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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-16 09:21:11 -0700
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@@ -0,0 +1,5088 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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+=======================================================================
+
+
+
+
+ Hausbücherei
+
+ 10
+
+
+
+
+ Hausbücherei
+
+ der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
+
+ 10. Band
+
+ [Illustration]
+
+ Hamburg-Großborstel
+ Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
+ 1910
+
+ 21.-30. Tausend
+
+
+
+
+ Novellenbuch
+
+ 2. Band
+ Dorfgeschichten
+
+ Ernst Wichert, Heinrich Sohnrey
+ Wilhelm v. Polenz, Rudolf Greinz
+
+ [Illustration]
+
+ Hamburg-Großborstel
+ Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
+ 1910
+
+ 21.-30. Tausend
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis
+
+ zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs.
+
+
+ Band 1 (Hausbücherei Band 9):
+
+ ~Conrad Ferdinand Meyer~: Das Amulet.
+ ~Ernst von Wildenbruch~: Archambauld.
+ ~Friedrich Spielhagen~: Breite Schultern.
+ ~Detlev von Liliencron~: Greggert Meinstorff.
+
+
+ Band 3 (Hausbücherei Band 14):
+ Geschichten aus deutscher Vorzeit
+
+ ~Adolf Schmitthenner~: Tilly in Nöten.
+ ~J. J. David~: Frühschein.
+ ~Wilhelm Hauff~: Jud Süß.
+
+
+ Band 4 (Hausbücherei Band 15):
+ Seegeschichten
+
+ ~Joachim Nettelbeck~: Schiffbruch.
+ ~Wilhelm Hauff~: Das Gespensterschiff.
+ ~Hans Hoffmann~: Die unversicherte Brigg.
+ ~Wilhelm Jensen~: An der See.
+ ~Wilhelm Poeck~: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.
+ ~Johannes Wilda~: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.
+
+
+ Band 5 (Hausbücherei Band 22):
+ Frauennovellen
+
+ ~Clara Viebig~: Brennende Liebe.
+ ~Lulu von Strauß und Torney~: Um den Hof.
+ ~Lou Andreas-Salomé~: Eine Nacht.
+ ~Marthe Renate Fischer~: Auf dem Wege zum Paradies.
+
+
+ Band 6 (Hausbücherei Band 23):
+ Kindheitsgeschichten
+
+ ~Adolf Schmitthenner~: Der Seehund.
+ ~Helene Aeckerle~: Ein Opfer.
+ ~Meinrad Lienert~: Das Gespenst.
+ ~Marga von Rentz~: Krokus.
+ ~Hans Land~: Die Büßerin.
+ ~Adolph Bayersdorfer~: Die Tintenhose.
+ ~Charlotte Riese~: Die Wiege.
+ ~Thomas Mann~: Die Tanzstunde.
+
+
+ Band 7 (Hausbücherei Band 24):
+ Kriegsgeschichten
+
+ ~Carl Beyer~: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.
+ ~Heinr. v. Kleist~: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.
+ ~W. von Conrady~: In Rußland 1812.
+ ~Max von La Roche~: Todesritt.
+ ~Detlev von Liliencron~: Portepeefähnrich Schadius.
+ ~Theodor Fontane~: Drei Kriegsgefangene.
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis
+
+ zum 2. Bande des ~Novellenbuches~.
+
+
+ Seite
+
+ Vorbemerkungen zum zweiten Bande 6
+
+ ~Wichert, Ernst~: Ewe 7-123
+
+ ~Sohnrey, Heinrich~: Lorenheinrich 125-144
+
+ ~Polenz, Wilhelm von~: Zittelgusts Anna 145-178
+
+ ~Greinz, Rudolf~: Simerls guter Tag 179-199
+
+ Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung
+ des Verfassers voraus.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Vorbemerkungen zum zweiten Bande.
+
+
+Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des
+Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts
+Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden --
+Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).
+
+»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der
+Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee
+-- im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).
+
+Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte
+mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der
+Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2.
+Auflage 1901).
+
+»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und
+der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler
+Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart -- Leipzig: Deutsche
+Verlags-Anstalt, 1899).
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Ernst Wichert:
+
+ Ewe.
+
+
+ [Illustration]
+
+
+~Ernst Wichert~ wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen
+als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil
+seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort
+erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das
+Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten
+Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel
+und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888
+siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar
+1902 starb.
+
+Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle,
+Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »~Ein Schritt vom Wege~« und
+»~Der Narr des Glücks~« sind über viele deutsche Bühnen gegangen.
+Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher
+Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman;
+hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der
+psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen
+Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »~Heinrich
+von Plauen~« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu
+Anfang des 15. Jahrhunderts -- oder in »~Tilemann vom Wege~« den
+Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes --
+oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »~Der große
+Kurfürst in Preußen~« die schmerzvollen Umbildungen seiner Heimat
+in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts -- immer stellt er uns ein
+lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer
+Menschen vor Augen.
+
+Unter seinen Novellen sind fraglos die »~Littauischen
+Geschichten~« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren
+1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit,
+die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu
+lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor
+den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der
+Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und
+Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft
+sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu
+Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen
+Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das
+trotz der größten äußeren Schlichtheit -- denn Wichert erzählt, als
+ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. ~So~ sind uns die
+Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn
+in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme
+fesselt, so ist es -- wie in der monumentalen Erzählung »~Ewe~«
+-- die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner
+Frauengestalten.
+
+Hamburg.
+ Dr. ~Ernst Schultze~.
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Ewe.
+
+
+ 1.
+
+Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters
+her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen
+nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit
+unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen
+Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von
+ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz
+»Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer
+der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks
+oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten
+Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden
+großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden
+Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet
+werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie
+die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in
+Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes.
+
+Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des
+vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau
+in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres
+Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts
+angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht
+schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und
+man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen
+Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war
+freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch
+äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre
+ihr nur der Freier genehm gewesen.
+
+Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht
+den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam
+Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs
+betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die
+Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das
+Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden
+Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der
+Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere
+Tochter war in der Gegend von Kinten verheiratet und gut versorgt. Die
+Frau lebte schon lange nicht mehr.
+
+Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren
+eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das
+Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter
+Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und
+nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen.
+Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der
+Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah,
+und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten
+Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber
+mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der
+Klete[1], was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht
+und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah
+man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins
+zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den
+Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch
+selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre alt geworden, und es hatte
+sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da
+freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen
+übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die
+langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie,
+so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken,
+und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das
+Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch
+fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst.
+
+Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich
+eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber
+auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene
+gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah
+meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein
+Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie
+gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann
+auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding
+und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den
+Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über
+die Dorfstraße hören konnte.
+
+Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und
+schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum,
+die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie
+vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die
+Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche,
+in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von
+Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so
+kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig:
+der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen.
+
+Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes
+Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen.
+Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als
+die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten,
+zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen
+das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der
+Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich
+will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was
+da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.«
+
+»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen, »ich schlage nur
+nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und
+Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen
+mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein
+anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die
+Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem
+Ausgedinge ausgesucht hat.«
+
+»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und
+die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab'
+ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm
+vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte
+lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir
+haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und
+da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er
+konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß
+sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine
+Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur
+gerade genug zum Verhungern.«
+
+Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du
+wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht
+zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne Kuh gibt so
+viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut
+gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen
+konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht
+dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.«
+
+Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden,
+Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen.
+Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch,
+weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und
+an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und
+wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber
+süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben,
+Töchterchen.«
+
+Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln
+und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die
+Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die
+Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit
+rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten
+denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte
+dazu.
+
+Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein
+junger Mann genähert. Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen
+besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und
+eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem
+Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war
+groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab
+ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade.
+Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die
+sie hielt, beim Gehen.
+
+Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten
+hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige
+Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe
+Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre
+Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich
+sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte.
+»Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn
+wirklich?«
+
+Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der
+Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem
+Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich
+nicht vergessen hast.«
+
+Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der
+sich über der vollen Brust bei der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange
+bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher.
+Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau
+gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du
+nun ganz frei?«
+
+»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein
+Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich
+gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich
+-- das ist ein gutes Zeichen.«
+
+»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum
+bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?«
+
+»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und
+dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam
+Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß
+ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte,
+und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt
+zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.«
+
+»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?«
+
+»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem
+Traktament nicht auszureichen, und wenn man sich nicht lumpen lassen
+will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen
+blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der
+Garde.«
+
+»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend.
+
+»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben
+können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich
+zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen
+Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch
+einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs --
+es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich
+nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles
+Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein
+Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich
+auch sterben.«
+
+Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber
+zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns
+seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im
+Wirtshause die Herren.«
+
+Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da
+wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber
+das väterliche Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann
+Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern
+Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber
+einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn
+läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die
+Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein
+paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts
+Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.«
+
+»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.«
+
+»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden
+oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's
+nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen,
+daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald
+mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten
+Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt,
+wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort
+gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an,
+weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man
+klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch
+hier zu brauchen verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die
+Augen blitzten dazu listig.
+
+Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt
+dich reich einheiraten,« sagte sie forschend.
+
+»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander
+gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen -- willst du mich
+jetzt haben?«
+
+Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen
+Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht
+reich.«
+
+»Nun -- dein Vater hat den großen Hof.«
+
+»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel
+lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so
+bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so
+kann ich als Magd dienen gehen.«
+
+»Er wird doch nicht!«
+
+»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht
+machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.«
+
+»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.«
+
+»So oder so -- zum Wirt kann ich dich nicht machen.«
+
+Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf.
+»Es ist schade, Ewe -- wir hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich
+wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...«
+
+Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie,
+doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch
+draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.«
+
+»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner
+Schulter zurecht.
+
+Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst
+du?« fragte sie.
+
+»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu
+Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den
+letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und
+wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 2.
+
+
+Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof.
+Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet
+hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte.
+Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der
+Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine
+Frau damit zufrieden ist, magst du für's erste bleiben, und ich will
+dir Lohn geben, soviel andere bekommen.«
+
+»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher
+nicht Streit gibt -- du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch
+nicht ganz abgefunden bin?«
+
+»Was --? Die hundert Taler hast du bekommen.«
+
+»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.«
+
+Grillus kratzte den Kopf. »Steht das?«
+
+»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und
+es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.«
+
+»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.«
+
+»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.«
+
+»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage,
+was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten
+Zinsen.«
+
+»Nein, ich will das Pferd haben.«
+
+»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen -- nur den Fuchs nehm'
+ich aus.«
+
+Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder
+Hände! an,« bat sie ihren Bruder.
+
+Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur Probe geritten. »Da ist
+keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.«
+
+Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die
+Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für
+seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall
+lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm
+aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum
+Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm.
+
+Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk
+getan.
+
+Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus
+über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn
+kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit
+russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe
+erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte:
+»Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht,
+weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis
+mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's
+gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte,
+»zu klug«.
+
+Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an
+dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen
+und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich
+gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich
+etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge;
+denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle
+Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die
+Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen
+ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das
+Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie
+freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete
+sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute
+behaupteten, gar nicht selten.
+
+Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb,
+weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so
+gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete
+täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien
+ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und
+abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen.
+Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und sagte: »Gedenkst du bei
+deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?«
+
+»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange
+vertragen.«
+
+»Und was wirst du dann anfangen?«
+
+»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich
+nichts.«
+
+Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen,
+Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten
+zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld
+ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen
+schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines
+verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim
+Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du
+als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig
+werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst
+halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und
+um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?«
+
+»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen,
+so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen,
+hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht
+wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.«
+
+»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und
+reichte ihm die Hand zu.
+
+»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung
+recht ist.«
+
+»Was ist das für eine Bedingung?«
+
+»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will
+ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm
+Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber
+reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu
+fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas
+verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch -- da
+will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's
+erwerben.«
+
+Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam,
+zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte
+sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch
+nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und
+antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche
+ich nicht.«
+
+Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe
+nicht ohne Grund gewarnt hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren,
+wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten
+würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein
+böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe
+sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine
+noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen
+Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel
+Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man
+wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte
+ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen
+war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte.
+Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da
+sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren -- und bringt nicht
+einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie
+ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr
+ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in
+ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein
+Unterschied zwischen ihnen sei.
+
+Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache
+stand. Er war nur mit sich selbst nicht einig, ob er zugreifen sollte.
+Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe
+nicht gewesen --! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte
+er gern gehabt -- aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte
+er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch
+zu weit »in der Welt herumgekommen«.
+
+Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause
+ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du
+mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm.
+
+»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand.
+
+»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben
+wird.«
+
+»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.«
+
+»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal
+zwei.«
+
+»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig
+gemacht. Aber ...«
+
+Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte
+sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er
+hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte.
+So gern hätte sie ihn für sich gewonnen.
+
+»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir
+den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des
+Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß
+es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst
+sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's
+durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall
+und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird
+das andere sich finden.«
+
+Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch
+war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne
+sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater,
+Mikelis,« bat sie.
+
+»Nein -- das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden.
+Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten --«
+
+»Bei der Urte ...!«
+
+»Da oder wo anders.«
+
+Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau
+genommen zu haben.«
+
+»Ich habe sie ja noch nicht genommen.«
+
+»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst,
+was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus
+kommen denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens
+gebunden sein.«
+
+Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist
+der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land,
+so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß
+freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der
+Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.«
+
+Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um
+den Hals.
+
+»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...«
+
+»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie.
+
+»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!«
+
+»Was?«
+
+»Ach, geh!«
+
+»Sprich mit deinem Vater, Ewe.«
+
+»Und wenn nicht --«
+
+»Man muß es abwarten.«
+
+Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort.
+
+Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt
+nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 3.
+
+
+Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber
+zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis
+geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen
+hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts
+wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht
+wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein
+möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden,
+die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie
+fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde
+eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein
+sollte.
+
+Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen
+zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben;
+sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen
+Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte
+kein Mensch verfahren.
+
+Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein
+als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten
+Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht
+vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge
+sich danach bei Zeiten einrichten.
+
+Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's
+besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer
+könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder
+nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger
+Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so
+eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn
+schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst
+wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher
+zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht
+dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.«
+
+Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß
+er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah
+ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf
+dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.«
+
+Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht
+verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er.
+
+»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber
+gefällt, kannst du's umsonst haben und auch die Wirtin dazu. Höre,
+ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl
+sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich
+brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im
+Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt,
+und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich
+heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede
+der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch
+schelten, wenn du's tust.«
+
+Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde
+einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem
+armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch
+gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und
+sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht
+dreist ins Gesicht sehen konnte -- aber er konnte nicht. Sie sagten
+ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon
+überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit
+mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon.
+
+Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's
+Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu
+Hause und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres
+hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte
+sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in
+meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich
+denkst, Mikelis.« -- »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete
+er leise, »du mußt das vergessen.« -- »Versuch's doch selbst,« sagte
+sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst
+gegangen.« -- »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« -- »Wer weiß
+...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene
+redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch,
+daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war.
+
+»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte
+innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.«
+Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der
+Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und
+nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die
+Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher
+aus dem Bett und Ruhe gebieten.
+
+Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine
+Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er
+wollte es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte
+schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr
+bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte.
+Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber
+kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich
+gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei
+der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu
+stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht
+nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder
+zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz
+gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei
+zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im
+Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den
+hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen
+Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen
+gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er
+sich »von der Alten nicht einsperren« lasse.
+
+Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich
+aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als
+dann aber der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten
+herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen
+wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer,
+klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte
+wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die
+Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete
+sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob
+er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch
+nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne
+ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die
+Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten
+ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden
+anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den
+Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten,
+ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du
+darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem
+Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel.
+
+Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und
+Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger
+die erwünschte Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal
+vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter
+die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert
+sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft.
+Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht
+geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm
+nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas
+zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier
+mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder
+kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch
+die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch
+gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter
+umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja
+doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu
+antworten.
+
+Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern
+hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht
+lieb ist.«
+
+»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du
+wüßtest, Ewe ...«
+
+»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun
+den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast -- das muß dir genug
+sein. Wenn dich ein Unglück träfe -- der Urte wegen wäre mir's nicht
+leid; aber ...«
+
+»Aber --?«
+
+»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat
+wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben
+reiten.«
+
+Er schlug mit der Hand in die Luft.
+
+Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das
+Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene
+zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr:
+»Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin.
+Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht
+gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja
+--,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und
+die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind
+Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.«
+
+Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit
+der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf
+schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe
+vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die
+Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete,
+der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was gibt's,« fragte
+er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus,
+von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist
+verwundet.« -- »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die
+Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete
+sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen
+Kampf gehabt!« -- »Ja, der Zug ist verraten -- sie haben uns im Gebüsch
+an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert -- zwanzig und
+mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten,
+und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber
+hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht:
+das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze
+Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und
+suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den
+ersten gefallen, weil er voranritt --«
+
+»Ansas -- gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf.
+
+»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd
+auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm
+hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt
+dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen zusammen
+durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und
+wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre
+um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen.
+Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden.
+Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort -- ich
+weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft
+bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.«
+
+Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im
+Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück
+passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig
+und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens
+Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in
+der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte
+Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in
+die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden
+nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk
+holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man
+liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf
+einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof.
+Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur
+die Naujokene fehlte.
+
+Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte
+seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner
+Krankheit.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ 4.
+
+
+So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war
+abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach
+den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die
+Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in
+Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters
+und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht -- sie war ganz unvermutet
+eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden.
+
+Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können!
+Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte
+so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid,
+aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau
+geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen
+Burschen zum Manne nahm, der vielleicht nicht einmal beim Militär
+gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in
+so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere
+verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur
+unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte
+der Hader kein Ende.
+
+Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem
+ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen
+Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich
+nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus.
+Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder
+gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie
+früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort
+war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie
+die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann
+bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch --;« oder ein andermal: »Ich
+habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir
+nicht zu lange.«
+
+Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in
+der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und
+umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und
+hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert,
+die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras
+gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie
+wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene
+hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das
+war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing
+sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen,
+gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,«
+sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen
+bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein
+Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber
+vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß
+man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut
+schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich
+sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf
+den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das
+geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute
+sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren
+zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn
+haben.«
+
+Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße
+Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter,
+hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter
+Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und
+wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben
+vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten
+auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß
+sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte
+wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten
+suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen
+fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte
+eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu
+haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln.
+
+Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres
+Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach
+eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte;
+das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich.
+Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn
+er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte?
+Weshalb sollte sie die verhaßte Gegnerin schonen? Gewissensbedenken
+kamen ihr gar nicht -- jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr
+Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil
+sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin;
+das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall
+beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte
+glücklich sein -- und wollte glücklich sein.
+
+Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken:
+wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch
+die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's
+ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich
+einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich
+dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges
+Zusammentreffen, sondern ging abends fort -- ins Wirtshaus angeblich
+oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen -- und
+umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde.
+Selten vergeblich.
+
+Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie
+hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee
+gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt,
+daß der Korb, den die Altsitzerin leer mitgebracht hatte, ihr schwer
+am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf
+dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte
+sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in
+der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und
+überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und
+einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie
+auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte
+Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du
+willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht
+...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast
+du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger.
+»Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du -- du -- du!
+Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder
+miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen
+in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente,
+gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen
+habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim
+alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und
+Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und
+lustig und nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest;
+wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst
+du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts
+dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's
+nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu
+lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den
+Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!«
+
+Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder
+das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um
+ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm
+und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied.
+»Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.«
+
+Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was
+sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei
+nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe
+Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der
+letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich
+noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit
+ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und
+du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig.
+
+Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere
+Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren
+und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld
+trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum
+Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die
+auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon
+selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und
+seine Lage sehr unsicher geworden sei.
+
+Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so
+vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger
+Mann -- weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst
+geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind,
+daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren
+hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von
+ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat
+sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen
+Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe
+gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl,
+so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und
+Hof zu verlieren hättest. Nun aber trumpft sie auf und meint, dich
+überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte
+Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns
+säen und uns auseinanderbringen -- ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen
+ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig,
+auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab.
+Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher
+zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du
+auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's
+auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab,
+war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer
+genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte
+den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und
+zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar
+keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte,
+wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig
+boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade
+in ihre Macht zu geben.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 5.
+
+
+Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde
+viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien
+sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's
+aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie
+munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern
+und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten
+hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen
+-- »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter?
+Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil
+meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in
+eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn
+das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege
+unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er
+nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es
+kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich
+habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«
+
+Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen
+raschen Blick über ihn hinstreifen lassen konnte. »Ich locke dich
+nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so
+tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.«
+
+»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine
+Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im
+Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann
+durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht.
+Soll's so sein?«
+
+Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte
+Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast,
+geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz,
+der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.«
+
+»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit
+haben, daß auch du's ehrlich meinst.«
+
+Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er
+wollte.
+
+Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall.
+»Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist
+nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will.
+Aber wenn du Bedenken hast ...«
+
+»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle
+auch bedenken müßte, wenn er bei Verstande ist. Wär's nur so zum
+Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns
+beide leider noch ein weiter Weg.«
+
+Sie hob trotzig das Kinn. »Aber man muß doch den ersten Schritt tun.«
+
+»Der erste Schritt ist bald getan, Ewe. Aber wenn er getan ist, stehen
+wir sehr ungleich. Hab' ich mit der Urte gebrochen, so verliere ich
+Haus und Hof.«
+
+»Und bei mir findest du wieder Haus und Hof, Mikelis.«
+
+»Das kann sein, Ewe ... aber es kann auch nicht sein.«
+
+»Wie kann es auch ~nicht~ sein?«
+
+Sie sah ihn forschend an, und die Nasenflügel bewegten sich, als wollte
+sie zornig aufwallen. »Mißtraust du mir, Mikelis?« fragte sie und zog
+ihre Hand aus der seinen.
+
+Er haschte sogleich wieder danach. »Ich vertraue dir, Ewe,« antwortete
+er, »daß du's jetzt gut meinst. Aber was mit der Zeit geschieht ...«
+
+»Mikelis!« --
+
+»Ich sage: wenn wir gleich zum Pfarrer gehen könnten! Das kann doch
+nicht sein. Und ich weiß nicht, ob dir nicht hinterher ein anderer
+besser gefällt ...«
+
+»Du denkst schlecht von mir.«
+
+»Gewiß nicht, Ewe. Aber es kann sich selbst keiner so weit trauen.
+Sonst wär's ja auch nicht nötig, daß der Pfarrer aus zweien ein Paar
+machte.«
+
+Sie senkte die Augen und zog die Lippe wie zum Lachen. »Es ist auch
+nicht nötig, wenn zwei einander wirklich lieb haben,« entgegnete sie.
+»Haben sie einander nicht lieb, so hält das auch nicht.«
+
+Er nickte. »Freilich! Aber vom guten Willen hängt's doch ab -- von dem
+allein. Und man weiß nicht, ob es beim guten Willen bleibt, wenn der
+eine Teil sich gebunden hat und der andere fühlt sich frei. Ich will
+nicht zum Gespött werden. Und wenn du's auch nicht so meinst, so wird's
+doch nach meinen stillen Gedanken so sein, und daraus kann nichts
+Gutes werden. Besser ist's, du bindest dich auch, damit wir für alle
+Fälle gleichstehen. Dann ist kein Zweifel, daß wir früher oder später
+glücklich zum Ziele kommen.«
+
+»Wie soll ich mich binden?« fragte sie.
+
+Er lächelte überlegen. »Gib mir eine Verschreibung, Ewe.«
+
+»Daß ich dich heiraten will, wenn du mit der Urte auseinander bist?«
+
+»Das könnte wenig nützen. Nein -- über irgend eine runde Summe, die du
+mir zahlen willst, wenn du hinterher zurücktrittst.«
+
+Sie setzte die Lippe auf. »Ich werde nicht zurücktreten.«
+
+»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich
+etwas in Händen habe!«
+
+»Du bist allzu klug, Mikelis.«
+
+Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du
+vertraust mir nicht?«
+
+»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem
+Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so -- zu deiner Beruhigung, und
+damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus
+und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?«
+
+»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen --«
+
+»Nenne nur die Summe -- es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich
+nie wanken werde.«
+
+»Schreibe fünfhundert Taler.«
+
+»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?«
+
+»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen,
+und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.«
+
+Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir
+hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will
+unterschreiben.«
+
+»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf
+schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite
+deinen Namen, so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten,
+so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen
+uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche
+hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste
+gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich
+ja dann noch bedenken.«
+
+»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum
+Schulzen gehen und dort schreiben -- der hat Tinte. Dann komm auf dem
+Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in
+Ordnung?«
+
+Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte
+ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo
+den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und
+das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja
+ein halbes Grundstück in die Tasche.«
+
+»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.«
+
+»Wenn aber das Papier verloren geht --?«
+
+»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.«
+
+»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand
+wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich
+dich nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.«
+
+Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn
+zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken
+nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem
+Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich
+etwas hielt.
+
+Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den
+Wechsel mit ihrer Schrift.
+
+»Ist's nun richtig?« fragte sie.
+
+»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann
+ich bei dir einziehen?«
+
+»Heute noch, wenn du willst.«
+
+»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß
+die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch,
+so komme ich, wenn ich fertig bin.«
+
+Dagegen hatte sie nichts zu erinnern.
+
+Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich
+nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr
+beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er
+entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du
+sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?«
+
+»Nein -- aber der ist gut genug.«
+
+»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten,
+was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich
+verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen,
+nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!«
+
+Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht
+hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und
+von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen.
+
+Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps,
+dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht
+leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich
+aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch
+einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge
+als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder
+von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden
+als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl
+vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren
+Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner
+Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah;
+aber nun begreife ich wohl, was sie mit ihrer Antwort auf meine Frage
+meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. -- Endrullis
+hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die
+Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!«
+
+Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht
+hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung
+jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es
+werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war
+er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück.
+Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun
+könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief
+sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau
+nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den
+Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon
+auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten
+und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel
+Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug
+dazu.«
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 6.
+
+
+Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er
+gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen
+kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine
+Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten,
+so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf
+durfte sie sich verlassen.
+
+Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch
+nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps
+eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam.
+
+»Weshalb glaubst du das?«
+
+»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben
+recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten.
+Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder
+habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er
+einbringt?«
+
+»Nein, das nicht.«
+
+»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich
+nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen
+mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen
+mit dem eisernen Tritt, und er sagt Ja und nimmt das Kaufgeld, was
+willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder
+von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen
+und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu
+ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune
+abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst
+du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das
+Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt
+ausplündern.«
+
+Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie.
+
+»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage
+dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's
+ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte
+auch hinzu: »-- es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas
+zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.«
+
+Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht,
+es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist
+er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm
+verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß
+es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr
+Geld in der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts
+herunter, als was ich selbst abgebe.«
+
+Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr
+zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen
+und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die
+Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten.
+
+Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig
+aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im
+Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps
+meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir
+beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der
+Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus
+ihr, dachte er.
+
+Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren
+geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem
+großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals,
+tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun
+will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.«
+
+Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das
+Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das
+war gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen
+müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach
+diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur
+eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne,
+wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie
+es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese
+Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.«
+
+»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der
+Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf
+deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter
+suchen. Du bist noch nicht der König!«
+
+Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr,
+was der Pfarrer gesagt hatte.
+
+Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis,
+Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug
+genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden
+geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's
+voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so
+bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne
+für ihn etwas auf den Wagen zu laden.«
+
+»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis,
+»und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur
+dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus
+dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche,
+sattelte den Fuchs und ritt fort.
+
+Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's
+wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur
+geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe
+Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.«
+
+Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch.
+Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?«
+
+Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt
+warten, bis die Urte gestorben ist.«
+
+»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?«
+
+»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der
+Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so
+will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.«
+
+Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige
+Silberstücke, und er legte sie zu den andern. »Geht's nun ohne das? So
+dumm ist die Urte nicht.«
+
+Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Ich kann dir keinen andern Rat geben.«
+
+»Nicht?«
+
+»Nein.«
+
+Der Littauer strich das Geld langsam vom Tisch und steckte es wieder in
+die Tasche. »Was hast du für deine Versäumnis zu fordern, Herr?«
+
+Der Anwalt verwies ihn deshalb an seinen Schreiber.
+
+Und so ging nun Endrullis von einem zum andern und hörte überall
+dasselbe, zuletzt auch auf dem Gericht. Nach einigen Tagen kam er
+ganz verstört nach Hause. Ewe las es ihm gleich vom Gesicht ab, daß
+er nichts Gutes mitbrächte. Sie weinte und klagte: »Nun bist du frei,
+Mikelis, aber wir beide kommen nimmer ehelich zusammen.« Es war ihr
+jetzt nicht mehr gleichgiltig wie früher, als sie nur ihr Stück
+durchsetzen wollte. Sie wußte auch, daß die Leute einen Unterschied
+machen würden. Damals hieß es: »Was weiter? die Hochzeit ist nur
+aufgeschoben.« Jetzt rechnete niemand mehr darauf, zu Gast gebeten zu
+werden.
+
+Er mochte noch nicht daran glauben, schrieb Eingaben in deutscher und
+littauischer Sprache an das Obergericht, an die Herren Minister, auch
+an seinen Major, zuletzt an den König -- es half alles nichts. Er
+war in so gereizter Stimmung, daß jeder sich fürchten mußte, in seine
+Nähe zu kommen, und selbst Ewe ihm scheu aus dem Wege ging, soviel
+sie konnte. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich will mich Deinetwegen
+demütigen und zur Urte gehen. Wenn ich sie bitte -- vielleicht verzeiht
+sie mir.«
+
+Ewe seufzte und antwortete: »Es wird vergeblich sein.«
+
+»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre.
+Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.«
+
+»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir
+zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur
+Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge
+abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr
+so stolz.«
+
+»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich
+fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib
+sehe, und alles verderbe.«
+
+Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich
+hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß
+fortgestoßen.«
+
+Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen
+kann's bleiben, wie es ist. Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers
+Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. -- Bist du's zufrieden,
+Ewe?«
+
+Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging
+hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz,
+und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten
+flogen. --
+
+Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der
+Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann,
+der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt.
+Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große
+Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden
+Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm
+begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er
+an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei
+und nahm ihm die Leine ab.
+
+Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der
+»Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen
+»Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von
+Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In
+hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte gehörten;
+selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer
+Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte
+er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde
+er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem
+Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er
+kam.
+
+»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du
+großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von
+seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen
+hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst
+du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir
+bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir
+alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu
+solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen.
+Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu
+können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie
+ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den
+Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung,
+wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann,
+sondern verharrst in sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige
+Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine
+Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden
+alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du
+wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten
+gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las
+näselnd und halb singend einen Psalm.
+
+Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu
+und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat
+er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen,
+mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem
+Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß
+du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort
+ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich
+sprechen.«
+
+Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen
+gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich
+wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?«
+
+»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die
+Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab,
+ohne sich im Dorfe zu verweilen.
+
+Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte
+Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen
+und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle
+Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn
+wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn
+auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste,
+schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach,
+klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht
+anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.«
+
+Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht.
+Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die
+Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen
+ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich
+darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am
+Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch
+sein.
+
+»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu
+unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir
+nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander -- das
+hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's
+gewöhnlich so kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und
+ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem
+Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir
+geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts
+von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich
+unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört.
+Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel
+gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht
+gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff'
+ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst.
+Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.«
+
+Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung
+aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun
+warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug
+und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn
+einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen
+auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf
+ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß
+du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun
+wohl damals anders gemeint, aber es trifft auch so zu und wird noch
+besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du,
+und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich
+dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn
+eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank,
+statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll
+ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir
+schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts
+weiter mit dir zu tun.«
+
+Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells.
+»Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich
+gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.«
+
+Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können.
+
+»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe
+nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht
+hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's
+sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts
+mehr zu sagen.«
+
+»Urte, gib mir den Schein!«
+
+»Nein!«
+
+»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.«
+
+»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat -- nicht wahr? Ha,
+ha, ha!«
+
+Er erschrak. »Was weißt du von dem Wechsel?«
+
+»Ich weiß davon.«
+
+»Urte, ich bin nicht umsonst über die Grenze geritten -- ich hab' mir
+etwas erspart. Und wenn's nicht genug ist -- der Jude braucht mich und
+borgt mir mehr.«
+
+»Geh! Ich mag dein Geld nicht. Zu verkaufen bin ich nicht wie du.«
+
+»So mag der Teufel dir's bezahlen!« schrie er wild und warf die Tür
+hinter sich zu.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 7.
+
+
+So war nun das Letzte vergeblich versucht. Hätte er sich nur auf Ewe
+fest verlassen können! Die aber schien jetzt, da sie sich in der Not
+beweisen sollte, ganz den Mut verloren zu haben. Er ließ sie nicht
+aus den Augen, und was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Es kam zu
+Vorwürfen, zu harten Reden. Und dann gingen sie tagelang stumm und
+verschlossen neben einander her. Michel war so verbittert, daß er ihr
+schon das Schlimmste zutraute. »Warum weinst du?« fragte er barsch.
+
+»Weil ich traurig bin,« antwortete sie sanft.
+
+»Und warum bist du traurig?«
+
+»Weil es uns so schlecht geht, Mikelis.«
+
+»Es geht uns nicht schlecht. Du hörst nur zu viel auf andere Leute.«
+
+»Sie sprechen ja gar nicht mit mir.«
+
+»Was geht es dich an? Werden sie dich brauchen, werden sie auch wieder
+freundlich sein.«
+
+»Die Frommen nicht, Mikelis.«
+
+»Zum Teufel mit den Frommen! Ich glaube nicht daran, daß sie zwei von
+einander beten können, wenn die nur selbst festhalten. Aber ich merke
+wohl, dir tut's schon leid.«
+
+»Mikelis --!«
+
+»Da es zur Heirat nicht kommen kann, willst du's so lange treiben, bis
+ich freiwillig vom Hofe gehe.«
+
+»Es wäre vielleicht besser, du gingst.«
+
+»Und dann käme ein Anderer.«
+
+»Ich denke an keinen Andern, Mikelis. Aber so kann's nicht bleiben.«
+
+Er griff nach seiner Brieftasche und legte sie vor sich hin. »Kann's
+nicht? Meinetwegen schon. Der Wirt auf deinem Grundstück kann ich
+freilich für jetzt nicht werden. Aber ...« Er klopfte auf seine
+Brieftasche.
+
+Sie sah ihn fragend an, indem sie den Kopf in die Hand stützte.
