und mit euren sophistischen Messern wißt ihr die gangbarsten +Ideen zu amputieren. Ihr findet leicht einen +Leisten, die Haut, welche der Schriftsteller zu Markte +trägt, darüber zu schlagen. Ihr findet expressionistische +Bauern, klassische Säuglinge und dadaistische Esel. Suchet +und ihr werdet finden. +</p> + +<p> +Die Damen fanden die beiden Herren in erregtem Gespräch, +gestikulierend, erhitzt, in gesteigerter Unterhaltung. +Doktor Nepomuk Keupe hatte gerade eine Parallele +zwischen Mark Twain und Sophokles beendet. In +beiden liegt dasselbe, man muß ihre Worte nur umkehren, +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +aber nicht zu gleicher Zeit. Jappes verglich das +Feuer d’Annunzios mit dem Feuer von Henri Barbusse +und punktierte die Pointe, die Damen zu schonen. Der +wahre Doktor Keupe und der falsche Doktor Jappes +saßen auf den braunledernen Klubsesseln wie auf +Schlachtrossen und mit kritisch geschlossenem Visier +brachen sie die literarischen Lanzen. Die Achtung gegen +die Damen schrieb ihnen ein anderes Thema vor: +Ueber religiöse Mystik und mystische Religion. Was +das wohl mit Weibern zu tun hat? Sie verglichen Wassermanns +Christian Wahnschaffe, den werdenden Franziskus +mit Dostojewskis Aljoscha, der mystischen Blüte +des russischen Startzentums im epileptisch-sittlichen +Verbrecherreich der Karamasoff. +</p> + +<p> +Den Damen wurde die Zeit zu lang (dem Leser wohl +auch!) und ihre Mündchen strafften sich faul zum Gähnen. +Fräulein Flavia unterbrach die gelehrte Oede: +</p> + +<p class="ibr"> +„Redet mal etwas Vernünftiges, ihr Kampfhähne, ihr +macht einen Sums, als ob ihr euch gegenseitig verschlingen +wolltet. Es kann euch ja gleich sein, was Homer +über Bismarck gedacht hätte. Redet meinetwegen über +die Unsterblichkeit der Maikäfer oder über die antediluvialen +Memoiren eines Mammuts an seine Geliebte.“ +</p> + +<p> +Jappes dachte an Ida Telluren. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-42"> +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Gesetze der fallenden Wasser +schließen die Wirbel nicht aus. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Professor Günther erwartete Pepy mit unruhiger Begierde. +Ging im Atelier hin und wider, dachte an den +weichen Fluß ihrer Glieder, an ihre quellende Ueppigkeit, +fühlte die wohlige Nähe ihrer sprießenden Jugendlichkeit. +Strich sich mit sieghafter Gebärde über die +Glatze: Ja, sie war sein geworden. Sie hatte ihn begehrt, +ihn, den alten Knaben, sie, die wogende Jugend. Sie +würde noch oft kommen, immer, ihr blutiges Erstlingsopfer +unblutig erneuern. Er wühlte sich in die Vergangenheit. +Mit wollüstiger Inbrunst dachte er an die +Freundin, die ihn in Jugend hatte aufleben lassen. +</p> + +<p> +Ein hastiger Klingelzug riß ihn aus seiner Träumerei. +Pepy stand an der Tür, reichte Professor Günther die +Hand und trat zaghaft ein. Sie fühlte sich unfrei in diesem +Tempel ihrer Schuld. Was lockte sie in dieses +Haus, wo sie das Opfer ihrer Nacktheit gebracht hatte? +Wie unruhig war sie seit jenem ersten Abend gewesen. +Wie konnte die Besorgnis sie foltern, die Sorge um ein +Kind? Hatte sie den Verführer nicht in der leidenschaftlichen +Hingabe begehrt! Hatte sie die Sünde +nicht aufgesucht! War sie nicht selbst verantwortlich +für den Verlust ihrer Unschuld! Wie ungeheuer erhob +sich die Anklage: Dirne, in den Armen eines verheirateten +Mannes! Buhlerin um die eitle Gunst deines geschmeichelten +Ehrgeizes! Was für ein Opfer hast du +gebracht, um vom betäubenden Weihrauch des Ruhmes +zu riechen! O Schmach deines Leibes! O Fluch deinem +Verhängnis. Umsonst die Tränen, welche die Gewalten +des Blutes bändigen sollten. Die erschlaffende Leere +nach jener Nacht, die verlorene Mädchenehre und als +Entgelt die düstere Schmach der verhängnisvollsten +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Verworfenheit. Nein! es konnte nicht sein, alles war +Einbildung. Ein Kind von Professor Günther, unmöglich! +nie würde sie wieder zu ihm gehen, nie, nie wieder. +Pepy wagte nicht aufzuschauen. „Gehen wir spazieren,“ +bat sie, „den ganzen Tag habe ich gearbeitet +und möchte ein wenig ins Freie.“ +</p> + +<p> +Günther überlegte eine Weile: „Gut, gehen wir in den +Englischen Garten, hinaus nach der Isar.“ +</p> + +<p> +Am Brunnhaus saßen sie am künstlichen Wasserfall. +Das Rauschen umspülte die Ohren. Das seltsame Rauschen +der fallenden Wasser. Weiden standen, nickend +übers Wasser gebeugt, und der Wind raunte in den +schattigen Bäumen. Günther nahm Pepys Hand. So +saßen sie umkost von den rauschenden Wassern. +</p> + +<p> +„Wir taten unrecht,“ flüsterte sie. Er blieb stumm und +drückte einen Kuß auf ihre Hand. War das eine Antwort? +eine Entschuldigung? eine Anklage? oder war es +ein Ausweichen? Das zischende Quirlen der schäumenden +Wasser riß die Antworten im Wirbel mit. Pepys +Hand lag schlaff in der seinen, so zag, so weich, so +versonnen. Günther steckte diese Ermattung an. Er kapitulierte +vor der geschlechtlichen Geschlossenheit des +Mädchens, dessen Sinne sich gegen den Mann wandten, +dessen Gefühl aber noch auf seiner Seite war. Erhabenes +Wunder der Mädchenliebe! Das Opfer der Nacktheit +bleibt immer rein vom Makel des Hasses. Die Liebe +verklärt jene erste Stunde zum Bild, zum gesteigerten +Erlebnis. Geheimnisvolle Macht der Hingebung, der +ersten Offenbarung, der hoffenden Erfüllung! +</p> + +<p> +Die Kontraste türmten sich in Pepy. Hier Liebe, dort +Schmach. Hier Leben, dort Schande! +</p> + +<p> +Jeder würde um ihre Tat wissen, ihr Kind würde unehelich +sein. Sie dachte an Jappes: „Die in der Gemeinschaft +der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich!“ +Taten nicht tausend dasselbe in der Ehe im liziten Verhältnis +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +der gemeinsamen Zeugung! Die Gesellschaft +würde sie verurteilen, wie sie jede Ausnahme verurteilt, +die kurzsichtige Gesellschaft mit der Massenmoral, mit +ihren Massenbegierden. Ihr Leben flackerte auf in greller +Einsamkeit – ihre Mutter! – Was war ihr jene unglückselige +Stunde gewesen, der sie mit verhaltener +Empörung fluchte? Ein schauervoller Schmerz, ein +schmerzlicher Schauer. Das Warten auf die Entscheidung +würde nur graue neblige Qual sein, manchmal +durchzuckt vom grellen Schein der Lust, der ersten gesteigerten +Lust. Und die Geburt würde Qual sein, eine +markzerreißende, erschütternde Qual. Drunten quirlten +die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten +ein Leben und zwei. +</p> + +<p> +Günther hielt die tote Hand, verlor den Kontakt mit +den Instinkten des Mädchens, brütete starr vor sich hin, +ohnmächtig im Kampf gegen die Natur der Dinge. +„Wir taten unrecht?“ ... dazu die grollenden Durakkorde +der fallenden Wasser. Die Oede berührte ihn +mit den saugenden Händen der Leere. Die Ueberlegung +lähmte seine Empfindung. Fort von der narrenden +Fratze der Sorge! Er dachte an ein Gespräch mit Pepy: +„Die Tochter des Malers Geraldo ist verdammt, den +Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld kann man +nicht reden und Sühne kann niemand verlangen. Das +Rätsel der Vererbung der sittlichen Schuld ...“ Wer +war dieses Mädchen, das seine Gier des Geschlechtes +wieder aufgeweckt hatte? War sie vielleicht eine Uneheliche +wie Geraldos Tochter? War sie in ihm zum +Verhängnis gereift? Er durfte keine Schuld an Pepy +haben, er, der starke Mann der Seelenleben. Könnte er +nicht eine Unschuld schaffen, wie er die Schuld erschuf? +Konnte er Pepy nicht verleugnen? Sie erneut in seinen +Bann zwingen? „Nur sittliche Kräfte können der sittlichen +Schuld begegnen ... Die sittlichste Rechtfertigung +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +ist, die Schuld durch Ueberredung des Geistes zu +tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit.“ Wie +bequem, von der Wirklichkeit zu abstrahieren. Ein leichtes, +wenn Jappes nicht wäre, der Hitzkopf, der brutale +Draufgänger. +</p> + +<p> +„Haben Sie Nachrichten von Ihrem Freunde Jappes?“ +fragte er forschend. +</p> + +<p> +Pepy erbebte. Großer Gott! Jappes? Sie dachte an Golliwog +und die glückdurchbebten Tage in seiner vulkanischen +Nähe: „Er ist in Stuttgart. Es geht ihm gut, ich +habe viele Briefe erhalten aus Berlin, vom Meer. Jappes +ist der beste.“ +</p> + +<p> +„Wann fahren Sie in die Ferien zu Ihren Eltern?“ +</p> + +<p> +Ein jäher Aufschrei der marterdurchzuckten Seele, ein +schriller Schrei durch die Nacht: „Geraldo!“ Pepy lag +erschlafft an Günthers Arm gelehnt, kein Laut, kein +Schluchzen, kein Atemzug. In Günther tanzten die Gespenster +den verwirrenden Reigen und drunten quirlten +die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten +ein Leben und zwei – – – und lockten ein drittes. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-43"> +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Der Zufall ist eine männliche +Dirne, man kann mit ihm machen, +was man will, und er ist für +jedermann da. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Tante Telluren holte Jappes am Bahnhof ab. Sie hatte +aufregende Nachrichten erhalten. Jappes’ unverhofftes +Telegramm, eine Verlobungsanzeige. +</p> + +<p> +„Armida – Arco Calvandi grüßen als Verlobte.“ +</p> + +<p> +Wo blieb Jappes, ihr Traum, der Freund Armidas? Nun +war er gekommen. Sie stand vor ihm mit feuchter Wimper +und wußte sein fröhliches Lachen nicht zu deuten. +Sie dachte, er würde ankommen, geknickt, voll Liebesharm, +bleich, unglücklich. Und nun sprang er lustig aus +dem Wagen, warf ihr einen Blumenstrauß in den Arm, +küßte sie auf die weiche Tantenhand, hastig, übermütig, +sprudelnd, berauschte sich voller Entsetzen an seinen +Worten – ja! sagte er nicht: „Tantchen, ich bringe +gute Nachricht, Ihre ausgezeichnete Nichte ist verlobt, +mit einem schönen, reichen, jungen Mann, mit einem +witzigen Kavalier, jeder Zoll ein Gentleman.“ Alles +ging so schnell. Er riß sein Portefeuille hervor und +reichte ihr eine Photographie: Arco Calvandi, sprühend-listige +Augen, schlanker, voller Wuchs, schmatzende +Lippen, korrekte Gebärde und Drill in der Haltung. +</p> + +<p> +Die Menschen wogten vorüber, pustend, keuchend mit +schwerem Gepäck, Tränen und Lachen. Ida Telluren +stand wie ein Pfeiler in der brandenden Flut des hastenden +Gewoges: „Arco Calvandi!“ aber auch gar keine +Aehnlichkeit mit Friedrich Schiller, keine Locken, keine +klassische Nase, kein Typ, kein Charakter. Da brach +Jappes das Schweigen, die bohrende Ueberlegung. +</p> + +<p> +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +„Wie freue ich mich, daß ich Sie sehe, Tante Telluren!“ +</p> + +<p> +„Und ich! ... und ich!“ +</p> + +<p> +Er nahm ihren Arm und erzählte ihr vieles, was er von +Calvandi nicht wußte, erzählte ihr die prickelnden +Schauer der Saßnitzer Stunden. Brachte Grüße von +Freunden, von entfernten Verwandten, einen Gruß von +Armida und Arco Calvandi. Die Verlobten kämen in +nächster Bälde nach Stuttgart, die Tante zu sehen. Ida +Telluren erbebte; aus Freude, aus Sehnsucht, aus Vorwitz, +wer weiß! Sie sprachen von den Plänen der Zeit, +die in die Zukunft ging, sprachen vom Wetter, von den +tückischen Launen der jagenden Winde, schwärmten +von Helios, der drüben am westlichen Himmel die Rosse +ins Feuermeer lenkte, sprachen und schwärmten und +füllten die Pausen mit privaten Gedanken. +</p> + +<p> +„Du mußt an dein Examen denken,“ begann Ida zu +trösten, „dann wirst du die trüben Gedanken verscheuchen, +welche dich seit Armidas Verlust umschwirren. +Arbeit ist ...“ +</p> + +<p> +„Gut, wenn sie gemacht ist,“ fiel ihr Jappes ins Wort, +„und ich habe keine trüben Gedanken. Uebrigens, wenn +das Herz der Sitz der Liebe ist, müßtest du mir Ruhe +verschreiben, weil Ruhe für kranke Herzen der einzige +Balsam ist. Aber wie soll ich Ruhe finden?! Doch nein, +Tantchen, behandeln wir mein Herz nicht, es ist noch +nicht krank. Eine Freundin, welche heiratet, ist kein +Verlust. Ein bißchen Vakanz schadet dem fleißigsten +Herzen nicht. Die Leidenschaft hat ihre Gesetze und +Rechte. Ich habe Zeit und bringe den Bruch meines Lebens +auf einen Generalnenner: die Liebe, das Verhängnis, +die Schuld, man kann das Leben durch alle teilen. +Ich habe einen Weg und kein Ziel und die Zukunft ist +eine weiße Steppe. Tante, in Saßnitz hat ein Fischer +den Buhlen mit einer Freikugel zu töten geschworen, +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +hat ein heilig-hohes Verbrechen begangen, die Hostie +gestohlen in frommer Brunst und die Liebe in Rache +gewandelt. Die seltsame Kraft des heiligen Blutes im +gläubigen Herzen! Tut der Fischer unrecht im Herzen? +Der Kirche hat er den Treueid geleistet, als sie +ihm die Frau antraute. Nun hält er den göttlichen Eid +mit einem teuflischen Schauer. Es ist kein Widerspruch +in dem widerspruchsvollen Geschehen. Er sühnt die +Schuld und verpfändet die Ehre auf Leben und Tod. +Ich sah ihn vom heiligen Schauer getragen, als er seine +Ehre zu rächen gelobte. Es gibt Verbrechen, die erhabener +sind als die edelste Tugend.“ +</p> + +<p> +Sie traten in die Wohnung von Ida Telluren. Die Zofe +brachte labende Atzung und eine feurige Flasche +Lacrimae Christi. In Idas Zügen wechselten Lichter +und Schatten in rascher Folge. Die Gestalten drängten +sich und die Fülle der schnellen Gedanken. Der Fischer ... +Armida ... Verbrechen ... Rache und Schwur +... Jappes ... Calvandi ... Sühne und Schuld und die +geschändete Ehre des Mannes ... Kein Bissen berührte +ihre Zunge. Tante Telluren dachte an den rächenden +Fischer, dachte an die Freikugel und ihre blutige Bestimmung. +Weshalb hatte Jappes sein Erlebnis erzählt? +War sein Fall nicht ebenderselbe? +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Ein Träumer kann nichts Geistreiches +über den Traum sagen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Es traf sich, daß Jappes am Empfangstage der Tante +nach Stuttgart kam. Ida Telluren gab einen kurzen Tee +und Jappes ging auf sein Zimmer, müde von der Reise +und müde, fremde Gesichter zu sehen. Er stöberte in +seinen Büchern und Zeitschriften, die Tante Telluren +wie Kleinodien verwahrte. Fand einen Artikel von Doktor +Seraph, der in einer dunkel-gelehrten Dissertation +die Geburtenhinterziehung abhandelte. +</p> + +<p> +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +Der Doktor verfocht die juristischen Thesen über das +keimende Leben, betonte das verbrecherische Vorgehen +der Aerzte, die ihre operative Praxis in den Dienst der +Vernichtung der Leibesfrucht stellten. Bekämpfte die +Ansicht, man könne vor der Geburt kein Leben vernichten, +verwies auf die Mittel, die Empfängnis zu verhindern, +warnte vor den Gefahren, welche die Mütter bedrohten, +redete in menschlich-klinischer Sprache und +abstrahierte von jeglicher moralischer Abschreckung. +Vertrat die Ansicht, selbst wenn ein Kind nur statistisches +Material sei, dürfe sein Leben nicht gefährdet +werden, sei das Mädchen durch die uneheliche Geburt +der Schande preisgegeben, an sich aber ein wertvoller +Mensch, so müsse man im Prinzip die Hilfe verweigern, +weil der Wert ein relativer Begriff sei und den Prinzipien +absolute Gültigkeit zugesprochen werden müsse. +</p> + +<p> +Er schloß seinen Artikel mit einem Aufruf an die +Aerzte: Brüder in Aeskulap! Seien wir unserer hohen +Verantwortung eingedenk. Die geringe Widerstandskraft +des kranken menschlichen Körpers und +die mißlungenen Operationen haben eine große Bresche +in das Vertrauen zu uns gelegt. Verhindern wir, daß +man uns wegen einer ehrlosen Praxis gegen das keimende +Leben den Vorwurf freiwilliger Tötung entgegenhalte. +Statt durch die Häufigkeit unserer Hilfe „in +derartigen Fällen“ zahllose Mitwisser unserer verbrecherischen +Schuld zu schaffen, statt Hehler und Mördernaturen +zu fördern, treten wir geschlossen auf gegen +das Vertrauen der schöpferischen Lust, das man +uns entgegenbringt ... und, fuhr er fort, ist es nicht +vernünftiger, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit +der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen +Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische +Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben! +Weshalb hat die Kirche die Barriere des Ehekontraktes +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +zwischen Mann und Frau aufgestellt! Hat die dogmatische +Tugend die Triebe besiegt? Nein! Weshalb gibt +sie der Natur die Freiheit der Leiber nicht zurück? +Weiß sie die Zwangslage der gegenseitigen Hingabe +nicht zu lösen, weshalb schafft sie die Gewissenskonflikte +und zwingt zu äußerer Ehrlichkeit auf dem Weg +des Verbrechens. Was ist unsere Moral anders als die +Umgehung der Natur der Dinge, nur Schein und Trug, +ein Phosphoreszieren der faulenden Tugend! +</p> + +<p> +Jappes las nicht zu Ende. Er hatte die Abhandlung gelesen, +weil sie von Doktor Seraph war. Ein Gedanke +hatte sich nicht losgeschält aus dem starren Satzgefüge. +Er gab sich keine Mühe, über seine eigene Stellungnahme +zu Seraphs Problem nachzudenken. Er las nur +zerrissene Sätze, sah Stichwörter, verlor den Zusammenhang. +Was sollte das theoretisierende Geschreibsel +bedeuten? Was sollte ein Artikel ändern können? +</p> + +<p> +Jappes war müde. Er setzte sich ins Sofa, blies Zigarette +um Zigarette in den Raum, und die Stille tat ihm +wohl und die bläuliche Wolke, die im Zimmer schwebte. +Wie die Wolke wuchs, kamen seine Gedanken und unterhielten +sich mit ihm. Sollte er Ida Telluren nicht +heiraten? Es wäre ein lustiger Witz. Er würde die +Tante glücklich machen und aus ihrem Glücke Zufriedenheit +schöpfen. Die Idee war so kühn, daß er nicht +lachte und noch eine Weile damit spielen wollte. Er +würde sein Leben ändern, ihm eine andere Plattform +schaffen, von wo aus er es beobachten könnte. Er würde +nicht mehr der Insurgent Jappes sein, weit entfernt! +Ein neues Operationsfeld, ganz andere Kräfte würden +sich in ihm entwickeln. Er würde ein Mann, ein Gatte +sein! ... Wer weiß, was noch! +</p> + +<p> +Er trat ans Fenster, dann durchmaß er das Zimmer mit +hastigen Schritten. Bekannte Gestalten erschienen: Calvandi +voran, Herr Arco Calvandi am Arm einer Fischersfrau, +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +die gleißenden Wogen, die brausenden Fluten, +der Fremde am Strand und die graue Tasche, ein +trockener Knall, ein Fischer, das Gewehr in der Faust, +sprang in ein Boot und Armida rang die Hände am +Ufer. Pepy trat herzu, legte ihren Arm um die weinende +Armida und küßte ihr die Augen trocken, mit +weichen glühenden Lippen. Wirbelnd kam der Sturm +über die grollenden Wasser getanzt ... dann war plötzlich +alles licht und heiter. Jappes griff sich an die Stirne: +Leben, Leben, blutigrotes, ich tanze mit den wirbelnden +Fetzen! +</p> + +<p> +Die Türe ging lautlos auf und Ida Telluren erschien, im +Blick eine hastige Frage: „Jappes, du darfst nicht allein +bleiben. Gott! und der Rauch, du rauchst ja wie +ein Aragonier. Du bist so erregt, du darfst dich nicht +überreizen. Schone dich, Freund, die Nerven, die Nerven.