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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75795-0.txt b/75795-0.txt new file mode 100644 index 0000000..e29499b --- /dev/null +++ b/75795-0.txt @@ -0,0 +1,3208 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 *** + + + +Unser neuer Roman. Man kennt das Leben der vormärzlichen schlesischen +Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, wer aber +fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial liefern, nach +den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern auf den Baumwollfarmen? Ein +erheblicher Teil der in Mexiko geernteten Baumwolle geht in deutsche +Spinnereien. Vom Leben und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen +Gegenden tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber +inhaltsreiche Roman „_Die Baumwollpflücker_“, mit dessen +Veröffentlichung wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden +noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm vor. Wo +um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe und +Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind brutale +Wahrheit. Der Verfasser _B. Traven_ spricht aus eigener bitterer +Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen Szenen vertiefen +nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des Romans – denn es gibt doch +einen – ist die arbeitende Klasse, sind die mexikanischen Landarbeiter, +meist Indianer. Im Vergleich zu diesen führen die Landarbeiter in den +ostelbischen Gefilden das reinste Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt +das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als +Oelmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und +Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann +unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo die „Wilden“ +noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen. Noch heute +liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er uns schreibt – 35 Meilen von +der nächsten Stadt entfernt, wo er „Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der +heutigen Nummer von „Volk und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff +davon, wie es in diesen tropischen Einsiedeleien aussieht. + + „Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925 + + + + + Die Baumwollpflücker. + + + Roman von B. Traven. + + + Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico. + + + + + Revolutionsgesang der Baumwollpflücker in Mexiko. + + + Es trägt der König meine Gabe, + Der Millionär, der Präsident; + Doch ich, der arme Pflücker, habe + In meiner Tasche keinen Cent. + Trab, trab, auf’s Feld! + Gleich geht die Sonne auf. + Häng um den Sack! + Hörst Du die Wage rasseln? + + Nur schwarze Bohnen sind mein Essen, + Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin; + Mein Hemde hat der Busch gefressen, + Seitdem ich Baumwollpflücker bin. + Trab, trab, auf’s Feld! + Gleich geht die Sonne auf. + Häng um den Sack! + Hörst Du die Wage kreischen? + + Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise, + Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh, + Die Hos’ ging längst schon auf die Reise, + Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’. + Trab, trab, auf’s Feld! + Gleich geht die Sonne auf. + Häng um den Sack! + Hörst Du die Wage brüllen? + + Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten, + Kein Hälmchen Stroh ist heil daran; + Doch diesen Hut muß ich behalten, + Weil ich ja sonst nicht pflücken kann. + Trab, trab, auf’s Feld! + Gleich geht die Sonne auf. + Häng um den Sack! + Siehst Du die Wage zittern? + + Ich bin verlaust, ein Vagabund, + Und das ist gut, das muß so sein; + Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund, + Käm’ keine Baumwoll’ rein. + Im Schritt, im Schritt! + Es geht die Sonne auf. + Füll in den Sack die Ernte Dein! + Die Wage schlag in Scherben! + + + + + Erster Teil. + + + 1. + +Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen +Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden +saßen, ich hätte nach dem Wege fragen können. + +Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte. +Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert. +Einen alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe; einen roten +Baumwollfetzen am Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen +war; eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den +Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die vorn und hinten +offen sind. + +Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in +welcher Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz, +den er mir sagen wollte. + +„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es mir zu lange dauerte. + +„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam endlich +heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach Ixtilxochitchuatepec geht?“ + +„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich. + +Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu +fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand +nach Namen, Beruf, woher und wohin auszuforschen, kam mir sofort zum +Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu: + +„Dort will ich nämlich auch hin!“ + +„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“ + +„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine, +Baumwolle pflücken.“ + +„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte er nun und +heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er einen Kameraden gefunden +hatte. + +In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu +und platzte sofort heraus: + +„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine komme?“ + +„Baumwolle pflücken?“ fragte ich. + +„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem anderen schwarzen +Kollegen in Queretaro.“ + +Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu getrippelt kam. + +Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine Herren, ich will +dort hin, wo ist der Weg?“ + +Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann: +„Mr. Shine in Ixtilxo – –.“ + +„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie wollen, +verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“ + +„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink. + +„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“ + +Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink das +kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete +sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren anfangen können. Wir +fühlten uns alle vier so wohl wie vier Brüder, die nach langer Trennung +sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen +haben. + +Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur +halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener, +auf uns zuschlenderte und mit welcher Sorglosigkeit ein zweiter +Mexikaner uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr. +Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken. + +Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. – + +Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und +verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine Station in +Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann. + +Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt, +selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte +irgendein Jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten +gehalten hätte, mitgenommen. + +Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das +ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch +versorgt werden könnte – zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht +und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig. + +Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen +wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle +die Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen +Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte +die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem +Bahnsteig war. + +Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei +Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten +Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits +durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt +stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas +verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier +Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das +wußten auch offenbar die Reisenden. Andernfalls hätten sie doch in der +Hitze wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen +gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, +war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft +nicht aufkommen konnte. + +Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den +Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den Schatten. + +Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot +gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Uebung dazu, +herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war. + +Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie +wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen +sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wenn ich gehe, +nicht früher; und sie würden mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru +führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse +wie sie. + + + 2. + +Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In der Nähe der Station +war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte +irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir +erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird, +der den Weg weiß. + +Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus +Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und +fragte ihn, wo Ixtil – – liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir +höflich, daß er den Namen nie gehört habe. + +Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere „moderne“ +Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt, +Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle +möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den +Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb +fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden +Platz und jeden Farmer. + +Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie +wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette, +wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet +hatte, sagte er: + +„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in +dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“ + +Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus, +die er meinte. + +„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich +viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also +wird wohl noch etwas Weg übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern +Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen +gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“ + +„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich. + +„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau +weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher früh morgens +abgefahren.“ + +„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer anderen +Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“ + +„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine +heißen kann, alle sind Gringos.“ + +„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für Amerikaner. Er hat +ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für +Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zu viel unzerstörbaren Humor +besitzen, um sich so leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das +Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe +genommen dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt, was für +Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das +mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre. + +Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen +Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt +und ein Dach aus trockenem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus +dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen, keine +Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen +sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner +wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um +das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der +Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag +schräger einfielen, abzuschatten. + +Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten +sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen. +Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand. +Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo +die Hühner brav ihre Eier hineinlegten. + +Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu +werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo +nur gesät und geerntet, sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und +Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten. + +In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine +Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht +falsch gegeben mit der Absicht, uns irre zu führen, aber aus purer +Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“ +sagen zu müssen. + + + 3. + +So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im +Postamt von dem Billardspieler genannt war und die ich für die einzige +glaubwürdige hielt. + +„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl +hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein. + +Wir waren unserer sechs. + +Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, der mich zuerst +angesprochen hatte. + +Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. Er war nicht +ganz so zerlumpt wie Antonio und hatte ein Bündelchen, eingewickelt in +eine alte Schilfmatte, und eine schöne, nach mexikanischer Art +farbenfreudig gemusterte Decke, die er über der Schulter trug. + +Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche unter allen. Der +einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes Hemd trug, heile Hosen +hatte, gute Straßenstiefel, seidene Strümpfe und einen runden +städtischen Strohhut. Er hatte zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt. +Sie schienen gar nicht so leicht zu sein. + +Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, lächelte immer, +konnte das „R“ nicht aussprechen und war scheinbar immer guten Mutes. Es +wurde mit der Zeit unser größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was +immer wir auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld +als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte er vorsichtig auf +einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, was er uns gleich +erzählte, nur damit wir nicht etwa denken sollten, er trüge es bei sich +und könnte dafür geopfert werden. + +Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große Leidenschaft – meine +noch viel weniger – aber weil es nicht so sehr außerhalb seines Weges +lag, wollte er die sechs bis sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er +hoffte dann zum Herbst ein kleines Restaurant – „^comida corrida^ 50“ – +eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte Pläne für +die Zukunft hatte. + +Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er sich ein dünnes +Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden eines seiner Bündel und +legte sich das Stämmchen über die Schulter. Während er bisher mit uns im +gleichen Schritt gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen +Schrittchen zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen +Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und ohne jemals +zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten oder niederlegten, tat +er es auch, war aber jedesmal erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen +mußten. Wir schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen +seien, während er als verdammter Chink von einem gelben, fratzenhaften +Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und daß darin die übermenschliche +Ausdauer seiner stinkigen und uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er +erklärte darauf heiter lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir +alle von demselben Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei +und nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete der +Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten, ließen wir ihn in seinem +Unglauben. + +Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen und seinem in +fettigem und zerrissenem Papier verschnürten Bündel, das unzählige Male +auf dem Marsche aufging, viel besser in unsere Gesellschaft als der +elegante Chink. Charly behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder +englisch geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den +amerikanischen Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft +nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder Guatemala, oder +von St. Domingo. Aber er sprach auch nur sehr unbeholfen ein +notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren können, wo er eigentlich +hingehörte. Nach meiner Meinung war er entweder aus Brasilien +heraufgekommen oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er +wollte sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger mit +etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach den States zu +schmuggeln als für einen Weißen, der gut Englisch sprechen konnte. Er +war der einzige, der offen erklärte, daß er Baumwolle pflücken als die +schönste und einträglichste Arbeit betrachte. + +Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus New-Orleans. Er hatte +ein schwarzes Hemd an. Weil nun seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie +das Hemd, konnte man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste +des Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden sollte. Er +als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den Heizern und +Maschinenschmierern auf den amerikanischen Schiffen getragen wird. Dann +trug er eine weiß- und rotgestreifte Leinenhose, Lackhalbschuhe und +weiße Baumwollstrümpfe. + +Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und eine +Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und in einem kleinen +Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln. + +Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche und immer lustige +amerikanische Nigger der Südstaaten. Er hatte eine Mundharmonika, mit +der er uns das blöde „^Yes, we have no bananas^“ so lange vorspielte, +bis wir ihn am zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit +vorläufig nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder pfiff und +dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie ein Rabe und log – der +Vergleich war von Gonzalo, ich weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist +– und log wie ein Dominikanermönch. + +Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie er einen dicken +Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte, stahl. Wir +nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor er ihn in der Pfanne hatte, und wir +erklärten ihm ganz ernsthaft, daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen +ertappten, wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine +Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil mit der +Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel geschnürt habe, am +nächstbesten Mahagonibaum aufhängen mit einem Zettel auf der Brust, +wofür er gehängt sei. + +Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn auch nur +anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „^native born^“, und wenn wir +ihm nur das allergeringste Leid täten, so würde er das an die Regierung +nach Washington berichten, und die würde dann mit einem Kanonenboot und +dem Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein freier Bürger +„^of the States^“ und das könne er durch „^c’tificts^“ beweisen, und als +solcher habe er das Recht, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu +werden. Als wir ihm nun erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und +keine Gelegenheit geben würden, nach Washington einen Bericht zu +schicken, und daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches +Kanonenboot mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, sagte er: +„^Well, gentlemen sirs^, berühren Sie mich nur mit der Fingerspitze, +dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“ + +Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie er dem Chink +eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es sei seine eigene, er habe +sie in Guadalajara im American Store gekauft. Er wurde daraufhin so +windelweich gedroschen, daß er keinen Finger krumm machen konnte, um +nach Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr gestohlen, +und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, ging uns nichts an. + +Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger zu berichten weiß, +da ich mich in der Kleidung von den übrigen nicht unterschied, und zum +Baumwollepflücken, welche zeitraubende und schlecht bezahlte Arbeit ich +kannte, auch nur ging, weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war +und ich bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose +brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu kaufen, dazu hätte +selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf einer Baumwollfarm nicht +gelangt. Ich war der einzige, der keine Strümpfe trug, weil ich keine +hatte. + +Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum Antonio den Fetzen +eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie klar geworden. Sie mag +vielleicht einmal in weit zurückliegenden Zeiten, lange vor der +Entdeckung Amerikas, die Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das +will ich nicht bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht +Uebertreibung, sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst wird +büßen müssen. + + + 4. + +Wir wanderten lustig darauf los. + +Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten neben uns der +undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. Der ewig jungfräuliche +tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen Mystik, mit seinen +Geheimnissen an Tieren der phantastischsten Art, mit seinen traumhaften +Formen und Farben der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an +wertvollen Steinen und kostbaren Metallen. + +Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine Gold- oder +Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und hatten mehr Wert auf den +sicheren Arbeitslohn zu legen als auf den unsicheren Millionengewinn, +der vielleicht links oder rechts von uns im Busch verborgen lag und auf +den Entdecker wartete. – + +Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr fünf Uhr sein. + +Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um. + +Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch hinein hohes Gras +stand. Wir rissen soviel von dem Gras aus, wie wir Platz zum Lagern +brauchten. Dann zündeten wir ein Feuer an und brannten den Rest des +Grases nieder, wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier +für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche ist der +beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit den +Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert. + +Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum Kochen, denn wir hatten +kein Wasser. + +Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. Wir +wußten nichts davon, daß er einen so wertvollen Stoff mit sich führte. +Er machte den Kaffee heiß, und bereitwillig bot er uns allen zu trinken +an. Aber was ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck +Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert sind, vor +morgen früh um sieben oder acht Uhr ganz bestimmt auch nichts Trinkbares +haben werden und vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig +Wasser finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der Busch +ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet man dort nur in der +Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich Tümpel bilden können. + +Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, was für ein +Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber keiner sagte „Danke!“; jeder +betrachtete es als selbstverständlich, daß der Kaffee in Teile ging. +Wahrscheinlich hätten wir es genau so selbstverständlich gefunden, wenn +der Chink den Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag +Wanderung in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für einen +Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft Mord zu sinnen +im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse voll stinkender +Flüssigkeit, die man Wasser nennt, obgleich sie keine andere +Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß sie eben Flüssigkeit ist. + +Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern. + +Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige Bananen. Der +kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. Was es war, weiß ich nicht. + +Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen Schlafplatz +spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ein, auch den +Kopf, und begann zu schlafen. + +Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, so daß er +wie ein Baumstamm aussah. + +Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen ein, den ich stolz +„mein Handtuch“ nannte, und schlief los. + +Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die noch lange +um das Feuer herumsaßen und rauchten und schwatzten. – + +Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem Marsche. Abzukochen gab +es nichts, und waschen brauchte man sich auch nicht. Denn womit hätte +man es tun sollen? + +Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch schon wieder +zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen Bäume reichte uns oft bis über die +Schultern, und der Grund war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß +diese stachligen Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges +einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten, als +wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden wären. + +Gegen mittag kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts des Weges ein +Stacheldrahtzaun hinzog, der uns die Gewißheit gab, daß hier eine Farm +liegen müsse. + +Als wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun zur rechten +Hand, gewandert waren, kamen wir an eine weite offene Stelle im Busch, +die mit hohem Gras bewachsen war. Als wir den Platz absuchten, fanden +wir auch eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle, alte +Konservenbüchsen, verrostetes Blech und ähnliche Ueberbleibsel einer +menschlichen Behausung zeigten uns eine verlassene Farm. + +Ueber eine solche Enttäuschung muß man rasch hinwegkommen. Farmen werden +hier gegründet, zehn, auch zwanzig Jahre lang bewirtschaftet und dann +aus irgendeinem Grunde plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft +schon früher, ist kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals +Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein, als seien +es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt hat. Der tropische Busch +begräbt rascher, als Menschen können; er kennt keine Erinnerung, er +kennt nur Gegenwart und Leben. + +Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm. Hier wohnte eine +amerikanische Familie. + +Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein Lager innerhalb des +Hauses. Die übrigen als Nichtweiße, wurden auf der Veranda beköstigt und +durften in einem Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu +essen, aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie +eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen von weißen +Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene Fleischgänge, fünf +verschiedene Beigerichte, Kaffee, Schokolade und abends heißen Kuchen. + +Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches Frühstück; ich am +Tische des Farmers. + +Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekamen wir jeder +einzelne eine Literflasche kalten Tee mit auf den Weg. + +Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa sechzig Kilometer +zu marschieren hätten. Kein Wasser am ganzen Weg; die Straße an +verschiedenen Stellen kaum noch erkennbar, weil sie seit drei Jahren +nicht mehr benutzt worden sei. + +Um 9 Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee schon ausgetrunken +und die Flasche fortgeworfen. Es war ihm zu lästig, sie zu tragen. Wir +erklärten ihm, daß er unter diesen Umständen von uns nichts zu erwarten +habe, und wenn er versuchen sollte, auch nur einen Schluck zu stehlen, +würden wir ihn braun und blau schlagen. + +An diesem Abend im Lager war es, wo Abraham zwar keinen Tee stahl, aber +jenen Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte. Da sich +unsere Drohung nur auf Tee bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung, +daß von nun an jeder Raub in unsere Drohung einbegriffen sei. + +Den folgenden Tag gegen Mittag kamen wir bei Mr. Shine an. + + + 5. + +Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil er nicht genügend +Leute zum Baumwolle pflücken hatte. + +Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins Haus und sagte mir: +„Was! Sie wollen auch Baumwolle pflücken?“ + +„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig „^broke^“, das sehen Sie +ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den Städten keine zu +haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen aus den States, wo die +Verhältnisse augenblicklich auch nicht rosig zu sein scheinen. Und wo +man wirklich Arbeiter braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man +denen Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“ + +„Haben Sie denn schon mal gepflückt?“ fragte er. + +„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“ + +„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können Sie etwas dabei +werden.“ + +„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“ + +„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die können’s auch. Die +kriegen ganz andere Preise als wir. Könnten wir unsere Baumwolle nach +den States verkaufen, dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber +die States lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten. +Wir sind auf unsern eigenen Markt angewiesen, und der ist immer gleich +gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder beköstigen, noch in +meinem Hause unterbringen. Aber ich brauche jede Hand, die kommt. Ich +will Ihnen etwas sagen; ich zahle sechs Centavos für das Kilo. Ihnen +will ich acht zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die +Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den andern nicht +erzählen. Schlafen könnt Ihr da drüben in dem alten Hause. Das habe ich +gebaut und mit meiner Familie zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue +hier leisten konnte. Well, das ist dann abgemacht.“ + +Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag etwa fünf Minuten +entfernt. Wir machten uns dort häuslich, so gut wir konnten. Das Haus, +aus Brettern leicht gebaut, hatte nur einen Raum. Jede der vier Wände +hatte je eine Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum war +vollständig leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein paar alte +Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen vier, benutzten wir als +Stühle. + +Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser enthielt, das +ungefähr sieben Monate alt war und von Kaulquappen wimmelte. Ich +berechnete, daß etwa 120 Liter Wasser in der Zisterne seien, mit denen +wir sechs Mann sechs bis acht Wochen auskommen mußten. Der Farmer hatte +uns schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen könnten, er wäre +selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs Pferde und vier +Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir uns einmal in der Woche, und +hatten dann noch zu je drei Mann dasselbe Waschwasser zu gebrauchen. Es +sei aber immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in dieser Jahreszeit +alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier Stunden regnen könne, +und wenn wir die Auffangrinnen reparierten, könnten wir tüchtig Wasser +ansammeln. Außerdem sei ein Fluß nur etwa drei Stunden entfernt, wo wir +baden gehen könnten, falls wir Lust dazu hätten. + +Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem uns der nahe +Busch das Holz in reicher Menge hergab. + +Auf die recht nebelhafte Möglichkeit bin, daß es vielleicht innerhalb +der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen wir uns zunächst einmal +in einer alten Gasolinbüchse. Seit drei Tagen hatten wir uns nicht +gewaschen. + +Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen, ein Rasiermesser, +einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich immer bei mir. + +Auch der Chink rasierte sich. + +Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein Rasiermesser. Er hatte +sich seit beinahe drei Wochen nicht rasiert und sah aus wie ein +fürchterlicher Seeräuber. + +„Nein,“ sagte ich, „lieber Antonio, Rasierzeug, Kamm und Zahnbürste +verpumpe ich nicht.“ + +Und der Chink, mutig gemacht durch meine Weigerung, sagte lächelnd, daß +sein schwaches Messer bei diesem starken Bart sofort stumpf würde und er +hier keine Gelegenheit habe, es schleifen zu lassen. + +Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden. + +Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem Pfeffer, der +andere schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste Bohnen mit getrocknetem +Rindfleisch, ein vierter briet einige Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir +am nächsten Morgen schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir +auch noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in Pfannen buken. + +Als wir gegessen hatten, hängten wir unsere armseligen Lebensmittel an +Bindfaden an den Querbalken im Hause auf, weil uns die Ameisen über +Nacht sonst alles fortgeholt hätten, wenn wir diese Vorsorge nicht +getroffen hätten. + +Etwas nach 6 Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe Stunde später war +rabenschwarze Nacht. + +Glühwürmchen, mit Lichtern so groß wie Haselnüsse, flogen um uns her. + +Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen. + +Der Chink war der einzige, der ein Moskitonetz hatte. Wir andern wurden +von dem Viehzeug gräßlich geplagt und schimpften und wüteten, als ob +sich die Gesandten einer Hölle etwas daraus machen würden. + +Die beiden Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor dem +Einschlafen entsetzlich zankten und sich Backpfeifen anboten, schienen +von den Biestern nicht gestört zu werden. + +Ich entschloß mich, diese Qual für die eine Nacht zu erdulden, aber +morgen für irgendeine Abhilfe zu sorgen. + +Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen. Jeder kochte sich etwas +Kaffee, aß ein kleines Stückchen Brot dazu, und fort ging es im halben +Trab. + +Das Baumwollfeld war drei Viertelstunden entfernt. + +Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort. Wir bekamen jeder +einen alten Sack, den wir uns umhängten, und dann ging es an die Arbeit. +Jeder nahm eine Reihe. + +Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff erst weg hat, +bekommt man jede Frucht mit einem einzigen Griff. Aber da die Knollen, +die ähnlich aussehen wie die Hüllen der Kastanien, nicht alle die +gleiche Reife haben, muß man doch bei der Hälfte einige Male zupfen, ehe +man den Inhalt in den Sack tun kann. Dazu muß man sich auch noch +unaufhörlich bücken, weil die Früchte nicht alle in bequemer Höhe am +Strauch hängen, sondern oft bis dicht über dem Boden wachsen. Je weiter +es gegen Mittag geht, je höher steht die Sonne und je mühseliger wird +die Arbeit. Man trägt nichts weiter am Leibe als Hut, Hemd, Hose und +Schuhe, aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab; und sehr +kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren kriechen, +machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein leichter Wind auf, geht +es noch; aber bei völliger Windstille wird die Qual mit jeder Stunde +größer. Gegen 11 Uhr, nach beinahe siebenstündiger ununterbrochener +Arbeit, kann man nicht mehr. + +Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr als 20 Minuten +entfernt waren. Wir aßen unser trockenes Pfannenbrot, das, bei mir +wenigstens, ganz verbrannt war, und legten uns dann hin, um zwei Stunden +zu schlafen, bis die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern. + +Wir bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum Farmer, um ihn um Wasser +zu ersuchen. + +„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch schon gestern, +daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut, heute will ich Ihnen noch +etwas geben, von morgen ab müßt Ihr Euch Euer Wasser selbst mitbringen.“ + +Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach Hause, der dann bald +mit einer Kanne Regenwasser zurückkam. + +Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich einen Anzug, ein +Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe oder nur ein Taschentuch kauft. +Aber der Baumwollpflücker, der wohl die härteste und qualvollste Arbeit +für die Kleidung leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein +einfacher Landmann trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den +allergeringsten Anteil. + +Für ein Kilogramm Baumwollepflücken bekamen wir sechs Centavos, ich +ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm Baumwolle ist beinahe ein kleiner +Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen +Tropensonne 200 bis 500 Knollen auszupfen muß. Dazu eine Nahrung, die +als die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der Menschen +irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den +nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten wieder Bohnen, dann +wieder Reis; dazu Brot, selbst gebacken aus Weizen- oder Maismehl, +entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt, Monate altes, abgestandenes +Regenwasser, Kaffee gekocht aus selbstgebrannten Kaffeebohnen auf einem +Stein zerrieben und den Kaffee gesüßt mit einem billigen, +übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen Kegeln. Das Salz, +das man verwendet, ist Seesalz, das man sich selbst vor dem Gebrauch +erst reinigen muß. Ein paar Kilogramm Zwiebeln in der Woche hinzugekauft +ist bereits Delikatesse, und ab und zu ein Streifen getrocknetes Fleisch +ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft leistet, vom Lohn nicht einmal +das Reisegeld bis zur nächsten Stadt, wo man neue Arbeit finden könnte, +übrig läßt. Bei sehr fleißiger Arbeit verdient man in einer Woche gerade +so viel, daß man sich, wenn man keinen Centavos für Essen ausgibt, das +billigste Paar Schuhe kaufen kann, das man im Laden vorfindet. + +Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die hohen Preise der +Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und kann in den meisten Fällen +die Pflückerlöhne nur auszahlen, wenn er auf die Ernte einen Vorschuß +nimmt. + + + 6. + +Um 4 Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei Tageslicht „nach +Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen. + +Ich quartierte aus. + +In der Nähe des Hauses, nur etwa 200 Meter entfernt, hatte ich eine Art +Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er diente oder gedient haben +mochte, wußte ich nicht. Er hatte ein Dach aus Wellblech, aber keine +Wände, es wäre denn, daß man einige Baumstämme, die an der einen Seite +gegen das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will. + +In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier Pfähle in die +Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein paar Platten Wellblech. + +Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den Tisch als Bett. + +Der große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen. Er kam hin, sah +sich die Sache an und es gefiel ihm. + +Plötzlich rief er: „^A snake! A snake!^“ + +„Wo?“ fragte ich. + +„Da, dicht vor Ihren Füßen.“ + +Richtig, da wand sich eine Schlange auf dem Boden hin, eine feuerrote, +etwa einen Meter lang. + +„Macht nichts,“ sagte ich, „die wird mich nicht gleich auffressen, die +Moskitos sind schlimmer.“ + +Der Nigger zog wieder ab. + +Nach einer Weile kam Gonzalo. Die rote Schlange war inzwischen +verschwunden. + +Es gefiel ihm sehr, und er fragte mich, ob ich etwas dagegen habe, wenn +er auch hier schliefe. + +„Nein,“ sagte ich, „schlafen Sie ruhig hier, mir ist das ganz egal.“ + +Da starrte er auf den Boden. + +Ich folgte seinem Blick. + +Es war wieder eine Schlange. Diesmal eine schöne grüne. + +„Ich will doch lieber im Hause schlafen,“ sagte nun Gonzalo, „ich mag +Schlangen nicht.