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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75352 ***
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist
+~so ausgezeichnet~. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist =so
+markiert= und in kursiv gesetzter Text ist _so markiert_.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+
+
+
+
+DAS PROTISTENREICH.
+
+Eine populäre Uebersicht
+über das
+Formengebiet der niedersten Lebewesen.
+
+
+Mit einem wissenschaftlichen Anhange:
+
+SYSTEM DER PROTISTEN.
+
+
+Von
+
+E. HÆCKEL.
+
+Mit zahlreichen Holzschnitten.
+
+[Illustration]
+
+
+Leipzig.
+
+Ernst Günther’s Verlag.
+
+1878.
+
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+Für das tiefere Verständniss unserer heutigen Entwicklungslehre und
+der darauf gegründeten einheitlichen Weltanschauung dürften wenige
+Zweige der Naturwissenschaft von so fundamentaler Bedeutung sein,
+wie die Naturgeschichte der niedersten Lebewesen, der sogenannten
+~Protisten~. Denn die urwüchsige Einfachheit im Körperbau und in
+den Lebens-Erscheinungen dieser unvollkommnen »Urwesen« öffnet uns
+erst den wahren Weg für das Verständniss der viel entwickelteren und
+schwierigeren Erscheinungen, welche uns die Anatomie und Physiologie
+der höheren und vollkommneren Organismen, der echten Thiere und
+Pflanzen darbietet. Dennoch ist die Bekanntschaft mit den Protisten
+bisher fast nur auf die gelehrten Fachkreise beschränkt geblieben
+und erst sehr wenig in weitere Kreise eingedrungen. Das ist auch
+leicht erklärlich. Denn die grosse Mehrzahl jener einfachsten
+Lebensformen, die wir im »Protistenreich« zusammenfassen, ist dem
+unbewaffneten Auge völlig verborgen. Erst durch das Mikroskop können
+wir sie erkennen, und meistens erst mit Hülfe starker Vergrösserungen
+ihre Form-Verhältnisse genau erforschen. Aber auch dann ist diese
+Erforschung noch mit vielen Schwierigkeiten und Hindernissen verknüpft.
+Denn die allgemeinen Anschauungen vom lebendigen Organismus, die
+gewöhnlichen Begriffe von den Organen und Functionen der Lebewesen,
+welche wir aus der alltäglichen Anschauung des höheren Thier- und
+Pflanzen-Lebens uns gebildet haben, passen nur wenig oder gar nicht auf
+jene niedersten Lebensformen. Ausserdem ist aber auch die gründliche
+wissenschaftliche Forschung der letzteren kaum vierzig Jahre alt; und
+erst die sehr ausgedehnten und sorgfältigen Untersuchungen der letzten
+zwanzig Jahre haben ihre Kenntniss auf eine solche Höhe gebracht,
+dass wir gegenwärtig wenigstens eine befriedigende Vorstellung von
+der Eigenthümlichkeit und eine klare Einsicht in die Bedeutung des
+Protisten-Reiches gewonnen haben.
+
+Wenn wir nun hier den Versuch wagen, in allgemein-verständlicher Form
+eine kurze Uebersicht über das ganze grosse Protistenreich zu geben,
+und seine hohe Bedeutung für die Entwicklungslehre dem Verständniss der
+gebildeten Kreise näher zu bringen, so sind wir uns der grossen damit
+verknüpften Schwierigkeiten wohl bewusst. Wir glauben aber denselben
+am besten zu begegnen, wenn wir uns auf die gedrungene Zusammenfassung
+des Wichtigsten beschränken, und die Bekanntschaft mit dem höchst
+mannigfaltigen und interessanten Detail dieses unendlich reichen
+Forschungs-Gebietes dem Studium der Special-Werke überantworten.
+Zunächst wird sicher für unsere moderne Entwicklungslehre und weiterhin
+auch für unsere damit verknüpfte monistische Weltauffassung schon viel
+gewonnen sein, wenn eine allgemeine Anschauung von dem weiten Umfang
+des mikroskopischen Lebensreiches, von der Einfachheit und elementaren
+Bedeutung des »kleinsten Lebens« sich einen Platz im Bewusstsein
+unserer gebildeten Kreise erobert hat.
+
+Die niedersten Lebewesen, die wir hier als ~Protisten~, d. h.
+»~Erstlinge~« oder »~Urwesen~« zusammenfassen, werden in weiteren
+Kreisen auch heute noch sehr oft mit den unpassenden Namen Infusorien
+oder ~Infusionsthierchen~ (im weiteren Sinne!) bezeichnet. In
+den systematischen Lehrbüchern der Naturgeschichte werden sie
+meistens als ~Urthiere~ (oder »~Protozoa~«) aufgeführt. Die beste
+deutsche Bezeichnung für die ganze grosse Gruppe wäre vielleicht:
+~Zellinge~ oder Zellwesen; denn es würde dadurch die wesentlichste
+Eigenthümlichkeit ihrer Organisation, die autonome Selbständigkeit und
+permanente Individualität ihres einfachen Zellen-Leibes in präcisester
+Weise ausgedrückt.
+
+Obgleich Viele von der Existenz der meisten mikroskopischen Protisten
+keine Ahnung haben, so kommt dennoch jeder Mensch unendlich oft
+mit ihnen in Berührung. Jeder hat beim Wassertrinken, beim Essen
+von Früchten, Austern und anderen rohen Speisen schon Tausende und
+Millionen von lebenden Protisten verschluckt, ohne sich dessen bewusst
+geworden zu sein. Denn obgleich diese merkwürdigen Geschöpfe von dem
+unbewaffneten Auge des Menschen zum grössten Theile gar nicht erkannt
+oder höchstens als ganz kleine Pünktchen wahrgenommen werden, sind sie
+dennoch in zahllosen, höchst mannigfaltigen und interessanten Formen
+allenthalben über unseren Erdball verbreitet. Unsere Mikroskope weisen
+uns dieselben überall im süssen und salzigen Wasser nach. Alle Bäche
+und Flüsse, alle Teiche und Seen, alle Tümpel und Gräben enthalten
+solche Urthierchen, oft in unglaublicher Masse. Man kann keinen Stein,
+keine Pflanze aus dem Wasser heben, ohne in dem daran haftenden
+schleimigen Ueberzug wenigstens einzelne Infusorien zu finden. Ebenso
+ist das Meer überall von ihnen belebt. Der weiche Schlamm, der den
+Meeresgrund bedeckt, besteht zum grossen Theil aus dergleichen
+Protozoen. Der feine schlammige Ueberzug, der bei ruhigem Wetter
+den klaren Meeresspiegel überzieht, ist aus Milliarden schwimmender
+Infusorien zusammengesetzt. Aber auch der Staub unserer Strassen, der
+Sand unserer Dachrinnen, die Humus-Erde unserer Felder und Wälder,
+enthält Millionen kleinster Infusorien-Keime, sowie eingetrocknete,
+aber noch lebensfähige Körper derselben. Wir brauchen bloss diesen
+Staub und Sand in einem Glase mit etwas Wasser zu übergiessen und
+diesen Aufguss einige Zeit in der Sonne stehen zu lassen, um durch
+unser Mikroskop Massen von beweglichen Infusorien wahrzunehmen;
+theils haben sie sich in kürzester Zeit aus jenen Keimen entwickelt,
+theils sind sie unter dem belebenden Einflusse des Wassers aus ihrem
+Trockenschlafe zu neuem Leben erwacht. Ist es ja doch gerade diese
+Erscheinung, die zu der Benennung: ~Infusoria~ oder Infusionsthierchen,
+d. h. »~Aufgussthierchen~« Veranlassung gab.
+
+Es sind jetzt kaum zweihundert Jahre verflossen, seitdem die
+mikroskopischen Infusorien durch den holländischen Naturforscher ~Anton
+van Leeuwenhoek~ zuerst in einem Topfe voll stehenden Regenwassers
+entdeckt wurden. Die Holländer haben die zweihundertjährige Jubelfeier
+dieser Entdeckung, die damals das grösste Aufsehen erregte, vor wenigen
+Jahren (1875) feierlichst begangen; und sie thaten Recht daran. Denn
+die wissenschaftliche Tragweite derselben ist in der That unermesslich,
+und je mehr wir mit unseren vervollkommneten Mikroskopen in die
+tiefsten Geheimnisse des Lebens eindringen, desto mehr werden wir uns
+ihrer Bedeutung bewusst.
+
+Unsere ganze Anschauung vom Wesen des ~Lebens~ und von der
+~Entwicklung~ der organischen Gestalten ist durch die genauere
+Erkenntniss dieser Urthierchen oder Infusionsthierchen unendlich
+erweitert und gefördert worden. Anatomie und Physiologie,
+Entwickelungsgeschichte und Systematik verdanken ihr die wichtigsten
+Aufschlüsse. Selbst für die Geologie haben sie eine ausserordentliche
+Bedeutung erlangt. Denn diese kleinsten Lebensformen haben keinen
+geringeren Einfluss auf die Bildung der mächtigsten Gebirgsmassen
+und auf die ganze Gestaltung unserer Erdrinde ausgeübt, als alle die
+zahlreichen grossen Thiere und Pflanzen, die unsern Planeten seit
+Millionen von Jahren belebt haben. Die mikroskopischen Kalkschalen
+und Kieselgehäuse, welche sich die meisten Urthiere bilden, bleiben
+nach dem Tode ihrer Bewohner unverändert übrig. Sie häufen sich
+auf dem Grunde der Gewässer massenhaft an, bilden hier mächtige
+Schlammschichten und werden im Laufe der Jahrtausende zu festem
+Gesteine verdichtet. So sind z. B. die Kreide-Gebirge von England und
+von der Insel Rügen, sowie die über der Kreideformation abgelagerten
+eocänen Tertiärschichten zum grössten Theile, oft fast ausschliesslich,
+aus den zierlichen Kalkschalen der Polythalamien zusammengesetzt.
+Andere Gesteine, wie z. B. die tertiären Felsmassen von Barbados
+und von den Nikobaren-Inseln, zeigen sich zum grössten Theile aus
+den reizenden Kieselpanzern der Radiolarien gebildet. Viele von den
+Gesteinen, welche solchen Urthierchen ihre Entstehung verdanken,
+liefern ein vorzügliches Baumaterial; und manche unserer grössten
+Städte sind vorzugsweise aus dergleichen Steinen erbaut, so z. B. Wien
+und Paris.
+
+ * * * * *
+
+Die berühmten Tiefsee-Forschungen der neuesten Zeit, zu denen die
+erste Legung des atlantischen Telegraphen-Kabels den Anstoss gab,
+haben jene felsbildende Macht des kleinsten Lebens in das hellste
+Licht gestellt. Sie haben uns gezeigt, wie noch heute in den
+tiefsten Abgründen des Meeres unaufhörlich kreideartiges Gestein
+aus feinstem Meeresschlamm entsteht, und wie dieser Schlamm fast
+ausschliesslich aus den Kalkschalen und Kieselpanzern unglaublicher
+Massen von Urthierchen gebildet wird. Vor Allem sind es hier die
+unvergleichlichen Entdeckungen der bewunderungswürdigen britischen
+~Challenger~-Expedition, welche uns mit einer Fülle neuer und
+überraschender Anschauungen über die »~Mikrogeologie~«, über das
+reiche, räthselvolle, mikroskopische Leben der Tiefsee-Thäler
+bereichert haben.
+
+Wie nun die eifrigen Forschungen des letzten halben Jahrhunderts unsere
+Kenntniss vom Leben und Weben der Urthiere, von ihrer Gestaltung
+und Entwickelung ungemein gefördert haben, so haben sie auch unsere
+Ansichten von ihrer Stellung in der Natur und von ihrer systematischen
+Gruppirung sehr wesentlich verändert. Das System der organischen Formen
+ist ja immer mehr oder weniger der Ausdruck der Anschauungen, welche
+wir von ihrer natürlichen Verwandtschaft besitzen, und so zeigen uns
+denn auch die grossen Veränderungen, welche das System der Urthiere im
+Verlauf der letzten Jahrzehnte erlitten hat, am klarsten den gewaltigen
+Umschwung unserer bezüglichen Vorstellungen. Nachdem vor neunzig
+Jahren (1786) ~Otto Friedrich Müller~ den ersten umfassenden Entwurf
+eines Systems der Infusionsthierchen gegeben hatte, erschien vor
+vierzig Jahren das grosse Prachtwerk des berühmten (1876 verstorbenen)
+Naturforschers ~Ehrenberg~: »Die Infusionsthierchen als vollkommene
+Organismen. Ein Blick in das tiefere organische Leben der Natur.«
+Das war im Jahre 1838, in demselben für die Naturwissenschaft Epoche
+machenden Jahre, in welchem der geniale Botaniker ~Schleiden~ in Jena
+zuerst den Grund zu der höchst fruchtbaren ~Zellen-Theorie~ legte. In
+der That ein merkwürdiger Zufall; eine seltsame Ironie des Schicksals.
+Denn ~Ehrenberg~ war in seinem grossen Hauptwerke vor Allem bemüht,
+das ihm eigene »~Princip überall gleich vollendeter Entwicklung~«
+zur Geltung zu bringen. Er suchte bei den Infusorien eine eben so
+vollkommene Organisation nachzuweisen, wie bei den höheren Thieren
+und beim Menschen. Er glaubte überall Nerven und Muskeln, Darm und
+Blutgefässe, männliche und weibliche Organe unterscheiden zu können.
+Gerade dieses Prinzip war ~grundfalsch~; vielmehr sind die Infusorien
+höchst einfache Organismen: die meisten haben nur die Bedeutung und den
+Werth einer einzigen einfachen Zelle; und ihr wahres Verständniss wird
+uns erst durch die Zellentheorie gegeben.
+
+Der alte Name »Infusionsthierchen« wird heute nur noch auf einen
+kleinen Theil der mikroskopischen Wesen angewendet, welche ~Ehrenberg~
+in seinem grossen Werke als solche beschrieb. Nur die Wimperthierchen
+oder ~Ciliaten~ und die Borstenthierchen oder ~Acineten~, oft
+auch die Geisselschwärmer oder ~Flagellaten~ werden heute noch in
+wissenschaftlichen Werken »Infusorien« genannt; die formenreichen
+Kieselzellen oder ~Diatomeen~ werden dagegen meist von den Botanikern
+zu den Algen gerechnet. Die Räderthierchen (_Rotatoria_), die für
+~Ehrenberg~ gerade den Typus der Infusoria bildeten, sind Würmer,
+also Thiere von viel höherer Organisation. Dagegen bilden die Amoeben
+und ihre Verwandten heute eine besondere wichtige Protisten-Classe,
+die wir Lappenthierchen oder ~Lobosa~ nennen. Neben diesen aber hat
+die fortgeschrittene mikroskopische Forschung uns andere Classen von
+Urthierchen kennen gelehrt, die viel zahlreichere, merkwürdigere und
+mannigfaltigere Formen enthalten, als jene älteren Infusionsthierchen:
+vor allen die wunderbare Classe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~;
+die Sonnenthierchen oder ~Heliozoen~, die kalkschaligen ~Thalamophoren~
+und kieselschaligen ~Radiolarien~. Diesen schliessen sich eng die
+sonderbaren Schleimpilze oder ~Myxomyceten~ an, welche die Botaniker
+früher zu den echten ~Pilzen~ (_Fungi_) stellten. Aber auch die
+Stellung dieser letzteren im Pflanzenreiche ist ganz zweifelhaft
+geworden und es bestehen gewichtige Gründe dafür, sie aus letzterem
+in das Protistenreich zu versetzen. Als eine besondere, interessante,
+wenn auch nur sehr kleine Protisten-Classe dürfen wir die ~Catallacten~
+betrachten. Endlich finden wir unten auf der tiefsten Stufe jener
+höchst einfachen, wunderbaren Wesen, mit denen das organische Leben in
+denkbar einfachster Gestalt beginnt, die ~Moneren~.
+
+Schon beim ersten Blick auf die wunderbare Formenwelt, welche uns hier
+das Mikroskop entschleiert, wird sich jedem Unbefangenen zunächst
+die Frage aufdrängen: »Sind denn diese sogenannten Urthiere oder
+Infusionsthiere wirkliche, echte ~Thiere~ und warum werden sie von
+den Naturforschern in das Thierreich gestellt?« Diese Frage ist
+vollständig berechtigt; sie gehört zu jenen schwierigen Grundfragen
+der allgemeinen Biologie, deren Lösung durch unsere fortschreitende
+Kenntniss eher erschwert als erleichert wird. Wenn wir nämlich
+althergebrachter Maassen die ganze organische Natur in die beiden
+grossen Hälften: Thierreich und Pflanzenreich eintheilen, und wenn wir
+damit glauben den natürlichen Gegensatz zwischen zwei völlig getrennten
+Hauptgebieten auszusprechen, so ist diese Unterscheidung zwar durch
+die festgewurzelte Anschauung und den Sprachgebrauch von Jahrtausenden
+geheiligt; aber logisch begründbar und wirklich naturgemäss ist sie
+nicht. Vielmehr lehren uns gerade unsere Urthierchen das Gegentheil.