+»Mikelis,« sagte sie dann, »es ist besser, wir trennen uns jetzt und
+geben den Frommen kein Ärgernis. Sie machen uns Schande in der Kirche.«
+
+Er sprang wild auf. »Ist das dein ernstlicher Wille?«
+
+»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst
+mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.«
+
+Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du
+willst nicht geradeaus mit mir brechen -- ich soll der Dumme sein, der
+verspielt.«
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier
+gilt ja doch nichts.«
+
+»So! Warum gilt es nichts?«
+
+»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie
+kann ich da sagen: ich will nicht?«
+
+Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst
+du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir
+mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht --
+allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht
+nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern -- mir nicht.«
+
+Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären
+mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu
+schluchzen.
+
+Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand
+hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?«
+
+Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr
+recht.
+
+Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt,
+besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben
+sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft
+lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte
+auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm
+eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm
+das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr
+überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler,
+sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm
+für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe
+sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein
+Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in
+ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen,
+so lieb er sie hatte.
+
+Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem
+Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle,
+zog seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der
+linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er
+noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse,
+aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und
+umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte
+er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und
+entfernte sich. -- Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite
+des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der
+Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte,
+was in dem Mittelraum vorging.
+
+Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so
+ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte.
+Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen,
+konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß
+nicht die Brieftasche -- ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen
+Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.«
+
+»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich
+für alle Fälle besser bewahrt.«
+
+»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie
+achselzuckend.
+
+Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen
+hatte, das ihm von so großem Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund,
+daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle
+abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit
+solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es
+gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der
+wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht
+ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der
+Schere abschneide? Sieh dich vor.«
+
+Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm
+aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu
+bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen.
+
+Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der
+Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus,
+wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm
+reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige
+Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren.
+
+Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte
+am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins
+Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs
+Feld gegangen waren, steckselte sie die hintere Stalltür nach dem
+Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls.
+
+Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend
+zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen
+solltest, mein Töchterchen -- ich weiß, wo es zu finden ist.«
+
+Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?«
+
+»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen
+wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt
+hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei
+Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben
+ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will
+ich nichts wissen.«
+
+»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?«
+
+Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht
+würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht --
+der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.«
+
+»Was sprichst du von Mikelis?«
+
+»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber
+die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich
+seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt -- links vor
+der Tür im Winkel, und Stroh darüber gelegt. Hä -- hä -- hä ... um die
+Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur,
+was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst
+oder nicht.«
+
+»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.«
+
+Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte
+sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer.
+
+Ewe wußte nun, wo die Weste geblieben war. Bald hätte sie's lieber
+nicht gewußt; denn der Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr, daß sie
+Mikelis einen Streich spielen könnte. Sie wollte ihm den Wechsel nicht
+fortnehmen, aber ihn damit ängstigen, daß er verschwunden sei. Nur
+eine Weile. Dann sollte er ihn zurück haben und beschämt bekennen,
+daß er ihr mit seiner Heimlichkeit unrecht getan. Es wäre eine Strafe
+für ihn, meinte sie, und zugleich ein gutes Mittel, sein Vertrauen
+wiederzugewinnen. Wer konnte aber auch wissen, ob die Alte reinen Mund
+hielt? Und wie leicht hatte es dann ein Anderer, die Weste zu stehlen!
+Für sie selbst war es gar nicht unbedenklich, wenn das Papier mit
+ihrer Unterschrift in fremde Hände kam. Schon deshalb schien es klug
+einzuschreiten.
+
+Nach einigen Stunden also, als Endrullis fortgegangen war, begab sie
+sich in den Stall und nahm einen Milcheimer mit, als ob sie die Kühe
+melken wollte. Auf dem Hofe arbeitete der Knecht Jons Toleikis; der
+sah sie hineingehen. Ewe öffnete die Tür zum Futtergelaß und trat in
+den halbdunkeln Raum. Sie hob ein Bund Stroh fort und griff mit der
+Hand unter das Heu. Nicht lange durfte sie suchen, so fühlte sie etwas
+Weiches, das sie nun hervorzog. Es war die Weste. Sie schien nicht
+einmal zusammengerollt, sondern unordentlich untergesteckt zu sein. Als
+sie nach der Stelle tastete, wo das Papier eingenäht sein mußte, faßte
+sie zu ihrer Überraschung mit der Hand durch. Hatte sie das Ärmelloch,
+oder die Tasche getroffen? Jede Vorsicht vergessend, ging sie rasch
+nach der Tür und stieß dieselbe auf, um sich im Hellen zu überzeugen,
+wie es damit stehe. So stand sie nun auf der Schwelle und hielt die
+Weste in der Hand. Ein viereckiges Stück Zeug mitsamt dem Futter war
+ausgeschnitten -- gerade an der Stelle, wo vordem der Wechsel eingenäht
+gewesen war. Wer hatte das getan?
+
+Jetzt erst bemerkte sie, daß die Magd Erdme Pleikis ihr nachgegangen
+war, den Eimer genommen und zu melken angefangen hatte. Die sah ihr
+gerade ins Gesicht und auf die Hände. Rasch wickelte Ewe die Weste
+zusammen und warf sie in die Futterkammer zurück. Ebenso rasch aber
+fiel ihr ein, daß sie sich dadurch verdächtig machen könnte. Deshalb
+trat sie vor und sagte: »Hast du gesehen, Erdme, was ich da in der Hand
+hielt?«
+
+»Es war Endrullis' Weste,« bestätigte die Magd.
+
+»Und ist dir etwas daran aufgefallen?«
+
+»Ei freilich! Es war ein Stück ausgeschnitten wie mit der Schere.«
+
+»Ganz richtig. So habe ich sie dort in der Kammer gefunden. Wer kann
+das Stück ausgeschnitten haben?«
+
+Erdme gab darauf keine Antwort. Als aber Ewe fortgegangen war, rief sie
+sogleich den Jons Toleikis vom Hofe herein und sagte: Ȇberzeuge dich,
+daß da in der Kammer die Weste des Endrullis liegt, von der ein Stück
+ausgeschnitten ist. Du weißt doch, daß ich nach der Wirtin in den Stall
+gegangen bin? Es ist gut, daß man sich's merkt. Ich will mich nicht
+hinterher ohne Grund beschuldigen lassen.«
+
+»Die Herrin ging vor dir hinein,« bestätigte Jons.
+
+»War's lange vorher?«
+
+»Ich denke, keine Viertelstunde.«
+
+»Das ist lange genug,« meinte die Magd. Sie ließ sich nicht weiter
+darüber aus, wozu die Zeit lang genug gewesen sei, und Toleikis fragte
+auch nicht danach.
+
+Während sie noch an der Stalltür zusammenstanden, kam die Gaidullene
+aus ihrer Kammer.
+
+»Hast du gehört,« erkundigte sich Erdme, »daß Jemand im Futtergelaß
+gewesen ist?«
+
+»Ich hörte das Stroh rascheln,« antwortete die Alte, »und hinterher die
+Ewe sprechen. Sprach sie mit dir?«
+
+»Ja, als sie aus der Futterkammer herauskam.«
+
+»Was geht es mich an?« sagte die Gaidullene und schlug mit der Hand in
+die Luft. Sie entfernte sich vom Hofe.
+
+»Ich werde mich aber auf dich beziehen,« rief Erdme ihr nach, »wenn es
+nötig sein sollte.«
+
+Bald darauf kam Endrullis vom Felde zurück und brachte seinen Fuchs in
+den Stall. Ehe er noch Gelegenheit gehabt hatte, mit Ewe zu sprechen,
+trat Jons Toleikis an ihn heran und sagte: »Daß du es nur weißt -- auf
+dem Heu liegt deine Weste, und es ist ein Stück ausgeschnitten. Die
+Erdme meint, das könne nur mit der Schere geschehen sein.«
+
+Er wurde bleich und im nächsten Moment wieder feuerrot. »Wer hat
+mir das getan?« lallte er mit schwerer Zunge. Er riß die Türe der
+Futterkammer auf und stürzte hinein. Gleich darauf kam er zurück, die
+Weste in der Hand. »Wer hat mir das getan?« wiederholte er, aber jetzt
+schreiend. Die Adern auf seiner Stirn zuckten. »Ich bin bestohlen!
+Der Wechsel ist ausgeschnitten! Das ist eine Spitzbüberei. Ich bin
+bestohlen!« Er taumelte gegen den Ständer und stützte den Kopf an
+denselben; so hatte es ihn erschreckt.
+
+Nun begann ein strenges Verhör. Bald wußte er, was die Dienstleute und
+die Altsitzerin mitzuteilen hatten. Schäumend vor Wut eilte er ins
+Haus, faßte Ewe bei den Schultern, rüttelte sie derb und schrie: »Gib
+mir meinen Wechsel heraus, wenn dir das Leben lieb ist. Du hast ihn aus
+der Weste herausgeschnitten.«
+
+Sie suchte sich loszumachen. »Du bist toll,« rief sie. »Was willst du
+von mir? Ich habe deinen Wechsel nicht.«
+
+»Lügnerin, schändliche Lügnerin!« herrschte er sie von neuem an und
+legte die Hand um ihren Hals. »Willst du's bestreiten, daß du in der
+Futterkammer gewesen bist, daß du die Weste unter dem Heu vorgezogen
+hast? Es ist noch an der Stelle zerwühlt.«
+
+»Laß mich los, Unsinniger,« befahl sie streng, »oder ich wehre mich mit
+den Nägeln. Ich habe die Weste gefunden, aber das Stück Zeug war schon
+ausgeschnitten.«
+
+Er lachte wild auf. »Es war schon ausgeschnitten? Wer anders hat es
+ausgeschnitten als du? Wer anders als du konnte vermuten, was in der
+Weste eingenäht war? Und hast du mir nicht gedroht? Du leugnest wohl
+auch das! Ich weiß alles. Du bist mir nachgeschlichen, hast gesehen,
+wo ich die Weste versteckte --«
+
+»Nein,« unterbrach sie, immer bemüht, ihn abzuschütteln. »Nein, das ist
+nicht wahr.«
+
+»Und wie erfuhrst du --?«
+
+»Durch die Gaidullene. Frage sie, wie sie dahinter gekommen ist.«
+
+»Ich brauche sie nicht zu fragen. Es ist auch gleichgiltig. Aber
+du hast doch die Weste unter dem Heu vorgezogen -- du? Weshalb, du
+Arglistige? Antworte doch darauf --! weshalb?«
+
+Ewe setzte trotzig den Mund auf und sagte: »Denke davon, was du willst.
+Ich habe deinen Wechsel nicht genommen und weiß nicht, wer ihn genommen
+hat. Ich fand die Weste so.«
+
+Er drang, die Faust ballend, wieder auf sie ein. Sie stieß ihn aber
+zurück: und rief: »Besinne dich! Wenn ich vor Gott und den Menschen
+versichere: es ist nicht wahr --«
+
+»So ist es doch wahr! Du hast mich betrogen,« schrie er ganz außer sich.
+
+Ewe stand eine Weile wie unschlüssig, was sie tun sollte. Ihre Lippe
+zuckte, die Augen waren auf den Boden geheftet und blitzten nur
+manchmal auf, die Arme mit den geschlossenen Händen drückte sie straff
+an den Leib. »Gut denn --« sagte sie nach einer Weile dumpf, »so mag es
+wahr sein. Wenn ich aber so schlecht bin als du meinst -- was willst
+du länger hier? Mit einer Lügnerin und Diebin wirft du nichts gemein
+haben wollen. Geh, wir sind geschieden. Es ist aus zwischen uns. Geh!«
+
+»Ihr hört's!« rief Endrullis den Dienstleuten zu. »Sie macht ein Ende
+-- sie treibt mich fort. Deshalb ist's ja geschehen, daß sie sagen
+kann: geh! Ja, ich werde gehen. Aber aus ist's zwischen uns nicht!
+Erwarte von mir nichts Gutes. Ich will mein Recht haben! Und ich weiß
+noch Mittel, dich zum Geständnis zu bringen.«
+
+Damit stürmte er fort. Und wieder zog er seinen Fuchs aus dem Stall,
+warf die zerschnittene Weste über den Sattel, schwang sich auf und
+jagte fort.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 8.
+
+
+Da war nun der Urte Drohung wahr geworden; es fehlte nicht mehr viel
+zu einem Bettler auf der Landstraße. Sein Herz war voll Bitterkeit.
+Hatte er Ewe geliebt, so meinte er, sie jetzt um so tiefer hassen
+zu müssen. Wollte sie ihn verderben, warum sollte er sie schonen?
+Den Wechsel mußte er zurück haben, auf welche Weise immer. Ohne sich
+Zeit zur Überlegung zu gönnen, ritt er nach der Stadt und stieg bei
+einem Winkelschreiber ab, der von Geburt ein Littauer war und einige
+Jahre bei einem Anwalt gearbeitet hatte, dann aber fortgejagt war und
+jetzt auf eigene Hand praktizierte. An ihn pflegten sich alle seine
+Landsleute zu wenden, wenn sie etwas betreiben wollten, wozu sich
+ein Anwalt nicht hergab. Dem trug er seinen Fall vor und forderte
+guten Rat. »Ich will dir eine Eingabe machen,« sagte der verschlagene
+Mann, »damit die Sache untersucht wird. Aber hüte dich, jemand zu
+beschuldigen. Damit muß man sehr vorsichtig sein. Sprich überhaupt zu
+andern gar nicht davon. Mögen die Herren den Fall untersuchen; es ist
+genug, wenn wir schreiben, was geschehen ist, und die Zeugen benennen.
+Kommt wider Erwarten nichts heraus, so können sie dir doch nichts
+anhaben.«
+
+Michel war mit allem einverstanden. »Das Übrige ist mir ganz gleich,«
+meinte er, »wenn ich nur meinen Wechsel zurückbekomme. Hilft er mir
+nichts gegen die Ewe, so soll mich doch die Urte nicht auslachen.«
+
+Im Dorfe logierte er sich wieder bei seinem Schwager ein und ritt mit
+Waren über die Grenze, sich einen Verdienst zu machen.
+
+Einige Wochen vergingen, ohne daß sich von der Tätigkeit des Schreibers
+eine Wirkung zeigte. Schon wurde er ungeduldig, als er erfuhr, daß Ewe,
+die Altsitzerin, Jons Toleikis und die Magd Erdme aufs Amt geladen
+seien. Wieder einige Wochen später erhielten dieselben Personen
+Vorladung aufs Gericht in der Stadt, und auch ihm wurde eine solche
+Schrift behändigt Er wurde nicht recht klug daraus, um was es sich
+handelte. Als er am Termintage in den Gerichtssaal gerufen wurde, sah
+er links vom Richtertische die Ewe in einem abgegrenzten Raume stehen.
+Gegenüber hatte der Staatsanwalt seinen Platz. Nun ging ihm ein Licht
+auf. »Das hab' ich nicht gewollt!« rief er laut.
+
+»Was hast du nicht gewollt?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Daß die Ewe deshalb als eine Diebin bestraft werden soll.«
+
+»Aber du hast doch diese Eingabe für dich schreiben lassen?«
+
+»Ja -- weil ich meinen Wechsel zurück haben wollte.«
+
+»Den Wechsel, den die Ewe Purwins dir weggenommen hat.«
+
+Endrullis zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick: seitwärts auf
+das Mädchen, das die Augen fest auf ihn heftete. »Ich weiß nicht, wer
+mir den Wechsel weggenommen hat,« sagte er dann.
+
+»Es wird sich ja finden,« mischte sich der Staatsanwalt ein. »Ich
+bitte, weiter in der Sache zu verhandeln.«
+
+Ewe bestritt die Anklage; aber sie mußte zugeben, nach dem Wechsel
+gesucht und die Weste in der Hand gehabt zu haben, ohne genügend
+erklären zu können, was sie dazu veranlaßte. Die Gaidullene bezeugte,
+wie sie durch das Astloch in der Wand gesehen, daß Endrullis ein
+Papier in die Weste einnähte und sie dann unter das Heu schob, daß
+sie der Ewe Purwins davon Mitteilung gemacht und daß diese darauf in
+die Futterkammer getreten sei und an der bezeichneten Stelle gebückt
+gestanden und im Heu gewühlt habe. Weil sie aber die Tür hinter
+sich zugezogen, sei in der Kammer nur ein schwaches Dämmerlicht
+gewesen, sodaß sie nicht genau hätte sehen können, was sie dort tat.
+Als dann aber Ewe die Tür aufgestoßen, hätte sie in ihrer Hand die
+Weste bemerkt; gleich darauf sei auch die Magd Erdme vom Stall her
+hinzugetreten. Sie hatte ihre Aussage so eingerichtet, daß sie mit
+aller Sicherheit den Eid leisten konnte. Was sie nicht gefragt wurde,
+das hatte sie ja nicht nötig zu sagen. Die Aussagen der Dienstleute
+schlossen sich an. »Hat die Angeklagte gegen diese Zeugnisse etwas
+einzuwenden?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Nein,« antwortete Ewe fest, »es ist alles so richtig. Aber die Weste
+hat mehrere Tage da unter dem Heu gelegen -- es kann auch ein Anderer
+den Wechsel ausgeschnitten haben.«
+
+»Kann -- kann! Hast du gegen irgendjemand gegründeten Verdacht?«
+
+Ewe senkte finster die Augen und schwieg.
+
+»Hast du noch einen Andern in der Futterkammer gesehen?« wandte der
+Richter sich an die Gaidullene.
+
+»Nein,« bestätigte dieselbe, »ich habe keinen Andern gesehen. Gott soll
+mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.« Es war sicher so: sie
+hatte keinen Andern gesehen; sie antwortete, wie sie gefragt wurde.
+
+Ewe wischte rasch mit der Hand eine Träne von der Backe fort.
+
+»Aber warum sollte ich den Wechsel nehmen?« rief sie, von Angst
+getrieben. »Ich habe mich ja niemals geweigert, den Endrullis zu
+heiraten. Mag er's selbst sagen.«
+
+»Und würdest du ihn auch jetzt noch heiraten?« fragte der Richter.
+
+Sie warf trotzig den Kopf zurück. »Jetzt --! Wenn ich seinetwegen
+bestraft werde ...! Er wird mich dann nicht mehr fragen, ob ich will.
+Ich bin ihm zu schlecht ...« Sie setzte sich auf die Bank nieder,
+bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, stützte den Kopf auf die
+Barriere und schluchzte laut.
+
+Die Richter berieten nur kurze seit. Dann verkündete der Vorsitzende
+den Spruch, der Ewe Purwins zu drei Wochen Gefängnis verurteilte. »Ich
+bin unschuldig,« sagte sie, »aber ich sehe wohl ein, daß ich dies
+leiden muß.«
+
+Sie bat, gleich ins Gefängnis gehen zu dürfen, damit man sie nicht von
+ihrem Hofe abhole, was ihr eine Schande wäre.
+
+Als sie abgeführt wurde, drängte Endrullis an sie heran. »Geh nicht ins
+Gefängnis, Ewe,« bat er dringend. »Ich selbst werde den König bitten,
+daß er dich begnadigt -- noch heute schreibe ich.«
+
+Sie wendete das Gesicht ab. »Ich will nicht begnadigt sein,« sagte sie,
+»du glaubst ja doch nicht, daß ich unschuldig bin.«
+
+»Ewe -- wie kann ich ...?«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Wie kannst du --?! -- Gut -- geh nur. Du hast
+ja nun deinen Wechsel.«
+
+Er griff nach ihrer Hand, aber sie wich ihm aus. »Geh nur!« Sie winkte
+Jons Toleikis heran und gab ihm Anweisung wegen der Wirtschaft. Dann
+folgte sie dem Gerichtsboten.
+
+Die drei Wochen waren bis auf einen Tag vergangen. Michel Endrullis
+hatte in der ganzen Zeit keine rechte Ruhe gehabt. Meist ritt er in
+der Nacht jenseits der Grenze und schlief bei Tage. Es war ihm, als
+ob etwas sein Gewissen schwer belastete und ihm alle Freude am Leben
+verderbe. Der Wechsel war ihm ganz gleichgültig; er verwunderte sich
+nur darüber, daß er sich deshalb mit der Ewe hatte erzürnen können.
+Und wenn sie ihn genommen und vernichtet hatte -- war sie nicht so gut
+wie sein Weib gewesen? Nun sie ihm verloren war, meinte er, sie gar
+nicht missen zu können. Und sie war ihm verloren ... nie konnte sie ihm
+verzeihen.
+
+Am späten Abend, als er an seinem frühem Hofe vorbeiritt, stand die
+Urte am Heck und winkte ihn heran. »Was willst du?« fragte er, den
+Zügel anziehend.
+
+»Komm auf dem Feldwege hinter das Haus, wo uns niemand sieht,«
+antwortete sie. »Ich will dir unter vier Augen sagen, wo dein Wechsel
+geblieben ist.«
+
+»Du --?«
+
+»Ich. Die drei Wochen sind ja wohl morgen herum? Da braucht's für dich
+kein Geheimnis mehr zu sein.«
+
+Die Worte klangen ihm so feindlich, daß es ihn durchschauerte. »Was
+weißt du von dem Wechsel?« fragte er zitternd.
+
+»Das sollst du dort erfahren. Man kann nicht wissen, was man hier auf
+der Landstraße für Zeugen hat.« Sie zeigte mit der Hand über das Haus
+hinweg und entfernte sich.
+
+Er überlegte, ob er ihr folgen sollte. Einen Augenblick dachte er an
+die Möglichkeit, daß sie ihm einen Hinterhalt gestellt haben könnte.
+Mit ein paar Knechten aber meinte er's aufnehmen zu können. Er öffnete
+also nur sein Messer in der Tasche, sprang am Gartenzaun ab, band das
+Pferd an eine Latte und ging um das Gehöft herum. Dort stand schon die
+Urte vor der hintern Haustür. »Was hast du mir nun zu sagen?« sprach er
+sie an.
+
+»Daß ich meine Rache habe,« antwortete sie. »Die Ewe hat im Gefängnis
+gesessen, und einer von des Königs Gardisten heiratet keine Frau, die
+im Gefängnis gesessen und ihren ehrlichen Namen verloren hat.«
+
+»Und das nennst du deine Rache?«
+
+»Mit Fug und Recht; denn du mußt wissen, daß die Ewe unschuldig ist.«
+
+»Unschuldig! Und wer ...?«
+
+Die Augen der Frau blitzten, wie die einer Katze, die auf die Maus
+lauert. »Ich habe den Wechsel aus deiner Weste geschnitten.«
+
+Endrullis prallte zurück. »Du --?! Das ist nicht wahr. Wie konntest du
+wissen --?«
+
+»Das ist gleichgültig, wie ich's erfuhr. Genug, ich hab's getan, als
+ihr sämtlich drüben auf der Sandscholle bei den Kartoffeln waret.
+Die hintere Stalltür fand ich offen. Ihr beide seid bestraft. Der
+Wechsel ist verbrannt. Aber damit du mir glaubst ... hier ist das
+ausgeschnittene Stück Zeug. Passe es nur in das Loch ein, es wird kein
+Fädchen fehlen.« Sie warf ihm den Lappen zu.
+
+»Hexe, verfluchte Hexe,« schrie er auf und stürzte sich mit dem Messer
+gegen sie, »nimm deinen Lohn!«
+
+Sie mochte sich auf einen solchen Angriff gefaßt gemacht haben, sprang
+zurück, riß die Tür auf und flüchtete hinter dieselbe. Das Messer fuhr
+ins Holz. Er hörte nur noch ihr heiseres Lachen.
+
+Da stand er nun und starrte die Wand an. In seinem Kopf wirbelte es,
+als ob da alle Trommeln seines Regiments gerührt würden. Ewe unschuldig
+-- doch unschuldig! Und Urte war die Diebin gewesen. Gerächt hatte sie
+sich an ihm und ihr. Es war nichts wieder gut zu machen. Ewe hatte ihre
+Strafe verbüßt. Und hatte er jetzt Zeugen gegen das boshafte Weib? Wer
+würde ihm glauben?
+
+Er steckte das Stück Zeug in seine Brieftasche und führte den Fuchs
+an der Hand durch das Dorf zurück in seines Schwagers Stall. Seine
+Schwester fragte, was ihm geschehen sei; er sähe so verstört aus. Ob er
+denn diese Nacht nicht reite? »Nein,« sagte er, »aber morgen früh. Ich
+will die Ewe aus der Stadt abholen.«
+
+»Gib dich mit der schlechten Person nicht weiter ab,« meinte sein
+Schwager Grillus. Er aber faßte ihn dafür bei der Brust und schüttelte
+ihn. »Wer sie eine schlechte Person nennt,« schrie er, »der mag sich
+vor mir in Acht nehmen. Ich schone Schwester und Bruder nicht!«
+
+Er brachte eine schlaflose Nacht zu. In der Frühe ritt er fort in der
+Richtung nach der Stadt. »Sie wird mir glauben,« tröstete er sich.
+
+Nicht weit von den letzten Häusern der Vorstadt sprang er ab, legte
+sich in den Chausseegraben und ließ seinen Gaul neben sich grasen.
+Ewe mußte hier vorüberkommen. Und es dauerte keine Stunde, da kam sie
+wirklich. Sie hatte die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in ein Tuch
+geknüpft, das sie in der Hand hielt. Sie sang leise vor sich hin ein
+littauisches Wiegenlied, das recht schwermütig klang, und hatte die
+Augen auf den Boden gerichtet. »Ewe!« rief er sie an.
+
+Sie schrak zusammen. »Mikelis --! Was willst du hier?«
+
+Er stand auf und trat an sie heran, das Pferd nach sich ziehend.
+
+»Steige du auf,« sagte er, »der Weg bis zum Dorf ist weit.«
+
+»Ich bin nicht müde,« entgegnete sie, »habe drei Wochen lang Zeit
+gehabt, auszuruhen.«
+
+Das fühlte er wie einen Stich ins Herz. »Ewe,« sagte er, »Gott weiß,
+daß ich dir nicht habe Unrecht tun wollen.« Er ging neben ihr hin und
+zog das Pferd am Zügel nach sich.
+
+»Das mag sein,« antwortete sie, »aber es nützt mir nichts: ich habe
+doch einmal im Gefängnis gesessen. Und dir hilft's nicht über die
+Schande weg, mich da hineingebracht zu haben.«
+
+»Ewe, wenn ich dir sage --«
+
+»Du meinst's ja auch nicht, wie ich's meine. Und wenn du mir nicht
+glaubst, ist mir das andere gleichgültig.«
+
+Er legte die Hand auf ihre Hand, die das Bündel trug. »Ewe -- wenn ich
+jetzt noch sagen könnte: ich glaube dir! Aber ich weiß nun, daß du
+unschuldig bist, und ich weiß auch, wer schuldig ist ...«
+
+Sie trat einen Schritt zur Seite und blieb stehen. »Du weißt es ...?«
+
+»Die Urte hat den Wechsel ausgeschnitten -- sie hat ihre Rache haben
+wollen.« Er erzählte mit hastigen Worten, wie er dahintergekommen.
+
+Ewes eben noch bleiches Gesicht überzog sich mit flammender Röte; die
+weißen Zähne waren fest verbissen und die Lippen ein wenig geöffnet;
+die Brust hob und senkte sich rasch. Das Bündel hatte sie mit beiden
+Händen gefaßt, und die Finger knüpften an dem Tuche. Sie sprach kein
+Wort, und Endrullis ließ ihr eine Weile Zeit, mit ihren Gedanken fertig
+zu werden. Erst nachdem sie eine Strecke vorwärts gegangen waren,
+fragte er: »Kannst du mir verzeihen, Ewe?«
+
+»Verzeihen!« rief sie; »das paßt nicht mehr zu uns beiden. Früher wär's
+vielleicht gut genug gewesen, aber jetzt ...« Sie brach in ein heftiges
+Weinen aus.
+
+Er legte den Arm um ihre Schulter. »Was hast Du, Ewe?« fragte er
+bekümmert.
+
+»Gott hat es so gefügt,« schluchzte sie, »daß wir nicht mehr von
+einander können mit leichten Worten. Ich habe dich einmal zu lieb
+gehabt, und das wird bald offenkundig werden vor aller Welt. Da ist's
+mit dem Verzeihen nichts. Kann's nicht sein, wie es gewesen ist, so
+kann's doch auch nicht bleiben, wie es ist. Im Gefängnis, Mikelis, als
+ich ganz mit mir allein war -- da ist mir's zur Gewißheit geworden ...
+Ach Gott, ach Gott! Warum hat das jetzt geschehen müssen?«
+
+Er horchte auf und glaubte zu verstehen. »Ewe,« rief er, »ist's möglich
+--? Eine solche Hoffnung ...! Ja, dann können wir nicht mehr von
+einander; dann ist's nicht mehr genug, daß du mir verzeihst -- dann
+mußt du mich wieder lieben, wie vordem ... o, mehr noch, viel mehr!« Er
+zog sie an sich und küßte ihr die Tränen von den Augen und Wangen.
+
+Sie ließ es eine kurze Weile geschehen. Dann aber schob sie ihn mit
+Heftigkeit von sich ab und sagte: »Von einander können wir nicht -- und
+zusammen auch nicht. Das rachsüchtige Weib, die Urte, steht zwischen
+uns. Es ist nur auf eine Weise gut zu machen -- nur auf eine Weise. Ja,
+ja ... nur auf eine Weise. Wenn du ein Mann bist --!«
+
+Sie brach ab und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, der ihn
+im Tiefsten erbeben machte. »Woran denkst du?« fragte er mit zitternder
+Stimme.
+
+»Wenn du ein Mann bist --« wiederholte sie und ließ ihn wieder den
+Schluß erraten. Die Lippen zuckten höhnisch. »Wie bleich du geworden
+bist! Du bist Soldat gewesen und hast doch keinen Mut.«
+
+»Ich habe Mut, Ewe ...«
+
+»Aber? Siehst du! Du hast den Mut, dich und mich verächtlich zu machen.
+Aber den Mut, die Schande von uns abzuwenden und zu beweisen, daß du
+mich liebst und mir ehrlich Wort halten willst, den hast du nicht. Auch
+jetzt nicht -- nach dem, was die Urte dir gesagt hat und was ich dir
+gesagt habe. Geh! Du bist kein Mann!«
+
+»Ewe -- was soll geschehen ...?«
+
+Sie lachte auf. »Ich weiß es nicht. Weißt du's nicht, so kannst du's
+von mir nicht erfahren. Aber laß mich allein! Ich verzeihe dir, weil
+ich dich verachte.«
+
+Endrullis riß die Jacke auf und griff in sein rotbuntes Halstuch, das
+ihn zu würgen schien. »Du sollst mich nicht verachten,« sagte er, die
+Worte aus der Kehle zwingend. »Du hast ganz Recht, Ewe -- ich wäre kein
+Mann, wenn das ... Nur Geduld! man muß es klug anfangen. Es kann ja
+nicht anders sein -- und die Hexe verdient's. Nur Geduld! Der Wechsel
+soll eingelöst werden.«
+
+Er reichte ihr die Hand hin und schüttelte die ihrige wie zur
+Bekräftigung seiner Worte. »Wir gehören zu einander,« rief er, »und
+wenn Gott uns nicht zusammenbringt, soll's der Teufel tun. Ich fürchte
+mich nicht vor ihm. Nur Geduld!«
+
+Auf der Chaussee näherten sich Fuhrwerke. »Es ist besser,« fuhr er
+fort, »man sieht uns die nächste Zeit nicht beisammen. Ich habe oben an
+der Grenze zu tun. Die Juden wollen einmal ihr Glück an einer andern
+Stelle versuchen, man paßt ihnen hier schon zu sehr auf. Wenn sich
+etwas ereignen sollte -- ich bin weit weg. Lebe wohl! Wenn wir uns
+wiedersehen, kannst du die Hochzeit bestellen.«
+
+Er schwang sich auf den Fuchs und jagte wie toll davon.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 9.
+
+
+Acht Tage darauf fand man die Wirtsfrau Urte Endrullene des Morgens tot
+in ihrem Bette. Der Schädel war ihr gespalten; augenscheinlich war sie
+im Schlaf getroffen, und ein einziger Hieb hatte hingereicht, sie für
+ewig stumm zu machen.
+
+Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der
+Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente
+geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das
+stets auf dem Herd lag, war vermißt worden und trotz allen Suchens
+nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die
+Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts
+Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An
+dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke
+nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die
+Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte,
+es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz
+morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen
+worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der
+Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand
+getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau
+anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben;
+durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die
+Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von
+dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben
+Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet
+und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren
+Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der
+Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem Fenster befand
+sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und
+Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen
+eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte.
+Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht,
+da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob
+irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln.
+
+Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht
+das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr
+wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den
+Täter führte keine sichere Spur.
+
+Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus
+gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon,
+daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung,
+daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten
+zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen
+mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch
+auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam,
+daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und
+nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der
+Grenze aufgehalten zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen
+voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit
+russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war
+gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu
+gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen
+war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz
+zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen;
+aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß
+jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den
+wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte,
+in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich
+nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte
+verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da
+auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte.
+
+Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf
+blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und
+arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und
+könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst
+meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer
+Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe. Die Frauen
+übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte
+ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu
+widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr
+zog und das Aufgebot bestellt wurde.
+
+An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete,
+waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen
+Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die
+Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen,
+aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein
+Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem
+die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten,
+schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den
+Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die
+Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie
+nickte ihm grüßend zu.
+
+Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in
+ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die
+Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei
+und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau
+auf den Wagen genommen wäre.«
+
+»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die
+Wirtin.«
+
+»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der
+Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz
+frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht
+jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.«
+
+»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er
+erschrak und im Gesicht bleich wurde.
+
+»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein
+Aberglaube -- der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot
+und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte
+unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den
+Stall eintrat -- in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf
+gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.«
+
+»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die
+Ecke des Stalles blickend.
+
+Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen,
+Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das
+erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die
+Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du
+weißt doch, wo sie ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist
+ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das
+so gut.«
+
+Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der
+aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht.
+»Fort da, oder ...«
+
+Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich
+gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht
+immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben.
+Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis,
+nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.«
+
+Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn,
+was --?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf
+dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den
+grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets
+zu dir in's Bett nimmst.«
+
+»Sie kommt gern zu mir -- hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener
+Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch
+unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren
+grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.«
+
+»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man
+als Hexe verbrennen -- hi, hi, hi!«
+
+»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur -- du kannst lachen. Die Urte ist
+tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du
+kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit
+mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt
+mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges
+Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen,
+und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt,
+nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und
+möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem
+Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu,
+daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich
+kann auch sprechen.«
+
+»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was
+kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.«
+
+»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch
+nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still
+bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs
+geblieben?«
+
+Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die
+Grenzreiter mich verfolgten.«
+
+»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und
+hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so
+viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies
+ein Hufeisen verloren --«
+
+»Wer will das behaupten ...?«
+
+»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich
+meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war
+freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein
+Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall
+ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt
+war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.«
+
+»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen,
+wie er hinein- und hinauskommt -- das hast du wohl schon erfahren.«
+
+»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten
+und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner
+Jacke geblieben, Mikelis?«
+
+Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten.
