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@@ -0,0 +1,16504 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75971 ***
+
+
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+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Das Original ist in Frakturschrift gesetzt worden. Besondere
+ Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: ~Tilden~
+ Antiqua: _Unterstriche_
+
+ Das Caret-Symbol (^) wurde hochgestellten Zeichen vorangestellt.
+
+ Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+ und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem
+ Original unverändert.
+
+
+
+
+Die Heiligen der Merowinger.
+
+
+
+
+Die
+
+Heiligen der Merowinger
+
+von
+
+Carl Albrecht Bernoulli.
+
+[Illustration]
+
+
+~Tübingen~
+
+=Freiburg i. B.= und =Leipzig=
+
+Verlag von J. C. B. ~Mohr~ (Paul Siebeck)
+
+1900.
+
+
+
+
+Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
+Verlagsbuchhandlung vor.
+
+
+Druck von H. ~Laupp~ jr in Tübingen.
+
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+Bernhard Duhm.
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+
+Vorrede.
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+
+Man mag in diesem Buche einen Versuch erblicken, das Tagesproblem
+der Geschichtswissenschaft für die Kirchengeschichte wenigstens
+zu formulieren. Wenn wirklich auch hier nicht die großen Männer,
+sondern Hunger und Durst der Armen, nicht die geläuterte Erkenntnis
+von Führern, sondern das gährende Bedürfnis der Massen den Verlauf
+der Ereignisse bestimmt hätte, was immerhin einmal angenommen
+werden kann, so wäre die dogmengeschichtliche Methode, unter deren
+Zeichen die kirchenhistorische Forschung noch immer steht, in ihrer
+wissenschaftlichen Berechtigung grundsätzlich in Frage gestellt. Auf
+alle Fälle kann also ein Studium des Volksglaubens innerhalb des
+Kirchenglaubens kein müßiges Unternehmen sein, und wenn der Arbeit
+die gewünschte prinzipielle Bedeutung nicht abhanden kommen sollte,
+so galt es, an einem Punkte einzusetzen, wo die Religion der Masse
+sozusagen als Reinkultur vorlag und von einer eigentlichen Theologie
+nicht überschattet wird. Damit war aber auch das Arbeitsfeld gegeben,
+denn die fränkische Kirche im Zeitalter der Merowinger ist der
+einzige rein undogmatische Bestandteil der gesamten abendländischen
+Kirche seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag. Die Lehrbücher
+der Dogmengeschichte lassen sie bei Seite, mit Recht, weil von
+Dogmenbildung in ihr keine Spur vorhanden ist. Und doch mit Unrecht,
+weil bei dem Anspruch, das gesamte Geistesleben der Kirche in den
+Bereich dogmengeschichtlicher Betrachtung zu ziehen, doch auch des
+christlicherseits bereits zubereiteten Bodens gedacht werden sollte,
+auf dem dann seit dem karolingischen Zeitalter griechische und
+römische Kirchenphilosophie und im Hochmittelalter sogar arabische
+Kultureinflüsse ihre Früchte gezeitigt haben.
+
+Von Anbeginn an machten sich im Christentum die Heiligen als
+abgeschlossener Stand geltend. Es handelt sich darum, der Stellung
+und dem Einfluß dieses Standes Aufmerksamkeit zu schenken. Und
+dieses Studium ließe sich an gar keinem Gegenstande günstiger
+betreiben, als an dem unsern, insofern die gigantische Gestalt
+eines Nationalheiligen alle Hauptmomente der Entwickelung zu einem
+monumentalen Typus in sich begreift, zugleich aber die Befangenheit
+eines solchen einzigen Beispiels durch die Mitwirkung von zahlreichen
+kleineren Heiligenoriginalen ausgeglichen wird, und dies nun über
+einem universalgeschichtlichen Hintergrunde, der die verschiedensten
+völkerpsychologischen Verknüpfungen und Kreuzungen liefert. Der
+Bildungsprozeß des Heiligenglaubens durchläuft dann folgende Stadien:
+ein bedeutender Volksheiliger wirkt zunächst auf einen kleinen Kreis
+von ihm begeisterter Anhänger. Unter diesen findet sich auch ein
+Schriftsteller, dem es gelingt, ein parteiisches aber lebensvolles
+Bild des Meisters für die Nachwelt zu entwerfen. Nach Jahr und Tag,
+aber auch dann nur in einem selten günstigen Falle, können durch
+nachträgliche Forschung die Einseitigkeiten zum Teil noch gemildert
+werden. Rasch genug geht das geschichtliche Andenken in Legende über,
+und diese kann dann sogar sich mit Gebilden des höheren Mythus,
+des Naturmythus, verbinden. Doch geschieht dies alles nur einigen
+Auserwählten. Fast allen Heiligen gemeinsam ist jedoch das Andenken,
+das nicht an ihre Erdentage, sondern an den Kultus auf ihrem Grabe
+anknüpft. Das über dem Heiligengrab errichtete Gotteshaus führt den
+Namen des Heiligen, und nicht nur dieses, sondern auch noch manches
+andere nah und fern, je nach Verbreitung und Nachfrage. Die dem
+Heiligennamen eigene Kraft beruht jedoch auf dem handgreiflichen
+Unterpfand, dem Heiligenleib, und ist im Stande, von ihm aus nicht
+nur das Grab und den Kirchenraum zu wunderthätigen Orten umzuwandeln,
+sondern sich unvermindert auf jeden profanen Gegenstand zu übertragen
+und, auf diese Weise sich ausbreitend, das ganze Volkswesen zu
+durchwalten. Wo sich der Mensch mit seiner Kunst zu Ende sieht, ist
+der Heilige anwesend und bekämpft nicht nur alle die widrigen kleinen
+Alltagsteufel des niederen Mythus, des Traummythus, sondern ist auch
+für die Kranken der beste Arzt. Nur durch ganz lose Zusammenhänge im
+orthodoxen Kirchenglauben eingenistet, bewährte sich der fränkische
+Heiligenglaube als Volksreligion hauptsächlich darum, weil er
+durch den im römischen Geiste weiter lebenden gallischen Klerus in
+bewundernswürdiger Weise organisiert, den frommen Bedürfnissen der
+Bürger und Bauern besser Rechnung trug, als das germanische oder
+keltisch-römische Heidentum. Auf diese Hauptlinien der Entwicklung
+zurückgeführt, wird die Figur des Heiligen, die für das Verständnis
+der merowingischen Kultur sehr ins Gewicht fällt, in den Bereich
+geschichtlicher Messung gezogen. Wenigstens geht das Buch darauf aus,
+dieser Aufgabe gerecht zu werden, und die äußere Verteilung des Stoffes
+entspricht ungefähr dem soeben in Kürze entworfenen Geschichtsbilde
+(vgl. S. _XIII–XVI_).
+
+Nun hat sich aber leider in der realen Zubereitung des Stoffes das
+Ebenmaß des idealen Planes nur ungenügend verwirklichen lassen. Sofern
+diese Mängel in der Sache selbst begründet liegen, müssen sie hier
+näher erörtert werden. Nach der verschiedenen Art der Bearbeitung, die
+er erforderte, zerfiel der Stoff in drei Massen.
+
+1. Kap. 1–5 (S. 1–121) sind ein monographischer Beitrag zur
+spätrömischen Litteraturgeschichte; sie schildern die Entstehung
+eines spezifisch christlichen Produkts des lateinischen Schrifttums
+und dessen Uebergang in die Anfänge der Memorienlitteratur auf
+altfranzösischem Boden. Die scharfe Begriffsbildung drohte hier an
+dem Eigensinn unserer Sprache zu scheitern; denn es wollte sich kein
+Ausdruck finden, der den litterarischen Niederschlag eines starken
+persönlichen Andenkens in der Einzahl wiedergab; das Pluraletantum
+»Memoiren« unterschied nicht zwischen dem einzelnen Heiligenleben und
+einer Sammlung von solchen, und die deutsche Form von _Le Mémoire_
+»das Memoir« heißt eben »Denkschrift«, wäre also ganz abgesehen von
+dem fremden Klang auch inhaltlich eine nur unzureichende Wiedergabe
+gewesen. Das führte schließlich auf »Memorie«. Das Wort war wie
+Historie und ähnliche zu Luthers Zeit deutsches Sprachgut, verschwand
+dann aber und hat überdies nie den übertragenen Sinn von litterarischem
+Gedächtnis besessen. Wenn es hier nun in dieser Bedeutung auflebt, so
+heißt das allerdings aus der Not eine Tugend machen; aber es gilt die
+Wahl zwischen einer erheblichen Einbuße an klarer Gedankenbildung und
+einer geringfügigen Verschiebung unseres sprachlichen Empfindens. Diese
+neue Prägung wird übrigens bei Bedarf auch des näheren zu unterscheiden
+erlauben zwischen »Memoiren« im üblichen Sinne zwangloser Erinnerungen
+und »Memorien« als einer Mehrzahl kleiner Lebensbilder von liebender
+Hand, die gerade durch die ihnen eigene Pietät den rudimentären
+Charakter von »Noch-nicht-Biographien« aufgedrückt erhalten.
+
+2. Kap. 6–9 (S. 121–209) betreffen Gebiete, wo die kritische Sichtung
+des Quellenmaterials noch keineswegs abgeschlossen ist. Hier galt es
+aus der Unmasse des Rohstoffs das typische Wertvolle auszuwählen,
+und dabei mußte natürlich das eigene Urteil hinter dem Vertrauen zu
+sachkundigen Führern zurücktreten, sodaß es sich in diesem Abschnitt
+meistens um eine Zusammenstellung von Auszügen aus alleinstehenden
+Monographien handelt. Nur um das Detail den allgemeinen Gesichtspunkten
+einzugliedern, habe ich mich hier selber vernehmen lassen; im übrigen
+glaubte ich es sogar der Sache schuldig zu sein, da wo die Bearbeitung
+des Stoffes bereits auf den besten Ausdruck gebracht war, die wörtliche
+Wiedergabe der Vorarbeit nicht zu scheuen.
+
+3. Kap. 10–18 (S. 210–336) sind der Hauptsache nach eine systematische
+Analyse des religionsgeschichtlichen Materials, das in den kleinen
+Schriften des fränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours
+angesammelt liegt. Eine gute Fügung hat diesen Ersten in der langen
+Reihe der französischen Memoirenschriftsteller zum Hüter des
+merowingischen Reichsheiligtums und teilnehmenden Augenzeugen der
+fränkischen Religionsübung eingesetzt. Ohne die enge Verbindung mit dem
+frischen Treiben eines jungen Volkes wäre eine eingehende Behandlung
+so spröder und uns heute so fern liegender und gleichgültiger, ja
+geradezu anstößiger Vorstellungen schlechthin ungenießbar. Indem ich
+zur Schilderung eine Anekdote an die andere reihte, war ich daher vor
+allem darauf bedacht, dem naiven Detail von Gregors Berichten sowenig
+als möglich Eintrag zu thun.
+
+Diesen Schwierigkeiten, die der Stoff selber mit sich brachte und die
+daher entschuldbar sind, könnte ich nun besser, als jeder Kritiker,
+eine ganze Liste von Fehlern und Mängeln beifügen, die ausschließlich
+nur dem Verfasser zur Last fallen. Ich mußte den mir noch vor zwei
+Jahren völlig fremden Stoff, an den ich eben aus den zu Anfang
+dargelegten prinzipiellen Beweggründen herantrat, Umstände halber in
+möglichst kurzer Frist zur Darstellung bringen, und auch sonst fehlte
+es nicht an allerlei Zwischenfällen, unter denen der Verlust eines
+Notizbuches besonders empfindlich war. Ich selber kann in dem Buche nur
+einen Entwurf sehen. Sollte jedoch der Arbeit trotzdem ein namhaftes
+Interesse entgegengebracht werden, das veranlassen könnte, diese
+Studien weiter zu führen, so wäre ich durchaus gesonnen, das mir lieb
+gewordene Feld ein zweites Mal durchzuackern und den Ertrag dann nach
+empfangener Belehrung gesichtet und geebnet, sowie mit Verweisen und
+Registern versehen vorzulegen.
+
+Ein rundes Kirchenbild von der merowingischen Epoche wird niemand
+in diesen Blättern finden wollen, der ~Albert Hauck~’s Schilderung
+der fränkischen Landeskirche kennt. Dennoch wird das Recht eines
+religionspsychologischen Nachtrags dazu im Prinzip kaum anzufechten
+sein. Dann handelt es sich allerdings um nichts geringeres, als die in
+England erwachte und seitdem auf das semitische wie auf das griechische
+Altertum in bahnbrechender Weise angewandte Forschungsmethode der
+allgemeinen Religionsgeschichte nun auch auf das beginnende Mittelalter
+und damit auf die Kirchengeschichte zu übertragen. In der Hauptsache
+ist das gleichbedeutend mit einer Analyse des volkstümlichen
+Wunderglaubens vom historischen Standpunkte aus.
+
+Nicht gewillt den Kosmos des Mirakels mit dem Tatzenschlag
+einer modernen Anschauung kurzer Hand zu zertrümmern, wird der
+Geschichtsfreund sich gerne ein wenig bücken und winden und
+gelegentlich den Kopf anschlagen, wie über dem Besuch einer
+unterirdischen Höhle bei Fackelschein, wenn er dann nur der fabelhaften
+Gebilde ansichtig wird und die mythischen Wasser in den kristallenen
+Grotten rauschen hört. Allerdings ist durch neueste Forschungen auf
+dem Gebiete des Seelenlebens nun auch schon wieder manches meßbar
+geworden, mit dem die Wissenschaft früher nichts anzufangen wußte.
+(Vergl. S. 3–6.) Aber die behäbige Wundererklärung von annodazumal
+unter dem allerhöchsten Protektorat des gesunden Menschenverstandes,
+wird sich hoffentlich im Bereiche geschichtlicher Forschung immer
+weniger zu Hause fühlen. Mag sich dagegen aus dem Bewußtsein unserer
+stets wachsenden Aufklärung das Vorrecht mehr und mehr herausheben,
+selbst nutzlos gewordenes Geistesgut unserer Altvordern doch noch zu
+verstehen und in Ehren zu halten, auch ein Zeichen dafür, daß wir nun
+eben um hundert Jahre weiter sind.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+ Seite
+ Heiligenleben und Heiligengrab 1
+
+ Erstes Buch: Das Heiligenleben.
+
+ Die Unmöglichkeit einer Biographie. Die Schwierigkeiten
+ psychologischer Beobachtung 2–6
+
+ Erster Abschnitt: Die Memorie.
+
+ Erstes Kapitel: Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.
+
+ 1. Das Martinsleben des Sulpizius Severus.
+ 2. Der Erfolg des Martinslebens.
+ Die drei Briefe. Allgemeiner Charakter der Dialogen.
+ 3. Inhalt der Dialogen.
+ 4. Die Martinsschriften des Sulpizius Severus in ihren Schwächen.
+ 5. Zur Charakteristik des heiligen Martin.
+ Sankt Martin der Standardheilige der Merowinger 6–35
+
+ Zweites Kapitel: Die Panegyriker.
+
+ 1. Gallische Ehrenpredigten.
+ 2. Ennodius von Pavia. Das Epiphaniusleben des Ennodius 35–46
+
+ Drittes Kapitel: Severinus von Noricum. Fulgentius von Ruspe.
+ Cäsarius von Arles.
+
+ 1. Das Severinsleben des Eugipius. Zur Charakteristik Severins.
+ Eugipius als Schriftsteller. Das litterarische Milieu des
+ Eugipius in Rom.
+ 2. Das Leben des Fulgentius von Ruspe.
+ 3. Das Leben des Cäsarius von Arles.
+ — Die römische Hagiographie. Rufin. Gregor der Große 46–73
+
+ Zweiter Abschnitt: Die Forschung.
+
+ Alte merowingische Viten und Passionen 73–75
+
+ Viertes Kapitel: Die panegyrische Heiligenforschung
+ des Venantius Fortunatus.
+
+ 1. Martinsepen des Paulin von Périgueux und des Fortunat.
+ Die sechs Heiligenleben des Fortunat.
+ 2. Das Radegundenleben des Fortunat.
+ Die heilige Radegunde. Das Radegundenleben der Baudonivia 75–87
+
+ Fünftes Kapitel: Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.
+
+ 1. Martins-Chronologie Gregors. Gregors Schriften und ihr
+ Heiligencharakter. Das sepulkrale und das memoriale Interesse.
+ 2. Gregors Heiligenleben. Venantius. Lupizinus und Romanus. Abraham.
+ Lupizin II. Portian. Martius. Patroklus. Urs und Leubas.
+ Monegunde. Caluppan. Emilian und Bärchen. Senoch. Leobard.
+ Illidius. Quintian. Gallus. Nicetius von Trier. Nicetius von Lyon.
+ Gregor von Langres.
+ 3. Gregors Charakteristik der älteren Herrscher. Childebert und
+ Chlothar. Chlothars Söhne. Chilperich. Sankt Gunthram 88–121
+
+ Sechstes Kapitel: Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts.
+
+ Die Hagiographie nach Gregor.
+
+ 1. Der Desiderius des Königs Sisebut. Gaugerich von Cambrai.
+ 2. Columban.
+ 3. Jonas von Susa. Das Johannesleben des Jonas. Johannes von
+ Reomaus. Das Leben des Vedastes von Arras. Die Hagiographenschule
+ von Luxeuil.
+ 4. Die Heiligenschreiber im Zeitalter der Königin Balthilde.
+ Leodegar von Autun. Eligius von Noyon. Audoen von Rouen. Amand.
+ Der harmlose Charakter der merowingischen
+ Heiligenlitteratur 121–149
+
+ Dritter Abschnitt: Die Legende.
+
+ Siebentes Kapitel: Wanderheilige.
+
+ Das Wanderelement im Mythus und in der Heiligenwelt.
+
+ 1. Sankt Christoph. Sankt Georg. Georg und Mithra. Georgs Stellung
+ in der Religion des Orients. Georg im alten Frankenreiche.
+ 2. Die Sieben Schläfer. Die Sage vom langen Schlaf. Die Siebenzahl
+ und die Kabiren. Die Siebenschläfer von Marmoutiers.
+ 3. Sankt Kümmernis und ihre Bilder. Die heidnische Grundlage des
+ Kümmernisdienstes 151–174
+
+ Achtes Kapitel: Ortsheilige.
+
+ 1. Die Gründungssagen fränkischer Bistümer. Dionysius von Paris.
+ Fränkische Apostelbischöfe.
+ 2. Die beiden Moritze. Die Walliser Sage und Theodor von Sitten.
+ Der fränkische Moritz.
+ 3. Zuwachs der thebäischen Legion, Verena. Verena als Gauheilige.
+ Die Alamannengöttin Verena 175–190
+
+ Neuntes Kapitel: Geschichtsheilige.
+
+ 1. Das Leben der Genovefa. Genovefa von Paris Fluß- und Kornheilige.
+ Genovefa von Brabant. Die heilige Gertrud. Die Walküre Keretrud
+ als deutsche Isis.
+ 2. Sankt Oswald. Oswald englischer König und tiroler Wetterherr.
+ Sankt Oswald ein christlicher Wodan.
+ 3. Die Stellung der Franken zum Mythus. Der epische Martin der
+ Franzosen. Der mythische Martin der Deutschen 191–209
+
+ Zweites Buch: Das Heiligengrab.
+
+ Der fränkische Gräberkultus 210–211
+
+ Vierter Abschnitt: Der Name.
+
+ Zehntes Kapitel: Die Grundheiligen.
+
+ Stammgräber elf kirchlicher Provinzen: Der Ersten bis Vierten Lyoner,
+ der Ersten und Zweiten Belgischen, der Viennischen, Arelatischen,
+ Ersten und Zweiten Aquitanischen und der Narbonensis 212–222
+
+ Elftes Kapitel: Das Reichsheiligtum.
+
+ Das Martinsgrab. Die Martinskirche von Tours. Sankt Julian von
+ Brioude. Saint Denis 222–227
+
+ Zwölftes Kapitel: Missionen und Translationen.
+
+ 1. Die gallischen Martinskirchen.
+ 2. Die fränkische Martinsmission unter den heidnischen Germanen.
+ 3. Tauschverkehr einheimischer Heiliger.
+ 4. Einfuhr fremder Heiliger.
+ 5. Die fränkische Verehrung der Urheiligen 227–237
+
+ Fünfter Abschnitt: Die Kraft.
+
+ Dreizehntes Kapitel: Die Reliquie.
+
+ 1. Ausländische Reliquien, Memorialreliquien.
+ 2. Die Reliquie als Kraftbehälter. Die Empfindlichkeit der Reliquie.
+ 3. Die Reliquie als Persönlichkeit 237–248
+
+ Vierzehntes Kapitel: Der heilige Ort.
+
+ Heiligkeit ein kultischer Begriff.
+
+ 1. Sankt Julian und die Kirchendiebe. Bestrafte Kirchendiebstähle.
+ 2. Armenpflege und Gefangenenpatronage. Sankt Martin Patron der
+ Gefangenen.
+ 3. Der kirchliche Schutz des Geächteten. Das Asylrecht zu Sankt
+ Martin in Tours 249–261
+
+ Fünfzehntes Kapitel: Amulet und Fluidum.
+
+ 1. Die Reliquie in Laienbesitz. Kraftträger zweiter Ordnung.
+ 2. Versinnlichung und Verstofflichung der Geisteswelt.
+ Profanation der Reliquienverehrung. Moralischer Defekt und
+ harmlose Naivität im Reliquienglauben 261–272
+
+ Sechster Abschnitt: Das Wunder.
+
+ Sechzehntes Kapitel: Die Erscheinung.
+
+ Der niedere Mythus Hauptschauplatz der Heiligenerscheinung.
+
+ 1. Julian und Martin zweierlei Wetterheilige. Der Kampf gegen Wind-
+ und Wasserwichte. Heilige Quellen.
+ 2. Das Floramirakel der Baum- und Feldheiligen. Heilige Pflanzen.
+ 3. Heilige Thiere. Die Stadien der persönlichen Erscheinung des
+ Heiligen.
+ 4. Anwendung physischer Reizung im Kultus: Krystallvision.
+ Offizielle und private Glasschauung 272–287
+
+ Siebenzehntes Kapitel: Die Heilung.
+
+ 1. Diagnostische und abergläubische Beobachtung.
+ 2. Gliederkranke. Blinde. Das mantische Wesen der Geisteskranken.
+ 3. Das Heilverfahren. Tempelschlaf. Die therapeutische Vision.
+ 4. Der Glaube als wesentlichste Vorbedingung tatsächlicher Heilung.
+ Der kirchliche Nutzen der Kurerfolge 287–304
+
+ Achtzehntes Kapitel: Der Glaube.
+
+ 1. Die sieben Weltwunder und die sieben Himmelswunder. Die
+ Wundermacht des orthodoxen Bekenntnisses. Die Wundermacht des
+ Christentums gegenüber dem Judentum. Christus als
+ Oberwunderthäter.
+ 2. Beziehungen zum Orient. Abhängigkeit vom römischen Christentum.
+ Der römische Geist der Heiligenorganisation. Die Deutung des
+ Zufalls und die Traumphantasie. Die Macht und Umsicht in der
+ Verwaltung des Wunderglaubens.
+ 3. Heiligenglaube und Heidentum.
+ Der Germanenbekehrer Martin von Bracara. Das Weiterleben der
+ gestürzten Götter als Dämonen. Die Einbürgerung des Wunders
+ im täglichen Leben. Das typische Wunder als kirchliches Zucht-
+ und Beweismittel. Begründete Begeisterung der Franken für das
+ Christentum 304–334
+
+ Geschichtliche Würdigung des merowingischen Christentums.
+ Das Kulturfundament des Mittelalters 334–336
+
+
+
+
+Die zwei Jahrhunderte merowingischer Geschichte, das sechste und das
+siebente, sind, vor andern, dunkel, wild und grausam gewesen. Und
+doch hat eben diese Zeit, mehr als sonst eine von diesem Umfange,
+den Kalender um Hunderte von Heiligen bereichert. Wohl mochte die
+Hegemonie des Lasters eine Steigerung der noch vorhandenen Tugend
+hervorrufen, aber eher auf dem finsteren Untergrunde jeder als Heiliger
+sich abheben, der nur einigermaßen einen rechten Wandel führte. Obwohl
+für damalige Begriffe zum Heiligen mehr gehörte und in den höheren
+Rang erst der hinaufrückte, der als Geistlicher zur Welt in Gegensatz
+trat, stellen für jene Zeit die Heiligen doch etwa das dar, was man
+heutzutage gute Gesellschaft heißt. Viele unter ihnen waren adelig,
+einzelne sogar Prinzen. Auch die Merowingischen Könige, so unheilig
+sie selbst waren, mit den Heiligen stellten sie sich, wo es nur immer
+anging, gut; in ihren Augen waren es Gewaltsmenschen, die nützen und
+schaden konnten. Auf alle Fälle waren im jungen Frankenreiche die
+Heiligen eine Macht.
+
+An Heilige giebt es jedoch zweierlei Gedächtnis: das Andenken an
+den lebenden und das Andenken an den toten. Was sich an Erinnerung
+aufsammelte, was sich an Sage damit verband, wurde zum ›Leben‹, zum
+›Leiden‹: _Vita_, _Passio_. War der Heilige gestorben, barg die Gebeine
+der geweihte Grabhügel, erhob sich über dem Hügel die Votivkirche,
+stand überdies der Todestag im Kalender und wurde zum Wallfahrtsfeste,
+so wurden die Gelübde, deren Empfänger, die Wunder, deren Urheber der
+Heilige dann war, auch litterarisch ›Wunder‹ und ›Kräfte‹: _Miracula_,
+_Virtutes_. Klause und Sarkophag sind Brennpunkte, um die sich
+Heiligengeschichte elliptisch abspielt. Einsiedler oder Reliquie, vor
+beiden sanken Fürst und Volk ins Knie. Der Glaube des Heiligen an Gott
+und der Glaube des Laien an den Heiligen verschwisterten sich und
+wirkten verbündet.
+
+Die Ueberlieferung von den Heiligen ist fragwürdig. Desto mächtiger
+fordert sie untersucht zu werden. Es gilt zunächst die Vorstellungen
+der Nachwelt vom Heiligenleben zu betrachten und dann die gläubigen
+Handlungen, die dem Heiligengrabe gewidmet waren.
+
+
+
+
+Erstes Buch.
+
+Das Heiligenleben.
+
+
+Zu einer Heiligenlitteratur kam es im Christentum, als starke Naturen
+zur landläufigen Frömmigkeit in einen vorbildlichen Gegensatz traten
+und ihre Wirkung das Bedürfnis hervorrief, das Beispiel für künftige
+Geschlechter festzuhalten. Den alten Christengemeinden haben die
+Märtyrer die meiste Verehrung abgenötigt. Wer nun Christus treu
+geblieben war bis zum Tod, wurde nicht nur von den Engeln ins Buch des
+Lebens eingezeichnet, er wurde auch der Unsterblichkeit teilhaftig, die
+eine schriftliche Fortpflanzung des Andenkens auf Erden verleiht. Die
+echten unübermalten Märtyrerakten des zweiten und dritten Jahrhunderts,
+mögen es nun übernommene amtliche Prozeßprotokolle der kaiserlichen
+Gerichtshöfe oder briefliche Gedenkblätter christlicher Gemeinden sein,
+fußen so unmittelbar auf erlebter Wirklichkeit, wie nur irgendwelche
+Berichte des Altertums. Mit den Märtyrerakten bilden die apokryphen
+Apostelgeschichten zusammen das erste Stadium der Heiligenschreibung.
+Die Märtyrer oder die seligen Apostel und ihre Gefährten waren
+die Heiligen des Christentums in der ersten Zeit. Mit dem vierten
+Jahrhundert verschob sich das. Vom Orient war das Mönchtum eingedrungen
+und erweckte ein den Märtyrern ebenbürtiges Interesse. Indessen schrieb
+Hieronymus seine Mönchsleben nicht aus eigener Anschauung; in lebhafter
+Erfindung verdichtete er, was er aus Aegypten so von ungefähr hatte
+läuten hören. Aber auch wer damals auf Grund wirklicher Kenntnisse
+heilige Einsiedler schilderte, darf noch lange nicht ihr Biograph
+heißen. Die beiden Elemente einer Biographie, psychologische und
+chronologische Auffassung des Gegenstandes, sind damals selten zusammen
+und immer nur primitiv vorhanden. Naiv empfand der zeitgenössische
+Schriftsteller, wenn er sah, und der nachgeborene, wenn er hörte. Sie
+erzählen in guten Treuen was sie zu wissen glauben. Der günstigen oder
+übeln Fügung blieb es überlassen, ob ihre Berichte glaubwürdig oder
+getrübt sind.
+
+Weitaus die ernsteste Ursache der verworrenen Ueberlieferung liegt
+jedoch in den Heiligen selbst. Sie waren nicht wie andere Leute,
+vielmehr waren es wunderliche, sonderbare, anormale Menschen. Da
+reichte schließlich auch die eingehendste Kenntnis ihrer Lebensumstände
+bis in alle Einzelheiten zu ihrem Verständnis nicht aus: mochte man
+noch so viel von ihnen wissen, sie zu kennen war man auch dann immer
+noch weit entfernt. Sie unterschieden sich von den Durchschnittlichen
+durch ihr seltsames Seelenleben und durch die Kraft, Wunder zu
+thun. Wenigstens zweifelte damals an der Möglichkeit übernatürlichen
+Geschehens kein Mensch. Gleichgiltig im Sinne des modernen Unglaubens
+verhielt sich Niemand, weil man sich die Welt nicht durch die ihr
+innewohnende Mechanik, sondern durch außermenschliche Geister bewegt
+dachte. Galten somit die Heiligen Jedermann als die Medien eines
+Himmels guter Geister, so konnte man sie wohl hassen und fürchten,
+aber über sie blasiert sein kaum. Anders heute, wo der Stand der
+Erkenntnis uns nötigt, den Sitz der magischen Kräfte im Menschen
+selbst zu suchen[003-1]. Möchten wir nun von den alten Heiligen
+möglichst genaue Aufschlüsse haben, Nachrichten, die unser Wissen mit
+Sicherheit bereichern, so steht diesem Begehren schon ganz allgemein
+die Thatsache entgegen, daß jene überhaupt fast ausschließlich auf
+das Gemüt der Zeitgenossen wirkten und die Wißbegier sich höchstens
+hinterdrein verstohlen melden durfte. Davon abgesehen sind die
+Schwierigkeiten der Beobachtung mystischer Personen und Ereignisse
+doch ja nicht zu unterschätzen: sobald es sich nicht um Begebenheiten
+des täglichen Lebens handelt, sondern um seltene Phänomene, über die
+man nicht Herr ist, um unberechenbare Erscheinungen, die plötzlich,
+unerwartet und meistens im Dunkeln auftreten, wird der Forscher
+im Laboratorium unsicher, geschweige denn ein unvorbereiteter und
+gänzlich ahnungsloser Augenzeuge, dessen Wege zufällig das Wunder
+kreuzt; unter dem Einfluß irgend einer Gemütsbewegung ist kein Verlaß
+mehr auf unser Wahrnehmungsvermögen. Zu den Beobachtungsfehlern,
+die dann entstehen, gesellen sich alsbald die Gedächtnisfehler;
+vergeht vor der Niederschrift des Beobachteten gar Jahr und Tag, so
+schleichen sich wieder neue Ungenauigkeiten ein: nebensächliches
+wird behalten, wichtiges vergessen, der Verlauf der Begebenheit
+umgestellt. Planmäßige, methodisch durchgeführte Beobachtung kann nun
+allerdings diese Fehler auf ein Minimum einschränken; unterbleibt sie
+jedoch, so nehmen sie unablässig überhand. Hiezu kommt, daß ›eine
+Beobachtung machen‹ keineswegs auf einem einzelnen, sondern einem aus
+verschiedenen seelischen Tätigkeiten zusammengesetzten Vermögen beruht:
+verschiedene Reize dringen zu gleicher Zeit auf uns ein, wir richten
+unsere Aufmerksamkeit auf einen darunter; er weckt eine Empfindung;
+diese ruft ältere Empfindungen ins Bewußtsein zurück; sie verbinden
+sich und so entsteht, endlich, die Vorstellung von einem bestimmten
+Ding in der Außenwelt. Und doch handelt es sich bei alledem nur erst
+um die normalen Erschwerungen unserer Beobachtung. Wie aber, wenn
+sich unser Bewußtseinsleben in ganz anderen Formen fortsetzt. Noch
+die gewöhnlichste ist während des Schlafens der Traum. Im Schlaf
+sind sowohl das Wahrnehmungsvermögen als die Aufmerksamkeit und
+dadurch die Kontrolle des Geschauten mit der Umgebung aufgehoben;
+infolge dessen erscheinen die Traumbilder, die nach eigenen Gesetzen
+kommen und gehen, dem Träumenden als Wirklichkeit, stehen ihm als
+wahre Erlebnisse vor Augen, unter Umständen auch nach dem Erwachen
+mehr oder weniger lang. Einen Schritt weiter, und wir sind bei dem
+merkwürdigen Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen angelangt,
+dessen mannigfache Erscheinungsformen man unter dem Namen der Hypnose
+zusammenfaßt. Dieser Zustand wird auf die verschiedenste Weise
+herbeigeführt, entweder durch einen eigenen Willensakt: Autohypnose,
+oder durch den Genuß gewisser Gifte: Narkose, und endlich durch mehr
+oder weniger krankhafte Eigentümlichkeiten wie Nachtwandeln und kleine
+Hysterie. Bei all diesen Phänomenen ist jedoch noch das Bewußtsein
+obenauf; wirkt das Unbewußte ins Bewußtsein hinüber, so entsteht eine
+Reihe neuer Seelenvermögen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht,
+daß sie in der Regel von selbst an den Menschen herantreten, ohne
+dessen Zuthun. Doch können Gesichts- und Gehörbilder bei einzelnen
+Menschen auch auf künstlichem Wege hervorgerufen werden, entweder
+durch langes Anstarren blanker Gegenstände: Kristallvision, oder durch
+Horchen auf das ›Kochen‹ im Innern der Muschel: Konchylienaudition. Die
+harmloseste Aeußerung des Unbewußten ist die Ahnung: eine Vorstellung,
+die ohne nachweisbaren Anlaß den Zusammenhang der übrigen Vorstellungen
+durchbrechend in uns auftaucht; sie erhält ihre eigentliche Bedeutung,
+sobald sie weissagenden Inhalts ist und später durch ein wirklich
+eintreffendes Ereignis bestätigt wird. Bei manchen Menschen, namentlich
+Frauen, sind Ahnungen durchaus nichts seltenes; auch nehmen sie
+eigentümliche Formen an, so zum Beispiel das ›Gefühl der Nähe‹, das
+sich besonders zwischen Verliebten äußert. An sich ist Ahnung nur
+Vorstellung oder Gefühl: doch kann eine Steigerung zur sinnlichen
+Wahrnehmung unschwer stattfinden, einstweilen jedoch nur so, daß das
+Beobachtete nicht die volle Intensität der Wirklichkeit hat und auch
+nicht als etwas Reales im Raume aufgefaßt wird, sondern nur als ein
+außerordentlich deutliches Erinnerungsbild. Wird dagegen diese Grenze
+überschritten und das Geschaute oder Gehörte im Augenblicke selbst als
+volle Wirklichkeit empfunden, so ist das Reich der Ahnungen abgelöst
+durch das der Trugwahrnehmungen oder Hallucinationen. Sie können
+durchaus normal und spontan auftreten, am besten im Dunkeln; plötzlich
+nimmt dann das Auge oder das Ohr ein Bild oder einen Schall wahr, der
+sowohl von dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt unabhängig, als
+auch nicht unmittelbar durch einen Sinnenreiz hervorgerufen ist. Wäre
+nicht ein unbewußter seelischer Vorgang im Spiel, so unterschiede
+sich die trügerische Wahrnehmung nicht von einer einfachen Täuschung:
+Illusion; vielmehr sind Hallucinationen plötzliche Träume, die sich
+in das vollständig wache Bewußtsein einschieben, wie anderseits
+außer des Bewußtseins automatische Bewegungen eine Art Nachtwandel
+im wachen Zustande hervorbringen können. Damit ist nun zwar eine
+beträchtliche Zahl scheinbar wunderbarer seelischer Vorfälle dem
+Bezirk des Unbewußten überwiesen und somit natürlich erklärt; immerhin
+bleibt ein kleiner zur Zeit noch unerklärbarer Rest übrig, wo
+vielleicht wenn auch nicht geradezu unnatürliche, so doch jedenfalls
+einstweilen noch vollkommen unbekannte Kräfte im Spiele sind, eine
+Reihe von Fällen, da es selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung
+nicht möglich war festzustellen, wie der Hellseher zu seinem durch
+die späteren Ereignisse bestätigten Wissen gekommen ist, während die
+Ueberwindung der räumlichen und zeitlichen Schranke durch telepathische
+Mitteilung, namentlich beim Sterbefall eines entfernten Freundes,
+keineswegs vereinzelt feststeht, die statistische Richtigkeit dieser
+weissagenden Hallucinationen immerhin vorausgesetzt. Selbst mit
+diesen merkwürdigsten Erscheinungen ist nun aber das reiche Gebiet
+des Seelenlebens noch nicht erschöpft; eine Fülle neuer Verbindungen
+erscheint, sobald der äußere Sinnenreiz nicht unwillkürlicher Natur
+ist, sondern von einem anderen bewußten Wesen mit Willen auf uns
+ausgeübt wird: dann entsteht Eingebung oder Suggestion. An sich ist
+die Suggestibilität, das heißt die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen
+fesseln zu lassen, ein durchaus normaler Zustand; jeder Mensch ist mehr
+oder weniger suggestibel, im höchsten Grade allerdings das Kind und
+der Wilde, am wenigsten dagegen ein zur selbständigen Persönlichkeit
+ausgebildeter Mann. Suggestive Wirkung der Naturphänomene ist
+keineswegs ausgeschlossen: wir gewahren am heißen Sommertag eine klare
+Quelle und bekommen Durst; wir blicken vom hohen Gerüst ohne Geländer
+in die Tiefe und werden vom Schwindel befallen; der Anblick imposanter
+Wasserfälle oder das romantische Rauschen eines Bergstroms macht immer
+wieder einzelne gemütvolle Menschen schwermütig bis zum Selbstmord. Im
+allgemeinen geht aber der angreifende Reiz gewöhnlich von Menschen aus.
+Entweder steckt das Beispiel an oder die Sprache erweckt Suggestionen.
+Am meisten wirken die Leute suggestiv, die unsere Gefühle erregen.
+Liebe, Zutrauen, Respekt und Furcht steigern die Empfänglichkeit;
+Abneigung, Mißtrauen, Haß, Gleichgiltigkeit setzen sie herab. Ebenso
+wirkt der Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Anschauung,
+einerlei ob religiösen, philosophischen, politischen oder sonst welchen
+Inhaltes, an und für sich gebieterisch. Nur in den höchst gearteten
+und geistig entwickeltsten Persönlichkeiten ist die Ueberzeugung das
+Ergebnis ruhiger Einsicht und klarer Erkenntnis; je tiefer der Mensch
+steht, desto weniger kümmern ihn Beweise, desto mehr beruht seine
+innere Verfassung auf Gefühlen der Lust und der Unlust. Die Suggestion
+kann vom Menschen auf sich selbst ausgeübt werden, falls er, am ehesten
+durch irgend einen Glauben, seine Empfänglichkeit zu steigern versteht:
+Autosuggestion; meistens aber wird sie von andern hervorgerufen:
+Fremdsuggestion. Zweierlei ist dazu angethan, die Suggestibilität ins
+Außerordentliche zu steigern: das Vertrauen, das man in einen Menschen
+setzt, und das Zusammensein mit andern Menschen. Die Massen sind immer
+mehr suggestibel als der einzelne Mensch für sich allein. Da nun ein
+überlegener Geist seinem ihm unterworfenen Medium mühelos nicht nur
+Anschauungen und Erinnerungen, Bewegungen und Handlungen, sondern auch
+Hallucinationen, ja sogar die Empfindung organischer Veränderungen am
+eigenen Leibe aus suggestivem Wege beibringen kann und Anblick oder
+Erzählung des Vorfalls die Wirkung stromartig weiterleiten, so kann man
+den abnormen Einfluß eines bedeutenden Menschen, der in naiven Zeiten
+populär war, kaum überschätzen.
+
+Weit entfernt also, an der Wunderbarkeit der Heiligen von vornherein
+zu zweifeln, da sich ihre eigentliche Wirksamkeit ja doch meistens
+in diesen noch wenig aufgehellten Sphären bewegt, wird indessen die
+Forschung sich nicht einbilden, anders als nur sehr ungefähr dahinter
+zu kommen. Einigermaßen zuverlässige Quellen sind selten; und da diese
+von gläubigen Händen angefertigt sind, beruhen gerade sie meistens auf
+ungenauer Beobachtung. Uns kann das nicht anfechten; wir wissen uns zu
+bescheiden und versuchen, von unseren Heiligen so viel zu begreifen,
+als eben heute noch zu begreifen ist.
+
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Die Memorie.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.
+
+
+Ums Jahr 400 schrieb Sulpizius Severus das Leben des Martin von
+Tours. Ein bedeutender Schriftsteller und ein bedeutender Gegenstand!
+Aquitanien war damals die letzte Zufluchtsstätte der Bildung. Dort
+allein kam noch über dem Studium der Grammatik die litterarische
+Produktion nicht zu kurz, und gerne ließ man im lateinischen Abendland
+gallische Rhetoren die Kosten der Beredsamkeit bestreiten. Diese Heimat
+in dieser Zeit, die eigenen Ausweise litterarischer Tüchtigkeit,
+seine Stellung in der Gesellschaft, der Ernst seiner Gesinnung, der
+sich im Umtausch eines glänzenden Berufslebens an mönchische Armut
+und Einsamkeit ausspricht, das ist es, was den Severus aus seiner
+Umgebung heraushebt. Im Gegensatz zu seiner Chronik, an der man die
+guten Quellen, den geschichtlichen Sinn und die klassische Darstellung
+lobend bedenkt, gilt nun aber das Martinsleben als frommer Roman und
+ein Seitenstück zu den Erzählungen von den ägyptischen Mönchen. Mit so
+allgemeinen Urteilen wird man Severus nicht gerecht. Der in der Chronik
+sich beweisende wirklich historische Blick, damals eine rühmliche
+Ausnahme, ferner daß der Charakter nicht zu den Bedenken Anlaß gibt,
+die etwa Hieronymus gegenüber geboten sind, endlich die mehrfache
+Beteuerung, über Martin nur die Wahrheit zu sagen, weil es schon damals
+an Zweiflern nicht fehlte, verlangen eine eingehendere Würdigung des
+Schriftstellers in dieser ihm eigentümlichen kleinen Schrift. Ihrer
+Anlage liegt entschieden Kunst zu Grunde. Der überreiche Stoff ist so
+disponiert, daß die gewaltige Persönlichkeit, die geschildert werden
+soll, gleichmäßig in allen ihren Eigenschaften beleuchtet wird:
+
+ Einleitung: _c._ 2–4 Martin als römischer Soldat.
+
+ Thema: Martin als christlicher Heiliger.
+ 1) _c._ 5–8 Martin als Mönch.
+ 2) _c._ 9–11 Martin als Bischof.
+ 3) _c._ 12–15 Martin als Missionar.
+ 4) _c._ 16–19 Martin als Wunderthäter.
+ 5) _c._ 20 Martin vor dem Kaiser.
+ 6) _c._ 21–24 Martin gegen den Teufel und die bösen Geister.
+
+ Schluß: _c._ 25–27 Martin nach dem persönlichen Eindruck auf den
+ Verfasser.
+
+Und so möge zunächst das Thatsächliche dieses Lebensbildes in der
+Sprache unserer Zeit nacherzählt und so das echte und warme Leben
+entbunden werden, das Severus eben doch einzufangen wußte.
+
+
+1.
+
+Martin wurde zu Sabaria in Ungarn geboren, verlebte indessen seine
+Jugend in Pavia[007-a]. Sein Vater war Offizier, die Familie heidnisch.
+Aber schon der Knabe trug Gott im Herzen. Mit zehn Jahren wollte er
+gegen den Willen seiner Eltern Katechumene werden, mit zwölfen machte
+er aus seinen mönchischen Gelübden und Neigungen ernst, wurde aber mit
+fünfzehn gewaltsam dem Heere einverleibt, dem er als Offizierssohn von
+Gesetzes wegen beitreten mußte. Er begnügte sich jedoch mit nur einem
+Burschen, bediente ihn, obwohl sein Herr, zog ihm die Stiefel aus, um
+sie zu putzen, und teilte sein Mahl fast eher in der Stellung eines
+Aufwärters. Ohne noch getauft zu sein, hielt er sich während seiner
+drei Dienstjahre von den üblichen Lastern des Standes fern und trieb
+überhaupt gegenüber den Kameraden die Gutmütigkeit auf die Spitze. Er
+lebte auch unter der Waffe in opferfreudiger Nächstenliebe[008-a]:
+in einem ungewöhnlich strengen Winter hatte er bis auf Waffen und
+Uniform bereits alles verschenkt, da schnitt er für einen Bettler am
+Stadtthor von Amiens noch die Hälfte des eigenen Mantels vom Leibe
+und ließ sich unbeirrt auslachen, als er darauf in verstümmelter
+Uniform weiterritt. Bald daraus erfolgte seine Taufe. Doch blieb
+er noch zwei Jahre beim Heere, in der Hoffnung, dann auch zugleich
+seinen Tribunen zum Abschied zu bewegen, da dieser ebenfalls Neigung
+bekundet hatte, der Welt abzusagen. Jedenfalls hielt er es mit seinem
+Christenstande nicht mehr vereinbar zu töten, und so war sein Austritt
+aus dem Heere unvermeidlich, sobald das Regiment bei dem er stand,
+im Ernstfall ausrücken mußte[008-b]. Am Vorabend einer Begegnung mit
+den Germanen vor Worms teilte Kronprinz Julian ein Donativ aus. Die
+Einzelnen wurden aufgerufen und mußten vortreten. Als die Reihe an
+Martin war, hielt er den Augenblick für gegeben, um seinen Abschied
+einzukommen: ein Streiter Christi dürfe nicht kämpfen. Der Kriegsherr
+schob die sonderbare Ausrede auf Angst; aber Martin verwahrte sich,
+er sei kein Feigling, er wolle sich ohne Waffen durch den Feind
+helfen, nur allein mit dem Zeichen des Kreuzes. Man wollte ihm seinen
+wunderlichen Willen lassen und ihn dadurch am sichersten strafen;
+aber aus der Schlacht wurde nichts, da sich die Feinde am andern
+Morgen ohne Schwertstreich unterwarfen. War da nicht Gottes Hand
+im Spiel?[008-c] Hierauf begab sich Martin zu Bischof Hilarius von
+Poitiers. Dieser wollte ihn für seinen Klerus gewinnen, doch lehnte
+Martin die Weihe zum Diakonen ab und fand sich nur eben zum niederen
+Dienste eines Geisterbeschwörers tauglich. Es trieb ihn dann nach der
+Heimat, für die Bekehrung seiner Familie zu wirken. Nur unter dem
+Versprechen wiederzukehren ließ man ihn in Gallien ziehn. Auf dem
+Uebergang über die Alpen fiel er unter die Räuber, entwaffnete aber
+den, dessen Obhut er anvertraut wurde durch seine Sanftmut[008-d]. In
+der Nähe von Mailand suchte ihn ein Reisegefährte in seinem Vorhaben
+irre zu machen, überzeugte jedoch Martin nur, daß dieser Versucher der
+leibhaftige Teufel in Menschengestalt sei. Zu Hause brachte der Sohn
+die Mutter auf seine Seite. Der Vater blieb Heide. Dagegen folgten
+andere Martins Beispiel, dem überdies das arianische Christentum
+Gelegenheit gab, für den rechten Glauben zu leiden: er ließ sich für
+die Gottheit Christi öffentlich mit Ruten streichen. Seinen Meister
+an der Loire hatte indessen das Schicksal der Verbannung ereilt, und
+Martin, der seinerseits sich in Mailand klösterlich niederließ, wurde
+von Bischof Auxentius, einem Oberhaupt der Arianer im Westen, Landes
+verwiesen. In Begleitung eines gesinnungstüchtigen Priesters suchte
+er die sogenannte Hühnerinsel an der toskanischen Küste zu besiedeln.
+Dort betete er sich vom Genuß einer giftigen Nießwurz gesund. Als dann
+auf die kaiserliche Verfügung hin Hilarius aus dem Orient heimkehren
+durfte, wollte ihn Martin in Rom treffen. Sie verfehlten sich, Hilarius
+war schon weiter[009-a]. Martin reiste nach und gründete nun in der
+Nähe von Poitiers das von ihm geplante Kloster. Seine hingebende
+Wirksamkeit brachte ihn beim Volke in den Ruf eines heiligen und
+wunderthätigen Mannes. Sie gipfelte in der Erweckung zweier Toter.
+Ein Katechumene unterlag der strengen Disziplin des Klosterlebens,
+plötzlich, ohne noch getauft zu sein; von einer dreitägigen Reise
+heimkehrend fand ihn Martin tot. Er hieß alle Anwesenden die Zelle
+verlassen, schloß die Thüren ab und suchte den leblos Daliegenden zu
+sich zu bringen, indem er sich über ihn ausstreckte, dazu laut betete,
+dann aufstand und das entseelte Gesicht fixierte. Nach zweistündiger
+Behandlung begann der Totgeglaubte sich wieder zu rühren und, da
+das Augenlicht noch versagte, tastete er sich zurecht und schrie
+vor Freude. Er versicherte in der Zwischenzeit vor dem Thron des
+Weltenrichters gestanden zu sein: erst habe er sich an finsterem
+Orte in gemeiner Gesellschaft befunden, bis ihn zwei Engel vor den
+höchsten Richter geschleppt und als den vorgestellt hätten, für den
+der heilige Martin bete. Kurz darauf trug sich ein zweites Wunder
+derselben Art zu[009-b]. Aus dem Rittergute des Lupizinus war eben
+großer Jammer, als Martin vorüberging: ein Knecht hatte sich erhängt.
+Wieder befolgte der Heilige dieselben Manipulationen wie das erste
+Mal, ohne jeden Beistand, und wieder mit Erfolg. Auf die Augenzeugen
+des erst hingestreckten und dann wieder ermunterten Körpers wirkte der
+außerordentliche Vorfall beide Mal als volles Wunder; schon die erste
+Erweckung reichte hin, um Martin den Ruf einer geradezu apostolischen
+Heilkraft einzutragen. Um diese Zeit wurde der Stuhl des Bistums Tours
+ledig. Die Bürgerschaft wollte Martin[009-c]. Er fühlte sich jedoch
+nicht zum Kirchenmann, sondern zum Mönch bestimmt und lehnte ab. Nur
+mit förmlicher List setzte sich der öffentliche Wille durch. Rusticius,
+ein Bürger von Tours schützte Krankheit seiner Frau vor. Als Martin
+auf die kniefälligen Bitten des Mannes hin zum Besuche sich entschloß,
+fand er auf dem Wege erst vereinzelte Volksgruppen, dann gegen die
+Stadt hin immer dichtere Menschenmassen vor. Nicht nur aus Tours, auch
+aus den umliegenden Städten waren sie zur Abstimmung zusammengeströmt.
+Angesichts dieser mächtigen Kundgebung sagte Martin zu; die Laien
+wollten einen von ihnen, einen Volksmann, in dem hierarchischen Klerus
+haben. Die Bischöfe hatten Martins Erhebung mit allen Mitteln zu
+hintertreiben gesucht. Sie stießen sich an dem gemeinen ungepflegten
+Aeußern des Einsiedlers: zum Bischof bedürfe es eines vornehmen
+Auftretens, eines ordentlichen Anzuges, einer anständigen Frisur,
+während Martin mit Willen äußerlich nachlässig, schmutzig und ungekämmt
+einherging. Schließlich brach den Widerstand ein Zufall. Die erregte
+Menge versperrte dem zum Lektor der Synode bestimmten Geistlichen
+den Eintritt. Sein in der Verwirrung rasch erkorener Stellvertreter
+schlug die Bibel auf Geratewohl auf, und geriet dabei an die Stelle
+im achten Psalm: »Auf daß du Feind und Verfechter vernichtest:
+_defensorem_.« Da nun das Haupt der Kleriker, der Bischof von Angers,
+Defensor hieß, lautete das Wort heiliger Schrift anzüglich genug, um
+durch den Jubel der anwesenden Laien, die damals noch lateinisch und
+deshalb die Anspielung verstanden, die Prälaten zu entwaffnen. Obwohl
+nun Bischof änderte sich Martin doch in keiner Weise: dieselbe Demut,
+dasselbe unscheinbare Auftreten[010-a]! Eine an das Münster angebaute
+Zelle diente ihm zur Wohnung, da er sich dort zahlreichen Besuchen
+nicht entziehen konnte, errichtete er sich zwei Meilen von Tours ein
+Kloster. Versteckt und abgelegen, ersetzte der Ort die unwirtliche
+Einöde: Felswände und Loire schlossen ihn ab, ein schmaler Saumpfad war
+einziger Zugang. Martin und einzelne Brüder bauten sich Holzhütten,
+andere hausten an der schützenden Berglehne in Höhlen. Die Schüler,
+die zum Unterricht kamen inbegriffen, belief sich die Zahl auf etwa
+achtzig. Das gemeinsame Leben beruhte auf den strengsten Grundsätzen:
+es gab kein Eigentum, aller Besitz war Gemeingut. Niemand durfte kaufen
+oder verkaufen. Außer Schreiben wurde keine Kunst betrieben, und auch
+diese blieb den Jüngeren überlassen; die Aelteren lagen nur noch dem
+Gebet ob. Nur mit dem gemeinsamen Gottesdienst wurde die Einsamkeit
+der Zelle vertauscht und höchstens die Mahlzeit gemeinsam eingenommen,
+wenn das Morgenfasten vorbei war. Niemand bekam Wein, außer der Kranke.
+Die Kleidung der Meisten bestand in Fellen; ein weniger hartes Gewand
+galt für unerlaubt. Auch die vielen jungen Adeligen der Gesellschaft,
+der eine und der andere ein künftiger Bischof, teilten dieses Leben.
+Seine kirchliche Macht benützte Martin zur Aufklärung des Landvolks vom
+Aberglauben[010-b]. In der Nähe von Tours wurde ein Altar unterhalten,
+ohne daß man wußte, wessen Grab es eigentlich sei. Unsicher, ob er in
+diesem Fall zu bekämpfen oder zu unterstützen habe, beschwor Martin
+den hier verehrten Toten: richtig erhob sich zur Linken finster und
+trotzig ein Schatten und teilte auf Befragen mit, er sei ein gehenkter
+Straßenräuber und nur aus Versehen zum Märtyrer geworden. Während
+der Verhandlung hörten Martins Begleiter allerdings reden, aber der
+Aufschluß selbst ging auf eine Vision des Bischofs zurück. War das
+Grab eines Schelmen Grab, so konnte es mit gutem Gewissen zerstört
+werden. Die heidnische Bevölkerung fürchtete den strengen Mann, und es
+ist nicht zu verwundern, daß ein heidnischer Leichenzug, als Martin
+des Weges kam, jählings halt machte[011-a]. Martin unterschied nicht
+gleich, was ihm entgegenkomme, noch betrug die Entfernung eine halbe
+Meile; doch war ihm, es seien Bauern, und als nun das weiße Laken etwas
+aufflog, das den Leichnam zudeckte, schloß er auf einen heidnischen
+Kultusakt, da er um die ländliche Sitte wußte, weiß-verschleierte
+Götzenbilder durch die Saatfelder zutragen. Er schlug das Zeichen des
+Kreuzes und donnerte sie schon von weitem an, die Bahre abzustellen.
+Die armen Leute suchten zu entkommen, drehten sich aber in der
+Bestürzung im Kreise herum und ließen schließlich Martin heran, ihres
+Schicksals gewärtig. Nun jedoch überzeugte sich der Heilige, es handle
+sich ja gar nicht um Götzendienst, sondern nur um ein harmloses
+Begräbnis. Er winkte ihnen sofort beschwichtigend zu, sie möchten ruhig
+ihres Weges ziehen[011-b]. Aber als Martin sich anschickte, in einem
+Marktflecken an einer uralten Fichte bei einem heidnischen Heiligtum
+Hand anzulegen, wurde der Widerstand ernsthaft. Der Oberpriester legte
+sich ins Mittel; seine Leute standen zu ihm. Konnten sie den Tempel
+nicht halten, unter keinen Umständen gaben sie die Fichte preis. Martin
+legte ihnen dar, in einem Baumwipfel niste höchstens ein Teufel, aber
+doch niemals Gott. Schlau meinte nun ein Heide, wenn Martin an seinem
+Gott wirklich etwas habe, so solle er sich doch gegenüber aufstellen,
+sie wollten die Tanne dann schon fällen; der Sturz des Heiligtums, der
+nicht aufzuhalten war, hätte dann doch zugleich den Feind der Götter
+vernichtet. Ohne Zögern ging Martin darauf ein und ließ sich an der
+gefährlichsten Stelle festbinden. Mit dem Rächerdrang der Verzweiflung
+hieben die Heiden auf die heilige Fichte, Martins Freunde wußten nicht
+was thun. Er selber blieb zuversichtlich und bekreuzte sich, als der
+Stamm zu wanken begann. Wider Erwarten stürzte der Baum rückwärts und
+hätte beinahe seine Verehrer erschlagen. Alsobald errichtete Martin
+eine Kapelle, wie gewöhnlich auf zerstörten heidnischen Opferstätten.
+Mit einem Aufwand von Eifer, der ihn bis zur Erschöpfung in Anspruch
+nahm und in kritischen Augenblicken in krampfhafte Ekstasen versetzte,
+legte er auch die übrigen Schlupfwinkel des Sprengels in Asche, verlor
+aber mitten in der Erregung niemals seinen Gerechtigkeitssinn und die
+Herrschaft über sich selbst[011-c]. Als ein brennender Heidentempel
+ein angebautes Privathaus anzustecken drohte, setzte Martin mit den
+Löschanstalten sein Leben aufs Spiel, nur um die unverdient gefährdete
+Liegenschaft zu retten. Einen Hauptherd, den reichen Tempel von
+Levroux, konnte er nur mit der größten Anstrengung erobern. Erst als
+er in Sack und Asche Buße that und so inbrünstig betete, bis er zwei
+geharnischte Engel ihm zu Hilfe eilen sah, gelang der zuvor mißglückte
+Ansturm auf die von den Bauern verteidigten Altäre. Desgleichen in
+Autun[012-a]. Dort drang der wildeste der Gegner mit gezücktem Schwert
+auf ihn ein. Martin knöpfte sein Gewand auf und hielt den Hals dar. Der
+Heide verlor die Fassung. Ein anderer ließ in derselben Lage das Messer
+fallen. Und so oft ein Bollwerk genommen war, beschwichtigte und gewann
+Martins mächtige Predigt die Herzen der Heiden. Hand in Hand mit diesen
+Erfolgen als Missionar gingen seine Erfolge als Arzt[012-b]. Zu Trier
+lag ein Mädchen in den letzten Zügen, als Martin in die Gegend kam.
+Der Vater hielt den Heiligen mitten auf der Straße an. Diesem war es
+offenbar unangenehm, zumal bei Anwesenheit vielen Volkes und mehrerer
+Bischöfe in eine den Evangelien parallele Lage geraten zu sein. Er
+lehnte bestürzt ab: das übersteige seine Kraft, der Mann überschätze
+ihn, so etwas habe der Heiland gekonnt, wie sollte er ihm es gleich
+thun. Als aber alles in ihn drang, entschloß er sich zu dem Besuche und
+erzielte durch Anwendung geweihten Oeles einen vollen Erfolg. Einen
+tobsüchtigen Sklaven des Prokonsularen Tätradius beruhigte er und übte
+auch über andere Verrückte Gewalt aus[012-c]. Am Stadtthor von Paris
+umarmte und küßte er einen aussätzigen Bettler[012-d]. Stücke seiner
+Kleidung, deren man habhaft werden konnte, wurden vom Volk als Amulete
+benützt. Von seiner Kutte wurden Fransen abgezupft und den Kranken
+an den Finger oder an den Hals gebunden. Arborius, ein Beamter, der
+Christ war, schnitt das Viertagsfieber seiner Tochter dadurch ab, daß
+er dem Kind bei jedem Anfall einen Brief Martins, den er zufällig
+besaß, wie ein Pflaster auf die Brust legte[012-e]. Hauptsächlich
+aber scheinen Martin Augenkuren geglückt zu sein. Paulinus, der dann
+um Martins willen aus einem Millionär ein Mönch wurde, heilte er
+von einer beginnenden schmerzhaften Erblindung durch Pinselungen;
+bereits zog sich die benebelnde Haut über die Pupille, als Martin die
+Operation vornahm. Dem heiligen Arzte selbst brachte ein Fehltritt beim
+Treppensteigen beinahe den Tod; aber eine Salbe und eine Engelsvision
+erwirkten seine Herstellung schon auf den folgenden Tag. Was für ein
+unbeugsamer Charakter er war, zeigte Martin gegenüber dem Hofe. Kaiser
+Maximus, der in Trier residierte, empfing die gallischen Bischöfe,
+die von ihm für die schwer heimgesuchten Provinzen Unterstützung,
+Milderung und Amnestie zu erbitten kamen[013-a]. Aber während die
+Andern sich vergaben und zu unterwürfigen Höflingen herabwürdigten,
+bewahrte Martin die Ehre und das Ansehen der geistlichen Gewalt vor
+der weltlichen. Er trug sein Gesuch um Begnadigung einiger Personen
+auf eine so vornehme Weise vor, daß es auf den Kaiser nicht wie eine
+Bitte, sondern wie ein Befehl wirkte. Der Kaiser wollte ihn an seine
+Tafel ziehen. Aber Martin erklärte offenheraus, mit einem Menschen,
+der den einen Kaiser verjagt und einen zweiten ermordet habe, sitze
+er nicht an den gleichen Tisch. Maximus suchte jedoch den Aufstand zu
+rechtfertigen, die Schuld an Gratians Tod von sich abzuwälzen, und so
+nahm Martin schließlich an. Entzückt über die Zusage verlieh Maximus
+dem Fest außerordentlichen Glanz, indem er den Statthalter Evodius
+sowie zwei Mitglieder des kaiserlichen Hauses, seinen Bruder und seinen
+Onkel, heranzog. Martin saß zur Rechten des Kaisers, der Priester, der
+ihn begleitete, zwischen den Prinzen. Als der Mundschenk dem Kaiser den
+Trunk kredenzen wollte, ließ der Fürst den Becher dem Bischof reichen:
+aus seiner heiligen Hand, nach der Berührung so heiliger Lippen wollte
+er den Pokal empfangen. Der Heilige trank aus dem Kelch, reichte
+ihn dann aber nicht dem Fürsten, der darauf wartete, sondern seinem
+Priester, weil der geistliche Stand auch einem niederen Inhaber den
+Vortritt vor den höchsten weltlichen Würdenträgern verleihe. Dieser
+Verstoß fand jedoch nur gesteigerte Bewunderung. Die kundgegebene
+Verachtung wirkte als Hoheit. Es ging von Mund zu Munde, Martin habe an
+der kaiserlichen Frühstückstafel sich herausgenommen, was sonst kein
+Bischof gegenüber einem einfachen Staatsbeamten hätte wagen dürfen.
+Sein Scharfblick ließ ihn auch voraussagen, Maximus werde in Italien
+auf Valentinian stoßen und ihn zwar besiegen, aber bald darauf selber
+untergehen. Was denn auch, bei Aquileja, in der That in Erfüllung
+ging. In seinen letzten Lebensjahren hatte Martin viel mit dem Teufel
+zu schaffen[013-b]: Er hatte den Bösen so sichtbar und gegenständlich
+vor Augen, daß er ihn bald in seiner leibhaftigen Gestalt, bald in
+mannigfachen figürlichen Verkleidungen zu Gesicht bekam. So drang der
+Teufel einmal polternd in Martins Zelle, ein blutiges Horn in der
+Hand. Dieser ließ nachsehen; es stellte sich heraus, daß zwar keiner
+der Mönche, wohl aber ein Taglöhner aus dem Gesinde vermißt werde. Man
+fand ihn halbtot im Walde liegen. Er konnte eben noch berichten, als
+er den Jochriemen straffer habe anziehen wollen, habe der eine Stier
+gestoßen und ihm das Horn in den Leib gerannt[013-c]. Ja zu förmlichen
+Auseinandersetzungen mit dem Teufel kam es bei Martin. Bald erschien
+dieser ihm als Juppiter, bald als Merkur, bald auch als Venus und als
+Minerva. Martin war unablässig bemüht, den Herrn der Finsternis zu
+bekehren, er versprach ihm bei Gott Barmherzigkeit zu erwirken, wenn er
+endlich einmal Buße thun und aufhören wolle, die Menschen zu verführen.
+Bis in sein hohes Alter bewahrte Martin den guten Blick für das Echte
+und entlarvte die schwindelhaften Absichten eines angeblichen Mönches
+namens Anatolius aus dem Kloster seines jungen und hochgeborenen
+Freundes Clarus[014-a]. Auch andere geistliche Abenteurer nah und fern,
+die sich, sei es für Elias oder Johannes den Täufer oder Christus
+selbst ausgaben, hat er durchschaut[014-b]. An zwei Schülern jedoch
+erlebte er aufrichtige Freude, weil sie seinetwegen eine glänzende
+weltliche Laufbahn verlassen und ihm in aufrichtiger Treue anhingen:
+Paulinus von Nola und Sulpizius Severus[014-c]. Er freute sich, daß sie
+in der Lage des reichen Jünglings entschlossener gehandelt hatten als
+jener im Evangelium, und nahm sie beschämend freundlich auf, ja bestand
+sogar darauf, ihnen eigenhändig die Fußwaschung zu verabreichen. Und
+als Severus aus seinen schriftstellerischen Absichten keinen Hehl
+machte, zog ihn der Heilige in sein Vertrauen und ließ ihn Blicke in
+sein inneres Leben thun. Wenn Martin nicht arbeitete, so betete er,
+nach der Sitte der Schmiede, die, wenn sie das Eisen hämmern, stets
+einige Zwischenschläge auf den Ambos thun[014-d]. Kein Falsch war
+in dem heiligen Manne. Nie daß er über jemand richtete oder lieblos
+urteilte oder Böses mit Bösem vergalt. Von einer unerschütterlichen
+Langmut ließ er, der Bischof, gelegentlich sogar untergebene Kleriker
+ihm ungehörig begegnen. In seinem Wesen immer gleichmäßig nahm er
+an allen Empfindungen des Menschenherzens teil, ohne an eine sich
+hinzugeben: die höhere Natur schien überall den Grund seines Benehmens
+zu bilden[014-e]. Er wurde nie zornig und nie bestürzt. Er klagte nie
+und lachte nie. Ein himmlischer Glanz lag, war es wann es war, still
+und selig über seinem Angesicht.
+
+Den wesentlichen Zügen nach ist das der Inhalt von Severs Martinsleben.
+Martin steht lebendig vor dem Leser als der prächtige, tapfere
+Christuskrieger, der an Theologie nicht schwer trug und rascher zum
+Ziel zu kommen meinte, wenn er persönlich auf den Vater der Sünde
+losging. Auch wo Severus Bericht unglaublich klingt, hat man den
+Eindruck, es sei keine Erfindung im Spiel. Vielmehr schimmerte für ihn
+auf Schritt und Tritt die gewaltige Gestalt, die er zeichnen wollte, in
+die Sphäre des Uebermenschlichen, Geisterhaften hinüber. Severus deutet
+mehrfach an, er habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Stoff
+zu bewältigen und deshalb nur das Wesentlichste für die Darstellung
+aufbehalten, vieles jedoch ausgeschieden[014-f]: »Ich muß schließen,
+nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil mich am Ende
+meines Unternehmens die Wucht meines Gegenstandes niederdrückt. Denn
+ich fühle mich vollkommen unfähig, selbst für den Fall, daß alles
+äußere genau berichtet wäre, das innere Leben Martins in seinem
+täglichen Wandel vor Gott und seinem stets nach dem Himmel gerichteten
+Gemüte genügend darzustellen. Ja käme selbst, wie man zu sagen pflegt,
+Homer von der Unterwelt, er würde nichts vermögen. Denn an Martin ist
+alles zu groß, als daß es in Worte gebracht werden könnte.« Severus
+hat die richtige Einsicht, für die Lösung seiner Aufgabe sei weniger
+seine Kunst zu gering, als die Vorlage zu mächtig. Er fühlt lebendig
+die Notwendigkeit, seinem Helden als Psychologe gegenüber zu treten. Da
+aber die psychologische Analyse als litterarisches Kunstwerk ein Kind
+moderner Kritik ist, so konnte er für seine Zwecke nur das naive Mittel
+benutzen, das ihm dafür zu Gebote stand: die Anekdote.
+
+Als die Schrift fertig vor ihm lag, betrachtete sie der Verfasser mit
+gemischten Gefühlen. Er hatte sein Bestes aus sich heraus gesetzt und
+wußte, wenn er es bekannt gab, so brach ein Sturm los für und wider.
+Lieber hätte er es also für sich behalten. Aber dann drängte doch alles
+wieder auf eine Veröffentlichung hin: die Spannung des Erstlingswerkes,
+die Verantwortung des Verschweigens, der brennende Wunsch, vor aller
+Welt etwas für Martin zu thun. So entließ er die Arbeit und schrieb
+dazu einem wirklichen oder fingierten Freunde was folgt[015-a]:
+
+»Mein lieber Desiderius! Es war meine entschiedenste Absicht, das
+von mir verfaßte kleine Buch über Martin aus meinen vier Wänden
+nicht herauszulassen. Schwung und geschmackvolle Darstellung sind
+mir von Natur versagt; Grund genug, das öffentliche Urteil nicht
+herauszufordern. Und nun hab ich mich noch gar an einen Gegenstand
+gemacht, der Schriftstellern ersten Ranges vorbehalten bleiben sollte.
+Zeig also mein Machwerk lieber Niemanden; wenn aber doch, so bitte das
+Publikum, um des Inhalts willen mit der Form Nachsicht zu haben. Ist
+doch von Fischern und nicht von Rednern der Welt das Heil verkündigt
+worden, obwohl unser Herrgott, wäre es gut gewesen, es auch umgekehrt
+hätte fügen können. Was ich mir sagte, war: ein Mann wie Martin
+darf nicht unbekannt bleiben, mögen dann auch Unbeholfenheiten mit
+unterlaufen; ein Virtuose war ich nun einmal nie und zudem ist es schon
+eine Weile her, daß ich derlei als Student getrieben habe. Laß daher
+das Büchlein, wenn du es zu veröffentlichen denkst, anonym ausgehen.
+Tilge den Namen auf dem Titelblatt. Die Ueberschrift allein ohne Angabe
+des Verfassers genügt«.
+
+
+2.
+
+So wurde das Martinsleben veröffentlicht. Sein berufenster
+zeitgenössischer Beurteiler, Paulin von Nola, eben Severs Mitschüler
+bei Martin, hatte nichts auszusetzen. Er schreibt dem Verfasser[016-a]:
+»Es wäre dir nicht geschenkt gewesen, Martins Leben aufzuzeichnen, wenn
+nicht eine reine Empfindung deine Arbeit beseelte. Wie glücklich bist
+du nun, die Geschichte des Gottesmannes und Bekenners würdig und mit
+gerechtfertigter Begeisterung verfaßt zu haben. Aber auch der Heilige
+selbst ist selig zu preisen, daß er neben seinem Ruhm vor Gott nun
+auch durch Deine Kunst bei der Nachwelt berühmt geworden ist«. In der
+That fand der Traktat sofort ungewöhnliche Verbreitung. Es war ein
+litterarischer Erfolg ersten Ranges. In Rom riß man sich darum. Die
+Buchhändler rieben sich die Hände. Das Büchlein war ihr begehrtester
+Artikel geworden und fand den sichersten Absatz. Ein Bekannter, der auf
+einer Orientreise den wachsenden Leserkreis verfolgen konnte, berichtet
+Severus[016-b]: »Wo dein Buch überall hingedrungen ist? Kaum ein Fleck
+Erde, wo es sich noch nicht vorfände. In Rom hatte dein Freund Paulinus
+für seinen Vertrieb gesorgt. Die Buchhändler sah ich in einem Glück,
+weil trotz den hohen Angeboten die Nachfrage so groß sei. Zu Schiff war
+mir dein Buch bereits vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, verschlang
+es bereits ganz Carthago. Nur ein Priester in der Cyrenaica hatte
+es noch nicht; ich verhalf ihm dazu. Und erst in Alexandrien! Dort
+kennen sie das Buch besser, als du selbst es kennen kannst. Aegypten,
+die nitrische Wüste, die Gegenden von Theben und Memphis hat es
+durchwandert, und sogar in der Wüste traf ich einen alten Mann, der es
+las«. Auch in Illyrien war das Buch verbreitet[016-c].
+
+Aber Severus bekam denn doch nicht nur Angenehmes zu hören. Mit dem
+Gedächtnis lebte auch der Haß wieder auf. Die gebildete geistliche und
+weltliche Gesellschaft Galliens hatte sich im Ganzen nie in Martins
+eigentümliches Wesen finden können. Die Ueberläufer vom Schlage Paulins
+und Severs blieben weit in der Minderzahl. In jenen Kreisen erregte
+das Buch peinliches Aufsehen. Die allzu offene Absicht, den kaum erst
+Toten zu verherrlichen, verletzte. Auch der Gläubigkeit der Gegner war
+viel zugemutet. Während Volk und Mönche das Büchlein in alle Himmel
+erhoben, lehnte es die Geistlichkeit ebenso leidenschaftlich ab, und
+Severus mußte sich erzählen lassen[016-d]: »Nur die Kleriker, nur die
+Priester unseres eigenen Landes sind neidisch genug und wollen nichts
+von deinem Martin wissen. Begreiflicherweise; denn seine Tugenden
+spiegeln ihre Fehler. Ich darf kaum sagen was mir jüngst zu Ohren
+kam: du habest in deinem Buche allerlei frischweg erfunden. Und doch
+hat Christus selbst gesagt, solche wunderbare Thaten, wie sie Martin
+gethan, könne jeder thun, der Glauben habe. Wer also nicht glaubt, daß
+Martin solches that, bezweifelt im Grunde die Verheißung Christi. Diese
+Unglückseligen, Entarteten und Schlaftrunkenen erröten eben vor Thaten,
+deren sie selbst nicht fähig sind und wollen lieber Martins Wunderkraft
+leugnen als ihr Unvermögen eingestehen.«
+
+Beides, Erfolg und Mißerfolg, mußte Severus ein Sporn sein, den Rest
+seiner Kenntnisse über Martin nicht zu verschweigen. Da handelte es
+sich vor allem darum, in welcher Form er diese Ergänzungen geben
+wollte. Er bewies eine geschickte Hand und wählte den Brief und den
+Dialog. Durch Hieronymus war der Kunstbrief, bei dem der Adressat nur
+der Empfänger der Widmung ist, als Leser jedoch wie beim Buche ein
+Publikum vorausgesetzt ist, für geistliche Stoffe im lateinischen
+Westen eben klassisch geworden, und mit dem Dialog griff Severus
+vollends auf eine ciceronianische Ausdrucksweise zurück, die früh in
+die christliche Litteratur eindrang und sich dauernd in ihr erhalten
+hat. Inhaltlich bedeuten die drei Briefe diejenige Ergänzung zum
+Martinsleben, die nötig war, um das noch bei Lebzeiten des Heiligen
+verfaßte Bild mit einer Schilderung seines Todes abzurunden. Im ersten
+Briefe[017-a] jedoch kommt er zunächst noch auf einen Vorfall zurück,
+über den pietätlose Bemerkungen ihm zu Ohren gedrungen waren: es
+sollte für Martin ein Vorwurf sein, daß er, der so viele Heilungen
+vollbrachte, selbst einmal die schwersten Brandwunden davongetragen
+habe; sollte nun Martin deswegen weder gewaltig noch heilig sein? Die
+Sache war einfach die: Martin hatte aus einer Visitationsreise mitten
+im Winter die für ihn bereit gehaltene Lagerstätte viel zu weichlich
+gefunden und den Strohsack weggeschoben, aus Versehen aber zu nah an
+den Ofen, sodaß Feuer ausbrach. Er selbst war in seiner Müdigkeit auf
+dem bloßen Boden sofort eingeschlafen und erwachte nun mitten in den
+Flammen; er wäre, da er den Holznagel an der Thüre nicht losmachen
+konnte, umgekommen, hätten nicht von außen her die Mönche den Riegel
+erbrochen. Während dann der zweite Brief sich nur in allgemeinen
+Betrachtungen über den schweren Verlust ergeht, enthält der dritte an
+Severs Mutter Bassula gerichtete in ähnlichen Klagen und nach einer
+Anekdote über Martin als Tierfreund Mitteilungen über Martins letzte
+Stunden[017-b]. Martin hatte den Zerfall seiner Kräfte vorausgespürt.
+Dennoch begab er sich in den äußersten Teil seiner Provinz, um einen
+dort ausgebrochenen Kirchenstreit zu schlichten: die schönste
+Gelegenheit, meinte er, den letzten Rest seines Lebens aufzuzehren. In
+der That brach er dort zusammen. Er sagte zu den Seinen, es sei das
+Ende. Sie mußten weinen, und auch er hielt die Thränen nicht zurück:
+wie gerne wollte er weiter wirken, wenn es Gottes Wille wäre. Es that
+ihm beides weh, zu scheiden und von Christus länger getrennt zu sein.
+Er betete: »Das Leben ist ein harter Krieg und ich habe lange genug
+gekämpft. Aber soll ich mich noch ferner in die Schanze schlagen,
+für dich, Herr Gott, will ich’s thun«. Er lag einige Tage im Fieber
+da, auf Streu und Asche und wollte sich nicht auf die Seite legen,
+damit sein Auge gen Himmel gerichtet bleibe. Im Todeskampf bewies
+er große Festigkeit. Natürlich stellte sich der Teufel ein. »Was
+willst du, blutiges Untier«, rief er ihn an, »weg mit dir! Ich bin in
+Abrahams Schooß«. So starb er. Seine Züge wurden friedevoll und nahmen
+einen glänzenden Ausdruck an. Seine Bestattung war ein Triumphzug.
+Zweitausend Leute wohnten ihr bei. Ganz Tours kam ihm entgegegen. Von
+den Dörfern und Höfen der Umgegend, ja aus entfernten Städten strömten
+Teilnehmer herzu.
+
+Auch die Dialoge wollen ein Nachtrag sein[018-a]. Aber nicht ein bloßer
+Anhang wie die Briefe; sie bilden eine selbständige Ergänzung. Statt
+einer planmäßigen Gliederung des Stoffes, wie sie im Martinsleben
+vorliegt, wird der Leser ohne logische Vermittlung von Situation
+zu Situation, von Gedanken zu Gedanken geführt, ohne daß freilich
+die zwischen Epos und Drama rudimentär stecken gebliebene Form des
+Kunstdialogs eine Nachbildung des wirklichen Lebens bis zur Illusion
+zu Stande brächte. Severus war darum zu thun, durch Abwechslung auch
+in der Form anzuziehen, er verwahrt sich aber, unter der kurzweiligen
+Darstellung die Treue seiner Nachrichten etwa haben leiden zu
+lassen[018-b]. Die an sich primitiven Mittel hat er nun geschickt zur
+Zeichnung und Färbung seines Gegenstandes verwendet; er bringt in
+seiner Charakteristik des heiligen Martin beinahe künstlerische Nuancen
+zu stande. Drei Personen spielen die Hauptrolle. Zunächst Severus
+selbst. Er tritt ansprechend auf und maßt sich als Martins Vertrauter
+keine Allüren an. Er erzählt einfach von einem Gespräche, das er mit
+einem keltischen Mönche, einem langjährigen Anhänger Martins gehabt
+habe, als plötzlich ein alter Bekannter, Postumianus, zu ihnen gestoßen
+sei. Eben war dieser von einem dreijährigen Aufenthalt aus dem Orient
+zurückgekehrt. Sie hätten sich umarmt, geküßt, hätten Freudenthränen
+vergossen und sich schließlich in der Zelle auf ein Ziegenfell gesetzt,
+sich auszutauschen. Severus nimmt am Gespräche mehr als Empfangender
+teil; er greift meistens nur ein, um es aufs neue anzuregen. In
+Postumianus lernen wir einen jener gebildeten abendländischen
+Geistlichen in der Art des Hieronymus und Rufinus kennen, die aus
+Wissenstrieb und Sehnsucht nach dem heiligen Lande sich mehrere Jahre
+im Orient aufgehalten und dasselbst namentlich das Mönchtum der
+ägyptischen und der syrischen Wüste studiert haben. Die Gestalt ist
+dem Leben entnommen. Die Reiseerlebnisse selbst dürfen uns hier nicht
+beschäftigen, aber ebensowenig darf übersehen werden, wie glücklich
+das Motiv für den Zweck verwendet ist, den Severus im Auge hatte. Es
+erscheint als Abschweifung, nur ganz am Schluß der Episode spielt
+Martin hinein. Aber gerade dadurch wird Martin charakteristisch ins
+Licht gesetzt: von den Mönchen des Morgenlandes mit ihrer beschaulichen
+Versenkung in Gott oder ihrem polternden Vortritt bei Volksagitationen
+hebt er sich ab als der Beter und Arbeiter, als der stillthätige
+Menschen- und Gottesfreund[019-a]. Ihren eigentlichen Erdgeruch erhält
+aber Martins Persönlichkeit durch die Einführung von Severs anderem
+Genossen, einem Kelten[019-b], dem Bauern gegenüber den Stadtleuten,
+der sich geniert, unter Aquitaniern lateinisch zu reden; er sei ein
+Sancerrer Kind und fürchte mit seiner bäurischen Aussprache verwöhnte
+Ohren zu beleidigen. »Sprich wie es dir ums Herz ist«, versetzt
+Postumianus, »sprich keltisch, sprich gallisch; nur sprich von Martin.«
+In dieser Figur scheint Severus den Bauernstand in seinem Verhältnis
+zum Heiligen haben schildern zu wollen. Er nennt den Mönch auch mit
+dem Sammelnamen Gallus. Das schließt nicht aus, daß ein ausgeprägter
+Vertreter des Typus wirklich Modell gestanden habe. Jedenfalls war es,
+schriftstellerisch gewertet, ein feines Mittel, allerlei Geschichten,
+die über den Heiligen im Lande herumgingen und für ihn charakteristisch
+waren, die aber ein gebildeter Mensch schon damals nicht leicht für
+bare Münze hinnehmen durfte, dem Publikum nicht vorzuenthalten,
+ohne damit selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Auch
+darin verrät sich ein künstlerischer Zug und der Widerschein klug
+beobachteten Lebens, daß die schlichte Situation in der Klosterzelle
+ab und zu durch ein humoristisches Intermezzo unterbrochen wird. Als
+Postumianus von einem wohlgemeinten Frühstück berichtete[019-c], das
+ein Greis aus Freude, daß sie Christen seien, ihnen vorsetzte, an dem
+jedoch ein halbes Gerstenbrot und Gummiblätter das beste waren, deutete
+Severus im Spaß zu Gallus hinüber: »Ach, jammerschade, mein lieber
+Gallus, daß du da nicht dabei warst. Was meinst du, ein paar Blätter
+und ein halbes Brot zum Frühstück für fünf Leute?« Gallus wurde rot und
+sagte: »Aber, Sulpizius, du lässest auch wirklich keine Gelegenheit
+vorbeigehen, ohne mich an meinen guten Appetit zu erinnern. Sei doch
+kein Unmensch! Sollen wirklich wir Gallier in unserem rauhen Klima wie
+morgenländische Eremiten oder gar wie Engel leben. Und ein halbes
+Gerstenbrot auf fünf Mann ist schon mehr ein Frühstück für Engel.«
+Ja bei der nächsten Gelegenheit stellte der gute Gallus geradezu den
+Grundsatz auf: »In Griechenland mag Gefräßigkeit Schlemmerei sein, bei
+uns in Gallien ist sie Natur[020-a]«.
+
+Der erste Dialog zerfällt in zwei Hälften, die später selbständig als
+getrennte Bücher eingeteilt wurden: in der ersten erzählt Postumianus
+seine Reise, in der zweiten Gallus von Martin. Einige Zeit nach
+dem ersten entstand ein zweiter Dialog. Er setzt das Gespräch des
+ersten am folgenden Tage fort vor erweiterter Zuhörerschaft, nämlich
+einigen Geistlichen, aber nur zwei hochstehenden Beamten, da die
+übrigen Laien, die sich hinzudrängten, abgewiesen wurden. Gallus
+kommt zwischen den Statthalter und den Konsularen zu sitzen. Es geht
+lange, bis er die Fassung erlangt, in solcher Gesellschaft ohne Scheu
+zu reden. Die Anwesenden unterstützen ihn durch eingestreute eigene
+Beiträge über Martin. Die so erhaltenen neuen Nachrichten verteilen
+sich gleichmäßig auf die sechs Gesichtspunkte, unter denen Severs
+Martinsleben steht. Greifen wir diese auf und illustrieren sie durch
+die in den Dialogen gelieferten Beispiele. Der eigentliche Schwerpunkt
+von Martins Persönlichkeit liegt in seinem Mönchsstande, insofern seine
+Eigenschaften eines Volksheiligen dort wurzeln.
+
+
+3.
+
+Martin hatte in der Stadt eine Zelle für sich, die er nur verließ, wenn
+er ausging[020-b]. In der Kirche hielt er sich für gottesdienstliche
+Verrichtungen auf, sonst nicht und lehnte es ab, sich daselbst zu
+setzen. Auch in seiner Zelle saß er nicht in einen seiner Würde
+entsprechenden Lehnsessel, sondern auf ein dreibeiniges Stühlchen,
+wie sich dessen sonst das Gesinde bedient. Auf dem Gang zur Kirche
+traf er einst im Winter einen halbnackten Bettler, der Armenpfleger
+des städtischen Klerus zog die Sache hin, sodaß Martin dem Armen,
+der sich persönlich bei ihm beklagte, in aller Stille sein eigenes
+Hemd vom Leibe gab und ihn wegschickte. Der Obersthelfer, eben jener
+Armenpfleger, kam, Martin zum Kirchgang aufzufordern: das Volk warte.
+Der Bischof antwortete, er könne nicht kommen, bevor der Arme sein Hemd
+habe, meinte nun aber damit sich, da er unter der Kutte nichts weiter
+mehr anhatte. Aber es sei ja gar kein Armer mehr da, versetzte jener
+gereizt, mußte jedoch seinem Vorgesetzten gehorchen. Er erstand für
+fünf Groschen ein grobes Hemd geringster Güte. »Und der Arme?« fügte er
+bei. Martin bat ihn, draußen zu warten, zog rasch das Hemd an und begab
+sich, ohne mehr ein Wort zu sagen, auf seinen Posten in die Kirche.
+Als er dann die Messe celebrierte, umstrahlte ihn ein Heiligenschein.
+Das Volk sah es. Dagegen wollten nur eine Nonne, ein Presbyter und
+drei Mönche das Wunder bemerkt haben. Warum wohl vom geistlichen
+Stande nur so wenige[021-a]? Arborius, ein Angestellter der Präfektur
+versicherte steif, so oft Martin die Hostie segne, strahle seine Hand
+Licht aus und sei mit Perlen bedeckt[021-b]. Auf einer Visitationsreise
+scheuchte Martins schwarze Kutte die Zugtiere einer militärischen
+Ambulanz. Die Soldaten kannten ihn nicht und maltraitierten ihn und
+die Tiere[021-c]. Er hatte die Gewohnheit, seinem Gefolge ein gutes
+Stück vorauszugehen. Seine Mönche fanden ihn daher halbtot mit von
+Geißelhieben zerrissenem Rücken am Wege liegen. Sie konnten ihn noch
+eben auf seinen Esel setzen, den sie für ihn nachführten. Seine
+große Liebe für Tiere trug wesentlich zu seiner Popularität bei. Er
+besänftigte eine bei einem Brand wütend gewordene Kuh, befreite ein
+gehetztes Häslein von seinen Jägern und ihren Hunden[021-d]. Eine
+Giftschlange verschwand auf seine Beschwörung in der Loire und befreite
+so die am Ufer gelagerte Gesellschaft von ihrer gefährlichen Gegenwart.
+»Die Schlangen gehorchen mir«, seufzte er, »die Menschen nicht«[021-e].
+Es ging so weit, daß ein Mönch im Namen des Meisters einen bissigen
+Hund zur Ruhe brachte[021-f]. Im Umgang mit dem Volk traf er den
+rechten Ton[021-g]. Angesichts eines geschorenen Schafes rief er aus:
+»Recht so. Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat«. Zu
+einem armen Hirten meinte er: »Auch Adam hat im Fell die Schweine
+gehütet. Das darf dich aber nicht abhalten, den neuen Adam anzuziehen«.
+Vor einer Wiese, deren einer Teil vom Rindvieh abgeweidet und deren
+anderer von Säuen aufgewühlt war, während in der unversehrten Mitte
+Blumen blühten, predigte er: »Seht, liebe Leute, gerade so ist es mit
+dem Heiraten. Wer ohne Ehe oder außer der Ehe sich versündigt, da ist
+nur noch Dreck. Wer eine anständige Ehe führt, da ist saftiges Gras,
+aber ohne Blumen. Bleibt jungfräulich, dann steht der Garten in Blüte«.
+Ein alter Soldat wollte ein beschauliches Leben führen, wünschte aber
+in seine Einsiedelei die Frau mitzunehmen. »Hast du in den Schlachten
+das Weib auch mitgehabt?« fragte ihn Martin[021-h]. Als umgekehrt
+eine Klausnerin in übertriebener Männerscheu es sogar ablehnte,
+den Besuch ihres Bischofs zu empfangen und sich durch eine ihrer
+Mitschwestern bei ihm entschuldigen ließ, zog Martin höchst erfreut
+von ihrem Aeckerchen wieder ab, und als nun dieselbe ihm zum Entgelt
+ein Geschenk nachsandte, schlug er, der sonst nichts annahm, die Gabe
+nicht aus[021-i]. Bei dieser Leutseligkeit verbreitete sich denn auch
+sein Ruhm sehr rasch und über die Landesgrenzen hinaus: in einem
+Seesturm an der italienischen Küste rief ein Handelsmann aus Aegypten,
+der noch nicht einmal Christ war: »Martins Gott, rett uns«[022-a].
+Auch als Vorgesetzter bewies Martin seine Ueberlegenheit[022-b]. Auf
+seine Weisung fing der Klosterverwalter Cato den zum Ostermahl nötigen
+Fisch, den weder dieser, doch ein geübter Angler, noch die Fischer
+von Beruf am Tage vorher hatten fangen können. Der Erzähler erinnert
+bei diesem Vorfall in demselben Atemzug an den wunderbaren Fischzug
+im Evangelium und an den profanen Vers: »Brachte den staunenden
+Argern zurück den gefangenen Saufisch«. Wo die gute Sitte auf dem
+Spiele stand, kannte Martin keinen Spaß[022-c]. So schlich sich
+einmal ein Klosterbruder in Martins Abwesenheit in dessen Zelle und
+machte sichs, als er auf dem Kohlenbecken noch Gluten fand, bequem,
+indem er die untere Partie seines Gewandes aufknöpfte und sich mit
+entblößtem Unterleib und gespreizten Beinen ans Feuer setzte. Er wurde
+ertappt und furchtbar abgekanzelt. Martins Wohnung im Kloster hatte
+ein Hinterpförtchen, durch das die Besessenen insgeheim zur Heilung
+eingeführt wurden[022-d]. Sie war von einem Höfchen umgeben[022-e].
+
+Gegen Martin, der das Mönchtum in Gallien so kraftvoll einzurichten und
+gegen den Willen der Kleriker wirksam durchzusetzen wußte, befolgte
+die Geistlichkeit die Taktik, ihn so viel immer möglich zu ignorieren.
+Dennoch gelang es Martin in seiner Stellung als Bischof seinem Kloster
+die kirchliche Unterstützung zu sichern[022-f]; es sollte nicht von den
+eigenen Einkünften leben müssen, sondern von der Kirche vollständig
+unterhalten werden. Von dieser Ansicht ging er nicht ab. Ein Geschenk
+von hundert Pfund Silber bestimmte er zum Loskauf von Gefangenen, und
+als ihm die Mönche nahelegten, er möchte doch einen Teil davon dem
+Kloster zu halten in Rücksicht auf die schmale Kost und die Vielen
+mangelnde Kleidung, war seine Antwort: »Uns soll die Kirche weiden und
+kleiden und wäre es auch nur um den Schein zu umgehen, daß wir auf
+das unsere ausseien«[022-g]. Sein beständiger Kampf mit den Bischöfen
+erreichte seine Höhe auf der Synode von Trier, durch Martins Verhalten
+im Priscillianistenstreit. Kaiser Maximus, sonst ein guter Mensch,
+hatte sich durch die Priester verleiten lassen, nach Priscillians Tode
+den Bischof Phacius, der das Urteil durchgesetzt hatte, sowie dessen
+Anhang für unanfechtbar zu erklären[022-h]. Amtsgeschäfte anderer Art
+riefen Martin um eben diese Zeit an den Hof. Es war nicht zu vermeiden;
+er mußte zu der heiklen Angelegenheit Stellung nehmen. Die anwesenden
+Bischöfe, alles Parteigänger des Ithacius, gerieten über Martins
+unvermutete Ankunft in Bestürzung. Tags vorher hatte der Kaiser den
+Synodalbeschluß bestätigt, wonach bevollmächtigte Geschäftsträger mit
+bewaffneter Macht nach Spanien reisen, die Güter der Priscillianisten
+einziehen und hochnotpeinlich Gericht halten sollten. Da Martins
+Widerspruch außer Zweifel stand, wollten sie erst den Kaiser bewegen,
+ihm durch entgegenreitende Boten den Eintritt nach Trier zu verwehren,
+falls er nicht von vornherein den Beschluß gutheiße. Martin versprach,
+er werde den Frieden der Versammlung nicht stören. Während der Nacht
+ging er in die Kirche zum Gebet und begab sich dann zur Audienz in
+den kaiserlichen Palast. Sein Anliegen war die Vertretung des Grafen
+Narses und des Gouverneurs Leukadius, die beide als Anhänger Gratians
+verschiedener Anschläge wegen in kaiserlicher Ungnade waren. Dann
+aber verwahrte er sich auch dagegen, daß die Gesandten zu einem
+Gericht über Leben und Tod nach Spanien reisen sollten. Ja er wollte
+die Ketzer geradezu freigesprochen wissen. Um Martin nicht vor den
+Kopf zu stoßen, um aber auch nicht sei es die Bischöfe aufzubringen,
+sei es, was wahrscheinlicher ist, auf die eingezogenen Güter zu
+verzichten, da er bei dem unabsehbaren Bürgerkriege Geld brauchte und
+der Staatsschatz erschöpft war, ließ Maximus die Sache zwei Tage in
+der Schwebe. Während dieser Zeit vermied Martin jede Gemeinschaft mit
+den Bischöfen. Nur ein einziger von ihnen hatte öffentlich gegen den
+Beschluß Verwahrung eingelegt, und wenn nun Martins Ansehen Theognit
+unterstützte, so konnte alles umsonst sein. Sie machten dem Kaiser
+Vorstellungen, Martin werfe sich geradezu zum Bluträcher Priscillians
+auf, was nütze dann die Hinrichtung. Sie brachten den Fürsten herum:
+Ithacius erhielt ein Vertrauensvotum von der Synode, und als Martin das
+nicht zu kümmern schien, lehnte der Kaiser ab, ihn weiter zu hören.
+Und da entschloß sich nun Martin, nicht aus Mangel an persönlichem
+Mut, sondern aus Furcht vor den Folgen zu dem Zugeständnis, er werde
+die Gemeinschaft mit den Bischöfen aufnehmen, falls die Abordnung
+nach Spanien zurückgezogen würde. Noch in derselben Nacht erlangte
+er vom Kaiser diesen Vergleich ohne Aufschub und erschien am andern
+Morgen bei der Weihe des Felix von Trier in den Reihen der Synodalen.
+Nur gab er seine Zustimmung auch jetzt nicht schriftlich und reiste
+am folgenden Tage ab. Das Bewußtsein durch seine Nachgiebigkeit den
+spanischen Sektierern das Leben gerettet zu haben, vermochte ihn nicht
+über seine Gewissensbisse hinwegzutrösten, daß er schwach gewesen und
+seiner Ueberzeugung entgegengehandelt habe. Auch zu Hause verbitterte
+ihm die klerikale Partei das Leben[023-a]. Sein empfindlichster Gegner
+war Briccius. Bei Severus erscheint er als ein bis zum Wahnsinn
+zanksüchtiger und nichts als Ränke spinnender Mensch. Martin habe
+keinen anderen Trost gehabt als: »Wenn Christus sich Judas gefallen
+ließ, so kann ich mir auch Briktion gefallen lassen«.
+
+Für seinen eigentlichen Beruf hielt Martin indessen nach wie vor die
+Bekehrung des Landvolkes vom Heidentum[024-a]. Obschon Severus gerade
+in diesem Stück schon in der ersten Schrift sehr ausführlich gewesen
+war, erzählt er nun noch die Zerstörung des Heidentempels in Amboise,
+zu der Martin durch sein unablässiges Zureden endlich den handfesten
+Pfarrer von Ambiakum bewegen konnte, nachdem dessen Meinung erst dahin
+gelautet hatte, kaum mit einem Zug Soldaten und auf dem Wege einer
+massenhaften Anstrengung könnte ein solches Nest ausgehoben werden,
+geschweige denn durch Dummköpfe von Klerikern oder Schwächlinge von
+Mönchen. Daran schließt sich der Bericht an eine andere ähnliche That,
+aber ohne lokale Präzisierung und auch als Vorgang ganz ins Fabelhafte
+aufgelöst[024-b]. Auf dem Wege nach Chartres bekehrte Martin sodann ein
+ganzes heidnisches Dorf, das noch keinen einzigen christlichen Bewohner
+zählte, auf einen Schlag und machte alle Anwesenden auf offenem Felde
+durch Handauflegung zu Katechumenen[024-c]. Das Wunder, wodurch er
+dies zu stande brachte, war eine Totenerweckung, eine dritte zu den
+beiden früher berichteten: Beweis, daß er auch als Bischof noch zu den
+höchsten mirakulösen Kraftleistungen fähig gewesen sei. Es war ein
+Knabe, dem er nun vom Tode half; doch ist die Behandlung des leblosen
+Körpers diesmal nicht näher beschrieben. Von Krankenheilungen[024-d]
+stehen die Genesung des Evanthius, Severs Onkel, und die Errettung
+eines vom Schlangenbiß gefährdeten Knaben im Vordergrunde. In Chartres
+heilte er ein zwölfjähriges Mädchen[024-e], das nicht sprechen konnte,
+in Gegenwart zweier Bischöfe und des Vaters, durch geweihtes Oel,
+indem er den Anfang des Exorcismus darüber sprach und darauf die Zunge
+mit dem Erfolg bestrich, daß das Mädchen auf die Frage, wie es heiße,
+nun seinen Namen sagen konnte. Von Martin geweihtes Oel besitzt dann
+aber auch fern von ihm wunderbare Eigenschaften, deren volkstümlichste
+darin besteht, daß es selber unerschöpflich und das enthaltende Gefäß
+unzerbrechlich ist[024-f]. Die frommen Schwestern von Clion zwischen
+Tours und Bourges plündern den Strohsack in der Sakristei, als der
+Heilige auf der Durchreise eine Nacht daselbst zugebracht hatte, und
+benützen die Halme als Amulete, um sie namentlich Besessenen auf
+den Nacken zu binden[024-g]. Die Berührung seines Gewandes heilte
+— »nach dem Beispiel jenes Weibes im Evangelium« — eine Frau vom
+Blutfluß[024-h]. Im Namen Martins thaten Andere Wunder[024-i]. Auch
+einige Andeutungen über Martins persönliche Verfassung beim Wunderthun
+werden uns nicht vorenthalten: es gab Fälle, wo der Heilige spürte, er
+sei den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen[025-a]. Nach
+seinem nachgiebigen Verhalten in Trier ließ er es sich nicht nehmen,
+obschon der Erfolg ihm später unrecht gab, seine Wunderkraft habe sich
+stark verringert. Als er auf jener Rückreise in Sandweiler Station
+machte, drückte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht im Wunderthun stark
+nieder. Und als die ganze Familie des Lycontius an den Blattern krank
+lag, brauchte er sieben Tage und sieben Nächte, bis er sie freigebetet
+hatte[025-b].
+
+Ueber Martins Beziehungen zu den hohen weltlichen Würdenträgern
+sind die Dialogen ausführlicher als ihr Vorläufer, und wissen von
+allerlei Verkehr. Der Gouverneur Vincentius wollte auf der Durchreise
+durch Tours von Martin im Kloster empfangen sein und wiederholte
+dieses Gesuch mehrere Male, zumal ja auch Ambrosius von Mailand hohe
+Beamte gelegentlich bei sich zu Gast lud. Martin fühlte sich dazu
+nicht verpflichtet[025-c]. Dagegen hatte er es darauf abgesehen, den
+berüchtigten Raubgrafen Avitanus zu zähmen[025-d]: es stellte sich
+ein förmlicher Wettkampf zwischen den beiden Gewaltmenschen, dem
+heiligen und dem sündhaften ein, der auch in Offizierskreisen mit hohem
+Interesse verfolgt wurde. Martin suchte den wilden Gesellen, sobald er
+sich vor Tours blicken ließ, mehrmals, sogar mitten in der Nacht in
+seinem Lager auf und hatte denn auch bald heraus, daß das wüste Wesen
+von einem häßlichen schwarzen Teufel herrührte, der dem Avitanus im
+Nacken saß und ihn auftrieb. Martin beschwor ihn: von Stund an war
+Avitanus etwas milder gestimmt. Ueberhaupt betrug er sich in Martins
+Nähe stets manierlicher; während er sonst das reine Tier war und ganz
+entsetzlich zu hausen pflegte, hatte Tours nicht von ihm zu leiden.
+Allerdings stand seine Gattin mit Martin im Einvernehmen. Anderer Art
+war Martins Beziehung zu Ausspizius, dem Präfekten der Gegend von
+Sens[025-e]. Diese wurde Jahr für Jahr von Hagelschlag heimgesucht, der
+die ganze Ernte zu nichte machte; nicht nur die Bauern, auch Ausspizius
+selbst, der Ländereien besaß und daher die Einbuße schwer empfand,
+sandten an Martin. Wie sehr der durch ihn veranstaltete Bittgang
+wirkte, zeigt die Thatsache, daß während der zwanzig Jahre, die Martin
+noch lebte, kein Hagelwetter mehr niederging, sobald er jedoch nicht
+mehr da war, das Jahr nach seinem Tode, die Landplage wieder begann.
+Während ferner im Martinsleben nur vom Verhältnis zu Kaiser Maximus
+die Rede ist, berichten die Dialogen auch von einem solchen zu Kaiser
+Valentinian[025-f], insofern lange Zeit einem vergeblichen, als Martin
+in Trier erst gar nicht die nachgesuchte Audienz erlangen konnte;
+das Geschichtchen, daß er schließlich unter fabelhaften Umständen
+doch sich Einlaß verschafft habe, klingt allerdings unglaublich;
+möglich ist seine Zulassung immerhin, und daß sich Valentinian dann
+über Erwarten freundlich gezeigt hat. Der jedenfalls nicht geringe
+Widerstand lag in dem arianischen Bekenntnis des Kaisers und der hierin
+noch entschlosseneren Kaiserin. Genau der umgekehrte Fall lag aber
+vor gegenüber Maximus, der sich in die Freundschaft zu dem Heiligen
+mit seiner Frau zu teilen hatte[026-a]. Diese wurde den heiligen und
+rechtgläubigen Mann nicht müde und überbot sich in seiner Verehrung.
+Sie wollte Tag und Nacht um ihn sein; ohne alle Rücksicht auf ihren
+kaiserlichen Stand war sie nicht vom Boden wegzubringen; immer aufs
+neue umschlang sie Martins Füße. Aber die Rolle der Maria genügte ihr
+nicht; sie wollte auch Martha sein und ließ dem Bischof keine Ruhe,
+ehe er ihr erlaubte, ihn zu bewirten. Eigenhändig bereitete sie das
+Mahl, richtete das Ruhebett, deckte den Tisch, brachte das Waschbecken,
+bediente ihn mit Speisen, die sie selber gekocht hatte und so lang er
+am Tisch saß, hielt sie sich bescheiden hinten im Zimmer, genau wie
+eine Magd. Sie schenkte ein und kredenzte den Trank. Nach beendeter
+Mahlzeit fand sie ihren Lohn in den Brosamen, die sie den Leckerbissen
+der kaiserlichen Tafel vorzog. Das alles ließ Martin, der nie ein
+Weib in seiner Nähe duldete, nur ungern mit sich geschehen; er ist
+wahrscheinlich von seiner Strenge nur darum abgewichen, weil er dadurch
+weitgehende Begnadigungen für Verurteilte erwirken konnte.
+
+Schließlich bringen die Dialogen auch neue Belege zu Martins Verkehr
+mit der Geisterwelt. Es war dies sein persönlichster Besitz, sein
+innerstes Geheimnis. Er gestand diese Dinge seinem Lieblingsschüler
+auf Befragen, denn es gab nichts, was Severus ihm nicht entlocken
+konnte[026-b]. Als dieser darüber zu berichten beginnt, meint er,
+allerdings müsse er nun der Gläubigkeit viel zumuten. Aber, bei
+Christo, er lüge nicht, und wer denn so frivol sei, Martin Lügen zu
+zeihen. Als einmal in der Zelle des Heiligen ein Getöse losging und
+Severus sich nach der Ursache erkundigte, erzählte Martin, soeben seien
+die heilige Agnes, die heilige Thekla und die Mutter Gottes bei ihm
+zu Besuch gewesen. Er konnte jede beschreiben wie sie aussah, wie sie
+angezogen war. Er erklärte, solche Gäste öfters zu haben, auch Sankt
+Peter und Sankt Paul kämen wohl zu ihm. Die Engel waren seine Freunde.
+Als er zu seinem Bedauern einer Synode von Nimes nicht beiwohnen
+konnte, hat ihn ein Engel über die Verhandlungen unterrichtet, sodaß
+er alles schon wußte, als es ihm seine heimkehrenden Freunde erzählen
+wollten. Unter den bösen Geistern kannte er sich ebenfalls aus. Er
+unterschied sie einzeln. Für den verderblichsten hielt er den Merkur,
+Juppiter hieß er dumm und stumpfen Sinnes. Der alte, harte, trockene
+Kriegsmann war also ein fertiger Visionär und in seiner ekstatischen
+Welt so zu Hause, wie auf der harten Erde. So konnte er sich auch mit
+einer altväterischen Theologie begnügen[027-a]. Als gelegentlich die
+Rede auf die letzten Dinge kam, frischte er den verjährten Gedanken
+wieder auf, erst müßten Nero und der Antichrist erscheinen, Nero
+werde im Westen zehn Königreiche erobern, während der Antichrist vom
+Morgenland Besitz ergreife mit Residenz in Jerusalem, wo er Stadt und
+Tempel herstellen werde. Von ihm gehe dann die Verfolgung aus nebst dem
+Zwang, die Gottheit Christi zu leugnen, vielmehr ihn den Antichristen
+als Christus anzuerkennen und sich insgemein beschneiden zu lassen.
+Zuletzt werde Nero vom Antichristen vertilgt werden und unter seiner
+Herrschaft die ganze Welt noch einmal vereinigt sein, bis durch die
+Wiederkunft Christi alsdann der Gottlose überwältigt werde. Auch stehe
+es außer Zweifel, daß der Antichrist vom bösen Geist empfangen und
+geboren sei und sich bereits in den Knabenjahren befinde, um dann bei
+eingetretenem Mannesalter die Herrschaft anzutreten. Das war Martins
+Ansicht kurz vor seinem Ende. Mochte sie auch aus der Mode sein, sie
+war ihm doch eine Unterlage zu klarem, kraftvollem Handeln in diesen
+Dingen. Schon als jungem Christen hatte ihm vor allen priesterlichen
+Funktionen das Exorcieren am meisten zugesagt, und noch als Greis
+verstand er sich am besten auf die Befreiung der Besessenen von den
+Dämonen. Von seinem Umgang mit den Verrückten erhalten wir aus den
+Dialogen einen ergreifenden, großartigen Eindruck[027-b]. Er trainierte
+sich auf den Feind. Niemand durfte ihn dann anrühren, Niemand ihn dann
+sprechen. Wie ein Tierbändiger den Käfig seiner Bestien betritt, um
+sie zu zähmen, betrat er, in ein Fell gekleidet, Asche auf dem Haupt,
+die Kirche, in der die Irren zusammengesperrt tobten und brüllten. Er
+streckte sich mitten unter ihnen zum Gebet auf den Boden aus. Die einen
+suchten ihn durch unzüchtige Haltung von sich abzuschrecken, die andern
+stürzten um so unterwürfiger auf ihn zu und stellten sich ihm ungefragt
+als Juppiter oder Merkur vor. Und mitten in diesem entsetzlichen Jammer
+bethätigte er seine Heilkunst Leibes und der Seele. Severus durfte
+sagen, Martin habe jenes Wort des Neuen Testamentes wahrgemacht, das
+den Heiligen Herrschaft über die Geister verheiße[027-c].
+
+
+4.
+
+Dies sind die Mitteilungen des Sulpizius Severus über Martin von
+Tours. Als maßgebend für die Beurteilung seiner Leistung liegt die
+Erkenntnis vor uns da: Severus hat nicht ~ein~ Lebensbild von Martin
+hinterlassen, sondern zwei, jedes in seiner Art selbständig abgerundet,
+obgleich das zweite ein erstes voraussetzt. Schriftstellerisch
+gemessen ist das eine Unvollkommenheit, kein Vorzug. Gerade weil
+Severus maßhalten wollte und damit bewies, daß ihm an Oekonomie liege,
+war es ihm unmöglich, des Stoffes in einem einzigen Wurfe Herr zu
+werden. Er sammelte die Brosamen, die von der allzu reichbesetzten
+Tafel fielen, und siehe, sie reichten aus zu einer zweiten Mahlzeit.
+Wer weiß, wie viel schwerer es ist, einen Gegenstand, an dem das
+Herz hängt, nachbildend zu gestalten, als einen persönlich fremden
+und gleichgiltigen, wird die litterarhistorische Merkwürdigkeit des
+Doppelportraits hinreichend erklärt finden aus dem überwältigenden
+Eindruck, den Martin seinen Anhängern hinterlassen hatte. Damit hängt
+zusammen, was über die Geschichtlichkeit von Severus’ Angaben zu sagen
+ist. Von der Glaubwürdigkeit der erzählten Wunder ist abzusehen. Das
+nackte Ja oder Nein der Möglichkeit oder Unmöglichkeit verkürzt das
+Verständnis der großen Wichtigkeit, die das vom Heiligen berichtete
+Wunder, ob geschehen, ob nicht geschehen, ob anders geschehen in
+jedem Fall für die Heiligenforschung hat. Lassen wir auch diese
+Frage hier auf sich beruhen, die Geschichtlichkeit der Berichte
+Severs über Martin hat immer noch ihre Schranke. Einmal kommt Severs
+Parteilichkeit gegenüber der damals in Gallien vorhandenen starken
+Spannung zwischen Klerus und Mönchtum, besonders in den Dialogen, zu
+unverhohlenem Ausdruck. Heilige Tendenz ist die Seele seines ganzen
+Unternehmens: Galliens größter Gottesmann soll auch litterarisch in den
+Himmel erhoben werden. Oefters wird Martin neben Christus gehalten,
+und nicht weniger oft der gallische Weltklerus mit den Pharisäern
+auf gleiche Linie gestellt[028-a]. Die Schriften Severs über Martin
+waren Streitschriften; sie sollten mit für das Mönchtum in Gallien
+Bahn brechen. Gewissermaßen eine Folge davon ist auch die einseitige
+Darstellung des Priscillianistenstreites bei Sever, obwohl er sich
+hier nicht zu maßlosen Ausfällen hinreißen läßt. Diese Befangenheit
+zu Gunsten der Mönche und Sektierer ist indes begreiflicher, als ein
+anderer empfindlicher Mangel in Severs Martinsschriften, zumal er nun
+nicht dem Menschen, sondern ausschließlich dem Schriftsteller aufs
+Konto zu setzen ist: die chronologische Nachlässigkeit, die er sich in
+der Vita zu schulden kommen ließ und in den Dialogen nicht gut gemacht
+hat. Man muß sich füglich wundern, daß der Verfasser einer Weltchronik
+über dem charakteristischen Detail es so völlig vergaß, die Gestalt
+seines Helden in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinzustellen. Kein
+einziges Datum als solches findet sich vor. Bekannte zeitgenössische
+Namen und Ereignisse, an denen man sich zur Not orientieren kann,
+sind so sorglos gelegentlich mit einbezogen, daß sie teilweise nur
+noch Verwirrung stiften, statt unsere Unsicherheit zu heben[029-1].
+Die wenigen eigentlichen Zeitbestimmungen sind entweder persönlicher
+oder innerbiographischer Natur[029-a]: es sei ein Jahr her, daß
+Martin ihnen das erzählt habe; oder noch sechszehn Jahre nach der
+Anwesenheit in Trier und dem Zwischenfall mit Maximus habe Martin
+gelebt; eine wenn auch nur indirekte annalistische Festsetzung des
+Datums findet sich nirgends. Auf diesen bei einem so trefflichen
+Chronisten wie Severus doppelt befremdlichen Umstand wirft nun aber
+die Thatsache ein unmißverständliches Licht, daß Martin in Severus
+Chronik nirgends vorkommt. Am Schluß des zweiten Buches wäre doch
+Gelegenheit genug gewesen, Martin in die zeitgenössischen Ereignisse
+hineinzustellen, sogut als Hilarius von Poitiers, der auf diese Weise
+seine chronologische Unterlage erhielt[029-b]. Aber das war es ja
+eben: Martin stand nun einmal für Severus außerhalb der Zeit in einer
+höheren Welt einsam da. Der Meister wirkte zu gewaltig, als daß er
+geschichtlich assimilierbar gewesen wäre. Eine organische Verbindung
+wollte sich nicht einstellen. Der bewundernde Zeitgenosse stand zu
+dicht vor der Riesengestalt und sah, sobald er nur den Blick auf
+Martin richtete, eben dann auch weiter nichts mehr als Martin. Seine
+Befangenheit erklärt sich aus seinem Enthusiasmus[029-c]: »Ich hörte
+seiner Zeit vom Glauben, vom Leben, von den Tugenden Martins; ich hörte
+alles, da brannte mein Herz; es trieb mich hin zu ihm. So unternahm ich
+die Reise, ich kann sagen die Lustreise, bis ich ihn sah. Und weil ich
+mich schon damals getrieben fühlte, sein Leben zu schreiben, forschte
+ich bei ihm selbst, soweit mir da eine Frage freistand. Er erschöpfte
+sich in freundlichen und freudigen Ausdrücken und in Versicherungen,
+wie er Gott danke, daß man so große Stücke von ihm halte und um
+seinetwillen so weit hergereist komme. Hat er nicht, kaum wag ichs zu
+gestehen, mich, lieber Gott mich, an seine heilige Tafel gezogen, ja
+mir selber abends die Füße gewaschen. Ich brachte es nicht übers Herz,
+mich zu sträuben oder auch nur im geringsten zu widerstreben. Seine
+Erscheinung hatte etwas so überwältigendes für mich; ein Verbrechen
+wäre es gewesen, nicht still zu halten«. Diese große Persönlichkeit
+schriftstellerisch festzuhalten, daran lag Severus alles. Aber ebenso
+sicher wollte er lieber schweigen, als auch nur eine einzige Unwahrheit
+sagen, eigene Anschauung und sichere Information seien die Grundlage
+für ihn gewesen[029-d]: »Ich habe natürlich nicht alles in Erfahrung
+bringen können. Ueberall da, wo nur er der Wissende war, giebt es
+keine Mitwissenden. Da es ihm nie um das Lob der Menschen zu thun
+war, liebte er es, von seinen Thaten möglichst wenig zu verlauten«.
+»Ich kann bei meinem gewissen versichern, nur die volle reine Wahrheit
+gesprochen zu haben. Den von Gott bestimmten und erhofften Preis wird
+empfangen nicht wer da liest, sondern wer da glaubt«. Innerhalb seiner
+begreiflichen Befangenheit war Severus somit gewissenhaft und, alles
+in allem erwogen, vielleicht der beste Schilderer Martins, der damals
+möglich war. Jedenfalls ist es ihm gelungen, Martins Andenken wirksam
+aus die Nachwelt weiterzuleiten.
+
+
+5.
+
+Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß
+zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger
+Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge
+und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in
+Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen
+Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des
+Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich
+praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er
+nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief[030-a] mag eine Rarität
+gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der
+theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm
+durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende,
+die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die
+dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum
+letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen
+Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer
+Hand beseitigt wurden[030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend
+mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem
+Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner
+Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein
+Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des
+Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von
+dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten
+Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er
+vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich
+Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann.
+Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die
+Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war
+er eine komische Figur. Zwar sagt Severus[030-b]: »Seiner Widersacher
+waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe,
+sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber,
+da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die
+Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die
+Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem
+Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder
+einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten.
+
+Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem
+Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten
+riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das
+Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen
+Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem
+Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein
+kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer
+Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als
+Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt
+alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit.
+Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen
+hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches
+Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr
+wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum
+eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und
+erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines
+Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren
+Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters
+war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus[031-a], hatte
+nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen
+Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es
+zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle
+Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger
+Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er
+immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht
+brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens
+durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber
+Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle
+mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das
+stumme und gelähmte Mädchen in Trier[031-b]: »Martin sah die Kranke
+und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er
+warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete
+er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte
+Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des
+Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache
+wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die
+einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den
+Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle
+ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise[032-a]:
+»er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene
+fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen.
+Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach:
+Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor
+zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen
+zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper,
+dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen
+zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den
+Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen
+andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem
+Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens
+zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der
+Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern
+suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein[032-b]:
+»Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge
+hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu
+Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der
+Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein
+Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner
+eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen
+Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen
+und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum
+ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er
+grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung.
+
+Mit Leib und Seele Mönch hatte er nun aber seinem eigentlichen Wesen
+nach nicht im Diesseits Posto gefaßt. Seine Heimat war das Jenseits;
+dort holte er seine Kräfte. Auch ist Martin ein so einheitlich
+geschlossener und runder Charakter, daß seine transcendentalen
+Gewohnheiten nicht unvermittelte Seitensprünge, sondern natürliche
+Ergänzungen zu seinem Tagewerk bilden müssen. Schon seine Zeitgenossen
+merkten den Unterschied seines ›Bete und Arbeite‹ von der apathischen
+Kontemplation der orientalischen Mönche. Er entfaltete keine Schwingen,
+um sich in ein seliges Wolkenheim zu erheben; solche Flüge pflegen
+Enttäuschung und Abspannung gegenüber der Erde zur Folge zu haben,
+und diese Erschlaffung kannte Martin nicht. Vielmehr senkte sich
+die höhere Weltschicht für ihn zur harten Wirklichkeit nieder,
+vermengte sich mit ihr, ging in sie über, weshalb Martin, ohne seine
+seelische Verfassung anders einzustellen, nur allein im Zufall des
+täglichen Wandels bald auf der Erde der Menschen und bald sozusagen
+auf einer Erde der Geister sich befand. Die beiden Hemisphären dieser
+seiner Doppelwelt lösten sich für ihn unversehens aneinander aus;
+jetzt sprach er mit wem es war und im Handumdrehen mit Engel oder
+Teufel. Selten sind Vorstellungen, die wir als illusorisch ansehen,
+in solcher Verdichtung gesehen und geglaubt worden, wie von ihm. Der
+Rarität halber mögen die wichtigsten Stellen hier in Severs Wortlaut
+folgen[033-a]: »Es ist ausgemacht, daß ihm Engel öfters erschienen
+und er selbst selige Gespräche mit ihnen führte.« Was den bösen
+Geist betrifft, so war er für Martin sichtbar und er erkannte ihn
+in seiner natürlichen Gestalt oder in seinen tausend Verkleidungen,
+unter denen die Geister der Finsternis sich zu verhüllen pflegen. Er
+erkannte ihn unter jeglichem Bilde. Aus Verdruß darüber, den Blicken
+des Heiligen nicht entgehen zu können, noch ihn in seine Schlinge
+zu bekommen, rächte sich oft der Teufel, indem er ihm einen Streich
+nach dem andern spielte. Eines Tages, als der Heilige in seiner
+Zelle betete, erschien ihm der Böse, um und um in hellstrahlendes
+Purpurlicht gehüllt, um durch den Glanz die Täuschung zu vollenden,
+am Leibe ein Königsgewand, ein Diadem von Gold und Edelsteinen auf
+dem Haupte und an den Füßen golddurchwirkte Schuhe. Sein Antlitz
+war gewinnend, die Züge lauter Liebe, die Lippen lauter Lob; nichts
+verriet den Satan. Martin war auf den ersten Anblick ganz betroffen.
+Kein Wort, tiefes Stillschweigen auf beiden Seiten. »Martin, kennst
+du den, der vor deinen Augen ist?« redete endlich der Satan ihn an.
+»Ich bin Christus; ich wollte, bevor ich auf die Welt niederstieg,
+mich dir zeigen«. Martin antwortete nichts. Der Teufel verstieg sich
+ein anderes Mal zu seiner unverschämten Behauptung: »Martin! Wie! Du
+schwankst zu glauben, was du siehst? Ich bin Christus«. In diesem
+Augenblick offenbarte aber der heilige Geist die Wahrheit und ließ
+Martin erkennen, daß unter dieser Hülle der böse Geist sich verberge.
+»Der Herr Jesus«, sagte er, »hat nicht gesagt, daß er in Purpur mit
+einer glänzenden Krone wieder erscheinen werde; wenn ich Christus
+nicht in der Gestalt und dem Aeußern, in dem er gelitten hat, sehe,
+wenn ich seine Wundmale nicht schaue, so glaube ich nicht, daß er
+es ist«. Auf diese Worte hin verschwand das Gespenst, und ein Rauch
+erfüllte plötzlich die Zelle mit einer Pestluft, die deutlich genug
+den bösen Geist erkennen ließ. Diese Begebenheit, die wir soeben
+erzählten, hörte der Schreiber dieser Zeilen aus des Heiligen eigenem
+Munde; nehme sich daher Niemand heraus sie für eine Fabel anzusehen.
+Nichts gewährt besser einen Einblick in den grobkörnigen Realismus von
+Martins Glaubenswelt, als dieser sein Umgang mit dem Teufel: da zeigt
+sie sich in ihrer ihm eigentümlichen Beschränkung. Das begriffliche
+Element ist ziemlich vollständig eliminiert zugunsten des visionären;
+alle theologischen Werte sind gewissermaßen umgebogen in theooptische.