+Je genauer wir deren Formen und Lebenserscheinungen studiert haben,
+je vollständiger uns ihre ganze Entwicklungsgeschichte bekannt
+geworden ist, desto klarer hat sich herausgestellt, dass sie eine
+ununterbrochene Verbindungsbrücke zwischen den tiefsten Stufen des
+Thierreichs und des Pflanzenreichs herstellen. So leicht und sicher
+wir die höheren und vollkommneren Stufen der beiden grossen Reiche
+von einander unterscheiden können, so schwer, ja so unmöglich wird
+diese Trennung auf den niedrigsten und unvollkommensten Stufen. Denn
+hier sind beide Reiche durch eine zusammenhängende Kette von einfachen
+Uebergangsformen untrennbar verbunden.
+
+Die Erkenntniss dieser wichtigen Thatsache, welche heute unzweifelhaft
+festgestellt ist, hat zu den lebhaftesten Streitigkeiten über die
+Grenze zwischen Thierreich und Pflanzenreich Veranlassung gegeben.
+Sie hat zugleich die abweichendsten Anschauungen über das Wesen der
+zweifelhaften Infusorien hervorgerufen, die mitten zwischen den beiden
+grossen Reichen der organischen Natur ein neutrales Grenzgebiet für
+sich in Anspruch nehmen.
+
+Während nämlich viele Infusorien von den Zoologen für Thiere,
+von den Botanikern dagegen für Pflanzen erklärt, und demnach von
+Beiden annectirt wurden, hatten Andere gerade das entgegengesetzte
+Schicksal: sie wurden von Beiden verschmäht; bei einer dritten
+Gruppe von Infusorien schien sogar nur die Annahme übrig zu bleiben,
+dass sie abwechselnd als Thiere und Pflanzen lebten. Der daraus
+entspringende Streit über ihre wahre Natur scheint am einfachsten
+dadurch entschieden zu werden, dass man den ~Begriff~ von ~Thier~ und
+~Pflanze~ scharf umschreibt, und diese unzweideutige Begriffsbestimmung
+auf jene zweifelhaften Mittelwesen anwendet. Aber diese gesuchte
+Begriffsbestimmung selbst ist ein unlösbares Problem; je mehr Mühe
+man darauf verwendet hat, desto klarer hat sich herausgestellt, dass
+es überhaupt auf einer falschen Fragestellung beruht, und dass die
+Begriffe von Thier und Pflanze nicht in der Natur begründet sind.
+
+Um nun den so entstandenen Schwierigkeiten zu entgehen, und um zu einer
+vernünftigen Classification der organischen Wesen zu gelangen, ist
+schliesslich nur ein Ausweg übrig geblieben: nämlich die Aufstellung
+eines dritten, selbständigen Reiches von elementaren Organismen:
+Das ist unser Reich der ~Protisten~ oder ~Zellinge~, das Reich der
+neutralen Urwesen. Wir fassen demnach die ganze organische Natur, die
+Gesammtheit aller lebenden Wesen unsers Erdballs, als ein grosses
+einheitliches Ganze auf; und dieses umfassende Universalreich theilen
+wir in drei Reiche: das Thierreich einerseits, das Pflanzenreich
+andrerseits, mitten zwischen Beiden das neutrale Reich der Protisten.
+
+ * * * * *
+
+Um nun die Aufstellung unseres ~Protistenreich~ zu rechtfertigen,
+wollen wir einen flüchtigen Blick auf die verschiedenen
+Character-Seiten des Thier- und Pflanzenreichs werfen. Es wird sich
+dabei von selbst ergeben, dass unsere Protisten weder dem einen, noch
+dem anderen vollständig entsprechen. Verweilen wir zunächst einen
+Augenblick bei der äusseren Gesammterscheinung. So characteristisch
+uns da einerseits das höhere Thier mit der Gliederung seines Leibes
+und seiner Gliedmaassen, anderseits die höhere Pflanze mit ihrem
+Stengel und ihren Blättern entgegentritt, so wenig reicht diese
+äussere Gliederung hin, um die niederen Formen beider Reiche zu
+unterscheiden. Viele unzweifelhafte Thiere, wie z. B. die Korallen, die
+Schwämme, ahmen so vollkommen die Gestalt echter Pflanzen nach, dass
+man sie früher allgemein für solche gehalten hat. Umgekehrt giebt es
+viele unzweifelhafte Pflanzen, wie z. B. viele Orchideen und andere
+Schmarotzer, welche die Gestalt echter Thiere nachahmen. Und was sollen
+wir nun vollends zu den unendlich mannigfaltigen Figuren unserer
+Protisten sagen? Da treffen wir allein schon in der einen Classe der
+kieselschaligen Radiolarien alle möglichen Grundformen verkörpert an,
+die überhaupt in der Natur vorkommen können; und in welcher zierlichen
+und wundervollen Ausführung! Da finden wir in einem einzigen Tropfen
+Meerwasser nebeneinander Kugeln, Kreuze, Körbchen, Schrauben, Sterne,
+Schachfiguren, Hörner, Hauben, Helme, u. s. w.; kurz eine Fülle der
+mannigfaltigsten und merkwürdigsten Gestalten. Gewiss wird Jedermann,
+der diese Formen zum ersten Male sieht, sie für Kunstproducte halten,
+oder vielleicht für abgelöste Theile von grösseren Organismen. Und
+doch sind es vollkommen entwickelte und selbständige Lebewesen! Aber
+Niemand wird geneigt sein, sie für echte Thiere oder echte Pflanzen
+zu erklären. Ebenso wenig können wir aus der äusseren Körperform der
+meisten anderen Protisten einen sicheren Schluss auf ihre wahre Natur
+ziehen. Sehr Viele bewahren zeitlebens die einfache Kugelgestalt.
+Andere zeigen beständig die einfache Form eines Cylinders, einer
+Scheibe, eines Kegels, einer Pyramide u. s. w. Noch Andere endlich
+haben überhaupt gar keine bestimmte Gestalt, so namentlich die Moneren
+und die Amoeben. Der ganze Körper dieser höchst einfachen Urwesen
+besteht aus einem lebenden mikroskopischen Schleimklümpchen, das in
+unablässigem Wechsel seine Gestalt beständig ändert: daher der passende
+Name »Aenderling«, den ~Oken~ diesen Amoeben beilegte.
+
+Doch verlassen wir die äussere Körperform! Denn dass diese ganz
+unzureichend ist, um den Unterschied zwischen Thier und Pflanze zu
+begründen, das ist längst allgemein anerkannt. Fragen wir uns lieber,
+was denn eigentlich in der naiven Anschauung des täglichen Lebens
+diese Unterscheidung begründet, und was dieselbe seit Jahrtausenden
+in der Sprache und im Begriffsleben der Menschheit gerechtfertigt
+hat. Unzweifelhaft sind es die Lebenserscheinungen der ~Empfindung~
+und ~Bewegung~, welche uns hier zunächst entgegentreten. Empfindung
+und Bewegung sind es, welche in der allgemeinen Anschauung das
+Thier gegenüber der Pflanze auszeichnen, und aus denen wir auf ein
+»~Seelenleben~« des Thieres schliessen, ein Seelenleben, das wir
+der Pflanze absprechen. Wie verschieden auch die psychologischen
+Vorstellungen sind, und wie weit auch die Ansichten über das
+eigentliche Wesen der Seele aus einander gehen, darüber sind wir doch
+Alle einig, dass mindestens den höheren Thieren eine Art Seelenleben
+zukommt. Denn die Hausthiere, die wir täglich um uns sehen, bewegen
+sich zweifellos ebenso willkürlich, wie wir selbst. Sie empfinden
+die Eindrücke der Lust und Unlust, der Freude und des Schmerzes
+zweifellos ähnlich, wie wir selbst. Auch lehrt uns ja sofort jede
+anatomisch-physiologische Untersuchung, dass das Nervensystem, das
+Organ dieser Seelenthätigkeiten, bei den höheren Wirbelthieren im
+Wesentlichen eine ähnliche Einrichtung besitzt, wie bei uns selbst.
+
+Von diesen augenfälligen Seelenthätigkeiten der höheren Thiere
+ausgehend, schliessen nun die Zoologen, dass dieselben auch
+allen anderen Thieren zukommen, und demgemäss werden seit alter
+Zeit Empfindung und willkürliche Bewegung als charakteristische
+Eigenschaften des Thieres betrachtet. Schon ~Linné~ sagt: »Die Pflanzen
+leben, die Thiere leben und empfinden.« Und doch ist gerade diese,
+allgemein angenommene Unterscheidung völlig unhaltbar. Wir brauchen nur
+an den gewöhnlichen Badeschwamm zu denken, um uns davon zu überzeugen.
+Dieser Badeschwamm, mit dem sich der Kulturmensch täglich zu waschen
+pflegt, ist das todte Skelet, das innere Gerüst eines unzweifelhaften
+Thieres. Im Leben stellt dieses Thier einen fleischigen, schwarzen,
+formlosen Klumpen dar, der unbeweglich auf dem Meeresboden
+festgewachsen ist. Aehnliche Seegewächse aus der Klasse der Schwämme
+oder Spongien sitzen massenhaft auf dem Boden aller Meere, hunderte von
+verschiedenen Arten. Die meisten zeigen keine Spur von Bewegung und
+Empfindung; sie galten daher auch früher allgemein für Pflanzen. Erst
+die genauesten Untersuchungen über ihre Entwickelungsgeschichte haben
+uns in den letzten Jahren darüber belehrt, dass wir sie als echte,
+unzweifelhafte Thiere betrachten müssen.
+
+Aehnliche echte Thiere, welche in vollkommen reifem und ausgebildetem
+Zustande der Empfindung und Bewegung entbehren, kennen wir jetzt
+in Menge. Die meisten leben festgewachsen auf dem tiefen Grunde
+des Meeres. Sie gehören sehr verschiedenen Classen an: Würmern,
+Ascidien, Mollusken u. s. w. Viele von ihnen werden auf italienischen
+Fischmärkten unter den Namen »Seefrüchte« (_Frutti di mare_) feil
+geboten, und sowohl der Fischer, der sie verkauft, wie der Fremde, der
+sie mit Appetit verspeist, hält sie für die Früchte von Seegewächsen.
+
+Sogar unter den höheren Thierklassen, z. B. unter den Schnecken und
+Krebsen, giebt es einzelne Arten, die in vollkommen reifem Zustande
+einen formlosen runden Klumpen, ohne jede Spur von Bewegung und von
+Empfindung, darstellen. In diesen Fällen ist es die schmarotzende
+Lebensweise, durch welche das Thier seine »Seele« verloren hat. Das
+gilt z. B. von der berühmten Wunderschnecke (_Entoconcha mirabilis_)
+und von dem merkwürdigen Säckchenkrebse (_Sacculina_). Erstere lebt
+als Parasit im Innern von Seegurken oder Holothurien: letzterer sitzt
+schmarotzend auf andern Krebsen fest. Beide Thiere haben die Gestalt
+eines einachen länglichen, runden Schlauches: und dieser Schlauch
+enthält nichts weiter als Eier. Keine Spur von einem Kopfe und von
+Sinnesorganen: keine Spur von Fühlhörnern und Beinen: keine Spur von
+Empfindung und willkürlicher Bewegung. Gewiss würde kein Mensch in
+diesen beiden seelenlosen Eierschläuchen wahre Thiere vermuthen, und
+doch stellt die Entwickelungsgeschichte unzweifelhaft fest, dass das
+eine eine Schnecke und das andere ein Krebs ist.
+
+Als Gegenstück zu diesen »~seelenlosen Thieren~« treffen wir auf der
+anderen Seite »~seelenvolle Pflanzen~«, die uns noch mehr überraschen.
+Wir betreten einen tropischen Urwald und wollen uns ein zierlich
+gefiedertes Mimosenblatt abpflücken. Aber kaum berühren wir den zarten
+Zweig der schamhaften Sinnpflanze (_Mimosa pudica_), so klappen alle
+Blätter ihre zierlichen Fieder-Reihen zusammen und die Blattstiele
+sinken wie gelähmt herab. Ja manche dieser akazienartigen Bäume sind so
+reizbar, so empfindlich, dass schon die Erschütterung des Bodens durch
+den Tritt des herannahenden Wanderers hinreicht, sämmtliche Blätter
+zum Schliessen zu bringen. Nicht minder empfindlich sind neben vielen
+Anderen die durch ~Darwin~ berühmt gewordenen »insektenfressenden
+Pflanzen«. Sobald eine unvorsichtige Fliege sich auf das Blatt einer
+»Fliegenfalle« (_Dionaea_) setzt, klappt das reizbare Blatt zusammen,
+und die mörderische Pflanze verzehrt das erfasste Insect mit offenbarem
+Wohlbehagen. Wollten wir diesen hochorganisirten Pflanzen eine Seele
+absprechen, so müssten wir sie ganz ebenso auch bei den empfindlichen,
+aber festgewachsenen, pflanzenähnlichen Korallen leugnen; denn diese
+geben keine anderen Aeusserungen ihres Seelenlebens.
+
+Aber nicht allein solche hohe Empfindlichkeit, solche lebhafte
+Beweglichkeit einzelner Körpertheile treffen wir vielfach bei echten
+Pflanzen an. Nein, auch selbständige, freie Ortsbewegung, auch die
+Willensthätigkeit, auf die wir aus der scheinbar willkürlichen Bewegung
+schliessen, findet sich bei unzweifelhaften Pflanzen vor. Viele Algen,
+z. B. viele von unsern einheimischen grünen Wasserfäden oder Conferven,
+schwimmen in ihrer Jugend frei und lebhaft im Wasser umher. Die
+jungen Pflänzchen bewegen sich dabei, ebenso wie viele junge Thiere,
+durch zarte, haarförmige, schwingende Fäden, Geisseln oder Wimpern.
+Bei dieser Schwimmbewegung äussern sie eben so viel Lebhaftigkeit,
+eben so viel Ausdauer, eben so viel scheinbaren Willen, wie die ganz
+ähnlichen, flimmernden Jugendformen vieler Thiere, z. B. die Gastrula.
+Auf den Wiener Botaniker ~Unger~, der zuerst vor 35 Jahren (im Jahre
+1843) diese frei beweglichen Jugendformen von Algen entdeckte,
+machten dieselben einen so tiefen Eindruck, dass er seine bezügliche
+Mittheilung betitelte: »Die Pflanze im Momente der Thierwerdung.«
+
+Schon aus diesen wenigen Thatsachen, die wir noch durch Aufzählung
+vieler ähnlicher Erscheinungen beträchtlich vermehren könnten,
+geht unzweifelhaft hervor, dass die höheren Seelenthätigkeiten
+der bewussten Empfindung und der willkürlichen Bewegung weder
+allen Thieren eigenthümlich sind, noch allen Pflanzen fehlen. Sie
+können daher nicht mehr in der üblichen Weise zur Unterscheidung
+von Thier- und Pflanzenreich benutzt werden; und ebenso wenig sind
+sie von systematischer Bedeutung für unser Protistenreich. Für die
+Beurtheilung dieses letzteren ist es gleichgültig, ob sich die
+Protisten sehr lebhaft bewegen und sehr fein empfinden, wie die meisten
+Wimper-Infusorien; oder ob sie nur stumpfe Empfindung und träge
+Bewegung besitzen, wie die meisten Wurzelfüssler. Viele Protisten
+treten uns in zwei abwechselnden und ganz verschiedenen Zuständen
+entgegen: einem unbeweglichen und unempfindlichen Ruhezustande, in
+welchem sie uns als Pflanzen erscheinen; und einem frei beweglichen
+und sehr empfindlichen Zustande, in welchem sie Thieren gleichen.
+Wir dürfen von diesen merkwürdigen Urwesen geradezu sagen: sie
+sind abwechselnd Thier und Pflanze. Und so sind sie auch wirklich
+früher beurtheilt worden. So sind z. B. von manchen Flagellaten und
+Myxomyceten die vegetativen Ruhezustände als Pflanzen, die animalen
+Bewegungszustände als Thiere beschrieben worden, und erst viel später
+wurde entdeckt, dass Beide nur verschiedene Lebens-Zustände eines und
+desselben Protisten sind.
