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diff --git a/75971-0.txt b/75971-0.txt new file mode 100644 index 0000000..8bfbc81 --- /dev/null +++ b/75971-0.txt @@ -0,0 +1,16504 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75971 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + Das Original ist in Frakturschrift gesetzt worden. Besondere + Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: ~Tilden~ + Antiqua: _Unterstriche_ + + Das Caret-Symbol (^) wurde hochgestellten Zeichen vorangestellt. + + Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche + und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem + Original unverändert. + + + + +Die Heiligen der Merowinger. + + + + +Die + +Heiligen der Merowinger + +von + +Carl Albrecht Bernoulli. + +[Illustration] + + +~Tübingen~ + +=Freiburg i. B.= und =Leipzig= + +Verlag von J. C. B. ~Mohr~ (Paul Siebeck) + +1900. + + + + +Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die +Verlagsbuchhandlung vor. + + +Druck von H. ~Laupp~ jr in Tübingen. + + + + +Bernhard Duhm. + + + + +Vorrede. + + +Man mag in diesem Buche einen Versuch erblicken, das Tagesproblem +der Geschichtswissenschaft für die Kirchengeschichte wenigstens +zu formulieren. Wenn wirklich auch hier nicht die großen Männer, +sondern Hunger und Durst der Armen, nicht die geläuterte Erkenntnis +von Führern, sondern das gährende Bedürfnis der Massen den Verlauf +der Ereignisse bestimmt hätte, was immerhin einmal angenommen +werden kann, so wäre die dogmengeschichtliche Methode, unter deren +Zeichen die kirchenhistorische Forschung noch immer steht, in ihrer +wissenschaftlichen Berechtigung grundsätzlich in Frage gestellt. Auf +alle Fälle kann also ein Studium des Volksglaubens innerhalb des +Kirchenglaubens kein müßiges Unternehmen sein, und wenn der Arbeit +die gewünschte prinzipielle Bedeutung nicht abhanden kommen sollte, +so galt es, an einem Punkte einzusetzen, wo die Religion der Masse +sozusagen als Reinkultur vorlag und von einer eigentlichen Theologie +nicht überschattet wird. Damit war aber auch das Arbeitsfeld gegeben, +denn die fränkische Kirche im Zeitalter der Merowinger ist der +einzige rein undogmatische Bestandteil der gesamten abendländischen +Kirche seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag. Die Lehrbücher +der Dogmengeschichte lassen sie bei Seite, mit Recht, weil von +Dogmenbildung in ihr keine Spur vorhanden ist. Und doch mit Unrecht, +weil bei dem Anspruch, das gesamte Geistesleben der Kirche in den +Bereich dogmengeschichtlicher Betrachtung zu ziehen, doch auch des +christlicherseits bereits zubereiteten Bodens gedacht werden sollte, +auf dem dann seit dem karolingischen Zeitalter griechische und +römische Kirchenphilosophie und im Hochmittelalter sogar arabische +Kultureinflüsse ihre Früchte gezeitigt haben. + +Von Anbeginn an machten sich im Christentum die Heiligen als +abgeschlossener Stand geltend. Es handelt sich darum, der Stellung +und dem Einfluß dieses Standes Aufmerksamkeit zu schenken. Und +dieses Studium ließe sich an gar keinem Gegenstande günstiger +betreiben, als an dem unsern, insofern die gigantische Gestalt +eines Nationalheiligen alle Hauptmomente der Entwickelung zu einem +monumentalen Typus in sich begreift, zugleich aber die Befangenheit +eines solchen einzigen Beispiels durch die Mitwirkung von zahlreichen +kleineren Heiligenoriginalen ausgeglichen wird, und dies nun über +einem universalgeschichtlichen Hintergrunde, der die verschiedensten +völkerpsychologischen Verknüpfungen und Kreuzungen liefert. Der +Bildungsprozeß des Heiligenglaubens durchläuft dann folgende Stadien: +ein bedeutender Volksheiliger wirkt zunächst auf einen kleinen Kreis +von ihm begeisterter Anhänger. Unter diesen findet sich auch ein +Schriftsteller, dem es gelingt, ein parteiisches aber lebensvolles +Bild des Meisters für die Nachwelt zu entwerfen. Nach Jahr und Tag, +aber auch dann nur in einem selten günstigen Falle, können durch +nachträgliche Forschung die Einseitigkeiten zum Teil noch gemildert +werden. Rasch genug geht das geschichtliche Andenken in Legende über, +und diese kann dann sogar sich mit Gebilden des höheren Mythus, +des Naturmythus, verbinden. Doch geschieht dies alles nur einigen +Auserwählten. Fast allen Heiligen gemeinsam ist jedoch das Andenken, +das nicht an ihre Erdentage, sondern an den Kultus auf ihrem Grabe +anknüpft. Das über dem Heiligengrab errichtete Gotteshaus führt den +Namen des Heiligen, und nicht nur dieses, sondern auch noch manches +andere nah und fern, je nach Verbreitung und Nachfrage. Die dem +Heiligennamen eigene Kraft beruht jedoch auf dem handgreiflichen +Unterpfand, dem Heiligenleib, und ist im Stande, von ihm aus nicht +nur das Grab und den Kirchenraum zu wunderthätigen Orten umzuwandeln, +sondern sich unvermindert auf jeden profanen Gegenstand zu übertragen +und, auf diese Weise sich ausbreitend, das ganze Volkswesen zu +durchwalten. Wo sich der Mensch mit seiner Kunst zu Ende sieht, ist +der Heilige anwesend und bekämpft nicht nur alle die widrigen kleinen +Alltagsteufel des niederen Mythus, des Traummythus, sondern ist auch +für die Kranken der beste Arzt. Nur durch ganz lose Zusammenhänge im +orthodoxen Kirchenglauben eingenistet, bewährte sich der fränkische +Heiligenglaube als Volksreligion hauptsächlich darum, weil er +durch den im römischen Geiste weiter lebenden gallischen Klerus in +bewundernswürdiger Weise organisiert, den frommen Bedürfnissen der +Bürger und Bauern besser Rechnung trug, als das germanische oder +keltisch-römische Heidentum. Auf diese Hauptlinien der Entwicklung +zurückgeführt, wird die Figur des Heiligen, die für das Verständnis +der merowingischen Kultur sehr ins Gewicht fällt, in den Bereich +geschichtlicher Messung gezogen. Wenigstens geht das Buch darauf aus, +dieser Aufgabe gerecht zu werden, und die äußere Verteilung des Stoffes +entspricht ungefähr dem soeben in Kürze entworfenen Geschichtsbilde +(vgl. S. _XIII–XVI_). + +Nun hat sich aber leider in der realen Zubereitung des Stoffes das +Ebenmaß des idealen Planes nur ungenügend verwirklichen lassen. Sofern +diese Mängel in der Sache selbst begründet liegen, müssen sie hier +näher erörtert werden. Nach der verschiedenen Art der Bearbeitung, die +er erforderte, zerfiel der Stoff in drei Massen. + +1. Kap. 1–5 (S. 1–121) sind ein monographischer Beitrag zur +spätrömischen Litteraturgeschichte; sie schildern die Entstehung +eines spezifisch christlichen Produkts des lateinischen Schrifttums +und dessen Uebergang in die Anfänge der Memorienlitteratur auf +altfranzösischem Boden. Die scharfe Begriffsbildung drohte hier an +dem Eigensinn unserer Sprache zu scheitern; denn es wollte sich kein +Ausdruck finden, der den litterarischen Niederschlag eines starken +persönlichen Andenkens in der Einzahl wiedergab; das Pluraletantum +»Memoiren« unterschied nicht zwischen dem einzelnen Heiligenleben und +einer Sammlung von solchen, und die deutsche Form von _Le Mémoire_ +»das Memoir« heißt eben »Denkschrift«, wäre also ganz abgesehen von +dem fremden Klang auch inhaltlich eine nur unzureichende Wiedergabe +gewesen. Das führte schließlich auf »Memorie«. Das Wort war wie +Historie und ähnliche zu Luthers Zeit deutsches Sprachgut, verschwand +dann aber und hat überdies nie den übertragenen Sinn von litterarischem +Gedächtnis besessen. Wenn es hier nun in dieser Bedeutung auflebt, so +heißt das allerdings aus der Not eine Tugend machen; aber es gilt die +Wahl zwischen einer erheblichen Einbuße an klarer Gedankenbildung und +einer geringfügigen Verschiebung unseres sprachlichen Empfindens. Diese +neue Prägung wird übrigens bei Bedarf auch des näheren zu unterscheiden +erlauben zwischen »Memoiren« im üblichen Sinne zwangloser Erinnerungen +und »Memorien« als einer Mehrzahl kleiner Lebensbilder von liebender +Hand, die gerade durch die ihnen eigene Pietät den rudimentären +Charakter von »Noch-nicht-Biographien« aufgedrückt erhalten. + +2. Kap. 6–9 (S. 121–209) betreffen Gebiete, wo die kritische Sichtung +des Quellenmaterials noch keineswegs abgeschlossen ist. Hier galt es +aus der Unmasse des Rohstoffs das typische Wertvolle auszuwählen, +und dabei mußte natürlich das eigene Urteil hinter dem Vertrauen zu +sachkundigen Führern zurücktreten, sodaß es sich in diesem Abschnitt +meistens um eine Zusammenstellung von Auszügen aus alleinstehenden +Monographien handelt. Nur um das Detail den allgemeinen Gesichtspunkten +einzugliedern, habe ich mich hier selber vernehmen lassen; im übrigen +glaubte ich es sogar der Sache schuldig zu sein, da wo die Bearbeitung +des Stoffes bereits auf den besten Ausdruck gebracht war, die wörtliche +Wiedergabe der Vorarbeit nicht zu scheuen. + +3. Kap. 10–18 (S. 210–336) sind der Hauptsache nach eine systematische +Analyse des religionsgeschichtlichen Materials, das in den kleinen +Schriften des fränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours +angesammelt liegt. Eine gute Fügung hat diesen Ersten in der langen +Reihe der französischen Memoirenschriftsteller zum Hüter des +merowingischen Reichsheiligtums und teilnehmenden Augenzeugen der +fränkischen Religionsübung eingesetzt. Ohne die enge Verbindung mit dem +frischen Treiben eines jungen Volkes wäre eine eingehende Behandlung +so spröder und uns heute so fern liegender und gleichgültiger, ja +geradezu anstößiger Vorstellungen schlechthin ungenießbar. Indem ich +zur Schilderung eine Anekdote an die andere reihte, war ich daher vor +allem darauf bedacht, dem naiven Detail von Gregors Berichten sowenig +als möglich Eintrag zu thun. + +Diesen Schwierigkeiten, die der Stoff selber mit sich brachte und die +daher entschuldbar sind, könnte ich nun besser, als jeder Kritiker, +eine ganze Liste von Fehlern und Mängeln beifügen, die ausschließlich +nur dem Verfasser zur Last fallen. Ich mußte den mir noch vor zwei +Jahren völlig fremden Stoff, an den ich eben aus den zu Anfang +dargelegten prinzipiellen Beweggründen herantrat, Umstände halber in +möglichst kurzer Frist zur Darstellung bringen, und auch sonst fehlte +es nicht an allerlei Zwischenfällen, unter denen der Verlust eines +Notizbuches besonders empfindlich war. Ich selber kann in dem Buche nur +einen Entwurf sehen. Sollte jedoch der Arbeit trotzdem ein namhaftes +Interesse entgegengebracht werden, das veranlassen könnte, diese +Studien weiter zu führen, so wäre ich durchaus gesonnen, das mir lieb +gewordene Feld ein zweites Mal durchzuackern und den Ertrag dann nach +empfangener Belehrung gesichtet und geebnet, sowie mit Verweisen und +Registern versehen vorzulegen. + +Ein rundes Kirchenbild von der merowingischen Epoche wird niemand +in diesen Blättern finden wollen, der ~Albert Hauck~’s Schilderung +der fränkischen Landeskirche kennt. Dennoch wird das Recht eines +religionspsychologischen Nachtrags dazu im Prinzip kaum anzufechten +sein. Dann handelt es sich allerdings um nichts geringeres, als die in +England erwachte und seitdem auf das semitische wie auf das griechische +Altertum in bahnbrechender Weise angewandte Forschungsmethode der +allgemeinen Religionsgeschichte nun auch auf das beginnende Mittelalter +und damit auf die Kirchengeschichte zu übertragen. In der Hauptsache +ist das gleichbedeutend mit einer Analyse des volkstümlichen +Wunderglaubens vom historischen Standpunkte aus. + +Nicht gewillt den Kosmos des Mirakels mit dem Tatzenschlag +einer modernen Anschauung kurzer Hand zu zertrümmern, wird der +Geschichtsfreund sich gerne ein wenig bücken und winden und +gelegentlich den Kopf anschlagen, wie über dem Besuch einer +unterirdischen Höhle bei Fackelschein, wenn er dann nur der fabelhaften +Gebilde ansichtig wird und die mythischen Wasser in den kristallenen +Grotten rauschen hört. Allerdings ist durch neueste Forschungen auf +dem Gebiete des Seelenlebens nun auch schon wieder manches meßbar +geworden, mit dem die Wissenschaft früher nichts anzufangen wußte. +(Vergl. S. 3–6.) Aber die behäbige Wundererklärung von annodazumal +unter dem allerhöchsten Protektorat des gesunden Menschenverstandes, +wird sich hoffentlich im Bereiche geschichtlicher Forschung immer +weniger zu Hause fühlen. Mag sich dagegen aus dem Bewußtsein unserer +stets wachsenden Aufklärung das Vorrecht mehr und mehr herausheben, +selbst nutzlos gewordenes Geistesgut unserer Altvordern doch noch zu +verstehen und in Ehren zu halten, auch ein Zeichen dafür, daß wir nun +eben um hundert Jahre weiter sind. + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + Seite + Heiligenleben und Heiligengrab 1 + + Erstes Buch: Das Heiligenleben. + + Die Unmöglichkeit einer Biographie. Die Schwierigkeiten + psychologischer Beobachtung 2–6 + + Erster Abschnitt: Die Memorie. + + Erstes Kapitel: Die Martinsschriften des Sulpizius Severus. + + 1. Das Martinsleben des Sulpizius Severus. + 2. Der Erfolg des Martinslebens. + Die drei Briefe. Allgemeiner Charakter der Dialogen. + 3. Inhalt der Dialogen. + 4. Die Martinsschriften des Sulpizius Severus in ihren Schwächen. + 5. Zur Charakteristik des heiligen Martin. + Sankt Martin der Standardheilige der Merowinger 6–35 + + Zweites Kapitel: Die Panegyriker. + + 1. Gallische Ehrenpredigten. + 2. Ennodius von Pavia. Das Epiphaniusleben des Ennodius 35–46 + + Drittes Kapitel: Severinus von Noricum. Fulgentius von Ruspe. + Cäsarius von Arles. + + 1. Das Severinsleben des Eugipius. Zur Charakteristik Severins. + Eugipius als Schriftsteller. Das litterarische Milieu des + Eugipius in Rom. + 2. Das Leben des Fulgentius von Ruspe. + 3. Das Leben des Cäsarius von Arles. + — Die römische Hagiographie. Rufin. Gregor der Große 46–73 + + Zweiter Abschnitt: Die Forschung. + + Alte merowingische Viten und Passionen 73–75 + + Viertes Kapitel: Die panegyrische Heiligenforschung + des Venantius Fortunatus. + + 1. Martinsepen des Paulin von Périgueux und des Fortunat. + Die sechs Heiligenleben des Fortunat. + 2. Das Radegundenleben des Fortunat. + Die heilige Radegunde. Das Radegundenleben der Baudonivia 75–87 + + Fünftes Kapitel: Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours. + + 1. Martins-Chronologie Gregors. Gregors Schriften und ihr + Heiligencharakter. Das sepulkrale und das memoriale Interesse. + 2. Gregors Heiligenleben. Venantius. Lupizinus und Romanus. Abraham. + Lupizin II. Portian. Martius. Patroklus. Urs und Leubas. + Monegunde. Caluppan. Emilian und Bärchen. Senoch. Leobard. + Illidius. Quintian. Gallus. Nicetius von Trier. Nicetius von Lyon. + Gregor von Langres. + 3. Gregors Charakteristik der älteren Herrscher. Childebert und + Chlothar. Chlothars Söhne. Chilperich. Sankt Gunthram 88–121 + + Sechstes Kapitel: Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts. + + Die Hagiographie nach Gregor. + + 1. Der Desiderius des Königs Sisebut. Gaugerich von Cambrai. + 2. Columban. + 3. Jonas von Susa. Das Johannesleben des Jonas. Johannes von + Reomaus. Das Leben des Vedastes von Arras. Die Hagiographenschule + von Luxeuil. + 4. Die Heiligenschreiber im Zeitalter der Königin Balthilde. + Leodegar von Autun. Eligius von Noyon. Audoen von Rouen. Amand. + Der harmlose Charakter der merowingischen + Heiligenlitteratur 121–149 + + Dritter Abschnitt: Die Legende. + + Siebentes Kapitel: Wanderheilige. + + Das Wanderelement im Mythus und in der Heiligenwelt. + + 1. Sankt Christoph. Sankt Georg. Georg und Mithra. Georgs Stellung + in der Religion des Orients. Georg im alten Frankenreiche. + 2. Die Sieben Schläfer. Die Sage vom langen Schlaf. Die Siebenzahl + und die Kabiren. Die Siebenschläfer von Marmoutiers. + 3. Sankt Kümmernis und ihre Bilder. Die heidnische Grundlage des + Kümmernisdienstes 151–174 + + Achtes Kapitel: Ortsheilige. + + 1. Die Gründungssagen fränkischer Bistümer. Dionysius von Paris. + Fränkische Apostelbischöfe. + 2. Die beiden Moritze. Die Walliser Sage und Theodor von Sitten. + Der fränkische Moritz. + 3. Zuwachs der thebäischen Legion, Verena. Verena als Gauheilige. + Die Alamannengöttin Verena 175–190 + + Neuntes Kapitel: Geschichtsheilige. + + 1. Das Leben der Genovefa. Genovefa von Paris Fluß- und Kornheilige. + Genovefa von Brabant. Die heilige Gertrud. Die Walküre Keretrud + als deutsche Isis. + 2. Sankt Oswald. Oswald englischer König und tiroler Wetterherr. + Sankt Oswald ein christlicher Wodan. + 3. Die Stellung der Franken zum Mythus. Der epische Martin der + Franzosen. Der mythische Martin der Deutschen 191–209 + + Zweites Buch: Das Heiligengrab. + + Der fränkische Gräberkultus 210–211 + + Vierter Abschnitt: Der Name. + + Zehntes Kapitel: Die Grundheiligen. + + Stammgräber elf kirchlicher Provinzen: Der Ersten bis Vierten Lyoner, + der Ersten und Zweiten Belgischen, der Viennischen, Arelatischen, + Ersten und Zweiten Aquitanischen und der Narbonensis 212–222 + + Elftes Kapitel: Das Reichsheiligtum. + + Das Martinsgrab. Die Martinskirche von Tours. Sankt Julian von + Brioude. Saint Denis 222–227 + + Zwölftes Kapitel: Missionen und Translationen. + + 1. Die gallischen Martinskirchen. + 2. Die fränkische Martinsmission unter den heidnischen Germanen. + 3. Tauschverkehr einheimischer Heiliger. + 4. Einfuhr fremder Heiliger. + 5. Die fränkische Verehrung der Urheiligen 227–237 + + Fünfter Abschnitt: Die Kraft. + + Dreizehntes Kapitel: Die Reliquie. + + 1. Ausländische Reliquien, Memorialreliquien. + 2. Die Reliquie als Kraftbehälter. Die Empfindlichkeit der Reliquie. + 3. Die Reliquie als Persönlichkeit 237–248 + + Vierzehntes Kapitel: Der heilige Ort. + + Heiligkeit ein kultischer Begriff. + + 1. Sankt Julian und die Kirchendiebe. Bestrafte Kirchendiebstähle. + 2. Armenpflege und Gefangenenpatronage. Sankt Martin Patron der + Gefangenen. + 3. Der kirchliche Schutz des Geächteten. Das Asylrecht zu Sankt + Martin in Tours 249–261 + + Fünfzehntes Kapitel: Amulet und Fluidum. + + 1. Die Reliquie in Laienbesitz. Kraftträger zweiter Ordnung. + 2. Versinnlichung und Verstofflichung der Geisteswelt. + Profanation der Reliquienverehrung. Moralischer Defekt und + harmlose Naivität im Reliquienglauben 261–272 + + Sechster Abschnitt: Das Wunder. + + Sechzehntes Kapitel: Die Erscheinung. + + Der niedere Mythus Hauptschauplatz der Heiligenerscheinung. + + 1. Julian und Martin zweierlei Wetterheilige. Der Kampf gegen Wind- + und Wasserwichte. Heilige Quellen. + 2. Das Floramirakel der Baum- und Feldheiligen. Heilige Pflanzen. + 3. Heilige Thiere. Die Stadien der persönlichen Erscheinung des + Heiligen. + 4. Anwendung physischer Reizung im Kultus: Krystallvision. + Offizielle und private Glasschauung 272–287 + + Siebenzehntes Kapitel: Die Heilung. + + 1. Diagnostische und abergläubische Beobachtung. + 2. Gliederkranke. Blinde. Das mantische Wesen der Geisteskranken. + 3. Das Heilverfahren. Tempelschlaf. Die therapeutische Vision. + 4. Der Glaube als wesentlichste Vorbedingung tatsächlicher Heilung. + Der kirchliche Nutzen der Kurerfolge 287–304 + + Achtzehntes Kapitel: Der Glaube. + + 1. Die sieben Weltwunder und die sieben Himmelswunder. Die + Wundermacht des orthodoxen Bekenntnisses. Die Wundermacht des + Christentums gegenüber dem Judentum. Christus als + Oberwunderthäter. + 2. Beziehungen zum Orient. Abhängigkeit vom römischen Christentum. + Der römische Geist der Heiligenorganisation. Die Deutung des + Zufalls und die Traumphantasie. Die Macht und Umsicht in der + Verwaltung des Wunderglaubens. + 3. Heiligenglaube und Heidentum. + Der Germanenbekehrer Martin von Bracara. Das Weiterleben der + gestürzten Götter als Dämonen. Die Einbürgerung des Wunders + im täglichen Leben. Das typische Wunder als kirchliches Zucht- + und Beweismittel. Begründete Begeisterung der Franken für das + Christentum 304–334 + + Geschichtliche Würdigung des merowingischen Christentums. + Das Kulturfundament des Mittelalters 334–336 + + + + +Die zwei Jahrhunderte merowingischer Geschichte, das sechste und das +siebente, sind, vor andern, dunkel, wild und grausam gewesen. Und +doch hat eben diese Zeit, mehr als sonst eine von diesem Umfange, +den Kalender um Hunderte von Heiligen bereichert. Wohl mochte die +Hegemonie des Lasters eine Steigerung der noch vorhandenen Tugend +hervorrufen, aber eher auf dem finsteren Untergrunde jeder als Heiliger +sich abheben, der nur einigermaßen einen rechten Wandel führte. Obwohl +für damalige Begriffe zum Heiligen mehr gehörte und in den höheren +Rang erst der hinaufrückte, der als Geistlicher zur Welt in Gegensatz +trat, stellen für jene Zeit die Heiligen doch etwa das dar, was man +heutzutage gute Gesellschaft heißt. Viele unter ihnen waren adelig, +einzelne sogar Prinzen. Auch die Merowingischen Könige, so unheilig +sie selbst waren, mit den Heiligen stellten sie sich, wo es nur immer +anging, gut; in ihren Augen waren es Gewaltsmenschen, die nützen und +schaden konnten. Auf alle Fälle waren im jungen Frankenreiche die +Heiligen eine Macht. + +An Heilige giebt es jedoch zweierlei Gedächtnis: das Andenken an +den lebenden und das Andenken an den toten. Was sich an Erinnerung +aufsammelte, was sich an Sage damit verband, wurde zum ›Leben‹, zum +›Leiden‹: _Vita_, _Passio_. War der Heilige gestorben, barg die Gebeine +der geweihte Grabhügel, erhob sich über dem Hügel die Votivkirche, +stand überdies der Todestag im Kalender und wurde zum Wallfahrtsfeste, +so wurden die Gelübde, deren Empfänger, die Wunder, deren Urheber der +Heilige dann war, auch litterarisch ›Wunder‹ und ›Kräfte‹: _Miracula_, +_Virtutes_. Klause und Sarkophag sind Brennpunkte, um die sich +Heiligengeschichte elliptisch abspielt. Einsiedler oder Reliquie, vor +beiden sanken Fürst und Volk ins Knie. Der Glaube des Heiligen an Gott +und der Glaube des Laien an den Heiligen verschwisterten sich und +wirkten verbündet. + +Die Ueberlieferung von den Heiligen ist fragwürdig. Desto mächtiger +fordert sie untersucht zu werden. Es gilt zunächst die Vorstellungen +der Nachwelt vom Heiligenleben zu betrachten und dann die gläubigen +Handlungen, die dem Heiligengrabe gewidmet waren. + + + + +Erstes Buch. + +Das Heiligenleben. + + +Zu einer Heiligenlitteratur kam es im Christentum, als starke Naturen +zur landläufigen Frömmigkeit in einen vorbildlichen Gegensatz traten +und ihre Wirkung das Bedürfnis hervorrief, das Beispiel für künftige +Geschlechter festzuhalten. Den alten Christengemeinden haben die +Märtyrer die meiste Verehrung abgenötigt. Wer nun Christus treu +geblieben war bis zum Tod, wurde nicht nur von den Engeln ins Buch des +Lebens eingezeichnet, er wurde auch der Unsterblichkeit teilhaftig, die +eine schriftliche Fortpflanzung des Andenkens auf Erden verleiht. Die +echten unübermalten Märtyrerakten des zweiten und dritten Jahrhunderts, +mögen es nun übernommene amtliche Prozeßprotokolle der kaiserlichen +Gerichtshöfe oder briefliche Gedenkblätter christlicher Gemeinden sein, +fußen so unmittelbar auf erlebter Wirklichkeit, wie nur irgendwelche +Berichte des Altertums. Mit den Märtyrerakten bilden die apokryphen +Apostelgeschichten zusammen das erste Stadium der Heiligenschreibung. +Die Märtyrer oder die seligen Apostel und ihre Gefährten waren +die Heiligen des Christentums in der ersten Zeit. Mit dem vierten +Jahrhundert verschob sich das. Vom Orient war das Mönchtum eingedrungen +und erweckte ein den Märtyrern ebenbürtiges Interesse. Indessen schrieb +Hieronymus seine Mönchsleben nicht aus eigener Anschauung; in lebhafter +Erfindung verdichtete er, was er aus Aegypten so von ungefähr hatte +läuten hören. Aber auch wer damals auf Grund wirklicher Kenntnisse +heilige Einsiedler schilderte, darf noch lange nicht ihr Biograph +heißen. Die beiden Elemente einer Biographie, psychologische und +chronologische Auffassung des Gegenstandes, sind damals selten zusammen +und immer nur primitiv vorhanden. Naiv empfand der zeitgenössische +Schriftsteller, wenn er sah, und der nachgeborene, wenn er hörte. Sie +erzählen in guten Treuen was sie zu wissen glauben. Der günstigen oder +übeln Fügung blieb es überlassen, ob ihre Berichte glaubwürdig oder +getrübt sind. + +Weitaus die ernsteste Ursache der verworrenen Ueberlieferung liegt +jedoch in den Heiligen selbst. Sie waren nicht wie andere Leute, +vielmehr waren es wunderliche, sonderbare, anormale Menschen. Da +reichte schließlich auch die eingehendste Kenntnis ihrer Lebensumstände +bis in alle Einzelheiten zu ihrem Verständnis nicht aus: mochte man +noch so viel von ihnen wissen, sie zu kennen war man auch dann immer +noch weit entfernt. Sie unterschieden sich von den Durchschnittlichen +durch ihr seltsames Seelenleben und durch die Kraft, Wunder zu +thun. Wenigstens zweifelte damals an der Möglichkeit übernatürlichen +Geschehens kein Mensch. Gleichgiltig im Sinne des modernen Unglaubens +verhielt sich Niemand, weil man sich die Welt nicht durch die ihr +innewohnende Mechanik, sondern durch außermenschliche Geister bewegt +dachte. Galten somit die Heiligen Jedermann als die Medien eines +Himmels guter Geister, so konnte man sie wohl hassen und fürchten, +aber über sie blasiert sein kaum. Anders heute, wo der Stand der +Erkenntnis uns nötigt, den Sitz der magischen Kräfte im Menschen +selbst zu suchen[003-1]. Möchten wir nun von den alten Heiligen +möglichst genaue Aufschlüsse haben, Nachrichten, die unser Wissen mit +Sicherheit bereichern, so steht diesem Begehren schon ganz allgemein +die Thatsache entgegen, daß jene überhaupt fast ausschließlich auf +das Gemüt der Zeitgenossen wirkten und die Wißbegier sich höchstens +hinterdrein verstohlen melden durfte. Davon abgesehen sind die +Schwierigkeiten der Beobachtung mystischer Personen und Ereignisse +doch ja nicht zu unterschätzen: sobald es sich nicht um Begebenheiten +des täglichen Lebens handelt, sondern um seltene Phänomene, über die +man nicht Herr ist, um unberechenbare Erscheinungen, die plötzlich, +unerwartet und meistens im Dunkeln auftreten, wird der Forscher +im Laboratorium unsicher, geschweige denn ein unvorbereiteter und +gänzlich ahnungsloser Augenzeuge, dessen Wege zufällig das Wunder +kreuzt; unter dem Einfluß irgend einer Gemütsbewegung ist kein Verlaß +mehr auf unser Wahrnehmungsvermögen. Zu den Beobachtungsfehlern, +die dann entstehen, gesellen sich alsbald die Gedächtnisfehler; +vergeht vor der Niederschrift des Beobachteten gar Jahr und Tag, so +schleichen sich wieder neue Ungenauigkeiten ein: nebensächliches +wird behalten, wichtiges vergessen, der Verlauf der Begebenheit +umgestellt. Planmäßige, methodisch durchgeführte Beobachtung kann nun +allerdings diese Fehler auf ein Minimum einschränken; unterbleibt sie +jedoch, so nehmen sie unablässig überhand. Hiezu kommt, daß ›eine +Beobachtung machen‹ keineswegs auf einem einzelnen, sondern einem aus +verschiedenen seelischen Tätigkeiten zusammengesetzten Vermögen beruht: +verschiedene Reize dringen zu gleicher Zeit auf uns ein, wir richten +unsere Aufmerksamkeit auf einen darunter; er weckt eine Empfindung; +diese ruft ältere Empfindungen ins Bewußtsein zurück; sie verbinden +sich und so entsteht, endlich, die Vorstellung von einem bestimmten +Ding in der Außenwelt. Und doch handelt es sich bei alledem nur erst +um die normalen Erschwerungen unserer Beobachtung. Wie aber, wenn +sich unser Bewußtseinsleben in ganz anderen Formen fortsetzt. Noch +die gewöhnlichste ist während des Schlafens der Traum. Im Schlaf +sind sowohl das Wahrnehmungsvermögen als die Aufmerksamkeit und +dadurch die Kontrolle des Geschauten mit der Umgebung aufgehoben; +infolge dessen erscheinen die Traumbilder, die nach eigenen Gesetzen +kommen und gehen, dem Träumenden als Wirklichkeit, stehen ihm als +wahre Erlebnisse vor Augen, unter Umständen auch nach dem Erwachen +mehr oder weniger lang. Einen Schritt weiter, und wir sind bei dem +merkwürdigen Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen angelangt, +dessen mannigfache Erscheinungsformen man unter dem Namen der Hypnose +zusammenfaßt. Dieser Zustand wird auf die verschiedenste Weise +herbeigeführt, entweder durch einen eigenen Willensakt: Autohypnose, +oder durch den Genuß gewisser Gifte: Narkose, und endlich durch mehr +oder weniger krankhafte Eigentümlichkeiten wie Nachtwandeln und kleine +Hysterie. Bei all diesen Phänomenen ist jedoch noch das Bewußtsein +obenauf; wirkt das Unbewußte ins Bewußtsein hinüber, so entsteht eine +Reihe neuer Seelenvermögen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht, +daß sie in der Regel von selbst an den Menschen herantreten, ohne +dessen Zuthun. Doch können Gesichts- und Gehörbilder bei einzelnen +Menschen auch auf künstlichem Wege hervorgerufen werden, entweder +durch langes Anstarren blanker Gegenstände: Kristallvision, oder durch +Horchen auf das ›Kochen‹ im Innern der Muschel: Konchylienaudition. Die +harmloseste Aeußerung des Unbewußten ist die Ahnung: eine Vorstellung, +die ohne nachweisbaren Anlaß den Zusammenhang der übrigen Vorstellungen +durchbrechend in uns auftaucht; sie erhält ihre eigentliche Bedeutung, +sobald sie weissagenden Inhalts ist und später durch ein wirklich +eintreffendes Ereignis bestätigt wird. Bei manchen Menschen, namentlich +Frauen, sind Ahnungen durchaus nichts seltenes; auch nehmen sie +eigentümliche Formen an, so zum Beispiel das ›Gefühl der Nähe‹, das +sich besonders zwischen Verliebten äußert. An sich ist Ahnung nur +Vorstellung oder Gefühl: doch kann eine Steigerung zur sinnlichen +Wahrnehmung unschwer stattfinden, einstweilen jedoch nur so, daß das +Beobachtete nicht die volle Intensität der Wirklichkeit hat und auch +nicht als etwas Reales im Raume aufgefaßt wird, sondern nur als ein +außerordentlich deutliches Erinnerungsbild. Wird dagegen diese Grenze +überschritten und das Geschaute oder Gehörte im Augenblicke selbst als +volle Wirklichkeit empfunden, so ist das Reich der Ahnungen abgelöst +durch das der Trugwahrnehmungen oder Hallucinationen. Sie können +durchaus normal und spontan auftreten, am besten im Dunkeln; plötzlich +nimmt dann das Auge oder das Ohr ein Bild oder einen Schall wahr, der +sowohl von dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt unabhängig, als +auch nicht unmittelbar durch einen Sinnenreiz hervorgerufen ist. Wäre +nicht ein unbewußter seelischer Vorgang im Spiel, so unterschiede +sich die trügerische Wahrnehmung nicht von einer einfachen Täuschung: +Illusion; vielmehr sind Hallucinationen plötzliche Träume, die sich +in das vollständig wache Bewußtsein einschieben, wie anderseits +außer des Bewußtseins automatische Bewegungen eine Art Nachtwandel +im wachen Zustande hervorbringen können. Damit ist nun zwar eine +beträchtliche Zahl scheinbar wunderbarer seelischer Vorfälle dem +Bezirk des Unbewußten überwiesen und somit natürlich erklärt; immerhin +bleibt ein kleiner zur Zeit noch unerklärbarer Rest übrig, wo +vielleicht wenn auch nicht geradezu unnatürliche, so doch jedenfalls +einstweilen noch vollkommen unbekannte Kräfte im Spiele sind, eine +Reihe von Fällen, da es selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung +nicht möglich war festzustellen, wie der Hellseher zu seinem durch +die späteren Ereignisse bestätigten Wissen gekommen ist, während die +Ueberwindung der räumlichen und zeitlichen Schranke durch telepathische +Mitteilung, namentlich beim Sterbefall eines entfernten Freundes, +keineswegs vereinzelt feststeht, die statistische Richtigkeit dieser +weissagenden Hallucinationen immerhin vorausgesetzt. Selbst mit +diesen merkwürdigsten Erscheinungen ist nun aber das reiche Gebiet +des Seelenlebens noch nicht erschöpft; eine Fülle neuer Verbindungen +erscheint, sobald der äußere Sinnenreiz nicht unwillkürlicher Natur +ist, sondern von einem anderen bewußten Wesen mit Willen auf uns +ausgeübt wird: dann entsteht Eingebung oder Suggestion. An sich ist +die Suggestibilität, das heißt die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen +fesseln zu lassen, ein durchaus normaler Zustand; jeder Mensch ist mehr +oder weniger suggestibel, im höchsten Grade allerdings das Kind und +der Wilde, am wenigsten dagegen ein zur selbständigen Persönlichkeit +ausgebildeter Mann. Suggestive Wirkung der Naturphänomene ist +keineswegs ausgeschlossen: wir gewahren am heißen Sommertag eine klare +Quelle und bekommen Durst; wir blicken vom hohen Gerüst ohne Geländer +in die Tiefe und werden vom Schwindel befallen; der Anblick imposanter +Wasserfälle oder das romantische Rauschen eines Bergstroms macht immer +wieder einzelne gemütvolle Menschen schwermütig bis zum Selbstmord. Im +allgemeinen geht aber der angreifende Reiz gewöhnlich von Menschen aus. +Entweder steckt das Beispiel an oder die Sprache erweckt Suggestionen. +Am meisten wirken die Leute suggestiv, die unsere Gefühle erregen. +Liebe, Zutrauen, Respekt und Furcht steigern die Empfänglichkeit; +Abneigung, Mißtrauen, Haß, Gleichgiltigkeit setzen sie herab. Ebenso +wirkt der Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Anschauung, +einerlei ob religiösen, philosophischen, politischen oder sonst welchen +Inhaltes, an und für sich gebieterisch. Nur in den höchst gearteten +und geistig entwickeltsten Persönlichkeiten ist die Ueberzeugung das +Ergebnis ruhiger Einsicht und klarer Erkenntnis; je tiefer der Mensch +steht, desto weniger kümmern ihn Beweise, desto mehr beruht seine +innere Verfassung auf Gefühlen der Lust und der Unlust. Die Suggestion +kann vom Menschen auf sich selbst ausgeübt werden, falls er, am ehesten +durch irgend einen Glauben, seine Empfänglichkeit zu steigern versteht: +Autosuggestion; meistens aber wird sie von andern hervorgerufen: +Fremdsuggestion. Zweierlei ist dazu angethan, die Suggestibilität ins +Außerordentliche zu steigern: das Vertrauen, das man in einen Menschen +setzt, und das Zusammensein mit andern Menschen. Die Massen sind immer +mehr suggestibel als der einzelne Mensch für sich allein. Da nun ein +überlegener Geist seinem ihm unterworfenen Medium mühelos nicht nur +Anschauungen und Erinnerungen, Bewegungen und Handlungen, sondern auch +Hallucinationen, ja sogar die Empfindung organischer Veränderungen am +eigenen Leibe aus suggestivem Wege beibringen kann und Anblick oder +Erzählung des Vorfalls die Wirkung stromartig weiterleiten, so kann man +den abnormen Einfluß eines bedeutenden Menschen, der in naiven Zeiten +populär war, kaum überschätzen. + +Weit entfernt also, an der Wunderbarkeit der Heiligen von vornherein +zu zweifeln, da sich ihre eigentliche Wirksamkeit ja doch meistens +in diesen noch wenig aufgehellten Sphären bewegt, wird indessen die +Forschung sich nicht einbilden, anders als nur sehr ungefähr dahinter +zu kommen. Einigermaßen zuverlässige Quellen sind selten; und da diese +von gläubigen Händen angefertigt sind, beruhen gerade sie meistens auf +ungenauer Beobachtung. Uns kann das nicht anfechten; wir wissen uns zu +bescheiden und versuchen, von unseren Heiligen so viel zu begreifen, +als eben heute noch zu begreifen ist. + + + + +Erster Abschnitt. + +Die Memorie. + + + + +Erstes Kapitel. + +Die Martinsschriften des Sulpizius Severus. + + +Ums Jahr 400 schrieb Sulpizius Severus das Leben des Martin von +Tours. Ein bedeutender Schriftsteller und ein bedeutender Gegenstand! +Aquitanien war damals die letzte Zufluchtsstätte der Bildung. Dort +allein kam noch über dem Studium der Grammatik die litterarische +Produktion nicht zu kurz, und gerne ließ man im lateinischen Abendland +gallische Rhetoren die Kosten der Beredsamkeit bestreiten. Diese Heimat +in dieser Zeit, die eigenen Ausweise litterarischer Tüchtigkeit, +seine Stellung in der Gesellschaft, der Ernst seiner Gesinnung, der +sich im Umtausch eines glänzenden Berufslebens an mönchische Armut +und Einsamkeit ausspricht, das ist es, was den Severus aus seiner +Umgebung heraushebt. Im Gegensatz zu seiner Chronik, an der man die +guten Quellen, den geschichtlichen Sinn und die klassische Darstellung +lobend bedenkt, gilt nun aber das Martinsleben als frommer Roman und +ein Seitenstück zu den Erzählungen von den ägyptischen Mönchen. Mit so +allgemeinen Urteilen wird man Severus nicht gerecht. Der in der Chronik +sich beweisende wirklich historische Blick, damals eine rühmliche +Ausnahme, ferner daß der Charakter nicht zu den Bedenken Anlaß gibt, +die etwa Hieronymus gegenüber geboten sind, endlich die mehrfache +Beteuerung, über Martin nur die Wahrheit zu sagen, weil es schon damals +an Zweiflern nicht fehlte, verlangen eine eingehendere Würdigung des +Schriftstellers in dieser ihm eigentümlichen kleinen Schrift. Ihrer +Anlage liegt entschieden Kunst zu Grunde. Der überreiche Stoff ist so +disponiert, daß die gewaltige Persönlichkeit, die geschildert werden +soll, gleichmäßig in allen ihren Eigenschaften beleuchtet wird: + + Einleitung: _c._ 2–4 Martin als römischer Soldat. + + Thema: Martin als christlicher Heiliger. + 1) _c._ 5–8 Martin als Mönch. + 2) _c._ 9–11 Martin als Bischof. + 3) _c._ 12–15 Martin als Missionar. + 4) _c._ 16–19 Martin als Wunderthäter. + 5) _c._ 20 Martin vor dem Kaiser. + 6) _c._ 21–24 Martin gegen den Teufel und die bösen Geister. + + Schluß: _c._ 25–27 Martin nach dem persönlichen Eindruck auf den + Verfasser. + +Und so möge zunächst das Thatsächliche dieses Lebensbildes in der +Sprache unserer Zeit nacherzählt und so das echte und warme Leben +entbunden werden, das Severus eben doch einzufangen wußte. + + +1. + +Martin wurde zu Sabaria in Ungarn geboren, verlebte indessen seine +Jugend in Pavia[007-a]. Sein Vater war Offizier, die Familie heidnisch. +Aber schon der Knabe trug Gott im Herzen. Mit zehn Jahren wollte er +gegen den Willen seiner Eltern Katechumene werden, mit zwölfen machte +er aus seinen mönchischen Gelübden und Neigungen ernst, wurde aber mit +fünfzehn gewaltsam dem Heere einverleibt, dem er als Offizierssohn von +Gesetzes wegen beitreten mußte. Er begnügte sich jedoch mit nur einem +Burschen, bediente ihn, obwohl sein Herr, zog ihm die Stiefel aus, um +sie zu putzen, und teilte sein Mahl fast eher in der Stellung eines +Aufwärters. Ohne noch getauft zu sein, hielt er sich während seiner +drei Dienstjahre von den üblichen Lastern des Standes fern und trieb +überhaupt gegenüber den Kameraden die Gutmütigkeit auf die Spitze. Er +lebte auch unter der Waffe in opferfreudiger Nächstenliebe[008-a]: +in einem ungewöhnlich strengen Winter hatte er bis auf Waffen und +Uniform bereits alles verschenkt, da schnitt er für einen Bettler am +Stadtthor von Amiens noch die Hälfte des eigenen Mantels vom Leibe +und ließ sich unbeirrt auslachen, als er darauf in verstümmelter +Uniform weiterritt. Bald daraus erfolgte seine Taufe. Doch blieb +er noch zwei Jahre beim Heere, in der Hoffnung, dann auch zugleich +seinen Tribunen zum Abschied zu bewegen, da dieser ebenfalls Neigung +bekundet hatte, der Welt abzusagen. Jedenfalls hielt er es mit seinem +Christenstande nicht mehr vereinbar zu töten, und so war sein Austritt +aus dem Heere unvermeidlich, sobald das Regiment bei dem er stand, +im Ernstfall ausrücken mußte[008-b]. Am Vorabend einer Begegnung mit +den Germanen vor Worms teilte Kronprinz Julian ein Donativ aus. Die +Einzelnen wurden aufgerufen und mußten vortreten. Als die Reihe an +Martin war, hielt er den Augenblick für gegeben, um seinen Abschied +einzukommen: ein Streiter Christi dürfe nicht kämpfen. Der Kriegsherr +schob die sonderbare Ausrede auf Angst; aber Martin verwahrte sich, +er sei kein Feigling, er wolle sich ohne Waffen durch den Feind +helfen, nur allein mit dem Zeichen des Kreuzes. Man wollte ihm seinen +wunderlichen Willen lassen und ihn dadurch am sichersten strafen; +aber aus der Schlacht wurde nichts, da sich die Feinde am andern +Morgen ohne Schwertstreich unterwarfen. War da nicht Gottes Hand +im Spiel?[008-c] Hierauf begab sich Martin zu Bischof Hilarius von +Poitiers. Dieser wollte ihn für seinen Klerus gewinnen, doch lehnte +Martin die Weihe zum Diakonen ab und fand sich nur eben zum niederen +Dienste eines Geisterbeschwörers tauglich. Es trieb ihn dann nach der +Heimat, für die Bekehrung seiner Familie zu wirken. Nur unter dem +Versprechen wiederzukehren ließ man ihn in Gallien ziehn. Auf dem +Uebergang über die Alpen fiel er unter die Räuber, entwaffnete aber +den, dessen Obhut er anvertraut wurde durch seine Sanftmut[008-d]. In +der Nähe von Mailand suchte ihn ein Reisegefährte in seinem Vorhaben +irre zu machen, überzeugte jedoch Martin nur, daß dieser Versucher der +leibhaftige Teufel in Menschengestalt sei. Zu Hause brachte der Sohn +die Mutter auf seine Seite. Der Vater blieb Heide. Dagegen folgten +andere Martins Beispiel, dem überdies das arianische Christentum +Gelegenheit gab, für den rechten Glauben zu leiden: er ließ sich für +die Gottheit Christi öffentlich mit Ruten streichen. Seinen Meister +an der Loire hatte indessen das Schicksal der Verbannung ereilt, und +Martin, der seinerseits sich in Mailand klösterlich niederließ, wurde +von Bischof Auxentius, einem Oberhaupt der Arianer im Westen, Landes +verwiesen. In Begleitung eines gesinnungstüchtigen Priesters suchte +er die sogenannte Hühnerinsel an der toskanischen Küste zu besiedeln. +Dort betete er sich vom Genuß einer giftigen Nießwurz gesund. Als dann +auf die kaiserliche Verfügung hin Hilarius aus dem Orient heimkehren +durfte, wollte ihn Martin in Rom treffen. Sie verfehlten sich, Hilarius +war schon weiter[009-a]. Martin reiste nach und gründete nun in der +Nähe von Poitiers das von ihm geplante Kloster. Seine hingebende +Wirksamkeit brachte ihn beim Volke in den Ruf eines heiligen und +wunderthätigen Mannes. Sie gipfelte in der Erweckung zweier Toter. +Ein Katechumene unterlag der strengen Disziplin des Klosterlebens, +plötzlich, ohne noch getauft zu sein; von einer dreitägigen Reise +heimkehrend fand ihn Martin tot. Er hieß alle Anwesenden die Zelle +verlassen, schloß die Thüren ab und suchte den leblos Daliegenden zu +sich zu bringen, indem er sich über ihn ausstreckte, dazu laut betete, +dann aufstand und das entseelte Gesicht fixierte. Nach zweistündiger +Behandlung begann der Totgeglaubte sich wieder zu rühren und, da +das Augenlicht noch versagte, tastete er sich zurecht und schrie +vor Freude. Er versicherte in der Zwischenzeit vor dem Thron des +Weltenrichters gestanden zu sein: erst habe er sich an finsterem +Orte in gemeiner Gesellschaft befunden, bis ihn zwei Engel vor den +höchsten Richter geschleppt und als den vorgestellt hätten, für den +der heilige Martin bete. Kurz darauf trug sich ein zweites Wunder +derselben Art zu[009-b]. Aus dem Rittergute des Lupizinus war eben +großer Jammer, als Martin vorüberging: ein Knecht hatte sich erhängt. +Wieder befolgte der Heilige dieselben Manipulationen wie das erste +Mal, ohne jeden Beistand, und wieder mit Erfolg. Auf die Augenzeugen +des erst hingestreckten und dann wieder ermunterten Körpers wirkte der +außerordentliche Vorfall beide Mal als volles Wunder; schon die erste +Erweckung reichte hin, um Martin den Ruf einer geradezu apostolischen +Heilkraft einzutragen. Um diese Zeit wurde der Stuhl des Bistums Tours +ledig. Die Bürgerschaft wollte Martin[009-c]. Er fühlte sich jedoch +nicht zum Kirchenmann, sondern zum Mönch bestimmt und lehnte ab. Nur +mit förmlicher List setzte sich der öffentliche Wille durch. Rusticius, +ein Bürger von Tours schützte Krankheit seiner Frau vor. Als Martin +auf die kniefälligen Bitten des Mannes hin zum Besuche sich entschloß, +fand er auf dem Wege erst vereinzelte Volksgruppen, dann gegen die +Stadt hin immer dichtere Menschenmassen vor. Nicht nur aus Tours, auch +aus den umliegenden Städten waren sie zur Abstimmung zusammengeströmt. +Angesichts dieser mächtigen Kundgebung sagte Martin zu; die Laien +wollten einen von ihnen, einen Volksmann, in dem hierarchischen Klerus +haben. Die Bischöfe hatten Martins Erhebung mit allen Mitteln zu +hintertreiben gesucht. Sie stießen sich an dem gemeinen ungepflegten +Aeußern des Einsiedlers: zum Bischof bedürfe es eines vornehmen +Auftretens, eines ordentlichen Anzuges, einer anständigen Frisur, +während Martin mit Willen äußerlich nachlässig, schmutzig und ungekämmt +einherging. Schließlich brach den Widerstand ein Zufall. Die erregte +Menge versperrte dem zum Lektor der Synode bestimmten Geistlichen +den Eintritt. Sein in der Verwirrung rasch erkorener Stellvertreter +schlug die Bibel auf Geratewohl auf, und geriet dabei an die Stelle +im achten Psalm: »Auf daß du Feind und Verfechter vernichtest: +_defensorem_.« Da nun das Haupt der Kleriker, der Bischof von Angers, +Defensor hieß, lautete das Wort heiliger Schrift anzüglich genug, um +durch den Jubel der anwesenden Laien, die damals noch lateinisch und +deshalb die Anspielung verstanden, die Prälaten zu entwaffnen. Obwohl +nun Bischof änderte sich Martin doch in keiner Weise: dieselbe Demut, +dasselbe unscheinbare Auftreten[010-a]! Eine an das Münster angebaute +Zelle diente ihm zur Wohnung, da er sich dort zahlreichen Besuchen +nicht entziehen konnte, errichtete er sich zwei Meilen von Tours ein +Kloster. Versteckt und abgelegen, ersetzte der Ort die unwirtliche +Einöde: Felswände und Loire schlossen ihn ab, ein schmaler Saumpfad war +einziger Zugang. Martin und einzelne Brüder bauten sich Holzhütten, +andere hausten an der schützenden Berglehne in Höhlen. Die Schüler, +die zum Unterricht kamen inbegriffen, belief sich die Zahl auf etwa +achtzig. Das gemeinsame Leben beruhte auf den strengsten Grundsätzen: +es gab kein Eigentum, aller Besitz war Gemeingut. Niemand durfte kaufen +oder verkaufen. Außer Schreiben wurde keine Kunst betrieben, und auch +diese blieb den Jüngeren überlassen; die Aelteren lagen nur noch dem +Gebet ob. Nur mit dem gemeinsamen Gottesdienst wurde die Einsamkeit +der Zelle vertauscht und höchstens die Mahlzeit gemeinsam eingenommen, +wenn das Morgenfasten vorbei war. Niemand bekam Wein, außer der Kranke. +Die Kleidung der Meisten bestand in Fellen; ein weniger hartes Gewand +galt für unerlaubt. Auch die vielen jungen Adeligen der Gesellschaft, +der eine und der andere ein künftiger Bischof, teilten dieses Leben. +Seine kirchliche Macht benützte Martin zur Aufklärung des Landvolks vom +Aberglauben[010-b]. In der Nähe von Tours wurde ein Altar unterhalten, +ohne daß man wußte, wessen Grab es eigentlich sei. Unsicher, ob er in +diesem Fall zu bekämpfen oder zu unterstützen habe, beschwor Martin +den hier verehrten Toten: richtig erhob sich zur Linken finster und +trotzig ein Schatten und teilte auf Befragen mit, er sei ein gehenkter +Straßenräuber und nur aus Versehen zum Märtyrer geworden. Während +der Verhandlung hörten Martins Begleiter allerdings reden, aber der +Aufschluß selbst ging auf eine Vision des Bischofs zurück. War das +Grab eines Schelmen Grab, so konnte es mit gutem Gewissen zerstört +werden. Die heidnische Bevölkerung fürchtete den strengen Mann, und es +ist nicht zu verwundern, daß ein heidnischer Leichenzug, als Martin +des Weges kam, jählings halt machte[011-a]. Martin unterschied nicht +gleich, was ihm entgegenkomme, noch betrug die Entfernung eine halbe +Meile; doch war ihm, es seien Bauern, und als nun das weiße Laken etwas +aufflog, das den Leichnam zudeckte, schloß er auf einen heidnischen +Kultusakt, da er um die ländliche Sitte wußte, weiß-verschleierte +Götzenbilder durch die Saatfelder zutragen. Er schlug das Zeichen des +Kreuzes und donnerte sie schon von weitem an, die Bahre abzustellen. +Die armen Leute suchten zu entkommen, drehten sich aber in der +Bestürzung im Kreise herum und ließen schließlich Martin heran, ihres +Schicksals gewärtig. Nun jedoch überzeugte sich der Heilige, es handle +sich ja gar nicht um Götzendienst, sondern nur um ein harmloses +Begräbnis. Er winkte ihnen sofort beschwichtigend zu, sie möchten ruhig +ihres Weges ziehen[011-b]. Aber als Martin sich anschickte, in einem +Marktflecken an einer uralten Fichte bei einem heidnischen Heiligtum +Hand anzulegen, wurde der Widerstand ernsthaft. Der Oberpriester legte +sich ins Mittel; seine Leute standen zu ihm. Konnten sie den Tempel +nicht halten, unter keinen Umständen gaben sie die Fichte preis. Martin +legte ihnen dar, in einem Baumwipfel niste höchstens ein Teufel, aber +doch niemals Gott. Schlau meinte nun ein Heide, wenn Martin an seinem +Gott wirklich etwas habe, so solle er sich doch gegenüber aufstellen, +sie wollten die Tanne dann schon fällen; der Sturz des Heiligtums, der +nicht aufzuhalten war, hätte dann doch zugleich den Feind der Götter +vernichtet. Ohne Zögern ging Martin darauf ein und ließ sich an der +gefährlichsten Stelle festbinden. Mit dem Rächerdrang der Verzweiflung +hieben die Heiden auf die heilige Fichte, Martins Freunde wußten nicht +was thun. Er selber blieb zuversichtlich und bekreuzte sich, als der +Stamm zu wanken begann. Wider Erwarten stürzte der Baum rückwärts und +hätte beinahe seine Verehrer erschlagen. Alsobald errichtete Martin +eine Kapelle, wie gewöhnlich auf zerstörten heidnischen Opferstätten. +Mit einem Aufwand von Eifer, der ihn bis zur Erschöpfung in Anspruch +nahm und in kritischen Augenblicken in krampfhafte Ekstasen versetzte, +legte er auch die übrigen Schlupfwinkel des Sprengels in Asche, verlor +aber mitten in der Erregung niemals seinen Gerechtigkeitssinn und die +Herrschaft über sich selbst[011-c]. Als ein brennender Heidentempel +ein angebautes Privathaus anzustecken drohte, setzte Martin mit den +Löschanstalten sein Leben aufs Spiel, nur um die unverdient gefährdete +Liegenschaft zu retten. Einen Hauptherd, den reichen Tempel von +Levroux, konnte er nur mit der größten Anstrengung erobern. Erst als +er in Sack und Asche Buße that und so inbrünstig betete, bis er zwei +geharnischte Engel ihm zu Hilfe eilen sah, gelang der zuvor mißglückte +Ansturm auf die von den Bauern verteidigten Altäre. Desgleichen in +Autun[012-a]. Dort drang der wildeste der Gegner mit gezücktem Schwert +auf ihn ein. Martin knöpfte sein Gewand auf und hielt den Hals dar. Der +Heide verlor die Fassung. Ein anderer ließ in derselben Lage das Messer +fallen. Und so oft ein Bollwerk genommen war, beschwichtigte und gewann +Martins mächtige Predigt die Herzen der Heiden. Hand in Hand mit diesen +Erfolgen als Missionar gingen seine Erfolge als Arzt[012-b]. Zu Trier +lag ein Mädchen in den letzten Zügen, als Martin in die Gegend kam. +Der Vater hielt den Heiligen mitten auf der Straße an. Diesem war es +offenbar unangenehm, zumal bei Anwesenheit vielen Volkes und mehrerer +Bischöfe in eine den Evangelien parallele Lage geraten zu sein. Er +lehnte bestürzt ab: das übersteige seine Kraft, der Mann überschätze +ihn, so etwas habe der Heiland gekonnt, wie sollte er ihm es gleich +thun. Als aber alles in ihn drang, entschloß er sich zu dem Besuche und +erzielte durch Anwendung geweihten Oeles einen vollen Erfolg. Einen +tobsüchtigen Sklaven des Prokonsularen Tätradius beruhigte er und übte +auch über andere Verrückte Gewalt aus[012-c]. Am Stadtthor von Paris +umarmte und küßte er einen aussätzigen Bettler[012-d]. Stücke seiner +Kleidung, deren man habhaft werden konnte, wurden vom Volk als Amulete +benützt. Von seiner Kutte wurden Fransen abgezupft und den Kranken +an den Finger oder an den Hals gebunden. Arborius, ein Beamter, der +Christ war, schnitt das Viertagsfieber seiner Tochter dadurch ab, daß +er dem Kind bei jedem Anfall einen Brief Martins, den er zufällig +besaß, wie ein Pflaster auf die Brust legte[012-e]. Hauptsächlich +aber scheinen Martin Augenkuren geglückt zu sein. Paulinus, der dann +um Martins willen aus einem Millionär ein Mönch wurde, heilte er +von einer beginnenden schmerzhaften Erblindung durch Pinselungen; +bereits zog sich die benebelnde Haut über die Pupille, als Martin die +Operation vornahm. Dem heiligen Arzte selbst brachte ein Fehltritt beim +Treppensteigen beinahe den Tod; aber eine Salbe und eine Engelsvision +erwirkten seine Herstellung schon auf den folgenden Tag. Was für ein +unbeugsamer Charakter er war, zeigte Martin gegenüber dem Hofe. Kaiser +Maximus, der in Trier residierte, empfing die gallischen Bischöfe, +die von ihm für die schwer heimgesuchten Provinzen Unterstützung, +Milderung und Amnestie zu erbitten kamen[013-a]. Aber während die +Andern sich vergaben und zu unterwürfigen Höflingen herabwürdigten, +bewahrte Martin die Ehre und das Ansehen der geistlichen Gewalt vor +der weltlichen. Er trug sein Gesuch um Begnadigung einiger Personen +auf eine so vornehme Weise vor, daß es auf den Kaiser nicht wie eine +Bitte, sondern wie ein Befehl wirkte. Der Kaiser wollte ihn an seine +Tafel ziehen. Aber Martin erklärte offenheraus, mit einem Menschen, +der den einen Kaiser verjagt und einen zweiten ermordet habe, sitze +er nicht an den gleichen Tisch. Maximus suchte jedoch den Aufstand zu +rechtfertigen, die Schuld an Gratians Tod von sich abzuwälzen, und so +nahm Martin schließlich an. Entzückt über die Zusage verlieh Maximus +dem Fest außerordentlichen Glanz, indem er den Statthalter Evodius +sowie zwei Mitglieder des kaiserlichen Hauses, seinen Bruder und seinen +Onkel, heranzog. Martin saß zur Rechten des Kaisers, der Priester, der +ihn begleitete, zwischen den Prinzen. Als der Mundschenk dem Kaiser den +Trunk kredenzen wollte, ließ der Fürst den Becher dem Bischof reichen: +aus seiner heiligen Hand, nach der Berührung so heiliger Lippen wollte +er den Pokal empfangen. Der Heilige trank aus dem Kelch, reichte +ihn dann aber nicht dem Fürsten, der darauf wartete, sondern seinem +Priester, weil der geistliche Stand auch einem niederen Inhaber den +Vortritt vor den höchsten weltlichen Würdenträgern verleihe. Dieser +Verstoß fand jedoch nur gesteigerte Bewunderung. Die kundgegebene +Verachtung wirkte als Hoheit. Es ging von Mund zu Munde, Martin habe an +der kaiserlichen Frühstückstafel sich herausgenommen, was sonst kein +Bischof gegenüber einem einfachen Staatsbeamten hätte wagen dürfen. +Sein Scharfblick ließ ihn auch voraussagen, Maximus werde in Italien +auf Valentinian stoßen und ihn zwar besiegen, aber bald darauf selber +untergehen. Was denn auch, bei Aquileja, in der That in Erfüllung +ging. In seinen letzten Lebensjahren hatte Martin viel mit dem Teufel +zu schaffen[013-b]: Er hatte den Bösen so sichtbar und gegenständlich +vor Augen, daß er ihn bald in seiner leibhaftigen Gestalt, bald in +mannigfachen figürlichen Verkleidungen zu Gesicht bekam. So drang der +Teufel einmal polternd in Martins Zelle, ein blutiges Horn in der +Hand. Dieser ließ nachsehen; es stellte sich heraus, daß zwar keiner +der Mönche, wohl aber ein Taglöhner aus dem Gesinde vermißt werde. Man +fand ihn halbtot im Walde liegen. Er konnte eben noch berichten, als +er den Jochriemen straffer habe anziehen wollen, habe der eine Stier +gestoßen und ihm das Horn in den Leib gerannt[013-c]. Ja zu förmlichen +Auseinandersetzungen mit dem Teufel kam es bei Martin. Bald erschien +dieser ihm als Juppiter, bald als Merkur, bald auch als Venus und als +Minerva. Martin war unablässig bemüht, den Herrn der Finsternis zu +bekehren, er versprach ihm bei Gott Barmherzigkeit zu erwirken, wenn er +endlich einmal Buße thun und aufhören wolle, die Menschen zu verführen. +Bis in sein hohes Alter bewahrte Martin den guten Blick für das Echte +und entlarvte die schwindelhaften Absichten eines angeblichen Mönches +namens Anatolius aus dem Kloster seines jungen und hochgeborenen +Freundes Clarus[014-a]. Auch andere geistliche Abenteurer nah und fern, +die sich, sei es für Elias oder Johannes den Täufer oder Christus +selbst ausgaben, hat er durchschaut[014-b]. An zwei Schülern jedoch +erlebte er aufrichtige Freude, weil sie seinetwegen eine glänzende +weltliche Laufbahn verlassen und ihm in aufrichtiger Treue anhingen: +Paulinus von Nola und Sulpizius Severus[014-c]. Er freute sich, daß sie +in der Lage des reichen Jünglings entschlossener gehandelt hatten als +jener im Evangelium, und nahm sie beschämend freundlich auf, ja bestand +sogar darauf, ihnen eigenhändig die Fußwaschung zu verabreichen. Und +als Severus aus seinen schriftstellerischen Absichten keinen Hehl +machte, zog ihn der Heilige in sein Vertrauen und ließ ihn Blicke in +sein inneres Leben thun. Wenn Martin nicht arbeitete, so betete er, +nach der Sitte der Schmiede, die, wenn sie das Eisen hämmern, stets +einige Zwischenschläge auf den Ambos thun[014-d]. Kein Falsch war +in dem heiligen Manne. Nie daß er über jemand richtete oder lieblos +urteilte oder Böses mit Bösem vergalt. Von einer unerschütterlichen +Langmut ließ er, der Bischof, gelegentlich sogar untergebene Kleriker +ihm ungehörig begegnen. In seinem Wesen immer gleichmäßig nahm er +an allen Empfindungen des Menschenherzens teil, ohne an eine sich +hinzugeben: die höhere Natur schien überall den Grund seines Benehmens +zu bilden[014-e]. Er wurde nie zornig und nie bestürzt. Er klagte nie +und lachte nie. Ein himmlischer Glanz lag, war es wann es war, still +und selig über seinem Angesicht. + +Den wesentlichen Zügen nach ist das der Inhalt von Severs Martinsleben. +Martin steht lebendig vor dem Leser als der prächtige, tapfere +Christuskrieger, der an Theologie nicht schwer trug und rascher zum +Ziel zu kommen meinte, wenn er persönlich auf den Vater der Sünde +losging. Auch wo Severus Bericht unglaublich klingt, hat man den +Eindruck, es sei keine Erfindung im Spiel. Vielmehr schimmerte für ihn +auf Schritt und Tritt die gewaltige Gestalt, die er zeichnen wollte, in +die Sphäre des Uebermenschlichen, Geisterhaften hinüber. Severus deutet +mehrfach an, er habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Stoff +zu bewältigen und deshalb nur das Wesentlichste für die Darstellung +aufbehalten, vieles jedoch ausgeschieden[014-f]: »Ich muß schließen, +nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil mich am Ende +meines Unternehmens die Wucht meines Gegenstandes niederdrückt. Denn +ich fühle mich vollkommen unfähig, selbst für den Fall, daß alles +äußere genau berichtet wäre, das innere Leben Martins in seinem +täglichen Wandel vor Gott und seinem stets nach dem Himmel gerichteten +Gemüte genügend darzustellen. Ja käme selbst, wie man zu sagen pflegt, +Homer von der Unterwelt, er würde nichts vermögen. Denn an Martin ist +alles zu groß, als daß es in Worte gebracht werden könnte.« Severus +hat die richtige Einsicht, für die Lösung seiner Aufgabe sei weniger +seine Kunst zu gering, als die Vorlage zu mächtig. Er fühlt lebendig +die Notwendigkeit, seinem Helden als Psychologe gegenüber zu treten. Da +aber die psychologische Analyse als litterarisches Kunstwerk ein Kind +moderner Kritik ist, so konnte er für seine Zwecke nur das naive Mittel +benutzen, das ihm dafür zu Gebote stand: die Anekdote. + +Als die Schrift fertig vor ihm lag, betrachtete sie der Verfasser mit +gemischten Gefühlen. Er hatte sein Bestes aus sich heraus gesetzt und +wußte, wenn er es bekannt gab, so brach ein Sturm los für und wider. +Lieber hätte er es also für sich behalten. Aber dann drängte doch alles +wieder auf eine Veröffentlichung hin: die Spannung des Erstlingswerkes, +die Verantwortung des Verschweigens, der brennende Wunsch, vor aller +Welt etwas für Martin zu thun. So entließ er die Arbeit und schrieb +dazu einem wirklichen oder fingierten Freunde was folgt[015-a]: + +»Mein lieber Desiderius! Es war meine entschiedenste Absicht, das +von mir verfaßte kleine Buch über Martin aus meinen vier Wänden +nicht herauszulassen. Schwung und geschmackvolle Darstellung sind +mir von Natur versagt; Grund genug, das öffentliche Urteil nicht +herauszufordern. Und nun hab ich mich noch gar an einen Gegenstand +gemacht, der Schriftstellern ersten Ranges vorbehalten bleiben sollte. +Zeig also mein Machwerk lieber Niemanden; wenn aber doch, so bitte das +Publikum, um des Inhalts willen mit der Form Nachsicht zu haben. Ist +doch von Fischern und nicht von Rednern der Welt das Heil verkündigt +worden, obwohl unser Herrgott, wäre es gut gewesen, es auch umgekehrt +hätte fügen können. Was ich mir sagte, war: ein Mann wie Martin +darf nicht unbekannt bleiben, mögen dann auch Unbeholfenheiten mit +unterlaufen; ein Virtuose war ich nun einmal nie und zudem ist es schon +eine Weile her, daß ich derlei als Student getrieben habe. Laß daher +das Büchlein, wenn du es zu veröffentlichen denkst, anonym ausgehen. +Tilge den Namen auf dem Titelblatt. Die Ueberschrift allein ohne Angabe +des Verfassers genügt«. + + +2. + +So wurde das Martinsleben veröffentlicht. Sein berufenster +zeitgenössischer Beurteiler, Paulin von Nola, eben Severs Mitschüler +bei Martin, hatte nichts auszusetzen. Er schreibt dem Verfasser[016-a]: +»Es wäre dir nicht geschenkt gewesen, Martins Leben aufzuzeichnen, wenn +nicht eine reine Empfindung deine Arbeit beseelte. Wie glücklich bist +du nun, die Geschichte des Gottesmannes und Bekenners würdig und mit +gerechtfertigter Begeisterung verfaßt zu haben. Aber auch der Heilige +selbst ist selig zu preisen, daß er neben seinem Ruhm vor Gott nun +auch durch Deine Kunst bei der Nachwelt berühmt geworden ist«. In der +That fand der Traktat sofort ungewöhnliche Verbreitung. Es war ein +litterarischer Erfolg ersten Ranges. In Rom riß man sich darum. Die +Buchhändler rieben sich die Hände. Das Büchlein war ihr begehrtester +Artikel geworden und fand den sichersten Absatz. Ein Bekannter, der auf +einer Orientreise den wachsenden Leserkreis verfolgen konnte, berichtet +Severus[016-b]: »Wo dein Buch überall hingedrungen ist? Kaum ein Fleck +Erde, wo es sich noch nicht vorfände. In Rom hatte dein Freund Paulinus +für seinen Vertrieb gesorgt. Die Buchhändler sah ich in einem Glück, +weil trotz den hohen Angeboten die Nachfrage so groß sei. Zu Schiff war +mir dein Buch bereits vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, verschlang +es bereits ganz Carthago. Nur ein Priester in der Cyrenaica hatte +es noch nicht; ich verhalf ihm dazu. Und erst in Alexandrien! Dort +kennen sie das Buch besser, als du selbst es kennen kannst. Aegypten, +die nitrische Wüste, die Gegenden von Theben und Memphis hat es +durchwandert, und sogar in der Wüste traf ich einen alten Mann, der es +las«. Auch in Illyrien war das Buch verbreitet[016-c]. + +Aber Severus bekam denn doch nicht nur Angenehmes zu hören. Mit dem +Gedächtnis lebte auch der Haß wieder auf. Die gebildete geistliche und +weltliche Gesellschaft Galliens hatte sich im Ganzen nie in Martins +eigentümliches Wesen finden können. Die Ueberläufer vom Schlage Paulins +und Severs blieben weit in der Minderzahl. In jenen Kreisen erregte +das Buch peinliches Aufsehen. Die allzu offene Absicht, den kaum erst +Toten zu verherrlichen, verletzte. Auch der Gläubigkeit der Gegner war +viel zugemutet. Während Volk und Mönche das Büchlein in alle Himmel +erhoben, lehnte es die Geistlichkeit ebenso leidenschaftlich ab, und +Severus mußte sich erzählen lassen[016-d]: »Nur die Kleriker, nur die +Priester unseres eigenen Landes sind neidisch genug und wollen nichts +von deinem Martin wissen. Begreiflicherweise; denn seine Tugenden +spiegeln ihre Fehler. Ich darf kaum sagen was mir jüngst zu Ohren +kam: du habest in deinem Buche allerlei frischweg erfunden. Und doch +hat Christus selbst gesagt, solche wunderbare Thaten, wie sie Martin +gethan, könne jeder thun, der Glauben habe. Wer also nicht glaubt, daß +Martin solches that, bezweifelt im Grunde die Verheißung Christi. Diese +Unglückseligen, Entarteten und Schlaftrunkenen erröten eben vor Thaten, +deren sie selbst nicht fähig sind und wollen lieber Martins Wunderkraft +leugnen als ihr Unvermögen eingestehen.« + +Beides, Erfolg und Mißerfolg, mußte Severus ein Sporn sein, den Rest +seiner Kenntnisse über Martin nicht zu verschweigen. Da handelte es +sich vor allem darum, in welcher Form er diese Ergänzungen geben +wollte. Er bewies eine geschickte Hand und wählte den Brief und den +Dialog. Durch Hieronymus war der Kunstbrief, bei dem der Adressat nur +der Empfänger der Widmung ist, als Leser jedoch wie beim Buche ein +Publikum vorausgesetzt ist, für geistliche Stoffe im lateinischen +Westen eben klassisch geworden, und mit dem Dialog griff Severus +vollends auf eine ciceronianische Ausdrucksweise zurück, die früh in +die christliche Litteratur eindrang und sich dauernd in ihr erhalten +hat. Inhaltlich bedeuten die drei Briefe diejenige Ergänzung zum +Martinsleben, die nötig war, um das noch bei Lebzeiten des Heiligen +verfaßte Bild mit einer Schilderung seines Todes abzurunden. Im ersten +Briefe[017-a] jedoch kommt er zunächst noch auf einen Vorfall zurück, +über den pietätlose Bemerkungen ihm zu Ohren gedrungen waren: es +sollte für Martin ein Vorwurf sein, daß er, der so viele Heilungen +vollbrachte, selbst einmal die schwersten Brandwunden davongetragen +habe; sollte nun Martin deswegen weder gewaltig noch heilig sein? Die +Sache war einfach die: Martin hatte aus einer Visitationsreise mitten +im Winter die für ihn bereit gehaltene Lagerstätte viel zu weichlich +gefunden und den Strohsack weggeschoben, aus Versehen aber zu nah an +den Ofen, sodaß Feuer ausbrach. Er selbst war in seiner Müdigkeit auf +dem bloßen Boden sofort eingeschlafen und erwachte nun mitten in den +Flammen; er wäre, da er den Holznagel an der Thüre nicht losmachen +konnte, umgekommen, hätten nicht von außen her die Mönche den Riegel +erbrochen. Während dann der zweite Brief sich nur in allgemeinen +Betrachtungen über den schweren Verlust ergeht, enthält der dritte an +Severs Mutter Bassula gerichtete in ähnlichen Klagen und nach einer +Anekdote über Martin als Tierfreund Mitteilungen über Martins letzte +Stunden[017-b]. Martin hatte den Zerfall seiner Kräfte vorausgespürt. +Dennoch begab er sich in den äußersten Teil seiner Provinz, um einen +dort ausgebrochenen Kirchenstreit zu schlichten: die schönste +Gelegenheit, meinte er, den letzten Rest seines Lebens aufzuzehren. In +der That brach er dort zusammen. Er sagte zu den Seinen, es sei das +Ende. Sie mußten weinen, und auch er hielt die Thränen nicht zurück: +wie gerne wollte er weiter wirken, wenn es Gottes Wille wäre. Es that +ihm beides weh, zu scheiden und von Christus länger getrennt zu sein. +Er betete: »Das Leben ist ein harter Krieg und ich habe lange genug +gekämpft. Aber soll ich mich noch ferner in die Schanze schlagen, +für dich, Herr Gott, will ich’s thun«. Er lag einige Tage im Fieber +da, auf Streu und Asche und wollte sich nicht auf die Seite legen, +damit sein Auge gen Himmel gerichtet bleibe. Im Todeskampf bewies +er große Festigkeit. Natürlich stellte sich der Teufel ein. »Was +willst du, blutiges Untier«, rief er ihn an, »weg mit dir! Ich bin in +Abrahams Schooß«. So starb er. Seine Züge wurden friedevoll und nahmen +einen glänzenden Ausdruck an. Seine Bestattung war ein Triumphzug. +Zweitausend Leute wohnten ihr bei. Ganz Tours kam ihm entgegegen. Von +den Dörfern und Höfen der Umgegend, ja aus entfernten Städten strömten +Teilnehmer herzu. + +Auch die Dialoge wollen ein Nachtrag sein[018-a]. Aber nicht ein bloßer +Anhang wie die Briefe; sie bilden eine selbständige Ergänzung. Statt +einer planmäßigen Gliederung des Stoffes, wie sie im Martinsleben +vorliegt, wird der Leser ohne logische Vermittlung von Situation +zu Situation, von Gedanken zu Gedanken geführt, ohne daß freilich +die zwischen Epos und Drama rudimentär stecken gebliebene Form des +Kunstdialogs eine Nachbildung des wirklichen Lebens bis zur Illusion +zu Stande brächte. Severus war darum zu thun, durch Abwechslung auch +in der Form anzuziehen, er verwahrt sich aber, unter der kurzweiligen +Darstellung die Treue seiner Nachrichten etwa haben leiden zu +lassen[018-b]. Die an sich primitiven Mittel hat er nun geschickt zur +Zeichnung und Färbung seines Gegenstandes verwendet; er bringt in +seiner Charakteristik des heiligen Martin beinahe künstlerische Nuancen +zu stande. Drei Personen spielen die Hauptrolle. Zunächst Severus +selbst. Er tritt ansprechend auf und maßt sich als Martins Vertrauter +keine Allüren an. Er erzählt einfach von einem Gespräche, das er mit +einem keltischen Mönche, einem langjährigen Anhänger Martins gehabt +habe, als plötzlich ein alter Bekannter, Postumianus, zu ihnen gestoßen +sei. Eben war dieser von einem dreijährigen Aufenthalt aus dem Orient +zurückgekehrt. Sie hätten sich umarmt, geküßt, hätten Freudenthränen +vergossen und sich schließlich in der Zelle auf ein Ziegenfell gesetzt, +sich auszutauschen. Severus nimmt am Gespräche mehr als Empfangender +teil; er greift meistens nur ein, um es aufs neue anzuregen. In +Postumianus lernen wir einen jener gebildeten abendländischen +Geistlichen in der Art des Hieronymus und Rufinus kennen, die aus +Wissenstrieb und Sehnsucht nach dem heiligen Lande sich mehrere Jahre +im Orient aufgehalten und dasselbst namentlich das Mönchtum der +ägyptischen und der syrischen Wüste studiert haben. Die Gestalt ist +dem Leben entnommen. Die Reiseerlebnisse selbst dürfen uns hier nicht +beschäftigen, aber ebensowenig darf übersehen werden, wie glücklich +das Motiv für den Zweck verwendet ist, den Severus im Auge hatte. Es +erscheint als Abschweifung, nur ganz am Schluß der Episode spielt +Martin hinein. Aber gerade dadurch wird Martin charakteristisch ins +Licht gesetzt: von den Mönchen des Morgenlandes mit ihrer beschaulichen +Versenkung in Gott oder ihrem polternden Vortritt bei Volksagitationen +hebt er sich ab als der Beter und Arbeiter, als der stillthätige +Menschen- und Gottesfreund[019-a]. Ihren eigentlichen Erdgeruch erhält +aber Martins Persönlichkeit durch die Einführung von Severs anderem +Genossen, einem Kelten[019-b], dem Bauern gegenüber den Stadtleuten, +der sich geniert, unter Aquitaniern lateinisch zu reden; er sei ein +Sancerrer Kind und fürchte mit seiner bäurischen Aussprache verwöhnte +Ohren zu beleidigen. »Sprich wie es dir ums Herz ist«, versetzt +Postumianus, »sprich keltisch, sprich gallisch; nur sprich von Martin.« +In dieser Figur scheint Severus den Bauernstand in seinem Verhältnis +zum Heiligen haben schildern zu wollen. Er nennt den Mönch auch mit +dem Sammelnamen Gallus. Das schließt nicht aus, daß ein ausgeprägter +Vertreter des Typus wirklich Modell gestanden habe. Jedenfalls war es, +schriftstellerisch gewertet, ein feines Mittel, allerlei Geschichten, +die über den Heiligen im Lande herumgingen und für ihn charakteristisch +waren, die aber ein gebildeter Mensch schon damals nicht leicht für +bare Münze hinnehmen durfte, dem Publikum nicht vorzuenthalten, +ohne damit selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Auch +darin verrät sich ein künstlerischer Zug und der Widerschein klug +beobachteten Lebens, daß die schlichte Situation in der Klosterzelle +ab und zu durch ein humoristisches Intermezzo unterbrochen wird. Als +Postumianus von einem wohlgemeinten Frühstück berichtete[019-c], das +ein Greis aus Freude, daß sie Christen seien, ihnen vorsetzte, an dem +jedoch ein halbes Gerstenbrot und Gummiblätter das beste waren, deutete +Severus im Spaß zu Gallus hinüber: »Ach, jammerschade, mein lieber +Gallus, daß du da nicht dabei warst. Was meinst du, ein paar Blätter +und ein halbes Brot zum Frühstück für fünf Leute?« Gallus wurde rot und +sagte: »Aber, Sulpizius, du lässest auch wirklich keine Gelegenheit +vorbeigehen, ohne mich an meinen guten Appetit zu erinnern. Sei doch +kein Unmensch! Sollen wirklich wir Gallier in unserem rauhen Klima wie +morgenländische Eremiten oder gar wie Engel leben. Und ein halbes +Gerstenbrot auf fünf Mann ist schon mehr ein Frühstück für Engel.« +Ja bei der nächsten Gelegenheit stellte der gute Gallus geradezu den +Grundsatz auf: »In Griechenland mag Gefräßigkeit Schlemmerei sein, bei +uns in Gallien ist sie Natur[020-a]«. + +Der erste Dialog zerfällt in zwei Hälften, die später selbständig als +getrennte Bücher eingeteilt wurden: in der ersten erzählt Postumianus +seine Reise, in der zweiten Gallus von Martin. Einige Zeit nach +dem ersten entstand ein zweiter Dialog. Er setzt das Gespräch des +ersten am folgenden Tage fort vor erweiterter Zuhörerschaft, nämlich +einigen Geistlichen, aber nur zwei hochstehenden Beamten, da die +übrigen Laien, die sich hinzudrängten, abgewiesen wurden. Gallus +kommt zwischen den Statthalter und den Konsularen zu sitzen. Es geht +lange, bis er die Fassung erlangt, in solcher Gesellschaft ohne Scheu +zu reden. Die Anwesenden unterstützen ihn durch eingestreute eigene +Beiträge über Martin. Die so erhaltenen neuen Nachrichten verteilen +sich gleichmäßig auf die sechs Gesichtspunkte, unter denen Severs +Martinsleben steht. Greifen wir diese auf und illustrieren sie durch +die in den Dialogen gelieferten Beispiele. Der eigentliche Schwerpunkt +von Martins Persönlichkeit liegt in seinem Mönchsstande, insofern seine +Eigenschaften eines Volksheiligen dort wurzeln. + + +3. + +Martin hatte in der Stadt eine Zelle für sich, die er nur verließ, wenn +er ausging[020-b]. In der Kirche hielt er sich für gottesdienstliche +Verrichtungen auf, sonst nicht und lehnte es ab, sich daselbst zu +setzen. Auch in seiner Zelle saß er nicht in einen seiner Würde +entsprechenden Lehnsessel, sondern auf ein dreibeiniges Stühlchen, +wie sich dessen sonst das Gesinde bedient. Auf dem Gang zur Kirche +traf er einst im Winter einen halbnackten Bettler, der Armenpfleger +des städtischen Klerus zog die Sache hin, sodaß Martin dem Armen, +der sich persönlich bei ihm beklagte, in aller Stille sein eigenes +Hemd vom Leibe gab und ihn wegschickte. Der Obersthelfer, eben jener +Armenpfleger, kam, Martin zum Kirchgang aufzufordern: das Volk warte. +Der Bischof antwortete, er könne nicht kommen, bevor der Arme sein Hemd +habe, meinte nun aber damit sich, da er unter der Kutte nichts weiter +mehr anhatte. Aber es sei ja gar kein Armer mehr da, versetzte jener +gereizt, mußte jedoch seinem Vorgesetzten gehorchen. Er erstand für +fünf Groschen ein grobes Hemd geringster Güte. »Und der Arme?« fügte er +bei. Martin bat ihn, draußen zu warten, zog rasch das Hemd an und begab +sich, ohne mehr ein Wort zu sagen, auf seinen Posten in die Kirche. +Als er dann die Messe celebrierte, umstrahlte ihn ein Heiligenschein. +Das Volk sah es. Dagegen wollten nur eine Nonne, ein Presbyter und +drei Mönche das Wunder bemerkt haben. Warum wohl vom geistlichen +Stande nur so wenige[021-a]? Arborius, ein Angestellter der Präfektur +versicherte steif, so oft Martin die Hostie segne, strahle seine Hand +Licht aus und sei mit Perlen bedeckt[021-b]. Auf einer Visitationsreise +scheuchte Martins schwarze Kutte die Zugtiere einer militärischen +Ambulanz. Die Soldaten kannten ihn nicht und maltraitierten ihn und +die Tiere[021-c]. Er hatte die Gewohnheit, seinem Gefolge ein gutes +Stück vorauszugehen. Seine Mönche fanden ihn daher halbtot mit von +Geißelhieben zerrissenem Rücken am Wege liegen. Sie konnten ihn noch +eben auf seinen Esel setzen, den sie für ihn nachführten. Seine +große Liebe für Tiere trug wesentlich zu seiner Popularität bei. Er +besänftigte eine bei einem Brand wütend gewordene Kuh, befreite ein +gehetztes Häslein von seinen Jägern und ihren Hunden[021-d]. Eine +Giftschlange verschwand auf seine Beschwörung in der Loire und befreite +so die am Ufer gelagerte Gesellschaft von ihrer gefährlichen Gegenwart. +»Die Schlangen gehorchen mir«, seufzte er, »die Menschen nicht«[021-e]. +Es ging so weit, daß ein Mönch im Namen des Meisters einen bissigen +Hund zur Ruhe brachte[021-f]. Im Umgang mit dem Volk traf er den +rechten Ton[021-g]. Angesichts eines geschorenen Schafes rief er aus: +»Recht so. Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat«. Zu +einem armen Hirten meinte er: »Auch Adam hat im Fell die Schweine +gehütet. Das darf dich aber nicht abhalten, den neuen Adam anzuziehen«. +Vor einer Wiese, deren einer Teil vom Rindvieh abgeweidet und deren +anderer von Säuen aufgewühlt war, während in der unversehrten Mitte +Blumen blühten, predigte er: »Seht, liebe Leute, gerade so ist es mit +dem Heiraten. Wer ohne Ehe oder außer der Ehe sich versündigt, da ist +nur noch Dreck. Wer eine anständige Ehe führt, da ist saftiges Gras, +aber ohne Blumen. Bleibt jungfräulich, dann steht der Garten in Blüte«. +Ein alter Soldat wollte ein beschauliches Leben führen, wünschte aber +in seine Einsiedelei die Frau mitzunehmen. »Hast du in den Schlachten +das Weib auch mitgehabt?« fragte ihn Martin[021-h]. Als umgekehrt +eine Klausnerin in übertriebener Männerscheu es sogar ablehnte, +den Besuch ihres Bischofs zu empfangen und sich durch eine ihrer +Mitschwestern bei ihm entschuldigen ließ, zog Martin höchst erfreut +von ihrem Aeckerchen wieder ab, und als nun dieselbe ihm zum Entgelt +ein Geschenk nachsandte, schlug er, der sonst nichts annahm, die Gabe +nicht aus[021-i]. Bei dieser Leutseligkeit verbreitete sich denn auch +sein Ruhm sehr rasch und über die Landesgrenzen hinaus: in einem +Seesturm an der italienischen Küste rief ein Handelsmann aus Aegypten, +der noch nicht einmal Christ war: »Martins Gott, rett uns«[022-a]. +Auch als Vorgesetzter bewies Martin seine Ueberlegenheit[022-b]. Auf +seine Weisung fing der Klosterverwalter Cato den zum Ostermahl nötigen +Fisch, den weder dieser, doch ein geübter Angler, noch die Fischer +von Beruf am Tage vorher hatten fangen können. Der Erzähler erinnert +bei diesem Vorfall in demselben Atemzug an den wunderbaren Fischzug +im Evangelium und an den profanen Vers: »Brachte den staunenden +Argern zurück den gefangenen Saufisch«. Wo die gute Sitte auf dem +Spiele stand, kannte Martin keinen Spaß[022-c]. So schlich sich +einmal ein Klosterbruder in Martins Abwesenheit in dessen Zelle und +machte sichs, als er auf dem Kohlenbecken noch Gluten fand, bequem, +indem er die untere Partie seines Gewandes aufknöpfte und sich mit +entblößtem Unterleib und gespreizten Beinen ans Feuer setzte. Er wurde +ertappt und furchtbar abgekanzelt. Martins Wohnung im Kloster hatte +ein Hinterpförtchen, durch das die Besessenen insgeheim zur Heilung +eingeführt wurden[022-d]. Sie war von einem Höfchen umgeben[022-e]. + +Gegen Martin, der das Mönchtum in Gallien so kraftvoll einzurichten und +gegen den Willen der Kleriker wirksam durchzusetzen wußte, befolgte +die Geistlichkeit die Taktik, ihn so viel immer möglich zu ignorieren. +Dennoch gelang es Martin in seiner Stellung als Bischof seinem Kloster +die kirchliche Unterstützung zu sichern[022-f]; es sollte nicht von den +eigenen Einkünften leben müssen, sondern von der Kirche vollständig +unterhalten werden. Von dieser Ansicht ging er nicht ab. Ein Geschenk +von hundert Pfund Silber bestimmte er zum Loskauf von Gefangenen, und +als ihm die Mönche nahelegten, er möchte doch einen Teil davon dem +Kloster zu halten in Rücksicht auf die schmale Kost und die Vielen +mangelnde Kleidung, war seine Antwort: »Uns soll die Kirche weiden und +kleiden und wäre es auch nur um den Schein zu umgehen, daß wir auf +das unsere ausseien«[022-g]. Sein beständiger Kampf mit den Bischöfen +erreichte seine Höhe auf der Synode von Trier, durch Martins Verhalten +im Priscillianistenstreit. Kaiser Maximus, sonst ein guter Mensch, +hatte sich durch die Priester verleiten lassen, nach Priscillians Tode +den Bischof Phacius, der das Urteil durchgesetzt hatte, sowie dessen +Anhang für unanfechtbar zu erklären[022-h]. Amtsgeschäfte anderer Art +riefen Martin um eben diese Zeit an den Hof. Es war nicht zu vermeiden; +er mußte zu der heiklen Angelegenheit Stellung nehmen. Die anwesenden +Bischöfe, alles Parteigänger des Ithacius, gerieten über Martins +unvermutete Ankunft in Bestürzung. Tags vorher hatte der Kaiser den +Synodalbeschluß bestätigt, wonach bevollmächtigte Geschäftsträger mit +bewaffneter Macht nach Spanien reisen, die Güter der Priscillianisten +einziehen und hochnotpeinlich Gericht halten sollten. Da Martins +Widerspruch außer Zweifel stand, wollten sie erst den Kaiser bewegen, +ihm durch entgegenreitende Boten den Eintritt nach Trier zu verwehren, +falls er nicht von vornherein den Beschluß gutheiße. Martin versprach, +er werde den Frieden der Versammlung nicht stören. Während der Nacht +ging er in die Kirche zum Gebet und begab sich dann zur Audienz in +den kaiserlichen Palast. Sein Anliegen war die Vertretung des Grafen +Narses und des Gouverneurs Leukadius, die beide als Anhänger Gratians +verschiedener Anschläge wegen in kaiserlicher Ungnade waren. Dann +aber verwahrte er sich auch dagegen, daß die Gesandten zu einem +Gericht über Leben und Tod nach Spanien reisen sollten. Ja er wollte +die Ketzer geradezu freigesprochen wissen. Um Martin nicht vor den +Kopf zu stoßen, um aber auch nicht sei es die Bischöfe aufzubringen, +sei es, was wahrscheinlicher ist, auf die eingezogenen Güter zu +verzichten, da er bei dem unabsehbaren Bürgerkriege Geld brauchte und +der Staatsschatz erschöpft war, ließ Maximus die Sache zwei Tage in +der Schwebe. Während dieser Zeit vermied Martin jede Gemeinschaft mit +den Bischöfen. Nur ein einziger von ihnen hatte öffentlich gegen den +Beschluß Verwahrung eingelegt, und wenn nun Martins Ansehen Theognit +unterstützte, so konnte alles umsonst sein. Sie machten dem Kaiser +Vorstellungen, Martin werfe sich geradezu zum Bluträcher Priscillians +auf, was nütze dann die Hinrichtung. Sie brachten den Fürsten herum: +Ithacius erhielt ein Vertrauensvotum von der Synode, und als Martin das +nicht zu kümmern schien, lehnte der Kaiser ab, ihn weiter zu hören. +Und da entschloß sich nun Martin, nicht aus Mangel an persönlichem +Mut, sondern aus Furcht vor den Folgen zu dem Zugeständnis, er werde +die Gemeinschaft mit den Bischöfen aufnehmen, falls die Abordnung +nach Spanien zurückgezogen würde. Noch in derselben Nacht erlangte +er vom Kaiser diesen Vergleich ohne Aufschub und erschien am andern +Morgen bei der Weihe des Felix von Trier in den Reihen der Synodalen. +Nur gab er seine Zustimmung auch jetzt nicht schriftlich und reiste +am folgenden Tage ab. Das Bewußtsein durch seine Nachgiebigkeit den +spanischen Sektierern das Leben gerettet zu haben, vermochte ihn nicht +über seine Gewissensbisse hinwegzutrösten, daß er schwach gewesen und +seiner Ueberzeugung entgegengehandelt habe. Auch zu Hause verbitterte +ihm die klerikale Partei das Leben[023-a]. Sein empfindlichster Gegner +war Briccius. Bei Severus erscheint er als ein bis zum Wahnsinn +zanksüchtiger und nichts als Ränke spinnender Mensch. Martin habe +keinen anderen Trost gehabt als: »Wenn Christus sich Judas gefallen +ließ, so kann ich mir auch Briktion gefallen lassen«. + +Für seinen eigentlichen Beruf hielt Martin indessen nach wie vor die +Bekehrung des Landvolkes vom Heidentum[024-a]. Obschon Severus gerade +in diesem Stück schon in der ersten Schrift sehr ausführlich gewesen +war, erzählt er nun noch die Zerstörung des Heidentempels in Amboise, +zu der Martin durch sein unablässiges Zureden endlich den handfesten +Pfarrer von Ambiakum bewegen konnte, nachdem dessen Meinung erst dahin +gelautet hatte, kaum mit einem Zug Soldaten und auf dem Wege einer +massenhaften Anstrengung könnte ein solches Nest ausgehoben werden, +geschweige denn durch Dummköpfe von Klerikern oder Schwächlinge von +Mönchen. Daran schließt sich der Bericht an eine andere ähnliche That, +aber ohne lokale Präzisierung und auch als Vorgang ganz ins Fabelhafte +aufgelöst[024-b]. Auf dem Wege nach Chartres bekehrte Martin sodann ein +ganzes heidnisches Dorf, das noch keinen einzigen christlichen Bewohner +zählte, auf einen Schlag und machte alle Anwesenden auf offenem Felde +durch Handauflegung zu Katechumenen[024-c]. Das Wunder, wodurch er +dies zu stande brachte, war eine Totenerweckung, eine dritte zu den +beiden früher berichteten: Beweis, daß er auch als Bischof noch zu den +höchsten mirakulösen Kraftleistungen fähig gewesen sei. Es war ein +Knabe, dem er nun vom Tode half; doch ist die Behandlung des leblosen +Körpers diesmal nicht näher beschrieben. Von Krankenheilungen[024-d] +stehen die Genesung des Evanthius, Severs Onkel, und die Errettung +eines vom Schlangenbiß gefährdeten Knaben im Vordergrunde. In Chartres +heilte er ein zwölfjähriges Mädchen[024-e], das nicht sprechen konnte, +in Gegenwart zweier Bischöfe und des Vaters, durch geweihtes Oel, +indem er den Anfang des Exorcismus darüber sprach und darauf die Zunge +mit dem Erfolg bestrich, daß das Mädchen auf die Frage, wie es heiße, +nun seinen Namen sagen konnte. Von Martin geweihtes Oel besitzt dann +aber auch fern von ihm wunderbare Eigenschaften, deren volkstümlichste +darin besteht, daß es selber unerschöpflich und das enthaltende Gefäß +unzerbrechlich ist[024-f]. Die frommen Schwestern von Clion zwischen +Tours und Bourges plündern den Strohsack in der Sakristei, als der +Heilige auf der Durchreise eine Nacht daselbst zugebracht hatte, und +benützen die Halme als Amulete, um sie namentlich Besessenen auf +den Nacken zu binden[024-g]. Die Berührung seines Gewandes heilte +— »nach dem Beispiel jenes Weibes im Evangelium« — eine Frau vom +Blutfluß[024-h]. Im Namen Martins thaten Andere Wunder[024-i]. Auch +einige Andeutungen über Martins persönliche Verfassung beim Wunderthun +werden uns nicht vorenthalten: es gab Fälle, wo der Heilige spürte, er +sei den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen[025-a]. Nach +seinem nachgiebigen Verhalten in Trier ließ er es sich nicht nehmen, +obschon der Erfolg ihm später unrecht gab, seine Wunderkraft habe sich +stark verringert. Als er auf jener Rückreise in Sandweiler Station +machte, drückte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht im Wunderthun stark +nieder. Und als die ganze Familie des Lycontius an den Blattern krank +lag, brauchte er sieben Tage und sieben Nächte, bis er sie freigebetet +hatte[025-b]. + +Ueber Martins Beziehungen zu den hohen weltlichen Würdenträgern +sind die Dialogen ausführlicher als ihr Vorläufer, und wissen von +allerlei Verkehr. Der Gouverneur Vincentius wollte auf der Durchreise +durch Tours von Martin im Kloster empfangen sein und wiederholte +dieses Gesuch mehrere Male, zumal ja auch Ambrosius von Mailand hohe +Beamte gelegentlich bei sich zu Gast lud. Martin fühlte sich dazu +nicht verpflichtet[025-c]. Dagegen hatte er es darauf abgesehen, den +berüchtigten Raubgrafen Avitanus zu zähmen[025-d]: es stellte sich +ein förmlicher Wettkampf zwischen den beiden Gewaltmenschen, dem +heiligen und dem sündhaften ein, der auch in Offizierskreisen mit hohem +Interesse verfolgt wurde. Martin suchte den wilden Gesellen, sobald er +sich vor Tours blicken ließ, mehrmals, sogar mitten in der Nacht in +seinem Lager auf und hatte denn auch bald heraus, daß das wüste Wesen +von einem häßlichen schwarzen Teufel herrührte, der dem Avitanus im +Nacken saß und ihn auftrieb. Martin beschwor ihn: von Stund an war +Avitanus etwas milder gestimmt. Ueberhaupt betrug er sich in Martins +Nähe stets manierlicher; während er sonst das reine Tier war und ganz +entsetzlich zu hausen pflegte, hatte Tours nicht von ihm zu leiden. +Allerdings stand seine Gattin mit Martin im Einvernehmen. Anderer Art +war Martins Beziehung zu Ausspizius, dem Präfekten der Gegend von +Sens[025-e]. Diese wurde Jahr für Jahr von Hagelschlag heimgesucht, der +die ganze Ernte zu nichte machte; nicht nur die Bauern, auch Ausspizius +selbst, der Ländereien besaß und daher die Einbuße schwer empfand, +sandten an Martin. Wie sehr der durch ihn veranstaltete Bittgang +wirkte, zeigt die Thatsache, daß während der zwanzig Jahre, die Martin +noch lebte, kein Hagelwetter mehr niederging, sobald er jedoch nicht +mehr da war, das Jahr nach seinem Tode, die Landplage wieder begann. +Während ferner im Martinsleben nur vom Verhältnis zu Kaiser Maximus +die Rede ist, berichten die Dialogen auch von einem solchen zu Kaiser +Valentinian[025-f], insofern lange Zeit einem vergeblichen, als Martin +in Trier erst gar nicht die nachgesuchte Audienz erlangen konnte; +das Geschichtchen, daß er schließlich unter fabelhaften Umständen +doch sich Einlaß verschafft habe, klingt allerdings unglaublich; +möglich ist seine Zulassung immerhin, und daß sich Valentinian dann +über Erwarten freundlich gezeigt hat. Der jedenfalls nicht geringe +Widerstand lag in dem arianischen Bekenntnis des Kaisers und der hierin +noch entschlosseneren Kaiserin. Genau der umgekehrte Fall lag aber +vor gegenüber Maximus, der sich in die Freundschaft zu dem Heiligen +mit seiner Frau zu teilen hatte[026-a]. Diese wurde den heiligen und +rechtgläubigen Mann nicht müde und überbot sich in seiner Verehrung. +Sie wollte Tag und Nacht um ihn sein; ohne alle Rücksicht auf ihren +kaiserlichen Stand war sie nicht vom Boden wegzubringen; immer aufs +neue umschlang sie Martins Füße. Aber die Rolle der Maria genügte ihr +nicht; sie wollte auch Martha sein und ließ dem Bischof keine Ruhe, +ehe er ihr erlaubte, ihn zu bewirten. Eigenhändig bereitete sie das +Mahl, richtete das Ruhebett, deckte den Tisch, brachte das Waschbecken, +bediente ihn mit Speisen, die sie selber gekocht hatte und so lang er +am Tisch saß, hielt sie sich bescheiden hinten im Zimmer, genau wie +eine Magd. Sie schenkte ein und kredenzte den Trank. Nach beendeter +Mahlzeit fand sie ihren Lohn in den Brosamen, die sie den Leckerbissen +der kaiserlichen Tafel vorzog. Das alles ließ Martin, der nie ein +Weib in seiner Nähe duldete, nur ungern mit sich geschehen; er ist +wahrscheinlich von seiner Strenge nur darum abgewichen, weil er dadurch +weitgehende Begnadigungen für Verurteilte erwirken konnte. + +Schließlich bringen die Dialogen auch neue Belege zu Martins Verkehr +mit der Geisterwelt. Es war dies sein persönlichster Besitz, sein +innerstes Geheimnis. Er gestand diese Dinge seinem Lieblingsschüler +auf Befragen, denn es gab nichts, was Severus ihm nicht entlocken +konnte[026-b]. Als dieser darüber zu berichten beginnt, meint er, +allerdings müsse er nun der Gläubigkeit viel zumuten. Aber, bei +Christo, er lüge nicht, und wer denn so frivol sei, Martin Lügen zu +zeihen. Als einmal in der Zelle des Heiligen ein Getöse losging und +Severus sich nach der Ursache erkundigte, erzählte Martin, soeben seien +die heilige Agnes, die heilige Thekla und die Mutter Gottes bei ihm +zu Besuch gewesen. Er konnte jede beschreiben wie sie aussah, wie sie +angezogen war. Er erklärte, solche Gäste öfters zu haben, auch Sankt +Peter und Sankt Paul kämen wohl zu ihm. Die Engel waren seine Freunde. +Als er zu seinem Bedauern einer Synode von Nimes nicht beiwohnen +konnte, hat ihn ein Engel über die Verhandlungen unterrichtet, sodaß +er alles schon wußte, als es ihm seine heimkehrenden Freunde erzählen +wollten. Unter den bösen Geistern kannte er sich ebenfalls aus. Er +unterschied sie einzeln. Für den verderblichsten hielt er den Merkur, +Juppiter hieß er dumm und stumpfen Sinnes. Der alte, harte, trockene +Kriegsmann war also ein fertiger Visionär und in seiner ekstatischen +Welt so zu Hause, wie auf der harten Erde. So konnte er sich auch mit +einer altväterischen Theologie begnügen[027-a]. Als gelegentlich die +Rede auf die letzten Dinge kam, frischte er den verjährten Gedanken +wieder auf, erst müßten Nero und der Antichrist erscheinen, Nero +werde im Westen zehn Königreiche erobern, während der Antichrist vom +Morgenland Besitz ergreife mit Residenz in Jerusalem, wo er Stadt und +Tempel herstellen werde. Von ihm gehe dann die Verfolgung aus nebst dem +Zwang, die Gottheit Christi zu leugnen, vielmehr ihn den Antichristen +als Christus anzuerkennen und sich insgemein beschneiden zu lassen. +Zuletzt werde Nero vom Antichristen vertilgt werden und unter seiner +Herrschaft die ganze Welt noch einmal vereinigt sein, bis durch die +Wiederkunft Christi alsdann der Gottlose überwältigt werde. Auch stehe +es außer Zweifel, daß der Antichrist vom bösen Geist empfangen und +geboren sei und sich bereits in den Knabenjahren befinde, um dann bei +eingetretenem Mannesalter die Herrschaft anzutreten. Das war Martins +Ansicht kurz vor seinem Ende. Mochte sie auch aus der Mode sein, sie +war ihm doch eine Unterlage zu klarem, kraftvollem Handeln in diesen +Dingen. Schon als jungem Christen hatte ihm vor allen priesterlichen +Funktionen das Exorcieren am meisten zugesagt, und noch als Greis +verstand er sich am besten auf die Befreiung der Besessenen von den +Dämonen. Von seinem Umgang mit den Verrückten erhalten wir aus den +Dialogen einen ergreifenden, großartigen Eindruck[027-b]. Er trainierte +sich auf den Feind. Niemand durfte ihn dann anrühren, Niemand ihn dann +sprechen. Wie ein Tierbändiger den Käfig seiner Bestien betritt, um +sie zu zähmen, betrat er, in ein Fell gekleidet, Asche auf dem Haupt, +die Kirche, in der die Irren zusammengesperrt tobten und brüllten. Er +streckte sich mitten unter ihnen zum Gebet auf den Boden aus. Die einen +suchten ihn durch unzüchtige Haltung von sich abzuschrecken, die andern +stürzten um so unterwürfiger auf ihn zu und stellten sich ihm ungefragt +als Juppiter oder Merkur vor. Und mitten in diesem entsetzlichen Jammer +bethätigte er seine Heilkunst Leibes und der Seele. Severus durfte +sagen, Martin habe jenes Wort des Neuen Testamentes wahrgemacht, das +den Heiligen Herrschaft über die Geister verheiße[027-c]. + + +4. + +Dies sind die Mitteilungen des Sulpizius Severus über Martin von +Tours. Als maßgebend für die Beurteilung seiner Leistung liegt die +Erkenntnis vor uns da: Severus hat nicht ~ein~ Lebensbild von Martin +hinterlassen, sondern zwei, jedes in seiner Art selbständig abgerundet, +obgleich das zweite ein erstes voraussetzt. Schriftstellerisch +gemessen ist das eine Unvollkommenheit, kein Vorzug. Gerade weil +Severus maßhalten wollte und damit bewies, daß ihm an Oekonomie liege, +war es ihm unmöglich, des Stoffes in einem einzigen Wurfe Herr zu +werden. Er sammelte die Brosamen, die von der allzu reichbesetzten +Tafel fielen, und siehe, sie reichten aus zu einer zweiten Mahlzeit. +Wer weiß, wie viel schwerer es ist, einen Gegenstand, an dem das +Herz hängt, nachbildend zu gestalten, als einen persönlich fremden +und gleichgiltigen, wird die litterarhistorische Merkwürdigkeit des +Doppelportraits hinreichend erklärt finden aus dem überwältigenden +Eindruck, den Martin seinen Anhängern hinterlassen hatte. Damit hängt +zusammen, was über die Geschichtlichkeit von Severus’ Angaben zu sagen +ist. Von der Glaubwürdigkeit der erzählten Wunder ist abzusehen. Das +nackte Ja oder Nein der Möglichkeit oder Unmöglichkeit verkürzt das +Verständnis der großen Wichtigkeit, die das vom Heiligen berichtete +Wunder, ob geschehen, ob nicht geschehen, ob anders geschehen in +jedem Fall für die Heiligenforschung hat. Lassen wir auch diese +Frage hier auf sich beruhen, die Geschichtlichkeit der Berichte +Severs über Martin hat immer noch ihre Schranke. Einmal kommt Severs +Parteilichkeit gegenüber der damals in Gallien vorhandenen starken +Spannung zwischen Klerus und Mönchtum, besonders in den Dialogen, zu +unverhohlenem Ausdruck. Heilige Tendenz ist die Seele seines ganzen +Unternehmens: Galliens größter Gottesmann soll auch litterarisch in den +Himmel erhoben werden. Oefters wird Martin neben Christus gehalten, +und nicht weniger oft der gallische Weltklerus mit den Pharisäern +auf gleiche Linie gestellt[028-a]. Die Schriften Severs über Martin +waren Streitschriften; sie sollten mit für das Mönchtum in Gallien +Bahn brechen. Gewissermaßen eine Folge davon ist auch die einseitige +Darstellung des Priscillianistenstreites bei Sever, obwohl er sich +hier nicht zu maßlosen Ausfällen hinreißen läßt. Diese Befangenheit +zu Gunsten der Mönche und Sektierer ist indes begreiflicher, als ein +anderer empfindlicher Mangel in Severs Martinsschriften, zumal er nun +nicht dem Menschen, sondern ausschließlich dem Schriftsteller aufs +Konto zu setzen ist: die chronologische Nachlässigkeit, die er sich in +der Vita zu schulden kommen ließ und in den Dialogen nicht gut gemacht +hat. Man muß sich füglich wundern, daß der Verfasser einer Weltchronik +über dem charakteristischen Detail es so völlig vergaß, die Gestalt +seines Helden in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinzustellen. Kein +einziges Datum als solches findet sich vor. Bekannte zeitgenössische +Namen und Ereignisse, an denen man sich zur Not orientieren kann, +sind so sorglos gelegentlich mit einbezogen, daß sie teilweise nur +noch Verwirrung stiften, statt unsere Unsicherheit zu heben[029-1]. +Die wenigen eigentlichen Zeitbestimmungen sind entweder persönlicher +oder innerbiographischer Natur[029-a]: es sei ein Jahr her, daß +Martin ihnen das erzählt habe; oder noch sechszehn Jahre nach der +Anwesenheit in Trier und dem Zwischenfall mit Maximus habe Martin +gelebt; eine wenn auch nur indirekte annalistische Festsetzung des +Datums findet sich nirgends. Auf diesen bei einem so trefflichen +Chronisten wie Severus doppelt befremdlichen Umstand wirft nun aber +die Thatsache ein unmißverständliches Licht, daß Martin in Severus +Chronik nirgends vorkommt. Am Schluß des zweiten Buches wäre doch +Gelegenheit genug gewesen, Martin in die zeitgenössischen Ereignisse +hineinzustellen, sogut als Hilarius von Poitiers, der auf diese Weise +seine chronologische Unterlage erhielt[029-b]. Aber das war es ja +eben: Martin stand nun einmal für Severus außerhalb der Zeit in einer +höheren Welt einsam da. Der Meister wirkte zu gewaltig, als daß er +geschichtlich assimilierbar gewesen wäre. Eine organische Verbindung +wollte sich nicht einstellen. Der bewundernde Zeitgenosse stand zu +dicht vor der Riesengestalt und sah, sobald er nur den Blick auf +Martin richtete, eben dann auch weiter nichts mehr als Martin. Seine +Befangenheit erklärt sich aus seinem Enthusiasmus[029-c]: »Ich hörte +seiner Zeit vom Glauben, vom Leben, von den Tugenden Martins; ich hörte +alles, da brannte mein Herz; es trieb mich hin zu ihm. So unternahm ich +die Reise, ich kann sagen die Lustreise, bis ich ihn sah. Und weil ich +mich schon damals getrieben fühlte, sein Leben zu schreiben, forschte +ich bei ihm selbst, soweit mir da eine Frage freistand. Er erschöpfte +sich in freundlichen und freudigen Ausdrücken und in Versicherungen, +wie er Gott danke, daß man so große Stücke von ihm halte und um +seinetwillen so weit hergereist komme. Hat er nicht, kaum wag ichs zu +gestehen, mich, lieber Gott mich, an seine heilige Tafel gezogen, ja +mir selber abends die Füße gewaschen. Ich brachte es nicht übers Herz, +mich zu sträuben oder auch nur im geringsten zu widerstreben. Seine +Erscheinung hatte etwas so überwältigendes für mich; ein Verbrechen +wäre es gewesen, nicht still zu halten«. Diese große Persönlichkeit +schriftstellerisch festzuhalten, daran lag Severus alles. Aber ebenso +sicher wollte er lieber schweigen, als auch nur eine einzige Unwahrheit +sagen, eigene Anschauung und sichere Information seien die Grundlage +für ihn gewesen[029-d]: »Ich habe natürlich nicht alles in Erfahrung +bringen können. Ueberall da, wo nur er der Wissende war, giebt es +keine Mitwissenden. Da es ihm nie um das Lob der Menschen zu thun +war, liebte er es, von seinen Thaten möglichst wenig zu verlauten«. +»Ich kann bei meinem gewissen versichern, nur die volle reine Wahrheit +gesprochen zu haben. Den von Gott bestimmten und erhofften Preis wird +empfangen nicht wer da liest, sondern wer da glaubt«. Innerhalb seiner +begreiflichen Befangenheit war Severus somit gewissenhaft und, alles +in allem erwogen, vielleicht der beste Schilderer Martins, der damals +möglich war. Jedenfalls ist es ihm gelungen, Martins Andenken wirksam +aus die Nachwelt weiterzuleiten. + + +5. + +Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß +zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger +Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge +und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in +Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen +Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des +Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich +praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er +nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief[030-a] mag eine Rarität +gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der +theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm +durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende, +die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die +dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum +letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen +Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer +Hand beseitigt wurden[030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend +mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem +Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner +Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein +Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des +Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von +dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten +Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er +vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich +Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann. +Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die +Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war +er eine komische Figur. Zwar sagt Severus[030-b]: »Seiner Widersacher +waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe, +sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber, +da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die +Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die +Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem +Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder +einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten. + +Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem +Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten +riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das +Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen +Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem +Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein +kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer +Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als +Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt +alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit. +Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen +hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches +Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr +wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum +eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und +erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines +Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren +Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters +war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus[031-a], hatte +nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen +Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es +zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle +Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger +Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er +immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht +brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens +durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber +Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle +mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das +stumme und gelähmte Mädchen in Trier[031-b]: »Martin sah die Kranke +und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er +warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete +er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte +Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des +Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache +wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die +einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den +Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle +ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise[032-a]: +»er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene +fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen. +Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach: +Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor +zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen +zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper, +dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen +zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den +Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen +andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem +Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens +zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der +Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern +suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein[032-b]: +»Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge +hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu +Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der +Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein +Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner +eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen +Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen +und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum +ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er +grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung. + +Mit Leib und Seele Mönch hatte er nun aber seinem eigentlichen Wesen +nach nicht im Diesseits Posto gefaßt. Seine Heimat war das Jenseits; +dort holte er seine Kräfte. Auch ist Martin ein so einheitlich +geschlossener und runder Charakter, daß seine transcendentalen +Gewohnheiten nicht unvermittelte Seitensprünge, sondern natürliche +Ergänzungen zu seinem Tagewerk bilden müssen. Schon seine Zeitgenossen +merkten den Unterschied seines ›Bete und Arbeite‹ von der apathischen +Kontemplation der orientalischen Mönche. Er entfaltete keine Schwingen, +um sich in ein seliges Wolkenheim zu erheben; solche Flüge pflegen +Enttäuschung und Abspannung gegenüber der Erde zur Folge zu haben, +und diese Erschlaffung kannte Martin nicht. Vielmehr senkte sich +die höhere Weltschicht für ihn zur harten Wirklichkeit nieder, +vermengte sich mit ihr, ging in sie über, weshalb Martin, ohne seine +seelische Verfassung anders einzustellen, nur allein im Zufall des +täglichen Wandels bald auf der Erde der Menschen und bald sozusagen +auf einer Erde der Geister sich befand. Die beiden Hemisphären dieser +seiner Doppelwelt lösten sich für ihn unversehens aneinander aus; +jetzt sprach er mit wem es war und im Handumdrehen mit Engel oder +Teufel. Selten sind Vorstellungen, die wir als illusorisch ansehen, +in solcher Verdichtung gesehen und geglaubt worden, wie von ihm. Der +Rarität halber mögen die wichtigsten Stellen hier in Severs Wortlaut +folgen[033-a]: »Es ist ausgemacht, daß ihm Engel öfters erschienen +und er selbst selige Gespräche mit ihnen führte.« Was den bösen +Geist betrifft, so war er für Martin sichtbar und er erkannte ihn +in seiner natürlichen Gestalt oder in seinen tausend Verkleidungen, +unter denen die Geister der Finsternis sich zu verhüllen pflegen. Er +erkannte ihn unter jeglichem Bilde. Aus Verdruß darüber, den Blicken +des Heiligen nicht entgehen zu können, noch ihn in seine Schlinge +zu bekommen, rächte sich oft der Teufel, indem er ihm einen Streich +nach dem andern spielte. Eines Tages, als der Heilige in seiner +Zelle betete, erschien ihm der Böse, um und um in hellstrahlendes +Purpurlicht gehüllt, um durch den Glanz die Täuschung zu vollenden, +am Leibe ein Königsgewand, ein Diadem von Gold und Edelsteinen auf +dem Haupte und an den Füßen golddurchwirkte Schuhe. Sein Antlitz +war gewinnend, die Züge lauter Liebe, die Lippen lauter Lob; nichts +verriet den Satan. Martin war auf den ersten Anblick ganz betroffen. +Kein Wort, tiefes Stillschweigen auf beiden Seiten. »Martin, kennst +du den, der vor deinen Augen ist?« redete endlich der Satan ihn an. +»Ich bin Christus; ich wollte, bevor ich auf die Welt niederstieg, +mich dir zeigen«. Martin antwortete nichts. Der Teufel verstieg sich +ein anderes Mal zu seiner unverschämten Behauptung: »Martin! Wie! Du +schwankst zu glauben, was du siehst? Ich bin Christus«. In diesem +Augenblick offenbarte aber der heilige Geist die Wahrheit und ließ +Martin erkennen, daß unter dieser Hülle der böse Geist sich verberge. +»Der Herr Jesus«, sagte er, »hat nicht gesagt, daß er in Purpur mit +einer glänzenden Krone wieder erscheinen werde; wenn ich Christus +nicht in der Gestalt und dem Aeußern, in dem er gelitten hat, sehe, +wenn ich seine Wundmale nicht schaue, so glaube ich nicht, daß er +es ist«. Auf diese Worte hin verschwand das Gespenst, und ein Rauch +erfüllte plötzlich die Zelle mit einer Pestluft, die deutlich genug +den bösen Geist erkennen ließ. Diese Begebenheit, die wir soeben +erzählten, hörte der Schreiber dieser Zeilen aus des Heiligen eigenem +Munde; nehme sich daher Niemand heraus sie für eine Fabel anzusehen. +Nichts gewährt besser einen Einblick in den grobkörnigen Realismus von +Martins Glaubenswelt, als dieser sein Umgang mit dem Teufel: da zeigt +sie sich in ihrer ihm eigentümlichen Beschränkung. Das begriffliche +Element ist ziemlich vollständig eliminiert zugunsten des visionären; +alle theologischen Werte sind gewissermaßen umgebogen in theooptische. +Das große augustinische Problem von Sünde und Gnade findet bei Martin +eine Analogie, die beinahe humoristisch anmutet: der Syllogismus vom +_Posse non peccare_ zum _Non posse peccare_ entspricht bei Martin einer +ganz anderen Gleichung; ebenso unphilosophisch als gemeinverständlich +hieß es für ihn: die Welt ist des Teufels, daher die Sünde in ihr; +man bekehre den Teufel, so hört die Ursache der Sünde auf, die Welt +wird Gottes. Das ist freilich eine Logik sehr auf eigene Faust, nicht +eben stichhaltig gegenüber Gründen, aber umso handfester, um im Leben +etwas auszurichten. Daß ein solcher Glaube Martins innerstem Wesen +zu Grunde lag, zeigen wieder Severs eigene Worte am unmittelbarsten: +»Man hörte oft Anklagen und Vorwürfe, die die Schaar der bösen +Geister dem Heiligen in den verschiedensten Tönen machte; aber der +Heilige wußte, daß sie logen, und ließ sich durch diese Vorwürfe +in keiner Weise rühren. Mehrere seiner Schüler versicherten, der +Teufel habe ihm eines Tages die bittersten Vorstellungen gemacht: +das Kloster gewähre einigen Menschen Unterkunft, die durch jede Art +von Verirrung die Taufgnade verloren und noch nach ihrer Bekehrung +Aufnahme gefunden hätten; zu gleicher Zeit enthüllte er die Fehler +eines jeden einzeln. Martin widerlegte diese Beschuldigungen: die +alten Sünden seien durch die Werke eines besseren Lebens ausgewischt +und durch die Barmherzigkeit Christi seien die Sünden denen verziehen, +die fortan nicht mehr sündigten. Der Teufel wollte widersprechen und +behauptete, die Schuldigen hätten keinen Anspruch auf Erbarmen. Da +aber, so erzählt man sich, rief Martin aus: ›Wenn du, Elender, einmal +aufhören wolltest, die Menschen zu versuchen und in dieser Stunde, da +der Tag des Gerichtes vor der Thüre steht, anfingest, deine Verbrechen +zu bereuen, so hätte ich Gottvertrauen genug, um durch meine Fürbitte +dir Christi Barmherzigkeit zu erlangen.‹ O du gütiger Himmel, was für +ein unerhörtes Vertrauen, so etwas zu versprechen, was nicht einmal +Christus selbst jemals versprochen hat!« Die ekstatischen Fähigkeiten +Martins äußern sich meistenteils als persönliche Auseinandersetzungen, +als eigene innere Seelenkämpfe. Doch fehlt die reine Sehergabe nicht +ganz[034-a]: er sagt dem Kaiser Maximus den Sieg über Valentinian, aber +auch dessen nach Jahresfrist erfolgenden Tod voraus. Sonst vermischen +sich seine telepathischen Eigenschaften gleich mit Visionen: das Wissen +um den Unfall eines Knechtes spielt sich drastisch als Teufelsvision +ab, während die Kenntnis der Verhandlungen auf dem Konzil von Nimes in +derselben Stunde ihm ebenfalls visionär vermittelt wird. Das bildlose +Aufblitzen einer Eingebung entsprach seiner Natur nicht. + +Martin war Romane. Aber wie er sein ganzes Leben an der Nordgrenze +des Reiches verbrachte, so hielt er sich auch gegenüber dem geistigen +Besitz der versinkenden Antike am äußersten Rande. Seine Rusticität in +Dingen der Bildung, auch der theologischen, erlaubte ihm fast wieder +den Enthusiasmus des Urchristentums: bald ging die Welt unter, also +galt es für Christus noch zu wirken, was möglich war. So ist es ihm +gelungen, die christliche Religion, die bis dahin nur in den großen +gallischen Städten Gastrecht genoß, im Lande dauernd einzubürgern, und +das nur durch die riesige Energie, die ihn befähigte, der asketischen +Lebensweise in einem so rauhen Klima die Existenz zu sichern. Ohne +Mönche läßt sich die Christianisierung Galliens nur schwer vorstellen; +das Werk, so hart angefochten es war, bewies gerade den Feinden +gegenüber seine Ueberlegenheit; denn im fünften Jahrhundert verdankte +der gallische Klerus seine innere Vertiefung und äußere Geschlossenheit +doch zum guten Teil den Anregungen, die von mönchischen Metropoliten +auf ihn ausgingen. Und als dann die Franken kamen, war es nicht +am wenigsten der großartige Eindruck der als Klerus und Mönchtum +organisierten Kirche, der den Uebertritt Chlodowechs veranlaßte. +Martins Erdenleben hat im Verlauf der Jahrhunderte eine merkwürdige +Bestätigung erfahren, indem nichts so sehr als eben seine Wirksamkeit +das eigentümlich rohreligiöse, paganistische Wesen des merowingischen +Christentums vorgebildet, ja geradezu begründet und ermöglicht hat. +Martin ist der Standardheilige der Merowinger. Mit seinem kräftigen +Reduktionsinstinkt gegenüber den Geistesfinessen der alternden +Antike erscheint er als erste, unerläßliche Voraussetzung einer der +wichtigsten und schwierigsten geschichtlichen Entwickelungen aller +Zeiten: der Bekehrung der germanischen Welt zum römischen Christentum. + + + + +Zweites Kapitel. + +Die Panegyriker. + + +Aus dem fünften Jahrhundert wissen wir vom litterarischen Betrieb in +der gallischen Kirche noch eben genug, um die Spuren von Heiligenleben +sicher festzustellen, wenn auch die Ueberlieferung, selbst im +günstigeren Falle, uns nicht mehr rein erhalten ist. Gegen das +Martinsleben des Severus gehalten, handelt es sich nun zwar nicht um +eine Nachahmung, wie es bei einer zeitlich unmittelbaren Fortsetzung +der Gattung anzunehmen wäre. Vielmehr begegnen wir hier einer neuen +Gattung von Heiligenleben, wo das keineswegs fehlende Moment der +Memorie indessen durch hinzutretende rhetorische Einflüsse eine gewisse +Veränderung erleidet. + + +1. + +Severs Freund Paulin von Nola gedenkt in zweien seiner Briefe[036-a] +des gallischen Bischofs Viktricius von Rouen, der 417 gestorben +ist. Diese Briefe sind an jenen Bischof selbst gerichtet und bieten +im Gewande einer ihm dargebrachten Huldigung die Elemente zu einer +Beschreibung seines Lebens dar. In der That ist das so gespendete +Material, allerdings nach Jahrhunderten, noch zu einem Heiligenleben +verarbeitet worden[036-b]. Dies mag hier einleitungsweise erwähnt sein, +um zu zeigen, daß es mit biographischen Notizen nicht gethan, daß +vielmehr eine Form zum Begriff des Heiligenlebens unerläßlich ist. + +In den gallischen Heiligenleben aus dem fünften Jahrhundert ist diese +Form nun nicht wie bei Sever, litterarischer, sondern rhetorischer +Natur. Es sind Reden, Lobreden, und da es sich um ein kirchliches +Gedächtnis handelt, Predigten. Solche liturgisch eingegliederte +Eulogien finden wir in einigen bedeutenderen gallischen Bischofsstädten +dann, wenn es einen verstorbenen städtischen Bischof kultisch zu +ehren gilt. Der Anlaß ist die erste Wiederkehr des Todestages, an +der sich dann der Nachfolger seiner Aufgabe entledigt. So hielt +Hilarius von Arles am ersten Jahrestage seines Vorgängers Honoratus +die Gedenkrede, indem er vor der Gemeinde ein Lebensbild des Heiligen +entwarf. Dieses Honoratusleben ist nun eine gehaltene Predigt und +hat durchaus oratorischen Charakter; doch sagt der Vortragende, +er werde sich kurz fassen, weil ja seinen Zuhörern der Mann, der +der Gemeinde so lange vorstand, noch lebendig im Gedächtnis sein +werde[036-c]: »Indessen, geliebte Brüder, kann ich das einzelne mehr +nur berühren, als erzählen, auch das, was anderen vielleicht bekannter +ist als euch. Und nun gar von der Zeit, seit er der eure war, muß +ich nur die Summe ziehen«. Dennoch versteht es Hilarius sich seiner +Aufgabe mit Wärme zu entledigen; es kommt ihm vom Herzen, weil seine +Verehrung für den Heimgegangenen aufrichtig ist, verdankt er ihm doch +seine Bekehrung[036-d]: »Ja, ja, die Fürbitte des Heiligen führt +die Abtrünnigen zurück, unterwirft die Hartnäckigen, gewinnt die +Aufständischen«. Bei allem Schwung des Ausdrucks ist doch unnatürlicher +Schwulst vermieden, und die Sprache bewegt sich noch im guten Latein. +Diese Vorzüge vermögen indes das sachliche Interesse nicht sehr +zu steigern, obschon der Gegenstand dessen doch auch nicht ganz +entbehrt[037-a]; denn Honoratus ist der Gründer des Klosters Lerinum. +Er wurde geboren in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als +Mitglied einer hochstehenden gallischen Adelsfamilie. Sein Vater war +Heide und wollte seinen Sohn zum Weltmann erziehen. Dieser aber ließ +sich taufen und neigte dem asketischen Leben zu. Diesen Hang bestärkte +eine Reise, die er in Begleitung seines Bruders Venantius nach dem +heiligen Lande unternahm. Unterwegs starb sein Bruder. Nach Italien +zurückgekehrt, hielt sich Honorat vorzugsweise in der Gesellschaft von +Bischöfen auf. Namentlich fesselte ihn Bischof Leontius von Frejus; +in seinen mönchischen Absichten konnte ihn freilich dieser Umgang +nicht irre machen, und so gründete er auf der Insel Lerinum einen +Asketenverein; an starkem Zuzug sollte es nicht fehlen. Honorat regelte +die Einrichtung des Klosters selber und ging mit dem guten Beispiel +voran. Er stand, trefflicher Briefsteller der er war, besonders mit +Bischof Eucherius in Korrespondenz. Unter denen, die er bekehrte, war +auch ein Verwandter, eben sein späterer Nachfolger Hilarius. Wider +Willen folgt Honorat einem Rufe als Bischof nach Arles. Sein Lebensende +war seiner würdig. Die Rede schließt mit einer Anrufung des Heiligen. + +Ein schönes Beispiel eines solchen homiletischen Lebensbildes läge +uns vielleicht in dem Germanusleben des Constantin von Lyon vor. +Aber die Ueberlieferung ist unsicher. Doch lassen sich an eine auch +uns zugängliche ältere Fassung einige Beobachtungen anknüpfen. Der +Charakter einer Rede läßt sich nicht strikt nachweisen, wohl aber +die gottesdienstliche Bestimmung der Schrift, die nicht nur mit +einer Doxologie schließt, sondern auch nachweislich am Ende des +fünften Jahrhunderts in die gallikanische Liturgie als Einlage des +Germanusfestes Aufnahme fand. Sie ist im Lapidarstil des Tacitus +und Sallust gehalten und gibt Aufschlüsse zur Zeitgeschichte. Wir +sind im Stande, diese Mitteilungen einigermaßen zu kontrollieren. +Ueber die Mission des Germanus von Auxerre in Britannien haben +wir das gleichzeitige und vollständig glaubwürdige Zeugnis des +Prosper[037-b]. Dieser kennt jedoch weder den Bischof Lupus von Troyes +als Reisegefährten, noch eine zweite Reise des Germanus. Von beiden +Umständen weiß auch der ältere Text des Germanuslebens nichts[037-1]. +Wieder eine andere Frage ist, ob ein ursprüngliches Germanusleben +wirklich den Priester Constantin von Lyon zum Verfasser hatte. Wenn +ja, so ist der Verlust des Originals um so mehr zu bedauern, als wir +hier ein neues Mal einen bedeutenden Menschen, wie Germanus, von einem +nicht unbegabten Schriftsteller beschrieben hätten. Der in der Auswahl +seiner Gesellschaft sehr wählerische Apollinaris Sidonius hielt auf +Constantin große Stücke und schreibt gelegentlich[038-a]: »Ich habe +acht Bücher Briefe für Constantin geschrieben, einen Mann von nicht +gewöhnlichen Anlagen und gesundem Urteil, der, ohne daß ich damit den +andern Schriftstellern unserer Tage zu nahe treten will, sie doch durch +die Fertigkeit treffenderen Ausdrucks in jeder Hinsicht aus dem Felde +schlägt.