“ + +Ich mache mir nichts aus Schlangen. So leicht würden sie ja wohl kaum +auf den Tisch kommen; und wenn sie sich wirklich hinaufringeln sollten, +was sie zuweilen tun, so werden sie ja nicht gleich beißen, und wenn sie +beißen sollten, so werden sie ja nicht gleich giftig sein. Wären sie +alle giftig, und würden sie alle einen schlafenden Menschen, der ihnen +nichts zu leide tut, beißen, wäre ich längst nicht mehr am Leben. + +Da dieser Unterstand höher lag als das Haus, keine Wände hatte, jedem +kleinen Windzug freieren Durchgang ließ, in der Nähe auch kein +Strauchwerk war und er weit genug von der Zisterne und dem +ausgetrockneten Tränkepfuhl entfernt war, hatte ich hier in der Tat +beinahe gar nicht von den Moskitos zu leiden. + +Am nächsten Morgen kamen noch etwa zwölf Eingeborene zur Mitarbeit. Die +wohnten ziemlich weit entfernt in irgendeinem Dorfe, das irgendwo im +Busch liegen mochte. Sie kamen auf Maultieren geritten; manche hatten +weder Sattel noch Steigbügel. Andere hatten wohl einen Holzsattel, aber +keinen Zaum; an Stelle des Zaumes war den Tieren ein Strick um das Maul +gebunden. + +Diese Leute waren an die Feldarbeit in den Tropen besser gewöhnt als +wir, die wir, mit Ausnahme des großen Niggers, alle Städter waren. Aber +sie schafften viel weniger als wir und mußten eine viel längere +Mittagspause machen. Jedoch das ging uns nichts an, und darüber +nachzudenken, lohnte sich auch nicht recht. + +Am Samstag kriegten wir ausbezahlt. Wir ließen uns von den paar Kröten, +die wir in so mühseliger Arbeit verdient hatten, gerade so viel geben, +wie wir brauchten, um Lebensmittel für die nächste Woche einzukaufen. +Den Rest ließen wir beim Farmer stehen, denn auch nur einen Nickel in +der Tasche zu haben ist nichts als Versuchung für den andern. + +Selbstverständlich arbeiteten wir Sonntags auch. Der brachte dann knapp +ein Kilo Speck ein oder fünf Kilo Kartoffeln; weil wir an dem Tage schon +um drei Uhr Schluß machten, um uns wenigstens einmal in der Woche +waschen zu können und das verschwitzte Zeug, das man Tag und Nacht auf +dem Leibe hatte, durchs Wasser zu ziehen. + +Der Chink und Antonio waren in den nächsten Laden gegangen, der etwa +drei und eine halbe Stunde entfernt lag, um für uns alle das +einzukaufen, was wir ihm jeder auf ein Maisblatt aufgeschrieben hatten. +Die Hieroglyphen, die auf jenen Maisblättern standen, waren nur für die +Einkäufer zu entziffern, denen wir mündlich die Bedeutung der +phantastischen Zeichen ausführlich hatten erklären müssen. + +Den nächsten Sonntag hatten dann ich und Abraham einkaufen zu gehen. + +Aber an diesem Sonntag war Abraham schon um zwei Uhr von der Plantage +verschwunden. Er war mit seinem Sack Baumwolle zur Wage gegangen und +nicht zurückgekommen. + +Als wir zum Hause kamen, waren Sam und Antonio schon mit den Gütern +angelangt. + +„Eine elende nichtswürdige Schlepperei“, sagte Antonio. + +„Ach, das war nicht so schlimm!“ begütigte Sam. + +„Ruhig, du gelber Heidensohn, du natürlich mit deiner +Lastträgervergangenheit, was verstehst du von Schleppen?“ rief Antonio, +während er sich auf die Kiste hinsetzte, die auch noch unter ihm +zusammenbrach und seine Laune durchaus nicht besserte. + +„Hören Sie, Antonio, warum haben Sie denn nicht Mr. Shine um ein Mula +oder einen Esel gebeten?“ fragte ich. + +„Aber das habe ich ja getan. Er hat es abgelehnt. Er sagte zu mir und +Sam: Wie kann ich euch denn ein Mula geben? Ich kenne euch ja gar nicht, +ihr habt ein paar Tage bei mir gearbeitet, Sachen habt ihr keine, +Papiere habt ihr auch keine und wenn ihr welche hättet, kann ich mir für +eure Papiere, die vielleicht noch nicht einmal euch gehören, kein +anderes Mule kaufen, wenn ihr es im nächsten Ort verschachert und euch +dann hier nicht mehr sehen laßt.“ + +„Von seinem Standpunkt aus hat er recht,“ erwiderte ich, „aber von +unserm Standpunkt aus gesehen, ist es eine große Niedertracht. Aber was +können wir machen?“ + +Und gerade jetzt, wo wir schön im Zuge waren, das Lieblingsthema aller +Arbeiter der Erde anzuschlagen und uns den ungerechten Zustand in der +Welt, der die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Drohnen und +Enterbte teilt, mit mehr Lungenkraft als Weisheit klar zu machen, kam +Abraham an mit sechs Hennen und einem Hahn, die er an den Füßen +zusammengebunden hatte und ihre Köpfe nach unten hängen lassend, an +einem Bindfaden über der Schulter trug. + +Er warf das Bündel auf die Erde, wo die Vögel sich vergeblich mühten, +aufzustehen oder von den Fesseln loszukommen. + +„So, Fellers“, grinste er, „jetzt könnt ihr Eier von mir haben. Ich +lasse euch das Stück für sieben Centavos, billig, weil ihr ja meine +Arbeitskollegen seid. In der Stadt kosten die Eier siebenundeinhalb, +sogar acht.“ + +Wir starrten bald das Bündel Hühner, bald den grinsenden Abraham an. An +ein solches Geschäft hatte keiner von uns gedacht und es lag doch so +nahe, war so einfach, verlangte absolut keine besondere Intelligenz; +jeder von uns hätte das ebenso gut machen können. Sam Woe empfand keinen +Neid, keine Eifersucht, nur Bewunderung für den unternehmungslustigen +Geflügelzüchter; jedoch er schämte sich, daß er sich von einem Nigger +beim Ausdenken einer ehrlichen Nebeneinnahme hatte schlagen lassen. + +Vor unsern Augen, nicht einmal über Nacht, sondern über drei +Nachmittagsstunden war aus einem Enterbten und Ausgebeuteten ein +Produzent, ein Unternehmer geworden. Er hatte sich von seinem Lohn die +Hühner gekauft, wir Lebensmittel. Er hatte keine Lebensmittel mitbringen +lassen und wir hatten uns schon vorbereitet, wie wir ihm das Stehlen, +auf das er unter diesen Umständen angewiesen war, unmöglich machen +wollten. Aber er hatte uns übertrumpft. Er lieferte Eier und tauschte +dafür an Reis und Bohnen ein, was er brauchte. Träte nun der Fall ein, +daß wir seine Produkte boykottierten, so konnte er ja den Hahn +schlachten, vielleicht noch ein Huhn, bis er wieder Lohn bekam. + +Am nächsten Morgen hatte Abraham vier Eier. Das Geschäft konnte +beginnen. + +Eier betrachteten wir noch als größeren Luxus denn Speck oder Fleisch. +Aber jetzt, wo die Eier so verlockend nahe zur Hand waren, viel +schneller zubereitet werden konnten als irgendeine andere Speise und uns +dadurch eine Möglichkeit gegeben war, zum Frühstück etwas anderes und +Kräftigeres in den Magen zu bekommen als den dünnen Kaffee und ein +schmales Stückchen verbranntes Brot, wollten und konnten wir auf Eier +nicht mehr verzichten. Wir sahen plötzlich ein, daß wir ohne Eier noch +vor Beendigung der Ernte an Unterernährung zugrunde gehen würden und +wenn wir je wirklich die Ernte überlebten, so würden wir doch so +entkräftet sein, daß uns niemand in Arbeit nehmen würde. Die Sklaven +wurden immer, so erzählte Abraham, der es von seinem Großvater wußte, in +gutem Ernährungszustande gehalten, wie Pferde; um den Ernährungszustand +der freien Arbeiter kümmerte sich kein Mensch. Wenn sie zu schlecht +ernährt waren, weil der Lohn für eine bessere Ernährung nicht reichte, +flogen sie raus. + +Solche merkwürdigen Ansichten, die natürlich keine wissenschaftliche +Grundlage hatten und auch ganz und gar unrichtig waren, brachte Abraham +vor, nur um seinen Eiern einen regen und dauernden Absatz zu sichern. +Uns leuchtete eine solche Betrachtung menschlicher Verhältnisse um so +mehr ein, als es ja gerade Abraham gewesen war, der uns gestern mitten +in jener regen Auseinandersetzung unterbrochen hatte, die uns ohne +Zweifel, wenn auch nicht auf dem Wege über Eier, zu genau derselben +Schlußbetrachtung der Welt geführt hätte. + +Außerdem stundete uns Abraham gutmütig den Betrag für gelieferte Eier +bis zum nächsten Lohntage. Er tat es nur aus Gutmütigkeit und weil er +nicht wollte, daß wir, seine lieben Arbeitskameraden, im späteren Leben, +also nach der Ernte, wegen Unterernährung Schiffbruch erleiden sollten. + +Nach drei Tagen konnten wir nicht mehr verstehen, wie wir es überhaupt +jemals fertig gebracht hatten, ohne Eier auszukommen. Es gab Eier zum +Frühstück, es wurden Eier zum Mittagessen mitgenommen und abends gab es +erst recht Eier, wir backten Eier sogar ins Brot, nur um die nötige +Arbeitskraft für unser ferneres Leben zu erhalten. + +Abraham verstand die Geflügelzucht, das muß man ihm lassen. + +Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden zweiten Abend mit +Dunkelwerden machte er sich auf den Weg mit einem Sack, um bei den +Farmern Mais einzukaufen. Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde +heim, um seine Hühner gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam er aber +immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen. + +Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unseren Bedarf schon im +voraus kannten, taten das Menschenmögliche, nein, Hühnermögliche, um uns +vor der drohenden Unterernährung zu schützen. Und für den reichlich +gelieferten Mais lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr als sonst +eine Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt. + +Am ersten Morgen hatten die Hühner, wie schon berichtet, vier Eier +gelegt, am zweiten Morgen sieben und als wir bezweifelten, daß dies +möglich sei, führte uns Abraham am darauffolgenden Morgen zu den drei +alten Schilfkörben, die er für den Zweck aufgehängt hatte und gestattete +uns, selbst nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten Morgen siebzehn +Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt worden waren. + +Da wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen und persönlich +gezählt hatten, zweifelten wir von dem Tage an nicht mehr an der Zahl +der von Abrahams Hühnern gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens, +freudestrahlend, als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen +konnte, daß die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hatten. + +Uns war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner behandelte, um +solche Resultate zu erzielen. Als Sam Woe eines Tages erklärte, bei ihm +zu Hause wisse man auch aus einer Krume Erde oder aus einer Henne +herauszuholen, was nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen +könne, aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr ihm +der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, Ihr versteht die +rationelle Geflügelzucht ebenso wenig wie hier herum die ganzen Farmer, +die noch größere Esel sind, als Ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir +verstehen, Hühner zu behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter +gelernt. Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber +jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich mehr auf, wenn +ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe und einmal zeige, wie man +Hühner rentabel macht.“ + + + 7. + +Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie fraßen. Sie +fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand sein gestecktes Ziel +erreichen konnte, sei es ein neues Hemd, eine neue Hose oder eine +Fahrkarte nach einer Stadt mit besserer Arbeitsgelegenheit. + +Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt wird, daß +sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld für etwas Ueberflüssiges +auszugeben, hatte ein ganz nettes Sümmchen für Eier bei Abraham stehen. +Ich glaube aber doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer bedauerte, +daß er nicht der Lieferant sei. + +So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der ersten Woche lebten +wir jetzt in Saus und Braus. Das taten die Eier und das tat eine Nacht +mit fünfstündigem Wolkenbruch, der uns so gut mit Wasser versorgte, daß +wir fürstlich schwelgen konnten. + +Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust an Arbeitslohn. +Das Feld war am Morgen so lehmig und schlammig, daß wir die Füße kaum +herausziehen konnten. Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche +Kruste gebrannt hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen. + +Am dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem Geld, das wir +verdienten, nicht auskommen konnten. Wenn die Ernte vorüber sein wird, +werden wir knapp zwei Wochen Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur +nächsten Stadt kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden +würden, hätten wir genau so viel oder richtiger, so wenig übrig, als +wenn wir nicht sechs Wochen, jede Woche zu sieben Tagen, in tropischer +Sonnenglut von Sonnenaufgang bis beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der +Eier, allerbescheidenster Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für +Essen und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine +Gelegenheit dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und Schnaps gab und wo +man spielen konnte, war über drei Stunden entfernt. + +„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für nichts geschuftet +haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer, als wir unsere Lage +überdachten. + +„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen“, warf ich ein, „Abraham +hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er hätte sie doch sammeln und +Sonntags zum Laden bringen können.“ + +„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte Gonzalo. + +In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem abendlichen Maiseinkauf +zurück. Er warf den Sack auf die Erde und sagte: „Wovon ist denn die +Rede? Vielleicht etwa gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an +euch abgeliefert, und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann ich +doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr, Fellers? ^That +so?^“ + +„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie nicht wissen, wovon +und worüber geredet worden ist, dann halten Sie lieber Ihre Gosche“, +sagte ich. + +„Nein“, sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn wir nicht den +Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die vielen Wochen umsonst +gearbeitet haben.“ + +„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus, „ja wollt ihr denn +als Skelette rumlaufen, wenn die Ernte vorüber ist? Meinetwegen, ich +kann meine Eier auch anderswo verkaufen. Also, jetzt kassiere ich. +Antonio, Sie haben –“ + +Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte und was jeder +zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine Rechnung bei Abraham und +ging dann nach meiner Behausung schlafen. Als ich unterwegs war, hörte +ich wie Charly und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger +behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet. Abraham +bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung. Nach einer Weile Hin- +und Herredens, wobei wieder sehr viel von Backpfeifen gesprochen wurde, +mußte Charly zugeben, daß er sich geirrt habe und daß Abraham im Recht +sei. In diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar betrafen, also +Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich. + +Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese Woche einmal ohne +Eier auszukommen. + +Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio schon rufen: „Wo +sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer Yank? Ich will fünf +haben.“ + +Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt hatte, mit +einem Ernst und einer Sorgfalt, als ob er sie wirklich zum ersten Male +in der Hand habe und nicht schon gestern abend genau gewußt hätte, +wieviel Eier die Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den +Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört. + +„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier will ich haben +oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“ wütete jetzt Antonio. + +„Was denn“, sagte Abraham ganz unschuldig, „ich will euch doch nicht +meine Eier aufdrängen und euch den sauer verdienten Wochenlohn aus der +Tasche rauben. Spart das Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier +auskommen. Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“ + +Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham bisher nie vernommen +hatten. + +Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung unserer Lebensweise wie +ein Mann. + +„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben, was ich +essen und was ich nicht essen soll, ob ich mein Geld spare oder ob ich +es da in die Zisterne werfe, he!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein. +„Sofort gibst du mir sechs Eier oder ich schlage dir deinen Wollschädel +in Scherben.“ + +„Gut“, sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders haben wollt und +mir sogar mit Schlägen droht, ich will euch die Eier wie bisher +liefern.“ + +„Ja was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe ganz ruhig und +schulmeisterlich, „erst verführst du uns, Eier zu essen und wenn wir +dalan gewöhnt sind, willst du sie uns verweigern. Gib mir dlei Eier.“ + +Der Chink hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst: Jetzt auf +einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit ihrer Zubereitung, +an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes und an ihre mühelose Beschaffung +so sehr gewöhnt hatten, sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers +wegen darauf verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem +Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt +zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den Magen übervoll +gefüllt mit einem dicken, prächtigen, vollwertigen Eierpfannkuchen, +hatte ich allerdings den Entschluß gefaßt, diese Woche einmal keine Eier +zu beziehen. Aber am Morgen, als der Magen leer war wie ein +vertrockneter Autoreifen, hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum +sollte ich mich denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll +peinigen beim Anblick der schönen frischen Eier, die bereits lustig in +den Pfannen der anderen pruzelten? + +„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham. + +Freilich als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum Mitnehmen für +das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder die reuige Wehmut an: +Die Eier sind doch unnütz und überflüssig. + +Also es blieb bei den Eiern. Der Verbrauch wurde in Zukunft höher als er +bisher gewesen war. Bei allen. Auch bei Sam Woe. + + + 8. + +Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören Sie, Mr. Gale, +kommen Sie auf eine Viertelstunde herein. Meine Frau hat einen guten +Kuchen gebacken, Sie können eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“ + +Dann als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine wie er mit 260 +Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier angefangen habe, wie er +mit eigener Hand die Farm aus dem rohen Busch herausgearbeitet habe, wie +die Straße, die mehr als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei +seiner Ankunft nur ein schmaler verwachsener Weg war, gerade breit +genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch diese Straße +verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eigenem Ford befahren könne. + +„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren notwendig, um +etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die wir dem Lande erst Wert +geben, sind trotzdem immer wie auf dem Sprunge, plötzlich fliehen und +alles verlassen zu müssen. Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um +die Freiheit und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt, +bangt.“ + +Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte schilderte. + +„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon mal vier Ernten im Jahr an +Mais gehabt. Das erreichen wir drüben in den States nicht. Aber dieses +Jahr ist schlecht. Die Baumwolle hat, was seit fünfzehn Jahren nicht +vorgekommen ist, Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein +soll. Und ich weiß auch gar nicht was mit dem Hühnervolk los ist. Wir +haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten Wochen. Auch Mr. +Fringell und Mr. Shape klagen über ihre Hühner.“ + +Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine über die Hühner gesagt +hatte. + +„Na, da seht ihr es ja, Fellers,“ sagte Abraham darauf, „das sind die +richtigen amerikanischen Farmer wie drüben. Vor Geiz möchten sie am +liebsten ihre Fingernägel aufessen. Da gönnen sie den armen Hühnern kaum +eine Handvoll Mais. Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie +nicht gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare nicht mit +dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch etwas her. Man muß sie nur +gut und reichlich füttern und sachgemäß behandeln, dann tun sie auch +ihre Pflicht. Das hat mich meine Großmutter Susanna gelehrt und die war +eine sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, Fellers. ^Thats a +fact!^“ + + + 9. + +Um selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung über die +Frage ein, wieviel uns an Geld übrig bliebe, wenn die Ernte vorüber sei. +Diesmal aber wurden weder die Eier noch Abraham, der dabei saß, in dem +Gespräch erwähnt. + +An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, daß wir +ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig zu erhalten, daß wir eine +bestimmte Summe am Ende der Ernte übrig haben müßten, um nicht umsonst +gearbeitet zu haben oder wie Sklaven nur für das Essen und daß also, +kurz und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs, acht +Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir gerade zurecht kommen. + +Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen. + +Am nächsten Morgen, sobald die anderen Arbeiter auf das Feld gekommen +waren, gingen Antonio und Gonzalo gleich zu ihnen und erklärten ihnen, +daß wir die Absicht hätten, acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos +Nachbezahlung für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle +unabhängiger als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, waren +ohne weiteres damit einverstanden. + +Nun gingen Antonio und Gonzalo, sowie zwei von den anderen Leuten zur +Wage und sagten Mr. Shine was los sei. + +„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, ich bin doch nicht +verrückt. Das habe ich noch nie bezahlt. Das kommt ja gar nicht rein.“ + +„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir wandern dann noch +heute ab.“ + +Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: „Hören, Sie, +Sennor, wir warten zwei Stunden. Ueberlegen Sie es sich. Wenn Sie dann +noch Nein! sagen, satteln wir unsere Mulas. Wir wollen schon dafür +sorgen, daß Sie keine Leute kriegen.“ + +Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten gingen ins +Feld zurück, berichteten die abschlägige Antwort und alle Leute +verließen ihre Reihen, gingen zu den Bäumen und legten sich schlafen. + +Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief Mr. Shine herüber: +„He! Mr. Gale, kommen Sie auf einen Augenblick her.“ + +Ich ging rüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, „wenn Sie etwa +glauben, daß ich hier die Mittelsperson mache, dann sind Sie im Irrtum, +Mr. Shine. Wäre ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite und ich ginge mit +Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern Farm-Hand +bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das verstehen Sie doch?“ + +„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte Mr. Shine, „es ist auch gar +nicht meine Absicht, Sie herüber zu ziehen; denn Sie allein könnten die +Baumwolle ja doch nicht hereinholen. Aber wir wollen das einmal in Ruhe +überrechnen.“ + +Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir Tabak. Sein ältester +Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre alt war, steckte sich eine Zigarre +an und der zweite Sohn, der jüngste in der Familie, ungefähr +zweiundzwanzig Jahre alt, pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück +verschweißtem Papier heraus und schob es in den Mund. + +„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern und da ich Ihnen ja +schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier +mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß +Sie acht bekommen?“ fügte Mr. Shine, die Pfeife aus dem Mund nehmend, +hinzu. + +„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“ + +Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen +einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über die Reeling baumeln. + +Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt +seinen Gummi knatschend, vor sich hin. + +Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte unaufhörlich fluchend, +an seiner Pfeife herum, die bald ausging, bald verstopft war, bald neuen +Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war. + +Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte er nur an der +Behandlung seiner Pfeife. + +Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt hatte, platzte +plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, ich an deiner Stelle würde +bezahlen, ohne viele Worte zu machen.“ + +„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. Es geht ja nicht +aus deiner Tasche, da ist das „Bezahlen würden“ leicht. Aber dann ziehe +ich dir’s von deinem Taschengelde ab.“ + +„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das Geld für die +verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht.“ + +„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte +Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für einen Dime verkauft? Ich +sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinker hat man mir +geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste +Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal +hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand, +ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend, in seinen Fingern, +„die weichesten Daunen sind dagegen der purste Stacheldraht. – Ja, +Gosch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da, +als ob Sie die Sprache verloren hätten.“ + +„Aber ich bin doch unparteiisch,“ sagte ich darauf. + +„Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den +Mund mal aufmachen.“ + +Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte. + +Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung ein und sagte +ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten: + +„Da will ich dir mal was sagen, Dad –.“ + +„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“ + +„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist +ja deine.“ + +Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel, +sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht noch mal, dann rede +doch schon oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze Baumwolle +verfault und verwurmt ist?“ + +„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn die Leute gehen, +andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschicken lassen von +den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist.“ + +„Rede doch schon einen Strich schneller.“ + +„Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal, +Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir +eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Strippregen. +Dann ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen +und du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der +Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle gewinnen und auf +den Markt gebracht haben, je besser ist der Preis. Wenn der Markt erst +mal voll ist, müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder +fünfundzwanzig Centavos Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt +unterbringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis jetzt +sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem Markt.“ + +„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor vier Jahren +habe ich sie mit dreißig Centavos unter den Anfangspreis verkaufen +müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettler, der um ein +Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig +geworden, daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß +vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist abgemacht, da +lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen und verschimmeln, just +wie sie da steht, ehe ich nachgebe.“ + +Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser +Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte. + +Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke: + +„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die +Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den +Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja, +Sie auch, Mr. Gale, Sie sind auch einer von den Aufwieglern und von den +Bolsches, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und +das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt Ihr aber an +die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß, +wie es gemacht wird. Aber wir haben keine ^I. W. W.^[1] und alles +solchen Stoff gehabt.“ + +[Fußnote 1: ^I. W. W.^ = ^Industrial Workers of the World^, eine sehr +radikale Arbeiterorganisation.] + +„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei +bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, anzunehmen, ob ich ein +^Wobbly^[2] bin oder nicht.“ + +[Fußnote 2: ^Wobbly^ = Mitglied der ^I. W. W.^] + +„Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede. +Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!“ + +„Na, hör mal, Daddy,“ sagte jetzt Pet, ohne sich seinem Vater +zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hast du unrecht, durchaus. Die +sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer. +Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden +arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso +machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden +Mittagsschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen +wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, da wette ich mein Leben +darauf.“ + +„Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!“ + +„Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren,“ sagte Dick +trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter. + +Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die „Hiesigen“ +wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen +aufzusatteln. + +Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, sprangen Antonio +und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre großen Hüte hoch in die Luft und +begannen mit schrillen Stimmen zu singen: + + Es trägt der König meine Gabe, + Der Millionär, der Präsident – + +Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten und standen +stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie wußten nicht, was ^I. W. +W.^ war, was eine Organisation bedeutet, was eine Klasse sei. Aber der +Gesang hämmerte auf sie ein, schmiedete sie zusammen zu einem ehernen +Block, und als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das +ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte Refrain +beginnt, wußte ich. Ich habe es erlebt. + +Der Gesang, so eintönig und schlicht in seiner Melodie, aber so federnd +wie feinster Stahl in seinem klingenden Rhythmus, steckte mich an. Ich +konnte nicht anders, ich begann, das Lied mitzusummen. + +„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, halb +selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“ + +Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, die bisher +zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren gestanden hatten, +alle wie ein Mann zu uns herüber, wodurch der Gesang herausfordernd und +persönlich anzüglich wurde. + +Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die lederne +Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu mit einer Geste der +Verlegenheit, die aber ebensogut auch eine der Scham oder gar der +Wurschtigkeit sein konnte. + +„Teufel noch mal,“ rief er dann, „^that means business^, die scheinen +Ernst zu machen.“ + +„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie einmal fort sind, +haben wir unsere liebe Mühe und Not, sie wieder hereinzuholen.“ + +„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von heute an. Was +bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts nachgegeben. Mr. Gale, seien +Sie doch so gut, bitte, und rufen Sie die Leute heran!“ + +Ich lief rüber und brachte die ganze Horde zusammen. + +„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug der Wage waren. + +„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, halb von oben +herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“ + +Antonio ließ ihn nicht ausreden: + +„Und für die schon gepflückten Kilos?“ + +„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch tüchtig ran an die +Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch trocken hereinkriegen.“ + +„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham. + +„Halts Maul, darned Nigger, du bist nicht gefragt!“ schrie der Farmer +wütend. + +„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale,“ sagte Mr. Sinne, „Sie +bekommen doch schon acht.“ + +„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“ + +„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir auch nicht darauf an. +Und weil Sie Weißer sind, der einzige Weiße. Sie sollen zehn haben.“ + +„Mit Nachzahlung?“ + +„Mit Nachzahlung! Ich bin ein ^fair businessman^. Was stehen Sie noch +rum! Machen Sie, daß Sie an die Arbeit kommen. Wir haben, weiß Gott, +beinahe eine Stunde verquatscht. Gerade um diese Stunde kann uns der +Regen zu früh kommen. Das ziehe ich Euch beiden Rangen ab, da könnt Ihr +Gift drauf nehmen,“ wandte er sich seinen Söhnen zu, die gerade dabei +waren, die Wage wieder aufzuhängen. + + + + + Zweiter Teil. + + + 10. + +So lief der Trott nun weiter die nächsten zwei, drei Wochen. Ohne +besondere Ereignisse. Ein Tag wie der andere. Rennen im Trab, Rennen, +Essen kochen, Schlafen, Rennen im Trab, Arbeit. + +Eines Nachmittags, als ich vom Feld heimkam, ging ich zu Mrs. Shine und +fragte sie, ob sie mir ein Kilo Speck verkaufen oder bis Sonntag leihen +wollte, da ich vergessen hätte, letzten Sonntag welchen mitbringen zu +lassen. + +„Können Sie haben, Mr. Gale, gegen Bezahlung oder Rückgabe, ganz wie Sie +wollen.“ + +„Gut,“ sagte ich, „dann gegen Bezahlung. Mr. Shine kann es mir ja am +Samstag anrechnen.“ + +Während sie eben dabei war, den Speck abzuwiegen, kam Mr. Shine von der +Stadt zurück, wo er seine Post abgeholt und einige Bedarfsmittel +eingekauft hatte. + +„Da sind Sie ja gerade wie gerufen, Mr. Gale,“ sagte er zu mir, als er +ins Zimmer trat. „Ich habe einige Neuigkeit für Sie.“ + +„Für mich? Woher soll die wohl kommen?“ + +„Direkt aus der Stadt. Im Store traf ich den Manager von Camp 97. Ich +saß da und trank gerade eine Flasche Bier nach der andern. Er war in +großen Nöten. Da haben sie im Camp ein kleines Maleurchen gehabt. Beim +Auswechseln von Achterrohren gegen Zehner hat ein Rohr ausgeschlagen und +dem einen Driller den rechten Arm böse gequetscht, weil einer von den +Indianern wieder mal nicht aufgepaßt und rechtzeitig zugepackt hat. Der +Driller ist ein tüchtiger, erfahrener und verläßlicher Bursche, den sie +nicht gehen lassen wollen. Nun suchen sie einen guten Ersatzmann für +drei bis vier Wochen. So lange wird es wohl dauern, bis der Mann wieder +arbeiten kann. Aber sie sind jetzt gerade an einem heiklen Punkt. Sie +sind auf siebenhundert Fuß und sind auf Lehm, und wenn sie jetzt keinen +guten Driller bekommen, dann können sie vielleicht eine Knickung in der +Bohrung erleben. Na, und was das bedeutet, was das für Scherereien, +Zeitverlust und Kosten verursacht, das wissen Sie ja selbst, Sie haben +ja in den Fields gearbeitet. Das gibt allemal den Sack für die Driller +und Tooldresser, manchmal für das ganze Camp.“ + +„Weiß ich,“ erwiderte ich, „kann dem besten Mann passieren, wenn man +noch so sehr aufpaßt. Ein Stein, den der Satan gerade dort hingefeuert +hat, wo man ihn am allerwenigsten vermutet, kann zwanzigtausend Dollar +kosten.“ + +„Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Shine ein. „Nun ist +der Manager in Sorge, was er machen soll. Er hat schon eine Schicht +selber gearbeitet, aber auf die Dauer geht es nicht. Telegraphiert er +nun zur Kompagnie, dauert es immerhin drei bis vier Tage, bis er den +Mann hier hat. Und ob er einen Mann kriegt, wie er ihn braucht, weiß er +auch nicht. Denn ein tüchtiger Mann nimmt für drei Wochen nichts an, +weil er dadurch vielleicht eine andere Stellung, wo er sechs Monate in +Sicherheit hat, verpassen kann. Ich habe nun zu dem Manager gesagt: +„Well,“ habe ich gesagt, „Sie sind just der Mann, auf den ich gewartet +habe, Mr. Berkley.“ + +„Aber, ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich damit zu tun habe.“ + +„Ja warten Sie doch ab, Gale, was kommt. In drei, höchstens vier Tagen +haben wir die Baumwolle drin. Was wollen Sie denn dann machen?“ + +„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich lasse den Tag erst einmal +herankommen. Ich kann ebensogut nach Norden wie nach Süden, ebenso +leicht nach Ost und West gehen. Eigentlich habe ich vor, nach Guatemala, +Costa Rica und Panama runterzutippeln. Vielleicht nach Columbien. Da +soll allerhand Oel ausgemacht worden sein.“ + +„Top!“ jagte Mr. Shine, „das habe ich auch gedacht, daß es Ihnen egal +ist; und nach Guatemala und allen den übrigen Landschaften kommen Sie +immer noch rechtzeitig genug. Da habe ich nun zu dem Manager gesagt: +Well, habe ich gesagt, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da +einen Fellow, einen Picker, einen weißen Mann, weiß im Gesicht und weiß +unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die +verteufeltste Bohrung aus dem elendsten Dreck herausholt. Man muß doch +ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was erreichen will. Also, habe ich +gesagt, Mr. Berkley, ich schicke Ihnen den Mann runter. Na, was sagen +Sie nun, Gale, Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie +noch morgen früh runter zum Store. Der Storekeeper kennt den Weg zum +Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um 5 Uhr nachmittags sind Sie schon +im Camp und können sich gleich zum Essen hinsetzen.“ + +Das mit dem Essen war allerdings verführerisch. + +„Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurecht kommen, ist der Verlust auch +nicht allzu groß. Einen Tag kriegen Sie auf alle Fälle ausbezahlt und +außerdem haben Sie einen Tag wieder mal menschenwürdig gegessen,“ setzte +Mr. Shine hinzu. + +Zu überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch für drei oder +vier Tage Arbeit, harte und schlecht bezahlte Arbeit. Im Oelfeld mußte +man zwar auch zwölf Stunden arbeiten, weil nur zwei Schichten waren, +aber man arbeitete wenigsten unter dem Rig, wo die Sonne nicht ganz so +unmittelbar auf einen losbrennen konnte. Dazu hatte man sterilisiertes +Eiswasser, soviel man nur trinken wollte. Vor allen Dingen aber hatte +man, wie schon Mr. Shine richtig gesagt hatte, ein menschenwürdiges +Essen, mit Teller, Messer, Gabel, Eßlöffel, Teelöffel, Tasse und Glas an +einem Tisch, der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war, +aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bank. Man brauchte nicht +aus der Pfanne von der Erde essen und sich beim Essen von einer +wackligen Kiste, auf der man saß, herunterbücken. Man brauchte nicht mit +demselben Löffel, den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den +Kaffee umrühren. Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt, +noch war es klebrig wie Kleister. Die schwarzen Bohnen, immer hart wie +Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger Bestandteil der Mahlzeiten zu +sein. Man wurde bei Tische bedient von Chinks, die man angrunzen durfte, +wenn einem das Essen nicht schmeckte und die Ananaspie nicht genügend +geeist war. Angrunzen, hm! ja! das tut man sofort, sobald man einen +anderen armen Teufel auch nur einen Zentimeter auf der sozialen +Rangleiter unter sich weiß. Man schlief nicht ohne jede Unterlage auf +einer Tafel Wellblech, sondern man schlief in gut ventilierten Baracken, +in sauberen Feldbetten, auf weicher Matratze und gut geborgen unter +einem schleierdünnen Moskitonetz. Man hatte jeden Tag ein Brausebad und +hatte ein W. C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt, hatte ich ganz +vergessen. Romantik ist schön, sehr schön! – von ferne gesehen. +Wenigstens in der Entfernung, gerechnet von einem bequemen Sitz im Kino +bis zur Silberwand. Auf dieser Silberwand sind die Helden des +Busches und des Urwaldes der Traum der Mädchen und sie erregen +Ehescheidungsgedanken bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim Essen +in der Nase herum und schmieren dies und das an ihren Sitz oder an die +nächste erreichbare Tischplatte. Und das kann man gerade noch erzählen. +Würde man einiges mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht +einmal das Schlimmste, so würde sich der bunte Schmetterling in die +allerwiderwärtigste Raupe zurückverwandeln. Aber trotz alledem, Romantik +ist auch im Oelfeld, das auf den ersten Blick so trostlos prosaisch und +so nüchtern aussieht wie eine Kohlenzeche in Herne. Man muß die Romantik +nur zu sehen und nur zu finden wissen. – + +Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen war mir nichts so +wichtig, als meine Eierrechnung bei Abraham auf den Cent genau zu +begleichen. Er wäre mir sonst in meinen Träumen erschienen und +nachgelaufen bis nach Paraguay, wenn ich ihm nur zehn Centavos schuldig +geblieben wäre. + +Als ich zum Oelcamp kam und mit dem Manager sprach, machte er nicht im +geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen neuen Driller so in Lumpen und +Fetzen zu sehen, wie kein Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa +herumlaufen könnte. Daran ist man hier gewöhnt. + +Die weißen Arbeiter, alle Gringos, waren froh, daß Dick, der Driller, +einen Ersatzmann hatte und das Camp also nicht verlassen brauchte; denn +er war ein beliebter und lustiger Bursche, der im Camp war, seit der +erste Pfeiler für das Rig gestellt wurde. Sie fixten mich auf, der eine +brachte mir ein Hemd, der andere eine Hose, jener Strümpfe, ein anderer +Arbeitshandschuhe. Ja Handschuhe, denn ein amerikanischer Arbeiter macht +sich beim Arbeiten die Hände nicht mehr schmutzig als unbedingt +notwendig ist. Keiner von ihnen hatte irgendein Handwerk gelernt, wie +das in Europa üblich ist, aber jeder konnte ein Auto fahren, Pannen +beseitigen, Dampfmaschinen reparieren oder Werkzeuge schmieden. +Vielleicht nicht ganz so sauber und geschickt wie ein englischer, +deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er machte, war +brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür bezahlten, ja +nur an. + +Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Berkley zu mir: „Sie +können bleiben, Junge, vollen Drillerlohn.