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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***
+
+
+ Johannes R. Becher
+
+
+
+
+ Der Bankier reitet
+ über das Schlachtfeld
+
+
+ Erzählung
+
+
+ Agis-Verlag / Wien 1926
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Das schwimmende Märchenschloß. – Vornehme
+ Passagiere. – Hotel „Zum Weltkrieg!“ – Lernt
+ aus dem Vergangenen für das Zukünftige! –
+ Gewidmet den Meistern in der Verwendung von
+ Millionenheeren! – Auf den Spuren schwerer
+ Brocken. – Von denen, die sich über den
+ Massengräbern aalen. – Legende vom toten
+ „Bauernchristus“. – Das Frontschwein Emil. –
+ Brüder der „Großen Grube“, hört! – Hop hop
+ hop! –
+
+
+
+
+Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in
+dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf,
+bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –
+
+ * * * * *
+
+Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus
+ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork
+auslief.
+
+Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.
+
+Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann
+wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen.
+
+Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der
+Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden
+Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der
+Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue
+war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern
+gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das
+Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem
+monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans
+entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde
+aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere
+ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen
+Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden
+Wolkenfeld.
+
+Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die
+„Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und
+schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor
+sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ...
+
+Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem
+Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern.
+
+„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt.
+
+Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das
+Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen
+deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne
+Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich
+wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder
+einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten
+erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...
+
+Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche
+Räume führen.
+
+Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und
+den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer
+traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden
+Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe
+durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem
+Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah.
+Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein
+Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch
+wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick
+in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges
+messen konnte.
+
+Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und
+Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei
+Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich
+dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch
+eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich
+schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach
+zu halten.
+
+„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“
+
+In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange
+Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend:
+„Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die
+Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren
+Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein.
+
+Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.
+
+Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.
+
+Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete.
+
+„Genug!“
+
+Die Luke schloß sich.
+
+„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“
+
+Der Bankier sah sich noch einmal um.
+
+Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.
+
+Armdick.
+
+„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der
+Bankier treuherzig.
+
+„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck,
+hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ...
+Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem
+gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen
+Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der
+Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element
+dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei
+Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie
+Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen
+rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die
+unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion
+gewonnen ...“
+
+Der Rundgang war beendet.
+
+Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des
+Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern
+zischte, abzukühlen ...
+
+Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die
+„Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte
+Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion
+ausgeschaltet.
+
+Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter
+einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten
+hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und
+der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten
+Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...
+
+Schön und tiefblau war die Nacht.
+
+Ein lauer Windzug strich.
+
+Das Firmament glitzerte.
+
+Hie und da fiel eine Sternschnuppe.
+
+„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“
+
+Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.
+
+Dann suchte er seine Kabine auf.
+
+Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft –
+stampften, stampften die Maschinen.
+
+ * * * * *
+
+„Du, von was leben die da oben eigentlich?“
+
+Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an
+einen Deutschen heran.
+
+„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist,
+hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt
+doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind
+solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“
+
+Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und
+schippte seine Kohlenbrocken weiter.
+
+„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die
+Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich
+ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich
+dir ...“
+
+„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s
+auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die.
+Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große
+Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen
+und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein
+gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein
+Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein
+... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben
+wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“
+
+Ein Schwarzer trat hinzu.
+
+„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland,
+ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und
+ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft
+hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr,
+Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen.
+Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die
+Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie
+dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut
+schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“
+
+Schweigend starrten die Drei in die Glut.
+
+Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:
+
+ „Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
+ Daß das Schiff läuft –
+ Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
+ Daß das Schiff schneller läuft ...
+ Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
+ Daß das Schiff Volldampf läuft!“
+
+Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.
+
+Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied
+zu Ende:
+
+ „Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
+ Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“
+
+– – –
+
+Die Maschinen stampften.
+
+Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.
+
+ * * * * *
+
+Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –
+
+„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird
+einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle
+verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“
+
+Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an
+das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt
+entfernt, ein Anderer wird.
+
+Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.
+
+Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und
+sachverständige Zuschauer.
+
+Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.
+
+Nachrichten aus aller Welt:
+
+Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den
+erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen,
+was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein
+Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und
+der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen
+wurde es einem ins Ohr geflüstert.
+
+ * * * * *
+
+Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller
+Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen
+Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch
+hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen
+Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des
+Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.
+
+Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund.
+Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich
+geschrieben.
+
+Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände,
+küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin,
+die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen
+nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.
+
+Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände
+geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden
+auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen
+können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch,
+getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio
+Carracarras Hände!
+
+Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur
+im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate
+vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren
+die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer
+schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.
+
+Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war
+nur das eine zu berichten:
+
+Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche,
+sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik,
+zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.
+
+Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem
+Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die
+Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend
+haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am
+treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:
+
+„Einfach Apollo!“
+
+War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren
+höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio
+Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen
+...!?
+
+Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers
+entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich
+einen Augenblick lang gut, ganz gut ...
+
+Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken
+mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und
+er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen.
+
+Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio
+Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat
+so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der
+genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er
+gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie
+gegenüber ausgesprochen hätte ...
+
+ * * * * *
+
+So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der
+„Columbia“ in Europa.
+
+Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton
+einlaufen.
+
+Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion
+angekündigt.
+
+Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und
+künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die
+neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.
+
+Welch eine Ueberraschung!
+
+Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem
+Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und
+die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem
+in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen
+räkelten.
+
+Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.
+
+Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die
+„Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von
+Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein
+Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und
+Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem
+englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.
+
+Der Filmstreifen wickelte sich ab:
+
+Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter
+Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat
+verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König
+Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit
+noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei
+er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre
+... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit
+abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein
+darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer
+Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten
+und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das
+kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr
+folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von
+Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch
+Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei
+Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem
+Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der
+allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte,
+hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf
+dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der
+vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf
+und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode
+Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft,
+und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der
+Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half
+ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den
+Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der
+vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend
+amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die
+Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen
+sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die
+Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie
+Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie
+Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten
+Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt
+doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich
+wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze
+wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten
+Gesichtern übergestülpt und –
+
+Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!
+
+Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:
+
+„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“
+
+Erntefelder.
+
+Bauern, die Garben binden.
+
+Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch
+ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen
+hindurchschritt ...
+
+Das Bordpublikum klatschte.
+
+Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle
+durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert.
+
+Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der
+Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief
+bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte:
+
+„Wir oder sie ...“
+
+ * * * * *
+
+Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...
+
+ * * * * *
+
+Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.
+
+Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.
+
+Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung
+zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten,
+Sportsleute, Schaupieler.
+
+Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im
+Klubsessel.
+
+Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang
+an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und
+dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte.
+
+Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.
+
+Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet
+gelungen.
+
+Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter,
+sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als
+„öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen.
+
+Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu:
+
+„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“
+
+Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten
+Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals
+wand.
+
+Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.
+
+Ein Glas klingelte dreimal schrill.
+
+Ein allgemeines Gesumme:
+
+„Ah, eine Ansprache ...“
+
+Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen
+Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus
+tönten dumpf und krächzend.
+
+„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist
+einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein
+Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des
+Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die
+der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ...
+Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen
+jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm –
+die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und
+Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die
+Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im
+Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte
+Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat
+sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die
+Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die
+Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit
+unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so
+gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter;
+alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter,
+Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre,
+sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar
+noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas
+Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun,
+meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der
+eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut
+euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“
+
+Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen,
+Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein.
+
+„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“
+
+Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.
+
+Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.
+
+Einige rülpsten laut.
+
+Andere gurgelten.
+
+Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer
+Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.
+
+Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:
+
+„Rhizinus!“
+
+Und zum Henker gewandt:
+
+„Danach tranchiert ...“
+
+Gleich darauf erschollen Hochrufe:
+
+„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...
+
+„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten!
+...“
+
+Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige
+Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen
+hingen.
+
+„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“
+
+„Hoch! Hoch!“
+
+„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“
+
+Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines
+Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand.
+
+„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was!
+...“
+
+Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:
+
+ „Das ist doch wenigstens noch etwas anderes
+ Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
+
+„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier
+einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend.
+
+„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender
+Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“
+
+Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.
+
+Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und
+ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der
+Kette verschwinden.
+
+„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie
+die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm
+wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen
+Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...
+
+Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte
+imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...
+
+ * * * * *
+
+An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die
+Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht.
+
+„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann
+werden und verträgt keinen Schluck nicht.“
+
+Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert.
+
+„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“
+
+Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.
+
+„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen
+kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht
+liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“
+
+Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß.
+
+Kotzte.
+
+„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht
+ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das
+Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen
+heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht
+bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“
+
+Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria
+in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“
+
+Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.
+
+„Hihihi!“
+
+„Hahaha!“
+
+„Huhuhu!“
+
+„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e
+gefällig!?
+
+„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon
+einmal so ein Kotzen gesehen?!
+
+„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion,
+Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“
+
+Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet,
+mußte sich das Kotzen mitansehen.
+
+„Direkt eine Sehenswürdigkeit!
+
+„Ein Meister seiner Art!
+
+„Ein richtiges Kotzwunder!
+
+„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!
+
+„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was
+...
+
+„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“
+
+Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich
+wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte.
+
+„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel
+besonderes Eintrittsgeld erheben ...
+
+„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.
+
+„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder
+anwesend!?“
+
+Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der
+Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und
+aus der Kotz-Vorstellung abgeführt.
+
+„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck
+aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus
+dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei
+gekommen.
+
+Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn
+bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte
+ihn.
+
+„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf,
+mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas
+zu bieten!?“
+
+Es war inzwischen Morgen geworden.
+
+Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und
+eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die
+Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch.
+
+„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“
+
+Einige lagen bereits am Boden.
+
+Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:
+
+„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“
+
+Lautlose Stille trat ein.
+
+Man hörte Schnarchen.
+
+„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“
+witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin.
+
+„ssssst!“
+
+Ein Glas klingelte schrill dreimal.
+
+„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und
+Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der
+Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie
+die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam
+Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann
+erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand:
+_mene menetekel upharsin_. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden
+herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis
+zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie
+ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren
+Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische,
+Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“
+
+Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske
+vollkommene Totenstille.
+
+Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte.
+
+Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.
+
+Es gluckste.
+
+Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.
+
+– – –
+
+Die Maschinen stampften.
+
+ * * * * *
+
+Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.
+
+Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt.
+
+Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.
+
+Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins
+strahlende Licht.
+
+Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des
+Milliardärs zu machen.
+
+Trat an den Amerikaner heran:
+
+„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“
+
+Und als der Amerikaner freundlich nickte:
+
+„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“
+
+Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich
+dicht an den Amerikaner heran.
+
+„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem
+Maskenfest zu sehen ...?“
+
+„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann
+gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen,
+mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht
+geschaffen für Menschen meiner Art ...“
+
+„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal
+austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“
+
+„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte
+ich mich mit Ihnen verabreden ...“
+
+„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt
+haben, bevor es zu spät ist ...“
+
+„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten
+Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt,
+ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht
+erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es
+nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem
+gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben,
+die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“
+
+„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte
+dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich,
+bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht,
+Ihnen Antwort zu geben ...“
+
+Wieder schwieg der Bankier.
+
+Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.
+
+Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.
+
+„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das
+an den beiden vorüberstrich.
+
+„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit
+erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst
+fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit
+gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen
+daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind,
+hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die
+Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme
+erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage
+begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie
+als Freund und Vater ...“
+
+Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt.
+
+Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er.
+
+„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen
+und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen
+Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren!
+
+„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein
+Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante
+dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht
+mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns
+nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der
+Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht
+mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den
+Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel,
+hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren,
+phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir
+strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt
+...
+
+„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor
+unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über
+die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen
+Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind
+wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden
+gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die
+wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter
+hervorgebracht hat.
+
+„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da
+habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf
+befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es
+das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...
+
+„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden
+Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!?
+
+„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es
+wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken!
+
+„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und
+unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und
+noch sind wir stark, stark genug! ...
+
+„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch
+ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch.
+
+„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die
+abgründige Meertiefe dahinfährt?
+
+„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.
+
+„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch
+in ihrem Schatten zusammensinkt?
+
+„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht
+sein ...
+
+„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die
+Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg
+noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ...
+
+„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat
+_eine_ Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit.
+
+„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!
+
+„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den
+Kurswert der Zeit besitzt.
+
+„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“
+
+„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“
+
+„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich
+dieser Welt überwölbt ...“
+
+Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.
+
+„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen
+wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“
+
+„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des
+„letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß
+ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein
+Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht
+mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite
+hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer
+Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf
+vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug
+ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters
+Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht
+davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine
+Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf
+dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des
+Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser
+Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe
+Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur
+Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen
+anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem,
+was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder
+nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der
+Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark
+genug, stark ...
+
+„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat,
+schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten
+Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte
+Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er,
+dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit
+ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann
+noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem
+Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“
+
+Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.
+
+„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie
+stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus!
+... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der
+feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an
+sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich
+Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus
+ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein
+Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich
+–!?“
+
+Die Maschine stampfte zurück.
+
+Der Schiffskörper zitterte.
+
+„Also!“
+
+Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.
+
+„Europa.“
+
+„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die
+Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“
+
+„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide
+wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen
+wird ...“
+
+„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“
+
+Die Schiffssirenen schrillten.
+
+An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes
+Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von
+Southampton ein. –
+
+ * * * * *
+
+„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu,
+als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether
+hineinschnellte.
+
+„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte
+Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem
+Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine
+melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang
+volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“
+
+Die Flugzeugmotore donnerten.
+
+„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt
+singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein
+Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche:
+Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem
+Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken
+an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden
+Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den
+kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ...
+Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von
+Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu
+schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses
+Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im
+Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose
+Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben,
+nenne ich das ...“
+
+Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes
+zu.
+
+„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem
+Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es
+ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht
+wir dahingleiten, selbst spricht ...“
+
+ * * * * *
+
+Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den
+Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem
+ungeheueren Menschenstrom stecken.
+
+Rote Fahnen wehten.
+
+Rufe erschollen:
+
+„Nieder mit dem Krieg!“
+
+„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ...
+Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der
+Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den
+großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
+
+Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.
+
+„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen
+solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es
+sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie
+einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute
+kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften
+Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang
+... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer
+zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei
+rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des
+Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?!
+... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ...
+Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die
+Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“
+
+Die beiden Freunde verabschiedeten sich.
+
+„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir
+unendlich viel gegeben!“
+
+„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals
+unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat,
+jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben
+geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen
+gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff
+und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben
+Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus _einem_ Guß ... Ich
+fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich
+will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken.
+Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund
+auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in
+Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die
+Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ...
+Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die
+Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den
+Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und
+ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser
+Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“
+
+Die beiden Freunde umarmten sich.
+
+ * * * * *
+
+Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene
+Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten
+europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.
+
+Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige
+Male stattfindende Fremdenfahrt begann.
+
+Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem
+Tage an der Exkursion teilnahmen.
+
+Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit
+auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld
+bequem zu erreichen.
+
+Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum
+Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer
+geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach
+amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer,
+daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie
+entwickeln werde.
+
+Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus
+einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der
+Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem
+sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt
+hatten.
+
+Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat
+prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten
+riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die
+Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich
+nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und
+beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte
+„Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder
+mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen,
+stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer
+ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.
+
+Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort.
+
+Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch
+davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf,
+eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.
+
+Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein
+der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen
+Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung
+allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs
+selbst zurück. –
+
+Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß
+mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß
+sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch
+wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu
+vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede
+gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den
+Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und
+heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die
+Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der
+verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren
+und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine
+Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes
+Naturschauspiel zugleich.
+
+Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am
+frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel
+eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt
+wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die
+Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der
+Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch
+nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl
+Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die
+Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar
+einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener
+Person mitmachten. –
+
+ * * * * *
+
+Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges
+deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar
+überhaupt keine Fortschritte.
+
+Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte
+Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw.
+verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu
+haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten,
+besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu
+errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das
+Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller
+Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen
+Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr
+erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum
+und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe
+sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser
+in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der
+Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte
+Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...
+
+Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger
+in die Landschaft und begann:
+
+„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß
+umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft
+im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge
+betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der
+Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“
+
+„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine
+unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch
+totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe!
+Katastrophal das ...“
+
+Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der
+holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.
+
+An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem
+Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit
+und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer
+durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer
+bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen
+in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.
+
+„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“
+
+Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der
+Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.
+
+Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.
+
+Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt.
+Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.
+
+Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.
+
+Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein
+menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit
+Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah,
+wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne
+nach ...
+
+Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum,
+grimassierten und streckten die Zungen ...
+
+Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und
+Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle
+mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen
+versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden
+Ton gestimmt.
+
+„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum
+Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er
+sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs
+Vaterland! ...“
+
+Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte
+Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift,
+lauter deutsche Namen.
+
+„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“
+
+Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und
+nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem
+einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.
+
+„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“
+
+„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes
+Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem
+Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm _Arc de Triomphe_ ... Mit
+einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“
+
+Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum
+Weltkrieg!“ empor.
+
+Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.
+
+„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“
+...
+
+„Wird sich das rentieren ...?“
+
+„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut
+werden ...“
+
+„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“
+
+„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt
+über den Schlachtäckern werden.“
+
+„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die
+Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in
+ein paar Jahren vielleicht ...“
+
+Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden
+umfangen hielt, war gebrochen.
+
+Die Autokolonne hielt.
+
+Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.
+
+„Ganz südlich!“ scherzte jemand.
+
+Die Reisegesellschaft stieg aus.
+
+Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.
+
+Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.
+
+„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben
+ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem
+Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung
+herausstellte, furchtsam in die Arme hing.
+
+„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht
+den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir
+ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo
+mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu
+bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein
+Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ...
+sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“
+
+Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem
+Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und
+durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem
+Feldstecher.
+
+„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ...
+„Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was
+... Und auch für die Kinder! ...“
+
+„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen
+Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum
+Spielzeug entweihen ...“
+
+Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.
+
+Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags
+geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags
+oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch
+feilgeboten. –
+
+ * * * * *
+
+Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.
+
+Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.
+
+Die Tafel lautete:
+
+„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und
+mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit
+Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen
+aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen
+Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem
+Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl.
+(Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke,
+Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von
+Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut,
+stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische
+Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante
+Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl.
+– Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen
+Publikum
+
+ Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.
+ Die Hotel-Direktion.“
+
+Man nahm Platz zum Diner.
+
+„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“
+
+Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich
+befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen
+Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.
+
+„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines
+Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide
+Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von
+Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich
+nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“
+
+Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens
+Postkarten.
+
+Andere richteten Fragen an die Kellner:
+
+„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“
+
+„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –
+
+„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst
+nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“
+
+ * * * * *
+
+Das Diner war beendet.
+
+Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.
+
+„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest
+auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das
+Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“
+
+Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen
+Schwur.
+
+ * * * * *
+
+Wieder eine Tafel:
+
+„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!
+
+Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“
+
+„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den
+Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und
+Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“
+
+Der Führer ging den Pfahlweg voran.
+
+Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.
+
+Es mochten gegen fünfzig Personen sein.
+
+„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen,
+wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor
+geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete.
+
+Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in
+einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in
+das Schützengrabensystem hinein.
+
+Man sah auf den ersten Blick:
+
+Alles war hier für die Fremden zugerichtet.
+
+Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.
+
+Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten
+lassen.
+
+Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte,
+ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren
+Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett.
+
+„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner
+Frau zu:
+
+„_Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!_ – Laßt, die ihr eingeht,
+alle Hoffnung schwinden!“
+
+Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen,
+von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!?
+
+Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden
+bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt,
+oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt.
+
+„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich
+näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von
+Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die
+Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser
+und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine
+Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“
+
+Auch der Milliardär staunte.
+
+„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich
+gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir
+nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...
+
+„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer
+Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten –
+
+„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für
+Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften –
+
+„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –
+
+„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro,
+sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des
+Kriegsgottes gestreift wurden – –“
+
+Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein.
+
+Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen,
+sich selbst bemitleidend.
+
+Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit
+als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.
+
+„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da
+alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen
+eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig
+bedauern“, triumphierte der Professor.
+
+Doch allmählich verstummten die Klagen.
+
+„Wir müssen uns eben trösten –
+
+„Was vorbei ist, ist vorbei –
+
+„Doch was nicht ist, kann noch werden –
+
+„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt nicht wieder entgehen
+lassen –
+
+„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen!
+
+„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken sozusagen, die
+von der Schlachtbank der Geschichte ...“
+
+Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und heilig: im
+Fall eines nächsten Krieges in vorderster Front ...
+
+„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer inmitten
+des allgemeinen Tumults einigen Damen und Herren zu, die
+Photographenapparate dicht vor sich hindrückten.
+
+„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens untersagt.
+Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene Ansichten von allen
+Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz in reicher Auswahl vorhanden
+... Ich habe Sie zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die
+Vorschriften hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich
+auch eingehalten werden müssen ...“
+
+Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer eingehenden
+Besichtigung unterzogen.
+
+Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes Blech,
+Patronentaschen, Granaten, mit gelben, grünen und blauen, aber auch
+bunten Kreuzen bezeichnet, Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen
+wirr durcheinander und anscheinend wirklich noch völlig unberührt herum,
+und große, rostbraune Flecken klebten tief in den Gebälken.
+
+Der Führer erklärte:
+
+„Getrocknetes Blut.“
+
+„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es aus der Gesellschaft
+zurück.
+
+Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber sowohl wie die
+ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Nur
+aus einer der Wandzeichnungen war noch zu erkennen, daß sie einmal einen
+pornographischen Akt darstellte.
+
+„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte Stelle, sowohl im
+deutschen, wie auch im englischen, französischen und amerikanischen
+Tagesbefehl öfter genannt, jene Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren
+Besitzer wechselte ...“
+
+Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu sehen.
+
+„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die Nationalwaffe
+der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. Das riecht noch wie
+frisch importiert aus Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten
+geduckt diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die
+Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes die
+„Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: es ist eine
+Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, wie es mit Vorliebe die
+bayerischen Truppen benutzten ... Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen
+hier im Raum die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten
+Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, bücken Sie sich
+einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht einer der Herrschaften durch
+das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? Keineswegs. Nein! Ganz und gar im
+Gegenteil! Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst
+gegraben haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei einem Gasüberfall,
+den die Deutschen unvermutet angesetzt haben, während sie hier unter der
+Erde, vom Geist der Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu
+bis in den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ So
+eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“
+
+Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab für die
+humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, nein, da müßte so ein
+Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen Qual werden,“ meinten einige
+mit Recht.
+
+„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, oder wollen Sie
+uns vielleicht weismachen, die hätten sich von selbst mumifiziert!?“
+
+„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd der Führer den
+Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es allerlei Geheimnisse ... Also,
+fahren wir fort nach diesem heiteren Intermezzo in unserer Wanderung
+über die Schlachtfelder ...“
+
+„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. Auch ich habe
+das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in konserviertem Zustand:
+absurd, ein Unding, hebt sich von selbst auf ... Das war eben so ein
+bißchen Castans Panoptikum ...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte
+sich, einen gutmütigen Baß lachend.
+
+„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, brave Soldaten
+ihr Grab selbst gegraben, überdies soll auch, wie es heißt, ein General,
+der den Frontabschnitt zufällig in diesem Augenblick inspizierte, mit
+dabei sein. Ein Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat
+der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende bereitet.“
+
+Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle mehrere Meter
+tief hinab. Man hatte den Eindruck einer Senkgrube.
+
+Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte.
+
+„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, wir verlassen
+diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches Stacheldrahtverhau.
+Der leichte Verwesungsgeruch, der sich auch jetzt noch deutlich
+bemerkbar macht – –“
+
+Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ...
+
+„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem Fleisch, in
+der Soldatensprache, drastisch, wie sie nun einmal ist, „Offensivparfüm“
+genannt, dieser leichte Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser
+schwärzlichen Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder hier
+zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind Menschen,
+Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, ob Deutsche, Engländer,
+Amerikaner oder Franzosen: das läßt sich nicht mehr mit absoluter
+Bestimmtheit sagen. Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist
+es, im Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die sie
+noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der Blutkreislauf wird
+geschlossen, die Blutkörperchen machen ihre letzte Runde und – stopp!
+... Also, diese Drähte waren elektrisch geladen, Hochspannung, und –“
+
+Einige Besucher wandten die Gesichter ab.
