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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***
+
+
+
+Unser neuer Roman. Man kennt das Leben der vormärzlichen schlesischen
+Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, wer aber
+fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial liefern, nach
+den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern auf den Baumwollfarmen? Ein
+erheblicher Teil der in Mexiko geernteten Baumwolle geht in deutsche
+Spinnereien. Vom Leben und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen
+Gegenden tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber
+inhaltsreiche Roman „_Die Baumwollpflücker_“, mit dessen
+Veröffentlichung wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden
+noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm vor. Wo
+um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe und
+Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind brutale
+Wahrheit. Der Verfasser _B. Traven_ spricht aus eigener bitterer
+Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen Szenen vertiefen
+nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des Romans – denn es gibt doch
+einen – ist die arbeitende Klasse, sind die mexikanischen Landarbeiter,
+meist Indianer. Im Vergleich zu diesen führen die Landarbeiter in den
+ostelbischen Gefilden das reinste Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt
+das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als
+Oelmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und
+Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann
+unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo die „Wilden“
+noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen. Noch heute
+liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er uns schreibt – 35 Meilen von
+der nächsten Stadt entfernt, wo er „Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der
+heutigen Nummer von „Volk und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff
+davon, wie es in diesen tropischen Einsiedeleien aussieht.
+
+ „Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925
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+
+
+ Die Baumwollpflücker.
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+ Roman von B. Traven.
+
+
+ Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico.
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+ Revolutionsgesang der Baumwollpflücker in Mexiko.
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+
+ Es trägt der König meine Gabe,
+ Der Millionär, der Präsident;
+ Doch ich, der arme Pflücker, habe
+ In meiner Tasche keinen Cent.
+ Trab, trab, auf’s Feld!
+ Gleich geht die Sonne auf.
+ Häng um den Sack!
+ Hörst Du die Wage rasseln?
+
+ Nur schwarze Bohnen sind mein Essen,
+ Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin;
+ Mein Hemde hat der Busch gefressen,
+ Seitdem ich Baumwollpflücker bin.
+ Trab, trab, auf’s Feld!
+ Gleich geht die Sonne auf.
+ Häng um den Sack!
+ Hörst Du die Wage kreischen?
+
+ Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise,
+ Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh,
+ Die Hos’ ging längst schon auf die Reise,
+ Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’.
+ Trab, trab, auf’s Feld!
+ Gleich geht die Sonne auf.
+ Häng um den Sack!
+ Hörst Du die Wage brüllen?
+
+ Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten,
+ Kein Hälmchen Stroh ist heil daran;
+ Doch diesen Hut muß ich behalten,
+ Weil ich ja sonst nicht pflücken kann.
+ Trab, trab, auf’s Feld!
+ Gleich geht die Sonne auf.
+ Häng um den Sack!
+ Siehst Du die Wage zittern?
+
+ Ich bin verlaust, ein Vagabund,
+ Und das ist gut, das muß so sein;
+ Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund,
+ Käm’ keine Baumwoll’ rein.
+ Im Schritt, im Schritt!
+ Es geht die Sonne auf.
+ Füll in den Sack die Ernte Dein!
+ Die Wage schlag in Scherben!
+
+
+
+
+ Erster Teil.
+
+
+ 1.
+
+Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen
+Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden
+saßen, ich hätte nach dem Wege fragen können.
+
+Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte.
+Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert.
+Einen alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe; einen roten
+Baumwollfetzen am Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen
+war; eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den
+Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die vorn und hinten
+offen sind.
+
+Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in
+welcher Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz,
+den er mir sagen wollte.
+
+„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es mir zu lange dauerte.
+
+„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam endlich
+heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach Ixtilxochitchuatepec geht?“
+
+„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich.
+
+Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu
+fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand
+nach Namen, Beruf, woher und wohin auszuforschen, kam mir sofort zum
+Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu:
+
+„Dort will ich nämlich auch hin!“
+
+„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“
+
+„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine,
+Baumwolle pflücken.“
+
+„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte er nun und
+heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er einen Kameraden gefunden
+hatte.
+
+In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu
+und platzte sofort heraus:
+
+„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine komme?“
+
+„Baumwolle pflücken?“ fragte ich.
+
+„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem anderen schwarzen
+Kollegen in Queretaro.“
+
+Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu getrippelt kam.
+
+Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine Herren, ich will
+dort hin, wo ist der Weg?“
+
+Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann:
+„Mr. Shine in Ixtilxo – –.“
+
+„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie wollen,
+verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“
+
+„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink.
+
+„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“
+
+Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink das
+kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete
+sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren anfangen können. Wir
+fühlten uns alle vier so wohl wie vier Brüder, die nach langer Trennung
+sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen
+haben.
+
+Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur
+halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener,
+auf uns zuschlenderte und mit welcher Sorglosigkeit ein zweiter
+Mexikaner uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr.
+Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken.
+
+Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. –
+
+Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und
+verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine Station in
+Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.
+
+Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt,
+selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte
+irgendein Jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten
+gehalten hätte, mitgenommen.
+
+Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das
+ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch
+versorgt werden könnte – zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht
+und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.
+
+Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen
+wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle
+die Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen
+Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte
+die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem
+Bahnsteig war.
+
+Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei
+Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten
+Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits
+durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt
+stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas
+verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier
+Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das
+wußten auch offenbar die Reisenden. Andernfalls hätten sie doch in der
+Hitze wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen
+gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde,
+war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft
+nicht aufkommen konnte.
+
+Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den
+Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den Schatten.
+
+Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot
+gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Uebung dazu,
+herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.
+
+Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie
+wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen
+sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wenn ich gehe,
+nicht früher; und sie würden mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru
+führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse
+wie sie.
+
+
+ 2.
+
+Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In der Nähe der Station
+war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte
+irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir
+erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird,
+der den Weg weiß.
+
+Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus
+Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und
+fragte ihn, wo Ixtil – – liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir
+höflich, daß er den Namen nie gehört habe.
+
+Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere „moderne“
+Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt,
+Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle
+möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den
+Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb
+fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden
+Platz und jeden Farmer.
+
+Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie
+wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette,
+wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet
+hatte, sagte er:
+
+„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in
+dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“
+
+Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus,
+die er meinte.
+
+„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich
+viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also
+wird wohl noch etwas Weg übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern
+Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen
+gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“
+
+„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.
+
+„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau
+weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher früh morgens
+abgefahren.“
+
+„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer anderen
+Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“
+
+„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine
+heißen kann, alle sind Gringos.“
+
+„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für Amerikaner. Er hat
+ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für
+Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zu viel unzerstörbaren Humor
+besitzen, um sich so leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das
+Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe
+genommen dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt, was für
+Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das
+mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre.
+
+Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen
+Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt
+und ein Dach aus trockenem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus
+dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen, keine
+Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen
+sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner
+wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um
+das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der
+Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag
+schräger einfielen, abzuschatten.
+
+Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten
+sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen.
+Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand.
+Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo
+die Hühner brav ihre Eier hineinlegten.
+
+Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu
+werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo
+nur gesät und geerntet, sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und
+Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten.
+
+In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine
+Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht
+falsch gegeben mit der Absicht, uns irre zu führen, aber aus purer
+Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“
+sagen zu müssen.
+
+
+ 3.
+
+So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im
+Postamt von dem Billardspieler genannt war und die ich für die einzige
+glaubwürdige hielt.
+
+„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl
+hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein.
+
+Wir waren unserer sechs.
+
+Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, der mich zuerst
+angesprochen hatte.
+
+Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. Er war nicht
+ganz so zerlumpt wie Antonio und hatte ein Bündelchen, eingewickelt in
+eine alte Schilfmatte, und eine schöne, nach mexikanischer Art
+farbenfreudig gemusterte Decke, die er über der Schulter trug.
+
+Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche unter allen. Der
+einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes Hemd trug, heile Hosen
+hatte, gute Straßenstiefel, seidene Strümpfe und einen runden
+städtischen Strohhut. Er hatte zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt.
+Sie schienen gar nicht so leicht zu sein.
+
+Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, lächelte immer,
+konnte das „R“ nicht aussprechen und war scheinbar immer guten Mutes. Es
+wurde mit der Zeit unser größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was
+immer wir auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld
+als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte er vorsichtig auf
+einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, was er uns gleich
+erzählte, nur damit wir nicht etwa denken sollten, er trüge es bei sich
+und könnte dafür geopfert werden.
+
+Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große Leidenschaft – meine
+noch viel weniger – aber weil es nicht so sehr außerhalb seines Weges
+lag, wollte er die sechs bis sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er
+hoffte dann zum Herbst ein kleines Restaurant – „^comida corrida^ 50“ –
+eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte Pläne für
+die Zukunft hatte.
+
+Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er sich ein dünnes
+Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden eines seiner Bündel und
+legte sich das Stämmchen über die Schulter. Während er bisher mit uns im
+gleichen Schritt gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen
+Schrittchen zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen
+Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und ohne jemals
+zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten oder niederlegten, tat
+er es auch, war aber jedesmal erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen
+mußten. Wir schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen
+seien, während er als verdammter Chink von einem gelben, fratzenhaften
+Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und daß darin die übermenschliche
+Ausdauer seiner stinkigen und uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er
+erklärte darauf heiter lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir
+alle von demselben Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei
+und nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete der
+Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten, ließen wir ihn in seinem
+Unglauben.
+
+Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen und seinem in
+fettigem und zerrissenem Papier verschnürten Bündel, das unzählige Male
+auf dem Marsche aufging, viel besser in unsere Gesellschaft als der
+elegante Chink. Charly behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder
+englisch geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den
+amerikanischen Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft
+nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder Guatemala, oder
+von St. Domingo. Aber er sprach auch nur sehr unbeholfen ein
+notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren können, wo er eigentlich
+hingehörte. Nach meiner Meinung war er entweder aus Brasilien
+heraufgekommen oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er
+wollte sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger mit
+etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach den States zu
+schmuggeln als für einen Weißen, der gut Englisch sprechen konnte. Er
+war der einzige, der offen erklärte, daß er Baumwolle pflücken als die
+schönste und einträglichste Arbeit betrachte.
+
+Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus New-Orleans. Er hatte
+ein schwarzes Hemd an. Weil nun seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie
+das Hemd, konnte man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste
+des Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden sollte. Er
+als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den Heizern und
+Maschinenschmierern auf den amerikanischen Schiffen getragen wird. Dann
+trug er eine weiß- und rotgestreifte Leinenhose, Lackhalbschuhe und
+weiße Baumwollstrümpfe.
+
+Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und eine
+Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und in einem kleinen
+Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln.
+
+Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche und immer lustige
+amerikanische Nigger der Südstaaten. Er hatte eine Mundharmonika, mit
+der er uns das blöde „^Yes, we have no bananas^“ so lange vorspielte,
+bis wir ihn am zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit
+vorläufig nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder pfiff und
+dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie ein Rabe und log – der
+Vergleich war von Gonzalo, ich weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist
+– und log wie ein Dominikanermönch.
+
+Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie er einen dicken
+Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte, stahl. Wir
+nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor er ihn in der Pfanne hatte, und wir
+erklärten ihm ganz ernsthaft, daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen
+ertappten, wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine
+Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil mit der
+Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel geschnürt habe, am
+nächstbesten Mahagonibaum aufhängen mit einem Zettel auf der Brust,
+wofür er gehängt sei.
+
+Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn auch nur
+anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „^native born^“, und wenn wir
+ihm nur das allergeringste Leid täten, so würde er das an die Regierung
+nach Washington berichten, und die würde dann mit einem Kanonenboot und
+dem Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein freier Bürger
+„^of the States^“ und das könne er durch „^c’tificts^“ beweisen, und als
+solcher habe er das Recht, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu
+werden. Als wir ihm nun erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und
+keine Gelegenheit geben würden, nach Washington einen Bericht zu
+schicken, und daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches
+Kanonenboot mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, sagte er:
+„^Well, gentlemen sirs^, berühren Sie mich nur mit der Fingerspitze,
+dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“
+
+Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie er dem Chink
+eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es sei seine eigene, er habe
+sie in Guadalajara im American Store gekauft. Er wurde daraufhin so
+windelweich gedroschen, daß er keinen Finger krumm machen konnte, um
+nach Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr gestohlen,
+und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, ging uns nichts an.
+
+Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger zu berichten weiß,
+da ich mich in der Kleidung von den übrigen nicht unterschied, und zum
+Baumwollepflücken, welche zeitraubende und schlecht bezahlte Arbeit ich
+kannte, auch nur ging, weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war
+und ich bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose
+brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu kaufen, dazu hätte
+selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf einer Baumwollfarm nicht
+gelangt. Ich war der einzige, der keine Strümpfe trug, weil ich keine
+hatte.
+
+Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum Antonio den Fetzen
+eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie klar geworden. Sie mag
+vielleicht einmal in weit zurückliegenden Zeiten, lange vor der
+Entdeckung Amerikas, die Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das
+will ich nicht bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht
+Uebertreibung, sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst wird
+büßen müssen.
+
+
+ 4.
+
+Wir wanderten lustig darauf los.
+
+Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten neben uns der
+undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. Der ewig jungfräuliche
+tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen Mystik, mit seinen
+Geheimnissen an Tieren der phantastischsten Art, mit seinen traumhaften
+Formen und Farben der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an
+wertvollen Steinen und kostbaren Metallen.
+
+Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine Gold- oder
+Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und hatten mehr Wert auf den
+sicheren Arbeitslohn zu legen als auf den unsicheren Millionengewinn,
+der vielleicht links oder rechts von uns im Busch verborgen lag und auf
+den Entdecker wartete. –
+
+Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr fünf Uhr sein.
+
+Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um.
+
+Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch hinein hohes Gras
+stand. Wir rissen soviel von dem Gras aus, wie wir Platz zum Lagern
+brauchten. Dann zündeten wir ein Feuer an und brannten den Rest des
+Grases nieder, wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier
+für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche ist der
+beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit den
+Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert.
+
+Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum Kochen, denn wir hatten
+kein Wasser.
+
+Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. Wir
+wußten nichts davon, daß er einen so wertvollen Stoff mit sich führte.
+Er machte den Kaffee heiß, und bereitwillig bot er uns allen zu trinken
+an. Aber was ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck
+Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert sind, vor
+morgen früh um sieben oder acht Uhr ganz bestimmt auch nichts Trinkbares
+haben werden und vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig
+Wasser finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der Busch
+ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet man dort nur in der
+Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich Tümpel bilden können.
+
+Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, was für ein
+Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber keiner sagte „Danke!“; jeder
+betrachtete es als selbstverständlich, daß der Kaffee in Teile ging.
+Wahrscheinlich hätten wir es genau so selbstverständlich gefunden, wenn
+der Chink den Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag
+Wanderung in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für einen
+Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft Mord zu sinnen
+im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse voll stinkender
+Flüssigkeit, die man Wasser nennt, obgleich sie keine andere
+Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß sie eben Flüssigkeit ist.
+
+Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern.
+
+Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige Bananen. Der
+kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. Was es war, weiß ich nicht.
+
+Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen Schlafplatz
+spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ein, auch den
+Kopf, und begann zu schlafen.
+
+Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, so daß er
+wie ein Baumstamm aussah.
+
+Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen ein, den ich stolz
+„mein Handtuch“ nannte, und schlief los.
+
+Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die noch lange
+um das Feuer herumsaßen und rauchten und schwatzten. –
+
+Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem Marsche. Abzukochen gab
+es nichts, und waschen brauchte man sich auch nicht. Denn womit hätte
+man es tun sollen?
+
+Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch schon wieder
+zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen Bäume reichte uns oft bis über die
+Schultern, und der Grund war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß
+diese stachligen Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges
+einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten, als
+wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden wären.
+
+Gegen mittag kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts des Weges ein
+Stacheldrahtzaun hinzog, der uns die Gewißheit gab, daß hier eine Farm
+liegen müsse.
+
+Als wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun zur rechten
+Hand, gewandert waren, kamen wir an eine weite offene Stelle im Busch,
+die mit hohem Gras bewachsen war. Als wir den Platz absuchten, fanden
+wir auch eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle, alte
+Konservenbüchsen, verrostetes Blech und ähnliche Ueberbleibsel einer
+menschlichen Behausung zeigten uns eine verlassene Farm.
+
+Ueber eine solche Enttäuschung muß man rasch hinwegkommen. Farmen werden
+hier gegründet, zehn, auch zwanzig Jahre lang bewirtschaftet und dann
+aus irgendeinem Grunde plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft
+schon früher, ist kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals
+Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein, als seien
+es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt hat. Der tropische Busch
+begräbt rascher, als Menschen können; er kennt keine Erinnerung, er
+kennt nur Gegenwart und Leben.
+
+Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm. Hier wohnte eine
+amerikanische Familie.
+
+Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein Lager innerhalb des
+Hauses. Die übrigen als Nichtweiße, wurden auf der Veranda beköstigt und
+durften in einem Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu
+essen, aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie
+eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen von weißen
+Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene Fleischgänge, fünf
+verschiedene Beigerichte, Kaffee, Schokolade und abends heißen Kuchen.
+
+Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches Frühstück; ich am
+Tische des Farmers.
+
+Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekamen wir jeder
+einzelne eine Literflasche kalten Tee mit auf den Weg.
+
+Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa sechzig Kilometer
+zu marschieren hätten. Kein Wasser am ganzen Weg; die Straße an
+verschiedenen Stellen kaum noch erkennbar, weil sie seit drei Jahren
+nicht mehr benutzt worden sei.
+
+Um 9 Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee schon ausgetrunken
+und die Flasche fortgeworfen. Es war ihm zu lästig, sie zu tragen. Wir
+erklärten ihm, daß er unter diesen Umständen von uns nichts zu erwarten
+habe, und wenn er versuchen sollte, auch nur einen Schluck zu stehlen,
+würden wir ihn braun und blau schlagen.
+
+An diesem Abend im Lager war es, wo Abraham zwar keinen Tee stahl, aber
+jenen Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte. Da sich
+unsere Drohung nur auf Tee bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung,
+daß von nun an jeder Raub in unsere Drohung einbegriffen sei.
+
+Den folgenden Tag gegen Mittag kamen wir bei Mr. Shine an.
+
+
+ 5.
+
+Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil er nicht genügend
+Leute zum Baumwolle pflücken hatte.
+
+Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins Haus und sagte mir:
+„Was! Sie wollen auch Baumwolle pflücken?“
+
+„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig „^broke^“, das sehen Sie
+ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den Städten keine zu
+haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen aus den States, wo die
+Verhältnisse augenblicklich auch nicht rosig zu sein scheinen. Und wo
+man wirklich Arbeiter braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man
+denen Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“
+
+„Haben Sie denn schon mal gepflückt?“ fragte er.
+
+„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“
+
+„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können Sie etwas dabei
+werden.“
+
+„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“
+
+„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die können’s auch. Die
+kriegen ganz andere Preise als wir. Könnten wir unsere Baumwolle nach
+den States verkaufen, dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber
+die States lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten.
+Wir sind auf unsern eigenen Markt angewiesen, und der ist immer gleich
+gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder beköstigen, noch in
+meinem Hause unterbringen. Aber ich brauche jede Hand, die kommt. Ich
+will Ihnen etwas sagen; ich zahle sechs Centavos für das Kilo. Ihnen
+will ich acht zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die
+Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den andern nicht
+erzählen. Schlafen könnt Ihr da drüben in dem alten Hause. Das habe ich
+gebaut und mit meiner Familie zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue
+hier leisten konnte. Well, das ist dann abgemacht.“
+
+Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag etwa fünf Minuten
+entfernt. Wir machten uns dort häuslich, so gut wir konnten. Das Haus,
+aus Brettern leicht gebaut, hatte nur einen Raum. Jede der vier Wände
+hatte je eine Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum war
+vollständig leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein paar alte
+Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen vier, benutzten wir als
+Stühle.
+
+Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser enthielt, das
+ungefähr sieben Monate alt war und von Kaulquappen wimmelte. Ich
+berechnete, daß etwa 120 Liter Wasser in der Zisterne seien, mit denen
+wir sechs Mann sechs bis acht Wochen auskommen mußten. Der Farmer hatte
+uns schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen könnten, er wäre
+selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs Pferde und vier
+Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir uns einmal in der Woche, und
+hatten dann noch zu je drei Mann dasselbe Waschwasser zu gebrauchen. Es
+sei aber immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in dieser Jahreszeit
+alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier Stunden regnen könne,
+und wenn wir die Auffangrinnen reparierten, könnten wir tüchtig Wasser
+ansammeln. Außerdem sei ein Fluß nur etwa drei Stunden entfernt, wo wir
+baden gehen könnten, falls wir Lust dazu hätten.
+
+Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem uns der nahe
+Busch das Holz in reicher Menge hergab.
+
+Auf die recht nebelhafte Möglichkeit bin, daß es vielleicht innerhalb
+der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen wir uns zunächst einmal
+in einer alten Gasolinbüchse. Seit drei Tagen hatten wir uns nicht
+gewaschen.
+
+Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen, ein Rasiermesser,
+einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich immer bei mir.
+
+Auch der Chink rasierte sich.
+
+Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein Rasiermesser. Er hatte
+sich seit beinahe drei Wochen nicht rasiert und sah aus wie ein
+fürchterlicher Seeräuber.
+
+„Nein,“ sagte ich, „lieber Antonio, Rasierzeug, Kamm und Zahnbürste
+verpumpe ich nicht.“
+
+Und der Chink, mutig gemacht durch meine Weigerung, sagte lächelnd, daß
+sein schwaches Messer bei diesem starken Bart sofort stumpf würde und er
+hier keine Gelegenheit habe, es schleifen zu lassen.
+
+Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden.
+
+Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem Pfeffer, der
+andere schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste Bohnen mit getrocknetem
+Rindfleisch, ein vierter briet einige Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir
+am nächsten Morgen schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir
+auch noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in Pfannen buken.
+
+Als wir gegessen hatten, hängten wir unsere armseligen Lebensmittel an
+Bindfaden an den Querbalken im Hause auf, weil uns die Ameisen über
+Nacht sonst alles fortgeholt hätten, wenn wir diese Vorsorge nicht
+getroffen hätten.
+
+Etwas nach 6 Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe Stunde später war
+rabenschwarze Nacht.
+
+Glühwürmchen, mit Lichtern so groß wie Haselnüsse, flogen um uns her.
+
+Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen.
+
+Der Chink war der einzige, der ein Moskitonetz hatte. Wir andern wurden
+von dem Viehzeug gräßlich geplagt und schimpften und wüteten, als ob
+sich die Gesandten einer Hölle etwas daraus machen würden.
+
+Die beiden Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor dem
+Einschlafen entsetzlich zankten und sich Backpfeifen anboten, schienen
+von den Biestern nicht gestört zu werden.
+
+Ich entschloß mich, diese Qual für die eine Nacht zu erdulden, aber
+morgen für irgendeine Abhilfe zu sorgen.
+
+Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen. Jeder kochte sich etwas
+Kaffee, aß ein kleines Stückchen Brot dazu, und fort ging es im halben
+Trab.
+
+Das Baumwollfeld war drei Viertelstunden entfernt.
+
+Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort. Wir bekamen jeder
+einen alten Sack, den wir uns umhängten, und dann ging es an die Arbeit.
+Jeder nahm eine Reihe.
+
+Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff erst weg hat,
+bekommt man jede Frucht mit einem einzigen Griff. Aber da die Knollen,
+die ähnlich aussehen wie die Hüllen der Kastanien, nicht alle die
+gleiche Reife haben, muß man doch bei der Hälfte einige Male zupfen, ehe
+man den Inhalt in den Sack tun kann. Dazu muß man sich auch noch
+unaufhörlich bücken, weil die Früchte nicht alle in bequemer Höhe am
+Strauch hängen, sondern oft bis dicht über dem Boden wachsen. Je weiter
+es gegen Mittag geht, je höher steht die Sonne und je mühseliger wird
+die Arbeit. Man trägt nichts weiter am Leibe als Hut, Hemd, Hose und
+Schuhe, aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab; und sehr
+kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren kriechen,
+machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein leichter Wind auf, geht
+es noch; aber bei völliger Windstille wird die Qual mit jeder Stunde
+größer. Gegen 11 Uhr, nach beinahe siebenstündiger ununterbrochener
+Arbeit, kann man nicht mehr.
+
+Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr als 20 Minuten
+entfernt waren. Wir aßen unser trockenes Pfannenbrot, das, bei mir
+wenigstens, ganz verbrannt war, und legten uns dann hin, um zwei Stunden
+zu schlafen, bis die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern.
+
+Wir bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum Farmer, um ihn um Wasser
+zu ersuchen.
+
+„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch schon gestern,
+daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut, heute will ich Ihnen noch
+etwas geben, von morgen ab müßt Ihr Euch Euer Wasser selbst mitbringen.“
+
+Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach Hause, der dann bald
+mit einer Kanne Regenwasser zurückkam.
+
+Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich einen Anzug, ein
+Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe oder nur ein Taschentuch kauft.
+Aber der Baumwollpflücker, der wohl die härteste und qualvollste Arbeit
+für die Kleidung leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein
+einfacher Landmann trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den
+allergeringsten Anteil.
+
+Für ein Kilogramm Baumwollepflücken bekamen wir sechs Centavos, ich
+ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm Baumwolle ist beinahe ein kleiner
+Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen
+Tropensonne 200 bis 500 Knollen auszupfen muß. Dazu eine Nahrung, die
+als die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der Menschen
+irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den
+nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten wieder Bohnen, dann
+wieder Reis; dazu Brot, selbst gebacken aus Weizen- oder Maismehl,
+entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt, Monate altes, abgestandenes
+Regenwasser, Kaffee gekocht aus selbstgebrannten Kaffeebohnen auf einem
+Stein zerrieben und den Kaffee gesüßt mit einem billigen,
+übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen Kegeln. Das Salz,
+das man verwendet, ist Seesalz, das man sich selbst vor dem Gebrauch
+erst reinigen muß. Ein paar Kilogramm Zwiebeln in der Woche hinzugekauft
+ist bereits Delikatesse, und ab und zu ein Streifen getrocknetes Fleisch
+ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft leistet, vom Lohn nicht einmal
+das Reisegeld bis zur nächsten Stadt, wo man neue Arbeit finden könnte,
+übrig läßt. Bei sehr fleißiger Arbeit verdient man in einer Woche gerade
+so viel, daß man sich, wenn man keinen Centavos für Essen ausgibt, das
+billigste Paar Schuhe kaufen kann, das man im Laden vorfindet.
+
+Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die hohen Preise der
+Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und kann in den meisten Fällen
+die Pflückerlöhne nur auszahlen, wenn er auf die Ernte einen Vorschuß
+nimmt.
+
+
+ 6.
+
+Um 4 Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei Tageslicht „nach
+Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen.
+
+Ich quartierte aus.
+
+In der Nähe des Hauses, nur etwa 200 Meter entfernt, hatte ich eine Art
+Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er diente oder gedient haben
+mochte, wußte ich nicht. Er hatte ein Dach aus Wellblech, aber keine
+Wände, es wäre denn, daß man einige Baumstämme, die an der einen Seite
+gegen das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will.
+
+In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier Pfähle in die
+Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein paar Platten Wellblech.
+
+Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den Tisch als Bett.
+
+Der große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen. Er kam hin, sah
+sich die Sache an und es gefiel ihm.
+
+Plötzlich rief er: „^A snake! A snake!^“
+
+„Wo?“ fragte ich.
+
+„Da, dicht vor Ihren Füßen.“
+
+Richtig, da wand sich eine Schlange auf dem Boden hin, eine feuerrote,
+etwa einen Meter lang.
+
+„Macht nichts,“ sagte ich, „die wird mich nicht gleich auffressen, die
+Moskitos sind schlimmer.“
+
+Der Nigger zog wieder ab.
+
+Nach einer Weile kam Gonzalo. Die rote Schlange war inzwischen
+verschwunden.
+
+Es gefiel ihm sehr, und er fragte mich, ob ich etwas dagegen habe, wenn
+er auch hier schliefe.
+
+„Nein,“ sagte ich, „schlafen Sie ruhig hier, mir ist das ganz egal.“
+
+Da starrte er auf den Boden.
+
+Ich folgte seinem Blick.
+
+Es war wieder eine Schlange. Diesmal eine schöne grüne.
+
+„Ich will doch lieber im Hause schlafen,“ sagte nun Gonzalo, „ich mag
+Schlangen nicht.“
+
+Ich mache mir nichts aus Schlangen. So leicht würden sie ja wohl kaum
+auf den Tisch kommen; und wenn sie sich wirklich hinaufringeln sollten,
+was sie zuweilen tun, so werden sie ja nicht gleich beißen, und wenn sie
+beißen sollten, so werden sie ja nicht gleich giftig sein. Wären sie
+alle giftig, und würden sie alle einen schlafenden Menschen, der ihnen
+nichts zu leide tut, beißen, wäre ich längst nicht mehr am Leben.
+
+Da dieser Unterstand höher lag als das Haus, keine Wände hatte, jedem
+kleinen Windzug freieren Durchgang ließ, in der Nähe auch kein
+Strauchwerk war und er weit genug von der Zisterne und dem
+ausgetrockneten Tränkepfuhl entfernt war, hatte ich hier in der Tat
+beinahe gar nicht von den Moskitos zu leiden.
+
+Am nächsten Morgen kamen noch etwa zwölf Eingeborene zur Mitarbeit. Die
+wohnten ziemlich weit entfernt in irgendeinem Dorfe, das irgendwo im
+Busch liegen mochte. Sie kamen auf Maultieren geritten; manche hatten
+weder Sattel noch Steigbügel. Andere hatten wohl einen Holzsattel, aber
+keinen Zaum; an Stelle des Zaumes war den Tieren ein Strick um das Maul
+gebunden.
+
+Diese Leute waren an die Feldarbeit in den Tropen besser gewöhnt als
+wir, die wir, mit Ausnahme des großen Niggers, alle Städter waren. Aber
+sie schafften viel weniger als wir und mußten eine viel längere
+Mittagspause machen. Jedoch das ging uns nichts an, und darüber
+nachzudenken, lohnte sich auch nicht recht.
+
+Am Samstag kriegten wir ausbezahlt. Wir ließen uns von den paar Kröten,
+die wir in so mühseliger Arbeit verdient hatten, gerade so viel geben,
+wie wir brauchten, um Lebensmittel für die nächste Woche einzukaufen.
+Den Rest ließen wir beim Farmer stehen, denn auch nur einen Nickel in
+der Tasche zu haben ist nichts als Versuchung für den andern.
+
+Selbstverständlich arbeiteten wir Sonntags auch. Der brachte dann knapp
+ein Kilo Speck ein oder fünf Kilo Kartoffeln; weil wir an dem Tage schon
+um drei Uhr Schluß machten, um uns wenigstens einmal in der Woche
+waschen zu können und das verschwitzte Zeug, das man Tag und Nacht auf
+dem Leibe hatte, durchs Wasser zu ziehen.
+
+Der Chink und Antonio waren in den nächsten Laden gegangen, der etwa
+drei und eine halbe Stunde entfernt lag, um für uns alle das
+einzukaufen, was wir ihm jeder auf ein Maisblatt aufgeschrieben hatten.
+Die Hieroglyphen, die auf jenen Maisblättern standen, waren nur für die
+Einkäufer zu entziffern, denen wir mündlich die Bedeutung der
+phantastischen Zeichen ausführlich hatten erklären müssen.
+
+Den nächsten Sonntag hatten dann ich und Abraham einkaufen zu gehen.
+
+Aber an diesem Sonntag war Abraham schon um zwei Uhr von der Plantage
+verschwunden. Er war mit seinem Sack Baumwolle zur Wage gegangen und
+nicht zurückgekommen.
+
+Als wir zum Hause kamen, waren Sam und Antonio schon mit den Gütern
+angelangt.
+
+„Eine elende nichtswürdige Schlepperei“, sagte Antonio.
+
+„Ach, das war nicht so schlimm!“ begütigte Sam.
+
+„Ruhig, du gelber Heidensohn, du natürlich mit deiner
+Lastträgervergangenheit, was verstehst du von Schleppen?“ rief Antonio,
+während er sich auf die Kiste hinsetzte, die auch noch unter ihm
+zusammenbrach und seine Laune durchaus nicht besserte.
+
+„Hören Sie, Antonio, warum haben Sie denn nicht Mr. Shine um ein Mula
+oder einen Esel gebeten?“ fragte ich.
+
+„Aber das habe ich ja getan. Er hat es abgelehnt. Er sagte zu mir und
+Sam: Wie kann ich euch denn ein Mula geben? Ich kenne euch ja gar nicht,
+ihr habt ein paar Tage bei mir gearbeitet, Sachen habt ihr keine,
+Papiere habt ihr auch keine und wenn ihr welche hättet, kann ich mir für
+eure Papiere, die vielleicht noch nicht einmal euch gehören, kein
+anderes Mule kaufen, wenn ihr es im nächsten Ort verschachert und euch
+dann hier nicht mehr sehen laßt.“
+
+„Von seinem Standpunkt aus hat er recht,“ erwiderte ich, „aber von
+unserm Standpunkt aus gesehen, ist es eine große Niedertracht. Aber was
+können wir machen?“
+
+Und gerade jetzt, wo wir schön im Zuge waren, das Lieblingsthema aller
+Arbeiter der Erde anzuschlagen und uns den ungerechten Zustand in der
+Welt, der die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Drohnen und
+Enterbte teilt, mit mehr Lungenkraft als Weisheit klar zu machen, kam
+Abraham an mit sechs Hennen und einem Hahn, die er an den Füßen
+zusammengebunden hatte und ihre Köpfe nach unten hängen lassend, an
+einem Bindfaden über der Schulter trug.