+
+Wollen wir nun aber vom Standpunkte der vergleichenden Psychologie zu
+einem Schlusse über das Seelenleben aller dieser Geschöpfe kommen, so
+kann dieser Schluss nur lauten: »~Alle lebenden Wesen sind beseelt~,
+die Pflanzen so gut wie die Thiere, und die Protisten so gut wie
+die Pflanzen.« Innere Bewegungs-Erscheinungen, die scheinbar ohne
+äussere Ursachen entstehen und auf Ortsveränderungen kleinster Theile
+beruhen, insbesondere Protoplasma-Störungen, sind allen Organismen
+gemeinsam, und insofern ist jedes lebende Wesen beseelt, jedes ist
+zugleich reizbar, im gewissen Sinne empfindlich. Stufenweise erhebt
+sich die Seelenthätigkeit, von den unscheinbarsten und niedrigsten
+Anfängen ausgehend, zu immer höheren und vollkommneren Leistungen.
+Während die niedrigsten Thiere sich in dieser Beziehung nicht von den
+meisten Pflanzen und Protisten unterscheiden, steigt das Seelenleben
+der höheren Thiere, das Wollen und Empfinden, Vorstellen und Denken, zu
+einer ähnlichen Stufe wie beim Menschen empor.
+
+Gleich der Seelenthätigkeit haben sich auch alle anderen Eigenschaften,
+durch welche man Thiere und Pflanzen hat unterscheiden wollen,
+als unzureichende Merkmale erwiesen. Unzweifelhaft der wichtigste
+Unterschied zwischen Beiden beruht auf den entgegengesetzten
+physiologisch-chemischen Verhältnissen ihrer Ernährung. Der gesammte
+~Stoffwechsel~ in beiden Reichen, im Grossen und Ganzen betrachtet,
+ist grundverschieden. Die Pflanzen allein besitzen das Vermögen, aus
+den einfachen chemischen Verbindungen der leblosen anorganischen
+Natur, aus Wasser, Kohlensäure und Ammoniak, jene verwickelten und
+höchst zusammengesetzten, eiweissartigen Kohlenstoff-Verbindungen
+herzustellen, welche als die wahren Träger aller eigentlichen
+Lebens-Erscheinungen gelten, vor allen das ~Protoplasma~ oder den
+Bildungsstoff (»_Plasson_«). Das können die Thiere nicht. Sie nehmen
+die Eiweisskörper, die sie beständig verbrauchen und zersetzen, direct
+oder indirect aus dem Pflanzenreich auf. Zur Aufnahme und Verdauung
+ihrer Nahrung bedürfen sie einer Magenhöhle und einer Mundöffnung; und
+das sind die am meisten characteristischen Organe des Thierkörpers,
+welche dem Pflanzenorganismus stets fehlen.
+
+Mit diesem fundamentalen Gegensatze in der Ernährung hängen auch noch
+andere wichtige Unterschiede beider Reiche zusammen. Die Pflanzen
+athmen für gewöhnlich Kohlensäure ein und hauchen Sauerstoff aus; die
+Thiere gerade umgekehrt. Die meisten Pflanzen bilden massenhaft jenen
+eigenthümlichen grünen Farbstoff, das Chlorophyll oder Blattgrün, dem
+unsere Erde den grünen Schmuck ihrer Vegetationsdecke verdankt. Die
+meisten Thiere hingegen bilden kein Chlorophyll. Ebenso erzeugen die
+meisten Pflanzen Massen von Stärkemehl (Amylum) und von Cellulose; von
+jener wichtigen stickstofflosen Verbindung, welche die Grundlage des
+Holzes bildet. Die meisten Thiere produciren kein Amylum und keine
+Cellulose. Und so könnten wir noch eine ganze Anzahl anderer chemischer
+Verbindungen anführen, welche den Gegensatz im Stoffwechsel des Thier-
+und Pflanzenreichs bezeichnen.
+
+Unzweifelhaft ist dieser Gegensatz von der grössten Bedeutung. Denn
+auf ihm beruht das beständige Gleichgewicht in der Oekonomie der
+organischen Natur. Was das eine der beiden grossen Lebensreiche
+ausgiebt, das nimmt das andere wieder ein. Was das eine als unbrauchbar
+ausscheidet, das verzehrt das andere. Aber so bedeutungsvoll auch
+diese Wechselwirkung jedenfalls ist, so wenig ist der damit verknüpfte
+Gegensatz durchgreifend und zu einer beständigen Grenzmarke geeignet.
+Denn zahlreiche ~Ausnahmen~ finden sich in jeglicher Beziehung.
+
+Als solche wichtige Ausnahmen sind vor allen die zahlreichen
+Schmarotzerpflanzen zu nennen: z. B. viele Orchideen, Orobanchen,
+Lathraeen u. s. w. Diese Parasiten, deren nahe Verwandtschaft zu
+echten hochentwickelten Pflanzen feststeht, haben durch ~Anpassung~ an
+schmarotzende Lebensweise ihren Stoffwechsel gänzlich geändert. Statt
+gleich anderen Pflanzen mühsam Eiweisskörper zu produciren, finden
+sie es bequemer, gleich den Thieren diese wichtigsten Lebenstoffe aus
+anderen Pflanzen aufzunehmen. Damit ändert sich aber ihre gesammte
+Ernährung. Sie bilden kein Blattgrün mehr, sie athmen Sauerstoff
+ein und Kohlensäure aus; sie bilden Verbindungen, die sonst nur im
+Thierkörper erzeugt werden.
+
+Umgekehrt finden wir nun wieder im Thierreiche merkwürdige Schmarotzer,
+welche gleichfalls durch ~Anpassung~ an parasitische Lebensweise ihre
+ganze Ernährung völlig geändert haben. Ausser den schon angeführten
+Wunderschnecken und Säckchenkrebsen sind da besonders jene Würmer
+(Bandwürmer, Kratzwürmer u. s. w.) hervorzuheben, welche im Innern
+anderer Thiere leben und deren Säfte durch ihre Haut aufsaugen.
+Mund und Magen sind dadurch überflüssig geworden und im Laufe der
+Jahrtausende allmählich verloren gegangen. Die nächsten Verwandten
+dieser darmlosen Parasiten besitzen einen wohl entwickelten Mund und
+Darmkanal. Aber auch andere echte Thiere bieten in ihrem Stoffwechsel
+beträchtliche Abweichungen dar, und einige produciren Verbindungen,
+die sonst nur die Pflanzen erzeugen. So bilden sich z. B. die Ascidien
+einen Mantel aus Cellulose; die grünen Süsswasserpolypen und einige
+grüne Würmer erzeugen in ihrer Haut echtes Blattgrün oder Chlorophyll
+u. s. w.
+
+Angesichts dieser zahlreichen Ausnahmen kann uns denn auch der
+Stoffwechsel unserer Protisten keinen Aufschluss über ihre wahre Natur
+geben. Wenn viele von ihnen Chlorophyll, Cellulose und Stärkemehl
+erzeugen, so beweist das ebensowenig für ihre Pflanzen-Natur, als
+die Bildung von Kalkschalen bei vielen Anderen für ihre Thier-Natur
+Zeugniss ablegt. Vielmehr sprechen auch die Verhältnisse der Ernährung
+und des Stoffwechsels, im Grossen und Ganzen betrachtet, für die
+~neutrale~ Natur der Protisten. Allerdings wissen wir von den
+physiologisch-chemischen Vorgängen ihres Stoffwechsels im Ganzen noch
+sehr wenig. Aber dies Wenige reicht doch hin, um uns auch hierin ganz
+eigenthümliche Verhältnisse erkennen zu lassen. So nehmen z. B. die
+formlosen Amoeben und die formenreichen Wurzelfüssler zwar ihre Nahrung
+ähnlich den Thieren auf, aber ohne Mund und Magen. An jeder Stelle der
+nackten Körperoberfläche können die Nahrungsbissen in’s Innere dringen.
+Auch die thierähnlichsten Protisten, die Wimperthierchen, besitzen
+keinen wahren Darm, keinen wahren Mund und Magen. Dieser fehlt vielmehr
+allen Protisten.
+
+ * * * * *
+
+Wir sehen also, dass keine der verschiedenen Lebenserscheinungen
+genügt, um uns über das Verhältniss der Protisten zu den Thieren und
+Pflanzen vollkommen aufzuklären. Da nun auch die äussere Gestaltung uns
+darüber keinerlei Aufschluss giebt, so bleiben uns nur noch diejenigen
+Verhältnisse übrig, welche uns das Mikroskop im feineren Bau und in
+der Entwicklungsgeschichte enthüllt. Ohne die genaueste Kenntniss
+dieser Verhältnisse können wir uns ja überhaupt kein vollständiges Bild
+von der Natur der Organismen machen. Alles nun, was wir bisher davon
+erkannt haben, findet seinen umfassendsten Ausdruck in der berühmten
+~Zellentheorie~, die seit 40 Jahren das wichtigste Fundament aller
+biologischen Forschungen geworden ist.
+
+Bekanntlich lehrt uns diese Zellentheorie, dass alle die tausendfach
+verschiedenen Formbestandtheile, die wir im Körper sämmtlicher Thiere
+und Pflanzen mittelst des Mikroskopes unterscheiden, lediglich
+verschiedene Abarten und Umbildungen eines einzigen Grundorganes,
+eines einzigen ursprünglichen Form-Elementes sind. Dieses Form-Element
+ist die ~Zelle~, ein kleines, für das blosse Auge meist unsichtbares
+Körperchen, welches bis zu einem gewissen Grade ein selbständiges
+Leben führt. So unendlich mannigfaltig die Form der Zelle auch
+ist, so ist sie doch immer aus zwei verschiedenen Bestandtheilen
+zusammengesetzt: aus einem Stückchen weicher, eiweissartiger Substanz,
+dem Bildungsstoff oder ~Protoplasma~, und aus einem festeren, davon
+umschlossenen Körperchen, dem Kern oder ~Nucleus~. Die ursprüngliche
+Selbständigkeit der Zelle ist so vollkommen, dass man sie mit Recht
+als den ~Elementar-Organismus~, als das Individuum erster Ordnung
+bezeichnet hat. Da die Zellen jede organische Form bilden, können wir
+sie auch die »Bildnerinnen« oder ~Plastiden~ nennen. Der ganze Körper
+der meisten Thiere und Pflanzen ist aus Milliarden solcher Zellen
+zusammengesetzt: und was dieses Thier, was diese Pflanze leistet, das
+ist in Wahrheit die Leistung ihrer zahllosen Zellen. Auch unser eigener
+menschlicher Leib besteht aus Milliarden derartiger Zellen, und alle
+unsere Lebensverrichtungen sind das höchst verwickelte Resultat aus
+der Thätigkeit dieser mikroskopischen Wesen. Jedes Härchen besteht
+aus vielen Millionen Zellen. Ein kleinstes Blutströpfchen von einem
+Cubik-Millimeter Rauminhalt umschliesst schon fünf Millionen Blutzellen.
+
+Für die richtige Auffassung der Zellentheorie, von der das ganze
+Verständniss des Lebens abhängt, ist Nichts lehrreicher, als der
+oft angewendete Vergleich des vielzelligen Organismus mit einem
+wohlorganisirten menschlichen Staate. Die Existenz jeder geordneten
+staatlichen Organisation, gleichviel ob wir Monarchie oder
+Republik betrachten, beruht bekanntlich darauf, dass die einzelnen
+Staatsbürger einen Theil ihrer persönlichen Freiheit aufgeben, sich
+den Gesetzen des Staats unterwerfen und in die Arbeit des Lebens
+theilen. Ebenso geniessen auch die Zellen in jedem vielzelligen
+Organismus zwar bis zu einem gewissen Grade ihr selbständiges Leben;
+aber sie sind doch zugleich den Gesetzen des Ganzen untergeordnet
+und durch die Arbeitstheilung von einander abhängig. Wir können
+diesen politischen Vergleich auch noch weiter ausdehnen, indem
+wir den ~Pflanzen~-Organismus als eine Zellen-~Republik~, den
+~Thier~-Organismus dagegen als eine Zellen-~Monarchie~ betrachten.
+Denn die Pflanzenzellen sind durchweg selbständiger, gleichartiger,
+unabhängiger von einander und vom Ganzen. Die Thierzellen hingegen sind
+in Folge der vorgeschrittenen Arbeitstheilung ungleichartiger, mehr von
+einander abhängig und zugleich in Folge der stärkeren Centralisation
+der »Staatsidee« in höherem Maasse unterworfen.
+
+Nun lehrt uns aber ferner die Entwickelungsgeschichte, dass jedes
+Thier und jede Pflanze im Beginne der individuellen Existenz eine
+einzige einfache Zelle ist. Das Ei, aus dem sich jedes Thier wie
+jede Pflanze entwickelt, ist weiter nichts als eine Zelle. Das ist
+eine der bedeutungsvollsten Thatsachen. Denn das ganze Problem der
+individuellen Entwickelung löst sich demnach in die Frage auf: Wie
+kann der vielzellige Organismus mit allen seinen verschiedenen Organen
+aus einer einzigen Zelle entstehen? Und die Antwort hierauf lautet
+höchst einfach: Durch wiederholte Theilung entsteht aus der einfachen
+Zelle eine Zell-Gemeinde oder ~Association~, eine Gesellschaft von
+zahlreichen gleichartigen Zellen; diese werden durch ~Arbeitstheilung~
+ungleichartig und ordnen sich nach den Gesetzen der ~Vererbung~ und
+~Anpassung~ zu einer centralisirten Einheit.
+
+Wie verhalten sich nun unsere kleinen Protisten zu diesen höchst
+wichtigen Thatsachen und zu der darauf gegründeten Zellentheorie?
+Ist auch ihr winziger Leib aus vielen und ungleichartig entwickelten
+Zellen zusammengesetzt? Findet sich auch in ihrem Organismus jene
+Arbeitstheilung der associirten Zellen, durch welche die verschiedenen
+~Gewebe~ und ~Organe~ entstehen? Das Mikroskop antwortet uns: ~Nein!~
+Vielmehr ist bei den meisten Protisten der ganze Körper zeitlebens
+~nur eine einzige Zelle~. Aber auch bei jenen Protisten, welche in
+entwickeltem Zustande vielzellig sind, finden wir niemals wahre Gewebe
+und Organe, niemals jene eigenthümliche Arbeitstheilung und Anordnung
+der Zellen, welche den wahren Thierkörper und den wahren Pflanzenkörper
+auszeichnet. Denn hier beherrscht immer die Gesammtform des Körpers
+die ganze Anordnung und Bildung der Zellen, ihre Verbindung zu
+den Geweben und Organen, aus denen er zusammengesetzt ist. Bei den
+vielzelligen Protisten hingegen bewahren die gesellig verbunden Zellen
+stets mehr oder weniger ihre Selbständigkeit; sie bilden immer nur
+sehr lockere Gesellschaften, sociale Verbände ohne Arbeitstheilung,
+die nicht als centralisirte Staaten anerkannt werden können. Wenn wir
+vorher den einzelnen Organismus des Thieres wie der Pflanze einem
+wohlorganisirten ~Culturstaate~ verglichen, so können wir dagegen die
+lockeren Zellenhaufen der vielzelligen Protisten höchstens mit den
+rohen Horden der uncultivirten ~Naturvölker~ vergleichen. Die meisten
+Protisten bringen es aber, wie gesagt, nicht einmal zur Bildung solcher
+~Zellen-Horden~, zu dieser niedersten Stufe der Association; sie ziehen
+es vor, als Einsiedler für sich zu leben und ihre volle Selbständigkeit
+in jeder Beziehung zu bewahren. Die meisten Protisten bleiben
+zeitlebens einfache, isolirte Zellen, sie leben als ~Zellen-Einsiedler~.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man die hohe Bedeutung der Protisten für die monistische
+Entwicklungslehre richtig verstehen will, wenn man sich von der
+selbständigen Stellung des Protistenreichs zwischen dem Thierreiche
+einerseits und dem Pflanzenreiche anderseits überzeugen will, so
+muss man vor Allem den autonomen, ~unabhängigen Zellen-Charakter~
+ihres Organismus gehörig würdigen. Bei allen ~einzelligen~ Protisten,
+die ihr ganzes Leben als »Zellen-Einsiedler« zubringen, versteht
+sich das von selbst. Aber auch bei den vielzelligen Protisten, bei
+den »Zellenhorden« finden wir immer die Individualität der locker
+verbundenen Zellen gewahrt und vermissen jene Abhängigkeit derselben
+von einander und vom Ganzen, welche wir in dem wohlorganisirten
+Zellenstaate des Thier- und Pflanzenorganismus antreffen.