+
+„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht
+gemütsverweichlichter oder zartbesaiteter, meinetwegen, als Sie in
+Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, nackt und brutal,
+wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu sehen. Hier können Sie beinahe
+umsonst das Grauen lernen. Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige
+Gelegenheit nicht zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer
+weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines Tages in
+Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf Erden nimmt diesen Lauf, das
+ist das Schicksal aller irdischen Güter, der Mensch mit inbegriffen ...
+Wie Sie aber zugeben werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur,
+die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, vier Jahre
+später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar auf das
+Publikum zu wirken und es in eine Art magischen Bann zu schlagen ... So
+kann der Schlachtfelderbesuch zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir
+haben auch Dauerbesucher.“
+
+„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu haben, als auf
+diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, bestätigte der deutsche
+Professor.
+
+„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“
+
+Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte gewissermaßen im
+Auftrag aller der Bankier fest:
+
+„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung mit vollem
+Recht von sich bekennen, er habe heute den leider von ihm versäumten
+Weltkrieg in seiner tiefsten Tiefenwirkung und in seinem breitesten
+Ausmaß nachgeholt. Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu
+erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ Ja, wir
+können uns geradezu beglückwünschen, bald den ersten Teil einer im
+wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen und heroischen Expedition
+hinter uns zu haben ...“
+
+„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem hier das Kruzifix
+errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende gewoben. Nach dem Glauben
+der armen Bauern dieser Umgegend soll Christus des Nachts, gefolgt von
+dem ganzen Stab der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie
+früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld wandeln.
+Christus tastet dabei mit einer Art geistiger Wünschelrute den Erdboden
+ab, um den Standort der Totenregimenter festzustellen ... Hier, an
+dieser Stelle nun, sagen die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde.
+Hier spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. An dieser
+Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an dieser Stelle finde
+dereinst die Auferstehung aller Gläubigen statt ...“
+
+Der Bankier trat interessiert vor.
+
+„Was spricht Christus mit den Toten?“
+
+„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von neuem, daß sie nicht
+umsonst gestorben sind.“
+
+„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und heilige Sache
+gefallen sind?“
+
+„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen gewaltig, nach dem
+Glauben der Bauern wenigstens, trommeln Mitternachts laut an die
+Erdkruste mit ihren Knochenfäusten und knurren oft im Chor: „Für nichts
+und nichts und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen
+unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben sich für den
+„Großen Tag“.
+
+„Für was für einen „Großen Tag“?
+
+„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und an dem die
+ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von den Schuldnern sofort in
+bar beglichen werden muß. Die unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie
+halten Versammlungen ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne
+kurzsichtiger Menschen nach längst gestorben sind ... Und der „Große
+Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht es: Aug um Aug, Zahn um
+Zahn ... Es wird mit Blut bezahlt ...“
+
+„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“
+
+„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen denen, die dadurch,
+daß sie feig und untätig während des Krieges geblieben sind, sich zu
+Mitverantwortlichen am Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine
+Frage vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter
+Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo die Leichen vor
+Hitze flüssig werden und anfangen, zu brodeln ... Im Kraut knisterts,
+und wenn du hinschaust ... Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit
+„Ja, Herr!“ beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber
+auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und eine
+Nebenschuld ...“
+
+„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt sie vom
+Gegenteil?“
+
+„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie auch vom
+Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt gerade das Gegenteil vom
+Gegenteil.“
+
+„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der armen Bauern?“
+
+„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des Kreuzstammes
+aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen von einem
+Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem Zeichen zu siegen. Zu
+gleicher Zeit aber mit der Errichtung des Galgens kommt schon ein
+anderer Galgen über diesen Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die
+Stelle des ersten, entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der
+Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der zweite Galgen ist
+gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber und Ausbeuter des Volks
+aufzuhängen ... Und Christus verspricht denen dort unten, ihrem
+Rachegelüste vollauf Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor
+sein Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert
+haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des Vaterlandes
+dargebracht hat und – darbringt ... Diese Stelle hier, auf der wir
+stehen, soll auch die Stelle sein, wo der erste Galgen in Erscheinung
+tritt und von dem zweiten bald darauf überwunden wird ...“
+
+„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! Hihihi ...“, kicherte
+jemand.
+
+Alle sprachen aufgeregt durcheinander.
+
+Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer hin.
+
+„Korruption! Korruption!“
+
+„Ketzer! Verräter!“
+
+Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen.
+
+Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können.
+
+Nur der Bankier blieb ruhig.
+
+„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein wenig sonderbare
+Christen das, das müssen Sie doch selbst zugeben, die sich ihren
+Christus so vorstellen. Ein roter Christus also, ein roter
+Bauernchristus ... So wird eben auch das Allerheiligste von dem
+ungebildeten und in den tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen
+Offenbarungen uneinsichtigen Pöbel in den Kot gezerrt. Ein
+Bolschewisten-Christus, haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke,
+Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! Ein Christus mit
+dem Messer zwischen den Zähnen und die Knarre auf dem Buckel!
+Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich ...“
+
+„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer.
+
+„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich aus. Aber
+wovon den armen Bauern das Herz voll ist, davon träumen sie ... Es ist
+eben ein Christus, zurechtgemacht für die Zeit, wie ihn sich die armen
+Bauern, naiv wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“
+
+ * * * * *
+
+Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. –
+
+ * * * * *
+
+„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der
+Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“
+
+Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer.
+
+„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht
+vergessen ...“
+
+Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in
+eine Kiesgrube hinab.
+
+Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.
+
+„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig
+Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen
+Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster
+Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind,
+das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit
+Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher
+Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage
+besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort
+nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen
+Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden
+mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die
+verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck
+wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen
+kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für
+die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau
+angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre
+schändlichen Verbrechen sühnten ...“
+
+„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff
+disziplinierten Heer nicht ab.“
+
+Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.
+
+„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle
+Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“
+
+„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den
+zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht
+vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in
+der Kiesgrube – –“
+
+Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich
+gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –
+
+ * * * * *
+
+„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke
+hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf
+den Pfahldamm ein.
+
+„Eine Ratte –
+
+„Pfui! Hui!
+
+„Was für ein abscheuliches, häßliches –
+
+„Unappetitliches Tier –
+
+„Solch ein Biest!
+
+„Solch ein Freßsack ...“
+
+Und die Rattentreibjagd begann.
+
+Der Deutsche trillerte leis:
+
+„Lützows wilde verwegene Jagd ...“
+
+Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.
+
+„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine
+Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die
+Pest ...“
+
+Und der Führer setzte allein hinter ihr her.
+
+Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe
+knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach.
+
+Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann
+drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.
+
+Pfiff noch einmal.
+
+Pißte noch.
+
+Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube
+hinab, um die tote Ratte zu betrachten.
+
+Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen
+Seiten hin und stiegen wieder herauf ...
+
+„Ein ekliger Geselle! –
+
+„Wie bissig das Gebiß! –
+
+„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung
+blitzt ihr aus den Augen ...
+
+„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang
+andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige
+Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur
+das blanke Messer ...
+
+„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –
+
+„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“
+
+Und weiter wanderte die Gesellschaft.
+
+„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze
+Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer
+mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder
+Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle
+und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann
+Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“
+
+„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der
+Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“
+
+„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein
+schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier
+an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von
+Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine
+aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch
+einmal die große Mode ...“
+
+Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben
+über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um
+sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.
+
+„Welch eine Fratze! –
+
+„Hui! Pfui!“
+
+„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?
+
+„Wie die tote Ratte –“
+
+Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich
+wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.
+
+„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann
+zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens
+dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer
+starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen
+–“
+
+Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen
+Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den
+Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine
+weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.
+
+„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“
+
+Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh.
+
+„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes
+Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“
+
+„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier
+habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in
+Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle
+von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur
+Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung:
+Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun
+die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der
+elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere
+Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum
+Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine
+Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich
+ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen
+vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“
+
+„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen
+Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten,
+sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu
+verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und
+richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk
+auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht!
+Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht
+behilflich sein möchte ...“
+
+ * * * * *
+
+Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren
+Flügelmine.
+
+Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine
+emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers
+eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen
+ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval
+abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.
+
+Der Bankier, der Deutsche traten zurück.
+
+Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich
+gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden
+Schmutzkörnchen ab.
+
+„Achtung!“
+
+Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das
+Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer
+Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe –
+schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter
+hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt.
+Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven.
+Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten
+Erdmassen brachte Erleichterung.
+
+Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar
+gemacht.
+
+Der eine oder der andere taumelte sogar.
+
+Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam
+Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund
+weit aufgesperrt.
+
+„Glänzend! nein, sowas –
+
+„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!
+
+„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu
+sehen bekommen kann ...
+
+„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst
+hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es
+mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine
+tiefere Bewandtnis hat!
+
+„Geradezu eine Verjüngungskur!
+
+„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ...
+
+„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...
+
+„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz
+der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“
+
+Der Explosionsrauch verzog sich.
+
+Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment,
+Trinkgelder ein.
+
+Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen
+Händen.
+
+Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.
+
+„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt
+sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat,
+als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und
+Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man
+müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden
+stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von
+der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und
+zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen
+Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg
+der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie
+werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus
+Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es
+ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu
+studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein,
+Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind
+prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“
+
+Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den
+vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch
+noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. –
+
+ * * * * *
+
+Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter
+der Gesellschaft zurück.
+
+Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke
+ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich
+verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ...
+
+Er stand wie ein Standbild.
+
+Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft
+hatte.
+
+Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe
+...
+
+Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio:
+
+„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen
+ein geistiger Rausch.“
+
+Und auch daran wieder:
+
+„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von
+Geheimnissen umgeben werden ...
+
+„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des
+Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
+
+Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er
+etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife,
+wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum
+Standbild.
+
+„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als
+man ihn rufen wollte.
+
+„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er
+wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine
+Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements
+... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“
+
+Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.
+
+„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur.
+
+„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon
+seinen Apparat in Bewegung.
+
+„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“
+
+„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem
+Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“
+
+„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser
+...“
+
+„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich
+der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem
+berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem
+Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz,
+kurzum: als sein Generalstab.“
+
+„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt!
+Ganz Cäsar ...“
+
+„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar
+meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der
+Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“
+
+Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in
+einer lässigen majestätischen Haltung da.
+
+Wie aus Traum gegossen ...
+
+Der Filmoperateur kurbelte.
+
+„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“
+
+Da riefen sie alle zugleich:
+
+„Ha–a–allo!“
+
+Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich,
+wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem
+Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er
+gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer
+Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.
+
+Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.
+
+Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem
+Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.
+
+Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen
+Fliegeroffizieren gelenkt.
+
+Der Führer meldete dem Bankier:
+
+„Die Flugzeuge wären startbereit.“
+
+Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.
+
+Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte.
+
+Die Filmoperateure kurbelten.
+
+Photographen knipsten.
+
+Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten
+durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch,
+Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern.
+
+Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.
+
+Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den
+rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.
+
+Die Motore brüllten ...
+
+„Achtung!“
+
+„Los!!“
+
+Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe
+senkrecht in die Luft. –
+
+„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde
+gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das
+Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die
+den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein
+Name ...“
+
+„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich
+eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo
+vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde.
+
+„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim
+Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen.
+
+Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend
+blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas
+seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren
+und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die
+zusammengeschossenen Panzerwagen lagen.
+
+Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene
+Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld,
+die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus
+des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene
+Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige
+brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene
+Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht
+der Explosion heruntergedrückt.
+
+„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.
+
+„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von
+unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten
+Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“
+
+„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen
+zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere
+Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu
+dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in
+hervorragender Weise beteiligt war.
+
+„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus
+dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit
+Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein
+würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich
+vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ...
+Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt
+werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres
+Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von
+Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die
+pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen
+Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen
+Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung
+und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den
+weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus,
+sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen
+um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk,
+in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer
+wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme
+des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“
+
+„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr
+unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich
+überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher
+Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte
+gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die
+einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man
+dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl,
+Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und
+Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen
+hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden
+diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen
+Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe
+darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende
+Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren
+Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf
+über acht Monate zu rechnen sein wird.“
+
+Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.
+
+Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der
+Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und
+Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und
+lächelten befriedigt.
+
+„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft,
+den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens
+auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten,
+daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige
+Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare,
+unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die
+Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich
+einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung
+kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten
+märchenhaft und unglaublich klingt ...“
+
+Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des
+Führers nicht zuzuhören.
+
+Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer
+Bescheid, um was es sich dabei handelte.
+
+Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen
+Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des
+amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen
+Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood
+beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag
+ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der
+Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer
+asbestartig wirkenden Salbe präpariert.
+
+„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu,
+nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige
+pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern
+bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen
+Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine
+oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden
+wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in
+engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits
+innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann
+...“
+
+Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf
+ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben
+ab.
+
+Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren,
+kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen
+mollig-verschleimt im Wind dahin ...
+
+Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine
+des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war
+sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem
+kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten
+Porzellanbehälter dufteten frische Rosen.
+
+ * * * * *
+
+Es ging gegen Abend.
+
+Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von
+der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete.
+
+Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte
+wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten
+kahlen Berghöhen.
+
+Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde.
+
+Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich
+zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig
+vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge.
+Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das
+Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten;
+aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung
+schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen
+und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren.
+Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst
+zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich
+den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam
+auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an
+Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen
+und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...
+
+Und dieser Kadaver atmete noch.
+
+Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven
+beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und
+Brechreiz verursachte.
+
+Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...
+
+Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es
+war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im
+Moor oder auf der Heide.
+
+Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.
+
+Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin
+flitzende goldspurige Nadel ...
+
+Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie
+sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen
+fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich
+unter die Näschen.
+
+Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und
+schadenfroh.
+
+Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.
+
+Er schwieg.
+
+Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die
+ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls
+klammerte.
+
+Der Bankier wunderte sich:
+
+„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“
+
+Die Situation fing an bedenklich zu werden.
+
+Der Führer erhob sich.
+
+„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften,
+nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch
+nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“
+
+„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd
+immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal
+die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht
+missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... _Per aspera ad astra!_
+... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie
+Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“
+
+„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut,
+abends, wenn die Sonne untergeht ...“
+
+Die Zone war glücklich passiert.
+
+Ein frischer Luftzug wehte.
+
+„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal
+erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf.
+
+Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ...
+
+Ein leichter Ruck und – stand. –
+
+ * * * * *
+
+Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete dort, mit dem Kreuz
+der Ehrenlegion geschmückt, in einer völlig verblichenen
+Soldatenuniform, unartikulierte tierische Laute hervorstoßend, den
+Stahlhelm vorne auf die Brust gebunden.
+
+Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht bemerkt,
+hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen:
+
+„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... Sonst setzt es
+wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht Prügel ab ... Pack dich! ...
+Oder soll man es dir denn immer wieder von neuem einbläuen, daß du die
+hohen Herrschaften mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast
+du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen verloren? ...
+Und willst um jeden Preis immer wieder eine Extrawurst gebraten haben
+... Hopla! Pack dich! ...“
+
+Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er:
+
+„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man nennt ihn wegen
+seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den „Rumpf“. Macht die ganze
+Gegend unsicher mit seiner Bettelei ...“
+
+Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, sich hie und da auf
+seinem einen Prothesenbein umdrehend.
+
+„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit der Faust und
+machte eine Bewegung zum Erdboden hin, als ob er einen Stein aufheben
+wollte. „Pack dich! ... Ein ehemaliger Soldat und Betteln, das
+Ehrenkreuz noch dazu, schämt er sich denn nicht!?“
+
+Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die eiserne Spitze
+des Krückstocks schrill auf den Steinplatten aufschlagen.
+
+Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen.
+
+„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern hinreichend genug
+gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der Bankier heraus: „Aber aus allem
+wird heutzutage ein Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel
+fällt der ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der lebt
+sicher von Leichenschändung ...“
+
+„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft bei, nicht
+ohne daß es ihnen dabei kalt über den Rücken herunterlief.
+
+Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung.
+
+„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“
+
+Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz des Bankiers.
+
+Nochmals schrie der Führer:
+
+„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“
+
+Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne.
+
+Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte mit einer
+Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines Prothesen-Knie einknickte,
+sich um sich herum.
+
+„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender
+Sakraments-Köter!“
+
+„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ angesteckt. Sieht
+grade so aus: der Lümmel –
+
+„Der freche Bengel –
+
+„Der giftgrüne Erz-Flegel ...
+
+„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft!
+
+„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen will, wo
+anders hin ausbreiten ...“
+
+Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus.
+
+Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf.
+
+Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und humpelte schnell
+von dannen, so schnell, daß es schien, als ob er über den Boden
+hinwegkollerte.
+
+„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“
+
+Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. –
+
+ * * * * *
+
+„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder
+nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch
+die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils
+auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen
+... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts
+gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns
+zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der
+Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender
+Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen
+Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns
+dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer
+oder Amerikaner sind ...“
+
+„Ausgezeichnet! Blendend!!“
+
+„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“
+
+Wiederholten einige.
+
+Ein Journalist notierte:
+
+„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“
+
+„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“,
+schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ...
+„können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“
+
+Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte
+er:
+
+„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst
+mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes
+Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt
+der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben,
+Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit
+und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“
+
+Frösche quakten, Grillen zirpten.
+
+Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert,
+über dem Schlachtfeld herauf. –
+
+ * * * * *
+
+Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern
+assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste.
+
+„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen
+hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“
+
+„Großartig ... unbeschreiblich ...“
+
+„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“
+
+„Welch ein Panorama!“
+
+„Phänomenal!“ –
+
+„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“
+
+„Sensationell!“
+
+„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“
+
+Schallte es ihm vielstimmig entgegen.
+
+Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft
+unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.
+
+„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig.
+Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir
+im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine
+marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges
+nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem
+Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig
+geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich
+normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft
+daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu
+vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in
+seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite
+wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige
+Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene
+zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“,
+„Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun
+nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns
+beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch,
+scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber
+das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des
+Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch
+einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt:
+er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern
+maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ...
+Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen,
+was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer
+Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine
+Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener.
+Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines
+Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer
+Kerl ...“
+
+„Ja, gewiß doch! Bitte!“
+
+Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach
+sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von
+einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden
+Anwärter unterziehen müsse und schloß:
+
+„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu
+solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“
+
+„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch
+zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem
+militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden
+Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal.
+
+ * * * * *
+
+Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben
+an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden
+vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende
+Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein
+geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und
+Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete
+ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der
+spiegelblank polierten Parkettböden.
+
+Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft
+vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort
+konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde
+das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine
+Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte.
+
+Der Bankier schwieg hartnäckig.
+
+Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf
+seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise
+dreißigmal ...
+
+Ein Sektpfropfen knallte.
+
+Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem
+extra ausgewählten exquisiten Programm ...
+
+ * * * * *
+
+Wüst und leer lag draußen das Land.
+
+Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß
+oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines
+Granattrichters herauf.
+
+Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem
+knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose
+angeflickter Knochenscherben.
+
+Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte
+Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch
+und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte
+er, lauschte ...
+
+Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.
+
+Wimmerte, stöhnte, schrie.
+
+Rührte um, klapperte und schepperte ...
+
+Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum
+Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und
+Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen,
+Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen
+Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.
+
+„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen
+denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und
+köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran.
+Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten
+sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten
+sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“
+
+Emil glotzte stier in das Lichtparadies.
+
+Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll
+säuerlichen Geschmacks zusammen.
+
+„Kameraden!“
+
+„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der
+Schlammkatakomben widerzuhallen.
+
+„Kameraden! Hört ihr mich?“
+
+„Kamerad! Wir hören dich!“
+
+„Parole?!“
+
+Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor
+antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde
+dahinrollend:
+
+„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“
+
+„Brüder der Großen Grube, hört!“
+
+„Wir hören dich!“
+
+„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde
+ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht
+ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm
+leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen
+Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich
+doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen,
+Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß
+Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der
+Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne
+Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken
+Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute
+Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und
+Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden!
+Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus
+dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar
+menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die
+Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht
+nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten
+Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere,
+meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher
+Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett
+angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und
+Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer
+mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die
+Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein
+säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem
+einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ...
+Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?!
+„Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn
+kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder
+der Großen Grube! Hungert ihr?!“
+
+„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet
+sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil!
+„Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde
+Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus
+unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“
+
+– – –
+
+„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“
+
+Der einsame Vogel sang.
+
+„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer
+noch?!“
+
+Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in
+das Lichtparadies hinein. –
+
+ * * * * *
+
+Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.
+
+Ein langhin geblähtes Grunzen ...
+
+Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...
+
+Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:
+
+„Holla!“
+
+Und gleich darauf:
+
+„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“
+
+Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.
+
+Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.
+
+Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten
+Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert.
+
+Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut
+beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum
+Vortrag:
+
+ „Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes,
+ Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“
+
+Leise summte der Bankier mit.
+
+„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“
+
+Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:
+
+„Auf Ihr Spezielles!“
+
+Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des
+Vortrages seiner Frau die Hand:
+
+„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch
+einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die
+Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die
+richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“
+
+Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom
+Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.
+
+ „Es soll der Dichter mit dem König gehn,
+ Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“
+
+„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren
+Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann
+des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der
+Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der
+Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so
+schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig
+gesichert.“
+
+„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen:
+„... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“
+
+ * * * * *
+
+Es war schon spät in der Nacht.
+
+„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“
+
+Der einsame Vogel sang immer noch ...
+
+Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen
+sollte, fuhr vor.
+
+„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische
+Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht
+lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ...
+
+ * * * * *
+
+Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches
+Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten
+Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“
+
+Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches
+des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten
+Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse.
+
+Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache
+Lichtblitze.
+
+Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend
+geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem
+anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache:
+
+„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer,
+grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem
+Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach
+Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das
+ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes
+abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit
+allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen
+Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die
+Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr
+verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit
+einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die
+Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des
+gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so
+siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der
+Völkerbund, er lebe – – –“
+
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+
+Die Gläser klirrten ...
+
+Der deutsche Professor schwitzte.
+
+Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen
+von der Stirn.
+
+„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa,
+meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands
+wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger
+Vorherrschaft ...“
+
+Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus Soldatenliedern
+aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg beteiligt waren.
+
+Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert:
+
+„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein im Walde ...“
+
+Ganz sachte, in einem _piano pianissimo_ verschwingend ...
+
+ * * * * *
+
+Die Scheinwerfer spielten.
+
+Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig
+zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie einer riesigen
+Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten Fingern die Erdfurchen nach
+irgendeiner Beute abtastete.
+
+Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische Lichtbündel hingen
+in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen wölbte sich; hüpfende
+Sterne, tanzende Funkenreihen; eine lampionartig glühende, in Hunderte
+von blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene
+Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches
+Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, aus dem herab – als
+Finale dieser Lichtsymphonie – ein blendend flimmernder Goldregen sich
+ergoß, der in der Vorstellung manch eines aus der Gesellschaft teils zu
+einem als mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum
+wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, die „Friede
+auf Erden!“ singend aus den mit einem ewigen Hosianna unvergänglich
+imprägnierten Aeonen auf die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits
+gnadenspendend herniederfuhren.
+
+Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden hinter dem
+Zauberwerk.
+
+Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den geöffneten
+Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine weich sich dem Nachtgold
+anschmiegende schmelzende Melodie.
+
+– – –
+
+Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten sich zu
+einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten Strahlen, und dieses
+Strahlen glich ganz einem unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch
+gestreckten Lichtpfad.
+
+Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der armen Bauern wandelte
+...
+
+Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut überschwemmten Land
+der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand
+eines Granattrichters.
+
+„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder „Rumpf“ werde ich
+genannt ... Trillert nicht „Emil, wo bist du?“ das einsame Vöglein?
+„Allemal hier, Schatz!“ antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ...
+Und der „Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft mir am
+Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich geärgert? Mach’ kein gar so
+griesgrämig Gesicht! Regenwetter gibt’s ohnehin schon genug und auch
+saure Gurkenzeit. Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm,
+Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch Zeit ...“ So bin ich
+der heiligen Dreifaltigkeit gleich. Bin drei und eins.“
+
+ * * * * *
+
+Emil glotzte.