+Das große augustinische Problem von Sünde und Gnade findet bei Martin
+eine Analogie, die beinahe humoristisch anmutet: der Syllogismus vom
+_Posse non peccare_ zum _Non posse peccare_ entspricht bei Martin einer
+ganz anderen Gleichung; ebenso unphilosophisch als gemeinverständlich
+hieß es für ihn: die Welt ist des Teufels, daher die Sünde in ihr;
+man bekehre den Teufel, so hört die Ursache der Sünde auf, die Welt
+wird Gottes. Das ist freilich eine Logik sehr auf eigene Faust, nicht
+eben stichhaltig gegenüber Gründen, aber umso handfester, um im Leben
+etwas auszurichten. Daß ein solcher Glaube Martins innerstem Wesen
+zu Grunde lag, zeigen wieder Severs eigene Worte am unmittelbarsten:
+»Man hörte oft Anklagen und Vorwürfe, die die Schaar der bösen
+Geister dem Heiligen in den verschiedensten Tönen machte; aber der
+Heilige wußte, daß sie logen, und ließ sich durch diese Vorwürfe
+in keiner Weise rühren. Mehrere seiner Schüler versicherten, der
+Teufel habe ihm eines Tages die bittersten Vorstellungen gemacht:
+das Kloster gewähre einigen Menschen Unterkunft, die durch jede Art
+von Verirrung die Taufgnade verloren und noch nach ihrer Bekehrung
+Aufnahme gefunden hätten; zu gleicher Zeit enthüllte er die Fehler
+eines jeden einzeln. Martin widerlegte diese Beschuldigungen: die
+alten Sünden seien durch die Werke eines besseren Lebens ausgewischt
+und durch die Barmherzigkeit Christi seien die Sünden denen verziehen,
+die fortan nicht mehr sündigten. Der Teufel wollte widersprechen und
+behauptete, die Schuldigen hätten keinen Anspruch auf Erbarmen. Da
+aber, so erzählt man sich, rief Martin aus: ›Wenn du, Elender, einmal
+aufhören wolltest, die Menschen zu versuchen und in dieser Stunde, da
+der Tag des Gerichtes vor der Thüre steht, anfingest, deine Verbrechen
+zu bereuen, so hätte ich Gottvertrauen genug, um durch meine Fürbitte
+dir Christi Barmherzigkeit zu erlangen.‹ O du gütiger Himmel, was für
+ein unerhörtes Vertrauen, so etwas zu versprechen, was nicht einmal
+Christus selbst jemals versprochen hat!« Die ekstatischen Fähigkeiten
+Martins äußern sich meistenteils als persönliche Auseinandersetzungen,
+als eigene innere Seelenkämpfe. Doch fehlt die reine Sehergabe nicht
+ganz[034-a]: er sagt dem Kaiser Maximus den Sieg über Valentinian, aber
+auch dessen nach Jahresfrist erfolgenden Tod voraus. Sonst vermischen
+sich seine telepathischen Eigenschaften gleich mit Visionen: das Wissen
+um den Unfall eines Knechtes spielt sich drastisch als Teufelsvision
+ab, während die Kenntnis der Verhandlungen auf dem Konzil von Nimes in
+derselben Stunde ihm ebenfalls visionär vermittelt wird. Das bildlose
+Aufblitzen einer Eingebung entsprach seiner Natur nicht.
+
+Martin war Romane. Aber wie er sein ganzes Leben an der Nordgrenze
+des Reiches verbrachte, so hielt er sich auch gegenüber dem geistigen
+Besitz der versinkenden Antike am äußersten Rande. Seine Rusticität in
+Dingen der Bildung, auch der theologischen, erlaubte ihm fast wieder
+den Enthusiasmus des Urchristentums: bald ging die Welt unter, also
+galt es für Christus noch zu wirken, was möglich war. So ist es ihm
+gelungen, die christliche Religion, die bis dahin nur in den großen
+gallischen Städten Gastrecht genoß, im Lande dauernd einzubürgern, und
+das nur durch die riesige Energie, die ihn befähigte, der asketischen
+Lebensweise in einem so rauhen Klima die Existenz zu sichern. Ohne
+Mönche läßt sich die Christianisierung Galliens nur schwer vorstellen;
+das Werk, so hart angefochten es war, bewies gerade den Feinden
+gegenüber seine Ueberlegenheit; denn im fünften Jahrhundert verdankte
+der gallische Klerus seine innere Vertiefung und äußere Geschlossenheit
+doch zum guten Teil den Anregungen, die von mönchischen Metropoliten
+auf ihn ausgingen. Und als dann die Franken kamen, war es nicht
+am wenigsten der großartige Eindruck der als Klerus und Mönchtum
+organisierten Kirche, der den Uebertritt Chlodowechs veranlaßte.
+Martins Erdenleben hat im Verlauf der Jahrhunderte eine merkwürdige
+Bestätigung erfahren, indem nichts so sehr als eben seine Wirksamkeit
+das eigentümlich rohreligiöse, paganistische Wesen des merowingischen
+Christentums vorgebildet, ja geradezu begründet und ermöglicht hat.
+Martin ist der Standardheilige der Merowinger. Mit seinem kräftigen
+Reduktionsinstinkt gegenüber den Geistesfinessen der alternden
+Antike erscheint er als erste, unerläßliche Voraussetzung einer der
+wichtigsten und schwierigsten geschichtlichen Entwickelungen aller
+Zeiten: der Bekehrung der germanischen Welt zum römischen Christentum.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Die Panegyriker.
+
+
+Aus dem fünften Jahrhundert wissen wir vom litterarischen Betrieb in
+der gallischen Kirche noch eben genug, um die Spuren von Heiligenleben
+sicher festzustellen, wenn auch die Ueberlieferung, selbst im
+günstigeren Falle, uns nicht mehr rein erhalten ist. Gegen das
+Martinsleben des Severus gehalten, handelt es sich nun zwar nicht um
+eine Nachahmung, wie es bei einer zeitlich unmittelbaren Fortsetzung
+der Gattung anzunehmen wäre. Vielmehr begegnen wir hier einer neuen
+Gattung von Heiligenleben, wo das keineswegs fehlende Moment der
+Memorie indessen durch hinzutretende rhetorische Einflüsse eine gewisse
+Veränderung erleidet.
+
+
+1.
+
+Severs Freund Paulin von Nola gedenkt in zweien seiner Briefe[036-a]
+des gallischen Bischofs Viktricius von Rouen, der 417 gestorben
+ist. Diese Briefe sind an jenen Bischof selbst gerichtet und bieten
+im Gewande einer ihm dargebrachten Huldigung die Elemente zu einer
+Beschreibung seines Lebens dar. In der That ist das so gespendete
+Material, allerdings nach Jahrhunderten, noch zu einem Heiligenleben
+verarbeitet worden[036-b]. Dies mag hier einleitungsweise erwähnt sein,
+um zu zeigen, daß es mit biographischen Notizen nicht gethan, daß
+vielmehr eine Form zum Begriff des Heiligenlebens unerläßlich ist.
+
+In den gallischen Heiligenleben aus dem fünften Jahrhundert ist diese
+Form nun nicht wie bei Sever, litterarischer, sondern rhetorischer
+Natur. Es sind Reden, Lobreden, und da es sich um ein kirchliches
+Gedächtnis handelt, Predigten. Solche liturgisch eingegliederte
+Eulogien finden wir in einigen bedeutenderen gallischen Bischofsstädten
+dann, wenn es einen verstorbenen städtischen Bischof kultisch zu
+ehren gilt. Der Anlaß ist die erste Wiederkehr des Todestages, an
+der sich dann der Nachfolger seiner Aufgabe entledigt. So hielt
+Hilarius von Arles am ersten Jahrestage seines Vorgängers Honoratus
+die Gedenkrede, indem er vor der Gemeinde ein Lebensbild des Heiligen
+entwarf. Dieses Honoratusleben ist nun eine gehaltene Predigt und
+hat durchaus oratorischen Charakter; doch sagt der Vortragende,
+er werde sich kurz fassen, weil ja seinen Zuhörern der Mann, der
+der Gemeinde so lange vorstand, noch lebendig im Gedächtnis sein
+werde[036-c]: »Indessen, geliebte Brüder, kann ich das einzelne mehr
+nur berühren, als erzählen, auch das, was anderen vielleicht bekannter
+ist als euch. Und nun gar von der Zeit, seit er der eure war, muß
+ich nur die Summe ziehen«. Dennoch versteht es Hilarius sich seiner
+Aufgabe mit Wärme zu entledigen; es kommt ihm vom Herzen, weil seine
+Verehrung für den Heimgegangenen aufrichtig ist, verdankt er ihm doch
+seine Bekehrung[036-d]: »Ja, ja, die Fürbitte des Heiligen führt
+die Abtrünnigen zurück, unterwirft die Hartnäckigen, gewinnt die
+Aufständischen«. Bei allem Schwung des Ausdrucks ist doch unnatürlicher
+Schwulst vermieden, und die Sprache bewegt sich noch im guten Latein.
+Diese Vorzüge vermögen indes das sachliche Interesse nicht sehr
+zu steigern, obschon der Gegenstand dessen doch auch nicht ganz
+entbehrt[037-a]; denn Honoratus ist der Gründer des Klosters Lerinum.
+Er wurde geboren in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als
+Mitglied einer hochstehenden gallischen Adelsfamilie. Sein Vater war
+Heide und wollte seinen Sohn zum Weltmann erziehen. Dieser aber ließ
+sich taufen und neigte dem asketischen Leben zu. Diesen Hang bestärkte
+eine Reise, die er in Begleitung seines Bruders Venantius nach dem
+heiligen Lande unternahm. Unterwegs starb sein Bruder. Nach Italien
+zurückgekehrt, hielt sich Honorat vorzugsweise in der Gesellschaft von
+Bischöfen auf. Namentlich fesselte ihn Bischof Leontius von Frejus;
+in seinen mönchischen Absichten konnte ihn freilich dieser Umgang
+nicht irre machen, und so gründete er auf der Insel Lerinum einen
+Asketenverein; an starkem Zuzug sollte es nicht fehlen. Honorat regelte
+die Einrichtung des Klosters selber und ging mit dem guten Beispiel
+voran. Er stand, trefflicher Briefsteller der er war, besonders mit
+Bischof Eucherius in Korrespondenz. Unter denen, die er bekehrte, war
+auch ein Verwandter, eben sein späterer Nachfolger Hilarius. Wider
+Willen folgt Honorat einem Rufe als Bischof nach Arles. Sein Lebensende
+war seiner würdig. Die Rede schließt mit einer Anrufung des Heiligen.
+
+Ein schönes Beispiel eines solchen homiletischen Lebensbildes läge
+uns vielleicht in dem Germanusleben des Constantin von Lyon vor.
+Aber die Ueberlieferung ist unsicher. Doch lassen sich an eine auch
+uns zugängliche ältere Fassung einige Beobachtungen anknüpfen. Der
+Charakter einer Rede läßt sich nicht strikt nachweisen, wohl aber
+die gottesdienstliche Bestimmung der Schrift, die nicht nur mit
+einer Doxologie schließt, sondern auch nachweislich am Ende des
+fünften Jahrhunderts in die gallikanische Liturgie als Einlage des
+Germanusfestes Aufnahme fand. Sie ist im Lapidarstil des Tacitus
+und Sallust gehalten und gibt Aufschlüsse zur Zeitgeschichte. Wir
+sind im Stande, diese Mitteilungen einigermaßen zu kontrollieren.
+Ueber die Mission des Germanus von Auxerre in Britannien haben
+wir das gleichzeitige und vollständig glaubwürdige Zeugnis des
+Prosper[037-b]. Dieser kennt jedoch weder den Bischof Lupus von Troyes
+als Reisegefährten, noch eine zweite Reise des Germanus. Von beiden
+Umständen weiß auch der ältere Text des Germanuslebens nichts[037-1].
+Wieder eine andere Frage ist, ob ein ursprüngliches Germanusleben
+wirklich den Priester Constantin von Lyon zum Verfasser hatte. Wenn
+ja, so ist der Verlust des Originals um so mehr zu bedauern, als wir
+hier ein neues Mal einen bedeutenden Menschen, wie Germanus, von einem
+nicht unbegabten Schriftsteller beschrieben hätten. Der in der Auswahl
+seiner Gesellschaft sehr wählerische Apollinaris Sidonius hielt auf
+Constantin große Stücke und schreibt gelegentlich[038-a]: »Ich habe
+acht Bücher Briefe für Constantin geschrieben, einen Mann von nicht
+gewöhnlichen Anlagen und gesundem Urteil, der, ohne daß ich damit den
+andern Schriftstellern unserer Tage zu nahe treten will, sie doch durch
+die Fertigkeit treffenderen Ausdrucks in jeder Hinsicht aus dem Felde
+schlägt.«
+
+Auch jener Hilarius von Arles, der das Leben des Vorgängers schrieb,
+hat selber einen alten Darsteller gefunden[038-b], immerhin nicht
+seinen Nachfolger Ravennus und auch nicht Honoratus von Marseille,
+sondern einen Unbekannten am Ende des fünften Jahrhunderts. Dieser
+schildert vielleicht den Heiligen auf Grund eigener Bekanntschaft;
+daß jedoch schriftliche Hinterlassenschaft, nämlich der Briefwechsel
+zwischen Hilarius und Eucherius zur Kenntnis systematisch ausgebeutet
+wird, rückt die Schrift bereits an die Grenze memorienhafter
+Aufzeichnung und spielt in das Gebiet der Nachforschung hinüber.
+Hilarius, der ein Mann war und energisch, wenn auch erfolglos die
+Unabhängigkeit der gallischen Kirche von Rom verfocht, hätte einen
+wirklichen Schüler von ihm auch soweit in seinem Bann gehabt, daß in
+dem Lebensbilde die Parteigängerschaft zu Tage träte, während nun sein
+Streit gegen Leo mit dem Gleichmut eines schon Fernerstehenden erzählt
+ist und in der Mitteilung eines urkundlichen Beleges gipfelt. Auch
+dieses Lebensbild schließt mit einem Lobe des Heiligen. Die Sprache
+überwuchert von Pathos; Hilarius selbst war hierin feiner gewesen.
+Ebenso schieben Ansätze zu eingeflochtenen Kunstreden, die Schrift
+in die Nähe des Ennodius. So geringe Ausbeute auch unsere Umschau
+nach Heiligenleben in Gallien und im fünften Jahrhundert ergeben hat,
+sie läßt uns doch auf einen umfangreicheren Betrieb der geistlichen
+Gedächtnisrede schließen, die indessen dann auf italienischem Boden
+neue kräftigere Wurzeln schlug. Doch entkeimte auch sie der gallischen
+Saat. Denn gestammt hat Ennodius aus Arles; er war seiner Heimat nach
+Gallier.
+
+
+2.
+
+Ennodius war einer Tante zu lieb nach Pavia gezogen, hatte dann reich
+geheiratet und sich schließlich mit der Uebernahme des Bistums Pavia
+in Italien vollends naturalisiert. Im Jahre 502 bis 503 schrieb er das
+Leben seines Vorgängers Epiphanius[038-1]. Es war eine Vorlage, die
+reicher geschichtlicher Beziehungen nicht entbehrte.
+
+Epiphanius war von Pavia[038-c]. Seine Eltern Maurus und Focaria
+gehörten guten Familien an. Unter Bischof Crispinus trat er in den
+Dienst der Kirche und erhielt, acht Jahre alt, das Amt eines Lektors.
+Bald darauf erlernte er die Kurzschrift und wurde als Schreiber
+verwendet; er hätte aber statt nachzuschreiben, damals ebensogut schon
+selber diktieren können. Mit sechszehn Jahren war er reif, in allen
+Dingen ein wahres Muster und überdies ein schöner Mensch. Seine Wangen
+lachten, selbst wenn er traurig war; sein wohlgestalteter Mund empfahl
+sein eindringliches Wort und wohin er sein Auge richtete, kündete sein
+Blick die Heiterkeit seiner Seele. Eine Stirne wie aus Wachs und von
+ätherischer Weiße. Eine Nase so wohlgebaut, daß kein Maler sie schöner
+hätte erfinden können. Die Arme rund und voll, die Finger lang; es
+machte auch dem Fremden Freude, aus dieser Hand etwas in Empfang zu
+nehmen. Der hohe Wuchs deutete auf den künftigen Bischof. Sein Benehmen
+war natürlich und ungekünstelt; seine Art zu reden, wo er vorzutragen
+hatte, ansprechend, wo zu schmeicheln, gewählt, wo zu vermitteln,
+schon damals fein berechnet, wo zurechtzuweisen, voll Nachdruck, wo
+zu ermuntern, eindringlich, ohne sich jedoch etwas an seiner Feinheit
+zu vergeben; die Stimme klang voll, männlich elegant, nicht bäurisch
+derb, doch auch nicht schwach und gebrochen. Im achtzehnten Lebensjahre
+wurde er im zweiten Range vor den Leviten dem Chor der Alten
+zugeteilt[039-a]. Viele, doch nur Fremde, fragten erstaunt, welche
+Vorzüge ihn dem reiferen Alter zuwiesen. Die ihn kannten, meinten,
+diese Würde sei ihm zu spät verliehen worden. Nur zwei Jahre war er
+Subdiakon. Er wurde Levite ohne sich je einen Wunsch darnach erlaubt zu
+haben. Eine That von ihm aus jener Zeit mag hier erwähnt werden. Das
+summische Feld heißt ein Distrikt am Po, wo der sich schlängelnde Strom
+dem einen Anwohner schenkt, was er dem andern stiehlt, und der Gewinn
+des einen der Schaden des andern Nachbarn ist. Ueber dieses Grundstück
+führte ein gewisser Burko einen alten Prozeß mit der Geistlichkeit. Den
+Hader zu schlichten, wurde der junge Mann hingeschickt. Im Verlauf der
+Verhandlungen verlor Burko die Fassung und schlug den Heiligen blutig.
+Da stürzte sich die Mutter des Thäters dazwischen. Aber Epiphanius
+hatte sich auch ohnedies vollkommen in der Gewalt, suchte nach wie
+vor zu begütigen und auch später, als alle Christen in Pavia Burkos
+Tod verlangten und der Bischof weinte, war er der einzige, der ruhig
+blieb. Und dabei war er so schüchtern, daß er Diakon geworden die erste
+Zeit verlegen dem Blick der Leute auswich. Der Bischof vertraute ihm
+das ganze Armenvermögen an, da er sehen wollte, wie er sich einmal als
+sein Nachfolger anließe. Auch führte Epiphanius einen reinen Wandel;
+daß er Mann sei, merkte er nur an seiner Arbeitskraft, daß er Fleisch
+habe, nur bei dem Gedanken an seine einstige Auflösung. Und spielte
+sinnliche Lust in seine Traumgebilde — »ich weiß das von ihm selbst« —
+so sprang er sofort auf, wachte, fastete, und verbrachte lange Zeit in
+aufrechter Stellung. Lesen bildete seine Erholung, die heilige Schrift
+unterhielt ihn. Was er einmal durchgesehen, konnte er auswendig,
+und so lebendig ging es ihm in Fleisch und Blut über, daß man unter
+Umständen aus seiner Handlungsweise auf die Bibelstelle schließen
+konnte, mit der er sich zuletzt beschäftigt hatte. Den Haushalt der
+Kirche verwaltete er weder verschwenderisch noch knickerig. Er übte
+sich schon damals auf das Amt eines Vermittlers ein. Denn wohin er
+immer für eine Beisteuer an die Armen von seinem Bischof geschickt
+wurde, verstand er sich vortrefflich aufs Bitten; mehr als einer meinte
+nach einem solchen Besuch, es sei ihm ein Vorteil erwachsen, daß der
+Bischof nicht in Person gekommen sei. Er wurde täglich beliebter,
+und zwar gründete sich diese Liebe auf Urteil. Ohne daß man den
+Bischof in den Himmel wünschte, konnte man doch seinen Nachfolger
+kaum erwarten. Jener selbst fand bei der zunehmenden Altersschwäche
+in Epiphanius seine einzige Stütze. Er war ihm Fuß, Hand und Auge.
+Im Ganzen blieb Epiphanius acht Jahre Diakon. Auch hatte er in dem
+damals sehr tüchtigen Clerus von Pavia Collegen, auf die er stolz sein
+durfte: der Archidiakon Sylvester, ein Mann der alten Schule, und der
+dem gallischen Adel entstammende Priester Bonosus. Vor seinem Ende
+begab sich Bischof Crispinus noch einmal nach Mailand und legte dort
+an maßgebendem Orte seine Empfehlung für den Nachfolger nieder, dann
+kehrte er nach Pavia wie zu seinem Grabe zurück und starb in der That
+bald darauf an der Gelbsucht. Sofort war man einig(040–b). Epiphanius
+fühlte sich noch zu jung und wurde wider seinen Willen zur Weihe nach
+Mailand geführt. Als er in der Bischofsmütze erschien, jubelten ihm
+auch Auswärtige zu. Man beneidete das kleine Pavia um seinen Hirten,
+während anderswo die Bischöfe sich im bloßen ~Namen~ »Metropoliten«
+gefielen. Er begann seine Regierung damit, sein eigenes Leben aufs
+strengste enthaltsam einzurichten. Er gewöhnte sich das Baden ab und
+nahm unter dem Verzicht erst auf das Frühstück und dann auch auf das
+Mittagessen täglich nur eine Mahlzeit zu sich, des Abends. Er drang
+darauf, Hausmannskost zu haben, ohne ungewöhnlichen Gaumenreiz, zumal
+er nur Kohl und Hülsenfrüchte aß. Wein trank er wenig und eigentlich
+nur, nach dem Rezept des Apostels, gegen Magenschwäche. Er ging bei
+jedem Wetter aus und war alle Zeit der Erste am Platze. Er der Bischof
+ging den Lektoren voran und bestimmte den Gang der Vigilien. Vor dem
+Altare stehend wohnte er jedem Gottesdienste bei, sodaß er mit dem
+Dunst seiner Füße den Platz befeuchtete und schon von weitem kennbar
+machte. In der Mußezeit beschäftigte er sich immer auch, um nachher auf
+die wirkliche Arbeit besser gerüstet zu sein. Dabei wurde Epiphanius
+zu hohen politischen Sendungen berufen. Der in Mailand residierende
+Patricius Ricimer läßt sich von dem ligurischen Adel bestimmen,
+den Epiphanius mit der Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser zu
+betrauen. Der Bischof begab sich zu diesem Zwecke nach Rom mit vollem
+Erfolge[041-a]. Seine jüngere Schwester Honorata widmete sich ebenfalls
+dem geistlichen Stande und wurde vom Bruder an eine besonders fromme
+Nonne Luminosa gewiesen[041-b]. Nach Ricimers und Anthemius Tode folgte
+Olybrius, auf ihn Glycerius und auf diesen Nepos. Zwischen ihm und
+den Westgoten, die Eurich mit eiserner Faust beherrschte, brach Zwist
+aus. Im achten Jahre seines Episkopats[041-c] wurde Epiphanius von
+Nepos angegangen, einen Ausgleich zu Stande zu bringen. Die an sich
+schon beträchtlichen Beschwerden der Reise nach Tolosa verdoppele er,
+indem er bei jeder Station stehend die Psalmen und andere geistliche
+Lesung vornahm und dann an einem schattigen Platze auf grünem Rasen
+sich dem Gebete hingab. Auch diese Mission glückte, da er sowohl König
+Eurich als dessen Minister Leo vollständig einzunehmen verstand.
+Als er Tolosa wieder verließ, gab ihm die ganze Stadt das Geleite.
+Auf dem Rückweg besuchte er die heiligen Stätten, die Medianen, die
+Stöchaden und Lerinum, die flache Mutter der höchsten Berge. In Pavia
+brach dann die Revolution aus, weil Odoaker die Hand nach der Krone
+ausstreckte[041-d]. Orestes hatte sich im Vertrauen auf ihre Festigkeit
+in diese Stadt zurückgezogen. Beide Kirchen gehen in Flammen auf,
+die ganze Stadt brennt. Der Bischof konnte seiner Schwester, die
+gefangen wurde, das Leben retten und verwandte sich ebenso für viele
+andere, namentlich für Hausfrauen. Unter seiner Autorität erhob sich
+die Stadt wieder, und als Orestes bei Piacenza gefallen war, stand
+Odoaker nicht an, dem Bischof besondere Ehren zu erweisen. Rüstig
+ging dieser ans Werk, die Gotteshäuser wieder aufzubauen; auch ohne
+Geld: es sei doch schwer denkbar, daß einem Menschen Ueberfluß zu Teil
+werde, der ein Bettler von Gemüt sei. So brachte er die Summe zusammen.
+Nun stürzte aber beim Bau die Säulenwand der einen Kirche ein; um so
+entschlossener ging Epiphanius wieder ans Werk. Seinem Gebete ist es
+auch beizumessen, daß der Einsturz der Kuppel mit samt dem Gerüst
+keinem der Bauleute auch nur einen Beinbruch zuzog. So wurden unter
+seiner Leitung erst die kleinere und dann die größere Kirche wieder
+aufgebaut. Auch für die politische Wohlfahrt war er besorgt und
+bewirkte bei Odoaker für die Städte einen Nachlaß der Steuern auf fünf
+Jahre. Ebenso erhob er Einsprache beim König, als der Präfekt Pelagius
+durch maßlose Getreideankäufe Ligurien bedrückte. Wieder wechselte
+das Regiment[041-e]. Theodorich erschien und erkannte mit seinem
+Scharfblick den Bischof in dessen ganzem Werte. Als die Partei Odoakers
+unter Tuffa noch einen letzten Versuch machte, konzentrierte König
+Theodorich sein Heer in Pavia. Die Stadt wurde dadurch übervölkert.
+Da konnte Epiphanius Segen stiften. Als Freund sowohl Odoakers als
+Theodorichs genoß er bei beiden Parteien Ansehen. Seinen Frieden störte
+auch der Krieg nicht. Täglich bewirtete er liebevoll die Räuber und
+verabreichte innerhalb der Stadtmauer das Nötige denen, die draußen
+seine Landgüter verwüstet hatten. Die Auslösung der gefangenen Weiber
+und Kinder ging durch seine Hand. Dem Könige war er der rechte Mann und
+galt ihm für verehrungswürdig vor allen Heiligen. Alle Römer, die seine
+Gothen abfingen, stellte der Fürst ihm zurück. Wie vielen Unterthanen
+verschaffte er Grund und Boden wieder, wie viele schützte er vor
+Bedrückungen! Und was mußte er sich feindlicherseits an Grobheiten
+und Beleidigungen gefallen lassen! Drei Jahre stand er unter diesem
+Kreuz. Nach dem Abzug der Gothen wurde die Stadt den Rugiern übergeben.
+Es war ein wildes Volk, dem ein Tag ohne Gewaltthat für verloren
+galt[042-a]. Doch auch sie gewann Epiphanius, ihn, den Katholiken und
+Römer, hochzuschätzen. Zwei Jahre verlebte er mit ihnen im besten
+Einvernehmen, bis sie wieder abzogen. Als endlich Theodorich nach allen
+Seiten gesiegt hatte, benützte Epiphanius die wiederkehrende Ruhe zur
+inneren Befestigung seiner Gemeinde[042-b]. Unterdessen gefiel es
+Theodorich, nur jenen Römern ihre Rechte nicht zu beschränken, die ihre
+frühere Anhänglichkeit an ihn beweisen konnten; wen dagegen irgend ein
+Grund fern gehalten hatte, der sollte des Rechtes zu testieren und
+aller Freiheit in der Willenserklärung verlustig gehen. Da durch ein
+solches Gesetz bei dem größten Teile alle Rechte vernichtet wurden,
+erlag Italien einem beklagenswerten Rechtszustande. Epiphanius, und,
+da er sich diesmal allein zu schwach fühlte, auf seine Bitte hin auch
+Laurentius von Mailand begaben sich nach Ravenna und wurden mit Achtung
+aufgenommen. In einer ersten Audienz erwirkte Epiphanius zunächst den
+Erlaß einer allgemeinen Amnestie durch den Quästor Urbicus, in einer
+zweiten geheimeren Unterredung beauftragte der König den Bischof,
+die Leitung zur Zivilisierung des verwüsteten ligurischen Landes zu
+übernehmen. Er wies ihm auch mit das nötige Geld an, um bei König
+Gundobald von Burgund die italienischen Gefangenen auszulösen. Kaum
+nach Pavia zurückgekehrt, unternahm Epiphanius sofort die Reise über
+die Alpen, obgleich es noch Winter war, der März die Flüsse noch in
+des Eises Banden geschlagen hielt und die grauen Schneehäupter der
+Alpen den Reisenden Verderben drohten; aber seine Glaubenswärme ist
+mächtiger als die tödliche Kälte und das Eis. Er reiste ab, sobald er
+für die Wegzehrung Anstalten getroffen, in Begleitung Bischof Viktors
+von Turin. In Gallien wurden sie mit offenen Armen empfangen. Ueberall
+die reichste Aufwartung. In Lyon kam ihm Bischof Rustikus über die
+Rhone entgegen und öffnete ihm die Augen über die Verschlagenheit
+des Königs. Damit ihn dessen verschmitzte Einwürfe und Entgegnungen
+nicht unvorbereitet fänden, übt sich Epiphanius im Stillen darauf ein.
+Gundobald war indessen sehr gnädig; er ließ nach der Audienz durch
+seinen Minister Laconius den Gnadenerlaß ausfertigen und dem Epiphanius
+überreichen. Ennodius war es, der die Zettel an die Kastelle schrieb.
+Blos aus der Gemeinde Lugdunum wurden an einem Tage vierhundert
+Menschen in die Heimat nach Italien entlassen. So war es in allen
+Städten Sapaudias und anderer Provinzen. Deren, die nur allein die
+Bitte des Bischofs befreite, waren mehr als sechstausend Seelen; die
+Zahl die man mit Gold loskaufte, ließ sich nicht so genau feststellen,
+da viele darunter ihren Herrn ohne Lösegeld entliefen. Zur Bestreitung
+der Auslösungskosten trug namentlich eine edle Frau, Syagria, und
+Bischof Avitus von Vienne bei. Ihnen dankt man das Zustandekommen des
+Liebeswerkes zum guten Teil. Epiphanius aber sah überall persönlich
+nach. So auch in Genf, der Residenz des Königsbruders Godegisel.
+Bald wimmelten Weg und Stege von den Schaaren der Heimkehrenden. Das
+hatte Epiphanius innerhalb eines Vierteljahres zu Stande gebracht.
+Er vollendete seinen Liebesdienst, indem er durch Bittschriften an
+Theodorich den Befreiten den vollen Genuß ihres Vermögens erwirkte. Und
+als zwei Jahre später dem erschöpften Ligurien eine unerschwingliche
+Abgabenlast aufgebürdet wurde, übernahm er abermals die Sache der
+Bedrängten[043-a]. Er eilt nach Ravenna. Der König ängstigte sich um
+des Bischofs Gesundheit und gewährte an der erhobenen Steuer einen
+Abstrich von nicht weniger als zwei Dritteilen. An einem schneeigen
+Tage, an dem man sich ans Kamin flüchtete, verließ Epiphanius Ravenna
+und schnell ging es durch alle Gemeinden an der ämilischen Straße, als
+eile er zu seiner letzten Herberge. Gegen alle Priester an der Straße
+war er herablassend und freundlich. Als er aber nach Parma an derselben
+Straße gekommen war, befiel ihn ein Katarrh und warf sich bald auf
+die unteren Teile. Noch erreichte er Pavia scheinbar gesund. Aber am
+Tage des Einzugs selbst fühlte er sich unwohl, mußte sich legen, und
+nun ging es jeden Tag schlechter. Die Krankheit wurde gefördert durch
+die Unwissenheit der Aerzte. Am siebenten Tage trat die Krisis ein. Er
+starb, Psalmverse auf den Lippen, im achtundfünfzigsten Jahre seines
+Lebens, dem achtunddreißigsten seines Priesterstandes. Seine heiligen
+Reste sah man bis auf den dritten Tag, da sie beigesetzt wurden, mit
+solchem Licht und Schmuck bekleidet, daß das Antlitz des Heimgegangenen
+den Glanz seines Lebens bezeichnete[043-b]. In der großen Menge an
+seinem Grabe war Niemand, der ihm nicht etwas zu danken hatte.
+
+In diesem Auszug aus dem Epiphaniusleben des Ennodius[044-1] sind die
+vielen Reden, die bei jeder Gelegenheit gewechselt werden, übergangen
+worden. Sie sind in ihren immer wiederkehrenden schönrednerischen
+Schablonen das eigentliche Merkmal, daß in diesem Heiligenleben
+klassische Muster befolgt wurden; ist es doch eine Gewohnheit der
+alten Historiker in die Erzählung längere Reden einzuflechten, die
+sie der Situation gemäß passend erfinden zu müssen glaubten, und so
+erscheinen die Reden auch hier durchaus als rhetorische Kunstprodukte
+des Autors. Schon die ganze Person des Verfassers weist aber auf den
+Zusammenhang mit der heidnischen profanen römischen Litteratur hin.
+Denn wenn ein Sulpizius Severus nur durch einen Bruch mit seiner
+Bildung christlicher Schriftsteller hat werden können, so wohnen bei
+geistlichen Grandseigneurs wie Sidonius Apollinaris und auch Ennodius
+weltliche und heilige Empfindung in oft erstaunlicher Eintracht
+bei einander. Eine weltliche Lobrede besitzen wir von Ennodius auf
+Theodorich den Großen. Das Epiphaniusleben gibt sich durchaus als
+dessen geistliches Seitenstück. Obschon es nicht eine Ansprache an
+den zu Lobenden, sondern an dessen Verehrer ist, also von dem Helden
+in dritter Person erzählt, obschon ferner nicht bewiesen werden kann,
+daß die Schrift mündlich vorgetragen wurde, wird doch ohne Zweifel
+ihr Charakter am richtigsten getroffen, wenn man in ihr schlechthin
+einen vom profanen ins kirchliche Leben verpflanzten Brauch sieht
+und sie als christlichen Panegyrikus auffaßt[044-2]. Dann ist die
+Schrift aber zugleich ein rühmliches Beispiel, wie innerhalb des
+Panegyrikus und der bei ihm obligaten blumigen Verschnörkelungen doch
+auch wahrheitsgetreue Beobachtung zu ihrem Rechte kommen kann: denn
+alles in allem ist das Lebensbild reich an zuverläßigem historischem
+Stoff. Aber das freilich zeigt ein Vergleich mit der Arbeitsweise
+der mönchischen Memorienschreiber deutlich: so sauer wie ihnen ist
+Ennodius seine Pflicht bei allem Fleiß, den er sich kosten ließ, nicht
+geworden. Er hat nicht Blut geschwitzt, wie Sulpizius Severus und
+nicht vor Mangel an Selbstvertrauen gezittert wie Eugipius. Und er
+brauchte es auch nicht. Denn sein Gegenstand war gar nicht geartet, den
+Verfasser innerlich so mitzunehmen. Es handelte sich um einen frommen,
+tugendhaften, vorbildlichen, aber nicht um einen ungewöhnlichen,
+genialen, wunderbaren Menschen. Nicht geringes Vertrauen zu der
+Berichterstattung des Ennodius über seinen Vorgänger im Amt muß der
+Umstand einflößen, daß er von seinem Heiligen nur ein Wunder zu
+berichten weiß, übrigens nur ein halbes Wunder: eine schwermütige Frau
+soll sich nach Empfang seines Segens leichter gefühlt haben[045-a].
+Aber gegen große Volksheiligen gehalten, steht der wackere Epiphanius
+armselig da. Man kann nicht in die Nähe jener merkwürdigen Gestalten,
+wie Martin oder Severin treten, daß es vor unsern Augen nicht von
+Zeichen und Wundern zuckt. Der Saum von Martins Kutte knistert
+förmlich, weil er mit Kräften gesättigt ist. Nichtsdestoweniger gehören
+bei aller Verschiedenheit ihrer Helden Panegyrikus und die mönchischen
+Schriften zusammen, weil eben auch jener seinem Inhalt nach Memorie ist
+und auf persönliche Erinnerung zurückgeht. Er teilt auch den Mangel
+der Memorie; er entbehrt des chronologischen Rahmens. Aus den vielen
+Anspielungen an die zeitgenössische Geschichte kann man es ja zur Not
+berechnen, aber ausdrücklich zu sagen versäumt Ennodius, was er doch
+sicher wußte, daß Epiphanius 439 geboren, 467 Bischof wurde und 497
+gestorben ist.
+
+Im Jahre 508 verfaßte Ennodius ein zweites Heiligenleben. Seinem Inhalt
+nach gehört es gewissermaßen bereits in den Kreis des eugipischen
+Severinus; denn der Mönch Antonius war ein Mündel des Severinus von
+Noricum[045-b]: »Gepriesen sei der ungeteilt dreieinige Gott, der
+seinen Knecht Antonius, so vieler Tugenden Träger, an den Ufern der
+Donau im Staate Valeria als Sohn des Sekundinus die Schwelle der Welt
+überschreiten hieß. Schon an der Mutterbrust fühlte dieser durch
+Gottes Gnade seine künftige Bestimmung und, damit sein Entschluß nicht
+durch die Schmeichelkünste der Eltern durchkreuzt würde, ging er etwa
+im Alter von acht Jahren der väterlichen Obhut verlustig (was heißen
+will, sein Vater sei gestorben!). Bald darauf schwang sich seine
+ungeschminkte Jugend zu dem hoch berühmten Severinus, der ihn mit
+Küssen liebkoste und die künftigen Fähigkeiten des Knaben zum voraus
+überschlug, als wären sie schon entwickelt«. In diesem verblümten
+Stil geht es fort. Das Antoniusleben steht allerdings selbständig
+da, aber mit Eigenschaften, die nicht gerade ein Vorzug sind. Die
+Wundergeschichten fehlen ja nicht etwa aus Kritik des Verfassers,
+sondern weil mit dem besten Willen keine zu erzählen waren. Nicht
+schriftstellerische Oekonomie, sondern ein allzu ärmlicher Inhalt
+erklären den geringen Umfang. Immerhin füllt sie im Druck vier
+Quartseiten: und doch ließ sich das Sachliche an ihr in einem Satze
+sagen: Antonius, aus angesehener Familie in Pannonien gebürtig, aber
+früh Waise und daher erst von Severin und dann von seinem Onkel,
+dem Bischof Constantius, zum Geistlichen erzogen, flieht vor der
+Völkerwanderung nach Italien, ist erst eine Zeit lang im Veltlin auf
+unzugänglicher Bergeshöhe Einsiedler und birgt sich dann vor den
+ihm lästigen Besuchen frommer Pilger im Kloster Lerinum, wo er auch
+sein Leben beschließt. Auch hier handelt es sich um ein Gedächtnis,
+aber nicht um schriftstellerische Erlösung von einem übermächtigen
+persönlichen Eindruck, sondern eben nur um einen wohlgemeinten Nekrolog
+eines unbedeutenden Menschen, wie eine Mumie noch mit einigem Balsam
+vor allzuschnellem Verfall bewahrt werden soll.
+
+So hat denn von Gallien ausgehend und in Ennodius gipfelnd die
+Manieriertheit des römischen Rhetorentums mit allen Unarten
+und Verkünstelungen ebenfalls in die beginnende litterarische
+Heiligenindustrie ihren Einzug gehalten. Sobald die bescheidene
+Befangenheit verschwand, sobald mit ihr die Scheu vor dem Gegenstande
+und der damit verbundene Glaube an das eigene Unvermögen verloren
+gingen, quoll auch das tönende Pathos und der wattige Schwulst der
+Wohlredenheit unaufhaltsam zu Tage. Fast notwendig trat dieser Fall
+ein, wenn das Heiligenleben nicht mehr einer persönlichen inneren
+Notwendigkeit, sondern einem äußeren kirchlichen Bedürfnis seine
+Entstehung verdankte. Begleitet wird dieser Wechsel auch äußerlich
+durch die Verschiebung im Stande des Schriftstellers. Nicht mehr ein
+Mönch greift nun zaghaft, unter beständigen Entschuldigungen zur Feder,
+sondern irgend ein hochwürdiger Bischof erhebt, selbst durch den Mangel
+an Thatsachen nicht abgehalten, seinen Schützling in den Himmel.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Severinus von Noricum, Fulgentius von Ruspe, Cäsarius von Arles.
+
+
+Immerfort unter dem Einfluß unseres Hauptgedankens, daß das
+unmittelbare persönliche Andenken an den Heiligen den echten
+lebenspendenden Kern aller Heiligenschreibung bildet, greifen wir
+nun noch drei Lebensbilder aus der ersten Hälfte des sechsten
+Jahrhunderts auf, an denen das deutlich zu Tage tritt. Zwar waren
+auch jene oberflächlicheren Lobredner unzweifelhaft noch authentische
+Berichterstatter. Aber überwältigend und unmittelbar zur Aufzeichnung
+drängte das Andenken immer erst dann, wenn nicht geistlicher
+Amtstrieb oder sonst eine Veranlassung zweiter Hand, sondern das
+unwiderstehliche, eigene Bedürfnis zur Niederschrift führten. Die drei
+namhaften Heiligenleben, bei denen das der Fall war, fallen in die
+Jahre 511, 530 und 548. Das erste ist unüberarbeiteter Originalentwurf
+eines einzigen Verfassers, das zweite anonym und das dritte, in zwei
+Teile zerfallend, das Werk mehrerer Hände und Herzen.
+
+
+1.
+
+Mehr als ein Jahrhundert nach Severus, im Jahre 511, schrieb der Abt
+Eugipius in Lucullanum bei Neapel das Leben Sankt Severins von Norikum.
+Der Heilige, der 482 gestorben ist, ist Martin ebenbürtig.
+
+Attila war tot[047-a]. Seine Söhne befehdeten sich im Donaugebiet.
+Da trat der Gottesmann Severinus auf. Er kam aus dem Morgenland und
+war katholischen Glaubens. Später wenn ihn seine vornehmen Besuche
+nach seiner Heimat fragten, wich er aus[047-b]. Nur an seiner
+Aussprache ließ sich der Afrikaner lateinischer Abkunft erraten.
+Gelegentlich deutete er an, er habe sich in eine Wüste des Morgenlandes
+zurückgezogen und schon sehr viel durchgemacht. Nun wolle er in den
+Städten von Ufernorikum an der Grenze von Oberpannonien dem Einbruch
+der Barbaren entgegenwirken. Er zog von einer Stadt zur andern und
+weissagte den nahen Untergang, wenn man nicht bete und faste[047-c].
+Astura blieb halsstarrig und wurde zerstört. Nur in Commagena hörte man
+auf ihn. Da vermochten die Barbaren nichts gegen die Römerstadt[047-d].
+Es erfolgte ein Erdbeben. Die germanische Garnison und Thorwache floh.
+In Favianä sollte er der Hungersnot steuern. Er forderte einer reichen
+geizigen Dame ihr aufgespeichertes Getreide ab[047-e]. Zu gleicher Zeit
+kamen nun die Kornschiffe aus Rätien wieder die Donau hinunter, nachdem
+der starke Eisgang des Inn ihre Fahrt aufgehalten hatte[047-f]. Mit
+Erfolg ermunterte Severin den Tribunen Mamertinus trotz der schwachen
+Besatzungen gegen gefährliche Räuberzüge auszufallen. Nun richtete
+sich der Heilige in einer schlichten Zelle zwischen den Rebbergen
+ein, wechselte gelegentlich seine Siedelei, ging aber auch im Winter
+barfuß, und das in einem Klima, wo Lastwagen über die gefrorene Donau
+fahren konnten. Der Rugierkönig Flacciteus beriet sich in seiner
+Bedrängnis vor den Gothen mit Severinus[047-g]. Dieser bedauerte, daß
+er mit einem Arianer sich nicht über das künftige Leben unterhalten
+könne. Was aber das Erdbeben betreffe, so habe der König gegenüber
+den Gothen das und das zu thun. Seine Weisungen wurden befolgt und
+erwiesen sich überall glücklich[047-h]. Eine Witwe rugischen Stammes
+kam mit ihrem Sohn vor das Kloster gefahren: er habe seit zwölf Jahren
+die Gicht, der Heilige solle ihn gesund machen. Der Kranke genas. Auch
+aus anderen Volksstämmen erhielt Severin Besuche. Ja einmal erschien
+der junge Odoaker bei ihm, damals als er noch nichts war[047-i]. Aber
+mit seinem Haupt hatte der Riese an das Dach der Zelle gestoßen.
+Beim Abschied sagte der Heilige bedeutungsvoll zu dem künftigen
+König: »Ja, geh nur nach Italien, geh nur!«[048-a] Später kam auch
+Flacciteus’ Sohn, König Feleteus oder Feva, öfters. Sein Weib Giso
+fügte den Katholischen Leid zu, wo sie konnte. Severins Einsprache
+erhöhte noch ihre Wut. Erst als es ihrem Kind ans Leben ging, erschrack
+sie und gab nach. Einmal ließ Severinus auf dem Markte nach einem
+Unbekannten suchen, den er im Geist geschaut hatte; ohne ihn sonst je
+gesehen zu haben, beschrieb er ihn so genau, daß der Bote den Mann
+auf den ersten Blick erkannte[048-b]. Dieser trug die Reliquien der
+heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius und suchte schon lange die
+kostbare Last, die ihm auch auf die Seele drückte, an einem ihrer
+würdigen Orte zu bergen. Glückselig ließ er sich zu Severinus führen
+und dieser beauftragte Priester, die Bürde feierlich in der Basilika
+seines Klosters beizusetzen, wo sie die Gesellschaft anderer Reliquien
+vorfand. Ein ihm angetragenes Bistum lehnte Severinus ab und verwandte
+sein ganzes Organisationstalent darauf, das Leben seiner Mönche
+einzurichten. Der Pförtner des Klosters ging an einem Tage, da ihn der
+Heilige ausdrücklich vor dem Ausgehen gewarnt hatte, mit einem Bauern
+zwei Meilen weit Obst zu pflücken und wurde richtig von den Briganten
+weggefangen. Severin las eben zu Hause; plötzlich schlug er das Buch zu
+und rief: »Wo ist Maurus?« Er ließ sich selber über die Donau setzen
+und befreite den Vermißten durch sein persönliches Eintreten aus den
+Händen der Skamaren[048-d]. Nachgerade wetteiferten die oberen Städte
+von Ufernoricum, welche von ihnen den Heiligen beherbergen dürfe, weil
+sie sich dann gefeit glaubten. So sicher hatte er bis jetzt immer
+geweissagt[048-e]. In Kuchel benutzte Severin diese Popularität, um
+dem Heidentum den Garaus zu machen. Er predigte mehrmals eindringlich
+dem Volk ins Gewissen, ließ es durch die Priester zu einem dreitägigen
+Fasten auffordern, hieß dann aus jedem Hause Wachskerzen mitbringen,
+die jeder eigenhändig an der Kirchenmauer aufzustecken hatte. Auf dem
+Höhepunkt des Gottesdienstes entzündeten sich auf sein Gebet hin von
+selbst fast alle Lichter. Nur die der anwesenden Heiden hatten nicht
+Feuer gefangen: O du mächtige Güte des Schöpfers, der Kerzen und
+Herzen in Flammen setzt! Eine Heuschreckenplage wurde durch Severin
+abgewendet; nur ein einziger Mann verlor seine Ernte, weil er statt in
+der Kirche mit den Andern zu bitten, aufs Feld gegangen war und den
+ganzen Tag sich bemüht, das Ungeziefer zu verjagen[048-f]. In Salzburg
+wollte im Sommer bei einem Abendgottesdienst der Feuerstein nicht
+Funken schlagen. Severin betete so inbrünstig, daß sich alsobald die
+Kerze, die er in der Hand hielt, von selbst entzündete(048–g). Ein
+sterbendes Weib konnte auf die Fürbitte des Heiligen schon drei Tage
+später wieder Feldarbeit verrichten[049-a]. Häufige Ueberschwemmungen
+gefährdeten die Kirche von Guintana im zweiten Rhätien. Es war keine
+steinerne Basilika, sondern ein Rohbau aus Holz; er lag außerhalb der
+Stadt. Da der Bretterboden immer aufs neue weggespült wurde, unterließ
+man schließlich ihn zu ersetzen. Der heilige Severin sorgte indes
+dafür, daß das Zimmerwerk nun dauerte. Er nahm ein Beil, stieg in
+das Schiff hinunter, betete, schlug an die Pfosten und aichte unter
+Segenssprüchen den Boden mit dem Zeichen des Kreuzes. Nie hat der
+Fluß den Boden wieder weggeschwemmt[049-b]. Ein alter Priester namens
+Silvinus war gestorben[049-c]. Severin wollte die Totenwache in der
+Kirche übernehmen und schickte die anwesenden Kleriker schlafen. Der
+Pförtner Maternus meldete, die Kirche sei leer. Severin witterte noch
+immer einen Menschen. Richtig hatte sich eine neugierige Nonne in einem
+Kirchenstuhl verkrochen. Sie wollte der Totenerweckung beiwohnen. Sie
+mußte gehen. Severin umgab sich indessen mit einem Priester, einem
+Diakon und zwei Pförtnern, und als sie den Leichnam so weit hatten,
+daß das Leben in ihn zurückkehrte und der Tote die Augen aufschlug,
+fragte ihn Severin vorsichtshalber, ob er denn überhaupt wieder
+lebendig zu werden wünsche. Der Tote sagte: mit nichten; nun wolle
+er seine Ruhe haben, warum man ihn denn störe. Mit diesen Worten
+entschlief er endgiltig. Severin ließ die Augenzeugen eidlich Schweigen
+geloben. Erst nach des Heiligen Tode haben der Subdiakon Marcus und
+der Pförtner Maternus den Vorfall dem Eugipius unter dem Siegel der
+Verschwiegenheit anvertraut. Als Freund der Armen erwirkte Severin,
+obwohl er selbst wochenlang fasten konnte, den Zehnten, weil er nicht
+vermochte die Elenden hungern zu sehen. Es war dies keine kirchliche
+Steuer, sondern private Liebesthätigkeit. Auch Kleidungsstücke wurden
+ihm zur Verteilung übersandt. »Sind die milden Gaben von Tigurnia
+dabei?« fragte er. »Nein«, hieß es, »es wird noch kommen.« Severinus
+aber bezweifelte das, vielmehr werde der verzögerte Beitrag nun den
+Goten in die Hände fallen. Und so geschah es wirklich[049-d]. Auch
+Lorch entrichtete seine Zehnten nachlässig. Da wurde das reifende
+Getreide vom Mehlthau angefressen. Ein von Severin erbetener lauer
+Regen dagegen wendete die Gefahr ab[049-e]. In Batava zwischen Inn und
+Donau hatte Severin ein Klösterchen gegründet, an der Grenzmark der
+Alamannen, deren König Gibold ihm Verehrung bezeugt hatte. Der Fürst
+bat um eine Zusammenkunft. Der Heilige ging ihm entgegen und redete
+ihm so eindringlich zu, von den Einfällen ins römische Gebiet nun
+abzulassen, daß der Kriegsgewaltige wie ein kleines Kind zu zittern
+begann und die Gefangenen ohne Lösegeld freizugeben versprach.
+Indes wurde Severins Sendbote, der Diakon Amantius dann doch nicht
+vorgelassen. Er kehrte nach dreißig Tagen mißmutig um, faßte sich
+aber wieder, drang vor die Thür des Königs, gab seine Briefe ab,
+erhielt Gegenbriefe und konnte mit siebzig Gefangenen heimkehren.
+Später holte der Priester Lucillus den Rest der Gefangenen ab[050-a].
+Als die Besoldung der römischen Grenzgarnisonen nicht mehr richtig
+einlief, geriet die Landesverteidigung in Verfall. Schließlich
+blieben nur noch einzelne schwache Mannschaften übrig. Einige Züge
+gingen nach Italien, um den Sold heraus zu verlangen, wurden aber
+von den übermächtigen Barbarenheeren in aller Stille aufgerieben.
+Sie verschollen. Da wurde Severinus einmal, wieder über dem Lesen
+eines Buches durch die Divination unterbrochen, in dieser Stunde
+sei Menschenblut vergossen worden. In der That schwemmte[050-b] der
+Fluß Soldatenleichname ans Ufer. Eine Vorahnung ließ ihn seinem bei
+ihm anwesenden Freunde, dem Priester Paulinus dessen bevorstehende
+Wahl zum Bischof von Tiburnia ankündigen[050-c]. Für eine andere
+seiner Stiftungen, das Klösterchen zu Boitro suchten die Mönche
+Reliquien[050-d]. Severin aber meinte, die Zerstörung des Ortes stehe
+nahe bevor, sie sollten sich die Mühe doch sparen, der Johannissegen,
+nämlich die Fürbitte des Heiligen, werde ihnen deshalb nicht verloren
+gehen. Auch den Bürgern von Boitro, die sich seiner bedienen wollten,
+um bei dem Rugierkönig Febanus Handelsfreiheit zu erwirken, gab er
+denselben Bescheid, die Tage der Stadt seien gezählt; bald werde kein
+Kaufmann mehr nach Boitro kommen. Da sagte ihm in der Taufkirche ein
+leichtfertiger Priester ins Gesicht: »So reise doch wenigstens Du ab,
+Heiliger Gottes, daß wir uns von Deiner strengen Diät etwas erholen
+können.« Der faule Spaß schnitt Severin so ins Herz, daß er vor allen
+Leuten in Thränen ausbrach. Ueberzeugt, daß demnächst selbst die
+heiligen Stätten hiezuland in Trümmer lägen, fuhr er auf der Donau
+nach Favianä hinunter. Und alsobald erreichte die von ihm verlassene
+Gegend aus der Hand Hunnimunds und seiner Barbaren ihr Schicksal.
+Die bürgerliche Stadtwache, vierzig Mann stark, wurde niedergemacht
+und auch jenen Priester, der den Heiligen gelästert hatte, ereilte
+die Strafe und gar noch in der Taufkirche, in die er zu flüchten
+versuchte. Severinus indessen hatte über dem Studium des Evangeliums
+im Kloster zu Favianä wieder ein Hellgesicht, das ihm die Nähe der
+Johannisreliquien verriet. Der Mann, der sich am andern Donauufer
+wirklich vorfand, war glücklich, dem Heiligen diese Schätze abliefern
+zu dürfen[050-e]. Die Zerstörung von Joviacum durch die Heruler sah
+Severin ebenfalls voraus. Er ließ einen ihm besonders lieben Priester
+namens Maximinianus noch durch einen Eilboten warnen, alles dahinten
+zu lassen. Vergebens; der Einfall erfolgte in der gleichen Nacht; der
+Priester wurde gehenkt[051-a]. Den Bischof Paulinus von Norikum setzte
+Severin von der nahen Verwüstung seines Sprengels durch die Alamannen
+brieflich in Kenntnis. Dieser ordnete in allen Kastellen der Diözese
+ein dreitägiges Fasten an. Das offene Land wurde schlimm mitgenommen;
+die Kastelle konnten sich halten[051-b]. Bald darauf suchte ein
+Schwerkranker aus Mailand das Kloster auf. Er hatte Elephantiasis.
+Severin ließ das ganze Kloster fasten. Der Kranke fühlte sich besser.
+Er wollte nicht in die Heimat zurück, er wollte bleiben. Nach zwei
+Monaten erlöste ihn der Tod[051-c]. Nun wanderten auch die Bürger von
+Gulutiana, durch die unaufhörlichen Einfälle der Alamannen erschöpft,
+nach Batava aus. Auch hieher folgten die Feinde. Nun aber sprach
+Severin den Römern zu, und so schlugen diese die Alamannen. Die Sieger
+bewog er nach Lorch auszuwandern. Einige blieben zurück und fielen kurz
+darauf den Thüringern in die Hände[051-d]. Die Länder an der obern
+Donau waren nun verloren. Lorch blieb der äußerste Grenzpunkt der
+Römer. Die Seele der Besatzung war Severin. Da Oel als Nahrungsmittel
+immer schwerer zu erlangen war, vermehrte er das heilige Oel in einer
+Basilika auf wunderbare Weise[051-e]. Da stieß Maximus aus Norikum
+mit einigen Gefährten zu Severin, um ihm auf ihrem Rücken Kleider für
+die Armen und Gefangenen zu überbringen. Mit kühnem Mut überschritten
+sie mitten im Winter die Schneeberge. Im Nachtquartier zuoberst auf
+dem Alpenpaß überraschte sie ein Schneegestöber. Sie wären verloren
+gewesen, hätten sie nicht einen Bären getroffen, der gutmütig vor
+ihnen her ins Thal hinuntertrollte[051-f]. Die Bürgerschaft von
+Lorch, vermehrt durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den oberen
+Donaufestungen, wollten sich auf den Dienst ihrer ausgesandten
+Kundschafter verlassen. Ungeachtet der scheinbaren Sicherheit sprach
+sich Severin für verschärfte Bewachung der Stadtmauern aus und trat
+auch bei Bischof Constantius dafür ein. Man möge ihn steinigen, wenn
+er die Unwahrheit gesagt habe. Man gehorchte, die Milizwache trat
+ins Gewehr, als die Psalmen gesungen waren, bei Anbruch der Nacht.
+Von ungefähr entzündete sich ein großer Heustock an der Fackel eines
+Lastträgers. Ohne daß eine Feuersbrunst entstand, erhellte doch ein
+mächtiger Glutschein das ganze Weichbild der Stadt. Dazu ein weithin
+vernehmbarer Lärm. Verbündete Alamannen und Thüringer, die in den nahen
+Wäldern im Hinterhalt lagen, glaubten sich verraten und wagten den
+nächtlichen Sturm nicht. Am andern Morgen fanden sie keine Lebensmittel
+vor, da der Heilige die gesamte Fahrhabe hatte in die Stadt bringen
+lassen, um den Feinden den Unterhalt zu entziehen. Die Herde eines
+Mannes, der sich um Severins Rat nicht gekümmert hatte, wurde
+weggefangen[052-a]. Nun kam der Rugierkönig Feva seinerseits vor Lorch
+gezogen. Severin wurde abgesandt, um ihn umzustimmen. Er reiste die
+ganze Nacht. Am Morgen traf er den König beim zwanzigsten Meilensteine.
+Dieser bekannte seine Absicht, die in Lorch aufgesammelte zugezogene
+und deshalb überzählige Bevölkerung in die ihm tributären Städte zu
+deportieren. Severin aber setzte es durch, daß die Verpflanzung nicht
+gewaltsam, sondern durch ein friedliches Uebereinkommen vor sich gehen
+möge. Unter seinem Schutz siedelten sich nun also die Römer von Lorch
+aus in bestem Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung in den
+rugischen Städten an. Zu diesen tributpflichtigen Städten gehörte
+auch Favianä, und Severin lebte von nun an wieder daselbst in seinem
+Kloster[052-b]. Um diese Zeit erhielt Severin einen Brief von König
+Odoaker, der es dem Heiligen nicht vergaß, daß er ihm einst in der
+Niedrigkeit seine künftige Größe verheißen hatte. Er stellte ihm eine
+Gnade frei, und Severin bat einen Verbannten los namens Ambrosius.
+Als jedoch einmal in Gesellschaft des Königs Lob gesungen wurde,
+warf Severin die Frage dazwischen: »Welcher König?« »Nun Odoaker.«
+»Meinetwegen«, sagte Severin, »aber er wird eben doch nur dreizehn
+oder vierzehn Jahre regieren«[052-c]. Bei einem Besuch in Comagena war
+der Knabe eines rugischen Hofbeamten so schwer krank, daß man bereits
+sein Begräbnis vorbereitete[052-d]. Severin heilte ihn. Auch ein im
+schlimmsten Grade Aussätziger namens Jelo, der von fernher gekommen
+war, wurde gesund[052-e]. Bonosus, ein eingeborener Mönch, litt an
+den Augen. Er empfand es, daß Severin Fremden helfe und dem eigenen
+Klosterbruder nicht. Da sagte ihm Severin: »Das klarsichtige Auge
+ersetzt die Klarheit der Seele nicht. Ringe nach dieser.« Auf dieses
+Wort hin fand sich der Blinde in sein Leiden und trug es mit heiterem
+Sinn fast vierzig Jahre[052-f]. Drei ungezogenen Mönchen von Boitro
+brachte Severin schließlich Manieren bei, indem er ihnen vierzig Tage
+scharfen Arrest gab: nicht das geringste Wunder, das ihm gelungen
+ist[052-g]. Einst sandte Severin zwei Brüder ins Norische, den Priester
+Marcianus, später Abt von Lucullanum, und den Mönch Renatus. In der
+Stunde, da ihnen auf der Reise Gefahr drohte, spürte Severin das und
+ließ alle Brüder für sie beten. Als sie nach einigen Monaten heim
+kamen, stimmte es genau[052-h]. Ebenso befahl Severin dem Mitbruder
+Ursus, er solle durch eine vierzigtägige harte Bußübung einem schweren
+Uebel zuvorkommen. Als am Ende dieser Zeit das böse Geschwür ausbrach,
+konnte es entfernt werden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für den
+ungewöhnlichen Scharfblick des Heiligen[053-a]. Seine Hütte stand etwas
+abseits von den andern. Er sang Matutin und Vesper mit. Sonst lag er
+in seiner Zelle auf den Knien und hatte seine Gesichte. Er schlief auf
+einer härenen Decke am Boden und trug Tag und Nacht dasselbe Gewand.
+Wenn es nicht gerade ein besonderes Fest war, fastete er täglich vom
+Morgen bis nach Sonnenuntergang. In den großen Fasten aß er nur einmal
+die Woche. Immer lag dasselbe heitere Glück auf seinen Zügen. Fremde
+Sünde beweinte er, als hätte er sie selber begangen und suchte ihr zu
+steuern, so sehr er nur konnte[053-b]. Als er sein Ende herankommen
+fühlte, lud er den König Feva und die böse Giso zu sich, um sich zu
+verabschieden. Den König ermahnte er, doch ja nie zu vergessen, daß er
+einst über den Gebrauch seiner Herrschergewalt Gott werde Rechenschaft
+ablegen müssen. Dann streckte er die Hand aus, wies auf den König und
+sprach zu Giso: »Liebst Du diese Seele mehr als Gold und Silber.«
+Die Fürstin warf sich in die Brust, sie liebe den Gatten über alles.
+»Dann wäre es an der Zeit«, sagte Severin, »die milde Gesinnung des
+Königs nicht immer wieder durch Bedrückungen lahm zu legen.« Den
+Klosterbrüdern brachte er seinen bevorstehenden Heimgang schonend
+bei. Er wußte die Völkerwanderung vor der Thüre und traf daher die
+Verordnung, seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen: »Seid eingedenk
+der Vorschrift des heiligen Patriarchen Joseph, mit dessen Worten
+ich unwürdiger und schwacher Mensch euch beschwöre: Gott wird euch
+heimsuchen und dann nehmt mein Gebein mit euch fort, nicht zu meinem,
+sondern zu eurem Nutzen, denn diese jetzt noch stark bevölkerten Orte
+werden zur Einöde werden. Die Gräber wird man aufwühlen, um Gold zu
+finden.« Seine Ueberreste, so hoffte er, würden wenigstens ein Band
+der Pietät bilden, die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde der Brüder
+beisammen zu halten[053-c]. Immerhin blieb er noch zwei Jahre am Leben
+seit der ersten Weissagung seines Todes. An Epiphanien hatte ihm der
+Priester Lucillus angezeigt, er werde am nächsten Morgen den Todestag
+seines Abtes Valentin feiern. Da sagte Severin zu ihm: »Wenn Dich
+Sankt Valentin mit dieser Feier beauftragt hat, so überlasse auch ich
+Dir die Sorge, für meine Seele Vigilia zu halten auf denselben Tag.«
+Lucillus war älter als Severin und meinte erschrocken, es sei doch
+viel eher an ihm, sich der Fürbitte Severins empfohlen zu halten.
+Dieser aber bestand darauf[053-d]. Auch dem Bruder des Rugierkönigs
+Feva, Feoderuch, der Territorialherr von Favianä war, betonte er um
+jene Zeit seinen Heimgang schärfer und ließ sich von diesem Großen
+die Rücksicht auf die Armen und Gefangenen versprechen[054-a]. Am
+fünften Januar begann ein leichter Schmerz an der Seite sich fühlbar
+zu machen. Da das aber drei Tage andauerte, ließ er nachts die Brüder
+versammeln und sagte, er fühle sich schwach; zum Abschied wies er sie
+auf das Beispiel Abrahams, der auszog, ohne zu wissen wohin, aber
+in ein Land, das sein Eigentum werden sollte: »Ahmet den heiligen
+Patriarchen nach. Sucht stets das himmlische Vaterland.« Dann küßte er
+jeden einzeln, empfing das Altarsakrament und bat um Psalmengesang.
+Als sie vor Schmerz nicht singen konnten, hub er selber an: »Lobet den
+Herrn in seinen Heiligen; jeder Geist lobe den Herrn.« Und während nun
+die Mönche darauf respondierten, entschlief er. Es war am 8. Januar.
+Nach der Leichenfeier meinten die älteren Brüder, man solle das, was
+er vom großen Wandern vorausgesagt habe, nicht unbeachtet lassen. Sie
+ließen daher einen Sarg aus Holz anfertigen[054-b]. Jener Gaugraf
+Feoderuch hatte kaum vom Tode Severins gehört, so kam er in seiner
+Geldnot herbeigezogen und plünderte das Kloster. Nicht nur stahl er
+die für die Armen bestimmten Kleider, sondern versündigte sich sogar
+an dem Kirchenschatz. Ein Soldat namens Avicianus sollte den silbernen
+Kelch vom Altare heben. Er brachte es aber nicht über sich und wurde
+auf der Stelle Mönch. Feoderuch ließ nun das Kloster bis auf den
+letzten Nagel ausheben. Nur die Mauern mußte er stehen lassen, die
+konnte er nicht über die Donau mitnehmen. Ehe ein Monat verfloß, wurde
+er indes von seinem Neffen Feodoruch, dem Königssohn, erschlagen.
+König Odoaker zog wider die Rugier ins Feld. Feodoruch mußte flüchten.
+König Feva und die böse Giso wurden gefangen nach Italien abgeführt.
+Kaum waren sie weg, so kehrte Feoderuch zurück. Odoaker sandte seinen
+Bruder Onowulf mit einem großen Heere ihm entgegen. Feodoruch flüchtete
+abermals und verbündete sich mit Theodorich, der damals sich zu Novä
+in Mösien aufhielt. Onowulf führte auf Befehl des königlichen Bruders
+alle in der Donaugegend noch übrigen Römer nach Italien. Der Priester
+Lucillus ließ nun, da der Comes Pierius zur Eile antrieb, sofort das
+Severinsgrab öffnen und den noch unversehrten Leichnam in einem anderen
+Linnen in den bereitgehaltenen Sarg umbetten. Er wurde auf einem
+Wagen von Pferden fortgeführt und schloß sich dem römischen Abzuge
+an; die Bewohner der Donaustädte erhielten in verschiedenen Gegenden
+Italiens neue Wohnsitze angewiesen. Die Severinsleiche dagegen wurde
+in die Festung Montefeltre gebracht[054-c]. Dort geschahen jetzt viele
+Wunder. Eine edle Frau, Barbaria, die, wie auch ihr Gatte, den heiligen
+Severin teils vom Hörensagen, teils aus seinen Briefen kannte, lud
+den Marcianus ein, mit dem Leichnam und der Genossenschaft in ihr
+Besitztum, die ehemaligen Lukullusgärten bei Neapel überzusiedeln.
+Papst Gelasius gab seinen Segen und Bischof Viktor von Neapel weihte
+den Sarkophag, in dem die Stifterin den Heiligen endgiltig beisetzen
+ließ. Als bei dieser Totenfeier ein blinder Mann Laudicius den Gesang
+des Volkes hörte und den Bescheid erhielt, es werde eben der Leib eines
+Heiligen vorübergetragen, wurde er tief bewegt und bat, man möge ihn
+ans Fenster führen, von wo aus er besser hören könne. Dort lehnte er
+in tiefer Andacht und betete inbrünstig, worauf er plötzlich wieder
+zu sehen anfing. Auch der Vorsänger Marinus hielt vertrauensvoll sein
+Haupt an den Sarg und wurde so seine Kopfschmerzen los[055-a].
+
+Weil Severins Wirksamkeit so tief im öffentlichen Leben wurzelte, ist
+die Lebensbeschreibung für die politische Geschichte der Donauländer
+unmittelbar vor der Völkerwanderung von unschätzbarem Werte. Sie ist
+unser einziges Licht für jene Gegend in jener Zeit. Wir sehen die
+ausgedehnten kirchlichen Einrichtungen einer römischen Provinz scharf
+umrissen vor uns[055-1]. Obwohl Severin ein orientalischer Fremdling
+war und Niemand wußte, woher er kam, obwohl er dann auch mit den
+germanischen Fürsten gut stand, ist er im Grunde seiner Seele Romane
+und sucht vor allem, die schwer bedrängten römischen Provinzialen
+moralisch zu heben und ökonomisch zu unterstützen. So lange er lebte,
+vermochte sich das Römertum an der Donau zu halten; dann fiel es. Der
+Abzug der römischen Bevölkerung traf mit dem Transport seiner Leiche
+zusammen. Sein Lebenswerk war es gewesen, den geordneten Rückzug
+der römischen Kultur von Kunzen, Passau und Lorch nach Favianä im
+Rugenlande herzustellen. Seine heilige Wirksamkeit giebt dem Untergang
+des Römerwesens in Norikum die Weihe[055-2].
+
+Martin und Severin sind die beiden größten Liebesthäter gewesen, die
+die sinkende antike Welt gekannt hat: nichts für sich, alles nur
+für die andern und für Gott. Gegen Martin von Tours gehalten ist
+Severin die harmonischere Natur. Seine Existenz wurde nicht wie bei
+jenem vorwiegend durch einen Gegensatz, sie wurde durch eine Aufgabe
+bestimmt. Martin war Parteimann und mußte es sein, um eben das,
+was ihm als Lebenswerk vorschwebte, in Gallien durchzusetzen; das
+Große an ihm besteht darin, daß er bei aller Strenge des Mönches so
+gewaltig, so kräftig und so wohlthuend ins weltliche Leben eingriff.
+Severin dagegen machte für das Mönchtum keine Propaganda; es diente
+ihm gewissermaßen zur Folie für sein geheimnisvolles unerklärliches
+Wesen. Martin kennen wir seit seiner Jugend; von Severin wußte
+Niemand, wer er war und woher er kam, und daß auch da, wo er wirkte,
+wie er selbst am besten wußte, seines Bleibens nicht war. Auch
+seine visionäre Begabung äußert sich feiner, still zwingend, nicht
+grobschrötig tapfer: weniger Teufelsfeindschaft und Dämonenschlachten,
+als die wunderbare Seherkunst, das Künftige zu spüren. Seit den
+altisraelitischen Propheten und dem Urchristentum besaß Severin die
+größte telepathische Begabung, von der wir Kunde haben, und zwar im
+ganzen Umfang dieses Talentes von der einfachsten Nähewitterung bis zum
+schwindelerregenden Seherspruch: er weissagte oft und, wie es scheint,
+untrüglich. Das Aufklappen des Bewußtseins aus der Befangenheit von
+Raum und Zeit zu einer Art momentaner Allwissenheit funktionierte
+bei ihm unter den verschiedensten Umständen ohne fehlzugreifen. Das
+war denn auch allerdings sein besonderes Gut. Heilungen, wie sie bei
+Martin im Vordergrund standen, kommen bei ihm nur in zweiter Linie
+in Betracht; vollends eine Totenerweckung, die er unternahm, mißriet
+direkt: nachher erzählte man mildernd, der zu Erweckende habe sich
+eben das Lebendigwerden verbeten. Und während Martins Lebenswerk unter
+den soldatischen Gesichtspunkt der Eroberung fällt, bescheidet Severin
+sich von vornherein mit der Entsagung des Rückzuges, unter Verzicht
+auf jeden Sieg. Er hat daher wohl ein unvergleichliches Andenken
+hinterlassen, aber nicht wie Martin eine unvergleichliche Wirkung
+ausgeübt. Der pannonische Heilige schimmert von einer Aureola, er
+erhellt. Der gallische dagegen sprüht Funken, er zündet an. Martin war
+der stärkere Mensch, Severin der höhere.
+
+Wie sich der Schrift abfühlen läßt, verdanken wir die Kunde von
+Severin einem schlichten und bescheidenen Manne. Eugipius stammt aus
+einer römischen Familie, wahrscheinlich einer von denen, die jene von
+Severin geleitete Verpflanzung ins Rugenland mitgemacht haben. Er
+spricht von Ufernorikum mit einer bis auf den einzelnen Meilenstein
+sich erstreckenden Lokalkenntnis, sodaß es wohl seine Heimat war.
+Favianä und die Innmündung sind ihm besonders gegenwärtig[056-a].
+Ueber Guintana in Rhätien sowie über die östlichen Städtchen Astura
+und Comagena äußert er sich unbestimmter. Da er sich von Haus aus arm
+nennt, begann er seine Laufbahn wohl als einfacher Mönch in Severins
+Hauptkloster, heute bei Mauer unweit Oeling[056-b]. Daß er Severins
+Schüler war, bezeugt Paschasius; aber wahrscheinlich gehörte er einer
+der kleineren Missionsstationen an, die der Meister zu Cellula in
+Batava und in Boiodurum hielt[056-c]. Denn er scheint keineswegs
+immer um ihn gewesen zu sein[056-d] und beruft sich öfter auf
+Gewährsmänner, als daß er selber dabei gewesen zu sein angiebt[056-d].
+Er mag als junger Mann in Severins letzter Zeit mit den übrigen in
+Lorch gesammelten Römern der oberen Donaustädte bleibend in des Abtes
+Umgebung gekommen sein. Seine Geburt wird demnach etwa hinter das
+Jahr 455 fallen[057-1]. Aus seiner mangelhaften Ausbildung macht er
+keinen Hehl; die grammatische Schulung gehe ihm ab, seine Einsicht und
+seine Kenntnis seien gering, auch könne er eines Stoffes nicht Herr
+werden[057-a]. Cassiodor bestätigt[057-b], es fehle Eugipius an der
+humanistischen Bildung; seine Belesenheit sei einseitig theologisch.
+Severin hatte die Genossenschaft seiner Mönche nicht unter schriftliche
+Ordensstatuten gestellt; sein letzter Wunsch hatte dahin gezielt, seine
+Freunde möchten, um seinen Leichnam geschart, immer zusammenhalten.
+Die Leitung erfolgte unter den beiden ersten Aebten Lucillus und
+Marcianus noch ausschließlich unter der pietätvollen Beobachtung von
+Severins Gedächtnis. Die Ansiedlung der Bruderschaft in Lucullanum
+erfolgte unter dem Pontifikat Gelasius _I._ zwischen 492 und 496.
+Lucullanum war nicht nur ein Kastell im militärischen Sinn, es war eine
+eigentliche Stadt. Dort stiftete nun also eine adelige Dame namens
+Barbaria dem Heiligen, den sie schon bei Lebzeiten aus der Ferne
+verehrt hatte, ein Mausoleum und seiner Kongregation ein Asyl. Hierauf
+hat dann aber Eugipius eine Zeitlang einem andern Kloster angehört,
+da er sich als Untergebenen eines Abtes Marinus bekennt. Vielleicht
+hat er sich dieser Versetzung unterzogen, um sein schriftstellerisches
+Hauptwerk anfertigen zu können. Bezeichnenderweise ist es nicht eine
+originale Schöpfung, sondern ein Auszug aus den Schriften Augustins.
+Ein ganzes Exemplar von Augustins Werken war damals offenbar fast nicht
+aufzutreiben, selbst wo Geld und Lust, eines zu kaufen, vorhanden
+gewesen wären. Sogar einer nur halbwegs vollständigen Sammlung hat man
+also nachzureisen Grund gehabt. Eugipius mag sich somit in oder bei
+Rom angesiedelt haben, um die Bibliothek einer hochgestellten Frau vom
+Range jener neapolitanischen Gönnerin Severins benützen zu können. Sie
+hieß Proba und gehörte dem geistlichen Stande an. Cassiodor war ihr
+Verwandter; vielleicht lernte er den Eugipius bei ihr kennen. Auch
+Bischof Fulgentius von Ruspe war dort Hausfreund. Ihrer Schwester
+Galla schildert er[057-c] Proba als in königlichen Verhältnissen
+aufgewachsen und betont die vornehme Abkunft der Geschwister, die in
+der That dem Ancischen Geschlechte, vermutlich dem des Patronius Probus
+entstammen. Fulgentius stand auch mit Eugipius in Briefwechsel. Wie wir
+daraus ersehen, verfügte nun Eugipius selbst über eine ansehnliche
+Bibliothek und Schreibsklaven[058-a]. Immerhin zeigt des Fulgentius
+vollständige Unbekanntschaft mit Eugipius mühsamen Excerptunternehmen,
+daß dessen Arbeit die verdiente und vom Autor erwartete Anerkennung
+nur langsam gefunden hat. Die Abfassung des Auszuges fällt zwischen
+die Jahre 492 und 511. In dem durch Proba ihm eröffneten altrömischen
+Adelskreise machte nun Eugipius aber auch die Bekanntschaft des
+Paschasius; dieser war der erbittertste Gegner des von 498 bis 514
+regierenden Papstes Symmachus. Eine aristokratische Minorität unter
+Führung des Patricius Festus hatte bekanntlich Laurentius gewählt,
+namentlich zu dem Zweck, eine Versöhnung der römischen Kirche mit dem
+griechischen Kaiser Anastasios herbeizuführen. Der Streit dauerte
+bis ins Jahr 505, und es gelang Laurentius einmal, das Osterfest im
+Lateran zuzubringen sowie sein Bild in einem Medaillon anfertigen
+zu lassen. Dank dem weisen Verhalten König Theodorichs mußte sich
+Laurentius auf ein Landgut seines Gönners Festus begeben, wo er noch
+vor Symmachus starb. Noch vor ihm, also etwa 512 oder 513, erfolgte
+auch der Tod des von ihm eingesetzten ›Diakons der römischen Kirche‹,
+des Paschasius. Diesem hohen, durch Stand, Stellung und Lebenswandel
+hervorragenden Geistlichen schreibt nun Eugipius[058-b]: »So lange
+Du am Leben bist, darf kein Nichtpriester das Leben des Severinus
+schreiben.« Er übersendet ihm daher seine Aufzeichnungen nur als
+Notizen und hofft, Paschasius werde ein Severins würdiges Werk daraus
+schaffen. Diese als bloße Vorarbeit bestimmte Skizze seiner Hand ist
+nun eben das uns erhaltene Severinsleben. Wie es zustande kam, erzählt
+Eugipius im Vorwort[058-c]: es seien zwei Jahre her, daß ihm der an
+einen Priester adressierte Brief eines edeln Laien zu Gesichte kam,
+das Leben des Basilicus, eines Mönches am Berge Tita bei Rimini. Als
+Eugipius überdies vernahm, dieser Brief sei vervielfältigt worden,
+da erwachte in ihm der Wunsch, die vom heiligen Severin gewirkten
+großen Wunder nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Jener
+Verfasser der Basilicusvita, der diese Schriftstellerei vielleicht
+als Geschäft betrieb, bat nun Eugipius, dessen Wunsch ihm zu Ohren
+kam, ihm gütigst Mitteilungen über Severinus zu überlassen, damit er
+sie ebenfalls bearbeiten könne. Und da nun wollte sich Eugipius nicht
+dazu verstehen, seinen Schatz in andere Hände zu legen, so lange in
+denen des Paschasius noch Leben sei. Sein Handlanger gewesen zu sein
+war alles, was er sich wünschte. Aber der feine römische Priester
+hatte einen zu guten Geschmack. Er schreibt dem Verfasser[058-d]:
+»Indem Du unsereinen nach dem Maße Deiner Erfahrung, Beredsamkeit und
+glücklichen Muße beurteilst, bedenkst Du die vielfachen Geschäfte,
+Verdrießlichkeiten und Anfeindungen nicht, denen ich auf meinem
+Posten ausgesetzt bin. Du willst Dich aus Liebe zu mir um die eigenen
+wohlverdienten Lorbeeren bringen. Deine Zusendung ist ja eine Sammlung
+von Thatsachen; in seiner gedrungenen Darstellung eignet sich Dein Werk
+recht wohl zur Vorlesung im Kultus. Die Thaten der Heiligen vergehen
+nicht und nun gar wenn ihre Gestalt so deutlich dem Leser vor die Augen
+tritt, wie Dein Severin. Man meint in seiner Gesellschaft zu sein.
+Deine klare und einfache Darstellung da noch auszuarbeiten, wäre doch
+überflüssige Mühe. Auch wäre es nicht mehr dasselbe, wenn ich Gehörtes,
+von Andern Erlebtes aus zweiter Hand berichten wollte.« So ging also
+das Severinsleben des Eugipius unversehrt in die Welt. Er selbst, nun
+Vorsteher des Severinklosters, erfreute sich der aufrichtigen Achtung
+bedeutender Kirchenmänner; der Abt Dionysius der Kleine widmete ihm die
+Uebersetzung einer Schrift des Gregor von Nyssa. Ferrandus von Karthago
+unterhielt mit ihm einen Briefwechsel und übersandte ihm eine Glocke.
+Kurz vor dem Jahre 543 oder 544 ist Eugipius gestorben. Als Vermächtnis
+für sein Kloster hinterließ er ein schriftliches Ordensstatut und
+verdichtete so die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins
+mönchischen Anschauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel[059-1].
+
+Eugipius kennt die Martinsschriften des Sulpizius Severus[059-a].
+Er spricht von ihnen, aber nicht als seinem litterarischen Vorbild.
+Er fühlt sich überhaupt nicht als Schriftsteller, sondern nur als
+Handlanger für einen eigentlichen Biographen des Severin. In der
+That mangelt auch ihm der chronologische Ansatz; auch er giebt keine
+Jahreszahl; und wenn seine Angaben datierbarer sind als die des Sever,
+so ist das hauptsächlich eine Tugend seines Helden, der ungeachtet
+seiner mönchischen Grundsätze so ganz in der Politik seiner Zeit
+drin stand und mehr als Martin in den äußeren Ereignissen aufging.
+Eugipius konnte unbeschadet der Kunst entbehren, über die ein Severus
+verfügte; sobald sein Gegenstand so unerschöpflich reich war an
+persönlichem Leben und sobald er, der ihn beschrieb, so herzlich in
+ihm lebte, machte dieser Mangel an Technik seine Darstellung nicht
+armselig, sondern einfach und schlicht. Trotzdem wir bei ihm nach
+einer planmäßigen Stoffverteilung vergeblich suchen, haben wir an
+seinem Severinsleben doch fast noch mehr als an den in ihrer Art
+kunstreichen Martinsschriften des Severus. Eugipius nennt übrigens
+selbst sein Werk mit dem rechten Namen ein Commemoratorium[059-b], das
+heißt ein Erinnerungsblatt oder wie wir heute sagen Memoiren. Das in
+dieser litterarischen Gattung enthaltene Element des selbsterlebten
+persönlichen Andenkens bildet denn auch das Herzstück der
+Heiligenbeschreibung, und insofern hat der bescheidene Eugipius dank
+seiner schlichten Art und seiner warmen Empfindung fast das Höchste
+erreicht, was man in jener Zeit von einem derartigen litterarischen
+Unterfangen erwarten darf.
+
+
+2.
+
+Ist der Verfasser eines Heiligenlebens eine uns auch an sich bekannte
+geschichtliche Persönlichkeit, so bürgen seine Lebensumstände
+wenigstens für die Möglichkeit quellenmäßiger Mitteilung. Anders,
+wenn die Schrift anonym blieb und nicht die geringste Kunde über den
+Verfasser auf uns kam. Dann ist die Art des Berichtes unsere einzige
+Gewähr für seine Zuverlässigkeit. Eine schwache Handhabe, aber gewiß
+eine nicht zu verachtende. Der anonyme Schreiber des Fulgentiuslebens
+sagte in der Vorrede an den Bischof Felicianus, dem er das Werk widmet:
+»Wie immer dieses mein Werk ausfallen mag, es kann die Verdienste
+des großen Mannes weder erhöhen noch vermindern, es sei nur ein
+Beweis meiner Liebe, mit dem ich an ihm hing, an ihm, der mich zum
+Mönchsstande bekehrte und als Verbannter in seinem kleinen Kloster auf
+der Insel Sardinien Tag und Nacht mich um sich hatte. Dort wohntest
+auch Du als Priester. Nun habe ich diese Arbeit unternommen, um
+alles was er uns mündlich mitteilte, und außerdem auch was wir als
+Augenzeugen miterlebten, kurz auseinanderzusetzen, ohne Furcht, der
+Fälschung bezichtigt zu werden; denn nötigen Falls kannst Du meine
+Zusammenstellung mit Deinem Zeugnis bekräftigen.« Unzweifelhaft haben
+wir es hier mit einem Schüler des beschriebenen Heiligen zu thun.
+Auch giebt sich die Schrift ihrer Form nach als reine Memorie, da
+sie ohne Einleitung gleich auf den Stoff eingeht und auch am Schluß
+eine Invokation nicht hat, sondern als Erzählung ausläuft. Fulgentius
+entstammte einer Senatorenfamilie aus Karthago[060-a]. Sein Großvater
+Gordianus hatte wie die meisten Senatoren unter Preisgabe seiner
+Güter nach Italien flüchten müssen, als die Vandalen unter Geiserich
+einbrachen. Nach seinem Tode kehrten zwei von seinen Söhnen, in der
+Hoffnung, das Erbe wieder zu erlangen, nach Afrika zurück, konnten
+aber in Karthago nicht verbleiben, weil ihr Haus an die arianischen
+Priester verschenkt worden war. Ihre Landbesitzungen erhielten sie
+jedoch durch königlichen Machtspruch zum größeren Teil wieder zurück
+und zogen in die Provinz Bizacena. Hier in der Stadt Jellapte bekam
+einer von ihnen, Klaudius, von seiner Gattin Mariana den zum Sohne,
+der den ihm verliehenen Namen Fulgentius, das heißt ›der Glänzende‹
+mit so viel Recht führen sollte. Die Mutter ließ ihn, da der Vater
+früh starb, zuerst in den griechischen Wissenschaften unterrichten und
+solange er nicht den ganzen Homer auswendig konnte und auch vieles von
+Menander durchmachte, erlaubte sie nicht, ihn mit der lateinischen
+Litteratur bekannt zu machen, weil sie ihm in den Kinderjahren die
+Kenntnis der fremden Sprache beibringen lassen wollte, damit er einst,
+unter den Afrikanern lebend, das Griechische los habe. So kam es, daß
+er später ohne Accent Griechisch sprach. Dann machte er die höhere
+Stufe der Lateinschule durch, mußte aber zugleich in seinen jungen
+Jahren bereits die Verwaltung des väterlichen Hauses übernehmen. Bald
+darauf wurde er städtischer Steuereinnehmer. Ihn selbst beschlich die
+Sehnsucht, die Welt zu lassen und Mönch zu werden. Da sich dieser sein
+Lieblingswunsch jedoch nicht erfüllen wollte, richtete er wenigstens
+sein äußeres Leben so ruhig wie möglich ein, mied die Gesellschaft, saß
+auf seinem Landhause, verminderte die Zahl großer Gastmähler und ging
+nicht mehr ins Bad. Dafür fastete, las und betete er im Laienstande
+wie ein Mönch, bis ihn eine Predigt des heiligen Augustin über den
+36. Psalm bewog, mit seinem Entschluß nicht länger hintanzuhalten.
+Er vollzog seinen Eintritt ins mönchische Leben bei Faustus, der
+von Hunerich seines Bistums entsetzt nicht weit davon einem Kloster
+vorstand. Die Aufregung in der Familie war groß. Fulgentius blieb
+standhaft; er überthat sich in Kasteiungen, enthielt sich des Weines,
+aß ohne Fett und so wenig und schlecht, daß seine Haut Sprünge bekam,
+eiterte und bald ein Ausschlag seinen Leib entstellte. Sein ganzes
+Vermögen vermachte er seiner Mutter, die es dann seinem jüngeren Bruder
+Klaudius verschreiben solle, falls er sich gut halte. Die höchst
+unruhigen Zeiten ließen ihn nicht ruhig seinem Ideale leben[061-a].
+Die beständigen Verfolgungen der Arianer vertrieben ihn und er suchte
+Zuflucht bei einem Abte Felix, der ihn bald zum Mitabt erhob. Ein
+Maureneinfall vertrieb sie aufs neue; sie suchen in der Gegend von
+Sicca sich festzusetzen. Dort aber hetzte ein fanatischer arianischer
+Priester, Felix von Gabardilla, ein roher, aber reicher Mensch; es kam
+zu Thätlichkeiten. Der Abt Felix wird ausgepeitscht und Fulgentius
+ebenfalls gestäupt. Nun will Fulgentius nach Aegypten reisen, ändert
+aber seinen Entschluß; die mit andern Pilgern bei Bischof Eulalius von
+Syrakus genossene Gastfreundschaft und die Nachricht, daß die Thebais
+gegenwärtig von einer Irrlehre beherrscht sei, halten ihn im Abendlande
+fest. Er besucht einen in Sizilien als Einsiedler lebenden verbannten
+afrikanischen Bischof Rufinianus, reist nach Rom und wohnt dort dem
+Einzug König Theodorichs bei. Auf dem Platz, der ›die goldene Palme‹
+hieß, hörte er den König eine Rede halten, sieht den Adel prächtig in
+all den Abstufungen seiner Stände und vernimmt das Freudengeschrei
+des freien Volkes, aber mit keuschen Ohren; er kannte den eiteln Pomp
+dieser Welt und sagte lächelnd zu einem Mitgeistlichen: »Wie schön muß
+erst das himmlische Jerusalem sein, wenn schon das irdische Rom also
+glänzt«. Er kehrte nach Afrika zurück und richtete auf dem Grundstück,
+das ein hochgestellter Mann und guter Christ namens Sylvester zur
+Verfügung stellte, in Bizacena ein eigenes Kloster ein: guter, fetter
+Boden, um vom Ertrag der eigenen Gärten leben zu können und abgelegen,
+fern vom Kriegsgetümmel. Aber die Anlage und Leitung des Klosters
+nahm ihn zu sehr in Anspruch; er sehnte sich nach dem Zustande eines
+einfachen Ordensbruders. Bei der ersten Gelegenheit giebt er denn
+auch seine Abtswürde ab und tritt in ein anderes Kloster auf einer
+Strandinsel an der kleinen Syrte, wo der schmale Streifen des winzig
+kleinen Felsens nicht erlaubt, Gärten anzulegen, wo weder Holz noch
+Trinkwasser sich vorfindet und wo daher das Notwendigste von diesen
+beiden Dingen auf sehr kleinen Kähnen hinübergeschafft wird. In diesem
+Kloster, dem ebenfalls zwei Aebte vorstanden und das durch seine
+strenge Zucht bekannt war, lebte er als einfacher Bruder. In seiner
+Mußezeit trieb er Handarbeiten; er schrieb geschickt und verfertigte
+Fächer aus Palmblättern. Aber dieser ihm erwünschte Wechsel vom Oberen
+zum Untergebenen dauert nicht lange: sein Kloster reklamiert ihn; es
+kommt vor den Bischof; die Inselmönche müssen nachgeben. Nicht nur
+muß er wieder Abt sein; er erhält nun auch die Priesterweihe. Bald
+ist er der allgemein anerkannte Kandidat für den nächsten ledigen
+Bischofssitz. Allerdings war es damals vom König Thrasamund verboten,
+Bischöfe zu weihen und den verwaisten Kirchen Hirten zu geben. Da es
+daher weder erlaubt war, eine solche Ehrenstelle auszuteilen noch sie
+anzunehmen, hielt es Fulgentius für unnötig, sich seinerseits vor
+dem bevorstehenden Los zu wappnen. Aber die noch übrigen Bischöfe
+thaten dessenungeachtet alles, um die erledigten Stühle zu besetzen.
+Nun hatte sich indessen Fulgentius in der That durch Flucht der
+Wahl entzogen, die mehrmals auf ihn, sei es als ersten, sei es als
+einzigen entfiel. Zugleich wurde der Primas der Provinz Bischof Viktor
+verhaftet und nach Karthago geschleppt. Die Lage der katholischen
+Geistlichkeit war aufs neue verzweifelt. Da nahm denn Fulgentius die
+Wahl zum Bischof von Ruspe an, obwohl ein Diakon namens Felix, der
+Bruder eines einflußreichen Beamten, ihm den Platz streitig machte.
+Da der Weihbischof in Haft saß, wurde Fulgentius von den benachbarten
+Bischöfen konsekriert. Es kostet ihn einen wahren Kampf, zumal er
+böse Augen hatte. Aber man reißt ihn förmlich aus der Zelle, zwingt
+ihn Bischof zu sein. Kaum im Amte[062-a], weihte Fulgentius seinen
+Gegner, den Diakon Felix zum Priester. Er kehrte in seinem Auftreten
+den Mönch heraus, trug nie die Stola, sondern immer nur Kukulle und
+Ledergürtel, ja zelebrierte so die Messe: »Beim heiligen Meßopfer«,
+pflegte er zu sagen, »müssen die Herzen geändert werden, nicht die
+Kleider.« Unter der Kukulle trug er einen dunkeln oder einen weißen
+Mantel. Wenn es die Witterung erlaubte, hatte er innerhalb des Klosters
+nur den Mantel an. Aber mit entblößten Schultern ward er nie gesehen,
+ja er begab sich zur Ruhe, ohne auch nur den Ledergürtel abgelegt
+zu haben. Nie aß er Fleisch, nur Gemüse, Graupen und Eier, so lang
+er jung war, ohne Oel; in seinem Alter aber mischte er Oel bei, in
+der Meinung, das Oel verhindere seine zunehmende Augenschwäche, die
+ihm das Lesen unmöglich mache. Wenn er unwohl war und Wein trinken
+mußte, goß er in die vollen Wasserbecher etwas Wein, denn er wollte
+den angenehmen Geschmack und Geruch durchaus vermeiden. Bevor noch
+das Zeichen zur Mette gegeben wurde, war er längst wach und betete
+entweder, oder er las oder diktierte. Da er nicht ohne Mönche sein
+konnte, traf er in Ruspe Anstalten zur Einrichtung eines Klosters.
+Zu seiner Freude bot ihm ein Bürger ein mit hohen Föhren bewachsenes
+Grundstück an; das Bauholz war hier also gleich dabei. Die Bruderschaft
+seines ehemaligen Klosters zog nun zum größeren Teil mit ihrem Abte
+Felix dahin um; an die Spitze der Zurückgebliebenen trat einer aus den
+Brüdern, namens Vitalis. Da erfolgte die Verbannung aller Bischöfe,
+auch des Fulgentius nach Sardinien. Er, der jüngste unter ihnen, deren
+etwa sechzig waren, verfertigte die gemeinsamen Erlasse und besorgte
+auch manche Privatkorrespondenz. Auch richtete er sich mit einigen
+zusammen ein, sie hatten gemeinsamen Tisch, gemeinsamen Keller und
+beteten und studierten gemeinsam. Ihr Haus galt für das Orakel der
+Stadt Kalaris. Dann wird Fulgentius abgeordnet, um die Verhandlungen
+mit König Thrasamund einzuleiten. Er verficht die katholische Sache
+mit größter Entschlossenheit gegen König Thrasamund und den diesen
+vertretenden Bischof Pinta. Die meisten seiner Schriften sind in
+dieser Angelegenheit entstanden. Oft fuhr er bei ruhiger See zwischen
+Sardinien und Afrika hin und her. Ja es folgten ihm immer mehr Mönche,
+so daß er schließlich mit Erlaubnis des Bischofs Brumasius von
+Kalaris neben der Saturninskirche auf einem ruhigen Platz aus eigenen
+Mitteln wieder ein Kloster bauen konnte. Auch hier wurde eine strenge
+Regel beobachtet. Die Brüder mußten sich je nach der Begabung mit
+wissenschaftlichen Studien oder mit Handarbeit beschäftigen. Mit dem
+Tode Thrasamunds erreichte die Verfolgung ihr Ende; Hilderich ließ
+die verbannten Bischöfe zurückkehren. Bei der Landung in der Heimat
+empfing die Menge die andern Bischöfe schweigend; als aber Fulgentius
+ausstieg, brach der Jubel los. Man geleitete ihn zur Agileuskirche.
+Die Kundgebungen steigerten sich auf der Heimreise von Karthago nach
+Ruspe. Als Bischof schlug er nun aber seine Wohnung im Kloster auf,
+nachdem er alle Maßregeln getroffen, daß dadurch die Befugnisse des
+Abtes Felix in keiner Weise geschmälert würden. Vielmehr war dieser
+in allen Angelegenheiten der Provinz Bizacena des Bischofs erster
+Ratgeber. Die Geistlichkeit durfte unter Fulgentius kein zu großes
+Gewicht auf das Aeußere legen oder längere Zeit in bürgerlicher
+Kleidung gehen. Alle sollten sie nicht weit von der Kirche wohnen,
+mit eigenen Händen ihren Garten pflegen und alle Sorgfalt darauf
+verwenden, die Psalmen schön zu singen und vorzutragen. Er bestimmte,
+daß in jeder Woche alle Geistlichen und Witwen und frommen Laien am
+Mittwoch und Freitag zu fasten hätten; der Besuch der Vigilien, der
+Morgen- und Abendgebete war für die ganze Gemeinde obligatorisch.
+Wo Worte nichts ausrichteten, ließ er die Prügelstrafe in Anwendung
+bringen. Sonst war er die Demut selbst. Er trat seinen berechtigten
+Vorrang auf der Synode von sich aus an den Bischof ab, den er deshalb
+verstimmt zu finden meinte. Etwa ein Jahr vor seinem Tode ergriff ihn
+gelinde Schwermut. Er ließ alles liegen und zog sich auf die Insel
+Cercina gegenüber Ruspe zurück, wo er auf der Klippe Chilmi bereits
+ein Kloster hatte bauen lassen. Aber die Amtspflicht rief ihn doch
+wieder zurück. Da verfiel er in eine siebzigtägige Krankheit, in der
+er nur immer das eine wiederholte: »Herr, verleihe mir hier jetzt
+Geduld, hernach Verzeihung.« Er blieb bis zum letzten Augenblick
+beim Bewußtsein. Gestorben ist er am ersten Januar nach der Vesper,
+in seinem fünfundzwanzigsten Amtsjahre, fünfundsechzig Jahre alt. Am
+Todestage selbst konnte er nicht mehr beerdigt werden, er wurde in das
+Oratorium des Klosters gebracht, wo jene Nacht die Mönche im Verein
+mit den Geistlichen beim Gesange von Psalmen, Hymnen und geistlichen
+Liedern durch wachten. Am andern Morgen wurde er in Gegenwart einer
+ungeheuern Menge von Priestern nach der Sekundakirche getragen; dort
+hatte er selbst Apostelreliquien bergen lassen und wurde nun daselbst
+nach dem allgemeinen Willen als Erster beigesetzt; denn nach alter
+Gewohnheit war dort nie begraben worden. Auch erhielt er ein Grabmal.
+So, hoffte man, werde der Heilige den Betenden auch fernerhin örtlich
+nahe sein. Dies sind die charakteristischen Züge dieses etwa um
+530 verfaßten sympathischen Lebensbildes[064-1], wo gewissenhafte
+Erkundigung und eine unbegrenzte Verehrung gemeinsam ein wertvolles
+Ganzes hervorzubringen vermochten.
+
+
+3.
+
+Das Fulgentiusleben wird indessen in seinen erfreulichen Eigenschaften
+einer reinen Memorie noch übertroffen durch die Lebensbeschreibung des
+Metropoliten Cäsarius von Arles. Sie besteht aus zwei Büchern und ist
+das Werk Mehrerer. Wenige Jahre nach dem Tode des Prälaten regten seine
+Schwester Cäsaria und alle Nonnen ihres Klosters dieses schriftliche
+Denkmal an und betrauten mit der Ausführung diejenigen von Cäsarius’
+Jüngern, die ihm im Leben am nächsten gestanden hatten. Das erste Buch
+schrieben seine Schüler, die Bischöfe Cyprian von Toulon, Firminus und
+Viventius, das zweite der Presbyter Messianus und der Diakon Stephanus,
+zwei seiner Diener, die von jung auf um ihn gewesen waren und aus
+dem beständigen Umgang mit ihm ihre Kenntnisse schöpfen konnten. Das
+erste Buch umfaßt das ganze Leben des Heiligen mit Ausschluß seines
+Sterbens und erhält seinen Wert überdies in seiner anschaulichen
+Schilderung der Belagerung von Arles durch die Franken. Das zweite Buch
+wendet sich mehr den Wunderthaten des Lebenden wie des Toten zu und
+schließt mit einer Darstellung von Tod und Begräbnis. Abgefaßt ist die
+Schrift in den Jahren 541–549, während der Regierung des Childebert.
+Den Hauptanteil am gesamten Unternehmen trägt Cyprian von Toulon.
+Er war am ehesten befähigt, die kirchenpolitischen Begebenheiten im
+Rahmen des Lebensbildes mit Verständnis aufzufassen; er nahm auch
+an der Delegation teil, durch die sich Cäsarius auf dem Konzil von
+Valence vertreten ließ. Seine beiden bischöflichen Genossen in der
+Verfasserschaft, der eine Inhaber eines bekannten Sitzes, während das
+Bistum des andern nicht zu ermitteln ist, hatten zweifelsohne früher
+ebenfalls dem Klerus von Arles angehört, sprachen also aus eigener
+Anschauung der geschilderten Verhältnisse, wenn sie auch zur Zeit, da
+sie schrieben, sich auswärts befanden. Für das intime Detail waren
+jedoch jene beiden andern, die Verfasser des zweiten Buches, die
+gegebenen Berichterstatter, da sie in dienender Stellung den Bischof
+in seinen alltäglichen Beschäftigungen immer umgaben. Messianus versah
+im Gefolge des Cäsarius die Stelle eines Kanzlisten; er hatte seinen
+Herrn auch auf seiner Reise nach Italien im Jahre 513 begleitet und
+im Jahre darauf dem Papste Symmachus zusammen mit dem Abt Egydius
+das Gesuch um die Vorrechte der Kirche von Arles überreicht. Da er
+in seiner Stellung als Notarius bei Kirchenvisitationen dem Bischof
+den Stab voranzutragen hatte, konnte er den wundertätigen Einfluß von
+Cäsarius Persönlichkeit auf das Volk immer wieder aufs neue ermessen;
+in den vier Wänden seiner Zelle dagegen beobachtete ihn der Diakon
+Stephanus, der eben dort den Dienst versah. Für Episoden, die sich
+fern von einem der Gewährsmänner abgespielt hatten, wußten sie einen
+zuverläßigen Berichterstatter aufzutreiben: für die Flucht nach Lerinum
+zum Beispiel den Diener, der ihn damals begleitet hatte. Außerdem haben
+sie die Predigten des Cäsarius ausgiebig benützt und verwendet, sowie
+die uns ebenfalls noch erhaltene Nonnenregel des Bischofs. Endlich
+haben die fünf Verfasser nach dem Vorbild ihres Meisters einfach und
+natürlich geschrieben, und so haben wir es mit einem Werke zu thun,
+das als ganzes genommen alle seine gleichnamigen Genossen überholt;
+denn die Einseitigkeit der andern Heiligenmemorien ist hier zu einem
+guten Teil ausgeglichen durch die Mehrzahl selbständiger Verfasser, von
+denen jeder wieder verschiedene Seiten am Gegenstande sah. So konnte
+ein rundes und allgemeines Lebensbild erzielt werden, wie es sonst
+bei der Befangenheit jeder zeitgenössischen Darstellung von ~einer~
+solchen nicht zu erhoffen war. In so früher Zeit dürfte überhaupt eine
+Gestalt der Geschichte selten sein, an der sich aus lauter Quellen
+ersten Ranges ein genügender Einblick in den Verlauf eines bedeutenden
+Menschenlebens gewinnen läßt; bei Cäsarius von Arles aber ist es
+entschieden der Fall und soll in der biographischen Lebensskizze in
+Kürze geschehen[066-1].
+
+Cäsarius wurde im Jahre 469/470 im burgundischen Reiche geboren.
+Seine Eltern waren vom Adel. Auf ihrem Landsitz wuchs er heran und
+suchte schon im Alter von sieben Jahren die armen Leute auf. Als
+junger Mensch führte er eine Zeit lang ein standesgemäßes Leben
+und versagte sich nichts. Dann erfaßte ihn plötzlich Eckel; ohne
+seinen Eltern etwas zu sagen, begab er sich zu Bischof Sylvester von
+Chalons und ließ sich von ihm scheeren und zum Diakon weihen. Dort
+blieb er zwei Jahre bis er zwanzig war, wünschte dann aber sich im
+geistlichen Leben noch auszubilden. Glücklich erreichte er mit einem
+treuen Diener das Kloster Lerinum, obschon seine besorgte Mutter durch
+besondere Sendlinge das möglichste gethan hatte, um seine Flucht zu
+hintertreiben. Jene kleine und ebene Insel stand damals in der ganzen
+Welt im Rufe strengen klösterlichen Lebens, und stets gingen künftige
+Bischöfe aus den Reihen der Mönche hervor. Cäsarius nahm seine Gelübde
+sehr ernst, so ernst, daß er oft an der Möglichkeit verzweifelte,
+seine Fehler überhaupt noch abzulegen. Abt Porcarius jedoch wußte ihn
+zu schätzen, und als er selbst sich zu alt fühlte, ließ er jenen vor
+den Mönchen predigen; er bestallte ihn überdies zum Speisemeister.
+In seinem frommen Eifer gab sich Cäsarius zuerst Illusionen über die
+Vortrefflichkeit seiner Mitbrüder hin, allmählich aber gingen ihm die
+Augen auf, daß es eben Menschen waren. Putzsucht, Schlemmerei und
+andere eines Heiligen unwürdige Gelüste kamen ihm täglich vor, da er
+in seiner Stellung als Verwalter derlei befriedigen sollte. Als er
+nicht nachgab und allen diesen Zumutungen stand hielt, wurde seine
+Lage unhaltbar. Man intriguierte gegen ihn; der greise Abt erlag
+schließlich den Einflüsterungen der Gegner und desavouierte ihn. Mit
+seiner Entsetzung vom Amte erkrankte Cäsarius auch noch fieberhaft;
+sein Körper war durch übertriebene Bußübungen zu hart mitgenommen. Der
+Abt, bange, der Bruder werde es nicht überstehen, wünschte ihn der
+strengen Klosterzucht enthoben zu sehen und verfügte die Uebersiedelung
+nach Arles in die Hände berühmter Aerzte. In Arles nahmen sich ein
+hochgestellter Mann, Firminus, und dessen Gemahlin Gregoria des Kranken
+an und sorgten auch später für die weitere Ausbildung durch einen
+Rhetor Pomerius; denn in Dingen der Bildung ließ der Mönch noch zu
+wünschen übrig. Aber diese Bemühungen verfingen nicht allzu sehr bei
+Cäsarius: es war ihm an weltlicher Weisheit nicht eben viel gelegen,
+wie er denn nicht, was man heißt, begabt war. Er verstand sich daher
+auch nicht auf die blühende Redeweise der gallischen Rhetoren, sondern
+drückte sich einfach und bescheiden aus. Der Bischof von Arles, bei
+dem er durch seine Gönner eingeführt, und als aus Chalons gebürtig
+vorgestellt wurde, freute sich, einen Landsmann zu treffen; er hatte
+die Eltern wohl gekannt und bei näherer Bekanntschaft stellte sich
+heraus, daß sie überhaupt noch entfernt verwandt waren. Auf Ansuchen
+des Abtes von Lerinum nahm er die Priesterweihe an Cäsarius vor. Obwohl
+dieser damit in den geistlichen Verband der Kirche von Arles überging,
+befolgte er doch nach wie vor den Psalmenkanon und alle Regeln seines
+Klosters. Als dann im Jahre 499 auf der Arles unterstellten Insel
+die Klosterzucht nachließ und der Abt gestorben war, beauftragte der
+Bischof seinen Verwandten mit der Reform. Cäsarius unterzog sich der
+Aufgabe und wurde den kühnsten Erwartungen gerecht. Zu jener Zeit nun
+begann Bischof Aeonius alt zu werden und hatte nur noch einen Gedanken,
+nämlich bei Klerus, Bürgerschaft und beim Könige die Wahl seines
+Vetters sicher zu stellen. So kam es, daß Cäsarius, der erst dreißig
+Jahre alt, schon Abt geworden war, nun gar noch, kaum dreiunddreißig,
+Primas von Gallien wurde. Diese außerordentliche Ehre war durchaus
+nicht nach seinem Sinne; er suchte sich ihr gewaltsam zu entziehen,
+indem er sich auf dem Kirchhof hinter den Grabsteinen verbarg. Alarich,
+der König der Westgothen, dem Arles damals botmäßig war, hatte diese
+Wahl bestätigt, obwohl der Gewählte ein Ausländer sei. Immerhin
+wußte ihn einer der bischöflichen Kanzlisten namens Licinianus durch
+Zwischenträger beim Könige zu verleumden; die Folge war Cäsarius’
+Verbannung nach Bordeaux im Jahre 505. Dort verbrachte er einen Winter
+mit Ruricius, seinem bischöflichen Kollegen von Limoges, und errang
+sich durch seine furchtlose Hilfeleistung bei einer Feuersbrunst die
+rückhaltlose Verehrung der dortigen Bevölkerung. Unterdessen war zu
+Hause seine Unschuld an den Tag gekommen; er durfte frei in seine
+Stadt zurückkehren, und nur seiner Fürbitte hatte es der Verleumder
+zu danken, daß er nicht um seinen Kopf kam. Am 11. Sept. 506 trat in
+Agde das Konzil der katholischen Bischöfe des westgothischen Reiches
+zusammen, 507 ein gleiches in Toulouse. Da Cäsarius als Metropolit die
+Beschickung des Landeskonzils für jeden Bischof verbindlich erklärte,
+ansonst die brüderliche Gemeinschaft suspendiert werden müßte, überwarf
+er sich mit Rusticius von Limoges, der ihm grob erklärte, es sei ihm
+doch noch lieber, wenn die Stadt des Bischofs wegen, und nicht der
+Bischof der Stadt wegen bekannt sei. Kurz darauf mußte dann aber
+der innerkirchliche Zwist vor den weltgeschichtlichen Ereignissen
+verstummen, die nun eintrafen. Alarich war bei Veuillé von Chlodowech
+geschlagen worden und gefallen. Die siegreichen Franken drangen bis in
+die Provence vor und belagerten mit den verbündeten Burgundern Arles.
+Wohl versammelte der ostgothische König Theodorich auf den 24. Juni
+desselben Jahres 508 das Heer, das dann in der That die schwerbedrohte
+Stadt entsetzen sollte. In der Zwischenzeit aber litt sie und nichts
+kann uns mit größerer Verehrung vor ihrem jungen Erzbischof erfüllen,
+als die Unerschrockenheit und die selbstlose Hingabe, mit denen er in
+diesen Tagen höchster Not und Gefahr seine Pflicht that. Er hatte eben
+im Südosten der Stadt ein Nonnenkloster bauen und es sich nicht nehmen
+lassen, selbst mit Hand anzulegen. Nun mußte er es von der Stadt aus
+mit eigenen Augen ansehen, wie die Franken und Burgunder, übrigens
+entgegen dem Tagesbefehle Chlodowechs und trotz starker Sympathien
+im burgundischen Heere, den Bau größtenteils wieder niederrissen und
+Steine und Holz für ihre Sturmwälle benutzten. In Arles selbst wurde
+er schwer verleumdet. Vor wenigen Jahren hatte er seiner burgundischen
+Freundschaft wegen in die Verbannung gehen müssen, und nun waren in
+mehr als einer Stadt die katholischen Bischöfe offen zu Verrätern
+des westgothischen Vaterlandes geworden. Zum Unglück war auch ein
+Chorherr des bischöflichen Kapitels, zudem ein Verwandter des Cäsarius,
+aus Furcht vor der drohenden und in jenen Zeiten kaum erträglichen
+Gefangenschaft nachts an einer Strickleiter über die Mauer hinunter zu
+den Feinden übergelaufen. Es schien, als sei es um Cäsarius geschehen.
+Das Volk wollte ihn in die Rhone werfen. Er wurde aufs strengste im
+Palatium bewacht, sein Haus von Arianern bezogen. Am meisten hatten
+die Juden gegen ihn gehetzt, weil er auf dem Konzil von Agde im Jahre
+506 ein altes Verbot mit den Juden zu speisen von den Klerikern auf
+alle Katholiken hatte ausdehnen lassen. Da wurde aber bei einem Ausfall
+der Belagerten ein an einem Stein befestigter Brief gefunden, den
+ein Areletenser Jude, als er den Wachtdienst versah, zu den Feinden
+hinübergeschleudert hatte: er verriet die Mittel zur Einnahme der Stadt
+mit der Erwartung, daß dann Freiheit und Besitz aller Juden in Arles
+unangetastet bleibe. Die gothischen Machthaber ließen nun Cäsarius
+frei und verhafteten die Juden. Auch rückte jetzt das ostgothische
+Ersatzheer heran, und es siegte. Arles wurde dadurch mit Gefangenen
+angefüllt, und Cäsarius übernahm die Fürsorge für diese Unglücklichen.
+Dabei nahm er auf die heidnischen Franken und die arianischen Burgunder
+genau die gleiche Rücksicht wie auf die gefangenen Katholiken. Aus
+dem reichen Kirchenschatz schaffte er Nahrung und Kleider. Als dieses
+Hilfsmittel erschöpft war, ließ er mit Axthieben die reichen silbernen
+Verzierungen im Innern der Hauptkirche von den Säulenuntersätzen und
+den Schranken abtrennen; ja schließlich schmolz er die heiligen Gefäße
+ein, man denke sich unter welchem Widerspruch der Kleriker. Er hatte
+darauf die schöne Antwort: »Möchten doch gewisse Herren Bischöfe und
+sonstige Geistliche mir Rede stehen, die aus ich weiß nicht was für
+einer Liebe zu überflüssigen Dingen nicht wollen, daß man fühlloses
+Silber und Gold aus den Schatzkammern Christi für Knechte Christi
+verwende, wenn sie selbst zufällig von einem solchen Unglück betroffen
+wären, ob sie es dann auch für Tempelschändung erklären würden, wenn
+ihnen jemand mit den gottgeweihten Gaben zu Hilfe käme? Ich glaube
+nicht, daß es Gott mißfällt, Dinge, die zu seinem Dienst bestimmt
+sind, zum Lösegeld zu verwenden, da er sich selbst für die Menschen
+zum Lösegeld dahingab.« Im festen Gottvertrauen setzte der Bischof
+sich und seine nächsten Angehörigen dem Mangel aus, um den Gefangenen
+zu helfen. Sein Verwalter erklärte, wenn die Gefangenen auch nur
+einen Tag weiter unterstützt würden wie bisher, könne er morgen kein
+Brot beschaffen für den Tisch des Bischofs; warum man denn nicht die
+Gefangenen einfach in den Gassen betteln lasse. Der Bischof zog sich in
+seine Zelle zurück und kehrte dann mit wunderbarer Zuversicht wieder.
+Er lachte den Verwalter wegen seines Unglaubens aus und sagte zu seinem
+Sekretär Messianus: »Wir wollen heute alles verbacken und morgen wenn
+es sein muß fasten. Das steht uns immer noch besser an, als Leute aus
+guter Familie zum Betteln zu zwingen.« Einem Anwesenden aber flüsterte
+er ins Ohr: »Morgen wird Gott geben, wer den Armen giebt, leidet nicht
+Mangel.« Der nächste Tag graute: da kamen drei große Getreideschiffe
+die Rhone herunter; König und Kronprinz von Burgund sandten sie, um
+Cäsarius in seiner Liebesthätigkeit zu unterstützen, um so mehr als
+sie wußten, wie viel davon ihren gefangenen Unterthanen zu Gute kam.
+Auch als Prediger stellte Cäsarius in diesen Schreckenstagen seinen
+ganzen Mann: »Ja, einen bitteren Rauschtrank kredenzt die Welt ihren
+Liebhabern. Zu euch spricht jetzt die rauhe Wirklichkeit, ihr Liebhaber
+der Welt: ›Wo ist das was ihr so hoch hieltet und nicht fahren lassen
+wolltet?‹«[069-1].
+
+Dem Kriege folgte eine so große Sterblichkeit, daß die noch Lebendigen
+kaum ausreichten, die Toten zu begraben. Die Umgegend war verwüstet,
+ganze Provinzen deportiert, besonders schrecklich war das Los der
+Frauen: vornehme Damen waren zu Mägden geworden. Um so mehr mußte
+für Cäsarius darin eine Aufforderung liegen, seine Gründung eines
+Nonnenklosters wieder aufzunehmen. Seine Schwester Cäsaria hatte er
+nach Marseille in das Frauenstift des Cassianus gesandt, damit sie
+dort das Leben nach der Regel erlerne. Darauf war sie einem neuen
+Hause neben der Kirche von Sankt Stephan vorgesetzt gewesen, während
+zwei oder drei Gefährtinnen bereits Einzelzellen bezogen hatten, bis
+endlich am 26. August 512 das Kloster eingeweiht wurde. Die Zahl der
+Nonnen stieg im Lauf der Jahre auf zweihundert. Im folgenden Jahre
+wurde Cäsarius vor den Ostgothenkönig Theodorich geladen und unter
+militärischer Eskorte nach Ravenna abgeführt. Die Gründe der Anklage
+sind unbekannt und mögen mit dem Klosterbau zusammenhangen. Jedenfalls
+wußte Cäsarius auch diese Verdächtigung durch die bloße Darlegung
+des Sachverhalts zu entkräften, und Theodorich sah sich bewogen,
+den Bischof noch ausdrücklich durch ein kostbares Ehrengeschenk
+auszuzeichnen. Cäsarius verkaufte die silberne Platte und löste mit dem
+Gelde Gefangene aus; er veranlaßte durch dieses sein Beispiel überdies
+reichliche Liebesgaben großer Herren, durch die der Loskauf fast aller
+in Italien noch gefangenen Burgunder möglich wurde. Uebrigens scheint
+Cäsarius von Theodorich nicht nur als Kirchenmann, sondern auch als
+politischer Vertreter der Stadt Arles zur Rechenschaft gezogen worden
+zu sein. Von Ravenna reiste er nach Rom und wurde von Papst Symmachus
+sowie dem römischen Adel sehr ehrenvoll aufgenommen. Es galt am
+apostolischen Stuhl einige fragwürdige Angelegenheiten zu erledigen.
+Zunächst hatte Cäsarius, um das Geld zum Klosterbau aufzutreiben,
+arelatensischen Kirchenbesitz veräußert und damit ein schlechtes
+Beispiel gegeben, das nicht ermangelte, befolgt zu werden. Im Kloster
+selbst trat bald der Uebelstand zu Tage, daß die Nonnen, ob sie
+wollten oder nicht, von Freiern zur Heirat entführt wurden. Cäsarius
+bestand überdies auf dem noch von seinem Vorgänger gehandhabten Recht,
+eine durch Klerus und Bürgerschaft zu Stande gekommene Bischofswahl
+als Metropolit zu bestätigen und wollte weltliche Würdenträger zum
+geistlichen und gar zum bischöflichen Stande nicht zulassen, ohne
+über Jahre zurück ihren Leumund in Erwägung zu ziehen. Außerdem war
+dieses ein Jahrhundert alte Privilegium des Stuhles von Arles auf
+den Primat von ganz Gallien nun durch die diplomatischen Künste
+des Avitus von Vienne sehr ins Schwanken geraten. Trotz dieser
+mannigfaltigen und vielfach zweifelhaften Umstände erzielte Cäsarius
+mit seiner Anwesenheit am päpstlichen Hofe einen vollen Erfolg, und
+schon ein Jahr darauf sah der Erzbischof von Arles seine Rechte eines
+apostolischen Vikars nicht nur über Gallien, sondern auch über Spanien
+ausgedehnt. In Rom hatte Cäsarius auch starke liturgische Eindrücke
+in sich aufgenommen und traf sofort Anstalten, den römischen Ritus
+in Gallien einzubürgern. Namentlich aber brachte er ein Vermögen von
+achttausend Goldstücken als Fonds für den Rückkauf der Gefangenen mit
+nach Hause; er organisierte eine ganze Beamtenschaft aus Aebten und
+Klerikern, um die Armen zu befreien, und begab sich selbst in dieser
+Angelegenheit nach Carcassone. Papst Hormisdas, der 514 Symmachus
+nachfolgte, sicherte dem Kloster von Arles den Schutz des heiligen
+Stuhles zu und legitimierte, wenn auch nicht ohne Zögern die im Grund
+unrechtmäßigen Vergabungen, die vom Kirchengut an das Frauenstift
+geschlagen worden waren. Im April 515 fand das von Cäsarius einberufene
+zweite Konzil von Arles statt, an dem siebzehn Bischöfe teilnahmen,
+dessen Beschlüsse uns jedoch unbekannt geblieben sind. Auch das
+Weihfest der Marienkirche im Jahre 524 gestaltete sich zu einer Synode,
+ebenso vier Jahre später die Kircheneinweihung von Orange; dort
+bekämpfte Cäsarius den Semipelagianismus des Erzbischofs von Vienne.
+Auf dem Konzil des Jahres 529 brachte er dagegen die liturgische
+Bewegung in Fluß; es handelte sich darum, die italienische Praxis in
+folgenden Punkten zu befolgen: ob alle Pfarrer jüngere ledige Lektoren
+bei sich haben und mit ihnen die Psalmen, Vorlesestücke und heilige
+Schrift studieren sollten, um sich so ihren Nachfolger heranzuziehen,
+ob das Kyrie eleison und in allen Messen das dreimalige Sanktus zu
+sprechen sei und ob nach jedem Schluß hinter dem »Gloria« nicht ein
+»Wie es war im Anfang« zu folgen habe, um die arianische Irrlehre Lügen
+zu strafen. Bis jetzt hatten Presbyter und Diakone nur das Evangelium
+lesen dürfen; nun sollte ihnen auch das Predigen erlaubt werden und
+zwar nicht nur denen in der Stadt, sondern auch denen auf dem Lande.
+Für sie hatte nun Cäsarius ein Vademecum verfaßt, ein Handbüchlein,
+mit Predigten, die an Festen und Feiertagen hergesagt werden konnten.
+Auch wurde beschlossen, der Name des regierenden Papstes sei in den
+Dorfkirchen der Provinz von Arles zu nennen. Auf dem Konzil von
+Marseille vom Jahre 533 mußte der Bischof von Rei wegen Ehebruch und
+Diebstahl, deren er geständig war, seines Amtes entsetzt werden; auf
+Cäsarius Veranlassung waren die strengsten Maßregeln ergriffen worden,
+den Fehlbaren unschädlich und, was er veruntreut hatte, wieder gut zu
+machen. Papst Johannes billigte sein Vorgehen; leider aber lieh sein
+Nachfolger Agapet dem Bösewicht Contumeliosus Gehör, und obwohl auch
+die von ihm eingesetzte Revisionskommission die ersten Verfügungen im
+Ganzen bestätigte, mußte sich Cäsarius die päpstliche Ungnade in sehr
+fühlbarer Form gefallen lassen. Als Arles dann in fränkischen Besitz
+überging, 536, war Cäsarius bereits ein alternder Mann. Noch hatte
+er bei König Theudebert sich einer Botschaft des Papstes Vigilius zu
+entledigen, am 6. Mai 538, und wirkte in allgemeinen Kirchenfragen noch
+mit seinem bewährten Rate mit. Doch hat er an keinem fränkischen Konzil
+teilgenommen, er war zu leidend und fiel oft in Ohnmacht. Als er seinen
+Tod herannahen fühlte, ließ er sich in das Nonnenkloster hinübertragen,
+um sie zu trösten, nahm Abschied von den Schwestern und kehrte nach
+der Stephanskirche zurück. Vierzig Jahre lang hatte er der Kirche von
+Arles vorgestanden und dreißig waren vergangen, seit er das Kloster
+gegründet hatte. Am Morgen nach dessen Weihetag ist er gestorben, den
+27. August 542. An der Trauer um ihn ließ sich erkennen, wie er geliebt
+war. Sogar die Juden, die ihn einst verleumdet hatten, schlossen sich
+dem Leichenzuge an. Begraben ist er in der Marienkirche neben der
+Schwester, die ihm im Tode vorangegangen war.
+
+In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings
+die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges
+ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch
+den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar
+wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die
+Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur
+vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich
+überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet,
+gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer
+Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte
+Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch
+beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie
+selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne
+äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem
+Wege umschreibt.