“ + +Dick war schneller hergestellt als wir alle gedacht hatten, und so mußte +ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dick zwanzig Dollar extra aus +seiner Tasche, für Reisegeld und daß ich mir einen guten Tag machen +sollte, wie er sagte. + +Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt bekam, sagte er: „Hören +Sie mal, Gale, können Sie nicht hier irgendwo eine Woche oder so +herumhängen?“ + +„Ja,“ erwiderte ich, „das kann ich leicht. Ich gehe rauf zu Mr. Shine, +da kann ich gut für eine Weile hausen. Warum?“ + +„Auf einem unserer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der möchte auf +vierzehn Tage in Urlaub gehen, rauf in die States. Da können Sie für die +zwei Wochen als Ersatzmann eintreten. Anfang nächsten Monats.“ + +„Mache ich,“ sagte ich. „Sie können ja im Store eine Mitteilung für mich +an Mr. Shine hinterlegen, wenn es soweit ist.“ + +„Gut, abgemacht!“ sagte Mr. Berkley. + + + 11. + +Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder rauf zu Mr. Shine und fragte +ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem ich seinerzeit gehaust hätte, ein +paar Tage wohnen dürfe. + +„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie wollen.“ + +Ich erklärte ihm warum und fragte ihn dann nach den Leuten, mit denen +ich da gewohnt hatte. + +„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den Tag nach Ihnen +gegangen, ich glaube rauf nach Florida. Das geht mich nichts an. Der +kleine Nigger, Abraham heißt er, scheint ein ganz geriebener Schlingel +zu sein.“ + +„Wieso?“ fragte ich. + +„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie er mir versicherte. +Er hatte sie bei Indianern für einen Peso das Stück gekauft, wie ich +inzwischen erfahren habe. Mir hat er anderthalb Pesos dafür abverlangt. +Ich habe sie ihm auch bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt. +Aber mit den guten Leghühnern hat er mich reingelegt, der schwarze +Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber na, das Fleisch +ist es ja wert.“ + +„Und was ist mit dem Chink und den beiden Mexikanern?“ + +„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen. Ich habe sie vom +Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß, sind sie nach Pozos gegangen. +Diese Station ist nicht ganz so weit als die, von der Ihr gekommen seid. +Der Weg ist auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen, +während wir in früheren Jahren immer zu der anderen gingen. Aber Pozos +liegt bequemer für uns; früher hatten wir nur keinen Weg. Seitdem aber +die Oelleute gekommen sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle +Ihnen, wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können Sie ab +und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie jumpen können. Nebenbei +bemerkt, warum wollen Sie denn in dem Unterstand hausen, Sie können doch +in dem Hause wohnen.“ + +Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur Genüge. Ich betrete +es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist die reine Moskitohölle.“ + +„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie fünfzehn Jahre drin +gewohnt. Wir sind von den Moskitos nicht merklich geplagt worden. Aber +Sie können schon recht haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird, +nicht genügend Luft reinkommt, sammelt sich schon allerhand von diesem +Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr nicht oben gewesen, +weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich aussieht. Und +wahrscheinlich komme ich im ganzen nächsten Vierteljahr auch nicht rauf. +Ich habe ja da oben nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die Pferde +und die Mules rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras finden und +ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir gleichgültig, wo +Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören Sie nicht, und Sonntags können +Sie schon mal runter kommen und eine Tasse Kaffee mit uns trinken und +ein Stück Kuchen essen.“ + +Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein. Mein Feuer +machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand, weil dort in der Nähe +des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches Feuer gewesen war, ja doch +keine Unterhaltung gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da. + +Ich lebte jetzt in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten hatte ich +nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei Tagen so an mich gewöhnt +hatten, daß sie all ihre angeborene Scheuheit vergaßen und mir an und +auf meinen Füßen die Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von +meinen Mahlzeiten suchten. + +Tags über kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete die Tiere +bei ihren Handlungen oder las in den Zeitschriften, die ich vom Camp +mitgebracht hatte. + +In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es, weil es +inzwischen einige Male gut geregnet hatte und der Tank beim Hause zu +einem Drittel gefüllt war. Wir hatten ja derzeit die Auffänge in Ordnung +gebracht. + +Ich konnte mich sogar waschen und mir den Luxus leisten, mich sogar +zweimal des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich in Riesenmengen, teils +um die Zeit zu vertreiben, teils um so viel Vorrat in mich +hineinzutrinken, daß ich gut wieder einmal einen Tramp von einigen Tagen +durch wasserlosen Busch aushalten konnte. Da ich im Store hatte tüchtig +einkaufen können, Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich wirklich +einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig, ein freier Mann +im freien tropischen Busch, Siesta haltend nach Belieben, herumstreifen +wo und wann und solange ich wollte. Es ging mir gut. Und dieses Gefühl +lebte ich auch voll bewußt. + +Der Tank, aus dem ich mein Wasser holte, war dicht an dem alten Hause. +Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal etwa 250 Schritte von meinem +Unterstand aus zu gehen. + +Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von diesen Konservenbüchsen, +die 40 Liter Inhalt haben. Mit Konserven in kleinen Büchsen gibt man +sich hier nicht viel ab, höchstens wenn es sich um schnell verderbliche +Ware handelt. + +Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika, eine ganz elende +Bretterbude nennen würde, kaum gut genug, um auf einem Bauplatz als +Lagerschuppen zu dienen, stand auf Pfählen. Die meisten Häuser hier, +besonders außerhalb der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet. +Stünden sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch +unterkellert, so würden sie in der Regenzeit jeden Tag zweimal +überflutet. Das ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf Pfählen +ruhenden Haus kann der Wind von allen Seiten unter dem Fußboden hin- und +herfegen und so das Innere des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein +Haus, das in dieser Art gebaut ist, nicht so viel unerwünschte Gäste, +wie Schlangen, Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Milliarden von Ameisen, +Grashoppern, Grillen und tausenden anderen unangenehmen Ueberläufern aus +dem nahen Busch. Alle diese mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des +tropischen Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können +aber doch nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen, als +wenn das Haus auf ebener Erde errichtet wäre. + +Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein Haus in dieser +Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben, die unsere Urvorväter +zwangen, sich eine Behausung in den Wipfeln der Bäume zu bauen. + +Ein Holzhaus, so errichtet, erbebt, erzittert und schwankt oft beim +Sturm so, daß man glauben könnte, es sei in der Tat auf einem Baume +errichtet. + +Die Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde. So zu ebener +Erde war ja auch mein Unterstand, wo das Buschgetier aus- und einging, +als wäre es sein gutes Recht. + +An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und Wind +hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten meine damaligen +Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie üblich mit einem drehbaren +Stückchen Holz. Damals war immer Leben im Hause und vor dem Hause, +Streit um das Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen +hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen +darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An diese lebhaften Bilder +zurückdenkend, erschien jetzt das Haus geisterhaft einsam und still. +Jedesmal, wenn ich Wasser holte, quälte es mich, doch mal einen Blick +hineinzuwerfen, ob jemand etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder +gefiel mir diese gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie +fügte sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu der +Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich lebte. So +unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus kam, den Wunsch, eine +Tür aufzumachen und hineinzulugen. Ich wußte genau, die Hütte war leer, +vollkommen leer; niemand hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines +alten Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert. Die +Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus lagerte, wollte +ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte, mochte ich träumen, daß +vielleicht der Geist eines der alten aztekischen Priester, der wegen der +Tausenden von Menschen, die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet +und ihnen das Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem +unersättlichen Gotte vor die goldenen Fuße zu werfen, nun keine Ruhe +finden konnte und deshalb aus dem Busch in das gefeite Haus eines +Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein paar Wochen von seinem +rastlosen Herumirren auszuruhen. + + + 12. + +Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine schwarzblaue +Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der Wand des Hauses nach Beute +jagte. Sie lief blitzschnell ein paar Zoll weit, saß dann still, lauerte +eine Weile und lief dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu +lauern. So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs, kein +Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz feinen Faden +zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette hinaufklettern würden, +nicht gerade festzuhalten und zu verstricken, sondern deren Lauf nur zu +verlangsamen, daß, wenn die Spinne inzwischen das Nachbarbrett abgesucht +hatte und hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem mächtigen Satz +anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im Sprunge, wobei +sie das Insekt von hinten anspringt und sofort im Nacken packt, so daß +dieses Insekt von seinen Waffen, sei es nun ein Stachel oder Zangen oder +Scheren, gar keinen Gebrauch machen kann. Das einzige Tier, das sich +gegen diese Springspinne erfolgreich wehren könnte und dann den Spieß +umkehren würde, ist der Skorpion. Aber diese beiden großen Jäger in den +Tropen begegnen sich nie, weil jeder von ihnen eine andere Jagdzeit hat. +Diese Spinne am Tage, in der glühenden Sonne, der Skorpion in der +Dunkelheit. + +Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen in den häufigen +Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte, war es, die sofort wieder +meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und +lernen, wie sie sich verhält, wenn sie selbst angegriffen und verfolgt +wird. Ich stellte meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und +vergaß, daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte. + +Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über der Spinne hin und +her und sofort reagierte sie darauf. Sie wurde unruhig; ihre +Zickzackläufe wurden unregelmäßig und sie suchte diesem großen Etwas, +das ein Vogel sein mochte, zu entwischen. Aber die glatte Wand bot +keinen Schlupfwinkel. Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam +und behutsam und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in +halber Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, aber natürlich an +senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als wäre er auf ebener +Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte eine Leiste, die gespalten war +und sich auch ein wenig verzogen hatte, so daß sie einen Unterschlupf +bieten konnte. + +Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten Platz +auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der gerade zu meinen Füßen +lag und berührte damit die Spinne leicht, sie so zwingend, einen anderen +Weg zu wählen. Sie lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin +sie auch fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder +ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie kreuz und quer, +immer verfolgt von dem Zweig, ihr keine Gelegenheit lassend, zu einem +Sprunge anzusetzen. Plötzlich aber, als ich sie gerade im Rücken +berührte, machte sie blitzschnell kehrt und in rasender Wut und mit +unvergleichlicher Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an, +der gegenüber ihren bescheidenen Ausmaßen für sie gigantische Formen und +übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer, wenn ich den Zweig +zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe den Feind abgeschlagen +oder wenigstens eingeschüchtert, lief sie auf die schützende Leiste zu. +Schließlich besiegte sie mich doch und fand dort Unterschlupf, aber +nicht genügend, um sich ganz zu verbergen, denn sie konnte sich nur zur +Hälfte darin verkriechen. + +Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die Spinne kam sofort +wieder hervor, lief eilends weiter nach oben, wo sie eine günstigere +Höhle fand, in der sie sofort verschwand, ohne daß man noch viel von ihr +sehen konnte. + +Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen, was sie zu guter +Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt mit der flachen Hand so +fest gegen die Wand, daß das ganze Haus, das ja auf Pfählen ruhte, +erzitterte. + +Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden. Und als ich +gerade zum zweiten Male kräftig gegen die Wand schlagen will, fällt +innerhalb des Hauses etwas um. + +Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses. Es war nichts, +absolut gar nichts darin, was mit so einem merkwürdigen Geräusch +umfallen konnte. Eine Stange, ein Stück Holz, das einzige, was es +vielleicht hätte sein können, war es nicht, nach dem Geräusch zu +urteilen. Es war schon eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn +ich mir das Geräusch genauer vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar +Hartes dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein. + +Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar Sprossen der Leiter +hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und hineinzusehen. Aber irgendein +unerklärbares Empfinden hielt mich davon ab. Es war wie Furcht, als +könnte ich drinnen etwas unsagbar Grauenhaftes sehen. + +Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand. Ich redete mir +ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick von etwas ganz Gräßlichem sei, +was mich veranlaßte, das Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir: +du hast ja in dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar +kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich gar +nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren. + +Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer wieder nachdachte, +was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht haben könnte, kam mir +plötzlich ein seltsamer Gedanke: In dem Hause hat sich jemand erhängt, +und zwar schon vor einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der +Hals durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der Körper +erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam umgefallen. So +ähnlich war auch das Geräusch, als ob ein menschlicher Körper umfiele, +und der Kopf auf den Boden schlüge. + +Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin die Phantasie +einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache überzeugt. So +verwandelt sich ein Baumstamm in der Dunkelheit in einen Räuber, der auf +der Lauer steht. In den Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe +nie davon gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und wenn es +wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen, wo man drei Tage +später bestenfalls nur noch an der Schnalle seines Gürtels erkennen +würde, daß es sich um einen Mann handelt. + +So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das Haus und +vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und durchzulugen. Das +Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte mir mehr zu als eine vielleicht +sehr prosaische Gewißheit. + +Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich nachts wach lag, +beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts anderem als mit der Frage, +was in dem Hause wohl sein könne. + +Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob er irgendwelchen +Bescheid vom Manager habe. Aber Mr. Shine war die ganze Woche nicht im +Store unten gewesen und würde auch die nächste Woche nicht +hinunterkommen. Weil nun Montag der letzte Termin war, der für den +Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann sein sollte, in +Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh reisefertig mit meinem +Bündel selbst zum Store zu gehen und nachzufragen. War Bescheid da, dann +konnte ich Sonntag mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War +kein Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in Urlaub +ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. Ist diesem Falle +würde ich gleich zur Station gehen und meinen Plan, nach Guatemala zu +wandern, ohne weiteres durchführen. + +Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als ich mit dem Wasser +an dem Hause schon ein Stück vorüber war, dachte ich, nun will ich aber +doch einmal zu guter Letzt nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich +das nicht tue, so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die +nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja die bekannte +Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im Leben wiederkehrt. + +Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß die Tür, die +hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den Raum, den einzigen Raum, +den das Haus hatte. + +An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein großes Bündel. Ich +konnte aber nicht sofort erkennen, was es sein mochte, denn die Sonne +war noch vor dem Aufgehen. + +Ich trat näher hinzu; es war ein Mann. + +Tot! + +Es war Gonzalo. + +Getötet! + +Ermordet! + +Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball Baumwolle, den er +zerknüllt in der rechten Hand hielt, war gleichfalls vollgesogen von +Blut. + +Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche auf der Brust, +an der rechten Schulter und am linken Oberarm. + +Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet. + +Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt und als ich +gegen die Wand geschlagen hatte, war der Körper auf die Seite gefallen +und der Kopf war auf den Erdboden geschlagen. + +Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und 85 Centavos +darin. Er hätte haben müssen: wenigstens 25 bis 30 Pesos. + +Also des Geldes wegen. + +Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak neben sich +liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen verstreut herum. + +Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er überfallen worden, +an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand. + +Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus verlassen hatten. +Der Chink war nicht der Mörder. Wegen 20 Pesos jemand auch nur zu +berühren, dazu war er viel zu klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für +ihn. + +Also Antonio. + +Das hatte ich von ihm nie gedacht. + +Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ ihn jedoch +liegen wie er lag. + +Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden hatte und +verließ das Haus. + +Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich sofort auf den +Weg. + +Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber zum Camp gehen +wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren werde. + +„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause nicht einsam +gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er. + +„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und so viel zu +beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“ + +„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, weil es +eben ein Haus ist.“ + +„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja schon, als ich +zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten sei.“ + +„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf Besuch kommen und +hier ein wenig herumstreifen und jagen. Die stecke ich dann da hinein, +da können sie hausen nach Belieben. Die werden die Moskitos schon +ausräuchern. Na, denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“ + +Wir schüttelten uns die Hände und ich ging. + +Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der Mörder sein konnte, +diesen Gedanken würde niemand haben; denn ich war ja vor allen den +übrigen Leuten fortgegangen und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet. + +Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte das eine Unmenge +Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen und wer weiß was noch. Dabei wäre +ich gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Camp gekommen. + + + 13. + +Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde ich +ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der Oel zu holen hatte, zur +Station, von der ich nach Dolores Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich +ohne viel Aufenthalt glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen +Tagen in Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan nicht +wieder einmal änderte. + +In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im Süden los sei, +was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern und den +Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, und ob ich nicht besser +vielleicht einen windigen Segelkasten ergattern und auf Argentinien los +gehen sollte. Aber von dort kamen mir auch wieder zu viele herauf, die +wahre Schauergeschichten von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit +berichteten. Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße und suchten +eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer als in Mexiko konnte es +ja dort auf keinen Fall sein. + +Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die Stiefel putzen, +trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich von diesen Beschäftigungen +gerade so recht ungestört, zufrieden mit mir und der Welt ausruhen will, +sehe ich, daß auf der Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt. + +Es ist Antonio. + +Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten Tag, was machen +Sie denn hier?“ + +Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Ich setzte +mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf der Suche nach Arbeit sei. + +„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in einer +Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie gleich heute anfangen, +als Bäcker. Wir suchen gerade einen Gehilfen. Sie haben doch schon als +Bäcker gearbeitet, nicht wahr?“ + +„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert verschiedenen +Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber – und das ist eine +gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis zu einem Bäcker habe ich es +noch nicht gebracht.“ + +„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte Antonio darauf. +„Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären oder etwas vom Backen +verstünden, dann wäre nichts zu machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er +hat keine Ahnung vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre +Pfeffer hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, ob +Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das sei ihr Beruf +seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der Meister ist ein Däne, +ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht auch nichts vom Backen. Seine +größte Sorge ist nun, daß ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte; +einer, der das Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der +Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger Bäcker +würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn Sie nun der Meister +fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil sagen von dem, was Sie zu dem +Inhaber sagen. Zum Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in +ihrem Leben, daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort +an und Sie sind sein Freund.“ + +„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich schon immer mal +arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn man mal in der Verlegenheit +ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen. Dann hört die Sorge um das +tägliche Brot auf und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird +gemacht. Was ist denn der Lohn?“ + +„Ein Peso und fünfzig Centavos.“ + +„Nackt?“ + +„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch frei. Sie kommen +weiter damit als beim Baumwollpflücken, das kann ich Ihnen sagen.“ + +„Wie ist denn das Essen? Gut?“ + +„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“ + +„Weiß schon bescheid.“ + +„Aber man wird immer satt.“ + +„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“ + +Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, bot mir Tabak +und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: „Unter uns gesagt, das mit +dem Essen ist auszuhalten. Hier wird in den Bäckereien und Konditoreien +mit Eiern und Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na +und sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann nicht +an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit Zucker verrührt +und da hilft man der Kost nach. Das macht man in der Nacht und am +Vormittag vier- oder fünfmal, dann können Sie schon gut zurecht kommen.“ + +„Wie lange arbeitet Ihr denn?“ + +„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um zehn abends an und +arbeiten dann durch bis ein, zwei oder drei Uhr nachmittags. Manchmal +wird es auch fünf.“ + +„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“ + +„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders Dienstag und +Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“ + +„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich. + +„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man etwas Besseres +findet.“ + +„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde man ja auch Zeit +finden, sich nach anderer Arbeit umsehen zu können. Aber so? Immerhin, +ich werde anfangen.“ + +Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder Tag und Nacht +zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben Schüssel essen, mit ihm +vielleicht gar im selben Bett schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar +nicht. Entweder war ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für +solche Feinheiten der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder +aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und über die +herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche Handlung verstand, +daß ich mir weder das Recht anmaßte, jemand zu verurteilen, noch mir die +billige Sentimentalität einflößte, jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid +ist auch eine Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch +eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns vor Antonio, +eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen so viele Raubmörder +herum, wirkliche und moralische, mit Brillanten an den Fingern und einer +dicken Perle in der Halsbinde oder goldenen Sternen auf den Achseln, +denen jeder Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt. +Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden gehenkt; +diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden bei Mr. Präsident +zum Ball eingeladen und dürfen auf die Sittenlosigkeit und Roheit, die +in meiner Klasse herrscht, schimpfen. + +Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man hinab in den Morast und +zwischen den Abschaum der Menschheit, wenn man um Brotrinden kämpfen +muß. + +Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, die mir das +Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich Antonio mit der Frage: + +„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“ + +„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern abend erst +angekommen.“ + +„Sam Woe, der Chinese.“ + +„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“ + +„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt von seiner +Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“ + +„Und hat er eine aufgemacht?“ + +„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was sich so ein Chino +einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat das Geschäft mit einem +Landsmanne in Kompanie.“ + +„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche Ader, die zu +solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube sicher, wenn ich ein solches +Geschäft gründete, würden sofort alle Leute ohne Magen geboren, nur +damit ich ja nicht etwa auf einen grünen Zweig komme.“ + +„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht mir gerade ebenso. +Ich habe schon einen Zigarettenstand gehabt, schon einen +Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser herumgeschleppt und wer weiß, was +nicht sonst noch alles versucht. Mir hat selten jemand etwas abgekauft. +Ich habe immer elendiglich Pleite gemacht.“ + +„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir können die Leute +nicht genügend anschwindeln. Und schwindeln muß man können, wenn man +Geschäfte machen will. Aber gründlich.“ + +„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der wird sich auch freuen, +Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz gern mal draußen irgendwo. Zur +Abwechselung, sehen Sie. Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird +einem auch über.“ + + + 14. + +Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel, wo die Chinesen +alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre Restaurants haben. Nur +wenige hatten ihre Läden in anderen Stadtvierteln. Sie hockten am +liebsten immer zusammen. + +Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte mir immer +wieder die Hand, lachte und schwatzte drauf los, lud uns zum +Niedersetzen ein und wir bestellten unser Essen. + +Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen Kamm geschoren. +Einfache viereckige Holztische, manchmal nur drei, an jedem Tisch drei +oder vier Stühle. Wegen der Menge der Speisen, die man erhält, können +bestenfalls drei sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch +sitzen. Auf die Sauberkeit des Geschirres und auf die Sauberkeit in der +Zubereitung der Speisen kann man sich besser verlassen als in vielen +teuren und eleganten Restaurants in Europa oder in den Staaten. Was in +der Küche vor sich geht, kann man in den meisten Fällen von seinem +Tische aus mit ansehen. + +Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen +Speisewirtschaften der Stadt die ganz genau gleiche. So schließen die +Chinesen unter sich jede unreelle Konkurrenz aus. + +Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine braunrote, tönerne, +weitbauchige Wasserflasche, von der Art und Form, wie sie schon bei den +Azteken im Gebrauch war. Dann eine Flasche mit Oel und eine mit Essig. +Ferner eine Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit +Zucker und ein Glas mit Chille. Chille ist eine dicke aufgekochte Suppe +von roten und grünen Pfefferschoten. Ein halber Teelöffel in die Suppe +getan, genügt, um einen normalen Europäer zu veranlassen, die Suppe als +total verpfeffert und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm +Zunge und Gaumen verbrennen würde. + +Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber mit Hilfe eines +indianischen Mädchens die Küche besorgte. + +Zuerst bekamen wir einen Klumpen Eis in einem Glase, das wir mit Wasser +füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert seines Geschäftes nach dem +Bierverbrauch, man erhält Bier nur auf ausdrückliches Verlangen, und +kein Wirt verdirbt einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges +Lamentieren, daß er am Essen nichts verdienen könne. + +Dann bekamen wir ein großes Brötchen, es folgte die Suppe. Es ist immer +Nudelsuppe. Antonio schüttete sich einen Eßlöffel voll Chille in die +Suppe, ich zwei, zwei gehäufte. Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein +halber Teelöffel die Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar +macht. Aber man wird auch bereits bemerkt haben, daß ich weder normal +bin, noch daß ich mich zu den Europäern zähle. Die Europäer haben mir +das abgewöhnt, nicht die Indianer in der Sierra de Madre. + +Während wir noch in der Suppe herumfischten, kamen ein Beefsteak, +geröstete Kartoffeln, ein Teller Reis, ein Teller mit butterweichen +Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch. Das gibt es hier nicht, daß man +sich nach jedem Gang erst die Galle anärgern muß, weil der Kellner sich +eine halbe Stunde lang erst überlegt, ob er einem nun den folgenden Gang +eigentlich bringen soll oder nicht. Hier werden alle Gänge sofort +gleichzeitig auf den Tisch gestellt. + +Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine Bohnen ein gegen +Tomatensalat, den man sich selbst am Tische zubereitet und ich tauschte +meinen Gulasch ein gegen eine Omelette. + +Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte er seine Bohnen +behalten, würde er sie auch noch geschüttet haben. Aber Bohnen schien es +genug in der Bäckerei zu geben, dagegen wohl seltener Tomatensalat. + +Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das Beefsteak und eine +Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann würzte ich den Reis mit zwei +Eßlöffel Chille und die Bohnen mit vier Eßlöffel Zucker. + +Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte Eistee mit +Zitrone, ich ^Café con leche^, wofür man auch ebenso gut sagen kann: +Kaffee mit Milch. Kaffee trinkt man mit einem Drittel des Tasseninhaltes +Zucker darin. Diese Sitte halte ich für sehr gut und für sehr +vernünftig. Es mag dies als fernerer Beweis angesehen werden, daß ich +für Europa verloren bin, und zwar für immer; denn wo ich auch zu Tisch +sitzen werde, die Hausfrau, vielleicht sogar auch der Hausherr, der ja +materiell dafür aufzukommen hat, müßten angebunden werden, weil sie +sonst Tobsuchtsanfälle bekommen würden angesichts meines +Zuckerverbrauchs. + +Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch einige Zahnstocher. +Deshalb sieht man auch nie, daß ein Mexikaner mit der Gabel in den +Zähnen herumfuhrwerkt, wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar +Square und an anderen Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu +beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht gut essen +kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel aufzuschlitzen, +wie so oft von ungeschickten und furchtsamen Leuten behauptet wird, weiß +ich aus eigener Erfahrung. Etwas unbequem sind die starken +Seemannsmesser, wie ich eines habe; weil die am Ende spitz sind und +nicht breit, deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne +und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den Fisch mit dem +Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel weiß ich nicht. So oft ich +Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den offenen Garküchen auf den +Märkten und an anderen Orten, aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und +dem Daumen. Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und +vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine, sie packten +ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben auch meist gar kein +Messer, das sie dem Gast geben könnten, sondern eben auch nur die +natürlichen Werkzeuge, die sie nicht erst kaufen brauchen. + +In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch, weil wir der +besseren Verdauung wegen während des Essens nichts Gedankenschweres in +unserem Hirn herumwälzen wollten und weil man beim Essen nur vom Essen +sprechen soll. + +Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen, daß wir keine +ungebildeten Leute oder was viel schlimmer ist, etwa gar revolutionäre +Arbeiter waren. Denn das kann man so sehr leicht werden, wenn man sich +gehen läßt und nachgibt, besonders wenn man augenblicklich keine andere +Zukunftsmöglichkeit vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis +siebzehnstündige Arbeitszeit für anderthalb Pesos. + +Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos, alles +einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen +Speisewirtschaft. + +Jeder Weiße und jeder Mexikaner, der es versucht – und es wird immer +wieder versucht – für dasselbe Geld die gleiche Mahlzeit mit allem +genannten Zubehör zu geben, geht zugrunde. Das Allerwenigste, was ein +Nicht-Chinese fordern muß, sind achtzig Centavos. Wie der Chinese das +fertig bekommt und dabei noch verdient und zu Wohlstand gelangt, ist +eins der vielen Geheimnisse, die um den Chinesen gehäuft sind. + +Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich gründlich Mund +und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. Sauberen Mund und +saubere Zähne zu haben ist dem Mexikaner wichtiger als ein trockener +Fußboden. Die nimmermüde tropische Sonne trocknete ja den Fußboden, ehe +sich der nächste Gast an unseren Tisch setzt. + + + 15. + +Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging in den Laden +und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal. + +„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber. + +„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker,“ sagte ich. + +„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“ + +„In Monterrey.“ + +„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie Kost, Wohnung und +Wäsche und ein und einen halben Peso für den Tag.“ + +„Halt!“ sagte er plötzlich, „sind Sie sicher auf Torten, auf Torten mit +Gußornamenten?“ + +„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur Torten mit +Gußornamenten gebacken.“ + +„Das ist fein! Da will ich aber doch mal mit meinem Meister sprechen, +was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger Meister, von dem können Sie viel +lernen.“ + +Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich gerade die Stiefel +anzog, um auszugehen. + +„Hier ist ein Bäcker von Monterrey, der Arbeit sucht. Hören Sie mal, ob +Sie ihn brauchen können.“ + +Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns beide allein. + +Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen, zog sich +ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich auf den Bettrand und +zündete sich eine Zigarre an. + +Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er mich mißtrauisch +von oben bis unten und sagte endlich: + +„Sie sind Bäcker?“ + +„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“ + +„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch. + +„Verstehen Sie was von Torten?“ + +„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie gemacht +werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte das gerade lernen.“ + +„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen, heute abend um zehn +Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was essen?“ + +„Nein, danke! Nicht jetzt.“ + +„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen nun Ihr Bett +zeigen.“ + +Sein Mißtrauen war geschwunden und er war sehr freundlich. + +„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus Ihnen machen, wenn +Sie gut aufpassen und willig sind.“ + +„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Sennor. Bäcker und Konditor +wollte ich schon immer werden.“ + +„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder sich die Stadt +ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“ + +„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“ + +„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“ – + +Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank. + +„Na?“ begrüßte er mich. + +„Ich fange heute abend an.“ + +„Das ist gut,“ sagte er, „vielleicht gehe ich später mit Ihnen runter +nach Columbien.“ + +Ich setzte mich zu ihm. + +Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte und um ein +Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der gegebene Zeitpunkt, +nach Gonzalo zu fragen. Es war mir eigentlich nicht so sehr darum zu +tun, nur zu schwätzen, als vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen +würde, wie sich ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen +hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man wisse es. + +Eine Gefahr war freilich damit verknüpft. War Antonio in Wahrheit ein +echter Mörder, dann würde er bei erster Gelegenheit mich auf die Seite +schaffen als Mitwisser. Aber darauf wollte ich es ankommen lassen. Diese +Gefahr kitzelte mich erst recht, auf den Busch zu klopfen. Ich war ja +vorbereitet und konnte mich meiner Haut wehren. Mit ihm allein durch den +Busch, vielleicht gar nach Columbien zu trampen, würde ich dann schon +wohlweislich vermeiden. + +„Wissen Sie, Antonio,“ sagte ich plötzlich aus heiler Haut heraus, „daß +Sie von der Polizei gesucht werden?