« + +Auch jener Hilarius von Arles, der das Leben des Vorgängers schrieb, +hat selber einen alten Darsteller gefunden[038-b], immerhin nicht +seinen Nachfolger Ravennus und auch nicht Honoratus von Marseille, +sondern einen Unbekannten am Ende des fünften Jahrhunderts. Dieser +schildert vielleicht den Heiligen auf Grund eigener Bekanntschaft; +daß jedoch schriftliche Hinterlassenschaft, nämlich der Briefwechsel +zwischen Hilarius und Eucherius zur Kenntnis systematisch ausgebeutet +wird, rückt die Schrift bereits an die Grenze memorienhafter +Aufzeichnung und spielt in das Gebiet der Nachforschung hinüber. +Hilarius, der ein Mann war und energisch, wenn auch erfolglos die +Unabhängigkeit der gallischen Kirche von Rom verfocht, hätte einen +wirklichen Schüler von ihm auch soweit in seinem Bann gehabt, daß in +dem Lebensbilde die Parteigängerschaft zu Tage träte, während nun sein +Streit gegen Leo mit dem Gleichmut eines schon Fernerstehenden erzählt +ist und in der Mitteilung eines urkundlichen Beleges gipfelt. Auch +dieses Lebensbild schließt mit einem Lobe des Heiligen. Die Sprache +überwuchert von Pathos; Hilarius selbst war hierin feiner gewesen. +Ebenso schieben Ansätze zu eingeflochtenen Kunstreden, die Schrift +in die Nähe des Ennodius. So geringe Ausbeute auch unsere Umschau +nach Heiligenleben in Gallien und im fünften Jahrhundert ergeben hat, +sie läßt uns doch auf einen umfangreicheren Betrieb der geistlichen +Gedächtnisrede schließen, die indessen dann auf italienischem Boden +neue kräftigere Wurzeln schlug. Doch entkeimte auch sie der gallischen +Saat. Denn gestammt hat Ennodius aus Arles; er war seiner Heimat nach +Gallier. + + +2. + +Ennodius war einer Tante zu lieb nach Pavia gezogen, hatte dann reich +geheiratet und sich schließlich mit der Uebernahme des Bistums Pavia +in Italien vollends naturalisiert. Im Jahre 502 bis 503 schrieb er das +Leben seines Vorgängers Epiphanius[038-1]. Es war eine Vorlage, die +reicher geschichtlicher Beziehungen nicht entbehrte. + +Epiphanius war von Pavia[038-c]. Seine Eltern Maurus und Focaria +gehörten guten Familien an. Unter Bischof Crispinus trat er in den +Dienst der Kirche und erhielt, acht Jahre alt, das Amt eines Lektors. +Bald darauf erlernte er die Kurzschrift und wurde als Schreiber +verwendet; er hätte aber statt nachzuschreiben, damals ebensogut schon +selber diktieren können. Mit sechszehn Jahren war er reif, in allen +Dingen ein wahres Muster und überdies ein schöner Mensch. Seine Wangen +lachten, selbst wenn er traurig war; sein wohlgestalteter Mund empfahl +sein eindringliches Wort und wohin er sein Auge richtete, kündete sein +Blick die Heiterkeit seiner Seele. Eine Stirne wie aus Wachs und von +ätherischer Weiße. Eine Nase so wohlgebaut, daß kein Maler sie schöner +hätte erfinden können. Die Arme rund und voll, die Finger lang; es +machte auch dem Fremden Freude, aus dieser Hand etwas in Empfang zu +nehmen. Der hohe Wuchs deutete auf den künftigen Bischof. Sein Benehmen +war natürlich und ungekünstelt; seine Art zu reden, wo er vorzutragen +hatte, ansprechend, wo zu schmeicheln, gewählt, wo zu vermitteln, +schon damals fein berechnet, wo zurechtzuweisen, voll Nachdruck, wo +zu ermuntern, eindringlich, ohne sich jedoch etwas an seiner Feinheit +zu vergeben; die Stimme klang voll, männlich elegant, nicht bäurisch +derb, doch auch nicht schwach und gebrochen. Im achtzehnten Lebensjahre +wurde er im zweiten Range vor den Leviten dem Chor der Alten +zugeteilt[039-a]. Viele, doch nur Fremde, fragten erstaunt, welche +Vorzüge ihn dem reiferen Alter zuwiesen. Die ihn kannten, meinten, +diese Würde sei ihm zu spät verliehen worden. Nur zwei Jahre war er +Subdiakon. Er wurde Levite ohne sich je einen Wunsch darnach erlaubt zu +haben. Eine That von ihm aus jener Zeit mag hier erwähnt werden. Das +summische Feld heißt ein Distrikt am Po, wo der sich schlängelnde Strom +dem einen Anwohner schenkt, was er dem andern stiehlt, und der Gewinn +des einen der Schaden des andern Nachbarn ist. Ueber dieses Grundstück +führte ein gewisser Burko einen alten Prozeß mit der Geistlichkeit. Den +Hader zu schlichten, wurde der junge Mann hingeschickt. Im Verlauf der +Verhandlungen verlor Burko die Fassung und schlug den Heiligen blutig. +Da stürzte sich die Mutter des Thäters dazwischen. Aber Epiphanius +hatte sich auch ohnedies vollkommen in der Gewalt, suchte nach wie +vor zu begütigen und auch später, als alle Christen in Pavia Burkos +Tod verlangten und der Bischof weinte, war er der einzige, der ruhig +blieb. Und dabei war er so schüchtern, daß er Diakon geworden die erste +Zeit verlegen dem Blick der Leute auswich. Der Bischof vertraute ihm +das ganze Armenvermögen an, da er sehen wollte, wie er sich einmal als +sein Nachfolger anließe. Auch führte Epiphanius einen reinen Wandel; +daß er Mann sei, merkte er nur an seiner Arbeitskraft, daß er Fleisch +habe, nur bei dem Gedanken an seine einstige Auflösung. Und spielte +sinnliche Lust in seine Traumgebilde — »ich weiß das von ihm selbst« — +so sprang er sofort auf, wachte, fastete, und verbrachte lange Zeit in +aufrechter Stellung. Lesen bildete seine Erholung, die heilige Schrift +unterhielt ihn. Was er einmal durchgesehen, konnte er auswendig, +und so lebendig ging es ihm in Fleisch und Blut über, daß man unter +Umständen aus seiner Handlungsweise auf die Bibelstelle schließen +konnte, mit der er sich zuletzt beschäftigt hatte. Den Haushalt der +Kirche verwaltete er weder verschwenderisch noch knickerig. Er übte +sich schon damals auf das Amt eines Vermittlers ein. Denn wohin er +immer für eine Beisteuer an die Armen von seinem Bischof geschickt +wurde, verstand er sich vortrefflich aufs Bitten; mehr als einer meinte +nach einem solchen Besuch, es sei ihm ein Vorteil erwachsen, daß der +Bischof nicht in Person gekommen sei. Er wurde täglich beliebter, +und zwar gründete sich diese Liebe auf Urteil. Ohne daß man den +Bischof in den Himmel wünschte, konnte man doch seinen Nachfolger +kaum erwarten. Jener selbst fand bei der zunehmenden Altersschwäche +in Epiphanius seine einzige Stütze. Er war ihm Fuß, Hand und Auge. +Im Ganzen blieb Epiphanius acht Jahre Diakon. Auch hatte er in dem +damals sehr tüchtigen Clerus von Pavia Collegen, auf die er stolz sein +durfte: der Archidiakon Sylvester, ein Mann der alten Schule, und der +dem gallischen Adel entstammende Priester Bonosus. Vor seinem Ende +begab sich Bischof Crispinus noch einmal nach Mailand und legte dort +an maßgebendem Orte seine Empfehlung für den Nachfolger nieder, dann +kehrte er nach Pavia wie zu seinem Grabe zurück und starb in der That +bald darauf an der Gelbsucht. Sofort war man einig(040–b). Epiphanius +fühlte sich noch zu jung und wurde wider seinen Willen zur Weihe nach +Mailand geführt. Als er in der Bischofsmütze erschien, jubelten ihm +auch Auswärtige zu. Man beneidete das kleine Pavia um seinen Hirten, +während anderswo die Bischöfe sich im bloßen ~Namen~ »Metropoliten« +gefielen. Er begann seine Regierung damit, sein eigenes Leben aufs +strengste enthaltsam einzurichten. Er gewöhnte sich das Baden ab und +nahm unter dem Verzicht erst auf das Frühstück und dann auch auf das +Mittagessen täglich nur eine Mahlzeit zu sich, des Abends. Er drang +darauf, Hausmannskost zu haben, ohne ungewöhnlichen Gaumenreiz, zumal +er nur Kohl und Hülsenfrüchte aß. Wein trank er wenig und eigentlich +nur, nach dem Rezept des Apostels, gegen Magenschwäche. Er ging bei +jedem Wetter aus und war alle Zeit der Erste am Platze. Er der Bischof +ging den Lektoren voran und bestimmte den Gang der Vigilien. Vor dem +Altare stehend wohnte er jedem Gottesdienste bei, sodaß er mit dem +Dunst seiner Füße den Platz befeuchtete und schon von weitem kennbar +machte. In der Mußezeit beschäftigte er sich immer auch, um nachher auf +die wirkliche Arbeit besser gerüstet zu sein. Dabei wurde Epiphanius +zu hohen politischen Sendungen berufen. Der in Mailand residierende +Patricius Ricimer läßt sich von dem ligurischen Adel bestimmen, +den Epiphanius mit der Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser zu +betrauen. Der Bischof begab sich zu diesem Zwecke nach Rom mit vollem +Erfolge[041-a]. Seine jüngere Schwester Honorata widmete sich ebenfalls +dem geistlichen Stande und wurde vom Bruder an eine besonders fromme +Nonne Luminosa gewiesen[041-b]. Nach Ricimers und Anthemius Tode folgte +Olybrius, auf ihn Glycerius und auf diesen Nepos. Zwischen ihm und +den Westgoten, die Eurich mit eiserner Faust beherrschte, brach Zwist +aus. Im achten Jahre seines Episkopats[041-c] wurde Epiphanius von +Nepos angegangen, einen Ausgleich zu Stande zu bringen. Die an sich +schon beträchtlichen Beschwerden der Reise nach Tolosa verdoppele er, +indem er bei jeder Station stehend die Psalmen und andere geistliche +Lesung vornahm und dann an einem schattigen Platze auf grünem Rasen +sich dem Gebete hingab. Auch diese Mission glückte, da er sowohl König +Eurich als dessen Minister Leo vollständig einzunehmen verstand. +Als er Tolosa wieder verließ, gab ihm die ganze Stadt das Geleite. +Auf dem Rückweg besuchte er die heiligen Stätten, die Medianen, die +Stöchaden und Lerinum, die flache Mutter der höchsten Berge. In Pavia +brach dann die Revolution aus, weil Odoaker die Hand nach der Krone +ausstreckte[041-d]. Orestes hatte sich im Vertrauen auf ihre Festigkeit +in diese Stadt zurückgezogen. Beide Kirchen gehen in Flammen auf, +die ganze Stadt brennt. Der Bischof konnte seiner Schwester, die +gefangen wurde, das Leben retten und verwandte sich ebenso für viele +andere, namentlich für Hausfrauen. Unter seiner Autorität erhob sich +die Stadt wieder, und als Orestes bei Piacenza gefallen war, stand +Odoaker nicht an, dem Bischof besondere Ehren zu erweisen. Rüstig +ging dieser ans Werk, die Gotteshäuser wieder aufzubauen; auch ohne +Geld: es sei doch schwer denkbar, daß einem Menschen Ueberfluß zu Teil +werde, der ein Bettler von Gemüt sei. So brachte er die Summe zusammen. +Nun stürzte aber beim Bau die Säulenwand der einen Kirche ein; um so +entschlossener ging Epiphanius wieder ans Werk. Seinem Gebete ist es +auch beizumessen, daß der Einsturz der Kuppel mit samt dem Gerüst +keinem der Bauleute auch nur einen Beinbruch zuzog. So wurden unter +seiner Leitung erst die kleinere und dann die größere Kirche wieder +aufgebaut. Auch für die politische Wohlfahrt war er besorgt und +bewirkte bei Odoaker für die Städte einen Nachlaß der Steuern auf fünf +Jahre. Ebenso erhob er Einsprache beim König, als der Präfekt Pelagius +durch maßlose Getreideankäufe Ligurien bedrückte. Wieder wechselte +das Regiment[041-e]. Theodorich erschien und erkannte mit seinem +Scharfblick den Bischof in dessen ganzem Werte. Als die Partei Odoakers +unter Tuffa noch einen letzten Versuch machte, konzentrierte König +Theodorich sein Heer in Pavia. Die Stadt wurde dadurch übervölkert. +Da konnte Epiphanius Segen stiften. Als Freund sowohl Odoakers als +Theodorichs genoß er bei beiden Parteien Ansehen. Seinen Frieden störte +auch der Krieg nicht. Täglich bewirtete er liebevoll die Räuber und +verabreichte innerhalb der Stadtmauer das Nötige denen, die draußen +seine Landgüter verwüstet hatten. Die Auslösung der gefangenen Weiber +und Kinder ging durch seine Hand. Dem Könige war er der rechte Mann und +galt ihm für verehrungswürdig vor allen Heiligen. Alle Römer, die seine +Gothen abfingen, stellte der Fürst ihm zurück. Wie vielen Unterthanen +verschaffte er Grund und Boden wieder, wie viele schützte er vor +Bedrückungen! Und was mußte er sich feindlicherseits an Grobheiten +und Beleidigungen gefallen lassen! Drei Jahre stand er unter diesem +Kreuz. Nach dem Abzug der Gothen wurde die Stadt den Rugiern übergeben. +Es war ein wildes Volk, dem ein Tag ohne Gewaltthat für verloren +galt[042-a]. Doch auch sie gewann Epiphanius, ihn, den Katholiken und +Römer, hochzuschätzen. Zwei Jahre verlebte er mit ihnen im besten +Einvernehmen, bis sie wieder abzogen. Als endlich Theodorich nach allen +Seiten gesiegt hatte, benützte Epiphanius die wiederkehrende Ruhe zur +inneren Befestigung seiner Gemeinde[042-b]. Unterdessen gefiel es +Theodorich, nur jenen Römern ihre Rechte nicht zu beschränken, die ihre +frühere Anhänglichkeit an ihn beweisen konnten; wen dagegen irgend ein +Grund fern gehalten hatte, der sollte des Rechtes zu testieren und +aller Freiheit in der Willenserklärung verlustig gehen. Da durch ein +solches Gesetz bei dem größten Teile alle Rechte vernichtet wurden, +erlag Italien einem beklagenswerten Rechtszustande. Epiphanius, und, +da er sich diesmal allein zu schwach fühlte, auf seine Bitte hin auch +Laurentius von Mailand begaben sich nach Ravenna und wurden mit Achtung +aufgenommen. In einer ersten Audienz erwirkte Epiphanius zunächst den +Erlaß einer allgemeinen Amnestie durch den Quästor Urbicus, in einer +zweiten geheimeren Unterredung beauftragte der König den Bischof, +die Leitung zur Zivilisierung des verwüsteten ligurischen Landes zu +übernehmen. Er wies ihm auch mit das nötige Geld an, um bei König +Gundobald von Burgund die italienischen Gefangenen auszulösen. Kaum +nach Pavia zurückgekehrt, unternahm Epiphanius sofort die Reise über +die Alpen, obgleich es noch Winter war, der März die Flüsse noch in +des Eises Banden geschlagen hielt und die grauen Schneehäupter der +Alpen den Reisenden Verderben drohten; aber seine Glaubenswärme ist +mächtiger als die tödliche Kälte und das Eis. Er reiste ab, sobald er +für die Wegzehrung Anstalten getroffen, in Begleitung Bischof Viktors +von Turin. In Gallien wurden sie mit offenen Armen empfangen. Ueberall +die reichste Aufwartung. In Lyon kam ihm Bischof Rustikus über die +Rhone entgegen und öffnete ihm die Augen über die Verschlagenheit +des Königs. Damit ihn dessen verschmitzte Einwürfe und Entgegnungen +nicht unvorbereitet fänden, übt sich Epiphanius im Stillen darauf ein. +Gundobald war indessen sehr gnädig; er ließ nach der Audienz durch +seinen Minister Laconius den Gnadenerlaß ausfertigen und dem Epiphanius +überreichen. Ennodius war es, der die Zettel an die Kastelle schrieb. +Blos aus der Gemeinde Lugdunum wurden an einem Tage vierhundert +Menschen in die Heimat nach Italien entlassen. So war es in allen +Städten Sapaudias und anderer Provinzen. Deren, die nur allein die +Bitte des Bischofs befreite, waren mehr als sechstausend Seelen; die +Zahl die man mit Gold loskaufte, ließ sich nicht so genau feststellen, +da viele darunter ihren Herrn ohne Lösegeld entliefen. Zur Bestreitung +der Auslösungskosten trug namentlich eine edle Frau, Syagria, und +Bischof Avitus von Vienne bei. Ihnen dankt man das Zustandekommen des +Liebeswerkes zum guten Teil. Epiphanius aber sah überall persönlich +nach. So auch in Genf, der Residenz des Königsbruders Godegisel. +Bald wimmelten Weg und Stege von den Schaaren der Heimkehrenden. Das +hatte Epiphanius innerhalb eines Vierteljahres zu Stande gebracht. +Er vollendete seinen Liebesdienst, indem er durch Bittschriften an +Theodorich den Befreiten den vollen Genuß ihres Vermögens erwirkte. Und +als zwei Jahre später dem erschöpften Ligurien eine unerschwingliche +Abgabenlast aufgebürdet wurde, übernahm er abermals die Sache der +Bedrängten[043-a]. Er eilt nach Ravenna. Der König ängstigte sich um +des Bischofs Gesundheit und gewährte an der erhobenen Steuer einen +Abstrich von nicht weniger als zwei Dritteilen. An einem schneeigen +Tage, an dem man sich ans Kamin flüchtete, verließ Epiphanius Ravenna +und schnell ging es durch alle Gemeinden an der ämilischen Straße, als +eile er zu seiner letzten Herberge. Gegen alle Priester an der Straße +war er herablassend und freundlich. Als er aber nach Parma an derselben +Straße gekommen war, befiel ihn ein Katarrh und warf sich bald auf +die unteren Teile. Noch erreichte er Pavia scheinbar gesund. Aber am +Tage des Einzugs selbst fühlte er sich unwohl, mußte sich legen, und +nun ging es jeden Tag schlechter. Die Krankheit wurde gefördert durch +die Unwissenheit der Aerzte. Am siebenten Tage trat die Krisis ein. Er +starb, Psalmverse auf den Lippen, im achtundfünfzigsten Jahre seines +Lebens, dem achtunddreißigsten seines Priesterstandes. Seine heiligen +Reste sah man bis auf den dritten Tag, da sie beigesetzt wurden, mit +solchem Licht und Schmuck bekleidet, daß das Antlitz des Heimgegangenen +den Glanz seines Lebens bezeichnete[043-b]. In der großen Menge an +seinem Grabe war Niemand, der ihm nicht etwas zu danken hatte. + +In diesem Auszug aus dem Epiphaniusleben des Ennodius[044-1] sind die +vielen Reden, die bei jeder Gelegenheit gewechselt werden, übergangen +worden. Sie sind in ihren immer wiederkehrenden schönrednerischen +Schablonen das eigentliche Merkmal, daß in diesem Heiligenleben +klassische Muster befolgt wurden; ist es doch eine Gewohnheit der +alten Historiker in die Erzählung längere Reden einzuflechten, die +sie der Situation gemäß passend erfinden zu müssen glaubten, und so +erscheinen die Reden auch hier durchaus als rhetorische Kunstprodukte +des Autors. Schon die ganze Person des Verfassers weist aber auf den +Zusammenhang mit der heidnischen profanen römischen Litteratur hin. +Denn wenn ein Sulpizius Severus nur durch einen Bruch mit seiner +Bildung christlicher Schriftsteller hat werden können, so wohnen bei +geistlichen Grandseigneurs wie Sidonius Apollinaris und auch Ennodius +weltliche und heilige Empfindung in oft erstaunlicher Eintracht +bei einander. Eine weltliche Lobrede besitzen wir von Ennodius auf +Theodorich den Großen. Das Epiphaniusleben gibt sich durchaus als +dessen geistliches Seitenstück. Obschon es nicht eine Ansprache an +den zu Lobenden, sondern an dessen Verehrer ist, also von dem Helden +in dritter Person erzählt, obschon ferner nicht bewiesen werden kann, +daß die Schrift mündlich vorgetragen wurde, wird doch ohne Zweifel +ihr Charakter am richtigsten getroffen, wenn man in ihr schlechthin +einen vom profanen ins kirchliche Leben verpflanzten Brauch sieht +und sie als christlichen Panegyrikus auffaßt[044-2]. Dann ist die +Schrift aber zugleich ein rühmliches Beispiel, wie innerhalb des +Panegyrikus und der bei ihm obligaten blumigen Verschnörkelungen doch +auch wahrheitsgetreue Beobachtung zu ihrem Rechte kommen kann: denn +alles in allem ist das Lebensbild reich an zuverläßigem historischem +Stoff. Aber das freilich zeigt ein Vergleich mit der Arbeitsweise +der mönchischen Memorienschreiber deutlich: so sauer wie ihnen ist +Ennodius seine Pflicht bei allem Fleiß, den er sich kosten ließ, nicht +geworden. Er hat nicht Blut geschwitzt, wie Sulpizius Severus und +nicht vor Mangel an Selbstvertrauen gezittert wie Eugipius. Und er +brauchte es auch nicht. Denn sein Gegenstand war gar nicht geartet, den +Verfasser innerlich so mitzunehmen. Es handelte sich um einen frommen, +tugendhaften, vorbildlichen, aber nicht um einen ungewöhnlichen, +genialen, wunderbaren Menschen. Nicht geringes Vertrauen zu der +Berichterstattung des Ennodius über seinen Vorgänger im Amt muß der +Umstand einflößen, daß er von seinem Heiligen nur ein Wunder zu +berichten weiß, übrigens nur ein halbes Wunder: eine schwermütige Frau +soll sich nach Empfang seines Segens leichter gefühlt haben[045-a]. +Aber gegen große Volksheiligen gehalten, steht der wackere Epiphanius +armselig da. Man kann nicht in die Nähe jener merkwürdigen Gestalten, +wie Martin oder Severin treten, daß es vor unsern Augen nicht von +Zeichen und Wundern zuckt. Der Saum von Martins Kutte knistert +förmlich, weil er mit Kräften gesättigt ist. Nichtsdestoweniger gehören +bei aller Verschiedenheit ihrer Helden Panegyrikus und die mönchischen +Schriften zusammen, weil eben auch jener seinem Inhalt nach Memorie ist +und auf persönliche Erinnerung zurückgeht. Er teilt auch den Mangel +der Memorie; er entbehrt des chronologischen Rahmens. Aus den vielen +Anspielungen an die zeitgenössische Geschichte kann man es ja zur Not +berechnen, aber ausdrücklich zu sagen versäumt Ennodius, was er doch +sicher wußte, daß Epiphanius 439 geboren, 467 Bischof wurde und 497 +gestorben ist. + +Im Jahre 508 verfaßte Ennodius ein zweites Heiligenleben. Seinem Inhalt +nach gehört es gewissermaßen bereits in den Kreis des eugipischen +Severinus; denn der Mönch Antonius war ein Mündel des Severinus von +Noricum[045-b]: »Gepriesen sei der ungeteilt dreieinige Gott, der +seinen Knecht Antonius, so vieler Tugenden Träger, an den Ufern der +Donau im Staate Valeria als Sohn des Sekundinus die Schwelle der Welt +überschreiten hieß. Schon an der Mutterbrust fühlte dieser durch +Gottes Gnade seine künftige Bestimmung und, damit sein Entschluß nicht +durch die Schmeichelkünste der Eltern durchkreuzt würde, ging er etwa +im Alter von acht Jahren der väterlichen Obhut verlustig (was heißen +will, sein Vater sei gestorben!). Bald darauf schwang sich seine +ungeschminkte Jugend zu dem hoch berühmten Severinus, der ihn mit +Küssen liebkoste und die künftigen Fähigkeiten des Knaben zum voraus +überschlug, als wären sie schon entwickelt«. In diesem verblümten +Stil geht es fort. Das Antoniusleben steht allerdings selbständig +da, aber mit Eigenschaften, die nicht gerade ein Vorzug sind. Die +Wundergeschichten fehlen ja nicht etwa aus Kritik des Verfassers, +sondern weil mit dem besten Willen keine zu erzählen waren. Nicht +schriftstellerische Oekonomie, sondern ein allzu ärmlicher Inhalt +erklären den geringen Umfang. Immerhin füllt sie im Druck vier +Quartseiten: und doch ließ sich das Sachliche an ihr in einem Satze +sagen: Antonius, aus angesehener Familie in Pannonien gebürtig, aber +früh Waise und daher erst von Severin und dann von seinem Onkel, +dem Bischof Constantius, zum Geistlichen erzogen, flieht vor der +Völkerwanderung nach Italien, ist erst eine Zeit lang im Veltlin auf +unzugänglicher Bergeshöhe Einsiedler und birgt sich dann vor den +ihm lästigen Besuchen frommer Pilger im Kloster Lerinum, wo er auch +sein Leben beschließt. Auch hier handelt es sich um ein Gedächtnis, +aber nicht um schriftstellerische Erlösung von einem übermächtigen +persönlichen Eindruck, sondern eben nur um einen wohlgemeinten Nekrolog +eines unbedeutenden Menschen, wie eine Mumie noch mit einigem Balsam +vor allzuschnellem Verfall bewahrt werden soll. + +So hat denn von Gallien ausgehend und in Ennodius gipfelnd die +Manieriertheit des römischen Rhetorentums mit allen Unarten +und Verkünstelungen ebenfalls in die beginnende litterarische +Heiligenindustrie ihren Einzug gehalten. Sobald die bescheidene +Befangenheit verschwand, sobald mit ihr die Scheu vor dem Gegenstande +und der damit verbundene Glaube an das eigene Unvermögen verloren +gingen, quoll auch das tönende Pathos und der wattige Schwulst der +Wohlredenheit unaufhaltsam zu Tage. Fast notwendig trat dieser Fall +ein, wenn das Heiligenleben nicht mehr einer persönlichen inneren +Notwendigkeit, sondern einem äußeren kirchlichen Bedürfnis seine +Entstehung verdankte. Begleitet wird dieser Wechsel auch äußerlich +durch die Verschiebung im Stande des Schriftstellers. Nicht mehr ein +Mönch greift nun zaghaft, unter beständigen Entschuldigungen zur Feder, +sondern irgend ein hochwürdiger Bischof erhebt, selbst durch den Mangel +an Thatsachen nicht abgehalten, seinen Schützling in den Himmel. + + + + +Drittes Kapitel. + +Severinus von Noricum, Fulgentius von Ruspe, Cäsarius von Arles. + + +Immerfort unter dem Einfluß unseres Hauptgedankens, daß das +unmittelbare persönliche Andenken an den Heiligen den echten +lebenspendenden Kern aller Heiligenschreibung bildet, greifen wir +nun noch drei Lebensbilder aus der ersten Hälfte des sechsten +Jahrhunderts auf, an denen das deutlich zu Tage tritt. Zwar waren +auch jene oberflächlicheren Lobredner unzweifelhaft noch authentische +Berichterstatter. Aber überwältigend und unmittelbar zur Aufzeichnung +drängte das Andenken immer erst dann, wenn nicht geistlicher +Amtstrieb oder sonst eine Veranlassung zweiter Hand, sondern das +unwiderstehliche, eigene Bedürfnis zur Niederschrift führten. Die drei +namhaften Heiligenleben, bei denen das der Fall war, fallen in die +Jahre 511, 530 und 548. Das erste ist unüberarbeiteter Originalentwurf +eines einzigen Verfassers, das zweite anonym und das dritte, in zwei +Teile zerfallend, das Werk mehrerer Hände und Herzen. + + +1. + +Mehr als ein Jahrhundert nach Severus, im Jahre 511, schrieb der Abt +Eugipius in Lucullanum bei Neapel das Leben Sankt Severins von Norikum. +Der Heilige, der 482 gestorben ist, ist Martin ebenbürtig. + +Attila war tot[047-a]. Seine Söhne befehdeten sich im Donaugebiet. +Da trat der Gottesmann Severinus auf. Er kam aus dem Morgenland und +war katholischen Glaubens. Später wenn ihn seine vornehmen Besuche +nach seiner Heimat fragten, wich er aus[047-b]. Nur an seiner +Aussprache ließ sich der Afrikaner lateinischer Abkunft erraten. +Gelegentlich deutete er an, er habe sich in eine Wüste des Morgenlandes +zurückgezogen und schon sehr viel durchgemacht. Nun wolle er in den +Städten von Ufernorikum an der Grenze von Oberpannonien dem Einbruch +der Barbaren entgegenwirken. Er zog von einer Stadt zur andern und +weissagte den nahen Untergang, wenn man nicht bete und faste[047-c]. +Astura blieb halsstarrig und wurde zerstört. Nur in Commagena hörte man +auf ihn. Da vermochten die Barbaren nichts gegen die Römerstadt[047-d]. +Es erfolgte ein Erdbeben. Die germanische Garnison und Thorwache floh. +In Favianä sollte er der Hungersnot steuern. Er forderte einer reichen +geizigen Dame ihr aufgespeichertes Getreide ab[047-e]. Zu gleicher Zeit +kamen nun die Kornschiffe aus Rätien wieder die Donau hinunter, nachdem +der starke Eisgang des Inn ihre Fahrt aufgehalten hatte[047-f]. Mit +Erfolg ermunterte Severin den Tribunen Mamertinus trotz der schwachen +Besatzungen gegen gefährliche Räuberzüge auszufallen. Nun richtete +sich der Heilige in einer schlichten Zelle zwischen den Rebbergen +ein, wechselte gelegentlich seine Siedelei, ging aber auch im Winter +barfuß, und das in einem Klima, wo Lastwagen über die gefrorene Donau +fahren konnten. Der Rugierkönig Flacciteus beriet sich in seiner +Bedrängnis vor den Gothen mit Severinus[047-g]. Dieser bedauerte, daß +er mit einem Arianer sich nicht über das künftige Leben unterhalten +könne. Was aber das Erdbeben betreffe, so habe der König gegenüber +den Gothen das und das zu thun. Seine Weisungen wurden befolgt und +erwiesen sich überall glücklich[047-h]. Eine Witwe rugischen Stammes +kam mit ihrem Sohn vor das Kloster gefahren: er habe seit zwölf Jahren +die Gicht, der Heilige solle ihn gesund machen. Der Kranke genas. Auch +aus anderen Volksstämmen erhielt Severin Besuche. Ja einmal erschien +der junge Odoaker bei ihm, damals als er noch nichts war[047-i]. Aber +mit seinem Haupt hatte der Riese an das Dach der Zelle gestoßen. +Beim Abschied sagte der Heilige bedeutungsvoll zu dem künftigen +König: »Ja, geh nur nach Italien, geh nur!«[048-a] Später kam auch +Flacciteus’ Sohn, König Feleteus oder Feva, öfters. Sein Weib Giso +fügte den Katholischen Leid zu, wo sie konnte. Severins Einsprache +erhöhte noch ihre Wut. Erst als es ihrem Kind ans Leben ging, erschrack +sie und gab nach. Einmal ließ Severinus auf dem Markte nach einem +Unbekannten suchen, den er im Geist geschaut hatte; ohne ihn sonst je +gesehen zu haben, beschrieb er ihn so genau, daß der Bote den Mann +auf den ersten Blick erkannte[048-b]. Dieser trug die Reliquien der +heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius und suchte schon lange die +kostbare Last, die ihm auch auf die Seele drückte, an einem ihrer +würdigen Orte zu bergen. Glückselig ließ er sich zu Severinus führen +und dieser beauftragte Priester, die Bürde feierlich in der Basilika +seines Klosters beizusetzen, wo sie die Gesellschaft anderer Reliquien +vorfand. Ein ihm angetragenes Bistum lehnte Severinus ab und verwandte +sein ganzes Organisationstalent darauf, das Leben seiner Mönche +einzurichten. Der Pförtner des Klosters ging an einem Tage, da ihn der +Heilige ausdrücklich vor dem Ausgehen gewarnt hatte, mit einem Bauern +zwei Meilen weit Obst zu pflücken und wurde richtig von den Briganten +weggefangen. Severin las eben zu Hause; plötzlich schlug er das Buch zu +und rief: »Wo ist Maurus?« Er ließ sich selber über die Donau setzen +und befreite den Vermißten durch sein persönliches Eintreten aus den +Händen der Skamaren[048-d]. Nachgerade wetteiferten die oberen Städte +von Ufernoricum, welche von ihnen den Heiligen beherbergen dürfe, weil +sie sich dann gefeit glaubten. So sicher hatte er bis jetzt immer +geweissagt[048-e]. In Kuchel benutzte Severin diese Popularität, um +dem Heidentum den Garaus zu machen. Er predigte mehrmals eindringlich +dem Volk ins Gewissen, ließ es durch die Priester zu einem dreitägigen +Fasten auffordern, hieß dann aus jedem Hause Wachskerzen mitbringen, +die jeder eigenhändig an der Kirchenmauer aufzustecken hatte. Auf dem +Höhepunkt des Gottesdienstes entzündeten sich auf sein Gebet hin von +selbst fast alle Lichter. Nur die der anwesenden Heiden hatten nicht +Feuer gefangen: O du mächtige Güte des Schöpfers, der Kerzen und +Herzen in Flammen setzt! Eine Heuschreckenplage wurde durch Severin +abgewendet; nur ein einziger Mann verlor seine Ernte, weil er statt in +der Kirche mit den Andern zu bitten, aufs Feld gegangen war und den +ganzen Tag sich bemüht, das Ungeziefer zu verjagen[048-f]. In Salzburg +wollte im Sommer bei einem Abendgottesdienst der Feuerstein nicht +Funken schlagen. Severin betete so inbrünstig, daß sich alsobald die +Kerze, die er in der Hand hielt, von selbst entzündete(048–g). Ein +sterbendes Weib konnte auf die Fürbitte des Heiligen schon drei Tage +später wieder Feldarbeit verrichten[049-a]. Häufige Ueberschwemmungen +gefährdeten die Kirche von Guintana im zweiten Rhätien. Es war keine +steinerne Basilika, sondern ein Rohbau aus Holz; er lag außerhalb der +Stadt. Da der Bretterboden immer aufs neue weggespült wurde, unterließ +man schließlich ihn zu ersetzen. Der heilige Severin sorgte indes +dafür, daß das Zimmerwerk nun dauerte. Er nahm ein Beil, stieg in +das Schiff hinunter, betete, schlug an die Pfosten und aichte unter +Segenssprüchen den Boden mit dem Zeichen des Kreuzes. Nie hat der +Fluß den Boden wieder weggeschwemmt[049-b]. Ein alter Priester namens +Silvinus war gestorben[049-c]. Severin wollte die Totenwache in der +Kirche übernehmen und schickte die anwesenden Kleriker schlafen. Der +Pförtner Maternus meldete, die Kirche sei leer. Severin witterte noch +immer einen Menschen. Richtig hatte sich eine neugierige Nonne in einem +Kirchenstuhl verkrochen. Sie wollte der Totenerweckung beiwohnen. Sie +mußte gehen. Severin umgab sich indessen mit einem Priester, einem +Diakon und zwei Pförtnern, und als sie den Leichnam so weit hatten, +daß das Leben in ihn zurückkehrte und der Tote die Augen aufschlug, +fragte ihn Severin vorsichtshalber, ob er denn überhaupt wieder +lebendig zu werden wünsche. Der Tote sagte: mit nichten; nun wolle +er seine Ruhe haben, warum man ihn denn störe. Mit diesen Worten +entschlief er endgiltig. Severin ließ die Augenzeugen eidlich Schweigen +geloben. Erst nach des Heiligen Tode haben der Subdiakon Marcus und +der Pförtner Maternus den Vorfall dem Eugipius unter dem Siegel der +Verschwiegenheit anvertraut. Als Freund der Armen erwirkte Severin, +obwohl er selbst wochenlang fasten konnte, den Zehnten, weil er nicht +vermochte die Elenden hungern zu sehen. Es war dies keine kirchliche +Steuer, sondern private Liebesthätigkeit. Auch Kleidungsstücke wurden +ihm zur Verteilung übersandt. »Sind die milden Gaben von Tigurnia +dabei?« fragte er. »Nein«, hieß es, »es wird noch kommen.« Severinus +aber bezweifelte das, vielmehr werde der verzögerte Beitrag nun den +Goten in die Hände fallen. Und so geschah es wirklich[049-d]. Auch +Lorch entrichtete seine Zehnten nachlässig. Da wurde das reifende +Getreide vom Mehlthau angefressen. Ein von Severin erbetener lauer +Regen dagegen wendete die Gefahr ab[049-e]. In Batava zwischen Inn und +Donau hatte Severin ein Klösterchen gegründet, an der Grenzmark der +Alamannen, deren König Gibold ihm Verehrung bezeugt hatte. Der Fürst +bat um eine Zusammenkunft. Der Heilige ging ihm entgegen und redete +ihm so eindringlich zu, von den Einfällen ins römische Gebiet nun +abzulassen, daß der Kriegsgewaltige wie ein kleines Kind zu zittern +begann und die Gefangenen ohne Lösegeld freizugeben versprach. +Indes wurde Severins Sendbote, der Diakon Amantius dann doch nicht +vorgelassen. Er kehrte nach dreißig Tagen mißmutig um, faßte sich +aber wieder, drang vor die Thür des Königs, gab seine Briefe ab, +erhielt Gegenbriefe und konnte mit siebzig Gefangenen heimkehren. +Später holte der Priester Lucillus den Rest der Gefangenen ab[050-a]. +Als die Besoldung der römischen Grenzgarnisonen nicht mehr richtig +einlief, geriet die Landesverteidigung in Verfall. Schließlich +blieben nur noch einzelne schwache Mannschaften übrig. Einige Züge +gingen nach Italien, um den Sold heraus zu verlangen, wurden aber +von den übermächtigen Barbarenheeren in aller Stille aufgerieben. +Sie verschollen. Da wurde Severinus einmal, wieder über dem Lesen +eines Buches durch die Divination unterbrochen, in dieser Stunde +sei Menschenblut vergossen worden. In der That schwemmte[050-b] der +Fluß Soldatenleichname ans Ufer. Eine Vorahnung ließ ihn seinem bei +ihm anwesenden Freunde, dem Priester Paulinus dessen bevorstehende +Wahl zum Bischof von Tiburnia ankündigen[050-c]. Für eine andere +seiner Stiftungen, das Klösterchen zu Boitro suchten die Mönche +Reliquien[050-d]. Severin aber meinte, die Zerstörung des Ortes stehe +nahe bevor, sie sollten sich die Mühe doch sparen, der Johannissegen, +nämlich die Fürbitte des Heiligen, werde ihnen deshalb nicht verloren +gehen. Auch den Bürgern von Boitro, die sich seiner bedienen wollten, +um bei dem Rugierkönig Febanus Handelsfreiheit zu erwirken, gab er +denselben Bescheid, die Tage der Stadt seien gezählt; bald werde kein +Kaufmann mehr nach Boitro kommen. Da sagte ihm in der Taufkirche ein +leichtfertiger Priester ins Gesicht: »So reise doch wenigstens Du ab, +Heiliger Gottes, daß wir uns von Deiner strengen Diät etwas erholen +können.« Der faule Spaß schnitt Severin so ins Herz, daß er vor allen +Leuten in Thränen ausbrach. Ueberzeugt, daß demnächst selbst die +heiligen Stätten hiezuland in Trümmer lägen, fuhr er auf der Donau +nach Favianä hinunter. Und alsobald erreichte die von ihm verlassene +Gegend aus der Hand Hunnimunds und seiner Barbaren ihr Schicksal. +Die bürgerliche Stadtwache, vierzig Mann stark, wurde niedergemacht +und auch jenen Priester, der den Heiligen gelästert hatte, ereilte +die Strafe und gar noch in der Taufkirche, in die er zu flüchten +versuchte. Severinus indessen hatte über dem Studium des Evangeliums +im Kloster zu Favianä wieder ein Hellgesicht, das ihm die Nähe der +Johannisreliquien verriet. Der Mann, der sich am andern Donauufer +wirklich vorfand, war glücklich, dem Heiligen diese Schätze abliefern +zu dürfen[050-e]. Die Zerstörung von Joviacum durch die Heruler sah +Severin ebenfalls voraus. Er ließ einen ihm besonders lieben Priester +namens Maximinianus noch durch einen Eilboten warnen, alles dahinten +zu lassen. Vergebens; der Einfall erfolgte in der gleichen Nacht; der +Priester wurde gehenkt[051-a]. Den Bischof Paulinus von Norikum setzte +Severin von der nahen Verwüstung seines Sprengels durch die Alamannen +brieflich in Kenntnis. Dieser ordnete in allen Kastellen der Diözese +ein dreitägiges Fasten an. Das offene Land wurde schlimm mitgenommen; +die Kastelle konnten sich halten[051-b]. Bald darauf suchte ein +Schwerkranker aus Mailand das Kloster auf. Er hatte Elephantiasis. +Severin ließ das ganze Kloster fasten. Der Kranke fühlte sich besser. +Er wollte nicht in die Heimat zurück, er wollte bleiben. Nach zwei +Monaten erlöste ihn der Tod[051-c]. Nun wanderten auch die Bürger von +Gulutiana, durch die unaufhörlichen Einfälle der Alamannen erschöpft, +nach Batava aus. Auch hieher folgten die Feinde. Nun aber sprach +Severin den Römern zu, und so schlugen diese die Alamannen. Die Sieger +bewog er nach Lorch auszuwandern. Einige blieben zurück und fielen kurz +darauf den Thüringern in die Hände[051-d]. Die Länder an der obern +Donau waren nun verloren. Lorch blieb der äußerste Grenzpunkt der +Römer. Die Seele der Besatzung war Severin. Da Oel als Nahrungsmittel +immer schwerer zu erlangen war, vermehrte er das heilige Oel in einer +Basilika auf wunderbare Weise[051-e]. Da stieß Maximus aus Norikum +mit einigen Gefährten zu Severin, um ihm auf ihrem Rücken Kleider für +die Armen und Gefangenen zu überbringen. Mit kühnem Mut überschritten +sie mitten im Winter die Schneeberge. Im Nachtquartier zuoberst auf +dem Alpenpaß überraschte sie ein Schneegestöber. Sie wären verloren +gewesen, hätten sie nicht einen Bären getroffen, der gutmütig vor +ihnen her ins Thal hinuntertrollte[051-f]. Die Bürgerschaft von +Lorch, vermehrt durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den oberen +Donaufestungen, wollten sich auf den Dienst ihrer ausgesandten +Kundschafter verlassen. Ungeachtet der scheinbaren Sicherheit sprach +sich Severin für verschärfte Bewachung der Stadtmauern aus und trat +auch bei Bischof Constantius dafür ein. Man möge ihn steinigen, wenn +er die Unwahrheit gesagt habe. Man gehorchte, die Milizwache trat +ins Gewehr, als die Psalmen gesungen waren, bei Anbruch der Nacht. +Von ungefähr entzündete sich ein großer Heustock an der Fackel eines +Lastträgers. Ohne daß eine Feuersbrunst entstand, erhellte doch ein +mächtiger Glutschein das ganze Weichbild der Stadt. Dazu ein weithin +vernehmbarer Lärm. Verbündete Alamannen und Thüringer, die in den nahen +Wäldern im Hinterhalt lagen, glaubten sich verraten und wagten den +nächtlichen Sturm nicht. Am andern Morgen fanden sie keine Lebensmittel +vor, da der Heilige die gesamte Fahrhabe hatte in die Stadt bringen +lassen, um den Feinden den Unterhalt zu entziehen. Die Herde eines +Mannes, der sich um Severins Rat nicht gekümmert hatte, wurde +weggefangen[052-a]. Nun kam der Rugierkönig Feva seinerseits vor Lorch +gezogen. Severin wurde abgesandt, um ihn umzustimmen. Er reiste die +ganze Nacht. Am Morgen traf er den König beim zwanzigsten Meilensteine. +Dieser bekannte seine Absicht, die in Lorch aufgesammelte zugezogene +und deshalb überzählige Bevölkerung in die ihm tributären Städte zu +deportieren. Severin aber setzte es durch, daß die Verpflanzung nicht +gewaltsam, sondern durch ein friedliches Uebereinkommen vor sich gehen +möge. Unter seinem Schutz siedelten sich nun also die Römer von Lorch +aus in bestem Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung in den +rugischen Städten an. Zu diesen tributpflichtigen Städten gehörte +auch Favianä, und Severin lebte von nun an wieder daselbst in seinem +Kloster[052-b]. Um diese Zeit erhielt Severin einen Brief von König +Odoaker, der es dem Heiligen nicht vergaß, daß er ihm einst in der +Niedrigkeit seine künftige Größe verheißen hatte. Er stellte ihm eine +Gnade frei, und Severin bat einen Verbannten los namens Ambrosius. +Als jedoch einmal in Gesellschaft des Königs Lob gesungen wurde, +warf Severin die Frage dazwischen: »Welcher König?« »Nun Odoaker.« +»Meinetwegen«, sagte Severin, »aber er wird eben doch nur dreizehn +oder vierzehn Jahre regieren«[052-c]. Bei einem Besuch in Comagena war +der Knabe eines rugischen Hofbeamten so schwer krank, daß man bereits +sein Begräbnis vorbereitete[052-d]. Severin heilte ihn. Auch ein im +schlimmsten Grade Aussätziger namens Jelo, der von fernher gekommen +war, wurde gesund[052-e]. Bonosus, ein eingeborener Mönch, litt an +den Augen. Er empfand es, daß Severin Fremden helfe und dem eigenen +Klosterbruder nicht. Da sagte ihm Severin: »Das klarsichtige Auge +ersetzt die Klarheit der Seele nicht. Ringe nach dieser.« Auf dieses +Wort hin fand sich der Blinde in sein Leiden und trug es mit heiterem +Sinn fast vierzig Jahre[052-f]. Drei ungezogenen Mönchen von Boitro +brachte Severin schließlich Manieren bei, indem er ihnen vierzig Tage +scharfen Arrest gab: nicht das geringste Wunder, das ihm gelungen +ist[052-g]. Einst sandte Severin zwei Brüder ins Norische, den Priester +Marcianus, später Abt von Lucullanum, und den Mönch Renatus. In der +Stunde, da ihnen auf der Reise Gefahr drohte, spürte Severin das und +ließ alle Brüder für sie beten. Als sie nach einigen Monaten heim +kamen, stimmte es genau[052-h]. Ebenso befahl Severin dem Mitbruder +Ursus, er solle durch eine vierzigtägige harte Bußübung einem schweren +Uebel zuvorkommen. Als am Ende dieser Zeit das böse Geschwür ausbrach, +konnte es entfernt werden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für den +ungewöhnlichen Scharfblick des Heiligen[053-a]. Seine Hütte stand etwas +abseits von den andern. Er sang Matutin und Vesper mit. Sonst lag er +in seiner Zelle auf den Knien und hatte seine Gesichte. Er schlief auf +einer härenen Decke am Boden und trug Tag und Nacht dasselbe Gewand. +Wenn es nicht gerade ein besonderes Fest war, fastete er täglich vom +Morgen bis nach Sonnenuntergang. In den großen Fasten aß er nur einmal +die Woche. Immer lag dasselbe heitere Glück auf seinen Zügen. Fremde +Sünde beweinte er, als hätte er sie selber begangen und suchte ihr zu +steuern, so sehr er nur konnte[053-b]. Als er sein Ende herankommen +fühlte, lud er den König Feva und die böse Giso zu sich, um sich zu +verabschieden. Den König ermahnte er, doch ja nie zu vergessen, daß er +einst über den Gebrauch seiner Herrschergewalt Gott werde Rechenschaft +ablegen müssen. Dann streckte er die Hand aus, wies auf den König und +sprach zu Giso: »Liebst Du diese Seele mehr als Gold und Silber.« +Die Fürstin warf sich in die Brust, sie liebe den Gatten über alles. +»Dann wäre es an der Zeit«, sagte Severin, »die milde Gesinnung des +Königs nicht immer wieder durch Bedrückungen lahm zu legen.« Den +Klosterbrüdern brachte er seinen bevorstehenden Heimgang schonend +bei. Er wußte die Völkerwanderung vor der Thüre und traf daher die +Verordnung, seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen: »Seid eingedenk +der Vorschrift des heiligen Patriarchen Joseph, mit dessen Worten +ich unwürdiger und schwacher Mensch euch beschwöre: Gott wird euch +heimsuchen und dann nehmt mein Gebein mit euch fort, nicht zu meinem, +sondern zu eurem Nutzen, denn diese jetzt noch stark bevölkerten Orte +werden zur Einöde werden. Die Gräber wird man aufwühlen, um Gold zu +finden.« Seine Ueberreste, so hoffte er, würden wenigstens ein Band +der Pietät bilden, die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde der Brüder +beisammen zu halten[053-c]. Immerhin blieb er noch zwei Jahre am Leben +seit der ersten Weissagung seines Todes. An Epiphanien hatte ihm der +Priester Lucillus angezeigt, er werde am nächsten Morgen den Todestag +seines Abtes Valentin feiern. Da sagte Severin zu ihm: »Wenn Dich +Sankt Valentin mit dieser Feier beauftragt hat, so überlasse auch ich +Dir die Sorge, für meine Seele Vigilia zu halten auf denselben Tag.« +Lucillus war älter als Severin und meinte erschrocken, es sei doch +viel eher an ihm, sich der Fürbitte Severins empfohlen zu halten. +Dieser aber bestand darauf[053-d]. Auch dem Bruder des Rugierkönigs +Feva, Feoderuch, der Territorialherr von Favianä war, betonte er um +jene Zeit seinen Heimgang schärfer und ließ sich von diesem Großen +die Rücksicht auf die Armen und Gefangenen versprechen[054-a]. Am +fünften Januar begann ein leichter Schmerz an der Seite sich fühlbar +zu machen. Da das aber drei Tage andauerte, ließ er nachts die Brüder +versammeln und sagte, er fühle sich schwach; zum Abschied wies er sie +auf das Beispiel Abrahams, der auszog, ohne zu wissen wohin, aber +in ein Land, das sein Eigentum werden sollte: »Ahmet den heiligen +Patriarchen nach. Sucht stets das himmlische Vaterland.« Dann küßte er +jeden einzeln, empfing das Altarsakrament und bat um Psalmengesang. +Als sie vor Schmerz nicht singen konnten, hub er selber an: »Lobet den +Herrn in seinen Heiligen; jeder Geist lobe den Herrn.« Und während nun +die Mönche darauf respondierten, entschlief er. Es war am 8. Januar. +Nach der Leichenfeier meinten die älteren Brüder, man solle das, was +er vom großen Wandern vorausgesagt habe, nicht unbeachtet lassen. Sie +ließen daher einen Sarg aus Holz anfertigen[054-b]. Jener Gaugraf +Feoderuch hatte kaum vom Tode Severins gehört, so kam er in seiner +Geldnot herbeigezogen und plünderte das Kloster. Nicht nur stahl er +die für die Armen bestimmten Kleider, sondern versündigte sich sogar +an dem Kirchenschatz. Ein Soldat namens Avicianus sollte den silbernen +Kelch vom Altare heben. Er brachte es aber nicht über sich und wurde +auf der Stelle Mönch. Feoderuch ließ nun das Kloster bis auf den +letzten Nagel ausheben. Nur die Mauern mußte er stehen lassen, die +konnte er nicht über die Donau mitnehmen. Ehe ein Monat verfloß, wurde +er indes von seinem Neffen Feodoruch, dem Königssohn, erschlagen. +König Odoaker zog wider die Rugier ins Feld. Feodoruch mußte flüchten. +König Feva und die böse Giso wurden gefangen nach Italien abgeführt. +Kaum waren sie weg, so kehrte Feoderuch zurück. Odoaker sandte seinen +Bruder Onowulf mit einem großen Heere ihm entgegen. Feodoruch flüchtete +abermals und verbündete sich mit Theodorich, der damals sich zu Novä +in Mösien aufhielt. Onowulf führte auf Befehl des königlichen Bruders +alle in der Donaugegend noch übrigen Römer nach Italien. Der Priester +Lucillus ließ nun, da der Comes Pierius zur Eile antrieb, sofort das +Severinsgrab öffnen und den noch unversehrten Leichnam in einem anderen +Linnen in den bereitgehaltenen Sarg umbetten. Er wurde auf einem +Wagen von Pferden fortgeführt und schloß sich dem römischen Abzuge +an; die Bewohner der Donaustädte erhielten in verschiedenen Gegenden +Italiens neue Wohnsitze angewiesen. Die Severinsleiche dagegen wurde +in die Festung Montefeltre gebracht[054-c]. Dort geschahen jetzt viele +Wunder. Eine edle Frau, Barbaria, die, wie auch ihr Gatte, den heiligen +Severin teils vom Hörensagen, teils aus seinen Briefen kannte, lud +den Marcianus ein, mit dem Leichnam und der Genossenschaft in ihr +Besitztum, die ehemaligen Lukullusgärten bei Neapel überzusiedeln. +Papst Gelasius gab seinen Segen und Bischof Viktor von Neapel weihte +den Sarkophag, in dem die Stifterin den Heiligen endgiltig beisetzen +ließ. Als bei dieser Totenfeier ein blinder Mann Laudicius den Gesang +des Volkes hörte und den Bescheid erhielt, es werde eben der Leib eines +Heiligen vorübergetragen, wurde er tief bewegt und bat, man möge ihn +ans Fenster führen, von wo aus er besser hören könne. Dort lehnte er +in tiefer Andacht und betete inbrünstig, worauf er plötzlich wieder +zu sehen anfing. Auch der Vorsänger Marinus hielt vertrauensvoll sein +Haupt an den Sarg und wurde so seine Kopfschmerzen los[055-a]. + +Weil Severins Wirksamkeit so tief im öffentlichen Leben wurzelte, ist +die Lebensbeschreibung für die politische Geschichte der Donauländer +unmittelbar vor der Völkerwanderung von unschätzbarem Werte. Sie ist +unser einziges Licht für jene Gegend in jener Zeit. Wir sehen die +ausgedehnten kirchlichen Einrichtungen einer römischen Provinz scharf +umrissen vor uns[055-1]. Obwohl Severin ein orientalischer Fremdling +war und Niemand wußte, woher er kam, obwohl er dann auch mit den +germanischen Fürsten gut stand, ist er im Grunde seiner Seele Romane +und sucht vor allem, die schwer bedrängten römischen Provinzialen +moralisch zu heben und ökonomisch zu unterstützen. So lange er lebte, +vermochte sich das Römertum an der Donau zu halten; dann fiel es. Der +Abzug der römischen Bevölkerung traf mit dem Transport seiner Leiche +zusammen. Sein Lebenswerk war es gewesen, den geordneten Rückzug +der römischen Kultur von Kunzen, Passau und Lorch nach Favianä im +Rugenlande herzustellen. Seine heilige Wirksamkeit giebt dem Untergang +des Römerwesens in Norikum die Weihe[055-2]. + +Martin und Severin sind die beiden größten Liebesthäter gewesen, die +die sinkende antike Welt gekannt hat: nichts für sich, alles nur +für die andern und für Gott. Gegen Martin von Tours gehalten ist +Severin die harmonischere Natur. Seine Existenz wurde nicht wie bei +jenem vorwiegend durch einen Gegensatz, sie wurde durch eine Aufgabe +bestimmt. Martin war Parteimann und mußte es sein, um eben das, +was ihm als Lebenswerk vorschwebte, in Gallien durchzusetzen; das +Große an ihm besteht darin, daß er bei aller Strenge des Mönches so +gewaltig, so kräftig und so wohlthuend ins weltliche Leben eingriff. +Severin dagegen machte für das Mönchtum keine Propaganda; es diente +ihm gewissermaßen zur Folie für sein geheimnisvolles unerklärliches +Wesen. Martin kennen wir seit seiner Jugend; von Severin wußte +Niemand, wer er war und woher er kam, und daß auch da, wo er wirkte, +wie er selbst am besten wußte, seines Bleibens nicht war. Auch +seine visionäre Begabung äußert sich feiner, still zwingend, nicht +grobschrötig tapfer: weniger Teufelsfeindschaft und Dämonenschlachten, +als die wunderbare Seherkunst, das Künftige zu spüren. Seit den +altisraelitischen Propheten und dem Urchristentum besaß Severin die +größte telepathische Begabung, von der wir Kunde haben, und zwar im +ganzen Umfang dieses Talentes von der einfachsten Nähewitterung bis zum +schwindelerregenden Seherspruch: er weissagte oft und, wie es scheint, +untrüglich. Das Aufklappen des Bewußtseins aus der Befangenheit von +Raum und Zeit zu einer Art momentaner Allwissenheit funktionierte +bei ihm unter den verschiedensten Umständen ohne fehlzugreifen. Das +war denn auch allerdings sein besonderes Gut. Heilungen, wie sie bei +Martin im Vordergrund standen, kommen bei ihm nur in zweiter Linie +in Betracht; vollends eine Totenerweckung, die er unternahm, mißriet +direkt: nachher erzählte man mildernd, der zu Erweckende habe sich +eben das Lebendigwerden verbeten. Und während Martins Lebenswerk unter +den soldatischen Gesichtspunkt der Eroberung fällt, bescheidet Severin +sich von vornherein mit der Entsagung des Rückzuges, unter Verzicht +auf jeden Sieg. Er hat daher wohl ein unvergleichliches Andenken +hinterlassen, aber nicht wie Martin eine unvergleichliche Wirkung +ausgeübt. Der pannonische Heilige schimmert von einer Aureola, er +erhellt. Der gallische dagegen sprüht Funken, er zündet an. Martin war +der stärkere Mensch, Severin der höhere. + +Wie sich der Schrift abfühlen läßt, verdanken wir die Kunde von +Severin einem schlichten und bescheidenen Manne. Eugipius stammt aus +einer römischen Familie, wahrscheinlich einer von denen, die jene von +Severin geleitete Verpflanzung ins Rugenland mitgemacht haben. Er +spricht von Ufernorikum mit einer bis auf den einzelnen Meilenstein +sich erstreckenden Lokalkenntnis, sodaß es wohl seine Heimat war. +Favianä und die Innmündung sind ihm besonders gegenwärtig[056-a]. +Ueber Guintana in Rhätien sowie über die östlichen Städtchen Astura +und Comagena äußert er sich unbestimmter. Da er sich von Haus aus arm +nennt, begann er seine Laufbahn wohl als einfacher Mönch in Severins +Hauptkloster, heute bei Mauer unweit Oeling[056-b]. Daß er Severins +Schüler war, bezeugt Paschasius; aber wahrscheinlich gehörte er einer +der kleineren Missionsstationen an, die der Meister zu Cellula in +Batava und in Boiodurum hielt[056-c]. Denn er scheint keineswegs +immer um ihn gewesen zu sein[056-d] und beruft sich öfter auf +Gewährsmänner, als daß er selber dabei gewesen zu sein angiebt[056-d]. +Er mag als junger Mann in Severins letzter Zeit mit den übrigen in +Lorch gesammelten Römern der oberen Donaustädte bleibend in des Abtes +Umgebung gekommen sein. Seine Geburt wird demnach etwa hinter das +Jahr 455 fallen[057-1]. Aus seiner mangelhaften Ausbildung macht er +keinen Hehl; die grammatische Schulung gehe ihm ab, seine Einsicht und +seine Kenntnis seien gering, auch könne er eines Stoffes nicht Herr +werden[057-a]. Cassiodor bestätigt[057-b], es fehle Eugipius an der +humanistischen Bildung; seine Belesenheit sei einseitig theologisch. +Severin hatte die Genossenschaft seiner Mönche nicht unter schriftliche +Ordensstatuten gestellt; sein letzter Wunsch hatte dahin gezielt, seine +Freunde möchten, um seinen Leichnam geschart, immer zusammenhalten. +Die Leitung erfolgte unter den beiden ersten Aebten Lucillus und +Marcianus noch ausschließlich unter der pietätvollen Beobachtung von +Severins Gedächtnis. Die Ansiedlung der Bruderschaft in Lucullanum +erfolgte unter dem Pontifikat Gelasius _I._ zwischen 492 und 496. +Lucullanum war nicht nur ein Kastell im militärischen Sinn, es war eine +eigentliche Stadt. Dort stiftete nun also eine adelige Dame namens +Barbaria dem Heiligen, den sie schon bei Lebzeiten aus der Ferne +verehrt hatte, ein Mausoleum und seiner Kongregation ein Asyl. Hierauf +hat dann aber Eugipius eine Zeitlang einem andern Kloster angehört, +da er sich als Untergebenen eines Abtes Marinus bekennt. Vielleicht +hat er sich dieser Versetzung unterzogen, um sein schriftstellerisches +Hauptwerk anfertigen zu können. Bezeichnenderweise ist es nicht eine +originale Schöpfung, sondern ein Auszug aus den Schriften Augustins. +Ein ganzes Exemplar von Augustins Werken war damals offenbar fast nicht +aufzutreiben, selbst wo Geld und Lust, eines zu kaufen, vorhanden +gewesen wären. Sogar einer nur halbwegs vollständigen Sammlung hat man +also nachzureisen Grund gehabt. Eugipius mag sich somit in oder bei +Rom angesiedelt haben, um die Bibliothek einer hochgestellten Frau vom +Range jener neapolitanischen Gönnerin Severins benützen zu können. Sie +hieß Proba und gehörte dem geistlichen Stande an. Cassiodor war ihr +Verwandter; vielleicht lernte er den Eugipius bei ihr kennen. Auch +Bischof Fulgentius von Ruspe war dort Hausfreund. Ihrer Schwester +Galla schildert er[057-c] Proba als in königlichen Verhältnissen +aufgewachsen und betont die vornehme Abkunft der Geschwister, die in +der That dem Ancischen Geschlechte, vermutlich dem des Patronius Probus +entstammen. Fulgentius stand auch mit Eugipius in Briefwechsel. Wie wir +daraus ersehen, verfügte nun Eugipius selbst über eine ansehnliche +Bibliothek und Schreibsklaven[058-a]. Immerhin zeigt des Fulgentius +vollständige Unbekanntschaft mit Eugipius mühsamen Excerptunternehmen, +daß dessen Arbeit die verdiente und vom Autor erwartete Anerkennung +nur langsam gefunden hat. Die Abfassung des Auszuges fällt zwischen +die Jahre 492 und 511. In dem durch Proba ihm eröffneten altrömischen +Adelskreise machte nun Eugipius aber auch die Bekanntschaft des +Paschasius; dieser war der erbittertste Gegner des von 498 bis 514 +regierenden Papstes Symmachus. Eine aristokratische Minorität unter +Führung des Patricius Festus hatte bekanntlich Laurentius gewählt, +namentlich zu dem Zweck, eine Versöhnung der römischen Kirche mit dem +griechischen Kaiser Anastasios herbeizuführen. Der Streit dauerte +bis ins Jahr 505, und es gelang Laurentius einmal, das Osterfest im +Lateran zuzubringen sowie sein Bild in einem Medaillon anfertigen +zu lassen. Dank dem weisen Verhalten König Theodorichs mußte sich +Laurentius auf ein Landgut seines Gönners Festus begeben, wo er noch +vor Symmachus starb. Noch vor ihm, also etwa 512 oder 513, erfolgte +auch der Tod des von ihm eingesetzten ›Diakons der römischen Kirche‹, +des Paschasius. Diesem hohen, durch Stand, Stellung und Lebenswandel +hervorragenden Geistlichen schreibt nun Eugipius[058-b]: »So lange +Du am Leben bist, darf kein Nichtpriester das Leben des Severinus +schreiben.« Er übersendet ihm daher seine Aufzeichnungen nur als +Notizen und hofft, Paschasius werde ein Severins würdiges Werk daraus +schaffen. Diese als bloße Vorarbeit bestimmte Skizze seiner Hand ist +nun eben das uns erhaltene Severinsleben. Wie es zustande kam, erzählt +Eugipius im Vorwort[058-c]: es seien zwei Jahre her, daß ihm der an +einen Priester adressierte Brief eines edeln Laien zu Gesichte kam, +das Leben des Basilicus, eines Mönches am Berge Tita bei Rimini. Als +Eugipius überdies vernahm, dieser Brief sei vervielfältigt worden, +da erwachte in ihm der Wunsch, die vom heiligen Severin gewirkten +großen Wunder nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Jener +Verfasser der Basilicusvita, der diese Schriftstellerei vielleicht +als Geschäft betrieb, bat nun Eugipius, dessen Wunsch ihm zu Ohren +kam, ihm gütigst Mitteilungen über Severinus zu überlassen, damit er +sie ebenfalls bearbeiten könne. Und da nun wollte sich Eugipius nicht +dazu verstehen, seinen Schatz in andere Hände zu legen, so lange in +denen des Paschasius noch Leben sei. Sein Handlanger gewesen zu sein +war alles, was er sich wünschte. Aber der feine römische Priester +hatte einen zu guten Geschmack. Er schreibt dem Verfasser[058-d]: +»Indem Du unsereinen nach dem Maße Deiner Erfahrung, Beredsamkeit und +glücklichen Muße beurteilst, bedenkst Du die vielfachen Geschäfte, +Verdrießlichkeiten und Anfeindungen nicht, denen ich auf meinem +Posten ausgesetzt bin. Du willst Dich aus Liebe zu mir um die eigenen +wohlverdienten Lorbeeren bringen. Deine Zusendung ist ja eine Sammlung +von Thatsachen; in seiner gedrungenen Darstellung eignet sich Dein Werk +recht wohl zur Vorlesung im Kultus. Die Thaten der Heiligen vergehen +nicht und nun gar wenn ihre Gestalt so deutlich dem Leser vor die Augen +tritt, wie Dein Severin. Man meint in seiner Gesellschaft zu sein. +Deine klare und einfache Darstellung da noch auszuarbeiten, wäre doch +überflüssige Mühe. Auch wäre es nicht mehr dasselbe, wenn ich Gehörtes, +von Andern Erlebtes aus zweiter Hand berichten wollte.« So ging also +das Severinsleben des Eugipius unversehrt in die Welt. Er selbst, nun +Vorsteher des Severinklosters, erfreute sich der aufrichtigen Achtung +bedeutender Kirchenmänner; der Abt Dionysius der Kleine widmete ihm die +Uebersetzung einer Schrift des Gregor von Nyssa. Ferrandus von Karthago +unterhielt mit ihm einen Briefwechsel und übersandte ihm eine Glocke. +Kurz vor dem Jahre 543 oder 544 ist Eugipius gestorben. Als Vermächtnis +für sein Kloster hinterließ er ein schriftliches Ordensstatut und +verdichtete so die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins +mönchischen Anschauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel[059-1]. + +Eugipius kennt die Martinsschriften des Sulpizius Severus[059-a]. +Er spricht von ihnen, aber nicht als seinem litterarischen Vorbild. +Er fühlt sich überhaupt nicht als Schriftsteller, sondern nur als +Handlanger für einen eigentlichen Biographen des Severin. In der +That mangelt auch ihm der chronologische Ansatz; auch er giebt keine +Jahreszahl; und wenn seine Angaben datierbarer sind als die des Sever, +so ist das hauptsächlich eine Tugend seines Helden, der ungeachtet +seiner mönchischen Grundsätze so ganz in der Politik seiner Zeit +drin stand und mehr als Martin in den äußeren Ereignissen aufging. +Eugipius konnte unbeschadet der Kunst entbehren, über die ein Severus +verfügte; sobald sein Gegenstand so unerschöpflich reich war an +persönlichem Leben und sobald er, der ihn beschrieb, so herzlich in +ihm lebte, machte dieser Mangel an Technik seine Darstellung nicht +armselig, sondern einfach und schlicht. Trotzdem wir bei ihm nach +einer planmäßigen Stoffverteilung vergeblich suchen, haben wir an +seinem Severinsleben doch fast noch mehr als an den in ihrer Art +kunstreichen Martinsschriften des Severus. Eugipius nennt übrigens +selbst sein Werk mit dem rechten Namen ein Commemoratorium[059-b], das +heißt ein Erinnerungsblatt oder wie wir heute sagen Memoiren. Das in +dieser litterarischen Gattung enthaltene Element des selbsterlebten +persönlichen Andenkens bildet denn auch das Herzstück der +Heiligenbeschreibung, und insofern hat der bescheidene Eugipius dank +seiner schlichten Art und seiner warmen Empfindung fast das Höchste +erreicht, was man in jener Zeit von einem derartigen litterarischen +Unterfangen erwarten darf. + + +2. + +Ist der Verfasser eines Heiligenlebens eine uns auch an sich bekannte +geschichtliche Persönlichkeit, so bürgen seine Lebensumstände +wenigstens für die Möglichkeit quellenmäßiger Mitteilung. Anders, +wenn die Schrift anonym blieb und nicht die geringste Kunde über den +Verfasser auf uns kam. Dann ist die Art des Berichtes unsere einzige +Gewähr für seine Zuverlässigkeit. Eine schwache Handhabe, aber gewiß +eine nicht zu verachtende. Der anonyme Schreiber des Fulgentiuslebens +sagte in der Vorrede an den Bischof Felicianus, dem er das Werk widmet: +»Wie immer dieses mein Werk ausfallen mag, es kann die Verdienste +des großen Mannes weder erhöhen noch vermindern, es sei nur ein +Beweis meiner Liebe, mit dem ich an ihm hing, an ihm, der mich zum +Mönchsstande bekehrte und als Verbannter in seinem kleinen Kloster auf +der Insel Sardinien Tag und Nacht mich um sich hatte. Dort wohntest +auch Du als Priester. Nun habe ich diese Arbeit unternommen, um +alles was er uns mündlich mitteilte, und außerdem auch was wir als +Augenzeugen miterlebten, kurz auseinanderzusetzen, ohne Furcht, der +Fälschung bezichtigt zu werden; denn nötigen Falls kannst Du meine +Zusammenstellung mit Deinem Zeugnis bekräftigen.« Unzweifelhaft haben +wir es hier mit einem Schüler des beschriebenen Heiligen zu thun. +Auch giebt sich die Schrift ihrer Form nach als reine Memorie, da +sie ohne Einleitung gleich auf den Stoff eingeht und auch am Schluß +eine Invokation nicht hat, sondern als Erzählung ausläuft. Fulgentius +entstammte einer Senatorenfamilie aus Karthago[060-a]. Sein Großvater +Gordianus hatte wie die meisten Senatoren unter Preisgabe seiner +Güter nach Italien flüchten müssen, als die Vandalen unter Geiserich +einbrachen. Nach seinem Tode kehrten zwei von seinen Söhnen, in der +Hoffnung, das Erbe wieder zu erlangen, nach Afrika zurück, konnten +aber in Karthago nicht verbleiben, weil ihr Haus an die arianischen +Priester verschenkt worden war. Ihre Landbesitzungen erhielten sie +jedoch durch königlichen Machtspruch zum größeren Teil wieder zurück +und zogen in die Provinz Bizacena. Hier in der Stadt Jellapte bekam +einer von ihnen, Klaudius, von seiner Gattin Mariana den zum Sohne, +der den ihm verliehenen Namen Fulgentius, das heißt ›der Glänzende‹ +mit so viel Recht führen sollte. Die Mutter ließ ihn, da der Vater +früh starb, zuerst in den griechischen Wissenschaften unterrichten und +solange er nicht den ganzen Homer auswendig konnte und auch vieles von +Menander durchmachte, erlaubte sie nicht, ihn mit der lateinischen +Litteratur bekannt zu machen, weil sie ihm in den Kinderjahren die +Kenntnis der fremden Sprache beibringen lassen wollte, damit er einst, +unter den Afrikanern lebend, das Griechische los habe. So kam es, daß +er später ohne Accent Griechisch sprach. Dann machte er die höhere +Stufe der Lateinschule durch, mußte aber zugleich in seinen jungen +Jahren bereits die Verwaltung des väterlichen Hauses übernehmen. Bald +darauf wurde er städtischer Steuereinnehmer. Ihn selbst beschlich die +Sehnsucht, die Welt zu lassen und Mönch zu werden. Da sich dieser sein +Lieblingswunsch jedoch nicht erfüllen wollte, richtete er wenigstens +sein äußeres Leben so ruhig wie möglich ein, mied die Gesellschaft, saß +auf seinem Landhause, verminderte die Zahl großer Gastmähler und ging +nicht mehr ins Bad. Dafür fastete, las und betete er im Laienstande +wie ein Mönch, bis ihn eine Predigt des heiligen Augustin über den +36. Psalm bewog, mit seinem Entschluß nicht länger hintanzuhalten. +Er vollzog seinen Eintritt ins mönchische Leben bei Faustus, der +von Hunerich seines Bistums entsetzt nicht weit davon einem Kloster +vorstand. Die Aufregung in der Familie war groß. Fulgentius blieb +standhaft; er überthat sich in Kasteiungen, enthielt sich des Weines, +aß ohne Fett und so wenig und schlecht, daß seine Haut Sprünge bekam, +eiterte und bald ein Ausschlag seinen Leib entstellte. Sein ganzes +Vermögen vermachte er seiner Mutter, die es dann seinem jüngeren Bruder +Klaudius verschreiben solle, falls er sich gut halte. Die höchst +unruhigen Zeiten ließen ihn nicht ruhig seinem Ideale leben[061-a]. +Die beständigen Verfolgungen der Arianer vertrieben ihn und er suchte +Zuflucht bei einem Abte Felix, der ihn bald zum Mitabt erhob. Ein +Maureneinfall vertrieb sie aufs neue; sie suchen in der Gegend von +Sicca sich festzusetzen. Dort aber hetzte ein fanatischer arianischer +Priester, Felix von Gabardilla, ein roher, aber reicher Mensch; es kam +zu Thätlichkeiten. Der Abt Felix wird ausgepeitscht und Fulgentius +ebenfalls gestäupt. Nun will Fulgentius nach Aegypten reisen, ändert +aber seinen Entschluß; die mit andern Pilgern bei Bischof Eulalius von +Syrakus genossene Gastfreundschaft und die Nachricht, daß die Thebais +gegenwärtig von einer Irrlehre beherrscht sei, halten ihn im Abendlande +fest. Er besucht einen in Sizilien als Einsiedler lebenden verbannten +afrikanischen Bischof Rufinianus, reist nach Rom und wohnt dort dem +Einzug König Theodorichs bei. Auf dem Platz, der ›die goldene Palme‹ +hieß, hörte er den König eine Rede halten, sieht den Adel prächtig in +all den Abstufungen seiner Stände und vernimmt das Freudengeschrei +des freien Volkes, aber mit keuschen Ohren; er kannte den eiteln Pomp +dieser Welt und sagte lächelnd zu einem Mitgeistlichen: »Wie schön muß +erst das himmlische Jerusalem sein, wenn schon das irdische Rom also +glänzt«. Er kehrte nach Afrika zurück und richtete auf dem Grundstück, +das ein hochgestellter Mann und guter Christ namens Sylvester zur +Verfügung stellte, in Bizacena ein eigenes Kloster ein: guter, fetter +Boden, um vom Ertrag der eigenen Gärten leben zu können und abgelegen, +fern vom Kriegsgetümmel. Aber die Anlage und Leitung des Klosters +nahm ihn zu sehr in Anspruch; er sehnte sich nach dem Zustande eines +einfachen Ordensbruders. Bei der ersten Gelegenheit giebt er denn +auch seine Abtswürde ab und tritt in ein anderes Kloster auf einer +Strandinsel an der kleinen Syrte, wo der schmale Streifen des winzig +kleinen Felsens nicht erlaubt, Gärten anzulegen, wo weder Holz noch +Trinkwasser sich vorfindet und wo daher das Notwendigste von diesen +beiden Dingen auf sehr kleinen Kähnen hinübergeschafft wird. In diesem +Kloster, dem ebenfalls zwei Aebte vorstanden und das durch seine +strenge Zucht bekannt war, lebte er als einfacher Bruder. In seiner +Mußezeit trieb er Handarbeiten; er schrieb geschickt und verfertigte +Fächer aus Palmblättern. Aber dieser ihm erwünschte Wechsel vom Oberen +zum Untergebenen dauert nicht lange: sein Kloster reklamiert ihn; es +kommt vor den Bischof; die Inselmönche müssen nachgeben. Nicht nur +muß er wieder Abt sein; er erhält nun auch die Priesterweihe. Bald +ist er der allgemein anerkannte Kandidat für den nächsten ledigen +Bischofssitz. Allerdings war es damals vom König Thrasamund verboten, +Bischöfe zu weihen und den verwaisten Kirchen Hirten zu geben. Da es +daher weder erlaubt war, eine solche Ehrenstelle auszuteilen noch sie +anzunehmen, hielt es Fulgentius für unnötig, sich seinerseits vor +dem bevorstehenden Los zu wappnen. Aber die noch übrigen Bischöfe +thaten dessenungeachtet alles, um die erledigten Stühle zu besetzen. +Nun hatte sich indessen Fulgentius in der That durch Flucht der +Wahl entzogen, die mehrmals auf ihn, sei es als ersten, sei es als +einzigen entfiel. Zugleich wurde der Primas der Provinz Bischof Viktor +verhaftet und nach Karthago geschleppt. Die Lage der katholischen +Geistlichkeit war aufs neue verzweifelt. Da nahm denn Fulgentius die +Wahl zum Bischof von Ruspe an, obwohl ein Diakon namens Felix, der +Bruder eines einflußreichen Beamten, ihm den Platz streitig machte. +Da der Weihbischof in Haft saß, wurde Fulgentius von den benachbarten +Bischöfen konsekriert. Es kostet ihn einen wahren Kampf, zumal er +böse Augen hatte. Aber man reißt ihn förmlich aus der Zelle, zwingt +ihn Bischof zu sein. Kaum im Amte[062-a], weihte Fulgentius seinen +Gegner, den Diakon Felix zum Priester. Er kehrte in seinem Auftreten +den Mönch heraus, trug nie die Stola, sondern immer nur Kukulle und +Ledergürtel, ja zelebrierte so die Messe: »Beim heiligen Meßopfer«, +pflegte er zu sagen, »müssen die Herzen geändert werden, nicht die +Kleider.« Unter der Kukulle trug er einen dunkeln oder einen weißen +Mantel. Wenn es die Witterung erlaubte, hatte er innerhalb des Klosters +nur den Mantel an. Aber mit entblößten Schultern ward er nie gesehen, +ja er begab sich zur Ruhe, ohne auch nur den Ledergürtel abgelegt +zu haben. Nie aß er Fleisch, nur Gemüse, Graupen und Eier, so lang +er jung war, ohne Oel; in seinem Alter aber mischte er Oel bei, in +der Meinung, das Oel verhindere seine zunehmende Augenschwäche, die +ihm das Lesen unmöglich mache. Wenn er unwohl war und Wein trinken +mußte, goß er in die vollen Wasserbecher etwas Wein, denn er wollte +den angenehmen Geschmack und Geruch durchaus vermeiden. Bevor noch +das Zeichen zur Mette gegeben wurde, war er längst wach und betete +entweder, oder er las oder diktierte. Da er nicht ohne Mönche sein +konnte, traf er in Ruspe Anstalten zur Einrichtung eines Klosters. +Zu seiner Freude bot ihm ein Bürger ein mit hohen Föhren bewachsenes +Grundstück an; das Bauholz war hier also gleich dabei. Die Bruderschaft +seines ehemaligen Klosters zog nun zum größeren Teil mit ihrem Abte +Felix dahin um; an die Spitze der Zurückgebliebenen trat einer aus den +Brüdern, namens Vitalis. Da erfolgte die Verbannung aller Bischöfe, +auch des Fulgentius nach Sardinien. Er, der jüngste unter ihnen, deren +etwa sechzig waren, verfertigte die gemeinsamen Erlasse und besorgte +auch manche Privatkorrespondenz. Auch richtete er sich mit einigen +zusammen ein, sie hatten gemeinsamen Tisch, gemeinsamen Keller und +beteten und studierten gemeinsam. Ihr Haus galt für das Orakel der +Stadt Kalaris. Dann wird Fulgentius abgeordnet, um die Verhandlungen +mit König Thrasamund einzuleiten. Er verficht die katholische Sache +mit größter Entschlossenheit gegen König Thrasamund und den diesen +vertretenden Bischof Pinta. Die meisten seiner Schriften sind in +dieser Angelegenheit entstanden. Oft fuhr er bei ruhiger See zwischen +Sardinien und Afrika hin und her. Ja es folgten ihm immer mehr Mönche, +so daß er schließlich mit Erlaubnis des Bischofs Brumasius von +Kalaris neben der Saturninskirche auf einem ruhigen Platz aus eigenen +Mitteln wieder ein Kloster bauen konnte. Auch hier wurde eine strenge +Regel beobachtet. Die Brüder mußten sich je nach der Begabung mit +wissenschaftlichen Studien oder mit Handarbeit beschäftigen. Mit dem +Tode Thrasamunds erreichte die Verfolgung ihr Ende; Hilderich ließ +die verbannten Bischöfe zurückkehren. Bei der Landung in der Heimat +empfing die Menge die andern Bischöfe schweigend; als aber Fulgentius +ausstieg, brach der Jubel los. Man geleitete ihn zur Agileuskirche. +Die Kundgebungen steigerten sich auf der Heimreise von Karthago nach +Ruspe. Als Bischof schlug er nun aber seine Wohnung im Kloster auf, +nachdem er alle Maßregeln getroffen, daß dadurch die Befugnisse des +Abtes Felix in keiner Weise geschmälert würden. Vielmehr war dieser +in allen Angelegenheiten der Provinz Bizacena des Bischofs erster +Ratgeber. Die Geistlichkeit durfte unter Fulgentius kein zu großes +Gewicht auf das Aeußere legen oder längere Zeit in bürgerlicher +Kleidung gehen. Alle sollten sie nicht weit von der Kirche wohnen, +mit eigenen Händen ihren Garten pflegen und alle Sorgfalt darauf +verwenden, die Psalmen schön zu singen und vorzutragen. Er bestimmte, +daß in jeder Woche alle Geistlichen und Witwen und frommen Laien am +Mittwoch und Freitag zu fasten hätten; der Besuch der Vigilien, der +Morgen- und Abendgebete war für die ganze Gemeinde obligatorisch. +Wo Worte nichts ausrichteten, ließ er die Prügelstrafe in Anwendung +bringen. Sonst war er die Demut selbst. Er trat seinen berechtigten +Vorrang auf der Synode von sich aus an den Bischof ab, den er deshalb +verstimmt zu finden meinte. Etwa ein Jahr vor seinem Tode ergriff ihn +gelinde Schwermut. Er ließ alles liegen und zog sich auf die Insel +Cercina gegenüber Ruspe zurück, wo er auf der Klippe Chilmi bereits +ein Kloster hatte bauen lassen. Aber die Amtspflicht rief ihn doch +wieder zurück. Da verfiel er in eine siebzigtägige Krankheit, in der +er nur immer das eine wiederholte: »Herr, verleihe mir hier jetzt +Geduld, hernach Verzeihung.« Er blieb bis zum letzten Augenblick +beim Bewußtsein. Gestorben ist er am ersten Januar nach der Vesper, +in seinem fünfundzwanzigsten Amtsjahre, fünfundsechzig Jahre alt. Am +Todestage selbst konnte er nicht mehr beerdigt werden, er wurde in das +Oratorium des Klosters gebracht, wo jene Nacht die Mönche im Verein +mit den Geistlichen beim Gesange von Psalmen, Hymnen und geistlichen +Liedern durch wachten. Am andern Morgen wurde er in Gegenwart einer +ungeheuern Menge von Priestern nach der Sekundakirche getragen; dort +hatte er selbst Apostelreliquien bergen lassen und wurde nun daselbst +nach dem allgemeinen Willen als Erster beigesetzt; denn nach alter +Gewohnheit war dort nie begraben worden. Auch erhielt er ein Grabmal. +So, hoffte man, werde der Heilige den Betenden auch fernerhin örtlich +nahe sein. Dies sind die charakteristischen Züge dieses etwa um +530 verfaßten sympathischen Lebensbildes[064-1], wo gewissenhafte +Erkundigung und eine unbegrenzte Verehrung gemeinsam ein wertvolles +Ganzes hervorzubringen vermochten. + + +3. + +Das Fulgentiusleben wird indessen in seinen erfreulichen Eigenschaften +einer reinen Memorie noch übertroffen durch die Lebensbeschreibung des +Metropoliten Cäsarius von Arles. Sie besteht aus zwei Büchern und ist +das Werk Mehrerer. Wenige Jahre nach dem Tode des Prälaten regten seine +Schwester Cäsaria und alle Nonnen ihres Klosters dieses schriftliche +Denkmal an und betrauten mit der Ausführung diejenigen von Cäsarius’ +Jüngern, die ihm im Leben am nächsten gestanden hatten. Das erste Buch +schrieben seine Schüler, die Bischöfe Cyprian von Toulon, Firminus und +Viventius, das zweite der Presbyter Messianus und der Diakon Stephanus, +zwei seiner Diener, die von jung auf um ihn gewesen waren und aus +dem beständigen Umgang mit ihm ihre Kenntnisse schöpfen konnten. Das +erste Buch umfaßt das ganze Leben des Heiligen mit Ausschluß seines +Sterbens und erhält seinen Wert überdies in seiner anschaulichen +Schilderung der Belagerung von Arles durch die Franken. Das zweite Buch +wendet sich mehr den Wunderthaten des Lebenden wie des Toten zu und +schließt mit einer Darstellung von Tod und Begräbnis. Abgefaßt ist die +Schrift in den Jahren 541–549, während der Regierung des Childebert. +Den Hauptanteil am gesamten Unternehmen trägt Cyprian von Toulon. +Er war am ehesten befähigt, die kirchenpolitischen Begebenheiten im +Rahmen des Lebensbildes mit Verständnis aufzufassen; er nahm auch +an der Delegation teil, durch die sich Cäsarius auf dem Konzil von +Valence vertreten ließ. Seine beiden bischöflichen Genossen in der +Verfasserschaft, der eine Inhaber eines bekannten Sitzes, während das +Bistum des andern nicht zu ermitteln ist, hatten zweifelsohne früher +ebenfalls dem Klerus von Arles angehört, sprachen also aus eigener +Anschauung der geschilderten Verhältnisse, wenn sie auch zur Zeit, da +sie schrieben, sich auswärts befanden. Für das intime Detail waren +jedoch jene beiden andern, die Verfasser des zweiten Buches, die +gegebenen Berichterstatter, da sie in dienender Stellung den Bischof +in seinen alltäglichen Beschäftigungen immer umgaben. Messianus versah +im Gefolge des Cäsarius die Stelle eines Kanzlisten; er hatte seinen +Herrn auch auf seiner Reise nach Italien im Jahre 513 begleitet und +im Jahre darauf dem Papste Symmachus zusammen mit dem Abt Egydius +das Gesuch um die Vorrechte der Kirche von Arles überreicht. Da er +in seiner Stellung als Notarius bei Kirchenvisitationen dem Bischof +den Stab voranzutragen hatte, konnte er den wundertätigen Einfluß von +Cäsarius Persönlichkeit auf das Volk immer wieder aufs neue ermessen; +in den vier Wänden seiner Zelle dagegen beobachtete ihn der Diakon +Stephanus, der eben dort den Dienst versah. Für Episoden, die sich +fern von einem der Gewährsmänner abgespielt hatten, wußten sie einen +zuverläßigen Berichterstatter aufzutreiben: für die Flucht nach Lerinum +zum Beispiel den Diener, der ihn damals begleitet hatte. Außerdem haben +sie die Predigten des Cäsarius ausgiebig benützt und verwendet, sowie +die uns ebenfalls noch erhaltene Nonnenregel des Bischofs. Endlich +haben die fünf Verfasser nach dem Vorbild ihres Meisters einfach und +natürlich geschrieben, und so haben wir es mit einem Werke zu thun, +das als ganzes genommen alle seine gleichnamigen Genossen überholt; +denn die Einseitigkeit der andern Heiligenmemorien ist hier zu einem +guten Teil ausgeglichen durch die Mehrzahl selbständiger Verfasser, von +denen jeder wieder verschiedene Seiten am Gegenstande sah. So konnte +ein rundes und allgemeines Lebensbild erzielt werden, wie es sonst +bei der Befangenheit jeder zeitgenössischen Darstellung von ~einer~ +solchen nicht zu erhoffen war. In so früher Zeit dürfte überhaupt eine +Gestalt der Geschichte selten sein, an der sich aus lauter Quellen +ersten Ranges ein genügender Einblick in den Verlauf eines bedeutenden +Menschenlebens gewinnen läßt; bei Cäsarius von Arles aber ist es +entschieden der Fall und soll in der biographischen Lebensskizze in +Kürze geschehen[066-1]. + +Cäsarius wurde im Jahre 469/470 im burgundischen Reiche geboren. +Seine Eltern waren vom Adel. Auf ihrem Landsitz wuchs er heran und +suchte schon im Alter von sieben Jahren die armen Leute auf. Als +junger Mensch führte er eine Zeit lang ein standesgemäßes Leben +und versagte sich nichts. Dann erfaßte ihn plötzlich Eckel; ohne +seinen Eltern etwas zu sagen, begab er sich zu Bischof Sylvester von +Chalons und ließ sich von ihm scheeren und zum Diakon weihen. Dort +blieb er zwei Jahre bis er zwanzig war, wünschte dann aber sich im +geistlichen Leben noch auszubilden. Glücklich erreichte er mit einem +treuen Diener das Kloster Lerinum, obschon seine besorgte Mutter durch +besondere Sendlinge das möglichste gethan hatte, um seine Flucht zu +hintertreiben. Jene kleine und ebene Insel stand damals in der ganzen +Welt im Rufe strengen klösterlichen Lebens, und stets gingen künftige +Bischöfe aus den Reihen der Mönche hervor. Cäsarius nahm seine Gelübde +sehr ernst, so ernst, daß er oft an der Möglichkeit verzweifelte, +seine Fehler überhaupt noch abzulegen. Abt Porcarius jedoch wußte ihn +zu schätzen, und als er selbst sich zu alt fühlte, ließ er jenen vor +den Mönchen predigen; er bestallte ihn überdies zum Speisemeister. +In seinem frommen Eifer gab sich Cäsarius zuerst Illusionen über die +Vortrefflichkeit seiner Mitbrüder hin, allmählich aber gingen ihm die +Augen auf, daß es eben Menschen waren. Putzsucht, Schlemmerei und +andere eines Heiligen unwürdige Gelüste kamen ihm täglich vor, da er +in seiner Stellung als Verwalter derlei befriedigen sollte. Als er +nicht nachgab und allen diesen Zumutungen stand hielt, wurde seine +Lage unhaltbar. Man intriguierte gegen ihn; der greise Abt erlag +schließlich den Einflüsterungen der Gegner und desavouierte ihn. Mit +seiner Entsetzung vom Amte erkrankte Cäsarius auch noch fieberhaft; +sein Körper war durch übertriebene Bußübungen zu hart mitgenommen. Der +Abt, bange, der Bruder werde es nicht überstehen, wünschte ihn der +strengen Klosterzucht enthoben zu sehen und verfügte die Uebersiedelung +nach Arles in die Hände berühmter Aerzte. In Arles nahmen sich ein +hochgestellter Mann, Firminus, und dessen Gemahlin Gregoria des Kranken +an und sorgten auch später für die weitere Ausbildung durch einen +Rhetor Pomerius; denn in Dingen der Bildung ließ der Mönch noch zu +wünschen übrig. Aber diese Bemühungen verfingen nicht allzu sehr bei +Cäsarius: es war ihm an weltlicher Weisheit nicht eben viel gelegen, +wie er denn nicht, was man heißt, begabt war. Er verstand sich daher +auch nicht auf die blühende Redeweise der gallischen Rhetoren, sondern +drückte sich einfach und bescheiden aus. Der Bischof von Arles, bei +dem er durch seine Gönner eingeführt, und als aus Chalons gebürtig +vorgestellt wurde, freute sich, einen Landsmann zu treffen; er hatte +die Eltern wohl gekannt und bei näherer Bekanntschaft stellte sich +heraus, daß sie überhaupt noch entfernt verwandt waren. Auf Ansuchen +des Abtes von Lerinum nahm er die Priesterweihe an Cäsarius vor. Obwohl +dieser damit in den geistlichen Verband der Kirche von Arles überging, +befolgte er doch nach wie vor den Psalmenkanon und alle Regeln seines +Klosters. Als dann im Jahre 499 auf der Arles unterstellten Insel +die Klosterzucht nachließ und der Abt gestorben war, beauftragte der +Bischof seinen Verwandten mit der Reform. Cäsarius unterzog sich der +Aufgabe und wurde den kühnsten Erwartungen gerecht. Zu jener Zeit nun +begann Bischof Aeonius alt zu werden und hatte nur noch einen Gedanken, +nämlich bei Klerus, Bürgerschaft und beim Könige die Wahl seines +Vetters sicher zu stellen. So kam es, daß Cäsarius, der erst dreißig +Jahre alt, schon Abt geworden war, nun gar noch, kaum dreiunddreißig, +Primas von Gallien wurde. Diese außerordentliche Ehre war durchaus +nicht nach seinem Sinne; er suchte sich ihr gewaltsam zu entziehen, +indem er sich auf dem Kirchhof hinter den Grabsteinen verbarg. Alarich, +der König der Westgothen, dem Arles damals botmäßig war, hatte diese +Wahl bestätigt, obwohl der Gewählte ein Ausländer sei. Immerhin +wußte ihn einer der bischöflichen Kanzlisten namens Licinianus durch +Zwischenträger beim Könige zu verleumden; die Folge war Cäsarius’ +Verbannung nach Bordeaux im Jahre 505. Dort verbrachte er einen Winter +mit Ruricius, seinem bischöflichen Kollegen von Limoges, und errang +sich durch seine furchtlose Hilfeleistung bei einer Feuersbrunst die +rückhaltlose Verehrung der dortigen Bevölkerung. Unterdessen war zu +Hause seine Unschuld an den Tag gekommen; er durfte frei in seine +Stadt zurückkehren, und nur seiner Fürbitte hatte es der Verleumder +zu danken, daß er nicht um seinen Kopf kam. Am 11. Sept. 506 trat in +Agde das Konzil der katholischen Bischöfe des westgothischen Reiches +zusammen, 507 ein gleiches in Toulouse. Da Cäsarius als Metropolit die +Beschickung des Landeskonzils für jeden Bischof verbindlich erklärte, +ansonst die brüderliche Gemeinschaft suspendiert werden müßte, überwarf +er sich mit Rusticius von Limoges, der ihm grob erklärte, es sei ihm +doch noch lieber, wenn die Stadt des Bischofs wegen, und nicht der +Bischof der Stadt wegen bekannt sei. Kurz darauf mußte dann aber +der innerkirchliche Zwist vor den weltgeschichtlichen Ereignissen +verstummen, die nun eintrafen. Alarich war bei Veuillé von Chlodowech +geschlagen worden und gefallen. Die siegreichen Franken drangen bis in +die Provence vor und belagerten mit den verbündeten Burgundern Arles. +Wohl versammelte der ostgothische König Theodorich auf den 24. Juni +desselben Jahres 508 das Heer, das dann in der That die schwerbedrohte +Stadt entsetzen sollte. In der Zwischenzeit aber litt sie und nichts +kann uns mit größerer Verehrung vor ihrem jungen Erzbischof erfüllen, +als die Unerschrockenheit und die selbstlose Hingabe, mit denen er in +diesen Tagen höchster Not und Gefahr seine Pflicht that. Er hatte eben +im Südosten der Stadt ein Nonnenkloster bauen und es sich nicht nehmen +lassen, selbst mit Hand anzulegen. Nun mußte er es von der Stadt aus +mit eigenen Augen ansehen, wie die Franken und Burgunder, übrigens +entgegen dem Tagesbefehle Chlodowechs und trotz starker Sympathien +im burgundischen Heere, den Bau größtenteils wieder niederrissen und +Steine und Holz für ihre Sturmwälle benutzten. In Arles selbst wurde +er schwer verleumdet. Vor wenigen Jahren hatte er seiner burgundischen +Freundschaft wegen in die Verbannung gehen müssen, und nun waren in +mehr als einer Stadt die katholischen Bischöfe offen zu Verrätern +des westgothischen Vaterlandes geworden. Zum Unglück war auch ein +Chorherr des bischöflichen Kapitels, zudem ein Verwandter des Cäsarius, +aus Furcht vor der drohenden und in jenen Zeiten kaum erträglichen +Gefangenschaft nachts an einer Strickleiter über die Mauer hinunter zu +den Feinden übergelaufen. Es schien, als sei es um Cäsarius geschehen. +Das Volk wollte ihn in die Rhone werfen. Er wurde aufs strengste im +Palatium bewacht, sein Haus von Arianern bezogen. Am meisten hatten +die Juden gegen ihn gehetzt, weil er auf dem Konzil von Agde im Jahre +506 ein altes Verbot mit den Juden zu speisen von den Klerikern auf +alle Katholiken hatte ausdehnen lassen. Da wurde aber bei einem Ausfall +der Belagerten ein an einem Stein befestigter Brief gefunden, den +ein Areletenser Jude, als er den Wachtdienst versah, zu den Feinden +hinübergeschleudert hatte: er verriet die Mittel zur Einnahme der Stadt +mit der Erwartung, daß dann Freiheit und Besitz aller Juden in Arles +unangetastet bleibe. Die gothischen Machthaber ließen nun Cäsarius +frei und verhafteten die Juden. Auch rückte jetzt das ostgothische +Ersatzheer heran, und es siegte. Arles wurde dadurch mit Gefangenen +angefüllt, und Cäsarius übernahm die Fürsorge für diese Unglücklichen. +Dabei nahm er auf die heidnischen Franken und die arianischen Burgunder +genau die gleiche Rücksicht wie auf die gefangenen Katholiken. Aus +dem reichen Kirchenschatz schaffte er Nahrung und Kleider. Als dieses +Hilfsmittel erschöpft war, ließ er mit Axthieben die reichen silbernen +Verzierungen im Innern der Hauptkirche von den Säulenuntersätzen und +den Schranken abtrennen; ja schließlich schmolz er die heiligen Gefäße +ein, man denke sich unter welchem Widerspruch der Kleriker. Er hatte +darauf die schöne Antwort: »Möchten doch gewisse Herren Bischöfe und +sonstige Geistliche mir Rede stehen, die aus ich weiß nicht was für +einer Liebe zu überflüssigen Dingen nicht wollen, daß man fühlloses +Silber und Gold aus den Schatzkammern Christi für Knechte Christi +verwende, wenn sie selbst zufällig von einem solchen Unglück betroffen +wären, ob sie es dann auch für Tempelschändung erklären würden, wenn +ihnen jemand mit den gottgeweihten Gaben zu Hilfe käme? Ich glaube +nicht, daß es Gott mißfällt, Dinge, die zu seinem Dienst bestimmt +sind, zum Lösegeld zu verwenden, da er sich selbst für die Menschen +zum Lösegeld dahingab.« Im festen Gottvertrauen setzte der Bischof +sich und seine nächsten Angehörigen dem Mangel aus, um den Gefangenen +zu helfen. Sein Verwalter erklärte, wenn die Gefangenen auch nur +einen Tag weiter unterstützt würden wie bisher, könne er morgen kein +Brot beschaffen für den Tisch des Bischofs; warum man denn nicht die +Gefangenen einfach in den Gassen betteln lasse. Der Bischof zog sich in +seine Zelle zurück und kehrte dann mit wunderbarer Zuversicht wieder. +Er lachte den Verwalter wegen seines Unglaubens aus und sagte zu seinem +Sekretär Messianus: »Wir wollen heute alles verbacken und morgen wenn +es sein muß fasten. Das steht uns immer noch besser an, als Leute aus +guter Familie zum Betteln zu zwingen.« Einem Anwesenden aber flüsterte +er ins Ohr: »Morgen wird Gott geben, wer den Armen giebt, leidet nicht +Mangel.« Der nächste Tag graute: da kamen drei große Getreideschiffe +die Rhone herunter; König und Kronprinz von Burgund sandten sie, um +Cäsarius in seiner Liebesthätigkeit zu unterstützen, um so mehr als +sie wußten, wie viel davon ihren gefangenen Unterthanen zu Gute kam. +Auch als Prediger stellte Cäsarius in diesen Schreckenstagen seinen +ganzen Mann: »Ja, einen bitteren Rauschtrank kredenzt die Welt ihren +Liebhabern. Zu euch spricht jetzt die rauhe Wirklichkeit, ihr Liebhaber +der Welt: ›Wo ist das was ihr so hoch hieltet und nicht fahren lassen +wolltet?‹«[069-1]. + +Dem Kriege folgte eine so große Sterblichkeit, daß die noch Lebendigen +kaum ausreichten, die Toten zu begraben. Die Umgegend war verwüstet, +ganze Provinzen deportiert, besonders schrecklich war das Los der +Frauen: vornehme Damen waren zu Mägden geworden. Um so mehr mußte +für Cäsarius darin eine Aufforderung liegen, seine Gründung eines +Nonnenklosters wieder aufzunehmen. Seine Schwester Cäsaria hatte er +nach Marseille in das Frauenstift des Cassianus gesandt, damit sie +dort das Leben nach der Regel erlerne. Darauf war sie einem neuen +Hause neben der Kirche von Sankt Stephan vorgesetzt gewesen, während +zwei oder drei Gefährtinnen bereits Einzelzellen bezogen hatten, bis +endlich am 26. August 512 das Kloster eingeweiht wurde. Die Zahl der +Nonnen stieg im Lauf der Jahre auf zweihundert. Im folgenden Jahre +wurde Cäsarius vor den Ostgothenkönig Theodorich geladen und unter +militärischer Eskorte nach Ravenna abgeführt. Die Gründe der Anklage +sind unbekannt und mögen mit dem Klosterbau zusammenhangen. Jedenfalls +wußte Cäsarius auch diese Verdächtigung durch die bloße Darlegung +des Sachverhalts zu entkräften, und Theodorich sah sich bewogen, +den Bischof noch ausdrücklich durch ein kostbares Ehrengeschenk +auszuzeichnen. Cäsarius verkaufte die silberne Platte und löste mit dem +Gelde Gefangene aus; er veranlaßte durch dieses sein Beispiel überdies +reichliche Liebesgaben großer Herren, durch die der Loskauf fast aller +in Italien noch gefangenen Burgunder möglich wurde. Uebrigens scheint +Cäsarius von Theodorich nicht nur als Kirchenmann, sondern auch als +politischer Vertreter der Stadt Arles zur Rechenschaft gezogen worden +zu sein. Von Ravenna reiste er nach Rom und wurde von Papst Symmachus +sowie dem römischen Adel sehr ehrenvoll aufgenommen. Es galt am +apostolischen Stuhl einige fragwürdige Angelegenheiten zu erledigen. +Zunächst hatte Cäsarius, um das Geld zum Klosterbau aufzutreiben, +arelatensischen Kirchenbesitz veräußert und damit ein schlechtes +Beispiel gegeben, das nicht ermangelte, befolgt zu werden. Im Kloster +selbst trat bald der Uebelstand zu Tage, daß die Nonnen, ob sie +wollten oder nicht, von Freiern zur Heirat entführt wurden. Cäsarius +bestand überdies auf dem noch von seinem Vorgänger gehandhabten Recht, +eine durch Klerus und Bürgerschaft zu Stande gekommene Bischofswahl +als Metropolit zu bestätigen und wollte weltliche Würdenträger zum +geistlichen und gar zum bischöflichen Stande nicht zulassen, ohne +über Jahre zurück ihren Leumund in Erwägung zu ziehen. Außerdem war +dieses ein Jahrhundert alte Privilegium des Stuhles von Arles auf +den Primat von ganz Gallien nun durch die diplomatischen Künste +des Avitus von Vienne sehr ins Schwanken geraten. Trotz dieser +mannigfaltigen und vielfach zweifelhaften Umstände erzielte Cäsarius +mit seiner Anwesenheit am päpstlichen Hofe einen vollen Erfolg, und +schon ein Jahr darauf sah der Erzbischof von Arles seine Rechte eines +apostolischen Vikars nicht nur über Gallien, sondern auch über Spanien +ausgedehnt. In Rom hatte Cäsarius auch starke liturgische Eindrücke +in sich aufgenommen und traf sofort Anstalten, den römischen Ritus +in Gallien einzubürgern. Namentlich aber brachte er ein Vermögen von +achttausend Goldstücken als Fonds für den Rückkauf der Gefangenen mit +nach Hause; er organisierte eine ganze Beamtenschaft aus Aebten und +Klerikern, um die Armen zu befreien, und begab sich selbst in dieser +Angelegenheit nach Carcassone. Papst Hormisdas, der 514 Symmachus +nachfolgte, sicherte dem Kloster von Arles den Schutz des heiligen +Stuhles zu und legitimierte, wenn auch nicht ohne Zögern die im Grund +unrechtmäßigen Vergabungen, die vom Kirchengut an das Frauenstift +geschlagen worden waren. Im April 515 fand das von Cäsarius einberufene +zweite Konzil von Arles statt, an dem siebzehn Bischöfe teilnahmen, +dessen Beschlüsse uns jedoch unbekannt geblieben sind. Auch das +Weihfest der Marienkirche im Jahre 524 gestaltete sich zu einer Synode, +ebenso vier Jahre später die Kircheneinweihung von Orange; dort +bekämpfte Cäsarius den Semipelagianismus des Erzbischofs von Vienne. +Auf dem Konzil des Jahres 529 brachte er dagegen die liturgische +Bewegung in Fluß; es handelte sich darum, die italienische Praxis in +folgenden Punkten zu befolgen: ob alle Pfarrer jüngere ledige Lektoren +bei sich haben und mit ihnen die Psalmen, Vorlesestücke und heilige +Schrift studieren sollten, um sich so ihren Nachfolger heranzuziehen, +ob das Kyrie eleison und in allen Messen das dreimalige Sanktus zu +sprechen sei und ob nach jedem Schluß hinter dem »Gloria« nicht ein +»Wie es war im Anfang« zu folgen habe, um die arianische Irrlehre Lügen +zu strafen. Bis jetzt hatten Presbyter und Diakone nur das Evangelium +lesen dürfen; nun sollte ihnen auch das Predigen erlaubt werden und +zwar nicht nur denen in der Stadt, sondern auch denen auf dem Lande. +Für sie hatte nun Cäsarius ein Vademecum verfaßt, ein Handbüchlein, +mit Predigten, die an Festen und Feiertagen hergesagt werden konnten. +Auch wurde beschlossen, der Name des regierenden Papstes sei in den +Dorfkirchen der Provinz von Arles zu nennen. Auf dem Konzil von +Marseille vom Jahre 533 mußte der Bischof von Rei wegen Ehebruch und +Diebstahl, deren er geständig war, seines Amtes entsetzt werden; auf +Cäsarius Veranlassung waren die strengsten Maßregeln ergriffen worden, +den Fehlbaren unschädlich und, was er veruntreut hatte, wieder gut zu +machen. Papst Johannes billigte sein Vorgehen; leider aber lieh sein +Nachfolger Agapet dem Bösewicht Contumeliosus Gehör, und obwohl auch +die von ihm eingesetzte Revisionskommission die ersten Verfügungen im +Ganzen bestätigte, mußte sich Cäsarius die päpstliche Ungnade in sehr +fühlbarer Form gefallen lassen. Als Arles dann in fränkischen Besitz +überging, 536, war Cäsarius bereits ein alternder Mann. Noch hatte +er bei König Theudebert sich einer Botschaft des Papstes Vigilius zu +entledigen, am 6. Mai 538, und wirkte in allgemeinen Kirchenfragen noch +mit seinem bewährten Rate mit. Doch hat er an keinem fränkischen Konzil +teilgenommen, er war zu leidend und fiel oft in Ohnmacht. Als er seinen +Tod herannahen fühlte, ließ er sich in das Nonnenkloster hinübertragen, +um sie zu trösten, nahm Abschied von den Schwestern und kehrte nach +der Stephanskirche zurück. Vierzig Jahre lang hatte er der Kirche von +Arles vorgestanden und dreißig waren vergangen, seit er das Kloster +gegründet hatte. Am Morgen nach dessen Weihetag ist er gestorben, den +27. August 542. An der Trauer um ihn ließ sich erkennen, wie er geliebt +war. Sogar die Juden, die ihn einst verleumdet hatten, schlossen sich +dem Leichenzuge an. Begraben ist er in der Marienkirche neben der +Schwester, die ihm im Tode vorangegangen war. + +In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings +die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges +ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch +den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar +wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die +Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur +vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich +überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet, +gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer +Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte +Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch +beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie +selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne +äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem +Wege umschreibt. + + * * * * * + +Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen +Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden, +die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger, +sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben +des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus +unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402, +während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß +des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus +gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche +Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert +zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der +Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger +Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den +Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient +als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem +Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in +die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten +Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle +Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten: +Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen +gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf +einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und +anderer Dinge mehr[073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen +zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier +entwickelten Sinne nicht die Rede sein. + +Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich +römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen, +die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung +kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre +Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht +an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer +verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll, +von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof +Bonifacius von Ferent[073-a], der seinen Leuten die verhagelte +Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom +verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt, +sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen, +den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu +Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben +Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt! + + + + +Zweiter Abschnitt. + +Die Forschung. + + +Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes, +war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die +junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm +und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen +weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den +Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung +beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter +Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen +Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der +Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter +diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch +einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen +entzogen und ganze Gruppen beschrieben. + +Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen +Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur +vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft +gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den +Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen +egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um +dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer +solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein, +als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je +mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke +abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir +haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht +im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem +natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin +steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften +das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie +zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt +uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie +und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer +Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im +folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie +nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß +jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter +getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken +vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist +und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns +höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen +sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen +Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom +Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle +Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus. + +Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch +merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz +vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische +Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen. +Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften +Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik +hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten +römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So +überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer +Saturninspassion[075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat +des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer +Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte +Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹ +entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte +zu erkennen gibt[075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den +Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion[075-c], +wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche +verzeichnet werden[075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte +Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte[075-e]. +Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist +auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und +Ferruciuspassion[075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn +Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus, +Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus, +Albinus[075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das +Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten +Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von +Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum +festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen. + + + + +Viertes Kapitel. + +Die panegyrische Heiligenforschung des Venantius Fortunatus. + + +Das über die persönliche Erinnerung hinaus verlängerte Andenken an +Heilige im alten Frankreich nimmt seinen Ausgang bei Martin von Tours. +Wie er den ihn schildernden Schüler überwältigte, so geht von ihm auch +die Kraft aus, die in jener Zeit gelehrte Bemühungen um die Heiligen +ins Leben zu rufen vermochte. Seine Heldengestalt mußte indes weit mehr +zu dichterischem Lobpreis, als zu kritischer Betrachtung auffordern. +Und so wurde nun, um von den zahlreichen alten Martinshymnen hier zu +schweigen, auch die erste biographische Darstellung von Martins Leben, +an die man sich nach Sever wagte, in Versen unternommen. Von ihrem +Verfasser, Paulinus von Perigueux, wissen wir nur das Todesjahr 475. +Zu seinem Heldengedicht bediente er sich der Quellen, die er vorfand, +nämlich der Martinsschriften des Severus[075-h]. Er gesteht selber, +weiter nichts zu thun, als die ihm vorliegende Prosa rythmisch zu +erweichen; zu den Quellen könne nicht jeder dringen, und so müsse man +denn bei ihm mit abgeleitetem Wasser vorlieb nehmen, dem es an Frische +fehle. Auch entbehrt es des Interesses nicht, daß Paulinus aus Severs +Vorlage nicht ein einheitliches Lebensbild zusammenschweißt, sondern +die doppelspurige Behandlung des Severus beibehielt. In drei ersten +Gesängen schöpft er die Vita aus, in einem vierten den zweiten Teil +des ersten Dialogs, in einem fünften den zweiten Dialog. Das meiste, +was Sever bietet, benützt er und überspringt nur wenig. Das sechste +und letzte Buch zieht dann eine neue Quelle hervor, nämlich die dem +Verfasser durch Bischof Perpetuus von Tours zur Verfügung gestellte +Liste von sechzehn Wundern, die am Grabe des Heiligen nach seinem Tode +geschehen waren. + +War mit Paulinus von Perigueux Martin einem Poeten in die Hände +gefallen, der nach eigenem Geständnis keiner war, so hatte er mit +seinem nächsten Biographen scheinbar mehr Glück, insofern Venantius +Fortunatus für den letzten römischen Dichter gilt[076-1]. Aber auch +dieser befolgt das Rezept des Paulinus, und gibt im ersten und zweiten +Gesang die verblümte Vita, im dritten und vierten eine Paraphrase der +Dialogen[076-2]. Er behandelt den Gegenstand fabrikmäßig, von seiner +poetischen Begabung ist nicht viel zu spüren, finden sich doch unter +den zweitausend zweihundert und dreiundvierzig Versen kaum fünfzig +gute[076-3]. Wie Paulinus hat er sich zum Martinsgedicht des einfachen +Hexameters bedient, während er sonst über gewähltere Maße verfügte. Er +deutet auch an, daß er in Paulins Spuren wandelt. + + Reich an Talent, an Ahnen, an Glauben und Herz hat Paulinus + Martins Satzung in Versen erzählt, des heiligen Lehrers. + Aber nun ich, bin ich würdig genug das selige Leben + Auch zu berühren mit zitternder Hand und mit stammelnder Zunge? + +Sowohl das Martinswerk des Paulinus als das des Venantius Fortunatus +kommen daher als poetische Leistung kaum, als ernst zu nehmende +Lebensschilderungen gar nicht in Betracht. Die gelehrten Verdienste +Fortunats um die Heiligen liegen anderswo. + + +1. + +Fortunat verfaßte sechs Heiligenleben in Prosa. Da sie für das Volk +berechnet waren, sah er von dem höfischen Stil ab, mit dem für +uns erfreulichen Resultat, daß diese Traktate in einer einfachen, +natürlichen Sprache gehalten sind, während sonst gerade seine Prosa +nicht auszustehen ist. Zuerst beschäftigt uns sein Leben des Hilarius +von Poitiers. Es ist wichtig als der erste bedeutendere Vertreter +einer Prosavita, die nicht auf persönliche Erinnerung zurückgeht, +also nicht Memorie ist. Sprang schon bei seinem Martinsgedicht der +enge Anschluß an Sever in die Augen, so ist er bei näherem Zusehen +hier in nicht geringerem Maße vorhanden. Nun hat Sever allerdings +keine Hilariusgeschichte hinterlassen, aber in seiner Chronik doch +mehrere biographische Daten untergebracht und im Martinsleben dessen +Beziehungen zu Martin kurz erwähnt; alle diese Stellen finden sich +in Fortunats Hilariusleben gewissenhaft übernommen und der Anklang +sogar bis auf einzelne Ausdrücke nicht vermieden. Die Angaben des +Hieronymus über Hilarius hat Fortunat nicht benützt, obwohl er +in der Vorrede Hilarius und Hieronymus nebeneinanderstellt; und +auch anderswoher seine Kenntnisse über Hilarius Lebensgang nicht +bereichert: er steht also mit diesem Werk so sehr im Bann des Sulpitius +Severus, als das bei dessen spärlichen Angaben über Hilarius möglich +war. Aber auch aus einem andern Grunde war sein Hilariusleben das +Seitenstück zu Severs Martinsleben: Hilarius von Poitiers nahm +zu dem größeren Nachbarheiligen von Tours für die Empfindung der +Nachwelt gewissermassen eine sekundierende Stellung ein: war Martin +Reichsheiliger, so war Hilarius dasselbe im zweiten Gliede; der +Martinsmission unter den Alamannen trat eine Hilariusmission an die +Seite; den Martinskirchen folgten Hilariuskirchen. Für die Abfassung +der Hilariusvita steht das Jahrzehnt 565 bis 575 zur Verfügung; in der +Vorrede zum Albinsleben sagt Fortunat allerdings, er habe in dieser +Litteraturgattung, eben der Heiligenschriften, noch keine Uebung; das +schließt die Priorität der Hilariusvita nicht unbedingt aus, denn da +der Adressat der Albinsvita Bischof Domitian von Angers 569 starb, +bleiben vier Jahre, in denen die beiden Schriften jede der andern den +Vortritt hatte lassen können. Daß dagegen das Hilariusleben es mit +einem längst Verstorbenen zu thun hat, dessen Grab bereits wieder auf +eine Geschichte zurückblicken kann, giebt sich auch schon in seinem +Anhang kund, in den Virtutes, die in der Hilariusbasilika von Poitiers +sich ereignet haben: ein so loser Anhang immerhin, daß es sich um +ein eigenes Büchlein handelt, mit eigener Widmung und dem sechsten +nicht mehr dem vierten Jahrhundert zum Gegenstande. Das älteste der +erzählten Wunder greift in die Zeit Chlodowechs zurück: der König hatte +vor der Schlacht bei Poitiers die Nacht im Hilariusmünster bis zum +Tagesanbruch zugebracht, bis er das feste Bewußtsein besaß, der Heilige +werde sein mächtiger Mitkämpfer sein. Diese »Hilariuswunderthaten« +sind vielleicht das früheste selbständige Beispiel dieser zweiten Art +hagiographischer Schriftstellerei, die sich nicht mit dem lebenden, +sondern mit dem toten Heiligen beschäftigt. Gewidmet sind beide +Schriften dem Pascentius, Bischof von Poitiers, der im Hilariuskult +von Kindesbeinen an erzogen war, dann Priester der Hilariuskirche von +Paris und schließlich auf König Chariberts Befehl nach dem Tode des +Pientius Bischof der Hilariusstadt wurde. Auf desselben Königs Geheiß +und Drängen verfaßte Fortunat dann auch die beiden Schriften. + +Das Hilariusleben blieb jedoch Fortunats einziger Versuch, eine +Gestalt der fernen Vergangenheit zu schildern. Die fünf andern +Heiligen, die er beschrieb, sind mehr oder weniger seine Zeitgenossen: +vier fränkische Bischöfe und die heilige Radegunde. Von dieser muß +ausführlich die Rede sein. An den Bischofsleben dagegen mag nur eben +das Charakteristische hervorgehoben werden. Mit Germanus von Paris +stand Fortunat in persönlichem Umgang; für die Vita, die er ihm widmet, +ist davon leider wenig genug abgefallen. Der Eindruck, den ein Mann +wie Germanus Auge in Auge doch gewiß ausübte, kommt um alles Recht. +Einen treffenden Zug über den Heiligen erfahren wir von Fortunat nicht +hier, sondern im Leben der Radegunde, daß nämlich Germanus die in der +Fastenzeit an die Armen auszuteilenden Kuchen eigenhändig buk[078-a]. +Dafür strotzt das Germanusleben von Wundern, nicht nur von solchen, +die der Heilige selbst gewirkt hat, sondern auch von übernatürlichen +Vorfällen, mit denen der Volksglaube zu allen Zeiten eine ihm genehme +Heiligengestalt umrahmt hat. Die Geburt wird in unerquicklicher +Weise wundersam verbrämt[078-b]. Als Muster des damaligen Geschmacks +in diesen Dingen ist die Episode hier anzuführen: Germanus hatte +rechtschaffene und angesehene Eltern. Seine Mutter schämte sich in +weiblicher Scheu, schon wieder ein Kind zu bekommen, da sie eben erst +eines gehabt hatte. Sie beschloß die Frucht abzutreiben, so lange es +noch Zeit sei und nahm den üblichen Trank, um das Verbrechen wider das +keimende Leben einzuleiten. Darauf erhob sich nun ein Streit zwischen +der Mutter und dem ungeborenen Kinde; dieses wünschte durchaus das +Licht der Welt zu erblicken und überwand die abtötende Wirkung der +Medizin. Das war gewissermaßen des Heiligen erstes Wunder, durchaus +geeignet, die künftige Kraft des Heiligen anzudeuten. Uebrigens knüpft +dieser sprechende Zug vielleicht doch an die Wirklichkeit an, und zeigt +dann, was damals eine sonst anständige Frau ohne Anstoß zu erregen sich +erlauben durfte. + +Die übrigen drei von ihm beschriebenen Heiligen hat Fortunat nicht +selber gekannt. Im Kloster Tincallense, wo Bischof Albin erzogen +worden war, wurde Fortunat von dessen Nachfolger aufgefordert, die +Stadt Angers zu besuchen. Nach Mitteilungen eines Ungenannten fertigte +Fortunat sein Büchlein an: »Damit dieses Heiligenleben zur Erbauung +des Volkes schwarz auf weiß aufbehalten werden könne«, und widmete +es eben jenem Domitian, Bischof von Angers. Auf Geheiß des Germanus +von Paris verfaßte Fortunat sodann das Leben von dessen Vorgänger +Marcellus. Akten dieses Heiligen waren vorhanden gewesen, aber verloren +gegangen; die mündliche Ueberlieferung über ihn war aber noch sehr +lebendig. Paternus endlich, der Bischof von Avrenches, der noch auf +dem dritten Konzil vom Jahre 556 anwesend war, wurde von Fortunat dem +Abt Martianus zuliebe geschildert, dessen Kloster wahrscheinlich eine +Stiftung des Heiligen war. + +So dürftig indessen diese Heiligen-Lebensbilder für ein nur +menschliches Interesse ausgefallen sind, mangeln ihnen wertvolle +Beiträge zur Zeitgeschichte nicht ganz. Diese zeigen uns den +bekanntlich sehr kirchenfreundlichen König Childebert im Verkehr mit +hervorragenden Prälaten. Als Albin nach Paris kam, um nach seiner +Erwählung zum Bischof von Angers im Jahre 529 die übliche Aufwartung +bei Hofe zu machen, Childebert dagegen in der Frühe auf die Jagd +geritten war, suchte der König, da dem geistlichen Herrn das Gehen +sauer war, diesen persönlich auf[079-a]. Dem Paternus von Avrenches +schickte er seine schließbare Reisekutsche zum Besuch bei Hofe und gab +ihm für Armensachen einen unbeschränkten Kredit[079-b]. Dem Germanus +stellte er nach dessen Wahl nach Paris sechstausend Goldstücke zur +Verfügung; Germanus brauchte nur dreitausend: für die ganze Summe +gebe es nicht Arme genug[079-c]. Als ihm aber der König ein Leibpferd +schenkte mit dem ausdrücklichen Wunsche, der Bischof möge es nun ja zum +eigenen Gebrauche verwenden, löste Germanus einen Gefangenen, der ihn +um die Freiheit bat, damit aus, weil für den Priester des Armen Stimme +mehr gelte als des Königs Stimme. + + +2. + +Von Fortunats fünf zeitgenössischen Lebensbildern ist also das der +Königin Radegunde weitaus das bedeutendste. Auch es steht in mehr +als einer Hinsicht unter dem Einfluß von Severs Martinsleben. Als +Radegunde eine junge Klosterschwester erweckte, die für tot galt, in +ihrer eigenen Zelle, ohne Zuschauer, nach siebenstündiger Behandlung, +erinnert Fortunat an das erlauchte Vorbild: _more beati Martini tempore +praesenti antiqui norma miraculi_[079-d]. Aber das ganze Bild der +frommen Frau steht in Martins Bann. Wie einst Martin seinem Burschen +Dienste leistete, die dieser ihm erweisen sollte, so reinigte auch +die Fürstin das Schuhwerk ihrer Schwestern. Zwei Stunden brachte +Martin allein bei einem entseelten Klosterbruder zu und Radegunde +zwei Stunden am Bett einer kranken Schwester. Sicher haben wir es +hier nicht mit einer schriftstellerischen Abhängigkeit Fortunats von +Sever zu thun, wohl aber deuten solche Stellen auf die Abhängigkeit +Radegundens von Martin hin, dessen Gestalt in Severs Darstellung der +Nachwelt erhalten war. Doch stellt sich selbst eine litterarische +Parallele zwischen Sever und Fortunat ein. Auch Fortunat wird dem Stoff +in seiner Vita nicht Meister: aus seinen Gedichten ersehen wir, daß er +von Radegunde sehr viel mehr und sehr viel Charakteristisches weiß, +was er in der Beschreibung nicht unterbringt. »Je mehr wir der Kürze +wegen auslassen müssen, eine desto größere Sünde ist es«, sagt auch +er. Und in der That, was hätte er noch alles erzählen können! In einem +seiner Gedichte wird uns in ergreifender Weise ein Einblick in ihr +menschliches Empfinden gewährt! Auch in vielen kleinen Zügen, die in +Fortunats Gedichten zerstreut sind, zeigt sich uns das unvergleichliche +Frauenwesen von Mutter Radegunde, wie sie sich nennen ließ. Sie +besteckt zu Ostern den Altar der Klosterkirche mit Blumen, erfreut +ihren Dichterfreund mit allerhand Aufmerksamkeiten, Pflaumen, Eiern, +frischer Milch und nimmt von ihm Veilchen, Blumen oder ein Körbchen +mit zahmen Kastanien an. Auch im Kloster zeichnet sie sich aus durch +ihren Eifer in der Kochkunst und durch ihr Geschick, Rahm zu Sahne zu +schlagen. Daneben liest sie fleißig Kirchenväter. Von diesen anmutigen +und intimen Einzelheiten enthält die Darstellung nichts. Ebenso +verschweigt sie den Namen der Adoptivtochter und Aebtissin Agnes und +Radegundens näheren Umgang mit ihr. Die Chronologie ist vernachlässigt. +An Fortunats wichtigstem Heiligenleben äußern sich somit in allen +wichtigen Punkten bei doch ganz andern Umständen ähnliche Bedingungen +der Konzeption und Ausführung, wie wir sie bei Sever an dessen +Behandlung Martins beobachtet haben: es ist das Unvermögen der +Memorie, bei allzugroßer Liebe zum Stoff diesen schriftstellerisch zu +bemeistern. Aber trotz alledem, welch ein Stoff! + +Das zarte Königskind Radegunde von Thüringen[080-1] war die edelste +Beute der Franken nach der Schlacht an der Unstrut im Jahre 531. Die +königlichen Brüder stritten sich um das in seiner Jugend, seiner +Trauer, seiner Schüchternheit unbeschreiblich schöne Mädchen, auf +dessen Kinderjahren schon die ganze Bitterkeit eines wehrlosen +Waisenstandes gelastet hatte. Im Kampfe der Fürsten fiel sie dem rohen +Chlotar zu. Er brachte sie auf seinen Meierhof Athies bei St. Quentin, +um sie dort zu seiner Gemahlin erziehen zu lassen. Und da schenkte ihr +nun also die Gefangenschaft und die Fremde, was ihr mehr werden sollte, +als Heimat und Familienglück und irdische Liebe: das Christentum. +Ueber die zum Glauben nötige Unterweisung hinaus lernte sie lateinisch +und las Kirchenväter und die damals noch jungen lateinischen Hymnen. +Neben ihrem frommen Gemüt fiel sie durch ihr kluges Wesen und durch +ihre Liebe zu Kindern auf. Nichts wünschte sie mehr, als einst für +ihren Glauben das Leben lassen zu dürfen. Sie sammelte die arme Jugend +von der Gasse um sich, wusch die Kinder, gab ihnen zu essen; ja ein +Geistlicher mußte ein hölzernes Kreuz vorantragen und sie zog hinter +ihm mit der Schar der Kleinen Psalmen singend zur Kirche. Dort fegte +sie den Boden mit ihrem Kleide und wischte mit ihrem Taschentuch den +Altar vom Staube frei. Der drohenden Heirat mit dem König suchte sie +sich vergeblich durch heimliche Flucht zu entziehen. Die Verlobung +erfolgte auf dem königlichen Sommersitz zu Vitry, die Krönung zur +Königin in Soissons, 540. Das unvermeidliche Los suchte sie nach bestem +Vermögen auszugleichen. Die Hochzeit mit dem irdischen Fürsten trennte +sie nicht von dem himmlischen; an Christus war ihr mehr gelegen als +an ihrem Gemahl. Als sie einst zu einer vornehmen Frau ritt und an +der Straße einen Götzentempel bemerkte, der den heidnischen Franken +sehr hoch stand, hielt sie an und befahl den Dienern Feuer einzulegen. +Alsobald großer Tumult, bloße Schwerter, Knüttel und Zetergeschrei: +Radegunde saß unbeweglich im Sattel, bis das teuflische Heiligtum in +Asche lag; das besänftigte die Menge. Von allen Einkünften, über die +sie verfügte, gab sie den Zehnten der Kirche als regelmäßige Steuer; +aber auch den Rest brauchte sie meistens im Dienst der Wohlthätigkeit. +Reich beschenkte sie die Klöster; sogar die Einsiedler, die sich +gänzlich zurückzogen, wußte ihre Gabe zu erreichen. Fürstin von +Geblüt und Ehe wurde sie die Magd der Armen. In Athies errichtete +sie ein Spital für bedürftige Leute, übernahm selber die Leitung und +behielt sich persönlich die Pflege der abschreckendsten Krankheiten +vor, die letzten Stadien der Entzündungen und stinkende Geschwüre +wie den Krebs. An der Hoftafel lebte sie von Bohnen und Linsen. Sie +unterbrach die Mahlzeit und eilte hinaus, entweder um in der Kirche +am Horengesang teilzunehmen oder um sich zu erkundigen, ob und was +jetzt die Armen zu essen bekämen. Sie konnte auch, einmal in der +Kirche, die Essenszeit überhaupt vergessen. Sie griff zu Listen, um +sich den Ansprüchen ihres Gemahls zu entziehen und stahl sich eines +Nachts, eine Anwandlung leiblicher Notdurft vorschützend, aus dem +Schlafzimmer, in Wahrheit zu keinem andern Zweck, als um im leichten +Nachtgewande drunten in der kalten Schloßkapelle Bußübungen obzuliegen; +dabei erkältete sie sich und vermochte weder am Kamin noch im Bette +mehr warm zu werden. Aergerlich meinte der Gemahl, was übrigens längst +die Höflinge zischelten, das sei ja gar keine Königin, das sei eine +Nonne. So war es. In der Fastenzeit trug sie ein härenes Hemd unter +dem Seidenkleid. Jede Abwesenheit des Königs benützte sie, um alles, +was sie in ihrer Stellung an geistlichen Uebungen sich versagen mußte, +nachzuholen. Jeder Priester, der bei Hofe erschien, erfuhr ihre Huld: +er mochte bei Schnee, Kot oder Staub gekommen sein, ~sie~ wollte +seine Füße waschen und trocknen, ~sie~ ihm den Becher kredenzen. So +lange der geistliche Gast blieb, überließ sie die Hofgeschäfte ihren +Vertrauten und widmete sich ausschließlich ihm. Erfreute sie gar der +Bischof mit seinem Besuch, so war sie in einem Entzücken und immer +traurig, wenn er dankerfüllt Abschied nahm. Zierte ein kostbares +Linnen mit Schmuck von Gold und Edelsteinen ihr Schultern oder Haupt +und ihre Dienerinnen priesen den Anzug, schickte sie sofort das Tuch +als Altardecke in die nächste Kirche. Nie bemühte sie sich eifriger +ihren Einfluß auf den König geltend zu machen, als wenn ein Verbrecher +zum Tode verurteilt war; da bot sie ihren ganzen Liebreiz und alle +Freunde auf, um die Begnadigung durchzusetzen. Dieses Leben hätte sie +wohl in Demut weiter geführt, wäre nicht das Schreckliche geschehen, +das alle Bande ehelichen Gehorsams in ihr zerriß. Neben ihr war ihr +Bruder aufgewachsen; nun aber groß geworden, wollte er seinen Vetter +Amalfried in Byzanz aufsuchen, und im Osten ebenfalls sein Glück +machen. Radegunde bewog mit den zärtlichsten Bitten diesen letzten und +liebsten Menschen aus der Heimat, sie doch nicht zu verlassen. Der +Prinz blieb. Offenbar schien er nicht ungefährlich; er wurde ermordet. +Nicht einmal in seinen letzten Zügen konnte die Schwester ihn sehen, +nicht einmal dem Begräbnis konnte sie beiwohnen. Nun hielt sie aber +auch nichts mehr von dem Schritt zurück, zu dem ihr ganzes Wesen sie +antrieb. Unter einem Vorwande begab sie sich, 557, nach Noyon, dem +Sitz des Bischofs Medard. Sie traf ihn in der Kathedrale, wo er eben +Messe las; inständig bat sie ihn sogleich um die Weihe, da sie der Welt +entsagen wolle. Medard, selbst ein Heiliger, hatte nicht den Mut, der +Gattin des Königs den Schleier zu reichen; er setzte ihr in Erinnerung +an die Vorschrift des Apostels auseinander, sie sei gebunden und dürfe +die Ehe nicht lösen wollen. Er versuchte alles, ihre Einkleidung zu +verhindern. Er war durch die Drohungen der Edelleute in Radegundens +Gefolge eingeschüchtert. Die Hofleute waren von der Erklärung der +Herrin aufs äußerste überrascht: der Bischof habe keinerlei Recht, die +Königin geistlich zu machen, denn sie sei nicht eine beliebige Person, +sondern gewissermaßen ein staatliches Versatzstück. Sie vermochten +nicht an sich zu halten: vom Altar weg rissen sie den Bischof und +zerrten ihn durch die Kirche. Unterdessen schlüpfte Radegunde in die +Sakristei und daselbst in ein bereitgehaltenes Nonnenkleid, kehrte in +die Kirche zurück, trat aufs neue vor den Bischof und machte ihm so +deutliche Vorstellungen über seine Amtspflichten, redete ihm so scharf +ins Gewissen, beschwor ihn so eindringlich bei dem höchsten Hirten, +sie nicht durch seine Menschenfurcht zum verlorenen Schaf zu machen, +daß er erschrocken nachgab. Er legte die Hand ihr auf das Haupt und +weihte sie. Da nahm die fürstliche Nonne den goldenen Gürtel, der noch +eben ihren Leib umfaßt hatte, brach ihn entzwei, warf die Stücke unter +die Armen, nahm ihr Königsgewand, breitete es auf den Altar und legte +ihre Juwelen darauf. Dann wallfahrtete sie nach Tours und Candes, an +die Erinnerungsstätten des heiligen Martin und beschenkte mit ihrem +Vermögen größtenteils Klöster und Bistümer. Vorerst ließ sie sich nun +auf ihrer Besitzung Saix, zwischen Tours und Poitiers, nieder. Damals +träumte ihr, sie sehe ein riesiges Roß, das die Gestalt eines Menschen +habe, und auf allen Gliedern und Körperteilen säßen Leute, sie selber +aber auf den Knieen des Uebermenschen und eine Stimme sprach zu ihr: +Jetzt sitzest du noch auf dem Knie, bald wirst du an meiner Brust +Platz finden. Aber noch war sie nicht in Sicherheit; es verlautete, +Chlothar sei über ihre Flucht vom heftigsten Schmerz erfüllt und habe +erklärt, er wolle nicht mehr leben, wenn er sie nicht wieder zum Weibe +haben könne. In ihrer Herzensangst legte Radegunde sich noch härtere +Bußübungen auf, als die, denen sie sich bisher schon unterzogen, und +flehte Tag und Nacht zum Himmel um Schutz vor dem Gatten: lieber +sterben, als wieder sein werden! Das letzte Stück ihres Schatzes einen +reich verzierten goldenen Becher schickte sie in dieser Seelennot durch +einen ihrer Vertrauten an einen frommen Einsiedler und bat ihn um seine +Fürbitte, um Rat und um ein gröberes Bußgewand. Der Einsiedler ließ +ihr zum Troste sagen, allerdings sei es des Königs Wille, sie wieder +zum Weibe zu nehmen, aber Gott werde es nicht zulassen. Später als +Radegunde nach Poitiers übergesiedelt war, kam Chlothar von seinem +Sohn Sigibert begleitet, nach Tours, angeblich um dort sein Gebet +zu verrichten, in Wahrheit, um Radegunde zu entführen. Diese hörte +von der Gefahr und schrieb sofort an Bischof Germanus von Paris, der +sich im Gefolge des Königs befand. Der wußte sich nicht anders zu +helfen, als er fiel vor Chlothar nieder und bat ihn, Poitiers nicht +zu betreten. Da endlich ging auch diesem schlechten und ausgeschämten +Menschen eine Ahnung heiligen Lebens auf, gegen das er machtlos sei. Er +warf sich seinerseits dem Bischof zu Füßen, sandte ihn nach Poitiers, +um von ihr Verzeihung für alles zu erflehen, was er durch schlechte +Ratgeber verleitet, gegen sie gesündigt habe. Er erhielt Verzeihung. +Aber gesehen hat er die Heilige nie mehr. Unterdessen schritt der Bau +ihres Frauenklosters rüstig vorwärts. Unter den Thoren von Poitiers +führte sie, vom Bischof und vom Herzog der Stadt unterstützt, im Laufe +mehrerer Jahre ein mächtiges Gebäude auf, das gleich einer Festung, von +Mauern und Thürmen umgeben, im Notfall auch einer Belagerung trotzen +konnte. Alle die reichen Besitzungen, die sie zum Brautschatze und +zur Morgengabe von ihrem Gemahl empfangen hatte, übertrug sie mit +dessen Zustimmung ihrer neuen Stiftung, nur das ausgenommen, was sie +bereits einem Mönchskloster in Tours vermacht hatte. Endlich konnte +das Nonnenstift eingeweiht werden. Feierlich zog Radegunde mit den +Jungfrauen ein. Kopf an Kopf stand die Menge auf den Straßen von +Poitiers, alle Dächer waren von Neugierigen oder Andächtigen besetzt. +Radegunde hat das Kloster zeit ihres Lebens nie mehr verlassen. Sie +blieb die Seele der Gemeinschaft, aber wollte nicht deren Haupt sein, +sondern ernannte zur Aebtissin ein junges Mädchen namens Agnes, das +sie von Kindesbeinen an ganz in ihrer Denkweise erzogen hatte. Jeder +Ehrenstellung im Kloster wußte sich die Stifterin zu entziehen. Nach +Agnes wurde Dedimia Aebtissin, der Küche stand Felicitas vor und +Partnerin war Erdegunde. Aller fremden Verpflichtungen frei konnte +Radegunde nun endlich ein christliches Leben, wie sie es verstand, +führen, still, dienstfertig, gottgeweiht, deutsche Frau im wälschen +Lande. Sie vergaß, daß sie Gattin, daß sie Königin gewesen war; sie +versammelte die Schwestern um sich und sprach zu ihnen: »Euch habe ich +zu meinen Töchtern auserlesen, ihr seid meine Lichtsterne, ihr mein +Leben, ihr meine Ruhe und mein ganzes Glück, ihr meine neue Pflanzung. +Laßt uns nun das Leben im Diesseits so gestalten, daß wir uns einst im +Jenseits seiner aufs neue freuen dürfen. Laßt uns mit ganzer Zuversicht +und mit der vollen Hingabe unserer Herzen dem Herrn dienen. Laßt uns +ihn suchen in Ehrfurcht und Einfalt, damit wir vertrauensvoll ihm +sagen können: Schenk uns, o Herr, nach deiner Verheißung, denn wir +thaten nach deinem Befehl.