+
+ * * * * *
+
+Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen
+Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden,
+die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger,
+sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben
+des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus
+unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402,
+während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß
+des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus
+gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche
+Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert
+zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der
+Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger
+Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den
+Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient
+als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem
+Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in
+die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten
+Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle
+Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten:
+Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen
+gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf
+einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und
+anderer Dinge mehr[073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen
+zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier
+entwickelten Sinne nicht die Rede sein.
+
+Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich
+römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen,
+die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung
+kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre
+Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht
+an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer
+verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll,
+von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof
+Bonifacius von Ferent[073-a], der seinen Leuten die verhagelte
+Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom
+verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt,
+sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen,
+den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu
+Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben
+Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt!
+
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Die Forschung.
+
+
+Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes,
+war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die
+junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm
+und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen
+weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den
+Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung
+beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter
+Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen
+Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der
+Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter
+diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch
+einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen
+entzogen und ganze Gruppen beschrieben.
+
+Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen
+Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur
+vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft
+gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den
+Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen
+egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um
+dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer
+solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein,
+als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je
+mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke
+abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir
+haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht
+im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem
+natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin
+steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften
+das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie
+zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt
+uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie
+und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer
+Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im
+folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie
+nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß
+jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter
+getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken
+vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist
+und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns
+höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen
+sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen
+Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom
+Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle
+Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus.
+
+Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch
+merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz
+vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische
+Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen.
+Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften
+Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik
+hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten
+römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So
+überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer
+Saturninspassion[075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat
+des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer
+Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte
+Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹
+entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte
+zu erkennen gibt[075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den
+Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion[075-c],
+wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche
+verzeichnet werden[075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte
+Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte[075-e].
+Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist
+auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und
+Ferruciuspassion[075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn
+Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus,
+Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus,
+Albinus[075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das
+Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten
+Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von
+Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum
+festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Die panegyrische Heiligenforschung des Venantius Fortunatus.
+
+
+Das über die persönliche Erinnerung hinaus verlängerte Andenken an
+Heilige im alten Frankreich nimmt seinen Ausgang bei Martin von Tours.
+Wie er den ihn schildernden Schüler überwältigte, so geht von ihm auch
+die Kraft aus, die in jener Zeit gelehrte Bemühungen um die Heiligen
+ins Leben zu rufen vermochte. Seine Heldengestalt mußte indes weit mehr
+zu dichterischem Lobpreis, als zu kritischer Betrachtung auffordern.
+Und so wurde nun, um von den zahlreichen alten Martinshymnen hier zu
+schweigen, auch die erste biographische Darstellung von Martins Leben,
+an die man sich nach Sever wagte, in Versen unternommen. Von ihrem
+Verfasser, Paulinus von Perigueux, wissen wir nur das Todesjahr 475.
+Zu seinem Heldengedicht bediente er sich der Quellen, die er vorfand,
+nämlich der Martinsschriften des Severus[075-h]. Er gesteht selber,
+weiter nichts zu thun, als die ihm vorliegende Prosa rythmisch zu
+erweichen; zu den Quellen könne nicht jeder dringen, und so müsse man
+denn bei ihm mit abgeleitetem Wasser vorlieb nehmen, dem es an Frische
+fehle. Auch entbehrt es des Interesses nicht, daß Paulinus aus Severs
+Vorlage nicht ein einheitliches Lebensbild zusammenschweißt, sondern
+die doppelspurige Behandlung des Severus beibehielt. In drei ersten
+Gesängen schöpft er die Vita aus, in einem vierten den zweiten Teil
+des ersten Dialogs, in einem fünften den zweiten Dialog. Das meiste,
+was Sever bietet, benützt er und überspringt nur wenig. Das sechste
+und letzte Buch zieht dann eine neue Quelle hervor, nämlich die dem
+Verfasser durch Bischof Perpetuus von Tours zur Verfügung gestellte
+Liste von sechzehn Wundern, die am Grabe des Heiligen nach seinem Tode
+geschehen waren.
+
+War mit Paulinus von Perigueux Martin einem Poeten in die Hände
+gefallen, der nach eigenem Geständnis keiner war, so hatte er mit
+seinem nächsten Biographen scheinbar mehr Glück, insofern Venantius
+Fortunatus für den letzten römischen Dichter gilt[076-1]. Aber auch
+dieser befolgt das Rezept des Paulinus, und gibt im ersten und zweiten
+Gesang die verblümte Vita, im dritten und vierten eine Paraphrase der
+Dialogen[076-2]. Er behandelt den Gegenstand fabrikmäßig, von seiner
+poetischen Begabung ist nicht viel zu spüren, finden sich doch unter
+den zweitausend zweihundert und dreiundvierzig Versen kaum fünfzig
+gute[076-3]. Wie Paulinus hat er sich zum Martinsgedicht des einfachen
+Hexameters bedient, während er sonst über gewähltere Maße verfügte. Er
+deutet auch an, daß er in Paulins Spuren wandelt.
+
+ Reich an Talent, an Ahnen, an Glauben und Herz hat Paulinus
+ Martins Satzung in Versen erzählt, des heiligen Lehrers.
+ Aber nun ich, bin ich würdig genug das selige Leben
+ Auch zu berühren mit zitternder Hand und mit stammelnder Zunge?
+
+Sowohl das Martinswerk des Paulinus als das des Venantius Fortunatus
+kommen daher als poetische Leistung kaum, als ernst zu nehmende
+Lebensschilderungen gar nicht in Betracht. Die gelehrten Verdienste
+Fortunats um die Heiligen liegen anderswo.
+
+
+1.
+
+Fortunat verfaßte sechs Heiligenleben in Prosa. Da sie für das Volk
+berechnet waren, sah er von dem höfischen Stil ab, mit dem für
+uns erfreulichen Resultat, daß diese Traktate in einer einfachen,
+natürlichen Sprache gehalten sind, während sonst gerade seine Prosa
+nicht auszustehen ist. Zuerst beschäftigt uns sein Leben des Hilarius
+von Poitiers. Es ist wichtig als der erste bedeutendere Vertreter
+einer Prosavita, die nicht auf persönliche Erinnerung zurückgeht,
+also nicht Memorie ist. Sprang schon bei seinem Martinsgedicht der
+enge Anschluß an Sever in die Augen, so ist er bei näherem Zusehen
+hier in nicht geringerem Maße vorhanden. Nun hat Sever allerdings
+keine Hilariusgeschichte hinterlassen, aber in seiner Chronik doch
+mehrere biographische Daten untergebracht und im Martinsleben dessen
+Beziehungen zu Martin kurz erwähnt; alle diese Stellen finden sich
+in Fortunats Hilariusleben gewissenhaft übernommen und der Anklang
+sogar bis auf einzelne Ausdrücke nicht vermieden. Die Angaben des
+Hieronymus über Hilarius hat Fortunat nicht benützt, obwohl er
+in der Vorrede Hilarius und Hieronymus nebeneinanderstellt; und
+auch anderswoher seine Kenntnisse über Hilarius Lebensgang nicht
+bereichert: er steht also mit diesem Werk so sehr im Bann des Sulpitius
+Severus, als das bei dessen spärlichen Angaben über Hilarius möglich
+war. Aber auch aus einem andern Grunde war sein Hilariusleben das
+Seitenstück zu Severs Martinsleben: Hilarius von Poitiers nahm
+zu dem größeren Nachbarheiligen von Tours für die Empfindung der
+Nachwelt gewissermassen eine sekundierende Stellung ein: war Martin
+Reichsheiliger, so war Hilarius dasselbe im zweiten Gliede; der
+Martinsmission unter den Alamannen trat eine Hilariusmission an die
+Seite; den Martinskirchen folgten Hilariuskirchen. Für die Abfassung
+der Hilariusvita steht das Jahrzehnt 565 bis 575 zur Verfügung; in der
+Vorrede zum Albinsleben sagt Fortunat allerdings, er habe in dieser
+Litteraturgattung, eben der Heiligenschriften, noch keine Uebung; das
+schließt die Priorität der Hilariusvita nicht unbedingt aus, denn da
+der Adressat der Albinsvita Bischof Domitian von Angers 569 starb,
+bleiben vier Jahre, in denen die beiden Schriften jede der andern den
+Vortritt hatte lassen können. Daß dagegen das Hilariusleben es mit
+einem längst Verstorbenen zu thun hat, dessen Grab bereits wieder auf
+eine Geschichte zurückblicken kann, giebt sich auch schon in seinem
+Anhang kund, in den Virtutes, die in der Hilariusbasilika von Poitiers
+sich ereignet haben: ein so loser Anhang immerhin, daß es sich um
+ein eigenes Büchlein handelt, mit eigener Widmung und dem sechsten
+nicht mehr dem vierten Jahrhundert zum Gegenstande. Das älteste der
+erzählten Wunder greift in die Zeit Chlodowechs zurück: der König hatte
+vor der Schlacht bei Poitiers die Nacht im Hilariusmünster bis zum
+Tagesanbruch zugebracht, bis er das feste Bewußtsein besaß, der Heilige
+werde sein mächtiger Mitkämpfer sein. Diese »Hilariuswunderthaten«
+sind vielleicht das früheste selbständige Beispiel dieser zweiten Art
+hagiographischer Schriftstellerei, die sich nicht mit dem lebenden,
+sondern mit dem toten Heiligen beschäftigt. Gewidmet sind beide
+Schriften dem Pascentius, Bischof von Poitiers, der im Hilariuskult
+von Kindesbeinen an erzogen war, dann Priester der Hilariuskirche von
+Paris und schließlich auf König Chariberts Befehl nach dem Tode des
+Pientius Bischof der Hilariusstadt wurde. Auf desselben Königs Geheiß
+und Drängen verfaßte Fortunat dann auch die beiden Schriften.
+
+Das Hilariusleben blieb jedoch Fortunats einziger Versuch, eine
+Gestalt der fernen Vergangenheit zu schildern. Die fünf andern
+Heiligen, die er beschrieb, sind mehr oder weniger seine Zeitgenossen:
+vier fränkische Bischöfe und die heilige Radegunde. Von dieser muß
+ausführlich die Rede sein. An den Bischofsleben dagegen mag nur eben
+das Charakteristische hervorgehoben werden. Mit Germanus von Paris
+stand Fortunat in persönlichem Umgang; für die Vita, die er ihm widmet,
+ist davon leider wenig genug abgefallen. Der Eindruck, den ein Mann
+wie Germanus Auge in Auge doch gewiß ausübte, kommt um alles Recht.
+Einen treffenden Zug über den Heiligen erfahren wir von Fortunat nicht
+hier, sondern im Leben der Radegunde, daß nämlich Germanus die in der
+Fastenzeit an die Armen auszuteilenden Kuchen eigenhändig buk[078-a].
+Dafür strotzt das Germanusleben von Wundern, nicht nur von solchen,
+die der Heilige selbst gewirkt hat, sondern auch von übernatürlichen
+Vorfällen, mit denen der Volksglaube zu allen Zeiten eine ihm genehme
+Heiligengestalt umrahmt hat. Die Geburt wird in unerquicklicher
+Weise wundersam verbrämt[078-b]. Als Muster des damaligen Geschmacks
+in diesen Dingen ist die Episode hier anzuführen: Germanus hatte
+rechtschaffene und angesehene Eltern. Seine Mutter schämte sich in
+weiblicher Scheu, schon wieder ein Kind zu bekommen, da sie eben erst
+eines gehabt hatte. Sie beschloß die Frucht abzutreiben, so lange es
+noch Zeit sei und nahm den üblichen Trank, um das Verbrechen wider das
+keimende Leben einzuleiten. Darauf erhob sich nun ein Streit zwischen
+der Mutter und dem ungeborenen Kinde; dieses wünschte durchaus das
+Licht der Welt zu erblicken und überwand die abtötende Wirkung der
+Medizin. Das war gewissermaßen des Heiligen erstes Wunder, durchaus
+geeignet, die künftige Kraft des Heiligen anzudeuten. Uebrigens knüpft
+dieser sprechende Zug vielleicht doch an die Wirklichkeit an, und zeigt
+dann, was damals eine sonst anständige Frau ohne Anstoß zu erregen sich
+erlauben durfte.
+
+Die übrigen drei von ihm beschriebenen Heiligen hat Fortunat nicht
+selber gekannt. Im Kloster Tincallense, wo Bischof Albin erzogen
+worden war, wurde Fortunat von dessen Nachfolger aufgefordert, die
+Stadt Angers zu besuchen. Nach Mitteilungen eines Ungenannten fertigte
+Fortunat sein Büchlein an: »Damit dieses Heiligenleben zur Erbauung
+des Volkes schwarz auf weiß aufbehalten werden könne«, und widmete
+es eben jenem Domitian, Bischof von Angers. Auf Geheiß des Germanus
+von Paris verfaßte Fortunat sodann das Leben von dessen Vorgänger
+Marcellus. Akten dieses Heiligen waren vorhanden gewesen, aber verloren
+gegangen; die mündliche Ueberlieferung über ihn war aber noch sehr
+lebendig. Paternus endlich, der Bischof von Avrenches, der noch auf
+dem dritten Konzil vom Jahre 556 anwesend war, wurde von Fortunat dem
+Abt Martianus zuliebe geschildert, dessen Kloster wahrscheinlich eine
+Stiftung des Heiligen war.
+
+So dürftig indessen diese Heiligen-Lebensbilder für ein nur
+menschliches Interesse ausgefallen sind, mangeln ihnen wertvolle
+Beiträge zur Zeitgeschichte nicht ganz. Diese zeigen uns den
+bekanntlich sehr kirchenfreundlichen König Childebert im Verkehr mit
+hervorragenden Prälaten. Als Albin nach Paris kam, um nach seiner
+Erwählung zum Bischof von Angers im Jahre 529 die übliche Aufwartung
+bei Hofe zu machen, Childebert dagegen in der Frühe auf die Jagd
+geritten war, suchte der König, da dem geistlichen Herrn das Gehen
+sauer war, diesen persönlich auf[079-a]. Dem Paternus von Avrenches
+schickte er seine schließbare Reisekutsche zum Besuch bei Hofe und gab
+ihm für Armensachen einen unbeschränkten Kredit[079-b]. Dem Germanus
+stellte er nach dessen Wahl nach Paris sechstausend Goldstücke zur
+Verfügung; Germanus brauchte nur dreitausend: für die ganze Summe
+gebe es nicht Arme genug[079-c]. Als ihm aber der König ein Leibpferd
+schenkte mit dem ausdrücklichen Wunsche, der Bischof möge es nun ja zum
+eigenen Gebrauche verwenden, löste Germanus einen Gefangenen, der ihn
+um die Freiheit bat, damit aus, weil für den Priester des Armen Stimme
+mehr gelte als des Königs Stimme.
+
+
+2.
+
+Von Fortunats fünf zeitgenössischen Lebensbildern ist also das der
+Königin Radegunde weitaus das bedeutendste. Auch es steht in mehr
+als einer Hinsicht unter dem Einfluß von Severs Martinsleben. Als
+Radegunde eine junge Klosterschwester erweckte, die für tot galt, in
+ihrer eigenen Zelle, ohne Zuschauer, nach siebenstündiger Behandlung,
+erinnert Fortunat an das erlauchte Vorbild: _more beati Martini tempore
+praesenti antiqui norma miraculi_[079-d]. Aber das ganze Bild der
+frommen Frau steht in Martins Bann. Wie einst Martin seinem Burschen
+Dienste leistete, die dieser ihm erweisen sollte, so reinigte auch
+die Fürstin das Schuhwerk ihrer Schwestern. Zwei Stunden brachte
+Martin allein bei einem entseelten Klosterbruder zu und Radegunde
+zwei Stunden am Bett einer kranken Schwester. Sicher haben wir es
+hier nicht mit einer schriftstellerischen Abhängigkeit Fortunats von
+Sever zu thun, wohl aber deuten solche Stellen auf die Abhängigkeit
+Radegundens von Martin hin, dessen Gestalt in Severs Darstellung der
+Nachwelt erhalten war. Doch stellt sich selbst eine litterarische
+Parallele zwischen Sever und Fortunat ein. Auch Fortunat wird dem Stoff
+in seiner Vita nicht Meister: aus seinen Gedichten ersehen wir, daß er
+von Radegunde sehr viel mehr und sehr viel Charakteristisches weiß,
+was er in der Beschreibung nicht unterbringt. »Je mehr wir der Kürze
+wegen auslassen müssen, eine desto größere Sünde ist es«, sagt auch
+er. Und in der That, was hätte er noch alles erzählen können! In einem
+seiner Gedichte wird uns in ergreifender Weise ein Einblick in ihr
+menschliches Empfinden gewährt! Auch in vielen kleinen Zügen, die in
+Fortunats Gedichten zerstreut sind, zeigt sich uns das unvergleichliche
+Frauenwesen von Mutter Radegunde, wie sie sich nennen ließ. Sie
+besteckt zu Ostern den Altar der Klosterkirche mit Blumen, erfreut
+ihren Dichterfreund mit allerhand Aufmerksamkeiten, Pflaumen, Eiern,
+frischer Milch und nimmt von ihm Veilchen, Blumen oder ein Körbchen
+mit zahmen Kastanien an. Auch im Kloster zeichnet sie sich aus durch
+ihren Eifer in der Kochkunst und durch ihr Geschick, Rahm zu Sahne zu
+schlagen. Daneben liest sie fleißig Kirchenväter. Von diesen anmutigen
+und intimen Einzelheiten enthält die Darstellung nichts. Ebenso
+verschweigt sie den Namen der Adoptivtochter und Aebtissin Agnes und
+Radegundens näheren Umgang mit ihr. Die Chronologie ist vernachlässigt.
+An Fortunats wichtigstem Heiligenleben äußern sich somit in allen
+wichtigen Punkten bei doch ganz andern Umständen ähnliche Bedingungen
+der Konzeption und Ausführung, wie wir sie bei Sever an dessen
+Behandlung Martins beobachtet haben: es ist das Unvermögen der
+Memorie, bei allzugroßer Liebe zum Stoff diesen schriftstellerisch zu
+bemeistern. Aber trotz alledem, welch ein Stoff!
+
+Das zarte Königskind Radegunde von Thüringen[080-1] war die edelste
+Beute der Franken nach der Schlacht an der Unstrut im Jahre 531. Die
+königlichen Brüder stritten sich um das in seiner Jugend, seiner
+Trauer, seiner Schüchternheit unbeschreiblich schöne Mädchen, auf
+dessen Kinderjahren schon die ganze Bitterkeit eines wehrlosen
+Waisenstandes gelastet hatte. Im Kampfe der Fürsten fiel sie dem rohen
+Chlotar zu. Er brachte sie auf seinen Meierhof Athies bei St. Quentin,
+um sie dort zu seiner Gemahlin erziehen zu lassen. Und da schenkte ihr
+nun also die Gefangenschaft und die Fremde, was ihr mehr werden sollte,
+als Heimat und Familienglück und irdische Liebe: das Christentum.
+Ueber die zum Glauben nötige Unterweisung hinaus lernte sie lateinisch
+und las Kirchenväter und die damals noch jungen lateinischen Hymnen.
+Neben ihrem frommen Gemüt fiel sie durch ihr kluges Wesen und durch
+ihre Liebe zu Kindern auf. Nichts wünschte sie mehr, als einst für
+ihren Glauben das Leben lassen zu dürfen. Sie sammelte die arme Jugend
+von der Gasse um sich, wusch die Kinder, gab ihnen zu essen; ja ein
+Geistlicher mußte ein hölzernes Kreuz vorantragen und sie zog hinter
+ihm mit der Schar der Kleinen Psalmen singend zur Kirche. Dort fegte
+sie den Boden mit ihrem Kleide und wischte mit ihrem Taschentuch den
+Altar vom Staube frei. Der drohenden Heirat mit dem König suchte sie
+sich vergeblich durch heimliche Flucht zu entziehen. Die Verlobung
+erfolgte auf dem königlichen Sommersitz zu Vitry, die Krönung zur
+Königin in Soissons, 540. Das unvermeidliche Los suchte sie nach bestem
+Vermögen auszugleichen. Die Hochzeit mit dem irdischen Fürsten trennte
+sie nicht von dem himmlischen; an Christus war ihr mehr gelegen als
+an ihrem Gemahl. Als sie einst zu einer vornehmen Frau ritt und an
+der Straße einen Götzentempel bemerkte, der den heidnischen Franken
+sehr hoch stand, hielt sie an und befahl den Dienern Feuer einzulegen.
+Alsobald großer Tumult, bloße Schwerter, Knüttel und Zetergeschrei:
+Radegunde saß unbeweglich im Sattel, bis das teuflische Heiligtum in
+Asche lag; das besänftigte die Menge. Von allen Einkünften, über die
+sie verfügte, gab sie den Zehnten der Kirche als regelmäßige Steuer;
+aber auch den Rest brauchte sie meistens im Dienst der Wohlthätigkeit.
+Reich beschenkte sie die Klöster; sogar die Einsiedler, die sich
+gänzlich zurückzogen, wußte ihre Gabe zu erreichen. Fürstin von
+Geblüt und Ehe wurde sie die Magd der Armen. In Athies errichtete
+sie ein Spital für bedürftige Leute, übernahm selber die Leitung und
+behielt sich persönlich die Pflege der abschreckendsten Krankheiten
+vor, die letzten Stadien der Entzündungen und stinkende Geschwüre
+wie den Krebs. An der Hoftafel lebte sie von Bohnen und Linsen. Sie
+unterbrach die Mahlzeit und eilte hinaus, entweder um in der Kirche
+am Horengesang teilzunehmen oder um sich zu erkundigen, ob und was
+jetzt die Armen zu essen bekämen. Sie konnte auch, einmal in der
+Kirche, die Essenszeit überhaupt vergessen. Sie griff zu Listen, um
+sich den Ansprüchen ihres Gemahls zu entziehen und stahl sich eines
+Nachts, eine Anwandlung leiblicher Notdurft vorschützend, aus dem
+Schlafzimmer, in Wahrheit zu keinem andern Zweck, als um im leichten
+Nachtgewande drunten in der kalten Schloßkapelle Bußübungen obzuliegen;
+dabei erkältete sie sich und vermochte weder am Kamin noch im Bette
+mehr warm zu werden. Aergerlich meinte der Gemahl, was übrigens längst
+die Höflinge zischelten, das sei ja gar keine Königin, das sei eine
+Nonne. So war es. In der Fastenzeit trug sie ein härenes Hemd unter
+dem Seidenkleid. Jede Abwesenheit des Königs benützte sie, um alles,
+was sie in ihrer Stellung an geistlichen Uebungen sich versagen mußte,
+nachzuholen. Jeder Priester, der bei Hofe erschien, erfuhr ihre Huld:
+er mochte bei Schnee, Kot oder Staub gekommen sein, ~sie~ wollte
+seine Füße waschen und trocknen, ~sie~ ihm den Becher kredenzen. So
+lange der geistliche Gast blieb, überließ sie die Hofgeschäfte ihren
+Vertrauten und widmete sich ausschließlich ihm. Erfreute sie gar der
+Bischof mit seinem Besuch, so war sie in einem Entzücken und immer
+traurig, wenn er dankerfüllt Abschied nahm. Zierte ein kostbares
+Linnen mit Schmuck von Gold und Edelsteinen ihr Schultern oder Haupt
+und ihre Dienerinnen priesen den Anzug, schickte sie sofort das Tuch
+als Altardecke in die nächste Kirche. Nie bemühte sie sich eifriger
+ihren Einfluß auf den König geltend zu machen, als wenn ein Verbrecher
+zum Tode verurteilt war; da bot sie ihren ganzen Liebreiz und alle
+Freunde auf, um die Begnadigung durchzusetzen. Dieses Leben hätte sie
+wohl in Demut weiter geführt, wäre nicht das Schreckliche geschehen,
+das alle Bande ehelichen Gehorsams in ihr zerriß. Neben ihr war ihr
+Bruder aufgewachsen; nun aber groß geworden, wollte er seinen Vetter
+Amalfried in Byzanz aufsuchen, und im Osten ebenfalls sein Glück
+machen. Radegunde bewog mit den zärtlichsten Bitten diesen letzten und
+liebsten Menschen aus der Heimat, sie doch nicht zu verlassen. Der
+Prinz blieb. Offenbar schien er nicht ungefährlich; er wurde ermordet.
+Nicht einmal in seinen letzten Zügen konnte die Schwester ihn sehen,
+nicht einmal dem Begräbnis konnte sie beiwohnen. Nun hielt sie aber
+auch nichts mehr von dem Schritt zurück, zu dem ihr ganzes Wesen sie
+antrieb. Unter einem Vorwande begab sie sich, 557, nach Noyon, dem
+Sitz des Bischofs Medard. Sie traf ihn in der Kathedrale, wo er eben
+Messe las; inständig bat sie ihn sogleich um die Weihe, da sie der Welt
+entsagen wolle. Medard, selbst ein Heiliger, hatte nicht den Mut, der
+Gattin des Königs den Schleier zu reichen; er setzte ihr in Erinnerung
+an die Vorschrift des Apostels auseinander, sie sei gebunden und dürfe
+die Ehe nicht lösen wollen. Er versuchte alles, ihre Einkleidung zu
+verhindern. Er war durch die Drohungen der Edelleute in Radegundens
+Gefolge eingeschüchtert. Die Hofleute waren von der Erklärung der
+Herrin aufs äußerste überrascht: der Bischof habe keinerlei Recht, die
+Königin geistlich zu machen, denn sie sei nicht eine beliebige Person,
+sondern gewissermaßen ein staatliches Versatzstück. Sie vermochten
+nicht an sich zu halten: vom Altar weg rissen sie den Bischof und
+zerrten ihn durch die Kirche. Unterdessen schlüpfte Radegunde in die
+Sakristei und daselbst in ein bereitgehaltenes Nonnenkleid, kehrte in
+die Kirche zurück, trat aufs neue vor den Bischof und machte ihm so
+deutliche Vorstellungen über seine Amtspflichten, redete ihm so scharf
+ins Gewissen, beschwor ihn so eindringlich bei dem höchsten Hirten,
+sie nicht durch seine Menschenfurcht zum verlorenen Schaf zu machen,
+daß er erschrocken nachgab. Er legte die Hand ihr auf das Haupt und
+weihte sie. Da nahm die fürstliche Nonne den goldenen Gürtel, der noch
+eben ihren Leib umfaßt hatte, brach ihn entzwei, warf die Stücke unter
+die Armen, nahm ihr Königsgewand, breitete es auf den Altar und legte
+ihre Juwelen darauf. Dann wallfahrtete sie nach Tours und Candes, an
+die Erinnerungsstätten des heiligen Martin und beschenkte mit ihrem
+Vermögen größtenteils Klöster und Bistümer. Vorerst ließ sie sich nun
+auf ihrer Besitzung Saix, zwischen Tours und Poitiers, nieder. Damals
+träumte ihr, sie sehe ein riesiges Roß, das die Gestalt eines Menschen
+habe, und auf allen Gliedern und Körperteilen säßen Leute, sie selber
+aber auf den Knieen des Uebermenschen und eine Stimme sprach zu ihr:
+Jetzt sitzest du noch auf dem Knie, bald wirst du an meiner Brust
+Platz finden. Aber noch war sie nicht in Sicherheit; es verlautete,
+Chlothar sei über ihre Flucht vom heftigsten Schmerz erfüllt und habe
+erklärt, er wolle nicht mehr leben, wenn er sie nicht wieder zum Weibe
+haben könne. In ihrer Herzensangst legte Radegunde sich noch härtere
+Bußübungen auf, als die, denen sie sich bisher schon unterzogen, und
+flehte Tag und Nacht zum Himmel um Schutz vor dem Gatten: lieber
+sterben, als wieder sein werden! Das letzte Stück ihres Schatzes einen
+reich verzierten goldenen Becher schickte sie in dieser Seelennot durch
+einen ihrer Vertrauten an einen frommen Einsiedler und bat ihn um seine
+Fürbitte, um Rat und um ein gröberes Bußgewand. Der Einsiedler ließ
+ihr zum Troste sagen, allerdings sei es des Königs Wille, sie wieder
+zum Weibe zu nehmen, aber Gott werde es nicht zulassen. Später als
+Radegunde nach Poitiers übergesiedelt war, kam Chlothar von seinem
+Sohn Sigibert begleitet, nach Tours, angeblich um dort sein Gebet
+zu verrichten, in Wahrheit, um Radegunde zu entführen. Diese hörte
+von der Gefahr und schrieb sofort an Bischof Germanus von Paris, der
+sich im Gefolge des Königs befand. Der wußte sich nicht anders zu
+helfen, als er fiel vor Chlothar nieder und bat ihn, Poitiers nicht
+zu betreten. Da endlich ging auch diesem schlechten und ausgeschämten
+Menschen eine Ahnung heiligen Lebens auf, gegen das er machtlos sei. Er
+warf sich seinerseits dem Bischof zu Füßen, sandte ihn nach Poitiers,
+um von ihr Verzeihung für alles zu erflehen, was er durch schlechte
+Ratgeber verleitet, gegen sie gesündigt habe. Er erhielt Verzeihung.
+Aber gesehen hat er die Heilige nie mehr. Unterdessen schritt der Bau
+ihres Frauenklosters rüstig vorwärts. Unter den Thoren von Poitiers
+führte sie, vom Bischof und vom Herzog der Stadt unterstützt, im Laufe
+mehrerer Jahre ein mächtiges Gebäude auf, das gleich einer Festung, von
+Mauern und Thürmen umgeben, im Notfall auch einer Belagerung trotzen
+konnte. Alle die reichen Besitzungen, die sie zum Brautschatze und
+zur Morgengabe von ihrem Gemahl empfangen hatte, übertrug sie mit
+dessen Zustimmung ihrer neuen Stiftung, nur das ausgenommen, was sie
+bereits einem Mönchskloster in Tours vermacht hatte. Endlich konnte
+das Nonnenstift eingeweiht werden. Feierlich zog Radegunde mit den
+Jungfrauen ein. Kopf an Kopf stand die Menge auf den Straßen von
+Poitiers, alle Dächer waren von Neugierigen oder Andächtigen besetzt.
+Radegunde hat das Kloster zeit ihres Lebens nie mehr verlassen. Sie
+blieb die Seele der Gemeinschaft, aber wollte nicht deren Haupt sein,
+sondern ernannte zur Aebtissin ein junges Mädchen namens Agnes, das
+sie von Kindesbeinen an ganz in ihrer Denkweise erzogen hatte. Jeder
+Ehrenstellung im Kloster wußte sich die Stifterin zu entziehen. Nach
+Agnes wurde Dedimia Aebtissin, der Küche stand Felicitas vor und
+Partnerin war Erdegunde. Aller fremden Verpflichtungen frei konnte
+Radegunde nun endlich ein christliches Leben, wie sie es verstand,
+führen, still, dienstfertig, gottgeweiht, deutsche Frau im wälschen
+Lande. Sie vergaß, daß sie Gattin, daß sie Königin gewesen war; sie
+versammelte die Schwestern um sich und sprach zu ihnen: »Euch habe ich
+zu meinen Töchtern auserlesen, ihr seid meine Lichtsterne, ihr mein
+Leben, ihr meine Ruhe und mein ganzes Glück, ihr meine neue Pflanzung.
+Laßt uns nun das Leben im Diesseits so gestalten, daß wir uns einst im
+Jenseits seiner aufs neue freuen dürfen. Laßt uns mit ganzer Zuversicht
+und mit der vollen Hingabe unserer Herzen dem Herrn dienen. Laßt uns
+ihn suchen in Ehrfurcht und Einfalt, damit wir vertrauensvoll ihm
+sagen können: Schenk uns, o Herr, nach deiner Verheißung, denn wir
+thaten nach deinem Befehl.« Für die Erfüllung ihrer Forderungen ging
+sie dann selber mit einem Beispiel voran, in dem ihr Niemand folgen
+konnte: nicht nur, daß sie im Beten, im Psalmensingen, im Lesen und
+Auslegen der heiligen Schrift die erste und die letzte war, sie war
+von einer unerhörten Strenge und Unbarmherzigkeit gegen ihre Person.
+Seit der Einsegnung lebte sie nur noch vegetabilisch, aß aber auch
+Aepfel nicht und trank keine geistigen Getränke. Sie verschärfte dann
+im Kloster ihre Entsagung zu der strengen Lebensweise einer Klausnerin,
+aß nur Sonntags Brot, sonst ausschließlich Kräuterwurzeln und wilden
+Kohl, in rohem Zustande ohne Oel und Salz, und erlaubte sich nur zwei
+Gläser Wasser täglich. Ihr Lager bestand aus einer Streu von Asche,
+über die eine grobe härene Decke gebreitet war. Sie mutete sich alle
+Arbeit der Dienstboten zu. Wo sie etwas schmutzig sah, putzte sie und
+scheuerte sie. Gerade weil sie von hoher Geburt war, adelte sie in
+ihren Augen niedrige Dienstleistung desto mehr. Sie trug Holz herbei
+auf ihren Armen, schürte die Glut im Herde mit Balg und Feuerzange, zog
+das Wasser aus dem Sodbrunnen selber heraus und verteilte es in die
+Gefäße. Dann schabte sie Rüben und wusch das Gemüse, überwachte die
+brodelnden Speisen in den Pfannen, hob die Kessel ab und zu, reinigte
+das Geschirr, sobald die Tafel aufgehoben war, und fegte dann die Küche
+rein, bis alles glänzte. Schliefen die Schwestern, dann wichste sie
+ihnen die Stiefel und stellte sie jeder einzelnen wieder vor das Bett,
+ja die abstoßendsten Geschäfte einer Haushaltung nahm sie für sich in
+Anspruch. Dabei erschöpfte sie sich gelegentlich bis zur Ohnmacht;
+doch auch, wenn sie auf den Boden hinfiel, nahm sie nie Schaden. Das
+war allerdings in ihrer Dienstwoche. Außerhalb dieser beschäftigte sie
+sich mit Krankenpflege und kannte darin ebenfalls keine Grenzen. Jeden
+Dienstag und Samstag empfing sie Arme und Kranke in dem Badehause des
+Klosters und badete, reinigte und kleidete sie eigenhändig; als sich
+einmal eine Wärterin die Bemerkung erlaubte, wenn Radegunde immerfort
+aussätzige Weiber umarme, werde sie bald niemand mehr küssen wollen,
+gab sie zur Antwort: »Das ist ja allerdings sehr schade, wenn du mich
+nicht mehr küssen wirst«. Sie war unermüdlich die Kranken zu besuchen
+oder die heilsamen Säfte abzukochen und kehrte stets nüchtern in ihre
+Zelle zurück. Trotz all dieser harten Arbeit ergab sie sich noch den
+schonungslosesten Kasteiungen. In der Fastenzeit spannte sie ihren Hals
+und ihre Arme in drei breite Eisenringe und schnürte den bloßen Leib
+in ebensoviel Ketten ein, bis er blutete und sie fast zusammenbrach.
+Ja sie zwickte sich mit glühenden Eisen, um den brünstigen Geist zu
+Paaren zu treiben. Einer so heiligen und bescheidenen Frau konnte die
+Wundergabe nicht versagt sein. Bella, die Gattin eines hochgestellten
+Mannes namens Gislaad und eine Nonne suchten und fanden Heilung von
+ihrem Augenübel bei Radegunde. Ein Mädchen Namens Fraifledis in Saix,
+eine Leubilia und zwei Ungenannte, wovon die eine eines Sattlers
+Frau, wurden durch ihre Hilfe teuflische Besessenheit los. Dabei
+ging der böse Geist einmal durch den Unterleib und das andre Mal
+durch das Ohr ab. An innern Krankheiten heilte sie einen Fall von
+Quartanfieber; ferner wurde ein kränkliches Mädchen, namens Goda,
+das überdies durch das viele Doktern medizinsiech geworden war, in
+Radegundens Behandlung gesund, ehe noch die Votivkerze von der Länge
+seines Körpers heruntergebrannt war; desgleichen heilte sie die Nonne
+Animia von der Wassersucht und den Steuerverwalter Domolenus von seinem
+Rachenleiden. Ein ihr ergebener Schiffer, in Lebensgefahr, stillte den
+Seesturm, indem er ihren Namen ausrief. Absinthusblätter, die sie auf
+der Brust getragen hatte, wurden ein wirksames Augenpflaster, und ein
+sterbendes Waisenkind kam auf ihrem Schoße, durch die Berührung mit
+ihrer Kutte, zu sich. Im Kreise der Schwestern war sie gewissermaßen
+Virtuosin im Wundertun: die Aebtissin benutzte die ihr untergebene
+Fürstin förmlich zu Vorstellungen, indem sie einmal, scherzweise, bei
+Strafe der Exkommunikation den Termin von dreien Tagen zur Heilung
+einer Verrückten stellte, das andere Mal die Wiederbelebung eines
+beim Versetzen verdörrten Lorbeerbaumes unter Androhung des Entzugs
+der Speise gebieterisch forderte. Alle diese wunderbaren Kräfte
+bezog Radegunde aus einer anderen Welt, wie sie ja bereits mit ihrem
+ganzen Wesen vorzeitig im Himmel lebte. Als einmal eine der Nonnen,
+die Dichterin war, zu Radegunde kam und ihr erfreut mitteilte, zwei
+oder drei ihrer Lieder seien Volkslieder geworden und würden vor der
+Klostermauer vom tanzenden Volk zum Saitenspiel gesungen, erkannte
+Radegunde die Begabung an, die ihr gänzlich abgehe, den Sinn für
+weltliches Leben mit der Hingabe an Gott zu vereinigen, jedoch nicht
+ohne beizufügen: »Ich habe weiß Gott kein Ohr mehr für weltliche
+Gesänge«.
+
+Kaum drang noch hie und da ein Notschrei von den Bürgerkriegen in ihre
+heilige Stille hinein. Dann schickte sie vielleicht ein mahnendes
+Wort zum Frieden an die hadernden Könige und Großen, deren Gattin und
+Mutter sie einst gewesen war. Tag für Tag aber betete sie mit den
+Nonnen für das Leben ihres früheren Gemahls und ihrer Stiefsöhne. Die
+Insassen des Klosters, deren Zahl schließlich bis auf zweihundert
+stieg, waren meistens vornehmer Abkunft. Nicht alle nahmen es ernst mit
+ihrem Stande. Uebrigens war die Klosterzucht für sie nicht übertrieben
+streng und nach der Regel des Nonnenklosters von Arles eingerichtet,
+die indes nur die Morgenstunden von sechs bis acht Uhr dem Studium der
+heiligen Schrift vorbehielt und Brettspiel und geistlichen Herrenbesuch
+erlaubte. Radegunde selbst liebte es, bedeutende Männer an der Tafel
+zu bewirten. Der liebste war ihr Venantius Fortunatus. Ein Priester
+aus der Gegend von Treviso, machte er im Jahre 565 eines Gelübdes
+halber eine Wallfahrt nach Tours. Er suchte Verkehr in jedem vornehmen
+gallischen Hause, mochte es Bischofssitz oder Schloß sein, und vergalt
+die Gastfreundschaft, die er überall genoß, durch seine tadellosen
+Gelegenheitsgedichte. Zwischen der Fürstin deutschen Blutes und ihm,
+dem graziösen Südländer, schlang sich ein Band reiner und herzlicher
+Gefühle. Radegunde verwöhnte ihn mit allerlei angenehmen kleinen
+Dingen, für die sie an ihm eine Schwäche entdeckt hatte, setzte ihm
+heute Creme vor und briet ihm morgen einen fetten Hahn, oder der Tisch
+war mit besonders schönen Blumen besetzt, wenn Fortunat der Gast war.
+Umgekehrt verfaßte er für Radegunde Briefe und Gedichte, und es ist
+ihm gelungen, das Vertrauen, das sie ihm schenkte, künstlerisch zu
+bewältigen. Sein schönstes Gedicht, betitelt »Thüringens Untergang«
+hat ihm die erlauchte Freundin so sehr inspirirt, daß sie redend
+darin auftritt. Sie hat als Kind ihren Vetter Amalfried geliebt,
+den Stammhalter des Geschlechtes, den einzigen Sohn des letzten
+thüringischen Königs. Er war von seiner Mutter, einer ostgothischen
+Prinzessin, nach Italien gerettet worden und dann in den Hofdienst
+von Byzanz eingetreten. Man spürt es wohl, daß dieser verbannte
+Germanenfürst fern im Osten im Herzen der fränkischen Königin heimlich
+weiterlebte. An ihn muß Fortunat in ihrem Namen sein Gedicht richten,
+die schöne und tieftraurige Erinnerung an die gemeinsame Jugend, mit
+der brennenden Burg der Ahnen im Hintergrund. Ein späteres Gedicht
+an den selben galt dem Toten. In dieser dichterischen Vermittlung
+Fortunats fließt uns Frauenliebe in einer unübertroffenen Tiefe und
+Innigkeit zu.
+
+Am 13. August 587 ist Radegunde gestorben. Ihr Andenken schien denen,
+die sie gekannt hatten, mit dem Lebensbilde Fortunats, so lobenswert
+es sei, doch nicht genügend gesichert zu sein. Deshalb gelangten die
+Aebtissin und alle Schwestern an eine Schriftstellerin in ihrer Mitte,
+namens Baudonivia, sie möchte doch das Leben Radegundens, das sie aus
+persönlichem Umgang genau kannte, nochmals beschreiben. Sie entsprach
+der Bitte in den ersten Jahren des siebenten Jahrhunderts, also etwa
+ein halbes Menschenalter, nachdem die Heilige die Augen geschlossen
+hatte. Die Schreiberin spricht die Absicht aus, Fortunats Mitteilungen
+zu ergänzen, da er selber gestehe, nicht vollständig zu sein. Sie
+giebt daher ihre Arbeit auch äußerlich in diesem Zusammenhang, als
+ein zweites Buch des Radegundenlebens; es verhält sich zu Fortunats
+Werk, wie Severs Dialoge zum Martinsleben oder das zweite Buch des
+Cäsariuslebens zum ersten. Inhaltlich ist diese neue Vita durch
+manche anschauliche intime und bezeichnende Züge der fortunatischen
+ebenbürtig; der schriftliche Niederschlag eines starken persönlichen
+Eindrucks, die litterarische Befreiung von einem übermächtigen Bann.
+»Wiewohl ihre Predigten noch vorgelesen werden«, sagt die Schreiberin,
+»so fehlt doch der süße Laut ihrer Stimme; denn welch ein Gesicht,
+welche Gestalt sie hatte, wer vermöchte es auszudrücken: Qual ist
+es, daran zu denken. Ihr Wandel war heilig, und süß und rein war ihr
+Anblick.« Schriftstellerisch jedoch bleibt die Darstellung nicht
+auf der Höhe. Die Klosterfrau schreibt ein sehr schlechtes Latein
+voller Anakoluthe und barbarischer Ausdrücke und verproviantiert sich
+stilistisch überdies wacker aus den Viten ihres Partners. So sehen wir
+denn zum Lobe der heiligen Radegunde den zierlichen Pegasus des letzten
+römischen Dichters einträchtig ins Joch gespannt mit dem schwerfälligen
+Ackergaul der fränkischen Mönchssprache.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.
+
+
+Fortunat hat sich in seinen Heiligenleben nicht viel von der Memorie
+entfernt und sich dabei meist auf Gebieten bewegt, wo man ohne
+ein großes Wissen bei einigem Darstellungsgeschick wohl auskommen
+konnte. Er schrieb überhaupt auch diese Stücke, wie seine Gedichte,
+gelegentlich, aus Liebenswürdigkeit, der richtige Italiener. Die
+Gründlichkeit, deren es bedarf, um eine neue Gattung ins Leben zu
+rufen, mangelte ihm. Aber die ersten Ansätze zur außermartinischen, auf
+Forschung, nicht auf bloßer Erinnerung beruhenden Prosavita finden sich
+eben doch bei ihm. Er ist damit der Vorläufer eines Größeren geworden,
+der sich in seiner Bescheidenheit selber nur wie ein Nachtreter
+Fortunats vorkam.
+
+An Gregor von Tours überrascht uns nun mit einem Schlage die ganz
+andere Art des Interesses an den Heiligen. Es ist, um es gleich bei
+dem wesentlichsten Merkmal zu fassen, das Interesse des geborenen
+Gelehrten. Der Stoff schwillt ins Unbegrenzte: statt eines halben
+Dutzend, das persönliche Bekanntschaft oder andere private Beziehungen
+vermittelten, drängen sich nun aus den gesammelten Pergamenten und
+eingezogenen Erkundigungen hunderte von neuen Personen und Thatsachen
+ans Licht. Das individualisierende Element tritt vor dem statistischen
+in den Hintergrund. Wißbegier und Sammeleifer decimieren die keineswegs
+fehlende Anekdotenpsychologie.
+
+
+1.
+
+Vor allem aber kommt nun endlich zu seinem Rechte, was wir bis
+jetzt immer wieder vermißten: die chronologische Auffassung der
+Heiligenfigur. Betrachten wir nun die spärlichen Mitteilungen, die
+Gregor über Sever hinaus zu Martins Lebensgeschichte beibringt,
+ganz abgesehen davon, daß Gregor gelegentlich geradezu versucht,
+Martins Tod zum Ausgangspunkt einer eigenen nationalfränkischen
+Zeitrechnung zu machen[088-a], wobei er sich allerdings durch den
+Ansatz 445 um nahezu fünfzig Jahre versieht. Er, der Bischof des
+fränkischen Centralheiligtums, widmet seinem heiligen Vorgänger auf
+dem Stuhl von Tours im ersten Buche seiner Geschichte der Franken
+zunächst folgende vier Daten[088-b]: 1) Geburt Martins im elften
+Jahre Constantins, 2) Ankunft Martins in Gallien um das zwanzigste
+Jahr Constantins _II_, 3) Bischof von Tours im achten Jahre des
+Valens und Valentinian, 4) Martins Tod im zweiten Jahre des Arkadius
+und Honorius. Nun ist allerdings das zweite Datum von vornherein
+unbrauchbar, da Konstantin _II_ nur vier Jahre regierte; mit seinem
+zwanzigsten Regierungsjahre ist jedenfalls das Jahr 355 gemeint. Aber
+abgesehen von der Unrichtigkeit dieser Daten war es im Prinzip ein
+Fortschritt, für Martins Leben überhaupt einen chronologischen Ansatz
+zu versuchen, zumal bereits zweihundert Jahre verstrichen waren und
+niemals ein solcher Versuch gemacht worden war. Hand in Hand damit
+geht die bis auf den Tag sich erstreckende genaue Bestimmung der
+Regierungszeit als Bischof: sechsundzwanzig Jahre vier Monate und
+siebzehn Tage, gemäß Gregors Berechnungen aus den durch den Kultus
+bestimmten Martinstagen vom elften November und vierten Juli; überdies
+beziffert Gregor Martins Lebensalter auf einundachtzig Jahre. Neben
+diesen chronologischen Anstrengungen verrät sich Gregor von Tours auch
+durch andere gelegentliche Beiträge zur Martinsgeschichte als geborenen
+Historiker, so durch seinen Abriß einer Geschichte des Bistums Tours
+vor und nach Martin, ferner durch seine allgemeinen Mitteilungen über
+die Christianisierung mit den urkundlichen Belegen bischöflicher
+Briefe, über Martinsreliquiendienst, worüber uns sonst nichts bekannt
+wäre, da der von Gregor citierte Brief des Paulinus uns verloren ist
+und schließlich durch die einigermaßen mildere Darstellung von Martins
+Nachfolger Briccius, aus dessen wirklichem Verhältnis zu Martin wir
+jedoch auch jetzt so wenig klug werden, als aus der Ursache seiner Wahl
+zum Bischof. Er gibt außerdem einen knappen Auszug der Angaben Severs
+und betrachtet im übrigen ein Martinsleben nach Sever nichts weniger
+mehr als für ein Bedürfnis. Seine dürftigen Notizen über Martin,
+gelegentlich eingestreut, verleihen aber auch so dem Bilde Martins
+nach Sever den zeitgeschichtlichen Rückgrat, den ihm jener sonst
+vortreffliche Schilderer nicht gab und nicht geben konnte.
+
+Gregors große und angeborene Liebe zu gelehrten Studien hat ihm
+möglich gemacht, neben seinen ausgedehnten und gewissenhaft erfüllten
+Amtspflichten eine ganze Reihe von Schriften abzufassen[089-1].
+Seine Thätigkeit als Schriftsteller erstreckt sich über die zwanzig
+Jahre von 574–593. Das erste war ein Buch über die am Martinsgrabe
+geschehenen Wunder. Allem Anschein nach hatte dieser Beginn von
+Gregors litterarischem Schaffen eine amtliche Veranlassung. Im fünften
+Jahrhundert wurde im bischöflichen Kapitel von Tours ein Register
+geführt, das die am heiligen Grabe geschehenen Wunder verzeichnete.
+Wir sahen, daß zur Zeit des Bischofs Perpetuus diese Liste sechszehn
+Nummern aufwies, die Paulinus von Perigueux zum sechsten Buche seines
+Martinsgedichtes verarbeitet hat. Es lag somit für Gregor nahe,
+seinerseits solch einen Wunderkatalog anzulegen. Schwerlich hat er
+selbst jedoch jenen alten Index vorgefunden, sonst hätte er wohl
+kaum seine Zusammenstellung Paulins poetischer Paraphrase entnommen,
+sondern die Quelle selbst zu Worte kommen lassen. Dieses erste Buch
+der Martinswunder umfaßte vierzig Nummern. Es folgte bald darauf ein
+zweites mit fünfzig; vor dem dritten, das dann deren sechzig zählte,
+fügte er jedoch ein Buch über die Julianswunder in Brioude ein,
+gab um dieselbe Zeit eine Uebersetzung der Siebenschläfer aus dem
+Syrischen, vor 587, und ebenso in dem Jahre 586/587 die Schrift vom
+Ruhm der Märtyrer; war er damit bereits halbwegs auf das Gebiet der
+Biographie übergegangen, so begann er nun mit einzelnen Heiligenleben
+und schilderte zunächst, seit 587, Emilianus und Bärchen, Senoch,
+Venantius und Monegunde; dicht daran schließt sich die Schrift vom
+Ruhm der Bekenner ohne den Prolog, noch im Jahr 587. Im Jahre 591 läßt
+die Abfassung des Nicetiuslebens und im Jahre 592 die Abfassung des
+Leobarduslebens ungefähr erkennen, worauf er dann die unterdessen im
+Martinsgrabe geschehenen Wunder in einem vierten und letzten Buche
+der Martinsthaten zusammenfaßt, 591/593. Nun legt er auch die letzte
+Hand an die Väterleben und schließt sie zu der so betitelten Sammlung
+zusammen, 593. Dann schrieb er noch die Andreaswunder und, falls sie
+von ihm sind, die Thomaswunder. Nicht ansetzen lassen sich der uns
+verlorene Psalmenkommentar und die merkwürdige Abhandlung über den Lauf
+der Sterne. Die letzten Erzeugnisse seiner Feder sind der Prolog zu den
+»Bekennern« und das zehnte Buch seiner Geschichte der Franken, die, das
+läßt sich schließen, ihn neben seinen Heiligenschriften her unablässig
+beschäftigt hat. Er konnte die letzte Feile nicht ansetzen, und so
+liegt das Buch uns gewissermaßen unfertig vor, obschon es zu einem
+dem Abschluß sehr nahen Grade der Ausführung gediehen ist. Das große
+Geschichtswerk steht jedoch in keinem Gegensatz zu den Heiligenbüchern.
+Es ist durchaus von demselben Geiste durchzogen; das gibt ihm erst
+seinen Stil, daß es auf Schritt und Tritt seine Gläubigkeit nicht
+verhehlt. Nur moderne Engherzigkeit kann darin einen Fehler sehen;
+eher wäre zu bedauern, daß der Verfasser sich nicht noch enger an die
+Legende angeschlossen hat. Es ist ansprechend, aber nicht durchaus
+geboten, die Entstehung des Werkes auf drei Hauptwürfe zu verteilen,
+und so die erste Hauptmasse bis in die Mitte des fünften Buches um
+577, die zweite bis gegen das Ende des achten um 584/585 und den Rest
+um 590/591 geschrieben sein zu lassen. Unter der Obhut der beiden
+hohen Vorgänger auf dem Gebiet christlicher Chronologie Hieronymus
+und Eusebius beginnt Gregor erst schematisch dürr und nähert sich
+dann mit immer reicherer Mitteilung seiner eigenen Zeit, wo die Fülle
+der Nachrichten schließlich eine bis zum Stillstand des zeitlichen
+Fortschritts sich ausdehnende Breite annimmt. Die vier ersten Bücher
+bilden einen Hintergrund; es besteht eine Entfernung zwischen ihnen und
+dem Autor, die er durch mehrfache Rekapitulationen und nachträgliche
+Berechnungen auszugleichen strebt. Vom fünften Buche an redet er als
+Augenzeuge und, mehr als das, als thätiger Teilnehmer, der bei der
+Entwicklung der Dinge sein Wort mitgesprochen und die Geschichte, die
+er nun beschrieb, in aller Schüchternheit ein bischen mit hatte machen
+helfen. Und nun fesselt er seine Leser in hohem Grade und hält sie in
+beständiger Spannung. Dasselbe gilt von den Heiligenschriften, sobald
+es der Leser fertig bringt, die dumpfe Atmosphäre, die Gregor hier mit
+seiner Zeit teilt, mitzuatmen. Oft unterbrochen und eine Arbeit an die
+andere tauschend, hat Gregor seinem ganzen Schriftstellerwerke, der
+Geschichte der Franken und den »Acht Büchern Wunder«, wie er seine
+Heiligentraktate in ihrer Gesamtheit überschrieb, einen einheitlichen
+Geist und Stempel ausgeprägt. Im ganzen ist es eben dieser Geist, um
+dessentwillen wir uns mit Gregor als unserem wertvollsten Gewährsmanne
+beschäftigen.
+
+Gregor war, wiewohl Hirt, nicht aufgeklärter als die Herde: er glaubte
+mit dem Volk und wünschte nicht mehr, als in allen Punkten dessen
+Inbrunst im Glauben und in der Verehrung zu teilen. Er betrieb das
+Studium der meist rohen, bäurischen Volksmenge, die das von ihm
+gehütete Heiligtum umdrängte, somit ja nicht etwa als kritischer
+Beobachter, sondern als deren gläubiges Organ. Vielleicht hat er
+sich auch von einem praktischen Interesse leiten lassen und schuf,
+um zur Erbauung und Bildung der zahlreichen Pilger beizutragen, eine
+Art Wallfahrtslitteratur. Jedenfalls schrieb er ausschließlich für
+erbauliche Zwecke: es schien ihm als Diener der katholischen Kirche
+geradezu geboten, »die geschichtliche Begebenheit, die zur kirchlichen
+Erbauung das ihre beitragen könne, kurz und einfach aufzusetzen,
+damit die Wunderkraft des Heiligen bekannter und so dessen Verehrung
+gefördert werde«[091-a]. Daß er ein barbarisches Latein schrieb, das
+auch das klare Bewußtsein von der eigenen Verwilderung nicht mehr zu
+säubern im Stande war, hat er selber offen eingestanden[091-b]; die
+Sprache, die bei einem Schriftsteller von Bedeutung immer dessen Wesen
+spiegelt, setzt sich bei ihm in der That aus Einflüssen der Itala und
+des gallischen Schönschreibers Apollinaris Sidonius zusammen [091-1];
+aber so sehr er schriftstellerisch hoffnungsloser Epigone war, empfand
+er eben gerade im Hinblick auf das klassische Altertum seinen Beruf
+eines christlichen Schriftstellers als dem Gehalt nach wertvoller
+und fruchtbringender: »Unsere Pflicht ist es«, schreibt er[092-a],
+»das zu schildern und zu sagen, was zur Erbauung der Kirche des Herrn
+beiträgt und durch heilige Belehrung die ohnmächtigen Geister zur
+Kenntnis des vollkommenen Glaubens befähigt. Hier handelt es sich
+nicht darum, trügerische Fabeln zu erzählen oder die gottfeindliche
+Weisheit der Philosophen zu befolgen, womit man leicht des Herrn Urteil
+herausfordern und dem ewigen Tode verfallen könnte. Wenn ich von den
+Wundern der Heiligen zu berichten willens bin, so wünsche ich wirklich
+nicht in diesem Netz und Garn mich zu verfangen. Nicht Saturns Flucht,
+nicht Junos Zorn, nicht Jupiters Ehebruch, nicht Neptuns Meineid,
+nicht des Aeolus Herrschaft, nicht der Aeneiden Kriege sollen hier zur
+Sprache kommen, das alles ist ein Bau auf Sand gebaut und dem Einsturz
+nahe, wofür wir nur Verachtung haben.« Immerhin steht Gregor dann
+doch nicht an, den durch Taubenflug geleiteten Helden Hillidius mit
+dem römischen Konsul Marcus Valerius zu rechtfertigen, der sich des
+Beistandes eines Raben erfreute[092-b].
+
+Die hagiographische Forschung Gregors verteilt sich auf ein doppeltes
+Interesse: einmal gewissermaßen auf eine Besuchsstatistik begangener
+Wallfahrtsorte, namentlich der beiden berühmtesten des Frankenlandes,
+des Martinsgrabes in Tours, seinem Bischofssitze, und des Juliansgrabes
+bei Clermont, seiner Vaterstadt; sodann auf die Lebensgeschichte der
+Heiligen, aber in der summarischen Verkürzung des Einzelnen, wie es
+eine kompendiarische Sammlung mit sich bringt. Diese beiden Interessen
+erscheinen in Gregors Schriften mit Uebergewicht bald des einen bald
+des andern gemischt. Jedenfalls aber stellt sein Material eine Summe
+von Gelehrsamkeit dar, die eine Vergleichung mit Kenntnissen, wie sie
+etwa Fortunats Viten voraussetzen, nicht zuläßt. Diese Gelehrsamkeit
+hat sich Gregor auf die gewissenhafteste Weise erworben. Betrifft
+sie Länder, die er nicht selbst besucht hatte, vor allem den Orient,
+so hat er sich fleißig nach Lektüre umgethan. Für die Geographie
+des Orients, namentlich die Topographie des Jordans und des toten
+Meeres, ist seine Hauptquelle die Schrift des Theodosius »Das heilige
+Land«. Ueber die in den Jahren 536–552 unternommene katholische
+Mission unter den in Palästina noch ansäßigen Juden berichtet er nach
+Evagrius Scholastikus, während er sich für die christliche Urzeit an
+Pseudomelito, Rufin, Johannes von Antiochien, Prudentius, Abdias,
+Modestus oder die apokryphen Akten hält. Daneben verwendet er, was er
+von lebenden Zeugnissen nur habhaft werden kann, nimmt die von Pilgern
+heimgebrachten Merkwürdigkeiten in Augenschein und verhört einen
+auf dem Taufplatz Christi getauften und geheilten Aussätzigen aus
+Gallien sowie andere Aussätzige, die im Jordan oder in den Wassern von
+Livia gesund geworden waren[093-a]. Das kostbare Vorlesepult in der
+Cypriansbasilika von Karthago beschreibt er als eine Sehenswürdigkeit
+auf Grund genauer Nachrichten ausführlich[093-b]. Stand dagegen ein
+Gebiet in Frage, das ihm selber zugänglich war, so unterließ er nicht,
+an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen: wenn er vor dem heiligen
+Grabhügel sein Gebet verrichtet hat, sieht er sich die Inschriften
+an und fragt den Wächter aus[093-c]. Offenbar hatte Gregors ganze
+Umgebung und nicht zum mindesten seine Verwandtschaft die Augen auf
+ihn gerichtet, voller Hoffnung, er werde der Geschichtsschreiber des
+nationalen und kirchlichen Lebens im jungen fränkischen Reiche werden.
+»Ich habe«, sagt er[093-d], »keine litterarischen Studien getrieben und
+mich keineswegs an gelehrter Lektüre der Weltlitteratur ausgebildet;
+aber ich gehorche dem beständigen Zuspruch des Vaters Avitus, Bischofs
+von Auvergne, der mich ermahnte, kirchliche Werke zu schreiben. Wenn
+auch die Dinge, die ich in seinen Predigten hörte oder die er mich zu
+lesen veranlaßte, mein Urteil nicht zu bilden vermochten, da ich ja
+nun einmal nicht zu beobachten verstehe, so ist er es doch gewesen,
+der mich erst in Davids Psalmen, dann in die Worte des Evangeliums,
+sowie in die Apostelgeschichte und in die Briefe einführte, und er
+brachte mir die Erkenntnis Jesu Christi bei.« Einst nahm ihn sein Onkel
+Bischof Nicetius von Lyon in die dortige Heliuskrypta mit, und Gregor
+erzählt[093-e]: »Als ich mein Gebet gesprochen hatte, sah ich mir voll
+Bewunderung das Grabmal an, überdachte, was ich von den Verdiensten des
+Heiligen wußte, da fiel mir an der Wand eine Inschrift auf, und nun zog
+ich mündlich über die dort enthaltene Meldung noch nähere Erkundigungen
+ein.« Ueber die Art, wie er zaghaft unter der Menge stehend und ihre
+Befangenheit teilend, sich fast wider seinen Willen entschließt, unter
+den Augenzeugen eines Wunders nun als deren Schriftsteller aufzutreten,
+belehrt uns vielleicht das erste Blatt, das er überhaupt beschrieben
+hat, auf das rührendste. Er sagt[093-f]: »Ich rufe den allmächtigen
+Gott zum Zeugen an, daß ich jüngst im Traume mitten in der Basilika des
+Herrn Martinus viele Sieche und mit den verschiedensten Krankheiten
+Behaftete gesund werden sah. Neben mir stand meine Mutter und sagte
+zu mir: ›Was zauderst du, das aufzuschreiben, was du hier siehst?‹
+Da sag ich: ›Du weißt ja, wie ohnmächtig ich in den Wissenschaften
+bin; viel zu dumm und beschränkt, als daß ich es wagte, Thaten, die
+höchste Bewunderung verdienen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wäre
+doch Severus da oder Paulinus noch am Leben oder käme Fortunat und
+schrieb es auf! Denn ich müßte nur unthätig mit dem Kiel in der Hand
+dasitzen, wenn ich dies aufzuzeichnen unternähme.‹ ›Weißt du denn
+nicht‹, versetzte die Mutter, ›daß du weit und breit im Rufe eines
+Schriftgelehrten stehst. Versäume nicht, Hand anzulegen. Ein Verbrechen
+wäre es, schwiegest du.‹ So hab ich mich denn mit gemischten Gefühlen
+der Sache unterzogen. Schrecken und Furcht halten mich nieder. Aber in
+der Hoffnung auf Gottes Güte trete ich an die Aufgabe heran, zu der ich
+ermuntert werde. Warum sollte er es schließlich nicht auch durch meine
+Sprache geschehen lassen können, wie er ja einst auch in der Wüste aus
+dem harten Steine Wasser springen ließ und so den brennenden Durst des
+Volkes stillte. Oder er wird ein zweites Bileamswunder geschehen lassen
+und aufs neue einem Esel den Mund aufthun, wenn er mir die Lippen
+öffnet und durch mich ungelehrten Menschen dieses verkündigen will.«
+
+Ein kritischer Beobachter war also Gregor nicht. Er hat sich niemals
+bestrebt, die geschehene Begebenheit von den vielen andern Daten
+und Ereignissen u sichten, die sich der geschichtlichen Gestalt im
+Laufe der Zeit vorgelagert haben. Aber nie hat seine Eigenschaft
+als Gewährsmann unter seiner Einfalt und Treuherzigkeit zu leiden;
+denn sobald Sinn für sein naives Detail vorhanden ist, erscheint er
+in jeder Zeile interessant. Als echte Gelehrtennatur kommt er auch
+nicht dazu, alles was er weiß aus sich herauszusetzen: »Es würde mich
+zu weit führen, das viele, was ich von diesen Heiligen weiß, hier
+mitzuteilen. Das Gesagte wird, denk ich, genügen«[094-a]. Und bei
+Gelegenheit einer Reliquienüberführung vergißt er nicht anzubringen,
+daß der Genfersee vierundsiebzig Kilometer lang und siebenundzwanzig
+Kilometer breit sei[094-b]. Unvergleichlich wird Gregor jedoch durch
+das römisch-germanische Zwielicht, in dem er steht. Diese Dämmerung,
+die ihn umflort, hat einen doppelten Ursprung: von der untergehenden
+Antike und vom aufgehenden Mittelalter.
+
+
+2.
+
+In diesem Zusammenhang liegt uns nun aber ob, der Behandlung, die
+das Heiligenleben durch Gregor gefunden hat, nähere Aufmerksamkeit
+zuzuwenden. Der Trieb, persönlichem Leben nachzuspüren, äußert sich in
+Gregors gesamtem Werke gleichmäßig. Auch in seiner Frankengeschichte
+findet sich eine ganze Reihe von Lebensabrissen bemerkenswerter Männer
+eingeflochten. Als Beispiel mag hier die Stelle über Agricola von
+Châlons angeführt werden[094-c]: »Um jene Zeit starb Agricola Bischof
+von Châlons, ein sehr gewandter und kluger Mann, senatorischer Abkunft.
+Er hat in jener Stadt viel gebaut, Häuser und auch eine Kirche, die er
+mit Säulen versah, mit Marmor ausstattete und einem Mosaik schmückte.
+Er lebte äußerst enthaltsam. Nie nahm er Frühstück zu sich und
+begnügte sich mit der einen Hauptmahlzeit im Tage, zu der er sich so
+zeitig hinsetzte, daß er sich noch vor Sonnenuntergang davon erhob. Er
+war sehr leutselig und ein guter Redner. Er starb im achtundvierzigsten
+Jahre seiner Regierung als Bischof, dreiundachtzig Jahre alt. Ihm
+folgte Flavius, der Referendar König Gunthrams.« Daran mag sich nun
+noch, ebenfalls beispielsweise, die Notiz über ein Original von
+Einsiedler anschließen, dessen Sonderbarkeit darin bestand, daß er sich
+seine Mahlzeiten in einem hölzernen Kessel kochte. »Ich erinnere mich«,
+erzählt Gregor[095-a], »vor Jahren gehört zu haben, es lebe irgendwo
+in einer Einöde Jemand, den ein Waldbruder aus der Nachbarschaft aus
+Verehrung aufsuchte, nicht ohne sogleich mit aller Liebe empfangen
+zu werden. Sie treten in die niedere Zelle, verrichten das Gebet und
+setzen sich. Nachdem sie sich lange vom Worte Gottes unterhalten
+hatten, erhebt sich der Greis von seinem Stühlchen, geht in sein
+Gärtchen und schneidet sich den Kohl zum Essen ab. Als das Feuer im
+Herde brennt, setzt er einen weitgebauchten hölzernen Kessel über die
+Flamme, füllt ihn mit Wasser, in dem dann der Kohl siedet, und schürt
+das Feuer so heftig, daß dieser zu glühen anfängt, genau wie wenn er
+von Eisen wäre. Mit Staunen nimmt der Gast es wahr und erkundigt sich,
+was es denn damit auf sich habe. Der Greis gab ihm zur Antwort: ›Seit
+vielen Jahren wohne ich in dieser Einöde, immer aber habe ich auf
+göttliche Eingebung hin in diesem Kochtopf mir zur Kräftigung meines
+hinfälligen Leibes meine Speise zubereitet.‹ Wie gesagt, das hörte ich
+früher einmal. Nun aber sah ich neulich einen Abt, der den Einsiedler
+Ingenuus hieß und versicherte, er habe sich im Gebiete von Autun
+aufgehalten und öfters aus jenem Gefässe Kohl oder Kraut, die darin
+sotten, mit jenem herausgeholt. Ja er beschwor es mir mit einem Eide,
+er habe den Kochtopf über den Flammen mächtig glühen sehen und doch
+sei dessen Grund immer feucht gewesen, als werde er von Zeit zu Zeit
+genetzt.«
+
+An diese gelegentlich mitlaufenden biographischen Einschläge in Gregors
+Schriften mußte zunächst erinnert werden, um davon dasjenige Buch
+seines Mirakelwerkes deutlich zu unterscheiden, das sich nicht bloß
+beiläufig mit Heiligenleben beschäftigt, sondern eine Anzahl solcher
+zum ausschließlichen Inhalte hat. Gliedert sich damit Gregor nun im
+engeren Sinne der litterarhistorischen Entwicklung ein, der wir bis
+dahin nachgegangen sind, so springt auch das neue Moment in die Augen,
+das seine Sammlung von zwanzig Heiligenleben in dieser Entwicklung
+darstellt. Es handelt sich um eine Kombination zweier bis jetzt
+getrennter Strömungen: einmal nahm er die Memorie auf, wie sie durch
+Severus geschaffen und durch Fortunat bis auf Gregors Zeit fortgeführt
+wurde; dann aber überwand er die Einseitigkeit einer nur an ein
+einziges Leben sich verlierenden Betrachtung durch eine ansehnliche
+Mehrzahl der geschilderten Leute. Damit griff er auf Rufin zurück und
+nannte das Buch auch nach dessen Beispiel. Ueber die theoretische
+Abgrenzung dieser Schrift von den übrigen hat er sich selber
+folgendermaßen verlauten lassen[096-a]: »Eigentlich war meine Absicht,
+nur aufzuschreiben, was sich am Grabe seliger Märtyrer und Bekenner
+Wunderbares ereignet hat. Da ich jedoch auch solche kennen lernte,
+die das Verdienst eines seligen Wandels zum Himmel erhob und deren
+Lebenslauf, wahrheitsgetreue Darstellung vorausgesetzt, mir im Stande
+schien, zur Erbauung der Kirche beizutragen, nahm ich keinen Anstoß,
+gelegentlich auch dergleichen niederzuschreiben, da ein Heiligenleben
+nicht nur sich selbst darlegt, sondern auch die Zuhörer zur Nachfolge
+reizt. Habe ich schon in einem früheren den Bekennern gewidmeten Buche
+bei einigen Heiligen, wenn auch nur kurz, Züge aus ihrem Erdenleben
+eingeflochten, so will ich jetzt diesem Gesichtspunkte breiteren Raum
+lassen und das Buch geradezu ›Heiligenleben‹ betiteln.«
+
+An dieser kleinen Sammlung von Lebensbildern entrollt sich uns ein
+buntes und anschauliches Gemälde von der fränkischen Kirche bei ihrem
+Beginn und im ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Wir sehen einige
+charaktervolle Vertreter sowohl bischöflichen als mönchischen Standes,
+meist aus der Gegend des mittleren Gallien vor uns, durch einige
+treffende Anekdoten in ihrem Wesen gezeichnet und hie und da durch
+Beziehung auf ein äußeres zeitgenössisches Ereignis auch chronologisch
+genügend festgehalten. Jede Vita ist mit einer erbaulichen Einleitung
+versehen und mit Kunstreden durchsetzt. In den Ueberschriften heißen
+einige heilig, andere nicht; überdies unterscheidet Gregor ebenda
+sechs Bischöfe von zehn Aebten, fünf Einsiedlern und einer Nonne.
+Schon numerisch hat also das Mönchtum vor der Weltgeistlichkeit das
+Uebergewicht.
+
+Ein Zeitgenosse Martins von Tours kam, immerhin nach dessen Tode,
+in das Kloster, das nahe der Martinskirche bestand. Er war seiner
+Braut davongelaufen und hieß Venantius[096-b]. In der zweiten Hälfte
+des fünften Jahrhunderts sodann wurden die Brüder Lupicinus und
+Romanus[096-c] Väter eines burgundischen Asketenvereins, der an
+den Westabhängen des Jura es mit der Zeit auf drei Niederlassungen
+brachte. Lupicinus war verheiratet gewesen, Romanus nicht. Nach dem
+Tode der Eltern richteten sie sich im Jouxthale, auf der Grenze von
+Burgund und Alemannien im Bezirk der Stadt Aventicum als Einsiedler
+ein. Auf dem Boden ausgestreckt beten, Psalmen singen und sich von
+Kräuterwurzeln nähren, war ihr Tagewerk. Die Steinschläge, die in der
+Bergwildnis natürlich waren, faßten sie als Angriffe der Dämonen auf
+und zogen sich auf ernstliche Verwundungen hin sogar in die bebaute
+Gegend zurück, bis eine arme Frau, die sie beherbergte, ihnen ihren
+Mangel an Mut vorstellte und sie so zur dauernden Ansiedelung in den
+Wäldern bewog. Durch Zuzug von Brüdern entstand zunächst das Kloster
+Condatiscone; man schlug eine Lichtung im Walde und baute den Boden
+an. Dann erfolgte die Gründung einer Filiale noch auf altburgundischem
+Gebiete und schließlich einer dritten Niederlassung im Waadtland. Die
+Oberleitung lag in der Hand des Lupizinus. Er übte gegen sich selber
+die strengste Enthaltsamkeit; oft aß er überhaupt nur alle drei Tage
+ein einziges Mal. Den Durst bekämpfte er, indem er ein Gefäß mit
+eiskaltem Wasser in seine Hände nahm und so die quälende Empfindung
+milderte, ohne ihr durch Trinken nachzugeben. So konnte er gegen die
+ihm untergebenen Mönche ebenfalls streng auftreten und strafte nicht
+nur böse Handlungen, sondern sogar schon böse Worte; auch längere
+Gespräche und Begegnung mit Frauen sollten vermieden werden. Immerhin
+konnte sich die zahlreiche Genossenschaft durch den Ertrag ihrer
+Feldarbeit nicht erhalten; Lupizin bestritt das Notwendige aus einem
+geheimen Schatz, der sich ihm irgendwo geöffnet hatte und jahrelang
+vorhielt. Doch blieb der Uebelstand nicht aus. Bei seiner Visitation
+des Nordklosters, das später nach dem Bruder Romainmotier hieß, traf
+Lupizin um Mittag ein, als die Mönche noch auf dem Felde waren und zu
+Hause eben gekocht wurde. Zu seinem schmerzlichen Erstaunen gewahrte
+er da Vorbereitungen für eine Mahlzeit von mehreren Gängen, wobei
+allerlei Fischarten nicht fehlten. Rasch entschlossen befahl er einen
+kupfernen Kessel mit siedendem Wasser über das Feuer zu setzen, ließ
+Fisch und Kraut und Rüben hineinwerfen und den Absutt vorsetzen: »An
+dieser Suppe satt essen sollen sich die Brüder«, sagte er, »das ist
+Mönchsspeise und zieht nicht von der Beschäftigung mit Gott ab«. Auf
+diese Gewaltsverfügung hin traten zwölf Mönche aus, besannen sich aber
+nach einiger Zeit eines bessern und kamen wieder. Während Lupizinus
+sich der Verwaltung der drei Klöster annahm, zeichnete sich Romanus
+durch stillen Wandel und gute Werke aus: er besuchte Kranke und betete
+sie gesund. Einst auf der Wanderschaft wurde er von der Dunkelheit
+überrascht und gezwungen, in einem Siechenhaus zu übernachten. Die neun
+Aussätzigen, die es bewohnten, gewährten ihm um so lieber Unterkunft,
+als er sofort warmes Wasser verlangte und ihnen mit eigener Hand die
+Füße wusch. Dann ließ er ein großes Bett herrichten, um mit ihnen
+allen gemeinsam zu schlafen. Während die Siechen schlummerten, wachte
+Romanus und touchierte unter Psalmensingen die offenen Eiterbeulen
+an der Seite eines von ihnen. Dieser erwachte, that seinem Nachbar
+desgleichen und schließlich alle unter einander, bis sie sich geheilt
+fühlten. Als Romanus sah, daß sie alle eine neue, frische Haut bekommen
+hatten, dankte er Gott und umarmte sie noch alle einmal zum Abschied.
+Lupizinus seinerseits unterließ nicht, seiner Stiftung die Gunst des
+Staatsoberhauptes zu gewinnen und begab sich in seinen alten Tagen nach
+Genf, wo der Königsbruder Chilperich Regent war. Der Prinz empfing
+den Abt an der Abendtafel. Lupizinus trat vor ihn, wie weiland Jakob
+vor Pharao getreten war. Der Fürst wollte dem Kloster Ackerland und
+Weinberge anweisen; aber Lupizin verschmähte Grundbesitz und erhielt
+nun das verbriefte Recht, jährlich dreihundert Maß Korn, ebensoviel
+Wein und hundert Goldstücke zu beziehen. Wenigstens entsprachen
+diese Einkünfte dem jährlichen Guthaben des Juraklosters an den
+königlichen Fiskus zu Gregors Zeit. Lupizin wollte mit seinem Bruder
+eine beiden gemeinsame Grabstätte zum voraus vereinbaren. Romanus
+aber machte dagegen geltend, er könne nicht in einem Kloster begraben
+werden, da dann die Frauen keinen Zugang zu seinem Grabe hätten und
+doch zu erwarten sei, daß zu der Ruhestätte eines bei Lebzeiten so
+erfolgreichen Wunderthäters sich eine lebhafte Wallfahrt entwickeln
+werde. Als er am 28. Februar 460 starb, wurde er in der That zehn
+Meilen abseits auf einem kleinen Berge bestattet, und bald erhob
+sich daselbst eine ansehnliche Kirche, der es an Pilgerbesuch nicht
+fehlte. Lupizin dagegen starb erst am 21. März 480 und wurde in der
+Klosterkirche beigesetzt.
+
+Gleichzeitig mit diesen Juramönchen lebte in der Auvergne der heilige
+Abt Abraham[098-a]. Er stammte aus Mesopotamien. Im Begriff, die
+Mönchskolonien der ägyptischen Wüste aufzusuchen, fiel er unterwegs
+in die Hände von Heiden, wurde seines Glaubens wegen geschlagen und
+fünf Jahre lang in eisernen Ketten gefangen gehalten. Dann zog es ihn
+nach dem Abendlande und er ließ sich vor Clermont neben der Kirche
+von Saint Cirgues klösterlich nieder. Er war Meister in den für einen
+Heiligen üblichen Wundern, als da sind Dämonenaustreibung, Heilung
+von Blinden und andern Kranken und besonders Weinvermehrung. Abraham,
+der zwischen 470 und 480 hochbetagt starb und an der Stätte seiner
+Wirksamkeit sein Grab fand, stand auch bei dem Herzog Victorius von
+Avern, dem Vasallen des westgotischen Königs Enrich, in Gunsten, und
+der damalige Bischof der Stadt, Sidonius Apollinaris, geruhte dem
+frommen Mann die Grabschrift zu dichten. Nicht viel jünger als die
+Juramönche und Abraham war ein anderer Lupizin[098-b], vielleicht zu
+Lubié im Bourbonischen. Er lebte in einer Ruine von Wasser und Brot
+und gab Bescheid durch ein Fensterchen, dem ein linnenes Vorhängchen
+zur Scheibe diente. Das Brot brachte man ihm alle drei Tage, das
+Wasser ließ man ihm durch einen kleinen Kanal zufließen. Seine
+täglichen Psalmen sang er stets mit einem zentnerschweren Felsblock
+aus dem Rücken und stützte sein Kinn auf das Ende des Stockes, wo
+er Dornenspitzen angebracht hatte. Da er lungenleidend und schon bei
+Jahren war, hustete er beständig Blutklumpen an die Mauer aus, deren
+Reste später als Amulette dienten. Ein Menschenalter später erregte ein
+eingeborener Mönch namens Portian[099-a] in einem Kloster bei Clermont
+Aufsehen. Hörigen Standes war es ihm erst nach mehreren vergeblichen
+Versuchen gelungen, in den Verband der Mönche aufgenommen zu werden.
+Doch gelangte er unter diesen zu solchem Ansehen, daß er später Abt
+wurde. Es gerieten ihm einige Thaten, worunter namentlich eine vor
+Sigiwalt, dem Minister König Theodorichs, geglückte Wundervorstellung
+die Freigebung von Gefangenen zur Folge hatte. Auch stand Portian mit
+Protasius, einem Mönch im Kloster Combroude in telepathischem Rapport.
+Im Sommer, wenn sein Gaumen vor Hitze vollständig ausgedörrt war,
+hatte er überdies die komische Gewohnheit, Salz zu kauen, um damit
+sein Zahnfleisch anzufeuchten, während er ja dadurch seinen Durst ins
+Unerträgliche steigerte. Zur selben Zeit und ebenfalls in Clermont
+lebte der daselbst ebenfalls eingeborene Abt Martius[099-b]. Er legte
+Zellen in Berghöhlen an und schnitt die Bank und das Bett im Steine
+aus, über die dann nur die Kutte gelegt wurde. Er war so gutmütig, daß
+er einst einem Dieb, der im Klostergärtchen Obst und Gemüse stahl, sich
+aber nicht mehr zurechtfand, durch den Schaffner den Ausweg zeigen und
+das weggeworfene unrechte Gut freundlich nachtragen ließ.
+
+Im Bezirk von Bourges machte der Klausner Patroklus von sich reden.
+Er entstammte einer nicht adeligen, aber doch freien Familie. Mit
+zehn Jahren mußte er die Schafe hüten, während sein Bruder Anton
+studieren durfte, und als sie nun eines Tages am väterlichen Tische
+zusammensaßen, sagte Anton verächtlich: »Setze dich nicht so nah zu
+mir, du Bauer. Du bist ein Schafhirt, ich dagegen ein Gelehrter und
+somit ein Herr.« Das schnitt dem guten Patroklus so tief ins Herz, daß
+er dem Hirtenstand Valet sagte und noch in die ABCschule ging, der er
+seinem Alter nach doch bereits entwachsen war. Dank seines Fleißes
+und bei seinem guten Gedächtnis hatte er seinen hochmütigen Bruder
+bald überholt und erhielt seine weitere Ausbildung bei Nunnio, einem
+Vertrauensmann König Childeberts von Paris. In die Heimat zurückgekehrt
+sollte er dem Willen seiner unterdessen verwitweten Mutter zufolge
+durchaus heiraten. Er entzog sich dieser Gefahr jedoch durch die
+Priesterweihe, die er sich von Arcadius Bischof von Bourges erteilen
+ließ. In seiner Stellung als Diakon verlor er sich so sehr in seinen
+privaten Bußübungen, daß er darüber die Hausordnung des Kapitels
+vernachlässigte und sich deswegen eine scharfe Rüge des Archidiakonen
+zuzog. Dadurch in seinem Hang zur Einsamkeit bestärkt, verließ er
+Bourges, errichtete im Dorf Neris eine Kapelle, für die er sich
+Martinsreliquien verschaffte, und eröffnete eine Kleinkinderschule.
+Daneben genügte er den Pflichten seines Heiligenstandes durch die
+übliche Behandlung der Siechen und Besessenen. Doch betrachtete er
+das nur als provisorische Station. Den Entschluß eines endgiltigen
+Aufenthaltes stellte er einem Orakel von beschriebenen Zetteln anheim,
+die er auf dem Altar niederlegte und nach drei durchgebeteten Nächten
+auf Geratewohl aufgriff. Seine Einrichtungen in Neris übergab er
+dann einer Gesellschaft gottesfürchtiger Jungfrauen zum Anwurf für
+ein Nonnenkloster, wanderte nur mit Karst und Hacke bepackt, ins
+Waldgebirge und baute sich eine Zelle in Moichant. Dort that er unter
+dem Landvolk Gutes, besonders an einer Frau Leubella während der
+Ruhr. Darnach errichtete er fünf Meilen von seiner Zelle entfernt
+ein Mannskloster und unterstellte es einem Abte, um selber nach
+wie vor sein beschauliches Leben führen zu können; nachdem er ihm
+achtzehn Jahre obgelegen hatte, starb er im Alter von achtzig Jahren.
+Der Oberpfarrer von Neris wollte den Leichnam mit Gewalt für den
+ehemaligen Wohnsitz des Heiligen in Anspruch nehmen, mußte ihn aber
+dessen Stiftung, dem Kloster Colombiers lassen, wo von den am Grabe
+Geheilten eine Namensliste geführt wurde. Der Abt Urs[100-a] von Cahors
+gründete mehrere Klöster, zunächst drei in der Berri, nämlich zu
+Toiselay, Heugne und Pontigni, und überließ sie tüchtigen Vorgesetzten.
+Er errichtete ferner zu Sennevières in der Touraine eine Kapelle und
+ein Bethaus, die er indes wieder einem Unterabt, dem Leubas übergab,
+um selber die Leitung des Klosters Loches am Indre zu übernehmen.
+Einer seiner Grundsätze war, daß der Mönch nicht nur beten, sondern
+auch im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Brot essen solle.
+Als praktische Natur ersetzte er die mühsamen Handmühlen durch eine
+Wassermühle, die er am Indre einrichtete; ein kleiner Mühlenbach
+mit steinernen Schleusen versehen, brachte das Wasser auf das große
+Mühlenrad und versetzte es in geschwinden Umlauf. Ein Gote namens
+Sichlar, Günstling König Alarichs _II_ wollte über diese Erfindung
+die Hand schlagen; aber da die ganze wirtschaftliche Zukunft seines
+Klösterverbandes auf diesem Vorrecht stand, wehrte sich Urs verzweifelt
+und schließlich mit Erfolg gegen diesen Eingriff in seine Rechte.
+
+Ein sanfter Heiliger ist Friard von Nantes[100-b]. Er war ein frommer
+Bauer gewesen. Das Leben war ihm ein idyllischer Dienst Gottes in
+der Natur; wenn er in ein Wespennest griff oder hoch von einem Baume
+herunterfiel, sagte er rasch: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
+der Himmel und Erde gemacht hat«; so kam er jedesmal mit heiler Haut
+davon. Er siedelte sich dann auf der Insel Besné an, erst begleitet von
+einem Abt Sabaudus, einem ehemaligen Minister König Chlothars; dieser
+kehrte bald in sein Kloster zurück und wurde später aus unbekannten
+Gründen ermordet. Doch behielt Friard einen getreuen Zellennachbar in
+dem Diakon Sekundellus, hatte aber auch mit diesem Freunde seine liebe
+Not; denn aus Ehrgeiz, seinerseits ein Heiliger zu werden, unternahm
+Sekundellus, ohne Friard etwas zu sagen, eine Wundertour auf dem
+Festlande und hatte in der That mit seinen Krankenheilungen allen nur
+gewünschten Erfolg; aber da er selbst fühlte, daß es nicht im rechten
+Geiste geschehen war, vertraute er sich Friard an, der ihm dann als
+guter Seelsorger über schwere teuflische Anfechtungen hinweghalf.
+Friards eigene Wunderkraft bewies sich mit Vorliebe in der Behandlung
+dürrer Bäume, die unter seiner Gärtnerkunst wieder ausschlugen. Auf dem
+Todbette schickte er zu Bischof Felix von Nantes und sagte ihm genau
+seine Sterbestunde an, damit sich dieser spute und ihn vorher noch
+einmal besuche; der aber ließ ihm sagen, es sei ihm eines Prozesses
+wegen unmöglich, schon so rasch hinüber zu kommen; ob es denn mit dem
+Sterben so pressiere. Aus Rücksicht auf den Freund schob daher Friard
+seinen Heimgang noch auf, und als Felix ziemlich viel später endlich
+erschien, rief ihm Friard in seinen Fiebern entgegen: »Du hast mich
+aber lange warten lassen, heiliger Bischof«. In Chartres lebte eine
+heilige Frau Monegunde[101-a], die nach dem Tode ihrer beiden Töchter
+ihrem Mann aufsagte und Nonne wurde, erst im eigenen Hause, bis ihr das
+Dienstmädchen der nun eingeführten mageren Kost wegen davonlief und
+die Nachbarinnen sich über sie Bemerkungen erlaubten; dann ging sie
+nach Tours ans Martinsgrab. Schon unterwegs heilte sie in Soissons am
+Medardusfest ein junges Mädchen und desgleichen wirkte sie in Tours,
+wo sie sich in einem Kämmerchen eingemietet hatte. Da sie von sich
+reden machte, kam ihr Mann herbeigereist und holte sie heim. Aber ihr
+Tagewerk blieb beten und fasten. Sie kehrte bald nach Tours zurück,
+bezog ihre frühere Wohnung und sammelte mit der Zeit einige Nonnen,
+nicht unter allzustrenger Regel, da unter anderm erlaubt war, an
+Sonntagen Wein ins Wasser zu mischen. Sie blieb bescheiden. Ein Gesuch
+um Heilung beschied sie dahin: »Warum denn ich? Warum nicht Sankt
+Martin, wenn man an Ort und Stelle ist?«
+
+Von heiligen Zeitgenossen schildert Gregor ebenfalls einige des
+näheren. Im Kloster Meallet in der Auvergne übertrieb Caluppan[101-b]
+die Askese so sehr, daß er zur Tagesarbeit zu geschwächt war und
+infolge dessen die Unzufriedenheit seines Vorgesetzten erregte, der
+ihm vorhielt: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«. Als
+sich Caluppan so schlecht verstanden sah, siedelte er sich als Eremit
+an einem fünfhundert Fuß hohen, einzelstehenden Felsen ein, in einer
+Höhlung, die nur durch eine Leiter zugänglich war. In dem Bethäuschen,
+das er dort errichtete, ringelten sich ihm oft Schlangen um den Hals,
+und wenn er später nur unter Thränen dieser Anfechtungen gedachte,
+so geschah es nicht aus Eckel vor dem Reptil, sondern weil ja seit
+Paradieseszeiten Schlangengestalt die irdische Erscheinungsform des
+Teufels war. Caluppan las und betete den ganzen Tag, selbst während
+seiner bescheidenen Mahlzeit. Ab und an einmal, aber eben doch nur
+höchst selten, angelte er im Bergbache und dann immer mit Glück. Seinen
+Brotbedarf lieferte ihm das Kloster; private Wein- und Brotspenden
+stellte er der Armenpflege anheim. Auch war ihm ein Bursche zu seiner
+Verfügung beigegeben, und als er eines Tages noch eine längst erbetete
+Quelle aufstach, fehlte ihm nichts mehr, zumal er nebenan sich ein
+Sammelbassin in den Fels höhlte, das zwei Maß Wasser aufnahm und ihn
+daher nie mehr in Verlegenheit geraten ließ. Bischof Avitus ging in
+Begleitung Gregors zu ihm hinauf und verlieh ihm die Diakonen- und
+Priesterweihe. Sonst ließ sich Caluppan vor Besuchen nicht sehen,
+sondern verkehrte mit ihnen nur durch ein Seitenfensterchen seiner
+Zelle, durch das hinaus er segnete und bekreuzte. Er starb fünfzig
+Jahre alt. Ein anderer Waldbruder der Auvergne, Emilian, hatte Eltern
+und Eigentum dahinten gelassen, zu Pionsat eine Lichtung geschlagen und
+darin ein Aeckerchen und einen Blumengarten angebaut. Er aß die Gemüse
+in unangemachtem Zustand. Außer den Tieren und Vögeln war er in der
+Wildnis das einzige lebende Wesen, bis ihm die Fügung einen Genossen
+zuführte. Sigivald, der große Herr von Clermont, schickte einen seiner
+Knappen, der den deutschen Namen Bärchen trug, mit allen Hunden in
+den Wald. Bald stob die Meute hinter einem mächtigen Eber her; doch
+verlief sich das Tier in den eingehegten Pflanzplatz bei Emilians
+Zelle. Die Hunde wagten nicht nachzudringen, indessen das Wildschwein
+sich ruhig vor der Schwelle der Hütte an die Sonne legte. Als Bärchen
+nachkam und erriet, daß etwas wunderbares im Spiel sein müsse, als
+zugleich Emilian zu ihm trat, ihn umarmte, ihn neben sich auf eine
+Bank zog und bei aller Achtung vor dem schmucken Knappenrocke ihm von
+dem größeren Herrn zu reden anfing, dessen Joch sanft und dessen Last
+leicht sei, als überdies die Bestie, zum Lamme geworden, sich während
+des Gespräches unbehelligt von dannen machte, da hatte sich im Innern
+des Jünglings bereits die Wandlung vollzogen. Obwohl er seinen Dienst
+nicht verlassen konnte, paßte er, so sehr es nur immer anging, sein
+Laienleben geistlichen Grundsätzen an. Er unterbrach seine Nachtruhe
+dreimal, kniete vor sein Bett und betete. Singen war alles was er
+konnte; von den Buchstaben verstand er nichts. Doch legte er sich ein
+Heft zu, in das er die Inschriften über Heiligenbildern nachmalte,
+und wenn nun sein Herr geistlichen Besuch hatte, machte sich Bärchen
+verstohlen an jüngere Priester, ob sie nicht so gut wären, ihn über
+die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen aufzuklären. So eignete er
+sich Schrift und Lektüre des Alphabets an, ohne jedoch sich noch auf
+ganze Wörter und ganze Sätze zu verstehen. Nach Sigivalds Tode hauste
+er sich bei Emilian ein und lernte in den zwei oder drei Jahren, die
+er bei diesem zubrachte, den ganzen Psalter auswendig. Von Seiten
+seiner Familie drohte ihm Lebensgefahr; sein Bruder wollte ihn töten,
+wenn er nicht heirate. Dafür verbanden sich mit der Zeit immer mehr
+Mönche dem alten und dem jungen Eremiten. Als Emilian neunzig Jahre
+alt gestorben war und Bärchen die Leitung übernahm, entfaltete er ein
+außergewöhnliches Geschick in der Gründung von Klöstern. Von Sigivalds
+Tochter Ranichilde ließ er sich den Hof von Vensat anweisen, vermachte
+diesen ausgedehnten Grundbesitz seinen Mönchen, begab sich nach Tours,
+wo er Kapellen und zwei Klöster gründete, verbrachte dann fünf Jahre
+in seinem Heimatkloster, kehrte dann wieder nach Tours zurück, um in
+seinen dortigen Klöstern Aebte anzustellen, und bezog schließlich
+endgültig wieder die alte Waldhütte des seligen Emilian. Von dort aus
+reformierte er das Kloster Menat, dessen Regel durch die Nachlässigkeit
+des Abtes in Verfall geraten war. Als seine Grabstätte bezeichnete
+er zum voraus einen lauschigen Waldwinkel am Bache, wo er immer eine
+Kapelle hatte bauen wollen und Kalk sowie Fundament längst bereit
+lagen. Der Abt sorgte für die Vollendung und ließ Bärchens irdische
+Reste, die im Gewölbe seiner Zelle vorläufig untergebracht worden
+waren, zwei Jahre später in allen Ehren nach dieser ihrer bleibenden
+Ruhestätte überführen. Im Gebiete von Tours lebte damals auch Senoch,
+gebürtig aus Tiffauges bei Poitiers; in den Mauerstücken einer alten
+Ruine erstellte er bequem Wohnungen und restaurierte eine alte Kapelle,
+in der Sankt Martin einst gebetet haben soll. Sie wurde von Eufronius
+von Tours geweiht, Senoch selbst zum Diakonen an ihr eingesegnet.
+Leider bildete sich dieser zweifellos heilige Mann zuviel auf sich
+selber ein, benahm sich geistlichen Mitbrüdern gegenüber hochfahrend
+und trat besonders bei einem Besuch in der Heimat vor seinen Eltern
+anmaßend auf, sodaß sich Gregor von Tours genötigt sah, ihm tüchtig
+ins Gewissen zu reden. Reuig geworden setzte Senoch insofern aufs
+neue einen Kopf auf, als er sich nun überhaupt einschließen und
+zeitlebens kein Menschengesicht mehr sehen wollte. Das wäre sehr zu
+bedauern gewesen, weil er mit seiner Heilthätigkeit ohne Zweifel viel
+Gutes that. Gregor brachte ihn dann dazu, daß er sich nur während
+der Weihnachts- und Osterfasten der Welt verschloß, im übrigen Teil
+des Jahres jedoch nach wie vor seine Audienzen erteilte. Er starb
+schon mit vierzig Jahren an einem dreitägigen Fieber. Gregor, der
+herbeieilte, fand ihn bewußtlos; eine Stunde später war Senoch tot. Auf
+den Boden von Tours war auch aus der Auvergne ein Heiliger bleibend
+übergesiedelt, Leobard oder Lighard[104-a]. Sein Vater hatte ihn durch
+Berufung auf den nach der Bibel den Eltern schuldigen Gehorsam zur Ehe
+zwingen wollen, und so hatte denn der scheue Jüngling der Braut wider
+willen den Ring gereicht, den Kuß gegeben, den Schuh angezogen und
+was dieser Verlobungsbräuche mehr sind. Vater und Mutter starben, und
+als er eines Tages seinem Bruder Geschenke zu dessen bevorstehender
+Hochzeit überbringen wollte, fand er ihn vollständig betrunken. Da
+trieb es ihn von dannen; er übernachtete in einem Heuschober, und dort
+reifte in ihm der Entschluß, der Welt Valet zu sagen. Er bestellte sein
+Haus, ritt nach Tours, kräftigte sich daselbst in der Martinsbasilika,
+fuhr dann über die Loire und ergriff Besitz von einer Einzelzelle bei
+Marmoutiers, die durch den Wegzug des früheren Inhabers eben frei
+geworden war. Lighard erweiterte sie, indem er mit dem Pickel die
+Felswand tiefer aushieb. Dort lebte er nach Eremitenart, verlegte sich
+aber überdies auf die Herstellung von Pergament und beschrieb es dann.
+Er rief sich auch die Psalmen wieder ins Gedächtnis zurück, die er,
+seit er sie in der Kinderschule gelernt, wieder so gut wie vergessen
+hatte. Eines Tages verfiel er auf den übeln Gedanken, die Zelle zu
+wechseln; mit schwerem Herzen machte ihm Gregor klar, wie sehr dies mit
+den Väterleben und den Mönchsregeln in Widerspruch stehe. Im übrigen
+gefiel sich Lighard nicht, wie sonst manche seines Standes, in unechten
+Allüren, etwa überlangem Bart und Haar; vielmehr hatte er seine
+bestimmten Zeitpunkte, wo er sich scheren ließ. Er lebte zweiundzwanzig
+Jahre so, nicht ohne Wunder zu thun; sein Speichel heilte Eiterbeulen.
+Mit übermäßigem Fasten und, da er stets seine Zelle größer hauen
+wollte, mit harter Steinmetzenarbeit, hatte er sich zu viel zugemutet;
+eines Tages brach er zusammen und ließ rasch den Bischof rufen, der ihn
+mit dem letzten Segen versah. Aber sterben wollte er ohne Zuschauer;
+als er zwei Monate später, eines Sonntags im Dezember oder Januar 592,
+einen neuen Anfall erlitt, sagte er zu seinem Diener: »Geh und bereite
+mir Essen, ich fühle mich schwach«. »Es steht bereit, Herr!« war die
+Antwort. »Dann geh und sieh ob der Gottesdienst zu Ende ist und die
+Leute aus der Messe kommen.« Als jener wieder kam, lag sein Herr steif
+da und hatte die Augen für immer geschlossen.
+
+Entfallen Gregors Lieblingsheilige schon der Mehrzahl nach auf das
+Mönchtum, so bilden die von ihm geschilderten Bischöfe keineswegs
+einen Gegensatz dazu; vielmehr sind sie in Gregors Augen überhaupt
+darum heilig, weil sie, wiewohl Kirchenfürsten, an der mönchischen
+Armut teilnahmen und damit das unheilige Element, das in dem Begriff
+des Weltklerus steckt, nach bestem Thun und Gewissen auszugleichen
+suchten. Zunächst schildert er den heiligen Illidius oder Saint
+Allyre[105-a], den Stadtheiligen seiner Heimat. Er weiß von dem
+Vorleben und der Erhebung des Illidius auf den Stuhl von Clermont
+weiter nichts zu sagen, als daß diese durch Volkswahl erfolgt sei. Aus
+dem Lebensgang fing er nur die Heilung der Kaiserstochter in Trier
+auf und schweigt sogar darüber, ob Illidius mit Martin von Tours in
+Beziehungen gestanden habe. Es hatte sich eben mit dem besten Willen
+nichts mehr ermitteln lassen: alle Thaten, die Illidius vor jenem
+Höhepunkt seines Lebens verrichtet habe, seien der Vergessenheit
+anheimgefallen. Um daher den berühmten Mann vor dem Vorwurf, daß ihm
+nur ein einziges Wunder gelungen sei, sicherzustellen, und andrerseits
+zu gewissenhaft, um nicht genügend begründete Behauptungen vorzutragen,
+unternimmt Gregor eine Art Sekundärbeweis, indem er von den Grabes-
+und Reliquienwundern des Illidius mehrere auf eigener Beobachtung
+fußende Angaben macht. Glücklicher ist er gegenüber den andern von
+ihm geschilderten Bischöfen; da konnte seine Forschung überall an
+lebendiges Andenken anknüpfen. Es handelt sich um fünf merovingische
+Prälaten aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und der
+östlichen Reichshälfte, übrigens Männer, auf die Gregor in seiner
+Frankengeschichte wieder zurückkommt. Im Jahre 515 war der bischöfliche
+Stuhl von Clermont Ferrand durch den Tod des Eufrasius vakant
+geworden. Nun hielt sich damals in Arvern Quintianus[105-b] auf, ein
+gebürtiger Afrikaner, der zur Zeit des Gotenkrieges das Bistum Rhodez
+innegehabt, dann aber als angeblicher fränkischer Spion hatte flüchten
+müssen. Eufrasius nahm ihn in Arvern nicht nur gastfreundlich auf,
+sondern behandelte ihn ebenbürtig und schenkte ihm Häuser, Aecker und
+Weinberge. »Das Vermögen unserer Kirche«, sprach er, »ist groß genug,
+uns beide zu erhalten.« Auch der Bischof von Lyon gab ihm etliches
+von der Besitzung, die seine Kirche zu Arvern hatte. Ihn wählte nun
+auch die Gemeinde nach dem Ableben ihres Oberhirten zum Bischof; doch
+mußte er es sich gefallen lassen, daß der Kandidat der römischen
+Aristokratie Apollinaris den Stuhl bestieg und ein Vierteljahr lang
+inne hatte. Dann schaffte König Theodorich energisch Ordnung und
+sorgte dafür, daß Quintian alles Kirchengut erhielt: »denn aus Liebe
+zu uns«, sagte er, »ist er aus seiner Stadt verbannt«. Aber aufs neue
+wurde Quintian in Not und Bedrängnis versetzt. Die alten römischen
+Familien, an der Spitze die Apollinaris, hatten gegen die Franken
+zu den Goten gehalten und nun gegen Theodorich zu Childebert. Auch
+richtige Anhänger der Regierung, wie Bischof Quintian, hatten aufs
+schwerste zu leiden, namentlich unter den Ränken und Unterschlagungen
+des Procul, eines Fiskalbeamten, der sich zum Priester hatte weihen
+lassen. Dieser Procul, einer der gefährlichsten Frankenfeinde, entzog
+Quintian die ganze Verwaltung des Kirchenvermögens und ließ ihm kaum
+den nötigen Lebensbedarf. Der Bischof aber pflegte, in Anspielung an
+das Pauluswort von Alexander dem Schmied, zu bemerken: »Procul der
+Zöllner hat mir viel Böses gethan, der Herr vergelte es ihm nach seinen
+Werken«. Was der Herr später dann auch gethan hat: Procul wurde bei
+Eroberung der Festung Vallore durch die Franken am Altar der Kirche auf
+jämmerliche Weise ermordet. Infolge einer Verschwörung des städtischen
+Adels mußte König Theuderich Arvern belagern. Da zog Bischof Quintian
+in der Stadt nachts unter Psalmengesang mit allem Volk der Mauer
+entlang und betete so laut, daß man es draußen hören konnte. Der König
+wollte eben stürmen lassen und hätte den Bischof in die Verbannung
+geschickt. Doch wurde er milder gesinnt und auch die Fürsprache des
+Herzogs Hilping bewog ihn, den Stadtbann bis zum achten Meilenstein
+als Freizone zu erklären, innerhalb der niemand ein Leides geschehen
+dürfe. In der Stadt galt der Bischof nach wie vor als das Haupt der
+Königspartei und war daher beständigen Angriffen von seiten der alten
+Römergeschlechter ausgesetzt. Hortensius, einer der Grafen, hatte
+Honoratus, einen Verwandten des Bischofs, ins Gefängnis geworfen. Als
+der Bischof daselbst nicht einmal vorgelassen wurde, ließ er sich, zum
+Gehen schon zu alt, vor den Palast des Grafen tragen und schüttelte
+den Staub von seinen Füßen mit den Worten: »Verflucht sei dieses Haus,
+auf immerdar verflucht seine Bewohner«. Alles Volk sagte: »Amen«. Da
+rief der Bischof aufs neue: »Ich verlange, Herr Gott, daß keiner dieses
+Geschlechtes jemals zur bischöflichen Würde gelange, weil es seinem
+Bischof nicht gehorcht hat.« Dieser feierliche Fluch verhallte nicht
+kraftlos. Nach drei Tagen kam der Graf und bat um einen Ausgleich, zu
+dem Quintian gerne bereit war. Daneben war dieser Kirchenfürst als
+Schriftgelehrter, Armenfreund und Wunderthäter gleich ausgezeichnet.
+Obwohl er noch die ruhigere Zeit für seine Stadt anbrechen sah,
+überlebte er doch die peinlichen Zwischenfälle, zu denen auch ein in
+der Frankengeschichte[106-b] erzählter demütigender Fußfall vor dem
+Beamten Litigius zu rechnen ist, nicht lange. Auch jetzt ging die
+Neigung der Bürgerschaft auf einen in der Stadt sich vorübergehend
+aufhaltenden Fremden, den Neffen des Priesters Impetratus, in dessen
+Hause er abzusteigen pflegte. Er hieß Gallus[106-a] und lebte früher
+bei Clermont im Kloster Cournon als Mönch. Von Hause aus gehörte
+er dem höchsten gallischen Adel an, Sohn des Senators Georgius von
+Lyon und durch die Mutter Leucadia sogar Sprößling eines der Lyoner
+Märtyrer aus Mark Aurels Tagen. Als ihn aber der Vater mit einer
+Senatorstochter verheiraten wollte, floh er in Begleitung eines Dieners
+eben nach Cournon und bat den Abt um die Tonsur. Er fiel allgemein
+durch seine schöne Stimme auf und um ihretwillen nahm ihn Quintian
+mit nach Clermont, wo er bald nicht nur bei allem Volk, sondern auch
+bei König und Königin in Gunst kam. Theuderich wählte ihn in jenen
+Ausschuß von jungen Arverner Geistlichen, die zur Assistenz für den
+Kirchendienst nach Trier abgeordnet wurden, behielt ihn dann jedoch
+immer bei sich, so daß Gallus im Gefolge des Königs bis nach Köln kam.
+Beim Ableben Quintians befand er sich wieder in Arvern. Um dieselbe
+Zeit starb auch Aprunculus von Trier; seine Gemeinde hatte ebenfalls
+ein Auge auf Gallus. Der Stichentscheid lag beim Könige. Als nun die
+Arverner Abordnung kam, um die üblichen Simoniegebühren zu entrichten,
+fanden sie den Sinn des Königs schon von sich aus ihnen geneigt, so
+daß schließlich das Zusammentreffen über die für König und Stadt
+gemeinsame Freude an der Wahl zu einem Festgelage auf Staatskosten
+führte. Gallus selbst pflegte auf gelegentliche Anspielungen zu
+erwidern, er habe sich sein Bistum nicht mehr kosten lassen als eben
+das Trinkgeld für den Koch beim Festessen. Der König ließ ihn durch
+zwei Bischöfe in Arvern einführen. Indessen hatte die Kirche von Trier
+nach dem abschlägigen Bescheid für Gallus einen ebenbürtigen Ersatz
+in Nicetius[107-a] gefunden, offenbar auf den Vorschlag des Königs,
+der den freimütigen und unerschrockenen Charakter dieses Geistlichen,
+auch wenn er sich gegen die Willkür des Fürsten oder seiner Hofleute
+richtete, aufrichtig schätzte. Das Volk bestätigte den königlichen
+Vorschlag. Eines Tages, als Nicetius auf dem bischöflichen Stuhle saß
+und der Schriftverlesung zuhörte, spürte er einen starken Druck in
+seinem Nacken, er drehte den Kopf nach rechts und links und als es um
+ihn her süß roch, er aber niemanden sah, da wurde er inne, daß es die
+bischöfliche Amtslast war, die ihn gedrückt hatte! Nach Theuderichs
+Tode bekam auch der junge Theudebert den unabhängigen Sinn des Bischofs
+zu fühlen. Eines Sonntags besuchte der König den Gottesdienst, ohne
+darauf zu achten, daß in seinem Gefolge Exkommunizierte waren. Als die
+Bibellektion nach dem alten Kanon vorgenommen und auch die Oblation der
+Hostie vollzogen war, sagte der Bischof vom Altar aus: »Die Kommunion
+kann nicht erfolgen, ehe die Gebannten die Kirche verlassen haben.«
+Als sich der König dem widersetzte, bekam in der Volksmenge ein junger
+Höriger einen Anfall und fing nun vor allen Leuten an, Sünden des
+Königs, von denen im Lande herum verlautete, öffentlich zu rügen. Der
+König verlangte die Entfernung des Verrückten, der Bischof bestand
+jedoch darauf, erst müßten die andern hinaus. Da gab der König nach
+und die Messe konnte ohne weitere Störung ihren Fortgang nehmen. Diese
+ungewöhnliche Festigkeit hat Nicetius nie verlassen: »Es kostete mich
+nichts, für die Gerechtigkeit zu sterben«, pflegte er zu sagen. Er
+belegte mehr als einmal den König Chlothar mit dem Bann. Als er dafür
+ins Exil wandern sollte, alle Bischöfe sich dem Könige beugten und
+die Seinen ihn im Stich ließen, sagte er zu dem einzigen Getreuen,
+er werde morgen wieder im Besitze seiner Macht sein; in der That kam
+tags darauf ein Bote Sigiberts mit der Todesnachricht Chlothars und
+dem Ansuchen um die Freundschaft des Bischofs. Nicetius predigte alle
+Tage, fastete viel und besuchte aus großem Andachtsbedürfnis tagsüber
+die verschiedenen Kirchen Triers, die Kapuze übers Haupt gezogen, um
+nicht gekannt zu sein, und nur von einem Diakon begleitet. Nicht zu
+verwechseln mit diesem Nicetius, der 566 starb, ist indessen sein
+gleichzeitiger Namensvetter von Lyon. Als Bischof Sacerdos von Lyon
+in Paris krank wurde, war König Childebert voller Rücksicht gegen
+ihn, kam zu ihm ans Bett und gewährte dem Sterbenden die letzte
+Bitte: die Wahl seines Neffen zum Nachfolger. Der Priester Basilius
+mußte unverzüglich nach Lyon reisen und bei dem königlichen Grafen
+Armentarius die nötigen Schritte thun. So wurde Nicetius[108-a], der
+Sohn des Florentius und der Artemia, Bischof seiner Vaterstadt. Er war
+in seiner Jugend kränklich gewesen und erst mit dreißig Jahren Priester
+geworden. Auch dann arbeitete er nach wie vor als Handwerker. Seine
+Regierung als Bischof dauerte zweiundzwanzig Jahre. War Gregor diesem
+Heiligen verwandt und von jung auf um ihn gewesen und hatte namentlich
+die aufgeregten Tage der Bischofswahl des Nicetius als dessen Diakon
+und Tischnachbar zur Linken miterlebt und sich damals die Serviette
+des Heiligen als Amulet zu Handen genommen, war überdies schon Gallus
+von Clermont sein Onkel, so konnte er auch seinen eigenen Urgroßvater
+mit nicht weniger Recht unter den Heiligen nennen. Bischof Gregor
+von Langres[108-b] hat sich weiter nicht hervorgethan, war aber sein
+Lebenlang ein so tadelloser Ehrenmann gewesen, daß noch sein Andenken
+genügte, um Chlothar sofort zu Gunsten eines Mitglieds dieser Familie
+umzustimmen[108-c]. Vierzig Jahre, 466–506, in der Stellung eines
+Grafen von Autun, hatte er unbeugsam das Recht verwaltet und mit seiner
+Frau Armenatria eine musterhafte Ehe geführt. Ihr Tod veranlaßte ihn
+zum Uebertritt in den geistlichen Stand: er ließ sich zum Bischof von
+Langres wählen. Doch war Langres nur die Titelresidenz, Bischofsstadt
+war tatsächlich Dijon. Dort verbrachte Gregor die Nächte heimlich mit
+Psalmensingen in der an seine Wohnung angrenzenden Taufkapelle. Sein
+inbrünstiges Gebet hat seine Großtochter, eben Gregors Mutter, da sie,
+noch Mädchen, von den Aerzten aufgegeben war, vom Tode errettet. Da er
+auf dem Wege nach Langres unterwegs starb, aber in Dijon begraben zu
+sein wünschte, wurde der Leichnam dahin übergeführt.
+
+»Die Väterleben« Gregors oder wie er die Schrift zu heißen vorzog, »das
+Leben der Väter«[109-a] ist unsere wesentliche Quelle für die Kenntnis
+des merowingischen Mönchtums und auch seiner Einflüsse auf den Klerus
+vor der irischen Reform. Sie reicht zu seiner Geschichte nicht aus, ist
+aber die lebendige Illustration zu Hilfsmitteln theoretischer Natur,
+also den in Gallien befolgten Regeln vor Columban und Benedikt, etwa
+der des Makarius.
+
+
+3.
+
+Da Gregor ein einheitlicher sich gleichbleibender Schriftsteller
+ist und als Geschichtsschreiber den ursprünglichen Mirakelverfasser
+nicht verleugnet, so erübrigt noch, um ein rundes Bild zu erhalten,
+uns den Einfluß seiner hagiographischen Weltbetrachtung auf seine
+Auffassung der zeitgenössischen Geschichte zu vergegenwärtigen, nicht
+ohne gelegentliche Andeutung der Einseitigkeiten und Verzeichnungen in
+seiner Darstellung der leitenden Personen dieser Geschichte.
+
+Chlodowech, mit fünfzehn Jahren König, war erst nur der kleine
+fränkische Gaukönig von Tournai an der Schelde. Aber 486 ergriff er
+Besitz vom letzten gallischen Römerland, erweiterte sein Gebiet bis an
+die Loire und verlegte seine Residenz westwärts, erst nach Soissons,
+später nach Paris. 491 besiegte er die Thoringer, 496 ein erstesmal
+die Alamannen, 507 die Westgoten und brachte im übrigen durch die
+schändlichsten Mittel die vielen kleinen Gaufürstentümer ebenfalls an
+sich, so daß er mit Ausnahme der von Burgund und den Westgoten noch
+besetzten Südostecke Gallien sein nannte. Nun zweifelte weder Gregor
+noch irgend sonst wer, diese Macht sei Chlodowech zugefallen, weil er
+sich auf den Namen des dreieinigen Gottes der katholischen Christenheit
+habe taufen lassen; schon Erzbischof Avitus von Vienne hatte dem
+Frankenkönig damals geschrieben[109-b]: »Bis jetzt war es das Glück,
+künftig aber wird es der aus der Taufwelle dir angespülte Wunderzauber
+sein, was dich zum Siege führt«. Dieser Gesichtspunkt einer sozusagen
+magischen Begnadung von Gott gab für Chlodowechs Beurteilung den
+Ausschlag und lähmte die sittliche Entrüstung, der seine vielen
+Scheußlichkeiten bei einem braven Mann wie Gregor sonst doch vielleicht
+begegnet wären. Da dieser aber nie zum bewußten Schmeichler wird,
+sondern ehrlich die Wahrheit sagt, wo er sie weiß, entsteht ein
+merkwürdiges Nebeneinander von Eingeständnis und Verblendung. Unter dem
+grellen Licht, mit dem der Scheinwerfer des Panegyrikers die Gestalt
+Chlodowechs unnatürlich übergießt, ist doch das natürliche Licht der
+Begebenheit nicht ganz ausgetilgt. Zu Chlodowechs Verwandtenmorden
+sagt Gregor allerdings unglaublich erbaulich[109-c]: »Täglich streckte
+Gott seine Feinde unter seiner Hand zu Boden und mehrte ihm das Reich,
+weil er rechten Herzens vor Ihm wandelte und that was seinen Augen
+wohlgefiel«. Als dagegen Chlodowech, der Mörder aller seiner Vettern,
+auf dem Todbette cynisch genug war zu klagen, ach daß er nun wie ein
+Fremdling unter Fremden stehe und ihm keiner der Seinigen mehr Hilfe
+gewähren könne, da beugt Gregors Ehrlichkeit jeder Beschönigung vor
+mit der Bemerkung[110-a]: »Das sagte er aber ja nicht in einem Anflug
+von Reue, sondern aus Hinterlist, ob sich vielleicht noch einer fände,
+den er töten könne«. In der Beurteilung von Chlodowechs Gattin hatte
+Gregor gewiß nicht Unrecht, wenn er die weltgeschichtliche Bekehrung
+des Königs in erster Linie durch sie vorbereitet werden läßt. An
+Chrotechildens aufrichtigem und frommem Wesen ist nicht zu zweifeln.
+Aber er läßt sich dann zu dem Märlein des Volksglaubens hinreißen,
+wonach König Gundobad ein wutschnaubender Tyrann gewesen wäre und
+seine Schwägerin hätte ertränken lassen[110-b], so daß dann später
+Chrotechilde ihre Söhne zum zweiten Zug der Franken nach Burgund
+aufstiftete, um ihre Mutter zu rächen[110-c]. Vielmehr ist König
+Chilperichs Witwe Caretene im Jahre 506 in einem Kloster bei Lyon wenig
+über fünfzig Jahre alt eines natürlichen Todes verstorben[110-1]. Ihr
+verdankte Chrotechilde ihre katholische Erziehung und die Energie, am
+heidnischen Hofe ihren Kindern ein Gleiches zu sichern. Für Mutter
+und Tochter ist Chlodowechs Taufe jedenfalls die Erhörung jahrelanger
+heißer Gebete gewesen. Durch seinen gläubigen Anschluß an die Volkssage
+hat sich Gregor um ein Moment in der Bekehrungsgeschichte Chlodowechs
+gebracht, um den katholischen Rückhalt in der Familie der Frau. Davon
+abgesehen hat er den Einfluß der Königin wohl richtig dargestellt: sie
+ließ Remigius kommen und gewiß hat auch sie allen andern katholischen
+Einwirkungen den Zugang erleichtert[110-2].
+
+Unter Chlodowechs Nachfolgern ist sein Enkel Theudebert, der
+Sohn des unehelichen, aber deshalb in den Erstgeburtsrechten in
+nichts geschmälerten Theuderich, der bedeutendste Fürst der ganzen
+merowingischen Dynastie[110-3]. Der Vater Theuderich charakterisiert
+sich in seiner Stellung zur Kirche genügend mit jener einen Handlung,
+daß er zwar die unbefugten Einbrecher ins Kloster von Saint-Ivoine bei
+Clermont zum Tode verurteilte, aber bei dieser Gelegenheit das Kloster
+gewissermaßen säkularisierte[110-d]. Sein Sohn dagegen stand der
+Kirche vornehm und groß gegenüber. Ein Politiker im universalen Stile,
+deutete er mit seinen Bestrebungen bereits die Stellung Deutschlands im
+Mittelalter an, der erste deutsche Machthaber, der nicht bloß darauf
+ausging, ein Reich zu gründen oder ein schon gegründetes zu erweitern,
+sondern der geradezu die Weltmacht von römischen in germanische Hände
+zu übertragen, sich selbst an Stelle des Kaisers zu setzen gedachte.
+Und da der Grundgedanke seiner Politik darin bestand, sich daheim auf
+die Kirche zu stützen, so tritt uns bereits bei diesem Theudebert die
+Idee eines aus dem Bund mit der Kirche beruhenden Reiches deutscher
+Nation entgegen. Von solchen gewaltigen hochfliegenden Plänen dieses
+Königs hat nun der gute Gregor begreiflicher Weise nichts gespürt;
+daß der König der Kirche besondere, liebevolle Aufmerksamkeit
+widmete, bemerkte er wohl mit Freuden, aber warum das geschah, davon
+ahnte er nichts, so daß sein Urteil in eigentümlicher Weise zwar
+des Verständnisses ermangelt, aber dabei doch ziemlich richtig ist:
+»Theudebert«, sagt er[111-a], »zeigte sich als großen und durch alle
+Tugenden ausgezeichneten Fürsten«. Hiebei ist wiederum, wie bei
+Chlodowech, der Privatcharakter des Königs panegyrisch entstellt;
+denn auch Theudebert war sinnlich, machtgierig und treulos. Aber er
+strebte hohen Zielen zu, und nach Edelmut sucht man bei ihm nicht
+vergebens. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Theuderich erhielt er von
+diesem Befehl, den Sohn des eben ermordeten Sigivald umzubringen. Aber
+Theudebert wollte den Givalt nicht töten, da er ihn aus der Taufe
+gehoben hatte. Er zeigte ihm also den Brief mit dem Todesbefehl und
+forderte den Geächteten auf, außer Landes zu gehen, bis er selbst die
+Regierung angetreten und er sorglos zurückkehren könne. Theudeberts
+Stellung zur Kirche resumiert Gregor also: »Er regierte sein Reich mit
+Gerechtigkeit, ehrte die Priester, beschenkte die Kirchen, unterstützte
+die Armen und erwies vielen Leuten viele Wohlthaten voll frommer und
+milder Gesinnung. Alle Abgaben, die die Kirchen der Auvergne seinem
+Staatsschatz zu leisten hatten, erließ er ihnen in Gnaden.« Des Näheren
+erzählt Gregor[111-b], Bischof Desideratus von Verdun habe sich an den
+jungen König gewandt mit der Bitte um Unterstützung der wirtschaftlich
+vollständig hilflosen Bürger seiner Stadt; aus eigener Kasse konnte
+Desideratus nicht helfen, da ihm Theodorich sein Privatvermögen geraubt
+hatte. Es handelte sich um ein Anleihen mit gesetzlichen Zinsen. Die
+siebentausend Goldgulden, die der König gewährte und der Bischof unter
+die Bürger verteilte, verhalfen Verdun zu einem derartigen Aufschwung
+seines Geschäftslebens, daß der Wohlstand dieser Stadt fünfzig
+Jahre später sprichwörtlich war. Als aber der Bischof das Darlehen
+zurückerstatten wollte, verzichtete Theudebert auf sein Guthaben zu
+Gunsten der Armen.
+
+Von Chlodowechs drei Söhnen aus seiner Ehe kam Chlodomer schon 524 in
+der Schlacht bei Vezeronce ums Leben[111-c]. Vor diesem zweiten Zug
+gen Burgund ließ er den gefangenen Sigismund samt Frau und Kindern
+zu Coulmiers bei Orléans im Dorfbrunnen ertränken. Gregor bringt
+diese beiden Ereignisse in die Beziehung von Strafe und Schuld und
+weiß überdies, der heilige Abt Avitus von Micy habe vor der Unthat
+Chlodomer, falls er den Wehrlosen schone, den Sieg und, falls er ihn
+töte, den Untergang prophezeit gehabt, aber dieser habe ihn verlacht
+und gesagt: »Eine Dummheit wäre es, Feinde daheim zu lassen, wenn
+ich gegen andere zu Felde ziehe«. Seine drei noch unmündigen Knaben
+Theovald, Gunthar und Chlodovald kamen zu Großmutter Chrotechilde
+nach Tours, und als diese sie einst mit nach Paris nahm, bemächtigten
+sich ihre Onkel ihrer und ermordeten die beiden älteren mit eigener
+Hand, weil die Mutter mit so großer Zärtlichkeit an den Söhnen ihres
+Erstgeborenen hing. Des jüngsten konnten sie nicht habhaft werden. Er
+war durch den Beistand mächtiger Männer ihnen entzogen worden. Später,
+herangewachsen, schnitt er sich mit eigener Hand die Locken ab und
+wurde Mönch. Das Kloster, das er zu Nogent bei Paris gegründet haben
+soll, hieß später nach ihm: Saint Cloud. König Childebert von Paris,
+der in seiner Eifersucht die Blutthat angezettelt hatte, sie aber im
+Augenblicke selbst davor zurückschauernd zu hindern suchte, scheint
+von seinen Brüdern noch am ehesten edler Regungen fähig gewesen zu
+sein. An ihn hat sich denn auch das kirchliche Andenken am meisten
+angeschlossen. Namentlich die Bischofssitze der Bretagne und die
+Klöster in der Gegend von Le Mans haben einige hundert Jahre später
+ihre Gründung und Förderung auf seine Gunst zurückgeführt. Da soll
+Vigor von Bajeux den eine Meile vor der Stadt gelegenen Druidenberg
+Phönus, wo er das Steinbild einer Göttin zertrümmert hatte, zum Bau
+einer Kirche geschenkt erhalten haben, desgleichen Markulf von Nantes
+die Insel Agna und Paul von Léon die Insel Bas[112-a], indessen Samson
+von Dol die Rechte des Territorialherrn gegen die Usurpationsgelüste
+Childeberts verfochten und mit seinem Schüler Maglorius die Mission
+auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ausgedehnt habe. Ja sogar um
+das noch entferntere Bistum Vaison soll sich Childebert durch die
+Bestätigung des Quinidius persönlich bekümmert haben[112-b]. Mehr
+Glauben, weil es sich dabei nicht um Grundbesitz handelt[112-c],
+verdient wohl die Nachricht von Childeberts Verkehr mit Leobin von
+Chartres, den er öfters zu sich lud und 547 bei einem Brand in
+Paris, als das Feuer die über die Seinebrücke hinhängenden Häuser
+ergriff, mit der Leitung der Löscharbeiten betraute[112-d]. Höchst
+verdächtig sind jedoch die angeblichen Beziehungen, die Childebert
+zu den Einsiedlerkolonien in der Maine unterhalten haben soll, ohne
+daß damit die Geschichtlichkeit der betreffenden Eremiten wie des
+Deodatus, Eusicius, Baomirus, Rigomer und Saint Calais angezweifelt
+werden soll[113-a]. Unter diesen Namen findet sich bei Gregor nur von
+zweien eine Spur. Es wäre nämlich möglich, daß jener achtzigjährige
+Greis Deodat, der ihm aus persönlicher Erfahrung den Stoff zum Leben
+des anderen Lupizin lieferte[113-b], der spätere Heilige gewesen wäre.
