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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-16 09:21:02 -0700 |
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Uneinheitliche Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im +Original belassen. + +Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts +gesetzt. + +Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen. +Vom Zusammenhang her wäre jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu +schreiben (das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?) + +####################################################################### + + + + +Unterricht + +in der Beredsamkeit + +Von + +Marcus Fabius Quintilianus + +Übersetzt von W. Nicolai + +Neue, verbesserte Ausgabe + +von Prof. ≈Dr.≈ #Otto Güthling# + +Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig + + + + +Holzfreies Papier + +Druck von Philipp Reclam jun. + +Leipzig + + + + +Einleitung + + +#Marcus Fabius Quintilianus#[A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur +wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß +Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist +wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines +Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen +besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen +Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät +ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen +Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen +seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch +nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die +zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118; +XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius +Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in +seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der +Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der +Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom +zurücknahm. + +Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten, +teils rhetorischen Unterricht zu erteilen. + +Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an +einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die +Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz +verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte +er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name +sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die +Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der +Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches +erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen +Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10; +VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne +des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch +Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die ≈libri duo artis +rhetoricae≈ (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen +seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten ≈sermones≈ (Gespräche) +hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift ≈de +causis corruptae eloquentiae≈ (Über die Ursachen des Verfalls der +Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus +über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat. + +Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von +demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian ≈consularia +ornamenta≈ (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er, +von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes +≈de institutione oratoria≈ (Unterricht in der Beredsamkeit), das +innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile +und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96 +erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die +auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1, +2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der +Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten +Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer +entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und +unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf +welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn +Quintilian unterrichtet hatte. + +Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre +durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine +im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt +er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI. +Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen; +wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die +Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig. + +Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt +Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an: + +„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors +vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und +die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher +sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung +anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das +Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden. +Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns +herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache +Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die +Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon +unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er +wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen +nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das +von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des +ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in +einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit +erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche +Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten +rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer +Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde +Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von +Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen +(Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da +ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft +hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen +sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium +ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und +Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat. + +So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu +allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter +vielfach benutzt worden ist. Auch #Friedrich der Große# hat den +Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des +Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779: + + „Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele + Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und + Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine + vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch, + in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung + der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird + immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so + habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt + machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß + verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie + müssen die jungen Leute ≈traductions≈ und ≈discourse≈ selbst machen + lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des + Quintilien, man kann auch ≈Abrégé≈ daraus machen, daß die jungen + Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie + nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie + es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.” + +#Friedrich August Wolf# nennt Quintilian „einen trefflichen Autor, +teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das +zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen +Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes +Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher +verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. #Karl Eduard +Güthling# in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff., +und #Eckstein#, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887, +S. 268 f. + + +Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians +Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine #Einleitung# und +#erläuternde Anmerkungen# hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung +des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von +einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von #E. Bonnell#, 6. Auflage +von #H. Röhl#, die, wie auch die Ausgabe von #G. T. A. Krüger#, 3. +Auflage von #G. Krüger#, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute +Dienste geleistet hat. + +Goldschmieden bei Breslau, +den 1. Juni 1926. + +#O. Güthling#. + + + + +[A] Dies ist die richtige Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus, +eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form. + +[B] Heute Calahorra, Stadt der Vaskones im tarrakonensischen Spanien. + + + + +≈ERSTES KAPITEL≈ + +Vom Wörtervorrat + + +Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die +Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig +bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den +Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben, +durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß, +noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen +hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten. +Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man +sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt +läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen, +wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das +Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung +entbehren[2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die +Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum +Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner +Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große +Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen +besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und +hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich +fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die +höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so +erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang +bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der +künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch +so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es +vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer +schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet +werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der +Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich +mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend +beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte +auf die leichteste Art anzuwenden ist. + +Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler +gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann; +diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken. +Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch +nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft +haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen +Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr +vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den +Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des +Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder +wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben +nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in +Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er +sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich +kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu +lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand +sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die +Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung +wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist +knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht +einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne +Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit +Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht +marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch +erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein +derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen, +wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die +beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl +verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn +die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie[7] auch bei +Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns, +uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der +genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß +man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an +glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde, +erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu +gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen, +sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie +überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen +und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache +gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines +Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar +einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen. + +Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der +Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im +Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden +Ausdrücke für Schwert (≈ensis≈ und ≈gladius≈), andere wieder bezeichnen +im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben +sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ≈ferrum≈ und +≈mucro≈ (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise +„Erdolcher” (≈sicarii≈) auch alle diejenigen, welche mit einer +beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere +Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten. +Hierher gehört ≈pressi copia lactis≈, eine „Menge gepreßter Milch” (für +„Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir +jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie ≈scio≈ „ich weiß”, ≈non +ignoro≈ „ich weiß wohl”, ≈non me fugit≈ oder ≈non me practerit≈ „es +entgeht mir nicht”, ≈quis nescit?≈ „wer weiß nicht?”, ≈nemini dubium +est≈ „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden +kann man entlehnen. Denn ≈intellego≈, ≈sentio≈, ≈video≈ („ich verstehe, +erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie ≈scio≈ („ich weiß”). Reiche +Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir +dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn +erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe +Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig +sage: ≈video≈ „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht +richtig: ≈intellego≈ „ich sehe ein”, und wie einerseits ≈mucro≈ „die +Spitze” zu dem Begriffe ≈gladius≈ „das Schwert” gehört, so nicht auch +andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. -- + +Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu +eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern, +lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind +Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der +Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein +Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn +worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart +der Redner. + +Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der +Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10], +durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem +Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und +Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender +Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des +Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die +angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle +entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren +in gleicher Weise geeignet. + +Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören +öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge +beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem +Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge +gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich +kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil +auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen +Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch +vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere +Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch +zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe +aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu +behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten, +bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so +soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es +durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat, +dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden. + +Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen +geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar +muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben +erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner +Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder +ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt, +deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft +bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was +erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile +vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir +noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher +wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber +von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen +Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden +Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und +Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12], +von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen +hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des +Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von +gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen, +um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des +Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch +wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen +Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15] +gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch +Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten. +Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner +Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus +Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im +Umlauf. + +Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß +alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter +allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie +erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres +Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde; +scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar +Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind +doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz +der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die +schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die +höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den +Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über +so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um +nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht +versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann +möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen +vieles mißfalle. + +Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das +Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit +Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im +Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung +der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche +Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die +Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund, +weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung +suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in +allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der +Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der +Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen +davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem +sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin +einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik, +nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen +ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu +verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht +werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen +und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet +im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem +Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und +Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden +Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und +Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher – +unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen +bringt. + +Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom +dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß +man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den +Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr +nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener +Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr +ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine +Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt +der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie +durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die +Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem +Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig +auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust +greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so +hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es +nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit +des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle +des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26] +nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für +nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete +blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen +hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der +Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im +Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht +Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht +meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie +man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch +in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist, +aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht +hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele +erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit +er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist, +sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum +entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem +Vorwurf der Parteilichkeit frei sind. + +Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig +waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den +besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und +Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich, +auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können +die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch +für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar +sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein +großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher +Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter +Vorschrift besteht. + +Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre +liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in +unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und +worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden +für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein. +Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über +die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit +angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und +Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden +sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche +Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem +Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und +sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die +anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist +zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder +vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns +herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil +gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero +bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem +Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel +anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch +nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt? +Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei +der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der +Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet. +Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft +Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen +Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet. + +Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst +einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken. +Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen, +daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche +Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die +Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen. +Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen +wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der +Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische, +während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere, +geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige +Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen +Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise +untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten, +welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere +Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade +die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die +aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten +am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich +vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall +finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden +muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten +der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf +widmen wollen, für nützlich halte. + +Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden +wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem +Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe[31], so ist er Muster +und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in +Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung +alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er +ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine +Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter, +sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen +seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes +enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die +Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche +erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des +zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen +angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften +in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen. +Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen +Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet, +sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch +die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen +der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die +Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das +Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber +könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus +meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen +den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse, +Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände +und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung +sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste” +geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen. +Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des +den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in +Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das +dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas +Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber +sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder +Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil +eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird. +Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen +Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der +in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die +Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der +Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei +Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das +Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die +Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es +ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und +überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an +zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes +ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint, +in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in +der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist +in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil +Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin +aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt +von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt +das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine +Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte +reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat. +Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit[42]; aber jene ländliche +Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die +Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter +zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles +schön besungen? Und sind dem Nikander[44], Macer[45] und Vergil[46] +umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte +derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es +gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten +Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den +Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der +Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis +derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek +einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe, +und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von +Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft +schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen +Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden, +nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch +Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten +Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem +Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir +diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen +habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller +gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen +vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53] +durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur +Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur +beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze, +kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige +meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine +Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen +Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den +prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und +durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den +man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt +Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig +Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege +und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra +bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die +nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an +Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt +über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem +Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines +Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da +nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des +sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und +an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er +versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen; +für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und +einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks +und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein +Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn +allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben, +vorziehen. + +Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast +allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit +und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch +in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist +erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches +Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß +– der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es +gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes +jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61]. + +Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und +gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch +ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren +Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den +Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis +gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles +und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem +eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der +bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun +beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe +nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die, +welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von +viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner +Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen +der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse +erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen, +wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von +jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen +vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben, +bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und +wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat +nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings +auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon +allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung +alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so +glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er +alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß +die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen +Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner +weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen, +was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden, +welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für +schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in +„Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder +Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß +er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese +jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen +müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und +Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen. +In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter +Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm +vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit +verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit +Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders +Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner +Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem +allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient. + +Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen +zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren +Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet +haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist +Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite +Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in +der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die +öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides +wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit +bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der +Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem +Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem +Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar +der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des +Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer +als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der +Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine +Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74] +verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit +auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder +aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß +aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75]. + +Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in +einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der +hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit +Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm +alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen +Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges +Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und +erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er +Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und +weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79], +aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht +zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm +Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und +überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren; +denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer +reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der +in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der +für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt +jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle +ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung +voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so +sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun +nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge +besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen +sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen +sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst +die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit +besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von +den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners +verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen +anderen vorzieht. + +Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die +Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß +unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner +Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer +Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die +Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß +er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam +durch das Delphische Orakel beseelt erscheint. + +Was soll ich die Anmut des Xenophon[84] erwähnen, die frei ist von +jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch +die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf +ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles +bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.” +Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an +Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine +wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften +oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den +Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner +Werke einen größeren Ruhm erworben hat. + +Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz +der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger +Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen +Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern +Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre +Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung +der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens, +nach welchem sie nicht strebten. + +Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen +Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen +innehalten. + +Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste +Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen +Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm +unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben +Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört +habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am +nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch, +daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat, +mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und +unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr +Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte; +wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen +mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch +Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn +Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen +Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen, +da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber +gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91] +ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat, +Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der +Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius[92] wollen wir verehren wie +einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte +Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu. +Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck +wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten +Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen +Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch +gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter +Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch +nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg +zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod +nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten +Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als +auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger +Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des +Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die +poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem +Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99] +verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100] +ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er +verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den +Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir +aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn +von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und +Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem +größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen +der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit, +feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser +besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten +die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem +hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren +sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle +preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner +übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der +Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein +Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen: + +„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].” + +Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren +reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche +ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger +Gallus[105]. + +Die Satire freilich gehört uns vollständig