“ + +„Ich?“ erwiderte er ganz erstaunt. + +„Ja, Sie!“ + +„Weswegen denn? Ich weiß nicht, daß ich etwas verbrochen habe.“ + +Es klang sehr aufrichtig; zu aufrichtig, um echt zu sein. + +„Wegen Mord! Wegen Raubmord!“ setzte ich hinzu. + +„Sie sind wohl verrückt, Gale. Ich wegen Raubmord? Da sind sie aber böse +im Irrtum. Vielleicht eine Namensähnlichkeit.“ + +„Wissen Sie, daß Gonzalo tot ist?“ + +„Was?“ Er schrie es beinahe. + +„Ja,“ sagt ich ruhig, ihn im Auge behaltend. + +„Gonzalo ist tot. Ermordet und beraubt.“ + +„Der arme Kerl! Er war ein guter Bursche,“ sagte Antonio bedauernd. + +„Ja,“ bestätigte ich, „er war ein braver Kerl! Und es ist schade um ihn. +Wo haben Sie ihn denn zuletzt gesehen, Antonio?“ + +„In dem Hause, wo wir alle wohnten.“ + +„Mr. Shine erzählte mir, daß ihr drei, Sie, Gonzalo und Sam zusammen am +Montag morgen fortgegangen seid.“ + +„Wenn Mr. Shine das sagt, dann irrt er. Gonzalo ist zurückgeblieben. Wir +zwei nur, Sam und ich sind zur Station gegangen.“ + +„Das verstehe ich nicht,“ sagte ich nun. „Mr. Shine hat am Fenster oder +in der Tür gestanden, ich weiß nicht wo und hat euch drei bestimmt +gesehen.“ + +Da lachte Antonio leicht auf und sagte: „Mr. Shine hat recht und ich +habe auch recht. Aber der Dritte, der bei uns war, war nicht Gonzalo, +sondern einer dort aus der Gegend, einer von den Eingeborenen, der die +Hühner von Abraham kaufen wollte, weil er dachte, er könne sie billig +haben. Abraham war aber schon zwei Tage fort und hatte die Hühner +bereits verkauft, ich glaube an Mr. Shine.“ + +„In dem Hause, wo Sie Gonzalo zuletzt gesehen haben,“ sagte ich nun +langsam, „habe ich ihn auch gefunden, ermordet und beraubt. Das heißt, +es ist ihm nicht alles geraubt worden, fünf Pesos und etwas darüber hat +ihm der Mörder gelassen.“ + +„Ich möchte ernst bleiben bei der tragischen Geschichte,“ sagte Antonio +leicht vor sich hin grinsend, „aber da muß ich doch lachen. Das übrige +Geld von Gonzalo habe ich.“ + +„Na also!“ rief ich, „davon rede ich ja die ganze Zeit.“ + +„Davon reden Sie allerdings, Gale,“ erwiderte Antonio. „Aber das Geld +habe ich ihm doch abgewonnen. Sam weiß das gut, der war ja auch dabei. +Sam hat ja selbst fünf Pesos dabei verloren. Er hat sich ja mit in die +Wette hineingedrängt.“ + +Das wurde jetzt eine merkwürdige Geschichte. + +„Sam, ich und der Indianer, wir sind zusammen vom Hause fortgegangen. +Gonzalo wollte zurückbleiben und sich gut ausschlafen. Ich bin mit Sam +bis Celaya gefahren. Sam ist dann weiter gefahren bis hierher nach +Oaxaca und ich bin hierher teils gelaufen, teils habe ich ein paar +Strecken mit den Zügen blind gemacht.“ + +Was Antonio sagte, klang wahr. Außerdem hatte er Sam als Zeugen. Und daß +Antonio diese weite Strecke von Celaya zurückgeeilt sein sollte, um +Gonzalo zu ermorden, war ganz und gar unwahrscheinlich. Sein Geld hatte +er ihm ja abgewonnen, ehrlich, Sam war Zeuge. Irgendeinen Wertgegenstand +besaß Gonzalo nicht. Wir kannten jeder den ganzen Tascheninhalt des +anderen; und auf dem Leibe konnte auch niemand etwas verbergen, wir +liefen ja immer dreiviertel nackt herum. Da war nichts Verdächtiges +übrig, Antonio war unschuldig. + +„Na, lieber Antonio,“ sagte ich, „da bitte ich Sie herzlich um +Verzeihung, weil ich geglaubt habe, Sie könnten am Morde oder Tode des +Gonzalo schuldig sein.“ + +„Macht nichts, Gale,“ antwortete er gemütlich, „nehme ich Ihnen nicht +übel; aber ich hätte doch gedacht, Sie würden nicht gleich das Böseste +von mir denken. Ich habe doch nie jemand irgendeine Ursache hierfür +gegeben.“ + +„Das ist wahr. Das haben Sie nicht,“ sagte ich darauf. „Aber sehen Sie, +die Umstände waren so merkwürdig auf Sie gerichtet. Sie und Sam waren +die legen mit Gonzalo im Hause. Gonzalo hat, wenn er, wie Sie sagen, +nicht mit Ihnen gegangen ist, das Haus nicht mehr verlassen. Er ist +darin ermordet worden. Mr. Shine sagte mir, daß, seit Sie fortgegangen +seien, niemand sonst dort herum war. Es gibt ja nichts zu stehlen da und +ein Weg, der jemand zufällig dahin bringen könnte, führt auch nicht +vorbei. Ich bin noch mal oben gewesen, weil ich dort auf Bescheid von +einem Oelcamp warten mußte. Rein aus Neugierde geriet ich in das Haus +und fand Gonzalo tot. Er hatte mehrere Wunden von Messerstichen, die +gefährlichste war ein Lungenstich in der linken Brust, an dem Stich ist +er offenbar verblutet.“ + +Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging in Antonio eine +erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde leichenblaß, starrte mich +mit entsetzten Augen an, bewegte die Lippen und schluckte und schluckte, +konnte aber kein Wort hervorbringen. Mit der linken Hand arbeitete er an +seinem Gesicht und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch +herunterreißen wollte, während er mit der rechten Hand wie im Traum nach +meiner Schulter und nach meiner Brust tastete als ob er sich +vergewissern müsse, daß da jemand sitze oder ob das nur eine +Wahnvorstellung sei. + +Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich konnte mir jetzt +überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio zeigte sich plötzlich das +ganze Schuldbewußtsein eines Menschen, dem seine Tat mit allen ihren +Folgen klar zu werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich +ihn des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein solches +Verhalten zurecht legen, um darüber nicht selbst meine Gedanken zu +verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen, daß ich selbst +Gonzalo erschlagen habe! + + + 16. + +Die Lampen im Park flammten auf. Es war halb sieben und wir hatten Ende +August. + +Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in der kurzen +Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann. Denn es war im hellen +Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht offen und unbefangen zuletzt +gesehen hatte. Und nun deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was +für mich der nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte +Mensch Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis hatte +werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu studieren, den die +finstersten Mächte überfallen haben, ihn schütteln und rütteln und jedes +Härchen und jede Pore an seinem Körper in Aufruhr versetzen, wurde mir +nun durch die grellen Lampen zerstört, die in das Gesicht Antonios +Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht darinnen waren. + +Wahrheit allein war sein heißes Atmen und Wahrheit waren seine tastenden +und krallenden Finger. Alles andere wurde Rampenlicht. + +Auf der Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter; zerlumpt wie +Zehntausende unserer Klasse, weil der Lohn kaum für das Essen reicht, +häufig nichts übrig bleibt für eine Dreißig-Centavos-Pritsche in einem +der vielen Schlafhäuser, wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder +hundert Schlafgenossen aller Rassen der Erde, behaftet mit vielleicht +ebensoviel oder mehr Krankheiten, die von den Aerzten gekannt und auch +nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in demselben einen +Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch abtrocknen, Männer, +Frauen und Kinder, im Alter von zwei Wochen bis zu hundertundfünf +Jahren. Ehemalige Herzöge, Lords, Generale, Professoren, Philosophen, +Erfinder, Entdecker, Geistliche, Ingenieure, Bankdirektoren, Bankräuber, +Bankmörder, Dirnen und was sonst noch die Welt an Berufen hervorbringt +und wieder vernichtet. + +Der Arbeiter, ein Indianer, war auf der Bank eingeschlafen. Seine +Glieder entspannten und der ermüdete und abgearbeitete Körper sank zu +einem Häuflein Lumpen mehr und mehr zusammen. + +Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste die Bank +wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner Höhe auf dem Erdboden +kriechen sieht. Dann, als der Polizist wieder an der Rückseite der Bank +war, zog er seine Lederpeitsche durch die Hand und hieb mit +bestialischer Brutalität und mit einem tückischen Grinsen auf dem +Gesicht dem Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb. +Mit einem unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper des +Indianer kurz nach vorn über als habe man ihm den Rücken mit einem +Schwert durchschnitten. Dann aber schnellte der Körper rasch nach hinten +und sich mit einem Gestöhn windend, griff der Arme langsam mit der Hand +nach dem gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und +grinste den Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem Gepeinigten +liefen vor Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht. Aber er sagte +nichts. Er stand nicht auf. Er blieb ruhig auf der Bank sitzen. Denn das +war sein Recht. Sitzen durfte er auf der Bank, er mochte noch so +zerlumpt sein, es mochten noch so viele elegante Caballeros und Sennoras +herumirren, um die Kühle des Abends auf einer der bequemen Bänke zu +genießen und dem Konzert zuzuhören, das bald beginnen würde. Der +Indianer wußte, er war der Bewohner und der Bürger eines freien Landes, +wo der Millionär nicht mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen und +wäre es vierundzwanzig Stunden lang, als der arme Indianer. Aber +schlafen durfte er nicht auf der Bank. Soweit ging die Freiheit nicht, +obgleich die Bank auf dem „Platze der Freiheit“ stand. Es war die +Freiheit, wo derjenige, der die Autorität besitzt, den peitschen darf, +der die Autorität nicht hat. Der uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt +wie die Geschichte von der Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der +uralte Gegensatz zwischen der Polizei und den Mühseligen und Beladenen +und Hungernden und Schlafbedürftigen. Der Indianer war im Unrecht, das +wußte er wohl, deshalb sagte er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder +Gabriel – dieser hier hielt sich für das zweite – war im Recht. + +Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Nein! + +Mir stieg das Blut zu Kopfe. + +In allen Ländern der hohen Zivilisation, in England, in Deutschland, in +Amerika und erst recht in den übrigen Ländern ist es die Polizei, die +peitscht und ist es der Arbeiter, der gepeitscht wird. Und da wundert +sich dann der, der zufrieden an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich +an der Krippe gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert +wird und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht. Eine +Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. Er frißt sich immer +tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und endlich das Hirn und löst den +Schrei aus, der die Erde erbeben läßt. Der Schrei: „Rache!“ Warum ist +Rußland in den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am meisten +gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet den Weg für die +Heranstürmenden, deren Schritte Welten erdröhnen und Systeme explodieren +macht. + +Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“ schreien! + +Wehe den Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz der Hungernden +zerfressen und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen! + +Man zwang mich, Rebell zu sein und Revolutionär. + +Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus Hilfsbereitschaft für die +Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit sehen zu +müssen, macht ebensoviele Revolutionäre wie Unzufriedenheit oder Hunger. + +Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch der Polizist stand, +die Peitsche durch die Hand ziehend, sie ab und zu durch die Luft +pfeifen lassend und mit funkelnden Augen auf sein sich windendes Opfer +grinsend. + +Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle mich auf die +Bank setzen. + +Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie mich sofort zur +Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen. Sie wissen, daß Ihre +Instruktion Ihnen nur das Recht gibt, sich der Peitsche zu bedienen, +falls Sie angegriffen werden oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem +Aufruf. Das wissen Sie doch?“ + +„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen,“ verteidigte sich der +kleine braune Teufel, der kaum höher war als fünf Fuß. + +„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er hier zu dieser Zeit +nicht schlafen dürfe und wenn er wieder einschlafen sollte, durften Sie +ihn von der Bank verweisen, aber auf keinen Fall durften Sie ihn +schlagen. Also, kommen Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine +Möglichkeit mehr haben, jemand zu peitschen.“ + +Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein Weißer war und sah, +daß ich es im Ernst sagte. Er hing die Peitsche an den Haken in seinem +Gürtel und mit einem schnellen Satz war er verschwunden, als habe ihn +die Erde verschluckt. + +Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege. + +Ich schlenderte zurück zu Antonio. + +Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal. Alles ist +Busch. Ueberall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen! Die Fliege von +der Spinne, die Spinne vom Vogel, der Vogel von der Schlange, die +Schlange vom Coyotl, der Coyotl von der Tarantel, die Tarantel vom +Vogel, der Vogel vom – – – Immer im Kreise herum. Bis eine +Erdkatastrophe kommt oder eine Revolution und der Kreis von Neuem +beginnt, nur anders herum. + +Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht! Der Lebende hat +immer recht! Du bist im recht! Der Tote ist schuld. Hättest du nicht +Gonzalo ermordet, hätte er dich ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es +ist der Kreis im Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel +ist zu häufig und die ganze Zivilisation der Menschen ist ja nichts +anderes als die natürliche Folge seiner bewundernswerten +Nachahmungsfähigkeit. + + + 17. + +„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz bestimmt nicht +meine Absicht, Gonzalo zu töten. Er hätte mich genau so gut treffen +können. Glauben Sie mir doch, oh, ^amigo mio^! Ich bin nicht schuld an +seinem Tode.“ + +„Ich weiß, Antonio. Es konnte Sie treffen. Es kann Sie heute abend noch +treffen. Es ist der Busch, der uns alle am Kragen hat und mit uns macht, +was er will.“ + +„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. Hier in der +Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar nicht verfallen. Aber da +singt der Busch die ganze Nacht, da schreit ein Fasan seinen +Todesschrei, wenn er gepackt wird, da heult der Cougar auf seinem +Mordwege. Alles ist Blut, alles ist Kampf. Im Busch sind die Zähne, bei +uns sind es die Messer. Aber es war nur Scherz, nur der reine Spaß. +Wirklich nur Spaß. Nichts weiter. + +Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das Rädchen, oder die +Messer! Wir hatten keiner so viel Geld übrig nach siebenwöchiger Arbeit +wie wir brauchten, um aus dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was +anderes aufzusuchen. + +Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte etwas über zwanzig +Pesos, ich hatte fünfundzwanzig. + +Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir gehen. + +Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charly war gegangen. Sie +waren auch nicht mehr da. Wir waren nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich. + +Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten jeder Goldstücke, +das Kleine in Silber. + +Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden lag, kaum zu sehen bei +dem Schein unseres Feuers, da fing Gonzalo an zu fluchen. + +Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? Da hat man nun +sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter Negersklave, in der Glut, +von früh um vier bis Sonnenuntergang, dann heim. Und dann abgerackert, +daß man kaum noch einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu +kochen und runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, keine +Musik, kein Tanz, kein Mädchen, keinen Schnaps und den schlechtesten +Tabak. Was soll ich mit dem Lausedreck da anfangen?“ + +Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort. + +„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine Hose ein Lumpen, +meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, keine Sohle, kein Oberleder, +kein Nischt, sogar die Riemen sind zwanzigmal geknotet. Und nischt +bleibt übrig und geschuftet wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens +vierzig Pesos!“ + +Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf. + +„Mit vierzig Pesos,“ sagte er, „käme ich zurecht. Könnte nach Mexico +Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit man auch anständig +aussieht, wenn man zu einem Mädchen „Buenos tardes!“ sagen will. Und man +hat noch ein paar Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“ + +„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „die vierzig Pesos sind es auch +gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das Notdürftigste zu kaufen.“ + +„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um das Geld spielen. +Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen etwas Rechtes anfangen. +Wenn du mein Geld noch dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch +einer von uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist +jeder ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich auf den +ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet hat.“ + +„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht,“ erzählte Antonio weiter. „Ich +hätte mein Geld auch gleich versoffen. Wenn man mit dem gottverfluchten +Tequila erst einmal anfängt, hört man nicht eher auf, bis der +letzte Centavos verwichst ist. Das geht dann durch, besoffen, +nüchtern-besoffen, nüchtern-besoffen immerfort bis alles hin ist. Und +was man nicht selber durch die Gurgel rasselt, da helfen dann die +Mitsäufer, und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und der +schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das kennen Sie doch, +Gale?“ + +Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der einem die Kehle +zerreißt, daß man sich nach jedem Glas schütteln muß und schnell ein +paar eingemachte Bohnen, die einem der kluge Wirt mit einem spitzen +Hölzchen zum Aufspießen hinstellt, hinterher schlucken muß, um den +Petroleumgeschmack los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie +besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer ein +Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem mysteriösen Grunde durch die +Kehle jagen muß, ohne ihn mit der Zunge zu betasten. Und wenn man dann +endlich glaubt, genug zu haben, hat man weder Hirn, noch Körper, noch +Blut. Man hört auf zu existieren. Das Daseinsbewußtsein verlöscht +vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, Aerger, Zorn. Uebrig +bleibt nur das absolute Nichts. Welt und Ich sind verweht. Nicht einmal +Nebel bleibt.“ + +Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung suchend. +Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Wir hatten keine Karten und +keine Würfel. Wir zogen Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin +und zurück. Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die aus der einen Tasche +zur anderen gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein Geld wechselte +nicht von Haus zu Haus. + +Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. Vielleicht zehn +oder elf Uhr. + +Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, jetzt habe er genug +von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er endlich wissen, woran er morgen +früh sei. + +„Ja, weißt du denn einen anderen Vorschlag?“ sagte ich zu ihm. + +„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so wütend macht. +Wir albern hier herum wie die kleinen Kinder, ohne zu einem Ende zu +kommen. Immer hin und her. Es ist zum verrückt werden!“ + +Dann als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in die Glut starrend, +sich eine Zigarette nach der anderen drehend und jede kaum angeraucht +ins Feuer warf, sagte er plötzlich aufspringend: „Jetzt weiß ich, was +wir tun. Wir machen ein Azteken-Duell um die ganze Summe.“ + +„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“ + +Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus Huehuetoca, und seine +Vorfahren waren einst Caciques gewesen. Das ist so etwas wie Heerführer +und Statthalter. Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem +Lande durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr selten +ein Irrtum unterläuft. + +„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ sagte +Gonzalo erstaunt. + +„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir sind doch +spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als zweihundert Jahre hier +sind, Vaters und Mutters Seite. Aber von einem Azteken-Duell habe ich +nie gehört.“ + +„Aber das ist ganz einfach,“ sagte Gonzalo. „Wir nehmen zwei junge, +gerade gewachsene Bäumchen, binden oben unsere Messer fest daran und +werfen sie dann gegenseitig auf einander los, bis der eine aus Ermattung +nachgeben muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer stehen +bleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. Dann kommen wir +doch wenigstens zu einem Ende.“ + +Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir eine ganz verrückte +Idee zu sein. + +„Du hast doch nicht Angst, Spanier!“ lachte Gonzalo. + +Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton von Verhöhnung lag, +brauste ich auf: + +„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier hat nie Angst! Das will +ich dir gleich beweisen. Los zum Azteken-Duell!“ + + + 18. + +Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und krochen im Busch +herum, bis wir zwei passende Stämmchen gefunden hatten. + +Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, damit wir ein +tüchtig Feuer bekämen, um im Kampfe auch Ziellicht zu haben. + +Wir befreiten die Stämmchen von den Aesten und banden oben unsere +aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an. + +„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge überstehen,“ +sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht ermorden. Es ist ja nur um +das Spiel. Das Messer braucht nicht weiter überstehen, als der halbe +kleine Finger. So, das ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer +betrachtend. „Jetzt binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem +Speer ein richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“ + +Dann umwickelten wir unseren linken Arm mit Gras und einem Sack, um ein +Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte Gonzalo, „der Schild ist +wichtig. Das ist ja eben gerade das Vergnügen, aufzufangen und +abzuwehren.“ + +Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja und ich? Soll ich +vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“ + +Der Chino hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer der +Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn haben. Sie wissen ja, +Gale, was für Spielratten die Chinos sind. Die würden die Frachtkosten +für ihren Leichnam verspielen, wenn ihnen das nicht gegen alle Moral +ginge. + +„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „Du kannst ja auf einen von uns wetten.“ + +„Fein,“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. Fünf Pesos. +Wenn du gewinnst, bekomme ich von dir fünf Pesos und wenn du verlierst, +kliegst du von mir fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen, +weil du dann deine zwanzig Pesos los würdest.“ + +Wir deponierten jeder unsere zwanzig Pesos, die Sam vor sich auf einen +Stein legte und dann legte er selbst seine fünf Pesos Wetteinsatz hinzu. + +Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab und wir legten jeder ein langes +Stück Holz an die Marken, die keiner der Kämpfer überschreiten durfte, +wenn er nicht sofort fünf Pesos an den anderen verlieren wollte. + +Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum Rückwerfen benutzte +jeder den Speer des anderen. + +Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte ich Gonzalo nur +in Umrissen sehen und den Speer, wenn er auf einen zugeflogen kam, +konnte man beinahe gar nicht sehen, denn rund herum war ja stockdunkle +Nacht. + +Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die rechte Schulter. +Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale. + +Dabei zog er sein Hemd von der Schulter und ich sah den Stich noch +unvernarbt. + +Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich in Aufregung. Ich +bekam nach einigen weiteren Gängen noch einen Stich, der mir durch die +Hose ins Bein ging. Aber ich konnte ganz gut aushalten. + +Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner nachgeben wollte, +wurde das Tempo immer rascher. Es kam so mittlerweile ein gutes Stück +Wildheit in die Sache und jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde +niemals geglaubt haben, daß es nur ein Spiel sei. + +Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich +weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon +einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an, +müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig +Kilo wiege und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald +kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal wäre ich beim +Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl, +ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr +aufstehen. + +Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr +sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn +bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz +gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst +aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn +eben immer wieder zurück. + +Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo +sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm vorbei +geflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn +auf und als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal +so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht +niedergeschlagen. + +Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh +war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich +umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich +hätte meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern. + +Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken. + +Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich meine fünf Pesos +verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen. Gonzalo gibt auf.“ + +Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die +Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden. + +Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, das er +gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war. +Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig +auf die Brust und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte +ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die +Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal. + +Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche. +Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne +geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf +Pesos ebenfalls in die Tasche steckte. + +So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde +kleiner und kleiner. + +Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“ + +Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine eigenen gewesen: +„Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“ + +Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend und sich +festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte. + +Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, hörte ich, +wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen zeitig geht und ich bin noch nicht +auf, braucht ihr mich nicht wecken. Ich will lange durchschlafen, ich +bin furchtbar müde. Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein +Fahrgeld.“ + +Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war Zeit. Um acht Uhr +abends mußten wir auf der Station sein, sonst verloren wir zwei Tage. + +Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte sehen. Sah auch +Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke schlief. + +Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen. + +Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade der Tag zu +grauen anfing, gingen wir. Ein paar Schritte weiter trafen wir den +Indianer, der die Hühner kaufen wollte. – + +Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre Geschichte.“ + +„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt,“ +sagte ich. + +„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend. + +„Weil er bereits tot war!“ – + +„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam +gehen, der weiß es auch.“ + +„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist die +Wahrheit!“ + + + 19. + +Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen. + +Die Ouverture zu Cavalleria rusticana. + +Da kam das wehmütige Motiv des Intermezzos. + +Klagend und weinend schwebten die Töne über den Plaza. Sie schlangen +sich trauernd um die königlichen Palmen. + +Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen nicht sehen zu +müssen. + +Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. Ausgelöscht aus +den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand mit einem Knäuel roher schwarz +verfärbter Baumwolle auf die Brust gepreßt. + +Die Baumwolle! – + +Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, ohne daß ich +es bemerkte. + +„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er da. + +„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube Sie sehen Gespenster. +Bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein.“ + +Er schwieg. + +„Ach, diese verfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich. „Sollen +lieber spielen „Der Graf von Luxemburg“. Es ist ja alles so lustig! Das +ganze Leben ist so lustig! + +Begräbnismusik für die Toten! Für die Lebenden schmetternde Fanfaren! +Kommen Sie. Antonio! Es ist Zeit. Wir müssen uns eilen zur Bäckerei. + +Seien Sie pünktlich! hat der Meister gesagt.“ + + + Anmerkungen zur Transkription + +Diese Erstveröffentlichung der „Baumwollpflücker“ wurde vom 21. Juni bis +zum 16. Juli 1925 im „Vorwärts“, Berlin, in 22 Folgen gedruckt: + + 1. 21. Juni, S. 5 + 2. 23. Juni, S. 5 + 3. 24. Juni, S. 5 + 4. 25. Juni, S. 5 + 5. 26. Juni, S. 5 + 6. 27. Juni, S. 5 + 7. 28. Juni, S. 5 + 8. 30. Juni, S. 5 + 9. 1. Juli, S. 5 + 10. 2. Juli, S. 5 + 11. 3. Juli, S. 5 + 12. 4. Juli, S. 5 + 13. 5. Juli, S. 5 + 14. 7. Juli, S. 5 + 15. 8. Juli, S. 5 + 16. 9. Juli, S. 5 + 17. 10. Juli, S. 5 + 18. 11. Juli, S. 5 + 19. 12. Juli, S. 5 + 20. 14. Juli, S. 5 + 21. 15. Juli, S. 6 + 22. 16. Juli, S. 5 + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Zuhilfename der Buchausgabe von 1926, sind +hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [Folge 1]: + ... anfangen können. Wir fühlten uns alle drei so wohl wie drei ... + ... anfangen können. Wir fühlten uns alle vier so wohl wie vier ... + + [Folge 3]: + ... gehörte, stahl. Wir nehmen ihm den Raub wieder ab, bevor ... + ... gehörte, stahl. Wir nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor ... + + [Folge 3]: + ... daß wir auch nicht glauben, daß ein amerikanisches + Kanonenboot ... + ... daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches + Kanonenboot ... + + [Folge 4]: + ... Schlafpelz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes + Handtuch ... + ... Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes + Handtuch ... + + [Folge 5]: + ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ist kann Sie weder ... + ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder ... + + [Folge 6]: + ... leistet, den ein König, ein Milliardär oder ein einfacher + Landmann ... + ... leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein einfacher + Landmann ... + + [Folge 7]: + ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht haben, ohne Eier ... + ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht hatten, ohne Eier ... + + [Folge 11]: + ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Gale ... + ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Shine ... + + [Folge 12]: + ... Darin ist man hier gewöhnt. ... + ... Daran ist man hier gewöhnt. ... + + [Folge 12]: + ... nicht verlassen brauchte; den er war ein beliebter und + lustiger ... + ... nicht verlassen brauchte; denn er war ein beliebter und + lustiger ... + + [Folge 18]: + ... Mund und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ... + ... Mund und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 *** diff --git a/75795-h/75795-h.htm b/75795-h/75795-h.htm new file mode 100644 index 0000000..637d59b --- /dev/null +++ b/75795-h/75795-h.htm @@ -0,0 +1,5241 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Die Baumwollpflücker | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Die Baumwollpflücker" --> + <!-- AUTHOR="B. Traven" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Vorwärts, Berlin" --> + <!-- DATE="1925" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:30em; } +.blurb { margin-top:4em; font-size:0.8em; } +.blurb p { text-indent:0; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } +.blurb p.src { margin-top:0; text-align:right; margin-right:1em; font-style:italic; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1em; + margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } +h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.first { text-indent:0; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } + +/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */ +.antiqua { font-style:italic; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* footnotes */ +p.footnote { text-indent:0; font-size:0.8em; } +hr.footnote { border:0; border-top:1px solid black; width:20%; + margin-left:0; margin-top:1em;} + +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +.stanza .verse1{ text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; } + +/* tables */ +div.table { text-align:left; } +table { margin-left:2em; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-right:auto; + border-collapse:collapse; } +table td { padding-left:0em; padding-right:0em; vertical-align:top; text-align:left; } +table.ref .col1 { text-align:right; } +table.ref .col2 { padding-left:1em; text-align:right; } +table.ref .col3 { padding-left:0.5em; } +table.ref .col4 { padding-left:0.5em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after{content: "Folge "attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +/* footnote page number anchors (test only) */ +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } +.x-ebookmaker div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***</div> + +<div class="frontmatter blurb chapter"> +<div class="centerpic"> +<img src="images/header.jpg" alt=""></div> + +<p> +<b>Unser neuer Roman.</b> Man kennt das Leben der vormärzlichen +schlesischen Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, +wer aber fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial +liefern, nach den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern +auf den Baumwollfarmen? Ein erheblicher Teil der in Mexiko +geernteten Baumwolle geht in deutsche Spinnereien. Vom Leben +und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen Gegenden +tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber inhaltsreiche +Roman „<em>Die Baumwollpflücker</em>“, mit dessen Veröffentlichung +wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden +noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm +vor. Wo um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe +und Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind +brutale Wahrheit. Der Verfasser <em>B. Traven</em> spricht aus eigener +bitterer Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen +Szenen vertiefen nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des +Romans – denn es gibt doch einen – ist die arbeitende Klasse, sind +die mexikanischen Landarbeiter, meist Indianer. Im Vergleich zu +diesen führen die Landarbeiter in den ostelbischen Gefilden das reinste +Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt das Proletarierleben in +Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als Oelmann, als +Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, +Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann +unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo +die „Wilden“ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig +gewesen. Noch heute liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er +uns schreibt – 35 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, wo er +„Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der heutigen Nummer von „Volk +und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff davon, wie es in diesen +tropischen Einsiedeleien aussieht. +</p> + +<p class="src"> +„Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925 +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +Die Baumwollpflücker. +</h1> + +<p class="aut"> +Roman von B. Traven. +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico. +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="chapter-0-1"> +<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> +Revolutionsgesang der Baumwollpflücker +in Mexiko. +</h2> + +</div> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es trägt der König meine Gabe,</p> + <p class="verse">Der Millionär, der Präsident;</p> + <p class="verse">Doch ich, der arme Pflücker, habe</p> + <p class="verse">In meiner Tasche keinen Cent.</p> + <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p> + <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p> + <p class="verse1">Häng um den Sack!</p> + <p class="verse1">Hörst Du die Wage rasseln?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nur schwarze Bohnen sind mein Essen,</p> + <p class="verse">Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin;</p> + <p class="verse">Mein Hemde hat der Busch gefressen,</p> + <p class="verse">Seitdem ich Baumwollpflücker bin.</p> + <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p> + <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p> + <p class="verse1">Häng um den Sack!</p> + <p class="verse1">Hörst Du die Wage kreischen?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise,</p> + <p class="verse">Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh,</p> + <p class="verse">Die Hos’ ging längst schon auf die Reise,</p> + <p class="verse">Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’.</p> + <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p> + <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p> + <p class="verse1">Häng um den Sack!</p> + <p class="verse1">Hörst Du die Wage brüllen?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten,</p> + <p class="verse">Kein Hälmchen Stroh ist heil daran;</p> + <p class="verse">Doch diesen Hut muß ich behalten,</p> + <p class="verse">Weil ich ja sonst nicht pflücken kann.</p> + <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p> + <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p> + <p class="verse1">Häng um den Sack!</p> + <p class="verse1">Siehst Du die Wage zittern?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich bin verlaust, ein Vagabund,</p> + <p class="verse">Und das ist gut, das muß so sein;</p> + <p class="verse">Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund,</p> + <p class="verse">Käm’ keine Baumwoll’ rein.</p> + <p class="verse1">Im Schritt, im Schritt!</p> + <p class="verse1">Es geht die Sonne auf.</p> + <p class="verse1">Füll in den Sack die Ernte Dein!</p> + <p class="verse1">Die Wage schlag in Scherben!</p> + </div> + </div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="chapter-0-2"> +Erster Teil. +</h2> + +</div> + +<h3 class="chapter1" id="subchap-0-2-1"> +1. +</h3> + +<p class="first"> +Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den +wenigen Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem +nackten Erdboden saßen, ich hätte nach dem Wege fragen +können. +</p> + +<p> +Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge +gesehen hatte. Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. +Vierzehn Tage nicht rasiert. Einen alten, breitrandigen +Strohhut auf dem Kopfe; einen roten Baumwollfetzen am +Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen war; +eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den +Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die +vorn und hinten offen sind. +</p> + +<p> +Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher +wußte er nicht, in welcher Form und Reihenfolge er die +Worte bringen sollte für den Satz, den er mir sagen wollte. +</p> + +<p> +„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es +mir zu lange dauerte. +</p> + +<p> +„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal +und kam endlich heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach +Ixtilxochitchuatepec geht?“ +</p> + +<p> +„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich. +</p> + +<p> +Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten +zu fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe +beleidigend ist, jemand nach Namen, Beruf, woher und +wohin auszuforschen, kam mir sofort zum Bewußtsein. +Deshalb fügte ich rasch hinzu: +</p> + +<p> +„Dort will ich nämlich auch hin!“ +</p> + +<p> +„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“ +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu +Mr. Shine, Baumwolle pflücken.“ +</p> + +<p> +„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte +er nun und heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er +einen Kameraden gefunden hatte. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter +Neger auf uns zu und platzte sofort heraus: +</p> + +<p> +„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine +komme?