+»Zwei?«
+
+»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.«
+
+»Was geht es dich an?«
+
+»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du
+dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.«
+
+Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle
+zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen
+Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich
+schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten
+Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu
+kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe
+keinen Spaß.«
+
+Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,«
+zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest -- hundert
+Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das
+kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand
+hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden -- so einem, wie die Ewe
+dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich
+dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich
+wissen, woran ich bin.«
+
+Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte etwas in sich hinein.
+Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich
+in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie
+reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster
+Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor
+ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus
+wie einer, dem wohl zu Mute war.
+
+Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren
+Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts,
+als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die
+Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.«
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ 10.
+
+
+Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit
+zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und
+gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran
+und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen
+Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr:
+»Du kannst es gut bei mir haben, wenn du auf meiner Seite stehst. Ich
+kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme
+gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf
+und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei
+zwinkerte sie listig mit den Augen.
+
+Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit
+hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr
+einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr,
+was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die
+Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der
+Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf
+einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die
+Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig.
+Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.«
+Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte
+dankte und ging.
+
+Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie
+wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen
+den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie
+entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den
+Schweinetrog.
+
+Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern.
+Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine
+andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte
+gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst
+aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen.
+Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen
+und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie
+findet.«
+
+Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon
+versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür
+standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche
+in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es
+nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen -- fuhr ein
+städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei
+Herren sprangen ab.
+
+»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke
+richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf
+von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu
+Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!«
+
+Er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. »An unserm Hochzeitstage --«
+
+»Sie kommen deinetwegen, Mikelis.«
+
+»Sie können mir nichts beweisen. Laufe ich fort, so bin ich schuldig.«
+
+»Aber du bist frei.«
+
+Er blickte zum Fenster hinaus auf die Straße. Eben kam der Gensdarm
+angeritten. »Es ist auch zu spät zur Flucht. Ja -- wenn der Fuchs noch
+im Stall stände --!«
+
+Nun trat der Richter ein und sagte: »Michel Endrullis, es tut mir leid,
+daß ich das Hochzeitsfest stören muß. Ich will wünschen, daß ich dich
+und deine Braut nicht lange aufzuhalten brauche. Das Gericht hat aber
+guten Grund, bei dir eine Haussuchung zu halten. Ich frage dich: bist
+du in der Nacht, als deine abgeschiedene Frau ermordet wurde, hier im
+Dorfe gewesen?«
+
+»Ich weiß nichts davon, daß sie ermordet ist,« antwortete er, finster
+zur Erde blickend.
+
+»Antworte geradeaus,« forderte der Richter. »Bist du hier im Dorf
+gewesen oder nicht?«
+
+»Ich bin drüben in Rußland gewesen -- mein Pferd ist gefallen -- es ist
+durch Zeugen erwiesen.«
+
+»Und hier im Dorfe warst du nicht? Sieh mich an!«
+
+Endrullis bemühte sich, dem Richter fest in die Augen zu sehen. »Wer
+sagt, daß ich hier im Dorfe gewesen bin?«
+
+»Das sollst du später erfahren. Ja oder nein?«
+
+»Nein! Ich kann nicht durch die Luft fliegen.«
+
+»Wo sind die Kleider, die du damals getragen hast -- in Rußland
+natürlich.«
+
+Endrullis warf den Kopf zurück. »Sie sind doch schon einmal untersucht,
+und es hat sich nichts Verdächtiges daran gefunden.«
+
+»Keine Blutspur, das ist richtig. Aber im Protokoll steht geschrieben,
+daß an der Jacke zwei Knöpfe fehlten. Die fehlten schon lange, nicht
+wahr? So hast du früher behauptet.«
+
+»Was ich gesagt habe, ist wahr.«
+
+»Zeige doch die Jacke noch einmal vor.« Sie wurde herbeigebracht. Der
+Richter wickelte aus einem Stück Papier einen Knopf und verglich ihn
+mit denen an der Jacke. »Die Knöpfe stimmen genau überein, das wirst du
+selbst zugeben müssen.«
+
+»Es tragen viele Littauer solche Knöpfe, Herr.«
+
+»Aber dieser hat offenbar hier gesessen; die Fäden sind scharf
+durchschnitten und passen der Zahl nach zusammen.«
+
+Endrullis versuchte zu lachen. »Das kann ja sein, Herr. Wenn ich ihn
+verloren habe, kann ihn auch wohl einer gefunden haben.«
+
+»Ganz richtig. Und weißt du auch, wo ihn einer gefunden hat?«
+
+»Was geht mich das an?«
+
+»An der hinteren Ecke des Holzstalls hier auf dem Hofe neben einem
+losen Brett der Verkleidung.«
+
+Der Littauer besann sich einen Augenblick. Es kam nun darauf an,
+vorsichtige Antworten zu geben. »Warum soll er da nicht gefunden worden
+sein, Herr?« fragte er dann zurück. »Seit länger als einem Jahre gehe
+ich hier auf dem Grundstück herum und habe die Jacke immer getragen.«
+
+»Aber der Knopf ist dort gerade am Morgen nach jener Nacht gefunden.«
+
+»Das lügt die Gaidullene.«
+
+»Die Gaidullene? Wie weißt du, daß von der die Rede ist.«
+
+»Weil sie mir den Knopf für hundert Taler angeboten hat, Herr. Ich habe
+sie ausgelacht und fortgejagt. Dafür rächt sie sich nun durch falsches
+Zeugnis.«
+
+Das ließ sich hören. »Gehen wir in den Stall,« sagte der Richter. »Ist
+in jener Nacht jemand an der Stelle, wo das Brett losgebrochen sein
+soll, eingedrungen, so wird er auch wohl einen Zweck dabei verfolgt
+haben. Wo ist der Stall?«
+
+Endrullis zeigte widerwillig den Weg. Ewe, die ihn begleitete, sprach
+viel von der Schlechtigkeit und Rachsucht der Altsitzerin, die für ein
+Quartier Branntwein falsch schwöre.
+
+Im Stall lag Holz und Torf, an einem Hauklotz eine Axt. In einer Ecke
+stand ein Spaten. »Steht der Spaten immer hier?« fragte der Richter.
+»Wozu wird er gebraucht?«
+
+»Den Torfgrus einzusacken,« erklärte Ewe, »aber der Stall ist lange
+nicht gereinigt.« Endrullis war ganz still geworden.
+
+Der Richter ließ das Holz hinauswerfen. Unter demselben zeigte sich
+am Boden eine Stelle, etwa einen Fuß im Geviert, von dunklerer Farbe.
+Die schwarze Erde lag hier obenauf nur dünn mit Holzabfällen bestreut.
+»Hier wollen wir nachgraben.«
+
+Nach wenigen Minuten stieß der Spaten auf klingendes Metall. Bei diesem
+Klange zuckte Endrullis zusammen, und Ewe warf ihm einen ängstlichen
+Blick zu. Der Richter bückte sich und hob aus dem Loch ein Beil. Die
+schartige Seite war mit einer dunklen Masse überzogen, an welchem lange
+Haare hingen. »Nun --? Wem gehört das Beil, Endrullis?«
+
+»Ich weiß es nicht. Es kann da lange gelegen haben. Das Grundstück
+gehört mir noch nicht.«
+
+Der Richter zeigte das Beil den Umstehenden. »Wem hat das Beil gehört?«
+
+»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich
+erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.«
+
+»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben,
+Endrullis?«
+
+»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim
+Sprechen.
+
+»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals
+über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde
+durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und
+hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite
+Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die
+Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite
+hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube.
+Willst du noch die Tat leugnen?«
+
+Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich
+stier auf den Knopf.
+
+»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du
+aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen,
+damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den
+Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe
+am Torfbruch unter den Erlen.«
+
+Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe
+schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig -- sie wollen ihn
+verderben.«
+
+Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte
+ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte,
+riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube.
+Dann brach sie zusammen.
+
+In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen.
+
+Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich
+ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie
+Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne
+sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren
+Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu
+Fuß fort, ohne zu sagen wohin.
+
+Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich
+nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren
+scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters
+sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe
+erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich.
+Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu
+werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich
+etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu
+können.
+
+Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie
+solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der
+habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche
+arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,«
+meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte
+sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat,
+bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie
+wurde als Magd angenommen.
+
+In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben
+hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten
+das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen
+und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in
+Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel
+eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das
+Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel
+Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein
+und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch,
+wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten
+rechts im obersten Gange verschlossen.
+
+Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche die Untersuchung noch
+schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach
+dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe
+wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen
+zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange
+wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an
+einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich
+das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der
+linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den
+Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine
+matten Augen glänzten einen Moment lebhafter.
+
+Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt
+wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die
+beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne
+daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort
+löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur
+Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett.
+Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam,
+war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit.
+
+Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit, eine kleine Feile,
+die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen,
+die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in
+einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu
+schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er
+glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und
+war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen.
+
+Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde
+eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer
+Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten,
+die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle
+berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete
+die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.«
+
+»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?«
+
+»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen,
+und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter
+Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose
+Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?«
+
+Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten
+fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf.
+
+Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als
+ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte
+das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr
+die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem
+Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach.
+
+Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die
+Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke
+war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde.
+
+Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß
+es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen.
+Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus
+tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer
+Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich.
+
+Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil
+der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus
+benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus
+zurückbrachte.
+
+Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe,
+und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß
+sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte
+und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit.
+
+Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind
+nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte
+sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust.
+Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden
+Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle.
+Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie
+in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte.
+Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der
+Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen
+und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr
+hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er
+hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie,
+gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem
+Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem
+Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und
+täglich schleifen sie das Beil -- schirp, schirp, schirp -- auf dem
+großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...«
+
+Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher
+scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in
+einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem
+Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand.
+Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu
+seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß.
+
+Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war,
+trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es
+bemerkte.
+
+Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen
+können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern
+Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand
+nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und
+kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.«
+
+Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden
+sie nicht.«
+
+Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte
+sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige
+Beschäftigung.
+
+Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern.
+Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen.
+
+Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der
+Wiege.
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Heinrich Sohnrey:
+
+ Lorenheinrich.
+
+ [Illustration]
+
+Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im
+südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben
+ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das
+ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt
+einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die
+Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover
+auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und
+an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der
+Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren
+Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der
+Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar
+nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In
+gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in
+Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht,
+in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen
+aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten
+Lebensberuf heranreifen: ~dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart
+wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben
+Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der
+Landflucht zu heilen~.
+
+Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«,
+die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter
+unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister
+mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der
+Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück
+-- er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem
+Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen
+in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die
+Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen
+Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen
+Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer
+des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in
+Berlin.
+
+»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt
+unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk.
+Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen
+aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen -- verloren«, »Die hinter
+den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im
+grünen Klee -- im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung
+vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten
+voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.
+
+ ~W. Lottig.~
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Lorenheinrich.
+
+ Eine Frühlingserscheinung im Dorfe.
+
+
+Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches
+aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir
+nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der
+Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche,
+Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft
+im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird.
+
+So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem
+schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in
+meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?«
+
+Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich
+erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden
+hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der
+Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde ausgetrieben hat, in ein
+rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt -- und
+vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit
+seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen
+Höfen.
+
+Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich!
+Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese
+wunderseltsame Frühlingserscheinung -- wunderseltsam in ihrer grotesken
+Wirklichkeit -- immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen.
+
+Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger
+schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum
+ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in
+den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann
+war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens
+genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der
+Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare
+im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß
+es Frühling war.
+
+Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter
+und Großväter lehnten sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten
+Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht
+mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der
+dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause,
+wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des
+Kommenden harren konnten.
+
+Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die
+dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher
+Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die
+sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des
+Dorfes ankündigt.
+
+Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte
+endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden
+Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen
+einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel
+der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf
+wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen
+ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus
+der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine
+hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten,
+einen langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war,
+wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen
+und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer,
+grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs
+geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am
+liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug.
+
+Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken
+haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; -- und er hatte doch
+einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur
+das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger
+Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde
+Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte
+-- wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die
+Hühner gekratzt haben.
+
+So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein
+ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte
+er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und
+weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und
+über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen Tönen
+entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und
+manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest
+döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«[2]
+
+Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen;
+die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl
+etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein
+Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im
+offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder,
+um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich
+königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock
+heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in
+seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose
+sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu
+welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der
+Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges
+riesiges Gänseblümchen.
+
+Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es
+ohne jeden argen Spott und Hohn geschah.
+
+Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn
+überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige
+Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen
+Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß,
+von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein
+»Swinetrog«.
+
+Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an
+sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste
+Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das
+ganze Dorf vor Lachen wackelte.
+
+Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal
+vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf
+den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand,
+daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden
+Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das
+»ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer
+Mimik an:
+
+ »Lorenheinrich, döu leiwe Junge,
+ Is dat Freujahr nöu weer in Swunge?
+ Häst 'ne uten Loche locket,
+ Häst de 'ne an Haare tocket?
+
+ Dat is recht un dat is gaut, --
+ Af de Mütze, af den Haut!
+ Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«[3]
+
+Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte,
+worauf der Grabenmüller wiederum anhob:
+
+ »Lorenheinrich, döu leiwe Junge,
+ Is dat Freujahr nöu weer in Swunge,
+ Will we ak 'ne Wost[4] ansneggen,
+ Sast ak use Meken freggen.[5]
+ Kumm herin un dau deck gaut --
+ Af de Mütze, af den Haut!
+ -- Vivat!«
+
+Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des
+Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende,
+lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst
+gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von
+grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen.
+
+Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und
+mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den
+gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden
+Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien
+es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen
+zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand
+Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an
+ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!«
+
+Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der
+Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte,
+wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den
+besetzten Tisch geführt.
+
+Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück
+Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen
+anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den
+Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte.
+
+Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs
+neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten
+Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das
+wußte man ja: wie die Flur zum Wachstum der Sonne und des Regens, so
+bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen
+Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag
+der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen
+und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles
+up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«[6]
+
+So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem
+Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen
+Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll
+war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus.
+
+Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern.
+
+Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig
+es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er
+ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß
+ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am
+Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn
+es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war
+er schon ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und
+putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh'
+sie geprickt ist.
+
+Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte
+sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock
+und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das
+letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten
+bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die
+purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch
+die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste
+Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und
+Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen
+wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und
+Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer
+gleich und immer vorherrschend war allein -- dafür sorgten schon die
+Schelmereien der jungen Mädchen -- das Gänseblümchen, so daß man
+sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen
+Gänseblümchen-Heinrich beilegten.
+
+Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen,
+nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen
+Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen, wovon
+sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der
+Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben.
+
+Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft
+emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig!
+Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben,
+eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und
+eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer
+nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid
+ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen
+könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen,
+setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor,
+daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere
+grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und
+Freude daran haben konnte.
+
+Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute
+alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend
+in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am
+herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft,
+es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen man
+ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein
+Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in
+die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf,
+wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls
+nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer
+»Slippe«[7] voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren
+und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In
+gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern,
+selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls
+zuführte, beschenkt.
+
+Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden.
+Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um
+den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl,
+obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht
+nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf
+angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im
+Kreise verwenden mochte.
+
+In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden,
+daß Lorenheinrich immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch
+immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte.
+
+Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief
+dem andern zu: »Weiß't alle? -- Lorenheinrich will't Möhlenhannechen
+freggen!«[8]
+
+Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber
+jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot
+gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt
+an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach:
+»Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«
+
+Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit
+gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über
+den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen
+konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen
+schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«.
+
+Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein
+kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich,
+Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!«
+
+Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße
+aufzog,«[9] legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs
+Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die
+blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die
+erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum
+nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die
+anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne -- und der Himmel noch
+voller Würste hinge.
+
+Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige
+Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde.
+
+Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als
+zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so
+blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über
+Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker
+Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im
+andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu
+früh wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen
+worden war.
+
+Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu
+schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer.
+Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft
+schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er
+schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen
+Rest seiner grimmigen Kälte über ihn -- und als etliche Tage später
+der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich
+zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem
+Ausgange, erfroren am Wege gefunden.
+
+Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen
+floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der
+Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen,
+die je gesehen worden sind.
+
+Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich
+bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie
+gebracht werden, wogegen sich indes -- zu ihrem Ruhme sei's gesagt
+-- die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen
+ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen, daß ich
+mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam
+erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand,
+den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete!
+
+Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu
+widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und
+seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge
+zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so
+mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen
+Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der
+einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen
+der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden
+solle, freilich -- diese Einschränkung wurde dennoch gemacht -- nur in
+einer Ecke des Friedhofes.
+
+Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben.
+
+Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge
+wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an
+bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen
+Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die
+Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr ungewöhnlich früh erschienen,
+als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen.
+
+Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit
+Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im
+Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab.
+
+Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der
+wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die
+Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte
+den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man
+auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war
+ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern.
+
+Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich
+ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben
+hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige
+Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück
+für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte.
+
+Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt
+worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide
+nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Wilhelm von Polenz:
+
+ Zittelgusts Anna.
+
+ [Illustration]
+
+
+»Ich bekenne mit Stolz,« sagt ~Wilhelm von Polenz~ von sich, »daß
+ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind
+meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn
+meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf
+dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind
+auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche
+Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse
+der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach
+vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand
+er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff
+die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von
+1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen
+und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im
+Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903).
+
+In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich
+deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet
+die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung
+des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald,
+Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust,
+Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt
+ward der Dichter durch den religiösen Zeitroman »~Der Pfarrer von
+Breitendorf~« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy
+gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem
+Roman »~Der Büttnerbauer~« (1895), dem vielleicht nur Roseggers
+»Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück
+hierzu, »~Der Grabenhäger~« (1897), bietet viele schöne Züge,
+hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen.
+-- Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh
+unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer.
+Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er
+findet sein Frauenideal in »~Thekla Lüdekind~« (1899), spürt den
+Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »~Liebe ist ewig~«
+(1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman
+»~Wurzellocker~« (1902).
+
+Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann
+er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer
+Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet
+er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse
+psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle
+der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner
+Personen verständlich zu machen.
+
+ Tonndorf-Lohe,
+ den 19. November 1904. ~Wilhelm Bube.~
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Zittelgusts Anna.
+
+
+Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo
+von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich
+neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine
+Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und
+Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht,
+da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige
+Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe
+ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende
+Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen
+allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen
+zurückgeblieben.
+
+Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen
+sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein
+langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn
+über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte
+fort. Nur im Genick hing ihm von einem Ohr zum anderen ein schmaler
+ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht.
+Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte
+Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den
+Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.
+
+Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den
+Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut,
+Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften,
+ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.
+
+Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der
+muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen
+an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete
+ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja
+Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie
+hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig
+verschlossen.
+
+Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln
+einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum
+Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man
+in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde,
+das Schiebefenster zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf
+hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu
+befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten
+einzuziehen.
+
+Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den
+Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt.
+Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben
+müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten;
+sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die
+beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und
+Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins
+Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die
+Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in
+den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst
+zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.
+
+Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war
+ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung
+stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten
+Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen
+Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle
+Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit ihrem altklugen
+Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem
+spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien
+hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube,
+ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein
+fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder,
+scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.
+
+Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war
+das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt,
+von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und
+gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter
+Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als
+vordem.
+
+Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in
+zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von
+Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf,
+unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß
+ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles,
+was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis
+in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte.
+
+Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung des Hauswesens an sich.
+Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim,
+mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck
+dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die
+übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.
+
+Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte
+dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke.
+Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde
+Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und
+herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen.
+Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen
+und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift.
+Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum
+Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und
+Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.
+
+Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die
+Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere
+Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu
+kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle
+hatte, da keine Feldarbeit, keine andere Hantierung ihn abzog, brachte
+er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine
+tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das
+Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und
+Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War
+aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand
+sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das
+Ganze wieder in Schuß zu bringen.
+
+In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust
+war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit
+hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.
+
+Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller
+Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten;
+Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie
+kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn
+geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine
+ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.
+
+Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel
+war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine
+saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder und
+Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte
+wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder
+Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.
+
+Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen
+Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten.
+Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna
+war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen
+wurde ihr eben leicht.
+
+Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung
+blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen
+aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen
+ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit
+ein Greuel.
+
+Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die
+Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends
+ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß,
+bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter
+auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.
+
+So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander.
+Zittelgust vermißte das verstorbene Weib kaum noch; seine Anna
+ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein
+wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar
+nicht anders haben.
+
+Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der
+dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert
+haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen
+altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge,
+der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die
+Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf
+der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die
+sein Webstuhl sang.
+
+Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen,
+das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten
+können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe
+helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich
+verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger
+Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich
+darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.
+
+Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war
+eine Handelsfrau. Ihr Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit
+etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war
+ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden
+Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie
+im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und
+Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden
+suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis
+schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier
+an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit
+auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch
+wenigstens am Leben.
+
+Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie
+stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen,
+waren an einem Ostern konfirmiert worden.
+
+Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel
+einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln
+ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes,
+wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe
+des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber
+nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und
+hungrig von der Reise zurückkehrte, durfte sie sich in dieser Herberge
+ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder
+die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann
+bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.
+
+Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen
+herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht
+die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von
+den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um
+ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte
+sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal
+die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust
+hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene
+Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das
+Halten einer Zeitung.
+
+Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer.
+Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit
+verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen.
+Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück,
+einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule
+waren! -- Sie hatte neben ihrem Hausierhandel noch einige kleine
+Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten
+von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt.
+Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang
+der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte,
+vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos
+fand.
+
+Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede
+Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas
+Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen
+fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht.
+Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für
+ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser
+Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem
+sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand
+Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas
+ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.
+
+In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem
+Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch
+daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn
+je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und klein. Ihre beiden
+Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan,
+den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete
+eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände
+in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn
+der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit
+anrühren.
+
+Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu
+Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor.
+Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der
+Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie
+anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht
+vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und
+verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.
+
+Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte
+ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder
+ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam.
+Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge
+schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen -- wie
+es sich für die Witwe schickt -- der Vater schritt unter den Nachbarn.
+
+Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür
+gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse
+Zeiten kommen würden.
+
+Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna
+zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand
+verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm,
+am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den
+Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.
+
+Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun
+verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert.
+
+Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und
+eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei
+ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb
+stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät
+die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden
+zu sprechen.
+
+Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er
+kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand
+lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus,
+und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er sich dann hinbegäbe.
+Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit
+jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.
+
+Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die
+Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um
+ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht
+und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig
+machen!
+
+Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den
+Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief
+eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen.
+Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein
+Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.
+
+Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren
+trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags
+frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders
+feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von
+dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher
+nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt
+erblickt hatte.
+
+Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher
+Miene auf den Tisch niederlegte. Dann rief sie die kleine Anna herbei,
+die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses
+Aufzuges anstaunend.
+
+»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was
+mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die
+Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs
+kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der
+'s ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie
+Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu
+ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib
+nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«
+
+Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem
+Kleid, das sie geschenkt bekam.
+
+Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich
+doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich
+mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein,
+das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes
+Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.
+
+Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die
+beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren
+Zärtlichkeiten stören. Nachmittags unternahmen sie einen Ausflug. Anna
+wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.
+
+Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen.
+Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer
+eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm -- was man einmal mit heiler
+Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal
+riskieren. -- Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der
+Leute heraus.
+
+Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras
+wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun,
+wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um
+war, einen neuen. Und was für einen!
+
+Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige,
+lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch
+bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als
+Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen
+würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert
+sein.
+
+So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal,
+wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch
+machte! --
+
+Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie
+tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.
+
+Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern
+ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn,
+der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins
+Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu
+wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.
+
+Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während
+die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel
+keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in
+größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft
+eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? -- Das kostete schweres
+Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr,
+als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem
+womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie
+wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der
+niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines
+Tages davonlaufe.
+
+Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er
+ein Schwächling war, ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich
+auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann
+war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal
+hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften
+Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in
+die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch
+seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und
+wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in
+der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das
+Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.
+
+Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen
+Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß
+ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.
+
+Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles
+energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren
+innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr
+wohnen.
+
+Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre
+verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller
+Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er. Die
+Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz
+oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens
+beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht,
+daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.
+
+Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück
+ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen
+Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.
+
+Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll
+Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges
+Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen
+Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war
+zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes
+Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde
+weiter ziehen sollte.
+
+An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem
+Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern
+und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es
+nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen
+sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre
+Holzstube war doch viel schöner gewesen, als alles, was die fremde
+Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen,
+von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.
+
+Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm
+in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der
+Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte
+klagen dürfen.
+
+Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie
+zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres
+Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo
+die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte
+dann aus ihr werden? --
+
+Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel,
+und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.
+
+Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm
+und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei
+man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur
+ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum
+Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher
+nur über die Straße gesprungen war.
+
+Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der
+Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre
+Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.
+
+Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein,
+die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die
+eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof
+fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und
+Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen,
+Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos
+ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu
+spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht
+mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne
+umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch
+besser hinter dem Webstuhle untergebracht.
+
+Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht.
+Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen,
+Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch
+das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen
+wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind sei.
+Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich
+angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ
+es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer
+zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.
+
+Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl.
+Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an
+aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch
+arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel
+durchzuschleppen.
+
+Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die
+Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei.
+Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und
+fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.
+
+Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der
+Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe.
+Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand
+aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er
+hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu
+lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.
+
+Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine Frau verreiste.
+Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die
+schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber
+selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus
+über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten,
+daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in
+ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere
+gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig
+ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau
+müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer
+beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk,
+das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.
+
+Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber
+Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten,
+wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in
+ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum
+Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen
+hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust
+allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.
+
+Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die kurzen Tage und langen
+Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel,
+als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag
+manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der
+Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im
+nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche
+waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und
+Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen
+ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer
+Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es
+auf sie abgesehen hatten.
+
+Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das
+kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da
+mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und
+Steg frei zu machen.
+
+Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am
+liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß
+Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte
+sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame,
+Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der
+Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und die Aussicht,
+zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie
+gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor
+elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der
+Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren
+Geschwister holte.
+
+Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem
+sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie
+ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna
+von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem
+kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies
+erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde
+zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder,
+die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft
+war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig
+sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von
+Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.
+
+Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig
+weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht,
+beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.
+
+Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt
+antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg,
+daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig
+zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier
+nicht bloß um Verstellung handle.
+
+Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß
+zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der
+nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde
+Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen
+Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße
+fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna
+in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese
+Weise vor aller Welt offenbar werde.
+
+Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach,
+das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man
+den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre,
+hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern
+hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte,
+und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde
+versucht, Anna mit allerhand Kräutern, Einreibungen und Mixturen
+wieder auf die Beine zu bringen.
+
+Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte
+eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und
+wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus
+reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum
+mindesten wie Dummheit vor.
+
+Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten
+Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet
+dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte
+oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten
+Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein
+sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr
+war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! --
+
+Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu
+lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu
+bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie
+eine böse Stiefmutter zu nennen.
+
+Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine
+Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.
+
+Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter
+zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen
+die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte
+der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so
+unvernünftig gewesen.
+
+Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen
+waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen.
+Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten
+Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine
+Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.
+
+Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr
+Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm
+liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies
+und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war,
+als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren
+und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.
+
+Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie
+stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein
+gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich
+zu nehmen.
+
+Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von
+der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch
+welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer
+hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte
+den Vater haben.
+
+Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe.
+Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte
+Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur
+letzten Reise anschicken.
+
+Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines
+festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will
+sterben.«
+
+Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn
+mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es
+sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.
+
+Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte
+ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu
+weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt
+besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte.
+Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon
+verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten
+Kampfe.
+
+Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als
+über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er
+nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger
+als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und
+'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« --
+
+Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch
+verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust
+bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch
+Zeichen -- sprechen konnte sie schon nicht mehr -- daß er sich an den
+Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken.
+
+Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das
+Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und
+schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.
+
+Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen
+Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße
+Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag
+nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.
+
+Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so
+entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.
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+ [Illustration]
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+ [Illustration]
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+ [Illustration]
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+
+ Rudolf Greinz:
+
+ Simerls guter Tag.
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+ [Illustration]
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+Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August
+1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und
+schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887
+nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen,
+und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu
+widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch,
+da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für
+Jahr auf einige Zeit zurückkehrt.
+
+Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige
+Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer
+Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen
+erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den
+Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler
+Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von
+bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann
+er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick
+in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden
+Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B.
+»Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten
+unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber
+noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste
+Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller
+Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die
+wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind,
+liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der
+auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen
+der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu
+betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen
+Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die
+Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der
+Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige
+»Bauernbibel«.
+
+Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig,
+wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften
+gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung
+Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch
+mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer
+Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht
+uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter
+zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer
+mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls
+guter Tag« geschieht.
+
+ ~Karl Bienenstein.~
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Simerls guter Tag.
+
+
+Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse
+schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben
+gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich
+über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre
+wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen.
+
+Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und
+vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache
+Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie
+»übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon
+längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen
+sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja
+schließlich noch gern aufgekommen.
+
+Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht.
+Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und
+kam bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder
+gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als
+»Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und
+trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit
+gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun
+wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht
+reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl
+unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut
+daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der
+Simerl schon immer gewesen.
+
+Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts
+übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es
+nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für
+einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch
+nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze
+Welt »ausgetorkelt«[10] sei.
+
+Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts
+Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er
+nützte.
+
+Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was
+zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« -- meinte selbst
+der hochwürdige Herr Pfarrer -- »nachher hat die ganze Welt an Vorteil
+davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg
+is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!«
+
+Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel«
+ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch
+immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder
+etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl[11] Schnaps«
+zusammengebettelt hatte.
+
+Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte
+gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht
+verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit
+mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad[12] bist,
+nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige
+Seel' -- und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst
+hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit
+-- aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib'
+nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln
+lassen!«
+
+Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst
+von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen
+des Unterinntals begann es langsam aper zu werden[13]. Weiße Ostern
+waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises
+Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich
+regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren
+ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ...
+
+Die »herrischen Stadtfrack«[14] haben manchmal sonderbare Einfälle. So
+kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl
+direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen
+Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den
+Bergen herumzukraxeln.
+
+Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden
+fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung
+seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er vor allem Ruhe und
+»Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus.
+
+»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's
+halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr
+nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's
+schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn
+dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.«
+
+Der Maler hielt sich die Seiten vor Lachen, da er seine »Stimmung«
+plötzlich unter die ländliche Speisekarte versetzt sah. Warum mußte
+er auch in den hintersten, von Fremden wenig aufgesuchten Winkel
+des Zillertales flüchten! In einer der vorderen Gemeinden wäre er
+vielleicht eher verstanden worden. Die Kreuzwirtin nahm schier
+beleidigt Reißaus und stellte eine halbe Stunde später aufs Geratewohl
+dem Fremden einen appetitlichen Schöpsenbraten mit beigelegten
+Kartoffeln und eine Halbe »Reatel«[15] auf den Tisch.
+
+Daß der Eindringling kein gewöhnlicher »Tuifelemaler«[16] sei, das
+schlossen die Dorfbewohner namentlich aus zwei Umständen. Einmal malte
+er gleich am nächsten Tag den alten Hennenstall beim Kreuzwirt ab. Und
+den konnte er unmöglich auf einem »Marterl« brauchen. Dann zahlte er
+dem Feuchtenbauer für eine uralte Truhe, die man schon längst auf den
+Estrich gestellt hatte, einen blanken Fünfer.
+
+Wenn dieser letztere Umstand schon manchen an dem gesunden Verstand
+des Fremden zweifeln machte, so war man allgemein davon überzeugt, daß
+er »a Raderl z' viel oder z' wenig im Oberstüberl« haben müsse, als er
+sich den Simerl zum Kreuzwirt bestellte, um ihn abzumalen.
+
+Der Armenvater hatte dem Simerl eigens ein Sonntagsgewand geliehen,
+damit er nicht gar so »zerschlampt«[17] wäre, wenn er dem fremden Herrn
+seine Aufwartung mache. Da waren aber der Armenvater und der Simerl
+gleich schlecht drangekommen. Der Maler schickte den Armenhäusler
+sofort wieder heim, daß er sich umziehe -- und der Simerl mußte trotz
+des energischen Einspruches der Kreuzwirtin schließlich doch in seinem
+»G'schlamp« erscheinen.
+
+So wurde er gemalt -- nicht ohne daß er sich's von dem »Herrischen«
+zuvor ausbedungen hätte: auf ein »Marterl« dürfe er nicht hinaufkommen,
+weil sonst die Leut' »grad' wieder überflüssig z' reden hätten, daß
+si der Simerl no früher sei Marterl hab' malen lassen, bevor ihn der
+Teufel g'holt hätt'!«
+
+Als die Sitzung vorbei war, drückte der »Herrische« dem Simerl ein
+blankes Guldenstück in die Hand. Der Simerl glaubte zuerst seinen Augen
+nicht trauen zu dürfen und meinte, der Maler wolle ihn nur »für an
+Narren« haben. Seine kühnsten Hoffnungen hatten sich höchstens zu »an
+Glaserl Wein« verstiegen. Und jetzt gar ein ganzer Gulden! So viel Geld
+hatte der Simerl seit Jahr und Tag nicht mehr sein eigen genannt.
+
+Es war ihm völlig unheimlich zu Mute, da er von dem Fremden sich
+verabschiedete. Als er die Tür schon längst hinter sich geschlossen
+hatte, bedankte er sich noch die ganze Stiege hinunter bis vor die
+Haustür hinaus: »Vergelt's Gott z' tausendmal! Vergelt's Gott z'
+tausendmal in Himmel aufi und no hundert Jahr' nach der Ewigkeit!«
+
+Als der Simerl ins Freie trat, schien ihm der Himmel voller Baßgeigen
+zu hängen. Am liebsten war es ihm, daß niemand von seinem Schatz wußte.
+Er umklammerte den Silbergulden im Sack krampfhaft mit der Hand und
+schmiedete auf dem Heimweg die abenteuerlichsten Pläne.
+
+Er hatte schon genau ausgerechnet, wie viele »Packerln Ordinari«[18]
+er für das Geld bekäme, wie viele »Stamperln« Schnaps und wie viele
+»Viertelen« Wein. Nur war er sich noch nicht darüber im klaren, in
+welcher Ware das Kapital eigentlich am besten angelegt werden solle.