an. -- In ihr hat sich zuerst +Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so +ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein +den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen, +sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso +weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius +einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte +überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen +Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist +Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn +bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat +sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient. +Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem +Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von +Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener +Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste +von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt +und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der +Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der +unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft +als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den +Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen +anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei +Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein +kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz +fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient[112]; denn +zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie +und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem +glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es +der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen +bei weitem an Genie die Lebenden. + +Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und +Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht +ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen +erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die +letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit +als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft +schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf +Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der +Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an +die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel +dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht +statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der +hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute +allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und +Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der +Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung +des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des +Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen, +wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch +die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden +(welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute +noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des +Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten +Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung +gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in +sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch +die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht +haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich +Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend – +durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet. + +Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach. +So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122] +gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm +T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig +und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich +ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den +Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen +des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig +hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er +jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener +Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” – +scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt +zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein +Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger +knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte +vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus +Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg, +er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in +einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch +und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der +Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name +genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet +auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das +beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen +Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was +übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu +nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und +durchmustern nicht ganze Bibliotheken. + +Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß +sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher +sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero[128] würde +ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch +recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da +ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm +und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich +glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt +werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die +gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art +der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung +gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht +unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher, +jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft +immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen; +auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses +nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche +Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen +Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben, +daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten[129] unmöglich +machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen +Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern, +nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden +existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts +geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir +jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu +seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er +sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des +Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates +nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an +jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder +vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum +seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar[132] +sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus; +er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die +Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann +sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große +Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch +Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die +Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam +ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt, +eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung +zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern +eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies, +wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit +erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an +dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste +Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht +mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der +Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines +Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf +ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero +ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit +Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt +Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen +sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit +genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit +entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen +könnte. Messalla[134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in +seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen +Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich +ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den +unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft +besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht, +er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen +ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der +Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und +besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem +Cälius[136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere +Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden, +welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche +gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch +fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren, +aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig +auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein +frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch +etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius[138] hat nicht mit +Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel +Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius +Severus[139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde +des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu +zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche +Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr +seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere +Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu +erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen +würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und +Julius Africanus[140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der +Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen +und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist +affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit, +ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken +nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem +Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus[141] meist erhaben und +ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn +man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein +so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden +habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne +ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei +ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und +dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als +für Kriminalprozesse. Julius Secundus[143] würde sich, wenn er länger +gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben +haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im +Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere +Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den +Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch +den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden +Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der +Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und +glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner +Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner +gewagten Redewendungen. + +Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine +reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt +es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz +verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben +den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der +betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben. + +Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein +Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur +sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher +Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein +Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in +seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form +verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften +hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145], +nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen +Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die +epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst +lesbarer Gewährsmann Catius[147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei +Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen +wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn +verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich, +während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch +Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen; +damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen +der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen, +aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern +vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt +war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise +abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den +gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr, +als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm +zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu +wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich +geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von +welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden +bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben +Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im +ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und +Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele +Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen, +welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er +hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen; +denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der +Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf +gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen +Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines +sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel +Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll +von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem +Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn +er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende +nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut +befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die +Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der +allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung +von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren +und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon +deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an +ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige +Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage +berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt +hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall +zum Ausdruck gebracht. + + + + +≈ZWEITES KAPITEL≈ + +Von der Nachahmung + + +Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern entlehne man den +Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode, sodann muß +der Geist nach dem Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung +erhalten. Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum großen +Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das schöpferische Hervorbringen +das ursprüngliche gewesen ist und die Hauptsache bleibt, so ist es doch +auch nützlich, das so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich +durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß wir das selbst +hervorbringen wollen, was uns an anderen gefällt. So bilden die Knaben +die Züge der Buchstaben nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die +Musiker die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer +Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits bewährte Methode +der Bodenkultur als Muster: kurz, wir sehen, daß die Anfänge jedes +Könnens nur nach den für die einzelnen Disziplinen aufgestellten +Vorschriften gelernt werden können. Und in der Tat müssen wir den +vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich sein: ihnen +ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die Nachahmung. Der Umstand +aber gerade, daß uns die Nachahmung die Beherrschung von allem so +bedeutend leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten, +schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt wird. + +Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, schon deshalb, weil +nur ein träger Geist mit dem, was von anderen erfunden ist, zufrieden +sein kann. Denn wie wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild +waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften nur das tun oder +denken, was sie schon kennengelernt hatten? Natürlich wäre nichts +erfunden worden. Wie sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas +erfinden wollten, was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa +jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres Geistes +dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, wir aber sollen +zum Suchen und Forschen nicht einmal durch die sichere Gewißheit bewegt +werden, daß diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? Und +während diejenigen, welche in keinem Gegenstande einen Lehrer gehabt +haben, reiche Schätze auf die Nachwelt vererbt haben, so soll uns der +Besitz dieser Schätze nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern, +sondern wir sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler +sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur Kopien +anfertigen lernen? + +Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, wenn man den +Gegenstand, den man nachbildet, erreicht hat. Denn wie würde es +wiederum ergangen sein, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als +der, den er sich zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann +nicht über Livius Andronikus[1], in der Geschichtschreibung nicht über +die Jahrbücher der Priester[2] hinausgekommen, ja wir würden noch mit +Flößen Schiffahrt treiben; es würde keine Malerei geben außer der, +welche die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne +befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und wenn man alles +genau prüft, wird man sich überzeugen, daß keine Kunst so geblieben +ist, wie sie bei ihrer Erfindung war, und daß keine bei ihren Anfängen +stehengeblieben ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit zu +einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß erst jetzt +nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße Nachahmung. + +Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen dürfen, wie können wir +da erwarten, daß es je einen vollendeten Redner geben wird, da doch +unter denen, welche wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten +bezeichnen, sich keiner befindet, an dem man nicht etwas vermissen oder +tadeln könnte. Aber auch die, welche das höchste Ziel nicht erstreben, +müssen mehr wetteifern als nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere +zu überholen, wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber doch +auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die gleiche Höhe mit dem +erreichen, dessen Fußtapfen er unter allen Umständen folgen zu müssen +glaubt; denn notwendig muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende +sein. Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu leisten, +als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer herzustellen, daß +nicht einmal die Natur in diesem Punkte so viel geleistet hat, daß die +anscheinend ganz ähnlichen oder gleichen Dinge sich nicht durch +irgendwelches Merkmal unterscheiden. + +Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern ähnlich ist, +notwendig geringwertiger als dieses ist, und sich zu ihm verhält wie +der Schatten zum Körper, das Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des +Schauspiels zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der +Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild dienen, ist +Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte alle Nachahmung etwas +Gemachtes und fremder Vorschrift Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß +Deklamationen weniger Saft und Kraft haben als wirkliche Reden, weil +der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, hier ein erfundener ist. +Dazu kommt, daß dasjenige, was bei einem Redner das bedeutendste ist, +sich nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und +Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt werden kann. +Daher glauben die meisten das, was sie gelesen haben, ganz wunderbar +schön nachzubilden, wenn sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes +Satzgefüge aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch im Laufe +der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch kommen, da der Sprachgebrauch +ihnen zur sichersten Regel dient und sie nicht von Natur gut oder +schlecht sind (denn an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je +nachdem sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und ihre +Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch ihre Abwechslung dem Ohr +angenehm ist. + +Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit der peinlichsten +Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche Schriftsteller wir nachahmen +sollen; denn es gibt sehr viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, +gerade die schlechtesten und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was +wir bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. Denn auch bei +bedeutenden Schriftstellern finden sich viele Fehler, wegen deren sich +auch die Gelehrten gegenseitig zur Rechenschaft gezogen haben; freilich +wäre zu wünschen, daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben +Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden es +tun. Auch möge es denen, welche Urteil genug hatten, die Fehler zu +vermeiden, wenigstens nicht genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge +wiederzugeben, gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr +jene Figuren des Epikur[3], welche der Oberfläche des Körpers +entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu begegnen, welche ohne +tiefere Kenntnis der Vorzüge eines Schriftstellers sich an das rein +Äußerliche der Rede anlehnen; wenn diesen dann die Nachahmung gut +vonstatten gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und +Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in +Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist geraten diese aber auf +Abwege und entlehnen die den Vorzügen am nächsten liegenden Fehler; +dann werden sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo sie +knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, wo vergnügt, +maßlos, wo blumenreich, nachlässig, wo einfach. So kommt es, daß die, +welche irgend etwas Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum +Ausdruck gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, welche +Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich Attiker, die, welche +durch verkürzte Perioden dunkel sind, übertreffen den Sallust und +Thukydides, die Traurigen und Nüchternen treten in die Fußtapfen des +Pollio, die Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur +irgendwelche Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich Cicero +ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, die dann die Art jenes +göttlichen Meisters der Rede nachgebildet zu haben glaubten, wenn sie +an den Schluß ein ≈esse videatur≈ („zu sein schien”) gesetzt hatten. +Daher ist es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild +nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist. + +Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit seine Kräfte in +Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, dem entweder die Schwäche +seiner Natur nicht gewachsen ist, oder dem die Verschiedenheit +derselben widerstrebt. So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte +empfänglich ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen, +und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar kräftig aber ungebändigt +ist, nicht durch Neigung für das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die +beabsichtigte Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet +dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher Stoff hart +bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, daß der Lehrer der +Beredsamkeit, den ich im zweiten Buche[4] ausgerüstet hatte, den +Schülern nicht allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein +jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das Gute, was er in +ihnen findet, fördern und, soweit es möglich ist, das Fehlende +hinzufügen und Verbesserungen und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann +ist er ein Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, die +eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird in den Punkten, wo +ihm die Natur hindernd im Wege steht, sich nicht überflüssig bemühen, +wie sehr ihm auch am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße +bei seinen Zuhörern vorhanden ist. + +Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, daß wir in +unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, in den Werken +jener Künste Redner und Deklamatoren nachahmen zu müssen glauben; jedes +Gebiet hat da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. Die +Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen Kothurn, und +umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf der Sandale einher. +Gleichwohl hat die ganze Kunst der Rede etwas Gemeinsames; und dieses +Gemeinsame müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, welche +sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß sie auch bei +Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft nicht erregenden Fällen die +Schneidigkeit nicht ablegen, wenn ihnen diese bei irgend jemandem +gefallen hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der +Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn ihnen das Zarte +und Anmutige gefallen hatte. In der Tat ist aber nicht allein zwischen +den einzelnen Rechtsfällen ein großer Unterschied, sondern auch +zwischen den einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, bald +schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, bald um zu +bewegen, sprechen, was alles durchaus ungleiche und verschiedene +Anforderungen an den Redner stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu +raten, sich einem einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu +geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist Demosthenes, in +mancher Beziehung verdienen jedoch an einzelnen Stellen andere den +Vorzug, an den meisten er. Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt +zu werden verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu werden. + +Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man alles so sagt, wie es +M. Tullius gesagt hat? Ich für meine Person würde es sein, wenn ich es +in jedem Punkte erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die +Gewalt Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt des Pollio, +das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen? Denn abgesehen +davon, daß es ein Gebot der Klugheit ist, das, was bei einem jeden +Redner das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man +andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren Schwierigkeit der +Sache das Vorbild nur zum geringsten Teile diejenigen, welche ihr +Augenmerk nur auf einen Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es +also dem Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild +vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer größeren Anzahl +vor Augen haben, damit von diesem das eine, von jenem das andere haften +bleibt, und wir dann ein jedes am passenden Orte anbringen können. + +Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu wiederholen, bestehe nicht +nur in einer Wiedergabe von Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu +richten, wieviel edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen +und Personen beobachtet haben, wie sie ihren Plan, ihre Disposition +gestaltet haben, wie endlich alles, was nur auf unser Vergnügen +abzuzielen scheint, Überwindung des Gegners bezweckt; es ist darauf zu +achten, welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, auf welche +Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung geboten wird, mit +welcher Kraft Beweis und Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem +Geschick Affekte jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der +Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am vollkommensten ist, +wenn er willig folgt und nicht mit Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn +wir dies völlig erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer +hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das Fehlende ergänzt, +das Überflüssige abschneidet, der wird der vollendete Redner sein, +welchen wir suchen; und ein solcher müßte gerade jetzt in vollkommener +Gestalt auftreten, wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen +Beredsamkeit vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die bisher die +größten Redner waren. Denn diese werden sich auch den Ruhm erwerben, +daß sie ihre Vorgänger übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben. + + + + +≈DRITTES KAPITEL≈ + +Art und Weise der schriftlichen Übungen + + +Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden; +unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das +mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel[1]. Ihn nennt nicht +mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede, +ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er +ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund +legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners +verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben. +Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der +Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf +oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer +Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest +überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur +eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen +sprechen. + +Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche +gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus +hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis +die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben, +welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch +nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend +etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten +Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche +Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib +verbleiben sollen. + +Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und +was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese +Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber +natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich +nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so +prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und +Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin +zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und +suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes +Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller +Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene +wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser +mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens, +welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und +nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt +würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die +Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es +sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir +beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse +zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die +Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur +dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt +uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben. +Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit +bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So +soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk +selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage +verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners +allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und +Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und +festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird +schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter +einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die +Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei +einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein. +Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, +daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell +schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt +haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden +Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns +neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die, +welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der +unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen, +zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als +Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines +Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die +alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der +Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für +Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich +kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob +die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen, +welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen +Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in +beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch, +gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf +Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber +Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr +großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser +war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien[7] +– denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie +wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den +Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig +sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da +gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz +aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen +Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den +Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln +lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu +reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben, +so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten; +denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die +Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen +Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung +verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das +vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke +ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle, +sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der +Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des +Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen, +dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die +Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir +sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern +nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen, +wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht +immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann +verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben +suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen, +welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der +Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif +niederschreiben; dafür haben sie den Namen ≈silva≈ (Wald, hier +„ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann +wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber +Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig +zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird +also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den +Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur +noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen +jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung +mehr wie die Sorgfalt wirksam wird. + +Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird +zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens +denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand, +welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse +Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir +schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern, +indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt +es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem +wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes +entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert. + +Wenn aber der Schreiber langsam im Schreiben oder unsicher im Lesen, +kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf gehemmt, und das bereits im Innern +bestehende Bild geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem +heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht allein sind, +das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung zu begleiten pflegt +und was wiederum zur Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände +stark bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und Seite +schlagen, was Persius[8] meint, wenn er von gewissen Rednern behauptet: +„Und er schlägt nicht auf die Brüstung und beißt sich die Nägel nicht +ab.” Kurz, um mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das +förderlichste ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren +aufgegeben wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein menschenleerer +Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller am geeignetsten sei. +Man darf jedoch nicht gleich auf die hören, welche glauben, daß am +geeignetsten hierzu Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel +und eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich und +schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger Aufenthalt auf jeden +Fall mehr genußreich, als zum Studium anregend zu sein. Denn das, was +an sich selbst der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen +Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns vorgenommen +haben. Denn man kann nicht mit gutem Gewissen seine Aufmerksamkeit auf +viele Dinge zugleich richten, jeder Blick aber auf einen andern +Gegenstand läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. Die +Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender Fluß, das Rauschen der +Baumwipfel, der Gesang der Vögel, der freie Blick in die Weite +beansprucht unsere Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß +mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit +einladet. Besser machte es Demosthenes[9], der sich an einem Orte +verbarg, wo man keinen Laut hören konnte und keine Aussicht genoß, +damit die Augen den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei +Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß die Stille der +Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein einziges Licht uns +gleichsam birgt und so vor Störung sichert. Aber wie zu jeder gelehrten +Beschäftigung, so braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute +Gesundheit und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche +hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst zur Ruhe und +Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten Arbeit benutzen. Wer jedoch nur +so viel Zeit der Nacht verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen +kann, wird nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die +Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit genügt vollauf, +falls wir sie hierfür frei behalten, zu einer Beschäftigung bei Nacht +zwingt die Not. Immerhin ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es +mit frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, am +freisten von Störung. + +Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies Herz sind +zwar sehr wünschenswert, können aber nicht immer uns zuteil werden; +deshalb soll man nicht gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das +Buch wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern der Störung +entgegentreten und durch Gewöhnung so weit kommen, daß die Stärke des +Willens alle Hindernisse überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung +auf die Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr berührt, +nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es der Zufall nicht häufig so, +daß wir in Gedanken versunken uns Begegnende nicht sehen und vom Wege +abirren? Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht nachgiebig sein. +Denn wenn wir glauben, nur nach genossener Erholung, nur heiteren +Gemütes, nur frei von jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können, +werden wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein. +Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim Gastmahl der +denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit schaffen. + +Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten auf dem Markt, +umgeben von so vielen Richtern unter Wortwechsel und Geschrei, sofort +eine zusammenhängende Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte, +welche wir auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit +wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, obwohl ein großer +Verehrer der Einsamkeit, seine Reden am Ufer, wo die Wogen mit heftigem +Gebrause brandeten, und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer +Volksversammlung furchtlos gegenüberzutreten. + +Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den Studien nichts +geringfügig ist – will ich nicht übergehen, nämlich daß man am besten +auf Wachs schreibt, wo man das Geschriebene leicht wieder ausstreichen +kann, falls nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern, +das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch das häufige +Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen des Schreibrohres ermüdet und +den Zug der Gedanken hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der +entgegengesetzten Seite einen Raum frei, auf welchem für Zusätze freier +Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu enge Raum zur Faulheit im +Verbessern und läßt das neu dazwischen Geschriebene mit dem alten +zusammenfließen. Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig +breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger Mann, welcher +sonst eifrig war, übermäßig lange Reden hielt, weil er sie nach der +Anzahl der Linien maß; und wie dieser Fehler, dem sich durch +fortgesetzte Ermahnung nicht abhelfen ließ, durch eine Änderung der +Schreibtafeln beseitigt wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf +welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet wird, was ihnen +außerhalb des engeren Zusammenhanges, d. h. aus Teilen der Rede, mit +deren Ausarbeitung sie augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt. +Denn häufig kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir weder +einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder vergessen +werden oder die mit ihnen Beschäftigten in dem weiteren Gedankengang +stören, und die deshalb am besten niedergeschrieben werden. + + + + +≈VIERTES KAPITEL≈ + +Von der Nachbesserung + + +Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem nützlichsten Teil +des Studiums; hat man doch nicht ohne Grund behauptet, der Griffel sei +in nicht geringerem Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder +vernichtet. Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen +und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und einfacher, wenn es sich +darum handelt, zu ergänzen oder wegzulassen; das Schwülstige aber zu +vereinfachen, das Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das +Ungeordnete zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang +einzureihen, das zu stark Hervorgehobene zurückzudrängen: dies alles +erfordert doppelte Mühe; denn auf der einen Seite muß man das, dem man +bereits seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der andern +Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu hinzu erfinden. Es +unterliegt nun keinem Zweifel, daß es sich empfiehlt, erst dann zu dem +Geschriebenen wie zu einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren, +wenn man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das von uns +Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln und gefallen. Aber +auch dies kann zumal dem Redner nicht immer zuteil werden, da er häufig +für das Bedürfnis des Augenblicks schreiben muß, man muß auch im +Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich Leute, welche zu dem +Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, es sei fehlerhaft, +zurückkehren, und die jede beliebige Änderung vorziehen, als ob das +zuerst Geschriebene nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese +sind den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch +schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, daß es an +eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen zu Verschlechterungen +werden. Man gelange also endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen +oder doch zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, aber +nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man Maß halten; denn wenn +es heißt, Cinna[1] habe die Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren +geschrieben, Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn Jahre +gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da sein Beistand wertlos +ist, wenn er so langsam erfolgt. + + + + +≈FÜNFTES KAPITEL≈ + +Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen + + +Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was hauptsächlich +diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben wollen, schreiben müssen. +Nun gehört eine Auseinandersetzung über die Stoffe, welche an erster, +zweiter oder darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher +(denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan für die +Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen solchen für die älteren +Schüler entworfen haben, geschehen), sondern es ist die auf unser +gegenwärtiges Thema bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und +Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden. + +Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten unsere Redner der +alten Schule für das beste. Dies behauptet Crassus in Ciceros Schrift +„Über den Redner” häufig getan zu haben[1]; dies schreibt Cicero +seinerseits oft vor[2], ja er gab sogar die Bücher Platos und +Xenophons[3], welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; dies +fand auch den Beifall des Messalla, und viele seiner Reden sind auf +diese Weise entstanden, so daß er mit der äußerst schmucklosen und für +Römer sehr schwierigen Rede des Hyperides für Phryne[4] in die +Schranken treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt +auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die griechischen +Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der Beredsamkeit die größte +Kunst; bei der Übertragung dieser kann nun der Übersetzer so verfahren, +daß er stets den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen +ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von den +Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender Weise zu +bilden, ist schon deshalb notwendig, weil die römische und die +griechische Ausdrucksweise meist voneinander verschieden sind. + +Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte wohl gleichfalls +sehr förderlich sein. Was die Gedichte anbetrifft, wird dagegen niemand +Widerspruch erheben, ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius +ausschließlich betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist der +Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung geben, und die Ausdrücke, +welche der poetischen Freiheit entsprechend kühner sind, haben nicht in +gleicher Weise das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen +ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft zu verleihen, +Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. Auch möchte ich die Forderung +aussprechen, daß eine Umschreibung nicht erklärende Erweiterung sei, +sondern ein Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens. +Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche die Übertragung +lateinischer Reden mißbilligen, weil jede Veränderung notwendig eine +Verschlechterung im Gefolge haben müsse, falls wir die besten Reden +hierzu verwendeten. Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu +verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es bereits +geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit nicht so nüchtern und +arm, daß man über #einen# Gegenstand nur auf #eine# Weise gut reden +kann. Oder kann etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den +gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede zurückstehen +muß, indem ein Gegenstand rednerisch so behandelt werden kann, daß über +den gleichen Stoff jedes weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt +auch, daß das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, so +kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder kommt es etwa nicht +vor, daß wir selbst über denselben Gegenstand zweimal und häufiger +reden und manchmal in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir +etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit anderen +hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf #eine# Art ein +Gegenstand rednerisch gut behandelt werden könnte, müßten wir zu der +Meinung kommen, daß uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen +abgeschnitten sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte, +und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. Ihren eigenen Reiz hat +die Kürze, ihren eigenen wiederum die Fülle, nach anderen Gesetzen muß +das Übersetzte, nach anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das +eine läßt sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in +künstlich figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich +Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende Schwierigkeit. Dazu +kommt noch das gewichtige Moment, daß die besten Schriftsteller auf +diese Weise mit großer Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen +ihre Schriften nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln alles +einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe ein und lernen ihre +Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie nicht nachahmen können. + +Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch unser Eigenes auf +verschiedene Arten zu behandeln, wird von Nutzen sein, in der Weise, +meine ich, daß wir einzelne Gedanken auswählen und diesen so häufig wie +möglich eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer wieder in +andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am meisten Fertigkeit, glaube +ich, aber werden wir uns gerade bei Behandlung der einfachsten +Gegenstände erwerben. Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht +verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge von Personen, +Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, Warten und Taten zu tun hat, +da sich dann von allen Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus +welcher man etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines +tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp ist, ausführlich +zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende steigert, dem +Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen Reiz verleiht und über eine +kleine Anzahl von Gegenständen ausführlich geistreich redet. + +Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen über zweifelhafte +Fragen, welche, wie wir bemerkten[5], „Thesen” genannt werden; pflegte +sich doch Cicero mit diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im +Staate einnahm[6]. Dieser Übung ist die Widerlegung und das Beweisen +einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher Satz entweder ein Urteil +oder eine Vorschrift enthält, so kann auf der einen Seite die Sache +selbst, auf der andern Seite das Urteil über dieselbe untersucht +werden. Dazu kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich +auch von Rednern[7] bearbeitet worden sind. Denn wer diese nur, indem +er bei der Stange bleibt, ohne auf Abwege zu geraten, erschöpfend +behandelt hat, der wird gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen +zuläßt, um so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch +alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl kein Unterschied, +ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius[8] soll in Anklagezustand +versetzt werden, weil er einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen: +wird die Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag dem Volke +selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage aufstellen, ob +Milo[9] den Clodius mit Recht getötet habe, oder ob wir sie +formulieren: darf man einen Feind und staatsgefährlichen Bürger töten +für den Fall, daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt? +Ferner: Hat Cato die Marcia dem Hortensius[10] unbeschadet seiner Ehre +übergeben? oder: Ziemt so etwas einem rechtschaffenen Manne? Über eine +Person wird das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird der +Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie in den +Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind diese, falls sie nur +der Wirklichkeit entsprechend und richtigen Reden verwandt sind, nicht +allein, solange das Fortschreiten noch ein langsames ist, von großem +Nutzen, da sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben, +sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, und +der junge Redner schon Lorbeeren auf dem Forum geerntet hat. Denn die +Beredsamkeit erhält Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine +angenehmere Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen +harten Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb muß man in manchen +zur Übung geschriebenen Aufsätzen die Breite der Geschichtschreibung +anwenden und sich an der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen +üben; selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht ohne +Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und ausgesuchterer Kost +erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit dem Zwang in Speise und +regelmäßiger Übung entsagt haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der +Beredsamkeit so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich auch zu +diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet hat. Denn wenn uns die +Prozesse allein Stoff liefern, dann wird notwendig der Glanz schwinden, +die feineren Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die +Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf werden. + +Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam im militärischen +Dienstverhältnis befindlichen Rednern diese süße Speise Erfrischung und +Stärkung bietet, so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem +bloßen Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an +inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem Wirken in der +Dämmerung des geschlossenen Raumes, mit welchem sie durch langjährige +Gewöhnung vertraut geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne +aufgeschreckt werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse zu +tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst einem Porcius Latro[11], +welcher ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit war. Als er, der sich +einen großen Ruf durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede +auf dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden Bitte +gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal verlegen. So +ungewohnt war ihm der freie Himmel, daß man hätte glauben können, alle +seine Beredsamkeit sei von Wand und Decke abhängig. + +Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form in der rechten Weise +zu gestalten von seinen Lehrern mit Fleiß gelernt hat (was keine +grenzenlose Aufgabe ist, wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten +Willen haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie es auch +bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur Nachfolge und +Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen sei er so häufig wie +möglich anwesend und ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren, +bei welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann soll er +entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen er beigewohnt hat, +schriftlich ausarbeiten, oder auch andere, aber solche, welche der +Wirklichkeit entnommen sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen +üben, wie wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel des +Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als Entgegnung auf +die Reden der Alten schreiben, wie es Cestius[12] mit der Rede Ciceros +für Cestius tat, obwohl er aus der Verteidigungsrede die Sache der +andern Partei nicht hinreichend kennen konnte. + +Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, wenn ihn sein +Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen so sehr wie möglich der +Wahrheit treu zu bleiben und die Stoffe vollständig zu bearbeiten, +während er sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte. +Freilich steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt die allzu +große Menge der Schüler und der Brauch, die Klassen an bestimmten Tagen +deklamieren zu lassen, hindernd im Wege, einigermaßen auch die +Urteilslosigkeit der Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht +nach ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer (wie ich im +ersten Buche ausgeführt habe)[13] wird sich nicht mit einer größeren +Anzahl von Schülern, als er vertragen kann, belasten; er wird zu große +Weitschweifigkeit beschneiden, so daß er nur alles das, was die +Streitfrage betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode +einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang mit dem +Stoff steht; auch wird er die Zeit, in welcher die aufgegebenen +Vorträge gehalten werden müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder +die Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete wird von +höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl von nur begonnenen +Versuchen, welche der Schüler gleichsam nur gekostet hat. In diesem +Fall nämlich pflegt es so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten +Platz erhält, und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb der +gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge blühende Redewendungen +überall zusammensuchen und auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt +es, daß sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien +keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck aller Art +unklar gestalten. + + + + +≈SECHSTES KAPITEL≈ + +Sammlung des Gedankenstoffes + + +Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am nächsten verwandt +ist die Anfertigung von Entwürfen im Kopf, welche ebenfalls von jener +Übung ihre Kräfte empfängt und zwischen dem mühevollen Verfassen von +Aufsätzen und dem Glückswurf der Improvisation in der Mitte steht und +vielleicht am häufigsten zur Anwendung kommt. Denn längere Aufsätze +anzufertigen, dazu sind wir nicht überall und nicht immer imstande, für +Anfertigung von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit und Ort meist +reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf umfaßt in wenigen Stunden +selbst große Prozesse; er wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn +der Schlaf unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in +der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man keinen Augenblick +unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie es wohl genug wäre, eine +Anordnung des Stoffes, sondern er verbindet auch die Worte und webt die +ganze Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur die +schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis das meist weit +treuer, was nicht durch die Mühe des Schreibens weniger fest aufgefaßt +ist. + +Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken kann man nicht +plötzlich oder schnell gelangen. Denn erstlich müssen wir durch vieles +Schreiben eine Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei dem +Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich die Erfahrung zu +gewinnen in der Weise, daß wir uns nur an kleinen Aufgaben versuchen, +deren treue Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere +Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, daß wir +eine Mehrbelastung nicht spüren, und endlich durch beständige Übung, +welche hauptsächlich in einer Schulung des Gedächtnisses beruht, +größere Stoffmassen umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an +jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. Es kommt +mit der Zeit dahin, daß der, bei welchem der Geist sich willig zeigt, +durch eifriges Studium erreicht, daß bei ihm das, was er nur in +Gedanken entworfen hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie +das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat. + +Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor[1] aus Skepsis +und Empylus[2] aus Rhodos und von unseren Rednern Hortensius das in +Gedanken Entworfene in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben. + +Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens die Rede die Färbung +der Improvisation erhält, so soll man nicht ängstlich bei dem vorher +Ausgedachten haften bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so +sorgfältige Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem +glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig auch in das +Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen. + +Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir +leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es +das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und +sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits +die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher +soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen +sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber +zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht, +daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen +entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an +das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich +selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden +Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts +suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden +müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem +Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch +gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist. + + + + +≈SIEBENTES KAPITEL≈ + +Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, erworben und erhalten +wird + + +Der größte Gewinn aber des Studiums und gleichsam der reichste Lohn für +ein langes Arbeiten ist die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer +diese nicht erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf den +Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine einseitige +Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an anderen Stoffen +ausüben. Denn einem Manne von wirklicher Gewissenhaftigkeit steht es +nicht wohl an, eine Hilfeleistung zum allgemeinen Nutzen zu +versprechen, welche in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt, +einem Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem Winde +einlaufen kann. Wird doch in unzähligen Fällen ein plötzliches +Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt gegenüber oder bei plötzlich +angestelltem Gerichtsverfahren. Wenn ein solcher Fall nun – ich will +nicht sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner Freunde +und Verwandten passiert, soll er dann stumm dastehen und in Gegenwart +derer, die seine Verteidigung verlangen und dem Untergang preisgegeben +sind, wenn ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit +und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und dem Gedächtnis +eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet sind? Und wie könnte +man wohl vernünftigerweise auf die Forderung verzichten, daß der Redner +jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, wenn er seinem +Gegner antworten muß? Denn häufig bleibt das, was wir vermutet hatten +und wogegen wir geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt +plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann dem Andringen der +Stürme gegenüber, so muß der Redner bei einer plötzlich veränderten +Wendung des Prozesses sein Verfahren ändern. Was erreicht man denn +schließlich mit den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender +Lektüre und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe +Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit der +vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig zugeben, der auf dem gleichen +Gebiete immer derselben Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich +nicht gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug geben +soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies werden wir aber am +besten auf folgende Weise erreichen. + +Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen hat, bekannt sein; +denn der Wettlauf kann nicht glücken, bevor wir wissen, welche Richtung +und welchen Weg wir einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die +einzelnen Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen +Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die Hauptsache ist, +sondern man muß auch wissen, was in jedem dieser Teile zuerst +vorzubringen ist, was an zweiter Stelle und was nachher; ferner was +seiner Beschaffenheit nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen +Platz vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß Verwirrung +entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt sich vor allem durch die +Reihenfolge der Ereignisse selbst führen, daher kommt es hauptsächlich, +daß auch weniger geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden +behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig haben, worauf sich +die Untersuchung bezieht, und nicht umhergaffen oder durch das, was +sich von anderer Seite den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und +nicht aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen wie +Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an keinem Orte +verharren. Außerdem soll man Maß und Ziel einhalten, was ohne +Disposition nicht möglich ist. Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft +ist, sei man sich bewußt, daß man fertig ist. + +Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das Weitere ist eine +Frucht praktischer Übung. Damit wir uns eine Fülle der besten Ausdrücke +der bereits gegebenen Vorschrift entsprechend aneignen, muß die +Redefertigkeit durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere +geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte Wort dieselbe +Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. Wir werden daher, nachdem wir +viele schriftliche Aufsätze gefertigt haben, auch viele Übungen im +mündlichen Vortrag anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt +hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin Pausen eintreten +läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit matter, sondern die Zunge +selbst wird stumpf und müde. Denn obwohl es einer gewissen natürlichen +Beweglichkeit dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, und +daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben Gesprochene anknüpft, +so kann doch kaum natürliche Anlage oder künstliche Berechnung uns zu +einer so vielseitigen Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung, +Disposition, Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in genügender +Weise beachten, und daß wir dabei noch den eben gesprochenen Worten, +den darauffolgenden und denen, welche im weiteren Verlaufe folgen +sollen, Beachtung schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und +Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn die +Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit dem Folgenden +beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, so viel muß aus dem noch +Ausstehenden zur Ergänzung herangezogen werden, so daß äußerer und +innerer Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir nicht +stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene Sätze +nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen. + +Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche die Griechen +ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige Beschäftigung”) +nennen; sie läßt uns die Hand beim Schreiben bewegen, die Augen beim +Lesen über die Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und das +Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende ausgesprochen +hat. Diese mechanische Fertigkeit bringt auf der Bühne jene Wunder der +Gaukler und Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das +in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, was sie +dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl wieder zurückkehrt. +Aber diese mechanische Fertigkeit wird nur dann von Nutzen sein, wenn +zuvor die Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, durch +welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen Zwecke verwendet +wird. Denn wer ohne Ordnung, Schmuck und Fülle redet, der scheint mir +nicht zu reden, sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden ohne +Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da ich es auch bei +schimpfenden Weibern reichlich gesehen habe; wenn es aber von Feuer und +Geist getragen wird, dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste +Vorbereitung an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. In +einem solchen Falle pflegten dann die alten Redner, wie Cicero sagt[1], +zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. Die Ursache hiervon liegt auf der +Hand. Tiefgreifende Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen in +vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit derselben +durch den Aufenthalt des Schreibens verringert wird, die, wenn einmal +etwas verlorengegangen ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf +jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich nicht äußern, +wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei anwendet, und bei +jedem Ausdruck einen Anstoß findet, sondern die Rede wird, wenn auch +jeder Ausdruck peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, als +Stückwerk sein. + +Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, welche, +wie ich gesagt habe[2], von den Griechen als Bilder der Phantasie +bezeichnet werden, in sich aufnehmen, und es muß alles, was der +Gegenstand unserer Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit +verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge gefaßt und in die +Glut des Affekts getaucht werden: denn das Herz ist es, was beredt +macht, und die Kraft der Vorstellung. + +Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, wenn sie nur von +einem lebhaften Gefühle erregt sind. -- Ferner ist der Geist nicht auf +einen einzigen Gegenstand, sondern auf mehrere zugleich zu richten, so +wie wir bei einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen +durchmessen, nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr und an +ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen Anreiz zum Reden trägt +auch ein berechtigter Ehrgeiz in sich; während man sich daher beim +Schreiben an der Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich +meidet, wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer wie +der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. Denn auch einen +schwierigen Gedanken läßt die Nötigung des Redens zum Ausdruck +gelangen, und einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen. +So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit, +wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, sich hauptsächlich +durch den augenblicklichen Gewinn von Ruhm und Anerkennung leiten läßt. +Nur möge keiner zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß +er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf glücken, vielmehr +muß man, wie bei dem Entwurf im Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren +von kleinen Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur durch +Übung erreicht und behauptet werden kann. Man muß es aber hierin so +weit bringen, daß der im Kopf zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen +Umständen besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine +Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern auch in +Versen angeeignet haben, wie Antipater[3] aus Sidon und Licinius +Archias[4], wenn man Cicero Glauben schenken darf; damit will ich aber +nicht gesagt haben, daß nicht auch manche in unserer Zeit es so weit +gebracht haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für etwas +so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es ist weder besonders +nützlich noch notwendig), so meine ich doch, daß es denen, welche sich +zur Tätigkeit auf dem Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild +gibt, wenn man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl soll +das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes sein, daß wir +nicht wenigstens einen kurzen Augenblick – der fast nie fehlen wird – +erübrigen, um das, was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu +überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen und auf dem +Forum immer Gelegenheit sein wird; denn niemand tritt als +Gerichtsredner auf, ohne sich über den schwebenden Rechtsfall zu +unterrichten. Manche Kunstredner verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß +sie sich sofort zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen +ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen wollen, was +besonders abgeschmackt und schauspielermäßig ist. Freilich verlacht +ihrerseits wieder die Beredsamkeit ihre Anhänger, die sie so +herabwürdigen, und sie, welche Törichten gebildet erscheinen wollen, +erscheinen Gebildeten töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so +plötzliche Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man einer +besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man muß dann alle geistige +Kraft auf den Gegenstand lenken und vorderhand auf stilistische +Sorgfalt verzichten, wenn Inhalt und Form gleich sorgfältig zu +behandeln nicht möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein +langsameres Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam zögernde +Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß wir zu überlegen, nicht +aber steckenzubleiben scheinen. So werden wir verfahren, während wir +noch im Begriff sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der +Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. Bald aber werden +wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung bringen, die Taue zurechtmachen +und uns in volle Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als +daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, eine Beute +für die Stürme, welche einen, wohin sie wollen, tragen werden. + +Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese Fertigkeit zu +erhalten, wie um sie zu erwerben. Das theoretische Wissen verliert sich +nicht, wenn es einmal recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche +Übung büßt durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; diese +Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und in Bereitschaft zu sein, +wird lediglich durch Übung erhalten. Dies erwerben wir uns dann am +besten, wenn wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden haben, +deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher Sorge entgegensehen; +denn daß man die eigene Kritik fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist +es besser, wenn wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns +überhaupt nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem Orte und zu +jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes tun, stattfinden kann, besteht +im bloßen Denken und der Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still +(indem wir jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist zum +Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man wird bei dieser eine +sorgfältigere Anordnung treffen als bei jener, wo wir den Zusammenhang +der Rede zu unterbrechen fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die +vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung einer +kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache und guter körperlicher +Bewegungen, welche, wie gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung +bringen, wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen mit dem +Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem Schweif machen. Man muß +sich aber mit Eifer dem Studium hingeben immer und überall. Ist doch +auch fast nie ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer +Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie Cicero den Brutus +sagen läßt[5], sei es für Schreiben, Lesen oder Redeübungen erübrigt +werden könnte, wie denn auch C. Carbo[6] selbst im Felde solche +Redeübungen anzustellen pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was +Cicero gleichfalls empfiehlt[7], daß unser Sprechen niemals nachlässig +sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben und wo wir es tun, immer +besitze es eine relative Vollkommenheit. Und schreiben soll man zu +keiner Zeit mehr als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn +so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit gehört zu den +folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, welche sonst in +Oberflächlichkeit ausarten würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe, +sowie die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln eines +Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche befestigen, +abschneiden, damit die schwächeren weiter in die Tiefe wachsen und so +erstarken. Und vielleicht fördert beides, mit Sorgfalt und Fleiß +ausgeführt, einander in der Weise, daß wir durch das Schreiben +sorgfältiger reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit +schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, schreiben, +und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich durch Überdenken des +Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, so soll man doch darauf +hinwirken, daß weder der Redner in Verlegenheit gesetzt, noch sein +Klient verlassen scheint. + +Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu halten, daß sie +das Notwendigste und auf jeden Fall den Anfang aufschreiben und das +übrige, was sie im Gedächtnis haben, in Gedanken disponieren, +plötzlichen Einwürfen aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß M. +Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen hervor. Es +sind aber solche auch von anderen in Umlauf, welche aufgefunden in der +Gestalt, in der sie ein Redner niedergeschrieben hatte, später in +Bücher eingeteilt worden sind, wie die Notizen über die Prozesse, +welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch drei Reden +vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten Aufzeichnungen sind von +einer peinlichen Genauigkeit, daß ich glauben möchte, sie seien von ihm +selbst für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen, +welche nur für den Augenblick berechnet waren, hat sein Freigelassener +Tiro gesammelt; eine Tatsache, welche ich nicht anführe, damit sie +denselben zur Entschuldigung diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall +versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu erhöhen. Bei dem +freien Sprechen billige ich es vollständig, wenn man sich kurze Notizen +in eine Rolle macht, welche man auch in der Hand behalten und ab und zu +einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des Länas[8], sogar +bei dem, was wir geschrieben haben, den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch +und einzelne Hauptabschnitte einzutragen[9]. Denn das Vertrauen auf +dieses Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und macht +unser Reden stockend und formlos. Möchte ich doch nicht einmal, daß man +das aufschreibt, was man vollständig auswendig lernen will; denn hier +kommt es auch vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen +haften bleiben, und daß wir auf das, was ein glücklicher Augenblick uns +eingibt, verzichten. Unsicher und schwankend werden wir dann, da wir +das Aufgeschriebene verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben. + +Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche sprechen und darf +dies hier nicht schon anfügen, weil ich anderes vorausschicken muß. + + + + +Anmerkungen + + +Erstes Kapitel + +[1] Dieselben sind in den beiden vorhergehenden Büchern enthalten. + +[2] Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann hin und +her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff den +Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die Lektüre +dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller. + +[3] Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. Ähnlich +heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610: + +Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; Horaz, Satiren +I, 1, 70: + + Du liegst voll Gier auf den Säcken, + Die du zusammengerafft. + +[4] Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein Redner +werden will. + +[5] S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1. + +[6] Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste, +Archilochus, wird weiter unten charakterisiert. + +[7] Aristophanes, Eupolis, Kratinus. + +[8] Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die zuerst von +Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche Weise der +ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, welches Volk das +älteste sei. + +[9] Oder „Käse”, wie Vergil, Eklogen 1, 81. + +[10] Im Gegensatz zu dem toten Buchstaben. + +[11] Die Reden um den Kranz. + +[12] Servius Sulpicius Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte zur +Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. In dem +nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, 2, 106 als +Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der Ankläger. +Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über Messalla, Pollio +und Cassius s. weiter unten. + +[13] Cajus Nonius Asprenas, ein Freund des Augustus, wurde von Cassius +angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl 130 Personen +vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit seiner Freisprechung. + +[14] Die entsprechenden Reden Ciceros sind die für Ligarius und gegen +Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die Gewalt +Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, wurde, als seine +Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, von Tubero wegen +seines Verhaltens in Afrika angeklagt. + +[15] Freund und Zeitgenosse Ciceros. + +[16] Cornelius Celsus, zur Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender +Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft, +Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten ist nur +seine Schrift ≈de medicina≈. + +[17] Er war aus Nemausus in Gallien. + +[18] Crispus Passienus der Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero, +gestorben 49 n. Chr. + +[19] Vielleicht Lälius Balbus unter Tiberius. + +[20] Der Fall ist nicht näher bekannt. + +[21] Wo Cicero dies gesagt hat, ist unbekannt; die Stelle des Horaz +steht ≈ars poetica≈ 359. + +[22] In seinem Buche über die Rhetorik. + +[23] Rede für den Dichter Archias 12. + +[24] Das ist die antike Auffassung der Geschichtschreibung, welche sich +von der modernen wesentlich unterscheidet. + +[25] IV, 2, 45. + +[26] Der Redner 39; 62. + +[27] Hiermit sind offenbar die auch uns zum Teil erhaltenen Schriften +des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint. + +[28] Brutus 248. + +[29] In einer nicht auf uns gekommenen rhetorischen Anweisung. + +[30] Aratus lebte um 270 v. Chr. am Hofe des Königs Antigonus Gonatas +von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den Worten: Ἑκ Διὸϛ +ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). Dieses Werk bespricht +Quintilian weiter unten. + +[31] Ilias XXI, 196. + +[32] Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff. + +[33] Phönix, Ilias IX, 529 ff. + +[34] Ilias XXIV, 486 ff. + +[35] Um 800 v. Chr., Verfasser des didaktischen Gedichtes „Werke und +Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des Herakles”. + +[36] Der Stil, welcher in der Mitte steht zwischen dem schlichten +attischen und dem überladenen asiatischen. + +[37] Epischer Dichter aus Kolophon, lebte gegen das Ende des +Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs. + +[38] Aus Halikarnaß, um 480 v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser eines +epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern. + +[39] Geboren zu Alexandria, aber als rhodischer Bürger gewöhnlich „der +Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria um 190 v. +Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”. + +[40] Die alexandrinischen Kritiker, besonders Aristophanes aus Byzanz +und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert v. Chr. +ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, das auch +in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt wurde. + +[41] S. Anm. 30. + +[42] Der berühmte Idyllendichter aus Syrakus, um 275 v. Chr. + +[43] Aus Kamirus auf Rhodos, um 640 v. Chr., Verfasser einer +„Herakleia”. + +[44] Nikander, wahrscheinlich aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. zum +Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und schrieb außer +vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und „Theriaka” über Bisse +giftiger Tiere. + +[45] Ämilius Macer aus Verona, gestorben 16 v. Chr., schrieb +„Ornithogonia” und „Theriaka”. + +[46] Quintilian scheint, durch die Gleichheit des Titels veranlaßt, an +die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht nachweisen, +daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des Nikander als +Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über die Bienen +(Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben. + +[47] Euphorion aus Chalkis auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., lebte in +Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der Bibliothek. Seine +epischen Gedichte und Elegien wurden wegen ihres mythologischen und +antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und von Cornelius Gallus +nachgebildet. + +[48] Eklogen 10, 50. + +[49] In der ≈ars poetica≈ 401. + +[50] Tyrtäus, um 685-668 v. Chr., aus Aphideä in Attika, berühmt durch +seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im Zweiten Messenischen +Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert haben sollte. + +[51] Kallimachus aus Kyrene, um 260 v. Chr., lebte in Alexandria. Er +erlangte hohen Ruhm durch seine Elegien, die von den römischen Dichtern +Catull, Properz und Ovid nachgeahmt wurden. + +[52] Philetas aus Kos, Freund des Theokrit, Lehrer des Ptolemäus II. +Philadelphus, um 280 v. Chr., von Properz und Ovid nachgeahmt. + +[53] Die beiden hier nicht Genannten sind Simonides aus Samos, um 660 +v. Chr., und Hipponax aus Ephesus, um 540 v. Chr., ein scharfer +Satiriker. + +[54] Nicht angeführt sind Alkman aus Sardes, um 620 v. Chr., Sappho aus +Lesbos, um 600 v. Chr., Ibykus aus Regium, um 540 v. Chr., Anakreon aus +Teos, später am Hofe des Polykrates von Samos, Bakchylides aus Kos, um +465 v. Chr. – Pindar, geb. 522 v. Chr. in Kynoskephalä bei Theben, +hochgeachtet von Fürsten und freien Bürgern im Leben und nach seinem +Tode 441 v. Chr. + +[55] Oden IV, 2: + + Wer sich erkühnt, dem Pindar nachzusingen, + Der hebt, Jullus, sich mit tollem Mut + Auf Dädalus' mit Wachs gefügten Schwingen + Und gibt den Namen der kristallnen Flut. + Wie von den Regengüssen angeschwollen, + Aus den gewohnten Ufern tritt der Fluß, + So stürzt hervor mit allgewalt'gem Rollen + Aus ungemeß'ner Tiefe Pindarus. + +[56] Stesichorus aus Himera auf Sizilien, geb. um 630 v. Chr., der +berühmteste Dichter Siziliens, starb hochbetagt in Catana. Vgl. über +ihn Horaz (Oden IV, 9, 4 ff.): + + Zwar glänzt Homer als erster in Sängerreih'n, + Doch schweigt darum die Muse des Pindar nicht, + Noch Ceas Lied, Alcäus' Schlachtruf, + Oder Stesichorus' ernste Dichtung. + +[57] Aus