+
+Die Lichtflut traf ihn.
+
+Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. –
+
+ * * * * *
+
+In dieser Nacht gab es zwei Träume.
+
+Den einen träumte der Bankier.
+
+ * * * * *
+
+Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch
+geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter
+ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte.
+
+In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze
+Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten
+Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom
+Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten.
+
+Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier
+um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm
+huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden
+verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und
+Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder
+Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die
+lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen
+Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch
+ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der
+Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr
+dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue
+Renaissance-Menschentum.“
+
+Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer
+mehr Gott gleich!
+
+Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch
+insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele:
+„Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen
+Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte
+nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung
+aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren
+immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“
+Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig
+außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage
+der Welt gewürzt.
+
+„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so
+verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des
+Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ –
+prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.
+
+Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die
+sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und
+seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen
+den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich
+hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare
+Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden
+Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner
+Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer
+Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde
+Gegenmittel ...
+
+Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im
+Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als
+die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit
+der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden.
+
+Folgendes geschah:
+
+Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den
+Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn
+schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich
+daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte.
+
+Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete,
+kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für
+sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich
+selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem
+eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen
+ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.
+
+Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes
+unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und
+Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste
+Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in
+seinen eigenen Untergang zu verstricken.
+
+So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine
+Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in
+der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine
+ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr
+herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe,
+Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden.
+
+So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.
+
+Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und
+nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.
+
+Oder:
+
+Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei,
+während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser
+Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete.
+Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab
+es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich
+auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein,
+Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter
+Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten
+alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische
+Arena ...
+
+Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn
+verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging,
+einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der
+Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als
+in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr
+darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die
+Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode
+seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem
+Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.
+
+Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft
+mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er
+eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam
+doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot,
+Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.
+
+So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen.
+
+Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit
+jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum
+Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte:
+
+„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort:
+„Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral,
+das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort
+in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen
+kommen wir rascher an unser Ziel ...“
+
+Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht
+Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne
+Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn
+zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.
+
+Der Blutrausch ging jäh zu Ende.
+
+Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.
+
+Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt
+gekommen.
+
+Es kam aber anders.
+
+Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.
+
+Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.
+
+Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können
+dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn
+Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und
+Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er
+sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.
+
+Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die
+unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber
+war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.
+
+Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl
+über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen
+Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes
+Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm
+unlösbar Gehirn und Leib banden ...
+
+– – – – – – –
+
+Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und
+wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend.
+
+Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der
+ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas
+speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken.
+
+Eine dicke Träne kollerte.
+
+„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“
+
+Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens:
+
+„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich
+nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die
+Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch
+wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien,
+Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist
+Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal
+ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen
+... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer
+Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich
+von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien
+absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die
+Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw.
+immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind
+noch stark, stark, stark genug ...“
+
+Er streckte sich.
+
+Befühlte seine Muskeln.
+
+Die Knochen knackten.
+
+„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der
+Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld.
+Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein
+Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner
+imaginärer Kerl ...
+
+„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?
+
+„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!?
+...
+
+„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß
+ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer
+begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner
+Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“
+
+Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.
+
+Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem
+Gehirn.
+
+Pfiff vor sich hin:
+
+ „Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes
+ Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
+
+ * * * * *
+
+Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen.
+
+Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald
+zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater
+mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit
+freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen
+aufgehe“.
+
+Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick.
+
+Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:
+
+„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr
+von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing,
+freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich
+immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß
+hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit
+Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene
+Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit
+macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen
+Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt
+bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind
+es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung
+tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden
+Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden
+Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie
+wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das
+neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich
+steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“
+
+„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen!
+Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich,
+als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht
+nett gesagt.“
+
+Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken,
+folgenden Inhalts:
+
+„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie
+finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue
+dein Vater.“
+
+ * * * * *
+
+Den anderen Traum träumte Jacques.
+
+Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.
+
+Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges
+vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner
+Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte
+sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen
+darin.
+
+Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an
+Wand.
+
+Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall und Wohnräume. –
+
+Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun war es ja zwar nicht
+abgetan, es war schon ein hartes Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem
+Boden das Lebensnotwendigste herauszuwirtschaften, und oft verdingte
+sich Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter, als
+Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der Nachbargemeinden auf
+einer Baustelle.
+
+Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes Ansicht nichts
+weiter als nur recht und billig.
+
+Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften
+beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er dachte sich
+eigentlich weiter nichts besonderes dabei als höchstens:
+
+„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze das! Was sie nur davon
+haben, immer noch in dem Leichenschlamm herumzustochern!“
+
+Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen fünfzig Stockwerken
+hoch in das verwüstete Land hineinragte, sah Jacques bei seiner Arbeit
+Tag für Tag.
+
+In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu besuchte, herrschten
+oft rauhe Töne.
+
+Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der Welt
+herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine seiner abenteuerlichen
+Erzählungen unterbrechend, hart mit der Faust auf den Tisch und fluchte:
+
+„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare Tölpel! Feige
+kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns sowas gefallen lassen. Tut
+vielleicht die Regierung, trotz unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas
+gegen die Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten
+auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch schon das
+allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal das ... Geschweige denn
+... Und was schon das Wiederaufbauen des Landes betrifft, wofür sie von
+den Deutschen das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah! Fällt
+ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit diesem heillosen
+Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird noch zum Spekulationsobjekt! Da geht
+einmal nach Paris und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren
+Automobilkutschen in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin fließt das Geld,
+sage ich euch, aber unsereins hat immer dabei das Nachsehen ... Will nur
+sehen, was dabei noch herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu
+ändern ... Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ... Was
+die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre Rüssel in die
+Massengräber hinein, und wissen mit ihrer Zeit nichts gescheiteres
+anzufangen, als auf den Schlachtfeldern herumzubummeln, und dazu reisen
+sie sogar über den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum
+Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier bei uns, welch’ eine
+Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!? Gerümpel, vermorschte
+Bretterbuden, was nächstens der Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt
+...“
+
+Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der Lehrer oder der
+Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der Lärm, und man begann
+gemeinsam auf die Arbeiter in den Städten zu schimpfen, die schon wieder
+einmal, zum soundsoviel hundertsten Male, streikten.
+
+„Achtstundentag!“
+
+Die Bauern lachten heiser auf.
+
+Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen, pafften wild
+Wolken von Tabaksqualm aus ...
+
+„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir Bauern an einen
+Achtstundentag denken könnten! ... Und den Bauern das Vieh wegnehmen,
+ha, und die Ernte verbrennen, das tät ihnen wohl so passen, he, was ...
+Aber Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren Buckel
+kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land herauswagen sollten, was
+...!“
+
+Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert, mit seinem
+Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen Zweck in seiner Scheune
+versteckt hielt.
+
+– – –
+
+Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier Jahre lang über dieses
+Land, das Jacques Heimat war, hinweggestampft: und das Land war wüst und
+leer.
+
+Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer riesigen,
+schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an Trichter, Beule an Beule
+...
+
+Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender
+schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont war saftigrot
+übersprengt wie mit frischen Blutklexen.
+
+Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich hineingetaucht,
+so unlotbar tief, als sei das ganze Land so stumm und verwahrlost, wie
+es war, längst im gläserigen Schutt des Meeres versunken ...
+
+Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern, und heran flog,
+aus Knochenstäben gefügt und mit einer ganz der Menschenhaut ähnlichen
+Leinwand bespannt, ein Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte
+sich scheinbar mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch,
+und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den einzigen Passagier,
+der darin saß, erkennen konnte.
+
+Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im Frack und mit
+Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten zum Gruß hin nickend, gerade
+so wie der Präsident der Republik, als er die Paradefront der
+siegreichen alliierten Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung
+des Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris. Aber das
+Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar dem Bankdirektor Michelet,
+der in der Nähe des Dorfes eine schöne neue Sommervilla besaß, nach der
+er regelmäßig jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten
+asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam.
+
+„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da fließt ja auch ein
+Regen, aber dieser Regen fließt ja gar nicht auf die Erde vom Himmel
+herab, sondern gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel hinauf, aus
+Millionen Menschenaugen sickert, fließt dieser Regen, dieser
+Tränenregen, und das ganze Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von
+diesen aufwärtsziehenden Tränenmassen prall, wie schwanger davon, füllt
+sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt! platzt! und ganze
+Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen hernieder, o so eine höllische
+hitzige metallische Schmelzglut gibt das ... und eine Musik, o eine
+Musik dazu – – –“
+
+Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr.
+
+„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt! Die ganze Welt brennt!
+Hast du ihn denn auch gesehen, wie er auf dem „Tier“ über das
+Schlachtfeld geritten ist? Der Bankier, Marie, reitet über das
+Schlachtfeld, und o auf einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ...
+Aber nein, nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein,
+nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von außen
+und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich dir, ein Brändlein
+zusammen, da schlagen die Feuerflächen wie wild aufeinander, Marie ...
+Und wir, wir, Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten
+dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes, bitt für uns arme
+Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Amen! ...“
+
+Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend hinausstieß,
+war sein Weib aufgewacht.
+
+Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während ihn sein Weib
+festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen und hatte Schaum vor dem
+Mund:
+
+„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das Schlachtfeld
+reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa, hop, hop, hop ...
+Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers
+Schlachtfeld ... O so traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig
+... Und was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein
+feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die
+Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll Trübnis und
+Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht, Marie, o, o, das war
+was ... Gleich dem Weltende ... So eine Verkündigung, vielleicht etwa,
+wie ... So eine Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“
+
+Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet.
+
+Dann rang auch sie flehend die Hände.
+
+„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was um in dir, so
+was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“
+
+Jacques lallte immer noch:
+
+„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ... Der reitet, sag’
+ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende nimmt diese verfluchte,
+höllische, gespenstische Reiterei, bis das Feuer, dieses Feuer, diese
+glühende Höllenpestilenz wie eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“
+
+Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und immer wieder und
+beteten bis zur Früh vor dem kleinen Altar, einer gipsernen Grotte, mit
+der Jungfrau Maria darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der
+so hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem Zimmerwinkel
+darüberhing.
+
+„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“
+
+„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib.
+
+Der Hahn krähte.
+
+– – –
+
+Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib zum Priester.
+
+„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein Uebel ist uns
+wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“
+
+Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an.
+
+Da trat auch schon Jacques ein.
+
+„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch, nur, wie er aussieht!
+Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“
+
+Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser.
+
+Jacques bekreuzigte sich.
+
+Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den Puls und sagte
+ganz freundlich:
+
+„Jacques, setz dich und erzähle!“
+
+Jacques bekreuzigte sich.
+
+„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ...
+Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen, so wahr mir Gott helfe ...
+Amen!“
+
+„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und einen Reiter hast du
+darin gesehen, mit einem Zylinderhut, dem Bankdirektor Michelet
+ähnlich?“
+
+„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor Michelet
+ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem Roß eigentlich nicht, ist er
+doch freihändig durch die Luft gefahren.“
+
+„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch wirklich ein
+Zylinderhut!?“
+
+„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“
+
+„Und also kein Dreispitz?“
+
+„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“
+
+„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen auf hat, weißt
+doch ...“
+
+„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon einen auf hat ...
+Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein Zylinderhut ... Der große Napoleon
+war es nicht, den hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das
+Schlachtfeld geritten wär’ ...“
+
+„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus Johannis
+Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast, in der heiligen Schrift
+geschrieben steht: „Und ich sahe den Himmel aufgetan; und siehe, ein
+weiß Pferd, und der darauf saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet
+und streitet mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine
+Feuerflamme und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen
+geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war angetan mit
+einem Kleide, das mit Blut besprenget war; und sein Name hieß Gottes
+Wort. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“
+
+Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf.
+
+„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht. Das, was Johannes
+da in seiner Offenbarung meint, ist doch der gottseligen Engel einer ...
+Sicherlich, dieser war es ganz bestimmt nicht.“
+
+„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit deinen eigenen
+leibhaftigen Augen gesehen ...!?“
+
+„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so wahr mir Gott
+helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht ...“
+
+„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin gegrüßt!?“
+
+„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der Erinnerung
+vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr genau unterscheiden: es war
+aber, glaube ich, freundlich lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht
+aber hat er auch gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“
+
+„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein Dreispitz.“
+
+„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“
+
+Der Priester ging unruhig auf und ab.
+
+„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut! Also, ein
+Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der Bankdirektor Michelet
+... Hallunzination ... Wie der Bankdirektor Michelet, der wohl im Park
+spazieren reitet oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches
+Tier, so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du eines im
+Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es ja auf der ganzen Welt
+nicht ... Warst du nie in deiner Jugend krank, Jacques?“
+
+„Nein, Hochwürden!“
+
+„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle gehabt!?“
+
+„Nein, Hochwürden!“
+
+„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper. Schanker oder
+so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut des männlichen Gliedes an
+der Eichel ...!?“
+
+Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den Zeigefinger
+und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch.
+
+„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der Kirche bin, ich
+schwöre: nein ...!“
+
+„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen, falscher Ernährung,
+nicht genügender Blutzirkulation, Jacques ... Iß von nun an nichts
+gewürzt und nur leichte Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen
+Traum möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild
+kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in Gesetzesfrevel
+ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein nasses Tuch auf den
+Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten nicht vergessen, Jacques ...“
+
+Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan läutete.
+
+Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf.
+
+„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden ... Kommt beide
+gleich mit zur Frühmesse.“
+
+Marie küßte dem Priester die Hand.
+
+Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur Tür hinaus.
+
+– – –
+
+Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der hintersten Bank
+in der Dorfkirche.
+
+Sie beteten nicht, sondern schrien:
+
+„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder jetzt und in
+der Stunde unseres Absterbens ... Hilf! Hilf! Hilf! ...“
+
+Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber und sein
+Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen einen Sarg zunageln, so knarrten
+von den feuchten Wänden des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen
+der gläubigen Gemeinde im Chor:
+
+„Amen! Amen!“
+
+ * * * * *
+
+Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum deuten können.
+
+Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern – wogegen sich
+sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe oft am hartnäckigsten
+sträuben – die Einsicht in den Mechanismus der Geschichte und: daß
+unsere Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis
+dieser Tatsache am eignen Leibe.
+
+„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner Meinung nach
+wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein Prolet zur Antwort
+gegeben.
+
+„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende:
+
+„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz, sondern
+ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der Bankier reitet übers
+Schlachtfeld. Ueberall, wohin der seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm
+die ganze Klasse der Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich
+unter mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld der
+Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes daraus die
+Schlote, die du bei klarem Wetter fern bei Paris sehen kannst,
+emporschießen; Arbeiterviertel, Fabrikreviere, Kolonnen von
+Wellblechbaracken. Ueberall, wohin du blickst, Jacques, ist dieses
+Schlachtfeld der Arbeit bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in
+Amerika, und auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung
+der Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht
+sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit dieser
+Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld der Arbeit verwandelt sich
+wiederum eines Tages ebenso sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen
+System nach, aus dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes
+Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der heute
+herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes Schlachtfeld, auf
+dem nicht die Millionen und Abermillionen an Hunger, Krankheit,
+Ueberarbeit langsam dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der
+Herrschenden gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen,
+Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der Skrupellosigkeit
+und dem exquisiten technischen Ueberraffinement der bürgerlichen Kultur
+gemäß sind.
+
+„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld.
+
+„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er geht auch nicht
+zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig, millionenäugig,
+millionengliederig. Er kommt daher mit Tanks, Maschinengewehren,
+Dreadnoughts; als Massenmord, als Galgen, als elektrischer
+Hinrichtungsstuhl, als Attentat. Er fliegt durch die Lüfte,
+Bombenflieger an Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland
+befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum Trost, dann spritzt
+er das Giftgas ab und jedes Partikelchen, das eine Menschenhaut trifft,
+läßt sie bei lebendigem Leibe verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein
+erzeugt er durch Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine
+graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft über die Straße
+gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt, Jacques, in seinem Büro
+an der Arbeit, zwölf Stunden und darüber hinaus oft noch arbeitet er,
+Tag und Nacht ist er unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend,
+Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd, idealere Gifte,
+idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle, Europa ist ein armseliger
+Tümpel, eine kleine schmierige Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa!
+... Wir werden Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue
+Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer Druckknöpfe
+über den gesamten Staatsapparat gebietend – so er nur will, so
+geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm die Gewaltigen in deinem eigenen
+Land, Jacques, haben eine neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter
+ganz brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen,
+mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen und aus deinem
+Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend genug, daß Generationen
+ihrer Geschlechter herrlich, sorglos und in Freuden davon noch zehren
+können. Für deren Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile
+weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot, die Augen sich
+wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir an die Hände die Schwielen.
+Für deren Mußestunden blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut
+dünkt dich selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier auf
+der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den Boden
+herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen, Herr ...“ und
+gerührt ob so viel Menschengüte ihm nachgaffst: „Seht! Welch ein
+Wohltäter!“
+
+„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen! Lüfte dir den
+abergläubischen Bauernschädel gründlich aus, und jage den Priester zum
+Teufel, wenn er ihn dir wieder mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon
+garnicht nötig, daß du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis
+heute noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet übers
+Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem Gewehr umzugehen und
+hast doch Schießen gelernt ...!? Jacques, träum jetzt den zweiten Teil
+des Traumes, träum ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit
+wird! ...“
+
+„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten Jacques zunächst
+noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ... „Laß mal! Ich habe am ersten
+schon überreichlich genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne
+besondere Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem
+zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht nur die
+Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf kämpfen und an den
+Sieg des Proletariats glauben soll.
+
+Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in seinen
+Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das:
+
+„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ...
+
+„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft, müssen ihm
+selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer, die die Millionen Toter
+blutig einst an ihm rächen werden.
+
+„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast, betrifft. Du
+sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern und Knochenknacken zugleich
+gewesen; die Orgel in der Dorfkirche hätte laut aufgeschrien, und die
+Register hätten sich von selbst alle durcheinandergezogen, und ein
+grausiger Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg
+hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt, und auf
+die Pedale hätte es gestampft, als ob dort ein ganzes Heer
+ununterbrochen auf- und niedermarschiere ...
+
+„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst du auch
+diese Musik dazu.
+
+„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und Kirchenkonzerte und
+sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen nicht mehr unserer Zeit. Der
+Rhythmus unserer Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und
+eine Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist bis heute
+noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben, dieses Höllentempo zu
+fassen, kein Künstler ist da, der dies auszudrücken vermöchte. Die Zeit
+heult sich selbst ihre Musik. Aber den letzten Satz dieser
+infernalischen Symphonie spielt: das Proletariat ...
+
+„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein wird, den Herren
+zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem Instrument in das große Orchester
+recht kräftig mit einstimmen kannst ...
+
+„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der Wirklichkeit
+verstehen, was es mit deiner phantastischen Vorstellung auf sich hat,
+daß der Himmel von den vielen Tränenergüssen, die aus der Erde
+aufstiegen, schwanger geworden und, flüssiges Feuer aus sich
+herausschüttend, unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei
+... Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die Macht
+übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal, bestialischer Gemeinheit
+ist der Weltraum erfüllt, daß – gäbe es einen gerechten Gott – er in der
+Tat gar nicht anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der
+grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu fristen gewohnt
+ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen Hand von der Erde
+hinwegzufegen ... Nun, Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt
+... Drum nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an dich
+ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns Proleten ists, ein
+für allemal gründlich auszumisten ...
+
+„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques! Der Bankier reitet
+übers Schlachtfeld!!!“
+
+Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische Kleinbauer
+hätte gesprochen:
+
+„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’ ich wohl ein, eine
+richtige Auslegung meines Traums gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben
+allzumal ... Wir müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören
+zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die Hand darauf! Fest ...
+Ja, so ist es ...“
+
+ * * * * *
+
+Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld.
+
+Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet quer über
+Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über Flußläufe und
+sommerdampfende Steppen hinweg, hoch hinan bis in die Gletscherwüsten,
+die Felsnester der Hohen Tatra ...
+
+Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt. Wie die Halme
+der Sturm, so beugt es tief erdab den Kulis Nacken und Haupt ...
+Krummgewachsen muß ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten,
+reiten kann ...
+
+Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der Bankier reitet,
+reitet immer noch. Aufrechter denn je steht er, wie eine mit einem Frack
+und einem Zylinder angeschminkte Götterstatue, im Sattel ...
+
+Die Knochentrommel trommelt.
+
+Die Gerippscherben klappern ...
+
+Hop! Hop! Hop!
+
+Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers
+Schlachtfeld. – – –
+
+Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht mehr ein
+Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!!
+
+Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch, schnellen das
+Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – –
+
+ * * * * *
+
+Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub!
+
+
+ Der deutsche Schicksalsroman
+ im Zeitalter des Giftgaskrieges
+
+ Johannes R. Becher
+
+ (CHCl=CH)3As
+ (Levisite)
+ oder
+ Der einzig gerechte Krieg
+
+ Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit exakter
+ Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken, vor
+ allem Edgewood, das Hauptarsenal der Giftgasfabrikation, lernen die
+ Fabrikationsmethoden kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen
+ auf dem Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader,
+ Tankarmeen marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ...
+ Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen
+ Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es gibt nur eine
+ Lösung dieser Frage, die für Deutschland, für Europa, für die ganze
+ Welt als Schicksalsfrage gestellt ist. Die Art der Lösung dieser
+ Frage macht das Werk zu einem hochaktuellen, zu einem politischen
+ Buch ... Ein Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die
+ über dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden.
+
+ 1. bis 10. Tausend
+
+ Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark
+
+
+ Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+ Copyright by Agis-Verlag, Wien.
+ Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 15]:
+ ... dieses Abend ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...
+ ... dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...
+
+ [S. 17]:
+ ... Eine der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...
+ ... Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...
+
+ [S. 65]:
+ ... der Schlammkatakomben wiederzuhallen. ...
+ ... der Schlammkatakomben widerzuhallen. ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***
diff --git a/75793-h/75793-h.htm b/75793-h/75793-h.htm
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+<title>Der Bankier reitet über das Schlachtfeld | Project Gutenberg</title>
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+ <!-- AUTHOR="Johannes R. Becher" -->
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic">
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+
+</div>
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+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="aut">
+Johannes R. Becher
+</p>
+
+<h1 class="title">
+Der Bankier reitet<br>
+über das Schlachtfeld
+</h1>
+
+<p class="subt">
+Erzählung
+</p>
+
+<p class="pub">
+Agis-Verlag / Wien 1926
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="toch" id="part-1">
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+Inhalt
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="toc">
+Das schwimmende Märchenschloß. –
+Vornehme Passagiere. – Hotel
+„Zum Weltkrieg!“ – Lernt aus dem
+Vergangenen für das Zukünftige!
+– Gewidmet den Meistern in der
+Verwendung von Millionenheeren!
+– Auf den Spuren schwerer Brocken.
+– Von denen, die sich über den
+Massengräbern aalen. – Legende
+vom toten „Bauernchristus“. – Das
+Frontschwein Emil. – Brüder der
+„Großen Grube“, hört! – Hop hop
+hop! –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="blank" id="part-2" title="Der Bankier reitet über das Schlachtfeld">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting
+hatte, als er in dem weltberühmten Höhenluftkurort
+St. Moritz in der Schweiz eintraf, bereits eine mehrwöchige
+wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem
+modernsten Luxus ausgestattete Riesenturbinendampfer
+„Columbia“ aus dem Hafen von Newyork auslief.
+</p>
+
+<p>
+Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.
+</p>
+
+<p>
+Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra
+erscholl, und dann wie ein Salutschießen: ein knatterndes
+Händeklatschen.
+</p>
+
+<p>
+Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden
+Feuerräder der Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln
+auf und nieder rollenden Lichtbuchstaben leuchteten noch
+weit ins Meer hinein, die Turmbauten der Wolkenkratzer
+waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue
+war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von
+Scheinwerfern gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet,
+schon kaum mehr das Geräusch der Staffeln der
+Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem monotonen
+Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen
+Ozeans entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich
+einer der von der Erde aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann
+reckten staunend die Passagiere ihre Köpfe hoch: da hingen sie
+beinahe wie unbewegt, die stählernen Riesenfalter, unmittelbar
+unter einem wie ein Gletscher schimmernden Wolkenfeld.
