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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75633-0.txt b/75633-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b08fe09 --- /dev/null +++ b/75633-0.txt @@ -0,0 +1,5088 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 *** + + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Worte in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ + +======================================================================= + + + + + Hausbücherei + + 10 + + + + + Hausbücherei + + der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + + 10. Band + + [Illustration] + + Hamburg-Großborstel + Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + 1910 + + 21.-30. Tausend + + + + + Novellenbuch + + 2. Band + Dorfgeschichten + + Ernst Wichert, Heinrich Sohnrey + Wilhelm v. Polenz, Rudolf Greinz + + [Illustration] + + Hamburg-Großborstel + Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + 1910 + + 21.-30. Tausend + + + + + Inhaltsverzeichnis + + zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs. + + + Band 1 (Hausbücherei Band 9): + + ~Conrad Ferdinand Meyer~: Das Amulet. + ~Ernst von Wildenbruch~: Archambauld. + ~Friedrich Spielhagen~: Breite Schultern. + ~Detlev von Liliencron~: Greggert Meinstorff. + + + Band 3 (Hausbücherei Band 14): + Geschichten aus deutscher Vorzeit + + ~Adolf Schmitthenner~: Tilly in Nöten. + ~J. J. David~: Frühschein. + ~Wilhelm Hauff~: Jud Süß. + + + Band 4 (Hausbücherei Band 15): + Seegeschichten + + ~Joachim Nettelbeck~: Schiffbruch. + ~Wilhelm Hauff~: Das Gespensterschiff. + ~Hans Hoffmann~: Die unversicherte Brigg. + ~Wilhelm Jensen~: An der See. + ~Wilhelm Poeck~: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts. + ~Johannes Wilda~: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti. + + + Band 5 (Hausbücherei Band 22): + Frauennovellen + + ~Clara Viebig~: Brennende Liebe. + ~Lulu von Strauß und Torney~: Um den Hof. + ~Lou Andreas-Salomé~: Eine Nacht. + ~Marthe Renate Fischer~: Auf dem Wege zum Paradies. + + + Band 6 (Hausbücherei Band 23): + Kindheitsgeschichten + + ~Adolf Schmitthenner~: Der Seehund. + ~Helene Aeckerle~: Ein Opfer. + ~Meinrad Lienert~: Das Gespenst. + ~Marga von Rentz~: Krokus. + ~Hans Land~: Die Büßerin. + ~Adolph Bayersdorfer~: Die Tintenhose. + ~Charlotte Riese~: Die Wiege. + ~Thomas Mann~: Die Tanzstunde. + + + Band 7 (Hausbücherei Band 24): + Kriegsgeschichten + + ~Carl Beyer~: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400. + ~Heinr. v. Kleist~: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege. + ~W. von Conrady~: In Rußland 1812. + ~Max von La Roche~: Todesritt. + ~Detlev von Liliencron~: Portepeefähnrich Schadius. + ~Theodor Fontane~: Drei Kriegsgefangene. + + + [Illustration] + + + + + Inhaltsverzeichnis + + zum 2. Bande des ~Novellenbuches~. + + + Seite + + Vorbemerkungen zum zweiten Bande 6 + + ~Wichert, Ernst~: Ewe 7-123 + + ~Sohnrey, Heinrich~: Lorenheinrich 125-144 + + ~Polenz, Wilhelm von~: Zittelgusts Anna 145-178 + + ~Greinz, Rudolf~: Simerls guter Tag 179-199 + + Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung + des Verfassers voraus. + + [Illustration] + + + + + Vorbemerkungen zum zweiten Bande. + + +Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des +Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts +Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden -- +Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900). + +»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der +Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee +-- im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903). + +Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte +mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der +Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2. +Auflage 1901). + +»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und +der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler +Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart -- Leipzig: Deutsche +Verlags-Anstalt, 1899). + + [Illustration] + + + + + Ernst Wichert: + + Ewe. + + + [Illustration] + + +~Ernst Wichert~ wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen +als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil +seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort +erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das +Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten +Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel +und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888 +siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar +1902 starb. + +Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle, +Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »~Ein Schritt vom Wege~« und +»~Der Narr des Glücks~« sind über viele deutsche Bühnen gegangen. +Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher +Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman; +hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der +psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen +Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »~Heinrich +von Plauen~« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu +Anfang des 15. Jahrhunderts -- oder in »~Tilemann vom Wege~« den +Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes -- +oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »~Der große +Kurfürst in Preußen~« die schmerzvollen Umbildungen seiner Heimat +in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts -- immer stellt er uns ein +lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer +Menschen vor Augen. + +Unter seinen Novellen sind fraglos die »~Littauischen +Geschichten~« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren +1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit, +die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu +lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor +den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der +Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und +Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft +sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu +Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen +Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das +trotz der größten äußeren Schlichtheit -- denn Wichert erzählt, als +ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. ~So~ sind uns die +Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn +in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme +fesselt, so ist es -- wie in der monumentalen Erzählung »~Ewe~« +-- die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner +Frauengestalten. + +Hamburg. + Dr. ~Ernst Schultze~. + + + [Illustration] + + + + + Ewe. + + + 1. + +Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters +her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen +nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit +unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen +Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von +ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz +»Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer +der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks +oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten +Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden +großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden +Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet +werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie +die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in +Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes. + +Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des +vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau +in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres +Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts +angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht +schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und +man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen +Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war +freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch +äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre +ihr nur der Freier genehm gewesen. + +Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht +den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam +Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs +betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die +Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das +Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden +Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der +Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere +Tochter war in der Gegend von Kinten verheiratet und gut versorgt. Die +Frau lebte schon lange nicht mehr. + +Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren +eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das +Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter +Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und +nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen. +Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der +Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah, +und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten +Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber +mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der +Klete[1], was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht +und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah +man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins +zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den +Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch +selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre alt geworden, und es hatte +sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da +freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen +übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die +langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie, +so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken, +und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das +Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch +fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst. + +Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich +eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber +auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene +gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah +meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein +Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie +gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann +auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding +und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den +Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über +die Dorfstraße hören konnte. + +Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und +schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum, +die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie +vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die +Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche, +in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von +Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so +kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig: +der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen. + +Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes +Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen. +Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als +die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten, +zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen +das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der +Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich +will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was +da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.« + +»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen, »ich schlage nur +nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und +Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen +mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein +anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die +Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem +Ausgedinge ausgesucht hat.« + +»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und +die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab' +ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm +vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte +lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir +haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und +da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er +konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß +sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine +Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur +gerade genug zum Verhungern.« + +Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du +wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht +zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne Kuh gibt so +viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut +gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen +konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht +dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.« + +Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden, +Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen. +Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch, +weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und +an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und +wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber +süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben, +Töchterchen.« + +Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln +und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die +Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die +Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit +rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten +denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte +dazu. + +Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein +junger Mann genähert. Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen +besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und +eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem +Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war +groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab +ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade. +Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die +sie hielt, beim Gehen. + +Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten +hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige +Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe +Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre +Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich +sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte. +»Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn +wirklich?« + +Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der +Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem +Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich +nicht vergessen hast.« + +Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der +sich über der vollen Brust bei der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange +bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher. +Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau +gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du +nun ganz frei?« + +»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein +Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich +gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich +-- das ist ein gutes Zeichen.« + +»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum +bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?« + +»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und +dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam +Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß +ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte, +und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt +zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.« + +»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?« + +»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem +Traktament nicht auszureichen, und wenn man sich nicht lumpen lassen +will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen +blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der +Garde.« + +»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend. + +»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben +können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich +zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen +Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch +einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs -- +es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich +nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles +Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein +Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich +auch sterben.« + +Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber +zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns +seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im +Wirtshause die Herren.« + +Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da +wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber +das väterliche Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann +Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern +Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber +einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn +läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die +Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein +paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts +Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.« + +»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.« + +»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden +oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's +nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen, +daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald +mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten +Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt, +wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort +gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an, +weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man +klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch +hier zu brauchen verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die +Augen blitzten dazu listig. + +Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt +dich reich einheiraten,« sagte sie forschend. + +»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander +gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen -- willst du mich +jetzt haben?« + +Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen +Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht +reich.« + +»Nun -- dein Vater hat den großen Hof.« + +»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel +lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so +bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so +kann ich als Magd dienen gehen.« + +»Er wird doch nicht!« + +»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht +machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.« + +»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.« + +»So oder so -- zum Wirt kann ich dich nicht machen.« + +Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf. +»Es ist schade, Ewe -- wir hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich +wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...« + +Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie, +doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch +draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.« + +»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner +Schulter zurecht. + +Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst +du?« fragte sie. + +»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu +Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den +letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und +wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging. + + [Illustration] + + + + + 2. + + +Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof. +Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet +hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte. +Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der +Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine +Frau damit zufrieden ist, magst du für's erste bleiben, und ich will +dir Lohn geben, soviel andere bekommen.« + +»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher +nicht Streit gibt -- du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch +nicht ganz abgefunden bin?« + +»Was --? Die hundert Taler hast du bekommen.« + +»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.« + +Grillus kratzte den Kopf. »Steht das?« + +»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und +es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.« + +»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.« + +»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.« + +»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage, +was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten +Zinsen.« + +»Nein, ich will das Pferd haben.« + +»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen -- nur den Fuchs nehm' +ich aus.« + +Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder +Hände! an,« bat sie ihren Bruder. + +Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur Probe geritten. »Da ist +keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.« + +Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die +Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für +seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall +lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm +aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum +Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm. + +Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk +getan. + +Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus +über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn +kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit +russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe +erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte: +»Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht, +weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis +mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's +gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte, +»zu klug«. + +Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an +dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen +und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich +gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich +etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge; +denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle +Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die +Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen +ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das +Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie +freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete +sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute +behaupteten, gar nicht selten. + +Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb, +weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so +gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete +täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien +ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und +abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen. +Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und sagte: »Gedenkst du bei +deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?« + +»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange +vertragen.« + +»Und was wirst du dann anfangen?« + +»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich +nichts.« + +Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen, +Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten +zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld +ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen +schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines +verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim +Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du +als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig +werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst +halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und +um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?« + +»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen, +so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen, +hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht +wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.« + +»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und +reichte ihm die Hand zu. + +»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung +recht ist.« + +»Was ist das für eine Bedingung?« + +»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will +ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm +Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber +reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu +fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas +verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch -- da +will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's +erwerben.« + +Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam, +zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte +sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch +nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und +antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche +ich nicht.« + +Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe +nicht ohne Grund gewarnt hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren, +wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten +würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein +böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe +sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine +noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen +Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel +Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man +wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte +ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen +war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte. +Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da +sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren -- und bringt nicht +einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie +ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr +ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in +ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein +Unterschied zwischen ihnen sei. + +Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache +stand. Er war nur mit sich selbst nicht einig, ob er zugreifen sollte. +Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe +nicht gewesen --! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte +er gern gehabt -- aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte +er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch +zu weit »in der Welt herumgekommen«. + +Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause +ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du +mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm. + +»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand. + +»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben +wird.« + +»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.« + +»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal +zwei.« + +»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig +gemacht. Aber ...« + +Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte +sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er +hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte. +So gern hätte sie ihn für sich gewonnen. + +»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir +den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des +Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß +es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst +sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's +durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall +und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird +das andere sich finden.« + +Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch +war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne +sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater, +Mikelis,« bat sie. + +»Nein -- das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden. +Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten --« + +»Bei der Urte ...!« + +»Da oder wo anders.« + +Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau +genommen zu haben.« + +»Ich habe sie ja noch nicht genommen.« + +»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst, +was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus +kommen denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens +gebunden sein.« + +Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist +der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land, +so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß +freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der +Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.« + +Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um +den Hals. + +»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...« + +»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie. + +»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!« + +»Was?« + +»Ach, geh!« + +»Sprich mit deinem Vater, Ewe.« + +»Und wenn nicht --« + +»Man muß es abwarten.« + +Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort. + +Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt +nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken. + + [Illustration] + + + + + 3. + + +Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber +zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis +geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen +hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts +wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht +wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein +möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden, +die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie +fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde +eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein +sollte. + +Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen +zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben; +sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen +Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte +kein Mensch verfahren. + +Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein +als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten +Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht +vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge +sich danach bei Zeiten einrichten. + +Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's +besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer +könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder +nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger +Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so +eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn +schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst +wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher +zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht +dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.« + +Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß +er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah +ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf +dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.« + +Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht +verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er. + +»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber +gefällt, kannst du's umsonst haben und auch die Wirtin dazu. Höre, +ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl +sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich +brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im +Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt, +und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich +heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede +der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch +schelten, wenn du's tust.« + +Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde +einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem +armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch +gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und +sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht +dreist ins Gesicht sehen konnte -- aber er konnte nicht. Sie sagten +ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon +überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit +mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon. + +Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's +Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu +Hause und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres +hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte +sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in +meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich +denkst, Mikelis.« -- »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete +er leise, »du mußt das vergessen.« -- »Versuch's doch selbst,« sagte +sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst +gegangen.« -- »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« -- »Wer weiß +...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene +redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch, +daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war. + +»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte +innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.« +Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der +Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und +nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die +Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher +aus dem Bett und Ruhe gebieten. + +Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine +Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er +wollte es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte +schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr +bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte. +Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber +kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich +gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei +der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu +stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht +nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder +zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz +gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei +zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im +Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den +hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen +Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen +gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er +sich »von der Alten nicht einsperren« lasse. + +Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich +aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als +dann aber der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten +herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen +wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer, +klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte +wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die +Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete +sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob +er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch +nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne +ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die +Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten +ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden +anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den +Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten, +ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du +darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem +Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel. + +Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und +Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger +die erwünschte Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal +vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter +die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert +sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft. +Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht +geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm +nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas +zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier +mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder +kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch +die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch +gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter +umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja +doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu +antworten. + +Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern +hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht +lieb ist.« + +»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du +wüßtest, Ewe ...« + +»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun +den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast -- das muß dir genug +sein. Wenn dich ein Unglück träfe -- der Urte wegen wäre mir's nicht +leid; aber ...« + +»Aber --?« + +»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat +wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben +reiten.« + +Er schlug mit der Hand in die Luft. + +Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das +Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene +zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr: +»Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin. +Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht +gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja +--,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und +die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind +Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.« + +Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit +der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf +schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe +vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die +Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete, +der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was gibt's,« fragte +er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus, +von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist +verwundet.« -- »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die +Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete +sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen +Kampf gehabt!« -- »Ja, der Zug ist verraten -- sie haben uns im Gebüsch +an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert -- zwanzig und +mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten, +und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber +hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht: +das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze +Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und +suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den +ersten gefallen, weil er voranritt --« + +»Ansas -- gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf. + +»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd +auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm +hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt +dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen zusammen +durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und +wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre +um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen. +Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden. +Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort -- ich +weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft +bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.« + +Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im +Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück +passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig +und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens +Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in +der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte +Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in +die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden +nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk +holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man +liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf +einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof. +Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur +die Naujokene fehlte. + +Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte +seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner +Krankheit. + +[Illustration] + + + + + 4. + + +So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war +abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach +den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die +Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in +Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters +und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht -- sie war ganz unvermutet +eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden. + +Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können! +Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte +so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid, +aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau +geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen +Burschen zum Manne nahm, der vielleicht nicht einmal beim Militär +gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in +so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere +verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur +unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte +der Hader kein Ende. + +Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem +ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen +Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich +nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus. +Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder +gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie +früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort +war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie +die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann +bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch --;« oder ein andermal: »Ich +habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir +nicht zu lange.« + +Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in +der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und +umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und +hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert, +die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras +gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie +wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene +hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das +war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing +sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen, +gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,« +sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen +bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein +Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber +vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß +man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut +schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich +sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf +den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das +geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute +sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren +zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn +haben.« + +Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße +Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter, +hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter +Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und +wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben +vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten +auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß +sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte +wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten +suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen +fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte +eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu +haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln. + +Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres +Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach +eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte; +das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich. +Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn +er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte? +Weshalb sollte sie die verhaßte Gegnerin schonen? Gewissensbedenken +kamen ihr gar nicht -- jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr +Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil +sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin; +das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall +beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte +glücklich sein -- und wollte glücklich sein. + +Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken: +wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch +die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's +ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich +einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich +dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges +Zusammentreffen, sondern ging abends fort -- ins Wirtshaus angeblich +oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen -- und +umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde. +Selten vergeblich. + +Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie +hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee +gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt, +daß der Korb, den die Altsitzerin leer mitgebracht hatte, ihr schwer +am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf +dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte +sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in +der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und +überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und +einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie +auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte +Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du +willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht +...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast +du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger. +»Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du -- du -- du! +Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder +miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen +in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente, +gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen +habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim +alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und +Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und +lustig und nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest; +wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst +du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts +dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's +nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu +lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den +Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!« + +Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder +das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um +ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm +und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied. +»Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.« + +Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was +sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei +nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe +Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der +letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich +noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit +ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und +du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig. + +Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere +Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren +und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld +trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum +Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die +auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon +selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und +seine Lage sehr unsicher geworden sei. + +Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so +vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger +Mann -- weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst +geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind, +daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren +hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von +ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat +sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen +Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe +gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl, +so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und +Hof zu verlieren hättest. Nun aber trumpft sie auf und meint, dich +überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte +Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns +säen und uns auseinanderbringen -- ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen +ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig, +auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab. +Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher +zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du +auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's +auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab, +war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer +genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte +den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und +zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar +keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte, +wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig +boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade +in ihre Macht zu geben. + + [Illustration] + + + + + 5. + + +Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde +viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien +sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's +aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie +munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern +und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten +hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen +-- »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter? +Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil +meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in +eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn +das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege +unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er +nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es +kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich +habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.« + +Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen +raschen Blick über ihn hinstreifen lassen konnte. »Ich locke dich +nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so +tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.« + +»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine +Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im +Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann +durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht. +Soll's so sein?« + +Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte +Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast, +geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz, +der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.« + +»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit +haben, daß auch du's ehrlich meinst.« + +Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er +wollte. + +Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall. +»Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist +nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will. +Aber wenn du Bedenken hast ...« + +»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle +auch bedenken müßte, wenn er bei Verstande ist. Wär's nur so zum +Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns +beide leider noch ein weiter Weg.« + +Sie hob trotzig das Kinn. »Aber man muß doch den ersten Schritt tun.« + +»Der erste Schritt ist bald getan, Ewe. Aber wenn er getan ist, stehen +wir sehr ungleich. Hab' ich mit der Urte gebrochen, so verliere ich +Haus und Hof.« + +»Und bei mir findest du wieder Haus und Hof, Mikelis.« + +»Das kann sein, Ewe ... aber es kann auch nicht sein.« + +»Wie kann es auch ~nicht~ sein?« + +Sie sah ihn forschend an, und die Nasenflügel bewegten sich, als wollte +sie zornig aufwallen. »Mißtraust du mir, Mikelis?« fragte sie und zog +ihre Hand aus der seinen. + +Er haschte sogleich wieder danach. »Ich vertraue dir, Ewe,« antwortete +er, »daß du's jetzt gut meinst. Aber was mit der Zeit geschieht ...« + +»Mikelis!« -- + +»Ich sage: wenn wir gleich zum Pfarrer gehen könnten! Das kann doch +nicht sein. Und ich weiß nicht, ob dir nicht hinterher ein anderer +besser gefällt ...« + +»Du denkst schlecht von mir.« + +»Gewiß nicht, Ewe. Aber es kann sich selbst keiner so weit trauen. +Sonst wär's ja auch nicht nötig, daß der Pfarrer aus zweien ein Paar +machte.« + +Sie senkte die Augen und zog die Lippe wie zum Lachen. »Es ist auch +nicht nötig, wenn zwei einander wirklich lieb haben,« entgegnete sie. +»Haben sie einander nicht lieb, so hält das auch nicht.« + +Er nickte. »Freilich! Aber vom guten Willen hängt's doch ab -- von dem +allein. Und man weiß nicht, ob es beim guten Willen bleibt, wenn der +eine Teil sich gebunden hat und der andere fühlt sich frei. Ich will +nicht zum Gespött werden. Und wenn du's auch nicht so meinst, so wird's +doch nach meinen stillen Gedanken so sein, und daraus kann nichts +Gutes werden. Besser ist's, du bindest dich auch, damit wir für alle +Fälle gleichstehen. Dann ist kein Zweifel, daß wir früher oder später +glücklich zum Ziele kommen.« + +»Wie soll ich mich binden?« fragte sie. + +Er lächelte überlegen. »Gib mir eine Verschreibung, Ewe.« + +»Daß ich dich heiraten will, wenn du mit der Urte auseinander bist?« + +»Das könnte wenig nützen. Nein -- über irgend eine runde Summe, die du +mir zahlen willst, wenn du hinterher zurücktrittst.« + +Sie setzte die Lippe auf. »Ich werde nicht zurücktreten.« + +»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich +etwas in Händen habe!« + +»Du bist allzu klug, Mikelis.« + +Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du +vertraust mir nicht?« + +»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem +Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so -- zu deiner Beruhigung, und +damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus +und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?« + +»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen --« + +»Nenne nur die Summe -- es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich +nie wanken werde.« + +»Schreibe fünfhundert Taler.« + +»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?« + +»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen, +und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.« + +Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir +hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will +unterschreiben.« + +»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf +schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite +deinen Namen, so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten, +so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen +uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche +hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste +gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich +ja dann noch bedenken.« + +»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum +Schulzen gehen und dort schreiben -- der hat Tinte. Dann komm auf dem +Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in +Ordnung?« + +Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte +ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo +den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und +das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja +ein halbes Grundstück in die Tasche.« + +»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.« + +»Wenn aber das Papier verloren geht --?« + +»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.« + +»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand +wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich +dich nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.« + +Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn +zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken +nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem +Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich +etwas hielt. + +Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den +Wechsel mit ihrer Schrift. + +»Ist's nun richtig?« fragte sie. + +»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann +ich bei dir einziehen?« + +»Heute noch, wenn du willst.« + +»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß +die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch, +so komme ich, wenn ich fertig bin.