“ +</p> + +<p> +„Baumwolle pflücken?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem +anderen schwarzen Kollegen in Queretaro.“ +</p> + +<p> +Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu +getrippelt kam. +</p> + +<p> +Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine +Herren, ich will dort hin, wo ist der Weg?“ +</p> + +<p> +Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und +sagte dann: „Mr. Shine in Ixtilxo – –.“ +</p> + +<p> +„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie +wollen, verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch +dort hin.“ +</p> + +<p> +„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“ +</p> + +<p> +Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink +das kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische +Klasse bildete sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren +anfangen können. Wir fühlten uns alle <a id="corr-2"></a>vier so wohl wie <a id="corr-3"></a>vier +Brüder, die nach langer Trennung sich plötzlich unerwartet an +irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen haben. +</p> + +<p> +Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter +Neger, nur halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso +pechschwarz wie jener, auf uns zuschlenderte und mit welcher +Sorglosigkeit ein zweiter Mexikaner uns ansteuerte, beide mit +dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec, +Baumwolle pflücken. +</p> + +<p> +Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. – +</p> + +<p> +Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam +und verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine +Station in Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des +Zuges daliegen kann. +</p> + +<p> +Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als +Quadratzoll Inhalt, selbst wenn man alle Briefe und Umschläge +auseinanderfaltete, hatte irgendein Jemand, den kein vernünftiger +Mensch für einen Postbeamten gehalten hätte, mitgenommen. +</p> + +<p> +Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, +wo das ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein +ganzer Erdteil mit Milch versorgt werden könnte – zwei +Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht und zwei Kisten +Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig. +</p> + +<p> +Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das +Gepäck abgewogen wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. +Der Mann, der alle die Amtshandlungen vorzunehmen +hatte, zu denen auf einer europäischen Bahnstation +wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte die +Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch +auf dem Bahnsteig war. +</p> + +<p> +Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien +mit zwei Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier +eingewickelten Maiskuchen, was sie alles in einem +Schilfkorbe trug, schlich bereits durch das mannshohe Gras in +ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt stets am längsten +auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas verkaufte, +kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es +vier Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn +brachte. Und das wußten auch offenbar die Reisenden. +Andernfalls hätten sie doch in der Hitze wenigstens hin und +wieder einmal der Alten etwas zu verdienen gegeben. Aber +das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, war +ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft +nicht aufkommen konnte. +</p> + +<p> +Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich +auf den Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den +Schatten. +</p> + +<p> +<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> +Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie +mit dem Lot gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte +Uebung dazu, herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war. +</p> + +<p> +Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; +und weil sie wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie +hin wollten, überließen sie es mir, den Weg auszukundschaften. +Sie würden gehen, wenn ich gehe, nicht früher; und sie würden +mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru führte, immer in der +Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse wie sie. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2"> +2. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In +der Nähe der Station war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu +der die Station gehörte, mußte irgendwo im Busch versteckt +liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir erst einmal +in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird, +der den Weg weiß. +</p> + +<p> +Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser +nur waren aus Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. +Ich ging hinein und fragte ihn, wo Ixtil – – +liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir höflich, daß er den +Namen nie gehört habe. +</p> + +<p> +Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere +„moderne“ Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war +gleichzeitig Postamt, Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank +und Agentur für alle möglichen Dinge und alle möglichen +Unternehmungen. Ich fragte den Inhaber, aber er +kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb fünfzig +Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er +jeden Platz und jeden Farmer. +</p> + +<p> +Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt +aussahen wie wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte +sich eine Zigarette, wobei er den Tabak in ein Maisblatt +wickelte, und als er sie angezündet hatte, sagte er: +</p> + +<p> +„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, +die hier in dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in +jener Richtung.“ +</p> + +<p> +Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener +Gegend hinaus, die er meinte. +</p> + +<p> +„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal +ziemlich viel Baumwolle hier verladen worden. Die +Farmer kamen mit Autos, also wird wohl noch etwas Weg +übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern Mr. Shine +hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen +gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“ +</p> + +<p> +„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. +So genau weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind +sicher früh morgens abgefahren.“ +</p> + +<p> +„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in +einer anderen Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den +Farmern Mr. Shine heißen kann, alle sind Gringos.“ +</p> + +<p> +„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für +Amerikaner. Er hat ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung +wie „Boche“ in Frankreich für Deutsche. Aber die Amerikaner, +die viel zu viel unzerstörbaren Humor besitzen, um sich so +leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das Leben schwer zu +machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe genommen +dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt, +was für Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. +Und sie sagen das mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der +schönste Witz wäre. +</p> + +<p> +Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, +waren die üblichen Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht +auf den Erdboden gestellt und ein Dach aus trockenem +Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus dünnen +Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen, +keine Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte +man von außen sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere +oder bequemere Mexikaner wohnten, hatten nicht einmal diese +angedeuteten Wände, sondern oben um das Dach herum hingen +einige große Palmblätter, um die Strahlen der Sonne, wenn +sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag +schräger einfielen, abzuschatten. +</p> + +<p> +Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die +Schweine mußten sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie +das Futter zusammensuchen. Die Hühner saßen nachts in +dem Baum, der der Hütte am nächsten stand. Eine alte Kiste +oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo die +Hühner brav ihre Eier hineinlegten. +</p> + +<p> +Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne +jemals gepflegt zu werden, ihre Früchte in reichen Mengen +spendeten. Die kleinen Felder, wo nur gesät und geerntet, +sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und Bohnen mehr +als die Bewohner aufbrauchen konnten. +</p> + +<p> +In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war +zwecklos. Wenn eine Auskunft überhaupt zu erhalten war, +so war sie sicher falsch. Nicht falsch gegeben mit der Absicht, +uns irre zu führen, aber aus purer Höflichkeit, irgendeine +beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“ sagen zu müssen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3"> +3. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, +die uns im Postamt von dem Billardspieler genannt war und +die ich für die einzige glaubwürdige hielt. +</p> + +<p> +„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden +es wohl hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer +sein. +</p> + +<p> +Wir waren unserer sechs. +</p> + +<p> +Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, +der mich zuerst angesprochen hatte. +</p> + +<p> +Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. +Er war nicht ganz so zerlumpt wie Antonio und +hatte ein Bündelchen, eingewickelt in eine alte Schilfmatte, +und eine schöne, nach mexikanischer Art farbenfreudig gemusterte +Decke, die er über der Schulter trug. +</p> + +<p> +Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche +unter allen. Der einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes +Hemd trug, heile Hosen hatte, gute Straßenstiefel, seidene +Strümpfe und einen runden städtischen Strohhut. Er hatte +zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt. Sie schienen gar nicht +so leicht zu sein. +</p> + +<p> +Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, +lächelte immer, konnte das „R“ nicht aussprechen und war +scheinbar immer guten Mutes. Es wurde mit der Zeit unser +größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was immer wir +auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld +als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte +er vorsichtig auf einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, +was er uns gleich erzählte, nur damit wir nicht etwa +denken sollten, er trüge es bei sich und könnte dafür geopfert +werden. +</p> + +<p> +Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große +Leidenschaft – meine noch viel weniger – aber weil es nicht +so sehr außerhalb seines Weges lag, wollte er die sechs bis +sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er hoffte dann +zum Herbst ein kleines Restaurant – „<span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">comida corrida</span> 50“ +– eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte +Pläne für die Zukunft hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er +sich ein dünnes Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden +eines seiner Bündel und legte sich das Stämmchen über die +Schulter. Während er bisher mit uns im gleichen Schritt +gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen Schrittchen +zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen +Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und +ohne jemals zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten +oder niederlegten, tat er es auch, war aber jedesmal +erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen mußten. Wir +schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen +seien, während er als verdammter Chink von einem gelben, +fratzenhaften Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und +daß darin die übermenschliche Ausdauer seiner stinkigen und +uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er erklärte darauf heiter +lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir alle von demselben +Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei und +nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete +der Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten, +ließen wir ihn in seinem Unglauben. +</p> + +<p> +Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen +und seinem in fettigem und zerrissenem Papier verschnürten +Bündel, das unzählige Male auf dem Marsche aufging, viel +besser in unsere Gesellschaft als der elegante Chink. Charly +behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder englisch +geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den amerikanischen +Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft +nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder +Guatemala, oder von St. Domingo. Aber er sprach auch nur +sehr unbeholfen ein notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren +können, wo er eigentlich hingehörte. Nach meiner +Meinung war er entweder aus Brasilien heraufgekommen +oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er wollte +sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger +mit etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach +den States zu schmuggeln als für einen Weißen, der gut +Englisch sprechen konnte. Er war der einzige, der offen erklärte, +daß er Baumwolle pflücken als die schönste und einträglichste +Arbeit betrachte. +</p> + +<p> +Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus +New-Orleans. Er hatte ein schwarzes Hemd an. Weil nun +seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie das Hemd, konnte +man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste des +Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden +sollte. Er als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den +Heizern und Maschinenschmierern auf den amerikanischen +Schiffen getragen wird. Dann trug er eine weiß- und rotgestreifte +Leinenhose, Lackhalbschuhe und weiße Baumwollstrümpfe. +</p> + +<p> +Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und +eine Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und +in einem kleinen Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln. +</p> + +<p> +Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche +und immer lustige amerikanische Nigger der Südstaaten. Er +hatte eine Mundharmonika, mit der er uns das blöde „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Yes, +we have no bananas</span>“ so lange vorspielte, bis wir ihn am +zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit vorläufig +nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder +pfiff und dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie +ein Rabe und log – der Vergleich war von Gonzalo, ich +weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist – und log wie ein +Dominikanermönch. +</p> + +<p> +Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie +er einen dicken Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio +gehörte, stahl. Wir <a id="corr-5"></a>nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor +er ihn in der Pfanne hatte, und wir erklärten ihm ganz ernsthaft, +daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen ertappten, +wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine +Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil +mit der Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel +geschnürt habe, am nächstbesten Mahagonibaum aufhängen +mit einem Zettel auf der Brust, wofür er gehängt sei. +</p> + +<p> +Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn +auch nur anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">native +born</span>“, und wenn wir ihm nur das allergeringste Leid täten, +so würde er das an die Regierung nach Washington berichten, +und die würde dann mit einem Kanonenboot und dem +Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein +freier Bürger „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">of the States</span>“ und das könne er durch +„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">c’tificts</span>“ beweisen, und als solcher habe er das Recht, vor +ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Als wir ihm nun +erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und keine Gelegenheit +geben würden, nach Washington einen Bericht zu schicken, und +daß wir auch nicht <a id="corr-6"></a>glaubten, daß ein amerikanisches Kanonenboot +mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, +sagte er: „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Well, gentlemen sirs</span>, berühren Sie mich nur mit +der Fingerspitze, dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“ +</p> + +<p> +Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie +er dem Chink eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es +sei seine eigene, er habe sie in Guadalajara im American +Store gekauft. Er wurde daraufhin so windelweich gedroschen, +daß er keinen Finger krumm machen konnte, um nach +Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr +gestohlen, und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, +ging uns nichts an. +</p> + +<p> +Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger +zu berichten weiß, da ich mich in der Kleidung von den übrigen +nicht unterschied, und zum Baumwollepflücken, welche zeitraubende +und schlecht bezahlte Arbeit ich kannte, auch nur ging, +weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war und ich +bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose +brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu +kaufen, dazu hätte selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf +einer Baumwollfarm nicht gelangt. Ich war der einzige, der +keine Strümpfe trug, weil ich keine hatte. +</p> + +<p> +Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum +Antonio den Fetzen eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie +klar geworden. Sie mag vielleicht einmal in weit zurückliegenden +Zeiten, lange vor der Entdeckung Amerikas, die +Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das will ich nicht +bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht Uebertreibung, +sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst +wird büßen müssen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4"> +4. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wir wanderten lustig darauf los. +</p> + +<p> +Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten +neben uns der undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. +Der ewig jungfräuliche tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen +Mystik, mit seinen Geheimnissen an Tieren der phantastischsten +Art, mit seinen traumhaften Formen und Farben +der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an wertvollen +Steinen und kostbaren Metallen. +</p> + +<p> +Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine +Gold- oder Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und +hatten mehr Wert auf den sicheren Arbeitslohn zu legen als +auf den unsicheren Millionengewinn, der vielleicht links oder +rechts von uns im Busch verborgen lag und auf den Entdecker +wartete. – +</p> + +<p> +<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> +Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr +fünf Uhr sein. +</p> + +<p> +Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um. +</p> + +<p> +Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch +hinein hohes Gras stand. Wir rissen soviel von dem Gras +aus, wie wir Platz zum Lagern brauchten. Dann zündeten +wir ein Feuer an und brannten den Rest des Grases nieder, +wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier +für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche +ist der beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit +den Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert. +</p> + +<p> +Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum +Kochen, denn wir hatten kein Wasser. +</p> + +<p> +Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem +Kaffee hervor. Wir wußten nichts davon, daß er einen so +wertvollen Stoff mit sich führte. Er machte den Kaffee heiß, +und bereitwillig bot er uns allen zu trinken an. Aber was +ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck +Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert +sind, vor morgen früh um sieben oder acht Uhr +ganz bestimmt auch nichts Trinkbares haben werden und +vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig Wasser +finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der +Busch ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet +man dort nur in der Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich +Tümpel bilden können. +</p> + +<p> +Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, +was für ein Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber +keiner sagte „Danke!“; jeder betrachtete es als selbstverständlich, +daß der Kaffee in Teile ging. Wahrscheinlich hätten wir +es genau so selbstverständlich gefunden, wenn der Chink den +Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag Wanderung +in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für +einen Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft +Mord zu sinnen im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse +voll stinkender Flüssigkeit, die man Wasser nennt, +obgleich sie keine andere Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß +sie eben Flüssigkeit ist. +</p> + +<p> +Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern. +</p> + +<p> +Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige +Bananen. Der kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. +Was es war, weiß ich nicht. +</p> + +<p> +Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen +<a id="corr-8"></a>Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch +ein, auch den Kopf, und begann zu schlafen. +</p> + +<p> +Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, +so daß er wie ein Baumstamm aussah. +</p> + +<p> +Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen +ein, den ich stolz „mein Handtuch“ nannte, und schlief los. +</p> + +<p> +Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die +noch lange um das Feuer herumsaßen und rauchten und +schwatzten. – +</p> + +<p> +Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem +Marsche. Abzukochen gab es nichts, und waschen brauchte +man sich auch nicht. Denn womit hätte man es tun sollen? +</p> + +<p> +Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch +schon wieder zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen +Bäume reichte uns oft bis über die Schultern, und der Grund +war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß diese stachligen +Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges +einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten, +als wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden +wären. +</p> + +<p> +Gegen mittag kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts +des Weges ein Stacheldrahtzaun hinzog, der uns die Gewißheit +gab, daß hier eine Farm liegen müsse. +</p> + +<p> +Als wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun +zur rechten Hand, gewandert waren, kamen wir +an eine weite offene Stelle im Busch, die mit hohem Gras +bewachsen war. Als wir den Platz absuchten, fanden wir auch +eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle, +alte Konservenbüchsen, verrostetes Blech und ähnliche +Ueberbleibsel einer menschlichen Behausung zeigten uns eine +verlassene Farm. +</p> + +<p> +Ueber eine solche Enttäuschung muß man rasch hinwegkommen. +Farmen werden hier gegründet, zehn, auch zwanzig +Jahre lang bewirtschaftet und dann aus irgendeinem Grunde +plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft schon früher, ist +kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals +Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein, +als seien es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt +hat. Der tropische Busch begräbt rascher, als Menschen +können; er kennt keine Erinnerung, er kennt nur Gegenwart +und Leben. +</p> + +<p> +Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm. +Hier wohnte eine amerikanische Familie. +</p> + +<p> +Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein +Lager innerhalb des Hauses. Die übrigen als Nichtweiße, +wurden auf der Veranda beköstigt und durften in einem +Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu essen, +aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie +eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen +von weißen Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene +Fleischgänge, fünf verschiedene Beigerichte, Kaffee, +Schokolade und abends heißen Kuchen. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches +Frühstück; ich am Tische des Farmers. +</p> + +<p> +Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekamen +wir jeder einzelne eine Literflasche kalten Tee mit auf +den Weg. +</p> + +<p> +Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa +sechzig Kilometer zu marschieren hätten. Kein Wasser am +ganzen Weg; die Straße an verschiedenen Stellen kaum noch +erkennbar, weil sie seit drei Jahren nicht mehr benutzt worden +sei. +</p> + +<p> +Um 9 Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee +schon ausgetrunken und die Flasche fortgeworfen. Es war +ihm zu lästig, sie zu tragen. Wir erklärten ihm, daß er unter +diesen Umständen von uns nichts zu erwarten habe, und wenn +er versuchen sollte, auch nur einen Schluck zu stehlen, würden +wir ihn braun und blau schlagen. +</p> + +<p> +An diesem Abend im Lager war es, wo Abraham zwar +keinen Tee stahl, aber jenen Streifen getrocknetes Rindfleisch, +das Antonio gehörte. Da sich unsere Drohung nur auf Tee +bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung, daß von nun +an jeder Raub in unsere Drohung einbegriffen sei. +</p> + +<p> +Den folgenden Tag gegen Mittag kamen wir bei +Mr. Shine an. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5"> +5. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil +er nicht genügend Leute zum Baumwolle pflücken hatte. +</p> + +<p> +Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins +Haus und sagte mir: „Was! Sie wollen auch Baumwolle +pflücken?“ +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">broke</span>“, das +sehen Sie ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den +Städten keine zu haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen +aus den States, wo die Verhältnisse augenblicklich auch +nicht rosig zu sein scheinen. Und wo man wirklich Arbeiter +braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man denen +Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +„Haben Sie denn schon mal gepflückt?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“ +</p> + +<p> +„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können +Sie etwas dabei werden.“ +</p> + +<p> +„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“ +</p> + +<p> +„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die +können’s auch. Die kriegen ganz andere Preise als wir. +Könnten wir unsere Baumwolle nach den States verkaufen, +dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber die States +lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten. +Wir sind auf unsern eigenen Markt angewiesen, und der ist +immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <a id="corr-9"></a>Ich kann Sie weder +beköstigen, noch in meinem Hause unterbringen. Aber ich +brauche jede Hand, die kommt. Ich will Ihnen etwas sagen; +ich zahle sechs Centavos für das Kilo. Ihnen will ich acht +zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die +Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den +andern nicht erzählen. Schlafen könnt Ihr da drüben in dem +alten Hause. Das habe ich gebaut und mit meiner Familie +zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue hier leisten konnte. +Well, das ist dann abgemacht.“ +</p> + +<p> +Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag +etwa fünf Minuten entfernt. Wir machten uns dort häuslich, +so gut wir konnten. Das Haus, aus Brettern leicht gebaut, +hatte nur einen Raum. Jede der vier Wände hatte je eine +Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum war vollständig +leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein +paar alte Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen +vier, benutzten wir als Stühle. +</p> + +<p> +Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser +enthielt, das ungefähr sieben Monate alt war und von Kaulquappen +wimmelte. Ich berechnete, daß etwa 120 Liter +Wasser in der Zisterne seien, mit denen wir sechs Mann sechs +bis acht Wochen auskommen mußten. Der Farmer hatte uns +schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen könnten, +er wäre selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs +Pferde und vier Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir +uns einmal in der Woche, und hatten dann noch zu je drei +Mann dasselbe Waschwasser zu gebrauchen. Es sei aber +immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in dieser Jahreszeit +alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier +Stunden regnen könne, und wenn wir die Auffangrinnen +reparierten, könnten wir tüchtig Wasser ansammeln. Außerdem +sei ein Fluß nur etwa drei Stunden entfernt, wo wir +baden gehen könnten, falls wir Lust dazu hätten. +</p> + +<p> +Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem +uns der nahe Busch das Holz in reicher Menge hergab. +</p> + +<p> +Auf die recht nebelhafte Möglichkeit bin, daß es vielleicht +innerhalb der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen +wir uns zunächst einmal in einer alten Gasolinbüchse. Seit +drei Tagen hatten wir uns nicht gewaschen. +</p> + +<p> +Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen, +ein Rasiermesser, einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich +immer bei mir. +</p> + +<p> +Auch der Chink rasierte sich. +</p> + +<p> +Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein +Rasiermesser. Er hatte sich seit beinahe drei Wochen nicht +rasiert und sah aus wie ein fürchterlicher Seeräuber. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „lieber Antonio, Rasierzeug, Kamm +und Zahnbürste verpumpe ich nicht.“ +</p> + +<p> +Und der Chink, mutig gemacht durch meine Weigerung, +sagte lächelnd, daß sein schwaches Messer bei diesem starken +Bart sofort stumpf würde und er hier keine Gelegenheit habe, +es schleifen zu lassen. +</p> + +<p> +Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden. +</p> + +<p> +Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem +Pfeffer, der andere schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste +Bohnen mit getrocknetem Rindfleisch, ein vierter briet einige +Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir am nächsten Morgen +schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir auch +noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in Pfannen +buken. +</p> + +<p> +Als wir gegessen hatten, hängten wir unsere armseligen +Lebensmittel an Bindfaden an den Querbalken im Hause auf, +weil uns die Ameisen über Nacht sonst alles fortgeholt hätten, +wenn wir diese Vorsorge nicht getroffen hätten. +</p> + +<p> +Etwas nach 6 Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe +Stunde später war rabenschwarze Nacht. +</p> + +<p> +Glühwürmchen, mit Lichtern so groß wie Haselnüsse, +flogen um uns her. +</p> + +<p> +Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen. +</p> + +<p> +Der Chink war der einzige, der ein Moskitonetz hatte. +Wir andern wurden von dem Viehzeug gräßlich geplagt und +schimpften und wüteten, als ob sich die Gesandten einer Hölle +etwas daraus machen würden. +</p> + +<p> +Die beiden Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor +dem Einschlafen entsetzlich zankten und sich Backpfeifen anboten, +schienen von den Biestern nicht gestört zu werden. +</p> + +<p> +Ich entschloß mich, diese Qual für die eine Nacht zu erdulden, +aber morgen für irgendeine Abhilfe zu sorgen. +</p> + +<p> +Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen. +Jeder kochte sich etwas Kaffee, aß ein kleines Stückchen Brot +dazu, und fort ging es im halben Trab. +</p> + +<p> +Das Baumwollfeld war drei Viertelstunden entfernt. +</p> + +<p> +Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort. +Wir bekamen jeder einen alten Sack, den wir uns umhängten, +und dann ging es an die Arbeit. Jeder nahm eine Reihe. +</p> + +<p> +Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff +erst weg hat, bekommt man jede Frucht mit einem einzigen +Griff. Aber da die Knollen, die ähnlich aussehen wie die +Hüllen der Kastanien, nicht alle die gleiche Reife haben, muß +man doch bei der Hälfte einige Male zupfen, ehe man den +Inhalt in den Sack tun kann. Dazu muß man sich auch noch +unaufhörlich bücken, weil die Früchte nicht alle in bequemer +Höhe am Strauch hängen, sondern oft bis dicht über dem +Boden wachsen. Je weiter es gegen Mittag geht, je höher +steht die Sonne und je mühseliger wird die Arbeit. Man +trägt nichts weiter am Leibe als Hut, Hemd, Hose und Schuhe, +aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab; und sehr +kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren +kriechen, machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein +leichter Wind auf, geht es noch; aber bei völliger Windstille +wird die Qual mit jeder Stunde größer. Gegen 11 Uhr, nach +beinahe siebenstündiger ununterbrochener Arbeit, kann man +nicht mehr. +</p> + +<p> +Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr +als 20 Minuten entfernt waren. Wir aßen unser trockenes +Pfannenbrot, das, bei mir wenigstens, ganz verbrannt war, +und legten uns dann hin, um zwei Stunden zu schlafen, bis +die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern. +</p> + +<p> +Wir bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum +Farmer, um ihn um Wasser zu ersuchen. +</p> + +<p> +„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch +schon gestern, daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut, +heute will ich Ihnen noch etwas geben, von morgen ab müßt +Ihr Euch Euer Wasser selbst mitbringen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach +Hause, der dann bald mit einer Kanne Regenwasser zurückkam. +</p> + +<p> +Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich +einen Anzug, ein Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe +oder nur ein Taschentuch kauft. Aber der Baumwollpflücker, +der wohl die härteste und qualvollste Arbeit für die Kleidung +leistet, <a id="corr-11"></a>die ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann +trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den allergeringsten +Anteil. +</p> + +<p> +Für ein Kilogramm Baumwollepflücken bekamen wir sechs +Centavos, ich ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm +Baumwolle ist beinahe ein kleiner Berg, den zu schaffen man +unter ständigem Bücken in der mitleidlosen Tropensonne 200 +bis 500 Knollen auszupfen muß. Dazu eine Nahrung, die als +die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der Menschen +irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen +mit Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten +wieder Bohnen, dann wieder Reis; dazu Brot, selbst +gebacken aus Weizen- oder Maismehl, entweder kleistrig oder +zu Kohle verbrannt, Monate altes, abgestandenes Regenwasser, +Kaffee gekocht aus selbstgebrannten Kaffeebohnen auf +einem Stein zerrieben und den Kaffee gesüßt mit einem +billigen, übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen +Kegeln. Das Salz, das man verwendet, ist Seesalz, das man +sich selbst vor dem Gebrauch erst reinigen muß. Ein paar +Kilogramm Zwiebeln in der Woche hinzugekauft ist bereits +Delikatesse, und ab und zu ein Streifen getrocknetes Fleisch +ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft leistet, vom +Lohn nicht einmal das Reisegeld bis zur nächsten Stadt, wo +man neue Arbeit finden könnte, übrig läßt. Bei sehr fleißiger +Arbeit verdient man in einer Woche gerade so viel, daß man +sich, wenn man keinen Centavos für Essen ausgibt, das +billigste Paar Schuhe kaufen kann, das man im Laden vorfindet. +</p> + +<p> +Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die +hohen Preise der Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und +kann in den meisten Fällen die Pflückerlöhne nur auszahlen, +wenn er auf die Ernte einen Vorschuß nimmt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6"> +6. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Um 4 Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei +Tageslicht „nach Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen. +</p> + +<p> +Ich quartierte aus. +</p> + +<p> +In der Nähe des Hauses, nur etwa 200 Meter entfernt, +hatte ich eine Art Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er +diente oder gedient haben mochte, wußte ich nicht. Er hatte +ein Dach aus Wellblech, aber keine Wände, es wäre denn, +daß man einige Baumstämme, die an der einen Seite gegen +das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will. +</p> + +<p> +In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier +Pfähle in die Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein +paar Platten Wellblech. +</p> + +<p> +Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den +Tisch als Bett. +</p> + +<p> +Der große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen. +Er kam hin, sah sich die Sache an und es gefiel ihm. +</p> + +<p> +Plötzlich rief er: „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">A snake! A snake!</span>“ +</p> + +<p> +„Wo?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Da, dicht vor Ihren Füßen.“ +</p> + +<p> +Richtig, da wand sich eine Schlange auf dem Boden hin, +eine feuerrote, etwa einen Meter lang. +</p> + +<p> +„Macht nichts,“ sagte ich, „die wird mich nicht gleich auffressen, +die Moskitos sind schlimmer.“ +</p> + +<p> +Der Nigger zog wieder ab. +</p> + +<p> +Nach einer Weile kam Gonzalo. Die rote Schlange war +inzwischen verschwunden. +</p> + +<p> +Es gefiel ihm sehr, und er fragte mich, ob ich etwas dagegen +habe, wenn er auch hier schliefe. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „schlafen Sie ruhig hier, mir ist das +ganz egal.“ +</p> + +<p> +Da starrte er auf den Boden. +</p> + +<p> +Ich folgte seinem Blick. +</p> + +<p> +Es war wieder eine Schlange. Diesmal eine schöne grüne. +</p> + +<p> +„Ich will doch lieber im Hause schlafen,“ sagte nun Gonzalo, +„ich mag Schlangen nicht.“ +</p> + +<p> +Ich mache mir nichts aus Schlangen. So leicht würden +sie ja wohl kaum auf den Tisch kommen; und wenn sie sich +wirklich hinaufringeln sollten, was sie zuweilen tun, so werden +sie ja nicht gleich beißen, und wenn sie beißen sollten, so werden +sie ja nicht gleich giftig sein. Wären sie alle giftig, und +würden sie alle einen schlafenden Menschen, der ihnen nichts +zu leide tut, beißen, wäre ich längst nicht mehr am Leben. +</p> + +<p> +Da dieser Unterstand höher lag als das Haus, keine +Wände hatte, jedem kleinen Windzug freieren Durchgang ließ, +in der Nähe auch kein Strauchwerk war und er weit genug +von der Zisterne und dem ausgetrockneten Tränkepfuhl entfernt +war, hatte ich hier in der Tat beinahe gar nicht von den +Moskitos zu leiden. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen kamen noch etwa zwölf Eingeborene +zur Mitarbeit. Die wohnten ziemlich weit entfernt in irgendeinem +Dorfe, das irgendwo im Busch liegen mochte. Sie +kamen auf Maultieren geritten; manche hatten weder Sattel +noch Steigbügel. Andere hatten wohl einen Holzsattel, aber +keinen Zaum; an Stelle des Zaumes war den Tieren ein +Strick um das Maul gebunden. +</p> + +<p> +Diese Leute waren an die Feldarbeit in den Tropen besser +gewöhnt als wir, die wir, mit Ausnahme des großen Niggers, +alle Städter waren. Aber sie schafften viel weniger als wir +und mußten eine viel längere Mittagspause machen. Jedoch +das ging uns nichts an, und darüber nachzudenken, lohnte sich +auch nicht recht. +</p> + +<p> +Am Samstag kriegten wir ausbezahlt. Wir ließen uns +von den paar Kröten, die wir in so mühseliger Arbeit verdient +hatten, gerade so viel geben, wie wir brauchten, um Lebensmittel +für die nächste Woche einzukaufen. Den Rest ließen wir +beim Farmer stehen, denn auch nur einen Nickel in der Tasche +zu haben ist nichts als Versuchung für den andern. +</p> + +<p> +Selbstverständlich arbeiteten wir Sonntags auch. Der +brachte dann knapp ein Kilo Speck ein oder fünf Kilo Kartoffeln; +weil wir an dem Tage schon um drei Uhr Schluß +machten, um uns wenigstens einmal in der Woche waschen +zu können und das verschwitzte Zeug, das man Tag und +Nacht auf dem Leibe hatte, durchs Wasser zu ziehen. +</p> + +<p> +Der Chink und Antonio waren in den nächsten Laden +gegangen, der etwa drei und eine halbe Stunde entfernt lag, +um für uns alle das einzukaufen, was wir ihm jeder auf ein +Maisblatt aufgeschrieben hatten. Die Hieroglyphen, die auf +jenen Maisblättern standen, waren nur für die Einkäufer zu +entziffern, denen wir mündlich die Bedeutung der phantastischen +Zeichen ausführlich hatten erklären müssen. +</p> + +<p> +Den nächsten Sonntag hatten dann ich und Abraham +einkaufen zu gehen. +</p> + +<p> +Aber an diesem Sonntag war Abraham schon um zwei +Uhr von der Plantage verschwunden. Er war mit seinem +Sack Baumwolle zur Wage gegangen und nicht zurückgekommen. +</p> + +<p> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Als wir zum Hause kamen, waren Sam und Antonio +schon mit den Gütern angelangt. +</p> + +<p> +„Eine elende nichtswürdige Schlepperei“, sagte Antonio. +</p> + +<p> +„Ach, das war nicht so schlimm!