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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 ***
+
+#######################################################################
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in
+Antiqua. Es gibt außerdem einige griechische Ausdrücke.
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+ gesperrt: #Raute#
+ Latein: ≈Doppelwelle≈
+
+Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend
+korrigiert. Uneinheitliche Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im
+Original belassen.
+
+Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts
+gesetzt.
+
+Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen.
+Vom Zusammenhang her wäre jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu
+schreiben (das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?)
+
+#######################################################################
+
+
+
+
+Unterricht
+
+in der Beredsamkeit
+
+Von
+
+Marcus Fabius Quintilianus
+
+Übersetzt von W. Nicolai
+
+Neue, verbesserte Ausgabe
+
+von Prof. ≈Dr.≈ #Otto Güthling#
+
+Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
+
+
+
+
+Holzfreies Papier
+
+Druck von Philipp Reclam jun.
+
+Leipzig
+
+
+
+
+Einleitung
+
+
+#Marcus Fabius Quintilianus#[A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur
+wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß
+Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist
+wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines
+Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen
+besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen
+Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät
+ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen
+Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen
+seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch
+nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die
+zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118;
+XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius
+Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in
+seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der
+Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der
+Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom
+zurücknahm.
+
+Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten,
+teils rhetorischen Unterricht zu erteilen.
+
+Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an
+einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die
+Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz
+verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte
+er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name
+sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die
+Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der
+Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches
+erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen
+Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10;
+VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne
+des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch
+Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die ≈libri duo artis
+rhetoricae≈ (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen
+seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten ≈sermones≈ (Gespräche)
+hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift ≈de
+causis corruptae eloquentiae≈ (Über die Ursachen des Verfalls der
+Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus
+über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat.
+
+Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von
+demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian ≈consularia
+ornamenta≈ (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er,
+von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes
+≈de institutione oratoria≈ (Unterricht in der Beredsamkeit), das
+innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile
+und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96
+erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die
+auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1,
+2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der
+Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten
+Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer
+entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und
+unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf
+welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn
+Quintilian unterrichtet hatte.
+
+Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre
+durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine
+im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt
+er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI.
+Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen;
+wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die
+Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig.
+
+Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt
+Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an:
+
+„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors
+vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und
+die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher
+sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung
+anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das
+Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden.
+Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns
+herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache
+Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die
+Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon
+unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er
+wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen
+nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das
+von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des
+ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in
+einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit
+erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche
+Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten
+rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer
+Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde
+Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von
+Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen
+(Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da
+ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft
+hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen
+sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium
+ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und
+Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat.
+
+So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu
+allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter
+vielfach benutzt worden ist. Auch #Friedrich der Große# hat den
+Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des
+Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779:
+
+ „Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele
+ Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und
+ Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine
+ vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch,
+ in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung
+ der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird
+ immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so
+ habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt
+ machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß
+ verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie
+ müssen die jungen Leute ≈traductions≈ und ≈discourse≈ selbst machen
+ lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des
+ Quintilien, man kann auch ≈Abrégé≈ daraus machen, daß die jungen
+ Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie
+ nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie
+ es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.”
+
+#Friedrich August Wolf# nennt Quintilian „einen trefflichen Autor,
+teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das
+zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen
+Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes
+Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher
+verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. #Karl Eduard
+Güthling# in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff.,
+und #Eckstein#, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887,
+S. 268 f.
+
+
+Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians
+Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine #Einleitung# und
+#erläuternde Anmerkungen# hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung
+des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von
+einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von #E. Bonnell#, 6. Auflage
+von #H. Röhl#, die, wie auch die Ausgabe von #G. T. A. Krüger#, 3.
+Auflage von #G. Krüger#, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute
+Dienste geleistet hat.
+
+Goldschmieden bei Breslau,
+den 1. Juni 1926.
+
+#O. Güthling#.
+
+
+
+
+[A] Dies ist die richtige Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus,
+eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form.
+
+[B] Heute Calahorra, Stadt der Vaskones im tarrakonensischen Spanien.
+
+
+
+
+≈ERSTES KAPITEL≈
+
+Vom Wörtervorrat
+
+
+Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die
+Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig
+bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den
+Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben,
+durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß,
+noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen
+hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten.
+Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man
+sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt
+läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen,
+wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das
+Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung
+entbehren[2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die
+Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum
+Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner
+Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große
+Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen
+besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und
+hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich
+fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die
+höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so
+erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang
+bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der
+künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch
+so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es
+vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer
+schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet
+werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der
+Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich
+mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend
+beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte
+auf die leichteste Art anzuwenden ist.
+
+Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler
+gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann;
+diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken.
+Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch
+nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft
+haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen
+Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr
+vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den
+Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des
+Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder
+wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben
+nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in
+Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er
+sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich
+kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu
+lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand
+sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die
+Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung
+wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist
+knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht
+einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne
+Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit
+Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht
+marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch
+erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein
+derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen,
+wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die
+beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl
+verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn
+die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie[7] auch bei
+Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns,
+uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der
+genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß
+man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an
+glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde,
+erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu
+gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen,
+sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie
+überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen
+und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache
+gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines
+Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar
+einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen.
+
+Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der
+Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im
+Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden
+Ausdrücke für Schwert (≈ensis≈ und ≈gladius≈), andere wieder bezeichnen
+im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben
+sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ≈ferrum≈ und
+≈mucro≈ (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise
+„Erdolcher” (≈sicarii≈) auch alle diejenigen, welche mit einer
+beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere
+Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten.
+Hierher gehört ≈pressi copia lactis≈, eine „Menge gepreßter Milch” (für
+„Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir
+jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie ≈scio≈ „ich weiß”, ≈non
+ignoro≈ „ich weiß wohl”, ≈non me fugit≈ oder ≈non me practerit≈ „es
+entgeht mir nicht”, ≈quis nescit?≈ „wer weiß nicht?”, ≈nemini dubium
+est≈ „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden
+kann man entlehnen. Denn ≈intellego≈, ≈sentio≈, ≈video≈ („ich verstehe,
+erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie ≈scio≈ („ich weiß”). Reiche
+Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir
+dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn
+erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe
+Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig
+sage: ≈video≈ „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht
+richtig: ≈intellego≈ „ich sehe ein”, und wie einerseits ≈mucro≈ „die
+Spitze” zu dem Begriffe ≈gladius≈ „das Schwert” gehört, so nicht auch
+andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. --
+
+Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu
+eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern,
+lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind
+Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der
+Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein
+Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn
+worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart
+der Redner.
+
+Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der
+Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10],
+durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem
+Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und
+Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender
+Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des
+Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die
+angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle
+entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren
+in gleicher Weise geeignet.
+
+Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören
+öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge
+beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem
+Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge
+gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich
+kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil
+auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen
+Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch
+vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere
+Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch
+zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe
+aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu
+behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten,
+bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so
+soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es
+durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat,
+dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden.
+
+Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen
+geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar
+muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben
+erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner
+Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder
+ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt,
+deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft
+bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was
+erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile
+vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir
+noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher
+wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber
+von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen
+Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden
+Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und
+Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12],
+von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen
+hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des
+Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von
+gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen,
+um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des
+Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch
+wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen
+Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15]
+gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch
+Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten.
+Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner
+Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus
+Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im
+Umlauf.
+
+Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß
+alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter
+allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie
+erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres
+Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde;
+scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar
+Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind
+doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz
+der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die
+schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die
+höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den
+Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über
+so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um
+nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht
+versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann
+möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen
+vieles mißfalle.
+
+Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das
+Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit
+Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im
+Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung
+der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche
+Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die
+Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund,
+weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung
+suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in
+allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der
+Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der
+Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen
+davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem
+sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin
+einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik,
+nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen
+ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu
+verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht
+werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen
+und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet
+im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem
+Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und
+Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden
+Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und
+Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher –
+unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen
+bringt.
+
+Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom
+dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß
+man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den
+Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr
+nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener
+Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr
+ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine
+Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt
+der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie
+durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die
+Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem
+Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig
+auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust
+greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so
+hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es
+nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit
+des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle
+des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26]
+nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für
+nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete
+blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen
+hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der
+Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im
+Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht
+Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht
+meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie
+man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch
+in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist,
+aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht
+hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele
+erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit
+er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist,
+sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum
+entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem
+Vorwurf der Parteilichkeit frei sind.
+
+Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig
+waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den
+besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und
+Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich,
+auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können
+die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch
+für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar
+sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein
+großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher
+Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter
+Vorschrift besteht.
+
+Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre
+liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in
+unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und
+worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden
+für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein.
+Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über
+die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit
+angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und
+Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden
+sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche
+Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem
+Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und
+sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die
+anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist
+zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder
+vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns
+herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil
+gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero
+bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem
+Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel
+anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch
+nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt?
+Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei
+der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der
+Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet.
+Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft
+Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen
+Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet.
+
+Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst
+einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken.
+Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen,
+daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche
+Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die
+Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen.
+Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen
+wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der
+Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische,
+während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere,
+geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige
+Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen
+Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise
+untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten,
+welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere
+Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade
+die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die
+aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten
+am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich
+vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall
+finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden
+muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten
+der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf
+widmen wollen, für nützlich halte.
+
+Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden
+wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem
+Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe[31], so ist er Muster
+und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in
+Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung
+alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er
+ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine
+Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter,
+sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen
+seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes
+enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die
+Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche
+erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des
+zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen
+angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften
+in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen.
+Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen
+Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet,
+sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch
+die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen
+der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die
+Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das
+Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber
+könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus
+meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen
+den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse,
+Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände
+und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung
+sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste”
+geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen.
+Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des
+den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in
+Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das
+dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas
+Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber
+sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder
+Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil
+eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird.
+Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen
+Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der
+in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die
+Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der
+Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei
+Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das
+Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die
+Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es
+ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und
+überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an
+zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes
+ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint,
+in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in
+der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist
+in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil
+Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin
+aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt
+von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt
+das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine
+Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte
+reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat.
+Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit[42]; aber jene ländliche
+Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die
+Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter
+zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles
+schön besungen? Und sind dem Nikander[44], Macer[45] und Vergil[46]
+umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte
+derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es
+gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten
+Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den
+Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der
+Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis
+derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek
+einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe,
+und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von
+Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft
+schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen
+Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden,
+nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch
+Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten
+Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem
+Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir
+diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen
+habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller
+gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen
+vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53]
+durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur
+Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur
+beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze,
+kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige
+meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine
+Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen
+Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den
+prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und
+durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den
+man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt
+Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig
+Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege
+und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra
+bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die
+nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an
+Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt
+über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem
+Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines
+Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da
+nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des
+sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und
+an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er
+versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen;
+für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und
+einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks
+und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein
+Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn
+allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben,
+vorziehen.
+
+Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast
+allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit
+und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch
+in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist
+erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches
+Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß
+– der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es
+gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes
+jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61].
+
+Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und
+gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch
+ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren
+Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den
+Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis
+gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles
+und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem
+eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der
+bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun
+beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe
+nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die,
+welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von
+viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner
+Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen
+der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse
+erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen,
+wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von
+jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen
+vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben,
+bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und
+wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat
+nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings
+auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon
+allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung
+alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so
+glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er
+alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß
+die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen
+Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner
+weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen,
+was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden,
+welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für
+schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in
+„Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder
+Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß
+er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese
+jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen
+müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und
+Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen.
+In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter
+Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm
+vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit
+verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit
+Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders
+Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner
+Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem
+allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient.