+
+Er warf das Bündel auf die Erde, wo die Vögel sich vergeblich mühten,
+aufzustehen oder von den Fesseln loszukommen.
+
+„So, Fellers“, grinste er, „jetzt könnt ihr Eier von mir haben. Ich
+lasse euch das Stück für sieben Centavos, billig, weil ihr ja meine
+Arbeitskollegen seid. In der Stadt kosten die Eier siebenundeinhalb,
+sogar acht.“
+
+Wir starrten bald das Bündel Hühner, bald den grinsenden Abraham an. An
+ein solches Geschäft hatte keiner von uns gedacht und es lag doch so
+nahe, war so einfach, verlangte absolut keine besondere Intelligenz;
+jeder von uns hätte das ebenso gut machen können. Sam Woe empfand keinen
+Neid, keine Eifersucht, nur Bewunderung für den unternehmungslustigen
+Geflügelzüchter; jedoch er schämte sich, daß er sich von einem Nigger
+beim Ausdenken einer ehrlichen Nebeneinnahme hatte schlagen lassen.
+
+Vor unsern Augen, nicht einmal über Nacht, sondern über drei
+Nachmittagsstunden war aus einem Enterbten und Ausgebeuteten ein
+Produzent, ein Unternehmer geworden. Er hatte sich von seinem Lohn die
+Hühner gekauft, wir Lebensmittel. Er hatte keine Lebensmittel mitbringen
+lassen und wir hatten uns schon vorbereitet, wie wir ihm das Stehlen,
+auf das er unter diesen Umständen angewiesen war, unmöglich machen
+wollten. Aber er hatte uns übertrumpft. Er lieferte Eier und tauschte
+dafür an Reis und Bohnen ein, was er brauchte. Träte nun der Fall ein,
+daß wir seine Produkte boykottierten, so konnte er ja den Hahn
+schlachten, vielleicht noch ein Huhn, bis er wieder Lohn bekam.
+
+Am nächsten Morgen hatte Abraham vier Eier. Das Geschäft konnte
+beginnen.
+
+Eier betrachteten wir noch als größeren Luxus denn Speck oder Fleisch.
+Aber jetzt, wo die Eier so verlockend nahe zur Hand waren, viel
+schneller zubereitet werden konnten als irgendeine andere Speise und uns
+dadurch eine Möglichkeit gegeben war, zum Frühstück etwas anderes und
+Kräftigeres in den Magen zu bekommen als den dünnen Kaffee und ein
+schmales Stückchen verbranntes Brot, wollten und konnten wir auf Eier
+nicht mehr verzichten. Wir sahen plötzlich ein, daß wir ohne Eier noch
+vor Beendigung der Ernte an Unterernährung zugrunde gehen würden und
+wenn wir je wirklich die Ernte überlebten, so würden wir doch so
+entkräftet sein, daß uns niemand in Arbeit nehmen würde. Die Sklaven
+wurden immer, so erzählte Abraham, der es von seinem Großvater wußte, in
+gutem Ernährungszustande gehalten, wie Pferde; um den Ernährungszustand
+der freien Arbeiter kümmerte sich kein Mensch. Wenn sie zu schlecht
+ernährt waren, weil der Lohn für eine bessere Ernährung nicht reichte,
+flogen sie raus.
+
+Solche merkwürdigen Ansichten, die natürlich keine wissenschaftliche
+Grundlage hatten und auch ganz und gar unrichtig waren, brachte Abraham
+vor, nur um seinen Eiern einen regen und dauernden Absatz zu sichern.
+Uns leuchtete eine solche Betrachtung menschlicher Verhältnisse um so
+mehr ein, als es ja gerade Abraham gewesen war, der uns gestern mitten
+in jener regen Auseinandersetzung unterbrochen hatte, die uns ohne
+Zweifel, wenn auch nicht auf dem Wege über Eier, zu genau derselben
+Schlußbetrachtung der Welt geführt hätte.
+
+Außerdem stundete uns Abraham gutmütig den Betrag für gelieferte Eier
+bis zum nächsten Lohntage. Er tat es nur aus Gutmütigkeit und weil er
+nicht wollte, daß wir, seine lieben Arbeitskameraden, im späteren Leben,
+also nach der Ernte, wegen Unterernährung Schiffbruch erleiden sollten.
+
+Nach drei Tagen konnten wir nicht mehr verstehen, wie wir es überhaupt
+jemals fertig gebracht hatten, ohne Eier auszukommen. Es gab Eier zum
+Frühstück, es wurden Eier zum Mittagessen mitgenommen und abends gab es
+erst recht Eier, wir backten Eier sogar ins Brot, nur um die nötige
+Arbeitskraft für unser ferneres Leben zu erhalten.
+
+Abraham verstand die Geflügelzucht, das muß man ihm lassen.
+
+Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden zweiten Abend mit
+Dunkelwerden machte er sich auf den Weg mit einem Sack, um bei den
+Farmern Mais einzukaufen. Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde
+heim, um seine Hühner gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam er aber
+immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen.
+
+Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unseren Bedarf schon im
+voraus kannten, taten das Menschenmögliche, nein, Hühnermögliche, um uns
+vor der drohenden Unterernährung zu schützen. Und für den reichlich
+gelieferten Mais lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr als sonst
+eine Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt.
+
+Am ersten Morgen hatten die Hühner, wie schon berichtet, vier Eier
+gelegt, am zweiten Morgen sieben und als wir bezweifelten, daß dies
+möglich sei, führte uns Abraham am darauffolgenden Morgen zu den drei
+alten Schilfkörben, die er für den Zweck aufgehängt hatte und gestattete
+uns, selbst nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten Morgen siebzehn
+Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt worden waren.
+
+Da wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen und persönlich
+gezählt hatten, zweifelten wir von dem Tage an nicht mehr an der Zahl
+der von Abrahams Hühnern gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens,
+freudestrahlend, als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen
+konnte, daß die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hatten.
+
+Uns war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner behandelte, um
+solche Resultate zu erzielen. Als Sam Woe eines Tages erklärte, bei ihm
+zu Hause wisse man auch aus einer Krume Erde oder aus einer Henne
+herauszuholen, was nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen
+könne, aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr ihm
+der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, Ihr versteht die
+rationelle Geflügelzucht ebenso wenig wie hier herum die ganzen Farmer,
+die noch größere Esel sind, als Ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir
+verstehen, Hühner zu behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter
+gelernt. Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber
+jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich mehr auf, wenn
+ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe und einmal zeige, wie man
+Hühner rentabel macht.“
+
+
+ 7.
+
+Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie fraßen. Sie
+fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand sein gestecktes Ziel
+erreichen konnte, sei es ein neues Hemd, eine neue Hose oder eine
+Fahrkarte nach einer Stadt mit besserer Arbeitsgelegenheit.
+
+Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt wird, daß
+sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld für etwas Ueberflüssiges
+auszugeben, hatte ein ganz nettes Sümmchen für Eier bei Abraham stehen.
+Ich glaube aber doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer bedauerte,
+daß er nicht der Lieferant sei.
+
+So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der ersten Woche lebten
+wir jetzt in Saus und Braus. Das taten die Eier und das tat eine Nacht
+mit fünfstündigem Wolkenbruch, der uns so gut mit Wasser versorgte, daß
+wir fürstlich schwelgen konnten.
+
+Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust an Arbeitslohn.
+Das Feld war am Morgen so lehmig und schlammig, daß wir die Füße kaum
+herausziehen konnten. Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche
+Kruste gebrannt hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen.
+
+Am dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem Geld, das wir
+verdienten, nicht auskommen konnten. Wenn die Ernte vorüber sein wird,
+werden wir knapp zwei Wochen Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur
+nächsten Stadt kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden
+würden, hätten wir genau so viel oder richtiger, so wenig übrig, als
+wenn wir nicht sechs Wochen, jede Woche zu sieben Tagen, in tropischer
+Sonnenglut von Sonnenaufgang bis beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der
+Eier, allerbescheidenster Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für
+Essen und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine
+Gelegenheit dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und Schnaps gab und wo
+man spielen konnte, war über drei Stunden entfernt.
+
+„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für nichts geschuftet
+haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer, als wir unsere Lage
+überdachten.
+
+„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen“, warf ich ein, „Abraham
+hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er hätte sie doch sammeln und
+Sonntags zum Laden bringen können.“
+
+„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte Gonzalo.
+
+In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem abendlichen Maiseinkauf
+zurück. Er warf den Sack auf die Erde und sagte: „Wovon ist denn die
+Rede? Vielleicht etwa gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an
+euch abgeliefert, und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann ich
+doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr, Fellers? ^That
+so?^“
+
+„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie nicht wissen, wovon
+und worüber geredet worden ist, dann halten Sie lieber Ihre Gosche“,
+sagte ich.
+
+„Nein“, sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn wir nicht den
+Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die vielen Wochen umsonst
+gearbeitet haben.“
+
+„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus, „ja wollt ihr denn
+als Skelette rumlaufen, wenn die Ernte vorüber ist? Meinetwegen, ich
+kann meine Eier auch anderswo verkaufen. Also, jetzt kassiere ich.
+Antonio, Sie haben –“
+
+Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte und was jeder
+zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine Rechnung bei Abraham und
+ging dann nach meiner Behausung schlafen. Als ich unterwegs war, hörte
+ich wie Charly und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger
+behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet. Abraham
+bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung. Nach einer Weile Hin-
+und Herredens, wobei wieder sehr viel von Backpfeifen gesprochen wurde,
+mußte Charly zugeben, daß er sich geirrt habe und daß Abraham im Recht
+sei. In diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar betrafen, also
+Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich.
+
+Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese Woche einmal ohne
+Eier auszukommen.
+
+Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio schon rufen: „Wo
+sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer Yank? Ich will fünf
+haben.“
+
+Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt hatte, mit
+einem Ernst und einer Sorgfalt, als ob er sie wirklich zum ersten Male
+in der Hand habe und nicht schon gestern abend genau gewußt hätte,
+wieviel Eier die Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den
+Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört.
+
+„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier will ich haben
+oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“ wütete jetzt Antonio.
+
+„Was denn“, sagte Abraham ganz unschuldig, „ich will euch doch nicht
+meine Eier aufdrängen und euch den sauer verdienten Wochenlohn aus der
+Tasche rauben. Spart das Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier
+auskommen. Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“
+
+Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham bisher nie vernommen
+hatten.
+
+Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung unserer Lebensweise wie
+ein Mann.
+
+„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben, was ich
+essen und was ich nicht essen soll, ob ich mein Geld spare oder ob ich
+es da in die Zisterne werfe, he!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein.
+„Sofort gibst du mir sechs Eier oder ich schlage dir deinen Wollschädel
+in Scherben.“
+
+„Gut“, sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders haben wollt und
+mir sogar mit Schlägen droht, ich will euch die Eier wie bisher
+liefern.“
+
+„Ja was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe ganz ruhig und
+schulmeisterlich, „erst verführst du uns, Eier zu essen und wenn wir
+dalan gewöhnt sind, willst du sie uns verweigern. Gib mir dlei Eier.“
+
+Der Chink hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst: Jetzt auf
+einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit ihrer Zubereitung,
+an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes und an ihre mühelose Beschaffung
+so sehr gewöhnt hatten, sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers
+wegen darauf verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem
+Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt
+zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den Magen übervoll
+gefüllt mit einem dicken, prächtigen, vollwertigen Eierpfannkuchen,
+hatte ich allerdings den Entschluß gefaßt, diese Woche einmal keine Eier
+zu beziehen. Aber am Morgen, als der Magen leer war wie ein
+vertrockneter Autoreifen, hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum
+sollte ich mich denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll
+peinigen beim Anblick der schönen frischen Eier, die bereits lustig in
+den Pfannen der anderen pruzelten?
+
+„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham.
+
+Freilich als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum Mitnehmen für
+das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder die reuige Wehmut an:
+Die Eier sind doch unnütz und überflüssig.
+
+Also es blieb bei den Eiern. Der Verbrauch wurde in Zukunft höher als er
+bisher gewesen war. Bei allen. Auch bei Sam Woe.
+
+
+ 8.
+
+Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören Sie, Mr. Gale,
+kommen Sie auf eine Viertelstunde herein. Meine Frau hat einen guten
+Kuchen gebacken, Sie können eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“
+
+Dann als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine wie er mit 260
+Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier angefangen habe, wie er
+mit eigener Hand die Farm aus dem rohen Busch herausgearbeitet habe, wie
+die Straße, die mehr als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei
+seiner Ankunft nur ein schmaler verwachsener Weg war, gerade breit
+genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch diese Straße
+verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eigenem Ford befahren könne.
+
+„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren notwendig, um
+etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die wir dem Lande erst Wert
+geben, sind trotzdem immer wie auf dem Sprunge, plötzlich fliehen und
+alles verlassen zu müssen. Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um
+die Freiheit und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt,
+bangt.“
+
+Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte schilderte.
+
+„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon mal vier Ernten im Jahr an
+Mais gehabt. Das erreichen wir drüben in den States nicht. Aber dieses
+Jahr ist schlecht. Die Baumwolle hat, was seit fünfzehn Jahren nicht
+vorgekommen ist, Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein
+soll. Und ich weiß auch gar nicht was mit dem Hühnervolk los ist. Wir
+haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten Wochen. Auch Mr.
+Fringell und Mr. Shape klagen über ihre Hühner.“
+
+Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine über die Hühner gesagt
+hatte.
+
+„Na, da seht ihr es ja, Fellers,“ sagte Abraham darauf, „das sind die
+richtigen amerikanischen Farmer wie drüben. Vor Geiz möchten sie am
+liebsten ihre Fingernägel aufessen. Da gönnen sie den armen Hühnern kaum
+eine Handvoll Mais. Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie
+nicht gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare nicht mit
+dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch etwas her. Man muß sie nur
+gut und reichlich füttern und sachgemäß behandeln, dann tun sie auch
+ihre Pflicht. Das hat mich meine Großmutter Susanna gelehrt und die war
+eine sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, Fellers. ^Thats a
+fact!^“
+
+
+ 9.
+
+Um selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung über die
+Frage ein, wieviel uns an Geld übrig bliebe, wenn die Ernte vorüber sei.
+Diesmal aber wurden weder die Eier noch Abraham, der dabei saß, in dem
+Gespräch erwähnt.
+
+An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, daß wir
+ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig zu erhalten, daß wir eine
+bestimmte Summe am Ende der Ernte übrig haben müßten, um nicht umsonst
+gearbeitet zu haben oder wie Sklaven nur für das Essen und daß also,
+kurz und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs, acht
+Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir gerade zurecht kommen.
+
+Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen.
+
+Am nächsten Morgen, sobald die anderen Arbeiter auf das Feld gekommen
+waren, gingen Antonio und Gonzalo gleich zu ihnen und erklärten ihnen,
+daß wir die Absicht hätten, acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos
+Nachbezahlung für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle
+unabhängiger als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, waren
+ohne weiteres damit einverstanden.
+
+Nun gingen Antonio und Gonzalo, sowie zwei von den anderen Leuten zur
+Wage und sagten Mr. Shine was los sei.
+
+„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, ich bin doch nicht
+verrückt. Das habe ich noch nie bezahlt. Das kommt ja gar nicht rein.“
+
+„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir wandern dann noch
+heute ab.“
+
+Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: „Hören, Sie,
+Sennor, wir warten zwei Stunden. Ueberlegen Sie es sich. Wenn Sie dann
+noch Nein! sagen, satteln wir unsere Mulas. Wir wollen schon dafür
+sorgen, daß Sie keine Leute kriegen.“
+
+Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten gingen ins
+Feld zurück, berichteten die abschlägige Antwort und alle Leute
+verließen ihre Reihen, gingen zu den Bäumen und legten sich schlafen.
+
+Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief Mr. Shine herüber:
+„He! Mr. Gale, kommen Sie auf einen Augenblick her.“
+
+Ich ging rüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, „wenn Sie etwa
+glauben, daß ich hier die Mittelsperson mache, dann sind Sie im Irrtum,
+Mr. Shine. Wäre ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite und ich ginge mit
+Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern Farm-Hand
+bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das verstehen Sie doch?“
+
+„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte Mr. Shine, „es ist auch gar
+nicht meine Absicht, Sie herüber zu ziehen; denn Sie allein könnten die
+Baumwolle ja doch nicht hereinholen. Aber wir wollen das einmal in Ruhe
+überrechnen.“
+
+Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir Tabak. Sein ältester
+Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre alt war, steckte sich eine Zigarre
+an und der zweite Sohn, der jüngste in der Familie, ungefähr
+zweiundzwanzig Jahre alt, pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück
+verschweißtem Papier heraus und schob es in den Mund.
+
+„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern und da ich Ihnen ja
+schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier
+mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß
+Sie acht bekommen?“ fügte Mr. Shine, die Pfeife aus dem Mund nehmend,
+hinzu.
+
+„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“
+
+Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen
+einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über die Reeling baumeln.
+
+Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt
+seinen Gummi knatschend, vor sich hin.
+
+Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte unaufhörlich fluchend,
+an seiner Pfeife herum, die bald ausging, bald verstopft war, bald neuen
+Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war.
+
+Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte er nur an der
+Behandlung seiner Pfeife.
+
+Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt hatte, platzte
+plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, ich an deiner Stelle würde
+bezahlen, ohne viele Worte zu machen.“
+
+„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. Es geht ja nicht
+aus deiner Tasche, da ist das „Bezahlen würden“ leicht. Aber dann ziehe
+ich dir’s von deinem Taschengelde ab.“
+
+„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das Geld für die
+verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht.“
+
+„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte
+Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für einen Dime verkauft? Ich
+sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinker hat man mir
+geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste
+Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal
+hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand,
+ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend, in seinen Fingern,
+„die weichesten Daunen sind dagegen der purste Stacheldraht. – Ja,
+Gosch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da,
+als ob Sie die Sprache verloren hätten.“
+
+„Aber ich bin doch unparteiisch,“ sagte ich darauf.
+
+„Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den
+Mund mal aufmachen.“
+
+Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte.
+
+Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung ein und sagte
+ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten:
+
+„Da will ich dir mal was sagen, Dad –.“
+
+„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“
+
+„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist
+ja deine.“
+
+Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel,
+sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht noch mal, dann rede
+doch schon oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze Baumwolle
+verfault und verwurmt ist?“
+
+„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn die Leute gehen,
+andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschicken lassen von
+den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist.“
+
+„Rede doch schon einen Strich schneller.“
+
+„Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal,
+Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir
+eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Strippregen.
+Dann ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen
+und du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der
+Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle gewinnen und auf
+den Markt gebracht haben, je besser ist der Preis. Wenn der Markt erst
+mal voll ist, müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder
+fünfundzwanzig Centavos Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt
+unterbringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis jetzt
+sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem Markt.“
+
+„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor vier Jahren
+habe ich sie mit dreißig Centavos unter den Anfangspreis verkaufen
+müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettler, der um ein
+Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig
+geworden, daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß
+vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist abgemacht, da
+lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen und verschimmeln, just
+wie sie da steht, ehe ich nachgebe.“
+
+Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser
+Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte.
+
+Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke:
+
+„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die
+Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den
+Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja,
+Sie auch, Mr. Gale, Sie sind auch einer von den Aufwieglern und von den
+Bolsches, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und
+das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt Ihr aber an
+die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß,
+wie es gemacht wird. Aber wir haben keine ^I. W. W.^[1] und alles
+solchen Stoff gehabt.“
+
+[Fußnote 1: ^I. W. W.^ = ^Industrial Workers of the World^, eine sehr
+radikale Arbeiterorganisation.]
+
+„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei
+bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, anzunehmen, ob ich ein
+^Wobbly^[2] bin oder nicht.“
+
+[Fußnote 2: ^Wobbly^ = Mitglied der ^I. W. W.^]
+
+„Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede.
+Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!“
+
+„Na, hör mal, Daddy,“ sagte jetzt Pet, ohne sich seinem Vater
+zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hast du unrecht, durchaus. Die
+sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer.
+Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden
+arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso
+machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden
+Mittagsschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen
+wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, da wette ich mein Leben
+darauf.“
+
+„Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!“
+
+„Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren,“ sagte Dick
+trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter.
+
+Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die „Hiesigen“
+wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen
+aufzusatteln.
+
+Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, sprangen Antonio
+und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre großen Hüte hoch in die Luft und
+begannen mit schrillen Stimmen zu singen:
+
+ Es trägt der König meine Gabe,
+ Der Millionär, der Präsident –
+
+Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten und standen
+stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie wußten nicht, was ^I. W.
+W.^ war, was eine Organisation bedeutet, was eine Klasse sei. Aber der
+Gesang hämmerte auf sie ein, schmiedete sie zusammen zu einem ehernen
+Block, und als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das
+ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte Refrain
+beginnt, wußte ich. Ich habe es erlebt.
+
+Der Gesang, so eintönig und schlicht in seiner Melodie, aber so federnd
+wie feinster Stahl in seinem klingenden Rhythmus, steckte mich an. Ich
+konnte nicht anders, ich begann, das Lied mitzusummen.
+
+„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, halb
+selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“
+
+Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, die bisher
+zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren gestanden hatten,
+alle wie ein Mann zu uns herüber, wodurch der Gesang herausfordernd und
+persönlich anzüglich wurde.
+
+Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die lederne
+Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu mit einer Geste der
+Verlegenheit, die aber ebensogut auch eine der Scham oder gar der
+Wurschtigkeit sein konnte.
+
+„Teufel noch mal,“ rief er dann, „^that means business^, die scheinen
+Ernst zu machen.“
+
+„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie einmal fort sind,
+haben wir unsere liebe Mühe und Not, sie wieder hereinzuholen.“
+
+„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von heute an. Was
+bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts nachgegeben. Mr. Gale, seien
+Sie doch so gut, bitte, und rufen Sie die Leute heran!“
+
+Ich lief rüber und brachte die ganze Horde zusammen.
+
+„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug der Wage waren.
+
+„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, halb von oben
+herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“
+
+Antonio ließ ihn nicht ausreden:
+
+„Und für die schon gepflückten Kilos?“
+
+„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch tüchtig ran an die
+Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch trocken hereinkriegen.“
+
+„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham.
+
+„Halts Maul, darned Nigger, du bist nicht gefragt!“ schrie der Farmer
+wütend.
+
+„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale,“ sagte Mr. Sinne, „Sie
+bekommen doch schon acht.“
+
+„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“
+
+„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir auch nicht darauf an.
+Und weil Sie Weißer sind, der einzige Weiße. Sie sollen zehn haben.“
+
+„Mit Nachzahlung?“
+
+„Mit Nachzahlung! Ich bin ein ^fair businessman^. Was stehen Sie noch
+rum! Machen Sie, daß Sie an die Arbeit kommen. Wir haben, weiß Gott,
+beinahe eine Stunde verquatscht. Gerade um diese Stunde kann uns der
+Regen zu früh kommen. Das ziehe ich Euch beiden Rangen ab, da könnt Ihr
+Gift drauf nehmen,“ wandte er sich seinen Söhnen zu, die gerade dabei
+waren, die Wage wieder aufzuhängen.
+
+
+
+
+ Zweiter Teil.
+
+
+ 10.
+
+So lief der Trott nun weiter die nächsten zwei, drei Wochen. Ohne
+besondere Ereignisse. Ein Tag wie der andere. Rennen im Trab, Rennen,
+Essen kochen, Schlafen, Rennen im Trab, Arbeit.
+
+Eines Nachmittags, als ich vom Feld heimkam, ging ich zu Mrs. Shine und
+fragte sie, ob sie mir ein Kilo Speck verkaufen oder bis Sonntag leihen
+wollte, da ich vergessen hätte, letzten Sonntag welchen mitbringen zu
+lassen.
+
+„Können Sie haben, Mr. Gale, gegen Bezahlung oder Rückgabe, ganz wie Sie
+wollen.“
+
+„Gut,“ sagte ich, „dann gegen Bezahlung. Mr. Shine kann es mir ja am
+Samstag anrechnen.“
+
+Während sie eben dabei war, den Speck abzuwiegen, kam Mr. Shine von der
+Stadt zurück, wo er seine Post abgeholt und einige Bedarfsmittel
+eingekauft hatte.
+
+„Da sind Sie ja gerade wie gerufen, Mr. Gale,“ sagte er zu mir, als er
+ins Zimmer trat. „Ich habe einige Neuigkeit für Sie.“
+
+„Für mich? Woher soll die wohl kommen?“
+
+„Direkt aus der Stadt. Im Store traf ich den Manager von Camp 97. Ich
+saß da und trank gerade eine Flasche Bier nach der andern. Er war in
+großen Nöten. Da haben sie im Camp ein kleines Maleurchen gehabt. Beim
+Auswechseln von Achterrohren gegen Zehner hat ein Rohr ausgeschlagen und
+dem einen Driller den rechten Arm böse gequetscht, weil einer von den
+Indianern wieder mal nicht aufgepaßt und rechtzeitig zugepackt hat. Der
+Driller ist ein tüchtiger, erfahrener und verläßlicher Bursche, den sie
+nicht gehen lassen wollen. Nun suchen sie einen guten Ersatzmann für
+drei bis vier Wochen. So lange wird es wohl dauern, bis der Mann wieder
+arbeiten kann. Aber sie sind jetzt gerade an einem heiklen Punkt. Sie
+sind auf siebenhundert Fuß und sind auf Lehm, und wenn sie jetzt keinen
+guten Driller bekommen, dann können sie vielleicht eine Knickung in der
+Bohrung erleben. Na, und was das bedeutet, was das für Scherereien,
+Zeitverlust und Kosten verursacht, das wissen Sie ja selbst, Sie haben
+ja in den Fields gearbeitet. Das gibt allemal den Sack für die Driller
+und Tooldresser, manchmal für das ganze Camp.“
+
+„Weiß ich,“ erwiderte ich, „kann dem besten Mann passieren, wenn man
+noch so sehr aufpaßt. Ein Stein, den der Satan gerade dort hingefeuert
+hat, wo man ihn am allerwenigsten vermutet, kann zwanzigtausend Dollar
+kosten.“
+
+„Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Shine ein. „Nun ist
+der Manager in Sorge, was er machen soll. Er hat schon eine Schicht
+selber gearbeitet, aber auf die Dauer geht es nicht. Telegraphiert er
+nun zur Kompagnie, dauert es immerhin drei bis vier Tage, bis er den
+Mann hier hat. Und ob er einen Mann kriegt, wie er ihn braucht, weiß er
+auch nicht. Denn ein tüchtiger Mann nimmt für drei Wochen nichts an,
+weil er dadurch vielleicht eine andere Stellung, wo er sechs Monate in
+Sicherheit hat, verpassen kann. Ich habe nun zu dem Manager gesagt:
+„Well,“ habe ich gesagt, „Sie sind just der Mann, auf den ich gewartet
+habe, Mr. Berkley.“
+
+„Aber, ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich damit zu tun habe.“
+
+„Ja warten Sie doch ab, Gale, was kommt. In drei, höchstens vier Tagen
+haben wir die Baumwolle drin. Was wollen Sie denn dann machen?“
+
+„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich lasse den Tag erst einmal
+herankommen. Ich kann ebensogut nach Norden wie nach Süden, ebenso
+leicht nach Ost und West gehen. Eigentlich habe ich vor, nach Guatemala,
+Costa Rica und Panama runterzutippeln. Vielleicht nach Columbien. Da
+soll allerhand Oel ausgemacht worden sein.“
+
+„Top!“ jagte Mr. Shine, „das habe ich auch gedacht, daß es Ihnen egal
+ist; und nach Guatemala und allen den übrigen Landschaften kommen Sie
+immer noch rechtzeitig genug. Da habe ich nun zu dem Manager gesagt:
+Well, habe ich gesagt, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da
+einen Fellow, einen Picker, einen weißen Mann, weiß im Gesicht und weiß
+unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die
+verteufeltste Bohrung aus dem elendsten Dreck herausholt. Man muß doch
+ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was erreichen will. Also, habe ich
+gesagt, Mr. Berkley, ich schicke Ihnen den Mann runter. Na, was sagen
+Sie nun, Gale, Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie
+noch morgen früh runter zum Store. Der Storekeeper kennt den Weg zum
+Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um 5 Uhr nachmittags sind Sie schon
+im Camp und können sich gleich zum Essen hinsetzen.“
+
+Das mit dem Essen war allerdings verführerisch.
+
+„Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurecht kommen, ist der Verlust auch
+nicht allzu groß. Einen Tag kriegen Sie auf alle Fälle ausbezahlt und
+außerdem haben Sie einen Tag wieder mal menschenwürdig gegessen,“ setzte
+Mr. Shine hinzu.
+
+Zu überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch für drei oder
+vier Tage Arbeit, harte und schlecht bezahlte Arbeit. Im Oelfeld mußte
+man zwar auch zwölf Stunden arbeiten, weil nur zwei Schichten waren,
+aber man arbeitete wenigsten unter dem Rig, wo die Sonne nicht ganz so
+unmittelbar auf einen losbrennen konnte. Dazu hatte man sterilisiertes
+Eiswasser, soviel man nur trinken wollte. Vor allen Dingen aber hatte
+man, wie schon Mr. Shine richtig gesagt hatte, ein menschenwürdiges
+Essen, mit Teller, Messer, Gabel, Eßlöffel, Teelöffel, Tasse und Glas an
+einem Tisch, der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war,
+aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bank. Man brauchte nicht
+aus der Pfanne von der Erde essen und sich beim Essen von einer
+wackligen Kiste, auf der man saß, herunterbücken. Man brauchte nicht mit
+demselben Löffel, den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den
+Kaffee umrühren. Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt,
+noch war es klebrig wie Kleister. Die schwarzen Bohnen, immer hart wie
+Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger Bestandteil der Mahlzeiten zu
+sein. Man wurde bei Tische bedient von Chinks, die man angrunzen durfte,
+wenn einem das Essen nicht schmeckte und die Ananaspie nicht genügend
+geeist war. Angrunzen, hm! ja! das tut man sofort, sobald man einen
+anderen armen Teufel auch nur einen Zentimeter auf der sozialen
+Rangleiter unter sich weiß. Man schlief nicht ohne jede Unterlage auf
+einer Tafel Wellblech, sondern man schlief in gut ventilierten Baracken,
+in sauberen Feldbetten, auf weicher Matratze und gut geborgen unter
+einem schleierdünnen Moskitonetz. Man hatte jeden Tag ein Brausebad und
+hatte ein W. C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt, hatte ich ganz
+vergessen. Romantik ist schön, sehr schön! – von ferne gesehen.
+Wenigstens in der Entfernung, gerechnet von einem bequemen Sitz im Kino
+bis zur Silberwand. Auf dieser Silberwand sind die Helden des
+Busches und des Urwaldes der Traum der Mädchen und sie erregen
+Ehescheidungsgedanken bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim Essen
+in der Nase herum und schmieren dies und das an ihren Sitz oder an die
+nächste erreichbare Tischplatte. Und das kann man gerade noch erzählen.
+Würde man einiges mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht
+einmal das Schlimmste, so würde sich der bunte Schmetterling in die
+allerwiderwärtigste Raupe zurückverwandeln. Aber trotz alledem, Romantik
+ist auch im Oelfeld, das auf den ersten Blick so trostlos prosaisch und
+so nüchtern aussieht wie eine Kohlenzeche in Herne. Man muß die Romantik
+nur zu sehen und nur zu finden wissen. –
+
+Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen war mir nichts so
+wichtig, als meine Eierrechnung bei Abraham auf den Cent genau zu
+begleichen. Er wäre mir sonst in meinen Träumen erschienen und
+nachgelaufen bis nach Paraguay, wenn ich ihm nur zehn Centavos schuldig
+geblieben wäre.
+
+Als ich zum Oelcamp kam und mit dem Manager sprach, machte er nicht im
+geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen neuen Driller so in Lumpen und
+Fetzen zu sehen, wie kein Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa
+herumlaufen könnte. Daran ist man hier gewöhnt.
+
+Die weißen Arbeiter, alle Gringos, waren froh, daß Dick, der Driller,
+einen Ersatzmann hatte und das Camp also nicht verlassen brauchte; denn
+er war ein beliebter und lustiger Bursche, der im Camp war, seit der
+erste Pfeiler für das Rig gestellt wurde. Sie fixten mich auf, der eine
+brachte mir ein Hemd, der andere eine Hose, jener Strümpfe, ein anderer
+Arbeitshandschuhe. Ja Handschuhe, denn ein amerikanischer Arbeiter macht
+sich beim Arbeiten die Hände nicht mehr schmutzig als unbedingt
+notwendig ist. Keiner von ihnen hatte irgendein Handwerk gelernt, wie
+das in Europa üblich ist, aber jeder konnte ein Auto fahren, Pannen
+beseitigen, Dampfmaschinen reparieren oder Werkzeuge schmieden.