+Sicher dagegen weiß Gregor um Eusicius[113-c]. Diesen suchte Childebert
+vor dem Zuge nach Spanien auf und bot ihm fünfzig Goldstücke. »Wozu?«
+fragte der Heilige, »ich brauche sie nicht und befasse mich auch nicht
+mit Armenpflege; mein Geschäft ist, Gott um Vergebung für meine Sünden
+zu bitten. Aber geh nur, du wirst den Sieg erlangen und alles wird
+dir zu Willen sein.« Da gab der König das Gold den Armen und gelobte
+im Falle des Sieges über den Gebeinen des Eusicius einst eine Kirche
+zu stiften. Diesem Gelübde verdankte der spätere Ort Eusiciuszelle
+seine Entstehung. Aus dem siegreichen Feldzug gegen die Gothen hatte
+der König außer andern Kostbarkeiten allein an Kirchengerätschaften
+mitgebracht sechzig Kelche, fünfzehn Schüsseln und zwanzig
+Evangelienschreine, alles aus lauterem Gold, mit edeln Steinen besetzt.
+Er ließ diese Sachen nicht zerschlagen und zu Geld machen, sondern
+verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen[113-d].
+
+Nicht so glimpflich kam die Kirche bei König Chlothar weg. Er
+besaß noch mehr als seine Brüder die ungeschwächte Rasse des
+Merowingerblutes. Ein ganzes Drittel aller Kircheneinkünfte erhob er
+als Staatssteuer. Als aber der Bischof Injuriosus von Tours den Mut
+besaß, sich zu weigern und Chlothar ins Gesicht sagte, als König,
+der die Armen nähren sollte, sich vom Elend zu bereichern, sei
+schändlich, da wurde Chlothar angst, weil es der Bischof von Tours
+war und hinter ihm Sankt Martin stand; er milderte seine Verfügung
+und schickte Boten und Geschenke. Als aber das Jahr darauf Injuriosus
+starb, baute der König vor und sorgte für die Wahl eines gefügigeren
+Inhabers des Stuhles von Tours in der Person seines Haushofmeisters
+Bauduin[113-e]. Als er nach Childeberts Tode wieder das ganze und
+vermehrte Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte und unter den
+entsetzlichsten Frevelthaten alt geworden war, begab er sich im
+einundfünfzigsten Jahre seiner Herrschaft mit vielen Geschenken zu der
+Schwelle des heiligen Martin nach Tours. Hier ging er noch einmal alle
+die Handlungen, in denen er etwa möchte gesündigt haben, durch und
+flehte unter vielem Seufzen, der heilige Bekenner möge ihm Verzeihung
+vom Herrn erwirken und was er unbesonnen gefehlt habe, durch seine
+Vertretung wieder gut machen. Noch im selben Jahre 561 wurde er auf der
+Jagd im Forst von Cuise vom Fieber befallen und sofort nach Compiegne
+gebracht. In seinen Fiebern sagte er immer wieder: »Weh! Wie groß muß
+der himmlische König sein, daß er so mächtige Könige so elend umkommen
+läßt.« Seine vier Söhne brachten den toten Vater unter vielen Ehren
+nach Soissons und beerdigten ihn in der Kirche des heiligen Medard, die
+er selbst noch zu bauen begonnen hatte und die dann sein Sohn Sigibert
+prächtig vollendete[114-a]. Für das Christentum hatte Chlothar nur
+Verständnis gehabt, sofern es sich als Macht äußerte im Sinne dessen,
+was er, der rücksichtslose Gewalthaber unter Macht verstand: wenn der
+heilige Martin donnern oder brennen oder sterben ließ oder wenn ein
+Kirchenfürst wie Germanus von Paris ihm an soldatischem Mut und an
+Unerschrockenheit überlegen dünkte. Chlothars Söhne stellten sich zur
+Kirche verschieden; doch hatte sich, ihnen allen gemeinsam, gegenüber
+den Zeiten ihres Großvaters Chlodowech das Niveau für die Beziehungen
+eines fränkischen Königs zu den Heiligen gänzlich verändert. Die
+anfangs noch sehr knapp bemessenen Herrscherrechte Chlodowechs
+gegenüber seinen Franken nahmen sich angesichts der militärischen
+Hierarchie der gallischen Kirche kärglich aus. Das war nun anders
+geworden. Die monarchische Gewalt der Frankenkönige wuchs in Bälde mit
+der raschen Ausdehnung des Reiches. Die kirchliche Gegenbewegung war
+der allmähliche Zerfall der Metropolitangewalt und damit die Lockerung
+der festen Organisation, in der die Macht des katholischen Christentums
+bis jetzt beschlossen lag. Doch glich ein anderes Kräftepaar dieses
+Uebergewicht des Königtums fast ganz aus: die Könige hatten durch
+das Beispiel beständiger großartiger Stiftungen dem Episkopat und
+den Klöstern zu Reichtum, und da es sich um ausgedehnten Grundbesitz
+handelte, zu Macht verholfen, wenigstens mittelbar gewiß auf Kosten
+der eigenen Einkünfte und Interessen. Die unruhigen Verhältnisse, die
+sich aus den Reibungen dieser Kräfte ergaben, wurden jedoch insofern
+nicht staatsgefährlich, als die kirchlichen Zwecke nicht außerhalb
+des Reiches lagen. Die fränkische Kirche war Landeskirche; sie war
+so aufrichtig patriotisch und königlich, als die Krone gut kirchlich
+und katholisch war[114-1]. Doch bildet dieses nur die grundsätzliche
+Unterlage: beim einzelnen Herrscher schlug die Eigenart durch,
+und da Gregor hier Zeitgenossen beschrieb, so ist jedes der vier
+Charakterbilder, wenn auch einseitig und sogar ungerecht, so doch
+scharf und ausdrucksvoll geraten.
+
+Charibert von Paris regierte nur sechs Jahre und war ganz der Vater.
+»König Charibert«, so faßt Gregor sein Urteil über ihn zusammen[114-b],
+»haßte die Geistlichen, kümmerte sich nicht um die Kirchen, behandelte
+die Priester schlecht und folgte seinem Hang zu üppigem Leben.«
+Seinen gehäuften Freveln gegenüber rührte sich die Kirche nicht.
+Beförderungsintrigen der Bischöfe nahmen sie ganz in Anspruch. Leontius
+von Bordeaux verstieß auf einer Versammlung der Provinzialbischöfe
+den Emerius von Saintes aus seinem Bistum, weil dieser nicht auf
+kirchlichem Wege zu seiner Würde gelangt sei. Dieser hatte sich
+nämlich von König Chlothar einen Erlaß ausgewirkt, er solle, obwohl
+die Zustimmung seines damals abwesenden Metropoliten fehlte, doch
+geweiht werden. Nun sandten die von Saintes eine Abordnung an den
+König, an deren Spitze Heraklius, ein Priester von Bordeaux, eben
+der Kandidat für den gewaltsam erledigten Bischofsstuhl, stand. Er
+stellte sich dem König vor und sprach: »Sei gegrüßt, ruhmreicher
+König, der apostolische Stuhl sendet deiner Hoheit reichsten Segen.«
+Da sagte der König: »Bist du denn nach Rom gegangen, daß du mir einen
+Gruß vom Papste bringst?« Der Priester setzte ihm unter Windungen
+auseinander, er komme im Auftrage des Erzbischofs von Bordeaux und
+dessen Provinzialmitbischöfen, um die Zustimmung des Königs für die
+Kassation einer unkanonischen Bischofswahl einzuholen. Als jedoch
+Charibert den Königswillen seines Vaters mißachtet sah, brach der
+urgermanische Sippenstolz in ihm auf. Er knirschte mit den Zähnen und
+hieß den Bittsteller hinausschaffen, auf einen mit Dornen gefüllten
+Lastwagen werfen und in die Verbannung stoßen. »Meinst du«, rief er
+aus, »von den Söhnen Chlothars sei keiner mehr übrig, der die Thaten
+des Vaters aufrecht hält, da diese Kerle einen Bischof, den sein Wille
+eingesetzt hat, ohne unsere Erlaubnis vertrieben haben.« Er ließ den
+Emerius durch eine Delegation von Priestern wieder einsetzen und
+büßte den Leontius von Bordeaux um tausend Goldgulden, die kleineren
+Bischöfe entsprechend ihrem Vermögen. Als er nach dem Tode einer seiner
+Frauen sich herausnahm, ihre Schwester zu heiraten, die Kirchengesetze
+dagegen die Ehe mit der Schwester der früheren Gattin untersagen, wurde
+Charibert endlich, und nach mancherlei ungesühntem Ehebruch schwerster
+Art aus diesem geringfügigen Grunde, von Bischof Germanus in den Bann
+gethan. Bischof Eufronius von Tours hatte den Besuch, den er bei Hofe
+schuldete, immerfort aufgeschoben; auf die Vorstellungen seiner Leute
+hin, ein weiterer Aufschub könne unangenehme Folgen haben, ließ er den
+Reisewagen in Stand stellen und die Pferde anschirren, plötzlich jedoch
+zog er diesen Befehl zurück, weil der König nicht mehr am Leben sei.
+Eufronius scheint fernfühlig gewesen zu sein und auf telepathischem
+Wege den Hinschied Chariberts erfahren zu haben; später eintreffende
+Boten aus Paris nannten die Todesstunde: es stimmte[115-a].
+
+Der andere der vier Brüder, der früh starb, Sigibert, ist nicht nur
+der beste von ihnen, sondern unter den Merowingern überhaupt eine
+rühmliche Ausnahme gewesen. Er war, um es bürgerlich zu sagen, ein
+anständiger Mensch. Die zügellose Weiberwirtschaft der andern mißfiel
+ihm. Statt auch eine Magd zu heiraten, freite er die westgotische
+Prinzessin Brunichilde, die seinetwegen katholisch wurde[116-a].
+Aber nicht nur die eheliche Treue hat Sigibert gehalten, auch von
+der Simonie bewahrte er sich und sein Land, so lang er lebte. Die
+Versuchung dazu trat an ihn heran besonders bei der Besetzung des
+Stuhles von Clermont. Der Kandidat der städtischen Adelspartei kaufte
+von den Juden viele Kostbarkeiten und schickte sie durch seinen
+Verwandten Beregisil dem König, um so durch Bestechung zu gewinnen, was
+er Verdienste halber nicht zu erwarten hatte. Der König hielt jedoch
+zu dem Archidiakon Avitus, der ohne Versprechungen gemacht zu haben,
+siegreich aus der Wahl hervorgegangen war. Auch ein hohes Geldgeschenk
+des Grafen von Clermont, der damit Aufschub der Entscheidung erwirken
+wollte, schlug Sigibert aus; ja er umgab den rechtmäßigen Inhaber des
+Bistums nun auch mit seinem persönlichen Wohlwollen und hielt ihn so
+hoch in Ehren, daß er sich nun seinerseits über die Kirchenordnung
+hinwegsetzte und den Avitus in seiner Gegenwart zu weihen befahl. »Ich
+möchte«, sagte er, »aus seiner Hand das geweihte Brot empfangen«. Ihm
+zu liebe geschah es, daß Avitus in Metz eingesegnet wurde und nicht
+kanonischermaßen in seiner Provinz durch den Metropoliten[116-b].
+Auch sonst kehrte sich Sigibert nicht an die Forderungen der Kirche,
+falls sie seinen politischen Willen im Wege standen. Er handelte nach
+dem Grundsatz, kein Teil seines Reiches könne einem fremden Bischof
+angehören und erhob so die Stadt Chateaudun zu einem eigenen Bistum,
+weil Chartres, zu dem sie gehörte, jenseits seiner Grenzen lag[116-c].
+Die Sache der Heiligen besaß an ihm einen ihrer besten Schirmherrn,
+weil er Recht und Treue übte, aber da gerade dieser sein edler Sinn ihn
+mit Vorsicht von der landläufigen Frömmigkeit erfüllt haben mag, hat er
+sich aus den Geistlichen, sofern er nicht von Amtswegen mit Bischöfen
+zu thun hatte, nichts gemacht.
+
+Chilperich war das gerade Gegenteil. Tugend ließ er Tugend sein und
+versuchte sich dafür höchst selber in Theologie. Wie keiner seiner
+Brüder zum Herrscher begabt, fiel er leider als Privatmann schlecht
+aus. Was ihn so abscheulich erscheinen läßt, ist das ekle Gemisch von
+tierischer Rohheit mit angelegentlichen christlichen Interessen. Von
+irgend welchen Grundsätzen ist bei ihm keine Spur zu entdecken, wie
+es überhaupt außerordentlich schwer hält, aus ihm klug zu werden.
+Auch war er an sich vielleicht zunächst gar nicht so verdorben
+gewesen und wurde es erst unter dem Einfluß seiner verworfenen,
+aber überaus schlauen Gattin Fredegunde, die durch ihr Unmaß im
+Laster dem Gatten förmlich zur Folie diente. Der sonst so milde und
+vorsichtige Gregor überschüttet ihn mit Haß und Verachtung[117-a]:
+»Der Nero und Herodes unserer Zeit hauchte seine schwarze Seele aus.«
+Zweifelsohne war Chilperich eine ausgesprochene Regentennatur mit
+ungewöhnlichem politischem Scharfblick und nicht geringerer Energie und
+Kraft im Interesse der Einheit und Ordnung des von ihm beherrschten
+Landes[117-1]. Freilich nichts weniger als ein Feldherr; alle seine
+persönlichen Versuche in dieser Richtung mißrieten. Als Diplomat
+dagegen besaß er eine erstaunliche Gewandtheit, Allianzen, die gegen
+ihn geschlossen waren, ohne Schwertstreich zu trennen, den eben noch
+drohenden Feind sich zu verbünden. Auch die Interessen des Staates
+gegenüber den Ansprüchen der Kirche wahrte er vielleicht unbefangener
+als irgend ein Merowinger. Die Gefahr, die in dem Anwachsen des
+Besitzes der toten Hand liegt, hat er klar erkannt: »Siehe, unser
+Schatz ist arm geblieben, unsere Reichtümer sind auf die Kirchen
+übergegangen, fast nur die Bischöfe regieren; unser Ansehen ist dahin
+und auf die Bischöfe der Städte übertragen«. Er kassierte Testamente,
+die zu Gunsten der Kirche errichtet waren, schritt streng ein, wenn
+sich die Geistlichkeit gesetzmäßigen Pflichten zu entziehen suchte
+und trieb von allen Kirchenleuten Bannbuße ein, die ihrer Heerpflicht
+nicht genügen wollten. Gelegentlich ermöglichte er auch einer Nonne
+das Heiraten[117-b]. Aber wenn ein wirklich überlegener Geist sich
+stets vor dem Mißbrauch seiner Uebermacht hüten wird, kennt Chilperich
+in seiner Willkür gegen die Kirche keine Grenzen. Standesmäßige
+Vorrechte der Geistlichkeit waren unter allen Umständen Luft für
+ihn. Ohne sich im Geringsten um Gemeindewahl in irgend einer Form
+noch zu kümmern, ernannte er fast alle Bischöfe und zwar mit wenigen
+Ausnahmen Laien, die erst nach der Ernennung sich die Priesterweihe
+geben ließen, sodaß nur ganz wenige Bistümer sich noch in den Händen
+von Theologen befanden. Synoden durften nur zusammentreten, wenn er
+es wollte und dann wurden nicht kirchliche, sondern seine eigenen
+Angelegenheiten verhandelt. So hat sich Chilperich mit der Befreiung
+von der Kirche nicht begnügt, sondern ist zu ihrer Unterdrückung
+fortgeschritten. Seine ungewöhnliche Intelligenz erlaubte ihm, sich
+auch zum geistigen Teile der kirchlichen Angelegenheiten unabhängig
+zu verhalten. Aber hier erscheint er nicht als kühler Freidenker, der
+gelassen über den Dingen steht, sondern als anmaßender Dillettant,
+der immer alles besser weiß. Seine rationalistischen Zweifel an der
+Dreieinigkeit Gottes entsprangen nicht eigenem Nachdenken, sondern
+wurden ihm durch einen spanischen Proselytenmacher eingeflößt; er
+wurde denn auch von Bischöfen, wie Gregor von Tours oder Salvius von
+Albi als Theologe überhaupt nicht ernst genommen, sondern als er sie
+zur Diskussion zwang, mit väterlicher Strenge ermahnt, die Hände von
+diesen Dingen zu lassen; weit entfernt, die Zunfttheologen auch nur
+im mindesten in Verlegenheit zu setzen, waren die Vernunftgründe noch
+weniger im Stande, den König selbst vor abergläubischen Vorstellungen
+zu emancipieren: er knirschte mit den Zähnen, weil Hilarius und
+Eusebius von Vercelli ihm in diesem Punkte zuwider seien und er sich
+also bescheiden müsse, um nicht die Rache der Heiligen im Himmel
+herauszufordern. Nicht vornehmer ist sein Verhalten im persönlichen
+Verkehr mit den Bischöfen: wenn er sie zur Tafel hatte, war sein
+Hauptspaß, beständig über seine Prälaten zu witzeln und einen um den
+andern an seinen Schwächen herzunehmen. Dennoch hielt er gelegentlich
+einen Kniefall vor denselben nicht unter seiner Würde, wenn das
+eben seinen Zwecken dienlich schien. Ueberhaupt war bei ihm von
+Geringschätzung der Religion an sich nicht die Rede, weil er sich in
+Person für ihren unübertrefflichen Träger hielt. Selbst geistliche
+Lieder und Meßgesänge hat er verfaßt; sie waren schlechterdings
+nicht zu gebrauchen. Er schrieb auch zwei Bücher in Versen nach dem
+Muster des Sedulius. Da er aber von der Quantität der Silben keine
+Ahnung hatte, hinkten seine Verse und paßten nicht ins Metrum. Er
+erfand neue Buchstaben, nämlich Θ für langes O, φ für den Umlaut Ae,
+Ζ für »The« und Δ für »Vi«; nicht nur sollte in allen Schulen des
+Reiches so unterrichtet, sondern auch die alten Handschriften mit
+Bimsstein radiert und darnach umgeschrieben werden; doch habe er mit
+diesem orthographischen Experiment so wenig Glück gehabt, wie Kaiser
+Klaudius, der seiner Zeit dem Alphabeth ebenfalls drei neue Buchstaben
+hinzugefügt hatte[118-a]. Auch Chilperichs Eifer zur Belehrung der
+Juden, mit dem er teils einzelne persönlich zu überreden suchte,
+teils gewaltsame Massentaufen veranstaltete und dabei nach Kräften
+höchstselber zu Gevatter stand[118-b], erklärt sich doch wohl am
+ehesten aus dem konfusen Eigendünkel des Königs. Wer an den bösen Blick
+glaubt und auch sonst den krassen Aberglauben der Zeit in keinem Stücke
+ernsthaft überwunden hat, darf bei aller scheinbaren Aehnlichkeit
+mit einem Aufklärer nicht ein Vorläufer moderner Humanität heißen.
+Chilperich stellt das Stammestemperament der Merowinger in besonders
+intensiver Ausprägung dar: ungezähmte Sinne, Bildungstrieb im Stadium
+kindlicher Neugier und eine glückliche Hand in allen Unternehmungen
+realpolitischer Natur.
+
+Von Chlothars Söhnen überlebte Gunthram die andern um Jahrzehnte.
+War Charibert gegenüber der Kirche naiv brutal, Sigibert unabhängig
+vornehm, Chilperich nichtswürdig schlau vorgegangen, so war Gunthram
+aufrichtig und herzlich fromm, wenn auch ein wenig im einfältigen
+Sinne des Wortes. Er hat mit seiner kirchlichen Devotion ernstgemacht
+und seine Handlungsweise im allgemeinen danach eingerichtet.
+Immerhin lebte auch er, wenigstens in jüngeren Jahren durchaus mit
+mannigfaltigen Zugeständnissen an die niederen Sitten der Zeit. Der
+gute König Gunthram, erzählt Gregor in aller Unbefangenheit[119-a],
+nahm zuerst Veranda, die Magd eines seiner Leute, als Beischläferin
+in sein Bett auf. Nachher heiratete er Meroketrude, eine französische
+Herzogstochter. Als sie seinem unehelichen Sohne nachstellte und
+deshalb vertrieben wurde, erhob er Austrichilde zum Weibe und als nach
+dem Tode Chariberts Theudechilde, eine seiner Gemahlinnen, sich ihm
+aus freien Stücken anbot, nahm er dieser fast alle ihre Schätze ab und
+schickte sie als Nonne ins Kloster. Seine Schwäger ließ er köpfen und
+zog ihre Güter für den Kronschatz ein. Der Tod seiner beiden Söhne war
+dann der schwere Schlag. Seitdem ging er in sich, und wenn er auch
+schwach genug war, seinem trotzigen Weibe den auf dem Todbett von ihr
+geforderten Eid zu halten und ihre Aerzte hinzurichten, so zeigt sich
+sein gutes Wesen an seiner rührenden Fürsorge für seine Neffen. Den
+steigenden Anmaßungen des Adels hielt er wacker stand, wenn es auch
+nicht ohne Demütigungen für ihn ablief. Er war auch charakterfest
+genug, sich von Fredegunde, für die er eine Schwäche hatte, sich
+nicht ganz umgarnen zu lassen[119-b]. Mit den Bischöfen stand er in
+herzlichem Verkehr. Am Martinsfest in Orleans sagte er an der Tafel zu
+ihnen: »Ich möchte morgen in meinem Hause euern Segen empfangen und
+bitte euch darum. Euer Eintritt wird mir Heil bringen; nichts übles
+wird mir fortan geschehen, wenn über mich in meiner Niedrigkeit die
+Worte eures Segens geflossen sind«. Am andern Morgen, als der König
+die Stätten der Heiligen besuchte, um dort zu beten, kam er auch zur
+Avituskirche, wo die fremden Bischöfe einquartiert waren. Gregor von
+Tours ging ihm entgegen und bat ihn, daß er auf seinem Zimmer das
+gesegnete Brot des heiligen Martin brechen möchte. Der König trat
+gnädig ein, trank einen Becher, lud die Bischöfe wieder zur Tafel ein
+und ging fröhlich weiter. An diesem zweiten Festmahle, das der König
+den Teilnehmern des Reichskonzils gab, befahl er Gregor von Tours, er
+solle seinen Diakonen, der tags zuvor bei der Messe das Responsorium
+vortrug, nun wieder singen lassen und als dies geschehen war, wünschte
+er, jeder anwesende Bischof möge sich nun hören lassen unter dem
+Beistand der Geistlichen seiner Kirche, wenn es beliebe. So trat
+einer um den andern vor und sang so gut es ging vor dem Könige sein
+Responsorium als Tafelunterhaltung. Im weiteren Verlaufe der Mahlzeit
+wies der König auf eine schwere silberne Schüssel und sagte, er habe
+nur diese und eine andere aus dem Schatze des Mummolus behalten;
+fünfzehn habe er zerschlagen lassen und auch der Rest solle alles
+verteilt werden, um die Not der Armen und der Kirchen zu lindern. Zum
+Schluß benützte Gregor die gute Laune des Königs, um einige Edelleute,
+die wegen ihrer Parteigängerschaft mit dem Usurpatur Gundvald seine
+höchste Ungnade erregt hatten, wieder in Gunst zu setzen. Wohl besaß
+auch Gunthram ein gut Stück merovingischen Jähzorns; aber klug
+beigebracht, führten geistliche Eigenschaften bei ihm immer zum Ziele.
+Als der König gegenüber zwei Grafen unversöhnlich schien, nahte ihm
+Gregor mit den Worten: »Siehe, ich bin von meinem Herrn als Bote zu dir
+gesandt und was soll ich dem, der mich gesandt hat, antworten, wenn
+du mir keine Antwort erteilen willst«. Da stutzte Gunthram: »Und wer
+ist denn dieser dein Herr?« Gregor lächelte: »Der heilige Martin hat
+mich gesandt.« Darauf befahl der König, die Männer ihm vorzustellen.
+Als sie vor ihn traten, warf er ihnen zwar ihre Treulosigkeit und
+ihren Eidbruch vor, nannte sie wiederholt schlaue Füchse, nahm sie
+jedoch wieder in Gnaden an und gab ihnen die Güter, die ihnen entzogen
+waren, zurück. Aehnlich erweichte er sich gegenüber einem Bischof, dem
+er zürnte, für den aber dessen Mitbrüder Fürsprache einlegten. Auch
+sonst hat Gunthram im Bann eines Heiligtums seinen Zorn besänftigt
+und Gnade für Recht walten lassen; ja sogar einen Attentäter, der
+ihn in der Marcelluskirche zu Châlons hatte erstechen wollen, ließ
+er nicht hinrichten; denn er hielt es für unrecht, einen zu töten,
+den man mit Gewalt aus einer Kirche geschafft habe[120-a]. Nur den
+Juden gegenüber empfand Gunthram eine unüberwindliche Abneigung; als
+sie sich in Orleans an der allgemeinen Huldigung ostentativ beteiligt
+hatten, äußerte er bei Tisch: »Weh über dies Volk der Juden; es ist
+schlecht und treulos und immerdar arglistigen Herzens. Darum sang
+es mir heute Loblieder voll Schmeicheleien, damit ich die von den
+Christen zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder bauen ließe. Aber
+der Herr will dies nicht, und nimmer werd ich es thun.« Alter und
+schwere Familienkatastrophen hatten Gunthrams gutmütige Natur so zu
+verinnerlichen gewußt, daß ihm mit dem Christentum persönlich ernst
+war und er sein Leben darnach einrichtete. Er gab Almosen in Fülle
+und hielt an im Gebet und im Wachen. Während der Pestzeit überdachte
+er gleich einem guten Bischof die Mittel, durch die dem Leiden des
+sündigen Volkes zu steuern sei: er richtete Bettage ein und verbot,
+etwas anderes als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Er selbst ging mit
+seinem Beispiel im Wachen und Beten allen voran. Was Wunder, daß er dem
+einfachsten Volk für heilig galt. In gläubigen Kreisen erzählte man
+sich, ein Weib, deren Sohn vom Viertagsfieber geplagt werde und schwer
+darnieder lag, habe sich im Volksgedränge dem König von hinten genähert
+und heimlich einige Fransen von seinem Königsmantel abgerissen, sie in
+heißem Wasser abgebrüht, ihrem Sohne eingegeben und mit dieser Medizin
+sofortige Heilung erzielt. Auch die bösen Geister, die sich Gunthram
+unterwarfen und seinen Namen anriefen, konnten vor seinem Gericht nicht
+stand halten und bekannten ihre Frevelthaten.
+
+Von dem andern, dem wirklich heiligen Mitgliede der Königsfamilie
+in jener Zeit, von der heiligen Radegunde in Poitiers, gibt Gregor
+kein rundes Lebensbild. Wozu Fortunat am Zeuge flicken? Dagegen teilt
+er wichtige Urkunden Radegundens zum Bau des Heiligenkreuzklosters
+mit[121-a] und schildert schlicht und ergreifend seinen Besuch an ihrem
+Todbette[121-b]: »Mir war schwer ums Herz; ich hätte weinen müssen,
+hätte ich nicht gewußt, daß Radegundens heilige Kraft uns bleiben
+werde«.
+
+Seine ganze Frankengeschichte aber hat Gregor verfaßt, um zu zeigen,
+daß man nur durch die Fürbitte der Heiligen gerettet werden könne.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts.
+
+
+Wie universal und vielseitig der wackere Gregor von Tours bei aller
+Befangenheit gewesen war, zeigt sich erst bei einem Blick auf seine
+Nachfolger. Da ist überhaupt nur hie und da einer, der sich in
+bescheidenem Maße als Forscher erweist und mehr als einen Heiligen
+behandelt. Die übrigen bewegen sich alle in den Schranken der Memorie.
+Doch da dies, wie wir sahen, für unser Wissen an sich durchaus keine
+Einbuße bedeutet, können wir an diesen späteren Produkten um so
+weniger vorübergehen, als nun die sociale Stellung der Heiligen sich
+beträchtlich verschoben hat und es sich um Männer handelt, die an den
+großen zeitgeschichtlichen Ereignissen einen bedeutenden Anteil nehmen.
+Nur zur kleineren Hälfte sind sie die strengen Vertreter des alten
+mönchischen Heiligenideals; vielmehr nehmen manche von ihnen an den
+Welthändeln in einem Maße teil, das ihr Recht, sich jenen hingebenden
+und gottesfürchtigen Gestalten beizuzählen, doch etwas in Frage stellt.
+
+
+1.
+
+Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert,
+besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht.
+Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als
+Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der
+Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen
+des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus
+seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde
+gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger
+Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern
+auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs
+Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von
+einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu
+erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen
+und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden
+zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde
+der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem
+Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische
+Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits
+ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr
+Urenkel Theuderich _II_ als dumm und falsch hingestellt sein. Im
+übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen
+Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine
+höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden,
+daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen
+der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns
+schildert, hat folgenden Verlauf genommen[122-2]: Desiderius entstammte
+einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande
+bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt
+und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er
+höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde
+schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre
+602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer
+Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte
+es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio
+verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt.
+Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon
+die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens
+rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer
+Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit
+starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und
+lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn
+günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald
+mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal
+wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des
+königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat.
+Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker
+rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann
+wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An
+seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein.
+
+Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs
+hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines
+Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai[123-1] ist Zeit seines
+Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die
+Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und
+Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße
+von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der
+Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer
+Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof
+zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf
+tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen
+Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den
+Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste
+vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende
+Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen
+ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn
+seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen
+geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften,
+insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm
+eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den
+geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn
+er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte.
+Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein
+Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs
+Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz
+auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof
+ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen.
+Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination
+durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in
+diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich
+hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf
+das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das
+fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen
+den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die
+Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den
+Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe
+begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses
+dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie
+ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese
+Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die
+Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem
+Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten,
+den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich
+nach dem Jahre 613, als Chlothar _II_ zum zweitenmale Herr von Paris
+geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er
+mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei
+Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet
+Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch
+Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven
+freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars,
+südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die
+dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich
+von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung
+von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen
+Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das
+anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von
+Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche
+von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt.
+Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen
+Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen
+Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der
+Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben.
+Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis
+629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde
+in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten
+Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald,
+ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür
+Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber
+nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er
+schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute
+er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste
+obliegen.
+
+Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer
+Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker
+von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten
+daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen
+Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine
+neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der
+Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist;
+durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht.
+In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der
+Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England
+waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine
+künstlichere Art, sie zu beschreiben.
+
+
+2.
+
+Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische
+Mönche unter Führung des Columban[125-1]. Der König hoffte von ihnen
+Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden
+in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten
+sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit
+einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray
+wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm,
+wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet
+mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie
+aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes
+steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit
+der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger
+Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa
+ins Jahr 590.
+
+Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien,
+die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine
+Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die
+Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie
+wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu
+dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu
+dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort:
+»Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte
+schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache
+Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit
+zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie
+erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens
+ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche
+Zucht und Besserung notthat[125-a].
+
+Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus
+Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche
+Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die
+Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch
+Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von
+seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall,
+Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des
+Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der
+in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit
+Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten
+Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von
+Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft.
+Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster,
+eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie
+Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies
+ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er
+das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg
+sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu
+verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem
+Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg.
+Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens
+Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere,
+wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden
+Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in
+der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und
+Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den
+Busenfalten seiner Kutte hegte[126-a].
+
+Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem
+Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein
+harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern
+schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit
+ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden
+galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen.
+Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann
+interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen;
+er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber
+keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen
+zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen
+und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im
+Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem
+Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes
+getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er
+diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind
+die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den
+Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden
+die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit
+hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der
+alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch
+den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat.
+Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und
+nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem
+Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig
+galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs-
+und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche
+Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche
+Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich,
+der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer
+Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den
+Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig
+gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß
+des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm
+von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So
+berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle
+verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa
+bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das
+Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in
+die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition
+des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß
+zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten
+Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf
+ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde
+in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um
+nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen
+Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen,
+der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova,
+gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung
+ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie
+durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung
+des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel
+um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends
+jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte
+erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen
+ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch,
+nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich
+jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe
+und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche,
+das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber
+dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele ~seines~ Werkes
+war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen
+Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung
+in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne
+Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den
+Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den
+durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte,
+ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen
+zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es
+giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen
+unvereinbar sind.
+
+Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte,
+durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war,
+die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus.
+Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der
+Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle
+krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle
+verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen
+Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie
+verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu
+gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen
+suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich
+bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher
+rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der
+Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als
+er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der
+Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten.
+Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene
+Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne
+zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu
+bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet
+ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche
+Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme
+vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die
+Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund
+der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem
+Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei
+diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen
+auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte
+Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit
+der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung
+und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr
+in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen
+Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der
+Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen.
+In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum:
+entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet
+Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten.
+Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn
+gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine
+Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche
+aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden
+und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl
+gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht
+zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den
+Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von
+der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume
+seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs
+erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht
+die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener
+Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf
+erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern
+Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.«
+Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der
+bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit
+noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht
+länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige
+begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der
+König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte
+machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen
+reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium
+verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz
+besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du
+hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in
+den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich
+über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe.
+Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit
+Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names
+Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung
+des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei
+Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs
+Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban
+ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von
+Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs
+überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte
+und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit
+den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig
+den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und
+des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der
+frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der
+nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl,
+der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban
+weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine
+Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen.
+Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten.
+Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten
+mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten.
+Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters,
+von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über
+Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf
+Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach
+Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen
+Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr
+jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt
+fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und
+erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch
+am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans
+erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier
+die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da
+der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren
+Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der
+Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das
+Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht,
+ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie
+auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns.
+Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«,
+spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin
+doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«.
+Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten
+sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen.
+Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider
+Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen,
+berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St.
+Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu
+Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat
+zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von
+meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck
+veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften
+Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten
+Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken.
+»Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die
+Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«.
+Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde
+ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du
+doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja
+froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt
+zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei
+Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht
+mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu
+mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen
+auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er
+die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles
+Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die
+Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte
+es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb
+wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen
+mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut
+findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König
+gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder
+schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß
+Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und
+hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit
+seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute
+Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf
+ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der
+Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den
+Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war
+klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte
+keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen
+Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf
+Flucht zurückzuführen[131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines
+Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie
+vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann
+Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie
+ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen,
+er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil
+er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte,
+sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich
+beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte,
+ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an
+einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu
+bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen
+Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide
+baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich
+einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem
+beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen.
+Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich
+Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ
+ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn
+ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm
+es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar
+mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein
+ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem
+geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem
+andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre
+Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel
+und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der
+heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen
+lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung
+der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann
+allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar
+noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu
+Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer
+mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus
+Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung
+ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken
+Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das
+Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war
+ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott
+Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen
+Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig
+geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen
+Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren
+jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so
+klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen.
+Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ
+er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien.
+Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst
+trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die
+verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines
+Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen
+Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars
+_II._ schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem
+ersten Jahr zu Bobbio, im November 615[133-a].
+
+
+3.
+
+Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der
+bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt
+ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen
+Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum
+Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach
+Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken;
+aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach
+Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben,
+ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas
+unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er
+dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach
+drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert
+von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel
+eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert,
+sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als
+Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen
+Sohnes Chlothar _III._; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser
+Fürstin in Chalons.
+
+Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und
+Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen
+und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort
+Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen
+Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen
+eine gerechte Beurteilung[133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis
+der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen.
+Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In
+ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht
+und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre
+politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre.
+Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter
+die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der
+Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie
+Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und
+Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden
+los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche
+und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in
+ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer
+bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und
+einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates,
+der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst
+für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die
+Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine
+verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf
+gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der
+hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt
+aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft
+gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die
+Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den
+kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und
+niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der
+Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand
+bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte.
+
+Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das
+wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es
+doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht
+selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn
+bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element
+der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer
+der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren
+einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie
+geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach
+Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes
+von Reomaus[134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen,
+ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen
+Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler
+bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte
+dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster
+hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen
+Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder;
+überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen
+verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind
+daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen
+namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß,
+seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen.
+Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte.
+Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas
+in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien
+regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern
+an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich
+an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß
+vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt
+waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue
+Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht
+und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese
+Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes
+zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain,
+zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien
+von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach
+seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen
+daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache
+darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung
+des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von
+Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters
+übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die
+Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine
+Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar
+seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm
+jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als
+zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der
+Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als
+Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus
+Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von
+zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben,
+das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier
+in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte
+ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam,
+erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden
+Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste
+that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von
+Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte.
+Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum:
+Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes
+nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen;
+der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten.
+Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige
+Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von
+Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern
+etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug
+wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen
+in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere
+Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner
+Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung
+seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem
+Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor
+der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet;
+jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder
+war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit
+er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in
+die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen
+es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins
+Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen
+ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene
+Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese
+Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit
+trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein
+die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der
+Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach
+wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt
+uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter.
+Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu
+schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel.
+Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer,
+Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter
+bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht
+erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die
+Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende
+Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem
+Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und
+zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt
+er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor
+Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge
+zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor.
+Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im
+Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die
+sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum
+Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr
+diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich
+ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde
+ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus
+empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum,
+heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer
+Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu
+beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von
+dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch
+Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der
+Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes
+mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten.
+Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn
+er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört
+würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu
+warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung
+für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte,
+nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn
+Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen
+auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren
+es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann
+durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl
+auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr
+von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert
+über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen
+Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder
+eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte
+auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein
+Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken
+in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das
+letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche
+ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris
+von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet.
+Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem
+Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm
+das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon
+getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit
+wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren
+Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes
+stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel.
+In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter
+von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es
+eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch
+mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen
+Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso
+genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es
+sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich
+um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen
+in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der
+Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch
+ihn zur Nonne geweiht worden war.
+
+Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch
+die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas
+gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf
+und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in
+jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in
+Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas
+Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz
+ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in
+seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache
+nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu
+kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt
+sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend
+aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus
+an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des
+Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu,
+und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen
+den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras
+an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne
+in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das
+Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als
+federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch
+für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat.
+Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt.
+Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er
+Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige
+Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur
+eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer
+Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen
+hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche
+Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert
+somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst
+erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof
+Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde
+nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte
+seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn
+einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als
+Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes
+fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört,
+lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz.
+Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt;
+er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe
+besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das
+Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum
+seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb
+nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so
+spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«.
+Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten
+Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts
+gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang
+wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche
+und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit
+der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und
+befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser
+der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste
+ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über
+das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von
+der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung
+vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie
+soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und
+freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar
+nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl
+eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer
+nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine
+Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen,
+dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen.
+
+In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine
+hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch
+leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach
+handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster
+Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay[140-1] wertloses
+Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei
+es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe
+zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um
+den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte
+sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und
+kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst
+hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig
+scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre
+eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so
+seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters,
+seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des
+Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder
+nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen
+echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der
+Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer
+Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von
+Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden.
+
+Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So
+schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt
+von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des
+Stifters von Moutiers-Grandval im Jura[140-2]. Germanus stammte aus
+einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof
+Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er
+dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische
+Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen.
+Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst
+den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk
+zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von
+Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden
+Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die
+über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand
+abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das
+Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener
+Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle
+heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln
+Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen
+Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden
+Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann
+in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt.
+
+Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht
+werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne
+sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem
+irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische
+Märtyrerverzeichnis[141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in
+seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden.
+
+Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger
+und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches,
+wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der
+zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der
+Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein
+vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während
+der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser
+unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle
+eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu
+unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein
+gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das
+Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch
+dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das
+Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und
+Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch
+nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein.
+Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet
+darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die
+bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem
+nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden
+war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit
+der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit
+hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne
+die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische
+Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht
+das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das
+nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es
+sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils,
+während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das
+Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht.
+
+
+4.
+
+In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet
+sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich
+stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an,
+daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von
+Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung
+und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber
+war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien
+nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und
+der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl
+seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte.
+In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe
+durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine
+militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung
+und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits
+Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich
+ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in
+Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte
+auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar
+_II._ betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen
+Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt
+ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster
+Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen
+Leuten.
+
+Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht
+reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch
+mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war.
+Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten
+geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres
+Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine
+angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland
+verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus
+Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich
+den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in
+bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete
+oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination
+des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin
+Chlodowechs _II._, dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und
+Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie
+für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung
+die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und
+wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den
+christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen.
+Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem
+Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster
+war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde
+ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von
+Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer
+Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere
+merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer
+hinzu erworben hatte.
+
+Die bewegte Zeit nach ihrem Abschiede von der Welt wäre für uns
+unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun.
+Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des
+Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus
+von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert,
+gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als
+raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von
+der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde[143-1]. Dieser ungenannte
+Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten
+und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger
+Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen-
+und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm
+vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt
+offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und
+enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er
+die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse
+gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis
+für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen[143-2]. Leodegar oder
+Saint Leger[143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen
+Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu
+seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit
+zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete
+er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis
+des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die
+ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete
+er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf
+blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches
+Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen
+Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der
+königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und
+scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er
+und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht
+gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund
+hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher
+die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe
+jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den
+Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie
+in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle
+versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder
+aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte
+sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit
+seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich,
+Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die
+rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin
+viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein
+Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die
+Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich
+fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien
+zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich
+Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein
+im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen
+geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin,
+ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde
+geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund
+übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter
+des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine
+Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein
+energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete
+Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich
+unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der
+Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter
+den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit;
+jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund
+mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus
+bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen
+die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit
+mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer
+frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der
+Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht.
+Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung
+des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint
+Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei
+auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber
+sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit
+die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte,
+wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach
+Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem
+Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König
+und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen
+ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das
+Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der
+Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen,
+fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen.
+In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde
+ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott
+gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf
+lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu
+Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben.
+Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars
+Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen
+drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu
+Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen
+Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in
+Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen,
+indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund
+aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer
+der Adelspartei, für Theuderich _II._, den er früher entthront hatte.
+Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich
+in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich.
+Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm
+flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder
+seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den
+alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei
+seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten
+konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds
+für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und
+kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der
+gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den
+Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter
+Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst
+aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er
+Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen.
+
+Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint
+Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer
+Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius[146-1],
+keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588
+geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner
+künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren
+in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war
+königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die
+Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig
+auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen,
+das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris
+über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars
+_II._, einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit,
+die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war
+eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu
+lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf
+Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar
+das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit
+der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen
+nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges
+habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen,
+während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als
+zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen
+und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar
+zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier
+Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren
+zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender
+Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein.
+Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine
+Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine
+Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte
+klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres
+Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren
+Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde
+er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch
+bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken
+zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender
+Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn
+Dagobert _I._, um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln
+Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte.
+Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von
+Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit.
+Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er
+starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659,
+einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen
+Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit
+Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das
+Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der
+auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen
+Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern
+Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado
+dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar
+_II._ und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen
+lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der
+Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war
+es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große
+Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren
+ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den
+Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt
+er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien
+von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches
+Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers
+Ansbert[147-1].
+
+Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem
+Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters
+Amandus[147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten
+Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war
+vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der
+Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ
+sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt
+er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und
+verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre.
+Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites
+Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst
+in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht
+auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an,
+die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um
+selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden,
+sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte,
+wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die
+Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und
+Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er
+auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen,
+ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen
+Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen
+waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der
+Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet
+der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie
+das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer
+gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der
+todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu
+werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau
+nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft
+hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als
+Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es
+weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe
+ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er
+keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn
+geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher
+den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb
+verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde,
+veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige
+nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde
+er, von diesem seinem Täufling König Sigibert _III._ und den Bischöfen
+gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen.
+Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch
+diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den
+Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich
+das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der
+Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin
+von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand
+durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen,
+bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu
+erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats
+den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit
+entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls
+vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo,
+an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er
+außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch
+dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen.
+Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein
+Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum
+als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684.
+
+Drei Jahre später erfocht der Hausmeier Pippin bei Tertri den
+entscheidenden Sieg, der in Wahrheit der Herrschaft der Merowinger
+ein Ende machte, wiewohl sie dem Scheine nach noch bis über die Mitte
+des folgenden Jahrhunderts im Regiment saßen. In der letzten Phase
+ihres Zeitalters hatte die Heiligenschreibung angefangen sich zu der
+litterarischen Industrie zu entwickeln, als die wir sie dann unter den
+Arnulfingern bald genug entfaltet finden. Die karolingische Schule
+für Hagiographie hat auf den Errungenschaften der merowingischen
+aufgebaut und stellt sie scheinbar weit in den Schatten; denn in ihr
+floriert das Interesse an der Vergangenheit, und so bevölkert sie
+denn kaltblütig den Merowingerstaat nachträglich mit Heiligen aller
+Art, die uns auf unserer Wanderung durch die gleichzeitigen Quellen
+gar nicht oder anders begegnet sind. Da echte Forschung damals nicht
+möglich ist, handelt es sich um Mißbrauch der Forschung, um Erfindung
+und Fälschung[149-1]. Die bescheidenen Machwerke der Merowinger
+Zeit dagegen sind durchweg ehrlich. Selbst beim hieronymischen
+Märtyrerverzeichnis ist die Unterschiebung des Kirchenvaters harmlos,
+da sie nur die Vorrede betrifft und den Inhalt in keiner Weise in
+Mitleidenschaft zieht. Bei aller Unzuverlässigkeit kann man also bei
+den beschriebenen Schriften von historischer Treue reden und sie
+deshalb schätzen, wie ja denn überhaupt das Frankenreich der Merowinger
+zwar höhere Bildung aber auch höhere Heuchelei nicht kennt, noch roh
+aber auch noch naiv ist.
+
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Die Legende.
+
+
+Erinnerung und Erkundigung erschöpfen indessen den Inhalt der
+Heiligenviten nicht. Ein wesentliches Element in ihrem Bestande wird
+von der Legende bestritten. Legende ist das uferlos flutende Weistum
+der Volksseele. Es hat doppelten Ursprung: entweder entquillt es der
+geschichtlichen Erinnerung, dann ist es Sage. Oder es entspringt
+der Naturanschauung, dann ist es Mythus. In den Vordergrund unserer
+Erwägungen drängt sich jedoch das Bewußtsein der Schwierigkeiten,
+dieses legendenhaften Wesens der Heiligenvorstellung für unsere
+Erkenntnis überhaupt habhaft zu werden. Zumal nun auch die gebundene
+schriftliche Ueberlieferung der fließenden mündlichen nicht mehr
+auf dem Fuße folgt und somit, was bisher noch in den festen Formen
+der Litteraturgeschichte sich abspielte, sich nun für uns auflöst
+in ein schwer greifbares Nacheinander oft geradezu gestaltloser
+Gedankengebilde. In den folgenden markanten Beispielen, an denen die
+mannigfaltigen Erscheinungsarten der Legende herausgeschält werden
+sollen, ist der Anteil von Mythus und Sage sehr ungleich, und dasselbe
+Mißverhältnis zeigt sich in geographischer Hinsicht, insofern das
+gallische Stammland von Mythenbildung und Teilnahme der Heiligenlegende
+an ihr fast ganz frei blieb, während der verhältnismäßig schmale
+Streifen der Alpen- und Rheingegenden davon wuchert. Bei den Franken
+selbst äußert sich der Trieb zur freien Gestaltung und zur Emanzipation
+der Phantasie von geschichtlichem Geschehen fast nur in der mehr
+oder weniger passiven Aufnahme des kirchlichen Sagenstromes, der
+sich von Rom aus über das fränkische Reich ergießt. Selbst bei zwei
+Hauptheiligen des Frankenvolkes, wie Martin und Genovefa von Paris
+ist ein mythischer Beisatz zwar da, aber durch die viel kräftigeren
+epischen Triebe fast gänzlich absorbiert. Und die heilige Radegunde hat
+das Volk von Poitiers nur ganz verstohlen mit einem alten Druidenstein
+in Verbindung bringen können.
+
+Was an mythischen Bestandteilen im merowingischen Heiligenhimmel sich
+vorfindet, ist teils aus dem Orient hergezogen, wo die Amalgamierung
+vom Heidnischen ins Christliche vor angetretener Wanderung ins
+Abendland sich bereits restlos abgeschlossen hatte, oder sie hat
+sich, sofern ein solcher Austausch auf germanischem Boden stattfand,
+auf nicht fränkischem Gebiete, am ehesten bei den Alamannen oder den
+Friesen und Angelsachsen durchgesetzt. Ueberdies kommt die Schiebung
+in Betracht, die in den germanischen Göttervorstellungen selber vor
+sich ging. Einen germanischen Olymp hat es nie gegeben; jeder Stamm
+hatte seine Gottheiten, jeder seinen Glauben für sich. Nur der mächtige
+Himmelsgott in seinen beiden Gestalten des Tiuz und des Donaraz
+sowie seine Gemahlin Frijô haben im Glauben aller deutschen Stämme
+geherrscht, bis der lokale und untergeordnete Wind- und Totengott der
+Istväonen, Wodan, im Laufe der Zeit sich universale Rechte usurpierte,
+den Tiuz aus dem Felde schlug und wenigstens in England und im Norden
+sich bleibend zum obersten der Götter erhob. Auch in Alamannien griff
+der Wodankult ein, ohne jedoch noch die Verehrung des älteren Kriegs-
+und Donnergottes verdrängt zu haben, als an der Spitze der fränkischen
+Reichsmission bereits eine dritte und in der Folge siegreiche Macht ins
+Feld rückte, eben die Heiligen der Merowinger.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Wanderheilige.
+
+
+Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche
+Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren
+Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr
+aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter
+Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch
+niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen
+Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt
+weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden
+oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten
+Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr
+unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die
+Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse
+aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß
+wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die
+sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte
+Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich
+hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch
+Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild
+reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten
+Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer
+Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als
+doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst
+jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und
+faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer
+zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald
+sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und
+Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann
+wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht
+mehr gebunden.
+
+
+1.
+
+Zur Zeit des Entscheidungskampfes zwischen Christentum und Heidentum
+beherbergten Kleinasien und Syrien eine Anzahl Heiliger, von denen
+jeder gewissermaßen auf die Wanderschaft ging, und das Abendland seinem
+Namen unterworfen hat. Sie haben die Dunkelheit ihrer Lebensgeschichte
+mit einander gemein, sowie Züge, die in die heidnische Götterwelt
+hinüberspielen. Deutlich zeigt sich das am heiligen Christoph[151-a].
+Er stammt aus dem Lande der Riesen, kam unter der Regierung des
+Königs Dagnus oder Decius von den Inseln nach der durchaus fabelhaften
+Stadt Samos in Lycien. Nach seiner Taufe erregte er in Syrien unter
+den Heiden Aufsehen, weil er statt eines menschlichen, den Kopf eines
+Hundes trug, und bekehrte Unzählige, weil sein eiserner Stab grüne
+Blätter trieb. Anderswo[152-a] erscheint Christoph als äußerlich sehr
+ungeschlacht, dagegen spricht er, als er gefangen wird, ohne Unterricht
+plötzlich griechisch und verblüfft seine Häscher durch das Wunder
+des grünenden Stabes; erst dann erfolgt seine Taufe durch Bischof
+Babylus von Antiochien. In der bekannten germanischen Form dagegen ist
+Christoph, dem griechischen völlig ungleich, ein heidnischer Riese, der
+durch die Welt zog, einen stärkeren zu suchen, als er sei. Er diente
+dem Teufel, bis er ihn einem Kreuz ausweichen sah: der Herr des Kreuzes
+mußte also stärker sein. Durch einen Einsiedler belehrt, daß sich
+Christus Dienst in guten Werken äußere, läßt sich Christoph an einem
+Fluß nieder, um, zwölf Fuß hoch, wie er war, Wanderer über das Wasser
+zu tragen und thut es, bis er eines Tages unter der unscheinbaren,
+aber immer drückenderen Last des Christusknaben zusammenbricht. Die
+Verschiedenheit der Ueberlieferung ist jedoch nicht das einzige,
+was an Christophs Geschichte auffällt. Auch daß die Namen, die er
+trägt, mag er nun vor seiner Bekehrung Adokimos oder Reprobus oder
+Offerus geheißen haben, alle deutbar sind und eine Eigenschaft des
+Trägers ausdrücken, weist auf einen inneren Zusammenhang des Namens
+mit dem Leben hin; bei einer geschichtlichen Figur müßte dies ein
+Zufall sein, da der Mensch heißt, bevor er etwas ist, und somit eine
+Uebereinstimmung von Namen und Leben, wenn überhaupt dem Namen ein
+Sinn innewohnt, zu den großen Ausnahmen gehören wird. Aber noch mehr
+giebt an Christoph zu denken, daß er nicht nur in seiner Sage plötzlich
+einmal mit einem Hundskopf auftritt, sondern diesen Ersatz eines
+menschlichen Gesichtes auf alten griechischen Bildwerken wirklich zur
+Schau trägt[152-1]. Hier hat die christliche Sage einen Riß; wir sehen
+in die heidnische Mythologie hinein: einen Wolfs- und Hundskopf trug
+Anubis, der den jungen Sonnensohn Horos durch den Nil trägt[152-2].
+Allerdings kann ein vereinzelter Zug nicht viel beweisen. Aber an der
+Gestalt des heiligen Georg läßt sich der Vergleich auf der ganzen Linie
+durchführen.
+
+Die griechische Georgslegende erzählt, Kaiser Diokletian habe auf ein
+Apolloorakel hin alle seine Statthalter zu einem Rat wider die Christen
+zusammenberufen. Damals lebte Georg, von vornehmen christlichen Eltern
+in Kappadocien. Er hat als Kind seinen Vater verloren und war dann
+mit der Mutter nach ihrer Heimat Palästina ausgewandert. Als schöner
+Jüngling trat er ins Heer ein und zeichnete sich in den Kriegen so
+aus, daß er Comes wurde. Zwanzig Jahre alt erbte er seine Mutter und
+begab sich mit seinem fürstlichen Vermögen an den Hof, um da sein
+Glück zu machen. Hier angekommen — wo, wird nicht gesagt — hörte Georg
+von der Verfolgung, die über seine Glaubensgenossen verhängt sei,
+verteilte sofort alle seine Reichtümer unter die Armen und bekannte
+sich vor dem Kaiser als Christen. Er soll den Göttern opfern, bleibt
+standhaft und wird nun gemartert. Am ersten Tage stoßen ihn die
+Trabanten mit Speeren nach dem Kerker; ein Speer, der Georgs Körper
+berührt, wird wie Blei umgebogen. Dann werden ihm die Füße in den Block
+gespannt und ein schwerer Stein auf die Brust gelegt. Er lacht über so
+leichte Qualen. Am zweiten Tag wird er an ein großes mit Schwertern
+besetztes Rad gebunden und gepeinigt. Darauf liegt er wie schlafend
+da. Diokletian hält ihn für tot. Man bindet ihn los und siehe da, er
+ging heil von dannen. Georg wird nun in eine Grube mit frischgelöschtem
+Kalk geworfen: als der Kaiser nach dreien Tagen den Auftrag giebt,
+die Gebeine heimlich zu verscharren, findet man Georg in heiterer
+Haltung, im Gebet begriffen. Der Kaiser hält ihn für einen Zauberer und
+läßt ihn in glühenden Schuhen in den Kerker zurücklaufen. Als er am
+sechsten Tage aufrecht gehend vor dem Kaiser erscheint, gebietet dieser
+Georg mit Riemen ans Rindshaut so lange zu geißeln, bis das Fleisch
+in Stücken herabfällt. Auch tötliche Zaubertränke trinkt er, ohne
+Wirkung zu verspüren, aus. Nachdem er die Reihe der Marter bestanden
+hat, thut Georg drei Wunder: Athganasios fordert ihn auf, einen Toten
+zu erwecken; er thut es. Dann ruft er den gefallenen Ackerstier des
+Landsmanns Glykerios ins Leben zurück. Am achten Tage erscheint Georg
+zum letzten Gericht vor dem Kaiser; im Apollotempel beschwört er den
+bösen Geist, der in dem Götterbild wohnt, bis dieser sich als einen von
+Gott abgefallenen Engel bekannt; alle Götterbilder stürzen auf die Erde
+und zertrümmern. Da fiel die Kaiserin Alexandra dem Heiligen zu Füßen;
+Diokletian ließ beide zur Hinrichtung abführen. Alexandra gab unterwegs
+den Geist auf, Georg aber ging Gott lobsingend auf den Richtplatz und
+wurde enthauptet; es war am 23. April.
+
+In diesen griechischen Akten liegt nun aber eine von allerlei
+Rücksichten geleitete Ueberarbeitung der Georgssage vor. In älteren
+lateinischen Akten heißt es: der Teufel trieb Dacianus, den Kaiser
+der Perser, den Herrn über die vier Himmelsgegenden, daß er die
+zweiundsiebzig Könige der Erde, die unter ihm waren, zusammenrief
+und auf ihren Rat die Christen bedrängte. Damals lebte der heilige
+Georg. Melitene in Kappadocien war sein Geburtsort und der Schauplatz
+seines Martyriums. Hier hielt er mit einer Witwe Haus. Die Marter, die
+er zu bestehen hatte, sind zahllos; genannt werden die Folterbank,
+eiserne Zangen, das mit Schwertern besetzte Rad, die an die Fußsohle
+angenagelten Schuhe; dann wird Georg in eine eiserne, inwendig mit
+Nägeln besetzte Kiste geworfen, in den Abgrund gestürzt, mit eisernen
+Hämmern geschlagen; eine schwere Säule wird auf ihn gelegt, ein
+schwerer Stein auf sein Haupt gewälzt; er wird auf ein glühendes
+eisernes Bett gedrückt und mit geschmolzenem Blei übergossen, dann
+in einen Brunnen geworfen, mit vierzig glühenden Nägeln durchbohrt,
+in einen glühenden ehernen Stier eingeschlossen, mit einem Stein um
+den Hals in den Brunnen geworfen: diese Marter dauern sieben Jahre.
+Endlich verdarb Georg mit Arglist die Zauberer der Heiden und brachte
+die Heiden selbst um; Vierzigtausendneunhundert Menschen aber bekehrten
+sich zum Christentum, darunter Alexandra, die Kaiserin der Perser.
+Dacianus ließ beide enthaupten, eines Freitags den 24. April. Hierauf
+entführte ein feuriger Wirbelwind den Dacianus und seine Genossen. Die
+Muhammedaner haben die folgende Fassung übernommen: Georgîs, der noch
+bei Lebzeiten der Apostel geboren war, wird von Gott zu dem Könige von
+El-Maucîl geschickt, um ihn zur Annahme des Christentums aufzufordern.
+Der König ließ ihn hinrichten. Gott aber rief ihn wieder ins Leben
+zurück und schickte ihn ein zweites Mal; ein zweites Mal getötet ward
+er von Gott wiederum auferweckt und ein drittes Mal geschickt. Nun
+ließ ihn der König verbrennen und seine Asche in den Tigris werfen.
+Darauf vertilgte Gott den König mit allen seinen Unterthanen. Die
+alte abendländische Legende vom heiligen Georg ist in den Kreisen
+der Kirche von Lyddadiospolis in Palestina entstanden. Dort erhob
+man den Anspruch, Georgs Leichnam zu besitzen. Jedenfalls bestand
+dort ein besonders alter Georgskultus. Deshalb unternimmt auch Georg,
+ehe er Märtyrer wird, in den griechischen Akten einen Abstecher nach
+Palestina. Die noch ältere morgenländische Fassung muß davon unabhängig
+gewesen sein; sie läßt den Heiligen verbrannt werden, sie kann mithin
+eine Beisetzung seiner Asche, aber nimmermehr seines Leichnams gekannt
+haben. Georg hat nicht nur bei den orientalischen Christen, sondern
+fast mehr noch bei den Mohammedanern eine ausnehmende Verehrung
+genossen. Offenbar wurzelt sein islamischer Kultus tief im Volksglauben
+und war nicht auszurotten. Wie ist das zu erklären, wenn Georg weiter
+nichts wäre, als ein christlicher Heiliger?
+
+Sein Geburts- und Todesland Kappadocien hilft uns auf die Spur. Es
+war fast tausend Jahre vor dem Sieg des Christentums vollständig
+iranisiert. Die alten Naturgottheiten wurden verdrängt, untergeordnet,
+verflüchtigt. Nur wenigen Gottheiten gelang es, sich im Volksglauben
+dauernd zu behaupten und trotz der zoroastrischen Prinzipien immer
+mehr Terrain zu gewinnen und schließlich aller Orten in Bildern
+verehrt zu werden. Die vornehmsten dieser Götter sind Anâhitâ und
+Mithra. Kappadocien ist die Wiege des Mithradienstes in der Gestalt,
+die er im Abendlande genommen hat. Mithra ist das geschaffene, Alles
+durchdringende, alles belebende Licht, der Vertreter der Wahrheit,
+Gerechtigkeit und Treue; in später Zeit ist er mit der Sonne
+identifiziert und sein Kultus mit vielen fremden Bestandteilen versetzt
+worden. In der jüngsten Phase des Mithradienstes drängt sich die
+Aehnlichkeit mit Georg bis auf den einzelnen Zug auf: Mithra der Gott
+stammt von Menschen und ist ein König göttlichen Geschlechtes, Georg
+der Sohn vornehmer christlicher Eltern. Mithra der reiche Landesherr,
+schaltend über Gaben, schaltend über Fluren, Georg der Herr großer
+Schätze und eines reichen Erbes. Mithra war wohlgebildet, hoch, rein,
+lieblich, Georg ein schöner Jüngling. Mithra und Georg sind in voller
+Rüstung, die Hand an der Waffe. Mithras Wagen ziehen weiße Renner.
+Georg erscheint hoch zu Roß. Georgs Gegner ist der böse Dacianus, und
+Aji Dahâka oder Dehâk ist die verderbliche Ahrimansschlange und wird
+in der späteren Parsensage direkt zum Teufel, endlich wird er ganz
+vermenschlicht und in das iranische Tyrannenideal verwandelt. Der
+Teufel, Ahriman, ist Dehâks Verführer und Ratgeber, genau dieselbe
+Rolle fällt dem Apollon bei Dacianus zu. Auf den alten Darstellungen
+schaut eine Frau im Königsgewande dem Kampfe Georgs zu: die Kaiserin
+Alexandra. Dem Mithra ist Anâhitâ als weibliche Gottheit häufig
+beigesellt. Sie heißt die große Königin und tritt auf wie eine Königin,
+trägt ein goldenes Uebergewand und ist bekleidet mit Pelzkleidern
+von dreißig Bibern. Der Name Alexandra, »die Männer Abwehrende«
+wäre eine passende Bezeichnung für die jungfräuliche Anâhitâ. Die
+spätere Georgssage kennt eine doppelte Herkunft der Alexandra, sie
+sei in Kappadocien geboren, zur Hälfte aber eine ›Französin‹ gewesen.
+Das deutet auf Gallien im lateinischen und Galatia im griechischen
+Original. Versteht man darunter nun nicht das europäische, sondern das
+kleinasiatische Gallierland, wo Pessinus, der Hauptsitz des Kultus
+der Göttermutter liegt, so wäre Alexandra die Göttin, die in der That
+in Kappadocien als Anâhetâ und in Galatien als Magna Mater verehrt
+wurde. Was nun die Witwe betrifft, mit der Georg, als einem zweiten
+weiblichen Wesen, zusammengedacht ist, so bringt zwar der römische
+Synkretismus Mithra noch mit Aphrodite-Anâhitâ in Beziehung, aber da
+Mithra dort meist Sonnengott ist, in noch engere mit der Mondgöttin
+Selene-Isis, der Witwe des Osiris. In dem jüngeren Stadium der
+Georgssage hat die Witwe einen drei Monate alten Knaben, der an Händen
+und Füßen gelähmt und blind ist, auf Georgs Fürbitte aber nicht nur
+den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder erhält, sondern auch auf sein
+Geheiß in diesem frühen Alter geht und spricht. Isis hat zum Sohn den
+Harpokrates; er ist stets als Kind dargestellt, unausgebildet und
+schwach auf den Füßen; er legt den Mund auf den Finger: die Geberde
+des Stillschweigens. Würde ihn ein Georg heilen, dann thäte er eben
+das was der Sohn der Witwe thut: reden, gehen und anderes was sonst
+die Kräfte eines Kindes übersteigt. Kehren wir zum Mithra in seiner
+ältesten Auffassung zurück, so heißt er der mit silbernem Helm und
+goldenem Panzer, der geschossetötende, mächtige, tüchtige Dorfherr und
+Krieger, der auf dem Schlachtfeld dasteht und die Reihen vernichtet. In
+den späteren Mysterien des Mithras war der erste Hauptgrad der eines
+Miles. Die Römer hießen Mithras den Unbesiegten. Ebenso führt Georg
+der tapfere, siegreiche Krieger das Beiwort eines Trophäenträgers.
+Mithra schützt seine Verehrer in den Schlachten und läßt die Gegner
+an ihnen fruchtlos abprallen; und so genoß er denn auch bei den
+römischen Soldaten eine außerordentliche Verehrung, die namentlich
+in den nördlichen Provinzen durch sehr viele Denkmäler bezeugt ist.
+Der Mithradienst wurde eine förmliche, kastenmäßig abgeschlossene
+Kriegerreligion, die sich in verschiedene, an harte Prüfungen geknüpfte
+Grade gliederte. Georg wurde dementsprechend der Schirmherr der
+Kriegsleute, der Schutzpatron ritterlicher Orden. Mithra ist ein
+Reichtum, Glück und Frieden spendender, liebevoller Gott; Georg ein
+Heiliger, der seine unermeßlichen Schätze unter die Armen verteilt.
+Mithra schützt und spendet Leben; Georg heilt Kranke und erweckt einen
+Toten. Einer verirrten Kuh werden die Worte in den Mund gelegt: »Wann
+wird uns der Mann zum Stalle bringen hinterherfahrend, Mithra der
+weitflurige? Wann wird er uns hinbringen auf den Weg der Reinen, die
+in das Haus des bösen Geistes der Verwesung geführte?« Georg wird von
+dem armen Landmann, dem sein Ackerstier gefallen war, angerufen und
+giebt dem Stiere das Leben wieder. Mithra erscheint auf den römischen
+Kunstdarstellungen als Stiertöter; aber der Mord stellt sich nur als
+fingiert heraus: »mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin
+Mithra der weitflurige vom glänzenden Garo-Ninâna aus«; Mithra selbst
+verklärt sich zu einem neuen unsterblichen Leben, und erst die spätere
+Einmischung physikalischer Spekulation läßt ihn dann den Stier, das
+heißt die belebte Natur töten, wobei dann eben dieser Tod die Keime
+zum neuen Frühling enthält. Mithra heißt der wachsame, in ihm ist das
+Verständnis der reinen, weithin nützenden Lehre niedergelegt, als
+erster Verkündiger mehrt er stark des heiligen Geistes Geschöpfe;
+Georg ist ein treuer Anhänger der reinen Lehre Christi, er wird von
+Gott ausgeschickt, diese dem Perserkaiser zu verkündigen; er bekehrt
+Tausende zum Evangelium. Wenden wir den Blick auf die Marter, die
+Georg zu bestehen hatte, so ist an die allgemeine Vorstellung des
+Altertums zu erinnern, daß was die Mysten des Gottes zu bestehen haben,
+auch der Gott selbst bestanden hat. Und nun sind in den Prüfungen, die
+den Mysten des Mithra auferlegt wurden, die Marter des Heiligen und
+sein und seiner Anhänger Tod vollständig vorgebildet. Zum schlagenden
+Beweise dafür decken sich die Namen der beiden Hauptleute, die zuerst
+durch Gregors Beispiel bekehrt wurden und zuerst den Märtyrertod
+leiden, genau mit dem Namen zweier mythrischer Mystengrade: Anatolios,
+»der Morgenländer«, entspricht dem fünften Grade Perses, Protoleon,
+»der Hauptlöwe«, dem vierten Leo, anscheinend dem zweiten Hauptgrade.
+Ein alter Bericht erzählt: »Die Perser empfangen gewisse, den Mithras
+betreffende Weihen; Niemand aber kann seine Weihen empfangen, wenn
+er nicht alle Qualen durchgemacht und sich als unempfindlich gegen
+Schmerzen und fromm bewährt hat. Es sollen aber etwa achtzig Qualen
+sein, die der Einzuweihende stufenweise durchmachen muß, zum Beispiel
+zuerst tagelang durch vieles Wasser hindurch schwimmen; dann sich ins
+Feuer stürzen, dann in der Einöde verweilen und hungern, und anderes
+mehr, bis daß er, wie wir sagten, durch achtzig Qualen hindurchgegangen
+ist. Und dann zuletzt weihten sie ihn in die größeren Mysterien ein,
+wenn er am Leben geblieben war.« Die achtzig Martertage sind dreifach
+verteilt: fünfzig Tage hungern, zwei Tage Geißelhiebe, achtundzwanzig
+Tage Frieren im Schnee und andere Qualen. Die drei Hauptprüfungen der
+Einzuweihenden sind die Feuerprobe, die Luftprobe und die Wasserprobe.
+Sie sind auf einem Bildwerk folgendermaßen dargestellt: nach dem
+Gesicht und über die ausgestreckte Hand eines knieenden Mannes wird
+eine Fackel mit einer ungeheuer großen Flamme hingehalten; um einen
+zweiten in wagrechter Stellung liegenden Mann herum, der auf der
+Erde hingestreckt ist oder in der Luft schwebt, bemerkt man sieben
+kleine Bälle, die wahrscheinlich die Stricke bedeuten, mit denen die
+Glieder des Leidenden angezogen wurden, auf einen dritten, einen
+nackten, zwischen zwei Rohrpflanzen stehenden Jüngling wird eine Schale
+ausgegossen. Bei Georg sind die drei Hauptmarter das Rad, die Grube
+mit frischgelöschtem Kalk und die Enthauptung oder wie die hierin wohl
+ursprüngliche islamische Fassung lautet, die Verbrennung. Die jüngste
+Gestalt der Georgssage schließt die Marter mit Rad und Grube, setzen
+wir auch hier die Verbrennung als erste, und statt der Grube den
+ebenfalls bezeugten Brunnen, so haben wir auch bei Georg Feuerprobe,
+Luftprobe, Wasserprobe. Es wird bezeugt, daß Georg in der Luft hing und
+von dem mit sieben Schwertern besetzten Rade zur Erde niedergelassen.
+Georgs dreimaligem Tode entspricht es, wenn gelegentlich von einem
+dreifältigen Mithras der Magier gesprochen wird. Die Martern des
+Heiligen dauern sieben Jahre oder sieben Tage, am achten wird er
+hingerichtet. Im Mithrakult galt die Siebenzahl für heilig; in seinen
+Mysterien kam eine Stiege von sieben Thoren vor, die aus sieben
+verschiedenen Metallen bestanden und nach den Planetengöttern der
+sieben Wochentage genannt waren; über der Stiege stand das höchste
+achte Thor. Die acht Thore stehen zu den acht Mystengraden und
+zu den achtzig Prüfungen in offenbarer Beziehung. Die Georgssage
+jüngster Fassung macht Dacianus, Georgs Peiniger, zu einem Diener der
+Planetengötter. Georgs Todestag, ein Freitag, war der Aphrodite heilig,
+der Vertrauten des Mithra. Die Feier der bedeutenderen mithrischen
+Sacra wurde im April abgehalten, auf dessen 23. oder 24. Tag Georgs
+Gedächtnis fällt. Die Identität Georgs mit Mithra erstreckt sich
+endlich bis auf den Namen. Mithra heißt schaltend über Fluren, nicht
+verletzend den Bauer, ja schlechtweg der ›Dorfherr‹; Georgios bedeutet
+aber Mann der Landbauern. Somit ist sogar der Name des Heiligen nur
+die wörtliche Uebersetzung eines uralten Beinamens des Mithra. Der
+Mithrakult gehörte zu den lebensfähigsten des sinkenden Heidentums;
+heidnische Machthaber, wie Kaiser Julian, haben ihn als Schutz gegen
+das Christentum nach Kräften gefördert. Aber um eben jene Zeit
+arbeitete die Kirche dem Mithradienste planmäßig auf zwei verschiedenen
+Wegen entgegen. Einmal verlegte Papst Julius _I._ das Geburtsfest
+Christi auf den 25. Dezember, den »Geburtstag des Unbesiegten«.
+Sodann wurde der Kultus des heiligen Georg vorzugsweise begünstigt.
+Schon Constantin soll in Konstantinopel einen Heratempel durch eine
+Georgenkirche ersetzt und die Georgenkirche in Lyddadiospolis erbaut
+haben. So wurde der Mithradienst von der christlichen Kirche mehr
+und mehr untergraben und am Ende des vierten Jahrhunderts gewaltsam
+unterdrückt[158-1].
+
+Mithra wurde im vierten Jahrhundert auch in Gallien und am Rhein
+verehrt. Im fünften lassen sich die ersten Spuren des Georgskultes
+daselbst nachweisen. Wenn eine Anspielung in Fortunats Georgsgedicht
+diese Deutung gestattet, hat schon der Bischof Sidonius Apollinaris von
+Clermont, der 484 starb, einen Georgstempel gebaut[158-2]. Das Gedicht
+lautet:
+
+ Die Georgenkirche.
+
+ Stolz erhebt sich das Haus
+ Für Georg den heiligen Ritter.
+
+ Dessen erhabener Ruf
+ Drang bis in jegliche Welt.
+
+ Hungrig und durstig, gefesselt, erstarrt
+ Und im Feuer geröstet.
+ Hat er nur Christum bekannt
+ Streckt er gen Himmel sein Haupt.
+
+ Wohl liegt im Morgenlande
+ Das Grab des gewaltigen Mannes.
+ Sieh, selbst im westlichen Teil
+ Regt sich sein helfender Geist.
+
+ Also, Wandrer, vergiß der Gebete nicht
+ Noch der Gelübde.
+ Denn der verdiente Georg
+ Schenkt was der Glaube sich wünscht.
+
+ Bischof Sidonius hat ihm
+ In Demut den Tempel gestiftet.
+ Soll es der einzige sein,
+ Den wir dem Heiligen weihn?
+
+Hand in Hand mit dem Bau von Kirchen für Georg ging der Vertrieb
+seiner Reliquien[159-a]. Eine kleine hölzerne Betkapelle im
+Stadtbann von Limoges, das Eigentum einiger armer Cleriker, wußte
+sich von Pilgern welche zu erwerben, und ebenso besaß ein Dorf bei
+Le Mans Georgsreliquien. Fuß gefaßt hat indessen der Georgskult im
+merowingischen Frankreich nicht; immerhin deuten diese wenigen Spuren
+in der Diogonale von Südosten nach Nordwesten den geradesten Weg von
+Italien nach England an. Hatte die Macht des heiligen Martin einen
+fremden Allerweltsheiligen auf gallischem Boden sich nicht ansiedeln
+lassen, so fand Georg dafür das britische Inselreich zu seiner
+Aufnahme bereit und wurde was Martin für Frankreich war, nun für
+England: Nationalheiliger. Dabei verlor er jedoch seine Herkunft von
+einem orientalischen Gotte vollständig und ging ganz in germanischen
+Vorstellungen auf. Der englische Georg hat nichts mehr vom Mithra
+an sich; er hat sich zum Wodan verwandelt[159-1]. Das will heißen:
+er ist hier wie dort wirklich heimisch gewesen oder geworden. Im
+merowingischen Frankenreiche dagegen hat er sich nur auf der Durchreise
+aufgehalten.
+
+
+2.
+
+Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus,
+Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im
+Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die
+Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der
+verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland
+eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre
+beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus,
+die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr
+im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und
+Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften
+Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird
+demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein
+weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das
+nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch
+gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser
+Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben
+Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut[160-a]: Der
+böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die
+Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben
+Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen
+Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und
+Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem
+denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um
+erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle,
+die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf
+das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber
+zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er
+unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines
+Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf,
+der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder
+sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott.
+Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten
+sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie
+so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie
+sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden.
+Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf
+der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das
+sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen
+ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften.
+Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da
+befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und
+sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und
+Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken
+der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne
+Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es
+dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen.
+Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes
+Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des
+Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses
+Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten,
+durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß
+der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege
+geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen
+zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs,
+namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten
+denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle
+verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott
+den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich
+aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie
+so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie
+selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen
+zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun
+suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er
+gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder
+gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit
+sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil
+des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit
+du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn
+wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte
+sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter
+Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es
+war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor
+liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd
+stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt
+zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten
+Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und
+sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen
+Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim
+ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend
+verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt
+es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom
+Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die
+Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim
+Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu
+bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er
+fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte
+Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen
+und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten
+sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte,
+er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo
+bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten
+ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit
+uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes
+wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und
+schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde,
+daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte
+sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten:
+»Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes
+aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus,
+fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem
+Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling
+mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und
+wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor
+Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen
+die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach
+dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz
+gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein
+Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem
+Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von
+wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies
+Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt
+und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine
+Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen.
+Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er
+ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«.
+Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei
+Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der
+Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem
+heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so
+langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir
+lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz
+ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst
+gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur,
+bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem
+Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein
+Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße,
+der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief
+Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte
+nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich
+euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich
+sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend
+hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem
+Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas
+offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der
+Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle
+hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten,
+fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit
+zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke
+und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und
+als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit
+lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz
+wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und
+dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen.
+Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius
+geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an
+den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du
+wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber
+empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge
+von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt
+Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem
+Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen
+mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor
+ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue
+ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum
+sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß
+er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«.
+Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe
+seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben
+auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten
+die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde,
+entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da
+warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete
+sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine
+für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die
+Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen
+und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott
+wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und
+kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den
+heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein
+Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert.
+
+Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich
+an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen[164-1]. Am
+nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf[164-a]. Kein geringerer als
+Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit
+ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den
+Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt
+mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet
+jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des
+Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden
+gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus
+denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den
+Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den
+Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber
+zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt
+und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier
+gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren.
+Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis.
+Eine andere Mythe des Alterthums[164-b] erzählt von dem Hirtenknaben
+Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden,
+ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder
+und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit
+geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand
+dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis,
+erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von
+dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein
+Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es
+gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in
+Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben
+und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender
+Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom
+Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen
+Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen.
+Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus,
+Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen
+zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich.
+Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre
+verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die
+der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden;
+in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen
+ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu
+Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er
+nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd
+mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern
+begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen
+verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick.
+Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom
+Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden,
+eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch
+als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine
+Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende.
+Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe
+tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll
+abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes:
+Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die
+Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft
+denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf
+einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen.
+Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig
+Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre
+lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und
+so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine
+Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der
+Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog
+sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen
+in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er
+einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen
+gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den
+Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich
+habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte
+nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen
+Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und
+begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das
+Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf
+starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in
+einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt
+genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder
+von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer
+Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen
+in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen
+Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine
+Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen
+dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke
+sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein
+Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als
+der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen.
+Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen
+bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine
+halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein
+Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die
+Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam
+aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen
+eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor
+Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der
+Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch
+von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem
+Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich
+lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen
+abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der
+Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden.
+
+Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt
+der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in
+der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter
+keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß
+liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit[166-1].
+Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der
+Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter
+dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem
+Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich
+jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren
+Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt[167-a]. Im Falle einer
+Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine
+solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben
+Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde.
+Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas
+unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede
+sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet[167-1]. Die
+Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen.
+Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie
+in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung.
+Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun.
+Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen
+Kultus der _Magna mater_ beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es
+mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina,
+Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder
+Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit
+den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden
+und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake.
+Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des
+Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern
+Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf
+denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei
+den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen
+Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies
+schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der
+griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder
+rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter
+den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap
+heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich
+die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl
+in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius
+als auch im Koran[167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund
+bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch
+Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich
+an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies
+kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen
+schlief: »Achte warens mit dem Hunde«[167-2]. Diese Hundepisode lautet
+verdichtet[167-3]:
+
+ Ein Hündlein, das einst Wache that bei Schäfern,
+ Ging in die Höhl’ ein mit den Siebenschläfern.
+ Und als sie drinnen Zeit und Welt verschlafen,
+ Verschlief es auch den niedern Dienst bei Schafen.
+ Und als im Himmel ihnen ward die Krone,
+ Ward es zu einem Leu’n an Gottes Throne.
+
+Nun spielt im Kultus Aeskulaps und der Kabiren der Hund in der That
+eine Rolle. Aeskulap wurde, da er als Kind ausgesetzt worden war, von
+einem Hunde bewacht und in Epidauros war ein Hund neben seinem Bilde
+dargestellt. In der Kabirengrotte auf Samothrake wurden Hundeopfer
+dargebracht. Im Orient und in den Mittelmeerländern wurden, wenn der
+Hundsstern Sirius aufging, Hunde unter Martern getötet: Ende Juli; in
+der That fällt der Siebenschläfertag in diese Zeit: in der römischen
+Kirche auf den 27. Juli; in der griechischen auf den 4. August. Und
+dann ging der Sirius in den Löwen über! Kabiren und Siebenschläfer
+wurden beide als Beschützer der Schiffe verehrt. Wie einst die
+Phönizier Kabirenbilder an Bord mit sich führten, so schreiben noch
+heute türkische Handelsschiffe, da den Mohammedanern die Nachbildung
+lebender Wesen verboten ist, wenigstens die Namen der Siebenschläfer
+auf den Stern ihrer Fahrzeuge. Im Abendland verbreitete sich die
+Legende während des Mittelalters ohne große Veränderung. Sie war eben
+nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Volksüberlieferung zu den
+Germanen gewandert, sondern litterarisch dahin verpflanzt worden.
+Trotzdem ihre Behandlung durch die Schriftsteller nicht nachgelassen
+hat, schlug sie im Volke selbst nicht tiefere Wurzeln. Es fehlten die
+Reliquen.
+
+Immerhin erzählte man sich im Kloster Marmoutiers bei Tours, vielleicht
+schon zur Zeit der Merowinger oder nicht viel später, folgendes[168-a]:
+in den Tagen der Kaiser Diokletian und Maximian, als das römische Reich
+auf dem Niedergang begriffen war, lag die Oberherrschaft über die
+Hunnen in der Hand eines tapfern Königs namens Florus. Nach zehn Jahren
+einer glücklichen Regentschaft wurde Florus von Maximian angegriffen,
+besiegt und gefangen nach Rom geführt mit seinen beiden Brüdern Martin
+und Amnarus. Nach Ablauf eines halben Jahres setzte ihn der Kaiser
+wieder in seine Herrschaft ein, beraubte ihn aber der Einkünfte und
+festen Plätze; ebenso ließ er ihn eidlich versichern, daß sein Sohn
+ihm nur als Statthalter und nicht als König nachfolgen werde. Als
+jedoch dann Konstantin der Macht Maximians ein Ende bereitete, sandten
+Florus seinen ältesten Sohn zum neuen Kaiser, der ihn liebgewann,
+mit seiner Nichte vermählte und zum Tribunen erhob. Dieser Sohn hatte
+zunächst Florus geheißen, war dann aber, als ihn Bischof Paulus von
+Konstantinopel taufte, Martin genannt worden. Nach dem Tode seines
+Vaters, Florus des Aelteren, verwaltete er dessen Herrschaft. Sein
+junger Sohn wurde von Kaiser Julian nach Gallien mit genommen; aber er
+zog es vor, Gott zu dienen: in der That, er war der heilige Martin. Als
+er seine Tribunenzeit absolviert hatte, blieb er noch zwei Jahre wider
+seinen Willen unter den Waffen, nahm dann aber seinen Abschied und
+unterstellte sich dem heiligen Hilarius von Poitiers. Eine göttliche
+Offenbarung veranlaßte ihn, seine Verwandten wieder aufzusuchen, um sie
+zu bekehren. Und wirklich gelang ihm die Bekehrung namentlich seiner
+sieben Vettern Clemens, Primus, Laetus, Theodor, Gaudens, Quiriacus
+und Innocens. Sie verkauften ihre Güter, ließen ihre Sklaven frei und
+widmeten sich ausschließlich dem Studium und dem Gebete. Bald heilten
+sie Kranke und wurden vom Volk als Propheten verehrt. Auf die Kunde
+von Martins Berühmtheit in Tours holten sie erst seinen Segen zu
+einer Wallfahrt nach dem gelobten Lande. Dann kamen sie mit Reliquien
+beladen wieder zu ihm zurück und erhielten von ihm, um den Rest ihres
+Lebens gottgefällig zu verbringen, eine Höhle angewiesen. In dieser
+Höhle lebten sie sechzehn Jahre vor und noch fünfundzwanzig Jahre nach
+Martins Tode. Als sie zu sterben kamen, da erfüllte sich, was ihnen
+der Heilige die Nacht zuvor verkündigt hatte: sie starben schmerzlos
+und lagen im Tode da, als schliefen sie. Rosenlicht schimmerte auf
+ihrem Antlitz und keine Spur von Verwesung zeigte sich während der
+sieben Tage, da sie unbeerdigt in ihrer Zelle für die Verehrung der
+andrängenden Menge ausgestellt wurden; vielmehr war die Grotte während
+dieser Zeit von einem unendlich süßen Wohlgeruch erfüllt. Darauf
+ließ Bischof Briccius die Bestattung vornehmen. Zweifelsohne steht
+die Turoneser Sage unter dem Einfluß der von Gregor veröffentlichten
+kleinasiatischen Legende; aber es läßt sich nicht ermitteln, inwiefern
+der Niederschlag nicht ebendoch örtlich veranlaßt war, etwa so, daß sie
+einem obskuren Grottenkultus an der Loire aufhelfen mußte.
+
+
+3.
+
+Versetzen wir uns nun auf den Boden germanischer Mythenbildung. Sankt
+Kümmernis gehört noch heute zu den verbreitetsten Heiligen[169-1]. Die
+Gestalt, die diese Sage jetzt hat, gehört dem jüngsten Mittelalter an.
+Ihr zufolge war Kümmernis die Tochter eines heidnischen Königs in
+Niederland, nach andern in Portugal. Sie selbst hatte sich heimlich
+dem Christentum angeschlossen. Als sie auf Befehl ihres Vaters einen
+heidnischen Prinzen zum Manne nehmen sollte, bat sie Gott, er möge doch
+ihre wunderbare Schönheit derart entstellen, daß alle Männer sich mit
+Abscheu von ihr wenden müßten. Ihr Gebet wurde erhört und zur Stunde
+wuchs ihr ein mächtiger Bart. Darauf wurde sie als eine Zauberin
+angeklagt und auf Befehl des erzürnten Vaters gekreuzigt. Als sie nun
+in Todesqualen am Kreuze hing, kam ein armer Geiger des Weges, wurde
+von Mitleid ergriffen und spielte ihr zum Troste das Kreuzlied; zum
+Dank warf sie ihm einen ihrer goldenen Schuhe herab. Der Geiger sollte
+darauf als Dieb gerichtet werden. Als man ihn zum Richtplatz führte,
+bat er um die Gunst, nochmals vor der Gekreuzigten spielen zu dürfen;
+es wurde ihm gestattet: ein Wunder geschah, denn sie ließ auch den
+andern Schuh fallen und der Arme war gerettet.
+
+Nur in seltenen Fällen weist jedoch die Kümmernislegende diese
+greifbaren Umrisse und diesen Zusammenhang ihrer einzelnen Bestandteile
+auf. Viel öfter treffen wir sie nur bruchstückweise und bis zur
+Unkenntlichkeit verschwommen an. Wie sehr die Heilige in beständigem
+Fluß und Wechsel begriffen ist, geht schon aus der Menge ihrer Namen
+hervor: Heilige Wilgefortis, Liberata, Sankt Gehülfe, Sankt Hilfe,
+Sankt Hülfe, Eutropia, Regenfledis, Ontkomer, sogar männlich »der
+heilige Kummernus«, ja einzelne Bilder tragen geradezu die Aufschrift
+»_Salvator mundi_«. Eine feste Handhabe für die Ordnung der unzähligen
+Kultusspuren geben in diesem Wirrsal nur die Attribute, die, wenn
+auch nicht vollzählig, so doch mehr oder weniger regelmäßig immer
+wiederkehren; denn die rätselhafte Heilige hat Verehrung genossen
+in einem Umfang, der auch unter den vornehmen Heiligen so leicht
+seinesgleichen nicht hat. Vielmehr rückt Sankt Kümmernis allein schon
+dadurch auf gleiche Linie mit einer bedeutenden heidnischen Gottheit.
+Unter allen Umständen muß man die Dunkelheit und Unverständlichkeit
+dieser Heiligenfigur mit in Kauf nehmen als ihre wesentliche
+Eigenschaft. Die volkstümliche Vorstellung von Kümmernis ist uns fast
+ausschließlich kultisch vermittelt, weshalb denn auch die plastischen
+Darstellungen vor den litterarischen an Zahl und Wert beträchtlich
+überwiegen.
+
+Alle Anzeichen deuten darauf hin, den Sitz des Kümmernisdienstes in dem
+deutschen Alpengebiet, also in der Schweiz, in Vorarlberg, Tirol und
+Steiermark und dem Rhein entlang zu vermuten. Seit undenklichen Zeiten
+scheint er dort heimisch gewesen zu sein. Durch die Langobarden kam er
+nach Oberitalien. Das berühmte _volto Santo_ zu San Martino in Lucca und
+die Verehrung des heiligen Fredian in derselben Stadt stellen seinen
+Kultus außer Zweifel. Durch wandernde germanische Elemente verbreitete
+sich später dann der Kümmerniskultus auch in Frankreich und Spanien,
+ohne sich jedoch im Ausland eigentlich einzubürgern.
+
+Das älteste Kümmernisbild stammt aus dem achten oder neunten
+Jahrhundert und steht in einer Nische der Kirche von Oberwinterthur.
+Es zeigt unzweifelhaft einen Mann, einen König; auf dem Haupte die
+dreizackige Krone; das Gesicht ist ernst, von einem starken Barte
+eingerahmt, der Blick offen und geradeaus gerichtet. Die Arme sind
+ausgebreitet und bis zu den Handgelenken bekleidet; die Hände stecken
+in starken Handschuhen. Das Gewand, ein einfacher bis fast zu den
+Knöcheln reichender Rock ist um die Hüften zusammengehalten durch
+einen Gürtel, dessen Ende lang herabfällt; auf der Brust, dicht über
+dem Gürtel ein einfaches kreuzförmiges Zeichen. Beide Füße stehen
+fest auf; der eine beschuht, der andere entblößt und der Schuh steht
+vor ihm auf der Erde. Zur Seite kniet eine männliche Gestalt, die den
+einen Arm erhoben hält. Von einem Kreuze hinter der Königsgestalt
+ist nichts zu erblicken, die Hände tragen also auch keine Spur einer
+Nagelung. Diesem Bilde sehr nahe verwandt ist ein jüngeres auf einem
+Diptychon des dreizehnten Jahrhunderts. Gesichtsausdruck, Krone,
+Gürtel, Kreuzeszeichen sind dieselben. Von einem Kreuzesstamme ist auch
+hier nichts angedeutet: dagegen ruhen die Arme auf einem Querbalken. Ob
+die Hände angenagelt sind, bleibt ungewiß; die Füße stehen auf einem
+mächtigen Block; der eine Schuh ist ausgezogen und steht unterhalb
+des Fußes, die knieende Figur führt in der Hand eine Laute. Wiederum
+einer jüngeren Zeit anzugehören scheint das Bild zu Saalfeld an der
+Wasserkapelle, die im Fluß steht. Die Krone zeigt mehr Zacken; der
+Gesichtsausdruck ist zwar immer noch ernst und schmerzlos, aber weniger
+königlich; der Blick ist frei. Der Gürtel umschließt wiederum den
+langen einfachen Rock, das Kreuzeszeichen im Gürtel ist verschwunden;
+dafür befindet sich auf der Brust ein rhombischer Zierrat. Ueber das
+Haupt ragt der Kreuzesstamm; die beiden Hände reichen zum Querbalken
+empor; die Nagelung scheint angedeutet. Die Füße, deren einer den
+nebenstehenden Schuh abgestreift hat, stehen fest auf felsigem Boden,
+die knieende Figur hält wiederum die Laute in Händen. Merkwürdig ist
+die Inschrift: _Salvator mundi 1516_, die sich auch auf dem etwas
+jüngeren und dem Saalfelder ähnlichen Bilde zu Ettersdorf vorfindet.
+Dagegen verrät der belgische Kummernis eine entschiedene Weiterbildung.
+Das Kreuz ist vollständig ausgebildet; die Hände sind angenagelt;
+dagegen hängen die Füße völlig frei ohne Nagelung noch Schemel. Das
+Haupt, das schon in Ettersdorf leicht geneigt ist, sinkt nun auf die
+Brust und ist nicht nur von einer mehrzackigen Krone, sondern auch
+von einem Nimbus umgeben. Um den Hals legt sich ein Geschmeide als
+breite Borte, die auf der Brust in Blattform schließt. Wiederum hält
+der Gürtel das Gewand zusammen. Der Kreuzesstamm steigt hinter einem
+Altar auf, wo zu Füßen des Gekreuzigten neben dem einen abgestreiften
+Schuh ein Becher steht. An den Stufen des Altars kniet ein Geiger.
+Als bei der Darstellung des gekreuzigten Christus, seit der Mitte des
+dreizehnten Jahrhunderts, nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch
+die ganze Figur mit allen Zeichen des Schmerzes sich erfüllte, ging das
+»bekümmerte« Aussehen auch auf die Kümmernisbilder über. Die nächste
+Hypostase vertritt ein Bild zu Prag, das im siebzehnten Jahrhundert ein
+Kaufmann aus Belgien gestiftet hat. Der Uebergang ist ein gewaltiger,
+denn am Kreuze haftet unverkennbar eine Frau. Da die beiden auf das
+Jahr 1516 gezeichneten noch durchaus männlich sind, das Prager Bild
+aber nachweislich erst 1684 gestiftet wurde, muß der weibliche Typus
+in der Zwischenzeit sich ausgebildet haben. Dafür ist das bekümmerte
+Aussehen wieder verschwunden; die weibliche Heilige trägt nicht nur die
+Krone und den Purpurmantel, sondern sogar die Gloriolen. Ihr bärtiges
+Antlitz ist durchaus heiter; der Gürtel fehlt nicht auf ihrer reichen
+Gewandung; die Hände sind angenagelt, dagegen stehen die Füße fest
+auf einem Block, neben welchem der eine abgestreifte Schuh liegt. Der
+Becher ist verschwunden, der Geiger geblieben. Ueberblicken wir nun
+diese einzelnen Bildtypen, so treten für die Kümmernisdarstellung
+folgende Momente zu Tage: die Heilige war ursprünglich ein Mann, das
+Kreuz, an das der Heilige später geheftet erscheint, fehlt bei den
+alten Bildern gänzlich, mit der Zeit erscheint es angedeutet, aber
+nicht durchgeführt; dementsprechend führt sich die Nagelung der Hände
+erst allmählich ein. Die Nagelung der Füße dagegen unterbleibt und
+schützt mit dem allen Bildern gemeinsamen Gürtel Kummernis vor der
+Verwechslung mit dem gekreuzigten Christus. Der Geiger der späteren
+Bilder und modernen Dichtungen[172-1] war ursprünglich nur ein
+Betender, ein Bettler. Und wie der Heilige den einen Schuh fallen ließ,
+so berichtet die nordische Sage von manchem Götterbilde, es habe gnädig
+einen Ring vom Finger, einen Schuh vom Fuße fallen lassen.
+
+Irgendwie näher auf die spätere weibliche Phase des Kummernus und
+deren wechselnde Namen einzugehen, würde uns allzuweit von unserer
+Aufgabe abführen. Dagegen schlägt es in unser Gebiet ein, dem Ursprung
+dieses seltsamen Kultus ein wenig nachzuspüren. Der oder die heilige
+Kummernus wird zunächst angerufen in jeder Not des ganzen Volkes, also
+in Kriegsgefahr, Trockenheit, Ueberschwemmung, Theuerung, Mißwachs
+und Epidemie. Insbesondere ist der Zwitterheilige sodann Schutzpatron
+des Ackerbaus; das Bild steht darum meist in Feldkapellen; auch
+auf Bäckeröfen prangt es häufig. Doch schließt dieser allgemeine
+Schutz persönliche Anliegen nicht aus, besonders leidender Frauen
+in Eheangelegenheiten; das Kümmernisbild findet sich daher in der
+Schlafkammer über dem Ehebett. Dann beschützt und geleitet er
+Reisende, deshalb seine Kapelle an Kreuzwegen, und ebenso geleitet
+er, wenigstens in späterer Zeit, die Toten auf ihrer letzten Fahrt.
+Das kann kein unmächtiger gewesen sein, der das Saatfeld in gleicher
+Weise segnet wie den Ehestand, der die Gefahren abwendet, sowohl von
+der Feldfrucht, wie von dem Glück des Hauses; dieser Herr über Leben
+und Tod kann nur ein Herrscher gewesen sein, der Himmlischen einer.
+Nur bei einem Urgewaltigen kann das Volk seit grauer Vorzeit in seiner
+Not Trost und Hilfe gesucht haben. Da, mit einem Mal, erkennen wir
+die gekrönte, bärtige, königlich blickende Riesengestalt: wahrhaftig,
+es ist der Donnergott selbst. Hoch aufgerichtet, mit ausgebreiteten
+Armen dem Beter zu seinen Füßen Hilfe verheißend, steht er da,
+ausgerüstet mit allen Zeichen der Kraft; seine Hüften umschlingt
+der Stärkegürtel, indem der kurze Stil des Hammers steckt, seine
+Hände sind in die Eisenhandschuhe gehüllt, er legt sie an, sobald er
+auszieht, die Riesen niederzuschmettern. Warum heißt dann aber dieser
+verkleidete Heidengott nach seiner Taufe Kummernus? Eine stichhaltige
+Erklärung des Wortes, vielleicht am ehesten aus einem entlegenen
+Dialekt zu erwarten, liegt noch nicht vor. Um sich mit Bekanntem zu
+behelfen, kann man immerhin sagen, daß die uns geläufige, abstrakte
+Bedeutung von »Kummer« keineswegs die ursprüngliche ist; noch heute
+bezeichnet das Volk am Rhein mit diesem Wort den Schutt und spricht
+vom »Kümmern« der Rebberge; bei Gregor von Tours bedeuten »Cumbri«,
+eine Flußeindämmung, und da mag denn beiläufig an das Kummernusbild der
+Wasserkapelle mitten in der Saale bei Saalfeld erinnert sein, sowie an
+den italienischen Kummernus, den heiligen Fredian von Lucca, der bei
+einer Ueberschwemmung des Wassers durch ein Wunder zum Meere ablenkt.
+Wenn ferner in der Rechtssprache Kummer der Ausdruck für Haft ist, so
+verrät sich auch da der ursprüngliche konkrete Sinn eines Hindernisses
+um aufzuhalten und zu hemmen. Endlich war zu Anfang des vierzehnten
+Jahrhunderts die Bezeichnung »zum Kummer« als Hausname in Gebrauch.
+Es ist aber niemals Sitte gewesen, ein Haus nach einem Abstraktum zu
+nennen, da die bildliche Darstellung des Namens wichtiger war als der
+Name selbst. Das Bild »zum Kummer« war zweifellos ein göttliches in
+menschlicher Gestalt und stellte den mächtigen Helfer in der Not dar,
+der der Bedrängnis einen Damm entgegensetzt und ihr ein Ende macht.
+Es bleibt ohne Belang, ob der Helfer männlich oder weiblich ist; der
+männliche Artikel scheint auf einen männlichen Helfer zu deuten,
+wogegen der spätere Tausch mit »Kümmernis« auf den Uebergang in eine
+weibliche Helferin schließen läßt. Wie sehr man indessen noch von dem
+männlichen Geschlechte überzeugt war, auch nachdem die Bezeichnung
+Kummernis sich schon eingebürgert hatte, beweist die klare Aufschrift
+des Bildes in Rankwil in Vorarlberg: »Sanktus Kummernus«. Ebenso steht
+vor dem Dorfe Ruedeswill westlich von Luzern ein kleines Bethaus in der
+Ehre des heiligen Märtyrers und Bischofs Kummernus.
+
+Zur selben Zeit, da Bonifatius in Deutschland die Bäume und
+Bilder Donars zu stürzen unternahm, mag in den angelsächsischen
+Missionskolonien der Niederlande die Vorstellung von einem Heiligen
+gehegt worden sein, der den Kriegs- und Donnergott auch in der
+Ideenwelt der Heiden verdrängen sollte. In Belgien finden sich noch
+heute uralte Kultstätten des Kummernus zu Brüssel, Mecheln und bei
+Dieppe. Von dem Niederland ist dann der Heilige rheinaufwärts gezogen,
+und ließ sich namentlich in Mainz nieder. Nicht weniger als fünf seiner
+Bilder finden sich an verschiedenen Orten der hessischen Rheinpfalz,
+die von dem mächtigen Donnersberge beherrscht wird. Die Anfänge des
+eigentlichen Kultus fielen also in das Ende der Merowingerzeit, in
+die erste Hälfte des achten Jahrhunderts. Aber nur die Anfänge des
+Kultus, in seiner christlichen Umprägung. Der eigentliche Kern dieses
+Dienstes ist so alt wie die germanische Götterwelt, und während sie
+am Unterrhein bereits zum heiligen »Kummer« beteten, opferten die
+Alamannen im Vorland der Alpen noch dem Donar. Und doch sah das Bild
+des einen dem Bild des andern zum Verwechseln ähnlich. Es war ein und
+dasselbe Bild.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Ortsheilige.
+
+
+Bei mythischen Heiligen, wie Mithra-Georg oder Donar-Kummernus, liegt
+die Natur der Legende in der Eigenschaft unstet zu wandern, überall und
+nirgends zu Hause zu sein. Nun kennt die Legende jedoch andere Heilige,
+die zwar nicht weniger einer geschichtlichen Unterlage entbehren,
+aber insofern doch weit eher scheinen gelebt zu haben, da sich ihr
+Andenken an bestimmte Orte knüpft. Es handelt sich dann entweder um den
+örtlichen Niederschlag einer Wanderlegende oder um die Umtaufe einer
+Gaugottheit mit begrenzter Machtsphäre.
+
+
+1.
+
+1. In alten Saturninsakten fand Gregor von Tours folgenden Passus
+[175-a]: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus begann gemäß einer
+zuverlässigen Erinnerung die Regierung des Saturninus als ersten
+Bischofs der Stadt Toulouse?« Seinerseits fügt Gregor eine Mitteilung
+bei, die eine solche Aufrichtung bischöflicher Sitze in Gallien
+um 250 zur Siebenzahl erweitert und als Erfolg einer von Rom aus
+organisierten gallischen Mission darstellt: »Zur Zeit des Decius wurden
+sieben Bischöfe ordiniert und zur Predigt nach Gallien abgesandt,
+wie die Historie der Passion des heiligen Märtyrers Saturninus
+erzählt«. Folgt das angeführte Zitat, worauf Gregor fortfährt: »Diese
+Abgesandten waren in Tours Bischof Gatian, in Arles Bischof Trophimus,
+in Narbonne Bischof Paulus, in Toulouse Bischof Saturninus, in Paris
+Bischof Dionysius; in Arvernum Bischof Stremonius; in Limoges Bischof
+Martialis«. Es entsprach dem kirchlichen Bedürfnis, alte und angesehene
+Bischofssitze mit dem Namen irgend eines Gründers zu versehen. Wenn
+möglich sollte es ein Märtyrer sein. Aber schließlich wenn es überhaupt
+nur ein Name war. Welche Gestaltungen dieser Trieb annehmen konnte,
+zeigt sich am lehrreichsten bei Dionysius von Paris. Gregor also nennt
+einen ersten Bischof dieser Stadt mit einer doppelten Ergänzung, daß
+er in der Mitte des dritten Jahrhunderts gelebt habe und von Rom
+gekommen sei. Auch hier wird Gregor wenigstens scheinbar von Fortunat
+unterstützt. Denn dessen Gedicht auf Dionysius ist wahrscheinlich
+pseudepigraph; es hat folgenden Inhalt[175-b]: »das Christenvolk soll
+mit lauter Stimme und von Herzen den mutigen und treuen Streiter
+besingen, den Märtyrer Dionys, der dem Himmelsfürsten nachfolgte.
+Abgesandt durch Clemens, den Oberpriester von Rom, kam er von dieser
+Stadt zu uns, auf daß der Same des göttlichen Wortes in Gallien Früchte
+trage. Er hat den heiligen Bau errichtet, er hat den Glauben der Taufe
+gelehrt; aber die Verblendung der Zuhörer will nichts vom Geschenk des
+Lichtes wissen. Als der heilige Oberpriester sich anschickte, das Volk
+dem Irrtum zu entreißen, während er die Hoffnung des Heiles predigte,
+mußte er die Qualen des Todes über sich ergehen lassen. Er wird von den
+Heiden gefangen, er, der die Christusaltäre lieb hatte; aus Liebe für
+so viel Ruhm, erträgt er willig die Folterungen. Nun mangelte nur eins;
+sein Leben für seinen König hinzugeben. Der Oberpriester, der Gott im
+Tempel heilige Opfer darbrachte, vergoß sein köstliches Blut und wurde
+selbst zum Opferlamm. Glücklich der Märtyrer, der durch seine fromme
+Wunde und durch seine Todesqualen die himmlische Palme erwarb, der
+durch seinen Tod den Tod zermalmt hat. Er besitzt nun das Königreich
+des Himmels.« Als ferner Fortunat, diesmal der echte, an Leontius von
+Bordeaux anläßlich einer von diesem restaurierten Dionysiuskirche im
+Jahre 541 ein Gedicht richtet, wird darin das Martyrium des Heiligen
+des näheren als Enthauptung bezeichnet[176-a]. Die wenigen Thatsachen,
+die durch den Schleier der vielen zerflossenen Verse hindurch zu
+erkennen sind, berühren sich nahe mit alten Dionysiusakten, die
+Fortunat ebenfalls mit Unrecht zugeschrieben wurden[176-b]. Der
+Verfasser sagt, daß er diese Akten weniger auf Grund schriftlicher
+Quellen, als auf Grund vertrauenswerter älterer Erzählungen von Mund
+zu Mund aufgezeichnet habe zum Zweck gottesdienstlicher Vorlesung,
+ferner erfahren wir hier von einer Dionysiuskirche in Paris, die der
+Heilige selber errichtet habe, und von einer prächtigen Basilika, die
+nach seinem Tode über dem Grabe der heiligen Märtyrer an Stelle eines
+von Catulla ihnen gestifteten Mausoleums mit großen Kosten errichtet
+worden sei. Auch werden die Bewohner von Paris in den Akten als
+Germanen bezeichnet und Andeutungen nicht unterlassen, die auf eine
+nähere Bekanntschaft mit der kirchlichen Topographie von Paris und
+Umgebung schließen lassen. Aber in einem wesentlichen Punkte bedeuten
+diese Akten eine beträchtliche Verschiebung des durch Gregor und
+die Saturninspassion bezeichneten ursprünglichen Standpunktes. Die
+Zeit der Handlung ist nun nämlich vom dritten Jahrhundert ins erste
+verlegt. Saturnin von Toulouse und Paul von Narbonne werden zwar noch
+verschämt an die Zeit herangedrückt »nach dem heilbringenden Leiden
+unseres Herrn Jesu Christi, dessen Auferstehung, dessen Himmelfahrt
+und der darauffolgenden Missionspredigt der Apostel an alle Völker«.
+Dionysius aber wird unverblümt durch Clemens von Rom, dem Nachfolger
+des Petrus, mit der Mission betraut. Ja aber kannte denn das Neue
+Testament einen Dionysius, auf den diese Angabe Anwendung fände?
+Darauf weiß bereits ein Gedicht des Bischofs Eugen von Toledo ungefähr
+aus dem Jahre 620 Antwort; es lautet: »Himmelsbürger ruft Beifall zu
+der fröhlichen Weltfackel, die von Himmelshöhen hernieder die Gnade
+dieses Tages bestrahlt. Der hervorragende Glaube des Märtyrers, das
+Heiligenleben des Priesters, des edeln Dionys — sie haben heute die
+Palme empfangen. Das Diadem des himmlischen Königs hat sich auf dem
+Areopag von Athen eine schimmernde Perle auserlesen — den Philosophen
+Dionys. Auf Pauli Stimme hin hat der Glaube der Gläubigen einen Spiegel
+erhalten und der den das Heidentum für sein Bollwerk ansah, wurde zum
+Sturmwidder, der an es Bresche legte. Leuchtend von wunderbarer Lehre,
+erhellte er Griechenland, und von da kam der erhabene Lehrer nach Rom.
+Auf Befehl des Clemens, des Machthabers von Rom kam er nach Gallien,
+wo er, einer strahlenden Sonne gleich, leuchtete durch den Glanz
+seiner Wunder und seines Wortes. Endlich hat er den Dämon besiegt, hat
+er den heiligen Bau aufgerichtet, da erduldete er die gräulichsten
+Qualen; sein Haupt fällt. Er fährt gen Himmel. Gruß Dir, o Vater,
+der du den Himmel erworben! Gruß Dir Heiliger, der du auf die Erde
+zu Besuch kommst. Die jährliche Wiederkehr deines Festes gilt deiner
+Gegenwart. Bringe, bester Priester, unsere Seufzer und unsere Gebete
+dar; stärke unsern Glauben, o Märtyrer Gottes, und verleihe uns einen
+besseren Lebenswandel. Leite mit deinem Beistand unsere gebrechlichen
+Fahrzeuge durch das Meer dieser Welt, und fällt die Leibeshülle von
+uns, dann nimm uns, Heiliger, mit Rücksicht auf«. Aus Dionys von
+Paris ist Dionys vom Areopag geworden. Niemand weiß wie. Und alsobald
+sind auch jene klementinischen Akten durch areopagitische ersetzt.
+Hier haben wir die Legende aus zweiter Hand; der Verfasser gibt eine
+Ueberarbeitung der klementinischen Akten, indem er die Auszüge daraus
+zugleich mit neuen Angaben versetzt; diese umfassen im allgemeinen
+folgende Punkte: die Bekehrung Dionys des Areopagiten durch Paulus
+und seine Ankunft in Rom nach dem Martyrium der Apostel, die Namen
+dreier seiner Missionskollegen Marcellus von Spanien, Saturnin von
+Aquitanien und Lucian von Beauveais, der Name des Domitian, die Rede
+des einen Scharfrichters samt der Antwort des Dionys und seiner beiden
+Gefährten, und das Wunder, daß Dionys nach seiner Enthauptung seinen
+Kopf in den Händen trug. Diese Akten stammen wahrscheinlich aus dem
+achten Jahrhundert, und haben nicht nur dem Patriarchen Methodius von
+Constantinopel und Alcuin vorgelegen, als sie um 800 jeder auf Dionys
+dichteten, sondern auch dem Abt Hilduin von St. Denys, als er im Jahre
+835 auf den Wunsch Ludwigs des Frommen seine Akten des Areopagiten
+Dionysius verfaßte, eben das Werk, das den Dionys dem abendländischen
+Mittelalter erschlossen hat[177-1]. Rechnet man hinzu, daß dieselbe
+Umtaufe im Morgenland einem anonymen mystischen Schriftsteller des
+fünften Jahrhunderts zu Theil geworden war, der nun mit seinem
+litterarischen Inventar zum Bischof von Paris stieß, nicht zu vergessen
+das gesteigerte Interesse, das im elften Jahrhundert der erbitterte
+Streit der beiden Klöster Emeran und St. Denis um die Reliquen des
+Heiligen an den Tag legte[177-2], so haben wir das elementare Anwachsen
+der Tradition aus unscheinbaren Anfängen zu einer Macht an einem
+besonders instruktiven Beispiel beobachtet.
+
+Im Kleinen mag sich ähnliches oft genug ereignet haben; namentlich
+die sachte Verschiebung eines mehr oder weniger historischen Namens
+des vierten oder dritten Jahrhunderts ins erste kehrt fast mit der
+Häufigkeit einer Regel wieder. Sie zeigt sich bei Trophimus von Arles
+überdies in einer neuen Verbindung; sonst verfolgte der römische
+Legendenstrom, der sich über Gallien verbreitete, weiter keinen
+Zweck, als die Traditionen der einzelnen Bistümer zu adeln. Bei
+Trophimus dagegen, dessen Legende im zweiten Jahrzehnt des fünften
+Jahrhunderts durch Patroklus, den damaligen Bischof von Arles in
+Umlauf gesetzt wurde, gibt sich zugleich die Tendenz kund, dadurch
+die Macht des gallischen Episkopats zu stärken, was indessen bei der
+Stellung von Arles als dem Vorort unter den gallischen Metropolen
+jener Zeit natürlich erscheint. Papst Zosimus schreibt im Jahre 417
+unter anderem[178-a]: »Die Metropole Arles hat keinerlei Anspruch
+auf ein Vorrecht, da ja doch von Rom aus Trophimus als Oberhaupt in
+diese Stadt gesandt wurde. Er bezeichnet die Quelle, aus der die
+Glaubenskanäle durch ganz Gallien gespeist wurden«. Und im Jahre 450
+heißt es in einer Eingabe der in Arles unter Erzbischof Ravennius
+versammelten Bischöfe[178-b]: »In ganz Gallien ist es bekannt, aber
+auch der Heiligen Römischen Kirche wird es nicht unbekannt sein, daß
+unter den gallischen Städten Arles zuerst den Sendling des Apostels
+Petrus, den heiligen Trophimus, als Priester in sich aufgenommen zu
+haben, das Verdienst hat und von da aus das Gut des Glaubens und der
+Religion mitteilte.« Solche Stellen sind von Bedeutung, um zu zeigen,
+wie früh schon, in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schon,
+in Gallien die römische und apostolische Gründungssage von Bistümern
+heimisch war. Zu welchem Umfang und zu welcher Kühnheit sie sich mit
+der Zeit auswuchs, zeigt nach der Merowingerzeit ein Blick auf die
+Gründungssagen der rheinischen Bistümer. Maternus, der dreifache
+Bischof von Köln, Tongern und Trier, war ein naher Verwandter Jesu,
+ja war niemand anders, als der Jüngling zu Nain. Mainz knüpfte seinen
+Ursprung an den Paulusschüler Crescens[178-c], der nach der biblischen
+Nachricht sich nach Galatien gewendet hatte und infolge dessen für
+Gallien und Zubehör in Anspruch genommen wurde. Metz will durch den
+Petrusschüler Clemens, Toul durch den Maternusgefährten Mansuetus,
+einen geborenen Schotten, gegründet sein, und Verdun glaubte sich den
+Dionysiusschüler Santinus erinnern zu dürfen, nachdem er zuvor in
+Chartres und Meaux Bischof gewesen sei[178-1].
+
+Aber auch von diesen späten und kräftigsten Beispielen abgesehen, haben
+fast alle größeren fränkischen Bischofssitze sich nicht begnügt, die
+Listen ihrer früheren Regenten sei es ganz, sei es bruchstückweise
+anzufertigen oder für die Lebensbeschreibung der Hervorragenden unter
+ihnen zu sorgen: sie haben es sich angelegen sein lassen, dem Stuhle
+eine möglichst apostolische Gründung zu verschaffen, indem man von den
+missionierenden Aposteln oder Apostelschülern einen am betreffenden
+Orte sich vorübergehend oder bleibend aufhalten ließ. Narbonne berief
+sich auf Paulus, Avignon auf Rufus, dieser ist wie Trophimus aus dem
+dritten Jahrhundert zu der neutestamentlichen Person heraufgerückt,
+deren Namen er trägt. Ob für Linus von Besançon schon in dieser frühen
+Zeit der Versuch gemacht wurde, zu dem der Name veranlassen konnte,
+weiß man nicht. Dagegen beanspruchen sogar Namen ohne biblischen
+Klang, wie Fronto von Perigueux oder Martialis von Limoges und andere
+Bürgerrecht in der Apostelzeit[179-1]. Verzichtet man aber auf ein
+so hohes Alter des Patrons und begnügt sich mit einem Märtyrer der
+decianischen Zeit oder gar mit einem undatierten Namen, so findet
+sich wohl schwerlich ein älteres fränkisches Bistum, das damit nicht
+aufwarten kann.
+
+
+2.
+
+Sehen wir uns nun aber das Phänomen der Legendenlokalisierung an
+einem glücklichen Beispiel näher an. Es gibt einen heiligen Moritz
+im Morgenland und einen heiligen Moritz im Abendland, Moritz von
+Apamäa und Moritz von Agaunum. Nach allem, was wir nun im allgemeinen
+über die Legende wissen, insbesondere über ihre Eigenschaft, sich
+zu verpflanzen und zu übertragen, erwächst uns die Verpflichtung
+nachzuspüren, ob sich nicht zwischen beiden Sagen ein Zusammenhang
+erkennen lasse. Der syrische Moritz teilt nun allerdings in hohem Maße
+mit seinen orientalischen Leidensgefährten Georg, Christoph und den
+andern, den empfindlichen Mangel einer deutlichen Lebensgeschichte;
+seine Gestalt ist vor armseligem Inhalt und erbaulichem Dunst kaum
+festzuhalten. Immerhin springt an ihm ein greifbarer Unterschied
+von den andern sofort deutlich in die Augen; er tritt nämlich nicht
+allein auf, sondern an der Spitze einer Kriegerschaar von siebzig
+Soldaten. Sie heißen die Märtyrer von Apamäa. Wegen ihres christlichen
+Bekenntnisses vor den Richterstuhl des Kaisers gezogen, lassen sie sich
+ihrer militärischen Ehrenzeichen berauben; die Qualen, die sie dann zu
+bestehen haben, sind dreitägiges Gefängnis mit Halseisen, Geißelung mit
+rohen Ochsenziemern, schließlich entweder Enthauptung oder Flammentod
+oder verschärfte Kreuzigung. Von den sonst ungenannten Soldaten des
+Moritz treten drei mit Namen auf: sein Sohn heißt Photinus, der
+»Leuchtende«, die beiden andern Theodor und Philippus. Gegen die
+Walliser Lokalsage gehalten, weist diese orientalische Fassung im
+allgemeinen drei gemeinsame Punkte auf: hier wie dort leidet eine
+Kriegsschaar, hier wie dort heißt der Führer Moritz, hier wie dort ist
+Kaiser Maximian der Verfolger.
+
+Ein unvergeßliches Ereignis noch aus der vorchristlichen Aera kann
+mit seinem die Jahrhunderte beherrschenden Andenken die keltischen
+Bewohner des Rhonethals zur Aufnahme der morgenländischen Moritzlegende
+besonders zubereitet haben[180-1]. Im Herbst des Jahres 57 vor Christi
+Geburt entsandte Julius Cäsar[180-a] den Legaten Servius Galba mit
+der zwölften Legion und einer Abteilung Kavallerie, im Ganzen mit
+etwa dreitausend sechshundert Mann Fußvolk und drei- bis vierhundert
+Reitern ins Wallis, um die Verkehrsstraße über den großen Bernhard
+für den italienischen Handel zu öffnen. Galba rückt vom See her ein,
+unterwirft die Nantuaten um St. Maurice, die Veragrer um Martigny und
+die Seduner um Sitten. Die Bevölkerung stellt Geißeln. Die Rückzugs-
+und Verbindungslinien zu sichern, legt Galba zwei Cohorten zu den
+Nantuaten nach Agaunum. Er selbst bezieht mit dem Gros der Legion
+die große Ortschaft Oktodurum als Winterquartier, am Schlüssel des
+Passes. Er ließ sich auf dem linken Ufer der Dranse nieder. Aber er
+hat sich noch nicht eingerichtet, so bricht schon der Aufstand los.
+Die Hauptmacht des Feindes sammelte sich auf den westlichen Bergen
+und drohte die Römer von ihren Verbindungen abzuschneiden. In Galbas
+Kriegsrat ging die Meinung der Hauptleute der Mehrzahl nach dahin, das
+unvollendete Lager wenn immer möglich zu halten, und nur im Fall der
+äußersten Not es samt dem Gepäck preiszugeben und sich durchzuschlagen.
+Schon hatten die Kelten das Lager umgangen und griffen vom Berg und
+vom Süden her an. Die dort kommandierenden Offiziere, der Centurio
+Publius Sextius Baculus und der Kriegstribun Gajus Volusenus, meldeten
+Galba, sie könnten vor der Uebermacht nicht lange stand halten, schon
+fülle der Feind die Graben und durchbreche den Wall, die Munition gehe
+aus, die Wallbesatzung sei am Ermatten. Sie rieten zu einem Ausfall
+mit gesamter Macht. Galba nahm den Vorschlag an. Der Ausfall geschah
+mit großer Heftigkeit. Aus allen vier Thoren brachen die Truppen aus,
+und zugleich griff die Wallbesatzung von den Reserven unterstützt den
+Feind frontal an. Die Reiterei rückte an dem am wenigsten bedrohten
+gegen die Dranse gelegenen Thor aus, schwenkte rechts um, rollte den
+rechten südlichen Flügel der Kelten auf und warf ihn auf die westliche
+Hauptmacht zurück. Hinter der Reiterei war eine Cohorte Infanterie
+ausgezogen, hatte aber das Lager links umschritten und verlegte nun
+den Abzug thalabwärts, indem sie zugleich dem Feind in die linke
+Flanke fiel. Von allen Seiten umzingelt verloren die Kelten den
+Kopf. Wer zu fliehen vermochte, floh in die Berge hinauf, und kein
+Versuch wurde gemacht, oben trotz der günstig überhöhenden Stellung
+Stand zu fassen. Der Kampf hatte früh am Morgen begonnen und sechs
+Stunden gedauert. Galba will das Waffenglück nicht weiter auf die Probe
+stellen; von Feinden rings umgeben, in seinen Verbindungen bedroht und
+ohne genügende Vorräte für den Winter brennt er Oktodurum nieder und
+tritt den Rückmarsch ins römische Gallien an. Indessen war ein Teil der
+Kelten auch von der Flucht in die Berge abgeschnitten und konnte sich
+nur noch thalabwärts retten. Unterwegs schloß sich die Thalbevölkerung,
+Männer und Frauen der Flucht an. Verfolgt wurden sie von den Reitern
+und einigen Kohorten. Nun hatten aber auf die Kunde vom entsponnenen
+Kampfe, die bei dem geordneten ständigen Verkehr zwischen den beiden
+Lagern sogleich nach Agaunum geleitet worden war, die beiden dort
+liegenden Kohorten sich in Marsch gesetzt und vor dem Engpaß unweit
+von Agaunum sich entwickelt, um jedem Befehle Galbas sofort folgen zu
+können. Ihnen liefen die flüchtigen Gallier in die Arme. Als sie rings
+umklammert keinerlei Rettung sahen, massierten sie sich auf einen
+Hügel, eine Viertelstunde von Agaunum entfernt, und ließen sich ohne
+jede Gegenwehr bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Es ist nicht
+das einzige Beispiel, daß Germanen oder Kelten nach tapferem aber
+erfolglosem Kampfe widerstandslos mit fatalistischer Indolenz den Tod
+an sich herankommen ließen. Die Zahl der bei Oktodurum Erschlagenen,
+die von Agaunum wohl eingerechnet, beziffert Cäsar auf zehntausend. Im
+Gedächtnis des Walliser Volkes blieb nun aber weniger die verlorene
+Schlacht haften, als die erbarmungslose Niedermetzlung einer ganzen
+großen Menschenschaar, ohne daß sich einer wehrte oder einer mit dem
+Leben davonkam.