+</p>
+
+<p>
+Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen
+um die „Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten
+Grenzzone und schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen
+abschossen, noch einmal, bevor sie in den Hafen zurückkehrten,
+in einem großen Bogen um sie herum ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch
+vor dem Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“
+zu bewundern.
+</p>
+
+<p>
+„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu
+Unrecht genannt.
+</p>
+
+<p>
+Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu,
+das Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der
+vielen deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt,
+und das schöne Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken
+streichelnd, hätte er sicherlich wehmütig aufgeseufzt:
+„Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder einmal,
+gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten
+erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier
+durch sämtliche Räume führen.
+</p>
+
+<p>
+Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden
+Ampeln und den gedrechselten durchsichtigen
+lichtflüssigen Glassäulen einer traumhaften Grottenhalle,
+ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden Seiten ließen,
+von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe durchschimmern,
+so daß man speisend, während der Fahrt, wie in
+einem Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich
+vorübergleiten sah. Rauch- und Billardzimmer schlossen sich
+an die „Traumgrotte“ an, ein Lesezimmer und die Bordbibliothek,
+so umfangreich und mit solch wertvollen Buchausgaben
+ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick in
+den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren
+Ranges messen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die
+Massage- und Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit
+einem ein Meter und einem drei Meter hohen Sprungbrett
+besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich dann von
+dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß
+auch eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn
+nötig, das an sich schon immer etwas rebellisch veranlagte
+Heizpersonal gebührend in Schach zu halten.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ...
+Dann bitte –“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier
+eine lange Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung
+des Offiziers folgend: „Bitte, treten Sie ein wenig zurück,
+es ist nicht gerade nötig, daß die Heizer Ihrer ansichtig
+werden“ – sah er durch die mit schweren Eisenklammern
+abschließbare Luke in den Heizraum hinein.
+</p>
+
+<p>
+Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer
+badete.
+</p>
+
+<p>
+„Genug!“
+</p>
+
+<p>
+Die Luke schloß sich.
+</p>
+
+<p>
+„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch
+bedient werden ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier sah sich noch einmal um.
+</p>
+
+<p>
+Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.
+</p>
+
+<p>
+Armdick.
+</p>
+
+<p>
+„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“,
+meinte der Bankier treuherzig.
+</p>
+
+<p>
+„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was
+vorkommen sollte, Leck, hier werden die Schotten zuerst
+abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... Die Wassermasse
+stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem gewaltigen
+Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen
+Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen
+der Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen
+mit dem Element dauert nicht lange, je nachdem,
+aber sicher nicht länger als drei Minuten. Bloße
+Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie Panzerplatten
+zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe
+dagegen rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel.
+Und jede Sekunde, die unten das Schiff noch in Gang bleibt,
+ist oben für die Rettungsaktion gewonnen ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Rundgang war beendet.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze
+des Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall
+durch die Adern zischte, abzukühlen ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch
+schnitt sich die „Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung
+war durch eine bestimmte Rumpflinienführung und durch
+eine neueste Kreiselkonstruktion ausgeschaltet.
+</p>
+
+<p>
+Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen,
+stürzten sich unter einem langanhaltenden Rolldonner heran,
+der Kiel schnitt glatt mitten hindurch, ein wüstes Gekreische,
+als ob Wasser geschlachtet würde – und der Meeresgrund
+sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten Wogenberge
+wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...
+</p>
+
+<p>
+Schön und tiefblau war die Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Ein lauer Windzug strich.
+</p>
+
+<p>
+Das Firmament glitzerte.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da fiel eine Sternschnuppe.
+</p>
+
+<p>
+„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.
+</p>
+
+<p>
+Dann suchte er seine Kabine auf.
+</p>
+
+<p>
+Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung
+gedämpft – stampften, stampften die Maschinen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Du, von was leben die da oben eigentlich?“
+</p>
+
+<p>
+Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen
+Heizer an einen Deutschen heran.
+</p>
+
+<p>
+„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß
+Kontrolle ist, hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen
+unterschrieben?! Du weißt doch, daß es eine Schiffspolizei
+gibt, auch unter den Heizern sind solche ... Von was die
+leben!? ... Davon!!“
+</p>
+
+<p>
+Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige
+Hand, und schippte seine Kohlenbrocken weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ...
+Wenn wir einmal die Glut aus den Kesseln reißen, dann:
+Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich ist’s aus mit dem
+großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich dir ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese,
+„genau so ist’s auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim
+bin. Länderhungrig sind die. Und schöne Maisplantagen
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+haben die sich angelegt und große, große Spinnereien ...
+Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen
+und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt
+... Ein gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott,
+ein Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle
+besoffen mit Branntwein ... Auch Opium, Bruder, Opium!
+Ganze unterirdische Höhlenstädte haben wir, in denen nur
+Opiumraucher wohnen ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Schwarzer trat hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg,
+mitsamt dem Weidland, ja schrecklich länderhungrig sind die,
+und die Erde bohren sie an und ziehen daraus mittels elektrisch
+betriebener Pumpwerke den ganzen Saft hervor ...
+Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt
+ihr, Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht
+dagegen aufkommen. Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“
+macht, da sind oft gleich an die Tausende in einem Nu hin.
+Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie dieser Maschinenraum
+schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut schwitzt
+unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“
+</p>
+
+<p>
+Schweigend starrten die Drei in die Glut.
+</p>
+
+<p>
+Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p>
+ <p class="verse">Daß das Schiff läuft –</p>
+ <p class="verse">Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p>
+ <p class="verse">Daß das Schiff schneller läuft ...</p>
+ <p class="verse">Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p>
+ <p class="verse">Daß das Schiff Volldampf läuft!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.
+</p>
+
+<p>
+Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das
+Heizerlied zu Ende:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p>
+ <p class="verse">Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Die Maschinen stampften.
+</p>
+
+<p>
+Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –
+</p>
+
+<p>
+„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die
+ganze Welt wird einem zu Venedig ... Alle Länder der
+Welt miteinander durch Kanäle verbunden, darüber hinweg
+wir in schwebenden Gondeln ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von
+Dankbarkeit an das Schicksal der Welt, wie der Mensch,
+aus Staub und Lärm der Großstadt entfernt, ein Anderer
+wird.
+</p>
+
+<p>
+Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.
+</p>
+
+<p>
+Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte
+und sachverständige Zuschauer.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.
+</p>
+
+<p>
+Nachrichten aus aller Welt:
+</p>
+
+<p>
+Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad
+oder den erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl
+ausgegossen träumen, was Europa träumt, träumen, was
+Amerika träumt, und kaum, daß ein Ereignis in der Welt
+geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und der Kunst,
+der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen
+wurde es einem ins Ohr geflüstert.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser
+sensationeller Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten
+des jungen italienischen Pianisten Antonio Carracarra
+gestalten, das für die Passagiere noch hinreißender
+zu werden versprach, als die oft an eigenartigen Ueberraschungsmomenten
+reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings,
+des Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.
+</p>
+
+<p>
+Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war
+kein Frauenfreund. Sogar in der amerikanischen Presse
+stand jüngst darüber ausführlich geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten
+seine Hände, küßten seine Hände, Antonios Hände, von
+denen eine ungarische Gräfin, die sich der Poesie widmete,
+sagte, man müsse einen Abguß von ihnen nehmen, um sie
+noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses
+in die Hände geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen,
+und diese Hände würden auch, abgesondert von dem Körper,
+dem sie zugehörten, ein Leben führen können, ein Traumleben,
+ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, getrennt
+vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene
+Musik: Antonio Carracarras Hände!
+</p>
+
+<p>
+Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras
+Spiel bisher nur im Radio gehört, seine Klavierabende
+waren immer schon Wochen, ja Monate vorher ausverkauft,
+und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren die
+Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in
+eine immer schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.
+</p>
+
+<p>
+Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der
+„Columbia“ gab, war nur das eine zu berichten:
+</p>
+
+<p>
+Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten
+als Klangfittiche, sich ihm wunderbar verschmelzend, durch
+den Konzertsaal, und zur Musik, zu lebendigen Traum-Fugen
+wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.
+</p>
+
+<p>
+Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes
+hinter einem Frühling prächtigster Blumenarrangements
+verschwand, da sprach die Meinung aller derer, die sich so
+reich begnadet dünkten, an diesem Abend haben teilnehmen
+zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am treffendsten
+aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:
+</p>
+
+<p>
+„Einfach Apollo!“
+</p>
+
+<p>
+War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf,
+was ihren höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin
+äußerte, einmal, Antonio Carracarras Hände über Augen
+und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen ...!?
+</p>
+
+<p>
+Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen
+Körpers entledigt würde, die irdische Hülle fiel von
+ihm ab, und er fühlte sich einen Augenblick lang gut, ganz
+gut ...
+</p>
+
+<p>
+Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich
+sie in Gedanken mit dem jungen Antonio, einige Pläne
+kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und er faßte den Entschluß,
+Antonio Carracarra kennen zu lernen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit.
+Antonio Carracarra wiederum, der an Bord ein
+zurückgezogenes Leben führte, tat so, als ginge er dem
+Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der genialsten
+Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und
+dem er gern die Hochachtung des Künstlers den großen
+Männern der Industrie gegenüber ausgesprochen hätte ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen
+der „Columbia“ in Europa.
+</p>
+
+<p>
+Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im
+Hafen von Southampton einlaufen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine
+Spezialattraktion angekündigt.
+</p>
+
+<p>
+Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen
+und künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt
+werden, die neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.
+</p>
+
+<p>
+Welch eine Ueberraschung!
+</p>
+
+<p>
+Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit,
+nach dem Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige
+Leinwand war gespannt, und die Zuschauer hatten ihre
+Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem in Decken
+gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen
+räkelten.
+</p>
+
+<p>
+Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet:
+die „Internationale“, gleich darauf ein wildes
+Durcheinandergeknatter von Gewehrschüssen, dem, gemessen
+und mit breiten Strichen vorgetragen, ein Choral folgte,
+und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und
+Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem
+englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.
+</p>
+
+<p>
+Der Filmstreifen wickelte sich ab:
+</p>
+
+<p>
+Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter
+Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses
+fluchwürdige Attentat verübt wurde, ließ sich einige Sekunden
+lang sehen, dann fuhr König Boris in einem schnittigen
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit noch von seinem
+Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei er
+selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion
+geworden wäre ... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester;
+verstümmelte Leichen mit abgehackten Köpfen davor:
+die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein darauffolgendes
+Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer
+Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten
+Pläne hegten und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten.
+Ein Blick in das kommunistische Parteibüro besagte mehr
+als genügend ... Und nunmehr folgte auch schon der Akt
+der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von Gefangenen
+vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber
+auch Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann
+Großaufnahme: die drei Hauptschuldigen. In diesem
+Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem Schweigen
+verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf,
+der allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen
+er gelten sollte, hörten ihn nicht mehr ... Schon war das
+Galgenrechteck auf dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der
+lebende Wall der vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte,
+ungeduldig vor Spannung, auf und ab, da aber ratterte
+auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode Verurteilten
+heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten
+gepfropft, und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde
+nochmals verlesen. Der Verbrecher unter den Galgen geführt.
+(Wieder: Trommelsolo!) Man half ihnen auf den
+Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den
+Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen
+der vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen,
+die sich blendend amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt
+fragte: „Alles fertig?!“ Die Henkergesellen nickten,
+sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen sie um und
+schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die
+Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten
+dazu wie Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten
+schwangen langsam wie Pendel hin und her, strafften sich,
+und der Strick, von dem doppelten Gewicht, dem des Henkers
+und dem des Gehenkten, belastet, schnitt doppelt tief im
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich
+wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...)
+Eine weiße Kapuze wurde jetzt den im Todeskrampf zu
+einiger wüsten Grimasse verzerrten Gesichtern übergestülpt
+und –
+</p>
+
+<p>
+Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!
+</p>
+
+<p>
+Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:
+</p>
+
+<p>
+„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“
+</p>
+
+<p>
+Erntefelder.
+</p>
+
+<p>
+Bauern, die Garben binden.
+</p>
+
+<p>
+Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend
+wie ein Heiland durch ihre ehrfürchtig die Köpfe von den
+Mützen entblößenden Reihen hindurchschritt ...
+</p>
+
+<p>
+Das Bordpublikum klatschte.
+</p>
+
+<p>
+Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen
+äußerte, alle durch die historische Wucht jener Szenen zu
+tiefst erschüttert.
+</p>
+
+<p>
+Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick
+lang in der Nacht, und darunter mit einer flammenden
+Inschrift, die sich jedem tief bis auf den Herzkern einbrannte,
+nichts weiter als die knappen Worte:
+</p>
+
+<p>
+„Wir oder sie ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.
+</p>
+
+<p>
+Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der
+Filmvorführung zusammengefunden: Dancinggirls, die
+Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, Sportsleute, Schaupieler.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer
+Ecke im Klubsessel.
+</p>
+
+<p>
+Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als
+einer, in eine lang an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske
+gekleidet, händeklatschend und dabei wie ein bayerischer
+Gebirgler jodelnd hereintanzte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme
+ausgezeichnet gelungen.
+</p>
+
+<p>
+Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer
+als Gehängter, sogar den Strick noch um den Hals, die
+Dancinggirls teils als „öffentliche Frauenzimmer“, teils
+als Nacktdamen.
+</p>
+
+<p>
+Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den
+Bankier zu:
+</p>
+
+<p>
+„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“
+</p>
+
+<p>
+Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm
+einen roten Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen
+um Brust und Hals wand.
+</p>
+
+<p>
+Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+Ein Glas klingelte dreimal schrill.
+</p>
+
+<p>
+Ein allgemeines Gesumme:
+</p>
+
+<p>
+„Ah, eine Ansprache ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen
+rüsselartigen Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu
+rollte. Die Worte daraus tönten dumpf und krächzend.
+</p>
+
+<p>
+„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema
+dieses <a id="corr-7"></a>Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser
+Raum hier sei ein Unterseeboot oder eine Taucherglocke.
+Wir befinden uns auf dem Grund des Meeres. Hören Sie,
+wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die der Kiel
+unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ...
+Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir
+setzen jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter.
+Nach ihm – die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr
+religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und Absolution haben
+Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die
+Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der
+Karren im Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr
+die sicher lobenswerte Absicht – und die hohe Kommandoleitung
+unseres versunkenen Boots hat sich dem Wunsch
+ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die Absicht,
+in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+durch die Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen
+sind, würdig mit unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen.
+Unsere Gesellschaft ist so gemischt wie nur irgend
+möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; alles, was
+das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter,
+Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute,
+Bolschewisten, Milliardäre, sogar ein Henker. Darf ich gleich
+vorstellen – vielleicht findet sogar noch im letzten Lebensaugenblick
+eine Hinrichtung statt – Jonas Thompson, gebürtig
+aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun,
+meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es
+Ihnen kraft der eingangs meiner Rede behandelten Umstände
+noch gestattet ist ... Freut euch des Lebens, wenn
+noch das Lämpchen glüht ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins,
+Blechschellen, Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den
+letzten Worten der Rede ein.
+</p>
+
+<p>
+„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser
+Motto sein!“
+</p>
+
+<p>
+Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.
+</p>
+
+<p>
+Einige rülpsten laut.
+</p>
+
+<p>
+Andere gurgelten.
+</p>
+
+<p>
+Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein
+langer Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.
+</p>
+
+<p>
+Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:
+</p>
+
+<p>
+„Rhizinus!“
+</p>
+
+<p>
+Und zum Henker gewandt:
+</p>
+
+<p>
+„Danach tranchiert ...“
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf erschollen Hochrufe:
+</p>
+
+<p>
+„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...
+</p>
+
+<p>
+„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und
+die Gehängten! ...“
+</p>
+
+<p>
+Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter
+einige Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen
+unter den Armen hingen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch! Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="corr-10"></a>Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die
+Schulter eines Cowboys, der wiederum auf der Schulter der
+Ku-Klux-Klan-Maske stand.
+</p>
+
+<p>
+„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant!
+Famos! Was! ...“
+</p>
+
+<p>
+Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes</p>
+ <p class="verse">Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an
+den Bankier einer der als Zuhälter Kostümierten heran,
+eine Kokotte imitierend.
+</p>
+
+<p>
+„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender
+Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“
+</p>
+
+<p>
+Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd
+„uch nein“, und ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick
+die Uhr mitsamt der Kette verschwinden.
+</p>
+
+<p>
+„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch!
+... Auch anders wie die anderen!? ... Du federleichtes
+Spatzengehirn, wieviel Milligramm wiegst du denn,
+Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen Klubsesselhintern!
+... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den
+die Kokotte imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten
+sich inzwischen die Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten
+hergemacht.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling,
+will Seemann werden und verträgt keinen Schluck nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen
+Schlund entleert.
+</p>
+
+<p>
+„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.
+</p>
+
+<p>
+„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das
+Gaumenzäpfchen kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen
+Schweinespecks recht liebevoll an einem Schnürchen im Hals
+auf und niederziehen!? ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün
+und weiß.
+</p>
+
+<p>
+Kotzte.
+</p>
+
+<p>
+„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen,
+das zieht ihm die Milch aus den Wangen ...
+Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das Kotzen will gelernt sein.
+Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen heute abend
+am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn
+du nicht bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel
+„Halleluja! Gloria in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er
+kotzt sogar um die Ecke! ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.
+</p>
+
+<p>
+„Hihihi!“
+</p>
+
+<p>
+„Hahaha!“
+</p>
+
+<p>
+„Huhuhu!“
+</p>
+
+<p>
+„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise
+gekotzter Sch...e gefällig!?
+</p>
+
+<p>
+„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie!
+Nein, habt ihr schon einmal so ein Kotzen gesehen?!
+</p>
+
+<p>
+„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner
+Lektion, Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske
+geleitet, mußte sich das Kotzen mitansehen.
+</p>
+
+<p>
+„Direkt eine Sehenswürdigkeit!
+</p>
+
+<p>
+„Ein Meister seiner Art!
+</p>
+
+<p>
+„Ein richtiges Kotzwunder!
+</p>
+
+<p>
+„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!
+</p>
+
+<p>
+„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter
+Leckerbissen, was ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme
+drin ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und
+ergab sich gleich wieder demütig in sein Schicksal, das heißt,
+er kotzte.
+</p>
+
+<p>
+„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel
+besonderes Eintrittsgeld erheben ...
+</p>
+
+<p>
+„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.
+</p>
+
+<p>
+„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde
+und Kinder anwesend!?“
+</p>
+
+<p>
+Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die
+Dancinggirls, der Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske
+als Hunde und Kinder verhaftet, und aus der Kotz-Vorstellung
+abgeführt.
+</p>
+
+<p>
+„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch
+seinen eigenen Dreck aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat
+jetzt den Aspiranten an, der aus dem letzten Loch pfiff
+und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten,
+wie er ihn bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm,
+drückte ihn an sich und wiegte ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust
+... Schlaf, mein Kind, schlaf ... Na, hat das
+Komitee der Todgeweihten nicht etwas zu bieten!?“
+</p>
+
+<p>
+Es war inzwischen Morgen geworden.
+</p>
+
+<p>
+Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln
+und eckige Zeichenbuchstaben mit der
+Hand in die Luft fuchtelnd die Ku-Klux-Klan-Maske den
+Tisch.
+</p>
+
+<p>
+„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“
+</p>
+
+<p>
+Einige lagen bereits am Boden.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:
+</p>
+
+<p>
+„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“
+</p>
+
+<p>
+Lautlose Stille trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Man hörte Schnarchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben
+abgesägt ...“ witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als
+Nebenbemerkung vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+„ssssst!“
+</p>
+
+<p>
+Ein Glas klingelte schrill dreimal.
+</p>
+
+<p>
+„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu
+Ende. Ruhe und Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten
+verlangt es! Der Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen
+Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie die Haltung ein, in
+der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam Ihre
+Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten
+noch ... Dann erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar
+die Feuerschrift an der Wand: <span class="antiqua">mene menetekel upharsin</span>.
+Und dann drücken die Wasser zu den Wänden herein, denn
+unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis
+zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe.
+Eine Sache wie ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau
+Leichinnen! Sehr verehrte Herren Leichen! Wir bekommen
+gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, Wale ...
+Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“
+</p>
+
+<p>
+Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der
+Ku-Klux-Klan-Maske vollkommene Totenstille.
+</p>
+
+<p>
+Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.
+</p>
+
+<p>
+Es gluckste.
+</p>
+
+<p>
+Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Die Maschinen stampften.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.
+</p>
+
+<p>
+Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an
+Deck versammelt.
+</p>
+
+<p>
+Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte
+schläfrig ins strahlende Licht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft
+des Milliardärs zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Trat an den Amerikaner heran:
+</p>
+
+<p>
+„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“
+</p>
+
+<p>
+Und als der Amerikaner freundlich nickte:
+</p>
+
+<p>
+„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“
+</p>
+
+<p>
+Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und
+setzte sich dicht an den Amerikaner heran.
+</p>
+
+<p>
+„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film
+noch bei dem Maskenfest zu sehen ...?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht.
+Da geht es dann gegen Ende zu doch immer ziemlich toll
+her. Das sind Volksbelustigungen, mit einer tüchtigen
+Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht geschaffen
+für Menschen meiner Art ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich
+sich einmal austoben lassen. Es war eigentlich ganz
+gemütlich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach
+Paris ... Und da wollte ich mich mit Ihnen verabreden
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns
+noch kennengelernt haben, bevor es zu spät ist ...“
+</p>
+
+<p>
+„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner
+nach einigen Minuten Stillschweigens. „Ich möchte zwar
+nicht mit der Türe, wie man so sagt, ins Haus fallen, aber
+Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht erscheint es
+Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es
+nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon
+seit langem gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und
+ich habe auch den Glauben, die Zuversicht: wir werden es
+immer bleiben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener.
+„Ich hätte dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ...
+Fragen Sie mich, bitte fragen Sie mich ... Es erscheint
+mir wie eine heilige Pflicht, Ihnen Antwort zu geben ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder schwieg der Bankier.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.
+</p>
+
+<p>
+Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.
+</p>
+
+<p>
+„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“,
+sagte ein Paar, das an den beiden vorüberstrich.
+</p>
+
+<p>
+„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise
+dazu bereit erklärt haben, mir Rede und Antwort
+zu stehen ... Sie werden ja selbst fühlen, Schweres geht
+in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit gewaltigen
+Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und
+müssen daher über die Schranken der Zeit, der wir
+Sterbliche verhaftet sind, hinausblicken. Und welche Ideale
+nun sind es, frage ich Sie, für die die Jugend in den Weltentscheidungskämpfen,
+in denen wir stehen, ihre Stimme
+erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt
+meine Frage begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um
+meine Söhne ... Ich frage Sie als Freund und Vater ...“
+</p>
+
+<p>
+Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich
+erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte
+er.
+</p>
+
+<p>
+„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting,
+im Namen und im Auftrag einer Jugend, im Namen
+eines ganzen Geschlechts. Welchen Geschlechts, das sollen
+Sie alsbald erfahren!
+</p>
+
+<p>
+„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all
+dem, das wie ein Kreisel balancierend über eine messerscharf
+geschliffene Kante dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ...
+Wir, die wir in Wahrheit nicht mehr lieben können, wir
+lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns nicht mehr
+sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach
+der Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen,
+wir sehnen nicht mehr aus Herzensgrund heraus: wir
+lieben, wir sind sehnsüchtig mit den Nerven ... Wir sind
+Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, hoch
+hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir
+vibrieren, phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden
+keine Funken, wir strahlen keine Wärme mehr aus ... Der
+Lebensquell in uns ist versiegt ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt
+vor unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich.
+Wir werfen uns über die Welt, gierig wie über
+einen Leichenhügel her, wir beschlafen Leichen, treiben
+Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind wir
+geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns
+zum Leiden gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden,
+wir sind die wollüstigsten, raffiniertesten Genießer,
+die je ein Zeitalter hervorgebracht hat.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms,
+da habe ich deutlich beobachten können, wie
+die Herrschaften dabei vollauf befriedigt sich mit der Zunge
+die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es das Wasser im
+Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...