+
+Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen
+zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren
+Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet
+haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist
+Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite
+Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in
+der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die
+öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides
+wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit
+bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der
+Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem
+Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem
+Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar
+der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des
+Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer
+als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der
+Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine
+Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74]
+verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit
+auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder
+aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß
+aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75].
+
+Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in
+einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der
+hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit
+Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm
+alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen
+Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges
+Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und
+erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er
+Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und
+weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79],
+aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht
+zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm
+Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und
+überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren;
+denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer
+reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der
+in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der
+für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt
+jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle
+ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung
+voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so
+sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun
+nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge
+besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen
+sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen
+sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst
+die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit
+besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von
+den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners
+verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen
+anderen vorzieht.
+
+Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die
+Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß
+unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner
+Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer
+Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die
+Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß
+er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam
+durch das Delphische Orakel beseelt erscheint.
+
+Was soll ich die Anmut des Xenophon[84] erwähnen, die frei ist von
+jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch
+die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf
+ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles
+bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.”
+Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an
+Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine
+wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften
+oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den
+Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner
+Werke einen größeren Ruhm erworben hat.
+
+Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz
+der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger
+Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen
+Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern
+Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre
+Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung
+der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens,
+nach welchem sie nicht strebten.
+
+Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen
+Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen
+innehalten.
+
+Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste
+Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen
+Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm
+unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben
+Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört
+habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am
+nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch,
+daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat,
+mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und
+unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr
+Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte;
+wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen
+mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch
+Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn
+Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen
+Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen,
+da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber
+gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91]
+ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat,
+Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der
+Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius[92] wollen wir verehren wie
+einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte
+Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu.
+Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck
+wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten
+Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen
+Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch
+gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter
+Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch
+nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg
+zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod
+nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten
+Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als
+auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger
+Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des
+Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die
+poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem
+Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99]
+verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100]
+ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er
+verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den
+Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir
+aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn
+von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und
+Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem
+größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen
+der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit,
+feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser
+besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten
+die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem
+hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren
+sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle
+preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner
+übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der
+Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein
+Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen:
+
+„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].”
+
+Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren
+reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche
+ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger
+Gallus[105].
+
+Die Satire freilich gehört uns vollständig an. -- In ihr hat sich zuerst
+Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so
+ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein
+den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen,
+sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso
+weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius
+einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte
+überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen
+Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist
+Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn
+bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat
+sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient.
+Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem
+Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von
+Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener
+Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste
+von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt
+und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der
+Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der
+unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft
+als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den
+Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen
+anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei
+Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein
+kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz
+fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient[112]; denn
+zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie
+und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem
+glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es
+der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen
+bei weitem an Genie die Lebenden.
+
+Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und
+Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht
+ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen
+erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die
+letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit
+als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft
+schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf
+Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der
+Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an
+die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel
+dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht
+statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der
+hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute
+allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und
+Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der
+Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung
+des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des
+Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen,
+wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch
+die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden
+(welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute
+noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des
+Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten
+Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung
+gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in
+sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch
+die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht
+haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich
+Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend –
+durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet.
+
+Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach.
+So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122]
+gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm
+T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig
+und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich
+ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den
+Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen
+des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig
+hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er
+jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener
+Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” –
+scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt
+zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein
+Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger
+knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte
+vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus
+Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg,
+er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in
+einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch
+und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der
+Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name
+genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet
+auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das
+beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen
+Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was
+übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu
+nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und
+durchmustern nicht ganze Bibliotheken.
+
+Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß
+sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher
+sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero[128] würde
+ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch
+recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da
+ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm
+und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich
+glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt
+werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die
+gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art
+der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung
+gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht
+unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher,
+jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft
+immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen;
+auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses
+nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche
+Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen
+Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben,
+daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten[129] unmöglich
+machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen
+Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern,
+nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden
+existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts
+geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir
+jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu
+seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er
+sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des
+Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates
+nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an
+jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder
+vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum
+seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar[132]
+sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus;
+er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die
+Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann
+sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große
+Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch
+Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die
+Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam
+ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt,
+eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung
+zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern
+eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies,
+wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit
+erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an
+dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste
+Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht
+mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der
+Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines
+Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf
+ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero
+ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit
+Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt
+Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen
+sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit
+genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit
+entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen
+könnte. Messalla[134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in
+seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen
+Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich
+ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den
+unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft
+besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht,
+er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen
+ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der
+Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und
+besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem
+Cälius[136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere
+Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden,
+welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche
+gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch
+fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren,
+aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig
+auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein
+frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch
+etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius[138] hat nicht mit
+Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel
+Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius
+Severus[139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde
+des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu
+zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche
+Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr
+seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere
+Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu
+erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen
+würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und
+Julius Africanus[140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der
+Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen
+und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist
+affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit,
+ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken
+nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem
+Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus[141] meist erhaben und
+ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn
+man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein
+so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden
+habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne
+ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei
+ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und
+dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als
+für Kriminalprozesse. Julius Secundus[143] würde sich, wenn er länger
+gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben
+haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im
+Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere
+Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den
+Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch
+den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden
+Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der
+Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und
+glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner
+Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner
+gewagten Redewendungen.
+
+Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine
+reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt
+es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz
+verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben
+den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der
+betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben.
+
+Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein
+Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur
+sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher
+Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein
+Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in
+seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form
+verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften
+hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145],
+nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen
+Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die
+epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst
+lesbarer Gewährsmann Catius[147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei
+Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen
+wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn
+verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich,
+während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch
+Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen;
+damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen
+der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen,
+aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern
+vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt
+war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise
+abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den
+gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr,
+als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm
+zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu
+wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich
+geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von
+welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden
+bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben
+Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im
+ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und
+Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele
+Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen,
+welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er
+hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen;
+denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der
+Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf
+gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen
+Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines
+sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel
+Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll
+von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem
+Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn
+er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende
+nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut
+befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die
+Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der
+allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung
+von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren
+und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon
+deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an
+ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige
+Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage
+berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt
+hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall
+zum Ausdruck gebracht.
+
+
+
+
+≈ZWEITES KAPITEL≈
+
+Von der Nachahmung
+
+
+Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern entlehne man den
+Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode, sodann muß
+der Geist nach dem Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung
+erhalten. Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum großen
+Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das schöpferische Hervorbringen
+das ursprüngliche gewesen ist und die Hauptsache bleibt, so ist es doch
+auch nützlich, das so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich
+durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß wir das selbst
+hervorbringen wollen, was uns an anderen gefällt. So bilden die Knaben
+die Züge der Buchstaben nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die
+Musiker die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer
+Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits bewährte Methode
+der Bodenkultur als Muster: kurz, wir sehen, daß die Anfänge jedes
+Könnens nur nach den für die einzelnen Disziplinen aufgestellten
+Vorschriften gelernt werden können. Und in der Tat müssen wir den
+vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich sein: ihnen
+ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die Nachahmung. Der Umstand
+aber gerade, daß uns die Nachahmung die Beherrschung von allem so
+bedeutend leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten,
+schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt wird.
+
+Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, schon deshalb, weil
+nur ein träger Geist mit dem, was von anderen erfunden ist, zufrieden
+sein kann. Denn wie wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild
+waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften nur das tun oder
+denken, was sie schon kennengelernt hatten? Natürlich wäre nichts
+erfunden worden. Wie sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas
+erfinden wollten, was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa
+jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres Geistes
+dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, wir aber sollen
+zum Suchen und Forschen nicht einmal durch die sichere Gewißheit bewegt
+werden, daß diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? Und
+während diejenigen, welche in keinem Gegenstande einen Lehrer gehabt
+haben, reiche Schätze auf die Nachwelt vererbt haben, so soll uns der
+Besitz dieser Schätze nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern,
+sondern wir sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler
+sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur Kopien
+anfertigen lernen?
+
+Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, wenn man den
+Gegenstand, den man nachbildet, erreicht hat. Denn wie würde es
+wiederum ergangen sein, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als
+der, den er sich zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann
+nicht über Livius Andronikus[1], in der Geschichtschreibung nicht über
+die Jahrbücher der Priester[2] hinausgekommen, ja wir würden noch mit
+Flößen Schiffahrt treiben; es würde keine Malerei geben außer der,
+welche die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne
+befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und wenn man alles
+genau prüft, wird man sich überzeugen, daß keine Kunst so geblieben
+ist, wie sie bei ihrer Erfindung war, und daß keine bei ihren Anfängen
+stehengeblieben ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit zu
+einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß erst jetzt
+nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße Nachahmung.
+
+Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen dürfen, wie können wir
+da erwarten, daß es je einen vollendeten Redner geben wird, da doch
+unter denen, welche wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten
+bezeichnen, sich keiner befindet, an dem man nicht etwas vermissen oder
+tadeln könnte. Aber auch die, welche das höchste Ziel nicht erstreben,
+müssen mehr wetteifern als nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere
+zu überholen, wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber doch
+auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die gleiche Höhe mit dem
+erreichen, dessen Fußtapfen er unter allen Umständen folgen zu müssen
+glaubt; denn notwendig muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende
+sein. Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu leisten,
+als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer herzustellen, daß
+nicht einmal die Natur in diesem Punkte so viel geleistet hat, daß die
+anscheinend ganz ähnlichen oder gleichen Dinge sich nicht durch
+irgendwelches Merkmal unterscheiden.
+
+Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern ähnlich ist,
+notwendig geringwertiger als dieses ist, und sich zu ihm verhält wie
+der Schatten zum Körper, das Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des
+Schauspiels zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der
+Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild dienen, ist
+Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte alle Nachahmung etwas
+Gemachtes und fremder Vorschrift Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß
+Deklamationen weniger Saft und Kraft haben als wirkliche Reden, weil
+der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, hier ein erfundener ist.
+Dazu kommt, daß dasjenige, was bei einem Redner das bedeutendste ist,
+sich nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und
+Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt werden kann.
+Daher glauben die meisten das, was sie gelesen haben, ganz wunderbar
+schön nachzubilden, wenn sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes
+Satzgefüge aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch im Laufe
+der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch kommen, da der Sprachgebrauch
+ihnen zur sichersten Regel dient und sie nicht von Natur gut oder
+schlecht sind (denn an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je
+nachdem sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und ihre
+Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch ihre Abwechslung dem Ohr
+angenehm ist.
+
+Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit der peinlichsten
+Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche Schriftsteller wir nachahmen
+sollen; denn es gibt sehr viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen,
+gerade die schlechtesten und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was
+wir bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. Denn auch bei
+bedeutenden Schriftstellern finden sich viele Fehler, wegen deren sich
+auch die Gelehrten gegenseitig zur Rechenschaft gezogen haben; freilich
+wäre zu wünschen, daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben
+Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden es
+tun. Auch möge es denen, welche Urteil genug hatten, die Fehler zu
+vermeiden, wenigstens nicht genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge
+wiederzugeben, gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr
+jene Figuren des Epikur[3], welche der Oberfläche des Körpers
+entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu begegnen, welche ohne
+tiefere Kenntnis der Vorzüge eines Schriftstellers sich an das rein
+Äußerliche der Rede anlehnen; wenn diesen dann die Nachahmung gut
+vonstatten gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und
+Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in
+Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist geraten diese aber auf
+Abwege und entlehnen die den Vorzügen am nächsten liegenden Fehler;
+dann werden sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo sie
+knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, wo vergnügt,
+maßlos, wo blumenreich, nachlässig, wo einfach. So kommt es, daß die,
+welche irgend etwas Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum
+Ausdruck gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, welche
+Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich Attiker, die, welche
+durch verkürzte Perioden dunkel sind, übertreffen den Sallust und
+Thukydides, die Traurigen und Nüchternen treten in die Fußtapfen des
+Pollio, die Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur
+irgendwelche Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich Cicero
+ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, die dann die Art jenes
+göttlichen Meisters der Rede nachgebildet zu haben glaubten, wenn sie
+an den Schluß ein ≈esse videatur≈ („zu sein schien”) gesetzt hatten.