+
+In dieser Auffassung des Protisten-Organismus liegt nach unserer
+Ansicht der Schwerpunkt seines Verständnisses. Es wird daher zunächst
+erforderlich sein, den ~Begriff~ der organischen ~Zelle~ überhaupt
+festzustellen. Dieser Begriff hat seit der Begründung der Zellentheorie
+mancherlei Wandlungen erfahren. Gegenwärtig nimmt man fast allgemein
+an, dass zum Begriff der Zelle zwei verschiedene Bestandtheile gehören.
+Erstens: der eigentliche ~Zellenleib~, ein lebendiges Stückchen von
+weichem, eiweissartigen Bildungsstoff oder ~Protoplasma~; und zweitens
+ein davon umschlossener ~Zellkern~ oder ~Nucleus~; ein kleinerer,
+meist festerer Körper, der ebenfalls aus einer eiweissartigen, aber
+vom Protoplasma etwas verschiedenen Materie besteht. Als dritter
+Hauptbestandtheil kommt dazu bei vielen Zellen noch eine äussere
+Umhüllungshaut oder Schale, die ~Zellhaut~ oder ~Membran~. Die meisten
+Pflanzenzellen sind von einer solchen Kapsel oder Membran umschlossen:
+~Schlauchzellen~. Hingegen sind die meisten Thierzellen hautlos und
+nackt: ~Urzellen~. Die meisten Protisten zeichnen sich durch die
+Bildung ganz eigenthümlicher Kapseln oder Schalen aus, welche ihrem
+Zellenleibe eine sehr characteristische und mannigfaltige Gestalt geben.
+
+ * * * * *
+
+[Illustration: Fig. 1. Eine gewöhnliche ~Amoebe~ (~Amoeba vulgaris~)
+in zwei aufeinander folgenden Zuständen der Bewegung dargestellt; in A
+sind mehrere kurze, in B mehrere längere Fortsätze oder Lappenfüsschen
+vorgestreckt. Im ~Protoplasma~ der nackten Zelle liegt der ~Kern~ (n)
+und ausserdem einige fremde, als Nahrung aufgenommene Körperchen (i).]
+
+Wenn wir nun zunächst unter unsern Protisten diejenige Gattung
+aufsuchen, welche uns auf der Höhe ihrer Entwickelung die einfachste
+Form eines solchen einzelligen Organismus, gewissermassen das ~Ideal
+der Zelle~, darstellt, so treten uns vor allen Andern die berühmten
+~Amoeben~ entgegen. (Fig. 1). Weit verbreitet in unsern süssen und
+salzigen Gewässern, sind dieselben wegen ihrer höchst einfachen Bildung
+und ihrer bedeutsamen Beziehungen zu anderen Zellen von ganz besonderer
+Wichtigkeit. Die Amoeben sind nackte Zellen ohne Hülle und ohne
+bestimmte Form. Ihr weicher Körper, der nur einen einfachen Zellkern
+enthält, bewegt sich langsam kriechend im Wasser umher. Dies geschieht
+dadurch, dass eine wechselnde Anzahl von veränderlichen, lappenförmigen
+oder fingerförmigen Fortsätzen aus beliebigen Stellen der Oberfläche
+vorgestreckt und wieder eingezogen werden. So ändern die kriechenden
+Amoeben immerfort ihre unbestimmte Gestalt. Kommen sie zufällig mit
+kleinen Körperchen in Berührung, die zur Nahrung dienen können, so
+drücken sie dieselben mittelst der Bewegungen ihrer Fortsätze an einer
+beliebigen Stelle ihrer Körper-Oberfläche in diesen hinein. Auch
+kleinste Wassertröpfchen werden so verschluckt. Die einzellige Amoebe
+kann also essen und trinken, ohne dass sie Mund und Magen besässe.
+Nachdem die Amoebe durch fortdauerndes Wachsthum eine gewisse Grösse
+erreicht hat, zerfällt ihr einfacher Zellenleib durch Theilung in zwei
+Zellen. Zuerst theilt sich dabei der Kern, darauf das Protoplasma.
+Auf dieselbe Weise vermehren sich auch die Zellen, die unsern eigenen
+Körper zusammensetzen, und von denen viele beständig verbraucht und
+durch neue Zellen ersetzt werden. Die grösste Aehnlichkeit mit den
+Amoeben haben die farblosen Blutzellen, die milliardenweise in unserem
+Blute kreisen. Auch diese bewegen sich nach Amoeben-Art, indem sie
+ihre unbestimmte Form ändern. Auch diese können fremde Körperchen in
+ihr Inneres aufnehmen; wir können sie unter dem Mikroskop z. B. mit
+Carminkörnchen füttern, mit denen sie sich in kurzer Zeit anfüllen.
+(Fig. 2).
+
+[Illustration: Fig. 2. ~Fressende~, Amoeben ähnliche, farblose
+~Blutzellen~ aus dem Blute einer nackten Seeschnecke (~Thetis
+leporina~). Die Blutzellen führen in der Blutflüssigkeit lebhafte
+Bewegungen, gleich echten Amoeben aus; und gleich Letzteren verzehren
+sie feste Farbstoffkörnchen.]
+
+Von besonderer Wichtigkeit für die Entwickelungsgeschichte ist die
+interessante Thatsache, dass auch die ~Eier~ der Thiere in ihrer
+frühesten Jugend nackte, formlose Zellen sind, welche Amoeben zum
+Verwechseln ähnlich sehen und gleich diesen langsame, unbestimmte
+Bewegungen ausführen, wobei sie ihre Form beliebig verändern (Fig. 3).
+Bei den Schwämmen oder Spongien unternehmen diese amoebenähnlichen
+Eizellen, langsam fortkriechend, oft weite Wanderungen durch den
+Körper des Schwammes und sind daher früher als »parasitische Amoeben«
+beschrieben worden, welche als fremde Eindringlinge im Schwammkörper
+schmarotzend leben sollten (Fig. 4).
+
+Es giebt auch Amoeben, welche ihren nackten Zellenleib theilweise
+mit einer schützenden Schale umgeben, und diese bilden die Gruppe
+der ~Arcellinen~ oder Thekolobosen. Bald schwitzen diese gepanzerten
+Amoeben eine schleimige Masse aus, welche sofort erhärtet und mit
+Sandkörnchen und anderen fremden Körperchen zu einer festen Kruste
+zusammenbackt (_Difflugia_, Fig. 5). Bald wird die ganze Masse der
+erhärteten Hülle blos von ausgeschwitzter organischer Substanz
+gebildet, und diese zeigt oft eine sehr zierliche Structur, indem sie
+aus sechseckigen oder viereckigen Täfelchen zusammengesetzt erscheint
+(_Arcella_, _Quadrula_, Fig. 6).
+
+[Illustration: Fig. 3. Jugendliche ~Eizellen~ verschiedener Thiere,
+amoebenähnliche nackte] Zellen, welche unter langsamer Formveränderung,
+gleich echten Amoeben, Bewegungen ausführen. In dem dunkeln
+feinkörnigen Protoplasma liegt ein heller, bläschenförmiger Kern,
+und in diesem ein dunkles Kernkörperchen. — A 1–4. Eizelle eines
+Kalkschwammes (Leucon) in vier verschiedenen, auf einander folgenden
+Bewegungs-Zuständen. — B 1–8. Eizelle eines Schmarotzerkrebses
+(Chondracanthus) in acht verschiedenen, auf einander folgenden
+Bewegungs-Zuständen. — C 1–5. Eizellen der Katze, in verschiedenen
+Bewegungs-Zuständen. — D. Junge Eizelle der Forelle. — E. Junge
+Eizelle des Huhnes. — F. Junge Eizelle des Menschen. Alle diese
+amoebenähnlichen Eizellen befinden sich noch in der ersten Jugend:
+später nehmen sie sehr verschiedene Beschaffenheit an.]
+
+[Illustration: Fig. 4. Amoebenähnliche ~Eizelle~ eines Kalkschwammes
+(Olynthus), weite Strecken im Körper des Letzteren fortkriechend.]
+
+[Illustration: Fig. 5. ~Difflugia~ (oblonga), eine gepanzerte Amoebe,
+welche ihre länglich-eiförmige Schale (a) aus feinsten Sandkörnchen
+zusammenklebt. Aus der einfachen Mündung des Gehäuses (oder der
+incrustirten Zellmembran) tritt der vordere Theil des weichen
+Zellenleibes (b) mit seinen wechselnden Lappenfüsschen vor (c).
+Im hinteren Theile ist ein heller kugeliger Kern mit zahlreichen
+Kernkörperchen sichtbar (d).]
+
+[Illustration: Fig. 6. ~Quadrula~ (symmetrica). Eine gepanzerte Amoebe,
+deren Schale aus quadratischen Plättchen zierlich zusammengesetzt ist.
+Oben liegt ein kugeliger Zellkern (n) im Protoplasma, unten treten
+mehrere Lappenfüsschen vor (l).]
+
+[Illustration: Fig. 7. ~Monocystis~ (agilis), eine schmarotzende
+~Gregarine~ aus der Leibeshöhle des Regenwurmes. Der langgestreckte,
+wurmförmig sich bewegende Körper ist eine einfache Zelle mit fester
+Haut (a), Protoplasma (b) und Kern (c).]
+
+Alle diese amoebenartigen Wesen, die echten, nackten Amoeben und
+die gepanzerten zierlichen Arcellinen, können wir als besondere
+Classe unter dem Namen Lappinge oder ~Lappenfüssler~ (_Lobosa_)
+zusammenfassen, weil der auszeichnende Character dieser einzelligen
+Urthiere die Bildung lappenförmiger Wechselfüsschen ist. An sie
+schliessen sich aber ganz eng die sonderbaren Wesen an, welche die
+besondere Gruppe der ~Gregarinen~ bilden. Alle Gregarinen leben
+als Schmarotzer oder Parasiten im Innern anderer Thiere und sind
+gewissen niederen Würmern so ähnlich, dass man sie früher selbst als
+Eingeweide-Würmer beschrieben hat; auch stimmen die wurmförmigen
+Bewegungen ihres kriechenden Körpers ganz mit denjenigen gewisser
+Würmer überein. Trotzdem ist ihr ganzer, ziemlich grosser, oft mehrere
+Millimeter langer Körper nichts Anderes, als eine einfache Zelle. Der
+trübe, mit feinen Körnchen erfüllte Protoplasma-Leib (b) umschliesst
+einen Zellkern (c) und ist von einer festen, homogenen, structurlosen
+Hülle umgeben (a). Die flüssige Nahrung schwitzt aus den umgebenden
+Säften des bewohnten Thieres durch diese Hülle oder Zellmembran
+hindurch und dringt so in die Gregarine ein. Man kann die Gregarinen
+als Amoeben betrachten, welche in das Innere von anderen Thieren
+eingedrungen sind, sich hier an parasitische Lebensweise gewöhnt und
+durch Anpassung mit einer schützenden Hülle umgeben haben.
+
+Eine ganz andere Bewegungsform, als die langsam kriechenden Amoeben und
+Gregarinen, zeigen uns die schwimmenden ~Flagellaten~, die ~Geissler~
+oder Geisselschwärmer. Diese interessanten Protisten haben bis auf den
+heutigen Tag unter einem ganz eigenthümlichen Schicksal zu leiden.
+Wenn sie nämlich das Glück haben, grün gefärbt zu sein, werden sie von
+vielen Naturforschern unbedenklich als echte Pflanzen betrachtet. Wenn
+sie dagegen unglücklicherweise eine gelbe oder braune Farbe tragen, so
+werden sie für echte Thiere erklärt; gewiss ein schlagendes Beispiel
+von der Willkür der üblichen Classification. Zahlreiche Formen dieser
+Geissler, die auch oft mit dem vieldeutigen Namen der ~Monaden~ belegt
+werden, bevölkern das Süsswasser, wie das Meer, oft in unglaublichen
+Massen. Wenn im Frühjahr zuweilen plötzlich unsere Teiche sich mit
+einer grünen Schleimdecke überziehen, so beruht das gewöhnlich auf
+der Entstehung zahlloser grüner Euglenen. Ebenso ist die seltener
+auftretende blutrothe Färbung der Gewässer, die zur Sage vom Blutregen,
+sowie zu vielen abergläubischen Vorstellungen und Hexen-Processen
+Veranlassung gegeben hat, durch Milliarden rother Euglenen bedingt.
+Durch verwandte rothe Protococcus-Formen wird auch der rothe Schnee
+gebildet, der die Eisberge sowohl in den Polarmeeren, wie auf unseren
+Alpenhöhen bisweilen in weiter Ausdehnung blutroth färbt.
+
+[Illustration: Fig. 8. ~Phacus~ (longicauda). Ein Geisselschwärmer mit
+einer langen schwingenden Geissel am vorderen, einem fadenförmigen
+Anhang am hinteren Ende; hinter ersterem ein rother Augenfleck.]
+
+[Illustration: Fig. 9. ~Peridinium~ (tripus). Ein Wimpergeissler,
+dessen dreihörnige Kieselschale aus zwei Hälften zusammengesetzt ist.]
+
+Diese Protococcen und Euglenen sind Einsiedler-Zellen, während andere
+Flagellaten sich zu kleinen Gesellschaften zusammenthun. Sie schwimmen
+im Wasser umher mittelst eines feinen fadenförmigen Fortsatzes, der
+wie eine Geissel oder Peitsche hin und her geschwungen wird (Fig. 8).
+Manche setzen sich auch fest auf dünnen Stielen. Ausser der Geissel,
+ihrem Haupt-Bewegungsorgan, besitzen manche Geisselschwärmer noch einen
+Kranz von feinen Wimpern mitten um den Zellenleib; diese heissen
+~Wimpergeissler~ (_Peridinia_, Fig. 9). Von letzteren bilden sich
+viele eine Kieselschale, die aus zwei ungleichen Hälften besteht;
+die grössere Hälfte trägt zwei lange Hörner, die kleinere ein Horn;
+zwischen beiden Hälften tritt der Wimperkranz und die Geissel hervor.
+Durch die Schwingungen der Geissel werden kleine Nahrungskörnchen
+dem Zellenleibe der Flagellaten zugeführt und an deren Basis durch
+eine Art Zellenmund aufgenommen. Ihre Vermehrung geschieht meistens
+durch einfache Theilung. Bei vielen finden wir abwechselnd einen frei
+beweglichen und einen Ruhezustand. Während des letzteren kapseln sie
+sich ein und zerfallen innerhalb der Hülle in vier oder acht Zellen.
+Diese treten später aus der Kapsel aus und schwimmen frei umher.
+
+[Illustration: Fig. 10. Ein Kugelthierchen (~Volvox globator~). Die
+netzförmige Zeichnung an der Oberfläche der Gallertkugel entsteht
+dadurch, dass die kleinen grünen, in den Knotenpunkten des Netzes
+befindlichen Geisselzellen sich durch feine Fortsätze unter einander
+verbinden. Im Innern der Kugel sind 6 Tochterkugeln (junge Colonien)
+sichtbar.]
+
+Nahe Verwandte dieser einzelligen Flagellaten sind auch die grünen
+sogenannten ~Kugelthierchen~ oder ~Volvocinen~ (Fig. 10); grüne
+Gallertkügelchen, welche die Grösse eines Stecknadelknopfes erreichen.
+In jedem Kügelchen sind zahlreiche grüne einzellige Flagellaten zu
+einer Gesellschaft vereinigt; und durch die gemeinsamen Schwingungen
+ihrer Geisseln wird die ganze Kugel umherbewegt. Im Innern der
+Gallertkugeln entstehen neue Tochterkugeln. Ausserdem vermehren sich
+die Volvocinen aber auch geschlechtlich, wie durch ~Cohns’~ sorgfältige
+Untersuchungen dargethan worden ist; ihre Befruchtung geschieht in
+ähnlicher Weise wie bei vielen Algen; sie schliessen sich dadurch schon
+enger an das Pflanzenreich an.