“ +</p> + +<p> +Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und in seiner Pupille +stand ein glühender Funken. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-44"> +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Mystik ist eine geschlechtliche +Depravation, man findet sie +nur bei Enthaltsamen oder bei +Ausschweifenden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes wohnte bei Ida Telluren. Sie waren sich gegenseitig +ihr Fall. Er brauchte Ruhe und sie brauchte Leben. +Sie wandelten die Nacht in Tag. Seine Worte flossen +in Ida Telluren wie ein Bächlein in den Sand floß. +Sie absorbierte seine hastige Rede und die drängenden +Ideen. Die Nacht verging im Flug in der Glut der glühenden +Lichter. Ida Telluren lauschte dem gesteigerten +Leben, lauschte den fließenden Worten des Freundes. +Hörte die seltsamen Kämpfe, die Folge der unglaublichen +Widersprüche, horchte, horchte und horchte – +ihre Seele trank von dem eilenden Rhythmus, trank sich +trunken an der lohenden Eile, an der eilenden Hast. +Trank den Becher zur Neige, den die schäumende Gegenwart +reichte. Wie die Wolken des Alltags zerstoben! +Wo blieben die lästigen Sorgen der irdischen Zeiten. +Alles war Leben und nichts war Leben. Gesteigerte +Kräfte, die sich zur Höhe türmten. Oh! Ihr Freund +war groß. Sie sah sein Leben im Flug entgleiten, wie +ein Spiel sah sie sein Leben entschweben. Sie dachte: +Jappes ist groß und lauschte den Worten, die wie glühende +Tropfen durch die Stille der Nacht gingen: +</p> + +<p> +Leben! du Traum der unerlaubten Begierde. Gnade der +Zeit! Sehnsucht der Nächte in Stille gehüllt. Lauernde +Gluten zur Trauer geworden. Bewegung, die sich lärmend +am Gestade der Nacht gebrochen. Weltflüchtige +Begierde im Kreisel erschöpft. Leben in tanzenden Fetzen, +Leben in wirbelnder Glut! Leben zum Wahnsinn +gepeitscht, Leben, Leben, Leben, dreimal heilig-rotes +Leben! Lüge der Zeiten, die Blößen zu hüllen. Schauer +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +der Nacktheit in der Kühle der wallenden Nebel ... +Ein Leuchtturm am Strand, umbraust von den wiegenden +Fluten; ein Boot, von der Kraft der Ruder getrieben, +zum Ziel, zum Turm, zur ewigen Leuchte. Der +Leuchtturm wich in die Ferne, die Sehnen erschlafften, +und ein Sturm trieb das schwanke Fahrzeug über Wirbel +und Schlünde, dem Hafen entgegen, wo die Winde +schliefen, dem Strande entgegen, wo die Wasser leckten, +die Schiffe zerschellten ... Welt der pochenden +Aengste, ewigwiederkehrende Fluten der Zeiten. Träume +der dämmernden Nächte, Nichtigkeit der fiebernden +Stunden. Hysterisches Bewußtsein der Größe der Welt, +Rätsel des Kosmos durch ewige Bahnen gelenkt, rotierender +Wahnsinn der schöpferischen Allmacht, Genie, +in welchem Gott und Welt zum ewigen Zwecke verschmolzen, +Geister erlöst von der Schwere des Leibes, +Odem von Gott in den Dreck geblasen, zum Menschen +erniedrigter göttlicher Hauch, Liebe des brünstigen +Fleisches zur Hymne gewandelt, Halleluja der singenden +Engel im ewigen Taumel der heischenden Freude +erbebend. Selige Schauer! Gieren nach Lust der dienenden +Triebe. Vorstellung und Welt, die eine der Pol, die +andere die unendlich ferne Polare. +</p> + +<p> +Mit der Nacht wuchs die Ferne, die Stille, und der Ernst +trug die leichten Gedanken zu Grabe. Ida Telluren hörte +das Geheimnis, das von den Lippen des Freundes +floß, als draußen die Sterne in Gluten erbebten. Hörte, +wie Jappes geworden im Spiel der Kräfte, im blinden +Vertrauen der kühnen Gewalten. Staunte, daß er die +Tage in Keuschheit verlebte, daß seltsam-tierische +Kräfte die zwingenden Kreise um sein irrendes Leben +zogen. Hörte die strenge Askese, die er in schwüler +Umgebung übte, wie entsagende Abtötung ihm Spiel +und ohne sittliche Größe ward, ein aktives Leben im +Banne zynischen Widerstrebens, ein rätseltrunkener +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +Geist, der dem Leben die Lösungen nahm und tändelnd +die eilenden Tage verfolgte. War sein Leben nicht +fremd? nur das Erbe vergangener Geschlechter: Liebe +und Haß und Freude und Trauer, die ewig starren Attribute +jahrtausendalter Seelen, die irgendwo im +Leben standen, liebten, haßten, frohlockend, in Trauer +sterbend, – das schwanke Erbe ausgelebter Tage. Das +Bewußtsein war sein eigen, das Wissen um das Sein +der angeerbten Dinge, das Bewußtsein, daß sein Ich +der Träger altererbter Güter sei. +</p> + +<p> +Jappes beichtete der Tante den Inhalt der entschwundenen +Tage, alles war Umriß und Skizze, ein Nippen +von allem in zäher Begierde, ein zerstörendes Genießen, +ein Hungern der Seele in der genußvollen Fülle. Ihm +fehlte die Kraft zur Lust und der Wille zur Freude, er +war ein entsagender Dränger, ohne Hoffnung, im Leben +etwas für sich zu gewinnen, kein Christ, kein Held +und kein Sektierer moralischer Dogmen, er war, wie er +war, bei allem dabei, wie ein starres Idol ohne fühlende +Seele, ein Lachen zur Trauer, zur Freude ein skeptisches +Grinsen. Ihm war nichts genug für seine weite +Begierde. Weshalb ging er den Weg durchs Leben? +Weshalb trat er die Erde geformt aus der Asche der +Ahnen? Weshalb trank er den Hauch der atmenden +Menschen? Weshalb bot die Erde dem einen so viel und +weshalb war sie ihm so verschlossen? Sein Leben war +reich an Erfahrung, an Befriedigung arm. Er war zu +allen bereit, zäh auf der Suche, die Werte der Jahre zu +finden. Auf seinem Weg lag die Zwittergestalt des Lebens, +der Zwitter befriedigter Gier und enttäuschter +Wünsche. +</p> + +<p> +Jappes war die Straße gegangen, ohne daß sich der +Zwitter regte. Ueberblickte er die wachsenden Jahre, so +sah er die indifferenten Blüten der Lebensflora am Wege +stehen: befriedigte Enttäuschung und enttäuschte +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +Befriedigung, Blumen, die man nicht liebt und nicht +bricht, Blumen, die nicht stören und weiterblühen; man +möchte sie eben so lassen, weil es Blumen des Lebens +sind. +</p> + +<p> +Das Gleichgewicht ist die lähmende Kraft, die das aktive +Leben zur Ruhe dämpft, zur nagend-kriechenden +Ruhe. +</p> + +<p> +Ida Telluren verstand den ganzen Sinn seiner Worte +nicht. Auch die Worte waren nur Skizzen und drängende +Hast. Jappes sprach, wie Menschen reden, wenn +sie von intim-inneren Sachen erzählen, ein karges Wort, +ein bedeutungsvolles Zeichen – – – +</p> + +<p> +Sie fühlte sein Wesen in mimosenhaft-mütterlicher +Ahnung. Was war ihr der Mann, der sein Leben erzählte? +War er ihr Freund und noch mehr? War er ihr +mehr als ihr Kind, das ein Objekt ihrer Träume geblieben? +Seine Seele war Sehnsucht, wie ihre Seele, ein +Bächlein zur großen fließenden Sehnsucht. Und Ida Telluren +fand manchmal den Weg der träumenden Stunden, +die wie schwebende Lichter die Jugend erhellten. +Das schüchterne Sehnen des knospenden Mädchens, in +Purpur erglüht, sich mit dem Ewiggeliebten des Geschlechtes +zu einen. Sie fühlte die Trauer vom ewigen +Scheiden der schwebenden Sehnsucht im Raume der +Liebe. Sie erbebte vor der fahlen Oede ihrer abgeschlossenen +Tage, die sie seit jener Zeit verlebt, als ihr Geliebter +den schattigen Pfad der sterbenden Seelen betrat. +Wie unendlich reicher wäre ihr Leben gewesen – +sie fühlte, wie ihre Gedanken dem Abgrund nahten – +die Frucht ihres Lebens war in der Blüte geblieben, sie +ahnte, wie unendlich arm ihre lebhafte Seele dem +Sturze entgegenging. Sie fühlte die schmerzliche +Wonne ersterbender Liebe, die noch einmal im Fieber +verklärter Bewußtheit erzittert. Wie kam ihr die Kraft, +die schmerzliche Liebe zu tragen, die ersehnte Verheißung +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +zu missen, der Lust zu entsagen, die zuweilen +die Seele durchwühlte? Sie stand am Friedhof ihrer +kalten Tage und ließ die lebendige Seele vom Hauche +der Sehnsucht umwehen. Oh! schauertiefes Leiden der +Frau. Oh! trauerlebendiges Herz. Du kannst den +Schmerz nicht fassen, der in ewig-wiederkehrendem +Rhythmus dein Blut durchkreist. Einsam stehst du in +der Nacht der fernen Geräusche und harrst der Stunde, +wo dir Erlösung wird. Du zählst nicht die Zeit, hast +kein Maß für die einsam-tiefen Stunden, du harrst in +der Nacht, bis die Sehnsucht stirbt im sengenden Odem +des Geistes, der von Mitternacht über die Gräber weht. +Frau! dein Kanon ist Liebe, dein Priester der Traum +und du bist das Opfer der ewig-blutigen Rätsel. +</p> + +<p> +Die Stille lag zwischen Jappes und Ida Telluren, +lähmte die Zunge der keimenden Worte. Ihre Seelen +lagen im Zwiegespräch und vermählten einander die +wachsenden Gefühle der Einsamkeit. Draußen streute +die Nacht die Ruhe und von ferne kam der junge Tag +mit blutiger Lanze, die Träume zu scheuchen. Ihre +Seelen griffen ineinander und ließen die Liebe werden, +die Liebe der verbotenen Geschlechter. Tante Telluren +erstickte ihre Trauer in einem Kuß auf Jappes’ Stirn. +Er erhob sich mit elastischem Sprung und küßte der +Tante die perlende Wimper. +</p> + +<p> +„Tante, ich bin ein Flegel mit sanften Pfoten.“ +</p> + +<p> +Sprach’s und ging auf sein Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-45"> +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Tiefe einer Frauenseele liegt +in ihrer leidenschaftlichen Aufopferung, +die Zähigkeit liegt in +der Verteidigung ihrer Ehre. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy ging über die Straße, ging durch die Anlagen, +unruhig, unsicher, verwirrt. Die Ferne zog sie an mit +unendlicher Sehnsucht. – Am Horizont ihrer lichten +Tage ballten sich die Rätsel der dunklen Gewalten, die +Macht über sie gewonnen hatten. Da standen die +Bäume in strotzendem Laub und träumten der Höhe +entgegen, die Blüten, die unter den saugenden Küssen +der Bienen erstarben, da standen die Gräser im Spiele +der Winde. Was ist eine Blüte, ein Baum, ein Gras im +spielenden Wind? Was ist die Sonne im kreisenden +All, die unendliche Glut der schöpfenden Zeiten? So +ging ihr Traum in die Ferne, die Antwort zu suchen, +das Glück und die Ruhe zu finden. +</p> + +<p> +Welche Macht hat dem Menschen doppeltes Sehnen +in die Brust gelegt: die Sehnsucht nach der Lust +und die Sehnsucht nach dem Paradies? Die beiden +Sehnsüchte töten den Menschen, weil sie Kräfte sind, +die unabhängig voneinander wirken und deren Kraftrichtungen +in den Tod gehen. Der jahrtausendalte Mythos +von Kalvaria ist eine Wiederbelebung des Sehnens +nach dem verlorenen Paradies. Christus hat die Menschheit +nicht am Kreuze erlöst, er hat ihre Sehnsucht neu +belebt, die Sehnsucht nach den Bildern unserer erträumten +Verheißung. Die blutige Theatralik auf Golgatha! +Gott als das absolut inaktive Wesen am Querholz +haftend, appelliert an sein höheres Ich, an seine +potenzierte Väterlichkeit, jammernd, klagend, verzweifelt: +Eli, Eli, lama asabthani! Verzweiflung, welche +die Lust besiegte, dem Leib entsagte, durch den Tod +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +die Freiheit schuf, den Traum der Sehnsucht nach dem +Paradies erfüllte. Ein Gott, der durch Verzweiflung an +sich selbst die Welt erlösen wollte?! ... ein neuer +Traum! +</p> + +<p> +Am Himmel zogen die Vögel ihre Kreise, flogen nieder +in langen, gleitenden Spiralen. Die Stadt lag hinter +Pepy, die Anlagen des Englischen Gartens breiteten +ihre Wiesenflächen aus, breiteten sie hin ins fließend-goldige +Sonnenlicht. Der Kleinhesseloher See mit seinen +schattigen Inseln lag in der Fläche wie ein dämmernder +Traum. Am Ufer spiegelten sich zitternde +Türme und wehende Bäume. Ein Schwan trieb durch +den spiegelnden Abend. Eine geräuschvolle Reihe quakender +Enten schwamm aus dem Riedgras und ihre +Bewegungen zeichneten große Wasserkeile, in deren +Spitzen je eine Ente schwamm. Pepy setzte sich auf +eine Bank, zitternd, zagend, erbebend. Weshalb war sie +gerade nach dem See gegangen? Es war nicht die lockende +Kraft des Wassers, die sie anzog. Irgendeine +Sehnsucht trieb sie hinaus, irgendeine lauernde Unruhe +scheuchte ihr Wesen, gebot ihr, ins Freie zu gehen, ins +Unbegrenzte, gebot ihr, die Seele von der Lüge der Umgebung +zu lösen. Das Mädchen empfand die brutale +Kraft, die sie jagte, als eine schmerzliche Erniedrigung, +sie fühlte, daß sie nichts gegen die Ohnmacht vermochte. +Sie fühlte, daß ihre Ohnmacht eine Kraft war, +die sich in ihr nach innen betätigte – die ermattende +Kraft der überflüssigen Einsamkeit! +</p> + +<p> +Pepy entfaltete einen Brief, den ihr Jappes von Stuttgart +geschrieben. Sie las die hastige Schrift und die +Fülle der sanften Gedanken. +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +Rudibub, mein lieber! +</p> + +<p> +In Stuttgart sitz ich am Nesenbach und wohne bei Ida +Telluren. Du weißt, sie ist von der Gattung der Tanten. +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +Tanten sind von Gott geschaffene Apparate, den +Ruhm der Dichter zu fördern. Ich habe meinen Beruf +doch gänzlich verfehlt, sonst könnte ich unmöglich die +Kollegien alle schwänzen. Wäre meine Schrift besser, +ich wollte Aktuarius werden und die Wonnen des Alters +erwarten: Pension und Rheuma. Oh! süßer Klang +der süßen Namen. Mein Fenster geht auf die Straße, +ich höre, wie drunten einer das Lob der Stockfische +preist: Die beste Qualität zu den niedrigsten Preisen. +Für einen Stockfisch muß es doch ehrenvoll sein, öffentlich +angepriesen zu werden. Anzeige und Reklame +sind die unglücklichsten Sündenböcke und der literarische +Geschäftsgenius der Händler bürdet ihnen die +gröbsten Schnitzer auf. Gestern – ach, es ist schon so +lange her – habe ich einen Ausflug mit der Tante gemacht, +du wirst leicht erraten, wohin. Wir sahen eine +Anzeige in einem feinen Lokal: +</p> + +<p> +Landwein aus hiesiger Gegend, direkt vom Besitzer auf +Flaschen gezogen! +</p> + +<p> +Verzeih mir, Pepy, wenn es mich an die Urinflaschen +meiner Patienten (!) erinnert. Es ist jedenfalls ein seltenes +Phänomen, ein Mann-faß zu finden, aus welchem +man Wein auf Flaschen ziehen kann. Aber der Wein +war sehr gut und hat mich zu einem großen Konsum +veranlaßt. Die Tante hat mein Wesen beruhigt. Als ich +ankam, war ich in Aengsten und Sturm und mein Geist +war in steter Revolte. Ueberall, wo ich hinkomme, ist +der Reiz für das Leben verschwunden, der Schmelz ist +verwischt und ich finde immer die fertige Frucht, ohne +den lockenden Hauch der Reife. Ich finde Häuser und +keine verschlossenen Türen, die Pforten sind klaffend, +und ich sehe die Wirklichkeit durch die Spalten grinsen. +Ich habe zu viel gesehen, um zufrieden zu sein. +Vielleicht ist es die Frau, die uns jagt und die wir jagen, +und welche das weibliche Rätsel in tausend Formen +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +variiert, um sich und uns die Sinne im Banne zu +halten. Mein Leben hat keine Zukunft, weil ich keine +Rätsel sehe. Hinter alle Türen habe ich geschaut, hinter +alle Kulissen und Fenster. Mein Blick ist von allem +leer geblieben. Darum weiß ich immer, was ist. Es gibt +kein Rätsel außer uns. Wir sind unser eigenes Verhängnis +– +</p> + +<p> +Mein Rudibub, ich freue mich, Dich wiederzusehen. Es +wird eine Wendung in meinem Leben werden. Ich lasse +die grauen Reflexionen, um Deine Stimmung nicht auch +noch zu unterminieren. +</p> + +<p> +Manchmal muß ich den Flegel wecken, damit er die +bösen Geister vertreibe. Er peitscht sie immer alle hinaus. +Und das ist mein Trost, denn Flegel sind stark und +die seichten Geister der nagenden Qual sind feige. Ja! +feige Qual der schleichenden Sorgen – wo Kraft ist, +ist Glück! und Pepy, – wir wollen in Zukunft einander +vertrauen. Wir wissen um die Kniffe des Lebens, wir +kennen die Zicken und Schrullen der Tage. Mein Rudibub, +Du siehst, ich schreibe mich immer ledig vom +Krame der Sorgen. Bald sehe ich am Leben die mürbende +Qual, bald sehe ich die lachende Fratze. Januskopf +der bittersüßen Zwittergestalten, wo sind die +Pole des Leids und der Freude, die eure unendlich fernen +Blicke erwarten? Wir wandern die Bahnen, die zu +den Polen führen und wir bleiben alle am Wege liegen, +die einen näher, die anderen ferner. Ich halte Einkehr +in mich und bin auf dem Weg, ein Franziskus zu werden. +Die Gloriole der Heiligen wird langsam gewoben. +Wir sind allzumal Sünder, doch ist die Gnade der Vergebung +unendlich. Wem Gott die Gnade der Sünde gab, +dem wird er die Gabe der Tränen nicht wehren. +</p> + +<p> +Pepy, wenn ich nach München fahre, müssen wir ernste +Gedanken tauschen. Du siehst, ich habe meine Seele +ein bißchen abgestaubt. Ich bin dem Einfluß Armidas +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +entgangen, wenn ich mit mir auch noch nicht ganz im +reinen bin. Sie will eine Probeehe eingehen. Armida +ist stärker als ich, und es ist mein erstes ungelöstes +Rätsel, weil ich nicht weiß, wie ich zu diesem Weibe +kam – und mein zweites: wie ich wieder von ihm kam. +Kurz, ich bin fort und erwarte den Tag, an welchem ich +Dich wiedersehe. Vielleicht hast Du auch ein Rätsel für +mich, denn Du schreibst mir ja von sonderbaren Dingen, +die in Dir vorgehen. +</p> + +<p> +Rudibub, es freut mich, Deine tüchtigen Arbeiten im +Glaspalast zu sehen. Du kannst Dir Glück wünschen, +daß Du Professor Günther auf Deiner Seite hast. Entschuldige, +wenn mein Brief zu tantenhaft klingt, ich erzähle +Dir, in welcher Verfassung und in welcher Umgebung +ich ihn geschrieben habe. +</p> + +<p> +Deinen Lippen sage ich meinen Gruß und denke Dein +als +</p> + +<p class="sign"> +Golliwog. +</p> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Schwester, mein Gebet sind +Tränen, die ich in deinem Tempel +weine, aber du hörst es nicht. +Vor deinem Tempel steht ein +Leierkastenmann, er singt dir, +daß niemand außer ihm zu dir +betet, und deshalb weine ich. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Pepy weinte, als sie den Brief gelesen hatte. Es war +so viel Jappes drin und sie wußte das am besten. Sie +würde ihm ihr Geheimnis anvertrauen müssen. Er würde +es anhören und noch ein gutes Wort finden. Sie +hatte Professor Günther einen Besuch versprochen. +Die Zeit war längst vorüber. Aber sie mußte zu ihm, +zu irgend jemand, reden, weinen. Sie ging den Weg zurück, +ging an Günthers Garten vorbei, ging um das +ganze Viertel, stand an seiner Türe still, sah die Klingel +und ging wieder fort ... noch einmal bis ans Ende +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +der Gartenumzäunung, dann würde sie schellen. Sie +fand keinen Mut dazu ... bis zum nächsten Viertelglockenschlag. +Auch der verklang im fallenden Abend. +Die Nacht kam mit den schleichenden Nebeln, die sich +um die Häuser legten und die fernen Geräusche dämpften. +Pepy wurde das Warten zur Qual und doch empfand +sie eine Wollust, die Zeit hinauszuschieben ... +noch zehn Schritte, dann würde sie klingeln, bis fünfzig +zählen, warten, bis drüben das elektrische Licht erlosch, +das einen Hausgang eine Minute lang erhellte. +Sie maß die zehn Schritte, zählte bis fünfzig, das Licht +erlosch und Pepy wagte nicht, an die Klingel zu rühren. +Sie lehnte an der Tür, und die Sehnsucht trug ihre +Aengste der Ferne entgegen. +</p> + +<p> +Schritte kamen übers Pflaster, Schlüssel rasselten. Professor +Günther schrak an der Tür zusammen, dann raffte +er sich auf zu einem flüchtigen Wort: „Fräulein +Pepy, Sie haben wohl lange gewartet? Ich bin kurz +nach unserer verabredeten Stunde gegangen.“ +</p> + +<p> +„Ich hatte mich verspätet und bin zufrieden, daß ich +Sie treffe. Sie müssen mir helfen, ich verlebe schreckliche +Tage in Sorge und Bangnis.“ +</p> + +<p> +Günther zog Pepy fort von der Türe, übers Pflaster am +Garten entlang und sagte ihr leise forschende Worte: +„Einbildung! Du quälst dich mit unnützen Sorgen. +Weshalb nimmst du das Schlimmste an, du weißt +nichts ... Warte erst ab ... du kennst ja die Zeichen.“ +Professor Günther sah Pepys erschrocken-büßendes Gesicht, +das zu ihm durch den Schleier blickte und ihm +mit starrer Pupille in die Seele drang. Er sah, wie ihre +Lippen die Worte brachten: Die Blutwoche ist zum +zweiten Male ausgeblieben! +</p> + +<p> +Das war mehr als ein Urteil. Er war dem Verhängnis +nicht gewachsen, für Mitleid war er nicht geschaffen. +Er wollte fort, allein sein, das Kommende vorbereiten. +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +Er ging neben Pepy, abgeschlossen, berechnend, verachtend. +Sie ging ihren leichten, wiegenden Gang und +fand nicht die Kraft, einen Gedanken zu denken. Und +beide wurden durch seine Worte erlöst: „Entschuldige +mich, Pepy, ich werde zu Hause von einem Kollegen +erwartet, du kannst ja morgen am Vormittag bei mir +vorbeikommen.“ +</p> + +<p> +Kein Gruß, kein gutes Wort. Eine „gute Nacht“ so kühl +wie der Nebel, der in den Straßen lag. Ein paar hastige +Schritte, eine Türe, die ins Schloß fiel, ein freudiges +Bellen, das sympathische Quieksen der jungen Boxerhunde. +Dann wuchs die Stille wieder in die unendliche +Weite. +</p> + +<p> +Pepy las Jappes’ Brief wieder im fahlen Licht einer +zwinkernden Straßenlaterne. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-46"> +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer es versteht, über Dummheiten +nachzudenken, findet meist +einen tiefen Sinn darin. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Armida und Arco Calvandi kehrten halbwegs Berlin-Stuttgart +um. Sie hatte ein selten schön geschliffenes +Parfümfläschchen aus Onyx vergessen, in welchem sie +Fleur de Nice zu kolportieren pflegte. „Ich kann den +Geruch der Menschen unmöglich vertragen, diesen +fürchterlichen Hauch der atmenden Leiber. Ihren Blicken +bin ich leichter gewachsen. Wie fallen die Nasen der +Menschen mich an, gerade, als ob sie die Duftwolke +durchbohren wollten. Ich hasse die schweißige Masse +mit den staubzerfressenen Fratzen ...“ Sie schüttelte +sich vor Unbehagen. +</p> + +<p> +Arco stand fröstelnd am Perron und starrte in das Räderwerk +einer Lokomotive. Das Warten machte ihn +frösteln, obwohl die Sonne ihr Feuer noch sandte. Er +kehrte sich zu Armida, pflückte das Monokel aus dem +Auge und sagte mit runzeligem Blicke: „Die Masse +hat dich nicht immer empört und es ist noch nicht lange, +seit sich Liebe in Haß gewandelt hat. Du solltest die +Masse nicht schimpfen, sie ist wie das Meer, welches +das Elend des Grundes bedeckt und uns nach einem +alten Gesetze trägt. Mir fällt nichts Geistreiches ein, +darum mache ich Vergleiche: Das Meer und die Masse +des Volkes. Viel unnütz Getier, manchmal ein leckerer +Bissen, ein wertvolles Objekt für ozeanographische +Museen. Obenauf schwimmen die Klugen, die Schlauen, +alle fischen in dem großen Bassin, der eine den Hering, +die Perlen der andere, Korallen der dritte, und so treiben +die Barken oben mit den hungrigen Netzen und fischen +die Massensubjekte. Zuweilen fordert die Masse ein Opfer, +das Opfer sinkt nieder und die Wasser breiten +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +den Schleier darüber. Andere schwimmen mit Luxusbooten +und schauen die Ferne der schillernden Massen, +träumen die Rätsel der fließenden Weite; jagen +der Masse die Schönheit ab, steigern den Rausch zum +Taumel, zum herrschenden Wahnsinn. Ihr Flaggenwort +lautet: Wir sind die Herren der Meere! Ruhm +trägt schnell über glatte Meere, doch wehe dem Boote, +wenn es die Strömung trifft oder ein Spielzeug der +wirbelnden Charybde wird. Dann nimmt die Masse +Revanche und zeigt, wieviel Platz sie im Schoße für +Größe birgt.“ +</p> + +<p> +Armida legte ihm die Hand auf den Mund: „Still, +mein Freund, sonst machst du mir noch ein politisches +Glaubensbekenntnis. Du glaubst an die bewußte Kraft +der Masse, du schwörst auf den Terror, ich sage dir, +Arco, die Massen sind unbewußt wie die Wasser, sie +gehorchen den siderischen Gesetzen, nur Ebbe und +Flut, Trägheit und Auftrieb! Die Segler sind die +Herren des Abgrundes. Der Abgrund ist die einzige +Kraft des Wassers. Die Stürme und Riffe sind Launen +und Possen. Kluge Schiffer kennen die Zeichen +der lauernden Wasser. Mir ist das Meer verhaßt, weil +es brüllt, wenn es zerstören will. Wäre die Masse des +Volkes lauernd, sie wäre die Herrin der Welt, aber sie +tost gegen sich selbst, brüllt im Rausche der bluterstickten +Emeuten und frißt an sich selber im schäumenden +Gischt, durchwühlt die Tiefen der tierischen +Triebe und besudelt sich selbst mit dem Schlamm der +schlummernden Tiefe. Hast du das Meer schon bei +Sturm gesehen? Es ist ein Chaos von wirbelndem +Schmutz!“ +</p> + +<p> +„Ich unterbreche dich, Freundin, ich habe dein Urteil +gehört. Du siehst zu genau, ich glaube, du bist +zu nahe am Strand. Ich begrüße mit großer Freude, +daß wir Meinungsverschiedenheiten haben, das wird +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +die ehelichen Verhältnisse klären und die Fesseln +stählen.“ +</p> + +<p> +„– oder zertrümmern.“ +</p> + +<p> +„Es gibt auch interessante Trümmer. Das Ganze ist +nicht immer harmonisch. Weshalb willst du eigentlich +zu Ida Telluren? Täten wir nicht besser, unser Glück +ganz einsam zu hegen, statt die Neugier der Tante zu +füttern. Die Tante ist ein erloschener Krater und er +kann nur von fremdem Feuer rauchen.“ +</p> + +<p> +„Der Rauch ist nicht das Wesen des Feuers. Ich +gehe zur Tante, damit sie mir die Zukunft aus den +Karten deute. Unsere Zukunft hängt von den Weissagungen +der Tante ab. Sie hat mir manches richtig +vorhergesagt.“ +</p> + +<p> +„Und wenn die Tante eine schwarze Zukunft deutet?“ +</p> + +<p> +„Schwarz oder weiß! Die Karten entscheiden die Zukunft. +Und Jappes ist auch ein Magnet. Nicht schwächer +denn du, wohl mein ich, ist er noch stärker und +schneller, nur überwacht er das Tempo, er hemmt seinen +Lauf, er bedient sich der Bremse, die Kurven +nimmt er mit Vorsicht, er überdenkt seinen Weg. Das +ist es, was mir Sorge macht; er will die Eile, ohne +die Katastrophe zu wollen. Stets hält er die Hand am +rettenden Hebel. Die einen nennen es Klugheit. Ich +sage, Jappes ist feig. Drum ließ ich ihn gehen, daß +er in der Einsamkeit den Schlüssel zur Lösung finde. +Er hat mir zehn Worte geschrieben: ‚Armida, ich bin +einsam wie der Wind in den Lüften!‘ Die Deutung +der Worte ist einfach. Er wünscht mit dem Strome +zu schwimmen, ich soll ihm wieder die Planke zum +Sprunge sein. Ich begrüße die Worte, ich sehe, ich +habe einem Mann zum Willen verholfen. Hüte dich, +Arco, jemals dein eigener Herr zu werden.“ +</p> + +<p> +„Ich bin ein Stück deiner eigenen Herrin,“ grinste Arco +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +Calvandi, und mit dem Stock schrieb er Armidas +Namen in die ölige Schicht der Kolbenstange der Lokomotive. +– „Willst du, daß ich dir ein Opfer bringe?“ +Er klebte sein Monokel ins Oel der Stange, tippte +Finger für Finger seiner Hände, die mit weißen wildledernen +Handschuhen bedeckt waren, ins Oel, drückte +die Innenfläche der Hände gegen die schmierige +Stange: „Du siehst, wie ich allem entsage,“ – und er +zog die Handschuhe von den Händen – „es ist ein +Geschenk von dir, das du mir machtest, als wir meinen +unbestimmten Geburtstag begingen. Es ist für +mich die größte Qual, ohne Handschuhe zu sein, dir +bringe ich das Opfer mit Freuden.“ Er ließ die ölbeschmierten +Handschuhe, den Stock entlang, vor die +Räder der Lokomotive auf die Schienen gleiten. +</p> + +<p> +„Du hast einen sonderbaren Begriff von Opfer. Es ist +einfach à la Arco Calvandi. Wann wird der Tag kommen, +an welchem du deine letzte Dummheit begehst?“ +</p> + +<p> +„O sicher nicht an dem Tag, wenn ich dich verlassen +werde. Du bist noch nicht zur Dummheit geboren, denn +dumm werden, heißt, zu sich selbst kommen. Ich kann +dir auch ein anderes Opfer bringen und mich selbst vor +die Räder werfen. Herrin, du darfst nur befehlen, das +Opfer ist immer bereit, dir den Tribut seiner Liebe zu +zollen.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, du würdest es tun?“ sagte Armida und öffnete +die Augen zur Frage, „doch mein Spielzeug will +ich noch nicht zerbrechen und ich will nicht, daß dein +Opfer so tragisch sei. Bleibe nur knetbar, dann bin ich +zufrieden. Ich spiele immer à la baisse mit den Menschen +und hasse die titres fixes. Ich glaube, du wirst +stets eine Marionette mit freien Bewegungen bleiben, +solange ich die Drähte halte. Willst du mir immer untertänig +sein, Arco Calvandi?“ +</p> + +<p> +„Ich sage nicht nein.“ +</p> + +<p> +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +„Willst du mich nie verleugnen, Arco Calvandi?“ +</p> + +<p> +„Ich sage nicht doch!“ +</p> + +<p> +Armida überlegte eine Weile: „Und wenn ich Jappes +an deine Stelle setze?“ +</p> + +<p> +Arco Calvandi legte den Finger an die Stirn: „Da muß +ich die Antwort erst überlegen. Auf keinen Fall bin ich +zu Kompromissen entschlossen und du weißt, meine +Freundin Armida, Verrücktheit ist ein Privilegium der +Reichen. Du bist meine letzte Leidenschaft und ich +werde sie auch zu nähren wissen ...“ +</p> + +<p> +Ein Zeitungsjunge lief am Zug entlang: Simpel, Jugend, +Lustige Blätter, Brummer, Raddatsch – eine Atempause +– Zeitungen, Frankfurter, Berliner, Kölnische, +Münchener, Stuttgarter – Simpel, Jugend – Handkarren +rollten vorüber, Träger drängten sich, eilende +Menschen, Rufen, Hasten, Kohlendampf in stinkigen +Schwaden; Dröhnen und Poltern und Stoßen und Rollen. +Ein D-Zug spie Massen aus, verschluckte andere, +puffte Rauch in wirbelnden Wolken gegen die Wölbung +der Halle, die nächste in die freie Luft und draußen +entschwanden die Schlußsignale. Arco Calvandi +warf seine Stirne in Falten und deutete mit dem Zeigefinger +auf Armida: „Du sagst also, die Karten entscheiden, +– es wäre möglich, daß die Karten trügen.“ +</p> + +<p> +Dann summte er zu einer bekannten Melodie: „Les +jours d’antan sont loin! hélas!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-47"> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es ist schade, wenn gute Worte, +welche immer selten sind, ironisch +klingen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Anna,“ sagte Professor Günther zu seiner Frau, „du +sagst dem Mädchen, es soll am Vormittag nicht im +Atelier abstauben, ich habe zu tun.“ Frau Professor +machte einen Knicks: „Ich werde es ausrichten.“ Nach +ein paar Augenblicken unruhigen Wartens brachte sie +die Frage hervor: „Gustav, willst du die Hunde wirklich +aus dem Hause tun?“ Sie trocknete die feuchten +Härchen ihrer Augenschlitze. Keine Antwort. Professor +Günther stand ans Fenster gelehnt. „Du sagst?“ +fragte er in barschem Ton. +</p> + +<p> +„Mein Gemahl,“ wiederholte Frau Anna, „Gustav, +willst du die Hunde wirklich aus dem Hause tun?“ +</p> + +<p> +„Ob ich will?“ fiel er die Frau mit scharfer Rede an. +„Du kannst doch nicht alle Hunde aufziehen. Doktor +Gehren erhält einen, Doktor Brunner einen und Doktor +Heinzfeld den dritten.“ +</p> + +<p> +„Gib doch dem Buben einen oder zwei,“ bettelte sie, +„ich werde sie bringen, sie sollen in der Familie bleiben, +sie sind treu, und Fräulein Pepy hat sie aus der +Taufe gehoben. Es ist eine liebe Erinnerung.“ +</p> + +<p> +Professor Günther überlief es kalt. Was hatte Pepy +mit den Boxerhunden gemein? Richtig, bei ihrem ersten +Besuch waren die Hunde „flügge“ gewesen. „Meinetwegen,“ +sagte er, „bring sie alle drei nach Baden-Baden, +wenn du denkst, daß Arnulf sich freut.“ +</p> + +<p> +„Gustav,“ rief Frau Günther erfreut, „du bist gut, mein +Gemahl, ich weiß, du würdest mir mehr Liebe erweisen, +wäre deine Zeit nicht so knapp. Ich werde Arnulf +sagen, wie gut du bist. Mein süßer Mann,“ rief sie +jauchzend, und das schmuddelige Weibchen sprang dem +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Professor an die Lippen. „Nun schnell,“ fügte sie glückstrahlend +hinzu, „ich weiß, du hast zu tun und du hast +wieder schwere Gedanken zu denken. Das Mädchen +wird nicht abstauben, ich richte es sofort aus.