« Für die Erfüllung ihrer Forderungen ging +sie dann selber mit einem Beispiel voran, in dem ihr Niemand folgen +konnte: nicht nur, daß sie im Beten, im Psalmensingen, im Lesen und +Auslegen der heiligen Schrift die erste und die letzte war, sie war +von einer unerhörten Strenge und Unbarmherzigkeit gegen ihre Person. +Seit der Einsegnung lebte sie nur noch vegetabilisch, aß aber auch +Aepfel nicht und trank keine geistigen Getränke. Sie verschärfte dann +im Kloster ihre Entsagung zu der strengen Lebensweise einer Klausnerin, +aß nur Sonntags Brot, sonst ausschließlich Kräuterwurzeln und wilden +Kohl, in rohem Zustande ohne Oel und Salz, und erlaubte sich nur zwei +Gläser Wasser täglich. Ihr Lager bestand aus einer Streu von Asche, +über die eine grobe härene Decke gebreitet war. Sie mutete sich alle +Arbeit der Dienstboten zu. Wo sie etwas schmutzig sah, putzte sie und +scheuerte sie. Gerade weil sie von hoher Geburt war, adelte sie in +ihren Augen niedrige Dienstleistung desto mehr. Sie trug Holz herbei +auf ihren Armen, schürte die Glut im Herde mit Balg und Feuerzange, zog +das Wasser aus dem Sodbrunnen selber heraus und verteilte es in die +Gefäße. Dann schabte sie Rüben und wusch das Gemüse, überwachte die +brodelnden Speisen in den Pfannen, hob die Kessel ab und zu, reinigte +das Geschirr, sobald die Tafel aufgehoben war, und fegte dann die Küche +rein, bis alles glänzte. Schliefen die Schwestern, dann wichste sie +ihnen die Stiefel und stellte sie jeder einzelnen wieder vor das Bett, +ja die abstoßendsten Geschäfte einer Haushaltung nahm sie für sich in +Anspruch. Dabei erschöpfte sie sich gelegentlich bis zur Ohnmacht; +doch auch, wenn sie auf den Boden hinfiel, nahm sie nie Schaden. Das +war allerdings in ihrer Dienstwoche. Außerhalb dieser beschäftigte sie +sich mit Krankenpflege und kannte darin ebenfalls keine Grenzen. Jeden +Dienstag und Samstag empfing sie Arme und Kranke in dem Badehause des +Klosters und badete, reinigte und kleidete sie eigenhändig; als sich +einmal eine Wärterin die Bemerkung erlaubte, wenn Radegunde immerfort +aussätzige Weiber umarme, werde sie bald niemand mehr küssen wollen, +gab sie zur Antwort: »Das ist ja allerdings sehr schade, wenn du mich +nicht mehr küssen wirst«. Sie war unermüdlich die Kranken zu besuchen +oder die heilsamen Säfte abzukochen und kehrte stets nüchtern in ihre +Zelle zurück. Trotz all dieser harten Arbeit ergab sie sich noch den +schonungslosesten Kasteiungen. In der Fastenzeit spannte sie ihren Hals +und ihre Arme in drei breite Eisenringe und schnürte den bloßen Leib +in ebensoviel Ketten ein, bis er blutete und sie fast zusammenbrach. +Ja sie zwickte sich mit glühenden Eisen, um den brünstigen Geist zu +Paaren zu treiben. Einer so heiligen und bescheidenen Frau konnte die +Wundergabe nicht versagt sein. Bella, die Gattin eines hochgestellten +Mannes namens Gislaad und eine Nonne suchten und fanden Heilung von +ihrem Augenübel bei Radegunde. Ein Mädchen Namens Fraifledis in Saix, +eine Leubilia und zwei Ungenannte, wovon die eine eines Sattlers +Frau, wurden durch ihre Hilfe teuflische Besessenheit los. Dabei +ging der böse Geist einmal durch den Unterleib und das andre Mal +durch das Ohr ab. An innern Krankheiten heilte sie einen Fall von +Quartanfieber; ferner wurde ein kränkliches Mädchen, namens Goda, +das überdies durch das viele Doktern medizinsiech geworden war, in +Radegundens Behandlung gesund, ehe noch die Votivkerze von der Länge +seines Körpers heruntergebrannt war; desgleichen heilte sie die Nonne +Animia von der Wassersucht und den Steuerverwalter Domolenus von seinem +Rachenleiden. Ein ihr ergebener Schiffer, in Lebensgefahr, stillte den +Seesturm, indem er ihren Namen ausrief. Absinthusblätter, die sie auf +der Brust getragen hatte, wurden ein wirksames Augenpflaster, und ein +sterbendes Waisenkind kam auf ihrem Schoße, durch die Berührung mit +ihrer Kutte, zu sich. Im Kreise der Schwestern war sie gewissermaßen +Virtuosin im Wundertun: die Aebtissin benutzte die ihr untergebene +Fürstin förmlich zu Vorstellungen, indem sie einmal, scherzweise, bei +Strafe der Exkommunikation den Termin von dreien Tagen zur Heilung +einer Verrückten stellte, das andere Mal die Wiederbelebung eines +beim Versetzen verdörrten Lorbeerbaumes unter Androhung des Entzugs +der Speise gebieterisch forderte. Alle diese wunderbaren Kräfte +bezog Radegunde aus einer anderen Welt, wie sie ja bereits mit ihrem +ganzen Wesen vorzeitig im Himmel lebte. Als einmal eine der Nonnen, +die Dichterin war, zu Radegunde kam und ihr erfreut mitteilte, zwei +oder drei ihrer Lieder seien Volkslieder geworden und würden vor der +Klostermauer vom tanzenden Volk zum Saitenspiel gesungen, erkannte +Radegunde die Begabung an, die ihr gänzlich abgehe, den Sinn für +weltliches Leben mit der Hingabe an Gott zu vereinigen, jedoch nicht +ohne beizufügen: »Ich habe weiß Gott kein Ohr mehr für weltliche +Gesänge«. + +Kaum drang noch hie und da ein Notschrei von den Bürgerkriegen in ihre +heilige Stille hinein. Dann schickte sie vielleicht ein mahnendes +Wort zum Frieden an die hadernden Könige und Großen, deren Gattin und +Mutter sie einst gewesen war. Tag für Tag aber betete sie mit den +Nonnen für das Leben ihres früheren Gemahls und ihrer Stiefsöhne. Die +Insassen des Klosters, deren Zahl schließlich bis auf zweihundert +stieg, waren meistens vornehmer Abkunft. Nicht alle nahmen es ernst mit +ihrem Stande. Uebrigens war die Klosterzucht für sie nicht übertrieben +streng und nach der Regel des Nonnenklosters von Arles eingerichtet, +die indes nur die Morgenstunden von sechs bis acht Uhr dem Studium der +heiligen Schrift vorbehielt und Brettspiel und geistlichen Herrenbesuch +erlaubte. Radegunde selbst liebte es, bedeutende Männer an der Tafel +zu bewirten. Der liebste war ihr Venantius Fortunatus. Ein Priester +aus der Gegend von Treviso, machte er im Jahre 565 eines Gelübdes +halber eine Wallfahrt nach Tours. Er suchte Verkehr in jedem vornehmen +gallischen Hause, mochte es Bischofssitz oder Schloß sein, und vergalt +die Gastfreundschaft, die er überall genoß, durch seine tadellosen +Gelegenheitsgedichte. Zwischen der Fürstin deutschen Blutes und ihm, +dem graziösen Südländer, schlang sich ein Band reiner und herzlicher +Gefühle. Radegunde verwöhnte ihn mit allerlei angenehmen kleinen +Dingen, für die sie an ihm eine Schwäche entdeckt hatte, setzte ihm +heute Creme vor und briet ihm morgen einen fetten Hahn, oder der Tisch +war mit besonders schönen Blumen besetzt, wenn Fortunat der Gast war. +Umgekehrt verfaßte er für Radegunde Briefe und Gedichte, und es ist +ihm gelungen, das Vertrauen, das sie ihm schenkte, künstlerisch zu +bewältigen. Sein schönstes Gedicht, betitelt »Thüringens Untergang« +hat ihm die erlauchte Freundin so sehr inspirirt, daß sie redend +darin auftritt. Sie hat als Kind ihren Vetter Amalfried geliebt, +den Stammhalter des Geschlechtes, den einzigen Sohn des letzten +thüringischen Königs. Er war von seiner Mutter, einer ostgothischen +Prinzessin, nach Italien gerettet worden und dann in den Hofdienst +von Byzanz eingetreten. Man spürt es wohl, daß dieser verbannte +Germanenfürst fern im Osten im Herzen der fränkischen Königin heimlich +weiterlebte. An ihn muß Fortunat in ihrem Namen sein Gedicht richten, +die schöne und tieftraurige Erinnerung an die gemeinsame Jugend, mit +der brennenden Burg der Ahnen im Hintergrund. Ein späteres Gedicht +an den selben galt dem Toten. In dieser dichterischen Vermittlung +Fortunats fließt uns Frauenliebe in einer unübertroffenen Tiefe und +Innigkeit zu. + +Am 13. August 587 ist Radegunde gestorben. Ihr Andenken schien denen, +die sie gekannt hatten, mit dem Lebensbilde Fortunats, so lobenswert +es sei, doch nicht genügend gesichert zu sein. Deshalb gelangten die +Aebtissin und alle Schwestern an eine Schriftstellerin in ihrer Mitte, +namens Baudonivia, sie möchte doch das Leben Radegundens, das sie aus +persönlichem Umgang genau kannte, nochmals beschreiben. Sie entsprach +der Bitte in den ersten Jahren des siebenten Jahrhunderts, also etwa +ein halbes Menschenalter, nachdem die Heilige die Augen geschlossen +hatte. Die Schreiberin spricht die Absicht aus, Fortunats Mitteilungen +zu ergänzen, da er selber gestehe, nicht vollständig zu sein. Sie +giebt daher ihre Arbeit auch äußerlich in diesem Zusammenhang, als +ein zweites Buch des Radegundenlebens; es verhält sich zu Fortunats +Werk, wie Severs Dialoge zum Martinsleben oder das zweite Buch des +Cäsariuslebens zum ersten. Inhaltlich ist diese neue Vita durch +manche anschauliche intime und bezeichnende Züge der fortunatischen +ebenbürtig; der schriftliche Niederschlag eines starken persönlichen +Eindrucks, die litterarische Befreiung von einem übermächtigen Bann. +»Wiewohl ihre Predigten noch vorgelesen werden«, sagt die Schreiberin, +»so fehlt doch der süße Laut ihrer Stimme; denn welch ein Gesicht, +welche Gestalt sie hatte, wer vermöchte es auszudrücken: Qual ist +es, daran zu denken. Ihr Wandel war heilig, und süß und rein war ihr +Anblick.« Schriftstellerisch jedoch bleibt die Darstellung nicht +auf der Höhe. Die Klosterfrau schreibt ein sehr schlechtes Latein +voller Anakoluthe und barbarischer Ausdrücke und verproviantiert sich +stilistisch überdies wacker aus den Viten ihres Partners. So sehen wir +denn zum Lobe der heiligen Radegunde den zierlichen Pegasus des letzten +römischen Dichters einträchtig ins Joch gespannt mit dem schwerfälligen +Ackergaul der fränkischen Mönchssprache. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours. + + +Fortunat hat sich in seinen Heiligenleben nicht viel von der Memorie +entfernt und sich dabei meist auf Gebieten bewegt, wo man ohne +ein großes Wissen bei einigem Darstellungsgeschick wohl auskommen +konnte. Er schrieb überhaupt auch diese Stücke, wie seine Gedichte, +gelegentlich, aus Liebenswürdigkeit, der richtige Italiener. Die +Gründlichkeit, deren es bedarf, um eine neue Gattung ins Leben zu +rufen, mangelte ihm. Aber die ersten Ansätze zur außermartinischen, auf +Forschung, nicht auf bloßer Erinnerung beruhenden Prosavita finden sich +eben doch bei ihm. Er ist damit der Vorläufer eines Größeren geworden, +der sich in seiner Bescheidenheit selber nur wie ein Nachtreter +Fortunats vorkam. + +An Gregor von Tours überrascht uns nun mit einem Schlage die ganz +andere Art des Interesses an den Heiligen. Es ist, um es gleich bei +dem wesentlichsten Merkmal zu fassen, das Interesse des geborenen +Gelehrten. Der Stoff schwillt ins Unbegrenzte: statt eines halben +Dutzend, das persönliche Bekanntschaft oder andere private Beziehungen +vermittelten, drängen sich nun aus den gesammelten Pergamenten und +eingezogenen Erkundigungen hunderte von neuen Personen und Thatsachen +ans Licht. Das individualisierende Element tritt vor dem statistischen +in den Hintergrund. Wißbegier und Sammeleifer decimieren die keineswegs +fehlende Anekdotenpsychologie. + + +1. + +Vor allem aber kommt nun endlich zu seinem Rechte, was wir bis +jetzt immer wieder vermißten: die chronologische Auffassung der +Heiligenfigur. Betrachten wir nun die spärlichen Mitteilungen, die +Gregor über Sever hinaus zu Martins Lebensgeschichte beibringt, +ganz abgesehen davon, daß Gregor gelegentlich geradezu versucht, +Martins Tod zum Ausgangspunkt einer eigenen nationalfränkischen +Zeitrechnung zu machen[088-a], wobei er sich allerdings durch den +Ansatz 445 um nahezu fünfzig Jahre versieht. Er, der Bischof des +fränkischen Centralheiligtums, widmet seinem heiligen Vorgänger auf +dem Stuhl von Tours im ersten Buche seiner Geschichte der Franken +zunächst folgende vier Daten[088-b]: 1) Geburt Martins im elften +Jahre Constantins, 2) Ankunft Martins in Gallien um das zwanzigste +Jahr Constantins _II_, 3) Bischof von Tours im achten Jahre des +Valens und Valentinian, 4) Martins Tod im zweiten Jahre des Arkadius +und Honorius. Nun ist allerdings das zweite Datum von vornherein +unbrauchbar, da Konstantin _II_ nur vier Jahre regierte; mit seinem +zwanzigsten Regierungsjahre ist jedenfalls das Jahr 355 gemeint. Aber +abgesehen von der Unrichtigkeit dieser Daten war es im Prinzip ein +Fortschritt, für Martins Leben überhaupt einen chronologischen Ansatz +zu versuchen, zumal bereits zweihundert Jahre verstrichen waren und +niemals ein solcher Versuch gemacht worden war. Hand in Hand damit +geht die bis auf den Tag sich erstreckende genaue Bestimmung der +Regierungszeit als Bischof: sechsundzwanzig Jahre vier Monate und +siebzehn Tage, gemäß Gregors Berechnungen aus den durch den Kultus +bestimmten Martinstagen vom elften November und vierten Juli; überdies +beziffert Gregor Martins Lebensalter auf einundachtzig Jahre. Neben +diesen chronologischen Anstrengungen verrät sich Gregor von Tours auch +durch andere gelegentliche Beiträge zur Martinsgeschichte als geborenen +Historiker, so durch seinen Abriß einer Geschichte des Bistums Tours +vor und nach Martin, ferner durch seine allgemeinen Mitteilungen über +die Christianisierung mit den urkundlichen Belegen bischöflicher +Briefe, über Martinsreliquiendienst, worüber uns sonst nichts bekannt +wäre, da der von Gregor citierte Brief des Paulinus uns verloren ist +und schließlich durch die einigermaßen mildere Darstellung von Martins +Nachfolger Briccius, aus dessen wirklichem Verhältnis zu Martin wir +jedoch auch jetzt so wenig klug werden, als aus der Ursache seiner Wahl +zum Bischof. Er gibt außerdem einen knappen Auszug der Angaben Severs +und betrachtet im übrigen ein Martinsleben nach Sever nichts weniger +mehr als für ein Bedürfnis. Seine dürftigen Notizen über Martin, +gelegentlich eingestreut, verleihen aber auch so dem Bilde Martins +nach Sever den zeitgeschichtlichen Rückgrat, den ihm jener sonst +vortreffliche Schilderer nicht gab und nicht geben konnte. + +Gregors große und angeborene Liebe zu gelehrten Studien hat ihm +möglich gemacht, neben seinen ausgedehnten und gewissenhaft erfüllten +Amtspflichten eine ganze Reihe von Schriften abzufassen[089-1]. +Seine Thätigkeit als Schriftsteller erstreckt sich über die zwanzig +Jahre von 574–593. Das erste war ein Buch über die am Martinsgrabe +geschehenen Wunder. Allem Anschein nach hatte dieser Beginn von +Gregors litterarischem Schaffen eine amtliche Veranlassung. Im fünften +Jahrhundert wurde im bischöflichen Kapitel von Tours ein Register +geführt, das die am heiligen Grabe geschehenen Wunder verzeichnete. +Wir sahen, daß zur Zeit des Bischofs Perpetuus diese Liste sechszehn +Nummern aufwies, die Paulinus von Perigueux zum sechsten Buche seines +Martinsgedichtes verarbeitet hat. Es lag somit für Gregor nahe, +seinerseits solch einen Wunderkatalog anzulegen. Schwerlich hat er +selbst jedoch jenen alten Index vorgefunden, sonst hätte er wohl +kaum seine Zusammenstellung Paulins poetischer Paraphrase entnommen, +sondern die Quelle selbst zu Worte kommen lassen. Dieses erste Buch +der Martinswunder umfaßte vierzig Nummern. Es folgte bald darauf ein +zweites mit fünfzig; vor dem dritten, das dann deren sechzig zählte, +fügte er jedoch ein Buch über die Julianswunder in Brioude ein, +gab um dieselbe Zeit eine Uebersetzung der Siebenschläfer aus dem +Syrischen, vor 587, und ebenso in dem Jahre 586/587 die Schrift vom +Ruhm der Märtyrer; war er damit bereits halbwegs auf das Gebiet der +Biographie übergegangen, so begann er nun mit einzelnen Heiligenleben +und schilderte zunächst, seit 587, Emilianus und Bärchen, Senoch, +Venantius und Monegunde; dicht daran schließt sich die Schrift vom +Ruhm der Bekenner ohne den Prolog, noch im Jahr 587. Im Jahre 591 läßt +die Abfassung des Nicetiuslebens und im Jahre 592 die Abfassung des +Leobarduslebens ungefähr erkennen, worauf er dann die unterdessen im +Martinsgrabe geschehenen Wunder in einem vierten und letzten Buche +der Martinsthaten zusammenfaßt, 591/593. Nun legt er auch die letzte +Hand an die Väterleben und schließt sie zu der so betitelten Sammlung +zusammen, 593. Dann schrieb er noch die Andreaswunder und, falls sie +von ihm sind, die Thomaswunder. Nicht ansetzen lassen sich der uns +verlorene Psalmenkommentar und die merkwürdige Abhandlung über den Lauf +der Sterne. Die letzten Erzeugnisse seiner Feder sind der Prolog zu den +»Bekennern« und das zehnte Buch seiner Geschichte der Franken, die, das +läßt sich schließen, ihn neben seinen Heiligenschriften her unablässig +beschäftigt hat. Er konnte die letzte Feile nicht ansetzen, und so +liegt das Buch uns gewissermaßen unfertig vor, obschon es zu einem +dem Abschluß sehr nahen Grade der Ausführung gediehen ist. Das große +Geschichtswerk steht jedoch in keinem Gegensatz zu den Heiligenbüchern. +Es ist durchaus von demselben Geiste durchzogen; das gibt ihm erst +seinen Stil, daß es auf Schritt und Tritt seine Gläubigkeit nicht +verhehlt. Nur moderne Engherzigkeit kann darin einen Fehler sehen; +eher wäre zu bedauern, daß der Verfasser sich nicht noch enger an die +Legende angeschlossen hat. Es ist ansprechend, aber nicht durchaus +geboten, die Entstehung des Werkes auf drei Hauptwürfe zu verteilen, +und so die erste Hauptmasse bis in die Mitte des fünften Buches um +577, die zweite bis gegen das Ende des achten um 584/585 und den Rest +um 590/591 geschrieben sein zu lassen. Unter der Obhut der beiden +hohen Vorgänger auf dem Gebiet christlicher Chronologie Hieronymus +und Eusebius beginnt Gregor erst schematisch dürr und nähert sich +dann mit immer reicherer Mitteilung seiner eigenen Zeit, wo die Fülle +der Nachrichten schließlich eine bis zum Stillstand des zeitlichen +Fortschritts sich ausdehnende Breite annimmt. Die vier ersten Bücher +bilden einen Hintergrund; es besteht eine Entfernung zwischen ihnen und +dem Autor, die er durch mehrfache Rekapitulationen und nachträgliche +Berechnungen auszugleichen strebt. Vom fünften Buche an redet er als +Augenzeuge und, mehr als das, als thätiger Teilnehmer, der bei der +Entwicklung der Dinge sein Wort mitgesprochen und die Geschichte, die +er nun beschrieb, in aller Schüchternheit ein bischen mit hatte machen +helfen. Und nun fesselt er seine Leser in hohem Grade und hält sie in +beständiger Spannung. Dasselbe gilt von den Heiligenschriften, sobald +es der Leser fertig bringt, die dumpfe Atmosphäre, die Gregor hier mit +seiner Zeit teilt, mitzuatmen. Oft unterbrochen und eine Arbeit an die +andere tauschend, hat Gregor seinem ganzen Schriftstellerwerke, der +Geschichte der Franken und den »Acht Büchern Wunder«, wie er seine +Heiligentraktate in ihrer Gesamtheit überschrieb, einen einheitlichen +Geist und Stempel ausgeprägt. Im ganzen ist es eben dieser Geist, um +dessentwillen wir uns mit Gregor als unserem wertvollsten Gewährsmanne +beschäftigen. + +Gregor war, wiewohl Hirt, nicht aufgeklärter als die Herde: er glaubte +mit dem Volk und wünschte nicht mehr, als in allen Punkten dessen +Inbrunst im Glauben und in der Verehrung zu teilen. Er betrieb das +Studium der meist rohen, bäurischen Volksmenge, die das von ihm +gehütete Heiligtum umdrängte, somit ja nicht etwa als kritischer +Beobachter, sondern als deren gläubiges Organ. Vielleicht hat er +sich auch von einem praktischen Interesse leiten lassen und schuf, +um zur Erbauung und Bildung der zahlreichen Pilger beizutragen, eine +Art Wallfahrtslitteratur. Jedenfalls schrieb er ausschließlich für +erbauliche Zwecke: es schien ihm als Diener der katholischen Kirche +geradezu geboten, »die geschichtliche Begebenheit, die zur kirchlichen +Erbauung das ihre beitragen könne, kurz und einfach aufzusetzen, +damit die Wunderkraft des Heiligen bekannter und so dessen Verehrung +gefördert werde«[091-a]. Daß er ein barbarisches Latein schrieb, das +auch das klare Bewußtsein von der eigenen Verwilderung nicht mehr zu +säubern im Stande war, hat er selber offen eingestanden[091-b]; die +Sprache, die bei einem Schriftsteller von Bedeutung immer dessen Wesen +spiegelt, setzt sich bei ihm in der That aus Einflüssen der Itala und +des gallischen Schönschreibers Apollinaris Sidonius zusammen [091-1]; +aber so sehr er schriftstellerisch hoffnungsloser Epigone war, empfand +er eben gerade im Hinblick auf das klassische Altertum seinen Beruf +eines christlichen Schriftstellers als dem Gehalt nach wertvoller +und fruchtbringender: »Unsere Pflicht ist es«, schreibt er[092-a], +»das zu schildern und zu sagen, was zur Erbauung der Kirche des Herrn +beiträgt und durch heilige Belehrung die ohnmächtigen Geister zur +Kenntnis des vollkommenen Glaubens befähigt. Hier handelt es sich +nicht darum, trügerische Fabeln zu erzählen oder die gottfeindliche +Weisheit der Philosophen zu befolgen, womit man leicht des Herrn Urteil +herausfordern und dem ewigen Tode verfallen könnte. Wenn ich von den +Wundern der Heiligen zu berichten willens bin, so wünsche ich wirklich +nicht in diesem Netz und Garn mich zu verfangen. Nicht Saturns Flucht, +nicht Junos Zorn, nicht Jupiters Ehebruch, nicht Neptuns Meineid, +nicht des Aeolus Herrschaft, nicht der Aeneiden Kriege sollen hier zur +Sprache kommen, das alles ist ein Bau auf Sand gebaut und dem Einsturz +nahe, wofür wir nur Verachtung haben.« Immerhin steht Gregor dann +doch nicht an, den durch Taubenflug geleiteten Helden Hillidius mit +dem römischen Konsul Marcus Valerius zu rechtfertigen, der sich des +Beistandes eines Raben erfreute[092-b]. + +Die hagiographische Forschung Gregors verteilt sich auf ein doppeltes +Interesse: einmal gewissermaßen auf eine Besuchsstatistik begangener +Wallfahrtsorte, namentlich der beiden berühmtesten des Frankenlandes, +des Martinsgrabes in Tours, seinem Bischofssitze, und des Juliansgrabes +bei Clermont, seiner Vaterstadt; sodann auf die Lebensgeschichte der +Heiligen, aber in der summarischen Verkürzung des Einzelnen, wie es +eine kompendiarische Sammlung mit sich bringt. Diese beiden Interessen +erscheinen in Gregors Schriften mit Uebergewicht bald des einen bald +des andern gemischt. Jedenfalls aber stellt sein Material eine Summe +von Gelehrsamkeit dar, die eine Vergleichung mit Kenntnissen, wie sie +etwa Fortunats Viten voraussetzen, nicht zuläßt. Diese Gelehrsamkeit +hat sich Gregor auf die gewissenhafteste Weise erworben. Betrifft +sie Länder, die er nicht selbst besucht hatte, vor allem den Orient, +so hat er sich fleißig nach Lektüre umgethan. Für die Geographie +des Orients, namentlich die Topographie des Jordans und des toten +Meeres, ist seine Hauptquelle die Schrift des Theodosius »Das heilige +Land«. Ueber die in den Jahren 536–552 unternommene katholische +Mission unter den in Palästina noch ansäßigen Juden berichtet er nach +Evagrius Scholastikus, während er sich für die christliche Urzeit an +Pseudomelito, Rufin, Johannes von Antiochien, Prudentius, Abdias, +Modestus oder die apokryphen Akten hält. Daneben verwendet er, was er +von lebenden Zeugnissen nur habhaft werden kann, nimmt die von Pilgern +heimgebrachten Merkwürdigkeiten in Augenschein und verhört einen +auf dem Taufplatz Christi getauften und geheilten Aussätzigen aus +Gallien sowie andere Aussätzige, die im Jordan oder in den Wassern von +Livia gesund geworden waren[093-a]. Das kostbare Vorlesepult in der +Cypriansbasilika von Karthago beschreibt er als eine Sehenswürdigkeit +auf Grund genauer Nachrichten ausführlich[093-b]. Stand dagegen ein +Gebiet in Frage, das ihm selber zugänglich war, so unterließ er nicht, +an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen: wenn er vor dem heiligen +Grabhügel sein Gebet verrichtet hat, sieht er sich die Inschriften +an und fragt den Wächter aus[093-c]. Offenbar hatte Gregors ganze +Umgebung und nicht zum mindesten seine Verwandtschaft die Augen auf +ihn gerichtet, voller Hoffnung, er werde der Geschichtsschreiber des +nationalen und kirchlichen Lebens im jungen fränkischen Reiche werden. +»Ich habe«, sagt er[093-d], »keine litterarischen Studien getrieben und +mich keineswegs an gelehrter Lektüre der Weltlitteratur ausgebildet; +aber ich gehorche dem beständigen Zuspruch des Vaters Avitus, Bischofs +von Auvergne, der mich ermahnte, kirchliche Werke zu schreiben. Wenn +auch die Dinge, die ich in seinen Predigten hörte oder die er mich zu +lesen veranlaßte, mein Urteil nicht zu bilden vermochten, da ich ja +nun einmal nicht zu beobachten verstehe, so ist er es doch gewesen, +der mich erst in Davids Psalmen, dann in die Worte des Evangeliums, +sowie in die Apostelgeschichte und in die Briefe einführte, und er +brachte mir die Erkenntnis Jesu Christi bei.« Einst nahm ihn sein Onkel +Bischof Nicetius von Lyon in die dortige Heliuskrypta mit, und Gregor +erzählt[093-e]: »Als ich mein Gebet gesprochen hatte, sah ich mir voll +Bewunderung das Grabmal an, überdachte, was ich von den Verdiensten des +Heiligen wußte, da fiel mir an der Wand eine Inschrift auf, und nun zog +ich mündlich über die dort enthaltene Meldung noch nähere Erkundigungen +ein.« Ueber die Art, wie er zaghaft unter der Menge stehend und ihre +Befangenheit teilend, sich fast wider seinen Willen entschließt, unter +den Augenzeugen eines Wunders nun als deren Schriftsteller aufzutreten, +belehrt uns vielleicht das erste Blatt, das er überhaupt beschrieben +hat, auf das rührendste. Er sagt[093-f]: »Ich rufe den allmächtigen +Gott zum Zeugen an, daß ich jüngst im Traume mitten in der Basilika des +Herrn Martinus viele Sieche und mit den verschiedensten Krankheiten +Behaftete gesund werden sah. Neben mir stand meine Mutter und sagte +zu mir: ›Was zauderst du, das aufzuschreiben, was du hier siehst?‹ +Da sag ich: ›Du weißt ja, wie ohnmächtig ich in den Wissenschaften +bin; viel zu dumm und beschränkt, als daß ich es wagte, Thaten, die +höchste Bewunderung verdienen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wäre +doch Severus da oder Paulinus noch am Leben oder käme Fortunat und +schrieb es auf! Denn ich müßte nur unthätig mit dem Kiel in der Hand +dasitzen, wenn ich dies aufzuzeichnen unternähme.‹ ›Weißt du denn +nicht‹, versetzte die Mutter, ›daß du weit und breit im Rufe eines +Schriftgelehrten stehst. Versäume nicht, Hand anzulegen. Ein Verbrechen +wäre es, schwiegest du.‹ So hab ich mich denn mit gemischten Gefühlen +der Sache unterzogen. Schrecken und Furcht halten mich nieder. Aber in +der Hoffnung auf Gottes Güte trete ich an die Aufgabe heran, zu der ich +ermuntert werde. Warum sollte er es schließlich nicht auch durch meine +Sprache geschehen lassen können, wie er ja einst auch in der Wüste aus +dem harten Steine Wasser springen ließ und so den brennenden Durst des +Volkes stillte. Oder er wird ein zweites Bileamswunder geschehen lassen +und aufs neue einem Esel den Mund aufthun, wenn er mir die Lippen +öffnet und durch mich ungelehrten Menschen dieses verkündigen will.« + +Ein kritischer Beobachter war also Gregor nicht. Er hat sich niemals +bestrebt, die geschehene Begebenheit von den vielen andern Daten +und Ereignissen u sichten, die sich der geschichtlichen Gestalt im +Laufe der Zeit vorgelagert haben. Aber nie hat seine Eigenschaft +als Gewährsmann unter seiner Einfalt und Treuherzigkeit zu leiden; +denn sobald Sinn für sein naives Detail vorhanden ist, erscheint er +in jeder Zeile interessant. Als echte Gelehrtennatur kommt er auch +nicht dazu, alles was er weiß aus sich herauszusetzen: »Es würde mich +zu weit führen, das viele, was ich von diesen Heiligen weiß, hier +mitzuteilen. Das Gesagte wird, denk ich, genügen«[094-a]. Und bei +Gelegenheit einer Reliquienüberführung vergißt er nicht anzubringen, +daß der Genfersee vierundsiebzig Kilometer lang und siebenundzwanzig +Kilometer breit sei[094-b]. Unvergleichlich wird Gregor jedoch durch +das römisch-germanische Zwielicht, in dem er steht. Diese Dämmerung, +die ihn umflort, hat einen doppelten Ursprung: von der untergehenden +Antike und vom aufgehenden Mittelalter. + + +2. + +In diesem Zusammenhang liegt uns nun aber ob, der Behandlung, die +das Heiligenleben durch Gregor gefunden hat, nähere Aufmerksamkeit +zuzuwenden. Der Trieb, persönlichem Leben nachzuspüren, äußert sich in +Gregors gesamtem Werke gleichmäßig. Auch in seiner Frankengeschichte +findet sich eine ganze Reihe von Lebensabrissen bemerkenswerter Männer +eingeflochten. Als Beispiel mag hier die Stelle über Agricola von +Châlons angeführt werden[094-c]: »Um jene Zeit starb Agricola Bischof +von Châlons, ein sehr gewandter und kluger Mann, senatorischer Abkunft. +Er hat in jener Stadt viel gebaut, Häuser und auch eine Kirche, die er +mit Säulen versah, mit Marmor ausstattete und einem Mosaik schmückte. +Er lebte äußerst enthaltsam. Nie nahm er Frühstück zu sich und +begnügte sich mit der einen Hauptmahlzeit im Tage, zu der er sich so +zeitig hinsetzte, daß er sich noch vor Sonnenuntergang davon erhob. Er +war sehr leutselig und ein guter Redner. Er starb im achtundvierzigsten +Jahre seiner Regierung als Bischof, dreiundachtzig Jahre alt. Ihm +folgte Flavius, der Referendar König Gunthrams.« Daran mag sich nun +noch, ebenfalls beispielsweise, die Notiz über ein Original von +Einsiedler anschließen, dessen Sonderbarkeit darin bestand, daß er sich +seine Mahlzeiten in einem hölzernen Kessel kochte. »Ich erinnere mich«, +erzählt Gregor[095-a], »vor Jahren gehört zu haben, es lebe irgendwo +in einer Einöde Jemand, den ein Waldbruder aus der Nachbarschaft aus +Verehrung aufsuchte, nicht ohne sogleich mit aller Liebe empfangen +zu werden. Sie treten in die niedere Zelle, verrichten das Gebet und +setzen sich. Nachdem sie sich lange vom Worte Gottes unterhalten +hatten, erhebt sich der Greis von seinem Stühlchen, geht in sein +Gärtchen und schneidet sich den Kohl zum Essen ab. Als das Feuer im +Herde brennt, setzt er einen weitgebauchten hölzernen Kessel über die +Flamme, füllt ihn mit Wasser, in dem dann der Kohl siedet, und schürt +das Feuer so heftig, daß dieser zu glühen anfängt, genau wie wenn er +von Eisen wäre. Mit Staunen nimmt der Gast es wahr und erkundigt sich, +was es denn damit auf sich habe. Der Greis gab ihm zur Antwort: ›Seit +vielen Jahren wohne ich in dieser Einöde, immer aber habe ich auf +göttliche Eingebung hin in diesem Kochtopf mir zur Kräftigung meines +hinfälligen Leibes meine Speise zubereitet.‹ Wie gesagt, das hörte ich +früher einmal. Nun aber sah ich neulich einen Abt, der den Einsiedler +Ingenuus hieß und versicherte, er habe sich im Gebiete von Autun +aufgehalten und öfters aus jenem Gefässe Kohl oder Kraut, die darin +sotten, mit jenem herausgeholt. Ja er beschwor es mir mit einem Eide, +er habe den Kochtopf über den Flammen mächtig glühen sehen und doch +sei dessen Grund immer feucht gewesen, als werde er von Zeit zu Zeit +genetzt.« + +An diese gelegentlich mitlaufenden biographischen Einschläge in Gregors +Schriften mußte zunächst erinnert werden, um davon dasjenige Buch +seines Mirakelwerkes deutlich zu unterscheiden, das sich nicht bloß +beiläufig mit Heiligenleben beschäftigt, sondern eine Anzahl solcher +zum ausschließlichen Inhalte hat. Gliedert sich damit Gregor nun im +engeren Sinne der litterarhistorischen Entwicklung ein, der wir bis +dahin nachgegangen sind, so springt auch das neue Moment in die Augen, +das seine Sammlung von zwanzig Heiligenleben in dieser Entwicklung +darstellt. Es handelt sich um eine Kombination zweier bis jetzt +getrennter Strömungen: einmal nahm er die Memorie auf, wie sie durch +Severus geschaffen und durch Fortunat bis auf Gregors Zeit fortgeführt +wurde; dann aber überwand er die Einseitigkeit einer nur an ein +einziges Leben sich verlierenden Betrachtung durch eine ansehnliche +Mehrzahl der geschilderten Leute. Damit griff er auf Rufin zurück und +nannte das Buch auch nach dessen Beispiel. Ueber die theoretische +Abgrenzung dieser Schrift von den übrigen hat er sich selber +folgendermaßen verlauten lassen[096-a]: »Eigentlich war meine Absicht, +nur aufzuschreiben, was sich am Grabe seliger Märtyrer und Bekenner +Wunderbares ereignet hat. Da ich jedoch auch solche kennen lernte, +die das Verdienst eines seligen Wandels zum Himmel erhob und deren +Lebenslauf, wahrheitsgetreue Darstellung vorausgesetzt, mir im Stande +schien, zur Erbauung der Kirche beizutragen, nahm ich keinen Anstoß, +gelegentlich auch dergleichen niederzuschreiben, da ein Heiligenleben +nicht nur sich selbst darlegt, sondern auch die Zuhörer zur Nachfolge +reizt. Habe ich schon in einem früheren den Bekennern gewidmeten Buche +bei einigen Heiligen, wenn auch nur kurz, Züge aus ihrem Erdenleben +eingeflochten, so will ich jetzt diesem Gesichtspunkte breiteren Raum +lassen und das Buch geradezu ›Heiligenleben‹ betiteln.« + +An dieser kleinen Sammlung von Lebensbildern entrollt sich uns ein +buntes und anschauliches Gemälde von der fränkischen Kirche bei ihrem +Beginn und im ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Wir sehen einige +charaktervolle Vertreter sowohl bischöflichen als mönchischen Standes, +meist aus der Gegend des mittleren Gallien vor uns, durch einige +treffende Anekdoten in ihrem Wesen gezeichnet und hie und da durch +Beziehung auf ein äußeres zeitgenössisches Ereignis auch chronologisch +genügend festgehalten. Jede Vita ist mit einer erbaulichen Einleitung +versehen und mit Kunstreden durchsetzt. In den Ueberschriften heißen +einige heilig, andere nicht; überdies unterscheidet Gregor ebenda +sechs Bischöfe von zehn Aebten, fünf Einsiedlern und einer Nonne. +Schon numerisch hat also das Mönchtum vor der Weltgeistlichkeit das +Uebergewicht. + +Ein Zeitgenosse Martins von Tours kam, immerhin nach dessen Tode, +in das Kloster, das nahe der Martinskirche bestand. Er war seiner +Braut davongelaufen und hieß Venantius[096-b]. In der zweiten Hälfte +des fünften Jahrhunderts sodann wurden die Brüder Lupicinus und +Romanus[096-c] Väter eines burgundischen Asketenvereins, der an +den Westabhängen des Jura es mit der Zeit auf drei Niederlassungen +brachte. Lupicinus war verheiratet gewesen, Romanus nicht. Nach dem +Tode der Eltern richteten sie sich im Jouxthale, auf der Grenze von +Burgund und Alemannien im Bezirk der Stadt Aventicum als Einsiedler +ein. Auf dem Boden ausgestreckt beten, Psalmen singen und sich von +Kräuterwurzeln nähren, war ihr Tagewerk. Die Steinschläge, die in der +Bergwildnis natürlich waren, faßten sie als Angriffe der Dämonen auf +und zogen sich auf ernstliche Verwundungen hin sogar in die bebaute +Gegend zurück, bis eine arme Frau, die sie beherbergte, ihnen ihren +Mangel an Mut vorstellte und sie so zur dauernden Ansiedelung in den +Wäldern bewog. Durch Zuzug von Brüdern entstand zunächst das Kloster +Condatiscone; man schlug eine Lichtung im Walde und baute den Boden +an. Dann erfolgte die Gründung einer Filiale noch auf altburgundischem +Gebiete und schließlich einer dritten Niederlassung im Waadtland. Die +Oberleitung lag in der Hand des Lupizinus. Er übte gegen sich selber +die strengste Enthaltsamkeit; oft aß er überhaupt nur alle drei Tage +ein einziges Mal. Den Durst bekämpfte er, indem er ein Gefäß mit +eiskaltem Wasser in seine Hände nahm und so die quälende Empfindung +milderte, ohne ihr durch Trinken nachzugeben. So konnte er gegen die +ihm untergebenen Mönche ebenfalls streng auftreten und strafte nicht +nur böse Handlungen, sondern sogar schon böse Worte; auch längere +Gespräche und Begegnung mit Frauen sollten vermieden werden. Immerhin +konnte sich die zahlreiche Genossenschaft durch den Ertrag ihrer +Feldarbeit nicht erhalten; Lupizin bestritt das Notwendige aus einem +geheimen Schatz, der sich ihm irgendwo geöffnet hatte und jahrelang +vorhielt. Doch blieb der Uebelstand nicht aus. Bei seiner Visitation +des Nordklosters, das später nach dem Bruder Romainmotier hieß, traf +Lupizin um Mittag ein, als die Mönche noch auf dem Felde waren und zu +Hause eben gekocht wurde. Zu seinem schmerzlichen Erstaunen gewahrte +er da Vorbereitungen für eine Mahlzeit von mehreren Gängen, wobei +allerlei Fischarten nicht fehlten. Rasch entschlossen befahl er einen +kupfernen Kessel mit siedendem Wasser über das Feuer zu setzen, ließ +Fisch und Kraut und Rüben hineinwerfen und den Absutt vorsetzen: »An +dieser Suppe satt essen sollen sich die Brüder«, sagte er, »das ist +Mönchsspeise und zieht nicht von der Beschäftigung mit Gott ab«. Auf +diese Gewaltsverfügung hin traten zwölf Mönche aus, besannen sich aber +nach einiger Zeit eines bessern und kamen wieder. Während Lupizinus +sich der Verwaltung der drei Klöster annahm, zeichnete sich Romanus +durch stillen Wandel und gute Werke aus: er besuchte Kranke und betete +sie gesund. Einst auf der Wanderschaft wurde er von der Dunkelheit +überrascht und gezwungen, in einem Siechenhaus zu übernachten. Die neun +Aussätzigen, die es bewohnten, gewährten ihm um so lieber Unterkunft, +als er sofort warmes Wasser verlangte und ihnen mit eigener Hand die +Füße wusch. Dann ließ er ein großes Bett herrichten, um mit ihnen +allen gemeinsam zu schlafen. Während die Siechen schlummerten, wachte +Romanus und touchierte unter Psalmensingen die offenen Eiterbeulen +an der Seite eines von ihnen. Dieser erwachte, that seinem Nachbar +desgleichen und schließlich alle unter einander, bis sie sich geheilt +fühlten. Als Romanus sah, daß sie alle eine neue, frische Haut bekommen +hatten, dankte er Gott und umarmte sie noch alle einmal zum Abschied. +Lupizinus seinerseits unterließ nicht, seiner Stiftung die Gunst des +Staatsoberhauptes zu gewinnen und begab sich in seinen alten Tagen nach +Genf, wo der Königsbruder Chilperich Regent war. Der Prinz empfing +den Abt an der Abendtafel. Lupizinus trat vor ihn, wie weiland Jakob +vor Pharao getreten war. Der Fürst wollte dem Kloster Ackerland und +Weinberge anweisen; aber Lupizin verschmähte Grundbesitz und erhielt +nun das verbriefte Recht, jährlich dreihundert Maß Korn, ebensoviel +Wein und hundert Goldstücke zu beziehen. Wenigstens entsprachen +diese Einkünfte dem jährlichen Guthaben des Juraklosters an den +königlichen Fiskus zu Gregors Zeit. Lupizin wollte mit seinem Bruder +eine beiden gemeinsame Grabstätte zum voraus vereinbaren. Romanus +aber machte dagegen geltend, er könne nicht in einem Kloster begraben +werden, da dann die Frauen keinen Zugang zu seinem Grabe hätten und +doch zu erwarten sei, daß zu der Ruhestätte eines bei Lebzeiten so +erfolgreichen Wunderthäters sich eine lebhafte Wallfahrt entwickeln +werde. Als er am 28. Februar 460 starb, wurde er in der That zehn +Meilen abseits auf einem kleinen Berge bestattet, und bald erhob +sich daselbst eine ansehnliche Kirche, der es an Pilgerbesuch nicht +fehlte. Lupizin dagegen starb erst am 21. März 480 und wurde in der +Klosterkirche beigesetzt. + +Gleichzeitig mit diesen Juramönchen lebte in der Auvergne der heilige +Abt Abraham[098-a]. Er stammte aus Mesopotamien. Im Begriff, die +Mönchskolonien der ägyptischen Wüste aufzusuchen, fiel er unterwegs +in die Hände von Heiden, wurde seines Glaubens wegen geschlagen und +fünf Jahre lang in eisernen Ketten gefangen gehalten. Dann zog es ihn +nach dem Abendlande und er ließ sich vor Clermont neben der Kirche +von Saint Cirgues klösterlich nieder. Er war Meister in den für einen +Heiligen üblichen Wundern, als da sind Dämonenaustreibung, Heilung +von Blinden und andern Kranken und besonders Weinvermehrung. Abraham, +der zwischen 470 und 480 hochbetagt starb und an der Stätte seiner +Wirksamkeit sein Grab fand, stand auch bei dem Herzog Victorius von +Avern, dem Vasallen des westgotischen Königs Enrich, in Gunsten, und +der damalige Bischof der Stadt, Sidonius Apollinaris, geruhte dem +frommen Mann die Grabschrift zu dichten. Nicht viel jünger als die +Juramönche und Abraham war ein anderer Lupizin[098-b], vielleicht zu +Lubié im Bourbonischen. Er lebte in einer Ruine von Wasser und Brot +und gab Bescheid durch ein Fensterchen, dem ein linnenes Vorhängchen +zur Scheibe diente. Das Brot brachte man ihm alle drei Tage, das +Wasser ließ man ihm durch einen kleinen Kanal zufließen. Seine +täglichen Psalmen sang er stets mit einem zentnerschweren Felsblock +aus dem Rücken und stützte sein Kinn auf das Ende des Stockes, wo +er Dornenspitzen angebracht hatte. Da er lungenleidend und schon bei +Jahren war, hustete er beständig Blutklumpen an die Mauer aus, deren +Reste später als Amulette dienten. Ein Menschenalter später erregte ein +eingeborener Mönch namens Portian[099-a] in einem Kloster bei Clermont +Aufsehen. Hörigen Standes war es ihm erst nach mehreren vergeblichen +Versuchen gelungen, in den Verband der Mönche aufgenommen zu werden. +Doch gelangte er unter diesen zu solchem Ansehen, daß er später Abt +wurde. Es gerieten ihm einige Thaten, worunter namentlich eine vor +Sigiwalt, dem Minister König Theodorichs, geglückte Wundervorstellung +die Freigebung von Gefangenen zur Folge hatte. Auch stand Portian mit +Protasius, einem Mönch im Kloster Combroude in telepathischem Rapport. +Im Sommer, wenn sein Gaumen vor Hitze vollständig ausgedörrt war, +hatte er überdies die komische Gewohnheit, Salz zu kauen, um damit +sein Zahnfleisch anzufeuchten, während er ja dadurch seinen Durst ins +Unerträgliche steigerte. Zur selben Zeit und ebenfalls in Clermont +lebte der daselbst ebenfalls eingeborene Abt Martius[099-b]. Er legte +Zellen in Berghöhlen an und schnitt die Bank und das Bett im Steine +aus, über die dann nur die Kutte gelegt wurde. Er war so gutmütig, daß +er einst einem Dieb, der im Klostergärtchen Obst und Gemüse stahl, sich +aber nicht mehr zurechtfand, durch den Schaffner den Ausweg zeigen und +das weggeworfene unrechte Gut freundlich nachtragen ließ. + +Im Bezirk von Bourges machte der Klausner Patroklus von sich reden. +Er entstammte einer nicht adeligen, aber doch freien Familie. Mit +zehn Jahren mußte er die Schafe hüten, während sein Bruder Anton +studieren durfte, und als sie nun eines Tages am väterlichen Tische +zusammensaßen, sagte Anton verächtlich: »Setze dich nicht so nah zu +mir, du Bauer. Du bist ein Schafhirt, ich dagegen ein Gelehrter und +somit ein Herr.« Das schnitt dem guten Patroklus so tief ins Herz, daß +er dem Hirtenstand Valet sagte und noch in die ABCschule ging, der er +seinem Alter nach doch bereits entwachsen war. Dank seines Fleißes +und bei seinem guten Gedächtnis hatte er seinen hochmütigen Bruder +bald überholt und erhielt seine weitere Ausbildung bei Nunnio, einem +Vertrauensmann König Childeberts von Paris. In die Heimat zurückgekehrt +sollte er dem Willen seiner unterdessen verwitweten Mutter zufolge +durchaus heiraten. Er entzog sich dieser Gefahr jedoch durch die +Priesterweihe, die er sich von Arcadius Bischof von Bourges erteilen +ließ. In seiner Stellung als Diakon verlor er sich so sehr in seinen +privaten Bußübungen, daß er darüber die Hausordnung des Kapitels +vernachlässigte und sich deswegen eine scharfe Rüge des Archidiakonen +zuzog. Dadurch in seinem Hang zur Einsamkeit bestärkt, verließ er +Bourges, errichtete im Dorf Neris eine Kapelle, für die er sich +Martinsreliquien verschaffte, und eröffnete eine Kleinkinderschule. +Daneben genügte er den Pflichten seines Heiligenstandes durch die +übliche Behandlung der Siechen und Besessenen. Doch betrachtete er +das nur als provisorische Station. Den Entschluß eines endgiltigen +Aufenthaltes stellte er einem Orakel von beschriebenen Zetteln anheim, +die er auf dem Altar niederlegte und nach drei durchgebeteten Nächten +auf Geratewohl aufgriff. Seine Einrichtungen in Neris übergab er +dann einer Gesellschaft gottesfürchtiger Jungfrauen zum Anwurf für +ein Nonnenkloster, wanderte nur mit Karst und Hacke bepackt, ins +Waldgebirge und baute sich eine Zelle in Moichant. Dort that er unter +dem Landvolk Gutes, besonders an einer Frau Leubella während der +Ruhr. Darnach errichtete er fünf Meilen von seiner Zelle entfernt +ein Mannskloster und unterstellte es einem Abte, um selber nach +wie vor sein beschauliches Leben führen zu können; nachdem er ihm +achtzehn Jahre obgelegen hatte, starb er im Alter von achtzig Jahren. +Der Oberpfarrer von Neris wollte den Leichnam mit Gewalt für den +ehemaligen Wohnsitz des Heiligen in Anspruch nehmen, mußte ihn aber +dessen Stiftung, dem Kloster Colombiers lassen, wo von den am Grabe +Geheilten eine Namensliste geführt wurde. Der Abt Urs[100-a] von Cahors +gründete mehrere Klöster, zunächst drei in der Berri, nämlich zu +Toiselay, Heugne und Pontigni, und überließ sie tüchtigen Vorgesetzten. +Er errichtete ferner zu Sennevières in der Touraine eine Kapelle und +ein Bethaus, die er indes wieder einem Unterabt, dem Leubas übergab, +um selber die Leitung des Klosters Loches am Indre zu übernehmen. +Einer seiner Grundsätze war, daß der Mönch nicht nur beten, sondern +auch im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Brot essen solle. +Als praktische Natur ersetzte er die mühsamen Handmühlen durch eine +Wassermühle, die er am Indre einrichtete; ein kleiner Mühlenbach +mit steinernen Schleusen versehen, brachte das Wasser auf das große +Mühlenrad und versetzte es in geschwinden Umlauf. Ein Gote namens +Sichlar, Günstling König Alarichs _II_ wollte über diese Erfindung +die Hand schlagen; aber da die ganze wirtschaftliche Zukunft seines +Klösterverbandes auf diesem Vorrecht stand, wehrte sich Urs verzweifelt +und schließlich mit Erfolg gegen diesen Eingriff in seine Rechte. + +Ein sanfter Heiliger ist Friard von Nantes[100-b]. Er war ein frommer +Bauer gewesen. Das Leben war ihm ein idyllischer Dienst Gottes in +der Natur; wenn er in ein Wespennest griff oder hoch von einem Baume +herunterfiel, sagte er rasch: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, +der Himmel und Erde gemacht hat«; so kam er jedesmal mit heiler Haut +davon. Er siedelte sich dann auf der Insel Besné an, erst begleitet von +einem Abt Sabaudus, einem ehemaligen Minister König Chlothars; dieser +kehrte bald in sein Kloster zurück und wurde später aus unbekannten +Gründen ermordet. Doch behielt Friard einen getreuen Zellennachbar in +dem Diakon Sekundellus, hatte aber auch mit diesem Freunde seine liebe +Not; denn aus Ehrgeiz, seinerseits ein Heiliger zu werden, unternahm +Sekundellus, ohne Friard etwas zu sagen, eine Wundertour auf dem +Festlande und hatte in der That mit seinen Krankenheilungen allen nur +gewünschten Erfolg; aber da er selbst fühlte, daß es nicht im rechten +Geiste geschehen war, vertraute er sich Friard an, der ihm dann als +guter Seelsorger über schwere teuflische Anfechtungen hinweghalf. +Friards eigene Wunderkraft bewies sich mit Vorliebe in der Behandlung +dürrer Bäume, die unter seiner Gärtnerkunst wieder ausschlugen. Auf dem +Todbette schickte er zu Bischof Felix von Nantes und sagte ihm genau +seine Sterbestunde an, damit sich dieser spute und ihn vorher noch +einmal besuche; der aber ließ ihm sagen, es sei ihm eines Prozesses +wegen unmöglich, schon so rasch hinüber zu kommen; ob es denn mit dem +Sterben so pressiere. Aus Rücksicht auf den Freund schob daher Friard +seinen Heimgang noch auf, und als Felix ziemlich viel später endlich +erschien, rief ihm Friard in seinen Fiebern entgegen: »Du hast mich +aber lange warten lassen, heiliger Bischof«. In Chartres lebte eine +heilige Frau Monegunde[101-a], die nach dem Tode ihrer beiden Töchter +ihrem Mann aufsagte und Nonne wurde, erst im eigenen Hause, bis ihr das +Dienstmädchen der nun eingeführten mageren Kost wegen davonlief und +die Nachbarinnen sich über sie Bemerkungen erlaubten; dann ging sie +nach Tours ans Martinsgrab. Schon unterwegs heilte sie in Soissons am +Medardusfest ein junges Mädchen und desgleichen wirkte sie in Tours, +wo sie sich in einem Kämmerchen eingemietet hatte. Da sie von sich +reden machte, kam ihr Mann herbeigereist und holte sie heim. Aber ihr +Tagewerk blieb beten und fasten. Sie kehrte bald nach Tours zurück, +bezog ihre frühere Wohnung und sammelte mit der Zeit einige Nonnen, +nicht unter allzustrenger Regel, da unter anderm erlaubt war, an +Sonntagen Wein ins Wasser zu mischen. Sie blieb bescheiden. Ein Gesuch +um Heilung beschied sie dahin: »Warum denn ich? Warum nicht Sankt +Martin, wenn man an Ort und Stelle ist?« + +Von heiligen Zeitgenossen schildert Gregor ebenfalls einige des +näheren. Im Kloster Meallet in der Auvergne übertrieb Caluppan[101-b] +die Askese so sehr, daß er zur Tagesarbeit zu geschwächt war und +infolge dessen die Unzufriedenheit seines Vorgesetzten erregte, der +ihm vorhielt: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«. Als +sich Caluppan so schlecht verstanden sah, siedelte er sich als Eremit +an einem fünfhundert Fuß hohen, einzelstehenden Felsen ein, in einer +Höhlung, die nur durch eine Leiter zugänglich war. In dem Bethäuschen, +das er dort errichtete, ringelten sich ihm oft Schlangen um den Hals, +und wenn er später nur unter Thränen dieser Anfechtungen gedachte, +so geschah es nicht aus Eckel vor dem Reptil, sondern weil ja seit +Paradieseszeiten Schlangengestalt die irdische Erscheinungsform des +Teufels war. Caluppan las und betete den ganzen Tag, selbst während +seiner bescheidenen Mahlzeit. Ab und an einmal, aber eben doch nur +höchst selten, angelte er im Bergbache und dann immer mit Glück. Seinen +Brotbedarf lieferte ihm das Kloster; private Wein- und Brotspenden +stellte er der Armenpflege anheim. Auch war ihm ein Bursche zu seiner +Verfügung beigegeben, und als er eines Tages noch eine längst erbetete +Quelle aufstach, fehlte ihm nichts mehr, zumal er nebenan sich ein +Sammelbassin in den Fels höhlte, das zwei Maß Wasser aufnahm und ihn +daher nie mehr in Verlegenheit geraten ließ. Bischof Avitus ging in +Begleitung Gregors zu ihm hinauf und verlieh ihm die Diakonen- und +Priesterweihe. Sonst ließ sich Caluppan vor Besuchen nicht sehen, +sondern verkehrte mit ihnen nur durch ein Seitenfensterchen seiner +Zelle, durch das hinaus er segnete und bekreuzte. Er starb fünfzig +Jahre alt. Ein anderer Waldbruder der Auvergne, Emilian, hatte Eltern +und Eigentum dahinten gelassen, zu Pionsat eine Lichtung geschlagen und +darin ein Aeckerchen und einen Blumengarten angebaut. Er aß die Gemüse +in unangemachtem Zustand. Außer den Tieren und Vögeln war er in der +Wildnis das einzige lebende Wesen, bis ihm die Fügung einen Genossen +zuführte. Sigivald, der große Herr von Clermont, schickte einen seiner +Knappen, der den deutschen Namen Bärchen trug, mit allen Hunden in +den Wald. Bald stob die Meute hinter einem mächtigen Eber her; doch +verlief sich das Tier in den eingehegten Pflanzplatz bei Emilians +Zelle. Die Hunde wagten nicht nachzudringen, indessen das Wildschwein +sich ruhig vor der Schwelle der Hütte an die Sonne legte. Als Bärchen +nachkam und erriet, daß etwas wunderbares im Spiel sein müsse, als +zugleich Emilian zu ihm trat, ihn umarmte, ihn neben sich auf eine +Bank zog und bei aller Achtung vor dem schmucken Knappenrocke ihm von +dem größeren Herrn zu reden anfing, dessen Joch sanft und dessen Last +leicht sei, als überdies die Bestie, zum Lamme geworden, sich während +des Gespräches unbehelligt von dannen machte, da hatte sich im Innern +des Jünglings bereits die Wandlung vollzogen. Obwohl er seinen Dienst +nicht verlassen konnte, paßte er, so sehr es nur immer anging, sein +Laienleben geistlichen Grundsätzen an. Er unterbrach seine Nachtruhe +dreimal, kniete vor sein Bett und betete. Singen war alles was er +konnte; von den Buchstaben verstand er nichts. Doch legte er sich ein +Heft zu, in das er die Inschriften über Heiligenbildern nachmalte, +und wenn nun sein Herr geistlichen Besuch hatte, machte sich Bärchen +verstohlen an jüngere Priester, ob sie nicht so gut wären, ihn über +die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen aufzuklären. So eignete er +sich Schrift und Lektüre des Alphabets an, ohne jedoch sich noch auf +ganze Wörter und ganze Sätze zu verstehen. Nach Sigivalds Tode hauste +er sich bei Emilian ein und lernte in den zwei oder drei Jahren, die +er bei diesem zubrachte, den ganzen Psalter auswendig. Von Seiten +seiner Familie drohte ihm Lebensgefahr; sein Bruder wollte ihn töten, +wenn er nicht heirate. Dafür verbanden sich mit der Zeit immer mehr +Mönche dem alten und dem jungen Eremiten. Als Emilian neunzig Jahre +alt gestorben war und Bärchen die Leitung übernahm, entfaltete er ein +außergewöhnliches Geschick in der Gründung von Klöstern. Von Sigivalds +Tochter Ranichilde ließ er sich den Hof von Vensat anweisen, vermachte +diesen ausgedehnten Grundbesitz seinen Mönchen, begab sich nach Tours, +wo er Kapellen und zwei Klöster gründete, verbrachte dann fünf Jahre +in seinem Heimatkloster, kehrte dann wieder nach Tours zurück, um in +seinen dortigen Klöstern Aebte anzustellen, und bezog schließlich +endgültig wieder die alte Waldhütte des seligen Emilian. Von dort aus +reformierte er das Kloster Menat, dessen Regel durch die Nachlässigkeit +des Abtes in Verfall geraten war. Als seine Grabstätte bezeichnete +er zum voraus einen lauschigen Waldwinkel am Bache, wo er immer eine +Kapelle hatte bauen wollen und Kalk sowie Fundament längst bereit +lagen. Der Abt sorgte für die Vollendung und ließ Bärchens irdische +Reste, die im Gewölbe seiner Zelle vorläufig untergebracht worden +waren, zwei Jahre später in allen Ehren nach dieser ihrer bleibenden +Ruhestätte überführen. Im Gebiete von Tours lebte damals auch Senoch, +gebürtig aus Tiffauges bei Poitiers; in den Mauerstücken einer alten +Ruine erstellte er bequem Wohnungen und restaurierte eine alte Kapelle, +in der Sankt Martin einst gebetet haben soll. Sie wurde von Eufronius +von Tours geweiht, Senoch selbst zum Diakonen an ihr eingesegnet. +Leider bildete sich dieser zweifellos heilige Mann zuviel auf sich +selber ein, benahm sich geistlichen Mitbrüdern gegenüber hochfahrend +und trat besonders bei einem Besuch in der Heimat vor seinen Eltern +anmaßend auf, sodaß sich Gregor von Tours genötigt sah, ihm tüchtig +ins Gewissen zu reden. Reuig geworden setzte Senoch insofern aufs +neue einen Kopf auf, als er sich nun überhaupt einschließen und +zeitlebens kein Menschengesicht mehr sehen wollte. Das wäre sehr zu +bedauern gewesen, weil er mit seiner Heilthätigkeit ohne Zweifel viel +Gutes that. Gregor brachte ihn dann dazu, daß er sich nur während +der Weihnachts- und Osterfasten der Welt verschloß, im übrigen Teil +des Jahres jedoch nach wie vor seine Audienzen erteilte. Er starb +schon mit vierzig Jahren an einem dreitägigen Fieber. Gregor, der +herbeieilte, fand ihn bewußtlos; eine Stunde später war Senoch tot. Auf +den Boden von Tours war auch aus der Auvergne ein Heiliger bleibend +übergesiedelt, Leobard oder Lighard[104-a]. Sein Vater hatte ihn durch +Berufung auf den nach der Bibel den Eltern schuldigen Gehorsam zur Ehe +zwingen wollen, und so hatte denn der scheue Jüngling der Braut wider +willen den Ring gereicht, den Kuß gegeben, den Schuh angezogen und +was dieser Verlobungsbräuche mehr sind. Vater und Mutter starben, und +als er eines Tages seinem Bruder Geschenke zu dessen bevorstehender +Hochzeit überbringen wollte, fand er ihn vollständig betrunken. Da +trieb es ihn von dannen; er übernachtete in einem Heuschober, und dort +reifte in ihm der Entschluß, der Welt Valet zu sagen. Er bestellte sein +Haus, ritt nach Tours, kräftigte sich daselbst in der Martinsbasilika, +fuhr dann über die Loire und ergriff Besitz von einer Einzelzelle bei +Marmoutiers, die durch den Wegzug des früheren Inhabers eben frei +geworden war. Lighard erweiterte sie, indem er mit dem Pickel die +Felswand tiefer aushieb. Dort lebte er nach Eremitenart, verlegte sich +aber überdies auf die Herstellung von Pergament und beschrieb es dann. +Er rief sich auch die Psalmen wieder ins Gedächtnis zurück, die er, +seit er sie in der Kinderschule gelernt, wieder so gut wie vergessen +hatte. Eines Tages verfiel er auf den übeln Gedanken, die Zelle zu +wechseln; mit schwerem Herzen machte ihm Gregor klar, wie sehr dies mit +den Väterleben und den Mönchsregeln in Widerspruch stehe. Im übrigen +gefiel sich Lighard nicht, wie sonst manche seines Standes, in unechten +Allüren, etwa überlangem Bart und Haar; vielmehr hatte er seine +bestimmten Zeitpunkte, wo er sich scheren ließ. Er lebte zweiundzwanzig +Jahre so, nicht ohne Wunder zu thun; sein Speichel heilte Eiterbeulen. +Mit übermäßigem Fasten und, da er stets seine Zelle größer hauen +wollte, mit harter Steinmetzenarbeit, hatte er sich zu viel zugemutet; +eines Tages brach er zusammen und ließ rasch den Bischof rufen, der ihn +mit dem letzten Segen versah. Aber sterben wollte er ohne Zuschauer; +als er zwei Monate später, eines Sonntags im Dezember oder Januar 592, +einen neuen Anfall erlitt, sagte er zu seinem Diener: »Geh und bereite +mir Essen, ich fühle mich schwach«. »Es steht bereit, Herr!« war die +Antwort. »Dann geh und sieh ob der Gottesdienst zu Ende ist und die +Leute aus der Messe kommen.« Als jener wieder kam, lag sein Herr steif +da und hatte die Augen für immer geschlossen. + +Entfallen Gregors Lieblingsheilige schon der Mehrzahl nach auf das +Mönchtum, so bilden die von ihm geschilderten Bischöfe keineswegs +einen Gegensatz dazu; vielmehr sind sie in Gregors Augen überhaupt +darum heilig, weil sie, wiewohl Kirchenfürsten, an der mönchischen +Armut teilnahmen und damit das unheilige Element, das in dem Begriff +des Weltklerus steckt, nach bestem Thun und Gewissen auszugleichen +suchten. Zunächst schildert er den heiligen Illidius oder Saint +Allyre[105-a], den Stadtheiligen seiner Heimat. Er weiß von dem +Vorleben und der Erhebung des Illidius auf den Stuhl von Clermont +weiter nichts zu sagen, als daß diese durch Volkswahl erfolgt sei. Aus +dem Lebensgang fing er nur die Heilung der Kaiserstochter in Trier +auf und schweigt sogar darüber, ob Illidius mit Martin von Tours in +Beziehungen gestanden habe. Es hatte sich eben mit dem besten Willen +nichts mehr ermitteln lassen: alle Thaten, die Illidius vor jenem +Höhepunkt seines Lebens verrichtet habe, seien der Vergessenheit +anheimgefallen. Um daher den berühmten Mann vor dem Vorwurf, daß ihm +nur ein einziges Wunder gelungen sei, sicherzustellen, und andrerseits +zu gewissenhaft, um nicht genügend begründete Behauptungen vorzutragen, +unternimmt Gregor eine Art Sekundärbeweis, indem er von den Grabes- +und Reliquienwundern des Illidius mehrere auf eigener Beobachtung +fußende Angaben macht. Glücklicher ist er gegenüber den andern von +ihm geschilderten Bischöfen; da konnte seine Forschung überall an +lebendiges Andenken anknüpfen. Es handelt sich um fünf merovingische +Prälaten aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und der +östlichen Reichshälfte, übrigens Männer, auf die Gregor in seiner +Frankengeschichte wieder zurückkommt. Im Jahre 515 war der bischöfliche +Stuhl von Clermont Ferrand durch den Tod des Eufrasius vakant +geworden. Nun hielt sich damals in Arvern Quintianus[105-b] auf, ein +gebürtiger Afrikaner, der zur Zeit des Gotenkrieges das Bistum Rhodez +innegehabt, dann aber als angeblicher fränkischer Spion hatte flüchten +müssen. Eufrasius nahm ihn in Arvern nicht nur gastfreundlich auf, +sondern behandelte ihn ebenbürtig und schenkte ihm Häuser, Aecker und +Weinberge. »Das Vermögen unserer Kirche«, sprach er, »ist groß genug, +uns beide zu erhalten.« Auch der Bischof von Lyon gab ihm etliches +von der Besitzung, die seine Kirche zu Arvern hatte. Ihn wählte nun +auch die Gemeinde nach dem Ableben ihres Oberhirten zum Bischof; doch +mußte er es sich gefallen lassen, daß der Kandidat der römischen +Aristokratie Apollinaris den Stuhl bestieg und ein Vierteljahr lang +inne hatte. Dann schaffte König Theodorich energisch Ordnung und +sorgte dafür, daß Quintian alles Kirchengut erhielt: »denn aus Liebe +zu uns«, sagte er, »ist er aus seiner Stadt verbannt«. Aber aufs neue +wurde Quintian in Not und Bedrängnis versetzt. Die alten römischen +Familien, an der Spitze die Apollinaris, hatten gegen die Franken +zu den Goten gehalten und nun gegen Theodorich zu Childebert. Auch +richtige Anhänger der Regierung, wie Bischof Quintian, hatten aufs +schwerste zu leiden, namentlich unter den Ränken und Unterschlagungen +des Procul, eines Fiskalbeamten, der sich zum Priester hatte weihen +lassen. Dieser Procul, einer der gefährlichsten Frankenfeinde, entzog +Quintian die ganze Verwaltung des Kirchenvermögens und ließ ihm kaum +den nötigen Lebensbedarf. Der Bischof aber pflegte, in Anspielung an +das Pauluswort von Alexander dem Schmied, zu bemerken: »Procul der +Zöllner hat mir viel Böses gethan, der Herr vergelte es ihm nach seinen +Werken«. Was der Herr später dann auch gethan hat: Procul wurde bei +Eroberung der Festung Vallore durch die Franken am Altar der Kirche auf +jämmerliche Weise ermordet. Infolge einer Verschwörung des städtischen +Adels mußte König Theuderich Arvern belagern. Da zog Bischof Quintian +in der Stadt nachts unter Psalmengesang mit allem Volk der Mauer +entlang und betete so laut, daß man es draußen hören konnte. Der König +wollte eben stürmen lassen und hätte den Bischof in die Verbannung +geschickt. Doch wurde er milder gesinnt und auch die Fürsprache des +Herzogs Hilping bewog ihn, den Stadtbann bis zum achten Meilenstein +als Freizone zu erklären, innerhalb der niemand ein Leides geschehen +dürfe. In der Stadt galt der Bischof nach wie vor als das Haupt der +Königspartei und war daher beständigen Angriffen von seiten der alten +Römergeschlechter ausgesetzt. Hortensius, einer der Grafen, hatte +Honoratus, einen Verwandten des Bischofs, ins Gefängnis geworfen. Als +der Bischof daselbst nicht einmal vorgelassen wurde, ließ er sich, zum +Gehen schon zu alt, vor den Palast des Grafen tragen und schüttelte +den Staub von seinen Füßen mit den Worten: »Verflucht sei dieses Haus, +auf immerdar verflucht seine Bewohner«. Alles Volk sagte: »Amen«. Da +rief der Bischof aufs neue: »Ich verlange, Herr Gott, daß keiner dieses +Geschlechtes jemals zur bischöflichen Würde gelange, weil es seinem +Bischof nicht gehorcht hat.« Dieser feierliche Fluch verhallte nicht +kraftlos. Nach drei Tagen kam der Graf und bat um einen Ausgleich, zu +dem Quintian gerne bereit war. Daneben war dieser Kirchenfürst als +Schriftgelehrter, Armenfreund und Wunderthäter gleich ausgezeichnet. +Obwohl er noch die ruhigere Zeit für seine Stadt anbrechen sah, +überlebte er doch die peinlichen Zwischenfälle, zu denen auch ein in +der Frankengeschichte[106-b] erzählter demütigender Fußfall vor dem +Beamten Litigius zu rechnen ist, nicht lange. Auch jetzt ging die +Neigung der Bürgerschaft auf einen in der Stadt sich vorübergehend +aufhaltenden Fremden, den Neffen des Priesters Impetratus, in dessen +Hause er abzusteigen pflegte. Er hieß Gallus[106-a] und lebte früher +bei Clermont im Kloster Cournon als Mönch. Von Hause aus gehörte +er dem höchsten gallischen Adel an, Sohn des Senators Georgius von +Lyon und durch die Mutter Leucadia sogar Sprößling eines der Lyoner +Märtyrer aus Mark Aurels Tagen. Als ihn aber der Vater mit einer +Senatorstochter verheiraten wollte, floh er in Begleitung eines Dieners +eben nach Cournon und bat den Abt um die Tonsur. Er fiel allgemein +durch seine schöne Stimme auf und um ihretwillen nahm ihn Quintian +mit nach Clermont, wo er bald nicht nur bei allem Volk, sondern auch +bei König und Königin in Gunst kam. Theuderich wählte ihn in jenen +Ausschuß von jungen Arverner Geistlichen, die zur Assistenz für den +Kirchendienst nach Trier abgeordnet wurden, behielt ihn dann jedoch +immer bei sich, so daß Gallus im Gefolge des Königs bis nach Köln kam. +Beim Ableben Quintians befand er sich wieder in Arvern. Um dieselbe +Zeit starb auch Aprunculus von Trier; seine Gemeinde hatte ebenfalls +ein Auge auf Gallus. Der Stichentscheid lag beim Könige. Als nun die +Arverner Abordnung kam, um die üblichen Simoniegebühren zu entrichten, +fanden sie den Sinn des Königs schon von sich aus ihnen geneigt, so +daß schließlich das Zusammentreffen über die für König und Stadt +gemeinsame Freude an der Wahl zu einem Festgelage auf Staatskosten +führte. Gallus selbst pflegte auf gelegentliche Anspielungen zu +erwidern, er habe sich sein Bistum nicht mehr kosten lassen als eben +das Trinkgeld für den Koch beim Festessen. Der König ließ ihn durch +zwei Bischöfe in Arvern einführen. Indessen hatte die Kirche von Trier +nach dem abschlägigen Bescheid für Gallus einen ebenbürtigen Ersatz +in Nicetius[107-a] gefunden, offenbar auf den Vorschlag des Königs, +der den freimütigen und unerschrockenen Charakter dieses Geistlichen, +auch wenn er sich gegen die Willkür des Fürsten oder seiner Hofleute +richtete, aufrichtig schätzte. Das Volk bestätigte den königlichen +Vorschlag. Eines Tages, als Nicetius auf dem bischöflichen Stuhle saß +und der Schriftverlesung zuhörte, spürte er einen starken Druck in +seinem Nacken, er drehte den Kopf nach rechts und links und als es um +ihn her süß roch, er aber niemanden sah, da wurde er inne, daß es die +bischöfliche Amtslast war, die ihn gedrückt hatte! Nach Theuderichs +Tode bekam auch der junge Theudebert den unabhängigen Sinn des Bischofs +zu fühlen. Eines Sonntags besuchte der König den Gottesdienst, ohne +darauf zu achten, daß in seinem Gefolge Exkommunizierte waren. Als die +Bibellektion nach dem alten Kanon vorgenommen und auch die Oblation der +Hostie vollzogen war, sagte der Bischof vom Altar aus: »Die Kommunion +kann nicht erfolgen, ehe die Gebannten die Kirche verlassen haben.« +Als sich der König dem widersetzte, bekam in der Volksmenge ein junger +Höriger einen Anfall und fing nun vor allen Leuten an, Sünden des +Königs, von denen im Lande herum verlautete, öffentlich zu rügen. Der +König verlangte die Entfernung des Verrückten, der Bischof bestand +jedoch darauf, erst müßten die andern hinaus. Da gab der König nach +und die Messe konnte ohne weitere Störung ihren Fortgang nehmen. Diese +ungewöhnliche Festigkeit hat Nicetius nie verlassen: »Es kostete mich +nichts, für die Gerechtigkeit zu sterben«, pflegte er zu sagen. Er +belegte mehr als einmal den König Chlothar mit dem Bann. Als er dafür +ins Exil wandern sollte, alle Bischöfe sich dem Könige beugten und +die Seinen ihn im Stich ließen, sagte er zu dem einzigen Getreuen, +er werde morgen wieder im Besitze seiner Macht sein; in der That kam +tags darauf ein Bote Sigiberts mit der Todesnachricht Chlothars und +dem Ansuchen um die Freundschaft des Bischofs. Nicetius predigte alle +Tage, fastete viel und besuchte aus großem Andachtsbedürfnis tagsüber +die verschiedenen Kirchen Triers, die Kapuze übers Haupt gezogen, um +nicht gekannt zu sein, und nur von einem Diakon begleitet. Nicht zu +verwechseln mit diesem Nicetius, der 566 starb, ist indessen sein +gleichzeitiger Namensvetter von Lyon. Als Bischof Sacerdos von Lyon +in Paris krank wurde, war König Childebert voller Rücksicht gegen +ihn, kam zu ihm ans Bett und gewährte dem Sterbenden die letzte +Bitte: die Wahl seines Neffen zum Nachfolger. Der Priester Basilius +mußte unverzüglich nach Lyon reisen und bei dem königlichen Grafen +Armentarius die nötigen Schritte thun. So wurde Nicetius[108-a], der +Sohn des Florentius und der Artemia, Bischof seiner Vaterstadt. Er war +in seiner Jugend kränklich gewesen und erst mit dreißig Jahren Priester +geworden. Auch dann arbeitete er nach wie vor als Handwerker. Seine +Regierung als Bischof dauerte zweiundzwanzig Jahre. War Gregor diesem +Heiligen verwandt und von jung auf um ihn gewesen und hatte namentlich +die aufgeregten Tage der Bischofswahl des Nicetius als dessen Diakon +und Tischnachbar zur Linken miterlebt und sich damals die Serviette +des Heiligen als Amulet zu Handen genommen, war überdies schon Gallus +von Clermont sein Onkel, so konnte er auch seinen eigenen Urgroßvater +mit nicht weniger Recht unter den Heiligen nennen. Bischof Gregor +von Langres[108-b] hat sich weiter nicht hervorgethan, war aber sein +Lebenlang ein so tadelloser Ehrenmann gewesen, daß noch sein Andenken +genügte, um Chlothar sofort zu Gunsten eines Mitglieds dieser Familie +umzustimmen[108-c]. Vierzig Jahre, 466–506, in der Stellung eines +Grafen von Autun, hatte er unbeugsam das Recht verwaltet und mit seiner +Frau Armenatria eine musterhafte Ehe geführt. Ihr Tod veranlaßte ihn +zum Uebertritt in den geistlichen Stand: er ließ sich zum Bischof von +Langres wählen. Doch war Langres nur die Titelresidenz, Bischofsstadt +war tatsächlich Dijon. Dort verbrachte Gregor die Nächte heimlich mit +Psalmensingen in der an seine Wohnung angrenzenden Taufkapelle. Sein +inbrünstiges Gebet hat seine Großtochter, eben Gregors Mutter, da sie, +noch Mädchen, von den Aerzten aufgegeben war, vom Tode errettet. Da er +auf dem Wege nach Langres unterwegs starb, aber in Dijon begraben zu +sein wünschte, wurde der Leichnam dahin übergeführt. + +»Die Väterleben« Gregors oder wie er die Schrift zu heißen vorzog, »das +Leben der Väter«[109-a] ist unsere wesentliche Quelle für die Kenntnis +des merowingischen Mönchtums und auch seiner Einflüsse auf den Klerus +vor der irischen Reform. Sie reicht zu seiner Geschichte nicht aus, ist +aber die lebendige Illustration zu Hilfsmitteln theoretischer Natur, +also den in Gallien befolgten Regeln vor Columban und Benedikt, etwa +der des Makarius. + + +3. + +Da Gregor ein einheitlicher sich gleichbleibender Schriftsteller +ist und als Geschichtsschreiber den ursprünglichen Mirakelverfasser +nicht verleugnet, so erübrigt noch, um ein rundes Bild zu erhalten, +uns den Einfluß seiner hagiographischen Weltbetrachtung auf seine +Auffassung der zeitgenössischen Geschichte zu vergegenwärtigen, nicht +ohne gelegentliche Andeutung der Einseitigkeiten und Verzeichnungen in +seiner Darstellung der leitenden Personen dieser Geschichte. + +Chlodowech, mit fünfzehn Jahren König, war erst nur der kleine +fränkische Gaukönig von Tournai an der Schelde. Aber 486 ergriff er +Besitz vom letzten gallischen Römerland, erweiterte sein Gebiet bis an +die Loire und verlegte seine Residenz westwärts, erst nach Soissons, +später nach Paris. 491 besiegte er die Thoringer, 496 ein erstesmal +die Alamannen, 507 die Westgoten und brachte im übrigen durch die +schändlichsten Mittel die vielen kleinen Gaufürstentümer ebenfalls an +sich, so daß er mit Ausnahme der von Burgund und den Westgoten noch +besetzten Südostecke Gallien sein nannte. Nun zweifelte weder Gregor +noch irgend sonst wer, diese Macht sei Chlodowech zugefallen, weil er +sich auf den Namen des dreieinigen Gottes der katholischen Christenheit +habe taufen lassen; schon Erzbischof Avitus von Vienne hatte dem +Frankenkönig damals geschrieben[109-b]: »Bis jetzt war es das Glück, +künftig aber wird es der aus der Taufwelle dir angespülte Wunderzauber +sein, was dich zum Siege führt«. Dieser Gesichtspunkt einer sozusagen +magischen Begnadung von Gott gab für Chlodowechs Beurteilung den +Ausschlag und lähmte die sittliche Entrüstung, der seine vielen +Scheußlichkeiten bei einem braven Mann wie Gregor sonst doch vielleicht +begegnet wären. Da dieser aber nie zum bewußten Schmeichler wird, +sondern ehrlich die Wahrheit sagt, wo er sie weiß, entsteht ein +merkwürdiges Nebeneinander von Eingeständnis und Verblendung. Unter dem +grellen Licht, mit dem der Scheinwerfer des Panegyrikers die Gestalt +Chlodowechs unnatürlich übergießt, ist doch das natürliche Licht der +Begebenheit nicht ganz ausgetilgt. Zu Chlodowechs Verwandtenmorden +sagt Gregor allerdings unglaublich erbaulich[109-c]: »Täglich streckte +Gott seine Feinde unter seiner Hand zu Boden und mehrte ihm das Reich, +weil er rechten Herzens vor Ihm wandelte und that was seinen Augen +wohlgefiel«. Als dagegen Chlodowech, der Mörder aller seiner Vettern, +auf dem Todbette cynisch genug war zu klagen, ach daß er nun wie ein +Fremdling unter Fremden stehe und ihm keiner der Seinigen mehr Hilfe +gewähren könne, da beugt Gregors Ehrlichkeit jeder Beschönigung vor +mit der Bemerkung[110-a]: »Das sagte er aber ja nicht in einem Anflug +von Reue, sondern aus Hinterlist, ob sich vielleicht noch einer fände, +den er töten könne«. In der Beurteilung von Chlodowechs Gattin hatte +Gregor gewiß nicht Unrecht, wenn er die weltgeschichtliche Bekehrung +des Königs in erster Linie durch sie vorbereitet werden läßt. An +Chrotechildens aufrichtigem und frommem Wesen ist nicht zu zweifeln. +Aber er läßt sich dann zu dem Märlein des Volksglaubens hinreißen, +wonach König Gundobad ein wutschnaubender Tyrann gewesen wäre und +seine Schwägerin hätte ertränken lassen[110-b], so daß dann später +Chrotechilde ihre Söhne zum zweiten Zug der Franken nach Burgund +aufstiftete, um ihre Mutter zu rächen[110-c]. Vielmehr ist König +Chilperichs Witwe Caretene im Jahre 506 in einem Kloster bei Lyon wenig +über fünfzig Jahre alt eines natürlichen Todes verstorben[110-1]. Ihr +verdankte Chrotechilde ihre katholische Erziehung und die Energie, am +heidnischen Hofe ihren Kindern ein Gleiches zu sichern. Für Mutter +und Tochter ist Chlodowechs Taufe jedenfalls die Erhörung jahrelanger +heißer Gebete gewesen. Durch seinen gläubigen Anschluß an die Volkssage +hat sich Gregor um ein Moment in der Bekehrungsgeschichte Chlodowechs +gebracht, um den katholischen Rückhalt in der Familie der Frau. Davon +abgesehen hat er den Einfluß der Königin wohl richtig dargestellt: sie +ließ Remigius kommen und gewiß hat auch sie allen andern katholischen +Einwirkungen den Zugang erleichtert[110-2]. + +Unter Chlodowechs Nachfolgern ist sein Enkel Theudebert, der +Sohn des unehelichen, aber deshalb in den Erstgeburtsrechten in +nichts geschmälerten Theuderich, der bedeutendste Fürst der ganzen +merowingischen Dynastie[110-3]. Der Vater Theuderich charakterisiert +sich in seiner Stellung zur Kirche genügend mit jener einen Handlung, +daß er zwar die unbefugten Einbrecher ins Kloster von Saint-Ivoine bei +Clermont zum Tode verurteilte, aber bei dieser Gelegenheit das Kloster +gewissermaßen säkularisierte[110-d]. Sein Sohn dagegen stand der +Kirche vornehm und groß gegenüber. Ein Politiker im universalen Stile, +deutete er mit seinen Bestrebungen bereits die Stellung Deutschlands im +Mittelalter an, der erste deutsche Machthaber, der nicht bloß darauf +ausging, ein Reich zu gründen oder ein schon gegründetes zu erweitern, +sondern der geradezu die Weltmacht von römischen in germanische Hände +zu übertragen, sich selbst an Stelle des Kaisers zu setzen gedachte. +Und da der Grundgedanke seiner Politik darin bestand, sich daheim auf +die Kirche zu stützen, so tritt uns bereits bei diesem Theudebert die +Idee eines aus dem Bund mit der Kirche beruhenden Reiches deutscher +Nation entgegen. Von solchen gewaltigen hochfliegenden Plänen dieses +Königs hat nun der gute Gregor begreiflicher Weise nichts gespürt; +daß der König der Kirche besondere, liebevolle Aufmerksamkeit +widmete, bemerkte er wohl mit Freuden, aber warum das geschah, davon +ahnte er nichts, so daß sein Urteil in eigentümlicher Weise zwar +des Verständnisses ermangelt, aber dabei doch ziemlich richtig ist: +»Theudebert«, sagt er[111-a], »zeigte sich als großen und durch alle +Tugenden ausgezeichneten Fürsten«. Hiebei ist wiederum, wie bei +Chlodowech, der Privatcharakter des Königs panegyrisch entstellt; +denn auch Theudebert war sinnlich, machtgierig und treulos. Aber er +strebte hohen Zielen zu, und nach Edelmut sucht man bei ihm nicht +vergebens. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Theuderich erhielt er von +diesem Befehl, den Sohn des eben ermordeten Sigivald umzubringen. Aber +Theudebert wollte den Givalt nicht töten, da er ihn aus der Taufe +gehoben hatte. Er zeigte ihm also den Brief mit dem Todesbefehl und +forderte den Geächteten auf, außer Landes zu gehen, bis er selbst die +Regierung angetreten und er sorglos zurückkehren könne. Theudeberts +Stellung zur Kirche resumiert Gregor also: »Er regierte sein Reich mit +Gerechtigkeit, ehrte die Priester, beschenkte die Kirchen, unterstützte +die Armen und erwies vielen Leuten viele Wohlthaten voll frommer und +milder Gesinnung. Alle Abgaben, die die Kirchen der Auvergne seinem +Staatsschatz zu leisten hatten, erließ er ihnen in Gnaden.« Des Näheren +erzählt Gregor[111-b], Bischof Desideratus von Verdun habe sich an den +jungen König gewandt mit der Bitte um Unterstützung der wirtschaftlich +vollständig hilflosen Bürger seiner Stadt; aus eigener Kasse konnte +Desideratus nicht helfen, da ihm Theodorich sein Privatvermögen geraubt +hatte. Es handelte sich um ein Anleihen mit gesetzlichen Zinsen. Die +siebentausend Goldgulden, die der König gewährte und der Bischof unter +die Bürger verteilte, verhalfen Verdun zu einem derartigen Aufschwung +seines Geschäftslebens, daß der Wohlstand dieser Stadt fünfzig +Jahre später sprichwörtlich war. Als aber der Bischof das Darlehen +zurückerstatten wollte, verzichtete Theudebert auf sein Guthaben zu +Gunsten der Armen. + +Von Chlodowechs drei Söhnen aus seiner Ehe kam Chlodomer schon 524 in +der Schlacht bei Vezeronce ums Leben[111-c]. Vor diesem zweiten Zug +gen Burgund ließ er den gefangenen Sigismund samt Frau und Kindern +zu Coulmiers bei Orléans im Dorfbrunnen ertränken. Gregor bringt +diese beiden Ereignisse in die Beziehung von Strafe und Schuld und +weiß überdies, der heilige Abt Avitus von Micy habe vor der Unthat +Chlodomer, falls er den Wehrlosen schone, den Sieg und, falls er ihn +töte, den Untergang prophezeit gehabt, aber dieser habe ihn verlacht +und gesagt: »Eine Dummheit wäre es, Feinde daheim zu lassen, wenn +ich gegen andere zu Felde ziehe«. Seine drei noch unmündigen Knaben +Theovald, Gunthar und Chlodovald kamen zu Großmutter Chrotechilde +nach Tours, und als diese sie einst mit nach Paris nahm, bemächtigten +sich ihre Onkel ihrer und ermordeten die beiden älteren mit eigener +Hand, weil die Mutter mit so großer Zärtlichkeit an den Söhnen ihres +Erstgeborenen hing. Des jüngsten konnten sie nicht habhaft werden. Er +war durch den Beistand mächtiger Männer ihnen entzogen worden. Später, +herangewachsen, schnitt er sich mit eigener Hand die Locken ab und +wurde Mönch. Das Kloster, das er zu Nogent bei Paris gegründet haben +soll, hieß später nach ihm: Saint Cloud. König Childebert von Paris, +der in seiner Eifersucht die Blutthat angezettelt hatte, sie aber im +Augenblicke selbst davor zurückschauernd zu hindern suchte, scheint +von seinen Brüdern noch am ehesten edler Regungen fähig gewesen zu +sein. An ihn hat sich denn auch das kirchliche Andenken am meisten +angeschlossen. Namentlich die Bischofssitze der Bretagne und die +Klöster in der Gegend von Le Mans haben einige hundert Jahre später +ihre Gründung und Förderung auf seine Gunst zurückgeführt. Da soll +Vigor von Bajeux den eine Meile vor der Stadt gelegenen Druidenberg +Phönus, wo er das Steinbild einer Göttin zertrümmert hatte, zum Bau +einer Kirche geschenkt erhalten haben, desgleichen Markulf von Nantes +die Insel Agna und Paul von Léon die Insel Bas[112-a], indessen Samson +von Dol die Rechte des Territorialherrn gegen die Usurpationsgelüste +Childeberts verfochten und mit seinem Schüler Maglorius die Mission +auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ausgedehnt habe. Ja sogar um +das noch entferntere Bistum Vaison soll sich Childebert durch die +Bestätigung des Quinidius persönlich bekümmert haben[112-b]. Mehr +Glauben, weil es sich dabei nicht um Grundbesitz handelt[112-c], +verdient wohl die Nachricht von Childeberts Verkehr mit Leobin von +Chartres, den er öfters zu sich lud und 547 bei einem Brand in +Paris, als das Feuer die über die Seinebrücke hinhängenden Häuser +ergriff, mit der Leitung der Löscharbeiten betraute[112-d]. Höchst +verdächtig sind jedoch die angeblichen Beziehungen, die Childebert +zu den Einsiedlerkolonien in der Maine unterhalten haben soll, ohne +daß damit die Geschichtlichkeit der betreffenden Eremiten wie des +Deodatus, Eusicius, Baomirus, Rigomer und Saint Calais angezweifelt +werden soll[113-a]. Unter diesen Namen findet sich bei Gregor nur von +zweien eine Spur. Es wäre nämlich möglich, daß jener achtzigjährige +Greis Deodat, der ihm aus persönlicher Erfahrung den Stoff zum Leben +des anderen Lupizin lieferte[113-b], der spätere Heilige gewesen wäre. +Sicher dagegen weiß Gregor um Eusicius[113-c]. Diesen suchte Childebert +vor dem Zuge nach Spanien auf und bot ihm fünfzig Goldstücke. »Wozu?« +fragte der Heilige, »ich brauche sie nicht und befasse mich auch nicht +mit Armenpflege; mein Geschäft ist, Gott um Vergebung für meine Sünden +zu bitten. Aber geh nur, du wirst den Sieg erlangen und alles wird +dir zu Willen sein.« Da gab der König das Gold den Armen und gelobte +im Falle des Sieges über den Gebeinen des Eusicius einst eine Kirche +zu stiften. Diesem Gelübde verdankte der spätere Ort Eusiciuszelle +seine Entstehung. Aus dem siegreichen Feldzug gegen die Gothen hatte +der König außer andern Kostbarkeiten allein an Kirchengerätschaften +mitgebracht sechzig Kelche, fünfzehn Schüsseln und zwanzig +Evangelienschreine, alles aus lauterem Gold, mit edeln Steinen besetzt. +Er ließ diese Sachen nicht zerschlagen und zu Geld machen, sondern +verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen[113-d]. + +Nicht so glimpflich kam die Kirche bei König Chlothar weg. Er +besaß noch mehr als seine Brüder die ungeschwächte Rasse des +Merowingerblutes. Ein ganzes Drittel aller Kircheneinkünfte erhob er +als Staatssteuer. Als aber der Bischof Injuriosus von Tours den Mut +besaß, sich zu weigern und Chlothar ins Gesicht sagte, als König, +der die Armen nähren sollte, sich vom Elend zu bereichern, sei +schändlich, da wurde Chlothar angst, weil es der Bischof von Tours +war und hinter ihm Sankt Martin stand; er milderte seine Verfügung +und schickte Boten und Geschenke. Als aber das Jahr darauf Injuriosus +starb, baute der König vor und sorgte für die Wahl eines gefügigeren +Inhabers des Stuhles von Tours in der Person seines Haushofmeisters +Bauduin[113-e]. Als er nach Childeberts Tode wieder das ganze und +vermehrte Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte und unter den +entsetzlichsten Frevelthaten alt geworden war, begab er sich im +einundfünfzigsten Jahre seiner Herrschaft mit vielen Geschenken zu der +Schwelle des heiligen Martin nach Tours. Hier ging er noch einmal alle +die Handlungen, in denen er etwa möchte gesündigt haben, durch und +flehte unter vielem Seufzen, der heilige Bekenner möge ihm Verzeihung +vom Herrn erwirken und was er unbesonnen gefehlt habe, durch seine +Vertretung wieder gut machen. Noch im selben Jahre 561 wurde er auf der +Jagd im Forst von Cuise vom Fieber befallen und sofort nach Compiegne +gebracht. In seinen Fiebern sagte er immer wieder: »Weh! Wie groß muß +der himmlische König sein, daß er so mächtige Könige so elend umkommen +läßt.« Seine vier Söhne brachten den toten Vater unter vielen Ehren +nach Soissons und beerdigten ihn in der Kirche des heiligen Medard, die +er selbst noch zu bauen begonnen hatte und die dann sein Sohn Sigibert +prächtig vollendete[114-a]. Für das Christentum hatte Chlothar nur +Verständnis gehabt, sofern es sich als Macht äußerte im Sinne dessen, +was er, der rücksichtslose Gewalthaber unter Macht verstand: wenn der +heilige Martin donnern oder brennen oder sterben ließ oder wenn ein +Kirchenfürst wie Germanus von Paris ihm an soldatischem Mut und an +Unerschrockenheit überlegen dünkte. Chlothars Söhne stellten sich zur +Kirche verschieden; doch hatte sich, ihnen allen gemeinsam, gegenüber +den Zeiten ihres Großvaters Chlodowech das Niveau für die Beziehungen +eines fränkischen Königs zu den Heiligen gänzlich verändert. Die +anfangs noch sehr knapp bemessenen Herrscherrechte Chlodowechs +gegenüber seinen Franken nahmen sich angesichts der militärischen +Hierarchie der gallischen Kirche kärglich aus. Das war nun anders +geworden. Die monarchische Gewalt der Frankenkönige wuchs in Bälde mit +der raschen Ausdehnung des Reiches. Die kirchliche Gegenbewegung war +der allmähliche Zerfall der Metropolitangewalt und damit die Lockerung +der festen Organisation, in der die Macht des katholischen Christentums +bis jetzt beschlossen lag. Doch glich ein anderes Kräftepaar dieses +Uebergewicht des Königtums fast ganz aus: die Könige hatten durch +das Beispiel beständiger großartiger Stiftungen dem Episkopat und +den Klöstern zu Reichtum, und da es sich um ausgedehnten Grundbesitz +handelte, zu Macht verholfen, wenigstens mittelbar gewiß auf Kosten +der eigenen Einkünfte und Interessen. Die unruhigen Verhältnisse, die +sich aus den Reibungen dieser Kräfte ergaben, wurden jedoch insofern +nicht staatsgefährlich, als die kirchlichen Zwecke nicht außerhalb +des Reiches lagen. Die fränkische Kirche war Landeskirche; sie war +so aufrichtig patriotisch und königlich, als die Krone gut kirchlich +und katholisch war[114-1]. Doch bildet dieses nur die grundsätzliche +Unterlage: beim einzelnen Herrscher schlug die Eigenart durch, +und da Gregor hier Zeitgenossen beschrieb, so ist jedes der vier +Charakterbilder, wenn auch einseitig und sogar ungerecht, so doch +scharf und ausdrucksvoll geraten. + +Charibert von Paris regierte nur sechs Jahre und war ganz der Vater. +»König Charibert«, so faßt Gregor sein Urteil über ihn zusammen[114-b], +»haßte die Geistlichen, kümmerte sich nicht um die Kirchen, behandelte +die Priester schlecht und folgte seinem Hang zu üppigem Leben.« +Seinen gehäuften Freveln gegenüber rührte sich die Kirche nicht. +Beförderungsintrigen der Bischöfe nahmen sie ganz in Anspruch. Leontius +von Bordeaux verstieß auf einer Versammlung der Provinzialbischöfe +den Emerius von Saintes aus seinem Bistum, weil dieser nicht auf +kirchlichem Wege zu seiner Würde gelangt sei. Dieser hatte sich +nämlich von König Chlothar einen Erlaß ausgewirkt, er solle, obwohl +die Zustimmung seines damals abwesenden Metropoliten fehlte, doch +geweiht werden. Nun sandten die von Saintes eine Abordnung an den +König, an deren Spitze Heraklius, ein Priester von Bordeaux, eben +der Kandidat für den gewaltsam erledigten Bischofsstuhl, stand. Er +stellte sich dem König vor und sprach: »Sei gegrüßt, ruhmreicher +König, der apostolische Stuhl sendet deiner Hoheit reichsten Segen.« +Da sagte der König: »Bist du denn nach Rom gegangen, daß du mir einen +Gruß vom Papste bringst?« Der Priester setzte ihm unter Windungen +auseinander, er komme im Auftrage des Erzbischofs von Bordeaux und +dessen Provinzialmitbischöfen, um die Zustimmung des Königs für die +Kassation einer unkanonischen Bischofswahl einzuholen. Als jedoch +Charibert den Königswillen seines Vaters mißachtet sah, brach der +urgermanische Sippenstolz in ihm auf. Er knirschte mit den Zähnen und +hieß den Bittsteller hinausschaffen, auf einen mit Dornen gefüllten +Lastwagen werfen und in die Verbannung stoßen. »Meinst du«, rief er +aus, »von den Söhnen Chlothars sei keiner mehr übrig, der die Thaten +des Vaters aufrecht hält, da diese Kerle einen Bischof, den sein Wille +eingesetzt hat, ohne unsere Erlaubnis vertrieben haben.« Er ließ den +Emerius durch eine Delegation von Priestern wieder einsetzen und +büßte den Leontius von Bordeaux um tausend Goldgulden, die kleineren +Bischöfe entsprechend ihrem Vermögen. Als er nach dem Tode einer seiner +Frauen sich herausnahm, ihre Schwester zu heiraten, die Kirchengesetze +dagegen die Ehe mit der Schwester der früheren Gattin untersagen, wurde +Charibert endlich, und nach mancherlei ungesühntem Ehebruch schwerster +Art aus diesem geringfügigen Grunde, von Bischof Germanus in den Bann +gethan. Bischof Eufronius von Tours hatte den Besuch, den er bei Hofe +schuldete, immerfort aufgeschoben; auf die Vorstellungen seiner Leute +hin, ein weiterer Aufschub könne unangenehme Folgen haben, ließ er den +Reisewagen in Stand stellen und die Pferde anschirren, plötzlich jedoch +zog er diesen Befehl zurück, weil der König nicht mehr am Leben sei. +Eufronius scheint fernfühlig gewesen zu sein und auf telepathischem +Wege den Hinschied Chariberts erfahren zu haben; später eintreffende +Boten aus Paris nannten die Todesstunde: es stimmte[115-a]. + +Der andere der vier Brüder, der früh starb, Sigibert, ist nicht nur +der beste von ihnen, sondern unter den Merowingern überhaupt eine +rühmliche Ausnahme gewesen. Er war, um es bürgerlich zu sagen, ein +anständiger Mensch. Die zügellose Weiberwirtschaft der andern mißfiel +ihm. Statt auch eine Magd zu heiraten, freite er die westgotische +Prinzessin Brunichilde, die seinetwegen katholisch wurde[116-a]. +Aber nicht nur die eheliche Treue hat Sigibert gehalten, auch von +der Simonie bewahrte er sich und sein Land, so lang er lebte. Die +Versuchung dazu trat an ihn heran besonders bei der Besetzung des +Stuhles von Clermont. Der Kandidat der städtischen Adelspartei kaufte +von den Juden viele Kostbarkeiten und schickte sie durch seinen +Verwandten Beregisil dem König, um so durch Bestechung zu gewinnen, was +er Verdienste halber nicht zu erwarten hatte. Der König hielt jedoch +zu dem Archidiakon Avitus, der ohne Versprechungen gemacht zu haben, +siegreich aus der Wahl hervorgegangen war. Auch ein hohes Geldgeschenk +des Grafen von Clermont, der damit Aufschub der Entscheidung erwirken +wollte, schlug Sigibert aus; ja er umgab den rechtmäßigen Inhaber des +Bistums nun auch mit seinem persönlichen Wohlwollen und hielt ihn so +hoch in Ehren, daß er sich nun seinerseits über die Kirchenordnung +hinwegsetzte und den Avitus in seiner Gegenwart zu weihen befahl. »Ich +möchte«, sagte er, »aus seiner Hand das geweihte Brot empfangen«. Ihm +zu liebe geschah es, daß Avitus in Metz eingesegnet wurde und nicht +kanonischermaßen in seiner Provinz durch den Metropoliten[116-b]. +Auch sonst kehrte sich Sigibert nicht an die Forderungen der Kirche, +falls sie seinen politischen Willen im Wege standen. Er handelte nach +dem Grundsatz, kein Teil seines Reiches könne einem fremden Bischof +angehören und erhob so die Stadt Chateaudun zu einem eigenen Bistum, +weil Chartres, zu dem sie gehörte, jenseits seiner Grenzen lag[116-c]. +Die Sache der Heiligen besaß an ihm einen ihrer besten Schirmherrn, +weil er Recht und Treue übte, aber da gerade dieser sein edler Sinn ihn +mit Vorsicht von der landläufigen Frömmigkeit erfüllt haben mag, hat er +sich aus den Geistlichen, sofern er nicht von Amtswegen mit Bischöfen +zu thun hatte, nichts gemacht. + +Chilperich war das gerade Gegenteil. Tugend ließ er Tugend sein und +versuchte sich dafür höchst selber in Theologie. Wie keiner seiner +Brüder zum Herrscher begabt, fiel er leider als Privatmann schlecht +aus. Was ihn so abscheulich erscheinen läßt, ist das ekle Gemisch von +tierischer Rohheit mit angelegentlichen christlichen Interessen. Von +irgend welchen Grundsätzen ist bei ihm keine Spur zu entdecken, wie +es überhaupt außerordentlich schwer hält, aus ihm klug zu werden. +Auch war er an sich vielleicht zunächst gar nicht so verdorben +gewesen und wurde es erst unter dem Einfluß seiner verworfenen, +aber überaus schlauen Gattin Fredegunde, die durch ihr Unmaß im +Laster dem Gatten förmlich zur Folie diente. Der sonst so milde und +vorsichtige Gregor überschüttet ihn mit Haß und Verachtung[117-a]: +»Der Nero und Herodes unserer Zeit hauchte seine schwarze Seele aus.« +Zweifelsohne war Chilperich eine ausgesprochene Regentennatur mit +ungewöhnlichem politischem Scharfblick und nicht geringerer Energie und +Kraft im Interesse der Einheit und Ordnung des von ihm beherrschten +Landes[117-1]. Freilich nichts weniger als ein Feldherr; alle seine +persönlichen Versuche in dieser Richtung mißrieten. Als Diplomat +dagegen besaß er eine erstaunliche Gewandtheit, Allianzen, die gegen +ihn geschlossen waren, ohne Schwertstreich zu trennen, den eben noch +drohenden Feind sich zu verbünden. Auch die Interessen des Staates +gegenüber den Ansprüchen der Kirche wahrte er vielleicht unbefangener +als irgend ein Merowinger. Die Gefahr, die in dem Anwachsen des +Besitzes der toten Hand liegt, hat er klar erkannt: »Siehe, unser +Schatz ist arm geblieben, unsere Reichtümer sind auf die Kirchen +übergegangen, fast nur die Bischöfe regieren; unser Ansehen ist dahin +und auf die Bischöfe der Städte übertragen«. Er kassierte Testamente, +die zu Gunsten der Kirche errichtet waren, schritt streng ein, wenn +sich die Geistlichkeit gesetzmäßigen Pflichten zu entziehen suchte +und trieb von allen Kirchenleuten Bannbuße ein, die ihrer Heerpflicht +nicht genügen wollten. Gelegentlich ermöglichte er auch einer Nonne +das Heiraten[117-b]. Aber wenn ein wirklich überlegener Geist sich +stets vor dem Mißbrauch seiner Uebermacht hüten wird, kennt Chilperich +in seiner Willkür gegen die Kirche keine Grenzen. Standesmäßige +Vorrechte der Geistlichkeit waren unter allen Umständen Luft für +ihn. Ohne sich im Geringsten um Gemeindewahl in irgend einer Form +noch zu kümmern, ernannte er fast alle Bischöfe und zwar mit wenigen +Ausnahmen Laien, die erst nach der Ernennung sich die Priesterweihe +geben ließen, sodaß nur ganz wenige Bistümer sich noch in den Händen +von Theologen befanden. Synoden durften nur zusammentreten, wenn er +es wollte und dann wurden nicht kirchliche, sondern seine eigenen +Angelegenheiten verhandelt. So hat sich Chilperich mit der Befreiung +von der Kirche nicht begnügt, sondern ist zu ihrer Unterdrückung +fortgeschritten. Seine ungewöhnliche Intelligenz erlaubte ihm, sich +auch zum geistigen Teile der kirchlichen Angelegenheiten unabhängig +zu verhalten. Aber hier erscheint er nicht als kühler Freidenker, der +gelassen über den Dingen steht, sondern als anmaßender Dillettant, +der immer alles besser weiß. Seine rationalistischen Zweifel an der +Dreieinigkeit Gottes entsprangen nicht eigenem Nachdenken, sondern +wurden ihm durch einen spanischen Proselytenmacher eingeflößt; er +wurde denn auch von Bischöfen, wie Gregor von Tours oder Salvius von +Albi als Theologe überhaupt nicht ernst genommen, sondern als er sie +zur Diskussion zwang, mit väterlicher Strenge ermahnt, die Hände von +diesen Dingen zu lassen; weit entfernt, die Zunfttheologen auch nur +im mindesten in Verlegenheit zu setzen, waren die Vernunftgründe noch +weniger im Stande, den König selbst vor abergläubischen Vorstellungen +zu emancipieren: er knirschte mit den Zähnen, weil Hilarius und +Eusebius von Vercelli ihm in diesem Punkte zuwider seien und er sich +also bescheiden müsse, um nicht die Rache der Heiligen im Himmel +herauszufordern. Nicht vornehmer ist sein Verhalten im persönlichen +Verkehr mit den Bischöfen: wenn er sie zur Tafel hatte, war sein +Hauptspaß, beständig über seine Prälaten zu witzeln und einen um den +andern an seinen Schwächen herzunehmen. Dennoch hielt er gelegentlich +einen Kniefall vor denselben nicht unter seiner Würde, wenn das +eben seinen Zwecken dienlich schien. Ueberhaupt war bei ihm von +Geringschätzung der Religion an sich nicht die Rede, weil er sich in +Person für ihren unübertrefflichen Träger hielt. Selbst geistliche +Lieder und Meßgesänge hat er verfaßt; sie waren schlechterdings +nicht zu gebrauchen. Er schrieb auch zwei Bücher in Versen nach dem +Muster des Sedulius. Da er aber von der Quantität der Silben keine +Ahnung hatte, hinkten seine Verse und paßten nicht ins Metrum. Er +erfand neue Buchstaben, nämlich Θ für langes O, φ für den Umlaut Ae, +Ζ für »The« und Δ für »Vi«; nicht nur sollte in allen Schulen des +Reiches so unterrichtet, sondern auch die alten Handschriften mit +Bimsstein radiert und darnach umgeschrieben werden; doch habe er mit +diesem orthographischen Experiment so wenig Glück gehabt, wie Kaiser +Klaudius, der seiner Zeit dem Alphabeth ebenfalls drei neue Buchstaben +hinzugefügt hatte[118-a]. Auch Chilperichs Eifer zur Belehrung der +Juden, mit dem er teils einzelne persönlich zu überreden suchte, +teils gewaltsame Massentaufen veranstaltete und dabei nach Kräften +höchstselber zu Gevatter stand[118-b], erklärt sich doch wohl am +ehesten aus dem konfusen Eigendünkel des Königs. Wer an den bösen Blick +glaubt und auch sonst den krassen Aberglauben der Zeit in keinem Stücke +ernsthaft überwunden hat, darf bei aller scheinbaren Aehnlichkeit +mit einem Aufklärer nicht ein Vorläufer moderner Humanität heißen. +Chilperich stellt das Stammestemperament der Merowinger in besonders +intensiver Ausprägung dar: ungezähmte Sinne, Bildungstrieb im Stadium +kindlicher Neugier und eine glückliche Hand in allen Unternehmungen +realpolitischer Natur. + +Von Chlothars Söhnen überlebte Gunthram die andern um Jahrzehnte. +War Charibert gegenüber der Kirche naiv brutal, Sigibert unabhängig +vornehm, Chilperich nichtswürdig schlau vorgegangen, so war Gunthram +aufrichtig und herzlich fromm, wenn auch ein wenig im einfältigen +Sinne des Wortes. Er hat mit seiner kirchlichen Devotion ernstgemacht +und seine Handlungsweise im allgemeinen danach eingerichtet. +Immerhin lebte auch er, wenigstens in jüngeren Jahren durchaus mit +mannigfaltigen Zugeständnissen an die niederen Sitten der Zeit. Der +gute König Gunthram, erzählt Gregor in aller Unbefangenheit[119-a], +nahm zuerst Veranda, die Magd eines seiner Leute, als Beischläferin +in sein Bett auf. Nachher heiratete er Meroketrude, eine französische +Herzogstochter. Als sie seinem unehelichen Sohne nachstellte und +deshalb vertrieben wurde, erhob er Austrichilde zum Weibe und als nach +dem Tode Chariberts Theudechilde, eine seiner Gemahlinnen, sich ihm +aus freien Stücken anbot, nahm er dieser fast alle ihre Schätze ab und +schickte sie als Nonne ins Kloster. Seine Schwäger ließ er köpfen und +zog ihre Güter für den Kronschatz ein. Der Tod seiner beiden Söhne war +dann der schwere Schlag. Seitdem ging er in sich, und wenn er auch +schwach genug war, seinem trotzigen Weibe den auf dem Todbett von ihr +geforderten Eid zu halten und ihre Aerzte hinzurichten, so zeigt sich +sein gutes Wesen an seiner rührenden Fürsorge für seine Neffen. Den +steigenden Anmaßungen des Adels hielt er wacker stand, wenn es auch +nicht ohne Demütigungen für ihn ablief. Er war auch charakterfest +genug, sich von Fredegunde, für die er eine Schwäche hatte, sich +nicht ganz umgarnen zu lassen[119-b]. Mit den Bischöfen stand er in +herzlichem Verkehr. Am Martinsfest in Orleans sagte er an der Tafel zu +ihnen: »Ich möchte morgen in meinem Hause euern Segen empfangen und +bitte euch darum. Euer Eintritt wird mir Heil bringen; nichts übles +wird mir fortan geschehen, wenn über mich in meiner Niedrigkeit die +Worte eures Segens geflossen sind«. Am andern Morgen, als der König +die Stätten der Heiligen besuchte, um dort zu beten, kam er auch zur +Avituskirche, wo die fremden Bischöfe einquartiert waren. Gregor von +Tours ging ihm entgegen und bat ihn, daß er auf seinem Zimmer das +gesegnete Brot des heiligen Martin brechen möchte. Der König trat +gnädig ein, trank einen Becher, lud die Bischöfe wieder zur Tafel ein +und ging fröhlich weiter. An diesem zweiten Festmahle, das der König +den Teilnehmern des Reichskonzils gab, befahl er Gregor von Tours, er +solle seinen Diakonen, der tags zuvor bei der Messe das Responsorium +vortrug, nun wieder singen lassen und als dies geschehen war, wünschte +er, jeder anwesende Bischof möge sich nun hören lassen unter dem +Beistand der Geistlichen seiner Kirche, wenn es beliebe. So trat +einer um den andern vor und sang so gut es ging vor dem Könige sein +Responsorium als Tafelunterhaltung. Im weiteren Verlaufe der Mahlzeit +wies der König auf eine schwere silberne Schüssel und sagte, er habe +nur diese und eine andere aus dem Schatze des Mummolus behalten; +fünfzehn habe er zerschlagen lassen und auch der Rest solle alles +verteilt werden, um die Not der Armen und der Kirchen zu lindern. Zum +Schluß benützte Gregor die gute Laune des Königs, um einige Edelleute, +die wegen ihrer Parteigängerschaft mit dem Usurpatur Gundvald seine +höchste Ungnade erregt hatten, wieder in Gunst zu setzen. Wohl besaß +auch Gunthram ein gut Stück merovingischen Jähzorns; aber klug +beigebracht, führten geistliche Eigenschaften bei ihm immer zum Ziele. +Als der König gegenüber zwei Grafen unversöhnlich schien, nahte ihm +Gregor mit den Worten: »Siehe, ich bin von meinem Herrn als Bote zu dir +gesandt und was soll ich dem, der mich gesandt hat, antworten, wenn +du mir keine Antwort erteilen willst«. Da stutzte Gunthram: »Und wer +ist denn dieser dein Herr?« Gregor lächelte: »Der heilige Martin hat +mich gesandt.« Darauf befahl der König, die Männer ihm vorzustellen. +Als sie vor ihn traten, warf er ihnen zwar ihre Treulosigkeit und +ihren Eidbruch vor, nannte sie wiederholt schlaue Füchse, nahm sie +jedoch wieder in Gnaden an und gab ihnen die Güter, die ihnen entzogen +waren, zurück. Aehnlich erweichte er sich gegenüber einem Bischof, dem +er zürnte, für den aber dessen Mitbrüder Fürsprache einlegten. Auch +sonst hat Gunthram im Bann eines Heiligtums seinen Zorn besänftigt +und Gnade für Recht walten lassen; ja sogar einen Attentäter, der +ihn in der Marcelluskirche zu Châlons hatte erstechen wollen, ließ +er nicht hinrichten; denn er hielt es für unrecht, einen zu töten, +den man mit Gewalt aus einer Kirche geschafft habe[120-a]. Nur den +Juden gegenüber empfand Gunthram eine unüberwindliche Abneigung; als +sie sich in Orleans an der allgemeinen Huldigung ostentativ beteiligt +hatten, äußerte er bei Tisch: »Weh über dies Volk der Juden; es ist +schlecht und treulos und immerdar arglistigen Herzens. Darum sang +es mir heute Loblieder voll Schmeicheleien, damit ich die von den +Christen zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder bauen ließe. Aber +der Herr will dies nicht, und nimmer werd ich es thun.« Alter und +schwere Familienkatastrophen hatten Gunthrams gutmütige Natur so zu +verinnerlichen gewußt, daß ihm mit dem Christentum persönlich ernst +war und er sein Leben darnach einrichtete. Er gab Almosen in Fülle +und hielt an im Gebet und im Wachen. Während der Pestzeit überdachte +er gleich einem guten Bischof die Mittel, durch die dem Leiden des +sündigen Volkes zu steuern sei: er richtete Bettage ein und verbot, +etwas anderes als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Er selbst ging mit +seinem Beispiel im Wachen und Beten allen voran. Was Wunder, daß er dem +einfachsten Volk für heilig galt. In gläubigen Kreisen erzählte man +sich, ein Weib, deren Sohn vom Viertagsfieber geplagt werde und schwer +darnieder lag, habe sich im Volksgedränge dem König von hinten genähert +und heimlich einige Fransen von seinem Königsmantel abgerissen, sie in +heißem Wasser abgebrüht, ihrem Sohne eingegeben und mit dieser Medizin +sofortige Heilung erzielt. Auch die bösen Geister, die sich Gunthram +unterwarfen und seinen Namen anriefen, konnten vor seinem Gericht nicht +stand halten und bekannten ihre Frevelthaten. + +Von dem andern, dem wirklich heiligen Mitgliede der Königsfamilie +in jener Zeit, von der heiligen Radegunde in Poitiers, gibt Gregor +kein rundes Lebensbild. Wozu Fortunat am Zeuge flicken? Dagegen teilt +er wichtige Urkunden Radegundens zum Bau des Heiligenkreuzklosters +mit[121-a] und schildert schlicht und ergreifend seinen Besuch an ihrem +Todbette[121-b]: »Mir war schwer ums Herz; ich hätte weinen müssen, +hätte ich nicht gewußt, daß Radegundens heilige Kraft uns bleiben +werde«. + +Seine ganze Frankengeschichte aber hat Gregor verfaßt, um zu zeigen, +daß man nur durch die Fürbitte der Heiligen gerettet werden könne. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts. + + +Wie universal und vielseitig der wackere Gregor von Tours bei aller +Befangenheit gewesen war, zeigt sich erst bei einem Blick auf seine +Nachfolger. Da ist überhaupt nur hie und da einer, der sich in +bescheidenem Maße als Forscher erweist und mehr als einen Heiligen +behandelt. Die übrigen bewegen sich alle in den Schranken der Memorie. +Doch da dies, wie wir sahen, für unser Wissen an sich durchaus keine +Einbuße bedeutet, können wir an diesen späteren Produkten um so +weniger vorübergehen, als nun die sociale Stellung der Heiligen sich +beträchtlich verschoben hat und es sich um Männer handelt, die an den +großen zeitgeschichtlichen Ereignissen einen bedeutenden Anteil nehmen. +Nur zur kleineren Hälfte sind sie die strengen Vertreter des alten +mönchischen Heiligenideals; vielmehr nehmen manche von ihnen an den +Welthändeln in einem Maße teil, das ihr Recht, sich jenen hingebenden +und gottesfürchtigen Gestalten beizuzählen, doch etwas in Frage stellt. + + +1. + +Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert, +besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht. +Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als +Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der +Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen +des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus +seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde +gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger +Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern +auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs +Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von +einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu +erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen +und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden +zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde +der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem +Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische +Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits +ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr +Urenkel Theuderich _II_ als dumm und falsch hingestellt sein. Im +übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen +Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine +höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden, +daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen +der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns +schildert, hat folgenden Verlauf genommen[122-2]: Desiderius entstammte +einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande +bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt +und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er +höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde +schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre +602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer +Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte +es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio +verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt. +Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon +die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens +rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer +Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit +starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und +lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn +günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald +mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal +wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des +königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat. +Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker +rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann +wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An +seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein. + +Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs +hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines +Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai[123-1] ist Zeit seines +Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die +Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und +Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße +von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der +Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer +Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof +zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf +tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen +Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den +Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste +vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende +Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen +ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn +seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen +geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften, +insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm +eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den +geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn +er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte. +Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein +Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs +Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz +auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof +ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen. +Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination +durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in +diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich +hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf +das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das +fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen +den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die +Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den +Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe +begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses +dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie +ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese +Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die +Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem +Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten, +den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich +nach dem Jahre 613, als Chlothar _II_ zum zweitenmale Herr von Paris +geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er +mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei +Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet +Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch +Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven +freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars, +südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die +dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich +von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung +von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen +Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das +anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von +Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche +von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt. +Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen +Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen +Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der +Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben. +Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis +629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde +in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten +Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald, +ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür +Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber +nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er +schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute +er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste +obliegen. + +Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer +Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker +von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten +daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen +Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine +neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der +Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist; +durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht. +In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der +Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England +waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine +künstlichere Art, sie zu beschreiben. + + +2. + +Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische +Mönche unter Führung des Columban[125-1]. Der König hoffte von ihnen +Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden +in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten +sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit +einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray +wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm, +wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet +mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie +aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes +steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit +der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger +Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa +ins Jahr 590. + +Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien, +die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine +Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die +Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie +wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu +dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu +dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort: +»Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte +schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache +Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit +zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie +erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens +ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche +Zucht und Besserung notthat[125-a]. + +Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus +Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche +Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die +Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch +Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von +seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall, +Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des +Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der +in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit +Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten +Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von +Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft. +Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster, +eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie +Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies +ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er +das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg +sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu +verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem +Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg. +Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens +Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere, +wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden +Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in +der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und +Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den +Busenfalten seiner Kutte hegte[126-a]. + +Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem +Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein +harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern +schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit +ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden +galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen. +Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann +interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen; +er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber +keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen +zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen +und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im +Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem +Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes +getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er +diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind +die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den +Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden +die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit +hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der +alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch +den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat. +Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und +nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem +Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig +galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs- +und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche +Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche +Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich, +der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer +Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den +Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig +gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß +des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm +von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So +berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle +verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa +bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das +Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in +die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition +des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß +zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten +Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf +ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde +in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um +nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen +Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen, +der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova, +gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung +ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie +durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung +des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel +um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends +jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte +erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen +ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch, +nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich +jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe +und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche, +das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber +dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele ~seines~ Werkes +war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen +Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung +in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne +Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den +Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den +durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte, +ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen +zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es +giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen +unvereinbar sind. + +Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte, +durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war, +die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus. +Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der +Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle +krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle +verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen +Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie +verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu +gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen +suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich +bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher +rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der +Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als +er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der +Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten. +Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene +Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne +zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu +bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet +ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche +Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme +vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die +Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund +der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem +Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei +diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen +auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte +Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit +der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung +und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr +in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen +Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der +Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen. +In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum: +entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet +Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten. +Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn +gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine +Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche +aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden +und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl +gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht +zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den +Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von +der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume +seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs +erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht +die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener +Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf +erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern +Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.« +Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der +bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit +noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht +länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige +begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der +König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte +machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen +reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium +verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz +besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du +hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in +den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich +über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe. +Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit +Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names +Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung +des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei +Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs +Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban +ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von +Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs +überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte +und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit +den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig +den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und +des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der +frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der +nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl, +der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban +weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine +Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen. +Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten. +Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten +mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten. +Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters, +von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über +Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf +Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach +Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen +Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr +jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt +fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und +erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch +am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans +erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier +die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da +der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren +Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der +Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das +Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht, +ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie +auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns. +Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«, +spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin +doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«. +Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten +sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen. +Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider +Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen, +berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St. +Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu +Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat +zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von +meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck +veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften +Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten +Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken. +»Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die +Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«. +Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde +ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du +doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja +froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt +zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei +Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht +mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu +mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen +auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er +die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles +Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die +Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte +es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb +wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen +mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut +findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König +gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder +schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß +Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und +hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit +seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute +Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf +ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der +Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den +Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war +klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte +keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen +Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf +Flucht zurückzuführen[131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines +Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie +vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann +Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie +ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen, +er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil +er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte, +sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich +beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte, +ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an +einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu +bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen +Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide +baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich +einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem +beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen. +Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich +Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ +ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn +ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm +es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar +mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein +ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem +geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem +andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre +Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel +und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der +heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen +lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung +der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann +allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar +noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu +Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer +mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus +Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung +ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken +Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das +Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war +ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott +Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen +Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig +geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen +Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren +jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so +klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen. +Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ +er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien. +Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst +trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die +verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines +Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen +Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars +_II._ schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem +ersten Jahr zu Bobbio, im November 615[133-a]. + + +3. + +Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der +bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt +ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen +Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum +Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach +Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken; +aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach +Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben, +ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas +unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er +dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach +drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert +von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel +eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert, +sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als +Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen +Sohnes Chlothar _III._; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser +Fürstin in Chalons. + +Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und +Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen +und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort +Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen +Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen +eine gerechte Beurteilung[133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis +der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen. +Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In +ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht +und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre +politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre. +Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter +die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der +Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie +Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und +Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden +los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche +und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in +ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer +bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und +einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates, +der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst +für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die +Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine +verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf +gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der +hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt +aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft +gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die +Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den +kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und +niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der +Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand +bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte. + +Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das +wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es +doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht +selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn +bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element +der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer +der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren +einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie +geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach +Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes +von Reomaus[134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen, +ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen +Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler +bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte +dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster +hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen +Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder; +überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen +verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind +daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen +namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß, +seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen. +Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte. +Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas +in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien +regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern +an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich +an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß +vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt +waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue +Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht +und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese +Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes +zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain, +zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien +von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach +seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen +daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache +darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung +des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von +Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters +übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die +Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine +Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar +seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm +jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als +zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der +Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als +Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus +Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von +zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben, +das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier +in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte +ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam, +erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden +Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste +that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von +Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte. +Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum: +Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes +nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen; +der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten. +Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige +Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von +Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern +etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug +wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen +in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere +Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner +Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung +seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem +Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor +der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet; +jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder +war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit +er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in +die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen +es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins +Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen +ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene +Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese +Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit +trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein +die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der +Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach +wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt +uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter. +Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu +schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel. +Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer, +Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter +bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht +erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die +Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende +Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem +Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und +zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt +er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor +Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge +zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor. +Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im +Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die +sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum +Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr +diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich +ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde +ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus +empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum, +heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer +Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu +beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von +dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch +Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der +Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes +mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten. +Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn +er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört +würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu +warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung +für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte, +nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn +Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen +auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren +es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann +durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl +auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr +von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert +über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen +Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder +eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte +auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein +Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken +in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das +letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche +ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris +von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet. +Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem +Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm +das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon +getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit +wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren +Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes +stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel. +In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter +von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es +eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch +mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen +Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso +genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es +sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich +um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen +in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der +Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch +ihn zur Nonne geweiht worden war. + +Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch +die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas +gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf +und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in +jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in +Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas +Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz +ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in +seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache +nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu +kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt +sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend +aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus +an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des +Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu, +und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen +den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras +an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne +in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das +Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als +federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch +für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat. +Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt. +Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er +Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige +Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur +eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer +Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen +hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche +Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert +somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst +erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof +Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde +nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte +seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn +einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als +Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes +fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört, +lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz. +Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt; +er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe +besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das +Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum +seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb +nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so +spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«. +Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten +Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts +gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang +wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche +und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit +der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und +befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser +der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste +ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über +das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von +der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung +vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie +soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und +freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar +nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl +eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer +nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine +Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen, +dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen. + +In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine +hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch +leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach +handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster +Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay[140-1] wertloses +Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei +es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe +zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um +den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte +sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und +kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst +hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig +scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre +eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so +seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters, +seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des +Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder +nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen +echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der +Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer +Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von +Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden. + +Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So +schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt +von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des +Stifters von Moutiers-Grandval im Jura[140-2]. Germanus stammte aus +einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof +Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er +dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische +Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen. +Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst +den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk +zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von +Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden +Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die +über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand +abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das +Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener +Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle +heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln +Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen +Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden +Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann +in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt. + +Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht +werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne +sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem +irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische +Märtyrerverzeichnis[141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in +seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden. + +Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger +und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches, +wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der +zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der +Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein +vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während +der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser +unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle +eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu +unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein +gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das +Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch +dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das +Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und +Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch +nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein. +Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet +darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die +bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem +nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden +war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit +der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit +hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne +die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische +Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht +das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das +nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es +sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils, +während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das +Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht. + + +4. + +In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet +sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich +stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an, +daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von +Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung +und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber +war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien +nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und +der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl +seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte. +In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe +durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine +militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung +und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits +Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich +ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in +Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte +auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar +_II._ betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen +Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt +ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster +Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen +Leuten. + +Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht +reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch +mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war. +Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten +geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres +Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine +angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland +verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus +Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich +den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in +bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete +oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination +des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin +Chlodowechs _II._, dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und +Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie +für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung +die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und +wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den +christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen. +Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem +Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster +war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde +ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von +Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer +Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere +merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer +hinzu erworben hatte. + +Die bewegte Zeit nach ihrem Abschiede von der Welt wäre für uns +unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun. +Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des +Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus +von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert, +gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als +raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von +der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde[143-1]. Dieser ungenannte +Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten +und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger +Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen- +und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm +vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt +offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und +enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er +die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse +gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis +für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen[143-2]. Leodegar oder +Saint Leger[143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen +Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu +seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit +zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete +er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis +des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die +ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete +er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf +blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches +Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen +Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der +königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und +scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er +und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht +gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund +hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher +die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe +jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den +Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie +in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle +versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder +aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte +sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit +seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich, +Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die +rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin +viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein +Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die +Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich +fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien +zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich +Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein +im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen +geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin, +ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde +geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund +übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter +des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine +Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein +energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete +Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich +unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der +Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter +den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit; +jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund +mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus +bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen +die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit +mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer +frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der +Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht. +Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung +des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint +Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei +auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber +sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit +die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte, +wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach +Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem +Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König +und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen +ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das +Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der +Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen, +fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen. +In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde +ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott +gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf +lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu +Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben. +Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars +Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen +drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu +Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen +Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in +Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen, +indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund +aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer +der Adelspartei, für Theuderich _II._, den er früher entthront hatte. +Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich +in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich. +Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm +flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder +seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den +alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei +seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten +konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds +für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und +kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der +gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den +Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter +Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst +aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er +Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen. + +Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint +Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer +Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius[146-1], +keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588 +geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner +künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren +in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war +königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die +Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig +auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen, +das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris +über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars +_II._, einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit, +die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war +eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu +lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf +Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar +das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit +der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen +nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges +habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen, +während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als +zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen +und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar +zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier +Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren +zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender +Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein. +Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine +Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine +Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte +klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres +Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren +Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde +er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch +bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken +zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender +Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn +Dagobert _I._, um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln +Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte. +Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von +Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit. +Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er +starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659, +einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen +Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit +Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das +Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der +auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen +Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern +Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado +dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar +_II._ und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen +lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der +Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war +es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große +Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren +ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den +Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt +er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien +von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches +Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers +Ansbert[147-1]. + +Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem +Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters +Amandus[147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten +Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war +vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der +Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ +sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt +er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und +verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre. +Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites +Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst +in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht +auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an, +die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um +selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden, +sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte, +wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die +Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und +Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er +auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen, +ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen +Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen +waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der +Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet +der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie +das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer +gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der +todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu +werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau +nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft +hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als +Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es +weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe +ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er +keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn +geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher +den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb +verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde, +veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige +nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde +er, von diesem seinem Täufling König Sigibert _III._ und den Bischöfen +gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen. +Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch +diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den +Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich +das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der +Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin +von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand +durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen, +bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu +erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats +den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit +entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls +vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo, +an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er +außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch +dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen. +Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein +Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum +als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684. + +Drei Jahre später erfocht der Hausmeier Pippin bei Tertri den +entscheidenden Sieg, der in Wahrheit der Herrschaft der Merowinger +ein Ende machte, wiewohl sie dem Scheine nach noch bis über die Mitte +des folgenden Jahrhunderts im Regiment saßen. In der letzten Phase +ihres Zeitalters hatte die Heiligenschreibung angefangen sich zu der +litterarischen Industrie zu entwickeln, als die wir sie dann unter den +Arnulfingern bald genug entfaltet finden. Die karolingische Schule +für Hagiographie hat auf den Errungenschaften der merowingischen +aufgebaut und stellt sie scheinbar weit in den Schatten; denn in ihr +floriert das Interesse an der Vergangenheit, und so bevölkert sie +denn kaltblütig den Merowingerstaat nachträglich mit Heiligen aller +Art, die uns auf unserer Wanderung durch die gleichzeitigen Quellen +gar nicht oder anders begegnet sind. Da echte Forschung damals nicht +möglich ist, handelt es sich um Mißbrauch der Forschung, um Erfindung +und Fälschung[149-1]. Die bescheidenen Machwerke der Merowinger +Zeit dagegen sind durchweg ehrlich. Selbst beim hieronymischen +Märtyrerverzeichnis ist die Unterschiebung des Kirchenvaters harmlos, +da sie nur die Vorrede betrifft und den Inhalt in keiner Weise in +Mitleidenschaft zieht. Bei aller Unzuverlässigkeit kann man also bei +den beschriebenen Schriften von historischer Treue reden und sie +deshalb schätzen, wie ja denn überhaupt das Frankenreich der Merowinger +zwar höhere Bildung aber auch höhere Heuchelei nicht kennt, noch roh +aber auch noch naiv ist. + + + + +Dritter Abschnitt. + +Die Legende. + + +Erinnerung und Erkundigung erschöpfen indessen den Inhalt der +Heiligenviten nicht. Ein wesentliches Element in ihrem Bestande wird +von der Legende bestritten. Legende ist das uferlos flutende Weistum +der Volksseele. Es hat doppelten Ursprung: entweder entquillt es der +geschichtlichen Erinnerung, dann ist es Sage. Oder es entspringt +der Naturanschauung, dann ist es Mythus. In den Vordergrund unserer +Erwägungen drängt sich jedoch das Bewußtsein der Schwierigkeiten, +dieses legendenhaften Wesens der Heiligenvorstellung für unsere +Erkenntnis überhaupt habhaft zu werden. Zumal nun auch die gebundene +schriftliche Ueberlieferung der fließenden mündlichen nicht mehr +auf dem Fuße folgt und somit, was bisher noch in den festen Formen +der Litteraturgeschichte sich abspielte, sich nun für uns auflöst +in ein schwer greifbares Nacheinander oft geradezu gestaltloser +Gedankengebilde. In den folgenden markanten Beispielen, an denen die +mannigfaltigen Erscheinungsarten der Legende herausgeschält werden +sollen, ist der Anteil von Mythus und Sage sehr ungleich, und dasselbe +Mißverhältnis zeigt sich in geographischer Hinsicht, insofern das +gallische Stammland von Mythenbildung und Teilnahme der Heiligenlegende +an ihr fast ganz frei blieb, während der verhältnismäßig schmale +Streifen der Alpen- und Rheingegenden davon wuchert. Bei den Franken +selbst äußert sich der Trieb zur freien Gestaltung und zur Emanzipation +der Phantasie von geschichtlichem Geschehen fast nur in der mehr +oder weniger passiven Aufnahme des kirchlichen Sagenstromes, der +sich von Rom aus über das fränkische Reich ergießt. Selbst bei zwei +Hauptheiligen des Frankenvolkes, wie Martin und Genovefa von Paris +ist ein mythischer Beisatz zwar da, aber durch die viel kräftigeren +epischen Triebe fast gänzlich absorbiert. Und die heilige Radegunde hat +das Volk von Poitiers nur ganz verstohlen mit einem alten Druidenstein +in Verbindung bringen können. + +Was an mythischen Bestandteilen im merowingischen Heiligenhimmel sich +vorfindet, ist teils aus dem Orient hergezogen, wo die Amalgamierung +vom Heidnischen ins Christliche vor angetretener Wanderung ins +Abendland sich bereits restlos abgeschlossen hatte, oder sie hat +sich, sofern ein solcher Austausch auf germanischem Boden stattfand, +auf nicht fränkischem Gebiete, am ehesten bei den Alamannen oder den +Friesen und Angelsachsen durchgesetzt. Ueberdies kommt die Schiebung +in Betracht, die in den germanischen Göttervorstellungen selber vor +sich ging. Einen germanischen Olymp hat es nie gegeben; jeder Stamm +hatte seine Gottheiten, jeder seinen Glauben für sich. Nur der mächtige +Himmelsgott in seinen beiden Gestalten des Tiuz und des Donaraz +sowie seine Gemahlin Frijô haben im Glauben aller deutschen Stämme +geherrscht, bis der lokale und untergeordnete Wind- und Totengott der +Istväonen, Wodan, im Laufe der Zeit sich universale Rechte usurpierte, +den Tiuz aus dem Felde schlug und wenigstens in England und im Norden +sich bleibend zum obersten der Götter erhob. Auch in Alamannien griff +der Wodankult ein, ohne jedoch noch die Verehrung des älteren Kriegs- +und Donnergottes verdrängt zu haben, als an der Spitze der fränkischen +Reichsmission bereits eine dritte und in der Folge siegreiche Macht ins +Feld rückte, eben die Heiligen der Merowinger. + + + + +Siebentes Kapitel. + +Wanderheilige. + + +Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche +Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren +Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr +aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter +Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch +niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen +Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt +weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden +oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten +Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr +unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die +Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse +aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß +wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die +sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte +Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich +hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch +Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild +reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten +Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer +Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als +doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst +jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und +faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer +zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald +sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und +Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann +wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht +mehr gebunden. + + +1. + +Zur Zeit des Entscheidungskampfes zwischen Christentum und Heidentum +beherbergten Kleinasien und Syrien eine Anzahl Heiliger, von denen +jeder gewissermaßen auf die Wanderschaft ging, und das Abendland seinem +Namen unterworfen hat. Sie haben die Dunkelheit ihrer Lebensgeschichte +mit einander gemein, sowie Züge, die in die heidnische Götterwelt +hinüberspielen. Deutlich zeigt sich das am heiligen Christoph[151-a]. +Er stammt aus dem Lande der Riesen, kam unter der Regierung des +Königs Dagnus oder Decius von den Inseln nach der durchaus fabelhaften +Stadt Samos in Lycien. Nach seiner Taufe erregte er in Syrien unter +den Heiden Aufsehen, weil er statt eines menschlichen, den Kopf eines +Hundes trug, und bekehrte Unzählige, weil sein eiserner Stab grüne +Blätter trieb. Anderswo[152-a] erscheint Christoph als äußerlich sehr +ungeschlacht, dagegen spricht er, als er gefangen wird, ohne Unterricht +plötzlich griechisch und verblüfft seine Häscher durch das Wunder +des grünenden Stabes; erst dann erfolgt seine Taufe durch Bischof +Babylus von Antiochien. In der bekannten germanischen Form dagegen ist +Christoph, dem griechischen völlig ungleich, ein heidnischer Riese, der +durch die Welt zog, einen stärkeren zu suchen, als er sei. Er diente +dem Teufel, bis er ihn einem Kreuz ausweichen sah: der Herr des Kreuzes +mußte also stärker sein. Durch einen Einsiedler belehrt, daß sich +Christus Dienst in guten Werken äußere, läßt sich Christoph an einem +Fluß nieder, um, zwölf Fuß hoch, wie er war, Wanderer über das Wasser +zu tragen und thut es, bis er eines Tages unter der unscheinbaren, +aber immer drückenderen Last des Christusknaben zusammenbricht. Die +Verschiedenheit der Ueberlieferung ist jedoch nicht das einzige, +was an Christophs Geschichte auffällt. Auch daß die Namen, die er +trägt, mag er nun vor seiner Bekehrung Adokimos oder Reprobus oder +Offerus geheißen haben, alle deutbar sind und eine Eigenschaft des +Trägers ausdrücken, weist auf einen inneren Zusammenhang des Namens +mit dem Leben hin; bei einer geschichtlichen Figur müßte dies ein +Zufall sein, da der Mensch heißt, bevor er etwas ist, und somit eine +Uebereinstimmung von Namen und Leben, wenn überhaupt dem Namen ein +Sinn innewohnt, zu den großen Ausnahmen gehören wird. Aber noch mehr +giebt an Christoph zu denken, daß er nicht nur in seiner Sage plötzlich +einmal mit einem Hundskopf auftritt, sondern diesen Ersatz eines +menschlichen Gesichtes auf alten griechischen Bildwerken wirklich zur +Schau trägt[152-1]. Hier hat die christliche Sage einen Riß; wir sehen +in die heidnische Mythologie hinein: einen Wolfs- und Hundskopf trug +Anubis, der den jungen Sonnensohn Horos durch den Nil trägt[152-2]. +Allerdings kann ein vereinzelter Zug nicht viel beweisen. Aber an der +Gestalt des heiligen Georg läßt sich der Vergleich auf der ganzen Linie +durchführen. + +Die griechische Georgslegende erzählt, Kaiser Diokletian habe auf ein +Apolloorakel hin alle seine Statthalter zu einem Rat wider die Christen +zusammenberufen. Damals lebte Georg, von vornehmen christlichen Eltern +in Kappadocien. Er hat als Kind seinen Vater verloren und war dann +mit der Mutter nach ihrer Heimat Palästina ausgewandert. Als schöner +Jüngling trat er ins Heer ein und zeichnete sich in den Kriegen so +aus, daß er Comes wurde. Zwanzig Jahre alt erbte er seine Mutter und +begab sich mit seinem fürstlichen Vermögen an den Hof, um da sein +Glück zu machen. Hier angekommen — wo, wird nicht gesagt — hörte Georg +von der Verfolgung, die über seine Glaubensgenossen verhängt sei, +verteilte sofort alle seine Reichtümer unter die Armen und bekannte +sich vor dem Kaiser als Christen. Er soll den Göttern opfern, bleibt +standhaft und wird nun gemartert. Am ersten Tage stoßen ihn die +Trabanten mit Speeren nach dem Kerker; ein Speer, der Georgs Körper +berührt, wird wie Blei umgebogen. Dann werden ihm die Füße in den Block +gespannt und ein schwerer Stein auf die Brust gelegt. Er lacht über so +leichte Qualen. Am zweiten Tag wird er an ein großes mit Schwertern +besetztes Rad gebunden und gepeinigt. Darauf liegt er wie schlafend +da. Diokletian hält ihn für tot. Man bindet ihn los und siehe da, er +ging heil von dannen. Georg wird nun in eine Grube mit frischgelöschtem +Kalk geworfen: als der Kaiser nach dreien Tagen den Auftrag giebt, +die Gebeine heimlich zu verscharren, findet man Georg in heiterer +Haltung, im Gebet begriffen. Der Kaiser hält ihn für einen Zauberer und +läßt ihn in glühenden Schuhen in den Kerker zurücklaufen. Als er am +sechsten Tage aufrecht gehend vor dem Kaiser erscheint, gebietet dieser +Georg mit Riemen ans Rindshaut so lange zu geißeln, bis das Fleisch +in Stücken herabfällt. Auch tötliche Zaubertränke trinkt er, ohne +Wirkung zu verspüren, aus. Nachdem er die Reihe der Marter bestanden +hat, thut Georg drei Wunder: Athganasios fordert ihn auf, einen Toten +zu erwecken; er thut es. Dann ruft er den gefallenen Ackerstier des +Landsmanns Glykerios ins Leben zurück. Am achten Tage erscheint Georg +zum letzten Gericht vor dem Kaiser; im Apollotempel beschwört er den +bösen Geist, der in dem Götterbild wohnt, bis dieser sich als einen von +Gott abgefallenen Engel bekannt; alle Götterbilder stürzen auf die Erde +und zertrümmern. Da fiel die Kaiserin Alexandra dem Heiligen zu Füßen; +Diokletian ließ beide zur Hinrichtung abführen. Alexandra gab unterwegs +den Geist auf, Georg aber ging Gott lobsingend auf den Richtplatz und +wurde enthauptet; es war am 23. April. + +In diesen griechischen Akten liegt nun aber eine von allerlei +Rücksichten geleitete Ueberarbeitung der Georgssage vor. In älteren +lateinischen Akten heißt es: der Teufel trieb Dacianus, den Kaiser +der Perser, den Herrn über die vier Himmelsgegenden, daß er die +zweiundsiebzig Könige der Erde, die unter ihm waren, zusammenrief +und auf ihren Rat die Christen bedrängte. Damals lebte der heilige +Georg. Melitene in Kappadocien war sein Geburtsort und der Schauplatz +seines Martyriums. Hier hielt er mit einer Witwe Haus. Die Marter, die +er zu bestehen hatte, sind zahllos; genannt werden die Folterbank, +eiserne Zangen, das mit Schwertern besetzte Rad, die an die Fußsohle +angenagelten Schuhe; dann wird Georg in eine eiserne, inwendig mit +Nägeln besetzte Kiste geworfen, in den Abgrund gestürzt, mit eisernen +Hämmern geschlagen; eine schwere Säule wird auf ihn gelegt, ein +schwerer Stein auf sein Haupt gewälzt; er wird auf ein glühendes +eisernes Bett gedrückt und mit geschmolzenem Blei übergossen, dann +in einen Brunnen geworfen, mit vierzig glühenden Nägeln durchbohrt, +in einen glühenden ehernen Stier eingeschlossen, mit einem Stein um +den Hals in den Brunnen geworfen: diese Marter dauern sieben Jahre. +Endlich verdarb Georg mit Arglist die Zauberer der Heiden und brachte +die Heiden selbst um; Vierzigtausendneunhundert Menschen aber bekehrten +sich zum Christentum, darunter Alexandra, die Kaiserin der Perser. +Dacianus ließ beide enthaupten, eines Freitags den 24. April. Hierauf +entführte ein feuriger Wirbelwind den Dacianus und seine Genossen. Die +Muhammedaner haben die folgende Fassung übernommen: Georgîs, der noch +bei Lebzeiten der Apostel geboren war, wird von Gott zu dem Könige von +El-Maucîl geschickt, um ihn zur Annahme des Christentums aufzufordern. +Der König ließ ihn hinrichten. Gott aber rief ihn wieder ins Leben +zurück und schickte ihn ein zweites Mal; ein zweites Mal getötet ward +er von Gott wiederum auferweckt und ein drittes Mal geschickt. Nun +ließ ihn der König verbrennen und seine Asche in den Tigris werfen. +Darauf vertilgte Gott den König mit allen seinen Unterthanen. Die +alte abendländische Legende vom heiligen Georg ist in den Kreisen +der Kirche von Lyddadiospolis in Palestina entstanden. Dort erhob +man den Anspruch, Georgs Leichnam zu besitzen. Jedenfalls bestand +dort ein besonders alter Georgskultus. Deshalb unternimmt auch Georg, +ehe er Märtyrer wird, in den griechischen Akten einen Abstecher nach +Palestina. Die noch ältere morgenländische Fassung muß davon unabhängig +gewesen sein; sie läßt den Heiligen verbrannt werden, sie kann mithin +eine Beisetzung seiner Asche, aber nimmermehr seines Leichnams gekannt +haben. Georg hat nicht nur bei den orientalischen Christen, sondern +fast mehr noch bei den Mohammedanern eine ausnehmende Verehrung +genossen. Offenbar wurzelt sein islamischer Kultus tief im Volksglauben +und war nicht auszurotten. Wie ist das zu erklären, wenn Georg weiter +nichts wäre, als ein christlicher Heiliger? + +Sein Geburts- und Todesland Kappadocien hilft uns auf die Spur. Es +war fast tausend Jahre vor dem Sieg des Christentums vollständig +iranisiert. Die alten Naturgottheiten wurden verdrängt, untergeordnet, +verflüchtigt. Nur wenigen Gottheiten gelang es, sich im Volksglauben +dauernd zu behaupten und trotz der zoroastrischen Prinzipien immer +mehr Terrain zu gewinnen und schließlich aller Orten in Bildern +verehrt zu werden. Die vornehmsten dieser Götter sind Anâhitâ und +Mithra. Kappadocien ist die Wiege des Mithradienstes in der Gestalt, +die er im Abendlande genommen hat. Mithra ist das geschaffene, Alles +durchdringende, alles belebende Licht, der Vertreter der Wahrheit, +Gerechtigkeit und Treue; in später Zeit ist er mit der Sonne +identifiziert und sein Kultus mit vielen fremden Bestandteilen versetzt +worden. In der jüngsten Phase des Mithradienstes drängt sich die +Aehnlichkeit mit Georg bis auf den einzelnen Zug auf: Mithra der Gott +stammt von Menschen und ist ein König göttlichen Geschlechtes, Georg +der Sohn vornehmer christlicher Eltern. Mithra der reiche Landesherr, +schaltend über Gaben, schaltend über Fluren, Georg der Herr großer +Schätze und eines reichen Erbes. Mithra war wohlgebildet, hoch, rein, +lieblich, Georg ein schöner Jüngling. Mithra und Georg sind in voller +Rüstung, die Hand an der Waffe. Mithras Wagen ziehen weiße Renner. +Georg erscheint hoch zu Roß. Georgs Gegner ist der böse Dacianus, und +Aji Dahâka oder Dehâk ist die verderbliche Ahrimansschlange und wird +in der späteren Parsensage direkt zum Teufel, endlich wird er ganz +vermenschlicht und in das iranische Tyrannenideal verwandelt. Der +Teufel, Ahriman, ist Dehâks Verführer und Ratgeber, genau dieselbe +Rolle fällt dem Apollon bei Dacianus zu. Auf den alten Darstellungen +schaut eine Frau im Königsgewande dem Kampfe Georgs zu: die Kaiserin +Alexandra. Dem Mithra ist Anâhitâ als weibliche Gottheit häufig +beigesellt. Sie heißt die große Königin und tritt auf wie eine Königin, +trägt ein goldenes Uebergewand und ist bekleidet mit Pelzkleidern +von dreißig Bibern. Der Name Alexandra, »die Männer Abwehrende« +wäre eine passende Bezeichnung für die jungfräuliche Anâhitâ. Die +spätere Georgssage kennt eine doppelte Herkunft der Alexandra, sie +sei in Kappadocien geboren, zur Hälfte aber eine ›Französin‹ gewesen. +Das deutet auf Gallien im lateinischen und Galatia im griechischen +Original. Versteht man darunter nun nicht das europäische, sondern das +kleinasiatische Gallierland, wo Pessinus, der Hauptsitz des Kultus +der Göttermutter liegt, so wäre Alexandra die Göttin, die in der That +in Kappadocien als Anâhetâ und in Galatien als Magna Mater verehrt +wurde. Was nun die Witwe betrifft, mit der Georg, als einem zweiten +weiblichen Wesen, zusammengedacht ist, so bringt zwar der römische +Synkretismus Mithra noch mit Aphrodite-Anâhitâ in Beziehung, aber da +Mithra dort meist Sonnengott ist, in noch engere mit der Mondgöttin +Selene-Isis, der Witwe des Osiris. In dem jüngeren Stadium der +Georgssage hat die Witwe einen drei Monate alten Knaben, der an Händen +und Füßen gelähmt und blind ist, auf Georgs Fürbitte aber nicht nur +den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder erhält, sondern auch auf sein +Geheiß in diesem frühen Alter geht und spricht. Isis hat zum Sohn den +Harpokrates; er ist stets als Kind dargestellt, unausgebildet und +schwach auf den Füßen; er legt den Mund auf den Finger: die Geberde +des Stillschweigens. Würde ihn ein Georg heilen, dann thäte er eben +das was der Sohn der Witwe thut: reden, gehen und anderes was sonst +die Kräfte eines Kindes übersteigt. Kehren wir zum Mithra in seiner +ältesten Auffassung zurück, so heißt er der mit silbernem Helm und +goldenem Panzer, der geschossetötende, mächtige, tüchtige Dorfherr und +Krieger, der auf dem Schlachtfeld dasteht und die Reihen vernichtet. In +den späteren Mysterien des Mithras war der erste Hauptgrad der eines +Miles. Die Römer hießen Mithras den Unbesiegten. Ebenso führt Georg +der tapfere, siegreiche Krieger das Beiwort eines Trophäenträgers. +Mithra schützt seine Verehrer in den Schlachten und läßt die Gegner +an ihnen fruchtlos abprallen; und so genoß er denn auch bei den +römischen Soldaten eine außerordentliche Verehrung, die namentlich +in den nördlichen Provinzen durch sehr viele Denkmäler bezeugt ist. +Der Mithradienst wurde eine förmliche, kastenmäßig abgeschlossene +Kriegerreligion, die sich in verschiedene, an harte Prüfungen geknüpfte +Grade gliederte. Georg wurde dementsprechend der Schirmherr der +Kriegsleute, der Schutzpatron ritterlicher Orden. Mithra ist ein +Reichtum, Glück und Frieden spendender, liebevoller Gott; Georg ein +Heiliger, der seine unermeßlichen Schätze unter die Armen verteilt. +Mithra schützt und spendet Leben; Georg heilt Kranke und erweckt einen +Toten. Einer verirrten Kuh werden die Worte in den Mund gelegt: »Wann +wird uns der Mann zum Stalle bringen hinterherfahrend, Mithra der +weitflurige? Wann wird er uns hinbringen auf den Weg der Reinen, die +in das Haus des bösen Geistes der Verwesung geführte?« Georg wird von +dem armen Landmann, dem sein Ackerstier gefallen war, angerufen und +giebt dem Stiere das Leben wieder. Mithra erscheint auf den römischen +Kunstdarstellungen als Stiertöter; aber der Mord stellt sich nur als +fingiert heraus: »mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin +Mithra der weitflurige vom glänzenden Garo-Ninâna aus«; Mithra selbst +verklärt sich zu einem neuen unsterblichen Leben, und erst die spätere +Einmischung physikalischer Spekulation läßt ihn dann den Stier, das +heißt die belebte Natur töten, wobei dann eben dieser Tod die Keime +zum neuen Frühling enthält. Mithra heißt der wachsame, in ihm ist das +Verständnis der reinen, weithin nützenden Lehre niedergelegt, als +erster Verkündiger mehrt er stark des heiligen Geistes Geschöpfe; +Georg ist ein treuer Anhänger der reinen Lehre Christi, er wird von +Gott ausgeschickt, diese dem Perserkaiser zu verkündigen; er bekehrt +Tausende zum Evangelium. Wenden wir den Blick auf die Marter, die +Georg zu bestehen hatte, so ist an die allgemeine Vorstellung des +Altertums zu erinnern, daß was die Mysten des Gottes zu bestehen haben, +auch der Gott selbst bestanden hat. Und nun sind in den Prüfungen, die +den Mysten des Mithra auferlegt wurden, die Marter des Heiligen und +sein und seiner Anhänger Tod vollständig vorgebildet. Zum schlagenden +Beweise dafür decken sich die Namen der beiden Hauptleute, die zuerst +durch Gregors Beispiel bekehrt wurden und zuerst den Märtyrertod +leiden, genau mit dem Namen zweier mythrischer Mystengrade: Anatolios, +»der Morgenländer«, entspricht dem fünften Grade Perses, Protoleon, +»der Hauptlöwe«, dem vierten Leo, anscheinend dem zweiten Hauptgrade. +Ein alter Bericht erzählt: »Die Perser empfangen gewisse, den Mithras +betreffende Weihen; Niemand aber kann seine Weihen empfangen, wenn +er nicht alle Qualen durchgemacht und sich als unempfindlich gegen +Schmerzen und fromm bewährt hat. Es sollen aber etwa achtzig Qualen +sein, die der Einzuweihende stufenweise durchmachen muß, zum Beispiel +zuerst tagelang durch vieles Wasser hindurch schwimmen; dann sich ins +Feuer stürzen, dann in der Einöde verweilen und hungern, und anderes +mehr, bis daß er, wie wir sagten, durch achtzig Qualen hindurchgegangen +ist. Und dann zuletzt weihten sie ihn in die größeren Mysterien ein, +wenn er am Leben geblieben war.« Die achtzig Martertage sind dreifach +verteilt: fünfzig Tage hungern, zwei Tage Geißelhiebe, achtundzwanzig +Tage Frieren im Schnee und andere Qualen. Die drei Hauptprüfungen der +Einzuweihenden sind die Feuerprobe, die Luftprobe und die Wasserprobe. +Sie sind auf einem Bildwerk folgendermaßen dargestellt: nach dem +Gesicht und über die ausgestreckte Hand eines knieenden Mannes wird +eine Fackel mit einer ungeheuer großen Flamme hingehalten; um einen +zweiten in wagrechter Stellung liegenden Mann herum, der auf der +Erde hingestreckt ist oder in der Luft schwebt, bemerkt man sieben +kleine Bälle, die wahrscheinlich die Stricke bedeuten, mit denen die +Glieder des Leidenden angezogen wurden, auf einen dritten, einen +nackten, zwischen zwei Rohrpflanzen stehenden Jüngling wird eine Schale +ausgegossen. Bei Georg sind die drei Hauptmarter das Rad, die Grube +mit frischgelöschtem Kalk und die Enthauptung oder wie die hierin wohl +ursprüngliche islamische Fassung lautet, die Verbrennung. Die jüngste +Gestalt der Georgssage schließt die Marter mit Rad und Grube, setzen +wir auch hier die Verbrennung als erste, und statt der Grube den +ebenfalls bezeugten Brunnen, so haben wir auch bei Georg Feuerprobe, +Luftprobe, Wasserprobe. Es wird bezeugt, daß Georg in der Luft hing und +von dem mit sieben Schwertern besetzten Rade zur Erde niedergelassen. +Georgs dreimaligem Tode entspricht es, wenn gelegentlich von einem +dreifältigen Mithras der Magier gesprochen wird. Die Martern des +Heiligen dauern sieben Jahre oder sieben Tage, am achten wird er +hingerichtet. Im Mithrakult galt die Siebenzahl für heilig; in seinen +Mysterien kam eine Stiege von sieben Thoren vor, die aus sieben +verschiedenen Metallen bestanden und nach den Planetengöttern der +sieben Wochentage genannt waren; über der Stiege stand das höchste +achte Thor. Die acht Thore stehen zu den acht Mystengraden und +zu den achtzig Prüfungen in offenbarer Beziehung. Die Georgssage +jüngster Fassung macht Dacianus, Georgs Peiniger, zu einem Diener der +Planetengötter. Georgs Todestag, ein Freitag, war der Aphrodite heilig, +der Vertrauten des Mithra. Die Feier der bedeutenderen mithrischen +Sacra wurde im April abgehalten, auf dessen 23. oder 24. Tag Georgs +Gedächtnis fällt. Die Identität Georgs mit Mithra erstreckt sich +endlich bis auf den Namen. Mithra heißt schaltend über Fluren, nicht +verletzend den Bauer, ja schlechtweg der ›Dorfherr‹; Georgios bedeutet +aber Mann der Landbauern. Somit ist sogar der Name des Heiligen nur +die wörtliche Uebersetzung eines uralten Beinamens des Mithra. Der +Mithrakult gehörte zu den lebensfähigsten des sinkenden Heidentums; +heidnische Machthaber, wie Kaiser Julian, haben ihn als Schutz gegen +das Christentum nach Kräften gefördert. Aber um eben jene Zeit +arbeitete die Kirche dem Mithradienste planmäßig auf zwei verschiedenen +Wegen entgegen. Einmal verlegte Papst Julius _I._ das Geburtsfest +Christi auf den 25. Dezember, den »Geburtstag des Unbesiegten«. +Sodann wurde der Kultus des heiligen Georg vorzugsweise begünstigt. +Schon Constantin soll in Konstantinopel einen Heratempel durch eine +Georgenkirche ersetzt und die Georgenkirche in Lyddadiospolis erbaut +haben. So wurde der Mithradienst von der christlichen Kirche mehr +und mehr untergraben und am Ende des vierten Jahrhunderts gewaltsam +unterdrückt[158-1]. + +Mithra wurde im vierten Jahrhundert auch in Gallien und am Rhein +verehrt. Im fünften lassen sich die ersten Spuren des Georgskultes +daselbst nachweisen. Wenn eine Anspielung in Fortunats Georgsgedicht +diese Deutung gestattet, hat schon der Bischof Sidonius Apollinaris von +Clermont, der 484 starb, einen Georgstempel gebaut[158-2]. Das Gedicht +lautet: + + Die Georgenkirche. + + Stolz erhebt sich das Haus + Für Georg den heiligen Ritter. + + Dessen erhabener Ruf + Drang bis in jegliche Welt. + + Hungrig und durstig, gefesselt, erstarrt + Und im Feuer geröstet. + Hat er nur Christum bekannt + Streckt er gen Himmel sein Haupt. + + Wohl liegt im Morgenlande + Das Grab des gewaltigen Mannes. + Sieh, selbst im westlichen Teil + Regt sich sein helfender Geist. + + Also, Wandrer, vergiß der Gebete nicht + Noch der Gelübde. + Denn der verdiente Georg + Schenkt was der Glaube sich wünscht. + + Bischof Sidonius hat ihm + In Demut den Tempel gestiftet. + Soll es der einzige sein, + Den wir dem Heiligen weihn? + +Hand in Hand mit dem Bau von Kirchen für Georg ging der Vertrieb +seiner Reliquien[159-a]. Eine kleine hölzerne Betkapelle im +Stadtbann von Limoges, das Eigentum einiger armer Cleriker, wußte +sich von Pilgern welche zu erwerben, und ebenso besaß ein Dorf bei +Le Mans Georgsreliquien. Fuß gefaßt hat indessen der Georgskult im +merowingischen Frankreich nicht; immerhin deuten diese wenigen Spuren +in der Diogonale von Südosten nach Nordwesten den geradesten Weg von +Italien nach England an. Hatte die Macht des heiligen Martin einen +fremden Allerweltsheiligen auf gallischem Boden sich nicht ansiedeln +lassen, so fand Georg dafür das britische Inselreich zu seiner +Aufnahme bereit und wurde was Martin für Frankreich war, nun für +England: Nationalheiliger. Dabei verlor er jedoch seine Herkunft von +einem orientalischen Gotte vollständig und ging ganz in germanischen +Vorstellungen auf. Der englische Georg hat nichts mehr vom Mithra +an sich; er hat sich zum Wodan verwandelt[159-1]. Das will heißen: +er ist hier wie dort wirklich heimisch gewesen oder geworden. Im +merowingischen Frankenreiche dagegen hat er sich nur auf der Durchreise +aufgehalten. + + +2. + +Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus, +Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im +Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die +Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der +verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland +eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre +beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus, +die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr +im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und +Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften +Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird +demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein +weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das +nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch +gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser +Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben +Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut[160-a]: Der +böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die +Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben +Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen +Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und +Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem +denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um +erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle, +die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf +das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber +zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er +unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines +Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf, +der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder +sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott. +Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten +sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie +so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie +sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden. +Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf +der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das +sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen +ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften. +Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da +befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und +sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und +Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken +der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne +Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es +dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen. +Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes +Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des +Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses +Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten, +durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß +der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege +geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen +zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs, +namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten +denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle +verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott +den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich +aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie +so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie +selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen +zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun +suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er +gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder +gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit +sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil +des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit +du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn +wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte +sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter +Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es +war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor +liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd +stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt +zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten +Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und +sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen +Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim +ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend +verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt +es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom +Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die +Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim +Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu +bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er +fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte +Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen +und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten +sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte, +er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo +bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten +ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit +uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes +wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und +schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde, +daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte +sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten: +»Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes +aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus, +fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem +Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling +mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und +wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor +Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen +die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach +dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz +gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein +Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem +Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von +wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies +Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt +und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine +Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen. +Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er +ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«. +Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei +Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der +Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem +heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so +langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir +lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz +ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst +gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur, +bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem +Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein +Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße, +der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief +Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte +nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich +euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich +sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend +hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem +Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas +offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der +Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle +hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten, +fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit +zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke +und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und +als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit +lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz +wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und +dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen. +Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius +geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an +den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du +wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber +empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge +von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt +Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem +Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen +mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor +ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue +ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum +sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß +er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«. +Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe +seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben +auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten +die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde, +entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da +warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete +sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine +für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die +Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen +und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott +wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und +kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den +heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein +Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert. + +Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich +an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen[164-1]. Am +nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf[164-a]. Kein geringerer als +Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit +ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den +Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt +mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet +jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des +Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden +gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus +denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den +Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den +Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber +zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt +und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier +gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren. +Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis. +Eine andere Mythe des Alterthums[164-b] erzählt von dem Hirtenknaben +Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden, +ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder +und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit +geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand +dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis, +erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von +dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein +Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es +gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in +Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben +und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender +Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom +Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen +Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen. +Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus, +Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen +zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich. +Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre +verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die +der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden; +in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen +ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu +Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er +nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd +mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern +begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen +verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick. +Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom +Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden, +eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch +als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine +Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende. +Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe +tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll +abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes: +Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die +Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft +denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf +einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen. +Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig +Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre +lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und +so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine +Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der +Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog +sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen +in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er +einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen +gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den +Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich +habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte +nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen +Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und +begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das +Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf +starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in +einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt +genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder +von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer +Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen +in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen +Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine +Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen +dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke +sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein +Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als +der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen. +Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen +bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine +halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein +Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die +Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam +aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen +eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor +Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der +Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch +von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem +Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich +lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen +abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der +Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden. + +Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt +der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in +der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter +keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß +liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit[166-1]. +Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der +Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter +dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem +Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich +jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren +Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt[167-a]. Im Falle einer +Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine +solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben +Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde. +Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas +unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede +sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet[167-1]. Die +Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen. +Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie +in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung. +Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun. +Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen +Kultus der _Magna mater_ beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es +mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina, +Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder +Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit +den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden +und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake. +Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des +Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern +Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf +denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei +den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen +Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies +schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der +griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder +rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter +den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap +heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich +die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl +in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius +als auch im Koran[167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund +bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch +Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich +an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies +kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen +schlief: »Achte warens mit dem Hunde«[167-2]. Diese Hundepisode lautet +verdichtet[167-3]: + + Ein Hündlein, das einst Wache that bei Schäfern, + Ging in die Höhl’ ein mit den Siebenschläfern. + Und als sie drinnen Zeit und Welt verschlafen, + Verschlief es auch den niedern Dienst bei Schafen. + Und als im Himmel ihnen ward die Krone, + Ward es zu einem Leu’n an Gottes Throne. + +Nun spielt im Kultus Aeskulaps und der Kabiren der Hund in der That +eine Rolle. Aeskulap wurde, da er als Kind ausgesetzt worden war, von +einem Hunde bewacht und in Epidauros war ein Hund neben seinem Bilde +dargestellt. In der Kabirengrotte auf Samothrake wurden Hundeopfer +dargebracht. Im Orient und in den Mittelmeerländern wurden, wenn der +Hundsstern Sirius aufging, Hunde unter Martern getötet: Ende Juli; in +der That fällt der Siebenschläfertag in diese Zeit: in der römischen +Kirche auf den 27. Juli; in der griechischen auf den 4. August. Und +dann ging der Sirius in den Löwen über! Kabiren und Siebenschläfer +wurden beide als Beschützer der Schiffe verehrt. Wie einst die +Phönizier Kabirenbilder an Bord mit sich führten, so schreiben noch +heute türkische Handelsschiffe, da den Mohammedanern die Nachbildung +lebender Wesen verboten ist, wenigstens die Namen der Siebenschläfer +auf den Stern ihrer Fahrzeuge. Im Abendland verbreitete sich die +Legende während des Mittelalters ohne große Veränderung. Sie war eben +nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Volksüberlieferung zu den +Germanen gewandert, sondern litterarisch dahin verpflanzt worden. +Trotzdem ihre Behandlung durch die Schriftsteller nicht nachgelassen +hat, schlug sie im Volke selbst nicht tiefere Wurzeln. Es fehlten die +Reliquen. + +Immerhin erzählte man sich im Kloster Marmoutiers bei Tours, vielleicht +schon zur Zeit der Merowinger oder nicht viel später, folgendes[168-a]: +in den Tagen der Kaiser Diokletian und Maximian, als das römische Reich +auf dem Niedergang begriffen war, lag die Oberherrschaft über die +Hunnen in der Hand eines tapfern Königs namens Florus. Nach zehn Jahren +einer glücklichen Regentschaft wurde Florus von Maximian angegriffen, +besiegt und gefangen nach Rom geführt mit seinen beiden Brüdern Martin +und Amnarus. Nach Ablauf eines halben Jahres setzte ihn der Kaiser +wieder in seine Herrschaft ein, beraubte ihn aber der Einkünfte und +festen Plätze; ebenso ließ er ihn eidlich versichern, daß sein Sohn +ihm nur als Statthalter und nicht als König nachfolgen werde. Als +jedoch dann Konstantin der Macht Maximians ein Ende bereitete, sandten +Florus seinen ältesten Sohn zum neuen Kaiser, der ihn liebgewann, +mit seiner Nichte vermählte und zum Tribunen erhob. Dieser Sohn hatte +zunächst Florus geheißen, war dann aber, als ihn Bischof Paulus von +Konstantinopel taufte, Martin genannt worden. Nach dem Tode seines +Vaters, Florus des Aelteren, verwaltete er dessen Herrschaft. Sein +junger Sohn wurde von Kaiser Julian nach Gallien mit genommen; aber er +zog es vor, Gott zu dienen: in der That, er war der heilige Martin. Als +er seine Tribunenzeit absolviert hatte, blieb er noch zwei Jahre wider +seinen Willen unter den Waffen, nahm dann aber seinen Abschied und +unterstellte sich dem heiligen Hilarius von Poitiers. Eine göttliche +Offenbarung veranlaßte ihn, seine Verwandten wieder aufzusuchen, um sie +zu bekehren. Und wirklich gelang ihm die Bekehrung namentlich seiner +sieben Vettern Clemens, Primus, Laetus, Theodor, Gaudens, Quiriacus +und Innocens. Sie verkauften ihre Güter, ließen ihre Sklaven frei und +widmeten sich ausschließlich dem Studium und dem Gebete. Bald heilten +sie Kranke und wurden vom Volk als Propheten verehrt. Auf die Kunde +von Martins Berühmtheit in Tours holten sie erst seinen Segen zu +einer Wallfahrt nach dem gelobten Lande. Dann kamen sie mit Reliquien +beladen wieder zu ihm zurück und erhielten von ihm, um den Rest ihres +Lebens gottgefällig zu verbringen, eine Höhle angewiesen. In dieser +Höhle lebten sie sechzehn Jahre vor und noch fünfundzwanzig Jahre nach +Martins Tode. Als sie zu sterben kamen, da erfüllte sich, was ihnen +der Heilige die Nacht zuvor verkündigt hatte: sie starben schmerzlos +und lagen im Tode da, als schliefen sie. Rosenlicht schimmerte auf +ihrem Antlitz und keine Spur von Verwesung zeigte sich während der +sieben Tage, da sie unbeerdigt in ihrer Zelle für die Verehrung der +andrängenden Menge ausgestellt wurden; vielmehr war die Grotte während +dieser Zeit von einem unendlich süßen Wohlgeruch erfüllt. Darauf +ließ Bischof Briccius die Bestattung vornehmen. Zweifelsohne steht +die Turoneser Sage unter dem Einfluß der von Gregor veröffentlichten +kleinasiatischen Legende; aber es läßt sich nicht ermitteln, inwiefern +der Niederschlag nicht ebendoch örtlich veranlaßt war, etwa so, daß sie +einem obskuren Grottenkultus an der Loire aufhelfen mußte. + + +3. + +Versetzen wir uns nun auf den Boden germanischer Mythenbildung. Sankt +Kümmernis gehört noch heute zu den verbreitetsten Heiligen[169-1]. Die +Gestalt, die diese Sage jetzt hat, gehört dem jüngsten Mittelalter an. +Ihr zufolge war Kümmernis die Tochter eines heidnischen Königs in +Niederland, nach andern in Portugal. Sie selbst hatte sich heimlich +dem Christentum angeschlossen. Als sie auf Befehl ihres Vaters einen +heidnischen Prinzen zum Manne nehmen sollte, bat sie Gott, er möge doch +ihre wunderbare Schönheit derart entstellen, daß alle Männer sich mit +Abscheu von ihr wenden müßten. Ihr Gebet wurde erhört und zur Stunde +wuchs ihr ein mächtiger Bart. Darauf wurde sie als eine Zauberin +angeklagt und auf Befehl des erzürnten Vaters gekreuzigt. Als sie nun +in Todesqualen am Kreuze hing, kam ein armer Geiger des Weges, wurde +von Mitleid ergriffen und spielte ihr zum Troste das Kreuzlied; zum +Dank warf sie ihm einen ihrer goldenen Schuhe herab. Der Geiger sollte +darauf als Dieb gerichtet werden. Als man ihn zum Richtplatz führte, +bat er um die Gunst, nochmals vor der Gekreuzigten spielen zu dürfen; +es wurde ihm gestattet: ein Wunder geschah, denn sie ließ auch den +andern Schuh fallen und der Arme war gerettet. + +Nur in seltenen Fällen weist jedoch die Kümmernislegende diese +greifbaren Umrisse und diesen Zusammenhang ihrer einzelnen Bestandteile +auf. Viel öfter treffen wir sie nur bruchstückweise und bis zur +Unkenntlichkeit verschwommen an. Wie sehr die Heilige in beständigem +Fluß und Wechsel begriffen ist, geht schon aus der Menge ihrer Namen +hervor: Heilige Wilgefortis, Liberata, Sankt Gehülfe, Sankt Hilfe, +Sankt Hülfe, Eutropia, Regenfledis, Ontkomer, sogar männlich »der +heilige Kummernus«, ja einzelne Bilder tragen geradezu die Aufschrift +»_Salvator mundi_«. Eine feste Handhabe für die Ordnung der unzähligen +Kultusspuren geben in diesem Wirrsal nur die Attribute, die, wenn +auch nicht vollzählig, so doch mehr oder weniger regelmäßig immer +wiederkehren; denn die rätselhafte Heilige hat Verehrung genossen +in einem Umfang, der auch unter den vornehmen Heiligen so leicht +seinesgleichen nicht hat. Vielmehr rückt Sankt Kümmernis allein schon +dadurch auf gleiche Linie mit einer bedeutenden heidnischen Gottheit. +Unter allen Umständen muß man die Dunkelheit und Unverständlichkeit +dieser Heiligenfigur mit in Kauf nehmen als ihre wesentliche +Eigenschaft. Die volkstümliche Vorstellung von Kümmernis ist uns fast +ausschließlich kultisch vermittelt, weshalb denn auch die plastischen +Darstellungen vor den litterarischen an Zahl und Wert beträchtlich +überwiegen. + +Alle Anzeichen deuten darauf hin, den Sitz des Kümmernisdienstes in dem +deutschen Alpengebiet, also in der Schweiz, in Vorarlberg, Tirol und +Steiermark und dem Rhein entlang zu vermuten. Seit undenklichen Zeiten +scheint er dort heimisch gewesen zu sein. Durch die Langobarden kam er +nach Oberitalien. Das berühmte _volto Santo_ zu San Martino in Lucca und +die Verehrung des heiligen Fredian in derselben Stadt stellen seinen +Kultus außer Zweifel. Durch wandernde germanische Elemente verbreitete +sich später dann der Kümmerniskultus auch in Frankreich und Spanien, +ohne sich jedoch im Ausland eigentlich einzubürgern. + +Das älteste Kümmernisbild stammt aus dem achten oder neunten +Jahrhundert und steht in einer Nische der Kirche von Oberwinterthur. +Es zeigt unzweifelhaft einen Mann, einen König; auf dem Haupte die +dreizackige Krone; das Gesicht ist ernst, von einem starken Barte +eingerahmt, der Blick offen und geradeaus gerichtet. Die Arme sind +ausgebreitet und bis zu den Handgelenken bekleidet; die Hände stecken +in starken Handschuhen. Das Gewand, ein einfacher bis fast zu den +Knöcheln reichender Rock ist um die Hüften zusammengehalten durch +einen Gürtel, dessen Ende lang herabfällt; auf der Brust, dicht über +dem Gürtel ein einfaches kreuzförmiges Zeichen. Beide Füße stehen +fest auf; der eine beschuht, der andere entblößt und der Schuh steht +vor ihm auf der Erde. Zur Seite kniet eine männliche Gestalt, die den +einen Arm erhoben hält. Von einem Kreuze hinter der Königsgestalt +ist nichts zu erblicken, die Hände tragen also auch keine Spur einer +Nagelung. Diesem Bilde sehr nahe verwandt ist ein jüngeres auf einem +Diptychon des dreizehnten Jahrhunderts. Gesichtsausdruck, Krone, +Gürtel, Kreuzeszeichen sind dieselben. Von einem Kreuzesstamme ist auch +hier nichts angedeutet: dagegen ruhen die Arme auf einem Querbalken. Ob +die Hände angenagelt sind, bleibt ungewiß; die Füße stehen auf einem +mächtigen Block; der eine Schuh ist ausgezogen und steht unterhalb +des Fußes, die knieende Figur führt in der Hand eine Laute. Wiederum +einer jüngeren Zeit anzugehören scheint das Bild zu Saalfeld an der +Wasserkapelle, die im Fluß steht. Die Krone zeigt mehr Zacken; der +Gesichtsausdruck ist zwar immer noch ernst und schmerzlos, aber weniger +königlich; der Blick ist frei. Der Gürtel umschließt wiederum den +langen einfachen Rock, das Kreuzeszeichen im Gürtel ist verschwunden; +dafür befindet sich auf der Brust ein rhombischer Zierrat. Ueber das +Haupt ragt der Kreuzesstamm; die beiden Hände reichen zum Querbalken +empor; die Nagelung scheint angedeutet. Die Füße, deren einer den +nebenstehenden Schuh abgestreift hat, stehen fest auf felsigem Boden, +die knieende Figur hält wiederum die Laute in Händen. Merkwürdig ist +die Inschrift: _Salvator mundi 1516_, die sich auch auf dem etwas +jüngeren und dem Saalfelder ähnlichen Bilde zu Ettersdorf vorfindet. +Dagegen verrät der belgische Kummernis eine entschiedene Weiterbildung. +Das Kreuz ist vollständig ausgebildet; die Hände sind angenagelt; +dagegen hängen die Füße völlig frei ohne Nagelung noch Schemel. Das +Haupt, das schon in Ettersdorf leicht geneigt ist, sinkt nun auf die +Brust und ist nicht nur von einer mehrzackigen Krone, sondern auch +von einem Nimbus umgeben. Um den Hals legt sich ein Geschmeide als +breite Borte, die auf der Brust in Blattform schließt. Wiederum hält +der Gürtel das Gewand zusammen. Der Kreuzesstamm steigt hinter einem +Altar auf, wo zu Füßen des Gekreuzigten neben dem einen abgestreiften +Schuh ein Becher steht. An den Stufen des Altars kniet ein Geiger. +Als bei der Darstellung des gekreuzigten Christus, seit der Mitte des +dreizehnten Jahrhunderts, nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch +die ganze Figur mit allen Zeichen des Schmerzes sich erfüllte, ging das +»bekümmerte« Aussehen auch auf die Kümmernisbilder über. Die nächste +Hypostase vertritt ein Bild zu Prag, das im siebzehnten Jahrhundert ein +Kaufmann aus Belgien gestiftet hat. Der Uebergang ist ein gewaltiger, +denn am Kreuze haftet unverkennbar eine Frau. Da die beiden auf das +Jahr 1516 gezeichneten noch durchaus männlich sind, das Prager Bild +aber nachweislich erst 1684 gestiftet wurde, muß der weibliche Typus +in der Zwischenzeit sich ausgebildet haben. Dafür ist das bekümmerte +Aussehen wieder verschwunden; die weibliche Heilige trägt nicht nur die +Krone und den Purpurmantel, sondern sogar die Gloriolen. Ihr bärtiges +Antlitz ist durchaus heiter; der Gürtel fehlt nicht auf ihrer reichen +Gewandung; die Hände sind angenagelt, dagegen stehen die Füße fest +auf einem Block, neben welchem der eine abgestreifte Schuh liegt. Der +Becher ist verschwunden, der Geiger geblieben. Ueberblicken wir nun +diese einzelnen Bildtypen, so treten für die Kümmernisdarstellung +folgende Momente zu Tage: die Heilige war ursprünglich ein Mann, das +Kreuz, an das der Heilige später geheftet erscheint, fehlt bei den +alten Bildern gänzlich, mit der Zeit erscheint es angedeutet, aber +nicht durchgeführt; dementsprechend führt sich die Nagelung der Hände +erst allmählich ein. Die Nagelung der Füße dagegen unterbleibt und +schützt mit dem allen Bildern gemeinsamen Gürtel Kummernis vor der +Verwechslung mit dem gekreuzigten Christus. Der Geiger der späteren +Bilder und modernen Dichtungen[172-1] war ursprünglich nur ein +Betender, ein Bettler. Und wie der Heilige den einen Schuh fallen ließ, +so berichtet die nordische Sage von manchem Götterbilde, es habe gnädig +einen Ring vom Finger, einen Schuh vom Fuße fallen lassen. + +Irgendwie näher auf die spätere weibliche Phase des Kummernus und +deren wechselnde Namen einzugehen, würde uns allzuweit von unserer +Aufgabe abführen. Dagegen schlägt es in unser Gebiet ein, dem Ursprung +dieses seltsamen Kultus ein wenig nachzuspüren. Der oder die heilige +Kummernus wird zunächst angerufen in jeder Not des ganzen Volkes, also +in Kriegsgefahr, Trockenheit, Ueberschwemmung, Theuerung, Mißwachs +und Epidemie. Insbesondere ist der Zwitterheilige sodann Schutzpatron +des Ackerbaus; das Bild steht darum meist in Feldkapellen; auch +auf Bäckeröfen prangt es häufig. Doch schließt dieser allgemeine +Schutz persönliche Anliegen nicht aus, besonders leidender Frauen +in Eheangelegenheiten; das Kümmernisbild findet sich daher in der +Schlafkammer über dem Ehebett. Dann beschützt und geleitet er +Reisende, deshalb seine Kapelle an Kreuzwegen, und ebenso geleitet +er, wenigstens in späterer Zeit, die Toten auf ihrer letzten Fahrt. +Das kann kein unmächtiger gewesen sein, der das Saatfeld in gleicher +Weise segnet wie den Ehestand, der die Gefahren abwendet, sowohl von +der Feldfrucht, wie von dem Glück des Hauses; dieser Herr über Leben +und Tod kann nur ein Herrscher gewesen sein, der Himmlischen einer. +Nur bei einem Urgewaltigen kann das Volk seit grauer Vorzeit in seiner +Not Trost und Hilfe gesucht haben. Da, mit einem Mal, erkennen wir +die gekrönte, bärtige, königlich blickende Riesengestalt: wahrhaftig, +es ist der Donnergott selbst. Hoch aufgerichtet, mit ausgebreiteten +Armen dem Beter zu seinen Füßen Hilfe verheißend, steht er da, +ausgerüstet mit allen Zeichen der Kraft; seine Hüften umschlingt +der Stärkegürtel, indem der kurze Stil des Hammers steckt, seine +Hände sind in die Eisenhandschuhe gehüllt, er legt sie an, sobald er +auszieht, die Riesen niederzuschmettern. Warum heißt dann aber dieser +verkleidete Heidengott nach seiner Taufe Kummernus? Eine stichhaltige +Erklärung des Wortes, vielleicht am ehesten aus einem entlegenen +Dialekt zu erwarten, liegt noch nicht vor. Um sich mit Bekanntem zu +behelfen, kann man immerhin sagen, daß die uns geläufige, abstrakte +Bedeutung von »Kummer« keineswegs die ursprüngliche ist; noch heute +bezeichnet das Volk am Rhein mit diesem Wort den Schutt und spricht +vom »Kümmern« der Rebberge; bei Gregor von Tours bedeuten »Cumbri«, +eine Flußeindämmung, und da mag denn beiläufig an das Kummernusbild der +Wasserkapelle mitten in der Saale bei Saalfeld erinnert sein, sowie an +den italienischen Kummernus, den heiligen Fredian von Lucca, der bei +einer Ueberschwemmung des Wassers durch ein Wunder zum Meere ablenkt. +Wenn ferner in der Rechtssprache Kummer der Ausdruck für Haft ist, so +verrät sich auch da der ursprüngliche konkrete Sinn eines Hindernisses +um aufzuhalten und zu hemmen. Endlich war zu Anfang des vierzehnten +Jahrhunderts die Bezeichnung »zum Kummer« als Hausname in Gebrauch. +Es ist aber niemals Sitte gewesen, ein Haus nach einem Abstraktum zu +nennen, da die bildliche Darstellung des Namens wichtiger war als der +Name selbst. Das Bild »zum Kummer« war zweifellos ein göttliches in +menschlicher Gestalt und stellte den mächtigen Helfer in der Not dar, +der der Bedrängnis einen Damm entgegensetzt und ihr ein Ende macht. +Es bleibt ohne Belang, ob der Helfer männlich oder weiblich ist; der +männliche Artikel scheint auf einen männlichen Helfer zu deuten, +wogegen der spätere Tausch mit »Kümmernis« auf den Uebergang in eine +weibliche Helferin schließen läßt. Wie sehr man indessen noch von dem +männlichen Geschlechte überzeugt war, auch nachdem die Bezeichnung +Kummernis sich schon eingebürgert hatte, beweist die klare Aufschrift +des Bildes in Rankwil in Vorarlberg: »Sanktus Kummernus«. Ebenso steht +vor dem Dorfe Ruedeswill westlich von Luzern ein kleines Bethaus in der +Ehre des heiligen Märtyrers und Bischofs Kummernus. + +Zur selben Zeit, da Bonifatius in Deutschland die Bäume und +Bilder Donars zu stürzen unternahm, mag in den angelsächsischen +Missionskolonien der Niederlande die Vorstellung von einem Heiligen +gehegt worden sein, der den Kriegs- und Donnergott auch in der +Ideenwelt der Heiden verdrängen sollte. In Belgien finden sich noch +heute uralte Kultstätten des Kummernus zu Brüssel, Mecheln und bei +Dieppe. Von dem Niederland ist dann der Heilige rheinaufwärts gezogen, +und ließ sich namentlich in Mainz nieder. Nicht weniger als fünf seiner +Bilder finden sich an verschiedenen Orten der hessischen Rheinpfalz, +die von dem mächtigen Donnersberge beherrscht wird. Die Anfänge des +eigentlichen Kultus fielen also in das Ende der Merowingerzeit, in +die erste Hälfte des achten Jahrhunderts. Aber nur die Anfänge des +Kultus, in seiner christlichen Umprägung. Der eigentliche Kern dieses +Dienstes ist so alt wie die germanische Götterwelt, und während sie +am Unterrhein bereits zum heiligen »Kummer« beteten, opferten die +Alamannen im Vorland der Alpen noch dem Donar. Und doch sah das Bild +des einen dem Bild des andern zum Verwechseln ähnlich. Es war ein und +dasselbe Bild. + + + + +Achtes Kapitel. + +Ortsheilige. + + +Bei mythischen Heiligen, wie Mithra-Georg oder Donar-Kummernus, liegt +die Natur der Legende in der Eigenschaft unstet zu wandern, überall und +nirgends zu Hause zu sein. Nun kennt die Legende jedoch andere Heilige, +die zwar nicht weniger einer geschichtlichen Unterlage entbehren, +aber insofern doch weit eher scheinen gelebt zu haben, da sich ihr +Andenken an bestimmte Orte knüpft. Es handelt sich dann entweder um den +örtlichen Niederschlag einer Wanderlegende oder um die Umtaufe einer +Gaugottheit mit begrenzter Machtsphäre. + + +1. + +1. In alten Saturninsakten fand Gregor von Tours folgenden Passus +[175-a]: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus begann gemäß einer +zuverlässigen Erinnerung die Regierung des Saturninus als ersten +Bischofs der Stadt Toulouse?