+
+Eine sehr eigenthümliche Protistengruppe, die man auch noch zu den
+Flagellaten rechnet, sind die grossen blasenförmigen ~Noctiluken~
+oder ~Meerleuchten~. (Fig. 11). Sie bedecken oft die Meeresoberfläche
+in unglaublichen Massen, strahlen im Dunkeln ein helles Licht aus
+und spielen eine Hauptrolle bei dem wundervollen Phänomen des
+Meerleuchtens. Die gewöhnlichen Noctiluken sind colossale rundliche
+Zellen, welche ½-1 Millimeter Durchmesser erreichen und die Gestalt
+einer Pfirsiche besitzen (Fig. 11). Der Hohlraum der blasenförmigen
+Zelle ist mit wässeriger Flüssigkeit erfüllt, in welcher sich
+verästelte Stromfäden (g) des Protoplasma bewegen, ausgehend von der
+Wandschicht des letztern, welche innen an der Zellhaut anliegt. Der
+Kern ist eiförmig (b). An einer Stelle ist die Zellhaut von einer
+Oeffnung, einem ~Zellmund~ (_Cystostoma_), durchbrochen, und hier wird
+Nahrung direct in das Innere aufgenommen. Hier befindet sich auch neben
+der zarten Geissel ein grosser peitschenförmiger quergestreifter Anhang
+(a), sowie ein zahnförmiger Fortsatz (d). Die Fortpflanzung erfolgt
+theils durch einfache Theilung, theils durch eine eigenthümliche Form
+der Sporenbildung.
+
+[Illustration: Fig. 11. Eine Meerleuchte (~Noctiluca miliaris~).
+1. Die ganze Geisselzelle von oben. 2. Im optischen Durchschnitt:
+a Peitschenförmiger Anhang, b Kern, c Furche der Oberfläche, d
+zahnförmiger Fortsatz, daneben die zarte Geissel; e, f grössere
+Protoplasma-Ansammlung um den Kern herum; g, g verzweigte Stromfäden
+des Protoplasma.]
+
+Neuerdings ist eine Noctiluken-Form entdeckt worden, welche zum
+Verwechseln einer kleinen schirmförmigen Meduse ähnlich ist, und gleich
+einer solchen sich durch Zusammenklappen des zarten concaven Schirmes
+schwimmend bewegt (_Leptodiscus medusoides_).
+
+Während über die einzellige Natur der Geisselschwärmer und der Amoeben
+heutzutage kein Zweifel mehr besteht, so ist diese dagegen bis vor
+Kurzem streitig gewesen bei denjenigen Protisten, die man heute
+vielfach als ~Infusionsthierchen~ im ~engeren~ Sinne bezeichnet. Dazu
+gehören die beiden Klassen der Wimperthierchen oder ~Ciliaten~ (Fig.
+12–15) und der Starrthierchen oder ~Acineten~ (Fig. 16, 17). Massenhaft
+bevölkern sie alle stehenden und fliessenden Gewässer und sind auch in
+allen Infusionen zu finden.
+
+[Illustration: Fig. 12. Ein Trompetenthierchen (~Stentor~ polymorphus).
+Oben ist der grosse, den Mund umgebende Wimperkranz sichtbar,
+links darunter der lange, rosenkranzförmige Kern. Rechts neben dem
+Stentor sind zwei kleine, bewimperte Zellen sichtbar, die aus dem
+Innern desselben ausgeschwärmt sind, entweder Junge oder Parasiten
+(Acineten-Schwärmer).]
+
+[Illustration: Fig. 13. Ein Maiglocken-Thierchen (~Vorticella~
+microstoma). Der einzellige Leib ist auf einem dünnen Stiele befestigt,
+der sich korkzieherartig zusammenziehen kann. a Wimperkranz um den
+Mund: v contractile Blase: n Zellkern; k, p, zwei Knospen, die sich
+ablösen.]
+
+Besonders die Ciliaten, die ~Wimperlinge~ oder ~Wimperthierchen~,
+erscheinen in einer Fülle von niedlichen Formen; und durch die
+Anmuth ihrer lebhaften Bewegungen fesseln sie uns stundenlang an
+das Mikroskop. Nur einzelne Ciliaten sind schon mit blossem Auge
+sichtbar, so z. B. das grosse Trompetenthierchen (_Stentor_, Fig. 12);
+die meisten sind erst durch das Mikroskop erkennbar. Zahlreiche kurze
+Wimperhärchen sind über den Körper zerstreut und werden willkürlich
+schlagend bewegt. Wie die Geisseln der Flagellaten, so sind auch diese
+Wimpern der Ciliaten directe Fortsätze vom Protoplasma des einzelligen
+Körpers. Die meisten Wimperthierchen bewegen sich frei schwimmend oder
+laufend mittelst dieser Wimpern umher. Es giebt aber auch festsitzende
+Ciliaten, wozu die niedlichen Vorticellen (Fig. 13) und Freia (Fig. 14)
+gehören.
+
+[Illustration: Fig. 14. Ein Lappenthierchen. (~Freia elegans~). Der
+einzellige Körper ist in eine ovale, auf Wasserpflanzen (unten)
+befestigte Hülle eingeschlossen, aus deren Oeffnung der Vordertheil der
+Zelle mit der Mundöffnung und zwei grossen Wimperlappen vortritt.]
+
+[Illustration: Fig. 15. Ein Reusenthierchen (~Prorodon teres~). a
+Mundöffnung (mit fischreusenähnlichem Schlundtrichter). b Contractile
+Blase. c Verschluckte Nahrungsballen. d Zellkern (mit Kernkörperchen).]
+
+Bei diesen Ciliaten dient der durch die Wimpern erzeugte Strudel dazu,
+frisches Wasser und Nahrung der Zelle zuzuführen.
+
+Das Protoplasma des Ciliaten-Körpers ist in eine festere
+~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine weichere Markschicht
+(_Endoplasma_), gesondert. In der ersteren befindet sich eine
+beständige Oeffnung, eine Art ~Zellenmund~ (_Cytostoma_), durch welchen
+sowohl feste Bissen als Wassertropfen verschluckt und in die weichere
+Markmasse hineingedrückt werden. Bisweilen ist diese Mundöffnung zu
+einem besonderen gefalteten Schlundtrichter erweitert, so z. B. bei
+dem Fischreusen-Thierchen (Fig. 15 a). In dem weichen Protoplasma des
+Inneren ballt sich die verschluckte Nahrung in Bissen (Fig. 15 c),
+welche allmählig verdaut und aufgelöst werden; ~Ehrenberg~ beschrieb
+diese Nahrungsballen als besondere Magensäcke und benannte deshalb
+die Ciliaten »Vielmagenthierchen« (_Polygastrica_). Unsere magenlosen
+Wimperthierchen können also essen und trinken, obwohl sie einfache
+Zellen sind. Was aber noch mehr überrascht, das ist die Munterkeit
+und die offenbare Willkür ihrer Bewegungen, der zarte und seelenvolle
+Character ihrer Empfindungen. Gerade wegen dieser Eigenschaften werden
+sie gewöhnlich als echte Thiere betrachtet. Dass sie das nicht sind,
+geht aus ihrem feineren Bau und ihrer Entwickelung deutlich hervor.
+Zeitlebens umschliesst ihr einfacher Zellenleib nur einen einzigen
+Kern. Bald ist dieser ~Nucleus~ rundlich (Fig. 15 d), bald wurstförmig
+(Fig. 13 n), bald langgestreckt, stabförmig oder rosenkranzförmig (Fig.
+12). Die Ciliaten sind also wirklich ~einzellig~, wie zuerst der um die
+Kenntniss der Protisten hochverdiente Zoologe ~Siebold~ dargethan hat.
+Die Vermehrung der Ciliaten geschieht durch einfache Theilung; und wie
+bei jeder gewöhnlichen Zellentheilung zerfällt zuerst der Kern, und
+darauf das Protoplasma in zwei gleiche Hälften. Aber auch Fortpflanzung
+durch Knospenbildung ist bei vielen Ciliaten zu finden, so z. B. bei
+den Vorticellen (Fig. 13). Ausserdem scheinen sich Viele durch ~Sporen~
+zu vermehren, d. h. durch junge Zellen, welche sich im Inneren der
+Mutterzelle bilden und wobei der Kern betheiligt ist (Fig. 12).
+
+Das Interessanteste an den Wimperthierchen, und diejenige Eigenschaft,
+durch welche sie alle anderen Protisten übertreffen, ist der hohe
+Grad von ~Empfindlichkeit~ und von ~Willens-Energie~, den sie bei
+ihren lebhaften Bewegungen kundgeben. Wer lange und eingehend Ciliaten
+beobachtet hat, kann nicht zweifeln, dass sie eine ~Seele~ so gut
+wie die höheren Thiere besitzen. Denn die ~Seelenthätigkeiten~ der
+Empfindung und der willkürlichen Bewegung üben sie eben so aus, wie
+die höheren Thiere; und an diesen Thätigkeiten allein ist ja die
+~Seele~ zu erkennen. Da nun der ganze Leib der Ciliaten bloss eine
+einfache Zelle ist, so gewinnen sie die höchste Bedeutung für die
+Theorie von der ~Zellseele~, für die Annahme, dass jede organische
+Zelle ihre eigene individuelle »Seele« besitzt — oder vielmehr,
+richtiger ausgedrückt: dass ~Seelenleben eine Thätigkeit aller Zellen
+ist~.
+
+[Illustration: Fig. 16. Eine ~Acineta~, auf einem kurzen Stiele (unten)
+befestigt. p Saugröhren der Zelle. v Contractile Blasen im Protoplasma.
+e eine Spore. n Zellkern.]
+
+An die formenreiche Klasse der Wimperthierchen schliesst sich die
+kleine Gruppe der naheverwandten Starrthierchen oder ~Acineten~ an
+(Fig. 16, 17). Im Gegensatze zu ersteren zeigen diese letzteren nur
+sehr wenig Beweglichkeit; sie sitzen meistens zeitlebens auf einem
+Stiele fest. Statt der Wimperhärchen treten aus ihrem starren,
+von einer Hülle umschlossenen Zellenkörper zahlreiche feine, oft
+büschelförmig gruppirte Fortsätze hervor (Fig. 16 p). Dies sind sehr
+feine Saugröhrchen, die am Ende mit einem Saugknöpfchen versehen
+sind. Wenn ein schwimmendes Wimperthierchen unvorsichtig in die Nähe
+einer solchen Acinete geräth, wird sie von den steif ausgestreckten
+Saugröhren der letzteren festgehalten und ausgesaugt (Fig. 17). Das
+Protoplasma des gefangenen Ciliaten (a) wandert langsam durch die
+Saugröhren (f’’) in das Innere der Acinete hinein. Dass auch sie nur
+eine einfache Zelle ist, beweist ihr Zellkern (n); im Protoplasma sind,
+wie bei den Ciliaten, oft eine oder mehrere »contractile Blasen« oder
+Vacuolen sichtbar, wassererfüllte kugelige Hohlräume, die sich langsam
+zusammenziehen und wieder ausdehnen (Fig. 16v, Fig. 17x).
+
+[Illustration: Fig. 17. Eine ~Acineta~, welche mit ihren Saugröhren (f)
+ein Wimperthierchen (Euchelys a) ergriffen hat und dasselbe aussaugt.
+x, v Contractile Blasen. n Zellkern.]
+
+Die anhaltende Beobachtung der Acineten gewährt ebenso wie diejenige
+der Ciliaten das höchste Interesse. An diesen Infusionsthierchen zeigt
+uns die organische Zelle deutlich, wie weit sie es in ihrem idealen
+Streben nach thierischer Vollkommenheit für sich allein bringen kann.
+Wir können sagen: Die Wimperthierchen sind der gelungenste Versuch der
+einzelnen ~Zelle~, sich zu einem wirklichen ~Thiere~ zu entwickeln.
+Aber zu einem echten Thiere gehören ja mindestens zwei Keimblätter,
+deren jedes aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt ist. Also können wir
+doch die Ciliaten und Acineten nicht als wirkliche Thiere gelten lassen.
+
+Unter allen Protistenklassen die formenreichste und in geologischer
+Beziehung die wichtigste ist die wunderbare Klasse der ~Wurzelfüssler~
+oder ~Rhizopoden~. Ausser mehreren kleineren Gruppen gehören dahin
+die kalkschaligen Thalamophoren und die kieselschaligen Radiolarien.
+Beide Abtheilungen sind in zahllosen, höchst phantastisch geformten
+Arten in allen Meeren verbreitet. Die Thalamophoren leben zum grössten
+Theile kriechend auf dem Grunde des Meeres, besonders auf Seetang;
+die Radiolarien hingegen schwimmen in dichtgedrängten Schaaren an der
+glatten Oberfläche des Meeres oder schweben in verschiedenen Tiefen
+desselben. Die bekanntesten und geologisch wichtigsten Rhizopoden sind
+die ~Thalamophoren~, ~Kammerlinge~ oder Kammerthierchen; ausgezeichnet
+durch eine feste, meistens kalkige Schale, in welche sich diese
+Urthierchen, wie die Schnecke in ihr Haus, zurückziehen können. Bald
+enthält diese Kalkschale nur eine einzige Kammer (~Einkammerige~,
+_Monothalamia_, _Monostegia_); bald mehrere, durch Thüren mit einander
+verbundene Kammern (~Vielkammerige~, _Polythalamia_, _Polystegia_).
+Solche zierlich geformte, oft einem Schneckenhaus ähnliche Kalkschalen
+haben sich seit vielen Millionen Jahren in ungeheuren Massen auf
+dem Meeresboden angehäuft und an der Gebirgsbildung unserer Erde
+den wichtigsten Antheil genommen. Schon die ältesten, aus dem Meere
+abgesetzten Flötzgesteine, die laurentischen, cambrischen und
+silurischen Schichten, enthalten dergleichen Polythalamien-Schalen
+und sind wahrscheinlich zum grossen Theile aus ihnen gebildet. Das
+älteste von Allen ist das berühmte _Eozoon canadense_ aus den unteren
+laurentischen Schichten, dessen Polythalamien-Natur mit Unrecht in
+Zweifel gezogen wurde. Die mächtigste Entwickelung erreichen diese
+Rhizopoden jedoch erst viel später, während der Kreide-Periode und
+der älteren Tertiär-Periode. Jedes kleinste Körnchen unserer weissen
+Schreibkreide lässt uns unter dem Mikroskope zahlreiche solcher
+zierlichen Kalkschalen erkennen. Der Grobkalk von Paris, aus dem viele
+Paläste dieser Weltstadt erbaut sind, besteht ebenfalls zum grössten
+Theile aus solchen Kammerschalen. Ein Kubikcentimeter des Kalkes aus
+den Steinbrüchen von Gentilly enthält ungefähr 20,000, ein Kubikmeter
+demnach gegen 20 Millionen Schalen. Die grössten Polythalamien aber
+lebten während der ältesten Tertiärzeit, während der Eocaen-Periode.
+Unter ihnen sind die Riesen des Protisten-Reiches, die gigantischen
+~Nummuliten~ (Fig. 18), deren scheibenförmige Kalkschalen die
+Grösse eines Zweithalerstückes erreichen. Der von ihnen erzeugte
+Nummuliten-Kalk, aus dem unter Anderen die egyptischen Pyramiden gebaut
+sind, bildet die ungeheuren Gebirgsmassen des Nummulitensystems.
+Dies ist eins der gewaltigsten Gebirgssysteme unserer Erde, das von
+Spanien und Marokko bis nach Indien und China hinüberreicht, und an der
+Bildung der Pyrenäen und Alpen, des Libanon und Kaukasus, des Altai und
+Himalaya den bedeutendsten Antheil nimmt.
+
+[Illustration: Fig. 18. ~Nummulites~ (reticulatus). a, b, c in
+natürlicher Grösse; d, e, f schwach vergrössert. Die linsenförmige
+Scheibe ist in a vom Rande aus gesehen, in b und e von der Fläche, c
+und d im Längsschnitt (Dickenschnitt).]
+
+In welchen ungeheuren Massen die Polythalamien auch gegenwärtig
+noch unsere Meere bevölkern, geht daraus hervor, dass z. B. der
+Sand der Mittelmeerküsten an vielen Stellen zur grösseren Hälfte
+aus den Schalen lebender Polythalamien-Arten besteht. Schon einer
+ihrer ersten Beobachter, ~Bianchi~, zählte im Jahre 1739 in einem
+einzigen Esslöffel Seesand von Rimini 6000 Individuen; und derjenige
+Naturforscher, dem wir die genauesten Untersuchungen über ihre
+Naturgeschichte verdanken, der berühmte Anatom ~Max Schultze~,
+berechnete ihre Menge in einem Esslöffel Seesand von Gaeta auf mehr als
+Hunderttausend.