« + +Dagegen hatte sie nichts zu erinnern. + +Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich +nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr +beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er +entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du +sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?« + +»Nein -- aber der ist gut genug.« + +»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten, +was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich +verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen, +nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!« + +Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht +hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und +von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen. + +Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps, +dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht +leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich +aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch +einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge +als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder +von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden +als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl +vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren +Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner +Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah; +aber nun begreife ich wohl, was sie mit ihrer Antwort auf meine Frage +meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. -- Endrullis +hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die +Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!« + +Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht +hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung +jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es +werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war +er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück. +Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun +könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief +sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau +nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den +Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon +auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten +und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel +Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug +dazu.« + + [Illustration] + + + + + 6. + + +Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er +gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen +kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine +Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten, +so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf +durfte sie sich verlassen. + +Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch +nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps +eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam. + +»Weshalb glaubst du das?« + +»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben +recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten. +Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder +habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er +einbringt?« + +»Nein, das nicht.« + +»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich +nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen +mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen +mit dem eisernen Tritt, und er sagt Ja und nimmt das Kaufgeld, was +willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder +von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen +und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu +ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune +abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst +du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das +Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt +ausplündern.« + +Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie. + +»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage +dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's +ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte +auch hinzu: »-- es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas +zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.« + +Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht, +es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist +er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm +verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß +es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr +Geld in der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts +herunter, als was ich selbst abgebe.« + +Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr +zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen +und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die +Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten. + +Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig +aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im +Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps +meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir +beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der +Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus +ihr, dachte er. + +Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren +geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem +großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals, +tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun +will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.« + +Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das +Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das +war gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen +müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach +diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur +eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne, +wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie +es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese +Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.« + +»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der +Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf +deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter +suchen. Du bist noch nicht der König!« + +Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr, +was der Pfarrer gesagt hatte. + +Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis, +Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug +genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden +geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's +voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so +bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne +für ihn etwas auf den Wagen zu laden.« + +»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis, +»und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur +dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus +dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche, +sattelte den Fuchs und ritt fort. + +Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's +wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur +geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe +Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.« + +Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch. +Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?« + +Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt +warten, bis die Urte gestorben ist.« + +»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?« + +»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der +Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so +will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.« + +Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige +Silberstücke, und er legte sie zu den andern. »Geht's nun ohne das? So +dumm ist die Urte nicht.« + +Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Ich kann dir keinen andern Rat geben.« + +»Nicht?« + +»Nein.« + +Der Littauer strich das Geld langsam vom Tisch und steckte es wieder in +die Tasche. »Was hast du für deine Versäumnis zu fordern, Herr?« + +Der Anwalt verwies ihn deshalb an seinen Schreiber. + +Und so ging nun Endrullis von einem zum andern und hörte überall +dasselbe, zuletzt auch auf dem Gericht. Nach einigen Tagen kam er +ganz verstört nach Hause. Ewe las es ihm gleich vom Gesicht ab, daß +er nichts Gutes mitbrächte. Sie weinte und klagte: »Nun bist du frei, +Mikelis, aber wir beide kommen nimmer ehelich zusammen.« Es war ihr +jetzt nicht mehr gleichgiltig wie früher, als sie nur ihr Stück +durchsetzen wollte. Sie wußte auch, daß die Leute einen Unterschied +machen würden. Damals hieß es: »Was weiter? die Hochzeit ist nur +aufgeschoben.« Jetzt rechnete niemand mehr darauf, zu Gast gebeten zu +werden. + +Er mochte noch nicht daran glauben, schrieb Eingaben in deutscher und +littauischer Sprache an das Obergericht, an die Herren Minister, auch +an seinen Major, zuletzt an den König -- es half alles nichts. Er +war in so gereizter Stimmung, daß jeder sich fürchten mußte, in seine +Nähe zu kommen, und selbst Ewe ihm scheu aus dem Wege ging, soviel +sie konnte. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich will mich Deinetwegen +demütigen und zur Urte gehen. Wenn ich sie bitte -- vielleicht verzeiht +sie mir.« + +Ewe seufzte und antwortete: »Es wird vergeblich sein.« + +»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre. +Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.« + +»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir +zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur +Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge +abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr +so stolz.« + +»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich +fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib +sehe, und alles verderbe.« + +Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich +hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß +fortgestoßen.« + +Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen +kann's bleiben, wie es ist. Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers +Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. -- Bist du's zufrieden, +Ewe?« + +Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging +hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz, +und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten +flogen. -- + +Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der +Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann, +der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt. +Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große +Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden +Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm +begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er +an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei +und nahm ihm die Leine ab. + +Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der +»Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen +»Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von +Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In +hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte gehörten; +selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer +Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte +er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde +er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem +Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er +kam. + +»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du +großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von +seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen +hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst +du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir +bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir +alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu +solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen. +Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu +können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie +ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den +Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung, +wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann, +sondern verharrst in sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige +Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine +Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden +alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du +wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten +gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las +näselnd und halb singend einen Psalm. + +Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu +und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat +er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen, +mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem +Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß +du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort +ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich +sprechen.« + +Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen +gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich +wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?« + +»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die +Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab, +ohne sich im Dorfe zu verweilen. + +Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte +Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen +und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle +Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn +wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn +auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste, +schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach, +klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht +anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.« + +Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht. +Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die +Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen +ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich +darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am +Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch +sein. + +»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu +unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir +nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander -- das +hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's +gewöhnlich so kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und +ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem +Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir +geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts +von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich +unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört. +Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel +gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht +gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff' +ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst. +Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.« + +Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung +aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun +warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug +und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn +einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen +auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf +ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß +du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun +wohl damals anders gemeint, aber es trifft auch so zu und wird noch +besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du, +und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich +dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn +eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank, +statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll +ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir +schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts +weiter mit dir zu tun.« + +Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells. +»Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich +gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.« + +Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können. + +»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe +nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht +hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's +sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts +mehr zu sagen.« + +»Urte, gib mir den Schein!« + +»Nein!« + +»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.« + +»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat -- nicht wahr? Ha, +ha, ha!« + +Er erschrak. »Was weißt du von dem Wechsel?« + +»Ich weiß davon.« + +»Urte, ich bin nicht umsonst über die Grenze geritten -- ich hab' mir +etwas erspart. Und wenn's nicht genug ist -- der Jude braucht mich und +borgt mir mehr.« + +»Geh! Ich mag dein Geld nicht. Zu verkaufen bin ich nicht wie du.« + +»So mag der Teufel dir's bezahlen!« schrie er wild und warf die Tür +hinter sich zu. + + [Illustration] + + + + + 7. + + +So war nun das Letzte vergeblich versucht. Hätte er sich nur auf Ewe +fest verlassen können! Die aber schien jetzt, da sie sich in der Not +beweisen sollte, ganz den Mut verloren zu haben. Er ließ sie nicht +aus den Augen, und was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Es kam zu +Vorwürfen, zu harten Reden. Und dann gingen sie tagelang stumm und +verschlossen neben einander her. Michel war so verbittert, daß er ihr +schon das Schlimmste zutraute. »Warum weinst du?« fragte er barsch. + +»Weil ich traurig bin,« antwortete sie sanft. + +»Und warum bist du traurig?« + +»Weil es uns so schlecht geht, Mikelis.« + +»Es geht uns nicht schlecht. Du hörst nur zu viel auf andere Leute.« + +»Sie sprechen ja gar nicht mit mir.« + +»Was geht es dich an? Werden sie dich brauchen, werden sie auch wieder +freundlich sein.« + +»Die Frommen nicht, Mikelis.« + +»Zum Teufel mit den Frommen! Ich glaube nicht daran, daß sie zwei von +einander beten können, wenn die nur selbst festhalten. Aber ich merke +wohl, dir tut's schon leid.« + +»Mikelis --!« + +»Da es zur Heirat nicht kommen kann, willst du's so lange treiben, bis +ich freiwillig vom Hofe gehe.« + +»Es wäre vielleicht besser, du gingst.« + +»Und dann käme ein Anderer.« + +»Ich denke an keinen Andern, Mikelis. Aber so kann's nicht bleiben.« + +Er griff nach seiner Brieftasche und legte sie vor sich hin. »Kann's +nicht? Meinetwegen schon. Der Wirt auf deinem Grundstück kann ich +freilich für jetzt nicht werden. Aber ...« Er klopfte auf seine +Brieftasche. + +Sie sah ihn fragend an, indem sie den Kopf in die Hand stützte. +»Mikelis,« sagte sie dann, »es ist besser, wir trennen uns jetzt und +geben den Frommen kein Ärgernis. Sie machen uns Schande in der Kirche.« + +Er sprang wild auf. »Ist das dein ernstlicher Wille?« + +»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst +mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.« + +Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du +willst nicht geradeaus mit mir brechen -- ich soll der Dumme sein, der +verspielt.« + +Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier +gilt ja doch nichts.« + +»So! Warum gilt es nichts?« + +»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie +kann ich da sagen: ich will nicht?« + +Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst +du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir +mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht -- +allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht +nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern -- mir nicht.« + +Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären +mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu +schluchzen. + +Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand +hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?« + +Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr +recht. + +Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt, +besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben +sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft +lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte +auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm +eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm +das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr +überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler, +sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm +für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe +sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein +Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in +ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen, +so lieb er sie hatte. + +Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem +Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle, +zog seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der +linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er +noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse, +aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und +umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte +er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und +entfernte sich. -- Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite +des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der +Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte, +was in dem Mittelraum vorging. + +Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so +ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte. +Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen, +konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß +nicht die Brieftasche -- ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen +Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.« + +»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich +für alle Fälle besser bewahrt.« + +»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie +achselzuckend. + +Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen +hatte, das ihm von so großem Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund, +daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle +abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit +solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es +gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der +wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht +ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der +Schere abschneide? Sieh dich vor.« + +Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm +aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu +bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen. + +Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der +Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus, +wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm +reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige +Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren. + +Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte +am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins +Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs +Feld gegangen waren, steckselte sie die hintere Stalltür nach dem +Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls. + +Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend +zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen +solltest, mein Töchterchen -- ich weiß, wo es zu finden ist.« + +Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?« + +»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen +wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt +hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei +Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben +ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will +ich nichts wissen.« + +»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?« + +Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht +würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht -- +der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.« + +»Was sprichst du von Mikelis?« + +»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber +die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich +seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt -- links vor +der Tür im Winkel, und Stroh darüber gelegt. Hä -- hä -- hä ... um die +Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur, +was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst +oder nicht.« + +»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.« + +Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte +sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer. + +Ewe wußte nun, wo die Weste geblieben war. Bald hätte sie's lieber +nicht gewußt; denn der Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr, daß sie +Mikelis einen Streich spielen könnte. Sie wollte ihm den Wechsel nicht +fortnehmen, aber ihn damit ängstigen, daß er verschwunden sei. Nur +eine Weile. Dann sollte er ihn zurück haben und beschämt bekennen, +daß er ihr mit seiner Heimlichkeit unrecht getan. Es wäre eine Strafe +für ihn, meinte sie, und zugleich ein gutes Mittel, sein Vertrauen +wiederzugewinnen. Wer konnte aber auch wissen, ob die Alte reinen Mund +hielt? Und wie leicht hatte es dann ein Anderer, die Weste zu stehlen! +Für sie selbst war es gar nicht unbedenklich, wenn das Papier mit +ihrer Unterschrift in fremde Hände kam. Schon deshalb schien es klug +einzuschreiten. + +Nach einigen Stunden also, als Endrullis fortgegangen war, begab sie +sich in den Stall und nahm einen Milcheimer mit, als ob sie die Kühe +melken wollte. Auf dem Hofe arbeitete der Knecht Jons Toleikis; der +sah sie hineingehen. Ewe öffnete die Tür zum Futtergelaß und trat in +den halbdunkeln Raum. Sie hob ein Bund Stroh fort und griff mit der +Hand unter das Heu. Nicht lange durfte sie suchen, so fühlte sie etwas +Weiches, das sie nun hervorzog. Es war die Weste. Sie schien nicht +einmal zusammengerollt, sondern unordentlich untergesteckt zu sein. Als +sie nach der Stelle tastete, wo das Papier eingenäht sein mußte, faßte +sie zu ihrer Überraschung mit der Hand durch. Hatte sie das Ärmelloch, +oder die Tasche getroffen? Jede Vorsicht vergessend, ging sie rasch +nach der Tür und stieß dieselbe auf, um sich im Hellen zu überzeugen, +wie es damit stehe. So stand sie nun auf der Schwelle und hielt die +Weste in der Hand. Ein viereckiges Stück Zeug mitsamt dem Futter war +ausgeschnitten -- gerade an der Stelle, wo vordem der Wechsel eingenäht +gewesen war. Wer hatte das getan? + +Jetzt erst bemerkte sie, daß die Magd Erdme Pleikis ihr nachgegangen +war, den Eimer genommen und zu melken angefangen hatte. Die sah ihr +gerade ins Gesicht und auf die Hände. Rasch wickelte Ewe die Weste +zusammen und warf sie in die Futterkammer zurück. Ebenso rasch aber +fiel ihr ein, daß sie sich dadurch verdächtig machen könnte. Deshalb +trat sie vor und sagte: »Hast du gesehen, Erdme, was ich da in der Hand +hielt?« + +»Es war Endrullis' Weste,« bestätigte die Magd. + +»Und ist dir etwas daran aufgefallen?« + +»Ei freilich! Es war ein Stück ausgeschnitten wie mit der Schere.« + +»Ganz richtig. So habe ich sie dort in der Kammer gefunden. Wer kann +das Stück ausgeschnitten haben?« + +Erdme gab darauf keine Antwort. Als aber Ewe fortgegangen war, rief sie +sogleich den Jons Toleikis vom Hofe herein und sagte: »Überzeuge dich, +daß da in der Kammer die Weste des Endrullis liegt, von der ein Stück +ausgeschnitten ist. Du weißt doch, daß ich nach der Wirtin in den Stall +gegangen bin? Es ist gut, daß man sich's merkt. Ich will mich nicht +hinterher ohne Grund beschuldigen lassen.« + +»Die Herrin ging vor dir hinein,« bestätigte Jons. + +»War's lange vorher?« + +»Ich denke, keine Viertelstunde.« + +»Das ist lange genug,« meinte die Magd. Sie ließ sich nicht weiter +darüber aus, wozu die Zeit lang genug gewesen sei, und Toleikis fragte +auch nicht danach. + +Während sie noch an der Stalltür zusammenstanden, kam die Gaidullene +aus ihrer Kammer. + +»Hast du gehört,« erkundigte sich Erdme, »daß Jemand im Futtergelaß +gewesen ist?« + +»Ich hörte das Stroh rascheln,« antwortete die Alte, »und hinterher die +Ewe sprechen. Sprach sie mit dir?« + +»Ja, als sie aus der Futterkammer herauskam.« + +»Was geht es mich an?« sagte die Gaidullene und schlug mit der Hand in +die Luft. Sie entfernte sich vom Hofe. + +»Ich werde mich aber auf dich beziehen,« rief Erdme ihr nach, »wenn es +nötig sein sollte.« + +Bald darauf kam Endrullis vom Felde zurück und brachte seinen Fuchs in +den Stall. Ehe er noch Gelegenheit gehabt hatte, mit Ewe zu sprechen, +trat Jons Toleikis an ihn heran und sagte: »Daß du es nur weißt -- auf +dem Heu liegt deine Weste, und es ist ein Stück ausgeschnitten. Die +Erdme meint, das könne nur mit der Schere geschehen sein.« + +Er wurde bleich und im nächsten Moment wieder feuerrot. »Wer hat +mir das getan?« lallte er mit schwerer Zunge. Er riß die Türe der +Futterkammer auf und stürzte hinein. Gleich darauf kam er zurück, die +Weste in der Hand. »Wer hat mir das getan?« wiederholte er, aber jetzt +schreiend. Die Adern auf seiner Stirn zuckten. »Ich bin bestohlen! +Der Wechsel ist ausgeschnitten! Das ist eine Spitzbüberei. Ich bin +bestohlen!« Er taumelte gegen den Ständer und stützte den Kopf an +denselben; so hatte es ihn erschreckt. + +Nun begann ein strenges Verhör. Bald wußte er, was die Dienstleute und +die Altsitzerin mitzuteilen hatten. Schäumend vor Wut eilte er ins +Haus, faßte Ewe bei den Schultern, rüttelte sie derb und schrie: »Gib +mir meinen Wechsel heraus, wenn dir das Leben lieb ist. Du hast ihn aus +der Weste herausgeschnitten.« + +Sie suchte sich loszumachen. »Du bist toll,« rief sie. »Was willst du +von mir? Ich habe deinen Wechsel nicht.« + +»Lügnerin, schändliche Lügnerin!« herrschte er sie von neuem an und +legte die Hand um ihren Hals. »Willst du's bestreiten, daß du in der +Futterkammer gewesen bist, daß du die Weste unter dem Heu vorgezogen +hast? Es ist noch an der Stelle zerwühlt.« + +»Laß mich los, Unsinniger,« befahl sie streng, »oder ich wehre mich mit +den Nägeln. Ich habe die Weste gefunden, aber das Stück Zeug war schon +ausgeschnitten.« + +Er lachte wild auf. »Es war schon ausgeschnitten? Wer anders hat es +ausgeschnitten als du? Wer anders als du konnte vermuten, was in der +Weste eingenäht war? Und hast du mir nicht gedroht? Du leugnest wohl +auch das! Ich weiß alles. Du bist mir nachgeschlichen, hast gesehen, +wo ich die Weste versteckte --« + +»Nein,« unterbrach sie, immer bemüht, ihn abzuschütteln. »Nein, das ist +nicht wahr.« + +»Und wie erfuhrst du --?« + +»Durch die Gaidullene. Frage sie, wie sie dahinter gekommen ist.« + +»Ich brauche sie nicht zu fragen. Es ist auch gleichgiltig. Aber +du hast doch die Weste unter dem Heu vorgezogen -- du? Weshalb, du +Arglistige? Antworte doch darauf --! weshalb?« + +Ewe setzte trotzig den Mund auf und sagte: »Denke davon, was du willst. +Ich habe deinen Wechsel nicht genommen und weiß nicht, wer ihn genommen +hat. Ich fand die Weste so.« + +Er drang, die Faust ballend, wieder auf sie ein. Sie stieß ihn aber +zurück: und rief: »Besinne dich! Wenn ich vor Gott und den Menschen +versichere: es ist nicht wahr --« + +»So ist es doch wahr! Du hast mich betrogen,« schrie er ganz außer sich. + +Ewe stand eine Weile wie unschlüssig, was sie tun sollte. Ihre Lippe +zuckte, die Augen waren auf den Boden geheftet und blitzten nur +manchmal auf, die Arme mit den geschlossenen Händen drückte sie straff +an den Leib. »Gut denn --« sagte sie nach einer Weile dumpf, »so mag es +wahr sein. Wenn ich aber so schlecht bin als du meinst -- was willst +du länger hier? Mit einer Lügnerin und Diebin wirft du nichts gemein +haben wollen. Geh, wir sind geschieden. Es ist aus zwischen uns. Geh!« + +»Ihr hört's!« rief Endrullis den Dienstleuten zu. »Sie macht ein Ende +-- sie treibt mich fort. Deshalb ist's ja geschehen, daß sie sagen +kann: geh! Ja, ich werde gehen. Aber aus ist's zwischen uns nicht! +Erwarte von mir nichts Gutes. Ich will mein Recht haben! Und ich weiß +noch Mittel, dich zum Geständnis zu bringen.« + +Damit stürmte er fort. Und wieder zog er seinen Fuchs aus dem Stall, +warf die zerschnittene Weste über den Sattel, schwang sich auf und +jagte fort. + + [Illustration] + + + + + 8. + + +Da war nun der Urte Drohung wahr geworden; es fehlte nicht mehr viel +zu einem Bettler auf der Landstraße. Sein Herz war voll Bitterkeit. +Hatte er Ewe geliebt, so meinte er, sie jetzt um so tiefer hassen +zu müssen. Wollte sie ihn verderben, warum sollte er sie schonen? +Den Wechsel mußte er zurück haben, auf welche Weise immer. Ohne sich +Zeit zur Überlegung zu gönnen, ritt er nach der Stadt und stieg bei +einem Winkelschreiber ab, der von Geburt ein Littauer war und einige +Jahre bei einem Anwalt gearbeitet hatte, dann aber fortgejagt war und +jetzt auf eigene Hand praktizierte. An ihn pflegten sich alle seine +Landsleute zu wenden, wenn sie etwas betreiben wollten, wozu sich +ein Anwalt nicht hergab. Dem trug er seinen Fall vor und forderte +guten Rat. »Ich will dir eine Eingabe machen,« sagte der verschlagene +Mann, »damit die Sache untersucht wird. Aber hüte dich, jemand zu +beschuldigen. Damit muß man sehr vorsichtig sein. Sprich überhaupt zu +andern gar nicht davon. Mögen die Herren den Fall untersuchen; es ist +genug, wenn wir schreiben, was geschehen ist, und die Zeugen benennen. +Kommt wider Erwarten nichts heraus, so können sie dir doch nichts +anhaben.« + +Michel war mit allem einverstanden. »Das Übrige ist mir ganz gleich,« +meinte er, »wenn ich nur meinen Wechsel zurückbekomme. Hilft er mir +nichts gegen die Ewe, so soll mich doch die Urte nicht auslachen.« + +Im Dorfe logierte er sich wieder bei seinem Schwager ein und ritt mit +Waren über die Grenze, sich einen Verdienst zu machen. + +Einige Wochen vergingen, ohne daß sich von der Tätigkeit des Schreibers +eine Wirkung zeigte. Schon wurde er ungeduldig, als er erfuhr, daß Ewe, +die Altsitzerin, Jons Toleikis und die Magd Erdme aufs Amt geladen +seien. Wieder einige Wochen später erhielten dieselben Personen +Vorladung aufs Gericht in der Stadt, und auch ihm wurde eine solche +Schrift behändigt Er wurde nicht recht klug daraus, um was es sich +handelte. Als er am Termintage in den Gerichtssaal gerufen wurde, sah +er links vom Richtertische die Ewe in einem abgegrenzten Raume stehen. +Gegenüber hatte der Staatsanwalt seinen Platz. Nun ging ihm ein Licht +auf. »Das hab' ich nicht gewollt!« rief er laut. + +»Was hast du nicht gewollt?« fragte der Vorsitzende. + +»Daß die Ewe deshalb als eine Diebin bestraft werden soll.« + +»Aber du hast doch diese Eingabe für dich schreiben lassen?« + +»Ja -- weil ich meinen Wechsel zurück haben wollte.« + +»Den Wechsel, den die Ewe Purwins dir weggenommen hat.« + +Endrullis zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick: seitwärts auf +das Mädchen, das die Augen fest auf ihn heftete. »Ich weiß nicht, wer +mir den Wechsel weggenommen hat,« sagte er dann. + +»Es wird sich ja finden,« mischte sich der Staatsanwalt ein. »Ich +bitte, weiter in der Sache zu verhandeln.« + +Ewe bestritt die Anklage; aber sie mußte zugeben, nach dem Wechsel +gesucht und die Weste in der Hand gehabt zu haben, ohne genügend +erklären zu können, was sie dazu veranlaßte. Die Gaidullene bezeugte, +wie sie durch das Astloch in der Wand gesehen, daß Endrullis ein +Papier in die Weste einnähte und sie dann unter das Heu schob, daß +sie der Ewe Purwins davon Mitteilung gemacht und daß diese darauf in +die Futterkammer getreten sei und an der bezeichneten Stelle gebückt +gestanden und im Heu gewühlt habe. Weil sie aber die Tür hinter +sich zugezogen, sei in der Kammer nur ein schwaches Dämmerlicht +gewesen, sodaß sie nicht genau hätte sehen können, was sie dort tat. +Als dann aber Ewe die Tür aufgestoßen, hätte sie in ihrer Hand die +Weste bemerkt; gleich darauf sei auch die Magd Erdme vom Stall her +hinzugetreten. Sie hatte ihre Aussage so eingerichtet, daß sie mit +aller Sicherheit den Eid leisten konnte. Was sie nicht gefragt wurde, +das hatte sie ja nicht nötig zu sagen. Die Aussagen der Dienstleute +schlossen sich an. »Hat die Angeklagte gegen diese Zeugnisse etwas +einzuwenden?« fragte der Vorsitzende. + +»Nein,« antwortete Ewe fest, »es ist alles so richtig. Aber die Weste +hat mehrere Tage da unter dem Heu gelegen -- es kann auch ein Anderer +den Wechsel ausgeschnitten haben.« + +»Kann -- kann! Hast du gegen irgendjemand gegründeten Verdacht?« + +Ewe senkte finster die Augen und schwieg. + +»Hast du noch einen Andern in der Futterkammer gesehen?« wandte der +Richter sich an die Gaidullene. + +»Nein,« bestätigte dieselbe, »ich habe keinen Andern gesehen. Gott soll +mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.« Es war sicher so: sie +hatte keinen Andern gesehen; sie antwortete, wie sie gefragt wurde. + +Ewe wischte rasch mit der Hand eine Träne von der Backe fort. + +»Aber warum sollte ich den Wechsel nehmen?« rief sie, von Angst +getrieben. »Ich habe mich ja niemals geweigert, den Endrullis zu +heiraten. Mag er's selbst sagen.« + +»Und würdest du ihn auch jetzt noch heiraten?« fragte der Richter. + +Sie warf trotzig den Kopf zurück. »Jetzt --! Wenn ich seinetwegen +bestraft werde ...! Er wird mich dann nicht mehr fragen, ob ich will. +Ich bin ihm zu schlecht ...« Sie setzte sich auf die Bank nieder, +bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, stützte den Kopf auf die +Barriere und schluchzte laut. + +Die Richter berieten nur kurze seit. Dann verkündete der Vorsitzende +den Spruch, der Ewe Purwins zu drei Wochen Gefängnis verurteilte. »Ich +bin unschuldig,« sagte sie, »aber ich sehe wohl ein, daß ich dies +leiden muß.« + +Sie bat, gleich ins Gefängnis gehen zu dürfen, damit man sie nicht von +ihrem Hofe abhole, was ihr eine Schande wäre. + +Als sie abgeführt wurde, drängte Endrullis an sie heran. »Geh nicht ins +Gefängnis, Ewe,« bat er dringend. »Ich selbst werde den König bitten, +daß er dich begnadigt -- noch heute schreibe ich.« + +Sie wendete das Gesicht ab. »Ich will nicht begnadigt sein,« sagte sie, +»du glaubst ja doch nicht, daß ich unschuldig bin.« + +»Ewe -- wie kann ich ...?« + +Sie zuckte die Achseln. »Wie kannst du --?! -- Gut -- geh nur. Du hast +ja nun deinen Wechsel.« + +Er griff nach ihrer Hand, aber sie wich ihm aus. »Geh nur!« Sie winkte +Jons Toleikis heran und gab ihm Anweisung wegen der Wirtschaft. Dann +folgte sie dem Gerichtsboten. + +Die drei Wochen waren bis auf einen Tag vergangen. Michel Endrullis +hatte in der ganzen Zeit keine rechte Ruhe gehabt. Meist ritt er in +der Nacht jenseits der Grenze und schlief bei Tage. Es war ihm, als +ob etwas sein Gewissen schwer belastete und ihm alle Freude am Leben +verderbe. Der Wechsel war ihm ganz gleichgültig; er verwunderte sich +nur darüber, daß er sich deshalb mit der Ewe hatte erzürnen können. +Und wenn sie ihn genommen und vernichtet hatte -- war sie nicht so gut +wie sein Weib gewesen? Nun sie ihm verloren war, meinte er, sie gar +nicht missen zu können. Und sie war ihm verloren ... nie konnte sie ihm +verzeihen. + +Am späten Abend, als er an seinem frühem Hofe vorbeiritt, stand die +Urte am Heck und winkte ihn heran. »Was willst du?« fragte er, den +Zügel anziehend. + +»Komm auf dem Feldwege hinter das Haus, wo uns niemand sieht,« +antwortete sie. »Ich will dir unter vier Augen sagen, wo dein Wechsel +geblieben ist.« + +»Du --?« + +»Ich. Die drei Wochen sind ja wohl morgen herum? Da braucht's für dich +kein Geheimnis mehr zu sein.« + +Die Worte klangen ihm so feindlich, daß es ihn durchschauerte. »Was +weißt du von dem Wechsel?« fragte er zitternd. + +»Das sollst du dort erfahren. Man kann nicht wissen, was man hier auf +der Landstraße für Zeugen hat.« Sie zeigte mit der Hand über das Haus +hinweg und entfernte sich. + +Er überlegte, ob er ihr folgen sollte. Einen Augenblick dachte er an +die Möglichkeit, daß sie ihm einen Hinterhalt gestellt haben könnte. +Mit ein paar Knechten aber meinte er's aufnehmen zu können. Er öffnete +also nur sein Messer in der Tasche, sprang am Gartenzaun ab, band das +Pferd an eine Latte und ging um das Gehöft herum. Dort stand schon die +Urte vor der hintern Haustür. »Was hast du mir nun zu sagen?« sprach er +sie an. + +»Daß ich meine Rache habe,« antwortete sie. »Die Ewe hat im Gefängnis +gesessen, und einer von des Königs Gardisten heiratet keine Frau, die +im Gefängnis gesessen und ihren ehrlichen Namen verloren hat.« + +»Und das nennst du deine Rache?« + +»Mit Fug und Recht; denn du mußt wissen, daß die Ewe unschuldig ist.« + +»Unschuldig! Und wer ...?« + +Die Augen der Frau blitzten, wie die einer Katze, die auf die Maus +lauert. »Ich habe den Wechsel aus deiner Weste geschnitten.« + +Endrullis prallte zurück. »Du --?! Das ist nicht wahr. Wie konntest du +wissen --?« + +»Das ist gleichgültig, wie ich's erfuhr. Genug, ich hab's getan, als +ihr sämtlich drüben auf der Sandscholle bei den Kartoffeln waret. +Die hintere Stalltür fand ich offen. Ihr beide seid bestraft. Der +Wechsel ist verbrannt. Aber damit du mir glaubst ... hier ist das +ausgeschnittene Stück Zeug. Passe es nur in das Loch ein, es wird kein +Fädchen fehlen.« Sie warf ihm den Lappen zu. + +»Hexe, verfluchte Hexe,« schrie er auf und stürzte sich mit dem Messer +gegen sie, »nimm deinen Lohn!« + +Sie mochte sich auf einen solchen Angriff gefaßt gemacht haben, sprang +zurück, riß die Tür auf und flüchtete hinter dieselbe. Das Messer fuhr +ins Holz. Er hörte nur noch ihr heiseres Lachen. + +Da stand er nun und starrte die Wand an. In seinem Kopf wirbelte es, +als ob da alle Trommeln seines Regiments gerührt würden. Ewe unschuldig +-- doch unschuldig! Und Urte war die Diebin gewesen. Gerächt hatte sie +sich an ihm und ihr. Es war nichts wieder gut zu machen. Ewe hatte ihre +Strafe verbüßt. Und hatte er jetzt Zeugen gegen das boshafte Weib? Wer +würde ihm glauben? + +Er steckte das Stück Zeug in seine Brieftasche und führte den Fuchs +an der Hand durch das Dorf zurück in seines Schwagers Stall. Seine +Schwester fragte, was ihm geschehen sei; er sähe so verstört aus. Ob er +denn diese Nacht nicht reite? »Nein,« sagte er, »aber morgen früh. Ich +will die Ewe aus der Stadt abholen.« + +»Gib dich mit der schlechten Person nicht weiter ab,« meinte sein +Schwager Grillus. Er aber faßte ihn dafür bei der Brust und schüttelte +ihn. »Wer sie eine schlechte Person nennt,« schrie er, »der mag sich +vor mir in Acht nehmen. Ich schone Schwester und Bruder nicht!« + +Er brachte eine schlaflose Nacht zu. In der Frühe ritt er fort in der +Richtung nach der Stadt. »Sie wird mir glauben,« tröstete er sich. + +Nicht weit von den letzten Häusern der Vorstadt sprang er ab, legte +sich in den Chausseegraben und ließ seinen Gaul neben sich grasen. +Ewe mußte hier vorüberkommen. Und es dauerte keine Stunde, da kam sie +wirklich. Sie hatte die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in ein Tuch +geknüpft, das sie in der Hand hielt. Sie sang leise vor sich hin ein +littauisches Wiegenlied, das recht schwermütig klang, und hatte die +Augen auf den Boden gerichtet. »Ewe!« rief er sie an. + +Sie schrak zusammen. »Mikelis --! Was willst du hier?« + +Er stand auf und trat an sie heran, das Pferd nach sich ziehend. + +»Steige du auf,« sagte er, »der Weg bis zum Dorf ist weit.« + +»Ich bin nicht müde,« entgegnete sie, »habe drei Wochen lang Zeit +gehabt, auszuruhen.« + +Das fühlte er wie einen Stich ins Herz. »Ewe,« sagte er, »Gott weiß, +daß ich dir nicht habe Unrecht tun wollen.« Er ging neben ihr hin und +zog das Pferd am Zügel nach sich. + +»Das mag sein,« antwortete sie, »aber es nützt mir nichts: ich habe +doch einmal im Gefängnis gesessen. Und dir hilft's nicht über die +Schande weg, mich da hineingebracht zu haben.« + +»Ewe, wenn ich dir sage --« + +»Du meinst's ja auch nicht, wie ich's meine. Und wenn du mir nicht +glaubst, ist mir das andere gleichgültig.« + +Er legte die Hand auf ihre Hand, die das Bündel trug. »Ewe -- wenn ich +jetzt noch sagen könnte: ich glaube dir! Aber ich weiß nun, daß du +unschuldig bist, und ich weiß auch, wer schuldig ist ...« + +Sie trat einen Schritt zur Seite und blieb stehen. »Du weißt es ...?« + +»Die Urte hat den Wechsel ausgeschnitten -- sie hat ihre Rache haben +wollen.« Er erzählte mit hastigen Worten, wie er dahintergekommen. + +Ewes eben noch bleiches Gesicht überzog sich mit flammender Röte; die +weißen Zähne waren fest verbissen und die Lippen ein wenig geöffnet; +die Brust hob und senkte sich rasch. Das Bündel hatte sie mit beiden +Händen gefaßt, und die Finger knüpften an dem Tuche. Sie sprach kein +Wort, und Endrullis ließ ihr eine Weile Zeit, mit ihren Gedanken fertig +zu werden. Erst nachdem sie eine Strecke vorwärts gegangen waren, +fragte er: »Kannst du mir verzeihen, Ewe?« + +»Verzeihen!« rief sie; »das paßt nicht mehr zu uns beiden. Früher wär's +vielleicht gut genug gewesen, aber jetzt ...« Sie brach in ein heftiges +Weinen aus. + +Er legte den Arm um ihre Schulter. »Was hast Du, Ewe?« fragte er +bekümmert. + +»Gott hat es so gefügt,« schluchzte sie, »daß wir nicht mehr von +einander können mit leichten Worten. Ich habe dich einmal zu lieb +gehabt, und das wird bald offenkundig werden vor aller Welt. Da ist's +mit dem Verzeihen nichts. Kann's nicht sein, wie es gewesen ist, so +kann's doch auch nicht bleiben, wie es ist. Im Gefängnis, Mikelis, als +ich ganz mit mir allein war -- da ist mir's zur Gewißheit geworden ... +Ach Gott, ach Gott! Warum hat das jetzt geschehen müssen?« + +Er horchte auf und glaubte zu verstehen. »Ewe,« rief er, »ist's möglich +--? Eine solche Hoffnung ...! Ja, dann können wir nicht mehr von +einander; dann ist's nicht mehr genug, daß du mir verzeihst -- dann +mußt du mich wieder lieben, wie vordem ... o, mehr noch, viel mehr!« Er +zog sie an sich und küßte ihr die Tränen von den Augen und Wangen. + +Sie ließ es eine kurze Weile geschehen. Dann aber schob sie ihn mit +Heftigkeit von sich ab und sagte: »Von einander können wir nicht -- und +zusammen auch nicht. Das rachsüchtige Weib, die Urte, steht zwischen +uns. Es ist nur auf eine Weise gut zu machen -- nur auf eine Weise. Ja, +ja ... nur auf eine Weise. Wenn du ein Mann bist --!« + +Sie brach ab und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, der ihn +im Tiefsten erbeben machte. »Woran denkst du?« fragte er mit zitternder +Stimme. + +»Wenn du ein Mann bist --« wiederholte sie und ließ ihn wieder den +Schluß erraten. Die Lippen zuckten höhnisch. »Wie bleich du geworden +bist! Du bist Soldat gewesen und hast doch keinen Mut.« + +»Ich habe Mut, Ewe ...« + +»Aber? Siehst du! Du hast den Mut, dich und mich verächtlich zu machen. +Aber den Mut, die Schande von uns abzuwenden und zu beweisen, daß du +mich liebst und mir ehrlich Wort halten willst, den hast du nicht. Auch +jetzt nicht -- nach dem, was die Urte dir gesagt hat und was ich dir +gesagt habe. Geh! Du bist kein Mann!« + +»Ewe -- was soll geschehen ...?« + +Sie lachte auf. »Ich weiß es nicht. Weißt du's nicht, so kannst du's +von mir nicht erfahren. Aber laß mich allein! Ich verzeihe dir, weil +ich dich verachte.« + +Endrullis riß die Jacke auf und griff in sein rotbuntes Halstuch, das +ihn zu würgen schien. »Du sollst mich nicht verachten,« sagte er, die +Worte aus der Kehle zwingend. »Du hast ganz Recht, Ewe -- ich wäre kein +Mann, wenn das ... Nur Geduld! man muß es klug anfangen. Es kann ja +nicht anders sein -- und die Hexe verdient's. Nur Geduld! Der Wechsel +soll eingelöst werden.« + +Er reichte ihr die Hand hin und schüttelte die ihrige wie zur +Bekräftigung seiner Worte. »Wir gehören zu einander,« rief er, »und +wenn Gott uns nicht zusammenbringt, soll's der Teufel tun. Ich fürchte +mich nicht vor ihm. Nur Geduld!« + +Auf der Chaussee näherten sich Fuhrwerke. »Es ist besser,« fuhr er +fort, »man sieht uns die nächste Zeit nicht beisammen. Ich habe oben an +der Grenze zu tun. Die Juden wollen einmal ihr Glück an einer andern +Stelle versuchen, man paßt ihnen hier schon zu sehr auf. Wenn sich +etwas ereignen sollte -- ich bin weit weg. Lebe wohl! Wenn wir uns +wiedersehen, kannst du die Hochzeit bestellen.« + +Er schwang sich auf den Fuchs und jagte wie toll davon. + + [Illustration] + + + + + 9. + + +Acht Tage darauf fand man die Wirtsfrau Urte Endrullene des Morgens tot +in ihrem Bette. Der Schädel war ihr gespalten; augenscheinlich war sie +im Schlaf getroffen, und ein einziger Hieb hatte hingereicht, sie für +ewig stumm zu machen. + +Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der +Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente +geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das +stets auf dem Herd lag, war vermißt worden und trotz allen Suchens +nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die +Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts +Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An +dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke +nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die +Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte, +es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz +morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen +worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der +Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand +getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau +anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben; +durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die +Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von +dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben +Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet +und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren +Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der +Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem Fenster befand +sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und +Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen +eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte. +Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht, +da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob +irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln. + +Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht +das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr +wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den +Täter führte keine sichere Spur. + +Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus +gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon, +daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung, +daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten +zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen +mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch +auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam, +daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und +nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der +Grenze aufgehalten zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen +voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit +russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war +gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu +gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen +war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz +zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen; +aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß +jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den +wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte, +in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich +nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte +verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da +auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte. + +Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf +blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und +arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und +könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst +meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer +Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe. Die Frauen +übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte +ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu +widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr +zog und das Aufgebot bestellt wurde. + +An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete, +waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen +Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die +Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen, +aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein +Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem +die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten, +schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den +Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die +Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie +nickte ihm grüßend zu. + +Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in +ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die +Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei +und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau +auf den Wagen genommen wäre.« + +»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die +Wirtin.« + +»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der +Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz +frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht +jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.« + +»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er +erschrak und im Gesicht bleich wurde. + +»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein +Aberglaube -- der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot +und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte +unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den +Stall eintrat -- in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf +gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.« + +»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die +Ecke des Stalles blickend. + +Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen, +Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das +erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die +Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du +weißt doch, wo sie ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist +ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das +so gut.« + +Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der +aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht. +»Fort da, oder ...« + +Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich +gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht +immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben. +Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis, +nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.« + +Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn, +was --?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf +dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den +grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets +zu dir in's Bett nimmst.« + +»Sie kommt gern zu mir -- hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener +Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch +unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren +grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.« + +»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man +als Hexe verbrennen -- hi, hi, hi!« + +»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur -- du kannst lachen. Die Urte ist +tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du +kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit +mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt +mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges +Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen, +und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt, +nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und +möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem +Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu, +daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich +kann auch sprechen.« + +»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was +kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.« + +»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch +nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still +bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs +geblieben?« + +Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die +Grenzreiter mich verfolgten.« + +»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und +hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so +viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies +ein Hufeisen verloren --« + +»Wer will das behaupten ...?« + +»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich +meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war +freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein +Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall +ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt +war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.« + +»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen, +wie er hinein- und hinauskommt -- das hast du wohl schon erfahren.« + +»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten +und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner +Jacke geblieben, Mikelis?« + +Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten. +»Zwei?« + +»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.« + +»Was geht es dich an?« + +»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du +dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.« + +Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle +zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen +Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich +schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten +Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu +kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe +keinen Spaß.« + +Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,« +zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest -- hundert +Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das +kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand +hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden -- so einem, wie die Ewe +dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich +dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich +wissen, woran ich bin.