+Daher ist es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild
+nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist.
+
+Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit seine Kräfte in
+Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, dem entweder die Schwäche
+seiner Natur nicht gewachsen ist, oder dem die Verschiedenheit
+derselben widerstrebt. So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte
+empfänglich ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen,
+und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar kräftig aber ungebändigt
+ist, nicht durch Neigung für das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die
+beabsichtigte Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet
+dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher Stoff hart
+bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, daß der Lehrer der
+Beredsamkeit, den ich im zweiten Buche[4] ausgerüstet hatte, den
+Schülern nicht allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein
+jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das Gute, was er in
+ihnen findet, fördern und, soweit es möglich ist, das Fehlende
+hinzufügen und Verbesserungen und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann
+ist er ein Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, die
+eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird in den Punkten, wo
+ihm die Natur hindernd im Wege steht, sich nicht überflüssig bemühen,
+wie sehr ihm auch am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße
+bei seinen Zuhörern vorhanden ist.
+
+Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, daß wir in
+unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, in den Werken
+jener Künste Redner und Deklamatoren nachahmen zu müssen glauben; jedes
+Gebiet hat da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. Die
+Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen Kothurn, und
+umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf der Sandale einher.
+Gleichwohl hat die ganze Kunst der Rede etwas Gemeinsames; und dieses
+Gemeinsame müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, welche
+sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß sie auch bei
+Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft nicht erregenden Fällen die
+Schneidigkeit nicht ablegen, wenn ihnen diese bei irgend jemandem
+gefallen hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der
+Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn ihnen das Zarte
+und Anmutige gefallen hatte. In der Tat ist aber nicht allein zwischen
+den einzelnen Rechtsfällen ein großer Unterschied, sondern auch
+zwischen den einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, bald
+schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, bald um zu
+bewegen, sprechen, was alles durchaus ungleiche und verschiedene
+Anforderungen an den Redner stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu
+raten, sich einem einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu
+geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist Demosthenes, in
+mancher Beziehung verdienen jedoch an einzelnen Stellen andere den
+Vorzug, an den meisten er. Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt
+zu werden verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu werden.
+
+Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man alles so sagt, wie es
+M. Tullius gesagt hat? Ich für meine Person würde es sein, wenn ich es
+in jedem Punkte erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die
+Gewalt Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt des Pollio,
+das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen? Denn abgesehen
+davon, daß es ein Gebot der Klugheit ist, das, was bei einem jeden
+Redner das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man
+andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren Schwierigkeit der
+Sache das Vorbild nur zum geringsten Teile diejenigen, welche ihr
+Augenmerk nur auf einen Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es
+also dem Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild
+vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer größeren Anzahl
+vor Augen haben, damit von diesem das eine, von jenem das andere haften
+bleibt, und wir dann ein jedes am passenden Orte anbringen können.
+
+Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu wiederholen, bestehe nicht
+nur in einer Wiedergabe von Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu
+richten, wieviel edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen
+und Personen beobachtet haben, wie sie ihren Plan, ihre Disposition
+gestaltet haben, wie endlich alles, was nur auf unser Vergnügen
+abzuzielen scheint, Überwindung des Gegners bezweckt; es ist darauf zu
+achten, welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, auf welche
+Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung geboten wird, mit
+welcher Kraft Beweis und Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem
+Geschick Affekte jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der
+Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am vollkommensten ist,
+wenn er willig folgt und nicht mit Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn
+wir dies völlig erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer
+hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das Fehlende ergänzt,
+das Überflüssige abschneidet, der wird der vollendete Redner sein,
+welchen wir suchen; und ein solcher müßte gerade jetzt in vollkommener
+Gestalt auftreten, wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen
+Beredsamkeit vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die bisher die
+größten Redner waren. Denn diese werden sich auch den Ruhm erwerben,
+daß sie ihre Vorgänger übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben.
+
+
+
+
+≈DRITTES KAPITEL≈
+
+Art und Weise der schriftlichen Übungen
+
+
+Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden;
+unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das
+mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel[1]. Ihn nennt nicht
+mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede,
+ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er
+ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund
+legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners
+verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben.
+Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der
+Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf
+oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer
+Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest
+überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur
+eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen
+sprechen.
+
+Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche
+gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus
+hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis
+die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben,
+welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch
+nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend
+etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten
+Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche
+Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib
+verbleiben sollen.
+
+Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und
+was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese
+Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber
+natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich
+nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so
+prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und
+Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin
+zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und
+suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes
+Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller
+Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene
+wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser
+mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens,
+welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und
+nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt
+würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die
+Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es
+sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir
+beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse
+zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die
+Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur
+dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt
+uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben.
+Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit
+bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So
+soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk
+selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage
+verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners
+allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und
+Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und
+festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird
+schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter
+einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die
+Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei
+einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein.
+Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht,
+daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell
+schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt
+haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden
+Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns
+neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die,
+welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der
+unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen,
+zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als
+Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines
+Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die
+alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der
+Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für
+Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich
+kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob
+die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen,
+welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen
+Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in
+beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch,
+gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf
+Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber
+Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr
+großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser
+war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien[7]
+– denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie
+wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den
+Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig
+sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da
+gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz
+aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen
+Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den
+Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln
+lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu
+reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben,
+so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten;
+denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die
+Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen
+Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung
+verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das
+vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke
+ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle,
+sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der
+Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des
+Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen,
+dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die
+Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir
+sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern
+nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen,
+wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht
+immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann
+verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben
+suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen,
+welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der
+Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif
+niederschreiben; dafür haben sie den Namen ≈silva≈ (Wald, hier
+„ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann
+wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber
+Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig
+zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird
+also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den
+Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur
+noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen
+jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung
+mehr wie die Sorgfalt wirksam wird.
+
+Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird
+zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens
+denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand,
+welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse
+Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir
+schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern,
+indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt
+es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem
+wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes
+entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert.
+
+Wenn aber der Schreiber langsam im Schreiben oder unsicher im Lesen,
+kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf gehemmt, und das bereits im Innern
+bestehende Bild geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem
+heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht allein sind,
+das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung zu begleiten pflegt
+und was wiederum zur Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände
+stark bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und Seite
+schlagen, was Persius[8] meint, wenn er von gewissen Rednern behauptet:
+„Und er schlägt nicht auf die Brüstung und beißt sich die Nägel nicht
+ab.” Kurz, um mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das
+förderlichste ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren
+aufgegeben wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein menschenleerer
+Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller am geeignetsten sei.
+Man darf jedoch nicht gleich auf die hören, welche glauben, daß am
+geeignetsten hierzu Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel
+und eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich und
+schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger Aufenthalt auf jeden
+Fall mehr genußreich, als zum Studium anregend zu sein. Denn das, was
+an sich selbst der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen
+Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns vorgenommen
+haben. Denn man kann nicht mit gutem Gewissen seine Aufmerksamkeit auf
+viele Dinge zugleich richten, jeder Blick aber auf einen andern
+Gegenstand läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. Die
+Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender Fluß, das Rauschen der
+Baumwipfel, der Gesang der Vögel, der freie Blick in die Weite
+beansprucht unsere Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß
+mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit
+einladet. Besser machte es Demosthenes[9], der sich an einem Orte
+verbarg, wo man keinen Laut hören konnte und keine Aussicht genoß,
+damit die Augen den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei
+Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß die Stille der
+Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein einziges Licht uns
+gleichsam birgt und so vor Störung sichert. Aber wie zu jeder gelehrten
+Beschäftigung, so braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute
+Gesundheit und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche
+hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst zur Ruhe und
+Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten Arbeit benutzen. Wer jedoch nur
+so viel Zeit der Nacht verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen
+kann, wird nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die
+Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit genügt vollauf,
+falls wir sie hierfür frei behalten, zu einer Beschäftigung bei Nacht
+zwingt die Not. Immerhin ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es
+mit frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, am
+freisten von Störung.
+
+Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies Herz sind
+zwar sehr wünschenswert, können aber nicht immer uns zuteil werden;
+deshalb soll man nicht gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das
+Buch wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern der Störung
+entgegentreten und durch Gewöhnung so weit kommen, daß die Stärke des
+Willens alle Hindernisse überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung
+auf die Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr berührt,
+nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es der Zufall nicht häufig so,
+daß wir in Gedanken versunken uns Begegnende nicht sehen und vom Wege
+abirren? Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht nachgiebig sein.
+Denn wenn wir glauben, nur nach genossener Erholung, nur heiteren
+Gemütes, nur frei von jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können,
+werden wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein.
+Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim Gastmahl der
+denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit schaffen.
+
+Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten auf dem Markt,
+umgeben von so vielen Richtern unter Wortwechsel und Geschrei, sofort
+eine zusammenhängende Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte,
+welche wir auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit
+wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, obwohl ein großer
+Verehrer der Einsamkeit, seine Reden am Ufer, wo die Wogen mit heftigem
+Gebrause brandeten, und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer
+Volksversammlung furchtlos gegenüberzutreten.
+
+Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den Studien nichts
+geringfügig ist – will ich nicht übergehen, nämlich daß man am besten
+auf Wachs schreibt, wo man das Geschriebene leicht wieder ausstreichen
+kann, falls nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern,
+das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch das häufige
+Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen des Schreibrohres ermüdet und
+den Zug der Gedanken hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der
+entgegengesetzten Seite einen Raum frei, auf welchem für Zusätze freier
+Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu enge Raum zur Faulheit im
+Verbessern und läßt das neu dazwischen Geschriebene mit dem alten
+zusammenfließen. Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig
+breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger Mann, welcher
+sonst eifrig war, übermäßig lange Reden hielt, weil er sie nach der
+Anzahl der Linien maß; und wie dieser Fehler, dem sich durch
+fortgesetzte Ermahnung nicht abhelfen ließ, durch eine Änderung der
+Schreibtafeln beseitigt wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf
+welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet wird, was ihnen
+außerhalb des engeren Zusammenhanges, d. h. aus Teilen der Rede, mit
+deren Ausarbeitung sie augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt.
+Denn häufig kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir weder
+einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder vergessen
+werden oder die mit ihnen Beschäftigten in dem weiteren Gedankengang
+stören, und die deshalb am besten niedergeschrieben werden.
