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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-04-04 23:21:03 -0700 |
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Becher + + + + + Der Bankier reitet + über das Schlachtfeld + + + Erzählung + + + Agis-Verlag / Wien 1926 + + + + + Inhalt + + + Das schwimmende Märchenschloß. – Vornehme + Passagiere. – Hotel „Zum Weltkrieg!“ – Lernt + aus dem Vergangenen für das Zukünftige! – + Gewidmet den Meistern in der Verwendung von + Millionenheeren! – Auf den Spuren schwerer + Brocken. – Von denen, die sich über den + Massengräbern aalen. – Legende vom toten + „Bauernchristus“. – Das Frontschwein Emil. – + Brüder der „Großen Grube“, hört! – Hop hop + hop! – + + + + +Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in +dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf, +bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. – + + * * * * * + +Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus +ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork +auslief. + +Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne. + +Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann +wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen. + +Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der +Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden +Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der +Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue +war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern +gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das +Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem +monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans +entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde +aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere +ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen +Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden +Wolkenfeld. + +Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die +„Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und +schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor +sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ... + +Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem +Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern. + +„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt. + +Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das +Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen +deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne +Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich +wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder +einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten +erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ... + +Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche +Räume führen. + +Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und +den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer +traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden +Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe +durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem +Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah. +Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein +Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch +wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick +in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges +messen konnte. + +Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und +Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei +Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich +dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch +eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich +schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach +zu halten. + +„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“ + +In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange +Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend: +„Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die +Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren +Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein. + +Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen. + +Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht. + +Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete. + +„Genug!“ + +Die Luke schloß sich. + +„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“ + +Der Bankier sah sich noch einmal um. + +Die Luke glich einer schweren Panzerplatte. + +Armdick. + +„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der +Bankier treuherzig. + +„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck, +hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... +Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem +gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen +Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der +Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element +dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei +Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie +Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen +rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die +unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion +gewonnen ...“ + +Der Rundgang war beendet. + +Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des +Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern +zischte, abzukühlen ... + +Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die +„Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte +Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion +ausgeschaltet. + +Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter +einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten +hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und +der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten +Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ... + +Schön und tiefblau war die Nacht. + +Ein lauer Windzug strich. + +Das Firmament glitzerte. + +Hie und da fiel eine Sternschnuppe. + +„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“ + +Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach. + +Dann suchte er seine Kabine auf. + +Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft – +stampften, stampften die Maschinen. + + * * * * * + +„Du, von was leben die da oben eigentlich?“ + +Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an +einen Deutschen heran. + +„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist, +hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt +doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind +solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“ + +Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und +schippte seine Kohlenbrocken weiter. + +„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die +Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich +ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich +dir ...“ + +„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s +auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die. +Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große +Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen +und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein +gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein +Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein +... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben +wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“ + +Ein Schwarzer trat hinzu. + +„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland, +ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und +ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft +hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr, +Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen. +Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die +Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie +dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut +schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“ + +Schweigend starrten die Drei in die Glut. + +Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann: + + „Tüchtig heizen, tüchtig heizen, + Daß das Schiff läuft – + Tüchtig heizen, tüchtig heizen, + Daß das Schiff schneller läuft ... + Tüchtig heizen, tüchtig heizen, + Daß das Schiff Volldampf läuft!“ + +Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien. + +Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied +zu Ende: + + „Tüchtig heizen, tüchtig heizen, + Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“ + +– – – + +Die Maschinen stampften. + +Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff. + + * * * * * + +Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! – + +„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird +einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle +verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“ + +Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an +das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt +entfernt, ein Anderer wird. + +Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten. + +Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und +sachverständige Zuschauer. + +Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt. + +Nachrichten aus aller Welt: + +Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den +erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen, +was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein +Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und +der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen +wurde es einem ins Ohr geflüstert. + + * * * * * + +Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller +Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen +Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch +hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen +Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des +Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht. + +Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund. +Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich +geschrieben. + +Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände, +küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin, +die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen +nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln. + +Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände +geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden +auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen +können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, +getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio +Carracarras Hände! + +Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur +im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate +vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren +die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer +schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich. + +Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war +nur das eine zu berichten: + +Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche, +sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik, +zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer. + +Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem +Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die +Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend +haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am +treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte: + +„Einfach Apollo!“ + +War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren +höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio +Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen +...!? + +Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers +entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich +einen Augenblick lang gut, ganz gut ... + +Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken +mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und +er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen. + +Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio +Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat +so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der +genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er +gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie +gegenüber ausgesprochen hätte ... + + * * * * * + +So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der +„Columbia“ in Europa. + +Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton +einlaufen. + +Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion +angekündigt. + +Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und +künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die +neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd. + +Welch eine Ueberraschung! + +Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem +Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und +die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem +in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen +räkelten. + +Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu. + +Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die +„Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von +Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein +Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und +Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem +englischen, französischen und deutschen Nationalhymne. + +Der Filmstreifen wickelte sich ab: + +Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter +Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat +verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König +Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit +noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei +er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre +... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit +abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein +darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer +Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten +und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das +kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr +folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von +Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch +Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei +Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem +Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der +allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte, +hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf +dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der +vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf +und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode +Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft, +und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der +Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half +ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den +Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der +vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend +amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die +Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen +sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die +Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie +Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie +Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten +Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt +doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich +wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze +wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten +Gesichtern übergestülpt und – + +Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte! + +Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete: + +„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“ + +Erntefelder. + +Bauern, die Garben binden. + +Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch +ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen +hindurchschritt ... + +Das Bordpublikum klatschte. + +Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle +durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert. + +Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der +Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief +bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte: + +„Wir oder sie ...“ + + * * * * * + +Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ... + + * * * * * + +Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb. + +Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein. + +Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung +zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, +Sportsleute, Schaupieler. + +Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im +Klubsessel. + +Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang +an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und +dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte. + +Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung. + +Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet +gelungen. + +Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter, +sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als +„öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen. + +Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu: + +„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“ + +Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten +Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals +wand. + +Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl. + +Ein Glas klingelte dreimal schrill. + +Ein allgemeines Gesumme: + +„Ah, eine Ansprache ...“ + +Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen +Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus +tönten dumpf und krächzend. + +„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist +einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein +Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des +Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die +der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ... +Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen +jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm – +die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und +Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die +Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im +Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte +Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat +sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die +Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die +Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit +unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so +gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; +alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter, +Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre, +sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar +noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas +Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun, +meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der +eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut +euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“ + +Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen, +Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein. + +„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“ + +Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme. + +Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt. + +Einige rülpsten laut. + +Andere gurgelten. + +Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer +Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt. + +Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll: + +„Rhizinus!“ + +Und zum Henker gewandt: + +„Danach tranchiert ...“ + +Gleich darauf erschollen Hochrufe: + +„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ... + +„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten! +...“ + +Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige +Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen +hingen. + +„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“ + +„Hoch! Hoch!“ + +„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“ + +Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines +Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand. + +„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was! +...“ + +Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager: + + „Das ist doch wenigstens noch etwas anderes + Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“ + +„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier +einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend. + +„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender +Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“ + +Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht. + +Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und +ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der +Kette verschwinden. + +„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie +die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm +wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen +Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ... + +Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte +imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ... + + * * * * * + +An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die +Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht. + +„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann +werden und verträgt keinen Schluck nicht.“ + +Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert. + +„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“ + +Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt. + +„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen +kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht +liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“ + +Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß. + +Kotzte. + +„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht +ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das +Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen +heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht +bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“ + +Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria +in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“ + +Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum. + +„Hihihi!“ + +„Hahaha!“ + +„Huhuhu!“ + +„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e +gefällig!? + +„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon +einmal so ein Kotzen gesehen?! + +„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion, +Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“ + +Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet, +mußte sich das Kotzen mitansehen. + +„Direkt eine Sehenswürdigkeit! + +„Ein Meister seiner Art! + +„Ein richtiges Kotzwunder! + +„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen! + +„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was +... + +„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“ + +Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich +wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte. + +„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel +besonderes Eintrittsgeld erheben ... + +„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet. + +„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder +anwesend!?“ + +Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der +Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und +aus der Kotz-Vorstellung abgeführt. + +„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck +aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus +dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei +gekommen. + +Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn +bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte +ihn. + +„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf, +mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas +zu bieten!?“ + +Es war inzwischen Morgen geworden. + +Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und +eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die +Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch. + +„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“ + +Einige lagen bereits am Boden. + +Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin: + +„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“ + +Lautlose Stille trat ein. + +Man hörte Schnarchen. + +„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“ +witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin. + +„ssssst!“ + +Ein Glas klingelte schrill dreimal. + +„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und +Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der +Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie +die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam +Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann +erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand: +_mene menetekel upharsin_. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden +herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis +zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie +ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren +Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, +Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“ + +Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske +vollkommene Totenstille. + +Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte. + +Hie und da nur ein krampfhafter Schluck. + +Es gluckste. + +Einige würgten ihren Brechreiz hinunter. + +– – – + +Die Maschinen stampften. + + * * * * * + +Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa. + +Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt. + +Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch. + +Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins +strahlende Licht. + +Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des +Milliardärs zu machen. + +Trat an den Amerikaner heran: + +„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“ + +Und als der Amerikaner freundlich nickte: + +„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“ + +Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich +dicht an den Amerikaner heran. + +„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem +Maskenfest zu sehen ...?“ + +„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann +gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen, +mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht +geschaffen für Menschen meiner Art ...“ + +„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal +austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“ + +„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte +ich mich mit Ihnen verabreden ...“ + +„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt +haben, bevor es zu spät ist ...“ + +„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten +Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt, +ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht +erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es +nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem +gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben, +die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“ + +„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte +dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich, +bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht, +Ihnen Antwort zu geben ...“ + +Wieder schwieg der Bankier. + +Er schien sich die Frage innerlich abzuringen. + +Am Horizont stieg die englische Küste höher empor. + +„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das +an den beiden vorüberstrich. + +„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit +erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst +fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit +gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen +daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind, +hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die +Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme +erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage +begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie +als Freund und Vater ...“ + +Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt. + +Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er. + +„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen +und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen +Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren! + +„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein +Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante +dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht +mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns +nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der +Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht +mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den +Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, +hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren, +phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir +strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt +... + +„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor +unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über +die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen +Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind +wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden +gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die +wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter +hervorgebracht hat. + +„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da +habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf +befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es +das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ... + +„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden +Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!? + +„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es +wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken! + +„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und +unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und +noch sind wir stark, stark genug! ... + +„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch +ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch. + +„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die +abgründige Meertiefe dahinfährt? + +„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang. + +„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch +in ihrem Schatten zusammensinkt? + +„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht +sein ... + +„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die +Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg +noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ... + +„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat +_eine_ Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit. + +„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister! + +„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den +Kurswert der Zeit besitzt. + +„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“ + +„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“ + +„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich +dieser Welt überwölbt ...“ + +Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte. + +„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen +wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“ + +„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des +„letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß +ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein +Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht +mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite +hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer +Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf +vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug +ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters +Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht +davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine +Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf +dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des +Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser +Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe +Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur +Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen +anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem, +was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder +nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der +Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark +genug, stark ... + +„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat, +schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten +Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte +Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, +dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit +ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann +noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem +Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“ + +Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester. + +„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie +stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus! +... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der +feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an +sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich +Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus +ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein +Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich +–!?“ + +Die Maschine stampfte zurück. + +Der Schiffskörper zitterte. + +„Also!“ + +Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich. + +„Europa.“ + +„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die +Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“ + +„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide +wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen +wird ...“ + +„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“ + +Die Schiffssirenen schrillten. + +An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes +Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von +Southampton ein. – + + * * * * * + +„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu, +als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether +hineinschnellte. + +„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte +Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem +Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine +melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang +volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“ + +Die Flugzeugmotore donnerten. + +„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt +singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein +Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: +Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem +Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken +an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden +Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den +kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ... +Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von +Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu +schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses +Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im +Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose +Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben, +nenne ich das ...“ + +Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes +zu. + +„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem +Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es +ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht +wir dahingleiten, selbst spricht ...“ + + * * * * * + +Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den +Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem +ungeheueren Menschenstrom stecken. + +Rote Fahnen wehten. + +Rufe erschollen: + +„Nieder mit dem Krieg!“ + +„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ... +Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der +Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den +großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“ + +Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei. + +„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen +solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es +sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie +einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute +kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften +Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang +... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer +zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei +rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des +Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?! +... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ... +Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die +Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“ + +Die beiden Freunde verabschiedeten sich. + +„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir +unendlich viel gegeben!“ + +„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals +unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat, +jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben +geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen +gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff +und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben +Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus _einem_ Guß ... Ich +fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich +will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. +Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund +auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in +Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die +Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ... +Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die +Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den +Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und +ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser +Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“ + +Die beiden Freunde umarmten sich. + + * * * * * + +Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene +Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten +europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen. + +Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige +Male stattfindende Fremdenfahrt begann. + +Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem +Tage an der Exkursion teilnahmen. + +Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit +auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld +bequem zu erreichen. + +Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum +Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer +geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach +amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, +daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie +entwickeln werde. + +Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus +einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der +Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem +sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt +hatten. + +Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat +prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten +riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die +Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich +nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und +beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte +„Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder +mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen, +stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer +ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. + +Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort. + +Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch +davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf, +eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. + +Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein +der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen +Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung +allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs +selbst zurück. – + +Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß +mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß +sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch +wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu +vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede +gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den +Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und +heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die +Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der +verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren +und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine +Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes +Naturschauspiel zugleich. + +Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am +frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel +eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt +wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die +Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der +Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch +nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl +Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die +Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar +einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener +Person mitmachten. – + + * * * * * + +Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges +deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar +überhaupt keine Fortschritte. + +Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte +Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw. +verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu +haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, +besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu +errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das +Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller +Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen +Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr +erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum +und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe +sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser +in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der +Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte +Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ... + +Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger +in die Landschaft und begann: + +„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß +umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft +im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge +betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der +Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“ + +„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine +unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch +totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! +Katastrophal das ...