« + +Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte etwas in sich hinein. +Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich +in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie +reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster +Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor +ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus +wie einer, dem wohl zu Mute war. + +Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren +Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts, +als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die +Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.« + + [Illustration] + + + + + 10. + + +Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit +zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und +gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran +und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen +Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr: +»Du kannst es gut bei mir haben, wenn du auf meiner Seite stehst. Ich +kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme +gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf +und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei +zwinkerte sie listig mit den Augen. + +Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit +hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr +einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr, +was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die +Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der +Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf +einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die +Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig. +Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.« +Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte +dankte und ging. + +Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie +wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen +den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie +entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den +Schweinetrog. + +Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern. +Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine +andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte +gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst +aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen. +Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen +und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie +findet.« + +Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon +versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür +standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche +in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es +nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen -- fuhr ein +städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei +Herren sprangen ab. + +»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke +richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf +von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu +Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!« + +Er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. »An unserm Hochzeitstage --« + +»Sie kommen deinetwegen, Mikelis.« + +»Sie können mir nichts beweisen. Laufe ich fort, so bin ich schuldig.« + +»Aber du bist frei.« + +Er blickte zum Fenster hinaus auf die Straße. Eben kam der Gensdarm +angeritten. »Es ist auch zu spät zur Flucht. Ja -- wenn der Fuchs noch +im Stall stände --!« + +Nun trat der Richter ein und sagte: »Michel Endrullis, es tut mir leid, +daß ich das Hochzeitsfest stören muß. Ich will wünschen, daß ich dich +und deine Braut nicht lange aufzuhalten brauche. Das Gericht hat aber +guten Grund, bei dir eine Haussuchung zu halten. Ich frage dich: bist +du in der Nacht, als deine abgeschiedene Frau ermordet wurde, hier im +Dorfe gewesen?« + +»Ich weiß nichts davon, daß sie ermordet ist,« antwortete er, finster +zur Erde blickend. + +»Antworte geradeaus,« forderte der Richter. »Bist du hier im Dorf +gewesen oder nicht?« + +»Ich bin drüben in Rußland gewesen -- mein Pferd ist gefallen -- es ist +durch Zeugen erwiesen.« + +»Und hier im Dorfe warst du nicht? Sieh mich an!« + +Endrullis bemühte sich, dem Richter fest in die Augen zu sehen. »Wer +sagt, daß ich hier im Dorfe gewesen bin?« + +»Das sollst du später erfahren. Ja oder nein?« + +»Nein! Ich kann nicht durch die Luft fliegen.« + +»Wo sind die Kleider, die du damals getragen hast -- in Rußland +natürlich.« + +Endrullis warf den Kopf zurück. »Sie sind doch schon einmal untersucht, +und es hat sich nichts Verdächtiges daran gefunden.« + +»Keine Blutspur, das ist richtig. Aber im Protokoll steht geschrieben, +daß an der Jacke zwei Knöpfe fehlten. Die fehlten schon lange, nicht +wahr? So hast du früher behauptet.« + +»Was ich gesagt habe, ist wahr.« + +»Zeige doch die Jacke noch einmal vor.« Sie wurde herbeigebracht. Der +Richter wickelte aus einem Stück Papier einen Knopf und verglich ihn +mit denen an der Jacke. »Die Knöpfe stimmen genau überein, das wirst du +selbst zugeben müssen.« + +»Es tragen viele Littauer solche Knöpfe, Herr.« + +»Aber dieser hat offenbar hier gesessen; die Fäden sind scharf +durchschnitten und passen der Zahl nach zusammen.« + +Endrullis versuchte zu lachen. »Das kann ja sein, Herr. Wenn ich ihn +verloren habe, kann ihn auch wohl einer gefunden haben.« + +»Ganz richtig. Und weißt du auch, wo ihn einer gefunden hat?« + +»Was geht mich das an?« + +»An der hinteren Ecke des Holzstalls hier auf dem Hofe neben einem +losen Brett der Verkleidung.« + +Der Littauer besann sich einen Augenblick. Es kam nun darauf an, +vorsichtige Antworten zu geben. »Warum soll er da nicht gefunden worden +sein, Herr?« fragte er dann zurück. »Seit länger als einem Jahre gehe +ich hier auf dem Grundstück herum und habe die Jacke immer getragen.« + +»Aber der Knopf ist dort gerade am Morgen nach jener Nacht gefunden.« + +»Das lügt die Gaidullene.« + +»Die Gaidullene? Wie weißt du, daß von der die Rede ist.« + +»Weil sie mir den Knopf für hundert Taler angeboten hat, Herr. Ich habe +sie ausgelacht und fortgejagt. Dafür rächt sie sich nun durch falsches +Zeugnis.« + +Das ließ sich hören. »Gehen wir in den Stall,« sagte der Richter. »Ist +in jener Nacht jemand an der Stelle, wo das Brett losgebrochen sein +soll, eingedrungen, so wird er auch wohl einen Zweck dabei verfolgt +haben. Wo ist der Stall?« + +Endrullis zeigte widerwillig den Weg. Ewe, die ihn begleitete, sprach +viel von der Schlechtigkeit und Rachsucht der Altsitzerin, die für ein +Quartier Branntwein falsch schwöre. + +Im Stall lag Holz und Torf, an einem Hauklotz eine Axt. In einer Ecke +stand ein Spaten. »Steht der Spaten immer hier?« fragte der Richter. +»Wozu wird er gebraucht?« + +»Den Torfgrus einzusacken,« erklärte Ewe, »aber der Stall ist lange +nicht gereinigt.« Endrullis war ganz still geworden. + +Der Richter ließ das Holz hinauswerfen. Unter demselben zeigte sich +am Boden eine Stelle, etwa einen Fuß im Geviert, von dunklerer Farbe. +Die schwarze Erde lag hier obenauf nur dünn mit Holzabfällen bestreut. +»Hier wollen wir nachgraben.« + +Nach wenigen Minuten stieß der Spaten auf klingendes Metall. Bei diesem +Klange zuckte Endrullis zusammen, und Ewe warf ihm einen ängstlichen +Blick zu. Der Richter bückte sich und hob aus dem Loch ein Beil. Die +schartige Seite war mit einer dunklen Masse überzogen, an welchem lange +Haare hingen. »Nun --? Wem gehört das Beil, Endrullis?« + +»Ich weiß es nicht. Es kann da lange gelegen haben. Das Grundstück +gehört mir noch nicht.« + +Der Richter zeigte das Beil den Umstehenden. »Wem hat das Beil gehört?« + +»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich +erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.« + +»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben, +Endrullis?« + +»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim +Sprechen. + +»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals +über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde +durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und +hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite +Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die +Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite +hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube. +Willst du noch die Tat leugnen?« + +Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich +stier auf den Knopf. + +»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du +aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen, +damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den +Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe +am Torfbruch unter den Erlen.« + +Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe +schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig -- sie wollen ihn +verderben.« + +Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte +ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte, +riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube. +Dann brach sie zusammen. + +In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen. + +Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich +ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie +Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne +sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren +Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu +Fuß fort, ohne zu sagen wohin. + +Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich +nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren +scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters +sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe +erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich. +Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu +werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich +etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu +können. + +Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie +solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der +habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche +arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,« +meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte +sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat, +bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie +wurde als Magd angenommen. + +In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben +hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten +das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen +und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in +Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel +eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das +Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel +Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein +und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch, +wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten +rechts im obersten Gange verschlossen. + +Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche die Untersuchung noch +schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach +dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe +wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen +zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange +wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an +einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich +das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der +linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den +Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine +matten Augen glänzten einen Moment lebhafter. + +Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt +wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die +beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne +daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort +löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur +Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett. +Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam, +war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit. + +Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit, eine kleine Feile, +die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen, +die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in +einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu +schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er +glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und +war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen. + +Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde +eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer +Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten, +die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle +berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete +die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.« + +»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?« + +»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen, +und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter +Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose +Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?« + +Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten +fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf. + +Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als +ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte +das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr +die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem +Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach. + +Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die +Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke +war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde. + +Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß +es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen. +Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus +tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer +Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich. + +Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil +der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus +benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus +zurückbrachte. + +Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe, +und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß +sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte +und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit. + +Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind +nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte +sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust. +Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden +Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle. +Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie +in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte. +Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der +Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen +und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr +hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er +hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie, +gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem +Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem +Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und +täglich schleifen sie das Beil -- schirp, schirp, schirp -- auf dem +großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...« + +Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher +scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in +einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem +Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand. +Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu +seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß. + +Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war, +trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es +bemerkte. + +Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen +können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern +Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand +nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und +kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.« + +Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden +sie nicht.« + +Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte +sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige +Beschäftigung. + +Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern. +Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen. + +Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der +Wiege. + + [Illustration] + + [Illustration] + + [Illustration] + + + + + Heinrich Sohnrey: + + Lorenheinrich. + + [Illustration] + +Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im +südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben +ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das +ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt +einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die +Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover +auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und +an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der +Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren +Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der +Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar +nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In +gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in +Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht, +in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen +aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten +Lebensberuf heranreifen: ~dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart +wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben +Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der +Landflucht zu heilen~. + +Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«, +die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter +unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister +mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der +Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück +-- er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem +Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen +in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die +Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen +Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen +Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer +des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in +Berlin. + +»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt +unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk. +Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen +aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen -- verloren«, »Die hinter +den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im +grünen Klee -- im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung +vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten +voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht. + + ~W. Lottig.~ + [Illustration] + + + + + Lorenheinrich. + + Eine Frühlingserscheinung im Dorfe. + + +Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches +aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir +nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der +Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche, +Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft +im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird. + +So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem +schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in +meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?« + +Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich +erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden +hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der +Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde ausgetrieben hat, in ein +rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt -- und +vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit +seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen +Höfen. + +Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich! +Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese +wunderseltsame Frühlingserscheinung -- wunderseltsam in ihrer grotesken +Wirklichkeit -- immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen. + +Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger +schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum +ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in +den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann +war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens +genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der +Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare +im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß +es Frühling war. + +Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter +und Großväter lehnten sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten +Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht +mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der +dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause, +wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des +Kommenden harren konnten. + +Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die +dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher +Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die +sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des +Dorfes ankündigt. + +Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte +endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden +Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen +einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel +der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf +wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen +ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus +der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine +hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten, +einen langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war, +wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen +und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer, +grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs +geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am +liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug. + +Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken +haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; -- und er hatte doch +einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur +das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger +Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde +Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte +-- wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die +Hühner gekratzt haben. + +So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein +ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte +er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und +weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und +über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen Tönen +entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und +manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest +döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«[2] + +Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen; +die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl +etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein +Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im +offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder, +um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich +königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock +heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in +seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose +sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu +welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der +Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges +riesiges Gänseblümchen. + +Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es +ohne jeden argen Spott und Hohn geschah. + +Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn +überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige +Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen +Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß, +von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein +»Swinetrog«. + +Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an +sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste +Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das +ganze Dorf vor Lachen wackelte. + +Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal +vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf +den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand, +daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden +Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das +»ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer +Mimik an: + + »Lorenheinrich, döu leiwe Junge, + Is dat Freujahr nöu weer in Swunge? + Häst 'ne uten Loche locket, + Häst de 'ne an Haare tocket? + + Dat is recht un dat is gaut, -- + Af de Mütze, af den Haut! + Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«[3] + +Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte, +worauf der Grabenmüller wiederum anhob: + + »Lorenheinrich, döu leiwe Junge, + Is dat Freujahr nöu weer in Swunge, + Will we ak 'ne Wost[4] ansneggen, + Sast ak use Meken freggen.[5] + Kumm herin un dau deck gaut -- + Af de Mütze, af den Haut! + -- Vivat!« + +Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des +Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende, +lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst +gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von +grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen. + +Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und +mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den +gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden +Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien +es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen +zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand +Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an +ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!« + +Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der +Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte, +wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den +besetzten Tisch geführt. + +Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück +Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen +anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den +Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte. + +Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs +neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten +Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das +wußte man ja: wie die Flur zum Wachstum der Sonne und des Regens, so +bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen +Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag +der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen +und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles +up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«[6] + +So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem +Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen +Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll +war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus. + +Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern. + +Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig +es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er +ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß +ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am +Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn +es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war +er schon ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und +putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh' +sie geprickt ist. + +Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte +sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock +und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das +letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten +bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die +purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch +die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste +Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und +Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen +wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und +Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer +gleich und immer vorherrschend war allein -- dafür sorgten schon die +Schelmereien der jungen Mädchen -- das Gänseblümchen, so daß man +sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen +Gänseblümchen-Heinrich beilegten. + +Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen, +nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen +Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen, wovon +sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der +Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben. + +Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft +emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig! +Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben, +eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und +eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer +nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid +ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen +könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen, +setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor, +daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere +grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und +Freude daran haben konnte. + +Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute +alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend +in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am +herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft, +es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen man +ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein +Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in +die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf, +wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls +nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer +»Slippe«[7] voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren +und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In +gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern, +selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls +zuführte, beschenkt. + +Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden. +Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um +den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl, +obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht +nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf +angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im +Kreise verwenden mochte. + +In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden, +daß Lorenheinrich immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch +immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte. + +Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief +dem andern zu: »Weiß't alle? -- Lorenheinrich will't Möhlenhannechen +freggen!«[8] + +Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber +jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot +gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt +an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach: +»Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!« + +Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit +gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über +den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen +konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen +schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«. + +Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein +kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich, +Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!« + +Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße +aufzog,«[9] legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs +Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die +blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die +erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum +nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die +anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne -- und der Himmel noch +voller Würste hinge. + +Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige +Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde. + +Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als +zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so +blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über +Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker +Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im +andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu +früh wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen +worden war. + +Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu +schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer. +Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft +schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er +schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen +Rest seiner grimmigen Kälte über ihn -- und als etliche Tage später +der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich +zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem +Ausgange, erfroren am Wege gefunden. + +Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen +floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der +Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen, +die je gesehen worden sind. + +Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich +bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie +gebracht werden, wogegen sich indes -- zu ihrem Ruhme sei's gesagt +-- die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen +ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen, daß ich +mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam +erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand, +den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete! + +Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu +widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und +seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge +zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so +mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen +Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der +einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen +der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden +solle, freilich -- diese Einschränkung wurde dennoch gemacht -- nur in +einer Ecke des Friedhofes. + +Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben. + +Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge +wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an +bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen +Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die +Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr ungewöhnlich früh erschienen, +als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen. + +Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit +Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im +Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab. + +Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der +wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die +Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte +den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man +auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war +ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern. + +Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich +ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben +hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige +Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück +für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte. + +Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt +worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide +nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens. + + [Illustration] + + + + + Wilhelm von Polenz: + + Zittelgusts Anna. + + [Illustration] + + +»Ich bekenne mit Stolz,« sagt ~Wilhelm von Polenz~ von sich, »daß +ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind +meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn +meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf +dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind +auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche +Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse +der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach +vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand +er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff +die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von +1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen +und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im +Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903). + +In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich +deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet +die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung +des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald, +Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust, +Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt +ward der Dichter durch den religiösen Zeitroman »~Der Pfarrer von +Breitendorf~« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy +gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem +Roman »~Der Büttnerbauer~« (1895), dem vielleicht nur Roseggers +»Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück +hierzu, »~Der Grabenhäger~« (1897), bietet viele schöne Züge, +hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen. +-- Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh +unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer. +Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er +findet sein Frauenideal in »~Thekla Lüdekind~« (1899), spürt den +Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »~Liebe ist ewig~« +(1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman +»~Wurzellocker~« (1902). + +Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann +er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer +Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet +er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse +psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle +der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner +Personen verständlich zu machen. + + Tonndorf-Lohe, + den 19. November 1904. ~Wilhelm Bube.~ + + [Illustration] + + + + + Zittelgusts Anna. + + +Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo +von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich +neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine +Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und +Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht, +da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige +Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe +ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende +Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen +allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen +zurückgeblieben. + +Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen +sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein +langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn +über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte +fort. Nur im Genick hing ihm von einem Ohr zum anderen ein schmaler +ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht. +Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte +Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den +Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte. + +Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den +Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut, +Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften, +ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte. + +Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der +muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen +an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete +ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja +Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie +hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig +verschlossen. + +Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln +einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum +Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man +in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde, +das Schiebefenster zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf +hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu +befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten +einzuziehen. + +Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den +Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt. +Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben +müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten; +sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die +beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und +Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins +Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die +Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in +den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst +zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen. + +Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war +ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung +stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten +Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen +Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle +Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit ihrem altklugen +Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem +spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien +hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube, +ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein +fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder, +scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch. + +Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war +das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt, +von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und +gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter +Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als +vordem. + +Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in +zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von +Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf, +unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß +ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles, +was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis +in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte. + +Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung des Hauswesens an sich. +Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim, +mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck +dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die +übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten. + +Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte +dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke. +Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde +Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und +herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen. +Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen +und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift. +Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum +Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und +Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen. + +Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die +Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere +Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu +kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle +hatte, da keine Feldarbeit, keine andere Hantierung ihn abzog, brachte +er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine +tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das +Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und +Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War +aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand +sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das +Ganze wieder in Schuß zu bringen. + +In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust +war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit +hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen. + +Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller +Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten; +Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie +kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn +geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine +ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden. + +Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel +war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine +saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder und +Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte +wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder +Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein. + +Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen +Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten. +Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna +war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen +wurde ihr eben leicht. + +Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung +blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen +aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen +ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit +ein Greuel. + +Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die +Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends +ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß, +bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter +auszugrübeln und zu Ende zu spinnen. + +So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander. +Zittelgust vermißte das verstorbene Weib kaum noch; seine Anna +ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein +wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar +nicht anders haben. + +Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der +dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert +haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen +altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, +der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die +Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf +der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die +sein Webstuhl sang. + +Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen, +das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten +können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe +helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich +verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger +Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich +darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel. + +Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war +eine Handelsfrau. Ihr Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit +etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war +ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden +Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie +im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und +Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden +suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis +schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier +an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit +auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch +wenigstens am Leben. + +Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie +stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen, +waren an einem Ostern konfirmiert worden. + +Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel +einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln +ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes, +wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe +des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber +nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und +hungrig von der Reise zurückkehrte, durfte sie sich in dieser Herberge +ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder +die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann +bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand. + +Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen +herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht +die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von +den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um +ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte +sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal +die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust +hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene +Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das +Halten einer Zeitung. + +Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer. +Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit +verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen. +Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück, +einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule +waren! -- Sie hatte neben ihrem Hausierhandel noch einige kleine +Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten +von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt. +Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang +der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte, +vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos +fand. + +Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede +Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas +Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen +fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht. +Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für +ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser +Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem +sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand +Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas +ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren. + +In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem +Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch +daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn +je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und klein. Ihre beiden +Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan, +den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete +eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände +in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn +der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit +anrühren. + +Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu +Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor. +Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der +Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie +anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht +vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und +verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber. + +Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte +ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder +ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam. +Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge +schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen -- wie +es sich für die Witwe schickt -- der Vater schritt unter den Nachbarn. + +Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür +gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse +Zeiten kommen würden. + +Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna +zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand +verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm, +am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den +Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert. + +Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun +verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert. + +Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und +eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei +ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb +stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät +die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden +zu sprechen. + +Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er +kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand +lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus, +und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er sich dann hinbegäbe. +Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit +jener Frau, die sie niemals hatte leiden können. + +Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die +Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um +ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht +und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig +machen! + +Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den +Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief +eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen. +Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein +Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen. + +Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren +trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags +frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders +feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von +dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher +nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt +erblickt hatte. + +Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher +Miene auf den Tisch niederlegte. Dann rief sie die kleine Anna herbei, +die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses +Aufzuges anstaunend. + +»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was +mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die +Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs +kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der +'s ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie +Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu +ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib +nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!