“ Schnell +einen Kuß auf seine matte Hand, und Frau Anna verschwand +mit dankendem Lächeln. +</p> + +<p> +Professor Günther riegelte die Tür ab und der Sicherheit +wegen versuchte er an der Klinke, ob sie wirklich +geschlossen sei. Stützte den Ellbogen auf das Schloß, +legte die Stirn in die flache Rechte und lehnte den +Kopf an die Füllung. Es war wie ein Spuk, wie ein +narrender Traum. Und doch waren die letzten Tage +Wahrheit. In seinen Schläfen hämmerte der Vorwurf. +Er hatte ein Mädchen verführt! Die Wirklichkeit ließ +sich nicht leugnen – eine Stimme höhnte, „die lebendige +Wirklichkeit deines Kindes“! Ein schweres, verlegenes +Atmen entrang sich seiner Brust. Kein Gedanke +wollte sich bilden, er kämpfte gegen die tötende +Stille ... Dann kam die Erinnerung und hielt ihm die +Lüge vor: „Das Schlimmste ist, wenn der Mann jung +bleibt und die Frau altert“ ... Lüge! sah er mit brennenden +Lettern auf dunklem Grunde glühen. Lüge, +Lüge war deine ekle Begierde. Sein Blick glitt über +die Bilder des Ateliers. Venus und Cupido, die kranke +Ziege, der grinsende Faun, die Meduse, der Untergang +Pharaos. Wie ganz anders war die Bedeutung +der Bilder heute. +</p> + +<p> +Er streifte die Skizze von Meister Geraldo. Er dachte +an die Tränen des Meisters, welcher aus seiner Liebe +die Kraft zu seinen Bildern geschöpft hatte. Niemand +hatte etwas von Meister Geraldo zu fordern. Er war +nicht verheiratet und hatte sich ein freies Weib genommen, +das entschlossen war, Freude und Leiden mit ihm +zu teilen. Geraldos Liebe war ehrlich gewesen, die +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +Liebe hatte ihn zum Leben erweckt, Geraldo war durch +die Liebe geworden. Günther dachte an des Malers +Abschiedsworte: „Ich tat unrecht, die Frau zu verlassen, +aber sie wußte, daß eine Macht mich hinaustrieb. +Ich bin glücklich, daß die Frau mir nicht flucht, +und so kann ich in Liebe von ihr scheiden.“ Damals +hatte er über die Frage der Schuld gelächelt: eine einsame +Frau empfindet mehr Glück an ihrem unehelichen +Kinde, als eine verheiratete ohne Kinder. So hatte +seine eigene Lehre damals geklungen. Heute konnte er +sich mit keiner Ueberlegung retten. Vor der Gesellschaft +konnte er nicht bestehen. Er und sein Schicksal! +beide waren das Opfer seiner Begierde geworden. Die +Gesellschaft anerkennt die Begierden nicht! – wenigstens +nicht offiziell. Und er wollte nach den Dogmen +der Gesellschaft leben – so war er gezwungen zu handeln. +Der Flug seiner Gedanken wurde mählich kühner +und kühner. Er suchte nach Mitteln, einen Wall zu +seiner eigenen Verteidigung aufzuwerfen. Er zählte die +Wege auf, die zu seiner Ehrenrettung freiblieben. +Ehrenrettung!!! +</p> + +<p> +Er könnte Pepy verleugnen – doch nein, die Empfehlung, +die er ihr geschrieben, ein Hindernis und Jappes +ein zweites. Ein ergebener Arzt, der sie behandelt? ... +</p> + +<p> +Er durchlief die Liste seiner Freunde. Er wagte es +nicht, von einem Freunde soviel Vertrauen zu fordern. +Sein Sohn? ... Sollte er ihn zum Mörder machen? ... +Wenn ein; beglaubigter Unfall vorläge? ... Sein Sohn +durfte nichts erfahren. So verwarf er die Gedanken +und griff sie wieder auf. Der Sohn müsse dem Vater +manches verzeihen. Ein solches Geständnis! Das hieße, +sich als Vater vor seinem Sohne entblößen. Seine Gedanken +jagten sich, zerrissen und knapp, die Stichworte +wirbelten in ihm, wie Fetzen im Winde; bildeten zerstückelte +Sätze, halbe Gedanken. Wenn seine Frau +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +stürbe ... oder er selbst ... oder Pepy ... oder eine +heimliche Geburt an diskretem Ort ... ein totgeborenes +Kind ... oder wenn er für Pepy einen Bräutigam +fände ... Er würde selbst auf die Suche nach einer +Hebamme gehen ... eine Frühgeburt würde die Ehre +retten ... Und wenn die Sache mißlänge ... wenn Pepy +ein Opfer würde ... der Fall wäre möglich, eine +Eiterung, eine starke Blutung, ein schwaches Herz, +dann ... dann ... alles um ihn drehte sich wie in +einer großen schwarzen Scheibe und zwei Worte kreisten +in der drehenden Fläche: Zuchthaus – Staatsanwalt +– Worte, die ihm den Ausblick auf den Weg zu +seiner Rettung versperrten. +</p> + +<p> +Günther ging wie ein Trunkener durchs Atelier. Mit +halbsicheren, behutsam tastenden Schritten. Sein Atmen +war ein qualvolles Saugen der Lungen. Er lehnte +sich gegen die Staffelei, welche mit lautem Krach zu +Boden schlug und ihn aus seiner Verwirrung riß. Erschrocken +sah er sich um und mit dem Instinkte eines +aus dem Schlaf Erwachenden bückte er sich hastig +nach dem Gerüste. Dann horchte er auf, ein leises, +schüchternes Klopfen, er reckte sich hoch, wirklich, +es klopfte. „Pepy!?“ Mit festem Schritt ging er zur +Tür, er wollte seine Unruhe scheuchen. Seine Frau! +Sie entschuldigte sich wegen der Störung und reichte +Pepys Karte: „Sage, ich bin dringend beschäftigt,“ +bat der Professor, „und könnte sie heute leider nicht +sprechen. Richte das aus, Mutter.“ +</p> + +<p> +In der Treppe wiederholte Frau Günther: „Richte das +aus, Mutter.“ Sie dankte ihrem Mann für dieses gute +Wort „Mutter!“. Sie war glücklich, weil unter der +Asche der Arbeit ihres Mannes der Funke der Liebe +so leuchtend glomm. Bebend vor Glück küßte sie Pepy +die Wange: „Der Herr Professor ist in seltener Stimmung,“ +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +rief sie halb außer Atem, „aber er hat wieder +schrecklich zu tun, und ich hoffe, Sie werden sich mit +mir nicht langweilen. Der Gute, er hat mich Mutter +genannt, wie damals, als Sie das erstemal hier waren, +und er Tee eingoß.“ Sie erzählte Pepy, daß er ihr erlaubt +hatte, die Hunde nach Baden-Baden zu ihrem +Sohne zu bringen, statt sie an Fremde zu verschenken: +„Mein Gemahl ist ein süßer Mensch,“ fuhr sie gesprächig +fort, „er hat immer eine kleine Ueberraschung +für seine Frau, er ist eigentlich am nettesten, wenn +er die meiste Arbeit hat. Als Frau habe ich die letzten +Jahre zwar nicht viel von meinem Manne gehabt, und +ich wünsche Ihnen, Fräulein Pepy, einen nicht gar so +schnüffeligen Bücherwurm ... Sie verstehen schon. +Aber so ist er sehr lieb, und er hat mir heute viel +Freude gemacht.“ +</p> + +<p> +Pepy dachte an ihre erste mitleidvolle Begierde und +dachte an; Günthers große geschlechtliche Lüge. Wieviel +Menschen betrog dieser Kerl? Und ihr Wesen +bäumte sich auf gegen den Dieb ihrer Ehre. Sie wußte +nun, daß seine Liebe Lüge, daß sie selbst die betrogene +Betrügerin war. Die Hunde kamen mit lautem +Gequieke, die Freundin des Hauses zu grüßen. Pepy +konnte den Tränen nicht wehren. Sie durchbrachen +die Schleusen der Wimpern. Frau Anna lag schluchzend +an Pepys Hals, und die Hunde zerrten ihnen die +Röcke: „Wir dürfen nicht weinen, liebe Freundin, es +wird sehr schwer sein, aber die Hunde verlassen nicht +alle das Haus.“ +</p> + +<p> +So weinten sie lange und schwiegen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-48"> +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Junge Krieger pflegen sogar geräumte +Festungen zu stürmen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Ein Wagen fuhr vor. Jappes wurde aus dem Schlaf +gerissen. Das hastige Rattern des Motors erstarb und +er hörte Stimmen, laute, lachende, rufende Stimmen. +Die Autolaternen warfen eine starke Lichtflut ins Zimmer. +Jappes sprang aus dem Bett und ging zum Fenster: +„Ach, ja! Armida und Arco Calvandi,“ im Lichtkegel +der Autolaternen stand Arco. Jappes sah deutlich +den breiten roten Streifen an seinem linken Arm. +„Verlobt wie die Narren, die ihre Freude mimen!“ +Er spuckte gegen den Schatten Calvandis, der an die +Wand seines Zimmers projiziert wurde. Ida Telluren +war es willkommen, die Erregung ihrer Erwartung +mit der plötzlichen Erregung aus den aufgescheuchten +Träumen zu decken. Armida küßte sie mit bewußter +Zartheit und Calvandi erwies ihr eine umständliche Reverenz, +weiche die Tante nicht unangenehm empfand. +</p> + +<p> +„Gnädige Tante,“ sagte Calvandi, „wir hatten Eile, +zu Ihnen zu kommen. Armida hat mir erzählt, daß Sie +die Magie beherrschen und den Menschen die Zukunft +entschleiern. Ich habe eine Hexe gekannt, die allen +ihren Bekannten die Vergangenheit aus dem Kaffeesatz +ihrer Enkel zu deuten wußte. Die Hexeriche waren +ganz drollige Pausbäcke, die keine Väter hatten und +nur Igelspeichel trinken durften. Die Hexe sagte, es +sind Knaben, die ohne Vergangenheit leben müssen. +Weil ich den Sinn ihrer Worte nicht verstand, war +es mir leicht, ihr Glauben zu schenken.“ +</p> + +<p> +Tante Telluren setzte eine ihrer Gattung würdige +Miene auf, rückte vor Verlegenheit eine Vase zurecht, +zupfte die Tischdecke schief und wieder gerade, nahm +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +ein Notenheft vom Flügel und stellte ein anderes hin. +Sie tat alles so schnell, als sei sie in ihrem Boudoir +überrascht worden, als versuche sie ihre diskrete Unterwäsche +vor den spähenden Augen eines Eindringlings +in Sicherheit zu raffen. Armida riß die Tante aus +der fiebernden Verlegenheit. „Komm, Tante, gehöre +uns, nestle an uns herum, wir werden uns freuen.“ +Zu Calvandi: „Siehst du, Arco, wie Tantchen sich +freut, eine Braut im Hause zu haben. Du mußt Geduld +haben, Schatz, das Tantchen braucht lange, ehe es +ausgeschwungen hat, wenn der Pendel der Erregung +einmal bei ihr angeschlagen ist. Du entschuldigst, ich +gehe hinauf zu Jappes. Tante Ida sagte mir, daß er +schon aufgestanden sei. So, nun mach dir’s bequem,“ +und sie stieß ihn nach rückwärts in einen Klubsessel. +</p> + +<p> +Tante Telluren hatte sich die Schläfen in Eau de +Cologne gebadet und beruhigt trat sie ins Zimmer. +Die Zofe stellte ein dampfendes Kaffeetablett vor den +bräutlichen Gast. „Sie lieben es, während der Nacht +zu reisen,“ hub Ida Telluren an, „ich sitze seit zwei +Nächten im Lehnstuhl und habe Sie erwartet. Jappes +sagte, die kommen bestimmt zur ungelegensten Stunde. +Ach, Herr Calvandi, darf ich mich bemühen, Ihnen +eine Tasse Kaffee einzuschenken?“ +</p> + +<p> +Calvandi gähnte der Tante entgegen und sprach: „Bei +guten Tanten trinkt man den besten Kaffee und bei +den besten Tanten trinkt man den guten. Ich schmecke +am Kaffee, daß Sie die beste Tante sind.“ – Gezwungene +Pause, welche Herr Arco angenehm mit +Schlürfen von Kaffee ausfüllte. Wischte sich den Mund +und fuhr fort: „Ein Genuß in früher Morgenstund. +Wenn ich mir eine Zigarre erlauben darf, bin ich wirklich +in der angenehmsten Umgebung.“ +</p> + +<p> +Tante Telluren nickte bejahend und musterte Arco +Calvandi. „Ich bringe den Göttern ein Rauchopfer,“ +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +paffte der Gast und schloß die Augen, „so wohnlich +hatte ich es mir bei Ihnen nicht vorgestellt. Sie wissen, +wir sind nicht gekommen, Ihre Einwilligung zu +holen, wir wollten einen Abschiedsbesuch von unserer +jungfräulichen Jugendzeit machen und Sie, gnädigste +Tante, sind Armidas einzige und liebste Verwandte. +Eine leise Sehnsucht befällt einen doch, wenn man vom +Schönsten des Lebens Abschied nimmt, um in schönere +Tage hineinzuheiraten. Die Menschen nutzen sich +ab auf die Dauer und müssen sich zusammentun, um +weiterbestehen zu können. Die Frau ist das regenerierende +Prinzip und der Mann ist die dynamische +Kraftquelle. Ich glaube, die Türken betreiben die Vielweiberei, +wie alle polygamen Völker, weil sie so früh +erschöpft sind. Es ist nicht das Gesetz der Triebe, der +sinnlichen Lust, es ist das Gesetz der gesteigerten +Selbsterhaltung, das die Türken zwingt, ihre morschen +Glieder an vielen Frauen zu stützen. Wehe dem Abendland, +wenn die Masse der Männer so erkaltet, daß +nicht mehr genügend Frauen zum Ausgleich vorhanden +sind. Kurz völkersoziologisch gesprochen: Wenn +Nachfrage und Angebot zwischen Mann und Frau +keinen harmonischen Ausgleich mehr finden.“ +</p> + +<p> +„Ich stimme Ihren Ausführungen bei,“ sagte Ida Telluren, +von gelehrtem Interesse geschwellt, „sehen Sie +das Mammut, das Verhältnis zwischen männlich und +weiblich ist nur eins zu drei. Daran mag das Mammut +zugrunde gegangen sein. Aber es ist doch ein Jammer +der Natur, daß sie nicht imstande war, die Tiere lebenskräftig +zu erhalten. Gottlob! daß die Gigantenfossilien +uns noch erhalten sind!“ +</p> + +<p> +Arco Calvandi machte eine huldigende Verbeugung: +</p> + +<p class="ibr"> +„Gnädige Tante, ich sehe, Sie sind ganz recht im Bilde +und reden wie der klügste Mammutologe. Die einzige +Waffe, welche die Natur dem Menschen gegeben, ist +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +der Kampf. Und wer die Psyche der Türken kennt, +versteht auch, weshalb sie immer Krieg führen müssen. +Sie kämpfen, um sich den nötigen Ueberschuß an +Frauen zu sichern. Weil sie dem Brudermord abgeneigt +sind, kämpfen sie gegen die umliegenden Völker. Es +ist meine individuelle Auffassung, und die Geschichtsforschung +schweigt darüber aus kirchlich-dogmatischen +Gründen. Wie bei jedem Volk ist die Sitte der Türken +das höchste Gesetz der Notwendigkeit. Nicht alle +Türken wohnen im Reiche der alten Kalifen.“ +</p> + +<p> +Calvandi zog zwei Zigarettenetuis aus der Tasche und +rauchte zwei Zigaretten zu gleicher Zeit: „Es ist +schwer, mit seiner Zeit voranzugehen, weil wir so sehr +in der Vergangenheit wurzeln,“ fuhr er fort, „ich bin +Anhänger der Sekte vom ‚gemischten Aroma‘, ein +Nichtraucher kann die Theorie nicht verstehen. Die +reinen Genüsse sind uns vielleicht zu stark, vielleicht +auch nicht mehr raffiniert genug. Ich bin es gewöhnt, +eine Orientzigarette mit einer nikotinfreien zusammenzurauchen, +das schwächt die Wirkung des Nikotins +nicht ab, es verinnerlicht sie eher, und der größte +Genuß ist das gedämpfte Aroma. Es ist wie eine ferne +Musik, der Rhythmus bleibt und die Tonintensität wird +nur gedämpft. Das Wesen der Musik ist der rhythmische +Gleichklang mit unserem Gefühl. Gefühl und +Rhythmus gemischt sind Harmonie, der Rhythmus +gibt dem an sich neutralen Gefühl den Impuls, der +sich in Reizempfindung wandelt. In Zigaretten und +Frauen habe ich eine gute Routine. Ich bin fast so +kühn zu behaupten, daß die männliche vitale Substanz +fast ausschließlich durch die doppelte Narkose des +Rauchens und der Ehe zerstört wird.“ +</p> + +<p> +Die Tante war Nichtraucherin und viel zu kurz verheiratet +gewesen, um über den Ruin der körperlichen +Substanz des Mannes ein erschöpfendes (erschöpfendes!) +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +Urteil fällen zu können. Sie stand Arco Calvandi +hilflos gegenüber und lauerte auf eine Gelegenheit, wo +sie ihre Mammuts hätte anbringen können. Aber es +bot sich keine. So ließ sie sich von der seichten Rede +ihres Gastes einwickeln, sog die Worte ein mit dem +Zigarettenrauch und verspürte ein leises prickelndes +Gefühl im Kopf, als Aroma und Gedanken ineinanderflossen. +Ein karnevalbunt gesprenkelter Gedanke flüsterte +ihr zu: Tante, wenn du jung wärest, müßtest du +das Rauchen erlernen und von Männern die süße Narkose. +Ida Telluren stürzte aus dem Zimmer, und sie +fühlte, daß etwas wie eine geschlechtliche Gedankensünde +ihr Gewissen durchwühlte: Ich habe nicht genügend +gelebt! Der beschämende Vorwurf des Alters. +</p> + +<p> +Arco Calvandi trat ans Fenster und sah in die dämmernde +Ferne. Ein Wind tat sich auf und griff in die +Bäume. Draußen lockte ein Uhu: „Huhu! mich friert. +Der Mond ist so kalt.“ +</p> + +<p> +Dann ging die Stille und spann die Nebelfäden. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Träume verraten uns manchmal, +was uns im geheimen beschäftigt. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Jeder bricht an sich selbst,“ rief Jappes, als Armida +die Tür öffnete. „Ich freue mich, daß du gekommen +bist, den Traum meiner Nacht zu hören.“ +</p> + +<p> +„Erzähle!“ +</p> + +<p> +Und er: „Höre: +</p> + +<p> +Ich ritt über die Heide und war ein einsames Kind, +und ich hatte ein Mädchen lieb. Da weinte mein Herz +und das Pferd ging fürbaß. Eine Hexe sprang aus dem +Gras mit Feuerrock und glühendem Haar. Sie +scheuchte mein Roß und den Traum an das Mädchen. +Ich wurde irr wie das Pferd und jagte über die Heide. +Drüben winkte ein kühler Wald. Im Nacken spürte ich +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +den feurigen Atem der Hexe. Das Roß stand still, an +einen Baum gelehnt und war tot. Da mußte ich lachen, +weil ich noch kein totes Pferd an einen Baum gelehnt +sah. +</p> + +<p> +Aber der Baum war der Ahorn, wo die Hexe wohnte. +Da lachte auch die Hexe und sprach: ‚So hast du noch +nicht Trauer genug, daß dich das Lachen befällt, vor +Sehnsucht und Tod.‘ Ein schwaches Rinnsal gluckerte +am Fuß des Ahorns und die Hexe fuhr mit glühendem +Finger hinein, daß es zischte, rührte im Wasser und +kreischte gebrochen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">‚Es rieselet und regelet kalte</p> + <p class="verse">In diesem grünen Walde.