“ + +Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der +holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war. + +An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem +Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit +und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer +durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer +bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen +in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden. + +„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“ + +Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der +Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen. + +Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang. + +Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt. +Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren. + +Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft. + +Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein +menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit +Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah, +wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne +nach ... + +Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum, +grimassierten und streckten die Zungen ... + +Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und +Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle +mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen +versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden +Ton gestimmt. + +„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum +Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er +sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs +Vaterland! ...“ + +Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte +Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift, +lauter deutsche Namen. + +„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“ + +Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und +nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem +einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten. + +„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“ + +„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes +Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem +Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm _Arc de Triomphe_ ... Mit +einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“ + +Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum +Weltkrieg!“ empor. + +Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft. + +„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“ +... + +„Wird sich das rentieren ...?“ + +„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut +werden ...“ + +„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“ + +„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt +über den Schlachtäckern werden.“ + +„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die +Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in +ein paar Jahren vielleicht ...“ + +Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden +umfangen hielt, war gebrochen. + +Die Autokolonne hielt. + +Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt. + +„Ganz südlich!“ scherzte jemand. + +Die Reisegesellschaft stieg aus. + +Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung. + +Es waren Reisende darunter aus allen Ländern. + +„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben +ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem +Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung +herausstellte, furchtsam in die Arme hing. + +„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht +den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir +ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo +mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu +bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein +Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ... +sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“ + +Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem +Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und +durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem +Feldstecher. + +„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ... +„Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was +... Und auch für die Kinder! ...“ + +„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen +Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum +Spielzeug entweihen ...“ + +Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu. + +Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags +geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags +oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch +feilgeboten. – + + * * * * * + +Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht. + +Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin. + +Die Tafel lautete: + +„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und +mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit +Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen +aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen +Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem +Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl. +(Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke, +Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von +Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, +stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische +Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante +Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl. +– Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen +Publikum + + Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H. + Die Hotel-Direktion.“ + +Man nahm Platz zum Diner. + +„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“ + +Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich +befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen +Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung. + +„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines +Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide +Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von +Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich +nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“ + +Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens +Postkarten. + +Andere richteten Fragen an die Kellner: + +„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“ + +„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort – + +„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst +nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“ + + * * * * * + +Das Diner war beendet. + +Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt. + +„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest +auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das +Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“ + +Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen +Schwur. + + * * * * * + +Wieder eine Tafel: + +„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt! + +Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“ + +„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den +Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und +Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“ + +Der Führer ging den Pfahlweg voran. + +Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft. + +Es mochten gegen fünfzig Personen sein. + +„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen, +wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor +geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete. + +Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in +einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in +das Schützengrabensystem hinein. + +Man sah auf den ersten Blick: + +Alles war hier für die Fremden zugerichtet. + +Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum. + +Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten +lassen. + +Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte, +ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren +Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. + +„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner +Frau zu: + +„_Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!_ – Laßt, die ihr eingeht, +alle Hoffnung schwinden!“ + +Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen, +von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!? + +Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden +bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt, +oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt. + +„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich +näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von +Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die +Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser +und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine +Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“ + +Auch der Milliardär staunte. + +„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich +gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir +nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ... + +„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer +Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten – + +„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für +Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften – + +„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt – + +„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro, +sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des +Kriegsgottes gestreift wurden – –“ + +Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein. + +Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen, +sich selbst bemitleidend. + +Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit +als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies. + +„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da +alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen +eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig +bedauern“, triumphierte der Professor. + +Doch allmählich verstummten die Klagen. + +„Wir müssen uns eben trösten – + +„Was vorbei ist, ist vorbei – + +„Doch was nicht ist, kann noch werden – + +„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt nicht wieder entgehen +lassen – + +„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen! + +„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken sozusagen, die +von der Schlachtbank der Geschichte ...“ + +Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und heilig: im +Fall eines nächsten Krieges in vorderster Front ... + +„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer inmitten +des allgemeinen Tumults einigen Damen und Herren zu, die +Photographenapparate dicht vor sich hindrückten. + +„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens untersagt. +Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene Ansichten von allen +Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz in reicher Auswahl vorhanden +... Ich habe Sie zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die +Vorschriften hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich +auch eingehalten werden müssen ...“ + +Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer eingehenden +Besichtigung unterzogen. + +Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes Blech, +Patronentaschen, Granaten, mit gelben, grünen und blauen, aber auch +bunten Kreuzen bezeichnet, Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen +wirr durcheinander und anscheinend wirklich noch völlig unberührt herum, +und große, rostbraune Flecken klebten tief in den Gebälken. + +Der Führer erklärte: + +„Getrocknetes Blut.“ + +„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es aus der Gesellschaft +zurück. + +Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber sowohl wie die +ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Nur +aus einer der Wandzeichnungen war noch zu erkennen, daß sie einmal einen +pornographischen Akt darstellte. + +„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte Stelle, sowohl im +deutschen, wie auch im englischen, französischen und amerikanischen +Tagesbefehl öfter genannt, jene Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren +Besitzer wechselte ...“ + +Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu sehen. + +„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die Nationalwaffe +der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. Das riecht noch wie +frisch importiert aus Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten +geduckt diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die +Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes die +„Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: es ist eine +Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, wie es mit Vorliebe die +bayerischen Truppen benutzten ... Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen +hier im Raum die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten +Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, bücken Sie sich +einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht einer der Herrschaften durch +das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? Keineswegs. Nein! Ganz und gar im +Gegenteil! Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst +gegraben haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei einem Gasüberfall, +den die Deutschen unvermutet angesetzt haben, während sie hier unter der +Erde, vom Geist der Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu +bis in den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ So +eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“ + +Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab für die +humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, nein, da müßte so ein +Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen Qual werden,“ meinten einige +mit Recht. + +„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, oder wollen Sie +uns vielleicht weismachen, die hätten sich von selbst mumifiziert!?“ + +„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd der Führer den +Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es allerlei Geheimnisse ... Also, +fahren wir fort nach diesem heiteren Intermezzo in unserer Wanderung +über die Schlachtfelder ...“ + +„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. Auch ich habe +das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in konserviertem Zustand: +absurd, ein Unding, hebt sich von selbst auf ... Das war eben so ein +bißchen Castans Panoptikum ...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte +sich, einen gutmütigen Baß lachend. + +„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, brave Soldaten +ihr Grab selbst gegraben, überdies soll auch, wie es heißt, ein General, +der den Frontabschnitt zufällig in diesem Augenblick inspizierte, mit +dabei sein. Ein Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat +der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende bereitet.“ + +Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle mehrere Meter +tief hinab. Man hatte den Eindruck einer Senkgrube. + +Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte. + +„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, wir verlassen +diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches Stacheldrahtverhau. +Der leichte Verwesungsgeruch, der sich auch jetzt noch deutlich +bemerkbar macht – –“ + +Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ... + +„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem Fleisch, in +der Soldatensprache, drastisch, wie sie nun einmal ist, „Offensivparfüm“ +genannt, dieser leichte Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser +schwärzlichen Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder hier +zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind Menschen, +Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, ob Deutsche, Engländer, +Amerikaner oder Franzosen: das läßt sich nicht mehr mit absoluter +Bestimmtheit sagen. Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist +es, im Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die sie +noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der Blutkreislauf wird +geschlossen, die Blutkörperchen machen ihre letzte Runde und – stopp! +... Also, diese Drähte waren elektrisch geladen, Hochspannung, und –“ + +Einige Besucher wandten die Gesichter ab. + +„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht +gemütsverweichlichter oder zartbesaiteter, meinetwegen, als Sie in +Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, nackt und brutal, +wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu sehen. Hier können Sie beinahe +umsonst das Grauen lernen. Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige +Gelegenheit nicht zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer +weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines Tages in +Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf Erden nimmt diesen Lauf, das +ist das Schicksal aller irdischen Güter, der Mensch mit inbegriffen ... +Wie Sie aber zugeben werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur, +die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, vier Jahre +später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar auf das +Publikum zu wirken und es in eine Art magischen Bann zu schlagen ... So +kann der Schlachtfelderbesuch zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir +haben auch Dauerbesucher.“ + +„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu haben, als auf +diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, bestätigte der deutsche +Professor. + +„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“ + +Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte gewissermaßen im +Auftrag aller der Bankier fest: + +„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung mit vollem +Recht von sich bekennen, er habe heute den leider von ihm versäumten +Weltkrieg in seiner tiefsten Tiefenwirkung und in seinem breitesten +Ausmaß nachgeholt. Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu +erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ Ja, wir +können uns geradezu beglückwünschen, bald den ersten Teil einer im +wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen und heroischen Expedition +hinter uns zu haben ...“ + +„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem hier das Kruzifix +errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende gewoben. Nach dem Glauben +der armen Bauern dieser Umgegend soll Christus des Nachts, gefolgt von +dem ganzen Stab der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie +früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld wandeln. +Christus tastet dabei mit einer Art geistiger Wünschelrute den Erdboden +ab, um den Standort der Totenregimenter festzustellen ... Hier, an +dieser Stelle nun, sagen die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. +Hier spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. An dieser +Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an dieser Stelle finde +dereinst die Auferstehung aller Gläubigen statt ...“ + +Der Bankier trat interessiert vor. + +„Was spricht Christus mit den Toten?“ + +„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von neuem, daß sie nicht +umsonst gestorben sind.“ + +„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und heilige Sache +gefallen sind?“ + +„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen gewaltig, nach dem +Glauben der Bauern wenigstens, trommeln Mitternachts laut an die +Erdkruste mit ihren Knochenfäusten und knurren oft im Chor: „Für nichts +und nichts und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen +unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben sich für den +„Großen Tag“. + +„Für was für einen „Großen Tag“? + +„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und an dem die +ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von den Schuldnern sofort in +bar beglichen werden muß. Die unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie +halten Versammlungen ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne +kurzsichtiger Menschen nach längst gestorben sind ... Und der „Große +Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht es: Aug um Aug, Zahn um +Zahn ... Es wird mit Blut bezahlt ...“ + +„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“ + +„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen denen, die dadurch, +daß sie feig und untätig während des Krieges geblieben sind, sich zu +Mitverantwortlichen am Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine +Frage vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter +Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo die Leichen vor +Hitze flüssig werden und anfangen, zu brodeln ... Im Kraut knisterts, +und wenn du hinschaust ... Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit +„Ja, Herr!“ beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber +auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und eine +Nebenschuld ...“ + +„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt sie vom +Gegenteil?“ + +„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie auch vom +Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt gerade das Gegenteil vom +Gegenteil.“ + +„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der armen Bauern?“ + +„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des Kreuzstammes +aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen von einem +Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem Zeichen zu siegen. Zu +gleicher Zeit aber mit der Errichtung des Galgens kommt schon ein +anderer Galgen über diesen Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die +Stelle des ersten, entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der +Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der zweite Galgen ist +gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber und Ausbeuter des Volks +aufzuhängen ... Und Christus verspricht denen dort unten, ihrem +Rachegelüste vollauf Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor +sein Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert +haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des Vaterlandes +dargebracht hat und – darbringt ... Diese Stelle hier, auf der wir +stehen, soll auch die Stelle sein, wo der erste Galgen in Erscheinung +tritt und von dem zweiten bald darauf überwunden wird ...“ + +„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! Hihihi ...“, kicherte +jemand. + +Alle sprachen aufgeregt durcheinander. + +Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer hin. + +„Korruption! Korruption!“ + +„Ketzer! Verräter!“ + +Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen. + +Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können. + +Nur der Bankier blieb ruhig. + +„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein wenig sonderbare +Christen das, das müssen Sie doch selbst zugeben, die sich ihren +Christus so vorstellen. Ein roter Christus also, ein roter +Bauernchristus ... So wird eben auch das Allerheiligste von dem +ungebildeten und in den tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen +Offenbarungen uneinsichtigen Pöbel in den Kot gezerrt. Ein +Bolschewisten-Christus, haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke, +Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! Ein Christus mit +dem Messer zwischen den Zähnen und die Knarre auf dem Buckel! +Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich ...“ + +„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer. + +„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich aus. Aber +wovon den armen Bauern das Herz voll ist, davon träumen sie ... Es ist +eben ein Christus, zurechtgemacht für die Zeit, wie ihn sich die armen +Bauern, naiv wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“ + + * * * * * + +Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. – + + * * * * * + +„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der +Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“ + +Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer. + +„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht +vergessen ...“ + +Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in +eine Kiesgrube hinab. + +Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer. + +„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig +Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen +Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster +Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, +das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit +Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher +Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage +besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort +nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen +Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden +mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die +verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck +wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen +kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für +die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau +angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre +schändlichen Verbrechen sühnten ...“ + +„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff +disziplinierten Heer nicht ab.“ + +Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen. + +„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle +Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“ + +„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den +zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht +vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in +der Kiesgrube – –“ + +Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich +gerührten Ton gedämpft vor sich hin. – + + * * * * * + +„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke +hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf +den Pfahldamm ein. + +„Eine Ratte – + +„Pfui! Hui! + +„Was für ein abscheuliches, häßliches – + +„Unappetitliches Tier – + +„Solch ein Biest! + +„Solch ein Freßsack ...“ + +Und die Rattentreibjagd begann. + +Der Deutsche trillerte leis: + +„Lützows wilde verwegene Jagd ...“ + +Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte. + +„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine +Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die +Pest ...“ + +Und der Führer setzte allein hinter ihr her. + +Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe +knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach. + +Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann +drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite. + +Pfiff noch einmal. + +Pißte noch. + +Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube +hinab, um die tote Ratte zu betrachten. + +Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen +Seiten hin und stiegen wieder herauf ... + +„Ein ekliger Geselle! – + +„Wie bissig das Gebiß! – + +„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung +blitzt ihr aus den Augen ... + +„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang +andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige +Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur +das blanke Messer ... + +„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten – + +„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“ + +Und weiter wanderte die Gesellschaft. + +„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze +Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer +mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder +Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle +und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann +Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“ + +„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der +Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“ + +„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein +schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier +an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von +Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine +aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch +einmal die große Mode ...“ + +Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben +über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um +sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt. + +„Welch eine Fratze! – + +„Hui! Pfui!“ + +„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!? + +„Wie die tote Ratte –“ + +Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich +wieder den Flammen- und Minenwerfern zu. + +„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann +zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens +dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer +starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen +–“ + +Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen +Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den +Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine +weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt. + +„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“ + +Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh. + +„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes +Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“ + +„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier +habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in +Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle +von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur +Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung: +Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun +die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der +elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere +Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum +Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine +Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich +ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen +vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“ + +„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen +Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten, +sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu +verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und +richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk +auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht! +Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht +behilflich sein möchte ...“ + + * * * * * + +Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren +Flügelmine. + +Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine +emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers +eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen +ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval +abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte. + +Der Bankier, der Deutsche traten zurück. + +Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich +gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden +Schmutzkörnchen ab. + +„Achtung!“ + +Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das +Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer +Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe – +schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter +hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt. +Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven. +Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten +Erdmassen brachte Erleichterung. + +Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar +gemacht. + +Der eine oder der andere taumelte sogar. + +Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam +Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund +weit aufgesperrt. + +„Glänzend! nein, sowas – + +„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir! + +„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu +sehen bekommen kann ... + +„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst +hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es +mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine +tiefere Bewandtnis hat! + +„Geradezu eine Verjüngungskur! + +„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ... + +„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ... + +„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz +der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“ + +Der Explosionsrauch verzog sich. + +Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment, +Trinkgelder ein. + +Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen +Händen. + +Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen. + +„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt +sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat, +als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und +Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man +müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden +stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von +der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und +zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen +Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg +der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie +werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus +Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es +ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu +studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein, +Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind +prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“ + +Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den +vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch +noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. – + + * * * * * + +Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter +der Gesellschaft zurück. + +Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke +ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich +verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ... + +Er stand wie ein Standbild. + +Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft +hatte. + +Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe +... + +Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio: + +„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen +ein geistiger Rausch.“ + +Und auch daran wieder: + +„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von +Geheimnissen umgeben werden ... + +„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des +Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“ + +Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er +etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife, +wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum +Standbild. + +„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als +man ihn rufen wollte. + +„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er +wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine +Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements +... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“ + +Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph. + +„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur. + +„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon +seinen Apparat in Bewegung. + +„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“ + +„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem +Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“ + +„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser +...“ + +„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich +der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem +berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem +Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz, +kurzum: als sein Generalstab.“ + +„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt! +Ganz Cäsar ...“ + +„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar +meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der +Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“ + +Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in +einer lässigen majestätischen Haltung da. + +Wie aus Traum gegossen ... + +Der Filmoperateur kurbelte. + +„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“ + +Da riefen sie alle zugleich: + +„Ha–a–allo!“ + +Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich, +wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem +Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er +gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer +Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang. + +Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt. + +Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem +Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen. + +Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen +Fliegeroffizieren gelenkt. + +Der Führer meldete dem Bankier: + +„Die Flugzeuge wären startbereit.“ + +Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start. + +Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte. + +Die Filmoperateure kurbelten. + +Photographen knipsten. + +Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten +durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch, +Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern. + +Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf. + +Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den +rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt. + +Die Motore brüllten ... + +„Achtung!“ + +„Los!!“ + +Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe +senkrecht in die Luft. – + +„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde +gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das +Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die +den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein +Name ...“ + +„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich +eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo +vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde. + +„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim +Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen. + +Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend +blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas +seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren +und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die +zusammengeschossenen Panzerwagen lagen. + +Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene +Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld, +die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus +des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene +Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige +brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene +Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht +der Explosion heruntergedrückt. + +„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer. + +„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von +unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten +Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“ + +„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen +zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere +Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu +dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in +hervorragender Weise beteiligt war. + +„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus +dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit +Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein +würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich +vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ... +Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt +werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres +Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von +Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die +pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen +Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen +Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung +und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den +weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus, +sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen +um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk, +in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer +wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme +des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“ + +„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr +unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich +überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher +Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte +gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die +einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man +dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl, +Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und +Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen +hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden +diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen +Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe +darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende +Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren +Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf +über acht Monate zu rechnen sein wird.