« + +Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem +Kleid, das sie geschenkt bekam. + +Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich +doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich +mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein, +das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes +Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten. + +Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die +beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren +Zärtlichkeiten stören. Nachmittags unternahmen sie einen Ausflug. Anna +wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht. + +Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen. +Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer +eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm -- was man einmal mit heiler +Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal +riskieren. -- Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der +Leute heraus. + +Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras +wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun, +wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um +war, einen neuen. Und was für einen! + +Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige, +lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch +bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als +Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen +würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert +sein. + +So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal, +wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch +machte! -- + +Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie +tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur. + +Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern +ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn, +der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins +Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu +wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert. + +Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während +die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel +keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in +größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft +eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? -- Das kostete schweres +Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr, +als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem +womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie +wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der +niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines +Tages davonlaufe. + +Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er +ein Schwächling war, ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich +auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann +war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal +hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften +Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in +die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch +seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und +wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in +der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das +Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm. + +Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen +Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß +ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust. + +Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles +energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren +innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr +wohnen. + +Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre +verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller +Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er. Die +Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz +oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens +beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht, +daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute. + +Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück +ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen +Gattin Leid und Freud durchlebt hatte. + +Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll +Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges +Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen +Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war +zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes +Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde +weiter ziehen sollte. + +An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem +Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern +und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es +nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen +sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre +Holzstube war doch viel schöner gewesen, als alles, was die fremde +Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen, +von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute. + +Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm +in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der +Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte +klagen dürfen. + +Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie +zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres +Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo +die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte +dann aus ihr werden? -- + +Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel, +und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen. + +Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm +und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei +man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur +ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum +Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher +nur über die Straße gesprungen war. + +Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der +Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre +Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an. + +Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein, +die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die +eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof +fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und +Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen, +Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos +ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu +spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht +mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne +umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch +besser hinter dem Webstuhle untergebracht. + +Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht. +Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen, +Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch +das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen +wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind sei. +Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich +angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ +es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer +zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind. + +Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl. +Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an +aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch +arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel +durchzuschleppen. + +Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die +Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei. +Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und +fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke. + +Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der +Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe. +Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand +aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er +hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu +lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein. + +Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine Frau verreiste. +Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die +schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber +selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus +über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten, +daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in +ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere +gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig +ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau +müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer +beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk, +das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ. + +Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber +Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten, +wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in +ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum +Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen +hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust +allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte. + +Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die kurzen Tage und langen +Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel, +als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag +manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der +Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im +nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche +waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und +Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen +ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer +Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es +auf sie abgesehen hatten. + +Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das +kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da +mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und +Steg frei zu machen. + +Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am +liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß +Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte +sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame, +Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der +Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und die Aussicht, +zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie +gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor +elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der +Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren +Geschwister holte. + +Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem +sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie +ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna +von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem +kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies +erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde +zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder, +die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft +war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig +sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von +Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf. + +Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig +weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht, +beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen. + +Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt +antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg, +daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig +zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier +nicht bloß um Verstellung handle. + +Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß +zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der +nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde +Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen +Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße +fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna +in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese +Weise vor aller Welt offenbar werde. + +Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach, +das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man +den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre, +hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern +hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte, +und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde +versucht, Anna mit allerhand Kräutern, Einreibungen und Mixturen +wieder auf die Beine zu bringen. + +Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte +eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und +wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus +reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum +mindesten wie Dummheit vor. + +Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten +Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet +dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte +oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten +Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein +sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr +war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! -- + +Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu +lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu +bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie +eine böse Stiefmutter zu nennen. + +Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine +Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne. + +Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter +zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen +die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte +der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so +unvernünftig gewesen. + +Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen +waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen. +Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten +Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine +Kosten, zu schaffen, was Anna heischte. + +Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr +Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm +liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies +und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war, +als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren +und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte. + +Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie +stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein +gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich +zu nehmen. + +Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von +der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch +welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer +hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte +den Vater haben. + +Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe. +Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte +Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur +letzten Reise anschicken. + +Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines +festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will +sterben.« + +Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn +mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es +sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab. + +Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte +ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu +weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt +besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte. +Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon +verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten +Kampfe. + +Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als +über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er +nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger +als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und +'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« -- + +Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch +verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust +bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch +Zeichen -- sprechen konnte sie schon nicht mehr -- daß er sich an den +Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken. + +Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das +Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und +schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte. + +Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen +Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße +Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag +nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte. + +Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so +entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis. + + [Illustration] + + [Illustration] + + [Illustration] + + + + + Rudolf Greinz: + + Simerls guter Tag. + + + + + [Illustration] + + +Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August +1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und +schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887 +nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen, +und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu +widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch, +da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für +Jahr auf einige Zeit zurückkehrt. + +Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige +Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer +Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen +erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den +Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler +Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von +bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann +er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick +in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden +Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B. +»Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten +unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber +noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste +Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller +Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die +wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind, +liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der +auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen +der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu +betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen +Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die +Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der +Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige +»Bauernbibel«. + +Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig, +wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften +gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung +Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch +mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer +Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht +uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter +zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer +mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls +guter Tag« geschieht. + + ~Karl Bienenstein.~ + + [Illustration] + + + + + Simerls guter Tag. + + +Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse +schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben +gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich +über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre +wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen. + +Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und +vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache +Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie +»übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon +längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen +sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja +schließlich noch gern aufgekommen. + +Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht. +Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und +kam bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder +gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als +»Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und +trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit +gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun +wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht +reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl +unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut +daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der +Simerl schon immer gewesen. + +Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts +übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es +nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für +einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch +nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze +Welt »ausgetorkelt«[10] sei. + +Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts +Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er +nützte. + +Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was +zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« -- meinte selbst +der hochwürdige Herr Pfarrer -- »nachher hat die ganze Welt an Vorteil +davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg +is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!« + +Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel« +ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch +immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder +etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl[11] Schnaps« +zusammengebettelt hatte. + +Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte +gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht +verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit +mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad[12] bist, +nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige +Seel' -- und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst +hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit +-- aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib' +nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln +lassen!« + +Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst +von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen +des Unterinntals begann es langsam aper zu werden[13]. Weiße Ostern +waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises +Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich +regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren +ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ... + +Die »herrischen Stadtfrack«[14] haben manchmal sonderbare Einfälle. So +kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl +direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen +Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den +Bergen herumzukraxeln. + +Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden +fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung +seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er vor allem Ruhe und +»Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus. + +»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's +halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr +nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's +schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn +dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.« + +Der Maler hielt sich die Seiten vor Lachen, da er seine »Stimmung« +plötzlich unter die ländliche Speisekarte versetzt sah. Warum mußte +er auch in den hintersten, von Fremden wenig aufgesuchten Winkel +des Zillertales flüchten! In einer der vorderen Gemeinden wäre er +vielleicht eher verstanden worden. Die Kreuzwirtin nahm schier +beleidigt Reißaus und stellte eine halbe Stunde später aufs Geratewohl +dem Fremden einen appetitlichen Schöpsenbraten mit beigelegten +Kartoffeln und eine Halbe »Reatel«[15] auf den Tisch. + +Daß der Eindringling kein gewöhnlicher »Tuifelemaler«[16] sei, das +schlossen die Dorfbewohner namentlich aus zwei Umständen. Einmal malte +er gleich am nächsten Tag den alten Hennenstall beim Kreuzwirt ab. Und +den konnte er unmöglich auf einem »Marterl« brauchen. Dann zahlte er +dem Feuchtenbauer für eine uralte Truhe, die man schon längst auf den +Estrich gestellt hatte, einen blanken Fünfer. + +Wenn dieser letztere Umstand schon manchen an dem gesunden Verstand +des Fremden zweifeln machte, so war man allgemein davon überzeugt, daß +er »a Raderl z' viel oder z' wenig im Oberstüberl« haben müsse, als er +sich den Simerl zum Kreuzwirt bestellte, um ihn abzumalen. + +Der Armenvater hatte dem Simerl eigens ein Sonntagsgewand geliehen, +damit er nicht gar so »zerschlampt«[17] wäre, wenn er dem fremden Herrn +seine Aufwartung mache. Da waren aber der Armenvater und der Simerl +gleich schlecht drangekommen. Der Maler schickte den Armenhäusler +sofort wieder heim, daß er sich umziehe -- und der Simerl mußte trotz +des energischen Einspruches der Kreuzwirtin schließlich doch in seinem +»G'schlamp« erscheinen. + +So wurde er gemalt -- nicht ohne daß er sich's von dem »Herrischen« +zuvor ausbedungen hätte: auf ein »Marterl« dürfe er nicht hinaufkommen, +weil sonst die Leut' »grad' wieder überflüssig z' reden hätten, daß +si der Simerl no früher sei Marterl hab' malen lassen, bevor ihn der +Teufel g'holt hätt'!« + +Als die Sitzung vorbei war, drückte der »Herrische« dem Simerl ein +blankes Guldenstück in die Hand. Der Simerl glaubte zuerst seinen Augen +nicht trauen zu dürfen und meinte, der Maler wolle ihn nur »für an +Narren« haben. Seine kühnsten Hoffnungen hatten sich höchstens zu »an +Glaserl Wein« verstiegen. Und jetzt gar ein ganzer Gulden! So viel Geld +hatte der Simerl seit Jahr und Tag nicht mehr sein eigen genannt. + +Es war ihm völlig unheimlich zu Mute, da er von dem Fremden sich +verabschiedete. Als er die Tür schon längst hinter sich geschlossen +hatte, bedankte er sich noch die ganze Stiege hinunter bis vor die +Haustür hinaus: »Vergelt's Gott z' tausendmal! Vergelt's Gott z' +tausendmal in Himmel aufi und no hundert Jahr' nach der Ewigkeit!« + +Als der Simerl ins Freie trat, schien ihm der Himmel voller Baßgeigen +zu hängen. Am liebsten war es ihm, daß niemand von seinem Schatz wußte. +Er umklammerte den Silbergulden im Sack krampfhaft mit der Hand und +schmiedete auf dem Heimweg die abenteuerlichsten Pläne. + +Er hatte schon genau ausgerechnet, wie viele »Packerln Ordinari«[18] +er für das Geld bekäme, wie viele »Stamperln« Schnaps und wie viele +»Viertelen« Wein. Nur war er sich noch nicht darüber im klaren, in +welcher Ware das Kapital eigentlich am besten angelegt werden solle. + +Endlich beschloß er, sich ganz auf eigne Faust einen »guten Tag« zu +machen, so recht einen Festtag nach dem jahrelangen Leben im Armenhaus, +wo es an den Werktagen nichts gab als Brennsuppe und Erdäpfel und am +Sonntag Erdäpfel und Brennsuppe. + +Unter Tags war der Simerl ganz verloren. Er rechnete fortwährend an +seinem »guten Tag«. In der Nacht konnte er kein Auge zutun, da er +in den kühnsten Phantasieen befangen war. Die größte Rolle spielte +ein gebackenes Kälbernes mit Salat. Das hatte der Simerl vor zwanzig +Jahren einmal bei einem Firstenfest gegessen, als der Dachfirst eines +neugebauten Hauses vollendet und mit bunten Fähnlein geziert war, und +man den Baumeister und den Hausherrn hochleben ließ. + +So war es Ostersamstag geworden. Der Simerl hatte einen festen Plan +gefaßt. Seinen guten Tag wollte er gleich heute feiern. Das Geld im +Sack schrie ordentlich danach. Aber seiner Heimatsgemeinde wollte er +durchaus nicht die Ehre antun, den Gulden dort zu »verblasen«.[19] +Da hätte er ihn zur Kreuzwirtin tragen müssen, weil in dem kleinen +Dorfe kein andres Wirtshaus war. Der Kreuzwirtin wollte der Simerl die +große Einnahme jedoch nicht vergönnen; denn die war als geizig weit +und breit verschrieen und hatte ihm nie das geringste umsonst zukommen +lassen. Nicht einmal einen »Bierputzer«[20] hatte sie dem Simerl jemals +aufgekreidet. + +So beschloß der Simerl, mit seinem Schatz auszuwandern. Aber wohin? +Seine Wahl fiel auf Zell am Ziller. In dem dortigen stattlichen +Löwenwirtshaus hatte man ihn vor Jahren einmal umsonst über Nacht +behalten und ihm sogar noch ein warmes Abendessen dazu geschenkt. Dort +sollte also in dankbarer Erinnerung auch der gute Tag gefeiert werden. + +Zu Mittag blieb der Simerl noch im Armenhaus; denn es fiel ihm nicht im +Schlaf ein, der Gemeinde eine ganze Portion Brennsuppe und »Erdäpfel +in der Montur« zu schenken. Um so besser sollte es ihm dann in Zell +schmecken. + +Nach dem Mittagessen machte sich der Simerl verstohlen auf den Weg. Es +war ein düsterer, kalter Tag draußen. Der ganze Himmel war mit grauen +Schneewolken bedeckt. Das verdroß aber den Simerl wenig. Mochte der +Himmel seinetwegen das verdrießlichste Gesicht dazu schneiden! Ihm +sollte er den heutigen Tag nicht verbittern! + +Es war spät am Nachmittag geworden und die Dämmerung bereits +eingetreten, als der Simerl, der für sein Alter noch ziemlich rüstig +ausschritt, beim »Löwen« in Zell anlangte. Die Bauern kamen eben von +der Kirche, wo die Auferstehungsfeier gerade vorüber war. + +Der Simerl trat im Vollbewußtsein seiner Zahlungsfähigkeit in die +Wirtsstube, die sich von Minute zu Minute mehr füllte. + +»Kellnerin, a Halbe Wein, aber an guaten, nit etwa a G'süff!«[21] +klopfte er auf den Tisch. + +»Schau! daß er für di vielleicht nit guat g'nuag is!« gab ihm die +Kellnerin, ein schneidiges Unterinntaler Diandl, zurück. + +»Glaubst vielleicht, i hab' koa Geld im Sack!« drehte der Simerl +auf. »I bin nit auf der Brennsuppen daherg'schwommen![22] I kann's +beim Kreuzer zahlen auch, was i mir anschaff'!« Dabei warf er den +Silbergulden auf den Tisch, daß es nur so klingelte, schob ihn aber +gleich darauf wieder ängstlich und hastig in den Sack. + +»Ja, was willst denn nachher für an Wein?« fragte die Kellnerin ganz +zutunlich. »Soll i dir vielleicht gar an Spezial bringen?« + +»Natürlich an Spezial!« entschied der Simerl. + +»Heut' gibst du's amal nobel!« ließ ihn ein Bauer an seinem Tisch an, +der den Simerl gut kannte. »Hast am End' gar an Haupttreffer in der +Lotterie g'macht?« + +»Man kann's nit wissen,« schmunzelte der Alte ganz verschmitzt und +schenkte sich seelenvergnügt von dem Wein ins Glas, den die Kellnerin +inzwischen gebracht hatte. + +An dem Tisch des Simerl hatte sich bald eine größere Gesellschaft +zusammengefunden. Der Bekannte des Armenhäuslers, ein wohlhabender +Bauer, der auch eine große Brettersäge besaß, meinte: »Mir scheint, es +is nit viel Aussicht vorhanden, daß i mit dir amal a G'schäft mach'!« + +»Aha, du meinst, wenn amal a Totentruchen für mi b'stellt werden muß!« +lachte der Simerl. »Du, da mach dir ja koa Hoffnung nit drauf! 's Leben +g'freut mi von Tag zu Tag mehr. I glaub' völlig, i bleib' auf der Welt +übrig, damit wer da is, der enkre Geldsäck' zählt!« + +So gab eine neckische Rede die andre. Es war inzwischen Nacht geworden. +Der Simerl hatte bereits eine riesige Portion gebackenes Kälbernes +samt einer Schüssel voll Krautsalat bewältigt und schon die zweite +Halbe Wein vor sich stehen. Das ungewohnte Getränk begann ihm gewaltig +gegen den Kopf zu steigen. Er wurde »kreuzfidel« und kramte allerhand +»Trutzg'sangerln« aus, so daß die ganze Stube ihre Unterhaltung mit dem +Alten hatte. + +Endlich machte man noch ein »Karterle«,[23] einen ordentlichen +»Perlagger«,[24] bei dem der Simerl dem Sagschneider eine ganze Halbe +Wein abgewann. Als er auf diese Weise die dritte Halbe in Angriff nahm, +begann es ihm vor den Augen schier etwas »damisch« zu werden. + +Draußen schneite es, was es nur vom Himmel herunterbrachte. Man hätte +glauben können, morgen sei Weihnachten statt Ostersonntag. Dafür war es +in der geräumigen Wirtsstube um so gemütlicher. Die Wirtin hatte in dem +großen Kachelofen tüchtig »eingekentet«[25] und setzte sich zu ihren +Gästen an den Tisch. Die meisten Bauern waren schon heimgegangen. Nur +die »Karter« saßen mit dem Simerl noch wie angenagelt zusammen. + +Der Simerl gewann einem andern Bauern noch eine weitere Halbe Wein ab. +Wein habe er aber jetzt genug, meinte er. Es wäre ihm lieber, wenn +sein Gewinn in Schnaps umgewechselt würde. »Aber a guater muß 's sein! +Mindestens a Kranewitter!« + +Auf diese Weise war es schon fast Mitternacht geworden. Die +Perlaggerpartie war auch zu Ende. Einer nach dem andern verabschiedete +sich. Auch der Sagschneider schickte sich heimwärts. Schließlich war +der Simerl mit der Wirtin und mit der Kellnerin, die in einer Ecke +»napfezte«,[26] allein in der Stube. + +»So, iatz is 's auch Zeit, daß i mi hoamzapf'!«[27] sagte er. +»Kellnerin, zahlen!« + +Zu seiner großen und freudigen Überraschung erfuhr er jedoch, daß der +Sagschneider bereits seine ganze Zeche berichtigt hatte. »Es gibt do no +guate Leut' auf der Welt!« erklärte der Simerl gerührt und erhob sich +von seinem Stuhl, um die Stubentür zu suchen. + +Mit den Worten: »Du wirst do nit bei dem grauslichen Wetter no so an +weiten Weg machen wollen!« suchte ihn die Löwenwirtin zurückzuhalten. +»Du kannst ja bei uns übernachten!« + +»Dös ging' mir ab!« rief der Simerl lustig. »I muß schaun, daß i vor +Tagsanbruch hoamlich in mei' Armenkeuschen[28] z'ruckkomm'! Wenn dö +mi in der Fruah nit finden, laßt mi der Vorsteher am End' gar durch'n +Nachtwachter austrommeln, ob niamand an Simerl g'funden hat, weil sie +mi alle mitanander zum Fressen gern haben!« + +Sprach's und war bei der Tür draußen. Im Anfang wollte es mit dem +Gehwerk nicht sonderlich gelingen. Der Simerl hatte entschieden zu viel +aufgeladen. Bevor er das Ende des Dorfes erreichte, purzelte er einige +Male in den weichen Schnee, raffte sich aber immer wieder energisch +empor. Es war ihm ganz glückselig zu Mute. Einen prächtigen Tag hatte +er gehabt und dabei keinen Kreuzer Geld gebraucht! Was wollte er noch +mehr? Den ganzen Gulden trug er noch im Sack! + +Holdrioh! Ein heller Juchzer entrang sich der Kehle des Alten. Das war +ja heute ein Leben wie im Himmel. + +Zu schneien hatte es aufgehört, aber eisig pfiff der Wind von den +Fernern. Den Simerl begann es ordentlich zu frieren. Dabei wurde er +aber nüchtern und verfolgte ziemlich stetig seinen Weg. Gegen vier +Stunden mochte er so im Schnee dahingewatet sein, als er aus der Ferne +schon die Umrisse seines Dorfes auftauchen sah. + +Jetzt könnte er wohl ein wenig rasten, dachte sich der Simerl, denn +er war »hundsmüd'« geworden. Er hatte gerade eine kleine Waldblöße +passiert und ließ sich auf einen beschneiten Baumstrunk nieder. Das +tat ihm wohl. Er begann ordentlich »auszuschnaufen« von dem weiten +Weg. Und kalt war ihm auch lange nicht mehr so. Ein wahres Gefühl der +Behaglichkeit war über seine »zerlatterten«[29] Knochen gekommen. + +Da klang es dem Simerl, als ob aus dem Dorf herauf Glockengeläute +zu ihm geflogen käme. »Jessas!« dachte er. »Läuten sie gar schon +zur Fruahmess'! da mag i schaun, daß i hoamkomm'! Sonst setzt's an +Eselssturm ab!« + +Er öffnete mühsam die Augen. Die ganze Gegend kam ihm völlig »spanisch« +vor. Wenn man ihn auf der Stelle erschlagen hätte, er würde es nicht +gewußt haben, ob es noch Nacht oder schon heller Tag sei. Von dem Wald +ihm gegenüber ging ein großmächtiger lichter Schein aus, der immer +näher auf ihn zukam. Dem Simerl wurde immer ängstlicher zu Mute. Er +wäre am liebsten davongelaufen, wenn er von dem Baumstrunk losgekonnt +hätte. + +Jetzt vermochte er in dem Lichtschein die Gestalt eines großen Mannes +zu unterscheiden, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging. Nun +stand der Fremde vor ihm. Er trug ein weißes Gewand, das ihm bis an +die Knöchel reichte. Unten schien dem Simerl ein goldener Saum um das +Gewand zu laufen. Ein wallender Bart und langes, auf die Schultern +niederfallendes Haar umrahmten Antlitz und Haupt des Mannes. + +Der Simerl erhob sich jetzt und küßte dem Fremden die Hand. »Gelobt sei +Jesus Christus!« murmelte er zitternd. + +»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Fremde mit einer klaren Stimme. +Und wieder war es, als ob vom Tale herauf ein gewaltiger Glockenklang +dränge und mächtig anschwellend die ganze Welt erfüllte. + +»Ihr seid's wohl a hochwürdiger Herr?« wagte der Simerl die schüchterne +Frage. + +»Ich bin dein Herr!« erwiderte der Fremde schlicht. + +»Ihr seid's wohl nit von da daheim?« fragte der Alte wieder. »Wia +kommt's denn in dö Gegend?« + +»Ich bin von den Toten auferstanden und bringe dir den Frieden« ließ +sich die Stimme des Fremden vernehmen, dessen Gestalt unter den +Waldbäumen zu wachsen schien ins Unendliche. + +Ein heftiges Zittern befiel den Armenhäusler. Er sank auf die Kniee +und streckte die Hände flehend zu der lichten Gestalt vor ihm empor. +»Mein Gott! Mein Gott!« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor. +»Nachher seid's Ihr ja unser Herr selber! Und i hab' die Fruahmess' +versäumt! Und statt z' beten, bin i im Wirtshaus g'hockt! I bin do +recht a elendiger Mensch!« Der Simerl brach in ein bitterliches Weinen +aus. + +Da faßte ihn der Fremde an der Hand und zog ihn empor und sprach zu +ihm, daß es der Alte fassen konnte: »Simerl, sei nicht verzagt. Deinen +guten Tag auf der Welt hast du eingebracht. Willst du jetzt nicht mit +mir kommen?« + +»Unser lieber Herr und Gott! Ihr wollt's mi mitnehmen, mi tadelhaftigen +Menschen! So guat seid's mit mir -- und i weiß nit, wia i's verdian'!« +schluchzte der Alte. »I bin ja nia was g'wesen und hab' ja nia was +ausg'richt't auf derer Welt herunten! I bin ja meiner Lebtag' grad' so +a verlornes Schaf g'wesen!« + +»Ich bin der gute Hirt! Und die Letzten werden die Ersten sein!« +ertönte da wieder die Stimme des Fremden. Der Alte ging mit gesenktem +Haupt mit. Es war ihm so friedlich und still im Herzen geworden. So +gut und so feierlich hatte sein ganzes Leben lang noch niemand zu ihm +gesprochen. + +Und sie wanderten den Berg aufwärts -- ins Unendliche -- viel weiter, +als Menschenfüße tragen -- drunten im Dorf aber läutete es zur Wandlung +bei der Frühmesse am Ostersonntag. -- -- + +Ausgetrommelt haben sie den Simerl nicht, als man ihn nicht mehr im +Armenhaus traf. Aber schon am Vormittag des Ostersonntags fand man ihn +tot am Waldrand droben. Der herbeigeholte Gemeindearzt von Fügen im +Zillertal konstatierte einen Herzschlag. Der fremde Maler war auch +dabei, als man den alten Armenhäusler brachte. + +Da man den Silbergulden beim Simerl fand, meinte einer: »Dös is grad' a +Trinkgeld für'n Totengräber!« + +»Nix da!« entschied der Armenvater. »Dafür lassen wir dem Simerl a +Mess' lesen! Er wird's notwendig g'nuag brauchen können!« + + [Illustration] + + [Illustration] + + [Illustration] + + Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. + + +Fußnoten: + +[1] Ein besonderes Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten neben dem +Hause. + +[2] Bringst du uns auch ein gutes Frühjahr mit? + +[3] Lorenheinrich, du lieber Junge, +Ist der Frühling nun wieder im Schwunge? +Hast ihn aus dem Loch gelocket, +Hast du ihn am Haar gezogen? +Das ist recht und das ist gut. +Ab die Mütze, ab den Hut! +Vivat, daß der hohe Hagen wackelt. + +[4] Wurst. + +[5] Sollst auch unser Mädchen freien. + +[6] Iß nur alles auf, daß 's auch ein gut Frühjahr gibt. + +[7] »Slippe« -- an den Zipfeln aufgenommene Schürze. + +[8] Weißt du's schon? Lorenheinrich will's Mühlhannchen freien. + +[9] »Use Wost hät de Feute uppetogen,« pflegte eine meiner bäuerlichen +Großmütter aus der Sollinger Waldgegend zu sagen, wenn die Würste auf +der Rauchkammer zur Neige gingen und darum geschont werden mußten. + +[10] durchschlendert. + +[11] Gläschen. + +[12] still. + +[13] aufzutauen. + +[14] Stadtleute. + +[15] Rotwein. + +[16] Ländlicher Marterl-(Votivtafel-)Maler. + +[17] zerlumpt. + +[18] Päckchen ordinären Rauchtabaks. + +[19] verbrauchen. + +[20] Bierschnaps. + +[21] Schlechtes Getränk. + +[22] ~D. h. ich bin wer!~ + +[23] Kartenspiel. + +[24] Tiroler Kartenspiel. + +[25] eingeheizt. + +[26] einnickte. + +[27] heimmache. + +[28] Armenhaus. + +[29] ermüdeten. + + + Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung. + + + [Illustration: +F 1506b X10: 100.000+] + +Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß +aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden +Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des +deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der +schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt +sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken +sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher. +Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt. + +Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen +»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000 +Exemplare. + +Abzüge des ~Werbeblatts~, des letzten Jahresberichts, auch des +Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen +Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich +übersandt. + +Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. ~Für +Beiträge von 2 Mk.~ an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines +Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung. + + + Gute und billige Bücher + +Unter den mancherlei billigen Sammlungen, die in den letzten Jahren +zur Verbreitung guter Literatur geschaffen wurden, zeichnen sich die +Bücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung durch sorgfältige +literarische Auswahl und ausgezeichnete Ausstattung aus: holzfreies +Papier, schönen und großen Druck, abwaschbaren, geschmackvollen +Einband. Diese Eigenschaften haben in Verbindung mit dem äußerst +billigen Preise den beiden Sammlungen der Stiftung schnell große +Verbreitung verschafft. + + Bisher sind erschienen: + + + Hausbücherei + + (gebunden, jeder Band 1 Mark) + + Bd. 1. ~Heinrich von Kleist~: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists. + 7 Vollbilder von Ernst Liebermann. Einleitung von +Dr.+ Ernst + Schultz. _11.-20. +Taus.+_ 170 S. + + Bd. 2. ~Goethe~: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes. + Einleitung v. +Dr.+ W. Bode. _6.-10. +Taus.+_ 178 S. + + + Bd. 3. ~Deutsche Humoristen.~ _1. +Bd.+_: Ausgew. + humor. Erzählungen v. P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A. + Roderich. _40.-45. +Taus.+_ 221 S. + + Bd. 4. ~Deutsche Humoristen.~ _2. +Bd.+_: Cl. Brentano, + E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. _20.-25. +Taus.+_ 222 S. + + Bd. 5. ~Deutsche Humoristen.~ _3. +Bd.+_: Hans + Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. _30.-35. + +T.+_ 196 S. + + Bd. 6/7. ~Balladenbuch.~ _1. +Bd.+_: Neuere Dichter. + _16.-20. +T.+_ 498 S. 2 Mark. + + Bd. 8. ~Herm. Kurz~: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung. + Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing. _6.-10. + +Taus.+_ 209 S. + + Bd. 9. ~Novellenbuch.~ _1. +Bd.+_: C. F. Meyer, E. + v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. _26.-35. + +Taus.+_ 194 S. + + Bd. 10. ~Novellenbuch.~ _2. +Bd.+_ (Dorfgeschichten): + E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. _16.-20. + +T.+_ 199 S. + + Bd. 11. ~Schiller~: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel. + v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. _6.-10. +T.+_ 230 + S. + + Bd. 12/13. ~Schiller~: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E. + Kühnemann. Mit 2 Bildern Schillers. 2 Bände in 1 Bande. _6.-10. + +Taus.+_ 226 u. 302 S. 2 Mark. + + Bd. 14. ~Novellenbuch~ _3. +Bd.+_ (Geschichten + aus deutscher Vorzeit): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff. + _11.-20. +Taus.+_ 246 S. + + Bd. 15. ~Novellenbuch.~ _4. +Bd.+_ (Seegeschichten): + Joachim Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck, + Johs. Wilda. _16.-20. +Taus.+_ 179 S. + + Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen ~Eduard Mörikes~. Herausgeg. + u. eingel. v. +Dr.+ J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u. Silhouette + Mörikes. _11.-20. +Taus.+_ 235 S. + + Bd. 17. ~Heine-Buch.~ Eine Auswahl aus Heinrich Heines + Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild + Heines. _6.-10. +Taus.+_ 203 S. + + Bd. 18 u. 19. ~Goethes~ ausgewählte Briefe. Herausgeg. u. eingel. + v. +Dr.+ Wilh. Bode-Weimar. Mit Bildern Goethes. 2 Bände. + _11.-15. +Taus.+_ 169 u. 197 S. + + Bd. 20/21. ~Deutsches Weihnachtsbuch.~ Eine Sammlung der + schönsten u. beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa. + _16.-20. +Taus.+_ 413 S. 2 Mark. + + Bd. 22. ~Novellenbuch.~ _5. +Bd.+_ (Frauennovellen): + Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney, Lou Andreas-Salomé, M. R. Fischer. + _11.-20. +Taus.+_ 198 Seiten. + + 23. Novellenbuch. _6. +Band.+_ (Kindheitsgeschichten): A. + Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, A. + Bayersdorfer, Ch. Riese, Th. Mann. _11.-20. +Taus.+_ 199 S. + + + Bd. 24. ~Novellenbuch.~ _7. +Bd.+_ (Kriegsgeschichten): + Carl Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v. + Liliencron, Th. Fontane. _11.-20. +Taus.+_ 177 S. + + Bd. 25/26. ~Balladenbuch.~ _2. +Bd.+_: Ältere Dichter. + _6.-10. +T.+_ 518 S. 2 Mark. + + Bd. 27. ~Karl Immermann~: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons. + Herausgeg. u. eingeleitet von +Dr.+ Wilhelm Bode-Weimar. Mit Bild + Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. _6.-10. +Taus.+_ 171 + Seiten. + + Bd. 28. ~Martin Luther als deutscher Klassiker~, nebst einer + Einführung von +Dr.+ Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176 Seiten. + _6.-10. +Taus.+_ + + Bd. 29/30. ~Deutsche Humoristen.~ _4. und 5. +Bd.+_ + (Humoristische Gedichte.) 351 Seiten. 2 Mark. _6.-10. + +Taus.+_ + + Bd. 31. ~Deutsche Humoristen.~ _6. +Bd.+_: E. Th. A. + Hoffmann, B. v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F. + Urban, Ludw. Thoma. 160 S. _11.-20. +Taus.+_ + + Bd. 32. ~Max Eyth~: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung). + Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und Einleitung von + +Dr.+ C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten. _6.-10. + +Taus.+_ + + Bd. 33. ~Ludwig Uhland~: Ausgewählte Balladen und Romanzen. + Mit Einleitung von K. Küchler, Altona, und Illustrationen von H. + Schroedter, Karlsruhe. 160 S. + + Bd. 34. ~J. J. David~: Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. Mit + Einleitung von A. v. Weilen und Bild Davids. 146 S. + + Bd. 35. ~Ludwig Finckh~: Rapunzel. Mit Bild L. Finckhs und + Einleitung von M. Lang. 159 S. + + Bd. 36. ~Grethe Auer~: Marraksch. Mit Bild Gr. Auers und + Einleitung von +Dr.+ H. Bloesch. 192 S. + + + Geschenkausgaben + +~in prächtigem, biegsamem Einband~ mit Goldschnitt sind ~zum +Preise von je 4 Mark~ hergestellt von: + + Bd. 6/7 (rot, Ganzleder) + Bd. 12/13 (grün, Ganzleder) + Bd. 18/19 (grau, Ganzleder) + Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid) + Bd. 25/26 (rot, Ganzleder) + Bd. 29/30 (rot, Ganzleder). + +=Schillerbuch=, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke, +Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. 346 S. _21.-30. +T.+_ +Geb. 1 M. + + + Volksbücher. + + Heft 1. 50 Gedichte v. ~Goethe~. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + _11.-20. +T.+_ + + Heft 2. ~Schiller~: Tell. _11.-20. +T.+_ 19 S. Geh. 30, + geb. 60 Pf. + + Heft 3. ~Schiller~: Balladen. _31.-40. +T.+_ 108 S. + Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 4. ~Schiller~: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S. + Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. +T.+_ + + + Heft 5. ~Schiller~: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. + _11.-20. +T.+_ + + _Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark. 11.-20. +T.+_ + + Heft 6. ~Brentano~: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem + schönen Annerl. Ill. v. W. Schulz. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. + _11.-20. +T.+_ + + Heft 7. E. Th. A. ~Hoffmann~: Das Fräulein von Scuderi. 113 S. + Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 8. ~Fr. Halm~: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v. + H. Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 9. ~Fritz Reuter~: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh. + 15, geb. 40 Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 10. ~Max Eyth~: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann. + _21.-30. +T.+_ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 11. ~Marie von Ebner-Eschenbach~: Die Freiherren von + Gemperlein. _11.-20. +T.+_ 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 12. ~Wilhelm Jensen~: Über der Heide. _11.-20. + +T.+_ 127 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. + + Heft 13. ~Ernst Wichert~: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60 + Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 14. ~Levin Schücking~: Die drei Großmächte. Illustr. v. H. + Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 15. ~Ludwig Anzengruber~: Der Erbonkel u. andere + Geschichten. _11.-20. +T.+_ 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. + + Heft 16. ~Helene Böhlau~: Kußwirkungen. _11.-20. +T.+_ + 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 17. ~Ilse Frapan-Akunian~: Die Last. _11.-20. + +T.+_ 87 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. + + Heft 18. H. v. ~Kleist~: Die Verlobung in St. Domingo. Das + Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. + + Heft 19. ~Peter Rosegger~: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S. + Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 20. ~Ernst Zahn~: Die Mutter. _11.-20. +T.+_ 66 S. + Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 21. E. J. ~Groth~: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v. + Gg. O. Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.-20. +T.+_ + + Heft 22. A. ~Schmitthenner~: Die Frühglocke. Mit Illustr. v. + Wilh. Schulz. _11.-20. +T.+_ 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 23. G. ~Freytag~: Karl d. Große. -- Friedrich Barbarossa. + Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55 + Pf. + + Heft 24. ~Fr. Spielhagen~: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th. + Herrmann. _11.-20. +T.+_ 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf. + + Heft 25. ~St. v. Kotze~: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh. + 25, geb. 55 Pf. + + Heft 26. ~Paul Heyse~: Andrea Delfin. 186 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. + + Heft 27. H. ~Villinger~: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v. + H. Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. + + Heft 28. ~Otto Ludwig~: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H. + Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. + + Heft 29. ~Richard Huldschiner~: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H. + Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark. + + Heft 30. ~Franz Grillparzer~: Weh dem, der lügt! 132 S. Geh. 25, + geb. 55 Pf. + + + Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 *** diff --git a/75633-h/75633-h.htm b/75633-h/75633-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f25c8d2 --- /dev/null +++ b/75633-h/75633-h.htm @@ -0,0 +1,5606 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Novellenbuch | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2,h3 { text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; } + +h1 {font-size: 250%} +h2,.s2 {font-size: 170%} +h3,.s3 {font-size: 140%} + .s4 {font-size: 110%} + .s5 {font-size: 90%} + .s5a {font-size: 75%} + +p { margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em;} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +.padtop3 {padding-top: 3em;} +.padbot3 {padding-bottom: 3em;} + +hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto;} + +table.autotable { border-collapse: collapse; + width: 70%;} +table.autotable td, +table.autotable { padding: 0.25em; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.mright5 { + text-align: right; + margin-right: 5em;} + +.mleft5 { + text-align: left; + margin-left: 5em;} + +.hang p { + margin-left: 2em; + text-indent: -2em } + +.padtop3 { padding-top: 3em;} +.padbot3 { padding-bottom: 3em;} + + +.gesperrt{ + + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt{ + + font-style: normal;} + +.antiqua { + font-style: italic } + + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +.image-left { + float: left; + margin-top: 0.5em; + margin-right:0.5em;} + + +.x-ebookmaker .image-left + { float: none; + text-align: center; + margin-right: 0;} + + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: 1px dashed; + background-color: #e6e6e6; } + +.footnote {margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; + right: 84%; + text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: none;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Illustration classes */ + +.illowe4 {width: 4em;} +.illowe9 {width: 9em;} +.illowe28 {width: 28em;} +.illowp45 {width: 45%;} + +.x-ebookmaker .illowe4 {width: 8%; margin: auto 46%;} +.x-ebookmaker .illowe9 {width: 18%; margin: auto 41%;} +.x-ebookmaker .illowe28 {width: 56%; margin: auto 22%;} +.x-ebookmaker .illowp45 {width: 100%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s4 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp45" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 center">Hausbücherei</p> +<p class="center">10</p><br> +<p class="s3 center">Hausbücherei</p> +<p class="center">der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung<br> +10. Band</p><br> + +<figure class="figcenter illowe4" id="signet-001_6"> + <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 s4 center">Hamburg-Großborstel</p> +<p class="s5 center">Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p><br> +<p class="s4 center">1910</p> +<p class="s5 center">21.-30. Tausend</p><br> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<h1>Novellenbuch</h1> + +<p class="s3 center">2. Band</p><br> +<p class="s2 center"><b>Dorfgeschichten</b></p><br> + +<p class="s3 center">Ernst Wichert ▣ Heinrich Sohnrey,<br> +Wilhelm v. Polenz ▣ Rudolf Greinz</p><br> + +<figure class="figcenter illowe4" id="signet-001_2"> + <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 s4 center">Hamburg-Großborstel</p> +<p class="s5 center">Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p><br> +<p class="s4 center">1910</p> +<p class="s5 center">21.-30. Tausend</p><br> + +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 center">Inhaltsverzeichnis<br> +zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs.</p><br> +</div> + +<p class="s4 center">Band 1 (Hausbücherei Band 9):</p> +<ol> +<li><em class="gesperrt">Conrad Ferdinand Meyer</em>: Das Amulet.</li> +<li><em class="gesperrt">Ernst von Wildenbruch</em>: Archambauld.</li> +<li><em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>: Breite Schultern.</li> +<li><em class="gesperrt">Detlev von Liliencron</em>: Greggert Meinstorff.</li> +</ol> + +<p class="s4 center">Band 3 (Hausbücherei Band 14):<br> +<em class="gesperrt">Geschichten aus deutscher Vorzeit</em></p> + +<ol> +<li><em class="gesperrt">Adolf Schmitthenner</em>: Tilly in Nöten.</li> +<li><em class="gesperrt">J. J. David</em>: Frühschein.</li> +<li><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em>: Jud Süß.</li> +</ol> + +<p class="s4 center">Band 4 (Hausbücherei Band 15):<br> +<em class="gesperrt"> Seegeschichten</em></p> +<ol> +<li><em class="gesperrt">Joachim Nettelbeck</em>: Schiffbruch.</li> +<li><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em>: Das Gespensterschiff.</li> +<li><em class="gesperrt">Hans Hoffmann</em>: Die unversicherte Brigg.</li> +<li><em class="gesperrt">Wilhelm Jensen</em>: An der See.</li> +<li><em class="gesperrt">Wilhelm Poeck</em>: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.</li> +<li><em class="gesperrt">Johannes Wilda</em>: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.</li> +</ol> + +<p class="s4 center">Band 5 (Hausbücherei Band 22):<br> +<em class="gesperrt"> Frauennovellen</em></p> +<ol> +<li><em class="gesperrt">Clara Viebig</em>: Brennende Liebe.</li> +<li><em class="gesperrt">Lulu von Strauß und Torney</em>: Um den Hof.</li> +<li><em class="gesperrt">Lou Andreas-Salomé</em>: Eine Nacht.</li> +<li><em class="gesperrt">Marthe Renate Fischer</em>: Auf dem Wege zum Paradies.</li> +</ol> + +<p class="s4 center">Band 6 (Hausbücherei Band 23):<br> +<em class="gesperrt"> Kindheitsgeschichten</em></p> +<ol> +<li><em class="gesperrt">Adolf Schmitthenner</em>: Der Seehund.</li> +<li><em class="gesperrt">Helene Aeckerle</em>: Ein Opfer.</li> +<li><em class="gesperrt">Meinrad Lienert</em>: Das Gespenst.</li> +<li><em class="gesperrt">Marga von Rentz</em>: Krokus.</li> +<li><em class="gesperrt">Hans Land</em>: Die Büßerin.</li> +<li><em class="gesperrt">Adolph Bayersdorfer</em>: Die Tintenhose.</li> +<li><em class="gesperrt">Charlotte Riese</em>: Die Wiege.</li> +<li><em class="gesperrt">Thomas Mann</em>: Die Tanzstunde.</li> +</ol> + +<p class="s4 center">Band 7 (Hausbücherei Band 24):<br> +<em class="gesperrt"> Kriegsgeschichten</em></p> +<ol> +<li><em class="gesperrt">Carl Beyer</em>: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.</li> +<li><em class="gesperrt">Heinr. v. Kleist</em>: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.</li> +<li><em class="gesperrt">W. von Conrady</em>: In Rußland 1812.</li> +<li><em class="gesperrt">Max von La Roche</em>: Todesritt.</li> +<li><em class="gesperrt">Detlev von Liliencron</em>: Portepeefähnrich Schadius.</li> +<li><em class="gesperrt">Theodor Fontane</em>: Drei Kriegsgefangene.</li> +</ol> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe28 padtop3" id="rule-l"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> +<p class="s4 center">zum 2. Bande des <em class="gesperrt">Novellenbuches</em>.</p> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Vorbemerkungen zum zweiten Bande.</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><em class="gesperrt">Wichert, Ernst</em>: Ewe</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_7">7-123</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><em class="gesperrt">Sohnrey, Heinrich</em>: Lorenheinrich.</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_125">125-144</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><em class="gesperrt">Polenz, Wilhelm von</em>: Zittelgusts Anna</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_145">145-178</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><em class="gesperrt">Greinz, Rudolf</em>: Simerls guter Tag</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_179">179-199</a></td> +</tr> +</table> + +<div class="blockquot"> +<p class="p4">Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung +des Verfassers voraus.</p><br> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_2"> +<img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h2>Vorbemerkungen zum zweiten Bande.</h2> + +<p>Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des +Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts +Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden — +Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).</p> + +<p>»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der +Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee +— im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).</p> + +<p>Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte +mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der +Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2. +Auflage 1901).</p> + +<p>»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und +der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler +Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart — Leipzig: Deutsche +Verlags-Anstalt, 1899).</p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_3"> +<img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> +</div> + +<p class="s2 p2 center"><b>Ernst Wichert:</b><br> +<span class="s5">Ewe.</span></p> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s"> +<img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">Ernst Wichert</em> wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen +als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil +seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort +erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das +Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten +Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel +und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888 +siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar +1902 starb.</p> + +<p>Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle, +Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »<em class="gesperrt">Ein Schritt vom Wege</em>« und +»<em class="gesperrt">Der Narr des Glücks</em>« sind über viele deutsche Bühnen gegangen. +Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher +Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman; +hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der +psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen +Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »<em class="gesperrt">Heinrich +von Plauen</em>« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu +Anfang des 15. Jahrhunderts — oder in »<em class="gesperrt">Tilemann vom Wege</em>« den +Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes — +oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »<em class="gesperrt">Der große +Kurfürst in Preußen</em>« die schmerzvollen<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Umbildungen seiner Heimat +in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts — immer stellt er uns ein +lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer +Menschen vor Augen.</p> + +<p>Unter seinen Novellen sind fraglos die »<em class="gesperrt">Littauischen +Geschichten</em>« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren +1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit, +die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu +lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor +den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der +Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und +Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft +sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu +Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen +Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das +trotz der größten äußeren Schlichtheit — denn Wichert erzählt, als +ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. <em class="gesperrt">So</em> sind uns die +Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn +in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme +fesselt, so ist es — wie in der monumentalen Erzählung »<em class="gesperrt">Ewe</em>« +— die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner +Frauengestalten.</p> + +<p class="mleft5">Hamburg.</p> +<p class="mright5">Dr. <em class="gesperrt">Ernst Schultze</em>.