Mytilene auf Lesbos, 611-580 v. Chr. + +[58] Gemeint sind die Gedichte des Alcäus, welche den zehnjährigen +Bürgerkampf seines Vaterlandes behandeln. + +[59] Myrsilus und Pittakus. + +[60] Simonides aus Julis auf Kos (556-486 v. Chr.), lebte teils in +Athen am Hofe des Hipparch, teils an dem des Hiero in Syrakus. Mit +ersterem war er befreundet, ebenso mit Themistokles, Pausanias, +Anakreon u. a. Er besaß weltmännische und wissenschaftliche Bildung und +war mit einem vorzüglichen Gedächtnis ausgestattet. + +[61] Aristophanes aus Athen, zur Zeit des Peloponnesischen Krieges, +trat schon früh mit Komödien auf. Er lebte noch 386 v. Chr. – Eupolis +dichtete angeblich schon im 17. Jahre Komödien, mit Aristophanes +befreundet, dann entzweit. – Kratinus aus Athen, ebenfalls Zeitgenosse +des Aristophanes, durch persönliche Satire gefürchtet, schuf den +komischen Stil. + +[62] Äschylus, geboren in dem attischen Demos Eleusis 525 v. Chr., +führte in großer Zeit ein bewegtes Leben und übte auf die Gestaltung +der Tragödie nicht geringen Einfluß, gestorben 456 v. Chr. Von 70 +Tragödien sind uns noch 7 erhalten. + +[63] Uns ist nichts von einer Verbesserung seiner Stücke oder von der +Erlaubnis zur Aufführung seitens der Athener bekannt. + +[64] Sophokles, geb. 496 v. Chr. in dem attischen Demos Kolonos, der +größte Tragödiendichter des Altertums, gest. 406. Von 86 Tragödien sind +7 erhalten, von denen einige auch heute noch aufgeführt werden. – +Euripides, geb. in Salamis 480 v. Chr., trat früh als Dichter auf, +gest. 406 in Pella, hochgeehrt von dem König Archelaus. + +[65] Menander aus Athen, 342-290 v. Chr. Von seinen mehr als 100 +Komödien haben wir nur noch Bruchstücke, zum Teil allerdings ziemlich +umfangreiche (so gerade in den hier genannten Epitrepontes), dagegen +Nachbildungen in mehreren Stücken des Terenz. + +[66] Ein athenischer Redner, Zeitgenosse des Demosthenes. + +[67] Aus Soli oder Syrakus, gest. 262 zu Athen, fast 100 Jahre alt. Von +seinen mehr als 90 Komödien ist nur wenig übrig. Zwei Stücke von ihm +hat Plautus frei nachgebildet. + +[68] Thukydides aus Athen, 471-396 v. Chr. + +[69] Herodot aus Halikarnaß, 484 bis gegen 410 v. Chr. + +[70] Theopomp aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb auf Veranlassung +seines Lehrers Isokrates Hellenika, als Fortsetzung des Thukydides, und +58 Bücher Philippika, eine allgemeine Geschichte seiner Zeit. Beide +Werke sind verlorengegangen. + +[71] Philistus aus Syrakus, Zeitgenosse der beiden Dionysios', 356 v. +Chr. in hohem Alter getötet. Er verfaßte sizilische Geschichten. + +[72] Ephorus, aus dem äolischen Kyme, Verfasser einer Geschichte +Griechenlands von Anfang an bis zum Jahre 340 v. Chr. + +[73] Clitarch aus Megara, Geschichtschreiber Alexanders d. Gr. + +[74] Timagenes aus Alexandria, Freund des Asinius Pollio, schrieb +ebenfalls eine Geschichte Alexanders d. Gr. + +[75] S. weiter unten. + +[76] Außer den fünf genannten: Antiphon, Andocides, Isäus, Lycurgus und +Dinarchus. + +[77] Aus dem Demos Päania, 384-322 v. Chr. + +[78] Äschines aus Athen, 389-314 v. Chr., Gegner des Demosthenes. + +[79] Hyperides aus Athen, geb. 390 v. Chr., wie Demosthenes tätig im +Kampfe gegen Philipp von Mazedonien, in Ägina auf Befehl des Antipater +322 hingerichtet. + +[80] Lysias, geb. in Athen um 435 v. Chr., berühmter Lehrer der +Beredsamkeit, starb in hohem Alter 353 v. Chr. + +[81] Isokrates, geb. in Athen 436 v. Chr., ein Schüler des Sokrates, +ebenfalls berühmt als Lehrer der Beredsamkeit. Er starb 94 Jahre alt +wenige Tage nach der Schlacht bei Chäronea 338 v. Chr. eines +freiwilligen Todes. + +[82] Demetrius von Phaleron, 317-307 v. Chr. fast unumschränkter +Statthalter in Athen; darauf gestürzt, fand er in Ägypten freundliche +Aufnahme. Er starb in Oberägypten 283 in der Verbannung an dem Bisse +einer Schlange. + +[83] Plato, geb. 427 v. Chr., gest. 347, der größte Schüler des +Sokrates. + +[84] Xenophon, aus dem attischen Demos Erchia, geb. um 434 v. Chr., +Schüler des Sokrates, bekannt durch seine Teilnahme an dem Zuge des +jüngeren Kyros, wegen seiner Vorliebe für Sparta 399 verbannt, lebte +dann in Skillus bei Elis, darauf in Korinth, gest. 355. + +[85] Aristoteles, geb. 384 v. Chr. zu Stagira in Mazedonien, Lehrer +Alexanders d. Gr., berühmtester und gelehrtester Philosoph des +Altertums, starb in Chalkis 322. + +[86] Theophrast war zu Eresos auf Lesbos 371 v. Chr. geboren, wurde 322 +Nachfolger des Aristoteles als Lehrer der peripatetischen Schule zu +Athen und starb 287. Er soll ursprünglich Tyrtamos geheißen und erst +von Aristoteles den Namen Theophrast erhalten haben. + +[87] Publius Vergilius Maro (geb. 15. Oktober 70 v. Chr., gest. 19. +September 19 v. Chr.) ist im Altertum und im Mittelalter überschätzt, +später unterschätzt worden. Erst in neuerer Zeit ist ihm die ihm +gebührende Wertschätzung wieder zuteil geworden. + +[88] Ein berühmter, von Quintilian oft genannter Redner. + +[89] S. Anm. 45. + +[90] Titus Lucretius Carus lebte von 98-55 v. Chr., schrieb das noch +erhaltene Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge”. + +[91] Publius Terentius Varro Atacinus, 82-36 v. Chr., aus Atax in +Gallia Narbonensis, verfaßte eine freie Nachbildung der Argonautika des +Apollonius, schrieb ein episches Gedicht „Der Sequanerkrieg” und +versuchte sich auch in der Satire. + +[92] Quintus Ennius, geboren zu Rudiä in Kalabrien 239 v. Chr., berühmt +durch die uns noch in Bruchstücken erhaltenen Annalen, ein historisches +Epos in Hexametern; auch dichtete er Tragödien und Komödien. Er starb +169. + +[93] Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr. bis 17 n. Chr. -- Unter seinen +„epischen Gedichten” sind die Metamorphosen zu verstehen. + +[94] Freund des Ovid. + +[95] Kann wegen des folgenden Lobes nicht im geringschätzigen Sinne +genommen werden. + +[96] Der Name Serranus beruht nur auf Konjektur. + +[97] Von Valerius Flaccus, gest. um 88 n. Chr., haben wir noch sein +Gedicht Argonautika. + +[98] Saleius Bassus, Zeitgenosse Vespasians; über seine Schriften ist +nichts Näheres bekannt. + +[99] Beide Zeitgenossen Ovids. + +[100] Marcus Annäus Lucanus aus Corduba, lebte 39-65 n. Chr., verfaßte +ein Epos Pharsalia, das sich durch rhetorisches Pathos auszeichnet. + +[101] Gemeint ist Domitian, der nach der Besiegung der Chatten den +Titel Germanicus annahm. + +[102] Eklogen 8, 13. + +[103] Albius Tibullus, römischer Ritter, etwa 59-18 v. Chr. + +[104] Sextus Aurelius Propertius, um 54-15 v. Chr., Altersgenosse +Tibulls. + +[105] Cajus Cornelius Gallus, aus Forum Julii, ein vertrauter Freund +Vergils (1. Ekloge 10), endete durch Selbstmord 26 v. Chr. + +[106] Caius Lucilius aus Suessa Auruncorum, römischer Ritter, 180 bis +102 v. Chr., Freund des jüngeren Scipio Africanus und Lälius. + +[107] Quintus Horatius Flaccus, 65-8 v. Chr. + +[108] Aulus Persius Flaccus aus Volaterrä, römischer Ritter, lebte +34-62 n. Chr., Verfasser von sechs noch erhaltenen Satiren. + +[109] Marcus Terentius Varro aus Reate, 116-27 v. Chr. Von seinen +zahlreichen Schriften sind nur erhalten drei Bücher von der +Landwirtschaft, sowie Bruchstücke eines größeren Werkes Über die +lateinische Sprache und der etwa 96 Satiren. + +[110] Quintus Valerius Catullus, geb. zu Verona 86 v. Chr., gest. 54 v. +Chr. „#Der größte Dichter, den Rom gehabt hat, ist Catullus#” (B. G. +Niebuhr). + +[111] Furius Bibaculus, geb. 102 v. Chr. zu Cremona, von Horaz (Satiren +II, 5, 41) verspottet. + +[112] Über dieses Urteil Quintilians vgl. #K. E. Güthling# in der +Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 886, wo derselbe mit Recht +sagt: „Aber es ist zum Erschrecken, wenn es bald nachher heißt: +≈Lyricorum Horatius fere solus legi dignus≈. Ich bekenne offen, daß mir +Lachmanns Urteil, das er im philologischen Seminar mehr als einmal +ausgesprochen hat, des Horatius Oden seien glatt wie Marmor, aber auch +kalt wie Marmor, und zwei bis drei beliebige Episteln des Horatius +seien ihm mehr wert, als alle Oden zusammengenommen, eine ganz gerechte +Schätzung des Lyrikers Horatius zu enthalten scheint, sosehr mich dies +Urteil anfangs frappierte. Sprache und Versbau sind unübertrefflich +vollendet; das ist aber auch das beste, was man von diesen Oden sagen +kann. Diejenigen von ihnen, die aus der Stellung des Dichters zum Hofe +hervorgingen, haben alle ein gemachtes, hohles Pathos, sind arm an +fruchtbaren Gedanken, und ich will es gern unentschieden lassen, ob sie +der Vorwurf unwürdiger Schmeichelei treffe oder nicht. Die übrigen +bewegen sich in einem sehr engen Gedankenkreise, den sie allerdings mit +Geschick variieren, so daß der nicht sehr aufmerksame Leser über der +schönen Form und einem zahllose Male in anderm Gewande wiederkehrenden +Gemeinplatz die Armut des Inhalts übersieht. Den meisten, ja fast allen +den fehlt die jugendliche Frische, die Leidenschaft und Glut der +Empfindung, welche den Leser hinreißt. Das ist auch natürlich; war doch +der Dichter ein Vierziger, als er zur Leier griff, und daß die +Beschäftigung mit der Satire keine besondere Vorbereitung für die Lyrik +abgegeben hat, versteht sich wohl von selbst. Um Quintilians Urteil +über Horatius zu verstehen und zu würdigen, mag das Gesagte genügen; +dem Lyriker Horatius stellen wir getrost den Catullus entgegen, nein, +wir stellen ihn aus voller Überzeugung über Horatius. Wenn Quintilian +den Catullus nur als Jambographen anführt, so ist das nicht zu +bewundern; er gehört ja zu den „Alten”, nicht zu den Kunstpoeten, als +deren Repräsentant und Verfechter in der Augusteischen Zeit Horatius, +wie das seine Polemik gegen ältere Dichter zeigt, vorzugsweise zu +betrachten ist. Niebuhrs Urteil über Catullus (vgl. Catullus, übersetzt +von Stromberg, Vorrede) ist bekannt; vor fünfundzwanzig Jahren habe ich +es auf Niebuhrs Namen angenommen, jetzt unterschreibe ich es aus +eigener Überzeugung. Es sei zum Schutze des von unserm Rhetor +totgeschwiegenen Lyrikers hiermit an dasselbe erinnert.” + +[113] Cäsius Bassus, Freund des Persius, kam angeblich 79 bei dem +Ausbruche des Vesuvs um. + +[114] Lucius Attius, von 170 bis etwa 90 v. Chr. -- Marcus Pacuvius aus +Brundusium, geb. um 220 v. Chr., starb in einem Alter von 90 Jahren. + +[115] Lucius Varius Rufus, 74-14 v. Chr., Epiker und Tragiker, Freund +des Vergil und Horaz. Vgl. Horaz, Oden I, 6, 1; Satiren I, 10, 44; +Episteln II, 1, 247; 3, 55. + +[116] Publius Pomponius Secundus lebte unter den vier ersten Kaisern +nach Augustus; gest. um 60 n. Chr. + +[117] Lucius Älius Stilo, Rhetor und Altertumsforscher, Lehrer des +Cicero und Varro. + +[118] Titus Maccius Plautus, um 254-184 v. Chr. + +[119] Cäcilius Statius aus Insubrien, Zeitgenosse des Ennius, um +219-166 v. Chr. + +[120] Publius Terentius Afer, um 194-159 v. Chr., kam aus Afrika in +früher Jugend als Sklave nach Rom, wo er erzogen und freigelassen +wurde. + +[121] Lucius Afranius, Zeitgenosse des Terenz, um 150 v. Chr. + +[122] Cajus Sallustus Crispus, 87-34 v. Chr. + +[123] Titus Livius, 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. + +[124] Servilius Nonianus, Konsul 35 n. Chr., gest. 60 oder 61 n. Chr. +Er war ein tüchtiger gerichtlicher Redner und wandte sich sodann dem +Studium der Geschichte zu. Er beschrieb die Zeit des Untergangs der +Republik und die Gründung der Monarchie. + +[125] Aufidius Bassus lebte unter Tiberius. Er schrieb Geschichtswerke +über die erste Kaiserzeit sowie über den Germanischen Krieg und starb +unter Nero. + +[126] Quintilian meint vielleicht Cornelius Tacitus. + +[127] Cajus Cremutius Cordus, freimütiger Geschichtschreiber zur Zeit +des Tiberius. + +[128] Marcus Tullius Cicero war geboren 106 v. Chr., ermordet 43 bei +Cajeta. + +[129] Bezieht sich in dieser Allgemeinheit nur auf die gerichtlichen +Reden vor dem Areopag. + +[130] Die sechs unter dem Namen des Demosthenes überlieferten Briefe +sind unecht. + +[131] Bezieht sich auf die meisten philosophischen Schriften Ciceros, +ebenso auf „Brutus” und „vom Redner”. + +[132] In den vorhandenen Gedichten Pindars ist diese Äußerung nicht zu +finden. + +[133] Cajus Asinius Pollio, 76 v. Chr. bis 5 n. Chr., der bedeutendste +Redner nach Cicero und zur Zeit des Augustus. Quintilian erwähnt ihn +oft, Horaz hat ihn Oden II, 1 verherrlicht. + +[134] Marcus Valerius Corvinus Messalla, 64 v. Chr. bis 8 n. Chr., +Staatsmann und Feldherr, besonders aber auch Redner. Vgl. Horaz, Oden +III, 21. + +[135] Cajus Julius Cäsar, 100-44 v. Chr. + +[136] Marcus Cälius Rufus, 88-48 v. Chr., Freund Ciceros. + +[137] Cajus Licinius Calvus, 82 bis etwa 47 v. Chr., Freund des Catull +und selbst Dichter. + +[138] Servius Rufus, der berühmteste Rechtsgelehrte zur Zeit Ciceros. + +[139] Cassius Severus, geb. 44 v. Chr., wegen seiner scharfen Zunge +nach der Felseninsel Seriphos verbannt, wo er um 30 n. Chr. starb. + +[140] Domitius Afer aus Nemausus (Nismes), gest. 59 n. Chr. -- Julius +Africanus aus Gallien, blühte unter Nero. + +[141] Marcus Galerius Trachalus, Konsul 68 n. Chr., der dem Kaiser Otho +seine Reden verfaßt haben sollte. + +[142] Quintus Vibius Crispus, unter Nero als Denunziant (≈delator≈) von +trauriger Berühmtheit, lebte noch als Greis unter Domitian. + +[143] Er lebte unter Vespasian; er gehört auch zu den in Tacitus' +Gespräch über die Redner teilnehmenden Personen. + +[144] Nach Tacitus (Gespräch über die Redner) und Plinius (Briefe): +Aper, Marcellus, Maternus, Messalla u. a. + +[145] Vater und Sohn, Zeitgenossen des Cäsar und Augustus, Anhänger der +pythagoreischen Lehre. – Über Cornelius Celsus siehe Anmerkung 16. + +[146] Nicht näher bekannt; vielleicht ist der Name falsch überliefert. + +[147] Von Geburt ein Insubrer, Zeitgenosse Ciceros. + +[148] Lucius Annäus Seneca, Sohn des Rhetors gleichen Namens, geboren +zu Corduba in Spanien um 2 n. Chr., gestorben 65. + + +Zweites Kapitel + +[1] Livius Andronikus aus Tarent um 240 v. Chr., der erste dramatische +Dichter Roms. + +[2] Damit sind die vom ≈pontifex maximus≈ angefertigten ≈annales maximi≈ +gemeint, eine nüchterne Aufzählung der denkwürdigsten politischen und +religiösen Begebenheiten, fortgesetzt bis zum Pontifikat des Mucius +Scävola 130 v. Chr. + +[3] Zur Erläuterung der hier erwähnten atomistischen Vorstellung +Epikurs vgl. Lukrez IV, 48 ff. + + Dennoch sag' ich, es senden die Oberflächen der Körper + Dünne Figuren von sich, die Ebenbilder der Dinge; + Häutchen möcht' ich sie nennen, und gleichsam die Hülsen von diesen, + Denn sie gleichen an Form und Gestalt dem nämlichen Körper, + Dem entflossen umher sie die freien Lüfte durchschwärmen. + +[4] Buch 2, Kap. 8. + + +Drittes Kapitel + +[1] D. h. das Schreiben. + +[2] Über den Redner I, 150; 257. + +[3] Lucius Licinius Crassus, berühmter Redner, 140-91 v. Chr. Die +zweite Hauptperson in der erwähnten Schrift Ciceros ist Marcus Antonius +(142-87 v. Chr.), der Großvater des Triumvirs Antonius. + +[4] Vergleichung mit dem Teile des römischen Staatsschatzes, der für +die äußersten Notfälle reserviert war. + +[5] Der Gedanke erinnert an das bekannte Wort Hesiods („Werke und Tage” +289): Doch vor die Tugend setzten den Schweiß die unsterblichen Götter. +Vgl. auch Epicharmus bei Xenophon „Erinnerungen an Sokrates” II, 1, 20: + +Nur für Arbeit wird das Gute von den Göttern uns verkauft. + +[6] Vielleicht derselbe, an welchen Horaz Epistel I, 3 und II, 2 +gerichtet hat. + +[7] Wie sehr in Gallien die Beredsamkeit in der Kaiserzeit blühte, +zeigt der von Caligula zu Lugdunum veranstaltete Wettkampf der +griechischen und lateinischen Beredsamkeit. + +[8] Satiren 1, 106. + +[9] S. die bekannte Erzählung bei Plutarch, Leben des Demosthenes Kap. +7. + + +Viertes Kapitel + +[1] Cajus Helvius Cinna, Freund Catulls, Verfasser eines epischen +Gedichtes „Smyrna”, das noch erhalten ist. -- Der Panegyrikus des +Isokrates ist eine Festrede, die vor der Festversammlung bei den +Olympischen Spielen gesprochen worden und uns noch erhalten ist. Vgl. +Plutarch, „Leben der zehn Redner” IV, 15: Den Panegyrikus schrieb er in +zehn, nach anderen in fünfzehn Jahren. + + +Fünftes Kapitel + +[1] S. 1, 155. + +[2] Z. B. im Anfange der Bücher „Von den Pflichten” und „Vom höchsten +Gut und Übel”. + +[3] Von Plato hat Cicero den Timäus und Protagoras, von Xenophon den +Ökonomikus übersetzt. + +[4] Eine Hetäre, welche der Gottlosigkeit angeklagt war und von ihrem +Liebhaber Hyperides verteidigt wurde. + +[5] III, 5, 15. + +[6] S. Briefe an Atticus IX, 4, 9. Hierher gehören die Paradoxa, die +Cicero in seinen letzten Lebensjahren verfaßt hat. + +[7] Z. B. Cicero und Hortensius. + +[8] Er hatte als Tribun einen Antrag gestellt, gegen dessen Vorlesung +durch den Herold ein anderer Tribun Einsprache erhob. Cornelius las nun +den Antrag selbst vor und wurde dafür wegen Majestätsvergehens +angeklagt, jedoch von Cicero glänzend verteidigt. + +[9] Das Gefolge des Milo und das des Clodius gerieten aneinander, ein +Sklave Milos verwundete Clodius, Milo eilte herbei und tötete ihn. Da +er infolgedessen angeklagt wurde, verteidigte ihn Cicero in der uns +erhaltenen Rede. + +[10] Der jüngere Cato (Uticensis) trat dem Redner Hortensius seine Frau +Maria förmlich ab und nahm sie dann wieder zurück, nachdem sie sechs +Jahre mit Hortensius bis zu dessen Tode zusammengelebt hatte. + +[11] Marcus Porcius Latro, Redner und Freund des Augustus. + +[12] Lucius Cestius Pius, ein sehr angesehener griechischer Rhetor zur +Zeit des Augustus, der nur lateinisch vortrug. + +[13] I, 2, 15. + + +Sechstes Kapitel + +[1] Metrodorus aus Skepsis, einer Stadt in Mysien, akademischer +Philosoph und Rhetor, Schüler des Karneades. + +[2] Der Rhetor Empylus wird sonst nirgends erwähnt. + + +Siebentes Kapitel + +[1] Wo, läßt sich nicht nachweisen. + +[2] VI, 2, 29 f. + +[3] Dichter der alexandrinischen Schule im 2. Jahrhundert v. Chr. + +[4] S. Cicero, Rede für Archias 18. + +[5] Vielleicht zu beziehen auf Cicero „Der Redner” 34. + +[6] Cajus Papirius Carbo, Konsul 120 v. Chr. + +[7] Wo, ist nicht nachzuweisen. + +[8] Popilius Länas, Rhetor zur Zeit des Tiberius; Quintilian erwähnt +ihn noch III, 1, 21; XI, 3, 183. Sonst ist er nicht näher bekannt. + +[9] Vielleicht stammen diese Worte aus einer Schrift des Popilius +Länas. + + + + +Inhalt + + + Einleitung 3 + + 1. Kapitel: Vom Wörtervorrat 8 + + 2. Kapitel: Von der Nachahmung 39 + + 3. Kapitel: Art und Weise der schriftlichen Übungen 47 + + 4. Kapitel: Von der Nachbesserung 56 + + 5. Kapitel: Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen 58 + + 6. Kapitel: Sammlung des Gedankenstoffes 65 + + 7. Kapitel: Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu + reden, erworben und erhalten wird 68 + + + + + Für die Lektüre + der römischen Klassiker im Originaltext unentbehrlich: + + ≈MÜHLMANN≈: + + ≈Lateinisch–deutsches + Wörterbuch≈ + + für Studierende und Schüler höherer Lehranstalten + 43., berichtigte und vermehrte Auflage, besorgt von + Prof. Dr. Otto Güthling + + Preis: geheftet RM. 4.90, in Halbleinen gebunden RM. 6.10, + in Halbleder gebunden RM. 7.60 + + + Die von Prof. Dr. Otto Güthling vielfach berichtigte und stark + vermehrte Neubearbeitung des berühmten Wörterbuches von Mühlmann ist + für die Lektüre der lateinischen Klassiker ein Hilfsmittel, das den + von Studierenden und Schülern höherer Schulen gestellten + Anforderungen in vollem Umfange genügt. Sind doch außer den üblichen + Schulautoren auch diejenigen Schriftsteller berücksichtigt, die auf + Grund der neuen Lehrpläne jetzt teils mehr als früher behandelt + werden, teils neu hinzugekommen sind. Nicht unerwähnt bleibe + schließlich der niedrige Preis, der die Anschaffung wesentlich + erleichtert, sowie die gediegene, vornehme Ausstattung. + + + Durch jede Buchhandlung + + ≈PHILIPP RECLAM JUN., VERLAG, LEIPZIG≈ + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 *** diff --git a/75632-h/75632-h.htm b/75632-h/75632-h.htm new file mode 100644 index 0000000..cb2a9fc --- /dev/null +++ b/75632-h/75632-h.htm @@ -0,0 +1,4494 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title>Unterricht in der Beredsamkeit | Project Gutenberg</title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + + <style> + body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } + .x-ebookmaker body {margin: 7%;} + + h1 {text-align: center; + font-weight: bold; + } + + h1.nobreak {page-break-before: avoid;} + + h2 {text-align: center; + font-weight: normal; + font-size: 1.2em; + } + + .eins {letter-spacing: 0.7em; } + .x-ebookmaker .eins { font-family: cursive} + + .zwei {color: transparent; line-height: 7em;} + + .drei {line-height: normal; + letter-spacing: normal; + font-weight: bold; + text-align-last: center; + page-break-after: avoid; + } + + hr { + width: 40%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 30%; + margin-right: 30%; + clear: both; + } + + hr.doppel { width: 100%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 0em; + clear: both; + border-style: double;} + x-ebookmaker-drop + + a {text-decoration: none} + + .zentriert { text-align: center; + display: block; + } + + .gesperrt1 { letter-spacing: 0.15em; } + .x-ebookmaker .gesperrt1 { font-family: cursive} + + .abst0-5 {margin-top: 0.5em;} + .abst1 {margin-top: 1em;} + .abst1-5 {margin-top: 1.5em;} + .abst1-8 {margin-top: 1.8em;} + .abst2-5 {margin-top: 2.5em;} + .abst4 {margin-top: 4em;} + .abst10 {margin-top: 10em;} + .x-ebookmaker .abst10 {margin-top: 6em;} + .abst20 {margin-top: 20em;} + .x-ebookmaker .abst20 {margin-top: 8em;} + + .hoeh1-1 {font-size: 1.1em;} + .hoeh1-3 {font-size: 1.3em;} + .hoeh1-5 {font-size: 1.5em;} + .hoeh2 {font-size: 2em;} + + .fett {font-weight: bold;} + + .fut {font-family: Arial, Helvetica, sans-serif; + font-size: 0.9em;} + + .klein {font-size: 0.8em; + margin-top: 0.4em; + margin-bottom: -0.9em;} + + .ein {text-indent: 1em; + text-align: justify; + display: block; + } + + .einfn {text-indent: 1em; + text-align: justify; + display: block; + margin-top: -0.7em; + } + + .gerueckt05 { margin-left: 5%;} + + .fnh { + font-size: small; + background-color: #d3d3d3; + color: #000; + border: black 0.18em dotted; + margin: 0.6em; + padding: 1.5em; + } + + .capter { page-break-before: always; } + div.chapter {page-break-before: always; } + .nobreak {page-break-before: avoid; + page-break-after: avoid;} + + .trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 2em; + text-align: justify; + } + + .titel {max-width: 80%; + height: auto; + display: block; + margin: auto; + margin-bottom: 5em; + } + + + </style> + + + </head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 ***</div> + + <div class = "trnote"> + <b>Anmerkungen zur Transkription</b> + <p> + Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in Antiqua. Es gibt + außerdem einige griechische Ausdrücke .<br> + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text in einer serifenlosen Schrift + dargestellt. + </p> + + <p> + Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Uneinheitliche + Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im + Original belassen. + </p> + + <p> + Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts + gesetzt. + </p> + + <p> + Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen. + Vom Zusammenhang her wäre + jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu schreiben (das + Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?). + </p> + + <p> + Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein + Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild + darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden. + </p> + </div> + + <img class = "titel" src = "images/cover.jpg" alt = "Titelbild"> + + <div class = "zentriert chapter abst4"> + <h1 class = "nobreak">Unterricht<br> + in der Beredsamkeit</h1><br> + + <div class = "nobreak abst1-8">Von + </div> + + <div class = "abst1-5"> + <span class = "fett hoeh1-3">Marcus Fabius Quintilianus + </span> + </div> + + <div class = "hoeh1-1 abst4">Übersetzt von W. Nicolai + </div> + + <div class = "abst10">Neue, verbesserte Ausgabe + </div> + + <div class = "abst1">von Prof. + <span class = "fut">Dr</span>. + <span class = "gesperrt1">Otto Güthling</span> + </div> + + <hr class = "nobreak abst2-5"> + + <div>Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig + </div> + </div> + + + + <div class = "abst20 capter zentriert"> + Holzfreies Papier + <div class = "abst1">Druck von Philipp Reclam jun. + </div> + <div class = "abst1">Leipzig + </div> + </div> + + + <div> + <div class = "abst4 capter"> + <h2 class = "drei" + id = "anker-s3" >Einleitung + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + <span class = "gesperrt1">Marcus Fabius Quintilianus</span> + <a href = "#fn-A" id = "anker-A">[A]</a>, + über dessen + Lebensverhältnisse uns nur wenige Zeugnisse erhalten + sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß + Calagurris<a href = "#fn-B" id = "anker-B">[B]</a> + in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, + ist wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe + seines Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 + angenommen, es ist indessen besonders aus seinen eigenen + Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen Domitius + Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu + spät ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner + Geburt ist. Seinen Vater, der Rhetor war, erwähnt er + IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen seinen Jugendunterricht + erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch nirgends + seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt + er an, die zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie + Julius Africanus (X, 1, 118; XII, 11, 3), Servilius + Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius Crispus, + Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das + Jahr 59 in seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich + daselbst als Lehrer der Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) + auf, in welchem Jahre ihn Galba, der Statthalter im + tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom zurücknahm. + </p> + + <p class = "ein"> + Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter + aufzutreten, teils rhetorischen Unterricht zu erteilen. + </p> + + <p class = "ein"> + Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, + sagt er IV, 2, 86, und an einer andern Stelle (VII, 2, 24) + beklagt er sich über die Nachlässigkeit der Stenographen, + welche seine Reden in ganz verfälschter Form unter das + Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte er als + Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein + Name sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian + Gehälter für die Lehrer aus dem Fiskus anwies, + neben welchen natürlich das Honorar der Schüler bestehen + blieb, war Quintilian der erste, der ein solches erhielt; + angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter + seinen Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius + (Briefe II, 14, 10; VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester + Domitians, Domitilla, die Söhne des später (95 oder 96) + hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch Cornelius + Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die + <span class = "fut">libri duo artis + rhetoricae</span> (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch + die gegen seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten + <span class = "fut">sermones</span> (Gespräche) hervorgegangen; + eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift + <span class = "fut">de causis corruptae eloquentiae</span> + (Über die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit), + die man früher irrigerweise in dem Dialoge des + Tacitus über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat. + </p> + + <p class = "ein"> + Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er + etwa um 91 von demselben zurück und erhielt bald darauf + durch Domitian <span class = "fut">consularia ornamenta</span> + (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er, + von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes + <span class = "fut">de institutione oratoria</span> + (Unterricht in der Beredsamkeit), + das innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber + einer wiederholten Feile und Durchsicht unterworfen + wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96 erfolgten Tode + Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die + auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen + Kaiser (IV, 1, 2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen + auf die Verdächtigung der Philosophie, die gerade + unter dieser Regierung den heftigsten Verfolgungen ausgesetzt + war, erklären, aber nie und nimmer entschuldigen. + Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten + und unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho + voraus, auf welche die Widmung an den Rhetor Marcellus + Victorius folgt, dessen Sohn Quintilian unterrichtet + hatte. + </p> + + <p class = "ein"> + Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten + 19. Lebensjahre durch den Tod entrissen wurde, hatte + er zwei Söhne, von denen der eine im 5., der andere im + 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt er + seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort + zum VI. Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht + nachweisen; wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr + 70 Jahren erreicht. Die Annahme, er sei 118 gestorben, + ist sicherlich nicht richtig. + </p> + + <p class = "ein"> + Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” + gibt Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche + also an: + </p> + + <p class = "ein"> + „Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem + Berufe des Rhetors vorangeht. Im zweiten werden wir + die ersten Anfänge bei dem Rhetor und die Fragen über + das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher + sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung + anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck + (wobei das Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle + erhält) gewidmet werden. Dazu kommt noch ein Buch, in + welchem der Redner selbst von uns herangebildet werden + soll, und worin wir, soweit es unsere schwache Kraft vermag, + über die Sitten desselben handeln wollen, über die + Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich + davon unterrichten und sie führen soll, welche Gattung + der Beredsamkeit er wählen, wann er aufhören soll, Prozesse + zu führen, und von seinen nachherigen Studien.” + Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das von + dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten + des ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen + sollte, was auch in einer der öffentlichen Beredsamkeit + nicht sehr geneigten Zeit erforderlich war. Quintilian + stellt an den Redner höhere sittliche Ansprüche und baut + auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten rhetorischen + Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke + griechischer Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen + Meister und Vorbilde Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: + Ich wage kaum, in meiner Ansicht von Cicero abzuweichen). + Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen + (Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, + und selbst da ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus + Originalen geschöpft hat; wenigstens lassen sich so die + Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen sind überall zahlreiche + Belege für ein eindringendes Studium ciceronianischer + Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und + Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat. + </p> + + <p class = "ein"> + So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige + Lehrbuch zu allen Zeiten großes Ansehen genossen + hat und selbst im Mittelalter vielfach benutzt worden + ist. Auch <span class = "gesperrt1">Friedrich der Große</span> + hat den Quintilian + sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des + Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September + 1779: + </p> + + <p class = "ein gerueckt05"> + „Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten + noch viele Fehler sind, und daß besonders in + kleinen Schulen, die Rhetoric und Logic, nur sehr + schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine vorzügliche + und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder + Mensch, in jedem Stande, wissen muß, und das erste + Fundament, bei Erziehung der jungen Leute sein soll, + denn wer zum besten raisoniret, wird immer weiter + kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so + habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung + dahin bekannt machen wollen: wegen der Rhetoric, + ist der Quintilien, der muß verdeutschet, und darnach + in allen Schulen informirt werden, sie müssen die jungen + Leute <span class = "fut">traductions</span> und + <span class = "fut">discourse</span> selbst machen lassen, + daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des + Quintilien, man kann auch <span class = "fut">Abrégé</span> + daraus machen, daß + die jungen Leute, in den Schulen, alles desto leichter + lernen, denn wenn sie nachher auf Universitäten sind, + so lernen sie davon nichts, wenn sie es nicht aus den + Schulen schon mit dahin bringen.” + </p> + + <p class = "ein"> + <span class = "gesperrt1">Friedrich August Wolf</span> + nennt Quintilian „einen + trefflichen Autor, teils der Sache, teils der herrlichen + Sentiments wegen, besonders das zehnte Buch, welches + eine Repetition der griechischen und römischen Literatur + sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes + Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen + Bücher verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. + Vgl. <span class = "gesperrt1">Karl Eduard Güthling</span> + in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff., + und <span class = "gesperrt1">Eckstein</span>, + Lateinischer und griechischer Unterricht 1887, S. 268 f. + + </p><br> + + <p class = "ein"> + Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von + Quintilians Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, + habe ich eine <span class = "gesperrt1">Einleitung</span> + und <span class = "gesperrt1">erläuternde Anmerkungen</span> + hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung des + Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt + habe ich, von einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe + von <span class = "gesperrt1">E. Bonnell</span>, 6. Auflage + von <span class = "gesperrt1">H. Röhl</span>, die, wie auch + die Ausgabe von <span class = "gesperrt1">G. T. A. Krüger</span>, + 3. Auflage von + <span class = "gesperrt1">G. Krüger</span>, + mir bei der Übersetzung und Erklärung gute + Dienste geleistet hat. + </p> + + <p> + Goldschmieden bei Breslau,<br> + den 1. Juni 1926. + </p> + <p class = "gesperrt1"> + O. Güthling. + </p> + + <div class = "fnh"> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-A" id = "fn-A">[A]</a> Dies ist die richtige + Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus, + eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form.<br> + </p> + + <p class = "einfn" style = "margin-bottom: -0.4em"> + <a href = "#anker-B" id = "fn-B">[B]</a> Heute Calahorra, Stadt + der Vaskones im tarrakonensischen + Spanien. + </p> + </div> + </div> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s8" class = "eins">ERSTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Vom Wörtervorrat</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Die bisher angegebenen stilistischen + Regeln<a href = "#fn-1" id = "anker-1">[1]</a> sind zwar + für die Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen + Beredsamkeit wenig bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit + hinzukommt, welche bei den Griechen ἕξιϛ heißt; ob + wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben, durch + Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich + weiß, noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender + zu beschäftigen hätten, wenn wir uns mit einem + von diesen drei Dingen begnügen könnten. Allein sie sind + alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man + sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen + unberücksichtigt läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder + Festigkeit noch Kraft besitzen, wenn sie nicht durch Übung + im Schreiben erstarkt ist, und ohne das Vorbild der Lektüre + wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung + entbehren + <a href = "#fn-2" id = "anker-2">[2]</a>. Wer aber Stoff + und Form der Beredsamkeit + beherrscht, die Worte jedoch nicht für alle Fälle in + Bereitschaft hat, macht sich zum Wächter toter + Schätze<a href = "#fn-3" id = "anker-3">[3]</a>. + Nun wird jedoch manches – trotz seiner Notwendigkeit + – für den Redner nicht gleich von vornherein große Bedeutung + haben. Denn da des + Redners<a href = "#fn-4" id = "anker-4">[4]</a> Beschäftigung + im Sprechen besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar + durchaus erforderlich und hiermit zu beginnen, darauf + folgt dann die Nachahmung und endlich fleißige Beschäftigung + mit Schreiben. Wie man aber einerseits die + höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen + kann, so erscheint andererseits dem schon weiter + Fortgeschrittenen der Anfang bereits recht unbedeutend. + Wir aber führen hier nicht aus, wie der künftige Redner + zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch + so gut, wie es uns möglich war, geschrieben + haben<a href = "#fn-5" id = "anker-5">[5]</a> –, + wir haben es vielmehr mit der Frage zu tun, wie der + Athlet, welcher von dem Lehrer schon durch alle Stufen + hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet werden muß. + Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit + der Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut + ist und sich mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit + der Wortstellung hinreichend beschäftigt hat; dieser soll + jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte auf die leichteste + Art anzuwenden ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß + sich der Schüler gleichsam Schätze sammeln muß, die er + nach Belieben verwenden kann; diese bestehen aber in + dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken. + Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden + oder doch nur in wenigen Fällen gleich, die + Worte muß er für alle in Bereitschaft haben. Wenn nun + nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen + Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die + Arbeit sehr vereinfacht, denn die Worte würden sich dann + zugleich mit den Gegenständen aufdrängen. Da aber bei + verschiedener Gruppierung des Inhalts bald diese, bald + jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder wirkungsvoller + oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben + nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets + in Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen + stehen, so daß er sie urteilend mustern und ihrem Werte + entsprechend auswählen kann. Ich kenne Leute, welche + alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu lernen + pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle + eine zur Hand sei, und welche dann, sobald sie eine davon + angewendet hatten, um die Wiederholung zu vermeiden, + eine andere gleichbedeutende Wendung wählten, wenn + kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das + ist knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, + ja es ist nicht einmal von Nutzen: man häuft so eine + Menge auf, von der man dann ohne Urteil das erste + beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit Urteil + anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, + nicht marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. + Dies werden wir dadurch erreichen, daß wir die besten + Schriftsteller lesen und hören. Durch ein derartiges Studium + lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen, + wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen + Falle die beste ist. Denn fast alle Worte – einige + wenige, welche das Schamgefühl verletzen, ausgenommen + – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn die + Jambendichter<a href = "#fn-6" id = "anker-6">[6]</a> + und die Dichter der alten Komödie + <a href = "#fn-7" id = "anker-7">[7]</a> + auch bei Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben + haben, so genügt es uns, uns auf unser Fach zu + beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der genannten, + sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft + muß man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; + was nämlich an glänzenden Stellen durch seinen unreinen + Klang verletzen würde, erscheint, wo es am Platze ist, als + treffend. Um darüber ein Urteil zu gewinnen und nicht + allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen, sondern + auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so + daß wir sie überall nur an passenden Stellen anwenden, + dazu müssen wir viel lesen und viel hören, wie wir ja + durch das Hören von Anfang an die Sprache gelernt + haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl + irgendeines Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit + erzogen wurden<a href = "#fn-8" id = "anker-8">[8]</a>, + zwar einzelne Laute ausgestoßen, + zusammenhängend aber nicht gesprochen. + </p> + + <p class = "ein"> + Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche + trotz der Verschiedenheit der Laute ein und + dasselbe bezeichnen, + ohne daß im Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung + fühlbar wäre, wie die beiden Ausdrücke für Schwert + (<span class = "fut">ensis</span> und + <span class = "fut">gladius</span>), andere wieder + bezeichnen im eigentlichen + Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen + haben sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden + Ausdrücke <span class = "fut">ferrum</span> und + <span class = "fut">mucro</span> (Eisen und Spitze). + Nennen wir doch mißbräuchlicherweise „Erdolcher” + (<span class = "fut">sicarii</span>) auch alle + diejenigen, welche mit einer beliebigen andern Waffe + einen Mord vollbracht haben. Andere Bezeichnungen + gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten. + Hierher gehört <span class = "fut">pressi copia lactis</span>, + eine „Menge gepreßter + Milch” (für „Butter”)<a href = "#fn-9" id = "anker-9">[9]</a>. + Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir + jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie + <span class = "fut">scio</span> „ich weiß”, + <span class = "fut">non ignoro</span> „ich weiß + wohl”, <span class = "fut">non me fugit</span> oder + <span class = "fut">non me practerit</span> „es entgeht + mir nicht”, <span class = "fut">quis nescit?