+
+An der Spitze der katholischen Geistlichkeit im Wallis stand am
+Ende des vierten Jahrhunderts einer der tüchtigsten kleineren
+Prälaten seiner Zeit, der Bischof von Sitten. Er hieß Theodor. Das
+ist wichtig zu wissen, weil der Heilige dieses Namens ebenfalls dem
+syrisch-kleinasiatischen Sagenkreis angehörte und sich gewissermaßen
+als schwächere Kopie des heiligen Georg ausweist: auch er war von
+vornehmer Abkunft und als Christ geboren, auch er wurde nach den
+abenteuerlichsten Folterqualen unter Licinius seines Bekenntnisses
+wegen in seiner Heimat Bithynien enthauptet; auch er wird abgebildet
+mit einem Speer oder Schwert, einen Drachen zu seinen Füßen oder
+als Ritter in voller Rüstung. Der erste uns bekannte geschichtliche
+Träger seines Namens im Abendlande ist eben jener Bischof von
+Sitten, der 381 auf dem dritten Concil in Aquileja und 390 auf einer
+Kirchenversammlung in Mailand anwesend war. Da nun die Inhaberschaft
+eines Heiligennamens seitens eines Kirchenfürsten, zumal die
+erstmalige, gewiß auch die Verehrung des Patrons in irgend einer Form
+in sich schloß, so ist die Beziehung dieses Bischofs zu einem fernen
+Sagenkreise nachgewiesen, dem Theodor sowohl wie Moritz angehörten.
+Aber diesem selben Bischof von Sitten schreibt die Lokaltradition
+die Hebung der Reliquien von Agaunum zu. Er war somit durch seinen
+Namenspatron an der Verehrung der morgenländischen Kriegsheiligen
+und durch sein Amt an der erforderlichen Umwertung des Kultus der
+heidnischen Märtyrerschaar persönlich beteiligt. Auch ohne bewußte
+kluge Berechnung, nur infolge höherer Schwellung seiner Gefühle kann
+sich in seiner Brust die Verschmelzung der fremden christlichen
+Sagen mit der einheimischen heidnischen vollzogen haben. Zu dieser
+Kombination hat die morgenländische Wandersage den Namen des Anführers
+und der Truppenabteilung, sowie die Thatsache und Zeit des Todesleidens
+einer ganzen Kriegerschaar für Christus, die Walliser Lokalerinnerung
+dagegen den massenhaften Charakter des Martyriums und den Verzicht
+auf Widerstand beigesteuert. In welcher Fassung die Erzählung vom
+Heldentod der Märtyrer von Agaunum zuerst in Umlauf gesetzt wurde,
+entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls hat es sich um die
+Thatsache gehandelt: Unter Diokletian und Maximian litt zu Agaunum
+die Thebäerlegion nebst ihren Anführern dem Primicerius Mauritius,
+dem Compiductor Exsuperius und dem Senator militum Candidus. In der
+Mitte des fünften Jahrhunderts, also etwa zwei Menschenalter nach der
+Konzeption wurde dann dieser Kern durch Bischof Eucherius von Lyon
+(450–455) schriftstellerisch bearbeitet: Er habe, sagt er in deren
+Begleitschreiben, die Passion seiner Märtyrer geschrieben aus Furcht,
+es möchte mit der Zeit ein so großes Martyrium aus dem Gedächtnis der
+Menschen verschwinden. Er habe sich nach möglichst guten Gewährsmännern
+umgesehen und sich schließlich an die gehalten, denen Bischof Isaak
+von Genf das Ereignis auf Grund von Mitteilungen Theodors von Sitten
+genau erzählt hatte. Eucherius hat sich die ihm nur knapp überlieferte
+Begebenheit mit erlaubter Freiheit zurecht gelegt: Die Thebäerlegion
+lagerte in Agaunum. Die Vernichtung einer ganzen Legion setzt
+ansehnliche andere Truppenmassen voraus. Eine solche Truppenansammlung
+hatte zur Zeit einer großen Verfolgung keinen andern Zweck, als die
+Christen zu vertilgen. Ein so unerhörter Strafakt konnte nur auf
+ausdrücklichen Befehl des Kaisers geschehen. Im Abendlande konnte das
+Oberhaupt kein anderes sein, als Kaiser Maximian; dem milden Cäsar
+Constantius war eine solche Unthat nicht zuzutrauen. Befanden sich
+aber die Thebäer in der Nähe des Kaisers, so waren sie eine »_legio
+palatina_« und hießen als solche Thebäer. Da Maximians Hauptquartier
+Mailand war, so brauchte es einen Marsch von acht Tagen, bis er Agaunum
+erreichte. Wurde die Legion ermordet, so mußte sie vorher rebellisch
+gewesen sein; denn nur rebellische Truppen wurden in schweren Fällen
+mit Decimation bestraft. Die Exekution geschieht in drei Anläufen,
+zweimaliger Enthauptung des zehnten Mannes und folgender Vernichtung
+des Restes — dreimalige Blutzeugen der göttlichen Dreieinigkeit, für
+die in einer besonderen Eingabe an den Kaiser ausdrücklich Zeugnis
+abgelegt wird. Nach der zweiten Decimierung halten die genannten drei
+christlichen Offiziere schöne Reden an die Soldaten, auszuharren, ja
+die Waffen abzulegen und sich wehrlos hinschlachten zu lassen[183-1]:
+»gleich dem Schaf, das seinen Mund nicht aufthut, überlassen sie sich
+wie eine Herde von Schafen des Herrn den hereinbrechenden Wölfen; die
+Erde öffnet sich den sterbenden Leibern, es fließen die Ströme des
+kostbaren Blutes. Das Volk der Heiligen hat über der Hoffnung des
+Zukünftigen das Zeitliche verachtet und preist nun bereits, wie wir
+glauben, als engelgleiche Legion mit jenen Legionen im Himmel den Herrn
+Gott der Heerschaaren«[183-a].
+
+Neben dieser Darstellung der Walliser Sage fehlt es nicht an
+allerlei gelegentlichen Zeugnissen. Der Name Mauricius kommt in der
+Kirchenprovinz Vienne schon im fünften Jahrhundert auf dem Grabstein
+eines Kindes vor. Eine andere Grabschrift von der Rhonemündung,
+aus dem Jahre 521 spricht vom 22. September als dem Jahrestag der
+Märtyrer von Agaunum. Und im Jahre 515 hielt der Erzbischof Avitus
+von Vienne zu Agaunum die Weiherede. Er knüpft an die verlesene
+Passion der Märtyrer an: es sei die Lobeserhebung des glückseligen
+Heeres, aus dessen seligster Schar niemand verloren ging, während
+niemand entkommen sei; denn über den ungerechten Tod des Heiligen habe
+gleichsam die Gerechtigkeit des Loses entschieden: zweimal sei es über
+die sanftmütige Schlachtordnung ausgeworfen worden und dann seien mit
+den Opfern der zweimaligen Decimierung auch die übrigen als Erwählte
+versammelt worden. Endlich singt dann auch in der zweiten Hälfte des
+sechsten Jahrhunderts Venantius Fortunatus den Lobpreis des Moritz und
+seiner Gefährten:
+
+ Als sie Heeresgewalt überfiel,
+ Die Christus verehrten,
+ Als auf sie eindrang der Tod
+ Wie ein gewaltiger Sturm,
+
+ Scheuchte die Kälte zurück
+ Vor den inneren Gluten der Seele.
+ Denn in dem eisigen Thal
+ Wärmte der Glaube das Herz.
+
+ Du o heiliger Moritz,
+ Du Führer der herrlichen Kriegsschaar,
+ Zogest nicht du Legion
+ Tapferer Männer Dir nach,
+
+ Daß sie legten die Schwerter beiseit
+ Und gehorchten dem Paulus?
+ Sterben aus christlicher Pflicht,
+ Schöneres gibt es wohl nicht.
+
+
+3.
+
+Es ist nicht gerechtfertigt die Sage vom heiligen Moritz und seinen
+Genossen ohne weiteres mit der Sage von der thebäischen Legion
+auf gleiche Linie zu stellen. Jene heißen, falls nicht überhaupt
+nur der Name ihres Anführers figuriert, durchweg die Märtyrer
+von Agaunum, während man unter der thebäischen Legion auch den
+mannigfachen Legendenzuwachs mit einbegreift, der sich an die
+Wallisersage aufgeschlossen und seinen Quellpunkt auf deutschem Gebiet
+wahrscheinlich überhaupt nicht in der Alpengegend, sondern in Köln
+hat. Dieser Sagenanhang ist zum Teil sehr alt; schon bei Eucherius
+folgt dem Massen-Martyrium die Erzählung von dem Einzelmärtyrer Viktor,
+einem ausgedienten Veteranen, der nicht zur Legion gehört. Auf einer
+Reise begriffen, trifft er zufällig auf die Soldaten, die über die
+Beute der Märtyrer vergnügt beim Schmause lagern; er verschmäht die
+Einladung anzunehmen, bekennt sich als Christ und wird niedergemacht.
+Ferner werden Ursus und Viktor erwähnt, Genossen der Legion, die zu
+Solothurn gelitten haben sollen. Des Veteranen Viktor wird nun zwar in
+der Grabschrift des zweiten Abtes von Agaunum zu Anfang des sechsten
+Jahrhunderts neben dem Hauptmartyrium besonders gedacht; aber Ursus
+und Viktor, die nach Solothurn entkommen, öffnen doch eben eine
+spätere Sagenschicht, da noch Avitus in seiner Weiherede ausdrücklich
+niemand entrinnen läßt. Wahrscheinlich sind diese Ergänzungen von
+anderwärts leidenden Thebäern ursprünglich selbständige Sagen, die
+aber unter ähnlichen Umständen entstanden sein können und sich daher
+aus Verwandtschaft anschlossen. Sucht auch ein Ereignis wie der
+Untergang der wehrlosen Kelten vor Agaunum seinesgleichen, so ähneln
+ihm doch vielleicht kleinere Vorfälle, die auch bei der bekannten
+Toleranz der Germanen gegen die römische Kultur gewiß nie ganz gefehlt
+haben; es ist nicht anzunehmen, daß sich bei einer Begegnung zwei
+so verschiedenen Kulturmächte, wie die germanischen Kindervölker
+und das verlebte römische Reich es waren, ohne akute Zusammenstöße
+aneinander ausgetauscht hätten. Auch wo große Katastrophen fehlten,
+hielten alltägliche Episoden das Volksgemüt in Erregung. Was davon für
+die religiöse Vorstellungswelt abfiel, mag sich doch vielfach hinter
+Gestalten geflüchtet haben, wie wir sie jetzt dem Walliser Märtyrerheer
+zugeteilt sehen. Dagegen ist es nun von Belang, festzustellen, daß eben
+auch Sagenfiguren ganz anderen Ursprungs sich unbefangen dem Geleite
+der thebäischen Legion angeschlossen haben. Eine junge Christin namens
+Verena, deren Vettern in der Legion dienten, verblieb nach dem Abmarsch
+des Heeres gen Helvetien als Krankenpflegerin in Mailand, besuchte
+dann aber die Gräber der ihrigen zu Martinach und Solothurn und hielt
+sich von da an bis an ihr Lebensende in der Schweiz auf. Sehen wir uns
+jedoch diese Verena näher an, so erkennen wir in ihr in der That eine
+~junge~ Christin, die vor Zeiten eine alamannische Gaugöttin gewesen
+ist[185-1].
+
+Urkundlich bezeugt sind Verenareliquien zwar erst am Ende des
+dreizehnten Jahrhunderts, dagegen berichtet die 1005 verfaßte
+Ortslegende von Zurzach, schon im neunten Jahrhundert seien sie von
+ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Moritzkapelle am Rheinufer in
+die Marienkirche versetzt worden, die dann zur Stiftskirche erhoben
+wurde. Die Ausdehnung des Verenenkultus hat seine Grenzen ungefähr
+an den Marken des Konstanzer Bistums, das, der größten eines, vom
+Gotthardt bis über den Neckar und von Kempten bis gegen Straßburg
+reichte. Auf Schweizer Boden besaß die Heilige in folgenden Ortschaften
+Weihkirchen oder Altäre: im Bistum Chur zu Niederurnen und Wesen,
+im Bistum Konstanz eine in Kleinbasel, eine in Schaffhauser Gebiet,
+neun im Thurgauischen, zwei im Sankt Gallischen, zwei im Zürcher und
+eine im Zuger Lande. Ihre eigentliche Heimat jedoch war der Aargau,
+und ihre Residenz das Städtchen Zurzach am Rhein. Merkwürdig ist
+jedoch, daß sowohl im Bistum Basel, als im Bistum Sitten Verena nicht
+verehrt wurde trotz der Beziehungen ihrer Legende zu Agaunum und
+Solothurn. Wenn auch die am linken Aareufer gelegene Einsiedelei nach
+Verena heißt, so feiert doch die solothurnische Kirche den Verenentag
+ebensowenig, als die des Wallis, die vielmehr am 1. September einen
+ihrer alten Bischöfe, den heiligen Egidius verehrt. Somit ist Verena
+ursprünglich mit der Thebäerlegende nicht verschwistert gewesen und
+auf dem Gebiete von Kleinburgund überhaupt nie verehrt worden. Sie
+ist eine Alamannin und hat ihre kirchliche Reception ausschließlich
+dem Konstanzer Sprengel zu verdanken. Wohl hatte man über ihrem
+ersten Grabe dem heiligen Moritz und seinen Legionären die Kapelle zu
+Aufburg erbaut und über ihrer späteren Gruft in der Marienkirche den
+Thebäern Altäre errichtet; wohl wurde sie dem Frauenheer der heiligen
+Ursula beigesellt; aber sie wußte sich dem ihr zugemuteten fremden
+Heiligengewimmel heimlich zu entziehen und sich in der Einsamkeit, an
+den Waldquellen und Gebirgsströmen vom gläubigen Volke wie eine Göttin
+aufsuchen zu lassen.
+
+Alljährlich am Verenentage lassen die Müller im aargauischen Siebthale
+die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Sie ist die Patronin
+aller Wassergewerke, also der Müller, Schiffer und Fischer. Als die
+Heilige noch bei Solothurn in ihrem Felsenthale wohnte, schleuderte der
+Teufel einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen
+Block, der daselbst oberhalb des Daches der Zelle zu sehen ist und die
+Krallenspur des Bösen zur Schau trägt. Eine friedlichere Wohnstätte
+aufzusuchen, nahm Verena einen Mühlstein, der an der Aare zur Verladung
+lag, fuhr auf diesem den Fluß hinab durchs Aargau und landete auf einer
+Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein
+mündet. Das Patronat über die Müller und der Attribut des schwimmenden
+Mühlsteins enthüllt uns aber, näher untersucht, den heidnischen Kern
+des Verenakultus, der im Grunde eben nur der Kultus der Liebesgöttin
+ist. Seit Alters wird, wie manche andere Bezeichnung aus dem Betrieb
+des Ackerbaus, auch Mahlen auf die geschlechtlichen Beziehungen
+übertragen. Es mag immerhin an eine unverfängliche Stelle im Volkslied
+erinnert sein:
+
+ Dort hoch auf jenem Berge
+ Da geht ein Mühlenrad,
+ Das mahlet nichts als Liebe,
+ Die Nacht bis an den Tag.
+
+In den ältesten deutschen Sagen ist der Ort für Liebesabenteuer stets
+die Mühle; sie lassen berühmte Gestalten wie den Landpfleger Pilatus
+oder Karl den Großen in einer Mühle außerehelich erzeugt sein. Als
+Korn- und Mühlengöttin erweist sich nun aber die heilige Verena in
+ihrer Legende oft genug. Dem Schwesternhause, das die Heilige zu
+Solothurn gegründet hatte, brachte ein Hungerjahr bittere Not, bis
+eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von unbekannter Hand vor die
+Thüre gestellt wurde. Verena wird, wie übrigens viele andere Heilige
+auch, abgebildet, wie sie Brot und Wein überbringt. Als Dienstmagd
+eines Priesters in Zurzach hatte sich Verena die tägliche Nahrung
+abgebrochen, um die benachbarten Siechen zu speisen. Darüber wird sie
+eines Unterschleifs verdächtigt, der argwöhnische Priester tritt
+ihr plötzlich in den Weg; doch siehe! der Wein ist nun in Lauge,
+und die mitgenommenen Brotschnitte in einen Kamm verwandelt; beides
+ist zur Reinigung der Aussätzigen bestimmt. Daher kommt es, daß die
+Verenabilder bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brotgipfel in
+der Hand haben. Da das Krüglein der Heiligen ursprünglich steinern war,
+kann es auch ein Trockenmaß bedeutet haben, weil Steinkrüge in jener
+Zeit auch Kornviertel vorstellen. Wie tief übrigens die Verenaverehrung
+ins öffentliche Leben eingriff, zeigen einige obrigkeitliche
+Vorschriften und landwirtschaftliche Regeln, die sich an den ersten
+September knüpfen. Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein
+allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag; an ihm ging die Jagd auf und
+erfolgte die amtliche Visitation der Weinkeller. Die Bauernregel für
+Verenatag lautet: An diesem Tage ist alles Obst reif und der Fruchtstil
+abgetrocknet. Da geht auch der Krautskopf mit sich zu Rate, ob er von
+diesem Tag an noch wachsen wolle. Das Vesperbrot wird nun nicht mehr
+aufs Feld gebracht. Die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und
+Liebesnächte begannen dann, um mit Mariä Verkündigung, am 25. März,
+wieder zu Ende zu gehen.
+
+Doch fehlen auch unmittelbare Anzeichen nicht, daß Liebe und
+werdendes Leben unter Verenens besonderem Schutze stand. Schon in
+alten Fürstensagen des zehnten Jahrhunderts ist es unsere Heilige,
+die den Kindersegen verleiht. Sowohl der Burgunderherzog Konrad und
+seine Frau Machtilde, als auch der Alamannenherzog Heriman und seine
+Gemahlin werden auf eine nach Zurzach unternommene Wallfahrt hin mit
+männlicher Nachkommenschaft gesegnet. Meistens ist diese Wunderwirkung
+jedoch therapeutisch vermittelt, am ehesten durch eine Heilquelle. Im
+Verenabad, in den Bädern von Baden gilt es dafür, wie schon Heinrich
+Pantaleon bezeugt: »wann eine unfruchtbare Frau darinnen bade und einen
+Fuß in das Loch stoße, daß das Wasser herfür quillet, es werde Sankt
+Verena bei Gott erwerben, daß sie fruchtbar werde«. Die Vorstellung von
+den Kinderbrunnen ist allgemein verbreitet und überall lokalisiert,
+ob nun die ungeborenen und die früh wieder verstorbenen Kleinen dann
+um Frau Holle oder um die albanesische Geburtsgöttin Ora oder sonst
+ein Wünschelweib oder ob sie um die Mutter Gottes oder Sankt Verena
+herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Eine
+Anspielung daran mag auch in der an sich nebensächlichen Thatsache
+erkannt werden, daß die beiden zürcherischen Verenakirchen, auf Ufenau
+und zu Stäfa, Wasserkirchen sind und daß das kleine Nonnenkloster
+der Schwestern von Konstanz in der Stadt Zürich zu Sankt Verena in
+Brunngassen hieß. Im Aargau und Umgegend besitzt außer dem bereits
+genannten Baden der Achenberg zwischen Zurzach und Klingnau eine
+romantisch in einer Schlucht gelegene heilkräftige Verenaquelle, mit
+benachbarter Waldkapelle, wo jeden Samstag Messe gelesen und im Monat
+Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten wird, desgleichen
+beherbergt das Dorf Buttisholz beim Sempachersee eine Quelle namens
+Verenaloch oder auch Goldloch, weil wer ehemals in der Abenddämmerung
+mit abgewandtem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, aus
+einer weiblichen Hand ein Goldstück empfing. Endlich war am Fuße des
+Jurapasses Schafmatt schon seit ältester Zeit ein Bad in Betrieb,
+gegenüber dessen Hauptquelle das Verenawasser entsprang. Auch es hieß,
+wie übrigens auch der Sprudel im Freibad zu Baden, Verenaloch. Vor
+der Stadt Zug an der Straße nach Aegeri stand neben der Verenakapelle
+das Verenabrünnlein. Als Kinderspenderin muß Verena auch Herrin der
+Ehebündnisse sein. Unter den ihr kirchlich geopferten Gegenständen
+nimmt das Brautkrönlein den ersten Platz ein. Die katholischen
+Landmädchen zwischen der unteren Aare und dem Rheine tragen bei
+besonderen kirchlichen oder weltlichen Festanlässen das »Tschäppelein«.
+Dieser krönleinartige Kopfschmuck besteht aus einem mit Seidenblumen
+und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über
+den Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ein Sammtkäppchen, oben
+napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, daß
+es oben mittelst eines Seidenfadens über das Haar gebunden werden muß.
+Ist nun in der Landschaft von Leuggern ein Mädchen getraut, so hat
+sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter
+ihr Tschäppelein aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube
+gekommen zu sein. Aber auch von den Reliquien ist der Gürtel, mit dem
+einst das Verenabild an der Hüfte umfangen war, ein weiteres nicht zu
+mißdeutendes Zeichen, daß die Heilige Ehen und Geburten beschirmte.
+
+Verena hatte sich in Zurzach aus Liebe zum Nächsten den niederen
+Diensten einer Wäscherin und Badefrau unterzogen; dort ist sie nicht
+nur zur Ortsheiligen, sondern förmlich zum Ortsgeiste geworden und
+heißt die weiße Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum
+weißen Rößli ist ihr Aufenthalt. Aus dessen Vorhöflein schreitet um
+Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweiße Frau
+hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Markplatze.
+Hier spült sie ihr Weißzeug sorgfältig und kehrt stolzen Ganges
+in den Vorhof zurück. Die ›Vier Gotteshöfe‹ in der aargauischen
+Gemeinde Reckingen waren ein Mannslehen von vier Bauerngeschlechtern
+daselbst, die dem Stifte Zurzach nicht nur Zehnten und Bodenzins der
+achtzig Morgen zu entrichten, sondern auch die Unterhaltung der dazu
+gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Meßpriester den
+Meßwein zu liefern hatte. Aus dem vierstöckigen Meierhaus nun, erzählt
+man, kommt zu gewissen Zeiten nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt
+das Gebäude, wird zusehends größer und ist mit einem Male wieder
+unsichtbar. Niemals erblicken Frauen das Füllen, sie sehen vielmehr,
+wie eine weißgekleidete Frau das Haus umwandelt, an jeder der vier
+Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf in die Antoniuskapelle
+verschwindet. Offenbar mußte dem im Dienste Verenas stehenden
+Priester ein Dienstroß zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden,
+wie ja schon die heidnische Geburtshelferin Frau Holle zu Pferde
+ist und Frauen, die vor der Geburt stehen, einen Schimmel Hafer aus
+ihrer Schürze zu geben pflegen. Ebenso haften der Verena aus Anlaß
+ihres Kammes allerlei wunderbare kosmetische Eigenschaften an, das
+Tobel-Vereneli im Tobelhölzli bei Baden ist ein uraltes Weibchen, das
+an einer schönen Quelle sitzt und sich das Haar kämmt. Verena verleiht
+dem ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar. Am Verenentag ist
+es im untersten Aargau durchgehends katholische Sitte, die Kinder
+frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht.
+Dann werden auch die Kinderköpfe tüchtig gewaschen und dem jüngsten
+Mädchen der erste Zopf geflochten. Ueber Warzen hauche man im Namen
+der Dreieinigkeit und spreche dreimal: Frene, Frene, Dorre weg. Im
+allgemeinen ist die christliche Entgötterung der heidnischen Hilfs- und
+Heilgöttin zur demütigen Grauen Schwester gelungen; an einigen Zügen
+indessen zeigt sie noch die rohe, derb zu fahrende Gewaltthätigkeit
+der mythischen Riesenjungfrau. Je mehr man den Verenasagen ins Gebirge
+hinein nachgeht, desto mehr erwächst ein Uebermaß barbarischer,
+leidenschaftlicher Körperstärke. Nach Verena heißt eine Alp bei
+Mittenwald und eine andere am Silveretta; am namhaftesten ist jedoch
+das weithin schimmernde Firnfeld des Glärnisch genannt Vrenelis
+Gärtli. So reicht also vielleicht der Kultus der Verena, in der wir
+im allgemeinen eine alamannische Frau Holle sehen dürfen, noch hinter
+die Anfänge geschichtlicher Erinnerung in die unorganische primitive
+Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugeborenen
+hervorholen läßt, der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt, die
+Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen, die heißen
+Sprudel, die sie aus dem Boden stampft, deuten immerhin auf uralte
+Kultreste, die bei der Ansiedelung der Alamannen von dem Dienst ihrer
+Feld- und Liebesgöttin aufgenommen wurden.
+
+Noch steht uns aber eine weitere wertvolle Auskunft offen, nämlich
+Verenas Name. Immer und immer wieder hat der Volksmund Frau Verena und
+Frau Venus harmlos miteinander verwechselt. Es liegt nahe, in dieser
+doppelnamigen Frau Vrena-Venus die Göttin Freja zu erkennen. In der
+That belehrt uns die Sprachforschung, daß die verschiedenen Namen
+für eine weibliche Gottheit, eddisch Freyen, niederdeutsch Freen und
+Frin, oberdeutsch Vren nur landschaftlich unterschiedene Namensformen
+sind. Im späten Mittelalter ist auch die letzte Konsequenz dieser
+Gleichstellung mit Venus gezogen: Verena ist zur Patronin der
+öffentlichen Dirnen geworden; in der Malzgasse zu Basel, die nach
+Verlegung des Siechenhauses Dirnenquartier war, hieß das Frauenhaus
+sowohl Verenen- als Venushaus; in Zurzach war es Sitte geworden,
+daß der Landvogt von Baden, so oft er zur Eröffnung des Jahrmarktes
+einritt, unter der Linde mit einer fahrenden Dirne einen Tanz um den
+Baum thun mußte. Dieser Baum stand nahe bei der Moritzkapelle an dem
+Platz, wo zu Verenas Zeiten das Siechenhaus und neben diesem das offene
+Frauenhaus gestanden haben soll. So steht also Verena sogar mit der
+Unsitte des sogenannten »Metzentanzes« in verblümter Verbindung.
+
+Ein scharfumrissenes Bild der heiligen Verena zumal in früherer Zeit
+läßt sich nicht gewinnen. Sie war, als rechtes Volks- und Naturkind,
+viel zu scheu, um sich anders als verstohlen an die Oeffentlichkeit
+zu wagen. Es hat auch lange genug gedauert, bis sie kirchlich
+recipiert war. Der eigentliche Gauheilige der Diöcese war der alte
+Bischof Pelagius von Windisch-Konstanz, während in einer vielleicht
+beispiellosen Naivität Verena sich ihre Verkleidung kaum recht
+angezogen hat. Daß sie ein »altheidnisch Wassergötzli« sei, sagte man
+sich schon im vorigen Jahrhundert. Für unsere heutige Erkenntnis ist
+sie wohl die einzige Heilige, die ohne Umtaufe mit ihrem heidnischen
+Namen in den Himmel kam, wohlverstanden ohne Vermittlung eines wirklich
+gelebten Menschenlebens, wie Gertrud, Walpurgis oder Notburga.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Geschichtsheilige.
+
+
+Nicht immer handelte es sich um ein Wurzelschlagen von oben herab aus
+einem stammlos über der Erde hängenden Gewebe: geschichtliche Gestalten
+konnten sich umgekehrt zur Legende verflüchtigen. Daß historisches
+Andenken zur Sage verdunstet, ist ja nun allerdings allbekannt,
+dagegen erregt es unser besonderes Interesse, wenn Heilige, über deren
+Erdenleben wir unterrichtet sind, ins überirdische hinaufwachsen und
+ihr Gedächtnis mit den Mythen vereinigen. Dann verhält sich also
+das geschichtliche Andenken zur Legende nicht mehr ausschließlich
+empfangend; es erweist sich selber als wirksam und beweglich, in dem
+nun der Kirchenheilige von dem christlichen in einen interreligiösen
+Himmel übersiedelt und mit den Heidengöttern, die er einst stürzte, auf
+freundschaftlichem Fuße lebt. Mag er dann auch noch so sehr Wandlungen
+unterworfen sein, das Neue und Wesentliche für uns ist, daß es diesen
+ins Reich der Phantasie versetzten einst auf Erden wirklich gegeben
+hat.
+
+
+1.
+
+Die heilige Genovefa von Paris hat gelebt und ist in der damaligen
+St. Peters- oder Apostel-, später dann nach ihr benannten Kirche
+beigesetzt. Im sechsten Jahrhundert war ihr Grab ein besuchter und
+wegen außerordentlicher Wunder berühmter Wallfahrtsort[191-a]. Soviel
+läßt sich aus alter und zuverlässiger Quelle sicher feststellen.
+
+Anders verhält es sich mit dem Schriftstück, das sich als ihr
+wahrhaftes von einem Zeitgenossen verfaßtes Lebensbild ausdrücklich
+anpreist. Es besteht nicht aus einer fortlaufenden Lebensgeschichte,
+sondern aus einzelnen Episoden, denen jeder Zusammenhang fehlt.
+Der Inhalt ist folgender: Genovefa war in dem Pfarrdorfe Nanterre,
+ungefähr sieben Meilen von Paris, geboren. Ihre Eltern hießen Severus
+und Gerontia. Entscheidend für die Zukunft des Mädchens war sein
+Zusammentreffen mit dem Bischof Germanus von Auxerre. Als dieser sich
+zusammen mit Lupus von Troyes auf der Reise nach Britannien befand,
+um daselbst den Pelagianismus zu bekämpfen, führte ihn der Weg durch
+Nanterre. Mitten aus der Menge heraus, die seines Segens harrte, sah er
+im Geiste die hochherzige Genovefa. Er ließ sie kommen, beglückwünschte
+die Eltern zu ihrer Tochter und prophezeite, sie werde groß vor dem
+Herrn und vielen ein bewundernswürdiges Vorbild sein; bei ihrer Geburt
+hätten die Engel im Himmel große Freude gehabt. Auf sein Zureden
+verspricht ihm das Mädchen, sich weihen zu lassen. Zum Andenken hängt
+der Bischof ihr eine eherne Münze mit dem Zeichen des Kreuzes um den
+Hals: er fand sie gerade auf der Erde. Einige Tage später an einem
+Feste ging die Mutter zur Kirche, während sie der Tochter befahl, das
+Haus zu hüten. Diese verlangt schreiend und weinend, ebenfalls den
+Gottesdienst besuchen zu dürfen. Die Mutter aber blieb bei ihrem Gebote
+und züchtigte das Mädchen, wurde aber sogleich mit Blindheit bestraft.
+Erst nach zwei und drei viertel Jahren erlangte Gerontia durch Wasser,
+das die Tochter vom Brunnen geholt hatte, das Augenlicht wieder. Die
+Weihe der Genovefa vollzog Bischof Vilicus. Obwohl weit ältere Mädchen
+zur Stelle waren, wurde sie doch zuerst geweiht. Nach dem Tode ihrer
+Eltern zog sie zu ihrer Pathin nach Paris. Der zweite Abschnitt in dem
+Leben der Genovefa wird wiederum eingeleitet, durch eine Begegnung mit
+dem Bischof Germanus. Dieser war auf einer neuen Reise nach Britannien
+begriffen, als er sich in Paris nach seinem Schützling erkundigte.
+Obwohl das Volk sie herabsetzte, ließ er sich nicht abhalten, die
+Herberge der Genovefa zu betreten. Er fand sie in großer Betrübnis und
+den Boden ganz feucht von ihren Thränen. Nachdem er die Leute über
+den göttlichen Beruf der Jungfrau aufgeklärt und sie ihnen anbefohlen
+hatte, setzte er seine Reise fort. Seitdem tritt Genovefa bei den
+öffentlichen Angelegenheiten von Paris in den Vordergrund. Als das
+Gerücht ging, Attila sei in Gallien eingefallen, und die Bürger ihr
+Eigentum in andere sichere Städte überführen wollten, redete die
+Jungfrau davon ab, denn gerade die angeblich sicheren Städte würden die
+Feinde verwüsten, Paris aber würde verschont bleiben. Zugleich berief
+Genovefa die Pariserinnen zusammen, um mit ihnen unter Fasten, Gebet
+und Nachtwachen die drohende Gefahr abzuwenden. Diese folgten ihr;
+die Männer jedoch waren weniger gehorsam. Unwillig über die falsche
+Prophetin, die sie hinderte, ihre Habe in Sicherheit zu bringen, nahmen
+sie eine drohende Haltung gegen jene an. Da erscheint der Archidiakon
+von Auxerre in Paris, weil Germanus der Genovefa ein so herrliches
+Zeugnis gegeben habe. Er beruhigte die Pariser durch den Hinweis
+auf die Prophezeiung seines Bischofs und überbrachte der Jungfrau
+Geschenke, die ihr Germanus hinterlassen hatte. Beides beschwichtigte
+die Bürger, so daß sie jetzt ihre Feindseligkeiten aufgaben. Ja
+fürwahr, Genovefa, die Retterin von Paris steht Martin und Anian nicht
+nach, von denen jener bei Worms eine Schlacht verhindert und dieser
+Orléans vor den Hunnen gerettet hat! Mit Liebe und Verehrung hing sie
+an dem Dorfe Catuliacus, der Grabstätte des Dionysius. Zu Ehren dieses
+Heiligen beabsichtigte sie eine Basilika zu bauen, aber es fehlten
+ihr die Mittel. Als ihr die Presbyter gewohnter Maßen aufwarteten,
+mangelte es auch ihnen an Kalk. Genovefa, vom heiligen Geiste erfüllt,
+prophezeite ihnen jedoch, sie würden auf der Brücke der Stadt zwei
+Schweinehirten treffen, von denen der eine sich rühmte, beim Aufsuchen
+einer gebärenden Sau einen Kalkofen von wunderbarer Größe gefunden zu
+haben, der andere einen gleichen unter einem entwurzelten Baume. So
+stand dem Ausbau der Basilika nichts mehr im Wege. Große Verlegenheit
+trat jedoch ein, als den beim Bau beschäftigten Zimmerleuten der Trunk
+ausging. Der Priester Genesius befahl der Genovefa, die Handwerker
+aufzumuntern, bis er selbst aus der Stadt neues Getränk geholt hätte.
+Genovefa aber half sich einfacher. Sie bekreuzigte unter Gebeten die
+Kufe und füllte sie damit ohne weiteres bis zum Rande. Bis zum Ende des
+Baues hielt der Trunk vor, sodaß die Zimmerleute sich davon gütlich
+thaten. Der Frankenkönig Childerich war zwar Heide, aber Genovefa
+verehrte und liebte er ganz unaussprechlich. Damit diese nicht die zum
+Tode verurteilten Gefangenen befreite, ließ er einst das Stadtthor
+hinter ihr schließen, als sie Paris verließ. Durch gute Freunde von
+der Absicht des Königs unterrichtet, kehrte die Jungfrau sogleich
+zur Befreiung der Unglücklichen zurück. Kein kleines Schauspiel war
+es für das verwunderte Volk, wie sich das Stadtthor unter ihren
+Händen ohne Schlüssel öffnete. Beim König setzte sie ohne Weiteres
+die Begnadigung der Verurteilten durch. Ihr Ruf war sogar schon bis
+in den Orient gedrungen. Der Säulenheilige Symeon von Antiochien
+soll sich bei durchreisenden Kaufleuten nach Genovefa erkundigt und
+sie unter ehrfurchtsvollem Gruße haben bitten lassen, seiner in
+ihren Gebeten zu gedenken. Genovefa war häufig auf Reisen. In Laon
+heilte sie ein gelähmtes Mädchen. Sehr oft weilte sie in Meaux, hier
+schloß sich ihr Cilinia an, die schon Braut war, aber überwältigt von
+Genovefas Wesen diese um die Weihe bat. Empört eilte ihr Bräutigam
+nach Meaux. Die beiden Jungfrauen eilten in die Kirche und schlossen
+sich im Baptisterium ein. So konnte Cilinia bis zu ihrem Ende ihre
+Keuschheit bewahren. Ein lahmes Mädchen aus ihrem Gesinde, das sie
+der Genovefa zuführte, heilte diese durch Berührung mit den Händen.
+In Meaux kurierte Genovefa ferner einen Mann, der an Armschwund litt,
+in einer halben Stunde. Die Heilige war in der Umgegend dieser Stadt
+begütert. Bei der Ernte war sie selbst mit auf ihren Feldern und sah
+von ihrem Zelte aus den Schnittern zu. Als einmal plötzlicher Regen
+und Sturm die Arbeit zu stören drohte, warf sie sich zu Boden und
+begann unter heißen Thränen zu beten. O Wunder! Alle Felder im Umkreise
+benetzte der Regen, aber Saat und Schnitter der Genovefa erreichte
+kein Tropfen. Kranke aus Meaux suchten sie in Paris auf. Ein Defensor
+Frunimius aus dieser Stadt, der seit vier Jahren krank war, erlangte,
+als sie seine Ohren mit der Hand berührt und bekreuzigt hatte, das
+Gehör wieder. Eine wahre Odyssee bestand die heilige Jungfrau während
+der Belagerung von Paris durch die Franken. Zehn Jahre lagen sie vor
+der Stadt. Genovefa begab sich zu Schiffe nach Arcis-sur-Aube, um
+Getreide zu besorgen. Als sie an den Ort gekommen war, wo ein Baum in
+der Seine die Schiffahrt? hinderte, brach er auf das Gebet der Genovefa
+von selbst entzwei, und zwei Ungeheuer von verschiedener Farbe zeigten
+sich, deren entsetzlicher Geruch noch fast zwei Stunden die Schiffer
+belästigte. Später soll hier kein Schiffbruch mehr vorgekommen sein.
+In Arcis heilte sie die gelähmte Frau des Tribunen Pascivus. Von
+hier ging die Reise nach Troyes, wo sie ebenfalls durch Wunderkuren
+glänzte. Da es zwischen diesen beiden Orten eine Flußverbindung nicht
+gab, mußte die Heilige von Arcis aus den Landweg eingeschlagen haben.
+Jedenfalls kaufte sie das Getreide, um Paris zu verproviantieren, in
+Troyes; denn dies war ja der Zweck dieser Reise. Auf dem Rückwege hielt
+sie sich einige Tage in Arcis auf. Hier gab ihr, was doch ja nicht
+zu verschweigen ist, die Frau des Tribunen, die sie auf der Hinreise
+geheilt hatte, das Geleite bis ans Schiff. Die Wasserfahrt war wiederum
+nicht ungefährlich. Es erhob sich ein starker Wind, der die Schiffe mit
+dem Getreide zwischen Felsen und Bäumen schwer gefährdete. Genovefa
+bat Christus mit erhobenen Händen um seine Hilfe, und sofort konnten
+die Schiffe ihren Kurs weiter verfolgen. So rettete Gott elf Schiffe.
+Der Priester Bessus lobte den Herrn und alle stimmten das Celeuma an,
+den Schiffergesang! In Paris verteilte Genovefa das Getreide nach der
+Dürftigkeit. Wer aber zu arm war, es selbst zu backen, erhielt von ihr
+Brot. Eine andere Reise führte sie nach Orleans. Hier heilte sie ein
+totkrankes Mädchen Claudia, die Tochter des Fraterna, und erlangte
+die Freilassung eines schuldigen Dieners, dessen Herr erst mit einem
+gefährlichen Fieber bestraft werden mußte, ehe er ihrer Bitte Gehör
+schenkte. Von hier fuhr sie auf der Loire nach Tours. Auch auf dieser
+Wasserreise beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Heilung von
+Besessenen. Ein Trupp dieser Armen, der aus der Martinskirche kam,
+begegnete ihr schon beim Hafen. Die bösen Geister schrieen, sie würden
+zwischen Martin und Genovefa durch Flammen verzehrt, und bekannten
+sich schuldig, ihr die Gefahr auf der Loire bereitet zu haben. Bei
+einer Fahrt auf der Seine trat ein Unwetter ein, sodaß das Schiff vom
+Winde gepeitscht und von Wellen fast bedeckt wurde. Als aber Genovefa
+die Augen zum Himmel gewandt mit erhobenen Händen Gott um Hilfe bat,
+änderte das Wetter sich sogleich. Für eine Nonne war nun Genovefa doch
+ein bischen viel auf Reisen. Von Epiphanien bis zum Gründonnerstag
+jedoch schloß sie sich allein in ihre Zelle ein und brachte mit Gebeten
+und Vigilien ihre Zeit zu. Eine Frau, die gern wissen wollte, was
+Genovefa in der Zelle trieb, büßte ihre Neugierde mit Verlust des
+Augenlichts. Als aber am Schlusse der Fasten die Heilige ihre Zelle
+verließ, machte sie die Unglückliche durch Gebet und Bekreuzigung
+wieder sehend. In ihrer Zelle brachte sie auch einen Knaben wieder
+zum Leben, der in einen Brunnen gefallen war und drei Stunden darin
+gelegen hatte. Dieser erhielt bei der Taufe den Namen Cellumeris, weil
+er in der Zelle der Genovefa sein Leben wieder erlangt hatte! Genovefa
+erreichte das hohe Alter von über achtzig Jahren und wurde am dritten
+Januar beigesetzt. Ueber ihren Tod und das ehrenvolle Begräbnis zieht
+es der Verfasser vor, zu schweigen, weil er Kürze liebe! Dafür erwähnt
+er zwei Wunder an ihrem Grabe. Ein Knabe Prudens wurde dort vom Stein
+geheilt, und ein Gothe, dem beide Hände gelähmt waren, weil er am
+Sonntag gearbeitet hatte, verließ gesund das über dem Grabe erbaute
+Oratorium, nachdem er die Nacht vorher dort gebetet hatte. Der rauhe
+Krieger König Chlodowech ruhmwürdigen Angedenkens hat oft aus Liebe
+zu ihr Gefangene, ja auf ihre Fürsprache hin sogar schwere Verbrecher
+losgegeben. Ihr zu Ehren hat er den Bau einer Basilika begonnen, die
+nach seinem Tode die durchlauchtige Königin Chlodechilde vollendete.
+Mit der Kirche ist ein dreifacher Porticus verbunden und Gemälde
+schmücken sie, die die Thaten der Patriarchen, Propheten, Märtyrer und
+Bekenner darstellen. So weit das »Leben der Genovefa«[195-1].
+
+Nach des Verfassers eigener und ausdrücklicher Angabe wäre die Schrift
+achtzehn Jahre nach dem Tode der Heiligen geschrieben, also gegen
+das Jahr 520. Gleichwohl deutet er nirgends an, daß er Genovefa
+persönlich gekannt habe. Gesehen hat er nur eine Reliquie von ihr, das
+Oelfläschchen, mit dem sie ihre Wunderkuren verrichtete. Ebenso sind
+seine Miteilungen an sich keineswegs derart, daß sie ihrer Natur nach
+Glauben erwecken. Es mangelt durchaus das solide Gerüst, das in einer
+wirklich auf persönliche Erinnerung zurückgreifenden Memorie auch
+bei dem zweifelhaftesten Detail nie fehlen wird. Fleischstücke ohne
+Skelett geben keinen Körper und auch die ausgetifteltsten Anekdoten
+bringen kein glaubwürdiges Lebensbild zu Stande, wenn es im Uebrigen
+an einem straffen innern Zusammenhang gebricht. Ueberdies sind dem
+Verfasser einige schwere Versehen passiert, so wenn er Arcis am
+Aube zwischen Paris und Troyes gelegen sein läßt. Am bedenklichsten
+aber ist es, daß er sich für einen jüngeren Zeitgenossen seiner
+Heldin ausgiebt, während er nachweislich sich an Schriftstellern des
+ausgehenden sechsten Jahrhunderts genährt und nach andern untrüglichen
+Anzeichen überhaupt erst im achten Jahrhundert gelebt hat. Er ist
+also, litterarisch gewertet, einer von den frommen Fälschern, die zu
+Anfang der karolingischen Zeit im Frankenreich massenhaft zu werden
+pflegen, und zwar ist er der geriebenen einer. Ob er jedoch den Inhalt
+insgesamt rundweg erfunden hat, ist eine andere Frage. Vielleicht thut
+man ihm auch mit dieser Vermutung noch zu viel Ehre an. Selbst wenn
+das Genovefagrab nur ein städtisches Heiligtum war und von auswärts
+sich keines großen Zuspruchs erfreut haben sollte, es war doch die
+heimatliche und centrale Kultstätte des Volkes von Paris und Umgebung.
+Und ein Wallfahrtsort dieses Ranges kann schwerlich ohne seine eigene
+Sage geblieben sein, ohne eine so oder anders fixierte Darstellung
+dessen, was an diesem Orte eigentlich geglaubt und verehrt wurde.
+Wenn auch nur in mündlicher oder schriftlich rudimentärer Form mag
+der Verfasser die wichtigsten Anhaltspunkte für seine Mitteilungen
+also vorgefunden, dann aber allerdings in einer unverantwortlichen
+Weise für seine Zwecke benutzt und vergewaltigt haben. Aber auch seine
+Unverfrorenheit vermochte seinem Stoffe den ihm anhaftenden Reiz
+nicht vollständig zu benehmen; zeigen sich doch an der Genovefa von
+Paris Züge reiner Heiligenlegende, die, auf der Erfahrung des Volkes
+beruhend, dann eben auch sein Erzeugnis und sein Eigentum zu heißen
+das Recht haben. Genovefa ist vor allen Dingen Korn- und Flußheilige
+genau wie Verena. Ihre Herrschaft über die Elemente giebt ihrem Bilde
+seinen eigentlichen Charakter: sie sorgt für sichere Schiffahrt und
+wendet das drohende Gewitter von der Ernte ab. Wenn immer möglich,
+geht sie auf Reisen und ist Nonne nur, so scheint es fast, um diesem
+Postulat einer Heiligen wenigstens durch das Minimum der Askese während
+der Fastenzeit nachzukommen. Im Uebrigen tritt sie sehr mann-weiblich
+und riesenjungfräulich auf, wenn sie, als wäre sie mindestens
+Maire von Paris, die Stadt während der Belagerung im großen Stile
+verproviantiert, wenn sie ferner dem für sie schwärmenden Frankenkönig
+mir nichts, dir nichts schwere Verbrecher frei verlangt, wenn sie
+endlich jede unbeträchtliche Regung eines andern Willens selbst des
+mütterlichen, oder einen Anflug harmloser Neugier im Handumdrehen mit
+den denkbar härtesten Körperstrafen zu rächen pflegt. Sie enthüllt
+sich damit als die echte Schwester von Verena, der Gauheiligen des
+Aarethales, hinter der sich eine ehemalige Stammesgöttin der Alamannen
+verborgen hat. Alles drängt darauf hin, in Genovefa, der fränkischen
+Nationalheiligen, das christliche Nachbild der weiblichen Gottheit zu
+erkennen, die, reiselustig wie sie geblieben ist, einst die Franken
+auf ihren Zügen begleitete und darnach bei den Saliern um oder in
+Paris sich niedergelassen hat. Ein großer Unterschied bleibt jedoch
+zwischen der Alamannenfreia und der fränkischen Walküre. Während
+Verena nur schlecht verschleiert unter die christlichen Heiligen
+gegangen ist, unterzog sich die Frankengöttin einer eigentlichen
+Seelenwanderung, indem sie sich mit einer geschichtlichen Heiligen
+verband. Von dieser wissen wir freilich nicht mehr, als daß sie gelebt
+hat und gestorben ist; aber für unsern Fall ist es alles, was wir zu
+wissen brauchen. Höchstens sind in die Legende vereinzelte für uns
+nun nicht mehr unterscheidbare Züge aus dem bescheidenen Leben der
+Nonne mit untergelaufen. Ein leiser Zweifel läßt sich ja allerdings
+angesichts der Dürftigkeit dieser Angabe nicht unterdrücken; es wäre ja
+schließlich denkbar, daß die fränkische Königskirche, über Genovefas
+Grabe errichtet, eben nur den ehemals heidnischen, vielleicht von
+Nanterre in die Stadt verpflanzten Kult der fränkischen Freja für
+das Christentum mit Beschlag belegen sollte. Doch dürfen wir nicht
+klüger sein wollen, als unser Gewährsmann und nehmen daher an, eine
+gottesfürchtige als heilig verehrte Frau, die obwohl vorfränkische
+Christin, doch einen deutschen Namen trug, liege auf dem nach ihr
+benannten alten Stadthügel von Paris begraben mit dem Schicksal,
+ihr eigenes anspruchsloses Andenken an die Vorstellungen von einer
+germanischen Göttin verloren zu haben.
+
+Anhangsweise muß hier auch der deutschen Genovefasage des späteren
+Mittelalters gedacht werden. Die Pfalzgräfin Genovefa von
+Brabant[196-1] hat mit der viel ältern französischen Namensschwester
+nur eben diesen Namen gemein. Aber in Dingen der Legende bedeutet das
+bereits halbe Verwandtschaft. Als Kind einer so viel späteren Zeit
+nimmt diese andere Genovefa eben an dem neuen Typus weiblicher Heiligen
+teil, der in der Blütezeit mittelalterlicher Dichtkunst in Westeuropa
+sich ausgebildet hat. Die mythischen Anflüge verblassen und machen
+einem menschlichen Ideale Platz. So trägt denn diese späte Genovefa
+keine Spuren vom übermenschlichen Hünenweibe mehr an sich; sie ist
+der Gemeinschaft der Heidengöttin entrückt, zum rührenden Urbild der
+verfolgten weiblichen Unschuld erniedrigt oder erhoben, wie man es nun
+nehmen will.
+
+Die merowingische Zeit hat dann gegen ihr Ende hin eine andere Heilige
+hervorgebracht, an der sich die Verbindung einer geschichtlichen
+Persönlichkeit mit einer weiblichen Gestalt aus der germanischen
+Götterwelt weit deutlicher erkennen läßt, als an der so gut wie
+unbekannten Genovefa von Paris: Gertrud, ein edles Mädchen aus dem
+fränkischen Großengeschlecht der Arnulfinger, dem Stammhause der
+karolingischen Dynastie. Sie wurde im Jahre 626 geboren. Ihr Vater war
+der erste Pippin, die Mutter hieß Itta. König Dagobert wollte sie mit
+dem Sohne des Herzogs von Austrasien verloben, sie widersetzte sich
+aber. Dann starb ihr Vater, als sie vierzehn Jahre alt war. So zur
+Wittwe und Waise geworden, suchten Mutter wie Tochter in gottgefälligem
+Werk und Wandel ihren Trost, indem Itta auf den Rat des Bischofs
+Amandus das Kloster von Nivelles gründete, Gertrud dagegen den Schleier
+nahm und der mütterlichen Stiftung als deren erste Aebtissin vorstand.
+Sie faßte ihren Beruf ernst auf und studierte Theologie, soweit es nur
+immer in ihren Kräften stand; und zwar setzte sie sich dabei ebenso mit
+der römischen als mit der irischen Schule auseinander. Im Jahre 652
+starb ihre Mutter im Alter von sechzig Jahren zu Nivelles und wurde
+daselbst in der Peterskirche beigesetzt. Da fand Gertrud, sie werde
+durch die Klosterleitung zu sehr in Anspruch genommen und betraute mit
+den häuslichen Geschäften Nonnen, mit den öffentlichen Mönche. Sie
+selbst widmete sich von nun an ausschließlich ihrer eigenen geistigen
+Bildung und brachte es zu einer fast wörtlichen Kenntnis der ganzen
+Bibel, sowie zu einer ungewöhnlichen Fertigkeit der allegorischen
+Auslegung. Daneben ließ sie Kirchen und andere Gebäude zu geistlichem
+Zweck errichten und war immer bei der Hand, wo es galt, die Not der
+Armut zu lindern. Als ihr Leben zur Neige ging, befragte sie Mönche und
+Nonnen um ihre Wünsche in betreff der künftigen Aebtissin und setzte
+dann ihre Nichte Wulfetrude, die Tochter des Majordomus Grimoald,
+die sie sich herangezogen hatte, im Dezember 658 in ihre Nachfolge
+ein. Drei Monate später, als sie sich in der Härte der geistlichen
+Uebungen nichts nachgelassen hatte, ließ sie einen fremden Mönch im
+Kloster zu Fosses anfragen, wann sie sterben werde. Die Prognose auf
+den morgenden Tag traf zu. Sie starb, erst dreiunddreißig Jahre alt,
+in der sechsten Stunde, an einem Sonntag. An einem Mönche von Nivelles
+fand sie einen zeitgenössischen und zuverlässigen Verfasser ihres
+Lebensbildes, einer Memorie im besten Sinn; denn er kann sich auf
+ihm zu teil gewordene persönliche Mitteilungen der Heiligen berufen
+und hat auch ältere Thatsachen, wie die Weigerung der Heirat, von
+unantastbaren Gewährsmännern bezogen. Er schrieb ums Jahr 670. Neben
+dieser litterarischen Verewigung sorgten die am Grabe und sonstwo
+durch Gertrud bewirkten Wunderthaten für den Ruhm ihres Namens, dessen
+Verehrung namentlich bei den Mainfranken und bei den Friesen früh
+in Aufschwung kam und nach den besten Quellen mit den Anfängen des
+Christentums im eigentlichen Deutschland aufs engste verknüpft ist.
+
+Die hochgeborene Klosterfrau trug indessen den heidnischen Namen einer
+germanischen Walküre. Keretrud ist die Speerjungfrau, die den Gegner im
+Waffenkampfe niedertritt; noch heute bezeichnet das Wort Trude die den
+Schläfer auf die Brust tretende Nachtmare, den im Traum reitenden Alp;
+der Trude ist der fünfeckige Trudenfuß eigen, dessen Mißgestalt aus
+dem Schwanenfuße der geflügelten Walküre entstanden ist. Außer der im
+Namen gewährten Disposition zur Aufnahme heidnischen Inhaltes lag wohl
+auch eine zweite, lokal und kultisch vermittelte vor. Vielleicht war
+Nivelles, dessen alte Bezeichnung Nivialcha durch merowingische Münzen
+festgestellt ist, ein wichtiges Heiligtum etwa der Nehelennia, der
+deutschen Isis mit dem keltischen Namen. Diese Göttin hatte das Schiff
+zu ihrem Symbol, und in der That hat das Trinkgeschirr, mit dem Gertrud
+abgebildet wird, die Gestalt eines Schiffes. Außerdem sieht man sie
+in den Darstellungen gelegentlich spinnen, auf einem Wagen fahren, ja
+selbst zu Pferde. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges
+Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt.
+Auch Gertruds Beziehungen zur Natur deuten auf mythische Züge. Der
+17. März ist Gertrudentag und zugleich Frühlingsanfang. Ihre Vögel,
+der Specht und der Kuckuck, sind Frühlingsvorboten. Ebenso hat die
+Schnecke, das Tier der Jahresfruchtbarkeit und der Lebensdauer,
+in Gertruds Dienst gestanden, und ihr besonderes Gefolgstier, die
+Maus, zieht am Gertrudentag vom Haus aufs Feld. Aber die nächtlich
+wühlende Maus kündet mit ihrem Erscheinen nicht blos die Reife der
+Saat, sondern auch Mißwachs, Seuche und Tod an; Gertrud selbst wird
+Allerseelenherrin; auch sie erscheint als weiße Frau, ja sogar als
+weiße Maus. Nach älterem Kirchenglauben haben die Abgeschiedenen
+ihre erste Station bei Sankt Gertrud und zwar nehmen die den Körper
+verlassenden Seelen die Gestalt von Mäusen an. Um den Scheidenden eine
+gute Herberge jenseits zu sichern, trank man ›Gertrudenminne‹, wie
+man einst aus der Kufe das gesottene Bier zu Wodans oder Frejas Liebe
+trank. Die der Kornmaus dargebrachten Ernteopfer leben noch heute
+in der ›Mäusenudel‹ nach. Dieses Mehlmäuslein, das die oberdeutsche
+Bäuerin mit dem ersten Frühlingsbeginn anfertigt, ist in Butter um ein
+Salbeiblatt gebackener Eierteig, aus dem der Blattstiel gleich einem
+Mausschwänzchen vorsteht.
+
+
+2.
+
+Genovefa und Gertrud sind, als Geschichtsheilige, doch Ortsheilige. Sie
+sind dort verehrt worden, wo sie gelebt haben; höchstens wäre möglich,
+daß sich ihr Andenken einem bereits bestehenden heidnischen Kultus
+gefügt hat. Jedenfalls hat sich der Uebergang vom geschichtlichen zum
+mythischen Namensträger auf dem Platz vollzogen, ohne daß der Wechsel
+zugleich von einer Verpflanzung begleitet war. Anders bei Sankt Oswald.
+Er ist Wanderheiliger und doch eine geschichtlich scharf umrissene
+Persönlichkeit.
+
+Oswald, der Sohn König Ethelfrids von Northumbrien, wurde im Jahre 604
+geboren. Als nach des Vaters Tode Edwin sich der Krone bemächtigte,
+mußte sich Oswald mit seinen Brüdern zu den Schotten flüchten.
+Dort nimmt er das Christentum an. Nach Northumbrien zurückgerufen,
+besiegte Oswald bei Deniesburna den König Kedwalla, bemächtigte sich
+der Herrschaft im Jahre 635 und brachte es dahin, daß sich das ganze
+Brittenvolk taufen ließ. Er suchte das durch Eanfred und Osric wieder
+eingeführte Heidentum mit aller Macht zu verdrängen und gründete ein
+Bistum auf Lindesfarn, einem Eilande an der Küste von Northumbrien.
+Der Schotte Aidan, Oswalds Lehrer, ward als Bischof berufen. Im Jahre
+636 vermählte sich Oswald mit der Tochter des westsächsischen Königs,
+die samt ihrem Vater von dem Priester Birin in Oswalds Gegenwart kurz
+vorher getauft worden war. Sie gebar Oswalden im Jahre 637 einen Sohn
+Ethelwald. Bald darauf verheerte eine Seuche Northumbrien. Der fromme
+König betrachtete dies als eine Strafe eigener Sünden, weinte und
+betete. Bald wurde er selbst von Krankheit ergriffen und war dem Tode
+nahe. Da erhob er seine Augen gen Himmel, und regte seine Lippen, als
+ob er mit jemanden spreche. Als er sich erholt hatte, versicherte er
+hellleuchtende Engel gesehen zu haben, von denen ihm drei die Palme
+des Märtyrertums verhießen. Auch Tod und Todesstunde hatten sie ihm
+bezeichnet. Seit dieser Stunde lebte Oswald noch frömmer als vorher,
+theilte reichlich Almosen aus, bereute seine Sünden und gelobte nebst
+seiner Gattin jeder Weltfreude zu entsagen. Am fünften August 642 fiel
+Oswald, erst achtunddreißig Jahre alt, im Kampfe gegen Penda, den König
+der heidnischen Mercier. Die Schlacht war bei Maserfeld geschlagen.
+Oswald wurde als Märtyrer verehrt. Auf seinem Grabe geschahen Wunder.
+
+Dieser geschichtliche Oswald hatte Anspruch auf einen doppelten
+Nachruhm; denn er war Held und Märtyrer zugleich. Kirche und Vaterland
+mußten ihm in gleichem Maße dankbar sein. Ein König, der von der
+Bedeutung des Christentums durchdrungen ist, sucht es in seinem
+Reiche zu verbreiten und fällt im Kampfe für seinen Glauben auf dem
+Schlachtfeld. Das Andenken an ihn hat sich demnach begreiflicherweise
+gespalten; die eine Hälfte ist in der nationalen Heldensage, die
+andere in der kirchlichen Heiligenlegende aufgegangen. Jene hat zum
+Merkmal abenteuerliche Seefahrten, diese einen Raben. Es gab eine
+alte, für sich bestehende Sage von einer gefahrvollen und zauberhaften
+Brautwerbung; der Held wurde von den Verwandten seiner Frau umgebracht.
+Diese Sage fand in verschiedenen deutschen Stämmen Liebhaber: bei den
+Gothen war es Otnit, bei den Franken der hörnerne Siegfried, bei den
+Angelsachsen Oswald. Und dann erst bemächtigten sich die Normannen
+der Sage und versahen sie mit der großen Meerfahrt, die aus ihrem
+eigenen Leben entlehnt war. So entstand im zwölften Jahrhundert das
+Gedicht von Sankt Oswald[200-1]. Obwohl diese Bestandteile alle in
+andere Länder deuten, ist die eigentliche Heimat der Oswaldlegende doch
+sozusagen ausschließlich Deutschland; außerhalb ist sie kaum bekannt.
+Aber diese Popularität ruht auf kirchlicher Unterlage, insofern Oswald
+seit den ältesten Zeiten im deutschen Alpengebiet ein vielgefeierter
+Heiliger war. Besonders in Tirol ist er eine Art Stammpatron geworden,
+und zwar schon frühe. Spuren von alten Oswaldgotteshäusern deuten
+bis an die Grenze der Merowingerzeit zurück. Durch die ständige
+Verbindung zwischen jenen Gegenden und dem brittischen Inselreich
+in jener Zeit ist die überraschend schnelle Verpflanzung des Kultus
+binnen eines Jahrhunderts nicht unverständlich, um so weniger,
+sobald sich nun auch hier die Ueberzeugung beigesellt, daß der neue
+christliche Dienst einen alten heidnischen abzulösen hatte. Von den
+tirolischen Oswaldheiligtümern ist die Kapelle am Ifinger weitaus das
+berühmteste. Hoch an diesem Granitgebirge, wo jede Vegetation schon
+endet, liegt ein kleines von allen Seiten umschlossenes Thal; seine
+Bildung deutet auf einen ehemaligen Gebirgssee. Die ärmliche Kapelle,
+die dort steht, ist gewöhnlich geschlossen und wird nur geöffnet, um
+die jährlichen Pilgerzüge aus Hafling oder Schönna zu empfangen.
+Das Volk lebt des Glaubens, droben im Bergthale, in den Felsklüften
+und nah dem ewigen Schnee, spende Oswald seine Gnade am liebsten. Wo
+jetzt die Kapelle steht, erzählt man sich, wurde vor Alters in den
+dichten Alpenrosenhecken von Hirten Oswald Bild gefunden; man trug
+es nach Schönna hinunter und stellte es in der dortigen Kirche auf.
+Doch siehe, kaum war die Nacht angebrochen, so stieg Sankt Oswald
+leuchtend aus der geschlossenen Kirche empor und ritt dem Ifinger
+zu, wo man ihn tags darauf wieder unter den Alpenrosen fand. Später
+bekam das Bild seinen Standort in der alten Kirche Katharina in der
+Schart zu Hafling, wo es sich noch heute befindet und nur mit den
+Prozessionen jedesmal in die Kapelle hinaufgetragen wird. Es ist
+eine meterhohe Statue: ein König hoch zu Roß, auf seinem Scepter ein
+Rabe. Eine alte Freske im Dorfe Tartsch gibt den heiligen König zu
+Fuß, in der rechten das Scepter, in der linken einen Aufsatz, darauf
+ein Rabe, den Ring im Schnabel. Dieses Bild zeigt den üblichen fast
+auf allen Darstellungen wiederkehrenden Oswaldtypus zum erstenmal.
+Im Mund des Volkes heißt der Heilige ›Oswald‹, ›Aswald‹, ›Oanswald‹,
+›Uanswald‹, ›Gaswald‹ und, als der mächtigste ›Wetterherr‹, heißt er
+denn auch häufig schlechtweg so. Vorzüglich der Hagel liegt in seiner
+Hand. Leicht ist er beleidigt und rächt sich an den Saaten. Die Bauern
+wissen wohl, warum sie jedes Jahr zu ihm hinaufgehen; so oft sie es
+nicht thaten, schlug er ihnen alles Getreide zusammen. Statteten
+sie ihm aber ihren Besuch ab, so war auch er freundlich. »Ja, ja«,
+sagten sie dann, »den Kindern und den Heiligen ist nicht gut etwas
+versprechen, sie mahnen einen immer.« Ein anderer Gebrauch eröffnet
+uns in das Wesen des Oswalddienstes noch einen tieferen Blick. Wenn
+in Niederbayern Roggen oder Weizen ganz abgeschnitten ist, bleibt
+auf dem letzten Acker der letzte Büschel stehen, am liebsten in der
+Nähe des Weges, wo er von den Vorübergehenden gesehen werden kann.
+In die Mitte dieses Büschels wird ein Stab gepflanzt, dann werden
+die stehen gebliebenen Aehren mit noch andern abgeschnittenen so um
+den Stock gebunden, daß eine menschenähnliche Figur daraus wird. Die
+stehen gebliebenen und beigebrachten Aehren mit dazwischen gesteckten
+Feldblumen werden so gebunden, daß Kopf und Hals entsteht. Dabei sind
+je drei Halme zusammengeflochten; mehrere dieser Zöpfe zusammengenommen
+bilden die Arme der Figur, die beide Hände auf die Hüften stützt. Ein
+Gürtel trennt den obern Teil des Körpers von dem untern; das lange
+Kleid bilden die stehen gebliebenen Halme. Diese Figur heißt man:
+»Der Aoswald«. Während die Bursche den Aoswald machen, sammeln die
+Mädchen die schönsten Feldblumen und schmücken ihn damit. Dann knien
+alle im Kreis herum und beten: »Heiliger Aoswald, wir danken Dir, daß
+das Getreide wieder gewachsen ist und daß wir uns nicht geschnitten
+haben.« Nach dem Gebete wird nun dem Aoswald ein Walzer getanzt, wenn
+möglich zum Schall einer Klarinette oder Schwegelpfeife. In einigen
+Gegenden Niederbayerns wird der Aoswald nicht mehr mit dieser Sorgfalt
+gemacht. Die Schnitter lassen einige Aehren stehen, binden sie
+zusammen und schmücken sie mit Blumen. Sie knien herum und verrichten
+ein Dankgebet. Einige machen mit der rechten Hand, ohne die linke zu
+gebrauchen, aus den drei stehengebliebenen Halmen einen Knoten und
+zieren ihn mit Blumen. Man sagt dabei: »Das ist für den Aoswald«. Der
+Aoswald ist aber allgemein auch unter der Bezeichnung Nothalm bekannt.
+Alle diese und ähnliche Gebräuche sind nichts anderes als uralte
+Dankopfer, die dem Oswald, als dem Herrn der Feldfrüchte, dargebracht
+werden. Auch Oswaldsquellen fehlen nicht. Der Jungbrunnen bei Sankt
+Oswald macht frisch und gesund, heißt es im Tirol. Ein sehr begangener
+Wallfahrtsort ist das Oswaldsbrünnlein im bayrischen Walde; eine andere
+Lokalsage erzählt: Heidenheim, Anhausen und Heilbronn wurden von drei
+Geschwistern erbaut, Heidenheim von der heiligen Walpurgis, Anhausen
+vom heiligen Oswald, Heilbronn vom heiligen Willibald. Diese drei
+Heiligen reisten miteinander und hatten einen Esel bei sich, der die
+Quellen fand. Oswalds Tier dagegen ist der Rabe, sein unzertrennlicher
+Begleiter. Die Alpenrosen, in denen einst sein Bild verborgen war,
+heißen in Tirol Donnerrosen oder Oswaldsstauden.
+
+Es gibt keine zweite Gestalt der Heiligenlegende, an der der verkappte
+Wodan deutlicher und unmittelbarer zu Tage tritt, als an Oswald. Er war
+auch durch Name und Stand auf das allergünstigste für diese Verkleidung
+eingerichtet. Das englische Oswald entspricht dem hochdeutschen
+Answalt. Der geschichtliche Held hieß somit das, was Wodan war: Walter
+der Asen. Und außerdem war jener das, als was dieser gedacht wurde:
+ein König. Die Identität beider Gestalten in der Legende läßt sich an
+einigen Berührungspunkten deutlich feststellen. Nach dem Volksglauben
+muß Oswald einen Raben um sich haben; der Rabe der Oswaldlegende ist
+ein weiser Vogel, er ist der Ratgeber des Königs, er wird als kluger
+Werber ausgesandt, ohne ihn kann der König das Angestrebte nicht
+erreichen. Der Rabe sitzt Oswald entweder auf dem Szepter oder auf
+einer Schulter. Auch dem Wodan saßen zwei Raben auf den Schultern und
+waren auch ihm Boten und Ratgeber. Er sendet sie jeden Tag aus, die
+Zeit zu erforschen, sie bringen ihm Kunde und raunen ihm ins Ohr,
+was sie gesehen und gehört haben. Durch die Raben wird Wodan erst
+allwissend und daher auch kurzweg Rabengott genannt. Die Oswaldquellen
+führt die Legende auf einen Schwertstoß in die Steinwand zurück,
+worauf der dicke Wasserstrahl hervorgerauscht sei und die mythische
+Eigenschaft besaß, ein Jungbrunnen zu sein. Die Gleichheit Oswalds
+und Wodans offenbart sich nun unzweifelhaft an ihrer Herrschaft
+über das Wetter; die verehrte Wodansgarbe ist, um den Untergang zu
+überdauern, zum Oswaldsopfer geworden. Und als der alte Asenkönig,
+der einst im Thal verehrt wurde, dem Gott der Christen weichen
+mußte, flüchtete er sich aus der Niederung in die Abgeschiedenheit
+der Berge. Oben in der Einsamkeit bestand sein Dienst fort. Wodans
+Bild wurde in den Alpenrosen gefunden und sollte künftig Oswalds
+Bild im Thale sein. Aber aus der Kirche von Schönna ritt er nachts
+lichtstrahlend fort, wie er auch sonst oft den Ritt in dunkler Nacht
+liebte, als Schimmelritter, als Hackelberg, als himmlischer Fuhrmann
+oder als Rodensteiner[203-1]. Ob nun aber diese Verbindung mit Wodan
+sich schon in England eingestellt hat, oder erst in Oswalds zweiter
+Heimat in Tirol und Baiern, wer vermöchte das bei der unsteten Natur
+aller in Betracht kommenden Bestandteile noch heute zu entscheiden.
+Und ebensowenig wird noch zu wissen sein, ob Wodan, dessen Bild in
+Oswald sich immerhin unverkennbar ausprägt, ohne Konkurrenz in dieser
+christlichen Verkleidung verborgen ist. Es mag erinnert werden, daß der
+Oswald eigene Zug der Milde eine Eigenschaft des älteren Himmelsgottes
+ist und daß auch die Verehrung seitens der Schnitter auf jenen deutet.
+Doch kann gerade diese Uebertragung eben durch die Vermittlung der
+Wodansvorstellnng erfolgt sein.
+
+
+3.
+
+Kehren wir von den Grenzländern im Osten nach Frankreich zurück, so
+finden sich da keinerlei mythische Wucherungen der Heiligenlegende.
+Nicht etwa weil es den Franken an Phantasie und Einbildungskraft
+mangelte. Aber sie schöpfen entweder aus der Geschichte, aus ihrer
+eigenen Vergangenheit, so in der Nibelungensage, die in ältester
+Gestalt bei ihnen entstand, oder sofern sie mythische Stoffe
+aufnehmen, aus der neuerschlossenen Kultur und übernahmen jene in
+dichterisch abgeleiteter Form vom Bestande der antiken Poesie, so
+in der Sage von Wieland dem Schmied. Zu mythischer Produktion aber
+findet sich bei ihnen nirgends die leichteste Anwandlung. Sie waren
+zu sehr realistisch, zu sehr ein Volk der That, um sich beschaulich
+an die Natur zu verlieren. Die Lust zum fabulieren, die bei ihnen,
+dem jungen lebensfrischen Volke, nicht fehlte, war ausschließlich
+episch beschaffen; keine alte Göttersage ist auf geschichtliche
+Verhältnisse übertragen, alles bleibt auf menschlichem Boden[203-2].
+Und so entspricht es denn nur diesem fränkischen Stammescharakter,
+wenn auch ihre Heiligenlegende in keinem organischen Zusammenhang
+mit dem heidnischen Götterglauben steht. Die Fortbildungen über die
+geschichtliche Ueberlieferung hinaus, ohne die eine inbrünstige
+Verehrung heiliger Dinge undenkbar ist, verliefen daher durchaus im
+Bezirke der Wirklichkeit. Berührungen mit der Götterwelt, sei es
+der eingeborenen keltischen oder der durch die Franken importierten
+germanischen, waren nicht zu vermeiden, da ja die Heiligen eben jene
+Götter verdrängen und ersetzen sollten: so haben wir an der Genofeva
+von Paris unverkennbare Spuren des Mythus wahrgenommen und werden
+solche noch deutlicher beim heiligen Julian wiederfinden. Aber trotz
+alledem handelt es sich höchstens um einen Austausch an der Grenze. Dem
+Wesen nach bleibt die fränkische Heiligensage der Göttersage fremd, wie
+nun an den fränkischen Volksvorstellungen von Sankt Martin des näheren
+erwiesen werden soll, allerdings nur zur Ausnahme an alten Zeugnissen;
+im ganzen handelt es sich um mittelalterliche Anschauungen, die aber
+bei dem Beharrungsvermögen gerade der Volksgedanken und -Gebräuche
+recht wohl weit höher hinaufreichen mögen, als sich heute noch
+bestimmen läßt.
+
+Der französische Martin unterscheidet sich von dem geschichtlichen
+zunächst nur durch die Steigerung und Erweiterung der Lebensgeschichte,
+ohne sich sprunghaft davon zu entfernen oder die Erzählung in einer
+ganz anderen Vorstellungswelt fortzusetzen. Ihre Bereicherung der
+Martinsgeschichte über die Memorie und die Gregorische Forschung hinaus
+besteht zunächst nur in einigen ergänzenden Episoden, die, wenn man
+nicht näher zusieht, Wahrscheinlichkeits halber eben so gut geschehen
+sein können[204-1]. Im zwölften Jahrhundert wurde von Tours aus die
+Sage in Umlauf gesetzt, Martin habe auf der Rückreise von Rom über
+den großen Bernhard dem Kloster Saint Maurice im Wallis einen Besuch
+abgestattet, und da keinerlei Reliquien mehr erhältlich waren, haben
+auf sein Gebet hin die Blumen des ehemaligen Schlachtfeldes plötzlich
+rosaroten Tau von dem einst blutgetränkten Boden aufgesogen; den habe
+Martin in Phiolen gesammelt und von diesen kostbaren Reliquien ein
+Fläschchen in Tours, ein anderes in Angers und ein drittes in Candes
+deponiert, ferner dehnte sich das Missionsgebiet, das geschichtlich
+als Martins Wirkungskreis bezeugt ist und außer wenigen Reisen nach
+Nordosten die Marken der Diözöse Tours kaum überschritt, in der Sage
+beträchtlich aus. Von Italien nach seiner späteren Heimat im Herzen
+Galliens und von hier nach Trier — diese beiden Reisen, zweimal
+unternommen, sind indessen nach Severus die einzigen, die ihn nach
+seiner Bekehrung aus der Touraine hinausgeführt haben. In Paris, wo
+wir ihn einmal finden, kann er sich auf dem Wege nach Trier aufgehalten
+haben. Dem gegenüber will es nun aber die spätere französische Sage
+nicht anderes haben, als daß Martin nicht etwa nur durch seinen
+Einfluß nach seinem Tode sondern durch seine Anwesenheit schon bei
+Lebzeiten der Apostel von ganz Gallien gewesen sei. Am ehesten mag
+Martin noch in den seine Diöcese unmittelbar nördlich begrenzenden
+Landschaften, in der Vendôme und in der Umgegend von Chartres wirklich
+missioniert haben. Aber schon für seine Anwesenheit in der Maine und
+Le Mans selbst fehlen sichere Spuren und gar in der Normandie ist
+er nie auch nur entfernt gewesen, mögen nun die Lokalsagen dieser
+Gegenden davon soviel berichten als sie wollen. Ob dann die vielfach
+eine fortlaufende Linie bildende Reise von Martinsortschaften in
+der Richtung von Paris nach Reims und von Reims nach Trier durch
+Luxemburg, mit irgendwelchem Andenken an die von Martin eingehaltene
+Reiseroute zusammengebracht werden dürfen, muß ebenfalls dahingestellt
+bleiben. In Flandern erhebt das Dorf Phalemgie bei Lille und ebenso
+Cysoing den Anspruch, von Martin bekehrt worden zu sein. Ueberdies
+geriet in Belgien dann Martins Andenken mit dem angeblich im Jahre
+276 verstorbenen durchaus sagenhaften Bischof Martin von Tongern
+in Collision. Besser steht es vielleicht mit den Behauptungen der
+südöstlich von Tours gelegenen Teile Galliens, da wenigstens für die
+Auvergne der sorgfältige Gregor Martins Besuch am Grab der Vitalina in
+Arthonne bei Riom berichtet[205-a]. Durch Savoyen und Burgund kann er
+ferner auf der Reise von Italien her gekommen sein; ganz unglaublich
+dagegen ist seine angebliche Missionsarbeit in der Centralschweiz.
+Nicht weniger begierig auf den Ruhm von Martins Anwesenheit erwies sich
+Südfrankreich, wofür jedoch höchstens Vienne in der Grabschrift einer
+Christin einen einigermaßen prüfenswerten Anhaltspunkt aufzuweisen
+in der Lage ist. Ja sogar das Concil von Saragossa im Jahre 380 soll
+Martin besucht haben, und wäre dann also sogar in Spanien gewesen.
+In allen diesen Bestrebungen, Martins irdische Wirksamkeit überall
+da nachträglich zu lokalisieren, wo seine Verehrung in Blüte stand,
+erkennen wir eine parallele Erscheinung zu den Gründungssagen
+fränkischer Bistümer und können daher von Legendenzügen reden, die
+von Tours aus sich mehr oder weniger durch ganz Frankreich erstreckt
+und die Lokaltraditionen, wo sich nur irgend eine Disposition fand,
+für Martin in Beschlag genommen haben. Die Folge davon war nichts
+geringeres als die Erhebung Martins zum Nationalheiligen Frankreichs.
+Selber ein alter Kriegsmann, wurde er nun vor allem der Patron der
+französischen Waffen. Schon die merowingischen Könige ließen sich
+Martins Mantel in die Schlacht nachtragen. Später wurde er der Herr
+der Reiter und der Reisenden; an der Thür einer Martinskapelle, an
+der man vorbeiritt, eines der Hufeisen als Votivgeschenk anzunageln,
+war ein verbreiteter Brauch. Hatten diese Seiten von Martins heiliger
+Schutzherrschaft noch in Martins Lebensgeschichte ihren unverkennbaren
+Rückhalt, und ist es auch durch die Mantelepisode des fernern genügend
+begründet, wenn Schneider und Tuchhändler des Mittelalters ihre
+Gilde in Martins Obhut befahlen, so findet dagegen sein Patronat
+über die Gastwirte und jede Art von Weingewerk keine einleuchtende
+biographische Erklärung. Immerhin ist diese Beziehung alt; schon
+im sechsten Jahrhundert verehrte man bei Tours einen Weinstock als
+von Martin gepflanzt[206-a], und wandte sich ein armer, durstiger
+Fährmann, der an Epiphanien nicht hatte, woran sich gütlich thun, an
+Martin mit den Worten[206-b]: »O heiliger Martin, verschaffe mir doch
+heute zum Festtag ein Glas Wein, damit ich nicht allein nüchtern zu
+bleiben brauche, wenn die andern sich’s schmecken lassen«. Die Pariser
+Genossenschaft der Weinleute führte den heiligen Martin in ihrem
+Schilde mit den Spezialattributen des Schlüssels und der Glocke. »Zum
+großen Sankt Martin« nannte sich in gewissen Gegenden Frankreichs
+jedes andere Wirtshaus. Aber auch der Gunst der Gäste erfreute sich
+Martin, an so ziemlich allen Wechselfällen eines fröhlichen Zechers
+ist sein Name im französischen hangen geblieben; sich etwas leckeres
+zu Gemüte führen heißt _faire la Saint-Martin_; über den Durst trinken
+_martiner_, der Rausch _le mal de Saint Martin_. Daß diese französische
+Vorstellung unter Einwirkung der germanischen Martinslust entstanden
+ist, sei es nun durch Entlehnung, sei es durch Einwirkung des deutschen
+Elements im fränkisch-französischen Blut, mag angenommen werden. Doch
+war dies immerhin nur der Martin der städtischen Gilden. Sankt Martin,
+wie sich ihn im alten Frankreich die Bauern aus der freischaltenden
+Einbildungskraft des Volkes herausdachten, ist vor allem, was er auf
+Erden in der That gewesen war, der unermüdliche Arbeiter, der nicht
+Rast noch Ruhe kennt. Immer befindet er sich unterwegs, und immer hat
+er es eilig, bald bindet er sein Pferd an einem alten halbzugeschneiten
+Glockenturm an, bald läßt er den Fuhrmann, der ihn führt, so rasend von
+dannen fahren, daß Wagen und Räder in Stücke gehen. Besonders populär
+wurden dann der Esel und der Stock des Heiligen. Schon der spätesten
+Merowingerzeit mag folgende Sage angehören[206-c]: einst wallfahrteten
+Sankt Martin von Tours und Sankt Maximin von Trier einträchtig zusammen
+nach Rom. Martin ist gegangen Speise zu kaufen, und Maximin, der den
+Esel seines Freundes hüten sollte, war eingeschlafen. »Wo ist unser
+Esel hingekommen?« fragte Martin, als er zurückkam. Es stellte sich
+heraus, daß ein Bär jenen gefressen hatte. Man ließ nun den Bären
+kommen und hielt ihm eine Strafpredigt: »Da du so dumm warst, diesen
+armen Esel, der unser Gepäck trug, aufzufressen, wirst du nun so gut
+sein, und ihn ablösen.« Wohl oder übel mußte die Bestie gehorchen und
+trug ihnen ihr Reisebündel geduldig nach Rom. An der Martinsquelle
+von Nieuil[207-a] erzählte man sicher schon im sechsten Jahrhundert,
+hier habe der Heilige einst zu seinen Lebzeiten, einen Mann getroffen,
+der Wasser in einem kleinen Kruge trug. Martin bat ihn seinen Esel zu
+tränken, damit er weiter reiten könne; jener aber ließ ihn hart an, er
+solle zu dem Sodbrunnen gehen und selber schöpfen. Eine Frau jedoch,
+eine zweite Rebekka, entsprach dem Anliegen. Um diese zu belohnen,
+betete der Heilige an eben dieser Stelle eine lebendige Quelle aus
+dem Boden. Und bei dieser Quelle wird ein Stein aufbewahrt, wo sich
+der Huf des Esels eingedrückt hat auf dem der Heilige ritt. Unzählig
+sind nun aber die Steine, da der Heilige mit seinem Holzschuh die
+Fußspur eingedrückt hat, damals als er vor dem Teufel flüchtend in
+einem gewaltigen Sprunge über ein ganzes Thal hinwegsetzte. Zweifellos
+sind es alte Druidensteine, die diese Umdeutung erfahren haben;
+einige darunter dienen noch heute den Bauern zum Versammlungsorte,
+andere sind Schlupfwinkel für allerlei Hexenkünste geworden. Am
+besten kommt aber der leitende Gedanke von Martins Wirksamkeit, der
+gewaltige titanenhafte Ringkampf mit dem Teufel in der Sage der Insel
+Yen zum Ausdruck. Der Heilige verlangte vom Teufel, er solle ihm eine
+Brücke schlagen, vom Festland bis zur Insel auf die Entfernung einer
+Nachtreise, fünfzehn Meilen lang, damit er trockenen Fußes hinüber
+könne. Um sich Martin auf diese Weise zu verpflichten, wälzt der
+Teufel, alle Felsblöcke der Umgegend, deren er habhaft werden kann,
+ins Meer; beim Tagesgrauen bemerkt er jedoch, daß eine unbesiegbare
+Gewalt ihm zur Vollendung des Werkes im Wege stand. Um auf jene
+Martinsquellen zurückzukommen, so zählen sie im Lande herum nach
+Hunderten. Die meisten sind jedoch nicht durch bloßes Gebet entstanden,
+sondern mit dem Stocke Martins aus dem Boden geklopft. Dieser Stock
+ist so sprichwörtlich geworden, daß er durch den Namen Martins allein
+bezeichnet wird: ›_Par mon martin!_‹ war ein Kraftausdruck der
+Jeanne d’Arc und bedeutete: »Bei meinem Stecken!« »_Martin bâton!_«
+findet sich bei La Fontaine gesagt. Vielleicht schwingt auch hier
+eine dem Heiligen ursprünglich fremde mythische Beziehung mit, die
+im Namen Martin, das heißt »kleiner Mars«, angedeutet sein kann, uns
+aber unerklärlich bleibt. Ebenso mögen bei der Cappaprozession in
+Tours oder andern fränkischen Martinsgebräuchen Göttervorstellungen
+hineinspielen. Aber nicht nur da, sondern auch bei Martins Wirksamkeit
+als Wetterheiliger, von der anderswo zu reden ist, kann es sich immer
+nur um mehr oder weniger starke Entlehnungen und Berührungen, aber
+ja nicht um wesentliche Eigenschaften handeln. Dem Kern nach ist der
+französische Martin eine Verklärung des geschichtlichen Martin und
+somit reine Sage.
+
+Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein
+entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da
+haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und
+verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes
+Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem
+ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch
+von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald
+man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge
+schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun
+aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht
+deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch
+zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen
+gedacht werden[208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide,
+der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert
+gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein
+Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der
+wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank
+Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und
+Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und
+Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans.
+Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust,
+die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische
+oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu
+suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und
+deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius
+den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab.
+Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen
+und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder
+Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in
+Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher
+allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste
+Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen
+auch die mit dem Advent verbundenen Fasten _Carême de St. Martin_. Noch
+jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle
+Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die
+großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es
+sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu
+Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen
+sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch
+aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen
+und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen
+Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im
+westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben
+noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so
+ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen
+Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt
+mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen
+Welt[209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene
+Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war
+den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar
+hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding
+sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia
+von Sankt Martino steht«[209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum
+für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die
+Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt
+wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen,
+wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin
+die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind
+aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß
+Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter
+verteidige[209-2]«. Hatte das Christentum die Götter entfernt, so
+zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche
+Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der
+dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende
+mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in
+Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu
+leben.
+
+
+
+
+Zweites Buch.
+
+Das Heiligengrab.
+
+
+Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns
+gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals
+gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und
+Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß
+heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich
+bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte
+Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei
+um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem
+schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach,
+als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander
+unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht
+gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz
+andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung
+sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem
+halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.
+
+Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des
+Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus
+mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist
+das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in
+zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende
+litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der
+wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf
+die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung
+der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm.
+Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer
+aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all
+der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die
+in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und
+immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch
+dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische
+nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen
+Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten,
+wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein
+Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist
+weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz
+liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht
+hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während
+die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht
+fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig
+zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus
+jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und
+beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern
+Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte
+als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich
+statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das
+Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.
+
+Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse
+religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern,
+sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die
+Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der
+Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den
+sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem
+Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität
+mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter
+drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich
+ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um
+den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.
+
+Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen
+acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht
+so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in
+den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man
+irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe
+einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern
+Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er
+sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich
+ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die
+historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe[211-a].
+
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Der Name.
+
+
+Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert
+Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen.
+Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung
+stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum
+kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in
+gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten
+Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt
+und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen
+ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen
+Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen
+ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen
+will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde
+bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole,
+die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem
+Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem
+Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der
+sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Die Grundheiligen.
+
+
+Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche
+Provinzen[212-1].
+
+Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen
+Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit
+den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder
+südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am
+Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone,
+die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und
+Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem
+Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß
+gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige
+Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf
+der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu
+befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral
+entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte
+Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach
+Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende
+Anekdoten[212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller
+Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner
+Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich
+über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem
+Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof
+Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere
+Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe,
+schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ
+sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter
+Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den
+Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte
+man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst
+Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte
+Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände
+waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt;
+aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem
+Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter
+Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er
+unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten
+befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des
+Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener
+unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie
+habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf
+dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von
+einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner
+Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch
+lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon
+lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun
+war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern[213-a], nicht nur
+enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen
+dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar
+des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch
+nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die
+Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb,
+habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele
+Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte
+finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen
+übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun
+war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner
+Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem
+Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine
+kleine halbe Stunde nördlich der Stadt[213-b]. Dijon, die thatsächliche
+Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem
+seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des
+Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame
+namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität
+Tranquillus hinzukommt[213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits
+im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine;
+der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in
+einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen
+Sequanus sich in dessen Abtei befindet[214-a]. Einen Tagemarsch
+nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre,
+wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine
+Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums
+Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus
+zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen
+Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde
+vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des
+Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster
+Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht
+herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten
+besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons
+südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit
+der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus[214-b]. Von Macon erwähnt
+Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst
+unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus
+Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt
+eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint
+Fergeux[214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes
+finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux
+aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort
+bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem
+daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen
+Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige
+damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint
+Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch
+der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund
+von Burgund, nicht zu entthronen vermochte[214-d].
+
+Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen
+Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um
+so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von
+den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen
+indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht
+und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen
+Turoner Kirche[214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte,
+Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in
+der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich
+von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum[214-f], ebenso
+zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb:
+Venantius[215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem
+nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und
+Monegunde[215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr
+gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle
+außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes
+lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen
+Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an[215-c]. Unter dem Namen der
+heiligen Papola[215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als
+Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient
+Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von
+Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen
+Bischofs Benignus[215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den
+im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für
+seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile
+die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man
+es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines
+alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch
+mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden
+Jungfern«[215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene
+Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu
+verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen:
+»Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens
+wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig
+zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als
+nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert
+Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging,
+mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu
+weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und
+heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und
+windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht
+verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der
+Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen
+dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig
+auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der
+Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere
+nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen,
+hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich
+selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob
+das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt,
+wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé
+entdeckte Solemnis[216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine
+spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres
+dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen
+Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre
+frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen
+Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus[216-b], oder Saint Mesme
+Johannes aus der Bretagne[216-c] und Senoch[216-d]. Von den Tours
+unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt
+Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans
+Bischof Viktorius[216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin[216-f];
+in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine[216-g] und in Nantes Bischof
+Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian
+schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen[216-h].
+
+Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum
+Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von
+Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl
+schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle.
+Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus[216-i],
+der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in
+die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für
+Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche[216-k] und vielleicht
+eine Kirche des Nicetius von Lyon[216-l] außerhalb dagegen die große
+Patroklusbasilika[216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem
+einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita
+aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an
+die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan,
+wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde[216-n], und die
+Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy[216-o]. Das mit Kirchen
+schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige
+ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die
+spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter[216-p] und Saint
+Germain noch nach Sankt Vincenz[216-q] hieß, so blieb nur jenes von
+der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris
+übrig, wo Bischof Marcellus[216-r] und die Nonne Crescentia[216-s]
+in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach
+sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius[216-t] Bahn als
+des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit
+dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch
+Novigentum[217-a].
+
+Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht
+ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die
+Maximinskirche[217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln
+die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß,
+sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage
+jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum
+unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der
+Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon,
+war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das
+Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer
+meinte[217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab,
+bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt[217-d]. Etwas
+besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen«
+bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche[217-e] die
+Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris[217-f] und
+hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons
+sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus[217-g]; ob Crispus und
+Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht[217-h]
+war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war
+Lupentius oder Saint Louvent[217-i] einer, dem das Hauptheiligtum
+von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere
+Stadtpatron Memmius oder Saint Menge[217-k], ebenfalls außerhalb der
+Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um
+dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte
+als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf
+Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich
+Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl
+es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der
+Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der
+Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden,
+wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße
+aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war
+es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen
+beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides
+gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen
+Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht
+lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten
+der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den
+andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor.
+Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint
+Quentin[218-a].
+
+Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte
+zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die
+Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat[218-b]; in der
+»Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf
+dem rechten Rhoneufer[218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die,
+ferner[218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille[218-e],
+einen gleichen von Aix, namens Metrias[218-f] und sodann den Bischof
+Maximus von Riez[218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine
+über dem Grabe des Bischofs Marcellin[218-h] und das andere über dem
+der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus[218-i]. In oder bei Nizza wurde
+der Klausner Hospizius verehrt[218-k].
+
+In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel
+in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht
+besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von
+den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der
+Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen
+Namen aufzwang[218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs
+Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor
+oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben
+war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem
+Marmor[218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche
+von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des
+heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge
+des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden
+und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine
+bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt,
+mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die
+Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht[218-o]. Von einem
+andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus[218-p], erzählt Gregor,
+er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige
+Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines
+Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte
+ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch
+jährlich sein Fest begangen wird.
+
+In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über
+Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort
+aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in
+der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende
+auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab[219-a], das sich
+indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab
+eines Priesters Amabilis[219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester
+des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche
+des Antolianus[219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch
+dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz[219-c];
+ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer
+Bürgerin von Arvern[219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre
+hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem
+Archidiakonen Justus teilen[219-e], weshalb denn auch bei dieser
+Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus
+indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber
+die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen
+Lorenz[219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg
+nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie
+hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt
+zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des
+Liminius und des Nepotian mit Namen nennt[219-g]. Endlich wurde ein
+altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits
+mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie
+berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar
+vereinigt[219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht
+nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt
+sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn
+auch kleineren Landesheiligtums[219-i]. Eine Viertelstunde davon lag
+Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus[219-k].
+Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes
+Martius[219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das
+Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus,
+Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne
+durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in
+seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen
+worden[219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu
+Gregors Zeit stand es noch in Verehrung[219-n], ist aber seitdem
+verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers
+namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika
+ausgestattet[219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges
+erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes
+in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war
+dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab,
+von den Alamannen erschlagen worden[220-a]. Im Gebiet von Albi lag die
+Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von
+fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof
+Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls
+bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam[220-b]. In Limoges
+barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels
+Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian
+und Stratoclian[220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch
+in seinem Grabe noch sehr populär[220-d]. Im benachbarten Dorfe
+Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von
+Tours, verehrt[220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und
+geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische
+Beziehungen zum Gründer voraussetzt[220-f]: in diesem Kloster befolgte
+man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und
+Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung,
+dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt[220-g]. In Toulouse war
+der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof
+der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche[220-h].
+
+Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit
+Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige
+Bischof Severin[220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am
+Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus[220-k]. Das Dorf
+Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester
+von denen man nicht einmal den Namen wußte[220-l]. In Agens hatte der
+Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika[220-m]. In Angoulême lag das
+Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die
+letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius[220-n]. Saintes beherbergte
+nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer
+Eutropius[220-o], die Stadtbischöfe Trojanus[220-p] und Bibianus[220-q]
+und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern
+gestorben war[220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes
+Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours[220-s].
+Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das
+unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und
+Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation,
+vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und
+Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab
+des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in
+Poitiers vertauscht hatte[221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen
+Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen
+Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise
+südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent[221-c] so geheißen
+nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs
+eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian[221-d] der
+allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof
+Valerius[221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten
+Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte
+Lokalgräber Severus von Bigorre[221-f], Justin von Sexuanus und Similin
+von Tarbes[221-g].
+
+In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus[221-h] von Nîmes zu
+verzeichnen.
+
+Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung
+läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen,
+wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte
+waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und
+die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind.
+Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des
+Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind
+Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine
+systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl
+auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die
+Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im
+Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über
+Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich
+war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung
+bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das
+Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt
+und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde
+war[221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau
+nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste
+Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben
+vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern
+wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne,
+im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen
+werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr
+viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen
+Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich
+wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen
+wurzelt.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Das Reichsheiligtum.
+
+
+An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick
+geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in
+denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über
+charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns
+ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen
+Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen
+Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von
+Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das
+Reichsheiligtum in Tours.
+
+Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre
+sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben.
+Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze
+der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den
+keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet
+worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem
+Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des
+Sulpizius Severus[222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren,
+aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln
+und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu
+sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch
+eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten
+seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft
+versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis
+wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug?
+Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die
+Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet,
+die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der
+Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird
+mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.«
+Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch
+Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst
+untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im
+Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf
+dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger
+Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes
+Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen
+und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde
+übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit
+hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche
+hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben
+Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg
+in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen[223-a]. Perpetuus
+darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten,
+insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches
+Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb
+hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie
+in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß
+seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit
+einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von
+Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen
+kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller
+gestickter Teppich mit Fransen[223-b]. Im siebenten Jahrhundert
+versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im
+Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm
+Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit
+Vorhängen versehen war[223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen
+Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen«
+bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in
+diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war
+durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten
+eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter
+oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls
+steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument
+außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend
+verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete
+Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten
+Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen
+geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur
+noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle
+der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab
+war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach
+zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte
+vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau
+der Peter- und Paulskirche wieder verwendet[224-a]. Vor allem waren es
+praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen.
+Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der
+Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum
+Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache
+werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund
+und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten
+aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur
+Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige
+Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und
+Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß,
+Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von
+hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und
+zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster.
+Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken
+besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris[224-c]
+von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten
+dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter
+vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart
+einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors
+sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen
+Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei
+Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß
+langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich
+das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die
+vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man
+Doppelreihen annimmt[224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie
+der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren
+Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem
+Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen,
+von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und
+manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der
+Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt
+Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst
+vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete
+Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die
+Basilika erhielt nun ein Zinndach[224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz
+vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen
+ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus
+Martins Leben malen ließ[225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch
+König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht
+zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach,
+seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später
+dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs.
+
+Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours
+mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche
+Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten
+in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und
+bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde
+im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den
+Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das
+Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen.
+Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt.
+Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser
+ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten,
+sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur
+Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist
+nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte
+für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich
+an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum
+von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht
+wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines
+römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und
+Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt
+in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk
+streute[225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie
+den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes
+zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren
+Söhnen[225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne
+Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts
+_I._, brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse,
+und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem
+Testamente[225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien
+gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder
+Gäste zu Sankt Martin[225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin
+gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir
+solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen,
+um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später
+Domesticus König Chlothars[226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen
+Animius[226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus
+von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der
+dort von seiner Ruhr geheilt wurde[226-c]. Ein anderer Bischof gab
+sogar einen seiner Hörigen in Pflege[226-d]. Aber auch Auswärtige
+bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in
+Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel
+in der Auvergne[226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den
+großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde,
+oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren[226-f]. Und als Leudulf
+ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte,
+vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter
+konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange
+zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm[226-g].
+
+Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang
+abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht.
+Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen.
+Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden,
+vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer
+Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin,
+die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet
+worden[226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später
+die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika
+notwendig[226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne
+gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische
+begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu
+werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er
+wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach
+Vienne und die selige Seele in den Himmel[226-k]. Obwohl es sich um
+einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen
+noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von
+Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine
+gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August
+herbeiführte[226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung
+des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam,
+galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet[226-m].
+
+Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen
+Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis,
+deren Gründung hier zu erzählen ist[227-1]. Längst war im Dorfe
+Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges
+Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von
+Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in
+dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der
+Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten
+des Jahres 625, als Chlothar _II._ noch regierte, gründete sein Sohn,
+Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich
+von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am
+Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in
+die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung.
+Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und
+in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Missionen und Translationen.
+
+
+Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite,
+von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen
+von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in
+die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei
+festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der
+Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand
+in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und
+die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen
+Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um
+Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben
+nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung.
+Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen
+trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder
+weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des
+merowingischen »Allerheiligen« bei.
+
+
+1.
+
+Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin
+beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte
+Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der
+Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten
+aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert
+hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings
+von Tours[228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen
+hat, sodann sein Kloster Marmoutiers[228-b] und endlich die Zelle in
+Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand.
+Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte
+behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein
+Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben
+Qualitäten aufwies, wie das Grab[228-c]. Von kleineren Memorialorten
+nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais,
+Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes[228-d];
+ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst
+dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab
+der Klausnerin Vitalina[228-e]. Die folgende Uebersicht[228-1] über
+die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich
+auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte
+Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben,
+jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im
+Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil
+wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der
+Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts
+durch Bischof Badegisel zu Pontlieue[228-f] die hervorragendste der
+Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans
+in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius-
+oder Peterskirche je fünf Goldstücke[228-2]. Die von Vendôme ersetzte
+ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die
+von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als
+Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte
+Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen,
+Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie
+die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing.
+In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban
+betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und
+Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen
+Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu
+Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt[228-g]. Ebenso
+gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle
+de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice,
+auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich _II._ das von ihm
+gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren
+Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer
+Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet[229-a]; das
+Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des
+Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein[229-1].
+Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien
+errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589
+Bischof Palladius eine Martinsbasilika[229-b]. Bourges besaß zu Gregors
+Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser[229-c]. Die Gironde wurde früh mit
+Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und
+anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen[229-d]. In
+Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das
+Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt[229-e],
+ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch
+vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt
+sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im
+Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der
+von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein
+Kloster.
+
+In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer.
+Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo
+er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu
+primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare
+Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand
+zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika
+Saint Martin des Champs[229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner
+Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt
+ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus
+Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die
+Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de
+Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin
+de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle
+zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten
+Jahrhundert von Nonnen bedient[229-g]. In Laon und Reims lagen die
+Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei
+Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt
+haben, ohne erkannt zu sein[230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche
+mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten
+Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours
+abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den
+Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte[230-b]. Im
+Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte.
+
+
+2.
+
+Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen
+im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines
+Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu
+angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von
+ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher
+bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna[230-c], auf
+der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und
+Carthagena in Spanien[230-d] und die Martinskirche in Portugal[230-e].
+In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten
+Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger
+Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof
+Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin
+aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht
+geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische
+Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was
+nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich
+war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine
+ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König
+Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze
+Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur
+spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß
+wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet
+sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den
+Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in
+den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission[230-1].
+Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin
+von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem
+Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi
+milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven,
+Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und
+Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine
+Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er
+wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften
+die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers
+stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht
+vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits
+viel früher Fuß gefaßt[231-1], so trifft obige Mitteilung auf die
+Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle
+ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts
+das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste
+und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien
+wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen
+sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten
+Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz
+und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch
+Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die
+betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf
+die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern
+direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im
+allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen
+König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert
+als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf
+amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische
+Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere
+Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte
+Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige
+die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen
+Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese
+Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese
+waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen
+läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des
+heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht
+nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen,
+ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam.
+Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte
+von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen
+daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum
+Beispiel für Basel außer Zweifel steht[232-1].
+
+
+3.
+
+Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im
+Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei
+der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf
+kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen
+finden sich zu Tours[232-a], Saintes[232-b], Limoges[232-c],
+Reims[232-d] und Paris[232-e]; auch Saint Julien Vibracensis[232-f]
+und zu Pernay[232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien
+de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von
+Grundheiligen sind Saturnin in Tours[232-h] und in der Vaucluse,
+Symphorian in Bourges[232-i] und in Thiers[232-k]. Die nach Germanus
+geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours[232-l] gehören, erstere
+sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre.
+Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche,
+noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen
+wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen
+verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später
+einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf.
+Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine
+natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert
+zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt
+Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita
+des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier
+Heiligensagen[232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes
+Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster
+Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold
+oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen,
+hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis
+am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche.
+Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage.
+Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch
+thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum
+Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht
+haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der
+Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die
+Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab,
+hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines
+Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita
+eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine
+dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm
+gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der
+That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes
+tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer
+Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz
+gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen,
+gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger.
+Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese
+organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten
+gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons,
+Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir
+auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar
+nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten
+Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von
+Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur
+Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu
+fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit
+der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der
+Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der
+Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche
+Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons,
+vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf
+Louventkirchen erstanden.
+
+
+4.
+
+In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich
+indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus
+Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament
+stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen
+Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in
+der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt,
+Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und
+bei Le Mans[233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche
+in Tours[233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien,
+geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer
+Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten
+Kirche[233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus
+dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand
+und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden
+Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt[234-a]. Italien
+lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen
+Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit
+Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und
+lag an einem Arm der Seine[234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont
+beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der
+Stadt[234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh
+in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen
+Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius
+zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle
+innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte
+diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht[234-d]. Der andere Mailänder
+Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche
+und Kloster[234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den
+Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam
+der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon
+im fünften[234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem
+Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa
+zurück[234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés
+in Paris, wo der Stifter, König Childebert _I_, Bischof Germanus
+von Paris und ein Prinz begraben liegen[234-h]. Er besaß überdies
+zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm
+erbaute Kirche[234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte,
+ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten
+habe[234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz
+vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des
+Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an
+der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen,
+Fronhofen und Grunbach beweisen.
+
+
+5.
+
+Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die
+Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen
+mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes
+der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche
+populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine
+Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten,
+fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere
+Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind,
+von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte.
+Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur
+Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch
+in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem
+Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der
+Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen
+vornehmen wollte.
+
+Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer
+im alten Tours dar[235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das
+Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde,
+erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien.
+Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine
+Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne
+Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß
+die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so,
+bald Johanneskirche[235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche
+Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen
+Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die
+zu Bazas[235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend
+den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für
+Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu
+bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes,
+sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen[235-d].
+
+In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer,
+indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den
+Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin[235-e]. Daneben besaß
+Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche[235-f],
+die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß
+in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch
+nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir
+in Lyon, Poitiers und Toulouse[235-g]. Von der ersten ist jede Spur
+verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters
+vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die
+dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame
+de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das
+dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs
+nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts
+werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh
+an erster Stelle figuriert.
+
+Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus
+geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten
+Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese
+Bourges und in Tegernsee[236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden
+sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen
+Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die
+Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in
+Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika
+in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar[236-b].
+Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens[236-c], und selbst
+die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen[236-d].
+
+Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In
+Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche,
+in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden
+ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer
+»Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet[236-e]. Sie
+enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen
+von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der
+Königin Chrotechilde in Anspruch[236-f]. Doch war die Peter- und
+Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der
+Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat[236-g]. Die Johanneskirche
+in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine
+Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet
+sein[236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler
+Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert
+wurde[236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen
+für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert
+an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563
+gestiftet[236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber
+damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium
+entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war
+wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von
+den Altvordern errichtet galt[236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor
+der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums
+Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte
+später den Quintiansleib[236-m].
+
+Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der
+staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen
+hier überdies der Erzengel Michael[237-a] und der Apostelschüler
+Clemens[237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige
+angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren
+Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen
+sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich
+darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter
+zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im
+Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und
+Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger
+Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu
+seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von
+Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich
+zugewandert kam.
+
+Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im
+Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der
+Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen,
+sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem
+Maße zugezogen werden.
+
+
+
+
+Fünfter Abschnitt.
+
+Die Kraft.
+
+
+Nur meine man nicht, diese fränkischen Heiligengräber als Sammelpunkte
+besserer und höherer Triebe im Volk seien eine vereinzelte Erscheinung;
+ist doch das Zentrum der griechisch-römischen Kultur, die antike Stadt,
+aus dem Gräberkultus überhaupt hervorgegangen[237-1]. Dabei ist klar,
+daß einer Verehrung, die Ursache solcher Wirkungen wurde, nicht der
+bloße leere Name zu Grunde lag. Bemühen wir uns nun um die Erkenntnis
+jener Kraft, die nach heutiger Schätzung zwar imaginär, aber für
+die Empfindung der damaligen Welt mit aller nur denkbaren Realität
+wirkte, so bekommen wir unseren Gegenstand bei seinem eigentlichen
+Wesen zu fassen. Gerade was uns am meisten fremd bleibt an der Kirche
+des alten Frankenreiches, macht ihre Seele aus, die Abwesenheit von
+jeder, aber auch von jeder philosophischen Anschauung der Dinge,
+dafür überall das Dasein eines naiven, begrifflich unverarbeiteten,
+rohstofflichen Wunderglaubens. Diesen, der uns bereits auf Schritt
+und Tritt begegnete, gilt es nun systematisch ins Auge zu fassen
+und darzustellen. Zunächst allerdings handelt es sich erst um seine
+Voraussetzung und Veranlassung, nämlich um jene Stücke Stein, Holz
+oder menschlicher Gebeine, die man inbrünstig küßte und nur in den
+Schauern innerster Erhebung zu berühren wagte, um jene Plätze, wo
+man Gott in seinen Heiligen fürchtete, wohlverstanden fürchtete in
+des Wortes eigenster Bedeutung von Angst und Schrecken, und um jene
+armseligen Andenken, die der Einzelne dem Heiligen wegstahl, um seinen
+Segen auch fern vom Tempel nahe zu haben, eine Scholle vom Hügel, einen
+Spahn vom Schreine, eine Prise vom Pulver des Denksteins.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+Die Reliquie.
+
+
+Der Kraftherd des fränkischen Wunderglaubens ist irgend ein
+handgreifliches Ueberbleibsel des verehrten Heiligen, meistens der
+ganze Leichnam; von Stammheiligen wurden einzelne Gliedmaßen oder
+Theile der Kleidung offenbar nicht abgegeben. Die Gewinnung und
+Ueberführung heiliger Inventarstücke bilden Höhepunkte im religiösen
+Leben des Volkes, und allerlei merkwürdige Eigenschaften wurden den
+Reliquien zugedacht.
+
+
+1.
+
+Ausländische Reliquien nehmen eine besondere Stellung ein. Sie galten
+mehr, weil sie von draußen und von fernher kamen. Wohl waren sie, da es
+sich meistens um Andenken an Urheilige handelt, auch aus dogmatischen
+Erwägungen besonders gut angeschrieben; aber eher noch wertete sie
+dasselbe instinktive Gefühl höher, das heutzutage etwa fremdländische
+Erzeugnisse von vornherein besser veranschlägt, als einheimische. In
+der südgallischen Stadt Bazas erzählte man, in den Tagen Johannes
+des Täufers sei eine französische Dame in Jerusalem gewesen und habe
+dessen Hinrichtung beigewohnt und vom Täuferblute ein Fläschchen
+voll aufgeschöpft, dasselbe Fläschchen, das nun auf dem Altar der
+Johanneskirche stehe[238-a]. Eine andere Täuferreliquie in der Provence
+war der Johannesdaumen zu Maurienne. Eine Frau, deren Namen Gregor
+nicht nennt, die aber der Ortssage zufolge Tigris hieß, hatte sich
+dieses Unterpfand am Johannesgrab in Sebaste durch ihren unbeugsamen
+Eigenwillen zu verschaffen gewußt und in einer goldenen Kapsel nach
+Hause gebracht. Die Bischöfe von Turin, Ax und Bellay vollzogen in drei
+Vigilien an Ort und Stelle die dreimalige feierliche Abspaltung eines
+Partikelchens von diesem Daumen[238-b]. Marienreliquien, die jedoch
+nicht näher bezeichnet werden, besaß die Kirche von Marsas[239-a].
+Von kleinen Christusreliquien, der Lanze, dem Essigschwamm, der
+Dornenkrone, der Martersäule, sowie vom ungenähten Rock, wußte man,
+jene befanden sich zu Jerusalem, dieser in der Erzengelkirche von
+Galatz bei Konstantinopel. Das Kreuz Christi hatte die Kaiserin Helene
+in Jerusalem aufgespürt; zu gleicher Zeit wurden die vier Nägel,
+mit denen der Erlöser angeheftet gewesen war, gefunden. Sie waren
+aus besonders edelm Metall. Zwei davon kamen als Lenkstangen in den
+Galazaum des kaiserlichen Gespanns, gemäß dem Worte heiliger Schrift:
+»Das Heiligtum des Herrn wird dem Pferde ins Maul gelegt[239-b].« Der
+dritte Nagel fiel ins Meer und der vierte fand im Kopfschmuck der
+Kolossalstatue Constantins Verwendung[239-c]. Ins Abendland gelangte
+indessen nichts von alledem, bis Radegunde ums Jahr 560 auf dem Wege
+diplomatischer Unterhandlung mit dem Hofe von Byzanz einen Splitter
+vom heiligen Kreuz erwarb. Ebenso kamen einige Apostelreliquien nach
+Poitiers, dann sandte Radegunde zum Zweck weiterer Funde eine zweite
+Gesandtschaft unter Leitung des Priesters Reovalis nach Jerusalem
+ab. Diese Erwerbungen wurden in einem silbernen Schrein gemeinsam
+verwahrt[239-d]; ein Stückchen vom heiligen Kreuz besaß übrigens
+auch Sankt Martin von Tours zugleich mit Täuferreliquien[239-e].
+Von Apostelreliquien hegte die Kirche von Agde eine des heiligen
+Andreas[239-f], während bei einem kombinierten Reliquienimport aus Rom
+auch Erinnerungsstücke an Zwölfapostel und an Paulus mit nach Gallien
+kamen[239-g]. Im Ganzen gehörte ein Unterpfand von einem Urheiligen in
+den fränkischen Kirchen zu den großen Seltenheiten. Fremde Reliquien
+waren gemeinhin im Vertrieb, italienische und spanische, unter Namen,
+nach denen wir meistens schon die jene beherbergenden Kirchen geheißen
+fanden. Bekannte römische waren die von Lorenz, Pankraz, Chrysanthus
+und Daria und der Eunuchen der Kaiserin Constantia Johannes und
+Paulus[239-g]; daran schließen sich die Bologneser Agricola und
+Vitalis[239-h]; Reliquien des Spaniers Vincenz sind ausdrücklich
+vermerkt für die Dorfkirchen Ceré und Orbigny bei Tours und Bessay in
+der Poitou[239-i]. Bei fremden Reliquien ist im allgemeinen zu merken,
+daß der Heiligenname lediglich Aufschrift und gewöhnlich von keiner
+Legende begleitet ist. Ansätze zu einer solchen sind meistens verdrängt
+durch die Erfolge, die der Ueberbringer der Reliquie zu berichten
+wußte. Denn damals galt ja eben solch ein armseliges Stück nicht für
+etwas Totes, es konnte oft sehr lebendig werden, und wer damit reiste,
+mochte unter Umständen wohl etwas erleben.
+
+Erzählungen dieser Art gewinnen aber an Umfang und Bedeutung, wenn
+es sich um einheimische Größen handelt. Von Germanus von Auxerre
+allerdings, der am 31. Juli 448 in Ravenna starb, berichtet Gregor
+nur die Thatsache der Ueberführung, sein Leib sei nach sechzig
+Jahren gehoben, nach der Stadt Auxerre gebracht und dort begraben
+worden[240-a]. Dagegen haben die Julians- und Martinsreliquien auch
+ihre kleinen Geschichten an sich. In der Ferreoluskrypta zu Vienne war
+folgende Inschrift angebracht:
+
+ Doppeltes Pfand:
+ Das Haupt Julians und Ferreolus Leichnam,
+ Christushelden selb zweit,
+ Birgt diese Halle getreu.
+
+Seiner Gewohnheit gemäß zog Gregor, als er das las, nähere
+Erkundigungen ein; da erzählte der Wächter: Die Ferreoluskirche lag
+früher am Rhoneufer, aber da die Säulenhalle des Eingangs der Willkür
+des Flusses zu sehr ausgesetzt war, kam Bischof Mamertus auf den weisen
+Gedanken, mehr landeinwärts, wo es sicherer sei, eine neue ebenso große
+und schönere Kirche zu bauen. Zur feierlichen Translation der Reliquien
+war eine stattliche Zahl Geistlicher und Mönche zusammengekommen;
+während ihrer Gebete wurde die Ausgrabung vorgenommen. In einer
+gewissen Tiefe angelangt, stieß man auf drei Gräber; welches gehörte
+nun dem Heiligen? Jemand in der Versammlung erinnerte, seit alters
+gehe die Sage im Volk, im Ferreolusgrabe befinde sich auch das Haupt
+des Märtyrers Julian. Da ließ der Bischof die Anwesenden zum Gebet
+auf die Knie fallen, indes er selbst sich anschickte, die Gräber eins
+ums andere zu öffnen. In den beiden ersten lag nur ein Mensch allein,
+im dritten dagegen fehlte dem noch nicht verwesten Leichnam der Kopf,
+indes unter dem Arm ein Männerhaupt lag. Da rief der Bischof voller
+Freude: »Das ist ja der Leib des Ferreolus, und seht da, das Haupt
+Julians!«, worauf sich unter Psalmengesang und dem Beifall des Volkes
+die Ueberführung vollzog[240-b].
+
+Bei einheimischen Heiligen, wenigstens bei den großen unter ihnen,
+deren Andenken stark genug gewesen war, um durchzuhalten, ergab
+sich aus diesem Umstande von selbst eine neue Art Reliquie. Neben
+Gegenständen, die ihren Wert aus den Beziehungen zum heiligen Leichnam
+schöpften, meldeten sich nun andere als ebenbürtig an, weil sich der
+Heilige einst bei Lebzeiten mit ihnen zu schaffen gemacht habe. Sankt
+Martin verfügte über eine ganze Anzahl solcher sakraler Andenken: der
+Stein, wo er einst gesessen, die Kapelle, wo er zu beten pflegte, den
+Altar, wo er Messe celebrierte, den Baum, den er hatte sich aufrichten
+heißen, die Rebe, die er eigenhändig gesetzt, der Brunnen, den er
+selber gegraben hatte[240-c]. Diese Memorialreliquien, obwohl sie
+ihrem Wesen nach eben nur sehr selten vorkommen konnten, standen an
+Kraft den Sepulkralreliquien in nichts nach. Als der Priester Leon
+nichts ahnend jenen Martinsstein versetzte, um sich sein eigenes
+Grabmal vorzubereiten, befiel ihn ein Schüttelfrost und belehrte ihn
+eines bessern. Der Martinsbaum in Neuilly hatte längst keine Rinde
+mehr; fromme Leute hatten ihn kahl geschält, um sich von dem Kork
+heilkräftigen Thee zu kochen. Von der Kapelle zu Martigny bei Tours
+ging ja allerdings die Rede, vor hundert und aber hundert Jahren habe
+Sankt Martin dort gebetet; aber weiter hatte man davon kein Aufheben
+gemacht. Unzählige Male war Abt Günther unbehindert und ohne sich
+Gedanken zu machen an dem Heiligtum einfach vorbeigeritten. Da, am
+Tage seiner Wahl zum Bischof von Tours, brachte er plötzlich sein
+Pferd nicht mehr vom Fleck; mitten auf dem Wege blieb es steif stehen,
+den Kopf der Kapelle zugekehrt. Er haut es mit den Absätzen, preßt es
+zwischen die Schenkel, sticht es mit dem Stachel; als wär es ehern,
+rührt es sich nicht. Bis dem Bischof aufging, was für eine Bewandtnis
+es damit am Ende haben könne, und er abstieg und es mit einem Gebete
+versuchte — alsobald konnte er weiter reiten. Am Altar der Kapelle
+von Siran, der durch eine ehemalige Berührung von Martins Händen noch
+insbesondere geheiligt war, wachte einst ein Gelähmter die Nacht
+durch, in der Hand eine brennende Kerze so hoch wie er selbst; bei
+Tagesanbruch vermochte er von dannen zu gehen. Aridius von Limoges,
+ein passionierter Sammler von heiligen Dingen, stellte auch Versuche
+an mit einer Traube von Martins selbst gepflanzter Rebe. Er genoß
+einige wenige Beeren und machte den Rest dann in ein Glas Wasser ein.
+Einige Zeit darauf, als ihn ein Mensch berief, der an Mundfäulnis
+litt, wusch er mit dem Traubenwasser die Mundhöhle aus und mit Erfolg.
+Noch nach vier Jahren waren die Beeren dieser Martinstraube vollkommen
+grün geblieben, ohne daß das Wasser im Glase gewechselt worden wäre.
+Und gar mit Wasser aus dem von Martin gegrabenen Brunnen, mit dem
+Aridius Fieberkranke besprengte, erzielte er die überraschendsten
+Wirkungen[241-a]. Ebenso heilkräftig war das Wasser aus der
+Saphirschale in Candes, die Kaiser Maximus einst Martin zum Geschenk
+gemacht hatte[241-b]. Das bedeutendste Martinsandenken dieser Art war
+jedoch sein Sterbebett in Candes. Auch dort geschahen Heilungen[241-c]
+und wurden Spähne abgespalten. Die Memorialreliquie hat sich somit
+als ebenbürtig legitimiert, aber dieser Legitimation insofern doch
+bedurft, als eben schon der Name »Reliquie« auf ein Ueberbleibsel vom
+Heiligenleichnam hindeutet. Unter Umständen kann einmal auch eine
+Spezialität direkt auf die Begriffsgrenze zu liegen kommen: so wurden
+bei der Hinrichtung des Märtyrers Symphorian von Autun drei Steinchen
+von seinem Blut bespritzt, die infolge dessen für die Verehrung
+aufgehoben wurden[242-a]. Da war das Steinchen heilig, weil es von
+der Berührung des Heiligen imprägniert war. Und doch war der beim
+Todesstreich verspritzte Blutstropfen auch schon ein Stück Leichnam.
+
+
+2.
+
+Die Hauptsache an der Reliquie ist jedoch nicht, woher sie stammt
+oder wo sie zustande kam, sondern wie stark sie ist und was sie
+auszurichten vermag. Und hiefür war das üblichste und weitverbreitete
+Merkmal die Eigenschaft verschollener Reliquien, Aufmerksamkeit auf
+sich zu ziehen und sich entdecken zu lassen. Der Märtyrer Quintin von
+Verenand, Saint Quentin, kam dadurch ans Tageslicht, daß eine blinde
+Frau, eine fleißige Kirchgängerin eines Tages einen Leichnam entdeckte,
+der irgendwo im Wasser lag, und als nun die Frau daraufhin sehend
+wurde, war der Beweis erbracht, mit wem man es zu thun habe[242-b].
+Ebenso war das Grab des Märtyrers Eutropius verschollen, weil es nicht
+in geweihter Erde lag und auch sonst niemals Verehrung empfangen
+hatte. Als dann Bischof Palladius, der Förderer des einheimischen
+Heiligenkults, zu Ende des sechsten Jahrhunderts in die neu erbaute
+Eutropiuskirche auch den Leib des Heiligen überführen ließ, diente
+eine Narbe am Totenschädel, die auf den tödlichen Axthieb hinwies,
+zum Ausweis[242-c]. Ebenso unbekannt war auch das Grab des heiligen
+Mallosus von Xanten geblieben, obwohl er im Geruche des Märtyrers
+stand und sogar schon eine eigene Kapelle hatte. Und nun baute ihm gar
+noch Bischof Ebregisel von Köln eine große Basilika in der Hoffnung,
+Gott werde die Offenbarung der Reliquien zulassen. Später wandelte
+er ein Stück dieser Basilika in eine Absis um und verband so die
+anstoßende alte Mallosuskapelle mit der neuen großen Kirche. Nun fehlte
+nur noch der Heiligenleib. Bald darauf hatte ein Diakon zu Metz ein
+Traumgesicht, indem ihm die Ruhestätte des Märtyrers kund wurde, und
+als er dann zu Ebregisel kam und sich von ihm auf den Platz führen
+ließ, sagte er zu diesem, ohne doch den Ort näher zu kennen: »Grabe
+hier, und du wirst den Heiligenleib finden, in der Mitte des Absis«.