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_5"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<h2><b>Ewe.</b><br> +<span class="s5">1.</span></h2> + +<p>Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters +her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen +nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit +unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen +Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von +ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz +»Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer +der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks +oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten +Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden +großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden +Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet +werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie +die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in +Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<p>Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des +vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau +in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres +Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts +angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht +schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und +man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen +Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war +freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch +äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre +ihr nur der Freier genehm gewesen.</p> + +<p>Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht +den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam +Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs +betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die +Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das +Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden +Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der +Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere +Tochter war in der Gegend von<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Kinten verheiratet und gut versorgt. Die +Frau lebte schon lange nicht mehr.</p> + +<p>Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren +eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das +Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter +Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und +nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen. +Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der +Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah, +und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten +Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber +mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der +Klete<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>, was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht +und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah +man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins +zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den +Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch +selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> alt geworden, und es hatte +sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da +freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen +übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die +langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie, +so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken, +und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das +Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch +fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst.</p> + +<p>Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich +eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber +auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene +gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah +meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein +Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie +gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann +auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding +und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den +Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über +die Dorfstraße hören konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und +schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum, +die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie +vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die +Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche, +in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von +Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so +kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig: +der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen.</p> + +<p>Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes +Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen. +Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als +die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten, +zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen +das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der +Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich +will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was +da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.«</p> + +<p>»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> »ich schlage nur +nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und +Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen +mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein +anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die +Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem +Ausgedinge ausgesucht hat.«</p> + +<p>»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und +die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab' +ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm +vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte +lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir +haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und +da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er +konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß +sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine +Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur +gerade genug zum Verhungern.«</p> + +<p>Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du +wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht +zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Kuh gibt so +viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut +gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen +konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht +dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.«</p> + +<p>Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden, +Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen. +Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch, +weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und +an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und +wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber +süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben, +Töchterchen.«</p> + +<p>Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln +und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die +Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die +Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit +rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten +denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte +dazu.</p> + +<p>Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein +junger Mann genähert.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen +besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und +eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem +Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war +groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab +ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade. +Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die +sie hielt, beim Gehen.</p> + +<p>Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten +hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige +Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe +Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre +Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich +sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte. +»Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn +wirklich?«</p> + +<p>Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der +Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem +Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich +nicht vergessen hast.«</p> + +<p>Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der +sich über der vollen Brust bei<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange +bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher. +Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau +gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du +nun ganz frei?«</p> + +<p>»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein +Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich +gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich +— das ist ein gutes Zeichen.«</p> + +<p>»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum +bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?«</p> + +<p>»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und +dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam +Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß +ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte, +und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt +zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.«</p> + +<p>»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?«</p> + +<p>»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem +Traktament nicht auszureichen,<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> und wenn man sich nicht lumpen lassen +will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen +blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der Garde.«</p> + +<p>»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend.</p> + +<p>»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben +können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich +zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen +Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch +einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs — +es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich +nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles +Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein +Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich +auch sterben.«</p> + +<p>Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber +zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns +seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im +Wirtshause die Herren.«</p> + +<p>Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da +wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber +das väterliche<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann +Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern +Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber +einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn +läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die +Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein +paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts +Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.«</p> + +<p>»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.«</p> + +<p>»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden +oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's +nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen, +daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald +mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten +Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt, +wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort +gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an, +weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man +klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch +hier zu brauchen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die +Augen blitzten dazu listig.</p> + +<p>Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt +dich reich einheiraten,« sagte sie forschend.</p> + +<p>»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander +gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen — willst du mich +jetzt haben?«</p> + +<p>Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen +Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht +reich.«</p> + +<p>»Nun — dein Vater hat den großen Hof.«</p> + +<p>»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel +lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so +bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so +kann ich als Magd dienen gehen.«</p> + +<p>»Er wird doch nicht!«</p> + +<p>»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht +machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.«</p> + +<p>»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.«</p> + +<p>»So oder so — zum Wirt kann ich dich nicht machen.«</p> + +<p>Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf. +»Es ist schade, Ewe — wir<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich +wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...«</p> + +<p>Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie, +doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch +draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.«</p> + +<p>»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner +Schulter zurecht.</p> + +<p>Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst +du?« fragte sie.</p> + +<p>»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu +Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den +letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und +wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_2"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>2.</h3> +</div> + +<p>Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof. +Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet +hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte. +Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der +Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine +Frau damit zufrieden<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> ist, magst du für's erste bleiben, und ich will +dir Lohn geben, soviel andere bekommen.«</p> + +<p>»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher +nicht Streit gibt — du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch +nicht ganz abgefunden bin?«</p> + +<p>»Was —? Die hundert Taler hast du bekommen.«</p> + +<p>»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.«</p> + +<p>Grillus kratzte den Kopf. »Steht das?«</p> + +<p>»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und +es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.«</p> + +<p>»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.«</p> + +<p>»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.«</p> + +<p>»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage, +was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten Zinsen.«</p> + +<p>»Nein, ich will das Pferd haben.«</p> + +<p>»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen — nur den Fuchs nehm' +ich aus.«</p> + +<p>Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder +Hände! an,« bat sie ihren Bruder.</p> + +<p>Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Probe geritten. »Da ist +keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.«</p> + +<p>Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die +Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für +seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall +lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm +aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum +Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm.</p> + +<p>Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk +getan.</p> + +<p>Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus +über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn +kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit +russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe +erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte: +»Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht, +weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis +mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's +gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte, +»zu klug«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an +dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen +und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich +gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich +etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge; +denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle +Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die +Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen +ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das +Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie +freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete +sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute +behaupteten, gar nicht selten.</p> + +<p>Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb, +weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so +gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete +täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien +ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und +abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen. +Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> sagte: »Gedenkst du bei +deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?«</p> + +<p>»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange +vertragen.«</p> + +<p>»Und was wirst du dann anfangen?«</p> + +<p>»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich +nichts.«</p> + +<p>Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen, +Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten +zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld +ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen +schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines +verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim +Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du +als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig +werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst +halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und +um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?«</p> + +<p>»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen, +so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen, +hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> +wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.«</p> + +<p>»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und +reichte ihm die Hand zu.</p> + +<p>»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung +recht ist.«</p> + +<p>»Was ist das für eine Bedingung?«</p> + +<p>»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will +ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm +Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber +reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu +fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas +verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch — da +will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's +erwerben.«</p> + +<p>Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam, +zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte +sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch +nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und +antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche +ich nicht.«</p> + +<p>Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe +nicht ohne Grund gewarnt<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren, +wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten +würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein +böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe +sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine +noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen +Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel +Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man +wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte +ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen +war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte. +Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da +sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren — und bringt nicht +einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie +ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr +ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in +ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein +Unterschied zwischen ihnen sei.</p> + +<p>Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache +stand. Er war nur mit sich selbst<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> nicht einig, ob er zugreifen sollte. +Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe +nicht gewesen —! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte +er gern gehabt — aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte +er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch +zu weit »in der Welt herumgekommen«.</p> + +<p>Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause +ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du +mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm.</p> + +<p>»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand.</p> + +<p>»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben +wird.«</p> + +<p>»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.«</p> + +<p>»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal +zwei.«</p> + +<p>»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig +gemacht. Aber ...«</p> + +<p>Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte +sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er +hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte. +So gern hätte sie ihn für sich gewonnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir +den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des +Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß +es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst +sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's +durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall +und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird +das andere sich finden.«</p> + +<p>Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch +war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne +sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater, +Mikelis,« bat sie.</p> + +<p>»Nein — das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden. +Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten —«</p> + +<p>»Bei der Urte ...!«</p> + +<p>»Da oder wo anders.«</p> + +<p>Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau +genommen zu haben.«</p> + +<p>»Ich habe sie ja noch nicht genommen.«</p> + +<p>»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst, +was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus +kommen<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens +gebunden sein.«</p> + +<p>Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist +der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land, +so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß +freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der +Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.«</p> + +<p>Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um +den Hals.</p> + +<p>»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...«</p> + +<p>»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie.</p> + +<p>»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Ach, geh!«</p> + +<p>»Sprich mit deinem Vater, Ewe.«</p> + +<p>»Und wenn nicht —«</p> + +<p>»Man muß es abwarten.«</p> + +<p>Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort.</p> + +<p>Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt +nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_4"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<h3>3.</h3> +</div> + +<p>Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber +zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis +geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen +hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts +wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht +wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein +möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden, +die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie +fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde +eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein +sollte.</p> + +<p>Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen +zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben; +sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen +Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte +kein Mensch verfahren.</p> + +<p>Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein +als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten +Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> +vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge +sich danach bei Zeiten einrichten.</p> + +<p>Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's +besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer +könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder +nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger +Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so +eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn +schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst +wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher +zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht +dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.«</p> + +<p>Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß +er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah +ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf +dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.«</p> + +<p>Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht +verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er.</p> + +<p>»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber +gefällt, kannst du's umsonst<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> haben und auch die Wirtin dazu. Höre, +ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl +sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich +brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im +Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt, +und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich +heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede +der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch +schelten, wenn du's tust.«</p> + +<p>Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde +einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem +armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch +gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und +sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht +dreist ins Gesicht sehen konnte — aber er konnte nicht. Sie sagten +ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon +überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit +mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon.</p> + +<p>Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's +Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu +Hause<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres +hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte +sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in +meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich +denkst, Mikelis.« — »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete +er leise, »du mußt das vergessen.« — »Versuch's doch selbst,« sagte +sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst +gegangen.« — »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« — »Wer weiß +...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene +redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch, +daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war.</p> + +<p>»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte +innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.« +Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der +Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und +nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die +Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher +aus dem Bett und Ruhe gebieten.</p> + +<p>Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine +Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er +wollte<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte +schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr +bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte. +Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber +kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich +gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei +der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu +stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht +nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder +zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz +gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei +zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im +Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den +hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen +Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen +gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er +sich »von der Alten nicht einsperren« lasse.</p> + +<p>Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich +aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als +dann aber<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten +herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen +wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer, +klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte +wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die +Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete +sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob +er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch +nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne +ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die +Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten +ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden +anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den +Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten, +ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du +darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem +Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel.</p> + +<p>Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und +Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger +die erwünschte<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal +vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter +die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert +sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft. +Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht +geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm +nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas +zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier +mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder +kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch +die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch +gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter +umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja +doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu +antworten.</p> + +<p>Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern +hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht +lieb ist.«</p> + +<p>»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du +wüßtest, Ewe ...«</p> + +<p>»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun +den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast — das muß dir genug<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +sein. Wenn dich ein Unglück träfe — der Urte wegen wäre mir's nicht +leid; aber ...«</p> + +<p>»Aber —?«</p> + +<p>»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat +wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben +reiten.«</p> + +<p>Er schlug mit der Hand in die Luft.</p> + +<p>Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das +Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene +zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr: +»Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin. +Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht +gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja +—,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und +die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind +Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.«</p> + +<p>Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit +der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf +schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe +vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die +Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete, +der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> gibt's,« fragte +er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus, +von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist +verwundet.« — »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die +Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete +sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen +Kampf gehabt!« — »Ja, der Zug ist verraten — sie haben uns im Gebüsch +an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert — zwanzig und +mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten, +und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber +hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht: +das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze +Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und +suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den +ersten gefallen, weil er voranritt —«</p> + +<p>»Ansas — gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf.</p> + +<p>»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd +auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm +hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt +dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> zusammen +durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und +wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre +um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen. +Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden. +Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort — ich +weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft +bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.«</p> + +<p>Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im +Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück +passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig +und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens +Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in +der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte +Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in +die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden +nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk +holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man +liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf +einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof.<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur +die Naujokene fehlte.</p> + +<p>Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte +seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner +Krankheit.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_3"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>4.</h3> +</div> + +<p>So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war +abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach +den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die +Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in +Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters +und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht — sie war ganz unvermutet +eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden.</p> + +<p>Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können! +Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte +so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid, +aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau +geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen +Burschen zum Manne nahm, der vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nicht einmal beim Militär +gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in +so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere +verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur +unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte +der Hader kein Ende.</p> + +<p>Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem +ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen +Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich +nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus. +Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder +gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie +früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort +war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie +die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann +bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch —;« oder ein andermal: »Ich +habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir +nicht zu lange.«</p> + +<p>Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in +der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und +umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert, +die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras +gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie +wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene +hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das +war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing +sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen, +gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,« +sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen +bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein +Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber +vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß +man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut +schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich +sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf +den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das +geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute +sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren +zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn +haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße +Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter, +hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter +Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und +wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben +vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten +auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß +sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte +wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten +suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen +fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte +eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu +haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln.</p> + +<p>Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres +Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach +eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte; +das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich. +Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn +er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte? +Weshalb sollte sie die verhaßte<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Gegnerin schonen? Gewissensbedenken +kamen ihr gar nicht — jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr +Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil +sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin; +das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall +beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte +glücklich sein — und wollte glücklich sein.</p> + +<p>Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken: +wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch +die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's +ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich +einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich +dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges +Zusammentreffen, sondern ging abends fort — ins Wirtshaus angeblich +oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen — und +umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde. +Selten vergeblich.</p> + +<p>Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie +hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee +gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt, +daß der Korb, den die Altsitzerin leer<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> mitgebracht hatte, ihr schwer +am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf +dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte +sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in +der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und +überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und +einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie +auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte +Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du +willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht +...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast +du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger. +»Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du — du — du! +Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder +miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen +in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente, +gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen +habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim +alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und +Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und +lustig und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest; +wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst +du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts +dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's +nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu +lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den +Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!«</p> + +<p>Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder +das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um +ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm +und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied. +»Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.«</p> + +<p>Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was +sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei +nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe +Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der +letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich +noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit +ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und +du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere +Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren +und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld +trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum +Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die +auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon +selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und +seine Lage sehr unsicher geworden sei.</p> + +<p>Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so +vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger +Mann — weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst +geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind, +daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren +hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von +ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat +sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen +Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe +gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl, +so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und +Hof zu verlieren hättest.<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Nun aber trumpft sie auf und meint, dich +überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte +Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns +säen und uns auseinanderbringen — ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen +ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig, +auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab. +Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher +zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du +auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's +auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab, +war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer +genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte +den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und +zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar +keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte, +wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig +boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade +in ihre Macht zu geben.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_5"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<h3>5.</h3> +</div> + +<p>Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde +viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien +sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's +aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie +munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern +und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten +hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen +— »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter? +Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil +meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in +eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn +das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege +unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er +nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es +kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich +habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«</p> + +<p>Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen +raschen Blick über ihn hinstreifen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> lassen konnte. »Ich locke dich +nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so +tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.«</p> + +<p>»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine +Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im +Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann +durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht. +Soll's so sein?«</p> + +<p>Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte +Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast, +geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz, +der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.«</p> + +<p>»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit +haben, daß auch du's ehrlich meinst.«</p> + +<p>Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er +wollte.</p> + +<p>Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall. +»Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist +nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will. +Aber wenn du Bedenken hast ...«</p> + +<p>»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle +auch bedenken müßte, wenn<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> er bei Verstande ist. Wär's nur so zum +Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns +beide leider noch ein weiter Weg.«</p> + +<p>Sie hob trotzig das Kinn. »Aber man muß doch den ersten Schritt tun.«</p> + +<p>»Der erste Schritt ist bald getan, Ewe. Aber wenn er getan ist, stehen +wir sehr ungleich. Hab' ich mit der Urte gebrochen, so verliere ich +Haus und Hof.«</p> + +<p>»Und bei mir findest du wieder Haus und Hof, Mikelis.«</p> + +<p>»Das kann sein, Ewe ... aber es kann auch nicht sein.«</p> + +<p>»Wie kann es auch <em class="gesperrt">nicht</em> sein?«</p> + +<p>Sie sah ihn forschend an, und die Nasenflügel bewegten sich, als wollte +sie zornig aufwallen. »Mißtraust du mir, Mikelis?« fragte sie und zog +ihre Hand aus der seinen.</p> + +<p>Er haschte sogleich wieder danach. »Ich vertraue dir, Ewe,« antwortete +er, »daß du's jetzt gut meinst. Aber was mit der Zeit geschieht ...«</p> + +<p>»Mikelis!« —</p> + +<p>»Ich sage: wenn wir gleich zum Pfarrer gehen könnten! Das kann doch +nicht sein. Und ich weiß nicht, ob dir nicht hinterher ein anderer +besser gefällt ...«</p> + +<p>»Du denkst schlecht von mir.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>»Gewiß nicht, Ewe. Aber es kann sich selbst keiner so weit trauen. +Sonst wär's ja auch nicht nötig, daß der Pfarrer aus zweien ein Paar +machte.«</p> + +<p>Sie senkte die Augen und zog die Lippe wie zum Lachen. »Es ist auch +nicht nötig, wenn zwei einander wirklich lieb haben,« entgegnete sie. +»Haben sie einander nicht lieb, so hält das auch nicht.«</p> + +<p>Er nickte. »Freilich! Aber vom guten Willen hängt's doch ab — von dem +allein. Und man weiß nicht, ob es beim guten Willen bleibt, wenn der +eine Teil sich gebunden hat und der andere fühlt sich frei. Ich will +nicht zum Gespött werden. Und wenn du's auch nicht so meinst, so wird's +doch nach meinen stillen Gedanken so sein, und daraus kann nichts +Gutes werden. Besser ist's, du bindest dich auch, damit wir für alle +Fälle gleichstehen. Dann ist kein Zweifel, daß wir früher oder später +glücklich zum Ziele kommen.«</p> + +<p>»Wie soll ich mich binden?« fragte sie.</p> + +<p>Er lächelte überlegen. »Gib mir eine Verschreibung, Ewe.«</p> + +<p>»Daß ich dich heiraten will, wenn du mit der Urte auseinander bist?«</p> + +<p>»Das könnte wenig nützen. Nein — über irgend eine runde Summe, die du +mir zahlen willst, wenn du hinterher zurücktrittst.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>Sie setzte die Lippe auf. »Ich werde nicht zurücktreten.«</p> + +<p>»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich +etwas in Händen habe!«</p> + +<p>»Du bist allzu klug, Mikelis.«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du +vertraust mir nicht?«</p> + +<p>»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem +Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so — zu deiner Beruhigung, und +damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus +und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?«</p> + +<p>»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen —«</p> + +<p>»Nenne nur die Summe — es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich +nie wanken werde.«</p> + +<p>»Schreibe fünfhundert Taler.«</p> + +<p>»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?«</p> + +<p>»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen, +und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.«</p> + +<p>Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir +hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will +unterschreiben.«</p> + +<p>»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf +schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite +deinen Namen,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten, +so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen +uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche +hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste +gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich +ja dann noch bedenken.«</p> + +<p>»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum +Schulzen gehen und dort schreiben — der hat Tinte. Dann komm auf dem +Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in Ordnung?«</p> + +<p>Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte +ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo +den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und +das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja +ein halbes Grundstück in die Tasche.«</p> + +<p>»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.«</p> + +<p>»Wenn aber das Papier verloren geht —?«</p> + +<p>»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.«</p> + +<p>»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand +wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich +dich<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.«</p> + +<p>Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn +zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken +nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem +Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich +etwas hielt.</p> + +<p>Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den +Wechsel mit ihrer Schrift.</p> + +<p>»Ist's nun richtig?« fragte sie.</p> + +<p>»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann +ich bei dir einziehen?«</p> + +<p>»Heute noch, wenn du willst.«</p> + +<p>»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß +die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch, +so komme ich, wenn ich fertig bin.«</p> + +<p>Dagegen hatte sie nichts zu erinnern.</p> + +<p>Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich +nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr +beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er +entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du +sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?«</p> + +<p>»Nein — aber der ist gut genug.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten, +was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich +verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen, +nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!«</p> + +<p>Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht +hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und +von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen.</p> + +<p>Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps, +dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht +leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich +aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch +einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge +als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder +von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden +als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl +vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren +Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner +Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah; +aber nun begreife ich wohl, was sie mit<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ihrer Antwort auf meine Frage +meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. — Endrullis +hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die +Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!«</p> + +<p>Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht +hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung +jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es +werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war +er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück. +Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun +könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief +sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau +nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den +Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon +auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten +und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel +Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug +dazu.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_6"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> + +<h3>6.</h3> +</div> + +<p>Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er +gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen +kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine +Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten, +so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf +durfte sie sich verlassen.</p> + +<p>Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch +nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps +eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam.</p> + +<p>»Weshalb glaubst du das?«</p> + +<p>»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben +recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten. +Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder +habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er +einbringt?«</p> + +<p>»Nein, das nicht.«</p> + +<p>»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich +nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen +mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen +mit dem eisernen Tritt, und er sagt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Ja und nimmt das Kaufgeld, was +willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder +von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen +und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu +ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune +abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst +du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das +Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt +ausplündern.«</p> + +<p>Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie.</p> + +<p>»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage +dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's +ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte +auch hinzu: »— es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas +zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.