+Vielleicht nicht ganz so sauber und geschickt wie ein englischer,
+deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er machte, war
+brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür bezahlten, ja
+nur an.
+
+Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Berkley zu mir: „Sie
+können bleiben, Junge, vollen Drillerlohn.“
+
+Dick war schneller hergestellt als wir alle gedacht hatten, und so mußte
+ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dick zwanzig Dollar extra aus
+seiner Tasche, für Reisegeld und daß ich mir einen guten Tag machen
+sollte, wie er sagte.
+
+Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt bekam, sagte er: „Hören
+Sie mal, Gale, können Sie nicht hier irgendwo eine Woche oder so
+herumhängen?“
+
+„Ja,“ erwiderte ich, „das kann ich leicht. Ich gehe rauf zu Mr. Shine,
+da kann ich gut für eine Weile hausen. Warum?“
+
+„Auf einem unserer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der möchte auf
+vierzehn Tage in Urlaub gehen, rauf in die States. Da können Sie für die
+zwei Wochen als Ersatzmann eintreten. Anfang nächsten Monats.“
+
+„Mache ich,“ sagte ich. „Sie können ja im Store eine Mitteilung für mich
+an Mr. Shine hinterlegen, wenn es soweit ist.“
+
+„Gut, abgemacht!“ sagte Mr. Berkley.
+
+
+ 11.
+
+Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder rauf zu Mr. Shine und fragte
+ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem ich seinerzeit gehaust hätte, ein
+paar Tage wohnen dürfe.
+
+„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie wollen.“
+
+Ich erklärte ihm warum und fragte ihn dann nach den Leuten, mit denen
+ich da gewohnt hatte.
+
+„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den Tag nach Ihnen
+gegangen, ich glaube rauf nach Florida. Das geht mich nichts an. Der
+kleine Nigger, Abraham heißt er, scheint ein ganz geriebener Schlingel
+zu sein.“
+
+„Wieso?“ fragte ich.
+
+„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie er mir versicherte.
+Er hatte sie bei Indianern für einen Peso das Stück gekauft, wie ich
+inzwischen erfahren habe. Mir hat er anderthalb Pesos dafür abverlangt.
+Ich habe sie ihm auch bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt.
+Aber mit den guten Leghühnern hat er mich reingelegt, der schwarze
+Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber na, das Fleisch
+ist es ja wert.“
+
+„Und was ist mit dem Chink und den beiden Mexikanern?“
+
+„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen. Ich habe sie vom
+Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß, sind sie nach Pozos gegangen.
+Diese Station ist nicht ganz so weit als die, von der Ihr gekommen seid.
+Der Weg ist auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen,
+während wir in früheren Jahren immer zu der anderen gingen. Aber Pozos
+liegt bequemer für uns; früher hatten wir nur keinen Weg. Seitdem aber
+die Oelleute gekommen sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle
+Ihnen, wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können Sie ab
+und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie jumpen können. Nebenbei
+bemerkt, warum wollen Sie denn in dem Unterstand hausen, Sie können doch
+in dem Hause wohnen.“
+
+Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur Genüge. Ich betrete
+es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist die reine Moskitohölle.“
+
+„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie fünfzehn Jahre drin
+gewohnt. Wir sind von den Moskitos nicht merklich geplagt worden. Aber
+Sie können schon recht haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird,
+nicht genügend Luft reinkommt, sammelt sich schon allerhand von diesem
+Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr nicht oben gewesen,
+weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich aussieht. Und
+wahrscheinlich komme ich im ganzen nächsten Vierteljahr auch nicht rauf.
+Ich habe ja da oben nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die Pferde
+und die Mules rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras finden und
+ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir gleichgültig, wo
+Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören Sie nicht, und Sonntags können
+Sie schon mal runter kommen und eine Tasse Kaffee mit uns trinken und
+ein Stück Kuchen essen.“
+
+Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein. Mein Feuer
+machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand, weil dort in der Nähe
+des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches Feuer gewesen war, ja doch
+keine Unterhaltung gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da.
+
+Ich lebte jetzt in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten hatte ich
+nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei Tagen so an mich gewöhnt
+hatten, daß sie all ihre angeborene Scheuheit vergaßen und mir an und
+auf meinen Füßen die Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von
+meinen Mahlzeiten suchten.
+
+Tags über kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete die Tiere
+bei ihren Handlungen oder las in den Zeitschriften, die ich vom Camp
+mitgebracht hatte.
+
+In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es, weil es
+inzwischen einige Male gut geregnet hatte und der Tank beim Hause zu
+einem Drittel gefüllt war. Wir hatten ja derzeit die Auffänge in Ordnung
+gebracht.
+
+Ich konnte mich sogar waschen und mir den Luxus leisten, mich sogar
+zweimal des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich in Riesenmengen, teils
+um die Zeit zu vertreiben, teils um so viel Vorrat in mich
+hineinzutrinken, daß ich gut wieder einmal einen Tramp von einigen Tagen
+durch wasserlosen Busch aushalten konnte. Da ich im Store hatte tüchtig
+einkaufen können, Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich wirklich
+einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig, ein freier Mann
+im freien tropischen Busch, Siesta haltend nach Belieben, herumstreifen
+wo und wann und solange ich wollte. Es ging mir gut. Und dieses Gefühl
+lebte ich auch voll bewußt.
+
+Der Tank, aus dem ich mein Wasser holte, war dicht an dem alten Hause.
+Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal etwa 250 Schritte von meinem
+Unterstand aus zu gehen.
+
+Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von diesen Konservenbüchsen,
+die 40 Liter Inhalt haben. Mit Konserven in kleinen Büchsen gibt man
+sich hier nicht viel ab, höchstens wenn es sich um schnell verderbliche
+Ware handelt.
+
+Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika, eine ganz elende
+Bretterbude nennen würde, kaum gut genug, um auf einem Bauplatz als
+Lagerschuppen zu dienen, stand auf Pfählen. Die meisten Häuser hier,
+besonders außerhalb der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet.
+Stünden sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch
+unterkellert, so würden sie in der Regenzeit jeden Tag zweimal
+überflutet. Das ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf Pfählen
+ruhenden Haus kann der Wind von allen Seiten unter dem Fußboden hin- und
+herfegen und so das Innere des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein
+Haus, das in dieser Art gebaut ist, nicht so viel unerwünschte Gäste,
+wie Schlangen, Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Milliarden von Ameisen,
+Grashoppern, Grillen und tausenden anderen unangenehmen Ueberläufern aus
+dem nahen Busch. Alle diese mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des
+tropischen Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können
+aber doch nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen, als
+wenn das Haus auf ebener Erde errichtet wäre.
+
+Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein Haus in dieser
+Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben, die unsere Urvorväter
+zwangen, sich eine Behausung in den Wipfeln der Bäume zu bauen.
+
+Ein Holzhaus, so errichtet, erbebt, erzittert und schwankt oft beim
+Sturm so, daß man glauben könnte, es sei in der Tat auf einem Baume
+errichtet.
+
+Die Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde. So zu ebener
+Erde war ja auch mein Unterstand, wo das Buschgetier aus- und einging,
+als wäre es sein gutes Recht.
+
+An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und Wind
+hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten meine damaligen
+Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie üblich mit einem drehbaren
+Stückchen Holz. Damals war immer Leben im Hause und vor dem Hause,
+Streit um das Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen
+hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen
+darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An diese lebhaften Bilder
+zurückdenkend, erschien jetzt das Haus geisterhaft einsam und still.
+Jedesmal, wenn ich Wasser holte, quälte es mich, doch mal einen Blick
+hineinzuwerfen, ob jemand etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder
+gefiel mir diese gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie
+fügte sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu der
+Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich lebte. So
+unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus kam, den Wunsch, eine
+Tür aufzumachen und hineinzulugen. Ich wußte genau, die Hütte war leer,
+vollkommen leer; niemand hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines
+alten Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert. Die
+Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus lagerte, wollte
+ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte, mochte ich träumen, daß
+vielleicht der Geist eines der alten aztekischen Priester, der wegen der
+Tausenden von Menschen, die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet
+und ihnen das Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem
+unersättlichen Gotte vor die goldenen Fuße zu werfen, nun keine Ruhe
+finden konnte und deshalb aus dem Busch in das gefeite Haus eines
+Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein paar Wochen von seinem
+rastlosen Herumirren auszuruhen.
+
+
+ 12.
+
+Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine schwarzblaue
+Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der Wand des Hauses nach Beute
+jagte. Sie lief blitzschnell ein paar Zoll weit, saß dann still, lauerte
+eine Weile und lief dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu
+lauern. So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs, kein
+Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz feinen Faden
+zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette hinaufklettern würden,
+nicht gerade festzuhalten und zu verstricken, sondern deren Lauf nur zu
+verlangsamen, daß, wenn die Spinne inzwischen das Nachbarbrett abgesucht
+hatte und hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem mächtigen Satz
+anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im Sprunge, wobei
+sie das Insekt von hinten anspringt und sofort im Nacken packt, so daß
+dieses Insekt von seinen Waffen, sei es nun ein Stachel oder Zangen oder
+Scheren, gar keinen Gebrauch machen kann. Das einzige Tier, das sich
+gegen diese Springspinne erfolgreich wehren könnte und dann den Spieß
+umkehren würde, ist der Skorpion. Aber diese beiden großen Jäger in den
+Tropen begegnen sich nie, weil jeder von ihnen eine andere Jagdzeit hat.
+Diese Spinne am Tage, in der glühenden Sonne, der Skorpion in der
+Dunkelheit.
+
+Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen in den häufigen
+Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte, war es, die sofort wieder
+meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und
+lernen, wie sie sich verhält, wenn sie selbst angegriffen und verfolgt
+wird. Ich stellte meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und
+vergaß, daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte.
+
+Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über der Spinne hin und
+her und sofort reagierte sie darauf. Sie wurde unruhig; ihre
+Zickzackläufe wurden unregelmäßig und sie suchte diesem großen Etwas,
+das ein Vogel sein mochte, zu entwischen. Aber die glatte Wand bot
+keinen Schlupfwinkel. Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam
+und behutsam und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in
+halber Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, aber natürlich an
+senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als wäre er auf ebener
+Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte eine Leiste, die gespalten war
+und sich auch ein wenig verzogen hatte, so daß sie einen Unterschlupf
+bieten konnte.
+
+Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten Platz
+auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der gerade zu meinen Füßen
+lag und berührte damit die Spinne leicht, sie so zwingend, einen anderen
+Weg zu wählen. Sie lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin
+sie auch fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder
+ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie kreuz und quer,
+immer verfolgt von dem Zweig, ihr keine Gelegenheit lassend, zu einem
+Sprunge anzusetzen. Plötzlich aber, als ich sie gerade im Rücken
+berührte, machte sie blitzschnell kehrt und in rasender Wut und mit
+unvergleichlicher Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an,
+der gegenüber ihren bescheidenen Ausmaßen für sie gigantische Formen und
+übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer, wenn ich den Zweig
+zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe den Feind abgeschlagen
+oder wenigstens eingeschüchtert, lief sie auf die schützende Leiste zu.
+Schließlich besiegte sie mich doch und fand dort Unterschlupf, aber
+nicht genügend, um sich ganz zu verbergen, denn sie konnte sich nur zur
+Hälfte darin verkriechen.
+
+Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die Spinne kam sofort
+wieder hervor, lief eilends weiter nach oben, wo sie eine günstigere
+Höhle fand, in der sie sofort verschwand, ohne daß man noch viel von ihr
+sehen konnte.
+
+Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen, was sie zu guter
+Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt mit der flachen Hand so
+fest gegen die Wand, daß das ganze Haus, das ja auf Pfählen ruhte,
+erzitterte.
+
+Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden. Und als ich
+gerade zum zweiten Male kräftig gegen die Wand schlagen will, fällt
+innerhalb des Hauses etwas um.
+
+Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses. Es war nichts,
+absolut gar nichts darin, was mit so einem merkwürdigen Geräusch
+umfallen konnte. Eine Stange, ein Stück Holz, das einzige, was es
+vielleicht hätte sein können, war es nicht, nach dem Geräusch zu
+urteilen. Es war schon eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn
+ich mir das Geräusch genauer vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar
+Hartes dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein.
+
+Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar Sprossen der Leiter
+hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und hineinzusehen. Aber irgendein
+unerklärbares Empfinden hielt mich davon ab. Es war wie Furcht, als
+könnte ich drinnen etwas unsagbar Grauenhaftes sehen.
+
+Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand. Ich redete mir
+ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick von etwas ganz Gräßlichem sei,
+was mich veranlaßte, das Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir:
+du hast ja in dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar
+kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich gar
+nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren.
+
+Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer wieder nachdachte,
+was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht haben könnte, kam mir
+plötzlich ein seltsamer Gedanke: In dem Hause hat sich jemand erhängt,
+und zwar schon vor einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der
+Hals durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der Körper
+erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam umgefallen. So
+ähnlich war auch das Geräusch, als ob ein menschlicher Körper umfiele,
+und der Kopf auf den Boden schlüge.
+
+Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin die Phantasie
+einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache überzeugt. So
+verwandelt sich ein Baumstamm in der Dunkelheit in einen Räuber, der auf
+der Lauer steht. In den Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe
+nie davon gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und wenn es
+wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen, wo man drei Tage
+später bestenfalls nur noch an der Schnalle seines Gürtels erkennen
+würde, daß es sich um einen Mann handelt.
+
+So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das Haus und
+vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und durchzulugen. Das
+Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte mir mehr zu als eine vielleicht
+sehr prosaische Gewißheit.
+
+Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich nachts wach lag,
+beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts anderem als mit der Frage,
+was in dem Hause wohl sein könne.
+
+Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob er irgendwelchen
+Bescheid vom Manager habe. Aber Mr. Shine war die ganze Woche nicht im
+Store unten gewesen und würde auch die nächste Woche nicht
+hinunterkommen. Weil nun Montag der letzte Termin war, der für den
+Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann sein sollte, in
+Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh reisefertig mit meinem
+Bündel selbst zum Store zu gehen und nachzufragen. War Bescheid da, dann
+konnte ich Sonntag mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War
+kein Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in Urlaub
+ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. Ist diesem Falle
+würde ich gleich zur Station gehen und meinen Plan, nach Guatemala zu
+wandern, ohne weiteres durchführen.
+
+Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als ich mit dem Wasser
+an dem Hause schon ein Stück vorüber war, dachte ich, nun will ich aber
+doch einmal zu guter Letzt nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich
+das nicht tue, so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die
+nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja die bekannte
+Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im Leben wiederkehrt.
+
+Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß die Tür, die
+hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den Raum, den einzigen Raum,
+den das Haus hatte.
+
+An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein großes Bündel. Ich
+konnte aber nicht sofort erkennen, was es sein mochte, denn die Sonne
+war noch vor dem Aufgehen.
+
+Ich trat näher hinzu; es war ein Mann.
+
+Tot!
+
+Es war Gonzalo.
+
+Getötet!
+
+Ermordet!
+
+Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball Baumwolle, den er
+zerknüllt in der rechten Hand hielt, war gleichfalls vollgesogen von
+Blut.
+
+Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche auf der Brust,
+an der rechten Schulter und am linken Oberarm.
+
+Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet.
+
+Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt und als ich
+gegen die Wand geschlagen hatte, war der Körper auf die Seite gefallen
+und der Kopf war auf den Erdboden geschlagen.
+
+Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und 85 Centavos
+darin. Er hätte haben müssen: wenigstens 25 bis 30 Pesos.
+
+Also des Geldes wegen.
+
+Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak neben sich
+liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen verstreut herum.
+
+Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er überfallen worden,
+an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand.
+
+Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus verlassen hatten.
+Der Chink war nicht der Mörder. Wegen 20 Pesos jemand auch nur zu
+berühren, dazu war er viel zu klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für
+ihn.
+
+Also Antonio.
+
+Das hatte ich von ihm nie gedacht.
+
+Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ ihn jedoch
+liegen wie er lag.
+
+Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden hatte und
+verließ das Haus.
+
+Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich sofort auf den
+Weg.
+
+Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber zum Camp gehen
+wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren werde.
+
+„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause nicht einsam
+gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er.
+
+„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und so viel zu
+beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“
+
+„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, weil es
+eben ein Haus ist.“
+
+„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja schon, als ich
+zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten sei.“
+
+„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf Besuch kommen und
+hier ein wenig herumstreifen und jagen. Die stecke ich dann da hinein,
+da können sie hausen nach Belieben. Die werden die Moskitos schon
+ausräuchern. Na, denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“
+
+Wir schüttelten uns die Hände und ich ging.
+
+Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der Mörder sein konnte,
+diesen Gedanken würde niemand haben; denn ich war ja vor allen den
+übrigen Leuten fortgegangen und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet.
+
+Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte das eine Unmenge
+Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen und wer weiß was noch. Dabei wäre
+ich gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Camp gekommen.
+
+
+ 13.
+
+Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde ich
+ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der Oel zu holen hatte, zur
+Station, von der ich nach Dolores Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich
+ohne viel Aufenthalt glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen
+Tagen in Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan nicht
+wieder einmal änderte.
+
+In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im Süden los sei,
+was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern und den
+Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, und ob ich nicht besser
+vielleicht einen windigen Segelkasten ergattern und auf Argentinien los
+gehen sollte. Aber von dort kamen mir auch wieder zu viele herauf, die
+wahre Schauergeschichten von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit
+berichteten. Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße und suchten
+eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer als in Mexiko konnte es
+ja dort auf keinen Fall sein.
+
+Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die Stiefel putzen,
+trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich von diesen Beschäftigungen
+gerade so recht ungestört, zufrieden mit mir und der Welt ausruhen will,
+sehe ich, daß auf der Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt.
+
+Es ist Antonio.
+
+Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten Tag, was machen
+Sie denn hier?“
+
+Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Ich setzte
+mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf der Suche nach Arbeit sei.
+
+„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in einer
+Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie gleich heute anfangen,
+als Bäcker. Wir suchen gerade einen Gehilfen. Sie haben doch schon als
+Bäcker gearbeitet, nicht wahr?“
+
+„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert verschiedenen
+Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber – und das ist eine
+gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis zu einem Bäcker habe ich es
+noch nicht gebracht.“
+
+„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte Antonio darauf.
+„Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären oder etwas vom Backen
+verstünden, dann wäre nichts zu machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er
+hat keine Ahnung vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre
+Pfeffer hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, ob
+Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das sei ihr Beruf
+seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der Meister ist ein Däne,
+ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht auch nichts vom Backen. Seine
+größte Sorge ist nun, daß ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte;
+einer, der das Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der
+Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger Bäcker
+würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn Sie nun der Meister
+fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil sagen von dem, was Sie zu dem
+Inhaber sagen. Zum Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in
+ihrem Leben, daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort
+an und Sie sind sein Freund.“
+
+„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich schon immer mal
+arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn man mal in der Verlegenheit
+ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen. Dann hört die Sorge um das
+tägliche Brot auf und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird
+gemacht. Was ist denn der Lohn?“
+
+„Ein Peso und fünfzig Centavos.“
+
+„Nackt?“
+
+„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch frei. Sie kommen
+weiter damit als beim Baumwollpflücken, das kann ich Ihnen sagen.“
+
+„Wie ist denn das Essen? Gut?“
+
+„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“
+
+„Weiß schon bescheid.“
+
+„Aber man wird immer satt.“
+
+„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“
+
+Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, bot mir Tabak
+und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: „Unter uns gesagt, das mit
+dem Essen ist auszuhalten. Hier wird in den Bäckereien und Konditoreien
+mit Eiern und Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na
+und sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann nicht
+an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit Zucker verrührt
+und da hilft man der Kost nach. Das macht man in der Nacht und am
+Vormittag vier- oder fünfmal, dann können Sie schon gut zurecht kommen.“
+
+„Wie lange arbeitet Ihr denn?“
+
+„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um zehn abends an und
+arbeiten dann durch bis ein, zwei oder drei Uhr nachmittags. Manchmal
+wird es auch fünf.“
+
+„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“
+
+„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders Dienstag und
+Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“
+
+„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich.
+
+„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man etwas Besseres
+findet.“
+
+„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde man ja auch Zeit
+finden, sich nach anderer Arbeit umsehen zu können. Aber so? Immerhin,
+ich werde anfangen.“
+
+Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder Tag und Nacht
+zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben Schüssel essen, mit ihm
+vielleicht gar im selben Bett schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar
+nicht. Entweder war ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für
+solche Feinheiten der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder
+aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und über die
+herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche Handlung verstand,
+daß ich mir weder das Recht anmaßte, jemand zu verurteilen, noch mir die
+billige Sentimentalität einflößte, jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid
+ist auch eine Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch
+eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns vor Antonio,
+eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen so viele Raubmörder
+herum, wirkliche und moralische, mit Brillanten an den Fingern und einer
+dicken Perle in der Halsbinde oder goldenen Sternen auf den Achseln,
+denen jeder Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt.
+Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden gehenkt;
+diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden bei Mr. Präsident
+zum Ball eingeladen und dürfen auf die Sittenlosigkeit und Roheit, die
+in meiner Klasse herrscht, schimpfen.
+
+Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man hinab in den Morast und
+zwischen den Abschaum der Menschheit, wenn man um Brotrinden kämpfen
+muß.
+
+Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, die mir das
+Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich Antonio mit der Frage:
+
+„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“
+
+„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern abend erst
+angekommen.“
+
+„Sam Woe, der Chinese.“
+
+„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“
+
+„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt von seiner
+Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“
+
+„Und hat er eine aufgemacht?“
+
+„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was sich so ein Chino
+einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat das Geschäft mit einem
+Landsmanne in Kompanie.“
+
+„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche Ader, die zu
+solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube sicher, wenn ich ein solches
+Geschäft gründete, würden sofort alle Leute ohne Magen geboren, nur
+damit ich ja nicht etwa auf einen grünen Zweig komme.“
+
+„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht mir gerade ebenso.
+Ich habe schon einen Zigarettenstand gehabt, schon einen
+Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser herumgeschleppt und wer weiß, was
+nicht sonst noch alles versucht. Mir hat selten jemand etwas abgekauft.
+Ich habe immer elendiglich Pleite gemacht.“
+
+„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir können die Leute
+nicht genügend anschwindeln. Und schwindeln muß man können, wenn man
+Geschäfte machen will. Aber gründlich.“
+
+„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der wird sich auch freuen,
+Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz gern mal draußen irgendwo. Zur
+Abwechselung, sehen Sie. Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird
+einem auch über.“
+
+
+ 14.
+
+Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel, wo die Chinesen
+alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre Restaurants haben. Nur
+wenige hatten ihre Läden in anderen Stadtvierteln. Sie hockten am
+liebsten immer zusammen.
+
+Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte mir immer
+wieder die Hand, lachte und schwatzte drauf los, lud uns zum
+Niedersetzen ein und wir bestellten unser Essen.
+
+Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen Kamm geschoren.
+Einfache viereckige Holztische, manchmal nur drei, an jedem Tisch drei
+oder vier Stühle. Wegen der Menge der Speisen, die man erhält, können
+bestenfalls drei sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch
+sitzen. Auf die Sauberkeit des Geschirres und auf die Sauberkeit in der
+Zubereitung der Speisen kann man sich besser verlassen als in vielen
+teuren und eleganten Restaurants in Europa oder in den Staaten. Was in
+der Küche vor sich geht, kann man in den meisten Fällen von seinem
+Tische aus mit ansehen.
+
+Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen
+Speisewirtschaften der Stadt die ganz genau gleiche. So schließen die
+Chinesen unter sich jede unreelle Konkurrenz aus.
+
+Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine braunrote, tönerne,
+weitbauchige Wasserflasche, von der Art und Form, wie sie schon bei den
+Azteken im Gebrauch war. Dann eine Flasche mit Oel und eine mit Essig.
+Ferner eine Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit
+Zucker und ein Glas mit Chille. Chille ist eine dicke aufgekochte Suppe
+von roten und grünen Pfefferschoten. Ein halber Teelöffel in die Suppe
+getan, genügt, um einen normalen Europäer zu veranlassen, die Suppe als
+total verpfeffert und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm
+Zunge und Gaumen verbrennen würde.
+
+Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber mit Hilfe eines
+indianischen Mädchens die Küche besorgte.
+
+Zuerst bekamen wir einen Klumpen Eis in einem Glase, das wir mit Wasser
+füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert seines Geschäftes nach dem
+Bierverbrauch, man erhält Bier nur auf ausdrückliches Verlangen, und
+kein Wirt verdirbt einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges
+Lamentieren, daß er am Essen nichts verdienen könne.
+
+Dann bekamen wir ein großes Brötchen, es folgte die Suppe. Es ist immer
+Nudelsuppe. Antonio schüttete sich einen Eßlöffel voll Chille in die
+Suppe, ich zwei, zwei gehäufte. Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein
+halber Teelöffel die Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar
+macht. Aber man wird auch bereits bemerkt haben, daß ich weder normal
+bin, noch daß ich mich zu den Europäern zähle. Die Europäer haben mir
+das abgewöhnt, nicht die Indianer in der Sierra de Madre.
+
+Während wir noch in der Suppe herumfischten, kamen ein Beefsteak,
+geröstete Kartoffeln, ein Teller Reis, ein Teller mit butterweichen
+Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch. Das gibt es hier nicht, daß man
+sich nach jedem Gang erst die Galle anärgern muß, weil der Kellner sich
+eine halbe Stunde lang erst überlegt, ob er einem nun den folgenden Gang
+eigentlich bringen soll oder nicht. Hier werden alle Gänge sofort
+gleichzeitig auf den Tisch gestellt.
+
+Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine Bohnen ein gegen
+Tomatensalat, den man sich selbst am Tische zubereitet und ich tauschte
+meinen Gulasch ein gegen eine Omelette.
+
+Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte er seine Bohnen
+behalten, würde er sie auch noch geschüttet haben. Aber Bohnen schien es
+genug in der Bäckerei zu geben, dagegen wohl seltener Tomatensalat.
+
+Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das Beefsteak und eine
+Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann würzte ich den Reis mit zwei
+Eßlöffel Chille und die Bohnen mit vier Eßlöffel Zucker.
+
+Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte Eistee mit
+Zitrone, ich ^Café con leche^, wofür man auch ebenso gut sagen kann:
+Kaffee mit Milch. Kaffee trinkt man mit einem Drittel des Tasseninhaltes
+Zucker darin. Diese Sitte halte ich für sehr gut und für sehr
+vernünftig. Es mag dies als fernerer Beweis angesehen werden, daß ich
+für Europa verloren bin, und zwar für immer; denn wo ich auch zu Tisch
+sitzen werde, die Hausfrau, vielleicht sogar auch der Hausherr, der ja
+materiell dafür aufzukommen hat, müßten angebunden werden, weil sie
+sonst Tobsuchtsanfälle bekommen würden angesichts meines
+Zuckerverbrauchs.
+
+Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch einige Zahnstocher.
+Deshalb sieht man auch nie, daß ein Mexikaner mit der Gabel in den
+Zähnen herumfuhrwerkt, wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar
+Square und an anderen Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu
+beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht gut essen
+kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel aufzuschlitzen,
+wie so oft von ungeschickten und furchtsamen Leuten behauptet wird, weiß
+ich aus eigener Erfahrung. Etwas unbequem sind die starken
+Seemannsmesser, wie ich eines habe; weil die am Ende spitz sind und
+nicht breit, deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne
+und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den Fisch mit dem
+Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel weiß ich nicht. So oft ich
+Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den offenen Garküchen auf den
+Märkten und an anderen Orten, aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und
+dem Daumen. Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und
+vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine, sie packten
+ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben auch meist gar kein
+Messer, das sie dem Gast geben könnten, sondern eben auch nur die
+natürlichen Werkzeuge, die sie nicht erst kaufen brauchen.
+
+In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch, weil wir der
+besseren Verdauung wegen während des Essens nichts Gedankenschweres in
+unserem Hirn herumwälzen wollten und weil man beim Essen nur vom Essen
+sprechen soll.
+
+Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen, daß wir keine
+ungebildeten Leute oder was viel schlimmer ist, etwa gar revolutionäre
+Arbeiter waren. Denn das kann man so sehr leicht werden, wenn man sich
+gehen läßt und nachgibt, besonders wenn man augenblicklich keine andere
+Zukunftsmöglichkeit vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis
+siebzehnstündige Arbeitszeit für anderthalb Pesos.
+
+Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos, alles
+einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen
+Speisewirtschaft.
+
+Jeder Weiße und jeder Mexikaner, der es versucht – und es wird immer
+wieder versucht – für dasselbe Geld die gleiche Mahlzeit mit allem
+genannten Zubehör zu geben, geht zugrunde. Das Allerwenigste, was ein
+Nicht-Chinese fordern muß, sind achtzig Centavos. Wie der Chinese das
+fertig bekommt und dabei noch verdient und zu Wohlstand gelangt, ist
+eins der vielen Geheimnisse, die um den Chinesen gehäuft sind.
+
+Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich gründlich Mund
+und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. Sauberen Mund und
+saubere Zähne zu haben ist dem Mexikaner wichtiger als ein trockener
+Fußboden. Die nimmermüde tropische Sonne trocknete ja den Fußboden, ehe
+sich der nächste Gast an unseren Tisch setzt.
+
+
+ 15.
+
+Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging in den Laden
+und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal.
+
+„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber.
+
+„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker,“ sagte ich.
+
+„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“
+
+„In Monterrey.“
+
+„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie Kost, Wohnung und
+Wäsche und ein und einen halben Peso für den Tag.“
+
+„Halt!“ sagte er plötzlich, „sind Sie sicher auf Torten, auf Torten mit
+Gußornamenten?“
+
+„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur Torten mit
+Gußornamenten gebacken.“
+
+„Das ist fein! Da will ich aber doch mal mit meinem Meister sprechen,
+was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger Meister, von dem können Sie viel
+lernen.“
+
+Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich gerade die Stiefel
+anzog, um auszugehen.
+
+„Hier ist ein Bäcker von Monterrey, der Arbeit sucht. Hören Sie mal, ob
+Sie ihn brauchen können.“
+
+Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns beide allein.
+
+Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen, zog sich
+ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich auf den Bettrand und
+zündete sich eine Zigarre an.
+
+Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er mich mißtrauisch
+von oben bis unten und sagte endlich:
+
+„Sie sind Bäcker?“
+
+„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“
+
+„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch.
+
+„Verstehen Sie was von Torten?“
+
+„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie gemacht
+werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte das gerade lernen.“
+
+„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen, heute abend um zehn
+Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was essen?“
+
+„Nein, danke! Nicht jetzt.“
+
+„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen nun Ihr Bett
+zeigen.“
+
+Sein Mißtrauen war geschwunden und er war sehr freundlich.
+
+„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus Ihnen machen, wenn
+Sie gut aufpassen und willig sind.“
+
+„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Sennor. Bäcker und Konditor
+wollte ich schon immer werden.“
+
+„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder sich die Stadt
+ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“
+
+„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“
+
+„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“ –
+
+Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank.
+
+„Na?“ begrüßte er mich.
+
+„Ich fange heute abend an.“
+
+„Das ist gut,“ sagte er, „vielleicht gehe ich später mit Ihnen runter
+nach Columbien.“
+
+Ich setzte mich zu ihm.
+
+Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte und um ein
+Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der gegebene Zeitpunkt,
+nach Gonzalo zu fragen. Es war mir eigentlich nicht so sehr darum zu
+tun, nur zu schwätzen, als vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen
+würde, wie sich ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen
+hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man wisse es.
+
+Eine Gefahr war freilich damit verknüpft. War Antonio in Wahrheit ein
+echter Mörder, dann würde er bei erster Gelegenheit mich auf die Seite
+schaffen als Mitwisser. Aber darauf wollte ich es ankommen lassen. Diese
+Gefahr kitzelte mich erst recht, auf den Busch zu klopfen. Ich war ja
+vorbereitet und konnte mich meiner Haut wehren. Mit ihm allein durch den
+Busch, vielleicht gar nach Columbien zu trampen, würde ich dann schon
+wohlweislich vermeiden.
+
+„Wissen Sie, Antonio,“ sagte ich plötzlich aus heiler Haut heraus, „daß
+Sie von der Polizei gesucht werden?“
+
+„Ich?“ erwiderte er ganz erstaunt.
+
+„Ja, Sie!“
+
+„Weswegen denn? Ich weiß nicht, daß ich etwas verbrochen habe.“
+
+Es klang sehr aufrichtig; zu aufrichtig, um echt zu sein.
+
+„Wegen Mord! Wegen Raubmord!“ setzte ich hinzu.
+
+„Sie sind wohl verrückt, Gale. Ich wegen Raubmord? Da sind sie aber böse
+im Irrtum. Vielleicht eine Namensähnlichkeit.“
+
+„Wissen Sie, daß Gonzalo tot ist?“
+
+„Was?“ Er schrie es beinahe.
+
+„Ja,“ sagt ich ruhig, ihn im Auge behaltend.
+
+„Gonzalo ist tot. Ermordet und beraubt.“
+
+„Der arme Kerl! Er war ein guter Bursche,“ sagte Antonio bedauernd.