+
+
+
+
+≈VIERTES KAPITEL≈
+
+Von der Nachbesserung
+
+
+Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem nützlichsten Teil
+des Studiums; hat man doch nicht ohne Grund behauptet, der Griffel sei
+in nicht geringerem Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder
+vernichtet. Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen
+und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und einfacher, wenn es sich
+darum handelt, zu ergänzen oder wegzulassen; das Schwülstige aber zu
+vereinfachen, das Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das
+Ungeordnete zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang
+einzureihen, das zu stark Hervorgehobene zurückzudrängen: dies alles
+erfordert doppelte Mühe; denn auf der einen Seite muß man das, dem man
+bereits seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der andern
+Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu hinzu erfinden. Es
+unterliegt nun keinem Zweifel, daß es sich empfiehlt, erst dann zu dem
+Geschriebenen wie zu einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren,
+wenn man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das von uns
+Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln und gefallen. Aber
+auch dies kann zumal dem Redner nicht immer zuteil werden, da er häufig
+für das Bedürfnis des Augenblicks schreiben muß, man muß auch im
+Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich Leute, welche zu dem
+Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, es sei fehlerhaft,
+zurückkehren, und die jede beliebige Änderung vorziehen, als ob das
+zuerst Geschriebene nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese
+sind den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch
+schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, daß es an
+eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen zu Verschlechterungen
+werden. Man gelange also endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen
+oder doch zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, aber
+nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man Maß halten; denn wenn
+es heißt, Cinna[1] habe die Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren
+geschrieben, Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn Jahre
+gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da sein Beistand wertlos
+ist, wenn er so langsam erfolgt.
+
+
+
+
+≈FÜNFTES KAPITEL≈
+
+Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen
+
+
+Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was hauptsächlich
+diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben wollen, schreiben müssen.
+Nun gehört eine Auseinandersetzung über die Stoffe, welche an erster,
+zweiter oder darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher
+(denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan für die
+Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen solchen für die älteren
+Schüler entworfen haben, geschehen), sondern es ist die auf unser
+gegenwärtiges Thema bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und
+Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden.
+
+Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten unsere Redner der
+alten Schule für das beste. Dies behauptet Crassus in Ciceros Schrift
+„Über den Redner” häufig getan zu haben[1]; dies schreibt Cicero
+seinerseits oft vor[2], ja er gab sogar die Bücher Platos und
+Xenophons[3], welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; dies
+fand auch den Beifall des Messalla, und viele seiner Reden sind auf
+diese Weise entstanden, so daß er mit der äußerst schmucklosen und für
+Römer sehr schwierigen Rede des Hyperides für Phryne[4] in die
+Schranken treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt
+auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die griechischen
+Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der Beredsamkeit die größte
+Kunst; bei der Übertragung dieser kann nun der Übersetzer so verfahren,
+daß er stets den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen
+ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von den
+Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender Weise zu
+bilden, ist schon deshalb notwendig, weil die römische und die
+griechische Ausdrucksweise meist voneinander verschieden sind.
+
+Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte wohl gleichfalls
+sehr förderlich sein. Was die Gedichte anbetrifft, wird dagegen niemand
+Widerspruch erheben, ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius
+ausschließlich betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist der
+Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung geben, und die Ausdrücke,
+welche der poetischen Freiheit entsprechend kühner sind, haben nicht in
+gleicher Weise das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen
+ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft zu verleihen,
+Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. Auch möchte ich die Forderung
+aussprechen, daß eine Umschreibung nicht erklärende Erweiterung sei,
+sondern ein Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens.
+Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche die Übertragung
+lateinischer Reden mißbilligen, weil jede Veränderung notwendig eine
+Verschlechterung im Gefolge haben müsse, falls wir die besten Reden
+hierzu verwendeten. Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu
+verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es bereits
+geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit nicht so nüchtern und
+arm, daß man über #einen# Gegenstand nur auf #eine# Weise gut reden
+kann. Oder kann etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den
+gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede zurückstehen
+muß, indem ein Gegenstand rednerisch so behandelt werden kann, daß über
+den gleichen Stoff jedes weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt
+auch, daß das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, so
+kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder kommt es etwa nicht
+vor, daß wir selbst über denselben Gegenstand zweimal und häufiger
+reden und manchmal in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir
+etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit anderen
+hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf #eine# Art ein
+Gegenstand rednerisch gut behandelt werden könnte, müßten wir zu der
+Meinung kommen, daß uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen
+abgeschnitten sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte,
+und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. Ihren eigenen Reiz hat
+die Kürze, ihren eigenen wiederum die Fülle, nach anderen Gesetzen muß
+das Übersetzte, nach anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das
+eine läßt sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in
+künstlich figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich
+Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende Schwierigkeit. Dazu
+kommt noch das gewichtige Moment, daß die besten Schriftsteller auf
+diese Weise mit großer Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen
+ihre Schriften nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln alles
+einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe ein und lernen ihre
+Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie nicht nachahmen können.
+
+Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch unser Eigenes auf
+verschiedene Arten zu behandeln, wird von Nutzen sein, in der Weise,
+meine ich, daß wir einzelne Gedanken auswählen und diesen so häufig wie
+möglich eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer wieder in
+andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am meisten Fertigkeit, glaube
+ich, aber werden wir uns gerade bei Behandlung der einfachsten
+Gegenstände erwerben. Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht
+verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge von Personen,
+Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, Warten und Taten zu tun hat,
+da sich dann von allen Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus
+welcher man etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines
+tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp ist, ausführlich
+zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende steigert, dem
+Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen Reiz verleiht und über eine
+kleine Anzahl von Gegenständen ausführlich geistreich redet.
+
+Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen über zweifelhafte
+Fragen, welche, wie wir bemerkten[5], „Thesen” genannt werden; pflegte
+sich doch Cicero mit diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im
+Staate einnahm[6]. Dieser Übung ist die Widerlegung und das Beweisen
+einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher Satz entweder ein Urteil
+oder eine Vorschrift enthält, so kann auf der einen Seite die Sache
+selbst, auf der andern Seite das Urteil über dieselbe untersucht
+werden. Dazu kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich
+auch von Rednern[7] bearbeitet worden sind. Denn wer diese nur, indem
+er bei der Stange bleibt, ohne auf Abwege zu geraten, erschöpfend
+behandelt hat, der wird gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen
+zuläßt, um so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch
+alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl kein Unterschied,
+ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius[8] soll in Anklagezustand
+versetzt werden, weil er einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen:
+wird die Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag dem Volke
+selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage aufstellen, ob
+Milo[9] den Clodius mit Recht getötet habe, oder ob wir sie
+formulieren: darf man einen Feind und staatsgefährlichen Bürger töten
+für den Fall, daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt?
+Ferner: Hat Cato die Marcia dem Hortensius[10] unbeschadet seiner Ehre
+übergeben? oder: Ziemt so etwas einem rechtschaffenen Manne? Über eine
+Person wird das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird der
+Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie in den
+Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind diese, falls sie nur
+der Wirklichkeit entsprechend und richtigen Reden verwandt sind, nicht
+allein, solange das Fortschreiten noch ein langsames ist, von großem
+Nutzen, da sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben,
+sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, und
+der junge Redner schon Lorbeeren auf dem Forum geerntet hat. Denn die
+Beredsamkeit erhält Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine
+angenehmere Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen
+harten Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb muß man in manchen
+zur Übung geschriebenen Aufsätzen die Breite der Geschichtschreibung
+anwenden und sich an der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen
+üben; selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht ohne
+Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und ausgesuchterer Kost
+erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit dem Zwang in Speise und
+regelmäßiger Übung entsagt haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der
+Beredsamkeit so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich auch zu
+diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet hat. Denn wenn uns die
+Prozesse allein Stoff liefern, dann wird notwendig der Glanz schwinden,
+die feineren Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die
+Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf werden.
+
+Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam im militärischen
+Dienstverhältnis befindlichen Rednern diese süße Speise Erfrischung und
+Stärkung bietet, so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem
+bloßen Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an
+inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem Wirken in der
+Dämmerung des geschlossenen Raumes, mit welchem sie durch langjährige
+Gewöhnung vertraut geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne
+aufgeschreckt werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse zu
+tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst einem Porcius Latro[11],
+welcher ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit war. Als er, der sich
+einen großen Ruf durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede
+auf dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden Bitte
+gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal verlegen. So
+ungewohnt war ihm der freie Himmel, daß man hätte glauben können, alle
+seine Beredsamkeit sei von Wand und Decke abhängig.
+
+Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form in der rechten Weise
+zu gestalten von seinen Lehrern mit Fleiß gelernt hat (was keine
+grenzenlose Aufgabe ist, wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten
+Willen haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie es auch
+bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur Nachfolge und
+Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen sei er so häufig wie
+möglich anwesend und ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren,
+bei welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann soll er
+entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen er beigewohnt hat,
+schriftlich ausarbeiten, oder auch andere, aber solche, welche der
+Wirklichkeit entnommen sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen
+üben, wie wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel des
+Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als Entgegnung auf
+die Reden der Alten schreiben, wie es Cestius[12] mit der Rede Ciceros
+für Cestius tat, obwohl er aus der Verteidigungsrede die Sache der
+andern Partei nicht hinreichend kennen konnte.
+
+Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, wenn ihn sein
+Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen so sehr wie möglich der
+Wahrheit treu zu bleiben und die Stoffe vollständig zu bearbeiten,
+während er sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte.
+Freilich steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt die allzu
+große Menge der Schüler und der Brauch, die Klassen an bestimmten Tagen
+deklamieren zu lassen, hindernd im Wege, einigermaßen auch die
+Urteilslosigkeit der Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht
+nach ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer (wie ich im
+ersten Buche ausgeführt habe)[13] wird sich nicht mit einer größeren
+Anzahl von Schülern, als er vertragen kann, belasten; er wird zu große
+Weitschweifigkeit beschneiden, so daß er nur alles das, was die
+Streitfrage betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode
+einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang mit dem
+Stoff steht; auch wird er die Zeit, in welcher die aufgegebenen
+Vorträge gehalten werden müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder
+die Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete wird von
+höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl von nur begonnenen
+Versuchen, welche der Schüler gleichsam nur gekostet hat. In diesem
+Fall nämlich pflegt es so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten
+Platz erhält, und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb der
+gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge blühende Redewendungen
+überall zusammensuchen und auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt
+es, daß sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien
+keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck aller Art
+unklar gestalten.
+
+
+
+
+≈SECHSTES KAPITEL≈
+
+Sammlung des Gedankenstoffes
+
+
+Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am nächsten verwandt
+ist die Anfertigung von Entwürfen im Kopf, welche ebenfalls von jener
+Übung ihre Kräfte empfängt und zwischen dem mühevollen Verfassen von
+Aufsätzen und dem Glückswurf der Improvisation in der Mitte steht und
+vielleicht am häufigsten zur Anwendung kommt. Denn längere Aufsätze
+anzufertigen, dazu sind wir nicht überall und nicht immer imstande, für
+Anfertigung von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit und Ort meist
+reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf umfaßt in wenigen Stunden
+selbst große Prozesse; er wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn
+der Schlaf unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in
+der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man keinen Augenblick
+unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie es wohl genug wäre, eine
+Anordnung des Stoffes, sondern er verbindet auch die Worte und webt die
+ganze Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur die
+schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis das meist weit
+treuer, was nicht durch die Mühe des Schreibens weniger fest aufgefaßt
+ist.
+
+Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken kann man nicht
+plötzlich oder schnell gelangen. Denn erstlich müssen wir durch vieles
+Schreiben eine Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei dem
+Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich die Erfahrung zu
+gewinnen in der Weise, daß wir uns nur an kleinen Aufgaben versuchen,
+deren treue Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere
+Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, daß wir
+eine Mehrbelastung nicht spüren, und endlich durch beständige Übung,
+welche hauptsächlich in einer Schulung des Gedächtnisses beruht,
+größere Stoffmassen umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an
+jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. Es kommt
+mit der Zeit dahin, daß der, bei welchem der Geist sich willig zeigt,
+durch eifriges Studium erreicht, daß bei ihm das, was er nur in
+Gedanken entworfen hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie
+das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat.