«</p> + +<p>Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht, +es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist +er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm +verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß +es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr +Geld in<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts +herunter, als was ich selbst abgebe.«</p> + +<p>Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr +zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen +und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die +Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten.</p> + +<p>Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig +aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im +Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps +meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir +beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der +Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus +ihr, dachte er.</p> + +<p>Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren +geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem +großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals, +tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun +will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.«</p> + +<p>Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das +Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das +war<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen +müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach +diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur +eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne, +wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie +es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese +Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.«</p> + +<p>»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der +Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf +deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter +suchen. Du bist noch nicht der König!«</p> + +<p>Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr, +was der Pfarrer gesagt hatte.</p> + +<p>Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis, +Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug +genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden +geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's +voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so +bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne +für ihn etwas auf den Wagen zu laden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis, +»und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur +dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus +dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche, +sattelte den Fuchs und ritt fort.</p> + +<p>Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's +wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur +geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe +Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.«</p> + +<p>Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch. +Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?«</p> + +<p>Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt +warten, bis die Urte gestorben ist.«</p> + +<p>»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?«</p> + +<p>»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der +Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so +will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.«</p> + +<p>Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige +Silberstücke, und er legte sie zu den<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> andern. »Geht's nun ohne das? So +dumm ist die Urte nicht.«</p> + +<p>Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Ich kann dir keinen andern Rat geben.«</p> + +<p>»Nicht?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Der Littauer strich das Geld langsam vom Tisch und steckte es wieder in +die Tasche. »Was hast du für deine Versäumnis zu fordern, Herr?«</p> + +<p>Der Anwalt verwies ihn deshalb an seinen Schreiber.</p> + +<p>Und so ging nun Endrullis von einem zum andern und hörte überall +dasselbe, zuletzt auch auf dem Gericht. Nach einigen Tagen kam er +ganz verstört nach Hause. Ewe las es ihm gleich vom Gesicht ab, daß +er nichts Gutes mitbrächte. Sie weinte und klagte: »Nun bist du frei, +Mikelis, aber wir beide kommen nimmer ehelich zusammen.« Es war ihr +jetzt nicht mehr gleichgiltig wie früher, als sie nur ihr Stück +durchsetzen wollte. Sie wußte auch, daß die Leute einen Unterschied +machen würden. Damals hieß es: »Was weiter? die Hochzeit ist nur +aufgeschoben.« Jetzt rechnete niemand mehr darauf, zu Gast gebeten zu +werden.</p> + +<p>Er mochte noch nicht daran glauben, schrieb Eingaben in deutscher und +littauischer Sprache an das Obergericht, an die Herren Minister, auch +an seinen<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Major, zuletzt an den König — es half alles nichts. Er +war in so gereizter Stimmung, daß jeder sich fürchten mußte, in seine +Nähe zu kommen, und selbst Ewe ihm scheu aus dem Wege ging, soviel +sie konnte. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich will mich Deinetwegen +demütigen und zur Urte gehen. Wenn ich sie bitte — vielleicht verzeiht +sie mir.«</p> + +<p>Ewe seufzte und antwortete: »Es wird vergeblich sein.«</p> + +<p>»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre. +Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.«</p> + +<p>»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir +zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur +Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge +abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr +so stolz.«</p> + +<p>»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich +fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib +sehe, und alles verderbe.«</p> + +<p>Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich +hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß +fortgestoßen.«</p> + +<p>Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen +kann's bleiben, wie es ist.<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers +Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. — Bist du's zufrieden, +Ewe?«</p> + +<p>Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging +hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz, +und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten +flogen. —</p> + +<p>Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der +Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann, +der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt. +Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große +Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden +Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm +begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er +an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei +und nahm ihm die Leine ab.</p> + +<p>Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der +»Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen +»Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von +Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In +hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> gehörten; +selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer +Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte +er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde +er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem +Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er +kam.</p> + +<p>»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du +großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von +seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen +hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst +du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir +bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir +alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu +solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen. +Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu +können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie +ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den +Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung, +wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann, +sondern verharrst in<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige +Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine +Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden +alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du +wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten +gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las +näselnd und halb singend einen Psalm.</p> + +<p>Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu +und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat +er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen, +mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem +Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß +du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort +ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich +sprechen.«</p> + +<p>Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen +gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich +wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?«</p> + +<p>»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die +Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab, +ohne sich im Dorfe zu verweilen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte +Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen +und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle +Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn +wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn +auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste, +schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach, +klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht +anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.«</p> + +<p>Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht. +Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die +Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen +ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich +darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am +Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch +sein.</p> + +<p>»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu +unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir +nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander — das +hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's +gewöhnlich so<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und +ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem +Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir +geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts +von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich +unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört. +Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel +gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht +gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff' +ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst. +Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.«</p> + +<p>Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung +aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun +warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug +und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn +einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen +auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf +ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß +du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun +wohl damals anders gemeint, aber<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> es trifft auch so zu und wird noch +besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du, +und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich +dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn +eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank, +statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll +ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir +schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts +weiter mit dir zu tun.«</p> + +<p>Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells. +»Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich +gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.«</p> + +<p>Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können.</p> + +<p>»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe +nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht +hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's +sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts +mehr zu sagen.«</p> + +<p>»Urte, gib mir den Schein!«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat — nicht wahr? Ha, +ha, ha!«</p> + +<p>Er erschrak. »Was weißt du von dem Wechsel?«</p> + +<p>»Ich weiß davon.«</p> + +<p>»Urte, ich bin nicht umsonst über die Grenze geritten — ich hab' mir +etwas erspart. Und wenn's nicht genug ist — der Jude braucht mich und +borgt mir mehr.«</p> + +<p>»Geh! Ich mag dein Geld nicht. Zu verkaufen bin ich nicht wie du.«</p> + +<p>»So mag der Teufel dir's bezahlen!« schrie er wild und warf die Tür +hinter sich zu.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_7"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>7.</h3> +</div> + +<p>So war nun das Letzte vergeblich versucht. Hätte er sich nur auf Ewe +fest verlassen können! Die aber schien jetzt, da sie sich in der Not +beweisen sollte, ganz den Mut verloren zu haben. Er ließ sie nicht +aus den Augen, und was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Es kam zu +Vorwürfen, zu harten Reden. Und dann gingen sie tagelang stumm und +verschlossen neben einander her. Michel war so verbittert, daß er ihr +schon das Schlimmste zutraute. »Warum weinst du?« fragte er barsch.</p> + +<p>»Weil ich traurig bin,« antwortete sie sanft.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>»Und warum bist du traurig?«</p> + +<p>»Weil es uns so schlecht geht, Mikelis.«</p> + +<p>»Es geht uns nicht schlecht. Du hörst nur zu viel auf andere Leute.«</p> + +<p>»Sie sprechen ja gar nicht mit mir.«</p> + +<p>»Was geht es dich an? Werden sie dich brauchen, werden sie auch wieder +freundlich sein.«</p> + +<p>»Die Frommen nicht, Mikelis.«</p> + +<p>»Zum Teufel mit den Frommen! Ich glaube nicht daran, daß sie zwei von +einander beten können, wenn die nur selbst festhalten. Aber ich merke +wohl, dir tut's schon leid.«</p> + +<p>»Mikelis —!«</p> + +<p>»Da es zur Heirat nicht kommen kann, willst du's so lange treiben, bis +ich freiwillig vom Hofe gehe.«</p> + +<p>»Es wäre vielleicht besser, du gingst.«</p> + +<p>»Und dann käme ein Anderer.«</p> + +<p>»Ich denke an keinen Andern, Mikelis. Aber so kann's nicht bleiben.«</p> + +<p>Er griff nach seiner Brieftasche und legte sie vor sich hin. »Kann's +nicht? Meinetwegen schon. Der Wirt auf deinem Grundstück kann ich +freilich für jetzt nicht werden. Aber ...« Er klopfte auf seine +Brieftasche.</p> + +<p>Sie sah ihn fragend an, indem sie den Kopf in die Hand stützte. +»Mikelis,« sagte sie dann, »es ist besser, wir trennen uns jetzt und +geben den Frommen<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> kein Ärgernis. Sie machen uns Schande in der Kirche.«</p> + +<p>Er sprang wild auf. »Ist das dein ernstlicher Wille?«</p> + +<p>»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst +mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.«</p> + +<p>Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du +willst nicht geradeaus mit mir brechen — ich soll der Dumme sein, der +verspielt.«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier +gilt ja doch nichts.«</p> + +<p>»So! Warum gilt es nichts?«</p> + +<p>»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie +kann ich da sagen: ich will nicht?«</p> + +<p>Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst +du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir +mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht — +allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht +nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern — mir nicht.«</p> + +<p>Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären +mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu +schluchzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + +<p>Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand +hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?«</p> + +<p>Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr +recht.</p> + +<p>Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt, +besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben +sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft +lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte +auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm +eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm +das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr +überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler, +sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm +für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe +sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein +Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in +ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen, +so lieb er sie hatte.</p> + +<p>Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem +Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle, +zog<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der +linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er +noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse, +aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und +umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte +er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und +entfernte sich. — Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite +des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der +Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte, +was in dem Mittelraum vorging.</p> + +<p>Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so +ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte. +Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen, +konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß +nicht die Brieftasche — ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen +Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.«</p> + +<p>»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich +für alle Fälle besser bewahrt.«</p> + +<p>»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie +achselzuckend.</p> + +<p>Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen +hatte, das ihm von so großem<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund, +daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle +abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit +solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es +gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der +wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht +ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der +Schere abschneide? Sieh dich vor.«</p> + +<p>Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm +aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu +bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen.</p> + +<p>Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der +Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus, +wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm +reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige +Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren.</p> + +<p>Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte +am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins +Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs +Feld gegangen waren,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> steckselte sie die hintere Stalltür nach dem +Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls.</p> + +<p>Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend +zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen +solltest, mein Töchterchen — ich weiß, wo es zu finden ist.«</p> + +<p>Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?«</p> + +<p>»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen +wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt +hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei +Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben +ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will +ich nichts wissen.«</p> + +<p>»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?«</p> + +<p>Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht +würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht — +der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.«</p> + +<p>»Was sprichst du von Mikelis?«</p> + +<p>»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber +die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich +seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt — links vor +der Tür im Winkel, und<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Stroh darüber gelegt. Hä — hä — hä ... um die +Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur, +was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst +oder nicht.«</p> + +<p>»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.«</p> + +<p>Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte +sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer.</p> + +<p>Ewe wußte nun, wo die Weste geblieben war. Bald hätte sie's lieber +nicht gewußt; denn der Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr, daß sie +Mikelis einen Streich spielen könnte. Sie wollte ihm den Wechsel nicht +fortnehmen, aber ihn damit ängstigen, daß er verschwunden sei. Nur +eine Weile. Dann sollte er ihn zurück haben und beschämt bekennen, +daß er ihr mit seiner Heimlichkeit unrecht getan. Es wäre eine Strafe +für ihn, meinte sie, und zugleich ein gutes Mittel, sein Vertrauen +wiederzugewinnen. Wer konnte aber auch wissen, ob die Alte reinen Mund +hielt? Und wie leicht hatte es dann ein Anderer, die Weste zu stehlen! +Für sie selbst war es gar nicht unbedenklich, wenn das Papier mit +ihrer Unterschrift in fremde Hände kam. Schon deshalb schien es klug +einzuschreiten.</p> + +<p>Nach einigen Stunden also, als Endrullis fortgegangen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> war, begab sie +sich in den Stall und nahm einen Milcheimer mit, als ob sie die Kühe +melken wollte. Auf dem Hofe arbeitete der Knecht Jons Toleikis; der +sah sie hineingehen. Ewe öffnete die Tür zum Futtergelaß und trat in +den halbdunkeln Raum. Sie hob ein Bund Stroh fort und griff mit der +Hand unter das Heu. Nicht lange durfte sie suchen, so fühlte sie etwas +Weiches, das sie nun hervorzog. Es war die Weste. Sie schien nicht +einmal zusammengerollt, sondern unordentlich untergesteckt zu sein. Als +sie nach der Stelle tastete, wo das Papier eingenäht sein mußte, faßte +sie zu ihrer Überraschung mit der Hand durch. Hatte sie das Ärmelloch, +oder die Tasche getroffen? Jede Vorsicht vergessend, ging sie rasch +nach der Tür und stieß dieselbe auf, um sich im Hellen zu überzeugen, +wie es damit stehe. So stand sie nun auf der Schwelle und hielt die +Weste in der Hand. Ein viereckiges Stück Zeug mitsamt dem Futter war +ausgeschnitten — gerade an der Stelle, wo vordem der Wechsel eingenäht +gewesen war. Wer hatte das getan?</p> + +<p>Jetzt erst bemerkte sie, daß die Magd Erdme Pleikis ihr nachgegangen +war, den Eimer genommen und zu melken angefangen hatte. Die sah ihr +gerade ins Gesicht und auf die Hände. Rasch wickelte Ewe die Weste +zusammen und warf sie in die Futterkammer zurück. Ebenso rasch aber +fiel ihr ein, daß<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> sie sich dadurch verdächtig machen könnte. Deshalb +trat sie vor und sagte: »Hast du gesehen, Erdme, was ich da in der Hand +hielt?«</p> + +<p>»Es war Endrullis' Weste,« bestätigte die Magd.</p> + +<p>»Und ist dir etwas daran aufgefallen?«</p> + +<p>»Ei freilich! Es war ein Stück ausgeschnitten wie mit der Schere.«</p> + +<p>»Ganz richtig. So habe ich sie dort in der Kammer gefunden. Wer kann +das Stück ausgeschnitten haben?«</p> + +<p>Erdme gab darauf keine Antwort. Als aber Ewe fortgegangen war, rief sie +sogleich den Jons Toleikis vom Hofe herein und sagte: »Überzeuge dich, +daß da in der Kammer die Weste des Endrullis liegt, von der ein Stück +ausgeschnitten ist. Du weißt doch, daß ich nach der Wirtin in den Stall +gegangen bin? Es ist gut, daß man sich's merkt. Ich will mich nicht +hinterher ohne Grund beschuldigen lassen.«</p> + +<p>»Die Herrin ging vor dir hinein,« bestätigte Jons.</p> + +<p>»War's lange vorher?«</p> + +<p>»Ich denke, keine Viertelstunde.«</p> + +<p>»Das ist lange genug,« meinte die Magd. Sie ließ sich nicht weiter +darüber aus, wozu die Zeit lang genug gewesen sei, und Toleikis fragte +auch nicht danach.</p> + +<p>Während sie noch an der Stalltür zusammenstanden, kam die Gaidullene +aus ihrer Kammer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p>»Hast du gehört,« erkundigte sich Erdme, »daß Jemand im Futtergelaß +gewesen ist?«</p> + +<p>»Ich hörte das Stroh rascheln,« antwortete die Alte, »und hinterher die +Ewe sprechen. Sprach sie mit dir?«</p> + +<p>»Ja, als sie aus der Futterkammer herauskam.«</p> + +<p>»Was geht es mich an?« sagte die Gaidullene und schlug mit der Hand in +die Luft. Sie entfernte sich vom Hofe.</p> + +<p>»Ich werde mich aber auf dich beziehen,« rief Erdme ihr nach, »wenn es +nötig sein sollte.«</p> + +<p>Bald darauf kam Endrullis vom Felde zurück und brachte seinen Fuchs in +den Stall. Ehe er noch Gelegenheit gehabt hatte, mit Ewe zu sprechen, +trat Jons Toleikis an ihn heran und sagte: »Daß du es nur weißt — auf +dem Heu liegt deine Weste, und es ist ein Stück ausgeschnitten. Die +Erdme meint, das könne nur mit der Schere geschehen sein.«</p> + +<p>Er wurde bleich und im nächsten Moment wieder feuerrot. »Wer hat +mir das getan?« lallte er mit schwerer Zunge. Er riß die Türe der +Futterkammer auf und stürzte hinein. Gleich darauf kam er zurück, die +Weste in der Hand. »Wer hat mir das getan?« wiederholte er, aber jetzt +schreiend. Die Adern auf seiner Stirn zuckten. »Ich bin bestohlen! +Der Wechsel ist ausgeschnitten! Das ist eine Spitzbüberei. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> +bestohlen!« Er taumelte gegen den Ständer und stützte den Kopf an +denselben; so hatte es ihn erschreckt.</p> + +<p>Nun begann ein strenges Verhör. Bald wußte er, was die Dienstleute und +die Altsitzerin mitzuteilen hatten. Schäumend vor Wut eilte er ins +Haus, faßte Ewe bei den Schultern, rüttelte sie derb und schrie: »Gib +mir meinen Wechsel heraus, wenn dir das Leben lieb ist. Du hast ihn aus +der Weste herausgeschnitten.«</p> + +<p>Sie suchte sich loszumachen. »Du bist toll,« rief sie. »Was willst du +von mir? Ich habe deinen Wechsel nicht.«</p> + +<p>»Lügnerin, schändliche Lügnerin!« herrschte er sie von neuem an und +legte die Hand um ihren Hals. »Willst du's bestreiten, daß du in der +Futterkammer gewesen bist, daß du die Weste unter dem Heu vorgezogen +hast? Es ist noch an der Stelle zerwühlt.«</p> + +<p>»Laß mich los, Unsinniger,« befahl sie streng, »oder ich wehre mich mit +den Nägeln. Ich habe die Weste gefunden, aber das Stück Zeug war schon +ausgeschnitten.«</p> + +<p>Er lachte wild auf. »Es war schon ausgeschnitten? Wer anders hat es +ausgeschnitten als du? Wer anders als du konnte vermuten, was in der +Weste eingenäht war? Und hast du mir nicht gedroht? Du leugnest wohl +auch das! Ich weiß alles. Du bist<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> mir nachgeschlichen, hast gesehen, +wo ich die Weste versteckte —«</p> + +<p>»Nein,« unterbrach sie, immer bemüht, ihn abzuschütteln. »Nein, das ist +nicht wahr.«</p> + +<p>»Und wie erfuhrst du —?«</p> + +<p>»Durch die Gaidullene. Frage sie, wie sie dahinter gekommen ist.«</p> + +<p>»Ich brauche sie nicht zu fragen. Es ist auch gleichgiltig. Aber +du hast doch die Weste unter dem Heu vorgezogen — du? Weshalb, du +Arglistige? Antworte doch darauf —! weshalb?«</p> + +<p>Ewe setzte trotzig den Mund auf und sagte: »Denke davon, was du willst. +Ich habe deinen Wechsel nicht genommen und weiß nicht, wer ihn genommen +hat. Ich fand die Weste so.«</p> + +<p>Er drang, die Faust ballend, wieder auf sie ein. Sie stieß ihn aber +zurück: und rief: »Besinne dich! Wenn ich vor Gott und den Menschen +versichere: es ist nicht wahr —«</p> + +<p>»So ist es doch wahr! Du hast mich betrogen,« schrie er ganz außer sich.</p> + +<p>Ewe stand eine Weile wie unschlüssig, was sie tun sollte. Ihre Lippe +zuckte, die Augen waren auf den Boden geheftet und blitzten nur +manchmal auf, die Arme mit den geschlossenen Händen drückte sie straff +an den Leib. »Gut denn —« sagte sie nach einer Weile dumpf, »so mag es +wahr sein. Wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> aber so schlecht bin als du meinst — was willst +du länger hier? Mit einer Lügnerin und Diebin wirft du nichts gemein +haben wollen. Geh, wir sind geschieden. Es ist aus zwischen uns. Geh!«</p> + +<p>»Ihr hört's!« rief Endrullis den Dienstleuten zu. »Sie macht ein Ende +— sie treibt mich fort. Deshalb ist's ja geschehen, daß sie sagen +kann: geh! Ja, ich werde gehen. Aber aus ist's zwischen uns nicht! +Erwarte von mir nichts Gutes. Ich will mein Recht haben! Und ich weiß +noch Mittel, dich zum Geständnis zu bringen.«</p> + +<p>Damit stürmte er fort. Und wieder zog er seinen Fuchs aus dem Stall, +warf die zerschnittene Weste über den Sattel, schwang sich auf und +jagte fort.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_8"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>8.</h3> +</div> + +<p>Da war nun der Urte Drohung wahr geworden; es fehlte nicht mehr viel +zu einem Bettler auf der Landstraße. Sein Herz war voll Bitterkeit. +Hatte er Ewe geliebt, so meinte er, sie jetzt um so tiefer hassen +zu müssen. Wollte sie ihn verderben, warum sollte er sie schonen? +Den Wechsel mußte er zurück haben, auf welche Weise immer. Ohne sich +Zeit zur Überlegung zu gönnen, ritt er nach der Stadt und stieg bei +einem Winkelschreiber ab, der von Geburt<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> ein Littauer war und einige +Jahre bei einem Anwalt gearbeitet hatte, dann aber fortgejagt war und +jetzt auf eigene Hand praktizierte. An ihn pflegten sich alle seine +Landsleute zu wenden, wenn sie etwas betreiben wollten, wozu sich +ein Anwalt nicht hergab. Dem trug er seinen Fall vor und forderte +guten Rat. »Ich will dir eine Eingabe machen,« sagte der verschlagene +Mann, »damit die Sache untersucht wird. Aber hüte dich, jemand zu +beschuldigen. Damit muß man sehr vorsichtig sein. Sprich überhaupt zu +andern gar nicht davon. Mögen die Herren den Fall untersuchen; es ist +genug, wenn wir schreiben, was geschehen ist, und die Zeugen benennen. +Kommt wider Erwarten nichts heraus, so können sie dir doch nichts +anhaben.«</p> + +<p>Michel war mit allem einverstanden. »Das Übrige ist mir ganz gleich,« +meinte er, »wenn ich nur meinen Wechsel zurückbekomme. Hilft er mir +nichts gegen die Ewe, so soll mich doch die Urte nicht auslachen.«</p> + +<p>Im Dorfe logierte er sich wieder bei seinem Schwager ein und ritt mit +Waren über die Grenze, sich einen Verdienst zu machen.</p> + +<p>Einige Wochen vergingen, ohne daß sich von der Tätigkeit des Schreibers +eine Wirkung zeigte. Schon wurde er ungeduldig, als er erfuhr, daß Ewe, +die Altsitzerin, Jons Toleikis und die Magd Erdme aufs Amt geladen +seien. Wieder einige Wochen später<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> erhielten dieselben Personen +Vorladung aufs Gericht in der Stadt, und auch ihm wurde eine solche +Schrift behändigt Er wurde nicht recht klug daraus, um was es sich +handelte. Als er am Termintage in den Gerichtssaal gerufen wurde, sah +er links vom Richtertische die Ewe in einem abgegrenzten Raume stehen. +Gegenüber hatte der Staatsanwalt seinen Platz. Nun ging ihm ein Licht +auf. »Das hab' ich nicht gewollt!« rief er laut.</p> + +<p>»Was hast du nicht gewollt?« fragte der Vorsitzende.</p> + +<p>»Daß die Ewe deshalb als eine Diebin bestraft werden soll.«</p> + +<p>»Aber du hast doch diese Eingabe für dich schreiben lassen?«</p> + +<p>»Ja — weil ich meinen Wechsel zurück haben wollte.«</p> + +<p>»Den Wechsel, den die Ewe Purwins dir weggenommen hat.«</p> + +<p>Endrullis zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick: seitwärts auf +das Mädchen, das die Augen fest auf ihn heftete. »Ich weiß nicht, wer +mir den Wechsel weggenommen hat,« sagte er dann.</p> + +<p>»Es wird sich ja finden,« mischte sich der Staatsanwalt ein. »Ich +bitte, weiter in der Sache zu verhandeln.«</p> + +<p>Ewe bestritt die Anklage; aber sie mußte zugeben,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> nach dem Wechsel +gesucht und die Weste in der Hand gehabt zu haben, ohne genügend +erklären zu können, was sie dazu veranlaßte. Die Gaidullene bezeugte, +wie sie durch das Astloch in der Wand gesehen, daß Endrullis ein +Papier in die Weste einnähte und sie dann unter das Heu schob, daß +sie der Ewe Purwins davon Mitteilung gemacht und daß diese darauf in +die Futterkammer getreten sei und an der bezeichneten Stelle gebückt +gestanden und im Heu gewühlt habe. Weil sie aber die Tür hinter +sich zugezogen, sei in der Kammer nur ein schwaches Dämmerlicht +gewesen, sodaß sie nicht genau hätte sehen können, was sie dort tat. +Als dann aber Ewe die Tür aufgestoßen, hätte sie in ihrer Hand die +Weste bemerkt; gleich darauf sei auch die Magd Erdme vom Stall her +hinzugetreten. Sie hatte ihre Aussage so eingerichtet, daß sie mit +aller Sicherheit den Eid leisten konnte. Was sie nicht gefragt wurde, +das hatte sie ja nicht nötig zu sagen. Die Aussagen der Dienstleute +schlossen sich an. »Hat die Angeklagte gegen diese Zeugnisse etwas +einzuwenden?« fragte der Vorsitzende.</p> + +<p>»Nein,« antwortete Ewe fest, »es ist alles so richtig. Aber die Weste +hat mehrere Tage da unter dem Heu gelegen — es kann auch ein Anderer +den Wechsel ausgeschnitten haben.«</p> + +<p>»Kann — kann! Hast du gegen irgendjemand gegründeten Verdacht?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p> + +<p>Ewe senkte finster die Augen und schwieg.</p> + +<p>»Hast du noch einen Andern in der Futterkammer gesehen?« wandte der +Richter sich an die Gaidullene.</p> + +<p>»Nein,« bestätigte dieselbe, »ich habe keinen Andern gesehen. Gott soll +mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.« Es war sicher so: sie +hatte keinen Andern gesehen; sie antwortete, wie sie gefragt wurde.</p> + +<p>Ewe wischte rasch mit der Hand eine Träne von der Backe fort.</p> + +<p>»Aber warum sollte ich den Wechsel nehmen?« rief sie, von Angst +getrieben. »Ich habe mich ja niemals geweigert, den Endrullis zu +heiraten. Mag er's selbst sagen.«</p> + +<p>»Und würdest du ihn auch jetzt noch heiraten?« fragte der Richter.</p> + +<p>Sie warf trotzig den Kopf zurück. »Jetzt —! Wenn ich seinetwegen +bestraft werde ...! Er wird mich dann nicht mehr fragen, ob ich will. +Ich bin ihm zu schlecht ...« Sie setzte sich auf die Bank nieder, +bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, stützte den Kopf auf die +Barriere und schluchzte laut.</p> + +<p>Die Richter berieten nur kurze seit. Dann verkündete der Vorsitzende +den Spruch, der Ewe Purwins zu drei Wochen Gefängnis verurteilte. »Ich +bin unschuldig,« sagte sie, »aber ich sehe wohl ein, daß ich dies +leiden muß.«</p> + +<p>Sie bat, gleich ins Gefängnis gehen zu dürfen,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> damit man sie nicht von +ihrem Hofe abhole, was ihr eine Schande wäre.</p> + +<p>Als sie abgeführt wurde, drängte Endrullis an sie heran. »Geh nicht ins +Gefängnis, Ewe,« bat er dringend. »Ich selbst werde den König bitten, +daß er dich begnadigt — noch heute schreibe ich.«</p> + +<p>Sie wendete das Gesicht ab. »Ich will nicht begnadigt sein,« sagte sie, +»du glaubst ja doch nicht, daß ich unschuldig bin.«</p> + +<p>»Ewe — wie kann ich ...?«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Wie kannst du —?! — Gut — geh nur. Du hast +ja nun deinen Wechsel.«</p> + +<p>Er griff nach ihrer Hand, aber sie wich ihm aus. »Geh nur!« Sie winkte +Jons Toleikis heran und gab ihm Anweisung wegen der Wirtschaft. Dann +folgte sie dem Gerichtsboten.</p> + +<p>Die drei Wochen waren bis auf einen Tag vergangen. Michel Endrullis +hatte in der ganzen Zeit keine rechte Ruhe gehabt. Meist ritt er in +der Nacht jenseits der Grenze und schlief bei Tage. Es war ihm, als +ob etwas sein Gewissen schwer belastete und ihm alle Freude am Leben +verderbe. Der Wechsel war ihm ganz gleichgültig; er verwunderte sich +nur darüber, daß er sich deshalb mit der Ewe hatte erzürnen können. +Und wenn sie ihn genommen und vernichtet hatte — war sie nicht so gut +wie sein Weib gewesen? Nun sie ihm verloren war, meinte<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> er, sie gar +nicht missen zu können. Und sie war ihm verloren ... nie konnte sie ihm +verzeihen.</p> + +<p>Am späten Abend, als er an seinem frühem Hofe vorbeiritt, stand die +Urte am Heck und winkte ihn heran. »Was willst du?« fragte er, den +Zügel anziehend.</p> + +<p>»Komm auf dem Feldwege hinter das Haus, wo uns niemand sieht,« +antwortete sie. »Ich will dir unter vier Augen sagen, wo dein Wechsel +geblieben ist.«</p> + +<p>»Du —?«</p> + +<p>»Ich. Die drei Wochen sind ja wohl morgen herum? Da braucht's für dich +kein Geheimnis mehr zu sein.«</p> + +<p>Die Worte klangen ihm so feindlich, daß es ihn durchschauerte. »Was +weißt du von dem Wechsel?« fragte er zitternd.</p> + +<p>»Das sollst du dort erfahren. Man kann nicht wissen, was man hier auf +der Landstraße für Zeugen hat.« Sie zeigte mit der Hand über das Haus +hinweg und entfernte sich.</p> + +<p>Er überlegte, ob er ihr folgen sollte. Einen Augenblick dachte er an +die Möglichkeit, daß sie ihm einen Hinterhalt gestellt haben könnte. +Mit ein paar Knechten aber meinte er's aufnehmen zu können. Er öffnete +also nur sein Messer in der Tasche, sprang am Gartenzaun ab, band das +Pferd an eine Latte und ging<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> um das Gehöft herum. Dort stand schon die +Urte vor der hintern Haustür. »Was hast du mir nun zu sagen?« sprach er +sie an.</p> + +<p>»Daß ich meine Rache habe,« antwortete sie. »Die Ewe hat im Gefängnis +gesessen, und einer von des Königs Gardisten heiratet keine Frau, die +im Gefängnis gesessen und ihren ehrlichen Namen verloren hat.«</p> + +<p>»Und das nennst du deine Rache?«</p> + +<p>»Mit Fug und Recht; denn du mußt wissen, daß die Ewe unschuldig ist.«</p> + +<p>»Unschuldig! Und wer ...?«</p> + +<p>Die Augen der Frau blitzten, wie die einer Katze, die auf die Maus +lauert. »Ich habe den Wechsel aus deiner Weste geschnitten.«</p> + +<p>Endrullis prallte zurück. »Du —?! Das ist nicht wahr. Wie konntest du +wissen —?«</p> + +<p>»Das ist gleichgültig, wie ich's erfuhr. Genug, ich hab's getan, als +ihr sämtlich drüben auf der Sandscholle bei den Kartoffeln waret. +Die hintere Stalltür fand ich offen. Ihr beide seid bestraft. Der +Wechsel ist verbrannt. Aber damit du mir glaubst ... hier ist das +ausgeschnittene Stück Zeug. Passe es nur in das Loch ein, es wird kein +Fädchen fehlen.« Sie warf ihm den Lappen zu.</p> + +<p>»Hexe, verfluchte Hexe,« schrie er auf und stürzte sich mit dem Messer +gegen sie, »nimm deinen Lohn!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>Sie mochte sich auf einen solchen Angriff gefaßt gemacht haben, sprang +zurück, riß die Tür auf und flüchtete hinter dieselbe. Das Messer fuhr +ins Holz. Er hörte nur noch ihr heiseres Lachen.</p> + +<p>Da stand er nun und starrte die Wand an. In seinem Kopf wirbelte es, +als ob da alle Trommeln seines Regiments gerührt würden. Ewe unschuldig +— doch unschuldig! Und Urte war die Diebin gewesen. Gerächt hatte sie +sich an ihm und ihr. Es war nichts wieder gut zu machen. Ewe hatte ihre +Strafe verbüßt. Und hatte er jetzt Zeugen gegen das boshafte Weib? Wer +würde ihm glauben?</p> + +<p>Er steckte das Stück Zeug in seine Brieftasche und führte den Fuchs +an der Hand durch das Dorf zurück in seines Schwagers Stall. Seine +Schwester fragte, was ihm geschehen sei; er sähe so verstört aus. Ob er +denn diese Nacht nicht reite? »Nein,« sagte er, »aber morgen früh. Ich +will die Ewe aus der Stadt abholen.«</p> + +<p>»Gib dich mit der schlechten Person nicht weiter ab,« meinte sein +Schwager Grillus. Er aber faßte ihn dafür bei der Brust und schüttelte +ihn. »Wer sie eine schlechte Person nennt,« schrie er, »der mag sich +vor mir in Acht nehmen. Ich schone Schwester und Bruder nicht!«</p> + +<p>Er brachte eine schlaflose Nacht zu. In der Frühe ritt er fort in der +Richtung nach der Stadt. »Sie wird mir glauben,« tröstete er sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<p>Nicht weit von den letzten Häusern der Vorstadt sprang er ab, legte +sich in den Chausseegraben und ließ seinen Gaul neben sich grasen. +Ewe mußte hier vorüberkommen. Und es dauerte keine Stunde, da kam sie +wirklich. Sie hatte die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in ein Tuch +geknüpft, das sie in der Hand hielt. Sie sang leise vor sich hin ein +littauisches Wiegenlied, das recht schwermütig klang, und hatte die +Augen auf den Boden gerichtet. »Ewe!« rief er sie an.</p> + +<p>Sie schrak zusammen. »Mikelis —! Was willst du hier?«</p> + +<p>Er stand auf und trat an sie heran, das Pferd nach sich ziehend.</p> + +<p>»Steige du auf,« sagte er, »der Weg bis zum Dorf ist weit.«</p> + +<p>»Ich bin nicht müde,« entgegnete sie, »habe drei Wochen lang Zeit +gehabt, auszuruhen.«</p> + +<p>Das fühlte er wie einen Stich ins Herz. »Ewe,« sagte er, »Gott weiß, +daß ich dir nicht habe Unrecht tun wollen.« Er ging neben ihr hin und +zog das Pferd am Zügel nach sich.</p> + +<p>»Das mag sein,« antwortete sie, »aber es nützt mir nichts: ich habe +doch einmal im Gefängnis gesessen. Und dir hilft's nicht über die +Schande weg, mich da hineingebracht zu haben.«</p> + +<p>»Ewe, wenn ich dir sage —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> + +<p>»Du meinst's ja auch nicht, wie ich's meine. Und wenn du mir nicht +glaubst, ist mir das andere gleichgültig.«</p> + +<p>Er legte die Hand auf ihre Hand, die das Bündel trug. »Ewe — wenn ich +jetzt noch sagen könnte: ich glaube dir! Aber ich weiß nun, daß du +unschuldig bist, und ich weiß auch, wer schuldig ist ...«</p> + +<p>Sie trat einen Schritt zur Seite und blieb stehen. »Du weißt es ...?«</p> + +<p>»Die Urte hat den Wechsel ausgeschnitten — sie hat ihre Rache haben +wollen.« Er erzählte mit hastigen Worten, wie er dahintergekommen.</p> + +<p>Ewes eben noch bleiches Gesicht überzog sich mit flammender Röte; die +weißen Zähne waren fest verbissen und die Lippen ein wenig geöffnet; +die Brust hob und senkte sich rasch. Das Bündel hatte sie mit beiden +Händen gefaßt, und die Finger knüpften an dem Tuche. Sie sprach kein +Wort, und Endrullis ließ ihr eine Weile Zeit, mit ihren Gedanken fertig +zu werden. Erst nachdem sie eine Strecke vorwärts gegangen waren, +fragte er: »Kannst du mir verzeihen, Ewe?«</p> + +<p>»Verzeihen!« rief sie; »das paßt nicht mehr zu uns beiden. Früher wär's +vielleicht gut genug gewesen, aber jetzt ...« Sie brach in ein heftiges +Weinen aus.</p> + +<p>Er legte den Arm um ihre Schulter. »Was hast Du, Ewe?« fragte er +bekümmert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<p>»Gott hat es so gefügt,« schluchzte sie, »daß wir nicht mehr von +einander können mit leichten Worten. Ich habe dich einmal zu lieb +gehabt, und das wird bald offenkundig werden vor aller Welt. Da ist's +mit dem Verzeihen nichts. Kann's nicht sein, wie es gewesen ist, so +kann's doch auch nicht bleiben, wie es ist. Im Gefängnis, Mikelis, als +ich ganz mit mir allein war — da ist mir's zur Gewißheit geworden ... +Ach Gott, ach Gott! Warum hat das jetzt geschehen müssen?«</p> + +<p>Er horchte auf und glaubte zu verstehen. »Ewe,« rief er, »ist's möglich +—? Eine solche Hoffnung ...! Ja, dann können wir nicht mehr von +einander; dann ist's nicht mehr genug, daß du mir verzeihst — dann +mußt du mich wieder lieben, wie vordem ... o, mehr noch, viel mehr!« Er +zog sie an sich und küßte ihr die Tränen von den Augen und Wangen.</p> + +<p>Sie ließ es eine kurze Weile geschehen. Dann aber schob sie ihn mit +Heftigkeit von sich ab und sagte: »Von einander können wir nicht — und +zusammen auch nicht. Das rachsüchtige Weib, die Urte, steht zwischen +uns. Es ist nur auf eine Weise gut zu machen — nur auf eine Weise. Ja, +ja ... nur auf eine Weise. Wenn du ein Mann bist —!«</p> + +<p>Sie brach ab und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, der ihn +im Tiefsten erbeben machte. »Woran denkst du?« fragte er mit zitternder +Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>»Wenn du ein Mann bist —« wiederholte sie und ließ ihn wieder den +Schluß erraten. Die Lippen zuckten höhnisch. »Wie bleich du geworden +bist! Du bist Soldat gewesen und hast doch keinen Mut.«</p> + +<p>»Ich habe Mut, Ewe ...«</p> + +<p>»Aber? Siehst du! Du hast den Mut, dich und mich verächtlich zu machen. +Aber den Mut, die Schande von uns abzuwenden und zu beweisen, daß du +mich liebst und mir ehrlich Wort halten willst, den hast du nicht. Auch +jetzt nicht — nach dem, was die Urte dir gesagt hat und was ich dir +gesagt habe. Geh! Du bist kein Mann!«</p> + +<p>»Ewe — was soll geschehen ...?«</p> + +<p>Sie lachte auf. »Ich weiß es nicht. Weißt du's nicht, so kannst du's +von mir nicht erfahren. Aber laß mich allein! Ich verzeihe dir, weil +ich dich verachte.«</p> + +<p>Endrullis riß die Jacke auf und griff in sein rotbuntes Halstuch, das +ihn zu würgen schien. »Du sollst mich nicht verachten,« sagte er, die +Worte aus der Kehle zwingend. »Du hast ganz Recht, Ewe — ich wäre kein +Mann, wenn das ... Nur Geduld! man muß es klug anfangen. Es kann ja +nicht anders sein — und die Hexe verdient's. Nur Geduld! Der Wechsel +soll eingelöst werden.«</p> + +<p>Er reichte ihr die Hand hin und schüttelte die ihrige wie zur +Bekräftigung seiner Worte. »Wir<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> gehören zu einander,« rief er, »und +wenn Gott uns nicht zusammenbringt, soll's der Teufel tun. Ich fürchte +mich nicht vor ihm. Nur Geduld!«</p> + +<p>Auf der Chaussee näherten sich Fuhrwerke. »Es ist besser,« fuhr er +fort, »man sieht uns die nächste Zeit nicht beisammen. Ich habe oben an +der Grenze zu tun. Die Juden wollen einmal ihr Glück an einer andern +Stelle versuchen, man paßt ihnen hier schon zu sehr auf. Wenn sich +etwas ereignen sollte — ich bin weit weg. Lebe wohl! Wenn wir uns +wiedersehen, kannst du die Hochzeit bestellen.«</p> + +<p>Er schwang sich auf den Fuchs und jagte wie toll davon.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_9"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>9.</h3> +</div> + +<p>Acht Tage darauf fand man die Wirtsfrau Urte Endrullene des Morgens tot +in ihrem Bette. Der Schädel war ihr gespalten; augenscheinlich war sie +im Schlaf getroffen, und ein einziger Hieb hatte hingereicht, sie für +ewig stumm zu machen.</p> + +<p>Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der +Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente +geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das +stets auf dem Herd lag, war vermißt<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> worden und trotz allen Suchens +nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die +Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts +Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An +dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke +nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die +Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte, +es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz +morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen +worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der +Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand +getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau +anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben; +durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die +Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von +dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben +Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet +und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren +Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der +Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Fenster befand +sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und +Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen +eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte. +Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht, +da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob +irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln.</p> + +<p>Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht +das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr +wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den +Täter führte keine sichere Spur.</p> + +<p>Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus +gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon, +daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung, +daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten +zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen +mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch +auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam, +daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und +nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der +Grenze aufgehalten<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen +voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit +russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war +gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu +gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen +war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz +zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen; +aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß +jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den +wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte, +in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich +nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte +verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da +auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte.</p> + +<p>Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf +blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und +arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und +könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst +meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer +Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Die Frauen +übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte +ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu +widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr +zog und das Aufgebot bestellt wurde.</p> + +<p>An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete, +waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen +Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die +Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen, +aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein +Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem +die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten, +schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den +Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die +Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie +nickte ihm grüßend zu.</p> + +<p>Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in +ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die +Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei +und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau +auf den Wagen genommen wäre.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die +Wirtin.«</p> + +<p>»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der +Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz +frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht +jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.«</p> + +<p>»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er +erschrak und im Gesicht bleich wurde.</p> + +<p>»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein +Aberglaube — der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot +und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte +unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den +Stall eintrat — in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf +gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.«</p> + +<p>»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die +Ecke des Stalles blickend.</p> + +<p>Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen, +Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das +erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die +Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du +weißt doch, wo sie<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist +ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das +so gut.«</p> + +<p>Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der +aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht. +»Fort da, oder ...«</p> + +<p>Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich +gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht +immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben. +Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis, +nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.«</p> + +<p>Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn, +was —?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf +dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den +grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets +zu dir in's Bett nimmst.«</p> + +<p>»Sie kommt gern zu mir — hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener +Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch +unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren +grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<p>»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man +als Hexe verbrennen — hi, hi, hi!«</p> + +<p>»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur — du kannst lachen. Die Urte ist +tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du +kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit +mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt +mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges +Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen, +und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt, +nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und +möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem +Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu, +daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich +kann auch sprechen.«</p> + +<p>»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was +kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.«</p> + +<p>»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch +nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still +bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs +geblieben?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die +Grenzreiter mich verfolgten.«</p> + +<p>»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und +hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so +viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies +ein Hufeisen verloren —«</p> + +<p>»Wer will das behaupten ...?«</p> + +<p>»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich +meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war +freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein +Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall +ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt +war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.«</p> + +<p>»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen, +wie er hinein- und hinauskommt — das hast du wohl schon erfahren.«</p> + +<p>»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten +und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner +Jacke geblieben, Mikelis?«</p> + +<p>Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten. +»Zwei?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.«</p> + +<p>»Was geht es dich an?«</p> + +<p>»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du +dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.«</p> + +<p>Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle +zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen +Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich +schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten +Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu +kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe +keinen Spaß.«</p> + +<p>Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,« +zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest — hundert +Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das +kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand +hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden — so einem, wie die Ewe +dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich +dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich +wissen, woran ich bin.«</p> + +<p>Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> etwas in sich hinein. +Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich +in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie +reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster +Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor +ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus +wie einer, dem wohl zu Mute war.</p> + +<p>Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren +Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts, +als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die +Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_10"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h3>10.</h3> +</div> + +<p>Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit +zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und +gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran +und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen +Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr: +»Du kannst es gut bei mir haben,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> wenn du auf meiner Seite stehst. Ich +kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme +gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf +und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei +zwinkerte sie listig mit den Augen.