“ + +Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an. + +Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der +Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und +Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und +lächelten befriedigt. + +„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft, +den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens +auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten, +daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige +Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare, +unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die +Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich +einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung +kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten +märchenhaft und unglaublich klingt ...“ + +Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des +Führers nicht zuzuhören. + +Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer +Bescheid, um was es sich dabei handelte. + +Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen +Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des +amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen +Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood +beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag +ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der +Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer +asbestartig wirkenden Salbe präpariert. + +„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu, +nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige +pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern +bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen +Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine +oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden +wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in +engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits +innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann +...“ + +Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf +ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben +ab. + +Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren, +kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen +mollig-verschleimt im Wind dahin ... + +Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine +des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war +sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem +kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten +Porzellanbehälter dufteten frische Rosen. + + * * * * * + +Es ging gegen Abend. + +Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von +der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete. + +Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte +wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten +kahlen Berghöhen. + +Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde. + +Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich +zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig +vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge. +Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das +Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten; +aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung +schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen +und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. +Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst +zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich +den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam +auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an +Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen +und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ... + +Und dieser Kadaver atmete noch. + +Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven +beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und +Brechreiz verursachte. + +Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ... + +Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es +war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im +Moor oder auf der Heide. + +Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf. + +Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin +flitzende goldspurige Nadel ... + +Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie +sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen +fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich +unter die Näschen. + +Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und +schadenfroh. + +Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache. + +Er schwieg. + +Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die +ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls +klammerte. + +Der Bankier wunderte sich: + +„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“ + +Die Situation fing an bedenklich zu werden. + +Der Führer erhob sich. + +„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften, +nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch +nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“ + +„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd +immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal +die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht +missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... _Per aspera ad astra!_ +... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie +Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“ + +„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut, +abends, wenn die Sonne untergeht ...“ + +Die Zone war glücklich passiert. + +Ein frischer Luftzug wehte. + +„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal +erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf. + +Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ... + +Ein leichter Ruck und – stand. – + + * * * * * + +Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete dort, mit dem Kreuz +der Ehrenlegion geschmückt, in einer völlig verblichenen +Soldatenuniform, unartikulierte tierische Laute hervorstoßend, den +Stahlhelm vorne auf die Brust gebunden. + +Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht bemerkt, +hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen: + +„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... Sonst setzt es +wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht Prügel ab ... Pack dich! ... +Oder soll man es dir denn immer wieder von neuem einbläuen, daß du die +hohen Herrschaften mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast +du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen verloren? ... +Und willst um jeden Preis immer wieder eine Extrawurst gebraten haben +... Hopla! Pack dich! ...“ + +Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er: + +„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man nennt ihn wegen +seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den „Rumpf“. Macht die ganze +Gegend unsicher mit seiner Bettelei ...“ + +Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, sich hie und da auf +seinem einen Prothesenbein umdrehend. + +„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit der Faust und +machte eine Bewegung zum Erdboden hin, als ob er einen Stein aufheben +wollte. „Pack dich! ... Ein ehemaliger Soldat und Betteln, das +Ehrenkreuz noch dazu, schämt er sich denn nicht!?“ + +Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die eiserne Spitze +des Krückstocks schrill auf den Steinplatten aufschlagen. + +Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen. + +„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern hinreichend genug +gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der Bankier heraus: „Aber aus allem +wird heutzutage ein Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel +fällt der ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der lebt +sicher von Leichenschändung ...“ + +„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft bei, nicht +ohne daß es ihnen dabei kalt über den Rücken herunterlief. + +Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung. + +„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“ + +Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz des Bankiers. + +Nochmals schrie der Führer: + +„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“ + +Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne. + +Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte mit einer +Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines Prothesen-Knie einknickte, +sich um sich herum. + +„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender +Sakraments-Köter!“ + +„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ angesteckt. Sieht +grade so aus: der Lümmel – + +„Der freche Bengel – + +„Der giftgrüne Erz-Flegel ... + +„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft! + +„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen will, wo +anders hin ausbreiten ...“ + +Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus. + +Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf. + +Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und humpelte schnell +von dannen, so schnell, daß es schien, als ob er über den Boden +hinwegkollerte. + +„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“ + +Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. – + + * * * * * + +„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder +nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch +die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils +auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen +... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts +gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns +zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der +Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender +Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen +Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns +dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer +oder Amerikaner sind ...“ + +„Ausgezeichnet! Blendend!!“ + +„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“ + +Wiederholten einige. + +Ein Journalist notierte: + +„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“ + +„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“, +schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ... +„können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“ + +Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte +er: + +„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst +mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes +Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt +der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben, +Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit +und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“ + +Frösche quakten, Grillen zirpten. + +Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert, +über dem Schlachtfeld herauf. – + + * * * * * + +Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern +assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste. + +„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen +hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“ + +„Großartig ... unbeschreiblich ...“ + +„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“ + +„Welch ein Panorama!“ + +„Phänomenal!“ – + +„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“ + +„Sensationell!“ + +„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“ + +Schallte es ihm vielstimmig entgegen. + +Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft +unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung. + +„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig. +Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir +im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine +marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges +nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem +Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig +geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich +normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft +daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu +vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in +seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite +wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige +Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene +zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“, +„Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun +nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns +beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, +scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber +das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des +Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch +einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt: +er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern +maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ... +Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen, +was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer +Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine +Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener. +Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines +Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer +Kerl ...“ + +„Ja, gewiß doch! Bitte!“ + +Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach +sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von +einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden +Anwärter unterziehen müsse und schloß: + +„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu +solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“ + +„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch +zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem +militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden +Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal. + + * * * * * + +Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben +an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden +vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende +Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein +geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und +Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete +ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der +spiegelblank polierten Parkettböden. + +Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft +vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort +konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde +das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine +Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte. + +Der Bankier schwieg hartnäckig. + +Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf +seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise +dreißigmal ... + +Ein Sektpfropfen knallte. + +Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem +extra ausgewählten exquisiten Programm ... + + * * * * * + +Wüst und leer lag draußen das Land. + +Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß +oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines +Granattrichters herauf. + +Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem +knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose +angeflickter Knochenscherben. + +Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte +Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch +und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte +er, lauschte ... + +Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte. + +Wimmerte, stöhnte, schrie. + +Rührte um, klapperte und schepperte ... + +Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum +Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und +Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen, +Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen +Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen. + +„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen +denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und +köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. +Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten +sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten +sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“ + +Emil glotzte stier in das Lichtparadies. + +Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll +säuerlichen Geschmacks zusammen. + +„Kameraden!“ + +„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der +Schlammkatakomben widerzuhallen. + +„Kameraden! Hört ihr mich?“ + +„Kamerad! Wir hören dich!“ + +„Parole?!“ + +Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor +antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde +dahinrollend: + +„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“ + +„Brüder der Großen Grube, hört!“ + +„Wir hören dich!“ + +„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde +ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht +ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm +leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen +Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich +doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen, +Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß +Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der +Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne +Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken +Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute +Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und +Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden! +Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus +dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar +menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die +Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht +nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten +Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere, +meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher +Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett +angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und +Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer +mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die +Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein +säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem +einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ... +Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! +„Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn +kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder +der Großen Grube! Hungert ihr?!“ + +„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet +sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil! +„Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde +Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus +unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“ + +– – – + +„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“ + +Der einsame Vogel sang. + +„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer +noch?!“ + +Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in +das Lichtparadies hinein. – + + * * * * * + +Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband. + +Ein langhin geblähtes Grunzen ... + +Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ... + +Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut: + +„Holla!“ + +Und gleich darauf: + +„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“ + +Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen. + +Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten. + +Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten +Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert. + +Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut +beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum +Vortrag: + + „Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes, + Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“ + +Leise summte der Bankier mit. + +„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“ + +Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an: + +„Auf Ihr Spezielles!“ + +Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des +Vortrages seiner Frau die Hand: + +„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch +einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die +Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die +richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“ + +Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom +Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten. + + „Es soll der Dichter mit dem König gehn, + Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“ + +„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren +Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann +des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der +Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der +Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so +schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig +gesichert.“ + +„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen: +„... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“ + + * * * * * + +Es war schon spät in der Nacht. + +„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“ + +Der einsame Vogel sang immer noch ... + +Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen +sollte, fuhr vor. + +„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische +Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht +lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ... + + * * * * * + +Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches +Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten +Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“ + +Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches +des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten +Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse. + +Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache +Lichtblitze. + +Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend +geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem +anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache: + +„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer, +grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem +Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach +Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das +ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes +abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit +allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen +Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die +Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr +verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit +einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die +Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des +gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so +siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der +Völkerbund, er lebe – – –“ + +„Hoch! Hoch! Hoch!“ + +Die Gläser klirrten ... + +Der deutsche Professor schwitzte. + +Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen +von der Stirn. + +„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa, +meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands +wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger +Vorherrschaft ...“ + +Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus Soldatenliedern +aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg beteiligt waren. + +Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert: + +„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein im Walde ...“ + +Ganz sachte, in einem _piano pianissimo_ verschwingend ... + + * * * * * + +Die Scheinwerfer spielten. + +Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig +zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie einer riesigen +Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten Fingern die Erdfurchen nach +irgendeiner Beute abtastete. + +Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische Lichtbündel hingen +in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen wölbte sich; hüpfende +Sterne, tanzende Funkenreihen; eine lampionartig glühende, in Hunderte +von blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene +Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches +Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, aus dem herab – als +Finale dieser Lichtsymphonie – ein blendend flimmernder Goldregen sich +ergoß, der in der Vorstellung manch eines aus der Gesellschaft teils zu +einem als mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum +wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, die „Friede +auf Erden!“ singend aus den mit einem ewigen Hosianna unvergänglich +imprägnierten Aeonen auf die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits +gnadenspendend herniederfuhren. + +Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden hinter dem +Zauberwerk. + +Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den geöffneten +Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine weich sich dem Nachtgold +anschmiegende schmelzende Melodie. + +– – – + +Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten sich zu +einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten Strahlen, und dieses +Strahlen glich ganz einem unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch +gestreckten Lichtpfad. + +Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der armen Bauern wandelte +... + +Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut überschwemmten Land +der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand +eines Granattrichters. + +„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder „Rumpf“ werde ich +genannt ... Trillert nicht „Emil, wo bist du?“ das einsame Vöglein? +„Allemal hier, Schatz!“ antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ... +Und der „Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft mir am +Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich geärgert? Mach’ kein gar so +griesgrämig Gesicht! Regenwetter gibt’s ohnehin schon genug und auch +saure Gurkenzeit. Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm, +Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch Zeit ...“ So bin ich +der heiligen Dreifaltigkeit gleich. Bin drei und eins.“ + + * * * * * + +Emil glotzte. + +Die Lichtflut traf ihn. + +Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. – + + * * * * * + +In dieser Nacht gab es zwei Träume. + +Den einen träumte der Bankier. + + * * * * * + +Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch +geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter +ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte. + +In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze +Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten +Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom +Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten. + +Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier +um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm +huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden +verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und +Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder +Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die +lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen +Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch +ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der +Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr +dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue +Renaissance-Menschentum.“ + +Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer +mehr Gott gleich! + +Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch +insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele: +„Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen +Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte +nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung +aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren +immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“ +Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig +außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage +der Welt gewürzt. + +„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so +verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des +Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ – +prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere. + +Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die +sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und +seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen +den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich +hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare +Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden +Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner +Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer +Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde +Gegenmittel ... + +Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im +Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als +die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit +der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden. + +Folgendes geschah: + +Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den +Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn +schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich +daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte. + +Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete, +kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für +sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich +selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem +eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen +ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel. + +Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes +unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und +Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste +Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in +seinen eigenen Untergang zu verstricken. + +So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine +Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in +der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine +ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr +herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe, +Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden. + +So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße. + +Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und +nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn. + +Oder: + +Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei, +während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser +Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete. +Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab +es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich +auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein, +Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter +Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten +alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische +Arena ... + +Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn +verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging, +einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der +Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als +in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr +darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die +Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode +seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem +Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“. + +Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft +mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er +eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam +doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot, +Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten. + +So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen. + +Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit +jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum +Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte: + +„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort: +„Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral, +das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort +in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen +kommen wir rascher an unser Ziel ...“ + +Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht +Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne +Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn +zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt. + +Der Blutrausch ging jäh zu Ende. + +Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte. + +Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt +gekommen. + +Es kam aber anders. + +Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug. + +Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf. + +Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können +dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn +Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und +Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er +sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen. + +Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die +unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber +war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung. + +Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl +über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen +Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes +Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm +unlösbar Gehirn und Leib banden ... + +– – – – – – – + +Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und +wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend. + +Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der +ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas +speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken. + +Eine dicke Träne kollerte. + +„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“ + +Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens: + +„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich +nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die +Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch +wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien, +Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist +Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal +ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen +... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer +Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich +von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien +absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die +Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw. +immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind +noch stark, stark, stark genug ...“ + +Er streckte sich. + +Befühlte seine Muskeln. + +Die Knochen knackten. + +„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der +Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld. +Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein +Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner +imaginärer Kerl ... + +„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!? + +„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!? +... + +„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß +ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer +begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner +Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“ + +Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf. + +Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem +Gehirn. + +Pfiff vor sich hin: + + „Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes + Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“ + + * * * * * + +Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen. + +Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald +zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater +mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit +freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen +aufgehe“. + +Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick. + +Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las: + +„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr +von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing, +freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich +immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß +hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit +Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene +Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit +macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen +Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt +bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind +es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung +tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden +Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden +Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie +wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das +neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich +steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“ + +„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen! +Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich, +als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht +nett gesagt.“ + +Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken, +folgenden Inhalts: + +„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie +finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue +dein Vater.“ + + * * * * * + +Den anderen Traum träumte Jacques. + +Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer. + +Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges +vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner +Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte +sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen +darin. + +Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an +Wand. + +Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall und Wohnräume. – + +Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun war es ja zwar nicht +abgetan, es war schon ein hartes Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem +Boden das Lebensnotwendigste herauszuwirtschaften, und oft verdingte +sich Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter, als +Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der Nachbargemeinden auf +einer Baustelle. + +Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes Ansicht nichts +weiter als nur recht und billig. + +Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften +beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er dachte sich +eigentlich weiter nichts besonderes dabei als höchstens: + +„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze das! Was sie nur davon +haben, immer noch in dem Leichenschlamm herumzustochern!“ + +Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen fünfzig Stockwerken +hoch in das verwüstete Land hineinragte, sah Jacques bei seiner Arbeit +Tag für Tag. + +In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu besuchte, herrschten +oft rauhe Töne. + +Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der Welt +herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine seiner abenteuerlichen +Erzählungen unterbrechend, hart mit der Faust auf den Tisch und fluchte: + +„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare Tölpel! Feige +kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns sowas gefallen lassen. Tut +vielleicht die Regierung, trotz unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas +gegen die Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten +auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch schon das +allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal das ... Geschweige denn +... Und was schon das Wiederaufbauen des Landes betrifft, wofür sie von +den Deutschen das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah! Fällt +ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit diesem heillosen +Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird noch zum Spekulationsobjekt! Da geht +einmal nach Paris und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren +Automobilkutschen in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin fließt das Geld, +sage ich euch, aber unsereins hat immer dabei das Nachsehen ... Will nur +sehen, was dabei noch herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu +ändern ... Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ... Was +die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre Rüssel in die +Massengräber hinein, und wissen mit ihrer Zeit nichts gescheiteres +anzufangen, als auf den Schlachtfeldern herumzubummeln, und dazu reisen +sie sogar über den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum +Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier bei uns, welch’ eine +Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!? Gerümpel, vermorschte +Bretterbuden, was nächstens der Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt +...“ + +Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der Lehrer oder der +Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der Lärm, und man begann +gemeinsam auf die Arbeiter in den Städten zu schimpfen, die schon wieder +einmal, zum soundsoviel hundertsten Male, streikten. + +„Achtstundentag!“ + +Die Bauern lachten heiser auf. + +Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen, pafften wild +Wolken von Tabaksqualm aus ... + +„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir Bauern an einen +Achtstundentag denken könnten! ... Und den Bauern das Vieh wegnehmen, +ha, und die Ernte verbrennen, das tät ihnen wohl so passen, he, was ... +Aber Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren Buckel +kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land herauswagen sollten, was +...!“ + +Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert, mit seinem +Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen Zweck in seiner Scheune +versteckt hielt. + +– – – + +Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier Jahre lang über dieses +Land, das Jacques Heimat war, hinweggestampft: und das Land war wüst und +leer. + +Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer riesigen, +schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an Trichter, Beule an Beule +... + +Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender +schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont war saftigrot +übersprengt wie mit frischen Blutklexen. + +Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich hineingetaucht, +so unlotbar tief, als sei das ganze Land so stumm und verwahrlost, wie +es war, längst im gläserigen Schutt des Meeres versunken ... + +Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern, und heran flog, +aus Knochenstäben gefügt und mit einer ganz der Menschenhaut ähnlichen +Leinwand bespannt, ein Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte +sich scheinbar mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch, +und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den einzigen Passagier, +der darin saß, erkennen konnte. + +Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im Frack und mit +Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten zum Gruß hin nickend, gerade +so wie der Präsident der Republik, als er die Paradefront der +siegreichen alliierten Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung +des Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris. Aber das +Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar dem Bankdirektor Michelet, +der in der Nähe des Dorfes eine schöne neue Sommervilla besaß, nach der +er regelmäßig jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten +asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam. + +„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da fließt ja auch ein +Regen, aber dieser Regen fließt ja gar nicht auf die Erde vom Himmel +herab, sondern gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel hinauf, aus +Millionen Menschenaugen sickert, fließt dieser Regen, dieser +Tränenregen, und das ganze Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von +diesen aufwärtsziehenden Tränenmassen prall, wie schwanger davon, füllt +sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt! platzt! und ganze +Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen hernieder, o so eine höllische +hitzige metallische Schmelzglut gibt das ... und eine Musik, o eine +Musik dazu – – –“ + +Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr. + +„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt! Die ganze Welt brennt! +Hast du ihn denn auch gesehen, wie er auf dem „Tier“ über das +Schlachtfeld geritten ist? Der Bankier, Marie, reitet über das +Schlachtfeld, und o auf einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ... +Aber nein, nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein, +nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von außen +und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich dir, ein Brändlein +zusammen, da schlagen die Feuerflächen wie wild aufeinander, Marie ... +Und wir, wir, Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten +dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes, bitt für uns arme +Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Amen! ...“ + +Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend hinausstieß, +war sein Weib aufgewacht. + +Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während ihn sein Weib +festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen und hatte Schaum vor dem +Mund: + +„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das Schlachtfeld +reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa, hop, hop, hop ... +Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers +Schlachtfeld ... O so traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig +... Und was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein +feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die +Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll Trübnis und +Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht, Marie, o, o, das war +was ... Gleich dem Weltende ... So eine Verkündigung, vielleicht etwa, +wie ... So eine Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“ + +Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet. + +Dann rang auch sie flehend die Hände. + +„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was um in dir, so +was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“ + +Jacques lallte immer noch: + +„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ... Der reitet, sag’ +ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende nimmt diese verfluchte, +höllische, gespenstische Reiterei, bis das Feuer, dieses Feuer, diese +glühende Höllenpestilenz wie eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“ + +Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und immer wieder und +beteten bis zur Früh vor dem kleinen Altar, einer gipsernen Grotte, mit +der Jungfrau Maria darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der +so hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem Zimmerwinkel +darüberhing. + +„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“ + +„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib. + +Der Hahn krähte. + +– – – + +Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib zum Priester. + +„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein Uebel ist uns +wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“ + +Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an. + +Da trat auch schon Jacques ein. + +„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch, nur, wie er aussieht! +Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“ + +Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser. + +Jacques bekreuzigte sich. + +Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den Puls und sagte +ganz freundlich: + +„Jacques, setz dich und erzähle!“ + +Jacques bekreuzigte sich. + +„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... +Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen, so wahr mir Gott helfe ... +Amen!“ + +„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und einen Reiter hast du +darin gesehen, mit einem Zylinderhut, dem Bankdirektor Michelet +ähnlich?“ + +„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor Michelet +ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem Roß eigentlich nicht, ist er +doch freihändig durch die Luft gefahren.“ + +„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch wirklich ein +Zylinderhut!?“ + +„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“ + +„Und also kein Dreispitz?“ + +„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“ + +„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen auf hat, weißt +doch ...“ + +„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon einen auf hat ... +Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein Zylinderhut ... Der große Napoleon +war es nicht, den hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das +Schlachtfeld geritten wär’ ...“ + +„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus Johannis +Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast, in der heiligen Schrift +geschrieben steht: „Und ich sahe den Himmel aufgetan; und siehe, ein +weiß Pferd, und der darauf saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet +und streitet mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine +Feuerflamme und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen +geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war angetan mit +einem Kleide, das mit Blut besprenget war; und sein Name hieß Gottes +Wort. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“ + +Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf. + +„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht. Das, was Johannes +da in seiner Offenbarung meint, ist doch der gottseligen Engel einer ... +Sicherlich, dieser war es ganz bestimmt nicht.“ + +„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit deinen eigenen +leibhaftigen Augen gesehen ...!?“ + +„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so wahr mir Gott +helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht ...“ + +„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin gegrüßt!?“ + +„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der Erinnerung +vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr genau unterscheiden: es war +aber, glaube ich, freundlich lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht +aber hat er auch gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“ + +„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein Dreispitz.“ + +„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“ + +Der Priester ging unruhig auf und ab. + +„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut! Also, ein +Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der Bankdirektor Michelet +... Hallunzination ... Wie der Bankdirektor Michelet, der wohl im Park +spazieren reitet oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches +Tier, so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du eines im +Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es ja auf der ganzen Welt +nicht ... Warst du nie in deiner Jugend krank, Jacques?“ + +„Nein, Hochwürden!“ + +„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle gehabt!?“ + +„Nein, Hochwürden!“ + +„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper. Schanker oder +so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut des männlichen Gliedes an +der Eichel ...!?“ + +Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den Zeigefinger +und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch. + +„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der Kirche bin, ich +schwöre: nein ...!“ + +„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen, falscher Ernährung, +nicht genügender Blutzirkulation, Jacques ... Iß von nun an nichts +gewürzt und nur leichte Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen +Traum möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild +kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in Gesetzesfrevel +ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein nasses Tuch auf den +Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten nicht vergessen, Jacques ...“ + +Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan läutete. + +Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf. + +„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden ... Kommt beide +gleich mit zur Frühmesse.“ + +Marie küßte dem Priester die Hand. + +Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur Tür hinaus. + +– – – + +Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der hintersten Bank +in der Dorfkirche. + +Sie beteten nicht, sondern schrien: + +„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder jetzt und in +der Stunde unseres Absterbens ... Hilf! Hilf! Hilf! ...“ + +Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber und sein +Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen einen Sarg zunageln, so knarrten +von den feuchten Wänden des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen +der gläubigen Gemeinde im Chor: + +„Amen! Amen!“ + + * * * * * + +Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum deuten können. + +Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern – wogegen sich +sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe oft am hartnäckigsten +sträuben – die Einsicht in den Mechanismus der Geschichte und: daß +unsere Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis +dieser Tatsache am eignen Leibe. + +„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner Meinung nach +wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein Prolet zur Antwort +gegeben. + +„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende: + +„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz, sondern +ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der Bankier reitet übers +Schlachtfeld. Ueberall, wohin der seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm +die ganze Klasse der Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich +unter mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld der +Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes daraus die +Schlote, die du bei klarem Wetter fern bei Paris sehen kannst, +emporschießen; Arbeiterviertel, Fabrikreviere, Kolonnen von +Wellblechbaracken. Ueberall, wohin du blickst, Jacques, ist dieses +Schlachtfeld der Arbeit bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in +Amerika, und auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung +der Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht +sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit dieser +Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld der Arbeit verwandelt sich +wiederum eines Tages ebenso sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen +System nach, aus dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes +Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der heute +herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes Schlachtfeld, auf +dem nicht die Millionen und Abermillionen an Hunger, Krankheit, +Ueberarbeit langsam dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der +Herrschenden gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen, +Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der Skrupellosigkeit +und dem exquisiten technischen Ueberraffinement der bürgerlichen Kultur +gemäß sind. + +„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld. + +„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er geht auch nicht +zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig, millionenäugig, +millionengliederig. Er kommt daher mit Tanks, Maschinengewehren, +Dreadnoughts; als Massenmord, als Galgen, als elektrischer +Hinrichtungsstuhl, als Attentat. Er fliegt durch die Lüfte, +Bombenflieger an Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland +befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum Trost, dann spritzt +er das Giftgas ab und jedes Partikelchen, das eine Menschenhaut trifft, +läßt sie bei lebendigem Leibe verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein +erzeugt er durch Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine +graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft über die Straße +gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt, Jacques, in seinem Büro +an der Arbeit, zwölf Stunden und darüber hinaus oft noch arbeitet er, +Tag und Nacht ist er unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend, +Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd, idealere Gifte, +idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle, Europa ist ein armseliger +Tümpel, eine kleine schmierige Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa! +... Wir werden Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue +Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer Druckknöpfe +über den gesamten Staatsapparat gebietend – so er nur will, so +geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm die Gewaltigen in deinem eigenen +Land, Jacques, haben eine neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter +ganz brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen, +mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen und aus deinem +Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend genug, daß Generationen +ihrer Geschlechter herrlich, sorglos und in Freuden davon noch zehren +können. Für deren Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile +weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot, die Augen sich +wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir an die Hände die Schwielen. +Für deren Mußestunden blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut +dünkt dich selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier auf +der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den Boden +herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen, Herr ...“ und +gerührt ob so viel Menschengüte ihm nachgaffst: „Seht! Welch ein +Wohltäter!“ + +„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen! Lüfte dir den +abergläubischen Bauernschädel gründlich aus, und jage den Priester zum +Teufel, wenn er ihn dir wieder mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon +garnicht nötig, daß du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis +heute noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet übers +Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem Gewehr umzugehen und +hast doch Schießen gelernt ...!? Jacques, träum jetzt den zweiten Teil +des Traumes, träum ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit +wird! ...“ + +„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten Jacques zunächst +noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ... „Laß mal! Ich habe am ersten +schon überreichlich genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne +besondere Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem +zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht nur die +Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf kämpfen und an den +Sieg des Proletariats glauben soll. + +Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in seinen +Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das: + +„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... + +„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft, müssen ihm +selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer, die die Millionen Toter +blutig einst an ihm rächen werden. + +„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast, betrifft. Du +sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern und Knochenknacken zugleich +gewesen; die Orgel in der Dorfkirche hätte laut aufgeschrien, und die +Register hätten sich von selbst alle durcheinandergezogen, und ein +grausiger Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg +hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt, und auf +die Pedale hätte es gestampft, als ob dort ein ganzes Heer +ununterbrochen auf- und niedermarschiere ... + +„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst du auch +diese Musik dazu. + +„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und Kirchenkonzerte und +sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen nicht mehr unserer Zeit. Der +Rhythmus unserer Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und +eine Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist bis heute +noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben, dieses Höllentempo zu +fassen, kein Künstler ist da, der dies auszudrücken vermöchte. Die Zeit +heult sich selbst ihre Musik. Aber den letzten Satz dieser +infernalischen Symphonie spielt: das Proletariat ... + +„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein wird, den Herren +zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem Instrument in das große Orchester +recht kräftig mit einstimmen kannst ... + +„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der Wirklichkeit +verstehen, was es mit deiner phantastischen Vorstellung auf sich hat, +daß der Himmel von den vielen Tränenergüssen, die aus der Erde +aufstiegen, schwanger geworden und, flüssiges Feuer aus sich +herausschüttend, unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei +... Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die Macht +übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal, bestialischer Gemeinheit +ist der Weltraum erfüllt, daß – gäbe es einen gerechten Gott – er in der +Tat gar nicht anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der +grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu fristen gewohnt +ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen Hand von der Erde +hinwegzufegen ... Nun, Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt +... Drum nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an dich +ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns Proleten ists, ein +für allemal gründlich auszumisten ... + +„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques! Der Bankier reitet +übers Schlachtfeld!!!“ + +Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische Kleinbauer +hätte gesprochen: + +„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’ ich wohl ein, eine +richtige Auslegung meines Traums gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben +allzumal ... Wir müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören +zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die Hand darauf! Fest ... +Ja, so ist es ...“ + + * * * * * + +Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld. + +Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet quer über +Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über Flußläufe und +sommerdampfende Steppen hinweg, hoch hinan bis in die Gletscherwüsten, +die Felsnester der Hohen Tatra ... + +Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt. Wie die Halme +der Sturm, so beugt es tief erdab den Kulis Nacken und Haupt ... +Krummgewachsen muß ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten, +reiten kann ... + +Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der Bankier reitet, +reitet immer noch. Aufrechter denn je steht er, wie eine mit einem Frack +und einem Zylinder angeschminkte Götterstatue, im Sattel ... + +Die Knochentrommel trommelt. + +Die Gerippscherben klappern ... + +Hop! Hop! Hop! + +Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers +Schlachtfeld. – – – + +Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht mehr ein +Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!! + +Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch, schnellen das +Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – – + + * * * * * + +Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub! + + + Der deutsche Schicksalsroman + im Zeitalter des Giftgaskrieges + + Johannes R. Becher + + (CHCl=CH)3As + (Levisite) + oder + Der einzig gerechte Krieg + + Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit exakter + Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken, vor + allem Edgewood, das Hauptarsenal der Giftgasfabrikation, lernen die + Fabrikationsmethoden kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen + auf dem Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader, + Tankarmeen marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ... + Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen + Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es gibt nur eine + Lösung dieser Frage, die für Deutschland, für Europa, für die ganze + Welt als Schicksalsfrage gestellt ist. Die Art der Lösung dieser + Frage macht das Werk zu einem hochaktuellen, zu einem politischen + Buch ... Ein Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die + über dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden. + + 1. bis 10. Tausend + + Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark + + + Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26 + + + Alle Rechte vorbehalten. + Copyright by Agis-Verlag, Wien. + Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 15]: + ... dieses Abend ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ... + ... dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ... + + [S. 17]: + ... Eine der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ... + ... Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ... + + [S. 65]: + ... der Schlammkatakomben wiederzuhallen. ... + ... der Schlammkatakomben widerzuhallen. ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 *** diff --git a/75793-h/75793-h.htm b/75793-h/75793-h.htm new file mode 100644 index 0000000..de2e15a --- /dev/null +++ b/75793-h/75793-h.htm @@ -0,0 +1,6454 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Der Bankier reitet über das Schlachtfeld | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Der Bankier reitet über das Schlachtfeld" --> + <!-- AUTHOR="Johannes R. Becher" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Agis, Wien" --> + <!-- DATE="1926" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; max-width:25em; + margin-left:auto; margin-right:auto; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; padding-top:2em; margin-bottom:1em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; padding-top:4em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.toc { text-indent:0; text-align:center; max-width:20em; font-style:italic; + margin-left:auto; margin-right:auto; } +p.first { text-indent:0; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.center { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; } +p.tb { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; } + +.keep-nu-html-checker-happy { } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } +span.antiqua { font-style:italic; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +/* ads */ +div.ads { font-size:0.8em; max-width:25em; margin-left:auto; margin-right:auto; + margin-top:2em; border:1px solid black; padding:1em; } +div.ads p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +div.ads .hdr { text-align:center; font-size:1.25em; } +div.ads .hdr .line2 { font-size:0.8em; } +div.ads .aut { text-align:center; font-size:1.25em; } +div.ads .book { text-align:center; font-size:1.25em; font-weight:bold; } +div.ads .book .line2 { font-size:0.8em; font-weight:normal; } +div.ads .book .line3 { font-size:0.8em; font-weight:normal; } +div.ads .run { text-align:center; } +div.ads .price { text-align:center; } +div.ads .pub { font-size:1.25em; font-weight:bold; margin-bottom:0; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker p.toc { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } +.x-ebookmaker em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } +.x-ebookmaker div.ads { max-width:inherit; border:0; padding:0; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic"> +<img src="images/cover.jpg" alt=""></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="aut"> +Johannes R. Becher +</p> + +<h1 class="title"> +Der Bankier reitet<br> +über das Schlachtfeld +</h1> + +<p class="subt"> +Erzählung +</p> + +<p class="pub"> +Agis-Verlag / Wien 1926 +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="toch" id="part-1"> +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +Inhalt +</h2> + +</div> + +<p class="toc"> +Das schwimmende Märchenschloß. – +Vornehme Passagiere. – Hotel +„Zum Weltkrieg!“ – Lernt aus dem +Vergangenen für das Zukünftige! +– Gewidmet den Meistern in der +Verwendung von Millionenheeren! +– Auf den Spuren schwerer Brocken. +– Von denen, die sich über den +Massengräbern aalen. – Legende +vom toten „Bauernchristus“. – Das +Frontschwein Emil. – Brüder der +„Großen Grube“, hört! – Hop hop +hop! – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="blank" id="part-2" title="Der Bankier reitet über das Schlachtfeld"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting +hatte, als er in dem weltberühmten Höhenluftkurort +St. Moritz in der Schweiz eintraf, bereits eine mehrwöchige +wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem +modernsten Luxus ausgestattete Riesenturbinendampfer +„Columbia“ aus dem Hafen von Newyork auslief. +</p> + +<p> +Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne. +</p> + +<p> +Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra +erscholl, und dann wie ein Salutschießen: ein knatterndes +Händeklatschen. +</p> + +<p> +Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden +Feuerräder der Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln +auf und nieder rollenden Lichtbuchstaben leuchteten noch +weit ins Meer hinein, die Turmbauten der Wolkenkratzer +waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue +war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von +Scheinwerfern gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, +schon kaum mehr das Geräusch der Staffeln der +Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem monotonen +Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen +Ozeans entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich +einer der von der Erde aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann +reckten staunend die Passagiere ihre Köpfe hoch: da hingen sie +beinahe wie unbewegt, die stählernen Riesenfalter, unmittelbar +unter einem wie ein Gletscher schimmernden Wolkenfeld. +</p> + +<p> +Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen +um die „Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten +Grenzzone und schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen +abschossen, noch einmal, bevor sie in den Hafen zurückkehrten, +in einem großen Bogen um sie herum ... +</p> + +<p> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch +vor dem Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ +zu bewundern. +</p> + +<p> +„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu +Unrecht genannt. +</p> + +<p> +Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, +das Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der +vielen deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, +und das schöne Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken +streichelnd, hätte er sicherlich wehmütig aufgeseufzt: +„Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder einmal, +gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten +erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ... +</p> + +<p> +Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier +durch sämtliche Räume führen. +</p> + +<p> +Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden +Ampeln und den gedrechselten durchsichtigen +lichtflüssigen Glassäulen einer traumhaften Grottenhalle, +ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden Seiten ließen, +von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe durchschimmern, +so daß man speisend, während der Fahrt, wie in +einem Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich +vorübergleiten sah. Rauch- und Billardzimmer schlossen sich +an die „Traumgrotte“ an, ein Lesezimmer und die Bordbibliothek, +so umfangreich und mit solch wertvollen Buchausgaben +ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick in +den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren +Ranges messen konnte. +</p> + +<p> +Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die +Massage- und Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit +einem ein Meter und einem drei Meter hohen Sprungbrett +besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich dann von +dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß +auch eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn +nötig, das an sich schon immer etwas rebellisch veranlagte +Heizpersonal gebührend in Schach zu halten. +</p> + +<p> +„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... +Dann bitte –“ +</p> + +<p> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier +eine lange Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung +des Offiziers folgend: „Bitte, treten Sie ein wenig zurück, +es ist nicht gerade nötig, daß die Heizer Ihrer ansichtig +werden“ – sah er durch die mit schweren Eisenklammern +abschließbare Luke in den Heizraum hinein. +</p> + +<p> +Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen. +</p> + +<p> +Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht. +</p> + +<p> +Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer +badete. +</p> + +<p> +„Genug!“ +</p> + +<p> +Die Luke schloß sich. +</p> + +<p> +„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch +bedient werden ...“ +</p> + +<p> +Der Bankier sah sich noch einmal um. +</p> + +<p> +Die Luke glich einer schweren Panzerplatte. +</p> + +<p> +Armdick. +</p> + +<p> +„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, +meinte der Bankier treuherzig. +</p> + +<p> +„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was +vorkommen sollte, Leck, hier werden die Schotten zuerst +abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... Die Wassermasse +stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem gewaltigen +Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen +Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen +der Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen +mit dem Element dauert nicht lange, je nachdem, +aber sicher nicht länger als drei Minuten. Bloße +Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie Panzerplatten +zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe +dagegen rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. +Und jede Sekunde, die unten das Schiff noch in Gang bleibt, +ist oben für die Rettungsaktion gewonnen ...“ +</p> + +<p> +Der Rundgang war beendet. +</p> + +<p> +Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze +des Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall +durch die Adern zischte, abzukühlen ... +</p> + +<p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch +schnitt sich die „Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung +war durch eine bestimmte Rumpflinienführung und durch +eine neueste Kreiselkonstruktion ausgeschaltet. +</p> + +<p> +Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, +stürzten sich unter einem langanhaltenden Rolldonner heran, +der Kiel schnitt glatt mitten hindurch, ein wüstes Gekreische, +als ob Wasser geschlachtet würde – und der Meeresgrund +sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten Wogenberge +wieder in einer langen Schleife an sich zurück ... +</p> + +<p> +Schön und tiefblau war die Nacht. +</p> + +<p> +Ein lauer Windzug strich. +</p> + +<p> +Das Firmament glitzerte. +</p> + +<p> +Hie und da fiel eine Sternschnuppe. +</p> + +<p> +„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“ +</p> + +<p> +Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach. +</p> + +<p> +Dann suchte er seine Kabine auf. +</p> + +<p> +Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung +gedämpft – stampften, stampften die Maschinen. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +„Du, von was leben die da oben eigentlich?“ +</p> + +<p> +Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen +Heizer an einen Deutschen heran. +</p> + +<p> +„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß +Kontrolle ist, hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen +unterschrieben?! Du weißt doch, daß es eine Schiffspolizei +gibt, auch unter den Heizern sind solche ... Von was die +leben!? ... Davon!!“ +</p> + +<p> +Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige +Hand, und schippte seine Kohlenbrocken weiter. +</p> + +<p> +„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... +Wenn wir einmal die Glut aus den Kesseln reißen, dann: +Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich ist’s aus mit dem +großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich dir ...“ +</p> + +<p> +„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, +„genau so ist’s auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim +bin. Länderhungrig sind die. Und schöne Maisplantagen +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +haben die sich angelegt und große, große Spinnereien ... +Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen +und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt +... Ein gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, +ein Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle +besoffen mit Branntwein ... Auch Opium, Bruder, Opium! +Ganze unterirdische Höhlenstädte haben wir, in denen nur +Opiumraucher wohnen ...“ +</p> + +<p> +Ein Schwarzer trat hinzu. +</p> + +<p> +„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, +mitsamt dem Weidland, ja schrecklich länderhungrig sind die, +und die Erde bohren sie an und ziehen daraus mittels elektrisch +betriebener Pumpwerke den ganzen Saft hervor ... +Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt +ihr, Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht +dagegen aufkommen. Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ +macht, da sind oft gleich an die Tausende in einem Nu hin. +Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie dieser Maschinenraum +schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut schwitzt +unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“ +</p> + +<p> +Schweigend starrten die Drei in die Glut. +</p> + +<p> +Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p> + <p class="verse">Daß das Schiff läuft –</p> + <p class="verse">Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p> + <p class="verse">Daß das Schiff schneller läuft ...</p> + <p class="verse">Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p> + <p class="verse">Daß das Schiff Volldampf läuft!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien. +</p> + +<p> +Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das +Heizerlied zu Ende: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,</p> + <p class="verse">Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +– – – +</p> + +<p> +Die Maschinen stampften. +</p> + +<p> +Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! – +</p> + +<p> +„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die +ganze Welt wird einem zu Venedig ... Alle Länder der +Welt miteinander durch Kanäle verbunden, darüber hinweg +wir in schwebenden Gondeln ...“ +</p> + +<p> +Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von +Dankbarkeit an das Schicksal der Welt, wie der Mensch, +aus Staub und Lärm der Großstadt entfernt, ein Anderer +wird. +</p> + +<p> +Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten. +</p> + +<p> +Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte +und sachverständige Zuschauer. +</p> + +<p> +Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt. +</p> + +<p> +Nachrichten aus aller Welt: +</p> + +<p> +Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad +oder den erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl +ausgegossen träumen, was Europa träumt, träumen, was +Amerika träumt, und kaum, daß ein Ereignis in der Welt +geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und der Kunst, +der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen +wurde es einem ins Ohr geflüstert. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser +sensationeller Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten +des jungen italienischen Pianisten Antonio Carracarra +gestalten, das für die Passagiere noch hinreißender +zu werden versprach, als die oft an eigenartigen Ueberraschungsmomenten +reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, +des Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht. +</p> + +<p> +Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war +kein Frauenfreund. Sogar in der amerikanischen Presse +stand jüngst darüber ausführlich geschrieben. +</p> + +<p> +Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten +seine Hände, küßten seine Hände, Antonios Hände, von +denen eine ungarische Gräfin, die sich der Poesie widmete, +sagte, man müsse einen Abguß von ihnen nehmen, um sie +noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln. +</p> + +<p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses +in die Hände geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, +und diese Hände würden auch, abgesondert von dem Körper, +dem sie zugehörten, ein Leben führen können, ein Traumleben, +ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, getrennt +vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene +Musik: Antonio Carracarras Hände! +</p> + +<p> +Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras +Spiel bisher nur im Radio gehört, seine Klavierabende +waren immer schon Wochen, ja Monate vorher ausverkauft, +und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren die +Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in +eine immer schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich. +</p> + +<p> +Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der +„Columbia“ gab, war nur das eine zu berichten: +</p> + +<p> +Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten +als Klangfittiche, sich ihm wunderbar verschmelzend, durch +den Konzertsaal, und zur Musik, zu lebendigen Traum-Fugen +wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer. +</p> + +<p> +Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes +hinter einem Frühling prächtigster Blumenarrangements +verschwand, da sprach die Meinung aller derer, die sich so +reich begnadet dünkten, an diesem Abend haben teilnehmen +zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am treffendsten +aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte: +</p> + +<p> +„Einfach Apollo!