“ begütigte Sam. +</p> + +<p> +„Ruhig, du gelber Heidensohn, du natürlich mit deiner +Lastträgervergangenheit, was verstehst du von Schleppen?“ +rief Antonio, während er sich auf die Kiste hinsetzte, die auch +noch unter ihm zusammenbrach und seine Laune durchaus +nicht besserte. +</p> + +<p> +„Hören Sie, Antonio, warum haben Sie denn nicht +Mr. Shine um ein Mula oder einen Esel gebeten?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Aber das habe ich ja getan. Er hat es abgelehnt. Er +sagte zu mir und Sam: Wie kann ich euch denn ein Mula +geben? Ich kenne euch ja gar nicht, ihr habt ein paar Tage +bei mir gearbeitet, Sachen habt ihr keine, Papiere habt ihr +auch keine und wenn ihr welche hättet, kann ich mir für eure +Papiere, die vielleicht noch nicht einmal euch gehören, kein +anderes Mule kaufen, wenn ihr es im nächsten Ort verschachert +und euch dann hier nicht mehr sehen laßt.“ +</p> + +<p> +„Von seinem Standpunkt aus hat er recht,“ erwiderte ich, +„aber von unserm Standpunkt aus gesehen, ist es eine große +Niedertracht. Aber was können wir machen?“ +</p> + +<p> +Und gerade jetzt, wo wir schön im Zuge waren, das +Lieblingsthema aller Arbeiter der Erde anzuschlagen und +uns den ungerechten Zustand in der Welt, der die Menschen +in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Drohnen und Enterbte +teilt, mit mehr Lungenkraft als Weisheit klar zu machen, kam +Abraham an mit sechs Hennen und einem Hahn, die er an +den Füßen zusammengebunden hatte und ihre Köpfe nach +unten hängen lassend, an einem Bindfaden über der +Schulter trug. +</p> + +<p> +Er warf das Bündel auf die Erde, wo die Vögel sich +vergeblich mühten, aufzustehen oder von den Fesseln loszukommen. +</p> + +<p> +„So, Fellers“, grinste er, „jetzt könnt ihr Eier von mir +haben. Ich lasse euch das Stück für sieben Centavos, billig, +weil ihr ja meine Arbeitskollegen seid. In der Stadt kosten +die Eier siebenundeinhalb, sogar acht.“ +</p> + +<p> +Wir starrten bald das Bündel Hühner, bald den +grinsenden Abraham an. An ein solches Geschäft hatte keiner +von uns gedacht und es lag doch so nahe, war so einfach, verlangte +absolut keine besondere Intelligenz; jeder von uns hätte +das ebenso gut machen können. Sam Woe empfand keinen +Neid, keine Eifersucht, nur Bewunderung für den unternehmungslustigen +Geflügelzüchter; jedoch er schämte sich, daß +er sich von einem Nigger beim Ausdenken einer ehrlichen +Nebeneinnahme hatte schlagen lassen. +</p> + +<p> +Vor unsern Augen, nicht einmal über Nacht, sondern über +drei Nachmittagsstunden war aus einem Enterbten und Ausgebeuteten +ein Produzent, ein Unternehmer geworden. Er +hatte sich von seinem Lohn die Hühner gekauft, wir Lebensmittel. +Er hatte keine Lebensmittel mitbringen lassen und +wir hatten uns schon vorbereitet, wie wir ihm das Stehlen, +auf das er unter diesen Umständen angewiesen war, unmöglich +machen wollten. Aber er hatte uns übertrumpft. Er lieferte +Eier und tauschte dafür an Reis und Bohnen ein, was er +brauchte. Träte nun der Fall ein, daß wir seine Produkte +boykottierten, so konnte er ja den Hahn schlachten, vielleicht +noch ein Huhn, bis er wieder Lohn bekam. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen hatte Abraham vier Eier. Das +Geschäft konnte beginnen. +</p> + +<p> +Eier betrachteten wir noch als größeren Luxus denn +Speck oder Fleisch. Aber jetzt, wo die Eier so verlockend nahe +zur Hand waren, viel schneller zubereitet werden konnten als +irgendeine andere Speise und uns dadurch eine Möglichkeit +gegeben war, zum Frühstück etwas anderes und Kräftigeres +in den Magen zu bekommen als den dünnen Kaffee und ein +schmales Stückchen verbranntes Brot, wollten und konnten +wir auf Eier nicht mehr verzichten. Wir sahen plötzlich ein, +daß wir ohne Eier noch vor Beendigung der Ernte an Unterernährung +zugrunde gehen würden und wenn wir je wirklich +die Ernte überlebten, so würden wir doch so entkräftet sein, +daß uns niemand in Arbeit nehmen würde. Die Sklaven +wurden immer, so erzählte Abraham, der es von seinem +Großvater wußte, in gutem Ernährungszustande gehalten, +wie Pferde; um den Ernährungszustand der freien Arbeiter +kümmerte sich kein Mensch. Wenn sie zu schlecht ernährt +waren, weil der Lohn für eine bessere Ernährung nicht reichte, +flogen sie raus. +</p> + +<p> +Solche merkwürdigen Ansichten, die natürlich keine wissenschaftliche +Grundlage hatten und auch ganz und gar unrichtig +waren, brachte Abraham vor, nur um seinen Eiern einen +regen und dauernden Absatz zu sichern. Uns leuchtete eine +solche Betrachtung menschlicher Verhältnisse um so mehr ein, +als es ja gerade Abraham gewesen war, der uns gestern +mitten in jener regen Auseinandersetzung unterbrochen hatte, +die uns ohne Zweifel, wenn auch nicht auf dem Wege über +Eier, zu genau derselben Schlußbetrachtung der Welt geführt +hätte. +</p> + +<p> +Außerdem stundete uns Abraham gutmütig den Betrag +für gelieferte Eier bis zum nächsten Lohntage. Er tat es nur +aus Gutmütigkeit und weil er nicht wollte, daß wir, seine +lieben Arbeitskameraden, im späteren Leben, also nach der +Ernte, wegen Unterernährung Schiffbruch erleiden sollten. +</p> + +<p> +Nach drei Tagen konnten wir nicht mehr verstehen, wie +wir es überhaupt jemals fertig gebracht <a id="corr-15"></a>hatten, ohne Eier +auszukommen. Es gab Eier zum Frühstück, es wurden Eier +zum Mittagessen mitgenommen und abends gab es erst recht +Eier, wir backten Eier sogar ins Brot, nur um die nötige +Arbeitskraft für unser ferneres Leben zu erhalten. +</p> + +<p> +Abraham verstand die Geflügelzucht, das muß man ihm +lassen. +</p> + +<p> +Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden +zweiten Abend mit Dunkelwerden machte er sich auf den Weg +mit einem Sack, um bei den Farmern Mais einzukaufen. +Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde heim, um +seine Hühner gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam +er aber immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen. +</p> + +<p> +Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unseren +Bedarf schon im voraus kannten, taten das Menschenmögliche, +nein, Hühnermögliche, um uns vor der drohenden Unterernährung +zu schützen. Und für den reichlich gelieferten Mais +lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr als sonst eine +Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt. +</p> + +<p> +Am ersten Morgen hatten die Hühner, wie schon berichtet, +vier Eier gelegt, am zweiten Morgen sieben und als wir +bezweifelten, daß dies möglich sei, führte uns Abraham am +darauffolgenden Morgen zu den drei alten Schilfkörben, die +er für den Zweck aufgehängt hatte und gestattete uns, selbst +nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten Morgen siebzehn +Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt worden waren. +</p> + +<p> +Da wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen +und persönlich gezählt hatten, zweifelten wir von dem Tage +an nicht mehr an der Zahl der von Abrahams Hühnern +gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens, freudestrahlend, +als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen konnte, daß +die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hatten. +</p> + +<p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +Uns war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner +behandelte, um solche Resultate zu erzielen. Als Sam Woe +eines Tages erklärte, bei ihm zu Hause wisse man auch aus +einer Krume Erde oder aus einer Henne herauszuholen, was +nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen könne, +aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr +ihm der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, Ihr +versteht die rationelle Geflügelzucht ebenso wenig wie hier +herum die ganzen Farmer, die noch größere Esel sind, als +Ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir verstehen, Hühner zu +behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter gelernt. +Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber +jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich +mehr auf, wenn ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe +und einmal zeige, wie man Hühner rentabel macht.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7"> +7. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie +fraßen. Sie fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand +sein gestecktes Ziel erreichen konnte, sei es ein neues Hemd, +eine neue Hose oder eine Fahrkarte nach einer Stadt mit +besserer Arbeitsgelegenheit. +</p> + +<p> +Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt +wird, daß sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld +für etwas Ueberflüssiges auszugeben, hatte ein ganz nettes +Sümmchen für Eier bei Abraham stehen. Ich glaube aber +doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer bedauerte, daß +er nicht der Lieferant sei. +</p> + +<p> +So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der +ersten Woche lebten wir jetzt in Saus und Braus. Das taten +die Eier und das tat eine Nacht mit fünfstündigem Wolkenbruch, +der uns so gut mit Wasser versorgte, daß wir fürstlich +schwelgen konnten. +</p> + +<p> +Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust +an Arbeitslohn. Das Feld war am Morgen so lehmig und +schlammig, daß wir die Füße kaum herausziehen konnten. +Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche Kruste gebrannt +hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen. +</p> + +<p> +Am dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem +Geld, das wir verdienten, nicht auskommen konnten. Wenn +die Ernte vorüber sein wird, werden wir knapp zwei Wochen +Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur nächsten Stadt +kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden +würden, hätten wir genau so viel oder richtiger, so wenig +übrig, als wenn wir nicht sechs Wochen, jede Woche zu sieben +Tagen, in tropischer Sonnenglut von Sonnenaufgang bis +beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der Eier, allerbescheidenster +Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für Essen +und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine +Gelegenheit dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und +Schnaps gab und wo man spielen konnte, war über drei +Stunden entfernt. +</p> + +<p> +„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für +nichts geschuftet haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer, +als wir unsere Lage überdachten. +</p> + +<p> +„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen“, warf +ich ein, „Abraham hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er +hätte sie doch sammeln und Sonntags zum Laden bringen +können.“ +</p> + +<p> +„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte +Gonzalo. +</p> + +<p> +In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem +abendlichen Maiseinkauf zurück. Er warf den Sack auf die +Erde und sagte: „Wovon ist denn die Rede? Vielleicht etwa +gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an euch abgeliefert, +und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann +ich doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr, +Fellers? <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">That so?</span>“ +</p> + +<p> +„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie +nicht wissen, wovon und worüber geredet worden ist, dann +halten Sie lieber Ihre Gosche“, sagte ich. +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn +wir nicht den Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die +vielen Wochen umsonst gearbeitet haben.“ +</p> + +<p> +„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus, +„ja wollt ihr denn als Skelette rumlaufen, wenn die Ernte +vorüber ist? Meinetwegen, ich kann meine Eier auch anderswo +verkaufen. Also, jetzt kassiere ich. Antonio, Sie haben –“ +</p> + +<p> +Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte +und was jeder zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine +Rechnung bei Abraham und ging dann nach meiner Behausung +schlafen. Als ich unterwegs war, hörte ich wie Charly +und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger +behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet. +Abraham bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung. +Nach einer Weile Hin- und Herredens, wobei wieder sehr +viel von Backpfeifen gesprochen wurde, mußte Charly zugeben, +daß er sich geirrt habe und daß Abraham im Recht sei. In +diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar betrafen, also +Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich. +</p> + +<p> +Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese +Woche einmal ohne Eier auszukommen. +</p> + +<p> +Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio +schon rufen: „Wo sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer +Yank? Ich will fünf haben.“ +</p> + +<p> +Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt +hatte, mit einem Ernst und einer Sorgfalt, als ob +er sie wirklich zum ersten Male in der Hand habe und nicht +schon gestern abend genau gewußt hätte, wieviel Eier die +Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den +Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört. +</p> + +<p> +„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier +will ich haben oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“ +wütete jetzt Antonio. +</p> + +<p> +„Was denn“, sagte Abraham ganz unschuldig, „ich will +euch doch nicht meine Eier aufdrängen und euch den sauer +verdienten Wochenlohn aus der Tasche rauben. Spart das +Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier auskommen. +Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“ +</p> + +<p> +Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham +bisher nie vernommen hatten. +</p> + +<p> +Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung +unserer Lebensweise wie ein Mann. +</p> + +<p> +„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben, +was ich essen und was ich nicht essen soll, ob +ich mein Geld spare oder ob ich es da in die Zisterne werfe, +he!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein. „Sofort gibst du mir sechs +Eier oder ich schlage dir deinen Wollschädel in Scherben.“ +</p> + +<p> +„Gut“, sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders +haben wollt und mir sogar mit Schlägen droht, ich will euch +die Eier wie bisher liefern.“ +</p> + +<p> +„Ja was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe +ganz ruhig und schulmeisterlich, „erst verführst du uns, Eier +zu essen und wenn wir dalan gewöhnt sind, willst du sie uns +verweigern. Gib mir dlei Eier.“ +</p> + +<p> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Der Chink hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst: +Jetzt auf einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit +ihrer Zubereitung, an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes +und an ihre mühelose Beschaffung so sehr gewöhnt hatten, +sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers wegen darauf +verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem +Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt +zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den +Magen übervoll gefüllt mit einem dicken, prächtigen, vollwertigen +Eierpfannkuchen, hatte ich allerdings den Entschluß +gefaßt, diese Woche einmal keine Eier zu beziehen. Aber am +Morgen, als der Magen leer war wie ein vertrockneter Autoreifen, +hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum sollte ich +mich denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll +peinigen beim Anblick der schönen frischen Eier, die bereits +lustig in den Pfannen der anderen pruzelten? +</p> + +<p> +„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham. +</p> + +<p> +Freilich als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum +Mitnehmen für das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder +die reuige Wehmut an: Die Eier sind doch unnütz und überflüssig. +</p> + +<p> +Also es blieb bei den Eiern. Der Verbrauch wurde in +Zukunft höher als er bisher gewesen war. Bei allen. Auch +bei Sam Woe. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8"> +8. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören +Sie, Mr. Gale, kommen Sie auf eine Viertelstunde herein. +Meine Frau hat einen guten Kuchen gebacken, Sie können +eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“ +</p> + +<p> +Dann als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine +wie er mit 260 Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier +angefangen habe, wie er mit eigener Hand die Farm aus dem +rohen Busch herausgearbeitet habe, wie die Straße, die mehr +als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei seiner Ankunft +nur ein schmaler verwachsener Weg war, gerade breit +genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch +diese Straße verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eigenem +Ford befahren könne. +</p> + +<p> +„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren +notwendig, um etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die +wir dem Lande erst Wert geben, sind trotzdem immer wie auf +dem Sprunge, plötzlich fliehen und alles verlassen zu müssen. +Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um die Freiheit +und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt, +bangt.“ +</p> + +<p> +Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte +schilderte. +</p> + +<p> +„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon mal vier +Ernten im Jahr an Mais gehabt. Das erreichen wir drüben +in den States nicht. Aber dieses Jahr ist schlecht. Die Baumwolle +hat, was seit fünfzehn Jahren nicht vorgekommen ist, +Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein soll. +Und ich weiß auch gar nicht was mit dem Hühnervolk los +ist. Wir haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten +Wochen. Auch Mr. Fringell und Mr. Shape klagen über +ihre Hühner.“ +</p> + +<p> +Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine +über die Hühner gesagt hatte. +</p> + +<p> +„Na, da seht ihr es ja, Fellers,“ sagte Abraham darauf, +„das sind die richtigen amerikanischen Farmer wie drüben. +Vor Geiz möchten sie am liebsten ihre Fingernägel aufessen. +Da gönnen sie den armen Hühnern kaum eine Handvoll Mais. +Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie nicht +gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare +nicht mit dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch +etwas her. Man muß sie nur gut und reichlich füttern und +sachgemäß behandeln, dann tun sie auch ihre Pflicht. Das hat +mich meine Großmutter Susanna gelehrt und die war eine +sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, Fellers. +<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Thats a fact!</span>“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9"> +9. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Um selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung +über die Frage ein, wieviel uns an Geld übrig bliebe, +wenn die Ernte vorüber sei. Diesmal aber wurden weder +die Eier noch Abraham, der dabei saß, in dem Gespräch +erwähnt. +</p> + +<p> +An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, +daß wir ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig +zu erhalten, daß wir eine bestimmte Summe am Ende der +Ernte übrig haben müßten, um nicht umsonst gearbeitet zu +haben oder wie Sklaven nur für das Essen und daß also, kurz +und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs, +acht Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir +gerade zurecht kommen. +</p> + +<p> +Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen, sobald die anderen Arbeiter auf +das Feld gekommen waren, gingen Antonio und Gonzalo +gleich zu ihnen und erklärten ihnen, daß wir die Absicht hätten, +acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos Nachbezahlung +für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle unabhängiger +als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, +waren ohne weiteres damit einverstanden. +</p> + +<p> +Nun gingen Antonio und Gonzalo, sowie zwei von den +anderen Leuten zur Wage und sagten Mr. Shine was +los sei. +</p> + +<p> +„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, +ich bin doch nicht verrückt. Das habe ich noch nie bezahlt. +Das kommt ja gar nicht rein.“ +</p> + +<p> +„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir +wandern dann noch heute ab.“ +</p> + +<p> +Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: +„Hören, Sie, Sennor, wir warten zwei Stunden. Ueberlegen +Sie es sich. Wenn Sie dann noch Nein! sagen, satteln wir +unsere Mulas. Wir wollen schon dafür sorgen, daß Sie keine +Leute kriegen.“ +</p> + +<p> +Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten +gingen ins Feld zurück, berichteten die abschlägige +Antwort und alle Leute verließen ihre Reihen, gingen zu den +Bäumen und legten sich schlafen. +</p> + +<p> +Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief +Mr. Shine herüber: „He! Mr. Gale, kommen Sie auf einen +Augenblick her.“ +</p> + +<p> +Ich ging rüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, +„wenn Sie etwa glauben, daß ich hier die Mittelsperson +mache, dann sind Sie im Irrtum, Mr. Shine. Wäre +ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite und ich ginge mit +Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern +Farm-Hand bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das +verstehen Sie doch?“ +</p> + +<p> +„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte Mr. Shine, +„es ist auch gar nicht meine Absicht, Sie herüber zu ziehen; +denn Sie allein könnten die Baumwolle ja doch nicht hereinholen. +Aber wir wollen das einmal in Ruhe überrechnen.“ +</p> + +<p> +Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir +Tabak. Sein ältester Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre +alt war, steckte sich eine Zigarre an und der zweite Sohn, der +jüngste in der Familie, ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt, +pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück verschweißtem +Papier heraus und schob es in den Mund. +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern und +da ich Ihnen ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos +und können hier mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den +andern Burschen gesagt, daß Sie acht bekommen?“ fügte +Mr. Shine, die Pfeife aus dem Mund nehmend, hinzu. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“ +</p> + +<p> +Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte +sich gegen einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über +die Reeling baumeln. +</p> + +<p> +Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, +unausgesetzt seinen Gummi knatschend, vor sich hin. +</p> + +<p> +Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte unaufhörlich +fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging, +bald verstopft war, bald neuen Tabak brauchte, obgleich der +Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war. +</p> + +<p> +Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte +er nur an der Behandlung seiner Pfeife. +</p> + +<p> +Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt +hatte, platzte plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, +ich an deiner Stelle würde bezahlen, ohne viele Worte zu +machen.“ +</p> + +<p> +„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. +Es geht ja nicht aus deiner Tasche, da ist das „Bezahlen +würden“ leicht. Aber dann ziehe ich dir’s von deinem +Taschengelde ab.“ +</p> + +<p> +„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das +Geld für die verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es +ungerecht.“ +</p> + +<p> +„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die +verkaufte Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für +einen Dime verkauft? Ich sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht +einen blanken Tinker hat man mir geboten. Und was für +eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste Schneeflocke +von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal +hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben +ihm stand, ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend, +in seinen Fingern, „die weichesten Daunen sind dagegen der +purste Stacheldraht. – Ja, Gosch, sagen Sie doch auch einmal +ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da, als ob Sie die Sprache +verloren hätten.“ +</p> + +<p> +„Aber ich bin doch unparteiisch,“ sagte ich darauf. +</p> + +<p> +„Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch +wenigstens den Mund mal aufmachen.“ +</p> + +<p> +Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er +widersprechen konnte. +</p> + +<p> +Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung +ein und sagte ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen +Worten: +</p> + +<p> +„Da will ich dir mal was sagen, Dad –.“ +</p> + +<p> +„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“ +</p> + +<p> +„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine +Baumwolle, es ist ja deine.“ +</p> + +<p> +Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit +zurückfiel, sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht +noch mal, dann rede doch schon oder soll ich hier vielleicht +stehen, bis die ganze Baumwolle verfault und verwurmt ist?“ +</p> + +<p> +„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn +die Leute gehen, andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die +Leute herschicken lassen von den Städten, müssen wir mehr +Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist.“ +</p> + +<p> +„Rede doch schon einen Strich schneller.“ +</p> + +<p> +„Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen +will. Sieh mal, Dad, einmal hat es schon geregnet. Und +es sieht ganz so aus, als ob wir eine sehr frühe Regenzeit +kriegen oder eine volle Woche Strippregen. Dann ist die ganze +Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen und +du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der +Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle +gewinnen und auf den Markt gebracht haben, je besser ist der +Preis. Wenn der Markt erst mal voll ist, müssen wir froh +sein, wenn wir sie mit zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos +Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt unterbringen +und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis +jetzt sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem +Markt.“ +</p> + +<p> +„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor +vier Jahren habe ich sie mit dreißig Centavos unter den Anfangspreis +verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie +ein armseliger Bettler, der um ein Stück Brot boomen muß. +Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig geworden, +daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß +vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist abgemacht, +da lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen +und verschimmeln, just wie sie da steht, ehe ich nachgebe.“ +</p> + +<p> +Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob +er mit dieser Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte. +</p> + +<p> +Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke: +</p> + +<p> +„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden +schuld, die Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. +Die können nie den Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier +herum sind immer zufrieden. Ja, Sie auch, Mr. Gale, Sie +sind auch einer von den Aufwieglern und von den Bolsches, +die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen +und das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir +kommt Ihr aber an die falsche Nummer. Das habe ich selber +mitgemacht. Das kenne ich, weiß, wie es gemacht wird. Aber +wir haben keine <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span><a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> und alles solchen Stoff gehabt.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen +Zwang an. Nebenbei bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen +Grund gegeben, anzunehmen, ob ich ein <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Wobbly</span><a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> bin oder +nicht.“ +</p> + +<p> +„Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar +nicht die Rede. Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber +bezahlen tu ich nicht, basta!“ +</p> + +<p> +„Na, hör mal, Daddy,“ sagte jetzt Pet, ohne sich seinem +Vater zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hast du unrecht, +durchaus. Die sechs Fremden schaffen mehr herein als +die zwölf oder vierzehn Indianer. Die tun doch überhaupt +bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden arbeiten und +was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso +machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden +Mittagsschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden +bekämen wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, +da wette ich mein Leben darauf.“ +</p> + +<p> +„Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!“ +</p> + +<p> +„Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren,“ +sagte Dick trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen +herunter. +</p> + +<p> +Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, +aber die „Hiesigen“ wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre +Maultiere ein und begannen aufzusatteln. +</p> + +<p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, +sprangen Antonio und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre +großen Hüte hoch in die Luft und begannen mit schrillen +Stimmen zu singen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es trägt der König meine Gabe,</p> + <p class="verse">Der Millionär, der Präsident –</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten +und standen stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie +wußten nicht, was <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span> war, was eine Organisation bedeutet, +was eine Klasse sei. Aber der Gesang hämmerte auf +sie ein, schmiedete sie zusammen zu einem ehernen Block, und +als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das +ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte +Refrain beginnt, wußte ich. Ich habe es erlebt. +</p> + +<p> +Der Gesang, so eintönig und schlicht in seiner Melodie, +aber so federnd wie feinster Stahl in seinem klingenden +Rhythmus, steckte mich an. Ich konnte nicht anders, ich begann, +das Lied mitzusummen. +</p> + +<p> +„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, +halb selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“ +</p> + +<p> +Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, +die bisher zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren +gestanden hatten, alle wie ein Mann zu uns herüber, +wodurch der Gesang herausfordernd und persönlich anzüglich +wurde. +</p> + +<p> +Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die +lederne Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu +mit einer Geste der Verlegenheit, die aber ebensogut auch +eine der Scham oder gar der Wurschtigkeit sein konnte. +</p> + +<p> +„Teufel noch mal,“ rief er dann, „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">that means business</span>, +die scheinen Ernst zu machen.“ +</p> + +<p> +„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie +einmal fort sind, haben wir unsere liebe Mühe und Not, sie +wieder hereinzuholen.“ +</p> + +<p> +„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von +heute an. Was bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts +nachgegeben. Mr. Gale, seien Sie doch so gut, bitte, und +rufen Sie die Leute heran!“ +</p> + +<p> +Ich lief rüber und brachte die ganze Horde zusammen. +</p> + +<p> +„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug +der Wage waren. +</p> + +<p> +„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, +halb von oben herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“ +</p> + +<p> +Antonio ließ ihn nicht ausreden: +</p> + +<p> +„Und für die schon gepflückten Kilos?“ +</p> + +<p> +„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch +tüchtig ran an die Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch +trocken hereinkriegen.“ +</p> + +<p> +„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham. +</p> + +<p> +„Halts Maul, darned Nigger, du bist nicht gefragt!“ +schrie der Farmer wütend. +</p> + +<p> +„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale,“ +sagte Mr. Sinne, „Sie bekommen doch schon acht.“ +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“ +</p> + +<p> +„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir +auch nicht darauf an. Und weil Sie Weißer sind, der einzige +Weiße. Sie sollen zehn haben.“ +</p> + +<p> +„Mit Nachzahlung?“ +</p> + +<p> +„Mit Nachzahlung! Ich bin ein <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">fair businessman</span>. Was +stehen Sie noch rum! Machen Sie, daß Sie an die Arbeit +kommen. Wir haben, weiß Gott, beinahe eine Stunde verquatscht. +Gerade um diese Stunde kann uns der Regen zu +früh kommen. Das ziehe ich Euch beiden Rangen ab, da +könnt Ihr Gift drauf nehmen,“ wandte er sich seinen Söhnen +zu, die gerade dabei waren, die Wage wieder aufzuhängen. +</p> + +<hr class="footnote"> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span> = <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Industrial Workers of the World</span>, eine sehr radikale +Arbeiterorganisation. +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Wobbly</span> = Mitglied der <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span> +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="chapter-0-3"> +Zweiter Teil. +</h2> + +</div> + +<h3 class="chapter1" id="subchap-0-3-1"> +10. +</h3> + +<p class="first"> +So lief der Trott nun weiter die nächsten zwei, drei +Wochen. Ohne besondere Ereignisse. Ein Tag wie der andere. +Rennen im Trab, Rennen, Essen kochen, Schlafen, Rennen im +Trab, Arbeit. +</p> + +<p> +Eines Nachmittags, als ich vom Feld heimkam, ging ich +zu Mrs. Shine und fragte sie, ob sie mir ein Kilo Speck verkaufen +oder bis Sonntag leihen wollte, da ich vergessen hätte, +letzten Sonntag welchen mitbringen zu lassen. +</p> + +<p> +„Können Sie haben, Mr. Gale, gegen Bezahlung oder +Rückgabe, ganz wie Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Gut,“ sagte ich, „dann gegen Bezahlung. Mr. Shine +kann es mir ja am Samstag anrechnen.“ +</p> + +<p> +Während sie eben dabei war, den Speck abzuwiegen, kam +Mr. Shine von der Stadt zurück, wo er seine Post abgeholt +und einige Bedarfsmittel eingekauft hatte. +</p> + +<p> +„Da sind Sie ja gerade wie gerufen, Mr. Gale,“ sagte +er zu mir, als er ins Zimmer trat. „Ich habe einige Neuigkeit +für Sie.“ +</p> + +<p> +„Für mich? Woher soll die wohl kommen?“ +</p> + +<p> +„Direkt aus der Stadt. Im Store traf ich den Manager +von Camp 97. Ich saß da und trank gerade eine Flasche Bier +nach der andern. Er war in großen Nöten. Da haben sie +im Camp ein kleines Maleurchen gehabt. Beim Auswechseln +von Achterrohren gegen Zehner hat ein Rohr ausgeschlagen +und dem einen Driller den rechten Arm böse gequetscht, weil +einer von den Indianern wieder mal nicht aufgepaßt und +rechtzeitig zugepackt hat. Der Driller ist ein tüchtiger, erfahrener +und verläßlicher Bursche, den sie nicht gehen lassen +wollen. Nun suchen sie einen guten Ersatzmann für drei bis +vier Wochen. So lange wird es wohl dauern, bis der Mann +wieder arbeiten kann. Aber sie sind jetzt gerade an einem +heiklen Punkt. Sie sind auf siebenhundert Fuß und sind auf +Lehm, und wenn sie jetzt keinen guten Driller bekommen, dann +können sie vielleicht eine Knickung in der Bohrung erleben. +Na, und was das bedeutet, was das für Scherereien, Zeitverlust +und Kosten verursacht, das wissen Sie ja selbst, Sie +haben ja in den Fields gearbeitet. Das gibt allemal den Sack +für die Driller und Tooldresser, manchmal für das ganze +Camp.“ +</p> + +<p> +„Weiß ich,“ erwiderte ich, „kann dem besten Mann +passieren, wenn man noch so sehr aufpaßt. Ein Stein, den +der Satan gerade dort hingefeuert hat, wo man ihn am +allerwenigsten vermutet, kann zwanzigtausend Dollar kosten.“ +</p> + +<p> +„Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <a id="corr-23"></a>Shine +ein. „Nun ist der Manager in Sorge, was er machen soll. +Er hat schon eine Schicht selber gearbeitet, aber auf die +Dauer geht es nicht. Telegraphiert er nun zur Kompagnie, +dauert es immerhin drei bis vier Tage, bis er den Mann +hier hat. Und ob er einen Mann kriegt, wie er ihn braucht, +weiß er auch nicht. Denn ein tüchtiger Mann nimmt für +drei Wochen nichts an, weil er dadurch vielleicht eine andere +Stellung, wo er sechs Monate in Sicherheit hat, verpassen +kann. Ich habe nun zu dem Manager gesagt: „Well,“ habe +ich gesagt, „Sie sind just der Mann, auf den ich gewartet +habe, Mr. Berkley.“ +</p> + +<p> +„Aber, ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich +damit zu tun habe.“ +</p> + +<p> +„Ja warten Sie doch ab, Gale, was kommt. In drei, +höchstens vier Tagen haben wir die Baumwolle drin. Was +wollen Sie denn dann machen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich lasse den Tag erst +einmal herankommen. Ich kann ebensogut nach Norden wie +nach Süden, ebenso leicht nach Ost und West gehen. Eigentlich +habe ich vor, nach Guatemala, Costa Rica und Panama +runterzutippeln. Vielleicht nach Columbien. Da soll allerhand +Oel ausgemacht worden sein.“ +</p> + +<p> +„Top!“ jagte Mr. Shine, „das habe ich auch gedacht, daß +es Ihnen egal ist; und nach Guatemala und allen den übrigen +Landschaften kommen Sie immer noch rechtzeitig genug. Da +habe ich nun zu dem Manager gesagt: Well, habe ich gesagt, +auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da einen Fellow, +einen Picker, einen weißen Mann, weiß im Gesicht und weiß +unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die +verteufeltste Bohrung aus dem elendsten Dreck herausholt. +Man muß doch ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was +erreichen will. Also, habe ich gesagt, Mr. Berkley, ich schicke +Ihnen den Mann runter. Na, was sagen Sie nun, Gale, +Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie +noch morgen früh runter zum Store. Der Storekeeper kennt +den Weg zum Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um +5 Uhr nachmittags sind Sie schon im Camp und können sich +gleich zum Essen hinsetzen.“ +</p> + +<p> +Das mit dem Essen war allerdings verführerisch. +</p> + +<p> +„Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurecht kommen, +ist der Verlust auch nicht allzu groß. Einen Tag kriegen Sie +auf alle Fälle ausbezahlt und außerdem haben Sie einen Tag +wieder mal menschenwürdig gegessen,“ setzte Mr. Shine hinzu. +</p> + +<p> +Zu überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch +für drei oder vier Tage Arbeit, harte und schlecht bezahlte +Arbeit. Im Oelfeld mußte man zwar auch zwölf Stunden +arbeiten, weil nur zwei Schichten waren, aber man arbeitete +wenigsten unter dem Rig, wo die Sonne nicht ganz so unmittelbar +auf einen losbrennen konnte. Dazu hatte man +sterilisiertes Eiswasser, soviel man nur trinken wollte. Vor +allen Dingen aber hatte man, wie schon Mr. Shine richtig +gesagt hatte, ein menschenwürdiges Essen, mit Teller, Messer, +Gabel, Eßlöffel, Teelöffel, Tasse und Glas an einem Tisch, +der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war, +aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bank. Man +brauchte nicht aus der Pfanne von der Erde essen und sich +beim Essen von einer wackligen Kiste, auf der man saß, +herunterbücken. Man brauchte nicht mit demselben Löffel, +den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den Kaffee umrühren. +Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt, +noch war es klebrig wie Kleister. Die schwarzen +Bohnen, immer hart wie Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger +Bestandteil der Mahlzeiten zu sein. Man wurde bei Tische +bedient von Chinks, die man angrunzen durfte, wenn einem +das Essen nicht schmeckte und die Ananaspie nicht genügend +geeist war. Angrunzen, hm! ja! das tut man sofort, sobald +man einen anderen armen Teufel auch nur einen Zentimeter +auf der sozialen Rangleiter unter sich weiß. Man schlief nicht +ohne jede Unterlage auf einer Tafel Wellblech, sondern man +schlief in gut ventilierten Baracken, in sauberen Feldbetten, +auf weicher Matratze und gut geborgen unter einem schleierdünnen +Moskitonetz. Man hatte jeden Tag ein Brausebad +und hatte ein W. C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt, +hatte ich ganz vergessen. Romantik ist schön, sehr schön! – +von ferne gesehen. Wenigstens in der Entfernung, gerechnet +von einem bequemen Sitz im Kino bis zur Silberwand. Auf +dieser Silberwand sind die Helden des Busches und des Urwaldes +der Traum der Mädchen und sie erregen Ehescheidungsgedanken +bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim +Essen in der Nase herum und schmieren dies und das an +ihren Sitz oder an die nächste erreichbare Tischplatte. Und +das kann man gerade noch erzählen. Würde man einiges +mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht einmal +das Schlimmste, so würde sich der bunte Schmetterling in die +allerwiderwärtigste Raupe zurückverwandeln. Aber trotz alledem, +Romantik ist auch im Oelfeld, das auf den ersten Blick +so trostlos prosaisch und so nüchtern aussieht wie eine Kohlenzeche +in Herne. Man muß die Romantik nur zu sehen und +nur zu finden wissen. – +</p> + +<p> +Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen +war mir nichts so wichtig, als meine Eierrechnung bei +Abraham auf den Cent genau zu begleichen. Er wäre mir +sonst in meinen Träumen erschienen und nachgelaufen bis +nach Paraguay, wenn ich ihm nur zehn Centavos schuldig geblieben +wäre. +</p> + +<p> +Als ich zum Oelcamp kam und mit dem Manager sprach, +machte er nicht im geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen +neuen Driller so in Lumpen und Fetzen zu sehen, wie kein +Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa herumlaufen könnte. +<a id="corr-24"></a>Daran ist man hier gewöhnt. +</p> + +<p> +Die weißen Arbeiter, alle Gringos, waren froh, daß +Dick, der Driller, einen Ersatzmann hatte und das Camp also +nicht verlassen brauchte; <a id="corr-25"></a>denn er war ein beliebter und lustiger +Bursche, der im Camp war, seit der erste Pfeiler für das Rig +gestellt wurde. Sie fixten mich auf, der eine brachte mir ein +Hemd, der andere eine Hose, jener Strümpfe, ein anderer Arbeitshandschuhe. +Ja Handschuhe, denn ein amerikanischer +Arbeiter macht sich beim Arbeiten die Hände nicht mehr +schmutzig als unbedingt notwendig ist. Keiner von ihnen +hatte irgendein Handwerk gelernt, wie das in Europa üblich +ist, aber jeder konnte ein Auto fahren, Pannen beseitigen, +Dampfmaschinen reparieren oder Werkzeuge schmieden. Vielleicht +nicht ganz so sauber und geschickt wie ein englischer, +deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er machte, war +brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür +bezahlten, ja nur an. +</p> + +<p> +Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Berkley +zu mir: „Sie können bleiben, Junge, vollen Drillerlohn.