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diff --git a/75632-0.txt b/75632-0.txt new file mode 100644 index 0000000..8db676d --- /dev/null +++ b/75632-0.txt @@ -0,0 +1,2909 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 *** + +####################################################################### + +Anmerkungen zur Transkription + +Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in +Antiqua. Es gibt außerdem einige griechische Ausdrücke. + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + gesperrt: #Raute# + Latein: ≈Doppelwelle≈ + +Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend +korrigiert. Uneinheitliche Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im +Original belassen. + +Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts +gesetzt. + +Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen. +Vom Zusammenhang her wäre jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu +schreiben (das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?) + +####################################################################### + + + + +Unterricht + +in der Beredsamkeit + +Von + +Marcus Fabius Quintilianus + +Übersetzt von W. Nicolai + +Neue, verbesserte Ausgabe + +von Prof. ≈Dr.≈ #Otto Güthling# + +Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig + + + + +Holzfreies Papier + +Druck von Philipp Reclam jun. + +Leipzig + + + + +Einleitung + + +#Marcus Fabius Quintilianus#[A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur +wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß +Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist +wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines +Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen +besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen +Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät +ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen +Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen +seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch +nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die +zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118; +XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius +Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in +seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der +Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der +Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom +zurücknahm. + +Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten, +teils rhetorischen Unterricht zu erteilen. + +Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an +einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die +Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz +verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte +er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name +sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die +Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der +Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches +erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen +Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10; +VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne +des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch +Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die ≈libri duo artis +rhetoricae≈ (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen +seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten ≈sermones≈ (Gespräche) +hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift ≈de +causis corruptae eloquentiae≈ (Über die Ursachen des Verfalls der +Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus +über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat. + +Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von +demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian ≈consularia +ornamenta≈ (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er, +von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes +≈de institutione oratoria≈ (Unterricht in der Beredsamkeit), das +innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile +und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96 +erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die +auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1, +2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der +Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten +Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer +entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und +unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf +welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn +Quintilian unterrichtet hatte. + +Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre +durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine +im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt +er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI. +Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen; +wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die +Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig. + +Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt +Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an: + +„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors +vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und +die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher +sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung +anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das +Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden. +Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns +herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache +Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die +Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon +unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er +wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen +nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das +von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des +ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in +einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit +erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche +Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten +rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer +Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde +Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von +Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen +(Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da +ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft +hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen +sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium +ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und +Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat. + +So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu +allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter +vielfach benutzt worden ist. Auch #Friedrich der Große# hat den +Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des +Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779: + + „Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele + Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und + Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine + vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch, + in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung + der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird + immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so + habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt + machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß + verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie + müssen die jungen Leute ≈traductions≈ und ≈discourse≈ selbst machen + lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des + Quintilien, man kann auch ≈Abrégé≈ daraus machen, daß die jungen + Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie + nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie + es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.” + +#Friedrich August Wolf# nennt Quintilian „einen trefflichen Autor, +teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das +zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen +Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes +Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher +verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. #Karl Eduard +Güthling# in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff., +und #Eckstein#, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887, +S. 268 f. + + +Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians +Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine #Einleitung# und +#erläuternde Anmerkungen# hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung +des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von +einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von #E. Bonnell#, 6. Auflage +von #H. Röhl#, die, wie auch die Ausgabe von #G. T. A. Krüger#, 3. +Auflage von #G. Krüger#, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute +Dienste geleistet hat. + +Goldschmieden bei Breslau, +den 1. Juni 1926. + +#O. Güthling#. + + + + +[A] Dies ist die richtige Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus, +eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form. + +[B] Heute Calahorra, Stadt der Vaskones im tarrakonensischen Spanien. + + + + +≈ERSTES KAPITEL≈ + +Vom Wörtervorrat + + +Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die +Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig +bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den +Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben, +durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß, +noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen +hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten. +Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man +sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt +läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen, +wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das +Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung +entbehren[2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die +Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum +Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner +Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große +Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen +besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und +hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich +fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die +höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so +erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang +bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der +künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch +so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es +vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer +schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet +werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der +Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich +mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend +beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte +auf die leichteste Art anzuwenden ist. + +Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler +gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann; +diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken. +Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch +nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft +haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen +Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr +vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den +Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des +Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder +wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben +nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in +Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er +sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich +kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu +lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand +sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die +Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung +wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist +knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht +einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne +Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit +Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht +marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch +erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein +derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen, +wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die +beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl +verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn +die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie[7] auch bei +Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns, +uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der +genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß +man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an +glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde, +erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu +gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen, +sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie +überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen +und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache +gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines +Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar +einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen. + +Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der +Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im +Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden +Ausdrücke für Schwert (≈ensis≈ und ≈gladius≈), andere wieder bezeichnen +im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben +sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ≈ferrum≈ und +≈mucro≈ (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise +„Erdolcher” (≈sicarii≈) auch alle diejenigen, welche mit einer +beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere +Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten. +Hierher gehört ≈pressi copia lactis≈, eine „Menge gepreßter Milch” (für +„Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir +jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie ≈scio≈ „ich weiß”, ≈non +ignoro≈ „ich weiß wohl”, ≈non me fugit≈ oder ≈non me practerit≈ „es +entgeht mir nicht”, ≈quis nescit?≈ „wer weiß nicht?”, ≈nemini dubium +est≈ „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden +kann man entlehnen. Denn ≈intellego≈, ≈sentio≈, ≈video≈ („ich verstehe, +erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie ≈scio≈ („ich weiß”). Reiche +Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir +dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn +erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe +Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig +sage: ≈video≈ „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht +richtig: ≈intellego≈ „ich sehe ein”, und wie einerseits ≈mucro≈ „die +Spitze” zu dem Begriffe ≈gladius≈ „das Schwert” gehört, so nicht auch +andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. -- + +Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu +eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern, +lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind +Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der +Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein +Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn +worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart +der Redner. + +Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der +Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10], +durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem +Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und +Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender +Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des +Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die +angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle +entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren +in gleicher Weise geeignet. + +Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören +öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge +beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem +Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge +gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich +kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil +auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen +Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch +vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere +Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch +zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe +aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu +behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten, +bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so +soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es +durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat, +dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden. + +Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen +geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar +muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben +erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner +Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder +ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt, +deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft +bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was +erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile +vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir +noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher +wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber +von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen +Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden +Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und +Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12], +von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen +hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des +Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von +gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen, +um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des +Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch +wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen +Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15] +gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch +Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten. +Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner +Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus +Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im +Umlauf. + +Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß +alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter +allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie +erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres +Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde; +scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar +Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind +doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz +der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die +schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die +höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den +Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über +so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um +nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht +versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann +möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen +vieles mißfalle. + +Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das +Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit +Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im +Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung +der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche +Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die +Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund, +weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung +suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in +allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der +Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der +Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen +davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem +sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin +einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik, +nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen +ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu +verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht +werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen +und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet +im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem +Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und +Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden +Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und +Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher – +unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen +bringt. + +Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom +dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß +man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den +Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr +nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener +Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr +ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine +Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt +der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie +durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die +Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem +Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig +auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust +greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so +hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es +nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit +des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle +des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26] +nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für +nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete +blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen +hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der +Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im +Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht +Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht +meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie +man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch +in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist, +aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht +hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele +erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit +er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist, +sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum +entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem +Vorwurf der Parteilichkeit frei sind. + +Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig +waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den +besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und +Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich, +auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können +die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch +für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar +sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein +großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher +Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter +Vorschrift besteht. + +Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre +liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in +unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und +worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden +für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein. +Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über +die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit +angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und +Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden +sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche +Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem +Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und +sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die +anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist +zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder +vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns +herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil +gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero +bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem +Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel +anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch +nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt? +Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei +der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der +Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet. +Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft +Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen +Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet. + +Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst +einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken. +Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen, +daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche +Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die +Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen. +Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen +wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der +Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische, +während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere, +geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige +Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen +Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise +untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten, +welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere +Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade +die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die +aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten +am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich +vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall +finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden +muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten +der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf +widmen wollen, für nützlich halte. + +Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden +wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem +Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe[31], so ist er Muster +und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in +Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung +alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er +ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine +Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter, +sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen +seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes +enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die +Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche +erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des +zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen +angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften +in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen. +Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen +Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet, +sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch +die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen +der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die +Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das +Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber +könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus +meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen +den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse, +Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände +und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung +sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste” +geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen. +Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des +den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in +Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das +dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas +Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber +sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder +Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil +eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird. +Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen +Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der +in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die +Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der +Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei +Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das +Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die +Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es +ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und +überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an +zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes +ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint, +in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in +der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist +in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil +Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin +aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt +von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt +das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine +Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte +reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat. +Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit[42]; aber jene ländliche +Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die +Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter +zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles +schön besungen? Und sind dem Nikander[44], Macer[45] und Vergil[46] +umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte +derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es +gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten +Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den +Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der +Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis +derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek +einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe, +und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von +Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft +schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen +Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden, +nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch +Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten +Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem +Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir +diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen +habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller +gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen +vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53] +durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur +Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur +beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze, +kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige +meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine +Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen +Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den +prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und +durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den +man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt +Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig +Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege +und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra +bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die +nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an +Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt +über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem +Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines +Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da +nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des +sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und +an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er +versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen; +für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und +einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks +und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein +Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn +allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben, +vorziehen. + +Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast +allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit +und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch +in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist +erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches +Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß +– der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es +gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes +jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61]. + +Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und +gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch +ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren +Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den +Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis +gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles +und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem +eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der +bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun +beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe +nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die, +welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von +viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner +Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen +der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse +erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen, +wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von +jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen +vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben, +bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und +wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat +nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings +auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon +allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung +alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so +glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er +alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß +die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen +Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner +weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen, +was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden, +welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für +schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in +„Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder +Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß +er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese +jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen +müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und +Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen. +In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter +Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm +vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit +verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit +Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders +Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner +Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem +allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient. + +Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen +zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren +Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet +haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist +Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite +Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in +der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die +öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides +wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit +bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der +Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem +Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem +Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar +der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des +Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer +als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der +Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine +Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74] +verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit +auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder +aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß +aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75]. + +Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in +einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der +hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit +Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm +alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen +Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges +Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und +erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er +Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und +weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79], +aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht +zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm +Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und +überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren; +denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer +reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der +in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der +für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt +jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle +ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung +voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so +sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun +nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge +besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen +sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen +sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst +die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit +besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von +den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners +verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen +anderen vorzieht. + +Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die +Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß +unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner +Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer +Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die +Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß +er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam +durch das Delphische Orakel beseelt erscheint. + +Was soll ich die Anmut des Xenophon[84] erwähnen, die frei ist von +jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch +die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf +ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles +bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.” +Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an +Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine +wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften +oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den +Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner +Werke einen größeren Ruhm erworben hat. + +Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz +der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger +Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen +Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern +Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre +Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung +der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens, +nach welchem sie nicht strebten. + +Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen +Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen +innehalten. + +Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste +Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen +Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm +unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben +Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört +habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am +nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch, +daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat, +mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und +unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr +Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte; +wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen +mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch +Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn +Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen +Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen, +da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber +gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91] +ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat, +Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der +Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius[92] wollen wir verehren wie +einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte +Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu. +Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck +wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten +Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen +Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch +gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter +Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch +nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg +zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod +nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten +Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als +auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger +Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des +Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die +poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem +Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99] +verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100] +ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er +verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den +Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir +aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn +von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und +Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem +größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen +der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit, +feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser +besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten +die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem +hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren +sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle +preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner +übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der +Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein +Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen: + +„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].” + +Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren +reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche +ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger +Gallus[105]. + +Die Satire freilich gehört uns vollständig an. -- In ihr hat sich zuerst +Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so +ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein +den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen, +sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso +weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius +einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte +überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen +Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist +Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn +bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat +sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient. +Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem +Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von +Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener +Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste +von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt +und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der +Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der +unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft +als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den +Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen +anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei +Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein +kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz +fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient[112]; denn +zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie +und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem +glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es +der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen +bei weitem an Genie die Lebenden. + +Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und +Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht +ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen +erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die +letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit +als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft +schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf +Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der +Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an +die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel +dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht +statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der +hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute +allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und +Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der +Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung +des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des +Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen, +wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch +die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden +(welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute +noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des +Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten +Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung +gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in +sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch +die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht +haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich +Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend – +durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet. + +Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach. +So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122] +gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm +T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig +und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich +ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den +Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen +des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig +hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er +jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener +Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” – +scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt +zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein +Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger +knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte +vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus +Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg, +er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in +einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch +und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der +Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name +genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet +auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das +beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen +Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was +übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu +nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und +durchmustern nicht ganze Bibliotheken. + +Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß +sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher +sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero[128] würde +ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch +recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da +ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm +und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich +glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt +werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die +gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art +der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung +gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht +unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher, +jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft +immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen; +auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses +nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche +Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen +Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben, +daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten[129] unmöglich +machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen +Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern, +nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden +existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts +geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir +jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu +seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er +sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des +Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates +nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an +jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder +vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum +seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar[132] +sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus; +er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die +Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann +sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große +Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch +Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die +Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam +ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt, +eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung +zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern +eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies, +wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit +erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an +dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste +Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht +mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der +Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines +Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf +ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero +ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit +Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt +Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen +sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit +genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit +entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen +könnte. Messalla[134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in +seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen +Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich +ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den +unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft +besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht, +er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen +ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der +Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und +besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem +Cälius[136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere +Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden, +welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche +gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch +fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren, +aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig +auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein +frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch +etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius[138] hat nicht mit +Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel +Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius +Severus[139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde +des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu +zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche +Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr +seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere +Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu +erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen +würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und +Julius Africanus[140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der +Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen +und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist +affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit, +ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken +nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem +Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus[141] meist erhaben und +ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn +man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein +so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden +habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne +ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei +ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und +dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als +für Kriminalprozesse. Julius Secundus[143] würde sich, wenn er länger +gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben +haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im +Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere +Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den +Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch +den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden +Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der +Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und +glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner +Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner +gewagten Redewendungen. + +Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine +reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt +es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz +verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben +den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der +betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben. + +Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein +Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur +sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher +Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein +Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in +seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form +verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften +hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145], +nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen +Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die +epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst +lesbarer Gewährsmann Catius[147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei +Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen +wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn +verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich, +während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch +Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen; +damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen +der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen, +aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern +vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt +war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise +abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den +gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr, +als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm +zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu +wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich +geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von +welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden +bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben +Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im +ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und +Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele +Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen, +welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er +hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen; +denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der +Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf +gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen +Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines +sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel +Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll +von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem +Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn +er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende +nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut +befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die +Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der +allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung +von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren +und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon +deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an +ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige +Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage +berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt +hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall +zum Ausdruck gebracht. + + + + +≈ZWEITES KAPITEL≈ + +Von der Nachahmung + + +Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern entlehne man den +Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode, sodann muß +der Geist nach dem Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung +erhalten. Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum großen +Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das schöpferische Hervorbringen +das ursprüngliche gewesen ist und die Hauptsache bleibt, so ist es doch +auch nützlich, das so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich +durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß wir das selbst +hervorbringen wollen, was uns an anderen gefällt. So bilden die Knaben +die Züge der Buchstaben nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die +Musiker die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer +Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits bewährte Methode +der Bodenkultur als Muster: kurz, wir sehen, daß die Anfänge jedes +Könnens nur nach den für die einzelnen Disziplinen aufgestellten +Vorschriften gelernt werden können. Und in der Tat müssen wir den +vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich sein: ihnen +ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die Nachahmung. Der Umstand +aber gerade, daß uns die Nachahmung die Beherrschung von allem so +bedeutend leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten, +schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt wird. + +Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, schon deshalb, weil +nur ein träger Geist mit dem, was von anderen erfunden ist, zufrieden +sein kann. Denn wie wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild +waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften nur das tun oder +denken, was sie schon kennengelernt hatten? Natürlich wäre nichts +erfunden worden. Wie sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas +erfinden wollten, was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa +jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres Geistes +dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, wir aber sollen +zum Suchen und Forschen nicht einmal durch die sichere Gewißheit bewegt +werden, daß diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? Und +während diejenigen, welche in keinem Gegenstande einen Lehrer gehabt +haben, reiche Schätze auf die Nachwelt vererbt haben, so soll uns der +Besitz dieser Schätze nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern, +sondern wir sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler +sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur Kopien +anfertigen lernen? + +Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, wenn man den +Gegenstand, den man nachbildet, erreicht hat. Denn wie würde es +wiederum ergangen sein, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als +der, den er sich zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann +nicht über Livius Andronikus[1], in der Geschichtschreibung nicht über +die Jahrbücher der Priester[2] hinausgekommen, ja wir würden noch mit +Flößen Schiffahrt treiben; es würde keine Malerei geben außer der, +welche die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne +befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und wenn man alles +genau prüft, wird man sich überzeugen, daß keine Kunst so geblieben +ist, wie sie bei ihrer Erfindung war, und daß keine bei ihren Anfängen +stehengeblieben ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit zu +einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß erst jetzt +nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße Nachahmung. + +Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen dürfen, wie können wir +da erwarten, daß es je einen vollendeten Redner geben wird, da doch +unter denen, welche wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten +bezeichnen, sich keiner befindet, an dem man nicht etwas vermissen oder +tadeln könnte. Aber auch die, welche das höchste Ziel nicht erstreben, +müssen mehr wetteifern als nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere +zu überholen, wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber doch +auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die gleiche Höhe mit dem +erreichen, dessen Fußtapfen er unter allen Umständen folgen zu müssen +glaubt; denn notwendig muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende +sein. Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu leisten, +als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer herzustellen, daß +nicht einmal die Natur in diesem Punkte so viel geleistet hat, daß die +anscheinend ganz ähnlichen oder gleichen Dinge sich nicht durch +irgendwelches Merkmal unterscheiden. + +Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern ähnlich ist, +notwendig geringwertiger als dieses ist, und sich zu ihm verhält wie +der Schatten zum Körper, das Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des +Schauspiels zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der +Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild dienen, ist +Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte alle Nachahmung etwas +Gemachtes und fremder Vorschrift Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß +Deklamationen weniger Saft und Kraft haben als wirkliche Reden, weil +der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, hier ein erfundener ist. +Dazu kommt, daß dasjenige, was bei einem Redner das bedeutendste ist, +sich nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und +Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt werden kann. +Daher glauben die meisten das, was sie gelesen haben, ganz wunderbar +schön nachzubilden, wenn sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes +Satzgefüge aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch im Laufe +der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch kommen, da der Sprachgebrauch +ihnen zur sichersten Regel dient und sie nicht von Natur gut oder +schlecht sind (denn an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je +nachdem sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und ihre +Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch ihre Abwechslung dem Ohr +angenehm ist. + +Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit der peinlichsten +Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche Schriftsteller wir nachahmen +sollen; denn es gibt sehr viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, +gerade die schlechtesten und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was +wir bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. Denn auch bei +bedeutenden Schriftstellern finden sich viele Fehler, wegen deren sich +auch die Gelehrten gegenseitig zur Rechenschaft gezogen haben; freilich +wäre zu wünschen, daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben +Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden es +tun. Auch möge es denen, welche Urteil genug hatten, die Fehler zu +vermeiden, wenigstens nicht genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge +wiederzugeben, gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr +jene Figuren des Epikur[3], welche der Oberfläche des Körpers +entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu begegnen, welche ohne +tiefere Kenntnis der Vorzüge eines Schriftstellers sich an das rein +Äußerliche der Rede anlehnen; wenn diesen dann die Nachahmung gut +vonstatten gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und +Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in +Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist geraten diese aber auf +Abwege und entlehnen die den Vorzügen am nächsten liegenden Fehler; +dann werden sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo sie +knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, wo vergnügt, +maßlos, wo blumenreich, nachlässig, wo einfach. So kommt es, daß die, +welche irgend etwas Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum +Ausdruck gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, welche +Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich Attiker, die, welche +durch verkürzte Perioden dunkel sind, übertreffen den Sallust und +Thukydides, die Traurigen und Nüchternen treten in die Fußtapfen des +Pollio, die Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur +irgendwelche Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich Cicero +ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, die dann die Art jenes +göttlichen Meisters der Rede nachgebildet zu haben glaubten, wenn sie +an den Schluß ein ≈esse videatur≈ („zu sein schien”) gesetzt hatten. +Daher ist es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild +nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist. + +Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit seine Kräfte in +Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, dem entweder die Schwäche +seiner Natur nicht gewachsen ist, oder dem die Verschiedenheit +derselben widerstrebt. So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte +empfänglich ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen, +und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar kräftig aber ungebändigt +ist, nicht durch Neigung für das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die +beabsichtigte Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet +dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher Stoff hart +bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, daß der Lehrer der +Beredsamkeit, den ich im zweiten Buche[4] ausgerüstet hatte, den +Schülern nicht allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein +jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das Gute, was er in +ihnen findet, fördern und, soweit es möglich ist, das Fehlende +hinzufügen und Verbesserungen und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann +ist er ein Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, die +eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird in den Punkten, wo +ihm die Natur hindernd im Wege steht, sich nicht überflüssig bemühen, +wie sehr ihm auch am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße +bei seinen Zuhörern vorhanden ist. + +Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, daß wir in +unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, in den Werken +jener Künste Redner und Deklamatoren nachahmen zu müssen glauben; jedes +Gebiet hat da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. Die +Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen Kothurn, und +umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf der Sandale einher. +Gleichwohl hat die ganze Kunst der Rede etwas Gemeinsames; und dieses +Gemeinsame müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, welche +sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß sie auch bei +Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft nicht erregenden Fällen die +Schneidigkeit nicht ablegen, wenn ihnen diese bei irgend jemandem +gefallen hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der +Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn ihnen das Zarte +und Anmutige gefallen hatte. In der Tat ist aber nicht allein zwischen +den einzelnen Rechtsfällen ein großer Unterschied, sondern auch +zwischen den einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, bald +schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, bald um zu +bewegen, sprechen, was alles durchaus ungleiche und verschiedene +Anforderungen an den Redner stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu +raten, sich einem einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu +geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist Demosthenes, in +mancher Beziehung verdienen jedoch an einzelnen Stellen andere den +Vorzug, an den meisten er. Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt +zu werden verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu werden. + +Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man alles so sagt, wie es +M. Tullius gesagt hat? Ich für meine Person würde es sein, wenn ich es +in jedem Punkte erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die +Gewalt Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt des Pollio, +das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen? Denn abgesehen +davon, daß es ein Gebot der Klugheit ist, das, was bei einem jeden +Redner das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man +andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren Schwierigkeit der +Sache das Vorbild nur zum geringsten Teile diejenigen, welche ihr +Augenmerk nur auf einen Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es +also dem Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild +vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer größeren Anzahl +vor Augen haben, damit von diesem das eine, von jenem das andere haften +bleibt, und wir dann ein jedes am passenden Orte anbringen können. + +Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu wiederholen, bestehe nicht +nur in einer Wiedergabe von Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu +richten, wieviel edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen +und Personen beobachtet haben, wie sie ihren Plan, ihre Disposition +gestaltet haben, wie endlich alles, was nur auf unser Vergnügen +abzuzielen scheint, Überwindung des Gegners bezweckt; es ist darauf zu +achten, welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, auf welche +Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung geboten wird, mit +welcher Kraft Beweis und Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem +Geschick Affekte jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der +Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am vollkommensten ist, +wenn er willig folgt und nicht mit Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn +wir dies völlig erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer +hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das Fehlende ergänzt, +das Überflüssige abschneidet, der wird der vollendete Redner sein, +welchen wir suchen; und ein solcher müßte gerade jetzt in vollkommener +Gestalt auftreten, wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen +Beredsamkeit vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die bisher die +größten Redner waren. Denn diese werden sich auch den Ruhm erwerben, +daß sie ihre Vorgänger übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben. + + + + +≈DRITTES KAPITEL≈ + +Art und Weise der schriftlichen Übungen + + +Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden; +unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das +mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel[1]. Ihn nennt nicht +mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede, +ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er +ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund +legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners +verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben. +Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der +Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf +oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer +Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest +überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur +eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen +sprechen. + +Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche +gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus +hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis +die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben, +welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch +nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend +etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten +Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche +Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib +verbleiben sollen. + +Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und +was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese +Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber +natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich +nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so +prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und +Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin +zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und +suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes +Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller +Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene +wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser +mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens, +welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und +nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt +würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die +Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es +sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir +beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse +zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die +Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur +dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt +uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben. +Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit +bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So +soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk +selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage +verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners +allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und +Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und +festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird +schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter +einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die +Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei +einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein. +Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, +daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell +schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt +haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden +Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns +neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die, +welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der +unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen, +zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als +Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines +Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die +alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der +Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für +Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich +kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob +die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen, +welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen +Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in +beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch, +gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf +Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber +Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr +großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser +war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien[7] +– denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie +wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den +Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig +sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da +gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz +aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen +Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den +Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln +lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu +reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben, +so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten; +denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die +Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen +Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung +verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das +vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke +ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle, +sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der +Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des +Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen, +dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die +Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir +sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern +nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen, +wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht +immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann +verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben +suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen, +welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der +Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif +niederschreiben; dafür haben sie den Namen ≈silva≈ (Wald, hier +„ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann +wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber +Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig +zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird +also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den +Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur +noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen +jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung +mehr wie die Sorgfalt wirksam wird. + +Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird +zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens +denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand, +welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse +Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir +schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern, +indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt +es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem +wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes +entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert. + +Wenn aber der Schreiber langsam im Schreiben oder unsicher im Lesen, +kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf gehemmt, und das bereits im Innern +bestehende Bild geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem +heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht allein sind, +das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung zu begleiten pflegt +und was wiederum zur Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände +stark bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und Seite +schlagen, was Persius[8] meint, wenn er von gewissen Rednern behauptet: +„Und er schlägt nicht auf die Brüstung und beißt sich die Nägel nicht +ab.” Kurz, um mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das +förderlichste ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren +aufgegeben wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein menschenleerer +Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller am geeignetsten sei. +Man darf jedoch nicht gleich auf die hören, welche glauben, daß am +geeignetsten hierzu Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel +und eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich und +schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger Aufenthalt auf jeden +Fall mehr genußreich, als zum Studium anregend zu sein. Denn das, was +an sich selbst der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen +Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns vorgenommen +haben. Denn man kann nicht mit gutem Gewissen seine Aufmerksamkeit auf +viele Dinge zugleich richten, jeder Blick aber auf einen andern +Gegenstand läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. Die +Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender Fluß, das Rauschen der +Baumwipfel, der Gesang der Vögel, der freie Blick in die Weite +beansprucht unsere Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß +mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit +einladet. Besser machte es Demosthenes[9], der sich an einem Orte +verbarg, wo man keinen Laut hören konnte und keine Aussicht genoß, +damit die Augen den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei +Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß die Stille der +Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein einziges Licht uns +gleichsam birgt und so vor Störung sichert. Aber wie zu jeder gelehrten +Beschäftigung, so braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute +Gesundheit und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche +hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst zur Ruhe und +Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten Arbeit benutzen. Wer jedoch nur +so viel Zeit der Nacht verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen +kann, wird nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die +Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit genügt vollauf, +falls wir sie hierfür frei behalten, zu einer Beschäftigung bei Nacht +zwingt die Not. Immerhin ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es +mit frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, am +freisten von Störung. + +Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies Herz sind +zwar sehr wünschenswert, können aber nicht immer uns zuteil werden; +deshalb soll man nicht gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das +Buch wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern der Störung +entgegentreten und durch Gewöhnung so weit kommen, daß die Stärke des +Willens alle Hindernisse überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung +auf die Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr berührt, +nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es der Zufall nicht häufig so, +daß wir in Gedanken versunken uns Begegnende nicht sehen und vom Wege +abirren? Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht nachgiebig sein. +Denn wenn wir glauben, nur nach genossener Erholung, nur heiteren +Gemütes, nur frei von jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können, +werden wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein. +Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim Gastmahl der +denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit schaffen. + +Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten auf dem Markt, +umgeben von so vielen Richtern unter Wortwechsel und Geschrei, sofort +eine zusammenhängende Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte, +welche wir auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit +wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, obwohl ein großer +Verehrer der Einsamkeit, seine Reden am Ufer, wo die Wogen mit heftigem +Gebrause brandeten, und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer +Volksversammlung furchtlos gegenüberzutreten. + +Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den Studien nichts +geringfügig ist – will ich nicht übergehen, nämlich daß man am besten +auf Wachs schreibt, wo man das Geschriebene leicht wieder ausstreichen +kann, falls nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern, +das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch das häufige +Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen des Schreibrohres ermüdet und +den Zug der Gedanken hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der +entgegengesetzten Seite einen Raum frei, auf welchem für Zusätze freier +Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu enge Raum zur Faulheit im +Verbessern und läßt das neu dazwischen Geschriebene mit dem alten +zusammenfließen. Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig +breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger Mann, welcher +sonst eifrig war, übermäßig lange Reden hielt, weil er sie nach der +Anzahl der Linien maß; und wie dieser Fehler, dem sich durch +fortgesetzte Ermahnung nicht abhelfen ließ, durch eine Änderung der +Schreibtafeln beseitigt wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf +welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet wird, was ihnen +außerhalb des engeren Zusammenhanges, d. h. aus Teilen der Rede, mit +deren Ausarbeitung sie augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt. +Denn häufig kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir weder +einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder vergessen +werden oder die mit ihnen Beschäftigten in dem weiteren Gedankengang +stören, und die deshalb am besten niedergeschrieben werden. + + + + +≈VIERTES KAPITEL≈ + +Von der Nachbesserung + + +Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem nützlichsten Teil +des Studiums; hat man doch nicht ohne Grund behauptet, der Griffel sei +in nicht geringerem Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder +vernichtet. Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen +und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und einfacher, wenn es sich +darum handelt, zu ergänzen oder wegzulassen; das Schwülstige aber zu +vereinfachen, das Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das +Ungeordnete zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang +einzureihen, das zu stark Hervorgehobene zurückzudrängen: dies alles +erfordert doppelte Mühe; denn auf der einen Seite muß man das, dem man +bereits seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der andern +Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu hinzu erfinden. Es +unterliegt nun keinem Zweifel, daß es sich empfiehlt, erst dann zu dem +Geschriebenen wie zu einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren, +wenn man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das von uns +Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln und gefallen. Aber +auch dies kann zumal dem Redner nicht immer zuteil werden, da er häufig +für das Bedürfnis des Augenblicks schreiben muß, man muß auch im +Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich Leute, welche zu dem +Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, es sei fehlerhaft, +zurückkehren, und die jede beliebige Änderung vorziehen, als ob das +zuerst Geschriebene nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese +sind den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch +schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, daß es an +eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen zu Verschlechterungen +werden. Man gelange also endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen +oder doch zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, aber +nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man Maß halten; denn wenn +es heißt, Cinna[1] habe die Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren +geschrieben, Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn Jahre +gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da sein Beistand wertlos +ist, wenn er so langsam erfolgt. + + + + +≈FÜNFTES KAPITEL≈ + +Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen + + +Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was hauptsächlich +diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben wollen, schreiben müssen. +Nun gehört eine Auseinandersetzung über die Stoffe, welche an erster, +zweiter oder darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher +(denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan für die +Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen solchen für die älteren +Schüler entworfen haben, geschehen), sondern es ist die auf unser +gegenwärtiges Thema bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und +Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden. + +Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten unsere Redner der +alten Schule für das beste. Dies behauptet Crassus in Ciceros Schrift +„Über den Redner” häufig getan zu haben[1]; dies schreibt Cicero +seinerseits oft vor[2], ja er gab sogar die Bücher Platos und +Xenophons[3], welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; dies +fand auch den Beifall des Messalla, und viele seiner Reden sind auf +diese Weise entstanden, so daß er mit der äußerst schmucklosen und für +Römer sehr schwierigen Rede des Hyperides für Phryne[4] in die +Schranken treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt +auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die griechischen +Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der Beredsamkeit die größte +Kunst; bei der Übertragung dieser kann nun der Übersetzer so verfahren, +daß er stets den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen +ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von den +Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender Weise zu +bilden, ist schon deshalb notwendig, weil die römische und die +griechische Ausdrucksweise meist voneinander verschieden sind. + +Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte wohl gleichfalls +sehr förderlich sein. Was die Gedichte anbetrifft, wird dagegen niemand +Widerspruch erheben, ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius +ausschließlich betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist der +Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung geben, und die Ausdrücke, +welche der poetischen Freiheit entsprechend kühner sind, haben nicht in +gleicher Weise das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen +ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft zu verleihen, +Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. Auch möchte ich die Forderung +aussprechen, daß eine Umschreibung nicht erklärende Erweiterung sei, +sondern ein Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens. +Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche die Übertragung +lateinischer Reden mißbilligen, weil jede Veränderung notwendig eine +Verschlechterung im Gefolge haben müsse, falls wir die besten Reden +hierzu verwendeten. Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu +verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es bereits +geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit nicht so nüchtern und +arm, daß man über #einen# Gegenstand nur auf #eine# Weise gut reden +kann. Oder kann etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den +gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede zurückstehen +muß, indem ein Gegenstand rednerisch so behandelt werden kann, daß über +den gleichen Stoff jedes weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt +auch, daß das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, so +kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder kommt es etwa nicht +vor, daß wir selbst über denselben Gegenstand zweimal und häufiger +reden und manchmal in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir +etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit anderen +hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf #eine# Art ein +Gegenstand rednerisch gut behandelt werden könnte, müßten wir zu der +Meinung kommen, daß uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen +abgeschnitten sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte, +und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. Ihren eigenen Reiz hat +die Kürze, ihren eigenen wiederum die Fülle, nach anderen Gesetzen muß +das Übersetzte, nach anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das +eine läßt sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in +künstlich figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich +Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende Schwierigkeit. Dazu +kommt noch das gewichtige Moment, daß die besten Schriftsteller auf +diese Weise mit großer Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen +ihre Schriften nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln alles +einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe ein und lernen ihre +Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie nicht nachahmen können. + +Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch unser Eigenes auf +verschiedene Arten zu behandeln, wird von Nutzen sein, in der Weise, +meine ich, daß wir einzelne Gedanken auswählen und diesen so häufig wie +möglich eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer wieder in +andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am meisten Fertigkeit, glaube +ich, aber werden wir uns gerade bei Behandlung der einfachsten +Gegenstände erwerben. Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht +verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge von Personen, +Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, Warten und Taten zu tun hat, +da sich dann von allen Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus +welcher man etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines +tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp ist, ausführlich +zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende steigert, dem +Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen Reiz verleiht und über eine +kleine Anzahl von Gegenständen ausführlich geistreich redet. + +Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen über zweifelhafte +Fragen, welche, wie wir bemerkten[5], „Thesen” genannt werden; pflegte +sich doch Cicero mit diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im +Staate einnahm[6]. Dieser Übung ist die Widerlegung und das Beweisen +einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher Satz entweder ein Urteil +oder eine Vorschrift enthält, so kann auf der einen Seite die Sache +selbst, auf der andern Seite das Urteil über dieselbe untersucht +werden. Dazu kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich +auch von Rednern[7] bearbeitet worden sind. Denn wer diese nur, indem +er bei der Stange bleibt, ohne auf Abwege zu geraten, erschöpfend +behandelt hat, der wird gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen +zuläßt, um so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch +alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl kein Unterschied, +ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius[8] soll in Anklagezustand +versetzt werden, weil er einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen: +wird die Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag dem Volke +selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage aufstellen, ob +Milo[9] den Clodius mit Recht getötet habe, oder ob wir sie +formulieren: darf man einen Feind und staatsgefährlichen Bürger töten +für den Fall, daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt? +Ferner: Hat Cato die Marcia dem Hortensius[10] unbeschadet seiner Ehre +übergeben? oder: Ziemt so etwas einem rechtschaffenen Manne? Über eine +Person wird das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird der +Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie in den +Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind diese, falls sie nur +der Wirklichkeit entsprechend und richtigen Reden verwandt sind, nicht +allein, solange das Fortschreiten noch ein langsames ist, von großem +Nutzen, da sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben, +sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, und +der junge Redner schon Lorbeeren auf dem Forum geerntet hat. Denn die +Beredsamkeit erhält Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine +angenehmere Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen +harten Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb muß man in manchen +zur Übung geschriebenen Aufsätzen die Breite der Geschichtschreibung +anwenden und sich an der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen +üben; selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht ohne +Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und ausgesuchterer Kost +erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit dem Zwang in Speise und +regelmäßiger Übung entsagt haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der +Beredsamkeit so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich auch zu +diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet hat. Denn wenn uns die +Prozesse allein Stoff liefern, dann wird notwendig der Glanz schwinden, +die feineren Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die +Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf werden. + +Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam im militärischen +Dienstverhältnis befindlichen Rednern diese süße Speise Erfrischung und +Stärkung bietet, so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem +bloßen Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an +inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem Wirken in der +Dämmerung des geschlossenen Raumes, mit welchem sie durch langjährige +Gewöhnung vertraut geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne +aufgeschreckt werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse zu +tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst einem Porcius Latro[11], +welcher ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit war. Als er, der sich +einen großen Ruf durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede +auf dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden Bitte +gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal verlegen. So +ungewohnt war ihm der freie Himmel, daß man hätte glauben können, alle +seine Beredsamkeit sei von Wand und Decke abhängig. + +Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form in der rechten Weise +zu gestalten von seinen Lehrern mit Fleiß gelernt hat (was keine +grenzenlose Aufgabe ist, wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten +Willen haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie es auch +bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur Nachfolge und +Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen sei er so häufig wie +möglich anwesend und ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren, +bei welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann soll er +entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen er beigewohnt hat, +schriftlich ausarbeiten, oder auch andere, aber solche, welche der +Wirklichkeit entnommen sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen +üben, wie wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel des +Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als Entgegnung auf +die Reden der Alten schreiben, wie es Cestius[12] mit der Rede Ciceros +für Cestius tat, obwohl er aus der Verteidigungsrede die Sache der +andern Partei nicht hinreichend kennen konnte. + +Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, wenn ihn sein +Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen so sehr wie möglich der +Wahrheit treu zu bleiben und die Stoffe vollständig zu bearbeiten, +während er sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte. +Freilich steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt die allzu +große Menge der Schüler und der Brauch, die Klassen an bestimmten Tagen +deklamieren zu lassen, hindernd im Wege, einigermaßen auch die +Urteilslosigkeit der Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht +nach ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer (wie ich im +ersten Buche ausgeführt habe)[13] wird sich nicht mit einer größeren +Anzahl von Schülern, als er vertragen kann, belasten; er wird zu große +Weitschweifigkeit beschneiden, so daß er nur alles das, was die +Streitfrage betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode +einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang mit dem +Stoff steht; auch wird er die Zeit, in welcher die aufgegebenen +Vorträge gehalten werden müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder +die Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete wird von +höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl von nur begonnenen +Versuchen, welche der Schüler gleichsam nur gekostet hat. In diesem +Fall nämlich pflegt es so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten +Platz erhält, und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb der +gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge blühende Redewendungen +überall zusammensuchen und auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt +es, daß sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien +keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck aller Art +unklar gestalten. + + + + +≈SECHSTES KAPITEL≈ + +Sammlung des Gedankenstoffes + + +Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am nächsten verwandt +ist die Anfertigung von Entwürfen im Kopf, welche ebenfalls von jener +Übung ihre Kräfte empfängt und zwischen dem mühevollen Verfassen von +Aufsätzen und dem Glückswurf der Improvisation in der Mitte steht und +vielleicht am häufigsten zur Anwendung kommt. Denn längere Aufsätze +anzufertigen, dazu sind wir nicht überall und nicht immer imstande, für +Anfertigung von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit und Ort meist +reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf umfaßt in wenigen Stunden +selbst große Prozesse; er wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn +der Schlaf unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in +der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man keinen Augenblick +unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie es wohl genug wäre, eine +Anordnung des Stoffes, sondern er verbindet auch die Worte und webt die +ganze Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur die +schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis das meist weit +treuer, was nicht durch die Mühe des Schreibens weniger fest aufgefaßt +ist. + +Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken kann man nicht +plötzlich oder schnell gelangen. Denn erstlich müssen wir durch vieles +Schreiben eine Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei dem +Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich die Erfahrung zu +gewinnen in der Weise, daß wir uns nur an kleinen Aufgaben versuchen, +deren treue Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere +Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, daß wir +eine Mehrbelastung nicht spüren, und endlich durch beständige Übung, +welche hauptsächlich in einer Schulung des Gedächtnisses beruht, +größere Stoffmassen umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an +jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. Es kommt +mit der Zeit dahin, daß der, bei welchem der Geist sich willig zeigt, +durch eifriges Studium erreicht, daß bei ihm das, was er nur in +Gedanken entworfen hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie +das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat. + +Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor[1] aus Skepsis +und Empylus[2] aus Rhodos und von unseren Rednern Hortensius das in +Gedanken Entworfene in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben. + +Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens die Rede die Färbung +der Improvisation erhält, so soll man nicht ängstlich bei dem vorher +Ausgedachten haften bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so +sorgfältige Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem +glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig auch in das +Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen. + +Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir +leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es +das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und +sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits +die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher +soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen +sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber +zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht, +daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen +entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an +das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich +selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden +Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts +suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden +müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem +Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch +gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist. + + + + +≈SIEBENTES KAPITEL≈ + +Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, erworben und erhalten +wird + + +Der größte Gewinn aber des Studiums und gleichsam der reichste Lohn für +ein langes Arbeiten ist die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer +diese nicht erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf den +Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine einseitige +Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an anderen Stoffen +ausüben. Denn einem Manne von wirklicher Gewissenhaftigkeit steht es +nicht wohl an, eine Hilfeleistung zum allgemeinen Nutzen zu +versprechen, welche in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt, +einem Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem Winde +einlaufen kann. Wird doch in unzähligen Fällen ein plötzliches +Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt gegenüber oder bei plötzlich +angestelltem Gerichtsverfahren. Wenn ein solcher Fall nun – ich will +nicht sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner Freunde +und Verwandten passiert, soll er dann stumm dastehen und in Gegenwart +derer, die seine Verteidigung verlangen und dem Untergang preisgegeben +sind, wenn ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit +und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und dem Gedächtnis +eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet sind? Und wie könnte +man wohl vernünftigerweise auf die Forderung verzichten, daß der Redner +jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, wenn er seinem +Gegner antworten muß? Denn häufig bleibt das, was wir vermutet hatten +und wogegen wir geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt +plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann dem Andringen der +Stürme gegenüber, so muß der Redner bei einer plötzlich veränderten +Wendung des Prozesses sein Verfahren ändern. Was erreicht man denn +schließlich mit den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender +Lektüre und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe +Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit der +vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig zugeben, der auf dem gleichen +Gebiete immer derselben Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich +nicht gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug geben +soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies werden wir aber am +besten auf folgende Weise erreichen. + +Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen hat, bekannt sein; +denn der Wettlauf kann nicht glücken, bevor wir wissen, welche Richtung +und welchen Weg wir einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die +einzelnen Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen +Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die Hauptsache ist, +sondern man muß auch wissen, was in jedem dieser Teile zuerst +vorzubringen ist, was an zweiter Stelle und was nachher; ferner was +seiner Beschaffenheit nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen +Platz vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß Verwirrung +entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt sich vor allem durch die +Reihenfolge der Ereignisse selbst führen, daher kommt es hauptsächlich, +daß auch weniger geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden +behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig haben, worauf sich +die Untersuchung bezieht, und nicht umhergaffen oder durch das, was +sich von anderer Seite den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und +nicht aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen wie +Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an keinem Orte +verharren. Außerdem soll man Maß und Ziel einhalten, was ohne +Disposition nicht möglich ist. Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft +ist, sei man sich bewußt, daß man fertig ist. + +Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das Weitere ist eine +Frucht praktischer Übung. Damit wir uns eine Fülle der besten Ausdrücke +der bereits gegebenen Vorschrift entsprechend aneignen, muß die +Redefertigkeit durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere +geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte Wort dieselbe +Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. Wir werden daher, nachdem wir +viele schriftliche Aufsätze gefertigt haben, auch viele Übungen im +mündlichen Vortrag anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt +hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin Pausen eintreten +läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit matter, sondern die Zunge +selbst wird stumpf und müde. Denn obwohl es einer gewissen natürlichen +Beweglichkeit dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, und +daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben Gesprochene anknüpft, +so kann doch kaum natürliche Anlage oder künstliche Berechnung uns zu +einer so vielseitigen Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung, +Disposition, Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in genügender +Weise beachten, und daß wir dabei noch den eben gesprochenen Worten, +den darauffolgenden und denen, welche im weiteren Verlaufe folgen +sollen, Beachtung schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und +Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn die +Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit dem Folgenden +beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, so viel muß aus dem noch +Ausstehenden zur Ergänzung herangezogen werden, so daß äußerer und +innerer Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir nicht +stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene Sätze +nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen. + +Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche die Griechen +ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige Beschäftigung”) +nennen; sie läßt uns die Hand beim Schreiben bewegen, die Augen beim +Lesen über die Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und das +Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende ausgesprochen +hat. Diese mechanische Fertigkeit bringt auf der Bühne jene Wunder der +Gaukler und Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das +in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, was sie +dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl wieder zurückkehrt. +Aber diese mechanische Fertigkeit wird nur dann von Nutzen sein, wenn +zuvor die Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, durch +welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen Zwecke verwendet +wird. Denn wer ohne Ordnung, Schmuck und Fülle redet, der scheint mir +nicht zu reden, sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden ohne +Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da ich es auch bei +schimpfenden Weibern reichlich gesehen habe; wenn es aber von Feuer und +Geist getragen wird, dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste +Vorbereitung an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. In +einem solchen Falle pflegten dann die alten Redner, wie Cicero sagt[1], +zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. Die Ursache hiervon liegt auf der +Hand. Tiefgreifende Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen in +vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit derselben +durch den Aufenthalt des Schreibens verringert wird, die, wenn einmal +etwas verlorengegangen ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf +jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich nicht äußern, +wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei anwendet, und bei +jedem Ausdruck einen Anstoß findet, sondern die Rede wird, wenn auch +jeder Ausdruck peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, als +Stückwerk sein. + +Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, welche, +wie ich gesagt habe[2], von den Griechen als Bilder der Phantasie +bezeichnet werden, in sich aufnehmen, und es muß alles, was der +Gegenstand unserer Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit +verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge gefaßt und in die +Glut des Affekts getaucht werden: denn das Herz ist es, was beredt +macht, und die Kraft der Vorstellung. + +Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, wenn sie nur von +einem lebhaften Gefühle erregt sind. -- Ferner ist der Geist nicht auf +einen einzigen Gegenstand, sondern auf mehrere zugleich zu richten, so +wie wir bei einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen +durchmessen, nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr und an +ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen Anreiz zum Reden trägt +auch ein berechtigter Ehrgeiz in sich; während man sich daher beim +Schreiben an der Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich +meidet, wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer wie +der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. Denn auch einen +schwierigen Gedanken läßt die Nötigung des Redens zum Ausdruck +gelangen, und einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen. +So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit, +wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, sich hauptsächlich +durch den augenblicklichen Gewinn von Ruhm und Anerkennung leiten läßt. +Nur möge keiner zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß +er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf glücken, vielmehr +muß man, wie bei dem Entwurf im Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren +von kleinen Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur durch +Übung erreicht und behauptet werden kann. Man muß es aber hierin so +weit bringen, daß der im Kopf zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen +Umständen besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine +Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern auch in +Versen angeeignet haben, wie Antipater[3] aus Sidon und Licinius +Archias[4], wenn man Cicero Glauben schenken darf; damit will ich aber +nicht gesagt haben, daß nicht auch manche in unserer Zeit es so weit +gebracht haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für etwas +so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es ist weder besonders +nützlich noch notwendig), so meine ich doch, daß es denen, welche sich +zur Tätigkeit auf dem Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild +gibt, wenn man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl soll +das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes sein, daß wir +nicht wenigstens einen kurzen Augenblick – der fast nie fehlen wird – +erübrigen, um das, was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu +überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen und auf dem +Forum immer Gelegenheit sein wird; denn niemand tritt als +Gerichtsredner auf, ohne sich über den schwebenden Rechtsfall zu +unterrichten. Manche Kunstredner verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß +sie sich sofort zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen +ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen wollen, was +besonders abgeschmackt und schauspielermäßig ist. Freilich verlacht +ihrerseits wieder die Beredsamkeit ihre Anhänger, die sie so +herabwürdigen, und sie, welche Törichten gebildet erscheinen wollen, +erscheinen Gebildeten töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so +plötzliche Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man einer +besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man muß dann alle geistige +Kraft auf den Gegenstand lenken und vorderhand auf stilistische +Sorgfalt verzichten, wenn Inhalt und Form gleich sorgfältig zu +behandeln nicht möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein +langsameres Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam zögernde +Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß wir zu überlegen, nicht +aber steckenzubleiben scheinen. So werden wir verfahren, während wir +noch im Begriff sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der +Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. Bald aber werden +wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung bringen, die Taue zurechtmachen +und uns in volle Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als +daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, eine Beute +für die Stürme, welche einen, wohin sie wollen, tragen werden. + +Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese Fertigkeit zu +erhalten, wie um sie zu erwerben. Das theoretische Wissen verliert sich +nicht, wenn es einmal recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche +Übung büßt durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; diese +Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und in Bereitschaft zu sein, +wird lediglich durch Übung erhalten. Dies erwerben wir uns dann am +besten, wenn wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden haben, +deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher Sorge entgegensehen; +denn daß man die eigene Kritik fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist +es besser, wenn wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns +überhaupt nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem Orte und zu +jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes tun, stattfinden kann, besteht +im bloßen Denken und der Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still +(indem wir jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist zum +Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man wird bei dieser eine +sorgfältigere Anordnung treffen als bei jener, wo wir den Zusammenhang +der Rede zu unterbrechen fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die +vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung einer +kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache und guter körperlicher +Bewegungen, welche, wie gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung +bringen, wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen mit dem +Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem Schweif machen. Man muß +sich aber mit Eifer dem Studium hingeben immer und überall. Ist doch +auch fast nie ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer +Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie Cicero den Brutus +sagen läßt[5], sei es für Schreiben, Lesen oder Redeübungen erübrigt +werden könnte, wie denn auch C. Carbo[6] selbst im Felde solche +Redeübungen anzustellen pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was +Cicero gleichfalls empfiehlt[7], daß unser Sprechen niemals nachlässig +sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben und wo wir es tun, immer +besitze es eine relative Vollkommenheit. Und schreiben soll man zu +keiner Zeit mehr als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn +so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit gehört zu den +folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, welche sonst in +Oberflächlichkeit ausarten würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe, +sowie die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln eines +Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche befestigen, +abschneiden, damit die schwächeren weiter in die Tiefe wachsen und so +erstarken. Und vielleicht fördert beides, mit Sorgfalt und Fleiß +ausgeführt, einander in der Weise, daß wir durch das Schreiben +sorgfältiger reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit +schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, schreiben, +und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich durch Überdenken des +Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, so soll man doch darauf +hinwirken, daß weder der Redner in Verlegenheit gesetzt, noch sein +Klient verlassen scheint. + +Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu halten, daß sie +das Notwendigste und auf jeden Fall den Anfang aufschreiben und das +übrige, was sie im Gedächtnis haben, in Gedanken disponieren, +plötzlichen Einwürfen aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß M. +Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen hervor. Es +sind aber solche auch von anderen in Umlauf, welche aufgefunden in der +Gestalt, in der sie ein Redner niedergeschrieben hatte, später in +Bücher eingeteilt worden sind, wie die Notizen über die Prozesse, +welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch drei Reden +vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten Aufzeichnungen sind von +einer peinlichen Genauigkeit, daß ich glauben möchte, sie seien von ihm +selbst für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen, +welche nur für den Augenblick berechnet waren, hat sein Freigelassener +Tiro gesammelt; eine Tatsache, welche ich nicht anführe, damit sie +denselben zur Entschuldigung diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall +versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu erhöhen. Bei dem +freien Sprechen billige ich es vollständig, wenn man sich kurze Notizen +in eine Rolle macht, welche man auch in der Hand behalten und ab und zu +einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des Länas[8], sogar +bei dem, was wir geschrieben haben, den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch +und einzelne Hauptabschnitte einzutragen[9]. Denn das Vertrauen auf +dieses Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und macht +unser Reden stockend und formlos. Möchte ich doch nicht einmal, daß man +das aufschreibt, was man vollständig auswendig lernen will; denn hier +kommt es auch vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen +haften bleiben, und daß wir auf das, was ein glücklicher Augenblick uns +eingibt, verzichten. Unsicher und schwankend werden wir dann, da wir +das Aufgeschriebene verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben. + +Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche sprechen und darf +dies hier nicht schon anfügen, weil ich anderes vorausschicken muß. + + + + +Anmerkungen + + +Erstes Kapitel + +[1] Dieselben sind in den beiden vorhergehenden Büchern enthalten. + +[2] Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann hin und +her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff den +Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die Lektüre +dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller. + +[3] Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. Ähnlich +heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610: + +Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; Horaz, Satiren +I, 1, 70: + + Du liegst voll Gier auf den Säcken, + Die du zusammengerafft. + +[4] Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein Redner +werden will. + +[5] S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1. + +[6] Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste, +Archilochus, wird weiter unten charakterisiert. + +[7] Aristophanes, Eupolis, Kratinus. + +[8] Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die zuerst von +Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche Weise der +ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, welches Volk das +älteste sei. + +[9] Oder „Käse”, wie Vergil, Eklogen 1, 81. + +[10] Im Gegensatz zu dem toten Buchstaben. + +[11] Die Reden um den Kranz. + +[12] Servius Sulpicius Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte zur +Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. In dem +nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, 2, 106 als +Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der Ankläger. +Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über Messalla, Pollio +und Cassius s. weiter unten. + +[13] Cajus Nonius Asprenas, ein Freund des Augustus, wurde von Cassius +angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl 130 Personen +vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit seiner Freisprechung. + +[14] Die entsprechenden Reden Ciceros sind die für Ligarius und gegen +Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die Gewalt +Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, wurde, als seine +Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, von Tubero wegen +seines Verhaltens in Afrika angeklagt. + +[15] Freund und Zeitgenosse Ciceros. + +[16] Cornelius Celsus, zur Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender +Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft, +Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten ist nur +seine Schrift ≈de medicina≈. + +[17] Er war aus Nemausus in Gallien. + +[18] Crispus Passienus der Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero, +gestorben 49 n. Chr. + +[19] Vielleicht Lälius Balbus unter Tiberius. + +[20] Der Fall ist nicht näher bekannt. + +[21] Wo Cicero dies gesagt hat, ist unbekannt; die Stelle des Horaz +steht ≈ars poetica≈ 359. + +[22] In seinem Buche über die Rhetorik. + +[23] Rede für den Dichter Archias 12. + +[24] Das ist die antike Auffassung der Geschichtschreibung, welche sich +von der modernen wesentlich unterscheidet. + +[25] IV, 2, 45. + +[26] Der Redner 39; 62. + +[27] Hiermit sind offenbar die auch uns zum Teil erhaltenen Schriften +des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint. + +[28] Brutus 248. + +[29] In einer nicht auf uns gekommenen rhetorischen Anweisung. + +[30] Aratus lebte um 270 v. Chr. am Hofe des Königs Antigonus Gonatas +von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den Worten: Ἑκ Διὸϛ +ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). Dieses Werk bespricht +Quintilian weiter unten. + +[31] Ilias XXI, 196. + +[32] Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff. + +[33] Phönix, Ilias IX, 529 ff. + +[34] Ilias XXIV, 486 ff. + +[35] Um 800 v. Chr., Verfasser des didaktischen Gedichtes „Werke und +Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des Herakles”. + +[36] Der Stil, welcher in der Mitte steht zwischen dem schlichten +attischen und dem überladenen asiatischen. + +[37] Epischer Dichter aus Kolophon, lebte gegen das Ende des +Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs. + +[38] Aus Halikarnaß, um 480 v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser eines +epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern. + +[39] Geboren zu Alexandria, aber als rhodischer Bürger gewöhnlich „der +Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria um 190 v. +Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”. + +[40] Die alexandrinischen Kritiker, besonders Aristophanes aus Byzanz +und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert v. Chr. +ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, das auch +in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt wurde. + +[41] S. Anm. 30. + +[42] Der berühmte Idyllendichter aus Syrakus, um 275 v. Chr. + +[43] Aus Kamirus auf Rhodos, um 640 v. Chr., Verfasser einer +„Herakleia”. + +[44] Nikander, wahrscheinlich aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. zum +Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und schrieb außer +vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und „Theriaka” über Bisse +giftiger Tiere. + +[45] Ämilius Macer aus Verona, gestorben 16 v. Chr., schrieb +„Ornithogonia” und „Theriaka”. + +[46] Quintilian scheint, durch die Gleichheit des Titels veranlaßt, an +die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht nachweisen, +daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des Nikander als +Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über die Bienen +(Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben. + +[47] Euphorion aus Chalkis auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., lebte in +Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der Bibliothek. Seine +epischen Gedichte und Elegien wurden wegen ihres mythologischen und +antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und von Cornelius Gallus +nachgebildet. + +[48] Eklogen 10, 50. + +[49] In der ≈ars poetica≈ 401. + +[50] Tyrtäus, um 685-668 v. Chr., aus Aphideä in Attika, berühmt durch +seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im Zweiten Messenischen +Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert haben sollte. + +[51] Kallimachus aus Kyrene, um 260 v. Chr., lebte in Alexandria. Er +erlangte hohen Ruhm durch seine Elegien, die von den römischen Dichtern +Catull, Properz und Ovid nachgeahmt wurden. + +[52] Philetas aus Kos, Freund des Theokrit, Lehrer des Ptolemäus II. +Philadelphus, um 280 v. Chr., von Properz und Ovid nachgeahmt. + +[53] Die beiden hier nicht Genannten sind Simonides aus Samos, um 660 +v. Chr., und Hipponax aus Ephesus, um 540 v. Chr., ein scharfer +Satiriker. + +[54] Nicht angeführt sind Alkman aus Sardes, um 620 v. Chr., Sappho aus +Lesbos, um 600 v. Chr., Ibykus aus Regium, um 540 v. Chr., Anakreon aus +Teos, später am Hofe des Polykrates von Samos, Bakchylides aus Kos, um +465 v. Chr. – Pindar, geb. 522 v. Chr. in Kynoskephalä bei Theben, +hochgeachtet von Fürsten und freien Bürgern im Leben und nach seinem +Tode 441 v. Chr. + +[55] Oden IV, 2: + + Wer sich erkühnt, dem Pindar nachzusingen, + Der hebt, Jullus, sich mit tollem Mut + Auf Dädalus' mit Wachs gefügten Schwingen + Und gibt den Namen der kristallnen Flut. + Wie von den Regengüssen angeschwollen, + Aus den gewohnten Ufern tritt der Fluß, + So stürzt hervor mit allgewalt'gem Rollen + Aus ungemeß'ner Tiefe Pindarus. + +[56] Stesichorus aus Himera auf Sizilien, geb. um 630 v. Chr., der +berühmteste Dichter Siziliens, starb hochbetagt in Catana. Vgl. über +ihn Horaz (Oden IV, 9, 4 ff.): + + Zwar glänzt Homer als erster in Sängerreih'n, + Doch schweigt darum die Muse des Pindar nicht, + Noch Ceas Lied, Alcäus' Schlachtruf, + Oder Stesichorus' ernste Dichtung. + +[57] Aus Mytilene auf Lesbos, 611-580 v. Chr. + +[58] Gemeint sind die Gedichte des Alcäus, welche den zehnjährigen +Bürgerkampf seines Vaterlandes behandeln. + +[59] Myrsilus und Pittakus. + +[60] Simonides aus Julis auf Kos (556-486 v. Chr.), lebte teils in +Athen am Hofe des Hipparch, teils an dem des Hiero in Syrakus. Mit +ersterem war er befreundet, ebenso mit Themistokles, Pausanias, +Anakreon u. a. Er besaß weltmännische und wissenschaftliche Bildung und +war mit einem vorzüglichen Gedächtnis ausgestattet. + +[61] Aristophanes aus Athen, zur Zeit des Peloponnesischen Krieges, +trat schon früh mit Komödien auf. Er lebte noch 386 v. Chr. – Eupolis +dichtete angeblich schon im 17. Jahre Komödien, mit Aristophanes +befreundet, dann entzweit. – Kratinus aus Athen, ebenfalls Zeitgenosse +des Aristophanes, durch persönliche Satire gefürchtet, schuf den +komischen Stil. + +[62] Äschylus, geboren in dem attischen Demos Eleusis 525 v. Chr., +führte in großer Zeit ein bewegtes Leben und übte auf die Gestaltung +der Tragödie nicht geringen Einfluß, gestorben 456 v. Chr. Von 70 +Tragödien sind uns noch 7 erhalten. + +[63] Uns ist nichts von einer Verbesserung seiner Stücke oder von der +Erlaubnis zur Aufführung seitens der Athener bekannt. + +[64] Sophokles, geb. 496 v. Chr. in dem attischen Demos Kolonos, der +größte Tragödiendichter des Altertums, gest. 406. Von 86 Tragödien sind +7 erhalten, von denen einige auch heute noch aufgeführt werden. – +Euripides, geb. in Salamis 480 v. Chr., trat früh als Dichter auf, +gest. 406 in Pella, hochgeehrt von dem König Archelaus. + +[65] Menander aus Athen, 342-290 v. Chr. Von seinen mehr als 100 +Komödien haben wir nur noch Bruchstücke, zum Teil allerdings ziemlich +umfangreiche (so gerade in den hier genannten Epitrepontes), dagegen +Nachbildungen in mehreren Stücken des Terenz. + +[66] Ein athenischer Redner, Zeitgenosse des Demosthenes. + +[67] Aus Soli oder Syrakus, gest. 262 zu Athen, fast 100 Jahre alt. Von +seinen mehr als 90 Komödien ist nur wenig übrig. Zwei Stücke von ihm +hat Plautus frei nachgebildet. + +[68] Thukydides aus Athen, 471-396 v. Chr. + +[69] Herodot aus Halikarnaß, 484 bis gegen 410 v. Chr. + +[70] Theopomp aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb auf Veranlassung +seines Lehrers Isokrates Hellenika, als Fortsetzung des Thukydides, und +58 Bücher Philippika, eine allgemeine Geschichte seiner Zeit. Beide +Werke sind verlorengegangen. + +[71] Philistus aus Syrakus, Zeitgenosse der beiden Dionysios', 356 v. +Chr. in hohem Alter getötet. Er verfaßte sizilische Geschichten. + +[72] Ephorus, aus dem äolischen Kyme, Verfasser einer Geschichte +Griechenlands von Anfang an bis zum Jahre 340 v. Chr. + +[73] Clitarch aus Megara, Geschichtschreiber Alexanders d. Gr. + +[74] Timagenes aus Alexandria, Freund des Asinius Pollio, schrieb +ebenfalls eine Geschichte Alexanders d. Gr. + +[75] S. weiter unten. + +[76] Außer den fünf genannten: Antiphon, Andocides, Isäus, Lycurgus und +Dinarchus. + +[77] Aus dem Demos Päania, 384-322 v. Chr. + +[78] Äschines aus Athen, 389-314 v. Chr., Gegner des Demosthenes. + +[79] Hyperides aus Athen, geb. 390 v. Chr., wie Demosthenes tätig im +Kampfe gegen Philipp von Mazedonien, in Ägina auf Befehl des Antipater +322 hingerichtet. + +[80] Lysias, geb. in Athen um 435 v. Chr., berühmter Lehrer der +Beredsamkeit, starb in hohem Alter 353 v. Chr. + +[81] Isokrates, geb. in Athen 436 v. Chr., ein Schüler des Sokrates, +ebenfalls berühmt als Lehrer der Beredsamkeit. Er starb 94 Jahre alt +wenige Tage nach der Schlacht bei Chäronea 338 v. Chr. eines +freiwilligen Todes. + +[82] Demetrius von Phaleron, 317-307 v. Chr. fast unumschränkter +Statthalter in Athen; darauf gestürzt, fand er in Ägypten freundliche +Aufnahme. Er starb in Oberägypten 283 in der Verbannung an dem Bisse +einer Schlange. + +[83] Plato, geb. 427 v. Chr., gest. 347, der größte Schüler des +Sokrates. + +[84] Xenophon, aus dem attischen Demos Erchia, geb. um 434 v. Chr., +Schüler des Sokrates, bekannt durch seine Teilnahme an dem Zuge des +jüngeren Kyros, wegen seiner Vorliebe für Sparta 399 verbannt, lebte +dann in Skillus bei Elis, darauf in Korinth, gest. 355. + +[85] Aristoteles, geb. 384 v. Chr. zu Stagira in Mazedonien, Lehrer +Alexanders d. Gr., berühmtester und gelehrtester Philosoph des +Altertums, starb in Chalkis 322. + +[86] Theophrast war zu Eresos auf Lesbos 371 v. Chr. geboren, wurde 322 +Nachfolger des Aristoteles als Lehrer der peripatetischen Schule zu +Athen und starb 287. Er soll ursprünglich Tyrtamos geheißen und erst +von Aristoteles den Namen Theophrast erhalten haben. + +[87] Publius Vergilius Maro (geb. 15. Oktober 70 v. Chr., gest. 19. +September 19 v. Chr.) ist im Altertum und im Mittelalter überschätzt, +später unterschätzt worden. Erst in neuerer Zeit ist ihm die ihm +gebührende Wertschätzung wieder zuteil geworden. + +[88] Ein berühmter, von Quintilian oft genannter Redner. + +[89] S. Anm. 45. + +[90] Titus Lucretius Carus lebte von 98-55 v. Chr., schrieb das noch +erhaltene Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge”. + +[91] Publius Terentius Varro Atacinus, 82-36 v. Chr., aus Atax in +Gallia Narbonensis, verfaßte eine freie Nachbildung der Argonautika des +Apollonius, schrieb ein episches Gedicht „Der Sequanerkrieg” und +versuchte sich auch in der Satire. + +[92] Quintus Ennius, geboren zu Rudiä in Kalabrien 239 v. Chr., berühmt +durch die uns noch in Bruchstücken erhaltenen Annalen, ein historisches +Epos in Hexametern; auch dichtete er Tragödien und Komödien. Er starb +169. + +[93] Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr. bis 17 n. Chr. -- Unter seinen +„epischen Gedichten” sind die Metamorphosen zu verstehen. + +[94] Freund des Ovid. + +[95] Kann wegen des folgenden Lobes nicht im geringschätzigen Sinne +genommen werden. + +[96] Der Name Serranus beruht nur auf Konjektur. + +[97] Von Valerius Flaccus, gest. um 88 n. Chr., haben wir noch sein +Gedicht Argonautika. + +[98] Saleius Bassus, Zeitgenosse Vespasians; über seine Schriften ist +nichts Näheres bekannt. + +[99] Beide Zeitgenossen Ovids. + +[100] Marcus Annäus Lucanus aus Corduba, lebte 39-65 n. Chr., verfaßte +ein Epos Pharsalia, das sich durch rhetorisches Pathos auszeichnet. + +[101] Gemeint ist Domitian, der nach der Besiegung der Chatten den +Titel Germanicus annahm. + +[102] Eklogen 8, 13. + +[103] Albius Tibullus, römischer Ritter, etwa 59-18 v. Chr. + +[104] Sextus Aurelius Propertius, um 54-15 v. Chr., Altersgenosse +Tibulls. + +[105] Cajus Cornelius Gallus, aus Forum Julii, ein vertrauter Freund +Vergils (1. Ekloge 10), endete durch Selbstmord 26 v. Chr. + +[106] Caius Lucilius aus Suessa Auruncorum, römischer Ritter, 180 bis +102 v. Chr., Freund des jüngeren Scipio Africanus und Lälius. + +[107] Quintus Horatius Flaccus, 65-8 v. Chr. + +[108] Aulus Persius Flaccus aus Volaterrä, römischer Ritter, lebte +34-62 n. Chr., Verfasser von sechs noch erhaltenen Satiren. + +[109] Marcus Terentius Varro aus Reate, 116-27 v. Chr. Von seinen +zahlreichen Schriften sind nur erhalten drei Bücher von der +Landwirtschaft, sowie Bruchstücke eines größeren Werkes Über die +lateinische Sprache und der etwa 96 Satiren. + +[110] Quintus Valerius Catullus, geb. zu Verona 86 v. Chr., gest. 54 v. +Chr. „#Der größte Dichter, den Rom gehabt hat, ist Catullus#” (B. G. +Niebuhr). + +[111] Furius Bibaculus, geb. 102 v. Chr. zu Cremona, von Horaz (Satiren +II, 5, 41) verspottet. + +[112] Über dieses Urteil Quintilians vgl. #K. E. Güthling# in der +Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 886, wo derselbe mit Recht +sagt: „Aber es ist zum Erschrecken, wenn es bald nachher heißt: +≈Lyricorum Horatius fere solus legi dignus≈. Ich bekenne offen, daß mir +Lachmanns Urteil, das er im philologischen Seminar mehr als einmal +ausgesprochen hat, des Horatius Oden seien glatt wie Marmor, aber auch +kalt wie Marmor, und zwei bis drei beliebige Episteln des Horatius +seien ihm mehr wert, als alle Oden zusammengenommen, eine ganz gerechte +Schätzung des Lyrikers Horatius zu enthalten scheint, sosehr mich dies +Urteil anfangs frappierte. Sprache und Versbau sind unübertrefflich +vollendet; das ist aber auch das beste, was man von diesen Oden sagen +kann. Diejenigen von ihnen, die aus der Stellung des Dichters zum Hofe +hervorgingen, haben alle ein gemachtes, hohles Pathos, sind arm an +fruchtbaren Gedanken, und ich will es gern unentschieden lassen, ob sie +der Vorwurf unwürdiger Schmeichelei treffe oder nicht. Die übrigen +bewegen sich in einem sehr engen Gedankenkreise, den sie allerdings mit +Geschick variieren, so daß der nicht sehr aufmerksame Leser über der +schönen Form und einem zahllose Male in anderm Gewande wiederkehrenden +Gemeinplatz die Armut des Inhalts übersieht. Den meisten, ja fast allen +den fehlt die jugendliche Frische, die Leidenschaft und Glut der +Empfindung, welche den Leser hinreißt. Das ist auch natürlich; war doch +der Dichter ein Vierziger, als er zur Leier griff, und daß die +Beschäftigung mit der Satire keine besondere Vorbereitung für die Lyrik +abgegeben hat, versteht sich wohl von selbst. Um Quintilians Urteil +über Horatius zu verstehen und zu würdigen, mag das Gesagte genügen; +dem Lyriker Horatius stellen wir getrost den Catullus entgegen, nein, +wir stellen ihn aus voller Überzeugung über Horatius. Wenn Quintilian +den Catullus nur als Jambographen anführt, so ist das nicht zu +bewundern; er gehört ja zu den „Alten”, nicht zu den Kunstpoeten, als +deren Repräsentant und Verfechter in der Augusteischen Zeit Horatius, +wie das seine Polemik gegen ältere Dichter zeigt, vorzugsweise zu +betrachten ist. Niebuhrs Urteil über Catullus (vgl. Catullus, übersetzt +von Stromberg, Vorrede) ist bekannt; vor fünfundzwanzig Jahren habe ich +es auf Niebuhrs Namen angenommen, jetzt unterschreibe ich es aus +eigener Überzeugung. Es sei zum Schutze des von unserm Rhetor +totgeschwiegenen Lyrikers hiermit an dasselbe erinnert.” + +[113] Cäsius Bassus, Freund des Persius, kam angeblich 79 bei dem +Ausbruche des Vesuvs um. + +[114] Lucius Attius, von 170 bis etwa 90 v. Chr. -- Marcus Pacuvius aus +Brundusium, geb. um 220 v. Chr., starb in einem Alter von 90 Jahren. + +[115] Lucius Varius Rufus, 74-14 v. Chr., Epiker und Tragiker, Freund +des Vergil und Horaz. Vgl. Horaz, Oden I, 6, 1; Satiren I, 10, 44; +Episteln II, 1, 247; 3, 55. + +[116] Publius Pomponius Secundus lebte unter den vier ersten Kaisern +nach Augustus; gest. um 60 n. Chr. + +[117] Lucius Älius Stilo, Rhetor und Altertumsforscher, Lehrer des +Cicero und Varro. + +[118] Titus Maccius Plautus, um 254-184 v. Chr. + +[119] Cäcilius Statius aus Insubrien, Zeitgenosse des Ennius, um +219-166 v. Chr. + +[120] Publius Terentius Afer, um 194-159 v. Chr., kam aus Afrika in +früher Jugend als Sklave nach Rom, wo er erzogen und freigelassen +wurde. + +[121] Lucius Afranius, Zeitgenosse des Terenz, um 150 v. Chr. + +[122] Cajus Sallustus Crispus, 87-34 v. Chr. + +[123] Titus Livius, 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. + +[124] Servilius Nonianus, Konsul 35 n. Chr., gest. 60 oder 61 n. Chr. +Er war ein tüchtiger gerichtlicher Redner und wandte sich sodann dem +Studium der Geschichte zu. Er beschrieb die Zeit des Untergangs der +Republik und die Gründung der Monarchie. + +[125] Aufidius Bassus lebte unter Tiberius. Er schrieb Geschichtswerke +über die erste Kaiserzeit sowie über den Germanischen Krieg und starb +unter Nero. + +[126] Quintilian meint vielleicht Cornelius Tacitus. + +[127] Cajus Cremutius Cordus, freimütiger Geschichtschreiber zur Zeit +des Tiberius. + +[128] Marcus Tullius Cicero war geboren 106 v. Chr., ermordet 43 bei +Cajeta. + +[129] Bezieht sich in dieser Allgemeinheit nur auf die gerichtlichen +Reden vor dem Areopag. + +[130] Die sechs unter dem Namen des Demosthenes überlieferten Briefe +sind unecht. + +[131] Bezieht sich auf die meisten philosophischen Schriften Ciceros, +ebenso auf „Brutus” und „vom Redner”. + +[132] In den vorhandenen Gedichten Pindars ist diese Äußerung nicht zu +finden. + +[133] Cajus Asinius Pollio, 76 v. Chr. bis 5 n. Chr., der bedeutendste +Redner nach Cicero und zur Zeit des Augustus. Quintilian erwähnt ihn +oft, Horaz hat ihn Oden II, 1 verherrlicht. + +[134] Marcus Valerius Corvinus Messalla, 64 v. Chr. bis 8 n. Chr., +Staatsmann und Feldherr, besonders aber auch Redner. Vgl. Horaz, Oden +III, 21. + +[135] Cajus Julius Cäsar, 100-44 v. Chr. + +[136] Marcus Cälius Rufus, 88-48 v. Chr., Freund Ciceros. + +[137] Cajus Licinius Calvus, 82 bis etwa 47 v. Chr., Freund des Catull +und selbst Dichter. + +[138] Servius Rufus, der berühmteste Rechtsgelehrte zur Zeit Ciceros. + +[139] Cassius Severus, geb. 44 v. Chr., wegen seiner scharfen Zunge +nach der Felseninsel Seriphos verbannt, wo er um 30 n. Chr. starb. + +[140] Domitius Afer aus Nemausus (Nismes), gest. 59 n. Chr. -- Julius +Africanus aus Gallien, blühte unter Nero. + +[141] Marcus Galerius Trachalus, Konsul 68 n. Chr., der dem Kaiser Otho +seine Reden verfaßt haben sollte. + +[142] Quintus Vibius Crispus, unter Nero als Denunziant (≈delator≈) von +trauriger Berühmtheit, lebte noch als Greis unter Domitian. + +[143] Er lebte unter Vespasian; er gehört auch zu den in Tacitus' +Gespräch über die Redner teilnehmenden Personen. + +[144] Nach Tacitus (Gespräch über die Redner) und Plinius (Briefe): +Aper, Marcellus, Maternus, Messalla u. a. + +[145] Vater und Sohn, Zeitgenossen des Cäsar und Augustus, Anhänger der +pythagoreischen Lehre. – Über Cornelius Celsus siehe Anmerkung 16. + +[146] Nicht näher bekannt; vielleicht ist der Name falsch überliefert. + +[147] Von Geburt ein Insubrer, Zeitgenosse Ciceros. + +[148] Lucius Annäus Seneca, Sohn des Rhetors gleichen Namens, geboren +zu Corduba in Spanien um 2 n. Chr., gestorben 65. + + +Zweites Kapitel + +[1] Livius Andronikus aus Tarent um 240 v. Chr., der erste dramatische +Dichter Roms. + +[2] Damit sind die vom ≈pontifex maximus≈ angefertigten ≈annales maximi≈ +gemeint, eine nüchterne Aufzählung der denkwürdigsten politischen und +religiösen Begebenheiten, fortgesetzt bis zum Pontifikat des Mucius +Scävola 130 v. Chr. + +[3] Zur Erläuterung der hier erwähnten atomistischen Vorstellung +Epikurs vgl. Lukrez IV, 48 ff. + + Dennoch sag' ich, es senden die Oberflächen der Körper + Dünne Figuren von sich, die Ebenbilder der Dinge; + Häutchen möcht' ich sie nennen, und gleichsam die Hülsen von diesen, + Denn sie gleichen an Form und Gestalt dem nämlichen Körper, + Dem entflossen umher sie die freien Lüfte durchschwärmen. + +[4] Buch 2, Kap. 8. + + +Drittes Kapitel + +[1] D. h. das Schreiben. + +[2] Über den Redner I, 150; 257. + +[3] Lucius Licinius Crassus, berühmter Redner, 140-91 v. Chr. Die +zweite Hauptperson in der erwähnten Schrift Ciceros ist Marcus Antonius +(142-87 v. Chr.), der Großvater des Triumvirs Antonius. + +[4] Vergleichung mit dem Teile des römischen Staatsschatzes, der für +die äußersten Notfälle reserviert war. + +[5] Der Gedanke erinnert an das bekannte Wort Hesiods („Werke und Tage” +289): Doch vor die Tugend setzten den Schweiß die unsterblichen Götter. +Vgl. auch Epicharmus bei Xenophon „Erinnerungen an Sokrates” II, 1, 20: + +Nur für Arbeit wird das Gute von den Göttern uns verkauft. + +[6] Vielleicht derselbe, an welchen Horaz Epistel I, 3 und II, 2 +gerichtet hat. + +[7] Wie sehr in Gallien die Beredsamkeit in der Kaiserzeit blühte, +zeigt der von Caligula zu Lugdunum veranstaltete Wettkampf der +griechischen und lateinischen Beredsamkeit. + +[8] Satiren 1, 106. + +[9] S. die bekannte Erzählung bei Plutarch, Leben des Demosthenes Kap. +7. + + +Viertes Kapitel + +[1] Cajus Helvius Cinna, Freund Catulls, Verfasser eines epischen +Gedichtes „Smyrna”, das noch erhalten ist. -- Der Panegyrikus des +Isokrates ist eine Festrede, die vor der Festversammlung bei den +Olympischen Spielen gesprochen worden und uns noch erhalten ist. Vgl. +Plutarch, „Leben der zehn Redner” IV, 15: Den Panegyrikus schrieb er in +zehn, nach anderen in fünfzehn Jahren. + + +Fünftes Kapitel + +[1] S. 1, 155. + +[2] Z. B. im Anfange der Bücher „Von den Pflichten” und „Vom höchsten +Gut und Übel”. + +[3] Von Plato hat Cicero den Timäus und Protagoras, von Xenophon den +Ökonomikus übersetzt. + +[4] Eine Hetäre, welche der Gottlosigkeit angeklagt war und von ihrem +Liebhaber Hyperides verteidigt wurde. + +[5] III, 5, 15. + +[6] S. Briefe an Atticus IX, 4, 9. Hierher gehören die Paradoxa, die +Cicero in seinen letzten Lebensjahren verfaßt hat. + +[7] Z. B. Cicero und Hortensius. + +[8] Er hatte als Tribun einen Antrag gestellt, gegen dessen Vorlesung +durch den Herold ein anderer Tribun Einsprache erhob. Cornelius las nun +den Antrag selbst vor und wurde dafür wegen Majestätsvergehens +angeklagt, jedoch von Cicero glänzend verteidigt. + +[9] Das Gefolge des Milo und das des Clodius gerieten aneinander, ein +Sklave Milos verwundete Clodius, Milo eilte herbei und tötete ihn. Da +er infolgedessen angeklagt wurde, verteidigte ihn Cicero in der uns +erhaltenen Rede. + +[10] Der jüngere Cato (Uticensis) trat dem Redner Hortensius seine Frau +Maria förmlich ab und nahm sie dann wieder zurück, nachdem sie sechs +Jahre mit Hortensius bis zu dessen Tode zusammengelebt hatte. + +[11] Marcus Porcius Latro, Redner und Freund des Augustus. + +[12] Lucius Cestius Pius, ein sehr angesehener griechischer Rhetor zur +Zeit des Augustus, der nur lateinisch vortrug. + +[13] I, 2, 15. + + +Sechstes Kapitel + +[1] Metrodorus aus Skepsis, einer Stadt in Mysien, akademischer +Philosoph und Rhetor, Schüler des Karneades. + +[2] Der Rhetor Empylus wird sonst nirgends erwähnt. + + +Siebentes Kapitel + +[1] Wo, läßt sich nicht nachweisen. + +[2] VI, 2, 29 f. + +[3] Dichter der alexandrinischen Schule im 2. Jahrhundert v. Chr. + +[4] S. Cicero, Rede für Archias 18. + +[5] Vielleicht zu beziehen auf Cicero „Der Redner” 34. + +[6] Cajus Papirius Carbo, Konsul 120 v. Chr. + +[7] Wo, ist nicht nachzuweisen. + +[8] Popilius Länas, Rhetor zur Zeit des Tiberius; Quintilian erwähnt +ihn noch III, 1, 21; XI, 3, 183. Sonst ist er nicht näher bekannt. + +[9] Vielleicht stammen diese Worte aus einer Schrift des Popilius +Länas. + + + + +Inhalt + + + Einleitung 3 + + 1. Kapitel: Vom Wörtervorrat 8 + + 2. Kapitel: Von der Nachahmung 39 + + 3. Kapitel: Art und Weise der schriftlichen Übungen 47 + + 4. Kapitel: Von der Nachbesserung 56 + + 5. Kapitel: Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen 58 + + 6. Kapitel: Sammlung des Gedankenstoffes 65 + + 7. Kapitel: Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu + reden, erworben und erhalten wird 68 + + + + + Für die Lektüre + der römischen Klassiker im Originaltext unentbehrlich: + + ≈MÜHLMANN≈: + + ≈Lateinisch–deutsches + Wörterbuch≈ + + für Studierende und Schüler höherer Lehranstalten + 43., berichtigte und vermehrte Auflage, besorgt von + Prof. Dr. Otto Güthling + + Preis: geheftet RM. 4.90, in Halbleinen gebunden RM. 6.10, + in Halbleder gebunden RM. 7.60 + + + Die von Prof. Dr. Otto Güthling vielfach berichtigte und stark + vermehrte Neubearbeitung des berühmten Wörterbuches von Mühlmann ist + für die Lektüre der lateinischen Klassiker ein Hilfsmittel, das den + von Studierenden und Schülern höherer Schulen gestellten + Anforderungen in vollem Umfange genügt. Sind doch außer den üblichen + Schulautoren auch diejenigen Schriftsteller berücksichtigt, die auf + Grund der neuen Lehrpläne jetzt teils mehr als früher behandelt + werden, teils neu hinzugekommen sind. Nicht unerwähnt bleibe + schließlich der niedrige Preis, der die Anschaffung wesentlich + erleichtert, sowie die gediegene, vornehme Ausstattung. + + + Durch jede Buchhandlung + + ≈PHILIPP RECLAM JUN., VERLAG, LEIPZIG≈ + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75632 *** |