+
+Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor[1] aus Skepsis
+und Empylus[2] aus Rhodos und von unseren Rednern Hortensius das in
+Gedanken Entworfene in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben.
+
+Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens die Rede die Färbung
+der Improvisation erhält, so soll man nicht ängstlich bei dem vorher
+Ausgedachten haften bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so
+sorgfältige Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem
+glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig auch in das
+Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen.
+
+Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir
+leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es
+das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und
+sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits
+die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher
+soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen
+sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber
+zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht,
+daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen
+entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an
+das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich
+selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden
+Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts
+suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden
+müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem
+Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch
+gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist.
+
+
+
+
+≈SIEBENTES KAPITEL≈
+
+Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, erworben und erhalten
+wird
+
+
+Der größte Gewinn aber des Studiums und gleichsam der reichste Lohn für
+ein langes Arbeiten ist die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer
+diese nicht erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf den
+Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine einseitige
+Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an anderen Stoffen
+ausüben. Denn einem Manne von wirklicher Gewissenhaftigkeit steht es
+nicht wohl an, eine Hilfeleistung zum allgemeinen Nutzen zu
+versprechen, welche in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt,
+einem Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem Winde
+einlaufen kann. Wird doch in unzähligen Fällen ein plötzliches
+Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt gegenüber oder bei plötzlich
+angestelltem Gerichtsverfahren. Wenn ein solcher Fall nun – ich will
+nicht sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner Freunde
+und Verwandten passiert, soll er dann stumm dastehen und in Gegenwart
+derer, die seine Verteidigung verlangen und dem Untergang preisgegeben
+sind, wenn ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit
+und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und dem Gedächtnis
+eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet sind? Und wie könnte
+man wohl vernünftigerweise auf die Forderung verzichten, daß der Redner
+jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, wenn er seinem
+Gegner antworten muß? Denn häufig bleibt das, was wir vermutet hatten
+und wogegen wir geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt
+plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann dem Andringen der
+Stürme gegenüber, so muß der Redner bei einer plötzlich veränderten
+Wendung des Prozesses sein Verfahren ändern. Was erreicht man denn
+schließlich mit den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender
+Lektüre und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe
+Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit der
+vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig zugeben, der auf dem gleichen
+Gebiete immer derselben Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich
+nicht gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug geben
+soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies werden wir aber am
+besten auf folgende Weise erreichen.
+
+Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen hat, bekannt sein;
+denn der Wettlauf kann nicht glücken, bevor wir wissen, welche Richtung
+und welchen Weg wir einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die
+einzelnen Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen
+Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die Hauptsache ist,
+sondern man muß auch wissen, was in jedem dieser Teile zuerst
+vorzubringen ist, was an zweiter Stelle und was nachher; ferner was
+seiner Beschaffenheit nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen
+Platz vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß Verwirrung
+entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt sich vor allem durch die
+Reihenfolge der Ereignisse selbst führen, daher kommt es hauptsächlich,
+daß auch weniger geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden
+behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig haben, worauf sich
+die Untersuchung bezieht, und nicht umhergaffen oder durch das, was
+sich von anderer Seite den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und
+nicht aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen wie
+Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an keinem Orte
+verharren. Außerdem soll man Maß und Ziel einhalten, was ohne
+Disposition nicht möglich ist. Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft
+ist, sei man sich bewußt, daß man fertig ist.
+
+Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das Weitere ist eine
+Frucht praktischer Übung. Damit wir uns eine Fülle der besten Ausdrücke
+der bereits gegebenen Vorschrift entsprechend aneignen, muß die
+Redefertigkeit durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere
+geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte Wort dieselbe
+Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. Wir werden daher, nachdem wir
+viele schriftliche Aufsätze gefertigt haben, auch viele Übungen im
+mündlichen Vortrag anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt
+hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin Pausen eintreten
+läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit matter, sondern die Zunge
+selbst wird stumpf und müde. Denn obwohl es einer gewissen natürlichen
+Beweglichkeit dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, und
+daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben Gesprochene anknüpft,
+so kann doch kaum natürliche Anlage oder künstliche Berechnung uns zu
+einer so vielseitigen Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung,
+Disposition, Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in genügender
+Weise beachten, und daß wir dabei noch den eben gesprochenen Worten,
+den darauffolgenden und denen, welche im weiteren Verlaufe folgen
+sollen, Beachtung schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und
+Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn die
+Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit dem Folgenden
+beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, so viel muß aus dem noch
+Ausstehenden zur Ergänzung herangezogen werden, so daß äußerer und
+innerer Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir nicht
+stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene Sätze
+nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen.
+
+Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche die Griechen
+ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige Beschäftigung”)
+nennen; sie läßt uns die Hand beim Schreiben bewegen, die Augen beim
+Lesen über die Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und das
+Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende ausgesprochen
+hat. Diese mechanische Fertigkeit bringt auf der Bühne jene Wunder der
+Gaukler und Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das
+in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, was sie
+dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl wieder zurückkehrt.
+Aber diese mechanische Fertigkeit wird nur dann von Nutzen sein, wenn
+zuvor die Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, durch
+welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen Zwecke verwendet
+wird. Denn wer ohne Ordnung, Schmuck und Fülle redet, der scheint mir
+nicht zu reden, sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden ohne
+Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da ich es auch bei
+schimpfenden Weibern reichlich gesehen habe; wenn es aber von Feuer und
+Geist getragen wird, dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste
+Vorbereitung an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. In
+einem solchen Falle pflegten dann die alten Redner, wie Cicero sagt[1],
+zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. Die Ursache hiervon liegt auf der
+Hand. Tiefgreifende Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen in
+vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit derselben
+durch den Aufenthalt des Schreibens verringert wird, die, wenn einmal
+etwas verlorengegangen ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf
+jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich nicht äußern,
+wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei anwendet, und bei
+jedem Ausdruck einen Anstoß findet, sondern die Rede wird, wenn auch
+jeder Ausdruck peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, als
+Stückwerk sein.
+
+Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, welche,
+wie ich gesagt habe[2], von den Griechen als Bilder der Phantasie
+bezeichnet werden, in sich aufnehmen, und es muß alles, was der
+Gegenstand unserer Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit
+verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge gefaßt und in die
+Glut des Affekts getaucht werden: denn das Herz ist es, was beredt
+macht, und die Kraft der Vorstellung.
+
+Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, wenn sie nur von
+einem lebhaften Gefühle erregt sind. -- Ferner ist der Geist nicht auf
+einen einzigen Gegenstand, sondern auf mehrere zugleich zu richten, so
+wie wir bei einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen
+durchmessen, nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr und an
+ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen Anreiz zum Reden trägt
+auch ein berechtigter Ehrgeiz in sich; während man sich daher beim
+Schreiben an der Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich
+meidet, wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer wie
+der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. Denn auch einen
+schwierigen Gedanken läßt die Nötigung des Redens zum Ausdruck
+gelangen, und einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen.
+So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit,
+wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, sich hauptsächlich
+durch den augenblicklichen Gewinn von Ruhm und Anerkennung leiten läßt.
+Nur möge keiner zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß
+er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf glücken, vielmehr
+muß man, wie bei dem Entwurf im Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren
+von kleinen Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur durch
+Übung erreicht und behauptet werden kann. Man muß es aber hierin so
+weit bringen, daß der im Kopf zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen
+Umständen besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine
+Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern auch in
+Versen angeeignet haben, wie Antipater[3] aus Sidon und Licinius
+Archias[4], wenn man Cicero Glauben schenken darf; damit will ich aber
+nicht gesagt haben, daß nicht auch manche in unserer Zeit es so weit
+gebracht haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für etwas
+so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es ist weder besonders
+nützlich noch notwendig), so meine ich doch, daß es denen, welche sich
+zur Tätigkeit auf dem Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild
+gibt, wenn man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl soll
+das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes sein, daß wir
+nicht wenigstens einen kurzen Augenblick – der fast nie fehlen wird –
+erübrigen, um das, was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu
+überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen und auf dem
+Forum immer Gelegenheit sein wird; denn niemand tritt als
+Gerichtsredner auf, ohne sich über den schwebenden Rechtsfall zu
+unterrichten. Manche Kunstredner verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß
+sie sich sofort zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen
+ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen wollen, was
+besonders abgeschmackt und schauspielermäßig ist. Freilich verlacht
+ihrerseits wieder die Beredsamkeit ihre Anhänger, die sie so
+herabwürdigen, und sie, welche Törichten gebildet erscheinen wollen,
+erscheinen Gebildeten töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so
+plötzliche Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man einer
+besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man muß dann alle geistige
+Kraft auf den Gegenstand lenken und vorderhand auf stilistische
+Sorgfalt verzichten, wenn Inhalt und Form gleich sorgfältig zu
+behandeln nicht möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein
+langsameres Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam zögernde
+Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß wir zu überlegen, nicht
+aber steckenzubleiben scheinen. So werden wir verfahren, während wir
+noch im Begriff sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der
+Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. Bald aber werden
+wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung bringen, die Taue zurechtmachen
+und uns in volle Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als
+daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, eine Beute
+für die Stürme, welche einen, wohin sie wollen, tragen werden.
+
+Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese Fertigkeit zu
+erhalten, wie um sie zu erwerben. Das theoretische Wissen verliert sich
+nicht, wenn es einmal recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche
+Übung büßt durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; diese
+Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und in Bereitschaft zu sein,
+wird lediglich durch Übung erhalten. Dies erwerben wir uns dann am
+besten, wenn wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden haben,
+deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher Sorge entgegensehen;
+denn daß man die eigene Kritik fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist
+es besser, wenn wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns
+überhaupt nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem Orte und zu
+jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes tun, stattfinden kann, besteht
+im bloßen Denken und der Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still
+(indem wir jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist zum
+Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man wird bei dieser eine
+sorgfältigere Anordnung treffen als bei jener, wo wir den Zusammenhang
+der Rede zu unterbrechen fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die
+vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung einer
+kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache und guter körperlicher
+Bewegungen, welche, wie gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung
+bringen, wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen mit dem
+Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem Schweif machen. Man muß
+sich aber mit Eifer dem Studium hingeben immer und überall. Ist doch
+auch fast nie ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer
+Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie Cicero den Brutus
+sagen läßt[5], sei es für Schreiben, Lesen oder Redeübungen erübrigt
+werden könnte, wie denn auch C. Carbo[6] selbst im Felde solche
+Redeübungen anzustellen pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was
+Cicero gleichfalls empfiehlt[7], daß unser Sprechen niemals nachlässig
+sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben und wo wir es tun, immer
+besitze es eine relative Vollkommenheit. Und schreiben soll man zu
+keiner Zeit mehr als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn
+so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit gehört zu den
+folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, welche sonst in
+Oberflächlichkeit ausarten würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe,
+sowie die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln eines
+Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche befestigen,
+abschneiden, damit die schwächeren weiter in die Tiefe wachsen und so
+erstarken. Und vielleicht fördert beides, mit Sorgfalt und Fleiß
+ausgeführt, einander in der Weise, daß wir durch das Schreiben
+sorgfältiger reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit
+schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, schreiben,
+und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich durch Überdenken des
+Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, so soll man doch darauf
+hinwirken, daß weder der Redner in Verlegenheit gesetzt, noch sein
+Klient verlassen scheint.
+
+Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu halten, daß sie
+das Notwendigste und auf jeden Fall den Anfang aufschreiben und das
+übrige, was sie im Gedächtnis haben, in Gedanken disponieren,
+plötzlichen Einwürfen aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß M.
+Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen hervor. Es
+sind aber solche auch von anderen in Umlauf, welche aufgefunden in der
+Gestalt, in der sie ein Redner niedergeschrieben hatte, später in
+Bücher eingeteilt worden sind, wie die Notizen über die Prozesse,
+welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch drei Reden
+vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten Aufzeichnungen sind von
+einer peinlichen Genauigkeit, daß ich glauben möchte, sie seien von ihm
+selbst für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen,
+welche nur für den Augenblick berechnet waren, hat sein Freigelassener
+Tiro gesammelt; eine Tatsache, welche ich nicht anführe, damit sie
+denselben zur Entschuldigung diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall
+versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu erhöhen. Bei dem
+freien Sprechen billige ich es vollständig, wenn man sich kurze Notizen
+in eine Rolle macht, welche man auch in der Hand behalten und ab und zu
+einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des Länas[8], sogar
+bei dem, was wir geschrieben haben, den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch
+und einzelne Hauptabschnitte einzutragen[9]. Denn das Vertrauen auf
+dieses Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und macht
+unser Reden stockend und formlos. Möchte ich doch nicht einmal, daß man
+das aufschreibt, was man vollständig auswendig lernen will; denn hier
+kommt es auch vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen
+haften bleiben, und daß wir auf das, was ein glücklicher Augenblick uns
+eingibt, verzichten. Unsicher und schwankend werden wir dann, da wir
+das Aufgeschriebene verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben.
+
+Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche sprechen und darf
+dies hier nicht schon anfügen, weil ich anderes vorausschicken muß.
+
+
+
+
+Anmerkungen
+
+
+Erstes Kapitel
+
+[1] Dieselben sind in den beiden vorhergehenden Büchern enthalten.
+
+[2] Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann hin und
+her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff den
+Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die Lektüre
+dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller.
+
+[3] Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. Ähnlich
+heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610:
+
+Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; Horaz, Satiren
+I, 1, 70:
+
+ Du liegst voll Gier auf den Säcken,
+ Die du zusammengerafft.
+
+[4] Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein Redner
+werden will.
+
+[5] S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1.
+
+[6] Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste,
+Archilochus, wird weiter unten charakterisiert.
+
+[7] Aristophanes, Eupolis, Kratinus.
+
+[8] Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die zuerst von
+Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche Weise der
+ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, welches Volk das
+älteste sei.
+
+[9] Oder „Käse”, wie Vergil, Eklogen 1, 81.
+
+[10] Im Gegensatz zu dem toten Buchstaben.
+
+[11] Die Reden um den Kranz.
+
+[12] Servius Sulpicius Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte zur
+Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. In dem
+nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, 2, 106 als
+Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der Ankläger.
+Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über Messalla, Pollio
+und Cassius s. weiter unten.
+
+[13] Cajus Nonius Asprenas, ein Freund des Augustus, wurde von Cassius
+angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl 130 Personen
+vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit seiner Freisprechung.
+
+[14] Die entsprechenden Reden Ciceros sind die für Ligarius und gegen
+Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die Gewalt
+Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, wurde, als seine
+Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, von Tubero wegen
+seines Verhaltens in Afrika angeklagt.
+
+[15] Freund und Zeitgenosse Ciceros.
+
+[16] Cornelius Celsus, zur Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender
+Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft,
+Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten ist nur
+seine Schrift ≈de medicina≈.
+
+[17] Er war aus Nemausus in Gallien.
+
+[18] Crispus Passienus der Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero,
+gestorben 49 n. Chr.
+
+[19] Vielleicht Lälius Balbus unter Tiberius.
+
+[20] Der Fall ist nicht näher bekannt.
+
+[21] Wo Cicero dies gesagt hat, ist unbekannt; die Stelle des Horaz
+steht ≈ars poetica≈ 359.
+
+[22] In seinem Buche über die Rhetorik.
+
+[23] Rede für den Dichter Archias 12.
+
+[24] Das ist die antike Auffassung der Geschichtschreibung, welche sich
+von der modernen wesentlich unterscheidet.
+
+[25] IV, 2, 45.
+
+[26] Der Redner 39; 62.
+
+[27] Hiermit sind offenbar die auch uns zum Teil erhaltenen Schriften
+des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint.
+
+[28] Brutus 248.
+
+[29] In einer nicht auf uns gekommenen rhetorischen Anweisung.
+
+[30] Aratus lebte um 270 v. Chr. am Hofe des Königs Antigonus Gonatas
+von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den Worten: Ἑκ Διὸϛ
+ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). Dieses Werk bespricht
+Quintilian weiter unten.
+
+[31] Ilias XXI, 196.
+
+[32] Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff.
+
+[33] Phönix, Ilias IX, 529 ff.
+
+[34] Ilias XXIV, 486 ff.
+
+[35] Um 800 v. Chr., Verfasser des didaktischen Gedichtes „Werke und
+Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des Herakles”.
+
+[36] Der Stil, welcher in der Mitte steht zwischen dem schlichten
+attischen und dem überladenen asiatischen.
+
+[37] Epischer Dichter aus Kolophon, lebte gegen das Ende des
+Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs.
+
+[38] Aus Halikarnaß, um 480 v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser eines
+epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern.
+
+[39] Geboren zu Alexandria, aber als rhodischer Bürger gewöhnlich „der
+Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria um 190 v.
+Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”.
+
+[40] Die alexandrinischen Kritiker, besonders Aristophanes aus Byzanz
+und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert v. Chr.
+ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, das auch
+in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt wurde.
+
+[41] S. Anm. 30.
+
+[42] Der berühmte Idyllendichter aus Syrakus, um 275 v. Chr.
+
+[43] Aus Kamirus auf Rhodos, um 640 v. Chr., Verfasser einer
+„Herakleia”.
+
+[44] Nikander, wahrscheinlich aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. zum
+Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und schrieb außer
+vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und „Theriaka” über Bisse
+giftiger Tiere.
+
+[45] Ämilius Macer aus Verona, gestorben 16 v. Chr., schrieb
+„Ornithogonia” und „Theriaka”.
+
+[46] Quintilian scheint, durch die Gleichheit des Titels veranlaßt, an
+die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht nachweisen,
+daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des Nikander als
+Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über die Bienen
+(Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben.
+
+[47] Euphorion aus Chalkis auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., lebte in
+Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der Bibliothek. Seine
+epischen Gedichte und Elegien wurden wegen ihres mythologischen und
+antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und von Cornelius Gallus
+nachgebildet.
+
+[48] Eklogen 10, 50.
+
+[49] In der ≈ars poetica≈ 401.
+
+[50] Tyrtäus, um 685-668 v. Chr., aus Aphideä in Attika, berühmt durch
+seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im Zweiten Messenischen
+Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert haben sollte.
+
+[51] Kallimachus aus Kyrene, um 260 v. Chr., lebte in Alexandria. Er
+erlangte hohen Ruhm durch seine Elegien, die von den römischen Dichtern
+Catull, Properz und Ovid nachgeahmt wurden.
+
+[52] Philetas aus Kos, Freund des Theokrit, Lehrer des Ptolemäus II.
+Philadelphus, um 280 v. Chr., von Properz und Ovid nachgeahmt.
+
+[53] Die beiden hier nicht Genannten sind Simonides aus Samos, um 660
+v. Chr., und Hipponax aus Ephesus, um 540 v. Chr., ein scharfer
+Satiriker.
+
+[54] Nicht angeführt sind Alkman aus Sardes, um 620 v. Chr., Sappho aus
+Lesbos, um 600 v. Chr., Ibykus aus Regium, um 540 v. Chr., Anakreon aus
+Teos, später am Hofe des Polykrates von Samos, Bakchylides aus Kos, um
+465 v. Chr. – Pindar, geb. 522 v. Chr. in Kynoskephalä bei Theben,
+hochgeachtet von Fürsten und freien Bürgern im Leben und nach seinem
+Tode 441 v. Chr.
+
+[55] Oden IV, 2:
+
+ Wer sich erkühnt, dem Pindar nachzusingen,
+ Der hebt, Jullus, sich mit tollem Mut
+ Auf Dädalus' mit Wachs gefügten Schwingen
+ Und gibt den Namen der kristallnen Flut.
+ Wie von den Regengüssen angeschwollen,
+ Aus den gewohnten Ufern tritt der Fluß,
+ So stürzt hervor mit allgewalt'gem Rollen
+ Aus ungemeß'ner Tiefe Pindarus.
+
+[56] Stesichorus aus Himera auf Sizilien, geb. um 630 v. Chr., der
+berühmteste Dichter Siziliens, starb hochbetagt in Catana. Vgl. über
+ihn Horaz (Oden IV, 9, 4 ff.):
+
+ Zwar glänzt Homer als erster in Sängerreih'n,
+ Doch schweigt darum die Muse des Pindar nicht,
+ Noch Ceas Lied, Alcäus' Schlachtruf,
+ Oder Stesichorus' ernste Dichtung.
+
+[57] Aus Mytilene auf Lesbos, 611-580 v. Chr.
+
+[58] Gemeint sind die Gedichte des Alcäus, welche den zehnjährigen
+Bürgerkampf seines Vaterlandes behandeln.
+
+[59] Myrsilus und Pittakus.
+
+[60] Simonides aus Julis auf Kos (556-486 v. Chr.), lebte teils in
+Athen am Hofe des Hipparch, teils an dem des Hiero in Syrakus. Mit
+ersterem war er befreundet, ebenso mit Themistokles, Pausanias,
+Anakreon u. a. Er besaß weltmännische und wissenschaftliche Bildung und
+war mit einem vorzüglichen Gedächtnis ausgestattet.
+
+[61] Aristophanes aus Athen, zur Zeit des Peloponnesischen Krieges,
+trat schon früh mit Komödien auf. Er lebte noch 386 v. Chr. – Eupolis
+dichtete angeblich schon im 17. Jahre Komödien, mit Aristophanes
+befreundet, dann entzweit. – Kratinus aus Athen, ebenfalls Zeitgenosse
+des Aristophanes, durch persönliche Satire gefürchtet, schuf den
+komischen Stil.
+
+[62] Äschylus, geboren in dem attischen Demos Eleusis 525 v. Chr.,
+führte in großer Zeit ein bewegtes Leben und übte auf die Gestaltung
+der Tragödie nicht geringen Einfluß, gestorben 456 v. Chr. Von 70
+Tragödien sind uns noch 7 erhalten.
+
+[63] Uns ist nichts von einer Verbesserung seiner Stücke oder von der
+Erlaubnis zur Aufführung seitens der Athener bekannt.
+
+[64] Sophokles, geb. 496 v. Chr. in dem attischen Demos Kolonos, der
+größte Tragödiendichter des Altertums, gest. 406. Von 86 Tragödien sind
+7 erhalten, von denen einige auch heute noch aufgeführt werden. –
+Euripides, geb. in Salamis 480 v. Chr., trat früh als Dichter auf,
+gest. 406 in Pella, hochgeehrt von dem König Archelaus.
+
+[65] Menander aus Athen, 342-290 v. Chr. Von seinen mehr als 100
+Komödien haben wir nur noch Bruchstücke, zum Teil allerdings ziemlich
+umfangreiche (so gerade in den hier genannten Epitrepontes), dagegen
+Nachbildungen in mehreren Stücken des Terenz.
+
+[66] Ein athenischer Redner, Zeitgenosse des Demosthenes.
+
+[67] Aus Soli oder Syrakus, gest. 262 zu Athen, fast 100 Jahre alt. Von
+seinen mehr als 90 Komödien ist nur wenig übrig. Zwei Stücke von ihm
+hat Plautus frei nachgebildet.
+
+[68] Thukydides aus Athen, 471-396 v. Chr.