+
+„Ja,“ bestätigte ich, „er war ein braver Kerl! Und es ist schade um ihn.
+Wo haben Sie ihn denn zuletzt gesehen, Antonio?“
+
+„In dem Hause, wo wir alle wohnten.“
+
+„Mr. Shine erzählte mir, daß ihr drei, Sie, Gonzalo und Sam zusammen am
+Montag morgen fortgegangen seid.“
+
+„Wenn Mr. Shine das sagt, dann irrt er. Gonzalo ist zurückgeblieben. Wir
+zwei nur, Sam und ich sind zur Station gegangen.“
+
+„Das verstehe ich nicht,“ sagte ich nun. „Mr. Shine hat am Fenster oder
+in der Tür gestanden, ich weiß nicht wo und hat euch drei bestimmt
+gesehen.“
+
+Da lachte Antonio leicht auf und sagte: „Mr. Shine hat recht und ich
+habe auch recht. Aber der Dritte, der bei uns war, war nicht Gonzalo,
+sondern einer dort aus der Gegend, einer von den Eingeborenen, der die
+Hühner von Abraham kaufen wollte, weil er dachte, er könne sie billig
+haben. Abraham war aber schon zwei Tage fort und hatte die Hühner
+bereits verkauft, ich glaube an Mr. Shine.“
+
+„In dem Hause, wo Sie Gonzalo zuletzt gesehen haben,“ sagte ich nun
+langsam, „habe ich ihn auch gefunden, ermordet und beraubt. Das heißt,
+es ist ihm nicht alles geraubt worden, fünf Pesos und etwas darüber hat
+ihm der Mörder gelassen.“
+
+„Ich möchte ernst bleiben bei der tragischen Geschichte,“ sagte Antonio
+leicht vor sich hin grinsend, „aber da muß ich doch lachen. Das übrige
+Geld von Gonzalo habe ich.“
+
+„Na also!“ rief ich, „davon rede ich ja die ganze Zeit.“
+
+„Davon reden Sie allerdings, Gale,“ erwiderte Antonio. „Aber das Geld
+habe ich ihm doch abgewonnen. Sam weiß das gut, der war ja auch dabei.
+Sam hat ja selbst fünf Pesos dabei verloren. Er hat sich ja mit in die
+Wette hineingedrängt.“
+
+Das wurde jetzt eine merkwürdige Geschichte.
+
+„Sam, ich und der Indianer, wir sind zusammen vom Hause fortgegangen.
+Gonzalo wollte zurückbleiben und sich gut ausschlafen. Ich bin mit Sam
+bis Celaya gefahren. Sam ist dann weiter gefahren bis hierher nach
+Oaxaca und ich bin hierher teils gelaufen, teils habe ich ein paar
+Strecken mit den Zügen blind gemacht.“
+
+Was Antonio sagte, klang wahr. Außerdem hatte er Sam als Zeugen. Und daß
+Antonio diese weite Strecke von Celaya zurückgeeilt sein sollte, um
+Gonzalo zu ermorden, war ganz und gar unwahrscheinlich. Sein Geld hatte
+er ihm ja abgewonnen, ehrlich, Sam war Zeuge. Irgendeinen Wertgegenstand
+besaß Gonzalo nicht. Wir kannten jeder den ganzen Tascheninhalt des
+anderen; und auf dem Leibe konnte auch niemand etwas verbergen, wir
+liefen ja immer dreiviertel nackt herum. Da war nichts Verdächtiges
+übrig, Antonio war unschuldig.
+
+„Na, lieber Antonio,“ sagte ich, „da bitte ich Sie herzlich um
+Verzeihung, weil ich geglaubt habe, Sie könnten am Morde oder Tode des
+Gonzalo schuldig sein.“
+
+„Macht nichts, Gale,“ antwortete er gemütlich, „nehme ich Ihnen nicht
+übel; aber ich hätte doch gedacht, Sie würden nicht gleich das Böseste
+von mir denken. Ich habe doch nie jemand irgendeine Ursache hierfür
+gegeben.“
+
+„Das ist wahr. Das haben Sie nicht,“ sagte ich darauf. „Aber sehen Sie,
+die Umstände waren so merkwürdig auf Sie gerichtet. Sie und Sam waren
+die legen mit Gonzalo im Hause. Gonzalo hat, wenn er, wie Sie sagen,
+nicht mit Ihnen gegangen ist, das Haus nicht mehr verlassen. Er ist
+darin ermordet worden. Mr. Shine sagte mir, daß, seit Sie fortgegangen
+seien, niemand sonst dort herum war. Es gibt ja nichts zu stehlen da und
+ein Weg, der jemand zufällig dahin bringen könnte, führt auch nicht
+vorbei. Ich bin noch mal oben gewesen, weil ich dort auf Bescheid von
+einem Oelcamp warten mußte. Rein aus Neugierde geriet ich in das Haus
+und fand Gonzalo tot. Er hatte mehrere Wunden von Messerstichen, die
+gefährlichste war ein Lungenstich in der linken Brust, an dem Stich ist
+er offenbar verblutet.“
+
+Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging in Antonio eine
+erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde leichenblaß, starrte mich
+mit entsetzten Augen an, bewegte die Lippen und schluckte und schluckte,
+konnte aber kein Wort hervorbringen. Mit der linken Hand arbeitete er an
+seinem Gesicht und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch
+herunterreißen wollte, während er mit der rechten Hand wie im Traum nach
+meiner Schulter und nach meiner Brust tastete als ob er sich
+vergewissern müsse, daß da jemand sitze oder ob das nur eine
+Wahnvorstellung sei.
+
+Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich konnte mir jetzt
+überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio zeigte sich plötzlich das
+ganze Schuldbewußtsein eines Menschen, dem seine Tat mit allen ihren
+Folgen klar zu werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich
+ihn des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein solches
+Verhalten zurecht legen, um darüber nicht selbst meine Gedanken zu
+verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen, daß ich selbst
+Gonzalo erschlagen habe!
+
+
+ 16.
+
+Die Lampen im Park flammten auf. Es war halb sieben und wir hatten Ende
+August.
+
+Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in der kurzen
+Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann. Denn es war im hellen
+Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht offen und unbefangen zuletzt
+gesehen hatte. Und nun deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was
+für mich der nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte
+Mensch Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis hatte
+werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu studieren, den die
+finstersten Mächte überfallen haben, ihn schütteln und rütteln und jedes
+Härchen und jede Pore an seinem Körper in Aufruhr versetzen, wurde mir
+nun durch die grellen Lampen zerstört, die in das Gesicht Antonios
+Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht darinnen waren.
+
+Wahrheit allein war sein heißes Atmen und Wahrheit waren seine tastenden
+und krallenden Finger. Alles andere wurde Rampenlicht.
+
+Auf der Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter; zerlumpt wie
+Zehntausende unserer Klasse, weil der Lohn kaum für das Essen reicht,
+häufig nichts übrig bleibt für eine Dreißig-Centavos-Pritsche in einem
+der vielen Schlafhäuser, wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder
+hundert Schlafgenossen aller Rassen der Erde, behaftet mit vielleicht
+ebensoviel oder mehr Krankheiten, die von den Aerzten gekannt und auch
+nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in demselben einen
+Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch abtrocknen, Männer,
+Frauen und Kinder, im Alter von zwei Wochen bis zu hundertundfünf
+Jahren. Ehemalige Herzöge, Lords, Generale, Professoren, Philosophen,
+Erfinder, Entdecker, Geistliche, Ingenieure, Bankdirektoren, Bankräuber,
+Bankmörder, Dirnen und was sonst noch die Welt an Berufen hervorbringt
+und wieder vernichtet.
+
+Der Arbeiter, ein Indianer, war auf der Bank eingeschlafen. Seine
+Glieder entspannten und der ermüdete und abgearbeitete Körper sank zu
+einem Häuflein Lumpen mehr und mehr zusammen.
+
+Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste die Bank
+wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner Höhe auf dem Erdboden
+kriechen sieht. Dann, als der Polizist wieder an der Rückseite der Bank
+war, zog er seine Lederpeitsche durch die Hand und hieb mit
+bestialischer Brutalität und mit einem tückischen Grinsen auf dem
+Gesicht dem Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb.
+Mit einem unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper des
+Indianer kurz nach vorn über als habe man ihm den Rücken mit einem
+Schwert durchschnitten. Dann aber schnellte der Körper rasch nach hinten
+und sich mit einem Gestöhn windend, griff der Arme langsam mit der Hand
+nach dem gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und
+grinste den Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem Gepeinigten
+liefen vor Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht. Aber er sagte
+nichts. Er stand nicht auf. Er blieb ruhig auf der Bank sitzen. Denn das
+war sein Recht. Sitzen durfte er auf der Bank, er mochte noch so
+zerlumpt sein, es mochten noch so viele elegante Caballeros und Sennoras
+herumirren, um die Kühle des Abends auf einer der bequemen Bänke zu
+genießen und dem Konzert zuzuhören, das bald beginnen würde. Der
+Indianer wußte, er war der Bewohner und der Bürger eines freien Landes,
+wo der Millionär nicht mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen und
+wäre es vierundzwanzig Stunden lang, als der arme Indianer. Aber
+schlafen durfte er nicht auf der Bank. Soweit ging die Freiheit nicht,
+obgleich die Bank auf dem „Platze der Freiheit“ stand. Es war die
+Freiheit, wo derjenige, der die Autorität besitzt, den peitschen darf,
+der die Autorität nicht hat. Der uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt
+wie die Geschichte von der Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der
+uralte Gegensatz zwischen der Polizei und den Mühseligen und Beladenen
+und Hungernden und Schlafbedürftigen. Der Indianer war im Unrecht, das
+wußte er wohl, deshalb sagte er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder
+Gabriel – dieser hier hielt sich für das zweite – war im Recht.
+
+Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Nein!
+
+Mir stieg das Blut zu Kopfe.
+
+In allen Ländern der hohen Zivilisation, in England, in Deutschland, in
+Amerika und erst recht in den übrigen Ländern ist es die Polizei, die
+peitscht und ist es der Arbeiter, der gepeitscht wird. Und da wundert
+sich dann der, der zufrieden an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich
+an der Krippe gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert
+wird und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht. Eine
+Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. Er frißt sich immer
+tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und endlich das Hirn und löst den
+Schrei aus, der die Erde erbeben läßt. Der Schrei: „Rache!“ Warum ist
+Rußland in den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am meisten
+gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet den Weg für die
+Heranstürmenden, deren Schritte Welten erdröhnen und Systeme explodieren
+macht.
+
+Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“ schreien!
+
+Wehe den Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz der Hungernden
+zerfressen und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen!
+
+Man zwang mich, Rebell zu sein und Revolutionär.
+
+Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus Hilfsbereitschaft für die
+Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit sehen zu
+müssen, macht ebensoviele Revolutionäre wie Unzufriedenheit oder Hunger.
+
+Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch der Polizist stand,
+die Peitsche durch die Hand ziehend, sie ab und zu durch die Luft
+pfeifen lassend und mit funkelnden Augen auf sein sich windendes Opfer
+grinsend.
+
+Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle mich auf die
+Bank setzen.
+
+Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie mich sofort zur
+Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen. Sie wissen, daß Ihre
+Instruktion Ihnen nur das Recht gibt, sich der Peitsche zu bedienen,
+falls Sie angegriffen werden oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem
+Aufruf. Das wissen Sie doch?“
+
+„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen,“ verteidigte sich der
+kleine braune Teufel, der kaum höher war als fünf Fuß.
+
+„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er hier zu dieser Zeit
+nicht schlafen dürfe und wenn er wieder einschlafen sollte, durften Sie
+ihn von der Bank verweisen, aber auf keinen Fall durften Sie ihn
+schlagen. Also, kommen Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine
+Möglichkeit mehr haben, jemand zu peitschen.“
+
+Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein Weißer war und sah,
+daß ich es im Ernst sagte. Er hing die Peitsche an den Haken in seinem
+Gürtel und mit einem schnellen Satz war er verschwunden, als habe ihn
+die Erde verschluckt.
+
+Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege.
+
+Ich schlenderte zurück zu Antonio.
+
+Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal. Alles ist
+Busch. Ueberall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen! Die Fliege von
+der Spinne, die Spinne vom Vogel, der Vogel von der Schlange, die
+Schlange vom Coyotl, der Coyotl von der Tarantel, die Tarantel vom
+Vogel, der Vogel vom – – – Immer im Kreise herum. Bis eine
+Erdkatastrophe kommt oder eine Revolution und der Kreis von Neuem
+beginnt, nur anders herum.
+
+Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht! Der Lebende hat
+immer recht! Du bist im recht! Der Tote ist schuld. Hättest du nicht
+Gonzalo ermordet, hätte er dich ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es
+ist der Kreis im Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel
+ist zu häufig und die ganze Zivilisation der Menschen ist ja nichts
+anderes als die natürliche Folge seiner bewundernswerten
+Nachahmungsfähigkeit.
+
+
+ 17.
+
+„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz bestimmt nicht
+meine Absicht, Gonzalo zu töten. Er hätte mich genau so gut treffen
+können. Glauben Sie mir doch, oh, ^amigo mio^! Ich bin nicht schuld an
+seinem Tode.“
+
+„Ich weiß, Antonio. Es konnte Sie treffen. Es kann Sie heute abend noch
+treffen. Es ist der Busch, der uns alle am Kragen hat und mit uns macht,
+was er will.“
+
+„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. Hier in der
+Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar nicht verfallen. Aber da
+singt der Busch die ganze Nacht, da schreit ein Fasan seinen
+Todesschrei, wenn er gepackt wird, da heult der Cougar auf seinem
+Mordwege. Alles ist Blut, alles ist Kampf. Im Busch sind die Zähne, bei
+uns sind es die Messer. Aber es war nur Scherz, nur der reine Spaß.
+Wirklich nur Spaß. Nichts weiter.
+
+Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das Rädchen, oder die
+Messer! Wir hatten keiner so viel Geld übrig nach siebenwöchiger Arbeit
+wie wir brauchten, um aus dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was
+anderes aufzusuchen.
+
+Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte etwas über zwanzig
+Pesos, ich hatte fünfundzwanzig.
+
+Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir gehen.
+
+Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charly war gegangen. Sie
+waren auch nicht mehr da. Wir waren nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich.
+
+Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten jeder Goldstücke,
+das Kleine in Silber.
+
+Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden lag, kaum zu sehen bei
+dem Schein unseres Feuers, da fing Gonzalo an zu fluchen.
+
+Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? Da hat man nun
+sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter Negersklave, in der Glut,
+von früh um vier bis Sonnenuntergang, dann heim. Und dann abgerackert,
+daß man kaum noch einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu
+kochen und runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, keine
+Musik, kein Tanz, kein Mädchen, keinen Schnaps und den schlechtesten
+Tabak. Was soll ich mit dem Lausedreck da anfangen?“
+
+Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort.
+
+„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine Hose ein Lumpen,
+meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, keine Sohle, kein Oberleder,
+kein Nischt, sogar die Riemen sind zwanzigmal geknotet. Und nischt
+bleibt übrig und geschuftet wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens
+vierzig Pesos!“
+
+Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf.
+
+„Mit vierzig Pesos,“ sagte er, „käme ich zurecht. Könnte nach Mexico
+Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit man auch anständig
+aussieht, wenn man zu einem Mädchen „Buenos tardes!“ sagen will. Und man
+hat noch ein paar Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“
+
+„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „die vierzig Pesos sind es auch
+gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das Notdürftigste zu kaufen.“
+
+„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um das Geld spielen.
+Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen etwas Rechtes anfangen.
+Wenn du mein Geld noch dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch
+einer von uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist
+jeder ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich auf den
+ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet hat.“
+
+„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht,“ erzählte Antonio weiter. „Ich
+hätte mein Geld auch gleich versoffen. Wenn man mit dem gottverfluchten
+Tequila erst einmal anfängt, hört man nicht eher auf, bis der
+letzte Centavos verwichst ist. Das geht dann durch, besoffen,
+nüchtern-besoffen, nüchtern-besoffen immerfort bis alles hin ist. Und
+was man nicht selber durch die Gurgel rasselt, da helfen dann die
+Mitsäufer, und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und der
+schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das kennen Sie doch,
+Gale?“
+
+Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der einem die Kehle
+zerreißt, daß man sich nach jedem Glas schütteln muß und schnell ein
+paar eingemachte Bohnen, die einem der kluge Wirt mit einem spitzen
+Hölzchen zum Aufspießen hinstellt, hinterher schlucken muß, um den
+Petroleumgeschmack los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie
+besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer ein
+Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem mysteriösen Grunde durch die
+Kehle jagen muß, ohne ihn mit der Zunge zu betasten. Und wenn man dann
+endlich glaubt, genug zu haben, hat man weder Hirn, noch Körper, noch
+Blut. Man hört auf zu existieren. Das Daseinsbewußtsein verlöscht
+vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, Aerger, Zorn. Uebrig
+bleibt nur das absolute Nichts. Welt und Ich sind verweht. Nicht einmal
+Nebel bleibt.“
+
+Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung suchend.
+Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Wir hatten keine Karten und
+keine Würfel. Wir zogen Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin
+und zurück. Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die aus der einen Tasche
+zur anderen gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein Geld wechselte
+nicht von Haus zu Haus.
+
+Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. Vielleicht zehn
+oder elf Uhr.
+
+Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, jetzt habe er genug
+von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er endlich wissen, woran er morgen
+früh sei.
+
+„Ja, weißt du denn einen anderen Vorschlag?“ sagte ich zu ihm.
+
+„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so wütend macht.
+Wir albern hier herum wie die kleinen Kinder, ohne zu einem Ende zu
+kommen. Immer hin und her. Es ist zum verrückt werden!“
+
+Dann als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in die Glut starrend,
+sich eine Zigarette nach der anderen drehend und jede kaum angeraucht
+ins Feuer warf, sagte er plötzlich aufspringend: „Jetzt weiß ich, was
+wir tun. Wir machen ein Azteken-Duell um die ganze Summe.“
+
+„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“
+
+Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus Huehuetoca, und seine
+Vorfahren waren einst Caciques gewesen. Das ist so etwas wie Heerführer
+und Statthalter. Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem
+Lande durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr selten
+ein Irrtum unterläuft.
+
+„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ sagte
+Gonzalo erstaunt.
+
+„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir sind doch
+spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als zweihundert Jahre hier
+sind, Vaters und Mutters Seite. Aber von einem Azteken-Duell habe ich
+nie gehört.“
+
+„Aber das ist ganz einfach,“ sagte Gonzalo. „Wir nehmen zwei junge,
+gerade gewachsene Bäumchen, binden oben unsere Messer fest daran und
+werfen sie dann gegenseitig auf einander los, bis der eine aus Ermattung
+nachgeben muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer stehen
+bleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. Dann kommen wir
+doch wenigstens zu einem Ende.“
+
+Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir eine ganz verrückte
+Idee zu sein.
+
+„Du hast doch nicht Angst, Spanier!“ lachte Gonzalo.
+
+Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton von Verhöhnung lag,
+brauste ich auf:
+
+„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier hat nie Angst! Das will
+ich dir gleich beweisen. Los zum Azteken-Duell!“
+
+
+ 18.
+
+Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und krochen im Busch
+herum, bis wir zwei passende Stämmchen gefunden hatten.
+
+Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, damit wir ein
+tüchtig Feuer bekämen, um im Kampfe auch Ziellicht zu haben.
+
+Wir befreiten die Stämmchen von den Aesten und banden oben unsere
+aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an.
+
+„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge überstehen,“
+sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht ermorden. Es ist ja nur um
+das Spiel. Das Messer braucht nicht weiter überstehen, als der halbe
+kleine Finger. So, das ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer
+betrachtend. „Jetzt binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem
+Speer ein richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“
+
+Dann umwickelten wir unseren linken Arm mit Gras und einem Sack, um ein
+Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte Gonzalo, „der Schild ist
+wichtig. Das ist ja eben gerade das Vergnügen, aufzufangen und
+abzuwehren.“
+
+Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja und ich? Soll ich
+vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“
+
+Der Chino hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer der
+Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn haben. Sie wissen ja,
+Gale, was für Spielratten die Chinos sind. Die würden die Frachtkosten
+für ihren Leichnam verspielen, wenn ihnen das nicht gegen alle Moral
+ginge.
+
+„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „Du kannst ja auf einen von uns wetten.“
+
+„Fein,“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. Fünf Pesos.
+Wenn du gewinnst, bekomme ich von dir fünf Pesos und wenn du verlierst,
+kliegst du von mir fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen,
+weil du dann deine zwanzig Pesos los würdest.“
+
+Wir deponierten jeder unsere zwanzig Pesos, die Sam vor sich auf einen
+Stein legte und dann legte er selbst seine fünf Pesos Wetteinsatz hinzu.
+
+Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab und wir legten jeder ein langes
+Stück Holz an die Marken, die keiner der Kämpfer überschreiten durfte,
+wenn er nicht sofort fünf Pesos an den anderen verlieren wollte.
+
+Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum Rückwerfen benutzte
+jeder den Speer des anderen.
+
+Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte ich Gonzalo nur
+in Umrissen sehen und den Speer, wenn er auf einen zugeflogen kam,
+konnte man beinahe gar nicht sehen, denn rund herum war ja stockdunkle
+Nacht.
+
+Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die rechte Schulter.
+Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale.
+
+Dabei zog er sein Hemd von der Schulter und ich sah den Stich noch
+unvernarbt.
+
+Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich in Aufregung. Ich
+bekam nach einigen weiteren Gängen noch einen Stich, der mir durch die
+Hose ins Bein ging. Aber ich konnte ganz gut aushalten.
+
+Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner nachgeben wollte,
+wurde das Tempo immer rascher. Es kam so mittlerweile ein gutes Stück
+Wildheit in die Sache und jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde
+niemals geglaubt haben, daß es nur ein Spiel sei.
+
+Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich
+weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon
+einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an,
+müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig
+Kilo wiege und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald
+kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal wäre ich beim
+Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl,
+ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr
+aufstehen.
+
+Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr
+sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn
+bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz
+gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst
+aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn
+eben immer wieder zurück.
+
+Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo
+sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm vorbei
+geflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn
+auf und als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal
+so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht
+niedergeschlagen.
+
+Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh
+war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich
+umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich
+hätte meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern.
+
+Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.
+
+Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich meine fünf Pesos
+verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen. Gonzalo gibt auf.“
+
+Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die
+Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden.
+
+Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, das er
+gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war.
+Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig
+auf die Brust und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte
+ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die
+Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal.
+
+Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche.
+Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne
+geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf
+Pesos ebenfalls in die Tasche steckte.
+
+So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde
+kleiner und kleiner.
+
+Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“
+
+Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine eigenen gewesen:
+„Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“
+
+Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend und sich
+festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte.
+
+Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, hörte ich,
+wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen zeitig geht und ich bin noch nicht
+auf, braucht ihr mich nicht wecken. Ich will lange durchschlafen, ich
+bin furchtbar müde. Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein
+Fahrgeld.“
+
+Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war Zeit. Um acht Uhr
+abends mußten wir auf der Station sein, sonst verloren wir zwei Tage.
+
+Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte sehen. Sah auch
+Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke schlief.
+
+Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen.
+
+Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade der Tag zu
+grauen anfing, gingen wir. Ein paar Schritte weiter trafen wir den
+Indianer, der die Hühner kaufen wollte. –
+
+Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre Geschichte.“
+
+„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt,“
+sagte ich.
+
+„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend.
+
+„Weil er bereits tot war!“ –
+
+„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam
+gehen, der weiß es auch.“
+
+„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist die
+Wahrheit!“
+
+
+ 19.
+
+Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen.
+
+Die Ouverture zu Cavalleria rusticana.
+
+Da kam das wehmütige Motiv des Intermezzos.
+
+Klagend und weinend schwebten die Töne über den Plaza. Sie schlangen
+sich trauernd um die königlichen Palmen.
+
+Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen nicht sehen zu
+müssen.
+
+Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. Ausgelöscht aus
+den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand mit einem Knäuel roher schwarz
+verfärbter Baumwolle auf die Brust gepreßt.
+
+Die Baumwolle! –
+
+Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, ohne daß ich
+es bemerkte.
+
+„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er da.
+
+„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube Sie sehen Gespenster.
+Bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein.“
+
+Er schwieg.
+
+„Ach, diese verfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich. „Sollen
+lieber spielen „Der Graf von Luxemburg“. Es ist ja alles so lustig! Das
+ganze Leben ist so lustig!
+
+Begräbnismusik für die Toten! Für die Lebenden schmetternde Fanfaren!
+Kommen Sie. Antonio! Es ist Zeit. Wir müssen uns eilen zur Bäckerei.
+
+Seien Sie pünktlich! hat der Meister gesagt.“
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Diese Erstveröffentlichung der „Baumwollpflücker“ wurde vom 21. Juni bis
+zum 16. Juli 1925 im „Vorwärts“, Berlin, in 22 Folgen gedruckt:
+
+ 1. 21. Juni, S. 5
+ 2. 23. Juni, S. 5
+ 3. 24. Juni, S. 5
+ 4. 25. Juni, S. 5
+ 5. 26. Juni, S. 5
+ 6. 27. Juni, S. 5
+ 7. 28. Juni, S. 5
+ 8. 30. Juni, S. 5
+ 9. 1. Juli, S. 5
+ 10. 2. Juli, S. 5
+ 11. 3. Juli, S. 5
+ 12. 4. Juli, S. 5
+ 13. 5. Juli, S. 5
+ 14. 7. Juli, S. 5
+ 15. 8. Juli, S. 5
+ 16. 9. Juli, S. 5
+ 17. 10. Juli, S. 5
+ 18. 11. Juli, S. 5
+ 19. 12. Juli, S. 5
+ 20. 14. Juli, S. 5
+ 21. 15. Juli, S. 6
+ 22. 16. Juli, S. 5
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, teilweise unter Zuhilfename der Buchausgabe von 1926, sind
+hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [Folge 1]:
+ ... anfangen können. Wir fühlten uns alle drei so wohl wie drei ...
+ ... anfangen können. Wir fühlten uns alle vier so wohl wie vier ...
+
+ [Folge 3]:
+ ... gehörte, stahl. Wir nehmen ihm den Raub wieder ab, bevor ...
+ ... gehörte, stahl. Wir nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor ...
+
+ [Folge 3]:
+ ... daß wir auch nicht glauben, daß ein amerikanisches
+ Kanonenboot ...
+ ... daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches
+ Kanonenboot ...
+
+ [Folge 4]:
+ ... Schlafpelz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes
+ Handtuch ...
+ ... Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes
+ Handtuch ...
+
+ [Folge 5]:
+ ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ist kann Sie weder ...
+ ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder ...
+
+ [Folge 6]:
+ ... leistet, den ein König, ein Milliardär oder ein einfacher
+ Landmann ...
+ ... leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein einfacher
+ Landmann ...
+
+ [Folge 7]:
+ ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht haben, ohne Eier ...
+ ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht hatten, ohne Eier ...
+
+ [Folge 11]:
+ ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Gale ...
+ ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Shine ...
+
+ [Folge 12]:
+ ... Darin ist man hier gewöhnt. ...
+ ... Daran ist man hier gewöhnt. ...
+
+ [Folge 12]:
+ ... nicht verlassen brauchte; den er war ein beliebter und
+ lustiger ...
+ ... nicht verlassen brauchte; denn er war ein beliebter und
+ lustiger ...
+
+ [Folge 18]:
+ ... Mund und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...
+ ... Mund und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***
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+<title>Die Baumwollpflücker | Project Gutenberg</title>
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***</div>
+
+<div class="frontmatter blurb chapter">
+<div class="centerpic">
+<img src="images/header.jpg" alt=""></div>
+
+<p>
+<b>Unser neuer Roman.</b> Man kennt das Leben der vormärzlichen
+schlesischen Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter,
+wer aber fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial
+liefern, nach den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern
+auf den Baumwollfarmen? Ein erheblicher Teil der in Mexiko
+geernteten Baumwolle geht in deutsche Spinnereien. Vom Leben
+und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen Gegenden
+tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber inhaltsreiche
+Roman „<em>Die Baumwollpflücker</em>“, mit dessen Veröffentlichung
+wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden
+noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm
+vor. Wo um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe
+und Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind
+brutale Wahrheit. Der Verfasser <em>B. Traven</em> spricht aus eigener
+bitterer Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen
+Szenen vertiefen nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des
+Romans – denn es gibt doch einen – ist die arbeitende Klasse, sind
+die mexikanischen Landarbeiter, meist Indianer. Im Vergleich zu
+diesen führen die Landarbeiter in den ostelbischen Gefilden das reinste
+Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt das Proletarierleben in
+Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als Oelmann, als
+Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker,
+Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann
+unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo
+die „Wilden“ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig
+gewesen. Noch heute liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er
+uns schreibt – 35 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, wo er
+„Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der heutigen Nummer von „Volk
+und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff davon, wie es in diesen
+tropischen Einsiedeleien aussieht.
+</p>
+
+<p class="src">
+„Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+Die Baumwollpflücker.
+</h1>
+
+<p class="aut">
+Roman von B. Traven.
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="part" id="chapter-0-1">
+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+Revolutionsgesang der Baumwollpflücker
+in Mexiko.
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Es trägt der König meine Gabe,</p>
+ <p class="verse">Der Millionär, der Präsident;</p>
+ <p class="verse">Doch ich, der arme Pflücker, habe</p>
+ <p class="verse">In meiner Tasche keinen Cent.</p>
+ <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p>
+ <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p>
+ <p class="verse1">Häng um den Sack!</p>
+ <p class="verse1">Hörst Du die Wage rasseln?</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Nur schwarze Bohnen sind mein Essen,</p>
+ <p class="verse">Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin;</p>
+ <p class="verse">Mein Hemde hat der Busch gefressen,</p>
+ <p class="verse">Seitdem ich Baumwollpflücker bin.</p>
+ <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p>
+ <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p>
+ <p class="verse1">Häng um den Sack!</p>
+ <p class="verse1">Hörst Du die Wage kreischen?</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise,</p>
+ <p class="verse">Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh,</p>
+ <p class="verse">Die Hos’ ging längst schon auf die Reise,</p>
+ <p class="verse">Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’.</p>
+ <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p>
+ <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p>
+ <p class="verse1">Häng um den Sack!</p>
+ <p class="verse1">Hörst Du die Wage brüllen?</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten,</p>
+ <p class="verse">Kein Hälmchen Stroh ist heil daran;</p>
+ <p class="verse">Doch diesen Hut muß ich behalten,</p>
+ <p class="verse">Weil ich ja sonst nicht pflücken kann.</p>
+ <p class="verse1">Trab, trab, auf’s Feld!</p>
+ <p class="verse1">Gleich geht die Sonne auf.</p>
+ <p class="verse1">Häng um den Sack!</p>
+ <p class="verse1">Siehst Du die Wage zittern?</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Ich bin verlaust, ein Vagabund,</p>
+ <p class="verse">Und das ist gut, das muß so sein;</p>
+ <p class="verse">Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund,</p>
+ <p class="verse">Käm’ keine Baumwoll’ rein.</p>
+ <p class="verse1">Im Schritt, im Schritt!</p>
+ <p class="verse1">Es geht die Sonne auf.</p>
+ <p class="verse1">Füll in den Sack die Ernte Dein!</p>
+ <p class="verse1">Die Wage schlag in Scherben!</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="part" id="chapter-0-2">
+Erster Teil.
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="chapter1" id="subchap-0-2-1">
+1.
+</h3>
+
+<p class="first">
+Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den
+wenigen Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem
+nackten Erdboden saßen, ich hätte nach dem Wege fragen
+können.
+</p>
+
+<p>
+Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge
+gesehen hatte. Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper.
+Vierzehn Tage nicht rasiert. Einen alten, breitrandigen
+Strohhut auf dem Kopfe; einen roten Baumwollfetzen am
+Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen war;
+eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den
+Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die
+vorn und hinten offen sind.
+</p>
+
+<p>
+Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher
+wußte er nicht, in welcher Form und Reihenfolge er die
+Worte bringen sollte für den Satz, den er mir sagen wollte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es
+mir zu lange dauerte.
+</p>
+
+<p>
+„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal
+und kam endlich heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach
+Ixtilxochitchuatepec geht?“
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten
+zu fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe
+beleidigend ist, jemand nach Namen, Beruf, woher und
+wohin auszuforschen, kam mir sofort zum Bewußtsein.
+Deshalb fügte ich rasch hinzu:
+</p>
+
+<p>
+„Dort will ich nämlich auch hin!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu
+Mr. Shine, Baumwolle pflücken.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte
+er nun und heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er
+einen Kameraden gefunden hatte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter
+Neger auf uns zu und platzte sofort heraus:
+</p>
+
+<p>
+„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine
+komme?“
+</p>
+
+<p>
+„Baumwolle pflücken?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem
+anderen schwarzen Kollegen in Queretaro.“
+</p>
+
+<p>
+Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu
+getrippelt kam.