“ +</p> + +<p> +War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, +was ihren höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin +äußerte, einmal, Antonio Carracarras Hände über Augen +und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen ...!? +</p> + +<p> +Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen +Körpers entledigt würde, die irdische Hülle fiel von +ihm ab, und er fühlte sich einen Augenblick lang gut, ganz +gut ... +</p> + +<p> +Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich +sie in Gedanken mit dem jungen Antonio, einige Pläne +kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und er faßte den Entschluß, +Antonio Carracarra kennen zu lernen. +</p> + +<p> +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. +Antonio Carracarra wiederum, der an Bord ein +zurückgezogenes Leben führte, tat so, als ginge er dem +Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der genialsten +Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und +dem er gern die Hochachtung des Künstlers den großen +Männern der Industrie gegenüber ausgesprochen hätte ... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen +der „Columbia“ in Europa. +</p> + +<p> +Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im +Hafen von Southampton einlaufen. +</p> + +<p> +Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine +Spezialattraktion angekündigt. +</p> + +<p> +Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen +und künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt +werden, die neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd. +</p> + +<p> +Welch eine Ueberraschung! +</p> + +<p> +Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, +nach dem Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige +Leinwand war gespannt, und die Zuschauer hatten ihre +Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem in Decken +gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen +räkelten. +</p> + +<p> +Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu. +</p> + +<p> +Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: +die „Internationale“, gleich darauf ein wildes +Durcheinandergeknatter von Gewehrschüssen, dem, gemessen +und mit breiten Strichen vorgetragen, ein Choral folgte, +und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und +Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem +englischen, französischen und deutschen Nationalhymne. +</p> + +<p> +Der Filmstreifen wickelte sich ab: +</p> + +<p> +Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter +Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses +fluchwürdige Attentat verübt wurde, ließ sich einige Sekunden +lang sehen, dann fuhr König Boris in einem schnittigen +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit noch von seinem +Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei er +selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion +geworden wäre ... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; +verstümmelte Leichen mit abgehackten Köpfen davor: +die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein darauffolgendes +Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer +Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten +Pläne hegten und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. +Ein Blick in das kommunistische Parteibüro besagte mehr +als genügend ... Und nunmehr folgte auch schon der Akt +der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von Gefangenen +vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber +auch Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann +Großaufnahme: die drei Hauptschuldigen. In diesem +Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem Schweigen +verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, +der allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen +er gelten sollte, hörten ihn nicht mehr ... Schon war das +Galgenrechteck auf dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der +lebende Wall der vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, +ungeduldig vor Spannung, auf und ab, da aber ratterte +auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode Verurteilten +heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten +gepfropft, und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde +nochmals verlesen. Der Verbrecher unter den Galgen geführt. +(Wieder: Trommelsolo!) Man half ihnen auf den +Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den +Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen +der vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, +die sich blendend amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt +fragte: „Alles fertig?!“ Die Henkergesellen nickten, +sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen sie um und +schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die +Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten +dazu wie Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten +schwangen langsam wie Pendel hin und her, strafften sich, +und der Strick, von dem doppelten Gewicht, dem des Henkers +und dem des Gehenkten, belastet, schnitt doppelt tief im +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich +wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) +Eine weiße Kapuze wurde jetzt den im Todeskrampf zu +einiger wüsten Grimasse verzerrten Gesichtern übergestülpt +und – +</p> + +<p> +Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte! +</p> + +<p> +Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete: +</p> + +<p> +„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“ +</p> + +<p> +Erntefelder. +</p> + +<p> +Bauern, die Garben binden. +</p> + +<p> +Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend +wie ein Heiland durch ihre ehrfürchtig die Köpfe von den +Mützen entblößenden Reihen hindurchschritt ... +</p> + +<p> +Das Bordpublikum klatschte. +</p> + +<p> +Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen +äußerte, alle durch die historische Wucht jener Szenen zu +tiefst erschüttert. +</p> + +<p> +Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick +lang in der Nacht, und darunter mit einer flammenden +Inschrift, die sich jedem tief bis auf den Herzkern einbrannte, +nichts weiter als die knappen Worte: +</p> + +<p> +„Wir oder sie ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb. +</p> + +<p> +Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein. +</p> + +<p> +Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der +Filmvorführung zusammengefunden: Dancinggirls, die +Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, Sportsleute, Schaupieler. +</p> + +<p> +Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer +Ecke im Klubsessel. +</p> + +<p> +Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als +einer, in eine lang an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske +gekleidet, händeklatschend und dabei wie ein bayerischer +Gebirgler jodelnd hereintanzte. +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung. +</p> + +<p> +Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme +ausgezeichnet gelungen. +</p> + +<p> +Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer +als Gehängter, sogar den Strick noch um den Hals, die +Dancinggirls teils als „öffentliche Frauenzimmer“, teils +als Nacktdamen. +</p> + +<p> +Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den +Bankier zu: +</p> + +<p> +„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“ +</p> + +<p> +Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm +einen roten Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen +um Brust und Hals wand. +</p> + +<p> +Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl. +</p> + +<p> +Ein Glas klingelte dreimal schrill. +</p> + +<p> +Ein allgemeines Gesumme: +</p> + +<p> +„Ah, eine Ansprache ...“ +</p> + +<p> +Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen +rüsselartigen Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu +rollte. Die Worte daraus tönten dumpf und krächzend. +</p> + +<p> +„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema +dieses <a id="corr-7"></a>Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser +Raum hier sei ein Unterseeboot oder eine Taucherglocke. +Wir befinden uns auf dem Grund des Meeres. Hören Sie, +wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die der Kiel +unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ... +Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir +setzen jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. +Nach ihm – die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr +religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und Absolution haben +Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die +Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der +Karren im Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr +die sicher lobenswerte Absicht – und die hohe Kommandoleitung +unseres versunkenen Boots hat sich dem Wunsch +ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die Absicht, +in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +durch die Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen +sind, würdig mit unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. +Unsere Gesellschaft ist so gemischt wie nur irgend +möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; alles, was +das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter, +Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, +Bolschewisten, Milliardäre, sogar ein Henker. Darf ich gleich +vorstellen – vielleicht findet sogar noch im letzten Lebensaugenblick +eine Hinrichtung statt – Jonas Thompson, gebürtig +aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun, +meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es +Ihnen kraft der eingangs meiner Rede behandelten Umstände +noch gestattet ist ... Freut euch des Lebens, wenn +noch das Lämpchen glüht ...“ +</p> + +<p> +Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, +Blechschellen, Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den +letzten Worten der Rede ein. +</p> + +<p> +„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser +Motto sein!“ +</p> + +<p> +Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme. +</p> + +<p> +Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt. +</p> + +<p> +Einige rülpsten laut. +</p> + +<p> +Andere gurgelten. +</p> + +<p> +Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein +langer Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt. +</p> + +<p> +Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll: +</p> + +<p> +„Rhizinus!“ +</p> + +<p> +Und zum Henker gewandt: +</p> + +<p> +„Danach tranchiert ...“ +</p> + +<p> +Gleich darauf erschollen Hochrufe: +</p> + +<p> +„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ... +</p> + +<p> +„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und +die Gehängten! ...“ +</p> + +<p> +Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter +einige Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen +unter den Armen hingen. +</p> + +<p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“ +</p> + +<p> +„Hoch! Hoch!“ +</p> + +<p> +„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“ +</p> + +<p> +<a id="corr-10"></a>Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die +Schulter eines Cowboys, der wiederum auf der Schulter der +Ku-Klux-Klan-Maske stand. +</p> + +<p> +„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! +Famos! Was! ...“ +</p> + +<p> +Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes</p> + <p class="verse">Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an +den Bankier einer der als Zuhälter Kostümierten heran, +eine Kokotte imitierend. +</p> + +<p> +„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender +Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“ +</p> + +<p> +Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht. +</p> + +<p> +Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd +„uch nein“, und ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick +die Uhr mitsamt der Kette verschwinden. +</p> + +<p> +„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! +... Auch anders wie die anderen!? ... Du federleichtes +Spatzengehirn, wieviel Milligramm wiegst du denn, +Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen Klubsesselhintern! +... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ... +</p> + +<p> +Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den +die Kokotte imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten +sich inzwischen die Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten +hergemacht. +</p> + +<p> +„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, +will Seemann werden und verträgt keinen Schluck nicht.“ +</p> + +<p> +Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen +Schlund entleert. +</p> + +<p> +„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“ +</p> + +<p> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt. +</p> + +<p> +„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das +Gaumenzäpfchen kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen +Schweinespecks recht liebevoll an einem Schnürchen im Hals +auf und niederziehen!? ...“ +</p> + +<p> +Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün +und weiß. +</p> + +<p> +Kotzte. +</p> + +<p> +„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, +das zieht ihm die Milch aus den Wangen ... +Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das Kotzen will gelernt sein. +Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen heute abend +am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn +du nicht bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“ +</p> + +<p> +Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel +„Halleluja! Gloria in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er +kotzt sogar um die Ecke! ...“ +</p> + +<p> +Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum. +</p> + +<p> +„Hihihi!“ +</p> + +<p> +„Hahaha!“ +</p> + +<p> +„Huhuhu!“ +</p> + +<p> +„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise +gekotzter Sch...e gefällig!? +</p> + +<p> +„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! +Nein, habt ihr schon einmal so ein Kotzen gesehen?! +</p> + +<p> +„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner +Lektion, Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“ +</p> + +<p> +Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske +geleitet, mußte sich das Kotzen mitansehen. +</p> + +<p> +„Direkt eine Sehenswürdigkeit! +</p> + +<p> +„Ein Meister seiner Art! +</p> + +<p> +„Ein richtiges Kotzwunder! +</p> + +<p> +„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen! +</p> + +<p> +„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter +Leckerbissen, was ... +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme +drin ...“ +</p> + +<p> +Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und +ergab sich gleich wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, +er kotzte. +</p> + +<p> +„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel +besonderes Eintrittsgeld erheben ... +</p> + +<p> +„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet. +</p> + +<p> +„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde +und Kinder anwesend!?“ +</p> + +<p> +Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die +Dancinggirls, der Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske +als Hunde und Kinder verhaftet, und aus der Kotz-Vorstellung +abgeführt. +</p> + +<p> +„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch +seinen eigenen Dreck aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat +jetzt den Aspiranten an, der aus dem letzten Loch pfiff +und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei gekommen. +</p> + +<p> +Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, +wie er ihn bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, +drückte ihn an sich und wiegte ihn. +</p> + +<p> +„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust +... Schlaf, mein Kind, schlaf ... Na, hat das +Komitee der Todgeweihten nicht etwas zu bieten!?“ +</p> + +<p> +Es war inzwischen Morgen geworden. +</p> + +<p> +Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln +und eckige Zeichenbuchstaben mit der +Hand in die Luft fuchtelnd die Ku-Klux-Klan-Maske den +Tisch. +</p> + +<p> +„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“ +</p> + +<p> +Einige lagen bereits am Boden. +</p> + +<p> +Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin: +</p> + +<p> +„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“ +</p> + +<p> +Lautlose Stille trat ein. +</p> + +<p> +Man hörte Schnarchen. +</p> + +<p> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben +abgesägt ...“ witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als +Nebenbemerkung vor sich hin. +</p> + +<p> +„ssssst!“ +</p> + +<p> +Ein Glas klingelte schrill dreimal. +</p> + +<p> +„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu +Ende. Ruhe und Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten +verlangt es! Der Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen +Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie die Haltung ein, in +der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam Ihre +Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten +noch ... Dann erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar +die Feuerschrift an der Wand: <span class="antiqua">mene menetekel upharsin</span>. +Und dann drücken die Wasser zu den Wänden herein, denn +unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis +zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. +Eine Sache wie ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau +Leichinnen! Sehr verehrte Herren Leichen! Wir bekommen +gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, Wale ... +Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“ +</p> + +<p> +Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der +Ku-Klux-Klan-Maske vollkommene Totenstille. +</p> + +<p> +Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet +hatte. +</p> + +<p> +Hie und da nur ein krampfhafter Schluck. +</p> + +<p> +Es gluckste. +</p> + +<p> +Einige würgten ihren Brechreiz hinunter. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Die Maschinen stampften. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa. +</p> + +<p> +Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an +Deck versammelt. +</p> + +<p> +Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch. +</p> + +<p> +Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte +schläfrig ins strahlende Licht. +</p> + +<p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft +des Milliardärs zu machen. +</p> + +<p> +Trat an den Amerikaner heran: +</p> + +<p> +„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“ +</p> + +<p> +Und als der Amerikaner freundlich nickte: +</p> + +<p> +„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“ +</p> + +<p> +Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und +setzte sich dicht an den Amerikaner heran. +</p> + +<p> +„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film +noch bei dem Maskenfest zu sehen ...?“ +</p> + +<p> +„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. +Da geht es dann gegen Ende zu doch immer ziemlich toll +her. Das sind Volksbelustigungen, mit einer tüchtigen +Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht geschaffen +für Menschen meiner Art ...“ +</p> + +<p> +„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich +sich einmal austoben lassen. Es war eigentlich ganz +gemütlich ...“ +</p> + +<p> +„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach +Paris ... Und da wollte ich mich mit Ihnen verabreden +...“ +</p> + +<p> +„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns +noch kennengelernt haben, bevor es zu spät ist ...“ +</p> + +<p> +„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner +nach einigen Minuten Stillschweigens. „Ich möchte zwar +nicht mit der Türe, wie man so sagt, ins Haus fallen, aber +Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht erscheint es +Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es +nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon +seit langem gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und +ich habe auch den Glauben, die Zuversicht: wir werden es +immer bleiben ...“ +</p> + +<p> +„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. +„Ich hätte dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... +Fragen Sie mich, bitte fragen Sie mich ... Es erscheint +mir wie eine heilige Pflicht, Ihnen Antwort zu geben ...“ +</p> + +<p> +Wieder schwieg der Bankier. +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Er schien sich die Frage innerlich abzuringen. +</p> + +<p> +Am Horizont stieg die englische Küste höher empor. +</p> + +<p> +„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, +sagte ein Paar, das an den beiden vorüberstrich. +</p> + +<p> +„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise +dazu bereit erklärt haben, mir Rede und Antwort +zu stehen ... Sie werden ja selbst fühlen, Schweres geht +in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit gewaltigen +Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und +müssen daher über die Schranken der Zeit, der wir +Sterbliche verhaftet sind, hinausblicken. Und welche Ideale +nun sind es, frage ich Sie, für die die Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, +in denen wir stehen, ihre Stimme +erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt +meine Frage begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um +meine Söhne ... Ich frage Sie als Freund und Vater ...“ +</p> + +<p> +Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich +erstaunt. +</p> + +<p> +Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte +er. +</p> + +<p> +„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, +im Namen und im Auftrag einer Jugend, im Namen +eines ganzen Geschlechts. Welchen Geschlechts, das sollen +Sie alsbald erfahren! +</p> + +<p> +„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all +dem, das wie ein Kreisel balancierend über eine messerscharf +geschliffene Kante dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... +Wir, die wir in Wahrheit nicht mehr lieben können, wir +lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns nicht mehr +sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach +der Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, +wir sehnen nicht mehr aus Herzensgrund heraus: wir +lieben, wir sind sehnsüchtig mit den Nerven ... Wir sind +Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, hoch +hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir +vibrieren, phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden +keine Funken, wir strahlen keine Wärme mehr aus ... Der +Lebensquell in uns ist versiegt ... +</p> + +<p> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt +vor unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. +Wir werfen uns über die Welt, gierig wie über +einen Leichenhügel her, wir beschlafen Leichen, treiben +Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind wir +geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns +zum Leiden gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, +wir sind die wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, +die je ein Zeitalter hervorgebracht hat. +</p> + +<p> +„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, +da habe ich deutlich beobachten können, wie +die Herrschaften dabei vollauf befriedigt sich mit der Zunge +die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es das Wasser im +Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ... +</p> + +<p> +„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen +wir nicht jeden Tag wieder von neuem vor Entzücken auf +über unsere eigene Verwesung!? +</p> + +<p> +„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! +Wehe dem, der es wagen sollte, nach unserem Traumreich +die Hände auszustrecken! +</p> + +<p> +„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll +von Ränken und unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und +unerbittlich zugleich, und noch sind wir stark, stark genug! ... +</p> + +<p> +„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, +der Blutrausch ist für uns geistige Menschen ein +geistiger Rausch. +</p> + +<p> +„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt +über die abgründige Meertiefe dahinfährt? +</p> + +<p> +„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang. +</p> + +<p> +„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht +und der Mensch in ihrem Schatten zusammensinkt? +</p> + +<p> +„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen +letzte Nacht sein ... +</p> + +<p> +„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde +für Stunde die Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie +mir Haar und Nagel im Sarg noch um ein geringes nachwächst +... Ich bin trunken davon ... +</p> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, +Mr. Branting, hat <em>eine</em> Voraussetzung: Ihre, ja Ihre +Nüchternheit. +</p> + +<p> +„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister! +</p> + +<p> +„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute +noch den Kurswert der Zeit besitzt. +</p> + +<p> +„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“ +</p> + +<p> +„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“ +</p> + +<p> +„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, +die sich dieser Welt überwölbt ...“ +</p> + +<p> +Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte. +</p> + +<p> +„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. +Ihre Worte klangen wie eine Symphonie ... Haben Sie +mir nichts mehr zu sagen!?“ +</p> + +<p> +„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter +des „letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir +sprechen werden, muß ebenso wie das erste, das wir gesprochen +haben, hart sein! Ein Machtwort!! In dieser Periode unserer +Herrschaft können wir uns nicht mehr den Luxus der flauen +Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite hin betrachtet, +entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer +Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen +neuen Welt-Entwurf vorlegen, aber wir werden mit spitzem +Hammerschlag noch einen neuen Zug ins Weltgesicht einmeißeln: +eine grausame Linie, Schattenkurven unters Auge, +eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch +nicht davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und +zynisch in eine Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind +zwar Flüchtlinge. Wir sind auf dem Rückzug. Aber dieser +Rückzug vollzieht sich unter der Parole des Angriffs, unter +einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser +Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und +eine tiefe Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen +wir uns selbst zur Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, +Opferberge. Wenn wir Menschen anstecken als +Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem, +was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +wir wollen oder nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... +Wir verzweifeln an der Verzweiflung ... Aber, wie ich +Ihnen schon sagte, wir sind noch stark genug, stark ... +</p> + +<p> +„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns +alle befallen hat, schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen +aus uns noch die letzten Früchte heraus: eisig glühende, +gespenstische, exzentrisch verformte Gewächse. Dann ist uns +der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, dieser +Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit +ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen +möchte. Wird dann noch einmal wie dürres Blättergeraschel +diese Welt aufflammen zu einem Scheiterhaufen, darauf +man sich zur großen Ruhe betten kann!?“ +</p> + +<p> +Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester. +</p> + +<p> +„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine +stampft, und sie stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch +tiefer aus der Erde heraus! ... Der Heizer im nackten +Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der feldgraue +Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an +sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein +Traumreich Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. +Stahl, Kohle, Erdöl: aus ihnen heraus destilliert sich auf +einem langen, qualvollen Umweg mein Traumreich ... Und +wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich –!?“ +</p> + +<p> +Die Maschine stampfte zurück. +</p> + +<p> +Der Schiffskörper zitterte. +</p> + +<p> +„Also!“ +</p> + +<p> +Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich. +</p> + +<p> +„Europa.“ +</p> + +<p> +„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie +an die Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“ +</p> + +<p> +„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. +Wir beide wissen mehr, als wir für unbedingt +geboten halten, daß es ausgesprochen wird ...“ +</p> + +<p> +„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, +im Flugzeug!“ +</p> + +<p> +Die Schiffssirenen schrillten. +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein +eisern gemuskeltes Armgelenk gebogen herniederhing, lief +die „Columbia“ in dem Hafen von Southampton ein. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen +Freunde zu, als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in +den lichtblauen Aether hineinschnellte. +</p> + +<p> +„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ +träumte Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, +angefüllt mit schmelzendem Meerblau. Und der Mensch, +von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine melodische +Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang +volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle +des Nichts ...!“ +</p> + +<p> +Die Flugzeugmotore donnerten. +</p> + +<p> +„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! +Ueberall in der Welt singt es unseren Untergang. Aber auch +wir stimmen darin ein wie in ein Triumphgeheul ... Sehen +Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: Dreadnoughts, +ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem +Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich +bei dem Gedanken an die wie ein leise sirrendes metallisches +Gewitter heraufziehenden Geschwader der Bombenflieger, +ich berausche mich an dem Gedanken an den kommenden +Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen +wird ... Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit +einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden. Die +wenigen Eingeweihten werden zu schweigen wissen ... Ich +berausche mich bei dem Gedanken an dieses Geheimnis, an +unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im +Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige +grandiose Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... +In Schönheit sterben, nenne ich das ...“ +</p> + +<p> +Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten +seines Freundes zu. +</p> + +<p> +„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre +es aus meinem Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Sie sind! Ein Dichter! ... Es ist gefährlich, was Sie +sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht wir dahingleiten, +selbst spricht ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom +Landungsplatz auf den Longchamps nach Paris bringen +sollte, blieb plötzlich mitten in einem ungeheueren Menschenstrom +stecken. +</p> + +<p> +Rote Fahnen wehten. +</p> + +<p> +Rufe erschollen: +</p> + +<p> +„Nieder mit dem Krieg!“ +</p> + +<p> +„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren +gegen den Krieg ... Damit meinen sie aber in Wirklichkeit +uns! ... Es lebe der Krieg ... Der Krieg, er lebe ... Hüten +wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz +des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“ +</p> + +<p> +Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei. +</p> + +<p> +„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, +die Millionen solcher Menschen, ganze Armeen aus dem +Erdboden heraufstampft ... Es sind Millionen, Abermillionen +Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie +einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die +Meute kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten +wir ernsthaften Widerstand? Nein. Aber wir verstricken +sie in unseren eigenen Untergang ... Spüren Sie nicht, wie +jeder Blick der Demonstranten uns das Messer zwischen die +Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei +rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des +Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... +Wie lange noch?! ... Giftgase über diese empörerische Erde! +Die Sintflut über uns! ... Noch nicht genug durchfiltriert +ist die Erde. Nun kommt die Giftgasschwemme als letzte +Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“ +</p> + +<p> +Die beiden Freunde verabschiedeten sich. +</p> + +<p> +„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! +Sie haben mir unendlich viel gegeben!“ +</p> + +<p> +„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als +ob ich damals unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Augenblick an Sie herantrat, jenem noch wenig erforschten, +aber sicher auch im Menschenleben geltenden Gesetz von der +gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen gefolgt sei. +Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff +und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben +Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus +<em>einem</em> Guß ... Ich fahre morgen weiter nach Marseille, +dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich will den Kelch zur +Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. Ich will +das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund +auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da +Sie gerade in Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen +Bummel über die Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, +sage ich Ihnen, das ... Und nun leben Sie wohl! +Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die Katakomben +der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz +sind, den Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die +ewigen Gletscher! ... Und ob wir uns noch einmal wiedersehen +oder nicht –!? Hüten wir unser Geheimnis! ... Nun: +glückliche Reise!“ +</p> + +<p> +Die beiden Freunde umarmten sich. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den +Fremden gebotene Gelegenheit nicht ungern wahr, unter +sachkundiger Führung die berühmten europäischen Schlachtfelder +aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen. +</p> + +<p> +Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede +Woche einige Male stattfindende Fremdenfahrt begann. +</p> + +<p> +Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, +die an diesem Tage an der Exkursion teilnahmen. +</p> + +<p> +Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen +und mit auserlesenen Bildermaterial versehenen +Prospekt hieß, das Schlachtfeld bequem zu erreichen. +</p> + +<p> +Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten +Hotel „Zum Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der +Stelle eines in Trümmer geschossenen Dorfes errichtet +worden war: fünfzig Stock hoch, nach amerikanischem Zweckstil, +und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, daß +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie +entwickeln werde. +</p> + +<p> +Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis +gekrönt, aus einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben +von der Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft +m. b. H., hervorgegangen, an dem sich die berühmtesten Architekten +des In- und Auslandes beteiligt hatten. +</p> + +<p> +Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren +Aufsichtsrat prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs +angehörten, hatten riesige Flächen Schlachtgeländes +schon während des Krieges, die Panikstimmung unter der +ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich nach Beendigung +des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und +beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte +„Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, +die Schlachtfelder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen +Inventar aufzuteilen, stückweis an die Bauern +zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung +zuzuführen. +</p> + +<p> +Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer +Art Wallfahrtsort. +</p> + +<p> +Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber +abgesehen auch davon, was die innere und die äußere architektonische +Anlage betraf, eine Sehenswürdigkeit ersten +Ranges. +</p> + +<p> +Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren +statt, im Beisein der Pressevertreter aller Welt und in +Anwesenheit der sämtlichen Botschafter der alliierten Regierungen. +Die Absicht der Gründung allerdings reichte +schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs selbst +zurück. – +</p> + +<p> +Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht +genommen, eine zu Fuß mitten durch die Schützengrabensysteme +hindurch, von denen es hieß, daß sie „echt“ und +„original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch +wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse +zu vermitteln, die zweite sich daran anschließende +Führung, deren jede gegen eine Stunde dauerte, sollte im +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +Flug durch die Lüfte den Teilnehmern die Gelegenheit +geben, sich in die Lage der tapferen und heldenhaften Flieger +zu versetzen, zugleich aber auch die Kriegsereignisse durch +höchstpersönliches Erlebnis von der verantwortungsvollen +Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren +und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, +als eine Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam +ergreifendes Naturschauspiel zugleich. +</p> + +<p> +Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten +sich schon am frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner +Geschäftsfreunde im Hotel eingefunden, die durch den Sekretär +des Bankiers kurzerhand abgefertigt wurden. Kaum +aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten +es die Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der +Amerikaner mit der Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen +beabsichtige. So war es auch nicht weiter verwunderlich, +daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl Filmoperateure +und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die +Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und +von denen sogar einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die +Tournee in höchsteigener Person mitmachten. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren +des Krieges deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit +verzeichnete scheinbar überhaupt keine Fortschritte. +</p> + +<p> +Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte +Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, +zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne +einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme +Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders +in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu +errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das +Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme +industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung +standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen, +kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen +Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum +und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise +heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen +praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der +Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute +zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt +nicht ... +</p> + +<p> +Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete +mit dem Finger in die Landschaft und begann: +</p> + +<p> +„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne +sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges +in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch +nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt +60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei +der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen +sein ...“ +</p> + +<p> +„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... +„Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft +... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät, +nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal +das ...“ +</p> + +<p> +Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf +der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt +war. +</p> + +<p> +An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von +Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten +zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer +gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs +Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der +Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese +seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der +Marne ausgehoben worden. +</p> + +<p> +„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung +gewesen ...