‘</p> + </div> + </div> +</div> + +<p> +Ein düster-fahler Blitz züngelte darauf und die Wolken +rauschten und der Regen rann. Pilze standen und +glühten und hatten Köpfe wie Menschen, die ich +kannte. Auch ein Totenkopf war dabei mit offenem +Hirn, das sich hob und senkte wie ein feuchter Froschbauch. +Und das Hirn leuchtete so seltsam, wie phosphoreszierende +Weiden um die Mitternacht. Eulen +dolchten aus dem Dunkel mit glühenden Augen und +der Regen rann, rann über das kalte Feuer der Augen +und Pilze. +</p> + +<p> +Mein Pferd kratzte mit dem Fuß und sprach: ‚Du +hast mich zu Tode geritten. Ich danke dir für den +überflüssigen Hafer meiner verdaulichen Tage. Nie +wird ein Pferd einen besseren Herrn über die Heide +reiten, das schwöre ich bei meinem Pferdeschweif.‘ +Das Roß wußte nicht, daß die Hexe ihm den Schwanz +ausgerissen hatte, um Wechselbälge daraus zu machen. +Es lehnte wieder am Baum und bleckte die Zunge +herfür und ich mußte lachen, weil es mir bei seinem +fehlenden Schweif geschworen hatte. +</p> + +<p> +Da trat die Hexe herzu und schlug ein Teufelskreuz: +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +‚In dreitausend Teufelsnamen, komm in meine warme +Stube. Der Kessel siedet und die Kätzchen schnurren. +Die Muhme zupft Werg und der Kater ist fort.‘ Da +lachte ich wieder und sagte: ‚Ich mag deine Sippe nicht +leiden. Ich liebe das Wetter, das durch die Wälder +rast und meine Haut ist wasserdicht. Selbst der Hexenregen +geht nur bis auf die Haut.‘ Da keifte die Hexe +und zog den Pferdeschweif unter dem Rocke hervor, +kehrte den Boden damit blank, blank von den Pilzen +und Morcheln und stieß an den atmenden Totenschädel +mit ihrem spitzigen Schuh, daß er wimmerte: ‚O +Gibil, Böse der Sieben, mein leuchtendes Hirn.‘ Die +Hexe zog einen Kreis, warf Kiesel gen Morgen und +der Himmel ward trocken und still. +</p> + +<p> +Ich lehnte mich ans tote Roß und sagte: ‚So, so!‘ Die +Hexe lachte und zog ein Hahnenei aus dem Busen: +‚Das Ei stammt aus Hokus und wurde mit dem eigenen +Pokus des großen Hahnes Krähokus gelegt.‘ Da +sprang das Ei mit einem donnernden Knall entzwei +und ein seltsam putziges Wichtelchen stand an Stelle +der Hexe im Kreise. ‚Ich war ein Ei,‘ stellte es sich +vor und schlug die Hacken zusammen, daß die Eierschalenschuhe +klirrten. Das Wichtelchen zog ein +Spinnweb aus der Tasche und wickelte es um seinen +Kopf wie einen Turban: ‚Der Mond sticht,‘ hüstelte es, +mit blecherner Stimme und zeigte nach oben und rückwärts. +Und ich sah, daß das Phosphorhirn des Totenkopfes +aus dem Baume herniederstach. Ein schwerer +Traum flog am Totenmond vorbei und das Männchen +sagte: ‚Die Kühle ist gut für ein Hahnenei.‘ +</p> + +<p> +‚Weshalb bist du hier,‘ fragte ich forschend, ‚wenn du +ein Ei bist?‘ Da schüttelte es seinen Spinnenturban: +‚Ich weiß auch nicht, vielleicht, weil ich gelegt worden +bin.‘ +</p> + +<p> +Da fiel das tote Roß mit einem Plumpser zu Boden. +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +‚Steigen wir auf den Berg,‘ rief das Männlein ganz +fröhlich, ‚steigen wir auf den Totenberg,‘ und es schickte +sich an, hinaufzuklettern. Es klammerte sich fest +an den Haaren wie an Sträuchern, und als es an die +Stelle kam, wo der Schweif fehlte, sagte es erschrocken +stöhnend: ‚Der Berg ist hohl.‘ +</p> + +<p> +‚Das ist kein Berg,‘ gab ich zurück, ‚das ist mein totes +schwanzloses Pferd, das deine Mutter zu Tode gejagt +hat.‘ Ich faßte das Knirpschen mit zwei Fingern: +‚Jetzt bist du gleich oben.‘ Aber es hob sein Fingerchen +und sagte ganz listig: ‚Du Riese, ein bißchen vernünftig, +ich bin gar sehr zerbrechlich. Wir wollen eine +Mücke braten und Abendmahl feiern,‘ sagte das Wichtlein +und setzte sich auf dem Pferdekadaver zurecht. +‚Hol ein wenig Feuer vom Leuchtkäfer und melke +ein wenig Fett von der Raupe, dann wollen wir das +Flieglein braten‘ – hier holte es eine Fischschuppe +hervor als Pfanne und zog eine Fliege aus einer ausgehöhlten +Knospe. +</p> + +<p> +Da lachte ich zum drittenmal und rieb ein Schwedenholz +an einer Schachtel. Entsetzen packte das Männlein +und es fiel seiner kurzen Länge nach über seine +verstorbene Sitzgelegenheit. Ich hörte ein leises zischendes +Weinen und ein Tränlein hing wie ein Tautröpfchen +an einem Pferdehaar. Zwischen zwei Seufzern +krabbelte es sich wieder hoch und nahm das linke +Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger: +‚Schade, Riese, daß du alles so groß siehst.‘ Ich lachte +nicht mehr und überlegte, ob ich oder das Wichtlein +an Begriffsverwirrung litt. +</p> + +<p> +Das Männchen krabbelte an meiner Hose und sagte +belehrend: ‚Wir dürfen nur mit kaltem Feuer braten.‘ +Ich spürte, daß seine Nägel wie Katzenkrallen in mein +Fleisch drangen. Als ich jäh zusammenzuckte, pfiff +sein trillerndes Stimmchen beglückt: ‚Fürchte dich +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +nicht vor den kleinen Schmerzen, Riese, du bist ja so +groß. Wenn du stillschweigst, will ich dir ein Märchen +erzählen: Das Märchen vom. Leben. Ich habe es schon +oft erzählt und weiß es genau.‘ Ich rief hastig: ‚Laß +los!‘ Und biß die Zunge zwischen die Zähne vor +Schmerz. ‚Ich lasse mein Märchen gleich los,‘ sang das +silberne Stimmchen. +</p> + +<p> +Der Zwerg krallte sein spitziges Nagelwerk tiefer ins +Fleisch und erzählte: ‚Es war ein Zwerg und ein Riese. +Der Zwerg war groß und der Riese war klein. Der +Zwerg nahm den Riesen in Dienst. Zähl mir die +Stunden, sagte der Zwerg und er gab dem Riesen +eine Sonnen- und eine Monduhr, und ein Stundenglas +mit Sand gefüllt dazu. Dann legte der Zwerg sich +schlafen und schlief einen jahrhundertlangen Traum. +Dann erwachte er und fragte den Riesen: Wie lange +habe ich geträumt? Hundert Stunden, sagte der Riese +und reichte dem Zwerg das Stundenglas. Gerade blieb +der Mond im letzten Viertel stille stehen. Oh! weh, rief +der Zwerg, er hat die kleine Zeit nicht gesehen, fuhr +sich an den Bart und fühlte, daß er hundert Jahre lang +war. Ich will dich nicht mehr als Schatzmeister der +Zeit, denn ich habe meine Jugend verschlafen und du +hast mich nicht geweckt. +</p> + +<p> +Der Riese brummte ärgerlich: Zwergstunden sehe ich +nicht, und dein Schnarchen habe ich nicht gehört. Auch +wagte ich nicht, dich zu berühren, weil ich fürchtete, +dein Leben zu zerdrücken. +</p> + +<p> +Der Zwerg reckte sich eine Spanne nach oben und rief: +Du zertrittst das kleine Leben und lebst doch selber +keines. Geh in den Garten und säubere die Beete vom +Unkraut. Da ging der Riese und riß die Wälder aus +den Tälern und von den Hügeln, warf Felsen fort aus +den Bergmassen und machte ein Donnergepolter bei der +Arbeit. Da brausten die Winde über die ausgerodeten +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +Wälder und heulten über die Heide, daß der Zwerg erwachte. +</p> + +<p> +Der riß die Augen auf und sagte verwundert: Schlief +ich nicht ein in einem tiefen Wald? Ja, ich schlief ein +in einem tiefen Wald. Ein Windstoß fuhr gerade vorüber +und der Zwerg gab ihm eine Bremse mit, den Riesen +zu rufen. Der Riese kam und hörte den fröstelnden +Zwerg: Meinen Garten solltest du pflegen, aber du hast +meine Wälder zerstört. Ihr Riesen seid zu gar nichts +nutz, doch sollst du den Frevel sühnen. +</p> + +<p> +Der Riese wurde erbost: Moosaffe, schrie er, und trat +mit seinem derben Schuh in die Richtung, wo das +Stimmchen des Zwerges zirpte. Der Zwerg aber huschte +zwischen den klotzigen Nägeln des Riesenschuhzeugs +hindurch und lief zum Leben, ihm sein Leid zu klagen. +Als der Riese das huschende Männlein erblickte, flog +ein Rabe aus seinem zottigen Haupthaar, das Zwerglein +zu schlingen. Der Zwergmann flitzte flugs in ein Mauseloch +und klagte dem Leben sein Leid: Der Riese hat +meine Welt zerstört, er denkt zu hoch über das Kleine, +laß ihn einschrumpfen, daß er klein werde wie wir. +</p> + +<p> +Da sandte das Leben eine Schrumpfkrankheit und der +Riese ward kleiner und kleiner, klein wie ein Zwerg, +aber er behielt seine großen Gedanken zur Strafe. +</p> + +<p> +So ist mein Leben nichts, sagte der kleine Riese, und +ehe er sich an einer Kürbisstaude am Narrenseil einer +spinnenden Raupe erhängte, ging er zum Oberriesen: +Du siehst, wie ich klein geworden bin, erhöre mein +Gebet und laß wachsen den Zwerg, der mich verwünscht +hat. Mache ihn so groß wie ich war, und laß +ihm nur seine winzige Kraft. +</p> + +<p> +Der Oberriese weinte, weil sich ein Mitriese an einer +Kürbisstaude erhängen konnte, und er legte einen kleinen +Riesenhefekuchen an die Stelle, wo der Zwerg zu +speisen pflegte. Der Kuchen war süß und weiß wie +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +Manna. Der genäschige Zwerg ließ seine Heuschreckenhaxe +und aß vom Kuchen. Da quoll er empor und die +Winde bogen ihn wie eine Pappel, aber er war zu +schwach, um zu stöhnen, und der Wind blies ihm die +Luft in die Lungen, auf daß er nicht sterbe.‘ +</p> + +<p> +Da konnte ich den Schmerz nicht mehr ertragen und +knipste das krallende Männlein von meiner Hose fort. +Ein Rabe, der gerade vorüberflog, biß es in den Kopf, +streifte ihm das Zwergjäckchen herunter und verschlang +es mit krächzendem Wohlbehagen.“ +</p> + +<p> +Jappes trat ans Fenster und hörte, wie Arco Calvandi +den Uhu äffte. Armida nahm seine Hand: „Jappes, hat +dein Traum eine Bedeutung?“ +</p> + +<p> +Und Jappes: „Wenn ich ein Zwerg bin, vielleicht, wenn +aber ein Riese, sicher.“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Ereignisse der Nacht treffen +nicht zu, weil es Nacht ist. Wer +die Magie aber mit der Nacht +vergleicht, tut seiner Erfahrung +unrecht. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Frau Ida Telluren und ihre drei Gäste saßen am Tisch, +welcher mit einem reich allegorisierenden Teppich überworfen +war: Ein Papagei in Ketten, eine Dame vor +einem offenen Grabe, ein lauschender Polizeidiener, eine +Frau, welche einem Helden ein Schwert überreicht, +welches in eine Schürze gewickelt ist. Zwillinge, Fische, +Eber und Kälber, ein Storch, ein Kiebitz, ein Rabe. Und +Blumen, seltene Blumen mit magischer Bedeutung: +Lolch und Fuchsia, Blasenstrauch und Rittersporn, verblühter +Safflor und Binsen, Jonquille, Ephemerum und +Cobaea. Gänsefuß und Hahnenfuß in stilisierter Bedeutung. +Mohn und Judasbaum und zwischen beiden ein +lachender Engelsfuß. Der Untergrund des Teppichs +war mit den Sternbildern übersät und die leuchtenden +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +Figuren der siderischen Zeichen stachen gar seltsam +zwischen den bunten und verschrobenen Arabesken +und Schnörkeln der Pflanzen und Tiere hervor. Planeten +und wunderkräftige Zahlen und Zeichen. Wassermann, +Jungfrau und Krebs, Zwilling und Widder und Schütze +und ... +</p> + +<p> +„Ich bitte euch sehr ernst zu sein und aufrichtig an +euer Schicksal zu denken, wenn auch nur an das vergangene,“ +sagte Tante-Sibylle, „es wird eine sakrosankte +Handlung von zukunftsicherer Bedeutung sein.“ +Sie hielt die Karten fächerförmig vor sich hin und bat, +mit weltferner Stimme, jeden der Gäste, eine Karte herauszuziehen, +welche sie dann feierlich umwendete und +mit entrückten Blicken über die antwortdurstigen +Schicksalskinder sah. +</p> + +<p> +Jappes’ Karte: Eckstein-Zwei – feierliche Stille und +gespannte Erwartung. Ida Telluren breitete ihre seidenweiche +Hand über die Karte und sprach, während ihre +Augen sich schlossen: „Zweideutiger Lebenswandel, +Knabe, du spielst mit einem Lamm. Ein Mädchen, das +seiner Mutter den Rücken kehrt, ein schwangeres Mädchen +weint. Hahnenfuß, gelbes Veilchen, Enzian. Du +beweinst ein verschwundenes Glück und hoffst umsonst +auf bessere Tage. Getäuschte Liebe, Reue, Tränen. Dein +Zeichen ist der Fisch, das Meer, der Sturm. Dein Zeichen +ist ein Wasserzeichen.“ +</p> + +<p> +Die Stube war still und der Kerzenschein legte sich +wächsern auf die übernächtigen Gesichter. Sibylle-Telluren +deutete die Zeichen der Karten. Sie wußte nichts +von den Tagen, die um Jappes ihre zitternden Kreise +zogen. Armida fragte: „Du hast doch keine Freundin, +welche mit der Karte in Zusammenhang gebracht werden +könnte?“ Sie stellte die Frage ernst und vernünftig. +</p> + +<p class="ibr"> +„Nein,“ sagte Jappes, „ich hätte ja auch eine andere Zufallskarte +treffen können.“ Aber er dachte trotzdem an +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +Pepy und wurde still. Es quälte die Tante, den +Freund nachdenklich zu sehen, und besorgt: „Die Karten +muß man Verlobten schlagen, heben Sie ab, Herr +Arco Calvandi.“ +</p> + +<p> +Und sie las ihm sein Schicksal aus den Karten: +</p> + +<p> +„Pique-Neun zu Ihrer Linken bedeutet Untergang. Er +wird von keinem guten Stern gelöst. Ich sehe sieben +Pfeile und ein Essigrohr, die Nebenkarten trügen nicht. +Ein Mene-Tekel-Upharsin. Ein Toter hängt an einem +Weidenast, derweil ein Affe lachend mit dem Weihrauchfasse +um die Leiche springt, um einem Krebse +auszuweichen, der seine Scheren nach ihm zwickt. Der +Talisman des Jupiter hat dich verlassen und die Gichtrose +blüht auf deinem Haupt. Treff-Vier zur Linken +deutet Ihnen, daß eine Dame mit Gewalt und Laune +Ihren Stern zu lenken sucht. Ein Taxusbaum, ein Grab. +Der Mond mit einer Ziffer Drei fällt jäh dem Horizonte +zu, ich sehe Binsen, Hasen, eine Klapperschlange, ein +Rad mit einer weißen Nabe, doch das ist alles so entfernt, +drum öffne ich den Kreis und schließe meinen +Spruch.“ +</p> + +<p> +Armida seltsam frohlockend: „Gottlob, Arco, daß die +Karten fast immer das Gegenteil bedeuten von dem, +was eintrifft; wir werden ja nach dieser dunklen Vorhersage +eine glänzende Zukunft haben.“ Der Bräutigam +saß still und ernst. Da legte die Tante seine gewählte +Karte hin: Pique-Fünf, ihr Hauptbild, ein sterbender, +verwundeter Mann. Seine Furcht wuchs zum Zynismus, +und er wurde froh. „Komm, Armida, lassen wir Pique-Fünf, +denn du bist meine Karte, ich nenne dich Piksüß.“ +Und er warf Jappes einen Schimpf über den +Tisch: „Uebers Jahr können wir unsere Karten wechseln. +Wegen Armida kann ich Eckstein-Zwei dann zum +Teil gebrauchen. Sie können meine Totenkarte haben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +Da küßte Jappes der Tante ehrerbietig die Hand und +verließ das Zimmer. +</p> + +<p> +Arco Calvandi küßte Armida und blies die Kerzen aus. +„Es sieht wirklich aus, wie wenn ein Toter im Zimmer +wäre.“ Dann riß er die Fenster auf, und die Morgensonne +beschien die weißen Fäden, welche sich von den +Kerzendochten hinaus in die Morgenkühle zogen. +</p> + +<p> +Aber der Totenkammergeruch war im Zimmer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-49"> +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +ACHTUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Wer Worte bedarf, um den Zustand +seines Freundes zu erraten, +weiß wenig von dessen Seele. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes schickte die Zofe mit einem Telegramm zur +Post, verabschiedete sich von Ida Telluren und fuhr +mit dem Nachtschnellzug, Pepy zu besuchen, nach +München. Er sprang aus dem Wagen, noch ehe der Zug +hielt, und lief wie besessen über den Bahnsteig, wie +wenn er einem lauernden Verhängnis entronnen wäre, +so raste er, als wolle er eine Gefahr vergessen durch die +Eile der Flucht. Pepy schrak zusammen, als sie ihn im +Sturmschritt daherkommen sah. Ihr Wesen duckte sich +in Unfreiheit. Ihre Erwartung, ihr tötendes Sehnen +wurde durch die plötzliche Erscheinung gelähmt. Sie +hielt dem Freunde kaum die Hände entgegen, blieb +einen Augenblick regungslos stehen, als wolle sie erst +den Namen, der von Jappes’ Munde kam, in sich aufnehmen, +ihn verarbeiten, ihn in Zusammenhang bringen +mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften. +</p> + +<p> +Rudibub! – Sie war es nicht mehr, und Jappes fühlte, +daß seine Pulse sich gegen das Mädchen bäumten, daß +die keusche Jugendlichkeit ihrer bebenden Anmut unter +einem Wust von sündbarer Erregung begraben lag. +</p> + +<p> +Pepy war erschrocken-freudig und durch ihre blonden +Gesichtszüge jagte ein dunkler Schatten wie ein fernes +Zucken. Wie bei lächelnd schlafenden Kindern, +wenn die Heiterkeit ihrer Puttengesichter von einem +düsteren Traum durchhuscht wird, der am Horizont +ihrer Kinderwahrnehmung drohend steigt. Jappes +fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in die Seele des +Mädchens drangen, und fühlte, daß er an ihrem Wesen +abprallte. Die Hydra der Erregung reckte die züngelnden +Köpfe, ein Gedanke in ihm warf sich hoch, ein +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +jäher, schriller Gedanke. – Jemand hat an ihr gefrevelt! +Den Schimpf Calvandis empfand er mit neuer +bohrender Vernichtung: Eckstein-Zwei kann ich übers +Jahr zum Teile brauchen, seine schwangere Karte! +Pepy sah, wie er kämpfte und verwirrt war und sie +hörte, wie ihre Stimme lallte: „Jappes, ich bin nicht +mehr froh!“ +</p> + +<p> +Er griff sie bei der Hand und wie Kinder gingen sie +durch den Abend, wie Kinder, die keine Eltern haben +und in die Welt gehen. Sie gingen lange und nährten +die Spannung. Und die Spannung wuchs in die Nacht +und griff in die Sterne, so hoch, daß sie zum Taumel +ward, zum Traum. Der Abend lag lauernd mit den +sprühenden Lichtern, betäubt von den roten Geräuschen +des Tages. Die Bäume standen wie Hymnen und flehend +mit erhoben-erhabenen Händen zum Himmel. Die +Stille war wie ein leises Gebet, das sich in den Schatten +der Häuser hüllte. Die Menschen trugen ihre Geheimnisse +vorüber, führten ihre Sehnsucht zur Lust, ihr +Leid in den Reigen der taumelglühenden Farben. Die +Straße lief zu den vielen Häusern und legte sich müde +vor die vielen Türen. Und die Menschen gingen vorüber, +sie dachten nicht an die Träume, welche die Nacht +ihnen streute. +</p> + +<p> +Eine Menschensäule flutete aus einem gähnenden Tor. +Zwei Mädchenstimmen wurden laut: „Gelt, das ist +aber doch keine richtige Verführung gewesen?