+</p>
+
+<p>
+„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen
+wir nicht jeden Tag wieder von neuem vor Entzücken auf
+über unsere eigene Verwesung!?
+</p>
+
+<p>
+„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein!
+Wehe dem, der es wagen sollte, nach unserem Traumreich
+die Hände auszustrecken!
+</p>
+
+<p>
+„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll
+von Ränken und unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und
+unerbittlich zugleich, und noch sind wir stark, stark genug! ...
+</p>
+
+<p>
+„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch,
+der Blutrausch ist für uns geistige Menschen ein
+geistiger Rausch.
+</p>
+
+<p>
+„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt
+über die abgründige Meertiefe dahinfährt?
+</p>
+
+<p>
+„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.
+</p>
+
+<p>
+„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht
+und der Mensch in ihrem Schatten zusammensinkt?
+</p>
+
+<p>
+„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen
+letzte Nacht sein ...
+</p>
+
+<p>
+„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde
+für Stunde die Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie
+mir Haar und Nagel im Sarg noch um ein geringes nachwächst
+... Ich bin trunken davon ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch,
+Mr. Branting, hat <em>eine</em> Voraussetzung: Ihre, ja Ihre
+Nüchternheit.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute
+noch den Kurswert der Zeit besitzt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel,
+die sich dieser Welt überwölbt ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio.
+Ihre Worte klangen wie eine Symphonie ... Haben Sie
+mir nichts mehr zu sagen!?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter
+des „letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir
+sprechen werden, muß ebenso wie das erste, das wir gesprochen
+haben, hart sein! Ein Machtwort!! In dieser Periode unserer
+Herrschaft können wir uns nicht mehr den Luxus der flauen
+Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite hin betrachtet,
+entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer
+Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen
+neuen Welt-Entwurf vorlegen, aber wir werden mit spitzem
+Hammerschlag noch einen neuen Zug ins Weltgesicht einmeißeln:
+eine grausame Linie, Schattenkurven unters Auge,
+eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch
+nicht davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und
+zynisch in eine Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind
+zwar Flüchtlinge. Wir sind auf dem Rückzug. Aber dieser
+Rückzug vollzieht sich unter der Parole des Angriffs, unter
+einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser
+Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und
+eine tiefe Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen
+wir uns selbst zur Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme,
+Opferberge. Wenn wir Menschen anstecken als
+Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem,
+was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+wir wollen oder nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ...
+Wir verzweifeln an der Verzweiflung ... Aber, wie ich
+Ihnen schon sagte, wir sind noch stark genug, stark ...
+</p>
+
+<p>
+„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns
+alle befallen hat, schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen
+aus uns noch die letzten Früchte heraus: eisig glühende,
+gespenstische, exzentrisch verformte Gewächse. Dann ist uns
+der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, dieser
+Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit
+ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen
+möchte. Wird dann noch einmal wie dürres Blättergeraschel
+diese Welt aufflammen zu einem Scheiterhaufen, darauf
+man sich zur großen Ruhe betten kann!?“
+</p>
+
+<p>
+Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine
+stampft, und sie stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch
+tiefer aus der Erde heraus! ... Der Heizer im nackten
+Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der feldgraue
+Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an
+sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein
+Traumreich Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen.
+Stahl, Kohle, Erdöl: aus ihnen heraus destilliert sich auf
+einem langen, qualvollen Umweg mein Traumreich ... Und
+wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich –!?“
+</p>
+
+<p>
+Die Maschine stampfte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Schiffskörper zitterte.
+</p>
+
+<p>
+„Also!“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.
+</p>
+
+<p>
+„Europa.“
+</p>
+
+<p>
+„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie
+an die Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“
+</p>
+
+<p>
+„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander.
+Wir beide wissen mehr, als wir für unbedingt
+geboten halten, daß es ausgesprochen wird ...“
+</p>
+
+<p>
+„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht,
+im Flugzeug!“
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffssirenen schrillten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein
+eisern gemuskeltes Armgelenk gebogen herniederhing, lief
+die „Columbia“ in dem Hafen von Southampton ein. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen
+Freunde zu, als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in
+den lichtblauen Aether hineinschnellte.
+</p>
+
+<p>
+„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“
+träumte Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt,
+angefüllt mit schmelzendem Meerblau. Und der Mensch,
+von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine melodische
+Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang
+volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle
+des Nichts ...!“
+</p>
+
+<p>
+Die Flugzeugmotore donnerten.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen!
+Ueberall in der Welt singt es unseren Untergang. Aber auch
+wir stimmen darin ein wie in ein Triumphgeheul ... Sehen
+Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: Dreadnoughts,
+ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem
+Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich
+bei dem Gedanken an die wie ein leise sirrendes metallisches
+Gewitter heraufziehenden Geschwader der Bombenflieger,
+ich berausche mich an dem Gedanken an den kommenden
+Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen
+wird ... Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit
+einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden. Die
+wenigen Eingeweihten werden zu schweigen wissen ... Ich
+berausche mich bei dem Gedanken an dieses Geheimnis, an
+unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im
+Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige
+grandiose Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ...
+In Schönheit sterben, nenne ich das ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten
+seines Freundes zu.
+</p>
+
+<p>
+„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre
+es aus meinem Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Sie sind! Ein Dichter! ... Es ist gefährlich, was Sie
+sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht wir dahingleiten,
+selbst spricht ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom
+Landungsplatz auf den Longchamps nach Paris bringen
+sollte, blieb plötzlich mitten in einem ungeheueren Menschenstrom
+stecken.
+</p>
+
+<p>
+Rote Fahnen wehten.
+</p>
+
+<p>
+Rufe erschollen:
+</p>
+
+<p>
+„Nieder mit dem Krieg!“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren
+gegen den Krieg ... Damit meinen sie aber in Wirklichkeit
+uns! ... Es lebe der Krieg ... Der Krieg, er lebe ... Hüten
+wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz
+des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
+</p>
+
+<p>
+Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine,
+die Millionen solcher Menschen, ganze Armeen aus dem
+Erdboden heraufstampft ... Es sind Millionen, Abermillionen
+Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie
+einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die
+Meute kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten
+wir ernsthaften Widerstand? Nein. Aber wir verstricken
+sie in unseren eigenen Untergang ... Spüren Sie nicht, wie
+jeder Blick der Demonstranten uns das Messer zwischen die
+Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei
+rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des
+Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ...
+Wie lange noch?! ... Giftgase über diese empörerische Erde!
+Die Sintflut über uns! ... Noch nicht genug durchfiltriert
+ist die Erde. Nun kommt die Giftgasschwemme als letzte
+Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Freunde verabschiedeten sich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen!
+Sie haben mir unendlich viel gegeben!“
+</p>
+
+<p>
+„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als
+ob ich damals unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Augenblick an Sie herantrat, jenem noch wenig erforschten,
+aber sicher auch im Menschenleben geltenden Gesetz von der
+gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen gefolgt sei.
+Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff
+und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben
+Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus
+<em>einem</em> Guß ... Ich fahre morgen weiter nach Marseille,
+dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich will den Kelch zur
+Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. Ich will
+das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund
+auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da
+Sie gerade in Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen
+Bummel über die Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig,
+sage ich Ihnen, das ... Und nun leben Sie wohl!
+Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die Katakomben
+der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz
+sind, den Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die
+ewigen Gletscher! ... Und ob wir uns noch einmal wiedersehen
+oder nicht –!? Hüten wir unser Geheimnis! ... Nun:
+glückliche Reise!“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Freunde umarmten sich.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den
+Fremden gebotene Gelegenheit nicht ungern wahr, unter
+sachkundiger Führung die berühmten europäischen Schlachtfelder
+aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.
+</p>
+
+<p>
+Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede
+Woche einige Male stattfindende Fremdenfahrt begann.
+</p>
+
+<p>
+Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein,
+die an diesem Tage an der Exkursion teilnahmen.
+</p>
+
+<p>
+Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen
+und mit auserlesenen Bildermaterial versehenen
+Prospekt hieß, das Schlachtfeld bequem zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten
+Hotel „Zum Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der
+Stelle eines in Trümmer geschossenen Dorfes errichtet
+worden war: fünfzig Stock hoch, nach amerikanischem Zweckstil,
+und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, daß
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie
+entwickeln werde.
+</p>
+
+<p>
+Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis
+gekrönt, aus einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben
+von der Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft
+m. b. H., hervorgegangen, an dem sich die berühmtesten Architekten
+des In- und Auslandes beteiligt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren
+Aufsichtsrat prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs
+angehörten, hatten riesige Flächen Schlachtgeländes
+schon während des Krieges, die Panikstimmung unter der
+ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich nach Beendigung
+des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und
+beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte
+„Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde,
+die Schlachtfelder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen
+Inventar aufzuteilen, stückweis an die Bauern
+zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung
+zuzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer
+Art Wallfahrtsort.
+</p>
+
+<p>
+Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber
+abgesehen auch davon, was die innere und die äußere architektonische
+Anlage betraf, eine Sehenswürdigkeit ersten
+Ranges.
+</p>
+
+<p>
+Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren
+statt, im Beisein der Pressevertreter aller Welt und in
+Anwesenheit der sämtlichen Botschafter der alliierten Regierungen.
+Die Absicht der Gründung allerdings reichte
+schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs selbst
+zurück. –
+</p>
+
+<p>
+Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht
+genommen, eine zu Fuß mitten durch die Schützengrabensysteme
+hindurch, von denen es hieß, daß sie „echt“ und
+„original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch
+wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse
+zu vermitteln, die zweite sich daran anschließende
+Führung, deren jede gegen eine Stunde dauerte, sollte im
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+Flug durch die Lüfte den Teilnehmern die Gelegenheit
+geben, sich in die Lage der tapferen und heldenhaften Flieger
+zu versetzen, zugleich aber auch die Kriegsereignisse durch
+höchstpersönliches Erlebnis von der verantwortungsvollen
+Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren
+und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen,
+als eine Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam
+ergreifendes Naturschauspiel zugleich.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten
+sich schon am frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner
+Geschäftsfreunde im Hotel eingefunden, die durch den Sekretär
+des Bankiers kurzerhand abgefertigt wurden. Kaum
+aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten
+es die Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der
+Amerikaner mit der Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen
+beabsichtige. So war es auch nicht weiter verwunderlich,
+daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl Filmoperateure
+und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die
+Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und
+von denen sogar einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die
+Tournee in höchsteigener Person mitmachten. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren
+des Krieges deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit
+verzeichnete scheinbar überhaupt keine Fortschritte.
+</p>
+
+<p>
+Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte
+Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen,
+zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne
+einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme
+Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders
+in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu
+errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das
+Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme
+industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung
+standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen,
+kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen
+Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum
+und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise
+heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen
+praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der
+Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute
+zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt
+nicht ...
+</p>
+
+<p>
+Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete
+mit dem Finger in die Landschaft und begann:
+</p>
+
+<p>
+„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne
+sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges
+in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch
+nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt
+60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei
+der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen
+sein ...“
+</p>
+
+<p>
+„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ...
+„Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft
+... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät,
+nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal
+das ...“
+</p>
+
+<p>
+Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf
+der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt
+war.
+</p>
+
+<p>
+An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von
+Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten
+zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer
+gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs
+Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der
+Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese
+seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der
+Marne ausgehoben worden.
+</p>
+
+<p>
+„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung
+gewesen ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen
+der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber
+Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die
+sonderbarsten Figuren.
+</p>
+
+<p>
+Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne
+in die Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein
+menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über
+und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das
+Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt,
+noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ...
+</p>
+
+<p>
+Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen
+herum, grimassierten und streckten die Zungen ...
+</p>
+
+<p>
+Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten
+und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen
+waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche
+Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die
+deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt.
+</p>
+
+<p>
+„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten.
+Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen
+lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ...
+Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“
+</p>
+
+<p>
+Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze
+schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen
+Inschrift, lauter deutsche Namen.
+</p>
+
+<p>
+„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter
+noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder,
+Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf
+oder mit einem umgekehrten Spaten.
+</p>
+
+<p>
+„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst,
+ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform.
+Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten
+Soldaten“ unterm <span class="antiqua">Arc de Triomphe</span> ... Mit einer
+ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache
+werden ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau
+des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor.
+</p>
+
+<p>
+Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.
+</p>
+
+<p>
+„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch
+einer Gegend!“ ...
+</p>
+
+<p>
+„Wird sich das rentieren ...?“
+</p>
+
+<p>
+„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend
+ausgebaut werden ...“
+</p>
+
+<p>
+„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“
+</p>
+
+<p>
+„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen
+gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings
+nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und
+rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren
+vielleicht ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden
+umfangen hielt, war gebrochen.
+</p>
+
+<p>
+Die Autokolonne hielt.
+</p>
+
+<p>
+Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.
+</p>
+
+<p>
+„Ganz südlich!“ scherzte jemand.
+</p>
+
+<p>
+Die Reisegesellschaft stieg aus.
+</p>
+
+<p>
+Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.
+</p>
+
+<p>
+Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.
+</p>
+
+<p>
+„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun
+bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu
+seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor,
+wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte,
+furchtsam in die Arme hing.
+</p>
+
+<p>
+„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich
+dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen
+habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht
+find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann
+liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen,
+vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein
+Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man
+kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den
+Schlachtfeldern ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das
+er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor,
+studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen
+Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher.
+</p>
+
+<p>
+„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat
+eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt.
+Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll
+einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie
+ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“
+</p>
+
+<p>
+Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.
+</p>
+
+<p>
+Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die
+zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte
+Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen
+herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.
+</p>
+
+<p>
+Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf
+hin.
+</p>
+
+<p>
+Die Tafel lautete:
+</p>
+
+<p>
+„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern
+aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten
+der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine
+ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller
+am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen
+Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit
+zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. –
+Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe,
+Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus
+Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.)
+Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut,
+stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische
+Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten,
+interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend,
+ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren
+Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen
+Publikum
+</p>
+
+<p class="center">
+Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.<br>
+Die Hotel-Direktion.“
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+Man nahm Platz zum Diner.
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“
+</p>
+
+<p>
+Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich
+befriedigt über die wohlgelungene Organisation
+der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.
+</p>
+
+<p>
+„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens.
+Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft
+gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die
+Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken
+betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich
+nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu
+machen ...“
+</p>
+
+<p>
+Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während
+des Essens Postkarten.
+</p>
+
+<p>
+Andere richteten Fragen an die Kellner:
+</p>
+
+<p>
+„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“
+</p>
+
+<p>
+„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –
+</p>
+
+<p>
+„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln
+... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus
+Paris ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Diner war beendet.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.
+</p>
+
+<p>
+„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute
+ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben
+uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch
+in Ehren halten!“
+</p>
+
+<p>
+Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu
+einem stillen Schwur.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wieder eine Tafel:
+</p>
+
+<p>
+„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!
+</p>
+
+<p>
+Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht
+von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs
+verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr,
+sich zu beschmutzen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Führer ging den Pfahlweg voran.
+</p>
+
+<p>
+Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.
+</p>
+
+<p>
+Es mochten gegen fünfzig Personen sein.
+</p>
+
+<p>
+„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät
+anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ –
+tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit
+etwas ganz besonderes verriete.
+</p>
+
+<p>
+Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben
+entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und
+senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+Man sah auf den ersten Blick:
+</p>
+
+<p>
+Alles war hier für die Fremden zugerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.
+</p>
+
+<p>
+Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man
+allenfalls gelten lassen.
+</p>
+
+<p>
+Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische
+Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf
+und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem
+Bajonett.
+</p>
+
+<p>
+„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte
+Professor wieder seiner Frau zu:
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!</span> – Laßt,
+die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“
+</p>
+
+<p>
+Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen
+oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer
+gerissen!?
+</p>
+
+<p>
+Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier
+der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig
+in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer
+komischen Verrenkung verstümmelt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal
+menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken
+von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele
+von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser
+und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch
+eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“
+</p>
+
+<p>
+Auch der Milliardär staunte.
+</p>
+
+<p>
+„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht
+eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht
+das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt
+haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...
+</p>
+
+<p>
+„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal
+rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem
+Grauen uns messen konnten –
+</p>
+
+<p>
+„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht
+Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres
+Vaterlandes ringen durften –
+</p>
+
+<p>
+„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –
+</p>
+
+<p>
+„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei
+es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach,
+von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift
+wurden – –“
+</p>
+
+<p>
+Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war
+allgemein.
+</p>
+
+<p>
+Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut
+um die Lippen, sich selbst bemitleidend.
+</p>
+
+<p>
+Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei
+jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.
+</p>
+
+<p>
+„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer
+Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften,
+verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes
+Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte
+der Professor.
+</p>
+
+<p>
+Doch allmählich verstummten die Klagen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir müssen uns eben trösten –
+</p>
+
+<p>
+„Was vorbei ist, ist vorbei –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+„Doch was nicht ist, kann noch werden –
+</p>
+
+<p>
+„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt
+nicht wieder entgehen lassen –
+</p>
+
+<p>
+„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen!
+</p>
+
+<p>
+„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken
+sozusagen, die von der Schlachtbank der Geschichte ...“
+</p>
+
+<p>
+Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und
+heilig: im Fall eines nächsten Krieges in vorderster
+Front ...
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer
+inmitten des allgemeinen Tumults einigen Damen und
+Herren zu, die Photographenapparate dicht vor sich hindrückten.
+</p>
+
+<p>
+„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens
+untersagt. Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene
+Ansichten von allen Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz
+in reicher Auswahl vorhanden ... Ich habe Sie
+zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die Vorschriften
+hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich
+auch eingehalten werden müssen ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer
+eingehenden Besichtigung unterzogen.
+</p>
+
+<p>
+Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes
+Blech, Patronentaschen, Granaten, mit gelben,
+grünen und blauen, aber auch bunten Kreuzen bezeichnet,
+Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen wirr durcheinander
+und anscheinend wirklich noch völlig unberührt
+herum, und große, rostbraune Flecken klebten tief in den
+Gebälken.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer erklärte:
+</p>
+
+<p>
+„Getrocknetes Blut.“
+</p>
+
+<p>
+„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es
+aus der Gesellschaft zurück.
+</p>
+
+<p>
+Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber
+sowohl wie die ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht
+mehr zu entziffern. Nur aus einer der Wandzeichnungen
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+war noch zu erkennen, daß sie einmal einen pornographischen
+Akt darstellte.
+</p>
+
+<p>
+„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte
+Stelle, sowohl im deutschen, wie auch im englischen, französischen
+und amerikanischen Tagesbefehl öfter genannt, jene
+Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren Besitzer wechselte ...“
+</p>
+
+<p>
+Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu
+sehen.
+</p>
+
+<p>
+„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die
+Nationalwaffe der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden.
+Das riecht noch wie frisch importiert aus
+Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten geduckt
+diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die
+Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes
+die „Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument:
+es ist eine Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument,
+wie es mit Vorliebe die bayerischen Truppen benutzten ...
+Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen hier im Raum
+die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten
+Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte,
+bücken Sie sich einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht
+einer der Herrschaften durch das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!?
+Keineswegs. Nein! Ganz und gar im Gegenteil!
+Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst gegraben
+haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei
+einem Gasüberfall, den die Deutschen unvermutet angesetzt
+haben, während sie hier unter der Erde, vom Geist der
+Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu bis in
+den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“
+So eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab
+für die humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor,
+nein, da müßte so ein Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen
+Qual werden,“ meinten einige mit Recht.
+</p>
+
+<p>
+„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen,
+oder wollen Sie uns vielleicht weismachen, die hätten sich
+von selbst mumifiziert!?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd
+der Führer den Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+allerlei Geheimnisse ... Also, fahren wir fort nach diesem
+heiteren Intermezzo in unserer Wanderung über die
+Schlachtfelder ...“
+</p>
+
+<p>
+„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz.
+Auch ich habe das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in
+konserviertem Zustand: absurd, ein Unding, hebt sich von
+selbst auf ... Das war eben so ein bißchen Castans Panoptikum
+...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte sich,
+einen gutmütigen Baß lachend.
+</p>
+
+<p>
+„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen,
+brave Soldaten ihr Grab selbst gegraben, überdies soll
+auch, wie es heißt, ein General, der den Frontabschnitt zufällig
+in diesem Augenblick inspizierte, mit dabei sein. Ein
+Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat
+der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende
+bereitet.“
+</p>
+
+<p>
+Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle
+mehrere Meter tief hinab. Man hatte den Eindruck einer
+Senkgrube.
+</p>
+
+<p>
+Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen,
+wir verlassen diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches
+Stacheldrahtverhau. Der leichte Verwesungsgeruch,
+der sich auch jetzt noch deutlich bemerkbar macht – –“
+</p>
+
+<p>
+Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ...
+</p>
+
+<p>
+„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem
+Fleisch, in der Soldatensprache, drastisch, wie sie
+nun einmal ist, „Offensivparfüm“ genannt, dieser leichte
+Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser schwärzlichen
+Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder
+hier zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind
+Menschen, Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen,
+ob Deutsche, Engländer, Amerikaner oder Franzosen: das
+läßt sich nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen.
+Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist es, im
+Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die
+sie noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der
+Blutkreislauf wird geschlossen, die Blutkörperchen machen
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+ihre letzte Runde und – stopp! ... Also, diese Drähte waren
+elektrisch geladen, Hochspannung, und –“
+</p>
+
+<p>
+Einige Besucher wandten die Gesichter ab.
+</p>
+
+<p>
+„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht gemütsverweichlichter
+oder zartbesaiteter, meinetwegen, als
+Sie in Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen,
+nackt und brutal, wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu
+sehen. Hier können Sie beinahe umsonst das Grauen lernen.
+Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige Gelegenheit nicht
+zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer
+weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines
+Tages in Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf
+Erden nimmt diesen Lauf, das ist das Schicksal aller irdischen
+Güter, der Mensch mit inbegriffen ... Wie Sie aber zugeben
+werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur,
+die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute,
+vier Jahre später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar
+auf das Publikum zu wirken und es in eine Art
+magischen Bann zu schlagen ... So kann der Schlachtfelderbesuch
+zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir haben auch
+Dauerbesucher.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu
+haben, als auf diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“,
+bestätigte der deutsche Professor.
+</p>
+
+<p>
+„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“
+</p>
+
+<p>
+Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte
+gewissermaßen im Auftrag aller der Bankier fest:
+</p>
+
+<p>
+„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung
+mit vollem Recht von sich bekennen, er habe heute den
+leider von ihm versäumten Weltkrieg in seiner tiefsten
+Tiefenwirkung und in seinem breitesten Ausmaß nachgeholt.
+Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu
+erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“
+Ja, wir können uns geradezu beglückwünschen, bald den
+ersten Teil einer im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen
+und heroischen Expedition hinter uns zu
+haben ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem
+hier das Kruzifix errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende
+gewoben. Nach dem Glauben der armen Bauern dieser Umgegend
+soll Christus des Nachts, gefolgt von dem ganzen Stab
+der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie
+früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld
+wandeln. Christus tastet dabei mit einer Art geistiger
+Wünschelrute den Erdboden ab, um den Standort der Totenregimenter
+festzustellen ... Hier, an dieser Stelle nun, sagen
+die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. Hier
+spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten.
+An dieser Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an
+dieser Stelle finde dereinst die Auferstehung aller Gläubigen
+statt ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier trat interessiert vor.
+</p>
+
+<p>
+„Was spricht Christus mit den Toten?“
+</p>
+
+<p>
+„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von
+neuem, daß sie nicht umsonst gestorben sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und
+heilige Sache gefallen sind?“
+</p>
+
+<p>
+„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen
+gewaltig, nach dem Glauben der Bauern wenigstens, trommeln
+Mitternachts laut an die Erdkruste mit ihren Knochenfäusten
+und knurren oft im Chor: „Für nichts und nichts
+und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen
+unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben
+sich für den „Großen Tag“.