“ +</p> + +<p> +Dick war schneller hergestellt als wir alle gedacht hatten, +und so mußte ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dick +zwanzig Dollar extra aus seiner Tasche, für Reisegeld und +daß ich mir einen guten Tag machen sollte, wie er sagte. +</p> + +<p> +Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt +bekam, sagte er: „Hören Sie mal, Gale, können Sie nicht +hier irgendwo eine Woche oder so herumhängen?“ +</p> + +<p> +„Ja,“ erwiderte ich, „das kann ich leicht. Ich gehe rauf +zu Mr. Shine, da kann ich gut für eine Weile hausen. +Warum?“ +</p> + +<p> +„Auf einem unserer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der +möchte auf vierzehn Tage in Urlaub gehen, rauf in die States. +Da können Sie für die zwei Wochen als Ersatzmann eintreten. +Anfang nächsten Monats.“ +</p> + +<p> +„Mache ich,“ sagte ich. „Sie können ja im Store eine +Mitteilung für mich an Mr. Shine hinterlegen, wenn es +soweit ist.“ +</p> + +<p> +„Gut, abgemacht!“ sagte Mr. Berkley. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +11. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder rauf zu +Mr. Shine und fragte ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem +ich seinerzeit gehaust hätte, ein paar Tage wohnen dürfe. +</p> + +<p> +„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie +wollen.“ +</p> + +<p> +Ich erklärte ihm warum und fragte ihn dann nach den +Leuten, mit denen ich da gewohnt hatte. +</p> + +<p> +„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den +Tag nach Ihnen gegangen, ich glaube rauf nach Florida. Das +geht mich nichts an. Der kleine Nigger, Abraham heißt er, +scheint ein ganz geriebener Schlingel zu sein.“ +</p> + +<p> +„Wieso?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie +er mir versicherte. Er hatte sie bei Indianern für einen Peso +das Stück gekauft, wie ich inzwischen erfahren habe. Mir hat +er anderthalb Pesos dafür abverlangt. Ich habe sie ihm auch +bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt. Aber +mit den guten Leghühnern hat er mich reingelegt, der schwarze +Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber +na, das Fleisch ist es ja wert.“ +</p> + +<p> +„Und was ist mit dem Chink und den beiden Mexikanern?“ +</p> + +<p> +„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen. +Ich habe sie vom Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß, +sind sie nach Pozos gegangen. Diese Station ist nicht ganz +so weit als die, von der Ihr gekommen seid. Der Weg ist +auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen, +während wir in früheren Jahren immer zu der anderen +gingen. Aber Pozos liegt bequemer für uns; früher hatten +wir nur keinen Weg. Seitdem aber die Oelleute gekommen +sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle Ihnen, +wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können +Sie ab und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie +jumpen können. Nebenbei bemerkt, warum wollen Sie denn +in dem Unterstand hausen, Sie können doch in dem Hause +wohnen.“ +</p> + +<p> +Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur +Genüge. Ich betrete es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist +die reine Moskitohölle.“ +</p> + +<p> +„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie +fünfzehn Jahre drin gewohnt. Wir sind von den Moskitos +nicht merklich geplagt worden. Aber Sie können schon recht +haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird, nicht +genügend Luft reinkommt, sammelt sich schon allerhand von +diesem Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr +nicht oben gewesen, weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich +aussieht. Und wahrscheinlich komme ich im ganzen +nächsten Vierteljahr auch nicht rauf. Ich habe ja da oben +nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die Pferde und die +Mules rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras finden +und ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir +gleichgültig, wo Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören +Sie nicht, und Sonntags können Sie schon mal runter kommen +und eine Tasse Kaffee mit uns trinken und ein Stück Kuchen +essen.“ +</p> + +<p> +Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein. +Mein Feuer machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand, +weil dort in der Nähe des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches +Feuer gewesen war, ja doch keine Unterhaltung +gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da. +</p> + +<p> +Ich lebte jetzt in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten +hatte ich nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei +Tagen so an mich gewöhnt hatten, daß sie all ihre angeborene +Scheuheit vergaßen und mir an und auf meinen Füßen die +Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von meinen +Mahlzeiten suchten. +</p> + +<p> +Tags über kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete +die Tiere bei ihren Handlungen oder las in den +Zeitschriften, die ich vom Camp mitgebracht hatte. +</p> + +<p> +In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es, +weil es inzwischen einige Male gut geregnet hatte und der +Tank beim Hause zu einem Drittel gefüllt war. Wir hatten +ja derzeit die Auffänge in Ordnung gebracht. +</p> + +<p> +Ich konnte mich sogar waschen und mir den Luxus leisten, +mich sogar zweimal des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich +in Riesenmengen, teils um die Zeit zu vertreiben, teils um +so viel Vorrat in mich hineinzutrinken, daß ich gut wieder +einmal einen Tramp von einigen Tagen durch wasserlosen +Busch aushalten konnte. Da ich im Store hatte tüchtig einkaufen +können, Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich wirklich +einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig, +ein freier Mann im freien tropischen Busch, Siesta haltend +nach Belieben, herumstreifen wo und wann und solange ich +wollte. Es ging mir gut. Und dieses Gefühl lebte ich auch +voll bewußt. +</p> + +<p> +Der Tank, aus dem ich mein Wasser holte, war dicht an +dem alten Hause. Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal +etwa 250 Schritte von meinem Unterstand aus zu gehen. +</p> + +<p> +Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von diesen +Konservenbüchsen, die 40 Liter Inhalt haben. Mit Konserven +in kleinen Büchsen gibt man sich hier nicht viel ab, höchstens +wenn es sich um schnell verderbliche Ware handelt. +</p> + +<p> +Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika, +eine ganz elende Bretterbude nennen würde, kaum gut genug, +um auf einem Bauplatz als Lagerschuppen zu dienen, stand +auf Pfählen. Die meisten Häuser hier, besonders außerhalb +der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet. Stünden +sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch unterkellert, +so würden sie in der Regenzeit jeden Tag zweimal überflutet. +Das ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf +Pfählen ruhenden Haus kann der Wind von allen Seiten +unter dem Fußboden hin- und herfegen und so das Innere +des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein Haus, das +in dieser Art gebaut ist, nicht so viel unerwünschte Gäste, wie +Schlangen, Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Milliarden von +Ameisen, Grashoppern, Grillen und tausenden anderen unangenehmen +Ueberläufern aus dem nahen Busch. Alle diese +mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des tropischen +Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können +aber doch nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen, +als wenn das Haus auf ebener Erde errichtet wäre. +</p> + +<p> +Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein +Haus in dieser Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben, +die unsere Urvorväter zwangen, sich eine Behausung in den +Wipfeln der Bäume zu bauen. +</p> + +<p> +Ein Holzhaus, so errichtet, erbebt, erzittert und schwankt +oft beim Sturm so, daß man glauben könnte, es sei in der +Tat auf einem Baume errichtet. +</p> + +<p> +Die Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde. +So zu ebener Erde war ja auch mein Unterstand, wo das +Buschgetier aus- und einging, als wäre es sein gutes Recht. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und +Wind hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten +meine damaligen Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie +üblich mit einem drehbaren Stückchen Holz. Damals war +immer Leben im Hause und vor dem Hause, Streit um das +Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen +hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen +darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An +diese lebhaften Bilder zurückdenkend, erschien jetzt das Haus +geisterhaft einsam und still. Jedesmal, wenn ich Wasser holte, +quälte es mich, doch mal einen Blick hineinzuwerfen, ob jemand +etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder gefiel mir diese +gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie fügte +sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu +der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich +lebte. So unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus +kam, den Wunsch, eine Tür aufzumachen und hineinzulugen. +Ich wußte genau, die Hütte war leer, vollkommen leer; niemand +hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines alten +Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert. +Die Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus +lagerte, wollte ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte, +mochte ich träumen, daß vielleicht der Geist eines der alten +aztekischen Priester, der wegen der Tausenden von Menschen, +die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet und ihnen das +Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem +unersättlichen Gotte vor die goldenen Fuße zu werfen, nun +keine Ruhe finden konnte und deshalb aus dem Busch in das +gefeite Haus eines Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein +paar Wochen von seinem rastlosen Herumirren auszuruhen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3"> +12. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine +schwarzblaue Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der +Wand des Hauses nach Beute jagte. Sie lief blitzschnell ein +paar Zoll weit, saß dann still, lauerte eine Weile und lief +dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu lauern. +So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs, +kein Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz +feinen Faden zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette +hinaufklettern würden, nicht gerade festzuhalten und zu verstricken, +sondern deren Lauf nur zu verlangsamen, daß, wenn +die Spinne inzwischen das Nachbarbrett abgesucht hatte und +hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem mächtigen Satz +anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im +Sprunge, wobei sie das Insekt von hinten anspringt und sofort +im Nacken packt, so daß dieses Insekt von seinen Waffen, sei +es nun ein Stachel oder Zangen oder Scheren, gar keinen +Gebrauch machen kann. Das einzige Tier, das sich gegen diese +Springspinne erfolgreich wehren könnte und dann den Spieß +umkehren würde, ist der Skorpion. Aber diese beiden großen +Jäger in den Tropen begegnen sich nie, weil jeder von ihnen +eine andere Jagdzeit hat. Diese Spinne am Tage, in der +glühenden Sonne, der Skorpion in der Dunkelheit. +</p> + +<p> +Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen +in den häufigen Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte, +war es, die sofort wieder meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich +wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und lernen, wie sie sich verhält, +wenn sie selbst angegriffen und verfolgt wird. Ich stellte +meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und vergaß, +daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte. +</p> + +<p> +Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über +der Spinne hin und her und sofort reagierte sie darauf. Sie +wurde unruhig; ihre Zickzackläufe wurden unregelmäßig und +sie suchte diesem großen Etwas, das ein Vogel sein mochte, zu +entwischen. Aber die glatte Wand bot keinen Schlupfwinkel. +Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam und behutsam +und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in halber +Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, aber natürlich +an senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als +wäre er auf ebener Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte +eine Leiste, die gespalten war und sich auch ein wenig verzogen +hatte, so daß sie einen Unterschlupf bieten konnte. +</p> + +<p> +Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten +Platz auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der +gerade zu meinen Füßen lag und berührte damit die Spinne +leicht, sie so zwingend, einen anderen Weg zu wählen. Sie +lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin sie auch +fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder +ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie +kreuz und quer, immer verfolgt von dem Zweig, ihr keine +Gelegenheit lassend, zu einem Sprunge anzusetzen. Plötzlich +aber, als ich sie gerade im Rücken berührte, machte sie blitzschnell +kehrt und in rasender Wut und mit unvergleichlicher +Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an, der gegenüber +ihren bescheidenen Ausmaßen für sie gigantische Formen +und übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer, wenn +ich den Zweig zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe +den Feind abgeschlagen oder wenigstens eingeschüchtert, lief +sie auf die schützende Leiste zu. Schließlich besiegte sie mich +doch und fand dort Unterschlupf, aber nicht genügend, um sich +ganz zu verbergen, denn sie konnte sich nur zur Hälfte darin +verkriechen. +</p> + +<p> +Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die +Spinne kam sofort wieder hervor, lief eilends weiter nach +oben, wo sie eine günstigere Höhle fand, in der sie sofort +verschwand, ohne daß man noch viel von ihr sehen konnte. +</p> + +<p> +Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen, +was sie zu guter Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt +mit der flachen Hand so fest gegen die Wand, daß das ganze +Haus, das ja auf Pfählen ruhte, erzitterte. +</p> + +<p> +Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden. +Und als ich gerade zum zweiten Male kräftig gegen +die Wand schlagen will, fällt innerhalb des Hauses etwas um. +</p> + +<p> +Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses. +Es war nichts, absolut gar nichts darin, was mit so einem +merkwürdigen Geräusch umfallen konnte. Eine Stange, ein +Stück Holz, das einzige, was es vielleicht hätte sein können, +war es nicht, nach dem Geräusch zu urteilen. Es war schon +eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn ich mir das +Geräusch genauer vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar +Hartes dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein. +</p> + +<p> +Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar +Sprossen der Leiter hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und +hineinzusehen. Aber irgendein unerklärbares Empfinden hielt +mich davon ab. Es war wie Furcht, als könnte ich drinnen +etwas unsagbar Grauenhaftes sehen. +</p> + +<p> +Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand. +Ich redete mir ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick +von etwas ganz Gräßlichem sei, was mich veranlaßte, das +Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir: du hast ja in +dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar +kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich +gar nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren. +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer +wieder nachdachte, was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht +haben könnte, kam mir plötzlich ein seltsamer Gedanke: +In dem Hause hat sich jemand erhängt, und zwar schon vor +einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der Hals +durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der +Körper erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam +umgefallen. So ähnlich war auch das Geräusch, als ob +ein menschlicher Körper umfiele, und der Kopf auf den Boden +schlüge. +</p> + +<p> +Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin +die Phantasie einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache +überzeugt. So verwandelt sich ein Baumstamm in der +Dunkelheit in einen Räuber, der auf der Lauer steht. In den +Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe nie davon +gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und +wenn es wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen, +wo man drei Tage später bestenfalls nur noch an der Schnalle +seines Gürtels erkennen würde, daß es sich um einen Mann +handelt. +</p> + +<p> +So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das +Haus und vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und +durchzulugen. Das Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte +mir mehr zu als eine vielleicht sehr prosaische Gewißheit. +</p> + +<p> +Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich +nachts wach lag, beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts +anderem als mit der Frage, was in dem Hause wohl sein +könne. +</p> + +<p> +Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob +er irgendwelchen Bescheid vom Manager habe. Aber +Mr. Shine war die ganze Woche nicht im Store unten gewesen +und würde auch die nächste Woche nicht hinunterkommen. +Weil nun Montag der letzte Termin war, der für +den Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann +sein sollte, in Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh +reisefertig mit meinem Bündel selbst zum Store zu gehen +und nachzufragen. War Bescheid da, dann konnte ich Sonntag +mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War kein +Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in +Urlaub ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. +Ist diesem Falle würde ich gleich zur Station gehen und +meinen Plan, nach Guatemala zu wandern, ohne weiteres +durchführen. +</p> + +<p> +Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als +ich mit dem Wasser an dem Hause schon ein Stück vorüber +war, dachte ich, nun will ich aber doch einmal zu guter Letzt +nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich das nicht tue, +so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die +nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja +die bekannte Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im +Leben wiederkehrt. +</p> + +<p> +Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß +die Tür, die hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den +Raum, den einzigen Raum, den das Haus hatte. +</p> + +<p> +An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein +großes Bündel. Ich konnte aber nicht sofort erkennen, was +es sein mochte, denn die Sonne war noch vor dem Aufgehen. +</p> + +<p> +Ich trat näher hinzu; es war ein Mann. +</p> + +<p> +Tot! +</p> + +<p> +Es war Gonzalo. +</p> + +<p> +Getötet! +</p> + +<p> +Ermordet! +</p> + +<p> +Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball +Baumwolle, den er zerknüllt in der rechten Hand hielt, war +gleichfalls vollgesogen von Blut. +</p> + +<p> +Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche +auf der Brust, an der rechten Schulter und am linken +Oberarm. +</p> + +<p> +Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet. +</p> + +<p> +Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt +und als ich gegen die Wand geschlagen hatte, war der +Körper auf die Seite gefallen und der Kopf war auf den Erdboden +geschlagen. +</p> + +<p> +Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und +85 Centavos darin. Er hätte haben müssen: wenigstens +25 bis 30 Pesos. +</p> + +<p> +Also des Geldes wegen. +</p> + +<p> +Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak +neben sich liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen +verstreut herum. +</p> + +<p> +Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er +überfallen worden, an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand. +</p> + +<p> +Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus +verlassen hatten. Der Chink war nicht der Mörder. Wegen +20 Pesos jemand auch nur zu berühren, dazu war er viel zu +klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für ihn. +</p> + +<p> +Also Antonio. +</p> + +<p> +Das hatte ich von ihm nie gedacht. +</p> + +<p> +Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ +ihn jedoch liegen wie er lag. +</p> + +<p> +Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden +hatte und verließ das Haus. +</p> + +<p> +Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich +sofort auf den Weg. +</p> + +<p> +Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber +zum Camp gehen wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren +werde. +</p> + +<p> +„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause +nicht einsam gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und +so viel zu beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“ +</p> + +<p> +„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, +weil es eben ein Haus ist.“ +</p> + +<p> +„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja +schon, als ich zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten +sei.“ +</p> + +<p> +„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf +Besuch kommen und hier ein wenig herumstreifen und jagen. +Die stecke ich dann da hinein, da können sie hausen nach Belieben. +Die werden die Moskitos schon ausräuchern. Na, +denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“ +</p> + +<p> +Wir schüttelten uns die Hände und ich ging. +</p> + +<p> +Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der +Mörder sein konnte, diesen Gedanken würde niemand haben; +denn ich war ja vor allen den übrigen Leuten fortgegangen +und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet. +</p> + +<p> +Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte +das eine Unmenge Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen +und wer weiß was noch. Dabei wäre ich gar nicht mehr zur +rechten Zeit zum Camp gekommen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4"> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +13. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt +war, wurde ich ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der +Oel zu holen hatte, zur Station, von der ich nach Dolores +Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich ohne viel Aufenthalt +glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen Tagen in +Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan +nicht wieder einmal änderte. +</p> + +<p> +In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im +Süden los sei, was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern +und den Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, +und ob ich nicht besser vielleicht einen windigen Segelkasten +ergattern und auf Argentinien los gehen sollte. Aber von dort +kamen mir auch wieder zu viele herauf, die wahre Schauergeschichten +von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit berichteten. +Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße +und suchten eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer +als in Mexiko konnte es ja dort auf keinen Fall sein. +</p> + +<p> +Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die +Stiefel putzen, trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich +von diesen Beschäftigungen gerade so recht ungestört, zufrieden +mit mir und der Welt ausruhen will, sehe ich, daß auf der +Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt. +</p> + +<p> +Es ist Antonio. +</p> + +<p> +Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten +Tag, was machen Sie denn hier?“ +</p> + +<p> +Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu +sehen. Ich setzte mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf +der Suche nach Arbeit sei. +</p> + +<p> +„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in +einer Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie +gleich heute anfangen, als Bäcker. Wir suchen gerade einen +Gehilfen. Sie haben doch schon als Bäcker gearbeitet, nicht +wahr?“ +</p> + +<p> +„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert +verschiedenen Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber +– und das ist eine gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis +zu einem Bäcker habe ich es noch nicht gebracht.“ +</p> + +<p> +„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte +Antonio darauf. „Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären +oder etwas vom Backen verstünden, dann wäre nichts zu +machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er hat keine Ahnung +vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre Pfeffer +hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, +ob Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das +sei ihr Beruf seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der +Meister ist ein Däne, ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht +auch nichts vom Backen. Seine größte Sorge ist nun, daß +ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte; einer, der das +Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der +Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger +Bäcker würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn +Sie nun der Meister fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil +sagen von dem, was Sie zu dem Inhaber sagen. Zum +Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in ihrem Leben, +daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort +an und Sie sind sein Freund.“ +</p> + +<p> +„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich +schon immer mal arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn +man mal in der Verlegenheit ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen. +Dann hört die Sorge um das tägliche Brot auf +und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird gemacht. +Was ist denn der Lohn?“ +</p> + +<p> +„Ein Peso und fünfzig Centavos.“ +</p> + +<p> +„Nackt?“ +</p> + +<p> +„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch +frei. Sie kommen weiter damit als beim Baumwollpflücken, +das kann ich Ihnen sagen.“ +</p> + +<p> +„Wie ist denn das Essen? Gut?“ +</p> + +<p> +„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“ +</p> + +<p> +„Weiß schon bescheid.“ +</p> + +<p> +„Aber man wird immer satt.“ +</p> + +<p> +„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“ +</p> + +<p> +Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, +bot mir Tabak und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: +„Unter uns gesagt, das mit dem Essen ist auszuhalten. Hier +wird in den Bäckereien und Konditoreien mit Eiern und +Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na und +sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann +nicht an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit +Zucker verrührt und da hilft man der Kost nach. Das macht +man in der Nacht und am Vormittag vier- oder fünfmal, +dann können Sie schon gut zurecht kommen.“ +</p> + +<p> +„Wie lange arbeitet Ihr denn?“ +</p> + +<p> +„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um +zehn abends an und arbeiten dann durch bis ein, zwei oder +drei Uhr nachmittags. Manchmal wird es auch fünf.“ +</p> + +<p> +„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“ +</p> + +<p> +„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders +Dienstag und Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“ +</p> + +<p> +„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man +etwas Besseres findet.“ +</p> + +<p> +„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde +man ja auch Zeit finden, sich nach anderer Arbeit umsehen +zu können. Aber so? Immerhin, ich werde anfangen.“ +</p> + +<p> +Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder +Tag und Nacht zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben +Schüssel essen, mit ihm vielleicht gar im selben Bett +schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar nicht. Entweder war +ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für solche Feinheiten +der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder +aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und +über die herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche +Handlung verstand, daß ich mir weder das Recht anmaßte, +jemand zu verurteilen, noch mir die billige Sentimentalität einflößte, +jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid ist auch eine +Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch +eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns +vor Antonio, eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen +so viele Raubmörder herum, wirkliche und moralische, mit +Brillanten an den Fingern und einer dicken Perle in der Halsbinde +oder goldenen Sternen auf den Achseln, denen jeder +Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt. +Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden +gehenkt; diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden +bei Mr. Präsident zum Ball eingeladen und dürfen auf die +Sittenlosigkeit und Roheit, die in meiner Klasse herrscht, +schimpfen. +</p> + +<p> +Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man +hinab in den Morast und zwischen den Abschaum der Menschheit, +wenn man um Brotrinden kämpfen muß. +</p> + +<p> +Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, +die mir das Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich +Antonio mit der Frage: +</p> + +<p> +„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“ +</p> + +<p> +„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern +abend erst angekommen.“ +</p> + +<p> +„Sam Woe, der Chinese.“ +</p> + +<p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“ +</p> + +<p> +„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt +von seiner Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“ +</p> + +<p> +„Und hat er eine aufgemacht?“ +</p> + +<p> +„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was +sich so ein Chino einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat +das Geschäft mit einem Landsmanne in Kompanie.“ +</p> + +<p> +„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche +Ader, die zu solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube +sicher, wenn ich ein solches Geschäft gründete, würden sofort +alle Leute ohne Magen geboren, nur damit ich ja nicht etwa +auf einen grünen Zweig komme.“ +</p> + +<p> +„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht +mir gerade ebenso. Ich habe schon einen Zigarettenstand +gehabt, schon einen Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser +herumgeschleppt und wer weiß, was nicht sonst noch alles versucht. +Mir hat selten jemand etwas abgekauft. Ich habe +immer elendiglich Pleite gemacht.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir +können die Leute nicht genügend anschwindeln. Und +schwindeln muß man können, wenn man Geschäfte machen +will. Aber gründlich.“ +</p> + +<p> +„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der +wird sich auch freuen, Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz +gern mal draußen irgendwo. Zur Abwechselung, sehen Sie. +Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird einem +auch über.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5"> +14. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel, +wo die Chinesen alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre +Restaurants haben. Nur wenige hatten ihre Läden in +anderen Stadtvierteln. Sie hockten am liebsten immer zusammen. +</p> + +<p> +Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte +mir immer wieder die Hand, lachte und schwatzte drauf los, +lud uns zum Niedersetzen ein und wir bestellten unser Essen. +</p> + +<p> +Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen +Kamm geschoren. Einfache viereckige Holztische, manchmal +nur drei, an jedem Tisch drei oder vier Stühle. Wegen der +Menge der Speisen, die man erhält, können bestenfalls drei +sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch sitzen. Auf +die Sauberkeit des Geschirres und auf die Sauberkeit in der +Zubereitung der Speisen kann man sich besser verlassen als +in vielen teuren und eleganten Restaurants in Europa oder +in den Staaten. Was in der Küche vor sich geht, kann man +in den meisten Fällen von seinem Tische aus mit ansehen. +</p> + +<p> +Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen +Speisewirtschaften der Stadt die ganz genau gleiche. +So schließen die Chinesen unter sich jede unreelle Konkurrenz +aus. +</p> + +<p> +Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine +braunrote, tönerne, weitbauchige Wasserflasche, von der Art +und Form, wie sie schon bei den Azteken im Gebrauch war. +Dann eine Flasche mit Oel und eine mit Essig. Ferner eine +Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit +Zucker und ein Glas mit Chille. Chille ist eine dicke aufgekochte +Suppe von roten und grünen Pfefferschoten. Ein +halber Teelöffel in die Suppe getan, genügt, um einen normalen +Europäer zu veranlassen, die Suppe als total verpfeffert +und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm +Zunge und Gaumen verbrennen würde. +</p> + +<p> +Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber +mit Hilfe eines indianischen Mädchens die Küche besorgte. +</p> + +<p> +Zuerst bekamen wir einen Klumpen Eis in einem Glase, +das wir mit Wasser füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert +seines Geschäftes nach dem Bierverbrauch, man erhält Bier +nur auf ausdrückliches Verlangen, und kein Wirt verdirbt +einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges Lamentieren, +daß er am Essen nichts verdienen könne. +</p> + +<p> +Dann bekamen wir ein großes Brötchen, es folgte die +Suppe. Es ist immer Nudelsuppe. Antonio schüttete sich +einen Eßlöffel voll Chille in die Suppe, ich zwei, zwei gehäufte. +Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein halber Teelöffel +die Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar macht. +Aber man wird auch bereits bemerkt haben, daß ich weder +normal bin, noch daß ich mich zu den Europäern zähle. Die +Europäer haben mir das abgewöhnt, nicht die Indianer in der +Sierra de Madre. +</p> + +<p> +Während wir noch in der Suppe herumfischten, kamen +ein Beefsteak, geröstete Kartoffeln, ein Teller Reis, ein Teller +mit butterweichen Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch. +Das gibt es hier nicht, daß man sich nach jedem Gang erst die +Galle anärgern muß, weil der Kellner sich eine halbe Stunde +lang erst überlegt, ob er einem nun den folgenden Gang +eigentlich bringen soll oder nicht. Hier werden alle Gänge +sofort gleichzeitig auf den Tisch gestellt. +</p> + +<p> +Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine +Bohnen ein gegen Tomatensalat, den man sich selbst am Tische +zubereitet und ich tauschte meinen Gulasch ein gegen eine +Omelette. +</p> + +<p> +Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte +er seine Bohnen behalten, würde er sie auch noch geschüttet +haben. Aber Bohnen schien es genug in der Bäckerei +zu geben, dagegen wohl seltener Tomatensalat. +</p> + +<p> +Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das +Beefsteak und eine Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann +würzte ich den Reis mit zwei Eßlöffel Chille und die Bohnen +mit vier Eßlöffel Zucker. +</p> + +<p> +Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte +Eistee mit Zitrone, ich <span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">Café con leche</span>, wofür man auch ebenso +gut sagen kann: Kaffee mit Milch. Kaffee trinkt man mit +einem Drittel des Tasseninhaltes Zucker darin. Diese Sitte +halte ich für sehr gut und für sehr vernünftig. Es mag dies +als fernerer Beweis angesehen werden, daß ich für Europa +verloren bin, und zwar für immer; denn wo ich auch zu Tisch +sitzen werde, die Hausfrau, vielleicht sogar auch der Hausherr, +der ja materiell dafür aufzukommen hat, müßten angebunden +werden, weil sie sonst Tobsuchtsanfälle bekommen würden angesichts +meines Zuckerverbrauchs. +</p> + +<p> +Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch +einige Zahnstocher. Deshalb sieht man auch nie, daß ein +Mexikaner mit der Gabel in den Zähnen herumfuhrwerkt, +wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar Square und +an anderen Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu +beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht +gut essen kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel +aufzuschlitzen, wie so oft von ungeschickten und furchtsamen +Leuten behauptet wird, weiß ich aus eigener Erfahrung. +Etwas unbequem sind die starken Seemannsmesser, +wie ich eines habe; weil die am Ende spitz sind und nicht breit, +deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne +und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den +Fisch mit dem Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel weiß ich +nicht. So oft ich Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den +offenen Garküchen auf den Märkten und an anderen Orten, +aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und dem Daumen. +Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und +vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine, +sie packten ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben +auch meist gar kein Messer, das sie dem Gast geben könnten, +sondern eben auch nur die natürlichen Werkzeuge, die sie +nicht erst kaufen brauchen. +</p> + +<p> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch, +weil wir der besseren Verdauung wegen während +des Essens nichts Gedankenschweres in unserem Hirn herumwälzen +wollten und weil man beim Essen nur vom Essen +sprechen soll. +</p> + +<p> +Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen, +daß wir keine ungebildeten Leute oder was viel schlimmer ist, +etwa gar revolutionäre Arbeiter waren. Denn das kann man +so sehr leicht werden, wenn man sich gehen läßt und nachgibt, +besonders wenn man augenblicklich keine andere Zukunftsmöglichkeit +vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis siebzehnstündige +Arbeitszeit für anderthalb Pesos. +</p> + +<p> +Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos, +alles einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen +Speisewirtschaft. +</p> + +<p> +Jeder Weiße und jeder Mexikaner, der es versucht – und +es wird immer wieder versucht – für dasselbe Geld die gleiche +Mahlzeit mit allem genannten Zubehör zu geben, geht zugrunde. +Das Allerwenigste, was ein Nicht-Chinese fordern +muß, sind achtzig Centavos. Wie der Chinese das fertig +bekommt und dabei noch verdient und zu Wohlstand gelangt, +ist eins der vielen Geheimnisse, die um den Chinesen gehäuft +sind. +</p> + +<p> +Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich +gründlich Mund <a id="corr-34"></a>und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. +Sauberen Mund und saubere Zähne zu haben ist dem Mexikaner +wichtiger als ein trockener Fußboden. Die nimmermüde +tropische Sonne trocknete ja den Fußboden, ehe sich der nächste +Gast an unseren Tisch setzt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6"> +15. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging +in den Laden und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal. +</p> + +<p> +„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber. +</p> + +<p> +„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“ +</p> + +<p> +„In Monterrey.“ +</p> + +<p> +„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie +Kost, Wohnung und Wäsche und ein und einen halben Peso +für den Tag.“ +</p> + +<p> +„Halt!“ sagte er plötzlich, „sind Sie sicher auf Torten, +auf Torten mit Gußornamenten?