+
+Der weiche lebendige Körper der Kammerthierchen, welcher diese
+wunderbaren Schalen- und Panzer-Bildungen erzeugt, ist stets von
+höchst einfacher Bildung: ein Stück formloses Protoplasma, das
+zahlreiche Zellenkerne einschliesst. Von der Oberfläche des weichen
+Protoplasma-Leibes strahlen hunderte, oft tausende von äusserst feinen
+Fäden aus. Diese Schleimfädchen, die den Namen ~Scheinfüsschen~ oder
+~Pseudopodien~ führen, sind sehr empfindlich und beweglich. Sie können
+sich verästeln, mit einander verschmelzen, Netze bilden und wieder in
+die gemeinsame Centralmasse des Körpers zurückgezogen werden. Durch
+die Zusammenziehungen dieser Fäden bewirken die Wurzelfüssler ihre
+kriechende oder schwimmende Ortsbewegung. Wenn ein anderer Protist,
+z. B. ein Wimperthierchen oder eine Bacillarie, in den Bereich dieser
+Fäden gelangt, so wird es von ihnen erfasst, umschlungen und in das
+Innere des Protoplasmakörpers hineingezogen, wo es einer höchst
+einfachen Verdauung unterliegt. Wie bei den Amoeben kann jede Stelle
+der Körperoberfläche dergestalt die Aufgabe eines Mundes und Magens
+übernehmen. Auch die Vermehrung der Wurzelfüssler ist höchst einfach.
+Der weiche Protoplasma-Leib des Kammerthierchens zerfällt in zahlreiche
+kleine Stückchen. Jedes Stückchen erhält einen Zellkern, bildet also
+eine echte Zelle, und diese nackte Zelle schwitzt alsbald wieder eine
+Kalkschale aus.
+
+Die vielgestaltige Schale des Acyttarien-Körpers besteht meistens
+aus kohlensaurem Kalk, seltener aus einer erhärteten organischen
+Substanz, die mit Sandkörnchen u. dergl. verkittet ist. Bald
+besitzt die Schale nur eine grössere Mündung, ist aber übrigens
+undurchlöchert (_Imperforata_); bald ist die Schale überall von sehr
+zahlreichen kleinen Löchern durchbrochen (_Foraminifera_). Mit Bezug
+auf die Schalenform unterscheidet man bei den zwei Hauptgruppen:
+Einkammerige und Vielkammerige. Die ~Einkammerigen~ (_Monothalamia_)
+sind verhältnissmässig wenig formenreich. Einer ihrer bekanntesten,
+häufigsten und grössten Vertreter ist die ~Gromia~ (Fig. 19). Sie
+besitzt eine eiförmige Schale, mit dunkelbraunem Protoplasma erfüllt,
+und erreicht die Grösse eines Stecknadelknopfes. Die Netze der
+Scheinfüsschen, welche davon ausstrahlen, kann man schon mit blossem
+Auge deutlich erkennen.
+
+[Illustration: Fig. 19. ~Gromia~ (oviformis). Die Hauptmasse des
+eiförmigen einzelligen Körpers ist von einer biegsamen Schale
+eingeschlossen. Durch die Oeffnung derselben tritt (unten) fliessendes
+Protoplasma heraus, welches die ganze Schale umhüllt und von dem nach
+allen Richtungen bewegliche Fäden ausstrahlen.]
+
+Die ~Vielkammerigen~ (_Polythalamia_) bilden die Hauptmasse der
+Acyttarien. Die einzelnen Kammern, welche ihre Schale zusammensetzen,
+sind durch unvollständige Scheidewände getrennt, oft sehr zahlreich.
+Meistens sind dieselben mehr oder weniger in Spiralen geordnet. So
+entstehen Gehäuse, welche die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen
+gewisser Mollusken, namentlich Cephalopoden, besitzen (Fig. 20). Daher
+wurden diese Rhizopoden von ihren ersten Entdeckern wirklich für
+echte, mikroskopische Cephalopoden gehalten und auch später noch ihre
+Organisation als solche beschrieben.
+
+Erst vor 40 Jahren lernte man, zuerst durch ~Dujardin~, ihre wahre
+Natur kennen, und überzeugte sich, dass ganz ähnlich geformte Schalen
+das eine Mal von einem höchst vollkommen organisirten Weichthiere
+(_Nautilus_), das andere Mal von einem höchst einfach gebauten
+Wurzelfüssler (_Polystomella_) gebildet werden.
+
+[Illustration: Fig. 20. ~Polystomella~ (venusta), ein Polythalam,
+dessen Kammern in einer Spirale aufgerollt sind, ganz ähnlich wie bei
+Nautilus. Aus den feinen Löchern der Schale treten überall bewegliche
+fadenförmige Scheinfüsschen hervor.]
+
+[Illustration: Fig. 21. ~Alveolina~ (Quoyi). Mehrere Reihen von Kammern
+laufen in einer Spirale neben einander hin. Die durchschnittenen Wände
+der Kammern sind weiss gezeichnet; die Verbindungsöffnungen mit den
+darüber liegenden schwarz.]
+
+Bei manchen Polythalamien laufen mehrere Spiralen neben einander
+im Gehäuse hin, indem innerhalb der Kammern sich wieder parallele
+Scheidewände bilden (Fig. 21). Bei den grossen Orbituliten und
+Nummuliten liegen solche Kammerreihen sogar in mehreren Stockwerken
+übereinander. Die Kammerreihen sind hier bald in zusammenhängenden
+Spirallinien, wie bei den Nummuliten (Fig. 18) geordnet, bald in
+concentrischen Ringen, wie bei dem gigantischen _Cycloclypeus_ (Fig.
+22).
+
+Die Gehäuse dieser letzteren sind runde Scheiben, welche sich am besten
+mit einem Palaste vergleichen lassen, dessen Umfassungsmauern nach dem
+Plane eines römischen Amphitheaters gebaut sind.
+
+[Illustration: Fig. 22. ~Cycloclypeus~, ein colossales Polythalam von 3
+Centimeter Durchmesser, in grossen Tiefen des Sunda-Meeres lebend. Man
+sieht die eine Hälfte der in der Mitte durchschnittenen Schale, von der
+links noch ein Stück der oberen Schicht abgeschnitten ist, um in die
+Kammern hineinzublicken.]
+
+[Illustration: Fig. 23. ~Parkeria~, ein colossales Polythalam von
+3 Centimeter Durchmesser. Man sieht blos ein Stück der eiförmigen
+Schale, so durchschnitten, dass man nach allen Richtungen hin die
+Zusammensetzung des Gehäuses aus zahllosen kleinen Kammern erkennen
+kann.]
+
+Mehrere Stockwerke liegen übereinander, in jedem eine centrale
+Hauptkammer, umgeben von vielen ringförmigen Corridoren, und jeder
+Corridor durch viele Scheidewände in Kammern getheilt: alle diese
+zahlreichen Stockwerke, Corridore und Kammern stehen durch Thüren mit
+einander in Verbindung und kleine Fenster in der äusseren Schalenfläche
+vermitteln die Verbindung mit der Aussenwelt, indem sie die feinen
+Schwimmfüsschen durchtreten lassen.
+
+Zu den grössten und am meisten zusammengesetzten Polythalamien
+gehören die Parkerien, deren Gehäuse grösstentheils aus Sandkörnchen
+zusammengesetzt sind (Fig. 23).
+
+Während die grosse Mehrzahl der Thalamophoren auf dem Meeresboden
+kriechend lebt, giebt es auch einige Arten, die an der Oberfläche des
+Meeres schwimmen, und zwar oft in grossen Massen, mit Radiolarien
+gemischt. Dahin gehören auch die merkwürdigen Pulvinulinen,
+Globigerinen und Hastigerinen, letztere durch ihre sehr langen
+borstenförmigen Kalkstacheln ausgezeichnet (Fig. 24).
+
+Wenn schon bei diesen merkwürdigen Polythalamien die formbildende Kunst
+des formlosen Protoplasma unsere höchste Bewunderung erregt, so wird
+dieselbe noch gesteigert, wenn wir die nahe verwandten ~Radiolarien~,
+die »Gitterthiere« oder Strahlinge betrachten. Bei diesen höchst
+interessanten Wurzelfüsslern treffen wir die grösste Mannigfaltigkeit
+von zierlichen und sonderbaren Formen an, die überhaupt in der
+organischen Welt zu finden ist. Ja, alle möglichen Grundformen, welche
+man nur in einem promorphologischen Systeme aufstellen kann, finden
+sich hier wirklich verkörpert vor. Das Material aber, aus welchem das
+formlose Protoplasma hier die unendlich mannigfaltigen Skelettheile
+bildet, ist nicht Kalkerde, wie bei den Polythalamien, sondern
+Kieselerde.
+
+Der weiche lebendige Leib der Radiolarien ist übrigens etwas höher
+organisirt, als derjenige der Polythalamien. Denn im Innern des
+formlosen weichen Protoplasma-Körpers findet sich hier eine besondere
+Kapsel, welche von einer festen Membran umschlossen ist, die
+~Centralkapsel~ (Fig. 25).
+
+In dieser bilden sich Massen von kleinen Zellen, welche eine bewegliche
+Geissel erhalten, später die Kapsel durchbrechen und ausschwärmen.
+
+[Illustration: Fig. 24. ~Hastigerina Murrayi.~ Ein Polythalam, dessen
+Kalkschalen überall mit haarfeinen, sehr langen Kalkstacheln bewaffnet
+ist.]
+
+Da der ganze Inhalt der Centralkapsel zur Bildung dieser Keime,
+welche gleich Flagellaten umherschwimmen und sich dann zu Radiolarien
+entwickeln, verwendet wird, so kann man die Centralkapsel auch als
+Sporenbehälter (~Sporangium~) der Radiolarien betrachten.
+
+[Illustration: Fig. 25. ~Heliosphaera~ (inermis). Ein Radiolar, dessen
+kugelige Gitterschale aus sechseckigen Maschen zusammengesetzt ist.
+Im Innern schwebt eine kugelige Centralkapsel, welche einen dunkeln
+Kern einschliesst, umgeben von kleinen gelben Zellen. Zahlreiche
+fadenförmige Scheinfüsschen strahlen allenthalben aus, halten sich an
+der Gitterschale fest und treten durch deren Löcher aus.]
+
+Sie ist umschlossen von einer Schicht Protoplasma, von welchem nach
+allen Richtungen zahllose, äusserst feine Scheinfüsschen ausstrahlen.
+Diese verhalten sich im Uebrigen ebenso wie bei den Polythalamien.
+
+Gewöhnlich finden sich im Protoplasma der Radiolarien ausserhalb der
+Centralkapsel noch zahlreiche gelbe Zellen von unbekannter Bedeutung;
+sie enthalten Stärkemehl.
+
+Ausserdem bilden sich bei einigen Radiolarien rings um die
+Centralkapsel grosse helle Wasser-Blasen aus (Vacuolen), welche von
+einer sehr dünnen Gallerte umschlossen sind, so namentlich bei den
+erbsengrossen Thalassicollen (Fig. 26).
+
+[Illustration: Fig. 26. ~Thalassicolla~ (pelagica). Ein grosses nacktes
+Radiolar (ohne Schale). Die innere kugelige Centralkapsel ist von
+einem Mantel grosser Wasserblasen umgeben. An der Oberfläche strahlen
+tausende von feinen Schleimfäden aus.]
+
+Es giebt auch zusammengesetzte Radiolarien (Polycyttarien). Diese
+bilden grössere Gallertklumpen von cylindrischer oder kugeliger Form,
+von 1 bis 3 Centimeter Durchmesser. Die Gallerte besteht grösstentheils
+aus solchen Wasserblasen, und in der Oberfläche sind ältere, im Innern
+dagegen jüngere Centralkapseln vertheilt (Fig. 27; s. folg. S.). Jede
+der letzteren ist oft von einer gegitterten Kieselschale umschlossen
+(Fig. 28).
+
+[Illustration: Fig. 28. Eine einzelne Kieselschale (stachelige
+Gitterkugel) von ~Collosphaera~ (spinosa).]
+
+Bei sehr vielen Radiolarien ist die Kieselschale eine Gitterkugel (Fig.
+25, 28, 29, 31); oft gehen lange, regelmässig vertheilte Stacheln
+davon ab (Fig. 29). Bei den Ommatiden (Fig. 30, 31) finden wir mehrere
+solcher Gitterkugeln concentrisch in einander geschachtelt und durch
+radiale Stäbe verbunden, ganz ähnlich dem bekannten zierlichen
+Spielzeug, das die Chinesen aus Elfenbein anfertigen.
+
+[Illustration: Fig. 27. ~Collosphaera~ (Huxleyi). Ein zusammengesetztes
+Radiolar mit vielen Centralkapseln; die inneren kleineren ohne, die
+äusseren grösseren mit Kieselschale. Zwischen den ausstrahlenden
+Fäden sind zahlreiche kleine gelbe Zellen zerstreut. Im Centrum
+der Colonie ist eine grosse Wasserblase sichtbar umgeben von einem
+Protoplasma-Netz.]
+
+Es giebt solche Gitterkugeln, die aus zwanzig im Centrum in einander
+gestemmten Stacheln zusammengesetzt sind; verästelte Querfortsätze
+der Stacheln, die in gleichem Abstande vom Centrum abgehen, setzen
+die Gitterschale zusammen (_Dorataspis_, Fig. 32). Den letzteren nahe
+verwandt sind die merkwürdigen ~Acanthometren~ (Fig. 33), ebenfalls
+mit 20 Stacheln, die nach einem bestimmten mathematischen Gesetze
+regelmässig vertheilt sind.
+
+[Illustration: Fig. 29. ~Heliosphaera~ (actinota). Von der Gitterkugel
+strahlen zwischen den Pseudopodien zahlreiche Kieselstacheln aus; im
+Innern der Schale die Centralkapsel.]
+
+[Illustration: Fig. 30. ~Actinomma~ (asteracanthion). Die Kieselschale
+besteht aus drei concentrischen Gitterkugeln, welche durch sechs
+radiale Stäbe mit einander verbunden sind. Die äusseren Enden der
+letzteren bilden starke dreikantige Stacheln, und dazwischen stehen auf
+der Oberfläche zahlreiche, sehr feine borstenförmige Kieselstacheln.]
+
+[Illustration: Fig. 31. ~Haliomma~ (Wyvillei). Die Kieselschale
+besteht aus zwei concentrischen Gitterkugeln, die durch zahlreiche
+radiale Stacheln verbunden sind. Zwischen beiden Schalen findet sich
+die Membran der Centralkapsel, so dass die eine innerhalb, die andere
+ausserhalb der letzteren liegt.]
+
+[Illustration: Fig. 32. ~Dorataspis~ (bipennis). Die Kieselschale
+wird durch die gabelförmigen Querfortsätze von zwanzig, regelmässig
+vertheilten Stacheln zusammengesetzt.]
+
+[Illustration: Fig. 33. ~Xiphacantha~ (Murrayana). Eine Acanthometra,
+deren 20 Stacheln kreuzförmige Querfortsätze tragen. Die Stacheln
+bilden 5 parallele Zonen von je 4 Stacheln, die gleichweit von einander
+abstehen.]
+
+Bei noch andern Radiolarien ist die centrale Gitterkugel von einem
+lockern Kiesel-Schwammwerke umhüllt und mächtige dreikantige Stacheln
+mit spiralig gedrehten Kanten ragen daraus hervor (_Spongosphaera_,
+Fig. 34).
+
+Eine andere, äusserst formenreiche Gruppe von Radiolarien, die
+~Cyrtiden~ oder Helm-Radiolarien, bilden Kieselschalen von der
+Form eines Helmes (Fig. 35), einer Haube oder eines Körbchens, mit
+siebförmig durchlöcherter Wand (_Podocyrtis_, Fig. 36). Noch Andere
+gleichen einem Ordensstern (_Astromma_, Fig. 37), einer Sanduhr
+(_Diploconus_, Fig. 38), einem dreiseitigen Prisma (_Prismatium_, Fig.
+39) u. s. w.
+
+In der grossen Abtheilung der ~Acanthometren~ wird das Skelet stets aus
+zwanzig Kieselstacheln gebildet, welche im Centrum in einander gestemmt
+und nach einem sehr merkwürdigen mathematischen Gesetze vertheilt
+sind; dies entdeckte zuerst der grosse ~Johannes Müller~, dem wir
+überhaupt die ersten genaueren Kenntnisse der Radiolarien verdanken.
+
+Welche Bedeutung diese höchst mannigfaltigen, zierlichen und seltsamen
+Formen besitzen; wie das formlose Protoplasma der Radiolarien dazu
+kommt, sie zu bilden, — davon haben wir heute noch keine Ahnung.
+
+[Illustration: Fig. 34. ~Spongosphaera~ (streptacantha). Neun
+dreikantige Stacheln ragen aus der kugeligen Centralkapsel hervor,
+welche von kieseligem Schwammgeflecht umhüllt ist und eine centrale
+Gitterschale einschliesst.]