+
+[69] Herodot aus Halikarnaß, 484 bis gegen 410 v. Chr.
+
+[70] Theopomp aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb auf Veranlassung
+seines Lehrers Isokrates Hellenika, als Fortsetzung des Thukydides, und
+58 Bücher Philippika, eine allgemeine Geschichte seiner Zeit. Beide
+Werke sind verlorengegangen.
+
+[71] Philistus aus Syrakus, Zeitgenosse der beiden Dionysios', 356 v.
+Chr. in hohem Alter getötet. Er verfaßte sizilische Geschichten.
+
+[72] Ephorus, aus dem äolischen Kyme, Verfasser einer Geschichte
+Griechenlands von Anfang an bis zum Jahre 340 v. Chr.
+
+[73] Clitarch aus Megara, Geschichtschreiber Alexanders d. Gr.
+
+[74] Timagenes aus Alexandria, Freund des Asinius Pollio, schrieb
+ebenfalls eine Geschichte Alexanders d. Gr.
+
+[75] S. weiter unten.
+
+[76] Außer den fünf genannten: Antiphon, Andocides, Isäus, Lycurgus und
+Dinarchus.
+
+[77] Aus dem Demos Päania, 384-322 v. Chr.
+
+[78] Äschines aus Athen, 389-314 v. Chr., Gegner des Demosthenes.
+
+[79] Hyperides aus Athen, geb. 390 v. Chr., wie Demosthenes tätig im
+Kampfe gegen Philipp von Mazedonien, in Ägina auf Befehl des Antipater
+322 hingerichtet.
+
+[80] Lysias, geb. in Athen um 435 v. Chr., berühmter Lehrer der
+Beredsamkeit, starb in hohem Alter 353 v. Chr.
+
+[81] Isokrates, geb. in Athen 436 v. Chr., ein Schüler des Sokrates,
+ebenfalls berühmt als Lehrer der Beredsamkeit. Er starb 94 Jahre alt
+wenige Tage nach der Schlacht bei Chäronea 338 v. Chr. eines
+freiwilligen Todes.
+
+[82] Demetrius von Phaleron, 317-307 v. Chr. fast unumschränkter
+Statthalter in Athen; darauf gestürzt, fand er in Ägypten freundliche
+Aufnahme. Er starb in Oberägypten 283 in der Verbannung an dem Bisse
+einer Schlange.
+
+[83] Plato, geb. 427 v. Chr., gest. 347, der größte Schüler des
+Sokrates.
+
+[84] Xenophon, aus dem attischen Demos Erchia, geb. um 434 v. Chr.,
+Schüler des Sokrates, bekannt durch seine Teilnahme an dem Zuge des
+jüngeren Kyros, wegen seiner Vorliebe für Sparta 399 verbannt, lebte
+dann in Skillus bei Elis, darauf in Korinth, gest. 355.
+
+[85] Aristoteles, geb. 384 v. Chr. zu Stagira in Mazedonien, Lehrer
+Alexanders d. Gr., berühmtester und gelehrtester Philosoph des
+Altertums, starb in Chalkis 322.
+
+[86] Theophrast war zu Eresos auf Lesbos 371 v. Chr. geboren, wurde 322
+Nachfolger des Aristoteles als Lehrer der peripatetischen Schule zu
+Athen und starb 287. Er soll ursprünglich Tyrtamos geheißen und erst
+von Aristoteles den Namen Theophrast erhalten haben.
+
+[87] Publius Vergilius Maro (geb. 15. Oktober 70 v. Chr., gest. 19.
+September 19 v. Chr.) ist im Altertum und im Mittelalter überschätzt,
+später unterschätzt worden. Erst in neuerer Zeit ist ihm die ihm
+gebührende Wertschätzung wieder zuteil geworden.
+
+[88] Ein berühmter, von Quintilian oft genannter Redner.
+
+[89] S. Anm. 45.
+
+[90] Titus Lucretius Carus lebte von 98-55 v. Chr., schrieb das noch
+erhaltene Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge”.
+
+[91] Publius Terentius Varro Atacinus, 82-36 v. Chr., aus Atax in
+Gallia Narbonensis, verfaßte eine freie Nachbildung der Argonautika des
+Apollonius, schrieb ein episches Gedicht „Der Sequanerkrieg” und
+versuchte sich auch in der Satire.
+
+[92] Quintus Ennius, geboren zu Rudiä in Kalabrien 239 v. Chr., berühmt
+durch die uns noch in Bruchstücken erhaltenen Annalen, ein historisches
+Epos in Hexametern; auch dichtete er Tragödien und Komödien. Er starb
+169.
+
+[93] Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr. bis 17 n. Chr. -- Unter seinen
+„epischen Gedichten” sind die Metamorphosen zu verstehen.
+
+[94] Freund des Ovid.
+
+[95] Kann wegen des folgenden Lobes nicht im geringschätzigen Sinne
+genommen werden.
+
+[96] Der Name Serranus beruht nur auf Konjektur.
+
+[97] Von Valerius Flaccus, gest. um 88 n. Chr., haben wir noch sein
+Gedicht Argonautika.
+
+[98] Saleius Bassus, Zeitgenosse Vespasians; über seine Schriften ist
+nichts Näheres bekannt.
+
+[99] Beide Zeitgenossen Ovids.
+
+[100] Marcus Annäus Lucanus aus Corduba, lebte 39-65 n. Chr., verfaßte
+ein Epos Pharsalia, das sich durch rhetorisches Pathos auszeichnet.
+
+[101] Gemeint ist Domitian, der nach der Besiegung der Chatten den
+Titel Germanicus annahm.
+
+[102] Eklogen 8, 13.
+
+[103] Albius Tibullus, römischer Ritter, etwa 59-18 v. Chr.
+
+[104] Sextus Aurelius Propertius, um 54-15 v. Chr., Altersgenosse
+Tibulls.
+
+[105] Cajus Cornelius Gallus, aus Forum Julii, ein vertrauter Freund
+Vergils (1. Ekloge 10), endete durch Selbstmord 26 v. Chr.
+
+[106] Caius Lucilius aus Suessa Auruncorum, römischer Ritter, 180 bis
+102 v. Chr., Freund des jüngeren Scipio Africanus und Lälius.
+
+[107] Quintus Horatius Flaccus, 65-8 v. Chr.
+
+[108] Aulus Persius Flaccus aus Volaterrä, römischer Ritter, lebte
+34-62 n. Chr., Verfasser von sechs noch erhaltenen Satiren.
+
+[109] Marcus Terentius Varro aus Reate, 116-27 v. Chr. Von seinen
+zahlreichen Schriften sind nur erhalten drei Bücher von der
+Landwirtschaft, sowie Bruchstücke eines größeren Werkes Über die
+lateinische Sprache und der etwa 96 Satiren.
+
+[110] Quintus Valerius Catullus, geb. zu Verona 86 v. Chr., gest. 54 v.
+Chr. „#Der größte Dichter, den Rom gehabt hat, ist Catullus#” (B. G.
+Niebuhr).
+
+[111] Furius Bibaculus, geb. 102 v. Chr. zu Cremona, von Horaz (Satiren
+II, 5, 41) verspottet.
+
+[112] Über dieses Urteil Quintilians vgl. #K. E. Güthling# in der
+Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 886, wo derselbe mit Recht
+sagt: „Aber es ist zum Erschrecken, wenn es bald nachher heißt:
+≈Lyricorum Horatius fere solus legi dignus≈. Ich bekenne offen, daß mir
+Lachmanns Urteil, das er im philologischen Seminar mehr als einmal
+ausgesprochen hat, des Horatius Oden seien glatt wie Marmor, aber auch
+kalt wie Marmor, und zwei bis drei beliebige Episteln des Horatius
+seien ihm mehr wert, als alle Oden zusammengenommen, eine ganz gerechte
+Schätzung des Lyrikers Horatius zu enthalten scheint, sosehr mich dies
+Urteil anfangs frappierte. Sprache und Versbau sind unübertrefflich
+vollendet; das ist aber auch das beste, was man von diesen Oden sagen
+kann. Diejenigen von ihnen, die aus der Stellung des Dichters zum Hofe
+hervorgingen, haben alle ein gemachtes, hohles Pathos, sind arm an
+fruchtbaren Gedanken, und ich will es gern unentschieden lassen, ob sie
+der Vorwurf unwürdiger Schmeichelei treffe oder nicht. Die übrigen
+bewegen sich in einem sehr engen Gedankenkreise, den sie allerdings mit
+Geschick variieren, so daß der nicht sehr aufmerksame Leser über der
+schönen Form und einem zahllose Male in anderm Gewande wiederkehrenden
+Gemeinplatz die Armut des Inhalts übersieht. Den meisten, ja fast allen
+den fehlt die jugendliche Frische, die Leidenschaft und Glut der
+Empfindung, welche den Leser hinreißt. Das ist auch natürlich; war doch
+der Dichter ein Vierziger, als er zur Leier griff, und daß die
+Beschäftigung mit der Satire keine besondere Vorbereitung für die Lyrik
+abgegeben hat, versteht sich wohl von selbst. Um Quintilians Urteil
+über Horatius zu verstehen und zu würdigen, mag das Gesagte genügen;
+dem Lyriker Horatius stellen wir getrost den Catullus entgegen, nein,
+wir stellen ihn aus voller Überzeugung über Horatius. Wenn Quintilian
+den Catullus nur als Jambographen anführt, so ist das nicht zu
+bewundern; er gehört ja zu den „Alten”, nicht zu den Kunstpoeten, als
+deren Repräsentant und Verfechter in der Augusteischen Zeit Horatius,
+wie das seine Polemik gegen ältere Dichter zeigt, vorzugsweise zu
+betrachten ist. Niebuhrs Urteil über Catullus (vgl. Catullus, übersetzt
+von Stromberg, Vorrede) ist bekannt; vor fünfundzwanzig Jahren habe ich
+es auf Niebuhrs Namen angenommen, jetzt unterschreibe ich es aus
+eigener Überzeugung. Es sei zum Schutze des von unserm Rhetor
+totgeschwiegenen Lyrikers hiermit an dasselbe erinnert.”
+
+[113] Cäsius Bassus, Freund des Persius, kam angeblich 79 bei dem
+Ausbruche des Vesuvs um.
+
+[114] Lucius Attius, von 170 bis etwa 90 v. Chr. -- Marcus Pacuvius aus
+Brundusium, geb. um 220 v. Chr., starb in einem Alter von 90 Jahren.
+
+[115] Lucius Varius Rufus, 74-14 v. Chr., Epiker und Tragiker, Freund
+des Vergil und Horaz. Vgl. Horaz, Oden I, 6, 1; Satiren I, 10, 44;
+Episteln II, 1, 247; 3, 55.
+
+[116] Publius Pomponius Secundus lebte unter den vier ersten Kaisern
+nach Augustus; gest. um 60 n. Chr.
+
+[117] Lucius Älius Stilo, Rhetor und Altertumsforscher, Lehrer des
+Cicero und Varro.
+
+[118] Titus Maccius Plautus, um 254-184 v. Chr.
+
+[119] Cäcilius Statius aus Insubrien, Zeitgenosse des Ennius, um
+219-166 v. Chr.
+
+[120] Publius Terentius Afer, um 194-159 v. Chr., kam aus Afrika in
+früher Jugend als Sklave nach Rom, wo er erzogen und freigelassen
+wurde.
+
+[121] Lucius Afranius, Zeitgenosse des Terenz, um 150 v. Chr.
+
+[122] Cajus Sallustus Crispus, 87-34 v. Chr.
+
+[123] Titus Livius, 59 v. Chr. bis 17 n. Chr.