+</p>
+
+<p>
+„Für was für einen „Großen Tag“?
+</p>
+
+<p>
+„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und
+an dem die ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von
+den Schuldnern sofort in bar beglichen werden muß. Die
+unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie halten Versammlungen
+ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne kurzsichtiger
+Menschen nach längst gestorben sind ... Und der
+„Große Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht
+es: Aug um Aug, Zahn um Zahn ... Es wird mit Blut
+bezahlt ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“
+</p>
+
+<p>
+„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen
+denen, die dadurch, daß sie feig und untätig während des
+Krieges geblieben sind, sich zu Mitverantwortlichen am
+Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine Frage
+vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter
+Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo
+die Leichen vor Hitze flüssig werden und anfangen, zu
+brodeln ... Im Kraut knisterts, und wenn du hinschaust ...
+Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit „Ja, Herr!“
+beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber
+auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und
+eine Nebenschuld ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt
+sie vom Gegenteil?“
+</p>
+
+<p>
+„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie
+auch vom Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt
+gerade das Gegenteil vom Gegenteil.“
+</p>
+
+<p>
+„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der
+armen Bauern?“
+</p>
+
+<p>
+„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des
+Kreuzstammes aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen
+von einem Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem
+Zeichen zu siegen. Zu gleicher Zeit aber mit der Errichtung
+des Galgens kommt schon ein anderer Galgen über diesen
+Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die Stelle des ersten,
+entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der
+Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der
+zweite Galgen ist gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber
+und Ausbeuter des Volks aufzuhängen ... Und Christus
+verspricht denen dort unten, ihrem Rachegelüste vollauf
+Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor sein
+Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert
+haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des
+Vaterlandes dargebracht hat und – darbringt ... Diese
+Stelle hier, auf der wir stehen, soll auch die Stelle sein, wo
+der erste Galgen in Erscheinung tritt und von dem zweiten
+bald darauf überwunden wird ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus!
+Hihihi ...“, kicherte jemand.
+</p>
+
+<p>
+Alle sprachen aufgeregt durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer
+hin.
+</p>
+
+<p>
+„Korruption! Korruption!“
+</p>
+
+<p>
+„Ketzer! Verräter!“
+</p>
+
+<p>
+Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen.
+</p>
+
+<p>
+Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können.
+</p>
+
+<p>
+Nur der Bankier blieb ruhig.
+</p>
+
+<p>
+„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein
+wenig sonderbare Christen das, das müssen Sie doch selbst
+zugeben, die sich ihren Christus so vorstellen. Ein roter
+Christus also, ein roter Bauernchristus ... So wird eben
+auch das Allerheiligste von dem ungebildeten und in den
+tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen Offenbarungen uneinsichtigen
+Pöbel in den Kot gezerrt. Ein Bolschewisten-Christus,
+haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke,
+Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider!
+Ein Christus mit dem Messer zwischen den Zähnen und
+die Knarre auf dem Buckel! Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer.
+</p>
+
+<p>
+„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich
+aus. Aber wovon den armen Bauern das Herz voll ist,
+davon träumen sie ... Es ist eben ein Christus, zurechtgemacht
+für die Zeit, wie ihn sich die armen Bauern, naiv
+wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick.
+–
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung
+der Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir
+unsere Tournee fort!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem
+Führer.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen,
+dürfen Sie auch nicht vergessen ...“
+</p>
+
+<p>
+Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie
+nacheinander in eine Kiesgrube hinab.
+</p>
+
+<p>
+Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.
+</p>
+
+<p>
+„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden
+regelmäßig Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren
+und anderen Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen
+gleichermaßen tiefster Verachtung preisgegeben ... Ich
+werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, das Wrack einer
+Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit Geld
+bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher
+Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch
+ihre Lage besonders günstig für derartige Hinrichtungen
+gewesen sein, die sofort nach der Urteilsfällung durch die
+Kriegsgerichte, gegen die es keinen Einspruch mehr gab,
+innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden
+mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das
+Gesetz ... Die verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen,
+ohne Kreuzschmuck wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser
+Hingerichteten. Ihre Namen kennt keiner. Auch die Angehörigen
+nicht. Wäre es doch eine Schande für die Familie.
+Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau angeben,
+doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser
+Grube ihre schändlichen Verbrechen sühnten ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem
+straff disziplinierten Heer nicht ab.“
+</p>
+
+<p>
+Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.
+</p>
+
+<p>
+„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen,
+wenn alle Novemberverbrecher kurzerhand in solch
+einer ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit
+hat, den zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur
+vorsehen, daß sie nicht vom Regen in die Traufe kommen,
+daß heißt, statt an den Galgen, hier in der Kiesgrube – –“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu
+väterlich gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen,
+rissen die Röcke hoch, die Männer schlugen wild durcheinander
+mit den Spazierstöcken auf den Pfahldamm ein.
+</p>
+
+<p>
+„Eine Ratte –
+</p>
+
+<p>
+„Pfui! Hui!
+</p>
+
+<p>
+„Was für ein abscheuliches, häßliches –
+</p>
+
+<p>
+„Unappetitliches Tier –
+</p>
+
+<p>
+„Solch ein Biest!
+</p>
+
+<p>
+„Solch ein Freßsack ...“
+</p>
+
+<p>
+Und die Rattentreibjagd begann.
+</p>
+
+<p>
+Der Deutsche trillerte leis:
+</p>
+
+<p>
+„Lützows wilde verwegene Jagd ...“
+</p>
+
+<p>
+Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.
+</p>
+
+<p>
+„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben
+Sie zurück, meine Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt
+Bazillen unter Umständen, die Pest ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der Führer setzte allein hinter ihr her.
+</p>
+
+<p>
+Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus
+halber Höhe knallte der Führer ihr einige wohlgezielte
+Pistolenschüsse nach.
+</p>
+
+<p>
+Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im
+Sand, dann drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.
+</p>
+
+<p>
+Pfiff noch einmal.
+</p>
+
+<p>
+Pißte noch.
+</p>
+
+<p>
+Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur
+Kiesgrube hinab, um die tote Ratte zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten
+sie nach allen Seiten hin und stiegen wieder herauf ...
+</p>
+
+<p>
+„Ein ekliger Geselle! –
+</p>
+
+<p>
+„Wie bissig das Gebiß! –
+</p>
+
+<p>
+„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze
+Menschheitsverachtung blitzt ihr aus den Augen ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders
+nach lang andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen,
+richtige Rattenschlachten auszufechten ... Da half
+aber keine Kugel, sondern nur das blanke Messer ...
+</p>
+
+<p>
+„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –
+</p>
+
+<p>
+„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“
+</p>
+
+<p>
+Und weiter wanderte die Gesellschaft.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer.
+„Die ganze Mannschaft ist bei der Explosion durch einen
+sogenannten Rohrkrepierer mit in die Luft gegangen ...
+Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder Fallgruben,
+spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle
+und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt
+näher, es kann Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen
+Sie!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie
+das aber in der Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“
+</p>
+
+<p>
+„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat
+und zweitens: ein schwerer Minenwerfer mit der dazu
+gehörigen Munition: Flügelminen. Hier an dem Zaun
+sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von
+Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften
+einmal eine aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen.
+Vielleicht wird das noch einmal die große Mode ...“
+</p>
+
+<p>
+Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine
+der Gashauben über und während alle um ihn herum
+„huhu!“ heulten, drehte er sich um sich selbst, kokett wie ein
+Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.
+</p>
+
+<p>
+„Welch eine Fratze! –
+</p>
+
+<p>
+„Hui! Pfui!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?
+</p>
+
+<p>
+„Wie die tote Ratte –“
+</p>
+
+<p>
+Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man
+wandte sich wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.
+</p>
+
+<p>
+„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ...
+Bequem von einem Mann zu transportieren. Hier wird mit
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+verflüssigtem Feuer auf mindestens dreißig Meter Entfernung
+der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer
+starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das
+Folgende zu zeigen –“
+</p>
+
+<p>
+Und der Führer reichte einige Photographien herum, die
+einen Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die
+von den Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten
+lichterloh, in eine weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.
+</p>
+
+<p>
+„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch,
+was ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Betrachtung der Photographien tat einem in der
+Herzgrube weh.
+</p>
+
+<p>
+„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes
+Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften!
+Stichflammen!“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern!
+... Und hier habe ich eine Ueberraschung, ich
+zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in Betrieb! An dieser
+Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle
+von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig,
+zur Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen.
+Ladung: Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also:
+tipptopp! ... Damit sich nun die Herrschaften einigermaßen
+eine Vorstellung machen können von der elementaren,
+geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere
+Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen
+Graben zum Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie
+gütigst gestatten, so eine Mine zum Abschuß ... Damit
+wäre dann der Rundgang beendet und ich ersuche die sehr
+verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen vorgeschriebenen
+Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst
+wahrheitsgetreuen Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm
+erhalten, möchte ich Sie bitten, sich das Geräusch dieser
+einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu verhundert-, nein
+zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und richten
+Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk
+auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+Graben! Vorsicht! Zurücktreten! Wenn mir der eine oder
+der andere Herr dabei vielleicht behilflich sein möchte ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden
+der schweren Flügelmine.
+</p>
+
+<p>
+Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die
+Mine emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des
+Minenwerfers eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit
+einigen einfachen Griffen ausgerichtet, wobei die Flügelmine
+bis zu einem Viertel mit ihrer oval abgeflachten
+Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier, der Deutsche traten zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und
+streifte sich gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen
+darauf haftenden Schmutzkörnchen ab.
+</p>
+
+<p>
+„Achtung!“
+</p>
+
+<p>
+Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das
+wie das Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang,
+und nach einer Erschütterung, als ob sich der Boden einem
+unten den Füßen hinwegziehe – schon schoß in dem gegenüberliegenden
+Graben eine über hundert Meter hohe Erdfontäne
+hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt.
+Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte
+auf die Magennerven. Erst das hagelwetterartige Niederprasseln
+der hochgeschleuderten Erdmassen brachte Erleichterung.
+</p>
+
+<p>
+Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß
+spürbar gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Der eine oder der andere taumelte sogar.
+</p>
+
+<p>
+Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich
+sogar sorgsam Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft.
+Alle aber hielten den Mund weit aufgesperrt.
+</p>
+
+<p>
+„Glänzend! nein, sowas –
+</p>
+
+<p>
+„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!
+</p>
+
+<p>
+„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins
+so etwas zu sehen bekommen kann ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen
+über sich selbst hinauswachsen. Das macht heroisch und
+kühn! Da versteht man erst, was es mit dem geflügelten
+Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine
+tiefere Bewandtnis hat!
+</p>
+
+<p>
+„Geradezu eine Verjüngungskur!
+</p>
+
+<p>
+„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne
+Uebertreibung! ...
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...
+</p>
+
+<p>
+„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige
+Menschen bei, ganz der wissenschaftlichen und ästhetischen
+Betrachtung hingegeben ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Explosionsrauch verzog sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene
+Experiment, Trinkgelder ein.
+</p>
+
+<p>
+Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses
+mit vollen Händen.
+</p>
+
+<p>
+Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.
+</p>
+
+<p>
+„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie
+haben jetzt sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg
+als einfacher Soldat, als Frontschwein, den Krieg im
+Granattrichter, Minenstollen und Schützengraben. Sie haben
+auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man müßte
+für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen
+Orden stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben,
+den Krieg auch von der Vogelperspektive aus zu betrachten,
+den Krieg als Flieger und zugleich den Krieg von der
+strategischen Gesichtswarte eines hohen Kommandeurs aus.
+... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg der
+Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen
+können, Sie werden in drei bis vier Meter Höhe über die
+Stacheldrahtverhaue, aus Ihren Maschinengewehren Tod
+und Verderben speiend, dahinstreichen, es ist Ihnen ferner
+Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu studieren,
+das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein,
+Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken
+könnten, sind prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher
+noch vorgenommen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft
+nach den vorhergegangenen gewaltig erschütternden und
+belehrenden Eindrücken auch noch mit dem Flugzeug das
+Schlachtfeld abzustreifen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst
+bemerkte, hinter der Gesellschaft zurück.
+</p>
+
+<p>
+Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um
+eine Grabenecke ging, abwechselnd die Arme in die Seite
+stemmend oder vor sich verschränkt. Verträumt in die Landschaft
+hinausschauend ...
+</p>
+
+<p>
+Er stand wie ein Standbild.
+</p>
+
+<p>
+Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie
+er ihn getauft hatte.
+</p>
+
+<p>
+Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib
+hindurchsehe ...
+</p>
+
+<p>
+Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes
+Antonio:
+</p>
+
+<p>
+„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den
+geistigen Menschen ein geistiger Rausch.“
+</p>
+
+<p>
+Und auch daran wieder:
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem
+Gürtel von Geheimnissen umgeben werden ...
+</p>
+
+<p>
+„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den
+großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
+</p>
+
+<p>
+Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter,
+tat, als ob er etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen
+wolle, von sich abstreife, wischte dann verlegen an seinen
+Hosen herum und – wurde wieder zum Standbild.
+</p>
+
+<p>
+„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“
+wehrte jemand, als man ihn rufen wollte.
+</p>
+
+<p>
+„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch
+und Blut. Er wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt
+an. Sicher hat er eine Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird
+zu einer Art spirituellen Elements ... Entsinnlicht, entleiblicht:
+er wird zur Idee ...“
+</p>
+
+<p>
+Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der
+Filmoperateur.
+</p>
+
+<p>
+„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und
+setzte auch schon seinen Apparat in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“
+</p>
+
+<p>
+„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar.
+Napoleon auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht bei
+Waterloo ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena.
+Das paßt besser ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein
+Haar: Friedrich der Große. Fridericus Rex in der Schlacht
+bei Leuthen, wie er auf jenem berühmten Gemälde in der
+Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem Beobachter
+der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen,
+Seydlitz, kurzum: als sein Generalstab.“
+</p>
+
+<p>
+„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik.
+Wie verklärt! Ganz Cäsar ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der
+Große, ein Cäsar meinetwegen ... Ein Napoleon, ein
+Cäsar, ein Friedrich der Große der Wirtschaft, wenn dieser
+Vergleich gestattet ist ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den
+anderen gesetzt, in einer lässigen majestätischen Haltung da.
+</p>
+
+<p>
+Wie aus Traum gegossen ...
+</p>
+
+<p>
+Der Filmoperateur kurbelte.
+</p>
+
+<p>
+„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“
+</p>
+
+<p>
+Da riefen sie alle zugleich:
+</p>
+
+<p>
+„Ha–a–allo!“
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch,
+grüßte höflich, wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken
+versunken, mit seinem Zylinder flüchtig in die Richtung
+zum „Roten Christus“ hin, dann kam er gemessenen
+Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer
+Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.
+</p>
+
+<p>
+Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den
+Schuppen auf dem Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld
+von erfolgreichen Fliegeroffizieren gelenkt.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer meldete dem Bankier:
+</p>
+
+<p>
+„Die Flugzeuge wären startbereit.“
+</p>
+
+<p>
+Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.
+</p>
+
+<p>
+Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen,
+salutierte.
+</p>
+
+<p>
+Die Filmoperateure kurbelten.
+</p>
+
+<p>
+Photographen knipsten.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft
+schritten durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen
+hindurch, Angestellten, einigen Landleuten und
+Bauarbeitern.
+</p>
+
+<p>
+Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der
+Terrasse, den rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.
+</p>
+
+<p>
+Die Motore brüllten ...
+</p>
+
+<p>
+„Achtung!“
+</p>
+
+<p>
+„Los!!“
+</p>
+
+<p>
+Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten
+sich beinahe senkrecht in die Luft. –
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat
+von der Erde gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot,
+der die Ehre hat, Sie durch das Luftreich zu geleiten, ist
+jener Glücklichen und Auserwählten einer, die den Rekord
+von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist
+sein Name ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an
+Krater ...“ ließ sich eine Stimme vernehmen, und einige
+Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo vereinzelt mit dem
+Taschentuch heraufgewinkt wurde.
+</p>
+
+<p>
+„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige,
+die es beim Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre
+Augen mit Schutzbrillen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte
+Bogen im blendend blauen Licht, dann schwang es sich in
+einer langgezogenen Kurve, etwas seitlich sich neigend, erdab
+und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren und Schützengrabenlabyrinthen
+dahin, der Stelle zu, wo die zusammengeschossenen
+Panzerwagen lagen.
+</p>
+
+<p>
+Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene
+Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen
+mitten im Schlachtfeld, die Raupenschlepper tief in den
+Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus des Wageninnern
+war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene
+Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste,
+einige brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die
+vielfach geborstene Stahlkuppe des Panzerturms tief bis
+auf den Wagenboden durch die Wucht der Explosion heruntergedrückt.
+</p>
+
+<p>
+„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.
+</p>
+
+<p>
+„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung
+von unten her auseinandergeplatzt. Die
+anderen, wie Sie sehen, im direkten Abschuß durch sogenanntes
+Infanteriegeschütz erledigt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor
+diesmal beistimmen zu können, und er war stolz darauf,
+seiner Gattin einige nähere Einzelheiten über so einen abgeschlagenen
+Tankangriff erzählen zu dürfen, an welchem
+er, wie er laut betonte, selbst einmal in hervorragender
+Weise beteiligt war.
+</p>
+
+<p>
+„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß
+erledigt, aus dem nahen Gehölz dort, höchstens
+600 Meter Entfernung. Mit Panzermunition ... Wer hätte
+das je gedacht, daß es einem vergönnt sein würde, als Unbeteiligter
+noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich
+vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film,
+das ... Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch
+im Film vorgeführt werden. Reiches Material stünde doch
+in den Archiven unseres Generalstabes zur Verfügung. Aber
+natürlich: durch den Schandvertrag von Versailles ...
+Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen
+Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach
+unseren psychologischen Erfahrungen üben sie – was wieder
+einmal für die natürliche Empfindung und für die Gesundheit
+unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den weitaus
+größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung
+aus, sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber
+ein Volk, betrogen um seine heiligst verwahrten Güter, zur
+Sklaverei verdammt jenes Volk, in dessen Unbewußtem und
+aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer wieder allgewaltig
+die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die
+Stimme des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“
+</p>
+
+<p>
+„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten
+–“, fuhr unterdessen der Führer fort, „daß der
+kommende Krieg, soweit er sich überhaupt noch auf der Erde
+abspielt, durch Geschwader solcher Kampfwagen zum Austrag
+gebracht werden wird, die dann eine sogenannte gepanzerte
+Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich
+wie die einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt.
+Auch wird man dementsprechend der Größe, Schnelligkeit,
+Geschützzahl, Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer,
+Tank-Dreadnoughts und Tank-Torpedoboote unterscheiden
+müssen. Völlig abgedichtet nach außen hin gegen Gas, mit
+langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden diese
+Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen
+Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe
+darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen
+Mittel, lebende Wesen durch Gassperren und Gassümpfe
+hindurchzubefördern, mit deren Dauer je nach den Witterungsverhältnissen
+unter Umständen sogar bis auf über
+acht Monate zu rechnen sein wird.“
+</p>
+
+<p>
+Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.
+</p>
+
+<p>
+Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der
+Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen-
+und Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend
+schnell und lächelten befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden
+Krieg betrifft, den einige militärische und nationalökonomische
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Autoritäten spätestens auf das Jahr 1928 angesetzt
+haben, so können wir heute schon behaupten, daß er
+sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige Kampfflugzeugstaffeln
+in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare,
+unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen
+werden, die Produktionszentren des Gegners so gründlich
+wie nur irgend möglich einzugasen, und zwar werden dabei
+chemische Kampfstoffe zur Anwendung kommen, deren Wirkung,
+wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten
+märchenhaft und unglaublich klingt ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen
+des Führers nicht zuzuhören.
+</p>
+
+<p>
+Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern
+eigentlich genauer Bescheid, um was es sich dabei handelte.
+</p>
+
+<p>
+Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer
+chemischen Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt,
+einer Vorstellung des amerikanischen „Chemical Warfare
+Service“, des amerikanischen Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld
+des Kriegsarsenals Edgewood beizuwohnen.
+Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden
+Tag ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand,
+in eine der Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die
+ganze Haut mit einer asbestartig wirkenden Salbe präpariert.
+</p>
+
+<p>
+„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren
+Prinzipien treu, nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter,
+berufsmäßige pathologische Schwindler und
+prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern bleiben wir
+weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen
+Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht
+ist der eine oder der andere unter Ihnen, der mir das
+bestätigen wird! – so werden wir feststellen können, daß
+mittels der heutigen Kriegstechnik, in engster Verbindung
+natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits innerhalb
+einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden
+kann ...“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher
+Höhe auf ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes
+Ziel Versuchsbomben ab.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines
+stählernes Klirren, kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten
+auf der Erde auf und ziehen mollig-verschleimt im Wind
+dahin ...
+</p>
+
+<p>
+Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten
+Luxuskabine des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer
+Waschgelegenheit war sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder
+vorhanden, und in einem kunstgewerblich
+mit diskreten Farbenreizen ornamentierten Porzellanbehälter
+dufteten frische Rosen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es ging gegen Abend.
+</p>
+
+<p>
+Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser,
+zirpte unten von der Erde herauf: es war die Glocke einer
+Dorfkirche, die Ave läutete.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der
+Himmel schimmerte wie Perlmutter, und fern rannen die
+von Geschoßböen glatt rasierten kahlen Berghöhen.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten
+die Erde.
+</p>
+
+<p>
+Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel
+in sich zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und
+durch schlammig vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen,
+Gedärme und Nervenstränge. Die verstreut umherliegenden
+Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das Aussehen
+von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten;
+aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die
+Dämmerung schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und
+dazwischen Tümpel, Pfützen und verschimmelte Wasserlachen:
+ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. Hie und
+da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen
+Wulst zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der
+erdige Kadaver bot sich den Beobachtern aus der Luft dar,
+wie ein unsagbar geschundener Leichnam auf einen Seziertisch
+gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an Wucherung,
+über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen
+und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Und dieser Kadaver atmete noch.
+</p>
+
+<p>
+Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven
+beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle,
+Niesen, Augenbrennen und Brechreiz verursachte.
+</p>
+
+<p>
+Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...
+</p>
+
+<p>
+Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der
+Nacht zu singen an, es war ein schluchzender, flötender Gesang,
+wie ihn die Vögel singen im Moor oder auf der
+Heide.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.
+</p>
+
+<p>
+Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine
+wagrecht dahin flitzende goldspurige Nadel ...
+</p>
+
+<p>
+Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen
+Geruchs“, wie sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre
+in den Mund, die Damen fächelten nervös und hielten mit
+Lavendel getränkte Taschentücher sich unter die Näschen.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig
+spöttisch und schadenfroh.
+</p>
+
+<p>
+Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin
+ein, die ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den
+Arm ihres Gemahls klammerte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier wunderte sich:
+</p>
+
+<p>
+„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des
+Propellers ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Situation fing an bedenklich zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine
+Herrschaften, nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen,
+Sie werden mir doch nicht am Ende unserer Luftreise
+gar noch seekrank werden!“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor
+flüsternd immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen.
+Das ist eben allemal die Kehrseite der Medaille ...
+Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht missen ... Hochinteressant!
+Hochinteressant! ... <span class="antiqua">Per aspera ad astra!</span> ...
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung
+wie Schlummerpunsch. Wir werden großartig
+schlafen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie
+am Meer die Flut, abends, wenn die Sonne untergeht ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Zone war glücklich passiert.
+</p>
+
+<p>
+Ein frischer Luftzug wehte.
+</p>
+
+<p>
+„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch
+einmal erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche
+dahin ...
+</p>
+
+<p>
+Ein leichter Ruck und – stand. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete
+dort, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, in einer
+völlig verblichenen Soldatenuniform, unartikulierte tierische
+Laute hervorstoßend, den Stahlhelm vorne auf die Brust
+gebunden.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht
+bemerkt, hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen:
+</p>
+
+<p>
+„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ...