“ fragte +die eine mit forschender Spannung. „Dummes Ding, +eine richtige Verführung kann man doch nicht filmen,“ +belehrte die zweite, und die erste mit milchigem Entzücken: +„Aber so war’s ganz schön, gelt?“ +</p> + +<p> +Pepys Blicke hingen an dem riesengroßen Plakat: Die +Verführte. Da stand Jappes still und las den gelben +Streifen: +</p> + +<div class="block"> +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +<p class="noindent"> +Die Verführte! +</p> + +<p> +Hochdramatische, spannenerregende und nervenkitzelnde +Begebenheit. Die Geschichte eines Mädchenlebens, +gleichsam aus dem lebendigsten Leben +gegriffen. Zeigt in photobildlich-getreuester Form +die progressive Versumpfung eines Mädchens, welches +vor Gott und Menschen das Opfer ihres Geschlechtes +wurde, durch die ruchlosen Manipulationen +eines derb-moralischen Freundes, welcher sie +mit der pervers-lasziven Attrappe moderner Eheemanzipation +in seine Netze lockte ... nebst herrlichen +dazupassenden Natur- und Landschaftsaufnahmen. +</p> + +<p> +Der zweite Teil des Films: Der Verführten Wieder-Geburt, +bei Programmwechsel. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Der Druckfehlerteufel grinste Jappes aus dem gelben +Plakatstreifen entgegen: +</p> + +<p> +Der Verführten Wieder-Geburt!? +</p> + +<p> +Pepy faßte ihn am Arm und sah ihm in die Augen: +„Jappes, ich bin auch eine Verführte. Professor Günther +...“ Aber ihre Worte erstarben, als Jappes die +Freundin bei der Hand nahm und sie hinter sich herzog. +</p> + +<p> +Am Wasserfall saßen sie beide im Englischen Garten +und suchten nach Worten, welche zu den gurgelnden +Symphonien der rauschenden Wasser passen sollten. Im +fallenden Wasser sah Pepy ihr Leben fallen; der +Gischt, das quirlende Tosen, die nassen Schatten und +Lichter, die fallende Bewegung, welche in Staub zerstob, +der drehende Wirbel der verstäubten Atome, wie +die Wasser sich den kreiselnden Kräften zum Trotz +sammelten, fremde Atome zu Tropfen und fremde +Tropfen zur Masse der fließenden Wasser wurden und +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +– noch taumeltrunken vom Rauschen des Falles, weiterflossen. +</p> + +<p> +Jappes saß heute an Günthers Stelle und hielt ihre +Hand wie jener, er fühlte sich mitschuldig, weil er +Mitwisser ihrer Schuld war. Er war selbst ein Mann. +Weshalb fand er keine Worte, die Brücke zwischen sich +und der Freundin zu schlagen. Sollte er sie einsam lassen +mit der Frucht ihrer Jugendkraft? Da fluchte er +der Frage. „Rudibub,“ sagte er mit unendlich weicher +Stimme, daß das Mädchen weinte, legte seine Hand auf +ihre glühende Stirn, „Rudibub, ich werde dir helfen.“ +Sie hörte das prophetische Gnadenwort und ihre Antwort +floß in Tränen. +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Frage kein Leben, wo es herkommt, +du könntest es stören. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes’ Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Der +Groll fraß sich in sein fieberndes Leben, die Dämonen +bauten ihr Narrenschloß und krönten ihn mit der Dornenkrone +höhnischen Ueberdrusses. Bekleideten ihn +mit dem Purpurmantel spöttischer Ueberhobenheit. Er +fühlte, wie er über sich wuchs, wie er über das Leben +hinausragte, wie er seinem Wesen fremd wurde. Seine +Tage erhoben sich gegen ihn wie Schergen und schlugen +seine Seele blutig. Aber weshalb höhnten sie ihn? +Ihn, den Narren! Er ließ die anderen mit sich spielen +und spielte selbst mit sich, lebte seine Tage ohne Kontrolle +im Ueberbewußtsein seiner suchenden Kräfte, die +sein Wesen zur Erlösung treiben sollten. Doch statt +der Erfüllung ward ihm Empörung und Kampf. +</p> + +<p> +Seine Gedanken türmten sich um ihn und marschierten +auf in geschlossenen Kohorten. Das Leben bot seinen +Heerbann auf und kam, dem Narren den Tribut der +Botmäßigkeit zu zollen. Die schwer-moralischen Hopliten +beugten sich waffenklirrend, die spitz-kasuistischen +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +Lanzenträger senkten ihre Lanzen vor dem roten König +der Narren, die locker-schwirrenden Schleuderer +opferten ihm die Steine ihrer verwirrenden Kunst. Sie +verneigten sich alle vor dem Narren im Purpurkleid +und riefen: Heil sei dir Narr! Wir bekennen uns machtlos +und beugen uns vor der Tat! Die Liebe zog gefesselt +vorüber und die weinende Freude, in Blumen erstickt, +beugte sich vor ihm und sprach: Purpurpriester, +die Liebe ist in Fesseln und ich muß weinen, weil es +keine Erlösung gibt. Der Schmerz trat herzu und lachte: +So habe ich wieder, einen Freund gewonnen, dessen +Seele von meinen Liedern tönt. Die Ideale schickten ihre +Wortführer: Wir sind der Traum der Kinder und der +Geschlechtslosen. Wir wollen mit diesem Mädchen sein, +weil der Traum seiner Lust ein Kind ist. +</p> + +<p> +Ich danke euch, erwiderte der König der Narren, ich +danke euch und werde dem Mädchen sagen, daß seine +Lust ein Traum und daß sein Traum ein Kind ist. +</p> + +<p> +Pepy antwortete dem träumenden Narren: Meine Lust +war eine traurige Sünde und ein großer Schmerz. +</p> + +<p> +Das Rauschen der Wasser wuchs in die Schatten der +ragenden Bäume und ein müder Wind tastete sich mit +weichen Händen durch die sinnenden Dinge, welche +von Traum und Leben sangen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-50"> +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Der Gerichtstag ist eine spezielle +Form der Selbsterkenntnis. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Die Nacht schrieb Jappes einen Brief an Doktor Seraph: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +Doktor, auch ich habe aus dem dunklen Brunnen der +Unabänderlichkeiten getrunken und ich weiss, dass der +Trank das Lethe ist, welches das Grübeln über die Zukunft +nutzlos macht. Die metaphysische Frage über +den Apriorismus des Lebens ist ein Unsinn, deshalb +kann man mit logischer Konsequenz nicht de jure über +das Leben entscheiden, wohl aber de facto. Weil letztere +Frage aktiv in meiner Lebenssphäre liegt und mein „visueller +Plan“ merklich dadurch verdunkelt wird, wünsche +ich in kurzmöglichster Frist mich mit Ihnen in +einer sachlichen und konsequenten Aussprache zur Klärung +und Abhilfe zu treffen. Ueber die Struktur der +medialen Substanz ein weiteres in der Zwiesprache. +Dies unter Schlüssel wegen etwaiger notwendiger +Deckung. Mit einem Appell an Ihre vorläufige Verschwiegenheit +grüßt mit dankender Hochverehrung +</p> + +<p class="sign"> +Jappes. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Morgens ging er in den Glaspalast, Pepys ausgestellte +Arbeiten zu sehen. Obwohl die Ausstellung erst eröffnet +worden war, trugen schon mehrere Zeichnungen +und Holzschnitte ein kleines Schildchen: Verkauft. +Zwei Herren interessierten sich sehr für einige Studien +über Tänze in Rötel. Sie verglichen die Arbeiten Pepys +mit denjenigen eines Künstlers, welcher Jappes unbekannt +war. +</p> + +<p> +„Die Kritik spricht sich sehr belobigend aus,“ sagte +einer der Herren, „ja man vergleicht sie sogar mit dem +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +Japaner Hokusai, wegen der Verwendung der vollen +schwarzen Farben, durch welche die Künstlerin mit magistraler +Gewalt das Problem der Verquickung des graphischen +mit dem ornamentalen Zweck gelöst hat. Der +Kritiker bewundert ihr feines Gefühl für Komposition +und beglückwünscht sie zu ihrem glücklichen Griff in +der Wahl der dekorativen Motive.“ +</p> + +<p> +„Man wird sich um sie reißen,“ bemerkte der zweite, +„zudem soll sie eine Schülerin von Meister Geraldo sein, +und böse Zungen bringen sie in Zusammenhang mit +dem Aestheten und Psychologen Günther und behaupten, +ihm müsse die geistige Vaterschaft ihrer Arbeiten +zugesprochen werden. Es ist selbstverständlich Klatsch +giftiger Neider, welche die Dame zum Werkzeug degradieren +wollen. Kunst und Stänkerei sind viel zu eng +miteinander verwachsen. Nun, sie hat die Befriedigung, +das Lob ihres künstlerischen Schaffens zu hören.“ +</p> + +<p> +Jappes hörte das Urteil: sachlich, nüchtern, gerecht. +Wie hätte er die Freundin verurteilen können? +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Es gibt Seelen, die erschrecken, +wenn sie beleuchtet werden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Mit Günthers Selbstsicherheit war es vorbei seit jenem +Morgen, als das Telephon ihm die befehlende Nachricht +brachte: Seien Sie auf alle Fälle zwischen zwei +und vier zu Hause. Ich habe unumgänglich mit Ihnen +zu reden und warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu +verlassen. Unterwürfigkeit und Auflehnung lieferten +sich einen wüst-wilden Kampf ... Wer sollte ihn, den +Professor, zwingen, Wort und Rede zu stehen über sein +Tun! Wer wollte Rechenschaft von ihm fordern! Wer +wollte sich unterfangen, in seinem Privatleben zu +schnüffeln? Wäre das kein Skandal! Kein Hausfriedensbruch! +War die Freiheit der Person nicht gesetzlich +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +gesichert! Und ein Schüler, ein grüner Junge, ein +Kerl, dessen Vater er hätte sein können, wagte es, ihm +telephonisch zu sagen: Ich warne Sie dringend davor, +Ihr Haus zu verlassen. Das Telephon war eine öffentliche +Sprechstelle. War er nicht schon kompromittiert, +wußte nicht jedes Telephonfräulein, daß es bei Günthers +einen Skandal gab! Eine Drohung ... ich warne +Sie dringend! und das war die Parole der Unterwürfigkeit. +In den Worten lag ein Zwang, eine Erniedrigung. +Jappes hatte keine Ehrfurcht vor Gelehrsamkeit, er +rechnete nur mit Menschen, hart auf hart, und rot auf +rot. +</p> + +<p> +Sicher ließe sich mit Jappes unterhandeln! Wenn er +ihm mit kasuistischer Verschmitztheit von der Schwäche +des menschlichen Fleisches reden würde, wenn er +Jappes hintergehen könnte ...? ihm eine Komödie vorspielen, +sich anklagen, seine Verwerflichkeit in zerknirschter +Demut mimen, Jappes verwirren, machtlos +machen ... erkünstelt stöhnen, sich in der Verzweiflung +vor ihm hinwerfen, die Augen mit Speichel anfeuchten +und ihn dann unter Tränen um Verzeihung +bitten ... +</p> + +<p> +... – Jesus hat der Maria Magdalena ihre prostituierte +Prostration verziehen und Jappes würde seine +vermeintlichen Tränen, seine Zerknirschung als Sühne +nehmen ... – Er könnte sich allmählich beruhigen +und mit Jappes über die Mittel und Wege beratschlagen, +wie er sich und Pepy den Frieden der Seele und +des Leibes wiedergeben könnte ... +</p> + +<p> +Er fand Ruhe in der Komödie, welche er sich spielte. +Die dritte Nachmittagsstunde war kaum verklungen, +als die elektrische Klingel schrill durchs Haus bohrte. +Oh! der Glocke schrille Stimme, das lange, doppelte, +dreifache, das eindringliche Bohren. Jappes meldete +sich an durch die Art, wie er schellte. Kein kurzes +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +fröhliches Schellen: Bin da! nein, ein langes drohendes +Schrillen: M–a–a–a–ch au–auf! daß die Vokale +vibrierten. +</p> + +<p> +„Es freut mich, Sie heute wiederzusehen, Herr Professor +Doktor Gustav Günther, Sie werden sich Ihres Privatschülers +wohl noch erinnern?“ +</p> + +<p> +„Pepys Freund,“ erwiderte Günther kühn. +</p> + +<p> +„Pepys Freund!“ wiederholte Jappes und stieg hinter +Günther die Treppe hoch, welche zum Atelier führte. +</p> + +<p> +„Nehmen Sie Platz, Herr Professor Doktor Gustav +Günther,“ wies Jappes auf die Ottomane. „Ich weiß, +daß Sie mir nichts zu sagen haben, aber ich habe Ihnen +um so mehr mitzuteilen. Sie wissen, daß Sie ein Kind +in der Zukunft haben. Wissen Sie es?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Sie wissen, daß Sie ein Betrüger sind, ein geschlechtlicher +Lügner. Sie wissen, daß Sie einmal sagten: Versuchskarnickel +sind die Weiber, glauben Sie meiner +Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel! Wissen +Sie es?“ +</p> + +<p> +„Ja ... aber ...“ +</p> + +<p> +„... Dann kennst du mein Urteil, Hund,“ und Jappes +bäumte sich ihm entgegen. „Schmutziger, ehrloser +Hund, bist du so wenig Herr deiner geilen Triebe gewesen, +daß du ein ehrbares Mädchen schwängern +mußtest? Fluch deinem Geschlecht, du schmählicher +Ekel, du liederlicher Auswuchs verhurter Gedanken. +Hattest du kein Weib, keine Frau, die nach dir lechzte +in geschlechtlicher Brunst. Warst du zu stolz, auf die +Straße zu gehen und deinen ranzigen Samen in das +Fleisch einer Prostituierten zu geilen. Du Schmach der +Verworfenheit! Ein Mädchen hast du befleckt und ihr +den Schimpf angetan, die Frucht deiner Schlüpfrigkeit +zu tragen. Das ist eine Sünde wider den Willen, eine +Sünde wider den Geist, eine Sünde wider das Blut, eine +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Sünde wider das Leben. Und auf dieser Sünde steht +Tod! Weißt du, daß Tod auf dieser Sünde steht?!“ +</p> + +<p> +Günther war in sich zusammengefallen, saß irr wie ein +Trunkener, warf sich plötzlich seinem Richter entgegen, +lallte eine Antwort, ohne Sinn. Nur ein Wort +stach grell und greisenhaft flehentlich aus seinem +Stimmengestammel: Nicht töten ... Jappes zwang ihn +zurück mit eisernem Griff, brach seinen Willen, lähmte +sein Wesen: „Schwächling, Feigling, so bist du im +Sturm, du Kraft ohne Richtung, du Drang ohne Halt. +Ich habe geschworen, dir dein Handwerk zu legen, du +bist unmöglich geworden, und ich sorge dafür, daß du +zur Einsicht deiner Ueberflüssigkeit kommst. Zur – +Einsicht – deiner – Ueberflüssigkeit – ...“ Da fiel +sein Blick auf Meister Geraldos Skizze. Den Rahmen +schlug er am Boden entzwei, und trat mit dem Fuß +in die Leinwand, daß sie zerriß. Stieß einen Blick in +die Fetzen, spreizte die Hände darüber und spuckte mit +Abscheu zum Gruß. +</p> + +<p> +In der Treppe reichte ihm Frau Günther die Hand – +die Mutter: „Sie gehen schon wieder, Herr Jappes? +Sie hätten zum Tee bleiben sollen. Grüßen Sie Fräulein +Pepy, ich fahre morgen mit den Hunden nach Baden-Baden.“ +</p> + +<p> +„Was ist mit den Hunden,“ fragte Jappes, mit übereilter +Erregtheit. +</p> + +<p> +„Ach, Sie wissen es noch nicht, alle unsere Hunde +kommen nach Baden-Baden, aber ich sehe, Sie haben +Eile,“ und sie reichte Jappes die Hand zum Abschied. +Hastig drückte er ihr die Hand: „Ja, ich habe immer +Eile, immer.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-51"> +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +FÜNFZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Zwei Krieger aus feindlichem +Lager können sich zusammen +ans Biwakfeuer setzen, dürfen +aber nicht dabei einschlafen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Sie kommen so selten, daß man Sie richtig anstaunen +muß, wenn Sie mal da sind,“ empfing Frau Winterstein +den dunklen Doktor. +</p> + +<p> +„Ist Jappes schon gekommen?“ fragte Molo Seraph +und warf einen forschend-flüchtigen Blick auf seinen +schwarzen Ring. „Gnädige Frau, ich bin nicht immer +fähig, soviel Licht aufzunehmen. In Ihrem Salon ist es +zu hell und die Menschen sind zu fröhlich nach außen, +deshalb möchte ich euren Frieden nicht stören. Der +Ring fordert immer ein Opfer, weil er im Zusammenhang +mit Toten stehen muß. Der Stammbaum des +Steines ist ein ausgedehnter Nekrolog. Er steht nicht +nur in der natürlichen Art der Kapitulation des Organismus +mit dem Tod in Verbindung, sondern auch +durch die gewaltsame Art, durch den Mord. Darum +hüte ich den Stein, und für meine Umgebung ist es immer +gefährlich, wenn ich ohne den Gegenstein, den Pesach, +der das Blut stillt, ausgehe. So muß ich umkehren +und auch den Blutstein anlegen, um die Wirkung +des Teufelsteines zu isolieren ...“ +</p> + +<p> +„Das ist selbstverständlich ein vorbereiteter Kniff von +Ihnen, uns auszukommen. Nun bleiben Sie schon ruhig +hier, ich übernehme die Verantwortung für den Abend +und für den wunderlichen Stein. Gehen Sie zu den Damen, +dann hat er seine magische Gewalt schnell verloren.“ +</p> + +<p> +„Ach verzeihen Sie mir,“ bat Doktor Seraph, „ich vergaß, +Sie zu grüßen, als ich kam,“ und er führte die +Hand der Dame an seine kalten Lippen. Frau Winterstein +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +dachte: Der Totenkopf hat aber wirklich einen +Vogel und lachte über ihre gut fundierte Selbstsicherheit, +welche ihr das beste Amulett gegen jeden Zauber +schien. So empfand sie ihre Verantwortung für den +Zauberstein an dem Abend als eine süße Last. +</p> + +<p> +Die Damen waren im Begriff, die ruhigen Bewegungen +eines Rundtanzes zu üben, als das Quittengesicht in +die Türe trat. Mit erschrockener Ueberraschung hielten +sie in ihrem Reigen inne und wie aus einem Munde: +„Oh! Doktor Seraph!