« Seinerseits fügt Gregor eine Mitteilung +bei, die eine solche Aufrichtung bischöflicher Sitze in Gallien +um 250 zur Siebenzahl erweitert und als Erfolg einer von Rom aus +organisierten gallischen Mission darstellt: »Zur Zeit des Decius wurden +sieben Bischöfe ordiniert und zur Predigt nach Gallien abgesandt, +wie die Historie der Passion des heiligen Märtyrers Saturninus +erzählt«. Folgt das angeführte Zitat, worauf Gregor fortfährt: »Diese +Abgesandten waren in Tours Bischof Gatian, in Arles Bischof Trophimus, +in Narbonne Bischof Paulus, in Toulouse Bischof Saturninus, in Paris +Bischof Dionysius; in Arvernum Bischof Stremonius; in Limoges Bischof +Martialis«. Es entsprach dem kirchlichen Bedürfnis, alte und angesehene +Bischofssitze mit dem Namen irgend eines Gründers zu versehen. Wenn +möglich sollte es ein Märtyrer sein. Aber schließlich wenn es überhaupt +nur ein Name war. Welche Gestaltungen dieser Trieb annehmen konnte, +zeigt sich am lehrreichsten bei Dionysius von Paris. Gregor also nennt +einen ersten Bischof dieser Stadt mit einer doppelten Ergänzung, daß +er in der Mitte des dritten Jahrhunderts gelebt habe und von Rom +gekommen sei. Auch hier wird Gregor wenigstens scheinbar von Fortunat +unterstützt. Denn dessen Gedicht auf Dionysius ist wahrscheinlich +pseudepigraph; es hat folgenden Inhalt[175-b]: »das Christenvolk soll +mit lauter Stimme und von Herzen den mutigen und treuen Streiter +besingen, den Märtyrer Dionys, der dem Himmelsfürsten nachfolgte. +Abgesandt durch Clemens, den Oberpriester von Rom, kam er von dieser +Stadt zu uns, auf daß der Same des göttlichen Wortes in Gallien Früchte +trage. Er hat den heiligen Bau errichtet, er hat den Glauben der Taufe +gelehrt; aber die Verblendung der Zuhörer will nichts vom Geschenk des +Lichtes wissen. Als der heilige Oberpriester sich anschickte, das Volk +dem Irrtum zu entreißen, während er die Hoffnung des Heiles predigte, +mußte er die Qualen des Todes über sich ergehen lassen. Er wird von den +Heiden gefangen, er, der die Christusaltäre lieb hatte; aus Liebe für +so viel Ruhm, erträgt er willig die Folterungen. Nun mangelte nur eins; +sein Leben für seinen König hinzugeben. Der Oberpriester, der Gott im +Tempel heilige Opfer darbrachte, vergoß sein köstliches Blut und wurde +selbst zum Opferlamm. Glücklich der Märtyrer, der durch seine fromme +Wunde und durch seine Todesqualen die himmlische Palme erwarb, der +durch seinen Tod den Tod zermalmt hat. Er besitzt nun das Königreich +des Himmels.« Als ferner Fortunat, diesmal der echte, an Leontius von +Bordeaux anläßlich einer von diesem restaurierten Dionysiuskirche im +Jahre 541 ein Gedicht richtet, wird darin das Martyrium des Heiligen +des näheren als Enthauptung bezeichnet[176-a]. Die wenigen Thatsachen, +die durch den Schleier der vielen zerflossenen Verse hindurch zu +erkennen sind, berühren sich nahe mit alten Dionysiusakten, die +Fortunat ebenfalls mit Unrecht zugeschrieben wurden[176-b]. Der +Verfasser sagt, daß er diese Akten weniger auf Grund schriftlicher +Quellen, als auf Grund vertrauenswerter älterer Erzählungen von Mund +zu Mund aufgezeichnet habe zum Zweck gottesdienstlicher Vorlesung, +ferner erfahren wir hier von einer Dionysiuskirche in Paris, die der +Heilige selber errichtet habe, und von einer prächtigen Basilika, die +nach seinem Tode über dem Grabe der heiligen Märtyrer an Stelle eines +von Catulla ihnen gestifteten Mausoleums mit großen Kosten errichtet +worden sei. Auch werden die Bewohner von Paris in den Akten als +Germanen bezeichnet und Andeutungen nicht unterlassen, die auf eine +nähere Bekanntschaft mit der kirchlichen Topographie von Paris und +Umgebung schließen lassen. Aber in einem wesentlichen Punkte bedeuten +diese Akten eine beträchtliche Verschiebung des durch Gregor und +die Saturninspassion bezeichneten ursprünglichen Standpunktes. Die +Zeit der Handlung ist nun nämlich vom dritten Jahrhundert ins erste +verlegt. Saturnin von Toulouse und Paul von Narbonne werden zwar noch +verschämt an die Zeit herangedrückt »nach dem heilbringenden Leiden +unseres Herrn Jesu Christi, dessen Auferstehung, dessen Himmelfahrt +und der darauffolgenden Missionspredigt der Apostel an alle Völker«. +Dionysius aber wird unverblümt durch Clemens von Rom, dem Nachfolger +des Petrus, mit der Mission betraut. Ja aber kannte denn das Neue +Testament einen Dionysius, auf den diese Angabe Anwendung fände? +Darauf weiß bereits ein Gedicht des Bischofs Eugen von Toledo ungefähr +aus dem Jahre 620 Antwort; es lautet: »Himmelsbürger ruft Beifall zu +der fröhlichen Weltfackel, die von Himmelshöhen hernieder die Gnade +dieses Tages bestrahlt. Der hervorragende Glaube des Märtyrers, das +Heiligenleben des Priesters, des edeln Dionys — sie haben heute die +Palme empfangen. Das Diadem des himmlischen Königs hat sich auf dem +Areopag von Athen eine schimmernde Perle auserlesen — den Philosophen +Dionys. Auf Pauli Stimme hin hat der Glaube der Gläubigen einen Spiegel +erhalten und der den das Heidentum für sein Bollwerk ansah, wurde zum +Sturmwidder, der an es Bresche legte. Leuchtend von wunderbarer Lehre, +erhellte er Griechenland, und von da kam der erhabene Lehrer nach Rom. +Auf Befehl des Clemens, des Machthabers von Rom kam er nach Gallien, +wo er, einer strahlenden Sonne gleich, leuchtete durch den Glanz +seiner Wunder und seines Wortes. Endlich hat er den Dämon besiegt, hat +er den heiligen Bau aufgerichtet, da erduldete er die gräulichsten +Qualen; sein Haupt fällt. Er fährt gen Himmel. Gruß Dir, o Vater, +der du den Himmel erworben! Gruß Dir Heiliger, der du auf die Erde +zu Besuch kommst. Die jährliche Wiederkehr deines Festes gilt deiner +Gegenwart. Bringe, bester Priester, unsere Seufzer und unsere Gebete +dar; stärke unsern Glauben, o Märtyrer Gottes, und verleihe uns einen +besseren Lebenswandel. Leite mit deinem Beistand unsere gebrechlichen +Fahrzeuge durch das Meer dieser Welt, und fällt die Leibeshülle von +uns, dann nimm uns, Heiliger, mit Rücksicht auf«. Aus Dionys von +Paris ist Dionys vom Areopag geworden. Niemand weiß wie. Und alsobald +sind auch jene klementinischen Akten durch areopagitische ersetzt. +Hier haben wir die Legende aus zweiter Hand; der Verfasser gibt eine +Ueberarbeitung der klementinischen Akten, indem er die Auszüge daraus +zugleich mit neuen Angaben versetzt; diese umfassen im allgemeinen +folgende Punkte: die Bekehrung Dionys des Areopagiten durch Paulus +und seine Ankunft in Rom nach dem Martyrium der Apostel, die Namen +dreier seiner Missionskollegen Marcellus von Spanien, Saturnin von +Aquitanien und Lucian von Beauveais, der Name des Domitian, die Rede +des einen Scharfrichters samt der Antwort des Dionys und seiner beiden +Gefährten, und das Wunder, daß Dionys nach seiner Enthauptung seinen +Kopf in den Händen trug. Diese Akten stammen wahrscheinlich aus dem +achten Jahrhundert, und haben nicht nur dem Patriarchen Methodius von +Constantinopel und Alcuin vorgelegen, als sie um 800 jeder auf Dionys +dichteten, sondern auch dem Abt Hilduin von St. Denys, als er im Jahre +835 auf den Wunsch Ludwigs des Frommen seine Akten des Areopagiten +Dionysius verfaßte, eben das Werk, das den Dionys dem abendländischen +Mittelalter erschlossen hat[177-1]. Rechnet man hinzu, daß dieselbe +Umtaufe im Morgenland einem anonymen mystischen Schriftsteller des +fünften Jahrhunderts zu Theil geworden war, der nun mit seinem +litterarischen Inventar zum Bischof von Paris stieß, nicht zu vergessen +das gesteigerte Interesse, das im elften Jahrhundert der erbitterte +Streit der beiden Klöster Emeran und St. Denis um die Reliquen des +Heiligen an den Tag legte[177-2], so haben wir das elementare Anwachsen +der Tradition aus unscheinbaren Anfängen zu einer Macht an einem +besonders instruktiven Beispiel beobachtet. + +Im Kleinen mag sich ähnliches oft genug ereignet haben; namentlich +die sachte Verschiebung eines mehr oder weniger historischen Namens +des vierten oder dritten Jahrhunderts ins erste kehrt fast mit der +Häufigkeit einer Regel wieder. Sie zeigt sich bei Trophimus von Arles +überdies in einer neuen Verbindung; sonst verfolgte der römische +Legendenstrom, der sich über Gallien verbreitete, weiter keinen +Zweck, als die Traditionen der einzelnen Bistümer zu adeln. Bei +Trophimus dagegen, dessen Legende im zweiten Jahrzehnt des fünften +Jahrhunderts durch Patroklus, den damaligen Bischof von Arles in +Umlauf gesetzt wurde, gibt sich zugleich die Tendenz kund, dadurch +die Macht des gallischen Episkopats zu stärken, was indessen bei der +Stellung von Arles als dem Vorort unter den gallischen Metropolen +jener Zeit natürlich erscheint. Papst Zosimus schreibt im Jahre 417 +unter anderem[178-a]: »Die Metropole Arles hat keinerlei Anspruch +auf ein Vorrecht, da ja doch von Rom aus Trophimus als Oberhaupt in +diese Stadt gesandt wurde. Er bezeichnet die Quelle, aus der die +Glaubenskanäle durch ganz Gallien gespeist wurden«. Und im Jahre 450 +heißt es in einer Eingabe der in Arles unter Erzbischof Ravennius +versammelten Bischöfe[178-b]: »In ganz Gallien ist es bekannt, aber +auch der Heiligen Römischen Kirche wird es nicht unbekannt sein, daß +unter den gallischen Städten Arles zuerst den Sendling des Apostels +Petrus, den heiligen Trophimus, als Priester in sich aufgenommen zu +haben, das Verdienst hat und von da aus das Gut des Glaubens und der +Religion mitteilte.« Solche Stellen sind von Bedeutung, um zu zeigen, +wie früh schon, in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schon, +in Gallien die römische und apostolische Gründungssage von Bistümern +heimisch war. Zu welchem Umfang und zu welcher Kühnheit sie sich mit +der Zeit auswuchs, zeigt nach der Merowingerzeit ein Blick auf die +Gründungssagen der rheinischen Bistümer. Maternus, der dreifache +Bischof von Köln, Tongern und Trier, war ein naher Verwandter Jesu, +ja war niemand anders, als der Jüngling zu Nain. Mainz knüpfte seinen +Ursprung an den Paulusschüler Crescens[178-c], der nach der biblischen +Nachricht sich nach Galatien gewendet hatte und infolge dessen für +Gallien und Zubehör in Anspruch genommen wurde. Metz will durch den +Petrusschüler Clemens, Toul durch den Maternusgefährten Mansuetus, +einen geborenen Schotten, gegründet sein, und Verdun glaubte sich den +Dionysiusschüler Santinus erinnern zu dürfen, nachdem er zuvor in +Chartres und Meaux Bischof gewesen sei[178-1]. + +Aber auch von diesen späten und kräftigsten Beispielen abgesehen, haben +fast alle größeren fränkischen Bischofssitze sich nicht begnügt, die +Listen ihrer früheren Regenten sei es ganz, sei es bruchstückweise +anzufertigen oder für die Lebensbeschreibung der Hervorragenden unter +ihnen zu sorgen: sie haben es sich angelegen sein lassen, dem Stuhle +eine möglichst apostolische Gründung zu verschaffen, indem man von den +missionierenden Aposteln oder Apostelschülern einen am betreffenden +Orte sich vorübergehend oder bleibend aufhalten ließ. Narbonne berief +sich auf Paulus, Avignon auf Rufus, dieser ist wie Trophimus aus dem +dritten Jahrhundert zu der neutestamentlichen Person heraufgerückt, +deren Namen er trägt. Ob für Linus von Besançon schon in dieser frühen +Zeit der Versuch gemacht wurde, zu dem der Name veranlassen konnte, +weiß man nicht. Dagegen beanspruchen sogar Namen ohne biblischen +Klang, wie Fronto von Perigueux oder Martialis von Limoges und andere +Bürgerrecht in der Apostelzeit[179-1]. Verzichtet man aber auf ein +so hohes Alter des Patrons und begnügt sich mit einem Märtyrer der +decianischen Zeit oder gar mit einem undatierten Namen, so findet +sich wohl schwerlich ein älteres fränkisches Bistum, das damit nicht +aufwarten kann. + + +2. + +Sehen wir uns nun aber das Phänomen der Legendenlokalisierung an +einem glücklichen Beispiel näher an. Es gibt einen heiligen Moritz +im Morgenland und einen heiligen Moritz im Abendland, Moritz von +Apamäa und Moritz von Agaunum. Nach allem, was wir nun im allgemeinen +über die Legende wissen, insbesondere über ihre Eigenschaft, sich +zu verpflanzen und zu übertragen, erwächst uns die Verpflichtung +nachzuspüren, ob sich nicht zwischen beiden Sagen ein Zusammenhang +erkennen lasse. Der syrische Moritz teilt nun allerdings in hohem Maße +mit seinen orientalischen Leidensgefährten Georg, Christoph und den +andern, den empfindlichen Mangel einer deutlichen Lebensgeschichte; +seine Gestalt ist vor armseligem Inhalt und erbaulichem Dunst kaum +festzuhalten. Immerhin springt an ihm ein greifbarer Unterschied +von den andern sofort deutlich in die Augen; er tritt nämlich nicht +allein auf, sondern an der Spitze einer Kriegerschaar von siebzig +Soldaten. Sie heißen die Märtyrer von Apamäa. Wegen ihres christlichen +Bekenntnisses vor den Richterstuhl des Kaisers gezogen, lassen sie sich +ihrer militärischen Ehrenzeichen berauben; die Qualen, die sie dann zu +bestehen haben, sind dreitägiges Gefängnis mit Halseisen, Geißelung mit +rohen Ochsenziemern, schließlich entweder Enthauptung oder Flammentod +oder verschärfte Kreuzigung. Von den sonst ungenannten Soldaten des +Moritz treten drei mit Namen auf: sein Sohn heißt Photinus, der +»Leuchtende«, die beiden andern Theodor und Philippus. Gegen die +Walliser Lokalsage gehalten, weist diese orientalische Fassung im +allgemeinen drei gemeinsame Punkte auf: hier wie dort leidet eine +Kriegsschaar, hier wie dort heißt der Führer Moritz, hier wie dort ist +Kaiser Maximian der Verfolger. + +Ein unvergeßliches Ereignis noch aus der vorchristlichen Aera kann +mit seinem die Jahrhunderte beherrschenden Andenken die keltischen +Bewohner des Rhonethals zur Aufnahme der morgenländischen Moritzlegende +besonders zubereitet haben[180-1]. Im Herbst des Jahres 57 vor Christi +Geburt entsandte Julius Cäsar[180-a] den Legaten Servius Galba mit +der zwölften Legion und einer Abteilung Kavallerie, im Ganzen mit +etwa dreitausend sechshundert Mann Fußvolk und drei- bis vierhundert +Reitern ins Wallis, um die Verkehrsstraße über den großen Bernhard +für den italienischen Handel zu öffnen. Galba rückt vom See her ein, +unterwirft die Nantuaten um St. Maurice, die Veragrer um Martigny und +die Seduner um Sitten. Die Bevölkerung stellt Geißeln. Die Rückzugs- +und Verbindungslinien zu sichern, legt Galba zwei Cohorten zu den +Nantuaten nach Agaunum. Er selbst bezieht mit dem Gros der Legion +die große Ortschaft Oktodurum als Winterquartier, am Schlüssel des +Passes. Er ließ sich auf dem linken Ufer der Dranse nieder. Aber er +hat sich noch nicht eingerichtet, so bricht schon der Aufstand los. +Die Hauptmacht des Feindes sammelte sich auf den westlichen Bergen +und drohte die Römer von ihren Verbindungen abzuschneiden. In Galbas +Kriegsrat ging die Meinung der Hauptleute der Mehrzahl nach dahin, das +unvollendete Lager wenn immer möglich zu halten, und nur im Fall der +äußersten Not es samt dem Gepäck preiszugeben und sich durchzuschlagen. +Schon hatten die Kelten das Lager umgangen und griffen vom Berg und +vom Süden her an. Die dort kommandierenden Offiziere, der Centurio +Publius Sextius Baculus und der Kriegstribun Gajus Volusenus, meldeten +Galba, sie könnten vor der Uebermacht nicht lange stand halten, schon +fülle der Feind die Graben und durchbreche den Wall, die Munition gehe +aus, die Wallbesatzung sei am Ermatten. Sie rieten zu einem Ausfall +mit gesamter Macht. Galba nahm den Vorschlag an. Der Ausfall geschah +mit großer Heftigkeit. Aus allen vier Thoren brachen die Truppen aus, +und zugleich griff die Wallbesatzung von den Reserven unterstützt den +Feind frontal an. Die Reiterei rückte an dem am wenigsten bedrohten +gegen die Dranse gelegenen Thor aus, schwenkte rechts um, rollte den +rechten südlichen Flügel der Kelten auf und warf ihn auf die westliche +Hauptmacht zurück. Hinter der Reiterei war eine Cohorte Infanterie +ausgezogen, hatte aber das Lager links umschritten und verlegte nun +den Abzug thalabwärts, indem sie zugleich dem Feind in die linke +Flanke fiel. Von allen Seiten umzingelt verloren die Kelten den +Kopf. Wer zu fliehen vermochte, floh in die Berge hinauf, und kein +Versuch wurde gemacht, oben trotz der günstig überhöhenden Stellung +Stand zu fassen. Der Kampf hatte früh am Morgen begonnen und sechs +Stunden gedauert. Galba will das Waffenglück nicht weiter auf die Probe +stellen; von Feinden rings umgeben, in seinen Verbindungen bedroht und +ohne genügende Vorräte für den Winter brennt er Oktodurum nieder und +tritt den Rückmarsch ins römische Gallien an. Indessen war ein Teil der +Kelten auch von der Flucht in die Berge abgeschnitten und konnte sich +nur noch thalabwärts retten. Unterwegs schloß sich die Thalbevölkerung, +Männer und Frauen der Flucht an. Verfolgt wurden sie von den Reitern +und einigen Kohorten. Nun hatten aber auf die Kunde vom entsponnenen +Kampfe, die bei dem geordneten ständigen Verkehr zwischen den beiden +Lagern sogleich nach Agaunum geleitet worden war, die beiden dort +liegenden Kohorten sich in Marsch gesetzt und vor dem Engpaß unweit +von Agaunum sich entwickelt, um jedem Befehle Galbas sofort folgen zu +können. Ihnen liefen die flüchtigen Gallier in die Arme. Als sie rings +umklammert keinerlei Rettung sahen, massierten sie sich auf einen +Hügel, eine Viertelstunde von Agaunum entfernt, und ließen sich ohne +jede Gegenwehr bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Es ist nicht +das einzige Beispiel, daß Germanen oder Kelten nach tapferem aber +erfolglosem Kampfe widerstandslos mit fatalistischer Indolenz den Tod +an sich herankommen ließen. Die Zahl der bei Oktodurum Erschlagenen, +die von Agaunum wohl eingerechnet, beziffert Cäsar auf zehntausend. Im +Gedächtnis des Walliser Volkes blieb nun aber weniger die verlorene +Schlacht haften, als die erbarmungslose Niedermetzlung einer ganzen +großen Menschenschaar, ohne daß sich einer wehrte oder einer mit dem +Leben davonkam. + +An der Spitze der katholischen Geistlichkeit im Wallis stand am +Ende des vierten Jahrhunderts einer der tüchtigsten kleineren +Prälaten seiner Zeit, der Bischof von Sitten. Er hieß Theodor. Das +ist wichtig zu wissen, weil der Heilige dieses Namens ebenfalls dem +syrisch-kleinasiatischen Sagenkreis angehörte und sich gewissermaßen +als schwächere Kopie des heiligen Georg ausweist: auch er war von +vornehmer Abkunft und als Christ geboren, auch er wurde nach den +abenteuerlichsten Folterqualen unter Licinius seines Bekenntnisses +wegen in seiner Heimat Bithynien enthauptet; auch er wird abgebildet +mit einem Speer oder Schwert, einen Drachen zu seinen Füßen oder +als Ritter in voller Rüstung. Der erste uns bekannte geschichtliche +Träger seines Namens im Abendlande ist eben jener Bischof von +Sitten, der 381 auf dem dritten Concil in Aquileja und 390 auf einer +Kirchenversammlung in Mailand anwesend war. Da nun die Inhaberschaft +eines Heiligennamens seitens eines Kirchenfürsten, zumal die +erstmalige, gewiß auch die Verehrung des Patrons in irgend einer Form +in sich schloß, so ist die Beziehung dieses Bischofs zu einem fernen +Sagenkreise nachgewiesen, dem Theodor sowohl wie Moritz angehörten. +Aber diesem selben Bischof von Sitten schreibt die Lokaltradition +die Hebung der Reliquien von Agaunum zu. Er war somit durch seinen +Namenspatron an der Verehrung der morgenländischen Kriegsheiligen +und durch sein Amt an der erforderlichen Umwertung des Kultus der +heidnischen Märtyrerschaar persönlich beteiligt. Auch ohne bewußte +kluge Berechnung, nur infolge höherer Schwellung seiner Gefühle kann +sich in seiner Brust die Verschmelzung der fremden christlichen +Sagen mit der einheimischen heidnischen vollzogen haben. Zu dieser +Kombination hat die morgenländische Wandersage den Namen des Anführers +und der Truppenabteilung, sowie die Thatsache und Zeit des Todesleidens +einer ganzen Kriegerschaar für Christus, die Walliser Lokalerinnerung +dagegen den massenhaften Charakter des Martyriums und den Verzicht +auf Widerstand beigesteuert. In welcher Fassung die Erzählung vom +Heldentod der Märtyrer von Agaunum zuerst in Umlauf gesetzt wurde, +entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls hat es sich um die +Thatsache gehandelt: Unter Diokletian und Maximian litt zu Agaunum +die Thebäerlegion nebst ihren Anführern dem Primicerius Mauritius, +dem Compiductor Exsuperius und dem Senator militum Candidus. In der +Mitte des fünften Jahrhunderts, also etwa zwei Menschenalter nach der +Konzeption wurde dann dieser Kern durch Bischof Eucherius von Lyon +(450–455) schriftstellerisch bearbeitet: Er habe, sagt er in deren +Begleitschreiben, die Passion seiner Märtyrer geschrieben aus Furcht, +es möchte mit der Zeit ein so großes Martyrium aus dem Gedächtnis der +Menschen verschwinden. Er habe sich nach möglichst guten Gewährsmännern +umgesehen und sich schließlich an die gehalten, denen Bischof Isaak +von Genf das Ereignis auf Grund von Mitteilungen Theodors von Sitten +genau erzählt hatte. Eucherius hat sich die ihm nur knapp überlieferte +Begebenheit mit erlaubter Freiheit zurecht gelegt: Die Thebäerlegion +lagerte in Agaunum. Die Vernichtung einer ganzen Legion setzt +ansehnliche andere Truppenmassen voraus. Eine solche Truppenansammlung +hatte zur Zeit einer großen Verfolgung keinen andern Zweck, als die +Christen zu vertilgen. Ein so unerhörter Strafakt konnte nur auf +ausdrücklichen Befehl des Kaisers geschehen. Im Abendlande konnte das +Oberhaupt kein anderes sein, als Kaiser Maximian; dem milden Cäsar +Constantius war eine solche Unthat nicht zuzutrauen. Befanden sich +aber die Thebäer in der Nähe des Kaisers, so waren sie eine »_legio +palatina_« und hießen als solche Thebäer. Da Maximians Hauptquartier +Mailand war, so brauchte es einen Marsch von acht Tagen, bis er Agaunum +erreichte. Wurde die Legion ermordet, so mußte sie vorher rebellisch +gewesen sein; denn nur rebellische Truppen wurden in schweren Fällen +mit Decimation bestraft. Die Exekution geschieht in drei Anläufen, +zweimaliger Enthauptung des zehnten Mannes und folgender Vernichtung +des Restes — dreimalige Blutzeugen der göttlichen Dreieinigkeit, für +die in einer besonderen Eingabe an den Kaiser ausdrücklich Zeugnis +abgelegt wird. Nach der zweiten Decimierung halten die genannten drei +christlichen Offiziere schöne Reden an die Soldaten, auszuharren, ja +die Waffen abzulegen und sich wehrlos hinschlachten zu lassen[183-1]: +»gleich dem Schaf, das seinen Mund nicht aufthut, überlassen sie sich +wie eine Herde von Schafen des Herrn den hereinbrechenden Wölfen; die +Erde öffnet sich den sterbenden Leibern, es fließen die Ströme des +kostbaren Blutes. Das Volk der Heiligen hat über der Hoffnung des +Zukünftigen das Zeitliche verachtet und preist nun bereits, wie wir +glauben, als engelgleiche Legion mit jenen Legionen im Himmel den Herrn +Gott der Heerschaaren«[183-a]. + +Neben dieser Darstellung der Walliser Sage fehlt es nicht an +allerlei gelegentlichen Zeugnissen. Der Name Mauricius kommt in der +Kirchenprovinz Vienne schon im fünften Jahrhundert auf dem Grabstein +eines Kindes vor. Eine andere Grabschrift von der Rhonemündung, +aus dem Jahre 521 spricht vom 22. September als dem Jahrestag der +Märtyrer von Agaunum. Und im Jahre 515 hielt der Erzbischof Avitus +von Vienne zu Agaunum die Weiherede. Er knüpft an die verlesene +Passion der Märtyrer an: es sei die Lobeserhebung des glückseligen +Heeres, aus dessen seligster Schar niemand verloren ging, während +niemand entkommen sei; denn über den ungerechten Tod des Heiligen habe +gleichsam die Gerechtigkeit des Loses entschieden: zweimal sei es über +die sanftmütige Schlachtordnung ausgeworfen worden und dann seien mit +den Opfern der zweimaligen Decimierung auch die übrigen als Erwählte +versammelt worden. Endlich singt dann auch in der zweiten Hälfte des +sechsten Jahrhunderts Venantius Fortunatus den Lobpreis des Moritz und +seiner Gefährten: + + Als sie Heeresgewalt überfiel, + Die Christus verehrten, + Als auf sie eindrang der Tod + Wie ein gewaltiger Sturm, + + Scheuchte die Kälte zurück + Vor den inneren Gluten der Seele. + Denn in dem eisigen Thal + Wärmte der Glaube das Herz. + + Du o heiliger Moritz, + Du Führer der herrlichen Kriegsschaar, + Zogest nicht du Legion + Tapferer Männer Dir nach, + + Daß sie legten die Schwerter beiseit + Und gehorchten dem Paulus? + Sterben aus christlicher Pflicht, + Schöneres gibt es wohl nicht. + + +3. + +Es ist nicht gerechtfertigt die Sage vom heiligen Moritz und seinen +Genossen ohne weiteres mit der Sage von der thebäischen Legion +auf gleiche Linie zu stellen. Jene heißen, falls nicht überhaupt +nur der Name ihres Anführers figuriert, durchweg die Märtyrer +von Agaunum, während man unter der thebäischen Legion auch den +mannigfachen Legendenzuwachs mit einbegreift, der sich an die +Wallisersage aufgeschlossen und seinen Quellpunkt auf deutschem Gebiet +wahrscheinlich überhaupt nicht in der Alpengegend, sondern in Köln +hat. Dieser Sagenanhang ist zum Teil sehr alt; schon bei Eucherius +folgt dem Massen-Martyrium die Erzählung von dem Einzelmärtyrer Viktor, +einem ausgedienten Veteranen, der nicht zur Legion gehört. Auf einer +Reise begriffen, trifft er zufällig auf die Soldaten, die über die +Beute der Märtyrer vergnügt beim Schmause lagern; er verschmäht die +Einladung anzunehmen, bekennt sich als Christ und wird niedergemacht. +Ferner werden Ursus und Viktor erwähnt, Genossen der Legion, die zu +Solothurn gelitten haben sollen. Des Veteranen Viktor wird nun zwar in +der Grabschrift des zweiten Abtes von Agaunum zu Anfang des sechsten +Jahrhunderts neben dem Hauptmartyrium besonders gedacht; aber Ursus +und Viktor, die nach Solothurn entkommen, öffnen doch eben eine +spätere Sagenschicht, da noch Avitus in seiner Weiherede ausdrücklich +niemand entrinnen läßt. Wahrscheinlich sind diese Ergänzungen von +anderwärts leidenden Thebäern ursprünglich selbständige Sagen, die +aber unter ähnlichen Umständen entstanden sein können und sich daher +aus Verwandtschaft anschlossen. Sucht auch ein Ereignis wie der +Untergang der wehrlosen Kelten vor Agaunum seinesgleichen, so ähneln +ihm doch vielleicht kleinere Vorfälle, die auch bei der bekannten +Toleranz der Germanen gegen die römische Kultur gewiß nie ganz gefehlt +haben; es ist nicht anzunehmen, daß sich bei einer Begegnung zwei +so verschiedenen Kulturmächte, wie die germanischen Kindervölker +und das verlebte römische Reich es waren, ohne akute Zusammenstöße +aneinander ausgetauscht hätten. Auch wo große Katastrophen fehlten, +hielten alltägliche Episoden das Volksgemüt in Erregung. Was davon für +die religiöse Vorstellungswelt abfiel, mag sich doch vielfach hinter +Gestalten geflüchtet haben, wie wir sie jetzt dem Walliser Märtyrerheer +zugeteilt sehen. Dagegen ist es nun von Belang, festzustellen, daß eben +auch Sagenfiguren ganz anderen Ursprungs sich unbefangen dem Geleite +der thebäischen Legion angeschlossen haben. Eine junge Christin namens +Verena, deren Vettern in der Legion dienten, verblieb nach dem Abmarsch +des Heeres gen Helvetien als Krankenpflegerin in Mailand, besuchte +dann aber die Gräber der ihrigen zu Martinach und Solothurn und hielt +sich von da an bis an ihr Lebensende in der Schweiz auf. Sehen wir uns +jedoch diese Verena näher an, so erkennen wir in ihr in der That eine +~junge~ Christin, die vor Zeiten eine alamannische Gaugöttin gewesen +ist[185-1]. + +Urkundlich bezeugt sind Verenareliquien zwar erst am Ende des +dreizehnten Jahrhunderts, dagegen berichtet die 1005 verfaßte +Ortslegende von Zurzach, schon im neunten Jahrhundert seien sie von +ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Moritzkapelle am Rheinufer in +die Marienkirche versetzt worden, die dann zur Stiftskirche erhoben +wurde. Die Ausdehnung des Verenenkultus hat seine Grenzen ungefähr +an den Marken des Konstanzer Bistums, das, der größten eines, vom +Gotthardt bis über den Neckar und von Kempten bis gegen Straßburg +reichte. Auf Schweizer Boden besaß die Heilige in folgenden Ortschaften +Weihkirchen oder Altäre: im Bistum Chur zu Niederurnen und Wesen, +im Bistum Konstanz eine in Kleinbasel, eine in Schaffhauser Gebiet, +neun im Thurgauischen, zwei im Sankt Gallischen, zwei im Zürcher und +eine im Zuger Lande. Ihre eigentliche Heimat jedoch war der Aargau, +und ihre Residenz das Städtchen Zurzach am Rhein. Merkwürdig ist +jedoch, daß sowohl im Bistum Basel, als im Bistum Sitten Verena nicht +verehrt wurde trotz der Beziehungen ihrer Legende zu Agaunum und +Solothurn. Wenn auch die am linken Aareufer gelegene Einsiedelei nach +Verena heißt, so feiert doch die solothurnische Kirche den Verenentag +ebensowenig, als die des Wallis, die vielmehr am 1. September einen +ihrer alten Bischöfe, den heiligen Egidius verehrt. Somit ist Verena +ursprünglich mit der Thebäerlegende nicht verschwistert gewesen und +auf dem Gebiete von Kleinburgund überhaupt nie verehrt worden. Sie +ist eine Alamannin und hat ihre kirchliche Reception ausschließlich +dem Konstanzer Sprengel zu verdanken. Wohl hatte man über ihrem +ersten Grabe dem heiligen Moritz und seinen Legionären die Kapelle zu +Aufburg erbaut und über ihrer späteren Gruft in der Marienkirche den +Thebäern Altäre errichtet; wohl wurde sie dem Frauenheer der heiligen +Ursula beigesellt; aber sie wußte sich dem ihr zugemuteten fremden +Heiligengewimmel heimlich zu entziehen und sich in der Einsamkeit, an +den Waldquellen und Gebirgsströmen vom gläubigen Volke wie eine Göttin +aufsuchen zu lassen. + +Alljährlich am Verenentage lassen die Müller im aargauischen Siebthale +die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Sie ist die Patronin +aller Wassergewerke, also der Müller, Schiffer und Fischer. Als die +Heilige noch bei Solothurn in ihrem Felsenthale wohnte, schleuderte der +Teufel einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen +Block, der daselbst oberhalb des Daches der Zelle zu sehen ist und die +Krallenspur des Bösen zur Schau trägt. Eine friedlichere Wohnstätte +aufzusuchen, nahm Verena einen Mühlstein, der an der Aare zur Verladung +lag, fuhr auf diesem den Fluß hinab durchs Aargau und landete auf einer +Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein +mündet. Das Patronat über die Müller und der Attribut des schwimmenden +Mühlsteins enthüllt uns aber, näher untersucht, den heidnischen Kern +des Verenakultus, der im Grunde eben nur der Kultus der Liebesgöttin +ist. Seit Alters wird, wie manche andere Bezeichnung aus dem Betrieb +des Ackerbaus, auch Mahlen auf die geschlechtlichen Beziehungen +übertragen. Es mag immerhin an eine unverfängliche Stelle im Volkslied +erinnert sein: + + Dort hoch auf jenem Berge + Da geht ein Mühlenrad, + Das mahlet nichts als Liebe, + Die Nacht bis an den Tag. + +In den ältesten deutschen Sagen ist der Ort für Liebesabenteuer stets +die Mühle; sie lassen berühmte Gestalten wie den Landpfleger Pilatus +oder Karl den Großen in einer Mühle außerehelich erzeugt sein. Als +Korn- und Mühlengöttin erweist sich nun aber die heilige Verena in +ihrer Legende oft genug. Dem Schwesternhause, das die Heilige zu +Solothurn gegründet hatte, brachte ein Hungerjahr bittere Not, bis +eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von unbekannter Hand vor die +Thüre gestellt wurde. Verena wird, wie übrigens viele andere Heilige +auch, abgebildet, wie sie Brot und Wein überbringt. Als Dienstmagd +eines Priesters in Zurzach hatte sich Verena die tägliche Nahrung +abgebrochen, um die benachbarten Siechen zu speisen. Darüber wird sie +eines Unterschleifs verdächtigt, der argwöhnische Priester tritt +ihr plötzlich in den Weg; doch siehe! der Wein ist nun in Lauge, +und die mitgenommenen Brotschnitte in einen Kamm verwandelt; beides +ist zur Reinigung der Aussätzigen bestimmt. Daher kommt es, daß die +Verenabilder bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brotgipfel in +der Hand haben. Da das Krüglein der Heiligen ursprünglich steinern war, +kann es auch ein Trockenmaß bedeutet haben, weil Steinkrüge in jener +Zeit auch Kornviertel vorstellen. Wie tief übrigens die Verenaverehrung +ins öffentliche Leben eingriff, zeigen einige obrigkeitliche +Vorschriften und landwirtschaftliche Regeln, die sich an den ersten +September knüpfen. Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein +allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag; an ihm ging die Jagd auf und +erfolgte die amtliche Visitation der Weinkeller. Die Bauernregel für +Verenatag lautet: An diesem Tage ist alles Obst reif und der Fruchtstil +abgetrocknet. Da geht auch der Krautskopf mit sich zu Rate, ob er von +diesem Tag an noch wachsen wolle. Das Vesperbrot wird nun nicht mehr +aufs Feld gebracht. Die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und +Liebesnächte begannen dann, um mit Mariä Verkündigung, am 25. März, +wieder zu Ende zu gehen. + +Doch fehlen auch unmittelbare Anzeichen nicht, daß Liebe und +werdendes Leben unter Verenens besonderem Schutze stand. Schon in +alten Fürstensagen des zehnten Jahrhunderts ist es unsere Heilige, +die den Kindersegen verleiht. Sowohl der Burgunderherzog Konrad und +seine Frau Machtilde, als auch der Alamannenherzog Heriman und seine +Gemahlin werden auf eine nach Zurzach unternommene Wallfahrt hin mit +männlicher Nachkommenschaft gesegnet. Meistens ist diese Wunderwirkung +jedoch therapeutisch vermittelt, am ehesten durch eine Heilquelle. Im +Verenabad, in den Bädern von Baden gilt es dafür, wie schon Heinrich +Pantaleon bezeugt: »wann eine unfruchtbare Frau darinnen bade und einen +Fuß in das Loch stoße, daß das Wasser herfür quillet, es werde Sankt +Verena bei Gott erwerben, daß sie fruchtbar werde«. Die Vorstellung von +den Kinderbrunnen ist allgemein verbreitet und überall lokalisiert, +ob nun die ungeborenen und die früh wieder verstorbenen Kleinen dann +um Frau Holle oder um die albanesische Geburtsgöttin Ora oder sonst +ein Wünschelweib oder ob sie um die Mutter Gottes oder Sankt Verena +herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Eine +Anspielung daran mag auch in der an sich nebensächlichen Thatsache +erkannt werden, daß die beiden zürcherischen Verenakirchen, auf Ufenau +und zu Stäfa, Wasserkirchen sind und daß das kleine Nonnenkloster +der Schwestern von Konstanz in der Stadt Zürich zu Sankt Verena in +Brunngassen hieß. Im Aargau und Umgegend besitzt außer dem bereits +genannten Baden der Achenberg zwischen Zurzach und Klingnau eine +romantisch in einer Schlucht gelegene heilkräftige Verenaquelle, mit +benachbarter Waldkapelle, wo jeden Samstag Messe gelesen und im Monat +Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten wird, desgleichen +beherbergt das Dorf Buttisholz beim Sempachersee eine Quelle namens +Verenaloch oder auch Goldloch, weil wer ehemals in der Abenddämmerung +mit abgewandtem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, aus +einer weiblichen Hand ein Goldstück empfing. Endlich war am Fuße des +Jurapasses Schafmatt schon seit ältester Zeit ein Bad in Betrieb, +gegenüber dessen Hauptquelle das Verenawasser entsprang. Auch es hieß, +wie übrigens auch der Sprudel im Freibad zu Baden, Verenaloch. Vor +der Stadt Zug an der Straße nach Aegeri stand neben der Verenakapelle +das Verenabrünnlein. Als Kinderspenderin muß Verena auch Herrin der +Ehebündnisse sein. Unter den ihr kirchlich geopferten Gegenständen +nimmt das Brautkrönlein den ersten Platz ein. Die katholischen +Landmädchen zwischen der unteren Aare und dem Rheine tragen bei +besonderen kirchlichen oder weltlichen Festanlässen das »Tschäppelein«. +Dieser krönleinartige Kopfschmuck besteht aus einem mit Seidenblumen +und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über +den Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ein Sammtkäppchen, oben +napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, daß +es oben mittelst eines Seidenfadens über das Haar gebunden werden muß. +Ist nun in der Landschaft von Leuggern ein Mädchen getraut, so hat +sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter +ihr Tschäppelein aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube +gekommen zu sein. Aber auch von den Reliquien ist der Gürtel, mit dem +einst das Verenabild an der Hüfte umfangen war, ein weiteres nicht zu +mißdeutendes Zeichen, daß die Heilige Ehen und Geburten beschirmte. + +Verena hatte sich in Zurzach aus Liebe zum Nächsten den niederen +Diensten einer Wäscherin und Badefrau unterzogen; dort ist sie nicht +nur zur Ortsheiligen, sondern förmlich zum Ortsgeiste geworden und +heißt die weiße Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum +weißen Rößli ist ihr Aufenthalt. Aus dessen Vorhöflein schreitet um +Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweiße Frau +hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Markplatze. +Hier spült sie ihr Weißzeug sorgfältig und kehrt stolzen Ganges +in den Vorhof zurück. Die ›Vier Gotteshöfe‹ in der aargauischen +Gemeinde Reckingen waren ein Mannslehen von vier Bauerngeschlechtern +daselbst, die dem Stifte Zurzach nicht nur Zehnten und Bodenzins der +achtzig Morgen zu entrichten, sondern auch die Unterhaltung der dazu +gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Meßpriester den +Meßwein zu liefern hatte. Aus dem vierstöckigen Meierhaus nun, erzählt +man, kommt zu gewissen Zeiten nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt +das Gebäude, wird zusehends größer und ist mit einem Male wieder +unsichtbar. Niemals erblicken Frauen das Füllen, sie sehen vielmehr, +wie eine weißgekleidete Frau das Haus umwandelt, an jeder der vier +Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf in die Antoniuskapelle +verschwindet. Offenbar mußte dem im Dienste Verenas stehenden +Priester ein Dienstroß zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden, +wie ja schon die heidnische Geburtshelferin Frau Holle zu Pferde +ist und Frauen, die vor der Geburt stehen, einen Schimmel Hafer aus +ihrer Schürze zu geben pflegen. Ebenso haften der Verena aus Anlaß +ihres Kammes allerlei wunderbare kosmetische Eigenschaften an, das +Tobel-Vereneli im Tobelhölzli bei Baden ist ein uraltes Weibchen, das +an einer schönen Quelle sitzt und sich das Haar kämmt. Verena verleiht +dem ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar. Am Verenentag ist +es im untersten Aargau durchgehends katholische Sitte, die Kinder +frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht. +Dann werden auch die Kinderköpfe tüchtig gewaschen und dem jüngsten +Mädchen der erste Zopf geflochten. Ueber Warzen hauche man im Namen +der Dreieinigkeit und spreche dreimal: Frene, Frene, Dorre weg. Im +allgemeinen ist die christliche Entgötterung der heidnischen Hilfs- und +Heilgöttin zur demütigen Grauen Schwester gelungen; an einigen Zügen +indessen zeigt sie noch die rohe, derb zu fahrende Gewaltthätigkeit +der mythischen Riesenjungfrau. Je mehr man den Verenasagen ins Gebirge +hinein nachgeht, desto mehr erwächst ein Uebermaß barbarischer, +leidenschaftlicher Körperstärke. Nach Verena heißt eine Alp bei +Mittenwald und eine andere am Silveretta; am namhaftesten ist jedoch +das weithin schimmernde Firnfeld des Glärnisch genannt Vrenelis +Gärtli. So reicht also vielleicht der Kultus der Verena, in der wir +im allgemeinen eine alamannische Frau Holle sehen dürfen, noch hinter +die Anfänge geschichtlicher Erinnerung in die unorganische primitive +Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugeborenen +hervorholen läßt, der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt, die +Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen, die heißen +Sprudel, die sie aus dem Boden stampft, deuten immerhin auf uralte +Kultreste, die bei der Ansiedelung der Alamannen von dem Dienst ihrer +Feld- und Liebesgöttin aufgenommen wurden. + +Noch steht uns aber eine weitere wertvolle Auskunft offen, nämlich +Verenas Name. Immer und immer wieder hat der Volksmund Frau Verena und +Frau Venus harmlos miteinander verwechselt. Es liegt nahe, in dieser +doppelnamigen Frau Vrena-Venus die Göttin Freja zu erkennen. In der +That belehrt uns die Sprachforschung, daß die verschiedenen Namen +für eine weibliche Gottheit, eddisch Freyen, niederdeutsch Freen und +Frin, oberdeutsch Vren nur landschaftlich unterschiedene Namensformen +sind. Im späten Mittelalter ist auch die letzte Konsequenz dieser +Gleichstellung mit Venus gezogen: Verena ist zur Patronin der +öffentlichen Dirnen geworden; in der Malzgasse zu Basel, die nach +Verlegung des Siechenhauses Dirnenquartier war, hieß das Frauenhaus +sowohl Verenen- als Venushaus; in Zurzach war es Sitte geworden, +daß der Landvogt von Baden, so oft er zur Eröffnung des Jahrmarktes +einritt, unter der Linde mit einer fahrenden Dirne einen Tanz um den +Baum thun mußte. Dieser Baum stand nahe bei der Moritzkapelle an dem +Platz, wo zu Verenas Zeiten das Siechenhaus und neben diesem das offene +Frauenhaus gestanden haben soll. So steht also Verena sogar mit der +Unsitte des sogenannten »Metzentanzes« in verblümter Verbindung. + +Ein scharfumrissenes Bild der heiligen Verena zumal in früherer Zeit +läßt sich nicht gewinnen. Sie war, als rechtes Volks- und Naturkind, +viel zu scheu, um sich anders als verstohlen an die Oeffentlichkeit +zu wagen. Es hat auch lange genug gedauert, bis sie kirchlich +recipiert war. Der eigentliche Gauheilige der Diöcese war der alte +Bischof Pelagius von Windisch-Konstanz, während in einer vielleicht +beispiellosen Naivität Verena sich ihre Verkleidung kaum recht +angezogen hat. Daß sie ein »altheidnisch Wassergötzli« sei, sagte man +sich schon im vorigen Jahrhundert. Für unsere heutige Erkenntnis ist +sie wohl die einzige Heilige, die ohne Umtaufe mit ihrem heidnischen +Namen in den Himmel kam, wohlverstanden ohne Vermittlung eines wirklich +gelebten Menschenlebens, wie Gertrud, Walpurgis oder Notburga. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Geschichtsheilige. + + +Nicht immer handelte es sich um ein Wurzelschlagen von oben herab aus +einem stammlos über der Erde hängenden Gewebe: geschichtliche Gestalten +konnten sich umgekehrt zur Legende verflüchtigen. Daß historisches +Andenken zur Sage verdunstet, ist ja nun allerdings allbekannt, +dagegen erregt es unser besonderes Interesse, wenn Heilige, über deren +Erdenleben wir unterrichtet sind, ins überirdische hinaufwachsen und +ihr Gedächtnis mit den Mythen vereinigen. Dann verhält sich also +das geschichtliche Andenken zur Legende nicht mehr ausschließlich +empfangend; es erweist sich selber als wirksam und beweglich, in dem +nun der Kirchenheilige von dem christlichen in einen interreligiösen +Himmel übersiedelt und mit den Heidengöttern, die er einst stürzte, auf +freundschaftlichem Fuße lebt. Mag er dann auch noch so sehr Wandlungen +unterworfen sein, das Neue und Wesentliche für uns ist, daß es diesen +ins Reich der Phantasie versetzten einst auf Erden wirklich gegeben +hat. + + +1. + +Die heilige Genovefa von Paris hat gelebt und ist in der damaligen +St. Peters- oder Apostel-, später dann nach ihr benannten Kirche +beigesetzt. Im sechsten Jahrhundert war ihr Grab ein besuchter und +wegen außerordentlicher Wunder berühmter Wallfahrtsort[191-a]. Soviel +läßt sich aus alter und zuverlässiger Quelle sicher feststellen. + +Anders verhält es sich mit dem Schriftstück, das sich als ihr +wahrhaftes von einem Zeitgenossen verfaßtes Lebensbild ausdrücklich +anpreist. Es besteht nicht aus einer fortlaufenden Lebensgeschichte, +sondern aus einzelnen Episoden, denen jeder Zusammenhang fehlt. +Der Inhalt ist folgender: Genovefa war in dem Pfarrdorfe Nanterre, +ungefähr sieben Meilen von Paris, geboren. Ihre Eltern hießen Severus +und Gerontia. Entscheidend für die Zukunft des Mädchens war sein +Zusammentreffen mit dem Bischof Germanus von Auxerre. Als dieser sich +zusammen mit Lupus von Troyes auf der Reise nach Britannien befand, +um daselbst den Pelagianismus zu bekämpfen, führte ihn der Weg durch +Nanterre. Mitten aus der Menge heraus, die seines Segens harrte, sah er +im Geiste die hochherzige Genovefa. Er ließ sie kommen, beglückwünschte +die Eltern zu ihrer Tochter und prophezeite, sie werde groß vor dem +Herrn und vielen ein bewundernswürdiges Vorbild sein; bei ihrer Geburt +hätten die Engel im Himmel große Freude gehabt. Auf sein Zureden +verspricht ihm das Mädchen, sich weihen zu lassen. Zum Andenken hängt +der Bischof ihr eine eherne Münze mit dem Zeichen des Kreuzes um den +Hals: er fand sie gerade auf der Erde. Einige Tage später an einem +Feste ging die Mutter zur Kirche, während sie der Tochter befahl, das +Haus zu hüten. Diese verlangt schreiend und weinend, ebenfalls den +Gottesdienst besuchen zu dürfen. Die Mutter aber blieb bei ihrem Gebote +und züchtigte das Mädchen, wurde aber sogleich mit Blindheit bestraft. +Erst nach zwei und drei viertel Jahren erlangte Gerontia durch Wasser, +das die Tochter vom Brunnen geholt hatte, das Augenlicht wieder. Die +Weihe der Genovefa vollzog Bischof Vilicus. Obwohl weit ältere Mädchen +zur Stelle waren, wurde sie doch zuerst geweiht. Nach dem Tode ihrer +Eltern zog sie zu ihrer Pathin nach Paris. Der zweite Abschnitt in dem +Leben der Genovefa wird wiederum eingeleitet, durch eine Begegnung mit +dem Bischof Germanus. Dieser war auf einer neuen Reise nach Britannien +begriffen, als er sich in Paris nach seinem Schützling erkundigte. +Obwohl das Volk sie herabsetzte, ließ er sich nicht abhalten, die +Herberge der Genovefa zu betreten. Er fand sie in großer Betrübnis und +den Boden ganz feucht von ihren Thränen. Nachdem er die Leute über +den göttlichen Beruf der Jungfrau aufgeklärt und sie ihnen anbefohlen +hatte, setzte er seine Reise fort. Seitdem tritt Genovefa bei den +öffentlichen Angelegenheiten von Paris in den Vordergrund. Als das +Gerücht ging, Attila sei in Gallien eingefallen, und die Bürger ihr +Eigentum in andere sichere Städte überführen wollten, redete die +Jungfrau davon ab, denn gerade die angeblich sicheren Städte würden die +Feinde verwüsten, Paris aber würde verschont bleiben. Zugleich berief +Genovefa die Pariserinnen zusammen, um mit ihnen unter Fasten, Gebet +und Nachtwachen die drohende Gefahr abzuwenden. Diese folgten ihr; +die Männer jedoch waren weniger gehorsam. Unwillig über die falsche +Prophetin, die sie hinderte, ihre Habe in Sicherheit zu bringen, nahmen +sie eine drohende Haltung gegen jene an. Da erscheint der Archidiakon +von Auxerre in Paris, weil Germanus der Genovefa ein so herrliches +Zeugnis gegeben habe. Er beruhigte die Pariser durch den Hinweis +auf die Prophezeiung seines Bischofs und überbrachte der Jungfrau +Geschenke, die ihr Germanus hinterlassen hatte. Beides beschwichtigte +die Bürger, so daß sie jetzt ihre Feindseligkeiten aufgaben. Ja +fürwahr, Genovefa, die Retterin von Paris steht Martin und Anian nicht +nach, von denen jener bei Worms eine Schlacht verhindert und dieser +Orléans vor den Hunnen gerettet hat! Mit Liebe und Verehrung hing sie +an dem Dorfe Catuliacus, der Grabstätte des Dionysius. Zu Ehren dieses +Heiligen beabsichtigte sie eine Basilika zu bauen, aber es fehlten +ihr die Mittel. Als ihr die Presbyter gewohnter Maßen aufwarteten, +mangelte es auch ihnen an Kalk. Genovefa, vom heiligen Geiste erfüllt, +prophezeite ihnen jedoch, sie würden auf der Brücke der Stadt zwei +Schweinehirten treffen, von denen der eine sich rühmte, beim Aufsuchen +einer gebärenden Sau einen Kalkofen von wunderbarer Größe gefunden zu +haben, der andere einen gleichen unter einem entwurzelten Baume. So +stand dem Ausbau der Basilika nichts mehr im Wege. Große Verlegenheit +trat jedoch ein, als den beim Bau beschäftigten Zimmerleuten der Trunk +ausging. Der Priester Genesius befahl der Genovefa, die Handwerker +aufzumuntern, bis er selbst aus der Stadt neues Getränk geholt hätte. +Genovefa aber half sich einfacher. Sie bekreuzigte unter Gebeten die +Kufe und füllte sie damit ohne weiteres bis zum Rande. Bis zum Ende des +Baues hielt der Trunk vor, sodaß die Zimmerleute sich davon gütlich +thaten. Der Frankenkönig Childerich war zwar Heide, aber Genovefa +verehrte und liebte er ganz unaussprechlich. Damit diese nicht die zum +Tode verurteilten Gefangenen befreite, ließ er einst das Stadtthor +hinter ihr schließen, als sie Paris verließ. Durch gute Freunde von +der Absicht des Königs unterrichtet, kehrte die Jungfrau sogleich +zur Befreiung der Unglücklichen zurück. Kein kleines Schauspiel war +es für das verwunderte Volk, wie sich das Stadtthor unter ihren +Händen ohne Schlüssel öffnete. Beim König setzte sie ohne Weiteres +die Begnadigung der Verurteilten durch. Ihr Ruf war sogar schon bis +in den Orient gedrungen. Der Säulenheilige Symeon von Antiochien +soll sich bei durchreisenden Kaufleuten nach Genovefa erkundigt und +sie unter ehrfurchtsvollem Gruße haben bitten lassen, seiner in +ihren Gebeten zu gedenken. Genovefa war häufig auf Reisen. In Laon +heilte sie ein gelähmtes Mädchen. Sehr oft weilte sie in Meaux, hier +schloß sich ihr Cilinia an, die schon Braut war, aber überwältigt von +Genovefas Wesen diese um die Weihe bat. Empört eilte ihr Bräutigam +nach Meaux. Die beiden Jungfrauen eilten in die Kirche und schlossen +sich im Baptisterium ein. So konnte Cilinia bis zu ihrem Ende ihre +Keuschheit bewahren. Ein lahmes Mädchen aus ihrem Gesinde, das sie +der Genovefa zuführte, heilte diese durch Berührung mit den Händen. +In Meaux kurierte Genovefa ferner einen Mann, der an Armschwund litt, +in einer halben Stunde. Die Heilige war in der Umgegend dieser Stadt +begütert. Bei der Ernte war sie selbst mit auf ihren Feldern und sah +von ihrem Zelte aus den Schnittern zu. Als einmal plötzlicher Regen +und Sturm die Arbeit zu stören drohte, warf sie sich zu Boden und +begann unter heißen Thränen zu beten. O Wunder! Alle Felder im Umkreise +benetzte der Regen, aber Saat und Schnitter der Genovefa erreichte +kein Tropfen. Kranke aus Meaux suchten sie in Paris auf. Ein Defensor +Frunimius aus dieser Stadt, der seit vier Jahren krank war, erlangte, +als sie seine Ohren mit der Hand berührt und bekreuzigt hatte, das +Gehör wieder. Eine wahre Odyssee bestand die heilige Jungfrau während +der Belagerung von Paris durch die Franken. Zehn Jahre lagen sie vor +der Stadt. Genovefa begab sich zu Schiffe nach Arcis-sur-Aube, um +Getreide zu besorgen. Als sie an den Ort gekommen war, wo ein Baum in +der Seine die Schiffahrt? hinderte, brach er auf das Gebet der Genovefa +von selbst entzwei, und zwei Ungeheuer von verschiedener Farbe zeigten +sich, deren entsetzlicher Geruch noch fast zwei Stunden die Schiffer +belästigte. Später soll hier kein Schiffbruch mehr vorgekommen sein. +In Arcis heilte sie die gelähmte Frau des Tribunen Pascivus. Von +hier ging die Reise nach Troyes, wo sie ebenfalls durch Wunderkuren +glänzte. Da es zwischen diesen beiden Orten eine Flußverbindung nicht +gab, mußte die Heilige von Arcis aus den Landweg eingeschlagen haben. +Jedenfalls kaufte sie das Getreide, um Paris zu verproviantieren, in +Troyes; denn dies war ja der Zweck dieser Reise. Auf dem Rückwege hielt +sie sich einige Tage in Arcis auf. Hier gab ihr, was doch ja nicht +zu verschweigen ist, die Frau des Tribunen, die sie auf der Hinreise +geheilt hatte, das Geleite bis ans Schiff. Die Wasserfahrt war wiederum +nicht ungefährlich. Es erhob sich ein starker Wind, der die Schiffe mit +dem Getreide zwischen Felsen und Bäumen schwer gefährdete. Genovefa +bat Christus mit erhobenen Händen um seine Hilfe, und sofort konnten +die Schiffe ihren Kurs weiter verfolgen. So rettete Gott elf Schiffe. +Der Priester Bessus lobte den Herrn und alle stimmten das Celeuma an, +den Schiffergesang! In Paris verteilte Genovefa das Getreide nach der +Dürftigkeit. Wer aber zu arm war, es selbst zu backen, erhielt von ihr +Brot. Eine andere Reise führte sie nach Orleans. Hier heilte sie ein +totkrankes Mädchen Claudia, die Tochter des Fraterna, und erlangte +die Freilassung eines schuldigen Dieners, dessen Herr erst mit einem +gefährlichen Fieber bestraft werden mußte, ehe er ihrer Bitte Gehör +schenkte. Von hier fuhr sie auf der Loire nach Tours. Auch auf dieser +Wasserreise beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Heilung von +Besessenen. Ein Trupp dieser Armen, der aus der Martinskirche kam, +begegnete ihr schon beim Hafen. Die bösen Geister schrieen, sie würden +zwischen Martin und Genovefa durch Flammen verzehrt, und bekannten +sich schuldig, ihr die Gefahr auf der Loire bereitet zu haben. Bei +einer Fahrt auf der Seine trat ein Unwetter ein, sodaß das Schiff vom +Winde gepeitscht und von Wellen fast bedeckt wurde. Als aber Genovefa +die Augen zum Himmel gewandt mit erhobenen Händen Gott um Hilfe bat, +änderte das Wetter sich sogleich. Für eine Nonne war nun Genovefa doch +ein bischen viel auf Reisen. Von Epiphanien bis zum Gründonnerstag +jedoch schloß sie sich allein in ihre Zelle ein und brachte mit Gebeten +und Vigilien ihre Zeit zu. Eine Frau, die gern wissen wollte, was +Genovefa in der Zelle trieb, büßte ihre Neugierde mit Verlust des +Augenlichts. Als aber am Schlusse der Fasten die Heilige ihre Zelle +verließ, machte sie die Unglückliche durch Gebet und Bekreuzigung +wieder sehend. In ihrer Zelle brachte sie auch einen Knaben wieder +zum Leben, der in einen Brunnen gefallen war und drei Stunden darin +gelegen hatte. Dieser erhielt bei der Taufe den Namen Cellumeris, weil +er in der Zelle der Genovefa sein Leben wieder erlangt hatte! Genovefa +erreichte das hohe Alter von über achtzig Jahren und wurde am dritten +Januar beigesetzt. Ueber ihren Tod und das ehrenvolle Begräbnis zieht +es der Verfasser vor, zu schweigen, weil er Kürze liebe! Dafür erwähnt +er zwei Wunder an ihrem Grabe. Ein Knabe Prudens wurde dort vom Stein +geheilt, und ein Gothe, dem beide Hände gelähmt waren, weil er am +Sonntag gearbeitet hatte, verließ gesund das über dem Grabe erbaute +Oratorium, nachdem er die Nacht vorher dort gebetet hatte. Der rauhe +Krieger König Chlodowech ruhmwürdigen Angedenkens hat oft aus Liebe +zu ihr Gefangene, ja auf ihre Fürsprache hin sogar schwere Verbrecher +losgegeben. Ihr zu Ehren hat er den Bau einer Basilika begonnen, die +nach seinem Tode die durchlauchtige Königin Chlodechilde vollendete. +Mit der Kirche ist ein dreifacher Porticus verbunden und Gemälde +schmücken sie, die die Thaten der Patriarchen, Propheten, Märtyrer und +Bekenner darstellen. So weit das »Leben der Genovefa«[195-1]. + +Nach des Verfassers eigener und ausdrücklicher Angabe wäre die Schrift +achtzehn Jahre nach dem Tode der Heiligen geschrieben, also gegen +das Jahr 520. Gleichwohl deutet er nirgends an, daß er Genovefa +persönlich gekannt habe. Gesehen hat er nur eine Reliquie von ihr, das +Oelfläschchen, mit dem sie ihre Wunderkuren verrichtete. Ebenso sind +seine Miteilungen an sich keineswegs derart, daß sie ihrer Natur nach +Glauben erwecken. Es mangelt durchaus das solide Gerüst, das in einer +wirklich auf persönliche Erinnerung zurückgreifenden Memorie auch +bei dem zweifelhaftesten Detail nie fehlen wird. Fleischstücke ohne +Skelett geben keinen Körper und auch die ausgetifteltsten Anekdoten +bringen kein glaubwürdiges Lebensbild zu Stande, wenn es im Uebrigen +an einem straffen innern Zusammenhang gebricht. Ueberdies sind dem +Verfasser einige schwere Versehen passiert, so wenn er Arcis am +Aube zwischen Paris und Troyes gelegen sein läßt. Am bedenklichsten +aber ist es, daß er sich für einen jüngeren Zeitgenossen seiner +Heldin ausgiebt, während er nachweislich sich an Schriftstellern des +ausgehenden sechsten Jahrhunderts genährt und nach andern untrüglichen +Anzeichen überhaupt erst im achten Jahrhundert gelebt hat. Er ist +also, litterarisch gewertet, einer von den frommen Fälschern, die zu +Anfang der karolingischen Zeit im Frankenreich massenhaft zu werden +pflegen, und zwar ist er der geriebenen einer. Ob er jedoch den Inhalt +insgesamt rundweg erfunden hat, ist eine andere Frage. Vielleicht thut +man ihm auch mit dieser Vermutung noch zu viel Ehre an. Selbst wenn +das Genovefagrab nur ein städtisches Heiligtum war und von auswärts +sich keines großen Zuspruchs erfreut haben sollte, es war doch die +heimatliche und centrale Kultstätte des Volkes von Paris und Umgebung. +Und ein Wallfahrtsort dieses Ranges kann schwerlich ohne seine eigene +Sage geblieben sein, ohne eine so oder anders fixierte Darstellung +dessen, was an diesem Orte eigentlich geglaubt und verehrt wurde. +Wenn auch nur in mündlicher oder schriftlich rudimentärer Form mag +der Verfasser die wichtigsten Anhaltspunkte für seine Mitteilungen +also vorgefunden, dann aber allerdings in einer unverantwortlichen +Weise für seine Zwecke benutzt und vergewaltigt haben. Aber auch seine +Unverfrorenheit vermochte seinem Stoffe den ihm anhaftenden Reiz +nicht vollständig zu benehmen; zeigen sich doch an der Genovefa von +Paris Züge reiner Heiligenlegende, die, auf der Erfahrung des Volkes +beruhend, dann eben auch sein Erzeugnis und sein Eigentum zu heißen +das Recht haben. Genovefa ist vor allen Dingen Korn- und Flußheilige +genau wie Verena. Ihre Herrschaft über die Elemente giebt ihrem Bilde +seinen eigentlichen Charakter: sie sorgt für sichere Schiffahrt und +wendet das drohende Gewitter von der Ernte ab. Wenn immer möglich, +geht sie auf Reisen und ist Nonne nur, so scheint es fast, um diesem +Postulat einer Heiligen wenigstens durch das Minimum der Askese während +der Fastenzeit nachzukommen. Im Uebrigen tritt sie sehr mann-weiblich +und riesenjungfräulich auf, wenn sie, als wäre sie mindestens +Maire von Paris, die Stadt während der Belagerung im großen Stile +verproviantiert, wenn sie ferner dem für sie schwärmenden Frankenkönig +mir nichts, dir nichts schwere Verbrecher frei verlangt, wenn sie +endlich jede unbeträchtliche Regung eines andern Willens selbst des +mütterlichen, oder einen Anflug harmloser Neugier im Handumdrehen mit +den denkbar härtesten Körperstrafen zu rächen pflegt. Sie enthüllt +sich damit als die echte Schwester von Verena, der Gauheiligen des +Aarethales, hinter der sich eine ehemalige Stammesgöttin der Alamannen +verborgen hat. Alles drängt darauf hin, in Genovefa, der fränkischen +Nationalheiligen, das christliche Nachbild der weiblichen Gottheit zu +erkennen, die, reiselustig wie sie geblieben ist, einst die Franken +auf ihren Zügen begleitete und darnach bei den Saliern um oder in +Paris sich niedergelassen hat. Ein großer Unterschied bleibt jedoch +zwischen der Alamannenfreia und der fränkischen Walküre. Während +Verena nur schlecht verschleiert unter die christlichen Heiligen +gegangen ist, unterzog sich die Frankengöttin einer eigentlichen +Seelenwanderung, indem sie sich mit einer geschichtlichen Heiligen +verband. Von dieser wissen wir freilich nicht mehr, als daß sie gelebt +hat und gestorben ist; aber für unsern Fall ist es alles, was wir zu +wissen brauchen. Höchstens sind in die Legende vereinzelte für uns +nun nicht mehr unterscheidbare Züge aus dem bescheidenen Leben der +Nonne mit untergelaufen. Ein leiser Zweifel läßt sich ja allerdings +angesichts der Dürftigkeit dieser Angabe nicht unterdrücken; es wäre ja +schließlich denkbar, daß die fränkische Königskirche, über Genovefas +Grabe errichtet, eben nur den ehemals heidnischen, vielleicht von +Nanterre in die Stadt verpflanzten Kult der fränkischen Freja für +das Christentum mit Beschlag belegen sollte. Doch dürfen wir nicht +klüger sein wollen, als unser Gewährsmann und nehmen daher an, eine +gottesfürchtige als heilig verehrte Frau, die obwohl vorfränkische +Christin, doch einen deutschen Namen trug, liege auf dem nach ihr +benannten alten Stadthügel von Paris begraben mit dem Schicksal, +ihr eigenes anspruchsloses Andenken an die Vorstellungen von einer +germanischen Göttin verloren zu haben. + +Anhangsweise muß hier auch der deutschen Genovefasage des späteren +Mittelalters gedacht werden. Die Pfalzgräfin Genovefa von +Brabant[196-1] hat mit der viel ältern französischen Namensschwester +nur eben diesen Namen gemein. Aber in Dingen der Legende bedeutet das +bereits halbe Verwandtschaft. Als Kind einer so viel späteren Zeit +nimmt diese andere Genovefa eben an dem neuen Typus weiblicher Heiligen +teil, der in der Blütezeit mittelalterlicher Dichtkunst in Westeuropa +sich ausgebildet hat. Die mythischen Anflüge verblassen und machen +einem menschlichen Ideale Platz. So trägt denn diese späte Genovefa +keine Spuren vom übermenschlichen Hünenweibe mehr an sich; sie ist +der Gemeinschaft der Heidengöttin entrückt, zum rührenden Urbild der +verfolgten weiblichen Unschuld erniedrigt oder erhoben, wie man es nun +nehmen will. + +Die merowingische Zeit hat dann gegen ihr Ende hin eine andere Heilige +hervorgebracht, an der sich die Verbindung einer geschichtlichen +Persönlichkeit mit einer weiblichen Gestalt aus der germanischen +Götterwelt weit deutlicher erkennen läßt, als an der so gut wie +unbekannten Genovefa von Paris: Gertrud, ein edles Mädchen aus dem +fränkischen Großengeschlecht der Arnulfinger, dem Stammhause der +karolingischen Dynastie. Sie wurde im Jahre 626 geboren. Ihr Vater war +der erste Pippin, die Mutter hieß Itta. König Dagobert wollte sie mit +dem Sohne des Herzogs von Austrasien verloben, sie widersetzte sich +aber. Dann starb ihr Vater, als sie vierzehn Jahre alt war. So zur +Wittwe und Waise geworden, suchten Mutter wie Tochter in gottgefälligem +Werk und Wandel ihren Trost, indem Itta auf den Rat des Bischofs +Amandus das Kloster von Nivelles gründete, Gertrud dagegen den Schleier +nahm und der mütterlichen Stiftung als deren erste Aebtissin vorstand. +Sie faßte ihren Beruf ernst auf und studierte Theologie, soweit es nur +immer in ihren Kräften stand; und zwar setzte sie sich dabei ebenso mit +der römischen als mit der irischen Schule auseinander. Im Jahre 652 +starb ihre Mutter im Alter von sechzig Jahren zu Nivelles und wurde +daselbst in der Peterskirche beigesetzt. Da fand Gertrud, sie werde +durch die Klosterleitung zu sehr in Anspruch genommen und betraute mit +den häuslichen Geschäften Nonnen, mit den öffentlichen Mönche. Sie +selbst widmete sich von nun an ausschließlich ihrer eigenen geistigen +Bildung und brachte es zu einer fast wörtlichen Kenntnis der ganzen +Bibel, sowie zu einer ungewöhnlichen Fertigkeit der allegorischen +Auslegung. Daneben ließ sie Kirchen und andere Gebäude zu geistlichem +Zweck errichten und war immer bei der Hand, wo es galt, die Not der +Armut zu lindern. Als ihr Leben zur Neige ging, befragte sie Mönche und +Nonnen um ihre Wünsche in betreff der künftigen Aebtissin und setzte +dann ihre Nichte Wulfetrude, die Tochter des Majordomus Grimoald, +die sie sich herangezogen hatte, im Dezember 658 in ihre Nachfolge +ein. Drei Monate später, als sie sich in der Härte der geistlichen +Uebungen nichts nachgelassen hatte, ließ sie einen fremden Mönch im +Kloster zu Fosses anfragen, wann sie sterben werde. Die Prognose auf +den morgenden Tag traf zu. Sie starb, erst dreiunddreißig Jahre alt, +in der sechsten Stunde, an einem Sonntag. An einem Mönche von Nivelles +fand sie einen zeitgenössischen und zuverlässigen Verfasser ihres +Lebensbildes, einer Memorie im besten Sinn; denn er kann sich auf +ihm zu teil gewordene persönliche Mitteilungen der Heiligen berufen +und hat auch ältere Thatsachen, wie die Weigerung der Heirat, von +unantastbaren Gewährsmännern bezogen. Er schrieb ums Jahr 670. Neben +dieser litterarischen Verewigung sorgten die am Grabe und sonstwo +durch Gertrud bewirkten Wunderthaten für den Ruhm ihres Namens, dessen +Verehrung namentlich bei den Mainfranken und bei den Friesen früh +in Aufschwung kam und nach den besten Quellen mit den Anfängen des +Christentums im eigentlichen Deutschland aufs engste verknüpft ist. + +Die hochgeborene Klosterfrau trug indessen den heidnischen Namen einer +germanischen Walküre. Keretrud ist die Speerjungfrau, die den Gegner im +Waffenkampfe niedertritt; noch heute bezeichnet das Wort Trude die den +Schläfer auf die Brust tretende Nachtmare, den im Traum reitenden Alp; +der Trude ist der fünfeckige Trudenfuß eigen, dessen Mißgestalt aus +dem Schwanenfuße der geflügelten Walküre entstanden ist. Außer der im +Namen gewährten Disposition zur Aufnahme heidnischen Inhaltes lag wohl +auch eine zweite, lokal und kultisch vermittelte vor. Vielleicht war +Nivelles, dessen alte Bezeichnung Nivialcha durch merowingische Münzen +festgestellt ist, ein wichtiges Heiligtum etwa der Nehelennia, der +deutschen Isis mit dem keltischen Namen. Diese Göttin hatte das Schiff +zu ihrem Symbol, und in der That hat das Trinkgeschirr, mit dem Gertrud +abgebildet wird, die Gestalt eines Schiffes. Außerdem sieht man sie +in den Darstellungen gelegentlich spinnen, auf einem Wagen fahren, ja +selbst zu Pferde. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges +Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. +Auch Gertruds Beziehungen zur Natur deuten auf mythische Züge. Der +17. März ist Gertrudentag und zugleich Frühlingsanfang. Ihre Vögel, +der Specht und der Kuckuck, sind Frühlingsvorboten. Ebenso hat die +Schnecke, das Tier der Jahresfruchtbarkeit und der Lebensdauer, +in Gertruds Dienst gestanden, und ihr besonderes Gefolgstier, die +Maus, zieht am Gertrudentag vom Haus aufs Feld. Aber die nächtlich +wühlende Maus kündet mit ihrem Erscheinen nicht blos die Reife der +Saat, sondern auch Mißwachs, Seuche und Tod an; Gertrud selbst wird +Allerseelenherrin; auch sie erscheint als weiße Frau, ja sogar als +weiße Maus. Nach älterem Kirchenglauben haben die Abgeschiedenen +ihre erste Station bei Sankt Gertrud und zwar nehmen die den Körper +verlassenden Seelen die Gestalt von Mäusen an. Um den Scheidenden eine +gute Herberge jenseits zu sichern, trank man ›Gertrudenminne‹, wie +man einst aus der Kufe das gesottene Bier zu Wodans oder Frejas Liebe +trank. Die der Kornmaus dargebrachten Ernteopfer leben noch heute +in der ›Mäusenudel‹ nach. Dieses Mehlmäuslein, das die oberdeutsche +Bäuerin mit dem ersten Frühlingsbeginn anfertigt, ist in Butter um ein +Salbeiblatt gebackener Eierteig, aus dem der Blattstiel gleich einem +Mausschwänzchen vorsteht. + + +2. + +Genovefa und Gertrud sind, als Geschichtsheilige, doch Ortsheilige. Sie +sind dort verehrt worden, wo sie gelebt haben; höchstens wäre möglich, +daß sich ihr Andenken einem bereits bestehenden heidnischen Kultus +gefügt hat. Jedenfalls hat sich der Uebergang vom geschichtlichen zum +mythischen Namensträger auf dem Platz vollzogen, ohne daß der Wechsel +zugleich von einer Verpflanzung begleitet war. Anders bei Sankt Oswald. +Er ist Wanderheiliger und doch eine geschichtlich scharf umrissene +Persönlichkeit. + +Oswald, der Sohn König Ethelfrids von Northumbrien, wurde im Jahre 604 +geboren. Als nach des Vaters Tode Edwin sich der Krone bemächtigte, +mußte sich Oswald mit seinen Brüdern zu den Schotten flüchten. +Dort nimmt er das Christentum an. Nach Northumbrien zurückgerufen, +besiegte Oswald bei Deniesburna den König Kedwalla, bemächtigte sich +der Herrschaft im Jahre 635 und brachte es dahin, daß sich das ganze +Brittenvolk taufen ließ. Er suchte das durch Eanfred und Osric wieder +eingeführte Heidentum mit aller Macht zu verdrängen und gründete ein +Bistum auf Lindesfarn, einem Eilande an der Küste von Northumbrien. +Der Schotte Aidan, Oswalds Lehrer, ward als Bischof berufen. Im Jahre +636 vermählte sich Oswald mit der Tochter des westsächsischen Königs, +die samt ihrem Vater von dem Priester Birin in Oswalds Gegenwart kurz +vorher getauft worden war. Sie gebar Oswalden im Jahre 637 einen Sohn +Ethelwald. Bald darauf verheerte eine Seuche Northumbrien. Der fromme +König betrachtete dies als eine Strafe eigener Sünden, weinte und +betete. Bald wurde er selbst von Krankheit ergriffen und war dem Tode +nahe. Da erhob er seine Augen gen Himmel, und regte seine Lippen, als +ob er mit jemanden spreche. Als er sich erholt hatte, versicherte er +hellleuchtende Engel gesehen zu haben, von denen ihm drei die Palme +des Märtyrertums verhießen. Auch Tod und Todesstunde hatten sie ihm +bezeichnet. Seit dieser Stunde lebte Oswald noch frömmer als vorher, +theilte reichlich Almosen aus, bereute seine Sünden und gelobte nebst +seiner Gattin jeder Weltfreude zu entsagen. Am fünften August 642 fiel +Oswald, erst achtunddreißig Jahre alt, im Kampfe gegen Penda, den König +der heidnischen Mercier. Die Schlacht war bei Maserfeld geschlagen. +Oswald wurde als Märtyrer verehrt. Auf seinem Grabe geschahen Wunder. + +Dieser geschichtliche Oswald hatte Anspruch auf einen doppelten +Nachruhm; denn er war Held und Märtyrer zugleich. Kirche und Vaterland +mußten ihm in gleichem Maße dankbar sein. Ein König, der von der +Bedeutung des Christentums durchdrungen ist, sucht es in seinem +Reiche zu verbreiten und fällt im Kampfe für seinen Glauben auf dem +Schlachtfeld. Das Andenken an ihn hat sich demnach begreiflicherweise +gespalten; die eine Hälfte ist in der nationalen Heldensage, die +andere in der kirchlichen Heiligenlegende aufgegangen. Jene hat zum +Merkmal abenteuerliche Seefahrten, diese einen Raben. Es gab eine +alte, für sich bestehende Sage von einer gefahrvollen und zauberhaften +Brautwerbung; der Held wurde von den Verwandten seiner Frau umgebracht. +Diese Sage fand in verschiedenen deutschen Stämmen Liebhaber: bei den +Gothen war es Otnit, bei den Franken der hörnerne Siegfried, bei den +Angelsachsen Oswald. Und dann erst bemächtigten sich die Normannen +der Sage und versahen sie mit der großen Meerfahrt, die aus ihrem +eigenen Leben entlehnt war. So entstand im zwölften Jahrhundert das +Gedicht von Sankt Oswald[200-1]. Obwohl diese Bestandteile alle in +andere Länder deuten, ist die eigentliche Heimat der Oswaldlegende doch +sozusagen ausschließlich Deutschland; außerhalb ist sie kaum bekannt. +Aber diese Popularität ruht auf kirchlicher Unterlage, insofern Oswald +seit den ältesten Zeiten im deutschen Alpengebiet ein vielgefeierter +Heiliger war. Besonders in Tirol ist er eine Art Stammpatron geworden, +und zwar schon frühe. Spuren von alten Oswaldgotteshäusern deuten +bis an die Grenze der Merowingerzeit zurück. Durch die ständige +Verbindung zwischen jenen Gegenden und dem brittischen Inselreich +in jener Zeit ist die überraschend schnelle Verpflanzung des Kultus +binnen eines Jahrhunderts nicht unverständlich, um so weniger, +sobald sich nun auch hier die Ueberzeugung beigesellt, daß der neue +christliche Dienst einen alten heidnischen abzulösen hatte. Von den +tirolischen Oswaldheiligtümern ist die Kapelle am Ifinger weitaus das +berühmteste. Hoch an diesem Granitgebirge, wo jede Vegetation schon +endet, liegt ein kleines von allen Seiten umschlossenes Thal; seine +Bildung deutet auf einen ehemaligen Gebirgssee. Die ärmliche Kapelle, +die dort steht, ist gewöhnlich geschlossen und wird nur geöffnet, um +die jährlichen Pilgerzüge aus Hafling oder Schönna zu empfangen. +Das Volk lebt des Glaubens, droben im Bergthale, in den Felsklüften +und nah dem ewigen Schnee, spende Oswald seine Gnade am liebsten. Wo +jetzt die Kapelle steht, erzählt man sich, wurde vor Alters in den +dichten Alpenrosenhecken von Hirten Oswald Bild gefunden; man trug +es nach Schönna hinunter und stellte es in der dortigen Kirche auf. +Doch siehe, kaum war die Nacht angebrochen, so stieg Sankt Oswald +leuchtend aus der geschlossenen Kirche empor und ritt dem Ifinger +zu, wo man ihn tags darauf wieder unter den Alpenrosen fand. Später +bekam das Bild seinen Standort in der alten Kirche Katharina in der +Schart zu Hafling, wo es sich noch heute befindet und nur mit den +Prozessionen jedesmal in die Kapelle hinaufgetragen wird. Es ist +eine meterhohe Statue: ein König hoch zu Roß, auf seinem Scepter ein +Rabe. Eine alte Freske im Dorfe Tartsch gibt den heiligen König zu +Fuß, in der rechten das Scepter, in der linken einen Aufsatz, darauf +ein Rabe, den Ring im Schnabel. Dieses Bild zeigt den üblichen fast +auf allen Darstellungen wiederkehrenden Oswaldtypus zum erstenmal. +Im Mund des Volkes heißt der Heilige ›Oswald‹, ›Aswald‹, ›Oanswald‹, +›Uanswald‹, ›Gaswald‹ und, als der mächtigste ›Wetterherr‹, heißt er +denn auch häufig schlechtweg so. Vorzüglich der Hagel liegt in seiner +Hand. Leicht ist er beleidigt und rächt sich an den Saaten. Die Bauern +wissen wohl, warum sie jedes Jahr zu ihm hinaufgehen; so oft sie es +nicht thaten, schlug er ihnen alles Getreide zusammen. Statteten +sie ihm aber ihren Besuch ab, so war auch er freundlich. »Ja, ja«, +sagten sie dann, »den Kindern und den Heiligen ist nicht gut etwas +versprechen, sie mahnen einen immer.« Ein anderer Gebrauch eröffnet +uns in das Wesen des Oswalddienstes noch einen tieferen Blick. Wenn +in Niederbayern Roggen oder Weizen ganz abgeschnitten ist, bleibt +auf dem letzten Acker der letzte Büschel stehen, am liebsten in der +Nähe des Weges, wo er von den Vorübergehenden gesehen werden kann. +In die Mitte dieses Büschels wird ein Stab gepflanzt, dann werden +die stehen gebliebenen Aehren mit noch andern abgeschnittenen so um +den Stock gebunden, daß eine menschenähnliche Figur daraus wird. Die +stehen gebliebenen und beigebrachten Aehren mit dazwischen gesteckten +Feldblumen werden so gebunden, daß Kopf und Hals entsteht. Dabei sind +je drei Halme zusammengeflochten; mehrere dieser Zöpfe zusammengenommen +bilden die Arme der Figur, die beide Hände auf die Hüften stützt. Ein +Gürtel trennt den obern Teil des Körpers von dem untern; das lange +Kleid bilden die stehen gebliebenen Halme. Diese Figur heißt man: +»Der Aoswald«. Während die Bursche den Aoswald machen, sammeln die +Mädchen die schönsten Feldblumen und schmücken ihn damit. Dann knien +alle im Kreis herum und beten: »Heiliger Aoswald, wir danken Dir, daß +das Getreide wieder gewachsen ist und daß wir uns nicht geschnitten +haben.« Nach dem Gebete wird nun dem Aoswald ein Walzer getanzt, wenn +möglich zum Schall einer Klarinette oder Schwegelpfeife. In einigen +Gegenden Niederbayerns wird der Aoswald nicht mehr mit dieser Sorgfalt +gemacht. Die Schnitter lassen einige Aehren stehen, binden sie +zusammen und schmücken sie mit Blumen. Sie knien herum und verrichten +ein Dankgebet. Einige machen mit der rechten Hand, ohne die linke zu +gebrauchen, aus den drei stehengebliebenen Halmen einen Knoten und +zieren ihn mit Blumen. Man sagt dabei: »Das ist für den Aoswald«. Der +Aoswald ist aber allgemein auch unter der Bezeichnung Nothalm bekannt. +Alle diese und ähnliche Gebräuche sind nichts anderes als uralte +Dankopfer, die dem Oswald, als dem Herrn der Feldfrüchte, dargebracht +werden. Auch Oswaldsquellen fehlen nicht. Der Jungbrunnen bei Sankt +Oswald macht frisch und gesund, heißt es im Tirol. Ein sehr begangener +Wallfahrtsort ist das Oswaldsbrünnlein im bayrischen Walde; eine andere +Lokalsage erzählt: Heidenheim, Anhausen und Heilbronn wurden von drei +Geschwistern erbaut, Heidenheim von der heiligen Walpurgis, Anhausen +vom heiligen Oswald, Heilbronn vom heiligen Willibald. Diese drei +Heiligen reisten miteinander und hatten einen Esel bei sich, der die +Quellen fand. Oswalds Tier dagegen ist der Rabe, sein unzertrennlicher +Begleiter. Die Alpenrosen, in denen einst sein Bild verborgen war, +heißen in Tirol Donnerrosen oder Oswaldsstauden. + +Es gibt keine zweite Gestalt der Heiligenlegende, an der der verkappte +Wodan deutlicher und unmittelbarer zu Tage tritt, als an Oswald. Er war +auch durch Name und Stand auf das allergünstigste für diese Verkleidung +eingerichtet. Das englische Oswald entspricht dem hochdeutschen +Answalt. Der geschichtliche Held hieß somit das, was Wodan war: Walter +der Asen. Und außerdem war jener das, als was dieser gedacht wurde: +ein König. Die Identität beider Gestalten in der Legende läßt sich an +einigen Berührungspunkten deutlich feststellen. Nach dem Volksglauben +muß Oswald einen Raben um sich haben; der Rabe der Oswaldlegende ist +ein weiser Vogel, er ist der Ratgeber des Königs, er wird als kluger +Werber ausgesandt, ohne ihn kann der König das Angestrebte nicht +erreichen. Der Rabe sitzt Oswald entweder auf dem Szepter oder auf +einer Schulter. Auch dem Wodan saßen zwei Raben auf den Schultern und +waren auch ihm Boten und Ratgeber. Er sendet sie jeden Tag aus, die +Zeit zu erforschen, sie bringen ihm Kunde und raunen ihm ins Ohr, +was sie gesehen und gehört haben. Durch die Raben wird Wodan erst +allwissend und daher auch kurzweg Rabengott genannt. Die Oswaldquellen +führt die Legende auf einen Schwertstoß in die Steinwand zurück, +worauf der dicke Wasserstrahl hervorgerauscht sei und die mythische +Eigenschaft besaß, ein Jungbrunnen zu sein. Die Gleichheit Oswalds +und Wodans offenbart sich nun unzweifelhaft an ihrer Herrschaft +über das Wetter; die verehrte Wodansgarbe ist, um den Untergang zu +überdauern, zum Oswaldsopfer geworden. Und als der alte Asenkönig, +der einst im Thal verehrt wurde, dem Gott der Christen weichen +mußte, flüchtete er sich aus der Niederung in die Abgeschiedenheit +der Berge. Oben in der Einsamkeit bestand sein Dienst fort. Wodans +Bild wurde in den Alpenrosen gefunden und sollte künftig Oswalds +Bild im Thale sein. Aber aus der Kirche von Schönna ritt er nachts +lichtstrahlend fort, wie er auch sonst oft den Ritt in dunkler Nacht +liebte, als Schimmelritter, als Hackelberg, als himmlischer Fuhrmann +oder als Rodensteiner[203-1]. Ob nun aber diese Verbindung mit Wodan +sich schon in England eingestellt hat, oder erst in Oswalds zweiter +Heimat in Tirol und Baiern, wer vermöchte das bei der unsteten Natur +aller in Betracht kommenden Bestandteile noch heute zu entscheiden. +Und ebensowenig wird noch zu wissen sein, ob Wodan, dessen Bild in +Oswald sich immerhin unverkennbar ausprägt, ohne Konkurrenz in dieser +christlichen Verkleidung verborgen ist. Es mag erinnert werden, daß der +Oswald eigene Zug der Milde eine Eigenschaft des älteren Himmelsgottes +ist und daß auch die Verehrung seitens der Schnitter auf jenen deutet. +Doch kann gerade diese Uebertragung eben durch die Vermittlung der +Wodansvorstellnng erfolgt sein. + + +3. + +Kehren wir von den Grenzländern im Osten nach Frankreich zurück, so +finden sich da keinerlei mythische Wucherungen der Heiligenlegende. +Nicht etwa weil es den Franken an Phantasie und Einbildungskraft +mangelte. Aber sie schöpfen entweder aus der Geschichte, aus ihrer +eigenen Vergangenheit, so in der Nibelungensage, die in ältester +Gestalt bei ihnen entstand, oder sofern sie mythische Stoffe +aufnehmen, aus der neuerschlossenen Kultur und übernahmen jene in +dichterisch abgeleiteter Form vom Bestande der antiken Poesie, so +in der Sage von Wieland dem Schmied. Zu mythischer Produktion aber +findet sich bei ihnen nirgends die leichteste Anwandlung. Sie waren +zu sehr realistisch, zu sehr ein Volk der That, um sich beschaulich +an die Natur zu verlieren. Die Lust zum fabulieren, die bei ihnen, +dem jungen lebensfrischen Volke, nicht fehlte, war ausschließlich +episch beschaffen; keine alte Göttersage ist auf geschichtliche +Verhältnisse übertragen, alles bleibt auf menschlichem Boden[203-2]. +Und so entspricht es denn nur diesem fränkischen Stammescharakter, +wenn auch ihre Heiligenlegende in keinem organischen Zusammenhang +mit dem heidnischen Götterglauben steht. Die Fortbildungen über die +geschichtliche Ueberlieferung hinaus, ohne die eine inbrünstige +Verehrung heiliger Dinge undenkbar ist, verliefen daher durchaus im +Bezirke der Wirklichkeit. Berührungen mit der Götterwelt, sei es +der eingeborenen keltischen oder der durch die Franken importierten +germanischen, waren nicht zu vermeiden, da ja die Heiligen eben jene +Götter verdrängen und ersetzen sollten: so haben wir an der Genofeva +von Paris unverkennbare Spuren des Mythus wahrgenommen und werden +solche noch deutlicher beim heiligen Julian wiederfinden. Aber trotz +alledem handelt es sich höchstens um einen Austausch an der Grenze. Dem +Wesen nach bleibt die fränkische Heiligensage der Göttersage fremd, wie +nun an den fränkischen Volksvorstellungen von Sankt Martin des näheren +erwiesen werden soll, allerdings nur zur Ausnahme an alten Zeugnissen; +im ganzen handelt es sich um mittelalterliche Anschauungen, die aber +bei dem Beharrungsvermögen gerade der Volksgedanken und -Gebräuche +recht wohl weit höher hinaufreichen mögen, als sich heute noch +bestimmen läßt. + +Der französische Martin unterscheidet sich von dem geschichtlichen +zunächst nur durch die Steigerung und Erweiterung der Lebensgeschichte, +ohne sich sprunghaft davon zu entfernen oder die Erzählung in einer +ganz anderen Vorstellungswelt fortzusetzen. Ihre Bereicherung der +Martinsgeschichte über die Memorie und die Gregorische Forschung hinaus +besteht zunächst nur in einigen ergänzenden Episoden, die, wenn man +nicht näher zusieht, Wahrscheinlichkeits halber eben so gut geschehen +sein können[204-1]. Im zwölften Jahrhundert wurde von Tours aus die +Sage in Umlauf gesetzt, Martin habe auf der Rückreise von Rom über +den großen Bernhard dem Kloster Saint Maurice im Wallis einen Besuch +abgestattet, und da keinerlei Reliquien mehr erhältlich waren, haben +auf sein Gebet hin die Blumen des ehemaligen Schlachtfeldes plötzlich +rosaroten Tau von dem einst blutgetränkten Boden aufgesogen; den habe +Martin in Phiolen gesammelt und von diesen kostbaren Reliquien ein +Fläschchen in Tours, ein anderes in Angers und ein drittes in Candes +deponiert, ferner dehnte sich das Missionsgebiet, das geschichtlich +als Martins Wirkungskreis bezeugt ist und außer wenigen Reisen nach +Nordosten die Marken der Diözöse Tours kaum überschritt, in der Sage +beträchtlich aus. Von Italien nach seiner späteren Heimat im Herzen +Galliens und von hier nach Trier — diese beiden Reisen, zweimal +unternommen, sind indessen nach Severus die einzigen, die ihn nach +seiner Bekehrung aus der Touraine hinausgeführt haben. In Paris, wo +wir ihn einmal finden, kann er sich auf dem Wege nach Trier aufgehalten +haben. Dem gegenüber will es nun aber die spätere französische Sage +nicht anderes haben, als daß Martin nicht etwa nur durch seinen +Einfluß nach seinem Tode sondern durch seine Anwesenheit schon bei +Lebzeiten der Apostel von ganz Gallien gewesen sei. Am ehesten mag +Martin noch in den seine Diöcese unmittelbar nördlich begrenzenden +Landschaften, in der Vendôme und in der Umgegend von Chartres wirklich +missioniert haben. Aber schon für seine Anwesenheit in der Maine und +Le Mans selbst fehlen sichere Spuren und gar in der Normandie ist +er nie auch nur entfernt gewesen, mögen nun die Lokalsagen dieser +Gegenden davon soviel berichten als sie wollen. Ob dann die vielfach +eine fortlaufende Linie bildende Reise von Martinsortschaften in +der Richtung von Paris nach Reims und von Reims nach Trier durch +Luxemburg, mit irgendwelchem Andenken an die von Martin eingehaltene +Reiseroute zusammengebracht werden dürfen, muß ebenfalls dahingestellt +bleiben. In Flandern erhebt das Dorf Phalemgie bei Lille und ebenso +Cysoing den Anspruch, von Martin bekehrt worden zu sein. Ueberdies +geriet in Belgien dann Martins Andenken mit dem angeblich im Jahre +276 verstorbenen durchaus sagenhaften Bischof Martin von Tongern +in Collision. Besser steht es vielleicht mit den Behauptungen der +südöstlich von Tours gelegenen Teile Galliens, da wenigstens für die +Auvergne der sorgfältige Gregor Martins Besuch am Grab der Vitalina in +Arthonne bei Riom berichtet[205-a]. Durch Savoyen und Burgund kann er +ferner auf der Reise von Italien her gekommen sein; ganz unglaublich +dagegen ist seine angebliche Missionsarbeit in der Centralschweiz. +Nicht weniger begierig auf den Ruhm von Martins Anwesenheit erwies sich +Südfrankreich, wofür jedoch höchstens Vienne in der Grabschrift einer +Christin einen einigermaßen prüfenswerten Anhaltspunkt aufzuweisen +in der Lage ist. Ja sogar das Concil von Saragossa im Jahre 380 soll +Martin besucht haben, und wäre dann also sogar in Spanien gewesen. +In allen diesen Bestrebungen, Martins irdische Wirksamkeit überall +da nachträglich zu lokalisieren, wo seine Verehrung in Blüte stand, +erkennen wir eine parallele Erscheinung zu den Gründungssagen +fränkischer Bistümer und können daher von Legendenzügen reden, die +von Tours aus sich mehr oder weniger durch ganz Frankreich erstreckt +und die Lokaltraditionen, wo sich nur irgend eine Disposition fand, +für Martin in Beschlag genommen haben. Die Folge davon war nichts +geringeres als die Erhebung Martins zum Nationalheiligen Frankreichs. +Selber ein alter Kriegsmann, wurde er nun vor allem der Patron der +französischen Waffen. Schon die merowingischen Könige ließen sich +Martins Mantel in die Schlacht nachtragen. Später wurde er der Herr +der Reiter und der Reisenden; an der Thür einer Martinskapelle, an +der man vorbeiritt, eines der Hufeisen als Votivgeschenk anzunageln, +war ein verbreiteter Brauch. Hatten diese Seiten von Martins heiliger +Schutzherrschaft noch in Martins Lebensgeschichte ihren unverkennbaren +Rückhalt, und ist es auch durch die Mantelepisode des fernern genügend +begründet, wenn Schneider und Tuchhändler des Mittelalters ihre +Gilde in Martins Obhut befahlen, so findet dagegen sein Patronat +über die Gastwirte und jede Art von Weingewerk keine einleuchtende +biographische Erklärung. Immerhin ist diese Beziehung alt; schon +im sechsten Jahrhundert verehrte man bei Tours einen Weinstock als +von Martin gepflanzt[206-a], und wandte sich ein armer, durstiger +Fährmann, der an Epiphanien nicht hatte, woran sich gütlich thun, an +Martin mit den Worten[206-b]: »O heiliger Martin, verschaffe mir doch +heute zum Festtag ein Glas Wein, damit ich nicht allein nüchtern zu +bleiben brauche, wenn die andern sich’s schmecken lassen«. Die Pariser +Genossenschaft der Weinleute führte den heiligen Martin in ihrem +Schilde mit den Spezialattributen des Schlüssels und der Glocke. »Zum +großen Sankt Martin« nannte sich in gewissen Gegenden Frankreichs +jedes andere Wirtshaus. Aber auch der Gunst der Gäste erfreute sich +Martin, an so ziemlich allen Wechselfällen eines fröhlichen Zechers +ist sein Name im französischen hangen geblieben; sich etwas leckeres +zu Gemüte führen heißt _faire la Saint-Martin_; über den Durst trinken +_martiner_, der Rausch _le mal de Saint Martin_. Daß diese französische +Vorstellung unter Einwirkung der germanischen Martinslust entstanden +ist, sei es nun durch Entlehnung, sei es durch Einwirkung des deutschen +Elements im fränkisch-französischen Blut, mag angenommen werden. Doch +war dies immerhin nur der Martin der städtischen Gilden. Sankt Martin, +wie sich ihn im alten Frankreich die Bauern aus der freischaltenden +Einbildungskraft des Volkes herausdachten, ist vor allem, was er auf +Erden in der That gewesen war, der unermüdliche Arbeiter, der nicht +Rast noch Ruhe kennt. Immer befindet er sich unterwegs, und immer hat +er es eilig, bald bindet er sein Pferd an einem alten halbzugeschneiten +Glockenturm an, bald läßt er den Fuhrmann, der ihn führt, so rasend von +dannen fahren, daß Wagen und Räder in Stücke gehen. Besonders populär +wurden dann der Esel und der Stock des Heiligen. Schon der spätesten +Merowingerzeit mag folgende Sage angehören[206-c]: einst wallfahrteten +Sankt Martin von Tours und Sankt Maximin von Trier einträchtig zusammen +nach Rom. Martin ist gegangen Speise zu kaufen, und Maximin, der den +Esel seines Freundes hüten sollte, war eingeschlafen. »Wo ist unser +Esel hingekommen?« fragte Martin, als er zurückkam. Es stellte sich +heraus, daß ein Bär jenen gefressen hatte. Man ließ nun den Bären +kommen und hielt ihm eine Strafpredigt: »Da du so dumm warst, diesen +armen Esel, der unser Gepäck trug, aufzufressen, wirst du nun so gut +sein, und ihn ablösen.« Wohl oder übel mußte die Bestie gehorchen und +trug ihnen ihr Reisebündel geduldig nach Rom. An der Martinsquelle +von Nieuil[207-a] erzählte man sicher schon im sechsten Jahrhundert, +hier habe der Heilige einst zu seinen Lebzeiten, einen Mann getroffen, +der Wasser in einem kleinen Kruge trug. Martin bat ihn seinen Esel zu +tränken, damit er weiter reiten könne; jener aber ließ ihn hart an, er +solle zu dem Sodbrunnen gehen und selber schöpfen. Eine Frau jedoch, +eine zweite Rebekka, entsprach dem Anliegen. Um diese zu belohnen, +betete der Heilige an eben dieser Stelle eine lebendige Quelle aus +dem Boden. Und bei dieser Quelle wird ein Stein aufbewahrt, wo sich +der Huf des Esels eingedrückt hat auf dem der Heilige ritt. Unzählig +sind nun aber die Steine, da der Heilige mit seinem Holzschuh die +Fußspur eingedrückt hat, damals als er vor dem Teufel flüchtend in +einem gewaltigen Sprunge über ein ganzes Thal hinwegsetzte. Zweifellos +sind es alte Druidensteine, die diese Umdeutung erfahren haben; +einige darunter dienen noch heute den Bauern zum Versammlungsorte, +andere sind Schlupfwinkel für allerlei Hexenkünste geworden. Am +besten kommt aber der leitende Gedanke von Martins Wirksamkeit, der +gewaltige titanenhafte Ringkampf mit dem Teufel in der Sage der Insel +Yen zum Ausdruck. Der Heilige verlangte vom Teufel, er solle ihm eine +Brücke schlagen, vom Festland bis zur Insel auf die Entfernung einer +Nachtreise, fünfzehn Meilen lang, damit er trockenen Fußes hinüber +könne. Um sich Martin auf diese Weise zu verpflichten, wälzt der +Teufel, alle Felsblöcke der Umgegend, deren er habhaft werden kann, +ins Meer; beim Tagesgrauen bemerkt er jedoch, daß eine unbesiegbare +Gewalt ihm zur Vollendung des Werkes im Wege stand. Um auf jene +Martinsquellen zurückzukommen, so zählen sie im Lande herum nach +Hunderten. Die meisten sind jedoch nicht durch bloßes Gebet entstanden, +sondern mit dem Stocke Martins aus dem Boden geklopft. Dieser Stock +ist so sprichwörtlich geworden, daß er durch den Namen Martins allein +bezeichnet wird: ›_Par mon martin!_‹ war ein Kraftausdruck der +Jeanne d’Arc und bedeutete: »Bei meinem Stecken!« »_Martin bâton!_« +findet sich bei La Fontaine gesagt. Vielleicht schwingt auch hier +eine dem Heiligen ursprünglich fremde mythische Beziehung mit, die +im Namen Martin, das heißt »kleiner Mars«, angedeutet sein kann, uns +aber unerklärlich bleibt. Ebenso mögen bei der Cappaprozession in +Tours oder andern fränkischen Martinsgebräuchen Göttervorstellungen +hineinspielen. Aber nicht nur da, sondern auch bei Martins Wirksamkeit +als Wetterheiliger, von der anderswo zu reden ist, kann es sich immer +nur um mehr oder weniger starke Entlehnungen und Berührungen, aber +ja nicht um wesentliche Eigenschaften handeln. Dem Kern nach ist der +französische Martin eine Verklärung des geschichtlichen Martin und +somit reine Sage. + +Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein +entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da +haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und +verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes +Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem +ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch +von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald +man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge +schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun +aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht +deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch +zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen +gedacht werden[208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide, +der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert +gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein +Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der +wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank +Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und +Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und +Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans. +Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust, +die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische +oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu +suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und +deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius +den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab. +Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen +und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder +Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in +Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher +allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste +Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen +auch die mit dem Advent verbundenen Fasten _Carême de St. Martin_. Noch +jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle +Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die +großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es +sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu +Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen +sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch +aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen +und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen +Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im +westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben +noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so +ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen +Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt +mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen +Welt[209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene +Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war +den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar +hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding +sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia +von Sankt Martino steht«[209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum +für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die +Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt +wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen, +wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin +die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind +aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß +Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter +verteidige[209-2]«. Hatte das Christentum die Götter entfernt, so +zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche +Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der +dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende +mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in +Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu +leben. + + + + +Zweites Buch. + +Das Heiligengrab. + + +Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns +gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals +gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und +Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß +heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich +bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte +Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei +um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem +schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach, +als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander +unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht +gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz +andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung +sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem +halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht. + +Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des +Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus +mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist +das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in +zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende +litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der +wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf +die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung +der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm. +Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer +aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all +der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die +in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und +immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch +dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische +nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen +Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten, +wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein +Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist +weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz +liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht +hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während +die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht +fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig +zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus +jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und +beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern +Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte +als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich +statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das +Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun. + +Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse +religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern, +sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die +Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der +Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den +sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem +Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität +mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter +drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich +ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um +den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat. + +Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen +acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht +so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in +den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man +irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe +einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern +Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er +sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich +ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die +historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe[211-a]. + + + + +Vierter Abschnitt. + +Der Name. + + +Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert +Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen. +Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung +stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum +kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in +gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten +Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt +und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen +ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen +Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen +ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen +will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde +bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole, +die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem +Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem +Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der +sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte. + + + + +Zehntes Kapitel. + +Die Grundheiligen. + + +Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche +Provinzen[212-1]. + +Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen +Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit +den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder +südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am +Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone, +die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und +Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem +Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß +gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige +Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf +der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu +befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral +entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte +Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach +Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende +Anekdoten[212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller +Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner +Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich +über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem +Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof +Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere +Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe, +schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ +sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter +Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den +Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte +man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst +Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte +Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände +waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt; +aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem +Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter +Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er +unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten +befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des +Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener +unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie +habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf +dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von +einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner +Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch +lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon +lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun +war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern[213-a], nicht nur +enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen +dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar +des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch +nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die +Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb, +habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele +Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte +finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen +übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun +war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner +Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem +Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine +kleine halbe Stunde nördlich der Stadt[213-b]. Dijon, die thatsächliche +Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem +seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des +Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame +namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität +Tranquillus hinzukommt[213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits +im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine; +der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in +einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen +Sequanus sich in dessen Abtei befindet[214-a]. Einen Tagemarsch +nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre, +wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine +Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums +Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus +zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen +Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde +vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des +Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster +Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht +herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten +besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons +südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit +der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus[214-b]. Von Macon erwähnt +Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst +unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus +Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt +eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint +Fergeux[214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes +finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux +aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort +bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem +daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen +Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige +damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint +Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch +der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund +von Burgund, nicht zu entthronen vermochte[214-d]. + +Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen +Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um +so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von +den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen +indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht +und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen +Turoner Kirche[214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte, +Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in +der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich +von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum[214-f], ebenso +zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb: +Venantius[215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem +nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und +Monegunde[215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr +gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle +außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes +lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen +Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an[215-c]. Unter dem Namen der +heiligen Papola[215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als +Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient +Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von +Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen +Bischofs Benignus[215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den +im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für +seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile +die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man +es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines +alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch +mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden +Jungfern«[215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene +Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu +verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen: +»Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens +wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig +zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als +nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert +Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging, +mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu +weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und +heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und +windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht +verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der +Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen +dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig +auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der +Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere +nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen, +hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich +selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob +das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt, +wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé +entdeckte Solemnis[216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine +spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres +dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen +Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre +frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen +Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus[216-b], oder Saint Mesme +Johannes aus der Bretagne[216-c] und Senoch[216-d]. Von den Tours +unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt +Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans +Bischof Viktorius[216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin[216-f]; +in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine[216-g] und in Nantes Bischof +Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian +schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen[216-h]. + +Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum +Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von +Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl +schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle. +Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus[216-i], +der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in +die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für +Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche[216-k] und vielleicht +eine Kirche des Nicetius von Lyon[216-l] außerhalb dagegen die große +Patroklusbasilika[216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem +einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita +aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an +die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan, +wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde[216-n], und die +Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy[216-o]. Das mit Kirchen +schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige +ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die +spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter[216-p] und Saint +Germain noch nach Sankt Vincenz[216-q] hieß, so blieb nur jenes von +der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris +übrig, wo Bischof Marcellus[216-r] und die Nonne Crescentia[216-s] +in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach +sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius[216-t] Bahn als +des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit +dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch +Novigentum[217-a]. + +Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht +ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die +Maximinskirche[217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln +die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß, +sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage +jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum +unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der +Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon, +war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das +Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer +meinte[217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab, +bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt[217-d]. Etwas +besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen« +bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche[217-e] die +Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris[217-f] und +hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons +sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus[217-g]; ob Crispus und +Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht[217-h] +war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war +Lupentius oder Saint Louvent[217-i] einer, dem das Hauptheiligtum +von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere +Stadtpatron Memmius oder Saint Menge[217-k], ebenfalls außerhalb der +Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um +dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte +als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf +Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich +Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl +es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der +Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der +Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden, +wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße +aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war +es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen +beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides +gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen +Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht +lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten +der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den +andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor. +Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint +Quentin[218-a]. + +Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte +zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die +Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat[218-b]; in der +»Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf +dem rechten Rhoneufer[218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die, +ferner[218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille[218-e], +einen gleichen von Aix, namens Metrias[218-f] und sodann den Bischof +Maximus von Riez[218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine +über dem Grabe des Bischofs Marcellin[218-h] und das andere über dem +der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus[218-i]. In oder bei Nizza wurde +der Klausner Hospizius verehrt[218-k]. + +In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel +in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht +besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von +den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der +Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen +Namen aufzwang[218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs +Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor +oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben +war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem +Marmor[218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche +von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des +heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge +des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden +und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine +bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt, +mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die +Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht[218-o]. Von einem +andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus[218-p], erzählt Gregor, +er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige +Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines +Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte +ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch +jährlich sein Fest begangen wird. + +In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über +Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort +aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in +der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende +auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab[219-a], das sich +indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab +eines Priesters Amabilis[219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester +des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche +des Antolianus[219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch +dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz[219-c]; +ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer +Bürgerin von Arvern[219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre +hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem +Archidiakonen Justus teilen[219-e], weshalb denn auch bei dieser +Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus +indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber +die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen +Lorenz[219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg +nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie +hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt +zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des +Liminius und des Nepotian mit Namen nennt[219-g]. Endlich wurde ein +altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits +mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie +berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar +vereinigt[219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht +nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt +sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn +auch kleineren Landesheiligtums[219-i]. Eine Viertelstunde davon lag +Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus[219-k]. +Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes +Martius[219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das +Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus, +Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne +durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in +seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen +worden[219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu +Gregors Zeit stand es noch in Verehrung[219-n], ist aber seitdem +verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers +namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika +ausgestattet[219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges +erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes +in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war +dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab, +von den Alamannen erschlagen worden[220-a]. Im Gebiet von Albi lag die +Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von +fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof +Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls +bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam[220-b]. In Limoges +barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels +Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian +und Stratoclian[220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch +in seinem Grabe noch sehr populär[220-d]. Im benachbarten Dorfe +Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von +Tours, verehrt[220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und +geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische +Beziehungen zum Gründer voraussetzt[220-f]: in diesem Kloster befolgte +man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und +Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung, +dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt[220-g]. In Toulouse war +der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof +der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche[220-h]. + +Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit +Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige +Bischof Severin[220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am +Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus[220-k]. Das Dorf +Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester +von denen man nicht einmal den Namen wußte[220-l]. In Agens hatte der +Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika[220-m]. In Angoulême lag das +Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die +letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius[220-n]. Saintes beherbergte +nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer +Eutropius[220-o], die Stadtbischöfe Trojanus[220-p] und Bibianus[220-q] +und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern +gestorben war[220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes +Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours[220-s]. +Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das +unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und +Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation, +vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und +Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab +des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in +Poitiers vertauscht hatte[221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen +Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen +Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise +südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent[221-c] so geheißen +nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs +eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian[221-d] der +allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof +Valerius[221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten +Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte +Lokalgräber Severus von Bigorre[221-f], Justin von Sexuanus und Similin +von Tarbes[221-g]. + +In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus[221-h] von Nîmes zu +verzeichnen. + +Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung +läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen, +wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte +waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und +die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind. +Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des +Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind +Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine +systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl +auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die +Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im +Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über +Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich +war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung +bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das +Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt +und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde +war[221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau +nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste +Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben +vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern +wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne, +im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen +werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr +viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen +Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich +wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen +wurzelt. + + + + +Elftes Kapitel. + +Das Reichsheiligtum. + + +An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick +geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in +denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über +charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns +ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen +Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen +Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von +Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das +Reichsheiligtum in Tours. + +Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre +sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben. +Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze +der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den +keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet +worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem +Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des +Sulpizius Severus[222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren, +aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln +und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu +sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch +eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten +seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft +versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis +wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug? +Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die +Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet, +die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der +Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird +mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.