+Sonst setzt es wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht
+Prügel ab ... Pack dich! ... Oder soll man es dir denn
+immer wieder von neuem einbläuen, daß du die hohen Herrschaften
+mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast
+du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen
+verloren? ... Und willst um jeden Preis immer wieder
+eine Extrawurst gebraten haben ... Hopla! Pack dich! ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er:
+</p>
+
+<p>
+„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man
+nennt ihn wegen seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den
+„Rumpf“. Macht die ganze Gegend unsicher mit seiner
+Bettelei ...“
+</p>
+
+<p>
+Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen,
+sich hie und da auf seinem einen Prothesenbein umdrehend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit
+der Faust und machte eine Bewegung zum Erdboden hin,
+als ob er einen Stein aufheben wollte. „Pack dich! ... Ein
+ehemaliger Soldat und Betteln, das Ehrenkreuz noch dazu,
+schämt er sich denn nicht!?“
+</p>
+
+<p>
+Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die
+eiserne Spitze des Krückstocks schrill auf den Steinplatten
+aufschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen.
+</p>
+
+<p>
+„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern
+hinreichend genug gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der
+Bankier heraus: „Aber aus allem wird heutzutage ein
+Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel fällt der
+ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der
+lebt sicher von Leichenschändung ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft
+bei, nicht ohne daß es ihnen dabei kalt über den
+Rücken herunterlief.
+</p>
+
+<p>
+Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung.
+</p>
+
+<p>
+„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“
+</p>
+
+<p>
+Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz
+des Bankiers.
+</p>
+
+<p>
+Nochmals schrie der Führer:
+</p>
+
+<p>
+„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“
+</p>
+
+<p>
+Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne.
+</p>
+
+<p>
+Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte
+mit einer Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines
+Prothesen-Knie einknickte, sich um sich herum.
+</p>
+
+<p>
+„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender
+Sakraments-Köter!“
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“
+angesteckt. Sieht grade so aus: der Lümmel –
+</p>
+
+<p>
+„Der freche Bengel –
+</p>
+
+<p>
+„Der giftgrüne Erz-Flegel ...
+</p>
+
+<p>
+„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft!
+</p>
+
+<p>
+„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen
+will, wo anders hin ausbreiten ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus.
+</p>
+
+<p>
+Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und
+humpelte schnell von dannen, so schnell, daß es schien, als
+ob er über den Boden hinwegkollerte.
+</p>
+
+<p>
+„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“
+</p>
+
+<p>
+Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“
+Begann wieder nach einer kurzen Gesprächspause der
+Bankier: „Das ist, glaube ich, auch die Lehre, die wir unbedingt
+aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils auf der
+Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen
+müssen ... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus
+der Geschichte nichts gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie
+hier vor uns auftauchte, gibt uns zu denken ... Aus den
+Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der Zukunft
+schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender
+Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache
+unserer bloßen Existenz – ob wir nun wollen oder nicht –
+aufgebürdet ist, zwingt uns dazu. Ganz gleichgültig, ob
+wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer oder Amerikaner
+sind ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ausgezeichnet! Blendend!!“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“
+</p>
+
+<p>
+Wiederholten einige.
+</p>
+
+<p>
+Ein Journalist notierte:
+</p>
+
+<p>
+„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels
+Lösung.“
+</p>
+
+<p>
+„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den
+Lippen, Amalie –“, schloß sich der deutsche Professor gern
+der allgemeinen Meinung an ... „können wir getrost der
+Zukunft in die Augen blicken.“
+</p>
+
+<p>
+Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte,
+lispelte er:
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen,
+du verstehst mich schon, was ich meine; dann kann
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+auch Deutschland, unser geliebtes Vaterland, nicht untergehen.
+Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt der
+übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie,
+erleben, Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands
+in Kraft, Schönheit und Herrlichkeit! Deutschland
+über alles ... Das walte Gott! Amen ...“
+</p>
+
+<p>
+Frösche quakten, Grillen zirpten.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten
+umschleiert, über dem Schlachtfeld herauf. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den
+beiden Oberkellnern assistiert, empfing, sich ununterbrochen
+verbeugend, die hohen Gäste.
+</p>
+
+<p>
+„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften
+einen hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“
+</p>
+
+<p>
+„Großartig ... unbeschreiblich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“
+</p>
+
+<p>
+„Welch ein Panorama!“
+</p>
+
+<p>
+„Phänomenal!“ –
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“
+</p>
+
+<p>
+„Sensationell!“
+</p>
+
+<p>
+„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“
+</p>
+
+<p>
+Schallte es ihm vielstimmig entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft
+unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.
+</p>
+
+<p>
+„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu
+wünschen übrig. Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut
+nicht gewachsen, scheint mir im übrigen auch angetrunken gewesen
+zu sein, sonst könnte ich mir seine marktschreierischen
+Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges nicht
+erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang
+mit einem Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der
+Tat nur recht wenig geeignet, das wissenschaftliche und
+ästhetische Vergnügen, das an sich normalerweise solch eine
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft daran Interessierten
+bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend
+zu vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende
+Moment ist in seinen Erläuterungen reichlich zu
+kurz gekommen. Die historische Seite wurde bei weitem zu
+wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige Details. Was
+habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene zusammengeschossenen
+Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“,
+„Bubi“, „Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen
+haben. Namen tun nichts zur Sache, sind Schall und
+Rauch ... Der Mann, den Sie uns beigegeben haben, seiner
+Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, scheint sich vorwiegend
+in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber das
+ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher
+des Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente
+für solch einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten.
+Er pariert nicht. Das heißt: er richtet sich nicht nach
+den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern maßt sich eine
+Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ...
+Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger.
+Scheint im übrigen, was seine Vergangenheit anbetrifft,
+früher einmal als Ausrufer vor einer Jahrmarktsbude angestellt
+gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine
+Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein
+ganz Geriebener. Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen,
+einem den Genuß eines Schlachtfeldes gründlich
+zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, gewiß doch! Bitte!“
+</p>
+
+<p>
+Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend,
+versprach sofortige schleunigste Abstellung dieses
+Mißstandes, stammelte etwas von einer Prüfung im Takt,
+der man die als Führer in Frage kommenden Anwärter
+unterziehen müsse und schloß:
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen
+sich leider als zu solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“
+</p>
+
+<p>
+„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der
+Bankier unwirsch zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+um, und schritt mit einem militärisch-stramm markierten
+festen Schritt zu dem soeben beginnenden Souper in den
+festlich erleuchteten Speisesaal.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die
+Spiegelscheiben an den mit italienischen Landschaftsbildern
+ausgemalten Wänden vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo,
+abgesprengte sprühende Lichtreflexe sprangen hin und
+her, verfingen sich in den fein geschliffenen Weingläsern und
+herrlich aufgebauten Obstschalen und Anrichteschüsseln, der
+Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete ein Lichtmeer
+wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der
+spiegelblank polierten Parkettböden.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten
+sanft vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete
+Akustik von den dort konzertierenden Künstlern allgemein
+gelobt wurde, nur hie und da wurde das Geplauder durch
+ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine Tropfenkette
+von Tisch zu Tisch entlang perlte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier schwieg hartnäckig.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran
+gewöhnt, auf seinen Erholungsreisen zu fletschern, das
+heißt: er kaute jede Speise dreißigmal ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Sektpfropfen knallte.
+</p>
+
+<p>
+Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester
+begann mit seinem extra ausgewählten exquisiten Programm
+...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wüst und leer lag draußen das Land.
+</p>
+
+<p>
+Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte
+Soldat“ hieß oder auch kurz nur der „Rumpf“,
+kniete sich auf den Rand eines Granattrichters herauf.
+</p>
+
+<p>
+Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase
+darin glich einem knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen
+hing darüber, wie ein lose angeflickter Knochenscherben.
+</p>
+
+<p>
+Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte
+und ausgefranzte Zahnfleisch aus den schief verzogenen
+Kiefern herausbleckend, die durch und durch mit Klammern
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte er,
+lauschte ...
+</p>
+
+<p>
+Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.
+</p>
+
+<p>
+Wimmerte, stöhnte, schrie.
+</p>
+
+<p>
+Rührte um, klapperte und schepperte ...
+</p>
+
+<p>
+Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels
+„Zum Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan
+in Frack und Seide, in merkwürdig rhythmischen
+Zuckungen und eckigen Bewegungen, Körperpaare an
+Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen Körperstrunk
+verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.
+</p>
+
+<p>
+„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene
+Tauben fliegen denen dort in den offenen Mund. Ah, wie
+schön lebendig das duftet, und köstliche Speisen rollen ganz
+von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. Die ganze Welt
+wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten
+sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel
+Süßem und Fetten sich den Magen verdorben haben, das
+Bittere eines Mandelkerns ...“
+</p>
+
+<p>
+Emil glotzte stier in das Lichtparadies.
+</p>
+
+<p>
+Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen
+voll säuerlichen Geschmacks zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Kameraden!“
+</p>
+
+<p>
+„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe
+der Schlammkatakomben <a id="corr-20"></a>widerzuhallen.
+</p>
+
+<p>
+„Kameraden! Hört ihr mich?“
+</p>
+
+<p>
+„Kamerad! Wir hören dich!“
+</p>
+
+<p>
+„Parole?!“
+</p>
+
+<p>
+Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger
+Sprechchor antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter
+in der Tiefe der Erde dahinrollend:
+</p>
+
+<p>
+„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“
+</p>
+
+<p>
+„Brüder der Großen Grube, hört!“
+</p>
+
+<p>
+„Wir hören dich!“
+</p>
+
+<p>
+„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine
+lumpige Brotrinde ist dabei für Emil, das Frontschwein,
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+mit abgefallen. Seht her, nicht ein einziger Brosamen,
+wieder einmal ist mir der Stahlhelm leergeblieben. Ist es
+auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen Melodie aufzuspielen:
+„Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat
+sich doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob
+in Phosgen, Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim
+Handgranatenüberfall ... Weiß Gott doch! ... Sonst trüge
+er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der Brust! ...
+He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht
+ohne Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube!
+Ihr schmucken Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid!
+Ist Emil nicht eine gute Mutter euch!? ... Aber da gibt
+es zweierlei Arten von Gewürm und Geziefer, Kameraden,
+solches unter und solches über der Erde, Kameraden! Ein
+Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis,
+aus dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges,
+menschenähnliches, gar menschliche Worte sprechendes
+Gewürm ... Uns aber hat es dabei die Sprache verschlagen
+... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden!
+Horcht nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in
+die innersten Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt
+da!? Ja, das Erdinnere, meine sehr verehrten Damen und
+Herren, ist auch so ein mitternächtlicher Festsaal. Da
+schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett
+angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch
+Leichendung und Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr
+sie auch gesehen, die Totenkäfer mit ihren Freßwerkzeugen
+und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die Madenhorden:
+das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen.
+Fein säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und
+tragen ihn nach einem einheitlich organisierten Plan mit
+den Jahren wie einen Berg ab ... Schön weich wird das
+Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! „Kickericki!“
+möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß
+der Hahn kräht, damit der Verrat endlich an den Tag
+kommt! ... Kameraden! Brüder der Großen Grube!
+Hungert ihr?!“
+</p>
+
+<p>
+„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art,
+Emil! ... Man bindet sich dabei keine Serviette um, sondern
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+die Schlächterschürze, Emil! „Rache“ schreit der Erdrachen,
+blutige Rache! Wer noch zwei gesunde Proletenbeine
+und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge
+aus unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“
+</p>
+
+<p>
+Der einsame Vogel sang.
+</p>
+
+<p>
+„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst
+du denn immer noch?!“
+</p>
+
+<p>
+Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte
+weiter stier in das Lichtparadies hinein. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.
+</p>
+
+<p>
+Ein langhin geblähtes Grunzen ...
+</p>
+
+<p>
+Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...
+</p>
+
+<p>
+Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:
+</p>
+
+<p>
+„Holla!“
+</p>
+
+<p>
+Und gleich darauf:
+</p>
+
+<p>
+„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“
+</p>
+
+<p>
+Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.
+</p>
+
+<p>
+Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.
+</p>
+
+<p>
+Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten
+Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig
+serviert.
+</p>
+
+<p>
+Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte,
+noch immer laut beifallumtost, am Ende noch als Zugabe
+das weltberühmte Couplet zum Vortrag:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes,</p>
+ <p class="verse">Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Leise summte der Bankier mit.
+</p>
+
+<p>
+„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich
+...“
+</p>
+
+<p>
+Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:
+</p>
+
+<p>
+„Auf Ihr Spezielles!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch
+während des Vortrages seiner Frau die Hand:
+</p>
+
+<p>
+„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß
+ich mir doch noch einmal anschaffen. Das ist das richtige
+Gegengift gegen die Alltagssorgen und gegen die Schwermut,
+Claire. Das heilt. Das ist die richtige Kur bei Weltschmerz
+... Gemütsmassage ...“
+</p>
+
+<p>
+Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine
+dicke, vom Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Es soll der Dichter mit dem König gehn,</p>
+ <p class="verse">Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit
+einem dankbaren Blick. „Und vor allem echt und wahr
+empfunden. Tief wahr ... Der Mann des Ideals verbündet
+mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der
+Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft
+... Der Sieg über die Erdenschwere, der durch
+Wissenschaft und Technik schon so schön angebahnte Triumph
+über die Vergängnis wäre damit endgültig gesichert.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor
+dazwischen: „... die könnten getrost das Jahrhundert in
+die Schranken fordern ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war schon spät in der Nacht.
+</p>
+
+<p>
+„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“
+</p>
+
+<p>
+Der einsame Vogel sang immer noch ...
+</p>
+
+<p>
+Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris
+zurückbringen sollte, fuhr vor.
+</p>
+
+<p>
+„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine
+gespenstische Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten
+sich, ob man nicht lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten
+solle ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein
+bengalisches Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem
+groß angelegten Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem
+Thema „Tausend und eine Nacht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen
+eines flotten Marsches des Jazzband-Elite-Orchesters, traten
+in einer glänzend ausgeführten Polonaise, jeder Herr sein
+Glas in der Rechten, auf die Terrasse.
+</p>
+
+<p>
+Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige
+flache Lichtblitze.
+</p>
+
+<p>
+Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige
+Male dringend geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier
+nun doch noch nach einigem anfänglichen Zögern zu einer
+kurzen Ansprache:
+</p>
+
+<p>
+„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick
+dieser Trümmer, grausige Ueberreste blutigen Geschehens,
+meldet sich auch in unserem Herzinneren wieder von neuem
+der uralte Menschheitswunsch nach Völkerverständigung,
+Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das ist das
+Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes
+abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum
+Arbeit, Arbeit und damit allgemeine Wohlfahrt, können
+für uns die Bürgschaft, die einzigen Garantien eines wahrhaft
+dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die
+Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ...
+Meine sehr verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das
+Glas und bitte Sie, mit einzustimmen in den Ruf: Es
+lebe der Friede! Es lebe die Völkerverständigung, die
+Völkerversöhnung, jener gute Geist des gegenseitigen Verstehens
+und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so siegreich
+durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es
+lebe ... Der Völkerbund, er lebe – – –“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Die Gläser klirrten ...
+</p>
+
+<p>
+Der deutsche Professor schwitzte.
+</p>
+
+<p>
+Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch
+die Schweißtropfen von der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann:
+„Paneuropa, meine ich, das wäre das richtige.
+Natürlich unter Deutschlands wirtschaftlicher und kultureller
+Führung. So unter einer Art geistiger Vorherrschaft ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus
+Soldatenliedern aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg
+beteiligt waren.
+</p>
+
+<p>
+Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert:
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein
+im Walde ...“
+</p>
+
+<p>
+Ganz sachte, in einem <span class="antiqua">piano pianissimo</span> verschwingend ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Scheinwerfer spielten.
+</p>
+
+<p>
+Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig
+zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie
+einer riesigen Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten
+Fingern die Erdfurchen nach irgendeiner Beute abtastete.
+</p>
+
+<p>
+Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische
+Lichtbündel hingen in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen
+wölbte sich; hüpfende Sterne, tanzende Funkenreihen;
+eine lampionartig glühende, in Hunderte von
+blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene
+Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches
+Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend,
+aus dem herab – als Finale dieser Lichtsymphonie – ein
+blendend flimmernder Goldregen sich ergoß, der in der Vorstellung
+manch eines aus der Gesellschaft teils zu einem als
+mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum
+wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen,
+die „Friede auf Erden!“ singend aus den mit einem
+ewigen Hosianna unvergänglich imprägnierten Aeonen auf
+die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits gnadenspendend
+herniederfuhren.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden
+hinter dem Zauberwerk.
+</p>
+
+<p>
+Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den
+geöffneten Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine
+weich sich dem Nachtgold anschmiegende schmelzende Melodie.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten
+sich zu einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Strahlen, und dieses Strahlen glich ganz einem
+unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch gestreckten
+Lichtpfad.
+</p>
+
+<p>
+Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der
+armen Bauern wandelte ...
+</p>
+
+<p>
+Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut
+überschwemmten Land der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes
+vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand eines Granattrichters.
+</p>
+
+<p>
+„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder
+„Rumpf“ werde ich genannt ... Trillert nicht „Emil, wo
+bist du?“ das einsame Vöglein? „Allemal hier, Schatz!“
+antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ... Und der
+„Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft
+mir am Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich
+geärgert? Mach’ kein gar so griesgrämig Gesicht! Regenwetter
+gibt’s ohnehin schon genug und auch saure Gurkenzeit.
+Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm,
+Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch
+Zeit ...“ So bin ich der heiligen Dreifaltigkeit gleich.
+Bin drei und eins.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Emil glotzte.
+</p>
+
+<p>
+Die Lichtflut traf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In dieser Nacht gab es zwei Träume.
+</p>
+
+<p>
+Den einen träumte der Bankier.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in
+einer kristallisch geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen
+Traumwolke, und die Erde unter ihm war wüst und leer,
+brodelte dumpf und schäumte.
+</p>
+
+<p>
+In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und
+die ganze Menschenerde glich einem mit einem porösen
+Stoff ausgelegten Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme
+die ununterbrochen vom Menschengeschlechte abfielen,
+spur- und farblos versickerten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten
+hatte der Bankier um sich versammelt, die ihm in seinem
+Flug nachfolgten, die ihm huldigten, indem sie ihm zu
+Ehren barock geschwollene Lobestiraden verfaßten und diese
+bei den häufig stattfindenden Empfängen und Festtafeln
+mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder
+Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die
+Erde hinab, die lange Artikelserien mit wissenschaftlich
+sorgfältigen Analysen des neuen Zeitalters brachten, mit
+ausführlichen, höchst detaillierten und durch ein reichhaltiges
+statistisches Material ergänzten Beschreibungen der Rolle
+des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus,
+was, mehr dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete:
+„Das Neue Renaissance-Menschentum.“
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der
+Bankier wurde immer mehr Gott gleich!
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte
+er doch insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner
+unruhenden Seele: „Hoffentlich wird uns der Herr Bankier
+nicht doch noch eines schönen Tages unsere fetten Pfründen
+sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte nicht im entferntesten
+daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung aus
+einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit
+den Jahren immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß
+dem Volk erhalten bleiben!“ Das Aufklärertum kam in
+dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig außer Mode,
+und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese
+Tage der Welt gewürzt.
+</p>
+
+<p>
+„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust
+zu leben!“ – so verkündeten es wenigstens die offiziellen
+Apostel. „Die Herrschaft des Finanzkapitals: das ist der
+Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ – prophezeien,
+selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.
+</p>
+
+<p>
+Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf
+durch die sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend,
+wähnte der Bankier und seine Gefolgschaft, die
+Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen den immer
+tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+sich hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare
+Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende
+und jeden Lebenswillen unterminierende Langeweile, die
+besonders kraß bei seiner Nachkommenschaft auftrat, erfand
+das ständige Aufgebot medizinischer Autoritäten aller Länder
+immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde
+Gegenmittel ...
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und
+scheinbar im Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste,
+war er doch tiefer, als die Dichter es in ihren apotheotischen
+Gesängen wahrmachen wollten, mit der Zeit verwurzelt und
+mit dem Erdgrund verbunden.
+</p>
+
+<p>
+Folgendes geschah:
+</p>
+
+<p>
+Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel
+in den Strudel eines für ihn völlig unlösbaren
+Widerspruchs geriet, der für ihn schicksalhafte Gestalt annahm,
+und in den er sich, je mehr er sich daraus zu befreien
+versuchte, desto tiefer verstrickte.
+</p>
+
+<p>
+Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken
+gründete, kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde
+schürfte, alles was er für sich unternahm, unternahm er doch
+gleichzeitig auch wieder gegen sich selbst. Jede Verordnung,
+die er in seinem eigenen und nur in seinem eigenen Interesse
+erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen ihn
+selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.
+</p>
+
+<p>
+Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die
+Lage jenes unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich
+krampfhaft bemüht, Arme und Beine aus dem Gewirr von
+Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste Bewegung aber
+doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in
+seinen eigenen Untergang zu verstricken.
+</p>
+
+<p>
+So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt,
+durch seine Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene
+Gesetzprinzip in der Praxis aufzuheben und durch
+einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine ausgesprochene
+Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr
+herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+eigenen Erlässe, Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar
+zur Fallschlinge geworden.
+</p>
+
+<p>
+So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das
+Gewehr um und nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.
+</p>
+
+<p>
+Oder:
+</p>
+
+<p>
+Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch
+selbst dabei, während das Volk trotz unbeschreiblicher
+Martern, die ihm dieser Verwesungsprozeß verursachte,
+letzten Endes an diesem Gift gesundete. Denn verschluckten
+sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab es wohl
+blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten
+sich auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein,
+Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter
+Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten
+Partei betraten alsbald darauf die revolutionären
+werktätigen Massen die politische Arena ...
+</p>
+
+<p>
+Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des
+für ihn verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs
+gehetzt, dazu überging, einen Staudamm von Galgen gegen
+die anbrandende rote Sturmflut der Empörer zu errichten,
+als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als in
+Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle
+nurmehr darin zu äußern, daß er wahnwitzig und
+sinnlos drauflos mordete und die Volkskraft frivol und
+zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode seiner Scheinherrschaft
+war er widerwillig gezwungen, streng nach dem
+Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.
+</p>
+
+<p>
+Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und
+rottete sie oft mitsamt ihren Organisationen restlos aus,
+andererseits aber schuf er eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt,
+eifrig und geradezu behutsam doch zugleich wieder
+den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot,
+Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.
+</p>
+
+<p>
+So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst
+aufgefressen.
+</p>
+
+<p>
+Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel
+an der Wahrheit jener unumstößlichen Tatsache zu ändern,
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+die ihm einst ein von ihm zum Tode verurteilter Revolutionär
+ins Gesicht schleuderte:
+</p>
+
+<p>
+„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen
+das Schlußwort: „Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau
+darüber Ihre verlogene Henkermoral, das ist die beste
+Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort
+in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ...
+Dank Ihnen kommen wir rascher an unser Ziel ...“
+</p>
+
+<p>
+Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um
+seine Macht Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige
+und sensationslüsterne Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder,
+Hasardeure: sie stützten ihn zwar, aber sie stützten
+ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.
+</p>
+
+<p>
+Der Blutrausch ging jäh zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.
+</p>
+
+<p>
+Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das
+Ende der Welt gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Es kam aber anders.
+</p>
+
+<p>
+Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.
+</p>
+
+<p>
+Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.
+</p>
+
+<p>
+Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich
+überwinden können dadurch, daß Millionen und Abermillionen
+Menschen willig für ihn Schwerarbeit leisteten.
+Nur auf Grund dieser von Millionen und Abermillionen
+Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er
+sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.
+</p>
+
+<p>
+Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen
+waren für ihn die unbedingte Voraussetzung seiner eigenen
+Freiheit. Deren Freiheit aber war gleichbedeutend für ihn
+mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.