“ +</p> + +<p> +„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur +Torten mit Gußornamenten gebacken.“ +</p> + +<p> +„Das ist fein! Da will ich aber doch mal mit meinem +Meister sprechen, was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger +Meister, von dem können Sie viel lernen.“ +</p> + +<p> +Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich +gerade die Stiefel anzog, um auszugehen. +</p> + +<p> +„Hier ist ein Bäcker von Monterrey, der Arbeit sucht. +Hören Sie mal, ob Sie ihn brauchen können.“ +</p> + +<p> +Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns +beide allein. +</p> + +<p> +Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen, +zog sich ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich +auf den Bettrand und zündete sich eine Zigarre an. +</p> + +<p> +Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er +mich mißtrauisch von oben bis unten und sagte endlich: +</p> + +<p> +„Sie sind Bäcker?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“ +</p> + +<p> +„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch. +</p> + +<p> +„Verstehen Sie was von Torten?“ +</p> + +<p> +„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie +gemacht werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte +das gerade lernen.“ +</p> + +<p> +„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen, +heute abend um zehn Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was +essen?“ +</p> + +<p> +„Nein, danke! Nicht jetzt.“ +</p> + +<p> +„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen +nun Ihr Bett zeigen.“ +</p> + +<p> +Sein Mißtrauen war geschwunden und er war sehr +freundlich. +</p> + +<p> +„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus +Ihnen machen, wenn Sie gut aufpassen und willig sind.“ +</p> + +<p> +„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Sennor. +Bäcker und Konditor wollte ich schon immer werden.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder +sich die Stadt ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“ +</p> + +<p> +„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“ – +</p> + +<p> +Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank. +</p> + +<p> +„Na?“ begrüßte er mich. +</p> + +<p> +„Ich fange heute abend an.“ +</p> + +<p> +„Das ist gut,“ sagte er, „vielleicht gehe ich später mit +Ihnen runter nach Columbien.“ +</p> + +<p> +Ich setzte mich zu ihm. +</p> + +<p> +Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte +und um ein Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der +gegebene Zeitpunkt, nach Gonzalo zu fragen. Es war mir +eigentlich nicht so sehr darum zu tun, nur zu schwätzen, als +vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen würde, wie sich +ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen +hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man +wisse es. +</p> + +<p> +Eine Gefahr war freilich damit verknüpft. War Antonio +in Wahrheit ein echter Mörder, dann würde er bei erster Gelegenheit +mich auf die Seite schaffen als Mitwisser. Aber +darauf wollte ich es ankommen lassen. Diese Gefahr kitzelte +mich erst recht, auf den Busch zu klopfen. Ich war ja vorbereitet +und konnte mich meiner Haut wehren. Mit ihm allein +durch den Busch, vielleicht gar nach Columbien zu trampen, +würde ich dann schon wohlweislich vermeiden. +</p> + +<p> +„Wissen Sie, Antonio,“ sagte ich plötzlich aus heiler Haut +heraus, „daß Sie von der Polizei gesucht werden?“ +</p> + +<p> +„Ich?“ erwiderte er ganz erstaunt. +</p> + +<p> +„Ja, Sie!“ +</p> + +<p> +„Weswegen denn? Ich weiß nicht, daß ich etwas verbrochen +habe.“ +</p> + +<p> +Es klang sehr aufrichtig; zu aufrichtig, um echt zu sein. +</p> + +<p> +„Wegen Mord! Wegen Raubmord!“ setzte ich hinzu. +</p> + +<p> +„Sie sind wohl verrückt, Gale. Ich wegen Raubmord? +Da sind sie aber böse im Irrtum. Vielleicht eine Namensähnlichkeit.“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie, daß Gonzalo tot ist?“ +</p> + +<p> +„Was?“ Er schrie es beinahe. +</p> + +<p> +„Ja,“ sagt ich ruhig, ihn im Auge behaltend. +</p> + +<p> +„Gonzalo ist tot. Ermordet und beraubt.“ +</p> + +<p> +„Der arme Kerl! Er war ein guter Bursche,“ sagte +Antonio bedauernd. +</p> + +<p> +„Ja,“ bestätigte ich, „er war ein braver Kerl! Und es +ist schade um ihn. Wo haben Sie ihn denn zuletzt gesehen, +Antonio?“ +</p> + +<p> +„In dem Hause, wo wir alle wohnten.“ +</p> + +<p> +„Mr. Shine erzählte mir, daß ihr drei, Sie, Gonzalo und +Sam zusammen am Montag morgen fortgegangen seid.“ +</p> + +<p> +„Wenn Mr. Shine das sagt, dann irrt er. Gonzalo ist +zurückgeblieben. Wir zwei nur, Sam und ich sind zur Station +gegangen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Das verstehe ich nicht,“ sagte ich nun. „Mr. Shine hat +am Fenster oder in der Tür gestanden, ich weiß nicht wo +und hat euch drei bestimmt gesehen.“ +</p> + +<p> +Da lachte Antonio leicht auf und sagte: „Mr. Shine hat +recht und ich habe auch recht. Aber der Dritte, der bei uns +war, war nicht Gonzalo, sondern einer dort aus der Gegend, +einer von den Eingeborenen, der die Hühner von Abraham +kaufen wollte, weil er dachte, er könne sie billig haben. +Abraham war aber schon zwei Tage fort und hatte die +Hühner bereits verkauft, ich glaube an Mr. Shine.“ +</p> + +<p> +„In dem Hause, wo Sie Gonzalo zuletzt gesehen haben,“ +sagte ich nun langsam, „habe ich ihn auch gefunden, ermordet +und beraubt. Das heißt, es ist ihm nicht alles geraubt worden, +fünf Pesos und etwas darüber hat ihm der Mörder gelassen.“ +</p> + +<p> +„Ich möchte ernst bleiben bei der tragischen Geschichte,“ +sagte Antonio leicht vor sich hin grinsend, „aber da muß ich +doch lachen. Das übrige Geld von Gonzalo habe ich.“ +</p> + +<p> +„Na also!“ rief ich, „davon rede ich ja die ganze Zeit.“ +</p> + +<p> +„Davon reden Sie allerdings, Gale,“ erwiderte Antonio. +„Aber das Geld habe ich ihm doch abgewonnen. Sam weiß +das gut, der war ja auch dabei. Sam hat ja selbst fünf Pesos +dabei verloren. Er hat sich ja mit in die Wette hineingedrängt.“ +</p> + +<p> +Das wurde jetzt eine merkwürdige Geschichte. +</p> + +<p> +„Sam, ich und der Indianer, wir sind zusammen vom +Hause fortgegangen. Gonzalo wollte zurückbleiben und sich +gut ausschlafen. Ich bin mit Sam bis Celaya gefahren. Sam +ist dann weiter gefahren bis hierher nach Oaxaca und ich bin +hierher teils gelaufen, teils habe ich ein paar Strecken mit +den Zügen blind gemacht.“ +</p> + +<p> +Was Antonio sagte, klang wahr. Außerdem hatte er +Sam als Zeugen. Und daß Antonio diese weite Strecke von +Celaya zurückgeeilt sein sollte, um Gonzalo zu ermorden, +war ganz und gar unwahrscheinlich. Sein Geld hatte er ihm +ja abgewonnen, ehrlich, Sam war Zeuge. Irgendeinen Wertgegenstand +besaß Gonzalo nicht. Wir kannten jeder den +ganzen Tascheninhalt des anderen; und auf dem Leibe konnte +auch niemand etwas verbergen, wir liefen ja immer dreiviertel +nackt herum. Da war nichts Verdächtiges übrig, +Antonio war unschuldig. +</p> + +<p> +„Na, lieber Antonio,“ sagte ich, „da bitte ich Sie herzlich +um Verzeihung, weil ich geglaubt habe, Sie könnten am +Morde oder Tode des Gonzalo schuldig sein.“ +</p> + +<p> +„Macht nichts, Gale,“ antwortete er gemütlich, „nehme +ich Ihnen nicht übel; aber ich hätte doch gedacht, Sie würden +nicht gleich das Böseste von mir denken. Ich habe doch nie +jemand irgendeine Ursache hierfür gegeben.“ +</p> + +<p> +„Das ist wahr. Das haben Sie nicht,“ sagte ich darauf. +„Aber sehen Sie, die Umstände waren so merkwürdig auf Sie +gerichtet. Sie und Sam waren die legen mit Gonzalo im +Hause. Gonzalo hat, wenn er, wie Sie sagen, nicht mit +Ihnen gegangen ist, das Haus nicht mehr verlassen. Er ist +darin ermordet worden. Mr. Shine sagte mir, daß, seit Sie +fortgegangen seien, niemand sonst dort herum war. Es gibt +ja nichts zu stehlen da und ein Weg, der jemand zufällig dahin +bringen könnte, führt auch nicht vorbei. Ich bin noch mal +oben gewesen, weil ich dort auf Bescheid von einem Oelcamp +warten mußte. Rein aus Neugierde geriet ich in das Haus +und fand Gonzalo tot. Er hatte mehrere Wunden von Messerstichen, +die gefährlichste war ein Lungenstich in der linken +Brust, an dem Stich ist er offenbar verblutet.“ +</p> + +<p> +Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging +in Antonio eine erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde +leichenblaß, starrte mich mit entsetzten Augen an, bewegte die +Lippen und schluckte und schluckte, konnte aber kein Wort hervorbringen. +Mit der linken Hand arbeitete er an seinem Gesicht +und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch herunterreißen +wollte, während er mit der rechten Hand wie im +Traum nach meiner Schulter und nach meiner Brust tastete +als ob er sich vergewissern müsse, daß da jemand sitze oder +ob das nur eine Wahnvorstellung sei. +</p> + +<p> +Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich +konnte mir jetzt überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio +zeigte sich plötzlich das ganze Schuldbewußtsein eines +Menschen, dem seine Tat mit allen ihren Folgen klar zu +werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich ihn +des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein +solches Verhalten zurecht legen, um darüber nicht selbst meine +Gedanken zu verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen, +daß ich selbst Gonzalo erschlagen habe! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7"> +16. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Lampen im Park flammten auf. Es war halb sieben +und wir hatten Ende August. +</p> + +<p> +Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in +der kurzen Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann. +Denn es war im hellen Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht +offen und unbefangen zuletzt gesehen hatte. Und nun +deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was für mich der +nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte Mensch +Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis +hatte werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu +studieren, den die finstersten Mächte überfallen haben, ihn +schütteln und rütteln und jedes Härchen und jede Pore an +seinem Körper in Aufruhr versetzen, wurde mir nun durch +die grellen Lampen zerstört, die in das Gesicht Antonios +Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht +darinnen waren. +</p> + +<p> +Wahrheit allein war sein heißes Atmen und Wahrheit +waren seine tastenden und krallenden Finger. Alles andere +wurde Rampenlicht. +</p> + +<p> +Auf der Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter; zerlumpt +wie Zehntausende unserer Klasse, weil der Lohn kaum +für das Essen reicht, häufig nichts übrig bleibt für eine +Dreißig-Centavos-Pritsche in einem der vielen Schlafhäuser, +wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder hundert Schlafgenossen +aller Rassen der Erde, behaftet mit vielleicht ebensoviel +oder mehr Krankheiten, die von den Aerzten gekannt und +auch nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in demselben +einen Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch +abtrocknen, Männer, Frauen und Kinder, im Alter von zwei +Wochen bis zu hundertundfünf Jahren. Ehemalige Herzöge, +Lords, Generale, Professoren, Philosophen, Erfinder, Entdecker, +Geistliche, Ingenieure, Bankdirektoren, Bankräuber, +Bankmörder, Dirnen und was sonst noch die Welt an Berufen +hervorbringt und wieder vernichtet. +</p> + +<p> +Der Arbeiter, ein Indianer, war auf der Bank eingeschlafen. +Seine Glieder entspannten und der ermüdete und +abgearbeitete Körper sank zu einem Häuflein Lumpen mehr +und mehr zusammen. +</p> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste +die Bank wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner +Höhe auf dem Erdboden kriechen sieht. Dann, als der Polizist +wieder an der Rückseite der Bank war, zog er seine Lederpeitsche +durch die Hand und hieb mit bestialischer Brutalität +und mit einem tückischen Grinsen auf dem Gesicht dem +Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb. +Mit einem unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper +des Indianer kurz nach vorn über als habe man ihm den +Rücken mit einem Schwert durchschnitten. Dann aber schnellte +der Körper rasch nach hinten und sich mit einem Gestöhn +windend, griff der Arme langsam mit der Hand nach dem +gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und +grinste den Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem +Gepeinigten liefen vor Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht. +Aber er sagte nichts. Er stand nicht auf. Er blieb +ruhig auf der Bank sitzen. Denn das war sein Recht. Sitzen +durfte er auf der Bank, er mochte noch so zerlumpt sein, es +mochten noch so viele elegante Caballeros und Sennoras +herumirren, um die Kühle des Abends auf einer der bequemen +Bänke zu genießen und dem Konzert zuzuhören, das bald +beginnen würde. Der Indianer wußte, er war der Bewohner +und der Bürger eines freien Landes, wo der Millionär nicht +mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen und wäre es vierundzwanzig +Stunden lang, als der arme Indianer. Aber +schlafen durfte er nicht auf der Bank. Soweit ging die Freiheit +nicht, obgleich die Bank auf dem „Platze der Freiheit“ +stand. Es war die Freiheit, wo derjenige, der die Autorität +besitzt, den peitschen darf, der die Autorität nicht hat. Der +uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt wie die Geschichte +von der Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der uralte +Gegensatz zwischen der Polizei und den Mühseligen und Beladenen +und Hungernden und Schlafbedürftigen. Der +Indianer war im Unrecht, das wußte er wohl, deshalb sagte +er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder Gabriel – dieser +hier hielt sich für das zweite – war im Recht. +</p> + +<p> +Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Nein! +</p> + +<p> +Mir stieg das Blut zu Kopfe. +</p> + +<p> +In allen Ländern der hohen Zivilisation, in England, +in Deutschland, in Amerika und erst recht in den übrigen +Ländern ist es die Polizei, die peitscht und ist es der Arbeiter, +der gepeitscht wird. Und da wundert sich dann der, der zufrieden +an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich an der Krippe +gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert wird +und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht. +Eine Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. +Er frißt sich immer tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und +endlich das Hirn und löst den Schrei aus, der die Erde erbeben +läßt. Der Schrei: „Rache!“ Warum ist Rußland in +den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am +meisten gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet +den Weg für die Heranstürmenden, deren Schritte Welten +erdröhnen und Systeme explodieren macht. +</p> + +<p> +Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“ +schreien! +</p> + +<p> +Wehe den Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz +der Hungernden zerfressen und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen! +</p> + +<p> +Man zwang mich, Rebell zu sein und Revolutionär. +</p> + +<p> +Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus Hilfsbereitschaft +für die Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit +und Unbarmherzigkeit sehen zu müssen, macht ebensoviele +Revolutionäre wie Unzufriedenheit oder Hunger. +</p> + +<p> +Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch +der Polizist stand, die Peitsche durch die Hand ziehend, sie +ab und zu durch die Luft pfeifen lassend und mit funkelnden +Augen auf sein sich windendes Opfer grinsend. +</p> + +<p> +Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle +mich auf die Bank setzen. +</p> + +<p> +Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie +mich sofort zur Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen. +Sie wissen, daß Ihre Instruktion Ihnen nur das Recht gibt, +sich der Peitsche zu bedienen, falls Sie angegriffen werden +oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem Aufruf. Das +wissen Sie doch?“ +</p> + +<p> +„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen,“ verteidigte +sich der kleine braune Teufel, der kaum höher war +als fünf Fuß. +</p> + +<p> +„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er +hier zu dieser Zeit nicht schlafen dürfe und wenn er wieder +einschlafen sollte, durften Sie ihn von der Bank verweisen, +aber auf keinen Fall durften Sie ihn schlagen. Also, kommen +Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine Möglichkeit +mehr haben, jemand zu peitschen.“ +</p> + +<p> +Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein +Weißer war und sah, daß ich es im Ernst sagte. Er hing +die Peitsche an den Haken in seinem Gürtel und mit einem +schnellen Satz war er verschwunden, als habe ihn die Erde +verschluckt. +</p> + +<p> +Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege. +</p> + +<p> +Ich schlenderte zurück zu Antonio. +</p> + +<p> +Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal. +Alles ist Busch. Ueberall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen! +Die Fliege von der Spinne, die Spinne vom Vogel, +der Vogel von der Schlange, die Schlange vom Coyotl, der +Coyotl von der Tarantel, die Tarantel vom Vogel, der Vogel +vom – – – Immer im Kreise herum. Bis eine Erdkatastrophe +kommt oder eine Revolution und der Kreis von +Neuem beginnt, nur anders herum. +</p> + +<p> +Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht! +Der Lebende hat immer recht! Du bist im recht! Der Tote +ist schuld. Hättest du nicht Gonzalo ermordet, hätte er dich +ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es ist der Kreis im +Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel ist +zu häufig und die ganze Zivilisation der Menschen ist ja nichts +anderes als die natürliche Folge seiner bewundernswerten +Nachahmungsfähigkeit. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8"> +17. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz +bestimmt nicht meine Absicht, Gonzalo zu töten. Er hätte +mich genau so gut treffen können. Glauben Sie mir doch, +oh, <span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">amigo mio</span>! Ich bin nicht schuld an seinem Tode.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, Antonio. Es konnte Sie treffen. Es kann +Sie heute abend noch treffen. Es ist der Busch, der uns alle +am Kragen hat und mit uns macht, was er will.“ +</p> + +<p> +„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. +Hier in der Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar +nicht verfallen. Aber da singt der Busch die ganze Nacht, da +schreit ein Fasan seinen Todesschrei, wenn er gepackt wird, +da heult der Cougar auf seinem Mordwege. Alles ist Blut, +alles ist Kampf. Im Busch sind die Zähne, bei uns sind es +die Messer. Aber es war nur Scherz, nur der reine Spaß. +Wirklich nur Spaß. Nichts weiter. +</p> + +<p> +Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das +Rädchen, oder die Messer! Wir hatten keiner so viel Geld +übrig nach siebenwöchiger Arbeit wie wir brauchten, um aus +dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was anderes +aufzusuchen. +</p> + +<p> +Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte +etwas über zwanzig Pesos, ich hatte fünfundzwanzig. +</p> + +<p> +Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir +gehen. +</p> + +<p> +Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charly +war gegangen. Sie waren auch nicht mehr da. Wir waren +nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich. +</p> + +<p> +Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten +jeder Goldstücke, das Kleine in Silber. +</p> + +<p> +Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden +lag, kaum zu sehen bei dem Schein unseres Feuers, da fing +Gonzalo an zu fluchen. +</p> + +<p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? +Da hat man nun sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter +Negersklave, in der Glut, von früh um vier bis Sonnenuntergang, +dann heim. Und dann abgerackert, daß man kaum noch +einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu kochen +und runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, +keine Musik, kein Tanz, kein Mädchen, keinen +Schnaps und den schlechtesten Tabak. Was soll ich mit dem +Lausedreck da anfangen?“ +</p> + +<p> +Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort. +</p> + +<p> +„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine +Hose ein Lumpen, meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, +keine Sohle, kein Oberleder, kein Nischt, sogar die Riemen +sind zwanzigmal geknotet. Und nischt bleibt übrig und geschuftet +wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens vierzig +Pesos!“ +</p> + +<p> +Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf. +</p> + +<p> +„Mit vierzig Pesos,“ sagte er, „käme ich zurecht. Könnte +nach Mexico Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit +man auch anständig aussieht, wenn man zu einem Mädchen +„Buenos tardes!“ sagen will. Und man hat noch ein paar +Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“ +</p> + +<p> +„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „die vierzig Pesos +sind es auch gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das +Notdürftigste zu kaufen.“ +</p> + +<p> +„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um +das Geld spielen. Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen +etwas Rechtes anfangen. Wenn du mein Geld noch +dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch einer von +uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist jeder +ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich +auf den ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet +hat.“ +</p> + +<p> +„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht,“ erzählte +Antonio weiter. „Ich hätte mein Geld auch gleich versoffen. +Wenn man mit dem gottverfluchten Tequila erst einmal anfängt, +hört man nicht eher auf, bis der letzte Centavos verwichst +ist. Das geht dann durch, besoffen, nüchtern-besoffen, +nüchtern-besoffen immerfort bis alles hin ist. Und was man +nicht selber durch die Gurgel rasselt, da helfen dann die Mitsäufer, +und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und +der schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das +kennen Sie doch, Gale?“ +</p> + +<p> +Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der +einem die Kehle zerreißt, daß man sich nach jedem Glas +schütteln muß und schnell ein paar eingemachte Bohnen, die +einem der kluge Wirt mit einem spitzen Hölzchen zum Aufspießen +hinstellt, hinterher schlucken muß, um den Petroleumgeschmack +los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie +besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer +ein Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem +mysteriösen Grunde durch die Kehle jagen muß, ohne ihn mit +der Zunge zu betasten. Und wenn man dann endlich glaubt, +genug zu haben, hat man weder Hirn, noch Körper, noch +Blut. Man hört auf zu existieren. Das Daseinsbewußtsein +verlöscht vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, +Aerger, Zorn. Uebrig bleibt nur das absolute Nichts. Welt +und Ich sind verweht. Nicht einmal Nebel bleibt.“ +</p> + +<p> +Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung +suchend. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: +„Wir hatten keine Karten und keine Würfel. Wir zogen +Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin und zurück. +Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die aus der einen Tasche +zur anderen gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein +Geld wechselte nicht von Haus zu Haus. +</p> + +<p> +Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. +Vielleicht zehn oder elf Uhr. +</p> + +<p> +Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, +jetzt habe er genug von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er +endlich wissen, woran er morgen früh sei. +</p> + +<p> +„Ja, weißt du denn einen anderen Vorschlag?“ sagte ich +zu ihm. +</p> + +<p> +„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so +wütend macht. Wir albern hier herum wie die kleinen +Kinder, ohne zu einem Ende zu kommen. Immer hin und +her. Es ist zum verrückt werden!“ +</p> + +<p> +Dann als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in +die Glut starrend, sich eine Zigarette nach der anderen drehend +und jede kaum angeraucht ins Feuer warf, sagte er plötzlich +aufspringend: „Jetzt weiß ich, was wir tun. Wir machen ein +Azteken-Duell um die ganze Summe.“ +</p> + +<p> +„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“ +</p> + +<p> +Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus +Huehuetoca, und seine Vorfahren waren einst Caciques gewesen. +Das ist so etwas wie Heerführer und Statthalter. +Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem Lande +durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr +selten ein Irrtum unterläuft. +</p> + +<p> +„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ +sagte Gonzalo erstaunt. +</p> + +<p> +„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir +sind doch spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als +zweihundert Jahre hier sind, Vaters und Mutters Seite. Aber +von einem Azteken-Duell habe ich nie gehört.“ +</p> + +<p> +„Aber das ist ganz einfach,“ sagte Gonzalo. „Wir +nehmen zwei junge, gerade gewachsene Bäumchen, binden +oben unsere Messer fest daran und werfen sie dann gegenseitig +auf einander los, bis der eine aus Ermattung nachgeben +muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer +stehen bleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. +Dann kommen wir doch wenigstens zu einem Ende.“ +</p> + +<p> +Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir +eine ganz verrückte Idee zu sein. +</p> + +<p> +„Du hast doch nicht Angst, Spanier!“ lachte Gonzalo. +</p> + +<p> +Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton +von Verhöhnung lag, brauste ich auf: +</p> + +<p> +„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier +hat nie Angst! Das will ich dir gleich beweisen. Los zum +Azteken-Duell!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9"> +18. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und +krochen im Busch herum, bis wir zwei passende Stämmchen +gefunden hatten. +</p> + +<p> +Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, +damit wir ein tüchtig Feuer bekämen, um im Kampfe auch +Ziellicht zu haben. +</p> + +<p> +Wir befreiten die Stämmchen von den Aesten und banden +oben unsere aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an. +</p> + +<p> +„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge +überstehen,“ sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht +ermorden. Es ist ja nur um das Spiel. Das Messer braucht +nicht weiter überstehen, als der halbe kleine Finger. So, das +ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer betrachtend. „Jetzt +binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem Speer ein +richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“ +</p> + +<p> +Dann umwickelten wir unseren linken Arm mit Gras und +einem Sack, um ein Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte +Gonzalo, „der Schild ist wichtig. Das ist ja eben gerade +das Vergnügen, aufzufangen und abzuwehren.“ +</p> + +<p> +Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja und +ich? Soll ich vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“ +</p> + +<p> +Der Chino hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer +der Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn +haben. Sie wissen ja, Gale, was für Spielratten die Chinos +sind. Die würden die Frachtkosten für ihren Leichnam verspielen, +wenn ihnen das nicht gegen alle Moral ginge. +</p> + +<p> +„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „Du kannst ja auf einen +von uns wetten.“ +</p> + +<p> +„Fein,“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. +Fünf Pesos. Wenn du gewinnst, bekomme ich von +dir fünf Pesos und wenn du verlierst, kliegst du von mir +fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen, weil du +dann deine zwanzig Pesos los würdest.“ +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Wir deponierten jeder unsere zwanzig Pesos, die Sam +vor sich auf einen Stein legte und dann legte er selbst seine +fünf Pesos Wetteinsatz hinzu. +</p> + +<p> +Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab und wir legten +jeder ein langes Stück Holz an die Marken, die keiner der +Kämpfer überschreiten durfte, wenn er nicht sofort fünf Pesos +an den anderen verlieren wollte. +</p> + +<p> +Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum +Rückwerfen benutzte jeder den Speer des anderen. +</p> + +<p> +Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte +ich Gonzalo nur in Umrissen sehen und den Speer, wenn er +auf einen zugeflogen kam, konnte man beinahe gar nicht sehen, +denn rund herum war ja stockdunkle Nacht. +</p> + +<p> +Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die +rechte Schulter. Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale. +</p> + +<p> +Dabei zog er sein Hemd von der Schulter und ich sah den +Stich noch unvernarbt. +</p> + +<p> +Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich +in Aufregung. Ich bekam nach einigen weiteren Gängen +noch einen Stich, der mir durch die Hose ins Bein ging. Aber +ich konnte ganz gut aushalten. +</p> + +<p> +Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner +nachgeben wollte, wurde das Tempo immer rascher. Es kam +so mittlerweile ein gutes Stück Wildheit in die Sache und +jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde niemals geglaubt +haben, daß es nur ein Spiel sei. +</p> + +<p> +Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine +halbe. Ich weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo +überhaupt schon einmal ernsthaft getroffen hatte oder +nicht. Aber ich fing dann doch an, müde zu werden. Der +Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig Kilo wiege +und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich +bald kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal +wäre ich beim Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber +ich hatte doch das Gefühl, ich darf nicht niedersinken, sonst kann +ich bestimmt nicht mehr aufstehen. +</p> + +<p> +Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt +nichts mehr sehen. Ich warf den Speer immer nur in +der Richtung, in der ich ihn bisher geworfen hatte und wo +Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz gleichgültig, ob +ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst aufhören. +Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf +ich ihn eben immer wieder zurück. +</p> + +<p> +Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, +daß Gonzalo sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der +offenbar weit an ihm vorbei geflogen war. Er ging ein paar +Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn auf und als er sich +mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal so heftig +in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht niedergeschlagen. +</p> + +<p> +Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, +weil ich froh war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, +sonst wäre ich umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden +wäre und geworfen hätte, ich hätte meinen Arm nicht mehr +heben können, um zu erwidern. +</p> + +<p> +Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken. +</p> + +<p> +Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich +meine fünf Pesos verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen. +Gonzalo gibt auf.“ +</p> + +<p> +Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber +nicht mehr die Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben +der Kiste auf den Boden. +</p> + +<p> +Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm +Wasser, das er gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine +nackte Brust blutig war. Aber ich hatte für nichts mehr +Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig auf die Brust und als +ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß mein +Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die +Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir +alles egal. +</p> + +<p> +Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in +die Hosentasche. Ich hatte das Empfinden, als ob das alles +irgendwo in ganz weiter Ferne geschähe. Wie durch einen +Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf Pesos ebenfalls +in die Tasche steckte. +</p> + +<p> +So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. +Das Feuer wurde kleiner und kleiner. +</p> + +<p> +Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“ +</p> + +<p> +Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine +eigenen gewesen: „Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“ +</p> + +<p> +Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend +und sich festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte. +</p> + +<p> +Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, +hörte ich, wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen +zeitig geht und ich bin noch nicht auf, braucht ihr mich nicht +wecken. Ich will lange durchschlafen, ich bin furchtbar müde. +Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein Fahrgeld.“ +</p> + +<p> +Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war +Zeit. Um acht Uhr abends mußten wir auf der Station sein, +sonst verloren wir zwei Tage. +</p> + +<p> +Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte +sehen. Sah auch Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke +schlief. +</p> + +<p> +Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen. +</p> + +<p> +Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade +der Tag zu grauen anfing, gingen wir. Ein paar +Schritte weiter trafen wir den Indianer, der die Hühner +kaufen wollte. – +</p> + +<p> +Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre +Geschichte.“ +</p> + +<p> +„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht +wach gekriegt,“ sagte ich. +</p> + +<p> +„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit +schon halb ahnend. +</p> + +<p> +„Weil er bereits tot war!“ – +</p> + +<p> +„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich +jetzt zu Sam gehen, der weiß es auch.“ +</p> + +<p> +„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich +glaube es. Es ist die Wahrheit!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-10"> +19. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen. +</p> + +<p> +Die Ouverture zu Cavalleria rusticana. +</p> + +<p> +Da kam das wehmütige Motiv des Intermezzos. +</p> + +<p> +Klagend und weinend schwebten die Töne über den +Plaza. Sie schlangen sich trauernd um die königlichen +Palmen. +</p> + +<p> +Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen +nicht sehen zu müssen. +</p> + +<p> +Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. +Ausgelöscht aus den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand +mit einem Knäuel roher schwarz verfärbter Baumwolle auf +die Brust gepreßt. +</p> + +<p> +Die Baumwolle! – +</p> + +<p> +Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, +ohne daß ich es bemerkte. +</p> + +<p> +„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er da. +</p> + +<p> +„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube Sie +sehen Gespenster. Bilden Sie sich doch keine Dummheiten +ein.“ +</p> + +<p> +Er schwieg. +</p> + +<p> +„Ach, diese verfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich. +„Sollen lieber spielen „Der Graf von Luxemburg“. Es +ist ja alles so lustig! Das ganze Leben ist so lustig! +</p> + +<p> +Begräbnismusik für die Toten! Für die Lebenden +schmetternde Fanfaren! Kommen Sie. Antonio! Es ist +Zeit. Wir müssen uns eilen zur Bäckerei. +</p> + +<p> +Seien Sie pünktlich! hat der Meister gesagt.“ +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p class="skip_in_txt"> +Das Cover wurde von den Bearbeitern der <em>public domain</em> +zur Verfügung gestellt. +</p> + +<p> +Diese Erstveröffentlichung der „Baumwollpflücker“ wurde vom 21. Juni +bis zum 16. Juli 1925 im „Vorwärts“, Berlin, in 22 Folgen gedruckt: +</p> + + <div class="table"> +<table class="ref"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-1">1.</a></td> + <td class="col2">21.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-2">2.</a></td> + <td class="col2">23.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-3">3.</a></td> + <td class="col2">24.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-4">4.</a></td> + <td class="col2">25.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-5">5.</a></td> + <td class="col2">26.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-6">6.</a></td> + <td class="col2">27.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-7">7.</a></td> + <td class="col2">28.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-8">8.</a></td> + <td class="col2">30.</td> + <td class="col3">Juni,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-9">9.</a></td> + <td class="col2">1.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-10">10.</a></td> + <td class="col2">2.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-11">11.</a></td> + <td class="col2">3.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-12">12.</a></td> + <td class="col2">4.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-13">13.</a></td> + <td class="col2">5.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-14">14.</a></td> + <td class="col2">7.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-15">15.</a></td> + <td class="col2">8.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-16">16.</a></td> + <td class="col2">9.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-17">17.</a></td> + <td class="col2">10.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-18">18.</a></td> + <td class="col2">11.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-19">19.</a></td> + <td class="col2">12.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-20">20.</a></td> + <td class="col2">14.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-21">21.</a></td> + <td class="col2">15.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 6</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"><a href="#page-22">22.</a></td> + <td class="col2">16.</td> + <td class="col3">Juli,</td> + <td class="col4">S. 5</td> + </tr> +</tbody> +</table> + </div> +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfename der Buchausgabe von 1926, +sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... anfangen können. Wir fühlten uns alle <span class="underline">drei</span> so wohl wie <span class="underline">drei</span> ...<br> +... anfangen können. Wir fühlten uns alle <a href="#corr-2"><span class="underline">vier</span></a> so wohl wie <a href="#corr-3"><span class="underline">vier</span></a> ...<br> +</li> + +<li> +... gehörte, stahl. Wir <span class="underline">nehmen</span> ihm den Raub wieder ab, bevor ...<br> +... gehörte, stahl. Wir <a href="#corr-5"><span class="underline">nahmen</span></a> ihm den Raub wieder ab, bevor ...<br> +</li> + +<li> +... daß wir auch nicht <span class="underline">glauben</span>, daß ein amerikanisches Kanonenboot ...<br> +... daß wir auch nicht <a href="#corr-6"><span class="underline">glaubten</span></a>, daß ein amerikanisches Kanonenboot ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">Schlafpelz</span> spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ...<br> +... <a href="#corr-8"><span class="underline">Schlafplatz</span></a> spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ...<br> +</li> + +<li> +... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <span class="underline">Ist</span> kann Sie weder ...<br> +... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <a href="#corr-9"><span class="underline">Ich</span></a> kann Sie weder ...<br> +</li> + +<li> +... leistet, <span class="underline">den</span> ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ...<br> +... leistet, <a href="#corr-11"><span class="underline">die</span></a> ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ...<br> +</li> + +<li> +... wir es überhaupt jemals fertig gebracht <span class="underline">haben</span>, ohne Eier ...<br> +... wir es überhaupt jemals fertig gebracht <a href="#corr-15"><span class="underline">hatten</span></a>, ohne Eier ...<br> +</li> + +<li> +... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <span class="underline">Gale</span> ...<br> +... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <a href="#corr-23"><span class="underline">Shine</span></a> ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">Darin</span> ist man hier gewöhnt. ...<br> +... <a href="#corr-24"><span class="underline">Daran</span></a> ist man hier gewöhnt. ...<br> +</li> + +<li> +... nicht verlassen brauchte; <span class="underline">den</span> er war ein beliebter und lustiger ...<br> +... nicht verlassen brauchte; <a href="#corr-25"><span class="underline">denn</span></a> er war ein beliebter und lustiger ...<br> +</li> + +<li> +... Mund und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...<br> +... Mund <a href="#corr-34"><span class="underline">und Zähne</span></a> und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75795-h/images/cover.jpg b/75795-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d9cd28d --- /dev/null +++ b/75795-h/images/cover.jpg diff --git a/75795-h/images/header.jpg b/75795-h/images/header.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..34e468b --- /dev/null +++ b/75795-h/images/header.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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