</p> + +<p>Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit +hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr +einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr, +was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die +Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der +Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf +einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die +Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig. +Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.« +Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte +dankte und ging.</p> + +<p>Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie +wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen +den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie +entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den +Schweinetrog.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern. +Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine +andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte +gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst +aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen. +Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen +und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie +findet.«</p> + +<p>Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon +versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür +standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche +in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es +nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen — fuhr ein +städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei +Herren sprangen ab.</p> + +<p>»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke +richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf +von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu +Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!«</p> + +<p>Er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. »An unserm Hochzeitstage —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>»Sie kommen deinetwegen, Mikelis.«</p> + +<p>»Sie können mir nichts beweisen. Laufe ich fort, so bin ich schuldig.«</p> + +<p>»Aber du bist frei.«</p> + +<p>Er blickte zum Fenster hinaus auf die Straße. Eben kam der Gensdarm +angeritten. »Es ist auch zu spät zur Flucht. Ja — wenn der Fuchs noch +im Stall stände —!«</p> + +<p>Nun trat der Richter ein und sagte: »Michel Endrullis, es tut mir leid, +daß ich das Hochzeitsfest stören muß. Ich will wünschen, daß ich dich +und deine Braut nicht lange aufzuhalten brauche. Das Gericht hat aber +guten Grund, bei dir eine Haussuchung zu halten. Ich frage dich: bist +du in der Nacht, als deine abgeschiedene Frau ermordet wurde, hier im +Dorfe gewesen?«</p> + +<p>»Ich weiß nichts davon, daß sie ermordet ist,« antwortete er, finster +zur Erde blickend.</p> + +<p>»Antworte geradeaus,« forderte der Richter. »Bist du hier im Dorf +gewesen oder nicht?«</p> + +<p>»Ich bin drüben in Rußland gewesen — mein Pferd ist gefallen — es ist +durch Zeugen erwiesen.«</p> + +<p>»Und hier im Dorfe warst du nicht? Sieh mich an!«</p> + +<p>Endrullis bemühte sich, dem Richter fest in die Augen zu sehen. »Wer +sagt, daß ich hier im Dorfe gewesen bin?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>»Das sollst du später erfahren. Ja oder nein?«</p> + +<p>»Nein! Ich kann nicht durch die Luft fliegen.«</p> + +<p>»Wo sind die Kleider, die du damals getragen hast — in Rußland +natürlich.«</p> + +<p>Endrullis warf den Kopf zurück. »Sie sind doch schon einmal untersucht, +und es hat sich nichts Verdächtiges daran gefunden.«</p> + +<p>»Keine Blutspur, das ist richtig. Aber im Protokoll steht geschrieben, +daß an der Jacke zwei Knöpfe fehlten. Die fehlten schon lange, nicht +wahr? So hast du früher behauptet.«</p> + +<p>»Was ich gesagt habe, ist wahr.«</p> + +<p>»Zeige doch die Jacke noch einmal vor.« Sie wurde herbeigebracht. Der +Richter wickelte aus einem Stück Papier einen Knopf und verglich ihn +mit denen an der Jacke. »Die Knöpfe stimmen genau überein, das wirst du +selbst zugeben müssen.«</p> + +<p>»Es tragen viele Littauer solche Knöpfe, Herr.«</p> + +<p>»Aber dieser hat offenbar hier gesessen; die Fäden sind scharf +durchschnitten und passen der Zahl nach zusammen.«</p> + +<p>Endrullis versuchte zu lachen. »Das kann ja sein, Herr. Wenn ich ihn +verloren habe, kann ihn auch wohl einer gefunden haben.«</p> + +<p>»Ganz richtig. Und weißt du auch, wo ihn einer gefunden hat?«</p> + +<p>»Was geht mich das an?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>»An der hinteren Ecke des Holzstalls hier auf dem Hofe neben einem +losen Brett der Verkleidung.«</p> + +<p>Der Littauer besann sich einen Augenblick. Es kam nun darauf an, +vorsichtige Antworten zu geben. »Warum soll er da nicht gefunden worden +sein, Herr?« fragte er dann zurück. »Seit länger als einem Jahre gehe +ich hier auf dem Grundstück herum und habe die Jacke immer getragen.«</p> + +<p>»Aber der Knopf ist dort gerade am Morgen nach jener Nacht gefunden.«</p> + +<p>»Das lügt die Gaidullene.«</p> + +<p>»Die Gaidullene? Wie weißt du, daß von der die Rede ist.«</p> + +<p>»Weil sie mir den Knopf für hundert Taler angeboten hat, Herr. Ich habe +sie ausgelacht und fortgejagt. Dafür rächt sie sich nun durch falsches +Zeugnis.«</p> + +<p>Das ließ sich hören. »Gehen wir in den Stall,« sagte der Richter. »Ist +in jener Nacht jemand an der Stelle, wo das Brett losgebrochen sein +soll, eingedrungen, so wird er auch wohl einen Zweck dabei verfolgt +haben. Wo ist der Stall?«</p> + +<p>Endrullis zeigte widerwillig den Weg. Ewe, die ihn begleitete, sprach +viel von der Schlechtigkeit und Rachsucht der Altsitzerin, die für ein +Quartier Branntwein falsch schwöre.</p> + +<p>Im Stall lag Holz und Torf, an einem Hauklotz<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> eine Axt. In einer Ecke +stand ein Spaten. »Steht der Spaten immer hier?« fragte der Richter. +»Wozu wird er gebraucht?«</p> + +<p>»Den Torfgrus einzusacken,« erklärte Ewe, »aber der Stall ist lange +nicht gereinigt.« Endrullis war ganz still geworden.</p> + +<p>Der Richter ließ das Holz hinauswerfen. Unter demselben zeigte sich +am Boden eine Stelle, etwa einen Fuß im Geviert, von dunklerer Farbe. +Die schwarze Erde lag hier obenauf nur dünn mit Holzabfällen bestreut. +»Hier wollen wir nachgraben.«</p> + +<p>Nach wenigen Minuten stieß der Spaten auf klingendes Metall. Bei diesem +Klange zuckte Endrullis zusammen, und Ewe warf ihm einen ängstlichen +Blick zu. Der Richter bückte sich und hob aus dem Loch ein Beil. Die +schartige Seite war mit einer dunklen Masse überzogen, an welchem lange +Haare hingen. »Nun —? Wem gehört das Beil, Endrullis?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht. Es kann da lange gelegen haben. Das Grundstück +gehört mir noch nicht.«</p> + +<p>Der Richter zeigte das Beil den Umstehenden. »Wem hat das Beil gehört?«</p> + +<p>»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich +erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben, +Endrullis?«</p> + +<p>»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim +Sprechen.</p> + +<p>»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals +über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde +durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und +hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite +Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die +Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite +hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube. +Willst du noch die Tat leugnen?«</p> + +<p>Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich +stier auf den Knopf.</p> + +<p>»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du +aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen, +damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den +Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe +am Torfbruch unter den Erlen.«</p> + +<p>Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe +schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig — sie wollen ihn +verderben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> + +<p>Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte +ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte, +riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube. +Dann brach sie zusammen.</p> + +<p>In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen.</p> + +<p>Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich +ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie +Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne +sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren +Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu +Fuß fort, ohne zu sagen wohin.</p> + +<p>Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich +nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren +scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters +sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe +erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich. +Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu +werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich +etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu +können.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> + +<p>Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie +solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der +habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche +arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,« +meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte +sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat, +bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie +wurde als Magd angenommen.</p> + +<p>In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben +hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten +das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen +und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in +Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel +eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das +Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel +Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein +und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch, +wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten +rechts im obersten Gange verschlossen.</p> + +<p>Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> die Untersuchung noch +schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach +dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe +wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen +zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange +wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an +einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich +das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der +linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den +Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine +matten Augen glänzten einen Moment lebhafter.</p> + +<p>Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt +wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die +beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne +daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort +löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur +Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett. +Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam, +war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit.</p> + +<p>Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> eine kleine Feile, +die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen, +die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in +einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu +schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er +glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und +war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen.</p> + +<p>Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde +eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer +Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten, +die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle +berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete +die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.«</p> + +<p>»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen, +und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter +Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose +Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?«</p> + +<p>Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten +fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf.</p> + +<p>Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als +ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte +das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr +die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem +Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<p>Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die +Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke +war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde.</p> + +<p>Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß +es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen. +Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus +tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer +Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich.</p> + +<p>Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil +der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus +benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus +zurückbrachte.</p> + +<p>Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe, +und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß +sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte +und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> + +<p>Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind +nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte +sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust. +Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden +Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle. +Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie +in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte. +Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der +Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen +und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr +hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er +hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie, +gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem +Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem +Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und +täglich schleifen sie das Beil — schirp, schirp, schirp — auf dem +großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...«</p> + +<p>Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher +scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in +einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem +Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand. +Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu +seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß.</p> + +<p>Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war, +trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es +bemerkte.</p> + +<p>Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen +können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern +Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand +nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und +kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<p>Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden +sie nicht.«</p> + +<p>Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte +sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige +Beschäftigung.</p> + +<p>Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern. +Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen.</p> + +<p>Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der +Wiege.</p><br> + +<div class="chapter"> + +<figure class="figcenter illowe28 padtop3 padbot3" id="rule-l_4"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe4 padbot3" id="signet-001_4"> + <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet"> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_6"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> + +<p class="s2 p2 center"><b>Heinrich Sohnrey:</b><br> +<span class="s5">Lorenheinrich.</span></p><br> +</div> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_12"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt=""> +</figure> + +<p>Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im +südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben +ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das +ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt +einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die +Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover +auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und +an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der +Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren +Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der +Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar +nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In +gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in +Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht, +in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen +aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten +Lebensberuf heranreifen: <em class="gesperrt">dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart +wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben +Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der +Landflucht zu heilen</em>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«, +die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter +unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister +mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der +Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück +— er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem +Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen +in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die +Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen +Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen +Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer +des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in +Berlin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<p>»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt +unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk. +Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen +aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen — verloren«, »Die hinter +den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im +grünen Klee — im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung +vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten +voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.</p> + +<p class="mright5"><em class="gesperrt">W. Lottig.</em></p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_8"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> + +<h2><b>Lorenheinrich.</b><br> +<span class="s5a center">Eine Frühlingserscheinung im Dorfe.</span></h2> +</div> + +<p>Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches +aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir +nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der +Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche, +Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft +im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird.</p> + +<p>So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem +schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in +meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?«</p> + +<p>Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich +erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden +hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der +Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> ausgetrieben hat, in ein +rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt — und +vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit +seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen +Höfen.</p> + +<p>Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich! +Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese +wunderseltsame Frühlingserscheinung — wunderseltsam in ihrer grotesken +Wirklichkeit — immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen.</p> + +<p>Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger +schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum +ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in +den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann +war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens +genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der +Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare +im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß +es Frühling war.</p> + +<p>Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter +und Großväter lehnten<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten +Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht +mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der +dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause, +wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des +Kommenden harren konnten.</p> + +<p>Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die +dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher +Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die +sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des +Dorfes ankündigt.</p> + +<p>Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte +endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden +Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen +einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel +der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf +wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen +ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus +der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine +hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten, +einen<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war, +wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen +und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer, +grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs +geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am +liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug.</p> + +<p>Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken +haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; — und er hatte doch +einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur +das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger +Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde +Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte +— wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die +Hühner gekratzt haben.</p> + +<p>So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein +ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte +er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und +weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und +über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Tönen +entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und +manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest +döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></p> + +<p>Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen; +die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl +etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein +Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im +offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder, +um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich +königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock +heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in +seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose +sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu +welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der +Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges +riesiges Gänseblümchen.</p> + +<p>Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es +ohne jeden argen Spott und Hohn geschah.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn +überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige +Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen +Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß, +von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein +»Swinetrog«.</p> + +<p>Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an +sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste +Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das +ganze Dorf vor Lachen wackelte.</p> + +<p>Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal +vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf +den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand, +daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden +Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das +»ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer +Mimik an:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,</div> + <div class="verse indent0">Is dat Freujahr nöu weer in Swunge?</div> + <div class="verse indent0">Häst 'ne uten Loche locket,</div> + <div class="verse indent0">Häst de 'ne an Haare tocket?</div> + </div> +</div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dat is recht un dat is gaut, —</div> + <div class="verse indent0">Af de Mütze, af den Haut!</div> + <div class="verse indent0">Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte, +worauf der Grabenmüller wiederum anhob:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,</div> + <div class="verse indent0">Is dat Freujahr nöu weer in Swunge,</div> + <div class="verse indent0">Will we ak 'ne Wost<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> ansneggen,</div> + <div class="verse indent0">Sast ak use Meken freggen.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div> + <div class="verse indent0">Kumm herin un dau deck gaut —</div> + <div class="verse indent0">Af de Mütze, af den Haut!</div> + <div class="verse indent0">— Vivat!«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des +Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende, +lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst +gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von +grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und +mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den +gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden +Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien +es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen +zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand +Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an +ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!«</p> + +<p>Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der +Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte, +wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den +besetzten Tisch geführt.</p> + +<p>Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück +Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen +anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den +Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte.</p> + +<p>Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs +neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten +Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das +wußte man ja: wie die Flur zum<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Wachstum der Sonne und des Regens, so +bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen +Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag +der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen +und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles +up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p> + +<p>So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem +Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen +Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll +war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus.</p> + +<p>Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern.</p> + +<p>Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig +es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er +ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß +ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am +Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn +es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war +er schon<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und +putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh' +sie geprickt ist.</p> + +<p>Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte +sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock +und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das +letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten +bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die +purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch +die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste +Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und +Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen +wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und +Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer +gleich und immer vorherrschend war allein — dafür sorgten schon die +Schelmereien der jungen Mädchen — das Gänseblümchen, so daß man +sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen +Gänseblümchen-Heinrich beilegten.</p> + +<p>Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen, +nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen +Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen,<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> wovon +sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der +Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben.</p> + +<p>Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft +emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig! +Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben, +eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und +eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer +nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid +ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen +könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen, +setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor, +daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere +grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und +Freude daran haben konnte.</p> + +<p>Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute +alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend +in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am +herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft, +es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> man +ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein +Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in +die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf, +wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls +nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer +»Slippe«<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren +und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In +gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern, +selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls +zuführte, beschenkt.</p> + +<p>Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden. +Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um +den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl, +obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht +nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf +angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im +Kreise verwenden mochte.</p> + +<p>In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden, +daß Lorenheinrich<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch +immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte.</p> + +<p>Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief +dem andern zu: »Weiß't alle? — Lorenheinrich will't Möhlenhannechen +freggen!«<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> + +<p>Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber +jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot +gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt +an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach: +»Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«</p> + +<p>Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit +gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über +den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen +konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen +schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«.</p> + +<p>Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein +kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich, +Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<p>Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße +aufzog,«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs +Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die +blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die +erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum +nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die +anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne — und der Himmel noch +voller Würste hinge.</p> + +<p>Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige +Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde.</p> + +<p>Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als +zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so +blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über +Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker +Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im +andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu +früh<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen +worden war.</p> + +<p>Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu +schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer. +Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft +schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er +schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen +Rest seiner grimmigen Kälte über ihn — und als etliche Tage später +der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich +zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem +Ausgange, erfroren am Wege gefunden.</p> + +<p>Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen +floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der +Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen, +die je gesehen worden sind.</p> + +<p>Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich +bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie +gebracht werden, wogegen sich indes — zu ihrem Ruhme sei's gesagt +— die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen +ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen,<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> daß ich +mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam +erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand, +den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete!</p> + +<p>Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu +widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und +seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge +zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so +mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen +Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der +einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen +der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden +solle, freilich — diese Einschränkung wurde dennoch gemacht — nur in +einer Ecke des Friedhofes.</p> + +<p>Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben.</p> + +<p>Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge +wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an +bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen +Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die +Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> ungewöhnlich früh erschienen, +als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen.</p> + +<p>Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit +Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im +Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab.</p> + +<p>Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der +wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die +Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte +den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man +auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war +ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern.</p> + +<p>Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich +ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben +hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige +Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück +für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte.</p> + +<p>Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt +worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide +nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens.</p> + +<figure class="figcenter illowe28 padtop3" id="rule-l_9"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<div class="chapter"> + +<p class="s2 p2 center"><b>Wilhelm von Polenz:</b><br> +<span class="s5 center">Zittelgusts Anna.</span></p> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_11"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko"> +</figure> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<p>»Ich bekenne mit Stolz,« sagt <em class="gesperrt">Wilhelm von Polenz</em> von sich, »daß +ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind +meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn +meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf +dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind +auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche +Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse +der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach +vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand +er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff +die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von +1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen +und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im +Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903).</p> + +<p>In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich +deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet +die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung +des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald, +Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust, +Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt +ward der Dichter<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> durch den religiösen Zeitroman »<em class="gesperrt">Der Pfarrer von +Breitendorf</em>« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy +gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem +Roman »<em class="gesperrt">Der Büttnerbauer</em>« (1895), dem vielleicht nur Roseggers +»Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück +hierzu, »<em class="gesperrt">Der Grabenhäger</em>« (1897), bietet viele schöne Züge, +hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen. +— Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh +unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer. +Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er +findet sein Frauenideal in »<em class="gesperrt">Thekla Lüdekind</em>« (1899), spürt den +Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »<em class="gesperrt">Liebe ist ewig</em>« +(1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman +»<em class="gesperrt">Wurzellocker</em>« (1902).</p> + +<p>Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann +er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer +Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet +er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse +psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle +der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner +Personen verständlich zu machen.</p> + +<p class="mleft5">Tonndorf-Lohe,<br> + den 19. November 1904.</p> + +<p class="mright5"><em class="gesperrt">Wilhelm Bube.</em></p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_11"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<h2><b>Zittelgusts Anna.</b></h2> +</div> + +<p>Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo +von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich +neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine +Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und +Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht, +da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige +Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe +ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende +Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen +allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen +zurückgeblieben.</p> + +<p>Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen +sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein +langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn +über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte +fort. Nur im Genick hing ihm von<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> einem Ohr zum anderen ein schmaler +ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht. +Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte +Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den +Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.</p> + +<p>Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den +Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut, +Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften, +ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.</p> + +<p>Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der +muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen +an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete +ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja +Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie +hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig +verschlossen.</p> + +<p>Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln +einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum +Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man +in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde, +das Schiebefenster<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf +hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu +befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten +einzuziehen.</p> + +<p>Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den +Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt. +Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben +müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten; +sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die +beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und +Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins +Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die +Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in +den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst +zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.</p> + +<p>Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war +ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung +stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten +Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen +Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle +Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> ihrem altklugen +Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem +spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien +hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube, +ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein +fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder, +scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.</p> + +<p>Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war +das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt, +von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und +gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter +Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als +vordem.</p> + +<p>Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in +zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von +Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf, +unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß +ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles, +was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis +in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte.</p> + +<p>Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> des Hauswesens an sich. +Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim, +mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck +dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die +übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.</p> + +<p>Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte +dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke. +Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde +Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und +herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen. +Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen +und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift. +Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum +Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und +Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.</p> + +<p>Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die +Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere +Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu +kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle +hatte, da keine Feldarbeit,<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> keine andere Hantierung ihn abzog, brachte +er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine +tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das +Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und +Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War +aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand +sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das +Ganze wieder in Schuß zu bringen.</p> + +<p>In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust +war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit +hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.</p> + +<p>Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller +Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten; +Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie +kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn +geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine +ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.</p> + +<p>Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel +war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine +saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> und +Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte +wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder +Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.</p> + +<p>Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen +Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten. +Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna +war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen +wurde ihr eben leicht.</p> + +<p>Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung +blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen +aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen +ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit +ein Greuel.</p> + +<p>Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die +Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends +ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß, +bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter +auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.</p> + +<p>So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander. +Zittelgust vermißte das verstorbene<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Weib kaum noch; seine Anna +ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein +wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar +nicht anders haben.</p> + +<p>Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der +dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert +haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen +altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, +der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die +Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf +der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die +sein Webstuhl sang.</p> + +<p>Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen, +das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten +können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe +helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich +verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger +Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich +darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.</p> + +<p>Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war +eine Handelsfrau. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit +etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war +ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden +Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie +im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und +Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden +suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis +schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier +an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit +auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch +wenigstens am Leben.</p> + +<p>Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie +stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen, +waren an einem Ostern konfirmiert worden.</p> + +<p>Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel +einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln +ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes, +wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe +des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber +nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und +hungrig von der Reise zurückkehrte,<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> durfte sie sich in dieser Herberge +ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder +die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann +bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.</p> + +<p>Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen +herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht +die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von +den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um +ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte +sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal +die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust +hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene +Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das +Halten einer Zeitung.</p> + +<p>Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer. +Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit +verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen. +Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück, +einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule +waren! — Sie hatte neben ihrem Hausierhandel<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> noch einige kleine +Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten +von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt. +Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang +der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte, +vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos +fand.</p> + +<p>Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede +Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas +Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen +fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht. +Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für +ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser +Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem +sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand +Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas +ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.</p> + +<p>In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem +Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch +daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn +je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> klein. Ihre beiden +Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan, +den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete +eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände +in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn +der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit +anrühren.</p> + +<p>Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu +Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor. +Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der +Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie +anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht +vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und +verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.</p> + +<p>Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte +ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder +ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam. +Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge +schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen — wie +es sich für die Witwe schickt — der Vater schritt unter den Nachbarn.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür +gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse +Zeiten kommen würden.</p> + +<p>Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna +zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand +verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm, +am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den +Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.</p> + +<p>Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun +verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert.</p> + +<p>Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und +eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei +ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb +stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät +die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden +zu sprechen.</p> + +<p>Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er +kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand +lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus, +und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> sich dann hinbegäbe. +Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit +jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.</p> + +<p>Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die +Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um +ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht +und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig +machen!</p> + +<p>Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den +Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief +eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen. +Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein +Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.</p> + +<p>Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren +trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags +frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders +feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von +dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher +nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt +erblickt hatte.</p> + +<p>Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher +Miene auf den Tisch niederlegte.<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Dann rief sie die kleine Anna herbei, +die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses +Aufzuges anstaunend.</p> + +<p>»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was +mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die +Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs +kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der +'s ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie +Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu +ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib +nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«</p> + +<p>Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem +Kleid, das sie geschenkt bekam.</p> + +<p>Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich +doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich +mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein, +das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes +Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.</p> + +<p>Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die +beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren +Zärtlichkeiten stören. Nachmittags<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> unternahmen sie einen Ausflug. Anna +wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.</p> + +<p>Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen. +Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer +eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm — was man einmal mit heiler +Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal +riskieren. — Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der +Leute heraus.</p> + +<p>Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras +wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun, +wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um +war, einen neuen. Und was für einen!</p> + +<p>Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige, +lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch +bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als +Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen +würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert +sein.