+</p>
+
+<p>
+Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine
+Herren, ich will dort hin, wo ist der Weg?“
+</p>
+
+<p>
+Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und
+sagte dann: „Mr. Shine in Ixtilxo – –.“
+</p>
+
+<p>
+„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie
+wollen, verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch
+dort hin.“
+</p>
+
+<p>
+„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“
+</p>
+
+<p>
+Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink
+das kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische
+Klasse bildete sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren
+anfangen können. Wir fühlten uns alle <a id="corr-2"></a>vier so wohl wie <a id="corr-3"></a>vier
+Brüder, die nach langer Trennung sich plötzlich unerwartet an
+irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen haben.
+</p>
+
+<p>
+Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter
+Neger, nur halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso
+pechschwarz wie jener, auf uns zuschlenderte und mit welcher
+Sorglosigkeit ein zweiter Mexikaner uns ansteuerte, beide mit
+dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec,
+Baumwolle pflücken.
+</p>
+
+<p>
+Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. –
+</p>
+
+<p>
+Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam
+und verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine
+Station in Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des
+Zuges daliegen kann.
+</p>
+
+<p>
+Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als
+Quadratzoll Inhalt, selbst wenn man alle Briefe und Umschläge
+auseinanderfaltete, hatte irgendein Jemand, den kein vernünftiger
+Mensch für einen Postbeamten gehalten hätte, mitgenommen.
+</p>
+
+<p>
+Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich,
+wo das ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein
+ganzer Erdteil mit Milch versorgt werden könnte – zwei
+Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht und zwei Kisten
+Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.
+</p>
+
+<p>
+Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das
+Gepäck abgewogen wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen.
+Der Mann, der alle die Amtshandlungen vorzunehmen
+hatte, zu denen auf einer europäischen Bahnstation
+wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte die
+Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch
+auf dem Bahnsteig war.
+</p>
+
+<p>
+Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien
+mit zwei Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier
+eingewickelten Maiskuchen, was sie alles in einem
+Schilfkorbe trug, schlich bereits durch das mannshohe Gras in
+ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt stets am längsten
+auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas verkaufte,
+kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es
+vier Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn
+brachte. Und das wußten auch offenbar die Reisenden.
+Andernfalls hätten sie doch in der Hitze wenigstens hin und
+wieder einmal der Alten etwas zu verdienen gegeben. Aber
+das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, war
+ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft
+nicht aufkommen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich
+auf den Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den
+Schatten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie
+mit dem Lot gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte
+Uebung dazu, herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.
+</p>
+
+<p>
+Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff;
+und weil sie wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie
+hin wollten, überließen sie es mir, den Weg auszukundschaften.
+Sie würden gehen, wenn ich gehe, nicht früher; und sie würden
+mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru führte, immer in der
+Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse wie sie.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2">
+2.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In
+der Nähe der Station war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu
+der die Station gehörte, mußte irgendwo im Busch versteckt
+liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir erst einmal
+in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird,
+der den Weg weiß.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser
+nur waren aus Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher.
+Ich ging hinein und fragte ihn, wo Ixtil – –
+liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir höflich, daß er den
+Namen nie gehört habe.
+</p>
+
+<p>
+Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere
+„moderne“ Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war
+gleichzeitig Postamt, Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank
+und Agentur für alle möglichen Dinge und alle möglichen
+Unternehmungen. Ich fragte den Inhaber, aber er
+kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb fünfzig
+Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er
+jeden Platz und jeden Farmer.
+</p>
+
+<p>
+Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt
+aussahen wie wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte
+sich eine Zigarette, wobei er den Tabak in ein Maisblatt
+wickelte, und als er sie angezündet hatte, sagte er:
+</p>
+
+<p>
+„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder,
+die hier in dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in
+jener Richtung.“
+</p>
+
+<p>
+Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener
+Gegend hinaus, die er meinte.
+</p>
+
+<p>
+„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal
+ziemlich viel Baumwolle hier verladen worden. Die
+Farmer kamen mit Autos, also wird wohl noch etwas Weg
+übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern Mr. Shine
+hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen
+gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig.
+So genau weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind
+sicher früh morgens abgefahren.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in
+einer anderen Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den
+Farmern Mr. Shine heißen kann, alle sind Gringos.“
+</p>
+
+<p>
+„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für
+Amerikaner. Er hat ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung
+wie „Boche“ in Frankreich für Deutsche. Aber die Amerikaner,
+die viel zu viel unzerstörbaren Humor besitzen, um sich so
+leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das Leben schwer zu
+machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe genommen
+dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt,
+was für Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen.
+Und sie sagen das mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der
+schönste Witz wäre.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf,
+waren die üblichen Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht
+auf den Erdboden gestellt und ein Dach aus trockenem
+Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus dünnen
+Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen,
+keine Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte
+man von außen sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere
+oder bequemere Mexikaner wohnten, hatten nicht einmal diese
+angedeuteten Wände, sondern oben um das Dach herum hingen
+einige große Palmblätter, um die Strahlen der Sonne, wenn
+sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag
+schräger einfielen, abzuschatten.
+</p>
+
+<p>
+Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die
+Schweine mußten sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie
+das Futter zusammensuchen. Die Hühner saßen nachts in
+dem Baum, der der Hütte am nächsten stand. Eine alte Kiste
+oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo die
+Hühner brav ihre Eier hineinlegten.
+</p>
+
+<p>
+Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne
+jemals gepflegt zu werden, ihre Früchte in reichen Mengen
+spendeten. Die kleinen Felder, wo nur gesät und geerntet,
+sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und Bohnen mehr
+als die Bewohner aufbrauchen konnten.
+</p>
+
+<p>
+In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war
+zwecklos. Wenn eine Auskunft überhaupt zu erhalten war,
+so war sie sicher falsch. Nicht falsch gegeben mit der Absicht,
+uns irre zu führen, aber aus purer Höflichkeit, irgendeine
+beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“ sagen zu müssen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3">
+3.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung,
+die uns im Postamt von dem Billardspieler genannt war und
+die ich für die einzige glaubwürdige hielt.
+</p>
+
+<p>
+„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden
+es wohl hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer
+sein.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren unserer sechs.
+</p>
+
+<p>
+Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft,
+der mich zuerst angesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung.
+Er war nicht ganz so zerlumpt wie Antonio und
+hatte ein Bündelchen, eingewickelt in eine alte Schilfmatte,
+und eine schöne, nach mexikanischer Art farbenfreudig gemusterte
+Decke, die er über der Schulter trug.
+</p>
+
+<p>
+Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche
+unter allen. Der einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes
+Hemd trug, heile Hosen hatte, gute Straßenstiefel, seidene
+Strümpfe und einen runden städtischen Strohhut. Er hatte
+zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt. Sie schienen gar nicht
+so leicht zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge,
+lächelte immer, konnte das „R“ nicht aussprechen und war
+scheinbar immer guten Mutes. Es wurde mit der Zeit unser
+größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was immer wir
+auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld
+als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte
+er vorsichtig auf einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt,
+was er uns gleich erzählte, nur damit wir nicht etwa
+denken sollten, er trüge es bei sich und könnte dafür geopfert
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große
+Leidenschaft – meine noch viel weniger – aber weil es nicht
+so sehr außerhalb seines Weges lag, wollte er die sechs bis
+sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er hoffte dann
+zum Herbst ein kleines Restaurant – „<span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">comida corrida</span> 50“
+– eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte
+Pläne für die Zukunft hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er
+sich ein dünnes Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden
+eines seiner Bündel und legte sich das Stämmchen über die
+Schulter. Während er bisher mit uns im gleichen Schritt
+gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen Schrittchen
+zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen
+Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und
+ohne jemals zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten
+oder niederlegten, tat er es auch, war aber jedesmal
+erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen mußten. Wir
+schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen
+seien, während er als verdammter Chink von einem gelben,
+fratzenhaften Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und
+daß darin die übermenschliche Ausdauer seiner stinkigen und
+uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er erklärte darauf heiter
+lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir alle von demselben
+Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei und
+nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete
+der Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten,
+ließen wir ihn in seinem Unglauben.
+</p>
+
+<p>
+Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen
+und seinem in fettigem und zerrissenem Papier verschnürten
+Bündel, das unzählige Male auf dem Marsche aufging, viel
+besser in unsere Gesellschaft als der elegante Chink. Charly
+behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder englisch
+geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den amerikanischen
+Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft
+nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder
+Guatemala, oder von St. Domingo. Aber er sprach auch nur
+sehr unbeholfen ein notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren
+können, wo er eigentlich hingehörte. Nach meiner
+Meinung war er entweder aus Brasilien heraufgekommen
+oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er wollte
+sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger
+mit etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach
+den States zu schmuggeln als für einen Weißen, der gut
+Englisch sprechen konnte. Er war der einzige, der offen erklärte,
+daß er Baumwolle pflücken als die schönste und einträglichste
+Arbeit betrachte.
+</p>
+
+<p>
+Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus
+New-Orleans. Er hatte ein schwarzes Hemd an. Weil nun
+seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie das Hemd, konnte
+man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste des
+Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden
+sollte. Er als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den
+Heizern und Maschinenschmierern auf den amerikanischen
+Schiffen getragen wird. Dann trug er eine weiß- und rotgestreifte
+Leinenhose, Lackhalbschuhe und weiße Baumwollstrümpfe.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und
+eine Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und
+in einem kleinen Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln.
+</p>
+
+<p>
+Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche
+und immer lustige amerikanische Nigger der Südstaaten. Er
+hatte eine Mundharmonika, mit der er uns das blöde „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Yes,
+we have no bananas</span>“ so lange vorspielte, bis wir ihn am
+zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit vorläufig
+nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder
+pfiff und dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie
+ein Rabe und log – der Vergleich war von Gonzalo, ich
+weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist – und log wie ein
+Dominikanermönch.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie
+er einen dicken Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio
+gehörte, stahl. Wir <a id="corr-5"></a>nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor
+er ihn in der Pfanne hatte, und wir erklärten ihm ganz ernsthaft,
+daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen ertappten,
+wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine
+Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil
+mit der Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel
+geschnürt habe, am nächstbesten Mahagonibaum aufhängen
+mit einem Zettel auf der Brust, wofür er gehängt sei.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn
+auch nur anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">native
+born</span>“, und wenn wir ihm nur das allergeringste Leid täten,
+so würde er das an die Regierung nach Washington berichten,
+und die würde dann mit einem Kanonenboot und dem
+Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein
+freier Bürger „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">of the States</span>“ und das könne er durch
+„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">c’tificts</span>“ beweisen, und als solcher habe er das Recht, vor
+ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Als wir ihm nun
+erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und keine Gelegenheit
+geben würden, nach Washington einen Bericht zu schicken, und
+daß wir auch nicht <a id="corr-6"></a>glaubten, daß ein amerikanisches Kanonenboot
+mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde,
+sagte er: „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Well, gentlemen sirs</span>, berühren Sie mich nur mit
+der Fingerspitze, dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“
+</p>
+
+<p>
+Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie
+er dem Chink eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es
+sei seine eigene, er habe sie in Guadalajara im American
+Store gekauft. Er wurde daraufhin so windelweich gedroschen,
+daß er keinen Finger krumm machen konnte, um nach
+Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr
+gestohlen, und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl,
+ging uns nichts an.
+</p>
+
+<p>
+Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger
+zu berichten weiß, da ich mich in der Kleidung von den übrigen
+nicht unterschied, und zum Baumwollepflücken, welche zeitraubende
+und schlecht bezahlte Arbeit ich kannte, auch nur ging,
+weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war und ich
+bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose
+brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu
+kaufen, dazu hätte selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf
+einer Baumwollfarm nicht gelangt. Ich war der einzige, der
+keine Strümpfe trug, weil ich keine hatte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum
+Antonio den Fetzen eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie
+klar geworden. Sie mag vielleicht einmal in weit zurückliegenden
+Zeiten, lange vor der Entdeckung Amerikas, die
+Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das will ich nicht
+bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht Uebertreibung,
+sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst
+wird büßen müssen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4">
+4.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wir wanderten lustig darauf los.
+</p>
+
+<p>
+Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten
+neben uns der undurchdringliche und undurchsichtbare Busch.
+Der ewig jungfräuliche tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen
+Mystik, mit seinen Geheimnissen an Tieren der phantastischsten
+Art, mit seinen traumhaften Formen und Farben
+der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an wertvollen
+Steinen und kostbaren Metallen.
+</p>
+
+<p>
+Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine
+Gold- oder Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und
+hatten mehr Wert auf den sicheren Arbeitslohn zu legen als
+auf den unsicheren Millionengewinn, der vielleicht links oder
+rechts von uns im Busch verborgen lag und auf den Entdecker
+wartete. –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
+Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr
+fünf Uhr sein.
+</p>
+
+<p>
+Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um.
+</p>
+
+<p>
+Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch
+hinein hohes Gras stand. Wir rissen soviel von dem Gras
+aus, wie wir Platz zum Lagern brauchten. Dann zündeten
+wir ein Feuer an und brannten den Rest des Grases nieder,
+wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier
+für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche
+ist der beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit
+den Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum
+Kochen, denn wir hatten kein Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem
+Kaffee hervor. Wir wußten nichts davon, daß er einen so
+wertvollen Stoff mit sich führte. Er machte den Kaffee heiß,
+und bereitwillig bot er uns allen zu trinken an. Aber was
+ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck
+Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert
+sind, vor morgen früh um sieben oder acht Uhr
+ganz bestimmt auch nichts Trinkbares haben werden und
+vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig Wasser
+finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der
+Busch ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet
+man dort nur in der Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich
+Tümpel bilden können.
+</p>
+
+<p>
+Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß,
+was für ein Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber
+keiner sagte „Danke!“; jeder betrachtete es als selbstverständlich,
+daß der Kaffee in Teile ging. Wahrscheinlich hätten wir
+es genau so selbstverständlich gefunden, wenn der Chink den
+Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag Wanderung
+in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für
+einen Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft
+Mord zu sinnen im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse
+voll stinkender Flüssigkeit, die man Wasser nennt,
+obgleich sie keine andere Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß
+sie eben Flüssigkeit ist.
+</p>
+
+<p>
+Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern.
+</p>
+
+<p>
+Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige
+Bananen. Der kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen.
+Was es war, weiß ich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen
+<a id="corr-8"></a>Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch
+ein, auch den Kopf, und begann zu schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte,
+so daß er wie ein Baumstamm aussah.
+</p>
+
+<p>
+Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen
+ein, den ich stolz „mein Handtuch“ nannte, und schlief los.
+</p>
+
+<p>
+Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die
+noch lange um das Feuer herumsaßen und rauchten und
+schwatzten. –
+</p>
+
+<p>
+Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem
+Marsche. Abzukochen gab es nichts, und waschen brauchte
+man sich auch nicht. Denn womit hätte man es tun sollen?
+</p>
+
+<p>
+Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch
+schon wieder zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen
+Bäume reichte uns oft bis über die Schultern, und der Grund
+war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß diese stachligen
+Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges
+einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten,
+als wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden
+wären.
+</p>
+
+<p>
+Gegen mittag kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts
+des Weges ein Stacheldrahtzaun hinzog, der uns die Gewißheit
+gab, daß hier eine Farm liegen müsse.
+</p>
+
+<p>
+Als wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun
+zur rechten Hand, gewandert waren, kamen wir
+an eine weite offene Stelle im Busch, die mit hohem Gras
+bewachsen war. Als wir den Platz absuchten, fanden wir auch
+eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle,
+alte Konservenbüchsen, verrostetes Blech und ähnliche
+Ueberbleibsel einer menschlichen Behausung zeigten uns eine
+verlassene Farm.
+</p>
+
+<p>
+Ueber eine solche Enttäuschung muß man rasch hinwegkommen.
+Farmen werden hier gegründet, zehn, auch zwanzig
+Jahre lang bewirtschaftet und dann aus irgendeinem Grunde
+plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft schon früher, ist
+kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals
+Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein,
+als seien es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt
+hat. Der tropische Busch begräbt rascher, als Menschen
+können; er kennt keine Erinnerung, er kennt nur Gegenwart
+und Leben.
+</p>
+
+<p>
+Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm.
+Hier wohnte eine amerikanische Familie.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein
+Lager innerhalb des Hauses. Die übrigen als Nichtweiße,
+wurden auf der Veranda beköstigt und durften in einem
+Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu essen,
+aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie
+eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen
+von weißen Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene
+Fleischgänge, fünf verschiedene Beigerichte, Kaffee,
+Schokolade und abends heißen Kuchen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches
+Frühstück; ich am Tische des Farmers.
+</p>
+
+<p>
+Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekamen
+wir jeder einzelne eine Literflasche kalten Tee mit auf
+den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa
+sechzig Kilometer zu marschieren hätten. Kein Wasser am
+ganzen Weg; die Straße an verschiedenen Stellen kaum noch
+erkennbar, weil sie seit drei Jahren nicht mehr benutzt worden
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Um 9 Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee
+schon ausgetrunken und die Flasche fortgeworfen. Es war
+ihm zu lästig, sie zu tragen. Wir erklärten ihm, daß er unter
+diesen Umständen von uns nichts zu erwarten habe, und wenn
+er versuchen sollte, auch nur einen Schluck zu stehlen, würden
+wir ihn braun und blau schlagen.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend im Lager war es, wo Abraham zwar
+keinen Tee stahl, aber jenen Streifen getrocknetes Rindfleisch,
+das Antonio gehörte. Da sich unsere Drohung nur auf Tee
+bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung, daß von nun
+an jeder Raub in unsere Drohung einbegriffen sei.
+</p>
+
+<p>
+Den folgenden Tag gegen Mittag kamen wir bei
+Mr. Shine an.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5">
+5.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil
+er nicht genügend Leute zum Baumwolle pflücken hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins
+Haus und sagte mir: „Was! Sie wollen auch Baumwolle
+pflücken?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">broke</span>“, das
+sehen Sie ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den
+Städten keine zu haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen
+aus den States, wo die Verhältnisse augenblicklich auch
+nicht rosig zu sein scheinen. Und wo man wirklich Arbeiter
+braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man denen
+Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+„Haben Sie denn schon mal gepflückt?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“
+</p>
+
+<p>
+„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können
+Sie etwas dabei werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“
+</p>
+
+<p>
+„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die
+können’s auch. Die kriegen ganz andere Preise als wir.
+Könnten wir unsere Baumwolle nach den States verkaufen,
+dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber die States
+lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten.
+Wir sind auf unsern eigenen Markt angewiesen, und der ist
+immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <a id="corr-9"></a>Ich kann Sie weder
+beköstigen, noch in meinem Hause unterbringen. Aber ich
+brauche jede Hand, die kommt. Ich will Ihnen etwas sagen;
+ich zahle sechs Centavos für das Kilo. Ihnen will ich acht
+zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die
+Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den
+andern nicht erzählen. Schlafen könnt Ihr da drüben in dem
+alten Hause. Das habe ich gebaut und mit meiner Familie
+zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue hier leisten konnte.
+Well, das ist dann abgemacht.“
+</p>
+
+<p>
+Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag
+etwa fünf Minuten entfernt. Wir machten uns dort häuslich,
+so gut wir konnten. Das Haus, aus Brettern leicht gebaut,
+hatte nur einen Raum. Jede der vier Wände hatte je eine
+Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum war vollständig
+leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein
+paar alte Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen
+vier, benutzten wir als Stühle.
+</p>
+
+<p>
+Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser
+enthielt, das ungefähr sieben Monate alt war und von Kaulquappen
+wimmelte. Ich berechnete, daß etwa 120 Liter
+Wasser in der Zisterne seien, mit denen wir sechs Mann sechs
+bis acht Wochen auskommen mußten. Der Farmer hatte uns
+schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen könnten,
+er wäre selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs
+Pferde und vier Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir
+uns einmal in der Woche, und hatten dann noch zu je drei
+Mann dasselbe Waschwasser zu gebrauchen. Es sei aber
+immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in dieser Jahreszeit
+alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier
+Stunden regnen könne, und wenn wir die Auffangrinnen
+reparierten, könnten wir tüchtig Wasser ansammeln. Außerdem
+sei ein Fluß nur etwa drei Stunden entfernt, wo wir
+baden gehen könnten, falls wir Lust dazu hätten.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem
+uns der nahe Busch das Holz in reicher Menge hergab.
+</p>
+
+<p>
+Auf die recht nebelhafte Möglichkeit bin, daß es vielleicht
+innerhalb der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen
+wir uns zunächst einmal in einer alten Gasolinbüchse. Seit
+drei Tagen hatten wir uns nicht gewaschen.
+</p>
+
+<p>
+Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen,
+ein Rasiermesser, einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich
+immer bei mir.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Chink rasierte sich.
+</p>
+
+<p>
+Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein
+Rasiermesser. Er hatte sich seit beinahe drei Wochen nicht
+rasiert und sah aus wie ein fürchterlicher Seeräuber.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „lieber Antonio, Rasierzeug, Kamm
+und Zahnbürste verpumpe ich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Und der Chink, mutig gemacht durch meine Weigerung,
+sagte lächelnd, daß sein schwaches Messer bei diesem starken
+Bart sofort stumpf würde und er hier keine Gelegenheit habe,
+es schleifen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden.
+</p>
+
+<p>
+Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem
+Pfeffer, der andere schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste
+Bohnen mit getrocknetem Rindfleisch, ein vierter briet einige
+Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir am nächsten Morgen
+schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir auch
+noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in Pfannen
+buken.
+</p>
+
+<p>
+Als wir gegessen hatten, hängten wir unsere armseligen
+Lebensmittel an Bindfaden an den Querbalken im Hause auf,
+weil uns die Ameisen über Nacht sonst alles fortgeholt hätten,
+wenn wir diese Vorsorge nicht getroffen hätten.
+</p>
+
+<p>
+Etwas nach 6 Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe
+Stunde später war rabenschwarze Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Glühwürmchen, mit Lichtern so groß wie Haselnüsse,
+flogen um uns her.
+</p>
+
+<p>
+Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Der Chink war der einzige, der ein Moskitonetz hatte.
+Wir andern wurden von dem Viehzeug gräßlich geplagt und
+schimpften und wüteten, als ob sich die Gesandten einer Hölle
+etwas daraus machen würden.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor
+dem Einschlafen entsetzlich zankten und sich Backpfeifen anboten,
+schienen von den Biestern nicht gestört zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Ich entschloß mich, diese Qual für die eine Nacht zu erdulden,
+aber morgen für irgendeine Abhilfe zu sorgen.
+</p>
+
+<p>
+Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen.
+Jeder kochte sich etwas Kaffee, aß ein kleines Stückchen Brot
+dazu, und fort ging es im halben Trab.
+</p>
+
+<p>
+Das Baumwollfeld war drei Viertelstunden entfernt.
+</p>
+
+<p>
+Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort.
+Wir bekamen jeder einen alten Sack, den wir uns umhängten,
+und dann ging es an die Arbeit. Jeder nahm eine Reihe.
+</p>
+
+<p>
+Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff
+erst weg hat, bekommt man jede Frucht mit einem einzigen
+Griff. Aber da die Knollen, die ähnlich aussehen wie die
+Hüllen der Kastanien, nicht alle die gleiche Reife haben, muß
+man doch bei der Hälfte einige Male zupfen, ehe man den
+Inhalt in den Sack tun kann. Dazu muß man sich auch noch
+unaufhörlich bücken, weil die Früchte nicht alle in bequemer
+Höhe am Strauch hängen, sondern oft bis dicht über dem
+Boden wachsen. Je weiter es gegen Mittag geht, je höher
+steht die Sonne und je mühseliger wird die Arbeit. Man
+trägt nichts weiter am Leibe als Hut, Hemd, Hose und Schuhe,
+aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab; und sehr
+kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren
+kriechen, machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein
+leichter Wind auf, geht es noch; aber bei völliger Windstille
+wird die Qual mit jeder Stunde größer. Gegen 11 Uhr, nach
+beinahe siebenstündiger ununterbrochener Arbeit, kann man
+nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr
+als 20 Minuten entfernt waren. Wir aßen unser trockenes
+Pfannenbrot, das, bei mir wenigstens, ganz verbrannt war,
+und legten uns dann hin, um zwei Stunden zu schlafen, bis
+die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern.
+</p>
+
+<p>
+Wir bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum
+Farmer, um ihn um Wasser zu ersuchen.
+</p>
+
+<p>
+„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch
+schon gestern, daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut,
+heute will ich Ihnen noch etwas geben, von morgen ab müßt
+Ihr Euch Euer Wasser selbst mitbringen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach
+Hause, der dann bald mit einer Kanne Regenwasser zurückkam.
+</p>
+
+<p>
+Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich
+einen Anzug, ein Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe
+oder nur ein Taschentuch kauft. Aber der Baumwollpflücker,
+der wohl die härteste und qualvollste Arbeit für die Kleidung
+leistet, <a id="corr-11"></a>die ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann
+trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den allergeringsten
+Anteil.
+</p>
+
+<p>
+Für ein Kilogramm Baumwollepflücken bekamen wir sechs
+Centavos, ich ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm
+Baumwolle ist beinahe ein kleiner Berg, den zu schaffen man
+unter ständigem Bücken in der mitleidlosen Tropensonne 200
+bis 500 Knollen auszupfen muß. Dazu eine Nahrung, die als
+die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der Menschen
+irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen
+mit Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten
+wieder Bohnen, dann wieder Reis; dazu Brot, selbst
+gebacken aus Weizen- oder Maismehl, entweder kleistrig oder
+zu Kohle verbrannt, Monate altes, abgestandenes Regenwasser,
+Kaffee gekocht aus selbstgebrannten Kaffeebohnen auf
+einem Stein zerrieben und den Kaffee gesüßt mit einem
+billigen, übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen
+Kegeln. Das Salz, das man verwendet, ist Seesalz, das man
+sich selbst vor dem Gebrauch erst reinigen muß. Ein paar
+Kilogramm Zwiebeln in der Woche hinzugekauft ist bereits
+Delikatesse, und ab und zu ein Streifen getrocknetes Fleisch
+ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft leistet, vom
+Lohn nicht einmal das Reisegeld bis zur nächsten Stadt, wo
+man neue Arbeit finden könnte, übrig läßt. Bei sehr fleißiger
+Arbeit verdient man in einer Woche gerade so viel, daß man
+sich, wenn man keinen Centavos für Essen ausgibt, das
+billigste Paar Schuhe kaufen kann, das man im Laden vorfindet.
+</p>
+
+<p>
+Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die
+hohen Preise der Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und
+kann in den meisten Fällen die Pflückerlöhne nur auszahlen,
+wenn er auf die Ernte einen Vorschuß nimmt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6">
+6.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Um 4 Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei
+Tageslicht „nach Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen.
+</p>
+
+<p>
+Ich quartierte aus.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe des Hauses, nur etwa 200 Meter entfernt,
+hatte ich eine Art Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er
+diente oder gedient haben mochte, wußte ich nicht. Er hatte
+ein Dach aus Wellblech, aber keine Wände, es wäre denn,
+daß man einige Baumstämme, die an der einen Seite gegen
+das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier
+Pfähle in die Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein
+paar Platten Wellblech.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den
+Tisch als Bett.
+</p>
+
+<p>
+Der große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen.
+Er kam hin, sah sich die Sache an und es gefiel ihm.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich rief er: „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">A snake! A snake!</span>“
+</p>
+
+<p>
+„Wo?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Da, dicht vor Ihren Füßen.“
+</p>
+
+<p>
+Richtig, da wand sich eine Schlange auf dem Boden hin,
+eine feuerrote, etwa einen Meter lang.
+</p>
+
+<p>
+„Macht nichts,“ sagte ich, „die wird mich nicht gleich auffressen,
+die Moskitos sind schlimmer.“
+</p>
+
+<p>
+Der Nigger zog wieder ab.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile kam Gonzalo. Die rote Schlange war
+inzwischen verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Es gefiel ihm sehr, und er fragte mich, ob ich etwas dagegen
+habe, wenn er auch hier schliefe.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „schlafen Sie ruhig hier, mir ist das
+ganz egal.“
+</p>
+
+<p>
+Da starrte er auf den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Ich folgte seinem Blick.
+</p>
+
+<p>
+Es war wieder eine Schlange. Diesmal eine schöne grüne.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will doch lieber im Hause schlafen,“ sagte nun Gonzalo,
+„ich mag Schlangen nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Ich mache mir nichts aus Schlangen. So leicht würden
+sie ja wohl kaum auf den Tisch kommen; und wenn sie sich
+wirklich hinaufringeln sollten, was sie zuweilen tun, so werden
+sie ja nicht gleich beißen, und wenn sie beißen sollten, so werden
+sie ja nicht gleich giftig sein. Wären sie alle giftig, und
+würden sie alle einen schlafenden Menschen, der ihnen nichts
+zu leide tut, beißen, wäre ich längst nicht mehr am Leben.
+</p>
+
+<p>
+Da dieser Unterstand höher lag als das Haus, keine
+Wände hatte, jedem kleinen Windzug freieren Durchgang ließ,
+in der Nähe auch kein Strauchwerk war und er weit genug
+von der Zisterne und dem ausgetrockneten Tränkepfuhl entfernt
+war, hatte ich hier in der Tat beinahe gar nicht von den
+Moskitos zu leiden.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen kamen noch etwa zwölf Eingeborene
+zur Mitarbeit. Die wohnten ziemlich weit entfernt in irgendeinem
+Dorfe, das irgendwo im Busch liegen mochte. Sie
+kamen auf Maultieren geritten; manche hatten weder Sattel
+noch Steigbügel. Andere hatten wohl einen Holzsattel, aber
+keinen Zaum; an Stelle des Zaumes war den Tieren ein
+Strick um das Maul gebunden.
+</p>
+
+<p>
+Diese Leute waren an die Feldarbeit in den Tropen besser
+gewöhnt als wir, die wir, mit Ausnahme des großen Niggers,
+alle Städter waren. Aber sie schafften viel weniger als wir
+und mußten eine viel längere Mittagspause machen. Jedoch
+das ging uns nichts an, und darüber nachzudenken, lohnte sich
+auch nicht recht.
+</p>
+
+<p>
+Am Samstag kriegten wir ausbezahlt. Wir ließen uns
+von den paar Kröten, die wir in so mühseliger Arbeit verdient
+hatten, gerade so viel geben, wie wir brauchten, um Lebensmittel
+für die nächste Woche einzukaufen. Den Rest ließen wir
+beim Farmer stehen, denn auch nur einen Nickel in der Tasche
+zu haben ist nichts als Versuchung für den andern.
+</p>
+
+<p>
+Selbstverständlich arbeiteten wir Sonntags auch. Der
+brachte dann knapp ein Kilo Speck ein oder fünf Kilo Kartoffeln;
+weil wir an dem Tage schon um drei Uhr Schluß
+machten, um uns wenigstens einmal in der Woche waschen
+zu können und das verschwitzte Zeug, das man Tag und
+Nacht auf dem Leibe hatte, durchs Wasser zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Chink und Antonio waren in den nächsten Laden
+gegangen, der etwa drei und eine halbe Stunde entfernt lag,
+um für uns alle das einzukaufen, was wir ihm jeder auf ein
+Maisblatt aufgeschrieben hatten. Die Hieroglyphen, die auf
+jenen Maisblättern standen, waren nur für die Einkäufer zu
+entziffern, denen wir mündlich die Bedeutung der phantastischen
+Zeichen ausführlich hatten erklären müssen.
+</p>
+
+<p>
+Den nächsten Sonntag hatten dann ich und Abraham
+einkaufen zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber an diesem Sonntag war Abraham schon um zwei
+Uhr von der Plantage verschwunden. Er war mit seinem
+Sack Baumwolle zur Wage gegangen und nicht zurückgekommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Als wir zum Hause kamen, waren Sam und Antonio
+schon mit den Gütern angelangt.
+</p>
+
+<p>
+„Eine elende nichtswürdige Schlepperei“, sagte Antonio.
+</p>
+
+<p>
+„Ach, das war nicht so schlimm!“ begütigte Sam.
+</p>
+
+<p>
+„Ruhig, du gelber Heidensohn, du natürlich mit deiner
+Lastträgervergangenheit, was verstehst du von Schleppen?“
+rief Antonio, während er sich auf die Kiste hinsetzte, die auch
+noch unter ihm zusammenbrach und seine Laune durchaus
+nicht besserte.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, Antonio, warum haben Sie denn nicht
+Mr. Shine um ein Mula oder einen Esel gebeten?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Aber das habe ich ja getan. Er hat es abgelehnt. Er
+sagte zu mir und Sam: Wie kann ich euch denn ein Mula
+geben? Ich kenne euch ja gar nicht, ihr habt ein paar Tage
+bei mir gearbeitet, Sachen habt ihr keine, Papiere habt ihr
+auch keine und wenn ihr welche hättet, kann ich mir für eure
+Papiere, die vielleicht noch nicht einmal euch gehören, kein
+anderes Mule kaufen, wenn ihr es im nächsten Ort verschachert
+und euch dann hier nicht mehr sehen laßt.“
+</p>
+
+<p>
+„Von seinem Standpunkt aus hat er recht,“ erwiderte ich,
+„aber von unserm Standpunkt aus gesehen, ist es eine große
+Niedertracht. Aber was können wir machen?“
+</p>
+
+<p>
+Und gerade jetzt, wo wir schön im Zuge waren, das
+Lieblingsthema aller Arbeiter der Erde anzuschlagen und
+uns den ungerechten Zustand in der Welt, der die Menschen
+in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Drohnen und Enterbte
+teilt, mit mehr Lungenkraft als Weisheit klar zu machen, kam
+Abraham an mit sechs Hennen und einem Hahn, die er an
+den Füßen zusammengebunden hatte und ihre Köpfe nach
+unten hängen lassend, an einem Bindfaden über der
+Schulter trug.