+
+Neben den Thalamophoren und Radiolarien wird noch eine grosse Anzahl
+von andern Protisten zur Klasse der Wurzelfüssler gerechnet. Viele
+davon leben auch im süssen Wasser. Eines der häufigsten ist das
+niedliche sogenannte »~Sonnenthierchen~«, welches vor nun hundert
+Jahren (1776) vom Pastor ~Eichhorn~ in Danzig entdeckt und als
+»lebendiger Stern« beschrieben wurde (_Actinosphaerium Eichhornii_,
+Fig. 40).
+
+[Illustration: Fig. 35. ~Dictyophimus~ (Challengeri). Helmförmige
+Gitterschale mit drei Füsschen und Gipfelstachel.]
+
+[Illustration: Fig. 36. ~Podocyrtis~ (Schomburgki). Die helmförmige
+Gitterschale steht auf drei Füsschen und trägt auf dem Gipfel einen
+Stachel; das Gitterwerk der drei Abtheilungen ist sehr verschieden.]
+
+[Illustration: Fig. 37. ~Astromma~ (Aristotelis). Die schwammige
+Kieselschale hat die Form eines Ordenskreuzes.]
+
+[Illustration: Fig. 38. ~Diploconus~ (fasces). Die Kieselschale gleicht
+einer Sanduhr, in deren Axe ein starker, an beiden Enden zugespitzter
+Stab steht.]
+
+[Illustration: Fig. 39. ~Acanthodesmia~ (prismatium). Neun Kieselstäbe
+sind so verbunden, dass sie die Kanten eines dreiseitigen Prisma
+bilden. Im Centrum schwebt eine kugelige Centralkapsel, von gelben
+Zellen umgeben.]
+
+[Illustration: Fig. 40. Das vielzellige grosse Sonnenthierchen
+(~Actinosphaerium~ Eichhornii). Die innere dunkle Markmasse (c)
+enthält, viele Zellkerne und einige Nahrungsbissen (d). Von der hellen,
+schaumigen Rindenschicht (b), welche eben einen neuen Nahrungsbissen
+(a) aufnimmt, strahlen zahlreiche Scheinfüsschen (e) aus.]
+
+[Illustration: Fig. 41. Das einzellige kleine Sonnenthierchen
+(~Actinophrys~ sol). Im Innern der strahlenden Protoplasma-Kugel liegt
+nur ein Zellkern (n). Eine contractile Blase tritt an der Oberfläche
+des Protoplasma vor (v).]
+
+Es ist ein weiches, mit blossem Auge deutlich sichtbares, weiches
+Schleimkügelchen, von der Grösse eines kleinen Stecknadelknopfes, oft
+in Menge auf dem schlammigen Boden unserer Teiche und Gräben zu finden.
+In der Mitte des schleimigen und blasigen Protoplasma-Kügelchens
+liegen mehrere Zellkerne. Von der Oberfläche strahlen zahlreiche
+empfindliche und bewegliche Fäden oder Pseudopodien aus. Durch diese
+wird, wie bei den übrigen Wurzelfüsslern, die Nahrung aufgenommen.
+Die Vermehrung ist erst kürzlich entdeckt worden. Das Sonnenthierchen
+zieht dabei seine Fäden ein, umgiebt seinen kugeligen Körper mit einer
+Gallerthülle und zerfällt in viele einzelne Kugeln. Jede von diesen
+enthält einen Kern und schwitzt eine Kieselhülle aus, und jede dieser
+kieselschaligen Zellen wird später zu einem neuen Sonnenthierchen. Man
+kann dieselben aber auch künstlich vermehren. Man kann sie in mehrere
+Stücke zerschneiden und aus jedem Stückchen wird alsbald wieder ein
+selbständiges Wesen. Dasselbe gilt auch von vielen andern Protisten.
+
+Während das grosse Sonnenthierchen oder Strahlenkügelchen
+(_Actinosphaerium_) einen nackten Rhizopoden darstellt, der viele
+Zellkerne enthält, also aus vielen vereinigten Zellen zusammengesetzt
+ist, zeigt uns dagegen ein anderer, sehr häufiger Süsswasserbewohner,
+das ~kleine Sonnenthierchen~ (_Actinophris sol_) den Organismus der
+Wurzelfüssler in seiner allereinfachsten Gestalt (Fig. 41), nämlich als
+eine nackte einfache Zelle mit einem einzigen Kern; von der Oberfläche
+desselben strahlen viele feine Fäden aus, und indem das Protoplasma
+an gewissen Stellen Wasser aufnimmt und wieder abgiebt, bildet es
+»contractile Blasen oder Vacuolen.«
+
+Eine der merkwürdigsten Protistenklassen, die ebenfalls oft zu den
+Wurzelfüsslern gerechnet wird, sind die so genannten ~Schleimpilze~
+oder ~Myxomyceten~, von Anderen auch ~Pilzthiere~ oder ~Mycetozoen~
+genannt. Schon dieser doppelte Name bezeichnet ihre zweifelhafte
+Protisten-Natur. Sie leben in zahlreichen verschiedenen Arten an
+feuchten Orten, im abgefallenen Laube der Wälder, zwischen Moos, auf
+faulendem Holze und dergl. Früher galten sie allgemein für Pflanzen,
+und zwar für Pilze, weil ihr reifer Fruchtkörper täuschend dem
+blasenförmigen Fruchtkörper der Gastromyceten oder Blasenpilze ähnlich
+ist (Fig. 43B). Dieser Fruchtkörper bildet kugelige oder länglich
+runde, oft auf einem Stiel festsitzende Blasen, meist von der Grösse
+eines Stecknadelknopfes oder eines Hanfkorns, bisweilen aber auch von
+mehreren Zoll Durchmesser. Die derbe äussere Hülle der Fruchtblasen
+umschliesst ein feines Mehl, das aus Tausenden von mikroskopischen
+Zellen besteht. Dies sind die Fortpflanzungszellen oder ~Sporen~.
+
+[Illustration: Fig. 42. ~Keimung einer Myxomycete~ (~Physarum album~).
+1. Eine Keimzelle oder Spore. 2. Aus der dunkeln Hülle der Spore tritt
+die nackte Zelle hervor (3). Diese verwandelt sich in eine Geisselzelle
+(4, 5) und darauf in eine Amoebe (6, 7). Mehrere Amoeben fliessen
+zusammen (8, 9, 10, 11) und bilden so ein Plasmodium (12).]
+
+Während aber bei den Blasenpilzen, wie bei allen anderen echten Pilzen,
+sich aus diesen Sporen die characteristischen Pilzfäden oder Hyphen,
+lange dünne Fadenschläuche entwickeln, entstehen daraus bei den
+Myxomyceten ganz andere Keime. Aus der festen Zellmembran einer jeden
+Spore schlüpft nämlich, sobald diese ins Wasser gelangt, eine nackte,
+lebhaft bewegliche Zelle aus. (Fig. 42, 1–3). Anfangs schwimmt diese
+Zelle mittelst eines langen Geisselfadens, den sie peitschenförmig nach
+Art der Geisselschwärmer hin und her schwingt, frei im Wasser umher
+(Fig. 42, 4, 5). Später sinkt sie zu Boden und nimmt die Form einer
+Amoebe an (Fig. 42, 6, 7). Ganz gleich einer echten Amoebe kriecht
+sie umher, indem sie veränderliche Fortsätze ausstreckt und wieder
+einzieht. Auch nimmt sie nach Art der Amoeben ihre Nahrung auf.
+
+Viele solcher amoeboiden Zellen können nun späterhin zusammenfliessen
+und mit einander verwachsen (Fig. 42, 8–11). Dadurch entstehen grosse
+Protoplasma-Netze mit vielen Kernen (~Syncytien~, Fig. 42, 12). Indem
+ihre Kerne sich auflösen, werden sie zu kernlosen ~Plasmodien~ (Fig.
+43A). Solche grosse Plasmodien, oft ganz colossale Protoplasma-Netze,
+kriechen gleich einem riesigen Rhizopoden langsam umher und ändern
+beständig ihre unbestimmte Gestalt.
+
+[Illustration: Fig. 43. ~Myxomyceten.~ A. Ein grösseres Plasmodium (von
+~Didymium leucopus~). B. Eine reife Frucht (von ~Arcyria incarnata~).
+C. Dieselbe, nachdem die Wand (p) geplatzt und das Haarfaden-Geflecht
+(Capillitium, cp) hervorgetreten ist.]
+
+Zu den grössten Plasmodien gehören die glänzend gelben (oft mehrere
+Fuss grossen) Protoplasma-Geflechte von _Aethalium_, welche die
+Lohbeete der Gerbereien durchziehen und unter dem Namen »~Lohblüthe~«
+allen Gerbern bekannt sind. Haben die Plasmodien durch Wachsthum und
+Nahrungsaufnahme eine gewisse Grösse erreicht, so ziehen sie sich auf
+einen kugeligen, birnförmigen oder kuchenförmigen Haufen zusammen,
+umgeben sich mit einer Hülle und das ganze Protoplasma zerfällt
+in zahllose kleine Sporen, zwischen welchen sich meistens (jedoch
+nicht immer) ein Geflecht von äusserst feinen Haarfäden ausbreitet
+(_Capillitium_, Fig. 43cp). Wenn diese Fruchtkörper (Fig. 43B) ganz
+reif sind, platzt die äussere Hülle (Fig. 43C); das Capillitium wird
+vorgetrieben und das feine Sporen-Pulver zerstreut.
+
+Obgleich nun diese blasenförmigen Fruchtkörper mit ihrem Sporenpulver
+und Capillitium die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen von gewissen
+echten Pilzen besitzen, haben sie doch mit diesen letzteren keine Spur
+von Verwandtschaft, wie ihre gänzlich verschiedene Entwickelung zeigt.
+Will man überhaupt die Myxomyceten in nähere Beziehung zu irgend einer
+anderen Organismen-Gruppe bringen, so bleiben nur die ~Rhizopoden~
+übrig. In der That gleichen die kriechenden netzförmigen Plasmodien der
+Myxomyceten so sehr gewissen nackten Wurzelfüsslern (_Lieberkühnia_),
+dass man sie gar nicht unterscheiden kann. Es giebt kein passenderes
+Object, um sich die merkwürdigen Strömungen in dem kriechenden nackten
+Protoplasma unmittelbar vor Augen zu führen, als die Plasmodien der
+gemeinen Lohblüthe, die im Frühjahr auf den Lohbeeten der Gerbereien
+sehr leicht zu haben ist und die Lohe in Form von gelben, rahmähnlichen
+Schleimnetzen durchzieht. Bringt man ein wenig von diesem gelben
+Protoplasma in einer feuchten Kammer auf ein Glasplättchen, so ist
+letzteres schon nach 10–20 Stunden von einem feinen Faden-Netz
+übersponnen, in dessen Fäden man unter dem Mikroskope die lebhafte
+Protoplasma-Strömung prächtig verfolgen kann.
+
+Im Anschluss an die Myxomyceten müssen wir hier auch auf die echten
+~Pilze~ (_Fungi_) einen Blick werfen, mit welchen man die ersteren
+früher irrthümlich vereinigt hat. Die echten Pilze, welche in so
+zahlreichen, ansehnlichen und mannigfaltigen Formen in unsern Wäldern
+und Feldern, auf Pflanzen- und Thierkörpern schmarotzend leben, werden
+oft auch als ~Schwämme~ bezeichnet. Sie haben aber mit den echten
+Schwämmen oder Spongien gar nichts zu thun; denn diese letzteren, wozu
+der gewöhnliche Badeschwamm gehört, und welche sämmtlich — mit einziger
+Ausnahme des Süsswasser-Schwammes, _Spongilla_, — im Meere leben, sind
+echte ~Thiere~ und besitzen ein Darmrohr mit Mundöffnung u. s. w. Die
+Pilze dagegen bilden eine gänzlich verschiedene und sehr eigenthümliche
+Classe von niederen Organismen. Zwar gelten sie heute noch allgemein
+als echte ~Pflanzen~. Allein in den wichtigsten anatomischen und
+physiologischen Beziehungen weichen sie so sehr von allen übrigen
+Pflanzen ab, dass es wohl richtiger ist, sie als eine selbständige
+Classe von ~Protisten~ zu betrachten. Ernährung und Stoffwechel der
+Pilze ist thierisch, nicht pflanzlich. Sie bilden kein Protoplasma,
+kein Chlorophyll, kein Stärkemehl, keine Cellulose, wie die echten
+Pflanzen. Vielmehr bedürfen sie, wie die Thiere, zu ihrer Existenz und
+Ernährung vorgebildetes Protoplasma, welches sie aus dem Körper anderer
+Organismen, lebender oder todter Thiere, Pflanzen und Protisten,
+entnehmen.
+
+Die Fortpflanzung der Pilze ist meistens ungeschlechtlich, und
+auch da, wo sie geschlechtlich erscheint, ganz eigenthümlich. Das
+Form-Element, aus dem sich der Körper aller Pilze aufbaut, ist nicht
+eine echte, kernhaltige ~Zelle~, wie bei allen Thieren und Pflanzen,
+sondern eine fadenförmige, kernlose ~Cytode~, die sogenannte ~Hyphe~
+oder der »Pilzfaden.« Durch seitliche Sprossung und fortgesetzte
+Theilung in einer ~Axe~, bilden sie verzweigte gegliederte Fäden, und
+zahllose solche Pilzfäden, in langen Ketten an einander gereiht, sich
+verästelnd und netzartig verbindend, setzen alle Organe der Pilze
+zusammen. Der bekannte gestielte »Hut« oder Schirm unserer grossen
+Hutpilze, z. B. vom ~Champignon~ (Fig. 44) ist blos der ~Fruchtkörper~,
+welcher sich zur Zeit der Reife aus einem unscheinbaren Fadengeflechte
+entwickelt, dem Mycelium (Fig. 44, I m); die strahligen, blattförmigen
+Rippen, welche sich an der Unterseite des regenschirmähnlichen Hutes
+bilden, sind von der Fruchthaut (_Hymenium_) überzogen, in welcher
+sich ungeschlechtlich die Fortpflanzungs-Cytoden (»Sporen«) bilden.
+Je genauer man die eigenthümliche Anatomie und Keimungsgeschichte
+der Pilze verfolgt, je unbefangener man sie vergleicht, desto mehr
+überzeugt man sich, dass diese merkwürdigen Organismen keine echten
+Pflanzen sind, sondern eine ganz selbständige Classe von neutralen
+Protisten darstellen.
+
+Dasselbe gilt von der formenreichen Classe der ~Kieselzellen~
+(_Diatomeae_ oder ~Bacillariae~), die auch gewöhnlich zu den Pflanzen
+gerechnet werden. Diese zierlichen kleinen Organismen bevölkern in
+ungeheuren Massen die süssen und salzigen Gewässer unseres Erdballs.
+In grossen Mengen angehäuft, bilden sie gewöhnlich einen gelben oder
+gelbbraunen Schleim, der Steine, Wasserpflanzen u. s. w. überzieht.
+Bald sind die Diatomeen einzeln lebende Einsiedlerzellen, bald Colonien
+oder Gesellschaften (Coenobien), welche aus vielen gleichartigen,
+locker verbundenen Zellen zusammengesetzt erscheinen.
+
+[Illustration: Fig. 44. Ein ~Champignon~, aus der Ordnung der
+~Hutpilze~ (~Hymenomycetes~). A. Das Fadengeflecht (~Mycelium~), aus
+verästelten und netzförmig verbundenen Reihen von Pilzfäden (~Hyphen~)
+gebildet (m). Aus dem Mycelium sprossen solide birnförmige Fruchtkörper
+hervor (I), in welchen sich ein ringförmiger Luftraum bildet (II,
+III, l). Unterhalb sondert sich der Stiel (IV, st), oberhalb der
+Schirm des Hutes (h), von welchem die Hymenium-Rippen in den Luftraum
+hineinwachsen (V, l): der untere Boden des Luftraums platzt später und
+hängt als Schleier (Velum) vom Rande des Hutes herab.]
+
+Viele Diatomeen sitzen fest; die meisten aber bewegen sich in ganz
+eigenthümlicher Weise, langsam schwimmend oder fortrutschend, im
+Wasser umher. Die Organe dieser Ortsbewegung sind noch gänzlich
+unbekannt, vielleicht feinste Wimperreihen.
+
+Das Characteristische an dem Zellenkörper der Diatomeen ist die
+eigenthümliche ~Kieselschale~, in welcher ihr Zellenleib eingeschlossen
+ist. Diese Schale ist aus zwei Hälften zusammengesetzt, welche sich zu
+einander genau so verhalten, wie eine ~Schachtel~ zu ihrem ~Deckel~
+(Fig. 45). Die kernhaltige Zelle, welche in dieser Schachtel lebt,
+theilt sich in zwei Hälften, und jede Hälfte bildet sich zu ihrem
+Schachteldeckel eine neue Schachtel. Dieser Process wiederholt sich
+mehrfach, wobei natürlich jede folgende Generation kleiner wird.