« +Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch +Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst +untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im +Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf +dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger +Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes +Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen +und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde +übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit +hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche +hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben +Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg +in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen[223-a]. Perpetuus +darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten, +insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches +Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb +hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie +in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß +seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit +einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von +Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen +kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller +gestickter Teppich mit Fransen[223-b]. Im siebenten Jahrhundert +versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im +Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm +Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit +Vorhängen versehen war[223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen +Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen« +bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in +diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war +durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten +eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter +oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls +steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument +außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend +verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete +Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten +Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen +geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur +noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle +der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab +war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach +zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte +vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau +der Peter- und Paulskirche wieder verwendet[224-a]. Vor allem waren es +praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen. +Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der +Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum +Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache +werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund +und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten +aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur +Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige +Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und +Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß, +Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von +hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und +zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster. +Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken +besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris[224-c] +von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten +dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter +vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart +einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors +sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen +Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei +Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß +langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich +das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die +vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man +Doppelreihen annimmt[224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie +der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren +Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem +Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen, +von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und +manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der +Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt +Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst +vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete +Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die +Basilika erhielt nun ein Zinndach[224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz +vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen +ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus +Martins Leben malen ließ[225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch +König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht +zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach, +seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später +dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs. + +Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours +mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche +Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten +in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und +bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde +im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den +Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das +Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen. +Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt. +Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser +ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten, +sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur +Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist +nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte +für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich +an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum +von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht +wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines +römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und +Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt +in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk +streute[225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie +den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes +zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren +Söhnen[225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne +Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts +_I._, brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse, +und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem +Testamente[225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien +gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder +Gäste zu Sankt Martin[225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin +gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir +solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen, +um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später +Domesticus König Chlothars[226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen +Animius[226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus +von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der +dort von seiner Ruhr geheilt wurde[226-c]. Ein anderer Bischof gab +sogar einen seiner Hörigen in Pflege[226-d]. Aber auch Auswärtige +bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in +Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel +in der Auvergne[226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den +großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde, +oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren[226-f]. Und als Leudulf +ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte, +vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter +konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange +zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm[226-g]. + +Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang +abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht. +Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen. +Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden, +vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer +Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin, +die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet +worden[226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später +die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika +notwendig[226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne +gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische +begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu +werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er +wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach +Vienne und die selige Seele in den Himmel[226-k]. Obwohl es sich um +einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen +noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von +Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine +gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August +herbeiführte[226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung +des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam, +galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet[226-m]. + +Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen +Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis, +deren Gründung hier zu erzählen ist[227-1]. Längst war im Dorfe +Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges +Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von +Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in +dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der +Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten +des Jahres 625, als Chlothar _II._ noch regierte, gründete sein Sohn, +Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich +von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am +Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in +die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung. +Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und +in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Missionen und Translationen. + + +Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite, +von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen +von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in +die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei +festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der +Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand +in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und +die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen +Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um +Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben +nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung. +Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen +trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder +weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des +merowingischen »Allerheiligen« bei. + + +1. + +Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin +beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte +Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der +Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten +aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert +hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings +von Tours[228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen +hat, sodann sein Kloster Marmoutiers[228-b] und endlich die Zelle in +Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand. +Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte +behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein +Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben +Qualitäten aufwies, wie das Grab[228-c]. Von kleineren Memorialorten +nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais, +Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes[228-d]; +ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst +dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab +der Klausnerin Vitalina[228-e]. Die folgende Uebersicht[228-1] über +die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich +auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte +Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben, +jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im +Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil +wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der +Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts +durch Bischof Badegisel zu Pontlieue[228-f] die hervorragendste der +Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans +in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius- +oder Peterskirche je fünf Goldstücke[228-2]. Die von Vendôme ersetzte +ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die +von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als +Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte +Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen, +Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie +die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing. +In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban +betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und +Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen +Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu +Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt[228-g]. Ebenso +gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle +de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice, +auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich _II._ das von ihm +gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren +Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer +Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet[229-a]; das +Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des +Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein[229-1]. +Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien +errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589 +Bischof Palladius eine Martinsbasilika[229-b]. Bourges besaß zu Gregors +Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser[229-c]. Die Gironde wurde früh mit +Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und +anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen[229-d]. In +Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das +Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt[229-e], +ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch +vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt +sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im +Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der +von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein +Kloster. + +In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer. +Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo +er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu +primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare +Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand +zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika +Saint Martin des Champs[229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner +Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt +ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus +Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die +Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de +Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin +de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle +zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten +Jahrhundert von Nonnen bedient[229-g]. In Laon und Reims lagen die +Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei +Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt +haben, ohne erkannt zu sein[230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche +mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten +Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours +abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den +Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte[230-b]. Im +Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte. + + +2. + +Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen +im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines +Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu +angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von +ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher +bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna[230-c], auf +der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und +Carthagena in Spanien[230-d] und die Martinskirche in Portugal[230-e]. +In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten +Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger +Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof +Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin +aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht +geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische +Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was +nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich +war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine +ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König +Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze +Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur +spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß +wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet +sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den +Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in +den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission[230-1]. +Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin +von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem +Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi +milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven, +Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und +Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine +Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er +wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften +die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers +stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht +vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits +viel früher Fuß gefaßt[231-1], so trifft obige Mitteilung auf die +Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle +ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts +das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste +und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien +wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen +sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten +Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz +und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch +Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die +betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf +die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern +direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im +allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen +König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert +als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf +amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische +Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere +Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte +Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige +die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen +Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese +Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese +waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen +läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des +heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht +nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen, +ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam. +Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte +von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen +daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum +Beispiel für Basel außer Zweifel steht[232-1]. + + +3. + +Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im +Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei +der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf +kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen +finden sich zu Tours[232-a], Saintes[232-b], Limoges[232-c], +Reims[232-d] und Paris[232-e]; auch Saint Julien Vibracensis[232-f] +und zu Pernay[232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien +de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von +Grundheiligen sind Saturnin in Tours[232-h] und in der Vaucluse, +Symphorian in Bourges[232-i] und in Thiers[232-k]. Die nach Germanus +geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours[232-l] gehören, erstere +sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre. +Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche, +noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen +wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen +verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später +einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf. +Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine +natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert +zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt +Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita +des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier +Heiligensagen[232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes +Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster +Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold +oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen, +hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis +am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche. +Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage. +Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch +thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum +Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht +haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der +Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die +Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab, +hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines +Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita +eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine +dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm +gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der +That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes +tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer +Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz +gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen, +gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger. +Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese +organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten +gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons, +Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir +auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar +nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten +Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von +Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur +Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu +fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit +der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der +Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der +Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche +Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons, +vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf +Louventkirchen erstanden. + + +4. + +In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich +indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus +Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament +stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen +Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in +der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt, +Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und +bei Le Mans[233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche +in Tours[233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien, +geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer +Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten +Kirche[233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus +dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand +und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden +Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt[234-a]. Italien +lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen +Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit +Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und +lag an einem Arm der Seine[234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont +beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der +Stadt[234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh +in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen +Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius +zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle +innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte +diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht[234-d]. Der andere Mailänder +Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche +und Kloster[234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den +Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam +der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon +im fünften[234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem +Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa +zurück[234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés +in Paris, wo der Stifter, König Childebert _I_, Bischof Germanus +von Paris und ein Prinz begraben liegen[234-h]. Er besaß überdies +zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm +erbaute Kirche[234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte, +ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten +habe[234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz +vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des +Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an +der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen, +Fronhofen und Grunbach beweisen. + + +5. + +Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die +Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen +mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes +der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche +populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine +Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten, +fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere +Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind, +von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte. +Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur +Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch +in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem +Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der +Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen +vornehmen wollte. + +Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer +im alten Tours dar[235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das +Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde, +erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien. +Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine +Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne +Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß +die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so, +bald Johanneskirche[235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche +Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen +Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die +zu Bazas[235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend +den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für +Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu +bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes, +sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen[235-d]. + +In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer, +indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den +Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin[235-e]. Daneben besaß +Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche[235-f], +die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß +in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch +nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir +in Lyon, Poitiers und Toulouse[235-g]. Von der ersten ist jede Spur +verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters +vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die +dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame +de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das +dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs +nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts +werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh +an erster Stelle figuriert. + +Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus +geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten +Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese +Bourges und in Tegernsee[236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden +sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen +Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die +Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in +Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika +in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar[236-b]. +Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens[236-c], und selbst +die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen[236-d]. + +Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In +Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche, +in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden +ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer +»Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet[236-e]. Sie +enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen +von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der +Königin Chrotechilde in Anspruch[236-f]. Doch war die Peter- und +Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der +Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat[236-g]. Die Johanneskirche +in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine +Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet +sein[236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler +Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert +wurde[236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen +für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert +an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563 +gestiftet[236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber +damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium +entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war +wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von +den Altvordern errichtet galt[236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor +der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums +Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte +später den Quintiansleib[236-m]. + +Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der +staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen +hier überdies der Erzengel Michael[237-a] und der Apostelschüler +Clemens[237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige +angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren +Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen +sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich +darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter +zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im +Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und +Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger +Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu +seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von +Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich +zugewandert kam. + +Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im +Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der +Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen, +sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem +Maße zugezogen werden. + + + + +Fünfter Abschnitt. + +Die Kraft. + + +Nur meine man nicht, diese fränkischen Heiligengräber als Sammelpunkte +besserer und höherer Triebe im Volk seien eine vereinzelte Erscheinung; +ist doch das Zentrum der griechisch-römischen Kultur, die antike Stadt, +aus dem Gräberkultus überhaupt hervorgegangen[237-1]. Dabei ist klar, +daß einer Verehrung, die Ursache solcher Wirkungen wurde, nicht der +bloße leere Name zu Grunde lag. Bemühen wir uns nun um die Erkenntnis +jener Kraft, die nach heutiger Schätzung zwar imaginär, aber für +die Empfindung der damaligen Welt mit aller nur denkbaren Realität +wirkte, so bekommen wir unseren Gegenstand bei seinem eigentlichen +Wesen zu fassen. Gerade was uns am meisten fremd bleibt an der Kirche +des alten Frankenreiches, macht ihre Seele aus, die Abwesenheit von +jeder, aber auch von jeder philosophischen Anschauung der Dinge, +dafür überall das Dasein eines naiven, begrifflich unverarbeiteten, +rohstofflichen Wunderglaubens. Diesen, der uns bereits auf Schritt +und Tritt begegnete, gilt es nun systematisch ins Auge zu fassen +und darzustellen. Zunächst allerdings handelt es sich erst um seine +Voraussetzung und Veranlassung, nämlich um jene Stücke Stein, Holz +oder menschlicher Gebeine, die man inbrünstig küßte und nur in den +Schauern innerster Erhebung zu berühren wagte, um jene Plätze, wo +man Gott in seinen Heiligen fürchtete, wohlverstanden fürchtete in +des Wortes eigenster Bedeutung von Angst und Schrecken, und um jene +armseligen Andenken, die der Einzelne dem Heiligen wegstahl, um seinen +Segen auch fern vom Tempel nahe zu haben, eine Scholle vom Hügel, einen +Spahn vom Schreine, eine Prise vom Pulver des Denksteins. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +Die Reliquie. + + +Der Kraftherd des fränkischen Wunderglaubens ist irgend ein +handgreifliches Ueberbleibsel des verehrten Heiligen, meistens der +ganze Leichnam; von Stammheiligen wurden einzelne Gliedmaßen oder +Theile der Kleidung offenbar nicht abgegeben. Die Gewinnung und +Ueberführung heiliger Inventarstücke bilden Höhepunkte im religiösen +Leben des Volkes, und allerlei merkwürdige Eigenschaften wurden den +Reliquien zugedacht. + + +1. + +Ausländische Reliquien nehmen eine besondere Stellung ein. Sie galten +mehr, weil sie von draußen und von fernher kamen. Wohl waren sie, da es +sich meistens um Andenken an Urheilige handelt, auch aus dogmatischen +Erwägungen besonders gut angeschrieben; aber eher noch wertete sie +dasselbe instinktive Gefühl höher, das heutzutage etwa fremdländische +Erzeugnisse von vornherein besser veranschlägt, als einheimische. In +der südgallischen Stadt Bazas erzählte man, in den Tagen Johannes +des Täufers sei eine französische Dame in Jerusalem gewesen und habe +dessen Hinrichtung beigewohnt und vom Täuferblute ein Fläschchen +voll aufgeschöpft, dasselbe Fläschchen, das nun auf dem Altar der +Johanneskirche stehe[238-a]. Eine andere Täuferreliquie in der Provence +war der Johannesdaumen zu Maurienne. Eine Frau, deren Namen Gregor +nicht nennt, die aber der Ortssage zufolge Tigris hieß, hatte sich +dieses Unterpfand am Johannesgrab in Sebaste durch ihren unbeugsamen +Eigenwillen zu verschaffen gewußt und in einer goldenen Kapsel nach +Hause gebracht. Die Bischöfe von Turin, Ax und Bellay vollzogen in drei +Vigilien an Ort und Stelle die dreimalige feierliche Abspaltung eines +Partikelchens von diesem Daumen[238-b]. Marienreliquien, die jedoch +nicht näher bezeichnet werden, besaß die Kirche von Marsas[239-a]. +Von kleinen Christusreliquien, der Lanze, dem Essigschwamm, der +Dornenkrone, der Martersäule, sowie vom ungenähten Rock, wußte man, +jene befanden sich zu Jerusalem, dieser in der Erzengelkirche von +Galatz bei Konstantinopel. Das Kreuz Christi hatte die Kaiserin Helene +in Jerusalem aufgespürt; zu gleicher Zeit wurden die vier Nägel, +mit denen der Erlöser angeheftet gewesen war, gefunden. Sie waren +aus besonders edelm Metall. Zwei davon kamen als Lenkstangen in den +Galazaum des kaiserlichen Gespanns, gemäß dem Worte heiliger Schrift: +»Das Heiligtum des Herrn wird dem Pferde ins Maul gelegt[239-b].« Der +dritte Nagel fiel ins Meer und der vierte fand im Kopfschmuck der +Kolossalstatue Constantins Verwendung[239-c]. Ins Abendland gelangte +indessen nichts von alledem, bis Radegunde ums Jahr 560 auf dem Wege +diplomatischer Unterhandlung mit dem Hofe von Byzanz einen Splitter +vom heiligen Kreuz erwarb. Ebenso kamen einige Apostelreliquien nach +Poitiers, dann sandte Radegunde zum Zweck weiterer Funde eine zweite +Gesandtschaft unter Leitung des Priesters Reovalis nach Jerusalem +ab. Diese Erwerbungen wurden in einem silbernen Schrein gemeinsam +verwahrt[239-d]; ein Stückchen vom heiligen Kreuz besaß übrigens +auch Sankt Martin von Tours zugleich mit Täuferreliquien[239-e]. +Von Apostelreliquien hegte die Kirche von Agde eine des heiligen +Andreas[239-f], während bei einem kombinierten Reliquienimport aus Rom +auch Erinnerungsstücke an Zwölfapostel und an Paulus mit nach Gallien +kamen[239-g]. Im Ganzen gehörte ein Unterpfand von einem Urheiligen in +den fränkischen Kirchen zu den großen Seltenheiten. Fremde Reliquien +waren gemeinhin im Vertrieb, italienische und spanische, unter Namen, +nach denen wir meistens schon die jene beherbergenden Kirchen geheißen +fanden. Bekannte römische waren die von Lorenz, Pankraz, Chrysanthus +und Daria und der Eunuchen der Kaiserin Constantia Johannes und +Paulus[239-g]; daran schließen sich die Bologneser Agricola und +Vitalis[239-h]; Reliquien des Spaniers Vincenz sind ausdrücklich +vermerkt für die Dorfkirchen Ceré und Orbigny bei Tours und Bessay in +der Poitou[239-i]. Bei fremden Reliquien ist im allgemeinen zu merken, +daß der Heiligenname lediglich Aufschrift und gewöhnlich von keiner +Legende begleitet ist. Ansätze zu einer solchen sind meistens verdrängt +durch die Erfolge, die der Ueberbringer der Reliquie zu berichten +wußte. Denn damals galt ja eben solch ein armseliges Stück nicht für +etwas Totes, es konnte oft sehr lebendig werden, und wer damit reiste, +mochte unter Umständen wohl etwas erleben. + +Erzählungen dieser Art gewinnen aber an Umfang und Bedeutung, wenn +es sich um einheimische Größen handelt. Von Germanus von Auxerre +allerdings, der am 31. Juli 448 in Ravenna starb, berichtet Gregor +nur die Thatsache der Ueberführung, sein Leib sei nach sechzig +Jahren gehoben, nach der Stadt Auxerre gebracht und dort begraben +worden[240-a]. Dagegen haben die Julians- und Martinsreliquien auch +ihre kleinen Geschichten an sich. In der Ferreoluskrypta zu Vienne war +folgende Inschrift angebracht: + + Doppeltes Pfand: + Das Haupt Julians und Ferreolus Leichnam, + Christushelden selb zweit, + Birgt diese Halle getreu. + +Seiner Gewohnheit gemäß zog Gregor, als er das las, nähere +Erkundigungen ein; da erzählte der Wächter: Die Ferreoluskirche lag +früher am Rhoneufer, aber da die Säulenhalle des Eingangs der Willkür +des Flusses zu sehr ausgesetzt war, kam Bischof Mamertus auf den weisen +Gedanken, mehr landeinwärts, wo es sicherer sei, eine neue ebenso große +und schönere Kirche zu bauen. Zur feierlichen Translation der Reliquien +war eine stattliche Zahl Geistlicher und Mönche zusammengekommen; +während ihrer Gebete wurde die Ausgrabung vorgenommen. In einer +gewissen Tiefe angelangt, stieß man auf drei Gräber; welches gehörte +nun dem Heiligen? Jemand in der Versammlung erinnerte, seit alters +gehe die Sage im Volk, im Ferreolusgrabe befinde sich auch das Haupt +des Märtyrers Julian. Da ließ der Bischof die Anwesenden zum Gebet +auf die Knie fallen, indes er selbst sich anschickte, die Gräber eins +ums andere zu öffnen. In den beiden ersten lag nur ein Mensch allein, +im dritten dagegen fehlte dem noch nicht verwesten Leichnam der Kopf, +indes unter dem Arm ein Männerhaupt lag. Da rief der Bischof voller +Freude: »Das ist ja der Leib des Ferreolus, und seht da, das Haupt +Julians!«, worauf sich unter Psalmengesang und dem Beifall des Volkes +die Ueberführung vollzog[240-b]. + +Bei einheimischen Heiligen, wenigstens bei den großen unter ihnen, +deren Andenken stark genug gewesen war, um durchzuhalten, ergab +sich aus diesem Umstande von selbst eine neue Art Reliquie. Neben +Gegenständen, die ihren Wert aus den Beziehungen zum heiligen Leichnam +schöpften, meldeten sich nun andere als ebenbürtig an, weil sich der +Heilige einst bei Lebzeiten mit ihnen zu schaffen gemacht habe. Sankt +Martin verfügte über eine ganze Anzahl solcher sakraler Andenken: der +Stein, wo er einst gesessen, die Kapelle, wo er zu beten pflegte, den +Altar, wo er Messe celebrierte, den Baum, den er hatte sich aufrichten +heißen, die Rebe, die er eigenhändig gesetzt, der Brunnen, den er +selber gegraben hatte[240-c]. Diese Memorialreliquien, obwohl sie +ihrem Wesen nach eben nur sehr selten vorkommen konnten, standen an +Kraft den Sepulkralreliquien in nichts nach. Als der Priester Leon +nichts ahnend jenen Martinsstein versetzte, um sich sein eigenes +Grabmal vorzubereiten, befiel ihn ein Schüttelfrost und belehrte ihn +eines bessern. Der Martinsbaum in Neuilly hatte längst keine Rinde +mehr; fromme Leute hatten ihn kahl geschält, um sich von dem Kork +heilkräftigen Thee zu kochen. Von der Kapelle zu Martigny bei Tours +ging ja allerdings die Rede, vor hundert und aber hundert Jahren habe +Sankt Martin dort gebetet; aber weiter hatte man davon kein Aufheben +gemacht. Unzählige Male war Abt Günther unbehindert und ohne sich +Gedanken zu machen an dem Heiligtum einfach vorbeigeritten. Da, am +Tage seiner Wahl zum Bischof von Tours, brachte er plötzlich sein +Pferd nicht mehr vom Fleck; mitten auf dem Wege blieb es steif stehen, +den Kopf der Kapelle zugekehrt. Er haut es mit den Absätzen, preßt es +zwischen die Schenkel, sticht es mit dem Stachel; als wär es ehern, +rührt es sich nicht. Bis dem Bischof aufging, was für eine Bewandtnis +es damit am Ende haben könne, und er abstieg und es mit einem Gebete +versuchte — alsobald konnte er weiter reiten. Am Altar der Kapelle +von Siran, der durch eine ehemalige Berührung von Martins Händen noch +insbesondere geheiligt war, wachte einst ein Gelähmter die Nacht +durch, in der Hand eine brennende Kerze so hoch wie er selbst; bei +Tagesanbruch vermochte er von dannen zu gehen. Aridius von Limoges, +ein passionierter Sammler von heiligen Dingen, stellte auch Versuche +an mit einer Traube von Martins selbst gepflanzter Rebe. Er genoß +einige wenige Beeren und machte den Rest dann in ein Glas Wasser ein. +Einige Zeit darauf, als ihn ein Mensch berief, der an Mundfäulnis +litt, wusch er mit dem Traubenwasser die Mundhöhle aus und mit Erfolg. +Noch nach vier Jahren waren die Beeren dieser Martinstraube vollkommen +grün geblieben, ohne daß das Wasser im Glase gewechselt worden wäre. +Und gar mit Wasser aus dem von Martin gegrabenen Brunnen, mit dem +Aridius Fieberkranke besprengte, erzielte er die überraschendsten +Wirkungen[241-a]. Ebenso heilkräftig war das Wasser aus der +Saphirschale in Candes, die Kaiser Maximus einst Martin zum Geschenk +gemacht hatte[241-b]. Das bedeutendste Martinsandenken dieser Art war +jedoch sein Sterbebett in Candes. Auch dort geschahen Heilungen[241-c] +und wurden Spähne abgespalten. Die Memorialreliquie hat sich somit +als ebenbürtig legitimiert, aber dieser Legitimation insofern doch +bedurft, als eben schon der Name »Reliquie« auf ein Ueberbleibsel vom +Heiligenleichnam hindeutet. Unter Umständen kann einmal auch eine +Spezialität direkt auf die Begriffsgrenze zu liegen kommen: so wurden +bei der Hinrichtung des Märtyrers Symphorian von Autun drei Steinchen +von seinem Blut bespritzt, die infolge dessen für die Verehrung +aufgehoben wurden[242-a]. Da war das Steinchen heilig, weil es von +der Berührung des Heiligen imprägniert war. Und doch war der beim +Todesstreich verspritzte Blutstropfen auch schon ein Stück Leichnam. + + +2. + +Die Hauptsache an der Reliquie ist jedoch nicht, woher sie stammt +oder wo sie zustande kam, sondern wie stark sie ist und was sie +auszurichten vermag. Und hiefür war das üblichste und weitverbreitete +Merkmal die Eigenschaft verschollener Reliquien, Aufmerksamkeit auf +sich zu ziehen und sich entdecken zu lassen. Der Märtyrer Quintin von +Verenand, Saint Quentin, kam dadurch ans Tageslicht, daß eine blinde +Frau, eine fleißige Kirchgängerin eines Tages einen Leichnam entdeckte, +der irgendwo im Wasser lag, und als nun die Frau daraufhin sehend +wurde, war der Beweis erbracht, mit wem man es zu thun habe[242-b]. +Ebenso war das Grab des Märtyrers Eutropius verschollen, weil es nicht +in geweihter Erde lag und auch sonst niemals Verehrung empfangen +hatte. Als dann Bischof Palladius, der Förderer des einheimischen +Heiligenkults, zu Ende des sechsten Jahrhunderts in die neu erbaute +Eutropiuskirche auch den Leib des Heiligen überführen ließ, diente +eine Narbe am Totenschädel, die auf den tödlichen Axthieb hinwies, +zum Ausweis[242-c]. Ebenso unbekannt war auch das Grab des heiligen +Mallosus von Xanten geblieben, obwohl er im Geruche des Märtyrers +stand und sogar schon eine eigene Kapelle hatte. Und nun baute ihm gar +noch Bischof Ebregisel von Köln eine große Basilika in der Hoffnung, +Gott werde die Offenbarung der Reliquien zulassen. Später wandelte +er ein Stück dieser Basilika in eine Absis um und verband so die +anstoßende alte Mallosuskapelle mit der neuen großen Kirche. Nun fehlte +nur noch der Heiligenleib. Bald darauf hatte ein Diakon zu Metz ein +Traumgesicht, indem ihm die Ruhestätte des Märtyrers kund wurde, und +als er dann zu Ebregisel kam und sich von ihm auf den Platz führen +ließ, sagte er zu diesem, ohne doch den Ort näher zu kennen: »Grabe +hier, und du wirst den Heiligenleib finden, in der Mitte des Absis«. +Als sie sieben Fuß gegraben hatten, stieg ein lebhafter Wohlgeruch auf +und der Bischof rief: »Ich hoffe, Christus werde mir seinen Märtyrer +zeigen, auf diesen Wohlgeruch hin«. Die Ausgrabung wurde fortgesetzt; +in der That stieß man auf den Heiligenleib, der Bischof nahm ihn in +Augenschein und fand ihn unverwest. Da stimmte er das Gloria an, unter +Assistenz der ganzen Priesterschaft. Nach dem Gesange wurde der Heilige +in die Basilika hinaufgebracht und dort mit allen gebührenden Ehren +behandelt[243-a]. Eine Kirche galt nun einmal erst für im höheren Sinn +vollendet, wenn sie auch Reliquien von ihrem Namenspatron beherbergte. +Im Fall, daß dieser nicht erst noch zu entdecken war, verschaffte man +sich womöglich welche von einer bekannten Bezugsquelle. So sandte +Palladius von Saintes für seine dortige eben errichtete Martinskirche +um Martinsreliquien nach Tours, und bereits zwei oder drei Monate +darauf erhielt Gregor schriftlichen Bericht von zahlreichen Heilungen, +die durch sein Geschenk bewirkt worden waren[243-b]. + +Die häufigste Gelegenheit für Reliquien, sich zu äußern, ergab sich +bei Translationen auf größere Strecken, sowie im Augenblick, da +sie an ihrem neuen Aufenthalt geborgen wurden. Als die geistliche +Gesandtschaft des Bischofs Leudowald von Avrenches mit den in Tours +geholten Martinsreliquien den heimischen Stadtbezirk betrat, küßte ein +Gelähmter inbrünstig den Saum des Bahrtuches, und als er sich besser +fühlte, rief er: »So handelst du also in der That, o du heiliger +Bekenner; nicht genügt es dir, dein eigenes Haus zu schmücken; du +stattest nun auch mit erschrecklichen Kraftthaten sogar Gegenden +aus, die dein Fuß bei Lebzeiten nie betrat«[243-c]. Ein Geistlicher +der Kirche von Cambrai hatte mit Martinsreliquien den Heimweg +angetreten und überschritt eben die Loire an einer seichten Stelle, +als ein Gewitter losbrach: aber da fingen, gleichsam als elektrisches +Gegenspiel zu den Blitzen, die beiden heiligen Lanzenspitzen in den +Händen seiner Kinder, die sie trugen, zu glühen an und dienten als +Laternen[243-d]. Der Bote König Gunthrams, der gegen kostbare Geschenke +im Kloster Agaunum Reliquien eingetauscht hatte und bei der Rückfahrt +auf dem Genfersee von einem lebensgefährlichen Sturm überrascht wurde, +brauchte nur das Reliquienkästchen, das er auf sich trug, gegen die +anrollenden Wogen zu halten und dabei zugleich die heiligen Märtyrer +herzlich anzurufen, so war auch schon die Gefahr vorüber[243-e]. +Einst war ein Schiff eben im Begriff, einen morgenländischen Hafen +anzulaufen, als in einer vom Meere abgelegenen Kirche der selben Stadt +ein Besessener plötzlich rief, es komme. Und als es vor Anker ging, +rannte er es zu begrüßen, warf sich auf den Boden und regte sich so +sehr auf, daß aus Mund und Nase der Ausbruch von Eiter erfolgte, der +ihm Erleichterung brachte. Davon in Kenntnis gesetzt, veranstaltete +der Bischof eine Prozession an den Landungsplatz. Der Schiffsherr, +seinerseits auf dem Laufenden, brach vor Freude in Thränen aus: er +habe doch nichts an Bord als ein bischen Staub vom Grabe des heiligen +Julian[243-f]. Ein ander Mal fiel es auf, daß die vom Priester +Nannin aus Vibrac überführten Juliansreliquien eine Heilung Schlags +Mittag herbeiführten[243-a]. Daß die Reliquien Feuer sprühen, ist +in Gregors Augen eine so allgemeine Thatsache, daß er ihr eine +besondere Betrachtung widmet: auch Abt Bärchen war beim Celebrieren +der Vigilien in der Martinsbasilika von Tours von einem Feuerglob +überrascht worden, der über den auf dem Altar vereinigten Reliquien +aufstieg[244-b]. Umgekehrt vermögen Reliquien Feuer auszuhalten, ohne +zu verbrennen[244-c]. Aber freilich damit eine Pergamentrolle in einem +brennenden Strohsack nicht weiteren Schaden nimmt, dazu bedurfte +es nicht erst des Martinslebens des Sulpicius Severus, das Gregor, +indem er ihm diese Feuerprobe nachrühmt, in den Rang einer Reliquie +erhebt[244-d]. Unter andern wunderbaren Qualitäten zeichnet sich die +Eigenschaft der Stephansreliquien aus, an Stelle des vergessenen +Schlüssels den Schrein zu öffnen[244-e]. Uebrigens konnte die Kraft +der einzelnen Reliquie größer oder geringer sein, je nach dem +Zeitpunkt. Im Stadium der Installation, wenn die Reliquie noch neu, +also die Verehrung noch warm war, ließ sich eine Zahl von Heilungen +wahrnehmen, die für eine gelagerte Reliquie ungewöhnlich wäre[244-f]. +Ebenso verständlich ist es, daß sich bei Reliquienkombination deren +Kräfte summieren. Die Verbindung eines alten Heiligen wie Julian +mit einem jungen fast zeitgenössischen wie Nicetius von Lyon wird +von Gregor ausdrücklich als doch ebenso gerechtfertigt hingestellt, +wie eine Assoziation von Julian etwa mit Johannes und Martin es +sei[244-g]. Die Macht der Reliquien tritt besonders anschaulich +in Gregors eigenen Erlebnissen zu Tage. Bei der Einweihung seiner +bischöflichen Privatkapelle, zu der er einen ehemaligen Vorratsraum +des Bischofs Eufronius durch hübsche Ausstattung hatte umwandeln +lassen, wurde während der Vigilien erst der Altar in üblicher Weise +eingesegnet. Dann holte man in der Kirche drüben die dort deponierten +Hausreliquien bester Marke, Martin, Saturnin, Julian und Saint Allyre, +in feierlichem Zuge herüber, beim Fackelschein, der sich an den +Metallkreuzen widerspiegelte: anwesend war der ganze Klerus in den +linnenen Chorgewändern, außerdem die Honoratioren der Stadt und eine +Menge Volkes. Hoch erhoben trug Gregor die Heiligtümer, die in Seide +und Parfum gebettet waren, über die Schwelle. In diesem Augenblick +ging solch ein heller Schein durch den Raum, daß mehrere genötigt +waren, die Augen zu schließen. Die Versammlung lag auf den Knieen in +großer Furcht; aber der Bischof rief ihnen zu: »Fürchtet euch nicht; +was ihr seht ist die Allmacht der Heiligen. Besinnt euch doch an die +Stelle im Martinsleben, da dem Haupt des Heiligen, als er am Altar +die Weihworte sprach, eine Feuerkugel entstieg und gen Himmel fuhr. +Warum erschrecken! Mit seinen heiligen Reliquien hat er selbst bei +uns Einkehr gehalten«. Da löste sich die Beklemmung der Anwesenden, +und sie stimmten den Lobgesang an: »Gesegnet sei, der da kommt im +Namen des Herrn. Gott der Herr hat uns erleuchtet[245-a]«. Um jene +Zeit war Gregor auch einmal wieder in seiner Heimat zu Besuch und nahm +sich am Juliansfest, dem 28. August 573, einige Fäden einer Franse +an der Grabesdecke mit. Als nun in Tours Mönche eine Juliansbasilika +errichteten, bei ihren geringen Mitteln eine schöne That, und zu +Gregor kamen mit der Bitte, ihnen doch die Reliquien zu überlassen, +nahm er heimlich den Schrein und beeilte sich, sie in der Dämmerung +nach Sankt Martin hinauszutragen. Ein frommer Mann stand in einiger +Entfernung, als der Bischof eintrat, und versicherte ihn Tags darauf, +er habe einen Feuerball auf das Gebäude sich niedersenken und im +Innern der Kirche verschwinden sehen. Die Nacht verbrachten sie in der +Martinskirche, indem sie die Juliansreliquie auf dem Martinsaltar ruhen +ließen und begaben sich bei Tagesanbruch in die zu weihende Kirche +mit dem Heiligtum, auf das nun zur Julianskraft noch die Martinskraft +übergegangen war. Wenigstens warf sich ihnen ein Besessener unter +schrecklichen Geberden entgegen; blutiger Schaum quoll aus seinem +aufgerissenen Munde und er schrie: »Warum, o Martin, verbindest du +dich mit Julian? Warum rufst du ihn in diese Gegenden? Ist denn deine +Anwesenheit für sich allein nicht Pein genug? Warum rufst du einen dir +ebenbürtigen Heiligen herbei, um unsere Qualen zu steigern? Warum denn? +Warum peinigst du uns so im Bunde mit Julian«?[245-b]. + + +3. + +Ueberall wurzelt die den Reliquien beigelegte Kraft in der Vorstellung, +man habe in einem solchen heiligen Teilchen den ganzen Heiligen in +Person eingekapselt vor sich. Dadurch wird die Kraftpsychologie der +Reliquie mit einer Reihe individueller Züge ausgestattet, als hätte man +es mit einem leibhaftigen Menschen zu thun. Es bilden sich im Umgang +mit der Reliquie sozusagen gewisse Anstandsformen aus, die man nur bei +Strafe unbeachtet ließ. Unlautere Hände durften sie nicht anfassen; +die Reliquien waren empfindlich. Noch eher griff man unversehrt in die +Flamme, als daß man jene ohne Schaden berührte; um sicher zu gehen, +wählte man am besten ein junges unbescholtenes Mädchen, hing ihm das +Reliquientäschchen um den Hals und ließ es die Kostbarkeit an ihren +Bestimmungsort tragen[245-c]. Doch war es gewagt, Reliquien überhaupt +an Laien auszuhändigen. Die Timotheus- und Apollinarisasche in Rheims +wurde vom Priester teilweise endlich einer Frau überlassen, weil sie +ihn so dringend darum bat. Aber als er am andern Morgen weiter reiten +wollte, brachte er sein Pferd nicht von der Stelle und fühlte sich +selber in allen Gliedern bleischwer; so sah er sich genötigt, das +Häufchen Heiligenasche zurückzunehmen, womit auch die Störung in der +That alsobald beseitigt war[246-a]. Reliquien in einem Privathause +beherbergen konnte zu schlimmen Erfahrungen führen. So waren die +Ueberreste des von einem Stier zu Tode geschleiften Märtyrers Saturnin +von Toulouse einst auf Reisen; in Brioude übernachteten ihre Träger +bei einem armen Mann, und als sie ihm anvertrauten, was sie mit sich +führten, gedachte dieser es besonders gut zu machen, und schloß das +Kästchen über Nacht in seinen Kornspeicher ein. Die nächste Nacht +hatte er einen Traum des Inhalts: bleibe nicht länger an diesem Orte, +seit er durch die Reliquien des Märtyrers Saturnin geheiligt ist. Er +aber in seinem Bauernverstande kehrte sich daran nicht, bis er und +seine Frau krank und immer kränker wurden; schließlich mußte man das +Haus abbrechen und eine Kapelle an die Stelle setzen. Auch als einmal +ein königlicher Beamter namens Plato im Kloster Pavilly der Diöcese +Rouen, dessen Abt ihm kein Neujahrsgeschenk gemacht hatte, sich auch +nur dem Gedanken hingab, die Kapelle mit den Saturninsreliquien würde +kein übles Jagdquartier für König Chlothar zugleich mit Pferdestall +abgeben, starb er bereits nach drei Tagen. Und die zu Yssac geraubten +Reliquien desselben Heiligen brachten vier der Räuber direkt ums +Leben, der fünfte wurde blind und blieb es, bis er das entweihte Gut +herausgab[246-b]. + +Damit hing zusammen, daß gewisse Reliquien besonders auf gewisse +Eigenschaften der Kirchgänger reagieren, also sozusagen ein bestimmtes +Temperament aufweisen, so sind die Marien- und Johanneskirche in +Tours, die Marcelluskirche in Chalons und das Stephansblut im Altar +der Kirche von Bourges, sowie Julian von Brioude und Eugen von Albi +Meineidigen verhängnisvoll[246-c], während Viktor von Marseille +besonders auf Besessenheit gewirkt zu haben scheint[246-d]. Auch sonst +tritt im Verkehr mit Reliquien das Moment eines Umgangs mit Personen +deutlich heraus. Das Grab des Benignus in Dijon war zwar von Alters +her Gegenstand der Volksverehrung; kirchlicherseits aber wurde es +gemieden, da man es im Verdacht hatte, es sei ein Heidengrab. Einst +hatte ein Bauer dort eine Kerze stehen lassen oder jedenfalls sie +vergessen zu löschen; ein Kind sah es und wollte sie holen, wurde aber +durch eine ungewöhnlich große Schlange abgeschreckt, die sich um die +Kerze ringelte; es versuchte es wieder und wieder; die Schlange wich +nicht. Als dieses und ähnliches dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren +kam, verschärfte er sein Verbot, jenes Grab zu verehren. Aber eines +Nachts offenbarte sich ihm der selige Märtyrer und sagte: »Was thust +du? Nicht nur achtest du mich selbst gering, du mißachtest auch meine +Verehrer. Laß das, ich bitte dich, besorge mir vielmehr möglichst rasch +ein Obdach«. Von dieser Offenbarung betroffen, begab sich der Bischof +zu dem Heiligengrabe und bat unter Thränen um Verzeihung für seine +Unwissenheit[247-a]. Der Märtyrer Antolian in Clermont bewies Rücksicht +für seine heiligen Kollegen, deren umliegende Gräber anläßlich eines +prunkvollen Baues seines Mausoleums übel mitgenommen wurden. »Weh mir«, +rief er aus, »den man auf Kosten seiner Brüder ehren will. Ich darf +die Vollendung meines Grabmals nicht zulassen«. In der That fiel bald +darauf in jener Kirche das Gerüst, das man errichtet hatte, ein, da +es ungeschickt an den Säulen angebracht worden war. Der Zusammenbruch +der über dem Altar erfolgte und mächtig Staub aufwirbelte, verursachte +keinen weiteren Schaden, denn er erfolgte während der Frühstückspause +der Maurer. Aber man ließ es sich gesagt sein und ging mit den +Gebeinen, die anläßlich der Grabungen zum Vorschein kamen und auf einem +Haufen lagen, nunmehr manierlich um[247-b]. In der Champagne bei Reims +kehrte ein Priester heim mit Juliansreliquien, die er für eine neue +Kirche dieses Heiligen war holen gegangen. Eben arbeiteten Landleute +auf dem Felde. Da schrie einer von ihnen plötzlich: »Ach da naht ja der +heilige Julian! Wahrhaftig er mit seiner Kraft und seinem Glanz! Auf, +Genossen, von den Ochsen weg, von den Karren weg, auf alle zusammen, +ihm entgegen!« Diese begriffen ihn nicht und schauten ihn stumpfsinnig +an. Er blieb in seiner Aufregung mit seinem Holzschuh erst in der +Furche hangen, fällt auf die Erde hin, klatscht dabei in die Hände und +wieder auf und davon auf den Priester los, der Psalmen singend seiner +Wege geht. »Warum, o Heiliger«, schrie der Verrückte schon von weitem, +»warum quälst du mich so? Warum, glorreicher Märtyrer, brennst du +mich so? Warum kommst du in ein Land, das dir gar nicht gehört? Warum +durchwanderst du unseren Wohnort?« Unterdessen hatte der Priester das +Wandertabernakel aufgeschlagen und der Besessene, platt auf den Boden +hingestreckt, betete die Reliquien an[247-c]. Ein anderer Verrückter +schrie in der Christnacht vor der Martinsbasilika von Tours, als Gregor +mit der Geistlichkeit eben von der Kathedrale her auf sie zugegangen +kam: »Umsonst naht ihr der Schwelle Martins, ohne Erfolg betretet ihr +seinen Tempel; wegen eurer zahllosen Verbrechen hat er euch verlassen; +er verabscheut euch, und nun ist er in Rom und thut dort Wunder; dort +richtet er jetzt den Schritt der Lahmen her und begegnet auch andern +Krankheiten mit seiner Gewalt«. Und nicht nur das niedere Volk, sondern +auch die kirchlichen Würdenträger gerieten in große Furcht, der heilige +Martin möchte sie am Ende wirklich verlassen haben. Der Bischof vergoß +heiße Thränen; alle lagen auf den Knieen und erbeteten die Gegenwart +des heiligen Bekenners, die sich dann auch alsobald in einer besonders +auffallenden Lahmenheilung kundgab[248-a]. Ist schon bei dieser +Geschichte die Vorstellung augenscheinlich die, daß der Heilige zwar in +der Reliquie verkörpert, aber doch nicht an sie gebannt sei, so tritt +die Unabhängigkeit von dem Unterpfand noch deutlicher an der folgenden +Geschichte zu Tage. In Bordeaux pflegte eine fromme Alte die Lampen in +den Kirchen der Heiligen mit Oel zu speisen, und befand sich denn auch +eines Sonntag abends zu diesem Behuf in der Peterskirche. Sie stieg +in die Krypta hinunter, um dort die Lampen anzuzünden. Dort verweilte +sie so lange, daß sie nicht bemerkte, wie hinter ihr die Eingangsthüre +verschlossen wurde. Es half ihr nichts, zu rufen; ihre Stimme war zu +schwach. So ergab sie sich denn in den Gedanken hier zu übernachten und +beschloß, den Aufenthalt zur Buße für ihre Sünden auszunutzen. Da, um +Mitternacht, sah sie plötzlich die Thüren offen stehen und die ganze +Kirche hell erleuchtet. Ein Sängerchor wandelte durch die Halle. Als +aber das Gloria verklungen war, hörte die Frau wie die Männer sich +beschwerten: »Der heilige Levit Stephan läßt auf sich warten. Schon +sollten wir in den andern Kirchen sein. Aber wir können uns nicht +wegbegeben, ohne ihn erwartet zu haben«. Während sie immer wieder +darauf zurückkamen, stand plötzlich ein Mann in einem weißen Kleide da; +die Menge grüßte ihn ehrfurchtsvoll: »Sei uns gepriesen, sehr heiliger +Levit Stephan«. Dieser verbeugte sich, verrichtete sein Gebet, und auf +die Frage, warum er sich bei seinem Besuch der heiligen Stätten etwas +verspätet habe, erwiderte er: »Auf dem Meer war ein Schiff in Gefahr +unterzugehen. Dort rief man mich an, ich rannte hin, erlöste es, und da +bin ich nun. Daß ihr euch von der Wahrheit meiner Worte überzeugt, seht +nur, wie hier noch mein Gewand von Meerwasser trieft.« Die Frau merkte +sich die Stelle, und als die Versammlung auseinander gegangen war und +die Thüren sich hinter ihnen von selbst geschlossen hatten, ging sie +hin und wischte sorgfältig die Tropfen auf dem Fußboden auf. Bischof +Bertram nahm das Taschentuch dann in Verwahrung und erzielte Heilungen +damit[248-b]. + +Doch konnte sich bei einem derartigen Individualisieren der Reliquie +auch die Kehrseite fühlbar machen. Im Dorfe Tornes bei Le Mans, das zu +Sankt Martin gehörte, wurde eine Blinde sehend, und da in der Kirche +auch Peter- und Paulsreliquien zugegen waren, so konnte man zweifeln, +wohin sie ihren Dank zu spenden habe. Die Frau selbst freilich beharrte +darauf, sie sei durch Martin gesund geworden. Und für die Theologen +löste sich das Problem dann doch dahin auf, schließlich wirke ja hinter +den Wunderthaten der verschiedenen Heiligen doch immer die eine Kraft +Gottes[248-c]. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +Der heilige Ort. + + +Auch in dem fränkischen Christentum ist der Begriff der Heiligkeit +nicht in erster Linie ethischer, sondern kultischer Natur. Heilig +ist, was dem Heiligen gehört. Aus diesem Grundsatz ergeben sich die +beiden Haupteigenschaften des Heiligen: seine Güte und sein Zorn. Wer +vertrauensvoll im Falle der Not seine Zuflucht an der Heiligenstätte +sucht, den liebt der Heilige; wer sich dagegen an der Kirchenhabe +vergreift oder den Heiligen sonst belästigt oder beleidigt, den +haßt er. Da er sich zudem gegenüber den Herren der Erde und selbst +dem Mächtigsten unter ihnen von vornherein und ausnahmslos als den +stärkeren und überlegenen erweist, so bedeutet bei ihm Liebe zugleich +Schutz und Zorn zugleich Vernichtung. + + +1. + +Man fand es aber doch ratsam, dem Heiligen eine kräftige Tempelpolizei +zur Verfügung zu halten. Am Juliansfeste betrachtete ein Mann aus +dem Volke noch längere Zeit nach dem Gottesdienste die Kostbarkeiten +rings herum, sah aber ein, daß er jetzt doch nicht unbeachtet stehlen +könne, und verbarg sich darum in einem Winkel. Als es dunkel war, +machte er sich an den umgitterten Hauptaltar, entwendet ihm ein mit +Edelsteinen besetztes Kreuz, reißt zugleich Gardinen und Vorhänge von +der Wand herunter und schnürt sie in ein Bündel zusammen, lädt es auf +den Kopf, nimmt dann das Kreuz, das er auf den Boden geworfen hat, in +die Hand und will von dannen, kann aber nicht hinaus; da legt er sich +an dem früheren Schlupfwinkel schlafen, indem er das Bündel als Kissen +unter den Kopf nimmt. Um Mitternacht nun, als die Wächterpatrouille +ihre übliche Runde macht, fiel ihnen zuerst ein Lichtglanz wie von +einem Sterne auf; es war einer von den Edelsteinen am Kreuze, der +aufblitzte. Sie holte nun eine Kerze und fanden den Tempeldieb +schlafend. Er wurde verhaftet und bekannte am Morgen früh; er sei +unzählige Male in der Kirche herumgegangen, aber ohne einen Ausweg +zu finden[249-a]. Von allen fränkischen Heiligen war es insbesondere +Julian, der immer wieder und in jeder Form mit Eingriffen in seinen +Besitz zu thun hatte: der eigentliche Raub- und Raufheilige. Jenes +selbe Altarkreuz, das zwar nur vergoldet, aber rundum vergoldet war, +wurde von einem Ruchlosen gestohlen, weil er meinte, es sei ganz +aus Gold. Als er es aber in seinem Busen barg und er ein Stück weit +gegangen war, drückte es ihn so sehr, daß er es kaum hätte noch +weiter wegtragen können. Er hielt daher für klüger, es dem Heiligen +gleich wieder zurück zu erstatten[250-a]. Wenn der Heilige sich nicht +selber half, so konnte er immer auf irgend eine Unterstützung seitens +eines Gläubigen rechnen. Nach der Heldenthat des Hillidius stahlen +vier Flüchtige eine Schale und eine Urne. Die Schalen teilten sie in +vier Stücke; die Urne dagegen überreichten sie König Gundobad, um sich +seiner Gunst zu versichern. Die Klugheit der Königin Caretene rettete +das Kirchengerät; sie machte dem Fürsten klar, er werde doch nicht +die Gunst des Heiligen aufs Spiel setzen wollen, um eines leichten +Gewinnes willen[250-b]. Sigivald, der mächtige Graf von Arvern, ließ +sich in der Auvergne allerlei Unebenheiten gegenüber fremdem Besitz +zu Schulden kommen. Unter dem Schein eines Tauschhandels schlug er +auch seine Hand über ein Grundstück, das einst Bischof Tetradius von +Bourges der Julianskirche vermacht hatte. Aber drei Monate später +verfiel er einer Entkräftung und hütete das Bett. Seine Frau, die +hierüber sehr traurig war, wurde indessen von einem Priester belehrt, +ihr Mann werde gesund sein, sobald er eine Ortsveränderung vornehme. +In der That ging es Sigivald wieder gut, kaum war er von seiner Villa +wieder weggezogen[250-c]. Auch der Grundbesitz des Heiligen war vor +frecher Bubenhand nicht sicher. Ein Schäfer namens Ingenuus, Nachbar +des Kirchengutes, verrückte die Grenzmark. Der Priester von Sankt +Julian schickte einige Diakone und ließ ihm zu verstehen geben, er habe +davon abzulassen. Aber Ingenuus holte seinen Pfeilbogen und trieb die +geistlichen Unterhändler in die Flucht. In der nächsten Juliansmesse +wurde er zu Brioude vom Blitz getötet[250-d]. Eine weitere Gewaltthat +ließ sich Graf Beccon zu Schulden kommen. Eines Tages, als er seinen +Jagdfalken steigen ließ, verflog sich der Vogel. Um jene Zeit fing der +Schenkjunge von Sankt Julian einen anderen herrenlosen Falken. Sofort +erklärte Beccon, es sei seiner, der Junge habe ihn ihm gestohlen. Der +Jüngling wurde ergriffen, eingesteckt, und der Graf machte Miene, ihn +hängen zu lassen. Da eilte der Priester tiefbetrübt zum Juliansgrabe, +öffnete seufzend die Schreine und versuchte es mit zehn Goldstücken, +die er dem Grafen durch zuverlässige Freunde anbot. Der aber lachte +ihnen ins Gesicht und verlangte ein Lösegeld von dreißig Gulden. Er +erhielt es. Aber Julian vergaß die Beschimpfung nicht, und als beim +nächsten Jahresfeste auch der Graf den Gottesdienst besuchte und der +Vorleser der Passion zum ersten Mal den Namen des Heiligen aussprach, +brach der böse Mann an einem Schlaganfall zusammen und mußte nach Hause +getragen werden. Obwohl er der Kirche dann alles schenken ließ, was er +in jenem Augenblick an Gold und köstlichen Stoffen an sich getragen +hatte und später noch viele andere Geschenke beifügte, so erlangte er +doch bis zu seinem Tode den Gebrauch seiner Sinne nicht wieder[251-a]. +Ein abtrünniger Priester, der in die Staatsverwaltung übergetreten war +und sich seitens seiner Vorgesetzten mit Vollmacht versehen hatte, +besichtigte die Schafherden, die auf den Bergen sömmerten, und stahl +unter dem Vorwand der schuldigen Steuer die Widder eben der Herde, die +im Namen des Heiligen gehalten wurde, zum Entsetzen der Hirten. »Rühre +doch ja diese Widder nicht an?« riefen sie ihm zu. Er aber grinste +höhnisch, indem er die Tiere von hinnen trieb: »Unsinn! Seit wann ißt +denn Julian Hammelbraten?« Als er das nächste Mal Juliansgebiet betrat +und am Grabe betete, befiel ihn der Fieberbrand, dem er erlag[251-b]. +In den Juliansvigilien ließ sich Jemand einfallen, das Pferd eines +Festbesuchers, das draußen stand, zu besteigen und damit davonzureiten. +Er ritt die ganze Nacht, und als es dämmerte, dachte er: »So, nun werde +ich wohl so meine dreißig Meilen von der Juliansbasilika entfernt, also +vor Entdeckung sicher und bald zu Hause sein.« Aber mit Nichten. Als +er die Gegend näher unterscheiden konnte, befand er sich nach wie vor +in der Nähe des Fleckens von dem er ausgeritten war, und Leute liefen +hin und her. Da zog er denn doch vor, abzusteigen, und den Gaul in +aller Stille da wieder anzubinden, wo er ihn losgebunden hatte[251-c]. +So gnädig diesmal Julian gegen den Dieb sich verhielt, so freundlich +half er bei einem andern Pferdediebstahl dem Bestohlenen. Ein frommer +Mann, der zum Feste gekommen war und die ganzen Vigilien mitgemacht +hatte, konnte am Morgen sein Pferd nicht finden. Im Quartier, wo er es +eingestellt hatte, war es nicht mehr, und als während zweier Tage keine +Nachfrage helfen wollte, ging er hin und klagte sein Leid dem Heiligen: +»O Heiliger, ich bin zu deinem Tempel gekommen, um dirs in aller Armut +zu geben, wie ichs habe. Ich veruntreute nichts und beging auch sonst +nichts Unrechtes. Warum bin ich aber dann um mein Gut gekommen? Gieb +es mir bitte zurück. Ich kann es nicht entbehren.« Und siehe, kaum +hatte er unter Thränen so gebetet und trat aus der Kirche, da sah +er schon von weitem Jemanden, der sein Roß hielt. Eben hatte man es +eingefangen[251-d]. + +Außer Julian hatten auch kleinere Heilige sich besonders im Süden gegen +allerlei Zumutungen zu wehren. Der Andreaskirche zu Agde nahm Graf +Gomachar eines Tages ein Stück Land weg. Bischof Leo ging alsobald hin +und machte dem Grafen Vorstellungen, aber ohne Erfolg; es war eben +kein Katholik. Erst als er das Fieber und überdies Gewissensbisse +bekam, ließ er den Bischof um Fürbitte ersuchen, er wolle das Land dann +zurückgeben. Als es ihm aber auf das Gebet des Bischofs hin wirklich +besser ging, sagte er zu den Seinen: »Bilden sich diese Römlinge nicht +ein, ich sei krank gewesen, weil ich ihr Land wegnahm! Es war ja doch +ein rein natürlicher Vorgang. Bei meinen Lebzeiten soll das Land nicht +ihnen gehören«. Er ließ es wieder besetzen. Wieder kam der Bischof und +riet ihm, die Rache Gottes nicht herauszufordern, erhielt aber zur +Antwort: »Halt’s Maul, alter Mümmler, sonst laß ich dich auf einen Esel +binden und durch die Stadt treiben, damit die Leute etwas zum Lachen +haben«. Da ging der Bischof hin, verbrachte eine Nacht in der Kirche in +gesteigertem Gebet, am Morgen aber zerschlug er alle Lampen mit einer +Ruthe, die er in der Hand hatte und erklärte: »Hier wird kein Licht +mehr angezündet, bis Gott an seinen Feinden gerächt ist«. Wieder wurde +der Ketzer vom Fieber befallen, wieder ließ er zum Bischof schicken und +versprach zum gestohlenen Landstrich einen andern gleich großen, wenn +er gesund werde. Der Bischof aber erklärte, er ~habe~ gebetet, und ließ +sich auch auf neue Anträge nicht mehr ein. Da kam der kranke Sünder +auf einem Wagen angefahren und sagte dem geistlichen Herrn: »Da ich +dir doch das Doppelte zurückerstatten will, kann deine Heiligkeit wohl +ein Wort für mich einlegen«. Jener widersetzte sich; der Graf befahl, +ihn in die Kirche zu treiben. Der Bischof betrat den heiligen Raum; in +diesem Augenblick starb der gottlose Mann, und die Kirche kam wieder +zu ihrer Sache[252-a]. In der Nazariuskirche zu Nantes brachte einst +ein frommer Mann einen schön verzierten Gürtel, der mit schwerem Golde +gefüllt war, und legte ihn auf dem Altare nieder mit der Bitte, der +Heilige möge ihm dafür in seinen Geschäften behilflich sein. Kaum war +er weg, so kam der Britannengraf Waroch mit einem Kameraden und hatten +es auf das Weihgeschenk abgesehen. Er erzwang sich den Geldbeutel +durch fürchterliche Drohungen vom Priester, dann ließ er sein Pferd +in die Kirchenhalle führen, um dort aufzusitzen, ein neues schweres +Vergehen. Aber beim Hinausreiten stieß sein Kopf am Querbalken an, +sodaß er rückwärts mit zerschmettertem Schädel vom Pferde sank und +starb[252-d]. Als König Sigibert in Paris einzog und die Vorstädte +teilweise einäschern ließ, begab sich einer seiner hohen Offiziere nach +der Dionysiuskirche, nicht um zu beten, sondern um von dort irgend +etwas mit heimzunehmen. Die Thüren standen offen und Niemand hinderte +ihn, die prachtvolle gestickte Grabesdecke mit dem Gold und Steinbesatz +zu entwenden. Dafür fiel ihm aber dann sein Leibdiener, der zweihundert +Goldstücke seines Vermögens am Halse hangen hatte, durch einen +Fehltritt beim Besteigen des Schiffs ins Wasser und verschwand mit samt +dem Geld auf Nimmerwiedersehen; auch jener starb, trotzdem er den Raub +zurücktrug, innert Jahresfrist. Ein anderer, der auf demselben heiligen +Grabe die darüber aufgehängte goldene Taube mit seiner Lanze abhängen +wollte, glitt mit den Füßen aus, strauchelte über das aufstehende +Bord des Grabes und fiel an einer so unglücklichen Stelle in seine +Lanze hinein, daß er tot aufgehoben wurde[253-a]. Einige harmlosere +Fälle von bestraftem oder gesühntem Diebstahl werden in Verbindung +mit andern Heiligen erzählt. Die Kirche von Yzeures bei Tours, deren +Patron nicht genannt wird, enttäuschte einen nächtlichen Einbrecher, +weil er die Wertsachen zu gut verschlossen und daher nichts von Belang +zu stehlen fand. »Nun gut«, sagte er, »so will ich doch wenigstens +einige Kirchenfenster einschlagen; wenn ich das Blei der Fenster +einschmelze, so kann ich damit immerhin zu einigem Gelde kommen«. +Gesagt, gethan. Aber als er die Bleistücke zu Hause in den Tiegel warf +und drei Tage lang Schmelzversuche anstellte, brachte er nur einige +Kügelchen zustande, die er dann vorbeiziehenden Händlern verkaufte. +Zugleich erwarb er sich den Aussatz dazu, der ihn jedes Jahr am Tag des +Diebstahls mit einer unerträglichen Augenentzündung heimsuchte[253-b]. +Ein Bäuerlein, das nur von seiner Hände Arbeit lebte, indem es nämlich +mit seinem Pfluge zu Acker fuhr, kam eines Abends müde heim und +kümmerte sich weiter nicht mehr um seine beiden Ochsen, sondern ließ +sie weiden und zog sich in seine Hütte zurück. Am andern Morgen waren +die Ochsen gestohlen. Der arme Mann sucht sie überall, in Wald und +Feld, ja auf den Bergen; er kann nicht die geringste Spur entdecken. +Weinend und klagend kehrt er zu Frau und Kindern zurück: »Weh mir! Denn +ohne meine Ochsen müßt ihr dieses Jahr verhungern«. Aber ein Gebet +am Grabe des heiligen Felix von Nola verhilft ihm zu seinem Eigentum +zurück[253-c]. Der Diokletiansmärtyrer Sergius stand im Rufe, das ihm +anvertraute Gut vor ungerechten Händen besonders gut zu verwahren. Es +war einmal eine arme alte Frau, die hatte nur eben noch einige Hühner, +die sie der Kirche im Notfall zur Verfügung stellte. Einst, als aus +Anlaß des Festes der Zulauf besonders groß war, kamen zwei Männer, die +bereits im Hinkommen auf die Hühnchen ein Auge geworfen hatten, und +stahlen eins, schnitten ihm Kopf und Beine ab, rupften es und setzten +es mit einem Topf Wasser übers Feuer, um es zu sieden. Das Wasser +kochte und brodelte, allein das gestohlene Fleisch wurde nicht weicher. +Das Wasser verdampfte, dem Hühnchen fiel es nicht ein, zarter zu +werden. Oft betasteten sie es und versuchten, die Nägel einzukrallen, +sie fanden es nur immer härter. Indessen rückten die Gäste an. Man +deckt den Tisch, legt schneeweiße Leinen aus und sogar einen aus Federn +gewobenen Tischläufer. Die Platte, die das Gericht aufnehmen sollte, +ist so rein gewaschen wie möglich. Da, durch ein noch nicht dagewesenes +Wunder, hat sich das Brathuhn versteinert; geniert mußte man vom +Tisch aufstehen zur großen Beschämung der Gastgeber und zur großen +Enttäuschung der Gäste[253-d]. + +Dagegen hatte Martin von Tours, gewissermaßen als Dank für seine +große Nachsicht und Milde, unter Diebstahl seltener zu leiden: einmal +freilich wurde auch seine Grabeskirche erbrochen und ausgeplündert. +Ferner ließ König Charibert sich von gewissenlosen Ratgebern verleiten, +die Martinsgüter von Nazelles mit Beschlag zu belegen und dort +Marställe für sein Gestüte einzurichten. Kaum waren aber die Pferde +dort untergebracht, so brach die Sucht unter ihnen aus, und als der +König kein Einsehen haben wollte, starb er selber kurz darauf[254-a]. + + +2. + +Eine weitere Folge der Verehrung des heiligen Ortes stellt sich sodann +in wohlthätigen Einrichtungen dar, die man heute unter christlicher +Liebesthätigkeit zusammen zu fassen pflegt. Schon an der Armenmatrikel +zu Sankt Martin in Tours tritt es deutlich zu Tage, daß das Bewußtsein, +im Bannkreis des Heiligen, in dem von ihm durchwalteten Raum zu wirken +und zu leben, die eigentliche Triebkraft der Pfleger und der Trost der +dort Verpflegten ausmacht. Täglich wurden milde Gaben im Kreuzgang +der Kirche abgegeben, weil es eine der Eigenschaften der Heiligen +sei, ein solches Pfrundhaus mittelst der Liebesgaben der Gläubigen +zu erhalten. Die dort aufgenommenen Hausarmen, die als Matrikelleute +von den übrigen Armen unterschieden wurden[254-b], durften tagsüber +an den Kirchenthüren um ein Almosen betteln; doch blieb immer einer +als Portier zurück, um die eingehenden Spenden entgegenzunehmen. +Freilich kam es dann einmal vor, daß ein Ungetreuer das Pförtneramt +versah und einen ihm abgelieferten Drittelgoldgulden für sich behielt. +Doch war bereits die Kunde von einer schönen Einnahme herumgeboten +worden, und als die Armen um die sechste Stunde von ihren Ausgängen +heimkehrten, die milde Gabe, die Martin ihnen wieder gesandt habe, zu +empfangen, schwor jener, »bei diesem heiligen Orte und allen Tugenden +Sankt Martins«, ein Pfennig sei alles, was eingelaufen sei; da brach +er auch schon vom Schlage gerührt zusammen[254-c]. Die Julianskirche +in Tours, sowie die Martinszelle von Candes hatten jede eine eigene +Matrikel[254-d]. Die Vorsteherin der weiblichen Abteilung dieser +letzteren Armenkongregation, war die Matrone Remigia, während Vinastis +den Männern daselbst für Nahrung sorgte; ein solches freiwillig +übernommenes Liebesamt wurde gewöhnlich von Laien bekleidet, die ein +eigenes Leiden in die Nähe des Heiligen geführt hatte[254-e]. Da das +Obdach natürlich nur einer beschränkten Anzahl Aufnahme zu gewähren +erlaubte, wurden die, deren Anmeldung angenommen war, in eine Liste +eingetragen, und danach hieß dann die ganze Anstalt Matrikel. Ohne +eigentlich ein Spital zu sein, war sie doch eben vor allem auch +Aufnahmeort für Gebrechliche und Krüppel jeder Art[255-a]; auch ein +armer Taubstummer fand dort Unterkunft, der von seinen Brüdern um sein +väterliches Erbe beschlichen worden war, und derweil er nicht reden +konnte, ein Klapperinstrument erfand, um die Vorübergehenden auf sich +aufmerksam zu machen[255-b]. + +Größeren Umfang nahm ein anderes Liebeswerk an, die Patronage der +Gefangenen. Es mag in jenen unablässigen Kriegsläuften einem dringenden +Bedürfnis der Nächstenliebe entsprochen haben. Auch hier sind alle +derartigen Unternehmungen aufs innigste mit einem Heiligennamen +verknüpft, wenn es gleich die Natur der Sache mit sich brachte, +daß wenigstens nicht alle Hilfe auf Kirchenboden vor sich ging und +daß hier mehr dem unmittelbaren Eingreifen zugeschoben wurde, als +grundsätzlichen Verfügungen. Ein Schelm kam mehrfacher Diebstähle wegen +an den Galgen. Als letzte Gunst bat er, noch beten zu dürfen und warf +sich mit seinen auf den Rücken gebundenen Händen leidenschaftlich auf +die Erde, indem er den Namen Martins anrief. Dann wurde er aufgeknüpft +und die Soldaten zogen ab. Er bewegte noch immer seine Lippen zum +Versuche, ob er nicht doch noch den Namen Martins aussprechen könne; +auch fielen bereits die Fesseln von Händen und Füßen; aber hängen blieb +er zwei Tage lang, bis von ungefähr eine Nonne des Weges kam und ihn +noch lebend vom Galgen hob. Nach Sankt Martin überführt, antwortete +er auf allgemeines Befragen, wie er denn überhaupt nun noch am Leben +sei: »Der heilige Martin hat mich dem Tode entrissen und hierher +gebracht. Aber es fehlte wahrhaftig nur noch wenig«[255-c]. In Tours +lagen vier Mann in Ketten und durften nichts zu essen bekommen. Da +thaten sie sich zusammen und flehten einträchtig zu Sankt Martin, +dessen Fest eben damals war, um Befreiung. Der Stock, in dem ihre +Füße eingezwängt waren, that sich auf, die Ketten fielen ihnen ab. +Sofort liefen sie davon, rissen die Thüre aus und begaben sich in die +Kirche des Heiligen[255-d]. Und war die Gefangenschaft gar noch gegen +das Recht, so half Martin um so sicherer. Ein junges Mädchen, Tochter +freigelassener Eltern, wurde durch die Söhne ihres früheren Herrn noch +zur Leibeigenschaft angehalten. Als sie daraufhin kurzer Hand den +Dienst aufsagte, wurde sie in Ketten gelegt. Da weinte sie nun, daß +sie nicht auch ans Martinsfest gehen könne. Alsobald konnte sie die +Füße vom Stock frei machen, und als sie, nach der Kirche eilend, über +die Schwelle trat, fielen ihr auch die Ketten von den Händen[255-e]. +Ebenso wurde ein Mann, der zahlungsunfähig geworden war, von seinem +Gläubiger nicht nur eingesteckt, sondern auch über die Maßen hart +behandelt. »Verhungern laß ich dich«, rief jener ihm zu, »damit sich’s +die andern gesagt sein lassen«. Unterdessen wurden draußen auf dem Wege +nach Soissons Martinsreliquien unter Gesang vorübergetragen, sogleich +wurde der Gefangene frei und konnte zur Kirche gehen[256-a]. Ein ander +Mal galt Martins Gnade wieder zwei Gehenkten. Der erste, ein Höriger +des Bürgers Genitor von Tours, war eines leichten Diebstahls wegen +verurteilt und flehte auf dem Wege zum Richtplatz insgeheim: »Befreie +mich, heiliger Bekenner Martin, von der drohenden Gefahr«. Als er +gehenkt und allein gelassen war, erhob sich ein Wind, und er hörte eine +Stimme sagen: »Laßt uns ihn frei machen«. Und siehe da, der Galgen, +an dem er hing, wurde mit einer großen Scholle Erde umgelegt wie ein +entwurzelter Baum. Der zweite hatte allerdings viel auf dem Gewissen, +aber er hatte Buße gethan und wurde nun dennoch gehenkt. Doch riß der +Strick. Er wurde noch einmal gehenkt. Da kam der Abt des benachbarten +Klosters, eilte zum Grafen, der drei Meilen entfernt war und bat den +Verurteilten frei[256-b]. Ein Gefangener hatte in Tours bereits eine +Zeit lang gesessen und sollte nun auf Befehl des Richters nach dem +andern Loireufer deportiert werden. Auf dem Fähreschiff war es den +Wächtern plötzlich, als schlage sie Jemand auf den Kopf, sie stürzten; +der Gefangene, der wohl wußte, daß ihm Martin half, konnte sich frei +machen und die Kirche gewinnen[256-c]. Auch sonst erfuhren Gefangene +immer wieder Martins hilfreiche Hand[256-d]. Und in Reims durfte sich +Gregor, als er zum Besuche König Childeberts _II._ dort eintraf, +von einem Gefängniswärter zu seinem himmlischen Herrn aufrichtig +gratulieren lassen: da solle er nur hinsehen; die Dielenbretter seien +mit Quadersteinen beschwert und die Thür mit einem eisernen Riegel +und mit einem eisernen Schloß verrammelt gewesen, und doch seien die +Gefangenen mit Martins Hilfe durch das Dach entkommen![256-e] + +Martin war nur der Hauptpatron der Gefangenen; auch andere Heilige +nahmen sich ihrer an. Julian befreite einen auf Fürbitte von dessen +Frau[256-f], Saint Quentin einen Gehenkten vom Galgen auf die Fürbitte +eines mitleidigen Priesters[256-g], und die Viktormesse in Mailand galt +als Freinacht für die Gefangenen zur Flucht[256-h]. Aus alledem dürfen +wir auf ausgedehnte Ansprüche der damaligen Geistlichkeit schließen, +für Gefangene einzutreten und einen Druck zu Gunsten ihrer Begnadigung +auszuüben. Gewiß hatte das Uebelstände zur Folge, wenn schließlich +jeder Geistliche oder wenigstens jeder Bischof und Abt die weltliche +Gerechtigkeit in ihrem Lauf aufhalten konnte. Aber man vergesse +nicht, wie damals das Recht gerade von den weltlichen Machthabern, +die seine Hüter sein sollten, mit Füßen getreten wurde. Wenn die +merowingischen Könige zum Mord ihre Zuflucht nahmen, aus purem Belieben +ohne vorhergegangenes gerichtliches Verfahren und dabei dreist auf ein +ihnen zustehendes »Recht« pochten[257-1], so mag man sich in jener Zeit +der allgemeinen Willkür doch die Priester noch eher gefallen lassen, +die gelegentlich eine verdiente Kerkerhaft oder eine gesetzmäßige +Hinrichtung gewaltsam hintertrieben. Und gar wenn es in der feinen +unaufdringlichen Weise unseres Gregor geschah: er kam eben von Sankt +Martin zurück, da stürzte sich auf dem Petersplatz ein Gefangener +vom Pferde hinunter zu seinen Füßen, erklärte ihm, er fühle sich +unschuldig, worauf der Bischof mit dem begleitenden Gerichtsbeamten +sprach und der Gefangene auf der Stelle frei gegeben wurde[257-a]. + + +3. + +Uebrigens flüchteten die glücklichen Gefangenen, denen der Heilige die +Ketten abgestreift hatte, nicht aus bloßer Dankbarkeit in die Kirche, +kaum waren sie frei. Sie wußten, daß ihnen dort keine weltliche Macht +etwas anhaben durfte. + +Das Asylrecht schränkte die Befugnisse der Staatsgewalt in +erheblichem Grade ein. Der Schutz des kirchlichen Asyls schwächte die +Friedlosigkeit regelmäßig. Die Acht oder Friedlosigkeit vernichtete +allerdings die gesamte Rechtssphäre dessen, der ihr verfiel. Er +konnte von Jedermann bußlos verwundet und erschlagen werden. Er +verlor die Rechte der Sippe und der Familie; denn er hörte auf, +Geschlechtsgenosse, Ehemann und Vater zu sein, sodaß sein Weib als +Witwe, seine Kinder als Waisen behandelt wurden. Ueberdies bedeutet +die Acht Verfolgung, öffentlich gebotene Verfolgung. Als Feind allen +Volkes durfte der Friedlose nicht nur, sondern sollte er von jedermann +verfolgt und getötet werden. Floh nun ein Geächteter in die Kirche, +so konnte seine Auslieferung nur unter Zusicherung des Lebens und der +Glieder erfolgen. Die fränkische Gesetzgebung ersetzte in solchem Falle +Acht durch Verbannung[257-2]. + +In selteneren Fällen floh auch eine ganze Volksmenge in die Behausung +des Heiligen; im Kriege kam es gewöhnlich vor, daß beim Ueberfall +eines Dorfes die Kirche von flüchtigem Volk und dessen Fahrhabe +besetzt war[257-b]. Auch konnte die Zufluchtsstätte in den kleinen +Rechtshändeln des Tages täglich von kleinen Leuten aufgesucht werden, +und auch den gewöhnlichen Bürger schützte dann der Heilige vor +Gewaltthat[258-a]. Aber seine eigentliche, große, geschichtliche Rolle +spielte das Asylrecht in den Kämpfen der mächtigen Herren! Bald war +der eine Feind hilflos in der Kirche, bald der andere[258-b]. Welche +Schauspiele des heißen, des wildesten Lebens trugen sich zu, wenn da +die Leidenschaften auf dem Gipfel der Erregung aneinander schlugen! +Daß dann der Heilige schließlich wenig mehr bei dem Handel zu sagen +hatte und sein Schutz mehr durchbrochen als beachtet wurde, wie hätte +das anders sein können! Die Priesterschaft that bei solchen Auftritten +eben ihre Pflicht, suchte zu dämpfen und zu mildern, soviel als möglich +war, nicht ohne sich dabei mutig allerlei unangenehmen Zwischenfällen +auszusetzen. So sehr es nur immer anging, gönnte man dann dem Heiligen +das Wort zu einer Manifestation; als nach dem Tode Sigiberts Graf +Ruccolen an der Spitze der Leute von Le Mans vor Tours erschien und +mit sofortiger Einäscherung von Sankt Martin drohte, falls nicht die +in der Kirche verborgenen Flüchtlinge von den Diakonen herausgebracht +wurden, da wurde mit großer Genugthuung bemerkt, daß in dem Augenblick, +da Gregor mit der ganzen Geistlichkeit um Abwendung dieser Gefahr +betete, eine zwölf Jahre lang gelähmte Frau sich wieder aufrichten +konnte[258-c]. Doch was vermochten in derartigen Momenten solche +episodischen Heiligenzüge vor dem rücksichtslosen und brutalen Gebahren +der profanen Welt. + +Statt aller weiteren theoretischen Erwägungen sei hier von den +prachtvollen Schilderungen dieser Art aus der Frankengeschichte +die erregendste und schönste als Beispiel mitgeteilt. Als Eberulf +vernahm, daß ein für alle mal an Königsmördern ein Exempel statuiert +werden solle, flüchtete er in die Martinskirche nach Tours. Da es nun +erforderlich schien, ihn hier zu bewachen, ergriffen die von Orléans +und die von Blois die günstige Gelegenheit und bezogen abwechselnd die +Wache. Nach vierzehn Tagen kehrten sie dann mit vieler Beute zurück, +indem sie, man denke, mitten im Frieden und im eigenen Lande, Zugvieh, +Schafe und was sie wegbringen konnten, mit sich nahmen. Die aber dem +heiligen Martin Vieh entführten, gerieten unter sich selbst in Händel +und erstachen sich gegenseitig. Die Tiere wurden darauf zurückgegeben. +Indessen teilten sich verschiedene Leute in Eberulfs Güter; sein Gold, +sein Silber und die Kostbarkeiten fielen der öffentlichen Plünderung +anheim. Was ihm von Krongut übertragen gewesen war, wurde für den +Staatsschatz eingezogen, seine Pferde-, Schweine- und Rinderherden +konfisziert. In seinem Haus, das er widerrechtlich vom Kircheneigentum +sich angeeignet hatte und das man nun voll Getreide, Wein und Schinken +fand, ließ man nur noch die nackten Wände zurück. Das war gerechte +Vergeltung; denn als er noch in Freiheit war, ließ er seine Pferde +und Schafe auf die Saatfelder und in die Weinberge der armen Leute +treiben, und wenn sie, deren saure Arbeit er zu Grunde richtete, ihr +eigenes Vieh hinausführten, ließ er sie sogleich von seinen Leuten +niederhauen. Besonders aufsäßig war er den Verwaltern der Hauptkirche, +eignete sich durch einen Scheinkauf widerrechtlich von ihren Gütern +an, ja er vollführte in der Vorhalle der Martinsbasilika Mordthaten, +stellte dort Saufgelage an und warf einen Priester, der ihm keinen Wein +mehr geben wollte, da er schon betrunken war, auf eine Bank nieder und +traktierte ihn mit seinen Fäusten derart, daß dieser verschieden wäre, +wenn ihn nicht die Aerzte durch Schröpfköpfe gerettet hätten. Statt im +Asyl Martins manierlich zu werden, überhäufte er Gregor mit Vorwürfen +und gelobte, wenn er jemals wieder beim Könige in Gnaden angenommen +sei, werde er alles rächen, was er erdulde. Er hielt, aus Furcht vor +dem Könige, sein Nachtlager in der Sakristei der Martinskirche, und +wenn der Priester mit den Schlüsseln fortgegangen war und die übrigen +Pforten verschlossen hatte, kamen durch die Thüre der Sakristei die +Töchter des Eberulf mit seinen andern Kindern in die Kirche, sahen +sich die Wandgemälde an und kramten im Schmuck des heiligen Grabmals +herum, was den Brüdern sehr anstößig war. Als der Priester dies in +Erfahrung gebracht hatte, schlug er Nägel an der Thüre ein und schob +die Riegel von innen vor. Da Eberulf nach seinem Abendessen, schon vom +Wein trunken, dies bemerkte und Gregor mit seinen Klerikern in der +Kirche eben Psalmen sang, brach jener wütend herein und überhäufte +den Bischof mit seinen Schimpfreden. Fluchend warf er ihm vor, man +verwehre ihm den Zutritt zu den Fransen der heiligen Grabdecke, deren +Berührung ihn bei einem Ueberfall schützen sollte. Mit freundlichen +Worten suchte ihn Gregor zu beruhigen, und als der gute Zuspruch +nichts gegen den Wütenden vermochte, schwieg er still. Da wandte jener +seine Flut von Schmähungen gegen einen Priester und geberdete sich wie +verrückt, sodaß die Geistlichkeit, um weiteres Aergernis zu vermeiden, +die Vesper abbrach und die Kirche verließ. Indessen schickte der +König Gunthram einen gewissen Claudius ab und sprach: »Wenn du dich +aufmachst, den Eberulf aus der Kirche schaffst und entweder mit dem +Schwerte erlegst oder mir in Banden bringst, so will ich dich zu einem +reichen Manne machen; aber nimm dich in Acht und füge ja der heiligen +Kirche keinen Schaden zu«. Da eilte jener, verwegen und habgierig, +wie er war, zuerst nach Paris, denn sein Weib war aus dem Gebiete von +Meaux, und trachtete darnach, wie er die Königin Fredegunde sprechen +könne. »Wenn ich sie spreche«, meinte er, »werde ich auch von ihr einen +hübschen Lohn gewinnen; denn ich weiß, sie ist Eberulf gram«. Auch +kam er wirklich zu ihr und erhielt sofort große Geschenke und viele +Versprechungen überdies, wenn er Eberulf aus der Kirche schaffe und +töte oder listig in Banden schlage oder ihn auch in der Vorhalle der +Kirche selbst niederstoße. Darauf kehrte er nach der Burg Dun zurück +und forderte hier den Grafen auf, ihm dreihundert Mann zu geben; seinem +Vorgeben nach um die Thore der Stadt Tours zu bewachen, in Wahrheit +um mit ihrer Hilfe Eberulf zu töten. Und während der Graf der Burg +die Leute noch aufbot, zog Claudius selbst gegen Tours. Auf dem Wege +aber fing er nach der Sitte der Franken an, auf Vorbedeutungen zu +achten; doch meinte er, sie seien ihm ungünstig. Zugleich fragte er +auch bei vielen an, ob die Macht des heiligen Martin sich neuerdings +an Wortbrüchigen kund gegeben habe, und ob einen sofort die Rache +ereile, wenn man denen, die ihre Hoffnung auf den Heiligen setzten, +Leid anthue. Ohne die Leute von Chateau Dun abzuwarten, begab er sich +sofort zu der heiligen Kirche, machte sich an Eberulf und hob an, ihm +zu beteuern und ihm bei allen Heiligen und der Wunderkraft des seligen +Bischofs, an dessen Grabe sie ständen, zu schwören, Niemand werde +ihm treulicher in seinen Sachen beistehen als er, so könne er seine +Händel mit dem Könige leicht zu einem guten Ende führen. Sich selbst +sagte er: »Fange ich ihn nicht durch falsche Schwüre, so bekomme ich +ihn nicht in meine Gewalt«. In der That faßte Eberulf auf die vielen +Eide, in der Kirche, im Säulengange und an andern heiligen Stellen +Vertrauen. Er selbst hatte die Sakristei mit einer Wohnung in dem an +die Kirche anstoßenden Gebäude vertauscht. Dort zechten er und Claudius +mit einigen Bürgern von Tours. Nach dem Mahl gingen er und Claudius in +der Vorhalle auf und nieder und gelobten sich unter Eidschwüren Liebe +und Treue. Plötzlich sagte Claudius: »Ich möchte wohl noch einen Trunk +in deiner Wohnung thun, falls du süß gewürzte Weine hast oder die Güte +haben solltest, einen starken Wein zu beschaffen.« Eberulf freute sich: +daran fehle es nicht; und er schickte seine Diener aus, einen nach dem +andern, stärkere Weine zu holen, italienische Weine. Als nun Claudius +ihn allein und von seinen Dienern verlassen sah, hob er seine Hand +gegen die Kirche auf und sprach: »Hochheiliger Martin, laß mich bald +mein Weib und meine Kinder wieder sehen«. Der entscheidende Augenblick +war da. Der Elende wollte hier in der Vorhalle morden, fürchtete aber +doch die Macht des heiligen Bischofs. Da griff einer unter den Dienern +des Claudius, ein handfester Mensch, zu, packte Eberulf von hinten +mit kräftigen Armen, bog ihm die Brust zurück und hielt ihn so zum +Todesstoße bereit. Claudius zog das Schwert aus dem Wehrgehänge und +holte aus. Aber auch Eberulf hatte seine Waffe entblößen können und +war zum Stoße fertig. Als nun Claudius die Rechte erhob und ihm einen +Hieb in die Brust versetzte, stieß auch er behende ihm die Spitze des +Schwertes in die Achselhöhle, zog das Schwert wieder an sich, holte +abermals aus und hieb Claudius den Daumen ab. Darauf eilten dessen +Diener mit Schwertern herbei und verwundeten Eberulf des weiteren. +Er suchte ihren Händen zu entwischen und zu fliehen, obwohl er schon +ganz entkräftet war. Da entwanden sie ihm das Schwert, versetzten ihm +einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, das Gehirn spritzte heraus, er +brach zusammen und war tot. Vom Heiligen verdiente er nicht gerettet +zu werden; denn er hatte sich niemals darauf verstanden, ihn gläubig +um Beistand anzurufen. Claudius jedoch eilte voll Furcht zu der Zelle +des Abtes und verlangte Schutz. Der Abt hatte Bedenken. Da rief +Claudius: »Ein ungeheures Verbrechen ist begangen und kommst du uns +nicht zu Hilfe, so sind wir verloren«. Bei diesen Worten stürmten die +Diener Eberulfs mit Schwertern und Lanzen heran, und da sie die Thüre +verriegelt fanden, schlugen sie die Glasscheiben der Zelle ein, warfen +ihre Lanzen durch die Fenster in der Wand und durchbohrten Claudius, +der schon halb entseelt war, mit dem Speere. Seine Diener aber +verkrochen sich hinter der Thüre und unter die Betten. Den Abt nahmen +zwei Geistliche in die Mitte und zwischen den Spitzen der Schwerter kam +er nur mit Mühe und Not lebend von dannen. Die Thüren wurden geöffnet; +die Masse der Kämpfenden drang herein. Auch machten sich einige von den +Hausarmen der Kirche und den andern Almosenempfängern daran, das Dach +der Zelle abzureißen, da hier eine solche Greuelthat geschehen war. +Besessene und armes Volk liefen mit Steinen und Knütteln herbei um die +Beschimpfung der Kirche zu rächen. Die Flüchtlinge wurden aus ihrem +Versteck hervorgezogen und grausam erschlagen. Der Fußboden der Zelle +schwamm in Blut. Ihre Leichname wurden herausgeschleppt und blieben +nackt und bloß auf der kalten Erde liegen. Die Mörder aber entwischten +während der Nacht mit der Beute. Als dieser unerhörte Skandal sich +zutrug, war der Bischof eben sechs deutsche Meilen weit über Land +gegangen. Auch der König geriet bei der Nachricht in gewaltigen Zorn, +beruhigte sich aber, als er genaue Kunde erhielt. Eberulfs bewegliche +und unbewegliche Habe und was dieser von seinen Vorfahren ererbt hatte, +schenkte der König seinen Getreuen. Das Weib des Unglücklichen fiel arm +und bloß der Martinskirche zur Last[261-a]. + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Amulet und Fluidum. + + +1. + +Gab es auch unzählige Reliquien und war noch obendrein der einzelnen +ein ansehnlicher Bannkreis umgeschrieben, in dem sie selbst auf +Entfernung wirkte, so war doch dem unersättlichen Verlangen der Leute +nach dem Beistand der Heiligen noch nicht genug gethan. Für Fälle, wo +ein Kirchgang zu umständlich war, besaß man Angebinde vom Heiligen +für den Hausgebrauch. Das konnten einfach Reliquien sein oder Teile +von solchen, die mit dem profaneren Zweck dann auch die Prätension +fallen und eine Berührung mit dem Alltagsmenschen geschehen ließen. +Immerhin fanden sich diese zu Amuleten erniedrigten Reliquien doch nur +selten, in den Händen von Priviligierten, vor. Am nächsten lag es, +Reliquien einer Hauskapelle bei gelegentlichem Bedarf vorübergehend +als Amulet zu verwenden. Ein Bürger von Saintes, Cardegisel mit dem +Uebernamen Gyson, lud Gregor zu sich ein und führte ihn in den Betsal +seiner Mutter, dessen Altar Martinspfänder enthielt: »Vor drei Jahren«, +erzählte der Herr, »als mein Junge hier noch an der Mutterbrust lag, +wurde er krank und nahm keine Nahrung. Tagelang ging es so. Am sechsten +legten wir ihn auf den Altar. Ich konnte es nicht mehr aushalten und +sagte meiner Frau, ich ginge über die Zeit weg, sie sollte den Kleinen +dann begraben. Das Kind lag bis zum Abend. Plötzlich drehte es sich +dann und rief: ›Wo bist du, Schwesterchen‹. Nach Kinderart rief es der +Mutter so. Sie nahm es auf den Arm und es ließ sich von ihr stillen. +Und so bald es trank, wurde ihm besser[262-a]«. Ein ander Mal, als +Gregor sich in Reims befand und in der Sakristei auf den Bischof +wartete, stellte sich ihm der Referendar des verstorbenen Sigibert +vor, Siggon, der an einem Ohr gar nicht und am andern schlecht hörte. +Dieser hatte den Bischof von Tours kaum verlassen und ein paar Schritte +in der Kirche gethan, so bekam er Ohrenbrausen und hörte wieder. Er +kehrte zu Gregor zurück um sich zu bedanken, drei Tage lang habe er +an dem Ohr nichts mehr gehört; aber über dem Gespräche habe er es +sich lösen gespürt. Da gestand ihm Gregor, er sei verwegen genug, +Martinsreliquien auf sich zu führen; ihnen gebühre also der Dank +des Geheilten[262-b]. Gregors Mutter besaß Reliquien des Euseb von +Vercelli. Einst an einem Winterabend hatte sie bis tief in die Nacht +hinein am Kamin in fröhlicher Gesellschaft gesessen. Die Dienstboten +waren bereits schlafen gegangen, und sie selbst legte sich dann hin, +ohne auf das große, noch glühende Holzscheit weiter acht zu geben. Da +stiegen denn einzelne Gluten in die Höhe und steckten das Deckengetäfel +in Brand; wunderbarerweise, und daran waren eben die in der Nähe +befindlichen Reliquien schuld, drangen die Flammen nicht der Höhe zu +durch das Gebälk, sondern hingen wie kleine Feuerflocken harmlos dort +oben und liefen der Einfassung entlang, ohne Schaden anzurichten. Die +Mutter erwachte, rief das Gesinde, und der Hausbrand wurde mit Wasser +gelöscht[262-c]. Es war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in +Gregors Familie. Vom verstorbenen Vater her wurde ein goldenes Etui +mit anonymer Heiligenasche hoch in Ehren gehalten; er hatte es sich +als junger Mensch verschafft, als er eben verheiratet von Theudeberts +Standesoffizieren zum Kriegsdienst ausgehoben wurde. Er dankte ihnen +sein Leben, sowie manche Bewahrung vor Diebsgefahr und Wetterschaden, +ja auch vor der Anfechtung der eigenen Sinne. Nach seinem Tode trug sie +die Witwe, an einem Halsband über der Brust. Zur Erntezeit, als es mit +einem Male kalt wurde und die Schnitter unvorsichtig ein Strohfeuer +ansteckten, das um sich griff und die umliegenden Garbenhaufen +bedrohte, fuhr die Mutter auf das Rufen hin vom Tisch auf und streckte +ihr Amulet nach dem Feuer hin, daraufhin erlosch es alsbald. Später +bekam Gregor diese Leibreliquien und verscheuchte auf einem Ritt von +Burgund in die Auvergne ein aufsteigendes Gewitter damit[263-a]. Aber +eben nur reiche Leute konnten sich diese echten Heiligenpfänder als +Lebensversicherung überhaupt gönnen. + +Dem Volk war deshalb die Vergünstigung des Amuletes keineswegs +erschwert, da die Mitteilbarkeit der Reliquienkraft unerschöpflich war +und die übertragene der ursprünglichen in der Wirkung nicht nachstand. +Hatte erst einmal eine Reliquie einen Raum mit ihrem heiligen Fluidum +von Grund aus durchdrungen, so konnten an dem so imprägnierten Orte +ungezählte Amulete gewonnen werden. »Von dem Grabsteinpulver oder dem +Kerzenwachs eines solchen Ortes sich etwas mitzunehmen, befähigt zu +Kraftthaten, die unablässig geschehen sind, oder noch geschehen und +die kein Mensch auf der Welt aufzuzählen im Stande ist[263-b]« — in +diesen Worten Gregors spricht es sich aus, daß vom Heiligengrab aus +ein unversieglicher Strom von Kräften nicht nur, sondern auch von +neuen Kräftequellen seinen Anfang nahm. Auch der geringe Mann war +in den Stand gesetzt, sich sein Amulet selbst zu bereiten und einen +Behälter der Heiligenkraft in seiner nächsten Nähe zu führen. Der +populärste Bezugsort dafür waren nun eben die Heiligengrabsteine, an +denen man sich nur etwas Pulver abzuschaben brauchte, um zu haben, was +man wünschte. Weil dieses Grabsteinpulver so leicht herzustellen war, +stand es im Vordergrunde aller Heiligenangebinde; überdies hatte es +vor andern Amuleten noch die Eigenschaft voraus, daß es meistens mit +Wein oder Wasser angemacht innerlich genommen und somit noch obendrein +des Zutrauens teilhaftig wurde, das kranke Leute einem Medikament +entgegenbringen. Wie man damals von einer solchen Prise Staubes dachte, +muß gerade darum deutlich werden, weil uns diese Wertschätzung heute +so unglaublich scheint; und so sei denn die Lobeserhebung, die Gregor +dem Grabsteinpulver widmet, im Wortlaut mitgeteilt: »O unbeschreibliche +Mixtur!