+
+Endlich beschloß er, sich ganz auf eigne Faust einen »guten Tag« zu
+machen, so recht einen Festtag nach dem jahrelangen Leben im Armenhaus,
+wo es an den Werktagen nichts gab als Brennsuppe und Erdäpfel und am
+Sonntag Erdäpfel und Brennsuppe.
+
+Unter Tags war der Simerl ganz verloren. Er rechnete fortwährend an
+seinem »guten Tag«. In der Nacht konnte er kein Auge zutun, da er
+in den kühnsten Phantasieen befangen war. Die größte Rolle spielte
+ein gebackenes Kälbernes mit Salat. Das hatte der Simerl vor zwanzig
+Jahren einmal bei einem Firstenfest gegessen, als der Dachfirst eines
+neugebauten Hauses vollendet und mit bunten Fähnlein geziert war, und
+man den Baumeister und den Hausherrn hochleben ließ.
+
+So war es Ostersamstag geworden. Der Simerl hatte einen festen Plan
+gefaßt. Seinen guten Tag wollte er gleich heute feiern. Das Geld im
+Sack schrie ordentlich danach. Aber seiner Heimatsgemeinde wollte er
+durchaus nicht die Ehre antun, den Gulden dort zu »verblasen«.[19]
+Da hätte er ihn zur Kreuzwirtin tragen müssen, weil in dem kleinen
+Dorfe kein andres Wirtshaus war. Der Kreuzwirtin wollte der Simerl die
+große Einnahme jedoch nicht vergönnen; denn die war als geizig weit
+und breit verschrieen und hatte ihm nie das geringste umsonst zukommen
+lassen. Nicht einmal einen »Bierputzer«[20] hatte sie dem Simerl jemals
+aufgekreidet.
+
+So beschloß der Simerl, mit seinem Schatz auszuwandern. Aber wohin?
+Seine Wahl fiel auf Zell am Ziller. In dem dortigen stattlichen
+Löwenwirtshaus hatte man ihn vor Jahren einmal umsonst über Nacht
+behalten und ihm sogar noch ein warmes Abendessen dazu geschenkt. Dort
+sollte also in dankbarer Erinnerung auch der gute Tag gefeiert werden.
+
+Zu Mittag blieb der Simerl noch im Armenhaus; denn es fiel ihm nicht im
+Schlaf ein, der Gemeinde eine ganze Portion Brennsuppe und »Erdäpfel
+in der Montur« zu schenken. Um so besser sollte es ihm dann in Zell
+schmecken.
+
+Nach dem Mittagessen machte sich der Simerl verstohlen auf den Weg. Es
+war ein düsterer, kalter Tag draußen. Der ganze Himmel war mit grauen
+Schneewolken bedeckt. Das verdroß aber den Simerl wenig. Mochte der
+Himmel seinetwegen das verdrießlichste Gesicht dazu schneiden! Ihm
+sollte er den heutigen Tag nicht verbittern!
+
+Es war spät am Nachmittag geworden und die Dämmerung bereits
+eingetreten, als der Simerl, der für sein Alter noch ziemlich rüstig
+ausschritt, beim »Löwen« in Zell anlangte. Die Bauern kamen eben von
+der Kirche, wo die Auferstehungsfeier gerade vorüber war.
+
+Der Simerl trat im Vollbewußtsein seiner Zahlungsfähigkeit in die
+Wirtsstube, die sich von Minute zu Minute mehr füllte.
+
+»Kellnerin, a Halbe Wein, aber an guaten, nit etwa a G'süff!«[21]
+klopfte er auf den Tisch.
+
+»Schau! daß er für di vielleicht nit guat g'nuag is!« gab ihm die
+Kellnerin, ein schneidiges Unterinntaler Diandl, zurück.
+
+»Glaubst vielleicht, i hab' koa Geld im Sack!« drehte der Simerl
+auf. »I bin nit auf der Brennsuppen daherg'schwommen![22] I kann's
+beim Kreuzer zahlen auch, was i mir anschaff'!« Dabei warf er den
+Silbergulden auf den Tisch, daß es nur so klingelte, schob ihn aber
+gleich darauf wieder ängstlich und hastig in den Sack.
+
+»Ja, was willst denn nachher für an Wein?« fragte die Kellnerin ganz
+zutunlich. »Soll i dir vielleicht gar an Spezial bringen?«
+
+»Natürlich an Spezial!« entschied der Simerl.
+
+»Heut' gibst du's amal nobel!« ließ ihn ein Bauer an seinem Tisch an,
+der den Simerl gut kannte. »Hast am End' gar an Haupttreffer in der
+Lotterie g'macht?«
+
+»Man kann's nit wissen,« schmunzelte der Alte ganz verschmitzt und
+schenkte sich seelenvergnügt von dem Wein ins Glas, den die Kellnerin
+inzwischen gebracht hatte.
+
+An dem Tisch des Simerl hatte sich bald eine größere Gesellschaft
+zusammengefunden. Der Bekannte des Armenhäuslers, ein wohlhabender
+Bauer, der auch eine große Brettersäge besaß, meinte: »Mir scheint, es
+is nit viel Aussicht vorhanden, daß i mit dir amal a G'schäft mach'!«
+
+»Aha, du meinst, wenn amal a Totentruchen für mi b'stellt werden muß!«
+lachte der Simerl. »Du, da mach dir ja koa Hoffnung nit drauf! 's Leben
+g'freut mi von Tag zu Tag mehr. I glaub' völlig, i bleib' auf der Welt
+übrig, damit wer da is, der enkre Geldsäck' zählt!«
+
+So gab eine neckische Rede die andre. Es war inzwischen Nacht geworden.
+Der Simerl hatte bereits eine riesige Portion gebackenes Kälbernes
+samt einer Schüssel voll Krautsalat bewältigt und schon die zweite
+Halbe Wein vor sich stehen. Das ungewohnte Getränk begann ihm gewaltig
+gegen den Kopf zu steigen. Er wurde »kreuzfidel« und kramte allerhand
+»Trutzg'sangerln« aus, so daß die ganze Stube ihre Unterhaltung mit dem
+Alten hatte.
+
+Endlich machte man noch ein »Karterle«,[23] einen ordentlichen
+»Perlagger«,[24] bei dem der Simerl dem Sagschneider eine ganze Halbe
+Wein abgewann. Als er auf diese Weise die dritte Halbe in Angriff nahm,
+begann es ihm vor den Augen schier etwas »damisch« zu werden.
+
+Draußen schneite es, was es nur vom Himmel herunterbrachte. Man hätte
+glauben können, morgen sei Weihnachten statt Ostersonntag. Dafür war es
+in der geräumigen Wirtsstube um so gemütlicher. Die Wirtin hatte in dem
+großen Kachelofen tüchtig »eingekentet«[25] und setzte sich zu ihren
+Gästen an den Tisch. Die meisten Bauern waren schon heimgegangen. Nur
+die »Karter« saßen mit dem Simerl noch wie angenagelt zusammen.
+
+Der Simerl gewann einem andern Bauern noch eine weitere Halbe Wein ab.
+Wein habe er aber jetzt genug, meinte er. Es wäre ihm lieber, wenn
+sein Gewinn in Schnaps umgewechselt würde. »Aber a guater muß 's sein!
+Mindestens a Kranewitter!«
+
+Auf diese Weise war es schon fast Mitternacht geworden. Die
+Perlaggerpartie war auch zu Ende. Einer nach dem andern verabschiedete
+sich. Auch der Sagschneider schickte sich heimwärts. Schließlich war
+der Simerl mit der Wirtin und mit der Kellnerin, die in einer Ecke
+»napfezte«,[26] allein in der Stube.
+
+»So, iatz is 's auch Zeit, daß i mi hoamzapf'!«[27] sagte er.
+»Kellnerin, zahlen!«
+
+Zu seiner großen und freudigen Überraschung erfuhr er jedoch, daß der
+Sagschneider bereits seine ganze Zeche berichtigt hatte. »Es gibt do no
+guate Leut' auf der Welt!« erklärte der Simerl gerührt und erhob sich
+von seinem Stuhl, um die Stubentür zu suchen.
+
+Mit den Worten: »Du wirst do nit bei dem grauslichen Wetter no so an
+weiten Weg machen wollen!« suchte ihn die Löwenwirtin zurückzuhalten.
+»Du kannst ja bei uns übernachten!«
+
+»Dös ging' mir ab!« rief der Simerl lustig. »I muß schaun, daß i vor
+Tagsanbruch hoamlich in mei' Armenkeuschen[28] z'ruckkomm'! Wenn dö
+mi in der Fruah nit finden, laßt mi der Vorsteher am End' gar durch'n
+Nachtwachter austrommeln, ob niamand an Simerl g'funden hat, weil sie
+mi alle mitanander zum Fressen gern haben!«
+
+Sprach's und war bei der Tür draußen. Im Anfang wollte es mit dem
+Gehwerk nicht sonderlich gelingen. Der Simerl hatte entschieden zu viel
+aufgeladen. Bevor er das Ende des Dorfes erreichte, purzelte er einige
+Male in den weichen Schnee, raffte sich aber immer wieder energisch
+empor. Es war ihm ganz glückselig zu Mute. Einen prächtigen Tag hatte
+er gehabt und dabei keinen Kreuzer Geld gebraucht! Was wollte er noch
+mehr? Den ganzen Gulden trug er noch im Sack!
+
+Holdrioh! Ein heller Juchzer entrang sich der Kehle des Alten. Das war
+ja heute ein Leben wie im Himmel.
+
+Zu schneien hatte es aufgehört, aber eisig pfiff der Wind von den
+Fernern. Den Simerl begann es ordentlich zu frieren. Dabei wurde er
+aber nüchtern und verfolgte ziemlich stetig seinen Weg. Gegen vier
+Stunden mochte er so im Schnee dahingewatet sein, als er aus der Ferne
+schon die Umrisse seines Dorfes auftauchen sah.
+
+Jetzt könnte er wohl ein wenig rasten, dachte sich der Simerl, denn
+er war »hundsmüd'« geworden. Er hatte gerade eine kleine Waldblöße
+passiert und ließ sich auf einen beschneiten Baumstrunk nieder. Das
+tat ihm wohl. Er begann ordentlich »auszuschnaufen« von dem weiten
+Weg. Und kalt war ihm auch lange nicht mehr so. Ein wahres Gefühl der
+Behaglichkeit war über seine »zerlatterten«[29] Knochen gekommen.
+
+Da klang es dem Simerl, als ob aus dem Dorf herauf Glockengeläute
+zu ihm geflogen käme. »Jessas!« dachte er. »Läuten sie gar schon
+zur Fruahmess'! da mag i schaun, daß i hoamkomm'! Sonst setzt's an
+Eselssturm ab!«
+
+Er öffnete mühsam die Augen. Die ganze Gegend kam ihm völlig »spanisch«
+vor. Wenn man ihn auf der Stelle erschlagen hätte, er würde es nicht
+gewußt haben, ob es noch Nacht oder schon heller Tag sei. Von dem Wald
+ihm gegenüber ging ein großmächtiger lichter Schein aus, der immer
+näher auf ihn zukam. Dem Simerl wurde immer ängstlicher zu Mute. Er
+wäre am liebsten davongelaufen, wenn er von dem Baumstrunk losgekonnt
+hätte.
+
+Jetzt vermochte er in dem Lichtschein die Gestalt eines großen Mannes
+zu unterscheiden, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging. Nun
+stand der Fremde vor ihm. Er trug ein weißes Gewand, das ihm bis an
+die Knöchel reichte. Unten schien dem Simerl ein goldener Saum um das
+Gewand zu laufen. Ein wallender Bart und langes, auf die Schultern
+niederfallendes Haar umrahmten Antlitz und Haupt des Mannes.
+
+Der Simerl erhob sich jetzt und küßte dem Fremden die Hand. »Gelobt sei
+Jesus Christus!« murmelte er zitternd.
+
+»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Fremde mit einer klaren Stimme.
+Und wieder war es, als ob vom Tale herauf ein gewaltiger Glockenklang
+dränge und mächtig anschwellend die ganze Welt erfüllte.
+
+»Ihr seid's wohl a hochwürdiger Herr?« wagte der Simerl die schüchterne
+Frage.
+
+»Ich bin dein Herr!« erwiderte der Fremde schlicht.
+
+»Ihr seid's wohl nit von da daheim?« fragte der Alte wieder. »Wia
+kommt's denn in dö Gegend?«
+
+»Ich bin von den Toten auferstanden und bringe dir den Frieden« ließ
+sich die Stimme des Fremden vernehmen, dessen Gestalt unter den
+Waldbäumen zu wachsen schien ins Unendliche.
+
+Ein heftiges Zittern befiel den Armenhäusler. Er sank auf die Kniee
+und streckte die Hände flehend zu der lichten Gestalt vor ihm empor.
+»Mein Gott! Mein Gott!« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.
+»Nachher seid's Ihr ja unser Herr selber! Und i hab' die Fruahmess'
+versäumt! Und statt z' beten, bin i im Wirtshaus g'hockt! I bin do
+recht a elendiger Mensch!« Der Simerl brach in ein bitterliches Weinen
+aus.
+
+Da faßte ihn der Fremde an der Hand und zog ihn empor und sprach zu
+ihm, daß es der Alte fassen konnte: »Simerl, sei nicht verzagt. Deinen
+guten Tag auf der Welt hast du eingebracht. Willst du jetzt nicht mit
+mir kommen?«
+
+»Unser lieber Herr und Gott! Ihr wollt's mi mitnehmen, mi tadelhaftigen
+Menschen! So guat seid's mit mir -- und i weiß nit, wia i's verdian'!«
+schluchzte der Alte. »I bin ja nia was g'wesen und hab' ja nia was
+ausg'richt't auf derer Welt herunten! I bin ja meiner Lebtag' grad' so
+a verlornes Schaf g'wesen!«
+
+»Ich bin der gute Hirt! Und die Letzten werden die Ersten sein!«
+ertönte da wieder die Stimme des Fremden. Der Alte ging mit gesenktem
+Haupt mit. Es war ihm so friedlich und still im Herzen geworden. So
+gut und so feierlich hatte sein ganzes Leben lang noch niemand zu ihm
+gesprochen.
+
+Und sie wanderten den Berg aufwärts -- ins Unendliche -- viel weiter,
+als Menschenfüße tragen -- drunten im Dorf aber läutete es zur Wandlung
+bei der Frühmesse am Ostersonntag. -- --
+
+Ausgetrommelt haben sie den Simerl nicht, als man ihn nicht mehr im
+Armenhaus traf. Aber schon am Vormittag des Ostersonntags fand man ihn
+tot am Waldrand droben. Der herbeigeholte Gemeindearzt von Fügen im
+Zillertal konstatierte einen Herzschlag. Der fremde Maler war auch
+dabei, als man den alten Armenhäusler brachte.
+
+Da man den Silbergulden beim Simerl fand, meinte einer: »Dös is grad' a
+Trinkgeld für'n Totengräber!«
+
+»Nix da!« entschied der Armenvater. »Dafür lassen wir dem Simerl a
+Mess' lesen! Er wird's notwendig g'nuag brauchen können!«
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+ Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Ein besonderes Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten neben dem
+Hause.
+
+[2] Bringst du uns auch ein gutes Frühjahr mit?
+
+[3] Lorenheinrich, du lieber Junge,
+Ist der Frühling nun wieder im Schwunge?
+Hast ihn aus dem Loch gelocket,
+Hast du ihn am Haar gezogen?
+Das ist recht und das ist gut.
+Ab die Mütze, ab den Hut!
+Vivat, daß der hohe Hagen wackelt.
+
+[4] Wurst.
+
+[5] Sollst auch unser Mädchen freien.
+
+[6] Iß nur alles auf, daß 's auch ein gut Frühjahr gibt.
+
+[7] »Slippe« -- an den Zipfeln aufgenommene Schürze.
+
+[8] Weißt du's schon? Lorenheinrich will's Mühlhannchen freien.
+
+[9] »Use Wost hät de Feute uppetogen,« pflegte eine meiner bäuerlichen
+Großmütter aus der Sollinger Waldgegend zu sagen, wenn die Würste auf
+der Rauchkammer zur Neige gingen und darum geschont werden mußten.
+
+[10] durchschlendert.
+
+[11] Gläschen.
+
+[12] still.
+
+[13] aufzutauen.
+
+[14] Stadtleute.
+
+[15] Rotwein.
+
+[16] Ländlicher Marterl-(Votivtafel-)Maler.
+
+[17] zerlumpt.
+
+[18] Päckchen ordinären Rauchtabaks.
+
+[19] verbrauchen.
+
+[20] Bierschnaps.
+
+[21] Schlechtes Getränk.
+
+[22] ~D. h. ich bin wer!~
+
+[23] Kartenspiel.
+
+[24] Tiroler Kartenspiel.
+
+[25] eingeheizt.
+
+[26] einnickte.
+
+[27] heimmache.
+
+[28] Armenhaus.
+
+[29] ermüdeten.
+
+
+ Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.
+
+
+ [Illustration: +F 1506b X10: 100.000+]
+
+Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß
+aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden
+Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des
+deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der
+schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt
+sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken
+sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.
+Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.
+
+Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen
+»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000
+Exemplare.
+
+Abzüge des ~Werbeblatts~, des letzten Jahresberichts, auch des
+Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen
+Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich
+übersandt.
+
+Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. ~Für
+Beiträge von 2 Mk.~ an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines
+Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung.
+
+
+ Gute und billige Bücher
+
+Unter den mancherlei billigen Sammlungen, die in den letzten Jahren
+zur Verbreitung guter Literatur geschaffen wurden, zeichnen sich die
+Bücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung durch sorgfältige
+literarische Auswahl und ausgezeichnete Ausstattung aus: holzfreies
+Papier, schönen und großen Druck, abwaschbaren, geschmackvollen
+Einband. Diese Eigenschaften haben in Verbindung mit dem äußerst
+billigen Preise den beiden Sammlungen der Stiftung schnell große
+Verbreitung verschafft.
+
+ Bisher sind erschienen:
+
+
+ Hausbücherei
+
+ (gebunden, jeder Band 1 Mark)
+
+ Bd. 1. ~Heinrich von Kleist~: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists.
+ 7 Vollbilder von Ernst Liebermann. Einleitung von +Dr.+ Ernst
+ Schultz. _11.-20. +Taus.+_ 170 S.
+
+ Bd. 2. ~Goethe~: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes.
+ Einleitung v. +Dr.+ W. Bode. _6.-10. +Taus.+_ 178 S.
+
+
+ Bd. 3. ~Deutsche Humoristen.~ _1. +Bd.+_: Ausgew.
+ humor. Erzählungen v. P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A.
+ Roderich. _40.-45. +Taus.+_ 221 S.
+
+ Bd. 4. ~Deutsche Humoristen.~ _2. +Bd.+_: Cl. Brentano,
+ E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. _20.-25. +Taus.+_ 222 S.
+
+ Bd. 5. ~Deutsche Humoristen.~ _3. +Bd.+_: Hans
+ Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. _30.-35.
+ +T.+_ 196 S.
+
+ Bd. 6/7. ~Balladenbuch.~ _1. +Bd.+_: Neuere Dichter.
+ _16.-20. +T.+_ 498 S. 2 Mark.
+
+ Bd. 8. ~Herm. Kurz~: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung.
+ Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing. _6.-10.
+ +Taus.+_ 209 S.
+
+ Bd. 9. ~Novellenbuch.~ _1. +Bd.+_: C. F. Meyer, E.
+ v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. _26.-35.
+ +Taus.+_ 194 S.
+
+ Bd. 10. ~Novellenbuch.~ _2. +Bd.+_ (Dorfgeschichten):
+ E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. _16.-20.
+ +T.+_ 199 S.
+
+ Bd. 11. ~Schiller~: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel.
+ v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. _6.-10. +T.+_ 230
+ S.
+
+ Bd. 12/13. ~Schiller~: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E.
+ Kühnemann. Mit 2 Bildern Schillers. 2 Bände in 1 Bande. _6.-10.
+ +Taus.+_ 226 u. 302 S. 2 Mark.
+
+ Bd. 14. ~Novellenbuch~ _3. +Bd.+_ (Geschichten
+ aus deutscher Vorzeit): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff.
+ _11.-20. +Taus.+_ 246 S.
+
+ Bd. 15. ~Novellenbuch.~ _4. +Bd.+_ (Seegeschichten):
+ Joachim Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck,
+ Johs. Wilda. _16.-20. +Taus.+_ 179 S.
+
+ Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen ~Eduard Mörikes~. Herausgeg.
+ u. eingel. v. +Dr.+ J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u. Silhouette
+ Mörikes. _11.-20. +Taus.+_ 235 S.
+
+ Bd. 17. ~Heine-Buch.~ Eine Auswahl aus Heinrich Heines
+ Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild
+ Heines. _6.-10. +Taus.+_ 203 S.
+
+ Bd. 18 u. 19. ~Goethes~ ausgewählte Briefe. Herausgeg. u. eingel.
+ v. +Dr.+ Wilh. Bode-Weimar. Mit Bildern Goethes. 2 Bände.
+ _11.-15. +Taus.+_ 169 u. 197 S.
+
+ Bd. 20/21. ~Deutsches Weihnachtsbuch.~ Eine Sammlung der
+ schönsten u. beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa.
+ _16.-20. +Taus.+_ 413 S. 2 Mark.
+
+ Bd. 22. ~Novellenbuch.~ _5. +Bd.+_ (Frauennovellen):
+ Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney, Lou Andreas-Salomé, M. R. Fischer.
+ _11.-20. +Taus.+_ 198 Seiten.
+
+ 23. Novellenbuch. _6. +Band.+_ (Kindheitsgeschichten): A.
+ Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, A.
+ Bayersdorfer, Ch. Riese, Th. Mann. _11.-20. +Taus.+_ 199 S.
+
+
+ Bd. 24. ~Novellenbuch.~ _7. +Bd.+_ (Kriegsgeschichten):
+ Carl Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v.
+ Liliencron, Th. Fontane. _11.-20. +Taus.+_ 177 S.
+
+ Bd. 25/26. ~Balladenbuch.~ _2. +Bd.+_: Ältere Dichter.
+ _6.-10. +T.+_ 518 S. 2 Mark.
+
+ Bd. 27. ~Karl Immermann~: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons.
+ Herausgeg. u. eingeleitet von +Dr.+ Wilhelm Bode-Weimar. Mit Bild
+ Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. _6.-10. +Taus.+_ 171
+ Seiten.
+
+ Bd. 28. ~Martin Luther als deutscher Klassiker~, nebst einer
+ Einführung von +Dr.+ Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176 Seiten.
+ _6.-10. +Taus.+_
+
+ Bd. 29/30. ~Deutsche Humoristen.~ _4. und 5. +Bd.+_
+ (Humoristische Gedichte.) 351 Seiten. 2 Mark. _6.-10.
+ +Taus.+_
+
+ Bd. 31. ~Deutsche Humoristen.~ _6. +Bd.+_: E. Th. A.
+ Hoffmann, B. v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F.
+ Urban, Ludw. Thoma. 160 S. _11.-20. +Taus.+_
+
+ Bd. 32. ~Max Eyth~: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung).
+ Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und Einleitung von
+ +Dr.+ C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten. _6.-10.
+ +Taus.+_
+
+ Bd. 33. ~Ludwig Uhland~: Ausgewählte Balladen und Romanzen.
+ Mit Einleitung von K. Küchler, Altona, und Illustrationen von H.
+ Schroedter, Karlsruhe. 160 S.
+
+ Bd. 34. ~J. J. David~: Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. Mit
+ Einleitung von A. v. Weilen und Bild Davids. 146 S.
+
+ Bd. 35. ~Ludwig Finckh~: Rapunzel. Mit Bild L. Finckhs und
+ Einleitung von M. Lang. 159 S.
+
+ Bd. 36. ~Grethe Auer~: Marraksch. Mit Bild Gr. Auers und
+ Einleitung von +Dr.+ H. Bloesch. 192 S.
+
+
+ Geschenkausgaben
+
+~in prächtigem, biegsamem Einband~ mit Goldschnitt sind ~zum
+Preise von je 4 Mark~ hergestellt von:
+
+ Bd. 6/7 (rot, Ganzleder)
+ Bd. 12/13 (grün, Ganzleder)
+ Bd. 18/19 (grau, Ganzleder)
+ Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid)
+ Bd. 25/26 (rot, Ganzleder)
+ Bd. 29/30 (rot, Ganzleder).
+
+=Schillerbuch=, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke,
+Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. 346 S. _21.-30. +T.+_
+Geb. 1 M.
+
+
+ Volksbücher.
+
+ Heft 1. 50 Gedichte v. ~Goethe~. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+ _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 2. ~Schiller~: Tell. _11.-20. +T.+_ 19 S. Geh. 30,
+ geb. 60 Pf.
+
+ Heft 3. ~Schiller~: Balladen. _31.-40. +T.+_ 108 S.
+ Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 4. ~Schiller~: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S.
+ Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+
+ Heft 5. ~Schiller~: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
+ _11.-20. +T.+_
+
+ _Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark. 11.-20. +T.+_
+
+ Heft 6. ~Brentano~: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem
+ schönen Annerl. Ill. v. W. Schulz. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf.
+ _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 7. E. Th. A. ~Hoffmann~: Das Fräulein von Scuderi. 113 S.
+ Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 8. ~Fr. Halm~: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v.
+ H. Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 9. ~Fritz Reuter~: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh.
+ 15, geb. 40 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 10. ~Max Eyth~: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann.
+ _21.-30. +T.+_ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 11. ~Marie von Ebner-Eschenbach~: Die Freiherren von
+ Gemperlein. _11.-20. +T.+_ 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 12. ~Wilhelm Jensen~: Über der Heide. _11.-20.
+ +T.+_ 127 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.
+
+ Heft 13. ~Ernst Wichert~: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60
+ Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 14. ~Levin Schücking~: Die drei Großmächte. Illustr. v. H.
+ Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 15. ~Ludwig Anzengruber~: Der Erbonkel u. andere
+ Geschichten. _11.-20. +T.+_ 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.
+
+ Heft 16. ~Helene Böhlau~: Kußwirkungen. _11.-20. +T.+_
+ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 17. ~Ilse Frapan-Akunian~: Die Last. _11.-20.
+ +T.+_ 87 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.
+
+ Heft 18. H. v. ~Kleist~: Die Verlobung in St. Domingo. Das
+ Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
+
+ Heft 19. ~Peter Rosegger~: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S.
+ Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 20. ~Ernst Zahn~: Die Mutter. _11.-20. +T.+_ 66 S.
+ Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 21. E. J. ~Groth~: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v.
+ Gg. O. Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.-20. +T.+_
+
+ Heft 22. A. ~Schmitthenner~: Die Frühglocke. Mit Illustr. v.
+ Wilh. Schulz. _11.-20. +T.+_ 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 23. G. ~Freytag~: Karl d. Große. -- Friedrich Barbarossa.
+ Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55
+ Pf.
+
+ Heft 24. ~Fr. Spielhagen~: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th.
+ Herrmann. _11.-20. +T.+_ 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf.
+
+ Heft 25. ~St. v. Kotze~: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh.
+ 25, geb. 55 Pf.
+
+ Heft 26. ~Paul Heyse~: Andrea Delfin. 186 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
+
+ Heft 27. H. ~Villinger~: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v.
+ H. Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+
+ Heft 28. ~Otto Ludwig~: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H.
+ Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.
+
+ Heft 29. ~Richard Huldschiner~: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H.
+ Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark.
+
+ Heft 30. ~Franz Grillparzer~: Weh dem, der lügt! 132 S. Geh. 25,
+ geb. 55 Pf.
+
+
+ Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s4 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s3 center">Hausbücherei</p>
+<p class="center">10</p><br>
+<p class="s3 center">Hausbücherei</p>
+<p class="center">der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung<br>
+10. Band</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="signet-001_6">
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+</figure>
+
+<p class="p2 s4 center">Hamburg-Großborstel</p>
+<p class="s5 center">Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p><br>
+<p class="s4 center">1910</p>
+<p class="s5 center">21.-30. Tausend</p><br>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<h1>Novellenbuch</h1>
+
+<p class="s3 center">2. Band</p><br>
+<p class="s2 center"><b>Dorfgeschichten</b></p><br>
+
+<p class="s3 center">Ernst Wichert ▣ Heinrich Sohnrey,<br>
+Wilhelm v. Polenz ▣ Rudolf Greinz</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="signet-001_2">
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+</figure>
+
+<p class="p2 s4 center">Hamburg-Großborstel</p>
+<p class="s5 center">Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p><br>
+<p class="s4 center">1910</p>
+<p class="s5 center">21.-30. Tausend</p><br>
+
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s3 center">Inhaltsverzeichnis<br>
+zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs.</p><br>
+</div>
+
+<p class="s4 center">Band 1 (Hausbücherei Band 9):</p>
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Conrad Ferdinand Meyer</em>: Das Amulet.</li>
+<li><em class="gesperrt">Ernst von Wildenbruch</em>: Archambauld.</li>
+<li><em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>: Breite Schultern.</li>
+<li><em class="gesperrt">Detlev von Liliencron</em>: Greggert Meinstorff.</li>
+</ol>
+
+<p class="s4 center">Band 3 (Hausbücherei Band 14):<br>
+<em class="gesperrt">Geschichten aus deutscher Vorzeit</em></p>
+
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Adolf Schmitthenner</em>: Tilly in Nöten.</li>
+<li><em class="gesperrt">J. J. David</em>: Frühschein.</li>
+<li><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em>: Jud Süß.</li>
+</ol>
+
+<p class="s4 center">Band 4 (Hausbücherei Band 15):<br>
+<em class="gesperrt"> Seegeschichten</em></p>
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Joachim Nettelbeck</em>: Schiffbruch.</li>
+<li><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em>: Das Gespensterschiff.</li>
+<li><em class="gesperrt">Hans Hoffmann</em>: Die unversicherte Brigg.</li>
+<li><em class="gesperrt">Wilhelm Jensen</em>: An der See.</li>
+<li><em class="gesperrt">Wilhelm Poeck</em>: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.</li>
+<li><em class="gesperrt">Johannes Wilda</em>: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.</li>
+</ol>
+
+<p class="s4 center">Band 5 (Hausbücherei Band 22):<br>
+<em class="gesperrt"> Frauennovellen</em></p>
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Clara Viebig</em>: Brennende Liebe.</li>
+<li><em class="gesperrt">Lulu von Strauß und Torney</em>: Um den Hof.</li>
+<li><em class="gesperrt">Lou Andreas-Salomé</em>: Eine Nacht.</li>
+<li><em class="gesperrt">Marthe Renate Fischer</em>: Auf dem Wege zum Paradies.</li>
+</ol>
+
+<p class="s4 center">Band 6 (Hausbücherei Band 23):<br>
+<em class="gesperrt"> Kindheitsgeschichten</em></p>
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Adolf Schmitthenner</em>: Der Seehund.</li>
+<li><em class="gesperrt">Helene Aeckerle</em>: Ein Opfer.</li>
+<li><em class="gesperrt">Meinrad Lienert</em>: Das Gespenst.</li>
+<li><em class="gesperrt">Marga von Rentz</em>: Krokus.</li>
+<li><em class="gesperrt">Hans Land</em>: Die Büßerin.</li>
+<li><em class="gesperrt">Adolph Bayersdorfer</em>: Die Tintenhose.</li>
+<li><em class="gesperrt">Charlotte Riese</em>: Die Wiege.</li>
+<li><em class="gesperrt">Thomas Mann</em>: Die Tanzstunde.</li>
+</ol>
+
+<p class="s4 center">Band 7 (Hausbücherei Band 24):<br>
+<em class="gesperrt"> Kriegsgeschichten</em></p>
+<ol>
+<li><em class="gesperrt">Carl Beyer</em>: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.</li>
+<li><em class="gesperrt">Heinr. v. Kleist</em>: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.</li>
+<li><em class="gesperrt">W. von Conrady</em>: In Rußland 1812.</li>
+<li><em class="gesperrt">Max von La Roche</em>: Todesritt.</li>
+<li><em class="gesperrt">Detlev von Liliencron</em>: Portepeefähnrich Schadius.</li>
+<li><em class="gesperrt">Theodor Fontane</em>: Drei Kriegsgefangene.</li>
+</ol>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe28 padtop3" id="rule-l">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
+<p class="s4 center">zum 2. Bande des <em class="gesperrt">Novellenbuches</em>.</p>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Vorbemerkungen zum zweiten Bande.</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_6">6</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><em class="gesperrt">Wichert, Ernst</em>: Ewe</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_7">7-123</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><em class="gesperrt">Sohnrey, Heinrich</em>: Lorenheinrich.</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_125">125-144</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><em class="gesperrt">Polenz, Wilhelm von</em>: Zittelgusts Anna</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_145">145-178</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><em class="gesperrt">Greinz, Rudolf</em>: Simerls guter Tag</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_179">179-199</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="p4">Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung
+des Verfassers voraus.</p><br>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_2">
+<img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h2>Vorbemerkungen zum zweiten Bande.</h2>
+
+<p>Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des
+Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts
+Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden —
+Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).</p>
+
+<p>»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der
+Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee
+— im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).</p>
+
+<p>Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte
+mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der
+Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane &amp; Co., 2.
+Auflage 1901).</p>
+
+<p>»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und
+der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler
+Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart — Leipzig: Deutsche
+Verlags-Anstalt, 1899).</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_3">
+<img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+</div>
+
+<p class="s2 p2 center"><b>Ernst Wichert:</b><br>
+<span class="s5">Ewe.</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s">
+<img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ernst Wichert</em> wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen
+als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil
+seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort
+erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das
+Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten
+Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel
+und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888
+siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar
+1902 starb.</p>
+
+<p>Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle,
+Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »<em class="gesperrt">Ein Schritt vom Wege</em>« und
+»<em class="gesperrt">Der Narr des Glücks</em>« sind über viele deutsche Bühnen gegangen.
+Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher
+Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman;
+hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der
+psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen
+Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »<em class="gesperrt">Heinrich
+von Plauen</em>« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu
+Anfang des 15. Jahrhunderts — oder in »<em class="gesperrt">Tilemann vom Wege</em>« den
+Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes —
+oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »<em class="gesperrt">Der große
+Kurfürst in Preußen</em>« die schmerzvollen<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Umbildungen seiner Heimat
+in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts — immer stellt er uns ein
+lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer
+Menschen vor Augen.</p>
+
+<p>Unter seinen Novellen sind fraglos die »<em class="gesperrt">Littauischen
+Geschichten</em>« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren
+1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit,
+die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu
+lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor
+den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der
+Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und
+Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft
+sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu
+Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen
+Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das
+trotz der größten äußeren Schlichtheit — denn Wichert erzählt, als
+ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. <em class="gesperrt">So</em> sind uns die
+Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn
+in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme
+fesselt, so ist es — wie in der monumentalen Erzählung »<em class="gesperrt">Ewe</em>«
+— die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner
+Frauengestalten.</p>
+
+<p class="mleft5">Hamburg.</p>
+<p class="mright5">Dr. <em class="gesperrt">Ernst Schultze</em>.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_5">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<h2><b>Ewe.</b><br>
+<span class="s5">1.</span></h2>
+
+<p>Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters
+her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen
+nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit
+unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen
+Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von
+ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz
+»Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer
+der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks
+oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten
+Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden
+großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden
+Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet
+werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie
+die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in
+Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<p>Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des
+vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau
+in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres
+Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts
+angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht
+schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und
+man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen
+Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war
+freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch
+äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre
+ihr nur der Freier genehm gewesen.</p>
+
+<p>Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht
+den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam
+Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs
+betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die
+Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das
+Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden
+Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der
+Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere
+Tochter war in der Gegend von<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Kinten verheiratet und gut versorgt. Die
+Frau lebte schon lange nicht mehr.</p>
+
+<p>Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren
+eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das
+Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter
+Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und
+nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen.
+Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der
+Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah,
+und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten
+Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber
+mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der
+Klete<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>, was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht
+und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah
+man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins
+zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den
+Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch
+selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> alt geworden, und es hatte
+sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da
+freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen
+übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die
+langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie,
+so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken,
+und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das
+Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch
+fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst.</p>
+
+<p>Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich
+eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber
+auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene
+gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah
+meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein
+Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie
+gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann
+auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding
+und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den
+Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über
+die Dorfstraße hören konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und
+schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum,
+die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie
+vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die
+Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche,
+in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von
+Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so
+kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig:
+der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen.</p>
+
+<p>Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes
+Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen.
+Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als
+die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten,
+zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen
+das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der
+Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich
+will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was
+da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.«</p>
+
+<p>»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> »ich schlage nur
+nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und
+Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen
+mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein
+anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die
+Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem
+Ausgedinge ausgesucht hat.«</p>
+
+<p>»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und
+die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab'
+ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm
+vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte
+lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir
+haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und
+da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er
+konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß
+sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine
+Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur
+gerade genug zum Verhungern.«</p>
+
+<p>Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du
+wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht
+zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Kuh gibt so
+viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut
+gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen
+konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht
+dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.«</p>
+
+<p>Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden,
+Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen.
+Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch,
+weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und
+an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und
+wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber
+süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben,
+Töchterchen.«</p>
+
+<p>Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln
+und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die
+Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die
+Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit
+rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten
+denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte
+dazu.</p>
+
+<p>Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein
+junger Mann genähert.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen
+besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und
+eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem
+Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war
+groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab
+ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade.
+Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die
+sie hielt, beim Gehen.</p>
+
+<p>Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten
+hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige
+Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe
+Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre
+Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich
+sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte.
+»Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn
+wirklich?«</p>
+
+<p>Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der
+Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem
+Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich
+nicht vergessen hast.«</p>
+
+<p>Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der
+sich über der vollen Brust bei<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange
+bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher.
+Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau
+gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du
+nun ganz frei?«</p>
+
+<p>»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein
+Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich
+gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich
+— das ist ein gutes Zeichen.«</p>
+
+<p>»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum
+bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?«</p>
+
+<p>»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und
+dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam
+Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß
+ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte,
+und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt
+zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.«</p>
+
+<p>»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?«</p>
+
+<p>»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem
+Traktament nicht auszureichen,<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> und wenn man sich nicht lumpen lassen
+will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen
+blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der Garde.«</p>
+
+<p>»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend.</p>
+
+<p>»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben
+können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich
+zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen
+Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch
+einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs —
+es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich
+nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles
+Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein
+Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich
+auch sterben.«</p>
+
+<p>Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber
+zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns
+seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im
+Wirtshause die Herren.«</p>
+
+<p>Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da
+wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber
+das väterliche<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann
+Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern
+Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber
+einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn
+läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die
+Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein
+paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts
+Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.«</p>
+
+<p>»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.«</p>
+
+<p>»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden
+oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's
+nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen,
+daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald
+mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten
+Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt,
+wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort
+gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an,
+weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man
+klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch
+hier zu brauchen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die
+Augen blitzten dazu listig.</p>
+
+<p>Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt
+dich reich einheiraten,« sagte sie forschend.</p>
+
+<p>»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander
+gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen — willst du mich
+jetzt haben?«</p>
+
+<p>Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen
+Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht
+reich.«</p>
+
+<p>»Nun — dein Vater hat den großen Hof.«</p>
+
+<p>»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel
+lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so
+bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so
+kann ich als Magd dienen gehen.«</p>
+
+<p>»Er wird doch nicht!«</p>
+
+<p>»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht
+machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.«</p>
+
+<p>»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.«</p>
+
+<p>»So oder so — zum Wirt kann ich dich nicht machen.«</p>
+
+<p>Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf.
+»Es ist schade, Ewe — wir<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich
+wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...«</p>
+
+<p>Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie,
+doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch
+draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.«</p>
+
+<p>»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner
+Schulter zurecht.</p>
+
+<p>Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst
+du?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu
+Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den
+letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und
+wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_2">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>2.</h3>
+</div>
+
+<p>Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof.
+Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet
+hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte.
+Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der
+Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine
+Frau damit zufrieden<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> ist, magst du für's erste bleiben, und ich will
+dir Lohn geben, soviel andere bekommen.«</p>
+
+<p>»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher
+nicht Streit gibt — du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch
+nicht ganz abgefunden bin?«</p>
+
+<p>»Was —? Die hundert Taler hast du bekommen.«</p>
+
+<p>»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.«</p>
+
+<p>Grillus kratzte den Kopf. »Steht das?«</p>
+
+<p>»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und
+es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.«</p>
+
+<p>»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.«</p>
+
+<p>»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.«</p>
+
+<p>»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage,
+was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten Zinsen.«</p>
+
+<p>»Nein, ich will das Pferd haben.«</p>
+
+<p>»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen — nur den Fuchs nehm'
+ich aus.«</p>
+
+<p>Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder
+Hände! an,« bat sie ihren Bruder.</p>
+
+<p>Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Probe geritten. »Da ist
+keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.«</p>
+
+<p>Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die
+Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für
+seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall
+lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm
+aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum
+Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm.</p>
+
+<p>Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk
+getan.</p>
+
+<p>Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus
+über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn
+kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit
+russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe
+erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte:
+»Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht,
+weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis
+mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's
+gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte,
+»zu klug«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an
+dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen
+und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich
+gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich
+etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge;
+denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle
+Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die
+Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen
+ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das
+Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie
+freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete
+sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute
+behaupteten, gar nicht selten.</p>
+
+<p>Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb,
+weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so
+gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete
+täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien
+ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und
+abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen.
+Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> sagte: »Gedenkst du bei
+deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?«</p>
+
+<p>»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange
+vertragen.«</p>
+
+<p>»Und was wirst du dann anfangen?«</p>
+
+<p>»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich
+nichts.«</p>
+
+<p>Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen,
+Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten
+zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld
+ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen
+schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines
+verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim
+Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du
+als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig
+werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst
+halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und
+um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?«</p>
+
+<p>»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen,
+so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen,
+hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.«</p>
+
+<p>»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und
+reichte ihm die Hand zu.</p>
+
+<p>»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung
+recht ist.«</p>
+
+<p>»Was ist das für eine Bedingung?«</p>
+
+<p>»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will
+ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm
+Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber
+reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu
+fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas
+verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch — da
+will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's
+erwerben.«</p>
+
+<p>Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam,
+zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte
+sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch
+nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und
+antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche
+ich nicht.«</p>
+
+<p>Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe
+nicht ohne Grund gewarnt<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren,
+wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten
+würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein
+böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe
+sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine
+noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen
+Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel
+Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man
+wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte
+ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen
+war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte.
+Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da
+sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren — und bringt nicht
+einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie
+ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr
+ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in
+ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein
+Unterschied zwischen ihnen sei.</p>
+
+<p>Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache
+stand. Er war nur mit sich selbst<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> nicht einig, ob er zugreifen sollte.
+Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe
+nicht gewesen —! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte
+er gern gehabt — aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte
+er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch
+zu weit »in der Welt herumgekommen«.</p>
+
+<p>Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause
+ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du
+mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm.</p>
+
+<p>»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand.</p>
+
+<p>»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben
+wird.«</p>
+
+<p>»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.«</p>
+
+<p>»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal
+zwei.«</p>
+
+<p>»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig
+gemacht. Aber ...«</p>
+
+<p>Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte
+sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er
+hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte.
+So gern hätte sie ihn für sich gewonnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir
+den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des
+Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß
+es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst
+sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's
+durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall
+und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird
+das andere sich finden.«</p>
+
+<p>Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch
+war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne
+sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater,
+Mikelis,« bat sie.</p>
+
+<p>»Nein — das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden.
+Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten —«</p>
+
+<p>»Bei der Urte ...!«</p>
+
+<p>»Da oder wo anders.«</p>
+
+<p>Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau
+genommen zu haben.«</p>
+
+<p>»Ich habe sie ja noch nicht genommen.«</p>
+
+<p>»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst,
+was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus
+kommen<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens
+gebunden sein.«</p>
+
+<p>Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist
+der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land,
+so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß
+freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der
+Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.«</p>
+
+<p>Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um
+den Hals.</p>
+
+<p>»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...«</p>
+
+<p>»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie.</p>
+
+<p>»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Ach, geh!«</p>
+
+<p>»Sprich mit deinem Vater, Ewe.«</p>
+
+<p>»Und wenn nicht —«</p>
+
+<p>»Man muß es abwarten.«</p>
+
+<p>Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort.</p>
+
+<p>Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt
+nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_4">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+<h3>3.</h3>
+</div>
+
+<p>Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber
+zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis
+geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen
+hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts
+wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht
+wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein
+möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden,
+die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie
+fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde
+eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein
+sollte.</p>
+
+<p>Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen
+zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben;
+sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen
+Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte
+kein Mensch verfahren.</p>
+
+<p>Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein
+als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten
+Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge
+sich danach bei Zeiten einrichten.</p>
+
+<p>Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's
+besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer
+könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder
+nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger
+Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so
+eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn
+schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst
+wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher
+zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht
+dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.«</p>
+
+<p>Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß
+er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah
+ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf
+dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.«</p>
+
+<p>Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht
+verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er.</p>
+
+<p>»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber
+gefällt, kannst du's umsonst<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> haben und auch die Wirtin dazu. Höre,
+ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl
+sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich
+brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im
+Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt,
+und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich
+heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede
+der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch
+schelten, wenn du's tust.«</p>
+
+<p>Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde
+einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem
+armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch
+gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und
+sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht
+dreist ins Gesicht sehen konnte — aber er konnte nicht. Sie sagten
+ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon
+überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit
+mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon.</p>
+
+<p>Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's
+Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu
+Hause<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres
+hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte
+sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in
+meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich
+denkst, Mikelis.« — »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete
+er leise, »du mußt das vergessen.« — »Versuch's doch selbst,« sagte
+sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst
+gegangen.« — »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« — »Wer weiß
+...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene
+redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch,
+daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war.</p>
+
+<p>»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte
+innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.«
+Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der
+Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und
+nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die
+Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher
+aus dem Bett und Ruhe gebieten.</p>
+
+<p>Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine
+Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er
+wollte<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte
+schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr
+bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte.
+Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber
+kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich
+gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei
+der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu
+stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht
+nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder
+zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz
+gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei
+zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im
+Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den
+hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen
+Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen
+gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er
+sich »von der Alten nicht einsperren« lasse.</p>
+
+<p>Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich
+aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als
+dann aber<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten
+herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen
+wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer,
+klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte
+wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die
+Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete
+sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob
+er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch
+nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne
+ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die
+Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten
+ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden
+anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den
+Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten,
+ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du
+darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem
+Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel.</p>
+
+<p>Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und
+Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger
+die erwünschte<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal
+vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter
+die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert
+sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft.
+Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht
+geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm
+nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas
+zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier
+mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder
+kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch
+die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch
+gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter
+umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja
+doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu
+antworten.</p>
+
+<p>Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern
+hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht
+lieb ist.«</p>
+
+<p>»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du
+wüßtest, Ewe ...«</p>
+
+<p>»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun
+den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast — das muß dir genug<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+sein. Wenn dich ein Unglück träfe — der Urte wegen wäre mir's nicht
+leid; aber ...«</p>
+
+<p>»Aber —?«</p>
+
+<p>»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat
+wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben
+reiten.«</p>
+
+<p>Er schlug mit der Hand in die Luft.</p>
+
+<p>Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das
+Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene
+zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr:
+»Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin.
+Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht
+gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja
+—,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und
+die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind
+Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.«</p>
+
+<p>Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit
+der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf
+schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe
+vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die
+Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete,
+der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> gibt's,« fragte
+er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus,
+von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist
+verwundet.« — »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die
+Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete
+sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen
+Kampf gehabt!« — »Ja, der Zug ist verraten — sie haben uns im Gebüsch
+an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert — zwanzig und
+mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten,
+und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber
+hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht:
+das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze
+Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und
+suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den
+ersten gefallen, weil er voranritt —«</p>
+
+<p>»Ansas — gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf.</p>
+
+<p>»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd
+auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm
+hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt
+dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> zusammen
+durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und
+wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre
+um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen.
+Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden.
+Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort — ich
+weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft
+bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.«</p>
+
+<p>Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im
+Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück
+passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig
+und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens
+Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in
+der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte
+Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in
+die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden
+nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk
+holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man
+liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf
+einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof.<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur
+die Naujokene fehlte.</p>
+
+<p>Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte
+seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner
+Krankheit.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_3">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>4.</h3>
+</div>
+
+<p>So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war
+abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach
+den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die
+Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in
+Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters
+und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht — sie war ganz unvermutet
+eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden.</p>
+
+<p>Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können!
+Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte
+so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid,
+aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau
+geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen
+Burschen zum Manne nahm, der vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nicht einmal beim Militär
+gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in
+so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere
+verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur
+unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte
+der Hader kein Ende.</p>
+
+<p>Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem
+ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen
+Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich
+nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus.
+Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder
+gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie
+früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort
+war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie
+die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann
+bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch —;« oder ein andermal: »Ich
+habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir
+nicht zu lange.«</p>
+
+<p>Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in
+der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und
+umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert,
+die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras
+gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie
+wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene
+hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das
+war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing
+sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen,
+gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,«
+sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen
+bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein
+Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber
+vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß
+man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut
+schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich
+sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf
+den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das
+geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute
+sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren
+zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn
+haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße
+Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter,
+hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter
+Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und
+wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben
+vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten
+auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß
+sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte
+wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten
+suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen
+fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte
+eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu
+haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln.</p>
+
+<p>Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres
+Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach
+eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte;
+das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich.
+Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn
+er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte?
+Weshalb sollte sie die verhaßte<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Gegnerin schonen? Gewissensbedenken
+kamen ihr gar nicht — jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr
+Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil
+sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin;
+das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall
+beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte
+glücklich sein — und wollte glücklich sein.</p>
+
+<p>Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken:
+wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch
+die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's
+ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich
+einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich
+dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges
+Zusammentreffen, sondern ging abends fort — ins Wirtshaus angeblich
+oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen — und
+umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde.
+Selten vergeblich.</p>
+
+<p>Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie
+hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee
+gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt,
+daß der Korb, den die Altsitzerin leer<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> mitgebracht hatte, ihr schwer
+am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf
+dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte
+sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in
+der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und
+überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und
+einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie
+auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte
+Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du
+willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht
+...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast
+du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger.
+»Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du — du — du!
+Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder
+miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen
+in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente,
+gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen
+habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim
+alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und
+Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und
+lustig und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest;
+wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst
+du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts
+dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's
+nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu
+lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den
+Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!«</p>
+
+<p>Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder
+das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um
+ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm
+und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied.
+»Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.«</p>
+
+<p>Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was
+sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei
+nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe
+Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der
+letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich
+noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit
+ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und
+du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere
+Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren
+und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld
+trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum
+Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die
+auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon
+selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und
+seine Lage sehr unsicher geworden sei.</p>
+
+<p>Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so
+vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger
+Mann — weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst
+geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind,
+daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren
+hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von
+ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat
+sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen
+Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe
+gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl,
+so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und
+Hof zu verlieren hättest.<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Nun aber trumpft sie auf und meint, dich
+überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte
+Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns
+säen und uns auseinanderbringen — ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen
+ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig,
+auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab.
+Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher
+zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du
+auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's
+auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab,
+war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer
+genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte
+den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und
+zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar
+keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte,
+wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig
+boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade
+in ihre Macht zu geben.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_5">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<h3>5.</h3>
+</div>
+
+<p>Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde
+viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien
+sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's
+aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie
+munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern
+und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten
+hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen
+— »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter?
+Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil
+meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in
+eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn
+das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege
+unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er
+nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es
+kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich
+habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«</p>
+
+<p>Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen
+raschen Blick über ihn hinstreifen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> lassen konnte. »Ich locke dich
+nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so
+tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.«</p>
+
+<p>»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine
+Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im
+Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann
+durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht.
+Soll's so sein?«</p>
+
+<p>Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte
+Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast,
+geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz,
+der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.«</p>
+
+<p>»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit
+haben, daß auch du's ehrlich meinst.«</p>
+
+<p>Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er
+wollte.</p>
+
+<p>Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall.
+»Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist
+nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will.
+Aber wenn du Bedenken hast ...«</p>
+
+<p>»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle
+auch bedenken müßte, wenn<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> er bei Verstande ist. Wär's nur so zum
+Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns
+beide leider noch ein weiter Weg.«</p>
+
+<p>Sie hob trotzig das Kinn. »Aber man muß doch den ersten Schritt tun.«</p>
+
+<p>»Der erste Schritt ist bald getan, Ewe. Aber wenn er getan ist, stehen
+wir sehr ungleich. Hab' ich mit der Urte gebrochen, so verliere ich
+Haus und Hof.«</p>
+
+<p>»Und bei mir findest du wieder Haus und Hof, Mikelis.«</p>
+
+<p>»Das kann sein, Ewe ... aber es kann auch nicht sein.«</p>
+
+<p>»Wie kann es auch <em class="gesperrt">nicht</em> sein?«</p>
+
+<p>Sie sah ihn forschend an, und die Nasenflügel bewegten sich, als wollte
+sie zornig aufwallen. »Mißtraust du mir, Mikelis?« fragte sie und zog
+ihre Hand aus der seinen.</p>
+
+<p>Er haschte sogleich wieder danach. »Ich vertraue dir, Ewe,« antwortete
+er, »daß du's jetzt gut meinst. Aber was mit der Zeit geschieht ...«</p>
+
+<p>»Mikelis!« —</p>
+
+<p>»Ich sage: wenn wir gleich zum Pfarrer gehen könnten! Das kann doch
+nicht sein. Und ich weiß nicht, ob dir nicht hinterher ein anderer
+besser gefällt ...«</p>
+
+<p>»Du denkst schlecht von mir.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>»Gewiß nicht, Ewe. Aber es kann sich selbst keiner so weit trauen.
+Sonst wär's ja auch nicht nötig, daß der Pfarrer aus zweien ein Paar
+machte.«</p>
+
+<p>Sie senkte die Augen und zog die Lippe wie zum Lachen. »Es ist auch
+nicht nötig, wenn zwei einander wirklich lieb haben,« entgegnete sie.
+»Haben sie einander nicht lieb, so hält das auch nicht.«</p>
+
+<p>Er nickte. »Freilich! Aber vom guten Willen hängt's doch ab — von dem
+allein. Und man weiß nicht, ob es beim guten Willen bleibt, wenn der
+eine Teil sich gebunden hat und der andere fühlt sich frei. Ich will
+nicht zum Gespött werden. Und wenn du's auch nicht so meinst, so wird's
+doch nach meinen stillen Gedanken so sein, und daraus kann nichts
+Gutes werden. Besser ist's, du bindest dich auch, damit wir für alle
+Fälle gleichstehen. Dann ist kein Zweifel, daß wir früher oder später
+glücklich zum Ziele kommen.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich mich binden?« fragte sie.</p>
+
+<p>Er lächelte überlegen. »Gib mir eine Verschreibung, Ewe.«</p>
+
+<p>»Daß ich dich heiraten will, wenn du mit der Urte auseinander bist?«</p>
+
+<p>»Das könnte wenig nützen. Nein — über irgend eine runde Summe, die du
+mir zahlen willst, wenn du hinterher zurücktrittst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<p>Sie setzte die Lippe auf. »Ich werde nicht zurücktreten.«</p>
+
+<p>»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich
+etwas in Händen habe!«</p>
+
+<p>»Du bist allzu klug, Mikelis.«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du
+vertraust mir nicht?«</p>
+
+<p>»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem
+Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so — zu deiner Beruhigung, und
+damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus
+und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?«</p>
+
+<p>»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen —«</p>
+
+<p>»Nenne nur die Summe — es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich
+nie wanken werde.«</p>
+
+<p>»Schreibe fünfhundert Taler.«</p>
+
+<p>»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?«</p>
+
+<p>»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen,
+und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.«</p>
+
+<p>Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir
+hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will
+unterschreiben.«</p>
+
+<p>»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf
+schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite
+deinen Namen,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten,
+so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen
+uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche
+hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste
+gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich
+ja dann noch bedenken.«</p>
+
+<p>»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum
+Schulzen gehen und dort schreiben — der hat Tinte. Dann komm auf dem
+Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in Ordnung?«</p>
+
+<p>Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte
+ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo
+den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und
+das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja
+ein halbes Grundstück in die Tasche.«</p>
+
+<p>»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.«</p>
+
+<p>»Wenn aber das Papier verloren geht —?«</p>
+
+<p>»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.«</p>
+
+<p>»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand
+wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich
+dich<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.«</p>
+
+<p>Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn
+zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken
+nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem
+Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich
+etwas hielt.</p>
+
+<p>Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den
+Wechsel mit ihrer Schrift.</p>
+
+<p>»Ist's nun richtig?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann
+ich bei dir einziehen?«</p>
+
+<p>»Heute noch, wenn du willst.«</p>
+
+<p>»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß
+die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch,
+so komme ich, wenn ich fertig bin.«</p>
+
+<p>Dagegen hatte sie nichts zu erinnern.</p>
+
+<p>Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich
+nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr
+beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er
+entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du
+sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?«</p>
+
+<p>»Nein — aber der ist gut genug.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten,
+was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich
+verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen,
+nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!«</p>
+
+<p>Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht
+hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und
+von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen.</p>
+
+<p>Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps,
+dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht
+leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich
+aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch
+einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge
+als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder
+von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden
+als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl
+vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren
+Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner
+Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah;
+aber nun begreife ich wohl, was sie mit<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ihrer Antwort auf meine Frage
+meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. — Endrullis
+hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die
+Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!«</p>
+
+<p>Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht
+hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung
+jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es
+werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war
+er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück.
+Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun
+könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief
+sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau
+nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den
+Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon
+auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten
+und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel
+Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug
+dazu.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_6">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p>
+
+<h3>6.</h3>
+</div>
+
+<p>Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er
+gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen
+kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine
+Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten,
+so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf
+durfte sie sich verlassen.</p>
+
+<p>Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch
+nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps
+eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam.</p>
+
+<p>»Weshalb glaubst du das?«</p>
+
+<p>»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben
+recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten.
+Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder
+habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er
+einbringt?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht.«</p>
+
+<p>»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich
+nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen
+mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen
+mit dem eisernen Tritt, und er sagt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Ja und nimmt das Kaufgeld, was
+willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder
+von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen
+und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu
+ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune
+abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst
+du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das
+Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt
+ausplündern.«</p>
+
+<p>Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie.</p>
+
+<p>»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage
+dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's
+ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte
+auch hinzu: »— es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas
+zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.«</p>
+
+<p>Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht,
+es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist
+er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm
+verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß
+es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr
+Geld in<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts
+herunter, als was ich selbst abgebe.«</p>
+
+<p>Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr
+zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen
+und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die
+Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten.</p>
+
+<p>Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig
+aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im
+Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps
+meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir
+beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der
+Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus
+ihr, dachte er.</p>
+
+<p>Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren
+geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem
+großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals,
+tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun
+will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.«</p>
+
+<p>Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das
+Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das
+war<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen
+müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach
+diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur
+eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne,
+wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie
+es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese
+Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.«</p>
+
+<p>»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der
+Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf
+deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter
+suchen. Du bist noch nicht der König!«</p>
+
+<p>Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr,
+was der Pfarrer gesagt hatte.</p>
+
+<p>Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis,
+Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug
+genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden
+geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's
+voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so
+bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne
+für ihn etwas auf den Wagen zu laden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis,
+»und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur
+dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus
+dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche,
+sattelte den Fuchs und ritt fort.</p>
+
+<p>Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's
+wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur
+geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe
+Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.«</p>
+
+<p>Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch.
+Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?«</p>
+
+<p>Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt
+warten, bis die Urte gestorben ist.«</p>
+
+<p>»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?«</p>
+
+<p>»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der
+Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so
+will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.«</p>
+
+<p>Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige
+Silberstücke, und er legte sie zu den<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> andern. »Geht's nun ohne das? So
+dumm ist die Urte nicht.«</p>
+
+<p>Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Ich kann dir keinen andern Rat geben.«</p>
+
+<p>»Nicht?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Der Littauer strich das Geld langsam vom Tisch und steckte es wieder in
+die Tasche. »Was hast du für deine Versäumnis zu fordern, Herr?«</p>
+
+<p>Der Anwalt verwies ihn deshalb an seinen Schreiber.</p>
+
+<p>Und so ging nun Endrullis von einem zum andern und hörte überall
+dasselbe, zuletzt auch auf dem Gericht. Nach einigen Tagen kam er
+ganz verstört nach Hause. Ewe las es ihm gleich vom Gesicht ab, daß
+er nichts Gutes mitbrächte. Sie weinte und klagte: »Nun bist du frei,
+Mikelis, aber wir beide kommen nimmer ehelich zusammen.« Es war ihr
+jetzt nicht mehr gleichgiltig wie früher, als sie nur ihr Stück
+durchsetzen wollte. Sie wußte auch, daß die Leute einen Unterschied
+machen würden. Damals hieß es: »Was weiter? die Hochzeit ist nur
+aufgeschoben.« Jetzt rechnete niemand mehr darauf, zu Gast gebeten zu
+werden.</p>
+
+<p>Er mochte noch nicht daran glauben, schrieb Eingaben in deutscher und
+littauischer Sprache an das Obergericht, an die Herren Minister, auch
+an seinen<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Major, zuletzt an den König — es half alles nichts. Er
+war in so gereizter Stimmung, daß jeder sich fürchten mußte, in seine
+Nähe zu kommen, und selbst Ewe ihm scheu aus dem Wege ging, soviel
+sie konnte. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich will mich Deinetwegen
+demütigen und zur Urte gehen. Wenn ich sie bitte — vielleicht verzeiht
+sie mir.«</p>
+
+<p>Ewe seufzte und antwortete: »Es wird vergeblich sein.«</p>
+
+<p>»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre.
+Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.«</p>
+
+<p>»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir
+zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur
+Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge
+abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr
+so stolz.«</p>
+
+<p>»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich
+fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib
+sehe, und alles verderbe.«</p>
+
+<p>Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich
+hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß
+fortgestoßen.«</p>
+
+<p>Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen
+kann's bleiben, wie es ist.<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers
+Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. — Bist du's zufrieden,
+Ewe?«</p>
+
+<p>Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging
+hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz,
+und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten
+flogen. —</p>
+
+<p>Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der
+Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann,
+der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt.
+Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große
+Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden
+Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm
+begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er
+an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei
+und nahm ihm die Leine ab.</p>
+
+<p>Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der
+»Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen
+»Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von
+Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In
+hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> gehörten;
+selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer
+Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte
+er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde
+er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem
+Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er
+kam.</p>
+
+<p>»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du
+großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von
+seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen
+hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst
+du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir
+bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir
+alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu
+solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen.
+Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu
+können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie
+ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den
+Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung,
+wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann,
+sondern verharrst in<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige
+Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine
+Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden
+alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du
+wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten
+gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las
+näselnd und halb singend einen Psalm.</p>
+
+<p>Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu
+und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat
+er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen,
+mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem
+Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß
+du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort
+ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich
+sprechen.«</p>
+
+<p>Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen
+gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich
+wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?«</p>
+
+<p>»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die
+Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab,
+ohne sich im Dorfe zu verweilen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte
+Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen
+und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle
+Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn
+wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn
+auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste,
+schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach,
+klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht
+anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.«</p>
+
+<p>Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht.
+Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die
+Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen
+ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich
+darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am
+Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch
+sein.</p>
+
+<p>»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu
+unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir
+nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander — das
+hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's
+gewöhnlich so<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und
+ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem
+Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir
+geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts
+von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich
+unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört.
+Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel
+gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht
+gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff'
+ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst.
+Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.«</p>
+
+<p>Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung
+aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun
+warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug
+und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn
+einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen
+auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf
+ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß
+du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun
+wohl damals anders gemeint, aber<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> es trifft auch so zu und wird noch
+besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du,
+und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich
+dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn
+eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank,
+statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll
+ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir
+schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts
+weiter mit dir zu tun.«</p>
+
+<p>Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells.
+»Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich
+gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.«</p>
+
+<p>Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können.</p>
+
+<p>»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe
+nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht
+hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's
+sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts
+mehr zu sagen.«</p>
+
+<p>»Urte, gib mir den Schein!«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p>»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat — nicht wahr? Ha,
+ha, ha!«</p>
+
+<p>Er erschrak. »Was weißt du von dem Wechsel?«</p>
+
+<p>»Ich weiß davon.«</p>
+
+<p>»Urte, ich bin nicht umsonst über die Grenze geritten — ich hab' mir
+etwas erspart. Und wenn's nicht genug ist — der Jude braucht mich und
+borgt mir mehr.«</p>
+
+<p>»Geh! Ich mag dein Geld nicht. Zu verkaufen bin ich nicht wie du.«</p>
+
+<p>»So mag der Teufel dir's bezahlen!« schrie er wild und warf die Tür
+hinter sich zu.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_7">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>7.</h3>
+</div>
+
+<p>So war nun das Letzte vergeblich versucht. Hätte er sich nur auf Ewe
+fest verlassen können! Die aber schien jetzt, da sie sich in der Not
+beweisen sollte, ganz den Mut verloren zu haben. Er ließ sie nicht
+aus den Augen, und was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Es kam zu
+Vorwürfen, zu harten Reden. Und dann gingen sie tagelang stumm und
+verschlossen neben einander her. Michel war so verbittert, daß er ihr
+schon das Schlimmste zutraute. »Warum weinst du?« fragte er barsch.</p>
+
+<p>»Weil ich traurig bin,« antwortete sie sanft.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>»Und warum bist du traurig?«</p>
+
+<p>»Weil es uns so schlecht geht, Mikelis.«</p>
+
+<p>»Es geht uns nicht schlecht. Du hörst nur zu viel auf andere Leute.«</p>
+
+<p>»Sie sprechen ja gar nicht mit mir.«</p>
+
+<p>»Was geht es dich an? Werden sie dich brauchen, werden sie auch wieder
+freundlich sein.«</p>
+
+<p>»Die Frommen nicht, Mikelis.«</p>
+
+<p>»Zum Teufel mit den Frommen! Ich glaube nicht daran, daß sie zwei von
+einander beten können, wenn die nur selbst festhalten. Aber ich merke
+wohl, dir tut's schon leid.«</p>
+
+<p>»Mikelis —!«</p>
+
+<p>»Da es zur Heirat nicht kommen kann, willst du's so lange treiben, bis
+ich freiwillig vom Hofe gehe.«</p>
+
+<p>»Es wäre vielleicht besser, du gingst.«</p>
+
+<p>»Und dann käme ein Anderer.«</p>
+
+<p>»Ich denke an keinen Andern, Mikelis. Aber so kann's nicht bleiben.«</p>
+
+<p>Er griff nach seiner Brieftasche und legte sie vor sich hin. »Kann's
+nicht? Meinetwegen schon. Der Wirt auf deinem Grundstück kann ich
+freilich für jetzt nicht werden. Aber ...« Er klopfte auf seine
+Brieftasche.</p>
+
+<p>Sie sah ihn fragend an, indem sie den Kopf in die Hand stützte.
+»Mikelis,« sagte sie dann, »es ist besser, wir trennen uns jetzt und
+geben den Frommen<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> kein Ärgernis. Sie machen uns Schande in der Kirche.«</p>
+
+<p>Er sprang wild auf. »Ist das dein ernstlicher Wille?«</p>
+
+<p>»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst
+mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.«</p>
+
+<p>Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du
+willst nicht geradeaus mit mir brechen — ich soll der Dumme sein, der
+verspielt.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier
+gilt ja doch nichts.«</p>
+
+<p>»So! Warum gilt es nichts?«</p>
+
+<p>»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie
+kann ich da sagen: ich will nicht?«</p>
+
+<p>Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst
+du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir
+mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht —
+allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht
+nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern — mir nicht.«</p>
+
+<p>Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären
+mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu
+schluchzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+
+<p>Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand
+hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?«</p>
+
+<p>Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr
+recht.</p>
+
+<p>Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt,
+besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben
+sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft
+lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte
+auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm
+eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm
+das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr
+überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler,
+sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm
+für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe
+sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein
+Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in
+ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen,
+so lieb er sie hatte.</p>
+
+<p>Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem
+Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle,
+zog<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der
+linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er
+noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse,
+aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und
+umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte
+er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und
+entfernte sich. — Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite
+des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der
+Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte,
+was in dem Mittelraum vorging.</p>
+
+<p>Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so
+ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte.
+Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen,
+konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß
+nicht die Brieftasche — ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen
+Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.«</p>
+
+<p>»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich
+für alle Fälle besser bewahrt.«</p>
+
+<p>»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie
+achselzuckend.</p>
+
+<p>Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen
+hatte, das ihm von so großem<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund,
+daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle
+abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit
+solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es
+gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der
+wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht
+ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der
+Schere abschneide? Sieh dich vor.«</p>
+
+<p>Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm
+aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu
+bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen.</p>
+
+<p>Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der
+Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus,
+wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm
+reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige
+Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren.</p>
+
+<p>Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte
+am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins
+Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs
+Feld gegangen waren,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> steckselte sie die hintere Stalltür nach dem
+Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls.</p>
+
+<p>Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend
+zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen
+solltest, mein Töchterchen — ich weiß, wo es zu finden ist.«</p>
+
+<p>Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen
+wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt
+hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei
+Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben
+ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will
+ich nichts wissen.«</p>
+
+<p>»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?«</p>
+
+<p>Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht
+würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht —
+der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.«</p>
+
+<p>»Was sprichst du von Mikelis?«</p>
+
+<p>»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber
+die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich
+seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt — links vor
+der Tür im Winkel, und<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Stroh darüber gelegt. Hä — hä — hä ... um die
+Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur,
+was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst
+oder nicht.«</p>
+
+<p>»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.«</p>
+
+<p>Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte
+sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer.</p>
+
+<p>Ewe wußte nun, wo die Weste geblieben war. Bald hätte sie's lieber
+nicht gewußt; denn der Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr, daß sie
+Mikelis einen Streich spielen könnte. Sie wollte ihm den Wechsel nicht
+fortnehmen, aber ihn damit ängstigen, daß er verschwunden sei. Nur
+eine Weile. Dann sollte er ihn zurück haben und beschämt bekennen,
+daß er ihr mit seiner Heimlichkeit unrecht getan. Es wäre eine Strafe
+für ihn, meinte sie, und zugleich ein gutes Mittel, sein Vertrauen
+wiederzugewinnen. Wer konnte aber auch wissen, ob die Alte reinen Mund
+hielt? Und wie leicht hatte es dann ein Anderer, die Weste zu stehlen!
+Für sie selbst war es gar nicht unbedenklich, wenn das Papier mit
+ihrer Unterschrift in fremde Hände kam. Schon deshalb schien es klug
+einzuschreiten.</p>
+
+<p>Nach einigen Stunden also, als Endrullis fortgegangen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> war, begab sie
+sich in den Stall und nahm einen Milcheimer mit, als ob sie die Kühe
+melken wollte. Auf dem Hofe arbeitete der Knecht Jons Toleikis; der
+sah sie hineingehen. Ewe öffnete die Tür zum Futtergelaß und trat in
+den halbdunkeln Raum. Sie hob ein Bund Stroh fort und griff mit der
+Hand unter das Heu. Nicht lange durfte sie suchen, so fühlte sie etwas
+Weiches, das sie nun hervorzog. Es war die Weste. Sie schien nicht
+einmal zusammengerollt, sondern unordentlich untergesteckt zu sein. Als
+sie nach der Stelle tastete, wo das Papier eingenäht sein mußte, faßte
+sie zu ihrer Überraschung mit der Hand durch. Hatte sie das Ärmelloch,
+oder die Tasche getroffen? Jede Vorsicht vergessend, ging sie rasch
+nach der Tür und stieß dieselbe auf, um sich im Hellen zu überzeugen,
+wie es damit stehe. So stand sie nun auf der Schwelle und hielt die
+Weste in der Hand. Ein viereckiges Stück Zeug mitsamt dem Futter war
+ausgeschnitten — gerade an der Stelle, wo vordem der Wechsel eingenäht
+gewesen war. Wer hatte das getan?</p>
+
+<p>Jetzt erst bemerkte sie, daß die Magd Erdme Pleikis ihr nachgegangen
+war, den Eimer genommen und zu melken angefangen hatte. Die sah ihr
+gerade ins Gesicht und auf die Hände. Rasch wickelte Ewe die Weste
+zusammen und warf sie in die Futterkammer zurück. Ebenso rasch aber
+fiel ihr ein, daß<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> sie sich dadurch verdächtig machen könnte. Deshalb
+trat sie vor und sagte: »Hast du gesehen, Erdme, was ich da in der Hand
+hielt?«</p>
+
+<p>»Es war Endrullis' Weste,« bestätigte die Magd.</p>
+
+<p>»Und ist dir etwas daran aufgefallen?«</p>
+
+<p>»Ei freilich! Es war ein Stück ausgeschnitten wie mit der Schere.«</p>
+
+<p>»Ganz richtig. So habe ich sie dort in der Kammer gefunden. Wer kann
+das Stück ausgeschnitten haben?«</p>
+
+<p>Erdme gab darauf keine Antwort. Als aber Ewe fortgegangen war, rief sie
+sogleich den Jons Toleikis vom Hofe herein und sagte: Ȇberzeuge dich,
+daß da in der Kammer die Weste des Endrullis liegt, von der ein Stück
+ausgeschnitten ist. Du weißt doch, daß ich nach der Wirtin in den Stall
+gegangen bin? Es ist gut, daß man sich's merkt. Ich will mich nicht
+hinterher ohne Grund beschuldigen lassen.«</p>
+
+<p>»Die Herrin ging vor dir hinein,« bestätigte Jons.</p>
+
+<p>»War's lange vorher?«</p>
+
+<p>»Ich denke, keine Viertelstunde.«</p>
+
+<p>»Das ist lange genug,« meinte die Magd. Sie ließ sich nicht weiter
+darüber aus, wozu die Zeit lang genug gewesen sei, und Toleikis fragte
+auch nicht danach.</p>
+
+<p>Während sie noch an der Stalltür zusammenstanden, kam die Gaidullene
+aus ihrer Kammer.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>»Hast du gehört,« erkundigte sich Erdme, »daß Jemand im Futtergelaß
+gewesen ist?«</p>
+
+<p>»Ich hörte das Stroh rascheln,« antwortete die Alte, »und hinterher die
+Ewe sprechen. Sprach sie mit dir?«</p>
+
+<p>»Ja, als sie aus der Futterkammer herauskam.«</p>
+
+<p>»Was geht es mich an?« sagte die Gaidullene und schlug mit der Hand in
+die Luft. Sie entfernte sich vom Hofe.</p>
+
+<p>»Ich werde mich aber auf dich beziehen,« rief Erdme ihr nach, »wenn es
+nötig sein sollte.«</p>
+
+<p>Bald darauf kam Endrullis vom Felde zurück und brachte seinen Fuchs in
+den Stall. Ehe er noch Gelegenheit gehabt hatte, mit Ewe zu sprechen,
+trat Jons Toleikis an ihn heran und sagte: »Daß du es nur weißt — auf
+dem Heu liegt deine Weste, und es ist ein Stück ausgeschnitten. Die
+Erdme meint, das könne nur mit der Schere geschehen sein.«</p>
+
+<p>Er wurde bleich und im nächsten Moment wieder feuerrot. »Wer hat
+mir das getan?« lallte er mit schwerer Zunge. Er riß die Türe der
+Futterkammer auf und stürzte hinein. Gleich darauf kam er zurück, die
+Weste in der Hand. »Wer hat mir das getan?« wiederholte er, aber jetzt
+schreiend. Die Adern auf seiner Stirn zuckten. »Ich bin bestohlen!
+Der Wechsel ist ausgeschnitten! Das ist eine Spitzbüberei. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>
+bestohlen!« Er taumelte gegen den Ständer und stützte den Kopf an
+denselben; so hatte es ihn erschreckt.</p>
+
+<p>Nun begann ein strenges Verhör. Bald wußte er, was die Dienstleute und
+die Altsitzerin mitzuteilen hatten. Schäumend vor Wut eilte er ins
+Haus, faßte Ewe bei den Schultern, rüttelte sie derb und schrie: »Gib
+mir meinen Wechsel heraus, wenn dir das Leben lieb ist. Du hast ihn aus
+der Weste herausgeschnitten.«</p>
+
+<p>Sie suchte sich loszumachen. »Du bist toll,« rief sie. »Was willst du
+von mir? Ich habe deinen Wechsel nicht.«</p>
+
+<p>»Lügnerin, schändliche Lügnerin!« herrschte er sie von neuem an und
+legte die Hand um ihren Hals. »Willst du's bestreiten, daß du in der
+Futterkammer gewesen bist, daß du die Weste unter dem Heu vorgezogen
+hast? Es ist noch an der Stelle zerwühlt.«</p>
+
+<p>»Laß mich los, Unsinniger,« befahl sie streng, »oder ich wehre mich mit
+den Nägeln. Ich habe die Weste gefunden, aber das Stück Zeug war schon
+ausgeschnitten.«</p>
+
+<p>Er lachte wild auf. »Es war schon ausgeschnitten? Wer anders hat es
+ausgeschnitten als du? Wer anders als du konnte vermuten, was in der
+Weste eingenäht war? Und hast du mir nicht gedroht? Du leugnest wohl
+auch das! Ich weiß alles. Du bist<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> mir nachgeschlichen, hast gesehen,
+wo ich die Weste versteckte —«</p>
+
+<p>»Nein,« unterbrach sie, immer bemüht, ihn abzuschütteln. »Nein, das ist
+nicht wahr.«</p>
+
+<p>»Und wie erfuhrst du —?«</p>
+
+<p>»Durch die Gaidullene. Frage sie, wie sie dahinter gekommen ist.«</p>
+
+<p>»Ich brauche sie nicht zu fragen. Es ist auch gleichgiltig. Aber
+du hast doch die Weste unter dem Heu vorgezogen — du? Weshalb, du
+Arglistige? Antworte doch darauf —! weshalb?«</p>
+
+<p>Ewe setzte trotzig den Mund auf und sagte: »Denke davon, was du willst.
+Ich habe deinen Wechsel nicht genommen und weiß nicht, wer ihn genommen
+hat. Ich fand die Weste so.«</p>
+
+<p>Er drang, die Faust ballend, wieder auf sie ein. Sie stieß ihn aber
+zurück: und rief: »Besinne dich! Wenn ich vor Gott und den Menschen
+versichere: es ist nicht wahr —«</p>
+
+<p>»So ist es doch wahr! Du hast mich betrogen,« schrie er ganz außer sich.</p>
+
+<p>Ewe stand eine Weile wie unschlüssig, was sie tun sollte. Ihre Lippe
+zuckte, die Augen waren auf den Boden geheftet und blitzten nur
+manchmal auf, die Arme mit den geschlossenen Händen drückte sie straff
+an den Leib. »Gut denn —« sagte sie nach einer Weile dumpf, »so mag es
+wahr sein. Wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> aber so schlecht bin als du meinst — was willst
+du länger hier? Mit einer Lügnerin und Diebin wirft du nichts gemein
+haben wollen. Geh, wir sind geschieden. Es ist aus zwischen uns. Geh!«</p>
+
+<p>»Ihr hört's!« rief Endrullis den Dienstleuten zu. »Sie macht ein Ende
+— sie treibt mich fort. Deshalb ist's ja geschehen, daß sie sagen
+kann: geh! Ja, ich werde gehen. Aber aus ist's zwischen uns nicht!
+Erwarte von mir nichts Gutes. Ich will mein Recht haben! Und ich weiß
+noch Mittel, dich zum Geständnis zu bringen.«</p>
+
+<p>Damit stürmte er fort. Und wieder zog er seinen Fuchs aus dem Stall,
+warf die zerschnittene Weste über den Sattel, schwang sich auf und
+jagte fort.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_8">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>8.</h3>
+</div>
+
+<p>Da war nun der Urte Drohung wahr geworden; es fehlte nicht mehr viel
+zu einem Bettler auf der Landstraße. Sein Herz war voll Bitterkeit.
+Hatte er Ewe geliebt, so meinte er, sie jetzt um so tiefer hassen
+zu müssen. Wollte sie ihn verderben, warum sollte er sie schonen?
+Den Wechsel mußte er zurück haben, auf welche Weise immer. Ohne sich
+Zeit zur Überlegung zu gönnen, ritt er nach der Stadt und stieg bei
+einem Winkelschreiber ab, der von Geburt<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> ein Littauer war und einige
+Jahre bei einem Anwalt gearbeitet hatte, dann aber fortgejagt war und
+jetzt auf eigene Hand praktizierte. An ihn pflegten sich alle seine
+Landsleute zu wenden, wenn sie etwas betreiben wollten, wozu sich
+ein Anwalt nicht hergab. Dem trug er seinen Fall vor und forderte
+guten Rat. »Ich will dir eine Eingabe machen,« sagte der verschlagene
+Mann, »damit die Sache untersucht wird. Aber hüte dich, jemand zu
+beschuldigen. Damit muß man sehr vorsichtig sein. Sprich überhaupt zu
+andern gar nicht davon. Mögen die Herren den Fall untersuchen; es ist
+genug, wenn wir schreiben, was geschehen ist, und die Zeugen benennen.
+Kommt wider Erwarten nichts heraus, so können sie dir doch nichts
+anhaben.«</p>
+
+<p>Michel war mit allem einverstanden. »Das Übrige ist mir ganz gleich,«
+meinte er, »wenn ich nur meinen Wechsel zurückbekomme. Hilft er mir
+nichts gegen die Ewe, so soll mich doch die Urte nicht auslachen.«</p>
+
+<p>Im Dorfe logierte er sich wieder bei seinem Schwager ein und ritt mit
+Waren über die Grenze, sich einen Verdienst zu machen.</p>
+
+<p>Einige Wochen vergingen, ohne daß sich von der Tätigkeit des Schreibers
+eine Wirkung zeigte. Schon wurde er ungeduldig, als er erfuhr, daß Ewe,
+die Altsitzerin, Jons Toleikis und die Magd Erdme aufs Amt geladen
+seien. Wieder einige Wochen später<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> erhielten dieselben Personen
+Vorladung aufs Gericht in der Stadt, und auch ihm wurde eine solche
+Schrift behändigt Er wurde nicht recht klug daraus, um was es sich
+handelte. Als er am Termintage in den Gerichtssaal gerufen wurde, sah
+er links vom Richtertische die Ewe in einem abgegrenzten Raume stehen.
+Gegenüber hatte der Staatsanwalt seinen Platz. Nun ging ihm ein Licht
+auf. »Das hab' ich nicht gewollt!« rief er laut.</p>
+
+<p>»Was hast du nicht gewollt?« fragte der Vorsitzende.</p>
+
+<p>»Daß die Ewe deshalb als eine Diebin bestraft werden soll.«</p>
+
+<p>»Aber du hast doch diese Eingabe für dich schreiben lassen?«</p>
+
+<p>»Ja — weil ich meinen Wechsel zurück haben wollte.«</p>
+
+<p>»Den Wechsel, den die Ewe Purwins dir weggenommen hat.«</p>
+
+<p>Endrullis zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick: seitwärts auf
+das Mädchen, das die Augen fest auf ihn heftete. »Ich weiß nicht, wer
+mir den Wechsel weggenommen hat,« sagte er dann.</p>
+
+<p>»Es wird sich ja finden,« mischte sich der Staatsanwalt ein. »Ich
+bitte, weiter in der Sache zu verhandeln.«</p>
+
+<p>Ewe bestritt die Anklage; aber sie mußte zugeben,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> nach dem Wechsel
+gesucht und die Weste in der Hand gehabt zu haben, ohne genügend
+erklären zu können, was sie dazu veranlaßte. Die Gaidullene bezeugte,
+wie sie durch das Astloch in der Wand gesehen, daß Endrullis ein
+Papier in die Weste einnähte und sie dann unter das Heu schob, daß
+sie der Ewe Purwins davon Mitteilung gemacht und daß diese darauf in
+die Futterkammer getreten sei und an der bezeichneten Stelle gebückt
+gestanden und im Heu gewühlt habe. Weil sie aber die Tür hinter
+sich zugezogen, sei in der Kammer nur ein schwaches Dämmerlicht
+gewesen, sodaß sie nicht genau hätte sehen können, was sie dort tat.
+Als dann aber Ewe die Tür aufgestoßen, hätte sie in ihrer Hand die
+Weste bemerkt; gleich darauf sei auch die Magd Erdme vom Stall her
+hinzugetreten. Sie hatte ihre Aussage so eingerichtet, daß sie mit
+aller Sicherheit den Eid leisten konnte. Was sie nicht gefragt wurde,
+das hatte sie ja nicht nötig zu sagen. Die Aussagen der Dienstleute
+schlossen sich an. »Hat die Angeklagte gegen diese Zeugnisse etwas
+einzuwenden?« fragte der Vorsitzende.</p>
+
+<p>»Nein,« antwortete Ewe fest, »es ist alles so richtig. Aber die Weste
+hat mehrere Tage da unter dem Heu gelegen — es kann auch ein Anderer
+den Wechsel ausgeschnitten haben.«</p>
+
+<p>»Kann — kann! Hast du gegen irgendjemand gegründeten Verdacht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p>
+
+<p>Ewe senkte finster die Augen und schwieg.</p>
+
+<p>»Hast du noch einen Andern in der Futterkammer gesehen?« wandte der
+Richter sich an die Gaidullene.</p>
+
+<p>»Nein,« bestätigte dieselbe, »ich habe keinen Andern gesehen. Gott soll
+mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.« Es war sicher so: sie
+hatte keinen Andern gesehen; sie antwortete, wie sie gefragt wurde.</p>
+
+<p>Ewe wischte rasch mit der Hand eine Träne von der Backe fort.</p>
+
+<p>»Aber warum sollte ich den Wechsel nehmen?« rief sie, von Angst
+getrieben. »Ich habe mich ja niemals geweigert, den Endrullis zu
+heiraten. Mag er's selbst sagen.«</p>
+
+<p>»Und würdest du ihn auch jetzt noch heiraten?« fragte der Richter.</p>
+
+<p>Sie warf trotzig den Kopf zurück. »Jetzt —! Wenn ich seinetwegen
+bestraft werde ...! Er wird mich dann nicht mehr fragen, ob ich will.
+Ich bin ihm zu schlecht ...« Sie setzte sich auf die Bank nieder,
+bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, stützte den Kopf auf die
+Barriere und schluchzte laut.</p>
+
+<p>Die Richter berieten nur kurze seit. Dann verkündete der Vorsitzende
+den Spruch, der Ewe Purwins zu drei Wochen Gefängnis verurteilte. »Ich
+bin unschuldig,« sagte sie, »aber ich sehe wohl ein, daß ich dies
+leiden muß.«</p>
+
+<p>Sie bat, gleich ins Gefängnis gehen zu dürfen,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> damit man sie nicht von
+ihrem Hofe abhole, was ihr eine Schande wäre.</p>
+
+<p>Als sie abgeführt wurde, drängte Endrullis an sie heran. »Geh nicht ins
+Gefängnis, Ewe,« bat er dringend. »Ich selbst werde den König bitten,
+daß er dich begnadigt — noch heute schreibe ich.«</p>
+
+<p>Sie wendete das Gesicht ab. »Ich will nicht begnadigt sein,« sagte sie,
+»du glaubst ja doch nicht, daß ich unschuldig bin.«</p>
+
+<p>»Ewe — wie kann ich ...?«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. »Wie kannst du —?! — Gut — geh nur. Du hast
+ja nun deinen Wechsel.«</p>
+
+<p>Er griff nach ihrer Hand, aber sie wich ihm aus. »Geh nur!« Sie winkte
+Jons Toleikis heran und gab ihm Anweisung wegen der Wirtschaft. Dann
+folgte sie dem Gerichtsboten.</p>
+
+<p>Die drei Wochen waren bis auf einen Tag vergangen. Michel Endrullis
+hatte in der ganzen Zeit keine rechte Ruhe gehabt. Meist ritt er in
+der Nacht jenseits der Grenze und schlief bei Tage. Es war ihm, als
+ob etwas sein Gewissen schwer belastete und ihm alle Freude am Leben
+verderbe. Der Wechsel war ihm ganz gleichgültig; er verwunderte sich
+nur darüber, daß er sich deshalb mit der Ewe hatte erzürnen können.
+Und wenn sie ihn genommen und vernichtet hatte — war sie nicht so gut
+wie sein Weib gewesen? Nun sie ihm verloren war, meinte<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> er, sie gar
+nicht missen zu können. Und sie war ihm verloren ... nie konnte sie ihm
+verzeihen.</p>
+
+<p>Am späten Abend, als er an seinem frühem Hofe vorbeiritt, stand die
+Urte am Heck und winkte ihn heran. »Was willst du?« fragte er, den
+Zügel anziehend.</p>
+
+<p>»Komm auf dem Feldwege hinter das Haus, wo uns niemand sieht,«
+antwortete sie. »Ich will dir unter vier Augen sagen, wo dein Wechsel
+geblieben ist.«</p>
+
+<p>»Du —?«</p>
+
+<p>»Ich. Die drei Wochen sind ja wohl morgen herum? Da braucht's für dich
+kein Geheimnis mehr zu sein.«</p>
+
+<p>Die Worte klangen ihm so feindlich, daß es ihn durchschauerte. »Was
+weißt du von dem Wechsel?« fragte er zitternd.</p>
+
+<p>»Das sollst du dort erfahren. Man kann nicht wissen, was man hier auf
+der Landstraße für Zeugen hat.« Sie zeigte mit der Hand über das Haus
+hinweg und entfernte sich.</p>
+
+<p>Er überlegte, ob er ihr folgen sollte. Einen Augenblick dachte er an
+die Möglichkeit, daß sie ihm einen Hinterhalt gestellt haben könnte.
+Mit ein paar Knechten aber meinte er's aufnehmen zu können. Er öffnete
+also nur sein Messer in der Tasche, sprang am Gartenzaun ab, band das
+Pferd an eine Latte und ging<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> um das Gehöft herum. Dort stand schon die
+Urte vor der hintern Haustür. »Was hast du mir nun zu sagen?« sprach er
+sie an.</p>
+
+<p>»Daß ich meine Rache habe,« antwortete sie. »Die Ewe hat im Gefängnis
+gesessen, und einer von des Königs Gardisten heiratet keine Frau, die
+im Gefängnis gesessen und ihren ehrlichen Namen verloren hat.«</p>
+
+<p>»Und das nennst du deine Rache?«</p>
+
+<p>»Mit Fug und Recht; denn du mußt wissen, daß die Ewe unschuldig ist.«</p>
+
+<p>»Unschuldig! Und wer ...?«</p>
+
+<p>Die Augen der Frau blitzten, wie die einer Katze, die auf die Maus
+lauert. »Ich habe den Wechsel aus deiner Weste geschnitten.«</p>
+
+<p>Endrullis prallte zurück. »Du —?! Das ist nicht wahr. Wie konntest du
+wissen —?«</p>
+
+<p>»Das ist gleichgültig, wie ich's erfuhr. Genug, ich hab's getan, als
+ihr sämtlich drüben auf der Sandscholle bei den Kartoffeln waret.
+Die hintere Stalltür fand ich offen. Ihr beide seid bestraft. Der
+Wechsel ist verbrannt. Aber damit du mir glaubst ... hier ist das
+ausgeschnittene Stück Zeug. Passe es nur in das Loch ein, es wird kein
+Fädchen fehlen.« Sie warf ihm den Lappen zu.</p>
+
+<p>»Hexe, verfluchte Hexe,« schrie er auf und stürzte sich mit dem Messer
+gegen sie, »nimm deinen Lohn!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Sie mochte sich auf einen solchen Angriff gefaßt gemacht haben, sprang
+zurück, riß die Tür auf und flüchtete hinter dieselbe. Das Messer fuhr
+ins Holz. Er hörte nur noch ihr heiseres Lachen.</p>
+
+<p>Da stand er nun und starrte die Wand an. In seinem Kopf wirbelte es,
+als ob da alle Trommeln seines Regiments gerührt würden. Ewe unschuldig
+— doch unschuldig! Und Urte war die Diebin gewesen. Gerächt hatte sie
+sich an ihm und ihr. Es war nichts wieder gut zu machen. Ewe hatte ihre
+Strafe verbüßt. Und hatte er jetzt Zeugen gegen das boshafte Weib? Wer
+würde ihm glauben?</p>
+
+<p>Er steckte das Stück Zeug in seine Brieftasche und führte den Fuchs
+an der Hand durch das Dorf zurück in seines Schwagers Stall. Seine
+Schwester fragte, was ihm geschehen sei; er sähe so verstört aus. Ob er
+denn diese Nacht nicht reite? »Nein,« sagte er, »aber morgen früh. Ich
+will die Ewe aus der Stadt abholen.«</p>
+
+<p>»Gib dich mit der schlechten Person nicht weiter ab,« meinte sein
+Schwager Grillus. Er aber faßte ihn dafür bei der Brust und schüttelte
+ihn. »Wer sie eine schlechte Person nennt,« schrie er, »der mag sich
+vor mir in Acht nehmen. Ich schone Schwester und Bruder nicht!«</p>
+
+<p>Er brachte eine schlaflose Nacht zu. In der Frühe ritt er fort in der
+Richtung nach der Stadt. »Sie wird mir glauben,« tröstete er sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
+
+<p>Nicht weit von den letzten Häusern der Vorstadt sprang er ab, legte
+sich in den Chausseegraben und ließ seinen Gaul neben sich grasen.
+Ewe mußte hier vorüberkommen. Und es dauerte keine Stunde, da kam sie
+wirklich. Sie hatte die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in ein Tuch
+geknüpft, das sie in der Hand hielt. Sie sang leise vor sich hin ein
+littauisches Wiegenlied, das recht schwermütig klang, und hatte die
+Augen auf den Boden gerichtet. »Ewe!« rief er sie an.</p>
+
+<p>Sie schrak zusammen. »Mikelis —! Was willst du hier?«</p>
+
+<p>Er stand auf und trat an sie heran, das Pferd nach sich ziehend.</p>
+
+<p>»Steige du auf,« sagte er, »der Weg bis zum Dorf ist weit.«</p>
+
+<p>»Ich bin nicht müde,« entgegnete sie, »habe drei Wochen lang Zeit
+gehabt, auszuruhen.«</p>
+
+<p>Das fühlte er wie einen Stich ins Herz. »Ewe,« sagte er, »Gott weiß,
+daß ich dir nicht habe Unrecht tun wollen.« Er ging neben ihr hin und
+zog das Pferd am Zügel nach sich.</p>
+
+<p>»Das mag sein,« antwortete sie, »aber es nützt mir nichts: ich habe
+doch einmal im Gefängnis gesessen. Und dir hilft's nicht über die
+Schande weg, mich da hineingebracht zu haben.«</p>
+
+<p>»Ewe, wenn ich dir sage —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>»Du meinst's ja auch nicht, wie ich's meine. Und wenn du mir nicht
+glaubst, ist mir das andere gleichgültig.«</p>
+
+<p>Er legte die Hand auf ihre Hand, die das Bündel trug. »Ewe — wenn ich
+jetzt noch sagen könnte: ich glaube dir! Aber ich weiß nun, daß du
+unschuldig bist, und ich weiß auch, wer schuldig ist ...«</p>
+
+<p>Sie trat einen Schritt zur Seite und blieb stehen. »Du weißt es ...?«</p>
+
+<p>»Die Urte hat den Wechsel ausgeschnitten — sie hat ihre Rache haben
+wollen.« Er erzählte mit hastigen Worten, wie er dahintergekommen.</p>
+
+<p>Ewes eben noch bleiches Gesicht überzog sich mit flammender Röte; die
+weißen Zähne waren fest verbissen und die Lippen ein wenig geöffnet;
+die Brust hob und senkte sich rasch. Das Bündel hatte sie mit beiden
+Händen gefaßt, und die Finger knüpften an dem Tuche. Sie sprach kein
+Wort, und Endrullis ließ ihr eine Weile Zeit, mit ihren Gedanken fertig
+zu werden. Erst nachdem sie eine Strecke vorwärts gegangen waren,
+fragte er: »Kannst du mir verzeihen, Ewe?«</p>
+
+<p>»Verzeihen!« rief sie; »das paßt nicht mehr zu uns beiden. Früher wär's
+vielleicht gut genug gewesen, aber jetzt ...« Sie brach in ein heftiges
+Weinen aus.</p>
+
+<p>Er legte den Arm um ihre Schulter. »Was hast Du, Ewe?« fragte er
+bekümmert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>»Gott hat es so gefügt,« schluchzte sie, »daß wir nicht mehr von
+einander können mit leichten Worten. Ich habe dich einmal zu lieb
+gehabt, und das wird bald offenkundig werden vor aller Welt. Da ist's
+mit dem Verzeihen nichts. Kann's nicht sein, wie es gewesen ist, so
+kann's doch auch nicht bleiben, wie es ist. Im Gefängnis, Mikelis, als
+ich ganz mit mir allein war — da ist mir's zur Gewißheit geworden ...
+Ach Gott, ach Gott! Warum hat das jetzt geschehen müssen?«</p>
+
+<p>Er horchte auf und glaubte zu verstehen. »Ewe,« rief er, »ist's möglich
+—? Eine solche Hoffnung ...! Ja, dann können wir nicht mehr von
+einander; dann ist's nicht mehr genug, daß du mir verzeihst — dann
+mußt du mich wieder lieben, wie vordem ... o, mehr noch, viel mehr!« Er
+zog sie an sich und küßte ihr die Tränen von den Augen und Wangen.</p>
+
+<p>Sie ließ es eine kurze Weile geschehen. Dann aber schob sie ihn mit
+Heftigkeit von sich ab und sagte: »Von einander können wir nicht — und
+zusammen auch nicht. Das rachsüchtige Weib, die Urte, steht zwischen
+uns. Es ist nur auf eine Weise gut zu machen — nur auf eine Weise. Ja,
+ja ... nur auf eine Weise. Wenn du ein Mann bist —!«</p>
+
+<p>Sie brach ab und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, der ihn
+im Tiefsten erbeben machte. »Woran denkst du?« fragte er mit zitternder
+Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>»Wenn du ein Mann bist —« wiederholte sie und ließ ihn wieder den
+Schluß erraten. Die Lippen zuckten höhnisch. »Wie bleich du geworden
+bist! Du bist Soldat gewesen und hast doch keinen Mut.«</p>
+
+<p>»Ich habe Mut, Ewe ...«</p>
+
+<p>»Aber? Siehst du! Du hast den Mut, dich und mich verächtlich zu machen.
+Aber den Mut, die Schande von uns abzuwenden und zu beweisen, daß du
+mich liebst und mir ehrlich Wort halten willst, den hast du nicht. Auch
+jetzt nicht — nach dem, was die Urte dir gesagt hat und was ich dir
+gesagt habe. Geh! Du bist kein Mann!«</p>
+
+<p>»Ewe — was soll geschehen ...?«</p>
+
+<p>Sie lachte auf. »Ich weiß es nicht. Weißt du's nicht, so kannst du's
+von mir nicht erfahren. Aber laß mich allein! Ich verzeihe dir, weil
+ich dich verachte.«</p>
+
+<p>Endrullis riß die Jacke auf und griff in sein rotbuntes Halstuch, das
+ihn zu würgen schien. »Du sollst mich nicht verachten,« sagte er, die
+Worte aus der Kehle zwingend. »Du hast ganz Recht, Ewe — ich wäre kein
+Mann, wenn das ... Nur Geduld! man muß es klug anfangen. Es kann ja
+nicht anders sein — und die Hexe verdient's. Nur Geduld! Der Wechsel
+soll eingelöst werden.«</p>
+
+<p>Er reichte ihr die Hand hin und schüttelte die ihrige wie zur
+Bekräftigung seiner Worte. »Wir<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> gehören zu einander,« rief er, »und
+wenn Gott uns nicht zusammenbringt, soll's der Teufel tun. Ich fürchte
+mich nicht vor ihm. Nur Geduld!«</p>
+
+<p>Auf der Chaussee näherten sich Fuhrwerke. »Es ist besser,« fuhr er
+fort, »man sieht uns die nächste Zeit nicht beisammen. Ich habe oben an
+der Grenze zu tun. Die Juden wollen einmal ihr Glück an einer andern
+Stelle versuchen, man paßt ihnen hier schon zu sehr auf. Wenn sich
+etwas ereignen sollte — ich bin weit weg. Lebe wohl! Wenn wir uns
+wiedersehen, kannst du die Hochzeit bestellen.«</p>
+
+<p>Er schwang sich auf den Fuchs und jagte wie toll davon.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_9">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>9.</h3>
+</div>
+
+<p>Acht Tage darauf fand man die Wirtsfrau Urte Endrullene des Morgens tot
+in ihrem Bette. Der Schädel war ihr gespalten; augenscheinlich war sie
+im Schlaf getroffen, und ein einziger Hieb hatte hingereicht, sie für
+ewig stumm zu machen.</p>
+
+<p>Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der
+Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente
+geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das
+stets auf dem Herd lag, war vermißt<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> worden und trotz allen Suchens
+nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die
+Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts
+Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An
+dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke
+nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die
+Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte,
+es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz
+morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen
+worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der
+Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand
+getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau
+anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben;
+durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die
+Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von
+dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben
+Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet
+und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren
+Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der
+Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Fenster befand
+sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und
+Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen
+eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte.
+Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht,
+da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob
+irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln.</p>
+
+<p>Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht
+das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr
+wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den
+Täter führte keine sichere Spur.</p>
+
+<p>Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus
+gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon,
+daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung,
+daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten
+zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen
+mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch
+auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam,
+daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und
+nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der
+Grenze aufgehalten<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen
+voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit
+russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war
+gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu
+gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen
+war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz
+zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen;
+aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß
+jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den
+wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte,
+in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich
+nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte
+verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da
+auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte.</p>
+
+<p>Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf
+blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und
+arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und
+könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst
+meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer
+Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Die Frauen
+übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte
+ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu
+widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr
+zog und das Aufgebot bestellt wurde.</p>
+
+<p>An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete,
+waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen
+Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die
+Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen,
+aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein
+Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem
+die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten,
+schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den
+Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die
+Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie
+nickte ihm grüßend zu.</p>
+
+<p>Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in
+ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die
+Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei
+und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau
+auf den Wagen genommen wäre.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die
+Wirtin.«</p>
+
+<p>»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der
+Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz
+frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht
+jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.«</p>
+
+<p>»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er
+erschrak und im Gesicht bleich wurde.</p>
+
+<p>»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein
+Aberglaube — der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot
+und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte
+unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den
+Stall eintrat — in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf
+gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.«</p>
+
+<p>»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die
+Ecke des Stalles blickend.</p>
+
+<p>Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen,
+Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das
+erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die
+Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du
+weißt doch, wo sie<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist
+ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das
+so gut.«</p>
+
+<p>Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der
+aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht.
+»Fort da, oder ...«</p>
+
+<p>Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich
+gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht
+immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben.
+Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis,
+nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.«</p>
+
+<p>Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn,
+was —?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf
+dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den
+grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets
+zu dir in's Bett nimmst.«</p>
+
+<p>»Sie kommt gern zu mir — hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener
+Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch
+unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren
+grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man
+als Hexe verbrennen — hi, hi, hi!«</p>
+
+<p>»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur — du kannst lachen. Die Urte ist
+tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du
+kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit
+mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt
+mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges
+Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen,
+und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt,
+nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und
+möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem
+Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu,
+daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich
+kann auch sprechen.«</p>
+
+<p>»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was
+kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.«</p>
+
+<p>»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch
+nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still
+bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs
+geblieben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die
+Grenzreiter mich verfolgten.«</p>
+
+<p>»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und
+hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so
+viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies
+ein Hufeisen verloren —«</p>
+
+<p>»Wer will das behaupten ...?«</p>
+
+<p>»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich
+meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war
+freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein
+Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall
+ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt
+war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.«</p>
+
+<p>»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen,
+wie er hinein- und hinauskommt — das hast du wohl schon erfahren.«</p>
+
+<p>»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten
+und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner
+Jacke geblieben, Mikelis?«</p>
+
+<p>Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten.
+»Zwei?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.«</p>
+
+<p>»Was geht es dich an?«</p>
+
+<p>»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du
+dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.«</p>
+
+<p>Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle
+zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen
+Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich
+schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten
+Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu
+kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe
+keinen Spaß.«</p>
+
+<p>Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,«
+zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest — hundert
+Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das
+kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand
+hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden — so einem, wie die Ewe
+dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich
+dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich
+wissen, woran ich bin.«</p>
+
+<p>Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> etwas in sich hinein.
+Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich
+in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie
+reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster
+Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor
+ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus
+wie einer, dem wohl zu Mute war.</p>
+
+<p>Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren
+Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts,
+als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die
+Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_10">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h3>10.</h3>
+</div>
+
+<p>Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit
+zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und
+gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran
+und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen
+Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr:
+»Du kannst es gut bei mir haben,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> wenn du auf meiner Seite stehst. Ich
+kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme
+gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf
+und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei
+zwinkerte sie listig mit den Augen.</p>
+
+<p>Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit
+hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr
+einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr,
+was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die
+Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der
+Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf
+einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die
+Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig.
+Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.«
+Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte
+dankte und ging.</p>
+
+<p>Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie
+wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen
+den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie
+entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den
+Schweinetrog.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern.
+Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine
+andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte
+gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst
+aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen.
+Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen
+und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie
+findet.«</p>
+
+<p>Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon
+versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür
+standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche
+in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es
+nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen — fuhr ein
+städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei
+Herren sprangen ab.</p>
+
+<p>»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke
+richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf
+von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu
+Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!«</p>
+
+<p>Er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. »An unserm Hochzeitstage —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>»Sie kommen deinetwegen, Mikelis.«</p>
+
+<p>»Sie können mir nichts beweisen. Laufe ich fort, so bin ich schuldig.«</p>
+
+<p>»Aber du bist frei.«</p>
+
+<p>Er blickte zum Fenster hinaus auf die Straße. Eben kam der Gensdarm
+angeritten. »Es ist auch zu spät zur Flucht. Ja — wenn der Fuchs noch
+im Stall stände —!«</p>
+
+<p>Nun trat der Richter ein und sagte: »Michel Endrullis, es tut mir leid,
+daß ich das Hochzeitsfest stören muß. Ich will wünschen, daß ich dich
+und deine Braut nicht lange aufzuhalten brauche. Das Gericht hat aber
+guten Grund, bei dir eine Haussuchung zu halten. Ich frage dich: bist
+du in der Nacht, als deine abgeschiedene Frau ermordet wurde, hier im
+Dorfe gewesen?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts davon, daß sie ermordet ist,« antwortete er, finster
+zur Erde blickend.</p>
+
+<p>»Antworte geradeaus,« forderte der Richter. »Bist du hier im Dorf
+gewesen oder nicht?«</p>
+
+<p>»Ich bin drüben in Rußland gewesen — mein Pferd ist gefallen — es ist
+durch Zeugen erwiesen.«</p>
+
+<p>»Und hier im Dorfe warst du nicht? Sieh mich an!«</p>
+
+<p>Endrullis bemühte sich, dem Richter fest in die Augen zu sehen. »Wer
+sagt, daß ich hier im Dorfe gewesen bin?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>»Das sollst du später erfahren. Ja oder nein?«</p>
+
+<p>»Nein! Ich kann nicht durch die Luft fliegen.«</p>
+
+<p>»Wo sind die Kleider, die du damals getragen hast — in Rußland
+natürlich.«</p>
+
+<p>Endrullis warf den Kopf zurück. »Sie sind doch schon einmal untersucht,
+und es hat sich nichts Verdächtiges daran gefunden.«</p>
+
+<p>»Keine Blutspur, das ist richtig. Aber im Protokoll steht geschrieben,
+daß an der Jacke zwei Knöpfe fehlten. Die fehlten schon lange, nicht
+wahr? So hast du früher behauptet.«</p>
+
+<p>»Was ich gesagt habe, ist wahr.«</p>
+
+<p>»Zeige doch die Jacke noch einmal vor.« Sie wurde herbeigebracht. Der
+Richter wickelte aus einem Stück Papier einen Knopf und verglich ihn
+mit denen an der Jacke. »Die Knöpfe stimmen genau überein, das wirst du
+selbst zugeben müssen.«</p>
+
+<p>»Es tragen viele Littauer solche Knöpfe, Herr.«</p>
+
+<p>»Aber dieser hat offenbar hier gesessen; die Fäden sind scharf
+durchschnitten und passen der Zahl nach zusammen.«</p>
+
+<p>Endrullis versuchte zu lachen. »Das kann ja sein, Herr. Wenn ich ihn
+verloren habe, kann ihn auch wohl einer gefunden haben.«</p>
+
+<p>»Ganz richtig. Und weißt du auch, wo ihn einer gefunden hat?«</p>
+
+<p>»Was geht mich das an?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>»An der hinteren Ecke des Holzstalls hier auf dem Hofe neben einem
+losen Brett der Verkleidung.«</p>
+
+<p>Der Littauer besann sich einen Augenblick. Es kam nun darauf an,
+vorsichtige Antworten zu geben. »Warum soll er da nicht gefunden worden
+sein, Herr?« fragte er dann zurück. »Seit länger als einem Jahre gehe
+ich hier auf dem Grundstück herum und habe die Jacke immer getragen.«</p>
+
+<p>»Aber der Knopf ist dort gerade am Morgen nach jener Nacht gefunden.«</p>
+
+<p>»Das lügt die Gaidullene.«</p>
+
+<p>»Die Gaidullene? Wie weißt du, daß von der die Rede ist.«</p>
+
+<p>»Weil sie mir den Knopf für hundert Taler angeboten hat, Herr. Ich habe
+sie ausgelacht und fortgejagt. Dafür rächt sie sich nun durch falsches
+Zeugnis.«</p>
+
+<p>Das ließ sich hören. »Gehen wir in den Stall,« sagte der Richter. »Ist
+in jener Nacht jemand an der Stelle, wo das Brett losgebrochen sein
+soll, eingedrungen, so wird er auch wohl einen Zweck dabei verfolgt
+haben. Wo ist der Stall?«</p>
+
+<p>Endrullis zeigte widerwillig den Weg. Ewe, die ihn begleitete, sprach
+viel von der Schlechtigkeit und Rachsucht der Altsitzerin, die für ein
+Quartier Branntwein falsch schwöre.</p>
+
+<p>Im Stall lag Holz und Torf, an einem Hauklotz<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> eine Axt. In einer Ecke
+stand ein Spaten. »Steht der Spaten immer hier?« fragte der Richter.
+»Wozu wird er gebraucht?«</p>
+
+<p>»Den Torfgrus einzusacken,« erklärte Ewe, »aber der Stall ist lange
+nicht gereinigt.« Endrullis war ganz still geworden.</p>
+
+<p>Der Richter ließ das Holz hinauswerfen. Unter demselben zeigte sich
+am Boden eine Stelle, etwa einen Fuß im Geviert, von dunklerer Farbe.
+Die schwarze Erde lag hier obenauf nur dünn mit Holzabfällen bestreut.
+»Hier wollen wir nachgraben.«</p>
+
+<p>Nach wenigen Minuten stieß der Spaten auf klingendes Metall. Bei diesem
+Klange zuckte Endrullis zusammen, und Ewe warf ihm einen ängstlichen
+Blick zu. Der Richter bückte sich und hob aus dem Loch ein Beil. Die
+schartige Seite war mit einer dunklen Masse überzogen, an welchem lange
+Haare hingen. »Nun —? Wem gehört das Beil, Endrullis?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht. Es kann da lange gelegen haben. Das Grundstück
+gehört mir noch nicht.«</p>
+
+<p>Der Richter zeigte das Beil den Umstehenden. »Wem hat das Beil gehört?«</p>
+
+<p>»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich
+erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben,
+Endrullis?«</p>
+
+<p>»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim
+Sprechen.</p>
+
+<p>»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals
+über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde
+durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und
+hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite
+Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die
+Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite
+hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube.
+Willst du noch die Tat leugnen?«</p>
+
+<p>Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich
+stier auf den Knopf.</p>
+
+<p>»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du
+aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen,
+damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den
+Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe
+am Torfbruch unter den Erlen.«</p>
+
+<p>Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe
+schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig — sie wollen ihn
+verderben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p>
+
+<p>Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte
+ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte,
+riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube.
+Dann brach sie zusammen.</p>
+
+<p>In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen.</p>
+
+<p>Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich
+ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie
+Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne
+sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren
+Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu
+Fuß fort, ohne zu sagen wohin.</p>
+
+<p>Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich
+nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren
+scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters
+sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe
+erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich.
+Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu
+werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich
+etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu
+können.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie
+solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der
+habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche
+arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,«
+meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte
+sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat,
+bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie
+wurde als Magd angenommen.</p>
+
+<p>In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben
+hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten
+das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen
+und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in
+Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel
+eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das
+Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel
+Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein
+und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch,
+wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten
+rechts im obersten Gange verschlossen.</p>
+
+<p>Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> die Untersuchung noch
+schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach
+dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe
+wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen
+zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange
+wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an
+einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich
+das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der
+linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den
+Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine
+matten Augen glänzten einen Moment lebhafter.</p>
+
+<p>Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt
+wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die
+beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne
+daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort
+löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur
+Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett.
+Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam,
+war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit.</p>
+
+<p>Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> eine kleine Feile,
+die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen,
+die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in
+einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu
+schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er
+glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und
+war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen.</p>
+
+<p>Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde
+eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer
+Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten,
+die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle
+berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete
+die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.«</p>
+
+<p>»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen,
+und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter
+Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose
+Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?«</p>
+
+<p>Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten
+fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf.</p>
+
+<p>Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als
+ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte
+das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr
+die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem
+Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p>
+
+<p>Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die
+Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke
+war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde.</p>
+
+<p>Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß
+es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen.
+Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus
+tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer
+Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich.</p>
+
+<p>Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil
+der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus
+benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus
+zurückbrachte.</p>
+
+<p>Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe,
+und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß
+sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte
+und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p>
+
+<p>Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind
+nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte
+sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust.
+Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden
+Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle.
+Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie
+in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte.
+Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der
+Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen
+und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr
+hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er
+hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie,
+gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem
+Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem
+Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und
+täglich schleifen sie das Beil — schirp, schirp, schirp — auf dem
+großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...«</p>
+
+<p>Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher
+scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in
+einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem
+Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand.
+Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu
+seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß.</p>
+
+<p>Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war,
+trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es
+bemerkte.</p>
+
+<p>Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen
+können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern
+Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand
+nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und
+kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden
+sie nicht.«</p>
+
+<p>Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte
+sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige
+Beschäftigung.</p>
+
+<p>Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern.
+Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen.</p>
+
+<p>Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der
+Wiege.</p><br>
+
+<div class="chapter">
+
+<figure class="figcenter illowe28 padtop3 padbot3" id="rule-l_4">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe4 padbot3" id="signet-001_4">
+ <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_6">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<p class="s2 p2 center"><b>Heinrich Sohnrey:</b><br>
+<span class="s5">Lorenheinrich.</span></p><br>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_12">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="">
+</figure>
+
+<p>Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im
+südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben
+ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das
+ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt
+einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die
+Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover
+auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und
+an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der
+Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren
+Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der
+Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar
+nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In
+gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in
+Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht,
+in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen
+aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten
+Lebensberuf heranreifen: <em class="gesperrt">dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart
+wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben
+Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der
+Landflucht zu heilen</em>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«,
+die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter
+unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister
+mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der
+Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück
+— er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem
+Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen
+in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die
+Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen
+Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen
+Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer
+des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in
+Berlin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt
+unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk.
+Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen
+aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen — verloren«, »Die hinter
+den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im
+grünen Klee — im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung
+vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten
+voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.</p>
+
+<p class="mright5"><em class="gesperrt">W. Lottig.</em></p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_8">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<h2><b>Lorenheinrich.</b><br>
+<span class="s5a center">Eine Frühlingserscheinung im Dorfe.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches
+aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir
+nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der
+Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche,
+Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft
+im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird.</p>
+
+<p>So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem
+schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in
+meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?«</p>
+
+<p>Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich
+erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden
+hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der
+Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> ausgetrieben hat, in ein
+rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt — und
+vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit
+seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen
+Höfen.</p>
+
+<p>Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich!
+Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese
+wunderseltsame Frühlingserscheinung — wunderseltsam in ihrer grotesken
+Wirklichkeit — immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen.</p>
+
+<p>Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger
+schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum
+ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in
+den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann
+war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens
+genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der
+Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare
+im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß
+es Frühling war.</p>
+
+<p>Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter
+und Großväter lehnten<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten
+Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht
+mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der
+dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause,
+wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des
+Kommenden harren konnten.</p>
+
+<p>Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die
+dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher
+Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die
+sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des
+Dorfes ankündigt.</p>
+
+<p>Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte
+endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden
+Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen
+einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel
+der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf
+wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen
+ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus
+der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine
+hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten,
+einen<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war,
+wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen
+und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer,
+grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs
+geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am
+liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug.</p>
+
+<p>Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken
+haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; — und er hatte doch
+einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur
+das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger
+Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde
+Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte
+— wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die
+Hühner gekratzt haben.</p>
+
+<p>So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein
+ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte
+er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und
+weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und
+über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Tönen
+entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und
+manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest
+döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
+
+<p>Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen;
+die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl
+etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein
+Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im
+offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder,
+um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich
+königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock
+heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in
+seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose
+sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu
+welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der
+Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges
+riesiges Gänseblümchen.</p>
+
+<p>Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es
+ohne jeden argen Spott und Hohn geschah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn
+überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige
+Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen
+Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß,
+von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein
+»Swinetrog«.</p>
+
+<p>Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an
+sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste
+Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das
+ganze Dorf vor Lachen wackelte.</p>
+
+<p>Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal
+vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf
+den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand,
+daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden
+Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das
+»ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer
+Mimik an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,</div>
+ <div class="verse indent0">Is dat Freujahr nöu weer in Swunge?</div>
+ <div class="verse indent0">Häst 'ne uten Loche locket,</div>
+ <div class="verse indent0">Häst de 'ne an Haare tocket?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dat is recht un dat is gaut, —</div>
+ <div class="verse indent0">Af de Mütze, af den Haut!</div>
+ <div class="verse indent0">Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte,
+worauf der Grabenmüller wiederum anhob:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,</div>
+ <div class="verse indent0">Is dat Freujahr nöu weer in Swunge,</div>
+ <div class="verse indent0">Will we ak 'ne Wost<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> ansneggen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sast ak use Meken freggen.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div>
+ <div class="verse indent0">Kumm herin un dau deck gaut —</div>
+ <div class="verse indent0">Af de Mütze, af den Haut!</div>
+ <div class="verse indent0">— Vivat!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des
+Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende,
+lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst
+gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von
+grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und
+mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den
+gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden
+Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien
+es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen
+zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand
+Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an
+ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!«</p>
+
+<p>Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der
+Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte,
+wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den
+besetzten Tisch geführt.</p>
+
+<p>Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück
+Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen
+anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den
+Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte.</p>
+
+<p>Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs
+neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten
+Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das
+wußte man ja: wie die Flur zum<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Wachstum der Sonne und des Regens, so
+bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen
+Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag
+der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen
+und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles
+up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
+
+<p>So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem
+Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen
+Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll
+war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus.</p>
+
+<p>Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern.</p>
+
+<p>Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig
+es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er
+ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß
+ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am
+Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn
+es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war
+er schon<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und
+putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh'
+sie geprickt ist.</p>
+
+<p>Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte
+sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock
+und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das
+letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten
+bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die
+purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch
+die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste
+Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und
+Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen
+wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und
+Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer
+gleich und immer vorherrschend war allein — dafür sorgten schon die
+Schelmereien der jungen Mädchen — das Gänseblümchen, so daß man
+sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen
+Gänseblümchen-Heinrich beilegten.</p>
+
+<p>Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen,
+nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen
+Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen,<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> wovon
+sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der
+Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben.</p>
+
+<p>Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft
+emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig!
+Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben,
+eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und
+eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer
+nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid
+ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen
+könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen,
+setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor,
+daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere
+grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und
+Freude daran haben konnte.</p>
+
+<p>Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute
+alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend
+in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am
+herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft,
+es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> man
+ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein
+Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in
+die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf,
+wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls
+nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer
+»Slippe«<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren
+und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In
+gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern,
+selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls
+zuführte, beschenkt.</p>
+
+<p>Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden.
+Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um
+den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl,
+obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht
+nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf
+angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im
+Kreise verwenden mochte.</p>
+
+<p>In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden,
+daß Lorenheinrich<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch
+immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte.</p>
+
+<p>Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief
+dem andern zu: »Weiß't alle? — Lorenheinrich will't Möhlenhannechen
+freggen!«<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
+
+<p>Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber
+jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot
+gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt
+an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach:
+»Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«</p>
+
+<p>Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit
+gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über
+den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen
+konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen
+schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«.</p>
+
+<p>Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein
+kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich,
+Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße
+aufzog,«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs
+Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die
+blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die
+erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum
+nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die
+anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne — und der Himmel noch
+voller Würste hinge.</p>
+
+<p>Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige
+Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde.</p>
+
+<p>Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als
+zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so
+blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über
+Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker
+Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im
+andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu
+früh<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen
+worden war.</p>
+
+<p>Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu
+schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer.
+Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft
+schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er
+schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen
+Rest seiner grimmigen Kälte über ihn — und als etliche Tage später
+der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich
+zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem
+Ausgange, erfroren am Wege gefunden.</p>
+
+<p>Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen
+floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der
+Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen,
+die je gesehen worden sind.</p>
+
+<p>Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich
+bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie
+gebracht werden, wogegen sich indes — zu ihrem Ruhme sei's gesagt
+— die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen
+ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen,<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> daß ich
+mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam
+erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand,
+den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete!</p>
+
+<p>Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu
+widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und
+seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge
+zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so
+mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen
+Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der
+einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen
+der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden
+solle, freilich — diese Einschränkung wurde dennoch gemacht — nur in
+einer Ecke des Friedhofes.</p>
+
+<p>Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben.</p>
+
+<p>Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge
+wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an
+bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen
+Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die
+Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> ungewöhnlich früh erschienen,
+als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen.</p>
+
+<p>Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit
+Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im
+Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab.</p>
+
+<p>Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der
+wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die
+Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte
+den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man
+auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war
+ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern.</p>
+
+<p>Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich
+ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben
+hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige
+Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück
+für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte.</p>
+
+<p>Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt
+worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide
+nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe28 padtop3" id="rule-l_9">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s2 p2 center"><b>Wilhelm von Polenz:</b><br>
+<span class="s5 center">Zittelgusts Anna.</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_11">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="deko">
+</figure>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p>»Ich bekenne mit Stolz,« sagt <em class="gesperrt">Wilhelm von Polenz</em> von sich, »daß
+ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind
+meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn
+meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf
+dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind
+auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche
+Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse
+der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach
+vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand
+er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff
+die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von
+1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen
+und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im
+Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903).</p>
+
+<p>In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich
+deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet
+die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung
+des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald,
+Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust,
+Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt
+ward der Dichter<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> durch den religiösen Zeitroman »<em class="gesperrt">Der Pfarrer von
+Breitendorf</em>« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy
+gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem
+Roman »<em class="gesperrt">Der Büttnerbauer</em>« (1895), dem vielleicht nur Roseggers
+»Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück
+hierzu, »<em class="gesperrt">Der Grabenhäger</em>« (1897), bietet viele schöne Züge,
+hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen.
+— Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh
+unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer.
+Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er
+findet sein Frauenideal in »<em class="gesperrt">Thekla Lüdekind</em>« (1899), spürt den
+Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »<em class="gesperrt">Liebe ist ewig</em>«
+(1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman
+»<em class="gesperrt">Wurzellocker</em>« (1902).</p>
+
+<p>Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann
+er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer
+Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet
+er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse
+psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle
+der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner
+Personen verständlich zu machen.</p>
+
+<p class="mleft5">Tonndorf-Lohe,<br>
+ den 19. November 1904.</p>
+
+<p class="mright5"><em class="gesperrt">Wilhelm Bube.</em></p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_11">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<h2><b>Zittelgusts Anna.</b></h2>
+</div>
+
+<p>Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo
+von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich
+neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine
+Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und
+Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht,
+da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige
+Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe
+ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende
+Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen
+allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen
+zurückgeblieben.</p>
+
+<p>Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen
+sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein
+langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn
+über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte
+fort. Nur im Genick hing ihm von<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> einem Ohr zum anderen ein schmaler
+ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht.
+Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte
+Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den
+Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.</p>
+
+<p>Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den
+Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut,
+Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften,
+ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.</p>
+
+<p>Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der
+muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen
+an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete
+ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja
+Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie
+hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig
+verschlossen.</p>
+
+<p>Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln
+einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum
+Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man
+in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde,
+das Schiebefenster<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf
+hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu
+befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten
+einzuziehen.</p>
+
+<p>Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den
+Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt.
+Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben
+müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten;
+sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die
+beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und
+Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins
+Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die
+Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in
+den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst
+zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.</p>
+
+<p>Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war
+ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung
+stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten
+Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen
+Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle
+Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> ihrem altklugen
+Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem
+spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien
+hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube,
+ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein
+fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder,
+scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.</p>
+
+<p>Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war
+das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt,
+von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und
+gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter
+Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als
+vordem.</p>
+
+<p>Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in
+zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von
+Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf,
+unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß
+ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles,
+was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis
+in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte.</p>
+
+<p>Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> des Hauswesens an sich.
+Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim,
+mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck
+dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die
+übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.</p>
+
+<p>Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte
+dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke.
+Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde
+Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und
+herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen.
+Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen
+und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift.
+Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum
+Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und
+Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.</p>
+
+<p>Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die
+Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere
+Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu
+kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle
+hatte, da keine Feldarbeit,<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> keine andere Hantierung ihn abzog, brachte
+er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine
+tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das
+Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und
+Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War
+aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand
+sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das
+Ganze wieder in Schuß zu bringen.</p>
+
+<p>In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust
+war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit
+hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.</p>
+
+<p>Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller
+Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten;
+Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie
+kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn
+geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine
+ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.</p>
+
+<p>Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel
+war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine
+saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> und
+Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte
+wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder
+Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.</p>
+
+<p>Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen
+Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten.
+Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna
+war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen
+wurde ihr eben leicht.</p>
+
+<p>Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung
+blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen
+aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen
+ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit
+ein Greuel.</p>
+
+<p>Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die
+Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends
+ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß,
+bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter
+auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.</p>
+
+<p>So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander.
+Zittelgust vermißte das verstorbene<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Weib kaum noch; seine Anna
+ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein
+wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar
+nicht anders haben.</p>
+
+<p>Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der
+dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert
+haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen
+altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge,
+der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die
+Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf
+der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die
+sein Webstuhl sang.</p>
+
+<p>Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen,
+das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten
+können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe
+helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich
+verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger
+Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich
+darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.</p>
+
+<p>Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war
+eine Handelsfrau. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit
+etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war
+ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden
+Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie
+im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und
+Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden
+suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis
+schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier
+an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit
+auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch
+wenigstens am Leben.</p>
+
+<p>Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie
+stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen,
+waren an einem Ostern konfirmiert worden.</p>
+
+<p>Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel
+einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln
+ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes,
+wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe
+des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber
+nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und
+hungrig von der Reise zurückkehrte,<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> durfte sie sich in dieser Herberge
+ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder
+die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann
+bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.</p>
+
+<p>Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen
+herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht
+die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von
+den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um
+ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte
+sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal
+die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust
+hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene
+Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das
+Halten einer Zeitung.</p>
+
+<p>Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer.
+Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit
+verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen.
+Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück,
+einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule
+waren! — Sie hatte neben ihrem Hausierhandel<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> noch einige kleine
+Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten
+von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt.
+Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang
+der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte,
+vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos
+fand.</p>
+
+<p>Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede
+Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas
+Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen
+fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht.
+Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für
+ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser
+Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem
+sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand
+Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas
+ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.</p>
+
+<p>In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem
+Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch
+daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn
+je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> klein. Ihre beiden
+Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan,
+den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete
+eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände
+in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn
+der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit
+anrühren.</p>
+
+<p>Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu
+Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor.
+Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der
+Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie
+anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht
+vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und
+verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.</p>
+
+<p>Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte
+ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder
+ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam.
+Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge
+schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen — wie
+es sich für die Witwe schickt — der Vater schritt unter den Nachbarn.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür
+gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse
+Zeiten kommen würden.</p>
+
+<p>Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna
+zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand
+verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm,
+am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den
+Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.</p>
+
+<p>Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun
+verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert.</p>
+
+<p>Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und
+eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei
+ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb
+stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät
+die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden
+zu sprechen.</p>
+
+<p>Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er
+kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand
+lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus,
+und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> sich dann hinbegäbe.
+Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit
+jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.</p>
+
+<p>Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die
+Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um
+ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht
+und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig
+machen!</p>
+
+<p>Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den
+Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief
+eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen.
+Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein
+Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.</p>
+
+<p>Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren
+trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags
+frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders
+feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von
+dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher
+nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt
+erblickt hatte.</p>
+
+<p>Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher
+Miene auf den Tisch niederlegte.<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Dann rief sie die kleine Anna herbei,
+die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses
+Aufzuges anstaunend.</p>
+
+<p>»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was
+mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die
+Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs
+kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der
+'s ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie
+Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu
+ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib
+nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«</p>
+
+<p>Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem
+Kleid, das sie geschenkt bekam.</p>
+
+<p>Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich
+doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich
+mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein,
+das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes
+Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.</p>
+
+<p>Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die
+beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren
+Zärtlichkeiten stören. Nachmittags<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> unternahmen sie einen Ausflug. Anna
+wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.</p>
+
+<p>Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen.
+Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer
+eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm — was man einmal mit heiler
+Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal
+riskieren. — Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der
+Leute heraus.</p>
+
+<p>Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras
+wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun,
+wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um
+war, einen neuen. Und was für einen!</p>
+
+<p>Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige,
+lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch
+bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als
+Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen
+würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert
+sein.</p>
+
+<p>So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal,
+wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch
+machte! —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie
+tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.</p>
+
+<p>Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern
+ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn,
+der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins
+Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu
+wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.</p>
+
+<p>Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während
+die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel
+keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in
+größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft
+eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? — Das kostete schweres
+Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr,
+als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem
+womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie
+wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der
+niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines
+Tages davonlaufe.</p>
+
+<p>Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er
+ein Schwächling war,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich
+auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann
+war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal
+hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften
+Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in
+die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch
+seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und
+wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in
+der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das
+Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.</p>
+
+<p>Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen
+Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß
+ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.</p>
+
+<p>Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles
+energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren
+innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr
+wohnen.</p>
+
+<p>Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre
+verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller
+Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er.<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Die
+Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz
+oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens
+beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht,
+daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.</p>
+
+<p>Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück
+ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen
+Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.</p>
+
+<p>Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll
+Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges
+Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen
+Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war
+zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes
+Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde
+weiter ziehen sollte.</p>
+
+<p>An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem
+Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern
+und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es
+nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen
+sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre
+Holzstube war doch viel schöner<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> gewesen, als alles, was die fremde
+Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen,
+von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.</p>
+
+<p>Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm
+in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der
+Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte
+klagen dürfen.</p>
+
+<p>Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie
+zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres
+Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo
+die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte
+dann aus ihr werden? —</p>
+
+<p>Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel,
+und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.</p>
+
+<p>Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm
+und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei
+man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur
+ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum
+Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher
+nur über die Straße gesprungen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der
+Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre
+Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.</p>
+
+<p>Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein,
+die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die
+eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof
+fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und
+Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen,
+Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos
+ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu
+spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht
+mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne
+umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch
+besser hinter dem Webstuhle untergebracht.</p>
+
+<p>Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht.
+Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen,
+Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch
+das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen
+wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> sei.
+Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich
+angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ
+es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer
+zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.</p>
+
+<p>Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl.
+Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an
+aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch
+arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel
+durchzuschleppen.</p>
+
+<p>Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die
+Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei.
+Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und
+fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.</p>
+
+<p>Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der
+Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe.
+Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand
+aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er
+hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu
+lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.</p>
+
+<p>Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Frau verreiste.
+Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die
+schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber
+selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus
+über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten,
+daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in
+ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere
+gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig
+ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau
+müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer
+beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk,
+das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.</p>
+
+<p>Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber
+Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten,
+wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in
+ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum
+Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen
+hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust
+allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.</p>
+
+<p>Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> kurzen Tage und langen
+Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel,
+als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag
+manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der
+Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im
+nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche
+waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und
+Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen
+ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer
+Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es
+auf sie abgesehen hatten.</p>
+
+<p>Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das
+kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da
+mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und
+Steg frei zu machen.</p>
+
+<p>Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am
+liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß
+Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte
+sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame,
+Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der
+Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> die Aussicht,
+zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie
+gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor
+elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der
+Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren
+Geschwister holte.</p>
+
+<p>Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem
+sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie
+ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna
+von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem
+kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies
+erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde
+zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder,
+die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft
+war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig
+sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von
+Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.</p>
+
+<p>Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig
+weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht,
+beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<p>Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt
+antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg,
+daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig
+zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier
+nicht bloß um Verstellung handle.</p>
+
+<p>Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß
+zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der
+nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde
+Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen
+Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße
+fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna
+in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese
+Weise vor aller Welt offenbar werde.</p>
+
+<p>Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach,
+das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man
+den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre,
+hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern
+hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte,
+und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde
+versucht, Anna mit allerhand<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Kräutern, Einreibungen und Mixturen
+wieder auf die Beine zu bringen.</p>
+
+<p>Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte
+eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und
+wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus
+reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum
+mindesten wie Dummheit vor.</p>
+
+<p>Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten
+Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet
+dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte
+oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten
+Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein
+sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr
+war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! —</p>
+
+<p>Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu
+lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu
+bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie
+eine böse Stiefmutter zu nennen.</p>
+
+<p>Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine
+Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<p>Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter
+zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen
+die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte
+der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so
+unvernünftig gewesen.</p>
+
+<p>Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen
+waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen.
+Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten
+Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine
+Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.</p>
+
+<p>Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr
+Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm
+liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies
+und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war,
+als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren
+und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.</p>
+
+<p>Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie
+stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein
+gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich
+zu nehmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von
+der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch
+welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer
+hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte
+den Vater haben.</p>
+
+<p>Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe.
+Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte
+Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur
+letzten Reise anschicken.</p>
+
+<p>Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines
+festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will
+sterben.«</p>
+
+<p>Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn
+mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es
+sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.</p>
+
+<p>Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte
+ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu
+weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt
+besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte.
+Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon
+verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten
+Kampfe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als
+über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er
+nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger
+als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und
+'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« —</p>
+
+<p>Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch
+verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust
+bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch
+Zeichen — sprechen konnte sie schon nicht mehr — daß er sich an den
+Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken.</p>
+
+<p>Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das
+Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und
+schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen
+Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße
+Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag
+nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.</p>
+
+<p>Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so
+entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_12">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+
+<figure class="figcenter illowe4 padtop3 padbot3" id="signet-001_5">
+ <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_13">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s2 p2 center"><b>Rudolf Greinz:</b><br>
+<span class="s5 center">Simerls guter Tag.</span></p><br>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe9" id="rule-s_13">
+ <img class="w100" src="images/rule-s.png" alt="">
+</figure>
+
+<p>Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August
+1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und
+schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887
+nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen,
+und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu
+widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch,
+da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für
+Jahr auf einige Zeit zurückkehrt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige
+Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer
+Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen
+erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den
+Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler
+Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von
+bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann
+er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick
+in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden
+Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B.
+»Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten
+unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber
+noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste
+Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller
+Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die
+wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind,
+liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der
+auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen
+der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu
+betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen
+Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die
+Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der
+Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige
+»Bauernbibel«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig,
+wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften
+gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung
+Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch
+mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer
+Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht
+uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter
+zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer
+mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls
+guter Tag« geschieht.</p>
+
+<p class="right"><em class="gesperrt">Karl Bienenstein.</em></p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_14">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<h2><b>Simerls guter Tag</b></h2>
+</div>
+
+<p>Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse
+schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben
+gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich
+über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre
+wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen.</p>
+
+<p>Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und
+vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache
+Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie
+»übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon
+längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen
+sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja
+schließlich noch gern aufgekommen.</p>
+
+<p>Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht.
+Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und
+kam<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder
+gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als
+»Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und
+trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit
+gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun
+wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht
+reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl
+unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut
+daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der
+Simerl schon immer gewesen.</p>
+
+<p>Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts
+übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es
+nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für
+einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch
+nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze
+Welt »ausgetorkelt«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> sei.</p>
+
+<p>Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts
+Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er
+nützte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was
+zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« — meinte selbst
+der hochwürdige Herr Pfarrer — »nachher hat die ganze Welt an Vorteil
+davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg
+is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!«</p>
+
+<p>Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel«
+ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch
+immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder
+etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Schnaps«
+zusammengebettelt hatte.</p>
+
+<p>Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte
+gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht
+verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit
+mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> bist,
+nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige
+Seel' — und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst
+hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+— aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib'
+nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln
+lassen!«</p>
+
+<p>Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst
+von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen
+des Unterinntals begann es langsam aper zu werden<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Weiße Ostern
+waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises
+Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich
+regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren
+ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ...</p>
+
+<p>Die »herrischen Stadtfrack«<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> haben manchmal sonderbare Einfälle. So
+kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl
+direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen
+Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den
+Bergen herumzukraxeln.</p>
+
+<p>Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden
+fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung
+seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> vor allem Ruhe und
+»Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus.</p>
+
+<p>»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's
+halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr
+nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's
+schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn
+dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.«</p>
+
+<p>Der Maler hielt sich die Seiten vor Lachen, da er seine »Stimmung«
+plötzlich unter die ländliche Speisekarte versetzt sah. Warum mußte
+er auch in den hintersten, von Fremden wenig aufgesuchten Winkel
+des Zillertales flüchten! In einer der vorderen Gemeinden wäre er
+vielleicht eher verstanden worden. Die Kreuzwirtin nahm schier
+beleidigt Reißaus und stellte eine halbe Stunde später aufs Geratewohl
+dem Fremden einen appetitlichen Schöpsenbraten mit beigelegten
+Kartoffeln und eine Halbe »Reatel«<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> auf den Tisch.</p>
+
+<p>Daß der Eindringling kein gewöhnlicher »Tuifelemaler«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> sei, das
+schlossen die Dorfbewohner namentlich aus zwei Umständen. Einmal malte
+er gleich am nächsten Tag den alten Hennenstall beim Kreuzwirt ab. Und
+den konnte er unmöglich auf einem<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> »Marterl« brauchen. Dann zahlte er
+dem Feuchtenbauer für eine uralte Truhe, die man schon längst auf den
+Estrich gestellt hatte, einen blanken Fünfer.</p>
+
+<p>Wenn dieser letztere Umstand schon manchen an dem gesunden Verstand
+des Fremden zweifeln machte, so war man allgemein davon überzeugt, daß
+er »a Raderl z' viel oder z' wenig im Oberstüberl« haben müsse, als er
+sich den Simerl zum Kreuzwirt bestellte, um ihn abzumalen.</p>
+
+<p>Der Armenvater hatte dem Simerl eigens ein Sonntagsgewand geliehen,
+damit er nicht gar so »zerschlampt«<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> wäre, wenn er dem fremden Herrn
+seine Aufwartung mache. Da waren aber der Armenvater und der Simerl
+gleich schlecht drangekommen. Der Maler schickte den Armenhäusler
+sofort wieder heim, daß er sich umziehe — und der Simerl mußte trotz
+des energischen Einspruches der Kreuzwirtin schließlich doch in seinem
+»G'schlamp« erscheinen.</p>
+
+<p>So wurde er gemalt — nicht ohne daß er sich's von dem »Herrischen«
+zuvor ausbedungen hätte: auf ein »Marterl« dürfe er nicht hinaufkommen,
+weil sonst die Leut' »grad' wieder überflüssig z' reden hätten, daß
+si der Simerl no früher sei Marterl hab' malen lassen, bevor ihn der
+Teufel g'holt hätt'!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p>Als die Sitzung vorbei war, drückte der »Herrische« dem Simerl ein
+blankes Guldenstück in die Hand. Der Simerl glaubte zuerst seinen Augen
+nicht trauen zu dürfen und meinte, der Maler wolle ihn nur »für an
+Narren« haben. Seine kühnsten Hoffnungen hatten sich höchstens zu »an
+Glaserl Wein« verstiegen. Und jetzt gar ein ganzer Gulden! So viel Geld
+hatte der Simerl seit Jahr und Tag nicht mehr sein eigen genannt.</p>
+
+<p>Es war ihm völlig unheimlich zu Mute, da er von dem Fremden sich
+verabschiedete. Als er die Tür schon längst hinter sich geschlossen
+hatte, bedankte er sich noch die ganze Stiege hinunter bis vor die
+Haustür hinaus: »Vergelt's Gott z' tausendmal! Vergelt's Gott z'
+tausendmal in Himmel aufi und no hundert Jahr' nach der Ewigkeit!«</p>
+
+<p>Als der Simerl ins Freie trat, schien ihm der Himmel voller Baßgeigen
+zu hängen. Am liebsten war es ihm, daß niemand von seinem Schatz wußte.
+Er umklammerte den Silbergulden im Sack krampfhaft mit der Hand und
+schmiedete auf dem Heimweg die abenteuerlichsten Pläne.</p>
+
+<p>Er hatte schon genau ausgerechnet, wie viele »Packerln Ordinari«<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>
+er für das Geld bekäme, wie viele »Stamperln« Schnaps und wie viele<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
+»Viertelen« Wein. Nur war er sich noch nicht darüber im klaren, in
+welcher Ware das Kapital eigentlich am besten angelegt werden solle.</p>
+
+<p>Endlich beschloß er, sich ganz auf eigne Faust einen »guten Tag« zu
+machen, so recht einen Festtag nach dem jahrelangen Leben im Armenhaus,
+wo es an den Werktagen nichts gab als Brennsuppe und Erdäpfel und am
+Sonntag Erdäpfel und Brennsuppe.</p>
+
+<p>Unter Tags war der Simerl ganz verloren. Er rechnete fortwährend an
+seinem »guten Tag«. In der Nacht konnte er kein Auge zutun, da er
+in den kühnsten Phantasieen befangen war. Die größte Rolle spielte
+ein gebackenes Kälbernes mit Salat. Das hatte der Simerl vor zwanzig
+Jahren einmal bei einem Firstenfest gegessen, als der Dachfirst eines
+neugebauten Hauses vollendet und mit bunten Fähnlein geziert war, und
+man den Baumeister und den Hausherrn hochleben ließ.</p>
+
+<p>So war es Ostersamstag geworden. Der Simerl hatte einen festen Plan
+gefaßt. Seinen guten Tag wollte er gleich heute feiern. Das Geld im
+Sack schrie ordentlich danach. Aber seiner Heimatsgemeinde wollte er
+durchaus nicht die Ehre antun, den Gulden dort zu »verblasen«.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>
+Da hätte er ihn zur<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Kreuzwirtin tragen müssen, weil in dem kleinen
+Dorfe kein andres Wirtshaus war. Der Kreuzwirtin wollte der Simerl die
+große Einnahme jedoch nicht vergönnen; denn die war als geizig weit
+und breit verschrieen und hatte ihm nie das geringste umsonst zukommen
+lassen. Nicht einmal einen »Bierputzer«<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> hatte sie dem Simerl jemals
+aufgekreidet.</p>
+
+<p>So beschloß der Simerl, mit seinem Schatz auszuwandern. Aber wohin?
+Seine Wahl fiel auf Zell am Ziller. In dem dortigen stattlichen
+Löwenwirtshaus hatte man ihn vor Jahren einmal umsonst über Nacht
+behalten und ihm sogar noch ein warmes Abendessen dazu geschenkt. Dort
+sollte also in dankbarer Erinnerung auch der gute Tag gefeiert werden.</p>
+
+<p>Zu Mittag blieb der Simerl noch im Armenhaus; denn es fiel ihm nicht im
+Schlaf ein, der Gemeinde eine ganze Portion Brennsuppe und »Erdäpfel
+in der Montur« zu schenken. Um so besser sollte es ihm dann in Zell
+schmecken.</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen machte sich der Simerl verstohlen auf den Weg. Es
+war ein düsterer, kalter Tag draußen. Der ganze Himmel war mit grauen
+Schneewolken bedeckt. Das verdroß aber den Simerl wenig. Mochte der
+Himmel seinetwegen<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> das verdrießlichste Gesicht dazu schneiden! Ihm
+sollte er den heutigen Tag nicht verbittern!</p>
+
+<p>Es war spät am Nachmittag geworden und die Dämmerung bereits
+eingetreten, als der Simerl, der für sein Alter noch ziemlich rüstig
+ausschritt, beim »Löwen« in Zell anlangte. Die Bauern kamen eben von
+der Kirche, wo die Auferstehungsfeier gerade vorüber war.</p>
+
+<p>Der Simerl trat im Vollbewußtsein seiner Zahlungsfähigkeit in die
+Wirtsstube, die sich von Minute zu Minute mehr füllte.</p>
+
+<p>»Kellnerin, a Halbe Wein, aber an guaten, nit etwa a G'süff!«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>
+klopfte er auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Schau! daß er für di vielleicht nit guat g'nuag is!« gab ihm die
+Kellnerin, ein schneidiges Unterinntaler Diandl, zurück.</p>
+
+<p>»Glaubst vielleicht, i hab' koa Geld im Sack!« drehte der Simerl
+auf. »I bin nit auf der Brennsuppen daherg'schwommen!<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> I kann's
+beim Kreuzer zahlen auch, was i mir anschaff'!« Dabei warf er den
+Silbergulden auf den Tisch, daß es nur so klingelte, schob ihn aber
+gleich darauf wieder ängstlich und hastig in den Sack.</p>
+
+<p>»Ja, was willst denn nachher für an Wein?« fragte die Kellnerin ganz
+zutunlich. »Soll i dir vielleicht gar an Spezial bringen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>»Natürlich an Spezial!« entschied der Simerl.</p>
+
+<p>»Heut' gibst du's amal nobel!« ließ ihn ein Bauer an seinem Tisch an,
+der den Simerl gut kannte. »Hast am End' gar an Haupttreffer in der
+Lotterie g'macht?«</p>
+
+<p>»Man kann's nit wissen,« schmunzelte der Alte ganz verschmitzt und
+schenkte sich seelenvergnügt von dem Wein ins Glas, den die Kellnerin
+inzwischen gebracht hatte.</p>
+
+<p>An dem Tisch des Simerl hatte sich bald eine größere Gesellschaft
+zusammengefunden. Der Bekannte des Armenhäuslers, ein wohlhabender
+Bauer, der auch eine große Brettersäge besaß, meinte: »Mir scheint, es
+is nit viel Aussicht vorhanden, daß i mit dir amal a G'schäft mach'!«</p>
+
+<p>»Aha, du meinst, wenn amal a Totentruchen für mi b'stellt werden muß!«
+lachte der Simerl. »Du, da mach dir ja koa Hoffnung nit drauf! 's Leben
+g'freut mi von Tag zu Tag mehr. I glaub' völlig, i bleib' auf der Welt
+übrig, damit wer da is, der enkre Geldsäck' zählt!«</p>
+
+<p>So gab eine neckische Rede die andre. Es war inzwischen Nacht geworden.
+Der Simerl hatte bereits eine riesige Portion gebackenes Kälbernes
+samt einer Schüssel voll Krautsalat bewältigt und schon die zweite
+Halbe Wein vor sich stehen. Das ungewohnte Getränk begann ihm gewaltig
+gegen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> den Kopf zu steigen. Er wurde »kreuzfidel« und kramte allerhand
+»Trutzg'sangerln« aus, so daß die ganze Stube ihre Unterhaltung mit dem
+Alten hatte.</p>
+
+<p>Endlich machte man noch ein »Karterle«,<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> einen ordentlichen
+»Perlagger«,<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> bei dem der Simerl dem Sagschneider eine ganze Halbe
+Wein abgewann. Als er auf diese Weise die dritte Halbe in Angriff nahm,
+begann es ihm vor den Augen schier etwas »damisch« zu werden.</p>
+
+<p>Draußen schneite es, was es nur vom Himmel herunterbrachte. Man hätte
+glauben können, morgen sei Weihnachten statt Ostersonntag. Dafür war es
+in der geräumigen Wirtsstube um so gemütlicher. Die Wirtin hatte in dem
+großen Kachelofen tüchtig »eingekentet«<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> und setzte sich zu ihren
+Gästen an den Tisch. Die meisten Bauern waren schon heimgegangen. Nur
+die »Karter« saßen mit dem Simerl noch wie angenagelt zusammen.</p>
+
+<p>Der Simerl gewann einem andern Bauern noch eine weitere Halbe Wein ab.
+Wein habe er aber jetzt genug, meinte er. Es wäre ihm lieber, wenn
+sein Gewinn in Schnaps umgewechselt würde. »Aber a guater muß 's sein!
+Mindestens a Kranewitter!«</p>
+
+<p>Auf diese Weise war es schon fast Mitternacht geworden. Die
+Perlaggerpartie war auch zu Ende.<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Einer nach dem andern verabschiedete
+sich. Auch der Sagschneider schickte sich heimwärts. Schließlich war
+der Simerl mit der Wirtin und mit der Kellnerin, die in einer Ecke
+»napfezte«,<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> allein in der Stube.</p>
+
+<p>»So, iatz is 's auch Zeit, daß i mi hoamzapf'!«<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> sagte er.
+»Kellnerin, zahlen!«</p>
+
+<p>Zu seiner großen und freudigen Überraschung erfuhr er jedoch, daß der
+Sagschneider bereits seine ganze Zeche berichtigt hatte. »Es gibt do no
+guate Leut' auf der Welt!« erklärte der Simerl gerührt und erhob sich
+von seinem Stuhl, um die Stubentür zu suchen.</p>
+
+<p>Mit den Worten: »Du wirst do nit bei dem grauslichen Wetter no so an
+weiten Weg machen wollen!« suchte ihn die Löwenwirtin zurückzuhalten.
+»Du kannst ja bei uns übernachten!«</p>
+
+<p>»Dös ging' mir ab!« rief der Simerl lustig. »I muß schaun, daß i vor
+Tagsanbruch hoamlich in mei' Armenkeuschen<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> z'ruckkomm'! Wenn dö
+mi in der Fruah nit finden, laßt mi der Vorsteher am End' gar durch'n
+Nachtwachter austrommeln, ob niamand an Simerl g'funden hat, weil sie
+mi alle mitanander zum Fressen gern haben!«</p>
+
+<p>Sprach's und war bei der Tür draußen. Im<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Anfang wollte es mit dem
+Gehwerk nicht sonderlich gelingen. Der Simerl hatte entschieden zu viel
+aufgeladen. Bevor er das Ende des Dorfes erreichte, purzelte er einige
+Male in den weichen Schnee, raffte sich aber immer wieder energisch
+empor. Es war ihm ganz glückselig zu Mute. Einen prächtigen Tag hatte
+er gehabt und dabei keinen Kreuzer Geld gebraucht! Was wollte er noch
+mehr? Den ganzen Gulden trug er noch im Sack!</p>
+
+<p>Holdrioh! Ein heller Juchzer entrang sich der Kehle des Alten. Das war
+ja heute ein Leben wie im Himmel.</p>
+
+<p>Zu schneien hatte es aufgehört, aber eisig pfiff der Wind von den
+Fernern. Den Simerl begann es ordentlich zu frieren. Dabei wurde er
+aber nüchtern und verfolgte ziemlich stetig seinen Weg. Gegen vier
+Stunden mochte er so im Schnee dahingewatet sein, als er aus der Ferne
+schon die Umrisse seines Dorfes auftauchen sah.</p>
+
+<p>Jetzt könnte er wohl ein wenig rasten, dachte sich der Simerl, denn
+er war »hundsmüd'« geworden. Er hatte gerade eine kleine Waldblöße
+passiert und ließ sich auf einen beschneiten Baumstrunk nieder. Das
+tat ihm wohl. Er begann ordentlich »auszuschnaufen« von dem weiten
+Weg. Und kalt war ihm auch lange nicht mehr so. Ein wahres Gefühl<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> der
+Behaglichkeit war über seine »zerlatterten«<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> Knochen gekommen.</p>
+
+<p>Da klang es dem Simerl, als ob aus dem Dorf herauf Glockengeläute
+zu ihm geflogen käme. »Jessas!« dachte er. »Läuten sie gar schon
+zur Fruahmess'! da mag i schaun, daß i hoamkomm'! Sonst setzt's an
+Eselssturm ab!«</p>
+
+<p>Er öffnete mühsam die Augen. Die ganze Gegend kam ihm völlig »spanisch«
+vor. Wenn man ihn auf der Stelle erschlagen hätte, er würde es nicht
+gewußt haben, ob es noch Nacht oder schon heller Tag sei. Von dem Wald
+ihm gegenüber ging ein großmächtiger lichter Schein aus, der immer
+näher auf ihn zukam. Dem Simerl wurde immer ängstlicher zu Mute. Er
+wäre am liebsten davongelaufen, wenn er von dem Baumstrunk losgekonnt
+hätte.</p>
+
+<p>Jetzt vermochte er in dem Lichtschein die Gestalt eines großen Mannes
+zu unterscheiden, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging. Nun
+stand der Fremde vor ihm. Er trug ein weißes Gewand, das ihm bis an
+die Knöchel reichte. Unten schien dem Simerl ein goldener Saum um das
+Gewand zu laufen. Ein wallender Bart und langes, auf die Schultern
+niederfallendes Haar umrahmten Antlitz und Haupt des Mannes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Der Simerl erhob sich jetzt und küßte dem Fremden die Hand. »Gelobt sei
+Jesus Christus!« murmelte er zitternd.</p>
+
+<p>»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Fremde mit einer klaren Stimme.
+Und wieder war es, als ob vom Tale herauf ein gewaltiger Glockenklang
+dränge und mächtig anschwellend die ganze Welt erfüllte.</p>
+
+<p>»Ihr seid's wohl a hochwürdiger Herr?« wagte der Simerl die schüchterne
+Frage.</p>
+
+<p>»Ich bin dein Herr!« erwiderte der Fremde schlicht.</p>
+
+<p>»Ihr seid's wohl nit von da daheim?« fragte der Alte wieder. »Wia
+kommt's denn in dö Gegend?«</p>
+
+<p>»Ich bin von den Toten auferstanden und bringe dir den Frieden« ließ
+sich die Stimme des Fremden vernehmen, dessen Gestalt unter den
+Waldbäumen zu wachsen schien ins Unendliche.</p>
+
+<p>Ein heftiges Zittern befiel den Armenhäusler. Er sank auf die Kniee
+und streckte die Hände flehend zu der lichten Gestalt vor ihm empor.
+»Mein Gott! Mein Gott!« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.
+»Nachher seid's Ihr ja unser Herr selber! Und i hab' die Fruahmess'
+versäumt! Und statt z' beten, bin i im Wirtshaus g'hockt! I bin do
+recht a elendiger Mensch!« Der Simerl brach in ein bitterliches Weinen
+aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Da faßte ihn der Fremde an der Hand und zog ihn empor und sprach zu
+ihm, daß es der Alte fassen konnte: »Simerl, sei nicht verzagt. Deinen
+guten Tag auf der Welt hast du eingebracht. Willst du jetzt nicht mit
+mir kommen?«</p>
+
+<p>»Unser lieber Herr und Gott! Ihr wollt's mi mitnehmen, mi tadelhaftigen
+Menschen! So guat seid's mit mir — und i weiß nit, wia i's verdian'!«
+schluchzte der Alte. »I bin ja nia was g'wesen und hab' ja nia was
+ausg'richt't auf derer Welt herunten! I bin ja meiner Lebtag' grad' so
+a verlornes Schaf g'wesen!«</p>
+
+<p>»Ich bin der gute Hirt! Und die Letzten werden die Ersten sein!«
+ertönte da wieder die Stimme des Fremden. Der Alte ging mit gesenktem
+Haupt mit. Es war ihm so friedlich und still im Herzen geworden. So
+gut und so feierlich hatte sein ganzes Leben lang noch niemand zu ihm
+gesprochen.</p>
+
+<p>Und sie wanderten den Berg aufwärts — ins Unendliche — viel weiter,
+als Menschenfüße tragen — drunten im Dorf aber läutete es zur Wandlung
+bei der Frühmesse am Ostersonntag. — —</p>
+
+<p>Ausgetrommelt haben sie den Simerl nicht, als man ihn nicht mehr im
+Armenhaus traf. Aber schon am Vormittag des Ostersonntags fand man ihn
+tot am Waldrand droben. Der herbeigeholte Gemeindearzt von Fügen im
+Zillertal konstatierte<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> einen Herzschlag. Der fremde Maler war auch
+dabei, als man den alten Armenhäusler brachte.</p>
+
+<p>Da man den Silbergulden beim Simerl fand, meinte einer: »Dös is grad' a
+Trinkgeld für'n Totengräber!«</p>
+
+<p>»Nix da!« entschied der Armenvater. »Dafür lassen wir dem Simerl a
+Mess' lesen! Er wird's notwendig g'nuag brauchen können!«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_15">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+
+<figure class="figcenter illowe4 padtop3 padbot3 " id="signet-001_3">
+ <img class="w100" src="images/signet-001.png" alt="signet">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="rule-l_16">
+ <img class="w100" src="images/rule-l.png" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="p2 center">Druck von Grimme &amp; Trömel in Leipzig.</p><br>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Ein besonderes Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten neben
+dem Hause.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Bringst du uns auch ein gutes Frühjahr mit?</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lorenheinrich, du lieber Junge,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist der Frühling nun wieder im Schwunge?</div>
+ <div class="verse indent0">Hast ihn aus dem Loch gelocket,</div>
+ <div class="verse indent0">Hast du ihn am Haar gezogen?</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist recht und das ist gut.</div>
+ <div class="verse indent0">Ab die Mütze, ab den Hut!</div>
+ <div class="verse indent0">Vivat, daß der hohe Hagen wackelt.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Wurst.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Sollst auch unser Mädchen freien.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Iß nur alles auf, daß 's auch ein gut Frühjahr gibt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> »Slippe« — an den Zipfeln aufgenommene Schürze.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Weißt du's schon? Lorenheinrich will's Mühlhannchen
+freien.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> »Use Wost hät de Feute uppetogen,« pflegte eine meiner
+bäuerlichen Großmütter aus der Sollinger Waldgegend zu sagen, wenn die
+Würste auf der Rauchkammer zur Neige gingen und darum geschont werden
+mußten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> durchschlendert.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Gläschen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> still.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> aufzutauen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Stadtleute.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Rotwein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Ländlicher Marterl-(Votivtafel-)Maler.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> zerlumpt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Päckchen ordinären Rauchtabaks.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> verbrauchen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Bierschnaps.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Schlechtes Getränk.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> <em class="gesperrt">D. h. ich bin wer!</em></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Kartenspiel.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Tiroler Kartenspiel.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> eingeheizt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> einnickte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> heimmache.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Armenhaus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> ermüdeten.</p>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<h2>Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.</h2>
+
+<div class="image-left">
+ <img src="images/signet-002.png" width="37" height="55" alt="signet">
+
+<p class="s5 p0">F 1506b X 10:<br>
+100.000</p>
+</div>
+
+<p>Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß
+aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden
+Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des
+deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der
+schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt
+sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken
+sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.
+Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.</p>
+
+<p>Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen
+»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000
+Exemplare.</p>
+
+<p>Abzüge des <em class="gesperrt">Werbeblatts</em>, des letzten Jahresberichts, auch des
+Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen
+Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich
+übersandt.</p>
+
+<p>Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. <em class="gesperrt">Für
+Beiträge von 2 Mk.</em> an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines
+Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung.</p><br>
+
+
+<p class="s2 center">Gute und billige Bücher</p>
+
+<p>Unter den mancherlei billigen Sammlungen, die in den letzten Jahren
+zur Verbreitung guter Literatur geschaffen wurden, zeichnen sich die
+Bücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung durch sorgfältige
+literarische Auswahl und ausgezeichnete Ausstattung aus: holzfreies
+Papier, schönen und großen Druck, abwaschbaren, geschmackvollen
+Einband. Diese Eigenschaften haben in Verbindung mit dem äußerst
+billigen Preise den beiden Sammlungen der Stiftung schnell große
+Verbreitung verschafft.</p><br>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>Bisher sind erschienen:</p>
+</div>
+
+<p class="s2 center">Hausbücherei</p>
+
+<p class="center">(gebunden, jeder Band 1 Mark)</p>
+
+
+<div class="hang">
+
+<p>Bd. 1. <em class="gesperrt">Heinrich von Kleist</em>: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists.
+7 Vollbilder von Ernst Liebermann. Einleitung von <em class="antiqua">Dr.</em> Ernst
+Schultz. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 170 S.</p>
+
+<p>Bd. 2. <em class="gesperrt">Goethe</em>: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes.
+Einleitung v. <em class="antiqua">Dr.</em> W. Bode. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 178 S.</p>
+
+<p>Bd. 3. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em><em class="antiqua">1. Bd.</em>: Ausgew.
+humor. Erzählungen v. P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A.
+Roderich. <em class="antiqua">40.-45. Taus.</em> 221 S.</p>
+
+<p>Bd. 4. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em>: Cl. Brentano,
+E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. <em class="antiqua">20.-25. Taus.</em> 222 S.</p>
+
+<p>Bd. 5. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em><em class="antiqua">3. Bd.</em>: Hans
+Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. <em class="antiqua">30.-35. T.</em> 196 S.</p>
+
+<p>Bd. 6/7. <em class="gesperrt">Balladenbuch.</em> <em class="antiqua">1. Bd.</em>: Neuere Dichter.
+<em class="antiqua">16.-20. T.</em> 498 S. 2 Mark.</p>
+
+<p>Bd. 8. <em class="gesperrt">Herm. Kurz</em>: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung.
+Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 209 S.</p>
+
+<p>Bd. 9. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">1. Bd.</em>: C. F. Meyer, E.
+v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. <em class="antiqua">26.-35. Taus.</em> 194 S.</p>
+
+<p>Bd. 10. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em> (Dorfgeschichten):
+E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. <em class="antiqua">16.-20. T.</em> 199 S.</p>
+
+<p>Bd. 11. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel.
+v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. <em class="antiqua">6.-10. T.</em> 230 S.</p>
+
+<p>Bd. 12/13. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E.
+Kühnemann. Mit 2 Bildern Schillers. 2 Bände in 1 Bande. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em>
+226 u. 302 S. 2 Mark.</p>
+
+<p>Bd. 14. <em class="gesperrt">Novellenbuch</em> <em class="antiqua">3. Bd.</em> (Geschichten
+aus deutscher Vorzeit): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff.
+<em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 246 S.</p>
+
+<p>Bd. 15. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">4. Bd.</em> (Seegeschichten):
+Joachim Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck,
+Johs. Wilda. <em class="antiqua">16.-20. Taus.</em> 179 S.</p>
+
+<p>Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen <em class="gesperrt">Eduard Mörikes</em>. Herausgeg.
+u. eingel. v. <em class="antiqua">Dr.</em> J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u. Silhouette
+Mörikes. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 235 S.</p>
+
+<p>Bd. 17. <em class="gesperrt">Heine-Buch.</em> Eine Auswahl aus Heinrich Heines
+Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild
+Heines. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 203 S.</p>
+
+<p>Bd. 18 u. 19. <em class="gesperrt">Goethes</em> ausgewählte Briefe. Herausgeg. u. eingel.
+v. <em class="antiqua">Dr.</em> Wilh. Bode-Weimar. Mit Bildern Goethes. 2 Bände.
+ <em class="antiqua">11.-15. Taus.</em> 169 u. 197 S.</p>
+
+<p>Bd. 20/21. <em class="gesperrt">Deutsches Weihnachtsbuch.</em> Eine Sammlung der
+schönsten u. beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa.
+ <em class="antiqua">16.-20. Taus.</em> 413 S. 2 Mark.</p>
+
+<p>Bd. 22. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">5. Bd.</em> (Frauennovellen):
+Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney, Lou Andreas-Salomé, M. R. Fischer.
+ <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 198 Seiten.</p>
+
+<p>23. Novellenbuch. <em class="antiqua">6. Band.</em> (Kindheitsgeschichten): A.
+Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, A.
+Bayersdorfer, Ch. Riese, Th. Mann. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 199 S.</p>
+
+<p>Bd. 24. <em class="gesperrt">Novellenbuch.</em> <em class="antiqua">7. Bd.</em> (Kriegsgeschichten):
+Carl Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v.
+Liliencron, Th. Fontane. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em> 177 S.</p>
+
+<p>Bd. 25/26. <em class="gesperrt">Balladenbuch.</em> <em class="antiqua">2. Bd.</em>: Ältere Dichter.
+ <em class="antiqua">6.-10. T.</em> 518 S. 2 Mark.</p>
+
+<p>Bd. 27. <em class="gesperrt">Karl Immermann</em>: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons.
+Herausgeg. u. eingeleitet von <em class="antiqua">Dr.</em> Wilhelm Bode-Weimar. Mit Bild
+Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em> 171
+Seiten.</p>
+
+<p>Bd. 28. <em class="gesperrt">Martin Luther als deutscher Klassiker</em>, nebst einer
+Einführung von <em class="antiqua">Dr.</em> Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176 Seiten.
+<em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p>
+
+<p>Bd. 29/30. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">4. und 5. Bd.</em>
+(Humoristische Gedichte.) 351 Seiten. 2 Mark. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p>
+
+<p>Bd. 31. <em class="gesperrt">Deutsche Humoristen.</em> <em class="antiqua">6. Bd.</em>: E. Th. A.
+Hoffmann, B. v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F.
+Urban, Ludw. Thoma. 160 S. <em class="antiqua">11.-20. Taus.</em></p>
+
+<p>Bd. 32. <em class="gesperrt">Max Eyth</em>: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung).
+Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und Einleitung von
+<em class="antiqua">Dr.</em> C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten. <em class="antiqua">6.-10. Taus.</em></p>
+
+<p>Bd. 33. <em class="gesperrt">Ludwig Uhland</em>: Ausgewählte Balladen und Romanzen.
+Mit Einleitung von K. Küchler, Altona, und Illustrationen von H.
+Schroedter, Karlsruhe. 160 S.</p>
+
+<p>Bd. 34. <em class="gesperrt">J. J. David</em>: Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. Mit
+Einleitung von A. v. Weilen und Bild Davids. 146 S.</p>
+
+<p>Bd. 35. <em class="gesperrt">Ludwig Finckh</em>: Rapunzel. Mit Bild L. Finckhs und
+Einleitung von M. Lang. 159 S.</p>
+
+<p>Bd. 36. <em class="gesperrt">Grethe Auer</em>: Marraksch. Mit Bild Gr. Auers und
+Einleitung von <em class="antiqua">Dr.</em> H. Bloesch. 192 S.</p><br>
+</div>
+
+<p class="s3 center">Geschenkausgaben</p>
+
+<p><em class="gesperrt">in prächtigem, biegsamem Einband</em> mit Goldschnitt sind <em class="gesperrt">zum
+Preise von je 4 Mark</em> hergestellt von:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<ol>
+<li>Bd. 6/7 (rot, Ganzleder)</li>
+<li>Bd. 12/13 (grün, Ganzleder)</li>
+<li>Bd. 18/19 (grau, Ganzleder)</li>
+<li>Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid)</li>
+<li>Bd. 25/26 (rot, Ganzleder)</li>
+<li>Bd. 29/30 (rot, Ganzleder).</li>
+</ol>
+</div>
+
+<p><em>Schillerbuch</em>, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke,
+Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. 346 S.<br> <em class="antiqua">21.-30. T.</em>
+Geb. 1 M.</p>
+
+<p class="s2 center">Volksbücher.</p>
+
+<div class="hang">
+
+<p>Heft 1. 50 Gedichte v. <em class="gesperrt">Goethe</em>. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
+<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 2. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Tell. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 19 S. Geh. 30,
+geb. 60 Pf.</p>
+
+<p>Heft 3. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Balladen. <em class="antiqua">31.-40. T.</em> 108 S.
+Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 4. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S.
+Geh. 30, geb. 60 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 5. <em class="gesperrt">Schiller</em>: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
+<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p><em>Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark.</em> <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 6. <em class="gesperrt">Brentano</em>: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem
+schönen Annerl. Ill. v. W. Schulz. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf.
+<em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 7. E. Th. A. <em class="gesperrt">Hoffmann</em>: Das Fräulein von Scuderi. 113 S.
+Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 8. <em class="gesperrt">Fr. Halm</em>: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v.
+H. Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 9. <em class="gesperrt">Fritz Reuter</em>: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh.
+15, geb. 40 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 10. <em class="gesperrt">Max Eyth</em>: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann.
+ <em class="antiqua">21.-30. T.</em> 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 11. <em class="gesperrt">Marie von Ebner-Eschenbach</em>: Die Freiherren von
+Gemperlein. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 12. <em class="gesperrt">Wilhelm Jensen</em>: Über der Heide.
+ <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 127 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p>
+
+<p>Heft 13. <em class="gesperrt">Ernst Wichert</em>: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60
+Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 14. <em class="gesperrt">Levin Schücking</em>: Die drei Großmächte. Illustr. v. H.
+Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 15. <em class="gesperrt">Ludwig Anzengruber</em>: Der Erbonkel u. andere
+Geschichten. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p>
+
+<p>Heft 16. <em class="gesperrt">Helene Böhlau</em>: Kußwirkungen. <em class="antiqua">11.-20. T.</em>
+68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 17. <em class="gesperrt">Ilse Frapan-Akunian</em>: Die Last.
+ <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 87 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p>
+
+<p>Heft 18. H. v. <em class="gesperrt">Kleist</em>: Die Verlobung in St. Domingo. Das
+Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.</p>
+
+<p>Heft 19. <em class="gesperrt">Peter Rosegger</em>: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S.
+Geh. 30, geb. 60 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 20. <em class="gesperrt">Ernst Zahn</em>: Die Mutter. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 66 S.
+Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 21. E. J. <em class="gesperrt">Groth</em>: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v.
+Gg. O. Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. <em class="antiqua">11.-20. T.</em></p>
+
+<p>Heft 22. A. <em class="gesperrt">Schmitthenner</em>: Die Frühglocke. Mit Illustr. v.
+Wilh. Schulz. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 23. G. <em class="gesperrt">Freytag</em>: Karl d. Große. — Friedrich Barbarossa.
+Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55
+Pf.</p>
+
+<p>Heft 24. <em class="gesperrt">Fr. Spielhagen</em>: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th.
+Herrmann. <em class="antiqua">11.-20. T.</em> 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf.</p>
+
+<p>Heft 25. <em class="gesperrt">St. v. Kotze</em>: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh.
+25, geb. 55 Pf.</p>
+
+<p>Heft 26. <em class="gesperrt">Paul Heyse</em>: Andrea Delfin. 186 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.</p>
+
+<p>Heft 27. H. <em class="gesperrt">Villinger</em>: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v.
+H. Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.</p>
+
+<p>Heft 28. <em class="gesperrt">Otto Ludwig</em>: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H.
+Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.</p>
+
+<p>Heft 29. <em class="gesperrt">Richard Huldschiner</em>: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H.
+Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark.</p>
+
+<p>Heft 30. <em class="gesperrt">Franz Grillparzer</em>: Weh dem, der lügt! 132 S. Geh. 25,
+geb. 55 Pf.</p>
+</div>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s5 center">Druck von Grimme &amp; Trömel in Leipzig.<br>
+</p>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75633 ***</div>
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