“ +</p> + +<p> +Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen +der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen. +</p> + +<p> +Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang. +</p> + +<p> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber +Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die +sonderbarsten Figuren. +</p> + +<p> +Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne +in die Landschaft. +</p> + +<p> +Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein +menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über +und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das +Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt, +noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ... +</p> + +<p> +Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen +herum, grimassierten und streckten die Zungen ... +</p> + +<p> +Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten +und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen +waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche +Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die +deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt. +</p> + +<p> +„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. +Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen +lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ... +Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“ +</p> + +<p> +Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze +schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen +Inschrift, lauter deutsche Namen. +</p> + +<p> +„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“ +</p> + +<p> +Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter +noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder, +Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf +oder mit einem umgekehrten Spaten. +</p> + +<p> +„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“ +</p> + +<p> +„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, +ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. +Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten +Soldaten“ unterm <span class="antiqua">Arc de Triomphe</span> ... Mit einer +ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache +werden ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau +des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor. +</p> + +<p> +Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft. +</p> + +<p> +„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch +einer Gegend!“ ... +</p> + +<p> +„Wird sich das rentieren ...?“ +</p> + +<p> +„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend +ausgebaut werden ...“ +</p> + +<p> +„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“ +</p> + +<p> +„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen +gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“ +</p> + +<p> +„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings +nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und +rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren +vielleicht ...“ +</p> + +<p> +Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden +umfangen hielt, war gebrochen. +</p> + +<p> +Die Autokolonne hielt. +</p> + +<p> +Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt. +</p> + +<p> +„Ganz südlich!“ scherzte jemand. +</p> + +<p> +Die Reisegesellschaft stieg aus. +</p> + +<p> +Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung. +</p> + +<p> +Es waren Reisende darunter aus allen Ländern. +</p> + +<p> +„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun +bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu +seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor, +wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte, +furchtsam in die Arme hing. +</p> + +<p> +„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich +dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen +habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht +find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann +liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen, +vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein +Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man +kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den +Schlachtfeldern ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das +er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor, +studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen +Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher. +</p> + +<p> +„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat +eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. +Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“ +</p> + +<p> +„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll +einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie +ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“ +</p> + +<p> +Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu. +</p> + +<p> +Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die +zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte +Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen +herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht. +</p> + +<p> +Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf +hin. +</p> + +<p> +Die Tafel lautete: +</p> + +<p> +„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern +aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten +der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine +ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller +am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen +Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit +zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – +Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe, +Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus +Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.) +Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, +stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische +Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, +interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, +ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren +Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen +Publikum +</p> + +<p class="center"> +Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.<br> +Die Hotel-Direktion.“ +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +Man nahm Platz zum Diner. +</p> + +<p> +„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“ +</p> + +<p> +Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich +befriedigt über die wohlgelungene Organisation +der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung. +</p> + +<p> +„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. +Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft +gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die +Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken +betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich +nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu +machen ...“ +</p> + +<p> +Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während +des Essens Postkarten. +</p> + +<p> +Andere richteten Fragen an die Kellner: +</p> + +<p> +„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“ +</p> + +<p> +„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort – +</p> + +<p> +„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln +... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus +Paris ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Das Diner war beendet. +</p> + +<p> +Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt. +</p> + +<p> +„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute +ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben +uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch +in Ehren halten!“ +</p> + +<p> +Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu +einem stillen Schwur. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Wieder eine Tafel: +</p> + +<p> +„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt! +</p> + +<p> +Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“ +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht +von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs +verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, +sich zu beschmutzen.“ +</p> + +<p> +Der Führer ging den Pfahlweg voran. +</p> + +<p> +Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft. +</p> + +<p> +Es mochten gegen fünfzig Personen sein. +</p> + +<p> +„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät +anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ – +tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit +etwas ganz besonderes verriete. +</p> + +<p> +Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben +entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und +senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem +hinein. +</p> + +<p> +Man sah auf den ersten Blick: +</p> + +<p> +Alles war hier für die Fremden zugerichtet. +</p> + +<p> +Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum. +</p> + +<p> +Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man +allenfalls gelten lassen. +</p> + +<p> +Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische +Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf +und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem +Bajonett. +</p> + +<p> +„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte +Professor wieder seiner Frau zu: +</p> + +<p> +„<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!</span> – Laßt, +die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“ +</p> + +<p> +Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen +oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer +gerissen!? +</p> + +<p> +Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier +der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig +in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer +komischen Verrenkung verstümmelt. +</p> + +<p> +„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal +menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken +von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele +von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser +und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch +eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“ +</p> + +<p> +Auch der Milliardär staunte. +</p> + +<p> +„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht +eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht +das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt +haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ... +</p> + +<p> +„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal +rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem +Grauen uns messen konnten – +</p> + +<p> +„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht +Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres +Vaterlandes ringen durften – +</p> + +<p> +„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt – +</p> + +<p> +„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei +es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, +von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift +wurden – –“ +</p> + +<p> +Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war +allgemein. +</p> + +<p> +Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut +um die Lippen, sich selbst bemitleidend. +</p> + +<p> +Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei +jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies. +</p> + +<p> +„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer +Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften, +verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes +Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte +der Professor. +</p> + +<p> +Doch allmählich verstummten die Klagen. +</p> + +<p> +„Wir müssen uns eben trösten – +</p> + +<p> +„Was vorbei ist, ist vorbei – +</p> + +<p> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +„Doch was nicht ist, kann noch werden – +</p> + +<p> +„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt +nicht wieder entgehen lassen – +</p> + +<p> +„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen! +</p> + +<p> +„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken +sozusagen, die von der Schlachtbank der Geschichte ...“ +</p> + +<p> +Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und +heilig: im Fall eines nächsten Krieges in vorderster +Front ... +</p> + +<p> +„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer +inmitten des allgemeinen Tumults einigen Damen und +Herren zu, die Photographenapparate dicht vor sich hindrückten. +</p> + +<p> +„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens +untersagt. Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene +Ansichten von allen Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz +in reicher Auswahl vorhanden ... Ich habe Sie +zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die Vorschriften +hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich +auch eingehalten werden müssen ...“ +</p> + +<p> +Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer +eingehenden Besichtigung unterzogen. +</p> + +<p> +Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes +Blech, Patronentaschen, Granaten, mit gelben, +grünen und blauen, aber auch bunten Kreuzen bezeichnet, +Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen wirr durcheinander +und anscheinend wirklich noch völlig unberührt +herum, und große, rostbraune Flecken klebten tief in den +Gebälken. +</p> + +<p> +Der Führer erklärte: +</p> + +<p> +„Getrocknetes Blut.“ +</p> + +<p> +„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es +aus der Gesellschaft zurück. +</p> + +<p> +Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber +sowohl wie die ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht +mehr zu entziffern. Nur aus einer der Wandzeichnungen +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +war noch zu erkennen, daß sie einmal einen pornographischen +Akt darstellte. +</p> + +<p> +„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte +Stelle, sowohl im deutschen, wie auch im englischen, französischen +und amerikanischen Tagesbefehl öfter genannt, jene +Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren Besitzer wechselte ...“ +</p> + +<p> +Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu +sehen. +</p> + +<p> +„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die +Nationalwaffe der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. +Das riecht noch wie frisch importiert aus +Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten geduckt +diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die +Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes +die „Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: +es ist eine Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, +wie es mit Vorliebe die bayerischen Truppen benutzten ... +Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen hier im Raum +die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten +Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, +bücken Sie sich einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht +einer der Herrschaften durch das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? +Keineswegs. Nein! Ganz und gar im Gegenteil! +Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst gegraben +haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei +einem Gasüberfall, den die Deutschen unvermutet angesetzt +haben, während sie hier unter der Erde, vom Geist der +Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu bis in +den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ +So eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“ +</p> + +<p> +Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab +für die humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, +nein, da müßte so ein Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen +Qual werden,“ meinten einige mit Recht. +</p> + +<p> +„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, +oder wollen Sie uns vielleicht weismachen, die hätten sich +von selbst mumifiziert!?“ +</p> + +<p> +„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd +der Führer den Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +allerlei Geheimnisse ... Also, fahren wir fort nach diesem +heiteren Intermezzo in unserer Wanderung über die +Schlachtfelder ...“ +</p> + +<p> +„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. +Auch ich habe das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in +konserviertem Zustand: absurd, ein Unding, hebt sich von +selbst auf ... Das war eben so ein bißchen Castans Panoptikum +...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte sich, +einen gutmütigen Baß lachend. +</p> + +<p> +„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, +brave Soldaten ihr Grab selbst gegraben, überdies soll +auch, wie es heißt, ein General, der den Frontabschnitt zufällig +in diesem Augenblick inspizierte, mit dabei sein. Ein +Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat +der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende +bereitet.“ +</p> + +<p> +Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle +mehrere Meter tief hinab. Man hatte den Eindruck einer +Senkgrube. +</p> + +<p> +Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte. +</p> + +<p> +„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, +wir verlassen diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches +Stacheldrahtverhau. Der leichte Verwesungsgeruch, +der sich auch jetzt noch deutlich bemerkbar macht – –“ +</p> + +<p> +Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ... +</p> + +<p> +„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem +Fleisch, in der Soldatensprache, drastisch, wie sie +nun einmal ist, „Offensivparfüm“ genannt, dieser leichte +Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser schwärzlichen +Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder +hier zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind +Menschen, Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, +ob Deutsche, Engländer, Amerikaner oder Franzosen: das +läßt sich nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen. +Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist es, im +Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die +sie noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der +Blutkreislauf wird geschlossen, die Blutkörperchen machen +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +ihre letzte Runde und – stopp! ... Also, diese Drähte waren +elektrisch geladen, Hochspannung, und –“ +</p> + +<p> +Einige Besucher wandten die Gesichter ab. +</p> + +<p> +„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht gemütsverweichlichter +oder zartbesaiteter, meinetwegen, als +Sie in Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, +nackt und brutal, wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu +sehen. Hier können Sie beinahe umsonst das Grauen lernen. +Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige Gelegenheit nicht +zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer +weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines +Tages in Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf +Erden nimmt diesen Lauf, das ist das Schicksal aller irdischen +Güter, der Mensch mit inbegriffen ... Wie Sie aber zugeben +werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur, +die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, +vier Jahre später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar +auf das Publikum zu wirken und es in eine Art +magischen Bann zu schlagen ... So kann der Schlachtfelderbesuch +zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir haben auch +Dauerbesucher.“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu +haben, als auf diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, +bestätigte der deutsche Professor. +</p> + +<p> +„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“ +</p> + +<p> +Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte +gewissermaßen im Auftrag aller der Bankier fest: +</p> + +<p> +„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung +mit vollem Recht von sich bekennen, er habe heute den +leider von ihm versäumten Weltkrieg in seiner tiefsten +Tiefenwirkung und in seinem breitesten Ausmaß nachgeholt. +Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu +erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ +Ja, wir können uns geradezu beglückwünschen, bald den +ersten Teil einer im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen +und heroischen Expedition hinter uns zu +haben ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem +hier das Kruzifix errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende +gewoben. Nach dem Glauben der armen Bauern dieser Umgegend +soll Christus des Nachts, gefolgt von dem ganzen Stab +der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie +früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld +wandeln. Christus tastet dabei mit einer Art geistiger +Wünschelrute den Erdboden ab, um den Standort der Totenregimenter +festzustellen ... Hier, an dieser Stelle nun, sagen +die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. Hier +spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. +An dieser Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an +dieser Stelle finde dereinst die Auferstehung aller Gläubigen +statt ...“ +</p> + +<p> +Der Bankier trat interessiert vor. +</p> + +<p> +„Was spricht Christus mit den Toten?“ +</p> + +<p> +„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von +neuem, daß sie nicht umsonst gestorben sind.“ +</p> + +<p> +„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und +heilige Sache gefallen sind?“ +</p> + +<p> +„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen +gewaltig, nach dem Glauben der Bauern wenigstens, trommeln +Mitternachts laut an die Erdkruste mit ihren Knochenfäusten +und knurren oft im Chor: „Für nichts und nichts +und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen +unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben +sich für den „Großen Tag“. +</p> + +<p> +„Für was für einen „Großen Tag“? +</p> + +<p> +„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und +an dem die ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von +den Schuldnern sofort in bar beglichen werden muß. Die +unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie halten Versammlungen +ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne kurzsichtiger +Menschen nach längst gestorben sind ... Und der +„Große Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht +es: Aug um Aug, Zahn um Zahn ... Es wird mit Blut +bezahlt ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“ +</p> + +<p> +„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen +denen, die dadurch, daß sie feig und untätig während des +Krieges geblieben sind, sich zu Mitverantwortlichen am +Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine Frage +vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter +Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo +die Leichen vor Hitze flüssig werden und anfangen, zu +brodeln ... Im Kraut knisterts, und wenn du hinschaust ... +Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit „Ja, Herr!“ +beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber +auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und +eine Nebenschuld ...“ +</p> + +<p> +„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt +sie vom Gegenteil?“ +</p> + +<p> +„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie +auch vom Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt +gerade das Gegenteil vom Gegenteil.“ +</p> + +<p> +„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der +armen Bauern?“ +</p> + +<p> +„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des +Kreuzstammes aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen +von einem Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem +Zeichen zu siegen. Zu gleicher Zeit aber mit der Errichtung +des Galgens kommt schon ein anderer Galgen über diesen +Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die Stelle des ersten, +entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der +Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der +zweite Galgen ist gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber +und Ausbeuter des Volks aufzuhängen ... Und Christus +verspricht denen dort unten, ihrem Rachegelüste vollauf +Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor sein +Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert +haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des +Vaterlandes dargebracht hat und – darbringt ... Diese +Stelle hier, auf der wir stehen, soll auch die Stelle sein, wo +der erste Galgen in Erscheinung tritt und von dem zweiten +bald darauf überwunden wird ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! +Hihihi ...“, kicherte jemand. +</p> + +<p> +Alle sprachen aufgeregt durcheinander. +</p> + +<p> +Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer +hin. +</p> + +<p> +„Korruption! Korruption!“ +</p> + +<p> +„Ketzer! Verräter!“ +</p> + +<p> +Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen. +</p> + +<p> +Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können. +</p> + +<p> +Nur der Bankier blieb ruhig. +</p> + +<p> +„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein +wenig sonderbare Christen das, das müssen Sie doch selbst +zugeben, die sich ihren Christus so vorstellen. Ein roter +Christus also, ein roter Bauernchristus ... So wird eben +auch das Allerheiligste von dem ungebildeten und in den +tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen Offenbarungen uneinsichtigen +Pöbel in den Kot gezerrt. Ein Bolschewisten-Christus, +haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke, +Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! +Ein Christus mit dem Messer zwischen den Zähnen und +die Knarre auf dem Buckel! Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich +...“ +</p> + +<p> +„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer. +</p> + +<p> +„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich +aus. Aber wovon den armen Bauern das Herz voll ist, +davon träumen sie ... Es ist eben ein Christus, zurechtgemacht +für die Zeit, wie ihn sich die armen Bauern, naiv +wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. +– +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung +der Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir +unsere Tournee fort!“ +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem +Führer. +</p> + +<p> +„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, +dürfen Sie auch nicht vergessen ...“ +</p> + +<p> +Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie +nacheinander in eine Kiesgrube hinab. +</p> + +<p> +Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer. +</p> + +<p> +„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden +regelmäßig Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren +und anderen Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen +gleichermaßen tiefster Verachtung preisgegeben ... Ich +werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, das Wrack einer +Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit Geld +bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher +Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch +ihre Lage besonders günstig für derartige Hinrichtungen +gewesen sein, die sofort nach der Urteilsfällung durch die +Kriegsgerichte, gegen die es keinen Einspruch mehr gab, +innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden +mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das +Gesetz ... Die verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, +ohne Kreuzschmuck wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser +Hingerichteten. Ihre Namen kennt keiner. Auch die Angehörigen +nicht. Wäre es doch eine Schande für die Familie. +Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau angeben, +doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser +Grube ihre schändlichen Verbrechen sühnten ...“ +</p> + +<p> +„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem +straff disziplinierten Heer nicht ab.“ +</p> + +<p> +Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen. +</p> + +<p> +„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, +wenn alle Novemberverbrecher kurzerhand in solch +einer ...“ +</p> + +<p> +„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit +hat, den zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur +vorsehen, daß sie nicht vom Regen in die Traufe kommen, +daß heißt, statt an den Galgen, hier in der Kiesgrube – –“ +</p> + +<p> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu +väterlich gerührten Ton gedämpft vor sich hin. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, +rissen die Röcke hoch, die Männer schlugen wild durcheinander +mit den Spazierstöcken auf den Pfahldamm ein. +</p> + +<p> +„Eine Ratte – +</p> + +<p> +„Pfui! Hui! +</p> + +<p> +„Was für ein abscheuliches, häßliches – +</p> + +<p> +„Unappetitliches Tier – +</p> + +<p> +„Solch ein Biest! +</p> + +<p> +„Solch ein Freßsack ...“ +</p> + +<p> +Und die Rattentreibjagd begann. +</p> + +<p> +Der Deutsche trillerte leis: +</p> + +<p> +„Lützows wilde verwegene Jagd ...“ +</p> + +<p> +Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte. +</p> + +<p> +„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben +Sie zurück, meine Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt +Bazillen unter Umständen, die Pest ...“ +</p> + +<p> +Und der Führer setzte allein hinter ihr her. +</p> + +<p> +Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus +halber Höhe knallte der Führer ihr einige wohlgezielte +Pistolenschüsse nach. +</p> + +<p> +Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im +Sand, dann drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite. +</p> + +<p> +Pfiff noch einmal. +</p> + +<p> +Pißte noch. +</p> + +<p> +Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur +Kiesgrube hinab, um die tote Ratte zu betrachten. +</p> + +<p> +Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten +sie nach allen Seiten hin und stiegen wieder herauf ... +</p> + +<p> +„Ein ekliger Geselle! – +</p> + +<p> +„Wie bissig das Gebiß! – +</p> + +<p> +„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze +Menschheitsverachtung blitzt ihr aus den Augen ... +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders +nach lang andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, +richtige Rattenschlachten auszufechten ... Da half +aber keine Kugel, sondern nur das blanke Messer ... +</p> + +<p> +„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten – +</p> + +<p> +„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“ +</p> + +<p> +Und weiter wanderte die Gesellschaft. +</p> + +<p> +„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. +„Die ganze Mannschaft ist bei der Explosion durch einen +sogenannten Rohrkrepierer mit in die Luft gegangen ... +Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder Fallgruben, +spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle +und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt +näher, es kann Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen +Sie!?“ +</p> + +<p> +„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie +das aber in der Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“ +</p> + +<p> +„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat +und zweitens: ein schwerer Minenwerfer mit der dazu +gehörigen Munition: Flügelminen. Hier an dem Zaun +sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von +Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften +einmal eine aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. +Vielleicht wird das noch einmal die große Mode ...“ +</p> + +<p> +Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine +der Gashauben über und während alle um ihn herum +„huhu!“ heulten, drehte er sich um sich selbst, kokett wie ein +Mannequin, das eine neue Toilette zeigt. +</p> + +<p> +„Welch eine Fratze! – +</p> + +<p> +„Hui! Pfui!“ +</p> + +<p> +„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!? +</p> + +<p> +„Wie die tote Ratte –“ +</p> + +<p> +Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man +wandte sich wieder den Flammen- und Minenwerfern zu. +</p> + +<p> +„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... +Bequem von einem Mann zu transportieren. Hier wird mit +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +verflüssigtem Feuer auf mindestens dreißig Meter Entfernung +der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer +starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das +Folgende zu zeigen –“ +</p> + +<p> +Und der Führer reichte einige Photographien herum, die +einen Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die +von den Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten +lichterloh, in eine weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt. +</p> + +<p> +„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, +was ...“ +</p> + +<p> +Die Betrachtung der Photographien tat einem in der +Herzgrube weh. +</p> + +<p> +„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes +Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! +Stichflammen!“ +</p> + +<p> +„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! +... Und hier habe ich eine Ueberraschung, ich +zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in Betrieb! An dieser +Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle +von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, +zur Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. +Ladung: Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: +tipptopp! ... Damit sich nun die Herrschaften einigermaßen +eine Vorstellung machen können von der elementaren, +geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere +Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen +Graben zum Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie +gütigst gestatten, so eine Mine zum Abschuß ... Damit +wäre dann der Rundgang beendet und ich ersuche die sehr +verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen vorgeschriebenen +Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“ +</p> + +<p> +„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst +wahrheitsgetreuen Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm +erhalten, möchte ich Sie bitten, sich das Geräusch dieser +einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu verhundert-, nein +zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und richten +Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk +auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +Graben! Vorsicht! Zurücktreten! Wenn mir der eine oder +der andere Herr dabei vielleicht behilflich sein möchte ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden +der schweren Flügelmine. +</p> + +<p> +Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die +Mine emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des +Minenwerfers eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit +einigen einfachen Griffen ausgerichtet, wobei die Flügelmine +bis zu einem Viertel mit ihrer oval abgeflachten +Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte. +</p> + +<p> +Der Bankier, der Deutsche traten zurück. +</p> + +<p> +Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und +streifte sich gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen +darauf haftenden Schmutzkörnchen ab. +</p> + +<p> +„Achtung!“ +</p> + +<p> +Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das +wie das Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, +und nach einer Erschütterung, als ob sich der Boden einem +unten den Füßen hinwegziehe – schon schoß in dem gegenüberliegenden +Graben eine über hundert Meter hohe Erdfontäne +hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt. +Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte +auf die Magennerven. Erst das hagelwetterartige Niederprasseln +der hochgeschleuderten Erdmassen brachte Erleichterung. +</p> + +<p> +Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß +spürbar gemacht. +</p> + +<p> +Der eine oder der andere taumelte sogar. +</p> + +<p> +Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich +sogar sorgsam Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. +Alle aber hielten den Mund weit aufgesperrt. +</p> + +<p> +„Glänzend! nein, sowas – +</p> + +<p> +„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir! +</p> + +<p> +„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins +so etwas zu sehen bekommen kann ... +</p> + +<p> +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen +über sich selbst hinauswachsen. Das macht heroisch und +kühn! Da versteht man erst, was es mit dem geflügelten +Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine +tiefere Bewandtnis hat! +</p> + +<p> +„Geradezu eine Verjüngungskur! +</p> + +<p> +„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne +Uebertreibung! ... +</p> + +<p> +„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ... +</p> + +<p> +„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige +Menschen bei, ganz der wissenschaftlichen und ästhetischen +Betrachtung hingegeben ...“ +</p> + +<p> +Der Explosionsrauch verzog sich. +</p> + +<p> +Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene +Experiment, Trinkgelder ein. +</p> + +<p> +Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses +mit vollen Händen. +</p> + +<p> +Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen. +</p> + +<p> +„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie +haben jetzt sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg +als einfacher Soldat, als Frontschwein, den Krieg im +Granattrichter, Minenstollen und Schützengraben. Sie haben +auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man müßte +für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen +Orden stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, +den Krieg auch von der Vogelperspektive aus zu betrachten, +den Krieg als Flieger und zugleich den Krieg von der +strategischen Gesichtswarte eines hohen Kommandeurs aus. +... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg der +Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen +können, Sie werden in drei bis vier Meter Höhe über die +Stacheldrahtverhaue, aus Ihren Maschinengewehren Tod +und Verderben speiend, dahinstreichen, es ist Ihnen ferner +Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu studieren, +das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein, +Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken +könnten, sind prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher +noch vorgenommen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft +nach den vorhergegangenen gewaltig erschütternden und +belehrenden Eindrücken auch noch mit dem Flugzeug das +Schlachtfeld abzustreifen. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst +bemerkte, hinter der Gesellschaft zurück. +</p> + +<p> +Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um +eine Grabenecke ging, abwechselnd die Arme in die Seite +stemmend oder vor sich verschränkt. Verträumt in die Landschaft +hinausschauend ... +</p> + +<p> +Er stand wie ein Standbild. +</p> + +<p> +Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie +er ihn getauft hatte. +</p> + +<p> +Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib +hindurchsehe ... +</p> + +<p> +Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes +Antonio: +</p> + +<p> +„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den +geistigen Menschen ein geistiger Rausch.“ +</p> + +<p> +Und auch daran wieder: +</p> + +<p> +„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem +Gürtel von Geheimnissen umgeben werden ... +</p> + +<p> +„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den +großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“ +</p> + +<p> +Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, +tat, als ob er etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen +wolle, von sich abstreife, wischte dann verlegen an seinen +Hosen herum und – wurde wieder zum Standbild. +</p> + +<p> +„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ +wehrte jemand, als man ihn rufen wollte. +</p> + +<p> +„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch +und Blut. Er wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt +an. Sicher hat er eine Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird +zu einer Art spirituellen Elements ... Entsinnlicht, entleiblicht: +er wird zur Idee ...“ +</p> + +<p> +Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph. +</p> + +<p> +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der +Filmoperateur. +</p> + +<p> +„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und +setzte auch schon seinen Apparat in Bewegung. +</p> + +<p> +„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“ +</p> + +<p> +„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. +Napoleon auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht bei +Waterloo ...“ +</p> + +<p> +„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. +Das paßt besser ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein +Haar: Friedrich der Große. Fridericus Rex in der Schlacht +bei Leuthen, wie er auf jenem berühmten Gemälde in der +Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem Beobachter +der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, +Seydlitz, kurzum: als sein Generalstab.“ +</p> + +<p> +„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. +Wie verklärt! Ganz Cäsar ...“ +</p> + +<p> +„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der +Große, ein Cäsar meinetwegen ... Ein Napoleon, ein +Cäsar, ein Friedrich der Große der Wirtschaft, wenn dieser +Vergleich gestattet ist ...