+</p>
+
+<p>
+Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt,
+wie die wohl über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen
+unter mörderischen Krümmungen und Zuckungen ihre
+Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes Zwangs- und
+Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm
+unlösbar Gehirn und Leib banden ...
+</p>
+
+<p>
+– – – – – – –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend,
+und wie ein Fisch, der aus seinem Element
+gehoben ist, nach Luft schnappend.
+</p>
+
+<p>
+Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt
+vom Strick, der ihm in der letzten Traumsekunde noch
+umgeworfen worden war, an dem etwas speckig geratenen
+Gurgelknopf und im Nacken.
+</p>
+
+<p>
+Eine dicke Träne kollerte.
+</p>
+
+<p>
+„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“
+</p>
+
+<p>
+Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und
+Nachdenkens:
+</p>
+
+<p>
+„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die
+Arbeit, schenkte ich nicht sozusagen überhaupt erst das
+Leben? ... Wenn ich nur an die Riesenkolonien der von mir
+errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch wunderbare
+Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien,
+Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert!
+Geschäft ist Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann
+man sich schon einmal ausnahmsweise den Luxus gestatten
+und seinen Gefühlen freien Lauf lassen ... Hauptsache für
+einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer Branche
+angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts
+sich von derartigen sentimentalen Anwandlungen und
+kuriosen Träumereien absolut frei hält ... Das Geschäft
+gehört ins Tal und die Seele auf die Berge ... Im übrigen:
+gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw.
+immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer
+nicht ... wir sind noch stark, stark, stark genug ...“
+</p>
+
+<p>
+Er streckte sich.
+</p>
+
+<p>
+Befühlte seine Muskeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Knochen knackten.
+</p>
+
+<p>
+„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das
+Schlachtfeld und der Führer mit seinen dummdreisten und
+aufdringlichen Witzen schuld. Natürlich! Grünes Gemüse.
+Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein Lausejunge,
+so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner
+imaginärer Kerl ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?
+</p>
+
+<p>
+„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert
+man meine Träume!? ...
+</p>
+
+<p>
+„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches
+Terrain, und muß ich, wenn ich eine Traumwanderung
+antrete, mich auch von einem Führer begleiten lassen, der
+jede meiner Bewegungen, der jede meiner Traum-Zuckungen
+zynisch kommentiert ...!?“
+</p>
+
+<p>
+Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.
+</p>
+
+<p>
+Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche
+aus dem Gehirn.
+</p>
+
+<p>
+Pfiff vor sich hin:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes</p>
+ <p class="verse">Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den
+Zeitungen.
+</p>
+
+<p>
+Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald
+zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem
+Vater mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch
+„mit freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn
+er von innen aufgehe“.
+</p>
+
+<p>
+Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen
+Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:
+</p>
+
+<p>
+„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich
+immer mehr von den sozialistischen Ideen, denen ich in
+meiner Jugend anhing, freimache, von dem historischen
+Materialismus im besonderen, und mich immer schärfer von
+dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß
+hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften
+mit Abscheu abgrenze, das auf die Dauer
+jedes unbefangene, unvoreingenommene Verhältnis des
+Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit
+macht und unser ganzes Volkswesen in einen
+bürgerkriegähnlichen Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+suche die Wahrheit und glaube jetzt bestimmt auf dem richtigen
+Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind es nicht,
+die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen,
+Wandlung tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch
+mit der herrschenden Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren
+Lebenskräfte lähmenden Sozialismus. Das dünkt mich die
+große Krankheit dieser Zeit, aber sie wird auch aus sich
+selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das neue
+Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich
+steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater
+noch Freude machen! Fahre weiter so fort, dann kann es
+nicht schief gehen ... Er fühlt sich, als ob er von innen
+aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht nett gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm
+zu schicken, folgenden Inhalts:
+</p>
+
+<p>
+„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg,
+und du wirst sie finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit
+allen Kräften. In Treue dein Vater.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Den anderen Traum träumte Jacques.
+</p>
+
+<p>
+Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.
+</p>
+
+<p>
+Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während
+des Krieges vollkommen zusammengeschossen worden war,
+hatte er sich nach seiner Entlassung vom Militär eigenhändig
+wieder zurechtgezimmert. Es reichte sogar noch zu einem
+Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen darin.
+</p>
+
+<p>
+Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander,
+Wand an Wand.
+</p>
+
+<p>
+Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall
+und Wohnräume. –
+</p>
+
+<p>
+Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun
+war es ja zwar nicht abgetan, es war schon ein hartes
+Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem Boden das Lebensnotwendigste
+herauszuwirtschaften, und oft verdingte sich
+Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter,
+als Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der
+Nachbargemeinden auf einer Baustelle.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes
+Ansicht nichts weiter als nur recht und billig.
+</p>
+
+<p>
+Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften
+beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er
+dachte sich eigentlich weiter nichts besonderes dabei als
+höchstens:
+</p>
+
+<p>
+„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze
+das! Was sie nur davon haben, immer noch in dem Leichenschlamm
+herumzustochern!“
+</p>
+
+<p>
+Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen
+fünfzig Stockwerken hoch in das verwüstete Land hineinragte,
+sah Jacques bei seiner Arbeit Tag für Tag.
+</p>
+
+<p>
+In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu
+besuchte, herrschten oft rauhe Töne.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der
+Welt herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine
+seiner abenteuerlichen Erzählungen unterbrechend, hart mit
+der Faust auf den Tisch und fluchte:
+</p>
+
+<p>
+„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare
+Tölpel! Feige kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns
+sowas gefallen lassen. Tut vielleicht die Regierung, trotz
+unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas gegen die
+Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten
+auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch
+schon das allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal
+das ... Geschweige denn ... Und was schon das Wiederaufbauen
+des Landes betrifft, wofür sie von den Deutschen
+das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah!
+Fällt ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit
+diesem heillosen Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird
+noch zum Spekulationsobjekt! Da geht einmal nach Paris
+und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren Automobilkutschen
+in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin
+fließt das Geld, sage ich euch, aber unsereins hat immer
+dabei das Nachsehen ... Will nur sehen, was dabei noch
+herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu ändern ...
+Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ...
+Was die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Rüssel in die Massengräber hinein, und wissen mit ihrer
+Zeit nichts gescheiteres anzufangen, als auf den Schlachtfeldern
+herumzubummeln, und dazu reisen sie sogar über
+den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum
+Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier
+bei uns, welch’ eine Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!?
+Gerümpel, vermorschte Bretterbuden, was nächstens der
+Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der
+Lehrer oder der Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der
+Lärm, und man begann gemeinsam auf die Arbeiter in den
+Städten zu schimpfen, die schon wieder einmal, zum soundsoviel
+hundertsten Male, streikten.
+</p>
+
+<p>
+„Achtstundentag!“
+</p>
+
+<p>
+Die Bauern lachten heiser auf.
+</p>
+
+<p>
+Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen,
+pafften wild Wolken von Tabaksqualm aus ...
+</p>
+
+<p>
+„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir
+Bauern an einen Achtstundentag denken könnten! ... Und
+den Bauern das Vieh wegnehmen, ha, und die Ernte verbrennen,
+das tät ihnen wohl so passen, he, was ... Aber
+Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren
+Buckel kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land
+herauswagen sollten, was ...!“
+</p>
+
+<p>
+Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert,
+mit seinem Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen
+Zweck in seiner Scheune versteckt hielt.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier
+Jahre lang über dieses Land, das Jacques Heimat war,
+hinweggestampft: und das Land war wüst und leer.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer
+riesigen, schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an
+Trichter, Beule an Beule ...
+</p>
+
+<p>
+Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender
+schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont
+war saftigrot übersprengt wie mit frischen Blutklexen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich
+hineingetaucht, so unlotbar tief, als sei das ganze
+Land so stumm und verwahrlost, wie es war, längst im
+gläserigen Schutt des Meeres versunken ...
+</p>
+
+<p>
+Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern,
+und heran flog, aus Knochenstäben gefügt und mit einer
+ganz der Menschenhaut ähnlichen Leinwand bespannt, ein
+Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte sich scheinbar
+mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch,
+und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den
+einzigen Passagier, der darin saß, erkennen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im
+Frack und mit Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten
+zum Gruß hin nickend, gerade so wie der Präsident der
+Republik, als er die Paradefront der siegreichen alliierten
+Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung des
+Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris.
+Aber das Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar
+dem Bankdirektor Michelet, der in der Nähe des Dorfes eine
+schöne neue Sommervilla besaß, nach der er regelmäßig
+jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten
+asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam.
+</p>
+
+<p>
+„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da
+fließt ja auch ein Regen, aber dieser Regen fließt ja
+gar nicht auf die Erde vom Himmel herab, sondern
+gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel
+hinauf, aus Millionen Menschenaugen sickert, fließt
+dieser Regen, dieser Tränenregen, und das ganze
+Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von diesen aufwärtsziehenden
+Tränenmassen prall, wie schwanger davon,
+füllt sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt!
+platzt! und ganze Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen
+hernieder, o so eine höllische hitzige metallische Schmelzglut
+gibt das ... und eine Musik, o eine Musik dazu – – –“
+</p>
+
+<p>
+Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr.
+</p>
+
+<p>
+„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt!
+Die ganze Welt brennt! Hast du ihn denn auch gesehen, wie
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+er auf dem „Tier“ über das Schlachtfeld geritten ist? Der
+Bankier, Marie, reitet über das Schlachtfeld, und o auf
+einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ... Aber nein,
+nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein,
+nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von
+außen und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich
+dir, ein Brändlein zusammen, da schlagen die Feuerflächen
+wie wild aufeinander, Marie ... Und wir, wir,
+Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten
+dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes,
+bitt für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres
+Absterbens ... Amen! ...“
+</p>
+
+<p>
+Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend
+hinausstieß, war sein Weib aufgewacht.
+</p>
+
+<p>
+Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während
+ihn sein Weib festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen
+und hatte Schaum vor dem Mund:
+</p>
+
+<p>
+„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das
+Schlachtfeld reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa,
+hop, hop, hop ... Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken
+geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... O so
+traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig ... Und
+was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein
+feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die
+Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll
+Trübnis und Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht,
+Marie, o, o, das war was ... Gleich dem Weltende ...
+So eine Verkündigung, vielleicht etwa, wie ... So eine
+Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“
+</p>
+
+<p>
+Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet.
+</p>
+
+<p>
+Dann rang auch sie flehend die Hände.
+</p>
+
+<p>
+„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was
+um in dir, so was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“
+</p>
+
+<p>
+Jacques lallte immer noch:
+</p>
+
+<p>
+„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ...
+Der reitet, sag’ ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende
+nimmt diese verfluchte, höllische, gespenstische Reiterei, bis
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+das Feuer, dieses Feuer, diese glühende Höllenpestilenz wie
+eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“
+</p>
+
+<p>
+Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und
+immer wieder und beteten bis zur Früh vor dem kleinen
+Altar, einer gipsernen Grotte, mit der Jungfrau Maria
+darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der so
+hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem
+Zimmerwinkel darüberhing.
+</p>
+
+<p>
+„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib.
+</p>
+
+<p>
+Der Hahn krähte.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib
+zum Priester.
+</p>
+
+<p>
+„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein
+Uebel ist uns wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an.
+</p>
+
+<p>
+Da trat auch schon Jacques ein.
+</p>
+
+<p>
+„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch,
+nur, wie er aussieht! Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“
+</p>
+
+<p>
+Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser.
+</p>
+
+<p>
+Jacques bekreuzigte sich.
+</p>
+
+<p>
+Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den
+Puls und sagte ganz freundlich:
+</p>
+
+<p>
+„Jacques, setz dich und erzähle!“
+</p>
+
+<p>
+Jacques bekreuzigte sich.
+</p>
+
+<p>
+„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des
+heiligen Geistes ... Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen,
+so wahr mir Gott helfe ... Amen!“
+</p>
+
+<p>
+„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und
+einen Reiter hast du darin gesehen, mit einem Zylinderhut,
+dem Bankdirektor Michelet ähnlich?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor
+Michelet ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Roß eigentlich nicht, ist er doch freihändig durch die Luft
+gefahren.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch
+wirklich ein Zylinderhut!?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“
+</p>
+
+<p>
+„Und also kein Dreispitz?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“
+</p>
+
+<p>
+„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen
+auf hat, weißt doch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon
+einen auf hat ... Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein
+Zylinderhut ... Der große Napoleon war es nicht, den
+hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das Schlachtfeld
+geritten wär’ ...“
+</p>
+
+<p>
+„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus
+Johannis Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast,
+in der heiligen Schrift geschrieben steht: „Und ich sahe den
+Himmel aufgetan; und siehe, ein weiß Pferd, und der darauf
+saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit
+Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme
+und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen
+geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war
+angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprenget war;
+und sein Name hieß Gottes Wort. Und ihm folgte nach
+das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“
+</p>
+
+<p>
+Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht.
+Das, was Johannes da in seiner Offenbarung meint, ist doch
+der gottseligen Engel einer ... Sicherlich, dieser war es
+ganz bestimmt nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit
+deinen eigenen leibhaftigen Augen gesehen ...!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so
+wahr mir Gott helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin
+gegrüßt!?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der
+Erinnerung vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr
+genau unterscheiden: es war aber, glaube ich, freundlich
+lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht aber hat er auch
+gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein
+Dreispitz.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“
+</p>
+
+<p>
+Der Priester ging unruhig auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut!
+Also, ein Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der
+Bankdirektor Michelet ... Hallunzination ... Wie der
+Bankdirektor Michelet, der wohl im Park spazieren reitet
+oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches Tier,
+so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du
+eines im Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es
+ja auf der ganzen Welt nicht ... Warst du nie in deiner
+Jugend krank, Jacques?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Hochwürden!“
+</p>
+
+<p>
+„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle
+gehabt!?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Hochwürden!“
+</p>
+
+<p>
+„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper.
+Schanker oder so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut
+des männlichen Gliedes an der Eichel ...!?“
+</p>
+
+<p>
+Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den
+Zeigefinger und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der
+Kirche bin, ich schwöre: nein ...!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen,
+falscher Ernährung, nicht genügender Blutzirkulation,
+Jacques ... Iß von nun an nichts gewürzt und nur leichte
+Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen Traum
+möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild
+kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in
+Gesetzesfrevel ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+nasses Tuch auf den Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten
+nicht vergessen, Jacques ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan
+läutete.
+</p>
+
+<p>
+Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf.
+</p>
+
+<p>
+„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden
+... Kommt beide gleich mit zur Frühmesse.“
+</p>
+
+<p>
+Marie küßte dem Priester die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur
+Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der
+hintersten Bank in der Dorfkirche.
+</p>
+
+<p>
+Sie beteten nicht, sondern schrien:
+</p>
+
+<p>
+„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme
+Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ...
+Hilf! Hilf! Hilf! ...“
+</p>
+
+<p>
+Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber
+und sein Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen
+einen Sarg zunageln, so knarrten von den feuchten Wänden
+des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen der gläubigen
+Gemeinde im Chor:
+</p>
+
+<p>
+„Amen! Amen!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum
+deuten können.
+</p>
+
+<p>
+Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern –
+wogegen sich sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe
+oft am hartnäckigsten sträuben – die Einsicht in den Mechanismus
+der Geschichte und: daß unsere Geschichte eine Geschichte
+von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis dieser Tatsache
+am eignen Leibe.
+</p>
+
+<p>
+„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner
+Meinung nach wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein
+Prolet zur Antwort gegeben.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende:
+</p>
+
+<p>
+„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz,
+sondern ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der
+Bankier reitet übers Schlachtfeld. Ueberall, wohin der
+seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm die ganze Klasse der
+Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich unter
+mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld
+der Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes
+daraus die Schlote, die du bei klarem Wetter
+fern bei Paris sehen kannst, emporschießen; Arbeiterviertel,
+Fabrikreviere, Kolonnen von Wellblechbaracken. Ueberall,
+wohin du blickst, Jacques, ist dieses Schlachtfeld der Arbeit
+bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in Amerika, und
+auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung der
+Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht
+sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit
+dieser Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld
+der Arbeit verwandelt sich wiederum eines Tages ebenso
+sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen System nach, aus
+dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes
+Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der
+heute herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes
+Schlachtfeld, auf dem nicht die Millionen und Abermillionen
+an Hunger, Krankheit, Ueberarbeit langsam
+dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der Herrschenden
+gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen,
+Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der
+Skrupellosigkeit und dem exquisiten technischen Ueberraffinement
+der bürgerlichen Kultur gemäß sind.
+</p>
+
+<p>
+„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld.
+</p>
+
+<p>
+„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er
+geht auch nicht zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig,
+millionenäugig, millionengliederig. Er kommt daher mit
+Tanks, Maschinengewehren, Dreadnoughts; als Massenmord,
+als Galgen, als elektrischer Hinrichtungsstuhl, als
+Attentat. Er fliegt durch die Lüfte, Bombenflieger an
+Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland
+befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Trost, dann spritzt er das Giftgas ab und jedes Partikelchen,
+das eine Menschenhaut trifft, läßt sie bei lebendigem Leibe
+verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein erzeugt er durch
+Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine
+graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft
+über die Straße gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt,
+Jacques, in seinem Büro an der Arbeit, zwölf Stunden und
+darüber hinaus oft noch arbeitet er, Tag und Nacht ist er
+unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend,
+Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd,
+idealere Gifte, idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle,
+Europa ist ein armseliger Tümpel, eine kleine schmierige
+Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa! ... Wir werden
+Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue
+Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer
+Druckknöpfe über den gesamten Staatsapparat gebietend –
+so er nur will, so geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm
+die Gewaltigen in deinem eigenen Land, Jacques, haben eine
+neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter ganz
+brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen,
+mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen
+und aus deinem Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend
+genug, daß Generationen ihrer Geschlechter herrlich, sorglos
+und in Freuden davon noch zehren können. Für deren
+Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile
+weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot,
+die Augen sich wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir
+an die Hände die Schwielen. Für deren Mußestunden
+blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut dünkt dich
+selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier
+auf der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den
+Boden herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen,
+Herr ...“ und gerührt ob so viel Menschengüte ihm
+nachgaffst: „Seht! Welch ein Wohltäter!“
+</p>
+
+<p>
+„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen!
+Lüfte dir den abergläubischen Bauernschädel gründlich aus,
+und jage den Priester zum Teufel, wenn er ihn dir wieder
+mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon garnicht nötig, daß
+du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis heute
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet
+übers Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem
+Gewehr umzugehen und hast doch Schießen gelernt ...!?
+Jacques, träum jetzt den zweiten Teil des Traumes, träum
+ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit wird! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten
+Jacques zunächst noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ...
+„Laß mal! Ich habe am ersten schon überreichlich
+genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne besondere
+Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem
+zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht
+nur die Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf
+kämpfen und an den Sieg des Proletariats glauben
+soll.
+</p>
+
+<p>
+Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in
+seinen Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das:
+</p>
+
+<p>
+„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ...
+</p>
+
+<p>
+„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft,
+müssen ihm selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer,
+die die Millionen Toter blutig einst an ihm rächen werden.
+</p>
+
+<p>
+„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast,
+betrifft. Du sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern
+und Knochenknacken zugleich gewesen; die Orgel in der Dorfkirche
+hätte laut aufgeschrien, und die Register hätten sich
+von selbst alle durcheinandergezogen, und ein grausiger
+Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg
+hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt,
+und auf die Pedale hätte es gestampft, als ob
+dort ein ganzes Heer ununterbrochen auf- und niedermarschiere
+...
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst
+du auch diese Musik dazu.
+</p>
+
+<p>
+„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und
+Kirchenkonzerte und sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen
+nicht mehr unserer Zeit. Der Rhythmus unserer
+Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und eine
+Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+bis heute noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben,
+dieses Höllentempo zu fassen, kein Künstler ist da, der dies
+auszudrücken vermöchte. Die Zeit heult sich selbst ihre
+Musik. Aber den letzten Satz dieser infernalischen Symphonie
+spielt: das Proletariat ...
+</p>
+
+<p>
+„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein
+wird, den Herren zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem
+Instrument in das große Orchester recht kräftig mit einstimmen
+kannst ...
+</p>
+
+<p>
+„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der
+Wirklichkeit verstehen, was es mit deiner phantastischen
+Vorstellung auf sich hat, daß der Himmel von den vielen
+Tränenergüssen, die aus der Erde aufstiegen, schwanger
+geworden und, flüssiges Feuer aus sich herausschüttend,
+unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei ...
+Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die
+Macht übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal,
+bestialischer Gemeinheit ist der Weltraum erfüllt, daß –
+gäbe es einen gerechten Gott – er in der Tat gar nicht
+anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der
+grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu
+fristen gewohnt ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen
+Hand von der Erde hinwegzufegen ... Nun,
+Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt ... Drum
+nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an
+dich ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns
+Proleten ists, ein für allemal gründlich auszumisten ...
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques!
+Der Bankier reitet übers Schlachtfeld!!!“
+</p>
+
+<p>
+Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische
+Kleinbauer hätte gesprochen:
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’
+ich wohl ein, eine richtige Auslegung meines Traums
+gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben allzumal ... Wir
+müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören
+zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die
+Hand darauf! Fest ... Ja, so ist es ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld.
+</p>
+
+<p>
+Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet
+quer über Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über
+Flußläufe und sommerdampfende Steppen hinweg, hoch
+hinan bis in die Gletscherwüsten, die Felsnester der Hohen
+Tatra ...
+</p>
+
+<p>
+Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt.
+Wie die Halme der Sturm, so beugt es tief erdab
+den Kulis Nacken und Haupt ... Krummgewachsen muß
+ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten, reiten
+kann ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der
+Bankier reitet, reitet immer noch. Aufrechter denn je steht
+er, wie eine mit einem Frack und einem Zylinder angeschminkte
+Götterstatue, im Sattel ...
+</p>
+
+<p>
+Die Knochentrommel trommelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Gerippscherben klappern ...
+</p>
+
+<p>
+Hop! Hop! Hop!
+</p>
+
+<p>
+Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier
+reitet übers Schlachtfeld. – – –
+</p>
+
+<p>
+Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht
+mehr ein Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!!
+</p>
+
+<p>
+Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch,
+schnellen das Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – –
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub!
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="hdr">
+<span class="line1">Der deutsche Schicksalsroman</span><br>
+<span class="line2">im Zeitalter des Giftgaskrieges</span>
+</p>
+
+<p class="aut">
+Johannes R. Becher
+</p>
+
+<p class="book">
+<span class="line1">(CHCl=CH)<sub>3</sub>As</span><br>
+<span class="line2">(Levisite)</span><br>
+<span class="line3">oder</span><br>
+<span class="line4">Der einzig gerechte Krieg</span>
+</p>
+
+<p>
+Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit
+exakter Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken,
+vor allem Edgewood, das Hauptarsenal der
+Giftgasfabrikation, lernen die Fabrikationsmethoden
+kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen auf dem
+Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader, Tankarmeen
+marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ...
+Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen
+Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es
+gibt nur eine Lösung dieser Frage, die für Deutschland,
+für Europa, für die ganze Welt als Schicksalsfrage gestellt
+ist. Die Art der Lösung dieser Frage macht das Werk zu
+einem hochaktuellen, zu einem politischen Buch ... Ein
+Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die über
+dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden.
+</p>
+
+<p class="run">
+1. bis 10. Tausend
+</p>
+
+<p class="price">
+Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark
+</p>
+
+<p class="pub">
+Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="cop">
+Alle Rechte vorbehalten.<br>
+Copyright by Agis-Verlag, Wien.<br>
+Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... dieses <span class="underline">Abend</span> ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...<br>
+... dieses <a href="#corr-7"><span class="underline">Abends</span></a> ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Eine</span> der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...<br>
+... <a href="#corr-10"><span class="underline">Eins</span></a> der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... der Schlammkatakomben <span class="underline">wieder</span>zuhallen. ...<br>
+... der Schlammkatakomben <a href="#corr-20"><span class="underline">wider</span></a>zuhallen. ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***</div>
+</body>
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