+</p>
+
+<p>
+Er warf das Bündel auf die Erde, wo die Vögel sich
+vergeblich mühten, aufzustehen oder von den Fesseln loszukommen.
+</p>
+
+<p>
+„So, Fellers“, grinste er, „jetzt könnt ihr Eier von mir
+haben. Ich lasse euch das Stück für sieben Centavos, billig,
+weil ihr ja meine Arbeitskollegen seid. In der Stadt kosten
+die Eier siebenundeinhalb, sogar acht.“
+</p>
+
+<p>
+Wir starrten bald das Bündel Hühner, bald den
+grinsenden Abraham an. An ein solches Geschäft hatte keiner
+von uns gedacht und es lag doch so nahe, war so einfach, verlangte
+absolut keine besondere Intelligenz; jeder von uns hätte
+das ebenso gut machen können. Sam Woe empfand keinen
+Neid, keine Eifersucht, nur Bewunderung für den unternehmungslustigen
+Geflügelzüchter; jedoch er schämte sich, daß
+er sich von einem Nigger beim Ausdenken einer ehrlichen
+Nebeneinnahme hatte schlagen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Vor unsern Augen, nicht einmal über Nacht, sondern über
+drei Nachmittagsstunden war aus einem Enterbten und Ausgebeuteten
+ein Produzent, ein Unternehmer geworden. Er
+hatte sich von seinem Lohn die Hühner gekauft, wir Lebensmittel.
+Er hatte keine Lebensmittel mitbringen lassen und
+wir hatten uns schon vorbereitet, wie wir ihm das Stehlen,
+auf das er unter diesen Umständen angewiesen war, unmöglich
+machen wollten. Aber er hatte uns übertrumpft. Er lieferte
+Eier und tauschte dafür an Reis und Bohnen ein, was er
+brauchte. Träte nun der Fall ein, daß wir seine Produkte
+boykottierten, so konnte er ja den Hahn schlachten, vielleicht
+noch ein Huhn, bis er wieder Lohn bekam.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen hatte Abraham vier Eier. Das
+Geschäft konnte beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Eier betrachteten wir noch als größeren Luxus denn
+Speck oder Fleisch. Aber jetzt, wo die Eier so verlockend nahe
+zur Hand waren, viel schneller zubereitet werden konnten als
+irgendeine andere Speise und uns dadurch eine Möglichkeit
+gegeben war, zum Frühstück etwas anderes und Kräftigeres
+in den Magen zu bekommen als den dünnen Kaffee und ein
+schmales Stückchen verbranntes Brot, wollten und konnten
+wir auf Eier nicht mehr verzichten. Wir sahen plötzlich ein,
+daß wir ohne Eier noch vor Beendigung der Ernte an Unterernährung
+zugrunde gehen würden und wenn wir je wirklich
+die Ernte überlebten, so würden wir doch so entkräftet sein,
+daß uns niemand in Arbeit nehmen würde. Die Sklaven
+wurden immer, so erzählte Abraham, der es von seinem
+Großvater wußte, in gutem Ernährungszustande gehalten,
+wie Pferde; um den Ernährungszustand der freien Arbeiter
+kümmerte sich kein Mensch. Wenn sie zu schlecht ernährt
+waren, weil der Lohn für eine bessere Ernährung nicht reichte,
+flogen sie raus.
+</p>
+
+<p>
+Solche merkwürdigen Ansichten, die natürlich keine wissenschaftliche
+Grundlage hatten und auch ganz und gar unrichtig
+waren, brachte Abraham vor, nur um seinen Eiern einen
+regen und dauernden Absatz zu sichern. Uns leuchtete eine
+solche Betrachtung menschlicher Verhältnisse um so mehr ein,
+als es ja gerade Abraham gewesen war, der uns gestern
+mitten in jener regen Auseinandersetzung unterbrochen hatte,
+die uns ohne Zweifel, wenn auch nicht auf dem Wege über
+Eier, zu genau derselben Schlußbetrachtung der Welt geführt
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+Außerdem stundete uns Abraham gutmütig den Betrag
+für gelieferte Eier bis zum nächsten Lohntage. Er tat es nur
+aus Gutmütigkeit und weil er nicht wollte, daß wir, seine
+lieben Arbeitskameraden, im späteren Leben, also nach der
+Ernte, wegen Unterernährung Schiffbruch erleiden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Nach drei Tagen konnten wir nicht mehr verstehen, wie
+wir es überhaupt jemals fertig gebracht <a id="corr-15"></a>hatten, ohne Eier
+auszukommen. Es gab Eier zum Frühstück, es wurden Eier
+zum Mittagessen mitgenommen und abends gab es erst recht
+Eier, wir backten Eier sogar ins Brot, nur um die nötige
+Arbeitskraft für unser ferneres Leben zu erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Abraham verstand die Geflügelzucht, das muß man ihm
+lassen.
+</p>
+
+<p>
+Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden
+zweiten Abend mit Dunkelwerden machte er sich auf den Weg
+mit einem Sack, um bei den Farmern Mais einzukaufen.
+Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde heim, um
+seine Hühner gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam
+er aber immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen.
+</p>
+
+<p>
+Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unseren
+Bedarf schon im voraus kannten, taten das Menschenmögliche,
+nein, Hühnermögliche, um uns vor der drohenden Unterernährung
+zu schützen. Und für den reichlich gelieferten Mais
+lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr als sonst eine
+Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt.
+</p>
+
+<p>
+Am ersten Morgen hatten die Hühner, wie schon berichtet,
+vier Eier gelegt, am zweiten Morgen sieben und als wir
+bezweifelten, daß dies möglich sei, führte uns Abraham am
+darauffolgenden Morgen zu den drei alten Schilfkörben, die
+er für den Zweck aufgehängt hatte und gestattete uns, selbst
+nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten Morgen siebzehn
+Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt worden waren.
+</p>
+
+<p>
+Da wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen
+und persönlich gezählt hatten, zweifelten wir von dem Tage
+an nicht mehr an der Zahl der von Abrahams Hühnern
+gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens, freudestrahlend,
+als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen konnte, daß
+die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hatten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Uns war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner
+behandelte, um solche Resultate zu erzielen. Als Sam Woe
+eines Tages erklärte, bei ihm zu Hause wisse man auch aus
+einer Krume Erde oder aus einer Henne herauszuholen, was
+nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen könne,
+aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr
+ihm der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, Ihr
+versteht die rationelle Geflügelzucht ebenso wenig wie hier
+herum die ganzen Farmer, die noch größere Esel sind, als
+Ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir verstehen, Hühner zu
+behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter gelernt.
+Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber
+jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich
+mehr auf, wenn ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe
+und einmal zeige, wie man Hühner rentabel macht.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7">
+7.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie
+fraßen. Sie fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand
+sein gestecktes Ziel erreichen konnte, sei es ein neues Hemd,
+eine neue Hose oder eine Fahrkarte nach einer Stadt mit
+besserer Arbeitsgelegenheit.
+</p>
+
+<p>
+Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt
+wird, daß sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld
+für etwas Ueberflüssiges auszugeben, hatte ein ganz nettes
+Sümmchen für Eier bei Abraham stehen. Ich glaube aber
+doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer bedauerte, daß
+er nicht der Lieferant sei.
+</p>
+
+<p>
+So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der
+ersten Woche lebten wir jetzt in Saus und Braus. Das taten
+die Eier und das tat eine Nacht mit fünfstündigem Wolkenbruch,
+der uns so gut mit Wasser versorgte, daß wir fürstlich
+schwelgen konnten.
+</p>
+
+<p>
+Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust
+an Arbeitslohn. Das Feld war am Morgen so lehmig und
+schlammig, daß wir die Füße kaum herausziehen konnten.
+Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche Kruste gebrannt
+hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem
+Geld, das wir verdienten, nicht auskommen konnten. Wenn
+die Ernte vorüber sein wird, werden wir knapp zwei Wochen
+Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur nächsten Stadt
+kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden
+würden, hätten wir genau so viel oder richtiger, so wenig
+übrig, als wenn wir nicht sechs Wochen, jede Woche zu sieben
+Tagen, in tropischer Sonnenglut von Sonnenaufgang bis
+beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der Eier, allerbescheidenster
+Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für Essen
+und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine
+Gelegenheit dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und
+Schnaps gab und wo man spielen konnte, war über drei
+Stunden entfernt.
+</p>
+
+<p>
+„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für
+nichts geschuftet haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer,
+als wir unsere Lage überdachten.
+</p>
+
+<p>
+„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen“, warf
+ich ein, „Abraham hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er
+hätte sie doch sammeln und Sonntags zum Laden bringen
+können.“
+</p>
+
+<p>
+„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte
+Gonzalo.
+</p>
+
+<p>
+In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem
+abendlichen Maiseinkauf zurück. Er warf den Sack auf die
+Erde und sagte: „Wovon ist denn die Rede? Vielleicht etwa
+gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an euch abgeliefert,
+und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann
+ich doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr,
+Fellers? <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">That so?</span>“
+</p>
+
+<p>
+„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie
+nicht wissen, wovon und worüber geredet worden ist, dann
+halten Sie lieber Ihre Gosche“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn
+wir nicht den Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die
+vielen Wochen umsonst gearbeitet haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus,
+„ja wollt ihr denn als Skelette rumlaufen, wenn die Ernte
+vorüber ist? Meinetwegen, ich kann meine Eier auch anderswo
+verkaufen. Also, jetzt kassiere ich. Antonio, Sie haben –“
+</p>
+
+<p>
+Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte
+und was jeder zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine
+Rechnung bei Abraham und ging dann nach meiner Behausung
+schlafen. Als ich unterwegs war, hörte ich wie Charly
+und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger
+behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet.
+Abraham bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung.
+Nach einer Weile Hin- und Herredens, wobei wieder sehr
+viel von Backpfeifen gesprochen wurde, mußte Charly zugeben,
+daß er sich geirrt habe und daß Abraham im Recht sei. In
+diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar betrafen, also
+Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich.
+</p>
+
+<p>
+Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese
+Woche einmal ohne Eier auszukommen.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio
+schon rufen: „Wo sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer
+Yank? Ich will fünf haben.“
+</p>
+
+<p>
+Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt
+hatte, mit einem Ernst und einer Sorgfalt, als ob
+er sie wirklich zum ersten Male in der Hand habe und nicht
+schon gestern abend genau gewußt hätte, wieviel Eier die
+Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den
+Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier
+will ich haben oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“
+wütete jetzt Antonio.
+</p>
+
+<p>
+„Was denn“, sagte Abraham ganz unschuldig, „ich will
+euch doch nicht meine Eier aufdrängen und euch den sauer
+verdienten Wochenlohn aus der Tasche rauben. Spart das
+Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier auskommen.
+Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“
+</p>
+
+<p>
+Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham
+bisher nie vernommen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung
+unserer Lebensweise wie ein Mann.
+</p>
+
+<p>
+„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben,
+was ich essen und was ich nicht essen soll, ob
+ich mein Geld spare oder ob ich es da in die Zisterne werfe,
+he!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein. „Sofort gibst du mir sechs
+Eier oder ich schlage dir deinen Wollschädel in Scherben.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut“, sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders
+haben wollt und mir sogar mit Schlägen droht, ich will euch
+die Eier wie bisher liefern.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe
+ganz ruhig und schulmeisterlich, „erst verführst du uns, Eier
+zu essen und wenn wir dalan gewöhnt sind, willst du sie uns
+verweigern. Gib mir dlei Eier.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Der Chink hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst:
+Jetzt auf einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit
+ihrer Zubereitung, an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes
+und an ihre mühelose Beschaffung so sehr gewöhnt hatten,
+sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers wegen darauf
+verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem
+Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt
+zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den
+Magen übervoll gefüllt mit einem dicken, prächtigen, vollwertigen
+Eierpfannkuchen, hatte ich allerdings den Entschluß
+gefaßt, diese Woche einmal keine Eier zu beziehen. Aber am
+Morgen, als der Magen leer war wie ein vertrockneter Autoreifen,
+hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum sollte ich
+mich denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll
+peinigen beim Anblick der schönen frischen Eier, die bereits
+lustig in den Pfannen der anderen pruzelten?
+</p>
+
+<p>
+„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham.
+</p>
+
+<p>
+Freilich als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum
+Mitnehmen für das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder
+die reuige Wehmut an: Die Eier sind doch unnütz und überflüssig.
+</p>
+
+<p>
+Also es blieb bei den Eiern. Der Verbrauch wurde in
+Zukunft höher als er bisher gewesen war. Bei allen. Auch
+bei Sam Woe.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8">
+8.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören
+Sie, Mr. Gale, kommen Sie auf eine Viertelstunde herein.
+Meine Frau hat einen guten Kuchen gebacken, Sie können
+eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“
+</p>
+
+<p>
+Dann als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine
+wie er mit 260 Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier
+angefangen habe, wie er mit eigener Hand die Farm aus dem
+rohen Busch herausgearbeitet habe, wie die Straße, die mehr
+als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei seiner Ankunft
+nur ein schmaler verwachsener Weg war, gerade breit
+genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch
+diese Straße verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eigenem
+Ford befahren könne.
+</p>
+
+<p>
+„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren
+notwendig, um etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die
+wir dem Lande erst Wert geben, sind trotzdem immer wie auf
+dem Sprunge, plötzlich fliehen und alles verlassen zu müssen.
+Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um die Freiheit
+und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt,
+bangt.“
+</p>
+
+<p>
+Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte
+schilderte.
+</p>
+
+<p>
+„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon mal vier
+Ernten im Jahr an Mais gehabt. Das erreichen wir drüben
+in den States nicht. Aber dieses Jahr ist schlecht. Die Baumwolle
+hat, was seit fünfzehn Jahren nicht vorgekommen ist,
+Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein soll.
+Und ich weiß auch gar nicht was mit dem Hühnervolk los
+ist. Wir haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten
+Wochen. Auch Mr. Fringell und Mr. Shape klagen über
+ihre Hühner.“
+</p>
+
+<p>
+Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine
+über die Hühner gesagt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Na, da seht ihr es ja, Fellers,“ sagte Abraham darauf,
+„das sind die richtigen amerikanischen Farmer wie drüben.
+Vor Geiz möchten sie am liebsten ihre Fingernägel aufessen.
+Da gönnen sie den armen Hühnern kaum eine Handvoll Mais.
+Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie nicht
+gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare
+nicht mit dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch
+etwas her. Man muß sie nur gut und reichlich füttern und
+sachgemäß behandeln, dann tun sie auch ihre Pflicht. Das hat
+mich meine Großmutter Susanna gelehrt und die war eine
+sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, Fellers.
+<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Thats a fact!</span>“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9">
+9.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Um selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung
+über die Frage ein, wieviel uns an Geld übrig bliebe,
+wenn die Ernte vorüber sei. Diesmal aber wurden weder
+die Eier noch Abraham, der dabei saß, in dem Gespräch
+erwähnt.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis,
+daß wir ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig
+zu erhalten, daß wir eine bestimmte Summe am Ende der
+Ernte übrig haben müßten, um nicht umsonst gearbeitet zu
+haben oder wie Sklaven nur für das Essen und daß also, kurz
+und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs,
+acht Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir
+gerade zurecht kommen.
+</p>
+
+<p>
+Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen, sobald die anderen Arbeiter auf
+das Feld gekommen waren, gingen Antonio und Gonzalo
+gleich zu ihnen und erklärten ihnen, daß wir die Absicht hätten,
+acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos Nachbezahlung
+für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle unabhängiger
+als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten,
+waren ohne weiteres damit einverstanden.
+</p>
+
+<p>
+Nun gingen Antonio und Gonzalo, sowie zwei von den
+anderen Leuten zur Wage und sagten Mr. Shine was
+los sei.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht,
+ich bin doch nicht verrückt. Das habe ich noch nie bezahlt.
+Das kommt ja gar nicht rein.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir
+wandern dann noch heute ab.“
+</p>
+
+<p>
+Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein:
+„Hören, Sie, Sennor, wir warten zwei Stunden. Ueberlegen
+Sie es sich. Wenn Sie dann noch Nein! sagen, satteln wir
+unsere Mulas. Wir wollen schon dafür sorgen, daß Sie keine
+Leute kriegen.“
+</p>
+
+<p>
+Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten
+gingen ins Feld zurück, berichteten die abschlägige
+Antwort und alle Leute verließen ihre Reihen, gingen zu den
+Bäumen und legten sich schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief
+Mr. Shine herüber: „He! Mr. Gale, kommen Sie auf einen
+Augenblick her.“
+</p>
+
+<p>
+Ich ging rüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen,
+„wenn Sie etwa glauben, daß ich hier die Mittelsperson
+mache, dann sind Sie im Irrtum, Mr. Shine. Wäre
+ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite und ich ginge mit
+Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern
+Farm-Hand bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das
+verstehen Sie doch?“
+</p>
+
+<p>
+„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte Mr. Shine,
+„es ist auch gar nicht meine Absicht, Sie herüber zu ziehen;
+denn Sie allein könnten die Baumwolle ja doch nicht hereinholen.
+Aber wir wollen das einmal in Ruhe überrechnen.“
+</p>
+
+<p>
+Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir
+Tabak. Sein ältester Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre
+alt war, steckte sich eine Zigarre an und der zweite Sohn, der
+jüngste in der Familie, ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt,
+pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück verschweißtem
+Papier heraus und schob es in den Mund.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern und
+da ich Ihnen ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos
+und können hier mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den
+andern Burschen gesagt, daß Sie acht bekommen?“ fügte
+Mr. Shine, die Pfeife aus dem Mund nehmend, hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“
+</p>
+
+<p>
+Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte
+sich gegen einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über
+die Reeling baumeln.
+</p>
+
+<p>
+Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte,
+unausgesetzt seinen Gummi knatschend, vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte unaufhörlich
+fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging,
+bald verstopft war, bald neuen Tabak brauchte, obgleich der
+Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte
+er nur an der Behandlung seiner Pfeife.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt
+hatte, platzte plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy,
+ich an deiner Stelle würde bezahlen, ohne viele Worte zu
+machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen.
+Es geht ja nicht aus deiner Tasche, da ist das „Bezahlen
+würden“ leicht. Aber dann ziehe ich dir’s von deinem
+Taschengelde ab.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das
+Geld für die verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es
+ungerecht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die
+verkaufte Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für
+einen Dime verkauft? Ich sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht
+einen blanken Tinker hat man mir geboten. Und was für
+eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste Schneeflocke
+von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal
+hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben
+ihm stand, ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend,
+in seinen Fingern, „die weichesten Daunen sind dagegen der
+purste Stacheldraht. – Ja, Gosch, sagen Sie doch auch einmal
+ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da, als ob Sie die Sprache
+verloren hätten.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich bin doch unparteiisch,“ sagte ich darauf.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch
+wenigstens den Mund mal aufmachen.“
+</p>
+
+<p>
+Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er
+widersprechen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung
+ein und sagte ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen
+Worten:
+</p>
+
+<p>
+„Da will ich dir mal was sagen, Dad –.“
+</p>
+
+<p>
+„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine
+Baumwolle, es ist ja deine.“
+</p>
+
+<p>
+Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit
+zurückfiel, sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht
+noch mal, dann rede doch schon oder soll ich hier vielleicht
+stehen, bis die ganze Baumwolle verfault und verwurmt ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn
+die Leute gehen, andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die
+Leute herschicken lassen von den Städten, müssen wir mehr
+Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Rede doch schon einen Strich schneller.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen
+will. Sieh mal, Dad, einmal hat es schon geregnet. Und
+es sieht ganz so aus, als ob wir eine sehr frühe Regenzeit
+kriegen oder eine volle Woche Strippregen. Dann ist die ganze
+Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen und
+du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der
+Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle
+gewinnen und auf den Markt gebracht haben, je besser ist der
+Preis. Wenn der Markt erst mal voll ist, müssen wir froh
+sein, wenn wir sie mit zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos
+Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt unterbringen
+und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis
+jetzt sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem
+Markt.“
+</p>
+
+<p>
+„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor
+vier Jahren habe ich sie mit dreißig Centavos unter den Anfangspreis
+verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie
+ein armseliger Bettler, der um ein Stück Brot boomen muß.
+Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig geworden,
+daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß
+vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist abgemacht,
+da lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen
+und verschimmeln, just wie sie da steht, ehe ich nachgebe.“
+</p>
+
+<p>
+Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob
+er mit dieser Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke:
+</p>
+
+<p>
+„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden
+schuld, die Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf.
+Die können nie den Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier
+herum sind immer zufrieden. Ja, Sie auch, Mr. Gale, Sie
+sind auch einer von den Aufwieglern und von den Bolsches,
+die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen
+und das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir
+kommt Ihr aber an die falsche Nummer. Das habe ich selber
+mitgemacht. Das kenne ich, weiß, wie es gemacht wird. Aber
+wir haben keine <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span><a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> und alles solchen Stoff gehabt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen
+Zwang an. Nebenbei bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen
+Grund gegeben, anzunehmen, ob ich ein <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Wobbly</span><a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> bin oder
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar
+nicht die Rede. Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber
+bezahlen tu ich nicht, basta!“
+</p>
+
+<p>
+„Na, hör mal, Daddy,“ sagte jetzt Pet, ohne sich seinem
+Vater zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hast du unrecht,
+durchaus. Die sechs Fremden schaffen mehr herein als
+die zwölf oder vierzehn Indianer. Die tun doch überhaupt
+bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden arbeiten und
+was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso
+machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden
+Mittagsschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden
+bekämen wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein,
+da wette ich mein Leben darauf.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren,“
+sagte Dick trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen
+herunter.
+</p>
+
+<p>
+Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen,
+aber die „Hiesigen“ wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre
+Maultiere ein und begannen aufzusatteln.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen,
+sprangen Antonio und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre
+großen Hüte hoch in die Luft und begannen mit schrillen
+Stimmen zu singen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Es trägt der König meine Gabe,</p>
+ <p class="verse">Der Millionär, der Präsident –</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten
+und standen stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie
+wußten nicht, was <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span> war, was eine Organisation bedeutet,
+was eine Klasse sei. Aber der Gesang hämmerte auf
+sie ein, schmiedete sie zusammen zu einem ehernen Block, und
+als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das
+ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte
+Refrain beginnt, wußte ich. Ich habe es erlebt.
+</p>
+
+<p>
+Der Gesang, so eintönig und schlicht in seiner Melodie,
+aber so federnd wie feinster Stahl in seinem klingenden
+Rhythmus, steckte mich an. Ich konnte nicht anders, ich begann,
+das Lied mitzusummen.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch,
+halb selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“
+</p>
+
+<p>
+Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute,
+die bisher zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren
+gestanden hatten, alle wie ein Mann zu uns herüber,
+wodurch der Gesang herausfordernd und persönlich anzüglich
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die
+lederne Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu
+mit einer Geste der Verlegenheit, die aber ebensogut auch
+eine der Scham oder gar der Wurschtigkeit sein konnte.
+</p>
+
+<p>
+„Teufel noch mal,“ rief er dann, „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">that means business</span>,
+die scheinen Ernst zu machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie
+einmal fort sind, haben wir unsere liebe Mühe und Not, sie
+wieder hereinzuholen.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von
+heute an. Was bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts
+nachgegeben. Mr. Gale, seien Sie doch so gut, bitte, und
+rufen Sie die Leute heran!“
+</p>
+
+<p>
+Ich lief rüber und brachte die ganze Horde zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug
+der Wage waren.
+</p>
+
+<p>
+„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost,
+halb von oben herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“
+</p>
+
+<p>
+Antonio ließ ihn nicht ausreden:
+</p>
+
+<p>
+„Und für die schon gepflückten Kilos?“
+</p>
+
+<p>
+„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch
+tüchtig ran an die Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch
+trocken hereinkriegen.“
+</p>
+
+<p>
+„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham.
+</p>
+
+<p>
+„Halts Maul, darned Nigger, du bist nicht gefragt!“
+schrie der Farmer wütend.
+</p>
+
+<p>
+„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale,“
+sagte Mr. Sinne, „Sie bekommen doch schon acht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“
+</p>
+
+<p>
+„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir
+auch nicht darauf an. Und weil Sie Weißer sind, der einzige
+Weiße. Sie sollen zehn haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Mit Nachzahlung?“
+</p>
+
+<p>
+„Mit Nachzahlung! Ich bin ein <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">fair businessman</span>. Was
+stehen Sie noch rum! Machen Sie, daß Sie an die Arbeit
+kommen. Wir haben, weiß Gott, beinahe eine Stunde verquatscht.
+Gerade um diese Stunde kann uns der Regen zu
+früh kommen. Das ziehe ich Euch beiden Rangen ab, da
+könnt Ihr Gift drauf nehmen,“ wandte er sich seinen Söhnen
+zu, die gerade dabei waren, die Wage wieder aufzuhängen.
+</p>
+
+<hr class="footnote">
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span> = <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Industrial Workers of the World</span>, eine sehr radikale
+Arbeiterorganisation.
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Wobbly</span> = Mitglied der <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">I. W. W.</span>
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="part" id="chapter-0-3">
+Zweiter Teil.
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="chapter1" id="subchap-0-3-1">
+10.
+</h3>
+
+<p class="first">
+So lief der Trott nun weiter die nächsten zwei, drei
+Wochen. Ohne besondere Ereignisse. Ein Tag wie der andere.
+Rennen im Trab, Rennen, Essen kochen, Schlafen, Rennen im
+Trab, Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachmittags, als ich vom Feld heimkam, ging ich
+zu Mrs. Shine und fragte sie, ob sie mir ein Kilo Speck verkaufen
+oder bis Sonntag leihen wollte, da ich vergessen hätte,
+letzten Sonntag welchen mitbringen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+„Können Sie haben, Mr. Gale, gegen Bezahlung oder
+Rückgabe, ganz wie Sie wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut,“ sagte ich, „dann gegen Bezahlung. Mr. Shine
+kann es mir ja am Samstag anrechnen.“
+</p>
+
+<p>
+Während sie eben dabei war, den Speck abzuwiegen, kam
+Mr. Shine von der Stadt zurück, wo er seine Post abgeholt
+und einige Bedarfsmittel eingekauft hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie ja gerade wie gerufen, Mr. Gale,“ sagte
+er zu mir, als er ins Zimmer trat. „Ich habe einige Neuigkeit
+für Sie.“
+</p>
+
+<p>
+„Für mich? Woher soll die wohl kommen?“
+</p>
+
+<p>
+„Direkt aus der Stadt. Im Store traf ich den Manager
+von Camp 97. Ich saß da und trank gerade eine Flasche Bier
+nach der andern. Er war in großen Nöten. Da haben sie
+im Camp ein kleines Maleurchen gehabt. Beim Auswechseln
+von Achterrohren gegen Zehner hat ein Rohr ausgeschlagen
+und dem einen Driller den rechten Arm böse gequetscht, weil
+einer von den Indianern wieder mal nicht aufgepaßt und
+rechtzeitig zugepackt hat. Der Driller ist ein tüchtiger, erfahrener
+und verläßlicher Bursche, den sie nicht gehen lassen
+wollen. Nun suchen sie einen guten Ersatzmann für drei bis
+vier Wochen. So lange wird es wohl dauern, bis der Mann
+wieder arbeiten kann. Aber sie sind jetzt gerade an einem
+heiklen Punkt. Sie sind auf siebenhundert Fuß und sind auf
+Lehm, und wenn sie jetzt keinen guten Driller bekommen, dann
+können sie vielleicht eine Knickung in der Bohrung erleben.
+Na, und was das bedeutet, was das für Scherereien, Zeitverlust
+und Kosten verursacht, das wissen Sie ja selbst, Sie
+haben ja in den Fields gearbeitet. Das gibt allemal den Sack
+für die Driller und Tooldresser, manchmal für das ganze
+Camp.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiß ich,“ erwiderte ich, „kann dem besten Mann
+passieren, wenn man noch so sehr aufpaßt. Ein Stein, den
+der Satan gerade dort hingefeuert hat, wo man ihn am
+allerwenigsten vermutet, kann zwanzigtausend Dollar kosten.“
+</p>
+
+<p>
+„Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <a id="corr-23"></a>Shine
+ein. „Nun ist der Manager in Sorge, was er machen soll.
+Er hat schon eine Schicht selber gearbeitet, aber auf die
+Dauer geht es nicht. Telegraphiert er nun zur Kompagnie,
+dauert es immerhin drei bis vier Tage, bis er den Mann
+hier hat. Und ob er einen Mann kriegt, wie er ihn braucht,
+weiß er auch nicht. Denn ein tüchtiger Mann nimmt für
+drei Wochen nichts an, weil er dadurch vielleicht eine andere
+Stellung, wo er sechs Monate in Sicherheit hat, verpassen
+kann. Ich habe nun zu dem Manager gesagt: „Well,“ habe
+ich gesagt, „Sie sind just der Mann, auf den ich gewartet
+habe, Mr. Berkley.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich
+damit zu tun habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja warten Sie doch ab, Gale, was kommt. In drei,
+höchstens vier Tagen haben wir die Baumwolle drin. Was
+wollen Sie denn dann machen?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich lasse den Tag erst
+einmal herankommen. Ich kann ebensogut nach Norden wie
+nach Süden, ebenso leicht nach Ost und West gehen. Eigentlich
+habe ich vor, nach Guatemala, Costa Rica und Panama
+runterzutippeln. Vielleicht nach Columbien. Da soll allerhand
+Oel ausgemacht worden sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Top!“ jagte Mr. Shine, „das habe ich auch gedacht, daß
+es Ihnen egal ist; und nach Guatemala und allen den übrigen
+Landschaften kommen Sie immer noch rechtzeitig genug. Da
+habe ich nun zu dem Manager gesagt: Well, habe ich gesagt,
+auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da einen Fellow,
+einen Picker, einen weißen Mann, weiß im Gesicht und weiß
+unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die
+verteufeltste Bohrung aus dem elendsten Dreck herausholt.
+Man muß doch ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was
+erreichen will. Also, habe ich gesagt, Mr. Berkley, ich schicke
+Ihnen den Mann runter. Na, was sagen Sie nun, Gale,
+Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie
+noch morgen früh runter zum Store. Der Storekeeper kennt
+den Weg zum Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um
+5 Uhr nachmittags sind Sie schon im Camp und können sich
+gleich zum Essen hinsetzen.“
+</p>
+
+<p>
+Das mit dem Essen war allerdings verführerisch.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurecht kommen,
+ist der Verlust auch nicht allzu groß. Einen Tag kriegen Sie
+auf alle Fälle ausbezahlt und außerdem haben Sie einen Tag
+wieder mal menschenwürdig gegessen,“ setzte Mr. Shine hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Zu überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch
+für drei oder vier Tage Arbeit, harte und schlecht bezahlte
+Arbeit. Im Oelfeld mußte man zwar auch zwölf Stunden
+arbeiten, weil nur zwei Schichten waren, aber man arbeitete
+wenigsten unter dem Rig, wo die Sonne nicht ganz so unmittelbar
+auf einen losbrennen konnte. Dazu hatte man
+sterilisiertes Eiswasser, soviel man nur trinken wollte. Vor
+allen Dingen aber hatte man, wie schon Mr. Shine richtig
+gesagt hatte, ein menschenwürdiges Essen, mit Teller, Messer,
+Gabel, Eßlöffel, Teelöffel, Tasse und Glas an einem Tisch,
+der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war,
+aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bank. Man
+brauchte nicht aus der Pfanne von der Erde essen und sich
+beim Essen von einer wackligen Kiste, auf der man saß,
+herunterbücken. Man brauchte nicht mit demselben Löffel,
+den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den Kaffee umrühren.
+Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt,
+noch war es klebrig wie Kleister. Die schwarzen
+Bohnen, immer hart wie Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger
+Bestandteil der Mahlzeiten zu sein. Man wurde bei Tische
+bedient von Chinks, die man angrunzen durfte, wenn einem
+das Essen nicht schmeckte und die Ananaspie nicht genügend
+geeist war. Angrunzen, hm! ja! das tut man sofort, sobald
+man einen anderen armen Teufel auch nur einen Zentimeter
+auf der sozialen Rangleiter unter sich weiß. Man schlief nicht
+ohne jede Unterlage auf einer Tafel Wellblech, sondern man
+schlief in gut ventilierten Baracken, in sauberen Feldbetten,
+auf weicher Matratze und gut geborgen unter einem schleierdünnen
+Moskitonetz. Man hatte jeden Tag ein Brausebad
+und hatte ein W. C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt,
+hatte ich ganz vergessen. Romantik ist schön, sehr schön! –
+von ferne gesehen. Wenigstens in der Entfernung, gerechnet
+von einem bequemen Sitz im Kino bis zur Silberwand. Auf
+dieser Silberwand sind die Helden des Busches und des Urwaldes
+der Traum der Mädchen und sie erregen Ehescheidungsgedanken
+bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim
+Essen in der Nase herum und schmieren dies und das an
+ihren Sitz oder an die nächste erreichbare Tischplatte. Und
+das kann man gerade noch erzählen. Würde man einiges
+mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht einmal
+das Schlimmste, so würde sich der bunte Schmetterling in die
+allerwiderwärtigste Raupe zurückverwandeln. Aber trotz alledem,
+Romantik ist auch im Oelfeld, das auf den ersten Blick
+so trostlos prosaisch und so nüchtern aussieht wie eine Kohlenzeche
+in Herne. Man muß die Romantik nur zu sehen und
+nur zu finden wissen. –
+</p>
+
+<p>
+Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen
+war mir nichts so wichtig, als meine Eierrechnung bei
+Abraham auf den Cent genau zu begleichen. Er wäre mir
+sonst in meinen Träumen erschienen und nachgelaufen bis
+nach Paraguay, wenn ich ihm nur zehn Centavos schuldig geblieben
+wäre.
+</p>
+
+<p>
+Als ich zum Oelcamp kam und mit dem Manager sprach,
+machte er nicht im geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen
+neuen Driller so in Lumpen und Fetzen zu sehen, wie kein
+Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa herumlaufen könnte.
+<a id="corr-24"></a>Daran ist man hier gewöhnt.
+</p>
+
+<p>
+Die weißen Arbeiter, alle Gringos, waren froh, daß
+Dick, der Driller, einen Ersatzmann hatte und das Camp also
+nicht verlassen brauchte; <a id="corr-25"></a>denn er war ein beliebter und lustiger
+Bursche, der im Camp war, seit der erste Pfeiler für das Rig
+gestellt wurde. Sie fixten mich auf, der eine brachte mir ein
+Hemd, der andere eine Hose, jener Strümpfe, ein anderer Arbeitshandschuhe.
+Ja Handschuhe, denn ein amerikanischer
+Arbeiter macht sich beim Arbeiten die Hände nicht mehr
+schmutzig als unbedingt notwendig ist. Keiner von ihnen
+hatte irgendein Handwerk gelernt, wie das in Europa üblich
+ist, aber jeder konnte ein Auto fahren, Pannen beseitigen,
+Dampfmaschinen reparieren oder Werkzeuge schmieden. Vielleicht
+nicht ganz so sauber und geschickt wie ein englischer,
+deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er machte, war
+brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür
+bezahlten, ja nur an.
+</p>
+
+<p>
+Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Berkley
+zu mir: „Sie können bleiben, Junge, vollen Drillerlohn.“
+</p>
+
+<p>
+Dick war schneller hergestellt als wir alle gedacht hatten,
+und so mußte ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dick
+zwanzig Dollar extra aus seiner Tasche, für Reisegeld und
+daß ich mir einen guten Tag machen sollte, wie er sagte.
+</p>
+
+<p>
+Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt
+bekam, sagte er: „Hören Sie mal, Gale, können Sie nicht
+hier irgendwo eine Woche oder so herumhängen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ erwiderte ich, „das kann ich leicht. Ich gehe rauf
+zu Mr. Shine, da kann ich gut für eine Weile hausen.
+Warum?“
+</p>
+
+<p>
+„Auf einem unserer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der
+möchte auf vierzehn Tage in Urlaub gehen, rauf in die States.
+Da können Sie für die zwei Wochen als Ersatzmann eintreten.
+Anfang nächsten Monats.“
+</p>
+
+<p>
+„Mache ich,“ sagte ich. „Sie können ja im Store eine
+Mitteilung für mich an Mr. Shine hinterlegen, wenn es
+soweit ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, abgemacht!“ sagte Mr. Berkley.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2">
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+11.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder rauf zu
+Mr. Shine und fragte ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem
+ich seinerzeit gehaust hätte, ein paar Tage wohnen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie
+wollen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich erklärte ihm warum und fragte ihn dann nach den
+Leuten, mit denen ich da gewohnt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den
+Tag nach Ihnen gegangen, ich glaube rauf nach Florida. Das
+geht mich nichts an. Der kleine Nigger, Abraham heißt er,
+scheint ein ganz geriebener Schlingel zu sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie
+er mir versicherte. Er hatte sie bei Indianern für einen Peso
+das Stück gekauft, wie ich inzwischen erfahren habe. Mir hat
+er anderthalb Pesos dafür abverlangt. Ich habe sie ihm auch
+bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt. Aber
+mit den guten Leghühnern hat er mich reingelegt, der schwarze
+Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber
+na, das Fleisch ist es ja wert.“
+</p>
+
+<p>
+„Und was ist mit dem Chink und den beiden Mexikanern?“
+</p>
+
+<p>
+„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen.
+Ich habe sie vom Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß,
+sind sie nach Pozos gegangen. Diese Station ist nicht ganz
+so weit als die, von der Ihr gekommen seid. Der Weg ist
+auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen,
+während wir in früheren Jahren immer zu der anderen
+gingen. Aber Pozos liegt bequemer für uns; früher hatten
+wir nur keinen Weg. Seitdem aber die Oelleute gekommen
+sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle Ihnen,
+wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können
+Sie ab und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie
+jumpen können. Nebenbei bemerkt, warum wollen Sie denn
+in dem Unterstand hausen, Sie können doch in dem Hause
+wohnen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur
+Genüge. Ich betrete es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist
+die reine Moskitohölle.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie
+fünfzehn Jahre drin gewohnt. Wir sind von den Moskitos
+nicht merklich geplagt worden. Aber Sie können schon recht
+haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird, nicht
+genügend Luft reinkommt, sammelt sich schon allerhand von
+diesem Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr
+nicht oben gewesen, weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich
+aussieht. Und wahrscheinlich komme ich im ganzen
+nächsten Vierteljahr auch nicht rauf. Ich habe ja da oben
+nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die Pferde und die
+Mules rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras finden
+und ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir
+gleichgültig, wo Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören
+Sie nicht, und Sonntags können Sie schon mal runter kommen
+und eine Tasse Kaffee mit uns trinken und ein Stück Kuchen
+essen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein.
+Mein Feuer machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand,
+weil dort in der Nähe des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches
+Feuer gewesen war, ja doch keine Unterhaltung
+gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da.
+</p>
+
+<p>
+Ich lebte jetzt in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten
+hatte ich nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei
+Tagen so an mich gewöhnt hatten, daß sie all ihre angeborene
+Scheuheit vergaßen und mir an und auf meinen Füßen die
+Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von meinen
+Mahlzeiten suchten.
+</p>
+
+<p>
+Tags über kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete
+die Tiere bei ihren Handlungen oder las in den
+Zeitschriften, die ich vom Camp mitgebracht hatte.
+</p>
+
+<p>
+In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es,
+weil es inzwischen einige Male gut geregnet hatte und der
+Tank beim Hause zu einem Drittel gefüllt war. Wir hatten
+ja derzeit die Auffänge in Ordnung gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte mich sogar waschen und mir den Luxus leisten,
+mich sogar zweimal des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich
+in Riesenmengen, teils um die Zeit zu vertreiben, teils um
+so viel Vorrat in mich hineinzutrinken, daß ich gut wieder
+einmal einen Tramp von einigen Tagen durch wasserlosen
+Busch aushalten konnte. Da ich im Store hatte tüchtig einkaufen
+können, Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich wirklich
+einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig,
+ein freier Mann im freien tropischen Busch, Siesta haltend
+nach Belieben, herumstreifen wo und wann und solange ich
+wollte. Es ging mir gut. Und dieses Gefühl lebte ich auch
+voll bewußt.
+</p>
+
+<p>
+Der Tank, aus dem ich mein Wasser holte, war dicht an
+dem alten Hause. Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal
+etwa 250 Schritte von meinem Unterstand aus zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von diesen
+Konservenbüchsen, die 40 Liter Inhalt haben. Mit Konserven
+in kleinen Büchsen gibt man sich hier nicht viel ab, höchstens
+wenn es sich um schnell verderbliche Ware handelt.
+</p>
+
+<p>
+Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika,
+eine ganz elende Bretterbude nennen würde, kaum gut genug,
+um auf einem Bauplatz als Lagerschuppen zu dienen, stand
+auf Pfählen. Die meisten Häuser hier, besonders außerhalb
+der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet. Stünden
+sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch unterkellert,
+so würden sie in der Regenzeit jeden Tag zweimal überflutet.
+Das ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf
+Pfählen ruhenden Haus kann der Wind von allen Seiten
+unter dem Fußboden hin- und herfegen und so das Innere
+des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein Haus, das
+in dieser Art gebaut ist, nicht so viel unerwünschte Gäste, wie
+Schlangen, Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Milliarden von
+Ameisen, Grashoppern, Grillen und tausenden anderen unangenehmen
+Ueberläufern aus dem nahen Busch. Alle diese
+mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des tropischen
+Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können
+aber doch nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen,
+als wenn das Haus auf ebener Erde errichtet wäre.
+</p>
+
+<p>
+Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein
+Haus in dieser Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben,
+die unsere Urvorväter zwangen, sich eine Behausung in den
+Wipfeln der Bäume zu bauen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Holzhaus, so errichtet, erbebt, erzittert und schwankt
+oft beim Sturm so, daß man glauben könnte, es sei in der
+Tat auf einem Baume errichtet.
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde.
+So zu ebener Erde war ja auch mein Unterstand, wo das
+Buschgetier aus- und einging, als wäre es sein gutes Recht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und
+Wind hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten
+meine damaligen Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie
+üblich mit einem drehbaren Stückchen Holz. Damals war
+immer Leben im Hause und vor dem Hause, Streit um das
+Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen
+hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen
+darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An
+diese lebhaften Bilder zurückdenkend, erschien jetzt das Haus
+geisterhaft einsam und still. Jedesmal, wenn ich Wasser holte,
+quälte es mich, doch mal einen Blick hineinzuwerfen, ob jemand
+etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder gefiel mir diese
+gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie fügte
+sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu
+der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich
+lebte. So unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus
+kam, den Wunsch, eine Tür aufzumachen und hineinzulugen.
+Ich wußte genau, die Hütte war leer, vollkommen leer; niemand
+hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines alten
+Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert.
+Die Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus
+lagerte, wollte ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte,
+mochte ich träumen, daß vielleicht der Geist eines der alten
+aztekischen Priester, der wegen der Tausenden von Menschen,
+die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet und ihnen das
+Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem
+unersättlichen Gotte vor die goldenen Fuße zu werfen, nun
+keine Ruhe finden konnte und deshalb aus dem Busch in das
+gefeite Haus eines Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein
+paar Wochen von seinem rastlosen Herumirren auszuruhen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3">
+12.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine
+schwarzblaue Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der
+Wand des Hauses nach Beute jagte. Sie lief blitzschnell ein
+paar Zoll weit, saß dann still, lauerte eine Weile und lief
+dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu lauern.
+So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs,
+kein Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz
+feinen Faden zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette
+hinaufklettern würden, nicht gerade festzuhalten und zu verstricken,
+sondern deren Lauf nur zu verlangsamen, daß, wenn
+die Spinne inzwischen das Nachbarbrett abgesucht hatte und
+hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem mächtigen Satz
+anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im
+Sprunge, wobei sie das Insekt von hinten anspringt und sofort
+im Nacken packt, so daß dieses Insekt von seinen Waffen, sei
+es nun ein Stachel oder Zangen oder Scheren, gar keinen
+Gebrauch machen kann. Das einzige Tier, das sich gegen diese
+Springspinne erfolgreich wehren könnte und dann den Spieß
+umkehren würde, ist der Skorpion. Aber diese beiden großen
+Jäger in den Tropen begegnen sich nie, weil jeder von ihnen
+eine andere Jagdzeit hat. Diese Spinne am Tage, in der
+glühenden Sonne, der Skorpion in der Dunkelheit.
+</p>
+
+<p>
+Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen
+in den häufigen Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte,
+war es, die sofort wieder meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich
+wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und lernen, wie sie sich verhält,
+wenn sie selbst angegriffen und verfolgt wird. Ich stellte
+meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und vergaß,
+daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über
+der Spinne hin und her und sofort reagierte sie darauf. Sie
+wurde unruhig; ihre Zickzackläufe wurden unregelmäßig und
+sie suchte diesem großen Etwas, das ein Vogel sein mochte, zu
+entwischen. Aber die glatte Wand bot keinen Schlupfwinkel.
+Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam und behutsam
+und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in halber
+Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, aber natürlich
+an senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als
+wäre er auf ebener Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte
+eine Leiste, die gespalten war und sich auch ein wenig verzogen
+hatte, so daß sie einen Unterschlupf bieten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten
+Platz auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der
+gerade zu meinen Füßen lag und berührte damit die Spinne
+leicht, sie so zwingend, einen anderen Weg zu wählen. Sie
+lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin sie auch
+fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder
+ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie
+kreuz und quer, immer verfolgt von dem Zweig, ihr keine
+Gelegenheit lassend, zu einem Sprunge anzusetzen. Plötzlich
+aber, als ich sie gerade im Rücken berührte, machte sie blitzschnell
+kehrt und in rasender Wut und mit unvergleichlicher
+Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an, der gegenüber
+ihren bescheidenen Ausmaßen für sie gigantische Formen
+und übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer, wenn
+ich den Zweig zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe
+den Feind abgeschlagen oder wenigstens eingeschüchtert, lief
+sie auf die schützende Leiste zu. Schließlich besiegte sie mich
+doch und fand dort Unterschlupf, aber nicht genügend, um sich
+ganz zu verbergen, denn sie konnte sich nur zur Hälfte darin
+verkriechen.
+</p>
+
+<p>
+Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die
+Spinne kam sofort wieder hervor, lief eilends weiter nach
+oben, wo sie eine günstigere Höhle fand, in der sie sofort
+verschwand, ohne daß man noch viel von ihr sehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen,
+was sie zu guter Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt
+mit der flachen Hand so fest gegen die Wand, daß das ganze
+Haus, das ja auf Pfählen ruhte, erzitterte.
+</p>
+
+<p>
+Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden.
+Und als ich gerade zum zweiten Male kräftig gegen
+die Wand schlagen will, fällt innerhalb des Hauses etwas um.
+</p>
+
+<p>
+Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses.
+Es war nichts, absolut gar nichts darin, was mit so einem
+merkwürdigen Geräusch umfallen konnte. Eine Stange, ein
+Stück Holz, das einzige, was es vielleicht hätte sein können,
+war es nicht, nach dem Geräusch zu urteilen. Es war schon
+eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn ich mir das
+Geräusch genauer vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar
+Hartes dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein.
+</p>
+
+<p>
+Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar
+Sprossen der Leiter hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und
+hineinzusehen. Aber irgendein unerklärbares Empfinden hielt
+mich davon ab. Es war wie Furcht, als könnte ich drinnen
+etwas unsagbar Grauenhaftes sehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand.
+Ich redete mir ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick
+von etwas ganz Gräßlichem sei, was mich veranlaßte, das
+Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir: du hast ja in
+dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar
+kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich
+gar nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer
+wieder nachdachte, was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht
+haben könnte, kam mir plötzlich ein seltsamer Gedanke:
+In dem Hause hat sich jemand erhängt, und zwar schon vor
+einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der Hals
+durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der
+Körper erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam
+umgefallen. So ähnlich war auch das Geräusch, als ob
+ein menschlicher Körper umfiele, und der Kopf auf den Boden
+schlüge.
+</p>
+
+<p>
+Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin
+die Phantasie einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache
+überzeugt. So verwandelt sich ein Baumstamm in der
+Dunkelheit in einen Räuber, der auf der Lauer steht. In den
+Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe nie davon
+gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und
+wenn es wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen,
+wo man drei Tage später bestenfalls nur noch an der Schnalle
+seines Gürtels erkennen würde, daß es sich um einen Mann
+handelt.
+</p>
+
+<p>
+So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das
+Haus und vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und
+durchzulugen. Das Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte
+mir mehr zu als eine vielleicht sehr prosaische Gewißheit.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich
+nachts wach lag, beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts
+anderem als mit der Frage, was in dem Hause wohl sein
+könne.
+</p>
+
+<p>
+Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob
+er irgendwelchen Bescheid vom Manager habe. Aber
+Mr. Shine war die ganze Woche nicht im Store unten gewesen
+und würde auch die nächste Woche nicht hinunterkommen.
+Weil nun Montag der letzte Termin war, der für
+den Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann
+sein sollte, in Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh
+reisefertig mit meinem Bündel selbst zum Store zu gehen
+und nachzufragen. War Bescheid da, dann konnte ich Sonntag
+mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War kein
+Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in
+Urlaub ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte.
+Ist diesem Falle würde ich gleich zur Station gehen und
+meinen Plan, nach Guatemala zu wandern, ohne weiteres
+durchführen.
+</p>
+
+<p>
+Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als
+ich mit dem Wasser an dem Hause schon ein Stück vorüber
+war, dachte ich, nun will ich aber doch einmal zu guter Letzt
+nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich das nicht tue,
+so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die
+nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja
+die bekannte Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im
+Leben wiederkehrt.
+</p>
+
+<p>
+Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß
+die Tür, die hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den
+Raum, den einzigen Raum, den das Haus hatte.
+</p>
+
+<p>
+An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein
+großes Bündel. Ich konnte aber nicht sofort erkennen, was
+es sein mochte, denn die Sonne war noch vor dem Aufgehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich trat näher hinzu; es war ein Mann.
+</p>
+
+<p>
+Tot!
+</p>
+
+<p>
+Es war Gonzalo.
+</p>
+
+<p>
+Getötet!
+</p>
+
+<p>
+Ermordet!
+</p>
+
+<p>
+Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball
+Baumwolle, den er zerknüllt in der rechten Hand hielt, war
+gleichfalls vollgesogen von Blut.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche
+auf der Brust, an der rechten Schulter und am linken
+Oberarm.
+</p>
+
+<p>
+Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt
+und als ich gegen die Wand geschlagen hatte, war der
+Körper auf die Seite gefallen und der Kopf war auf den Erdboden
+geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und
+85 Centavos darin. Er hätte haben müssen: wenigstens
+25 bis 30 Pesos.
+</p>
+
+<p>
+Also des Geldes wegen.
+</p>
+
+<p>
+Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak
+neben sich liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen
+verstreut herum.
+</p>
+
+<p>
+Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er
+überfallen worden, an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand.
+</p>
+
+<p>
+Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus
+verlassen hatten. Der Chink war nicht der Mörder. Wegen
+20 Pesos jemand auch nur zu berühren, dazu war er viel zu
+klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für ihn.
+</p>
+
+<p>
+Also Antonio.
+</p>
+
+<p>
+Das hatte ich von ihm nie gedacht.
+</p>
+
+<p>
+Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ
+ihn jedoch liegen wie er lag.
+</p>
+
+<p>
+Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden
+hatte und verließ das Haus.
+</p>
+
+<p>
+Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich
+sofort auf den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber
+zum Camp gehen wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren
+werde.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause
+nicht einsam gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und
+so viel zu beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln,
+weil es eben ein Haus ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja
+schon, als ich zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten
+sei.“
+</p>
+
+<p>
+„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf
+Besuch kommen und hier ein wenig herumstreifen und jagen.
+Die stecke ich dann da hinein, da können sie hausen nach Belieben.
+Die werden die Moskitos schon ausräuchern. Na,
+denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“
+</p>
+
+<p>
+Wir schüttelten uns die Hände und ich ging.
+</p>
+
+<p>
+Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der
+Mörder sein konnte, diesen Gedanken würde niemand haben;
+denn ich war ja vor allen den übrigen Leuten fortgegangen
+und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet.
+</p>
+
+<p>
+Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte
+das eine Unmenge Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen
+und wer weiß was noch. Dabei wäre ich gar nicht mehr zur
+rechten Zeit zum Camp gekommen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4">
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+13.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt
+war, wurde ich ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der
+Oel zu holen hatte, zur Station, von der ich nach Dolores
+Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich ohne viel Aufenthalt
+glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen Tagen in
+Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan
+nicht wieder einmal änderte.
+</p>
+
+<p>
+In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im
+Süden los sei, was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern
+und den Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei,
+und ob ich nicht besser vielleicht einen windigen Segelkasten
+ergattern und auf Argentinien los gehen sollte. Aber von dort
+kamen mir auch wieder zu viele herauf, die wahre Schauergeschichten
+von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit berichteten.
+Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße
+und suchten eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer
+als in Mexiko konnte es ja dort auf keinen Fall sein.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die
+Stiefel putzen, trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich
+von diesen Beschäftigungen gerade so recht ungestört, zufrieden
+mit mir und der Welt ausruhen will, sehe ich, daß auf der
+Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt.
+</p>
+
+<p>
+Es ist Antonio.
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten
+Tag, was machen Sie denn hier?“
+</p>
+
+<p>
+Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu
+sehen. Ich setzte mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf
+der Suche nach Arbeit sei.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in
+einer Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie
+gleich heute anfangen, als Bäcker. Wir suchen gerade einen
+Gehilfen. Sie haben doch schon als Bäcker gearbeitet, nicht
+wahr?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert
+verschiedenen Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber
+– und das ist eine gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis
+zu einem Bäcker habe ich es noch nicht gebracht.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte
+Antonio darauf. „Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären
+oder etwas vom Backen verstünden, dann wäre nichts zu
+machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er hat keine Ahnung
+vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre Pfeffer
+hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen,
+ob Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das
+sei ihr Beruf seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der
+Meister ist ein Däne, ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht
+auch nichts vom Backen. Seine größte Sorge ist nun, daß
+ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte; einer, der das
+Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der
+Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger
+Bäcker würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn
+Sie nun der Meister fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil
+sagen von dem, was Sie zu dem Inhaber sagen. Zum
+Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in ihrem Leben,
+daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort
+an und Sie sind sein Freund.“
+</p>
+
+<p>
+„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich
+schon immer mal arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn
+man mal in der Verlegenheit ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen.
+Dann hört die Sorge um das tägliche Brot auf
+und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird gemacht.
+Was ist denn der Lohn?“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Peso und fünfzig Centavos.“
+</p>
+
+<p>
+„Nackt?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch
+frei. Sie kommen weiter damit als beim Baumwollpflücken,
+das kann ich Ihnen sagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie ist denn das Essen? Gut?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“
+</p>
+
+<p>
+„Weiß schon bescheid.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber man wird immer satt.“
+</p>
+
+<p>
+„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“
+</p>
+
+<p>
+Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette,
+bot mir Tabak und Maisblatt an und sagte nach einer Weile:
+„Unter uns gesagt, das mit dem Essen ist auszuhalten. Hier
+wird in den Bäckereien und Konditoreien mit Eiern und
+Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na und
+sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann
+nicht an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit
+Zucker verrührt und da hilft man der Kost nach. Das macht
+man in der Nacht und am Vormittag vier- oder fünfmal,
+dann können Sie schon gut zurecht kommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie lange arbeitet Ihr denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um
+zehn abends an und arbeiten dann durch bis ein, zwei oder
+drei Uhr nachmittags. Manchmal wird es auch fünf.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“
+</p>
+
+<p>
+„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders
+Dienstag und Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“
+</p>
+
+<p>
+„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man
+etwas Besseres findet.“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde
+man ja auch Zeit finden, sich nach anderer Arbeit umsehen
+zu können. Aber so? Immerhin, ich werde anfangen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder
+Tag und Nacht zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben
+Schüssel essen, mit ihm vielleicht gar im selben Bett
+schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar nicht. Entweder war
+ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für solche Feinheiten
+der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder
+aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und
+über die herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche
+Handlung verstand, daß ich mir weder das Recht anmaßte,
+jemand zu verurteilen, noch mir die billige Sentimentalität einflößte,
+jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid ist auch eine
+Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch
+eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns
+vor Antonio, eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen
+so viele Raubmörder herum, wirkliche und moralische, mit
+Brillanten an den Fingern und einer dicken Perle in der Halsbinde
+oder goldenen Sternen auf den Achseln, denen jeder
+Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt.
+Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden
+gehenkt; diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden
+bei Mr. Präsident zum Ball eingeladen und dürfen auf die
+Sittenlosigkeit und Roheit, die in meiner Klasse herrscht,
+schimpfen.
+</p>
+
+<p>
+Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man
+hinab in den Morast und zwischen den Abschaum der Menschheit,
+wenn man um Brotrinden kämpfen muß.
+</p>
+
+<p>
+Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken,
+die mir das Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich
+Antonio mit der Frage:
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern
+abend erst angekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sam Woe, der Chinese.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt
+von seiner Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“
+</p>
+
+<p>
+„Und hat er eine aufgemacht?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was
+sich so ein Chino einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat
+das Geschäft mit einem Landsmanne in Kompanie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche
+Ader, die zu solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube
+sicher, wenn ich ein solches Geschäft gründete, würden sofort
+alle Leute ohne Magen geboren, nur damit ich ja nicht etwa
+auf einen grünen Zweig komme.“
+</p>
+
+<p>
+„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht
+mir gerade ebenso. Ich habe schon einen Zigarettenstand
+gehabt, schon einen Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser
+herumgeschleppt und wer weiß, was nicht sonst noch alles versucht.
+Mir hat selten jemand etwas abgekauft. Ich habe
+immer elendiglich Pleite gemacht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir
+können die Leute nicht genügend anschwindeln. Und
+schwindeln muß man können, wenn man Geschäfte machen
+will. Aber gründlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der
+wird sich auch freuen, Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz
+gern mal draußen irgendwo. Zur Abwechselung, sehen Sie.
+Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird einem
+auch über.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5">
+14.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel,
+wo die Chinesen alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre
+Restaurants haben. Nur wenige hatten ihre Läden in
+anderen Stadtvierteln. Sie hockten am liebsten immer zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte
+mir immer wieder die Hand, lachte und schwatzte drauf los,
+lud uns zum Niedersetzen ein und wir bestellten unser Essen.
+</p>
+
+<p>
+Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen
+Kamm geschoren. Einfache viereckige Holztische, manchmal
+nur drei, an jedem Tisch drei oder vier Stühle. Wegen der
+Menge der Speisen, die man erhält, können bestenfalls drei
+sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch sitzen. Auf
+die Sauberkeit des Geschirres und auf die Sauberkeit in der
+Zubereitung der Speisen kann man sich besser verlassen als
+in vielen teuren und eleganten Restaurants in Europa oder
+in den Staaten. Was in der Küche vor sich geht, kann man
+in den meisten Fällen von seinem Tische aus mit ansehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen
+Speisewirtschaften der Stadt die ganz genau gleiche.
+So schließen die Chinesen unter sich jede unreelle Konkurrenz
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine
+braunrote, tönerne, weitbauchige Wasserflasche, von der Art
+und Form, wie sie schon bei den Azteken im Gebrauch war.
+Dann eine Flasche mit Oel und eine mit Essig. Ferner eine
+Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit
+Zucker und ein Glas mit Chille. Chille ist eine dicke aufgekochte
+Suppe von roten und grünen Pfefferschoten. Ein
+halber Teelöffel in die Suppe getan, genügt, um einen normalen
+Europäer zu veranlassen, die Suppe als total verpfeffert
+und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm
+Zunge und Gaumen verbrennen würde.
+</p>
+
+<p>
+Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber
+mit Hilfe eines indianischen Mädchens die Küche besorgte.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst bekamen wir einen Klumpen Eis in einem Glase,
+das wir mit Wasser füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert
+seines Geschäftes nach dem Bierverbrauch, man erhält Bier
+nur auf ausdrückliches Verlangen, und kein Wirt verdirbt
+einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges Lamentieren,
+daß er am Essen nichts verdienen könne.
+</p>
+
+<p>
+Dann bekamen wir ein großes Brötchen, es folgte die
+Suppe. Es ist immer Nudelsuppe. Antonio schüttete sich
+einen Eßlöffel voll Chille in die Suppe, ich zwei, zwei gehäufte.
+Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein halber Teelöffel
+die Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar macht.
+Aber man wird auch bereits bemerkt haben, daß ich weder
+normal bin, noch daß ich mich zu den Europäern zähle. Die
+Europäer haben mir das abgewöhnt, nicht die Indianer in der
+Sierra de Madre.
+</p>
+
+<p>
+Während wir noch in der Suppe herumfischten, kamen
+ein Beefsteak, geröstete Kartoffeln, ein Teller Reis, ein Teller
+mit butterweichen Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch.
+Das gibt es hier nicht, daß man sich nach jedem Gang erst die
+Galle anärgern muß, weil der Kellner sich eine halbe Stunde
+lang erst überlegt, ob er einem nun den folgenden Gang
+eigentlich bringen soll oder nicht. Hier werden alle Gänge
+sofort gleichzeitig auf den Tisch gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine
+Bohnen ein gegen Tomatensalat, den man sich selbst am Tische
+zubereitet und ich tauschte meinen Gulasch ein gegen eine
+Omelette.
+</p>
+
+<p>
+Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte
+er seine Bohnen behalten, würde er sie auch noch geschüttet
+haben. Aber Bohnen schien es genug in der Bäckerei
+zu geben, dagegen wohl seltener Tomatensalat.
+</p>
+
+<p>
+Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das
+Beefsteak und eine Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann
+würzte ich den Reis mit zwei Eßlöffel Chille und die Bohnen
+mit vier Eßlöffel Zucker.
+</p>
+
+<p>
+Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte
+Eistee mit Zitrone, ich <span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">Café con leche</span>, wofür man auch ebenso
+gut sagen kann: Kaffee mit Milch. Kaffee trinkt man mit
+einem Drittel des Tasseninhaltes Zucker darin. Diese Sitte
+halte ich für sehr gut und für sehr vernünftig. Es mag dies
+als fernerer Beweis angesehen werden, daß ich für Europa
+verloren bin, und zwar für immer; denn wo ich auch zu Tisch
+sitzen werde, die Hausfrau, vielleicht sogar auch der Hausherr,
+der ja materiell dafür aufzukommen hat, müßten angebunden
+werden, weil sie sonst Tobsuchtsanfälle bekommen würden angesichts
+meines Zuckerverbrauchs.
+</p>
+
+<p>
+Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch
+einige Zahnstocher. Deshalb sieht man auch nie, daß ein
+Mexikaner mit der Gabel in den Zähnen herumfuhrwerkt,
+wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar Square und
+an anderen Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu
+beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht
+gut essen kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel
+aufzuschlitzen, wie so oft von ungeschickten und furchtsamen
+Leuten behauptet wird, weiß ich aus eigener Erfahrung.
+Etwas unbequem sind die starken Seemannsmesser,
+wie ich eines habe; weil die am Ende spitz sind und nicht breit,
+deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne
+und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den
+Fisch mit dem Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel weiß ich
+nicht. So oft ich Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den
+offenen Garküchen auf den Märkten und an anderen Orten,
+aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und dem Daumen.
+Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und
+vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine,
+sie packten ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben
+auch meist gar kein Messer, das sie dem Gast geben könnten,
+sondern eben auch nur die natürlichen Werkzeuge, die sie
+nicht erst kaufen brauchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch,
+weil wir der besseren Verdauung wegen während
+des Essens nichts Gedankenschweres in unserem Hirn herumwälzen
+wollten und weil man beim Essen nur vom Essen
+sprechen soll.
+</p>
+
+<p>
+Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen,
+daß wir keine ungebildeten Leute oder was viel schlimmer ist,
+etwa gar revolutionäre Arbeiter waren. Denn das kann man
+so sehr leicht werden, wenn man sich gehen läßt und nachgibt,
+besonders wenn man augenblicklich keine andere Zukunftsmöglichkeit
+vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis siebzehnstündige
+Arbeitszeit für anderthalb Pesos.
+</p>
+
+<p>
+Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos,
+alles einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen
+Speisewirtschaft.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Weiße und jeder Mexikaner, der es versucht – und
+es wird immer wieder versucht – für dasselbe Geld die gleiche
+Mahlzeit mit allem genannten Zubehör zu geben, geht zugrunde.
+Das Allerwenigste, was ein Nicht-Chinese fordern
+muß, sind achtzig Centavos. Wie der Chinese das fertig
+bekommt und dabei noch verdient und zu Wohlstand gelangt,
+ist eins der vielen Geheimnisse, die um den Chinesen gehäuft
+sind.
+</p>
+
+<p>
+Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich
+gründlich Mund <a id="corr-34"></a>und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden.
+Sauberen Mund und saubere Zähne zu haben ist dem Mexikaner
+wichtiger als ein trockener Fußboden. Die nimmermüde
+tropische Sonne trocknete ja den Fußboden, ehe sich der nächste
+Gast an unseren Tisch setzt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6">
+15.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging
+in den Laden und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal.
+</p>
+
+<p>
+„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber.