+Als sie sieben Fuß gegraben hatten, stieg ein lebhafter Wohlgeruch auf
+und der Bischof rief: »Ich hoffe, Christus werde mir seinen Märtyrer
+zeigen, auf diesen Wohlgeruch hin«. Die Ausgrabung wurde fortgesetzt;
+in der That stieß man auf den Heiligenleib, der Bischof nahm ihn in
+Augenschein und fand ihn unverwest. Da stimmte er das Gloria an, unter
+Assistenz der ganzen Priesterschaft. Nach dem Gesange wurde der Heilige
+in die Basilika hinaufgebracht und dort mit allen gebührenden Ehren
+behandelt[243-a]. Eine Kirche galt nun einmal erst für im höheren Sinn
+vollendet, wenn sie auch Reliquien von ihrem Namenspatron beherbergte.
+Im Fall, daß dieser nicht erst noch zu entdecken war, verschaffte man
+sich womöglich welche von einer bekannten Bezugsquelle. So sandte
+Palladius von Saintes für seine dortige eben errichtete Martinskirche
+um Martinsreliquien nach Tours, und bereits zwei oder drei Monate
+darauf erhielt Gregor schriftlichen Bericht von zahlreichen Heilungen,
+die durch sein Geschenk bewirkt worden waren[243-b].
+
+Die häufigste Gelegenheit für Reliquien, sich zu äußern, ergab sich
+bei Translationen auf größere Strecken, sowie im Augenblick, da
+sie an ihrem neuen Aufenthalt geborgen wurden. Als die geistliche
+Gesandtschaft des Bischofs Leudowald von Avrenches mit den in Tours
+geholten Martinsreliquien den heimischen Stadtbezirk betrat, küßte ein
+Gelähmter inbrünstig den Saum des Bahrtuches, und als er sich besser
+fühlte, rief er: »So handelst du also in der That, o du heiliger
+Bekenner; nicht genügt es dir, dein eigenes Haus zu schmücken; du
+stattest nun auch mit erschrecklichen Kraftthaten sogar Gegenden
+aus, die dein Fuß bei Lebzeiten nie betrat«[243-c]. Ein Geistlicher
+der Kirche von Cambrai hatte mit Martinsreliquien den Heimweg
+angetreten und überschritt eben die Loire an einer seichten Stelle,
+als ein Gewitter losbrach: aber da fingen, gleichsam als elektrisches
+Gegenspiel zu den Blitzen, die beiden heiligen Lanzenspitzen in den
+Händen seiner Kinder, die sie trugen, zu glühen an und dienten als
+Laternen[243-d]. Der Bote König Gunthrams, der gegen kostbare Geschenke
+im Kloster Agaunum Reliquien eingetauscht hatte und bei der Rückfahrt
+auf dem Genfersee von einem lebensgefährlichen Sturm überrascht wurde,
+brauchte nur das Reliquienkästchen, das er auf sich trug, gegen die
+anrollenden Wogen zu halten und dabei zugleich die heiligen Märtyrer
+herzlich anzurufen, so war auch schon die Gefahr vorüber[243-e].
+Einst war ein Schiff eben im Begriff, einen morgenländischen Hafen
+anzulaufen, als in einer vom Meere abgelegenen Kirche der selben Stadt
+ein Besessener plötzlich rief, es komme. Und als es vor Anker ging,
+rannte er es zu begrüßen, warf sich auf den Boden und regte sich so
+sehr auf, daß aus Mund und Nase der Ausbruch von Eiter erfolgte, der
+ihm Erleichterung brachte. Davon in Kenntnis gesetzt, veranstaltete
+der Bischof eine Prozession an den Landungsplatz. Der Schiffsherr,
+seinerseits auf dem Laufenden, brach vor Freude in Thränen aus: er
+habe doch nichts an Bord als ein bischen Staub vom Grabe des heiligen
+Julian[243-f]. Ein ander Mal fiel es auf, daß die vom Priester
+Nannin aus Vibrac überführten Juliansreliquien eine Heilung Schlags
+Mittag herbeiführten[243-a]. Daß die Reliquien Feuer sprühen, ist
+in Gregors Augen eine so allgemeine Thatsache, daß er ihr eine
+besondere Betrachtung widmet: auch Abt Bärchen war beim Celebrieren
+der Vigilien in der Martinsbasilika von Tours von einem Feuerglob
+überrascht worden, der über den auf dem Altar vereinigten Reliquien
+aufstieg[244-b]. Umgekehrt vermögen Reliquien Feuer auszuhalten, ohne
+zu verbrennen[244-c]. Aber freilich damit eine Pergamentrolle in einem
+brennenden Strohsack nicht weiteren Schaden nimmt, dazu bedurfte
+es nicht erst des Martinslebens des Sulpicius Severus, das Gregor,
+indem er ihm diese Feuerprobe nachrühmt, in den Rang einer Reliquie
+erhebt[244-d]. Unter andern wunderbaren Qualitäten zeichnet sich die
+Eigenschaft der Stephansreliquien aus, an Stelle des vergessenen
+Schlüssels den Schrein zu öffnen[244-e]. Uebrigens konnte die Kraft
+der einzelnen Reliquie größer oder geringer sein, je nach dem
+Zeitpunkt. Im Stadium der Installation, wenn die Reliquie noch neu,
+also die Verehrung noch warm war, ließ sich eine Zahl von Heilungen
+wahrnehmen, die für eine gelagerte Reliquie ungewöhnlich wäre[244-f].
+Ebenso verständlich ist es, daß sich bei Reliquienkombination deren
+Kräfte summieren. Die Verbindung eines alten Heiligen wie Julian
+mit einem jungen fast zeitgenössischen wie Nicetius von Lyon wird
+von Gregor ausdrücklich als doch ebenso gerechtfertigt hingestellt,
+wie eine Assoziation von Julian etwa mit Johannes und Martin es
+sei[244-g]. Die Macht der Reliquien tritt besonders anschaulich
+in Gregors eigenen Erlebnissen zu Tage. Bei der Einweihung seiner
+bischöflichen Privatkapelle, zu der er einen ehemaligen Vorratsraum
+des Bischofs Eufronius durch hübsche Ausstattung hatte umwandeln
+lassen, wurde während der Vigilien erst der Altar in üblicher Weise
+eingesegnet. Dann holte man in der Kirche drüben die dort deponierten
+Hausreliquien bester Marke, Martin, Saturnin, Julian und Saint Allyre,
+in feierlichem Zuge herüber, beim Fackelschein, der sich an den
+Metallkreuzen widerspiegelte: anwesend war der ganze Klerus in den
+linnenen Chorgewändern, außerdem die Honoratioren der Stadt und eine
+Menge Volkes. Hoch erhoben trug Gregor die Heiligtümer, die in Seide
+und Parfum gebettet waren, über die Schwelle. In diesem Augenblick
+ging solch ein heller Schein durch den Raum, daß mehrere genötigt
+waren, die Augen zu schließen. Die Versammlung lag auf den Knieen in
+großer Furcht; aber der Bischof rief ihnen zu: »Fürchtet euch nicht;
+was ihr seht ist die Allmacht der Heiligen. Besinnt euch doch an die
+Stelle im Martinsleben, da dem Haupt des Heiligen, als er am Altar
+die Weihworte sprach, eine Feuerkugel entstieg und gen Himmel fuhr.
+Warum erschrecken! Mit seinen heiligen Reliquien hat er selbst bei
+uns Einkehr gehalten«. Da löste sich die Beklemmung der Anwesenden,
+und sie stimmten den Lobgesang an: »Gesegnet sei, der da kommt im
+Namen des Herrn. Gott der Herr hat uns erleuchtet[245-a]«. Um jene
+Zeit war Gregor auch einmal wieder in seiner Heimat zu Besuch und nahm
+sich am Juliansfest, dem 28. August 573, einige Fäden einer Franse
+an der Grabesdecke mit. Als nun in Tours Mönche eine Juliansbasilika
+errichteten, bei ihren geringen Mitteln eine schöne That, und zu
+Gregor kamen mit der Bitte, ihnen doch die Reliquien zu überlassen,
+nahm er heimlich den Schrein und beeilte sich, sie in der Dämmerung
+nach Sankt Martin hinauszutragen. Ein frommer Mann stand in einiger
+Entfernung, als der Bischof eintrat, und versicherte ihn Tags darauf,
+er habe einen Feuerball auf das Gebäude sich niedersenken und im
+Innern der Kirche verschwinden sehen. Die Nacht verbrachten sie in der
+Martinskirche, indem sie die Juliansreliquie auf dem Martinsaltar ruhen
+ließen und begaben sich bei Tagesanbruch in die zu weihende Kirche
+mit dem Heiligtum, auf das nun zur Julianskraft noch die Martinskraft
+übergegangen war. Wenigstens warf sich ihnen ein Besessener unter
+schrecklichen Geberden entgegen; blutiger Schaum quoll aus seinem
+aufgerissenen Munde und er schrie: »Warum, o Martin, verbindest du
+dich mit Julian? Warum rufst du ihn in diese Gegenden? Ist denn deine
+Anwesenheit für sich allein nicht Pein genug? Warum rufst du einen dir
+ebenbürtigen Heiligen herbei, um unsere Qualen zu steigern? Warum denn?
+Warum peinigst du uns so im Bunde mit Julian«?[245-b].
+
+
+3.
+
+Ueberall wurzelt die den Reliquien beigelegte Kraft in der Vorstellung,
+man habe in einem solchen heiligen Teilchen den ganzen Heiligen in
+Person eingekapselt vor sich. Dadurch wird die Kraftpsychologie der
+Reliquie mit einer Reihe individueller Züge ausgestattet, als hätte man
+es mit einem leibhaftigen Menschen zu thun. Es bilden sich im Umgang
+mit der Reliquie sozusagen gewisse Anstandsformen aus, die man nur bei
+Strafe unbeachtet ließ. Unlautere Hände durften sie nicht anfassen;
+die Reliquien waren empfindlich. Noch eher griff man unversehrt in die
+Flamme, als daß man jene ohne Schaden berührte; um sicher zu gehen,
+wählte man am besten ein junges unbescholtenes Mädchen, hing ihm das
+Reliquientäschchen um den Hals und ließ es die Kostbarkeit an ihren
+Bestimmungsort tragen[245-c]. Doch war es gewagt, Reliquien überhaupt
+an Laien auszuhändigen. Die Timotheus- und Apollinarisasche in Rheims
+wurde vom Priester teilweise endlich einer Frau überlassen, weil sie
+ihn so dringend darum bat. Aber als er am andern Morgen weiter reiten
+wollte, brachte er sein Pferd nicht von der Stelle und fühlte sich
+selber in allen Gliedern bleischwer; so sah er sich genötigt, das
+Häufchen Heiligenasche zurückzunehmen, womit auch die Störung in der
+That alsobald beseitigt war[246-a]. Reliquien in einem Privathause
+beherbergen konnte zu schlimmen Erfahrungen führen. So waren die
+Ueberreste des von einem Stier zu Tode geschleiften Märtyrers Saturnin
+von Toulouse einst auf Reisen; in Brioude übernachteten ihre Träger
+bei einem armen Mann, und als sie ihm anvertrauten, was sie mit sich
+führten, gedachte dieser es besonders gut zu machen, und schloß das
+Kästchen über Nacht in seinen Kornspeicher ein. Die nächste Nacht
+hatte er einen Traum des Inhalts: bleibe nicht länger an diesem Orte,
+seit er durch die Reliquien des Märtyrers Saturnin geheiligt ist. Er
+aber in seinem Bauernverstande kehrte sich daran nicht, bis er und
+seine Frau krank und immer kränker wurden; schließlich mußte man das
+Haus abbrechen und eine Kapelle an die Stelle setzen. Auch als einmal
+ein königlicher Beamter namens Plato im Kloster Pavilly der Diöcese
+Rouen, dessen Abt ihm kein Neujahrsgeschenk gemacht hatte, sich auch
+nur dem Gedanken hingab, die Kapelle mit den Saturninsreliquien würde
+kein übles Jagdquartier für König Chlothar zugleich mit Pferdestall
+abgeben, starb er bereits nach drei Tagen. Und die zu Yssac geraubten
+Reliquien desselben Heiligen brachten vier der Räuber direkt ums
+Leben, der fünfte wurde blind und blieb es, bis er das entweihte Gut
+herausgab[246-b].
+
+Damit hing zusammen, daß gewisse Reliquien besonders auf gewisse
+Eigenschaften der Kirchgänger reagieren, also sozusagen ein bestimmtes
+Temperament aufweisen, so sind die Marien- und Johanneskirche in
+Tours, die Marcelluskirche in Chalons und das Stephansblut im Altar
+der Kirche von Bourges, sowie Julian von Brioude und Eugen von Albi
+Meineidigen verhängnisvoll[246-c], während Viktor von Marseille
+besonders auf Besessenheit gewirkt zu haben scheint[246-d]. Auch sonst
+tritt im Verkehr mit Reliquien das Moment eines Umgangs mit Personen
+deutlich heraus. Das Grab des Benignus in Dijon war zwar von Alters
+her Gegenstand der Volksverehrung; kirchlicherseits aber wurde es
+gemieden, da man es im Verdacht hatte, es sei ein Heidengrab. Einst
+hatte ein Bauer dort eine Kerze stehen lassen oder jedenfalls sie
+vergessen zu löschen; ein Kind sah es und wollte sie holen, wurde aber
+durch eine ungewöhnlich große Schlange abgeschreckt, die sich um die
+Kerze ringelte; es versuchte es wieder und wieder; die Schlange wich
+nicht. Als dieses und ähnliches dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren
+kam, verschärfte er sein Verbot, jenes Grab zu verehren. Aber eines
+Nachts offenbarte sich ihm der selige Märtyrer und sagte: »Was thust
+du? Nicht nur achtest du mich selbst gering, du mißachtest auch meine
+Verehrer. Laß das, ich bitte dich, besorge mir vielmehr möglichst rasch
+ein Obdach«. Von dieser Offenbarung betroffen, begab sich der Bischof
+zu dem Heiligengrabe und bat unter Thränen um Verzeihung für seine
+Unwissenheit[247-a]. Der Märtyrer Antolian in Clermont bewies Rücksicht
+für seine heiligen Kollegen, deren umliegende Gräber anläßlich eines
+prunkvollen Baues seines Mausoleums übel mitgenommen wurden. »Weh mir«,
+rief er aus, »den man auf Kosten seiner Brüder ehren will. Ich darf
+die Vollendung meines Grabmals nicht zulassen«. In der That fiel bald
+darauf in jener Kirche das Gerüst, das man errichtet hatte, ein, da
+es ungeschickt an den Säulen angebracht worden war. Der Zusammenbruch
+der über dem Altar erfolgte und mächtig Staub aufwirbelte, verursachte
+keinen weiteren Schaden, denn er erfolgte während der Frühstückspause
+der Maurer. Aber man ließ es sich gesagt sein und ging mit den
+Gebeinen, die anläßlich der Grabungen zum Vorschein kamen und auf einem
+Haufen lagen, nunmehr manierlich um[247-b]. In der Champagne bei Reims
+kehrte ein Priester heim mit Juliansreliquien, die er für eine neue
+Kirche dieses Heiligen war holen gegangen. Eben arbeiteten Landleute
+auf dem Felde. Da schrie einer von ihnen plötzlich: »Ach da naht ja der
+heilige Julian! Wahrhaftig er mit seiner Kraft und seinem Glanz! Auf,
+Genossen, von den Ochsen weg, von den Karren weg, auf alle zusammen,
+ihm entgegen!« Diese begriffen ihn nicht und schauten ihn stumpfsinnig
+an. Er blieb in seiner Aufregung mit seinem Holzschuh erst in der
+Furche hangen, fällt auf die Erde hin, klatscht dabei in die Hände und
+wieder auf und davon auf den Priester los, der Psalmen singend seiner
+Wege geht. »Warum, o Heiliger«, schrie der Verrückte schon von weitem,
+»warum quälst du mich so? Warum, glorreicher Märtyrer, brennst du
+mich so? Warum kommst du in ein Land, das dir gar nicht gehört? Warum
+durchwanderst du unseren Wohnort?« Unterdessen hatte der Priester das
+Wandertabernakel aufgeschlagen und der Besessene, platt auf den Boden
+hingestreckt, betete die Reliquien an[247-c]. Ein anderer Verrückter
+schrie in der Christnacht vor der Martinsbasilika von Tours, als Gregor
+mit der Geistlichkeit eben von der Kathedrale her auf sie zugegangen
+kam: »Umsonst naht ihr der Schwelle Martins, ohne Erfolg betretet ihr
+seinen Tempel; wegen eurer zahllosen Verbrechen hat er euch verlassen;
+er verabscheut euch, und nun ist er in Rom und thut dort Wunder; dort
+richtet er jetzt den Schritt der Lahmen her und begegnet auch andern
+Krankheiten mit seiner Gewalt«. Und nicht nur das niedere Volk, sondern
+auch die kirchlichen Würdenträger gerieten in große Furcht, der heilige
+Martin möchte sie am Ende wirklich verlassen haben. Der Bischof vergoß
+heiße Thränen; alle lagen auf den Knieen und erbeteten die Gegenwart
+des heiligen Bekenners, die sich dann auch alsobald in einer besonders
+auffallenden Lahmenheilung kundgab[248-a]. Ist schon bei dieser
+Geschichte die Vorstellung augenscheinlich die, daß der Heilige zwar in
+der Reliquie verkörpert, aber doch nicht an sie gebannt sei, so tritt
+die Unabhängigkeit von dem Unterpfand noch deutlicher an der folgenden
+Geschichte zu Tage. In Bordeaux pflegte eine fromme Alte die Lampen in
+den Kirchen der Heiligen mit Oel zu speisen, und befand sich denn auch
+eines Sonntag abends zu diesem Behuf in der Peterskirche. Sie stieg
+in die Krypta hinunter, um dort die Lampen anzuzünden. Dort verweilte
+sie so lange, daß sie nicht bemerkte, wie hinter ihr die Eingangsthüre
+verschlossen wurde. Es half ihr nichts, zu rufen; ihre Stimme war zu
+schwach. So ergab sie sich denn in den Gedanken hier zu übernachten und
+beschloß, den Aufenthalt zur Buße für ihre Sünden auszunutzen. Da, um
+Mitternacht, sah sie plötzlich die Thüren offen stehen und die ganze
+Kirche hell erleuchtet. Ein Sängerchor wandelte durch die Halle. Als
+aber das Gloria verklungen war, hörte die Frau wie die Männer sich
+beschwerten: »Der heilige Levit Stephan läßt auf sich warten. Schon
+sollten wir in den andern Kirchen sein. Aber wir können uns nicht
+wegbegeben, ohne ihn erwartet zu haben«. Während sie immer wieder
+darauf zurückkamen, stand plötzlich ein Mann in einem weißen Kleide da;
+die Menge grüßte ihn ehrfurchtsvoll: »Sei uns gepriesen, sehr heiliger
+Levit Stephan«. Dieser verbeugte sich, verrichtete sein Gebet, und auf
+die Frage, warum er sich bei seinem Besuch der heiligen Stätten etwas
+verspätet habe, erwiderte er: »Auf dem Meer war ein Schiff in Gefahr
+unterzugehen. Dort rief man mich an, ich rannte hin, erlöste es, und da
+bin ich nun. Daß ihr euch von der Wahrheit meiner Worte überzeugt, seht
+nur, wie hier noch mein Gewand von Meerwasser trieft.« Die Frau merkte
+sich die Stelle, und als die Versammlung auseinander gegangen war und
+die Thüren sich hinter ihnen von selbst geschlossen hatten, ging sie
+hin und wischte sorgfältig die Tropfen auf dem Fußboden auf. Bischof
+Bertram nahm das Taschentuch dann in Verwahrung und erzielte Heilungen
+damit[248-b].
+
+Doch konnte sich bei einem derartigen Individualisieren der Reliquie
+auch die Kehrseite fühlbar machen. Im Dorfe Tornes bei Le Mans, das zu
+Sankt Martin gehörte, wurde eine Blinde sehend, und da in der Kirche
+auch Peter- und Paulsreliquien zugegen waren, so konnte man zweifeln,
+wohin sie ihren Dank zu spenden habe. Die Frau selbst freilich beharrte
+darauf, sie sei durch Martin gesund geworden. Und für die Theologen
+löste sich das Problem dann doch dahin auf, schließlich wirke ja hinter
+den Wunderthaten der verschiedenen Heiligen doch immer die eine Kraft
+Gottes[248-c].
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+Der heilige Ort.
+
+
+Auch in dem fränkischen Christentum ist der Begriff der Heiligkeit
+nicht in erster Linie ethischer, sondern kultischer Natur. Heilig
+ist, was dem Heiligen gehört. Aus diesem Grundsatz ergeben sich die
+beiden Haupteigenschaften des Heiligen: seine Güte und sein Zorn. Wer
+vertrauensvoll im Falle der Not seine Zuflucht an der Heiligenstätte
+sucht, den liebt der Heilige; wer sich dagegen an der Kirchenhabe
+vergreift oder den Heiligen sonst belästigt oder beleidigt, den
+haßt er. Da er sich zudem gegenüber den Herren der Erde und selbst
+dem Mächtigsten unter ihnen von vornherein und ausnahmslos als den
+stärkeren und überlegenen erweist, so bedeutet bei ihm Liebe zugleich
+Schutz und Zorn zugleich Vernichtung.
+
+
+1.
+
+Man fand es aber doch ratsam, dem Heiligen eine kräftige Tempelpolizei
+zur Verfügung zu halten. Am Juliansfeste betrachtete ein Mann aus
+dem Volke noch längere Zeit nach dem Gottesdienste die Kostbarkeiten
+rings herum, sah aber ein, daß er jetzt doch nicht unbeachtet stehlen
+könne, und verbarg sich darum in einem Winkel. Als es dunkel war,
+machte er sich an den umgitterten Hauptaltar, entwendet ihm ein mit
+Edelsteinen besetztes Kreuz, reißt zugleich Gardinen und Vorhänge von
+der Wand herunter und schnürt sie in ein Bündel zusammen, lädt es auf
+den Kopf, nimmt dann das Kreuz, das er auf den Boden geworfen hat, in
+die Hand und will von dannen, kann aber nicht hinaus; da legt er sich
+an dem früheren Schlupfwinkel schlafen, indem er das Bündel als Kissen
+unter den Kopf nimmt. Um Mitternacht nun, als die Wächterpatrouille
+ihre übliche Runde macht, fiel ihnen zuerst ein Lichtglanz wie von
+einem Sterne auf; es war einer von den Edelsteinen am Kreuze, der
+aufblitzte. Sie holte nun eine Kerze und fanden den Tempeldieb
+schlafend. Er wurde verhaftet und bekannte am Morgen früh; er sei
+unzählige Male in der Kirche herumgegangen, aber ohne einen Ausweg
+zu finden[249-a]. Von allen fränkischen Heiligen war es insbesondere
+Julian, der immer wieder und in jeder Form mit Eingriffen in seinen
+Besitz zu thun hatte: der eigentliche Raub- und Raufheilige. Jenes
+selbe Altarkreuz, das zwar nur vergoldet, aber rundum vergoldet war,
+wurde von einem Ruchlosen gestohlen, weil er meinte, es sei ganz
+aus Gold. Als er es aber in seinem Busen barg und er ein Stück weit
+gegangen war, drückte es ihn so sehr, daß er es kaum hätte noch
+weiter wegtragen können. Er hielt daher für klüger, es dem Heiligen
+gleich wieder zurück zu erstatten[250-a]. Wenn der Heilige sich nicht
+selber half, so konnte er immer auf irgend eine Unterstützung seitens
+eines Gläubigen rechnen. Nach der Heldenthat des Hillidius stahlen
+vier Flüchtige eine Schale und eine Urne. Die Schalen teilten sie in
+vier Stücke; die Urne dagegen überreichten sie König Gundobad, um sich
+seiner Gunst zu versichern. Die Klugheit der Königin Caretene rettete
+das Kirchengerät; sie machte dem Fürsten klar, er werde doch nicht
+die Gunst des Heiligen aufs Spiel setzen wollen, um eines leichten
+Gewinnes willen[250-b]. Sigivald, der mächtige Graf von Arvern, ließ
+sich in der Auvergne allerlei Unebenheiten gegenüber fremdem Besitz
+zu Schulden kommen. Unter dem Schein eines Tauschhandels schlug er
+auch seine Hand über ein Grundstück, das einst Bischof Tetradius von
+Bourges der Julianskirche vermacht hatte. Aber drei Monate später
+verfiel er einer Entkräftung und hütete das Bett. Seine Frau, die
+hierüber sehr traurig war, wurde indessen von einem Priester belehrt,
+ihr Mann werde gesund sein, sobald er eine Ortsveränderung vornehme.
+In der That ging es Sigivald wieder gut, kaum war er von seiner Villa
+wieder weggezogen[250-c]. Auch der Grundbesitz des Heiligen war vor
+frecher Bubenhand nicht sicher. Ein Schäfer namens Ingenuus, Nachbar
+des Kirchengutes, verrückte die Grenzmark. Der Priester von Sankt
+Julian schickte einige Diakone und ließ ihm zu verstehen geben, er habe
+davon abzulassen. Aber Ingenuus holte seinen Pfeilbogen und trieb die
+geistlichen Unterhändler in die Flucht. In der nächsten Juliansmesse
+wurde er zu Brioude vom Blitz getötet[250-d]. Eine weitere Gewaltthat
+ließ sich Graf Beccon zu Schulden kommen. Eines Tages, als er seinen
+Jagdfalken steigen ließ, verflog sich der Vogel. Um jene Zeit fing der
+Schenkjunge von Sankt Julian einen anderen herrenlosen Falken. Sofort
+erklärte Beccon, es sei seiner, der Junge habe ihn ihm gestohlen. Der
+Jüngling wurde ergriffen, eingesteckt, und der Graf machte Miene, ihn
+hängen zu lassen. Da eilte der Priester tiefbetrübt zum Juliansgrabe,
+öffnete seufzend die Schreine und versuchte es mit zehn Goldstücken,
+die er dem Grafen durch zuverlässige Freunde anbot. Der aber lachte
+ihnen ins Gesicht und verlangte ein Lösegeld von dreißig Gulden. Er
+erhielt es. Aber Julian vergaß die Beschimpfung nicht, und als beim
+nächsten Jahresfeste auch der Graf den Gottesdienst besuchte und der
+Vorleser der Passion zum ersten Mal den Namen des Heiligen aussprach,
+brach der böse Mann an einem Schlaganfall zusammen und mußte nach Hause
+getragen werden. Obwohl er der Kirche dann alles schenken ließ, was er
+in jenem Augenblick an Gold und köstlichen Stoffen an sich getragen
+hatte und später noch viele andere Geschenke beifügte, so erlangte er
+doch bis zu seinem Tode den Gebrauch seiner Sinne nicht wieder[251-a].
+Ein abtrünniger Priester, der in die Staatsverwaltung übergetreten war
+und sich seitens seiner Vorgesetzten mit Vollmacht versehen hatte,
+besichtigte die Schafherden, die auf den Bergen sömmerten, und stahl
+unter dem Vorwand der schuldigen Steuer die Widder eben der Herde, die
+im Namen des Heiligen gehalten wurde, zum Entsetzen der Hirten. »Rühre
+doch ja diese Widder nicht an?« riefen sie ihm zu. Er aber grinste
+höhnisch, indem er die Tiere von hinnen trieb: »Unsinn! Seit wann ißt
+denn Julian Hammelbraten?« Als er das nächste Mal Juliansgebiet betrat
+und am Grabe betete, befiel ihn der Fieberbrand, dem er erlag[251-b].
+In den Juliansvigilien ließ sich Jemand einfallen, das Pferd eines
+Festbesuchers, das draußen stand, zu besteigen und damit davonzureiten.
+Er ritt die ganze Nacht, und als es dämmerte, dachte er: »So, nun werde
+ich wohl so meine dreißig Meilen von der Juliansbasilika entfernt, also
+vor Entdeckung sicher und bald zu Hause sein.« Aber mit Nichten. Als
+er die Gegend näher unterscheiden konnte, befand er sich nach wie vor
+in der Nähe des Fleckens von dem er ausgeritten war, und Leute liefen
+hin und her. Da zog er denn doch vor, abzusteigen, und den Gaul in
+aller Stille da wieder anzubinden, wo er ihn losgebunden hatte[251-c].
+So gnädig diesmal Julian gegen den Dieb sich verhielt, so freundlich
+half er bei einem andern Pferdediebstahl dem Bestohlenen. Ein frommer
+Mann, der zum Feste gekommen war und die ganzen Vigilien mitgemacht
+hatte, konnte am Morgen sein Pferd nicht finden. Im Quartier, wo er es
+eingestellt hatte, war es nicht mehr, und als während zweier Tage keine
+Nachfrage helfen wollte, ging er hin und klagte sein Leid dem Heiligen:
+»O Heiliger, ich bin zu deinem Tempel gekommen, um dirs in aller Armut
+zu geben, wie ichs habe. Ich veruntreute nichts und beging auch sonst
+nichts Unrechtes. Warum bin ich aber dann um mein Gut gekommen? Gieb
+es mir bitte zurück. Ich kann es nicht entbehren.« Und siehe, kaum
+hatte er unter Thränen so gebetet und trat aus der Kirche, da sah
+er schon von weitem Jemanden, der sein Roß hielt. Eben hatte man es
+eingefangen[251-d].
+
+Außer Julian hatten auch kleinere Heilige sich besonders im Süden gegen
+allerlei Zumutungen zu wehren. Der Andreaskirche zu Agde nahm Graf
+Gomachar eines Tages ein Stück Land weg. Bischof Leo ging alsobald hin
+und machte dem Grafen Vorstellungen, aber ohne Erfolg; es war eben
+kein Katholik. Erst als er das Fieber und überdies Gewissensbisse
+bekam, ließ er den Bischof um Fürbitte ersuchen, er wolle das Land dann
+zurückgeben. Als es ihm aber auf das Gebet des Bischofs hin wirklich
+besser ging, sagte er zu den Seinen: »Bilden sich diese Römlinge nicht
+ein, ich sei krank gewesen, weil ich ihr Land wegnahm! Es war ja doch
+ein rein natürlicher Vorgang. Bei meinen Lebzeiten soll das Land nicht
+ihnen gehören«. Er ließ es wieder besetzen. Wieder kam der Bischof und
+riet ihm, die Rache Gottes nicht herauszufordern, erhielt aber zur
+Antwort: »Halt’s Maul, alter Mümmler, sonst laß ich dich auf einen Esel
+binden und durch die Stadt treiben, damit die Leute etwas zum Lachen
+haben«. Da ging der Bischof hin, verbrachte eine Nacht in der Kirche in
+gesteigertem Gebet, am Morgen aber zerschlug er alle Lampen mit einer
+Ruthe, die er in der Hand hatte und erklärte: »Hier wird kein Licht
+mehr angezündet, bis Gott an seinen Feinden gerächt ist«. Wieder wurde
+der Ketzer vom Fieber befallen, wieder ließ er zum Bischof schicken und
+versprach zum gestohlenen Landstrich einen andern gleich großen, wenn
+er gesund werde. Der Bischof aber erklärte, er ~habe~ gebetet, und ließ
+sich auch auf neue Anträge nicht mehr ein. Da kam der kranke Sünder
+auf einem Wagen angefahren und sagte dem geistlichen Herrn: »Da ich
+dir doch das Doppelte zurückerstatten will, kann deine Heiligkeit wohl
+ein Wort für mich einlegen«. Jener widersetzte sich; der Graf befahl,
+ihn in die Kirche zu treiben. Der Bischof betrat den heiligen Raum; in
+diesem Augenblick starb der gottlose Mann, und die Kirche kam wieder
+zu ihrer Sache[252-a]. In der Nazariuskirche zu Nantes brachte einst
+ein frommer Mann einen schön verzierten Gürtel, der mit schwerem Golde
+gefüllt war, und legte ihn auf dem Altare nieder mit der Bitte, der
+Heilige möge ihm dafür in seinen Geschäften behilflich sein. Kaum war
+er weg, so kam der Britannengraf Waroch mit einem Kameraden und hatten
+es auf das Weihgeschenk abgesehen. Er erzwang sich den Geldbeutel
+durch fürchterliche Drohungen vom Priester, dann ließ er sein Pferd
+in die Kirchenhalle führen, um dort aufzusitzen, ein neues schweres
+Vergehen. Aber beim Hinausreiten stieß sein Kopf am Querbalken an,
+sodaß er rückwärts mit zerschmettertem Schädel vom Pferde sank und
+starb[252-d]. Als König Sigibert in Paris einzog und die Vorstädte
+teilweise einäschern ließ, begab sich einer seiner hohen Offiziere nach
+der Dionysiuskirche, nicht um zu beten, sondern um von dort irgend
+etwas mit heimzunehmen. Die Thüren standen offen und Niemand hinderte
+ihn, die prachtvolle gestickte Grabesdecke mit dem Gold und Steinbesatz
+zu entwenden. Dafür fiel ihm aber dann sein Leibdiener, der zweihundert
+Goldstücke seines Vermögens am Halse hangen hatte, durch einen
+Fehltritt beim Besteigen des Schiffs ins Wasser und verschwand mit samt
+dem Geld auf Nimmerwiedersehen; auch jener starb, trotzdem er den Raub
+zurücktrug, innert Jahresfrist. Ein anderer, der auf demselben heiligen
+Grabe die darüber aufgehängte goldene Taube mit seiner Lanze abhängen
+wollte, glitt mit den Füßen aus, strauchelte über das aufstehende
+Bord des Grabes und fiel an einer so unglücklichen Stelle in seine
+Lanze hinein, daß er tot aufgehoben wurde[253-a]. Einige harmlosere
+Fälle von bestraftem oder gesühntem Diebstahl werden in Verbindung
+mit andern Heiligen erzählt. Die Kirche von Yzeures bei Tours, deren
+Patron nicht genannt wird, enttäuschte einen nächtlichen Einbrecher,
+weil er die Wertsachen zu gut verschlossen und daher nichts von Belang
+zu stehlen fand. »Nun gut«, sagte er, »so will ich doch wenigstens
+einige Kirchenfenster einschlagen; wenn ich das Blei der Fenster
+einschmelze, so kann ich damit immerhin zu einigem Gelde kommen«.
+Gesagt, gethan. Aber als er die Bleistücke zu Hause in den Tiegel warf
+und drei Tage lang Schmelzversuche anstellte, brachte er nur einige
+Kügelchen zustande, die er dann vorbeiziehenden Händlern verkaufte.
+Zugleich erwarb er sich den Aussatz dazu, der ihn jedes Jahr am Tag des
+Diebstahls mit einer unerträglichen Augenentzündung heimsuchte[253-b].
+Ein Bäuerlein, das nur von seiner Hände Arbeit lebte, indem es nämlich
+mit seinem Pfluge zu Acker fuhr, kam eines Abends müde heim und
+kümmerte sich weiter nicht mehr um seine beiden Ochsen, sondern ließ
+sie weiden und zog sich in seine Hütte zurück. Am andern Morgen waren
+die Ochsen gestohlen. Der arme Mann sucht sie überall, in Wald und
+Feld, ja auf den Bergen; er kann nicht die geringste Spur entdecken.
+Weinend und klagend kehrt er zu Frau und Kindern zurück: »Weh mir! Denn
+ohne meine Ochsen müßt ihr dieses Jahr verhungern«. Aber ein Gebet
+am Grabe des heiligen Felix von Nola verhilft ihm zu seinem Eigentum
+zurück[253-c]. Der Diokletiansmärtyrer Sergius stand im Rufe, das ihm
+anvertraute Gut vor ungerechten Händen besonders gut zu verwahren. Es
+war einmal eine arme alte Frau, die hatte nur eben noch einige Hühner,
+die sie der Kirche im Notfall zur Verfügung stellte. Einst, als aus
+Anlaß des Festes der Zulauf besonders groß war, kamen zwei Männer, die
+bereits im Hinkommen auf die Hühnchen ein Auge geworfen hatten, und
+stahlen eins, schnitten ihm Kopf und Beine ab, rupften es und setzten
+es mit einem Topf Wasser übers Feuer, um es zu sieden. Das Wasser
+kochte und brodelte, allein das gestohlene Fleisch wurde nicht weicher.
+Das Wasser verdampfte, dem Hühnchen fiel es nicht ein, zarter zu
+werden. Oft betasteten sie es und versuchten, die Nägel einzukrallen,
+sie fanden es nur immer härter. Indessen rückten die Gäste an. Man
+deckt den Tisch, legt schneeweiße Leinen aus und sogar einen aus Federn
+gewobenen Tischläufer. Die Platte, die das Gericht aufnehmen sollte,
+ist so rein gewaschen wie möglich. Da, durch ein noch nicht dagewesenes
+Wunder, hat sich das Brathuhn versteinert; geniert mußte man vom
+Tisch aufstehen zur großen Beschämung der Gastgeber und zur großen
+Enttäuschung der Gäste[253-d].
+
+Dagegen hatte Martin von Tours, gewissermaßen als Dank für seine
+große Nachsicht und Milde, unter Diebstahl seltener zu leiden: einmal
+freilich wurde auch seine Grabeskirche erbrochen und ausgeplündert.
+Ferner ließ König Charibert sich von gewissenlosen Ratgebern verleiten,
+die Martinsgüter von Nazelles mit Beschlag zu belegen und dort
+Marställe für sein Gestüte einzurichten. Kaum waren aber die Pferde
+dort untergebracht, so brach die Sucht unter ihnen aus, und als der
+König kein Einsehen haben wollte, starb er selber kurz darauf[254-a].
+
+
+2.
+
+Eine weitere Folge der Verehrung des heiligen Ortes stellt sich sodann
+in wohlthätigen Einrichtungen dar, die man heute unter christlicher
+Liebesthätigkeit zusammen zu fassen pflegt. Schon an der Armenmatrikel
+zu Sankt Martin in Tours tritt es deutlich zu Tage, daß das Bewußtsein,
+im Bannkreis des Heiligen, in dem von ihm durchwalteten Raum zu wirken
+und zu leben, die eigentliche Triebkraft der Pfleger und der Trost der
+dort Verpflegten ausmacht. Täglich wurden milde Gaben im Kreuzgang
+der Kirche abgegeben, weil es eine der Eigenschaften der Heiligen
+sei, ein solches Pfrundhaus mittelst der Liebesgaben der Gläubigen
+zu erhalten. Die dort aufgenommenen Hausarmen, die als Matrikelleute
+von den übrigen Armen unterschieden wurden[254-b], durften tagsüber
+an den Kirchenthüren um ein Almosen betteln; doch blieb immer einer
+als Portier zurück, um die eingehenden Spenden entgegenzunehmen.
+Freilich kam es dann einmal vor, daß ein Ungetreuer das Pförtneramt
+versah und einen ihm abgelieferten Drittelgoldgulden für sich behielt.
+Doch war bereits die Kunde von einer schönen Einnahme herumgeboten
+worden, und als die Armen um die sechste Stunde von ihren Ausgängen
+heimkehrten, die milde Gabe, die Martin ihnen wieder gesandt habe, zu
+empfangen, schwor jener, »bei diesem heiligen Orte und allen Tugenden
+Sankt Martins«, ein Pfennig sei alles, was eingelaufen sei; da brach
+er auch schon vom Schlage gerührt zusammen[254-c]. Die Julianskirche
+in Tours, sowie die Martinszelle von Candes hatten jede eine eigene
+Matrikel[254-d]. Die Vorsteherin der weiblichen Abteilung dieser
+letzteren Armenkongregation, war die Matrone Remigia, während Vinastis
+den Männern daselbst für Nahrung sorgte; ein solches freiwillig
+übernommenes Liebesamt wurde gewöhnlich von Laien bekleidet, die ein
+eigenes Leiden in die Nähe des Heiligen geführt hatte[254-e]. Da das
+Obdach natürlich nur einer beschränkten Anzahl Aufnahme zu gewähren
+erlaubte, wurden die, deren Anmeldung angenommen war, in eine Liste
+eingetragen, und danach hieß dann die ganze Anstalt Matrikel. Ohne
+eigentlich ein Spital zu sein, war sie doch eben vor allem auch
+Aufnahmeort für Gebrechliche und Krüppel jeder Art[255-a]; auch ein
+armer Taubstummer fand dort Unterkunft, der von seinen Brüdern um sein
+väterliches Erbe beschlichen worden war, und derweil er nicht reden
+konnte, ein Klapperinstrument erfand, um die Vorübergehenden auf sich
+aufmerksam zu machen[255-b].
+
+Größeren Umfang nahm ein anderes Liebeswerk an, die Patronage der
+Gefangenen. Es mag in jenen unablässigen Kriegsläuften einem dringenden
+Bedürfnis der Nächstenliebe entsprochen haben. Auch hier sind alle
+derartigen Unternehmungen aufs innigste mit einem Heiligennamen
+verknüpft, wenn es gleich die Natur der Sache mit sich brachte,
+daß wenigstens nicht alle Hilfe auf Kirchenboden vor sich ging und
+daß hier mehr dem unmittelbaren Eingreifen zugeschoben wurde, als
+grundsätzlichen Verfügungen. Ein Schelm kam mehrfacher Diebstähle wegen
+an den Galgen. Als letzte Gunst bat er, noch beten zu dürfen und warf
+sich mit seinen auf den Rücken gebundenen Händen leidenschaftlich auf
+die Erde, indem er den Namen Martins anrief. Dann wurde er aufgeknüpft
+und die Soldaten zogen ab. Er bewegte noch immer seine Lippen zum
+Versuche, ob er nicht doch noch den Namen Martins aussprechen könne;
+auch fielen bereits die Fesseln von Händen und Füßen; aber hängen blieb
+er zwei Tage lang, bis von ungefähr eine Nonne des Weges kam und ihn
+noch lebend vom Galgen hob. Nach Sankt Martin überführt, antwortete
+er auf allgemeines Befragen, wie er denn überhaupt nun noch am Leben
+sei: »Der heilige Martin hat mich dem Tode entrissen und hierher
+gebracht. Aber es fehlte wahrhaftig nur noch wenig«[255-c]. In Tours
+lagen vier Mann in Ketten und durften nichts zu essen bekommen. Da
+thaten sie sich zusammen und flehten einträchtig zu Sankt Martin,
+dessen Fest eben damals war, um Befreiung. Der Stock, in dem ihre
+Füße eingezwängt waren, that sich auf, die Ketten fielen ihnen ab.
+Sofort liefen sie davon, rissen die Thüre aus und begaben sich in die
+Kirche des Heiligen[255-d]. Und war die Gefangenschaft gar noch gegen
+das Recht, so half Martin um so sicherer. Ein junges Mädchen, Tochter
+freigelassener Eltern, wurde durch die Söhne ihres früheren Herrn noch
+zur Leibeigenschaft angehalten. Als sie daraufhin kurzer Hand den
+Dienst aufsagte, wurde sie in Ketten gelegt. Da weinte sie nun, daß
+sie nicht auch ans Martinsfest gehen könne. Alsobald konnte sie die
+Füße vom Stock frei machen, und als sie, nach der Kirche eilend, über
+die Schwelle trat, fielen ihr auch die Ketten von den Händen[255-e].
+Ebenso wurde ein Mann, der zahlungsunfähig geworden war, von seinem
+Gläubiger nicht nur eingesteckt, sondern auch über die Maßen hart
+behandelt. »Verhungern laß ich dich«, rief jener ihm zu, »damit sich’s
+die andern gesagt sein lassen«. Unterdessen wurden draußen auf dem Wege
+nach Soissons Martinsreliquien unter Gesang vorübergetragen, sogleich
+wurde der Gefangene frei und konnte zur Kirche gehen[256-a]. Ein ander
+Mal galt Martins Gnade wieder zwei Gehenkten. Der erste, ein Höriger
+des Bürgers Genitor von Tours, war eines leichten Diebstahls wegen
+verurteilt und flehte auf dem Wege zum Richtplatz insgeheim: »Befreie
+mich, heiliger Bekenner Martin, von der drohenden Gefahr«. Als er
+gehenkt und allein gelassen war, erhob sich ein Wind, und er hörte eine
+Stimme sagen: »Laßt uns ihn frei machen«. Und siehe da, der Galgen,
+an dem er hing, wurde mit einer großen Scholle Erde umgelegt wie ein
+entwurzelter Baum. Der zweite hatte allerdings viel auf dem Gewissen,
+aber er hatte Buße gethan und wurde nun dennoch gehenkt. Doch riß der
+Strick. Er wurde noch einmal gehenkt. Da kam der Abt des benachbarten
+Klosters, eilte zum Grafen, der drei Meilen entfernt war und bat den
+Verurteilten frei[256-b]. Ein Gefangener hatte in Tours bereits eine
+Zeit lang gesessen und sollte nun auf Befehl des Richters nach dem
+andern Loireufer deportiert werden. Auf dem Fähreschiff war es den
+Wächtern plötzlich, als schlage sie Jemand auf den Kopf, sie stürzten;
+der Gefangene, der wohl wußte, daß ihm Martin half, konnte sich frei
+machen und die Kirche gewinnen[256-c]. Auch sonst erfuhren Gefangene
+immer wieder Martins hilfreiche Hand[256-d]. Und in Reims durfte sich
+Gregor, als er zum Besuche König Childeberts _II._ dort eintraf,
+von einem Gefängniswärter zu seinem himmlischen Herrn aufrichtig
+gratulieren lassen: da solle er nur hinsehen; die Dielenbretter seien
+mit Quadersteinen beschwert und die Thür mit einem eisernen Riegel
+und mit einem eisernen Schloß verrammelt gewesen, und doch seien die
+Gefangenen mit Martins Hilfe durch das Dach entkommen![256-e]
+
+Martin war nur der Hauptpatron der Gefangenen; auch andere Heilige
+nahmen sich ihrer an. Julian befreite einen auf Fürbitte von dessen
+Frau[256-f], Saint Quentin einen Gehenkten vom Galgen auf die Fürbitte
+eines mitleidigen Priesters[256-g], und die Viktormesse in Mailand galt
+als Freinacht für die Gefangenen zur Flucht[256-h]. Aus alledem dürfen
+wir auf ausgedehnte Ansprüche der damaligen Geistlichkeit schließen,
+für Gefangene einzutreten und einen Druck zu Gunsten ihrer Begnadigung
+auszuüben. Gewiß hatte das Uebelstände zur Folge, wenn schließlich
+jeder Geistliche oder wenigstens jeder Bischof und Abt die weltliche
+Gerechtigkeit in ihrem Lauf aufhalten konnte. Aber man vergesse
+nicht, wie damals das Recht gerade von den weltlichen Machthabern,
+die seine Hüter sein sollten, mit Füßen getreten wurde. Wenn die
+merowingischen Könige zum Mord ihre Zuflucht nahmen, aus purem Belieben
+ohne vorhergegangenes gerichtliches Verfahren und dabei dreist auf ein
+ihnen zustehendes »Recht« pochten[257-1], so mag man sich in jener Zeit
+der allgemeinen Willkür doch die Priester noch eher gefallen lassen,
+die gelegentlich eine verdiente Kerkerhaft oder eine gesetzmäßige
+Hinrichtung gewaltsam hintertrieben. Und gar wenn es in der feinen
+unaufdringlichen Weise unseres Gregor geschah: er kam eben von Sankt
+Martin zurück, da stürzte sich auf dem Petersplatz ein Gefangener
+vom Pferde hinunter zu seinen Füßen, erklärte ihm, er fühle sich
+unschuldig, worauf der Bischof mit dem begleitenden Gerichtsbeamten
+sprach und der Gefangene auf der Stelle frei gegeben wurde[257-a].
+
+
+3.
+
+Uebrigens flüchteten die glücklichen Gefangenen, denen der Heilige die
+Ketten abgestreift hatte, nicht aus bloßer Dankbarkeit in die Kirche,
+kaum waren sie frei. Sie wußten, daß ihnen dort keine weltliche Macht
+etwas anhaben durfte.
+
+Das Asylrecht schränkte die Befugnisse der Staatsgewalt in
+erheblichem Grade ein. Der Schutz des kirchlichen Asyls schwächte die
+Friedlosigkeit regelmäßig. Die Acht oder Friedlosigkeit vernichtete
+allerdings die gesamte Rechtssphäre dessen, der ihr verfiel. Er
+konnte von Jedermann bußlos verwundet und erschlagen werden. Er
+verlor die Rechte der Sippe und der Familie; denn er hörte auf,
+Geschlechtsgenosse, Ehemann und Vater zu sein, sodaß sein Weib als
+Witwe, seine Kinder als Waisen behandelt wurden. Ueberdies bedeutet
+die Acht Verfolgung, öffentlich gebotene Verfolgung. Als Feind allen
+Volkes durfte der Friedlose nicht nur, sondern sollte er von jedermann
+verfolgt und getötet werden. Floh nun ein Geächteter in die Kirche,
+so konnte seine Auslieferung nur unter Zusicherung des Lebens und der
+Glieder erfolgen. Die fränkische Gesetzgebung ersetzte in solchem Falle
+Acht durch Verbannung[257-2].
+
+In selteneren Fällen floh auch eine ganze Volksmenge in die Behausung
+des Heiligen; im Kriege kam es gewöhnlich vor, daß beim Ueberfall
+eines Dorfes die Kirche von flüchtigem Volk und dessen Fahrhabe
+besetzt war[257-b]. Auch konnte die Zufluchtsstätte in den kleinen
+Rechtshändeln des Tages täglich von kleinen Leuten aufgesucht werden,
+und auch den gewöhnlichen Bürger schützte dann der Heilige vor
+Gewaltthat[258-a]. Aber seine eigentliche, große, geschichtliche Rolle
+spielte das Asylrecht in den Kämpfen der mächtigen Herren! Bald war
+der eine Feind hilflos in der Kirche, bald der andere[258-b]. Welche
+Schauspiele des heißen, des wildesten Lebens trugen sich zu, wenn da
+die Leidenschaften auf dem Gipfel der Erregung aneinander schlugen!
+Daß dann der Heilige schließlich wenig mehr bei dem Handel zu sagen
+hatte und sein Schutz mehr durchbrochen als beachtet wurde, wie hätte
+das anders sein können! Die Priesterschaft that bei solchen Auftritten
+eben ihre Pflicht, suchte zu dämpfen und zu mildern, soviel als möglich
+war, nicht ohne sich dabei mutig allerlei unangenehmen Zwischenfällen
+auszusetzen. So sehr es nur immer anging, gönnte man dann dem Heiligen
+das Wort zu einer Manifestation; als nach dem Tode Sigiberts Graf
+Ruccolen an der Spitze der Leute von Le Mans vor Tours erschien und
+mit sofortiger Einäscherung von Sankt Martin drohte, falls nicht die
+in der Kirche verborgenen Flüchtlinge von den Diakonen herausgebracht
+wurden, da wurde mit großer Genugthuung bemerkt, daß in dem Augenblick,
+da Gregor mit der ganzen Geistlichkeit um Abwendung dieser Gefahr
+betete, eine zwölf Jahre lang gelähmte Frau sich wieder aufrichten
+konnte[258-c]. Doch was vermochten in derartigen Momenten solche
+episodischen Heiligenzüge vor dem rücksichtslosen und brutalen Gebahren
+der profanen Welt.
+
+Statt aller weiteren theoretischen Erwägungen sei hier von den
+prachtvollen Schilderungen dieser Art aus der Frankengeschichte
+die erregendste und schönste als Beispiel mitgeteilt. Als Eberulf
+vernahm, daß ein für alle mal an Königsmördern ein Exempel statuiert
+werden solle, flüchtete er in die Martinskirche nach Tours. Da es nun
+erforderlich schien, ihn hier zu bewachen, ergriffen die von Orléans
+und die von Blois die günstige Gelegenheit und bezogen abwechselnd die
+Wache. Nach vierzehn Tagen kehrten sie dann mit vieler Beute zurück,
+indem sie, man denke, mitten im Frieden und im eigenen Lande, Zugvieh,
+Schafe und was sie wegbringen konnten, mit sich nahmen. Die aber dem
+heiligen Martin Vieh entführten, gerieten unter sich selbst in Händel
+und erstachen sich gegenseitig. Die Tiere wurden darauf zurückgegeben.
+Indessen teilten sich verschiedene Leute in Eberulfs Güter; sein Gold,
+sein Silber und die Kostbarkeiten fielen der öffentlichen Plünderung
+anheim. Was ihm von Krongut übertragen gewesen war, wurde für den
+Staatsschatz eingezogen, seine Pferde-, Schweine- und Rinderherden
+konfisziert. In seinem Haus, das er widerrechtlich vom Kircheneigentum
+sich angeeignet hatte und das man nun voll Getreide, Wein und Schinken
+fand, ließ man nur noch die nackten Wände zurück. Das war gerechte
+Vergeltung; denn als er noch in Freiheit war, ließ er seine Pferde
+und Schafe auf die Saatfelder und in die Weinberge der armen Leute
+treiben, und wenn sie, deren saure Arbeit er zu Grunde richtete, ihr
+eigenes Vieh hinausführten, ließ er sie sogleich von seinen Leuten
+niederhauen. Besonders aufsäßig war er den Verwaltern der Hauptkirche,
+eignete sich durch einen Scheinkauf widerrechtlich von ihren Gütern
+an, ja er vollführte in der Vorhalle der Martinsbasilika Mordthaten,
+stellte dort Saufgelage an und warf einen Priester, der ihm keinen Wein
+mehr geben wollte, da er schon betrunken war, auf eine Bank nieder und
+traktierte ihn mit seinen Fäusten derart, daß dieser verschieden wäre,
+wenn ihn nicht die Aerzte durch Schröpfköpfe gerettet hätten. Statt im
+Asyl Martins manierlich zu werden, überhäufte er Gregor mit Vorwürfen
+und gelobte, wenn er jemals wieder beim Könige in Gnaden angenommen
+sei, werde er alles rächen, was er erdulde. Er hielt, aus Furcht vor
+dem Könige, sein Nachtlager in der Sakristei der Martinskirche, und
+wenn der Priester mit den Schlüsseln fortgegangen war und die übrigen
+Pforten verschlossen hatte, kamen durch die Thüre der Sakristei die
+Töchter des Eberulf mit seinen andern Kindern in die Kirche, sahen
+sich die Wandgemälde an und kramten im Schmuck des heiligen Grabmals
+herum, was den Brüdern sehr anstößig war. Als der Priester dies in
+Erfahrung gebracht hatte, schlug er Nägel an der Thüre ein und schob
+die Riegel von innen vor. Da Eberulf nach seinem Abendessen, schon vom
+Wein trunken, dies bemerkte und Gregor mit seinen Klerikern in der
+Kirche eben Psalmen sang, brach jener wütend herein und überhäufte
+den Bischof mit seinen Schimpfreden. Fluchend warf er ihm vor, man
+verwehre ihm den Zutritt zu den Fransen der heiligen Grabdecke, deren
+Berührung ihn bei einem Ueberfall schützen sollte. Mit freundlichen
+Worten suchte ihn Gregor zu beruhigen, und als der gute Zuspruch
+nichts gegen den Wütenden vermochte, schwieg er still. Da wandte jener
+seine Flut von Schmähungen gegen einen Priester und geberdete sich wie
+verrückt, sodaß die Geistlichkeit, um weiteres Aergernis zu vermeiden,
+die Vesper abbrach und die Kirche verließ. Indessen schickte der
+König Gunthram einen gewissen Claudius ab und sprach: »Wenn du dich
+aufmachst, den Eberulf aus der Kirche schaffst und entweder mit dem
+Schwerte erlegst oder mir in Banden bringst, so will ich dich zu einem
+reichen Manne machen; aber nimm dich in Acht und füge ja der heiligen
+Kirche keinen Schaden zu«. Da eilte jener, verwegen und habgierig,
+wie er war, zuerst nach Paris, denn sein Weib war aus dem Gebiete von
+Meaux, und trachtete darnach, wie er die Königin Fredegunde sprechen
+könne. »Wenn ich sie spreche«, meinte er, »werde ich auch von ihr einen
+hübschen Lohn gewinnen; denn ich weiß, sie ist Eberulf gram«. Auch
+kam er wirklich zu ihr und erhielt sofort große Geschenke und viele
+Versprechungen überdies, wenn er Eberulf aus der Kirche schaffe und
+töte oder listig in Banden schlage oder ihn auch in der Vorhalle der
+Kirche selbst niederstoße. Darauf kehrte er nach der Burg Dun zurück
+und forderte hier den Grafen auf, ihm dreihundert Mann zu geben; seinem
+Vorgeben nach um die Thore der Stadt Tours zu bewachen, in Wahrheit
+um mit ihrer Hilfe Eberulf zu töten. Und während der Graf der Burg
+die Leute noch aufbot, zog Claudius selbst gegen Tours. Auf dem Wege
+aber fing er nach der Sitte der Franken an, auf Vorbedeutungen zu
+achten; doch meinte er, sie seien ihm ungünstig. Zugleich fragte er
+auch bei vielen an, ob die Macht des heiligen Martin sich neuerdings
+an Wortbrüchigen kund gegeben habe, und ob einen sofort die Rache
+ereile, wenn man denen, die ihre Hoffnung auf den Heiligen setzten,
+Leid anthue. Ohne die Leute von Chateau Dun abzuwarten, begab er sich
+sofort zu der heiligen Kirche, machte sich an Eberulf und hob an, ihm
+zu beteuern und ihm bei allen Heiligen und der Wunderkraft des seligen
+Bischofs, an dessen Grabe sie ständen, zu schwören, Niemand werde
+ihm treulicher in seinen Sachen beistehen als er, so könne er seine
+Händel mit dem Könige leicht zu einem guten Ende führen. Sich selbst
+sagte er: »Fange ich ihn nicht durch falsche Schwüre, so bekomme ich
+ihn nicht in meine Gewalt«. In der That faßte Eberulf auf die vielen
+Eide, in der Kirche, im Säulengange und an andern heiligen Stellen
+Vertrauen. Er selbst hatte die Sakristei mit einer Wohnung in dem an
+die Kirche anstoßenden Gebäude vertauscht. Dort zechten er und Claudius
+mit einigen Bürgern von Tours. Nach dem Mahl gingen er und Claudius in
+der Vorhalle auf und nieder und gelobten sich unter Eidschwüren Liebe
+und Treue. Plötzlich sagte Claudius: »Ich möchte wohl noch einen Trunk
+in deiner Wohnung thun, falls du süß gewürzte Weine hast oder die Güte
+haben solltest, einen starken Wein zu beschaffen.« Eberulf freute sich:
+daran fehle es nicht; und er schickte seine Diener aus, einen nach dem
+andern, stärkere Weine zu holen, italienische Weine. Als nun Claudius
+ihn allein und von seinen Dienern verlassen sah, hob er seine Hand
+gegen die Kirche auf und sprach: »Hochheiliger Martin, laß mich bald
+mein Weib und meine Kinder wieder sehen«. Der entscheidende Augenblick
+war da. Der Elende wollte hier in der Vorhalle morden, fürchtete aber
+doch die Macht des heiligen Bischofs. Da griff einer unter den Dienern
+des Claudius, ein handfester Mensch, zu, packte Eberulf von hinten
+mit kräftigen Armen, bog ihm die Brust zurück und hielt ihn so zum
+Todesstoße bereit. Claudius zog das Schwert aus dem Wehrgehänge und
+holte aus. Aber auch Eberulf hatte seine Waffe entblößen können und
+war zum Stoße fertig. Als nun Claudius die Rechte erhob und ihm einen
+Hieb in die Brust versetzte, stieß auch er behende ihm die Spitze des
+Schwertes in die Achselhöhle, zog das Schwert wieder an sich, holte
+abermals aus und hieb Claudius den Daumen ab. Darauf eilten dessen
+Diener mit Schwertern herbei und verwundeten Eberulf des weiteren.
+Er suchte ihren Händen zu entwischen und zu fliehen, obwohl er schon
+ganz entkräftet war. Da entwanden sie ihm das Schwert, versetzten ihm
+einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, das Gehirn spritzte heraus, er
+brach zusammen und war tot. Vom Heiligen verdiente er nicht gerettet
+zu werden; denn er hatte sich niemals darauf verstanden, ihn gläubig
+um Beistand anzurufen. Claudius jedoch eilte voll Furcht zu der Zelle
+des Abtes und verlangte Schutz. Der Abt hatte Bedenken. Da rief
+Claudius: »Ein ungeheures Verbrechen ist begangen und kommst du uns
+nicht zu Hilfe, so sind wir verloren«. Bei diesen Worten stürmten die
+Diener Eberulfs mit Schwertern und Lanzen heran, und da sie die Thüre
+verriegelt fanden, schlugen sie die Glasscheiben der Zelle ein, warfen
+ihre Lanzen durch die Fenster in der Wand und durchbohrten Claudius,
+der schon halb entseelt war, mit dem Speere. Seine Diener aber
+verkrochen sich hinter der Thüre und unter die Betten. Den Abt nahmen
+zwei Geistliche in die Mitte und zwischen den Spitzen der Schwerter kam
+er nur mit Mühe und Not lebend von dannen. Die Thüren wurden geöffnet;
+die Masse der Kämpfenden drang herein. Auch machten sich einige von den
+Hausarmen der Kirche und den andern Almosenempfängern daran, das Dach
+der Zelle abzureißen, da hier eine solche Greuelthat geschehen war.
+Besessene und armes Volk liefen mit Steinen und Knütteln herbei um die
+Beschimpfung der Kirche zu rächen. Die Flüchtlinge wurden aus ihrem
+Versteck hervorgezogen und grausam erschlagen. Der Fußboden der Zelle
+schwamm in Blut. Ihre Leichname wurden herausgeschleppt und blieben
+nackt und bloß auf der kalten Erde liegen. Die Mörder aber entwischten
+während der Nacht mit der Beute. Als dieser unerhörte Skandal sich
+zutrug, war der Bischof eben sechs deutsche Meilen weit über Land
+gegangen. Auch der König geriet bei der Nachricht in gewaltigen Zorn,
+beruhigte sich aber, als er genaue Kunde erhielt. Eberulfs bewegliche
+und unbewegliche Habe und was dieser von seinen Vorfahren ererbt hatte,
+schenkte der König seinen Getreuen. Das Weib des Unglücklichen fiel arm
+und bloß der Martinskirche zur Last[261-a].
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Amulet und Fluidum.
+
+
+1.
+
+Gab es auch unzählige Reliquien und war noch obendrein der einzelnen
+ein ansehnlicher Bannkreis umgeschrieben, in dem sie selbst auf
+Entfernung wirkte, so war doch dem unersättlichen Verlangen der Leute
+nach dem Beistand der Heiligen noch nicht genug gethan. Für Fälle, wo
+ein Kirchgang zu umständlich war, besaß man Angebinde vom Heiligen
+für den Hausgebrauch. Das konnten einfach Reliquien sein oder Teile
+von solchen, die mit dem profaneren Zweck dann auch die Prätension
+fallen und eine Berührung mit dem Alltagsmenschen geschehen ließen.
+Immerhin fanden sich diese zu Amuleten erniedrigten Reliquien doch nur
+selten, in den Händen von Priviligierten, vor. Am nächsten lag es,
+Reliquien einer Hauskapelle bei gelegentlichem Bedarf vorübergehend
+als Amulet zu verwenden. Ein Bürger von Saintes, Cardegisel mit dem
+Uebernamen Gyson, lud Gregor zu sich ein und führte ihn in den Betsal
+seiner Mutter, dessen Altar Martinspfänder enthielt: »Vor drei Jahren«,
+erzählte der Herr, »als mein Junge hier noch an der Mutterbrust lag,
+wurde er krank und nahm keine Nahrung. Tagelang ging es so. Am sechsten
+legten wir ihn auf den Altar. Ich konnte es nicht mehr aushalten und
+sagte meiner Frau, ich ginge über die Zeit weg, sie sollte den Kleinen
+dann begraben. Das Kind lag bis zum Abend. Plötzlich drehte es sich
+dann und rief: ›Wo bist du, Schwesterchen‹. Nach Kinderart rief es der
+Mutter so. Sie nahm es auf den Arm und es ließ sich von ihr stillen.
+Und so bald es trank, wurde ihm besser[262-a]«. Ein ander Mal, als
+Gregor sich in Reims befand und in der Sakristei auf den Bischof
+wartete, stellte sich ihm der Referendar des verstorbenen Sigibert
+vor, Siggon, der an einem Ohr gar nicht und am andern schlecht hörte.
+Dieser hatte den Bischof von Tours kaum verlassen und ein paar Schritte
+in der Kirche gethan, so bekam er Ohrenbrausen und hörte wieder. Er
+kehrte zu Gregor zurück um sich zu bedanken, drei Tage lang habe er
+an dem Ohr nichts mehr gehört; aber über dem Gespräche habe er es
+sich lösen gespürt. Da gestand ihm Gregor, er sei verwegen genug,
+Martinsreliquien auf sich zu führen; ihnen gebühre also der Dank
+des Geheilten[262-b]. Gregors Mutter besaß Reliquien des Euseb von
+Vercelli. Einst an einem Winterabend hatte sie bis tief in die Nacht
+hinein am Kamin in fröhlicher Gesellschaft gesessen. Die Dienstboten
+waren bereits schlafen gegangen, und sie selbst legte sich dann hin,
+ohne auf das große, noch glühende Holzscheit weiter acht zu geben. Da
+stiegen denn einzelne Gluten in die Höhe und steckten das Deckengetäfel
+in Brand; wunderbarerweise, und daran waren eben die in der Nähe
+befindlichen Reliquien schuld, drangen die Flammen nicht der Höhe zu
+durch das Gebälk, sondern hingen wie kleine Feuerflocken harmlos dort
+oben und liefen der Einfassung entlang, ohne Schaden anzurichten. Die
+Mutter erwachte, rief das Gesinde, und der Hausbrand wurde mit Wasser
+gelöscht[262-c]. Es war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in
+Gregors Familie. Vom verstorbenen Vater her wurde ein goldenes Etui
+mit anonymer Heiligenasche hoch in Ehren gehalten; er hatte es sich
+als junger Mensch verschafft, als er eben verheiratet von Theudeberts
+Standesoffizieren zum Kriegsdienst ausgehoben wurde. Er dankte ihnen
+sein Leben, sowie manche Bewahrung vor Diebsgefahr und Wetterschaden,
+ja auch vor der Anfechtung der eigenen Sinne. Nach seinem Tode trug sie
+die Witwe, an einem Halsband über der Brust. Zur Erntezeit, als es mit
+einem Male kalt wurde und die Schnitter unvorsichtig ein Strohfeuer
+ansteckten, das um sich griff und die umliegenden Garbenhaufen
+bedrohte, fuhr die Mutter auf das Rufen hin vom Tisch auf und streckte
+ihr Amulet nach dem Feuer hin, daraufhin erlosch es alsbald. Später
+bekam Gregor diese Leibreliquien und verscheuchte auf einem Ritt von
+Burgund in die Auvergne ein aufsteigendes Gewitter damit[263-a]. Aber
+eben nur reiche Leute konnten sich diese echten Heiligenpfänder als
+Lebensversicherung überhaupt gönnen.
+
+Dem Volk war deshalb die Vergünstigung des Amuletes keineswegs
+erschwert, da die Mitteilbarkeit der Reliquienkraft unerschöpflich war
+und die übertragene der ursprünglichen in der Wirkung nicht nachstand.
+Hatte erst einmal eine Reliquie einen Raum mit ihrem heiligen Fluidum
+von Grund aus durchdrungen, so konnten an dem so imprägnierten Orte
+ungezählte Amulete gewonnen werden. »Von dem Grabsteinpulver oder dem
+Kerzenwachs eines solchen Ortes sich etwas mitzunehmen, befähigt zu
+Kraftthaten, die unablässig geschehen sind, oder noch geschehen und
+die kein Mensch auf der Welt aufzuzählen im Stande ist[263-b]« — in
+diesen Worten Gregors spricht es sich aus, daß vom Heiligengrab aus
+ein unversieglicher Strom von Kräften nicht nur, sondern auch von
+neuen Kräftequellen seinen Anfang nahm. Auch der geringe Mann war
+in den Stand gesetzt, sich sein Amulet selbst zu bereiten und einen
+Behälter der Heiligenkraft in seiner nächsten Nähe zu führen. Der
+populärste Bezugsort dafür waren nun eben die Heiligengrabsteine, an
+denen man sich nur etwas Pulver abzuschaben brauchte, um zu haben, was
+man wünschte. Weil dieses Grabsteinpulver so leicht herzustellen war,
+stand es im Vordergrunde aller Heiligenangebinde; überdies hatte es
+vor andern Amuleten noch die Eigenschaft voraus, daß es meistens mit
+Wein oder Wasser angemacht innerlich genommen und somit noch obendrein
+des Zutrauens teilhaftig wurde, das kranke Leute einem Medikament
+entgegenbringen. Wie man damals von einer solchen Prise Staubes dachte,
+muß gerade darum deutlich werden, weil uns diese Wertschätzung heute
+so unglaublich scheint; und so sei denn die Lobeserhebung, die Gregor
+dem Grabsteinpulver widmet, im Wortlaut mitgeteilt: »O unbeschreibliche
+Mixtur!« ruft er aus[263-c], »unaussprechliche Spezerei, Gegengift,
+über alles Lob erhaben! Himmlisches Abführmittel, wenn ich mich des
+Ausdrucks bedienen darf, das alle ärztlichen Rezepte in den Schatten
+stellt, jedes Arom an süßem Duft übertrifft und stärker ist als alle
+Essenzen, das den Unterleib reinigt wie Skammoniensaft, die Lunge wie
+Ysop und den Kopf wie Bertramswurz, aber eben nicht allein die siechen
+Glieder wiederherstellt, sondern, was viel mehr wert ist, die Flecken
+vom Gewissen hinwegwäscht!« Neben dem Steinpulver fand das Wachs, das
+auf den Gräbern von den Votivkerzen vertropft war, oder Reste dieser
+Kerzen selbst den meisten Anklang. Wachs kannte selbst zwar nicht
+eingenommen werden, dagegen wurde die Dochtasche pulverisiert und auf
+dieselbe Weise als Medikament verwendet[264-a]. Wenn solche Amulete
+gewonnen wurden, wirkten sie anfangs etwa auch noch mit der drückenden
+Kraft der Vollreliquie. »Geh zur Kirche des seligen Julian«, sagte
+Aridius zu einem Priester, »bete dort und ersuche dann die Kirchenhüter
+dir ein wenig Wachs oder Grabesstaub zu verabfolgen«. Als dieser sie
+empfangen hatte, wurden ihm plötzlich die Glieder schwer, er brach
+fast zusammen; doch ermunterte er sich ohne Schwierigkeit und konnte
+seines Weges gehen. Ein starker Kraftleiter war auch der Vorhang über
+dem heiligen Grab. Er besitzt eine den Reliquien vollkommen ebenbürtige
+Heilkraft[264-b], er heilt Kopfweh bei bloßer Berührung[264-c], ein
+einzelner ihm entzogener Faden, in Kreuzesform aufgelegt, vertreibt
+Bauchschmerzen[264-d]. Desgleichen wirkte das Tuch, das eine Reliquie
+einhüllte[264-e]. Das Linnen, in dem Marienreliquien geborgen waren,
+verbrannte so wenig als der heilige Inhalt. Die Seidendecke, in der ein
+Stück heiliges Kreuz eingewickelt gewesen war, ließ Gregor abbrühen
+und das Wasser als Heiltrank verwenden[264-f]. Aber wie auch hier die
+Steigerung des Amulets zum Medikament stattfand, so konnte umgekehrt
+die genossene Hostie gelegentlich als Amulet wirken; die Geschichte
+ist zu bezeichnend, um nicht nacherzählt zu werden; sie ereignete
+sich zu Gregors Jugendzeit in seiner Heimat. Ein allein reisender
+Priester bat an der Hütte eines armen Mannes um ein Nachtquartier.
+Nach Clerikerbrauch unterbrach er seinen Schlaf gegen Morgen, um sein
+Gebet zu verrichten. Um dieselbe Stunde, kurz vor Tagesanbruch, war
+aber auch schon der Bauer aufgestanden, um mit seinem Ochsenkarren
+ins Holz zu fahren. Doch wollte er den gewohnten Frühimbiß, den ihm
+seine Frau vorsetzte, diesmal nicht einnehmen, ohne daß der geistliche
+Herr ihm sein Brot geweiht hätte. Als das geschehen war und er das
+Sakrament empfangen hatte, fuhr er von dannen. Noch war es nicht hell
+geworden, so kam er an die Schiffbrücke, stieg ab und führte Gespann
+und Wagen hinüber. Auf der Flußmitte hörte er plötzlich jemanden sagen:
+»Ertränk ihn, ertränk ihn, spute dich!« und darauf jemanden antworten:
+»Ich wollte schon. Aber etwas Heiliges steht mir an ihm entgegen. Er
+hat das Sakrament empfangen, mußt du wissen«. Der Bauer vermochte
+niemanden zu sehen; er begriff, wer gemeint war, bekreuzte sich, dankte
+Gott, machte, daß er weiter kam, und gelangte heil ans jenseitige
+Ufer[265-a]. Und dann war auch sonst alles und jedes, was nur von
+ferne über die Ausrede verfügte, mit dem Heiligen in Berührung gewesen
+zu sein, auch wundertätiger Kräfte fähig. Das Oel, das der Priester
+Aridius bei seiner Anwesenheit in einem mit Martinsreliquien versehenen
+Raum auf sich trug, bewirkte unzählige Heilungen[265-b].
+
+Ueberhaupt darf man, wie immer bei Volksvorstellungen, sich über die
+nachträgliche Unbestimmtheit in der scheinbar sachgemäßen Gruppierung
+nicht wundern. Im Bewußtsein des Volkes war die beobachtete Einteilung
+nicht vorhanden: Reliquie war jeder Sitz heiliger Kräfte, ob sie nun
+original oder abgeleitet waren, und so kennt Gregor denn auch keine
+besondere Bezeichnung für das, was wir als Amulet oder Medaille von
+der Reliquie unterschieden haben. Momentane Kombinationen und Einfälle
+bereicherten die allgemein umrissenen Typen oft noch durch die
+sonderbarsten Beispiele. Gegen kranke Füße versuchte ein bretonischer
+Graf Fußbäder in einem als Wanne benutzten silbernen Altargesäß, vor
+dessen Größe, nebenbei gesagt, uns die Möglichkeit einer derartigen
+Verwendung nicht geringe Achtung einflößen mag; auf diesen famosen
+Gedanken war einer aus dem Gesinde geraten, nachdem sein Herr all
+sein Gut für die Rechnungen der Aerzte aufgebraucht hatte. Aber die
+Profanation bekam dem Grafen schlecht; die Schmerzen nahmen zu und
+hinderten ihn nun vollends am Gebrauch seiner Füße zum Gehen. Derselben
+Manipulation soll sich ein Herzog der Longobarden mit dem gleichen
+Mißerfolg unterzogen haben[265-c]. Wo indessen der Anstand nicht auf
+dem Spiele stand, konnten wohl Kirchengerätschaften ohne Nachteil zum
+Zweck der Übertragung des Fluidums zu Hilfe genommen werden. Bei einer
+Pferdekrankheit im Bezirk Bordeaux impfte man die Tiere, indem man
+ihnen den Bart des Schlüssels der Domänenkapelle auf das Fell brannte;
+die Erkrankten wurden gesund, die Gesunden erkrankten nicht[265-d]. Ein
+ander Mal errang das Amulet landwirtschaftliche Erfolge, indem ein mit
+dem Wachs von Martinskerzen bestrichener Fruchtbaum vom Hagelschlag
+verschont blieb[265-e]. Die Dehnbarkeit des Begriffs kannte eben keine
+Grenzen; war kein Grabsteinpulver zu haben, so that schließlich ja auch
+eine Prise Staubes vom Fußboden der Kirche denselben Dienst[265-f].
+
+Das Amulet war auf würdelose Ausführung ebenso empfindlich, wie
+die Reliquie selbst und rächte pietätlose Behandlung. Nunnius, der
+Steuereinnehmer der Königin Theudechilde, meinte es zwar redlich,
+machte aber nach Soldatenart keine Umstände, auch dem Heiligen
+gegenüber nicht. Als er vor dem Grabe des Germanus von Auxerre von
+einem langen Gebete aufstand, zog er einfach vom Leder und schlug
+mit seinem Säbel auf den Grabstein los, immerhin erst, nachdem er
+sich vergewissert hatte, es sehe niemand zu. Ein kleines Stück Stein
+war abgesprungen; als er aber das Amulet zu sich steckte, wurde er
+erzsteif und konnte kein Glied mehr rühren, bis er Buße that und sein
+frivol erworbenes Gut als Reliquie einer Kirche in Verschluß zu geben
+gelobte[266-a]. Daß das nicht genügend in Ehren gehaltene Amulet
+schadet, erfuhr auch einer von Gregors Leibeigenen. In einer Anwandlung
+von Verehrung für Martin und durch seinen Herrn Gregor in seiner
+Absicht ermuntert, nahm er einen Spahn vom Holz des Bettes in Candes,
+auf dem Sankt Martin gestorben war, und hob es in seiner Wohnung auf,
+daß es ihm Heil bringe. Aber die Aufmerksamkeit muß nachgelassen haben
+und das Amulet unter gewöhnlichen Hauskram geraten sein, plötzlich
+wurde die ganze Familie krank. Gregor dachte gleich, was etwa schuld
+sein möchte, und richtig, in einem schrecklichen Traumgesicht bekam der
+Knecht zu hören: »Der Holzspahn vom Bette des Herrn Martin, auf den du
+nicht genügend Acht gibst, ist die Ursache deiner Leiden. Uebergieb
+ihn lieber dem Diakon Gregor, daß er ihn bei sich verwahre«. Und von
+dem Augenblick an, da der heilige Spahn an einem ihm gebührenden Orte
+untergebracht war, wurde der Hörige und sein ganzes Haus gesund[266-b].
+
+Nun sei der Kreislauf unserer Beobachtungen abgeschlossen durch zwei
+Fälle, die zeigen, wie ein an sich durchaus profaner Gegenstand
+lediglich durch Aufnahme des heiligen Fluidums schließlich zur
+Vollreliquie werden kann. Motharius, ein Bürger von Tours, im Begriff
+an den Hof zu reisen, setzte seine Reisezehrung, Brot und Wein, am
+Heiligengrabe aus, und als er dann unterwegs bei Gastfreunden abstieg,
+schrie die Frau des Hauses, die schwermüthig war, angesichts seines
+Gepäcks: »Warum verfolgst du uns, o Heiliger! Warum quälst du uns,
+Diener Gottes!« Als ihr aber Wein und Brot vermischt eingegeben wurde,
+bekam sie einen Blutsturz, der sie von dem bösen Geist befreite; ebenso
+half dasselbe heilige Medikament einer Frau vom Fieber[266-c]. Was
+jedoch hier mehr als ein zufälliger Vorfall erscheint, tritt anderswo
+als beabsichtigter und alsdann gelungener Versuch auf, für eine echte
+Reliquie Martins, einen ebenso kräftigen Ersatz herzustellen. Es
+handelte sich freilich auch um nichts geringeres als um den Uebertritt
+des suevischen Königshauses zum Katholizismus, wozu die Krankheit des
+Königssohnes die Veranlassung gab. Der König fragte seine Umgebung:
+»Sagt doch, welcher Religion gehört schon jener Martin an in gallischen
+Landen, von dessen Heilerfolgen man schon so viel spricht?« Dann
+versuchte er es mit großen Weihgeschenken, so viel Gold und Silber
+als der Kranke selbst wog, ließ er nach Tours bringen. Aber die
+Genesung geriet nur halb. Da baute er Sankt Martin eine Kirche, und
+stellte seine Bekehrung in Aussicht, wenn er nur eine Martinsreliquie
+erwerben könnte. Nun bot man seiner zweiten Gesandtschaft in Tours die
+üblichen und als wirksam bekannten Heiligenunterpfänder an. Aber sie
+hatten den Eigensinn, sich ihr Amulet selbst anzufertigen und baten
+um die Erlaubnis, eigene Gegenstände auf das Grab legen zu dürfen und
+diese dann, falls die Füllung gelinge, mit nach Hause zu nehmen. So
+deponierten sie ein Stück Seidenstoff auf dem Grabaltar und beteten die
+ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen legten sie, nach einem auch zu
+Rom am Grab der Apostel üblichen Verfahren, es auf die Wage, und siehe
+da! der Pfundstein in der Gewichtschale hob sich alsbald so hoch in die
+Luft, als die Stange überhaupt drehbar war; so schwer war der Stoff von
+der Gnade des Heiligen geworden.
+
+
+2.
+
+Aber selbst mit allen nur erdenklichen Ableitungen auf fremde Stoffe
+war dem heiligen Fluidum seine letzte Schranke noch nicht gesetzt. Wir
+müssen zu der Beobachtung fortschreiten, daß für eine solche Anschauung
+der Dinge eben auch das, was wir Geist nennen, etwas stoffliches war.
+Der Verkehr des fränkischen Christen mit Gott ging rein materiell vor
+sich durch Gebet, Kreuzeszeichen und Anrufung des heiligen Namens.
+Sie wirken nicht anders als Reliquien und sind in der That weiter
+nichts, als Kraftsurrogate in Abwesenheit eines massiven Kraftherdes;
+während sonst bei einer großen Feuerbrunst mit Reliquien vorgegangen
+wird, betete in einem ähnlichen Fall das zu Bordeaux versammelte Volk
+zu Martin und erzielte auch so den Stillstand der Flamme[267-b]. Vom
+Kreuzeszeichen sagt Gregor: »Bekreuzt man flink und ohne sich zu
+besinnen Stirn und Brust mit diesem heiligen Zeichen, so vermag man
+dem Uebel als Märtyrer entgegen zu treten; haben doch die Märtyrer
+selbst, mit denen Gott kämpfte und triumphierte, ihre glorreichen
+Siege nicht anders davon getragen, als durch den Beistand Gottes und
+das Kreuzeszeichen, aber ja nicht durch ihre eigenen Kräfte«[267-c].
+Der Heiligenname, besonders wenn er bei der Festverlesung der Vita zum
+ersten Mal über die Lippen des Vorlesers tritt, löst ungemein leicht
+Wundervorgänge unter den Zuhörern aus! Hiezu kommt die grobsinnliche
+Behandlung des Bibelstudiums. Wenn man gegen die Arianer und Juden
+so viel Bibelstellen als möglich ins Feld führte und sich weiter um
+dialektische Künste nicht kümmerte, so geschah das eben in erster
+Linie im Glauben an die Amuletkraft des Bibelspruchs. Noch deutlicher
+tritt das beim Schriftorakel zu tage, dem sogenannten »Däumeln«. Ein
+Beispiel. Im Jahre 557 belagerte Chlothars jüngster Sohn Chramm, der
+sich wider seinen Vater ein erstes Mal empörte, Châlons und schlug sein
+Lager vor Dijon auf. Da flehten die Geistlichen dieser Stadt zu Gott,
+er möge ihnen enthüllen, welchen Ausgang es mit Chramm haben werde. Sie
+legten, der damaligen Sitte gemäß, noch drei Bücher auf den Altar, die
+Propheten, den Apostel und die Evangelien, und nun sollte ein Jeder,
+was er zuerst aufschlüge, auch bei der Messe lesen. Das Orakel lautete
+bei den Propheten: »Warum hat er Herlinge gebracht, da ich wartete, daß
+er Trauben brächte« —; beim Apostel: »Werden sie sagen: Es ist Friede,
+es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen« —;
+beim Herrn im Evangelium: »Und wer diese meine Rede höret und thut sie
+nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den
+Sand baute«. Chramm aber kam bis zu den Kirchen vor dem Thor, Sankt
+Benignus und Sankt Johann, wurde dort von Tetricius empfangen und mit
+dem Abendmahl versehen; aber die Erlaubnis, Dijon zu betreten, wurde
+ihm auf das ungünstige Orakel hin nicht erteilt[268-a].
+
+Heilig sein heißt also, mit Himmelskraft geladen sein. Die Gesinnung
+des Trägers konnte an dem objektiven Gehalt des Heiligtums nichts
+ändern. Deshalb hat es seine besonderen Schwierigkeiten auf sich,
+Gaukler und Schwindler, die mit heiligen Gegenständen Unfug trieben,
+zu überführen und zu entlarven. Des charakteristischen Hintergrundes
+wegen, den unsere bisherigen Ausführungen dadurch erhalten, fügen wir
+hier eine längere Schilderung Gregors im Wortlaut ein: »Es kam ein
+großer Betrüger nach Tours, der Viele durch seine Arglist täuschte. Er
+trug einen Rock ohne Aermel und darüber einen Mantel von Baumwolle,
+in der Hand führte er ein Kreuz, von dem Fläschchen herabhingen;
+diese Fläschchen enthielten nach seiner Angabe heiliges Oel. Er gab
+vor, er komme aus Spanien und bringe die Reliquien der hochheiligen
+Märtyrer Vincentius und Felix. Da es aber bereits Abend war, als
+er zu der Kirche des heiligen Martin kam und wir schon beim Mahle
+saßen, schickte er zu uns und sprach: ›Man empfange die heiligen
+Reliquien‹. Da es aber schon zu spät war, ließ ich ihm sagen: ›Man
+lasse die heiligen Reliquien auf dem Altare ruhen, bis wir am Morgen
+zu ihrem Empfang ausziehen‹. Aber schon beim Anbruch der Dämmerung
+erhob er sich und zog, ohne uns zu erwarten, mit seinem Kreuze ein
+und trat in unsere Zelle. Ich war ganz erstaunt und verwundert
+über sein unbesonnenes Verfahren und fragte ihn, was dies bedeuten
+solle. Er antwortete mir hochmütig und mit stolzem Tone: ›Du hättest
+mir einen besseren Empfang bereiten sollen. Aber ich werde es König
+Chilperich hinterbringen; er wird die Geringschätzung, mit der ich
+behandelt bin, ahnden‹. Darauf ging er in die Kapelle und sprach, mich
+hintansetzend, den ersten, zweiten und dritten Spruch der Agende,
+begann selbst das Gebet und brachte es zum Schluß, erhob wiederum sein
+Kreuz und ging von dannen. Seine Rede war ungebildet, seine Aussprache
+garstig, breit und häßlich, auch ging kein vernünftiges Wort aus
+seinem Munde. Er kam bis nach Paris. Es wurden aber gerade zu dieser
+Zeit die öffentlichen Bettage gefeiert, die vor dem heiligen Tage der
+Himmelfahrt abgehalten zu werden pflegen. Als nun Bischof Ragnemond
+mit seiner Gemeinde feierlich aufzog und die heiligen Stellen der
+Stadt besuchte, kam dieser Mensch mit seinem Kreuz an und zeigte sich
+dem Volke in seiner ungewöhnlichen Tracht. Es sammelte sich alsbald
+um ihn ketzerisches Gesindel und Weiber niederen Standes. So bildete
+er sich ein Gefolge und wollte mit dieser seiner Schaar ebenfalls an
+den heiligen Stätten Umzug halten. Der Bischof sandte aber, als er
+dies sah, seinen Archidiakon zu ihm und sprach: ›bringst du Reliquien
+der Heiligen, so lege sie für einige Zeit in einer Kirche nieder und
+feiere die heiligen Tage mit uns, ist aber das Fest vorüber, so magst
+du deiner Straße weiter ziehn‹. Doch er achtete dessen, was ihm der
+Archidiakon meldete, nicht, sondern stieß vielmehr Schmähungen und
+Verwünschungen gegen den Bischof aus. Da nun der Bischof merkte, es
+sei ein Volksverführer, ließ er ihn in eine Zelle sperren. Und als
+man die Sachen untersuchte, die er bei sich hatte, fand man einen
+großen Sack, der war mit Wurzeln unterschiedlicher Kräuter angefüllt,
+auch waren Maulwurfszähne, Mäuseknochen, Bärenklauen und Bärenfett
+darin. Da dies nun augenscheinlich Zaubermittel waren, ließ man es
+alles in den Fluß werfen, nahm ihm sein Kreuz und verbannte ihn aus
+dem Gebiet der Stadt Paris. Dennoch ließ dieser Mensch abermals sich
+ein anderes Kreuz machen und fing sein altes Treiben wieder an; da
+nahm ihn der Archidiakon fest, ließ ihn mit Ketten binden und in den
+Kerker werfen. Zu dieser Zeit kam ich selbst nach Paris und hatte
+meine Herberge bei der Kirche des heiligen Märtyrers Julianus. Und
+in der folgenden Nacht brach jener Bösewicht aus seinem Kerker und
+flüchtete sich, noch mit Ketten geschlossen, zu der genannten Kirche
+des heiligen Julianus, wo er gerade an der Stelle niedersank, wo ich
+mich aufzustellen pflegte; von Müdigkeit und Wein überwältige schlief
+er dort ein. Wir wußten nicht was geschehen war, und als wir uns um
+Mitternacht erhoben, den Gottesdienst zu halten, fanden wir ihn dort
+schnarchend. Es ging aber ein solcher Gestank von ihm aus, daß der
+Gestank aller Cloaken und Abtritte nichts dagegen ist und wir vor
+Gestank nicht in die heilige Kirche treten konnten. Es hielt sich
+daher einer der Geistlichen die Nase zu, trat an ihn heran und suchte
+ihn aufzuwecken, aber umsonst, so betrunken war der Bösewicht. Darauf
+traten vier Geistliche heran, packten ihn mit den Händen und warfen
+ihn in einen Winkel der Kirche. Wir holten Wasser, wuschen den Boden
+ab und streuten wohlriechende Kräuter darauf, dann erst traten wir
+ein, um die Gebete abzuhalten. Aber auch trotz unseres Singens wachte
+er nicht eher auf, als bis der Tag anbrach und die Sonne höher am
+Himmel emporstieg. Darauf überlieferte ich ihn dem Bischof unter der
+Bedingung, daß ihm kein Leid geschehe, weil er nämlich in der Kirche
+gefunden worden war. Als aber die Bischöfe in der Stadt zusammen kamen
+und ich beim Mahle dies erzählte, befahlen wir ihn vorzuführen, um
+ihm Vorstellungen zu machen. Als er nun vor uns stand und der Bischof
+Amelius von Tarbes seine Augen erhob, erkannte er in ihm einen seiner
+Diener, der entlaufen war; da gab man ihn unter der Bedingung, daß
+ihm kein Leid geschehe, zurück, und er nahm ihn mit sich in seine
+Heimat. Sieben Jahre später zeigte sich in der Stadt Tours ein anderer
+großer Betrüger mit Namen Desiderius, der vorgab, er sei etwas Großes
+und könne viele Wunder thun. Auch rühmte er sich, es liefen Boten
+zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich
+nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk ihm zu, und sie
+brachten ihm Blinde und Kranke. Er aber suchte sie nicht durch frommes
+Gottvertrauen zu heilen, sondern vielmehr durch Höllentrug und List zu
+verderben. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit
+Gewalt ausrecken, gleich als ob er die, für deren Heilung die göttliche
+Wunderkraft versage, aus seiner eigenen Macht herstellen könnte. Es
+ergriffen nämlich einige seiner Diener die Hände der Menschen, andere
+die Füße und zogen sie nach verschiedenen Richtungen so stark, als
+müßten die Sehnen reißen. Wurden sie nicht geheilt, so ließ er sie
+für tot liegen. Viele kamen durch diese Marter um das Leben. Ja der
+Bösewicht war unverschämt genug, zu behaupten, Sankt Martin sei weniger
+als er und sich den Aposteln an die Seite zu stellen. Wenn einer auch
+in weiter Ferne und im Geheimen ihm etwas Böses nachgesagt hatte,
+warf er ihm dies vor der Menge sofort vor und sprach: ›Dies und das
+hat jener Mensch von mir gesagt, das meine Heiligkeit verunglimpft‹.
+Das konnten ihm nur die bösen Geister verraten haben. Er trug eine
+Kapuze und einen Rock von Ziegenhaaren; vor den Augen der Menschen
+war er enthaltsam in Speise und Trank, im Geheimen aber, wenn er in
+die Herberge kam, stopfte er sich so voll, daß der Aufwärter nicht so
+viel bringen konnte, als er verlangte. Als jedoch seine Betrügerei
+entdeckt und von den Unsrigen an den Tag gebracht war, wurde er aus dem
+Stadtgebiet verwiesen. Wir haben auch in der Folge nicht in Erfahrung
+gebracht, wohin er gekommen ist. Er pflegte aber zusagen, er sei ein
+Bürger der Stadt Bordeaux. So giebt es viele solche Verführer, die
+nicht ablassen, das unwissende Volk in Irrtum zu verlocken[271-a].«
+
+Und doch ist mit Gregors Schilderungen der tiefste Punkt der
+grobsinnlichen Auffassung dieser Dinge und des naiven Glaubens, den sie
+voraussetzt, keineswegs erreicht. Zu Ende der Merowinger Zeit nehmen
+sie gelegentlich geradezu groteske Formen an. Der Pippin dem Mittleren
+gleichgestellte Führer des austrasischen Heerbanns, Martin, wurde von
+Abgesandten seines Feindes Ebroin auf meuchlerische Weise gemordet.
+Die Boten waren zwei hohe Geistliche, Aegilbert Bischof von Paris und
+Reolus Bischof von Reims. Sie sicherten ihm Leben und freies Geleite zu
+und schlugen ihn dann tot. Ihre schweren Eide waren doch nicht bindend.
+Man hatte aus dem Reliquienkasten, auf den geschworen wurde, vorher
+die heiligen Knochen herausgenommen[271-a]! Eine andere sprechende
+Begebenheit war harmloser in ihren Folgen. Ihre Träger kamen auch nicht
+aus Paris, sondern aus Oberbayern. Die Gründer der Salvatorkirche von
+Tegernsee sandten Knechte nach Rom, um Reliquien des Märtyrers Quirinus
+zu holen. Sie brachten dem Papst allerlei Geschenke und erschlugen noch
+obendrein ein Heer ihm unangenehmer Heiden, das Rom belagerte. Und
+doch gab ihnen dieser nur mit schwerem Herzen den kostbaren Schatz,
+den sie haben wollten. Er verschloß den Schrein mit seinem Siegel und
+verbot, es zu erbrechen. Unterwegs als sie auf dem Apennin rasteten
+und wahrscheinlich über den Durst getrunken hatten, fragten sie sich:
+»Warum hat er uns eigentlich verboten, den Sarg zu öffnen«? Schließlich
+wollten sie wissen, was sie schleppen mußten, und machten auf. Alsobald
+Feuer und Blitz und Donner! Der heilige Vater hatte sie nämlich nicht
+zum Besten gehalten[271-b].
+
+
+
+
+Sechster Abschnitt.
+
+Das Wunder.
+
+
+In der fränkischen Volksreligion, wie in der vormodernen Vulgärreligion
+überhaupt, tritt das Wunder nicht auf als übernatürliche Durchbrechung
+der Naturgesetze; es wird gar nicht als vereinzeltes erstaunliches
+Ereignis gewertet, sondern als die aus ihrem Zusammenhange heraus
+selbstverständliche Funktion einer zweiten, höheren Welt, die ihren
+eigenen Gang geht und ihre eigene Sprache spricht. Gregor kann daher,
+ohne sich zu widersprechen, den von ihm erzählten Wundern nachrühmen,
+sie seien gegen die Natur geschehen und doch nicht gegen die Vernunft.
+Wir dürfen uns nicht begnügen, die Realität geschildert zu haben, die
+dem Reliquienglauben innewohnte; es gilt auch von jener Wunderwelt
+selbst ein Bild zu entwerfen, wie sie denen, die an sie glaubten,
+erschien und wie sie auf sie wirkte. Kam aber das Wunder weit weniger
+als einzelnes Faktum in Betracht, vielmehr als Sauerteig der gesamten
+Anschauungsweise gegenüber der Welt und den Dingen, so begreifen
+wir, warum uns die diesen Wunderglauben vermittelnden Schriften
+so schwer verständlich, ja uns kaum mehr zugänglich sind. Mit der
+zwingenden Macht einer Logik löste eben der Heiligenglaube spielend
+Gedankenverbindungen aus, die für uns absurd sind, ihm aber durch die
+höhere, durch die Wundervernunft von vornherein zulässig schienen.
+Bekam ein Heiliger, ein lebender oder ein toter, mit Wein oder Oel
+zu thun, so wäre es umgekehrt verwunderlich, wenn Oel und Wein sich
+dann ~nicht~ vermehrt hätten: denn dann wäre es ja eben kein Heiliger,
+sondern ein gewöhnlicher Mensch gewesen; die Folgerung, daß diese
+wunderbare Vermehrung stattgefunden habe, stellte sich in Folge dessen
+als etwas ganz selbstverständliches ohne weiteres ein. Und darin liegt
+weitaus die Hauptschwierigkeit, auf die ein historisches Verständnis
+des Heiligenglaubens stößt. Mit dem einzelnen Wundervorgang, sobald
+er scharf umrissen vorliegt, kann man zur Not fertig werden; aber
+völlig labyrinthisch wird die Gewalt des Wunders durch solche
+geheime subcutane Schiebungen und Verknüpfungen. Sie machen die
+Heiligenlitteratur zu jenem Nebellande, wo auch der Kundige sich nie
+sicher auskennen wird.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Die Erscheinung.
+
+
+War der Heilige »von der Tiefe seines Grabes aus«[272-a] so wirksam,
+daß er durch die Reliquie die Kirche und durch das Amulet das
+Privathaus durchdrang, so müßte es befremden, sähen wir ihn halt machen
+und fänden nicht auch draußen in der Natur Spuren seiner Wirksamkeit.
+In der That, auch über Wolken, Luft und Winde herrschten die Heiligen;
+Feuerflammen waren ihre Diener. Und doch durften nicht ohne weiteres
+Naturwunder, die mit Heiligen in Beziehung stehen, auf den Einfluß
+der Reliquie zurückgeführt werden, obwohl eine derartige Einwirkung
+dabei auch eine Rolle spielt. Vielmehr stehen wir hier nun nicht mehr
+auf dem Boden der kultischen Verehrung, sondern auf dem Boden der
+mythischen Anschauung. Aber deshalb besteht, was von dem Mangel einer
+mythischen Begabung bei den Franken verlautet, doch zurecht. Die
+Franken waren ein Volk der That; über ihrem rastlosen Eifer in Dingen
+der staatlichen Ausbreitung und Einrichtung kamen ihnen die poetischen
+und träumerischen Eigenschaften ihrer politisch nicht so glücklichen
+Bruderstämme abhanden. Sie hatten hiefür einfach keine Zeit. Wo also
+andere Germanen schöpferisch waren, verhielten sie sich passiv und
+ließen sich eben gefallen, was ihnen in dieser Hinsicht zufiel. Waren
+sie jedoch in Dingen der höheren, genialen Legende im besten Fall
+Banausen, so ging es im Bereich des niederen Aberglaubens, der stets
+zu den vitalen Funktionen eines naiven Volks gehört, bei den Franken
+mindestens so lebhaft zu, wie anderswo. Solche niedere Mythologie
+entsprang nun keineswegs einer Naturanschauung, aber auch nicht dem
+Seelenkult, sondern wurzelt in den mannigfachen Erlebnissen, die der
+Mensch aus seinem Traumleben bezieht. Wurde nun dieser Aberglaube
+von der christlichen Kirche bekämpft und sollte durch den Heiligen
+glauben ersetzt werden, so nahm die Lage folgende Gestalt an: die
+Welt war von außermenschlichen Mächten erfüllt; diese gehörten zwei
+verschiedenen Lagern an, es gab gute Geister und gab böse Geister. Und
+wenn nun auch die Teufel und Kobolde sich keineswegs aus Feld und Wald
+verscheuchen ließen, so breitete sich doch die Befugnis der Heiligen
+über alle Bezirke der Natur aus. Für uns, die wir nun nachträglich
+in das alles hineinblicken, nehmen sich die christlichen Heiligen
+durchaus als die Störefriede und gewaltthätigen Eindringlinge aus, vor
+deren rücksichtslosem Auftreten die früheren Inhaber der Naturgewalt
+erschrocken auseinanderstoben. Und die Kraftherde, von denen aus der
+gewöhnliche Lauf der Dinge tagtäglich ins Wunderbare und Fabelhafte
+abgelenkt wurde, waren allerdings die Kirchen und Heiligenkapellen
+[273-1].
+
+
+1.
+
+Obschon sich die fränkischen Heiligen weitaus in den meisten Fällen
+mit dem kleinen Spuck in Feld und Haus abzufinden hatten, so ragen
+doch ihre beiden Führer Martin und Julian in die Regionen der Lüfte
+hinan und weisen deutliche Ansätze zu fester mythischer Gestaltung auf.
+Und nicht etwa so, daß sie beide allein mit gemeinsamen Eigenschaften
+dastünden; vielmehr veranlaßt gerade die durchaus gegensätzliche Art in
+ihrem Verhalten zum Wetter, individuelle Züge daran hervorzuheben.
+
+Als König Theuderich Arvern belagerte und die Umgegend von seinen
+Soldaten heimgesucht war, flüchteten die Bewohner sich und ihre Habe in
+die Julianskirche. Einer der Soldaten öffnete aber das Kirchenfenster,
+stieg ein und entriegelte die verrammelte Thür; seine Kameraden drangen
+nach, führten Leute und fahrendes Gut hinaus und teilten alles unter
+sich auf. Der König verurteilte die Tempelschänder zum Tode. Als aber
+jener Rädelsführer sich aus dem Staube machte, sandte Sankt Julian den
+feurigen Strahl vom Himmel, der ihn erschlug. Sei es um den Leichnam
+anständig zu bedecken, sei es um die Seele des Uebelthäters an die
+Stelle zu bannen und somit unschädlich zu machen, häufte man Steine
+auf ihn; aber auch das ehrliche Begräbnis sollte ihm versagt sein;
+denn wieder wurde unter Donner und Blitz von elementaren Gewalten der
+Steinhügel auseinander gerissen, sodaß die Leiche auch der dürftigsten
+Bestattung entbehrte[274-a]. Desgleichen widerfuhr einem andern Feinde
+des Heiligen. Als der einmal in Geschäften nach Brioude kam und sich
+vor dem Grabmal auf den Boden warf, befiel ihn sofort ein Fieber und
+gleich so stark, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Endlich sagten
+seine Diener zu ihm: »Was ist dir nur heute? Sonst bist du doch mit
+Beten rasch zu Ende«. Er mußte weggetragen und ins nächste Haus
+gebracht werden. Dort auf dem Bette gestand er, der Heilige verbrenne
+ihn inwendig mit Feuer und gestand warum. Mit schwacher Stimme bat er,
+man möge Wasser über ihn gießen. Als das geschah, zischte von seinem
+Körper eine Dampfwolke auf wie von einem Ofen; seine Gliedmaßen wurden
+schwarz und die Anwesenden konnten den übeln Geruch kaum ertragen,
+der von dem Körper ausging[274-b]. Betrugen sich aber die Gläubigen
+sittsam, so wendete Julian seine Obmacht zu ihren Gunsten und ließ bei
+einem starken Wettersturm den Blitz zu einem Kirchenfenster ein über
+sein eigenes Grab hin zum andern Fenster wieder hinausfahren, ohne daß
+den Betern auch nur das leiseste geschah. Draußen zündete dann der
+Blitz einen Heustock an und erschlug mehrere Haupt Vieh[274-c].
+
+Gegenüber Julian, dem aggressiven Gewitterheiligen, dem der Blitz
+als Waffe zu Gebote stand, ist Martin der Schutzheilige vor Feuer-
+und Wetterschaden. Kerzenwachs aus der Martinsbasilika löscht einen
+Brand und schützt gegen Hagel. Ein Gefäß mit Martinsgrabsteinpulver
+erweckt einen Gegenwind und schützt das Wohnhaus der Kirche vor der
+Feuersbrunst; desgleichen kann der Bischof von Tours, nachdem alles
+Wasserspritzen nichts half, ein brennendes Haus löschen, einfach indem
+er ein goldenes Kreuz mit Martinsreliquien, das er auf sich trug, in
+die Höhe hält[274-d]. Ebenso stillt Martin die Stürme auf der See
+und auf Strömen und schützt so als Windheiliger vor Wassernot[275-a].
+Ein ander Mal jedoch, als er durch eine rechtzeitige Ueberschwemmung
+der Loire eine Eroberung von Tours verhindert, schützt er durch
+Wasser[275-b]. Ueberhaupt ist er Schutzherr vor jeglicher Gefahr. Als
+Ammonius, der ›Agent‹ der Martinsbasilika in angeheitertem Zustand
+beim Nachhausegehen einen Rain hinunterfällt, ruft er, während er, wie
+es heißt, »ohne Flügel hinunterflog«, Martin an; so wird sein Sturz
+durch die Baumäste, gemildert und schadlos gemacht[275-c]. Und wenn
+gelegentlich auch einmal ein gewisser Desiderius von Arvern Martin
+offensive Eigenschaften zuschrieb, indem er sich beklagte, Martin habe
+ihm sein Haus angezündet, nun so war das eben ein Besessener, der
+so sprach[275-d]. Vielmehr gilt von den beiden Hauptheiligen, denen
+Herrschaft über die Elemente zustand, die Regel fast ohne Ausnahme, daß
+Julian damit angreift, während Martin davor schützt.
+
+Zur Erklärung darf man die verschiedene Herkunft der beiden zu Hilfe
+nehmen. Julian ist durchaus sagenhaft; es ist wahrscheinlich, daß
+überhaupt der Mars- und Merkurdienst, der in Brioude seine besondere
+Stätte hatte[275-e], aus Gegensatz dem dortigen Julianskult seinen
+Inhalt gab und Sankt Julian seine außergewöhnliche Popularität von
+jener Volksgewohnheit aus heidnischer Zeit her bezog, daß er somit
+eigentlich zu dem allem nichts als seinen Namen beigetragen, seine
+Qualität eines Sturmheiligen dagegen eben einfach von Merkur-Wodan
+übernommen hat[275-1]. Jedenfalls ist Mars-Merkur eine lückenlose
+Umschreibung für Wodan, insofern Mars die Tiuzelemente des Kriegshelden
+und Merkur die ursprünglichen Wodanseigenschaften eines Wind- und
+Totengottes wiedergibt. Ob freilich bei Martin wirklich die Erinnerung
+an sein Lebenswerk und die darin bekundete Hingebung den milden
+Charakter seines kultischen Andenkens bestimmte, wird durchaus nicht
+ohne Vorbehalt zu behaupten sein; vielmehr muß auch bei ihm an den
+verwandten Zug in der germanischen Mythologie hingewiesen werden, an
+die hilfreiche Güte, mit dem sie Wodan und seinen Vorläufer, den großen
+Himmelsgott, bedenkt.
+
+Sonst aber soll man sich wie gesagt hüten, das Arbeitsfeld der
+fränkischen Heiligen in den Regionen des oberen Mythus zu suchen. Sie
+flogen nicht weit aus und flogen nicht hoch; ihr praktisches Wesen und
+ihr Verständnis für die Anliegen des Werktags machte sie jedoch zu
+Freunden des kleinen Mannes. Dann aber handelt es sich auch bei Wind,
+Feuer und Wasser gar nicht mehr um das physikalische Element, das
+sie darstellen. Am ehesten noch wirkt das Feuer rein elementar. Wind
+und Wasser jedoch kommen vor allem als die Behausungen neidiger und
+bösartiger Wichte in Betracht. Freilich, als der Klausner Hospizius
+in Villefranche bei Nizza gestorben war, nahm ein beim Begräbnis
+anwesender Andächtiger eine Hand voll Erde vom Grabhügel und mischte
+sie unter rohe Asche, die er mit sich führte. Er wollte nach Lerinum,
+bestieg aber ein Schiff, das direkt nach Marseille fuhr und die Insel
+nicht anlief. Auf der Höhe von Lerinum stand nun das Schiff, ein
+jüdisches Kauffahrteischiff, plötzlich still, obwohl der Wind alle
+Segel schwellte. Die Juden wußten sich vor Staunen nicht zu fassen;
+da sagte jener: »Ich führe Reliquien des seligen Hospizius mit mir
+und wünsche in Lerinum auszusteigen. Ich getraute mich nicht, dies
+zu sagen; nun aber weiß ich, daß Wunderkraft euer Schiff aufhält,
+solange ihr euch nicht bequemt, mich ans Land zu setzen«. Wohl oder
+übel entschlossen sich jene, den Curs zu ändern, und kaum hatten sie
+die Segel umgestellt, so hob sich die Lähmung des Windes, und als der
+Passagier glücklich in Lerinum gelandet war, hinderte nichts mehr
+das Schiff am freien Lauf seiner Bestimmung zu[276-a]. Sonst aber
+verschmäht es selbst der große gute Martin nicht, gegen den Windzauber
+boshafter Luftgeister gnädig beizustehn. Ein Bürger von Bajeux hatte
+zu viel Wein getrunken und wurde nun gar noch auf dem Heimweg von
+einem Wirbelwind so stark umnebelt, daß er vom Pferde fiel und von
+den Seinen bewußtlos aufgehoben wurde. Dann aber befiel ihn Tobsucht;
+er mußte gefesselt werden, zweifelsohne von dem bösen Wicht besessen,
+der in der Windhose haust. Nach langer Kurzeit in der Martinsbasilika
+ging er gesund von dannen[276-b]. In zwei andern Fällen waren von
+einer Windhose Ueberfallene blind geworden[276-c]. Martin half sowohl
+dem Knaben aus Limoges, als dem überseeischen Fremdling; jener war
+zwölf Jahre blind gewesen, dann bewirkte der inbrünstige Besuch beim
+Grabe plötzlich den Blutaustritt aus den Augen, der ihn heilte,
+während dieser, bereits drei Jahre blind, noch vier Jahre im Heiligtum
+zubringen mußte, bis er endlich sah. Sowohl das Kind eines Knechtes
+in Anjou, das auf der Straße spielte, als auch ein junges Mädchen von
+Tours Namens Viliogundis waren beim Tanzspiel durch aufgewirbelten
+Staub um das Sehvermögen gekommen, sie fanden es jedoch wieder bei dem
+Heiligen[276-d]. Hier verhält sich Martin überall schützend, indem er
+den Schaden des heimtückischen Dämons, der in der Windhose spuckt, wett
+zu machen weiß.
+
+Wie der Wind, so das Wasser. Doch stellt sich dieses von vornherein
+in zwei Formen dar, deren eine, die Quelle, schon von alters her als
+wohlthätiger Zufluchtsort aufgesucht wurde, während Fluß, See und Meer
+ausschließlich Sitze böser Gewalten waren. Beiden aber, und das ist
+die Hauptsache, wohnten Geister inne. Orientalische Sagen bilden eine
+Art Vorspiel. Zwar darf beim Jordan, dem heiligen Strome der Christen,
+von einem Flußgott keine Rede sein; aber dem Wasser war doch so viel
+Urteil und Willenskraft eigen, daß beim üblichen Volksbad an Epiphanien
+es vor den Füßen eines verbrecherischen Weibes wegfloh, durch diesen
+Entzug der Sühne Argwohn erregte und so die achtfache Kindsmörderin
+zum Geständnis zwang[277-a]. Ebenso entzieht sich das Taufwasser im
+Wunderbecken von Osser einem Diebe[277-b]. Desgleichen fließt das Meer
+am Clemenstage an der Stelle drei Meilen weit vom Lande zurück, wo
+der heilige Clemens mit einem Anker am Halse ins Meer geworfen worden
+war[277-c]. In Brioude entsprang eine glänzende, reiche Warmquelle an
+eben dem Orte, wo Julian enthauptet worden war[277-d]. Sie war heilsam
+gegen Sonnenstich und Fieber selbst in schweren Fällen[277-e]. Auch
+sie hatte der unermüdliche Aridius aufgesucht und eine kleine Flasche
+voll daraus geschöpft; bevor er nach Hause kam, war das Wasser in
+allen seinen Eigenschaften zu Balsam geworden[277-f]. Derselbe Aridius
+von Limoges fand ja auch das Wasser eines Brunnens heilkräftig, den
+der heilige Martin gegraben hatte; und wie Sankt Martin einst aus
+dürrem Erdreich eine Quelle herausgebetet hatte, so vollbringt er seit
+seiner Erhöhung immerfort solche Quellenwunder. Bei Limoges war durch
+bösen Zauber eine nützliche viel ausgeschöpfte Quelle verschwunden
+und entsprang dann wieder mitten in einem Sumpfe, wo kein Mensch sich
+ihrer bedienen konnte. Da ging man mit Clemensreliquien zu Werke, und
+die gaben ihr den alten Ursprung wieder[277-g]. Indes steht weniger
+die Wohlthat der Quellenerweckung als der Schutz gegen Gefahr bei den
+Beziehungen der Heiligen zum Großwasser im Vordergrunde. Zu Ostern
+wollte eine Fähre bei Tours Wallfahrer über die Loire setzen, da
+kommt der Winddämon einhergefahren; das Fahrzeug schlägt um. Aber
+Martin rettet alle, da sie alle zu ihm flehen[277-h]. Als gefährdete
+Girondeschiffer von der Mitte des Stromes aus die ängstlich erspähte
+Kirche des heiligen Romanus zu Blaye endlich am Ufer erblicken, sind
+sie auch schon außer Gefahr[277-i]. Ein Kaufmann aus Trier erzählte der
+Aebtissin Agnes aus Poitiers, er sei zum Salzhandel mit einem Schiffe
+in Metz gewesen, und habe an der Moselbrücke Abends sich in seinen
+Kahn schlafen gelegt und dazu gesagt: »Herr Martin, dir empfehl ich
+mich selbst, meine Säcke und das Schiff«. Am andern Morgen erwachte
+er in Trier; das Fahrzeug hatte führerlos abwärts getrieben und weder
+an den hochgehenden Fluten noch an den felsigen Uferklippen Schaden
+gelitten[278-a]. Auch an jenen Bauern ist hier wieder zu erinnern,
+der einen Cleriker bei sich über Nacht hatte und ihn am andern Tage
+bat, sein Morgenbrot zu segnen. Da er geweihte Speise im Leibe
+hatte, konnten ihm dann auch, als er über die Schiffbrücke fuhr, die
+ihm auflauernden Flußgespenster zu ihrem Leidwesen nichts anhaben.
+Flußheiliger war auch Genesius von Arles. Er hatte einst bei Lebzeiten
+die Rhone durchschwommen und wurde, als eine Schiffbrücke weggerissen
+worden war, von den Bedrohten mit Erfolg um Hilfe angerufen[278-b].
+Einen fast theoretischen Ausdruck findet diese Anschauung von der
+Notwendigkeit des Heiligenschutzes gegenüber den Wassergeistern in
+einem Wort, das dem heiligen Andreas in den Mund gelegt wird: »Der
+Feind des Menschengeschlechts haust überall, ob nun auf dem Badeplatz
+oder auf dem schiffbaren Flusse«[278-c].
+
+Andere kleinere Heilige verstanden sich auf Regen- und Schneewunder.
+Als Bischof Namacius von Arvern die Agricola- und Vitalisreliquien, die
+er sich aus Bologna hatte besorgen lassen, in feierlicher Prozession
+einholte, zog sich eine Wetterwolke zusammen, und ein Platzregen
+ging mit größter Heftigkeit nieder; eine Jucharte im Umkreis der
+Reliquien dagegen fiel nicht ein einziger Tropfen und zwar bewegte
+sich dieser Freibezirk mit der Prozession von der Stelle[278-d]. Zu
+Utrecht blieb das Servatiusgrab unberührt, als es eines Nachts haushoch
+schneite[278-e].
+
+
+2.
+
+Nicht nur die Elemente, auch das organische Leben auf der Erde
+erschienen dem Naturmenschen begeistet. Unter Umständen schrieb man
+schon dem Stein eine Seele zu; jedenfalls aber den Pflanzen sagte man
+ein geisterhaftes Wesen nach, einen Dämon, dessen Leben an das Leben
+der Pflanze gebunden war; mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er.
+In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein
+Körper, und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Thier- und
+Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr[278-1]. Wie sehr
+nun der fränkische Heiligenkult auch auf dieses volkstümliche Bedürfnis
+eintrat, zeigt die große Rolle, die in ihm das Floramirakel spielt.
+
+Wie manchem Heiligen, gleichviel ob hoch oder niedrig ist ein
+Pflanzenwunder eigen; schlug ja doch schon die Dornenkrone Christi
+täglich neu aus und sproßte am Sockel der Christusstatue, die ihm das
+blutflüssige Weib zu Cäsarea Philippi errichtet hatte, ein Kraut
+mit der Eigenschaft der Mantelfransen Christi, nur schon bei bloßer
+Berührung zu heilen[279-a]. Als Florentian der Major Domus König
+Childeberts als Gesandter bei König Miro von Spanien weilte, erzählte
+ihm dieser den Vorfall selber[279-b]. Zu der Martinskirche dort führt
+eine Weinlaube hin, und als der König einst zur Kirche ging, mahnte
+er seine Leute noch ausdrücklich: »Rührt mir ja keine der Trauben
+an; sie gehören Sankt Martin«. Aber sein Hofnarr dachte hinter ihm
+hertänzelnd: »Was scheert mich das, sobald sie mir schmecken«. Bitter
+büßte er; seine Hand erstarrte und er kam auch seelisch so herunter,
+daß er sich selbst mit keinen Witzen und Possenkünsten mehr aufhelfen
+konnte. Erst des Königs heißes inbrünstiges Gebet vor dem Altar verlieh
+ihm die Gesundheit wieder. In der Julianskirche zu Brioude hörte der
+Tempelhüter Urbanus eines Nachts ein Geräusch, als öffne sich die
+Thüre und nach dem Verlauf einiger Stunden ein anderes, diesmal, als
+werde die Thüre geschlossen. Er stand auf, machte Licht und ging zum
+Heiligengrabe. Was bekam er da zu sehen? Die Steinplatten des Grabes
+waren mit schimmernden Rosen überstreut, großen, roten Rosen von
+ungewöhnlich starkem Duft. Sie waren frisch gepflückt; sie mußten in
+der Stunde selbst gebrochen worden sein. Ehrfurchtsvoll sammelte der
+Sakristan die Blumen, brachte sie in Sicherheit und verwandte sie zur
+Heilung von Gebrechen. Einen Besessenen aus Tours, der in Brioude
+zu Besuch war, purgierte der Rosenabsutt von seinem Dämon[279-c].
+Die Laurentiuskirche in der italienischen Burg Brionas besaß einen
+wunderbaren Balken in ihrem Dachgerüst, der bei der Reparatur als zu
+kurz sich erwies und dann auf das heiße Gebet des Priesters vom Patron
+mit eigener Hand berührt und verlängert worden war. Ein Spahn von
+diesem Holze half vom Zahnweh[279-d]. Bei der Beerdigung des Bischofs
+Gallus in der Laurentiuskirche von Arvern bemächtigte sich die Nonne
+Meratina einer Erdscholle und hegte sie in ihrem Garten so lange
+mit Begießen, bis es Rasen gab; auch dieses Gras war heilkräftig.
+Eine der Blumenspenden auf dem Grabe des Gallus heilte unter anderem
+den Vorsänger und nachmaligen Presbyter Valentinus[279-e]. In Arles
+wurde der Maulbeerbaum, unter dem Sankt Genesius geköpft worden war,
+von den zudringlichen Gläubigen zum Stumpf abgeplündert[279-f]. Ein
+anderer heiliger Genesius, der von Bigorre in den Pyrenäen, hatte
+bei Lebzeiten einen dürren Kastanienbaum[279-g] zum Blühen gebracht,
+und seit er im Himmel war, freute sich das Volk auf seinen Tag,
+weil dann am Grabstein eine gepflückte verwelkte Lilie und ihr nach
+beliebige andere welke Blumen neu aufblühten. Offenbar war diese Art
+Blumenwunder lokale Spezialität; denn auch auf dem Severusgrab des
+angrenzenden Tarbes blieb das Jahr durch eine dürre Lilie liegen, um
+dann am Tage des Heiligen sich zu verjüngen[280-a]. Ebenso erbetete
+sich das Volk von Merida alljährlich am Tag der heiligen Eulalia, dem
+zehnten Dezember, daß ihre drei Bäume von unbekannter Art vor aller
+Augen wunderbar erblühten[280-b]. Auf dem Baudiliusgrab zu Nimes stand
+ein Lorbeer; er hatte sich durch die Wand gebrochen, die Krone wuchs
+im Freien weiter[280-c]. In Embrun lagen unbekannt irgendwo heilige
+Leichen; der kleine Mann, der zufällig im Besitz des Aeckerchens war,
+machte mit dem dort wachsenden einzigen Bäumchen die besten Geschäfte,
+weil jeder Kranke, er mochte leiden an was er wollte, unfehlbar gesund
+wurde, sobald er von den Birnen aß. So wurden die Reliquien entdeckt,
+das Gärtchen expropriiert, der Birnbaum umgehauen, eine Kirche auf
+dem Platz errichtet, und dem jammernden Besitzer blieb nichts übrig,
+als sich scheeren zu lassen, um von nun an der Kirche Priester zu
+sein[280-d]. Mit Salbeiblättern vom Grabe des Ferreolus und Ferrucio in
+Besançon heilte die Schwester Gregor’s ihren schwerkranken Mann[280-e],
+während das Tranquillusmoos von Dijon, wie dieser unser Gewährsmann
+selbst erprobte, den Pustelausschlag an den Händen vertrieb[280-f]. Bei
+Chinon grub der Verwalter einer ehemaligen Einsiedelei die aus einem
+selbst gepflanzten Baum des verstorbenen Heiligen gezimmerte Ruhebank
+ein, um sie nicht der Profanation auszusetzen; im Frühling wuchsen an
+der Stelle Sträucher von fünf bis sechs Fuß Höhe[280-g].
+
+So bot für den auszurottenden heidnischen Baumkultus der Heiligenkultus
+mannigfaltigen Ersatz.
+
+
+3.
+
+Tiere werden von den Heiligen meist zu Botendiensten verwendet, oder
+erweisen sich sonst als deren Organe, wobei immer mehr oder weniger
+die Vorstellung mit unterläuft, eine ehemalige Menschenseele walte im
+Tiere. Als die Burgunder Brioude eroberten und sich Hillidius von Le
+Velay auf sie warf, umflatterte ihn immerfort eine weiße Taube und
+reizte und führte ihn so lange, bis er die Tempelräuber hinausgetrieben
+hatte[280-h]. Bei Thiers fanden Kühe das verborgene Grab des heiligen
+Genesius[280-i]. Wie oft wurden nicht Reiter, einfach weil ihre Pferde
+nicht weiter wollten, dazu gezwungen, bei einer Kapelle abzusteigen
+und zu beten[280-k]. Ein Weinpanscher war reich geworden; da kam ein
+Falke entriß ihm das Geld mit der roten Börse und warf es in die
+Saône[281-a]. Abgesehen von solchen gelegentlichen Mittlerdiensten
+macht sich der Einfluß des Heiligen im Tierreiche auch um seiner
+selbst willen geltend. Alle Tiere verlieren ihre Wildheit, wenn
+sie in Brioude in die Basilika des heiligen Julian geführt werden;
+Gregor von Tours berichtet es als seine eigene Beobachtung, wie die
+wildesten Stiere dann zu Lämmern wurden[281-b]. In Auch kehrten wild
+gewordene Bienen, als der heilige Martin angerufen wurde, sofort in
+den Garten des Besitzers zurück, und das gewonnene Wachs erwies sich
+wie es scheint heilkräftig gegen Rückenschmerzen[281-c]. Ein Dieb
+der Immenkörbe aus dem Nonnenkloster von Amiens erfuhr der Bienen
+Rache, die ihm indessen von aufgestörten unheiligen Bienen wohl genau
+in gleicher Weise widerfahren wäre[281-d]. Gegen Viehseuche holte
+Jemand Oel aus den Lampen der Martinsbasilika, bestrich sich damit den
+Finger und zeichnete dann an Stirn und Rücken die kranken Tiere mit
+dem Kreuzeszeichen; ja er machte eine Salbe und strich sie ihnen ein,
+mit vollem Erfolge[281-e]. Endlich darf auch an die unverletzliche
+Tempelheerde des heiligen Julian erinnert[281-f] und zugleich auf die
+weißen Rosse Wodans hingewiesen werden, die von den alten Deutschen auf
+Staatskosten in Hainen nur zu göttlichem Dienste gehegt wurden[281-1].