</span> + „wer weiß nicht?”, <span class = "fut">nemini dubium + est</span> „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem + Nächstliegenden kann man entlehnen. Denn + <span class = "fut">intellego</span>, + <span class = "fut">sentio</span>, + <span class = "fut">video</span> („ich verstehe, + erkenne, sehe ein”) sagen oft + dasselbe wie <span class = "fut">scio</span> („ich weiß”). + Reiche Fülle an solchen + Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir dieselben + nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der + Sinn erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese + Wendungen dieselbe Bedeutung, und wie ich von einer + Wahrnehmung des Geistes nicht richtig sage: + <span class = "fut">video</span> „ich + sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht richtig: + <span class = "fut">intellego</span> „ich sehe ein”, und + wie einerseits <span class = "fut">mucro</span> + „die Spitze” zu dem Begriffe <span class = "fut">gladius</span> + „das Schwert” gehört, + so nicht auch andererseits „Schwert” zu dem Begriffe + „Spitze”. — + </p> + + <p class = "ein"> + Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge + von Ausdrücken zu eigen, so muß man doch nicht nur, + um seine Wortkenntnis zu erweitern, lesen oder Zuhörer + sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind Beispiele + weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, + sobald der Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele + ohne ein Fingerzeichen auffassen und aus eigenen + Kräften befolgen kann: denn worauf der Lehrer der Beredsamkeit + nur hinweisen kann, das offenbart der Redner. + </p> + + <p class = "ein"> + Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören + mehr angeregt. Der Redner wirkt auf unser Gemüt schon + durch den lebendigen Hauch<a href = "#fn-10" id = "anker-10">[10]</a>, + durch seinen Geist, er + reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem Gegenstand, + sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat + Leben und Bewegung; das gleichsam erst Entstehende + hören wir mit wachsender Teilnahme. Nicht nur der Ausgang + eines Prozesses, auch die Person des Redners flößt + uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die angemessenen + Bewegungen, ein den Anforderungen jeder + Stelle entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, + alles dies ist zum Lehren in gleicher Weise geeignet. + </p> + + <p class = "ein"> + Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da + es beim Hören öfter von der persönlichen Zuneigung und + dem Geschrei der Menge beeinflußt wird. Eine geheime + Scheu warnt uns vor zu großem Selbstvertrauen, wenn + gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge gefällt, + und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. + Freilich kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich + ein verkehrtes Urteil auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit + widerfahren läßt. Von solchen Einflüssen ist + das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, + rasch vorüberrauschend, + im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere + Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines + Werkes noch zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester + einprägen will. Ich gebe aber den Rat, das Gelesene + immer und immer wieder gründlich zu behandeln; denn + wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten, + bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut + werden, so soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, + sondern erst, nachdem es durch häufiges Wiederholen seine + Sprödigkeit vollständig verloren hat, dem Gedächtnis zur + Nachahmung eingeprägt werden. + </p> + + <p class = "ein"> + Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, + welche das ihnen geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, + gelesen werden, und zwar muß dies mit Genauigkeit + und einer sich bis auf den Buchstaben erstreckenden + Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner Teile + ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist + wieder ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich + um eine Rede handelt, deren Vorzüge häufig mit Absicht + verborgen gelassen werden. Denn oft bereitet der Redner + vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was erst in + der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten + Teile vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht + sonderlich, solange wir noch nicht wissen, warum es gesagt + ist. Wir müssen es daher wiederholen, nachdem wir + von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber von + größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die + zugehörigen Reden in der Hand haben, und womöglich + die Gerichtsreden von beiden Parteien zu lesen: so die + gegnerischen Reden von Demosthenes und + Äschines<a href = "#fn-11" id = "anker-11">[11]</a>, so + die Reden des Servius Sulpicius und des + Messalla<a href = "#fn-12" id = "anker-12">[12]</a>, + von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie + gesprochen hat, so die des Pollio und des Cassius bei + Gelegenheit der Anklage des + Asprenas<a href = "#fn-13" id = "anker-13">[13]</a> + und sonst viele. + Ja, wenn beide auch keineswegs von gleichem Werte sind, + so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen, + um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros + Reden<a href = "#fn-14" id = "anker-14">[14]</a> + die des Tubero gegen Ligarius und die des + Hortensius für Verres zu halten. Auch wird man mit + Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen + Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros + Calidius<a href = "#fn-15" id = "anker-15">[15]</a> + gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede + zur Übung verfaßt, wenn auch Cornelius + Celsus<a href = "#fn-16" id = "anker-16">[16]</a> + irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten. Pollio + und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und + in meiner Jugend waren glänzende Reden von Domitius + Afer<a href = "#fn-17" id = "anker-17">[17]</a>, + Crispus Passienus<a href = "#fn-18" id = "anker-18">[18]</a> + und Decimus Lälius<a href = "#fn-19" id = "anker-19">[19]</a> + für Volusenus Catulus<a href = "#fn-20" id = "anker-20">[20]</a> + im Umlauf. + </p> + + <p class = "ein"> + Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der + Überzeugung sein, daß alles, was die hervorragendsten + Schriftsteller gesagt haben, unter allen Umständen vollkommen + sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie erliegen + der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür + ihres Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung + und werden müde; scheint doch dem + Cicero<a href = "#fn-21" id = "anker-21">[21]</a> + ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar Homer + manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, + sie sind doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem + ihrer Worte das Gesetz der Beredsamkeit ausgedrückt finden, + passiert es gar oft, daß sie die schwächeren Partien + nachahmen (das ist nämlich leichter) und die höchste Stufe + der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den + Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß + man ein Urteil über so große Männer in bescheidener + und besonnener Weise aussprechen, um nicht – was so + häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht versteht. + Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren + muß, dann möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles + gefalle, als daß ihnen vieles mißfalle. + </p> + + <p class = "ein"> + Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet + Theophrast<a href = "#fn-22" id = "anker-22">[22]</a>, + sei das Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich + viele anschließen. Und das mit Recht. Denn bei ihnen + kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im + Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene + Behandlung der Charaktere erwerben. Besonders + sind es die durch tägliche Anwaltstätigkeit auf + dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die Süßigkeit + der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der + Grund, weshalb Cicero + meint<a href = "#fn-23" id = "anker-23">[23]</a>, + man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung suchen. + Wir dürfen jedoch nicht vergessen, + daß der Redner nicht in allen Stücken dem Dichter + folgen darf, nicht in der freien Wahl der Worte und + der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist + der Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie + hat – abgesehen davon, daß sie nur dem Genusse dient + und diesem Ziele zustrebt, indem sie Nichtwirkliches, ja + sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin einen besonderen + Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der + Metrik, nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen + kann, sondern gezwungen ist, von dem geraden Wege abweichend + auf gewisse Auswege im Ausdruck zu verfallen, + wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht + werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, + Umstellungen und Teilungen einzutreten haben. Doch + wir (Redner) müssen kampfgerüstet im Felde stehen, über + die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem Siege + streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes + Liegen und Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen + schreckenverbreitenden Glanz haben, wie es der des blinkenden + Stahles ist, welcher Sinn und Auge blendet, nicht + wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher – unkriegerisch, + wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als + Nutzen bringt. + </p> + + <p class = "ein"> + Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem + Strom dahinfließen, können dem Redner Nahrung + zuführen; allein auch sie muß man mit dem Bewußtsein + lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den Redner Fehler + bedeuten. Denn die Geschichte steht der + Poesie<a href = "#fn-24" id = "anker-24">[24]</a> sehr + nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht + in ungebundener Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht + aber Beweise zu geben, und ihr ganzes Ziel richtet sich + nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine Kampfbereitschaft + für den Augenblick, sondern ihre Werke werden + verfaßt der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser + zum Ruhm. Deshalb muß sie durch seltenere Ausdrücke + und freiere Konstruktionen Abwechslung in die Darstellung + zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) + dem Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen + und häufig auch ungebildet ist, nicht, wie + gesagt<a href = "#fn-25" id = "anker-25">[25]</a>, + nach der Kürze des Sallust greifen, die dem Ohre + des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so hohem + Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, + dem es nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung + als auf die Zuverlässigkeit des Gesagten ankommt, bei + einem Redner von der reinen, gesunden Fülle des Livius + hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. + Tullius<a href = "#fn-26" id = "anker-26">[26]</a> + nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung + des Redners für nützlich, obwohl er von dem + einen sagt, daß er „die Kriegstrompete blase”, von dem + andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen + hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch + diesen der Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, + nur müssen wir wohl im Gedächtnis haben, daß wir + für unsere Gerichtsreden nicht Athletenmuskeln, sondern + Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht meinen, daß + das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, + wie man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl + angebracht sei. Noch in anderer Beziehung kann man + Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist, aus der Lektüre der + Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht hierher –, + nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele + erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet + sein muß, damit er in seinen Zeugnissen nicht auf den + Prozeßführenden angewiesen ist, sondern die Hauptmenge + derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum entnehmen + kann; diese eignen sich um so besser dazu, als + sie von dem Vorwurf der Parteilichkeit frei sind. + </p> + + <p class = "ein"> + Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen + vielfach abhängig waren, so geschah das zu ihrem + Schaden, da sie jenen doch selbst in den besten Teilen ihrer + Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und + Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie + hauptsächlich, auch sind ihre Beweisführungen scharf, und + in Rede und Gegenrede können die + Sokratiker<a href = "#fn-27" id = "anker-27">[27]</a> den + künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch für sie gilt + das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar + sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände + sprechen, ein großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und + wissenschaftlicher Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, + Prozeß und gelehrter Vorschrift besteht. + </p> + + <p class = "ein"> + Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer + Nutzen in der Lektüre liege, so werden, glaube ich, die + meisten fordern, daß wir auch das in unser Werk aufnehmen, + welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und + worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. + Aber jeden für sich zu behandeln, würde eine + Arbeit von endloser Ausdehnung sein. Wenn nämlich + M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über + die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner + Zeit angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme + des Cäsar und + Marcellus<a href = "#fn-28" id = "anker-28">[28]</a> + Stillschweigen beobachtet, + wo wird da ein Ende zu finden sein, wenn ich + jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche + Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, + welche sich in dem Briefe des Livius an seinen Sohn + findet<a href = "#fn-29" id = "anker-29">[29]</a>, + die kürzeste und sicherste: nämlich man solle + Demosthenes und Cicero lesen und die anderen, je nachdem + sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist + zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur + wenige oder vielmehr kaum einer von denen, welche aus + dem Altertum zu uns herübergerettet sind, wird sich finden, + der mit richtigem Urteil gelesen nicht einigen Nutzen + bringen wird; wie denn auch Cicero bekennt, von jenen + Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem Geist der + Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht + viel anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft + nicht, wenn auch nur für den kleinsten Teil seines Werkes, + ein Gedenken der Nachwelt? Sollte es wirklich einen + solchen geben, so werden wir ihn gleich bei der Lektüre der + ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der + Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust + kostet. Aber nicht das, was für einen beliebigen + Teil unserer Wissenschaft Bedeutung hat, ist in gleicher + Weise auch zur Bildung des rednerischen Ausdrucks, wovon + wir hier sprechen, geeignet. + </p> + + <p class = "ein"> + Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen + wir erst einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten + vorausschicken. Einige nämlich meinen, daß man + nur die Alten lesen müsse, und urteilen, daß in allen + anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche + Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des + Modernen und die Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen + Menge zu erregen wissen. Auch von denen, welche + den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen wollen, halten + die einen nur das Knappe und Dürftige und der Verkehrssprache + Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit + Attische, während andere für einen höheren Geistesflug + und für eine erregtere, geistvollere Schreibweise eingenommen + sind; auch gibt es nicht wenige Liebhaber des + milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen + Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die + Schreibweise untersuchen werde; unterdessen will ich in + großen Zügen andeuten, welche Lektüre diejenigen wählen + müssen, welche sich eine sichere Fähigkeit in der Redekunst + erwerben wollen; einige nämlich – und gerade die + hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann + für die aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche + den von mir genannten am nächsten stehen; es möge + sich daher keiner beklagen, daß ich vielleicht einige übergangen + habe, die seinen besonderen Beifall finden; denn + das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden + muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen + Arten der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche + sich dem Rednerberuf widmen wollen, für nützlich halte. + </p> + + <p class = "ein"> + Wie also Aratus<a href = "#fn-30" id = "anker-30">[30]</a> + mit Jupiter anfangen zu müssen + glaubt, so werden wir geziemend mit Homer beginnen. + Denn wie dieser selbst sagt, daß dem Ozean aller Flüsse + und Quellen Lauf entspringe + <a href = "#fn-31" id = "anker-31">[31]</a>, so ist er Muster und + Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte + niemand in Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch + Erhabenheit, der Schilderung alltäglicher Vorgänge durch + Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er ist zugleich + blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine + Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht + nur als Dichter, sondern auch als Redner hervorragend. + Denn um hier über diejenigen seiner Reden, welche Worte + des Lobes, der Ermahnung, des Trostes enthalten, zu + schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die + Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten + Buche erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen + Reden des zweiten Buches alle Kunstregeln, die in + Prozessen und Ratsversammlungen angewendet werden? + Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften in + seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht + leugnen. Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner + beiden Werke in wenigen Versen das für Anfänge gültige + Gesetz, ich sage nicht beobachtet, sondern auch aufgestellt? + Denn er macht sich den Hörer geneigt durch die Anrufung + der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen + der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, + indem er die Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, + und er führt ihn in das Verständnis ein, indem er die + Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber könnte kürzer + erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus + meldet<a href = "#fn-32" id = "anker-32">[32]</a>, wer + anschaulicher als der, welcher die Schlacht + zwischen den Kureten und Ätolern + berichtet<a href = "#fn-33" id = "anker-33">[33]</a>? Auch die + Gleichnisse, Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen + der Gegenstände und Beweise, sowie die übrigen + Arten von Beweisführung und Widerlegung sind so + mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste” geschrieben + haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen. + Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen + mit den Bitten des den Achill anflehenden + Priamus<a href = "#fn-34" id = "anker-34">[34]</a>? + Geht Homer nicht überhaupt in Worten, Sentenzen, + Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes + über das dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? + So ist es schon etwas Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen + – denn das ist unmöglich, aber sie mit Verständnis + zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder + Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die + Epiker, eben weil eine Vergleichung in einem ähnlichen + Gegenstand am deutlichsten wird. Ganz selten reicht an + ihn heran Hesiod<a href = "#fn-35" id = "anker-35">[35]</a>, + dessen Gedicht zum großen Teil mit + Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen + wegen der in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. + Ebenso verdient die Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition + Billigung, und ihm muß der Preis in der mittleren + Stilgattung<a href = "#fn-36" id = "anker-36">[36]</a> + zuerkannt werden. Bei + Antimachus<a href = "#fn-37" id = "anker-37">[37]</a> + dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das + Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber + obwohl ihm die Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten + Rang zuerkennen, so fehlt es ihm doch so sehr an + Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und überhaupt + an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß + „an zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas + sehr Verschiedenes ist. + Panyasis<a href = "#fn-38" id = "anker-38">[38]</a>, + der von beiden etwas + hat, erreicht, wie man meint, in der Rede die Vorzüge + beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in der Wahl + des Stoffes, den andern in der Anordnung. + Apollonius<a href = "#fn-39" id = "anker-39">[39]</a> + ist in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon + nicht gekommen, weil Aristophanes und + Aristarch<a href = "#fn-40" id = "anker-40">[40]</a> keinen + ihrer Zeitgenossen darin aufgenommen haben, er hat jedoch + ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt von einem + gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des + Aratus<a href = "#fn-41" id = "anker-41">[41]</a> + fehlt das bewegende Moment, da keine Abwechslung, + keine Leidenschaft, keine Person, keine Rede von irgend + jemand darin vorkommt. Seine Kräfte reichen jedoch für + das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat. Bewundernswert + ist in seiner Art Theokrit + <a href = "#fn-42" id = "anker-42">[42]</a>; aber jene + ländliche Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, + sondern selbst auch die Stadt. Doch ich glaube von allen + Seiten mir Namen verschiedener Dichter zurufen zu hören. + Wie? Hat Pisander<a href = "#fn-43" id = "anker-43">[43]</a> + nicht die Taten des Herakles schön + besungen? Und sind dem Nikander + <a href = "#fn-44" id = "anker-44">[44]</a>, + Macer<a href = "#fn-45" id = "anker-45">[45]</a> und + Vergil<a href = "#fn-46" id = "anker-46">[46]</a> + umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den + Euphorion<a href = "#fn-47" id = "anker-47">[47]</a> + übergehen? Hätte derselbe nicht den Beifall des + Vergil gefunden, so würde dieser es gewiß nicht in den + Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten Gedichtes + gedacht haben<a href = "#fn-48" id = "anker-48">[48]</a>. + Wie? Stellt Horaz<a href = "#fn-49" id = "anker-49">[49]</a> ohne + Grund den Tyrtäus<a href = "#fn-50" id = "anker-50">[50]</a> + dem Homer an die Seite? Und + doch steht gewiß keiner der Kenntnis dieser Dichter so + fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis derselben aus + einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek einverleiben + könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche + ich übergehe, und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt + habe, sie wären alle von Nutzen. Aber zu jenen werden + wir erst zurückkehren, wenn die Kraft schon ausgebildet + und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen Gastmählern + oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen + wenden, nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. + Dann werden wir auch Zeit finden, die Elegie zur Hand + zu nehmen, für deren bedeutendsten Vertreter + Kallimachus<a href = "#fn-51" id = "anker-51">[51]</a> + gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem + Gebiete nach der Meinung der meisten + Philetas<a href = "#fn-52" id = "anker-52">[52]</a> ein. + Aber bis wir diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, + von der ich gesprochen habe, erreicht haben, müssen wir + uns an die besten Schriftsteller gewöhnen und den Geist + mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen vieler bilden + und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den + drei<a href = "#fn-53" id = "anker-53">[53]</a> + durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern + zur Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) + hauptsächlich Archilochus nur beitragen. Dieser besitzt die + größte Kraft des Ausdrucks, kurze, kräftige und blitzende + Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige meinen, + wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei + das eine Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von + den neun lyrischen Dichtern<a href = "#fn-54" id = "anker-54">[54]</a> + ist bei weitem der hervorragendste + Pindar durch den prachtvollen Schwung + seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und durch + einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und + Figuren, den man mit der Fülle eines Stromes vergleichen + könnte; daher glaubt Horaz<a href = "#fn-55" id = "anker-55">[55]</a> + mit Recht, es könne ihn + keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig + Stesichorus<a href = "#fn-56" id = "anker-56">[56]</a> ist, + zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege und berühmte + Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit + der Lyra bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im + Handeln und Reden die nötige Würde, und würde, wenn + er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an Homer heranreichen, + aber er leidet an übertriebener Breite und fließt + über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der + aus innerem Reichtum entsprungen ist. + Alcäus<a href = "#fn-57" id = "anker-57">[57]</a> wird + für einen Teil seines Werkes<a href = "#fn-58" id = "anker-58">[58]</a> + nicht mit Recht mit dem + goldenen Plektron beschenkt, da nämlich, wo er bei Verfolgung + der Tyrannen<a href = "#fn-59" id = "anker-59">[59]</a> + auch zur Stärkung des sittlichen + Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, + großartig und an Gewalt der Worte hauptsächlich einem + Redner ähnlich ist; aber er versteht auch zu scherzen und + sich zu Liebesgetändel herbeizulassen; für erhabenere + Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und + einfache Simonides<a href = "#fn-60" id = "anker-60">[60]</a> + kann doch wegen des Treffenden + seines Ausdrucks und einer gewissen Anmut empfohlen + werden; besonders besteht sein Vorzug in Erregung des + Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn allen + Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt + haben, vorziehen. + </p> + + <p class = "ein"> + Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen + Sprache fast allein, besonders aber besitzt sie auch eine + redselige Freimütigkeit und ist in Verfolgung des Lasters + von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch in den anderen Beziehungen + besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist erhaben, + gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches + Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie + Achill immer ausnehmen muß – der Redekunst näher + oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es gibt + eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes + jedoch, Eupolis und Kratinus sind die + bedeutendsten<a href = "#fn-61" id = "anker-61">[61]</a>. + </p> + + <p class = "ein"> + Tragödien hat zuerst geschaffen + Äschylus<a href = "#fn-62" id = "anker-62">[62]</a>, der erhaben + und ernst und gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, + aber meist auch ungeschliffen und ungeordnet + ist. Daher haben die Athener den späteren Dichtern erlaubt, + seine Dramen in verbesserter + Gestalt<a href = "#fn-63" id = "anker-63">[63]</a> in den Wettkampf + zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem + Preis gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die + Leistungen des Sophokles und + Euripides<a href = "#fn-64" id = "anker-64">[64]</a> auf diesem + Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem eigentümlichen + Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der + bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. + Ich nun beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig + behandelten Stoffe nichts zu tun hat, nicht. Das + jedoch muß jeder zugeben, daß für die, welche sich auf eine + rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von viel + größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner + Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt + wird, denen der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang + der Sophokleischen Verse erhabener erscheint) mehr der + Manier des Redners, reich an Sentenzen, wie er ist, und + den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von + jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem + von denen vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt + gegolten haben, bewundernswert aber besonders in der + Darstellung aller Affekte, und wohl unübertroffen in der + Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat nach seinem + eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings + auf einem andern Gebiete – nachgeahmt + Menander<a href = "#fn-65" id = "anker-65">[65]</a>, + welcher schon allein, meiner Ansicht nach wenigstens, + fleißig gelesen, zur Ausbildung alles dessen, was + wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so glückliche Erfindungsgabe + und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er + alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges + haben daher gewiß die gesehen, welche glauben, daß die + dem Charisius<a href = "#fn-66" id = "anker-66">[66]</a> + zugeschriebenen Reden von Menander + verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner + weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken + zu verdienen, was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht + etwa die Gerichtsreden, welche „Epitrepontes”, „Epikleros” + oder „Locroe” enthalten, für schlecht erklären, oder + behaupten will, die außergerichtlichen Reden in „Psophodee”, + „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in + jeder Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich + glaube jedoch, daß er von um so größerem Vorteil für die + Kunstredner sein wird, weil diese jeder Lage der Streitfrage + entsprechend mehrere Rollen übernehmen müssen, + von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von + Reichen und Armen, von Zornigen und Abbittenden, von + Sanftmütigen und Rauhherzigen. In allen diesen Rollen + wird von unserem Dichter ein bewundernswerter Takt + beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den + Ruhm vorweggenommen und sie alle durch den Glanz + seiner Berühmtheit verdunkelt. Gleichwohl bieten auch + andere Komiker, wenn sie mit Nachsicht gelesen werden, + manches Nachahmenswerte, besonders + Philemon<a href = "#fn-67" id = "anker-67">[67]</a>, welcher + zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner Zeitgenossen + oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin + aber dem allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten + zu gelten verdient. + </p> + + <p class = "ein"> + Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch + scheinen zweifellos vor allen übrigen durchaus den + Vorrang zu verdienen, deren Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit + fast in gleicher Weise Lob geerntet haben. Gedrängt, + kurz und sich selber in Zucht haltend ist + Thukydides<a href = "#fn-68" id = "anker-68">[68]</a>; + angenehm, durchsichtig und von einer gewissen + Breite Herodot<a href = "#fn-69" id = "anker-69">[69]</a>, + jener ist in Darstellung von heftigen + Affekten, dieser in der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, + jener ist für die öffentliche Rede, dieser für das + Privatgespräch vorbildlich, Thukydides wegen seiner Gewalt, + Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit bewundernswert. + Theopomp<a href = "#fn-70" id = "anker-70">[70]</a> + steht diesen am nächsten, in der + Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, + einem Redner aber näher verwandt, da er lange + Redner war, bevor er zu diesem Werk sich entschloß. + Auch Philistus<a href = "#fn-71" id = "anker-71">[71]</a> + verdient nach diesen der Schar der guten + Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des + Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber + auch viel klarer als sein Vorbild ist. + Ephorus<a href = "#fn-72" id = "anker-72">[72]</a> bedarf + nach Ansicht des Isokrates der Sporen. Bei + Clitarch<a href = "#fn-73" id = "anker-73">[73]</a> + lobt man das Talent, zieht aber seine Glaubwürdigkeit + in Frage. Der lange Zeit nachher lebende + Timagenes<a href = "#fn-74" id = "anker-74">[74]</a> + verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene + Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichtschreibung + mit neuem Ruhme wieder aufgenommen hat. Xenophon + habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß aber + unter den Philosophen aufgeführt + werden<a href = "#fn-75" id = "anker-75">[75]</a>. + </p> + + <p class = "ein"> + Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja + bekanntlich zu Athen in einem Zeitalter zehn gelebt + haben<a href = "#fn-76" id = "anker-76">[76]</a>. + Unter diesen war bei weitem der hervorragendste + und beinahe der Maßstab für jede rednerische + Tätigkeit Demosthenes<a href = "#fn-77" id = "anker-77">[77]</a>: + eine solche Gewalt besitzt er, + so gedrängt ist bei ihm alles, so gleichsam mit Muskeln + umkleidet und frei von überflüssigen Zutaten und so maßvoll, + daß man kein fehlendes und kein überflüssiges Wort + bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite + und erhabenerer Ausdrucksweise ist + Äschines<a href = "#fn-78" id = "anker-78">[78]</a> in demselben + Maße, wie er Demosthenes nachsteht an Kraft und + Knappheit; er hat mehr Fleisch und weniger Muskeln. + Besonders anmutig und geistreich ist + Hyperides<a href = "#fn-79" id = "anker-79">[79]</a>, aber + er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, + um nicht zu sagen, für einen solchen mehr begabt. + Der Zeit nach geht ihm Lysias<a href = "#fn-80" id = "anker-80">[80]</a> + voraus, welcher + scharfsinnig und geschmackvoll ist und überaus vortrefflich, + wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren; + denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch + ist er einer reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen + Strome. Isokrates<a href = "#fn-81" id = "anker-81">[81]</a>, + der in den verschiedenen Gattungen + der Rede glänzend und geschmückt und der für die Ringschule + besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt + jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit + Recht. Für Hörsäle ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. + In der Erfindung voll Leichtigkeit, voll + Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so sorgfältig, + daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich + glaube nun nicht, daß die von mir besprochenen Redner + nur gerade diese Vorzüge besessen haben, wohl aber, daß + diese ihre hervorragendsten gewesen sind; ferner bestreite + ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen sind. Ja, + ich gebe zu, daß Demetrius von + Phaleron<a href = "#fn-82" id = "anker-82">[82]</a>, obwohl er + zuerst die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent + und Redegewandtheit besessen hat, wie er auch deswegen + der Erwähnung wert ist, weil er von den Attikern ungefähr + der letzte ist, welcher den Namen eines Redners + verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der + Beredsamkeit allen anderen vorzieht. + </p> + + <p class = "ein"> + Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius + für die Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben + behauptet; wer zweifelt, daß unter ihnen besonders + Plato<a href = "#fn-83" id = "anker-83">[83]</a> + durch die Schärfe seiner Schlußfolgerungen sowie + durch eine Art göttlicher und homerischer Beredsamkeit + den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus + über die Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu + Fuße” bezeichnen, so daß er mir nicht von einem menschlichen + Geiste beseelt, sondern gleichsam durch das Delphische + Orakel beseelt erscheint. + </p> + + <p class = "ein"> + Was soll ich die Anmut des Xenophon + <a href = "#fn-84" id = "anker-84">[84]</a> erwähnen, + die frei ist von jeder Affektation und durch keine solche + zu erreichen? Scheinen doch die Grazien selbst seine + Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf ihn mit + Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles + bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der + Überredung gethront.” Wozu soll ich an die Eleganz + der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an + Aristoteles<a href = "#fn-85" id = "anker-85">[85]</a>? + Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine + wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner + Schriften oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit + oder durch den Scharfsinn seiner Neuerungen oder + durch die Mannigfaltigkeit seiner Werke einen größeren + Ruhm erworben hat. + </p> + + <p class = "ein"> + Theophrast<a href = "#fn-86" id = "anker-86">[86]</a> + aber besitzt in so hohem Grade jenen + göttlichen Glanz der Rede, daß er davon auch seinen + Namen erhalten haben soll. Weniger Wert auf die Beredsamkeit + legten die alten Stoiker; aber auf der einen + Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und + auf der andern Seite sind sie in Sammlung von Beispielen + und Beweismitteln für ihre Vorschriften besonders stark, + jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung der Tatsachen, + wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens, + nach welchem sie nicht strebten. + </p> + + <p class = "ein"> + Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung + der griechischen Schriftsteller, werden wir auch bei der + Behandlung der römischen innehalten. + </p> + + <p class = "ein"> + Wie also bei jenen Homer, so wird bei + uns Vergil<a href = "#fn-87" id = "anker-87">[87]</a> + die beste Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang + bieten, er, der von allen Dichtern dieser Gattung, von + griechischen sowohl wie von unseren, ihm unstreitig am + nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben + Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius + Afer<a href = "#fn-88" id = "anker-88">[88]</a> + gehört habe, der mir auf meine Frage, wer + seiner Meinung nach dem Homer am nächsten käme, antwortete: + „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch, daß + er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und + in der Tat, mag er auch – und mit ihm unsere Nation + – dem himmlischen und unsterblichen Genie jenes nachstehen, + so besitzt er doch um so mehr Sorgfalt und Fleiß + schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte; wieweit + wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen + nachstehen mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel + vielleicht durch Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen + folgen erst weit später. Denn + Macer<a href = "#fn-89" id = "anker-89">[89]</a> + und Lucretius<a href = "#fn-90" id = "anker-90">[90]</a> + soll man zwar lesen, aber nicht um seinen Stil zu bilden, + d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen, + da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der + eine aber gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. + Der Ataciner Varro<a href = "#fn-91" id = "anker-91">[91]</a> + ist in dem Werke, durch welches + er einen berühmten Namen erlangt hat, Übersetzer, zwar + schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der Beredsamkeit + nicht reich genug. Den Ennius + <a href = "#fn-92" id = "anker-92">[92]</a> + wollen wir verehren + wie einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in + dem gewaltige und uralte Eichen weniger ästhetisches + Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu. Andere stehen + uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck + wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen + Gedichten Ovid<a href = "#fn-93" id = "anker-93">[93]</a> + und voll Bewunderung für das eigene + Genie, aber in einzelnen Partien verdient er doch Lob. + Wenn aber für Cornelius + Severus<a href = "#fn-94" id = "anker-94">[94]</a> auch gilt, + daß er mehr ein geschickter + Verskünstler<a href = "#fn-95" id = "anker-95">[95]</a> + als ein guter Dichter + ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch + nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten + Buches den Sizilischen Krieg zu Ende geschrieben hätte. + Den Serranus<a href = "#fn-96" id = "anker-96">[96]</a> + ließ ein frühzeitiger Tod nicht zur vollen + Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten + Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche + Begabung als auch ein für dieses Alter bewundernswertes + Streben nach richtiger Schreibart. Einen großen + Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des Valerius + Flaccus<a href = "#fn-97" id = "anker-97">[97]</a>. + Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die + poetische Anlage des Saleius + Bassus<a href = "#fn-98" id = "anker-98">[98]</a>, + welche auch in + seinem Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch + Rabirius und Pedo<a href = "#fn-99" id = "anker-99">[99]</a> + verdienen gelesen zu werden, wenn + Zeit dazu vorhanden ist. + Lucanus<a href = "#fn-100" id = "anker-100">[100]</a> + ist feurig, schwungvoll + und reich an wertvollen Gedanken, aber er verdient, + um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von + den Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter + haben wir aufgezählt; den Germanicus + Augustus<a href = "#fn-101" id = "anker-101">[101]</a> + haben wir übergangen, weil ihn von den begonnenen + dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und Völker + abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn + zu dem größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft + die Werke, in denen der Jüngling Erholung von Regierungssorgen + suchte, an Erhabenheit, feiner Bildung und + Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser besingen + können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? + Wem hätten die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres + Ohr leihen sollen? Wem hätte die befreundete Gottheit + der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren sollen? + Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle + preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch + den Glanz seiner übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, + die wir das Heiligtum der Poesie verehren, wirst du, + Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein Stillschweigen + beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen: + </p> + + <p style = "font-size: 0.8em"> + „Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der + Efeu<a href = "#fn-102" id = "anker-102">[102]</a>.” + </p> + + <p class = "ein"> + Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen + auf, für deren reinsten und elegantesten Vertreter ich den + Tibull<a href = "#fn-103" id = "anker-103">[103]</a> + halte; manche ziehen den + Properz<a href = "#fn-104" id = "anker-104">[104]</a> vor. + Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger + Gallus<a href = "#fn-105" id = "anker-105">[105]</a>. + </p> + + <p class = "ein"> + Die Satire freilich gehört uns vollständig an. — In + ihr hat sich zuerst + Lucilius<a href = "#fn-106" id = "anker-106">[106]</a> + hohen Ruhm erworben, er, + der bis auf den heutigen Tag so ergebene Bewunderer + hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein den + auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen, + sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von + der Meinung dieser ebenso weit entfernt, wie von der des + Horaz, welcher die Rede des Lucilius einem schlammigen + Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte überflüssige + Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und + hohen Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter + und reiner ist Horaz<a href = "#fn-107" id = "anker-107">[107]</a> + und, wenn ich nicht + durch zu große Vorliebe für ihn bestochen werde, von + hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat sich + auch allerdings durch ein einziges Buch + Persius<a href = "#fn-108" id = "anker-108">[108]</a> verdient. + Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller + auf diesem Gebiete, die sicher einen Namen haben + werden. Eine andere Art von Satire, die ihr buntes Aussehen + nicht durch die Anzahl verschiedener Rhythmen erhält, + hat Terentius Varro<a href = "#fn-109" id = "anker-109">[109]</a> + geschaffen, der gelehrteste + von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter + Werke verfaßt und sich als ein Meister der lateinischen + Sprache und ein Kenner der Altertümer jeder Gattung + und der griechischen Geschichte sowohl als der unsrigen + gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die + Wissenschaft als für die Beredsamkeit. Der Jambus als + besondere Gattung ist von den Römern nicht sehr kultiviert + worden, sondern von wenigen in Sammlungen + anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird + man finden bei Catull<a href = "#fn-110" id = "anker-110">[110]</a>, + Bibaculus<a href = "#fn-111" id = "anker-111">[111]</a>, Horaz, obwohl + bei jenem der epodische (ein kürzerer) Vers eingelegt ist. + Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz fast der einzige, + welcher gelesen zu werden verdient + <a href = "#fn-112" id = "anker-112">[112]</a>; + denn zuweilen + steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und + Grazie und voll Abwechslung in den Wendungen und im + Ausdruck mit dem glücklichsten Erfolge kühn. Will man + noch einen hinzunehmen, so wird es der kürzlich gestorbene + Cäsius Bassus<a href = "#fn-113" id = "anker-113">[113]</a> + sein, aber ihn übertreffen bei weitem + an Genie die Lebenden. + </p> + + <p class = "ein"> + Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken + Attius und Pacuvius<a href = "#fn-114" id = "anker-114">[114]</a> + durch das Gewicht ihrer Gedanken + und durch die Wucht ihres Ausdrucks, sowie + durch das würdige Auftreten ihrer Personen erhaben. + Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer + Werke die letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr + ein Fehler ihrer Zeit als ihres Talentes gewesen zu sein. + Eine größere dichterische Kraft schreibt man dem Attius zu, + während die, welche Anspruch auf Gelehrsamkeit machen, + den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der Thyestes + des Varius<a href = "#fn-115" id = "anker-115">[115]</a> + aber kann jedem griechischen Trauerspiel + an die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu + zeigen, wieviel dieser Mann hätte leisten können, wenn + er sein Genie gezügelt und nicht statt dessen verwöhnt + hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der