« ruft er aus[263-c], »unaussprechliche Spezerei, Gegengift, +über alles Lob erhaben! Himmlisches Abführmittel, wenn ich mich des +Ausdrucks bedienen darf, das alle ärztlichen Rezepte in den Schatten +stellt, jedes Arom an süßem Duft übertrifft und stärker ist als alle +Essenzen, das den Unterleib reinigt wie Skammoniensaft, die Lunge wie +Ysop und den Kopf wie Bertramswurz, aber eben nicht allein die siechen +Glieder wiederherstellt, sondern, was viel mehr wert ist, die Flecken +vom Gewissen hinwegwäscht!« Neben dem Steinpulver fand das Wachs, das +auf den Gräbern von den Votivkerzen vertropft war, oder Reste dieser +Kerzen selbst den meisten Anklang. Wachs kannte selbst zwar nicht +eingenommen werden, dagegen wurde die Dochtasche pulverisiert und auf +dieselbe Weise als Medikament verwendet[264-a]. Wenn solche Amulete +gewonnen wurden, wirkten sie anfangs etwa auch noch mit der drückenden +Kraft der Vollreliquie. »Geh zur Kirche des seligen Julian«, sagte +Aridius zu einem Priester, »bete dort und ersuche dann die Kirchenhüter +dir ein wenig Wachs oder Grabesstaub zu verabfolgen«. Als dieser sie +empfangen hatte, wurden ihm plötzlich die Glieder schwer, er brach +fast zusammen; doch ermunterte er sich ohne Schwierigkeit und konnte +seines Weges gehen. Ein starker Kraftleiter war auch der Vorhang über +dem heiligen Grab. Er besitzt eine den Reliquien vollkommen ebenbürtige +Heilkraft[264-b], er heilt Kopfweh bei bloßer Berührung[264-c], ein +einzelner ihm entzogener Faden, in Kreuzesform aufgelegt, vertreibt +Bauchschmerzen[264-d]. Desgleichen wirkte das Tuch, das eine Reliquie +einhüllte[264-e]. Das Linnen, in dem Marienreliquien geborgen waren, +verbrannte so wenig als der heilige Inhalt. Die Seidendecke, in der ein +Stück heiliges Kreuz eingewickelt gewesen war, ließ Gregor abbrühen +und das Wasser als Heiltrank verwenden[264-f]. Aber wie auch hier die +Steigerung des Amulets zum Medikament stattfand, so konnte umgekehrt +die genossene Hostie gelegentlich als Amulet wirken; die Geschichte +ist zu bezeichnend, um nicht nacherzählt zu werden; sie ereignete +sich zu Gregors Jugendzeit in seiner Heimat. Ein allein reisender +Priester bat an der Hütte eines armen Mannes um ein Nachtquartier. +Nach Clerikerbrauch unterbrach er seinen Schlaf gegen Morgen, um sein +Gebet zu verrichten. Um dieselbe Stunde, kurz vor Tagesanbruch, war +aber auch schon der Bauer aufgestanden, um mit seinem Ochsenkarren +ins Holz zu fahren. Doch wollte er den gewohnten Frühimbiß, den ihm +seine Frau vorsetzte, diesmal nicht einnehmen, ohne daß der geistliche +Herr ihm sein Brot geweiht hätte. Als das geschehen war und er das +Sakrament empfangen hatte, fuhr er von dannen. Noch war es nicht hell +geworden, so kam er an die Schiffbrücke, stieg ab und führte Gespann +und Wagen hinüber. Auf der Flußmitte hörte er plötzlich jemanden sagen: +»Ertränk ihn, ertränk ihn, spute dich!« und darauf jemanden antworten: +»Ich wollte schon. Aber etwas Heiliges steht mir an ihm entgegen. Er +hat das Sakrament empfangen, mußt du wissen«. Der Bauer vermochte +niemanden zu sehen; er begriff, wer gemeint war, bekreuzte sich, dankte +Gott, machte, daß er weiter kam, und gelangte heil ans jenseitige +Ufer[265-a]. Und dann war auch sonst alles und jedes, was nur von +ferne über die Ausrede verfügte, mit dem Heiligen in Berührung gewesen +zu sein, auch wundertätiger Kräfte fähig. Das Oel, das der Priester +Aridius bei seiner Anwesenheit in einem mit Martinsreliquien versehenen +Raum auf sich trug, bewirkte unzählige Heilungen[265-b]. + +Ueberhaupt darf man, wie immer bei Volksvorstellungen, sich über die +nachträgliche Unbestimmtheit in der scheinbar sachgemäßen Gruppierung +nicht wundern. Im Bewußtsein des Volkes war die beobachtete Einteilung +nicht vorhanden: Reliquie war jeder Sitz heiliger Kräfte, ob sie nun +original oder abgeleitet waren, und so kennt Gregor denn auch keine +besondere Bezeichnung für das, was wir als Amulet oder Medaille von +der Reliquie unterschieden haben. Momentane Kombinationen und Einfälle +bereicherten die allgemein umrissenen Typen oft noch durch die +sonderbarsten Beispiele. Gegen kranke Füße versuchte ein bretonischer +Graf Fußbäder in einem als Wanne benutzten silbernen Altargesäß, vor +dessen Größe, nebenbei gesagt, uns die Möglichkeit einer derartigen +Verwendung nicht geringe Achtung einflößen mag; auf diesen famosen +Gedanken war einer aus dem Gesinde geraten, nachdem sein Herr all +sein Gut für die Rechnungen der Aerzte aufgebraucht hatte. Aber die +Profanation bekam dem Grafen schlecht; die Schmerzen nahmen zu und +hinderten ihn nun vollends am Gebrauch seiner Füße zum Gehen. Derselben +Manipulation soll sich ein Herzog der Longobarden mit dem gleichen +Mißerfolg unterzogen haben[265-c]. Wo indessen der Anstand nicht auf +dem Spiele stand, konnten wohl Kirchengerätschaften ohne Nachteil zum +Zweck der Übertragung des Fluidums zu Hilfe genommen werden. Bei einer +Pferdekrankheit im Bezirk Bordeaux impfte man die Tiere, indem man +ihnen den Bart des Schlüssels der Domänenkapelle auf das Fell brannte; +die Erkrankten wurden gesund, die Gesunden erkrankten nicht[265-d]. Ein +ander Mal errang das Amulet landwirtschaftliche Erfolge, indem ein mit +dem Wachs von Martinskerzen bestrichener Fruchtbaum vom Hagelschlag +verschont blieb[265-e]. Die Dehnbarkeit des Begriffs kannte eben keine +Grenzen; war kein Grabsteinpulver zu haben, so that schließlich ja auch +eine Prise Staubes vom Fußboden der Kirche denselben Dienst[265-f]. + +Das Amulet war auf würdelose Ausführung ebenso empfindlich, wie +die Reliquie selbst und rächte pietätlose Behandlung. Nunnius, der +Steuereinnehmer der Königin Theudechilde, meinte es zwar redlich, +machte aber nach Soldatenart keine Umstände, auch dem Heiligen +gegenüber nicht. Als er vor dem Grabe des Germanus von Auxerre von +einem langen Gebete aufstand, zog er einfach vom Leder und schlug +mit seinem Säbel auf den Grabstein los, immerhin erst, nachdem er +sich vergewissert hatte, es sehe niemand zu. Ein kleines Stück Stein +war abgesprungen; als er aber das Amulet zu sich steckte, wurde er +erzsteif und konnte kein Glied mehr rühren, bis er Buße that und sein +frivol erworbenes Gut als Reliquie einer Kirche in Verschluß zu geben +gelobte[266-a]. Daß das nicht genügend in Ehren gehaltene Amulet +schadet, erfuhr auch einer von Gregors Leibeigenen. In einer Anwandlung +von Verehrung für Martin und durch seinen Herrn Gregor in seiner +Absicht ermuntert, nahm er einen Spahn vom Holz des Bettes in Candes, +auf dem Sankt Martin gestorben war, und hob es in seiner Wohnung auf, +daß es ihm Heil bringe. Aber die Aufmerksamkeit muß nachgelassen haben +und das Amulet unter gewöhnlichen Hauskram geraten sein, plötzlich +wurde die ganze Familie krank. Gregor dachte gleich, was etwa schuld +sein möchte, und richtig, in einem schrecklichen Traumgesicht bekam der +Knecht zu hören: »Der Holzspahn vom Bette des Herrn Martin, auf den du +nicht genügend Acht gibst, ist die Ursache deiner Leiden. Uebergieb +ihn lieber dem Diakon Gregor, daß er ihn bei sich verwahre«. Und von +dem Augenblick an, da der heilige Spahn an einem ihm gebührenden Orte +untergebracht war, wurde der Hörige und sein ganzes Haus gesund[266-b]. + +Nun sei der Kreislauf unserer Beobachtungen abgeschlossen durch zwei +Fälle, die zeigen, wie ein an sich durchaus profaner Gegenstand +lediglich durch Aufnahme des heiligen Fluidums schließlich zur +Vollreliquie werden kann. Motharius, ein Bürger von Tours, im Begriff +an den Hof zu reisen, setzte seine Reisezehrung, Brot und Wein, am +Heiligengrabe aus, und als er dann unterwegs bei Gastfreunden abstieg, +schrie die Frau des Hauses, die schwermüthig war, angesichts seines +Gepäcks: »Warum verfolgst du uns, o Heiliger! Warum quälst du uns, +Diener Gottes!« Als ihr aber Wein und Brot vermischt eingegeben wurde, +bekam sie einen Blutsturz, der sie von dem bösen Geist befreite; ebenso +half dasselbe heilige Medikament einer Frau vom Fieber[266-c]. Was +jedoch hier mehr als ein zufälliger Vorfall erscheint, tritt anderswo +als beabsichtigter und alsdann gelungener Versuch auf, für eine echte +Reliquie Martins, einen ebenso kräftigen Ersatz herzustellen. Es +handelte sich freilich auch um nichts geringeres als um den Uebertritt +des suevischen Königshauses zum Katholizismus, wozu die Krankheit des +Königssohnes die Veranlassung gab. Der König fragte seine Umgebung: +»Sagt doch, welcher Religion gehört schon jener Martin an in gallischen +Landen, von dessen Heilerfolgen man schon so viel spricht?« Dann +versuchte er es mit großen Weihgeschenken, so viel Gold und Silber +als der Kranke selbst wog, ließ er nach Tours bringen. Aber die +Genesung geriet nur halb. Da baute er Sankt Martin eine Kirche, und +stellte seine Bekehrung in Aussicht, wenn er nur eine Martinsreliquie +erwerben könnte. Nun bot man seiner zweiten Gesandtschaft in Tours die +üblichen und als wirksam bekannten Heiligenunterpfänder an. Aber sie +hatten den Eigensinn, sich ihr Amulet selbst anzufertigen und baten +um die Erlaubnis, eigene Gegenstände auf das Grab legen zu dürfen und +diese dann, falls die Füllung gelinge, mit nach Hause zu nehmen. So +deponierten sie ein Stück Seidenstoff auf dem Grabaltar und beteten die +ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen legten sie, nach einem auch zu +Rom am Grab der Apostel üblichen Verfahren, es auf die Wage, und siehe +da! der Pfundstein in der Gewichtschale hob sich alsbald so hoch in die +Luft, als die Stange überhaupt drehbar war; so schwer war der Stoff von +der Gnade des Heiligen geworden. + + +2. + +Aber selbst mit allen nur erdenklichen Ableitungen auf fremde Stoffe +war dem heiligen Fluidum seine letzte Schranke noch nicht gesetzt. Wir +müssen zu der Beobachtung fortschreiten, daß für eine solche Anschauung +der Dinge eben auch das, was wir Geist nennen, etwas stoffliches war. +Der Verkehr des fränkischen Christen mit Gott ging rein materiell vor +sich durch Gebet, Kreuzeszeichen und Anrufung des heiligen Namens. +Sie wirken nicht anders als Reliquien und sind in der That weiter +nichts, als Kraftsurrogate in Abwesenheit eines massiven Kraftherdes; +während sonst bei einer großen Feuerbrunst mit Reliquien vorgegangen +wird, betete in einem ähnlichen Fall das zu Bordeaux versammelte Volk +zu Martin und erzielte auch so den Stillstand der Flamme[267-b]. Vom +Kreuzeszeichen sagt Gregor: »Bekreuzt man flink und ohne sich zu +besinnen Stirn und Brust mit diesem heiligen Zeichen, so vermag man +dem Uebel als Märtyrer entgegen zu treten; haben doch die Märtyrer +selbst, mit denen Gott kämpfte und triumphierte, ihre glorreichen +Siege nicht anders davon getragen, als durch den Beistand Gottes und +das Kreuzeszeichen, aber ja nicht durch ihre eigenen Kräfte«[267-c]. +Der Heiligenname, besonders wenn er bei der Festverlesung der Vita zum +ersten Mal über die Lippen des Vorlesers tritt, löst ungemein leicht +Wundervorgänge unter den Zuhörern aus! Hiezu kommt die grobsinnliche +Behandlung des Bibelstudiums. Wenn man gegen die Arianer und Juden +so viel Bibelstellen als möglich ins Feld führte und sich weiter um +dialektische Künste nicht kümmerte, so geschah das eben in erster +Linie im Glauben an die Amuletkraft des Bibelspruchs. Noch deutlicher +tritt das beim Schriftorakel zu tage, dem sogenannten »Däumeln«. Ein +Beispiel. Im Jahre 557 belagerte Chlothars jüngster Sohn Chramm, der +sich wider seinen Vater ein erstes Mal empörte, Châlons und schlug sein +Lager vor Dijon auf. Da flehten die Geistlichen dieser Stadt zu Gott, +er möge ihnen enthüllen, welchen Ausgang es mit Chramm haben werde. Sie +legten, der damaligen Sitte gemäß, noch drei Bücher auf den Altar, die +Propheten, den Apostel und die Evangelien, und nun sollte ein Jeder, +was er zuerst aufschlüge, auch bei der Messe lesen. Das Orakel lautete +bei den Propheten: »Warum hat er Herlinge gebracht, da ich wartete, daß +er Trauben brächte« —; beim Apostel: »Werden sie sagen: Es ist Friede, +es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen« —; +beim Herrn im Evangelium: »Und wer diese meine Rede höret und thut sie +nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den +Sand baute«. Chramm aber kam bis zu den Kirchen vor dem Thor, Sankt +Benignus und Sankt Johann, wurde dort von Tetricius empfangen und mit +dem Abendmahl versehen; aber die Erlaubnis, Dijon zu betreten, wurde +ihm auf das ungünstige Orakel hin nicht erteilt[268-a]. + +Heilig sein heißt also, mit Himmelskraft geladen sein. Die Gesinnung +des Trägers konnte an dem objektiven Gehalt des Heiligtums nichts +ändern. Deshalb hat es seine besonderen Schwierigkeiten auf sich, +Gaukler und Schwindler, die mit heiligen Gegenständen Unfug trieben, +zu überführen und zu entlarven. Des charakteristischen Hintergrundes +wegen, den unsere bisherigen Ausführungen dadurch erhalten, fügen wir +hier eine längere Schilderung Gregors im Wortlaut ein: »Es kam ein +großer Betrüger nach Tours, der Viele durch seine Arglist täuschte. Er +trug einen Rock ohne Aermel und darüber einen Mantel von Baumwolle, +in der Hand führte er ein Kreuz, von dem Fläschchen herabhingen; +diese Fläschchen enthielten nach seiner Angabe heiliges Oel. Er gab +vor, er komme aus Spanien und bringe die Reliquien der hochheiligen +Märtyrer Vincentius und Felix. Da es aber bereits Abend war, als +er zu der Kirche des heiligen Martin kam und wir schon beim Mahle +saßen, schickte er zu uns und sprach: ›Man empfange die heiligen +Reliquien‹. Da es aber schon zu spät war, ließ ich ihm sagen: ›Man +lasse die heiligen Reliquien auf dem Altare ruhen, bis wir am Morgen +zu ihrem Empfang ausziehen‹. Aber schon beim Anbruch der Dämmerung +erhob er sich und zog, ohne uns zu erwarten, mit seinem Kreuze ein +und trat in unsere Zelle. Ich war ganz erstaunt und verwundert +über sein unbesonnenes Verfahren und fragte ihn, was dies bedeuten +solle. Er antwortete mir hochmütig und mit stolzem Tone: ›Du hättest +mir einen besseren Empfang bereiten sollen. Aber ich werde es König +Chilperich hinterbringen; er wird die Geringschätzung, mit der ich +behandelt bin, ahnden‹. Darauf ging er in die Kapelle und sprach, mich +hintansetzend, den ersten, zweiten und dritten Spruch der Agende, +begann selbst das Gebet und brachte es zum Schluß, erhob wiederum sein +Kreuz und ging von dannen. Seine Rede war ungebildet, seine Aussprache +garstig, breit und häßlich, auch ging kein vernünftiges Wort aus +seinem Munde. Er kam bis nach Paris. Es wurden aber gerade zu dieser +Zeit die öffentlichen Bettage gefeiert, die vor dem heiligen Tage der +Himmelfahrt abgehalten zu werden pflegen. Als nun Bischof Ragnemond +mit seiner Gemeinde feierlich aufzog und die heiligen Stellen der +Stadt besuchte, kam dieser Mensch mit seinem Kreuz an und zeigte sich +dem Volke in seiner ungewöhnlichen Tracht. Es sammelte sich alsbald +um ihn ketzerisches Gesindel und Weiber niederen Standes. So bildete +er sich ein Gefolge und wollte mit dieser seiner Schaar ebenfalls an +den heiligen Stätten Umzug halten. Der Bischof sandte aber, als er +dies sah, seinen Archidiakon zu ihm und sprach: ›bringst du Reliquien +der Heiligen, so lege sie für einige Zeit in einer Kirche nieder und +feiere die heiligen Tage mit uns, ist aber das Fest vorüber, so magst +du deiner Straße weiter ziehn‹. Doch er achtete dessen, was ihm der +Archidiakon meldete, nicht, sondern stieß vielmehr Schmähungen und +Verwünschungen gegen den Bischof aus. Da nun der Bischof merkte, es +sei ein Volksverführer, ließ er ihn in eine Zelle sperren. Und als +man die Sachen untersuchte, die er bei sich hatte, fand man einen +großen Sack, der war mit Wurzeln unterschiedlicher Kräuter angefüllt, +auch waren Maulwurfszähne, Mäuseknochen, Bärenklauen und Bärenfett +darin. Da dies nun augenscheinlich Zaubermittel waren, ließ man es +alles in den Fluß werfen, nahm ihm sein Kreuz und verbannte ihn aus +dem Gebiet der Stadt Paris. Dennoch ließ dieser Mensch abermals sich +ein anderes Kreuz machen und fing sein altes Treiben wieder an; da +nahm ihn der Archidiakon fest, ließ ihn mit Ketten binden und in den +Kerker werfen. Zu dieser Zeit kam ich selbst nach Paris und hatte +meine Herberge bei der Kirche des heiligen Märtyrers Julianus. Und +in der folgenden Nacht brach jener Bösewicht aus seinem Kerker und +flüchtete sich, noch mit Ketten geschlossen, zu der genannten Kirche +des heiligen Julianus, wo er gerade an der Stelle niedersank, wo ich +mich aufzustellen pflegte; von Müdigkeit und Wein überwältige schlief +er dort ein. Wir wußten nicht was geschehen war, und als wir uns um +Mitternacht erhoben, den Gottesdienst zu halten, fanden wir ihn dort +schnarchend. Es ging aber ein solcher Gestank von ihm aus, daß der +Gestank aller Cloaken und Abtritte nichts dagegen ist und wir vor +Gestank nicht in die heilige Kirche treten konnten. Es hielt sich +daher einer der Geistlichen die Nase zu, trat an ihn heran und suchte +ihn aufzuwecken, aber umsonst, so betrunken war der Bösewicht. Darauf +traten vier Geistliche heran, packten ihn mit den Händen und warfen +ihn in einen Winkel der Kirche. Wir holten Wasser, wuschen den Boden +ab und streuten wohlriechende Kräuter darauf, dann erst traten wir +ein, um die Gebete abzuhalten. Aber auch trotz unseres Singens wachte +er nicht eher auf, als bis der Tag anbrach und die Sonne höher am +Himmel emporstieg. Darauf überlieferte ich ihn dem Bischof unter der +Bedingung, daß ihm kein Leid geschehe, weil er nämlich in der Kirche +gefunden worden war. Als aber die Bischöfe in der Stadt zusammen kamen +und ich beim Mahle dies erzählte, befahlen wir ihn vorzuführen, um +ihm Vorstellungen zu machen. Als er nun vor uns stand und der Bischof +Amelius von Tarbes seine Augen erhob, erkannte er in ihm einen seiner +Diener, der entlaufen war; da gab man ihn unter der Bedingung, daß +ihm kein Leid geschehe, zurück, und er nahm ihn mit sich in seine +Heimat. Sieben Jahre später zeigte sich in der Stadt Tours ein anderer +großer Betrüger mit Namen Desiderius, der vorgab, er sei etwas Großes +und könne viele Wunder thun. Auch rühmte er sich, es liefen Boten +zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich +nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk ihm zu, und sie +brachten ihm Blinde und Kranke. Er aber suchte sie nicht durch frommes +Gottvertrauen zu heilen, sondern vielmehr durch Höllentrug und List zu +verderben. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit +Gewalt ausrecken, gleich als ob er die, für deren Heilung die göttliche +Wunderkraft versage, aus seiner eigenen Macht herstellen könnte. Es +ergriffen nämlich einige seiner Diener die Hände der Menschen, andere +die Füße und zogen sie nach verschiedenen Richtungen so stark, als +müßten die Sehnen reißen. Wurden sie nicht geheilt, so ließ er sie +für tot liegen. Viele kamen durch diese Marter um das Leben. Ja der +Bösewicht war unverschämt genug, zu behaupten, Sankt Martin sei weniger +als er und sich den Aposteln an die Seite zu stellen. Wenn einer auch +in weiter Ferne und im Geheimen ihm etwas Böses nachgesagt hatte, +warf er ihm dies vor der Menge sofort vor und sprach: ›Dies und das +hat jener Mensch von mir gesagt, das meine Heiligkeit verunglimpft‹. +Das konnten ihm nur die bösen Geister verraten haben. Er trug eine +Kapuze und einen Rock von Ziegenhaaren; vor den Augen der Menschen +war er enthaltsam in Speise und Trank, im Geheimen aber, wenn er in +die Herberge kam, stopfte er sich so voll, daß der Aufwärter nicht so +viel bringen konnte, als er verlangte. Als jedoch seine Betrügerei +entdeckt und von den Unsrigen an den Tag gebracht war, wurde er aus dem +Stadtgebiet verwiesen. Wir haben auch in der Folge nicht in Erfahrung +gebracht, wohin er gekommen ist. Er pflegte aber zusagen, er sei ein +Bürger der Stadt Bordeaux. So giebt es viele solche Verführer, die +nicht ablassen, das unwissende Volk in Irrtum zu verlocken[271-a].« + +Und doch ist mit Gregors Schilderungen der tiefste Punkt der +grobsinnlichen Auffassung dieser Dinge und des naiven Glaubens, den sie +voraussetzt, keineswegs erreicht. Zu Ende der Merowinger Zeit nehmen +sie gelegentlich geradezu groteske Formen an. Der Pippin dem Mittleren +gleichgestellte Führer des austrasischen Heerbanns, Martin, wurde von +Abgesandten seines Feindes Ebroin auf meuchlerische Weise gemordet. +Die Boten waren zwei hohe Geistliche, Aegilbert Bischof von Paris und +Reolus Bischof von Reims. Sie sicherten ihm Leben und freies Geleite zu +und schlugen ihn dann tot. Ihre schweren Eide waren doch nicht bindend. +Man hatte aus dem Reliquienkasten, auf den geschworen wurde, vorher +die heiligen Knochen herausgenommen[271-a]! Eine andere sprechende +Begebenheit war harmloser in ihren Folgen. Ihre Träger kamen auch nicht +aus Paris, sondern aus Oberbayern. Die Gründer der Salvatorkirche von +Tegernsee sandten Knechte nach Rom, um Reliquien des Märtyrers Quirinus +zu holen. Sie brachten dem Papst allerlei Geschenke und erschlugen noch +obendrein ein Heer ihm unangenehmer Heiden, das Rom belagerte. Und +doch gab ihnen dieser nur mit schwerem Herzen den kostbaren Schatz, +den sie haben wollten. Er verschloß den Schrein mit seinem Siegel und +verbot, es zu erbrechen. Unterwegs als sie auf dem Apennin rasteten +und wahrscheinlich über den Durst getrunken hatten, fragten sie sich: +»Warum hat er uns eigentlich verboten, den Sarg zu öffnen«? Schließlich +wollten sie wissen, was sie schleppen mußten, und machten auf. Alsobald +Feuer und Blitz und Donner! Der heilige Vater hatte sie nämlich nicht +zum Besten gehalten[271-b]. + + + + +Sechster Abschnitt. + +Das Wunder. + + +In der fränkischen Volksreligion, wie in der vormodernen Vulgärreligion +überhaupt, tritt das Wunder nicht auf als übernatürliche Durchbrechung +der Naturgesetze; es wird gar nicht als vereinzeltes erstaunliches +Ereignis gewertet, sondern als die aus ihrem Zusammenhange heraus +selbstverständliche Funktion einer zweiten, höheren Welt, die ihren +eigenen Gang geht und ihre eigene Sprache spricht. Gregor kann daher, +ohne sich zu widersprechen, den von ihm erzählten Wundern nachrühmen, +sie seien gegen die Natur geschehen und doch nicht gegen die Vernunft. +Wir dürfen uns nicht begnügen, die Realität geschildert zu haben, die +dem Reliquienglauben innewohnte; es gilt auch von jener Wunderwelt +selbst ein Bild zu entwerfen, wie sie denen, die an sie glaubten, +erschien und wie sie auf sie wirkte. Kam aber das Wunder weit weniger +als einzelnes Faktum in Betracht, vielmehr als Sauerteig der gesamten +Anschauungsweise gegenüber der Welt und den Dingen, so begreifen +wir, warum uns die diesen Wunderglauben vermittelnden Schriften +so schwer verständlich, ja uns kaum mehr zugänglich sind. Mit der +zwingenden Macht einer Logik löste eben der Heiligenglaube spielend +Gedankenverbindungen aus, die für uns absurd sind, ihm aber durch die +höhere, durch die Wundervernunft von vornherein zulässig schienen. +Bekam ein Heiliger, ein lebender oder ein toter, mit Wein oder Oel +zu thun, so wäre es umgekehrt verwunderlich, wenn Oel und Wein sich +dann ~nicht~ vermehrt hätten: denn dann wäre es ja eben kein Heiliger, +sondern ein gewöhnlicher Mensch gewesen; die Folgerung, daß diese +wunderbare Vermehrung stattgefunden habe, stellte sich in Folge dessen +als etwas ganz selbstverständliches ohne weiteres ein. Und darin liegt +weitaus die Hauptschwierigkeit, auf die ein historisches Verständnis +des Heiligenglaubens stößt. Mit dem einzelnen Wundervorgang, sobald +er scharf umrissen vorliegt, kann man zur Not fertig werden; aber +völlig labyrinthisch wird die Gewalt des Wunders durch solche +geheime subcutane Schiebungen und Verknüpfungen. Sie machen die +Heiligenlitteratur zu jenem Nebellande, wo auch der Kundige sich nie +sicher auskennen wird. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Die Erscheinung. + + +War der Heilige »von der Tiefe seines Grabes aus«[272-a] so wirksam, +daß er durch die Reliquie die Kirche und durch das Amulet das +Privathaus durchdrang, so müßte es befremden, sähen wir ihn halt machen +und fänden nicht auch draußen in der Natur Spuren seiner Wirksamkeit. +In der That, auch über Wolken, Luft und Winde herrschten die Heiligen; +Feuerflammen waren ihre Diener. Und doch durften nicht ohne weiteres +Naturwunder, die mit Heiligen in Beziehung stehen, auf den Einfluß +der Reliquie zurückgeführt werden, obwohl eine derartige Einwirkung +dabei auch eine Rolle spielt. Vielmehr stehen wir hier nun nicht mehr +auf dem Boden der kultischen Verehrung, sondern auf dem Boden der +mythischen Anschauung. Aber deshalb besteht, was von dem Mangel einer +mythischen Begabung bei den Franken verlautet, doch zurecht. Die +Franken waren ein Volk der That; über ihrem rastlosen Eifer in Dingen +der staatlichen Ausbreitung und Einrichtung kamen ihnen die poetischen +und träumerischen Eigenschaften ihrer politisch nicht so glücklichen +Bruderstämme abhanden. Sie hatten hiefür einfach keine Zeit. Wo also +andere Germanen schöpferisch waren, verhielten sie sich passiv und +ließen sich eben gefallen, was ihnen in dieser Hinsicht zufiel. Waren +sie jedoch in Dingen der höheren, genialen Legende im besten Fall +Banausen, so ging es im Bereich des niederen Aberglaubens, der stets +zu den vitalen Funktionen eines naiven Volks gehört, bei den Franken +mindestens so lebhaft zu, wie anderswo. Solche niedere Mythologie +entsprang nun keineswegs einer Naturanschauung, aber auch nicht dem +Seelenkult, sondern wurzelt in den mannigfachen Erlebnissen, die der +Mensch aus seinem Traumleben bezieht. Wurde nun dieser Aberglaube +von der christlichen Kirche bekämpft und sollte durch den Heiligen +glauben ersetzt werden, so nahm die Lage folgende Gestalt an: die +Welt war von außermenschlichen Mächten erfüllt; diese gehörten zwei +verschiedenen Lagern an, es gab gute Geister und gab böse Geister. Und +wenn nun auch die Teufel und Kobolde sich keineswegs aus Feld und Wald +verscheuchen ließen, so breitete sich doch die Befugnis der Heiligen +über alle Bezirke der Natur aus. Für uns, die wir nun nachträglich +in das alles hineinblicken, nehmen sich die christlichen Heiligen +durchaus als die Störefriede und gewaltthätigen Eindringlinge aus, vor +deren rücksichtslosem Auftreten die früheren Inhaber der Naturgewalt +erschrocken auseinanderstoben. Und die Kraftherde, von denen aus der +gewöhnliche Lauf der Dinge tagtäglich ins Wunderbare und Fabelhafte +abgelenkt wurde, waren allerdings die Kirchen und Heiligenkapellen +[273-1]. + + +1. + +Obschon sich die fränkischen Heiligen weitaus in den meisten Fällen +mit dem kleinen Spuck in Feld und Haus abzufinden hatten, so ragen +doch ihre beiden Führer Martin und Julian in die Regionen der Lüfte +hinan und weisen deutliche Ansätze zu fester mythischer Gestaltung auf. +Und nicht etwa so, daß sie beide allein mit gemeinsamen Eigenschaften +dastünden; vielmehr veranlaßt gerade die durchaus gegensätzliche Art in +ihrem Verhalten zum Wetter, individuelle Züge daran hervorzuheben. + +Als König Theuderich Arvern belagerte und die Umgegend von seinen +Soldaten heimgesucht war, flüchteten die Bewohner sich und ihre Habe in +die Julianskirche. Einer der Soldaten öffnete aber das Kirchenfenster, +stieg ein und entriegelte die verrammelte Thür; seine Kameraden drangen +nach, führten Leute und fahrendes Gut hinaus und teilten alles unter +sich auf. Der König verurteilte die Tempelschänder zum Tode. Als aber +jener Rädelsführer sich aus dem Staube machte, sandte Sankt Julian den +feurigen Strahl vom Himmel, der ihn erschlug. Sei es um den Leichnam +anständig zu bedecken, sei es um die Seele des Uebelthäters an die +Stelle zu bannen und somit unschädlich zu machen, häufte man Steine +auf ihn; aber auch das ehrliche Begräbnis sollte ihm versagt sein; +denn wieder wurde unter Donner und Blitz von elementaren Gewalten der +Steinhügel auseinander gerissen, sodaß die Leiche auch der dürftigsten +Bestattung entbehrte[274-a]. Desgleichen widerfuhr einem andern Feinde +des Heiligen. Als der einmal in Geschäften nach Brioude kam und sich +vor dem Grabmal auf den Boden warf, befiel ihn sofort ein Fieber und +gleich so stark, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Endlich sagten +seine Diener zu ihm: »Was ist dir nur heute? Sonst bist du doch mit +Beten rasch zu Ende«. Er mußte weggetragen und ins nächste Haus +gebracht werden. Dort auf dem Bette gestand er, der Heilige verbrenne +ihn inwendig mit Feuer und gestand warum. Mit schwacher Stimme bat er, +man möge Wasser über ihn gießen. Als das geschah, zischte von seinem +Körper eine Dampfwolke auf wie von einem Ofen; seine Gliedmaßen wurden +schwarz und die Anwesenden konnten den übeln Geruch kaum ertragen, +der von dem Körper ausging[274-b]. Betrugen sich aber die Gläubigen +sittsam, so wendete Julian seine Obmacht zu ihren Gunsten und ließ bei +einem starken Wettersturm den Blitz zu einem Kirchenfenster ein über +sein eigenes Grab hin zum andern Fenster wieder hinausfahren, ohne daß +den Betern auch nur das leiseste geschah. Draußen zündete dann der +Blitz einen Heustock an und erschlug mehrere Haupt Vieh[274-c]. + +Gegenüber Julian, dem aggressiven Gewitterheiligen, dem der Blitz +als Waffe zu Gebote stand, ist Martin der Schutzheilige vor Feuer- +und Wetterschaden. Kerzenwachs aus der Martinsbasilika löscht einen +Brand und schützt gegen Hagel. Ein Gefäß mit Martinsgrabsteinpulver +erweckt einen Gegenwind und schützt das Wohnhaus der Kirche vor der +Feuersbrunst; desgleichen kann der Bischof von Tours, nachdem alles +Wasserspritzen nichts half, ein brennendes Haus löschen, einfach indem +er ein goldenes Kreuz mit Martinsreliquien, das er auf sich trug, in +die Höhe hält[274-d]. Ebenso stillt Martin die Stürme auf der See +und auf Strömen und schützt so als Windheiliger vor Wassernot[275-a]. +Ein ander Mal jedoch, als er durch eine rechtzeitige Ueberschwemmung +der Loire eine Eroberung von Tours verhindert, schützt er durch +Wasser[275-b]. Ueberhaupt ist er Schutzherr vor jeglicher Gefahr. Als +Ammonius, der ›Agent‹ der Martinsbasilika in angeheitertem Zustand +beim Nachhausegehen einen Rain hinunterfällt, ruft er, während er, wie +es heißt, »ohne Flügel hinunterflog«, Martin an; so wird sein Sturz +durch die Baumäste, gemildert und schadlos gemacht[275-c]. Und wenn +gelegentlich auch einmal ein gewisser Desiderius von Arvern Martin +offensive Eigenschaften zuschrieb, indem er sich beklagte, Martin habe +ihm sein Haus angezündet, nun so war das eben ein Besessener, der +so sprach[275-d]. Vielmehr gilt von den beiden Hauptheiligen, denen +Herrschaft über die Elemente zustand, die Regel fast ohne Ausnahme, daß +Julian damit angreift, während Martin davor schützt. + +Zur Erklärung darf man die verschiedene Herkunft der beiden zu Hilfe +nehmen. Julian ist durchaus sagenhaft; es ist wahrscheinlich, daß +überhaupt der Mars- und Merkurdienst, der in Brioude seine besondere +Stätte hatte[275-e], aus Gegensatz dem dortigen Julianskult seinen +Inhalt gab und Sankt Julian seine außergewöhnliche Popularität von +jener Volksgewohnheit aus heidnischer Zeit her bezog, daß er somit +eigentlich zu dem allem nichts als seinen Namen beigetragen, seine +Qualität eines Sturmheiligen dagegen eben einfach von Merkur-Wodan +übernommen hat[275-1]. Jedenfalls ist Mars-Merkur eine lückenlose +Umschreibung für Wodan, insofern Mars die Tiuzelemente des Kriegshelden +und Merkur die ursprünglichen Wodanseigenschaften eines Wind- und +Totengottes wiedergibt. Ob freilich bei Martin wirklich die Erinnerung +an sein Lebenswerk und die darin bekundete Hingebung den milden +Charakter seines kultischen Andenkens bestimmte, wird durchaus nicht +ohne Vorbehalt zu behaupten sein; vielmehr muß auch bei ihm an den +verwandten Zug in der germanischen Mythologie hingewiesen werden, an +die hilfreiche Güte, mit dem sie Wodan und seinen Vorläufer, den großen +Himmelsgott, bedenkt. + +Sonst aber soll man sich wie gesagt hüten, das Arbeitsfeld der +fränkischen Heiligen in den Regionen des oberen Mythus zu suchen. Sie +flogen nicht weit aus und flogen nicht hoch; ihr praktisches Wesen und +ihr Verständnis für die Anliegen des Werktags machte sie jedoch zu +Freunden des kleinen Mannes. Dann aber handelt es sich auch bei Wind, +Feuer und Wasser gar nicht mehr um das physikalische Element, das +sie darstellen. Am ehesten noch wirkt das Feuer rein elementar. Wind +und Wasser jedoch kommen vor allem als die Behausungen neidiger und +bösartiger Wichte in Betracht. Freilich, als der Klausner Hospizius +in Villefranche bei Nizza gestorben war, nahm ein beim Begräbnis +anwesender Andächtiger eine Hand voll Erde vom Grabhügel und mischte +sie unter rohe Asche, die er mit sich führte. Er wollte nach Lerinum, +bestieg aber ein Schiff, das direkt nach Marseille fuhr und die Insel +nicht anlief. Auf der Höhe von Lerinum stand nun das Schiff, ein +jüdisches Kauffahrteischiff, plötzlich still, obwohl der Wind alle +Segel schwellte. Die Juden wußten sich vor Staunen nicht zu fassen; +da sagte jener: »Ich führe Reliquien des seligen Hospizius mit mir +und wünsche in Lerinum auszusteigen. Ich getraute mich nicht, dies +zu sagen; nun aber weiß ich, daß Wunderkraft euer Schiff aufhält, +solange ihr euch nicht bequemt, mich ans Land zu setzen«. Wohl oder +übel entschlossen sich jene, den Curs zu ändern, und kaum hatten sie +die Segel umgestellt, so hob sich die Lähmung des Windes, und als der +Passagier glücklich in Lerinum gelandet war, hinderte nichts mehr +das Schiff am freien Lauf seiner Bestimmung zu[276-a]. Sonst aber +verschmäht es selbst der große gute Martin nicht, gegen den Windzauber +boshafter Luftgeister gnädig beizustehn. Ein Bürger von Bajeux hatte +zu viel Wein getrunken und wurde nun gar noch auf dem Heimweg von +einem Wirbelwind so stark umnebelt, daß er vom Pferde fiel und von +den Seinen bewußtlos aufgehoben wurde. Dann aber befiel ihn Tobsucht; +er mußte gefesselt werden, zweifelsohne von dem bösen Wicht besessen, +der in der Windhose haust. Nach langer Kurzeit in der Martinsbasilika +ging er gesund von dannen[276-b]. In zwei andern Fällen waren von +einer Windhose Ueberfallene blind geworden[276-c]. Martin half sowohl +dem Knaben aus Limoges, als dem überseeischen Fremdling; jener war +zwölf Jahre blind gewesen, dann bewirkte der inbrünstige Besuch beim +Grabe plötzlich den Blutaustritt aus den Augen, der ihn heilte, +während dieser, bereits drei Jahre blind, noch vier Jahre im Heiligtum +zubringen mußte, bis er endlich sah. Sowohl das Kind eines Knechtes +in Anjou, das auf der Straße spielte, als auch ein junges Mädchen von +Tours Namens Viliogundis waren beim Tanzspiel durch aufgewirbelten +Staub um das Sehvermögen gekommen, sie fanden es jedoch wieder bei dem +Heiligen[276-d]. Hier verhält sich Martin überall schützend, indem er +den Schaden des heimtückischen Dämons, der in der Windhose spuckt, wett +zu machen weiß. + +Wie der Wind, so das Wasser. Doch stellt sich dieses von vornherein +in zwei Formen dar, deren eine, die Quelle, schon von alters her als +wohlthätiger Zufluchtsort aufgesucht wurde, während Fluß, See und Meer +ausschließlich Sitze böser Gewalten waren. Beiden aber, und das ist +die Hauptsache, wohnten Geister inne. Orientalische Sagen bilden eine +Art Vorspiel. Zwar darf beim Jordan, dem heiligen Strome der Christen, +von einem Flußgott keine Rede sein; aber dem Wasser war doch so viel +Urteil und Willenskraft eigen, daß beim üblichen Volksbad an Epiphanien +es vor den Füßen eines verbrecherischen Weibes wegfloh, durch diesen +Entzug der Sühne Argwohn erregte und so die achtfache Kindsmörderin +zum Geständnis zwang[277-a]. Ebenso entzieht sich das Taufwasser im +Wunderbecken von Osser einem Diebe[277-b]. Desgleichen fließt das Meer +am Clemenstage an der Stelle drei Meilen weit vom Lande zurück, wo +der heilige Clemens mit einem Anker am Halse ins Meer geworfen worden +war[277-c]. In Brioude entsprang eine glänzende, reiche Warmquelle an +eben dem Orte, wo Julian enthauptet worden war[277-d]. Sie war heilsam +gegen Sonnenstich und Fieber selbst in schweren Fällen[277-e]. Auch +sie hatte der unermüdliche Aridius aufgesucht und eine kleine Flasche +voll daraus geschöpft; bevor er nach Hause kam, war das Wasser in +allen seinen Eigenschaften zu Balsam geworden[277-f]. Derselbe Aridius +von Limoges fand ja auch das Wasser eines Brunnens heilkräftig, den +der heilige Martin gegraben hatte; und wie Sankt Martin einst aus +dürrem Erdreich eine Quelle herausgebetet hatte, so vollbringt er seit +seiner Erhöhung immerfort solche Quellenwunder. Bei Limoges war durch +bösen Zauber eine nützliche viel ausgeschöpfte Quelle verschwunden +und entsprang dann wieder mitten in einem Sumpfe, wo kein Mensch sich +ihrer bedienen konnte. Da ging man mit Clemensreliquien zu Werke, und +die gaben ihr den alten Ursprung wieder[277-g]. Indes steht weniger +die Wohlthat der Quellenerweckung als der Schutz gegen Gefahr bei den +Beziehungen der Heiligen zum Großwasser im Vordergrunde. Zu Ostern +wollte eine Fähre bei Tours Wallfahrer über die Loire setzen, da +kommt der Winddämon einhergefahren; das Fahrzeug schlägt um. Aber +Martin rettet alle, da sie alle zu ihm flehen[277-h]. Als gefährdete +Girondeschiffer von der Mitte des Stromes aus die ängstlich erspähte +Kirche des heiligen Romanus zu Blaye endlich am Ufer erblicken, sind +sie auch schon außer Gefahr[277-i]. Ein Kaufmann aus Trier erzählte der +Aebtissin Agnes aus Poitiers, er sei zum Salzhandel mit einem Schiffe +in Metz gewesen, und habe an der Moselbrücke Abends sich in seinen +Kahn schlafen gelegt und dazu gesagt: »Herr Martin, dir empfehl ich +mich selbst, meine Säcke und das Schiff«. Am andern Morgen erwachte +er in Trier; das Fahrzeug hatte führerlos abwärts getrieben und weder +an den hochgehenden Fluten noch an den felsigen Uferklippen Schaden +gelitten[278-a]. Auch an jenen Bauern ist hier wieder zu erinnern, +der einen Cleriker bei sich über Nacht hatte und ihn am andern Tage +bat, sein Morgenbrot zu segnen. Da er geweihte Speise im Leibe +hatte, konnten ihm dann auch, als er über die Schiffbrücke fuhr, die +ihm auflauernden Flußgespenster zu ihrem Leidwesen nichts anhaben. +Flußheiliger war auch Genesius von Arles. Er hatte einst bei Lebzeiten +die Rhone durchschwommen und wurde, als eine Schiffbrücke weggerissen +worden war, von den Bedrohten mit Erfolg um Hilfe angerufen[278-b]. +Einen fast theoretischen Ausdruck findet diese Anschauung von der +Notwendigkeit des Heiligenschutzes gegenüber den Wassergeistern in +einem Wort, das dem heiligen Andreas in den Mund gelegt wird: »Der +Feind des Menschengeschlechts haust überall, ob nun auf dem Badeplatz +oder auf dem schiffbaren Flusse«[278-c]. + +Andere kleinere Heilige verstanden sich auf Regen- und Schneewunder. +Als Bischof Namacius von Arvern die Agricola- und Vitalisreliquien, die +er sich aus Bologna hatte besorgen lassen, in feierlicher Prozession +einholte, zog sich eine Wetterwolke zusammen, und ein Platzregen +ging mit größter Heftigkeit nieder; eine Jucharte im Umkreis der +Reliquien dagegen fiel nicht ein einziger Tropfen und zwar bewegte +sich dieser Freibezirk mit der Prozession von der Stelle[278-d]. Zu +Utrecht blieb das Servatiusgrab unberührt, als es eines Nachts haushoch +schneite[278-e]. + + +2. + +Nicht nur die Elemente, auch das organische Leben auf der Erde +erschienen dem Naturmenschen begeistet. Unter Umständen schrieb man +schon dem Stein eine Seele zu; jedenfalls aber den Pflanzen sagte man +ein geisterhaftes Wesen nach, einen Dämon, dessen Leben an das Leben +der Pflanze gebunden war; mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er. +In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein +Körper, und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Thier- und +Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr[278-1]. Wie sehr +nun der fränkische Heiligenkult auch auf dieses volkstümliche Bedürfnis +eintrat, zeigt die große Rolle, die in ihm das Floramirakel spielt. + +Wie manchem Heiligen, gleichviel ob hoch oder niedrig ist ein +Pflanzenwunder eigen; schlug ja doch schon die Dornenkrone Christi +täglich neu aus und sproßte am Sockel der Christusstatue, die ihm das +blutflüssige Weib zu Cäsarea Philippi errichtet hatte, ein Kraut +mit der Eigenschaft der Mantelfransen Christi, nur schon bei bloßer +Berührung zu heilen[279-a]. Als Florentian der Major Domus König +Childeberts als Gesandter bei König Miro von Spanien weilte, erzählte +ihm dieser den Vorfall selber[279-b]. Zu der Martinskirche dort führt +eine Weinlaube hin, und als der König einst zur Kirche ging, mahnte +er seine Leute noch ausdrücklich: »Rührt mir ja keine der Trauben +an; sie gehören Sankt Martin«. Aber sein Hofnarr dachte hinter ihm +hertänzelnd: »Was scheert mich das, sobald sie mir schmecken«. Bitter +büßte er; seine Hand erstarrte und er kam auch seelisch so herunter, +daß er sich selbst mit keinen Witzen und Possenkünsten mehr aufhelfen +konnte. Erst des Königs heißes inbrünstiges Gebet vor dem Altar verlieh +ihm die Gesundheit wieder. In der Julianskirche zu Brioude hörte der +Tempelhüter Urbanus eines Nachts ein Geräusch, als öffne sich die +Thüre und nach dem Verlauf einiger Stunden ein anderes, diesmal, als +werde die Thüre geschlossen. Er stand auf, machte Licht und ging zum +Heiligengrabe. Was bekam er da zu sehen? Die Steinplatten des Grabes +waren mit schimmernden Rosen überstreut, großen, roten Rosen von +ungewöhnlich starkem Duft. Sie waren frisch gepflückt; sie mußten in +der Stunde selbst gebrochen worden sein. Ehrfurchtsvoll sammelte der +Sakristan die Blumen, brachte sie in Sicherheit und verwandte sie zur +Heilung von Gebrechen. Einen Besessenen aus Tours, der in Brioude +zu Besuch war, purgierte der Rosenabsutt von seinem Dämon[279-c]. +Die Laurentiuskirche in der italienischen Burg Brionas besaß einen +wunderbaren Balken in ihrem Dachgerüst, der bei der Reparatur als zu +kurz sich erwies und dann auf das heiße Gebet des Priesters vom Patron +mit eigener Hand berührt und verlängert worden war. Ein Spahn von +diesem Holze half vom Zahnweh[279-d]. Bei der Beerdigung des Bischofs +Gallus in der Laurentiuskirche von Arvern bemächtigte sich die Nonne +Meratina einer Erdscholle und hegte sie in ihrem Garten so lange +mit Begießen, bis es Rasen gab; auch dieses Gras war heilkräftig. +Eine der Blumenspenden auf dem Grabe des Gallus heilte unter anderem +den Vorsänger und nachmaligen Presbyter Valentinus[279-e]. In Arles +wurde der Maulbeerbaum, unter dem Sankt Genesius geköpft worden war, +von den zudringlichen Gläubigen zum Stumpf abgeplündert[279-f]. Ein +anderer heiliger Genesius, der von Bigorre in den Pyrenäen, hatte +bei Lebzeiten einen dürren Kastanienbaum[279-g] zum Blühen gebracht, +und seit er im Himmel war, freute sich das Volk auf seinen Tag, +weil dann am Grabstein eine gepflückte verwelkte Lilie und ihr nach +beliebige andere welke Blumen neu aufblühten. Offenbar war diese Art +Blumenwunder lokale Spezialität; denn auch auf dem Severusgrab des +angrenzenden Tarbes blieb das Jahr durch eine dürre Lilie liegen, um +dann am Tage des Heiligen sich zu verjüngen[280-a]. Ebenso erbetete +sich das Volk von Merida alljährlich am Tag der heiligen Eulalia, dem +zehnten Dezember, daß ihre drei Bäume von unbekannter Art vor aller +Augen wunderbar erblühten[280-b]. Auf dem Baudiliusgrab zu Nimes stand +ein Lorbeer; er hatte sich durch die Wand gebrochen, die Krone wuchs +im Freien weiter[280-c]. In Embrun lagen unbekannt irgendwo heilige +Leichen; der kleine Mann, der zufällig im Besitz des Aeckerchens war, +machte mit dem dort wachsenden einzigen Bäumchen die besten Geschäfte, +weil jeder Kranke, er mochte leiden an was er wollte, unfehlbar gesund +wurde, sobald er von den Birnen aß. So wurden die Reliquien entdeckt, +das Gärtchen expropriiert, der Birnbaum umgehauen, eine Kirche auf +dem Platz errichtet, und dem jammernden Besitzer blieb nichts übrig, +als sich scheeren zu lassen, um von nun an der Kirche Priester zu +sein[280-d]. Mit Salbeiblättern vom Grabe des Ferreolus und Ferrucio in +Besançon heilte die Schwester Gregor’s ihren schwerkranken Mann[280-e], +während das Tranquillusmoos von Dijon, wie dieser unser Gewährsmann +selbst erprobte, den Pustelausschlag an den Händen vertrieb[280-f]. Bei +Chinon grub der Verwalter einer ehemaligen Einsiedelei die aus einem +selbst gepflanzten Baum des verstorbenen Heiligen gezimmerte Ruhebank +ein, um sie nicht der Profanation auszusetzen; im Frühling wuchsen an +der Stelle Sträucher von fünf bis sechs Fuß Höhe[280-g]. + +So bot für den auszurottenden heidnischen Baumkultus der Heiligenkultus +mannigfaltigen Ersatz. + + +3. + +Tiere werden von den Heiligen meist zu Botendiensten verwendet, oder +erweisen sich sonst als deren Organe, wobei immer mehr oder weniger +die Vorstellung mit unterläuft, eine ehemalige Menschenseele walte im +Tiere. Als die Burgunder Brioude eroberten und sich Hillidius von Le +Velay auf sie warf, umflatterte ihn immerfort eine weiße Taube und +reizte und führte ihn so lange, bis er die Tempelräuber hinausgetrieben +hatte[280-h]. Bei Thiers fanden Kühe das verborgene Grab des heiligen +Genesius[280-i]. Wie oft wurden nicht Reiter, einfach weil ihre Pferde +nicht weiter wollten, dazu gezwungen, bei einer Kapelle abzusteigen +und zu beten[280-k]. Ein Weinpanscher war reich geworden; da kam ein +Falke entriß ihm das Geld mit der roten Börse und warf es in die +Saône[281-a]. Abgesehen von solchen gelegentlichen Mittlerdiensten +macht sich der Einfluß des Heiligen im Tierreiche auch um seiner +selbst willen geltend. Alle Tiere verlieren ihre Wildheit, wenn +sie in Brioude in die Basilika des heiligen Julian geführt werden; +Gregor von Tours berichtet es als seine eigene Beobachtung, wie die +wildesten Stiere dann zu Lämmern wurden[281-b]. In Auch kehrten wild +gewordene Bienen, als der heilige Martin angerufen wurde, sofort in +den Garten des Besitzers zurück, und das gewonnene Wachs erwies sich +wie es scheint heilkräftig gegen Rückenschmerzen[281-c]. Ein Dieb +der Immenkörbe aus dem Nonnenkloster von Amiens erfuhr der Bienen +Rache, die ihm indessen von aufgestörten unheiligen Bienen wohl genau +in gleicher Weise widerfahren wäre[281-d]. Gegen Viehseuche holte +Jemand Oel aus den Lampen der Martinsbasilika, bestrich sich damit den +Finger und zeichnete dann an Stirn und Rücken die kranken Tiere mit +dem Kreuzeszeichen; ja er machte eine Salbe und strich sie ihnen ein, +mit vollem Erfolge[281-e]. Endlich darf auch an die unverletzliche +Tempelheerde des heiligen Julian erinnert[281-f] und zugleich auf die +weißen Rosse Wodans hingewiesen werden, die von den alten Deutschen auf +Staatskosten in Hainen nur zu göttlichem Dienste gehegt wurden[281-1]. + +In der Vorstellung jener Zeit war es von den Tieren zu den Werwölfen +und anderem Gespensterspuk nicht weit. Wenn nun aber die bösen Geister +den Menschen nicht bloß plagen, sondern ihm sogar zu Gesichte kommen, +so bleibt auch der Heilige nicht mit allerhand Verkleidungen zurück +oder hinterläßt wenigstens Spuren, er sei persönlich dagewesen. Die +beiden Greise, die den Leichnam des heiligen Julian bestatteten werden +wieder zu Jünglingen[281-g], indessen ein Bürger von Orleans, der am +Avitusfeste arbeiten geht, weil ja doch der gefeierte Heilige einmal +selbst Handwerker gewesen sei, mit umgedrehtem Hals das Gesicht zur +Erde gekehrt in seinem Weinberg aufgefunden wird[281-h]. Aus der +Basilika des heiligen Felix zu Narbonne hatte ein Dieb ein Pack mit +kostbaren Sachen gestohlen. Unterwegs gesellt sich ein Mann zu ihm, +dem er Vertrauen schenkt und den Schatz zeigt; ja er schlägt ihm vor, +die Sachen zu verkaufen und halbpart zu teilen. Der Fremde sagt, er +habe in verschiedenen Gegenden viele Freunde und selbst ein großes, +zum Verbergen geeignetes Haus; dort solle er die Schätze wenigstens +vorerst deponieren. Arglos folgt ihm der Dieb, ohne es zu merken, +wieder in die Basilika und giebt somit die entwendeten Kostbarkeiten +eben dort ab, wo sie herkommen. In diesem Augenblick ist sein +Begleiter verschwunden[281-i]. In solchen Fällen muß es noch offen +bleiben, ob der Heilige selbst die Verkleidung übernommen hat oder +ob er sich eines Zwischenträgers bediente. Um zu den unzweifelhaften +eigenen Manifestationen des Heiligen überzugehen, muß zunächst der +populären Sehenswürdigkeiten gedacht werden, wo sich das Andenken +buchstäblich versteinert hat. An der Martinsquelle bei Ligugé befand +sich ein Stein, der die Hufspur des weiland von Martin gerittenen +Esels bewahrte, während bei Dijon, in Blei gefaßt, die Fußabdrücke +des heiligen Benignus reichlich mit Wein und Mostspenden bedacht +wurden[282-a]. Immerhin haben solche antiquarische Zeichen hinter +aktuellen, lebendigen zurückzutreten. Der Heilige machte seine +Einwirkung auf die verschiedenste Weise geltend; zunächst rein als +Kraftäußerung: der heilige Helius hält in Lyon einen Leichenräuber +nicht nur so lange an seinem Grabe fest, bis Leute nahten, sondern +bis der Richter dem Strafwürdigen wenigstens das Leben geschenkt +hatte[282-b]. Nicetius von Lyon läßt das Dach einstürzen, auf dem ihn +sein früherer Diakon lästert[282-c]. Ebenso äußert Sankt Vincenz in +Toulouse, ohne persönlich zu erscheinen, lediglich seine Kraft, als +er zu Wahrung seiner Würde, einen in der Kirche begrabenen Verbrecher +Antoninus zweimal mit samt dem Sarkophag nächtlicherweile an die +Luft setzt[282-d]. Eine Steigerung zeigt sich bereits in mehr oder +weniger bestimmten Gesichts- und Gehörwahrnehmungen. Auditionen +sind seltener, kommen aber vor. So hörte eine schwerbekümmerte +Mutter, die sich über den Tod ihres Sohnes nicht trösten konnte, +zur Linderung ihres Schmerzes seine Stimme im Chor der Mönche von +Agaunum mitklingen[282-e]. Ebenso vernahm man in der Dorfkirche von +Bouliac bei Bordeaux im Psalmengesang des Klerus auch die mitwirkenden +Stimmen zweier Priester, die einst in großer Heiligkeit gelebt +hatten und einander gegenüber begraben lagen[282-f]. Während des +Leichenbegängnisses des Nicetius von Lyon hörte ein blinder Knabe +jemanden ihm ins Ohr flüstern: »Schlüpfe unter den Sarg während er +einhergetragen wird, so wirst du gesund«. Er fragte seinen Führer, +wer mit ihm spreche, dieser aber sah niemanden. Dennoch meldete +sich die Stimme ein zweites und ein drittes Mal[282-g]. Als ein +Lahmer, der nachts vor der Juliansbasilika in Brioude auf einem +Wagen lag, diese plötzlich von innen heraus erleuchtet sah und aus +der Halle vielstimmigen Gesang erklingen hörte, fühlte er sich darob +gesunden[282-h]. Lichtwunder sind zahllos. Am Grabe des Stremonius +in der Basilika von Issoire sieht Bischof Cautinus von Clermont, +dessen Kammer an die Kirche stieß, helles Licht und eine Menge weiß +gekleideter Kerzenträger und Sänger[282-i]. Nantes hatte zu Chlodowechs +Zeiten eine Belagerung auszuhalten, und als sie sechzig Tage gedauert +hatte, schienen dem Volk in mitternächtiger Stunde auf einmal Männer +in weißen Kleidern, Kerzen in der Hand, aus der Kirche der Märtyrer +Rogatian und Donatian zu kommen; zur gleichen Zeit kam ein zweiter +gleicher Chor zur Similianskirche heraus. Sie begegneten sich und +begrüßten sich, beteten gemeinsam und dann ging jede Schaar wieder +den Weg zurück, den sie gekommen war. Alsobald wurde die feindliche +Phalanx von einem solchen Schrecken ergriffen, daß sie sofort das Feld +räumte. Diese Vision war nämlich dem Höchstkommandierenden namens +Chillon begegnet. Er war noch Heide, ließ sich aber darauf hin sofort +taufen[283-a]. Eine ähnliche Lichterscheinung mit ähnlicher Wirkung +wollte die Stadt Bazas während ihrer Belagerung durch die Hunnen erlebt +haben. Allerdings durchzog der Bischof der Stadt jede Nacht die Straßen +mit einem Bittgang. Aber im feindlichen Lager bemerkte man Schaaren +weißgekleideter Leute, die auf der Stadtmauer entlang zogen unter +Psalmengesang und Kerzenbeleuchtung. »Sind die Menschen verrückt?« +rief der König aus. »Sie, die Belagerten, machen sich über uns +lustig und feiern zum Voraus einen Triumphzug.« Er ließ in der Stadt +Vorstellungen erheben. Aber man begriff nicht, worauf er anspielte; +denn auf den Mauern war, daß man wußte, Niemand zugegen gewesen. Eine +zweite ähnliche Erscheinung bewog ihn, die Belagerung aufzuheben: +»Wenn diese Leute nichts von dem bemerkten, was mir erschien, so folgt +daraus, daß ihr Gott sie beschützt«[283-b]. Daß ein Heiliger bei +Reliquienkombination sich dann tatsächlich in Person zu den andern +Genossen gesellt, sahen wir früher; die Vorstellung an sich grenzte +ans Visionäre und wuchs sich bei der geringsten Steigerung zur Vision +aus. Deshalb haben wir das schönste Beispiel von einem förmlichen +Heiligenkonzil für hieher aufgespart; Gregor erzählt wörtlich: Die +Besessenen die zum Grabe kommen, geben oft genug Beschimpfungen von +sich gegen den Heiligen Gottes, weil er andere Heilige zu seinem +Namensfest einlade: »Warum, o Julian, rufst du Fremde herbei? Da ist +der Ungar Martin, unser beständiger Feind, der drei Tote aus unseren +Schlupfwinkeln zurückgeholt hat. Da ist Privat von Gevaudan, der +seine Schafe nicht den Barbaren überließ, wie es in unserem Sinne +stand. Da ist Ferreol von Vienne, dein Genosse, den du uns zur Strafe +sendest und den andern zum Schutz. Was brauchst du den Symphorian von +Autun, den Saturnin von Toulouse? Du hast geradezu ein Konzil von +Heiligen versammelt; Qualen der Hölle verursacht es uns«. In dem sie +diese Dinge vorbrachten, malten sie so anschaulich die Heiligen den +Menschen vor Augen, daß Niemand deren Gegenwart an Ort und Stelle +mehr bezweifelte[284-a]. Noch intimer gestaltete sich das Verhältnis +zur andern Welt, sobald es nicht beim Anschauen blieb, sondern ein +wirklicher Verkehr sich einstellte, zumal wenn dazu die Initiative +von oben ergriffen wurde. In Autun befand sich ein Kirchhof neben der +Stephansbasilika. Zwei nächtliche Beter hörten in dieser Kirche Gesang +und sahen übernatürliches Licht. Einer der Sänger naht sich ihnen und +sagt: »Ihr thut schweres Unrecht unsere nächtlichen Zusammenkünfte +zu belauschen. Wenn ihr nicht sofort geht, so müßt ihr sterben«. Der +eine ließ es sich gesagt sein; der andere, der blieb, starb wenige +Tage später[284-b]. Als Bischof Trojan von Saintes in Begleitung eines +Subdiakons die heiligen Stätten der Umgegend besuchte, erschien ihm +ein großer Lichtglobus gleichsam vom Himmel herab; der Bischof ließ +seinen Diener zurück und näherte sich dem Licht, das seinerseits auf +ihn zukam; dann bückte er sich zur Erde und sagte: »Segne mich, bitte, +seliger Priester!« Jener antwortete: »Segne du mich, Priester Gottes +Trojan!« Darauf küßten sie sich, sprachen miteinander und unterhielten +sich lange. Aus der Ferne sah der Subdiakon wie angedonnert zu und +sah, wie das Licht auf demselben Wege wie es gekommen war, wieder +verschwand. Als der Bischof zurückkam, sagte er: »Dir will ich’s sagen, +du darfst es aber nicht weiter sagen. Den heiligen Martin von Tours +habe ich gesehen; er selbst hat mit mir gesprochen. Hüte dich, die +Geheimnisse Gottes auszuplaudern«[284-c]. + + +4. + +Alle diese Geschichten, so eigenartig sie zum Teil sind, entstanden +nur unter dem Bann einer Vorstellung, der Vorstellung von der +Macht des Heiligengrabes. Sie waren durchweg durch eine psychische +Ursache hervorgerufen. Nun fehlen aber auch einzelne Beispiele +nicht, daß eine solche Vorstellung in seltenen Fällen auch geradezu +durch eine physische Reizung hervorgerufen wurde. Damit betreten +wir ein außerordentlich interessantes Gebiet der vergleichenden +Religionsforschung[284-1]. Von Alters her ersuchte man auf unnormalem +Wege Erkenntnis zu gewinnen, die auf normalem nicht erhältlich +war. Die verbreitetste, wirksamste und interessanteste Art dieser +Versuche ist das merkwürdige psychologische Phänomen, das man in +seinen verschiedenen Erscheinungsformen unter dem Begriff der +Kristallschauung zusammenfaßt. Das Gesichtsbild wird auf mannigfache +Weise hervorgerufen, meistens durch das Anstarren von Wasser in einem +Glasgefäß, so bei den Indianern, bei den Afrikanern von Fez und nach +einem von Augustin aufbehaltenen Zeugnis Varros auch bei Römern. +Die Maoris gebrauchen zum selben Zweck Blutstropfen, die Egypter +Tinte, und wilde Stämme in Australien eine polierte Steinkugel. In +allen Erdteilen finden sich Spuren dieses von primitiven Religionen +gehandhabten Phänomens; doch wurde es als eine der unzähligen Formen +des Aberglaubens so lange nicht weiter beachtet, bis eine englische +Dame auf Grund von Selbstexperimenten es methodisch untersuchte und der +gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis die Thatsache einverleibte, +daß vollständig gesunde Leute, die entsprechende Veranlagung +vorausgesetzt, in Glaskugeln lebende Landschaften oder sich bewegende +menschliche Figuren wirklich erblicken[285-1]. In der alten Kulturwelt +findet sich diese psychische Fähigkeit in den Händen von Zauberern +und Aerzten ausgebeutet, und schon die ersten christlichen Synoden +bekämpften die Krystallschauer, da ja doch unter den Specularii gewiß +niemand anders zu verstehen sein wird, als eben diese Spiegelwahrsager. +Nun belehrt uns aber Gregor, wie so mancher andere sei auch dieser +heidnische Brauch von der Kirche zweckmäßig übernommen und entweder wie +in Bethlehem zur Unterstützung einer lokalen Wallfahrtssage oder wie in +Bazas zur handgreiflichen Illustration des Trinitätsdogmas verwendet +worden. Nicht als kirchliche Institution, sondern als unwillkürliche +private Wahrnehmung erweist sich der dritte Fall, wo ein durch das +Glasgefäß der Hostie hervorgerufenes Hellgesicht in naiver und unklarer +Form vorlag und dann die den Umständen entsprechende nächstliegende +Auslegung erfuhr. Diese drei Vorfälle erzählt Gregor in folgender Weise. + +In Bethlehem wurde ein großer Sodbrunnen gezeigt, an dem die Jungfrau +Maria Wasser geschöpft haben soll. Wer öfters hineinsieht, kann dort +ein Wunder sehen, nämlich den Stern, der einst den Weisen erschien; +aber nur die Herzensreinen werden dessen gewürdigt. Wenn die Gläubigen +nahen und sich über den Rand hinbücken, werden ihre Häupter mit einem +Leintuch bedeckt. Wer nun verdienstlich genug ist, der sieht den +Stern an der einen Wand des Brunnens auftauchen und über das Wasser +hinwandern und an der andern Wand verschwinden, genau wie sich am +Himmel die Sterne wirklich bewegen. Und obwohl viele hinsehen, wird +er doch nur von denen erblickt, die den besonderen Sinn dafür haben. +Gregor kannte einige Pilger, denen die Schauung geglückt war, und sein +Diakon berichtete ihm, ihrer fünfe hätten sie zusammen geschaut, aber +nur zwei davon hätten es wirklich gesehen[286-a]. Da in diesem unserm +ersten Fall allerdings immer von vornherein der Stern geschaut werden +soll und somit die Spontaneität der Vision durch die Lokaltradition +unterbunden ist, könnte man zur Not auch bloß an ein gelegentliches +blitzartiges Aufzucken des ruhigen Brunnenspiegels aus der oder jener +natürlichen Ursache denken; doch scheint die Art des Berichtes bei +Gregor dagegen zu sprechen. Keinerlei Zweifel dieser Art dürfte jedoch +gegenüber dem zweiten und dritten Beispiel möglich sein: in Bazas +fielen von der Höhe der Kirche auf den Altar drei kristallhelle Tropfen +nieder, die sich zu einer Perle vereinigten. Man sah darin ein Symbol +der heiligen Dreifaltigkeit, ließ die Kristallperle in ein kostbares +kreuzförmiges Gestell aus reinem Golde fassen und bot sie dem Volke zur +Adoration dar. Von den Beschauern sahen sie nun die Unschuldigen hell +und die Schuldigen dunkel, so lautet der Bericht[286-b]; wir dürfen die +Worte, ohne sie irgendwie zu vergewaltigen, getrost dahin umschreiben, +daß die Schaustellung der unverwandt betrachteten Glaskugel eben die +dafür Empfänglichen in den der Krystallschauung eigenen hellsehenden +Zustand versetzte, während die Unempfänglichen eben nicht ›hell‹, +sondern nur ›dunkel‹, das heißt gewöhnlich sahen und keine Veränderung +ihres Wahrnehmungsvermögens erfuhren. Als drittes erzählt Gregor, +er habe als junger Mensch einmal dem Gottesdienst in einem Dorfe +bei Clermont beigewohnt; der Diakon, der das Hostiegefäß zum Altare +bringen sollte, stand im Rufe, sich fleischlich vergangen zu haben. +Deshalb ließ sich das heilige Gefäß von dem Unreinen nicht berühren; es +schwebte in der Luft vor ihm her zum Altare. Das Wunder wurde jedoch +nicht von allen Anwesenden, sondern nur von vier Personen wahrgenommen, +einem Priester und drei Frauen, unter denen sich auch Gregors Mutter +befand. »Ich war damals bei dieser Festlichkeit anwesend«, erzählt +Gregor, »aber dies zu schauen ward ich nicht gewürdigt[286-c].« + +Dieses fremdartige Phänomen der Anwendung von Hallucination im Kultus +scheint übrigens im Orient noch hie und da sich ereignet zu haben. +Der Marienbrunnen zu Bethlehem ist wohl der berühmteste, aber kaum +der einzige Visionswasserspiegel gewesen. Auch in der Isidorskirche +auf der Insel Scio soll ein Licht wie eine brennende Kerze von den +Gläubigen öfters gesehen worden sein; Gregor kannte einen Priester, +der bestätigte dieses Licht vom Rande des Sodbrunnens aus öfters +betrachtet zu haben[286-d]. Auch brauchte es ja nicht eine Wasserfläche +zu sein; so ging von dem heiligen Grabe in Jerusalem die Rede, oft +erstrahlten einzelne seiner Schollen auf ganz natürliche Weise[287-a]. +Im Abendlande findet sich außer dem Kristalltropfenkreuz in Bazas keine +Spur von dem Dasein einer derartigen kirchlichen Institution. Da jedoch +die natürliche Reaktion der hiefür Empfänglichen gegebenen Falles auch +hier die Erscheinung herbeigeführt haben, so mag Kristallvision ab +und an vorgekommen, dann aber einfach als Lichtwunder dargestellt und +daher für uns nicht mehr erkennbar sein. Schon vom heiligen Martin wird +erzählt, beim Celebrieren des Meßopfers habe seine Hand zu strahlen +angefangen; auf Kristallvision weist dabei der Umstand, daß auch dort +unter den Zuschauern zwei Parteien sich bildeten; die einen beteuerten, +das Wunder mit ihren eigenen Augen wirklich gesehen zu haben, die +andern ebenso entschieden, sie hätten nichts gesehen[287-b]. + + + + +Siebenzehntes Kapitel. + +Die Heilung. + + +Eine übernatürliche Erscheinung an sich interessierte damals jedoch +nicht so sehr, wie die wunderbare Heilung von irgend einer Not oder +Krankheit. Dann erst zeigte sich der Heilige in seiner ganzen auch +dem Einzelnen fühlbaren Macht. Sie war Probe und endgiltiger Beweis +des Wunders. Hören wir darüber den Bischof von Tours: »Die Wunder, +die unser Herr Gott durch den seligen Martin, seinen einst im Fleisch +wandelnden Diener ins Werk zu setzen geruhte, läßt er täglich zur +Stärkung des Vertrauens der Gläubigen sich wiederholen; denn jetzt +stattet er dessen Grabhügel genau mit denselben Kraftthaten aus, +die jener ausführte, als er auf Erden war. Wer wird nun noch an +den früheren Wundern zweifeln, wenn er die Gnadengeschenke der +gegenwärtigen Zeichen sich mitteilen sieht, wenn er sieht, wie Lahme +sich aufrichten, Blinde das Augenlicht wieder finden, die Geister von +den Besessenen ausfahren und jede andere Art von Krankheit durch die +Mittlerschaft des Heiligen geheilt wird«[287-c]. + + +1. + +Gregor war von Natur nicht ohne Anlagen, dem volkstümlichen +Wunderglauben, an dem er nun selbst in so reichem Maße teilnahm, +kritisch gegenüber zu treten. Er, der unermüdliche Mirakelsammler, +kann gelegentlich eine rein natürliche Anschauung einer Krankheit +zur Schau tragen. Die große Epidemie vom Jahre 580 schildert er +nicht viel anders, als es etwa ein gefühlvoller Beobachter heute thun +würde: »Es hatten aber, die an dieser ansteckenden Ruhr litten, unter +Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf +und Genick wurde ihnen schwer, und ihr Auswurf war von gelber oder +mindestens grüner Farbe. Die gewöhnlichen Leute nannten die Krankheit +innere Blattern, und nicht unzutreffend; denn wenn an den Schultern +oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und +brachen auf. Durch das Auslaufen des Eiters wurden viele geheilt. +Aber auch Kräuter, die man sonst als Gegengift braucht, halfen als +Trank eingegeben sehr Vielen. Die Krankheit brach im Monat August +aus, zuerst unter den Kindern und raffte viele hinweg. Wir verloren +die süßen, teuren Kleinen, die wir auf unserm Schoß gehegt, in unsern +Armen gewiegt, denen wir mit eigener Hand Speise gereicht und sie mit +ängstlicher Sorge genährt hatten; aber wir trockneten unsere Thränen +und sprachen mit dem heiligen Hiob: ›Der Herr hat es gegeben, der Herr +hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt‹[288-a].« + +Als Vorsteher der Kirche von Tours und unermüdlicher Beobachter des +Heilung suchenden Volkes erwarb sich Gregor zum mindesten eine sehr +große Erfahrung und einen geübten Blick für die Beurteilung eines +Krankheitsfalles. Einzelne seiner klinischen Schilderungen überraschen +durch die Schärfe der Anschauung. Eine Pest beschreibt er so: »Die +Bevölkerung von Tours war von einer ansteckenden Krankheit heimgesucht. +Diese Krankheit bestand darin, daß der Kranke von heftigem Fieber +ergriffen, ganz von Beulen und Bläschen bedeckt war. Die Beulen +waren weiß und hart, ohne jede Weichheit, es wäre denn im Stadium +des höchsten Schmerzes. Reif geworden, platzten sie und begannen +auszufließen; dann klebten die Kleider am Leibe und der Schmerz nahm +beträchtlich zu«[288-b]. Die Dyssenterie schildert er als Krankheit, +deren Merkmal in unsichtbaren Bläschen bestehe[288-c]. Sehr genau hat +er sich einen Kranken angesehen, der an einer Wandergeschwulst litt: +»Ein an schwerem Fieber Erkrankter gab aus dem Munde eine giftige +Flüssigkeit von sich und hatte heftigen Durchfall. Das Gift tobte in +seinem Körper; der Kranke bekam in der Schamgegend eine Geschwulst, +die auf unglaubliche Weise zu wandern begann und dann sichtbar bis +zum Fuße niederstieg. Sie war so groß wie ein Gänseei. Vom Fuße stieg +sie wieder aufwärts; ihr Durchgang durch die Lenden und Arme war von +außerordentlichen Schmerzen begleitet, dann stieg sie in den Kopf; von +dort begab sie sich auf der andern Seite wieder nach der Fußgegend, +kehrte dort aufs neue um und fand sich zu der Stelle zurück, von wo sie +ausgegangen war. Während ihrer Wanderungen durch alle Glieder wußte +der Unglückliche nicht, was er mit sich thun und anfangen sollte; er +konnte nur aufschreien und weinen. In der That, es war ein Anblick +zum Erbarmen, solche Schmerzen, die sich eines armen Menschenleibes +bemächtigt hatten«[289-a]. Einmal ist sogar das Schwinden des +Wahrnehmungsvermögens nicht auf dämonische Besessenheit zurückgeführt, +sondern einfach als Gehirnkrankheit aufgefaßt; das Gift aus dem +Hautausschlag habe sich auf den Geist geschlagen[289-b]. Gut beobachtet +ist auch der folgende Fall: »ein Pariser Schneidergeselle, der von +der schwarzen Sucht, das heißt von einer Ansammlung erhitzten Blutes, +befallen war und in Folge davon am Fieber erkrankte, hatte den ganzen +Leib von Bläschen überzogen, so daß einige ihn geradezu für aussätzig +hielten. Zu gleicher Zeit litt er an außerordentlichen Schmerzen und +konnte mit dem einen Auge so wenig sehn wie mit dem andern«[289-c]. +Die Dauer der Krisis bei einer Besessenenheilung wird auf zwei Stunden +angegeben[289-d], und in der Bezeichnung der Krankheit äußert sich +gelegentlich das ärztliche Bewußtsein: nach der Bauernsprache sei +es das »fallende Weh«, weil man dabei umfalle; der medizinische +Fachausdruck dagegen laute Epilepsie[289-e]. + +Obschon es also an einer Anzahl elementarwissenschaftlicher +Momente nicht fehlte, deuten nur schon Gregors eigene Gefühle bei +Unwohlsein[289-f], ja sogar wenn ihm nur eine Fischgräte im Halse +stecken blieb[289-g], darauf hin, wie für ihn die wirksame Hebung +körperlichen Uebelbefindens nicht Sache einer Kunst, sondern einfach +des Glaubens an den Heiligen war. Auch was sich in dieser Richtung +bei ihm an Gelehrsamkeit bemerken läßt, weist nicht auf irgend +welche ärztliche Schulung; die zuverlässigsten Verhaltungsmaßregeln +zur Krankenpflege schienen ihm die zu sein, die man aus den Träumen +bezog[289-h]. + + +2. + +Stellen wir kurz die verschiedenen Krankheiten zusammen, die am +Heiligengrabe Heilung suchten und nach dem Dafürhalten der Zeit +auch fanden, so besteht das Hauptkontingent aus Gliederkranken, sei +es nun aus solchen, die ihre Glieder nicht mehr hatten, Krüppeln, +oder aus solchen, die sie nicht gebrauchen konnten, Lahmen. Gregor +veranschaulicht sie uns in folgenden Beschreibungen: Ein junger +Mann, namens Sekurus, hatte von Mutterleib an eine Hand und einen +Fuß verschrumpft und war auch im übrigen an allen seinen Gliedern so +entstellt, daß er als Mißgeburt galt. Er war hörigen Standes. Als +seine Herren sahen, er habe während sieben Jahren nichts geleistet, +nahmen sie ihn auf den Arm und brachten ihn ans Heiligengrab, damit +er wenigstens von Wohlthätern ernährt werde, er, der von seiner Hände +Arbeit nicht leben konnte[290-a]. Ein Kind, wohnhaft in Tours, war in +Folge einer langen und heftigen Krankheit an allen Gliedern geschwächt +und konnte, als das Fieber geschwunden war, keinen Schritt mehr gehen. +Seine Beine waren ineinander gewunden und konnten nicht getrennt +werden[290-b]. Jemanden war die Hand so geschrumpft, daß die Nägel in +die Innenfläche hineinwuchsen und infolge dessen beständige Eiterung +stattfand[290-c]. Ein Diakon zu Poitiers versicherte, er habe sein +Bein durch die Hinterlist eines bösen Geistes verloren[290-d]. Gregors +Mutter hatte von der Geburt dieses ihres Sohnes her als Rest der +Kindswehen noch immer ein plötzliches Reißen im Beinmuskel beibehalten, +wie wenn ein Nagel in den Fuß getrieben würde. Der Schmerz war an einem +Punkt so konzentriert, daß meistenteils die Kranke davon in Ohnmacht +fiel. Die einzige Linderung brachte die Ofenwärme, wenn man das Bein +längere Zeit dicht ans brennende Kamin hielt; nahm man dann an der +gichtigen Stelle eine Salbung vor, so hörte der Schmerz ebenfalls für +einige Zeit auf[290-e]. Theoda, die Tochter des Priesters Wiliachar, +litt ebenfalls häufig an geschwollenen Füßen; schließlich verlor sie +den Gebrauch des einen vollständig und mußte hinken[290-f]. Unter dem +Gesinde eines der Kirchengüter war einer, der ging gebückt, wie wenn +seine Hüfte entzwei wäre. Gegen die Erde zugekrümmt, konnte er sich +durchaus nicht mehr aufrichten[290-g]. Ganz eigentümlich stand es aber +um Gundulf von Tours, einen Jugendgespielen des Prinzen Günther und +Pagen bei dessen Vater König Chlothar. Im Auftrag eben dieses Fürsten +stieg er eines Tages auf einen Baum, um reifes Obst zu pflücken, fiel +aber herunter, weil der Ast brach; sein Fuß schlug an einem Stein +auf, seitdem hinkte er. Manches Jahr später, als er seinem Pferde +die Ferse in die Weichen schlug und es stürzte und ihn abwarf, kam +Gundulf um seinen andern Fuß. Er ließ sich nach Sankt Martin bringen. +Ueber dem Gebete verschwand die Quetschung; er erhob sich geheilt vom +Kirchenpflaster. Aber nun hinkte er freilich noch immer am andern +Fuße, und das nun seit dreißig Jahren. Da überschlug er die Menge +seiner Sünden und beschloß sich scheeren zu lassen und unter die Diener +Martins zu gehen. Eine königliche Urkunde gestattete ihm, bei Lebzeiten +alle seine Güter Sankt Martin zu verschreiben. Kaum war er in den +geistlichen Stand eingetreten, so verlängerte sich sein Fuß, der über +dem Knochenbruch eingegangen war, wieder zur normalen Länge. Seitdem +konnte der Mann, der sich ehedem nur mühsam auf zwei Diener gestützt +von der Stelle bewegte, wieder gehen wie er wollte[291-a]. Noch wäre +mancher Fall körperlicher Gebrechlichkeit zu erwähnen: Chariwald, der +einer einseitigen Körperlähmung wegen ein ganzes Jahr in Heiligtum +verbrachte[291-b], der Gelähmte, der auf seiner Matraze von Bourges +auf einem Wagen nach Sankt Martin transportiert wurde[291-c], Malulf, +Bürger von Tours, der sich von einer grausamen Krankheit angefallen +zu Bett legte und kaum atmen konnte und dessen Hände und Füße im +Verlauf dieses Uebels einschrumpften, sodaß er fünf Jahre lang daran +zu leiden hatte[291-d], das kleine Kind, das an allen seinen Gliedern +und Sinnen abstarb, daß der Athem die einzige Bewegung in seinem Körper +war[291-d]. Doch wollen wir nun zu den Blinden übergehen. + +Augenkrankheit kommt in jener Zeit und Gegend auffallend oft vor. +Unter den Medizinern der späten Römerzeit bilden die Augenärzte +eine eigene Zunft von Spezialisten, deren Bestehen durch die vielen +aufgefundenen Gildenstempel erwiesen wird. Die römischen Augenärzte +dieseits der Alpen waren meistens Freigelassene. Sie folgten gewöhnlich +den Militärstationen in Germanien, Gallien, Belgien und der Bretagne. +Ihre Kur bestand zumeist in Anwendung von Salben, die sie selbst +zubereiteten und verkaufen; das waren weiche Pomaden oder Pasten, die +in einem Förmchen zu Stangen oder Plättchen gepreßt wurden und dann +eben den Siegelstein des Fabrikanten aufgedrückt erhielten. Diese +viereckigen Etiketten nannten den Namen des Arztes, seine Instrumente, +seine Heilkräuter und die Krankheiten, auf die er sich verstand. +Zur operativen Behandlung des entzündeten Auges wurde das Penicill +angewendet, offenbar ein an einem Stäbchen befestigter kleiner Schwamm +oder Wattebausch, mit dem man die eiterigen Ausflüsse aus der wunden +Stelle ausdrückte[291-1]. Martin von Tours vollführte in dem kranken +Auge seines Jüngers Paulin eine Incision mit diesem Instrument[291-e]. +Die vielen Blindenkuren dagegen, die an seinem Grabe stattfanden, +scheinen ohne Beihilfe derartiger Fachmittel rein nur durch psychische +Einwirkung erfolgt zu sein. Die Krankheitsbilder, die Gregor von den +Augenleiden entwirft, deuten auf Triefaugen, harmlosere Entzündungen, +aber auch auf Staar und schwere Verletzungen. Die typische Formel einer +Blindenheilung lautet: »Ein Blinder, der lange Zeit des Augenlichtes +beraubt war, kam zum Feste. Er verrichtete sein Gebet und erlangte, +während er sich vor dem Grabmal aufhielt, plötzlich die Sehkraft +wieder«[292-a]. Damit ist nun freilich alles gesagt und nichts gesagt. +Doch gewinnt durch andere gelegentliche Mitteilungen solch ein Bericht +an Deutlichkeit, vor allem auch dadurch, daß unter der Hand zu +verstehen gegeben wird, einige der sogenannt Blinden und dann wieder +sehend Gewordenen hätten ein Minimum von Sehvermögen nie ganz eingebüßt +gehabt[292-b]. Ein Landmann aus der Touraine hatte das Augenlicht auf +chronischem Wege verloren durch eine jahrelange Entzündung, an die +sich Staar und Lähmung der Augendeckel anschlossen, und da er nicht +mehr sah, stieß er noch gar an einen hervorstehenden Holzspahn an, so +daß ihm das eine Auge überhaupt ausfloß[292-c]. Ein erblindeter Diakon +aus Chalons wollte erst Gregor gegenüber nicht recht mit der Sprache +herausrücken, dann aber erzählte er: »Es sind sieben Monate her, daß es +zur Frühmesse läutete und ich mich zur Kirche begab. Unterwegs stieß +ich auf einen Freund; wir umarmten und küßten uns, und ich fing an mich +zu erkundigen, wie es bei ihm zu Hause stehe. Schließlich versäumte ich +den Kirchgang und setzte mich mit dem Bekannten zu einem Glase Wein. +Als er sich empfohlen hatte, schlossen sich meine Augen und die Lider +blieben kleben, sodaß ich sie nicht mehr öffnen konnte«[292-d]. + +Eine eigene Stellung nahmen die Irren ein. Im ganzen Altertum wurde an +ihrem Zustande weniger die körperliche Erkrankung empfunden, als die +Besessenheit von einem bösen Geiste, in der ja die Krankheit bestand. +Wer aber ein außermenschliches Wesen beherbergte, und wenn es auch ein +schlechtes war, wurde dadurch eben doch übernatürlicher Eigenschaften +fähig. Die Besessenen kamen sozusagen als entartete Seher in Betracht +und verfügten namentlich über ein sehr ausgeprägtes Witterungsvermögen +gegenüber der nahenden Heiligengewalt. Bei Reliquientransporten oder +Reliquienfunden, wenn die Gesunden sich entweder unwissend oder +ratlos zeigten, wurde ihnen gewöhnlich durch die jäh hervorbrechenden +Aufschlüsse von Wahnsinnigen aus der Verlegenheit geholfen. Die +sprechendste Anekdote dafür hängt mit der Entdeckung des Solennisgrabes +bei Tours zusammen. In der Kirche des Klosters von Maillé schienen zwar +Sonntag für Sonntag an einer bestimmten Stelle kleine Lichtflämmchen, +sodaß das Landvolk ringsum wußte, es sei hier etwas göttliches im +Spiel. Sobald aber zwei Besessene jene Martinskirche betraten, +klatschten sie in die Hände, schrieen und sprachen: »Hier ruht der +hochselige Solennis in einer verborgenen Krypta. Grabt das Grab doch +auf, ihr Freunde Gottes. Wenn ihr es gefunden, so bedeckt es mit +Schleiern, zündet Fackeln an und spendet ihm die Verehrung, die ihr +ihm schuldet. Es kommt dem Land zu gute, wenn ihr unsere Anweisung +beherzigt«. Bei diesen Worten schickten sie sich an, unter lautem +Geschrei die Erde mit ihren Fingernägeln aufzureißen; darauf hin kamen +dann die Leute mit den Werkzeugen und nahmen die Ausgrabung vor[293-a]. +Um nun zu den geheilten Besessenen überzugehen, so hatte namentlich +einer, namens Paul, im Rufe gestanden, eine ganze Legion Dämonen zu +beherbergen. In einem Anfall stürzte er sich einst von dem Gerüst, +das bei der Martins Camera ausgerichtet war, wurde aber dank Martins +Wunderkraft nur sänftiglich auf das Pflaster abgesetzt, ohne ein Glied +zu brechen[293-b]. Ein anderer namens Landulf, aus der Gegend von +Vienne, war lange vom Dämon der Mondsucht geplagt, der ihn auf die +Erde riß, wo der Mann dann schäumte und wie tot dalag. Doch war er +ruhiger, solange er im Atrium von Sankt Martin sich aufhielt. Sobald +er einen Schritt hinaus that, bedrohten ihn die Geister mit klirrenden +Waffen. Er hörte sie schimpfen und sagen: »Martin, dem du anliegst, +kann nichts für dich thun, weil er unserer Botmäßigkeit unterstellt +ist«. Aber er blieb unbeweglich, nur immer das Zeichen des Kreuzes +schlagend, sodaß die Geister sich schließlich durch die dünne Luft mit +schrecklichem Geräusch davon machten[293-c]. Auch die Trunksucht galt +in ihren vorgeschrittenen Stadien als Besessenheit. Besonders in der +Gegend von Bajeux trank man einen bösen Wein[293-1]. Ein weinschwacher +Bürger dieser Stadt gelobte dem heiligen Martin jährlich seinen Besuch, +nachdem ihm ein erster Aufenthalt am Heiligengrabe geholfen hatte. Er +ließ sich sogar in den geistlichen Stand aufnehmen. Nach vier Jahren +jedoch verfiel er wieder dem Trinken bis zur Tobsucht, wurde gefesselt +nach Sankt Martin gebracht, wo ihn eine Kur von sechs Monaten abermals +heilte. Als er sich dann neuerdings nicht hielt, sondern ins Trinken +zurückfiel, verkam er in diesem Laster[293-a]. Auch starke psychische +Zufälle, die aber weiter nicht auf Dämoneneinwirkung zurückgeführt +werden, kommen vor. So lebte ein einfacher, gutgearter Mensch in +Montlouis bei Tours jung verheiratet. Als er neben seiner Frau ruhte, +ergriff ihn plötzlich mitten in der Nacht eine unerklärliche Angst; +er springt aus dem Bett, irrt zitternd im ganzen Hause herum und +verliert die Sprache. Durch Zeichen gibt er seiner Frau zu verstehen, +er wolle nach Sankt Martin gebracht werden. Eine Kur von sechs Monaten +gibt auch ihm die Gesundheit wieder[293-b]. Schon bei den kleinen +Alltagsleiden begann der Bezirk des Wunderbaren. Die Gattin des +Tribunen Animus, Mummola, hatte eines Nacht durch einen plötzlichen +Schrecken den Gebrauch des einen Fußes verloren; ob sie sich ihn nun +mit einem Fehltritt verstaucht hatte, oder ob eine vorübergehende +Lähmung eingetreten sei, wird nicht gesagt; vielleicht war der Fuß +überhaupt nur rechtschaffen ›eingeschlafen‹. Sie ließ sich nach Sankt +Martin tragen, hielt den ganzen Rest der Nacht hindurch eine Votivkerze +in der Hand, indes Gregor mit seinen Klerikern die Vigilien sang. Bei +Tagesanbruch, als das Zeichen zur Matutin erschallte, trat sie auf +den gebrechlichen Fuß auf; da war alle Schwäche geschwunden; die Frau +konnte ohne jede Stütze nach Hause gehen. Schließlich begab man sich +zum Heiligen selbst in Fällen, wo es sich um nichts weiter, als um eine +kindliche Unart handelt. Eine Frau von Tours war in großer Sorge, weil +ihr Mädchen immer nicht sprechen wollte. Endlich nahm sie das Kind +mit in die Basilika, betete lange, zündete dann ein Rauchzäpfchen an +und fragte die Kleine, ob der Weihrauch nicht wohl rieche. Das Kind +sagte: »Wohl!« Da wusch die beglückte Mutter dem Töchterchen den Mund +mit geweihtem Wasser aus und fragte, ob es nicht wohl schmecke. Wieder +sagte das Kind: »Wohl!«[294-a] Das nannte man dann die Heilung eines +stummen Mädchens. An innern Krankheiten werden genannt Magenübel, +Brechreiz, Darmblutungen[294-b], auch Gelenkrheumatismus scheint +vorgekommen zu sein[294-c]. Solche Kranke lagen dann meistens zugleich +am Fieber darnieder. Ueber dessen Behandlung verlautet nur allgemein, +Fieberkranke seien, wenn das Fieber besonders schlimm in ihnen wütete, +den Tag über zwischen den Altar und das Heiligengrab gestellt worden; +abends erhielten sie dann die mit Grabsteinpulver angemachte Mixtur, +und beständig gab es solche, denen es darauf hin besser ging[294-d]. +Wie muß es am Martinsgrabe erst bei einer Epidemie ausgesehen haben! +Vielleicht war der geweihte Raum dann überhaupt für hochgestellte +Patienten reserviert. Wenigstens wurde bei einer derartigen Gelegenheit +die sterbende Gräfin Eborin daselbst in Behandlung genommen und durch +Abwaschungen mit Osterreinigungswasser geheilt[294-e]. In Italien +flüchtete man, wie Fortunat Gregor aus eigener Anschauung versicherte, +bei einer Blatternepidemie stets in die nächste Martinskirche[294-f]. +Hinsichtlich der Seuchen mag noch eins erwogen sein. Das Fieber wurde +als Feuerwirkung im Körper aufgefaßt, und da Feuer, das höchste und +reinste der Elemente, nicht Sitz niederer Dämonen sein konnte, ist +Fieber, das Gegenteil von dämonischer Besessenheit, vielmehr ein +Zuchtmittel in der Hand des Heiligen. Julian heizt seine Feinde +wie einen Backofen[294-g], und sogar von dem sonst milden Martin +klagt ein Fieberkranker, er verbrenne ihn. Schon in der römischen +Medizinersprache hieß eine Pestart geradezu das »heilige Feuer«[295-1]. +Indem aber der Heilige seinen eigentlichen Beruf als Krankheitsstiller +verläßt und zum Krankheitserreger wird, sinkt er darum doch nicht auf +die Stufe der Dämonen, da das von ihm verhängte Leiden als Strafe und +Läuterung sittliche Zwecke verfolgt, während die Dämonen den Menschen +aus Schadenfreude quälen. + + +3. + +Die am Heiligengrabe befolgte therapeutische Behandlung ist +schwerlich von jeder vernünftigen hygienischen Einsicht im heutigen +Sinne verlassen gewesen: so wurde im Falle hochgradiger nervöser +Erregung Entzug von Alkohol und Fleisch angeordnet; vier Monate +lang ausschließlich vegetabilisches Regime führte dann die Heilung +herbei[295-a]. Bei Verdauungsstörungen ließ man drei Tage fasten, bis +der Appetit sich von selbst meldete und reizte ihn dann zugleich mit +etwas Wein[295-b]. Gegen Bauchschmerzen wandte sogar ein Mann wie +Gregor erst einige Bäder und warme Aufschläge an, und erst als es +nach sechs Tagen nicht besser wurde, fiel es ihm ein, sich an Sankt +Martin zu wenden[295-c]. Auch rechnete man die Frist zur Heilung nicht +kleinlich nach; es durfte Jahre lang dauern und, wenn nötig, eins ums +andere, nicht alles auf ein Mal: drei Jahre blind, dann vier Jahre +in der Basilika und dann erst geheilt[295-d], oder zunächst gerade +Glieder und dann gesunde Augen[295-e], oder nach sechs Jahren wird +die lahme Hand gebrauchsfähig und nach weiteren zwei Jahren das Auge +sehend[295-f]. + +Doch sind dies nur matte Spuren, daß es damals denn doch auch schon +ein wenig zuging, wie bei uns. Davon abgesehen hüllt sich das +Heilverfahren überall in eine dicke Kruste abergläubischer Praxis. Das +Hauptgewicht lag auf der ausgedehnten Amuletbehandlung. Aerztliches +Eingreifen des Priesters kam vor, aber als Ausnahme; es mußte schon +ein hervorragender Mann sein, der sich eine derartige Vermittlung der +Heiligenkraft zutrauen durfte; ein Aridius von Limoges: am Martinsfest +des Jahres nahm er eine gelähmte Frau vor, die acht Jahre erfolglos in +der Vorhalle der Martinskirche auf dem Schiebwagen gelegen hatte, und +touchierte ihren Gliedern das Kreuzeszeichen auf, nicht ohne selbst +den heilkräftigen Strom zu spüren, der durch seine Hand hindurch +auf die Kranke übergeströmt sei[295-g]. Sonst aber galt es als ein +erstes Erfordernis, der Hilfe des Heiligen durch ärztliche Weisheit in +keiner Weise vorzugreifen. Eine Zungen- und Lippengeschwulst an ihm +selber schätzte Gregor als eine Folge allzu heftigen Blutandranges +ein; aber er that nichts, um ihn durch ein natürliches Mittel, +etwa durch Schröpfen zu vermindern, sondern er ging hin, leckte +das Grabgeländer ab, küßte den Tempelvorhang und hatte seitdem nie +mehr an diesem Uebel zu leiden[296-a]. Am wirksamsten erwies sich +das Einnehmen von Amuletstoffen, obenan des Grabsteinpulvers. Es +war die Allerweltsmedizin, stillte Fieber[296-b], half gegen die +Ruhr[296-c], trieb Bandwürmer ab[296-d]; wem es pur widerstand, dem +gab man es mit Wein angemacht[296-e]. Auf Reisen führte Gregor stets +eine Schachtel davon auf sich[296-f]. Aber auch das Abwaschwasser von +der Osterreinigung des Grabaltars[296-g] und Salbung mit dem Oel der +Kirchenlampen[296-h] wirkte heilsam. Die Kraftsphäre dieser heiligen +Essenzen war unbeschränkt. Weihwasser und Lampenöl gemischt heilten an +einer Seuche erkranktes Vieh[296-i], während zum Grabsteinpulver sogar +ein königlicher Kanzler mit Erfolg seine Zuflucht nahm[296-k]. Zur +Steigerung der Wirkung verfiel man gelegentlich selbst auf kombinierte +Amuletbehandlung, indem Grabsteinpulver innerlich und Fransen der +Grabsteindecke als Halsumschlag verwendet wurden[296-l]. + +In den beiden fränkischen Hauptheiligtümern stellt sich nun aber noch +eine höchst merkwürdige Einrichtung dar, die geradezu als das Substrat +der bisher kurz geschilderten Heilpraxis betrachtet werden darf. Neben +dem Armenhaus, der sogenannten Matrikel, finden wir räumlich davon +wohl kaum unterschieden, ein regelrechtes Hospital. Aber wir würden +irre gehn, wenn wir es für eine Heilanstalt in dem uns gewöhnlichen +sanitarischen oder humanitären Sinne hielten. Vielmehr müssen wir an +die uralte antike Sitte des Tempelschlafs erinnern, und an die ihr zu +Grunde liegende Vorstellung von einer heilsamen Inkubation der Gottheit +gegenüber dem Schläfer. Von der Julianszelle in Brioude wird erzählt, +ein Weib namens Fedamia, das vollständig gelähmt und verwachsen war, +sei von den Verwandten nach der Basilika gebracht worden, um dort +wenigstens mit Betteln ihren Unterhalt zu erwerben. Als sie nun nach +achtzehn Jahren Krankheit während einer Sonntagsnacht in dem an die +Kirche anstoßenden Säulengange »dekubierte« und indessen das Volk +die hochheiligen Vigilien sang, wurde sie in ihrem Halbschlummer von +einem Mann durch eine Vision angefaßt und zur Rede gestellt, warum +sie nicht gleich den andern dem nächtlichen Gottesdienste beiwohne. +Sie antwortete, sie sei an allen Gliedern lahm und könne keinen +Schritt thun. Da unterstützte sie der Mann und führte sie bis an das +Heiligengrab. Dort angelangt ergoß sie sich, immer fort schlafend, im +Gebete aus und ihr war, es falle eine förmliche Kettenlast ihr von den +Gliedern. Und als die Ketten klirrend zu Boden fielen, erwachte sie von +dem Geräusch und fühlte sich mit einem Mal genesen. Also stand sie vom +Bett auf und schritt zum Erstaunen aller Anwesenden laut danksagend in +die Kirche. Später liebte sie es, wenn sie die Heilung erzählte, beim +Aeußeren des Mannes zu verweilen, der ihr erschienen war: es sei ein +Riese gewesen, mit glänzendem Kleide, mit vornehmem Gebahren, er habe +freundlich gelächelt; sein langes blondes Lockenhaar habe freilich auch +einige graue enthalten; frei sei er einhergeschritten, hell habe seine +Stimme geklungen; seiner Anrede hätte niemand widerstanden und seine +Haut habe wie Lilien geschimmert; aus Tausenden heraus wolle sie ihn +wieder erkennen, auf den ersten Blick. Kurzum, die Schilderung wollte +kein Ende nehmen. Darauf hin erschien es denn doch diesem und jenem +nicht ganz unmöglich, es könnte ihr der selige Märtyrer erschienen +sein[297-a]. Ein gewisser Anagildus, der taubstumm war und blind +dazu, lag auch in der Säulenhalle von Sankt Julian in Brioude; als er +ein volles Jahr vor dem heiligen Tempel »dekubiert« hatte, wurde er +endlich von der Heilkraft des seligen Märtyrers heimgesucht[297-b]. +Zu Sankt Martin in Tours wurden noch öfters, wenn auch nicht immer an +so charakteristischen Fällen, Tempelschlaf bemerkt. Ein Taubstummer, +namens Theodomundus, kam täglich zum Tempel, kniete nieder zum Gebete, +indem er indes nur die Lippen bewegte, aber so inbrünstig, daß er +während seiner stummen Worte meistens weinte; im übrigen bettelte er +mit den andern Armen, dies drei Jahre lang. Eines Tages stellte er +sich aus Liebe zu Gott getrieben, vor den heiligen Altar und stand +da, Augen und Hände zum Himmel erhoben. Da brach aus seinem Munde ein +Blutstrom mit Eiter. Er spie ihn auf die Erde, holte tief Athem und +hustete blutende Körper aus, sodaß man hätte meinen sollen, sie seien +ihm mit einem Instrument in der Kehle ausgeschnitten worden. Auch hing +ihm nun der Schleim in blutdurchsetzten Fäden von den Mundwinkeln. Da +wurden die Banden des Trommelfells und des Kehlkopfes plötzlich gelöst; +wieder erhob er Augen und Hände zum Himmel und brach, des Sprechens +noch unkundig, immerhin in die Worte aus: »Ich danke dir vielmals, +hochseliger Herr Martin«. Die Königin Chrotechilde interessierte sich +für diese Heilung; sie nahm sich des armen Jünglings an und ließ +ihn in einer Schule unterrichten. Er zeichnete sich dort durch sein +gutes Gedächtnis aus und konnte den ganzen Psalter auswendig[297-c]. +Später wurde er Priester und lebte noch lange im Dienste von Sankt +Martin. Ein Referendar König Chlothachars, Charigisel, der an Händen +und Füßen die Gliedersucht hatte, gebrauchte während zweier bis +dreier Monate die Dekubationskur; nach Ablauf dieser Zeit wurde er +vom seligen Kirchenherrn heimgesucht und erlangte an seinen schwachen +Gliedern aufs neue die Gesundheit. Später war er königlicher Kammerherr +und bedachte sowohl die Bürgerschaft von Tours als die Diener der +Martinsbasilika mit reichen Wohlthaten[298-a]. Veranus, der Sklave +eines Gregor unterstellten Geistlichen, der seinem Herrn besonders in +Verwaltungsgeschäften an die Hand ging, wurde wahrscheinlich wegen der +Feuchtigkeit seines Amtsstübchens von Gicht befallen und konnte nicht +mehr gehen. Ein ganzes Jahr waren die Schmerzen sehr stark und dehnten +sich immer weiter aus; schließlich war die Lähmung ziemlich allgemein. +Da entschloß sich sein Herr, den das Schicksal seines Hörigen +bekümmerte, zur Tempelkur, ließ ihn nach Sankt Martin bringen, that +ein Gelübde und sprach: »Wenn du ihn heilst, frömmster Herr Martin, so +will ich ihn noch am Tage selbst frei geben; dann soll er die Tonsur +erhalten und deinem Dienste gewidmet sein«. Der Sklave wurde nun also +dem Heiligen zu Füßen gelegt, und als er fünf Tage daselbst ohne sich +zu rühren gelegen hatte, wurde er am sechsten Tage vom hypnotischen +Schlaf befallen; im Schlummer hatte er die Vision, als ob ihm in seinem +Bett ein Mann den Fuß strecke. Er fuhr auf und konnte alle Glieder +rühren. Nun empfing er also Freiheit und Tonsur und gehörte zu Gregors +Zeiten der niederen Geistlichkeit von Sankt Martin an[298-b]. Ein +junges Mädchen namens Chrodechilde, das nach dem Tode ihres Vaters +auf einem Grundstück bei Le Mans lebte, wurde blind. Auf Befehl König +Chilperichs und noch zu Lebzeiten der heiligen Radegunde, trat sie +ins Nonnenkloster zu Poitiers ein und wurde von jener selber nach dem +Schrein hingeführt, der die heilige Kreuzreliquie birgt, dann nahm sie +an den Vigilien teil. Als die Nonnen morgens die Kirche verließen, +blieb sie noch auf dem Boden ausgestreckt liegen und schlief ein. Da, +im Traum, war ihr, jemand thue ihr die Augen auf, das eine sei bereits +geheilt und auch im andern spüre sie etwas, und plötzlich wachte sie +über dem Geräusch einer sich öffnenden Thüre auf, und sah nun in der +That mit dem einen Auge wieder. Diesmal war es also nicht eine Vision, +sondern einfach die Nähe der Reliquie ohne Gesichtsvermittelung +gewesen, was den hypnotischen Schlaf herbeiführte[298-c]. Das +gewöhnliche bleibt jedoch die Erscheinung eines Greisen im Traum, der +dann »alle Glieder in sanfter Handauflegung touchiert«[298-d]. Auch +wird angegeben, der Patient werde von dem mediumistischen Trancezustand +plötzlich, unerwartet, zu seinem großen Schrecken, überfallen und +etwas über zwei Stunden darin fest gehalten[299-a]. Trat die Heilung +nicht am Grabe ein, so konnte ausnahmsweise der hypnotische Schlaf +auch verspätet ausbrechen, wenn der Kranke den heiligen Ort bereits +wieder verlassen hatte. So war eine Frau mit steifgewordenen Fingern +von Tours unverrichteter Sache abgezogen, ohne aber sich in ihrem +Glauben an die Heilung beirren zu lassen; im ersten Nachtquartier, +am Ufer des Cher, als sie Gott unter Thränen dafür dankte, daß sie +wenigstens noch am Leben sei und ans Martinsgrab habe gelangen dürfen +und daraufhin einschlief, empfing sie die Heimsuchung des Mannes »mit +den Haaren weiß wie Schwanenpelz, im Purpurmantel, in den Händen ein +Kreuz«; er öffnete ihr sachte die Hand; sie erwachte: das Blut floß ihr +von der Hand; die verbogenen Finger waren nun gerade. Anderseits konnte +sich unter Umständen eine derartige heilsame Inkubation sogar von der +vorausgegangenen Imprägnierung am heiligen Ort dispensieren. Alpinus, +Graf von Tours, wurde jahraus, jahrein von einem Fußleiden geplagt +und verlor über den Schmerzen sogar den Schlaf. Aber mitten in seinen +Leiden hörte er nicht auf, Martin um Hilfe anzurufen. Da versank er +unversehens in Schlummer. Ihm nun, dem königlichen Beamten erschien der +Heilige in Soldatenuniform. Mit freundlicher Miene kam er auf ihn zu, +lächelte und machte das Kreuzeszeichen über dem kranken Fuße. Sofort +war jeder Schmerz verschwunden, und gesund konnte der Graf sein Bett +verlassen[299-b]. + +Endlich noch einige Geschichten, die zeigten, mit wie mancherlei +Umständen solch eine Krankengeschichte auch damals verbunden war. +Aquilinus, der mit seinem Vater in den Wäldern jagen ging, wurde +plötzlich von einem Schrecken befallen. Es war ein Herzanfall, der ihn +fast von Sinnen brachte. Seine Eltern glaubten natürlich an diabolische +Besessenheit und nahmen nach Bauernbrauch ihre Zuflucht zu Zauberern +und Quacksalbern mit ihren Angehenken und Tränken. Als es aber nichts +half, suchten sie bei Sankt Martin Hilfe und sprachen: »Der kann die +Nachstellungen zu nichte machen; sie kommen von einem Schattengott, +der in einer falschen Religion verehrt wird«. So brachten sie also +den Verstörten an das Martinsgrab, wo er es seinem Gebet an Inbrunst +nicht fehlen ließ. Der Schrecken hob sich von hinnen; sein Verstand +kam ihm wieder. Er kehrte nicht mehr zu seinen Eltern zurück, sondern +blieb zu Sankt Martin[299-c]. Gregors Onkel, Bischof Gallus von +Clermont, pflegte oft zum Juliansheiligtum nach Brioude zu gehen, und +einst im Sommer, als er der Hitze wegen die Schuhe auszog, und barfuß +ging, trat er sich einen Dorn tief in den Fuß. Er bat den Heiligen +um Hilfe und vollendete schwer hinkend den Weg zu dessen Grabe. In +der dritten Nacht empfand er die heftigsten Schmerzen; er wirft sich +an der geweihten Stätte hin und geht dann schlafen. Als er aufwacht, +ist das Geschwür ausgelaufen, er sieht den Dorn nicht mehr und sucht +ihn in seinem Lager, bis er ihn hat, und noch als Bischof pflegte +er im engeren Kreise gerne die Narbe zu zeigen, das Zeichen der ihm +zu teil gewordenen Juliansheimsuchung[300-a]. Ein Mädchen, das vor +ungesundem Thränenandrang fast blind geworden war, wurde von seinem +Vater nach Tours gebracht. Dieser, überdies ein freigebiger Mann, ließ +den Pfründern von Sankt Martin zu essen und zu trinken geben. Während +nun die Matrikelleute regaliert wurden, schrie das junge Mädchen +plötzlich, es bekomme heftigen Kopfschmerz und wünsche zu schlafen. +Als es dies gethan und auch das Freimahl zu Ende war, brachte man +das Mädchen vor den Altar, wo alsobald der Thränenstrom versiegte +und die Augen klar wurden[300-b]. Ein blindes Mädchen von Lisieux +war zu Tours nicht sehend geworden, trotzdem es die Augen inbrünstig +am Vorhang gerieben hatte, aber es hörte nicht auf zu beten und zu +hoffen. Als es bei seinen Eltern auf dem Schiff stand, um heimzukehren, +strich es sich plötzlich übers Gesicht und sagte dann: »Ist das dort +die Martinskirche[300-c]?« Auch konnte das Zusammentreffen mehrerer +Kundgebungen zu belebten Szenen führen. So war eine Frau von ihrer +Gliederlähmung geheilt worden, legte sich nun aber aufs neue vor die +Martinsschwelle und wollte so lange da liegen bleiben, bis sie auch +das Gesicht wieder erlangt habe. In diesem Augenblick schrieen einige +Verrückte, sie würden gepeinigt, der heilige Martin sei nahe[300-d]. + + +4. + +Ob auch nur in einem dieser unzähligen Fälle Heilung wirklich +eingetreten sei, dürfen wir in dieser Bestimmtheit von Ja oder Nein +nicht wissen wollen; denn ärztliche Diagnosen des Krankheitsbefundes +liegen nicht vor. Gregor interessierte es wenig, an was nun gerade der +Kranke litt. Erst der geifernde Wutausbruch des Tobsüchtigen, der jähe +Blutaustritt aus dem erblindenden Auge, der mark- und beinerschütternde +Schrei des aufs äußerste gesteigerten Schmerzes erwecken seine nähere +Aufmerksamkeit, zumal er ja in der Krisis weniger den Höhepunkt der +Krankheit fürchtet, als den Eintritt der Heilung begrüßt. Ueber +die Art, wie die Krankheits- und Heilungsberichte aufgezeichnet +worden sind, gesteht er: »Die von mir erzählten Thatsachen brauchen +nicht unglaubwürdig zu scheinen, weil nicht alle Personen mit Namen +aufgeführt werden. Das kommt daher, daß sie von dannen gehen, sobald +der Heilige Gottes ihnen die Gesundheit wieder geschenkt hat und +manchmal geschieht das in größter Heimlichkeit; niemand ist dann +sozusagen dabei gewesen. Wenn verlautet, die Wunderkraft des heiligen +Bischofs sei wieder erschienen, dann lassen wir die Tempelhüter +kommen und nehmen Kenntnis von dem, was sich zugetragen hat; doch +sind sie nicht immer in der Lage, Namen zu nennen; bei den Fällen +jedoch, die wir selber sehen und untersuchen konnten, geben wir +gewöhnlich gleich die Namen mit an[301-a].« Aber um das Urteil über +diese Krankenheilungen deutlich abzugrenzen, gibt uns doch Gregor +den Maßstab gelegentlich selber in die Hand; er erzählt von einem +verwachsenen Tagelöhner, der auch nach der »Heilung« seine Arbeit nicht +wieder aufnehmen konnte, sondern nur immer am Heiligengrabe selbst +sich gesund fühlte[301-b]. Wenn aber damit der Heilungsprozeß auf das +Gebiet der subjektiven Gefühle verlegt wird, und somit von Wundern im +Sinn übernatürlichen Geschehens zu reden keine Veranlassung besteht, so +liegt andrerseits doch auch keine Notwendigkeit vor, eine ganze Reihe +rätselhafter und höchst verwunderlicher Vorgänge in Abrede zu stellen, +besonders heute nicht mehr, wo die Forschung gewisse, auf rein nervösem +Wege entstandene organische Veränderungen im Körper, Katalepsen, +nicht nur als mögliche Thatsache unumwunden zugesteht, sondern wo +auch die Erscheinungsformen solcher seelisch-leiblichen Zustände +immer mannigfacher und reichhaltiger in den Bereich experimenteller +Beobachtung sich eindrängen[301-1]. Wer das genügend bedenkt, wird +einem berichterstattenden Augenzeugen wie Gregor im weitesten Umfang +freie Hand lassen dürfen, ohne seiner eigenen gewissenhaften und +kritischen Abwägung das mindeste zu vergeben. Ueberdies räumt auch +heute gelegentlich ein ehrlicher Arzt von selber ein, seine Heilerfolge +seien zum größeren Teil nicht aus seine Kunst, sondern aus das ihm +vom Kranken entgegengebrachte Vertrauen zurückzuführen. In einem +nicht zu unterschätzenden Maße ist es also der Glaube, der wirklich +zur Gesundung helfen, zur nicht eingebildeten, sondern thatsächlichen +Heilung bedeutend beitragen kann. + +Ueber das Sankt Martin und seinen Mitheiligen gewidmete Maß von +Glaubenskraft und Glaubensinbrunst wird man sich nun aber nicht leicht +übertriebenen Vorstellungen hingeben können. Wenn die Hilfebedürftigen +»den Füßen des Heiligen« nahten, befanden sie sich meistens in +ungeheuchelter, hochgradiger Aufregung, vergossen Thränen und gaben +sich leidenschaftlichen Gebeten hin. Man mag die Heilungsanekdoten +beliebig aufgreifen, es wird kaum eine sich finden, wo nicht der Glaube +des Geheilten hervorgehoben, dagegen manche, wo dieser Glaube geradezu +als Ursache der Heilung hingestellt wird[302-a]. Dabei öffnet sich uns +oft ein Blick in soziale Verhältnisse, die durch ihre Aermlichkeit +auf ein gesteigertes Verlangen nach Heilung und auf eine gesteigerte +Dankbarkeit schließen lassen; so bei jenem Krüppel Baudulf von Gennes, +der vom Heiligen geheilt zu werden wünschte, um seinem armen Vater +nicht länger zur Last fallen zu müssen, sondern selber sein Brot +verdienen zu können[302-b]. Selbst wenn im Falle von Unmündigkeit die +nötige Fähigkeit zum Glauben eben nicht vorhanden ist, kann das kranke +Kind gerettet werden, weil der Vater glaubt[302-c]. Seine Rückwirkung +hatte dieser starke Glaube in der Vorstellung, daß die Heilung für +den Genesungsmoment die persönliche Mitleidenschaft des Heiligen in +sich schließe. Der Prokurator Placidus in Ravenna, der daselbst im +Martinsnonnenkloster dekubierte, hielt den Heiligen ab, nach Gallien +zurückzukehren[302-d]. Ein Lahmer zweifelt nicht, daß seine Schmerzen +eine Kraftwirkung Martins sind, und schreit: »O Martin, um Gesundheit +habe ich Dich angerufen, nicht um Qualen«[302-e]. Auch im Fall einer +unbestreitbaren Berührung mit einem biblischen Wunder ist die Anekdote +bei Gregor deswegen durchaus nicht als Kopie und somit als erfunden zu +betrachten; wenn eine Frau von Clermont beim Küssen der Altarfransen +plötzlich vom Blutfluß geheilt wird, so braucht der Einfluß der +evangelischen Erzählung durchaus nicht in der erst nachträglichen +Bildung des Geschichtchens zu bestehen, vielmehr kann jene Frau durch +ihren unerschütterlichen Glauben an die parallele zwischen ihr und dem +Weib im Evangelium sich in der That gesund suggeriert haben[302-f]. + +Wer wird es der fränkischen Kirche verargen wollen, daß sie aus +dieser ihrer wirksamsten und volkstümlichsten Funktion nach Kräften +Kapital schlug? Zunächst indem sie die Heilungen zu einer Art Reklame +benutzte. Zwar mag es seine natürlichen Gründe haben, daß an den +großen Festen auch die meisten Heilungen vorkamen; bei ungewöhnlichem +Zudrang wurden eben auch mehr Leidende gesund. Aber es wird doch wohl +auch etwas nachgeholfen worden sein. Uebrigens schon an den hohen +Festtagen des Kirchenjahres überhaupt wurden Heilerfolge besonders +bemerkt, für Weihnacht und Epiphanien[302-g] wie für Palmsonntag und +Gründonnerstag[302-h]. Aber die Martinsfeste, das Mitte November, +wie das Anfangs Juli, durften sich eben doch weitaus der meisten +Wunder rühmen, für das Julifest 589 werden zwölf Lahme, drei Blinde, +fünf Besessene und eine lahme Frau als Heiltriumph erwähnt[302-i], +für das Julifest des Jahres zuvor ein Krüppel, eine blinde Frau und +drei Besessene[302-k]. Da die großen Heiligenmessen stets einige +Tage umfaßten, wird der Zeitpunkt auch näher bestimmt: Heilung am +dritten[303-a], am vierten Tage[303-b], in der Festnacht[303-c] oder +der Heilungsprozeß habe genau die drei Festtage ausgefüllt[303-d]. +Oder es wird ein auffälliges Zusammentreffen bei gemeinsamen Heilungen +hervorgehoben: zwei Blinde mit genau denselben Spezialsymptomen +der Krankheit und genau derselben Spezialart der Heilung[303-e], +oder der Lahme von Auxerre, der Lahme von Orleans und der Lahme von +Bourges[303-f]. Namentlich aber pflegen der Höhepunkt der Messe oder +der Augenblick, wo der Vorleser das Heiligenleben zu lesen beginnt, +sowie der Moment der Reliquieninstallation die Heilung zum Austrag zu +bringen[303-g]. Auch zu Ehren eines Besuches von Belang, etwa eines +fremden Bischofs, konnte sich das Wunder ereignen[303-h]. + +Und bei der Reklame ließ man es nicht bewenden. Unter der Hand +bedeuteten diese Kurerfolge für die Kirche einen nicht zu +unterschätzenden Machtzuschuß. Was lag denn auch für eine dankbare +Seele näher, als auf die Heilung hin sich dem Heiligen zu verschreiben +und in den geistlichen Stand einzutreten; wie oft kam das vor![303-i] +Bedenklicher waren die auf Grund der Heilung erzwungenen Freilassungen +vom hörigen Stande, weil es sich da um einen kirchlichen Uebergriff +auf das Gebiet des Rechts handelte; gewöhnlich wurde unter Berufung +auf die Heilung der Loskauf durch Kirchenmittel durchgesetzt[303-k]. +Die näheren Umstände machten zwar philantropische Beweggründe in den +Vordergrund rücken. Der Besitzer einer Sklavin wurde durch deren +Heilung bewogen, sie zum halben Preise freizugeben und unter der +entsprechenden Einbuße eine andere Sklavin zu kaufen[303-l]; oder, eine +widerrechtlich verkaufte Frau, hieß es, ist krank geworden, um dann in +Tours mit der Gesundheit auch die Freiheit ihres Standes wieder zurück +zu erlangen[303-m]; oder eine Frau von Poitiers wurde kirchlicherseits +losgekauft, weil sie trotz der Heilung arbeitsunfähig war[303-n]; ja +man konnte auf den Einwand hin, hinweisen, ein Krüppel, der sich unter +den Bettlern aufgehalten hatte, sei nach seiner Heilung auf seinen +Wunsch hin, frei entlassen, das Wunder also nicht in eigennütziger +Weise ausgebeutet worden[303-o]. Die Priesterweihe wurde sogar von +Geheilten nur aus Dankbarkeit übernommen; ohne sich weiter irgendwie +verpflichtet zu haben, kehrte er nach Hause zurück[303-p]. Das alles +ist schön und gut und mag im einzelnen Fall durchaus richtig sein. Aber +im allgemeinen steht doch unbestreitbar als Thatsache da, daß gerade +unter Berufung auf Heilungen die Kirche die Sphäre ihres Einflusses +beständig zu erweitern trachtete. Sie deckten ihr den Rücken, all +diese Armen, Kranken, Gefangenen und Unfreien, die sie nährte, +kleidete, gesund machte und losgab. Aber während durch das Asylrecht +und die Gefangenpatronage nur die Strafrechtspflege beeinflußt, also +nur ein vorübergehender Rechtsakt sistiert wurde, griff eine zur +Gewohnheit werdende kirchliche Auslösung von Hörigen tiefer, weil sie +einem permanenten Druck auf einen zurechtbestehenden sozialen Zustand +gleichkam. + +Alles in allem ging es somit menschlich zu, auch bei den Heilungen. +Aber diese Eigenschaft des Heiligengrabes als eines Kurortes wirft doch +ein außerordentlich merkwürdiges Licht auf die religiösen Vorgänge in +der Volkspsyche, zumal bei den alten Franken, wo Treu und Glauben zu +Gott und seinen Heiligen noch nicht an schamlosem Priesterbetrug und +der stumpfen Gleichgiltigkeit der Menge zu Schanden wurden. + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Der Glaube. + + +Der Glaube des fränkischen Volkes unter der Herrschaft der Merowinger +ist ein Religionsgebilde, dessen Eigenart in der vollständigen +Abwesenheit dogmatischer Produktion besteht. Die Vulgärreligion liegt +entblößt da, ohne ideologischen Ueberbau. Das Studium des Volksglaubens +konnte also hier vor sich gehen, ohne durch die Komplikationen +behindert zu sein, die sich bei einem Nebeneinander von höherer und +niederer Theologie unfehlbar einstellen. Doch ist das nicht der einzige +Vorzug dieser Epoche. Auch ihre Frische und Beweglichkeit suchten +ihresgleichen in der Kirchengeschichte; wo sonst nicht ohne Recht von +Versteifung und Verknöcherung in Gewohnheiten und Formeln gesprochen +wird, ist es hier eine durchaus junge und lebendige Religion, die sich +mit Reliquienverehrung zufrieden gab. + +Die mannigfachen Bestandteile dieser Religion, die es im folgenden noch +kurz aufzuzeigen gilt, lassen sich nicht einheitlich ableiten. Aber die +beiden Hauptbegriffe, die uns im Verlauf unserer Untersuchung immer +wieder begegnet sind, dürfen als ausreichende Wurzeln des fränkischen +Volksglaubens gelten: der Wunderglaube und der Heiligenglaube. Das +Wunder bestimmt die fränkische Religionswelt stofflich, indem es ihr +Leiblichkeit verleiht und ihre Atmosphäre bildet, der Heilige dagegen +bestimmt sie vital, indem sie ihre eigentlichen Lebensfunktionen von +ihm bezieht. Erst wenn diesen beiden leitenden Gedanken der gebührende +Vorrang eingeräumt ist, dürfen die üblichen Fragen laut werden nach dem +Verhältnis der Religion zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. + + +1. + +Nehmen wir zunächst den Glauben im weiten, umfassenden Sinn als +Weltanschauung. In seinem gelehrten Werke »Der Sternenlauf« entrollt +Gregor folgendes Weltbild[305-1]: »Die meisten Philosophen haben sieben +Weltwunder beschrieben. Ich für mein Teil möchte mit einiger Abweichung +ebenfalls sieben, wenn auch nicht ganz dieselben aufzählen: erstens die +Arche Noahs; zweitens Babel und seine Schanzen; drittens der Tempel +Salomos, seine Säulenhallen, sein Altar, seine Cherubinen, seine +Bildsäulen, sein gepflasterter Boden und seine Thore; viertens das Grab +der Perserkönige; fünftens der Koloß von Rhodos; sechstens das Theater +von Heraklea; siebentens der Leuchtturm von Alexandrien. Diesen Erden- +und Menschenwundern gegenüber stehen sieben Himmels- und Gotteswunder, +von denen einige den Zweck haben, die Macht Gottes darzulegen, so +die Sonne, der Mond, die Sterne, der Phönix, oder den Sündern das +Höllenfeuer vor Augen zu führen: so der Aetna sowie der heiße Sprudel +zu Grenoble. Diese Wunder werden so lange zurecht bestehen, bis dem +Herrn die Auflösung der Welt beliebt. Erstens Ebbe und Flut im Meere; +zweitens die Befruchtung des in die Erde gelegten Samenkornes, das +Sankt Paul der Auferstehung unseres Leibes vergleicht; drittens der +Phönix, der sich selbst auf seinem Nest verbrennt und dann aus seiner +Asche aufersteht, auffallendes Vorbild eben der Auferstehung, die +unsern Leib erwartet; viertens der Aetna; fünftens die Feuerquelle +von Grenoble, die an der Hand nicht brennt und doch Kerzen und Dochte +anzündet. Ein gewisser Hilarius hat hierüber ein Gedicht gemacht, in +dem er nachweist, daß die ewigen Flammen unsern Leib noch verschonen, +um ihn dann zu verzehren nach dem jüngsten Gericht, wenn er sich der +Sünde überlassen hat; sechstens der befruchtende Lauf der Sonne; +siebentens der Mond, den wir zunehmen und abnehmen sehen, dann die +Sterne die im Osten auf und im Westen niedersteigen, die nördlichen +bewegen sich in einer Kreisbahn statt einen gradlinigen Lauf zu +befolgen, während die andern in der Mitte des Himmels stehen. Die einen +sind das ganze Jahr sichtbar, die andern bloß einige Monate. Mit Gottes +Erlaubnis will ich nun über den Lauf der Gestirne berichten für die, +die nichts davon wissen, und soweit meine eigene Kenntnis dieser Dinge +reicht. Ich werde die Benennungen, die ihnen Virgil und andere Dichter +geben, bei Seite lassen und mich an die Namen halten, die sie in der +Bauernsprache erhalten haben, oder an die, die durch die Stellung der +Sterne selbst nahe gelegt werden, wie Kreuz, Sichel und andere. Mit +diesen Zeilen verfolgte ich überhaupt keinen wissenschaftlichen Zweck +noch kann es mir einfallen, die Zukunft zu erforschen; wohl aber will +ich nachweisen, wie ein Tageslauf auf vernünftige Weise mit Gottes +Lob auszufüllen ist, zu welchen Stunden nämlich der sich in der Nacht +zum Gebet erheben soll, der mit Sorgfalt Gottesdienst halten will.« +Hierauf macht Gregor allerhand illustrierte Angaben von astronomischen +Beobachtungen rudimentärster Art, wie viele Stunden jeder Monat +täglich Sonne hat, desgleichen wie viele Stunden jeder Monat nächtlich +Mondschein hat. Der Mond geht im Sommer denselben Weg, den die Sonne im +Winter gegangen ist und umgekehrt. Gregor gibt sodann mit roter Tinte +die Stellung einiger Sternbilder am Himmel an und verweilt besonders +bei den Kometen: Ein Haarstern zeigt sich nicht zu jeder Zeit, sondern +nur etwa beim Tode eines Königs oder während eines Landesunglücks. Wenn +sein buschiges Haupt mit einem strahlenden Diadem erscheint, ist das +die Anzeige eines Todesfalls in der königlichen Familie. Ueberwiegt +dagegen der rötliche Degen und tritt der Kopfstern zurück, so deutet +es auf ein Landesunglück. So war es bei der Pest, die in der Auvergne +wütete, und so kurz vor dem Tode König Sigiberts. Dann erläutert Gregor +die Zeichen, an denen ein frommer Sinn den Gläubigen den Augenblick +angebe, wo man sich für den Gottesdienst erheben soll. Er beginnt +dabei nicht wie üblich im Monat März oder am Neujahrstag, weil die +Zusammenstellung, die man im Monat März beobachte, bereits in einem +andern Monat zustandekomme. Im September also ersteht der große Stern, +der Rotstern, mit dem kleinen, der ihm vorausgeht. Gregor gibt die +Psalmen an, die beim Aufgang dieses Sternes anzustimmen sind, ebenso +im Augenblick, da die ›Sichel‹, der Orion, an demselben Orte angelangt +ist, wo die Sonne am Tage um fünf Uhr steht; schließlich im Augenblick, +da die ›Traube‹ aufgeht. Dementsprechend gibt Gregor für jeden +folgenden Monat die Nachtpsalmen an sowie den dreifachen Zeitpunkt +für die nächtlichen Vigilien. Gregors Weltanschauung und mit ihm die +des fränkischen Volkes ist somit robust religiös, unphilosophisch +religiös. Der Erkenntnistrieb gibt sich mit der Anerkennung von zweimal +sieben Weltwundern zufrieden, und alles, was sich der Beobachtung +ungesucht aufdrängt, unterstellt sich dem praktischen Bedürfnis, für +die Verehrung Gottes eine möglichst geregelte, sozusagen naturgemäße +Aeußerung zu finden. + +Nehmen wir sodann Glauben im engeren Sinn als dogmatisches Bekenntnis, +so ergibt sich auch hier ein unkompliziertes, primitives Ideenbild, +das positiv durch die orthodoxen Symbole und negativ durch die beiden +Gegensätze des Arianismus und des Judentums bestimmt wird. Die negative +Bestimmung tritt viel schärfer ins Licht, weil es sich um einen realen +konfessionellen Haß gegen Andersgläubige handelt. Eine Katholikin, +die einen Ketzer zum Mann hatte, erhielt den Besuch eines streng +katholischen Priesters. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Wenn du mich lieb +hast, so soll Freude im Hause sein, wir wollen ihm ein Essen geben, +das sich sehen lassen darf«. Der Mann hatte nichts dagegen; als aber +nun noch ein arianischer Priester ihn besuchte, rief er fröhlich: +»Desto besser. Zwei Pfaffen aufs Mal, für jeden Glauben einen«. Bei +Tische saßen die Arianer rechts, das katholische Paar links, die Frau +auf einem Stühlchen neben dem Sessel des Priesters. Der Gatte raunte +dem Ketzer zu: »Nun wollen wir auf Kosten dieses römischen Priesters +uns lustig machen. Sobald eine Schüssel auf den Tisch kommt, so mache +rasch das Zeichen des Kreuzes drüber, und während der Andere traurig +dasitzt und zusieht und nicht essen darf, wollen wir uns gütlich thun«. +Jener erwiderte, er sei einverstanden. Zuerst kam Gemüse; der Ketzer +machte sein Kreuz und bediente sich. Die Frau verwahrte sich gegen +diese Beleidigung ihres Priesters. Dieser erhielt nun seine eigene neue +Portion, aber beim zweiten und dritten Gang gefiel sich der Ketzer in +denselben Witzen. Als nun als viertes Gericht eine Casserole mit einer +brennenden Fruchtomelette kam, Rühreier, etwas Mehl, Dattelschnitze +und entsteinte Oliven, und der Arianer sie wieder ohne weiteres +herunterschlang, verbrannte er sich elend den Magen, stieß einen +Seufzer aus seinem qualmenden Munde und gab mit einem schrecklichen +Geräusch alsobald seinen Geist auf. Man trug ihn vom Tisch in ein +Grab und deckte Erde darüber. Da rieb sich der katholische Priester +die Hände: »Gott hat seine Diener gerächt«. Und zum Gastgeber sich +wendend: »So. Nun wünsche ich zu essen«[307-a]. Ein ander Mal kamen +zwei Geistliche, ein Rechtgläubiger und ein Ketzer überein, es auf +ein Gottesurteil ankommen zu lassen, da sie sich sonst nicht einigen +konnten. Aber auch der Orthodoxe hatte Angst. Er schmierte sich den +Arm, mit dem er den Ring aus dem kochenden Wasser holen sollte, mit +Oel ein, lief von einem Heiligengrab zum andern, begab sich aber um +drei Uhr auf den Markt, wo es an Schaulustigen nicht fehlte. Jeder +von den beiden wollte höflicherweise dem Andern den Vortritt lassen; +schließlich mußte der Diakon heran und entblößte zitternd seinen Arm. +Da erhob der Gegner ein Geschrei und wollte nicht gelten lassen, daß +jener sich gesalbt habe; das sei Magie, die Sache sei null und nichtig. +Während sie nun aber stritten, kam ein italienischer Diakon aus Ravenna +des Weges, und als er vernahm, um was es sich handle, machte er rasch +seinen Arm frei und fuhr in den Kessel. Ueber eine Stunde lang hatte +er im Wasser zu tasten und zu suchen, weil der Ring so klein und +leicht war, daß er immer wieder entwischte, und immerfort wurde unter +dem Kessel geheizt. Er aber zog den Ring heraus ohne das geringste +verspürt zu haben; da jedoch der Arianer großmäulig behauptete, +er wolle seinen Glauben auf dieselbe Weise bewähren, war sein Arm +gesotten, als er ihn wieder herauszog[308-a]. Ein spanischer König +wollte einen katholischen Priester aus Gallien, den man aufgefangen +hatte, durch schmeichelhafte Versprechungen zum Uebertritt bewegen, +aber dieser entgegnete ihm, seine Geschenke seien Mist für ihn. Als +man ihn dann geißelte, spürte er nur die ersten drei Hiebe[308-b]. In +mehreren Varianten wurde auch die Geschichte herumgeboten, arianische +Priester hätten Leute bestochen, Blindheit und nachherige von ihnen +bewirkte Heilung zu simulieren; diese seien dann aber zur Strafe +wirklich blind geworden[308-c]. Die katholische Kirche in Rioms war +von den Gothen in Beschlag genommen worden. Sie schickten sich an, +dort in der Charwoche auf ihre Weise Kindertaufen vorzunehmen, damit +das Volk desto eher in die Falle gehe. Der katholische Geistliche, der +sich frevelhaft aus seinem Heiligtum verdrängt sah, ging einfach in +den anstoßenden Betsaal der Ketzer und taufte dort. Von den ketzerisch +getauften zwanzig Kindern überlebte übrigens keines die Woche nach +Ostern[308-d]. Dogmatische Erörterungen ersetzte ein Beweis der Kraft, +wie man ihn drastischer nicht denken kann. Alles wurde, wenn immer +möglich handgreiflich vor den Augen dargelegt. Das marmorne Taufbecken +in Osser in Spanien hatte Kreuzesform; am Gründonnerstag wird es +geleert und die Röhren versiegelt; zu Ostern hat es sich dann von +selbst gefüllt. Die westgothischen Könige benutzten den Teich aber zur +Pferdeschwemme oder ließen nach geheimen Kanälen graben, um das Wunder +als Betrug aufzudecken[308-e]. Und als bei der Belagerung Saragossas +durch Childebert und Chlotar die arianischen Einwohner mit dem Rock +des heiligem Vinzenz eine Mauerprozession unternehmen, da zogen sich +die Frankenkönige von der Stadt zurück, weil eine katholische Reliquie +auch in ketzerischen Händen nichts an Kraft verlor[308-f]. Gegen nur +arianische Wunder dagegen war man kritisch und deckte die Schliche +unbarmherzig auf. + +Nicht weniger schroff waren die Beziehungen zur Judenschaft. Der Haß +war auch hier gegenseitig; kein Teil blieb dem andern etwas schuldig. +Auch hier fehlt es an bezeichnenden Histörchen nicht. Der Knabe +eines jüdischen Glasers, der mit Christenkindern in die Schule ging, +wurde einst bei einer Meßfeier in der Marienkirche aus Versehen zur +Kommunion zugelassen. Frohlockend sprang er heim zu seinem Vater, den +er gerade bei der Arbeit traf, und erzählte ihm unter Liebkosungen, +jetzt habe er vom Fleisch und vom Blut Jesu Christi gegessen. Wütend +versetzte dieser: »Nun du mit diesen Kindern kommuniziert hast, +in Verachtung deines väterlichen Glaubens, so zwingst du mich ein +grausamer Rabenvater zu werden, da ich doch den dem Gesetz Mosis +zugefügten Schimpf nicht ungerächt lassen darf«. Darauf warf er sein +Kind in den glühenden Schmelzofen. Die Mutter kam herbei, warf sich vor +Schmerz ihren Kopfputz auf den Boden, zerraufte ihr Haar und schrie so +herzzerreißend, daß die christlichen Nachbarn herbeiströmten. Als man +aber den Ofen aufriß, befand sich das Kind völlig unverletzt; unter +allgemeinem Beifall wurde es hervorgezogen. Dagegen wurde nun der alte +Jude ins Feuer gesteckt und verbrannte sofort. Der Junge aber erzählte +auf Befragen, dieselbe Frau mit einem Kind auf dem Arm, die er heute +in der Kirche gesehen habe, hätte ihren Mantel über ihn gedeckt und +ihn so vor den Flammen gehütet[309-a]. In einer katholischen Kirche +sah ein Jude ein Christusbild an der Wand hängen und sagte: »Das also +ist der Verführer, der uns erniedrigt hat, mich und meine Rasse«. Da +es Nacht war, durchbohrte er das Bild, riß es von der Wand und nahm es +unter seinem Mantel mit nach Hause, um es zu verbrennen. Aber o Wunder, +die Wunde, die er dem Bilde geschlagen hatte, blutete; als er zu Hause +Licht machte, sah er sich blutüberströmt; Furcht ergriff ihn. Er +versteckte das Bild in einem Winkel; aber die Blutspuren von der Kirche +zu seinem Hause führten zu seiner Entdeckung. Die Christen brachten das +Bild wieder in die Kirche zurück und steinigten den Bösewicht[309-b]. +Um so erfreulicher war es, gelegentlich auch bei einem ungetauften +Juden aufrichtigen Heiligenglauben zu finden, und der heilige Domitius, +den er anrief, stand auch keinen Augenblick an, ihn von der Ischias +zu heilen. Aber wie man es nie allen Leuten recht machen kann, so +waren nun wieder die Christen nicht zufrieden. Sie zerschellten die +Kirchenlampen und riefen: »Wir, die Gott in Wahrheit bekannt haben, +sind noch nicht gesund, indessen dieser Beschnittene geheilt von +dannen geht«[309-c]. Als jedoch ein Jude in Bordeaux einem Priester +abriet, in der Martinskirche Heilung vom Schüttelfrost zu erwarten, +da ja Martin längst in der Erde liege, und wie andere Sterbliche zu +Staub zerfallen sei, und ein Toter doch den Lebenden nicht helfen +könne, da wurde seine Unkenntnis offenbar; denn der Priester genas +nach Genuß von Kerzenasche, während der Jude selbst am selben Fieber +über ein Jahr lang krank blieb[309-d]. Ueber das Diskussionsniveau +bei Auseinandersetzung von Katholiken und Juden belehrt auf das +anschaulichste ein Erlebnis Gregors. Er besuchte König Chilperich +auf dem königlichen Meierhof zu Braine, als dieser eben nach Paris +übersiedeln wollte, und war im Begriff sich zu verabschieden. Da trat +gerade ein Jude ein, namens Priskus, mit dem der König viel verkehrte; +von ihm pflegte er die kostbaren Sachen zu kaufen. Chilperich nahm +ihn freundlich beim Kraushaar und wandte sich an den Bischof mit den +Worten: »Bischof, komm; hier gibt’s etwas zu bekehren«. Der Jude aber +sträubte sich. Da sprach der König: »O über diesen harten Kopf und +dieses allezeit ungläubige Geschlecht, das es nicht begreift, daß der +Sohn Gottes ihm verheißen ist durch die Stimmen seiner Propheten, das +es nicht einsieht, daß die Geheimnisse der Kirche in seinen Opfern +vorgebildet sind«. Als er solches sprach, sagte der Jude: »Gott bedarf +weder eines Weibes noch eines Sohnes; auch läßt er keinen neben sich +herrschen, wie er durch Moses spricht: Seht ihr nun, daß ich allein es +bin und kein Gott neben mir ist? Ich kann töten und lebendig machen, +ich kann schlagen und kann heilen«. Da sagte der König: »Gott hat +aus seinem Schooße geistiger Weise den ewigen Sohn gezeugt, der Zeit +nach nicht jünger, der Macht nach nicht minder, denn der, von dem er +spricht: Aus deinem Schooße habe ich dich gezeugt vor dem Morgenstern. +Diesen den vor der Zeit geborenen, sandte er in den letzten Zeiten als +Heiland in die Welt, wie der Prophet spricht: Er sandte sein Wort und +errettete sie. Wenn du aber meinst, daß er nicht selbst zeuge, so höre +deinen Propheten, der da spricht aus dem Munde des Herrn: ›Sollte ich +andere lassen die Mutter brechen und selbst nicht auch gebären? Dies +sagt er von dem Volke, das durch den Glauben zu ihm neu geboren wird‹«. +Darauf erwiderte der Jude: »Konnte wohl Gott Mensch, konnte er vom +Weibe geboren, konnte er geschlagen und zum Tode verurteilt werden?« Da +der König hierauf nichts zu sagen wußte, mischte sich Gregor ein und +sprach: »daß der Herr, der Sohn Gottes, Mensch wurde, geschah nicht +weil es für ihn, sondern weil es für uns notwendig war; denn den von +der Sünde gefesselten und der Gewalt des Teufels unterworfenen Menschen +hätte er nicht erlösen können, ohne menschliche Gestalt anzunehmen. +Ich will mich nicht berufen auf die Evangelien und den Apostel, denen +du nicht glaubst, sondern auf deine heiligen Schriften, daß ich dich +mit deinen eigenen Waffen schlage, wie man liest, daß einst David den +Goliath tötete«. Und nun tritt Gregor, meistens an Hand der hiefür +althergebrachten Schriftstellen, den Weissagungsbeweis an für Christi +Person und Werk. Darauf erwiderte der Jude: »Wie kann es für Gott +eine Notwendigkeit geben, solches zu leiden«. Gregor antwortete: »Ich +habe dir schon gesagt, Gott schuf den Menschen ohne Sünde, aber durch +die List der Schlange ward er verführt und übertrat Gottes Gebot. +Deshalb ward er aus dem Paradiese vertrieben und ihm die Mühen der Welt +auferlegt. Aber durch den Tod Christi, des eingeborenen Gottes, ist er +mit Gott dem Vater wiederum versöhnt worden«. Der Jude sagte: »Hätte +Gott denn nicht Propheten oder Apostel senden können, die den Menschen +auf den Pfad des Heils zurückführten, ohne sich selbst zum Fleische +herabzulassen?« Wieder ließ Gregor eine lange gelehrte Antwort ergehen, +aber der unglückliche Jude wurde nicht zum Glauben bewogen. Da wandte +sich der König an den Bischof und bat ihn um den Segen. »Ich werde zu +dir sprechen«, sagte er, »was Jakob zum Engel des Herrn sprach, der mit +ihm redete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«. Nach dem Segen +verabschiedete sich Gregor und der König stieg zu Pferde[311-a]. + +Man begreift, daß der Jude unbekehrt von dannen ging; er dachte +dogmatisch schärfer als der gute Gregor. Auch in Streitgesprächen mit +Arianern siegte dieser durch sein männliches entschiedenes Auftreten, +aber nicht durch die Wucht seiner Gründe, so respektabel auch seine bei +diesen Anlässen sich bekundende Bibelbekenntnis sich ausnahm[311-b]. +Mit demselben schönen Pathos stellt er an die Spitze seiner Schriften +sein orthodoxes Bekenntnis von der vollen Gottheit Christi[311-c]. +Wohl ist auch ihm Christus der Endzweck des Lebens. Aber Erlösung +und Reinigung durch Christi Blut sind ihm Nebensache. Christus hat +sich bei seinem Tode überhaupt passiv verhalten; in Gregors Augen +war Christi Leiden keine That Christi; es war ein an ihm begangenes +Verbrechen. Die Auferstehung dagegen, sie zeigte ihn in seinem Wesen, +als den Oberwunderthäter, als den Siegeshelden und himmlischen +Herrscher. Und hier konnte eine nationale Auffassung des Christentums +einsetzen, die Christus als Herzog und das fränkische Volk als seine +Dienstmannen ansah. Das war dann aber kein Christuschristentum mehr, +sondern eben das fränkische Heiligenchristentum[311-1]. Mochte man auch +gelegentlich versichern, alle Wunder der Heiligen gehörten Christus, +seien göttliche Thaten und unterstünden Gott[311-d], es war trotz +alledem etwas anderes und kräftig eigenes, das sich der theologischen +Religionspraxis als untheologisches Volkschristentum entgegensetzte. +Und die Theologie sah sich gezwungen, halt zu machen; an Kraft, sich +aufzumachen und auszubreiten, hat es ihr gerade damals nicht gefehlt, +denn am Mittelmeerrande des alten Gallien hatte sich die Diskussion der +abendländischen Theologie gesammelt und, als Beweis ihrer Tüchtigkeit, +das apostolische Symbol hervorgebracht. Eine geradezu elementare +Macht muß also das sich ihr entgegenstemmende Bedürfnis nach einem +undogmatischen Volksglauben gewesen sein; infolge von Sankt Martins +Verbreitung des Christentums im gallischen Lande war es nun überall +aus der Erde gestiegen. Gregor spricht von Christus als dem Einwohner +der Heiligen[311-e]: ja, aber es handelte sich um das Erdgeschoß im +Himmel; wozu mühsames Treppensteigen in spekulativen Hochbauten? Wenn +man nur unter Dach war! + + +2. + +Zerlegt man das Christentum des fränkischen Volkes in seine einzelnen +Bestandteile, so findet sich wohl nicht das kleinste Bruchstück, +das in dem Maaße neu wäre, sich nicht anderswo schon vorzufinden. +Lediglich auf ihre Substanz hin geprüft, bleibt diese merowingische +Heiligenreligion durchaus ein Gebilde zweiter Hand. Wenn Gregor mit +seiner Heiligengelehrsamkeit von morgenländischen und römischen +Quellen und Vorbildern abhängig war, so ist das keineswegs zufällig, +sondern deutet für seinen Gegenstand, die fränkische Volksreligion, +auf dasselbe Verhältnis zum Auslande. Alles darin ist auswärts bereits +da, also Import oder Imitation. Da es sich immerhin um Christentum +handelt, wird freilich der Zusammenhang mit dem Mutterland Palästina +natürlich. Aber dieses Verhältnis zum Urchristentum zeigt so sehr +allenthalben das byzantinische Gepräge, daß dieses rege Interesse am +Evangelischen sich schon gänzlich in der Vermummung des orientalischen +Vulgärchristentums darstellt. Suchen wir uns kurz zu vergegenwärtigen, +was man den Franken vom apostolischen Zeitalter etwa beibrachte. Die +Person Christi wurde weniger durch die Predigt als durch die bildliche +Darstellung vermittelt: »Der Glaube, der sich uns rein erhalten hat +bis auf den heutigen Tag«, schreibt Gregor[312-a], »steigert die +Liebe zu Christus so sehr, daß die Gläubigen, denen sein Gesetz ins +Herz gegraben ist, auch sein Bild vor Augen haben wollen zum Andenken +an seine Verdienste, vermittelst von Gemälden, die sie in ihren +Kirchen und in ihren Häusern aufhängen«. Als das Urbild galt die +Christusstatue, die das blutflüssige Weib aus Dankbarkeit in Paneas +gestiftet habe. Gregor ließ sich von mehreren Augenzeugen berichten, +das Gesicht des Bildwerks glänze[312-b]. Von Jerusalem aus hat man +Christusamulete durch die ganze Welt hin versandt: um die Martersäule +gespannte Schnüre, besonders aber kleine Erdtorten, die aus einer +angefeuchteten Scholle des heiligen Grabes zurecht geknetet und dann +gedörrt wurden[312-c]. Das Urchristentum stand nach Gregor unter +Leitung der Zwölfapostel und der Jungfrau Maria; der im Orient eben +erblühte Marienkult findet hier seinen ersten Wiederhall. Gregor +ist der erste Schriftsteller, der von der Auferstehung der Maria +und ihrer leiblichen Erhebung aus dem Grabe ins Paradies zu sagen +weiß[312-d]; von ihren Wundern berichtet er, sie habe das nach ihr +geheißene Kloster in Jerusalem von Nahrungsnot befreit[312-e]; auch +habe Kaiser Konstantin ihr eine prächtige Basilika mit Säulengängen +errichtet[313-a]. Unter den Aposteln tritt Gregor auf sieben näher +ein: Jakobus, der Bruder des Herrn habe sich sein Grab am Oelberg +selber bereitet und übrigens schon vorher Zacharias und Simeon +darin bestattet gehabt[313-b]; Petrus habe aus Demut die Gewohnheit +angenommen, seinen Scheitel kahl zu scheeren; in Rom zeige man noch +zwei ausgehöhlte Steine an der Stelle, wo er mit Sankt Paul im Gebet +gegen Simon Magus auf den Knien gelegen habe; das dort sich sammelnde +Regenwasser heile. Die Peterskirche des Vatikan sei von vier Kolonnaden +getragen, sechsundneunzig Säulen, mit den vier Altarsäulen hundert +im Ganzen, nicht gerechnet die vier, die den Grabesbaldachin tragen. +Wer am Petersgrabe, das unter dem Hauptaltar liegt, beten will, +öffnet das Gitter, naht sich dem Grabe und hat seinen Kopf durch ein +Guckfenster zu strecken. Bei der Gewinnung des Petersamuletes ist +es Sitte, den Seidenlappen vor- und nachher zu wägen, um mit der +Gewichtsdifferenz die Echtheit des Glaubens zu beweisen. Andere nehmen +den Gitterschlüssel mit sich und lassen zum Ersatz einen goldenen +zurück[313-c]. Sankt Paul wurde in Rom enthauptet, auf den Tag ein +Jahr nach dem Martyrium Sankt Peters. Aus seiner Leiche floß Milch und +Wasser; warum denn nicht Milch, bei ihm, der die ungläubigen Völker +im Schooße trug und zur Welt brachte, sie aufzog mit Geistesmilch bis +zum Genuß der festen Speise heiliger Schrift? Nach seinem Tode, um +wenigstens ein Wunder von ihm zu nennen, hielt er einen vom Teufel +verführten Menschen ab, sich das Leben zu nehmen[313-d]. Der Evangelist +Johannes, der Busenjünger des Herrn, stieg lebendig ins Grab hinein +und befahl, ihn mit Erde zuzudecken. Noch heute scheidet sein Grabmal +eine Art weißen Mannas aus; dieses Mehl wird als Arznei durch die +ganze Welt versendet. Noch zeigt man in Ephesus auf einem Berge eine +Burgruine mit vier Mauern ohne Dach; dort schrieb er sein Evangelium +und bat Gott, doch nicht regnen zu lassen, bis er damit zu Ende sei, +und so fällt denn bis zum heutigen Tage dort kein Regen und zeigt sich +keine Wolke. In Ephesus ruht auch Maria Magdalena ohne jedes Gewand, +in ihrem Grabe[313-e]. Am Tage des Apostels Andreas quillt nicht nur +Mannamehl, sondern auch Oel mit Nektarduft aus dessen Grabe zu Patras, +wo er gekreuzigt wurde. Das Maß dieser Festernte gibt das Orakel ab für +den Feldertrag des ganzen Jahres. In eben dieser Andreaskirche brauchte +Mummolus, der als Gesandter König Theudeberts zu Kaiser Justinian +nach Konstantinopel kam, den Tempelschlaf gegen Blasensteine; nachdem +er an seinem Aufkommen verzweifelnd bereits sein Testament gemacht +und mit Siegel und Unterschrift hatte versehen lassen, hatte er sich +nach einem tüchtigen Arzte erkundigt und zur Antwort erhalten, warum +er es denn nicht mit dem himmlischen Arzte versuche. So ließ er sich +denn an das Andreasgrab bringen und lag dort auf dem Kirchenpflaster +gebettet, als er um Mitternacht, da alles schlief, plötzlich das +Bedürfnis empfand, sein Wasser zu lösen. Er stieß daher einen seiner +Sklaven an, verlangte mit schwacher Stimme ein Geschirr und gab nun +unter großer Anstrengung einen so stattlichen Stein von sich, daß es +ein ordentliches Geräusch gab, als er in das Gefäß fiel. Schmerzen +und Fieber hörten auf; der Herr konnte gesund und wohl das Schiff zur +Heimfahrt besteigen[314-a]. Der Apostel Thomas erlitt das Martyrium +in Indien. Später wurde er nach Edessa in Syrien überführt und dort +bestattet; doch erhob sich über seiner früheren Ruhestätte in Indien +ein Kloster mit einer prächtigen Kirche; ihr »ewiges Licht« genießt +den Vorzug, daß es nie gespiesen zu werden braucht, und nie auslöscht; +das weiß Gregor von einem gewissen Theodor, der dort war. Andrerseits +verdient die Thomasmesse von Edessa wegen des ungewöhnlichen Zudrangs +Erwähnung: von überallher finden sich dort Leute um zu beten und +Geschäfte zu machen; dreißig Tage lang kann jedermann kaufen und +verkaufen ohne Steuer zahlen zu müssen, den ganzen Monat März hindurch; +dann stechen auch die Insekten nicht, und das Wasser, das man sonst +hundert Fuß tief aus dem Boden herauspumpen muß, reicht nun bis wenige +Fuß unter die Oberfläche. Sind aber die Festtage vorüber, so meldet +sich das Ungeziefer wieder, werden die Steuern eingetrieben, erreichen +die Brunnen den üblichen Tiefstand; zu gleicher Zeit gießt dann auf +Gottes Befehl ein Platzregen herab und reinigt das gesamte Revier +um den Tempel herum von dem Schmutz und all den Ueberbleibseln, die +durch die Massen der Festbesucher veranlaßt waren[314-b]. Bartholomäus +hatte ebenfalls in Indien gewirkt und dort sein Grab gefunden. Nach +Jahr und Tag wurde aus Anlaß einer Christenverfolgung sein Sarkophag +von Heiden ausgegraben und in einem Bleisarg dem Meere übergeben, +indem sie sagten: »Nun wird er uns doch die Bevölkerung nicht mehr +aufwiegeln«. Aber die Meereswellen ließen die köstliche Fracht +nicht untergehen, sondern trugen sie auf wunderbaren Wegen nach den +liparischen Inseln[314-c]. Von Stephanus dagegen weiß Gregor keine +orientalische, sondern nur fränkische Traditionen anzugeben[314-d]. +Auch für die nachapostolische Zeit fehlt es nicht an morgenländischen +Sagen. Von der schönsten, der Siebenschläferlegende, hat Gregor neben +seiner wörtlichen Uebersetzung der syrischen Passion noch einen Auszug +der Geschichte folgen lassen[314-e]. Außer den im fränkischen Reich +durch Reliquien vertretenen heiligen Georg[314-f] und Sergius[314-g] +nennt er im Zusammenhang außerdem die Aerzte Cosmas und Damian[315-a], +Phokas[315-b], Domitius[315-c], Isidor von Scio[315-d] und Polyeuktes. +Des letzteren Kirche in Konstantinopel mit ihrem von der Matrone Julia +gestifteten Golddach reagierte speziell auf Meineidige; war auch damit +die Eigenschaft einiger fränkischer Kirchen vorgebildet[315-e], so +legen ferner die achtundvierzig Märtyrer von Armenien die Vermutung +nahe, die Zählung der genau ebenso starken Märtyrerschaar von Lyon +beeinflußt zu haben, deren historische Bestandteile bei Euseb Gregor +im übrigen in Rechnung bringt[315-f]. Endlich erzählte man sich im +Frankenreich auch von dem wunderbaren Asketen Simeon, der in einer +Kirche zu Antiochien auf einer Säule lebte und so frauenscheu war, daß +er nicht einmal seiner eigenen Mutter erlaubte, ihn anzusehen[315-g]: +in diesen beiden Zügen fand er gemäßigte Nachahmer auf gallischem Boden. + +Aber was wollen solche Einzelheiten noch besagen, wo die Thatsache der +Abhängigkeit und Nachahmung, Gesamterscheinung gegen Gesamterscheinung +gehalten, sich so unabweislich überzeugend aufdrängt. Des öftern +muß es natürlich eine offene Frage bleiben, in wie weit nun wieder +das morgenländische Gut durch römische Hände gegangen war. Für +einzelne Urheilige wie Peter und Paul liegt ja der römische Ursprung +der Legende auf der Hand. Hiezu kommen jedoch nur einige wenige +Heiligensagen lateinischer Färbung. Die merkwürdigste darunter ist +der italienische Schulmeister Cassianus, der von seinen Schulkindern +mit den Schiefertafeln tot geschlagen und mit den Kielfedern tot +gestochen wird[315-h]; hier wie auch sonst[315-i] gelegentlich hält +sich Gregor an Prudentius. Die Sage jedoch von dem sich liebenden +Märtyrerpaare Chrysanthus und Daria hat Gregor aus alten Akten, die +Anekdote von dem in ihrer Katakombe versuchten Diebstahl dagegen wohl +aus mündlichen Berichten[315-k]. Nicht zu den Märtyrern, sondern zu +den Bischöfen gehört von seinen italienischen Heiligen Paulin von +Nola[315-l]. Im Unterschied etwa zu Euseb von Vercelli, der für ihn vor +allem kultisch in Betracht kommt[315-m], schildert Gregor jenen seinem +Erdenleben nach, nicht in seinen posthumen Wirkungen. Viel wichtiger +ist, daß in Italien sich im sechsten Jahrhundert dieselbe Gestaltung +der Dinge vollzog, wie in Gallien. Der römische Gregor faßt gleich +seinem fränkischen Namensvetter in seinem persönlichen Glauben eine +ganze Entwicklung zusammen, und vergleicht man sie beide, so besteht +der allerdings fundamentale Unterschied wohl nur in dem Dasein und dem +Mangel einer höheren Theologie, die, wo vorhanden, durch ihre Probleme +den christlichen Materialismus zu einem Kampf zwischen den Engeln und +dem Teufel abdämpfte, dagegen, wo sie fehlte, die nur unzureichend +maskierte Götterwelt der Heiligen friedlich gewähren ließ. In diesem +Mangel einer augustinischen Fragestellung reichen sich dann eben das +byzantinische und das fränkische Christentum die Hand: es herrscht +zwischen ihnen ein Einvernehmen über Rom hinweg; ein Heiligenglaube +der von höherer Theologie überhaupt nicht geniert wurde, fühlte sich +bewundernd zu der Theologie hingezogen, die selbstvergessen ihre +höheren Interessen an einen solchen Heiligenglauben verlor. Doch war +die Liebe der fränkischen Kirche zu Byzanz gewissermaßen eine Liebe +ohne Einwilligung der Eltern; der römische Einfluß blieb unbedingt +maßgebend. Es hat sich in der fränkischen Kirche kein Gegensatz zu Rom +auszubilden vermocht, in dem man die siegreiche Werbung des Orients +erkennen könnte; nur sofern die römische Erlaubnis nicht gefährdet +schien, ist byzantinisches Gut zu den Franken gedrungen. Daraus +erklärt sich dann auch die prinzipielle Stellung, die das fränkische +Christentum zu den Reliquien einnahm. Morgenland und Abendland +empfanden in einem wesentlichen Punkte unversöhnlich verschieden; +im Osten gestattet man die Zerstückelung der Leiber, in Rom war sie +streng verboten[316-1]. In diesem Hauptpunkte hält man sich nun bei +den Franken durchaus auf die römische Seite; wenigstens ist nirgend +von einer Zerstreuung der Glieder eine Spur wahrzunehmen. Dagegen +sieht man dem Morgenlande unverfängliche Dinge wie Tempelschlaf +und Krystallvision oder löbliche Einrichtungen wie die Xenodochien +ab[316-2]. Auch in den Bildern hätte man es gerne nachgeahmt; aber der +Respekt vor römischer Gesinnung ließ diesen Gelüsten nur geringen Raum; +wenige fränkische Kirchen hatten Bilder[316-a], und von diesen mußte +zum Beispiel der Christus in der Kirche von Narbonne bezeichnenderweise +mit einem Leintuch verhängt werden[316-b]. Endlich machte die +Stellung der fränkischen Heiligen eine Verwendung der Engel durchaus +überflüssig: indessen fing man vereinzelt an, statt zu den Heiligen +auch zu den Engeln zu beten[316-c], und der Wunderthäter unter den drei +Erzengeln Gregors des Großen, Michael, taucht bei Gregor von Tours erst +schüchtern, aber bald darauf ebenbürtig unter den fränkischen Heiligen +als ihresgleichen auf. + +Doch bedeutet der Versuch beinahe einen Widerspruch in sich selbst, in +der fränkischen Heiligenverehrung römische Bestandteile und Parallelen +noch insbesondere nachweisen zu wollen. Ist sie doch selber ihrem +eigentlichen Wesen nach ganz und ohne Rest römisch. Damit greifen +wir zu Ende unserer Darstellung wieder auf deren Anfang zurück. An +einigen römischen Heiligenviten aus der vorfränkischen Zeit haben +wir den Hauptimpuls für die Entstehung der fränkischen Heiligenwelt +erkennen lernen in der lebensvollen Erinnerung an die Wirksamkeit +bedeutender Mönchsbischöfe aus dem Ende des vierten bis zu Anfang +des sechsten Jahrhunderts. Allen voran Sankt Martin. Auch uns, die +wir seinem Einfluß doch gänzlich entrückt sind, ist er ein Rätsel +geblieben. Die merkwürdige Combination eines stahlharten Willens und +eines kindlich weichen Herzens reichen zur Erklärung seiner wunderbaren +Erscheinung nicht aus. Wir mußten ihn als Visionär gelten lassen, +ihm eine uns fremde, unbekannte Welt einräumen, aus der er nach +einem außerkörperlichen Zwischenleben Seelen wieder in ihre Körper +zurückrief, verschollene Geister zur Rede stellte, Engel empfing und +namentlich immer und immer wieder den Teufel auf sich einstürmen sah. +Eine ekstatische Ader wirkte auch in seinen bedeutenden Zeitgenossen: +Ambrosius von Mailand nahm durch Verzückung an Martins Begräbnis teil, +und Severin von Köln, — sein Erzdiakon hatte es auf Tag und Stunde +hin notiert — hörte in Martins Todesstunde einen himmlischen Chor +singen[317-a]. Als aber auf dieses starke, produktive Geschlecht ein +epigonenhaftes rezeptives folgte, erwies es sich der Ahnen würdig, +indem es zu münzen verstand, was jene gruben. Die fränkische Kirche +stand im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vor der Aufgabe, die von +starken und ungewöhnlichen Naturen ausgegangene Anregung in eine +Organisation umzusetzen, deren Betrieb auch mit mittelmäßigen und +alltäglichen Kräften ohne Schädigung des Gehaltes von statten gehen +konnte. Sie hat diese Aufgabe gelöst, glänzend gelöst. + +Zunächst dadurch, daß sie das Andenken des verstorbenen Heiligen +kultisch zu bannen verstand und den im Tode allerdings geschwundenen +aktiven Einfluß der heiligen Person halbwegs durch den mit der +Verehrung gegebenen passiven zu ersetzen wußte. Die Heiligsprechung +entsprach noch durchaus der Quintessenz des hinterlassenen Andenkens: +genoß ein Heiliger bei Lebzeiten das Vertrauen des Volkes, so +sicherte man ihm diesen Besuch, auch wenn er tot war. Doch gab es +Ausnahmen: der Lebenswandel von einst konnte gegenüber den dem +Leichnam gespendeten Ehren zu Zweifeln berechtigen; dann fehlt es +aber auch an der schuldigen Rechenschaft nicht; Für und Wider werden +gewissenhaft abgewogen, und ein Ueberwiegen der Vorteile hat dann +zu der übrigens noch rein naiven, nicht gesetzlich regulierten +Canonisation geführt. So geschah es mit Sankt Sigismund. Er hat, sagte +man sich, allerdings seinen Sohn töten lassen; aber er that Buße +zu Agaunum, stiftete dort den täglichen Kirchengesang, bereicherte +die Abtei sowohl mit Mobilien als mit Immobilien; dann wurde er ja +doch auf grausame Weise ermordet und eben in Agaunum beigesetzt, das +Hauptzeichen aber, daß er der Gemeinschaft der Heiligen angehört, sind +die Ereignisse an seinem Grabe; wenn Fieberkranke die zu seinen Ehren +gelesenen Messen mit Andacht hören und eine Spende bringen, werden sie +alsbald gesund[318-a]. Im allgemeinen bestätigte die Kirchenleitung +stillschweigend den durch die Volkspraxis geschaffenen Bestand +an Heiligen, und es ist für Heilige kein Fall von nachträglichem +einschneidendem Widerruf bekannt, wie er für den Leumund von Laien +gelegentlich vorkam, so gegenüber einer abgefeimten Heuchlerin, die +unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihrer Habsucht fröhnte und auf +eine bischöfliche Untersuchung hin nach ihrem Tode noch gebrandmarkt +wurde[318-b]. + +Die Atmosphäre, deren die so geschaffene Heiligenverehrung zur +Existenz dringend bedurfte, wird aus zwei menschlichen Seelenvermögen +gespiesen, die wir infolge dessen in der Merowingerzeit in sehr +ausgebildeter Form vorfinden: einer lebhaften Sensibilität für +alles Ungewöhnliche, Wundersame, Sonderbare und einer ausgebildeten +Traumphantasie. Die eigentliche Kraft des Wunderglaubens beruht auf dem +spontanen Wunder; dieses ist der plötzlich auftretende, unbegreifliche +Gewaltsakt, der den natürlichen Verlauf durchkreuzt und ihm eine neue +Richtung gibt. Je stärker ein Heiliger ist, um so unerschöpflicher +wird er an spontanen Wundern sein. Da aber der Dichtigkeitsgrad des +Wunderglaubens nicht durch die aktiven Wunderthaten, sondern durch +die Aufnahmsfähigkeit der Empfänger bestimmt wird, und die Wunderluft +viel weniger daraus entsteht, ob wirklich Wunderbares geschieht, als +daraus, ob es für wunderbar gehalten wird, so ist das Weiterblühen +des Heiligenkultes keineswegs ausschließlich Fortdauer des von den +Wunderthätern ausgegangenen Anstoßes, sondern mindestens ebenso sehr +Mitwirkung einer in der Laienwelt gepflanzten Empfänglichkeit. Zu +dieser beständig zurecht bestehenden Rezeptionsfähigkeit der Menge +hat die Geistlichkeit vor allem durch die Fertigkeit beigetragen, mit +der sie die Umdeutung der Zufälligkeiten des Tages vornahm. Als der +Tempelräuber einen Fehltritt und infolge dessen den tödlichen Fall +in seine Lanze thut, ruft Gregor: »Niemand wird zweifeln, daß das +ein Gottesurteil war und nicht ein Spiel des Zufalls«[318-c]. Ein +Priester der Landschaft Poitou, namens Pammichus saß mit Freunden bei +Tische und wollte eben trinken, als eine Fliege ihn umsummte und sich +durchaus auf das Glas setzen wollte. Er jagte sie mit der freien Hand +weg; aber sie näherte sich immer wieder. Da schöpfte er Verdacht, es +möchte eine Arglist des bösen Feindes sein. Er hob das Glas in seiner +Linken hoch empor und schlug mit der Rechten das Zeichen des Kreuzes. +Alsobald teilte sich die Flüssigkeit in vier Teile, schäumte über und +goß sich auf die Erde aus: also war es in der That satanische Tücke +gewesen[319-a]. War somit der Geist durch die Engels- und Teufelswelt +lebhaft beschäftigt, so verstärkte es noch die Wirkungskraft dieser +Welt auf das Leben, daß sie sich in den Träumen fortsetzte. Es wäre +unrichtig, die Bedeutung der Traumvorstellungen für die Heiligenwelt in +Abrede zu stellen, zumal sogut wie nachgewiesen ist, daß die niedere +Heidenmythologie aus dem Traum überhaupt geboren wurde, allerdings aus +dem pathologischen Traum, dem Alpdrücken[319-1]. Dem trat entgegen die +lichte, helle, friedliche Traumerscheinung des Heiligen und stellte +sich der schwarzen Gespensterwelt erlösend entgegen. Gregor erzählt +von einem Fieberkranken, als die Nacht kam, in der ein Schüttelfrost +zu erwarten stand, sei ihm eine schreckliche Nachtmäre erschienen; sie +kam auf ihn los und sagte ihm: »Nun ist wieder Zeit dich zu schütteln. +Warum willst du das leugnen. Laß es zu, wie gewöhnlich«. Der Kranke +hatte nämlich Grabsteinpulver eingenommen, alsobald erschien aber +ein Mann mit glänzendem Gesicht, schneeweißem Haar und freundlichem +Benehmen und sagte: »Zittere nicht; mache über deiner Stirne nur das +ehrwürdige Kreuzeszeichen, so wirst du alsobald gesunden«[319-b]. Wie +gering aber für das damalige Empfinden der Unterschied von Traum und +Wirklichkeit war, zeigt sich daran, daß derselbe unbekannte ehrwürdige +Greis, der uns in zahlreichen Traumbildern vorkam, auch plötzlich +unter die wirkliche Volksmenge getreten und sich als Sankt Martin +zu erkennen gegeben haben soll[319-c]. War es aber wirklich so, daß +die Traumbegebenheit hinter dem wachen Zustand an Realität nicht +zurückblieb, kam daher die Heiligenerscheinung genau so in Betracht wie +einst bei Lebzeiten die persönliche That, so war auch die kurze Dauer +der Erdenzeit keine Schranke mehr für das spontane Wunder, vielmehr +konnten in unbeschränkter Zahl irdische und himmlische Kraftthaten für +die Sache der Heiligen wirksam sein. + +Die große Überlegenheit des kirchlichen Wunder- und Heiligenglaubens +über den vulgären heidnischen Aberglauben beruht in dem persönlichen +Moment des gepflegten Andenkens an die Erdenspuren eines einst +einflußreichen Menschen, das denn doch ein unvergleichlich höheres +Gepräge trug, als die Erinnerung an die Nachtschrecken des Alptraums, +so wirklich man diese auch verspürt hatte, und bei aller poetischen +Ausschmückung. Dem entspricht die Verachtung, mit der die katholischen +Geistlichen auf Zauberer und Wahrsager herabsahen. Wenn sie mit ihnen +zu thun bekommen, handelt es sich meistens um eine Confrontierung +von Heiligenkraft und Dämonenohnmacht; es kam eben noch oft genug +vor, daß besonders Leute vom Lande im Fall von Gemütskrankheit sich +zur Austreibung des Dämons erst an die Hexenmeister und Quacksalber +wandten. Ein solcher Heilkünstler murmelt dann Zaubersprüche, wirft +die Loose, hängt Halsbänder um und verspricht die Rückkehr des Lebens, +während er doch selbst durch sein Gebahren den Tod herbeiruft. Sobald +wirklich Angehenk und Amulet, Zaubertrank und Heiligenmedizin, +Beschwörungsformeln und Kreuzeszeichen, in Wettkampf mit einander +traten, dann stellte es sich immer sofort heraus, wem die Heilkraft +innewohnte[320-a]. Desgleichen gegenüber Aerzten von Beruf, denen man +an sich ein gewisses Ansehen nicht versagte; aber mit dem Heiligen +verglichen forderten sie zum Mitleid heraus: »Was vermögen sie denn mit +ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes Schmerz hervorzubringen, +als ihn zu mildern; wenn sie das Auge aufsperren und mit den spitzen +Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie jedenfalls die Qualen des +Todes vor die Augen treten, ehe sie wieder zum Sehen verhelfen. Und +sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau befolgt werden, ist es +überhaupt mit dem Sehen ein für allemal vorbei. Unser lieber Heiliger +dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur eine +Salbe, das ist seine Heilkraft«[320-b]. Und seinem Hausarzt erklärt +Gregor, als er selber doch so darnieder lag, daß man bereits seine +Beerdigung vorbereitete: »So; du hast nun alle Hilfsmittel deiner +Kunst erschöpft, du hast alle Kräfte und Säfte aufgebraucht; aber die +Mittel dieser Welt helfen dem nicht, der dem Tode verfallen ist. Mir +bleibt nur noch eins übrig; ich will dir das große Mittel nennen: nimm +Steinpulver vom Grabe Martins und mach es mir an«[320-c]. Auch zum +Selbstbewußtsein, das damals die Geistlichen gegenüber den Anmaßungen +der weltlichen Machthaber oft bitter nötig hatten, hätte ihnen ihr +Heiligenglaube nicht verhelfen können, wäre er Illusion gewesen. Wenn +Leo, der Kanzler des Westgothenkönigs Alarichs _II_, die Felixkirche zu +Narbonne teilweise abtragen ließ, weil sie die Aussicht des königlichen +Palastes hinderte[320-d], wenn Eustasius von Poitiers Bischof Eufronius +von Tours um den Grundbesitz von dessen Vetter Baudulf brachte[320-e], +wenn Leudast der Graf von Tours einen jungen Pariser Handwerker am +Heiligengrabe festzunehmen befahl, weil er wohl seinen Lehrherren +entlaufen sei[320-f] und was der zahllosen Gewaltthaten dieser Art +mehr sind, immer konnte dann der Bischof, dem die Einsprache oblag, +sich zuversichtlich sagen, hinter ihm stehe der Heilige und werde ihn +nicht im Stiche lassen. Doch machte man mit diesem Bewußtsein auch dann +Ernst, wenn es Entsagung forderte; offenbar führte die Ehrfurcht vor +der dem Heiligen schuldigen Würde dazu, daß wenigstens sein direkter +Vertreter sich der Ehe enthielt, und so entließ ein Geistlicher, +der Bischof wurde, seine Frau[321-a], während beim niederen Klerus +der Cölibat ein unerfüllter Wunsch der Konzilien blieb. Selbst reine +Versehen, wie sie überall mit unterlaufen können, wurden durch den +Heiligen in Person ausgeglichen, treu stand er zu seinen Untergebenen, +so bei dem Erzdiakon Johannes von Nimes, der in Verwechselung mit dem +in der That schuldigen Erzpriester dieses Namens verhaftet worden war, +dann aber im Verlauf der Folgen dieses Vorfalls den Bischofsstuhl der +Stadt bestieg[321-b]. + +Das Standesbewußtsein äußert sich nun aber nicht zum wenigsten auch +darin, daß man auf Ordnung hielt in Ausübung des Wunderglaubens. +Gemeint ist damit nicht die aristokratische Miene, mit der einige +Altrömer gelegentlich die triviale Meßcelebrierung eines Franken als +unelegant belächeln[321-c]. Noch weniger darf man darunter Sittenzucht +im Klerus verstehen; der Priester, Eparchius, der im Rausch die +Weihnachtsmesse celebrierte[321-d], ist noch ein gnädiges Beispiel +angesichts der von Gregor in der Frankengeschichte geschilderten +infulierten Raufbolde, Schlemmer und Schufte wie Badegisel von Le +Mans[321-e], Salonius von Embrun und Sagittarius von Gap[321-f], +Eonius von Vannes[321-g], und Cautinus von Clermont[321-h], nicht zu +vergessen der aufständischen Nonnen von Poitiers[321-i], gegen die +Militär aufgeboten werden mußte. Aber diese Verwilderung der Sitten, +die in der Kirche womöglich noch schlimmer war, als unter den Laien, +führte die asketischen Kreise zu einer ungesunden Steigerung ihrer +Ansprüche an sich selbst; gegen das gottlose Treiben der Welt, wo +überhaupt nur noch Meineid, Raub und Mord zu finden sei, suchte man +mit einem manchmal geradezu verrückten Fanatismus anzukämpfen. Und +da nun setzte eine vernünftige Einsicht aus ernst gesinnten Kreisen +haltgebietend ein. Eine Langobarde, Wulfilaich mit Namen, ein Jünger +des Aridius von Limoges, that sich aus Verehrung für Sankt Martin bei +Trier als Säulenheiliger auf; aber die Bischöfe ließen seine Säule +zerstören mit der Begründung, ein geringer Mann wie er könne sich +nicht mit Symeon von Antiochien vergleichen; auch erlaube das rauhe +Klima diese Art Askese nicht, er habe wie andere Aebte bei seinen +Mönchen zu wohnen[321-k]. In Bordeaux ertrotzte ein überspannter +zwölfjähriger Knabe, Anatolius, von seinem Herrn die Erlaubnis, sich +als Klausner einzuschließen. Acht Jahre lange lebte er in einer +unterirdischen Kirche in einem Loch eingemauert, und erkrankte +denn auch am Verfolgungswahn; eine Martinskur in Tours hatte nur +vorübergehenden Erfolg. Ein anderer Klausner in der Bretagne, Winnoch, +lebte nur von Kräuterwurzeln und kleidete sich in Felle, schien auch +den Weinkrug zum Munde zu führen, als berühre er ihn nur mit den +Lippen und trinke nicht; da aber fromme Leute ihm oft volle Weinkrüge +brachten, gewöhnte er sich leider endlich doch an den Trunk und fing +an, sich dem Weine zu ergeben, daß man ihn meistens nur betrunken sah. +Er mußte schließlich als gemeingefährlich eingesperrt werden; doch +führte das seine Besserung nicht herbei[322-a]. Solche Extravaganzen +mißverstandener Heiligkeit machen die seltsame Maßregel eines Abtes in +Bordeaux verständlich: er hatte bereits bei der Aufnahme eines Novizen +Bedenken erhoben, der Dienst an diesem Orte sei hart; doch hatte der +Jüngling sich bescheiden eingeführt und bekam eines Tages zur Erntezeit +Getreide zu überwachen, das zum Trocknen an der Sonne lag. Plötzlich +brach ein Regen los; Hülfe zu holen, war zu spät, also betete der junge +Mönch, es möchte doch kein Tropfen auf das Getreide fallen. In der That +blieb der Weizen verschont, während es ringsum strömte. Abt und Mönche, +die herbeieilten, sahen das Wunder, und sahen den Bruder im Gebete +auf dem Sand hingestreckt. Auch der Abt warf sich hinter ihm zur Erde +nieder. Dann aber rief er ihm zu, aufzustehen, ließ ihn ergreifen und +geißeln, indem er zu ihm sprach: »Du mußt nämlich, mein Sohn, in der +Furcht und dem Dienste Gottes demütig wachsen, nicht aber mit Zeichen +und Wunderkräften dich rühmen«. Er ließ ihn darauf sieben Tage in eine +kleine Zelle einsperren und wie einen Schuldigen hungern; denn eitle +Ruhmsucht könnte seiner Seele schaden. Der junge Mann fiel in Folge +dessen sehr gut aus und wurde ein Mönch von größter Ergebenheit und +fast ohne jeden Anspruch ans Leben[322-b]. Desgleichen verfuhr ein +anderer Abt gegenüber einem Mönche, von dem ihm hinterbracht worden +war, er strebe mit ungewöhnlicher Heftigkeit nach einem heiligen +Wandel und liege nach vollbrachter allgemeiner Bußandacht noch zu +harten persönlichen Uebungen abseits in einer Dornhecke auf den Knien. +Er folgte ihm das nächste Mal verstohlen, um ihn zu beobachten, und +gewahrte nun in der That, daß dem Bruder während des Gebets leichte +Flammen aus den Mundwinkeln fuhren, die dann in leisem Feuerdampf sich +um dessen Haupt sammelten, ihm das Haar steif aufsträubten, ohne es +jedoch anzusengen und schließlich als unendliche Lichtsäule gen Himmel +stiegen. Aufs höchste erstaunt über diese unzweifelhafte Begabung zum +Heiligen, ließ der Abt jedoch nicht das geringste merken, sondern legte +dem Bruder von nun an besonders harte Demütigungen auf, damit solch ein +schönes Wundertalent nicht der Eitelkeit zum Opfer falle[322-c]. + + +3. + +Die auf den Gebieten der Politik, des Rechts, der Verfassung und der +Bewirtschaftung so verwickelte Frage, was damals unter den Merowingern +römisch und was germanisch war, ist für das fränkische Christentum +einfach genug zu beantworten: römisch war, wie man es gab, und +deutsch war, wie man es aufnahm. Allerdings wäre die vom Christentum +überwundene heidnische Volksreligion noch auf ihre keltischen und ihre +germanischen Bestandteile hin näher ins Auge zu fassen, falls eine +genügende Ueberlieferung eine solche Untersuchung ermöglichte. Das ist +aber kaum der Fall. Ueber die ungefähre Verteilung des Gemeinsamen und +des Unterschiedlichen wird schwerlich hinauszukommen sein. Versuchen +wir es auf Grund der wenigen uns zugänglichen Berichte. + +Unter den altgallischen Kultstätten war die berühmteste der Tempel +Vasso Galatä bei Arvern[323-1], ein monumentaler Bau, mit doppelten +Mauern, innen von kleinen Steinen, außen von ausgehauenen Quadern; +die Wand war dreißig Fuß dick und nach innen mit Marmor und Mosaik +ausgelegt; auch der Fußboden war von Marmor und das Dach oben mit Blei +gedeckt. Dieses Heiligtum war indessen schon durch den Alamannenherzog +Chrok verwüstet worden; Gregor hat nur die Ruine in Augenschein +genommen[323-a]. Ein anderes Asyl des Heidentums war der Göttersee +von Alenc im Pays de Gévaudan gewesen. Dort hatten die Bauern dem See +Spenden dargebracht, indem sie Leintücher und Kleiderstoffe, sogar +wollene, hinein warfen; doch konnten sich das nur die Reichen erlauben, +die Armen warfen Käse, Wachskuchen, Brod und sonst Gegenstände jeder +Art hinein. Sie kamen auf ihren Wagen hergefahren, packten ihren +Proviant aus, schlachteten und thaten sich drei Tage lang gütlich. Am +vierten Tage pflegte ein Gewitter nieder zu gehen. Der Angriff der +Kirche auf diese Kultstätte wurde wahrscheinlich ums Jahr 535 durch den +Bischof der Gegend geführt. Er ging mit Reliquien seines Namenspatrons +Hilarius von Poitiers vor und errichtete ihm am Seeufer eine Kirche. +Nach ihrer Bekehrung pflegten die Bauern ihre ehemalige Göttergabe nun +dem Heiligen zuzuwenden[323-b]. Endlich muß keltischen und kann nicht +deutschen Ursprungs jener Ernteumzug sein, den schon hundert Jahre +vor der fränkischen Invasion Martin von Tours bekämpft hat. Gregor +schildert offenbar denselben Kultgebrauch des näheren: in Autun soll +sich das Bild der Göttin Berecynthia befunden haben. Man führte es +auf einem Wagen in den Feldern umher für die Wohlfahrt der Felder und +Weinberge und tanzte jauchzend darum herum. Es war Cybele, die Mutter +der Götter, die man von einem Schleier umwallt durch die Saaten trug. +Bischof Simplicius von Autun unternahm den Kampf dagegen; als das +Bild umgeworfen dalag und nicht mehr von der Stelle gebracht werden +konnte, entschieden sich vierhundert Anwesende für die Ohnmacht ihres +bisherigen Glaubens und meldeten sich beim Bischof zur Taufe[324-a]. +Reste des längst in sich selbst ersterbenden Druidentums und Teile der +auch in die Provinzen gedrungenen gemischten Heeresreligion waren es +also, was im Lande selbst der christlichen Mission entgegenstand. Für +die Städte römischer Verfassung kam eine eigentliche Missionierung +nicht mehr in Betracht, zumal ja meistens der Bischof zugleich auch ihr +Herrscher war. Dort lag das Verhältnis vielmehr so, daß sich Ueberreste +von Heidentum in konservativen Adelsfamilien und bei Gebildeten +vorfanden, während der kleinere Bürgerstand rein christlich war[324-b]. +Was die Franken von sich aus mitbrachten, war wohl nicht vor Alter +brüchig und hinfällig, aber doch zu scheu und zu kampfesungewohnt, um +einem wohlberechneten Anlauf dauernd Widerstand zu leisten. »Jenes +Geschlecht«, schreibt Gregor von den alten vorchristlichen Franken, +»war wahnsinnigen Götzendiensten noch immer von Herzen zugethan; +Gott war ihnen gänzlich unbekannt. Sie bildeten in Wäldern und an +Gewässern, von Vögeln und Tieren und andern Naturmächten bestimmte +Gestalten, die sie gleich Gott anzubeten und mit Opfern zu versehen +pflegten«[324-c]. Nach Gregor war also das fränkische Heidentum ein +Bilderdienst, Naturmächten in Tiergestalt gewidmet. Er scheint mehr +die kleinere Religion, die Stammesreligion im Auge zu haben. Doch +findet sich bei ihm auch eine Schilderung eines großen Heiligtumes, +das ohne Zweifel Wodan gewidmet war; denn Mars-Mercur läßt keine +andere Deutung zu. Dieser Wodanskult in der Auvergne kann nun, wenn +fränkischen Ursprungs, nur jünger sein, als das zu Kaiser Maximus +Zeiten gestiftete Juliansmausoleum. Seine Pflege etwa heidnischer +gebliebenen Burgundern oder Westgothen zuzuschreiben, wäre gewagt. Und +doch ist Julian der einherstürmende Wetterheilige Wodan auf den Leib +geschnitten. Es bleibt ein Ausweg: in vorfränkischer Zeit mußte Julian +einem römischen Merkurdienst opponieren, der dann von den eindringenden +heidnischen Franken übernommen und aufgefrischt wurde. Doch lassen wir +Gregor erzählen. Der Mars- und Merkurtempel in Brioude, berichtet er, +stand neben der Julianskirche. Bei dem Schwerttanz vor der heidnischen +Bildsäule geschah es einmal, daß ein junger Gladiator sich seinem +Gegner nicht gewachsen fühlte, darum plötzlich entsprang, an die +Zelle des Märtyrers flüchtete und die Thür hinter sich zuriegelte. Der +Gegner wollte die Thürpfosten umreißen, klemmte sich aber die Hand +so schmerzhaft ein, daß er abließ. Ein christlicher Priester kam von +ungefähr zu diesem Vorfall; er nahm die günstige Gelegenheit wahr und +leitete die Bekehrung der Heiden ein. Am vierten Tage brachte er sie +auf seine Seite durch das Gebet, mit dem er ein Gewitter heraufbeschwor +und wieder verscheuchte. Nun wurde auch der geklemmte Jüngling seine +Schmerzen los, und die anwesenden Heiden wurden getauft auf den Namen +der heiligen Dreieinigkeit[325-a]. + +Einen tieferen Einblick in die Eigenart des vom Heiligentum +überwundenen germanischen Heidenglaubens eröffnet uns nicht Gregor +selbst, sondern sein von ihm unter den zeitgenössischen Heiligen +aufgeführter Mitbischof, der in der That höchst merkwürdige Martin +von Bracara in Portugal. Er stammte aus Ungarn, wie der große Martin +auch, und hatte sich im Orient zum Gelehrten ausgebildet. Um 550 begab +er sich aus dem Morgenland nach Portugal, und zwar zur See, über das +ganze mittelländische Meer und den atlantischen Ozean, um die damals +sich vollziehende zweite Bekehrung der Sueven zum Katholizismus +zu fördern. Diese hing mit dem Reliquienbezug König Chararichs am +Martinsgrabe von Tours zusammen. Nahe bei Bracara in Dumio stiftete +Martin ein Kloster und wurde dessen Abt. Von da konnte er auf den Hof +am leichtesten einwirken. Noch unter Chararich wurde Dumio zum Bistum +erhoben mit Martin als Bischof. 572 ist er Erzbischof der Residenz und +Vorsitzender des Konzils. Er galt der fränkischen Geistlichkeit für +hervorragend gebildet und starb nach dreißigjähriger Wirksamkeit im +Jahre 580. Die Verse, die er seinem großen Landsmann und Namensherrn +in größter Bewunderung gewidmet hat, standen zu Sankt Martin in Tours +über der südlichen Kirchenthüre angeschrieben[325-b]. Dieser Martin von +Bracara hat nun einen Traktat verfaßt, betitelt: »Die sittliche Hebung +des Landvolks«[325-1], und erwähnt darin allerlei heidnische Gebräuche +und Kultgewohnheiten der Deutschen. Sie verehren Wochengötter durch +die Benennung der Wochentage nach Mars, Mercur, Jupiter, Venus und +Saturn, die doch keinen Wochentag geschaffen haben, sondern gottlose +Griechen waren. Sie beginnen das Jahr mit Januar, während die Welt +doch zu Tag- und Nachtgleiche begonnen habe: »Gott schied zwischen +Licht und Finsternis«, und zwar im Frühling, da vom Sprossen und +Keimen des Grases die Rede sei. Gleich den römischen Paganalien im +Januar, wo Tellus und Ceres von den Bauern des Gaues gebeten wurden, +die Feldfrüchte vor schädlichen Tieren wie Ameisen und Feldmäusen zu +bewahren, hatten die Germanen einen Tag, der den Motten und Mäusen +heilig war. Auch denke man an Apollo den Mäusetöter und an Zeus, den +Fliegenabwehrer. »Ist es menschenmöglich«, ruft Martin aus, »daß ein +Christ statt Gott Motten und Mäuse verehrt. Denn wenn Motten und Mäusen +nicht auf das zuvorkommendste Kufen und Näpfe hingestellt werden oder +Brod und Pfannkuchen, so holen sie es sich selbst und schonen dann in +keiner Weise die Vorräte, die sie doch gerade beschützen sollen.« Eine +Art Vulkanalien, aber ein Kalenderfest, an dem man auch die Tische +mit Maien schmückt, ist das Neujahrsgelage; ihm liegt der Glaube zu +Grunde, wenn man sich am Jahresanfang mit Speise und Trank gütlich +thue, werde man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß leben. Gemeint +ist die Julzeit, die zwölf Nächte von Weihnacht bis Epiphanien. Ferner +achtet man ängstlich auf den Ruf der Waldkäuze; man bekränzt Häuser und +Thüren mit grünen Sträußen zur Abwehr von Gefahren, »steckt Maien«, wie +das Volk sagt; man beobachtet die Fußstapfen, den Abdruck der Sohle +auf dem Erdboden; man gießt Wein über den Baumstamm, legt Obst darauf +und wirft Brod in die Quellen: der »Julklotz«. Zu Hause sprechen die +Frauen über ihre Gewebe den Namen der Minerva aus: das Anrufen der +Frau Holle beim Spinnen. Der Freitag gilt besonders glücklich zum +Heiraten und um eine Reise anzutreten. Man bespricht Kräuter und wendet +allerlei Zauberformeln da an, wo der Christ Symbol und Vaterunser zu +Hilfe nimmt. Man steckt an Felsen, Bäumen, Quellen und Kreuzwegen +Lichter auf und achtet auf das Nießen. Wenn nun das Landvolk von der +Nichtigkeit dieser Gewohnheiten überführt war, so schritt man möglichst +rasch zur Taufe, womöglich schon an den Kindern. Wie es dabei zu ging, +schildert Martin in seiner Ansprache ebenfalls: »Ihr Gläubigen also, +die ihr im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes +zur Taufe Christi zugelassen seid, bedenkt, was für einen Vertrag ihr +im Taufakt mit Gott eingegangen seid. Und als ihr euch bei der Taufe +euern Namen geben ließet, Peter, Johann oder sonst einen, da wurdet +ihr vom Priester gefragt: ›Wie willst du heißen‹? Du antwortetest, +wenn du schon reden konntest, und wenn nicht, antwortete der Pathe für +dich, der dich aus der Taufe hob: ›Johann soll er heißen‹. Da fragte +der Priester: ›Johann, schwörst du ab dem Teufel und seinen bösen +Geistern, all seiner Verehrung und seinem Götzendienst, all seinem +Raub und Betrug, all seiner Anzucht und Trunkenheit und allen seinen +bösen Werken. Ja oder nein‹? Und du antwortetest: ›Ja, ich schwöre ab‹. +Darauf fragte dich der Priester: ›Glaubst du an Gott, den allmächtigen +Vater‹. Du antwortetest: ›Ich glaube‹. ›Und an Jesus Christus‹? Folgt +die spanische Symbolform. Antwort: ›Ja‹. Und an den heilgen Geist? +›Ja‹«[327-a]. + +Durch die Taufe wurde für den Kelten oder Germanen sein bisheriger +Götterglaube Dämonenglaube. Denn die Existenz und Macht der von ihm +gestürzten Götzen hat das alte Christentum nirgendwo und zu keiner Zeit +geleugnet. Es bestritt nicht, daß die Götter ~seien~, aber es bestritt, +daß sie ~Götter~ seien: Teufel waren es und Teufelskinder. Die Wesen, +bei denen man früher Hilfe gesucht hatte, lehrte die Kirche nun +fliehen und fürchten, indem sie überall ihr schlimmes Walten erkannte. +Krankheit war Teufelswerk, mochte der Dämon nun in der Staubwolke +sitzen und blenden[327-b] oder Hand und Fuß lähmen[327-c] oder mit +den Nachwehen eines Erdbebens Verstand und Körperkraft rauben[327-d]. +Ein Mädchen konnte friedlich am Webstuhle sitzen. Da überfiel sie der +Dämon und sie wurde stumm[327-e]. Ein Schafhirt lagerte an der Quelle; +plötzlich ging er lahm, wurde den Bettlern übergeben und zog zehn Jahre +und mehr im Lande herum[327-f]. In Voultegon, einem Dorf der Poitou, +meinten in einer Sonntagsnacht zwei kleine Kinder, die in demselben +Bett schliefen, plötzlich die Morgenglocke läuten zuhören; sie standen +auf und gingen nach der Kirche. Im Vorhof sahen sie einen Chor +singender Frauen und waren entsetzt; denn sie erkannten, daß es eine +Bande Gespenster war. Da warfen sie sich zur Erde, versäumten jedoch, +sich zu bekreuzen, und so wurde das eine blind, das andere konnte nicht +mehr gehn[327-g]. Schon die harmlosen Unfälle eines Bezechten wurden +dem Bösen aufs Kerbholz geschrieben[327-h]. Vollends ein Selbstmörder +handelte nicht aus freiem Willen, sondern weil er von den Klauen eines +schmutzigen Gespenstes geklemmt wurde, das dem Teufel ähnlich sah. +Bereits hatte der unglückliche den Strick am Balken befestigt und +zögerte nur, sich die Schlinge umzulegen; denn er fühlte Reue und rief +einen Heiligen an; da raunte ihm der Teufel ins Ohr: »Vorwärts, spute +dich; vollende was du begonnen hast«, und wollte ihm den Kopf in die +Schlinge drücken[327-i]. So häufig immerhin Dämonen ins menschliche +Leben eingreifen, kennt Gregor nur eine Gattung näher und nennt sie mit +besonderem Namen: die Mittagsdämonen oder Tagalpen[327-1]. Sie lauern +um Mittag selb sieben den Menschen hinter Felsblöcken an der Straße +auf und werfen sie dann mit Steinen, sodaß mehrere der Getroffenen den +Verletzungen erliegen[327-k]. Ihre Nachstellungen verursachen bald ein +hinkendes Bein[327-l], bald eine Lähmung der Zunge[327-m]. Als ein +telepathisches Weib in Paris den großen Stadtbrand vorhersagte, drei +Tage, ehe er ausbrach, hielt man sie für vom Mittagsteufel besessen und +lachte sie aus[328-a]. + +Wenn aber um den Besitz von Natur und Menschenwelt die Heiligen mit +den Dämonen in beständiger Fehde lagen und es zu einem entscheidenden +Siege nicht brachten, so hatten sie doch unstreitig die Oberhand, die +sich schon durch die Ueberlegenheit ihrer Mittel kundgab. Vor allem ist +der Lichtschein ihr Privilegium; ein Dämon glänzt nicht, sondern ist +finster und schattenhaft. Diese Leuchtkraft des Heiligen hat sich die +Kirche zu nutzen gemacht; im Reiche des Lichts geschehen die meisten +typischen Wunder: die sich von selbst entzündende Kirchenkerze, deren +bekanntestes Beispiel in der Amarandusbasilika zu Albi erfolgte[328-b], +das von außen erhellt erscheinende Kirchenfenster, von dem Gregor +einen besonders sprechenden Fall selbst erlebte[328-c], die wunderbar +leuchtende Lanzenspitze[328-d], die Flämmchen und Scheine über dem +Altar[328-e], dem Heiligengrab und über den die Hostie segnenden Händen +des Priesters; dieses populärste Lichtwunder der verklärenden Aureole +um etwas Heiliges war in so unzähligen Spielarten verbreitet, daß +manche darunter wieder originell erscheinen, so der Lichtschein, der +in Form eines weißen Lammes auf der Brust des unschuldig des Ehebruchs +beargwöhnten schlafenden Bischofs lag[328-f]. Der andere Hauptbezirk +des typischen Wunders sind Oel[328-g] und Wein[328-h], die in +Gegenwart des Heiligen unerschöpflich werden. Hier ist der wunderbare +Faktor bereits viel stärker; während beim Lustwunder ein wirklicher +Anhaltspunkt in der Außenwelt und seine instinktive Steigerung durch +gläubige Betrachtung in den meisten Fällen wahrscheinlich ist, fehlt +ein solcher natürlicher Antrieb bei der Wein- und Oelvermehrung doch +viel eher; wenn man dann nicht einfach eine Einwirkung biblischer +Vorbilder annimmt, so handelt es sich dann eben um nichts anderes +als um eine Abweichung des Wahrnehmungsvermögens unter dem Druck +einer Glaubensvorstellung. Wenigstens dem ehrlichen Gregor ist es so +ergangen. Hören wir ihn noch einmal ein eigenes Erlebnis erzählen: +»Fromme Ehrfurcht«, so berichtet er[328-i], »forderte den Besuch +am Grabe des heiligen Hilarius und eine Unterredung mit Königin +Radegunde. Ich kam ins Kloster, begrüßte die Königin und fiel vor dem +Heiligenkreuz und vor den Unterpfändern der Seligen nieder. Zur Rechten +aber war ein Leuchter angezündet. Als ich nun beständig Oel daraus +herabträufeln sah, war ich der Meinung, deß ist Gott Zeuge, das Gefäß +sei zerbrochen; auch war darunter eine Schale aufgestellt, in dem +sich das Oel sammeln sollte. So wandte ich mich denn an die Aebtissin +und sprach: ›An einer solchen Stätte könntet ihr eigentlich wohl für +eine ganze Oellampe sorgen‹. Sie aber sagte: ›Das ist es nicht, mein +lieber Herr; die Kraft des Heiligenkreuzes steht vor deinen Augen‹. Da +gab ich klein bei; ich erinnerte mich wieder dessen, was ich früher +wohl gehört hatte, und zur Lampe gekehrt und bekehrt, sah ich das Oel +in den untergestellten Tiegel fließen, immer mehr und mehr, wie ich +meine, um meine Ungläubigkeit so recht Lügen zu strafen. Im Verlauf +einer Stunde gab das Gefäß, das sonst kein Viertel faßt, mehr als +ein Sester Oel. Da schwieg ich denn still und predigte fürderhin die +Anbetung der heiligen Kreuzreliquie«. Doch hat es dabei sein Bewenden +nicht. Eine andere Geschichte zeigt noch deutlicher, wie Gregor trotz +aufrichtigem Bemühen um ein dem Sachverhalt entsprechendes Urteil dem +hypnotischen Bann der einmal stabilierten Glaubensvorstellung nicht +widerstehen konnte. Da es sich freilich diesmal um die Abwehr eines +hartnäckigen Zweiflers handelte, so mögen Gregors Messungen unbewußt +beeinflußt gewesen sein. Ein Mann äußerte sich nämlich abfällig über +das Martinsleben des Severus: weder verdiene die Behauptung Glauben, +unter der Kraft von Martins Segen habe Oel an Volumen zugenommen, noch +die andere, eine Flasche sei auf das Steinpflaster gefallen und nicht +zerschellt. Nun hatte umgekehrt einer von Gregors Diakonen mit einer +Flasche Rosenöl, die für Salbungen an seinem fieberkranken Körper halb +aufgebraucht und dann versuchsweise am Martinsgrabe deponiert worden +war, zwar die automatische Selbstfüllung der Flasche erfahren dürfen; +als sie aber an der Wand seiner Wohnung aufgehängt war, riß sie sich +auf einen teuflischen Schlag hin vom Haken los, fiel zu Boden und brach +entzwei. Die Erde hatte alsbald die Flüssigkeit aufgesogen; der Diakon +jedoch nahm nun die feuchte Erde und preßte so viel als möglich die +Feuchtigkeit in ein anderes Gefäß aus. So gewann er richtig wieder +etwas Oel, dazu einige Glasscherben, auch war der Rosenduft nicht ganz +verloren gegangen. Das alles überbrachte er nun seinem Bischof. Gregor +seihte das Oel erst in ein neues Gefäß über: es mochte etwa ein halbes +Glas voll sein; die Flasche füllte es zwei Finger breit. Als er tags +darauf nachsah, stand es in einer Höhe von ungefähr vier Fingerbreiten. +Da schloß er die Flasche ab und versiegelte sie mit seinem Handsiegel. +Eine Woche später sah er wieder nach; nun war mehr als ein Schoppen +darin. Gregor ließ den Diakon kommen, und dieser versicherte eidlich, +genau so viel sei damals zu Grunde gegangen[329-a]. Diese Anekdote +führt ferner zu einem andern typischen Wunder; in der Lorenzkirche +von Arvern befand sich eine Kristallschale von großer Schönheit. Ein +Diakon war so ungeschickt, sie fallen zu lassen. Doch legte er die +gesammelten Scherben vertrauensvoll auf den Altar; nach einer unter +Gebeten, Wachen und Weinen verbrachten Nacht sah er nach: Die Schale +war ganz. Als dieses Wunder dem Volke mitgeteilt wurde, machte es +solchen Eindruck, daß der Wunsch laut wurde, es möchte der Bischof dem +heiligen Lorenz doch ein neues Fest einräumen. Die Schale wurde über +dem Altar aufgehängt[330-a]. + +Das typische Wunder ist somit im Unterschied vom spontanen nicht +eine unerwartete, auf persönlichen Impuls zurückzuführende, mehr +oder weniger neue und eigene Erscheinung, sondern ging gattungsmäßig +vermittelt aus kultischen Bedürfnissen oder Zufälligkeiten gelegentlich +hervor, sodaß schwer ist zu entscheiden, in wie weit es Ergebnis und +in wie weit Mittel der Kirchenpraxis war. Jedenfalls aber bildet hier +die Kirchenpraxis und nicht das individuelle Leben den eigentlichen +Nährboden, und es lohnt sich daher wohl, an einem sprechenden Beispiel +noch des näheren nachzuweisen, wie unter Umständen ein besonderer Fall +des kirchlich Notwendigen auch den Wundertypus in einer bestimmten dem +Bedürfnis angepaßten Form hervorbrachte. Von allen Anforderungen, die +das Christentum an die früheren Heiden stellte, fiel dem Franken die +Heiligung des Sonntags am schwersten. Daß man an einem bestimmten Tage +jeder Woche die Arbeit gänzlich unterlassen solle, wollte ihm nicht +eingehen. Die Kirche aber setzte den für sie fundamentalen Brauch mit +allen Mitteln durch. Sie wies, wo es nur anging, die verderblichen +Folgen der Sonntagsarbeit zunächst im allgemeinen nach, als +Krankheitsursache; eine gelähmte Frau hatte eben am Sonntag gegenüber +der Autorität der Kirchenväter sich herausgenommen zu arbeiten[330-b] +und Leudolf war an dem Sonntag erblindet, da er vormittags und +nachmittags sein Heu einbrachte[330-c]; dabei begreift es sich, daß +gelegentlich das Fest eines höheren Heiligen, so der Johannistag, in +den Rang eines Sonntags hinauf rückt und die Frau, die dann Unkraut +jätet, von einem schrecklichen Ausschlag befallen wird[330-d]. Dann +aber tritt noch öfter eine bestimmte logische Beziehung zwischen Schuld +und Strafe ein; bei einem Weibe war die rechte Hand, die Samstag +nachts noch gearbeitet hatte, noch eingeschrumpfter als die übrigen +Glieder[330-e]. Das in der Sonntagsnacht gezeugte Kind ist eine +scheußliche Mißgeburt; so mochte denn die Mahnung der Geistlichen nicht +ohne Eindruck bleiben, in dieser Nacht sich des Beilagers zu enthalten, +sie vielmehr keusch und gottwohlgefällig zu verbringen[330-f]. Ferner +legte eines Sonntags eine Frau von Langeais einen Mehlklumpen in die +heiße, von Gluten gesäuberte Asche, um ihn zu Brot zu backen, als ihre +Hand von innerer Glut verzehrt zu werden begann[330-g]. Werden schon +hier die Schuldigen immer so gestraft, wie sie gesündigt haben, so +tritt die typische Strafe für Sonntagsentheiligung vollends darin zu +Tage, daß die Hand, die den Holzgriff des Werkzeugs umfaßt, erstarrt +und die Finger in der umklammernden Haltung steif werden würden: +so ging es der Frau die Samstags nach Sonnenuntergang noch mit der +Ofengabel die Brote zum backen einschob[331-a], so dem Bauern, der +um an seinem Pfluge etwas in Ordnung zu bringen, Sonntags zur Hacke +gegriffen hatte[331-b], so dem andern, der Sonntags um Korn zu mahlen +seinen Mühlstein um drehte; er sägte den Holzgriff ab, aber erst +vor dem Heiligen, den er um Gnade anflehte, wurde seine Hand die +unliebsame Zugabe los[331-c]. Und wenn ein anderer im selben Fall ohne +das Anhängsel zwischen den Fingern vor Sankt Martin erschien, nun, so +hatte der eben noch zu rechter Zeit die erstarrende Hand zurückgezogen; +gespürt hatte er bereits, wie das Holz anzukleben begann[331-d]. In +einer derartig engen Verbindung mit dem Volksleben ist das typische +Wunder, das erst nur Beweiswunder war, zum Strafwunder geworden +und wird so wohl in der kirchlichen Verwendung sich als wirksamste +Illustration der Kanzelermahnung und der Gesetzgebung erwiesen haben. + +Wie hätte so mannigfaltigen und überlegenen Mitteln das Bauernvolk +sich überhaupt widersetzen können. Wunder, Wunder, nichts als Wunder! +Dagegen war ja schlechterdings nichts zu wollen, wenn man nicht +geradezu Lust verspürte, seine Haut feilzutragen; denn daß die Heiligen +keinen Spaß verstanden, sah man doch deutlich genug. Aber, und das +ist nun ein weiterer bedeutsamer Punkt in unseren Erörterungen, es +handelte sich gar nicht um Zwang noch um dumpfe Schickung in etwas +Unvermeidliches. Was als Aufklärung angeboten wurde, wurde wirklich +als Befreiung empfunden; dem Franken, wenn anders ihm an Religion +überhaupt innerlich gelegen war, bedeutete das Christentum wirklich +eine frohe Botschaft. Das beweist schon die Stimmung des Volkes dem +Heiligen gegenüber. »Wenn am Heiligengrabe die Seele sich erniedrigt +und das Gebet sich erhebt, wenn die Thräne quillt und die Reue ins +Gewissen sticht, wenn aus dem Herzensgrunde die Seufzer aufsteigen und +wir an unsere schuldige Brust schlagen, dann entsteht Lachen aus dem +Weinen und Gnade aus dem Fehltritt, und das geprüfte Herz hat Trost +gefunden«[331-e]. Daß solche Worte aus der fränkischen Volksseele +heraus gesprochen waren, legt auch das Verhalten des gemeinen Mannes +auf seiner Wallfahrt nahe. Oft waren ernstliche Schwierigkeiten zu +überwinden, bis es überhaupt nur zur Wallfahrt kam; so mußte eine +lahme Frau, die nach dem Martinskloster Ligugé fahren wollte, von Haus +zu Haus bei Reichen sammeln gehn, um die Auslagen für den Transport +mit dem Ochsenkarren bestreiten zu können[332-a]. Am Festtage in der +Feststadt stand dann der Gläubige mitten in der Volksmenge in der +Kirche; er geht und küßt das Heiligengrab, weint darüber, betet um +Hilfe, glaubt an sie; da kommen die Priester, die Ceremonien heben an, +der Vorleser, der an der Reihe ist, schreitet zum Pult und beginnt die +Lektüre des heiligen Lebens; da zuckt es in den kranken Gliedmaßen, +er fühlt es, er wird geheilt, jetzt in diesem Augenblick; er raunt es +dem Nachbar zu, schreit es laut hinaus und erhebt den genesenen Arm +hoch empor, damit es jeder sehen kann[332-b]. Und so fühlt nicht ein +einzelner, so fühlt jeder; Gregor durfte sagen, das große Martinsfest +im Sommer werde vom ganzen Volke förmlich herbeigesehnt[332-c]. Hie +und da ist der Besucher auch so schüchtern und bescheiden, daß er +erst gar nicht ans Heiligengrab vorzudringen wagt, sondern traurig +wieder umkehrt und nach Hause schlafen geht[332-d]. Wenn aber eine +Heilung geglückt ist, dann trägt das zum Ruhme des Heiligen aufs neue +bei: »wer geheilt wird, sorgt dafür daß es unter die Leute kommt, und +ein Heilungswunder trägt Sankt Martin wieder eine ganze Reihe von +Geschenken anderer Leute ein«[332-e]. Kurzum, die Verehrung für den +Heiligen war nicht künstlich gezüchtet; sie entsprach der aufrichtigen +Ueberzeugung der Massen. + +So hoch man auch vom altgermanischen Heidentum denken mag, ein +Unbefangener wird diese Vorliebe der Franken für das einmal erfaßte +katholische Christentum für sachlich gerechtfertigt halten müssen. Der +Schritt vom Guten zum Bessern ist nicht zu verkennen. Die germanische +Religion stand zur germanischen Sitte in keinem Verhältnis. Diese, +so viel wert sie war, beruhte ausschließlich auf der Familie und auf +der politischen Gemeinschaft; daß Gut und Böse Dinge seien, über die +man der Gottheit Rechenschaft schuldig sei, davon wußten die alten +Deutschen nichts. Für den heidnischen Germanen fing die Ethik erst +an mit seiner Eigenschaft eines Familiengliedes und Stammgenossen; +wurde er Christ, so mußte er begreifen lernen, sein Lebenswandel sei +eine Angelegenheit seiner selbst, etwas, das ihn allein unbekümmert +von allen andern angehe, sobald ihm nämlich daran gelegen sei, sich +mit dem Himmel im Einklang zu wissen. Die Erhebung auf eine höhere +Stufe, die in dieser Forderung lag, war also im Grundsatz mit der +Bekehrung gegeben; wenn jetzt der Franke ein guter Mensch sein wollte, +so hatte er nicht mehr bloß der sozialen Regel nachzukommen, er hatte +sich nun auch noch mit seinem Gewissen abzufinden und zwar in erster +Linie. Vielleicht darf man geradezu sagen, der Heide kannte nur +Geister und von seinem Verhalten zu ihnen hing es ab, ob es für ihn +gute oder böse Geister waren, während das Christentum von vornherein +streng dualistisch gute Geister und böse Geister als zweierlei Stände +unterschied. Und vom Grundsätzlichen abgesehen, war auch sonst der +Heilige ein vorteilhafter Tausch gegen den heidnischen Gott. Es +war gewissermaßen der Uebergang vom Zelt des Nomaden zur Hütte des +Ackermanns. Von der Wanderzeit her hatten die germanischen Götter +etwas Unstetes an sich, die kleinen Volks- und Stammesgeister hausten +wie der Fisch im Quell und Fluß oder wie der Vogel im Baumwipfel; +auch die oberen Götter saßen nicht ruhig auf einem Göttersitz; Freja +und Wodan ritten und reisten die ganze Zeit. Von diesem Huschen und +Jagen war beim Heiligen nichts zu spüren: da sein Dienst die Verehrung +eines toten Menschen war, der gelebt hatte und dessen Grab man besaß, +so bekam dieser Kultus von selbst etwas seßhaftes, häusliches; zwar +stand es dem Heiligen frei, auszugehen und einem Rufe nach auswärts +Folge zu leisten; aber nie für lange, immer würde er, das wußte man, +ja bald wieder in sein Haus zurückkehren. Diese Art Religion mußte dem +Franken um so mehr zusagen, als er selber seine Natur änderte, von +der früheren Wanderlust zurückkam und in die festen Formen ansäßigen +Gemeindelebens sich eingewöhnte. Dazu kam die Vielheit der Heiligen und +die damit verbundene Pracht und imposante Fülle der neuen Glaubenswelt. +Hatte dem Franken schon die irdische Hierarchie der katholischen Kirche +gewaltig eingeleuchtet, die vom kleinen Cleriker zum Bischof, von +diesem zum Metropoliten, von diesem zum Landesprimas und von diesem +zum Statthalter Christi in Rom aufstieg, wie staunte da erst sein +Geist, als sich Himmel über Himmel aufthat, allein aus Gallien eine +Heiligenschaar zur andern stieß, an der Spitze aller der donnernde +Julian und der große, gute Martin und diesen dann aus andern Ländern +neue Heilige sich verbanden, die spanischen, die italienischen, die +morgenländischen, hundert und hundert, und alles doch nur Diener des +einen Christus, der selber wieder der Sohn des dreieinigen Gottes +war. Ja, König Chlodowech hatte recht gethan, als er seinem Volk +diesen neuen Herrn gab. Aber eine Unterwerfung war es nicht gewesen, +sondern ein Vertrag auf gleichem Fuße, durch den beide Teile gewannen. +Gewiß, man war auf den neuen Himmelsherzog stolz; aber Christus konnte +es auch auf seine Franken sein; so starke und so treue Unterthanen +hatten er vorher nie besessen! Dieses Selbstbewußtsein verleiht dem +merowingischen Christentum seinen wahren Schwung. Bei Gregor kommt es +nicht zur Geltung, weil es bei ihm, dem Romanen, höchstens anempfunden +war und er überdies durch seine Schilderungen von Fall zu Fall mehr +eine Analyse als eine Zusammenfassung gibt. Zum Durchbruch gelangt +es aber in einer nationalen Kundgebung, ebenfalls aus dem sechsten +Jahrhundert, dem Prolog zum salischen Gesetze. Dieser schließt so: +»Es lebe Christus, der die Franken liebt! Er bewahre ihr Reich! Er +erfülle ihre Führer mit dem Lichte seiner Gnade! Er beschirme ihr Heer! +Er verleihe dem Glauben Schutz! Friede, Freude und glückliche Zeiten +schenke ihnen in seiner Barmherzigkeit der Fürst der Fürsten Jesus +Christus! Denn sie sind das Volk, das tapfer und stark das harte Joch +der Römer im Kampfe von seinem Nacken schüttelte; und während die Römer +die heiligen Märtyrer mit Feuer verbrannten oder mit dem Schwerte in +Stücke hieben oder den wilden Tieren zum Zerfleischen vorwarfen, haben +die Franken nach ihrer Taufe die Leichname dieser Märtyrer mit Gold und +Edelsteinen geschmückt«. + + * * * * * + +Gewiß, es hatte in der Luft gelegen. Früher oder später mußte die +Bekehrung erfolgen. Als die Alamannen in ihrer Selbständigkeit geknickt +waren, wären die Franken im Kulturkreis des alten Imperiums der einzige +germanische Stamm gewesen, der sich dem Christentum nicht fügte. Aber +das Beispiel der Brudervölker wies doch einmütig auf den Arianismus. +Nur mit dem ungeheuern Unterschied, daß jene schon im Balkan und an der +Donau übergetreten waren und allerdings Ketzer, aber doch Christen von +dem katholischen Westen Besitz ergriffen, während die Franken noch als +Heiden schon im Lande ihrer Bestimmung saßen. Jede religiöse Bekehrung +ganzer Völker ist Sache der Politik; politisch bemessen handelte es +sich um folgenden Entscheid: wurden sie Arianer, dann hätten die +Franken die Römer vor den Kopf gestoßen, an deren Spitze sie ja gerade +treten wollten; wurden sie katholisch, so war der Zwiespalt mit den +andern Germanen nicht zu überbrücken. Als Arianer konnten ihre rohen, +keine Mittel scheuenden, realpolitisch genialen Könige den Gedanken +vom Zusammenschluß aller germanischen Reiche verwirklichen, eben den +Gedanken, für den der edle Gothe Theodorich zu zart und ideal gewesen +war: dann kein Mittelalter in unserem Sinn, das vom Hader zwischen +Kaiser und Papst lebte, wo die deutsche Eigenart sich öffentlich nur in +römischem Kleiden und, wie sie war, nur verstohlen sehen lassen durfte! +Nun waren sie aber katholisch geworden. Den nationalen Unterschied +zwischen Römern und Germanen hob die höhere Eintracht im Glauben auf. +Das klassische Altertum war in die christliche Kirche geflüchtet, um +darin zu sterben; in dem jungfräulichen deutschen Geist bot sich ihm +ein Schooß, der es unausgetragen in sich barg bis auf die Stunde der +Wiedergeburt. + +Aber wenn Ueberkultur und Barbarei aufeinander prallen, tauschen sie +immer zuerst ihre Laster aus. An seinen eigenen, unmittelbaren Früchten +bemessen, kommt deshalb das merowingische Christentum übel weg; in +der That hat es das sittliche Niveau unter den doch wahrhaftig nicht +hohen Stand, den sowohl die römischen Insassen als die heidnischen +Franken aufwiesen, noch beträchtlich herabgedrückt. Auf irgend welche +Schilderungen des entsetzlichen Unwesens uns einzulassen, geht nicht +an. Wir haben nun nur mit einem Wort die Folgen dieses Tiefstandes der +Moral aus die Religion nochmals zu nennen. Mit Bleigewicht an den Füßen +vergeht auch einem beflügelten Wesen die Lust zum Fliegen, und wer +will dem fränkischen Christentum seinen Mangel an geistigen Interessen +vorwerfen, wenn das Leben, in dem es zu wirken hatte, so sehr der Würde +entbehrte; Lob verdient es, daß es sich überhaupt hielt, nicht Tadel, +daß es verrohte. Im sechsten Jahrhundert ist aus der Frömmigkeit auch +des Frömmsten jeder ideelle Zug ausgeschieden und nur noch Stoffliches +zurückgeblieben. Das Innenleben des braven, aufrichtigen Gregor spielt +sich, sobald es sich nicht mehr um Heilige oder um das katholische +Bekenntnis, sondern um den eigenen persönlichen Glauben handelt, +durchaus im Leeren ab, zwischen einem dumpfen Schuldbewußtsein[335-a] +und der ebenso dunkeln Zuversicht, gerecht vor Gott zu wandeln[335-b]. + +Im siebenten Jahrhundert hat die iroschottische Reform hieran nicht +viel geändert. Ihr Einfluß erstreckte sich namentlich auf die äußere +Klosterzucht und auf die Erweckung von etwas Wissenschaft und Kunst +in der Geistlichkeit. Ihre Buß- und Beichtdisziplin war das einzige, +was tiefer ging und vielleicht zur Erneuerung des Christentums hätte +führen können. Und doch hat auch sie das materialisierende Wesen +dieses gesamten Religionsbetriebes nicht angetastet. Wohl verspürt man +eine Steigerung im Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit bei ernsten +Christen. Der Mann, der im siebenten Jahrhundert als Vertreter seiner +Zeit noch am ehesten neben Gregor von Tours im sechsten gestellt +werden darf, Eligius von Noyon, hat zwar vom Christen für das ganze +Leben Buße verlangt, aber das Complement dazu lautet bei ihm nicht auf +Gerechtigkeit aus dem Glauben allein, sondern auf Werkgerechtigkeit. +Mit Unrecht hat man Columban mit den altisraelitischen Propheten +verglichen. Die hätten doch in erster Linie gegen die Verehrung +der Heiligen geeifert, an der jener ohne weiteres teilnahm. Aber +dann hätten sie eben das zerstört, was überhaupt erst die neue +Staatsreligion unter den Franken ermöglichte. Wie eine große Ironie +nimmt sich jenes Kapitel in Gregors Frankengeschichte aus, da er aus +den Propheten mit erstaunlicher Bibelkenntnis die wuchtigsten Stellen +gegen den Bilderdienst sammelt und dann fortfährt: »Dies alles aber +vernahm im Anfang das Volk der Franken nicht, in der Folge haben auch +sie es vernommen«[335-c]. Einem Christentum wie dem fränkischen hätten +echte Seher die Existenzberechtigung absprechen müssen, denn an eine +ethische Läuterung der allgemeinen Gesinnung war nicht zu denken. Das +sind aber Dinge, über denen tausend Jahre dahinschwinden wie ein +Tag. Und nach tausend Jahren kam er ja dann auch wirklich, der andere +Martin, nach den Römern der Deutsche und nach den Heiligen der Prophet. + +Und doch ruhten nicht umsonst Heiligengebeine in dem Boden, über den +nach dem Untergang der alten die mittlere Zeit gewandelt kam. Im +Hochmittelalter steigen aus dem langen Lauf der Jahrhunderte zwei +Gebilde auf, die neben den Großthaten des Altertums für die Menschheit +ewige Werte bedeuten: die scholastische Philosophie und die gothische +Baukunst. Beide haben ihre eigentliche Heim- und Pflegestätte in +Frankreich. So wäre also das Originalgut der mittleren Aera auf jener +Stätte erwachsen, die einst unsere Heiligen nach dem Maß ihrer Einsicht +und Kraft bebaut hatten. Ihre saure und redliche Arbeit war selbst +noch keine Kultur gewesen, aber sie wurde Fundament einer Kultur. Der +christliche Volksglaube, an der Stelle eines heidnischen Volksglaubens, +bewährte sich als Unterlage der Zukunft. + + + + +Fußnoten: + + +[003-1] ~Alfred Lehmann~, Aberglaube und Zauberei von den ältesten +Zeiten an bis in die Gegenwart. Deutsche Ausgabe von ~Petersen~. +Stuttgart 1898. S. 313—543. + +[007-a] _Sever. Mart._ 2. (_Halm_). + +[008-a] _Sever. Mart._ 3. + +[008-b] _Sever. Mart._ 4. + +[008-c] _Sever. Mart._ 5. + +[008-d] _Sever. Mart._ 6. + +[009-a] _Sever. Mart._ 7. + +[009-b] _Sever. Mart._ 8. + +[009-c] _Sever. Mart._ 9. + +[010-a] _Sever. Mart._ 10. + +[010-b] _Sever. Mart._ 11. + +[011-a] _Sever. Mart._ 12. + +[011-b] _Sever. Mart._ 13. + +[011-c] _Sever. Mart._ 14. + +[012-a] _Sever. Mart._ 15. + +[012-b] _Sever. Mart._ 16. + +[012-c] _Sever. Mart._ 17. + +[012-d] _Sever. Mart._ 18. + +[012-e] _Sever. Mart._ 19. + +[013-a] _Sever. Mart._ 20. + +[013-b] _Sever. Mart._ 21. + +[013-c] _Sever. Mart._ 22. + +[014-a] _Sever. Mart._ 23. + +[014-b] _Sever. Mart._ 24. + +[014-c] _Sever. Mart._ 25. + +[014-d] _Sever. Mart._ 26. + +[014-e] _Sever. Mart._ 27. + +[014-f] _Sever. Mart._ 26 1–3. + +[015-a] _Sever. Mart. praef._ + +[016-a] _Paul. Nol. Ep._ II. 11. + +[016-b] _Sever. Dial. I._ 23. 3–7. + +[016-c] _Sever. Dial. II._ 17. 4. + +[016-d] _Sever. Dial. I^a._ 36. 3–6. + +[017-a] _Sever. Ep. I_, 1. 10–15. + +[017-b] _Sever. Ep._ 3. 6–20. + +[018-a] _Sever. Dial. I^a._ 23. 7. + +[018-b] _Sever. Dial. II._ 5. 6. + +[019-a] _Dial. I^a._ 24. + +[019-b] _Dial. I^a._ 27. 2–4. + +[019-c] _Sever. Dial. I^a._ 4. + +[020-a] _Sever. Dial. I._ 8. 5. + +[020-b] _Sever. Dial. I._ 6. 1. + +[021-a] _Sever. Dial. I^b._ 2. + +[021-b] _Sever. Dial. II._ 10. + +[021-c] _Sever. Dial. I^b._ 3. 1–5. + +[021-d] _Sever. Dial. I^b._ 9. 1–5. + +[021-e] _Sever. Dial. II._ 9. 4. + +[021-f] _Sever. Dial. II._ 3. 7. + +[021-g] _Sever. Dial. I^b._ 10. + +[021-h] _Sever. Dial. I^b._ 11. + +[021-i] _Sever. Dial. I^b._ 12. + +[022-a] _Sever. Dial. II._ 14. + +[022-b] _Sever. Dial. II._ 10. + +[022-c] _Sever. Dial. II._ 14. 7–9. + +[022-d] _Sever. Dial. II._ 14. 1. + +[022-e] _Sever. Dial. II._ 15. + +[022-f] _Sever. Dial. II._ 14. 6. + +[022-g] _Sever. Dial. II._ 14. 6. + +[022-h] _Sever. Dial. II._ 112–138. + +[023-a] _Sever. Dial. II._ 15. 16. + +[024-a] _Sever. Dial. II._ 8. 4–7. + +[024-b] _Sever. Dial. II._ 9. 1. 2. + +[024-c] _Sever. Dial. I^b._ 4. + +[024-d] _Sever. Dial. I^b._ 2. 3. 4. + +[024-e] _Sever. Dial. II._ 2. 3–8. + +[024-f] _Sever. Dial. II._ 3. 1–6. + +[024-g] _Sever. Dial. I^b._ 8. 7–9. + +[024-h] _Sever. Dial. II._ 9. 3. + +[024-i] _Sever. Dial. II._ 3. 8. + +[025-a] _Sever. Dial. II._ 13. 5. + +[025-b] _Sever. Dial. II._ 14. 3–4. + +[025-c] _Sever. Dial. I^a._ 25. 5. + +[025-d] _Sever. Dial. II._ 4. 1. 4. 5. 1. 8.1–3. + +[025-e] _Sever. Dial. II._ 7. + +[025-f] _Sever. Dial. I^b._ 5. + +[026-a] _Sever. Dial. II._ 6–8. + +[026-b] _Sever. Dial. I^b._ 13. 3–8. + +[027-a] _Sever. Dial. I^b._ 14. + +[027-b] _Sever. Dial._ 6. 2–5. + +[027-c] 1. _Cor._ 6. 2. 3. + +[028-a] _Sever. Mart._ 27. _Dial. I^a._ 2. 21. 26. _II^b._ 1. 4. 12. +_III._ 11. 16. 18. + +[029-a] _Sever. Dial. I^b._ 14. 4. + +[029-b] _Sever. Chron. II._ 39. 7. 42. 2. 45. 9. + +[029-c] _Sever. Mart._ 25. + +[029-d] _Sever. Mart._ 1. 5. 6. + +[029-1] _Le Nain de Tillemont, Mémoires pour servir à l’histoire +écclesiastique des six premiers siècles. Paris 1705. Tom. X. p. +771–781._ + +[030-a] _Sever. Martin._ 19. + +[030-b] _Sever. Mart._ 27. + +[030-1] ~Wilhelm Bousset~, Der Antichrist. Göttingen 1895. S. 52. + +[031-a] _Sever. Mart._ 13. 9. + +[031-b] _Sever. Mart._ 16. 7. 8. + +[032-a] _Sever. Mart._ 17. 6. 7. + +[032-b] _Sever. Mart._ 19. 8. + +[033-a] _Sever. Mart._ 21, 1. 2; 24, 4—7. + +[034-a] _Sever. Mart._ 20, 9. 21, 2–4. _Dial. I^b._ 13. + +[036-a] _Paulin. Nol. Ep._ 18. 37. + +[036-b] _Joh. Bapt. Le Brun, Victricius (Boll. 7 Aug.)._ + +[036-c] _Hilar. Arel. Honorat. (Migne)_ 6. + +[036-d] _Hilar. Arel. Honorat._ 5. + +[037-a] _Hilar. Arel. Honor._ 1–8. + +[037-b] _Prosper. Chronicon. (ap. Duchesne Hist. Franc. Script. I._ +205). + +[037-1] _C. Narbey, Études critiques sur la vie de St Germain +d’Auxerre. Paris. 1884._ + +[038-a] _Apollinaris Sidonius (Luebjohamo) p. 170, 7–9._ + +[038-b] _Vita Hilarii Arelatensis. (Ballerini)._ 1. 17. 31. + +[038-c] _Ennod. Epiphan. (Vogel)._ 7–17. + +[038-1] _C. Tanzi, La cronologia degli scritti di Magno Felice Ennodio +(Archeografo Triestino, Nuova Serie. Vol. 14. 1888. S. 365. 406. 497)._ + +[039-a] _Ennod. Epiph._ 18—39. + +[040-a] _Ennod. Epiph._ 40—50. + +[041-a] _Ennod. Epiph._ 51—75. + +[041-b] _Ennod. Epiph._ 76—78. + +[041-c] _Ennod. Epiph._ 79—94. + +[041-d] _Ennod. Epiph._ 95—108. + +[041-e] _Ennod. Epiph._ 109—117. + +[042-a] _Ennod. Epiph._ 118—119. + +[042-b] _Ennod. Epiph._ 120—181. + +[043-a] _Ennod. Epiph._ 182—195. + +[043-b] _Ennod. Epiph._ 196. 197. + +[044-1] Vergl. Michael Fertig, Magnus Felix Ennodius und seine Zeit. +Abth. 2. Landshut. 1860. + +[044-2] Ad. Ebert, Allgemeine Geschichte der Litteratur des +Mittelalters im Abendlande. _I^2._ Leipzig. 1889. S. 450. + +[045-a] _Ennod. Epiph._ 177. + +[045-b] _Ennodius, Antonius (Vogel)._ 6—9. + +[047-a] _Eugip. Severin. (P. Knoell)._ 1. 1. + +[047-b] _Eugip. Severin. praef._ 7–10. + +[047-c] _Eugip. Severin._ 1. 2–5. + +[047-d] _Eugip. Severin._ 2. + +[047-e] _Eugip. Severin._ 3. + +[047-f] _Eugip. Severin._ 4. + +[047-g] _Eugip. Severin._ 5. + +[047-h] _Eugip. Severin._ 6. + +[047-i] _Eugip. Severin._ 7. + +[048-a] _Eugip. Severin._ 8. + +[048-b] _Eugip. Severin._ 9. + +[048-c] _Eugip. Severin._ 10. + +[048-d] _Eugip. Severin._ 11. + +[048-e] _Eugip. Severin._ 12. + +[048-f] _Eugip. Severin._ 13. + +[049-a] _Eugip. Severin._ 14. + +[049-b] _Eugip. Severin._ 15. + +[049-c] _Eugip. Severin._ 16. + +[049-d] _Eugip. Severin._ 17. + +[049-e] _Eugip. Severin._ 18. + +[050-a] _Eugip. Severin._ 19. + +[050-b] _Eugip. Severin._ 20. + +[050-c] _Eugip. Severin._ 21. + +[050-d] _Eugip. Severin._ 22. + +[050-e] _Eugip. Severin._ 23. + +[051-a] _Eugip. Severin._ 24. + +[051-b] _Eugip. Severin._ 25. + +[051-c] _Eugip. Severin._ 26. + +[051-d] _Eugip. Severin._ 27. + +[051-e] _Eugip. Severin._ 28. + +[051-f] _Eugip. Severin._ 29. + +[052-a] _Eugip. Severin._ 30. + +[052-b] _Eugip. Severin._ 31. + +[052-c] _Eugip. Severin._ 32. + +[052-d] _Eugip. Severin._ 33. + +[052-e] _Eugip. Severin._ 34. + +[052-f] _Eugip. Severin._ 35. + +[052-g] _Eugip. Severin._ 36. + +[052-h] _Eugip. Severin._ 37. + +[053-a] _Eugip. Severin._ 38. + +[053-b] _Eugip. Severin._ 39. + +[053-c] _Eugip. Severin._ 40. + +[053-d] _Eugip. Severin._ 41. + +[054-a] _Eugip. Severin._ 42. + +[054-b] _Eugip. Severin._ 43. + +[054-c] _Eugip. Severin._ 44. + +[055-a] _Eugip. Severin._ 45. 46. + +[055-1] W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. +Bd. _I._ ^6. 1893. S. 44—51. + +[055-2] Max Büdinger, Oesterreichische Geschichte. ^1. 1858. S. 51. 52. + +[056-a] _Eugip. Severin._ 10, 1. 19. 22, 4. 24, 1. 29, 3. 31, 2. + +[056-b] _Eugip. Severin._ 1. 2. + +[056-c] _Paschas. Ep._ § 3. + +[056-d] _Eugip. Severin._ 19, 1. 22, 1. _Eugip. Ep._ § 2. _Eugip. +Severin._ 43, 2. 44, 6. + +[057-a] _Eugip. Severin. praef._ 3. 10. ^1 _Excerpta ex Augustino (P. +Knoell) praef._ + +[057-b] _Cassiod. Divin. Lection._ 23. + +[057-c] _Fulg. de statu viduarum (Migne 65. p. 311)._ + +[057-1] So schon Johannes Herold aus Höchstedt in seiner Ausgabe des +Eugipius, Basel 1542. + +[058-a] _Fulg. Ep. (Migne 65. 344)._ + +[058-b] _Eugip. Ep._ 2. + +[058-c] _Eugip. Ep._ 2–6. + +[058-d] _Pascas. Ep. 2. 3 (Knoell)._ + +[059-a] _Eugip. Severin._ 36, 3. + +[059-b] _Eugip. Severin. praef._ 11. + +[059-1] Max Büdinger, Eugipius. Eine Untersuchung. Wiener +Sitzungsberichte. 1878. Bd. 91. S. 793–814. + +[060-a] _Vita Fulgent._ 1–7. + +[061-a] _Vita Fulgent._ 8–17. + +[062-a] _Vita Fulgent. 18 sqq._ + +[064-1] Vergl. Adam Mally, Das Leben des h. Fulgentius von Ruspe. Aus +dem Lateinischen. Wien 1885. + +[066-1] ~Bruno Krusch~, in der Vorrede zu seiner Ausgabe der _Vita +Caesarii Arelatentis_. (_Monumenta Germaniae historica. Script. rer. +Merowing. Tom. III. Vitae Sanctorum._) + +[069-1] Karl Franklin Arnold, Cäsarius von Arelate und die gallische +Kirche seiner Zeit. Leipzig 1894. 243–252. + +[073-a] _Gregor Magn. Dial. lib. I._ 9. + +[073-1] Erwin Preuschen, Palladius und Rufinus. Gießen 1897. S. 205–210. + +[075-a] _Gregor. H. Fr. I._ 80. + +[075-b] _Passio antiqua Juliani (Boll. 28. Aug. VI)._ + +[075-c] _Gregor. Confess._ 35. + +[075-d] _Gregor. Martyr._ 104. 78. + +[075-e] _Gregor. Martyr._ 103. + +[075-f] _Passio Sympher. (Ruinart)_; _Gregor. Conf._ 76. _Martyr._ 70. + +[075-g] _Gregor. H. Fr. II._ 31; _Martyr._ 63; _Conf._ 2, 22, 26, 45, +57, 87, 93, 94. + +[075-h] _Paulin. Petricor. (M. Petschenig) p._ 81. 82. + +[076-a] _Fortunat. Mart. (Leo) I._ 21. 22. 45. 47. + +[076-1] Friedrich Leo, Venantius Fortunatus, der letzte römische +Dichter. Deutsche Rundschau. 1882. Bd. 2. S. 414–426. + +[076-2] Friedr. Leo in seiner Ausgabe der _Monumenta, Auct. Antiquiss._ +Bd. 4^a. S. 296–370. + +[076-3] _Charles Nisard, Le poète Fortunat, Paris 1890._ S. 49 +(Anmerkung). + +[077-a] _Hieron. D. V. I._ 100. + +[077-b] _Fortunat. Virt. Hilarii_ 2. + +[078-a] _Fortunat. Radegunde_ 16. + +[078-b] _Fortunat. German. Paris I_ 11. + +[079-a] _Fortunat. Albin._ 9. 14. + +[079-b] _Fortunat. Paternus_ 14. 15. + +[079-c] _Fortunat. German. Paris._ 12. 13. 22. + +[079-d] _Fortunat. Radegund._ 75. + +[080-1] Ernst Dümmler, Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich. _II._ +1871. 644–650). + +[088-a] _Gregor Martin I._ 32, _II._ 1. + +[088-b] _Gregor Martin I._ 3. _H. Fr. I._ 36. 39. 43. 48. _X._ 31. + +[089-1] Max Bonnet, _Le latin de Grégoire de Tours_. Paris 1890. W. v. +Giesebrecht, Einleitung zu seiner Uebersetzung. 1851. _V_-_XLVII_. Rud. +Koepke, Gregor von Tours. Kleine Schriften. Berlin 1872. 289–325. Gabr. +Monod, _Étude critique sur les sources de l’histoire mérovingienne. +Partie I. Grégoire de Tours_. Paris 1872. W. Arndt und Br. Krusch in +ihren Einleitungen zur Monumenta-Ausgabe. 1885. + +[091-a] _Gregor Martin II._ 19. + +[091-b] _Gregor Confess. praef._ + +[091-1] M. Manitius, Zur Frankengeschichte Gregors von Tours. (Neues +Archiv für ältere Deutsche Geschichtskunde. Bd. 21. 540–557). + +[092-a] _Gregor Martyr. praef._ + +[092-b] _Gregor, Julian._ 7. + +[093-a] _Gregor Martyr._ 18. 19. + +[093-b] _Gregor Martyr._ 93. + +[093-c] _Gregor Julian._ 2, _Martin IV._ 30 + +[093-d] _Gregor Patr. 2. praef._ + +[093-e] _Gregor Conf._ 61. + +[093-f] _Gregor Martin I. praef._ + +[094-a] _Gregor Martyr._ 97. + +[094-b] _Gregor Martyr._ 76. + +[094-c] _Gregor Hist. Fr. V._ 46. + +[095-a] _Gregor Confess._ 96. + +[096-a] _Gregor. Patr. praef._ + +[096-b] _Gregor. Patr._ 16. + +[096-c] _Gregor. Patr._ 1. + +[098-a] _Gregor. Patr._ 3. + +[098-b] _Gregor. Patr._ 13. + +[099-a] _Gregor. Patr._ 5. + +[099-b] _Gregor. Patr._ 14. + +[099-c] _Gregor. Patr._ 9. _H. Fr. V._ 10. + +[100-a] _Gregor. Patr._ 18. + +[100-b] _Gregor. Patr._ 10. + +[101-a] _Gregor. Patr._ 19. + +[101-b] _Gregor. Patr._ 11. + +[102-a] _Gregor. Patr._ 12. + +[103-a] _Gregor. Patr._ 15. + +[104-a] _Gregor. Patr._ 20. + +[105-a] _Gregor. Patr._ 2. + +[105-b] _Gregor. Patr._ 4. _H. Fr. II._ 36. _III._ 2. + +[106-a] _Gregor. Patr._ 6. + +[106-b] _Gregor. H. Fr. III._ 13. + +[107-a] _Gregor. Patr._ 17. + +[108-a] _Gregor. Patr._ 8. + +[108-b] _Gregor. Patr._ 7. + +[108-c] _Gregor. H. Fr. IV._ 15. + +[109-a] _Gregor. Patr. praef._ + +[109-b] _Avitus Ep._ 46. + +[109-c] _Gregor. Hist. Fr. II._ 40. + +[110-a] _Gregor. H. Fr. II._ 42. + +[110-b] _Gregor. H. Fr. II._ 28. + +[110-c] _Gregor. H. Fr. III._ 6. + +[110-d] _Gregor. Julian._ 13. + +[110-1] Karl Binding, Das burgundisch-romanische Königreich von 443 bis +532. Leipzig 1868. S. 111–128. + +[110-2] Godefroy Kurth, _Sainte Clotilde_. Paris 1897. S. 23–64. + +[110-3] W. Schultze, Deutsche Geschichte von der Urzeit zu den +Karolingern. Stuttgart 1896. Bd. 2, S. 121. 122. + +[111-a] _Gregor. H. Fr. III._ 25. + +[111-b] _Gregor. Hist. Fr. III._ 34. + +[111-c] _Gregor. H. Fr. III._ 6. 18. + +[112-a] _Vitae Vigoris, Marculfi._ 15, 16. _Paul. Leonens._ 42. 46. + +[112-b] _Vitae Samsonis._ 52–59. _Maglorii._ 3. 14. 26. 26. 27. + +[112-c] _Vita Quinidii._ 5. 6. + +[112-d] _Vita Leobini._ 18. 19. + +[113-a] _Vitae Deodati_ 5, _Eusicii, Baomiri, Rigomeri, Carilefi_ 15–21. + +[113-b] _Gregor. Patr._ 13. 3. + +[113-c] _Gregor. Conf._ 81. + +[113-d] _Gregor. H. Fr. III._ 10. + +[113-e] _Gregor. H. Fr. IV._ 2. 3. + +[114-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 21. + +[114-b] _Gregor. H. Fr. IV._ 26. _Martin. I._ 29. + +[114-1] Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. _I._ 125–158. + +[115-a] _Gregor. Conf._ 19. + +[116-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 27. + +[116-b] _Gregor. H. Fr. IV._ 35. + +[116-c] _Gregor. H. Fr. VII._ 17. + +[117-a] _Gregor. H. Fr. VI._ 46. + +[117-b] _Gregor. H. Fr. VI._ 17. + +[117-1] W. Schultze, Deutsche Geschichte von der Urzeit zu den +Karolingern. Bd. 2. S. 148–51. + +[118-a] _Gregor. H. Fr. V._ 44. + +[118-b] _Gregor. H. Fr. VI._ 17. + +[119-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 25. 26. + +[119-b] _Gregor. H. Fr. VII._ 16, 17, 18, 21. + +[119-c] _Gregor. H. Fr._ VIII. 1–8. + +[120-a] _Gregor. H. Fr. IX._ 3. + +[121-a] _Gregor. H. Fr. IX._ 39. 42. + +[121-b] _Gregor. Conf._ 104. + +[122-1] Felix Dahn, Könige der Germanen. V. 177–180. + +[122-2] Br. Krusch, Vorrede zu seiner Ausgabe in _Monumenta Germaniae +historica_. _Script. rer. Merow. Tom. III. p. 620–626._ + +[123-1] Bruno Krusch, Das Leben des Bischofs Gaugerich von Cambrai. +(Neues Archiv 1890. Bd. 16. 227–234.) + +[125-a] _Jonas Colomban._ 7–11. + +[125-1] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen +Völker. Bd. _III._ 533–592. + +[126-a] _Jonas Columban._ 13–30. + +[131-a] _Columba Ep._ 3. § 28. + +[133-a] _Jonas, Columba_. 31–36. + +[133-1] Godefroid Kurth, _La reine Brunehaut_. (_Revue des questions +historiques._ Bd. 50.) + +[134-1] Bruno Krusch, Zwei Heiligenleben des Jonas von Susa. +(Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. +_XIV._ 422.) + +[140-1] M. Büdinger, Zur Kritik altbayrischer Geschichte. (Wiener +Sitzungsberichte. 1857. Bd. 23. S. 372–383.) + +[140-2] Albert Burckhardt. Die Heiligen des Bistums Basel. (Basler +Jahrbuch. 1889. S. 155–157.) + +[141-1] Karl J. Neumann, Der römische Staat und Die allgemeine Kirche. +Leipzig. 1890. S. 280–282. — Br. Krusch. Neues Archiv. 20. 1895. +437–440 und 24. 1898. 287–337. + +[143-1] Bruno Krusch, Die älteste Vita Leudegarii. (Neues Archiv. Bd. +16. 1891. S. 565–596. + +[143-2] Otto Laeger, Die Lebensbeschreibungen des heiligen Leudegar. +Programm des kgl. Realgymnasiums. Nordhausen. 1892. S. 4. 5. 18. + +[143-3] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen +Völker. Bd. _III_. 681–695. + +[146-1] N. Bapst, _La vie de Saint Eloi_. (_Révue archéologique._ 1886. +_S._ 208.) H. Gaidoz, _Saint Eloi_. (_Mélusine._ 1896/1897. 7. 8.) + +[147-1] Wilhelm Wattenbach, Ein gleichzeitiges Gedicht zum Preise des +heiligen Audoenus. (Neues Archiv. Bd. 14. 1880. S. 171/172. + +[147-2] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen +Völker. Bd. _III_. S. 615–617, 629, 630, 657. + +[149-1] Bruno Krusch, _La falsification des Vies de Saints Burgundois_ +(in: _Melanges Julien Havet_. Paris. 1895. S. 40–56). + +[151-a] _Vita Christoph._ (_Anal. Bolland. I. 121. X. 393_). + +[152-a] _Basilius Menolog._ + +[152-b] _Vita Christoph._ (_Boll. 25. Juli_). + +[152-c] _Vita Georgii_ (_Bolland. 23. April_). + +[152-1] Didron und Durand, _Manuel d’iconographie chrétienne grecque et +latine_. Paris 1845. S. 325. Anm. + +[152-2] Wolfgang Menzel, Christliche Symbolik, Teil _I_. S. 114 ff. + +[158-a] _Fortunat. Carm. II._ 12. + +[158-1] A. von Gutschmid, die Sage vom heiligen Georg, als Beitrag +zur iranischen Mythengeschichte. (Berichte über die Verhandlungen +der königl. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. +Philologisch-historische Klasse. 1861. S. 175–202.) + +[158-2] Fr. Görres, Ritter St. Georg. (Zeitschrift für +wissenschaftliche Theologie. Jahrg. 30. 1887. S. 62.) + +[159-a] _Gregor. Glor. Martyr._ 100. + +[159-1] A. Kuhn, Wodan. (Haupts Zeitschrift für deutsches Altertum. +1845. Bd. _V._ S. 472–494. + +[160-a] _Gregor. De septem dormentium. ed. B. Krusch Anal. Boll._ +(1893). _S._ 371–387. + +[164-a] _Aristot. Φυσικη ἀκροασις. IV._ 11. + +[164-b] _Diogen. Laert. De vitis I._ 10. + +[164-1] John Koch. Die Siebenschläferlegende, ihr Ursprung und ihre +Verbreitung. Eine mythologisch-litteraturgeschichtliche Studie. +Leipzig, 1883. + +[166-1] Alfred Bertholet. Zu Jesaja 53. Ein Erklärungsversuch. Freiburg +i. Br. 1899. S. 25. + +[167-a] 2 _Macc._ 7. 1 _Macc._ 1. 62. + +[167-b] Sure 18. 8–24. + +[167-1] E. Egli, Altchristliche Studien. Zürich. 1887. S. 91. + +[167-2] J. W. Göthe. »Siebenschläfer«. West-östlicher Diwan. + +[167-3] Fr. Rückert, im Damentaschenbuch aus dem Jahre 1822. S. 139. + +[168-a] _Pseudo-Gregor. Historia septem Dormentium majoris monasterii. +Epist. ad Sulpic. Severum Biturig. [ed. H. L. Bordier. IV. 104–124]._ + +[169-1] K. Rehorn, Der heilige Kummernus, oder die heilige Wilgefortis. +Ein Beitrag zur Geschichte und Deutung eines alten Kultus (Germania. +Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde. Wien, 1887. Bd. 32. S. +461–480). + +[172-1] Justinus Kerner, »Der Geiger zu Gmünd«. — Guido Görres, »Der +arme Spielmann«. + +[175-a] _Gregor, H. Fr. I._ 30. + +[175-b] _Fortun. Carm. spur._ (_Leo_) 6. + +[176-a] _Fortun. carm. I. 11. v. 14._ + +[176-b] _Pseudo-Fortun. passio Dionys. Rustic. et Eleuther._ (_Krusch_) +3–7. 18. 16. 27–31. + +[177-1] Fr. Arbellot, _Étude sur les origines chrétiennes de la Gaule. +Part. I. St. Denys de Paris._ 1890. S. 16–72. + +[177-2] R. Koepke, Einleitung zur _Translatio Dionysii_ (_Pertz. Monum. +script. XI._ 343–351). + +[178-a] _Zosimus Ep._ 1 (_cf._ 3. 5). + +[178-b] _Ep. Arela. gen._ 12. + +[178-c] 2 _Tim._ 4. 10. + +[178-1] Fr. Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands, Göttingen, 1846. +_I_, 73–94. + +[179-1] C. Narbey. _Supplément pour des Vies de Saints de l’Epoque +Mérovingienne. I._ Paris. 1899. Tabelle. 611–615. + +[180-a] _Julius Caesar, De Bello Gallico._ 3. 1–6. + +[180-1] Emil Egli, Kirchengeschichte der Schweiz bis auf Karl d. Gr. +Zürich 1893. S. 21–33, und daselbst das Gutachten von E. Rothpletz S. +133–145. + +[182-a] _Eucher. Agaun. Martyr._ 8. + +[182-b] _Eucher. Ep. ad Salvium (Wotke)._ + +[183-a] _Eucher. Agaun. Martyr._ 5. + +[183-1] Fr. Stolle. Das Martyrium der thebaischen Legion. Breslau. +1891. S. 69–71. + +[185-1] E. C. Rochholz, Drei Gaugöttinnen als Deutsche Kirchenheilige. +Leipzig. 1870. S. 93–157. + +[191-a] _Gregor. Conf._ 89. _H. Fr. II._ 45. + +[195-1] Bruno Krusch, Die Fälschung der _Vita Genovefae_. (Neues Archiv +der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Bd. 18. Heft 1. +1892. S. 9–50.) + +[196-1] _Douhet, Dictionnaire des légendes du christianisme. 1855._ +(_Migne, Troisième Encyclopaedie Theologique. Tom. 14._) + +[200-1] Mone, Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit. Jahrgang 4. +1835, S. 420/421. + +[203-1] Ignaz von Zingerle, Die Oswaldlegende und ihre Beziehung zur +deutschen Mythologie. Stuttgart und München. 1856. S. 3–6, 70–101. + +[203-2] W. Golther, Die Wielandsage und die Wanderung der fränkischen +Heldensage. (Germania. Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde. +Bd. 34. 1889. S. 449–460.) + +[204-1] _A. Lecoy de la Marche, St. Martin. Tours._ 1881. S. 633–654. + +[205-a] _Gregor. Confess._ 5. + +[206-a] _Gregor Confess._ 10. + +[206-b] _Gregor Mart. II._ 16. + +[206-c] _Vita Maximin. Trier._ + +[207-a] _Greg. Mart. IV._ 31. + +[208-1] Karl Simrock, Mythologie. 507–594; Martinslieder, herausgegeben +von Karl Simrock. Bonn. 1846. S. _XXI_. Elard Hugo Meyer, Germanische +Mythologie. 1891. S. 254–257. Heino Pfannenschmid, Germanische +Erntefeste. Hannover. 1878. S. 193–243. + +[209-a] _Gregor Mart. IV. prol._ + +[209-1] Aus den Tischreden. Bei H. Weingarten, Art. Martin von Tours +(Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche ^2, 9, 1881. +S. 372. + +[209-2] Aus der Apologie der Augsburger Confession. Bei Karl Hase, +Handbuch der protestantischen Polemik ^4. Leipzig 1878. S. 306. + +[211-a] _Gregor Conf._ 35. + +[212-a] _Gregor Martyr._ 49. _Conf._ 60–64. + +[212-1] _Auguste Longnon, Géographie de la Gaule au VIe siècle. Paris._ +1878. S. 180–611. + +[213-a] _Gregor Conf._ 72–75. + +[213-b] _Gregor Martyr._ 51. _H. Fr. II._ 15. + +[213-c] _Gregor Conf._ 41–43. + +[214-a] _Gregor Conf._ 85 (_interpol._) 86. + +[214-b] _Gregor Martyr._ 52. 53. _Conf._ 84. 85. + +[214-c] _Gregor Martyr._ 70. + +[214-d] _Gregor Martyr._ 74. 75. + +[214-e] _Gregor Julian._ 34. + +[214-f] _Gregor H. Fr. X._ 31. 2. + +[215-a] _Gregor Conf._ 16. + +[215-b] _Gregor Conf._ 24. + +[215-c] _Gregor Conf._ 4–25. + +[215-d] _Gregor Conf._ 16. + +[215-e] _Gregor Conf._ 17. + +[215-f] _Gregor Conf._ 18. + +[216-a] _Gregor Conf._ 21. + +[216-b] _Gregor Conf._ 22. + +[216-c] _Gregor Conf._ 23. + +[216-d] _Gregor Conf._ 25. + +[216-e] _Gregor Conf._ 55. + +[216-f] _Gregor Conf._ 94. + +[216-g] _Gregor Conf._ 54. + +[216-h] _Gregor Martyr._ 59. + +[216-i] _Gregor Conf._ 40. + +[216-k] _Gregor Conf._ 66. + +[216-l] _Gregor Patr. VIII._ 8. + +[216-m] _Gregor Martyr._ 63. + +[216-n] _Gregor H. Fr. IX._ 18. + +[216-o] _Gregor H. Fr. VIII._ 2. _Conf._ 97. + +[216-p] _Gregor Conf._ 89. + +[216-q] _Gregor H. Fr. V._ 7. _VIII._ 33. _Conf._ 88. + +[216-r] _Gregor Conf._ 87. + +[216-s] _Gregor Conf._ 103. + +[216-t] _Gregor Martyr._ 71. _H. Fr. V._ 35. + +[217-a] _Gregor H. Fr. X._ 28. + +[217-b] _Gregor Conf._ 91. 92. + +[217-c] _Gregor Martyr._ 61. + +[217-d] _Gregor Conf._ 71. + +[217-e] _Gregor H. Fr. IX._ 14, _X._ 19. _Conf._ 78. + +[217-f] _Gregor Martyr._ 54. + +[217-g] _Gregor H. Fr. IV._ 19. 21. 51. _V._ 3. + +[217-h] _Gregor H. Fr. V._ 35. _IX._ 9. + +[217-i] _Gregor H. Fr. VI._ 37. + +[217-k] _Gregor Conf._ 65. + +[218-a] _Gregor Conf._ 72. + +[218-b] _Gregor Jul._ 1. 2. + +[218-c] _Gregor Martyr._ 67. 68. + +[218-d] _Gregor Conf._ 76. + +[218-e] _Gregor Martyr._ 76. _H. Fr. IX._ 22. + +[218-f] _Gregor Conf._ 70. + +[218-g] _Gregor Conf._ 82. + +[218-h] _Gregor Conf._ 88. + +[218-i] _Gregor Martyr._ 46. + +[218-k] _Gregor Conf._ 79. + +[218-l] _Gregor Conf._ 95. + +[218-m] _Gregor Conf._ 100. + +[218-n] _Gregor Conf._ 90. + +[218-o] _Gregor Conf._ 81. + +[218-p] _Gregor Conf._ 80. + +[219-a] _Gregor Conf._ 35. + +[219-b] _Gregor Conf._ 32. + +[219-c] _Gregor H. Fr. I._ 31. _Martyr._ 64. + +[219-d] _Gregor Conf._ 33. + +[219-e] _Gregor H. Fr. I._ 40. _Patr._ 3 3. + +[219-f] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Patr._ 6 7. + +[219-g] _Gregor Conf._ 34–36. + +[219-h] _Gregor Conf._ 31. + +[219-i] _Gregor Jul._ 1. 4. 5. 7. + +[219-k] _Gregor Jul._ 3. 25. + +[219-l] _Gregor Patr._ 14. + +[219-m] _Gregor Patr._ 5. + +[219-n] _Gregor Patr._ 13. + +[219-o] _Gregor Martyr._ 66. + +[220-a] _Gregor H. Fr. I._ 32. _X._ 29. + +[220-b] _Gregor Martyr._ 56. 57. + +[220-c] _Gregor Conf._ 27. + +[220-d] _Gregor Conf._ 101. + +[220-e] _Gregor H. Fr. VII._ 10. + +[220-f] _Gregor Conf._ 9. + +[220-g] _Gregor H. Fr. X._ 39. _Conf._ 102. + +[220-h] _Gregor Martyr._ 47. _H. Fr. I._ 28. _VI._ 12. + +[220-i] _Gregor Conf._ 44. + +[220-k] _Gregor Conf._ 45. + +[220-l] _Gregor Conf._ 46. + +[220-m] _Gregor H. Fr. VI._ 12. + +[220-n] _Gregor Conf._ 99. + +[220-o] _Gregor Martyr._ 55. + +[220-p] _Gregor Conf._ 58. + +[220-q] _Gregor Conf._ 57. + +[220-r] _Gregor Conf._ 59. + +[220-s] _Gregor Conf._ 56. + +[221-a] _Gregor Conf._ 52. + +[221-b] _Gregor Conf._ 53. + +[221-c] _Gregor H. Fr. II._ 37. + +[221-d] _Gregor Conf._ 98. + +[221-e] _Gregor Conf._ 83. + +[221-f] _Gregor Conf._ 49. 50. + +[221-g] _Gregor Conf._ 48. + +[221-h] _Gregor Martyr._ 77. + +[221-i] _Gregor Conf._ 29. 35. + +[222-a] _Sever. Ep._ 2. 8. 9. 18. _Ep._ 3. 21. + +[223-a] _Gregor Martin. I._ 6. + +[223-b] _Gregor Martin IV._ 43. + +[223-c] _Gregor Mart. II._ 50. 60. + +[224-a] _Gregor H. Fr. II._ 14. + +[224-b] _Gregor Martin I._ 2. + +[224-c] _Sidon. Apollin. Ep. IV._ 18. + +[224-d] _Gregor H. Fr. IV._ 20. + +[224-1] _Jules Quicherat, Restitution de la Basilique de Saint Martin +de Tours. Paris. 1869._ + +[225-a] _Gregor H. Fr. X._ 31. _Fortunat. Carm. X._ 6. + +[225-b] _Gregor H. Fr. II._ 38. + +[225-c] _Gregor H. Fr. II._ 43. _III._ 28. + +[225-d] _Gregor Mart. I._ 12. _H. Fr. IX._ 26. + +[225-e] _Gregor Mart. III._ 8. + +[226-a] _Gregor Mart. I._ 25. + +[226-b] _Gregor Mart. II._ 11. + +[226-c] _Gregor Mart. II._ 12. + +[226-d] _Gregor Mart. IV._ 27. + +[226-e] _Gregor Mart. II._ 9. 10. + +[226-f] _Gregor Mart. II._ 47. + +[226-g] _Gregor Mart. IV._ 40. + +[226-h] _Gregor Julian._ 4. + +[226-i] _Gregor Julian._ 9. + +[226-k] _Gregor Julian._ 1. + +[226-l] _Gregor Julian._ 29. + +[226-m] _Gregor Julian._ 16. + +[227-1] _Julien Havet, Questions mérovingiennes. V. Les origines de +Saint-Denis. (Oeuvres. 1896. Tom. I._ S. 216–217.) + +[228-a] _Gregor H. Fr. X._ 31. 19. + +[228-b] _Gregor Patr._ 20. _Martin I._ 2. _II._ 39. + +[228-c] _Gregor Mart. II._ 48. _III._ 22. _IV._ 10. _H. Fr. VIII._ 40. + +[228-d] _Gregor H. Fr. X._ 31. + +[228-e] _Gregor Conf._ 4. 5. + +[228-f] _Gregor Mart. III._ 35. + +[228-g] _Gregor Mart. III._ 60. + +[228-1] _Lecoy de la Marche, Saint Martin. Tours._ 1881. _S._ 539–594. + +[228-2] _Jules Havet, Questions mérovingiennes. VII. Les Actes des +Evêques du Mans_ (in: _Oeuvres. 1896. Tom. I._ 376. 377). + +[229-a] _Gregor Conf._ 9. + +[229-b] _Gregor Mart. IV._ 8. + +[229-c] _Gregor H. Fr. VII._ 42. _Conf._ 79. + +[229-d] _Gregor Mart. III._ 33. + +[229-e] _Gregor. Mart. III._ 50. + +[229-f] _Gregor H. Fr. VI._ 9. _VIII._ 33. + +[229-g] _Gregor Mart. I._ 17. + +[229-1] Vergl. _L. de Nussac, Saint Eloi. Ses résidences en Limousin. +Bulletin de la Société historique. Corrèze._ Bd. 19. S. 309–339. + +[230-a] _Gregor Conf._ 11. + +[230-b] _Gregor H. Fr. VIII._ 15. + +[230-c] _Gregor Mart. I._ 14. 15. + +[230-d] _Gregor Conf._ 12. + +[230-e] _Gregor Mart. I._ 11. _IV._ 7. + +[230-1] Gustav Bossert in: Würtembergische Kirchengeschichte. +Herausgegeben vom Calwer Verlagsverein. 1893. S. 10–21. + +[231-1] P. Joerres, Chronologische und religionswissenschaftliche +Untersuchungen über das Leben der heiligen Radegunde und ihrer +Verwandten. Ahrweiler. 1896. + +[232-a] _Gregor Jul._ 35. + +[232-b] _Gregor Jul._ 47. + +[232-c] _Gregor Jul._ 41. + +[232-d] _Gregor Jul._ 32. + +[232-e] _Gregor H. Fr. VI._ 17. _IX._ 6. + +[232-f] _Gregor Jul._ 48. + +[232-g] _Gregor Jul._ 50. + +[232-h] _Gregor Patr._ 2 3. _Conf._ 20. + +[232-i] _Gregor Conf._ 79. + +[232-k] _Gregor Martyr._ 51. + +[232-l] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Martyr._ 67. + +[232-1] Johannes Bernoulli, Die Kirchgemeinden Basels vor der +Reformation (Basler Jahrbuch. 1894. S. 222). + +[232-2] Albert Burckhardt, Die Heiligen des Bisthums Basel (Basler +Jahrbuch. 1889. S. 166. 167). + +[233-a] _Gregor Martyr._ 100. + +[233-b] _Gregor H. Fr. X._ 31. + +[233-c] _Gregor H. Fr. VII._ 31. _Martyr._ 96. + +[234-a] _Gregor H. Fr. II._ 21. _Patr._ 3. 1. + +[234-b] _Gregor H. Fr. VI._ 9. 25. + +[234-c] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Patr._ 6. 7. + +[234-d] _Gregor H. Fr. X._ 31. 5. 12. _Martyr._ 46. + +[234-e] _Gregor Martyr._ 60. + +[234-f] _Gregor Martyr._ 91. + +[234-g] _Gregor Martyr._ 89. + +[234-h] _Gregor H. Fr. IV._ 20. _V._ 7. _VIII._ 10. 23. + +[234-i] _Gregor H. Fr. X._ 31. 18. + +[234-k] _Gregor H. Fr. VII._ 35. _Martyr._ 104. + +[235-a] _Gregor H. Fr. X._ 31. + +[235-b] _Gregor Patr._ 7. + +[235-c] _Gregor Martyr._ 12. + +[235-d] _Vita Tigris_ 3. + +[235-e] _Gregor Martyr._ 19. + +[235-f] _Gregor H. Fr. X._ 31. + +[235-g] _Gregor Conf._ 64. _H. Fr. IX._ 42. _H. Fr. VII._ 10. + +[236-a] _Chlodowech II. Diplom. spur. (Pertz)_ 62; _Childerich II. +Diplom. spur. (Pertz)_ 68; _Passio Quirini Tegernseensis (Krusch)_ 5. 9. + +[236-b] _Vita Balthildis (Krusch)_ 16. 18. + +[236-c] _Vita Arnulfi_ 10. + +[236-d] _Vita Fridolini._ + +[236-e] _Vita Chrotech._ 11. 13. + +[236-f] _Gregor H. Fr. II._ 43; _III._ 11. 19; _IV._ 1; _Conf._ 89. + +[236-g] _Gregor H. Fr. X._ 31. 6. + +[236-h] _Gregor Martyr._ 49. + +[236-i] _Gregor Martyr._ 85. + +[236-k] _Gregor H. Fr. IV._ 31. + +[236-l] _Gregor Martyr._ 33. + +[236-m] _Gregor H. Fr. II._ 17. _Patr._ 5. 4. + +[237-a] _Gregor H. Fr. VI._ 29. _Mart. I._ 9. + +[237-b] _Gregor Mart._ 35. + +[237-1] _Fustel de Coulange, La cité antique._ + +[238-a] _Gregor Martyr._ 11. + +[238-b] _Gregor Martyr._ 18. + +[239-a] _Gregor Martyr._ 8. + +[239-b] _Zach._ 14. 20. + +[239-c] _Gregor Martyr._ 5–7. + +[239-d] _Gregor Martyr._ ö. _H. Fr. III._ 7. _IX._ 40. _Baudonivia +Radegunde_ 15. 20. + +[239-e] _Gregor Martyr._ 14. + +[239-f] _Gregor Martyr._ 78. + +[239-g] _Martyr._ 82. + +[239-h] _Gregor Martyr._ 43. + +[239-i] _Gregor Martyr._ 89. + +[240-a] _Gregor Conf._ 40. + +[240-b] _Gregor Jul._ 2. + +[240-c] _Gregor Mart. I._ 18. _II._ 39. _Conf._ 6. 7. 8. 10. + +[241-a] _Gregor Mart. II._ 39. + +[241-b] _Gregor Mart. IV._ 10. + +[241-c] _Gregor Mart. II._ 19. 21. + +[242-a] _Gregor Martyr._ 51. + +[242-b] _Gregor Martyr._ 72. + +[242-c] _Gregor Martyr._ 55. + +[243-a] _Gregor Martyr._ 62. + +[243-b] _Gregor Mart. IV._ 8. + +[243-c] _Gregor Mart. II._ 36. + +[243-d] _Gregor Mart. I._ 10. + +[243-e] _Gregor Martyr._ 75. + +[243-f] _Gregor Jul._ 33. + +[244-a] _Gregor Jul._ 48. + +[244-b] _Gregor Conf._ 38. + +[244-c] _Gregor Martyr._ 18. 51. + +[244-d] _Gregor Mart. III._ 42. + +[244-e] _Gregor Martyr._ 33. + +[244-f] _Gregor Jul._ 49. + +[244-g] _Gregor Jul._ 50. + +[245-a] _Gregor. Conf._ 20. + +[245-b] _Gregor Jul._ 34. + +[245-c] _Gregor Martyr._ 30. + +[246-a] _Gregor Martyr._ 54. + +[246-b] _Gregor Martyr._ 47. 65. + +[246-c] _Gregor Martyr._ 19. 33. 52. 57. _Jul._ 19. 39. + +[246-d] _Gregor Martyr._ 76. + +[247-a] _Gregor Martyr._ 60. + +[247-b] _Gregor Martyr._ 64. + +[247-c] _Gregor Jul._ 32. + +[248-a] _Gregor Mart. II._ 25. + +[248-b] _Gregor Martyr._ 33. + +[248-c] _Gregor Mart. IV._ 12. + +[249-a] _Gregor Jul._ 20. + +[250-a] _Gregor Jul._ 43. + +[250-b] _Gregor Jul._ 8. + +[250-c] _Gregor Jul._ 14. + +[250-d] _Gregor Jul._ 15. + +[251-a] _Gregor Jul._ 16. + +[251-b] _Gregor Jul._ 17. + +[251-c] _Gregor Jul._ 18. + +[251-d] _Gregor Jul._ 21. + +[252-a] _Gregor Martyr._ 78. + +[252-b] _Gregor Martyr._ 60. + +[253-a] _Gregor Martyr._ 71. + +[253-b] _Gregor Martyr._ 58. + +[253-c] _Gregor Martyr._ 103. + +[253-d] _Gregor Martyr._ 96. + +[254-a] _Gregor H. Fr. VI._ 10. _Mart. I._ 29. + +[254-b] _Gregor H. Fr. VII._ 29. + +[254-c] _Gregor Mart. I._ 31. + +[254-d] _Gregor Jul._ 88. + +[254-e] _Gregor Mart. II._ 22. 23. + +[255-a] _Gregor Mart. III._ 14. + +[255-b] _Gregor Mart. III._ 23. + +[255-c] _Gregor Mart. I._ 21. + +[255-d] _Gregor Mart. II._ 35. + +[255-e] _Gregor Mart. III._ 41. + +[256-a] _Gregor Mart. III._ 47. + +[256-b] _Gregor Mart. III._ 53. + +[256-c] _Gregor Mart. IV._ 16. + +[256-d] _Gregor Mart. IV._ 35. 41. + +[256-e] _Gregor Mart. IV._ 26. + +[256-f] _Gregor Jul._ 4. + +[256-g] _Gregor Martyr._ 72. + +[256-h] _Gregor Martyr._ 44. + +[257-a] _Gregor Mart. IV._ 35. + +[257-b] _Gregor Mart._ 104. _Jul._ 13. + +[257-1] _M. Prou, Examen de quelques passages de Grégoire de Tours, +relatifs à l’application de la peine de mort_ (in: _Etudes historiques +du moyen âge, didiées à Gabriel Monod._ S. 1–9). + +[257-2] Heinr. Brunner, Abspaltungen der Friedlosigkeit (Zeitschrift +der Savignystiftung für Rechtsgeschichte. Bd. 11. 1890. S. 66. 81). + +[258-a] _Gregor Jul._ 10. + +[258-b] _Gregor H. Fr. III._ 17. _IV._ 18. _Mart. I._ 23. + +[258-c] _Gregor Mart. II._ 27. + +[261-a] _Gregor H. Fr. VII._ 21. 22. 29. + +[262-a] _Gregor Mart. III._ 51. + +[262-b] _Gregor Mart. III._ 17. + +[262-c] _Gregor Conf._ 3. + +[263-a] _Gregor Martyr._ 83. + +[263-b] _Gregor Mart. I._ 28. + +[263-c] _Gregor Mart. III._ 60. + +[264-a] _Gregor Martin II._ 2. _III._ 50. + +[264-b] _Gregor Martin II._ 50. + +[264-c] _Gregor Martin II._ 60. + +[264-d] _Gregor Mart. IV._ 1. + +[264-e] _Gregor Jul._ 42. + +[264-f] _Gregor Martyr._ 5. 18. + +[265-a] _Gregor Conf._ 30. + +[265-b] _Gregor Conf._ 9. + +[265-c] _Gregor Martyr._ 84. + +[265-d] _Gregor Mart. III._ 33. + +[265-e] _Gregor Mart. I._ 34. + +[265-f] _Gregor Mart. IV._ 25. + +[266-a] _Gregor Conf._ 40. + +[266-b] _Gregor Mart. I._ 35. + +[266-c] _Gregor Mart. IV._ 21. + +[267-a] _Gregor Mart. I._ 11. + +[267-b] _Gregor Mart. IV._ 47. + +[267-c] _Gregor Martyr._ 106. + +[268-a] _Gregor H. Fr. IV._ 16. + +[271-a] _Gregor H. Fr. IX._ 6. + +[271-b] _Gesta Francor._ 46. + +[271-c] _Passio Quirini_ (_Krusch_) 7. + +[272-a] _Gregor Mart. III._ 60. + +[273-1] Georg Osterhage, Bemerkungen zu Gregor von Tours kleineren +Schriften. (Wissenschaftliche Beilage des Humboldtschen Gymnasiums zu +Berlin. Ostern 1895.) + +[274-a] _Gregor Jul._ 13. + +[274-b] _Gregor Jul._ 17. + +[274-c] _Gregor Jul._ 27. + +[274-d] _Gregor Mart. IV._ 32. + +[275-a] _Gregor Mart. I._ 9. _II._ 17. + +[275-b] _Gregor Mart. II._ 27. + +[275-c] _Gregor Mart. I._ 20. + +[275-d] _Gregor Mart. II._ 20. + +[275-e] _Gregor Jul._ 5. + +[275-1] Roscher, Hermes als Windgott. Leipzig. 1878. S. 104. + +[276-a] _Gregor Conf._ 95. + +[276-b] _Gregor Mart. II._ 53. + +[276-c] _Gregor Mart. III._ 16. 20. + +[276-d] _Gregor Mart. IV._ 17. 18. + +[277-a] _Gregor Martyr._ 87. + +[277-b] _Gregor Martyr._ 25. + +[277-c] _Gregor Martyr._ 35. + +[277-d] _Gregor Jul._ 3. + +[277-e] _Gregor Jul._ 25. 26. + +[277-f] _Gregor Jul._ 40. + +[277-g] _Gregor Martyr._ 36. + +[277-h] _Gregor Mart. I._ 2. + +[277-i] _Gregor Conf._ 45. + +[278-a] _Gregor Mart. IV._ 29. + +[278-b] _Gregor Martyr._ 68. + +[278-c] _Gregor Andr._ 27. + +[278-d] _Gregor Martyr._ 43. + +[278-e] _Gregor Conf._ 71. + +[278-1] Wilhelm Mannhardt, Wald- und Feldkulte. Berlin 1875. Bd. 1. Der +Baumkultus. S. 4. + +[279-a] _Gregor Martyr._ 6. 20. + +[279-b] _Gregor Martin IV._ 7. + +[279-c] _Gregor Julian_ 46. + +[279-d] _Gregor Martyr._ 41. + +[279-e] _Gregor Patr._ 6 7. + +[279-f] _Gregor Martyr._ 67. + +[279-g] _Gregor Martyr._ 73. + +[280-a] _Gregor Conf._ 50. + +[280-b] _Gregor Martyr._ 90. + +[280-c] _Gregor Martyr._ 77. + +[280-d] _Gregor Martyr._ 46. + +[280-e] _Gregor Martyr._ 70. + +[280-f] _Gregor Conf._ 43. + +[280-g] _Gregor Conf._ 23. + +[280-h] _Gregor Julian_ 7. + +[280-i] _Gregor Martyr._ 66. + +[280-k] _Gregor Martyr._ 54. _Conf._ 32. + +[281-a] _Gregor Conf._ 110. + +[281-b] _Gregor Julian_ 31. + +[281-c] _Gregor Mart. IV._ 15. + +[281-d] _Gregor Mart. I._ 17. + +[281-e] _Gregor Mart. III._ 18. + +[281-f] _Gregor Jul._ 17. + +[281-g] _Gregor Jul._ 1. 4. + +[281-h] _Gregor Conf._ 97. + +[281-i] _Gregor Martyr._ 91. + +[281-1] Wolfgang Golther, Germanische Mythologie. Leipzig 1895. S. 203. + +[282-a] _Gregor Mart. 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V._ 34. + +[288-b] _Gregor Mart. III._ 34. + +[288-c] _Gregor Mart. II._ 51. + +[289-a] _Gregor Mart. II._ 52. + +[289-b] _Gregor Mart. I._ 33. + +[289-c] _Gregor Mart. II._ 58. + +[289-d] _Gregor Mart. II._ 37. + +[289-e] _Gregor Mart. II._ 18. + +[289-f] _Gregor Julian._ 24. 25. + +[289-g] _Gregor Mart. III._ 1. + +[289-h] _Gregor Conf._ 39. + +[290-a] _Gregor Mart. I._ 40. + +[290-b] _Gregor Mart. III._ 6. + +[290-c] _Gregor Mart. III._ 7. + +[290-d] _Gregor Mart. III._ 9. + +[290-e] _Gregor Mart. III._ 10. + +[290-f] _Gregor Mart. III._ 13. + +[290-g] _Gregor Mart. III._ 14. + +[291-a] _Gregor Mart. III._ 15. + +[291-b] _Gregor Mart. I._ 27. + +[291-c] _Gregor Mart. III._ 40. + +[291-d] _Gregor Mart. III._ 44. + +[291-e] _Sever. Mart._ 19. + +[291-1] _Jules Sichel, Nouveau recueil des pierres d’oculistes Romains, +Paris 1866._ C. L. Grotefend, Die Stempel der römischen Augenärzte. +Hannover. 1867. S. 33. _A. Héron de Villefosse et H. Thédenat. Cachets +d’oculistes romains. 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II._ 57. + +[303-m] _Gregor Mart. II._ 59. + +[303-n] _Gregor Mart. III._ 46. + +[303-o] _Gregor Mart. IV._ 42. + +[303-p] _Gregor. Mart. II._ 33. + +[305-1] _H. L. Bordier, Les livres des miracles de Grégoire de Tours. +Paris. 1864. Tom. 4._ S. 6–8. + +[307-a] _Gregor Martyr._ 70. + +[308-a] _Gregor Martyr._ 80. _Cf. Conf._ 14. + +[308-b] _Gregor Martyr._ 81. + +[308-c] _Gregor H. Fr. II._ 3. _IX._ 15. _Conf._ 13. + +[308-d] _Gregor. Conf._ 47. + +[308-e] _Gregor Martyr._ 23. 24. + +[308-f] _Gregor H. Fr. III._ 29. + +[309-a] _Gregor Mart._ 10. + +[309-b] _Gregor Martyr._ 21. + +[309-c] _Gregor Martyr._ 99. + +[309-d] _Gregor Mart._ III. 50. + +[311-a] _Gregor H. Fr. VI._ 5. + +[311-b] _Gregor H. Fr. V._ 43. _VI._ 40. + +[311-c] _Gregor H. Fr. I._ + +[311-d] _Gregor Martyr._ 83. _Mart. III._ 8. _H. Fr. VI._ 6. _VIII._ +14. 16. + +[311-e] _Gregor Comm. Ps._ 5. + +[311-1] Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. _I._ Leipzig +1887. S. 193–200. + +[312-a] _Gregor Martyr._ 22. + +[312-b] _Gregor Martyr._ 21. + +[312-c] _Gregor Martyr._ 7. + +[312-d] _Gregor Martyr._ 4. + +[312-e] _Gregor Martyr._ 11. + +[313-a] _Gregor Martyr._ 9. + +[313-b] _Gregor Martyr._ 26. + +[313-c] _Gregor Martyr._ 27. + +[313-d] _Gregor Martyr._ 28. + +[313-e] _Gregor Martyr._ 29. + +[314-a] _Gregor Martyr._ 30. + +[314-b] _Gregor Martyr._ 31. + +[314-c] _Gregor Martyr._ 33. + +[314-d] _Gregor Martyr._ 35. + +[314-e] _Gregor Martyr._ 94. + +[314-f] _Gregor Martyr._ 100. + +[314-g] _Gregor Martyr._ 96. + +[315-a] _Gregor Martyr._ 97. + +[315-b] _Gregor Martyr._ 98. + +[315-c] _Gregor Martyr._ 99. + +[315-d] _Gregor Martyr._ 101. + +[315-e] _Gregor Martyr._ 95. + +[315-f] _Gregor Martyr._ 48. 49. + +[315-g] _Gregor Conf._ 26. + +[315-h] _Gregor Martyr._ 42. + +[315-i] _Gregor Martyr._ 40. + +[315-k] _Gregor Martyr._ 38. + +[315-l] _Gregor Conf._ 108. + +[315-m] _Gregor Conf._ 3. + +[316-a] _Gregor Martyr._ 64. + +[316-b] _Gregor Martyr._ 22. + +[316-c] _Gregor Conf._ 1. + +[316-1] F. Kattenbusch, Lehrbuch der vergleichenden Confessionskunde. +_I._ Freiburg i/Br. 1892. S. 466. + +[316-2] Heinrich Häser, Geschichte christlicher Krankenpflege und +Pflegerschaften. Berlin. 1857. S. 13–19. + +[317-a] _Gregor Mart. I._ 4. 5. + +[318-a] _Gregor Martyr._ 74. + +[318-b] _Gregor Martyr._ 104. + +[318-c] _Gregor Martyr._ 71. + +[319-a] _Gregor Martyr._ 105. + +[319-b] _Gregor Mart. IV._ 37. + +[319-c] _Gregor Mart. I._ 6. + +[319-1] Ludwig Laistner, Rätsel der Sphinx. 1889. + +[320-a] _Gregor Mart. I._ 26. 27. _IV._ 36. _Jul._ 48 _a_. + +[320-b] _Gregor Mart. II._ 19. + +[320-c] _Gregor Mart. I._ 9. + +[320-d] _Gregor Martyr._ 91. + +[320-e] _Gregor Mart. I._ 30. + +[320-f] _Gregor Mart. II._ 58. + +[321-a] _Gregor Conf._ 77. + +[321-b] _Gregor Martyr._ 77. + +[321-c] _Gregor Mart. II._ 1. + +[321-d] _Gregor Martyr._ 86. + +[321-e] _Gregor H. Fr. VI._ 9. _VII._ 15. _VIII._ 39. _X._ 5. + +[321-f] _Gregor H. Fr. IV._ 42. _V._ 20. 27. _VII._ 28. 34. 37. 38. 39. + +[321-g] _Gregor H. Fr. V._ 26. 29. 40. + +[321-h] _Gregor H. Fr. IV._ 6. 7. 11. 13. 15. 16. 31. 35. + +[321-i] _Gregor H. Fr. IX._ 39–43. _X._ 15–17. + +[321-k] _Gregor H. Fr. VIII._ 15. + +[322-a] _Gregor H. Fr. VIII._ 34. + +[322-b] _Gregor H. Fr. IV._ 34. + +[322-c] _Gregor Conf._ 37. + +[323-a] _Gregor H. Fr. I._ 32. + +[323-b] _Gregor Conf._ 2. + +[323-1] W. v. Giesebrecht, Zehn Bücher fränkischer Geschichte vom +Bischof Gregorius von Tours, in: Geschichtsschreiber der deutschen +Vorzeit. 2. Gesamtausgabe. Leipzig 1878. Bd. _IV_. 1. 367/368. + +[324-a] _Gregor Conf._ 76. + +[324-b] _Gregor H. Fr. I._ 31. + +[324-c] _Gregor H. Fr. II._ 10. + +[325-a] _Gregor Jul._ 5. 6. + +[325-b] _Gregor H. Fr. V._ 37. _Mart. I._ 11. _cf. Fortunat. Carm._ 5. +1. 2. + +[325-1] C. P. Caspari, Martin von Bracara’s Schrift _De correctione +rusticorum_. Christiania 1883. + +[327-a] _Martin Bracar. De correct. rustic._ 7–12. 15. 16. + +[327-b] _Gregor Mart. II._ 15. _III._ 28. _IV._ 22. _Jul._ 22. + +[327-c] _Gregor Mart. III._ 27. + +[327-d] _Gregor Mart. IV._ 34. + +[327-e] _Gregor Mart. III._ 37. + +[327-f] _Gregor Mart. III._ 58. + +[327-g] _Gregor Mart. II._ 45. + +[327-h] _Gregor Mart. I._ 20. + +[327-i] _Gregor Martyr._ 28. + +[327-k] _Gregor Andr._ 6. + +[327-l] _Gregor Mart._ + +[327-m] _Gregor Mart._ + +[327-1] Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube § 402 ff. + +[328-a] _Gregor H. Fr. VIII._ 33. + +[328-b] _Gregor Martyr._ 57. + +[328-c] _Gregor Martyr._ 9. + +[328-d] _Gregor Mart. I._ 14. + +[328-e] _Gregor Martyr._ 5. + +[328-f] _Gregor Conf._ 77. + +[328-g] _Gregor Mart. III._ 24. + +[328-h] _Gregor Jul._ 35. + +[328-i] _Gregor Martyr._ 5. + +[329-a] _Gregor Mart. II._ 32. + +[330-a] _Gregor Martyr._ 45. + +[330-b] _Gregor Mart. III._ 55. + +[330-c] _Gregor Mart. IV._ 45. + +[330-d] _Gregor Mart. II._ 57. + +[330-e] _Gregor Mart. III._ 31. + +[330-f] _Gregor Mart. II._ 24. + +[330-g] _Gregor Martyr._ 15. + +[331-a] _Gregor Mart. III._ 56. + +[331-b] _Gregor Jul._ 11. + +[331-c] _Gregor Mart. III._ 3. + +[331-d] _Gregor Mart. III._ 20. + +[331-e] _Gregor Mart. III. praef._ + +[332-a] _Gregor Mart. IV._ 30. + +[332-b] _Gregor Mart. II._ 49. + +[332-c] _Gregor Mart. II._ 34. + +[332-d] _Gregor Jul._ 28. + +[332-e] _Gregor Mart. IV._ 46. + +[335-a] _Gregor Mart. II._ 1. + +[335-b] _Gregor Jul. praef._ + +[335-c] _Gregor H. Fr. II._ 10. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75971 *** |