+
+In der Vorstellung jener Zeit war es von den Tieren zu den Werwölfen
+und anderem Gespensterspuk nicht weit. Wenn nun aber die bösen Geister
+den Menschen nicht bloß plagen, sondern ihm sogar zu Gesichte kommen,
+so bleibt auch der Heilige nicht mit allerhand Verkleidungen zurück
+oder hinterläßt wenigstens Spuren, er sei persönlich dagewesen. Die
+beiden Greise, die den Leichnam des heiligen Julian bestatteten werden
+wieder zu Jünglingen[281-g], indessen ein Bürger von Orleans, der am
+Avitusfeste arbeiten geht, weil ja doch der gefeierte Heilige einmal
+selbst Handwerker gewesen sei, mit umgedrehtem Hals das Gesicht zur
+Erde gekehrt in seinem Weinberg aufgefunden wird[281-h]. Aus der
+Basilika des heiligen Felix zu Narbonne hatte ein Dieb ein Pack mit
+kostbaren Sachen gestohlen. Unterwegs gesellt sich ein Mann zu ihm,
+dem er Vertrauen schenkt und den Schatz zeigt; ja er schlägt ihm vor,
+die Sachen zu verkaufen und halbpart zu teilen. Der Fremde sagt, er
+habe in verschiedenen Gegenden viele Freunde und selbst ein großes,
+zum Verbergen geeignetes Haus; dort solle er die Schätze wenigstens
+vorerst deponieren. Arglos folgt ihm der Dieb, ohne es zu merken,
+wieder in die Basilika und giebt somit die entwendeten Kostbarkeiten
+eben dort ab, wo sie herkommen. In diesem Augenblick ist sein
+Begleiter verschwunden[281-i]. In solchen Fällen muß es noch offen
+bleiben, ob der Heilige selbst die Verkleidung übernommen hat oder
+ob er sich eines Zwischenträgers bediente. Um zu den unzweifelhaften
+eigenen Manifestationen des Heiligen überzugehen, muß zunächst der
+populären Sehenswürdigkeiten gedacht werden, wo sich das Andenken
+buchstäblich versteinert hat. An der Martinsquelle bei Ligugé befand
+sich ein Stein, der die Hufspur des weiland von Martin gerittenen
+Esels bewahrte, während bei Dijon, in Blei gefaßt, die Fußabdrücke
+des heiligen Benignus reichlich mit Wein und Mostspenden bedacht
+wurden[282-a]. Immerhin haben solche antiquarische Zeichen hinter
+aktuellen, lebendigen zurückzutreten. Der Heilige machte seine
+Einwirkung auf die verschiedenste Weise geltend; zunächst rein als
+Kraftäußerung: der heilige Helius hält in Lyon einen Leichenräuber
+nicht nur so lange an seinem Grabe fest, bis Leute nahten, sondern
+bis der Richter dem Strafwürdigen wenigstens das Leben geschenkt
+hatte[282-b]. Nicetius von Lyon läßt das Dach einstürzen, auf dem ihn
+sein früherer Diakon lästert[282-c]. Ebenso äußert Sankt Vincenz in
+Toulouse, ohne persönlich zu erscheinen, lediglich seine Kraft, als
+er zu Wahrung seiner Würde, einen in der Kirche begrabenen Verbrecher
+Antoninus zweimal mit samt dem Sarkophag nächtlicherweile an die
+Luft setzt[282-d]. Eine Steigerung zeigt sich bereits in mehr oder
+weniger bestimmten Gesichts- und Gehörwahrnehmungen. Auditionen
+sind seltener, kommen aber vor. So hörte eine schwerbekümmerte
+Mutter, die sich über den Tod ihres Sohnes nicht trösten konnte,
+zur Linderung ihres Schmerzes seine Stimme im Chor der Mönche von
+Agaunum mitklingen[282-e]. Ebenso vernahm man in der Dorfkirche von
+Bouliac bei Bordeaux im Psalmengesang des Klerus auch die mitwirkenden
+Stimmen zweier Priester, die einst in großer Heiligkeit gelebt
+hatten und einander gegenüber begraben lagen[282-f]. Während des
+Leichenbegängnisses des Nicetius von Lyon hörte ein blinder Knabe
+jemanden ihm ins Ohr flüstern: »Schlüpfe unter den Sarg während er
+einhergetragen wird, so wirst du gesund«. Er fragte seinen Führer,
+wer mit ihm spreche, dieser aber sah niemanden. Dennoch meldete
+sich die Stimme ein zweites und ein drittes Mal[282-g]. Als ein
+Lahmer, der nachts vor der Juliansbasilika in Brioude auf einem
+Wagen lag, diese plötzlich von innen heraus erleuchtet sah und aus
+der Halle vielstimmigen Gesang erklingen hörte, fühlte er sich darob
+gesunden[282-h]. Lichtwunder sind zahllos. Am Grabe des Stremonius
+in der Basilika von Issoire sieht Bischof Cautinus von Clermont,
+dessen Kammer an die Kirche stieß, helles Licht und eine Menge weiß
+gekleideter Kerzenträger und Sänger[282-i]. Nantes hatte zu Chlodowechs
+Zeiten eine Belagerung auszuhalten, und als sie sechzig Tage gedauert
+hatte, schienen dem Volk in mitternächtiger Stunde auf einmal Männer
+in weißen Kleidern, Kerzen in der Hand, aus der Kirche der Märtyrer
+Rogatian und Donatian zu kommen; zur gleichen Zeit kam ein zweiter
+gleicher Chor zur Similianskirche heraus. Sie begegneten sich und
+begrüßten sich, beteten gemeinsam und dann ging jede Schaar wieder
+den Weg zurück, den sie gekommen war. Alsobald wurde die feindliche
+Phalanx von einem solchen Schrecken ergriffen, daß sie sofort das Feld
+räumte. Diese Vision war nämlich dem Höchstkommandierenden namens
+Chillon begegnet. Er war noch Heide, ließ sich aber darauf hin sofort
+taufen[283-a]. Eine ähnliche Lichterscheinung mit ähnlicher Wirkung
+wollte die Stadt Bazas während ihrer Belagerung durch die Hunnen erlebt
+haben. Allerdings durchzog der Bischof der Stadt jede Nacht die Straßen
+mit einem Bittgang. Aber im feindlichen Lager bemerkte man Schaaren
+weißgekleideter Leute, die auf der Stadtmauer entlang zogen unter
+Psalmengesang und Kerzenbeleuchtung. »Sind die Menschen verrückt?«
+rief der König aus. »Sie, die Belagerten, machen sich über uns
+lustig und feiern zum Voraus einen Triumphzug.« Er ließ in der Stadt
+Vorstellungen erheben. Aber man begriff nicht, worauf er anspielte;
+denn auf den Mauern war, daß man wußte, Niemand zugegen gewesen. Eine
+zweite ähnliche Erscheinung bewog ihn, die Belagerung aufzuheben:
+»Wenn diese Leute nichts von dem bemerkten, was mir erschien, so folgt
+daraus, daß ihr Gott sie beschützt«[283-b]. Daß ein Heiliger bei
+Reliquienkombination sich dann tatsächlich in Person zu den andern
+Genossen gesellt, sahen wir früher; die Vorstellung an sich grenzte
+ans Visionäre und wuchs sich bei der geringsten Steigerung zur Vision
+aus. Deshalb haben wir das schönste Beispiel von einem förmlichen
+Heiligenkonzil für hieher aufgespart; Gregor erzählt wörtlich: Die
+Besessenen die zum Grabe kommen, geben oft genug Beschimpfungen von
+sich gegen den Heiligen Gottes, weil er andere Heilige zu seinem
+Namensfest einlade: »Warum, o Julian, rufst du Fremde herbei? Da ist
+der Ungar Martin, unser beständiger Feind, der drei Tote aus unseren
+Schlupfwinkeln zurückgeholt hat. Da ist Privat von Gevaudan, der
+seine Schafe nicht den Barbaren überließ, wie es in unserem Sinne
+stand. Da ist Ferreol von Vienne, dein Genosse, den du uns zur Strafe
+sendest und den andern zum Schutz. Was brauchst du den Symphorian von
+Autun, den Saturnin von Toulouse? Du hast geradezu ein Konzil von
+Heiligen versammelt; Qualen der Hölle verursacht es uns«. In dem sie
+diese Dinge vorbrachten, malten sie so anschaulich die Heiligen den
+Menschen vor Augen, daß Niemand deren Gegenwart an Ort und Stelle
+mehr bezweifelte[284-a]. Noch intimer gestaltete sich das Verhältnis
+zur andern Welt, sobald es nicht beim Anschauen blieb, sondern ein
+wirklicher Verkehr sich einstellte, zumal wenn dazu die Initiative
+von oben ergriffen wurde. In Autun befand sich ein Kirchhof neben der
+Stephansbasilika. Zwei nächtliche Beter hörten in dieser Kirche Gesang
+und sahen übernatürliches Licht. Einer der Sänger naht sich ihnen und
+sagt: »Ihr thut schweres Unrecht unsere nächtlichen Zusammenkünfte
+zu belauschen. Wenn ihr nicht sofort geht, so müßt ihr sterben«. Der
+eine ließ es sich gesagt sein; der andere, der blieb, starb wenige
+Tage später[284-b]. Als Bischof Trojan von Saintes in Begleitung eines
+Subdiakons die heiligen Stätten der Umgegend besuchte, erschien ihm
+ein großer Lichtglobus gleichsam vom Himmel herab; der Bischof ließ
+seinen Diener zurück und näherte sich dem Licht, das seinerseits auf
+ihn zukam; dann bückte er sich zur Erde und sagte: »Segne mich, bitte,
+seliger Priester!« Jener antwortete: »Segne du mich, Priester Gottes
+Trojan!« Darauf küßten sie sich, sprachen miteinander und unterhielten
+sich lange. Aus der Ferne sah der Subdiakon wie angedonnert zu und
+sah, wie das Licht auf demselben Wege wie es gekommen war, wieder
+verschwand. Als der Bischof zurückkam, sagte er: »Dir will ich’s sagen,
+du darfst es aber nicht weiter sagen. Den heiligen Martin von Tours
+habe ich gesehen; er selbst hat mit mir gesprochen. Hüte dich, die
+Geheimnisse Gottes auszuplaudern«[284-c].
+
+
+4.
+
+Alle diese Geschichten, so eigenartig sie zum Teil sind, entstanden
+nur unter dem Bann einer Vorstellung, der Vorstellung von der
+Macht des Heiligengrabes. Sie waren durchweg durch eine psychische
+Ursache hervorgerufen. Nun fehlen aber auch einzelne Beispiele
+nicht, daß eine solche Vorstellung in seltenen Fällen auch geradezu
+durch eine physische Reizung hervorgerufen wurde. Damit betreten
+wir ein außerordentlich interessantes Gebiet der vergleichenden
+Religionsforschung[284-1]. Von Alters her ersuchte man auf unnormalem
+Wege Erkenntnis zu gewinnen, die auf normalem nicht erhältlich
+war. Die verbreitetste, wirksamste und interessanteste Art dieser
+Versuche ist das merkwürdige psychologische Phänomen, das man in
+seinen verschiedenen Erscheinungsformen unter dem Begriff der
+Kristallschauung zusammenfaßt. Das Gesichtsbild wird auf mannigfache
+Weise hervorgerufen, meistens durch das Anstarren von Wasser in einem
+Glasgefäß, so bei den Indianern, bei den Afrikanern von Fez und nach
+einem von Augustin aufbehaltenen Zeugnis Varros auch bei Römern.
+Die Maoris gebrauchen zum selben Zweck Blutstropfen, die Egypter
+Tinte, und wilde Stämme in Australien eine polierte Steinkugel. In
+allen Erdteilen finden sich Spuren dieses von primitiven Religionen
+gehandhabten Phänomens; doch wurde es als eine der unzähligen Formen
+des Aberglaubens so lange nicht weiter beachtet, bis eine englische
+Dame auf Grund von Selbstexperimenten es methodisch untersuchte und der
+gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis die Thatsache einverleibte,
+daß vollständig gesunde Leute, die entsprechende Veranlagung
+vorausgesetzt, in Glaskugeln lebende Landschaften oder sich bewegende
+menschliche Figuren wirklich erblicken[285-1]. In der alten Kulturwelt
+findet sich diese psychische Fähigkeit in den Händen von Zauberern
+und Aerzten ausgebeutet, und schon die ersten christlichen Synoden
+bekämpften die Krystallschauer, da ja doch unter den Specularii gewiß
+niemand anders zu verstehen sein wird, als eben diese Spiegelwahrsager.
+Nun belehrt uns aber Gregor, wie so mancher andere sei auch dieser
+heidnische Brauch von der Kirche zweckmäßig übernommen und entweder wie
+in Bethlehem zur Unterstützung einer lokalen Wallfahrtssage oder wie in
+Bazas zur handgreiflichen Illustration des Trinitätsdogmas verwendet
+worden. Nicht als kirchliche Institution, sondern als unwillkürliche
+private Wahrnehmung erweist sich der dritte Fall, wo ein durch das
+Glasgefäß der Hostie hervorgerufenes Hellgesicht in naiver und unklarer
+Form vorlag und dann die den Umständen entsprechende nächstliegende
+Auslegung erfuhr. Diese drei Vorfälle erzählt Gregor in folgender Weise.
+
+In Bethlehem wurde ein großer Sodbrunnen gezeigt, an dem die Jungfrau
+Maria Wasser geschöpft haben soll. Wer öfters hineinsieht, kann dort
+ein Wunder sehen, nämlich den Stern, der einst den Weisen erschien;
+aber nur die Herzensreinen werden dessen gewürdigt. Wenn die Gläubigen
+nahen und sich über den Rand hinbücken, werden ihre Häupter mit einem
+Leintuch bedeckt. Wer nun verdienstlich genug ist, der sieht den
+Stern an der einen Wand des Brunnens auftauchen und über das Wasser
+hinwandern und an der andern Wand verschwinden, genau wie sich am
+Himmel die Sterne wirklich bewegen. Und obwohl viele hinsehen, wird
+er doch nur von denen erblickt, die den besonderen Sinn dafür haben.
+Gregor kannte einige Pilger, denen die Schauung geglückt war, und sein
+Diakon berichtete ihm, ihrer fünfe hätten sie zusammen geschaut, aber
+nur zwei davon hätten es wirklich gesehen[286-a]. Da in diesem unserm
+ersten Fall allerdings immer von vornherein der Stern geschaut werden
+soll und somit die Spontaneität der Vision durch die Lokaltradition
+unterbunden ist, könnte man zur Not auch bloß an ein gelegentliches
+blitzartiges Aufzucken des ruhigen Brunnenspiegels aus der oder jener
+natürlichen Ursache denken; doch scheint die Art des Berichtes bei
+Gregor dagegen zu sprechen. Keinerlei Zweifel dieser Art dürfte jedoch
+gegenüber dem zweiten und dritten Beispiel möglich sein: in Bazas
+fielen von der Höhe der Kirche auf den Altar drei kristallhelle Tropfen
+nieder, die sich zu einer Perle vereinigten. Man sah darin ein Symbol
+der heiligen Dreifaltigkeit, ließ die Kristallperle in ein kostbares
+kreuzförmiges Gestell aus reinem Golde fassen und bot sie dem Volke zur
+Adoration dar. Von den Beschauern sahen sie nun die Unschuldigen hell
+und die Schuldigen dunkel, so lautet der Bericht[286-b]; wir dürfen die
+Worte, ohne sie irgendwie zu vergewaltigen, getrost dahin umschreiben,
+daß die Schaustellung der unverwandt betrachteten Glaskugel eben die
+dafür Empfänglichen in den der Krystallschauung eigenen hellsehenden
+Zustand versetzte, während die Unempfänglichen eben nicht ›hell‹,
+sondern nur ›dunkel‹, das heißt gewöhnlich sahen und keine Veränderung
+ihres Wahrnehmungsvermögens erfuhren. Als drittes erzählt Gregor,
+er habe als junger Mensch einmal dem Gottesdienst in einem Dorfe
+bei Clermont beigewohnt; der Diakon, der das Hostiegefäß zum Altare
+bringen sollte, stand im Rufe, sich fleischlich vergangen zu haben.
+Deshalb ließ sich das heilige Gefäß von dem Unreinen nicht berühren; es
+schwebte in der Luft vor ihm her zum Altare. Das Wunder wurde jedoch
+nicht von allen Anwesenden, sondern nur von vier Personen wahrgenommen,
+einem Priester und drei Frauen, unter denen sich auch Gregors Mutter
+befand. »Ich war damals bei dieser Festlichkeit anwesend«, erzählt
+Gregor, »aber dies zu schauen ward ich nicht gewürdigt[286-c].«
+
+Dieses fremdartige Phänomen der Anwendung von Hallucination im Kultus
+scheint übrigens im Orient noch hie und da sich ereignet zu haben.
+Der Marienbrunnen zu Bethlehem ist wohl der berühmteste, aber kaum
+der einzige Visionswasserspiegel gewesen. Auch in der Isidorskirche
+auf der Insel Scio soll ein Licht wie eine brennende Kerze von den
+Gläubigen öfters gesehen worden sein; Gregor kannte einen Priester,
+der bestätigte dieses Licht vom Rande des Sodbrunnens aus öfters
+betrachtet zu haben[286-d]. Auch brauchte es ja nicht eine Wasserfläche
+zu sein; so ging von dem heiligen Grabe in Jerusalem die Rede, oft
+erstrahlten einzelne seiner Schollen auf ganz natürliche Weise[287-a].
+Im Abendlande findet sich außer dem Kristalltropfenkreuz in Bazas keine
+Spur von dem Dasein einer derartigen kirchlichen Institution. Da jedoch
+die natürliche Reaktion der hiefür Empfänglichen gegebenen Falles auch
+hier die Erscheinung herbeigeführt haben, so mag Kristallvision ab
+und an vorgekommen, dann aber einfach als Lichtwunder dargestellt und
+daher für uns nicht mehr erkennbar sein. Schon vom heiligen Martin wird
+erzählt, beim Celebrieren des Meßopfers habe seine Hand zu strahlen
+angefangen; auf Kristallvision weist dabei der Umstand, daß auch dort
+unter den Zuschauern zwei Parteien sich bildeten; die einen beteuerten,
+das Wunder mit ihren eigenen Augen wirklich gesehen zu haben, die
+andern ebenso entschieden, sie hätten nichts gesehen[287-b].
+
+
+
+
+Siebenzehntes Kapitel.
+
+Die Heilung.
+
+
+Eine übernatürliche Erscheinung an sich interessierte damals jedoch
+nicht so sehr, wie die wunderbare Heilung von irgend einer Not oder
+Krankheit. Dann erst zeigte sich der Heilige in seiner ganzen auch
+dem Einzelnen fühlbaren Macht. Sie war Probe und endgiltiger Beweis
+des Wunders. Hören wir darüber den Bischof von Tours: »Die Wunder,
+die unser Herr Gott durch den seligen Martin, seinen einst im Fleisch
+wandelnden Diener ins Werk zu setzen geruhte, läßt er täglich zur
+Stärkung des Vertrauens der Gläubigen sich wiederholen; denn jetzt
+stattet er dessen Grabhügel genau mit denselben Kraftthaten aus,
+die jener ausführte, als er auf Erden war. Wer wird nun noch an
+den früheren Wundern zweifeln, wenn er die Gnadengeschenke der
+gegenwärtigen Zeichen sich mitteilen sieht, wenn er sieht, wie Lahme
+sich aufrichten, Blinde das Augenlicht wieder finden, die Geister von
+den Besessenen ausfahren und jede andere Art von Krankheit durch die
+Mittlerschaft des Heiligen geheilt wird«[287-c].
+
+
+1.
+
+Gregor war von Natur nicht ohne Anlagen, dem volkstümlichen
+Wunderglauben, an dem er nun selbst in so reichem Maße teilnahm,
+kritisch gegenüber zu treten. Er, der unermüdliche Mirakelsammler,
+kann gelegentlich eine rein natürliche Anschauung einer Krankheit
+zur Schau tragen. Die große Epidemie vom Jahre 580 schildert er
+nicht viel anders, als es etwa ein gefühlvoller Beobachter heute thun
+würde: »Es hatten aber, die an dieser ansteckenden Ruhr litten, unter
+Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf
+und Genick wurde ihnen schwer, und ihr Auswurf war von gelber oder
+mindestens grüner Farbe. Die gewöhnlichen Leute nannten die Krankheit
+innere Blattern, und nicht unzutreffend; denn wenn an den Schultern
+oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und
+brachen auf. Durch das Auslaufen des Eiters wurden viele geheilt.
+Aber auch Kräuter, die man sonst als Gegengift braucht, halfen als
+Trank eingegeben sehr Vielen. Die Krankheit brach im Monat August
+aus, zuerst unter den Kindern und raffte viele hinweg. Wir verloren
+die süßen, teuren Kleinen, die wir auf unserm Schoß gehegt, in unsern
+Armen gewiegt, denen wir mit eigener Hand Speise gereicht und sie mit
+ängstlicher Sorge genährt hatten; aber wir trockneten unsere Thränen
+und sprachen mit dem heiligen Hiob: ›Der Herr hat es gegeben, der Herr
+hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt‹[288-a].«
+
+Als Vorsteher der Kirche von Tours und unermüdlicher Beobachter des
+Heilung suchenden Volkes erwarb sich Gregor zum mindesten eine sehr
+große Erfahrung und einen geübten Blick für die Beurteilung eines
+Krankheitsfalles. Einzelne seiner klinischen Schilderungen überraschen
+durch die Schärfe der Anschauung. Eine Pest beschreibt er so: »Die
+Bevölkerung von Tours war von einer ansteckenden Krankheit heimgesucht.
+Diese Krankheit bestand darin, daß der Kranke von heftigem Fieber
+ergriffen, ganz von Beulen und Bläschen bedeckt war. Die Beulen
+waren weiß und hart, ohne jede Weichheit, es wäre denn im Stadium
+des höchsten Schmerzes. Reif geworden, platzten sie und begannen
+auszufließen; dann klebten die Kleider am Leibe und der Schmerz nahm
+beträchtlich zu«[288-b]. Die Dyssenterie schildert er als Krankheit,
+deren Merkmal in unsichtbaren Bläschen bestehe[288-c]. Sehr genau hat
+er sich einen Kranken angesehen, der an einer Wandergeschwulst litt:
+»Ein an schwerem Fieber Erkrankter gab aus dem Munde eine giftige
+Flüssigkeit von sich und hatte heftigen Durchfall. Das Gift tobte in
+seinem Körper; der Kranke bekam in der Schamgegend eine Geschwulst,
+die auf unglaubliche Weise zu wandern begann und dann sichtbar bis
+zum Fuße niederstieg. Sie war so groß wie ein Gänseei. Vom Fuße stieg
+sie wieder aufwärts; ihr Durchgang durch die Lenden und Arme war von
+außerordentlichen Schmerzen begleitet, dann stieg sie in den Kopf; von
+dort begab sie sich auf der andern Seite wieder nach der Fußgegend,
+kehrte dort aufs neue um und fand sich zu der Stelle zurück, von wo sie
+ausgegangen war. Während ihrer Wanderungen durch alle Glieder wußte
+der Unglückliche nicht, was er mit sich thun und anfangen sollte; er
+konnte nur aufschreien und weinen. In der That, es war ein Anblick
+zum Erbarmen, solche Schmerzen, die sich eines armen Menschenleibes
+bemächtigt hatten«[289-a]. Einmal ist sogar das Schwinden des
+Wahrnehmungsvermögens nicht auf dämonische Besessenheit zurückgeführt,
+sondern einfach als Gehirnkrankheit aufgefaßt; das Gift aus dem
+Hautausschlag habe sich auf den Geist geschlagen[289-b]. Gut beobachtet
+ist auch der folgende Fall: »ein Pariser Schneidergeselle, der von
+der schwarzen Sucht, das heißt von einer Ansammlung erhitzten Blutes,
+befallen war und in Folge davon am Fieber erkrankte, hatte den ganzen
+Leib von Bläschen überzogen, so daß einige ihn geradezu für aussätzig
+hielten. Zu gleicher Zeit litt er an außerordentlichen Schmerzen und
+konnte mit dem einen Auge so wenig sehn wie mit dem andern«[289-c].
+Die Dauer der Krisis bei einer Besessenenheilung wird auf zwei Stunden
+angegeben[289-d], und in der Bezeichnung der Krankheit äußert sich
+gelegentlich das ärztliche Bewußtsein: nach der Bauernsprache sei
+es das »fallende Weh«, weil man dabei umfalle; der medizinische
+Fachausdruck dagegen laute Epilepsie[289-e].
+
+Obschon es also an einer Anzahl elementarwissenschaftlicher
+Momente nicht fehlte, deuten nur schon Gregors eigene Gefühle bei
+Unwohlsein[289-f], ja sogar wenn ihm nur eine Fischgräte im Halse
+stecken blieb[289-g], darauf hin, wie für ihn die wirksame Hebung
+körperlichen Uebelbefindens nicht Sache einer Kunst, sondern einfach
+des Glaubens an den Heiligen war. Auch was sich in dieser Richtung
+bei ihm an Gelehrsamkeit bemerken läßt, weist nicht auf irgend
+welche ärztliche Schulung; die zuverlässigsten Verhaltungsmaßregeln
+zur Krankenpflege schienen ihm die zu sein, die man aus den Träumen
+bezog[289-h].
+
+
+2.
+
+Stellen wir kurz die verschiedenen Krankheiten zusammen, die am
+Heiligengrabe Heilung suchten und nach dem Dafürhalten der Zeit
+auch fanden, so besteht das Hauptkontingent aus Gliederkranken, sei
+es nun aus solchen, die ihre Glieder nicht mehr hatten, Krüppeln,
+oder aus solchen, die sie nicht gebrauchen konnten, Lahmen. Gregor
+veranschaulicht sie uns in folgenden Beschreibungen: Ein junger
+Mann, namens Sekurus, hatte von Mutterleib an eine Hand und einen
+Fuß verschrumpft und war auch im übrigen an allen seinen Gliedern so
+entstellt, daß er als Mißgeburt galt. Er war hörigen Standes. Als
+seine Herren sahen, er habe während sieben Jahren nichts geleistet,
+nahmen sie ihn auf den Arm und brachten ihn ans Heiligengrab, damit
+er wenigstens von Wohlthätern ernährt werde, er, der von seiner Hände
+Arbeit nicht leben konnte[290-a]. Ein Kind, wohnhaft in Tours, war in
+Folge einer langen und heftigen Krankheit an allen Gliedern geschwächt
+und konnte, als das Fieber geschwunden war, keinen Schritt mehr gehen.
+Seine Beine waren ineinander gewunden und konnten nicht getrennt
+werden[290-b]. Jemanden war die Hand so geschrumpft, daß die Nägel in
+die Innenfläche hineinwuchsen und infolge dessen beständige Eiterung
+stattfand[290-c]. Ein Diakon zu Poitiers versicherte, er habe sein
+Bein durch die Hinterlist eines bösen Geistes verloren[290-d]. Gregors
+Mutter hatte von der Geburt dieses ihres Sohnes her als Rest der
+Kindswehen noch immer ein plötzliches Reißen im Beinmuskel beibehalten,
+wie wenn ein Nagel in den Fuß getrieben würde. Der Schmerz war an einem
+Punkt so konzentriert, daß meistenteils die Kranke davon in Ohnmacht
+fiel. Die einzige Linderung brachte die Ofenwärme, wenn man das Bein
+längere Zeit dicht ans brennende Kamin hielt; nahm man dann an der
+gichtigen Stelle eine Salbung vor, so hörte der Schmerz ebenfalls für
+einige Zeit auf[290-e]. Theoda, die Tochter des Priesters Wiliachar,
+litt ebenfalls häufig an geschwollenen Füßen; schließlich verlor sie
+den Gebrauch des einen vollständig und mußte hinken[290-f]. Unter dem
+Gesinde eines der Kirchengüter war einer, der ging gebückt, wie wenn
+seine Hüfte entzwei wäre. Gegen die Erde zugekrümmt, konnte er sich
+durchaus nicht mehr aufrichten[290-g]. Ganz eigentümlich stand es aber
+um Gundulf von Tours, einen Jugendgespielen des Prinzen Günther und
+Pagen bei dessen Vater König Chlothar. Im Auftrag eben dieses Fürsten
+stieg er eines Tages auf einen Baum, um reifes Obst zu pflücken, fiel
+aber herunter, weil der Ast brach; sein Fuß schlug an einem Stein
+auf, seitdem hinkte er. Manches Jahr später, als er seinem Pferde
+die Ferse in die Weichen schlug und es stürzte und ihn abwarf, kam
+Gundulf um seinen andern Fuß. Er ließ sich nach Sankt Martin bringen.
+Ueber dem Gebete verschwand die Quetschung; er erhob sich geheilt vom
+Kirchenpflaster. Aber nun hinkte er freilich noch immer am andern
+Fuße, und das nun seit dreißig Jahren. Da überschlug er die Menge
+seiner Sünden und beschloß sich scheeren zu lassen und unter die Diener
+Martins zu gehen. Eine königliche Urkunde gestattete ihm, bei Lebzeiten
+alle seine Güter Sankt Martin zu verschreiben. Kaum war er in den
+geistlichen Stand eingetreten, so verlängerte sich sein Fuß, der über
+dem Knochenbruch eingegangen war, wieder zur normalen Länge. Seitdem
+konnte der Mann, der sich ehedem nur mühsam auf zwei Diener gestützt
+von der Stelle bewegte, wieder gehen wie er wollte[291-a]. Noch wäre
+mancher Fall körperlicher Gebrechlichkeit zu erwähnen: Chariwald, der
+einer einseitigen Körperlähmung wegen ein ganzes Jahr in Heiligtum
+verbrachte[291-b], der Gelähmte, der auf seiner Matraze von Bourges
+auf einem Wagen nach Sankt Martin transportiert wurde[291-c], Malulf,
+Bürger von Tours, der sich von einer grausamen Krankheit angefallen
+zu Bett legte und kaum atmen konnte und dessen Hände und Füße im
+Verlauf dieses Uebels einschrumpften, sodaß er fünf Jahre lang daran
+zu leiden hatte[291-d], das kleine Kind, das an allen seinen Gliedern
+und Sinnen abstarb, daß der Athem die einzige Bewegung in seinem Körper
+war[291-d]. Doch wollen wir nun zu den Blinden übergehen.
+
+Augenkrankheit kommt in jener Zeit und Gegend auffallend oft vor.
+Unter den Medizinern der späten Römerzeit bilden die Augenärzte
+eine eigene Zunft von Spezialisten, deren Bestehen durch die vielen
+aufgefundenen Gildenstempel erwiesen wird. Die römischen Augenärzte
+dieseits der Alpen waren meistens Freigelassene. Sie folgten gewöhnlich
+den Militärstationen in Germanien, Gallien, Belgien und der Bretagne.
+Ihre Kur bestand zumeist in Anwendung von Salben, die sie selbst
+zubereiteten und verkaufen; das waren weiche Pomaden oder Pasten, die
+in einem Förmchen zu Stangen oder Plättchen gepreßt wurden und dann
+eben den Siegelstein des Fabrikanten aufgedrückt erhielten. Diese
+viereckigen Etiketten nannten den Namen des Arztes, seine Instrumente,
+seine Heilkräuter und die Krankheiten, auf die er sich verstand.
+Zur operativen Behandlung des entzündeten Auges wurde das Penicill
+angewendet, offenbar ein an einem Stäbchen befestigter kleiner Schwamm
+oder Wattebausch, mit dem man die eiterigen Ausflüsse aus der wunden
+Stelle ausdrückte[291-1]. Martin von Tours vollführte in dem kranken
+Auge seines Jüngers Paulin eine Incision mit diesem Instrument[291-e].
+Die vielen Blindenkuren dagegen, die an seinem Grabe stattfanden,
+scheinen ohne Beihilfe derartiger Fachmittel rein nur durch psychische
+Einwirkung erfolgt zu sein. Die Krankheitsbilder, die Gregor von den
+Augenleiden entwirft, deuten auf Triefaugen, harmlosere Entzündungen,
+aber auch auf Staar und schwere Verletzungen. Die typische Formel einer
+Blindenheilung lautet: »Ein Blinder, der lange Zeit des Augenlichtes
+beraubt war, kam zum Feste. Er verrichtete sein Gebet und erlangte,
+während er sich vor dem Grabmal aufhielt, plötzlich die Sehkraft
+wieder«[292-a]. Damit ist nun freilich alles gesagt und nichts gesagt.
+Doch gewinnt durch andere gelegentliche Mitteilungen solch ein Bericht
+an Deutlichkeit, vor allem auch dadurch, daß unter der Hand zu
+verstehen gegeben wird, einige der sogenannt Blinden und dann wieder
+sehend Gewordenen hätten ein Minimum von Sehvermögen nie ganz eingebüßt
+gehabt[292-b]. Ein Landmann aus der Touraine hatte das Augenlicht auf
+chronischem Wege verloren durch eine jahrelange Entzündung, an die
+sich Staar und Lähmung der Augendeckel anschlossen, und da er nicht
+mehr sah, stieß er noch gar an einen hervorstehenden Holzspahn an, so
+daß ihm das eine Auge überhaupt ausfloß[292-c]. Ein erblindeter Diakon
+aus Chalons wollte erst Gregor gegenüber nicht recht mit der Sprache
+herausrücken, dann aber erzählte er: »Es sind sieben Monate her, daß es
+zur Frühmesse läutete und ich mich zur Kirche begab. Unterwegs stieß
+ich auf einen Freund; wir umarmten und küßten uns, und ich fing an mich
+zu erkundigen, wie es bei ihm zu Hause stehe. Schließlich versäumte ich
+den Kirchgang und setzte mich mit dem Bekannten zu einem Glase Wein.
+Als er sich empfohlen hatte, schlossen sich meine Augen und die Lider
+blieben kleben, sodaß ich sie nicht mehr öffnen konnte«[292-d].
+
+Eine eigene Stellung nahmen die Irren ein. Im ganzen Altertum wurde an
+ihrem Zustande weniger die körperliche Erkrankung empfunden, als die
+Besessenheit von einem bösen Geiste, in der ja die Krankheit bestand.
+Wer aber ein außermenschliches Wesen beherbergte, und wenn es auch ein
+schlechtes war, wurde dadurch eben doch übernatürlicher Eigenschaften
+fähig. Die Besessenen kamen sozusagen als entartete Seher in Betracht
+und verfügten namentlich über ein sehr ausgeprägtes Witterungsvermögen
+gegenüber der nahenden Heiligengewalt. Bei Reliquientransporten oder
+Reliquienfunden, wenn die Gesunden sich entweder unwissend oder
+ratlos zeigten, wurde ihnen gewöhnlich durch die jäh hervorbrechenden
+Aufschlüsse von Wahnsinnigen aus der Verlegenheit geholfen. Die
+sprechendste Anekdote dafür hängt mit der Entdeckung des Solennisgrabes
+bei Tours zusammen. In der Kirche des Klosters von Maillé schienen zwar
+Sonntag für Sonntag an einer bestimmten Stelle kleine Lichtflämmchen,
+sodaß das Landvolk ringsum wußte, es sei hier etwas göttliches im
+Spiel. Sobald aber zwei Besessene jene Martinskirche betraten,
+klatschten sie in die Hände, schrieen und sprachen: »Hier ruht der
+hochselige Solennis in einer verborgenen Krypta. Grabt das Grab doch
+auf, ihr Freunde Gottes. Wenn ihr es gefunden, so bedeckt es mit
+Schleiern, zündet Fackeln an und spendet ihm die Verehrung, die ihr
+ihm schuldet. Es kommt dem Land zu gute, wenn ihr unsere Anweisung
+beherzigt«. Bei diesen Worten schickten sie sich an, unter lautem
+Geschrei die Erde mit ihren Fingernägeln aufzureißen; darauf hin kamen
+dann die Leute mit den Werkzeugen und nahmen die Ausgrabung vor[293-a].
+Um nun zu den geheilten Besessenen überzugehen, so hatte namentlich
+einer, namens Paul, im Rufe gestanden, eine ganze Legion Dämonen zu
+beherbergen. In einem Anfall stürzte er sich einst von dem Gerüst,
+das bei der Martins Camera ausgerichtet war, wurde aber dank Martins
+Wunderkraft nur sänftiglich auf das Pflaster abgesetzt, ohne ein Glied
+zu brechen[293-b]. Ein anderer namens Landulf, aus der Gegend von
+Vienne, war lange vom Dämon der Mondsucht geplagt, der ihn auf die
+Erde riß, wo der Mann dann schäumte und wie tot dalag. Doch war er
+ruhiger, solange er im Atrium von Sankt Martin sich aufhielt. Sobald
+er einen Schritt hinaus that, bedrohten ihn die Geister mit klirrenden
+Waffen. Er hörte sie schimpfen und sagen: »Martin, dem du anliegst,
+kann nichts für dich thun, weil er unserer Botmäßigkeit unterstellt
+ist«. Aber er blieb unbeweglich, nur immer das Zeichen des Kreuzes
+schlagend, sodaß die Geister sich schließlich durch die dünne Luft mit
+schrecklichem Geräusch davon machten[293-c]. Auch die Trunksucht galt
+in ihren vorgeschrittenen Stadien als Besessenheit. Besonders in der
+Gegend von Bajeux trank man einen bösen Wein[293-1]. Ein weinschwacher
+Bürger dieser Stadt gelobte dem heiligen Martin jährlich seinen Besuch,
+nachdem ihm ein erster Aufenthalt am Heiligengrabe geholfen hatte. Er
+ließ sich sogar in den geistlichen Stand aufnehmen. Nach vier Jahren
+jedoch verfiel er wieder dem Trinken bis zur Tobsucht, wurde gefesselt
+nach Sankt Martin gebracht, wo ihn eine Kur von sechs Monaten abermals
+heilte. Als er sich dann neuerdings nicht hielt, sondern ins Trinken
+zurückfiel, verkam er in diesem Laster[293-a]. Auch starke psychische
+Zufälle, die aber weiter nicht auf Dämoneneinwirkung zurückgeführt
+werden, kommen vor. So lebte ein einfacher, gutgearter Mensch in
+Montlouis bei Tours jung verheiratet. Als er neben seiner Frau ruhte,
+ergriff ihn plötzlich mitten in der Nacht eine unerklärliche Angst;
+er springt aus dem Bett, irrt zitternd im ganzen Hause herum und
+verliert die Sprache. Durch Zeichen gibt er seiner Frau zu verstehen,
+er wolle nach Sankt Martin gebracht werden. Eine Kur von sechs Monaten
+gibt auch ihm die Gesundheit wieder[293-b]. Schon bei den kleinen
+Alltagsleiden begann der Bezirk des Wunderbaren. Die Gattin des
+Tribunen Animus, Mummola, hatte eines Nacht durch einen plötzlichen
+Schrecken den Gebrauch des einen Fußes verloren; ob sie sich ihn nun
+mit einem Fehltritt verstaucht hatte, oder ob eine vorübergehende
+Lähmung eingetreten sei, wird nicht gesagt; vielleicht war der Fuß
+überhaupt nur rechtschaffen ›eingeschlafen‹. Sie ließ sich nach Sankt
+Martin tragen, hielt den ganzen Rest der Nacht hindurch eine Votivkerze
+in der Hand, indes Gregor mit seinen Klerikern die Vigilien sang. Bei
+Tagesanbruch, als das Zeichen zur Matutin erschallte, trat sie auf
+den gebrechlichen Fuß auf; da war alle Schwäche geschwunden; die Frau
+konnte ohne jede Stütze nach Hause gehen. Schließlich begab man sich
+zum Heiligen selbst in Fällen, wo es sich um nichts weiter, als um eine
+kindliche Unart handelt. Eine Frau von Tours war in großer Sorge, weil
+ihr Mädchen immer nicht sprechen wollte. Endlich nahm sie das Kind
+mit in die Basilika, betete lange, zündete dann ein Rauchzäpfchen an
+und fragte die Kleine, ob der Weihrauch nicht wohl rieche. Das Kind
+sagte: »Wohl!« Da wusch die beglückte Mutter dem Töchterchen den Mund
+mit geweihtem Wasser aus und fragte, ob es nicht wohl schmecke. Wieder
+sagte das Kind: »Wohl!«[294-a] Das nannte man dann die Heilung eines
+stummen Mädchens. An innern Krankheiten werden genannt Magenübel,
+Brechreiz, Darmblutungen[294-b], auch Gelenkrheumatismus scheint
+vorgekommen zu sein[294-c]. Solche Kranke lagen dann meistens zugleich
+am Fieber darnieder. Ueber dessen Behandlung verlautet nur allgemein,
+Fieberkranke seien, wenn das Fieber besonders schlimm in ihnen wütete,
+den Tag über zwischen den Altar und das Heiligengrab gestellt worden;
+abends erhielten sie dann die mit Grabsteinpulver angemachte Mixtur,
+und beständig gab es solche, denen es darauf hin besser ging[294-d].
+Wie muß es am Martinsgrabe erst bei einer Epidemie ausgesehen haben!
+Vielleicht war der geweihte Raum dann überhaupt für hochgestellte
+Patienten reserviert. Wenigstens wurde bei einer derartigen Gelegenheit
+die sterbende Gräfin Eborin daselbst in Behandlung genommen und durch
+Abwaschungen mit Osterreinigungswasser geheilt[294-e]. In Italien
+flüchtete man, wie Fortunat Gregor aus eigener Anschauung versicherte,
+bei einer Blatternepidemie stets in die nächste Martinskirche[294-f].
+Hinsichtlich der Seuchen mag noch eins erwogen sein. Das Fieber wurde
+als Feuerwirkung im Körper aufgefaßt, und da Feuer, das höchste und
+reinste der Elemente, nicht Sitz niederer Dämonen sein konnte, ist
+Fieber, das Gegenteil von dämonischer Besessenheit, vielmehr ein
+Zuchtmittel in der Hand des Heiligen. Julian heizt seine Feinde
+wie einen Backofen[294-g], und sogar von dem sonst milden Martin
+klagt ein Fieberkranker, er verbrenne ihn. Schon in der römischen
+Medizinersprache hieß eine Pestart geradezu das »heilige Feuer«[295-1].
+Indem aber der Heilige seinen eigentlichen Beruf als Krankheitsstiller
+verläßt und zum Krankheitserreger wird, sinkt er darum doch nicht auf
+die Stufe der Dämonen, da das von ihm verhängte Leiden als Strafe und
+Läuterung sittliche Zwecke verfolgt, während die Dämonen den Menschen
+aus Schadenfreude quälen.
+
+
+3.
+
+Die am Heiligengrabe befolgte therapeutische Behandlung ist
+schwerlich von jeder vernünftigen hygienischen Einsicht im heutigen
+Sinne verlassen gewesen: so wurde im Falle hochgradiger nervöser
+Erregung Entzug von Alkohol und Fleisch angeordnet; vier Monate
+lang ausschließlich vegetabilisches Regime führte dann die Heilung
+herbei[295-a]. Bei Verdauungsstörungen ließ man drei Tage fasten, bis
+der Appetit sich von selbst meldete und reizte ihn dann zugleich mit
+etwas Wein[295-b]. Gegen Bauchschmerzen wandte sogar ein Mann wie
+Gregor erst einige Bäder und warme Aufschläge an, und erst als es
+nach sechs Tagen nicht besser wurde, fiel es ihm ein, sich an Sankt
+Martin zu wenden[295-c]. Auch rechnete man die Frist zur Heilung nicht
+kleinlich nach; es durfte Jahre lang dauern und, wenn nötig, eins ums
+andere, nicht alles auf ein Mal: drei Jahre blind, dann vier Jahre
+in der Basilika und dann erst geheilt[295-d], oder zunächst gerade
+Glieder und dann gesunde Augen[295-e], oder nach sechs Jahren wird
+die lahme Hand gebrauchsfähig und nach weiteren zwei Jahren das Auge
+sehend[295-f].
+
+Doch sind dies nur matte Spuren, daß es damals denn doch auch schon
+ein wenig zuging, wie bei uns. Davon abgesehen hüllt sich das
+Heilverfahren überall in eine dicke Kruste abergläubischer Praxis. Das
+Hauptgewicht lag auf der ausgedehnten Amuletbehandlung. Aerztliches
+Eingreifen des Priesters kam vor, aber als Ausnahme; es mußte schon
+ein hervorragender Mann sein, der sich eine derartige Vermittlung der
+Heiligenkraft zutrauen durfte; ein Aridius von Limoges: am Martinsfest
+des Jahres nahm er eine gelähmte Frau vor, die acht Jahre erfolglos in
+der Vorhalle der Martinskirche auf dem Schiebwagen gelegen hatte, und
+touchierte ihren Gliedern das Kreuzeszeichen auf, nicht ohne selbst
+den heilkräftigen Strom zu spüren, der durch seine Hand hindurch
+auf die Kranke übergeströmt sei[295-g]. Sonst aber galt es als ein
+erstes Erfordernis, der Hilfe des Heiligen durch ärztliche Weisheit in
+keiner Weise vorzugreifen. Eine Zungen- und Lippengeschwulst an ihm
+selber schätzte Gregor als eine Folge allzu heftigen Blutandranges
+ein; aber er that nichts, um ihn durch ein natürliches Mittel,
+etwa durch Schröpfen zu vermindern, sondern er ging hin, leckte
+das Grabgeländer ab, küßte den Tempelvorhang und hatte seitdem nie
+mehr an diesem Uebel zu leiden[296-a]. Am wirksamsten erwies sich
+das Einnehmen von Amuletstoffen, obenan des Grabsteinpulvers. Es
+war die Allerweltsmedizin, stillte Fieber[296-b], half gegen die
+Ruhr[296-c], trieb Bandwürmer ab[296-d]; wem es pur widerstand, dem
+gab man es mit Wein angemacht[296-e]. Auf Reisen führte Gregor stets
+eine Schachtel davon auf sich[296-f]. Aber auch das Abwaschwasser von
+der Osterreinigung des Grabaltars[296-g] und Salbung mit dem Oel der
+Kirchenlampen[296-h] wirkte heilsam. Die Kraftsphäre dieser heiligen
+Essenzen war unbeschränkt. Weihwasser und Lampenöl gemischt heilten an
+einer Seuche erkranktes Vieh[296-i], während zum Grabsteinpulver sogar
+ein königlicher Kanzler mit Erfolg seine Zuflucht nahm[296-k]. Zur
+Steigerung der Wirkung verfiel man gelegentlich selbst auf kombinierte
+Amuletbehandlung, indem Grabsteinpulver innerlich und Fransen der
+Grabsteindecke als Halsumschlag verwendet wurden[296-l].
+
+In den beiden fränkischen Hauptheiligtümern stellt sich nun aber noch
+eine höchst merkwürdige Einrichtung dar, die geradezu als das Substrat
+der bisher kurz geschilderten Heilpraxis betrachtet werden darf. Neben
+dem Armenhaus, der sogenannten Matrikel, finden wir räumlich davon
+wohl kaum unterschieden, ein regelrechtes Hospital. Aber wir würden
+irre gehn, wenn wir es für eine Heilanstalt in dem uns gewöhnlichen
+sanitarischen oder humanitären Sinne hielten. Vielmehr müssen wir an
+die uralte antike Sitte des Tempelschlafs erinnern, und an die ihr zu
+Grunde liegende Vorstellung von einer heilsamen Inkubation der Gottheit
+gegenüber dem Schläfer. Von der Julianszelle in Brioude wird erzählt,
+ein Weib namens Fedamia, das vollständig gelähmt und verwachsen war,
+sei von den Verwandten nach der Basilika gebracht worden, um dort
+wenigstens mit Betteln ihren Unterhalt zu erwerben. Als sie nun nach
+achtzehn Jahren Krankheit während einer Sonntagsnacht in dem an die
+Kirche anstoßenden Säulengange »dekubierte« und indessen das Volk
+die hochheiligen Vigilien sang, wurde sie in ihrem Halbschlummer von
+einem Mann durch eine Vision angefaßt und zur Rede gestellt, warum
+sie nicht gleich den andern dem nächtlichen Gottesdienste beiwohne.
+Sie antwortete, sie sei an allen Gliedern lahm und könne keinen
+Schritt thun. Da unterstützte sie der Mann und führte sie bis an das
+Heiligengrab. Dort angelangt ergoß sie sich, immer fort schlafend, im
+Gebete aus und ihr war, es falle eine förmliche Kettenlast ihr von den
+Gliedern. Und als die Ketten klirrend zu Boden fielen, erwachte sie von
+dem Geräusch und fühlte sich mit einem Mal genesen. Also stand sie vom
+Bett auf und schritt zum Erstaunen aller Anwesenden laut danksagend in
+die Kirche. Später liebte sie es, wenn sie die Heilung erzählte, beim
+Aeußeren des Mannes zu verweilen, der ihr erschienen war: es sei ein
+Riese gewesen, mit glänzendem Kleide, mit vornehmem Gebahren, er habe
+freundlich gelächelt; sein langes blondes Lockenhaar habe freilich auch
+einige graue enthalten; frei sei er einhergeschritten, hell habe seine
+Stimme geklungen; seiner Anrede hätte niemand widerstanden und seine
+Haut habe wie Lilien geschimmert; aus Tausenden heraus wolle sie ihn
+wieder erkennen, auf den ersten Blick. Kurzum, die Schilderung wollte
+kein Ende nehmen. Darauf hin erschien es denn doch diesem und jenem
+nicht ganz unmöglich, es könnte ihr der selige Märtyrer erschienen
+sein[297-a]. Ein gewisser Anagildus, der taubstumm war und blind
+dazu, lag auch in der Säulenhalle von Sankt Julian in Brioude; als er
+ein volles Jahr vor dem heiligen Tempel »dekubiert« hatte, wurde er
+endlich von der Heilkraft des seligen Märtyrers heimgesucht[297-b].
+Zu Sankt Martin in Tours wurden noch öfters, wenn auch nicht immer an
+so charakteristischen Fällen, Tempelschlaf bemerkt. Ein Taubstummer,
+namens Theodomundus, kam täglich zum Tempel, kniete nieder zum Gebete,
+indem er indes nur die Lippen bewegte, aber so inbrünstig, daß er
+während seiner stummen Worte meistens weinte; im übrigen bettelte er
+mit den andern Armen, dies drei Jahre lang. Eines Tages stellte er
+sich aus Liebe zu Gott getrieben, vor den heiligen Altar und stand
+da, Augen und Hände zum Himmel erhoben. Da brach aus seinem Munde ein
+Blutstrom mit Eiter. Er spie ihn auf die Erde, holte tief Athem und
+hustete blutende Körper aus, sodaß man hätte meinen sollen, sie seien
+ihm mit einem Instrument in der Kehle ausgeschnitten worden. Auch hing
+ihm nun der Schleim in blutdurchsetzten Fäden von den Mundwinkeln. Da
+wurden die Banden des Trommelfells und des Kehlkopfes plötzlich gelöst;
+wieder erhob er Augen und Hände zum Himmel und brach, des Sprechens
+noch unkundig, immerhin in die Worte aus: »Ich danke dir vielmals,
+hochseliger Herr Martin«. Die Königin Chrotechilde interessierte sich
+für diese Heilung; sie nahm sich des armen Jünglings an und ließ
+ihn in einer Schule unterrichten. Er zeichnete sich dort durch sein
+gutes Gedächtnis aus und konnte den ganzen Psalter auswendig[297-c].
+Später wurde er Priester und lebte noch lange im Dienste von Sankt
+Martin. Ein Referendar König Chlothachars, Charigisel, der an Händen
+und Füßen die Gliedersucht hatte, gebrauchte während zweier bis
+dreier Monate die Dekubationskur; nach Ablauf dieser Zeit wurde er
+vom seligen Kirchenherrn heimgesucht und erlangte an seinen schwachen
+Gliedern aufs neue die Gesundheit. Später war er königlicher Kammerherr
+und bedachte sowohl die Bürgerschaft von Tours als die Diener der
+Martinsbasilika mit reichen Wohlthaten[298-a]. Veranus, der Sklave
+eines Gregor unterstellten Geistlichen, der seinem Herrn besonders in
+Verwaltungsgeschäften an die Hand ging, wurde wahrscheinlich wegen der
+Feuchtigkeit seines Amtsstübchens von Gicht befallen und konnte nicht
+mehr gehen. Ein ganzes Jahr waren die Schmerzen sehr stark und dehnten
+sich immer weiter aus; schließlich war die Lähmung ziemlich allgemein.
+Da entschloß sich sein Herr, den das Schicksal seines Hörigen
+bekümmerte, zur Tempelkur, ließ ihn nach Sankt Martin bringen, that
+ein Gelübde und sprach: »Wenn du ihn heilst, frömmster Herr Martin, so
+will ich ihn noch am Tage selbst frei geben; dann soll er die Tonsur
+erhalten und deinem Dienste gewidmet sein«. Der Sklave wurde nun also
+dem Heiligen zu Füßen gelegt, und als er fünf Tage daselbst ohne sich
+zu rühren gelegen hatte, wurde er am sechsten Tage vom hypnotischen
+Schlaf befallen; im Schlummer hatte er die Vision, als ob ihm in seinem
+Bett ein Mann den Fuß strecke. Er fuhr auf und konnte alle Glieder
+rühren. Nun empfing er also Freiheit und Tonsur und gehörte zu Gregors
+Zeiten der niederen Geistlichkeit von Sankt Martin an[298-b]. Ein
+junges Mädchen namens Chrodechilde, das nach dem Tode ihres Vaters
+auf einem Grundstück bei Le Mans lebte, wurde blind. Auf Befehl König
+Chilperichs und noch zu Lebzeiten der heiligen Radegunde, trat sie
+ins Nonnenkloster zu Poitiers ein und wurde von jener selber nach dem
+Schrein hingeführt, der die heilige Kreuzreliquie birgt, dann nahm sie
+an den Vigilien teil. Als die Nonnen morgens die Kirche verließen,
+blieb sie noch auf dem Boden ausgestreckt liegen und schlief ein. Da,
+im Traum, war ihr, jemand thue ihr die Augen auf, das eine sei bereits
+geheilt und auch im andern spüre sie etwas, und plötzlich wachte sie
+über dem Geräusch einer sich öffnenden Thüre auf, und sah nun in der
+That mit dem einen Auge wieder. Diesmal war es also nicht eine Vision,
+sondern einfach die Nähe der Reliquie ohne Gesichtsvermittelung
+gewesen, was den hypnotischen Schlaf herbeiführte[298-c]. Das
+gewöhnliche bleibt jedoch die Erscheinung eines Greisen im Traum, der
+dann »alle Glieder in sanfter Handauflegung touchiert«[298-d]. Auch
+wird angegeben, der Patient werde von dem mediumistischen Trancezustand
+plötzlich, unerwartet, zu seinem großen Schrecken, überfallen und
+etwas über zwei Stunden darin fest gehalten[299-a]. Trat die Heilung
+nicht am Grabe ein, so konnte ausnahmsweise der hypnotische Schlaf
+auch verspätet ausbrechen, wenn der Kranke den heiligen Ort bereits
+wieder verlassen hatte. So war eine Frau mit steifgewordenen Fingern
+von Tours unverrichteter Sache abgezogen, ohne aber sich in ihrem
+Glauben an die Heilung beirren zu lassen; im ersten Nachtquartier,
+am Ufer des Cher, als sie Gott unter Thränen dafür dankte, daß sie
+wenigstens noch am Leben sei und ans Martinsgrab habe gelangen dürfen
+und daraufhin einschlief, empfing sie die Heimsuchung des Mannes »mit
+den Haaren weiß wie Schwanenpelz, im Purpurmantel, in den Händen ein
+Kreuz«; er öffnete ihr sachte die Hand; sie erwachte: das Blut floß ihr
+von der Hand; die verbogenen Finger waren nun gerade. Anderseits konnte
+sich unter Umständen eine derartige heilsame Inkubation sogar von der
+vorausgegangenen Imprägnierung am heiligen Ort dispensieren. Alpinus,
+Graf von Tours, wurde jahraus, jahrein von einem Fußleiden geplagt
+und verlor über den Schmerzen sogar den Schlaf. Aber mitten in seinen
+Leiden hörte er nicht auf, Martin um Hilfe anzurufen. Da versank er
+unversehens in Schlummer. Ihm nun, dem königlichen Beamten erschien der
+Heilige in Soldatenuniform. Mit freundlicher Miene kam er auf ihn zu,
+lächelte und machte das Kreuzeszeichen über dem kranken Fuße. Sofort
+war jeder Schmerz verschwunden, und gesund konnte der Graf sein Bett
+verlassen[299-b].
+
+Endlich noch einige Geschichten, die zeigten, mit wie mancherlei
+Umständen solch eine Krankengeschichte auch damals verbunden war.
+Aquilinus, der mit seinem Vater in den Wäldern jagen ging, wurde
+plötzlich von einem Schrecken befallen. Es war ein Herzanfall, der ihn
+fast von Sinnen brachte. Seine Eltern glaubten natürlich an diabolische
+Besessenheit und nahmen nach Bauernbrauch ihre Zuflucht zu Zauberern
+und Quacksalbern mit ihren Angehenken und Tränken. Als es aber nichts
+half, suchten sie bei Sankt Martin Hilfe und sprachen: »Der kann die
+Nachstellungen zu nichte machen; sie kommen von einem Schattengott,
+der in einer falschen Religion verehrt wird«. So brachten sie also
+den Verstörten an das Martinsgrab, wo er es seinem Gebet an Inbrunst
+nicht fehlen ließ. Der Schrecken hob sich von hinnen; sein Verstand
+kam ihm wieder. Er kehrte nicht mehr zu seinen Eltern zurück, sondern
+blieb zu Sankt Martin[299-c]. Gregors Onkel, Bischof Gallus von
+Clermont, pflegte oft zum Juliansheiligtum nach Brioude zu gehen, und
+einst im Sommer, als er der Hitze wegen die Schuhe auszog, und barfuß
+ging, trat er sich einen Dorn tief in den Fuß. Er bat den Heiligen
+um Hilfe und vollendete schwer hinkend den Weg zu dessen Grabe. In
+der dritten Nacht empfand er die heftigsten Schmerzen; er wirft sich
+an der geweihten Stätte hin und geht dann schlafen. Als er aufwacht,
+ist das Geschwür ausgelaufen, er sieht den Dorn nicht mehr und sucht
+ihn in seinem Lager, bis er ihn hat, und noch als Bischof pflegte
+er im engeren Kreise gerne die Narbe zu zeigen, das Zeichen der ihm
+zu teil gewordenen Juliansheimsuchung[300-a]. Ein Mädchen, das vor
+ungesundem Thränenandrang fast blind geworden war, wurde von seinem
+Vater nach Tours gebracht. Dieser, überdies ein freigebiger Mann, ließ
+den Pfründern von Sankt Martin zu essen und zu trinken geben. Während
+nun die Matrikelleute regaliert wurden, schrie das junge Mädchen
+plötzlich, es bekomme heftigen Kopfschmerz und wünsche zu schlafen.
+Als es dies gethan und auch das Freimahl zu Ende war, brachte man
+das Mädchen vor den Altar, wo alsobald der Thränenstrom versiegte
+und die Augen klar wurden[300-b]. Ein blindes Mädchen von Lisieux
+war zu Tours nicht sehend geworden, trotzdem es die Augen inbrünstig
+am Vorhang gerieben hatte, aber es hörte nicht auf zu beten und zu
+hoffen. Als es bei seinen Eltern auf dem Schiff stand, um heimzukehren,
+strich es sich plötzlich übers Gesicht und sagte dann: »Ist das dort
+die Martinskirche[300-c]?« Auch konnte das Zusammentreffen mehrerer
+Kundgebungen zu belebten Szenen führen. So war eine Frau von ihrer
+Gliederlähmung geheilt worden, legte sich nun aber aufs neue vor die
+Martinsschwelle und wollte so lange da liegen bleiben, bis sie auch
+das Gesicht wieder erlangt habe. In diesem Augenblick schrieen einige
+Verrückte, sie würden gepeinigt, der heilige Martin sei nahe[300-d].
+
+
+4.
+
+Ob auch nur in einem dieser unzähligen Fälle Heilung wirklich
+eingetreten sei, dürfen wir in dieser Bestimmtheit von Ja oder Nein
+nicht wissen wollen; denn ärztliche Diagnosen des Krankheitsbefundes
+liegen nicht vor. Gregor interessierte es wenig, an was nun gerade der
+Kranke litt. Erst der geifernde Wutausbruch des Tobsüchtigen, der jähe
+Blutaustritt aus dem erblindenden Auge, der mark- und beinerschütternde
+Schrei des aufs äußerste gesteigerten Schmerzes erwecken seine nähere
+Aufmerksamkeit, zumal er ja in der Krisis weniger den Höhepunkt der
+Krankheit fürchtet, als den Eintritt der Heilung begrüßt. Ueber
+die Art, wie die Krankheits- und Heilungsberichte aufgezeichnet
+worden sind, gesteht er: »Die von mir erzählten Thatsachen brauchen
+nicht unglaubwürdig zu scheinen, weil nicht alle Personen mit Namen
+aufgeführt werden. Das kommt daher, daß sie von dannen gehen, sobald
+der Heilige Gottes ihnen die Gesundheit wieder geschenkt hat und
+manchmal geschieht das in größter Heimlichkeit; niemand ist dann
+sozusagen dabei gewesen. Wenn verlautet, die Wunderkraft des heiligen
+Bischofs sei wieder erschienen, dann lassen wir die Tempelhüter
+kommen und nehmen Kenntnis von dem, was sich zugetragen hat; doch
+sind sie nicht immer in der Lage, Namen zu nennen; bei den Fällen
+jedoch, die wir selber sehen und untersuchen konnten, geben wir
+gewöhnlich gleich die Namen mit an[301-a].« Aber um das Urteil über
+diese Krankenheilungen deutlich abzugrenzen, gibt uns doch Gregor
+den Maßstab gelegentlich selber in die Hand; er erzählt von einem
+verwachsenen Tagelöhner, der auch nach der »Heilung« seine Arbeit nicht
+wieder aufnehmen konnte, sondern nur immer am Heiligengrabe selbst
+sich gesund fühlte[301-b]. Wenn aber damit der Heilungsprozeß auf das
+Gebiet der subjektiven Gefühle verlegt wird, und somit von Wundern im
+Sinn übernatürlichen Geschehens zu reden keine Veranlassung besteht, so
+liegt andrerseits doch auch keine Notwendigkeit vor, eine ganze Reihe
+rätselhafter und höchst verwunderlicher Vorgänge in Abrede zu stellen,
+besonders heute nicht mehr, wo die Forschung gewisse, auf rein nervösem
+Wege entstandene organische Veränderungen im Körper, Katalepsen,
+nicht nur als mögliche Thatsache unumwunden zugesteht, sondern wo
+auch die Erscheinungsformen solcher seelisch-leiblichen Zustände
+immer mannigfacher und reichhaltiger in den Bereich experimenteller
+Beobachtung sich eindrängen[301-1]. Wer das genügend bedenkt, wird
+einem berichterstattenden Augenzeugen wie Gregor im weitesten Umfang
+freie Hand lassen dürfen, ohne seiner eigenen gewissenhaften und
+kritischen Abwägung das mindeste zu vergeben. Ueberdies räumt auch
+heute gelegentlich ein ehrlicher Arzt von selber ein, seine Heilerfolge
+seien zum größeren Teil nicht aus seine Kunst, sondern aus das ihm
+vom Kranken entgegengebrachte Vertrauen zurückzuführen. In einem
+nicht zu unterschätzenden Maße ist es also der Glaube, der wirklich
+zur Gesundung helfen, zur nicht eingebildeten, sondern thatsächlichen
+Heilung bedeutend beitragen kann.
+
+Ueber das Sankt Martin und seinen Mitheiligen gewidmete Maß von
+Glaubenskraft und Glaubensinbrunst wird man sich nun aber nicht leicht
+übertriebenen Vorstellungen hingeben können. Wenn die Hilfebedürftigen
+»den Füßen des Heiligen« nahten, befanden sie sich meistens in
+ungeheuchelter, hochgradiger Aufregung, vergossen Thränen und gaben
+sich leidenschaftlichen Gebeten hin. Man mag die Heilungsanekdoten
+beliebig aufgreifen, es wird kaum eine sich finden, wo nicht der Glaube
+des Geheilten hervorgehoben, dagegen manche, wo dieser Glaube geradezu
+als Ursache der Heilung hingestellt wird[302-a]. Dabei öffnet sich uns
+oft ein Blick in soziale Verhältnisse, die durch ihre Aermlichkeit
+auf ein gesteigertes Verlangen nach Heilung und auf eine gesteigerte
+Dankbarkeit schließen lassen; so bei jenem Krüppel Baudulf von Gennes,
+der vom Heiligen geheilt zu werden wünschte, um seinem armen Vater
+nicht länger zur Last fallen zu müssen, sondern selber sein Brot
+verdienen zu können[302-b]. Selbst wenn im Falle von Unmündigkeit die
+nötige Fähigkeit zum Glauben eben nicht vorhanden ist, kann das kranke
+Kind gerettet werden, weil der Vater glaubt[302-c]. Seine Rückwirkung
+hatte dieser starke Glaube in der Vorstellung, daß die Heilung für
+den Genesungsmoment die persönliche Mitleidenschaft des Heiligen in
+sich schließe. Der Prokurator Placidus in Ravenna, der daselbst im
+Martinsnonnenkloster dekubierte, hielt den Heiligen ab, nach Gallien
+zurückzukehren[302-d]. Ein Lahmer zweifelt nicht, daß seine Schmerzen
+eine Kraftwirkung Martins sind, und schreit: »O Martin, um Gesundheit
+habe ich Dich angerufen, nicht um Qualen«[302-e]. Auch im Fall einer
+unbestreitbaren Berührung mit einem biblischen Wunder ist die Anekdote
+bei Gregor deswegen durchaus nicht als Kopie und somit als erfunden zu
+betrachten; wenn eine Frau von Clermont beim Küssen der Altarfransen
+plötzlich vom Blutfluß geheilt wird, so braucht der Einfluß der
+evangelischen Erzählung durchaus nicht in der erst nachträglichen
+Bildung des Geschichtchens zu bestehen, vielmehr kann jene Frau durch
+ihren unerschütterlichen Glauben an die parallele zwischen ihr und dem
+Weib im Evangelium sich in der That gesund suggeriert haben[302-f].
+
+Wer wird es der fränkischen Kirche verargen wollen, daß sie aus
+dieser ihrer wirksamsten und volkstümlichsten Funktion nach Kräften
+Kapital schlug? Zunächst indem sie die Heilungen zu einer Art Reklame
+benutzte. Zwar mag es seine natürlichen Gründe haben, daß an den
+großen Festen auch die meisten Heilungen vorkamen; bei ungewöhnlichem
+Zudrang wurden eben auch mehr Leidende gesund. Aber es wird doch wohl
+auch etwas nachgeholfen worden sein. Uebrigens schon an den hohen
+Festtagen des Kirchenjahres überhaupt wurden Heilerfolge besonders
+bemerkt, für Weihnacht und Epiphanien[302-g] wie für Palmsonntag und
+Gründonnerstag[302-h]. Aber die Martinsfeste, das Mitte November,
+wie das Anfangs Juli, durften sich eben doch weitaus der meisten
+Wunder rühmen, für das Julifest 589 werden zwölf Lahme, drei Blinde,
+fünf Besessene und eine lahme Frau als Heiltriumph erwähnt[302-i],
+für das Julifest des Jahres zuvor ein Krüppel, eine blinde Frau und
+drei Besessene[302-k]. Da die großen Heiligenmessen stets einige
+Tage umfaßten, wird der Zeitpunkt auch näher bestimmt: Heilung am
+dritten[303-a], am vierten Tage[303-b], in der Festnacht[303-c] oder
+der Heilungsprozeß habe genau die drei Festtage ausgefüllt[303-d].
+Oder es wird ein auffälliges Zusammentreffen bei gemeinsamen Heilungen
+hervorgehoben: zwei Blinde mit genau denselben Spezialsymptomen
+der Krankheit und genau derselben Spezialart der Heilung[303-e],
+oder der Lahme von Auxerre, der Lahme von Orleans und der Lahme von
+Bourges[303-f]. Namentlich aber pflegen der Höhepunkt der Messe oder
+der Augenblick, wo der Vorleser das Heiligenleben zu lesen beginnt,
+sowie der Moment der Reliquieninstallation die Heilung zum Austrag zu
+bringen[303-g]. Auch zu Ehren eines Besuches von Belang, etwa eines
+fremden Bischofs, konnte sich das Wunder ereignen[303-h].
+
+Und bei der Reklame ließ man es nicht bewenden. Unter der Hand
+bedeuteten diese Kurerfolge für die Kirche einen nicht zu
+unterschätzenden Machtzuschuß. Was lag denn auch für eine dankbare
+Seele näher, als auf die Heilung hin sich dem Heiligen zu verschreiben
+und in den geistlichen Stand einzutreten; wie oft kam das vor![303-i]
+Bedenklicher waren die auf Grund der Heilung erzwungenen Freilassungen
+vom hörigen Stande, weil es sich da um einen kirchlichen Uebergriff
+auf das Gebiet des Rechts handelte; gewöhnlich wurde unter Berufung
+auf die Heilung der Loskauf durch Kirchenmittel durchgesetzt[303-k].
+Die näheren Umstände machten zwar philantropische Beweggründe in den
+Vordergrund rücken. Der Besitzer einer Sklavin wurde durch deren
+Heilung bewogen, sie zum halben Preise freizugeben und unter der
+entsprechenden Einbuße eine andere Sklavin zu kaufen[303-l]; oder, eine
+widerrechtlich verkaufte Frau, hieß es, ist krank geworden, um dann in
+Tours mit der Gesundheit auch die Freiheit ihres Standes wieder zurück
+zu erlangen[303-m]; oder eine Frau von Poitiers wurde kirchlicherseits
+losgekauft, weil sie trotz der Heilung arbeitsunfähig war[303-n]; ja
+man konnte auf den Einwand hin, hinweisen, ein Krüppel, der sich unter
+den Bettlern aufgehalten hatte, sei nach seiner Heilung auf seinen
+Wunsch hin, frei entlassen, das Wunder also nicht in eigennütziger
+Weise ausgebeutet worden[303-o]. Die Priesterweihe wurde sogar von
+Geheilten nur aus Dankbarkeit übernommen; ohne sich weiter irgendwie
+verpflichtet zu haben, kehrte er nach Hause zurück[303-p]. Das alles
+ist schön und gut und mag im einzelnen Fall durchaus richtig sein. Aber
+im allgemeinen steht doch unbestreitbar als Thatsache da, daß gerade
+unter Berufung auf Heilungen die Kirche die Sphäre ihres Einflusses
+beständig zu erweitern trachtete. Sie deckten ihr den Rücken, all
+diese Armen, Kranken, Gefangenen und Unfreien, die sie nährte,
+kleidete, gesund machte und losgab. Aber während durch das Asylrecht
+und die Gefangenpatronage nur die Strafrechtspflege beeinflußt, also
+nur ein vorübergehender Rechtsakt sistiert wurde, griff eine zur
+Gewohnheit werdende kirchliche Auslösung von Hörigen tiefer, weil sie
+einem permanenten Druck auf einen zurechtbestehenden sozialen Zustand
+gleichkam.
+
+Alles in allem ging es somit menschlich zu, auch bei den Heilungen.
+Aber diese Eigenschaft des Heiligengrabes als eines Kurortes wirft doch
+ein außerordentlich merkwürdiges Licht auf die religiösen Vorgänge in
+der Volkspsyche, zumal bei den alten Franken, wo Treu und Glauben zu
+Gott und seinen Heiligen noch nicht an schamlosem Priesterbetrug und
+der stumpfen Gleichgiltigkeit der Menge zu Schanden wurden.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Der Glaube.
+
+
+Der Glaube des fränkischen Volkes unter der Herrschaft der Merowinger
+ist ein Religionsgebilde, dessen Eigenart in der vollständigen
+Abwesenheit dogmatischer Produktion besteht. Die Vulgärreligion liegt
+entblößt da, ohne ideologischen Ueberbau. Das Studium des Volksglaubens
+konnte also hier vor sich gehen, ohne durch die Komplikationen
+behindert zu sein, die sich bei einem Nebeneinander von höherer und
+niederer Theologie unfehlbar einstellen. Doch ist das nicht der einzige
+Vorzug dieser Epoche. Auch ihre Frische und Beweglichkeit suchten
+ihresgleichen in der Kirchengeschichte; wo sonst nicht ohne Recht von
+Versteifung und Verknöcherung in Gewohnheiten und Formeln gesprochen
+wird, ist es hier eine durchaus junge und lebendige Religion, die sich
+mit Reliquienverehrung zufrieden gab.
+
+Die mannigfachen Bestandteile dieser Religion, die es im folgenden noch
+kurz aufzuzeigen gilt, lassen sich nicht einheitlich ableiten. Aber die
+beiden Hauptbegriffe, die uns im Verlauf unserer Untersuchung immer
+wieder begegnet sind, dürfen als ausreichende Wurzeln des fränkischen
+Volksglaubens gelten: der Wunderglaube und der Heiligenglaube. Das
+Wunder bestimmt die fränkische Religionswelt stofflich, indem es ihr
+Leiblichkeit verleiht und ihre Atmosphäre bildet, der Heilige dagegen
+bestimmt sie vital, indem sie ihre eigentlichen Lebensfunktionen von
+ihm bezieht. Erst wenn diesen beiden leitenden Gedanken der gebührende
+Vorrang eingeräumt ist, dürfen die üblichen Fragen laut werden nach dem
+Verhältnis der Religion zum Welterkennen und zur Sittlichkeit.
+
+
+1.
+
+Nehmen wir zunächst den Glauben im weiten, umfassenden Sinn als
+Weltanschauung. In seinem gelehrten Werke »Der Sternenlauf« entrollt
+Gregor folgendes Weltbild[305-1]: »Die meisten Philosophen haben sieben
+Weltwunder beschrieben. Ich für mein Teil möchte mit einiger Abweichung
+ebenfalls sieben, wenn auch nicht ganz dieselben aufzählen: erstens die
+Arche Noahs; zweitens Babel und seine Schanzen; drittens der Tempel
+Salomos, seine Säulenhallen, sein Altar, seine Cherubinen, seine
+Bildsäulen, sein gepflasterter Boden und seine Thore; viertens das Grab
+der Perserkönige; fünftens der Koloß von Rhodos; sechstens das Theater
+von Heraklea; siebentens der Leuchtturm von Alexandrien. Diesen Erden-
+und Menschenwundern gegenüber stehen sieben Himmels- und Gotteswunder,
+von denen einige den Zweck haben, die Macht Gottes darzulegen, so
+die Sonne, der Mond, die Sterne, der Phönix, oder den Sündern das
+Höllenfeuer vor Augen zu führen: so der Aetna sowie der heiße Sprudel
+zu Grenoble. Diese Wunder werden so lange zurecht bestehen, bis dem
+Herrn die Auflösung der Welt beliebt. Erstens Ebbe und Flut im Meere;
+zweitens die Befruchtung des in die Erde gelegten Samenkornes, das
+Sankt Paul der Auferstehung unseres Leibes vergleicht; drittens der
+Phönix, der sich selbst auf seinem Nest verbrennt und dann aus seiner
+Asche aufersteht, auffallendes Vorbild eben der Auferstehung, die
+unsern Leib erwartet; viertens der Aetna; fünftens die Feuerquelle
+von Grenoble, die an der Hand nicht brennt und doch Kerzen und Dochte
+anzündet. Ein gewisser Hilarius hat hierüber ein Gedicht gemacht, in
+dem er nachweist, daß die ewigen Flammen unsern Leib noch verschonen,
+um ihn dann zu verzehren nach dem jüngsten Gericht, wenn er sich der
+Sünde überlassen hat; sechstens der befruchtende Lauf der Sonne;
+siebentens der Mond, den wir zunehmen und abnehmen sehen, dann die
+Sterne die im Osten auf und im Westen niedersteigen, die nördlichen
+bewegen sich in einer Kreisbahn statt einen gradlinigen Lauf zu
+befolgen, während die andern in der Mitte des Himmels stehen. Die einen
+sind das ganze Jahr sichtbar, die andern bloß einige Monate. Mit Gottes
+Erlaubnis will ich nun über den Lauf der Gestirne berichten für die,
+die nichts davon wissen, und soweit meine eigene Kenntnis dieser Dinge
+reicht. Ich werde die Benennungen, die ihnen Virgil und andere Dichter
+geben, bei Seite lassen und mich an die Namen halten, die sie in der
+Bauernsprache erhalten haben, oder an die, die durch die Stellung der
+Sterne selbst nahe gelegt werden, wie Kreuz, Sichel und andere. Mit
+diesen Zeilen verfolgte ich überhaupt keinen wissenschaftlichen Zweck
+noch kann es mir einfallen, die Zukunft zu erforschen; wohl aber will
+ich nachweisen, wie ein Tageslauf auf vernünftige Weise mit Gottes
+Lob auszufüllen ist, zu welchen Stunden nämlich der sich in der Nacht
+zum Gebet erheben soll, der mit Sorgfalt Gottesdienst halten will.«
+Hierauf macht Gregor allerhand illustrierte Angaben von astronomischen
+Beobachtungen rudimentärster Art, wie viele Stunden jeder Monat
+täglich Sonne hat, desgleichen wie viele Stunden jeder Monat nächtlich
+Mondschein hat. Der Mond geht im Sommer denselben Weg, den die Sonne im
+Winter gegangen ist und umgekehrt. Gregor gibt sodann mit roter Tinte
+die Stellung einiger Sternbilder am Himmel an und verweilt besonders
+bei den Kometen: Ein Haarstern zeigt sich nicht zu jeder Zeit, sondern
+nur etwa beim Tode eines Königs oder während eines Landesunglücks. Wenn
+sein buschiges Haupt mit einem strahlenden Diadem erscheint, ist das
+die Anzeige eines Todesfalls in der königlichen Familie. Ueberwiegt
+dagegen der rötliche Degen und tritt der Kopfstern zurück, so deutet
+es auf ein Landesunglück. So war es bei der Pest, die in der Auvergne
+wütete, und so kurz vor dem Tode König Sigiberts. Dann erläutert Gregor
+die Zeichen, an denen ein frommer Sinn den Gläubigen den Augenblick
+angebe, wo man sich für den Gottesdienst erheben soll. Er beginnt
+dabei nicht wie üblich im Monat März oder am Neujahrstag, weil die
+Zusammenstellung, die man im Monat März beobachte, bereits in einem
+andern Monat zustandekomme. Im September also ersteht der große Stern,
+der Rotstern, mit dem kleinen, der ihm vorausgeht. Gregor gibt die
+Psalmen an, die beim Aufgang dieses Sternes anzustimmen sind, ebenso
+im Augenblick, da die ›Sichel‹, der Orion, an demselben Orte angelangt
+ist, wo die Sonne am Tage um fünf Uhr steht; schließlich im Augenblick,
+da die ›Traube‹ aufgeht. Dementsprechend gibt Gregor für jeden
+folgenden Monat die Nachtpsalmen an sowie den dreifachen Zeitpunkt
+für die nächtlichen Vigilien. Gregors Weltanschauung und mit ihm die
+des fränkischen Volkes ist somit robust religiös, unphilosophisch
+religiös. Der Erkenntnistrieb gibt sich mit der Anerkennung von zweimal
+sieben Weltwundern zufrieden, und alles, was sich der Beobachtung
+ungesucht aufdrängt, unterstellt sich dem praktischen Bedürfnis, für
+die Verehrung Gottes eine möglichst geregelte, sozusagen naturgemäße
+Aeußerung zu finden.
+
+Nehmen wir sodann Glauben im engeren Sinn als dogmatisches Bekenntnis,
+so ergibt sich auch hier ein unkompliziertes, primitives Ideenbild,
+das positiv durch die orthodoxen Symbole und negativ durch die beiden
+Gegensätze des Arianismus und des Judentums bestimmt wird. Die negative
+Bestimmung tritt viel schärfer ins Licht, weil es sich um einen realen
+konfessionellen Haß gegen Andersgläubige handelt. Eine Katholikin,
+die einen Ketzer zum Mann hatte, erhielt den Besuch eines streng
+katholischen Priesters. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Wenn du mich lieb
+hast, so soll Freude im Hause sein, wir wollen ihm ein Essen geben,
+das sich sehen lassen darf«. Der Mann hatte nichts dagegen; als aber
+nun noch ein arianischer Priester ihn besuchte, rief er fröhlich:
+»Desto besser. Zwei Pfaffen aufs Mal, für jeden Glauben einen«. Bei
+Tische saßen die Arianer rechts, das katholische Paar links, die Frau
+auf einem Stühlchen neben dem Sessel des Priesters. Der Gatte raunte
+dem Ketzer zu: »Nun wollen wir auf Kosten dieses römischen Priesters
+uns lustig machen. Sobald eine Schüssel auf den Tisch kommt, so mache
+rasch das Zeichen des Kreuzes drüber, und während der Andere traurig
+dasitzt und zusieht und nicht essen darf, wollen wir uns gütlich thun«.
+Jener erwiderte, er sei einverstanden. Zuerst kam Gemüse; der Ketzer
+machte sein Kreuz und bediente sich. Die Frau verwahrte sich gegen
+diese Beleidigung ihres Priesters. Dieser erhielt nun seine eigene neue
+Portion, aber beim zweiten und dritten Gang gefiel sich der Ketzer in
+denselben Witzen. Als nun als viertes Gericht eine Casserole mit einer
+brennenden Fruchtomelette kam, Rühreier, etwas Mehl, Dattelschnitze
+und entsteinte Oliven, und der Arianer sie wieder ohne weiteres
+herunterschlang, verbrannte er sich elend den Magen, stieß einen
+Seufzer aus seinem qualmenden Munde und gab mit einem schrecklichen
+Geräusch alsobald seinen Geist auf. Man trug ihn vom Tisch in ein
+Grab und deckte Erde darüber. Da rieb sich der katholische Priester
+die Hände: »Gott hat seine Diener gerächt«. Und zum Gastgeber sich
+wendend: »So. Nun wünsche ich zu essen«[307-a]. Ein ander Mal kamen
+zwei Geistliche, ein Rechtgläubiger und ein Ketzer überein, es auf
+ein Gottesurteil ankommen zu lassen, da sie sich sonst nicht einigen
+konnten. Aber auch der Orthodoxe hatte Angst. Er schmierte sich den
+Arm, mit dem er den Ring aus dem kochenden Wasser holen sollte, mit
+Oel ein, lief von einem Heiligengrab zum andern, begab sich aber um
+drei Uhr auf den Markt, wo es an Schaulustigen nicht fehlte. Jeder
+von den beiden wollte höflicherweise dem Andern den Vortritt lassen;
+schließlich mußte der Diakon heran und entblößte zitternd seinen Arm.
+Da erhob der Gegner ein Geschrei und wollte nicht gelten lassen, daß
+jener sich gesalbt habe; das sei Magie, die Sache sei null und nichtig.
+Während sie nun aber stritten, kam ein italienischer Diakon aus Ravenna
+des Weges, und als er vernahm, um was es sich handle, machte er rasch
+seinen Arm frei und fuhr in den Kessel. Ueber eine Stunde lang hatte
+er im Wasser zu tasten und zu suchen, weil der Ring so klein und
+leicht war, daß er immer wieder entwischte, und immerfort wurde unter
+dem Kessel geheizt. Er aber zog den Ring heraus ohne das geringste
+verspürt zu haben; da jedoch der Arianer großmäulig behauptete,
+er wolle seinen Glauben auf dieselbe Weise bewähren, war sein Arm
+gesotten, als er ihn wieder herauszog[308-a]. Ein spanischer König
+wollte einen katholischen Priester aus Gallien, den man aufgefangen
+hatte, durch schmeichelhafte Versprechungen zum Uebertritt bewegen,
+aber dieser entgegnete ihm, seine Geschenke seien Mist für ihn. Als
+man ihn dann geißelte, spürte er nur die ersten drei Hiebe[308-b]. In
+mehreren Varianten wurde auch die Geschichte herumgeboten, arianische
+Priester hätten Leute bestochen, Blindheit und nachherige von ihnen
+bewirkte Heilung zu simulieren; diese seien dann aber zur Strafe
+wirklich blind geworden[308-c]. Die katholische Kirche in Rioms war
+von den Gothen in Beschlag genommen worden. Sie schickten sich an,
+dort in der Charwoche auf ihre Weise Kindertaufen vorzunehmen, damit
+das Volk desto eher in die Falle gehe. Der katholische Geistliche, der
+sich frevelhaft aus seinem Heiligtum verdrängt sah, ging einfach in
+den anstoßenden Betsaal der Ketzer und taufte dort. Von den ketzerisch
+getauften zwanzig Kindern überlebte übrigens keines die Woche nach
+Ostern[308-d]. Dogmatische Erörterungen ersetzte ein Beweis der Kraft,
+wie man ihn drastischer nicht denken kann. Alles wurde, wenn immer
+möglich handgreiflich vor den Augen dargelegt. Das marmorne Taufbecken
+in Osser in Spanien hatte Kreuzesform; am Gründonnerstag wird es
+geleert und die Röhren versiegelt; zu Ostern hat es sich dann von
+selbst gefüllt. Die westgothischen Könige benutzten den Teich aber zur
+Pferdeschwemme oder ließen nach geheimen Kanälen graben, um das Wunder
+als Betrug aufzudecken[308-e]. Und als bei der Belagerung Saragossas
+durch Childebert und Chlotar die arianischen Einwohner mit dem Rock
+des heiligem Vinzenz eine Mauerprozession unternehmen, da zogen sich
+die Frankenkönige von der Stadt zurück, weil eine katholische Reliquie
+auch in ketzerischen Händen nichts an Kraft verlor[308-f]. Gegen nur
+arianische Wunder dagegen war man kritisch und deckte die Schliche
+unbarmherzig auf.
+
+Nicht weniger schroff waren die Beziehungen zur Judenschaft. Der Haß
+war auch hier gegenseitig; kein Teil blieb dem andern etwas schuldig.
+Auch hier fehlt es an bezeichnenden Histörchen nicht. Der Knabe
+eines jüdischen Glasers, der mit Christenkindern in die Schule ging,
+wurde einst bei einer Meßfeier in der Marienkirche aus Versehen zur
+Kommunion zugelassen. Frohlockend sprang er heim zu seinem Vater, den
+er gerade bei der Arbeit traf, und erzählte ihm unter Liebkosungen,
+jetzt habe er vom Fleisch und vom Blut Jesu Christi gegessen. Wütend
+versetzte dieser: »Nun du mit diesen Kindern kommuniziert hast,
+in Verachtung deines väterlichen Glaubens, so zwingst du mich ein
+grausamer Rabenvater zu werden, da ich doch den dem Gesetz Mosis
+zugefügten Schimpf nicht ungerächt lassen darf«. Darauf warf er sein
+Kind in den glühenden Schmelzofen. Die Mutter kam herbei, warf sich vor
+Schmerz ihren Kopfputz auf den Boden, zerraufte ihr Haar und schrie so
+herzzerreißend, daß die christlichen Nachbarn herbeiströmten. Als man
+aber den Ofen aufriß, befand sich das Kind völlig unverletzt; unter
+allgemeinem Beifall wurde es hervorgezogen. Dagegen wurde nun der alte
+Jude ins Feuer gesteckt und verbrannte sofort. Der Junge aber erzählte
+auf Befragen, dieselbe Frau mit einem Kind auf dem Arm, die er heute
+in der Kirche gesehen habe, hätte ihren Mantel über ihn gedeckt und
+ihn so vor den Flammen gehütet[309-a]. In einer katholischen Kirche
+sah ein Jude ein Christusbild an der Wand hängen und sagte: »Das also
+ist der Verführer, der uns erniedrigt hat, mich und meine Rasse«. Da
+es Nacht war, durchbohrte er das Bild, riß es von der Wand und nahm es
+unter seinem Mantel mit nach Hause, um es zu verbrennen. Aber o Wunder,
+die Wunde, die er dem Bilde geschlagen hatte, blutete; als er zu Hause
+Licht machte, sah er sich blutüberströmt; Furcht ergriff ihn. Er
+versteckte das Bild in einem Winkel; aber die Blutspuren von der Kirche
+zu seinem Hause führten zu seiner Entdeckung. Die Christen brachten das
+Bild wieder in die Kirche zurück und steinigten den Bösewicht[309-b].
+Um so erfreulicher war es, gelegentlich auch bei einem ungetauften
+Juden aufrichtigen Heiligenglauben zu finden, und der heilige Domitius,
+den er anrief, stand auch keinen Augenblick an, ihn von der Ischias
+zu heilen. Aber wie man es nie allen Leuten recht machen kann, so
+waren nun wieder die Christen nicht zufrieden. Sie zerschellten die
+Kirchenlampen und riefen: »Wir, die Gott in Wahrheit bekannt haben,
+sind noch nicht gesund, indessen dieser Beschnittene geheilt von
+dannen geht«[309-c]. Als jedoch ein Jude in Bordeaux einem Priester
+abriet, in der Martinskirche Heilung vom Schüttelfrost zu erwarten,
+da ja Martin längst in der Erde liege, und wie andere Sterbliche zu
+Staub zerfallen sei, und ein Toter doch den Lebenden nicht helfen
+könne, da wurde seine Unkenntnis offenbar; denn der Priester genas
+nach Genuß von Kerzenasche, während der Jude selbst am selben Fieber
+über ein Jahr lang krank blieb[309-d]. Ueber das Diskussionsniveau
+bei Auseinandersetzung von Katholiken und Juden belehrt auf das
+anschaulichste ein Erlebnis Gregors. Er besuchte König Chilperich
+auf dem königlichen Meierhof zu Braine, als dieser eben nach Paris
+übersiedeln wollte, und war im Begriff sich zu verabschieden. Da trat
+gerade ein Jude ein, namens Priskus, mit dem der König viel verkehrte;
+von ihm pflegte er die kostbaren Sachen zu kaufen. Chilperich nahm
+ihn freundlich beim Kraushaar und wandte sich an den Bischof mit den
+Worten: »Bischof, komm; hier gibt’s etwas zu bekehren«. Der Jude aber
+sträubte sich. Da sprach der König: »O über diesen harten Kopf und
+dieses allezeit ungläubige Geschlecht, das es nicht begreift, daß der
+Sohn Gottes ihm verheißen ist durch die Stimmen seiner Propheten, das
+es nicht einsieht, daß die Geheimnisse der Kirche in seinen Opfern
+vorgebildet sind«. Als er solches sprach, sagte der Jude: »Gott bedarf
+weder eines Weibes noch eines Sohnes; auch läßt er keinen neben sich
+herrschen, wie er durch Moses spricht: Seht ihr nun, daß ich allein es
+bin und kein Gott neben mir ist? Ich kann töten und lebendig machen,
+ich kann schlagen und kann heilen«. Da sagte der König: »Gott hat
+aus seinem Schooße geistiger Weise den ewigen Sohn gezeugt, der Zeit
+nach nicht jünger, der Macht nach nicht minder, denn der, von dem er
+spricht: Aus deinem Schooße habe ich dich gezeugt vor dem Morgenstern.
+Diesen den vor der Zeit geborenen, sandte er in den letzten Zeiten als
+Heiland in die Welt, wie der Prophet spricht: Er sandte sein Wort und
+errettete sie. Wenn du aber meinst, daß er nicht selbst zeuge, so höre
+deinen Propheten, der da spricht aus dem Munde des Herrn: ›Sollte ich
+andere lassen die Mutter brechen und selbst nicht auch gebären? Dies
+sagt er von dem Volke, das durch den Glauben zu ihm neu geboren wird‹«.
+Darauf erwiderte der Jude: »Konnte wohl Gott Mensch, konnte er vom
+Weibe geboren, konnte er geschlagen und zum Tode verurteilt werden?« Da
+der König hierauf nichts zu sagen wußte, mischte sich Gregor ein und
+sprach: »daß der Herr, der Sohn Gottes, Mensch wurde, geschah nicht
+weil es für ihn, sondern weil es für uns notwendig war; denn den von
+der Sünde gefesselten und der Gewalt des Teufels unterworfenen Menschen
+hätte er nicht erlösen können, ohne menschliche Gestalt anzunehmen.
+Ich will mich nicht berufen auf die Evangelien und den Apostel, denen
+du nicht glaubst, sondern auf deine heiligen Schriften, daß ich dich
+mit deinen eigenen Waffen schlage, wie man liest, daß einst David den
+Goliath tötete«. Und nun tritt Gregor, meistens an Hand der hiefür
+althergebrachten Schriftstellen, den Weissagungsbeweis an für Christi
+Person und Werk. Darauf erwiderte der Jude: »Wie kann es für Gott
+eine Notwendigkeit geben, solches zu leiden«. Gregor antwortete: »Ich
+habe dir schon gesagt, Gott schuf den Menschen ohne Sünde, aber durch
+die List der Schlange ward er verführt und übertrat Gottes Gebot.
+Deshalb ward er aus dem Paradiese vertrieben und ihm die Mühen der Welt
+auferlegt. Aber durch den Tod Christi, des eingeborenen Gottes, ist er
+mit Gott dem Vater wiederum versöhnt worden«. Der Jude sagte: »Hätte
+Gott denn nicht Propheten oder Apostel senden können, die den Menschen
+auf den Pfad des Heils zurückführten, ohne sich selbst zum Fleische
+herabzulassen?« Wieder ließ Gregor eine lange gelehrte Antwort ergehen,
+aber der unglückliche Jude wurde nicht zum Glauben bewogen. Da wandte
+sich der König an den Bischof und bat ihn um den Segen. »Ich werde zu
+dir sprechen«, sagte er, »was Jakob zum Engel des Herrn sprach, der mit
+ihm redete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«. Nach dem Segen
+verabschiedete sich Gregor und der König stieg zu Pferde[311-a].
+
+Man begreift, daß der Jude unbekehrt von dannen ging; er dachte
+dogmatisch schärfer als der gute Gregor. Auch in Streitgesprächen mit
+Arianern siegte dieser durch sein männliches entschiedenes Auftreten,
+aber nicht durch die Wucht seiner Gründe, so respektabel auch seine bei
+diesen Anlässen sich bekundende Bibelbekenntnis sich ausnahm[311-b].
+Mit demselben schönen Pathos stellt er an die Spitze seiner Schriften
+sein orthodoxes Bekenntnis von der vollen Gottheit Christi[311-c].
+Wohl ist auch ihm Christus der Endzweck des Lebens. Aber Erlösung
+und Reinigung durch Christi Blut sind ihm Nebensache. Christus hat
+sich bei seinem Tode überhaupt passiv verhalten; in Gregors Augen
+war Christi Leiden keine That Christi; es war ein an ihm begangenes
+Verbrechen. Die Auferstehung dagegen, sie zeigte ihn in seinem Wesen,
+als den Oberwunderthäter, als den Siegeshelden und himmlischen
+Herrscher. Und hier konnte eine nationale Auffassung des Christentums
+einsetzen, die Christus als Herzog und das fränkische Volk als seine
+Dienstmannen ansah. Das war dann aber kein Christuschristentum mehr,
+sondern eben das fränkische Heiligenchristentum[311-1]. Mochte man auch
+gelegentlich versichern, alle Wunder der Heiligen gehörten Christus,
+seien göttliche Thaten und unterstünden Gott[311-d], es war trotz
+alledem etwas anderes und kräftig eigenes, das sich der theologischen
+Religionspraxis als untheologisches Volkschristentum entgegensetzte.
+Und die Theologie sah sich gezwungen, halt zu machen; an Kraft, sich
+aufzumachen und auszubreiten, hat es ihr gerade damals nicht gefehlt,
+denn am Mittelmeerrande des alten Gallien hatte sich die Diskussion der
+abendländischen Theologie gesammelt und, als Beweis ihrer Tüchtigkeit,
+das apostolische Symbol hervorgebracht. Eine geradezu elementare
+Macht muß also das sich ihr entgegenstemmende Bedürfnis nach einem
+undogmatischen Volksglauben gewesen sein; infolge von Sankt Martins
+Verbreitung des Christentums im gallischen Lande war es nun überall
+aus der Erde gestiegen. Gregor spricht von Christus als dem Einwohner
+der Heiligen[311-e]: ja, aber es handelte sich um das Erdgeschoß im
+Himmel; wozu mühsames Treppensteigen in spekulativen Hochbauten? Wenn
+man nur unter Dach war!
+
+
+2.
+
+Zerlegt man das Christentum des fränkischen Volkes in seine einzelnen
+Bestandteile, so findet sich wohl nicht das kleinste Bruchstück,
+das in dem Maaße neu wäre, sich nicht anderswo schon vorzufinden.
+Lediglich auf ihre Substanz hin geprüft, bleibt diese merowingische
+Heiligenreligion durchaus ein Gebilde zweiter Hand. Wenn Gregor mit
+seiner Heiligengelehrsamkeit von morgenländischen und römischen
+Quellen und Vorbildern abhängig war, so ist das keineswegs zufällig,
+sondern deutet für seinen Gegenstand, die fränkische Volksreligion,
+auf dasselbe Verhältnis zum Auslande. Alles darin ist auswärts bereits
+da, also Import oder Imitation. Da es sich immerhin um Christentum
+handelt, wird freilich der Zusammenhang mit dem Mutterland Palästina
+natürlich. Aber dieses Verhältnis zum Urchristentum zeigt so sehr
+allenthalben das byzantinische Gepräge, daß dieses rege Interesse am
+Evangelischen sich schon gänzlich in der Vermummung des orientalischen
+Vulgärchristentums darstellt. Suchen wir uns kurz zu vergegenwärtigen,
+was man den Franken vom apostolischen Zeitalter etwa beibrachte. Die
+Person Christi wurde weniger durch die Predigt als durch die bildliche
+Darstellung vermittelt: »Der Glaube, der sich uns rein erhalten hat
+bis auf den heutigen Tag«, schreibt Gregor[312-a], »steigert die
+Liebe zu Christus so sehr, daß die Gläubigen, denen sein Gesetz ins
+Herz gegraben ist, auch sein Bild vor Augen haben wollen zum Andenken
+an seine Verdienste, vermittelst von Gemälden, die sie in ihren
+Kirchen und in ihren Häusern aufhängen«. Als das Urbild galt die
+Christusstatue, die das blutflüssige Weib aus Dankbarkeit in Paneas
+gestiftet habe. Gregor ließ sich von mehreren Augenzeugen berichten,
+das Gesicht des Bildwerks glänze[312-b]. Von Jerusalem aus hat man
+Christusamulete durch die ganze Welt hin versandt: um die Martersäule
+gespannte Schnüre, besonders aber kleine Erdtorten, die aus einer
+angefeuchteten Scholle des heiligen Grabes zurecht geknetet und dann
+gedörrt wurden[312-c]. Das Urchristentum stand nach Gregor unter
+Leitung der Zwölfapostel und der Jungfrau Maria; der im Orient eben
+erblühte Marienkult findet hier seinen ersten Wiederhall. Gregor
+ist der erste Schriftsteller, der von der Auferstehung der Maria
+und ihrer leiblichen Erhebung aus dem Grabe ins Paradies zu sagen
+weiß[312-d]; von ihren Wundern berichtet er, sie habe das nach ihr
+geheißene Kloster in Jerusalem von Nahrungsnot befreit[312-e]; auch
+habe Kaiser Konstantin ihr eine prächtige Basilika mit Säulengängen
+errichtet[313-a]. Unter den Aposteln tritt Gregor auf sieben näher
+ein: Jakobus, der Bruder des Herrn habe sich sein Grab am Oelberg
+selber bereitet und übrigens schon vorher Zacharias und Simeon
+darin bestattet gehabt[313-b]; Petrus habe aus Demut die Gewohnheit
+angenommen, seinen Scheitel kahl zu scheeren; in Rom zeige man noch
+zwei ausgehöhlte Steine an der Stelle, wo er mit Sankt Paul im Gebet
+gegen Simon Magus auf den Knien gelegen habe; das dort sich sammelnde
+Regenwasser heile. Die Peterskirche des Vatikan sei von vier Kolonnaden
+getragen, sechsundneunzig Säulen, mit den vier Altarsäulen hundert
+im Ganzen, nicht gerechnet die vier, die den Grabesbaldachin tragen.
+Wer am Petersgrabe, das unter dem Hauptaltar liegt, beten will,
+öffnet das Gitter, naht sich dem Grabe und hat seinen Kopf durch ein
+Guckfenster zu strecken. Bei der Gewinnung des Petersamuletes ist
+es Sitte, den Seidenlappen vor- und nachher zu wägen, um mit der
+Gewichtsdifferenz die Echtheit des Glaubens zu beweisen. Andere nehmen
+den Gitterschlüssel mit sich und lassen zum Ersatz einen goldenen
+zurück[313-c]. Sankt Paul wurde in Rom enthauptet, auf den Tag ein
+Jahr nach dem Martyrium Sankt Peters. Aus seiner Leiche floß Milch und
+Wasser; warum denn nicht Milch, bei ihm, der die ungläubigen Völker
+im Schooße trug und zur Welt brachte, sie aufzog mit Geistesmilch bis
+zum Genuß der festen Speise heiliger Schrift? Nach seinem Tode, um
+wenigstens ein Wunder von ihm zu nennen, hielt er einen vom Teufel
+verführten Menschen ab, sich das Leben zu nehmen[313-d]. Der Evangelist
+Johannes, der Busenjünger des Herrn, stieg lebendig ins Grab hinein
+und befahl, ihn mit Erde zuzudecken. Noch heute scheidet sein Grabmal
+eine Art weißen Mannas aus; dieses Mehl wird als Arznei durch die
+ganze Welt versendet. Noch zeigt man in Ephesus auf einem Berge eine
+Burgruine mit vier Mauern ohne Dach; dort schrieb er sein Evangelium
+und bat Gott, doch nicht regnen zu lassen, bis er damit zu Ende sei,
+und so fällt denn bis zum heutigen Tage dort kein Regen und zeigt sich
+keine Wolke. In Ephesus ruht auch Maria Magdalena ohne jedes Gewand,
+in ihrem Grabe[313-e]. Am Tage des Apostels Andreas quillt nicht nur
+Mannamehl, sondern auch Oel mit Nektarduft aus dessen Grabe zu Patras,
+wo er gekreuzigt wurde. Das Maß dieser Festernte gibt das Orakel ab für
+den Feldertrag des ganzen Jahres. In eben dieser Andreaskirche brauchte
+Mummolus, der als Gesandter König Theudeberts zu Kaiser Justinian
+nach Konstantinopel kam, den Tempelschlaf gegen Blasensteine; nachdem
+er an seinem Aufkommen verzweifelnd bereits sein Testament gemacht
+und mit Siegel und Unterschrift hatte versehen lassen, hatte er sich
+nach einem tüchtigen Arzte erkundigt und zur Antwort erhalten, warum
+er es denn nicht mit dem himmlischen Arzte versuche. So ließ er sich
+denn an das Andreasgrab bringen und lag dort auf dem Kirchenpflaster
+gebettet, als er um Mitternacht, da alles schlief, plötzlich das
+Bedürfnis empfand, sein Wasser zu lösen. Er stieß daher einen seiner
+Sklaven an, verlangte mit schwacher Stimme ein Geschirr und gab nun
+unter großer Anstrengung einen so stattlichen Stein von sich, daß es
+ein ordentliches Geräusch gab, als er in das Gefäß fiel. Schmerzen
+und Fieber hörten auf; der Herr konnte gesund und wohl das Schiff zur
+Heimfahrt besteigen[314-a]. Der Apostel Thomas erlitt das Martyrium
+in Indien. Später wurde er nach Edessa in Syrien überführt und dort
+bestattet; doch erhob sich über seiner früheren Ruhestätte in Indien
+ein Kloster mit einer prächtigen Kirche; ihr »ewiges Licht« genießt
+den Vorzug, daß es nie gespiesen zu werden braucht, und nie auslöscht;
+das weiß Gregor von einem gewissen Theodor, der dort war. Andrerseits
+verdient die Thomasmesse von Edessa wegen des ungewöhnlichen Zudrangs
+Erwähnung: von überallher finden sich dort Leute um zu beten und
+Geschäfte zu machen; dreißig Tage lang kann jedermann kaufen und
+verkaufen ohne Steuer zahlen zu müssen, den ganzen Monat März hindurch;
+dann stechen auch die Insekten nicht, und das Wasser, das man sonst
+hundert Fuß tief aus dem Boden herauspumpen muß, reicht nun bis wenige
+Fuß unter die Oberfläche. Sind aber die Festtage vorüber, so meldet
+sich das Ungeziefer wieder, werden die Steuern eingetrieben, erreichen
+die Brunnen den üblichen Tiefstand; zu gleicher Zeit gießt dann auf
+Gottes Befehl ein Platzregen herab und reinigt das gesamte Revier
+um den Tempel herum von dem Schmutz und all den Ueberbleibseln, die
+durch die Massen der Festbesucher veranlaßt waren[314-b]. Bartholomäus
+hatte ebenfalls in Indien gewirkt und dort sein Grab gefunden. Nach
+Jahr und Tag wurde aus Anlaß einer Christenverfolgung sein Sarkophag
+von Heiden ausgegraben und in einem Bleisarg dem Meere übergeben,
+indem sie sagten: »Nun wird er uns doch die Bevölkerung nicht mehr
+aufwiegeln«. Aber die Meereswellen ließen die köstliche Fracht
+nicht untergehen, sondern trugen sie auf wunderbaren Wegen nach den
+liparischen Inseln[314-c]. Von Stephanus dagegen weiß Gregor keine
+orientalische, sondern nur fränkische Traditionen anzugeben[314-d].
+Auch für die nachapostolische Zeit fehlt es nicht an morgenländischen
+Sagen. Von der schönsten, der Siebenschläferlegende, hat Gregor neben
+seiner wörtlichen Uebersetzung der syrischen Passion noch einen Auszug
+der Geschichte folgen lassen[314-e]. Außer den im fränkischen Reich
+durch Reliquien vertretenen heiligen Georg[314-f] und Sergius[314-g]
+nennt er im Zusammenhang außerdem die Aerzte Cosmas und Damian[315-a],
+Phokas[315-b], Domitius[315-c], Isidor von Scio[315-d] und Polyeuktes.
+Des letzteren Kirche in Konstantinopel mit ihrem von der Matrone Julia
+gestifteten Golddach reagierte speziell auf Meineidige; war auch damit
+die Eigenschaft einiger fränkischer Kirchen vorgebildet[315-e], so
+legen ferner die achtundvierzig Märtyrer von Armenien die Vermutung
+nahe, die Zählung der genau ebenso starken Märtyrerschaar von Lyon
+beeinflußt zu haben, deren historische Bestandteile bei Euseb Gregor
+im übrigen in Rechnung bringt[315-f]. Endlich erzählte man sich im
+Frankenreich auch von dem wunderbaren Asketen Simeon, der in einer
+Kirche zu Antiochien auf einer Säule lebte und so frauenscheu war, daß
+er nicht einmal seiner eigenen Mutter erlaubte, ihn anzusehen[315-g]:
+in diesen beiden Zügen fand er gemäßigte Nachahmer auf gallischem Boden.
+
+Aber was wollen solche Einzelheiten noch besagen, wo die Thatsache der
+Abhängigkeit und Nachahmung, Gesamterscheinung gegen Gesamterscheinung
+gehalten, sich so unabweislich überzeugend aufdrängt. Des öftern
+muß es natürlich eine offene Frage bleiben, in wie weit nun wieder
+das morgenländische Gut durch römische Hände gegangen war. Für
+einzelne Urheilige wie Peter und Paul liegt ja der römische Ursprung
+der Legende auf der Hand. Hiezu kommen jedoch nur einige wenige
+Heiligensagen lateinischer Färbung. Die merkwürdigste darunter ist
+der italienische Schulmeister Cassianus, der von seinen Schulkindern
+mit den Schiefertafeln tot geschlagen und mit den Kielfedern tot
+gestochen wird[315-h]; hier wie auch sonst[315-i] gelegentlich hält
+sich Gregor an Prudentius. Die Sage jedoch von dem sich liebenden
+Märtyrerpaare Chrysanthus und Daria hat Gregor aus alten Akten, die
+Anekdote von dem in ihrer Katakombe versuchten Diebstahl dagegen wohl
+aus mündlichen Berichten[315-k]. Nicht zu den Märtyrern, sondern zu
+den Bischöfen gehört von seinen italienischen Heiligen Paulin von
+Nola[315-l]. Im Unterschied etwa zu Euseb von Vercelli, der für ihn vor
+allem kultisch in Betracht kommt[315-m], schildert Gregor jenen seinem
+Erdenleben nach, nicht in seinen posthumen Wirkungen. Viel wichtiger
+ist, daß in Italien sich im sechsten Jahrhundert dieselbe Gestaltung
+der Dinge vollzog, wie in Gallien. Der römische Gregor faßt gleich
+seinem fränkischen Namensvetter in seinem persönlichen Glauben eine
+ganze Entwicklung zusammen, und vergleicht man sie beide, so besteht
+der allerdings fundamentale Unterschied wohl nur in dem Dasein und dem
+Mangel einer höheren Theologie, die, wo vorhanden, durch ihre Probleme
+den christlichen Materialismus zu einem Kampf zwischen den Engeln und
+dem Teufel abdämpfte, dagegen, wo sie fehlte, die nur unzureichend
+maskierte Götterwelt der Heiligen friedlich gewähren ließ. In diesem
+Mangel einer augustinischen Fragestellung reichen sich dann eben das
+byzantinische und das fränkische Christentum die Hand: es herrscht
+zwischen ihnen ein Einvernehmen über Rom hinweg; ein Heiligenglaube
+der von höherer Theologie überhaupt nicht geniert wurde, fühlte sich
+bewundernd zu der Theologie hingezogen, die selbstvergessen ihre
+höheren Interessen an einen solchen Heiligenglauben verlor. Doch war
+die Liebe der fränkischen Kirche zu Byzanz gewissermaßen eine Liebe
+ohne Einwilligung der Eltern; der römische Einfluß blieb unbedingt
+maßgebend. Es hat sich in der fränkischen Kirche kein Gegensatz zu Rom
+auszubilden vermocht, in dem man die siegreiche Werbung des Orients
+erkennen könnte; nur sofern die römische Erlaubnis nicht gefährdet
+schien, ist byzantinisches Gut zu den Franken gedrungen. Daraus
+erklärt sich dann auch die prinzipielle Stellung, die das fränkische
+Christentum zu den Reliquien einnahm. Morgenland und Abendland
+empfanden in einem wesentlichen Punkte unversöhnlich verschieden;
+im Osten gestattet man die Zerstückelung der Leiber, in Rom war sie
+streng verboten[316-1]. In diesem Hauptpunkte hält man sich nun bei
+den Franken durchaus auf die römische Seite; wenigstens ist nirgend
+von einer Zerstreuung der Glieder eine Spur wahrzunehmen. Dagegen
+sieht man dem Morgenlande unverfängliche Dinge wie Tempelschlaf
+und Krystallvision oder löbliche Einrichtungen wie die Xenodochien
+ab[316-2]. Auch in den Bildern hätte man es gerne nachgeahmt; aber der
+Respekt vor römischer Gesinnung ließ diesen Gelüsten nur geringen Raum;
+wenige fränkische Kirchen hatten Bilder[316-a], und von diesen mußte
+zum Beispiel der Christus in der Kirche von Narbonne bezeichnenderweise
+mit einem Leintuch verhängt werden[316-b]. Endlich machte die
+Stellung der fränkischen Heiligen eine Verwendung der Engel durchaus
+überflüssig: indessen fing man vereinzelt an, statt zu den Heiligen
+auch zu den Engeln zu beten[316-c], und der Wunderthäter unter den drei
+Erzengeln Gregors des Großen, Michael, taucht bei Gregor von Tours erst
+schüchtern, aber bald darauf ebenbürtig unter den fränkischen Heiligen
+als ihresgleichen auf.
+
+Doch bedeutet der Versuch beinahe einen Widerspruch in sich selbst, in
+der fränkischen Heiligenverehrung römische Bestandteile und Parallelen
+noch insbesondere nachweisen zu wollen. Ist sie doch selber ihrem
+eigentlichen Wesen nach ganz und ohne Rest römisch. Damit greifen
+wir zu Ende unserer Darstellung wieder auf deren Anfang zurück. An
+einigen römischen Heiligenviten aus der vorfränkischen Zeit haben
+wir den Hauptimpuls für die Entstehung der fränkischen Heiligenwelt
+erkennen lernen in der lebensvollen Erinnerung an die Wirksamkeit
+bedeutender Mönchsbischöfe aus dem Ende des vierten bis zu Anfang
+des sechsten Jahrhunderts. Allen voran Sankt Martin. Auch uns, die
+wir seinem Einfluß doch gänzlich entrückt sind, ist er ein Rätsel
+geblieben. Die merkwürdige Combination eines stahlharten Willens und
+eines kindlich weichen Herzens reichen zur Erklärung seiner wunderbaren
+Erscheinung nicht aus. Wir mußten ihn als Visionär gelten lassen,
+ihm eine uns fremde, unbekannte Welt einräumen, aus der er nach
+einem außerkörperlichen Zwischenleben Seelen wieder in ihre Körper
+zurückrief, verschollene Geister zur Rede stellte, Engel empfing und
+namentlich immer und immer wieder den Teufel auf sich einstürmen sah.
+Eine ekstatische Ader wirkte auch in seinen bedeutenden Zeitgenossen:
+Ambrosius von Mailand nahm durch Verzückung an Martins Begräbnis teil,
+und Severin von Köln, — sein Erzdiakon hatte es auf Tag und Stunde
+hin notiert — hörte in Martins Todesstunde einen himmlischen Chor
+singen[317-a]. Als aber auf dieses starke, produktive Geschlecht ein
+epigonenhaftes rezeptives folgte, erwies es sich der Ahnen würdig,
+indem es zu münzen verstand, was jene gruben. Die fränkische Kirche
+stand im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vor der Aufgabe, die von
+starken und ungewöhnlichen Naturen ausgegangene Anregung in eine
+Organisation umzusetzen, deren Betrieb auch mit mittelmäßigen und
+alltäglichen Kräften ohne Schädigung des Gehaltes von statten gehen
+konnte. Sie hat diese Aufgabe gelöst, glänzend gelöst.
+
+Zunächst dadurch, daß sie das Andenken des verstorbenen Heiligen
+kultisch zu bannen verstand und den im Tode allerdings geschwundenen
+aktiven Einfluß der heiligen Person halbwegs durch den mit der
+Verehrung gegebenen passiven zu ersetzen wußte. Die Heiligsprechung
+entsprach noch durchaus der Quintessenz des hinterlassenen Andenkens:
+genoß ein Heiliger bei Lebzeiten das Vertrauen des Volkes, so
+sicherte man ihm diesen Besuch, auch wenn er tot war. Doch gab es
+Ausnahmen: der Lebenswandel von einst konnte gegenüber den dem
+Leichnam gespendeten Ehren zu Zweifeln berechtigen; dann fehlt es
+aber auch an der schuldigen Rechenschaft nicht; Für und Wider werden
+gewissenhaft abgewogen, und ein Ueberwiegen der Vorteile hat dann
+zu der übrigens noch rein naiven, nicht gesetzlich regulierten
+Canonisation geführt. So geschah es mit Sankt Sigismund. Er hat, sagte
+man sich, allerdings seinen Sohn töten lassen; aber er that Buße
+zu Agaunum, stiftete dort den täglichen Kirchengesang, bereicherte
+die Abtei sowohl mit Mobilien als mit Immobilien; dann wurde er ja
+doch auf grausame Weise ermordet und eben in Agaunum beigesetzt, das
+Hauptzeichen aber, daß er der Gemeinschaft der Heiligen angehört, sind
+die Ereignisse an seinem Grabe; wenn Fieberkranke die zu seinen Ehren
+gelesenen Messen mit Andacht hören und eine Spende bringen, werden sie
+alsbald gesund[318-a]. Im allgemeinen bestätigte die Kirchenleitung
+stillschweigend den durch die Volkspraxis geschaffenen Bestand
+an Heiligen, und es ist für Heilige kein Fall von nachträglichem
+einschneidendem Widerruf bekannt, wie er für den Leumund von Laien
+gelegentlich vorkam, so gegenüber einer abgefeimten Heuchlerin, die
+unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihrer Habsucht fröhnte und auf
+eine bischöfliche Untersuchung hin nach ihrem Tode noch gebrandmarkt
+wurde[318-b].
+
+Die Atmosphäre, deren die so geschaffene Heiligenverehrung zur
+Existenz dringend bedurfte, wird aus zwei menschlichen Seelenvermögen
+gespiesen, die wir infolge dessen in der Merowingerzeit in sehr
+ausgebildeter Form vorfinden: einer lebhaften Sensibilität für
+alles Ungewöhnliche, Wundersame, Sonderbare und einer ausgebildeten
+Traumphantasie. Die eigentliche Kraft des Wunderglaubens beruht auf dem
+spontanen Wunder; dieses ist der plötzlich auftretende, unbegreifliche
+Gewaltsakt, der den natürlichen Verlauf durchkreuzt und ihm eine neue
+Richtung gibt. Je stärker ein Heiliger ist, um so unerschöpflicher
+wird er an spontanen Wundern sein. Da aber der Dichtigkeitsgrad des
+Wunderglaubens nicht durch die aktiven Wunderthaten, sondern durch
+die Aufnahmsfähigkeit der Empfänger bestimmt wird, und die Wunderluft
+viel weniger daraus entsteht, ob wirklich Wunderbares geschieht, als
+daraus, ob es für wunderbar gehalten wird, so ist das Weiterblühen
+des Heiligenkultes keineswegs ausschließlich Fortdauer des von den
+Wunderthätern ausgegangenen Anstoßes, sondern mindestens ebenso sehr
+Mitwirkung einer in der Laienwelt gepflanzten Empfänglichkeit. Zu
+dieser beständig zurecht bestehenden Rezeptionsfähigkeit der Menge
+hat die Geistlichkeit vor allem durch die Fertigkeit beigetragen, mit
+der sie die Umdeutung der Zufälligkeiten des Tages vornahm. Als der
+Tempelräuber einen Fehltritt und infolge dessen den tödlichen Fall
+in seine Lanze thut, ruft Gregor: »Niemand wird zweifeln, daß das
+ein Gottesurteil war und nicht ein Spiel des Zufalls«[318-c]. Ein
+Priester der Landschaft Poitou, namens Pammichus saß mit Freunden bei
+Tische und wollte eben trinken, als eine Fliege ihn umsummte und sich
+durchaus auf das Glas setzen wollte. Er jagte sie mit der freien Hand
+weg; aber sie näherte sich immer wieder. Da schöpfte er Verdacht, es
+möchte eine Arglist des bösen Feindes sein. Er hob das Glas in seiner
+Linken hoch empor und schlug mit der Rechten das Zeichen des Kreuzes.
+Alsobald teilte sich die Flüssigkeit in vier Teile, schäumte über und
+goß sich auf die Erde aus: also war es in der That satanische Tücke
+gewesen[319-a]. War somit der Geist durch die Engels- und Teufelswelt
+lebhaft beschäftigt, so verstärkte es noch die Wirkungskraft dieser
+Welt auf das Leben, daß sie sich in den Träumen fortsetzte. Es wäre
+unrichtig, die Bedeutung der Traumvorstellungen für die Heiligenwelt in
+Abrede zu stellen, zumal sogut wie nachgewiesen ist, daß die niedere
+Heidenmythologie aus dem Traum überhaupt geboren wurde, allerdings aus
+dem pathologischen Traum, dem Alpdrücken[319-1]. Dem trat entgegen die
+lichte, helle, friedliche Traumerscheinung des Heiligen und stellte
+sich der schwarzen Gespensterwelt erlösend entgegen. Gregor erzählt
+von einem Fieberkranken, als die Nacht kam, in der ein Schüttelfrost
+zu erwarten stand, sei ihm eine schreckliche Nachtmäre erschienen; sie
+kam auf ihn los und sagte ihm: »Nun ist wieder Zeit dich zu schütteln.
+Warum willst du das leugnen. Laß es zu, wie gewöhnlich«. Der Kranke
+hatte nämlich Grabsteinpulver eingenommen, alsobald erschien aber
+ein Mann mit glänzendem Gesicht, schneeweißem Haar und freundlichem
+Benehmen und sagte: »Zittere nicht; mache über deiner Stirne nur das
+ehrwürdige Kreuzeszeichen, so wirst du alsobald gesunden«[319-b]. Wie
+gering aber für das damalige Empfinden der Unterschied von Traum und
+Wirklichkeit war, zeigt sich daran, daß derselbe unbekannte ehrwürdige
+Greis, der uns in zahlreichen Traumbildern vorkam, auch plötzlich
+unter die wirkliche Volksmenge getreten und sich als Sankt Martin
+zu erkennen gegeben haben soll[319-c]. War es aber wirklich so, daß
+die Traumbegebenheit hinter dem wachen Zustand an Realität nicht
+zurückblieb, kam daher die Heiligenerscheinung genau so in Betracht wie
+einst bei Lebzeiten die persönliche That, so war auch die kurze Dauer
+der Erdenzeit keine Schranke mehr für das spontane Wunder, vielmehr
+konnten in unbeschränkter Zahl irdische und himmlische Kraftthaten für
+die Sache der Heiligen wirksam sein.
+
+Die große Überlegenheit des kirchlichen Wunder- und Heiligenglaubens
+über den vulgären heidnischen Aberglauben beruht in dem persönlichen
+Moment des gepflegten Andenkens an die Erdenspuren eines einst
+einflußreichen Menschen, das denn doch ein unvergleichlich höheres
+Gepräge trug, als die Erinnerung an die Nachtschrecken des Alptraums,
+so wirklich man diese auch verspürt hatte, und bei aller poetischen
+Ausschmückung. Dem entspricht die Verachtung, mit der die katholischen
+Geistlichen auf Zauberer und Wahrsager herabsahen. Wenn sie mit ihnen
+zu thun bekommen, handelt es sich meistens um eine Confrontierung
+von Heiligenkraft und Dämonenohnmacht; es kam eben noch oft genug
+vor, daß besonders Leute vom Lande im Fall von Gemütskrankheit sich
+zur Austreibung des Dämons erst an die Hexenmeister und Quacksalber
+wandten. Ein solcher Heilkünstler murmelt dann Zaubersprüche, wirft
+die Loose, hängt Halsbänder um und verspricht die Rückkehr des Lebens,
+während er doch selbst durch sein Gebahren den Tod herbeiruft. Sobald
+wirklich Angehenk und Amulet, Zaubertrank und Heiligenmedizin,
+Beschwörungsformeln und Kreuzeszeichen, in Wettkampf mit einander
+traten, dann stellte es sich immer sofort heraus, wem die Heilkraft
+innewohnte[320-a]. Desgleichen gegenüber Aerzten von Beruf, denen man
+an sich ein gewisses Ansehen nicht versagte; aber mit dem Heiligen
+verglichen forderten sie zum Mitleid heraus: »Was vermögen sie denn mit
+ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes Schmerz hervorzubringen,
+als ihn zu mildern; wenn sie das Auge aufsperren und mit den spitzen
+Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie jedenfalls die Qualen des
+Todes vor die Augen treten, ehe sie wieder zum Sehen verhelfen. Und
+sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau befolgt werden, ist es
+überhaupt mit dem Sehen ein für allemal vorbei. Unser lieber Heiliger
+dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur eine
+Salbe, das ist seine Heilkraft«[320-b]. Und seinem Hausarzt erklärt
+Gregor, als er selber doch so darnieder lag, daß man bereits seine
+Beerdigung vorbereitete: »So; du hast nun alle Hilfsmittel deiner
+Kunst erschöpft, du hast alle Kräfte und Säfte aufgebraucht; aber die
+Mittel dieser Welt helfen dem nicht, der dem Tode verfallen ist. Mir
+bleibt nur noch eins übrig; ich will dir das große Mittel nennen: nimm
+Steinpulver vom Grabe Martins und mach es mir an«[320-c]. Auch zum
+Selbstbewußtsein, das damals die Geistlichen gegenüber den Anmaßungen
+der weltlichen Machthaber oft bitter nötig hatten, hätte ihnen ihr
+Heiligenglaube nicht verhelfen können, wäre er Illusion gewesen. Wenn
+Leo, der Kanzler des Westgothenkönigs Alarichs _II_, die Felixkirche zu
+Narbonne teilweise abtragen ließ, weil sie die Aussicht des königlichen
+Palastes hinderte[320-d], wenn Eustasius von Poitiers Bischof Eufronius
+von Tours um den Grundbesitz von dessen Vetter Baudulf brachte[320-e],
+wenn Leudast der Graf von Tours einen jungen Pariser Handwerker am
+Heiligengrabe festzunehmen befahl, weil er wohl seinen Lehrherren
+entlaufen sei[320-f] und was der zahllosen Gewaltthaten dieser Art
+mehr sind, immer konnte dann der Bischof, dem die Einsprache oblag,
+sich zuversichtlich sagen, hinter ihm stehe der Heilige und werde ihn
+nicht im Stiche lassen. Doch machte man mit diesem Bewußtsein auch dann
+Ernst, wenn es Entsagung forderte; offenbar führte die Ehrfurcht vor
+der dem Heiligen schuldigen Würde dazu, daß wenigstens sein direkter
+Vertreter sich der Ehe enthielt, und so entließ ein Geistlicher,
+der Bischof wurde, seine Frau[321-a], während beim niederen Klerus
+der Cölibat ein unerfüllter Wunsch der Konzilien blieb. Selbst reine
+Versehen, wie sie überall mit unterlaufen können, wurden durch den
+Heiligen in Person ausgeglichen, treu stand er zu seinen Untergebenen,
+so bei dem Erzdiakon Johannes von Nimes, der in Verwechselung mit dem
+in der That schuldigen Erzpriester dieses Namens verhaftet worden war,
+dann aber im Verlauf der Folgen dieses Vorfalls den Bischofsstuhl der
+Stadt bestieg[321-b].