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker,“ sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“
+</p>
+
+<p>
+„In Monterrey.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie
+Kost, Wohnung und Wäsche und ein und einen halben Peso
+für den Tag.“
+</p>
+
+<p>
+„Halt!“ sagte er plötzlich, „sind Sie sicher auf Torten,
+auf Torten mit Gußornamenten?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur
+Torten mit Gußornamenten gebacken.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist fein! Da will ich aber doch mal mit meinem
+Meister sprechen, was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger
+Meister, von dem können Sie viel lernen.“
+</p>
+
+<p>
+Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich
+gerade die Stiefel anzog, um auszugehen.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ist ein Bäcker von Monterrey, der Arbeit sucht.
+Hören Sie mal, ob Sie ihn brauchen können.“
+</p>
+
+<p>
+Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns
+beide allein.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen,
+zog sich ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich
+auf den Bettrand und zündete sich eine Zigarre an.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er
+mich mißtrauisch von oben bis unten und sagte endlich:
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind Bäcker?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“
+</p>
+
+<p>
+„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch.
+</p>
+
+<p>
+„Verstehen Sie was von Torten?“
+</p>
+
+<p>
+„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie
+gemacht werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte
+das gerade lernen.“
+</p>
+
+<p>
+„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen,
+heute abend um zehn Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was
+essen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, danke! Nicht jetzt.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen
+nun Ihr Bett zeigen.“
+</p>
+
+<p>
+Sein Mißtrauen war geschwunden und er war sehr
+freundlich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus
+Ihnen machen, wenn Sie gut aufpassen und willig sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Sennor.
+Bäcker und Konditor wollte ich schon immer werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder
+sich die Stadt ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“ –
+</p>
+
+<p>
+Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank.
+</p>
+
+<p>
+„Na?“ begrüßte er mich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich fange heute abend an.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist gut,“ sagte er, „vielleicht gehe ich später mit
+Ihnen runter nach Columbien.“
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich zu ihm.
+</p>
+
+<p>
+Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte
+und um ein Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der
+gegebene Zeitpunkt, nach Gonzalo zu fragen. Es war mir
+eigentlich nicht so sehr darum zu tun, nur zu schwätzen, als
+vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen würde, wie sich
+ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen
+hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man
+wisse es.
+</p>
+
+<p>
+Eine Gefahr war freilich damit verknüpft. War Antonio
+in Wahrheit ein echter Mörder, dann würde er bei erster Gelegenheit
+mich auf die Seite schaffen als Mitwisser. Aber
+darauf wollte ich es ankommen lassen. Diese Gefahr kitzelte
+mich erst recht, auf den Busch zu klopfen. Ich war ja vorbereitet
+und konnte mich meiner Haut wehren. Mit ihm allein
+durch den Busch, vielleicht gar nach Columbien zu trampen,
+würde ich dann schon wohlweislich vermeiden.
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie, Antonio,“ sagte ich plötzlich aus heiler Haut
+heraus, „daß Sie von der Polizei gesucht werden?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich?“ erwiderte er ganz erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Sie!“
+</p>
+
+<p>
+„Weswegen denn? Ich weiß nicht, daß ich etwas verbrochen
+habe.“
+</p>
+
+<p>
+Es klang sehr aufrichtig; zu aufrichtig, um echt zu sein.
+</p>
+
+<p>
+„Wegen Mord! Wegen Raubmord!“ setzte ich hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wohl verrückt, Gale. Ich wegen Raubmord?
+Da sind sie aber böse im Irrtum. Vielleicht eine Namensähnlichkeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie, daß Gonzalo tot ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Was?“ Er schrie es beinahe.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagt ich ruhig, ihn im Auge behaltend.
+</p>
+
+<p>
+„Gonzalo ist tot. Ermordet und beraubt.“
+</p>
+
+<p>
+„Der arme Kerl! Er war ein guter Bursche,“ sagte
+Antonio bedauernd.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ bestätigte ich, „er war ein braver Kerl! Und es
+ist schade um ihn. Wo haben Sie ihn denn zuletzt gesehen,
+Antonio?“
+</p>
+
+<p>
+„In dem Hause, wo wir alle wohnten.“
+</p>
+
+<p>
+„Mr. Shine erzählte mir, daß ihr drei, Sie, Gonzalo und
+Sam zusammen am Montag morgen fortgegangen seid.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Mr. Shine das sagt, dann irrt er. Gonzalo ist
+zurückgeblieben. Wir zwei nur, Sam und ich sind zur Station
+gegangen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+„Das verstehe ich nicht,“ sagte ich nun. „Mr. Shine hat
+am Fenster oder in der Tür gestanden, ich weiß nicht wo
+und hat euch drei bestimmt gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+Da lachte Antonio leicht auf und sagte: „Mr. Shine hat
+recht und ich habe auch recht. Aber der Dritte, der bei uns
+war, war nicht Gonzalo, sondern einer dort aus der Gegend,
+einer von den Eingeborenen, der die Hühner von Abraham
+kaufen wollte, weil er dachte, er könne sie billig haben.
+Abraham war aber schon zwei Tage fort und hatte die
+Hühner bereits verkauft, ich glaube an Mr. Shine.“
+</p>
+
+<p>
+„In dem Hause, wo Sie Gonzalo zuletzt gesehen haben,“
+sagte ich nun langsam, „habe ich ihn auch gefunden, ermordet
+und beraubt. Das heißt, es ist ihm nicht alles geraubt worden,
+fünf Pesos und etwas darüber hat ihm der Mörder gelassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte ernst bleiben bei der tragischen Geschichte,“
+sagte Antonio leicht vor sich hin grinsend, „aber da muß ich
+doch lachen. Das übrige Geld von Gonzalo habe ich.“
+</p>
+
+<p>
+„Na also!“ rief ich, „davon rede ich ja die ganze Zeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Davon reden Sie allerdings, Gale,“ erwiderte Antonio.
+„Aber das Geld habe ich ihm doch abgewonnen. Sam weiß
+das gut, der war ja auch dabei. Sam hat ja selbst fünf Pesos
+dabei verloren. Er hat sich ja mit in die Wette hineingedrängt.“
+</p>
+
+<p>
+Das wurde jetzt eine merkwürdige Geschichte.
+</p>
+
+<p>
+„Sam, ich und der Indianer, wir sind zusammen vom
+Hause fortgegangen. Gonzalo wollte zurückbleiben und sich
+gut ausschlafen. Ich bin mit Sam bis Celaya gefahren. Sam
+ist dann weiter gefahren bis hierher nach Oaxaca und ich bin
+hierher teils gelaufen, teils habe ich ein paar Strecken mit
+den Zügen blind gemacht.“
+</p>
+
+<p>
+Was Antonio sagte, klang wahr. Außerdem hatte er
+Sam als Zeugen. Und daß Antonio diese weite Strecke von
+Celaya zurückgeeilt sein sollte, um Gonzalo zu ermorden,
+war ganz und gar unwahrscheinlich. Sein Geld hatte er ihm
+ja abgewonnen, ehrlich, Sam war Zeuge. Irgendeinen Wertgegenstand
+besaß Gonzalo nicht. Wir kannten jeder den
+ganzen Tascheninhalt des anderen; und auf dem Leibe konnte
+auch niemand etwas verbergen, wir liefen ja immer dreiviertel
+nackt herum. Da war nichts Verdächtiges übrig,
+Antonio war unschuldig.
+</p>
+
+<p>
+„Na, lieber Antonio,“ sagte ich, „da bitte ich Sie herzlich
+um Verzeihung, weil ich geglaubt habe, Sie könnten am
+Morde oder Tode des Gonzalo schuldig sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Macht nichts, Gale,“ antwortete er gemütlich, „nehme
+ich Ihnen nicht übel; aber ich hätte doch gedacht, Sie würden
+nicht gleich das Böseste von mir denken. Ich habe doch nie
+jemand irgendeine Ursache hierfür gegeben.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist wahr. Das haben Sie nicht,“ sagte ich darauf.
+„Aber sehen Sie, die Umstände waren so merkwürdig auf Sie
+gerichtet. Sie und Sam waren die legen mit Gonzalo im
+Hause. Gonzalo hat, wenn er, wie Sie sagen, nicht mit
+Ihnen gegangen ist, das Haus nicht mehr verlassen. Er ist
+darin ermordet worden. Mr. Shine sagte mir, daß, seit Sie
+fortgegangen seien, niemand sonst dort herum war. Es gibt
+ja nichts zu stehlen da und ein Weg, der jemand zufällig dahin
+bringen könnte, führt auch nicht vorbei. Ich bin noch mal
+oben gewesen, weil ich dort auf Bescheid von einem Oelcamp
+warten mußte. Rein aus Neugierde geriet ich in das Haus
+und fand Gonzalo tot. Er hatte mehrere Wunden von Messerstichen,
+die gefährlichste war ein Lungenstich in der linken
+Brust, an dem Stich ist er offenbar verblutet.“
+</p>
+
+<p>
+Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging
+in Antonio eine erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde
+leichenblaß, starrte mich mit entsetzten Augen an, bewegte die
+Lippen und schluckte und schluckte, konnte aber kein Wort hervorbringen.
+Mit der linken Hand arbeitete er an seinem Gesicht
+und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch herunterreißen
+wollte, während er mit der rechten Hand wie im
+Traum nach meiner Schulter und nach meiner Brust tastete
+als ob er sich vergewissern müsse, daß da jemand sitze oder
+ob das nur eine Wahnvorstellung sei.
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich
+konnte mir jetzt überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio
+zeigte sich plötzlich das ganze Schuldbewußtsein eines
+Menschen, dem seine Tat mit allen ihren Folgen klar zu
+werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich ihn
+des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein
+solches Verhalten zurecht legen, um darüber nicht selbst meine
+Gedanken zu verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen,
+daß ich selbst Gonzalo erschlagen habe!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7">
+16.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Lampen im Park flammten auf. Es war halb sieben
+und wir hatten Ende August.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in
+der kurzen Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann.
+Denn es war im hellen Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht
+offen und unbefangen zuletzt gesehen hatte. Und nun
+deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was für mich der
+nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte Mensch
+Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis
+hatte werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu
+studieren, den die finstersten Mächte überfallen haben, ihn
+schütteln und rütteln und jedes Härchen und jede Pore an
+seinem Körper in Aufruhr versetzen, wurde mir nun durch
+die grellen Lampen zerstört, die in das Gesicht Antonios
+Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht
+darinnen waren.
+</p>
+
+<p>
+Wahrheit allein war sein heißes Atmen und Wahrheit
+waren seine tastenden und krallenden Finger. Alles andere
+wurde Rampenlicht.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter; zerlumpt
+wie Zehntausende unserer Klasse, weil der Lohn kaum
+für das Essen reicht, häufig nichts übrig bleibt für eine
+Dreißig-Centavos-Pritsche in einem der vielen Schlafhäuser,
+wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder hundert Schlafgenossen
+aller Rassen der Erde, behaftet mit vielleicht ebensoviel
+oder mehr Krankheiten, die von den Aerzten gekannt und
+auch nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in demselben
+einen Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch
+abtrocknen, Männer, Frauen und Kinder, im Alter von zwei
+Wochen bis zu hundertundfünf Jahren. Ehemalige Herzöge,
+Lords, Generale, Professoren, Philosophen, Erfinder, Entdecker,
+Geistliche, Ingenieure, Bankdirektoren, Bankräuber,
+Bankmörder, Dirnen und was sonst noch die Welt an Berufen
+hervorbringt und wieder vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+Der Arbeiter, ein Indianer, war auf der Bank eingeschlafen.
+Seine Glieder entspannten und der ermüdete und
+abgearbeitete Körper sank zu einem Häuflein Lumpen mehr
+und mehr zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste
+die Bank wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner
+Höhe auf dem Erdboden kriechen sieht. Dann, als der Polizist
+wieder an der Rückseite der Bank war, zog er seine Lederpeitsche
+durch die Hand und hieb mit bestialischer Brutalität
+und mit einem tückischen Grinsen auf dem Gesicht dem
+Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb.
+Mit einem unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper
+des Indianer kurz nach vorn über als habe man ihm den
+Rücken mit einem Schwert durchschnitten. Dann aber schnellte
+der Körper rasch nach hinten und sich mit einem Gestöhn
+windend, griff der Arme langsam mit der Hand nach dem
+gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und
+grinste den Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem
+Gepeinigten liefen vor Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht.
+Aber er sagte nichts. Er stand nicht auf. Er blieb
+ruhig auf der Bank sitzen. Denn das war sein Recht. Sitzen
+durfte er auf der Bank, er mochte noch so zerlumpt sein, es
+mochten noch so viele elegante Caballeros und Sennoras
+herumirren, um die Kühle des Abends auf einer der bequemen
+Bänke zu genießen und dem Konzert zuzuhören, das bald
+beginnen würde. Der Indianer wußte, er war der Bewohner
+und der Bürger eines freien Landes, wo der Millionär nicht
+mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen und wäre es vierundzwanzig
+Stunden lang, als der arme Indianer. Aber
+schlafen durfte er nicht auf der Bank. Soweit ging die Freiheit
+nicht, obgleich die Bank auf dem „Platze der Freiheit“
+stand. Es war die Freiheit, wo derjenige, der die Autorität
+besitzt, den peitschen darf, der die Autorität nicht hat. Der
+uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt wie die Geschichte
+von der Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der uralte
+Gegensatz zwischen der Polizei und den Mühseligen und Beladenen
+und Hungernden und Schlafbedürftigen. Der
+Indianer war im Unrecht, das wußte er wohl, deshalb sagte
+er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder Gabriel – dieser
+hier hielt sich für das zweite – war im Recht.
+</p>
+
+<p>
+Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Nein!
+</p>
+
+<p>
+Mir stieg das Blut zu Kopfe.
+</p>
+
+<p>
+In allen Ländern der hohen Zivilisation, in England,
+in Deutschland, in Amerika und erst recht in den übrigen
+Ländern ist es die Polizei, die peitscht und ist es der Arbeiter,
+der gepeitscht wird. Und da wundert sich dann der, der zufrieden
+an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich an der Krippe
+gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert wird
+und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht.
+Eine Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie.
+Er frißt sich immer tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und
+endlich das Hirn und löst den Schrei aus, der die Erde erbeben
+läßt. Der Schrei: „Rache!“ Warum ist Rußland in
+den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am
+meisten gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet
+den Weg für die Heranstürmenden, deren Schritte Welten
+erdröhnen und Systeme explodieren macht.
+</p>
+
+<p>
+Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“
+schreien!
+</p>
+
+<p>
+Wehe den Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz
+der Hungernden zerfressen und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen!
+</p>
+
+<p>
+Man zwang mich, Rebell zu sein und Revolutionär.
+</p>
+
+<p>
+Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus Hilfsbereitschaft
+für die Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit
+und Unbarmherzigkeit sehen zu müssen, macht ebensoviele
+Revolutionäre wie Unzufriedenheit oder Hunger.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch
+der Polizist stand, die Peitsche durch die Hand ziehend, sie
+ab und zu durch die Luft pfeifen lassend und mit funkelnden
+Augen auf sein sich windendes Opfer grinsend.
+</p>
+
+<p>
+Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle
+mich auf die Bank setzen.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie
+mich sofort zur Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen.
+Sie wissen, daß Ihre Instruktion Ihnen nur das Recht gibt,
+sich der Peitsche zu bedienen, falls Sie angegriffen werden
+oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem Aufruf. Das
+wissen Sie doch?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen,“ verteidigte
+sich der kleine braune Teufel, der kaum höher war
+als fünf Fuß.
+</p>
+
+<p>
+„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er
+hier zu dieser Zeit nicht schlafen dürfe und wenn er wieder
+einschlafen sollte, durften Sie ihn von der Bank verweisen,
+aber auf keinen Fall durften Sie ihn schlagen. Also, kommen
+Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine Möglichkeit
+mehr haben, jemand zu peitschen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein
+Weißer war und sah, daß ich es im Ernst sagte. Er hing
+die Peitsche an den Haken in seinem Gürtel und mit einem
+schnellen Satz war er verschwunden, als habe ihn die Erde
+verschluckt.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege.
+</p>
+
+<p>
+Ich schlenderte zurück zu Antonio.
+</p>
+
+<p>
+Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal.
+Alles ist Busch. Ueberall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen!
+Die Fliege von der Spinne, die Spinne vom Vogel,
+der Vogel von der Schlange, die Schlange vom Coyotl, der
+Coyotl von der Tarantel, die Tarantel vom Vogel, der Vogel
+vom – – – Immer im Kreise herum. Bis eine Erdkatastrophe
+kommt oder eine Revolution und der Kreis von
+Neuem beginnt, nur anders herum.
+</p>
+
+<p>
+Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht!
+Der Lebende hat immer recht! Du bist im recht! Der Tote
+ist schuld. Hättest du nicht Gonzalo ermordet, hätte er dich
+ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es ist der Kreis im
+Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel ist
+zu häufig und die ganze Zivilisation der Menschen ist ja nichts
+anderes als die natürliche Folge seiner bewundernswerten
+Nachahmungsfähigkeit.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8">
+17.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz
+bestimmt nicht meine Absicht, Gonzalo zu töten. Er hätte
+mich genau so gut treffen können. Glauben Sie mir doch,
+oh, <span class="antiqua" lang="es" xml:lang="es">amigo mio</span>! Ich bin nicht schuld an seinem Tode.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, Antonio. Es konnte Sie treffen. Es kann
+Sie heute abend noch treffen. Es ist der Busch, der uns alle
+am Kragen hat und mit uns macht, was er will.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch.
+Hier in der Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar
+nicht verfallen. Aber da singt der Busch die ganze Nacht, da
+schreit ein Fasan seinen Todesschrei, wenn er gepackt wird,
+da heult der Cougar auf seinem Mordwege. Alles ist Blut,
+alles ist Kampf. Im Busch sind die Zähne, bei uns sind es
+die Messer. Aber es war nur Scherz, nur der reine Spaß.
+Wirklich nur Spaß. Nichts weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das
+Rädchen, oder die Messer! Wir hatten keiner so viel Geld
+übrig nach siebenwöchiger Arbeit wie wir brauchten, um aus
+dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was anderes
+aufzusuchen.
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte
+etwas über zwanzig Pesos, ich hatte fünfundzwanzig.
+</p>
+
+<p>
+Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir
+gehen.
+</p>
+
+<p>
+Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charly
+war gegangen. Sie waren auch nicht mehr da. Wir waren
+nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich.
+</p>
+
+<p>
+Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten
+jeder Goldstücke, das Kleine in Silber.
+</p>
+
+<p>
+Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden
+lag, kaum zu sehen bei dem Schein unseres Feuers, da fing
+Gonzalo an zu fluchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten?
+Da hat man nun sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter
+Negersklave, in der Glut, von früh um vier bis Sonnenuntergang,
+dann heim. Und dann abgerackert, daß man kaum noch
+einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu kochen
+und runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen,
+keine Musik, kein Tanz, kein Mädchen, keinen
+Schnaps und den schlechtesten Tabak. Was soll ich mit dem
+Lausedreck da anfangen?“
+</p>
+
+<p>
+Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine
+Hose ein Lumpen, meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio,
+keine Sohle, kein Oberleder, kein Nischt, sogar die Riemen
+sind zwanzigmal geknotet. Und nischt bleibt übrig und geschuftet
+wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens vierzig
+Pesos!“
+</p>
+
+<p>
+Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf.
+</p>
+
+<p>
+„Mit vierzig Pesos,“ sagte er, „käme ich zurecht. Könnte
+nach Mexico Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit
+man auch anständig aussieht, wenn man zu einem Mädchen
+„Buenos tardes!“ sagen will. Und man hat noch ein paar
+Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“
+</p>
+
+<p>
+„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „die vierzig Pesos
+sind es auch gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das
+Notdürftigste zu kaufen.“
+</p>
+
+<p>
+„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um
+das Geld spielen. Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen
+etwas Rechtes anfangen. Wenn du mein Geld noch
+dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch einer von
+uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist jeder
+ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich
+auf den ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet
+hat.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht,“ erzählte
+Antonio weiter. „Ich hätte mein Geld auch gleich versoffen.
+Wenn man mit dem gottverfluchten Tequila erst einmal anfängt,
+hört man nicht eher auf, bis der letzte Centavos verwichst
+ist. Das geht dann durch, besoffen, nüchtern-besoffen,
+nüchtern-besoffen immerfort bis alles hin ist. Und was man
+nicht selber durch die Gurgel rasselt, da helfen dann die Mitsäufer,
+und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und
+der schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das
+kennen Sie doch, Gale?“
+</p>
+
+<p>
+Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der
+einem die Kehle zerreißt, daß man sich nach jedem Glas
+schütteln muß und schnell ein paar eingemachte Bohnen, die
+einem der kluge Wirt mit einem spitzen Hölzchen zum Aufspießen
+hinstellt, hinterher schlucken muß, um den Petroleumgeschmack
+los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie
+besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer
+ein Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem
+mysteriösen Grunde durch die Kehle jagen muß, ohne ihn mit
+der Zunge zu betasten. Und wenn man dann endlich glaubt,
+genug zu haben, hat man weder Hirn, noch Körper, noch
+Blut. Man hört auf zu existieren. Das Daseinsbewußtsein
+verlöscht vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid,
+Aerger, Zorn. Uebrig bleibt nur das absolute Nichts. Welt
+und Ich sind verweht. Nicht einmal Nebel bleibt.“
+</p>
+
+<p>
+Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung
+suchend. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:
+„Wir hatten keine Karten und keine Würfel. Wir zogen
+Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin und zurück.
+Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die aus der einen Tasche
+zur anderen gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein
+Geld wechselte nicht von Haus zu Haus.
+</p>
+
+<p>
+Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden.
+Vielleicht zehn oder elf Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder,
+jetzt habe er genug von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er
+endlich wissen, woran er morgen früh sei.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, weißt du denn einen anderen Vorschlag?“ sagte ich
+zu ihm.
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so
+wütend macht. Wir albern hier herum wie die kleinen
+Kinder, ohne zu einem Ende zu kommen. Immer hin und
+her. Es ist zum verrückt werden!“
+</p>
+
+<p>
+Dann als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in
+die Glut starrend, sich eine Zigarette nach der anderen drehend
+und jede kaum angeraucht ins Feuer warf, sagte er plötzlich
+aufspringend: „Jetzt weiß ich, was wir tun. Wir machen ein
+Azteken-Duell um die ganze Summe.“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“
+</p>
+
+<p>
+Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus
+Huehuetoca, und seine Vorfahren waren einst Caciques gewesen.
+Das ist so etwas wie Heerführer und Statthalter.
+Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem Lande
+durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr
+selten ein Irrtum unterläuft.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“
+sagte Gonzalo erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir
+sind doch spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als
+zweihundert Jahre hier sind, Vaters und Mutters Seite. Aber
+von einem Azteken-Duell habe ich nie gehört.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber das ist ganz einfach,“ sagte Gonzalo. „Wir
+nehmen zwei junge, gerade gewachsene Bäumchen, binden
+oben unsere Messer fest daran und werfen sie dann gegenseitig
+auf einander los, bis der eine aus Ermattung nachgeben
+muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer
+stehen bleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld.
+Dann kommen wir doch wenigstens zu einem Ende.“
+</p>
+
+<p>
+Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir
+eine ganz verrückte Idee zu sein.
+</p>
+
+<p>
+„Du hast doch nicht Angst, Spanier!“ lachte Gonzalo.
+</p>
+
+<p>
+Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton
+von Verhöhnung lag, brauste ich auf:
+</p>
+
+<p>
+„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier
+hat nie Angst! Das will ich dir gleich beweisen. Los zum
+Azteken-Duell!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9">
+18.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und
+krochen im Busch herum, bis wir zwei passende Stämmchen
+gefunden hatten.
+</p>
+
+<p>
+Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen,
+damit wir ein tüchtig Feuer bekämen, um im Kampfe auch
+Ziellicht zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Wir befreiten die Stämmchen von den Aesten und banden
+oben unsere aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an.
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge
+überstehen,“ sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht
+ermorden. Es ist ja nur um das Spiel. Das Messer braucht
+nicht weiter überstehen, als der halbe kleine Finger. So, das
+ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer betrachtend. „Jetzt
+binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem Speer ein
+richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“
+</p>
+
+<p>
+Dann umwickelten wir unseren linken Arm mit Gras und
+einem Sack, um ein Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte
+Gonzalo, „der Schild ist wichtig. Das ist ja eben gerade
+das Vergnügen, aufzufangen und abzuwehren.“
+</p>
+
+<p>
+Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja und
+ich? Soll ich vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Chino hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer
+der Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn
+haben. Sie wissen ja, Gale, was für Spielratten die Chinos
+sind. Die würden die Frachtkosten für ihren Leichnam verspielen,
+wenn ihnen das nicht gegen alle Moral ginge.
+</p>
+
+<p>
+„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „Du kannst ja auf einen
+von uns wetten.“
+</p>
+
+<p>
+„Fein,“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo.
+Fünf Pesos. Wenn du gewinnst, bekomme ich von
+dir fünf Pesos und wenn du verlierst, kliegst du von mir
+fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen, weil du
+dann deine zwanzig Pesos los würdest.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+Wir deponierten jeder unsere zwanzig Pesos, die Sam
+vor sich auf einen Stein legte und dann legte er selbst seine
+fünf Pesos Wetteinsatz hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab und wir legten
+jeder ein langes Stück Holz an die Marken, die keiner der
+Kämpfer überschreiten durfte, wenn er nicht sofort fünf Pesos
+an den anderen verlieren wollte.
+</p>
+
+<p>
+Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum
+Rückwerfen benutzte jeder den Speer des anderen.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte
+ich Gonzalo nur in Umrissen sehen und den Speer, wenn er
+auf einen zugeflogen kam, konnte man beinahe gar nicht sehen,
+denn rund herum war ja stockdunkle Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die
+rechte Schulter. Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale.
+</p>
+
+<p>
+Dabei zog er sein Hemd von der Schulter und ich sah den
+Stich noch unvernarbt.
+</p>
+
+<p>
+Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich
+in Aufregung. Ich bekam nach einigen weiteren Gängen
+noch einen Stich, der mir durch die Hose ins Bein ging. Aber
+ich konnte ganz gut aushalten.
+</p>
+
+<p>
+Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner
+nachgeben wollte, wurde das Tempo immer rascher. Es kam
+so mittlerweile ein gutes Stück Wildheit in die Sache und
+jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde niemals geglaubt
+haben, daß es nur ein Spiel sei.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine
+halbe. Ich weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo
+überhaupt schon einmal ernsthaft getroffen hatte oder
+nicht. Aber ich fing dann doch an, müde zu werden. Der
+Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig Kilo wiege
+und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich
+bald kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal
+wäre ich beim Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber
+ich hatte doch das Gefühl, ich darf nicht niedersinken, sonst kann
+ich bestimmt nicht mehr aufstehen.
+</p>
+
+<p>
+Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt
+nichts mehr sehen. Ich warf den Speer immer nur in
+der Richtung, in der ich ihn bisher geworfen hatte und wo
+Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz gleichgültig, ob
+ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst aufhören.
+Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf
+ich ihn eben immer wieder zurück.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich,
+daß Gonzalo sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der
+offenbar weit an ihm vorbei geflogen war. Er ging ein paar
+Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn auf und als er sich
+mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal so heftig
+in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht niedergeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht,
+weil ich froh war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen,
+sonst wäre ich umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden
+wäre und geworfen hätte, ich hätte meinen Arm nicht mehr
+heben können, um zu erwidern.
+</p>
+
+<p>
+Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.
+</p>
+
+<p>
+Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich
+meine fünf Pesos verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen.
+Gonzalo gibt auf.“
+</p>
+
+<p>
+Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber
+nicht mehr die Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben
+der Kiste auf den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm
+Wasser, das er gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine
+nackte Brust blutig war. Aber ich hatte für nichts mehr
+Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig auf die Brust und als
+ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß mein
+Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die
+Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir
+alles egal.
+</p>
+
+<p>
+Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in
+die Hosentasche. Ich hatte das Empfinden, als ob das alles
+irgendwo in ganz weiter Ferne geschähe. Wie durch einen
+Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf Pesos ebenfalls
+in die Tasche steckte.
+</p>
+
+<p>
+So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde.
+Das Feuer wurde kleiner und kleiner.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“
+</p>
+
+<p>
+Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine
+eigenen gewesen: „Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend
+und sich festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte.
+</p>
+
+<p>
+Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte,
+hörte ich, wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen
+zeitig geht und ich bin noch nicht auf, braucht ihr mich nicht
+wecken. Ich will lange durchschlafen, ich bin furchtbar müde.
+Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein Fahrgeld.“
+</p>
+
+<p>
+Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war
+Zeit. Um acht Uhr abends mußten wir auf der Station sein,
+sonst verloren wir zwei Tage.
+</p>
+
+<p>
+Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte
+sehen. Sah auch Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke
+schlief.
+</p>
+
+<p>
+Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen.
+</p>
+
+<p>
+Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade
+der Tag zu grauen anfing, gingen wir. Ein paar
+Schritte weiter trafen wir den Indianer, der die Hühner
+kaufen wollte. –
+</p>
+
+<p>
+Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre
+Geschichte.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht
+wach gekriegt,“ sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit
+schon halb ahnend.
+</p>
+
+<p>
+„Weil er bereits tot war!“ –
+</p>
+
+<p>
+„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich
+jetzt zu Sam gehen, der weiß es auch.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich
+glaube es. Es ist die Wahrheit!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-10">
+19.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+Die Ouverture zu Cavalleria rusticana.
+</p>
+
+<p>
+Da kam das wehmütige Motiv des Intermezzos.
+</p>
+
+<p>
+Klagend und weinend schwebten die Töne über den
+Plaza. Sie schlangen sich trauernd um die königlichen
+Palmen.
+</p>
+
+<p>
+Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen
+nicht sehen zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet.
+Ausgelöscht aus den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand
+mit einem Knäuel roher schwarz verfärbter Baumwolle auf
+die Brust gepreßt.
+</p>
+
+<p>
+Die Baumwolle! –
+</p>
+
+<p>
+Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen,
+ohne daß ich es bemerkte.
+</p>
+
+<p>
+„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er da.
+</p>
+
+<p>
+„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube Sie
+sehen Gespenster. Bilden Sie sich doch keine Dummheiten
+ein.“
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Ach, diese verfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich.
+„Sollen lieber spielen „Der Graf von Luxemburg“. Es
+ist ja alles so lustig! Das ganze Leben ist so lustig!
+</p>
+
+<p>
+Begräbnismusik für die Toten! Für die Lebenden
+schmetternde Fanfaren! Kommen Sie. Antonio! Es ist
+Zeit. Wir müssen uns eilen zur Bäckerei.
+</p>
+
+<p>
+Seien Sie pünktlich! hat der Meister gesagt.“
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p class="skip_in_txt">
+Das Cover wurde von den Bearbeitern der <em>public domain</em>
+zur Verfügung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Diese Erstveröffentlichung der „Baumwollpflücker“ wurde vom 21. Juni
+bis zum 16. Juli 1925 im „Vorwärts“, Berlin, in 22 Folgen gedruckt:
+</p>
+
+ <div class="table">
+<table class="ref">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1"><a href="#page-1">1.</a></td>
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+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+ </div>
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfename der Buchausgabe von 1926,
+sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
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+<ul>
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+<li>
+... anfangen können. Wir fühlten uns alle <span class="underline">drei</span> so wohl wie <span class="underline">drei</span> ...<br>
+... anfangen können. Wir fühlten uns alle <a href="#corr-2"><span class="underline">vier</span></a> so wohl wie <a href="#corr-3"><span class="underline">vier</span></a> ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... gehörte, stahl. Wir <span class="underline">nehmen</span> ihm den Raub wieder ab, bevor ...<br>
+... gehörte, stahl. Wir <a href="#corr-5"><span class="underline">nahmen</span></a> ihm den Raub wieder ab, bevor ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... daß wir auch nicht <span class="underline">glauben</span>, daß ein amerikanisches Kanonenboot ...<br>
+... daß wir auch nicht <a href="#corr-6"><span class="underline">glaubten</span></a>, daß ein amerikanisches Kanonenboot ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Schlafpelz</span> spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ...<br>
+... <a href="#corr-8"><span class="underline">Schlafplatz</span></a> spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <span class="underline">Ist</span> kann Sie weder ...<br>
+... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! <a href="#corr-9"><span class="underline">Ich</span></a> kann Sie weder ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... leistet, <span class="underline">den</span> ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ...<br>
+... leistet, <a href="#corr-11"><span class="underline">die</span></a> ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... wir es überhaupt jemals fertig gebracht <span class="underline">haben</span>, ohne Eier ...<br>
+... wir es überhaupt jemals fertig gebracht <a href="#corr-15"><span class="underline">hatten</span></a>, ohne Eier ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <span class="underline">Gale</span> ...<br>
+... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. <a href="#corr-23"><span class="underline">Shine</span></a> ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Darin</span> ist man hier gewöhnt. ...<br>
+... <a href="#corr-24"><span class="underline">Daran</span></a> ist man hier gewöhnt. ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... nicht verlassen brauchte; <span class="underline">den</span> er war ein beliebter und lustiger ...<br>
+... nicht verlassen brauchte; <a href="#corr-25"><span class="underline">denn</span></a> er war ein beliebter und lustiger ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Mund und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...<br>
+... Mund <a href="#corr-34"><span class="underline">und Zähne</span></a> und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75795 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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