hervorragendste + Pomponius Secundus<a href = "#fn-116" id = "anker-116">[116]</a>, + welchen die älteren + Leute allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie + jedoch Bildung und Schönheit des Ausdrucks in hohem + Grade zugestehen mußten. In der Komödie bleiben wir + am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung des + Älius Stilo<a href = "#fn-117" id = "anker-117">[117]</a> + folgend sagt, die Musen würden in der + Sprache des Plautus<a href = "#fn-118" id = "anker-118">[118]</a> + geredet haben, wenn sie lateinisch + hätten reden wollen, wenn auch die Alten den + Cäcilius<a href = "#fn-119" id = "anker-119">[119]</a> + mit hohem Lobe feiern, wenn auch die Komödien + des Terenz<a href = "#fn-120" id = "anker-120">[120]</a> + auf Scipio Africanus zurückgeführt + werden (welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten + sind und bis heute noch mehr in Gunst stehen würden, + wenn sie sich in den Schranken des Trimeters gehalten + hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten Schatten + der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung + gekommen bin, daß die römische Sprache nicht + fähig sei, jene Anmut in sich aufzunehmen, welche allein + den Attikern vorbehalten war, wie auch die Griechen sie + in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht haben. + In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet + sich Afranius<a href = "#fn-121" id = "anker-121">[121]</a> + aus: hätte er nur nicht – die eigenen + Sitten verratend – durch Darstellung widriger Knabenliebe + häßliche Stoffe verwertet. + </p> + + <p class = "ein"> + Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen + nicht nach. So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides + Sallust<a href = "#fn-122" id = "anker-122">[122]</a> + gegenüberzustellen, auch wird es Herodot + nicht übelnehmen, wenn ich ihm T. + Livius<a href = "#fn-123" id = "anker-123">[123]</a> gleichstelle, + welcher in der Erzählung wunderbar anmutig und + äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als + sich ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen + wird, den Ereignissen und besonders auch den + Personen angepaßt; und die Regungen des menschlichen + Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig + hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. + So hat er jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts + durch eine Reihe verschiedener Vorzüge erreicht. „Sie + seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” – scheint + mir daher auch äußerst treffend Servilius + Nonianus<a href = "#fn-124" id = "anker-124">[124]</a> + gesagt zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden + habe. Er war ein Mann von gutem Kopfe und + reich an geistreichen Gedanken, aber weniger knapp, wie + es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese + wußte vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas + vorausgehende Bassus + Aufidius<a href = "#fn-125" id = "anker-125">[125]</a>, + wenigstens in den + Büchern über den Germanischen Krieg, er, der durch + seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in einigen + Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es + lebt noch und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein + Mann<a href = "#fn-126" id = "anker-126">[126]</a>, + welcher der Erinnerung späterer Jahrhunderte + würdig ist; einst wird sein Name genannt werden, jetzt + dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet auch nicht + mit Unrecht der Freimut des + Cremutius<a href = "#fn-127" id = "anker-127">[127]</a>, obwohl jetzt + das beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber + einem hohen Gedankenflug und kühnen Wendungen wird + man auch in dem begegnen, was übriggeblieben ist. Auch + sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu nennen sein; + aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und + durchmustern nicht ganze Bibliotheken. + </p> + + <p class = "ein"> + Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es + dahin gebracht, daß sich die lateinische Beredsamkeit auf + einer Höhe befindet, auf welcher sie sich mit der + griechischen messen kann; denn den Cicero + <a href = "#fn-128" id = "anker-128">[128]</a> würde ich jedem + ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch + recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, + zumal da ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt + eine Vergleichung zwischen ihm und Demosthenes anzustellen, + denn diese gehört nicht hierher, da ich glaube, + daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig + gelernt werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner + scheinen mir meist die gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, + Einteilungsmethode und die Art der Vorbereitung + und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung + gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch + eine nicht unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist + gedrängter, dieser wortreicher, jener in seinen Schlußfolgerungen + knapper, dieser breiter, jener kämpft immer + mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen; + auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, + auf der Seite dieses nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr + Sorgfalt, dieser mehr natürliche Begabung. An Witz und + Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen Affekten, + übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben, + daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten + <a href = "#fn-129" id = "anker-129">[129]</a> + unmöglich machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit + der lateinischen Sprache (von der griechischen) + vielerlei, was die Attiker bewundern, nicht erlaubt. + In betreff der + Briefe<a href = "#fn-130" id = "anker-130">[130]</a> + freilich, welche von beiden existieren, und der + Dialoge<a href = "#fn-131" id = "anker-131">[131]</a>, + in welchen der Grieche nichts + geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte + müssen wir jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und + größtenteils Cicero zu seiner Größe herangebildet hat, + denn mir scheint M. Tullius, indem er sich ganz der + Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des Demosthenes, + die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates + nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein + das, was an jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern + die meisten oder vielmehr alle glänzenden Vorzüge + gewann er aus dem glücklichen Reichtum seines unsterblichen + Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar + <a href = "#fn-132" id = "anker-132">[132]</a> + sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt + er Fluten aus; er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung + geboren wurde, damit die Beredsamkeit in ihm + alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann sorgfältiger belehren, + wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große + Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er + erzwingt, durch Vorstellungen erreichte, und als ob der + Richter, wenn er durch die Gewalt seiner Rede mit fortgerissen + wird, nicht von ihm gewaltsam ergriffen würde, + sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt, eine + so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer + Meinung zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht + eines Anwalts, sondern eines Zeugen oder Richters besitzt, + indem ihm zugleich alles dies, wovon kaum jemand + das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit erreichen + könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei + sein Stil, an dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl + die glücklichste Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb + sagten seine Zeitgenossen nicht mit Unrecht, er sei + ein König in den Gerichten, und deshalb wird der Name + Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen + eines Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit + selbst gehalten. Auf ihn wollen wir daher blicken, + er sei unser Vorbild; und wem Cicero ausnehmend gefällt, + der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit + Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an + Erfindung besitzt Asinius + Pollio<a href = "#fn-133" id = "anker-133">[133]</a>, + auch eine große Sorgfalt, + so daß er darin manchen sogar zu weit zu gehen + scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit genug: von + der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so + weit entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt + zu haben scheinen könnte. Messalla + <a href = "#fn-134" id = "anker-134">[134]</a> hingegen + ist glänzend + und durchsichtig und in seiner Rede gewissermaßen + ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen Gesinnung), an + Kräften jedoch schwächer. Wenn C. + Cäsar<a href = "#fn-135" id = "anker-135">[135]</a> aber sich + ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein + anderer von den unsrigen gegen Cicero in Betracht + kommen. Eine so bedeutende Kraft besitzt er, so viel + Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht, er habe + mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen + ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren + Eleganz der Diktion, in welcher er ganz besonders + Meister war. Viel Geist und besonders in der + Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem Cälius + <a href = "#fn-136" id = "anker-136">[136]</a> + eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine + bessere Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich + habe Leute gefunden, welche den + Calvus<a href = "#fn-137" id = "anker-137">[137]</a> allen vorzogen, + ich habe aber auch solche gefunden, die dem + Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch fortgesetztes + Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe + verloren, aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, + streng und häufig auch leidenschaftlich. Er war + ein Nachahmer der Attiker, und sein frühzeitiger Tod + hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch + etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius + <a href = "#fn-138" id = "anker-138">[138]</a> + hat nicht mit Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei + Reden erworben. Viel Nachahmenswertes bietet, wenn + man ihn mit Urteil liest, Cassius Severus + <a href = "#fn-139" id = "anker-139">[139]</a>. Wenn + dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde + des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die + Vorzüglichsten zu zählen sein. Denn er besitzt sehr viel + Talent, außerordentliche Schärfe, weltmännische Bildung + und große Glut, aber er folgt mehr seiner Laune als + einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere Witze, + so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen + zu erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden + Redner aufzuzählen würde zu weit führen: von meinen + Zeitgenossen sind Domitius Afer und Julius Africanus + <a href = "#fn-140" id = "anker-140">[140]</a> + bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der Diktion + und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen + und unbedenklich in die Reihen der Alten zu + stellen. Dieser dagegen ist affektvoller, er geht aber in der + Anwendung von Wortspielen zu weit, ist in der Komposition + häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken + nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab + es (auf diesem Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus + <a href = "#fn-141" id = "anker-141">[141]</a> + meist erhaben und ziemlich leicht verständlich + und erfüllt von dem besten Streben; wenn man ihn hörte, + erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein + so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner + gefunden habe, und eine Aussprache und Haltung, + wie sie auch für die Bühne ausgereicht haben würde, kurz + alles Äußerliche war in reichem Maße bei ihm vorhanden. + Auch Vibius Crispus<a href = "#fn-142" id = "anker-142">[142]</a> + ist ein klarer, angenehmer und + dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch + für Privat– als für Kriminalprozesse. Julius Secundus + <a href = "#fn-143" id = "anker-143">[143]</a> + würde sich, wenn er länger gelebt hätte, einen wahrhaft + berühmten Namen bei der Nachwelt erworben haben; zu + seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon + im Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: + die größere Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich + nicht allein auf den Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt + erstreckt. Obgleich er aber durch den Tod daran verhindert + wurde, behauptet er doch einen bedeutenden Platz: + so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei + der Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, + maßvoll und glänzend seine Art sich auszudrücken, so + treffend die Wahl seiner Worte, auch wenn sie entlehnt + sind, so anschaulich sind einzelne seiner gewagten Redewendungen. + </p> + + <p class = "ein"> + Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, + haben eine reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit + vollem Rechte zu loben; gibt es doch auch heute noch ausgezeichnete + Talente, welche des Forums Glanz + verherrlichen<a href = "#fn-144" id = "anker-144">[144]</a>. + Denn die schon älteren Redner vor Gericht + streben den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen + tritt wiederum der betriebsame Fleiß der jüngeren, welche + das Beste erstreben. + </p> + + <p class = "ein"> + Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben + haben, ein Fach, in welchem die römische Literatur + bis auf den heutigen Tag nur sehr wenig formgewandte + Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher Weise, wie + sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein + Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und + weit mehr, wie in seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen + Inhalt die rechte Form verliehen; man merkt, daß + er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften hat auch + Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der + Sextier<a href = "#fn-145" id = "anker-145">[145]</a>, + nicht ohne Geschick und Anmut. + Plautus<a href = "#fn-146" id = "anker-146">[146]</a> ist in der + stoischen Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, + für die epikureische Philosophie ist ein zwar nicht + bedeutender, aber äußerst lesbarer Gewährsmann Catius + <a href = "#fn-147" id = "anker-147">[147]</a>. + Absichtlich habe ich + Seneca<a href = "#fn-148" id = "anker-148">[148]</a> bei Besprechung + der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen + wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß + ich ihn verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser + Vorwurf traf mich, während ich bemüht war, die verfallene + Beredsamkeit, welche durch Unarten aller Art entstellt + war, zu strengeren Regeln zurückzuführen; damals befand + sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen der + jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt + wissen, aber ich wollte auch nicht dulden, daß er + besseren Schriftstellern vorgezogen würde, welche jener + unaufhörlich angriff, da er sich bewußt war, daß er Beifall + ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise + abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn + er in den gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie + liebten ihn aber mehr, als daß sie ihn nachahmten, und + blieben in demselben Grade hinter ihm zurück, wie jener + sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu wünschen, + daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens + ähnlich geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch + seine Fehler, von welchen ein jeder diejenigen, welche er + gerade kannte, nachzubilden bemüht war; und wenn sich + dann einer rühmte, er schreibe denselben Stil, so brachte + er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im ganzen + betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des + Geistes und Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen + Fleiß und viele Kenntnisse, wobei es ihm jedoch + häufiger widerfuhr, daß er von denen, welchen er Einzeluntersuchungen + übertragen hatte, getäuscht wurde. Er hat + übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung + gezogen; denn man hat von ihm Reden, Gedichte, + Briefe und Dialoge. In der Philosophie ist er zwar nicht + sorgfältig genug, durch seinen Kampf gegen die Unsittlichkeit + jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen + Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, + was seines sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber + in seinem Stile ist viel Verschrobenes, was deshalb so + äußerst verderblich wirkt, weil es voll von anziehenden + Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem + Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben + habe; denn wenn er manches als geringwertig erkannt + hätte, wenn er das Auffallende nicht bevorzugt hätte, + wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut befunden hätte, + und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die Fülle + kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der + allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit + der Vergötterung von Knaben belohnt werden. Gleichwohl + ist er auch so den schon Sicheren und durch strengere + Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon deshalb, + weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn + vieles ist an ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. + Nur treffe man die richtige Auswahl, was er selbst hätte + tun sollen; denn seine natürliche Anlage berechtigt uns + zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt + hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er + auf jeden Fall zum Ausdruck gebracht. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s39" class = "eins">ZWEITES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Von der Nachahmung</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern + entlehne man den Wortschatz, die Redewendungen und + die Kompositionsmethode, sodann muß der Geist nach dem + Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung erhalten. + Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum + großen Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das + schöpferische Hervorbringen das ursprüngliche gewesen ist + und die Hauptsache bleibt, so ist es doch auch nützlich, das + so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich + durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß + wir das selbst hervorbringen wollen, was uns an anderen + gefällt. So bilden die Knaben die Züge der Buchstaben + nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die Musiker + die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer + Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits + bewährte Methode der Bodenkultur als Muster: kurz, + wir sehen, daß die Anfänge jedes Könnens nur nach den + für die einzelnen Disziplinen aufgestellten Vorschriften gelernt + werden können. Und in der Tat müssen wir den + vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich + sein: ihnen ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die + Nachahmung. Der Umstand aber gerade, daß uns die + Nachahmung die Beherrschung von allem so bedeutend + leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten, + schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt + wird. + </p> + + <p class = "ein"> + Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, + schon deshalb, weil nur ein träger Geist mit dem, was + von anderen erfunden ist, zufrieden sein kann. Denn wie + wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild + waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften + nur das tun oder denken, was sie schon kennengelernt + hatten? Natürlich wäre nichts erfunden worden. Wie + sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas erfinden wollten, + was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa + jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres + Geistes dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, + wir aber sollen zum Suchen und Forschen nicht + einmal durch die sichere Gewißheit bewegt werden, daß + diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? + Und während diejenigen, welche in keinem Gegenstande + einen Lehrer gehabt haben, reiche Schätze auf die Nachwelt + vererbt haben, so soll uns der Besitz dieser Schätze + nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern, sondern wir + sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler + sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur + Kopien anfertigen lernen? + </p> + + <p class = "ein"> + Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, + wenn man den Gegenstand, den man nachbildet, erreicht + hat. Denn wie würde es wiederum ergangen sein, wenn + niemand mehr zustande gebracht hätte als der, den er sich + zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann + nicht über Livius + Andronikus<a href = "#fn-201" id = "anker-201">[1]</a>, + in der Geschichtschreibung nicht über die Jahrbücher der + Priester<a href = "#fn-202" id = "anker-202">[2]</a> + hinausgekommen, ja wir würden noch mit Flößen Schiffahrt + treiben; es würde keine Malerei geben außer der, welche + die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne + befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und + wenn man alles genau prüft, wird man sich überzeugen, + daß keine Kunst so geblieben ist, wie sie bei ihrer Erfindung + war, und daß keine bei ihren Anfängen stehengeblieben + ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit + zu einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß + erst jetzt nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße + Nachahmung. + </p> + + <p class = "ein"> + Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen + dürfen, wie können wir da erwarten, daß es je einen vollendeten + Redner geben wird, da doch unter denen, welche + wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten bezeichnen, + sich keiner befindet, an dem man nicht etwas + vermissen oder tadeln könnte. Aber auch die, welche das + höchste Ziel nicht erstreben, müssen mehr wetteifern als + nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere zu überholen, + wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber + doch auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die + gleiche Höhe mit dem erreichen, dessen Fußtapfen er unter + allen Umständen folgen zu müssen glaubt; denn notwendig + muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende sein. + Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu + leisten, als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer + herzustellen, daß nicht einmal die Natur in diesem Punkte + so viel geleistet hat, daß die anscheinend ganz ähnlichen + oder gleichen Dinge sich nicht durch irgendwelches Merkmal + unterscheiden. + </p> + + <p class = "ein"> + Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern + ähnlich ist, notwendig geringwertiger als dieses ist, und + sich zu ihm verhält wie der Schatten zum Körper, das + Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des Schauspiels + zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der + Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild + dienen, ist Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte + alle Nachahmung etwas Gemachtes und fremder Vorschrift + Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß Deklamationen + weniger Saft und Kraft haben als wirkliche + Reden, weil der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, + hier ein erfundener ist. Dazu kommt, daß dasjenige, + was bei einem Redner das bedeutendste ist, sich + nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und + Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt + werden kann. Daher glauben die meisten das, was sie + gelesen haben, ganz wunderbar schön nachzubilden, wenn + sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes Satzgefüge + aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch + im Laufe der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch + kommen, da der Sprachgebrauch ihnen zur sichersten Regel + dient und sie nicht von Natur gut oder schlecht sind (denn + an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je nachdem + sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und + ihre Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch + ihre Abwechslung dem Ohr angenehm ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit + der peinlichsten Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche + Schriftsteller wir nachahmen sollen; denn es gibt sehr + viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, gerade die schlechtesten + und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was wir + bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. + Denn auch bei bedeutenden Schriftstellern finden sich viele + Fehler, wegen deren sich auch die Gelehrten gegenseitig + zur Rechenschaft gezogen haben; freilich wäre zu wünschen, + daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben + Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden + es tun. Auch möge es denen, welche Urteil + genug hatten, die Fehler zu vermeiden, wenigstens nicht + genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge wiederzugeben, + gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr + jene Figuren des + Epikur<a href = "#fn-203" id = "anker-203">[3]</a>, + welche der Oberfläche des + Körpers entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu + begegnen, welche ohne tiefere Kenntnis der Vorzüge eines + Schriftstellers sich an das rein Äußerliche der Rede anlehnen; + wenn diesen dann die Nachahmung gut vonstatten + gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und + Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an + dasselbe in Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist + geraten diese aber auf Abwege und entlehnen die den + Vorzügen am nächsten liegenden Fehler; dann werden + sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo + sie knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, + wo vergnügt, maßlos, wo blumenreich, nachlässig, + wo einfach. So kommt es, daß die, welche irgend etwas + Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum Ausdruck + gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, + welche Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich + Attiker, die, welche durch verkürzte Perioden dunkel sind, + übertreffen den Sallust und Thukydides, die Traurigen + und Nüchternen treten in die Fußtapfen des Pollio, die + Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur irgendwelche + Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich + Cicero ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, + die dann die Art jenes göttlichen Meisters der Rede nachgebildet + zu haben glaubten, wenn sie an den Schluß ein + <span class = "fut">esse videatur</span> („zu sein schien”) gesetzt hatten. Daher ist + es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild + nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit + seine Kräfte in Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, + dem entweder die Schwäche seiner Natur nicht gewachsen + ist, oder dem die Verschiedenheit derselben widerstrebt. + So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte empfänglich + ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen, + und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar + kräftig aber ungebändigt ist, nicht durch Neigung für + das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die beabsichtigte + Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet + dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher + Stoff hart bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, + daß der Lehrer der Beredsamkeit, den ich im + zweiten Buche<a href = "#fn-204" id = "anker-204">[4]</a> + ausgerüstet hatte, den Schülern nicht + allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein + jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das + Gute, was er in ihnen findet, fördern und, soweit es + möglich ist, das Fehlende hinzufügen und Verbesserungen + und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann ist er ein + Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, + die eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird + in den Punkten, wo ihm die Natur hindernd im Wege + steht, sich nicht überflüssig bemühen, wie sehr ihm auch + am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße bei + seinen Zuhörern vorhanden ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, + daß wir in unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, + in den Werken jener Künste Redner und Deklamatoren + nachahmen zu müssen glauben; jedes Gebiet hat + da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. + Die Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen + Kothurn, und umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf + der Sandale einher. Gleichwohl hat die ganze Kunst + der Rede etwas Gemeinsames; und dieses Gemeinsame + müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, + welche sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß + sie auch bei Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft + nicht erregenden Fällen die Schneidigkeit nicht ablegen, + wenn ihnen diese bei irgend jemandem gefallen + hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der + Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn + ihnen das Zarte und Anmutige gefallen hatte. In der + Tat ist aber nicht allein zwischen den einzelnen Rechtsfällen + ein großer Unterschied, sondern auch zwischen den + einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, + bald schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, + bald um zu bewegen, sprechen, was alles durchaus + ungleiche und verschiedene Anforderungen an den Redner + stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu raten, sich einem + einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu + geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist + Demosthenes, in mancher Beziehung verdienen jedoch an + einzelnen Stellen andere den Vorzug, an den meisten er. + Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt zu werden + verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu + werden. + </p> + + <p class = "ein"> + Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man + alles so sagt, wie es M. Tullius gesagt hat? Ich für + meine Person würde es sein, wenn ich es in jedem Punkte + erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die Gewalt + Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt + des Pollio, das Urteil des Calvus an manchen Stellen + hinzunehmen? Denn abgesehen davon, daß es ein Gebot + der Klugheit ist, das, was bei einem jeden Redner + das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man + andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren + Schwierigkeit der Sache das Vorbild nur zum geringsten + Teile diejenigen, welche ihr Augenmerk nur auf einen + Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es also dem + Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild + vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer + größeren Anzahl vor Augen haben, damit von diesem das + eine, von jenem das andere haften bleibt, und wir dann + ein jedes am passenden Orte anbringen können. + </p> + + <p class = "ein"> + Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu + wiederholen, bestehe nicht nur in einer Wiedergabe von + Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu richten, wieviel + edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen + und Personen beobachtet haben, wie sie ihren + Plan, ihre Disposition gestaltet haben, wie endlich alles, + was nur auf unser Vergnügen abzuzielen scheint, Überwindung + des Gegners bezweckt; es ist darauf zu achten, + welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, + auf welche Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung + geboten wird, mit welcher Kraft Beweis und + Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem Geschick Affekte + jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der + Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am + vollkommensten ist, wenn er willig folgt und nicht mit + Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn wir dies völlig + erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer + hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das + Fehlende ergänzt, das Überflüssige abschneidet, der wird + der vollendete Redner sein, welchen wir suchen; und ein + solcher müßte gerade jetzt in vollkommener Gestalt auftreten, + wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen Beredsamkeit + vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die + bisher die größten Redner waren. Denn diese werden + sich auch den Ruhm erwerben, daß sie ihre Vorgänger + übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s47" class = "eins">DRITTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Art und Weise der schriftlichen Übungen + </span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen + geboten werden; unter denen aber, welche wir uns selbst + verschaffen müssen, ist das mühevollste, aber auch das + wirksamste der Griffel + <a href = "#fn-301" id = "anker-301">[1]</a>. + Ihn nennt nicht mit Unrecht M. + Tullius<a href = "#fn-302" id = "anker-302">[2]</a> + den besten Bildner und Lehrmeister der + Rede, ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck + verleiht, daß er ihn dem Lucius + Crassus<a href = "#fn-303" id = "anker-303">[3]</a> in seinem + Buche „Über den Redner” in den Mund legt, und so + sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners verbindet. + Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich + schreiben. Denn wie der tief aufgegrabene Boden für + Erzeugung und Ernährung der Saat geeigneter wird, so + wird ein Wachstum, welches nicht nur auf oberflächlicher + Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer + Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß + wir hiervon fest überzeugt sind, wird jene für den Augenblick + erworbene Beredsamkeit nur eine nutzlose Geschwätzigkeit + verleihen und Worte, welche die Lippen + sprechen. + </p> + + <p class = "ein"> + Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die + Schätze, welche gleichsam in geheimer + Schatzkammer<a href = "#fn-304" id = "anker-304">[4]</a> verborgen + sind, um daraus hervorgeholt zu werden, wenn es + bei plötzlich eintretendem Bedürfnis die Verhältnisse + fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben, + welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch + den Gebrauch nicht erschöpft werden. Denn die Natur + selbst wollte nicht, daß irgend etwas Großes schnell zustande + komme, und stellte gerade dem schönsten Gelingen + schweres Mühen + voran<a href = "#fn-305" id = "anker-305">[5]</a>, + wie sie auch für die natürliche + Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger + in dem Mutterleib verbleiben sollen. + </p> + + <p class = "ein"> + Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie + man nämlich und was man schreiben muß, so will ich + auch bei der Behandlung diese Reihenfolge innehalten. + Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber natürlich + nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge + sich nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden + zu haben, so prüfe man es; hat man es geprüft, + so disponiere man; denn Inhalt und Worte bedürfen der + Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin zu + untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die + Wortstellung und suche auf alle Weise Wohlklang zu + erzielen; nicht aber erhalte jedes Wort die Stellung, + welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller Sorgfalt + auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene + wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so + das Folgende besser mit dem Vorhergehenden verbinden, + gewinnt auch die Wärme des Gedankens, welche durch + langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften + und nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke + frisch zurückgelegt würde; wie wir es bei einem Wettspringen + wohl sehen, daß die Beteiligten weiter ausholen + und bis zu dem Hindernis, um welches es sich im + Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie + wir beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und + im Begriff, Wurfgeschosse zu schleudern, die Bogensehne + rückwärts spannen. Immerhin soll man die Segel dem + Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß + nur dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: + denn alles gefällt uns, während es geschrieben wird, + sonst würden wir es nicht schreiben. Wir wollen aber + dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit + bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem + behandeln. So soll Sallust geschrieben haben; und in der + Tat verrät auch sein Werk selbst die Arbeit. Daß auch + Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage verfaßt + habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners + allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese + Langsamkeit und Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst + muß man das erreichen und festhalten, daß man so gut + wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird schon die Übung + verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter + einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, + die Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, + alles wird wie bei einer wohlorganisierten Dienerschaft + am angewiesenen Platze tätig sein. Alles in allem gilt + dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, daß wir + gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir + schnell schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene + Fähigkeit erlangt haben, müssen wir dagegen arbeiten + und gleichsam die durchgehenden Pferde mit Zügeln festhalten, + was uns nicht sowohl aufhalten, als uns neuen + Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß + man die, welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt + haben, zu der unglückseligen Strafe, sich mit beständiger + Selbstkritik zu quälen, zwingen soll. Denn wie + sollten die ihren Berufsgeschäften als Sachwalter nachkommen, + die über dem Studium einzelner Teile eines Prozesses + alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, + die alles ändern und alles anders ausdrücken + wollen, wie es ihnen der Augenblick eingibt, solche Zweifler + und Selbstquäler, welche es für Fleiß halten, wenn + sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich kann + nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, + ob die, denen alles von ihrer Hand Herrührende + gefällt, oder diejenigen, welchen nichts davon gefällt. + Denn es passiert auch talentvollen Jünglingen häufig, + daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in beständigem + Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen + Wunsch, gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, + daß mir in bezug hierauf Julius Secundus, mein Altersgenosse + und, wie bekannt, mein lieber Freund, ein Mann + von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr großer + Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt + hat. Dieser war nämlich Julius + Florus<a href = "#fn-306" id = "anker-306">[6]</a>, + der hervorragendste Redner in Gallien + <a href = "#fn-307" id = "anker-307">[7]</a> – denn dort befaßte + er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie + wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als + dieser den Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule + besuchte, traurig sah, fragte er nach der Ursache + seines kummervollen Gesichtes. Da gestand ihm der + Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz aller + Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen + Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm + nicht nur für den Augenblick Kummer bereite, sondern + auch für alle Zukunft verzweifeln lasse. Da antwortete + ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu reden, + wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns + Mühe geben, so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend + unseren Fähigkeiten; denn zum Vorwärtskommen + hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die Fähigkeit + aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen + Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein + die Übung verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, + sondern auch das vernünftige Nachdenken. Wenn + wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke ansehen, + einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns + einfalle, sondern wenn wir uns klarmachen, was der + Gegenstand erfordert, was der Person entspricht, welcher + Art die Zeitumstände und die Gemütsart des Richters ist, + und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen, + dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung + des Themas an die Hand. Denn das meiste ist greifbar + und springt in die Augen, wenn wir sie nicht schließen; + deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern nicht + lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr + schämen, wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. + Wir dürfen daher nicht immer das Entlegenste für das + Vortrefflichste halten und dann verstummen, wenn sich + uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben suchen + müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen, + welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel + durchlaufen und der Begeisterung und dem Schwung des + Augenblickes folgend aus dem Stegreif niederschreiben; + dafür haben sie den Namen <span class = "fut">silva</span> + (Wald, hier „ungeordnete + Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen + dann wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen + haben, aber Worte und Rhythmus lassen sich + verbessern, in dem hastig zusammengeschriebenen Inhalt + bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird also richtiger + sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den Gegenstand + gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk + nur noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet + werden muß. Bisweilen jedoch sollen wir uns den Affekten + überlassen, in welchen der Schwung mehr wie die + Sorgfalt wirksam wird. + </p> + + <p class = "ein"> + Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben + verurteile, wird zur Genüge klar, wie ich über die bekannte + Liebhaberei des Diktierens denke. Denn bei dem + noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand, welche der + Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse + Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, + drängt uns, und wir schämen uns wohl auch zu zögern + oder stehenzubleiben oder zu ändern, indem wir gleichsam + den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt + es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, + sondern indem wir nur den Zusammenhang mehren + wollen, zuweilen auch Unpassendes entschlüpft, was weder + beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert. + </p> + + <p class = "ein"> + Wenn aber der Schreiber langsam im Schreiben oder + unsicher im Lesen, kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf + gehemmt, und das bereits im Innern bestehende Bild + geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem + heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht + allein sind, das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung + zu begleiten pflegt und was wiederum zur + Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände stark + bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und + Seite schlagen, was Persius<a href = "#fn-308" id = "anker-308">[8]</a> + meint, wenn er von gewissen + Rednern behauptet: „Und er schlägt nicht auf die + Brüstung und beißt sich die Nägel nicht ab.” Kurz, um + mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das förderlichste + ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren aufgegeben + wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein + menschenleerer Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller + am geeignetsten sei. Man darf jedoch nicht gleich + auf die hören, welche glauben, daß am geeignetsten hierzu + Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel und + eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich + und schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger + Aufenthalt auf jeden Fall mehr genußreich, als zum Studium + anregend zu sein. Denn das, was an sich selbst + der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen + Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns + vorgenommen haben. Denn man kann nicht mit gutem + Gewissen seine Aufmerksamkeit auf viele Dinge zugleich + richten, jeder Blick aber auf einen andern Gegenstand + läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. + Die Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender + Fluß, das Rauschen der Baumwipfel, der Gesang der + Vögel, der freie Blick in die Weite beansprucht unsere + Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß + mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit + einladet. Besser machte es + Demosthenes<a href = "#fn-309" id = "anker-309">[9]</a>, + der sich an einem Orte verbarg, wo man keinen Laut + hören konnte und keine Aussicht genoß, damit die Augen + den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei + Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß + die Stille der Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein + einziges Licht uns gleichsam birgt und so vor Störung + sichert. Aber wie zu jeder gelehrten Beschäftigung, so + braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute Gesundheit + und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche + hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst + zur Ruhe und Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten + Arbeit benutzen. Wer jedoch nur so viel Zeit der Nacht + verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen kann, wird + nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die + Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit + genügt vollauf, falls wir sie hierfür frei behalten, + zu einer Beschäftigung bei Nacht zwingt die Not. Immerhin + ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es mit + frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, + am freisten von Störung. + </p> + + <p class = "ein"> + Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies + Herz sind zwar sehr wünschenswert, können aber + nicht immer uns zuteil werden; deshalb soll man nicht + gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das Buch + wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern + der Störung entgegentreten und durch Gewöhnung so + weit kommen, daß die Stärke des Willens alle Hindernisse + überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung auf die + Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr + berührt, nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es + der Zufall nicht häufig so, daß wir in Gedanken versunken + uns Begegnende nicht sehen und vom Wege abirren? + Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht + nachgiebig sein. Denn wenn wir glauben, nur nach genossener + Erholung, nur heiteren Gemütes, nur frei von + jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können, werden + wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein. + Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim + Gastmahl der denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit + schaffen. + </p> + + <p class = "ein"> + Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten + auf dem Markt, umgeben von so vielen Richtern unter + Wortwechsel und Geschrei, sofort eine zusammenhängende + Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte, welche wir + auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit + wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, + obwohl ein großer Verehrer der Einsamkeit, seine Reden + am Ufer, wo die Wogen mit heftigem Gebrause brandeten, + und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer Volksversammlung + furchtlos gegenüberzutreten. + </p> + + <p class = "ein"> + Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den + Studien nichts geringfügig ist – will ich nicht übergehen, + nämlich daß man am besten auf Wachs schreibt, wo man + das Geschriebene leicht wieder ausstreichen kann, falls + nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern, + das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch + das häufige Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen + des Schreibrohres ermüdet und den Zug der Gedanken + hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der entgegengesetzten + Seite einen Raum frei, auf welchem für + Zusätze freier Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu + enge Raum zur Faulheit im Verbessern und läßt das neu + dazwischen Geschriebene mit dem alten zusammenfließen. + Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig + breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger + Mann, welcher sonst eifrig war, übermäßig lange Reden + hielt, weil er sie nach der Anzahl der Linien maß; und wie + dieser Fehler, dem sich durch fortgesetzte Ermahnung nicht + abhelfen ließ, durch eine Änderung der Schreibtafeln beseitigt + wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf + welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet + wird, was ihnen außerhalb des engeren Zusammenhanges, + d. h. aus Teilen der Rede, mit deren Ausarbeitung sie + augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt. Denn häufig + kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir + weder einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder + vergessen werden oder die mit ihnen Beschäftigten + in dem weiteren Gedankengang stören, und die deshalb + am besten niedergeschrieben werden. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s56" class = "eins">VIERTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Von der Nachbesserung</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem + nützlichsten Teil des Studiums; hat man doch nicht ohne + Grund behauptet, der Griffel sei in nicht geringerem + Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder vernichtet. + Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen + und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und + einfacher, wenn es sich darum handelt, zu ergänzen oder + wegzulassen; das Schwülstige aber zu vereinfachen, das + Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das Ungeordnete + zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang + einzureihen, das zu stark Hervorgehobene + zurückzudrängen: dies alles erfordert doppelte Mühe; + denn auf der einen Seite muß man das, dem man bereits + seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der + andern Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu + hinzu erfinden. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß es + sich empfiehlt, erst dann zu dem Geschriebenen wie zu + einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren, wenn + man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das + von uns Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln + und gefallen. Aber auch dies kann zumal dem Redner + nicht immer zuteil werden, da er häufig für das Bedürfnis + des Augenblicks schreiben muß, man muß auch + im Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich + Leute, welche zu dem Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, + es sei fehlerhaft, zurückkehren, und die jede + beliebige Änderung vorziehen, als ob das zuerst Geschriebene + nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese sind + den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch + schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, + daß es an eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen + zu Verschlechterungen werden. Man gelange also + endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen oder doch + zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, + aber nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man + Maß halten; denn wenn es heißt, + Cinna<a href = "#fn-401" id = "anker-401">[1]</a> habe die + Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren geschrieben, + Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn + Jahre gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da + sein Beistand wertlos ist, wenn er so langsam erfolgt. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s58" class = "eins">FÜNFTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was + hauptsächlich diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben + wollen, schreiben müssen. Nun gehört eine Auseinandersetzung + über die Stoffe, welche an erster, zweiter oder + darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher + (denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan + für die Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen + solchen für die älteren Schüler entworfen haben, geschehen), + sondern es ist die auf unser gegenwärtiges Thema + bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und + Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden. + </p> + + <p class = "ein"> + Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten + unsere Redner der alten Schule für das beste. Dies behauptet + Crassus in Ciceros Schrift „Über den Redner” + häufig getan zu haben<a href = "#fn-501" id = "anker-501">[1]</a>; + dies schreibt Cicero seinerseits + oft vor<a href = "#fn-502" id = "anker-502">[2]</a>, + ja er gab sogar die Bücher Platos und Xenophons + <a href = "#fn-503" id = "anker-503">[3]</a>, + welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; + dies fand auch den Beifall des Messalla, und viele + seiner Reden sind auf diese Weise entstanden, so daß er + mit der äußerst schmucklosen und für Römer sehr schwierigen + Rede des Hyperides für + Phryne<a href = "#fn-504" id = "anker-504">[4]</a> in die Schranken + treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt + auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die + griechischen Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der + Beredsamkeit die größte Kunst; bei der Übertragung dieser + kann nun der Übersetzer so verfahren, daß er stets + den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen + ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von + den Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender + Weise zu bilden, ist schon deshalb notwendig, + weil die römische und die griechische Ausdrucksweise meist + voneinander verschieden sind. + </p> + + <p class = "ein"> + Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte + wohl gleichfalls sehr förderlich sein. Was die Gedichte + anbetrifft, wird dagegen niemand Widerspruch erheben, + ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius ausschließlich + betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist + der Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung + geben, und die Ausdrücke, welche der poetischen Freiheit + entsprechend kühner sind, haben nicht in gleicher Weise + das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen + ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft + zu verleihen, Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. + Auch möchte ich die Forderung aussprechen, daß eine Umschreibung + nicht erklärende Erweiterung sei, sondern ein + Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens. + Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche + die Übertragung lateinischer Reden mißbilligen, weil jede + Veränderung notwendig eine Verschlechterung im Gefolge + haben müsse, falls wir die besten Reden hierzu verwendeten. + Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu + verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es + bereits geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit + nicht so nüchtern und arm, daß man über + <span class = "gesperrt1">einen</span> Gegenstand + nur auf <span class = "gesperrt1">eine</span> Weise + gut reden kann. Oder kann + etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den + gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede + zurückstehen muß, indem ein Gegenstand rednerisch so + behandelt werden kann, daß über den gleichen Stoff jedes + weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt auch, daß + das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, + so kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder + kommt es etwa nicht vor, daß wir selbst über denselben + Gegenstand zweimal und häufiger reden und manchmal + in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir + etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit + anderen hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf + <span class = "gesperrt1">eine</span> Art ein Gegenstand + rednerisch gut behandelt werden + könnte, müßten wir zu der Meinung kommen, daß + uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen abgeschnitten + sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte, + und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. + Ihren eigenen Reiz hat die Kürze, ihren eigenen wiederum + die Fülle, nach anderen Gesetzen muß das Übersetzte, nach + anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das eine läßt + sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in künstlich + figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich + Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende + Schwierigkeit. Dazu kommt noch das gewichtige Moment, + daß die besten Schriftsteller auf diese Weise mit großer + Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen ihre Schriften + nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln + alles einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe + ein und lernen ihre Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie + nicht nachahmen können. + </p> + + <p class = "ein"> + Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch + unser Eigenes auf verschiedene Arten zu behandeln, wird + von Nutzen sein, in der Weise, meine ich, daß wir einzelne + Gedanken auswählen und diesen so häufig wie möglich + eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer + wieder in andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am + meisten Fertigkeit, glaube ich, aber werden wir uns gerade + bei Behandlung der einfachsten Gegenstände erwerben. + Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht + verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge + von Personen, Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, + Warten und Taten zu tun hat, da sich dann von allen + Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus welcher man + etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines + tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp + ist, ausführlich zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende + steigert, dem Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen + Reiz verleiht und über eine kleine Anzahl + von Gegenständen ausführlich geistreich redet. + </p> + + <p class = "ein"> + Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen + über zweifelhafte Fragen, welche, wie wir + bemerkten<a href = "#fn-505" id = "anker-505">[5]</a>, + „Thesen” genannt werden; pflegte sich doch Cicero mit + diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im Staate + einnahm<a href = "#fn-506" id = "anker-506">[6]</a>. + Dieser Übung ist die Widerlegung und das + Beweisen einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher + Satz entweder ein Urteil oder eine Vorschrift enthält, so + kann auf der einen Seite die Sache selbst, auf der andern + Seite das Urteil über dieselbe untersucht werden. Dazu + kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich + auch von Rednern<a href = "#fn-507" id = "anker-507">[7]</a> + bearbeitet worden sind. Denn + wer diese nur, indem er bei der Stange bleibt, ohne auf + Abwege zu geraten, erschöpfend behandelt hat, der wird + gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen zuläßt, um + so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch + alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl + kein Unterschied, ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius + <a href = "#fn-508" id = "anker-508">[8]</a> + soll in Anklagezustand versetzt werden, weil er + einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen: wird die + Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag + dem Volke selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage + aufstellen, ob Milo<a href = "#fn-509" id = "anker-509">[9]</a> + den Clodius mit Recht getötet + habe, oder ob wir sie formulieren: darf man einen + Feind und staatsgefährlichen Bürger töten für den Fall, + daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt? + Ferner: Hat Cato die Marcia dem + Hortensius<a href = "#fn-510" id = "anker-510">[10]</a> unbeschadet + seiner Ehre übergeben? oder: Ziemt so etwas + einem rechtschaffenen Manne? Über eine Person wird + das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird + der Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie + in den Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind + diese, falls sie nur der Wirklichkeit entsprechend und richtigen + Reden verwandt sind, nicht allein, solange das Fortschreiten + noch ein langsames ist, von großem Nutzen, da + sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben, + sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß + gelangt ist, und der junge Redner schon Lorbeeren auf + dem Forum geerntet hat. Denn die Beredsamkeit erhält + Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine angenehmere + Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen harten + Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb + muß man in manchen zur Übung geschriebenen Aufsätzen + die Breite der Geschichtschreibung anwenden und sich an + der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen üben; + selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht + ohne Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und + ausgesuchterer Kost erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit + dem Zwang in Speise und regelmäßiger Übung entsagt + haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der Beredsamkeit + so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich + auch zu diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet + hat. Denn wenn uns die Prozesse allein Stoff liefern, + dann wird notwendig der Glanz schwinden, die feineren + Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die + Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf + werden. + </p> + + <p class = "ein"> + Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam + im militärischen Dienstverhältnis befindlichen Rednern + diese süße Speise Erfrischung und Stärkung bietet, + so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem bloßen + Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an + inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem + Wirken in der Dämmerung des geschlossenen Raumes, + mit welchem sie durch langjährige Gewöhnung vertraut + geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne aufgeschreckt + werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse + zu tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst + einem Porcius Latro<a href = "#fn-511" id = "anker-511">[11]</a>, + welcher ein berühmter Lehrer der + Beredsamkeit war. Als er, der sich einen großen Ruf + durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede auf + dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden + Bitte gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal + verlegen. So ungewohnt war ihm der freie Himmel, + daß man hätte glauben können, alle seine Beredsamkeit + sei von Wand und Decke abhängig. + </p> + + <p class = "ein"> + Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form + in der rechten Weise zu gestalten von seinen Lehrern mit + Fleiß gelernt hat (was keine grenzenlose Aufgabe ist, + wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten Willen + haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie + es auch bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur + Nachfolge und Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen + sei er so häufig wie möglich anwesend und + ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren, bei + welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann + soll er entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen + er beigewohnt hat, schriftlich ausarbeiten, oder auch + andere, aber solche, welche der Wirklichkeit entnommen + sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen üben, wie + wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel + des Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als + Entgegnung auf die Reden der Alten schreiben, wie es + Cestius<a href = "#fn-512" id = "anker-512">[12]</a> + mit der Rede Ciceros für Cestius tat, obwohl + er aus der Verteidigungsrede die Sache der andern Partei + nicht hinreichend kennen konnte. + </p> + + <p class = "ein"> + Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, + wenn ihn sein Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen + so sehr wie möglich der Wahrheit treu zu bleiben + und die Stoffe vollständig zu bearbeiten, während er + sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte. Freilich + steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt + die allzu große Menge der Schüler und der Brauch, die + Klassen an bestimmten Tagen deklamieren zu lassen, hindernd + im Wege, einigermaßen auch die Urteilslosigkeit der + Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht nach + ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer + (wie ich im ersten Buche ausgeführt habe) + <a href = "#fn-513" id = "anker-513">[13]</a> wird sich + nicht mit einer größeren Anzahl von Schülern, als er vertragen + kann, belasten; er wird zu große Weitschweifigkeit + beschneiden, so daß er nur alles das, was die Streitfrage + betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode + einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang + mit dem Stoff steht; auch wird er die Zeit, + in welcher die aufgegebenen Vorträge gehalten werden + müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder die + Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete + wird von höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl + von nur begonnenen Versuchen, welche der Schüler gleichsam + nur gekostet hat. In diesem Fall nämlich pflegt es + so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten Platz erhält, + und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb + der gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge + blühende Redewendungen überall zusammensuchen und + auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt es, daß + sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien + keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck + aller Art unklar gestalten. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s65" class = "eins">SECHSTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Sammlung des Gedankenstoffes</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am + nächsten verwandt ist die Anfertigung von Entwürfen im + Kopf, welche ebenfalls von jener Übung ihre Kräfte empfängt + und zwischen dem mühevollen Verfassen von Aufsätzen + und dem Glückswurf der Improvisation in der + Mitte steht und vielleicht am häufigsten zur Anwendung + kommt. Denn längere Aufsätze anzufertigen, dazu sind + wir nicht überall und nicht immer imstande, für Anfertigung + von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit + und Ort meist reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf + umfaßt in wenigen Stunden selbst große Prozesse; er + wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn der Schlaf + unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in + der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man + keinen Augenblick unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie + es wohl genug wäre, eine Anordnung des Stoffes, sondern + er verbindet auch die Worte und webt die ganze + Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur + die schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis + das meist weit treuer, was nicht durch die Mühe des + Schreibens weniger fest aufgefaßt ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken + kann man nicht plötzlich oder schnell gelangen. + Denn erstlich müssen wir durch vieles Schreiben eine + Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei + dem Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich + die Erfahrung zu gewinnen in der Weise, daß wir + uns nur an kleinen Aufgaben versuchen, deren treue + Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere + Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, + daß wir eine Mehrbelastung nicht spüren, und + endlich durch beständige Übung, welche hauptsächlich in + einer Schulung des Gedächtnisses beruht, größere Stoffmassen + umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an + jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. + Es kommt mit der Zeit dahin, daß der, bei + welchem der Geist sich willig zeigt, durch eifriges Studium + erreicht, daß bei ihm das, was er nur in Gedanken entworfen + hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie + das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat. + </p> + + <p class = "ein"> + Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor + <a href = "#fn-601" id = "anker-601">[1]</a> + aus Skepsis und + Empylus<a href = "#fn-602" id = "anker-602">[2]</a> + aus Rhodos und + von unseren Rednern Hortensius das in Gedanken Entworfene + in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben. + </p> + + <p class = "ein"> + Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens + die Rede die Färbung der Improvisation erhält, so soll + man nicht ängstlich bei dem vorher Ausgedachten haften + bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so sorgfältige + Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem + glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig + auch in das Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen. + </p> + + <p class = "ein"> + Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu + verfahren, daß wir leicht den Entwurf verlassen und ihn + wiederfinden können. Denn wie es das erste ist, von Hause + eine stets in Bereitschaft gehaltene und sichere Fülle des + Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits die + größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. + Daher soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in + der Weise beschaffen sein, daß uns der Zufall nicht außer + Fassung bringen, wohl aber zustatten kommen kann. Durch + ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht, daß das von uns + im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen entströmt, + und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und + Anklammern an das Gelernte den Blick auf das Folgende + nicht trübt, sonst würde ich selbst eine übermütige + Improvisation einer übel zusammenhängenden Vorbereitung + vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach + rückwärts suchen muß, weil wir, während wir so suchen, + von anderem uns abwenden müssen und die Gedanken + aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem Stoff. Wenn + man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch + gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden + worden ist. + </p> + </section> + <br> + + + <section> + <div class = "chapter zentriert abst1-8"> + <h2 id = "anker-s68" class = "eins">SIEBENTES KAPITEL<br> + <span class = "zwei"> </span><br> + <span class = "drei">Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif + zu reden, erworben und erhalten wird</span> + </h2> + </div> + + <p class = "ein"> + Der größte Gewinn aber des Studiums und gleichsam + der reichste Lohn für ein langes Arbeiten ist die + Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer diese nicht + erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf + den Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine + einseitige Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an + anderen Stoffen ausüben. Denn einem Manne von wirklicher + Gewissenhaftigkeit steht es nicht wohl an, eine Hilfeleistung + zum allgemeinen Nutzen zu versprechen, welche + in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt, einem + Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem + Winde einlaufen kann. Wird doch in unzähligen + Fällen ein plötzliches Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt + gegenüber oder bei plötzlich angestelltem Gerichtsverfahren. + Wenn ein solcher Fall nun – ich will nicht + sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner + Freunde und Verwandten passiert, soll er dann stumm + dastehen und in Gegenwart derer, die seine Verteidigung + verlangen und dem Untergang preisgegeben sind, wenn + ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit + und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und + dem Gedächtnis eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet + sind? Und wie könnte man wohl vernünftigerweise + auf die Forderung verzichten, daß der Redner + jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, + wenn er seinem Gegner antworten muß? Denn häufig + bleibt das, was wir vermutet hatten und wogegen wir + geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt + plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann + dem Andringen der Stürme gegenüber, so muß der Redner + bei einer plötzlich veränderten Wendung des Prozesses sein + Verfahren ändern. Was erreicht man denn schließlich mit + den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender Lektüre + und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe + Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit + der vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig + zugeben, der auf dem gleichen Gebiete immer derselben + Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich nicht + gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug + geben soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies + werden wir aber am besten auf folgende Weise erreichen. + </p> + + <p class = "ein"> + Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen + hat, bekannt sein; denn der Wettlauf kann nicht glücken, + bevor wir wissen, welche Richtung und welchen Weg wir + einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die einzelnen + Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen + Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die + Hauptsache ist, sondern man muß auch wissen, was in + jedem dieser Teile zuerst vorzubringen ist, was an zweiter + Stelle und was nachher; ferner was seiner Beschaffenheit + nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen Platz + vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß + Verwirrung entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt + sich vor allem durch die Reihenfolge der Ereignisse selbst + führen, daher kommt es hauptsächlich, daß auch weniger + geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden + behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig + haben, worauf sich die Untersuchung bezieht, und nicht + umhergaffen oder durch das, was sich von anderer Seite + den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und nicht + aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen + wie Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an + keinem Orte verharren. Außerdem soll man Maß und + Ziel einhalten, was ohne Disposition nicht möglich ist. + Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft ist, sei man + sich bewußt, daß man fertig ist. + </p> + + <p class = "ein"> + Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das + Weitere ist eine Frucht praktischer Übung. Damit wir + uns eine Fülle der besten Ausdrücke der bereits gegebenen + Vorschrift entsprechend aneignen, muß die Redefertigkeit + durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere + geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte + Wort dieselbe Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. + Wir werden daher, nachdem wir viele schriftliche Aufsätze + gefertigt haben, auch viele Übungen im mündlichen Vortrag + anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt + hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin + Pausen eintreten läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit + matter, sondern die Zunge selbst wird stumpf und müde. + Denn obwohl es einer gewissen natürlichen Beweglichkeit + dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, + und daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben + Gesprochene anknüpft, so kann doch kaum natürliche Anlage + oder künstliche Berechnung uns zu einer so vielseitigen + Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung, Disposition, + Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in + genügender Weise beachten, und daß wir dabei noch den + eben gesprochenen Worten, den darauffolgenden und + denen, welche im weiteren Verlaufe folgen sollen, Beachtung + schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und + Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn + die Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit + dem Folgenden beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, + so viel muß aus dem noch Ausstehenden zur Ergänzung + herangezogen werden, so daß äußerer und innerer + Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir + nicht stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene + Sätze nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen. + </p> + + <p class = "ein"> + Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche + die Griechen ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige + Beschäftigung”) nennen; sie läßt uns die Hand + beim Schreiben bewegen, die Augen beim Lesen über die + Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und + das Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende + ausgesprochen hat. Diese mechanische Fertigkeit + bringt auf der Bühne jene Wunder der Gaukler und + Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das + in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, + was sie dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl + wieder zurückkehrt. Aber diese mechanische Fertigkeit + wird nur dann von Nutzen sein, wenn zuvor die + Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, + durch welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen + Zwecke verwendet wird. Denn wer ohne Ordnung, + Schmuck und Fülle redet, der scheint mir nicht zu reden, + sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden + ohne Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da + ich es auch bei schimpfenden Weibern reichlich gesehen + habe; wenn es aber von Feuer und Geist getragen wird, + dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste Vorbereitung + an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. + In einem solchen Falle pflegten dann die alten + Redner, wie Cicero + sagt<a href = "#fn-701" id = "anker-701">[1]</a>, + zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. + Die Ursache hiervon liegt auf der Hand. Tiefgreifende + Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen + in vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit + derselben durch den Aufenthalt des Schreibens + verringert wird, die, wenn einmal etwas verlorengegangen + ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf + jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich + nicht äußern, wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei + anwendet, und bei jedem Ausdruck einen Anstoß + findet, sondern die Rede wird, wenn auch jeder Ausdruck + peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, + als Stückwerk sein. + </p> + + <p class = "ein"> + Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, + welche, wie ich gesagt + habe<a href = "#fn-702" id = "anker-702">[2]</a>, von den Griechen + als Bilder der Phantasie bezeichnet werden, in sich + aufnehmen, und es muß alles, was der Gegenstand unserer + Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit + verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge + gefaßt und in die Glut des Affekts getaucht werden: + denn das Herz ist es, was beredt macht, und die Kraft + der Vorstellung. + </p> + + <p class = "ein"> + Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, + wenn sie nur von einem lebhaften Gefühle erregt sind. — + Ferner ist der Geist nicht auf einen einzigen Gegenstand, + sondern auf mehrere zugleich zu richten, so wie wir bei + einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen durchmessen, + nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr + und an ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen + Anreiz zum Reden trägt auch ein berechtigter Ehrgeiz + in sich; während man sich daher beim Schreiben an der + Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich meidet, + wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer + wie der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. + Denn auch einen schwierigen Gedanken läßt + die Nötigung des Redens zum Ausdruck gelangen, und + einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen. + So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit, + wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, + sich hauptsächlich durch den augenblicklichen Gewinn von + Ruhm und Anerkennung leiten läßt. Nur möge keiner + zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß + er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf + glücken, vielmehr muß man, wie bei dem Entwurf im + Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren von kleinen + Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur + durch Übung erreicht und behauptet werden kann. Man + muß es aber hierin so weit bringen, daß der im Kopf + zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen Umständen + besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine + Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern + auch in Versen angeeignet haben, wie + Antipater<a href = "#fn-703" id = "anker-703">[3]</a> aus + Sidon und Licinius + Archias<a href = "#fn-704" id = "anker-704">[4]</a>, + wenn man Cicero Glauben + schenken darf; damit will ich aber nicht gesagt haben, daß + nicht auch manche in unserer Zeit es so weit gebracht + haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für + etwas so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es + ist weder besonders nützlich noch notwendig), so meine + ich doch, daß es denen, welche sich zur Tätigkeit auf dem + Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild gibt, wenn + man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl + soll das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes + sein, daß wir nicht wenigstens einen kurzen Augenblick + – der fast nie fehlen wird – erübrigen, um das, + was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu + überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen + und auf dem Forum immer Gelegenheit sein wird; denn + niemand tritt als Gerichtsredner auf, ohne sich über den + schwebenden Rechtsfall zu unterrichten. Manche Kunstredner + verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß sie sich sofort + zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen + ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen + wollen, was besonders abgeschmackt und schauspielermäßig + ist. Freilich verlacht ihrerseits wieder die Beredsamkeit + ihre Anhänger, die sie so herabwürdigen, und sie, welche + Törichten gebildet erscheinen wollen, erscheinen Gebildeten + töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so plötzliche + Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man + einer besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man + muß dann alle geistige Kraft auf den Gegenstand lenken + und vorderhand auf stilistische Sorgfalt verzichten, wenn + Inhalt und Form gleich sorgfältig zu behandeln nicht + möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein langsameres + Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam + zögernde Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß + wir zu überlegen, nicht aber steckenzubleiben scheinen. + So werden wir verfahren, während wir noch im Begriff + sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der + Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. + Bald aber werden wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung + bringen, die Taue zurechtmachen und uns in volle + Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als + daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, + eine Beute für die Stürme, welche einen, wohin sie + wollen, tragen werden. + </p> + + <p class = "ein"> + Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese + Fertigkeit zu erhalten, wie um sie zu erwerben. Das + theoretische Wissen verliert sich nicht, wenn es einmal + recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche Übung büßt + durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; + diese Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und + in Bereitschaft zu sein, wird lediglich durch Übung erhalten. + Dies erwerben wir uns dann am besten, wenn + wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden + haben, deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher + Sorge entgegensehen; denn daß man die eigene Kritik + fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist es besser, wenn + wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns überhaupt + nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem + Orte und zu jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes + tun, stattfinden kann, besteht im bloßen Denken und der + Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still (indem wir + jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist + zum Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man + wird bei dieser eine sorgfältigere Anordnung treffen als + bei jener, wo wir den Zusammenhang der Rede zu unterbrechen + fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die + vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung + einer kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache + und guter körperlicher Bewegungen, welche, wie + gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung bringen, + wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen + mit dem Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem + Schweif machen. Man muß sich aber mit Eifer dem Studium + hingeben immer und überall. Ist doch auch fast nie + ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer + Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie + Cicero den Brutus sagen läßt + <a href = "#fn-705" id = "anker-705">[5]</a>, + sei es für Schreiben, Lesen + oder Redeübungen erübrigt werden könnte, wie denn auch + C. Carbo<a href = "#fn-706" id = "anker-706">[6]</a> + selbst im Felde solche Redeübungen anzustellen + pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was Cicero + gleichfalls + empfiehlt<a href = "#fn-707" id = "anker-707">[7]</a>, + daß unser Sprechen niemals nachlässig + sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben + und wo wir es tun, immer besitze es eine relative Vollkommenheit. + Und schreiben soll man zu keiner Zeit mehr + als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn + so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit + gehört zu den folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit + des Ausdrucks, welche sonst in Oberflächlichkeit ausarten + würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe, sowie + die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln + eines Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche + befestigen, abschneiden, damit die schwächeren weiter in + die Tiefe wachsen und so erstarken. Und vielleicht fördert + beides, mit Sorgfalt und Fleiß ausgeführt, einander + in der Weise, daß wir durch das Schreiben sorgfältiger + reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit + schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, + schreiben, und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich + durch Überdenken des Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, + so soll man doch darauf hinwirken, daß weder der Redner + in Verlegenheit gesetzt, noch sein Klient verlassen scheint. + </p> + + <p class = "ein"> + Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu + halten, daß sie das Notwendigste und auf jeden Fall den + Anfang aufschreiben und das übrige, was sie im Gedächtnis + haben, in Gedanken disponieren, plötzlichen Einwürfen + aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß + M. Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen + hervor. Es sind aber solche auch von anderen in + Umlauf, welche aufgefunden in der Gestalt, in der sie ein + Redner niedergeschrieben hatte, später in Bücher eingeteilt + worden sind, wie die Notizen über die Prozesse, + welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch + drei Reden vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten + Aufzeichnungen sind von einer peinlichen Genauigkeit, + daß ich glauben möchte, sie seien von ihm selbst + für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen, + welche nur für den Augenblick berechnet waren, + hat sein Freigelassener Tiro gesammelt; eine Tatsache, + welche ich nicht anführe, damit sie denselben zur Entschuldigung + diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall + versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu + erhöhen. Bei dem freien Sprechen billige ich es vollständig, + wenn man sich kurze Notizen in eine Rolle macht, + welche man auch in der Hand behalten und ab und zu + einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des + Länas<a href = "#fn-708" id = "anker-708">[8]</a>, sogar bei + dem, was wir geschrieben haben, + den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch und einzelne Hauptabschnitte + einzutragen<a href = "#fn-709" id = "anker-709">[9]</a>. Denn + das Vertrauen auf dieses + Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und + macht unser Reden stockend und formlos. Möchte ich + doch nicht einmal, daß man das aufschreibt, was man vollständig + auswendig lernen will; denn hier kommt es auch + vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen + haften bleiben, und daß wir auf das, was ein + glücklicher Augenblick uns eingibt, verzichten. Unsicher und + schwankend werden wir dann, da wir das Aufgeschriebene + verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben. + </p> + + <p class = "ein"> + Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche + sprechen und darf dies hier nicht schon anfügen, weil ich + anderes vorausschicken muß. + </p> + </section> + <br> + + <div class = "abst4"> + <h2 class = "drei">Anmerkungen</h2> + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert"> + Erstes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-1" id = "fn-1">[1]</a> Dieselben sind in + den beiden vorhergehenden Büchern enthalten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-2" id = "fn-2">[2]</a> + Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann + hin und her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff + den Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die + Lektüre dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-3" id = "fn-3">[3]</a> + Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. + Ähnlich heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610: + </p> + <p class = "einfn" style = "margin-top: -1em;"> + Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; + Horaz, Satiren I, 1, 70: + </p> + <p style = "margin-left: 4em; margin-top: -0.8em"> + Du liegst voll Gier auf den Säcken,<br> + Die du zusammengerafft. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-4" id = "fn-4">[4]</a> + Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein + Redner werden will. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-5" id = "fn-5">[5]</a> + S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-6" id = "fn-6">[6]</a> + Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste, Archilochus, + wird weiter unten charakterisiert. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-7" id = "fn-7">[7]</a> + Aristophanes, Eupolis, Kratinus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-8" id = "fn-8">[8]</a> + Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die + zuerst von Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche + Weise der ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, + welches Volk das älteste sei. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-9" id = "fn-9">[9]</a> Oder „Käse”, wie Vergil, + Eklogen 1, 81. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-10" id = "fn-10">[10]</a> Im Gegensatz zu dem + toten Buchstaben. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-11" id = "fn-11">[11]</a> Die Reden um den Kranz. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-12" id = "fn-12">[12]</a> Servius Sulpicius + Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte + zur Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. + In dem nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, + 2, 106 als Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der + Ankläger. Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über + Messalla, Pollio und Cassius s. weiter unten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-13" id = "fn-13">[13]</a> Cajus Nonius Asprenas, + ein Freund des Augustus, wurde + von Cassius angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl + 130 Personen vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit + seiner Freisprechung. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-14" id = "fn-14">[14]</a> Die entsprechenden Reden + Ciceros sind die für Ligarius und + gegen Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die + Gewalt Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, + wurde, als seine Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, + von Tubero wegen seines Verhaltens in Afrika angeklagt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-15" id = "fn-15">[15]</a> Freund und Zeitgenosse + Ciceros. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-16" id = "fn-16">[16]</a> Cornelius Celsus, zur + Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender + Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft, + Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten + ist nur seine Schrift <span class = "fut">de medicina</span>. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-17" id = "fn-17">[17]</a> Er war aus Nemausus in + Gallien. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-18" id = "fn-18">[18]</a> Crispus Passienus der + Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero, + gestorben 49 n. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-19" id = "fn-19">[19]</a> Vielleicht Lälius Balbus + unter Tiberius. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-20" id = "fn-20">[20]</a> Der Fall ist nicht näher + bekannt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-21" id = "fn-21">[21]</a> Wo Cicero dies gesagt hat, + ist unbekannt; die Stelle des + Horaz steht <span class = "fut">ars poetica</span> 359. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-22" id = "fn-22">[22]</a> In seinem Buche über die + Rhetorik. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-23" id = "fn-23">[23]</a> Rede für den Dichter + Archias 12. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-24" id = "fn-24">[24]</a> Das ist die antike + Auffassung der Geschichtschreibung, welche + sich von der modernen wesentlich unterscheidet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-25" id = "fn-25">[25]</a> IV, 2, 45. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-26" id = "fn-26">[26]</a> Der Redner 39; 62. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-27" id = "fn-27">[27]</a> Hiermit sind offenbar die + auch uns zum Teil erhaltenen + Schriften des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-28" id = "fn-28">[28]</a> Brutus 248. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-29" id = "fn-29">[29]</a> In einer nicht auf uns + gekommenen rhetorischen Anweisung. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-30" id = "fn-30">[30]</a> Aratus lebte um 270 v. Chr. + am Hofe des Königs Antigonus + Gonatas von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den + Worten: Ἑκ Διὸϛ ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). + Dieses Werk bespricht Quintilian weiter unten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-31" id = "fn-31">[31]</a> Ilias XXI, 196. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-32" id = "fn-32">[32]</a> Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-33" id = "fn-33">[33]</a> Phönix, Ilias IX, 529 ff. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-34" id = "fn-34">[34]</a> Ilias XXIV, 486 ff. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-35" id = "fn-35">[35]</a> Um 800 v. Chr., Verfasser + des didaktischen Gedichtes „Werke + und Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des + Herakles”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-36" id = "fn-36">[36]</a> Der Stil, welcher in der + Mitte steht zwischen dem schlichten + attischen und dem überladenen asiatischen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-37" id = "fn-37">[37]</a> Epischer Dichter aus + Kolophon, lebte gegen das Ende des + Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-38" id = "fn-38">[38]</a> Aus Halikarnaß, um 480 + v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser + eines epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-39" id = "fn-39">[39]</a> Geboren zu Alexandria, + aber als rhodischer Bürger gewöhnlich + „der Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria + um 190 v. Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-40" id = "fn-40">[40]</a> Die alexandrinischen + Kritiker, besonders Aristophanes aus + Byzanz und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert + v. Chr. ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, + das auch in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt + wurde. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-41" id = "fn-41">[41]</a> S. Anm. 30. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-42" id = "fn-42">[42]</a> Der berühmte Idyllendichter + aus Syrakus, um 275 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-43" id = "fn-43">[43]</a> Aus Kamirus auf Rhodos, + um 640 v. Chr., Verfasser einer + „Herakleia”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-44" id = "fn-44">[44]</a> Nikander, wahrscheinlich + aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. + zum Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und + schrieb außer vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und + „Theriaka” über Bisse giftiger Tiere. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-45" id = "fn-45">[45]</a> Ämilius Macer aus Verona, + gestorben 16 v. Chr., schrieb + „Ornithogonia” und „Theriaka”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-46" id = "fn-46">[46]</a> Quintilian scheint, durch + die Gleichheit des Titels veranlaßt, + an die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht + nachweisen, daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des + Nikander als Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über + die Bienen (Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-47" id = "fn-47">[47]</a> Euphorion aus Chalkis + auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., + lebte in Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der + Bibliothek. Seine epischen Gedichte und Elegien wurden wegen + ihres mythologischen und antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und + von Cornelius Gallus nachgebildet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-48" id = "fn-48">[48]</a> Eklogen 10, 50. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-49" id = "fn-49">[49]</a> In der + <span class = "fut">ars poetica</span> 401. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-50" id = "fn-50">[50]</a> Tyrtäus, um 685-668 + v. Chr., aus Aphideä in Attika, + berühmt durch seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im + Zweiten Messenischen Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert + haben sollte. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-51" id = "fn-51">[51]</a> Kallimachus aus Kyrene, + um 260 v. Chr., lebte in Alexandria. + Er erlangte hohen Ruhm durch seine Elegien, die von den + römischen Dichtern Catull, Properz und Ovid nachgeahmt wurden. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-52" id = "fn-52">[52]</a> Philetas aus Kos, Freund + des Theokrit, Lehrer des Ptolemäus + II. Philadelphus, um 280 v. Chr., von Properz und Ovid + nachgeahmt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-53" id = "fn-53">[53]</a> Die beiden hier nicht + Genannten sind Simonides aus Samos, + um 660 v. Chr., und Hipponax aus Ephesus, um 540 v. Chr., ein + scharfer Satiriker. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-54" id = "fn-54">[54]</a> Nicht angeführt sind + Alkman aus Sardes, um 620 v. Chr., + Sappho aus Lesbos, um 600 v. Chr., Ibykus aus Regium, um + 540 v. Chr., Anakreon aus Teos, später am Hofe des Polykrates + von Samos, Bakchylides aus Kos, um 465 v. Chr. – Pindar, + geb. 522 v. Chr. in Kynoskephalä bei Theben, hochgeachtet von + Fürsten und freien Bürgern im Leben und nach seinem Tode + 441 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-55" id = "fn-55">[55]</a> Oden IV, 2: + </p> + <div class = "einfn"> + <div style = "margin-left: 2em">Wer sich erkühnt, dem Pindar nachzusingen,</div> + <div style = "margin-left: 3em">Der hebt, Jullus, sich mit tollem Mut</div> + <div style = "margin-left: 2em">Auf Dädalus' mit Wachs gefügten Schwingen</div> + <div style = "margin-left: 3em">Und gibt den Namen der kristallnen Flut.</div> + <div style = "margin-left: 2em">Wie von den Regengüssen angeschwollen,</div> + <div style = "margin-left: 3em">Aus den gewohnten Ufern tritt der Fluß,</div> + <div style = "margin-left: 2em">So stürzt hervor mit allgewalt'gem Rollen</div> + <div style = "margin-left: 3em">Aus ungemeß'ner Tiefe Pindarus.</div><br> + </div> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-56" id = "fn-56">[56]</a> Stesichorus aus + Himera auf Sizilien, geb. um 630 v. Chr., + der berühmteste Dichter Siziliens, starb hochbetagt in Catana. + Vgl. über ihn Horaz (Oden IV, 9, 4 ff.): + </p> + <p style = "margin-left: 3em; margin-top: -0.8em"> + Zwar glänzt Homer als erster in Sängerreih'n,<br> + Doch schweigt darum die Muse des Pindar nicht,<br> + Noch Ceas Lied, Alcäus' Schlachtruf,<br> + Oder Stesichorus' ernste Dichtung.<br> + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-57" id = "fn-57">[57]</a> Aus Mytilene auf + Lesbos, 611-580 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-58" id = "fn-58">[58]</a> Gemeint sind die + Gedichte des Alcäus, welche den zehnjährigen + Bürgerkampf seines Vaterlandes behandeln. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-59" id = "fn-59">[59]</a> Myrsilus und Pittakus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-60" id = "fn-60">[60]</a> Simonides aus Julis + auf Kos (556-486 v. Chr.), lebte teils + in Athen am Hofe des Hipparch, teils an dem des Hiero in Syrakus. + Mit ersterem war er befreundet, ebenso mit Themistokles, Pausanias, + Anakreon u. a. Er besaß weltmännische und wissenschaftliche Bildung + und war mit einem vorzüglichen Gedächtnis ausgestattet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-61" id = "fn-61">[61]</a> Aristophanes aus Athen, + zur Zeit des Peloponnesischen Krieges, + trat schon früh mit Komödien auf. Er lebte noch 386 v. Chr. – + Eupolis dichtete angeblich schon im 17. Jahre Komödien, mit + Aristophanes + befreundet, dann entzweit. – Kratinus aus Athen, ebenfalls + Zeitgenosse des Aristophanes, durch persönliche Satire gefürchtet, + schuf den komischen Stil. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-62" id = "fn-62">[62]</a> Äschylus, geboren + in dem attischen Demos Eleusis 525 v. Chr., + führte in großer Zeit ein bewegtes Leben und übte auf die Gestaltung + der Tragödie nicht geringen Einfluß, gestorben 456 v. Chr. + Von 70 Tragödien sind uns noch 7 erhalten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-63" id = "fn-63">[63]</a> Uns ist nichts von + einer Verbesserung seiner Stücke oder von + der Erlaubnis zur Aufführung seitens der Athener bekannt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-64" id = "fn-64">[64]</a> Sophokles, + geb. 496 v. Chr. in dem attischen Demos Kolonos, + der größte Tragödiendichter des Altertums, gest. 406. Von 86 Tragödien + sind 7 erhalten, von denen einige auch heute noch aufgeführt + werden. – Euripides, geb. in Salamis 480 v. Chr., trat + früh als Dichter auf, gest. 406 in Pella, hochgeehrt von dem König + Archelaus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-65" id = "fn-65">[65]</a> Menander aus Athen, + 342-290 v. Chr. Von seinen mehr + als 100 Komödien haben wir nur noch Bruchstücke, zum Teil allerdings + ziemlich umfangreiche (so gerade in den hier genannten + Epitrepontes), dagegen Nachbildungen in mehreren Stücken des + Terenz. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-66" id = "fn-66">[66]</a> Ein athenischer + Redner, Zeitgenosse des Demosthenes. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-67" id = "fn-67">[67]</a> Aus Soli oder + Syrakus, gest. 262 zu Athen, fast 100 Jahre + alt. Von seinen mehr als 90 Komödien ist nur wenig übrig. Zwei + Stücke von ihm hat Plautus frei nachgebildet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-68" id = "fn-68">[68]</a> Thukydides aus + Athen, 471-396 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-69" id = "fn-69">[69]</a> Herodot aus + Halikarnaß, 484 bis gegen 410 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-70" id = "fn-70">[70]</a> Theopomp aus + Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb auf Veranlassung + seines Lehrers Isokrates Hellenika, als Fortsetzung des + Thukydides, und 58 Bücher Philippika, eine allgemeine Geschichte + seiner Zeit. Beide Werke sind verlorengegangen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-71" id = "fn-71">[71]</a> Philistus aus + Syrakus, Zeitgenosse der beiden Dionysios', + 356 v. Chr. in hohem Alter getötet. Er verfaßte sizilische + Geschichten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-72" id = "fn-72">[72]</a> Ephorus, aus + dem äolischen Kyme, Verfasser einer Geschichte + Griechenlands von Anfang an bis zum Jahre 340 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-73" id = "fn-73">[73]</a> Clitarch aus + Megara, Geschichtschreiber Alexanders d. Gr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-74" id = "fn-74">[74]</a> Timagenes aus + Alexandria, Freund des Asinius Pollio, schrieb + ebenfalls eine Geschichte Alexanders d. Gr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-75" id = "fn-75">[75]</a> S. weiter unten. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-76" id = "fn-76">[76]</a> Außer den fünf + genannten: Antiphon, Andocides, Isäus, + Lycurgus und Dinarchus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-77" id = "fn-77">[77]</a> Aus dem Demos + Päania, 384-322 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-78" id = "fn-78">[78]</a> Äschines aus + Athen, 389-314 v. Chr., Gegner des Demosthenes. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-79" id = "fn-79">[79]</a> Hyperides aus + Athen, geb. 390 v. Chr., wie Demosthenes + tätig im Kampfe gegen Philipp von Mazedonien, in Ägina auf + Befehl des Antipater 322 hingerichtet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-80" id = "fn-80">[80]</a> Lysias, + geb. in Athen um 435 v. Chr., berühmter Lehrer der + Beredsamkeit, starb in hohem Alter 353 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-81" id = "fn-81">[81]</a> Isokrates, + geb. in Athen 436 v. Chr., ein Schüler des Sokrates, + ebenfalls berühmt als Lehrer der Beredsamkeit. Er starb + 94 Jahre alt wenige Tage nach der Schlacht bei Chäronea + 338 v. Chr. + eines freiwilligen Todes. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-82" id = "fn-82">[82]</a> Demetrius + von Phaleron, 317-307 v. Chr. fast unumschränkter + Statthalter in Athen; darauf gestürzt, fand er in + Ägypten freundliche + Aufnahme. Er starb in Oberägypten 283 in der Verbannung + an dem Bisse einer Schlange. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-83" id = "fn-83">[83]</a> Plato, + geb. 427 v. Chr., gest. 347, der größte Schüler des + Sokrates. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-84" id = "fn-84">[84]</a> Xenophon, + aus dem attischen Demos Erchia, geb. um 434 + v. Chr., Schüler des Sokrates, bekannt durch seine + Teilnahme an + dem Zuge des jüngeren Kyros, wegen seiner Vorliebe + für Sparta 399 + verbannt, lebte dann in Skillus bei Elis, darauf + in Korinth, gest. 355. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-85" id = "fn-85">[85]</a> + Aristoteles, geb. 384 v. Chr. zu Stagira in + Mazedonien, Lehrer + Alexanders d. Gr., berühmtester und gelehrtester + Philosoph des Altertums, + starb in Chalkis 322. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-86" id = "fn-86">[86]</a> + Theophrast war zu Eresos auf Lesbos 371 v. Chr. + geboren, + wurde 322 Nachfolger des Aristoteles als Lehrer + der peripatetischen + Schule zu Athen und starb 287. Er soll ursprünglich + Tyrtamos + geheißen und erst von Aristoteles den Namen + Theophrast erhalten + haben. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-87" id = "fn-87">[87]</a> Publius + Vergilius Maro (geb. 15. Oktober 70 v. Chr., gest. + 19. September 19 v. Chr.) ist im Altertum und im + Mittelalter überschätzt, + später unterschätzt worden. Erst in neuerer Zeit + ist ihm + die ihm gebührende Wertschätzung wieder zuteil + geworden. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-88" id = "fn-88">[88]</a> Ein + berühmter, von Quintilian oft genannter Redner. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-89" id = "fn-89">[89]</a> + S. Anm. 45. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-90" id = "fn-90">[90]</a> Titus + Lucretius Carus lebte von 98-55 v. Chr., schrieb das + noch erhaltene Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-91" id = "fn-91">[91]</a> Publius + Terentius Varro Atacinus, 82-36 v. Chr., aus Atax + in Gallia Narbonensis, verfaßte eine freie Nachbildung + der Argonautika + des Apollonius, schrieb ein episches Gedicht „Der + Sequanerkrieg” + und versuchte sich auch in der Satire. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-92" id = "fn-92">[92]</a> Quintus Ennius, + geboren zu Rudiä in Kalabrien 239 v. Chr., + berühmt durch die uns noch in Bruchstücken erhaltenen Annalen, + ein historisches Epos in Hexametern; auch dichtete er + Tragödien und + Komödien. Er starb 169. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-93" id = "fn-93">[93]</a> Publius Ovidius + Naso, 43 v. Chr. bis 17 n. Chr. — Unter + seinen „epischen Gedichten” sind die Metamorphosen zu + verstehen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-94" id = "fn-94">[94]</a> Freund des Ovid. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-95" id = "fn-95">[95]</a> Kann wegen + des folgenden Lobes nicht im geringschätzigen + Sinne genommen werden. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-96" id = "fn-96">[96]</a> Der Name Serranus + beruht nur auf Konjektur. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-97" id = "fn-97">[97]</a> Von Valerius + Flaccus, gest. um 88 n. Chr., haben wir noch + sein Gedicht Argonautika. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-98" id = "fn-98">[98]</a> Saleius Bassus, + Zeitgenosse Vespasians; über seine Schriften + ist nichts Näheres bekannt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-99" id = "fn-99">[99]</a> Beide + Zeitgenossen Ovids. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-100" id = "fn-100">[100]</a> Marcus + Annäus Lucanus aus Corduba, lebte 39-65 n. Chr., + verfaßte ein Epos Pharsalia, das sich durch rhetorisches + Pathos + auszeichnet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-101" id = "fn-101">[101]</a> Gemeint + ist Domitian, der nach der Besiegung der Chatten + den Titel Germanicus annahm. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-102" id = "fn-102">[102]</a> Eklogen + 8, 13. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-103" id = "fn-103">[103]</a> Albius + Tibullus, römischer Ritter, etwa 59-18 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-104" id = "fn-104">[104]</a> Sextus + Aurelius Propertius, um 54-15 v. Chr., Altersgenosse + Tibulls. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-105" id = "fn-105">[105]</a> Cajus + Cornelius Gallus, aus Forum Julii, ein vertrauter + Freund Vergils (1. Ekloge 10), endete durch Selbstmord + 26 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-106" id = "fn-106">[106]</a> Caius + Lucilius aus Suessa Auruncorum, römischer Ritter, 180 + bis 102 v. Chr., Freund des jüngeren Scipio Africanus + und Lälius. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-107" id = "fn-107">[107]</a> Quintus + Horatius Flaccus, 65-8 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-108" id = "fn-108">[108]</a> Aulus + Persius Flaccus aus Volaterrä, römischer Ritter, lebte + 34-62 n. Chr., Verfasser von sechs noch erhaltenen Satiren. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-109" id = "fn-109">[109]</a> Marcus + Terentius Varro aus Reate, 116-27 v. Chr. Von + seinen zahlreichen Schriften sind nur erhalten drei + Bücher von der + Landwirtschaft, sowie Bruchstücke eines größeren + Werkes Über die + lateinische Sprache und der etwa 96 Satiren. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-110" id = "fn-110">[110]</a> Quintus + Valerius Catullus, geb. zu Verona 86 v. Chr., gest. + 54 v. Chr. „<span class = "gesperrt1">Der größte + Dichter, den Rom gehabt hat, ist + Catullus</span>” (B. G. Niebuhr). + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-111" id = "fn-111">[111]</a> + Furius Bibaculus, geb. 102 v. Chr. zu Cremona, von Horaz + (Satiren II, 5, 41) verspottet. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-112" id = "fn-112">[112]</a> + Über dieses Urteil Quintilians vgl. <span class = "gesperrt1"> + K. E. Güthling</span> in der + Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 886, wo + derselbe mit Recht + sagt: „Aber es ist zum Erschrecken, wenn es bald + nachher heißt: + <span class = "fut">Lyricorum Horatius fere solus + legi dignus</span>. Ich bekenne offen, daß + mir Lachmanns Urteil, das er im philologischen Seminar + mehr als einmal ausgesprochen hat, des Horatius Oden seien + glatt wie Marmor, aber auch kalt wie Marmor, und zwei bis drei + beliebige Episteln des Horatius seien ihm mehr wert, als alle + Oden zusammengenommen, eine ganz gerechte Schätzung des + Lyrikers Horatius zu enthalten scheint, sosehr mich dies + Urteil anfangs frappierte. Sprache und Versbau sind + unübertrefflich vollendet; das ist aber auch das beste, was + man von diesen Oden sagen kann. Diejenigen von + ihnen, die aus der Stellung des Dichters zum Hofe + hervorgingen, haben alle ein gemachtes, hohles Pathos, sind + arm an fruchtbaren Gedanken, und ich will es gern unentschieden + lassen, ob sie der Vorwurf unwürdiger Schmeichelei treffe oder + nicht. Die übrigen bewegen sich in einem sehr engen + Gedankenkreise, den sie allerdings mit Geschick variieren, + so daß der nicht sehr aufmerksame Leser über der schönen Form + und einem zahllose Male in anderm Gewande wiederkehrenden + Gemeinplatz die Armut des Inhalts übersieht. Den meisten, ja + fast allen den fehlt die jugendliche Frische, die Leidenschaft + und Glut der Empfindung, welche den Leser hinreißt. Das ist + auch natürlich; war doch der Dichter ein Vierziger, als er zur + Leier griff, und daß die Beschäftigung mit der Satire keine + besondere Vorbereitung für die Lyrik abgegeben hat, versteht + sich wohl von selbst. Um Quintilians Urteil über Horatius zu + verstehen und zu würdigen, mag das Gesagte genügen; dem Lyriker + Horatius stellen wir getrost den Catullus entgegen, nein, wir + stellen ihn aus voller Überzeugung über Horatius. Wenn + Quintilian den Catullus nur als Jambographen anführt, so ist + das nicht zu bewundern; er gehört ja zu den „Alten”, nicht zu + den Kunstpoeten, als deren Repräsentant und Verfechter in der + Augusteischen Zeit Horatius, wie das seine Polemik gegen + ältere Dichter zeigt, vorzugsweise zu betrachten ist. Niebuhrs + Urteil über Catullus (vgl. Catullus, übersetzt von Stromberg, + Vorrede) ist bekannt; vor fünfundzwanzig Jahren habe ich es + auf Niebuhrs Namen angenommen, jetzt unterschreibe ich + es aus eigener Überzeugung. Es sei zum Schutze des von unserm + Rhetor totgeschwiegenen Lyrikers hiermit an dasselbe erinnert.” + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-113" id = "fn-113">[113]</a> + Cäsius Bassus, Freund des Persius, kam angeblich 79 bei dem + Ausbruche des Vesuvs um. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-114" id = "fn-114">[114]</a> + Lucius Attius, von 170 bis etwa 90 v. Chr. — Marcus Pacuvius + aus Brundusium, geb. um 220 v. Chr., starb in einem Alter + von 90 Jahren. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-115" id = "fn-115">[115]</a> + Lucius Varius Rufus, 74-14 v. Chr., Epiker und Tragiker, + Freund des Vergil und Horaz. Vgl. Horaz, Oden + I, 6, 1; Satiren I, + 10, 44; Episteln II, 1, 247; 3, 55. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-116" id = "fn-116">[116]</a> + Publius Pomponius Secundus lebte unter den vier ersten + Kaisern nach Augustus; gest. um 60 n. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-117" id = "fn-117">[117]</a> Lucius + Älius Stilo, Rhetor und Altertumsforscher, Lehrer des + Cicero und Varro. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-118" id = "fn-118">[118]</a> Titus + Maccius Plautus, um 254-184 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-119" id = "fn-119">[119]</a> Cäcilius + Statius aus Insubrien, Zeitgenosse des Ennius, um + 219-166 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-120" id = "fn-120">[120]</a> Publius + Terentius Afer, um 194-159 v. Chr., kam aus Afrika + in früher Jugend als Sklave nach Rom, wo er erzogen und freigelassen + wurde. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-121" id = "fn-121">[121]</a> Lucius Afranius, + Zeitgenosse des Terenz, um 150 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-122" id = "fn-122">[122]</a> Cajus Sallustus + Crispus, 87-34 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-123" id = "fn-123">[123]</a> Titus Livius, + 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-124" id = "fn-124">[124]</a> Servilius Nonianus, + Konsul 35 n. Chr., gest. 60 oder 61 n. Chr. + Er war ein tüchtiger gerichtlicher Redner und wandte sich sodann dem + Studium der Geschichte zu. Er beschrieb die Zeit des Untergangs der + Republik und die Gründung der Monarchie. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-125" id = "fn-125">[125]</a> Aufidius Bassus lebte + unter Tiberius. Er schrieb Geschichtswerke + über die erste Kaiserzeit sowie über den Germanischen Krieg + und starb unter Nero. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-126" id = "fn-126">[126]</a> Quintilian meint + vielleicht Cornelius Tacitus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-127" id = "fn-127">[127]</a> Cajus Cremutius + Cordus, freimütiger Geschichtschreiber zur + Zeit des Tiberius. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-128" id = "fn-128">[128]</a> Marcus Tullius + Cicero war geboren 106 v. Chr., ermordet 43 + bei Cajeta. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-129" id = "fn-129">[129]</a> Bezieht sich in + dieser Allgemeinheit nur auf die gerichtlichen + Reden vor dem Areopag. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-130" id = "fn-130">[130]</a> Die sechs unter + dem Namen des Demosthenes überlieferten + Briefe sind unecht. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-131" id = "fn-131">[131]</a> Bezieht sich auf + die meisten philosophischen Schriften Ciceros, + ebenso auf „Brutus” und „vom Redner”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-132" id = "fn-132">[132]</a> In den vorhandenen + Gedichten Pindars ist diese Äußerung + nicht zu finden. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-133" id = "fn-133">[133]</a> Cajus Asinius + Pollio, 76 v. Chr. bis 5 n. Chr., der bedeutendste + Redner nach Cicero und zur Zeit des Augustus. Quintilian + erwähnt ihn oft, Horaz hat ihn Oden II, 1 verherrlicht. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-134" id = "fn-134">[134]</a> Marcus Valerius + Corvinus Messalla, 64 v. Chr. bis 8 n. Chr., + Staatsmann und Feldherr, besonders aber auch Redner. Vgl. Horaz, + Oden III, 21. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-135" id = "fn-135">[135]</a> Cajus Julius + Cäsar, 100-44 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-136" id = "fn-136">[136]</a> Marcus Cälius + Rufus, 88-48 v. Chr., Freund Ciceros. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-137" id = "fn-137">[137]</a> Cajus Licinius + Calvus, 82 bis etwa 47 v. Chr., Freund des + Catull und selbst Dichter. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-138" id = "fn-138">[138]</a> Servius Rufus, + der berühmteste Rechtsgelehrte zur Zeit + Ciceros. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-139" id = "fn-139">[139]</a> Cassius Severus, + geb. 44 v. Chr., wegen seiner scharfen Zunge + nach der Felseninsel Seriphos verbannt, wo er um 30 n. Chr. starb. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-140" id = "fn-140">[140]</a> Domitius Afer + aus Nemausus (Nismes), gest. 59 n. Chr. — + Julius Africanus aus Gallien, blühte unter Nero. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-141" id = "fn-141">[141]</a> Marcus Galerius + Trachalus, Konsul 68 n. Chr., der dem + Kaiser Otho seine Reden verfaßt haben sollte. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-142" id = "fn-142">[142]</a> Quintus Vibius + Crispus, unter Nero als Denunziant (<span class = "fut">delator</span>) + von trauriger Berühmtheit, lebte noch als Greis unter Domitian. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-143" id = "fn-143">[143]</a> Er lebte unter + Vespasian; er gehört auch zu den in Tacitus' + Gespräch über die Redner teilnehmenden Personen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-144" id = "fn-144">[144]</a> Nach Tacitus + (Gespräch über die Redner) und Plinius (Briefe): + Aper, Marcellus, Maternus, Messalla u. a. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-145" id = "fn-145">[145]</a> Vater und Sohn, + Zeitgenossen des Cäsar und Augustus, Anhänger + der pythagoreischen Lehre. – Über Cornelius Celsus siehe + Anmerkung 16. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-146" id = "fn-146">[146]</a> Nicht näher + bekannt; vielleicht ist der Name falsch überliefert. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-147" id = "fn-147">[147]</a> Von Geburt + ein Insubrer, Zeitgenosse Ciceros. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-148" id = "fn-148">[148]</a> Lucius Annäus + Seneca, Sohn des Rhetors gleichen Namens, + geboren zu Corduba in Spanien um 2 n. Chr., gestorben 65. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Zweites Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-201" id = "fn-201">[1]</a> Livius Andronikus + aus Tarent um 240 v. Chr., der erste dramatische + Dichter Roms. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-202" id = "fn-202">[2]</a> Damit sind die + vom <span class = "fut">pontifex maximus</span> angefertigten <span class = "fut">annales + maximi</span> gemeint, eine nüchterne Aufzählung der denkwürdigsten + politischen und religiösen Begebenheiten, fortgesetzt bis + zum Pontifikat + des Mucius Scävola 130 v. Chr. + </p> + + <div class = "einfn"> + <a href = "#anker-203" id = "fn-203">[3]</a> Zur Erläuterung + der hier erwähnten atomistischen Vorstellung + Epikurs vgl. Lukrez IV, 48 ff.<br> + </div> + + <div class = "gerueckt05 abst0-5"> + Dennoch sag' ich, es senden die Oberflächen der Körper<br> + Dünne Figuren von sich, die Ebenbilder der Dinge;<br> + Häutchen möcht' ich sie nennen, und gleichsam die Hülsen von diesen,<br> + Denn sie gleichen an Form und Gestalt dem nämlichen Körper,<br> + Dem entflossen umher sie die freien Lüfte durchschwärmen.<br> + </div><br> + + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-204" id = "fn-204">[4]</a> Buch 2, Kap. 8. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Drittes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-301" id = "fn-301">[1]</a> D. h. das Schreiben. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-302" id = "fn-302">[2]</a> Über den Redner I, + 150; 257. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-303" id = "fn-303">[3]</a> Lucius Licinius + Crassus, berühmter Redner, 140-91 v. Chr. + Die zweite Hauptperson in der erwähnten Schrift Ciceros ist + Marcus + Antonius (142-87 v. Chr.), der Großvater des Triumvirs Antonius. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-304" id = "fn-304">[4]</a> Vergleichung + mit dem Teile des römischen Staatsschatzes, der + für die äußersten Notfälle reserviert war. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-305" id = "fn-305">[5]</a> Der Gedanke + erinnert an das bekannte Wort Hesiods („Werke + und Tage” 289): + Doch vor die Tugend setzten den Schweiß die unsterblichen Götter. + Vgl. auch Epicharmus bei Xenophon „Erinnerungen an Sokrates” II, + 1, 20: + </p> + <p class = "einfn"> + Nur für Arbeit wird das Gute von den Göttern uns verkauft. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-306" id = "fn-306">[6]</a> Vielleicht derselbe, + an welchen Horaz Epistel I, 3 und II, 2 gerichtet + hat. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-307" id = "fn-307">[7]</a> Wie sehr in Gallien + die Beredsamkeit in der Kaiserzeit blühte, + zeigt der von Caligula zu Lugdunum veranstaltete Wettkampf der + griechischen und lateinischen Beredsamkeit. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-308" id = "fn-308">[8]</a> Satiren 1, 106. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-309" id = "fn-309">[9]</a> S. die bekannte + Erzählung bei Plutarch, Leben des Demosthenes + Kap. 7. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Viertes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-401" id = "fn-401">[1]</a> Cajus Helvius Cinna, + Freund Catulls, Verfasser eines epischen + Gedichtes „Smyrna”, das noch erhalten ist. — Der Panegyrikus des + Isokrates ist eine Festrede, die vor der Festversammlung bei den + Olympischen Spielen gesprochen worden und uns noch erhalten ist. + Vgl. Plutarch, „Leben der zehn Redner” IV, 15: Den Panegyrikus + schrieb er in zehn, nach anderen in fünfzehn Jahren. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Fünftes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-501" id = "fn-501">[1]</a> S. 1, 155. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-502" id = "fn-502">[2]</a> Z. B. im Anfange der + Bücher „Von den Pflichten” und „Vom + höchsten Gut und Übel”. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-503" id = "fn-503">[3]</a> Von Plato hat Cicero + den Timäus und Protagoras, von Xenophon + den Ökonomikus übersetzt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-504" id = "fn-504">[4]</a> Eine Hetäre, welche + der Gottlosigkeit angeklagt war und von + ihrem Liebhaber Hyperides verteidigt wurde. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-505" id = "fn-505">[5]</a> III, 5, 15. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-506" id = "fn-506">[6]</a> S. Briefe an Atticus + IX, 4, 9. Hierher gehören die Paradoxa, + die Cicero in seinen letzten Lebensjahren verfaßt hat. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-507" id = "fn-507">[7]</a> Z. B. Cicero und + Hortensius. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-508" id = "fn-508">[8]</a> Er hatte als + Tribun einen Antrag gestellt, gegen dessen Vorlesung + durch den Herold ein anderer Tribun Einsprache erhob. Cornelius + las nun den Antrag selbst vor und wurde dafür wegen + Majestätsvergehens angeklagt, jedoch von Cicero glänzend verteidigt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-509" id = "fn-509">[9]</a> Das Gefolge des + Milo und das des Clodius gerieten aneinander, + ein Sklave Milos verwundete Clodius, Milo eilte herbei und + tötete ihn. Da er infolgedessen angeklagt wurde, verteidigte + ihn Cicero in der uns erhaltenen Rede. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-510" id = "fn-510">[10]</a> Der jüngere Cato + (Uticensis) trat dem Redner Hortensius seine + Frau Maria förmlich ab und nahm sie dann wieder zurück, nachdem + sie sechs Jahre mit Hortensius bis zu dessen Tode zusammengelebt + hatte. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-511" id = "fn-511">[11]</a> Marcus Porcius + Latro, Redner und Freund des Augustus. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-512" id = "fn-512">[12]</a> Lucius Cestius + Pius, ein sehr angesehener griechischer Rhetor + zur Zeit des Augustus, der nur lateinisch vortrug. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-513" id = "fn-513">[13]</a> I, 2, 15. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Sechstes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-601" id = "fn-601">[1]</a> Metrodorus + aus Skepsis, einer Stadt in Mysien, akademischer + Philosoph und Rhetor, Schüler des Karneades. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-602" id = "fn-602">[2]</a> Der Rhetor + Empylus wird sonst nirgends erwähnt. + </p> + + + <p class = "fett hoeh1-1 zentriert abst2-5"> + Siebentes Kapitel + </p> + + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-701" id = "fn-701">[1]</a> Wo, läßt sich + nicht nachweisen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-702" id = "fn-702">[2]</a> VI, 2, 29 f. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-703" id = "fn-703">[3]</a> Dichter der + alexandrinischen Schule im 2. Jahrhundert v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-704" id = "fn-704">[4]</a> S. Cicero, + Rede für Archias 18. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-705" id = "fn-705">[5]</a> Vielleicht + zu beziehen auf Cicero „Der Redner” 34. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-706" id = "fn-706">[6]</a> Cajus + Papirius Carbo, Konsul 120 v. Chr. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-707" id = "fn-707">[7]</a> Wo, + ist nicht nachzuweisen. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-708" id = "fn-708">[8]</a> Popilius + Länas, Rhetor zur Zeit des Tiberius; Quintilian erwähnt + ihn noch III, 1, 21; XI, 3, 183. Sonst ist er nicht + näher bekannt. + </p> + <p class = "einfn"> + <a href = "#anker-709" id = "fn-709">[9]</a> Vielleicht + stammen diese Worte aus einer Schrift des Popilius + Länas. + </p> + </div> + <hr> + + <div> + <div> + <h2 style = "page-break-before: always; font-weight: bold">Inhalt</h2> + </div> + + <table style = "width: 100%; max-width: 28em; margin: auto;"> + <tr> + <td colspan = "2">Einleitung</td> + <td style = "text-align: right"><a href = "#anker-s3">3</a></td> + </tr> + + <tr> + <td>1.</td> + <td>Kapitel: Vom Wörtervorrat</td> + <td style = "text-align: right"><a href = "#anker-s8">8</a></td> + </tr> + + <tr> + <td>2.</td> + <td >Kapitel: Von der Nachahmung</td> + <td style = "text-align: right"><a href = "#anker-s39">39</a></td> + </tr> + + <tr> + <td style = "vertical-align: text-top">3.</td> + <td >Kapitel: Art und Weise der schriftlichen Übungen</td> + <td style = "text-align: right; vertical-align: text-top"> + <a href = "#anker-s47">47</a></td> + </tr> + + <tr> + <td>4.</td> + <td >Kapitel: Von der Nachbesserung</td> + <td style = "text-align: right"><a href = "#anker-s56">56</a></td> + </tr> + + <tr> + <td style = "vertical-align: text-top">5.</td> + <td >Kapitel: Über den Gegenstand der schriftlichen + Übungen</td> + <td style = "text-align: right; vertical-align: text-top"> + <a href = "#anker-s58">58</a></td> + </tr> + + <tr> + <td style = "vertical-align: text-top">6.</td> + <td >Kapitel: Sammlung des Gedankenstoffes</td> + <td style = "text-align: right; vertical-align: text-top"> + <a href = "#anker-s65">65</a></td> + </tr> + + <tr> + <td style = "vertical-align: text-top">7.</td> + <td >Kapitel: Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, + erworben und erhalten wird</td> + <td style = "text-align: right; vertical-align: text-top"> + <a href = "#anker-s68">68</a></td> + </tr> + + </table> + </div> + <br> + + <hr class = "doppel"> + + <div class = "capter zentriert"> + <div> + Für die Lektüre<br> + der römischen Klassiker im Originaltext unentbehrlich:<br> + + <div class = "fut fett abst1-5"> + <div class = "hoeh1-5"> + MÜHLMANN: + </div> + <div class = "hoeh2 abst0-5"> + Lateinisch–deutsches<br> + Wörterbuch + </div> + </div> + <br> + + für Studierende und Schüler höherer Lehranstalten + 43., berichtigte und vermehrte Auflage, besorgt von + Prof. <span class = "fut">Dr</span>. Otto Güthling<br> + + <div class = "klein">Preis: geheftet RM. 4.90, + in Halbleinen gebunden RM. 6.10,<br> + in Halbleder gebunden RM. 7.60 + </div> + </div> + + <p style = "text-align: justify; display: block; text-justify: inter-word;"> + Die von Prof. <span class = "fut">Dr</span>. Otto Güthling + vielfach berichtigte und stark vermehrte Neubearbeitung des berühmten + Wörterbuches von Mühlmann ist für die Lektüre der lateinischen Klassiker + ein Hilfsmittel, das den von Studierenden und Schülern höherer Schulen + gestellten Anforderungen in vollem Umfange genügt. Sind doch außer den + üblichen Schulautoren auch diejenigen Schriftsteller berücksichtigt, + die auf Grund der neuen Lehrpläne jetzt teils mehr als früher behandelt + werden, teils neu hinzugekommen sind. Nicht unerwähnt bleibe schließlich + der niedrige Preis, der die Anschaffung wesentlich erleichtert, sowie die + gediegene, vornehme Ausstattung. + </p> + <hr style = "margin-left: 0; width: 100%"> + + <p style = "text-align: center; margin-top: -1em"> + Durch jede Buchhandlung<br> + </p> + <div class = "fut"> + <p class = "hoeh1-3">PHILIPP RECLAM JUN., VERLAG, LEIPZIG + </p> + </div> + + + </div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 ***</div> + </body> +</html> + diff --git a/75632-h/images/cover.jpg b/75632-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..38713e7 --- /dev/null +++ b/75632-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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