+
+[124] Servilius Nonianus, Konsul 35 n. Chr., gest. 60 oder 61 n. Chr.
+Er war ein tüchtiger gerichtlicher Redner und wandte sich sodann dem
+Studium der Geschichte zu. Er beschrieb die Zeit des Untergangs der
+Republik und die Gründung der Monarchie.
+
+[125] Aufidius Bassus lebte unter Tiberius. Er schrieb Geschichtswerke
+über die erste Kaiserzeit sowie über den Germanischen Krieg und starb
+unter Nero.
+
+[126] Quintilian meint vielleicht Cornelius Tacitus.
+
+[127] Cajus Cremutius Cordus, freimütiger Geschichtschreiber zur Zeit
+des Tiberius.
+
+[128] Marcus Tullius Cicero war geboren 106 v. Chr., ermordet 43 bei
+Cajeta.
+
+[129] Bezieht sich in dieser Allgemeinheit nur auf die gerichtlichen
+Reden vor dem Areopag.
+
+[130] Die sechs unter dem Namen des Demosthenes überlieferten Briefe
+sind unecht.
+
+[131] Bezieht sich auf die meisten philosophischen Schriften Ciceros,
+ebenso auf „Brutus” und „vom Redner”.
+
+[132] In den vorhandenen Gedichten Pindars ist diese Äußerung nicht zu
+finden.
+
+[133] Cajus Asinius Pollio, 76 v. Chr. bis 5 n. Chr., der bedeutendste
+Redner nach Cicero und zur Zeit des Augustus. Quintilian erwähnt ihn
+oft, Horaz hat ihn Oden II, 1 verherrlicht.
+
+[134] Marcus Valerius Corvinus Messalla, 64 v. Chr. bis 8 n. Chr.,
+Staatsmann und Feldherr, besonders aber auch Redner. Vgl. Horaz, Oden
+III, 21.
+
+[135] Cajus Julius Cäsar, 100-44 v. Chr.
+
+[136] Marcus Cälius Rufus, 88-48 v. Chr., Freund Ciceros.
+
+[137] Cajus Licinius Calvus, 82 bis etwa 47 v. Chr., Freund des Catull
+und selbst Dichter.
+
+[138] Servius Rufus, der berühmteste Rechtsgelehrte zur Zeit Ciceros.
+
+[139] Cassius Severus, geb. 44 v. Chr., wegen seiner scharfen Zunge
+nach der Felseninsel Seriphos verbannt, wo er um 30 n. Chr. starb.
+
+[140] Domitius Afer aus Nemausus (Nismes), gest. 59 n. Chr. -- Julius
+Africanus aus Gallien, blühte unter Nero.
+
+[141] Marcus Galerius Trachalus, Konsul 68 n. Chr., der dem Kaiser Otho
+seine Reden verfaßt haben sollte.
+
+[142] Quintus Vibius Crispus, unter Nero als Denunziant (≈delator≈) von
+trauriger Berühmtheit, lebte noch als Greis unter Domitian.
+
+[143] Er lebte unter Vespasian; er gehört auch zu den in Tacitus'
+Gespräch über die Redner teilnehmenden Personen.
+
+[144] Nach Tacitus (Gespräch über die Redner) und Plinius (Briefe):
+Aper, Marcellus, Maternus, Messalla u. a.
+
+[145] Vater und Sohn, Zeitgenossen des Cäsar und Augustus, Anhänger der
+pythagoreischen Lehre. – Über Cornelius Celsus siehe Anmerkung 16.
+
+[146] Nicht näher bekannt; vielleicht ist der Name falsch überliefert.
+
+[147] Von Geburt ein Insubrer, Zeitgenosse Ciceros.
+
+[148] Lucius Annäus Seneca, Sohn des Rhetors gleichen Namens, geboren
+zu Corduba in Spanien um 2 n. Chr., gestorben 65.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+[1] Livius Andronikus aus Tarent um 240 v. Chr., der erste dramatische
+Dichter Roms.
+
+[2] Damit sind die vom ≈pontifex maximus≈ angefertigten ≈annales maximi≈
+gemeint, eine nüchterne Aufzählung der denkwürdigsten politischen und
+religiösen Begebenheiten, fortgesetzt bis zum Pontifikat des Mucius
+Scävola 130 v. Chr.
+
+[3] Zur Erläuterung der hier erwähnten atomistischen Vorstellung
+Epikurs vgl. Lukrez IV, 48 ff.
+
+ Dennoch sag' ich, es senden die Oberflächen der Körper
+ Dünne Figuren von sich, die Ebenbilder der Dinge;
+ Häutchen möcht' ich sie nennen, und gleichsam die Hülsen von diesen,
+ Denn sie gleichen an Form und Gestalt dem nämlichen Körper,
+ Dem entflossen umher sie die freien Lüfte durchschwärmen.
+
+[4] Buch 2, Kap. 8.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+[1] D. h. das Schreiben.
+
+[2] Über den Redner I, 150; 257.
+
+[3] Lucius Licinius Crassus, berühmter Redner, 140-91 v. Chr. Die
+zweite Hauptperson in der erwähnten Schrift Ciceros ist Marcus Antonius
+(142-87 v. Chr.), der Großvater des Triumvirs Antonius.
+
+[4] Vergleichung mit dem Teile des römischen Staatsschatzes, der für
+die äußersten Notfälle reserviert war.
+
+[5] Der Gedanke erinnert an das bekannte Wort Hesiods („Werke und Tage”
+289): Doch vor die Tugend setzten den Schweiß die unsterblichen Götter.
+Vgl. auch Epicharmus bei Xenophon „Erinnerungen an Sokrates” II, 1, 20:
+
+Nur für Arbeit wird das Gute von den Göttern uns verkauft.
+
+[6] Vielleicht derselbe, an welchen Horaz Epistel I, 3 und II, 2
+gerichtet hat.
+
+[7] Wie sehr in Gallien die Beredsamkeit in der Kaiserzeit blühte,
+zeigt der von Caligula zu Lugdunum veranstaltete Wettkampf der
+griechischen und lateinischen Beredsamkeit.
+
+[8] Satiren 1, 106.
+
+[9] S. die bekannte Erzählung bei Plutarch, Leben des Demosthenes Kap.
+7.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+[1] Cajus Helvius Cinna, Freund Catulls, Verfasser eines epischen
+Gedichtes „Smyrna”, das noch erhalten ist. -- Der Panegyrikus des
+Isokrates ist eine Festrede, die vor der Festversammlung bei den
+Olympischen Spielen gesprochen worden und uns noch erhalten ist. Vgl.
+Plutarch, „Leben der zehn Redner” IV, 15: Den Panegyrikus schrieb er in
+zehn, nach anderen in fünfzehn Jahren.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+[1] S. 1, 155.
+
+[2] Z. B. im Anfange der Bücher „Von den Pflichten” und „Vom höchsten
+Gut und Übel”.
+
+[3] Von Plato hat Cicero den Timäus und Protagoras, von Xenophon den
+Ökonomikus übersetzt.
+
+[4] Eine Hetäre, welche der Gottlosigkeit angeklagt war und von ihrem
+Liebhaber Hyperides verteidigt wurde.
+
+[5] III, 5, 15.
+
+[6] S. Briefe an Atticus IX, 4, 9. Hierher gehören die Paradoxa, die
+Cicero in seinen letzten Lebensjahren verfaßt hat.
+
+[7] Z. B. Cicero und Hortensius.
+
+[8] Er hatte als Tribun einen Antrag gestellt, gegen dessen Vorlesung
+durch den Herold ein anderer Tribun Einsprache erhob. Cornelius las nun
+den Antrag selbst vor und wurde dafür wegen Majestätsvergehens
+angeklagt, jedoch von Cicero glänzend verteidigt.
+
+[9] Das Gefolge des Milo und das des Clodius gerieten aneinander, ein
+Sklave Milos verwundete Clodius, Milo eilte herbei und tötete ihn. Da
+er infolgedessen angeklagt wurde, verteidigte ihn Cicero in der uns
+erhaltenen Rede.
+
+[10] Der jüngere Cato (Uticensis) trat dem Redner Hortensius seine Frau
+Maria förmlich ab und nahm sie dann wieder zurück, nachdem sie sechs
+Jahre mit Hortensius bis zu dessen Tode zusammengelebt hatte.
+
+[11] Marcus Porcius Latro, Redner und Freund des Augustus.
+
+[12] Lucius Cestius Pius, ein sehr angesehener griechischer Rhetor zur
+Zeit des Augustus, der nur lateinisch vortrug.
+
+[13] I, 2, 15.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+[1] Metrodorus aus Skepsis, einer Stadt in Mysien, akademischer
+Philosoph und Rhetor, Schüler des Karneades.
+
+[2] Der Rhetor Empylus wird sonst nirgends erwähnt.
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+[1] Wo, läßt sich nicht nachweisen.
+
+[2] VI, 2, 29 f.
+
+[3] Dichter der alexandrinischen Schule im 2. Jahrhundert v. Chr.
+
+[4] S. Cicero, Rede für Archias 18.
+
+[5] Vielleicht zu beziehen auf Cicero „Der Redner” 34.
+
+[6] Cajus Papirius Carbo, Konsul 120 v. Chr.
+
+[7] Wo, ist nicht nachzuweisen.
+
+[8] Popilius Länas, Rhetor zur Zeit des Tiberius; Quintilian erwähnt
+ihn noch III, 1, 21; XI, 3, 183. Sonst ist er nicht näher bekannt.
+
+[9] Vielleicht stammen diese Worte aus einer Schrift des Popilius
+Länas.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Einleitung 3
+
+ 1. Kapitel: Vom Wörtervorrat 8
+
+ 2. Kapitel: Von der Nachahmung 39
+
+ 3. Kapitel: Art und Weise der schriftlichen Übungen 47
+
+ 4. Kapitel: Von der Nachbesserung 56
+
+ 5. Kapitel: Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen 58
+
+ 6. Kapitel: Sammlung des Gedankenstoffes 65
+
+ 7. Kapitel: Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu
+ reden, erworben und erhalten wird 68
+
+
+
+
+ Für die Lektüre
+ der römischen Klassiker im Originaltext unentbehrlich:
+
+ ≈MÜHLMANN≈:
+
+ ≈Lateinisch–deutsches
+ Wörterbuch≈
+
+ für Studierende und Schüler höherer Lehranstalten
+ 43., berichtigte und vermehrte Auflage, besorgt von
+ Prof. Dr. Otto Güthling
+
+ Preis: geheftet RM. 4.90, in Halbleinen gebunden RM. 6.10,
+ in Halbleder gebunden RM. 7.60
+
+
+ Die von Prof. Dr. Otto Güthling vielfach berichtigte und stark
+ vermehrte Neubearbeitung des berühmten Wörterbuches von Mühlmann ist
+ für die Lektüre der lateinischen Klassiker ein Hilfsmittel, das den
+ von Studierenden und Schülern höherer Schulen gestellten
+ Anforderungen in vollem Umfange genügt. Sind doch außer den üblichen
+ Schulautoren auch diejenigen Schriftsteller berücksichtigt, die auf
+ Grund der neuen Lehrpläne jetzt teils mehr als früher behandelt
+ werden, teils neu hinzugekommen sind. Nicht unerwähnt bleibe
+ schließlich der niedrige Preis, der die Anschaffung wesentlich
+ erleichtert, sowie die gediegene, vornehme Ausstattung.
+
+
+ Durch jede Buchhandlung
+
+ ≈PHILIPP RECLAM JUN., VERLAG, LEIPZIG≈
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 ***