“ +</p> + +<p> +Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den +anderen gesetzt, in einer lässigen majestätischen Haltung da. +</p> + +<p> +Wie aus Traum gegossen ... +</p> + +<p> +Der Filmoperateur kurbelte. +</p> + +<p> +„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“ +</p> + +<p> +Da riefen sie alle zugleich: +</p> + +<p> +„Ha–a–allo!“ +</p> + +<p> +Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, +grüßte höflich, wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken +versunken, mit seinem Zylinder flüchtig in die Richtung +zum „Roten Christus“ hin, dann kam er gemessenen +Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer +Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang. +</p> + +<p> +Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt. +</p> + +<p> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den +Schuppen auf dem Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen. +</p> + +<p> +Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld +von erfolgreichen Fliegeroffizieren gelenkt. +</p> + +<p> +Der Führer meldete dem Bankier: +</p> + +<p> +„Die Flugzeuge wären startbereit.“ +</p> + +<p> +Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start. +</p> + +<p> +Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, +salutierte. +</p> + +<p> +Die Filmoperateure kurbelten. +</p> + +<p> +Photographen knipsten. +</p> + +<p> +Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft +schritten durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen +hindurch, Angestellten, einigen Landleuten und +Bauarbeitern. +</p> + +<p> +Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf. +</p> + +<p> +Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der +Terrasse, den rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt. +</p> + +<p> +Die Motore brüllten ... +</p> + +<p> +„Achtung!“ +</p> + +<p> +„Los!!“ +</p> + +<p> +Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten +sich beinahe senkrecht in die Luft. – +</p> + +<p> +„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat +von der Erde gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, +der die Ehre hat, Sie durch das Luftreich zu geleiten, ist +jener Glücklichen und Auserwählten einer, die den Rekord +von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist +sein Name ...“ +</p> + +<p> +„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an +Krater ...“ ließ sich eine Stimme vernehmen, und einige +Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo vereinzelt mit dem +Taschentuch heraufgewinkt wurde. +</p> + +<p> +„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, +die es beim Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre +Augen mit Schutzbrillen. +</p> + +<p> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte +Bogen im blendend blauen Licht, dann schwang es sich in +einer langgezogenen Kurve, etwas seitlich sich neigend, erdab +und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren und Schützengrabenlabyrinthen +dahin, der Stelle zu, wo die zusammengeschossenen +Panzerwagen lagen. +</p> + +<p> +Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene +Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen +mitten im Schlachtfeld, die Raupenschlepper tief in den +Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus des Wageninnern +war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene +Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, +einige brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die +vielfach geborstene Stahlkuppe des Panzerturms tief bis +auf den Wagenboden durch die Wucht der Explosion heruntergedrückt. +</p> + +<p> +„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer. +</p> + +<p> +„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung +von unten her auseinandergeplatzt. Die +anderen, wie Sie sehen, im direkten Abschuß durch sogenanntes +Infanteriegeschütz erledigt ...“ +</p> + +<p> +„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor +diesmal beistimmen zu können, und er war stolz darauf, +seiner Gattin einige nähere Einzelheiten über so einen abgeschlagenen +Tankangriff erzählen zu dürfen, an welchem +er, wie er laut betonte, selbst einmal in hervorragender +Weise beteiligt war. +</p> + +<p> +„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß +erledigt, aus dem nahen Gehölz dort, höchstens +600 Meter Entfernung. Mit Panzermunition ... Wer hätte +das je gedacht, daß es einem vergönnt sein würde, als Unbeteiligter +noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich +vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, +das ... Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch +im Film vorgeführt werden. Reiches Material stünde doch +in den Archiven unseres Generalstabes zur Verfügung. Aber +natürlich: durch den Schandvertrag von Versailles ... +Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen +Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach +unseren psychologischen Erfahrungen üben sie – was wieder +einmal für die natürliche Empfindung und für die Gesundheit +unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den weitaus +größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung +aus, sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber +ein Volk, betrogen um seine heiligst verwahrten Güter, zur +Sklaverei verdammt jenes Volk, in dessen Unbewußtem und +aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer wieder allgewaltig +die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die +Stimme des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“ +</p> + +<p> +„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten +–“, fuhr unterdessen der Führer fort, „daß der +kommende Krieg, soweit er sich überhaupt noch auf der Erde +abspielt, durch Geschwader solcher Kampfwagen zum Austrag +gebracht werden wird, die dann eine sogenannte gepanzerte +Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich +wie die einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. +Auch wird man dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, +Geschützzahl, Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, +Tank-Dreadnoughts und Tank-Torpedoboote unterscheiden +müssen. Völlig abgedichtet nach außen hin gegen Gas, mit +langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden diese +Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen +Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe +darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen +Mittel, lebende Wesen durch Gassperren und Gassümpfe +hindurchzubefördern, mit deren Dauer je nach den Witterungsverhältnissen +unter Umständen sogar bis auf über +acht Monate zu rechnen sein wird.“ +</p> + +<p> +Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an. +</p> + +<p> +Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der +Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- +und Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend +schnell und lächelten befriedigt. +</p> + +<p> +„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden +Krieg betrifft, den einige militärische und nationalökonomische +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Autoritäten spätestens auf das Jahr 1928 angesetzt +haben, so können wir heute schon behaupten, daß er +sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige Kampfflugzeugstaffeln +in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare, +unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen +werden, die Produktionszentren des Gegners so gründlich +wie nur irgend möglich einzugasen, und zwar werden dabei +chemische Kampfstoffe zur Anwendung kommen, deren Wirkung, +wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten +märchenhaft und unglaublich klingt ...“ +</p> + +<p> +Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen +des Führers nicht zuzuhören. +</p> + +<p> +Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern +eigentlich genauer Bescheid, um was es sich dabei handelte. +</p> + +<p> +Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer +chemischen Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, +einer Vorstellung des amerikanischen „Chemical Warfare +Service“, des amerikanischen Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld +des Kriegsarsenals Edgewood beizuwohnen. +Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden +Tag ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, +in eine der Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die +ganze Haut mit einer asbestartig wirkenden Salbe präpariert. +</p> + +<p> +„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren +Prinzipien treu, nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, +berufsmäßige pathologische Schwindler und +prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern bleiben wir +weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen +Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht +ist der eine oder der andere unter Ihnen, der mir das +bestätigen wird! – so werden wir feststellen können, daß +mittels der heutigen Kriegstechnik, in engster Verbindung +natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits innerhalb +einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden +kann ...“ +</p> + +<p> +Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher +Höhe auf ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes +Ziel Versuchsbomben ab. +</p> + +<p> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines +stählernes Klirren, kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten +auf der Erde auf und ziehen mollig-verschleimt im Wind +dahin ... +</p> + +<p> +Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten +Luxuskabine des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer +Waschgelegenheit war sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder +vorhanden, und in einem kunstgewerblich +mit diskreten Farbenreizen ornamentierten Porzellanbehälter +dufteten frische Rosen. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es ging gegen Abend. +</p> + +<p> +Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, +zirpte unten von der Erde herauf: es war die Glocke einer +Dorfkirche, die Ave läutete. +</p> + +<p> +Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der +Himmel schimmerte wie Perlmutter, und fern rannen die +von Geschoßböen glatt rasierten kahlen Berghöhen. +</p> + +<p> +Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten +die Erde. +</p> + +<p> +Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel +in sich zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und +durch schlammig vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, +Gedärme und Nervenstränge. Die verstreut umherliegenden +Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das Aussehen +von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten; +aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die +Dämmerung schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und +dazwischen Tümpel, Pfützen und verschimmelte Wasserlachen: +ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. Hie und +da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen +Wulst zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der +erdige Kadaver bot sich den Beobachtern aus der Luft dar, +wie ein unsagbar geschundener Leichnam auf einen Seziertisch +gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an Wucherung, +über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen +und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ... +</p> + +<p> +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +Und dieser Kadaver atmete noch. +</p> + +<p> +Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven +beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, +Niesen, Augenbrennen und Brechreiz verursachte. +</p> + +<p> +Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ... +</p> + +<p> +Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der +Nacht zu singen an, es war ein schluchzender, flötender Gesang, +wie ihn die Vögel singen im Moor oder auf der +Heide. +</p> + +<p> +Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf. +</p> + +<p> +Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine +wagrecht dahin flitzende goldspurige Nadel ... +</p> + +<p> +Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen +Geruchs“, wie sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre +in den Mund, die Damen fächelten nervös und hielten mit +Lavendel getränkte Taschentücher sich unter die Näschen. +</p> + +<p> +Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig +spöttisch und schadenfroh. +</p> + +<p> +Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache. +</p> + +<p> +Er schwieg. +</p> + +<p> +Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin +ein, die ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den +Arm ihres Gemahls klammerte. +</p> + +<p> +Der Bankier wunderte sich: +</p> + +<p> +„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des +Propellers ...“ +</p> + +<p> +Die Situation fing an bedenklich zu werden. +</p> + +<p> +Der Führer erhob sich. +</p> + +<p> +„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine +Herrschaften, nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, +Sie werden mir doch nicht am Ende unserer Luftreise +gar noch seekrank werden!“ +</p> + +<p> +„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor +flüsternd immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. +Das ist eben allemal die Kehrseite der Medaille ... +Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht missen ... Hochinteressant! +Hochinteressant! ... <span class="antiqua">Per aspera ad astra!</span> ... +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung +wie Schlummerpunsch. Wir werden großartig +schlafen ...“ +</p> + +<p> +„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie +am Meer die Flut, abends, wenn die Sonne untergeht ...“ +</p> + +<p> +Die Zone war glücklich passiert. +</p> + +<p> +Ein frischer Luftzug wehte. +</p> + +<p> +„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch +einmal erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit +auf. +</p> + +<p> +Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche +dahin ... +</p> + +<p> +Ein leichter Ruck und – stand. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete +dort, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, in einer +völlig verblichenen Soldatenuniform, unartikulierte tierische +Laute hervorstoßend, den Stahlhelm vorne auf die Brust +gebunden. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht +bemerkt, hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen: +</p> + +<p> +„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... +Sonst setzt es wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht +Prügel ab ... Pack dich! ... Oder soll man es dir denn +immer wieder von neuem einbläuen, daß du die hohen Herrschaften +mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast +du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen +verloren? ... Und willst um jeden Preis immer wieder +eine Extrawurst gebraten haben ... Hopla! Pack dich! ...“ +</p> + +<p> +Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er: +</p> + +<p> +„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man +nennt ihn wegen seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den +„Rumpf“. Macht die ganze Gegend unsicher mit seiner +Bettelei ...“ +</p> + +<p> +Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, +sich hie und da auf seinem einen Prothesenbein umdrehend. +</p> + +<p> +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit +der Faust und machte eine Bewegung zum Erdboden hin, +als ob er einen Stein aufheben wollte. „Pack dich! ... Ein +ehemaliger Soldat und Betteln, das Ehrenkreuz noch dazu, +schämt er sich denn nicht!?“ +</p> + +<p> +Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die +eiserne Spitze des Krückstocks schrill auf den Steinplatten +aufschlagen. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen. +</p> + +<p> +„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern +hinreichend genug gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der +Bankier heraus: „Aber aus allem wird heutzutage ein +Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel fällt der +ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der +lebt sicher von Leichenschändung ...“ +</p> + +<p> +„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft +bei, nicht ohne daß es ihnen dabei kalt über den +Rücken herunterlief. +</p> + +<p> +Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung. +</p> + +<p> +„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“ +</p> + +<p> +Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz +des Bankiers. +</p> + +<p> +Nochmals schrie der Führer: +</p> + +<p> +„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“ +</p> + +<p> +Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne. +</p> + +<p> +Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte +mit einer Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines +Prothesen-Knie einknickte, sich um sich herum. +</p> + +<p> +„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender +Sakraments-Köter!“ +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ +angesteckt. Sieht grade so aus: der Lümmel – +</p> + +<p> +„Der freche Bengel – +</p> + +<p> +„Der giftgrüne Erz-Flegel ... +</p> + +<p> +„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft! +</p> + +<p> +„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen +will, wo anders hin ausbreiten ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus. +</p> + +<p> +Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf. +</p> + +<p> +Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und +humpelte schnell von dannen, so schnell, daß es schien, als +ob er über den Boden hinwegkollerte. +</p> + +<p> +„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“ +</p> + +<p> +Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ +Begann wieder nach einer kurzen Gesprächspause der +Bankier: „Das ist, glaube ich, auch die Lehre, die wir unbedingt +aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils auf der +Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen +müssen ... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus +der Geschichte nichts gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie +hier vor uns auftauchte, gibt uns zu denken ... Aus den +Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der Zukunft +schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender +Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache +unserer bloßen Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – +aufgebürdet ist, zwingt uns dazu. Ganz gleichgültig, ob +wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer oder Amerikaner +sind ...“ +</p> + +<p> +„Ausgezeichnet! Blendend!!“ +</p> + +<p> +„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“ +</p> + +<p> +Wiederholten einige. +</p> + +<p> +Ein Journalist notierte: +</p> + +<p> +„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels +Lösung.“ +</p> + +<p> +„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den +Lippen, Amalie –“, schloß sich der deutsche Professor gern +der allgemeinen Meinung an ... „können wir getrost der +Zukunft in die Augen blicken.“ +</p> + +<p> +Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, +lispelte er: +</p> + +<p> +„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, +du verstehst mich schon, was ich meine; dann kann +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +auch Deutschland, unser geliebtes Vaterland, nicht untergehen. +Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt der +übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, +erleben, Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands +in Kraft, Schönheit und Herrlichkeit! Deutschland +über alles ... Das walte Gott! Amen ...“ +</p> + +<p> +Frösche quakten, Grillen zirpten. +</p> + +<p> +Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten +umschleiert, über dem Schlachtfeld herauf. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den +beiden Oberkellnern assistiert, empfing, sich ununterbrochen +verbeugend, die hohen Gäste. +</p> + +<p> +„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften +einen hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“ +</p> + +<p> +„Großartig ... unbeschreiblich ...“ +</p> + +<p> +„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“ +</p> + +<p> +„Welch ein Panorama!“ +</p> + +<p> +„Phänomenal!“ – +</p> + +<p> +„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“ +</p> + +<p> +„Sensationell!“ +</p> + +<p> +„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“ +</p> + +<p> +Schallte es ihm vielstimmig entgegen. +</p> + +<p> +Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft +unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung. +</p> + +<p> +„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu +wünschen übrig. Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut +nicht gewachsen, scheint mir im übrigen auch angetrunken gewesen +zu sein, sonst könnte ich mir seine marktschreierischen +Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges nicht +erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang +mit einem Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der +Tat nur recht wenig geeignet, das wissenschaftliche und +ästhetische Vergnügen, das an sich normalerweise solch eine +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft daran Interessierten +bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend +zu vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende +Moment ist in seinen Erläuterungen reichlich zu +kurz gekommen. Die historische Seite wurde bei weitem zu +wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige Details. Was +habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene zusammengeschossenen +Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, +„Bubi“, „Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen +haben. Namen tun nichts zur Sache, sind Schall und +Rauch ... Der Mann, den Sie uns beigegeben haben, seiner +Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, scheint sich vorwiegend +in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber das +ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher +des Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente +für solch einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. +Er pariert nicht. Das heißt: er richtet sich nicht nach +den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern maßt sich eine +Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ... +Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. +Scheint im übrigen, was seine Vergangenheit anbetrifft, +früher einmal als Ausrufer vor einer Jahrmarktsbude angestellt +gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine +Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein +ganz Geriebener. Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, +einem den Genuß eines Schlachtfeldes gründlich +zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...“ +</p> + +<p> +„Ja, gewiß doch! Bitte!“ +</p> + +<p> +Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, +versprach sofortige schleunigste Abstellung dieses +Mißstandes, stammelte etwas von einer Prüfung im Takt, +der man die als Führer in Frage kommenden Anwärter +unterziehen müsse und schloß: +</p> + +<p> +„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen +sich leider als zu solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“ +</p> + +<p> +„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der +Bankier unwirsch zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +um, und schritt mit einem militärisch-stramm markierten +festen Schritt zu dem soeben beginnenden Souper in den +festlich erleuchteten Speisesaal. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die +Spiegelscheiben an den mit italienischen Landschaftsbildern +ausgemalten Wänden vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, +abgesprengte sprühende Lichtreflexe sprangen hin und +her, verfingen sich in den fein geschliffenen Weingläsern und +herrlich aufgebauten Obstschalen und Anrichteschüsseln, der +Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete ein Lichtmeer +wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der +spiegelblank polierten Parkettböden. +</p> + +<p> +Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten +sanft vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete +Akustik von den dort konzertierenden Künstlern allgemein +gelobt wurde, nur hie und da wurde das Geplauder durch +ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine Tropfenkette +von Tisch zu Tisch entlang perlte. +</p> + +<p> +Der Bankier schwieg hartnäckig. +</p> + +<p> +Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran +gewöhnt, auf seinen Erholungsreisen zu fletschern, das +heißt: er kaute jede Speise dreißigmal ... +</p> + +<p> +Ein Sektpfropfen knallte. +</p> + +<p> +Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester +begann mit seinem extra ausgewählten exquisiten Programm +... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Wüst und leer lag draußen das Land. +</p> + +<p> +Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte +Soldat“ hieß oder auch kurz nur der „Rumpf“, +kniete sich auf den Rand eines Granattrichters herauf. +</p> + +<p> +Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase +darin glich einem knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen +hing darüber, wie ein lose angeflickter Knochenscherben. +</p> + +<p> +Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte +und ausgefranzte Zahnfleisch aus den schief verzogenen +Kiefern herausbleckend, die durch und durch mit Klammern +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte er, +lauschte ... +</p> + +<p> +Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte. +</p> + +<p> +Wimmerte, stöhnte, schrie. +</p> + +<p> +Rührte um, klapperte und schepperte ... +</p> + +<p> +Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels +„Zum Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan +in Frack und Seide, in merkwürdig rhythmischen +Zuckungen und eckigen Bewegungen, Körperpaare an +Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen Körperstrunk +verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen. +</p> + +<p> +„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene +Tauben fliegen denen dort in den offenen Mund. Ah, wie +schön lebendig das duftet, und köstliche Speisen rollen ganz +von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. Die ganze Welt +wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten +sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel +Süßem und Fetten sich den Magen verdorben haben, das +Bittere eines Mandelkerns ...“ +</p> + +<p> +Emil glotzte stier in das Lichtparadies. +</p> + +<p> +Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen +voll säuerlichen Geschmacks zusammen. +</p> + +<p> +„Kameraden!“ +</p> + +<p> +„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe +der Schlammkatakomben <a id="corr-20"></a>widerzuhallen. +</p> + +<p> +„Kameraden! Hört ihr mich?“ +</p> + +<p> +„Kamerad! Wir hören dich!“ +</p> + +<p> +„Parole?!“ +</p> + +<p> +Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger +Sprechchor antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter +in der Tiefe der Erde dahinrollend: +</p> + +<p> +„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“ +</p> + +<p> +„Brüder der Großen Grube, hört!“ +</p> + +<p> +„Wir hören dich!“ +</p> + +<p> +„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine +lumpige Brotrinde ist dabei für Emil, das Frontschwein, +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +mit abgefallen. Seht her, nicht ein einziger Brosamen, +wieder einmal ist mir der Stahlhelm leergeblieben. Ist es +auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen Melodie aufzuspielen: +„Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat +sich doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob +in Phosgen, Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim +Handgranatenüberfall ... Weiß Gott doch! ... Sonst trüge +er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der Brust! ... +He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht +ohne Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! +Ihr schmucken Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! +Ist Emil nicht eine gute Mutter euch!? ... Aber da gibt +es zweierlei Arten von Gewürm und Geziefer, Kameraden, +solches unter und solches über der Erde, Kameraden! Ein +Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, +aus dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, +menschenähnliches, gar menschliche Worte sprechendes +Gewürm ... Uns aber hat es dabei die Sprache verschlagen +... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! +Horcht nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in +die innersten Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt +da!? Ja, das Erdinnere, meine sehr verehrten Damen und +Herren, ist auch so ein mitternächtlicher Festsaal. Da +schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett +angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch +Leichendung und Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr +sie auch gesehen, die Totenkäfer mit ihren Freßwerkzeugen +und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die Madenhorden: +das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. +Fein säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und +tragen ihn nach einem einheitlich organisierten Plan mit +den Jahren wie einen Berg ab ... Schön weich wird das +Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! „Kickericki!“ +möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß +der Hahn kräht, damit der Verrat endlich an den Tag +kommt! ... Kameraden! Brüder der Großen Grube! +Hungert ihr?!“ +</p> + +<p> +„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, +Emil! ... Man bindet sich dabei keine Serviette um, sondern +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +die Schlächterschürze, Emil! „Rache“ schreit der Erdrachen, +blutige Rache! Wer noch zwei gesunde Proletenbeine +und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge +aus unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“ +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“ +</p> + +<p> +Der einsame Vogel sang. +</p> + +<p> +„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst +du denn immer noch?!“ +</p> + +<p> +Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte +weiter stier in das Lichtparadies hinein. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband. +</p> + +<p> +Ein langhin geblähtes Grunzen ... +</p> + +<p> +Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ... +</p> + +<p> +Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut: +</p> + +<p> +„Holla!“ +</p> + +<p> +Und gleich darauf: +</p> + +<p> +„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“ +</p> + +<p> +Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen. +</p> + +<p> +Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten. +</p> + +<p> +Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten +Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig +serviert. +</p> + +<p> +Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, +noch immer laut beifallumtost, am Ende noch als Zugabe +das weltberühmte Couplet zum Vortrag: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes,</p> + <p class="verse">Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Leise summte der Bankier mit. +</p> + +<p> +„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich +...“ +</p> + +<p> +Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an: +</p> + +<p> +„Auf Ihr Spezielles!“ +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch +während des Vortrages seiner Frau die Hand: +</p> + +<p> +„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß +ich mir doch noch einmal anschaffen. Das ist das richtige +Gegengift gegen die Alltagssorgen und gegen die Schwermut, +Claire. Das heilt. Das ist die richtige Kur bei Weltschmerz +... Gemütsmassage ...“ +</p> + +<p> +Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine +dicke, vom Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten. +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Es soll der Dichter mit dem König gehn,</p> + <p class="verse">Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit +einem dankbaren Blick. „Und vor allem echt und wahr +empfunden. Tief wahr ... Der Mann des Ideals verbündet +mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der +Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft +... Der Sieg über die Erdenschwere, der durch +Wissenschaft und Technik schon so schön angebahnte Triumph +über die Vergängnis wäre damit endgültig gesichert.“ +</p> + +<p> +„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor +dazwischen: „... die könnten getrost das Jahrhundert in +die Schranken fordern ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es war schon spät in der Nacht. +</p> + +<p> +„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“ +</p> + +<p> +Der einsame Vogel sang immer noch ... +</p> + +<p> +Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris +zurückbringen sollte, fuhr vor. +</p> + +<p> +„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine +gespenstische Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten +sich, ob man nicht lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten +solle ... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein +bengalisches Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem +groß angelegten Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem +Thema „Tausend und eine Nacht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen +eines flotten Marsches des Jazzband-Elite-Orchesters, traten +in einer glänzend ausgeführten Polonaise, jeder Herr sein +Glas in der Rechten, auf die Terrasse. +</p> + +<p> +Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige +flache Lichtblitze. +</p> + +<p> +Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige +Male dringend geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier +nun doch noch nach einigem anfänglichen Zögern zu einer +kurzen Ansprache: +</p> + +<p> +„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick +dieser Trümmer, grausige Ueberreste blutigen Geschehens, +meldet sich auch in unserem Herzinneren wieder von neuem +der uralte Menschheitswunsch nach Völkerverständigung, +Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das ist das +Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes +abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum +Arbeit, Arbeit und damit allgemeine Wohlfahrt, können +für uns die Bürgschaft, die einzigen Garantien eines wahrhaft +dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die +Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... +Meine sehr verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das +Glas und bitte Sie, mit einzustimmen in den Ruf: Es +lebe der Friede! Es lebe die Völkerverständigung, die +Völkerversöhnung, jener gute Geist des gegenseitigen Verstehens +und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so siegreich +durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es +lebe ... Der Völkerbund, er lebe – – –“ +</p> + +<p> +„Hoch! Hoch! Hoch!“ +</p> + +<p> +Die Gläser klirrten ... +</p> + +<p> +Der deutsche Professor schwitzte. +</p> + +<p> +Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch +die Schweißtropfen von der Stirn. +</p> + +<p> +„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: +„Paneuropa, meine ich, das wäre das richtige. +Natürlich unter Deutschlands wirtschaftlicher und kultureller +Führung. So unter einer Art geistiger Vorherrschaft ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus +Soldatenliedern aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg +beteiligt waren. +</p> + +<p> +Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert: +</p> + +<p> +„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein +im Walde ...“ +</p> + +<p> +Ganz sachte, in einem <span class="antiqua">piano pianissimo</span> verschwingend ... +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Die Scheinwerfer spielten. +</p> + +<p> +Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig +zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie +einer riesigen Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten +Fingern die Erdfurchen nach irgendeiner Beute abtastete. +</p> + +<p> +Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische +Lichtbündel hingen in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen +wölbte sich; hüpfende Sterne, tanzende Funkenreihen; +eine lampionartig glühende, in Hunderte von +blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene +Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches +Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, +aus dem herab – als Finale dieser Lichtsymphonie – ein +blendend flimmernder Goldregen sich ergoß, der in der Vorstellung +manch eines aus der Gesellschaft teils zu einem als +mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum +wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, +die „Friede auf Erden!“ singend aus den mit einem +ewigen Hosianna unvergänglich imprägnierten Aeonen auf +die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits gnadenspendend +herniederfuhren. +</p> + +<p> +Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden +hinter dem Zauberwerk. +</p> + +<p> +Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den +geöffneten Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine +weich sich dem Nachtgold anschmiegende schmelzende Melodie. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten +sich zu einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Strahlen, und dieses Strahlen glich ganz einem +unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch gestreckten +Lichtpfad. +</p> + +<p> +Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der +armen Bauern wandelte ... +</p> + +<p> +Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut +überschwemmten Land der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes +vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand eines Granattrichters. +</p> + +<p> +„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder +„Rumpf“ werde ich genannt ... Trillert nicht „Emil, wo +bist du?“ das einsame Vöglein? „Allemal hier, Schatz!“ +antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ... Und der +„Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft +mir am Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich +geärgert? Mach’ kein gar so griesgrämig Gesicht! Regenwetter +gibt’s ohnehin schon genug und auch saure Gurkenzeit. +Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm, +Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch +Zeit ...“ So bin ich der heiligen Dreifaltigkeit gleich. +Bin drei und eins.“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Emil glotzte. +</p> + +<p> +Die Lichtflut traf ihn. +</p> + +<p> +Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +In dieser Nacht gab es zwei Träume. +</p> + +<p> +Den einen träumte der Bankier. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in +einer kristallisch geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen +Traumwolke, und die Erde unter ihm war wüst und leer, +brodelte dumpf und schäumte. +</p> + +<p> +In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und +die ganze Menschenerde glich einem mit einem porösen +Stoff ausgelegten Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme +die ununterbrochen vom Menschengeschlechte abfielen, +spur- und farblos versickerten. +</p> + +<p> +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten +hatte der Bankier um sich versammelt, die ihm in seinem +Flug nachfolgten, die ihm huldigten, indem sie ihm zu +Ehren barock geschwollene Lobestiraden verfaßten und diese +bei den häufig stattfindenden Empfängen und Festtafeln +mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder +Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die +Erde hinab, die lange Artikelserien mit wissenschaftlich +sorgfältigen Analysen des neuen Zeitalters brachten, mit +ausführlichen, höchst detaillierten und durch ein reichhaltiges +statistisches Material ergänzten Beschreibungen der Rolle +des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, +was, mehr dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: +„Das Neue Renaissance-Menschentum.“ +</p> + +<p> +Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der +Bankier wurde immer mehr Gott gleich! +</p> + +<p> +Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte +er doch insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner +unruhenden Seele: „Hoffentlich wird uns der Herr Bankier +nicht doch noch eines schönen Tages unsere fetten Pfründen +sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte nicht im entferntesten +daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung aus +einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit +den Jahren immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß +dem Volk erhalten bleiben!“ Das Aufklärertum kam in +dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig außer Mode, +und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese +Tage der Welt gewürzt. +</p> + +<p> +„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust +zu leben!