</p> + +<p>So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal, +wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch +machte! —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> + +<p>Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie +tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.</p> + +<p>Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern +ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn, +der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins +Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu +wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.</p> + +<p>Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während +die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel +keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in +größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft +eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? — Das kostete schweres +Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr, +als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem +womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie +wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der +niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines +Tages davonlaufe.</p> + +<p>Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er +ein Schwächling war,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich +auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann +war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal +hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften +Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in +die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch +seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und +wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in +der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das +Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.</p> + +<p>Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen +Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß +ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.</p> + +<p>Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles +energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren +innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr +wohnen.</p> + +<p>Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre +verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller +Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er.<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Die +Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz +oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens +beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht, +daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.</p> + +<p>Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück +ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen +Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.</p> + +<p>Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll +Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges +Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen +Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war +zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes +Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde +weiter ziehen sollte.</p> + +<p>An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem +Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern +und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es +nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen +sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre +Holzstube war doch viel schöner<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> gewesen, als alles, was die fremde +Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen, +von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.</p> + +<p>Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm +in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der +Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte +klagen dürfen.</p> + +<p>Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie +zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres +Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo +die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte +dann aus ihr werden? —</p> + +<p>Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel, +und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.</p> + +<p>Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm +und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei +man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur +ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum +Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher +nur über die Straße gesprungen war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<p>Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der +Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre +Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.</p> + +<p>Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein, +die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die +eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof +fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und +Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen, +Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos +ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu +spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht +mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne +umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch +besser hinter dem Webstuhle untergebracht.</p> + +<p>Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht. +Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen, +Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch +das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen +wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> sei. +Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich +angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ +es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer +zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.</p> + +<p>Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl. +Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an +aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch +arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel +durchzuschleppen.</p> + +<p>Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die +Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei. +Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und +fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.</p> + +<p>Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der +Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe. +Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand +aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er +hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu +lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.</p> + +<p>Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Frau verreiste. +Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die +schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber +selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus +über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten, +daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in +ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere +gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig +ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau +müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer +beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk, +das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.</p> + +<p>Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber +Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten, +wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in +ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum +Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen +hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust +allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.</p> + +<p>Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> kurzen Tage und langen +Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel, +als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag +manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der +Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im +nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche +waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und +Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen +ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer +Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es +auf sie abgesehen hatten.</p> + +<p>Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das +kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da +mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und +Steg frei zu machen.</p> + +<p>Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am +liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß +Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte +sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame, +Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der +Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> die Aussicht, +zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie +gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor +elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der +Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren +Geschwister holte.</p> + +<p>Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem +sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie +ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna +von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem +kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies +erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde +zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder, +die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft +war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig +sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von +Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.</p> + +<p>Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig +weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht, +beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<p>Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt +antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg, +daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig +zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier +nicht bloß um Verstellung handle.</p> + +<p>Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß +zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der +nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde +Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen +Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße +fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna +in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese +Weise vor aller Welt offenbar werde.</p> + +<p>Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach, +das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man +den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre, +hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern +hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte, +und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde +versucht, Anna mit allerhand<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Kräutern, Einreibungen und Mixturen +wieder auf die Beine zu bringen.</p> + +<p>Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte +eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und +wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus +reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum +mindesten wie Dummheit vor.</p> + +<p>Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten +Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet +dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte +oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten +Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein +sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr +war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! —</p> + +<p>Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu +lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu +bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie +eine böse Stiefmutter zu nennen.</p> + +<p>Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine +Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<p>Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter +zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen +die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte +der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so +unvernünftig gewesen.</p> + +<p>Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen +waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen. +Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten +Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine +Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.</p> + +<p>Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr +Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm +liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies +und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war, +als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren +und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.</p> + +<p>Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie +stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein +gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich +zu nehmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von +der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch +welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer +hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte +den Vater haben.</p> + +<p>Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe. +Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte +Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur +letzten Reise anschicken.</p> + +<p>Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines +festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will +sterben.«</p> + +<p>Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn +mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es +sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.</p> + +<p>Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte +ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu +weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt +besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte. +Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon +verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten +Kampfe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als +über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er +nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger +als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und +'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« —</p> + +<p>Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch +verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust +bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch +Zeichen — sprechen konnte sie schon nicht mehr — daß er sich an den +Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken.</p> + +<p>Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das +Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und +schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p> + +<p>Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen +Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße +Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag +nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.</p> + +<p>Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so +entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_12"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + + +<figure class="figcenter illowe4 padtop3 padbot3" id="signet-001_5"> + <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet"> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_13"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p class="s2 p2 center"><b>Rudolf Greinz:</b><br> +<span class="s5 center">Simerls guter Tag.</span></p><br> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_13"> + <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt=""> +</figure> + +<p>Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August +1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und +schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887 +nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen, +und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu +widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch, +da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für +Jahr auf einige Zeit zurückkehrt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige +Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer +Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen +erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den +Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler +Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von +bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann +er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick +in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden +Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B. +»Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten +unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber +noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste +Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller +Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die +wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind, +liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der +auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen +der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu +betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen +Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die +Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der +Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige +»Bauernbibel«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig, +wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften +gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung +Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch +mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer +Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht +uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter +zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer +mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls +guter Tag« geschieht.</p> + +<p class="right"><em class="gesperrt">Karl Bienenstein.</em></p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_14"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<h2><b>Simerls guter Tag</b></h2> +</div> + +<p>Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse +schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben +gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich +über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre +wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen.</p> + +<p>Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und +vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache +Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie +»übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon +längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen +sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja +schließlich noch gern aufgekommen.</p> + +<p>Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht. +Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und +kam<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder +gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als +»Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und +trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit +gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun +wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht +reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl +unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut +daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der +Simerl schon immer gewesen.</p> + +<p>Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts +übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es +nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für +einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch +nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze +Welt »ausgetorkelt«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> sei.</p> + +<p>Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts +Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er +nützte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was +zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« — meinte selbst +der hochwürdige Herr Pfarrer — »nachher hat die ganze Welt an Vorteil +davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg +is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!«</p> + +<p>Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel« +ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch +immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder +etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Schnaps« +zusammengebettelt hatte.</p> + +<p>Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte +gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht +verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit +mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> bist, +nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige +Seel' — und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst +hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> +— aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib' +nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln +lassen!«</p> + +<p>Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst +von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen +des Unterinntals begann es langsam aper zu werden<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Weiße Ostern +waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises +Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich +regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren +ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ...</p> + +<p>Die »herrischen Stadtfrack«<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> haben manchmal sonderbare Einfälle. So +kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl +direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen +Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den +Bergen herumzukraxeln.</p> + +<p>Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden +fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung +seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> vor allem Ruhe und +»Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus.</p> + +<p>»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's +halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr +nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's +schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn +dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.«</p> + +<p>Der Maler hielt sich die Seiten vor Lachen, da er seine »Stimmung« +plötzlich unter die ländliche Speisekarte versetzt sah. Warum mußte +er auch in den hintersten, von Fremden wenig aufgesuchten Winkel +des Zillertales flüchten! In einer der vorderen Gemeinden wäre er +vielleicht eher verstanden worden. Die Kreuzwirtin nahm schier +beleidigt Reißaus und stellte eine halbe Stunde später aufs Geratewohl +dem Fremden einen appetitlichen Schöpsenbraten mit beigelegten +Kartoffeln und eine Halbe »Reatel«<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> auf den Tisch.</p> + +<p>Daß der Eindringling kein gewöhnlicher »Tuifelemaler«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> sei, das +schlossen die Dorfbewohner namentlich aus zwei Umständen. Einmal malte +er gleich am nächsten Tag den alten Hennenstall beim Kreuzwirt ab. Und +den konnte er unmöglich auf einem<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> »Marterl« brauchen. Dann zahlte er +dem Feuchtenbauer für eine uralte Truhe, die man schon längst auf den +Estrich gestellt hatte, einen blanken Fünfer.</p> + +<p>Wenn dieser letztere Umstand schon manchen an dem gesunden Verstand +des Fremden zweifeln machte, so war man allgemein davon überzeugt, daß +er »a Raderl z' viel oder z' wenig im Oberstüberl« haben müsse, als er +sich den Simerl zum Kreuzwirt bestellte, um ihn abzumalen.</p> + +<p>Der Armenvater hatte dem Simerl eigens ein Sonntagsgewand geliehen, +damit er nicht gar so »zerschlampt«<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> wäre, wenn er dem fremden Herrn +seine Aufwartung mache. Da waren aber der Armenvater und der Simerl +gleich schlecht drangekommen. Der Maler schickte den Armenhäusler +sofort wieder heim, daß er sich umziehe — und der Simerl mußte trotz +des energischen Einspruches der Kreuzwirtin schließlich doch in seinem +»G'schlamp« erscheinen.</p> + +<p>So wurde er gemalt — nicht ohne daß er sich's von dem »Herrischen« +zuvor ausbedungen hätte: auf ein »Marterl« dürfe er nicht hinaufkommen, +weil sonst die Leut' »grad' wieder überflüssig z' reden hätten, daß +si der Simerl no früher sei Marterl hab' malen lassen, bevor ihn der +Teufel g'holt hätt'!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<p>Als die Sitzung vorbei war, drückte der »Herrische« dem Simerl ein +blankes Guldenstück in die Hand. Der Simerl glaubte zuerst seinen Augen +nicht trauen zu dürfen und meinte, der Maler wolle ihn nur »für an +Narren« haben. Seine kühnsten Hoffnungen hatten sich höchstens zu »an +Glaserl Wein« verstiegen. Und jetzt gar ein ganzer Gulden! So viel Geld +hatte der Simerl seit Jahr und Tag nicht mehr sein eigen genannt.</p> + +<p>Es war ihm völlig unheimlich zu Mute, da er von dem Fremden sich +verabschiedete. Als er die Tür schon längst hinter sich geschlossen +hatte, bedankte er sich noch die ganze Stiege hinunter bis vor die +Haustür hinaus: »Vergelt's Gott z' tausendmal! Vergelt's Gott z' +tausendmal in Himmel aufi und no hundert Jahr' nach der Ewigkeit!«</p> + +<p>Als der Simerl ins Freie trat, schien ihm der Himmel voller Baßgeigen +zu hängen. Am liebsten war es ihm, daß niemand von seinem Schatz wußte. +Er umklammerte den Silbergulden im Sack krampfhaft mit der Hand und +schmiedete auf dem Heimweg die abenteuerlichsten Pläne.</p> + +<p>Er hatte schon genau ausgerechnet, wie viele »Packerln Ordinari«<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> +er für das Geld bekäme, wie viele »Stamperln« Schnaps und wie viele<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> +»Viertelen« Wein. Nur war er sich noch nicht darüber im klaren, in +welcher Ware das Kapital eigentlich am besten angelegt werden solle.</p> + +<p>Endlich beschloß er, sich ganz auf eigne Faust einen »guten Tag« zu +machen, so recht einen Festtag nach dem jahrelangen Leben im Armenhaus, +wo es an den Werktagen nichts gab als Brennsuppe und Erdäpfel und am +Sonntag Erdäpfel und Brennsuppe.</p> + +<p>Unter Tags war der Simerl ganz verloren. Er rechnete fortwährend an +seinem »guten Tag«. In der Nacht konnte er kein Auge zutun, da er +in den kühnsten Phantasieen befangen war. Die größte Rolle spielte +ein gebackenes Kälbernes mit Salat. Das hatte der Simerl vor zwanzig +Jahren einmal bei einem Firstenfest gegessen, als der Dachfirst eines +neugebauten Hauses vollendet und mit bunten Fähnlein geziert war, und +man den Baumeister und den Hausherrn hochleben ließ.</p> + +<p>So war es Ostersamstag geworden. Der Simerl hatte einen festen Plan +gefaßt. Seinen guten Tag wollte er gleich heute feiern. Das Geld im +Sack schrie ordentlich danach. Aber seiner Heimatsgemeinde wollte er +durchaus nicht die Ehre antun, den Gulden dort zu »verblasen«.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> +Da hätte er ihn zur<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Kreuzwirtin tragen müssen, weil in dem kleinen +Dorfe kein andres Wirtshaus war. Der Kreuzwirtin wollte der Simerl die +große Einnahme jedoch nicht vergönnen; denn die war als geizig weit +und breit verschrieen und hatte ihm nie das geringste umsonst zukommen +lassen. Nicht einmal einen »Bierputzer«<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> hatte sie dem Simerl jemals +aufgekreidet.</p> + +<p>So beschloß der Simerl, mit seinem Schatz auszuwandern. Aber wohin? +Seine Wahl fiel auf Zell am Ziller. In dem dortigen stattlichen +Löwenwirtshaus hatte man ihn vor Jahren einmal umsonst über Nacht +behalten und ihm sogar noch ein warmes Abendessen dazu geschenkt. Dort +sollte also in dankbarer Erinnerung auch der gute Tag gefeiert werden.</p> + +<p>Zu Mittag blieb der Simerl noch im Armenhaus; denn es fiel ihm nicht im +Schlaf ein, der Gemeinde eine ganze Portion Brennsuppe und »Erdäpfel +in der Montur« zu schenken. Um so besser sollte es ihm dann in Zell +schmecken.</p> + +<p>Nach dem Mittagessen machte sich der Simerl verstohlen auf den Weg. Es +war ein düsterer, kalter Tag draußen. Der ganze Himmel war mit grauen +Schneewolken bedeckt. Das verdroß aber den Simerl wenig. Mochte der +Himmel seinetwegen<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> das verdrießlichste Gesicht dazu schneiden! Ihm +sollte er den heutigen Tag nicht verbittern!</p> + +<p>Es war spät am Nachmittag geworden und die Dämmerung bereits +eingetreten, als der Simerl, der für sein Alter noch ziemlich rüstig +ausschritt, beim »Löwen« in Zell anlangte. Die Bauern kamen eben von +der Kirche, wo die Auferstehungsfeier gerade vorüber war.</p> + +<p>Der Simerl trat im Vollbewußtsein seiner Zahlungsfähigkeit in die +Wirtsstube, die sich von Minute zu Minute mehr füllte.</p> + +<p>»Kellnerin, a Halbe Wein, aber an guaten, nit etwa a G'süff!«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> +klopfte er auf den Tisch.</p> + +<p>»Schau! daß er für di vielleicht nit guat g'nuag is!« gab ihm die +Kellnerin, ein schneidiges Unterinntaler Diandl, zurück.</p> + +<p>»Glaubst vielleicht, i hab' koa Geld im Sack!« drehte der Simerl +auf. »I bin nit auf der Brennsuppen daherg'schwommen!<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> I kann's +beim Kreuzer zahlen auch, was i mir anschaff'!« Dabei warf er den +Silbergulden auf den Tisch, daß es nur so klingelte, schob ihn aber +gleich darauf wieder ängstlich und hastig in den Sack.</p> + +<p>»Ja, was willst denn nachher für an Wein?« fragte die Kellnerin ganz +zutunlich. »Soll i dir vielleicht gar an Spezial bringen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> + +<p>»Natürlich an Spezial!« entschied der Simerl.</p> + +<p>»Heut' gibst du's amal nobel!« ließ ihn ein Bauer an seinem Tisch an, +der den Simerl gut kannte. »Hast am End' gar an Haupttreffer in der +Lotterie g'macht?«</p> + +<p>»Man kann's nit wissen,« schmunzelte der Alte ganz verschmitzt und +schenkte sich seelenvergnügt von dem Wein ins Glas, den die Kellnerin +inzwischen gebracht hatte.</p> + +<p>An dem Tisch des Simerl hatte sich bald eine größere Gesellschaft +zusammengefunden. Der Bekannte des Armenhäuslers, ein wohlhabender +Bauer, der auch eine große Brettersäge besaß, meinte: »Mir scheint, es +is nit viel Aussicht vorhanden, daß i mit dir amal a G'schäft mach'!«</p> + +<p>»Aha, du meinst, wenn amal a Totentruchen für mi b'stellt werden muß!« +lachte der Simerl. »Du, da mach dir ja koa Hoffnung nit drauf! 's Leben +g'freut mi von Tag zu Tag mehr. I glaub' völlig, i bleib' auf der Welt +übrig, damit wer da is, der enkre Geldsäck' zählt!«</p> + +<p>So gab eine neckische Rede die andre. Es war inzwischen Nacht geworden. +Der Simerl hatte bereits eine riesige Portion gebackenes Kälbernes +samt einer Schüssel voll Krautsalat bewältigt und schon die zweite +Halbe Wein vor sich stehen. Das ungewohnte Getränk begann ihm gewaltig +gegen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> den Kopf zu steigen. Er wurde »kreuzfidel« und kramte allerhand +»Trutzg'sangerln« aus, so daß die ganze Stube ihre Unterhaltung mit dem +Alten hatte.</p> + +<p>Endlich machte man noch ein »Karterle«,<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> einen ordentlichen +»Perlagger«,<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> bei dem der Simerl dem Sagschneider eine ganze Halbe +Wein abgewann. Als er auf diese Weise die dritte Halbe in Angriff nahm, +begann es ihm vor den Augen schier etwas »damisch« zu werden.</p> + +<p>Draußen schneite es, was es nur vom Himmel herunterbrachte. Man hätte +glauben können, morgen sei Weihnachten statt Ostersonntag. Dafür war es +in der geräumigen Wirtsstube um so gemütlicher. Die Wirtin hatte in dem +großen Kachelofen tüchtig »eingekentet«<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> und setzte sich zu ihren +Gästen an den Tisch. Die meisten Bauern waren schon heimgegangen. Nur +die »Karter« saßen mit dem Simerl noch wie angenagelt zusammen.</p> + +<p>Der Simerl gewann einem andern Bauern noch eine weitere Halbe Wein ab. +Wein habe er aber jetzt genug, meinte er. Es wäre ihm lieber, wenn +sein Gewinn in Schnaps umgewechselt würde. »Aber a guater muß 's sein! +Mindestens a Kranewitter!«</p> + +<p>Auf diese Weise war es schon fast Mitternacht geworden. Die +Perlaggerpartie war auch zu Ende.<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Einer nach dem andern verabschiedete +sich. Auch der Sagschneider schickte sich heimwärts. Schließlich war +der Simerl mit der Wirtin und mit der Kellnerin, die in einer Ecke +»napfezte«,<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> allein in der Stube.</p> + +<p>»So, iatz is 's auch Zeit, daß i mi hoamzapf'!«<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> sagte er. +»Kellnerin, zahlen!«</p> + +<p>Zu seiner großen und freudigen Überraschung erfuhr er jedoch, daß der +Sagschneider bereits seine ganze Zeche berichtigt hatte. »Es gibt do no +guate Leut' auf der Welt!« erklärte der Simerl gerührt und erhob sich +von seinem Stuhl, um die Stubentür zu suchen.</p> + +<p>Mit den Worten: »Du wirst do nit bei dem grauslichen Wetter no so an +weiten Weg machen wollen!« suchte ihn die Löwenwirtin zurückzuhalten. +»Du kannst ja bei uns übernachten!«</p> + +<p>»Dös ging' mir ab!« rief der Simerl lustig. »I muß schaun, daß i vor +Tagsanbruch hoamlich in mei' Armenkeuschen<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> z'ruckkomm'! Wenn dö +mi in der Fruah nit finden, laßt mi der Vorsteher am End' gar durch'n +Nachtwachter austrommeln, ob niamand an Simerl g'funden hat, weil sie +mi alle mitanander zum Fressen gern haben!«</p> + +<p>Sprach's und war bei der Tür draußen. Im<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Anfang wollte es mit dem +Gehwerk nicht sonderlich gelingen. Der Simerl hatte entschieden zu viel +aufgeladen. Bevor er das Ende des Dorfes erreichte, purzelte er einige +Male in den weichen Schnee, raffte sich aber immer wieder energisch +empor. Es war ihm ganz glückselig zu Mute. Einen prächtigen Tag hatte +er gehabt und dabei keinen Kreuzer Geld gebraucht! Was wollte er noch +mehr? Den ganzen Gulden trug er noch im Sack!</p> + +<p>Holdrioh! Ein heller Juchzer entrang sich der Kehle des Alten. Das war +ja heute ein Leben wie im Himmel.</p> + +<p>Zu schneien hatte es aufgehört, aber eisig pfiff der Wind von den +Fernern. Den Simerl begann es ordentlich zu frieren. Dabei wurde er +aber nüchtern und verfolgte ziemlich stetig seinen Weg. Gegen vier +Stunden mochte er so im Schnee dahingewatet sein, als er aus der Ferne +schon die Umrisse seines Dorfes auftauchen sah.</p> + +<p>Jetzt könnte er wohl ein wenig rasten, dachte sich der Simerl, denn +er war »hundsmüd'« geworden. Er hatte gerade eine kleine Waldblöße +passiert und ließ sich auf einen beschneiten Baumstrunk nieder. Das +tat ihm wohl. Er begann ordentlich »auszuschnaufen« von dem weiten +Weg. Und kalt war ihm auch lange nicht mehr so. Ein wahres Gefühl<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> der +Behaglichkeit war über seine »zerlatterten«<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> Knochen gekommen.</p> + +<p>Da klang es dem Simerl, als ob aus dem Dorf herauf Glockengeläute +zu ihm geflogen käme. »Jessas!« dachte er. »Läuten sie gar schon +zur Fruahmess'! da mag i schaun, daß i hoamkomm'! Sonst setzt's an +Eselssturm ab!«</p> + +<p>Er öffnete mühsam die Augen. Die ganze Gegend kam ihm völlig »spanisch« +vor. Wenn man ihn auf der Stelle erschlagen hätte, er würde es nicht +gewußt haben, ob es noch Nacht oder schon heller Tag sei. Von dem Wald +ihm gegenüber ging ein großmächtiger lichter Schein aus, der immer +näher auf ihn zukam. Dem Simerl wurde immer ängstlicher zu Mute. Er +wäre am liebsten davongelaufen, wenn er von dem Baumstrunk losgekonnt +hätte.</p> + +<p>Jetzt vermochte er in dem Lichtschein die Gestalt eines großen Mannes +zu unterscheiden, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging. Nun +stand der Fremde vor ihm. Er trug ein weißes Gewand, das ihm bis an +die Knöchel reichte. Unten schien dem Simerl ein goldener Saum um das +Gewand zu laufen. Ein wallender Bart und langes, auf die Schultern +niederfallendes Haar umrahmten Antlitz und Haupt des Mannes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Der Simerl erhob sich jetzt und küßte dem Fremden die Hand. »Gelobt sei +Jesus Christus!« murmelte er zitternd.</p> + +<p>»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Fremde mit einer klaren Stimme. +Und wieder war es, als ob vom Tale herauf ein gewaltiger Glockenklang +dränge und mächtig anschwellend die ganze Welt erfüllte.</p> + +<p>»Ihr seid's wohl a hochwürdiger Herr?« wagte der Simerl die schüchterne +Frage.</p> + +<p>»Ich bin dein Herr!« erwiderte der Fremde schlicht.</p> + +<p>»Ihr seid's wohl nit von da daheim?« fragte der Alte wieder. »Wia +kommt's denn in dö Gegend?«</p> + +<p>»Ich bin von den Toten auferstanden und bringe dir den Frieden« ließ +sich die Stimme des Fremden vernehmen, dessen Gestalt unter den +Waldbäumen zu wachsen schien ins Unendliche.</p> + +<p>Ein heftiges Zittern befiel den Armenhäusler. Er sank auf die Kniee +und streckte die Hände flehend zu der lichten Gestalt vor ihm empor. +»Mein Gott! Mein Gott!« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor. +»Nachher seid's Ihr ja unser Herr selber! Und i hab' die Fruahmess' +versäumt! Und statt z' beten, bin i im Wirtshaus g'hockt! I bin do +recht a elendiger Mensch!« Der Simerl brach in ein bitterliches Weinen +aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> + +<p>Da faßte ihn der Fremde an der Hand und zog ihn empor und sprach zu +ihm, daß es der Alte fassen konnte: »Simerl, sei nicht verzagt. Deinen +guten Tag auf der Welt hast du eingebracht. Willst du jetzt nicht mit +mir kommen?«</p> + +<p>»Unser lieber Herr und Gott! Ihr wollt's mi mitnehmen, mi tadelhaftigen +Menschen! So guat seid's mit mir — und i weiß nit, wia i's verdian'!« +schluchzte der Alte. »I bin ja nia was g'wesen und hab' ja nia was +ausg'richt't auf derer Welt herunten! I bin ja meiner Lebtag' grad' so +a verlornes Schaf g'wesen!«</p> + +<p>»Ich bin der gute Hirt! Und die Letzten werden die Ersten sein!« +ertönte da wieder die Stimme des Fremden. Der Alte ging mit gesenktem +Haupt mit. Es war ihm so friedlich und still im Herzen geworden. So +gut und so feierlich hatte sein ganzes Leben lang noch niemand zu ihm +gesprochen.</p> + +<p>Und sie wanderten den Berg aufwärts — ins Unendliche — viel weiter, +als Menschenfüße tragen — drunten im Dorf aber läutete es zur Wandlung +bei der Frühmesse am Ostersonntag. — —</p> + +<p>Ausgetrommelt haben sie den Simerl nicht, als man ihn nicht mehr im +Armenhaus traf. Aber schon am Vormittag des Ostersonntags fand man ihn +tot am Waldrand droben. Der herbeigeholte Gemeindearzt von Fügen im +Zillertal konstatierte<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> einen Herzschlag. Der fremde Maler war auch +dabei, als man den alten Armenhäusler brachte.</p> + +<p>Da man den Silbergulden beim Simerl fand, meinte einer: »Dös is grad' a +Trinkgeld für'n Totengräber!«</p> + +<p>»Nix da!« entschied der Armenvater. »Dafür lassen wir dem Simerl a +Mess' lesen! Er wird's notwendig g'nuag brauchen können!«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_15"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + + +<figure class="figcenter illowe4 padtop3 padbot3 " id="signet-001_3"> + <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet"> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_16"> + <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko"> +</figure> + +<p class="p2 center">Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.</p><br> + + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Ein besonderes Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten neben +dem Hause.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Bringst du uns auch ein gutes Frühjahr mit?</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lorenheinrich, du lieber Junge,</div> + <div class="verse indent0">Ist der Frühling nun wieder im Schwunge?</div> + <div class="verse indent0">Hast ihn aus dem Loch gelocket,</div> + <div class="verse indent0">Hast du ihn am Haar gezogen?</div> + <div class="verse indent0">Das ist recht und das ist gut.</div> + <div class="verse indent0">Ab die Mütze, ab den Hut!</div> + <div class="verse indent0">Vivat, daß der hohe Hagen wackelt.</div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Wurst.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Sollst auch unser Mädchen freien.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Iß nur alles auf, daß 's auch ein gut Frühjahr gibt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> »Slippe« — an den Zipfeln aufgenommene Schürze.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Weißt du's schon? Lorenheinrich will's Mühlhannchen +freien.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> »Use Wost hät de Feute uppetogen,« pflegte eine meiner +bäuerlichen Großmütter aus der Sollinger Waldgegend zu sagen, wenn die +Würste auf der Rauchkammer zur Neige gingen und darum geschont werden +mußten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> durchschlendert.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Gläschen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> still.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> aufzutauen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Stadtleute.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Rotwein.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Ländlicher Marterl-(Votivtafel-)Maler.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> zerlumpt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Päckchen ordinären Rauchtabaks.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> verbrauchen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Bierschnaps.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Schlechtes Getränk.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> <em class="gesperrt">D. h. ich bin wer!</em></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Kartenspiel.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Tiroler Kartenspiel.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> eingeheizt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> einnickte.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> heimmache.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Armenhaus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> ermüdeten.</p> + +</div> +</div> + + +<h2>Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.</h2> + +<div class="image-left"> + <img src="images/signet-002.png" width="37" height="55" alt="signet"> + +<p class="s5 p0">F 1506b X 10:<br> +100.000</p> +</div> + +<p>Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß +aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden +Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des +deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der +schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt +sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken +sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher. +Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.</p> + +<p>Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen +»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000 +Exemplare.</p> + +<p>Abzüge des <em class="gesperrt">Werbeblatts</em>, des letzten Jahresberichts, auch des +Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen +Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich +übersandt.</p> + +<p>Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. <em class="gesperrt">Für +Beiträge von 2 Mk.</em> an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines +Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung.</p><br> + + +<p class="s2 center">Gute und billige Bücher</p> + +<p>Unter den mancherlei billigen Sammlungen, die in den letzten Jahren +zur Verbreitung guter Literatur geschaffen wurden, zeichnen sich die +Bücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung durch sorgfältige +literarische Auswahl und ausgezeichnete Ausstattung aus: holzfreies +Papier, schönen und großen Druck, abwaschbaren, geschmackvollen +Einband. Diese Eigenschaften haben in Verbindung mit dem äußerst +billigen Preise den beiden Sammlungen der Stiftung schnell große +Verbreitung verschafft.</p><br> + +<div class="blockquot"> + +<p>Bisher sind erschienen:</p> +</div> + +<p class="s2 center">Hausbücherei</p> + +<p class="center">(gebunden, jeder Band 1 Mark)</p> + + +<div class="hang"> + +<p>Bd. 1. <em class="gesperrt">Heinrich von Kleist</em>: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists. +7 Vollbilder von Ernst Liebermann. Einleitung von <em class="antiqua">Dr.</em> Ernst +Schultz. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 170 S.</p> + +<p>Bd. 2. <em class="gesperrt">Goethe</em>: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes. +Einleitung v. <em class="antiqua">Dr.</em> W. Bode. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 178 S.</p> + +<p>Bd. 3. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em><em class="antiqua">1. Bd.</em>: Ausgew. +humor. Erzählungen v. P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A. +Roderich. <em class="antiqua">40.-45. Taus.</em> 221 S.</p> + +<p>Bd. 4. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em>: Cl. Brentano, +E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. <em class="antiqua">20.-25. Taus.</em> 222 S.</p> + +<p>Bd. 5. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em><em class="antiqua">3. Bd.</em>: Hans +Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. <em class="antiqua">30.-35. T.</em> 196 S.</p> + +<p>Bd. 6/7. <em class="gesperrt">Balladenbuch.</em> <em class="antiqua">1. Bd.</em>: Neuere Dichter. +<em class="antiqua">16.-20. T.</em> 498 S. 2 Mark.</p> + +<p>Bd. 8. <em class="gesperrt">Herm. Kurz</em>: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung. +Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 209 S.</p> + +<p>Bd. 9. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">1. Bd.</em>: C. F. Meyer, E. +v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. <em class="antiqua">26.-35. Taus.</em> 194 S.</p> + +<p>Bd. 10. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em> (Dorfgeschichten): +E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. <em class="antiqua">16.-20. T.</em> 199 S.</p> + +<p>Bd. 11. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel. +v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. <em class="antiqua">6.-10. T.</em> 230 S.</p> + +<p>Bd. 12/13. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E. +Kühnemann. Mit 2 Bildern Schillers. 2 Bände in 1 Bande. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> +226 u. 302 S. 2 Mark.</p> + +<p>Bd. 14. <em class="gesperrt">Novellenbuch</em> <em class="antiqua">3. Bd.</em> (Geschichten +aus deutscher Vorzeit): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff. +<em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 246 S.</p> + +<p>Bd. 15. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">4. Bd.</em> (Seegeschichten): +Joachim Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck, +Johs. Wilda. <em class="antiqua">16.-20. Taus.</em> 179 S.</p> + +<p>Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen <em class="gesperrt">Eduard Mörikes</em>. Herausgeg. +u. eingel. v. <em class="antiqua">Dr.</em> J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u. Silhouette +Mörikes. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 235 S.</p> + +<p>Bd. 17. <em class="gesperrt">Heine-Buch.</em> Eine Auswahl aus Heinrich Heines +Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild +Heines. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 203 S.</p> + +<p>Bd. 18 u. 19. <em class="gesperrt">Goethes</em> ausgewählte Briefe. Herausgeg. u. eingel. +v. <em class="antiqua">Dr.</em> Wilh. Bode-Weimar. Mit Bildern Goethes. 2 Bände. + <em class="antiqua">11.-15. Taus.</em> 169 u. 197 S.</p> + +<p>Bd. 20/21. <em class="gesperrt">Deutsches Weihnachtsbuch.</em> Eine Sammlung der +schönsten u. beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa. + <em class="antiqua">16.-20. Taus.</em> 413 S. 2 Mark.</p> + +<p>Bd. 22. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">5. Bd.</em> (Frauennovellen): +Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney, Lou Andreas-Salomé, M. R. Fischer. + <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 198 Seiten.</p> + +<p>23. Novellenbuch. <em class="antiqua">6. Band.</em> (Kindheitsgeschichten): A. +Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, A. +Bayersdorfer, Ch. Riese, Th. Mann. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 199 S.</p> + +<p>Bd. 24. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">7. Bd.</em> (Kriegsgeschichten): +Carl Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v. +Liliencron, Th. Fontane. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 177 S.</p> + +<p>Bd. 25/26. <em class="gesperrt">Balladenbuch.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em>: Ältere Dichter. + <em class="antiqua">6.-10. T.</em> 518 S. 2 Mark.</p> + +<p>Bd. 27. <em class="gesperrt">Karl Immermann</em>: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons. +Herausgeg. u. eingeleitet von <em class="antiqua">Dr.</em> Wilhelm Bode-Weimar. Mit Bild +Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 171 +Seiten.</p> + +<p>Bd. 28. <em class="gesperrt">Martin Luther als deutscher Klassiker</em>, nebst einer +Einführung von <em class="antiqua">Dr.</em> Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176 Seiten. +<em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p> + +<p>Bd. 29/30. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">4. und 5. Bd.</em> +(Humoristische Gedichte.) 351 Seiten. 2 Mark. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p> + +<p>Bd. 31. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">6. Bd.</em>: E. Th. A. +Hoffmann, B. v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F. +Urban, Ludw. Thoma. 160 S. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em></p> + +<p>Bd. 32. <em class="gesperrt">Max Eyth</em>: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung). +Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und Einleitung von +<em class="antiqua">Dr.</em> C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p> + +<p>Bd. 33. <em class="gesperrt">Ludwig Uhland</em>: Ausgewählte Balladen und Romanzen. +Mit Einleitung von K. Küchler, Altona, und Illustrationen von H. +Schroedter, Karlsruhe. 160 S.</p> + +<p>Bd. 34. <em class="gesperrt">J. J. David</em>: Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. Mit +Einleitung von A. v. Weilen und Bild Davids. 146 S.</p> + +<p>Bd. 35. <em class="gesperrt">Ludwig Finckh</em>: Rapunzel. Mit Bild L. Finckhs und +Einleitung von M. Lang. 159 S.</p> + +<p>Bd. 36. <em class="gesperrt">Grethe Auer</em>: Marraksch. Mit Bild Gr. Auers und +Einleitung von <em class="antiqua">Dr.</em> H. Bloesch. 192 S.</p><br> +</div> + +<p class="s3 center">Geschenkausgaben</p> + +<p><em class="gesperrt">in prächtigem, biegsamem Einband</em> mit Goldschnitt sind <em class="gesperrt">zum +Preise von je 4 Mark</em> hergestellt von:</p> + +<div class="blockquot"> +<ol> +<li>Bd. 6/7 (rot, Ganzleder)</li> +<li>Bd. 12/13 (grün, Ganzleder)</li> +<li>Bd. 18/19 (grau, Ganzleder)</li> +<li>Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid)</li> +<li>Bd. 25/26 (rot, Ganzleder)</li> +<li>Bd. 29/30 (rot, Ganzleder).</li> +</ol> +</div> + +<p><em>Schillerbuch</em>, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke, +Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. 346 S.<br> <em class="antiqua">21.-30. T.</em> +Geb. 1 M.</p> + +<p class="s2 center">Volksbücher.</p> + +<div class="hang"> + +<p>Heft 1. 50 Gedichte v. <em class="gesperrt">Goethe</em>. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. +<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 2. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Tell. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 19 S. Geh. 30, +geb. 60 Pf.</p> + +<p>Heft 3. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Balladen. <em class="antiqua">31.-40. T.</em> 108 S. +Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 4. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S. +Geh. 30, geb. 60 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 5. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. +<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p><em>Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark.</em> <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 6. <em class="gesperrt">Brentano</em>: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem +schönen Annerl. Ill. v. W. Schulz. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. +<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 7. E. Th. A. <em class="gesperrt">Hoffmann</em>: Das Fräulein von Scuderi. 113 S. +Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 8. <em class="gesperrt">Fr. Halm</em>: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v. +H. Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 9. <em class="gesperrt">Fritz Reuter</em>: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh. +15, geb. 40 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 10. <em class="gesperrt">Max Eyth</em>: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann. + <em class="antiqua">21.-30. T.</em> 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 11. <em class="gesperrt">Marie von Ebner-Eschenbach</em>: Die Freiherren von +Gemperlein. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 12. <em class="gesperrt">Wilhelm Jensen</em>: Über der Heide. + <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 127 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p> + +<p>Heft 13. <em class="gesperrt">Ernst Wichert</em>: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60 +Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 14. <em class="gesperrt">Levin Schücking</em>: Die drei Großmächte. Illustr. v. H. +Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 15. <em class="gesperrt">Ludwig Anzengruber</em>: Der Erbonkel u. andere +Geschichten. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p> + +<p>Heft 16. <em class="gesperrt">Helene Böhlau</em>: Kußwirkungen. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> +68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 17. <em class="gesperrt">Ilse Frapan-Akunian</em>: Die Last. + <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 87 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p> + +<p>Heft 18. H. v. <em class="gesperrt">Kleist</em>: Die Verlobung in St. Domingo. Das +Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.</p> + +<p>Heft 19. <em class="gesperrt">Peter Rosegger</em>: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S. +Geh. 30, geb. 60 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 20. <em class="gesperrt">Ernst Zahn</em>: Die Mutter. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 66 S. +Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 21. E. J. <em class="gesperrt">Groth</em>: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v. +Gg. O. Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p> + +<p>Heft 22. A. <em class="gesperrt">Schmitthenner</em>: Die Frühglocke. Mit Illustr. v. +Wilh. Schulz. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 23. G. <em class="gesperrt">Freytag</em>: Karl d. Große. — Friedrich Barbarossa. +Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55 +Pf.</p> + +<p>Heft 24. <em class="gesperrt">Fr. Spielhagen</em>: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th. +Herrmann. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf.</p> + +<p>Heft 25. <em class="gesperrt">St. v. Kotze</em>: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh. +25, geb. 55 Pf.</p> + +<p>Heft 26. <em class="gesperrt">Paul Heyse</em>: Andrea Delfin. 186 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.</p> + +<p>Heft 27. H. <em class="gesperrt">Villinger</em>: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v. +H. Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p> + +<p>Heft 28. <em class="gesperrt">Otto Ludwig</em>: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H. +Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p> + +<p>Heft 29. <em class="gesperrt">Richard Huldschiner</em>: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H. +Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark.</p> + +<p>Heft 30. <em class="gesperrt">Franz Grillparzer</em>: Weh dem, der lügt! 132 S. Geh. 25, +geb. 55 Pf.</p> +</div> + +<hr class="full"> + +<p class="s5 center">Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.<br> +</p> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75633-h/images/cover.jpg b/75633-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..23b3e6c --- /dev/null +++ b/75633-h/images/cover.jpg diff --git a/75633-h/images/rule-l.png b/75633-h/images/rule-l.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..49a6225 --- /dev/null +++ b/75633-h/images/rule-l.png diff --git a/75633-h/images/rule-s.png b/75633-h/images/rule-s.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cffaa54 --- /dev/null +++ b/75633-h/images/rule-s.png diff --git a/75633-h/images/signet-001.png b/75633-h/images/signet-001.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b65d382 --- /dev/null +++ b/75633-h/images/signet-001.png diff --git a/75633-h/images/signet-002.png b/75633-h/images/signet-002.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7837f81 --- /dev/null +++ b/75633-h/images/signet-002.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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