“ Armida trippelte auf ihn zu im +zierlichsten Menuettschritte, und Molo Seraph seinerseits +war einen Augenblick verwirrt, als die Dame in +dem absonderlichen Aufputz vor ihn trat. Armida mit +angemalter Wetterbräune und keck-grünem Lodenhütl, +reichte dem perplexen Freunde die Hand: „Nanu +Molo, was stierst du mich so an, wie wenn ich ein +Meerwunder und du ein Mondkalb wärest?“ +</p> + +<p> +„Ich habe oft Wahngebilde, so daß ich gar nicht mehr +über die Wirklichkeit zu urteilen wage,“ entgegnete +der Doktor. „Tirol liegt nicht außerhalb meines Visionsradius,“ +und dabei musterte er Armidas Tracht; der +lebhaft bunte Ueberwurf, das Mieder, der weite Rock +und die Zwickelstrümpfe. +</p> + +<p> +„Ach Doktorchen, du mußt mit uns üben, so, hier +schau, den Tritt, im Dreivierteltakt.“ Der Doktor aber +machte einen Knicks und bat Armida um einen Tanz. +Tanzte mit ihr die Tirolienne und erregte respektvolle +Verwunderung bei den Gästen und Freunden. +</p> + +<p> +„Das Bild könnte einen Maler inspirieren,“ wagte +Fräulein Winterstein zu bemerken, „sieht es nicht aus +wie der tanzende Tod mit dem tanzenden Leben?“ +</p> + +<p> +Arco Calvandi und Jappes trafen sich im Erfrischungsraum: +„Wie fühlen Sie sich als Bräutigam, mein +Herr?“ „Oh, Dank der Nachfrage, ich bin zu Tode +glücklich verliebt. In Liebesangelegenheiten pflegte +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +ich nie über die Verhältnisse der anderen hinauszuleben. +Das Geschlecht der Calvandi wußte stets aus seiner +Umgebung Nutzen zu ziehen. Für mein Herz beginnt +nun das goldene Zeitalter der Ruhe, und es ist +keusch im Dauerofen der ehelichen Liebe erglüht. Ich +bin Ihnen darin verwandt, weil es eine Zeit gab, wo +auch Sie Geschmack an meiner Braut fanden. Und Sie +sehen, ich bin Ihr Freund, weil ich Ihnen die süßen +Stunden, welche Sie mit Armida verlebt, in die Erinnerung +rufe. Ihnen vertraue ich das letzte Geheimnis +meines bewegten Junggesellentums an: Meine Frau +wird nur eine angenehme Episode in meinem Leben +sein, und weil Sie Armida, kennen, verstehen Sie auch +den Sinn meiner Worte. Doch da kommt der Totenkopf, +und weil ich wußte, daß er heute bestimmt kommen +würde, habe ich mich mit einer krausen Chrysantheme +bewaffnet, denn der herbe Atem der Blume paßt +zu der Friedhofsstimmung, die er um sich zu verbreiten +pflegt.“ +</p> + +<p> +Jappes erhob ein leeres Glas und maß den „Freund“ +mit einem leeren Blick. „Ich weiß nicht, welche Flüssigkeit +ich auf Ihre Gesundheit trinken möchte,“ dann +begrüßte er Doktor Seraph, welcher hinzugetreten war. +„Ich verspürte ein sinnfälliges Zucken des Ringes,“ +betonte dieser mit einem gesetzten Akzent in der +Stimme, „aber ich sehe, die Herren sind in bester +Laune der Säfte. Vielleicht ist es Ihre Blume, die an +den Tod erinnert,“ wandte er sich an Arco Calvandi. +„Sie belieben scheinbar mit dem Tode zu spielen, im +Uebermut der bräutlichen Tage. Sie sollten nicht mit +dem Tode spielen!“ +</p> + +<p> +„Wie sollte ich nicht! Ihre maskenhafte Erscheinung +gemahnt eher an den Tod als eine Totenblume. Wissen +Sie nicht, daß die Gesellschaft es liebt, mit den Toten +in Verbindung zu stehen, daß sie Geister materialisiert? +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Die Gesellschaft will Fleisch. – Sie lachen, +Herr Jappes. – Ja! die Gesellschaft will das Fleisch +der verstorbenen Geister, will eigentlich das verstorbene +Fleisch der Geister, und Sie, Herr Doktor, fühlen +sich sicher im angenehmen Kitzel Ihrer magischen +Kraft. Frau Winterstein hat mir über die Befürchtungen, +Ihren Ring betreffend, gesprochen. Sie sind +ein wunderlicher Kauz, Herr Doktor Seraph, und unterhalten +die Gesellschaft auf Ihre Art. Ich empfehle +mich und danke Ihnen, weil Sie durch Ihre Erscheinung +das Gefühl des spaßhaften Gruselns geweckt +haben. Ich spiele nur auf meine Art mit dem Tod. +Herr Jappes kann Ihnen die Prognose von Ida Telluren +erzählen.“ Er zog die Schultern und ging zu den +Damen, als der Doktor ihn warnte: +</p> + +<p> +„Ihr Wesen ist Leben und mein Wesen ist Tod. Sie +glauben nur zu spielen, Herr Arco Calvandi. Sie sollten +nicht mit dem Tode spielen – auch Sie, Herr Jappes, +scheinen zu spielen, aber Sie spielen mit dem Leben, +mit dem aktiven Leben, oder habe ich den Sinn Ihres +Briefes nicht klar gedeutet?“ +</p> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Du glaubst zu zwingen und wirst +gezwungen. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Jappes zog Doktor Seraph in eine ruhige Nische, in +welcher die gedämpfte Brandung, des Abends spielte. +Die Wellen der Musik fluteten in breiten, geschwungenen +Akkorden heran, fluteten zurück im Widerhall, +lösten sich auf, krochen an den Wänden hoch, als suchten +sie einen Ausweg, diesem qualmenden Getön zu +entrinnen. Wogten um die gleißenden Lichter in fieberndem +Tanz und fanden den rhythmischen Tod im +Verklingen der Töne. Auch die Lichter erstarben in +elektrischer Glut. Die Freude ward Chaos und Wirbel +... So trank Doktor Seraph die sterbenden Lichter +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +und Töne. So genoß er den Abend mit bewußt-dämonischem +Reize und trank aus den sterbenden Dingen +die Kraft für sein dunkles Wesen ... +</p> + +<p> +Als Jappes zu sprechen begann, schloß der Doktor die +Augen und lauschte: „Herr Doktor, ich weiß nicht, +ob es Ihren Prinzipien widerstrebt, ein Leben zu vernichten, +aber ich bitte Sie, mich anzuhören, denn es +handelt sich um ein Leben, um ein ungeborenes Leben. +Mir fällt die Rolle eines Advocatus diaboli zu. Ich +soll etwas Böses um des Guten willen verteidigen. Es +ist eine sonderbare juristische Privatthese. Doch ich +will klarer reden. +</p> + +<p> +Meine Freundin geht mit einem Kinde schwanger, das +in geschlechtlicher Ueberrumpelung gezeugt wurde. +Sie hatte den Willen zur Begierde, aber nicht den Willen +zum Kinde. Nach dem Recht der Ungeborenen hat +ihr Kind ein Anrecht auf das Leben. Und doch bitte +ich, dem Recht des Ungeborenen zum Trotz, um Ihren +klinischen Beistand zur Unterbrechung der Schwangerschaft. +Für die Antithese will ich die furchtbare +Einseitigkeit des gesetzgeberischen Moralempfindens +nicht verwerten, will die Unmoral der verdammungswütigen +Gesellschaft nicht ins Feld führen, will die +Unzulänglichkeit allzu menschlicher und fehlbarer Juristerei +nicht etablieren. Tötet nicht der Krieg in Massenschlachtungen +Tausende von Menschen, zu Ehren +des Staates, des Staates, welcher das Gesetz der sozialen +Fürsorge und mit ihm das Recht der Ungeborenen +promulgiert hat. Von all dem leeren Wortgeklingel +will ich abstrahieren – das Mädchen ist in seiner +künstlerischen Entwicklung begriffen und darf durch +die Geburt und durch die Pflege ihres Kindes keine +Hemmung ihres künstlerischen Schaffens erfahren. Ich +verbürge mich für sie, daß sie ein künstlerisch wertvoller +Mensch ist. Ich habe ihre ersten stilsicheren +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Arbeiten in einer Ausstellung gesehen, und Sie müssen +verhindern, daß das Talent von der Gesellschaft +in den Kot gezogen wird ...“ +</p> + +<p> +„Sind Sie der Vater dieses zukünftigen Kindes,“ fragte +Doktor Seraph. +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Dann ist Ihre Ausführung ein objektives Plädoyer +zugunsten eines Mädchens. Durch die Geburt des Kindes +wird sie künstlerisch nicht gehemmt. Ihre Kräfte +werden eher gesteigert. – Und wenn sie Künstlerin +ist, wird sie nicht durch das Urteil der Umwelt leiden, +wenn sie ein Talent ist, wie Sie versichern, wird sie sich +auch der Umgebung zum Trotz durchsetzen. Meine +Mithilfe muß ich Ihnen versagen, nicht weil ich Kompromisse +mit der Gesetzgebung zu schließen bereit bin, +sondern weil die Meinung der Gesellschaft kein Lebensopfer +wert ist. Jüngst habe ich in einer medizinischen +Zeitschrift meine Stellungnahme zu dem Problem +klargelegt und den Standpunkt vertreten, daß es vernünftiger +ist, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit +der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen +Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische +Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben.“ +</p> + +<p> +„Sie verweigern die Hilfe, weil der Wille zur Geburt +Ihr Freiheitsdogma ist,“ unterbrach Jappes. „Wollen +denn Sie die dunklen Kräfte des Blutes leugnen, die +jahrhundertlang das Wesen der Individuen fortpflanzen, +Kräfte, die unabhängig vom Willen sind, ja, die +selbst den Willen zwingen oder isolieren. Kräfte, +welche das Wesen verwirren, zur Fortpflanzung drängen, +im Unterbewußten das Erotische aktivieren, uns +mit elementarer Wucht befehlen, uns zu Werkzeugen +der starren Gesetze des Blutes stempeln. Das Mädchen +ist die illegitime Tochter eines medial veranlagten +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +Künstlermodells. Nun ist ihr Leben dem Konflikt des +Blutes mit der Geschlechtsnorm erlegen. Diese Frucht +ist eine Regelwidrigkeit der geschlechtssoziologischen +Ordnung. Der Fatalität der Vererbung der sittlichen +Schuld war das Mädchen nicht gewachsen, denn ihr +Geschlecht war zu schwach und die Begierde des Blutes +zu groß. Darum bitte ich, setzen Sie dem blutigen +Fluch durch ihre Hilfe ein Ziel. Unterbinden Sie die +Wirkungsmöglichkeit der dämonischen Kräfte, Sie sind +ja berufen, die Geister zu bannen, deshalb schließen +Sie diesen fatalen Ring, unterbinden Sie die schaffende +Wirkung der tätigen Geister.“ +</p> + +<p> +Ein flüchtiger Schein huschte über Doktor Seraphs +Gesicht, wie ein Wetterleuchten über eine matte +Mondlandschaft. +</p> + +<p> +„Sie muten mir Grausiges zu. Ich will das Kind nicht +morden. Aber ich will den Erbgeist des Blutes bannen, +wenn Sie mir die Zukunft des Mädchens freigeben. +Dann kann ich die Geister bannen, indem ich +ihr die Mutterschaft nehme und sie fürs Leben unfruchtbar +mache. Ist Ihnen der Preis nicht zu hoch? +Den Geistern muß man die Basis des Wirkens nehmen. +Ueberlegen Sie gut, das ist die Bedingung, und ich +will gleich darüber entschieden wissen. Ist das Verhängnis +der würdige Gott, daß man ihm das Opfer der +Mutterschaft bringt ...?“ +</p> + +<p> +Jappes blieb im Banne der Frage. Pepy würde kein +Opfer scheuen. Wie hatte sie gesagt und mit verzweifelter +Hand ins Wasser gedeutet? Sie würde den Fluch +ihrer Sünde nicht tragen wollen, und die Verantwortung +für die Kämpfe ihres Kindes würde sie nicht tragen +können. Nicht-wollen, Nicht-können. Das waren +die Postulate, die ihren Selbstmord begründeten. Und +er hatte ihr zu helfen geschworen. +</p> + +<p> +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +„Sei’s drum,“ sagte Jappes: „sie will kein Opfer scheuen, +und das Höchste ist auch eines.“ +</p> + +<p> +Da drehte der Doktor den Ring um den Finger: +</p> + +<p> +„Schicken Sie das Mädchen und meiden Sie mich. Ich +werde ihr Arzt sein und ihr Geschlecht aus der Zukunft +heben.“ Reichte Jappes die Hand und lautlos verließ +er den Saal. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-52"> +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +EINUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Rätsel der Vernichtung sind +so geheimnisvoll wie die Rätsel +der Schöpfung. Beide münden +ins Leben. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Der Ball war zu Ende. Jappes und Arco Calvandi begleiteten +Armida nach ihrer Wohnung, welche in Steglitz +lag. „Dann treffen wir uns vorläufig nicht mehr,“ +verabschiedete sich Armida, „wir wollen unser Flitterjahr +verreisen. Dein heroischer Verzicht gefällt mir. +Du warst immer ein Meister der raschen Entschlüsse. +Vielleicht treffen unsere Wege sich später, vielleicht +sind wir auf ewig geschieden.“ +</p> + +<p> +„Wir wollen es hoffen,“ und Jappes ging mit einem +Lachen. +</p> + +<p> +„Sie haben viel Aerger mit mir gehabt,“ sagte Arco +Calvandi, „und Armidas Abschied fällt Ihnen schwer, +weil Sie so lachen. Ich kenne die Seele der Menschen. +Ich weiß, daß Sie lachen, um nicht traurig zu scheinen.“ +</p> + +<p> +„Sie glauben, das Leben zu kennen, Sie kennen nur ein +Leben; das einzige, was Sie bestimmt wissen, ist, daß +alles um Sie heuchelt, und daß Sie mit allem heucheln. +Arco Calvandi, Sie sind nicht der Mensch, Sie sind +nur ein Mensch, den das Leben mit Wahnsinn behaftet +hat. Wie unbeständig ist das Leben, wie kurz! Man +kann das Leben hintergehen, und den Tod kann man +zwingen, sein Handwerk zu üben.“ +</p> + +<p> +„Ich fürchte keinen Tod, ich habe dem Leben zu oft +in die Augen geschaut. Aber ich empfinde Mitleid mit +Ihnen, weil Sie so fröhlich scheinen. Ich möchte Sie +diese Nacht nicht verlassen, weil Sie manchmal mein +Weggefährte waren und ich an Ihrer Trauer den Wert +Armidas erkannte. Wollen Sie von meinem Wagen +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +Gebrauch machen. Wir fahren aus der Stadt. Die Menschen +vergeuden so viele Geräusche.“ +</p> + +<p> +Jappes und Arco Calvandi stiegen in den Wagen und +fuhren über den Hindenburg-Damm zu den Anlagen +am Teltow-Kanal. Was für ein Zwang hatte sie diese +Nacht zusammengeschmiedet? Waren es noch Menschen, +die das Spiel verhaßt-gegenseitiger Unausstehlichkeit +spielten? Waren es dämonische Kräfte, die +sich gegenseitig maßen? Waren es Teufel, die in der +Verruchtheit ihrer Wesen gegenseitig Halt suchten? +Führt der Zufall nicht manchmal Menschen zusammen, +um sie gegenseitig als Werkzeug ihres Untergangs +zu gebrauchen? Ist die scheinbare Gesetzlosigkeit +nicht oft der eherne Zwang, der gestaute Konflikte +zur Entladung bringt? Ist nicht oft die Wahrheit +der Zünder, welcher katastrophale Explosionen +heraufbeschwört, wenn zwei Wesen aufeinanderprallen? +Die zwei Menschen gingen durch die Nacht, am Kanal +entlang. Sie waren sich gegenseitig Verbrecher und +Richter. Ihre Anklage war Wahrheit, ihre Verteidigung +war Wahrheit und ihr Wesen war Spiel. Zwischen +beiden ging die Strafe, bereit, einem jeden ihr +Bündnis anzutragen. +</p> + +<p> +„Schade,“ sagte Arco Calvandi, „daß man einen treuen +Gefährten wegen einer Frau, die man nun einmal durch +die Tücke des Blutes liebgewonnen hat, im Stiche lassen +muß. Ohne die Intrigen des Lebens wären wir +zweifellos die besten Freunde. Es gibt doch eine Zeit +im Leben, wo man die Liebe über die Freundschaft +setzt.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nicht, ob die Freundschaft, von der Sie reden, +wert ist, daß man sie lobe, um die Liebe, die Sie +meinen, damit zu vergleichen. Es gibt eine Freundschaft +des Blutes und eine Liebe der Gesinnung, welche +beide verschwistert sind und das Wesen eines platonischen +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +Hausfreundes ausmachen. Sie nennen mich +Freund. Auch Judas hat Christus den Freundeskuß +gegeben.“ +</p> + +<p> +„Und der allwissende Christus ließ sich von Judas +küssen. Doch hören Sie, Freund, wir sollten uns vor +der Trennung zu verständigen suchen. Armida war +unser beider Schicksal und einer muß dem Schicksal +immer weichen. Von zwei Thronprätendenten kann +nur einer die Krone erhalten. Ich sehe mich als den +Würdigsten an, weil Armida die Wahl zu meinen +Gunsten entschieden hat. Die Ehe ist für fertige Männer +und ich kann in der Ehe ein zweites Leben gewinnen.“ +</p> + +<p> +„Ich bin noch kein fertiger Mensch und habe bereits +ein Leben verloren. Ein keimendes Leben habe ich der +Gesellschaft geopfert. In einem Augenblick habe ich +über ein Leben entschieden. Ich staune selbst, wie +schnell ein Urteil sich zur Tat bildet. Ein Leben durchs +Jawort des Triebes entstanden. Ein Leben durchs Jawort +des Willens vernichtet ... Es ist wie die Synthese +des Lebens.“ +</p> + +<p> +„Sie sind ein Mörder am frühen Geschlecht? Sind Sie +der seltsamen Karte verfallen?! Eckstein-Zwei – und +die schwangere Deutung.“ Er lachte. „Sie haben ein +Leben vernichtet. Dann sind Sie ein Held. Nur Helden +töten! Wer lebendig macht, darf auch töten. Ein +Schöpferwort! Ein Vernichtungsurteil. Ich werde ein +Apostel Ihrer neuen Moral. Ihre Thesen sind heilig +durch die fatalkräftige Prophetie von Tante Telluren. +Mir fällt ein, daß ich Lust empfand, die Tante zu einem +Antiquar zu führen – doch keinen banalen Spaß. Es +gibt Gelegenheit genug, über Ernstes zu lachen. Ihre +überzukünftige Moral gefällt mir. Töten, wenn ich +will; in einem Augenblick entscheiden, das ist ein +Mann! Auch meine Karte hat mir Tod verkündet. Wie +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +sprach die Tante ganz ulkig von meinem Tode: Ein +Toter hängt an einem Weidenast, derweil ein lachender +Affe mit dem Weihrauchfasse um die Leiche +springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine +Scheren nach ihm zwickt. Wenn Ihr Gewissen nicht +hinter dem Lachen verborgen läge, könnte ich es leicht +mit dem zwickenden Krebse vergleichen. Sie wären +der hüpfend-lachende Affe, der mich mit Weihrauch +beräuchert. Die Totenopfer beräuchern, ist die höchste +Tugend. Oh, gewiß! ich werde ein Apostel Ihrer neuen +Moral.