“ – so verkündeten es wenigstens die offiziellen +Apostel. „Die Herrschaft des Finanzkapitals: das ist der +Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ – prophezeien, +selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere. +</p> + +<p> +Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf +durch die sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, +wähnte der Bankier und seine Gefolgschaft, die +Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen den immer +tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +sich hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare +Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende +und jeden Lebenswillen unterminierende Langeweile, die +besonders kraß bei seiner Nachkommenschaft auftrat, erfand +das ständige Aufgebot medizinischer Autoritäten aller Länder +immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde +Gegenmittel ... +</p> + +<p> +Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und +scheinbar im Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, +war er doch tiefer, als die Dichter es in ihren apotheotischen +Gesängen wahrmachen wollten, mit der Zeit verwurzelt und +mit dem Erdgrund verbunden. +</p> + +<p> +Folgendes geschah: +</p> + +<p> +Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel +in den Strudel eines für ihn völlig unlösbaren +Widerspruchs geriet, der für ihn schicksalhafte Gestalt annahm, +und in den er sich, je mehr er sich daraus zu befreien +versuchte, desto tiefer verstrickte. +</p> + +<p> +Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken +gründete, kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde +schürfte, alles was er für sich unternahm, unternahm er doch +gleichzeitig auch wieder gegen sich selbst. Jede Verordnung, +die er in seinem eigenen und nur in seinem eigenen Interesse +erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen ihn +selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel. +</p> + +<p> +Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die +Lage jenes unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich +krampfhaft bemüht, Arme und Beine aus dem Gewirr von +Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste Bewegung aber +doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in +seinen eigenen Untergang zu verstricken. +</p> + +<p> +So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, +durch seine Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene +Gesetzprinzip in der Praxis aufzuheben und durch +einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine ausgesprochene +Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr +herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +eigenen Erlässe, Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar +zur Fallschlinge geworden. +</p> + +<p> +So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße. +</p> + +<p> +Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das +Gewehr um und nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn. +</p> + +<p> +Oder: +</p> + +<p> +Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch +selbst dabei, während das Volk trotz unbeschreiblicher +Martern, die ihm dieser Verwesungsprozeß verursachte, +letzten Endes an diesem Gift gesundete. Denn verschluckten +sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab es wohl +blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten +sich auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein, +Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter +Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten +Partei betraten alsbald darauf die revolutionären +werktätigen Massen die politische Arena ... +</p> + +<p> +Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des +für ihn verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs +gehetzt, dazu überging, einen Staudamm von Galgen gegen +die anbrandende rote Sturmflut der Empörer zu errichten, +als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als in +Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle +nurmehr darin zu äußern, daß er wahnwitzig und +sinnlos drauflos mordete und die Volkskraft frivol und +zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode seiner Scheinherrschaft +war er widerwillig gezwungen, streng nach dem +Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“. +</p> + +<p> +Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und +rottete sie oft mitsamt ihren Organisationen restlos aus, +andererseits aber schuf er eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, +eifrig und geradezu behutsam doch zugleich wieder +den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot, +Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten. +</p> + +<p> +So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst +aufgefressen. +</p> + +<p> +Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel +an der Wahrheit jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +die ihm einst ein von ihm zum Tode verurteilter Revolutionär +ins Gesicht schleuderte: +</p> + +<p> +„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen +das Schlußwort: „Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau +darüber Ihre verlogene Henkermoral, das ist die beste +Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort +in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... +Dank Ihnen kommen wir rascher an unser Ziel ...“ +</p> + +<p> +Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um +seine Macht Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige +und sensationslüsterne Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, +Hasardeure: sie stützten ihn zwar, aber sie stützten +ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt. +</p> + +<p> +Der Blutrausch ging jäh zu Ende. +</p> + +<p> +Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte. +</p> + +<p> +Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das +Ende der Welt gekommen. +</p> + +<p> +Es kam aber anders. +</p> + +<p> +Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug. +</p> + +<p> +Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf. +</p> + +<p> +Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich +überwinden können dadurch, daß Millionen und Abermillionen +Menschen willig für ihn Schwerarbeit leisteten. +Nur auf Grund dieser von Millionen und Abermillionen +Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er +sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen. +</p> + +<p> +Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen +waren für ihn die unbedingte Voraussetzung seiner eigenen +Freiheit. Deren Freiheit aber war gleichbedeutend für ihn +mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung. +</p> + +<p> +Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, +wie die wohl über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen +unter mörderischen Krümmungen und Zuckungen ihre +Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes Zwangs- und +Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm +unlösbar Gehirn und Leib banden ... +</p> + +<p> +– – – – – – – +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, +und wie ein Fisch, der aus seinem Element +gehoben ist, nach Luft schnappend. +</p> + +<p> +Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt +vom Strick, der ihm in der letzten Traumsekunde noch +umgeworfen worden war, an dem etwas speckig geratenen +Gurgelknopf und im Nacken. +</p> + +<p> +Eine dicke Träne kollerte. +</p> + +<p> +„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“ +</p> + +<p> +Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und +Nachdenkens: +</p> + +<p> +„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die +Arbeit, schenkte ich nicht sozusagen überhaupt erst das +Leben? ... Wenn ich nur an die Riesenkolonien der von mir +errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch wunderbare +Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien, +Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! +Geschäft ist Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann +man sich schon einmal ausnahmsweise den Luxus gestatten +und seinen Gefühlen freien Lauf lassen ... Hauptsache für +einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer Branche +angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts +sich von derartigen sentimentalen Anwandlungen und +kuriosen Träumereien absolut frei hält ... Das Geschäft +gehört ins Tal und die Seele auf die Berge ... Im übrigen: +gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw. +immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer +nicht ... wir sind noch stark, stark, stark genug ...“ +</p> + +<p> +Er streckte sich. +</p> + +<p> +Befühlte seine Muskeln. +</p> + +<p> +Die Knochen knackten. +</p> + +<p> +„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das +Schlachtfeld und der Führer mit seinen dummdreisten und +aufdringlichen Witzen schuld. Natürlich! Grünes Gemüse. +Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein Lausejunge, +so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner +imaginärer Kerl ... +</p> + +<p> +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!? +</p> + +<p> +„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert +man meine Träume!? ... +</p> + +<p> +„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches +Terrain, und muß ich, wenn ich eine Traumwanderung +antrete, mich auch von einem Führer begleiten lassen, der +jede meiner Bewegungen, der jede meiner Traum-Zuckungen +zynisch kommentiert ...!?“ +</p> + +<p> +Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf. +</p> + +<p> +Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche +aus dem Gehirn. +</p> + +<p> +Pfiff vor sich hin: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes</p> + <p class="verse">Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den +Zeitungen. +</p> + +<p> +Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald +zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem +Vater mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch +„mit freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn +er von innen aufgehe“. +</p> + +<p> +Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen +Augenblick. +</p> + +<p> +Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las: +</p> + +<p> +„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich +immer mehr von den sozialistischen Ideen, denen ich in +meiner Jugend anhing, freimache, von dem historischen +Materialismus im besonderen, und mich immer schärfer von +dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß +hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften +mit Abscheu abgrenze, das auf die Dauer +jedes unbefangene, unvoreingenommene Verhältnis des +Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit +macht und unser ganzes Volkswesen in einen +bürgerkriegähnlichen Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +suche die Wahrheit und glaube jetzt bestimmt auf dem richtigen +Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind es nicht, +die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, +Wandlung tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch +mit der herrschenden Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren +Lebenskräfte lähmenden Sozialismus. Das dünkt mich die +große Krankheit dieser Zeit, aber sie wird auch aus sich +selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das neue +Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich +steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“ +</p> + +<p> +„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater +noch Freude machen! Fahre weiter so fort, dann kann es +nicht schief gehen ... Er fühlt sich, als ob er von innen +aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht nett gesagt.“ +</p> + +<p> +Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm +zu schicken, folgenden Inhalts: +</p> + +<p> +„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, +und du wirst sie finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit +allen Kräften. In Treue dein Vater.“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Den anderen Traum träumte Jacques. +</p> + +<p> +Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer. +</p> + +<p> +Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während +des Krieges vollkommen zusammengeschossen worden war, +hatte er sich nach seiner Entlassung vom Militär eigenhändig +wieder zurechtgezimmert. Es reichte sogar noch zu einem +Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen darin. +</p> + +<p> +Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, +Wand an Wand. +</p> + +<p> +Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall +und Wohnräume. – +</p> + +<p> +Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun +war es ja zwar nicht abgetan, es war schon ein hartes +Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem Boden das Lebensnotwendigste +herauszuwirtschaften, und oft verdingte sich +Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter, +als Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der +Nachbargemeinden auf einer Baustelle. +</p> + +<p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes +Ansicht nichts weiter als nur recht und billig. +</p> + +<p> +Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften +beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er +dachte sich eigentlich weiter nichts besonderes dabei als +höchstens: +</p> + +<p> +„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze +das! Was sie nur davon haben, immer noch in dem Leichenschlamm +herumzustochern!“ +</p> + +<p> +Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen +fünfzig Stockwerken hoch in das verwüstete Land hineinragte, +sah Jacques bei seiner Arbeit Tag für Tag. +</p> + +<p> +In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu +besuchte, herrschten oft rauhe Töne. +</p> + +<p> +Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der +Welt herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine +seiner abenteuerlichen Erzählungen unterbrechend, hart mit +der Faust auf den Tisch und fluchte: +</p> + +<p> +„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare +Tölpel! Feige kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns +sowas gefallen lassen. Tut vielleicht die Regierung, trotz +unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas gegen die +Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten +auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch +schon das allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal +das ... Geschweige denn ... Und was schon das Wiederaufbauen +des Landes betrifft, wofür sie von den Deutschen +das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah! +Fällt ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit +diesem heillosen Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird +noch zum Spekulationsobjekt! Da geht einmal nach Paris +und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren Automobilkutschen +in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin +fließt das Geld, sage ich euch, aber unsereins hat immer +dabei das Nachsehen ... Will nur sehen, was dabei noch +herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu ändern ... +Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ... +Was die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Rüssel in die Massengräber hinein, und wissen mit ihrer +Zeit nichts gescheiteres anzufangen, als auf den Schlachtfeldern +herumzubummeln, und dazu reisen sie sogar über +den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum +Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier +bei uns, welch’ eine Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!? +Gerümpel, vermorschte Bretterbuden, was nächstens der +Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt ...“ +</p> + +<p> +Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der +Lehrer oder der Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der +Lärm, und man begann gemeinsam auf die Arbeiter in den +Städten zu schimpfen, die schon wieder einmal, zum soundsoviel +hundertsten Male, streikten. +</p> + +<p> +„Achtstundentag!“ +</p> + +<p> +Die Bauern lachten heiser auf. +</p> + +<p> +Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen, +pafften wild Wolken von Tabaksqualm aus ... +</p> + +<p> +„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir +Bauern an einen Achtstundentag denken könnten! ... Und +den Bauern das Vieh wegnehmen, ha, und die Ernte verbrennen, +das tät ihnen wohl so passen, he, was ... Aber +Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren +Buckel kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land +herauswagen sollten, was ...!“ +</p> + +<p> +Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert, +mit seinem Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen +Zweck in seiner Scheune versteckt hielt. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier +Jahre lang über dieses Land, das Jacques Heimat war, +hinweggestampft: und das Land war wüst und leer. +</p> + +<p> +Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer +riesigen, schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an +Trichter, Beule an Beule ... +</p> + +<p> +Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender +schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont +war saftigrot übersprengt wie mit frischen Blutklexen. +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich +hineingetaucht, so unlotbar tief, als sei das ganze +Land so stumm und verwahrlost, wie es war, längst im +gläserigen Schutt des Meeres versunken ... +</p> + +<p> +Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern, +und heran flog, aus Knochenstäben gefügt und mit einer +ganz der Menschenhaut ähnlichen Leinwand bespannt, ein +Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte sich scheinbar +mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch, +und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den +einzigen Passagier, der darin saß, erkennen konnte. +</p> + +<p> +Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im +Frack und mit Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten +zum Gruß hin nickend, gerade so wie der Präsident der +Republik, als er die Paradefront der siegreichen alliierten +Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung des +Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris. +Aber das Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar +dem Bankdirektor Michelet, der in der Nähe des Dorfes eine +schöne neue Sommervilla besaß, nach der er regelmäßig +jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten +asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam. +</p> + +<p> +„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da +fließt ja auch ein Regen, aber dieser Regen fließt ja +gar nicht auf die Erde vom Himmel herab, sondern +gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel +hinauf, aus Millionen Menschenaugen sickert, fließt +dieser Regen, dieser Tränenregen, und das ganze +Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von diesen aufwärtsziehenden +Tränenmassen prall, wie schwanger davon, +füllt sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt! +platzt! und ganze Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen +hernieder, o so eine höllische hitzige metallische Schmelzglut +gibt das ... und eine Musik, o eine Musik dazu – – –“ +</p> + +<p> +Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr. +</p> + +<p> +„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt! +Die ganze Welt brennt! Hast du ihn denn auch gesehen, wie +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +er auf dem „Tier“ über das Schlachtfeld geritten ist? Der +Bankier, Marie, reitet über das Schlachtfeld, und o auf +einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ... Aber nein, +nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein, +nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von +außen und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich +dir, ein Brändlein zusammen, da schlagen die Feuerflächen +wie wild aufeinander, Marie ... Und wir, wir, +Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten +dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes, +bitt für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres +Absterbens ... Amen! ...“ +</p> + +<p> +Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend +hinausstieß, war sein Weib aufgewacht. +</p> + +<p> +Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während +ihn sein Weib festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen +und hatte Schaum vor dem Mund: +</p> + +<p> +„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das +Schlachtfeld reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa, +hop, hop, hop ... Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken +geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... O so +traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig ... Und +was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein +feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die +Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll +Trübnis und Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht, +Marie, o, o, das war was ... Gleich dem Weltende ... +So eine Verkündigung, vielleicht etwa, wie ... So eine +Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“ +</p> + +<p> +Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet. +</p> + +<p> +Dann rang auch sie flehend die Hände. +</p> + +<p> +„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was +um in dir, so was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“ +</p> + +<p> +Jacques lallte immer noch: +</p> + +<p> +„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ... +Der reitet, sag’ ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende +nimmt diese verfluchte, höllische, gespenstische Reiterei, bis +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +das Feuer, dieses Feuer, diese glühende Höllenpestilenz wie +eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“ +</p> + +<p> +Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und +immer wieder und beteten bis zur Früh vor dem kleinen +Altar, einer gipsernen Grotte, mit der Jungfrau Maria +darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der so +hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem +Zimmerwinkel darüberhing. +</p> + +<p> +„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“ +</p> + +<p> +„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib. +</p> + +<p> +Der Hahn krähte. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib +zum Priester. +</p> + +<p> +„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein +Uebel ist uns wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“ +</p> + +<p> +Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an. +</p> + +<p> +Da trat auch schon Jacques ein. +</p> + +<p> +„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch, +nur, wie er aussieht! Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“ +</p> + +<p> +Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser. +</p> + +<p> +Jacques bekreuzigte sich. +</p> + +<p> +Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den +Puls und sagte ganz freundlich: +</p> + +<p> +„Jacques, setz dich und erzähle!“ +</p> + +<p> +Jacques bekreuzigte sich. +</p> + +<p> +„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des +heiligen Geistes ... Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen, +so wahr mir Gott helfe ... Amen!“ +</p> + +<p> +„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und +einen Reiter hast du darin gesehen, mit einem Zylinderhut, +dem Bankdirektor Michelet ähnlich?“ +</p> + +<p> +„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor +Michelet ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Roß eigentlich nicht, ist er doch freihändig durch die Luft +gefahren.“ +</p> + +<p> +„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch +wirklich ein Zylinderhut!?“ +</p> + +<p> +„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“ +</p> + +<p> +„Und also kein Dreispitz?“ +</p> + +<p> +„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“ +</p> + +<p> +„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen +auf hat, weißt doch ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon +einen auf hat ... Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein +Zylinderhut ... Der große Napoleon war es nicht, den +hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das Schlachtfeld +geritten wär’ ...“ +</p> + +<p> +„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus +Johannis Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast, +in der heiligen Schrift geschrieben steht: „Und ich sahe den +Himmel aufgetan; und siehe, ein weiß Pferd, und der darauf +saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit +Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme +und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen +geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war +angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprenget war; +und sein Name hieß Gottes Wort. Und ihm folgte nach +das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“ +</p> + +<p> +Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf. +</p> + +<p> +„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht. +Das, was Johannes da in seiner Offenbarung meint, ist doch +der gottseligen Engel einer ... Sicherlich, dieser war es +ganz bestimmt nicht.“ +</p> + +<p> +„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit +deinen eigenen leibhaftigen Augen gesehen ...!?“ +</p> + +<p> +„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so +wahr mir Gott helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht +...“ +</p> + +<p> +„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin +gegrüßt!?“ +</p> + +<p> +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der +Erinnerung vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr +genau unterscheiden: es war aber, glaube ich, freundlich +lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht aber hat er auch +gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“ +</p> + +<p> +„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein +Dreispitz.“ +</p> + +<p> +„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“ +</p> + +<p> +Der Priester ging unruhig auf und ab. +</p> + +<p> +„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut! +Also, ein Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der +Bankdirektor Michelet ... Hallunzination ... Wie der +Bankdirektor Michelet, der wohl im Park spazieren reitet +oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches Tier, +so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du +eines im Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es +ja auf der ganzen Welt nicht ... Warst du nie in deiner +Jugend krank, Jacques?“ +</p> + +<p> +„Nein, Hochwürden!“ +</p> + +<p> +„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle +gehabt!?“ +</p> + +<p> +„Nein, Hochwürden!“ +</p> + +<p> +„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper. +Schanker oder so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut +des männlichen Gliedes an der Eichel ...!?“ +</p> + +<p> +Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den +Zeigefinger und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch. +</p> + +<p> +„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der +Kirche bin, ich schwöre: nein ...!“ +</p> + +<p> +„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen, +falscher Ernährung, nicht genügender Blutzirkulation, +Jacques ... Iß von nun an nichts gewürzt und nur leichte +Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen Traum +möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild +kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in +Gesetzesfrevel ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +nasses Tuch auf den Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten +nicht vergessen, Jacques ...“ +</p> + +<p> +Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan +läutete. +</p> + +<p> +Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf. +</p> + +<p> +„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden +... Kommt beide gleich mit zur Frühmesse.“ +</p> + +<p> +Marie küßte dem Priester die Hand. +</p> + +<p> +Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur +Tür hinaus. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der +hintersten Bank in der Dorfkirche. +</p> + +<p> +Sie beteten nicht, sondern schrien: +</p> + +<p> +„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme +Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... +Hilf! Hilf! Hilf! ...“ +</p> + +<p> +Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber +und sein Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen +einen Sarg zunageln, so knarrten von den feuchten Wänden +des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen der gläubigen +Gemeinde im Chor: +</p> + +<p> +„Amen! Amen!“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum +deuten können. +</p> + +<p> +Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern – +wogegen sich sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe +oft am hartnäckigsten sträuben – die Einsicht in den Mechanismus +der Geschichte und: daß unsere Geschichte eine Geschichte +von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis dieser Tatsache +am eignen Leibe. +</p> + +<p> +„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner +Meinung nach wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein +Prolet zur Antwort gegeben. +</p> + +<p> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende: +</p> + +<p> +„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz, +sondern ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der +Bankier reitet übers Schlachtfeld. Ueberall, wohin der +seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm die ganze Klasse der +Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich unter +mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld +der Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes +daraus die Schlote, die du bei klarem Wetter +fern bei Paris sehen kannst, emporschießen; Arbeiterviertel, +Fabrikreviere, Kolonnen von Wellblechbaracken. Ueberall, +wohin du blickst, Jacques, ist dieses Schlachtfeld der Arbeit +bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in Amerika, und +auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung der +Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht +sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit +dieser Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld +der Arbeit verwandelt sich wiederum eines Tages ebenso +sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen System nach, aus +dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes +Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der +heute herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes +Schlachtfeld, auf dem nicht die Millionen und Abermillionen +an Hunger, Krankheit, Ueberarbeit langsam +dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der Herrschenden +gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen, +Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der +Skrupellosigkeit und dem exquisiten technischen Ueberraffinement +der bürgerlichen Kultur gemäß sind. +</p> + +<p> +„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld. +</p> + +<p> +„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er +geht auch nicht zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig, +millionenäugig, millionengliederig. Er kommt daher mit +Tanks, Maschinengewehren, Dreadnoughts; als Massenmord, +als Galgen, als elektrischer Hinrichtungsstuhl, als +Attentat. Er fliegt durch die Lüfte, Bombenflieger an +Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland +befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Trost, dann spritzt er das Giftgas ab und jedes Partikelchen, +das eine Menschenhaut trifft, läßt sie bei lebendigem Leibe +verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein erzeugt er durch +Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine +graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft +über die Straße gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt, +Jacques, in seinem Büro an der Arbeit, zwölf Stunden und +darüber hinaus oft noch arbeitet er, Tag und Nacht ist er +unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend, +Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd, +idealere Gifte, idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle, +Europa ist ein armseliger Tümpel, eine kleine schmierige +Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa! ... Wir werden +Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue +Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer +Druckknöpfe über den gesamten Staatsapparat gebietend – +so er nur will, so geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm +die Gewaltigen in deinem eigenen Land, Jacques, haben eine +neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter ganz +brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen, +mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen +und aus deinem Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend +genug, daß Generationen ihrer Geschlechter herrlich, sorglos +und in Freuden davon noch zehren können. Für deren +Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile +weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot, +die Augen sich wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir +an die Hände die Schwielen. Für deren Mußestunden +blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut dünkt dich +selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier +auf der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den +Boden herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen, +Herr ...“ und gerührt ob so viel Menschengüte ihm +nachgaffst: „Seht! Welch ein Wohltäter!“ +</p> + +<p> +„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen! +Lüfte dir den abergläubischen Bauernschädel gründlich aus, +und jage den Priester zum Teufel, wenn er ihn dir wieder +mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon garnicht nötig, daß +du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis heute +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet +übers Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem +Gewehr umzugehen und hast doch Schießen gelernt ...!? +Jacques, träum jetzt den zweiten Teil des Traumes, träum +ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit wird! ...“ +</p> + +<p> +„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten +Jacques zunächst noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ... +„Laß mal! Ich habe am ersten schon überreichlich +genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne besondere +Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem +zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht +nur die Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf +kämpfen und an den Sieg des Proletariats glauben +soll. +</p> + +<p> +Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in +seinen Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das: +</p> + +<p> +„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... +</p> + +<p> +„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft, +müssen ihm selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer, +die die Millionen Toter blutig einst an ihm rächen werden. +</p> + +<p> +„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast, +betrifft. Du sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern +und Knochenknacken zugleich gewesen; die Orgel in der Dorfkirche +hätte laut aufgeschrien, und die Register hätten sich +von selbst alle durcheinandergezogen, und ein grausiger +Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg +hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt, +und auf die Pedale hätte es gestampft, als ob +dort ein ganzes Heer ununterbrochen auf- und niedermarschiere +... +</p> + +<p> +„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst +du auch diese Musik dazu. +</p> + +<p> +„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und +Kirchenkonzerte und sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen +nicht mehr unserer Zeit. Der Rhythmus unserer +Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und eine +Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +bis heute noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben, +dieses Höllentempo zu fassen, kein Künstler ist da, der dies +auszudrücken vermöchte. Die Zeit heult sich selbst ihre +Musik. Aber den letzten Satz dieser infernalischen Symphonie +spielt: das Proletariat ... +</p> + +<p> +„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein +wird, den Herren zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem +Instrument in das große Orchester recht kräftig mit einstimmen +kannst ... +</p> + +<p> +„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der +Wirklichkeit verstehen, was es mit deiner phantastischen +Vorstellung auf sich hat, daß der Himmel von den vielen +Tränenergüssen, die aus der Erde aufstiegen, schwanger +geworden und, flüssiges Feuer aus sich herausschüttend, +unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei ... +Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die +Macht übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal, +bestialischer Gemeinheit ist der Weltraum erfüllt, daß – +gäbe es einen gerechten Gott – er in der Tat gar nicht +anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der +grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu +fristen gewohnt ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen +Hand von der Erde hinwegzufegen ... Nun, +Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt ... Drum +nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an +dich ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns +Proleten ists, ein für allemal gründlich auszumisten ... +</p> + +<p> +„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques! +Der Bankier reitet übers Schlachtfeld!!!“ +</p> + +<p> +Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische +Kleinbauer hätte gesprochen: +</p> + +<p> +„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’ +ich wohl ein, eine richtige Auslegung meines Traums +gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben allzumal ... Wir +müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören +zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die +Hand darauf! Fest ... Ja, so ist es ...“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld. +</p> + +<p> +Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet +quer über Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über +Flußläufe und sommerdampfende Steppen hinweg, hoch +hinan bis in die Gletscherwüsten, die Felsnester der Hohen +Tatra ... +</p> + +<p> +Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt. +Wie die Halme der Sturm, so beugt es tief erdab +den Kulis Nacken und Haupt ... Krummgewachsen muß +ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten, reiten +kann ... +</p> + +<p> +Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der +Bankier reitet, reitet immer noch. Aufrechter denn je steht +er, wie eine mit einem Frack und einem Zylinder angeschminkte +Götterstatue, im Sattel ... +</p> + +<p> +Die Knochentrommel trommelt. +</p> + +<p> +Die Gerippscherben klappern ... +</p> + +<p> +Hop! Hop! Hop! +</p> + +<p> +Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier +reitet übers Schlachtfeld. – – – +</p> + +<p> +Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht +mehr ein Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!! +</p> + +<p> +Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch, +schnellen das Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – – +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub! +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="hdr"> +<span class="line1">Der deutsche Schicksalsroman</span><br> +<span class="line2">im Zeitalter des Giftgaskrieges</span> +</p> + +<p class="aut"> +Johannes R. Becher +</p> + +<p class="book"> +<span class="line1">(CHCl=CH)<sub>3</sub>As</span><br> +<span class="line2">(Levisite)</span><br> +<span class="line3">oder</span><br> +<span class="line4">Der einzig gerechte Krieg</span> +</p> + +<p> +Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit +exakter Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken, +vor allem Edgewood, das Hauptarsenal der +Giftgasfabrikation, lernen die Fabrikationsmethoden +kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen auf dem +Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader, Tankarmeen +marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ... +Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen +Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es +gibt nur eine Lösung dieser Frage, die für Deutschland, +für Europa, für die ganze Welt als Schicksalsfrage gestellt +ist. Die Art der Lösung dieser Frage macht das Werk zu +einem hochaktuellen, zu einem politischen Buch ... Ein +Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die über +dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden. +</p> + +<p class="run"> +1. bis 10. Tausend +</p> + +<p class="price"> +Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark +</p> + +<p class="pub"> +Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26 +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="cop"> +Alle Rechte vorbehalten.<br> +Copyright by Agis-Verlag, Wien.<br> +Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover. +</p> + +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... dieses <span class="underline">Abend</span> ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...<br> +... dieses <a href="#corr-7"><span class="underline">Abends</span></a> ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">Eine</span> der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...<br> +... <a href="#corr-10"><span class="underline">Eins</span></a> der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...<br> +</li> + +<li> +... der Schlammkatakomben <span class="underline">wieder</span>zuhallen. ...<br> +... der Schlammkatakomben <a href="#corr-20"><span class="underline">wider</span></a>zuhallen. ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75793 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75793-h/images/cover.jpg b/75793-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3350af7 --- /dev/null +++ b/75793-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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