+
+Das Standesbewußtsein äußert sich nun aber nicht zum wenigsten auch
+darin, daß man auf Ordnung hielt in Ausübung des Wunderglaubens.
+Gemeint ist damit nicht die aristokratische Miene, mit der einige
+Altrömer gelegentlich die triviale Meßcelebrierung eines Franken als
+unelegant belächeln[321-c]. Noch weniger darf man darunter Sittenzucht
+im Klerus verstehen; der Priester, Eparchius, der im Rausch die
+Weihnachtsmesse celebrierte[321-d], ist noch ein gnädiges Beispiel
+angesichts der von Gregor in der Frankengeschichte geschilderten
+infulierten Raufbolde, Schlemmer und Schufte wie Badegisel von Le
+Mans[321-e], Salonius von Embrun und Sagittarius von Gap[321-f],
+Eonius von Vannes[321-g], und Cautinus von Clermont[321-h], nicht zu
+vergessen der aufständischen Nonnen von Poitiers[321-i], gegen die
+Militär aufgeboten werden mußte. Aber diese Verwilderung der Sitten,
+die in der Kirche womöglich noch schlimmer war, als unter den Laien,
+führte die asketischen Kreise zu einer ungesunden Steigerung ihrer
+Ansprüche an sich selbst; gegen das gottlose Treiben der Welt, wo
+überhaupt nur noch Meineid, Raub und Mord zu finden sei, suchte man
+mit einem manchmal geradezu verrückten Fanatismus anzukämpfen. Und
+da nun setzte eine vernünftige Einsicht aus ernst gesinnten Kreisen
+haltgebietend ein. Eine Langobarde, Wulfilaich mit Namen, ein Jünger
+des Aridius von Limoges, that sich aus Verehrung für Sankt Martin bei
+Trier als Säulenheiliger auf; aber die Bischöfe ließen seine Säule
+zerstören mit der Begründung, ein geringer Mann wie er könne sich
+nicht mit Symeon von Antiochien vergleichen; auch erlaube das rauhe
+Klima diese Art Askese nicht, er habe wie andere Aebte bei seinen
+Mönchen zu wohnen[321-k]. In Bordeaux ertrotzte ein überspannter
+zwölfjähriger Knabe, Anatolius, von seinem Herrn die Erlaubnis, sich
+als Klausner einzuschließen. Acht Jahre lange lebte er in einer
+unterirdischen Kirche in einem Loch eingemauert, und erkrankte
+denn auch am Verfolgungswahn; eine Martinskur in Tours hatte nur
+vorübergehenden Erfolg. Ein anderer Klausner in der Bretagne, Winnoch,
+lebte nur von Kräuterwurzeln und kleidete sich in Felle, schien auch
+den Weinkrug zum Munde zu führen, als berühre er ihn nur mit den
+Lippen und trinke nicht; da aber fromme Leute ihm oft volle Weinkrüge
+brachten, gewöhnte er sich leider endlich doch an den Trunk und fing
+an, sich dem Weine zu ergeben, daß man ihn meistens nur betrunken sah.
+Er mußte schließlich als gemeingefährlich eingesperrt werden; doch
+führte das seine Besserung nicht herbei[322-a]. Solche Extravaganzen
+mißverstandener Heiligkeit machen die seltsame Maßregel eines Abtes in
+Bordeaux verständlich: er hatte bereits bei der Aufnahme eines Novizen
+Bedenken erhoben, der Dienst an diesem Orte sei hart; doch hatte der
+Jüngling sich bescheiden eingeführt und bekam eines Tages zur Erntezeit
+Getreide zu überwachen, das zum Trocknen an der Sonne lag. Plötzlich
+brach ein Regen los; Hülfe zu holen, war zu spät, also betete der junge
+Mönch, es möchte doch kein Tropfen auf das Getreide fallen. In der That
+blieb der Weizen verschont, während es ringsum strömte. Abt und Mönche,
+die herbeieilten, sahen das Wunder, und sahen den Bruder im Gebete
+auf dem Sand hingestreckt. Auch der Abt warf sich hinter ihm zur Erde
+nieder. Dann aber rief er ihm zu, aufzustehen, ließ ihn ergreifen und
+geißeln, indem er zu ihm sprach: »Du mußt nämlich, mein Sohn, in der
+Furcht und dem Dienste Gottes demütig wachsen, nicht aber mit Zeichen
+und Wunderkräften dich rühmen«. Er ließ ihn darauf sieben Tage in eine
+kleine Zelle einsperren und wie einen Schuldigen hungern; denn eitle
+Ruhmsucht könnte seiner Seele schaden. Der junge Mann fiel in Folge
+dessen sehr gut aus und wurde ein Mönch von größter Ergebenheit und
+fast ohne jeden Anspruch ans Leben[322-b]. Desgleichen verfuhr ein
+anderer Abt gegenüber einem Mönche, von dem ihm hinterbracht worden
+war, er strebe mit ungewöhnlicher Heftigkeit nach einem heiligen
+Wandel und liege nach vollbrachter allgemeiner Bußandacht noch zu
+harten persönlichen Uebungen abseits in einer Dornhecke auf den Knien.
+Er folgte ihm das nächste Mal verstohlen, um ihn zu beobachten, und
+gewahrte nun in der That, daß dem Bruder während des Gebets leichte
+Flammen aus den Mundwinkeln fuhren, die dann in leisem Feuerdampf sich
+um dessen Haupt sammelten, ihm das Haar steif aufsträubten, ohne es
+jedoch anzusengen und schließlich als unendliche Lichtsäule gen Himmel
+stiegen. Aufs höchste erstaunt über diese unzweifelhafte Begabung zum
+Heiligen, ließ der Abt jedoch nicht das geringste merken, sondern legte
+dem Bruder von nun an besonders harte Demütigungen auf, damit solch ein
+schönes Wundertalent nicht der Eitelkeit zum Opfer falle[322-c].
+
+
+3.
+
+Die auf den Gebieten der Politik, des Rechts, der Verfassung und der
+Bewirtschaftung so verwickelte Frage, was damals unter den Merowingern
+römisch und was germanisch war, ist für das fränkische Christentum
+einfach genug zu beantworten: römisch war, wie man es gab, und
+deutsch war, wie man es aufnahm. Allerdings wäre die vom Christentum
+überwundene heidnische Volksreligion noch auf ihre keltischen und ihre
+germanischen Bestandteile hin näher ins Auge zu fassen, falls eine
+genügende Ueberlieferung eine solche Untersuchung ermöglichte. Das ist
+aber kaum der Fall. Ueber die ungefähre Verteilung des Gemeinsamen und
+des Unterschiedlichen wird schwerlich hinauszukommen sein. Versuchen
+wir es auf Grund der wenigen uns zugänglichen Berichte.
+
+Unter den altgallischen Kultstätten war die berühmteste der Tempel
+Vasso Galatä bei Arvern[323-1], ein monumentaler Bau, mit doppelten
+Mauern, innen von kleinen Steinen, außen von ausgehauenen Quadern;
+die Wand war dreißig Fuß dick und nach innen mit Marmor und Mosaik
+ausgelegt; auch der Fußboden war von Marmor und das Dach oben mit Blei
+gedeckt. Dieses Heiligtum war indessen schon durch den Alamannenherzog
+Chrok verwüstet worden; Gregor hat nur die Ruine in Augenschein
+genommen[323-a]. Ein anderes Asyl des Heidentums war der Göttersee
+von Alenc im Pays de Gévaudan gewesen. Dort hatten die Bauern dem See
+Spenden dargebracht, indem sie Leintücher und Kleiderstoffe, sogar
+wollene, hinein warfen; doch konnten sich das nur die Reichen erlauben,
+die Armen warfen Käse, Wachskuchen, Brod und sonst Gegenstände jeder
+Art hinein. Sie kamen auf ihren Wagen hergefahren, packten ihren
+Proviant aus, schlachteten und thaten sich drei Tage lang gütlich. Am
+vierten Tage pflegte ein Gewitter nieder zu gehen. Der Angriff der
+Kirche auf diese Kultstätte wurde wahrscheinlich ums Jahr 535 durch den
+Bischof der Gegend geführt. Er ging mit Reliquien seines Namenspatrons
+Hilarius von Poitiers vor und errichtete ihm am Seeufer eine Kirche.
+Nach ihrer Bekehrung pflegten die Bauern ihre ehemalige Göttergabe nun
+dem Heiligen zuzuwenden[323-b]. Endlich muß keltischen und kann nicht
+deutschen Ursprungs jener Ernteumzug sein, den schon hundert Jahre
+vor der fränkischen Invasion Martin von Tours bekämpft hat. Gregor
+schildert offenbar denselben Kultgebrauch des näheren: in Autun soll
+sich das Bild der Göttin Berecynthia befunden haben. Man führte es
+auf einem Wagen in den Feldern umher für die Wohlfahrt der Felder und
+Weinberge und tanzte jauchzend darum herum. Es war Cybele, die Mutter
+der Götter, die man von einem Schleier umwallt durch die Saaten trug.
+Bischof Simplicius von Autun unternahm den Kampf dagegen; als das
+Bild umgeworfen dalag und nicht mehr von der Stelle gebracht werden
+konnte, entschieden sich vierhundert Anwesende für die Ohnmacht ihres
+bisherigen Glaubens und meldeten sich beim Bischof zur Taufe[324-a].
+Reste des längst in sich selbst ersterbenden Druidentums und Teile der
+auch in die Provinzen gedrungenen gemischten Heeresreligion waren es
+also, was im Lande selbst der christlichen Mission entgegenstand. Für
+die Städte römischer Verfassung kam eine eigentliche Missionierung
+nicht mehr in Betracht, zumal ja meistens der Bischof zugleich auch ihr
+Herrscher war. Dort lag das Verhältnis vielmehr so, daß sich Ueberreste
+von Heidentum in konservativen Adelsfamilien und bei Gebildeten
+vorfanden, während der kleinere Bürgerstand rein christlich war[324-b].
+Was die Franken von sich aus mitbrachten, war wohl nicht vor Alter
+brüchig und hinfällig, aber doch zu scheu und zu kampfesungewohnt, um
+einem wohlberechneten Anlauf dauernd Widerstand zu leisten. »Jenes
+Geschlecht«, schreibt Gregor von den alten vorchristlichen Franken,
+»war wahnsinnigen Götzendiensten noch immer von Herzen zugethan;
+Gott war ihnen gänzlich unbekannt. Sie bildeten in Wäldern und an
+Gewässern, von Vögeln und Tieren und andern Naturmächten bestimmte
+Gestalten, die sie gleich Gott anzubeten und mit Opfern zu versehen
+pflegten«[324-c]. Nach Gregor war also das fränkische Heidentum ein
+Bilderdienst, Naturmächten in Tiergestalt gewidmet. Er scheint mehr
+die kleinere Religion, die Stammesreligion im Auge zu haben. Doch
+findet sich bei ihm auch eine Schilderung eines großen Heiligtumes,
+das ohne Zweifel Wodan gewidmet war; denn Mars-Mercur läßt keine
+andere Deutung zu. Dieser Wodanskult in der Auvergne kann nun, wenn
+fränkischen Ursprungs, nur jünger sein, als das zu Kaiser Maximus
+Zeiten gestiftete Juliansmausoleum. Seine Pflege etwa heidnischer
+gebliebenen Burgundern oder Westgothen zuzuschreiben, wäre gewagt. Und
+doch ist Julian der einherstürmende Wetterheilige Wodan auf den Leib
+geschnitten. Es bleibt ein Ausweg: in vorfränkischer Zeit mußte Julian
+einem römischen Merkurdienst opponieren, der dann von den eindringenden
+heidnischen Franken übernommen und aufgefrischt wurde. Doch lassen wir
+Gregor erzählen. Der Mars- und Merkurtempel in Brioude, berichtet er,
+stand neben der Julianskirche. Bei dem Schwerttanz vor der heidnischen
+Bildsäule geschah es einmal, daß ein junger Gladiator sich seinem
+Gegner nicht gewachsen fühlte, darum plötzlich entsprang, an die
+Zelle des Märtyrers flüchtete und die Thür hinter sich zuriegelte. Der
+Gegner wollte die Thürpfosten umreißen, klemmte sich aber die Hand
+so schmerzhaft ein, daß er abließ. Ein christlicher Priester kam von
+ungefähr zu diesem Vorfall; er nahm die günstige Gelegenheit wahr und
+leitete die Bekehrung der Heiden ein. Am vierten Tage brachte er sie
+auf seine Seite durch das Gebet, mit dem er ein Gewitter heraufbeschwor
+und wieder verscheuchte. Nun wurde auch der geklemmte Jüngling seine
+Schmerzen los, und die anwesenden Heiden wurden getauft auf den Namen
+der heiligen Dreieinigkeit[325-a].
+
+Einen tieferen Einblick in die Eigenart des vom Heiligentum
+überwundenen germanischen Heidenglaubens eröffnet uns nicht Gregor
+selbst, sondern sein von ihm unter den zeitgenössischen Heiligen
+aufgeführter Mitbischof, der in der That höchst merkwürdige Martin
+von Bracara in Portugal. Er stammte aus Ungarn, wie der große Martin
+auch, und hatte sich im Orient zum Gelehrten ausgebildet. Um 550 begab
+er sich aus dem Morgenland nach Portugal, und zwar zur See, über das
+ganze mittelländische Meer und den atlantischen Ozean, um die damals
+sich vollziehende zweite Bekehrung der Sueven zum Katholizismus
+zu fördern. Diese hing mit dem Reliquienbezug König Chararichs am
+Martinsgrabe von Tours zusammen. Nahe bei Bracara in Dumio stiftete
+Martin ein Kloster und wurde dessen Abt. Von da konnte er auf den Hof
+am leichtesten einwirken. Noch unter Chararich wurde Dumio zum Bistum
+erhoben mit Martin als Bischof. 572 ist er Erzbischof der Residenz und
+Vorsitzender des Konzils. Er galt der fränkischen Geistlichkeit für
+hervorragend gebildet und starb nach dreißigjähriger Wirksamkeit im
+Jahre 580. Die Verse, die er seinem großen Landsmann und Namensherrn
+in größter Bewunderung gewidmet hat, standen zu Sankt Martin in Tours
+über der südlichen Kirchenthüre angeschrieben[325-b]. Dieser Martin von
+Bracara hat nun einen Traktat verfaßt, betitelt: »Die sittliche Hebung
+des Landvolks«[325-1], und erwähnt darin allerlei heidnische Gebräuche
+und Kultgewohnheiten der Deutschen. Sie verehren Wochengötter durch
+die Benennung der Wochentage nach Mars, Mercur, Jupiter, Venus und
+Saturn, die doch keinen Wochentag geschaffen haben, sondern gottlose
+Griechen waren. Sie beginnen das Jahr mit Januar, während die Welt
+doch zu Tag- und Nachtgleiche begonnen habe: »Gott schied zwischen
+Licht und Finsternis«, und zwar im Frühling, da vom Sprossen und
+Keimen des Grases die Rede sei. Gleich den römischen Paganalien im
+Januar, wo Tellus und Ceres von den Bauern des Gaues gebeten wurden,
+die Feldfrüchte vor schädlichen Tieren wie Ameisen und Feldmäusen zu
+bewahren, hatten die Germanen einen Tag, der den Motten und Mäusen
+heilig war. Auch denke man an Apollo den Mäusetöter und an Zeus, den
+Fliegenabwehrer. »Ist es menschenmöglich«, ruft Martin aus, »daß ein
+Christ statt Gott Motten und Mäuse verehrt. Denn wenn Motten und Mäusen
+nicht auf das zuvorkommendste Kufen und Näpfe hingestellt werden oder
+Brod und Pfannkuchen, so holen sie es sich selbst und schonen dann in
+keiner Weise die Vorräte, die sie doch gerade beschützen sollen.« Eine
+Art Vulkanalien, aber ein Kalenderfest, an dem man auch die Tische
+mit Maien schmückt, ist das Neujahrsgelage; ihm liegt der Glaube zu
+Grunde, wenn man sich am Jahresanfang mit Speise und Trank gütlich
+thue, werde man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß leben. Gemeint
+ist die Julzeit, die zwölf Nächte von Weihnacht bis Epiphanien. Ferner
+achtet man ängstlich auf den Ruf der Waldkäuze; man bekränzt Häuser und
+Thüren mit grünen Sträußen zur Abwehr von Gefahren, »steckt Maien«, wie
+das Volk sagt; man beobachtet die Fußstapfen, den Abdruck der Sohle
+auf dem Erdboden; man gießt Wein über den Baumstamm, legt Obst darauf
+und wirft Brod in die Quellen: der »Julklotz«. Zu Hause sprechen die
+Frauen über ihre Gewebe den Namen der Minerva aus: das Anrufen der
+Frau Holle beim Spinnen. Der Freitag gilt besonders glücklich zum
+Heiraten und um eine Reise anzutreten. Man bespricht Kräuter und wendet
+allerlei Zauberformeln da an, wo der Christ Symbol und Vaterunser zu
+Hilfe nimmt. Man steckt an Felsen, Bäumen, Quellen und Kreuzwegen
+Lichter auf und achtet auf das Nießen. Wenn nun das Landvolk von der
+Nichtigkeit dieser Gewohnheiten überführt war, so schritt man möglichst
+rasch zur Taufe, womöglich schon an den Kindern. Wie es dabei zu ging,
+schildert Martin in seiner Ansprache ebenfalls: »Ihr Gläubigen also,
+die ihr im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
+zur Taufe Christi zugelassen seid, bedenkt, was für einen Vertrag ihr
+im Taufakt mit Gott eingegangen seid. Und als ihr euch bei der Taufe
+euern Namen geben ließet, Peter, Johann oder sonst einen, da wurdet
+ihr vom Priester gefragt: ›Wie willst du heißen‹? Du antwortetest,
+wenn du schon reden konntest, und wenn nicht, antwortete der Pathe für
+dich, der dich aus der Taufe hob: ›Johann soll er heißen‹. Da fragte
+der Priester: ›Johann, schwörst du ab dem Teufel und seinen bösen
+Geistern, all seiner Verehrung und seinem Götzendienst, all seinem
+Raub und Betrug, all seiner Anzucht und Trunkenheit und allen seinen
+bösen Werken. Ja oder nein‹? Und du antwortetest: ›Ja, ich schwöre ab‹.
+Darauf fragte dich der Priester: ›Glaubst du an Gott, den allmächtigen
+Vater‹. Du antwortetest: ›Ich glaube‹. ›Und an Jesus Christus‹? Folgt
+die spanische Symbolform. Antwort: ›Ja‹. Und an den heilgen Geist?
+›Ja‹«[327-a].
+
+Durch die Taufe wurde für den Kelten oder Germanen sein bisheriger
+Götterglaube Dämonenglaube. Denn die Existenz und Macht der von ihm
+gestürzten Götzen hat das alte Christentum nirgendwo und zu keiner Zeit
+geleugnet. Es bestritt nicht, daß die Götter ~seien~, aber es bestritt,
+daß sie ~Götter~ seien: Teufel waren es und Teufelskinder. Die Wesen,
+bei denen man früher Hilfe gesucht hatte, lehrte die Kirche nun
+fliehen und fürchten, indem sie überall ihr schlimmes Walten erkannte.
+Krankheit war Teufelswerk, mochte der Dämon nun in der Staubwolke
+sitzen und blenden[327-b] oder Hand und Fuß lähmen[327-c] oder mit
+den Nachwehen eines Erdbebens Verstand und Körperkraft rauben[327-d].
+Ein Mädchen konnte friedlich am Webstuhle sitzen. Da überfiel sie der
+Dämon und sie wurde stumm[327-e]. Ein Schafhirt lagerte an der Quelle;
+plötzlich ging er lahm, wurde den Bettlern übergeben und zog zehn Jahre
+und mehr im Lande herum[327-f]. In Voultegon, einem Dorf der Poitou,
+meinten in einer Sonntagsnacht zwei kleine Kinder, die in demselben
+Bett schliefen, plötzlich die Morgenglocke läuten zuhören; sie standen
+auf und gingen nach der Kirche. Im Vorhof sahen sie einen Chor
+singender Frauen und waren entsetzt; denn sie erkannten, daß es eine
+Bande Gespenster war. Da warfen sie sich zur Erde, versäumten jedoch,
+sich zu bekreuzen, und so wurde das eine blind, das andere konnte nicht
+mehr gehn[327-g]. Schon die harmlosen Unfälle eines Bezechten wurden
+dem Bösen aufs Kerbholz geschrieben[327-h]. Vollends ein Selbstmörder
+handelte nicht aus freiem Willen, sondern weil er von den Klauen eines
+schmutzigen Gespenstes geklemmt wurde, das dem Teufel ähnlich sah.
+Bereits hatte der unglückliche den Strick am Balken befestigt und
+zögerte nur, sich die Schlinge umzulegen; denn er fühlte Reue und rief
+einen Heiligen an; da raunte ihm der Teufel ins Ohr: »Vorwärts, spute
+dich; vollende was du begonnen hast«, und wollte ihm den Kopf in die
+Schlinge drücken[327-i]. So häufig immerhin Dämonen ins menschliche
+Leben eingreifen, kennt Gregor nur eine Gattung näher und nennt sie mit
+besonderem Namen: die Mittagsdämonen oder Tagalpen[327-1]. Sie lauern
+um Mittag selb sieben den Menschen hinter Felsblöcken an der Straße
+auf und werfen sie dann mit Steinen, sodaß mehrere der Getroffenen den
+Verletzungen erliegen[327-k]. Ihre Nachstellungen verursachen bald ein
+hinkendes Bein[327-l], bald eine Lähmung der Zunge[327-m]. Als ein
+telepathisches Weib in Paris den großen Stadtbrand vorhersagte, drei
+Tage, ehe er ausbrach, hielt man sie für vom Mittagsteufel besessen und
+lachte sie aus[328-a].
+
+Wenn aber um den Besitz von Natur und Menschenwelt die Heiligen mit
+den Dämonen in beständiger Fehde lagen und es zu einem entscheidenden
+Siege nicht brachten, so hatten sie doch unstreitig die Oberhand, die
+sich schon durch die Ueberlegenheit ihrer Mittel kundgab. Vor allem ist
+der Lichtschein ihr Privilegium; ein Dämon glänzt nicht, sondern ist
+finster und schattenhaft. Diese Leuchtkraft des Heiligen hat sich die
+Kirche zu nutzen gemacht; im Reiche des Lichts geschehen die meisten
+typischen Wunder: die sich von selbst entzündende Kirchenkerze, deren
+bekanntestes Beispiel in der Amarandusbasilika zu Albi erfolgte[328-b],
+das von außen erhellt erscheinende Kirchenfenster, von dem Gregor
+einen besonders sprechenden Fall selbst erlebte[328-c], die wunderbar
+leuchtende Lanzenspitze[328-d], die Flämmchen und Scheine über dem
+Altar[328-e], dem Heiligengrab und über den die Hostie segnenden Händen
+des Priesters; dieses populärste Lichtwunder der verklärenden Aureole
+um etwas Heiliges war in so unzähligen Spielarten verbreitet, daß
+manche darunter wieder originell erscheinen, so der Lichtschein, der
+in Form eines weißen Lammes auf der Brust des unschuldig des Ehebruchs
+beargwöhnten schlafenden Bischofs lag[328-f]. Der andere Hauptbezirk
+des typischen Wunders sind Oel[328-g] und Wein[328-h], die in
+Gegenwart des Heiligen unerschöpflich werden. Hier ist der wunderbare
+Faktor bereits viel stärker; während beim Lustwunder ein wirklicher
+Anhaltspunkt in der Außenwelt und seine instinktive Steigerung durch
+gläubige Betrachtung in den meisten Fällen wahrscheinlich ist, fehlt
+ein solcher natürlicher Antrieb bei der Wein- und Oelvermehrung doch
+viel eher; wenn man dann nicht einfach eine Einwirkung biblischer
+Vorbilder annimmt, so handelt es sich dann eben um nichts anderes
+als um eine Abweichung des Wahrnehmungsvermögens unter dem Druck
+einer Glaubensvorstellung. Wenigstens dem ehrlichen Gregor ist es so
+ergangen. Hören wir ihn noch einmal ein eigenes Erlebnis erzählen:
+»Fromme Ehrfurcht«, so berichtet er[328-i], »forderte den Besuch
+am Grabe des heiligen Hilarius und eine Unterredung mit Königin
+Radegunde. Ich kam ins Kloster, begrüßte die Königin und fiel vor dem
+Heiligenkreuz und vor den Unterpfändern der Seligen nieder. Zur Rechten
+aber war ein Leuchter angezündet. Als ich nun beständig Oel daraus
+herabträufeln sah, war ich der Meinung, deß ist Gott Zeuge, das Gefäß
+sei zerbrochen; auch war darunter eine Schale aufgestellt, in dem
+sich das Oel sammeln sollte. So wandte ich mich denn an die Aebtissin
+und sprach: ›An einer solchen Stätte könntet ihr eigentlich wohl für
+eine ganze Oellampe sorgen‹. Sie aber sagte: ›Das ist es nicht, mein
+lieber Herr; die Kraft des Heiligenkreuzes steht vor deinen Augen‹. Da
+gab ich klein bei; ich erinnerte mich wieder dessen, was ich früher
+wohl gehört hatte, und zur Lampe gekehrt und bekehrt, sah ich das Oel
+in den untergestellten Tiegel fließen, immer mehr und mehr, wie ich
+meine, um meine Ungläubigkeit so recht Lügen zu strafen. Im Verlauf
+einer Stunde gab das Gefäß, das sonst kein Viertel faßt, mehr als
+ein Sester Oel. Da schwieg ich denn still und predigte fürderhin die
+Anbetung der heiligen Kreuzreliquie«. Doch hat es dabei sein Bewenden
+nicht. Eine andere Geschichte zeigt noch deutlicher, wie Gregor trotz
+aufrichtigem Bemühen um ein dem Sachverhalt entsprechendes Urteil dem
+hypnotischen Bann der einmal stabilierten Glaubensvorstellung nicht
+widerstehen konnte. Da es sich freilich diesmal um die Abwehr eines
+hartnäckigen Zweiflers handelte, so mögen Gregors Messungen unbewußt
+beeinflußt gewesen sein. Ein Mann äußerte sich nämlich abfällig über
+das Martinsleben des Severus: weder verdiene die Behauptung Glauben,
+unter der Kraft von Martins Segen habe Oel an Volumen zugenommen, noch
+die andere, eine Flasche sei auf das Steinpflaster gefallen und nicht
+zerschellt. Nun hatte umgekehrt einer von Gregors Diakonen mit einer
+Flasche Rosenöl, die für Salbungen an seinem fieberkranken Körper halb
+aufgebraucht und dann versuchsweise am Martinsgrabe deponiert worden
+war, zwar die automatische Selbstfüllung der Flasche erfahren dürfen;
+als sie aber an der Wand seiner Wohnung aufgehängt war, riß sie sich
+auf einen teuflischen Schlag hin vom Haken los, fiel zu Boden und brach
+entzwei. Die Erde hatte alsbald die Flüssigkeit aufgesogen; der Diakon
+jedoch nahm nun die feuchte Erde und preßte so viel als möglich die
+Feuchtigkeit in ein anderes Gefäß aus. So gewann er richtig wieder
+etwas Oel, dazu einige Glasscherben, auch war der Rosenduft nicht ganz
+verloren gegangen. Das alles überbrachte er nun seinem Bischof. Gregor
+seihte das Oel erst in ein neues Gefäß über: es mochte etwa ein halbes
+Glas voll sein; die Flasche füllte es zwei Finger breit. Als er tags
+darauf nachsah, stand es in einer Höhe von ungefähr vier Fingerbreiten.
+Da schloß er die Flasche ab und versiegelte sie mit seinem Handsiegel.
+Eine Woche später sah er wieder nach; nun war mehr als ein Schoppen
+darin. Gregor ließ den Diakon kommen, und dieser versicherte eidlich,
+genau so viel sei damals zu Grunde gegangen[329-a]. Diese Anekdote
+führt ferner zu einem andern typischen Wunder; in der Lorenzkirche
+von Arvern befand sich eine Kristallschale von großer Schönheit. Ein
+Diakon war so ungeschickt, sie fallen zu lassen. Doch legte er die
+gesammelten Scherben vertrauensvoll auf den Altar; nach einer unter
+Gebeten, Wachen und Weinen verbrachten Nacht sah er nach: Die Schale
+war ganz. Als dieses Wunder dem Volke mitgeteilt wurde, machte es
+solchen Eindruck, daß der Wunsch laut wurde, es möchte der Bischof dem
+heiligen Lorenz doch ein neues Fest einräumen. Die Schale wurde über
+dem Altar aufgehängt[330-a].
+
+Das typische Wunder ist somit im Unterschied vom spontanen nicht
+eine unerwartete, auf persönlichen Impuls zurückzuführende, mehr
+oder weniger neue und eigene Erscheinung, sondern ging gattungsmäßig
+vermittelt aus kultischen Bedürfnissen oder Zufälligkeiten gelegentlich
+hervor, sodaß schwer ist zu entscheiden, in wie weit es Ergebnis und
+in wie weit Mittel der Kirchenpraxis war. Jedenfalls aber bildet hier
+die Kirchenpraxis und nicht das individuelle Leben den eigentlichen
+Nährboden, und es lohnt sich daher wohl, an einem sprechenden Beispiel
+noch des näheren nachzuweisen, wie unter Umständen ein besonderer Fall
+des kirchlich Notwendigen auch den Wundertypus in einer bestimmten dem
+Bedürfnis angepaßten Form hervorbrachte. Von allen Anforderungen, die
+das Christentum an die früheren Heiden stellte, fiel dem Franken die
+Heiligung des Sonntags am schwersten. Daß man an einem bestimmten Tage
+jeder Woche die Arbeit gänzlich unterlassen solle, wollte ihm nicht
+eingehen. Die Kirche aber setzte den für sie fundamentalen Brauch mit
+allen Mitteln durch. Sie wies, wo es nur anging, die verderblichen
+Folgen der Sonntagsarbeit zunächst im allgemeinen nach, als
+Krankheitsursache; eine gelähmte Frau hatte eben am Sonntag gegenüber
+der Autorität der Kirchenväter sich herausgenommen zu arbeiten[330-b]
+und Leudolf war an dem Sonntag erblindet, da er vormittags und
+nachmittags sein Heu einbrachte[330-c]; dabei begreift es sich, daß
+gelegentlich das Fest eines höheren Heiligen, so der Johannistag, in
+den Rang eines Sonntags hinauf rückt und die Frau, die dann Unkraut
+jätet, von einem schrecklichen Ausschlag befallen wird[330-d]. Dann
+aber tritt noch öfter eine bestimmte logische Beziehung zwischen Schuld
+und Strafe ein; bei einem Weibe war die rechte Hand, die Samstag
+nachts noch gearbeitet hatte, noch eingeschrumpfter als die übrigen
+Glieder[330-e]. Das in der Sonntagsnacht gezeugte Kind ist eine
+scheußliche Mißgeburt; so mochte denn die Mahnung der Geistlichen nicht
+ohne Eindruck bleiben, in dieser Nacht sich des Beilagers zu enthalten,
+sie vielmehr keusch und gottwohlgefällig zu verbringen[330-f]. Ferner
+legte eines Sonntags eine Frau von Langeais einen Mehlklumpen in die
+heiße, von Gluten gesäuberte Asche, um ihn zu Brot zu backen, als ihre
+Hand von innerer Glut verzehrt zu werden begann[330-g]. Werden schon
+hier die Schuldigen immer so gestraft, wie sie gesündigt haben, so
+tritt die typische Strafe für Sonntagsentheiligung vollends darin zu
+Tage, daß die Hand, die den Holzgriff des Werkzeugs umfaßt, erstarrt
+und die Finger in der umklammernden Haltung steif werden würden:
+so ging es der Frau die Samstags nach Sonnenuntergang noch mit der
+Ofengabel die Brote zum backen einschob[331-a], so dem Bauern, der
+um an seinem Pfluge etwas in Ordnung zu bringen, Sonntags zur Hacke
+gegriffen hatte[331-b], so dem andern, der Sonntags um Korn zu mahlen
+seinen Mühlstein um drehte; er sägte den Holzgriff ab, aber erst
+vor dem Heiligen, den er um Gnade anflehte, wurde seine Hand die
+unliebsame Zugabe los[331-c]. Und wenn ein anderer im selben Fall ohne
+das Anhängsel zwischen den Fingern vor Sankt Martin erschien, nun, so
+hatte der eben noch zu rechter Zeit die erstarrende Hand zurückgezogen;
+gespürt hatte er bereits, wie das Holz anzukleben begann[331-d]. In
+einer derartig engen Verbindung mit dem Volksleben ist das typische
+Wunder, das erst nur Beweiswunder war, zum Strafwunder geworden
+und wird so wohl in der kirchlichen Verwendung sich als wirksamste
+Illustration der Kanzelermahnung und der Gesetzgebung erwiesen haben.
+
+Wie hätte so mannigfaltigen und überlegenen Mitteln das Bauernvolk
+sich überhaupt widersetzen können. Wunder, Wunder, nichts als Wunder!
+Dagegen war ja schlechterdings nichts zu wollen, wenn man nicht
+geradezu Lust verspürte, seine Haut feilzutragen; denn daß die Heiligen
+keinen Spaß verstanden, sah man doch deutlich genug. Aber, und das
+ist nun ein weiterer bedeutsamer Punkt in unseren Erörterungen, es
+handelte sich gar nicht um Zwang noch um dumpfe Schickung in etwas
+Unvermeidliches. Was als Aufklärung angeboten wurde, wurde wirklich
+als Befreiung empfunden; dem Franken, wenn anders ihm an Religion
+überhaupt innerlich gelegen war, bedeutete das Christentum wirklich
+eine frohe Botschaft. Das beweist schon die Stimmung des Volkes dem
+Heiligen gegenüber. »Wenn am Heiligengrabe die Seele sich erniedrigt
+und das Gebet sich erhebt, wenn die Thräne quillt und die Reue ins
+Gewissen sticht, wenn aus dem Herzensgrunde die Seufzer aufsteigen und
+wir an unsere schuldige Brust schlagen, dann entsteht Lachen aus dem
+Weinen und Gnade aus dem Fehltritt, und das geprüfte Herz hat Trost
+gefunden«[331-e]. Daß solche Worte aus der fränkischen Volksseele
+heraus gesprochen waren, legt auch das Verhalten des gemeinen Mannes
+auf seiner Wallfahrt nahe. Oft waren ernstliche Schwierigkeiten zu
+überwinden, bis es überhaupt nur zur Wallfahrt kam; so mußte eine
+lahme Frau, die nach dem Martinskloster Ligugé fahren wollte, von Haus
+zu Haus bei Reichen sammeln gehn, um die Auslagen für den Transport
+mit dem Ochsenkarren bestreiten zu können[332-a]. Am Festtage in der
+Feststadt stand dann der Gläubige mitten in der Volksmenge in der
+Kirche; er geht und küßt das Heiligengrab, weint darüber, betet um
+Hilfe, glaubt an sie; da kommen die Priester, die Ceremonien heben an,
+der Vorleser, der an der Reihe ist, schreitet zum Pult und beginnt die
+Lektüre des heiligen Lebens; da zuckt es in den kranken Gliedmaßen,
+er fühlt es, er wird geheilt, jetzt in diesem Augenblick; er raunt es
+dem Nachbar zu, schreit es laut hinaus und erhebt den genesenen Arm
+hoch empor, damit es jeder sehen kann[332-b]. Und so fühlt nicht ein
+einzelner, so fühlt jeder; Gregor durfte sagen, das große Martinsfest
+im Sommer werde vom ganzen Volke förmlich herbeigesehnt[332-c]. Hie
+und da ist der Besucher auch so schüchtern und bescheiden, daß er
+erst gar nicht ans Heiligengrab vorzudringen wagt, sondern traurig
+wieder umkehrt und nach Hause schlafen geht[332-d]. Wenn aber eine
+Heilung geglückt ist, dann trägt das zum Ruhme des Heiligen aufs neue
+bei: »wer geheilt wird, sorgt dafür daß es unter die Leute kommt, und
+ein Heilungswunder trägt Sankt Martin wieder eine ganze Reihe von
+Geschenken anderer Leute ein«[332-e]. Kurzum, die Verehrung für den
+Heiligen war nicht künstlich gezüchtet; sie entsprach der aufrichtigen
+Ueberzeugung der Massen.
+
+So hoch man auch vom altgermanischen Heidentum denken mag, ein
+Unbefangener wird diese Vorliebe der Franken für das einmal erfaßte
+katholische Christentum für sachlich gerechtfertigt halten müssen. Der
+Schritt vom Guten zum Bessern ist nicht zu verkennen. Die germanische
+Religion stand zur germanischen Sitte in keinem Verhältnis. Diese,
+so viel wert sie war, beruhte ausschließlich auf der Familie und auf
+der politischen Gemeinschaft; daß Gut und Böse Dinge seien, über die
+man der Gottheit Rechenschaft schuldig sei, davon wußten die alten
+Deutschen nichts. Für den heidnischen Germanen fing die Ethik erst
+an mit seiner Eigenschaft eines Familiengliedes und Stammgenossen;
+wurde er Christ, so mußte er begreifen lernen, sein Lebenswandel sei
+eine Angelegenheit seiner selbst, etwas, das ihn allein unbekümmert
+von allen andern angehe, sobald ihm nämlich daran gelegen sei, sich
+mit dem Himmel im Einklang zu wissen. Die Erhebung auf eine höhere
+Stufe, die in dieser Forderung lag, war also im Grundsatz mit der
+Bekehrung gegeben; wenn jetzt der Franke ein guter Mensch sein wollte,
+so hatte er nicht mehr bloß der sozialen Regel nachzukommen, er hatte
+sich nun auch noch mit seinem Gewissen abzufinden und zwar in erster
+Linie. Vielleicht darf man geradezu sagen, der Heide kannte nur
+Geister und von seinem Verhalten zu ihnen hing es ab, ob es für ihn
+gute oder böse Geister waren, während das Christentum von vornherein
+streng dualistisch gute Geister und böse Geister als zweierlei Stände
+unterschied. Und vom Grundsätzlichen abgesehen, war auch sonst der
+Heilige ein vorteilhafter Tausch gegen den heidnischen Gott. Es
+war gewissermaßen der Uebergang vom Zelt des Nomaden zur Hütte des
+Ackermanns. Von der Wanderzeit her hatten die germanischen Götter
+etwas Unstetes an sich, die kleinen Volks- und Stammesgeister hausten
+wie der Fisch im Quell und Fluß oder wie der Vogel im Baumwipfel;
+auch die oberen Götter saßen nicht ruhig auf einem Göttersitz; Freja
+und Wodan ritten und reisten die ganze Zeit. Von diesem Huschen und
+Jagen war beim Heiligen nichts zu spüren: da sein Dienst die Verehrung
+eines toten Menschen war, der gelebt hatte und dessen Grab man besaß,
+so bekam dieser Kultus von selbst etwas seßhaftes, häusliches; zwar
+stand es dem Heiligen frei, auszugehen und einem Rufe nach auswärts
+Folge zu leisten; aber nie für lange, immer würde er, das wußte man,
+ja bald wieder in sein Haus zurückkehren. Diese Art Religion mußte dem
+Franken um so mehr zusagen, als er selber seine Natur änderte, von
+der früheren Wanderlust zurückkam und in die festen Formen ansäßigen
+Gemeindelebens sich eingewöhnte. Dazu kam die Vielheit der Heiligen und
+die damit verbundene Pracht und imposante Fülle der neuen Glaubenswelt.
+Hatte dem Franken schon die irdische Hierarchie der katholischen Kirche
+gewaltig eingeleuchtet, die vom kleinen Cleriker zum Bischof, von
+diesem zum Metropoliten, von diesem zum Landesprimas und von diesem
+zum Statthalter Christi in Rom aufstieg, wie staunte da erst sein
+Geist, als sich Himmel über Himmel aufthat, allein aus Gallien eine
+Heiligenschaar zur andern stieß, an der Spitze aller der donnernde
+Julian und der große, gute Martin und diesen dann aus andern Ländern
+neue Heilige sich verbanden, die spanischen, die italienischen, die
+morgenländischen, hundert und hundert, und alles doch nur Diener des
+einen Christus, der selber wieder der Sohn des dreieinigen Gottes
+war. Ja, König Chlodowech hatte recht gethan, als er seinem Volk
+diesen neuen Herrn gab. Aber eine Unterwerfung war es nicht gewesen,
+sondern ein Vertrag auf gleichem Fuße, durch den beide Teile gewannen.
+Gewiß, man war auf den neuen Himmelsherzog stolz; aber Christus konnte
+es auch auf seine Franken sein; so starke und so treue Unterthanen
+hatten er vorher nie besessen! Dieses Selbstbewußtsein verleiht dem
+merowingischen Christentum seinen wahren Schwung. Bei Gregor kommt es
+nicht zur Geltung, weil es bei ihm, dem Romanen, höchstens anempfunden
+war und er überdies durch seine Schilderungen von Fall zu Fall mehr
+eine Analyse als eine Zusammenfassung gibt. Zum Durchbruch gelangt
+es aber in einer nationalen Kundgebung, ebenfalls aus dem sechsten
+Jahrhundert, dem Prolog zum salischen Gesetze. Dieser schließt so:
+»Es lebe Christus, der die Franken liebt! Er bewahre ihr Reich! Er
+erfülle ihre Führer mit dem Lichte seiner Gnade! Er beschirme ihr Heer!
+Er verleihe dem Glauben Schutz! Friede, Freude und glückliche Zeiten
+schenke ihnen in seiner Barmherzigkeit der Fürst der Fürsten Jesus
+Christus! Denn sie sind das Volk, das tapfer und stark das harte Joch
+der Römer im Kampfe von seinem Nacken schüttelte; und während die Römer
+die heiligen Märtyrer mit Feuer verbrannten oder mit dem Schwerte in
+Stücke hieben oder den wilden Tieren zum Zerfleischen vorwarfen, haben
+die Franken nach ihrer Taufe die Leichname dieser Märtyrer mit Gold und
+Edelsteinen geschmückt«.
+
+ * * * * *
+
+Gewiß, es hatte in der Luft gelegen. Früher oder später mußte die
+Bekehrung erfolgen. Als die Alamannen in ihrer Selbständigkeit geknickt
+waren, wären die Franken im Kulturkreis des alten Imperiums der einzige
+germanische Stamm gewesen, der sich dem Christentum nicht fügte. Aber
+das Beispiel der Brudervölker wies doch einmütig auf den Arianismus.
+Nur mit dem ungeheuern Unterschied, daß jene schon im Balkan und an der
+Donau übergetreten waren und allerdings Ketzer, aber doch Christen von
+dem katholischen Westen Besitz ergriffen, während die Franken noch als
+Heiden schon im Lande ihrer Bestimmung saßen. Jede religiöse Bekehrung
+ganzer Völker ist Sache der Politik; politisch bemessen handelte es
+sich um folgenden Entscheid: wurden sie Arianer, dann hätten die
+Franken die Römer vor den Kopf gestoßen, an deren Spitze sie ja gerade
+treten wollten; wurden sie katholisch, so war der Zwiespalt mit den
+andern Germanen nicht zu überbrücken. Als Arianer konnten ihre rohen,
+keine Mittel scheuenden, realpolitisch genialen Könige den Gedanken
+vom Zusammenschluß aller germanischen Reiche verwirklichen, eben den
+Gedanken, für den der edle Gothe Theodorich zu zart und ideal gewesen
+war: dann kein Mittelalter in unserem Sinn, das vom Hader zwischen
+Kaiser und Papst lebte, wo die deutsche Eigenart sich öffentlich nur in
+römischem Kleiden und, wie sie war, nur verstohlen sehen lassen durfte!
+Nun waren sie aber katholisch geworden. Den nationalen Unterschied
+zwischen Römern und Germanen hob die höhere Eintracht im Glauben auf.
+Das klassische Altertum war in die christliche Kirche geflüchtet, um
+darin zu sterben; in dem jungfräulichen deutschen Geist bot sich ihm
+ein Schooß, der es unausgetragen in sich barg bis auf die Stunde der
+Wiedergeburt.
+
+Aber wenn Ueberkultur und Barbarei aufeinander prallen, tauschen sie
+immer zuerst ihre Laster aus. An seinen eigenen, unmittelbaren Früchten
+bemessen, kommt deshalb das merowingische Christentum übel weg; in
+der That hat es das sittliche Niveau unter den doch wahrhaftig nicht
+hohen Stand, den sowohl die römischen Insassen als die heidnischen
+Franken aufwiesen, noch beträchtlich herabgedrückt. Auf irgend welche
+Schilderungen des entsetzlichen Unwesens uns einzulassen, geht nicht
+an. Wir haben nun nur mit einem Wort die Folgen dieses Tiefstandes der
+Moral aus die Religion nochmals zu nennen. Mit Bleigewicht an den Füßen
+vergeht auch einem beflügelten Wesen die Lust zum Fliegen, und wer
+will dem fränkischen Christentum seinen Mangel an geistigen Interessen
+vorwerfen, wenn das Leben, in dem es zu wirken hatte, so sehr der Würde
+entbehrte; Lob verdient es, daß es sich überhaupt hielt, nicht Tadel,
+daß es verrohte. Im sechsten Jahrhundert ist aus der Frömmigkeit auch
+des Frömmsten jeder ideelle Zug ausgeschieden und nur noch Stoffliches
+zurückgeblieben. Das Innenleben des braven, aufrichtigen Gregor spielt
+sich, sobald es sich nicht mehr um Heilige oder um das katholische
+Bekenntnis, sondern um den eigenen persönlichen Glauben handelt,
+durchaus im Leeren ab, zwischen einem dumpfen Schuldbewußtsein[335-a]
+und der ebenso dunkeln Zuversicht, gerecht vor Gott zu wandeln[335-b].
+
+Im siebenten Jahrhundert hat die iroschottische Reform hieran nicht
+viel geändert. Ihr Einfluß erstreckte sich namentlich auf die äußere
+Klosterzucht und auf die Erweckung von etwas Wissenschaft und Kunst
+in der Geistlichkeit. Ihre Buß- und Beichtdisziplin war das einzige,
+was tiefer ging und vielleicht zur Erneuerung des Christentums hätte
+führen können. Und doch hat auch sie das materialisierende Wesen
+dieses gesamten Religionsbetriebes nicht angetastet. Wohl verspürt man
+eine Steigerung im Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit bei ernsten
+Christen. Der Mann, der im siebenten Jahrhundert als Vertreter seiner
+Zeit noch am ehesten neben Gregor von Tours im sechsten gestellt
+werden darf, Eligius von Noyon, hat zwar vom Christen für das ganze
+Leben Buße verlangt, aber das Complement dazu lautet bei ihm nicht auf
+Gerechtigkeit aus dem Glauben allein, sondern auf Werkgerechtigkeit.
+Mit Unrecht hat man Columban mit den altisraelitischen Propheten
+verglichen. Die hätten doch in erster Linie gegen die Verehrung
+der Heiligen geeifert, an der jener ohne weiteres teilnahm. Aber
+dann hätten sie eben das zerstört, was überhaupt erst die neue
+Staatsreligion unter den Franken ermöglichte. Wie eine große Ironie
+nimmt sich jenes Kapitel in Gregors Frankengeschichte aus, da er aus
+den Propheten mit erstaunlicher Bibelkenntnis die wuchtigsten Stellen
+gegen den Bilderdienst sammelt und dann fortfährt: »Dies alles aber
+vernahm im Anfang das Volk der Franken nicht, in der Folge haben auch
+sie es vernommen«[335-c]. Einem Christentum wie dem fränkischen hätten
+echte Seher die Existenzberechtigung absprechen müssen, denn an eine
+ethische Läuterung der allgemeinen Gesinnung war nicht zu denken. Das
+sind aber Dinge, über denen tausend Jahre dahinschwinden wie ein
+Tag. Und nach tausend Jahren kam er ja dann auch wirklich, der andere
+Martin, nach den Römern der Deutsche und nach den Heiligen der Prophet.
+
+Und doch ruhten nicht umsonst Heiligengebeine in dem Boden, über den
+nach dem Untergang der alten die mittlere Zeit gewandelt kam. Im
+Hochmittelalter steigen aus dem langen Lauf der Jahrhunderte zwei
+Gebilde auf, die neben den Großthaten des Altertums für die Menschheit
+ewige Werte bedeuten: die scholastische Philosophie und die gothische
+Baukunst. Beide haben ihre eigentliche Heim- und Pflegestätte in
+Frankreich. So wäre also das Originalgut der mittleren Aera auf jener
+Stätte erwachsen, die einst unsere Heiligen nach dem Maß ihrer Einsicht
+und Kraft bebaut hatten. Ihre saure und redliche Arbeit war selbst
+noch keine Kultur gewesen, aber sie wurde Fundament einer Kultur. Der
+christliche Volksglaube, an der Stelle eines heidnischen Volksglaubens,
+bewährte sich als Unterlage der Zukunft.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[003-1] ~Alfred Lehmann~, Aberglaube und Zauberei von den ältesten
+Zeiten an bis in die Gegenwart. Deutsche Ausgabe von ~Petersen~.
+Stuttgart 1898. S. 313—543.
+
+[007-a] _Sever. Mart._ 2. (_Halm_).
+
+[008-a] _Sever. Mart._ 3.
+
+[008-b] _Sever. Mart._ 4.
+
+[008-c] _Sever. Mart._ 5.
+
+[008-d] _Sever. Mart._ 6.
+
+[009-a] _Sever. Mart._ 7.
+
+[009-b] _Sever. Mart._ 8.
+
+[009-c] _Sever. Mart._ 9.
+
+[010-a] _Sever. Mart._ 10.
+
+[010-b] _Sever. Mart._ 11.
+
+[011-a] _Sever. Mart._ 12.
+
+[011-b] _Sever. Mart._ 13.
+
+[011-c] _Sever. Mart._ 14.
+
+[012-a] _Sever. Mart._ 15.
+
+[012-b] _Sever. Mart._ 16.
+
+[012-c] _Sever. Mart._ 17.
+
+[012-d] _Sever. Mart._ 18.
+
+[012-e] _Sever. Mart._ 19.
+
+[013-a] _Sever. Mart._ 20.
+
+[013-b] _Sever. Mart._ 21.
+
+[013-c] _Sever. Mart._ 22.
+
+[014-a] _Sever. Mart._ 23.
+
+[014-b] _Sever. Mart._ 24.
+
+[014-c] _Sever. Mart._ 25.
+
+[014-d] _Sever. Mart._ 26.
+
+[014-e] _Sever. Mart._ 27.
+
+[014-f] _Sever. Mart._ 26 1–3.
+
+[015-a] _Sever. Mart. praef._
+
+[016-a] _Paul. Nol. Ep._ II. 11.
+
+[016-b] _Sever. Dial. I._ 23. 3–7.
+
+[016-c] _Sever. Dial. II._ 17. 4.
+
+[016-d] _Sever. Dial. I^a._ 36. 3–6.
+
+[017-a] _Sever. Ep. I_, 1. 10–15.
+
+[017-b] _Sever. Ep._ 3. 6–20.
+
+[018-a] _Sever. Dial. I^a._ 23. 7.
+
+[018-b] _Sever. Dial. II._ 5. 6.
+
+[019-a] _Dial. I^a._ 24.
+
+[019-b] _Dial. I^a._ 27. 2–4.
+
+[019-c] _Sever. Dial. I^a._ 4.
+
+[020-a] _Sever. Dial. I._ 8. 5.
+
+[020-b] _Sever. Dial. I._ 6. 1.
+
+[021-a] _Sever. Dial. I^b._ 2.
+
+[021-b] _Sever. Dial. II._ 10.
+
+[021-c] _Sever. Dial. I^b._ 3. 1–5.
+
+[021-d] _Sever. Dial. I^b._ 9. 1–5.
+
+[021-e] _Sever. Dial. II._ 9. 4.
+
+[021-f] _Sever. Dial. II._ 3. 7.
+
+[021-g] _Sever. Dial. I^b._ 10.
+
+[021-h] _Sever. Dial. I^b._ 11.
+
+[021-i] _Sever. Dial. I^b._ 12.
+
+[022-a] _Sever. Dial. II._ 14.
+
+[022-b] _Sever. Dial. II._ 10.
+
+[022-c] _Sever. Dial. II._ 14. 7–9.
+
+[022-d] _Sever. Dial. II._ 14. 1.
+
+[022-e] _Sever. Dial. II._ 15.
+
+[022-f] _Sever. Dial. II._ 14. 6.
+
+[022-g] _Sever. Dial. II._ 14. 6.
+
+[022-h] _Sever. Dial. II._ 112–138.
+
+[023-a] _Sever. Dial. II._ 15. 16.
+
+[024-a] _Sever. Dial. II._ 8. 4–7.
+
+[024-b] _Sever. Dial. II._ 9. 1. 2.
+
+[024-c] _Sever. Dial. I^b._ 4.
+
+[024-d] _Sever. Dial. I^b._ 2. 3. 4.
+
+[024-e] _Sever. Dial. II._ 2. 3–8.
+
+[024-f] _Sever. Dial. II._ 3. 1–6.
+
+[024-g] _Sever. Dial. I^b._ 8. 7–9.
+
+[024-h] _Sever. Dial. II._ 9. 3.
+
+[024-i] _Sever. Dial. II._ 3. 8.
+
+[025-a] _Sever. Dial. II._ 13. 5.
+
+[025-b] _Sever. Dial. II._ 14. 3–4.
+
+[025-c] _Sever. Dial. I^a._ 25. 5.
+
+[025-d] _Sever. Dial. II._ 4. 1. 4. 5. 1. 8.1–3.
+
+[025-e] _Sever. Dial. II._ 7.
+
+[025-f] _Sever. Dial. I^b._ 5.
+
+[026-a] _Sever. Dial. II._ 6–8.
+
+[026-b] _Sever. Dial. I^b._ 13. 3–8.
+
+[027-a] _Sever. Dial. I^b._ 14.
+
+[027-b] _Sever. Dial._ 6. 2–5.
+
+[027-c] 1. _Cor._ 6. 2. 3.
+
+[028-a] _Sever. Mart._ 27. _Dial. I^a._ 2. 21. 26. _II^b._ 1. 4. 12.
+_III._ 11. 16. 18.
+
+[029-a] _Sever. Dial. I^b._ 14. 4.
+
+[029-b] _Sever. Chron. II._ 39. 7. 42. 2. 45. 9.
+
+[029-c] _Sever. Mart._ 25.
+
+[029-d] _Sever. Mart._ 1. 5. 6.
+
+[029-1] _Le Nain de Tillemont, Mémoires pour servir à l’histoire
+écclesiastique des six premiers siècles. Paris 1705. Tom. X. p.
+771–781._
+
+[030-a] _Sever. Martin._ 19.
+
+[030-b] _Sever. Mart._ 27.
+
+[030-1] ~Wilhelm Bousset~, Der Antichrist. Göttingen 1895. S. 52.
+
+[031-a] _Sever. Mart._ 13. 9.
+
+[031-b] _Sever. Mart._ 16. 7. 8.
+
+[032-a] _Sever. Mart._ 17. 6. 7.
+
+[032-b] _Sever. Mart._ 19. 8.
+
+[033-a] _Sever. Mart._ 21, 1. 2; 24, 4—7.
+
+[034-a] _Sever. Mart._ 20, 9. 21, 2–4. _Dial. I^b._ 13.
+
+[036-a] _Paulin. Nol. Ep._ 18. 37.
+
+[036-b] _Joh. Bapt. Le Brun, Victricius (Boll. 7 Aug.)._
+
+[036-c] _Hilar. Arel. Honorat. (Migne)_ 6.
+
+[036-d] _Hilar. Arel. Honorat._ 5.
+
+[037-a] _Hilar. Arel. Honor._ 1–8.
+
+[037-b] _Prosper. Chronicon. (ap. Duchesne Hist. Franc. Script. I._
+205).
+
+[037-1] _C. Narbey, Études critiques sur la vie de St Germain
+d’Auxerre. Paris. 1884._
+
+[038-a] _Apollinaris Sidonius (Luebjohamo) p. 170, 7–9._
+
+[038-b] _Vita Hilarii Arelatensis. (Ballerini)._ 1. 17. 31.
+
+[038-c] _Ennod. Epiphan. (Vogel)._ 7–17.
+
+[038-1] _C. Tanzi, La cronologia degli scritti di Magno Felice Ennodio
+(Archeografo Triestino, Nuova Serie. Vol. 14. 1888. S. 365. 406. 497)._
+
+[039-a] _Ennod. Epiph._ 18—39.
+
+[040-a] _Ennod. Epiph._ 40—50.
+
+[041-a] _Ennod. Epiph._ 51—75.
+
+[041-b] _Ennod. Epiph._ 76—78.
+
+[041-c] _Ennod. Epiph._ 79—94.
+
+[041-d] _Ennod. Epiph._ 95—108.
+
+[041-e] _Ennod. Epiph._ 109—117.
+
+[042-a] _Ennod. Epiph._ 118—119.
+
+[042-b] _Ennod. Epiph._ 120—181.
+
+[043-a] _Ennod. Epiph._ 182—195.
+
+[043-b] _Ennod. Epiph._ 196. 197.
+
+[044-1] Vergl. Michael Fertig, Magnus Felix Ennodius und seine Zeit.
+Abth. 2. Landshut. 1860.
+
+[044-2] Ad. Ebert, Allgemeine Geschichte der Litteratur des
+Mittelalters im Abendlande. _I^2._ Leipzig. 1889. S. 450.
+
+[045-a] _Ennod. Epiph._ 177.
+
+[045-b] _Ennodius, Antonius (Vogel)._ 6—9.
+
+[047-a] _Eugip. Severin. (P. Knoell)._ 1. 1.
+
+[047-b] _Eugip. Severin. praef._ 7–10.
+
+[047-c] _Eugip. Severin._ 1. 2–5.
+
+[047-d] _Eugip. Severin._ 2.
+
+[047-e] _Eugip. Severin._ 3.
+
+[047-f] _Eugip. Severin._ 4.
+
+[047-g] _Eugip. Severin._ 5.
+
+[047-h] _Eugip. Severin._ 6.
+
+[047-i] _Eugip. Severin._ 7.
+
+[048-a] _Eugip. Severin._ 8.
+
+[048-b] _Eugip. Severin._ 9.
+
+[048-c] _Eugip. Severin._ 10.
+
+[048-d] _Eugip. Severin._ 11.
+
+[048-e] _Eugip. Severin._ 12.
+
+[048-f] _Eugip. Severin._ 13.
+
+[049-a] _Eugip. Severin._ 14.
+
+[049-b] _Eugip. Severin._ 15.
+
+[049-c] _Eugip. Severin._ 16.
+
+[049-d] _Eugip. Severin._ 17.
+
+[049-e] _Eugip. Severin._ 18.
+
+[050-a] _Eugip. Severin._ 19.
+
+[050-b] _Eugip. Severin._ 20.
+
+[050-c] _Eugip. Severin._ 21.
+
+[050-d] _Eugip. Severin._ 22.
+
+[050-e] _Eugip. Severin._ 23.
+
+[051-a] _Eugip. Severin._ 24.
+
+[051-b] _Eugip. Severin._ 25.
+
+[051-c] _Eugip. Severin._ 26.
+
+[051-d] _Eugip. Severin._ 27.
+
+[051-e] _Eugip. Severin._ 28.
+
+[051-f] _Eugip. Severin._ 29.
+
+[052-a] _Eugip. Severin._ 30.
+
+[052-b] _Eugip. Severin._ 31.
+
+[052-c] _Eugip. Severin._ 32.
+
+[052-d] _Eugip. Severin._ 33.
+
+[052-e] _Eugip. Severin._ 34.
+
+[052-f] _Eugip. Severin._ 35.
+
+[052-g] _Eugip. Severin._ 36.
+
+[052-h] _Eugip. Severin._ 37.
+
+[053-a] _Eugip. Severin._ 38.
+
+[053-b] _Eugip. Severin._ 39.
+
+[053-c] _Eugip. Severin._ 40.
+
+[053-d] _Eugip. Severin._ 41.
+
+[054-a] _Eugip. Severin._ 42.
+
+[054-b] _Eugip. Severin._ 43.
+
+[054-c] _Eugip. Severin._ 44.
+
+[055-a] _Eugip. Severin._ 45. 46.
+
+[055-1] W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter.
+Bd. _I._ ^6. 1893. S. 44—51.
+
+[055-2] Max Büdinger, Oesterreichische Geschichte. ^1. 1858. S. 51. 52.
+
+[056-a] _Eugip. Severin._ 10, 1. 19. 22, 4. 24, 1. 29, 3. 31, 2.
+
+[056-b] _Eugip. Severin._ 1. 2.
+
+[056-c] _Paschas. Ep._ § 3.
+
+[056-d] _Eugip. Severin._ 19, 1. 22, 1. _Eugip. Ep._ § 2. _Eugip.
+Severin._ 43, 2. 44, 6.
+
+[057-a] _Eugip. Severin. praef._ 3. 10. ^1 _Excerpta ex Augustino (P.
+Knoell) praef._
+
+[057-b] _Cassiod. Divin. Lection._ 23.
+
+[057-c] _Fulg. de statu viduarum (Migne 65. p. 311)._
+
+[057-1] So schon Johannes Herold aus Höchstedt in seiner Ausgabe des
+Eugipius, Basel 1542.
+
+[058-a] _Fulg. Ep. (Migne 65. 344)._
+
+[058-b] _Eugip. Ep._ 2.
+
+[058-c] _Eugip. Ep._ 2–6.
+
+[058-d] _Pascas. Ep. 2. 3 (Knoell)._
+
+[059-a] _Eugip. Severin._ 36, 3.
+
+[059-b] _Eugip. Severin. praef._ 11.
+
+[059-1] Max Büdinger, Eugipius. Eine Untersuchung. Wiener
+Sitzungsberichte. 1878. Bd. 91. S. 793–814.
+
+[060-a] _Vita Fulgent._ 1–7.
+
+[061-a] _Vita Fulgent._ 8–17.
+
+[062-a] _Vita Fulgent. 18 sqq._
+
+[064-1] Vergl. Adam Mally, Das Leben des h. Fulgentius von Ruspe. Aus
+dem Lateinischen. Wien 1885.
+
+[066-1] ~Bruno Krusch~, in der Vorrede zu seiner Ausgabe der _Vita
+Caesarii Arelatentis_. (_Monumenta Germaniae historica. Script. rer.
+Merowing. Tom. III. Vitae Sanctorum._)
+
+[069-1] Karl Franklin Arnold, Cäsarius von Arelate und die gallische
+Kirche seiner Zeit. Leipzig 1894. 243–252.
+
+[073-a] _Gregor Magn. Dial. lib. I._ 9.
+
+[073-1] Erwin Preuschen, Palladius und Rufinus. Gießen 1897. S. 205–210.
+
+[075-a] _Gregor. H. Fr. I._ 80.
+
+[075-b] _Passio antiqua Juliani (Boll. 28. Aug. VI)._
+
+[075-c] _Gregor. Confess._ 35.
+
+[075-d] _Gregor. Martyr._ 104. 78.
+
+[075-e] _Gregor. Martyr._ 103.
+
+[075-f] _Passio Sympher. (Ruinart)_; _Gregor. Conf._ 76. _Martyr._ 70.
+
+[075-g] _Gregor. H. Fr. II._ 31; _Martyr._ 63; _Conf._ 2, 22, 26, 45,
+57, 87, 93, 94.
+
+[075-h] _Paulin. Petricor. (M. Petschenig) p._ 81. 82.
+
+[076-a] _Fortunat. Mart. (Leo) I._ 21. 22. 45. 47.
+
+[076-1] Friedrich Leo, Venantius Fortunatus, der letzte römische
+Dichter. Deutsche Rundschau. 1882. Bd. 2. S. 414–426.
+
+[076-2] Friedr. Leo in seiner Ausgabe der _Monumenta, Auct. Antiquiss._
+Bd. 4^a. S. 296–370.
+
+[076-3] _Charles Nisard, Le poète Fortunat, Paris 1890._ S. 49
+(Anmerkung).
+
+[077-a] _Hieron. D. V. I._ 100.
+
+[077-b] _Fortunat. Virt. Hilarii_ 2.
+
+[078-a] _Fortunat. Radegunde_ 16.
+
+[078-b] _Fortunat. German. Paris I_ 11.
+
+[079-a] _Fortunat. Albin._ 9. 14.
+
+[079-b] _Fortunat. Paternus_ 14. 15.
+
+[079-c] _Fortunat. German. Paris._ 12. 13. 22.
+
+[079-d] _Fortunat. Radegund._ 75.
+
+[080-1] Ernst Dümmler, Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich. _II._
+1871. 644–650).
+
+[088-a] _Gregor Martin I._ 32, _II._ 1.
+
+[088-b] _Gregor Martin I._ 3. _H. Fr. I._ 36. 39. 43. 48. _X._ 31.
+
+[089-1] Max Bonnet, _Le latin de Grégoire de Tours_. Paris 1890. W. v.
+Giesebrecht, Einleitung zu seiner Uebersetzung. 1851. _V_-_XLVII_. Rud.
+Koepke, Gregor von Tours. Kleine Schriften. Berlin 1872. 289–325. Gabr.
+Monod, _Étude critique sur les sources de l’histoire mérovingienne.
+Partie I. Grégoire de Tours_. Paris 1872. W. Arndt und Br. Krusch in
+ihren Einleitungen zur Monumenta-Ausgabe. 1885.
+
+[091-a] _Gregor Martin II._ 19.
+
+[091-b] _Gregor Confess. praef._
+
+[091-1] M. Manitius, Zur Frankengeschichte Gregors von Tours. (Neues
+Archiv für ältere Deutsche Geschichtskunde. Bd. 21. 540–557).
+
+[092-a] _Gregor Martyr. praef._
+
+[092-b] _Gregor, Julian._ 7.
+
+[093-a] _Gregor Martyr._ 18. 19.
+
+[093-b] _Gregor Martyr._ 93.
+
+[093-c] _Gregor Julian._ 2, _Martin IV._ 30
+
+[093-d] _Gregor Patr. 2. praef._
+
+[093-e] _Gregor Conf._ 61.
+
+[093-f] _Gregor Martin I. praef._
+
+[094-a] _Gregor Martyr._ 97.
+
+[094-b] _Gregor Martyr._ 76.
+
+[094-c] _Gregor Hist. Fr. V._ 46.
+
+[095-a] _Gregor Confess._ 96.
+
+[096-a] _Gregor. Patr. praef._
+
+[096-b] _Gregor. Patr._ 16.
+
+[096-c] _Gregor. Patr._ 1.
+
+[098-a] _Gregor. Patr._ 3.
+
+[098-b] _Gregor. Patr._ 13.
+
+[099-a] _Gregor. Patr._ 5.
+
+[099-b] _Gregor. Patr._ 14.
+
+[099-c] _Gregor. Patr._ 9. _H. Fr. V._ 10.
+
+[100-a] _Gregor. Patr._ 18.
+
+[100-b] _Gregor. Patr._ 10.
+
+[101-a] _Gregor. Patr._ 19.
+
+[101-b] _Gregor. Patr._ 11.
+
+[102-a] _Gregor. Patr._ 12.
+
+[103-a] _Gregor. Patr._ 15.
+
+[104-a] _Gregor. Patr._ 20.
+
+[105-a] _Gregor. Patr._ 2.
+
+[105-b] _Gregor. Patr._ 4. _H. Fr. II._ 36. _III._ 2.
+
+[106-a] _Gregor. Patr._ 6.
+
+[106-b] _Gregor. H. Fr. III._ 13.
+
+[107-a] _Gregor. Patr._ 17.
+
+[108-a] _Gregor. Patr._ 8.
+
+[108-b] _Gregor. Patr._ 7.
+
+[108-c] _Gregor. H. Fr. IV._ 15.
+
+[109-a] _Gregor. Patr. praef._
+
+[109-b] _Avitus Ep._ 46.
+
+[109-c] _Gregor. Hist. Fr. II._ 40.
+
+[110-a] _Gregor. H. Fr. II._ 42.
+
+[110-b] _Gregor. H. Fr. II._ 28.
+
+[110-c] _Gregor. H. Fr. III._ 6.
+
+[110-d] _Gregor. Julian._ 13.
+
+[110-1] Karl Binding, Das burgundisch-romanische Königreich von 443 bis
+532. Leipzig 1868. S. 111–128.
+
+[110-2] Godefroy Kurth, _Sainte Clotilde_. Paris 1897. S. 23–64.
+
+[110-3] W. Schultze, Deutsche Geschichte von der Urzeit zu den
+Karolingern. Stuttgart 1896. Bd. 2, S. 121. 122.
+
+[111-a] _Gregor. H. Fr. III._ 25.
+
+[111-b] _Gregor. Hist. Fr. III._ 34.
+
+[111-c] _Gregor. H. Fr. III._ 6. 18.
+
+[112-a] _Vitae Vigoris, Marculfi._ 15, 16. _Paul. Leonens._ 42. 46.
+
+[112-b] _Vitae Samsonis._ 52–59. _Maglorii._ 3. 14. 26. 26. 27.
+
+[112-c] _Vita Quinidii._ 5. 6.
+
+[112-d] _Vita Leobini._ 18. 19.
+
+[113-a] _Vitae Deodati_ 5, _Eusicii, Baomiri, Rigomeri, Carilefi_ 15–21.
+
+[113-b] _Gregor. Patr._ 13. 3.
+
+[113-c] _Gregor. Conf._ 81.
+
+[113-d] _Gregor. H. Fr. III._ 10.
+
+[113-e] _Gregor. H. Fr. IV._ 2. 3.
+
+[114-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 21.
+
+[114-b] _Gregor. H. Fr. IV._ 26. _Martin. I._ 29.
+
+[114-1] Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. _I._ 125–158.
+
+[115-a] _Gregor. Conf._ 19.
+
+[116-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 27.
+
+[116-b] _Gregor. H. Fr. IV._ 35.
+
+[116-c] _Gregor. H. Fr. VII._ 17.
+
+[117-a] _Gregor. H. Fr. VI._ 46.
+
+[117-b] _Gregor. H. Fr. VI._ 17.
+
+[117-1] W. Schultze, Deutsche Geschichte von der Urzeit zu den
+Karolingern. Bd. 2. S. 148–51.
+
+[118-a] _Gregor. H. Fr. V._ 44.
+
+[118-b] _Gregor. H. Fr. VI._ 17.
+
+[119-a] _Gregor. H. Fr. IV._ 25. 26.
+
+[119-b] _Gregor. H. Fr. VII._ 16, 17, 18, 21.
+
+[119-c] _Gregor. H. Fr._ VIII. 1–8.
+
+[120-a] _Gregor. H. Fr. IX._ 3.
+
+[121-a] _Gregor. H. Fr. IX._ 39. 42.
+
+[121-b] _Gregor. Conf._ 104.
+
+[122-1] Felix Dahn, Könige der Germanen. V. 177–180.
+
+[122-2] Br. Krusch, Vorrede zu seiner Ausgabe in _Monumenta Germaniae
+historica_. _Script. rer. Merow. Tom. III. p. 620–626._
+
+[123-1] Bruno Krusch, Das Leben des Bischofs Gaugerich von Cambrai.
+(Neues Archiv 1890. Bd. 16. 227–234.)
+
+[125-a] _Jonas Colomban._ 7–11.
+
+[125-1] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen
+Völker. Bd. _III._ 533–592.
+
+[126-a] _Jonas Columban._ 13–30.
+
+[131-a] _Columba Ep._ 3. § 28.
+
+[133-a] _Jonas, Columba_. 31–36.
+
+[133-1] Godefroid Kurth, _La reine Brunehaut_. (_Revue des questions
+historiques._ Bd. 50.)
+
+[134-1] Bruno Krusch, Zwei Heiligenleben des Jonas von Susa.
+(Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung.
+_XIV._ 422.)
+
+[140-1] M. Büdinger, Zur Kritik altbayrischer Geschichte. (Wiener
+Sitzungsberichte. 1857. Bd. 23. S. 372–383.)
+
+[140-2] Albert Burckhardt. Die Heiligen des Bistums Basel. (Basler
+Jahrbuch. 1889. S. 155–157.)
+
+[141-1] Karl J. Neumann, Der römische Staat und Die allgemeine Kirche.
+Leipzig. 1890. S. 280–282. — Br. Krusch. Neues Archiv. 20. 1895.
+437–440 und 24. 1898. 287–337.
+
+[143-1] Bruno Krusch, Die älteste Vita Leudegarii. (Neues Archiv. Bd.
+16. 1891. S. 565–596.
+
+[143-2] Otto Laeger, Die Lebensbeschreibungen des heiligen Leudegar.
+Programm des kgl. Realgymnasiums. Nordhausen. 1892. S. 4. 5. 18.
+
+[143-3] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen
+Völker. Bd. _III_. 681–695.
+
+[146-1] N. Bapst, _La vie de Saint Eloi_. (_Révue archéologique._ 1886.
+_S._ 208.) H. Gaidoz, _Saint Eloi_. (_Mélusine._ 1896/1897. 7. 8.)
+
+[147-1] Wilhelm Wattenbach, Ein gleichzeitiges Gedicht zum Preise des
+heiligen Audoenus. (Neues Archiv. Bd. 14. 1880. S. 171/172.
+
+[147-2] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen
+Völker. Bd. _III_. S. 615–617, 629, 630, 657.
+
+[149-1] Bruno Krusch, _La falsification des Vies de Saints Burgundois_
+(in: _Melanges Julien Havet_. Paris. 1895. S. 40–56).
+
+[151-a] _Vita Christoph._ (_Anal. Bolland. I. 121. X. 393_).
+
+[152-a] _Basilius Menolog._
+
+[152-b] _Vita Christoph._ (_Boll. 25. Juli_).
+
+[152-c] _Vita Georgii_ (_Bolland. 23. April_).
+
+[152-1] Didron und Durand, _Manuel d’iconographie chrétienne grecque et
+latine_. Paris 1845. S. 325. Anm.
+
+[152-2] Wolfgang Menzel, Christliche Symbolik, Teil _I_. S. 114 ff.
+
+[158-a] _Fortunat. Carm. II._ 12.
+
+[158-1] A. von Gutschmid, die Sage vom heiligen Georg, als Beitrag
+zur iranischen Mythengeschichte. (Berichte über die Verhandlungen
+der königl. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig.
+Philologisch-historische Klasse. 1861. S. 175–202.)
+
+[158-2] Fr. Görres, Ritter St. Georg. (Zeitschrift für
+wissenschaftliche Theologie. Jahrg. 30. 1887. S. 62.)
+
+[159-a] _Gregor. Glor. Martyr._ 100.
+
+[159-1] A. Kuhn, Wodan. (Haupts Zeitschrift für deutsches Altertum.
+1845. Bd. _V._ S. 472–494.
+
+[160-a] _Gregor. De septem dormentium. ed. B. Krusch Anal. Boll._
+(1893). _S._ 371–387.
+
+[164-a] _Aristot. Φυσικη ἀκροασις. IV._ 11.
+
+[164-b] _Diogen. Laert. De vitis I._ 10.
+
+[164-1] John Koch. Die Siebenschläferlegende, ihr Ursprung und ihre
+Verbreitung. Eine mythologisch-litteraturgeschichtliche Studie.
+Leipzig, 1883.
+
+[166-1] Alfred Bertholet. Zu Jesaja 53. Ein Erklärungsversuch. Freiburg
+i. Br. 1899. S. 25.
+
+[167-a] 2 _Macc._ 7. 1 _Macc._ 1. 62.
+
+[167-b] Sure 18. 8–24.
+
+[167-1] E. Egli, Altchristliche Studien. Zürich. 1887. S. 91.
+
+[167-2] J. W. Göthe. »Siebenschläfer«. West-östlicher Diwan.
+
+[167-3] Fr. Rückert, im Damentaschenbuch aus dem Jahre 1822. S. 139.
+
+[168-a] _Pseudo-Gregor. Historia septem Dormentium majoris monasterii.
+Epist. ad Sulpic. Severum Biturig. [ed. H. L. Bordier. IV. 104–124]._
+
+[169-1] K. Rehorn, Der heilige Kummernus, oder die heilige Wilgefortis.
+Ein Beitrag zur Geschichte und Deutung eines alten Kultus (Germania.
+Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde. Wien, 1887. Bd. 32. S.
+461–480).
+
+[172-1] Justinus Kerner, »Der Geiger zu Gmünd«. — Guido Görres, »Der
+arme Spielmann«.
+
+[175-a] _Gregor, H. Fr. I._ 30.
+
+[175-b] _Fortun. Carm. spur._ (_Leo_) 6.
+
+[176-a] _Fortun. carm. I. 11. v. 14._
+
+[176-b] _Pseudo-Fortun. passio Dionys. Rustic. et Eleuther._ (_Krusch_)
+3–7. 18. 16. 27–31.
+
+[177-1] Fr. Arbellot, _Étude sur les origines chrétiennes de la Gaule.
+Part. I. St. Denys de Paris._ 1890. S. 16–72.
+
+[177-2] R. Koepke, Einleitung zur _Translatio Dionysii_ (_Pertz. Monum.
+script. XI._ 343–351).
+
+[178-a] _Zosimus Ep._ 1 (_cf._ 3. 5).
+
+[178-b] _Ep. Arela. gen._ 12.
+
+[178-c] 2 _Tim._ 4. 10.
+
+[178-1] Fr. Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands, Göttingen, 1846.
+_I_, 73–94.
+
+[179-1] C. Narbey. _Supplément pour des Vies de Saints de l’Epoque
+Mérovingienne. I._ Paris. 1899. Tabelle. 611–615.
+
+[180-a] _Julius Caesar, De Bello Gallico._ 3. 1–6.
+
+[180-1] Emil Egli, Kirchengeschichte der Schweiz bis auf Karl d. Gr.
+Zürich 1893. S. 21–33, und daselbst das Gutachten von E. Rothpletz S.
+133–145.
+
+[182-a] _Eucher. Agaun. Martyr._ 8.
+
+[182-b] _Eucher. Ep. ad Salvium (Wotke)._
+
+[183-a] _Eucher. Agaun. Martyr._ 5.
+
+[183-1] Fr. Stolle. Das Martyrium der thebaischen Legion. Breslau.
+1891. S. 69–71.
+
+[185-1] E. C. Rochholz, Drei Gaugöttinnen als Deutsche Kirchenheilige.
+Leipzig. 1870. S. 93–157.
+
+[191-a] _Gregor. Conf._ 89. _H. Fr. II._ 45.
+
+[195-1] Bruno Krusch, Die Fälschung der _Vita Genovefae_. (Neues Archiv
+der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Bd. 18. Heft 1.
+1892. S. 9–50.)
+
+[196-1] _Douhet, Dictionnaire des légendes du christianisme. 1855._
+(_Migne, Troisième Encyclopaedie Theologique. Tom. 14._)
+
+[200-1] Mone, Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit. Jahrgang 4.
+1835, S. 420/421.
+
+[203-1] Ignaz von Zingerle, Die Oswaldlegende und ihre Beziehung zur
+deutschen Mythologie. Stuttgart und München. 1856. S. 3–6, 70–101.
+
+[203-2] W. Golther, Die Wielandsage und die Wanderung der fränkischen
+Heldensage. (Germania. Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde.
+Bd. 34. 1889. S. 449–460.)
+
+[204-1] _A. Lecoy de la Marche, St. Martin. Tours._ 1881. S. 633–654.
+
+[205-a] _Gregor. Confess._ 5.
+
+[206-a] _Gregor Confess._ 10.
+
+[206-b] _Gregor Mart. II._ 16.
+
+[206-c] _Vita Maximin. Trier._
+
+[207-a] _Greg. Mart. IV._ 31.
+
+[208-1] Karl Simrock, Mythologie. 507–594; Martinslieder, herausgegeben
+von Karl Simrock. Bonn. 1846. S. _XXI_. Elard Hugo Meyer, Germanische
+Mythologie. 1891. S. 254–257. Heino Pfannenschmid, Germanische
+Erntefeste. Hannover. 1878. S. 193–243.
+
+[209-a] _Gregor Mart. IV. prol._
+
+[209-1] Aus den Tischreden. Bei H. Weingarten, Art. Martin von Tours
+(Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche ^2, 9, 1881.
+S. 372.
+
+[209-2] Aus der Apologie der Augsburger Confession. Bei Karl Hase,
+Handbuch der protestantischen Polemik ^4. Leipzig 1878. S. 306.
+
+[211-a] _Gregor Conf._ 35.
+
+[212-a] _Gregor Martyr._ 49. _Conf._ 60–64.
+
+[212-1] _Auguste Longnon, Géographie de la Gaule au VIe siècle. Paris._
+1878. S. 180–611.
+
+[213-a] _Gregor Conf._ 72–75.
+
+[213-b] _Gregor Martyr._ 51. _H. Fr. II._ 15.
+
+[213-c] _Gregor Conf._ 41–43.
+
+[214-a] _Gregor Conf._ 85 (_interpol._) 86.
+
+[214-b] _Gregor Martyr._ 52. 53. _Conf._ 84. 85.
+
+[214-c] _Gregor Martyr._ 70.
+
+[214-d] _Gregor Martyr._ 74. 75.
+
+[214-e] _Gregor Julian._ 34.
+
+[214-f] _Gregor H. Fr. X._ 31. 2.
+
+[215-a] _Gregor Conf._ 16.
+
+[215-b] _Gregor Conf._ 24.
+
+[215-c] _Gregor Conf._ 4–25.
+
+[215-d] _Gregor Conf._ 16.
+
+[215-e] _Gregor Conf._ 17.
+
+[215-f] _Gregor Conf._ 18.
+
+[216-a] _Gregor Conf._ 21.
+
+[216-b] _Gregor Conf._ 22.
+
+[216-c] _Gregor Conf._ 23.
+
+[216-d] _Gregor Conf._ 25.
+
+[216-e] _Gregor Conf._ 55.
+
+[216-f] _Gregor Conf._ 94.
+
+[216-g] _Gregor Conf._ 54.
+
+[216-h] _Gregor Martyr._ 59.
+
+[216-i] _Gregor Conf._ 40.
+
+[216-k] _Gregor Conf._ 66.
+
+[216-l] _Gregor Patr. VIII._ 8.
+
+[216-m] _Gregor Martyr._ 63.
+
+[216-n] _Gregor H. Fr. IX._ 18.
+
+[216-o] _Gregor H. Fr. VIII._ 2. _Conf._ 97.
+
+[216-p] _Gregor Conf._ 89.
+
+[216-q] _Gregor H. Fr. V._ 7. _VIII._ 33. _Conf._ 88.
+
+[216-r] _Gregor Conf._ 87.
+
+[216-s] _Gregor Conf._ 103.
+
+[216-t] _Gregor Martyr._ 71. _H. Fr. V._ 35.
+
+[217-a] _Gregor H. Fr. X._ 28.
+
+[217-b] _Gregor Conf._ 91. 92.
+
+[217-c] _Gregor Martyr._ 61.
+
+[217-d] _Gregor Conf._ 71.
+
+[217-e] _Gregor H. Fr. IX._ 14, _X._ 19. _Conf._ 78.
+
+[217-f] _Gregor Martyr._ 54.
+
+[217-g] _Gregor H. Fr. IV._ 19. 21. 51. _V._ 3.
+
+[217-h] _Gregor H. Fr. V._ 35. _IX._ 9.
+
+[217-i] _Gregor H. Fr. VI._ 37.
+
+[217-k] _Gregor Conf._ 65.
+
+[218-a] _Gregor Conf._ 72.
+
+[218-b] _Gregor Jul._ 1. 2.
+
+[218-c] _Gregor Martyr._ 67. 68.
+
+[218-d] _Gregor Conf._ 76.
+
+[218-e] _Gregor Martyr._ 76. _H. Fr. IX._ 22.
+
+[218-f] _Gregor Conf._ 70.
+
+[218-g] _Gregor Conf._ 82.
+
+[218-h] _Gregor Conf._ 88.
+
+[218-i] _Gregor Martyr._ 46.
+
+[218-k] _Gregor Conf._ 79.
+
+[218-l] _Gregor Conf._ 95.
+
+[218-m] _Gregor Conf._ 100.
+
+[218-n] _Gregor Conf._ 90.
+
+[218-o] _Gregor Conf._ 81.
+
+[218-p] _Gregor Conf._ 80.
+
+[219-a] _Gregor Conf._ 35.
+
+[219-b] _Gregor Conf._ 32.
+
+[219-c] _Gregor H. Fr. I._ 31. _Martyr._ 64.
+
+[219-d] _Gregor Conf._ 33.
+
+[219-e] _Gregor H. Fr. I._ 40. _Patr._ 3 3.
+
+[219-f] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Patr._ 6 7.
+
+[219-g] _Gregor Conf._ 34–36.
+
+[219-h] _Gregor Conf._ 31.
+
+[219-i] _Gregor Jul._ 1. 4. 5. 7.
+
+[219-k] _Gregor Jul._ 3. 25.
+
+[219-l] _Gregor Patr._ 14.
+
+[219-m] _Gregor Patr._ 5.
+
+[219-n] _Gregor Patr._ 13.
+
+[219-o] _Gregor Martyr._ 66.
+
+[220-a] _Gregor H. Fr. I._ 32. _X._ 29.
+
+[220-b] _Gregor Martyr._ 56. 57.
+
+[220-c] _Gregor Conf._ 27.
+
+[220-d] _Gregor Conf._ 101.
+
+[220-e] _Gregor H. Fr. VII._ 10.
+
+[220-f] _Gregor Conf._ 9.
+
+[220-g] _Gregor H. Fr. X._ 39. _Conf._ 102.
+
+[220-h] _Gregor Martyr._ 47. _H. Fr. I._ 28. _VI._ 12.
+
+[220-i] _Gregor Conf._ 44.
+
+[220-k] _Gregor Conf._ 45.
+
+[220-l] _Gregor Conf._ 46.
+
+[220-m] _Gregor H. Fr. VI._ 12.
+
+[220-n] _Gregor Conf._ 99.
+
+[220-o] _Gregor Martyr._ 55.
+
+[220-p] _Gregor Conf._ 58.
+
+[220-q] _Gregor Conf._ 57.
+
+[220-r] _Gregor Conf._ 59.
+
+[220-s] _Gregor Conf._ 56.
+
+[221-a] _Gregor Conf._ 52.
+
+[221-b] _Gregor Conf._ 53.
+
+[221-c] _Gregor H. Fr. II._ 37.
+
+[221-d] _Gregor Conf._ 98.
+
+[221-e] _Gregor Conf._ 83.
+
+[221-f] _Gregor Conf._ 49. 50.
+
+[221-g] _Gregor Conf._ 48.
+
+[221-h] _Gregor Martyr._ 77.
+
+[221-i] _Gregor Conf._ 29. 35.
+
+[222-a] _Sever. Ep._ 2. 8. 9. 18. _Ep._ 3. 21.
+
+[223-a] _Gregor Martin. I._ 6.
+
+[223-b] _Gregor Martin IV._ 43.
+
+[223-c] _Gregor Mart. II._ 50. 60.
+
+[224-a] _Gregor H. Fr. II._ 14.
+
+[224-b] _Gregor Martin I._ 2.
+
+[224-c] _Sidon. Apollin. Ep. IV._ 18.
+
+[224-d] _Gregor H. Fr. IV._ 20.
+
+[224-1] _Jules Quicherat, Restitution de la Basilique de Saint Martin
+de Tours. Paris. 1869._
+
+[225-a] _Gregor H. Fr. X._ 31. _Fortunat. Carm. X._ 6.
+
+[225-b] _Gregor H. Fr. II._ 38.
+
+[225-c] _Gregor H. Fr. II._ 43. _III._ 28.
+
+[225-d] _Gregor Mart. I._ 12. _H. Fr. IX._ 26.
+
+[225-e] _Gregor Mart. III._ 8.
+
+[226-a] _Gregor Mart. I._ 25.
+
+[226-b] _Gregor Mart. II._ 11.
+
+[226-c] _Gregor Mart. II._ 12.
+
+[226-d] _Gregor Mart. IV._ 27.
+
+[226-e] _Gregor Mart. II._ 9. 10.
+
+[226-f] _Gregor Mart. II._ 47.
+
+[226-g] _Gregor Mart. IV._ 40.
+
+[226-h] _Gregor Julian._ 4.
+
+[226-i] _Gregor Julian._ 9.
+
+[226-k] _Gregor Julian._ 1.
+
+[226-l] _Gregor Julian._ 29.
+
+[226-m] _Gregor Julian._ 16.
+
+[227-1] _Julien Havet, Questions mérovingiennes. V. Les origines de
+Saint-Denis. (Oeuvres. 1896. Tom. I._ S. 216–217.)
+
+[228-a] _Gregor H. Fr. X._ 31. 19.
+
+[228-b] _Gregor Patr._ 20. _Martin I._ 2. _II._ 39.
+
+[228-c] _Gregor Mart. II._ 48. _III._ 22. _IV._ 10. _H. Fr. VIII._ 40.
+
+[228-d] _Gregor H. Fr. X._ 31.
+
+[228-e] _Gregor Conf._ 4. 5.
+
+[228-f] _Gregor Mart. III._ 35.
+
+[228-g] _Gregor Mart. III._ 60.
+
+[228-1] _Lecoy de la Marche, Saint Martin. Tours._ 1881. _S._ 539–594.
+
+[228-2] _Jules Havet, Questions mérovingiennes. VII. Les Actes des
+Evêques du Mans_ (in: _Oeuvres. 1896. Tom. I._ 376. 377).
+
+[229-a] _Gregor Conf._ 9.
+
+[229-b] _Gregor Mart. IV._ 8.
+
+[229-c] _Gregor H. Fr. VII._ 42. _Conf._ 79.
+
+[229-d] _Gregor Mart. III._ 33.
+
+[229-e] _Gregor. Mart. III._ 50.
+
+[229-f] _Gregor H. Fr. VI._ 9. _VIII._ 33.
+
+[229-g] _Gregor Mart. I._ 17.
+
+[229-1] Vergl. _L. de Nussac, Saint Eloi. Ses résidences en Limousin.
+Bulletin de la Société historique. Corrèze._ Bd. 19. S. 309–339.
+
+[230-a] _Gregor Conf._ 11.
+
+[230-b] _Gregor H. Fr. VIII._ 15.
+
+[230-c] _Gregor Mart. I._ 14. 15.
+
+[230-d] _Gregor Conf._ 12.
+
+[230-e] _Gregor Mart. I._ 11. _IV._ 7.
+
+[230-1] Gustav Bossert in: Würtembergische Kirchengeschichte.
+Herausgegeben vom Calwer Verlagsverein. 1893. S. 10–21.
+
+[231-1] P. Joerres, Chronologische und religionswissenschaftliche
+Untersuchungen über das Leben der heiligen Radegunde und ihrer
+Verwandten. Ahrweiler. 1896.
+
+[232-a] _Gregor Jul._ 35.
+
+[232-b] _Gregor Jul._ 47.
+
+[232-c] _Gregor Jul._ 41.
+
+[232-d] _Gregor Jul._ 32.
+
+[232-e] _Gregor H. Fr. VI._ 17. _IX._ 6.
+
+[232-f] _Gregor Jul._ 48.
+
+[232-g] _Gregor Jul._ 50.
+
+[232-h] _Gregor Patr._ 2 3. _Conf._ 20.
+
+[232-i] _Gregor Conf._ 79.
+
+[232-k] _Gregor Martyr._ 51.
+
+[232-l] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Martyr._ 67.
+
+[232-1] Johannes Bernoulli, Die Kirchgemeinden Basels vor der
+Reformation (Basler Jahrbuch. 1894. S. 222).
+
+[232-2] Albert Burckhardt, Die Heiligen des Bisthums Basel (Basler
+Jahrbuch. 1889. S. 166. 167).
+
+[233-a] _Gregor Martyr._ 100.
+
+[233-b] _Gregor H. Fr. X._ 31.
+
+[233-c] _Gregor H. Fr. VII._ 31. _Martyr._ 96.
+
+[234-a] _Gregor H. Fr. II._ 21. _Patr._ 3. 1.
+
+[234-b] _Gregor H. Fr. VI._ 9. 25.
+
+[234-c] _Gregor H. Fr. II._ 20. _Patr._ 6. 7.
+
+[234-d] _Gregor H. Fr. X._ 31. 5. 12. _Martyr._ 46.
+
+[234-e] _Gregor Martyr._ 60.
+
+[234-f] _Gregor Martyr._ 91.
+
+[234-g] _Gregor Martyr._ 89.
+
+[234-h] _Gregor H. Fr. IV._ 20. _V._ 7. _VIII._ 10. 23.
+
+[234-i] _Gregor H. Fr. X._ 31. 18.
+
+[234-k] _Gregor H. Fr. VII._ 35. _Martyr._ 104.
+
+[235-a] _Gregor H. Fr. X._ 31.
+
+[235-b] _Gregor Patr._ 7.
+
+[235-c] _Gregor Martyr._ 12.
+
+[235-d] _Vita Tigris_ 3.
+
+[235-e] _Gregor Martyr._ 19.
+
+[235-f] _Gregor H. Fr. X._ 31.
+
+[235-g] _Gregor Conf._ 64. _H. Fr. IX._ 42. _H. Fr. VII._ 10.
+
+[236-a] _Chlodowech II. Diplom. spur. (Pertz)_ 62; _Childerich II.
+Diplom. spur. (Pertz)_ 68; _Passio Quirini Tegernseensis (Krusch)_ 5. 9.
+
+[236-b] _Vita Balthildis (Krusch)_ 16. 18.
+
+[236-c] _Vita Arnulfi_ 10.
+
+[236-d] _Vita Fridolini._
+
+[236-e] _Vita Chrotech._ 11. 13.
+
+[236-f] _Gregor H. Fr. II._ 43; _III._ 11. 19; _IV._ 1; _Conf._ 89.
+
+[236-g] _Gregor H. Fr. X._ 31. 6.
+
+[236-h] _Gregor Martyr._ 49.
+
+[236-i] _Gregor Martyr._ 85.
+
+[236-k] _Gregor H. Fr. IV._ 31.
+
+[236-l] _Gregor Martyr._ 33.
+
+[236-m] _Gregor H. Fr. II._ 17. _Patr._ 5. 4.
+
+[237-a] _Gregor H. Fr. VI._ 29. _Mart. I._ 9.
+
+[237-b] _Gregor Mart._ 35.
+
+[237-1] _Fustel de Coulange, La cité antique._
+
+[238-a] _Gregor Martyr._ 11.
+
+[238-b] _Gregor Martyr._ 18.
+
+[239-a] _Gregor Martyr._ 8.
+
+[239-b] _Zach._ 14. 20.
+
+[239-c] _Gregor Martyr._ 5–7.
+
+[239-d] _Gregor Martyr._ ö. _H. Fr. III._ 7. _IX._ 40. _Baudonivia
+Radegunde_ 15. 20.
+
+[239-e] _Gregor Martyr._ 14.
+
+[239-f] _Gregor Martyr._ 78.
+
+[239-g] _Martyr._ 82.
+
+[239-h] _Gregor Martyr._ 43.
+
+[239-i] _Gregor Martyr._ 89.
+
+[240-a] _Gregor Conf._ 40.
+
+[240-b] _Gregor Jul._ 2.
+
+[240-c] _Gregor Mart. I._ 18. _II._ 39. _Conf._ 6. 7. 8. 10.
+
+[241-a] _Gregor Mart. II._ 39.
+
+[241-b] _Gregor Mart. IV._ 10.
+
+[241-c] _Gregor Mart. II._ 19. 21.
+
+[242-a] _Gregor Martyr._ 51.
+
+[242-b] _Gregor Martyr._ 72.
+
+[242-c] _Gregor Martyr._ 55.
+
+[243-a] _Gregor Martyr._ 62.
+
+[243-b] _Gregor Mart. IV._ 8.
+
+[243-c] _Gregor Mart. II._ 36.
+
+[243-d] _Gregor Mart. I._ 10.
+
+[243-e] _Gregor Martyr._ 75.
+
+[243-f] _Gregor Jul._ 33.
+
+[244-a] _Gregor Jul._ 48.
+
+[244-b] _Gregor Conf._ 38.
+
+[244-c] _Gregor Martyr._ 18. 51.
+
+[244-d] _Gregor Mart. III._ 42.
+
+[244-e] _Gregor Martyr._ 33.
+
+[244-f] _Gregor Jul._ 49.
+
+[244-g] _Gregor Jul._ 50.
+
+[245-a] _Gregor. Conf._ 20.
+
+[245-b] _Gregor Jul._ 34.
+
+[245-c] _Gregor Martyr._ 30.
+
+[246-a] _Gregor Martyr._ 54.
+
+[246-b] _Gregor Martyr._ 47. 65.
+
+[246-c] _Gregor Martyr._ 19. 33. 52. 57. _Jul._ 19. 39.
+
+[246-d] _Gregor Martyr._ 76.
+
+[247-a] _Gregor Martyr._ 60.
+
+[247-b] _Gregor Martyr._ 64.
+
+[247-c] _Gregor Jul._ 32.
+
+[248-a] _Gregor Mart. II._ 25.
+
+[248-b] _Gregor Martyr._ 33.
+
+[248-c] _Gregor Mart. IV._ 12.
+
+[249-a] _Gregor Jul._ 20.
+
+[250-a] _Gregor Jul._ 43.
+
+[250-b] _Gregor Jul._ 8.
+
+[250-c] _Gregor Jul._ 14.
+
+[250-d] _Gregor Jul._ 15.
+
+[251-a] _Gregor Jul._ 16.
+
+[251-b] _Gregor Jul._ 17.
+
+[251-c] _Gregor Jul._ 18.
+
+[251-d] _Gregor Jul._ 21.
+
+[252-a] _Gregor Martyr._ 78.
+
+[252-b] _Gregor Martyr._ 60.
+
+[253-a] _Gregor Martyr._ 71.
+
+[253-b] _Gregor Martyr._ 58.
+
+[253-c] _Gregor Martyr._ 103.
+
+[253-d] _Gregor Martyr._ 96.
+
+[254-a] _Gregor H. Fr. VI._ 10. _Mart. I._ 29.
+
+[254-b] _Gregor H. Fr. VII._ 29.
+
+[254-c] _Gregor Mart. I._ 31.
+
+[254-d] _Gregor Jul._ 88.
+
+[254-e] _Gregor Mart. II._ 22. 23.
+
+[255-a] _Gregor Mart. III._ 14.
+
+[255-b] _Gregor Mart. III._ 23.
+
+[255-c] _Gregor Mart. I._ 21.
+
+[255-d] _Gregor Mart. II._ 35.
+
+[255-e] _Gregor Mart. III._ 41.
+
+[256-a] _Gregor Mart. III._ 47.
+
+[256-b] _Gregor Mart. III._ 53.
+
+[256-c] _Gregor Mart. IV._ 16.
+
+[256-d] _Gregor Mart. IV._ 35. 41.
+
+[256-e] _Gregor Mart. IV._ 26.
+
+[256-f] _Gregor Jul._ 4.
+
+[256-g] _Gregor Martyr._ 72.
+
+[256-h] _Gregor Martyr._ 44.
+
+[257-a] _Gregor Mart. IV._ 35.
+
+[257-b] _Gregor Mart._ 104. _Jul._ 13.
+
+[257-1] _M. Prou, Examen de quelques passages de Grégoire de Tours,
+relatifs à l’application de la peine de mort_ (in: _Etudes historiques
+du moyen âge, didiées à Gabriel Monod._ S. 1–9).
+
+[257-2] Heinr. Brunner, Abspaltungen der Friedlosigkeit (Zeitschrift
+der Savignystiftung für Rechtsgeschichte. Bd. 11. 1890. S. 66. 81).
+
+[258-a] _Gregor Jul._ 10.
+
+[258-b] _Gregor H. Fr. III._ 17. _IV._ 18. _Mart. I._ 23.
+
+[258-c] _Gregor Mart. II._ 27.
+
+[261-a] _Gregor H. Fr. VII._ 21. 22. 29.
+
+[262-a] _Gregor Mart. III._ 51.
+
+[262-b] _Gregor Mart. III._ 17.
+
+[262-c] _Gregor Conf._ 3.
+
+[263-a] _Gregor Martyr._ 83.
+
+[263-b] _Gregor Mart. I._ 28.
+
+[263-c] _Gregor Mart. III._ 60.
+
+[264-a] _Gregor Martin II._ 2. _III._ 50.
+
+[264-b] _Gregor Martin II._ 50.
+
+[264-c] _Gregor Martin II._ 60.
+
+[264-d] _Gregor Mart. IV._ 1.
+
+[264-e] _Gregor Jul._ 42.
+
+[264-f] _Gregor Martyr._ 5. 18.
+
+[265-a] _Gregor Conf._ 30.
+
+[265-b] _Gregor Conf._ 9.
+
+[265-c] _Gregor Martyr._ 84.
+
+[265-d] _Gregor Mart. III._ 33.
+
+[265-e] _Gregor Mart. I._ 34.
+
+[265-f] _Gregor Mart. IV._ 25.
+
+[266-a] _Gregor Conf._ 40.
+
+[266-b] _Gregor Mart. I._ 35.
+
+[266-c] _Gregor Mart. IV._ 21.
+
+[267-a] _Gregor Mart. I._ 11.
+
+[267-b] _Gregor Mart. IV._ 47.
+
+[267-c] _Gregor Martyr._ 106.
+
+[268-a] _Gregor H. Fr. IV._ 16.
+
+[271-a] _Gregor H. Fr. IX._ 6.
+
+[271-b] _Gesta Francor._ 46.
+
+[271-c] _Passio Quirini_ (_Krusch_) 7.
+
+[272-a] _Gregor Mart. III._ 60.
+
+[273-1] Georg Osterhage, Bemerkungen zu Gregor von Tours kleineren
+Schriften. (Wissenschaftliche Beilage des Humboldtschen Gymnasiums zu
+Berlin. Ostern 1895.)
+
+[274-a] _Gregor Jul._ 13.
+
+[274-b] _Gregor Jul._ 17.
+
+[274-c] _Gregor Jul._ 27.
+
+[274-d] _Gregor Mart. IV._ 32.
+
+[275-a] _Gregor Mart. I._ 9. _II._ 17.
+
+[275-b] _Gregor Mart. II._ 27.
+
+[275-c] _Gregor Mart. I._ 20.
+
+[275-d] _Gregor Mart. II._ 20.
+
+[275-e] _Gregor Jul._ 5.
+
+[275-1] Roscher, Hermes als Windgott. Leipzig. 1878. S. 104.
+
+[276-a] _Gregor Conf._ 95.
+
+[276-b] _Gregor Mart. II._ 53.
+
+[276-c] _Gregor Mart. III._ 16. 20.
+
+[276-d] _Gregor Mart. IV._ 17. 18.
+
+[277-a] _Gregor Martyr._ 87.
+
+[277-b] _Gregor Martyr._ 25.
+
+[277-c] _Gregor Martyr._ 35.
+
+[277-d] _Gregor Jul._ 3.
+
+[277-e] _Gregor Jul._ 25. 26.
+
+[277-f] _Gregor Jul._ 40.
+
+[277-g] _Gregor Martyr._ 36.
+
+[277-h] _Gregor Mart. I._ 2.
+
+[277-i] _Gregor Conf._ 45.
+
+[278-a] _Gregor Mart. IV._ 29.
+
+[278-b] _Gregor Martyr._ 68.
+
+[278-c] _Gregor Andr._ 27.
+
+[278-d] _Gregor Martyr._ 43.
+
+[278-e] _Gregor Conf._ 71.
+
+[278-1] Wilhelm Mannhardt, Wald- und Feldkulte. Berlin 1875. Bd. 1. Der
+Baumkultus. S. 4.
+
+[279-a] _Gregor Martyr._ 6. 20.
+
+[279-b] _Gregor Martin IV._ 7.
+
+[279-c] _Gregor Julian_ 46.
+
+[279-d] _Gregor Martyr._ 41.
+
+[279-e] _Gregor Patr._ 6 7.
+
+[279-f] _Gregor Martyr._ 67.
+
+[279-g] _Gregor Martyr._ 73.
+
+[280-a] _Gregor Conf._ 50.
+
+[280-b] _Gregor Martyr._ 90.
+
+[280-c] _Gregor Martyr._ 77.
+
+[280-d] _Gregor Martyr._ 46.
+
+[280-e] _Gregor Martyr._ 70.
+
+[280-f] _Gregor Conf._ 43.
+
+[280-g] _Gregor Conf._ 23.
+
+[280-h] _Gregor Julian_ 7.
+
+[280-i] _Gregor Martyr._ 66.
+
+[280-k] _Gregor Martyr._ 54. _Conf._ 32.
+
+[281-a] _Gregor Conf._ 110.
+
+[281-b] _Gregor Julian_ 31.
+
+[281-c] _Gregor Mart. IV._ 15.
+
+[281-d] _Gregor Mart. I._ 17.
+
+[281-e] _Gregor Mart. III._ 18.
+
+[281-f] _Gregor Jul._ 17.
+
+[281-g] _Gregor Jul._ 1. 4.
+
+[281-h] _Gregor Conf._ 97.
+
+[281-i] _Gregor Martyr._ 91.
+
+[281-1] Wolfgang Golther, Germanische Mythologie. Leipzig 1895. S. 203.
+
+[282-a] _Gregor Mart. IV._ 31. _Martyr._ 50.
+
+[282-b] _Gregor H. Fr. IV._ 36.
+
+[282-c] _Gregor Conf._ 61.
+
+[282-d] _Gregor Martyr._ 88.
+
+[282-e] _Gregor Martyr._ 75.
+
+[282-f] _Gregor Conf._ 46.
+
+[282-g] _Gregor Conf._ 60.
+
+[282-h] _Gregor Jul._ 42.
+
+[282-i] _Gregor Conf._ 29.
+
+[283-a] _Gregor Martyr._ 59.
+
+[283-b] _Gregor Martyr._ 13.
+
+[284-a] _Gregor Jul._ 30.
+
+[284-b] _Gregor Conf._ 72.
+
+[284-c] _Gregor Conf._ 58.
+
+[284-1] Andrews Lang, _The making of Religion_. London 1898. S. 90–112.
+›_Crystal visions, savage and civilised._‹
+
+[285-a] _August. Civit. Dei. III._ 457.
+
+[285-1] _Miss X (Miss Goodrich), Recent experiments in crystal vision.
+(Society for Psychical Research. Proceedings. 1889. Vol. 5._ S.
+486–521.)
+
+[286-a] _Gregor Martyr._ 1.
+
+[286-b] _Gregor Martyr._ 12.
+
+[286-c] _Gregor Martyr._ 85.
+
+[286-d] _Gregor Martyr._ 101.
+
+[287-a] _Gregor Martyr._ 6.
+
+[287-b] _Sever Dial. I^b_ 2, _II._ 10.
+
+[287-c] _Gregor Mart. I praef._
+
+[288-a] _Gregor H. Fr. V._ 34.
+
+[288-b] _Gregor Mart. III._ 34.
+
+[288-c] _Gregor Mart. II._ 51.
+
+[289-a] _Gregor Mart. II._ 52.
+
+[289-b] _Gregor Mart. I._ 33.
+
+[289-c] _Gregor Mart. II._ 58.
+
+[289-d] _Gregor Mart. II._ 37.
+
+[289-e] _Gregor Mart. II._ 18.
+
+[289-f] _Gregor Julian._ 24. 25.
+
+[289-g] _Gregor Mart. III._ 1.
+
+[289-h] _Gregor Conf._ 39.
+
+[290-a] _Gregor Mart. I._ 40.
+
+[290-b] _Gregor Mart. III._ 6.
+
+[290-c] _Gregor Mart. III._ 7.
+
+[290-d] _Gregor Mart. III._ 9.
+
+[290-e] _Gregor Mart. III._ 10.
+
+[290-f] _Gregor Mart. III._ 13.
+
+[290-g] _Gregor Mart. III._ 14.
+
+[291-a] _Gregor Mart. III._ 15.
+
+[291-b] _Gregor Mart. I._ 27.
+
+[291-c] _Gregor Mart. III._ 40.
+
+[291-d] _Gregor Mart. III._ 44.
+
+[291-e] _Sever. Mart._ 19.
+
+[291-1] _Jules Sichel, Nouveau recueil des pierres d’oculistes Romains,
+Paris 1866._ C. L. Grotefend, Die Stempel der römischen Augenärzte.
+Hannover. 1867. S. 33. _A. Héron de Villefosse et H. Thédenat. Cachets
+d’oculistes romains. Paris-Tours 1882._ S. 47–50.
+
+[292-a] _Gregor Mart. III._ 5. _Cf. III._ 48.
+
+[292-b] _Gregor Mart. III._ 57. _Jul._ 37.
+
+[292-c] _Gregor Mart. II._ 41.
+
+[292-d] _Gregor Mart. III._ 38.
+
+[293-a] _Gregor Conf._ 20.
+
+[293-b] _Gregor Mart. II._ .
+
+[293-c] _Gregor Mart. II._ 18.
+
+[293-d] _Gregor Mart. II._ 53.
+
+[293-e] _Gregor Mart. III._ 54.
+
+[293-1] _Léopold Delisle. Etude sur la condition de la classe agricole
+en Normandie._ S. 418–470.
+
+[294-a] _Gregor Mart. II._ 38.
+
+[294-b] _Gregor Mart. III._ 52.
+
+[294-c] _Gregor Mart. III._ 36.
+
+[294-d] _Gregor Mart. I._ 38.
+
+[294-e] _Gregor Mart. III._ 34.
+
+[294-f] _Gregor Mart. I._ 13.
+
+[294-g] _Gregor Jul._ 14. 16.
+
+[295-a] _Gregor Mart. IV._ 44.
+
+[295-b] _Gregor Mart. III._ 30.
+
+[295-c] _Gregor Mart. IV._ 1.
+
+[295-d] _Gregor Mart. III._ 20.
+
+[295-e] _Gregor Mart. IV._ 19.
+
+[295-f] _Gregor Mart. II._ 3.
+
+[295-g] _Gregor Mart. IV._ 6.
+
+[295-1] Heinrich Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medizin und der
+Volkskrankheiten. Jena. Bd. _III._ 1882. S. 89.
+
+[296-a] _Gregor Mart. IV._ 2.
+
+[296-b] _Gregor Mart. IV._ 33.
+
+[296-c] _Gregor Mart. IV._ 9.
+
+[296-d] _Gregor Mart. III._ 59.
+
+[296-e] _Gregor Mart. III._ 12.
+
+[296-f] _Gregor Mart. III._ 43.
+
+[296-g] _Gregor Mart. II._ 51.
+
+[296-h] _Gregor Mart. I._ 15.
+
+[296-i] _Gregor Mart. III._ 18.
+
+[296-k] _Gregor Mart. IV._ 28.
+
+[296-l] _Gregor Mart. IV._ 43.
+
+[297-a] _Gregor Jul._ 9.
+
+[297-b] _Gregor Jul._ 12.
+
+[297-c] _Gregor Mart. I._ 7.
+
+[298-a] _Gregor Mart. I._ 25.
+
+[298-b] _Gregor Mart. II._ 4.
+
+[298-c] _Gregor Martyr._ 5.
+
+[298-d] _Gregor Mart. II._ 31.
+
+[299-a] _Gregor Mart. II._ 33.
+
+[299-b] _Gregor Mart. I._ 24.
+
+[299-c] _Gregor Mart. I._ 26.
+
+[300-a] _Gregor Jul._ 23.
+
+[300-b] _Gregor Jul._ 37.
+
+[300-c] _Gregor Mart. II._ 54.
+
+[300-d] _Gregor Mart. III._ 39.
+
+[301-a] _Gregor Mart. III._ 45.
+
+[301-b] _Gregor Mart. I._ 22.
+
+[301-1] _Travaux du laboratoire de Psychologie de la Clinique à la
+Salpetrière. Pierre Janet. Nevroses et idées fixes. Paris. 1898._
+
+[302-a] _Gregor Mart. I._ 19. _III._ 11. 21. 25. 26. 32. _IV._ 30.
+
+[302-b] _Gregor Mart. IV._ 14.
+
+[302-c] _Gregor Mart. IV._ 3.
+
+[302-d] _Gregor Mart. I._ 16.
+
+[302-e] _Gregor Mart. II._ 26.
+
+[302-f] _Gregor Mart. II._ 10.
+
+[302-g] _Gregor Mart. II._ 25. 26.
+
+[302-h] _Gregor Mart. II._ 28. 33.
+
+[302-i] _Gregor Mart. IV._ 6.
+
+[302-k] _Gregor Mart. IV._ 4.
+
+[303-a] _Gregor Mart. III._ 2.
+
+[303-b] _Gregor Mart. II._ 55.
+
+[303-c] _Gregor Mart. II._ 42.
+
+[303-d] _Gregor Mart. IV._ 5.
+
+[303-e] _Gregor Mart. II._ 29.
+
+[303-f] _Gregor Mart. II._ 5–7.
+
+[303-g] _Gregor Mart. II._ 13. 14. _III._ 35. 49. _Jul._ 47.
+
+[303-h] _Gregor Mart. II._ 44. _IV._ 13.
+
+[303-i] _Gregor Mart. II._ 9. _III._ 19. _IV._ 26.
+
+[303-k] _Gregor Mart. II._ 30.
+
+[303-l] _Gregor Mart. II._ 57.
+
+[303-m] _Gregor Mart. II._ 59.
+
+[303-n] _Gregor Mart. III._ 46.
+
+[303-o] _Gregor Mart. IV._ 42.
+
+[303-p] _Gregor. Mart. II._ 33.
+
+[305-1] _H. L. Bordier, Les livres des miracles de Grégoire de Tours.
+Paris. 1864. Tom. 4._ S. 6–8.
+
+[307-a] _Gregor Martyr._ 70.
+
+[308-a] _Gregor Martyr._ 80. _Cf. Conf._ 14.
+
+[308-b] _Gregor Martyr._ 81.
+
+[308-c] _Gregor H. Fr. II._ 3. _IX._ 15. _Conf._ 13.
+
+[308-d] _Gregor. Conf._ 47.
+
+[308-e] _Gregor Martyr._ 23. 24.
+
+[308-f] _Gregor H. Fr. III._ 29.
+
+[309-a] _Gregor Mart._ 10.
+
+[309-b] _Gregor Martyr._ 21.
+
+[309-c] _Gregor Martyr._ 99.
+
+[309-d] _Gregor Mart._ III. 50.
+
+[311-a] _Gregor H. Fr. VI._ 5.
+
+[311-b] _Gregor H. Fr. V._ 43. _VI._ 40.
+
+[311-c] _Gregor H. Fr. I._
+
+[311-d] _Gregor Martyr._ 83. _Mart. III._ 8. _H. Fr. VI._ 6. _VIII._
+14. 16.
+
+[311-e] _Gregor Comm. Ps._ 5.
+
+[311-1] Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. _I._ Leipzig
+1887. S. 193–200.
+
+[312-a] _Gregor Martyr._ 22.
+
+[312-b] _Gregor Martyr._ 21.
+
+[312-c] _Gregor Martyr._ 7.
+
+[312-d] _Gregor Martyr._ 4.
+
+[312-e] _Gregor Martyr._ 11.
+
+[313-a] _Gregor Martyr._ 9.
+
+[313-b] _Gregor Martyr._ 26.
+
+[313-c] _Gregor Martyr._ 27.
+
+[313-d] _Gregor Martyr._ 28.
+
+[313-e] _Gregor Martyr._ 29.
+
+[314-a] _Gregor Martyr._ 30.
+
+[314-b] _Gregor Martyr._ 31.
+
+[314-c] _Gregor Martyr._ 33.
+
+[314-d] _Gregor Martyr._ 35.
+
+[314-e] _Gregor Martyr._ 94.
+
+[314-f] _Gregor Martyr._ 100.
+
+[314-g] _Gregor Martyr._ 96.
+
+[315-a] _Gregor Martyr._ 97.
+
+[315-b] _Gregor Martyr._ 98.
+
+[315-c] _Gregor Martyr._ 99.
+
+[315-d] _Gregor Martyr._ 101.
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+[315-e] _Gregor Martyr._ 95.
+
+[315-f] _Gregor Martyr._ 48. 49.
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+[315-g] _Gregor Conf._ 26.
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+[315-h] _Gregor Martyr._ 42.
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+[315-i] _Gregor Martyr._ 40.
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+[315-k] _Gregor Martyr._ 38.
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+[315-l] _Gregor Conf._ 108.
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+[315-m] _Gregor Conf._ 3.
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+[316-a] _Gregor Martyr._ 64.
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+[316-c] _Gregor Conf._ 1.
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+[316-1] F. Kattenbusch, Lehrbuch der vergleichenden Confessionskunde.
+_I._ Freiburg i/Br. 1892. S. 466.
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+[316-2] Heinrich Häser, Geschichte christlicher Krankenpflege und
+Pflegerschaften. Berlin. 1857. S. 13–19.
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+[317-a] _Gregor Mart. I._ 4. 5.
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+[318-a] _Gregor Martyr._ 74.
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+[318-b] _Gregor Martyr._ 104.
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+[319-a] _Gregor Martyr._ 105.
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+[319-b] _Gregor Mart. IV._ 37.
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+[319-c] _Gregor Mart. I._ 6.
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+[319-1] Ludwig Laistner, Rätsel der Sphinx. 1889.
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+[320-a] _Gregor Mart. I._ 26. 27. _IV._ 36. _Jul._ 48 _a_.
+
+[320-b] _Gregor Mart. II._ 19.
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+[320-c] _Gregor Mart. I._ 9.
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+[320-d] _Gregor Martyr._ 91.
+
+[320-e] _Gregor Mart. I._ 30.
+
+[320-f] _Gregor Mart. II._ 58.
+
+[321-a] _Gregor Conf._ 77.
+
+[321-b] _Gregor Martyr._ 77.
+
+[321-c] _Gregor Mart. II._ 1.
+
+[321-d] _Gregor Martyr._ 86.
+
+[321-e] _Gregor H. Fr. VI._ 9. _VII._ 15. _VIII._ 39. _X._ 5.
+
+[321-f] _Gregor H. Fr. IV._ 42. _V._ 20. 27. _VII._ 28. 34. 37. 38. 39.
+
+[321-g] _Gregor H. Fr. V._ 26. 29. 40.
+
+[321-h] _Gregor H. Fr. IV._ 6. 7. 11. 13. 15. 16. 31. 35.
+
+[321-i] _Gregor H. Fr. IX._ 39–43. _X._ 15–17.
+
+[321-k] _Gregor H. Fr. VIII._ 15.
+
+[322-a] _Gregor H. Fr. VIII._ 34.
+
+[322-b] _Gregor H. Fr. IV._ 34.
+
+[322-c] _Gregor Conf._ 37.
+
+[323-a] _Gregor H. Fr. I._ 32.
+
+[323-b] _Gregor Conf._ 2.
+
+[323-1] W. v. Giesebrecht, Zehn Bücher fränkischer Geschichte vom
+Bischof Gregorius von Tours, in: Geschichtsschreiber der deutschen
+Vorzeit. 2. Gesamtausgabe. Leipzig 1878. Bd. _IV_. 1. 367/368.
+
+[324-a] _Gregor Conf._ 76.
+
+[324-b] _Gregor H. Fr. I._ 31.
+
+[324-c] _Gregor H. Fr. II._ 10.
+
+[325-a] _Gregor Jul._ 5. 6.
+
+[325-b] _Gregor H. Fr. V._ 37. _Mart. I._ 11. _cf. Fortunat. Carm._ 5.
+1. 2.
+
+[325-1] C. P. Caspari, Martin von Bracara’s Schrift _De correctione
+rusticorum_. Christiania 1883.
+
+[327-a] _Martin Bracar. De correct. rustic._ 7–12. 15. 16.
+
+[327-b] _Gregor Mart. II._ 15. _III._ 28. _IV._ 22. _Jul._ 22.
+
+[327-c] _Gregor Mart. III._ 27.
+
+[327-d] _Gregor Mart. IV._ 34.
+
+[327-e] _Gregor Mart. III._ 37.
+
+[327-f] _Gregor Mart. III._ 58.
+
+[327-g] _Gregor Mart. II._ 45.
+
+[327-h] _Gregor Mart. I._ 20.
+
+[327-i] _Gregor Martyr._ 28.
+
+[327-k] _Gregor Andr._ 6.
+
+[327-l] _Gregor Mart._
+
+[327-m] _Gregor Mart._
+
+[327-1] Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube § 402 ff.
+
+[328-a] _Gregor H. Fr. VIII._ 33.
+
+[328-b] _Gregor Martyr._ 57.
+
+[328-c] _Gregor Martyr._ 9.
+
+[328-d] _Gregor Mart. I._ 14.
+
+[328-e] _Gregor Martyr._ 5.
+
+[328-f] _Gregor Conf._ 77.
+
+[328-g] _Gregor Mart. III._ 24.
+
+[328-h] _Gregor Jul._ 35.
+
+[328-i] _Gregor Martyr._ 5.
+
+[329-a] _Gregor Mart. II._ 32.
+
+[330-a] _Gregor Martyr._ 45.
+
+[330-b] _Gregor Mart. III._ 55.
+
+[330-c] _Gregor Mart. IV._ 45.
+
+[330-d] _Gregor Mart. II._ 57.
+
+[330-e] _Gregor Mart. III._ 31.
+
+[330-f] _Gregor Mart. II._ 24.
+
+[330-g] _Gregor Martyr._ 15.
+
+[331-a] _Gregor Mart. III._ 56.
+
+[331-b] _Gregor Jul._ 11.
+
+[331-c] _Gregor Mart. III._ 3.
+
+[331-d] _Gregor Mart. III._ 20.
+
+[331-e] _Gregor Mart. III. praef._
+
+[332-a] _Gregor Mart. IV._ 30.
+
+[332-b] _Gregor Mart. II._ 49.
+
+[332-c] _Gregor Mart. II._ 34.
+
+[332-d] _Gregor Jul._ 28.
+
+[332-e] _Gregor Mart. IV._ 46.
+
+[335-a] _Gregor Mart. II._ 1.
+
+[335-b] _Gregor Jul. praef._
+
+[335-c] _Gregor H. Fr. II._ 10.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75971 ***