“ +</p> + +<p> +„Sie könnten auch ein Märtyrer werden! Ich liebe den +perversen Teufel, der aus Ihnen spricht. Wir ergänzen +uns würdig. Ich bin die verbrecherische Tugend und +Sie das tugendhafte Verbrechen. Wir sind nur durch +eine feine Nuance verschieden. Das Gewissen ziert keinen +Kulturmenschen mehr, Verbrechen und Tugend +sind die Früchte derselben Moral. Ich liebe Sie, Herr +Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: nur mit +der Brutalität der Empfindung behaftet. Ich hasse +Sie, Herr Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: +nur frei vom romantischen Hauche der Sehnsucht.“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Wir fließen ineinander über und können uns doch +nicht in Armida einen. Sie sind ein seichter, zielloser +Strom und führen den Unrat des Lebens mit. Eine +Last schwimmt mit Ihnen, und Sie reißen das Schiff +in den Stromschnellen fort, aber das Schiff wurde leck, +als es über die Untiefen raste und es sank im ruhigen +Flusse des Stromes. Sie konnten das Sinken nicht hindern. +Sie hatten die Schnelligkeit ohne die Tiefe. So ist +Ihr Wesen ein verlorenes Sein. Ihr Streben ein zielloses +Irren. Ihr Tun ein ruchloses Handeln – ich spreche +von unserem gemeinsamen Wesen. – Der Haß +ist Ihre Liebe zu mir: Der liebende Haß, die neue Moral. +Sie stehen an meinem Wege und lachen ... Sie +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +gehen mit meiner Leiche und singen, Sie stehen an +meinem Grabe und grinsen ... Sie trinken auf mein +Wohl und wünschen mir Gift in den Becher, aber ich +weiß alles zu deuten – ich spreche von unserem gemeinsamen +Wesen. Bruder, sage ich zu dir, wie Judas +zu Christus, Bruder, ich liebe dich!“ +</p> + +<p> +„Ich bin Christus, der die Welt erlöst, um sterben zu +können. Den Fluch, den er Ahasver tat, hat er am +Kreuze durch Tod gesühnt und sein weltflüchtiges +Wesen geopfert. – Ich entgegne deinen Bruderkuß +und sage dir, Bruder, ich liebe dich.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Da griff eine Hand aus dem Dunkel nach Arco Calvandi. +Ein scharrender Fall, ein Keuchen wie fernes +Saugen, dann lähmende Stille wie ein böser Traum. +</p> + +<p> +Am Morgen trug man eine Leiche ins Totenhaus. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-53"> +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +ZWEIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Verbrechen und Tugend sind die +beiden Pole der gesellschaftlichen +Moral. Die Sitten sind die Strömungen +zwischen beiden. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nachmittags, als Jappes in Saßnitz ankam, lag das +Meer lauernd wie vor einer großen Katastrophe. Der +Wind, der gegen die Wellen blies, glättete die Wogen +und ein körniger Rieselschauer überlief von Zeit zu +Zeit die glatte Fläche. Er ging den Weg, den er einst +mit dem Fremden gegangen – gegen Stubbenkammer, +wo das Meer braust und die Felsen öde sind. +Er konnte sein Lachen nicht deuten, als er an Calvandi +dachte, der ihn zum zweitenmal ans Meer getrieben. +Heute war er nicht vor ihm geflohen, keine Flucht vor +einem Menschen, gegen welchen er nicht ankämpfen +wollte, wie damals, als Armida ihm den Laufpaß gab. +</p> + +<p> +Heute fühlte er sich frei, er wußte, daß er nicht feige +war, er war friedlich von dem Toten gegangen, hatte +ihm alles verziehen und das Röcheln seines Opfers +als Sühne genommen. Er hatte ihm den größten Dienst +getan und ihn aus Liebe getötet ...?! Er trank die +frische Meerluft mit gierigen Lungen. Der herb-tote +Meergeruch stärkte ihn und mit tiefen Zügen trank +er den Atem des Meeres. +</p> + +<p> +Bruder, ich liebe dich! er brüllte es laut, daß die Felsen +erschauerten und das Echo in seine Seele warfen. +Als die Abendschatten sich unter die schwindenden +Lichter des Tages mischten, war das Meer eine unendliche +opalisierende Fläche und das Grau bewirkte das +Empfinden der krankhaften Ruhe des Wassers. Jappes +ging den einsamen Pfad, zwischen den ragenden +Sandmauern und dem lauernden Wasser. Saß an der +Stelle, wo er mit dem Fremden gesessen, saß in Gedanken +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +und starrte ins Meer. Da kam ein leises klirrendes +Geräusch, wie von rollenden Kieseln, und der +Fremde saß vor Jappes auf dem Stein. Er trug den +grauen Mantel und die graue Tasche und grüßte: „Bruder, +ich liebe dich, ich erkenne dich an deinem Blick, +du hast aus Lust gemordet, wie ich aus Lust morden +wollte. Du warst glücklicher als ich. Dein Opfer hat +sich nicht gesträubt. Ich habe immer vom Glück der +glücklichen Mörder geträumt. Doch mir will kein +Mord gelingen. Vielleicht verstehe ich nicht, die Schuld +meiner Opfer zu schaffen. Man erschafft die Schuld +seiner Opfer, wenn man sich selbst zum Richter über +sie setzt. Ich bin gekommen, von dir zu lernen, mein +Bruder.“ +</p> + +<p> +Jappes wollte sich auf den Fremden stürzen, als er +aber die Worte hörte, die er sprach, fühlte er, wie die +Lähmung durch seine Glieder floß: +</p> + +<p> +„Ich habe nicht gemordet, grauer Fremdling, ich habe +getötet, den Widersacher meines Blutes habe ich getötet. +Ich habe ihn aus Haß gegen mich getötet, weil +er mein ruchlos stärkeres Wesen war. Mein Recht dazu +kann ich in keine Form fassen, auf einmal war die +Lust da und die Kraft und der Wille ... aber kein +Gedanke an die Schuld, der ich dadurch hätte verfallen +müssen. Sein Tod war Erlösung für mich und für +viele, deren Sünden er trug. Er war rein wie der Heiland, +nur durch den Umgang mit Menschen hatte er all +ihre Sünden auf sich genommen. Ein Mensch begeht +keine eigenen Sünden, er trägt nur die Sünden der +anderen und kann nur durch andere Erlösung finden. +Ein jeder ist Schächer, ein jeder Erlöser ...“ +</p> + +<p> +Da stockte Jappes und der Fremde gebot ihm: „Erzähle +mir weiter von Sühne und Schuld.“ +</p> + +<p> +„Bruder, grauer Bruder,“ fuhr Jappes fort. „Vielleicht +bin ich nicht ganz makellos, denn ich fühle, wie ich +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +freier werde, wenn ich dir von der Schuld erzähle. Ich +habe nie eine Sünde begangen, aber ich trage eine +schwere Sünde. Die Sünde eines Mädchens, die Sünde +einer Zukunft. Durch die Berührung mit Menschen +gehen deren Sünden auf uns über und wir verfallen +ihrer eigenen Schuld. Ich bin Christus und trage mein +Kreuz und mich begleitet viel Volk, mit mir ihre +Sünden zu töten. Christus war ein Mensch mit unendlichen +Träumen, sonst hätte er die Menschheit nie erlösen +können, denn die Menschen sind Träumer, ihre +Verbrechen sind Träume und unbewußtes Geschehen. +Vom Tode Calvandis bin ich frei, denn ich habe durch +ihn meine Schuld gesühnt: Wäre er nicht zwischen +mich und Armida getreten und hätte für mich sein Leben +versündigt, wahrlich, ich hätte ihn nicht töten +dürfen, so aber war sein Leben meine übernommene +Schuld und sein Tod meine Sühne ...“ +</p> + +<p> +Der Fremde lachte mit unheimlich heiserer Stimme. +„Du glaubst, daß die Menschen ein Anrecht auf Schuld +haben ... und keiner eigenen Sünde fähig sind?“ +</p> + +<p> +„... Wir haben alle ein Anrecht auf Schuld, aber wir +sind keiner Sünde fähig. Kein Mensch will sein eigenes +Ich beflecken und weil er nicht will, kann er auch +nicht. Christus hat keine Sünde begangen, konnte nicht +fehlen, weil er nach göttlichem Willen nicht wollte. +Und doch hat er seine Umwelt am Kreuze mit blutigem +Opfer erlöst. Die Juden, die Christus töteten, +wurden die Träger der ungeheuren Schuld und müssen +sie durch die Jahrtausende schleppen. Eine Schuld +ist erst gesühnt, wenn der letzte Träger derselben +vernichtet ist und ohne die Kreuzigung hätte Christus +die Welt erlösen können. So aber haftet der Fluch der +Welt den Juden an. Erst wenn der letzte Jude vernichtet +ist, kann die Welt frei von Schuld sein ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +„Die Menschen sollten sich hüten, die Juden zu töten, +weil sie sonst die Schuld nur verschieben. Du meinst +die Vererbung der sittlichen Schuld, und du rechtfertigst +dein Tun mit den Sünden der anderen! In was +besteht denn deine Schuld?“ +</p> + +<p> +„... Einerseits rechtfertige ich mein Handeln und andererseits +verdamme ich mein Tun durch ein und dasselbe. +Meine Schuld ist zu groß, ich wage sie nicht auf +andere abzuwälzen“ – dann zog er ein Zeitungsblatt +hervor und las: „Baden-Baden. Ein Münchener Gelehrter, +der seit zwei Tagen hier zur Erholung weilte, +hat aus Versehen bei seinem Sohn, der als Arzt amtiert, +eine giftige Alkohollösung in eine Tasse Kaffee +gegossen. Da die Wirkung des Giftes fast blitzartig +eintrat, waren alle Gegenmaßnahmen erfolglos. Die +Tragik wollte es, daß der Sohn den sterbenden Vater +in seinen Armen verscheiden sah, ohne ihm Hilfe leisten +zu können. – Den trauernden Hinterbliebenen +unser innigstes Beileid.“ +</p> + +<p> +Er faltete das Blatt sorgfältig zusammen und riß es in +kleine flatternde Fetzen: +</p> + +<p> +„Das ist das Verhängnis meiner Schuld,“ sagte er zu +dem Fremden. „Ich kenne den Gelehrten, er hat ein +Mädchen verführt und sich nun selbst als Opfer seiner +Schuld gebracht. Er wurde ein Opfer der Vererbung +der sittlichen Schuld. Das Mädchen war die +Frucht einer Verführung und der Gelehrte hat die +Schuld der Vererbung durch eine neue Verführung +übernommen. Die Verführte büßt ihre Schuld und +bringt dafür das Opfer ihrer Mutterschaft. So ist sie +entsühnt. Der Verführer trägt die doppelte Schuld. Ich +habe den Verführer vernichtet und er hat die dreifache +Schuld auf mich abgewälzt. Die ungeheure Lage der +Schuld gibt mir die Kraft, mit dir darüber zu reden. +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +Du bist ein beruflicher Mörder. Erlöse mich! ... Töte +mich!“ +</p> + +<p> +Da floh der graue Fremdling mit lachendem Abscheu. +</p> + +<p> +Jappes erwachte aus seiner Betäubung und dem +Winde, der übers Meer blies, streute er die Fetzen, die +Fetzen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-54"> +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +DREIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL +</h2> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="noindent"> +Die Polizei ist die Muse der Kriminalromanschreiberei. +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Eines Morgens warf der Sturm und das kochende +Meer eine Leiche ans Ufer. Die Polizei fraß sich in +das Totenmysterium hinein und schickte dem Gericht +das Ergebnis der polizeilichen Forschung: +</p> + +<p> +Fischer fanden am Ufer die Leiche eines Unbekannten. +Der Tod mußte schon eingetreten sein, denn alle +Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Die Autopsie +der Leiche ergab, daß keinerlei Gewalt angewendet +worden zu sein scheint. Einzelne kleine +Schrammen, welche als Kratzwunden gedeutet wurden, +sind nachträglich als Verwundungen erkannt worden, +welche sich die Leiche bei der Anschwemmung auf +den Sand zugezogen haben dürfte. Ob Unfall, Selbstmord +oder Verbrechen vorliegt, muß die weitere Untersuchung +ergeben. +</p> + +<p> +Fischer, welche allerdings als notorische Trinker verrufen +sind, wollten in dem Toten einen freigebigen +Fremden erkannt haben, der vor kurzem plötzlich +während der Nacht in ihr Lokal gekommen sein soll, +um sie zu berauschen. Sie sagten ferner aus, daß er +Unmassen von Schnaps vertilgt haben soll, mithin +allem Anscheine nach ein beruflicher Schnapstrinker +gewesen sein müßte. Alle Aussagen, welche zweifellos +der durch den Alkohol erhitzten Phantasie zuzuschreiben +sind, wurden durch das Gutachten der +Aerzte Lügen gestraft, welche nach Auspumpen des +Magens des Angeschwemmten keinerlei Alkoholreste +vorfanden. Ferner keine der krankhaften Störungen, +welche die unausbleibliche Folge übermäßigen Alkoholgenusses +sind, nachweisen konnten. Bei der Sektion +der Leiche wurden im ganzen Verdauungsapparat weder +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +chronischer Katarrh des Rachens, des Darms oder +des Magens, noch Fettleber oder Cirrhose nachgewiesen. +Der Schädel wurde zur Untersuchung der Gehirnwindungen +auf Delirium tremens nach Berlin ins +pathologische Institut übersandt. (Das Gutachten über +die Analyse der Hirnmasse wird in einem Ergänzungsbericht +nachgesandt.) +</p> + +<p> +Der Spitzfindigkeit der Polizei ist es gelungen, mit +Hilfe des rotledernen Brieftascheninhaltes des Fremden +einige Schlüsse auf die Vergangenheit der Leiche +zu ziehen. Der Inhalt, welcher der kühnsten Phantasie +reichlich Stoff zu intensivster Betätigung bietet, +bestand aus einer Summe von 2437 Mark. Lies: Zweitausendvierhundertdreißigundsieben +Mark, zwei Pfandscheinen, +zwei Visitenkarten und einer Empfangsbestätigung +über 100000 Mark, welche scheinbar ein Duplikat +ist, ferner einer Photographie. +</p> + +<p> +Die Pfandscheine, welche auf den Namen Doktor Jappes +einerseits und Pepy Pimpelmann andererseits lauten, +sind an ein und demselben Tage in München ausgestellt +worden. Die Visitenkarten lauten auf den Namen +Dr. Jappes und Dr. Golliwog. Mit unfehlbarer +Sicherheit wurde daraus der Schluß gezogen, daß die +Pepy Pimpelmann die Geliebte des Doktor Jappes ist +und beide ein Gelddarlehen von Doktor Golliwog empfangen +haben müssen und ihm ihre Pfandscheine dafür +zur Kaution übergaben. +</p> + +<p> +Daß Doktor Golliwog der tote Fremde ist, darf daraus +mit Sicherheit gefolgert werden. +</p> + +<p> +Eine zweite Annahme lautet darauf, daß der Tote Doktor +Jappes sei, weil das Duplikat der Empfangsbestätigung +über 100000 Mark auf der Dresdener Bank von +Doktor Jappes unterschrieben ist. Dies hat zur Annahme +geführt, daß Doktor Golliwog den Namen seines +Freundes mißbraucht zu haben scheint, um ein +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +wertvolles Schachspiel auf dessen Namen zu versetzen. +Demnach müßte die P. P. die Geliebte des Doktor +Golliwog sein, durch welche der Pfandschein auf den +Namen des Doktor Jappes wieder in die Hände des +wirklichen Doktor Jappes gekommen sein müßte. +</p> + +<p> +Eine dritte Annahme geht darauf hinaus, zu behaupten, +entweder Doktor Jappes müsse ein Hochstapler oder +ein Pfand- und Geldmakler sein. Letztere Ansicht +wurde wieder verworfen, weil, wie nachträglich festgestellt +wurde, die Pfandscheine bereits seit drei Jahren +verfallen sind, was bei Pfand- oder Geldmaklern nach +der bisherigen polizeilichen Erfahrung ausgeschlossen +ist. +</p> + +<p> +Daraus wurde der sachdienliche Schluß gezogen, daß +der Tote Doktor Jappes oder Doktor Golliwog sei, +daß die obengenannte P. P. in irgendeinem Verhältnis +zu beiden gestanden haben muß, daß die Geldverhältnisse +eines der beiden Doktoren sehr schwankende +gewesen sein müssen, und daß einer derselben immer +auf den anderen angewiesen gewesen zu sein scheint. +Letzteres läßt auf die Tatsache des Mordes schließen, +der jedenfalls auf geheimnisvolle Art verübt worden +sein muß, weil sich keinerlei Spuren von Kampf nachweisen +ließen. Die Requisiten wurden der Münchener +Polizei zur genauen Nachforschung übersandt. +</p> + +<p> +Beiliegende Photographie wurde als die des Toten bestätigt. +Die Züge sind, wie ersichtlich, durch das Wasser +etwas verwaschen, Trotz sorgfältigster Trocknung gelang +es nicht, das Bild in einen besseren Zustand zu +versetzen. Außer der oben genannten Brieftasche fand +man bei dem Toten eine Pistole, einen Schlüsselbund, +ein Zigarettenetui und ein Taschentuch mit den Initialen +P. J. G., welche zufälligerweise mit den drei Namen +zusammentreffen, als solche aber kaum zu deuten sind +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +und keine sachdienlichen Anhaltspunkte liefern können. +</p> + +<p> +Durch Uebergeben der kriminalistischen Indizien zu +Händen des Gerichtshofes erklären wir die polizeilichen +Nachforschungen als beendet. +</p> + +<p class="center"> +Lichtbild mit Personalbeschreibung nebenseitig. +</p> + +<div class="box chapter"> +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +<div class="centerpic portrait"> +<img src="images/portrait.jpg" alt=""></div> + +<p> +Die Leiche ist 1,81 lang. +</p> + +<p> +Nase: gewöhnlich. +</p> + +<p> +Kinn: rund und unrasiert. +</p> + +<p> +Gesichtsfarbe: grünlich-gedunsen. +</p> + +<p> +Augen: gebrochen-glotzend. +</p> + +<p> +Mund: klaffend. +</p> + +<p> +Haar: blond-zerzaust. +</p> + +<p> +Bart: stoppelig, scheint erst nach dem Tode gewachsen. +</p> + +<p class="center"> +Besondere Kennzeichen: +</p> + +<p class="noindent"> +Kopf: fehlt. +</p> + +<p> +Nach den Weisheitszähnen zu urteilen, kann der Tote höchstens +26 Jahre alt sein. +</p> + +<p> +Wie aus Lichtbild ersichtlich, üppiger Haarwuchs, was auf +erhöhte geistige Tätigkeit schliessen lässt. Am kleinen Finger +der rechten Hand Goldring mit grünem Stein und eingraviertem +Skarabäus. +</p> + +<p> +Scheint bei Aufnahme des Lichtbildes gegrinst zu haben. +</p> + +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +</p> + +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76308 ***</div> +</body> +</html> + |