+Schliesslich aber entsteht eine Generation, welche beide Schalenhälften
+abwirft, wieder bis zur Grösse der ersten, grössten Generation
+heranwächst, und sich nun mit einer neuen Kieselschachtel erster Grösse
+umgiebt. Wegen der unendlich mannigfaltigen und zierlichen Gestalt
+dieser Kieselschale, sowie wegen ihrer äusserst feinen Sculptur, sind
+die Diatomeen sehr beliebte Unterhaltungs-Objecte für mikroskopischen
+Formgenuss. Wenn sich die Kieselschalen der todten Diatomeen massenhaft
+auf dem Grunde der Gewässer ansammeln und zu Stein verkitten, können
+sie ganze Gebirgsschichten zusammensetzen, so z. B. den Polirschiefer,
+das Bergmehl u. s. w.
+
+[Illustration: Fig. 45. Eine Diatomee oder ~Bacillarie~ (~Surirella~
+dentata). Die Schachtelzelle ist vom Rande gesehen, so dass man sieht,
+wie die beiden Schalenklappen (s u. d) übereinander greifen, gleich
+einer Schachtel (s) und ihrem Deckel (d). In der Mitte der Kern (n). p
+Protoplasma.]
+
+ * * * * *
+
+Während die meisten, bisher von uns betrachteten Protisten-Gruppen
+grosse und formenreiche Classen darstellen, giebt es nun noch eine
+Anzahl von kleineren, isolirten, bisweilen nur durch eine oder wenige
+Formen repräsentirten Protisten, deren Einreihung in das System sehr
+schwierig ist. Dies gilt z. B. von den sonderbaren ~Labyrinthuleen~.
+Gesellschaften von locker verbundenen, einfachen, spindelförmigen,
+gelben Zellen, die in einer eigenthümlichen Fadenbahn umherrutschen.
+Eine andere Gruppe, interessant wegen ihrer Mittelstellung
+zwischen verschiedenen Protisten-Classen, bilden die ~Catallacten~,
+durch die Gattungen _Synura_ und _Magosphaera_ repräsentirt. Sie
+bilden schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus einer Anzahl
+birnförmiger gleichartiger Zellen, welche mit ihren spitzen inneren
+Enden im Centrum der Gallertkugel vereinigt sind. Später lösen sich
+diese Zell-Gesellschaften oder Coenobien auf. Die einzelnen isolirten
+Zellen schwimmen noch eine Zeit lang selbständig umher und können
+jetzt mit Ciliaten verwechselt werden. Dann aber sinken sie auf den
+Meeresboden nieder und verwandeln sich in Amoeben-ähnliche Zellen.
+Gleich echten Amoeben kriechen diese umher, fressen, wachsen und
+kapseln sich schliesslich ein; der Zellenkörper zieht sich kugelig
+zusammen und umgiebt sich mit einer Gallerthülle. Innerhalb derselben
+theilt sieh die Zelle später wiederholt, in 2, 4, 8, 16, 32 Zellen
+u. s. w. Diese werden birnförmig, erhalten bewegliche Wimpern und
+verbinden sich wieder zu einer Flimmerkugel. Nun dreht sich die
+Kugel rotirend um ihren Mittelpunkt, sprengt ihre Hülle und schwimmt
+wieder frei in der Form umher, von welcher wir ausgegangen sind (Fig.
+46). Das Interesse dieser merkwürdigen Protisten liegt also weniger
+in besonderen Eigenthümlichkeiten, als vielmehr in der neutralen
+Mittelstellung, welche sie zwischen Amoeben, Infusorien und Volvocinen
+einnehmen, und wodurch sie diese verschiedenen Protisten-Classen
+verknüpfen. Wir nennen sie daher »Mittlinge oder ~Vermittler~«
+(_Catallacta_).
+
+[Illustration: Fig. 46. ~Magosphaera~ (planula), eine schwimmende
+Flimmerkugel von der norwegischen Küste. A von der Oberfläche, B im
+Durchschnitt.]
+
+ * * * * *
+
+Werfen wir einen vergleichenden Rückblick auf alle bisher betrachteten
+Protisten-Classen, so sehen wir, dass darin die organische Zelle bald
+ganz selbständig auftritt, und als ~Einsiedler-Zelle~ (_Monocyta_)
+den ganzen Organismus repräsentirt, bald mit ihresgleichen sich zu
+lockeren Gesellschaften verbindet und einfache ~Zellen-Gemeinden~ oder
+Zellen-Horden (_Coenobia_) darstellt. Nun ist aber hiermit keineswegs
+die tiefste Stufe der Organisation erschöpft, welche uns die organische
+Welt darbietet. Vielmehr treffen wir noch unterhalb dieser einzelligen
+Protisten jene niedrigste und unvollkommenste Classe von Organismen an,
+die wir als ~Moneren~ bezeichnen. (Fig. 47, 48).
+
+[Illustration: Fig 47. ~Protamoeba~ (primitiva), ein Moner mit
+lappenförmigen Pseudopodien, gleich einer Amoebe. a kriechend, b in
+Theilung begriffen, c in zwei Hälften getheilt.]
+
+Da wir diese in dem nachstehenden Anhange (S. 68–85) zum Gegenstande
+einer besonderen Besprechung machen werden, wollen wir hier nur ganz
+kurz die wichtigsten Punkte hervorheben, welche den Moneren ihre hohe
+Bedeutung für die Entwicklungslehre verleihen.
+
+Die ~Moneren~ sind wahre »Organismen ohne Organe«. Ihr ganzer
+lebendiger Leib besteht in völlig entwickeltem Zustande nur aus einem
+ganz einfachen Protoplasma-Stückchen, welchem selbst der Kern, der
+Character der echten Zelle, noch fehlt. Bezüglich ihrer Bewegungen
+gleichen diese denkbar einfachsten Organismen bald den Amoeben (Fig.
+47), bald den Wurzelfüsslern (Fig. 48), bald den Geisselschwärmern.
+(Fig. 50). Sie vermehren sich in einfachster Weise durch Theilung. Von
+der grössten theoretischen Bedeutung sind sie für die dunkle Frage von
+der ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Denn nur Moneren
+können im Beginn des organischen Lebens auf unserm Planeten durch
+Urzeugung entstanden sein; nur Moneren können die ältesten Stammältern
+aller übrigen Organismen sein. Gerade in dieser Beziehung sind die
+Moneren des Tiefseegrundes, und vor Allen der berühmte ~Bathybius~
+(Fig. 49) vom höchsten Interesse.
+
+[Illustration: Fig. 48. ~Protomyxa aurantiaca~, ein Moner mit
+wurzelförmig verästelten fadenartigen Pseudopodien, gleich einem
+Rhizopoden.]
+
+[Illustration: Fig. 49. ~Bathybius~ (Haeckelii). Ein Plasmodium aus
+den Tiefen des Oceans. Die verästelten Plasson-Ströme, durch deren
+Verbindung das Netz entsteht, ändern sich beständig.]
+
+[Illustration: Fig. 50. ~Zitterlinge~ (~Bacteria~), sehr stark
+vergrössert. 1. ~Sarcine~, eine einfachste Cytode, im menschlichen
+Magen schmarotzend, welche sich durch kreuzförmige Theilung vermehrt.
+2. ~Bacillus~, gerade Stäbchen. 3. ~Vibrio~, korkzieherartig gewundene
+Stäbchen. 4. ~Spirillum~, eben solche Spiralstäbchen, die aber an
+beiden Enden eine äusserst feine, schwingende Geissel tragen.]
+
+Eine sehr wichtige und interessante Monerengruppe bilden die
+~Zitterlinge~ (_Vibriones_ oder _Bacteria_, Fig. 50). Obgleich diese
+winzigen Körperchen, die zu den allerkleinsten Organismen gehören,
+meistens von den Botanikern zu den Pflanzen gerechnet und als
+»~Spaltpilze~ (_Schizomycetes_)« den echten Pilzen angereiht werden,
+geschieht das doch ohne jeden genügenden Grund. Mindestens haben
+diejenigen Zoologen, welche sie als einfachste Thiere betrachten,
+ebensoviel Recht dazu. Die ~Bacterien~ sind eben echte ~Protisten~, und
+zwar kleinste ~Moneren~, deren höchst einfache Organisation und ganz
+neutraler Character sie weder dem Thierreich, noch dem Pflanzenreich
+anzuschliessen gestattet.
+
+Die Bacterien sind meistens stabförmige Körperchen, die sich lebhaft im
+Wasser bewegen. Als Organ der Bewegung ist bei einigen grösseren Formen
+eine äusserst feine, schwingende Geissel erkannt, die an beiden Enden
+des Stäbchens vortritt, so bei _Spirillum_ (Fig. 50, 4). Wahrscheinlich
+ist eine solche auch bei den kleineren Vibrionen vorhanden und nur
+wegen ihrer ausserordentlichen Zartheit nicht wahrzunehmen. Die
+Bewegung der Bacterien ist meistens sehr lebhaft, zitternd oder
+wimmelnd, viele sind korkzieherartig gedreht und schrauben sich im
+Wasser fort (Fig. 50, 3). In einem einzigen Wassertröpfchen können
+Millionen solcher kleinsten Organismen vereinigt sein. Irgend
+welche Organisations-Verhältnisse, namentlich ein Zellkern, sind an
+denselben nicht nachzuweisen; sie sind daher auch nicht wirkliche
+~Zellen~, sondern kernlose ~Cytoden~, gleich den anderen Moneren.
+Ihre Fortpflanzung geschieht in einfachster Weise durch Theilung. Oft
+zerfällt jedes Stäbchen in eine grosse Anzahl hinter einander gelegener
+Stückchen.
+
+Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie die
+Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken, in
+welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen
+Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen
+Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache
+vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten.
+So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern
+festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken
+und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser tödtlichen
+Krankheiten bewirken.
+
+ * * * * *
+
+Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die Masse von
+verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem Protistenreiche
+vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit dieses letzteren
+keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn es existirt noch heute eine
+ungeheuere Menge von formenreichen, mikroskopischen Wesen, die wir
+ohne willkürlichen Zwang weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich
+rechnen können. Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen
+Lebensreiche zu jenem ~neutralen~, zwischen Beiden mitten inne
+stehenden ~Protistenreiche~ wird noch vielfacher Durchforschung und
+Klärung bedürfen. Insbesondere wird die ~Entwickelungsgeschichte~
+der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen sein.
+Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie überall, der
+»wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen Erscheinungen
+sein.
+
+Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und klare
+Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen zu sein.
+Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib aus zwei
+ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen der ~Keimblätter~
+bekannt sind.
+
+[Illustration: Fig. 51. ~Gastrula~ (Darmlarve) eines Kalkschwammes,
+~Olynthus~. A von der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres
+Keimblatt (Hautblatt oder Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder
+Entoderm). o Urmund. g Urdarmhöhle.]
+
+Aus dem äusseren oder animalen (_Exoderma_ oder ~Hautblatt~, Fig. 51 e)
+entstehen die Organe der Empfindung und Bewegung; aus dem innern oder
+vegetativen Keimblatte (_Entoderma_ oder ~Darmblatt~, Fig. 51 i) die
+Organe der Ernährung. Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle,
+die erste Anlage des Magens, oder den ~Urdarm~ (g), und dieser öffnet
+sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den ~Urmund~ (o). Die
+bedeutungsvolle Keimform, welche uns den Thierleib dergestalt, blos
+aus zwei Keimblättern gebildet, vor Augen führt, ist die ~Gastrula~
+(Darmlarve oder Becherkeim).
+
+[Illustration: Fig. 52–57. ~Gastrula~ von sechs verschiedenen Thieren.
+Fig. 52 (B) ~Wurm~ (Sagitta). Fig. 53 (C) ~Seestern~ (Uraster). Fig. 54
+(D) ~Krebs~ (Nauplius). Fig. 55 (E) ~Schnecke~ (Lymnaeus). Fig. 56 (A)
+~Pflanzenthier~ (Gastrophysema). Fig. 57 (F) ~Wirbelthier~ (Amphioxus).
+— Ueberall bedeutet: e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d
+Urdarm, o Urmund.]
+
+[Illustration: Fig. 58. ~Gastrula~ eines ~Säugethieres~ (Kaninchen).
+e Hautblatt (Exoderm). i Darmblatt (Entoderm). d eine centrale
+Entoderm-Zelle, welche die enge Urdarmhülle ausfüllt. o eine
+Entoderm-Zelle, welche die Urmundöffnung verstopft. Ebenso wie beim
+Kaninchen verhält sich wahrscheinlich auch die ~Gastrula~ beim
+~Menschen~.]
+
+Diese ~Gastrula ist das wahre Thier in einfachster~ Form. Denn
+bei allen echten Thieren fängt die Entwickelung des Eies zur
+verschiedenartigen Thierform mit der gleichartigen Bildung dieser
+Gastrula an. Die niedersten Pflanzenthiere, die Physemarien (Fig. 56)
+wie die Schwämme (Fig. 51), die niedrigsten Würmer (Fig. 52), ebenso
+die Sternthiere (Fig. 53), die Gliederthiere (Fig. 54) ebenso wie die
+Weichthiere (Fig. 55), ja sogar die niedrigsten Wirbelthiere (Fig.
+57), durchlaufen in frühester Jugend diese ~Gastrula~-Keimform; die
+anderen Thiere bilden zweiblättrige Keimformen, die nur als abgeänderte
+Gastrula-Keime betrachtet werden können; so auch die Säugethiere, mit
+Inbegriff des Menschen (Fig. 58); überall baut sich der echte Thierleib
+ursprünglich ~aus zwei Keimblättern~ auf. Hingegen erhebt sich kein
+einziges Protist zur Production von Keimblättern und zur Bildung einer
+Gastrula.
+
+ * * * * *
+
+Weniger klar und scharf lässt sich unser Protistenreich gegen das
+~Pflanzenreich~ hin abgrenzen. Doch dürften auch hier die Verhältnisse
+der individuellen Entwickelung und des feineren Baues die Handhabe
+liefern, mit deren Hülfe wir die Grenzlinie ziehen können. Auch bei
+den echten Pflanzen ordnen sich die Zellen, welche den Körper zunächst
+aufbauen, in bestimmter Weise zu Zellenreihen oder ~Zellenschichten~;
+und die charakteristische einfachste Pflanzenform der Art bildet
+den sogenannten ~Thallus~ oder das »Zellenlager«. Bei den niederen
+Pflanzen bleibt der Thallus als solcher zeitlebens bestehen, bei den
+höheren sondert oder differenzirt er sich in Stengel und Blätter. Auch
+vermehren sich alle echten Pflanzen auf geschlechtlichem Wege, während
+dies bei den Protisten nicht der Fall ist.
+
+Eine ~absolute~ Grenze freilich zwischen den drei organischen Reichen
+können und wollen wir nicht feststellen. Denn auch die echten Pflanzen,
+wie die echten Thiere, durchlaufen in ihrer frühesten Entwickelung,
+als einzelliges Ei, als einfacher Zellenhaufen u. s. w. niedere
+Formzustände, welche gewissen Protisten gleichen. Nach unserem
+biogenetischen Grundgesetze müssen wir daraus den Schluss ziehen, dass
+sämmtliche Organismen, Thiere, Protisten und Pflanzen, von höchst
+einfachen einzelligen Organismen abstammen; und wenn wir diese ältesten
+Stammformen heute lebend vor uns hätten, würden wir sie jedenfalls für
+neutrale ~Protisten~ erklären.
+
+Eine gute ~negative~ Charakteristik der Protisten, gegenüber den
+echten Thieren und den echten Pflanzen, lässt sich darauf gründen,
+dass sie weder eine ~Gastrula~ mit zwei Keimblättern bilden, wie die
+ersteren, noch einen ~Thallus~ oder ein Prothallium, wie die letzteren.
+Damit in Zusammenhang steht der Umstand, dass die Protisten niemals
+wirkliche (aus vielen Zellen zusammengesetzte) ~Gewebe~ und ~Organe~
+bilden, wie alle echten Thiere und Pflanzen. Auch ist es sicher von
+grosser Bedeutung, dass die grosse Mehrzahl aller Protisten sich
+ausschliesslich auf ~ungeschlechtlichem~ Wege fortpflanzt (durch
+Theilung, Knospenbildung, Sporenbildung). Aber selbst bei den wenigen
+Protisten, welche sich bereits zur geschlechtlichen Zeugung in
+einfachster Form erheben, geht der Gegensatz zwischen männlichen und
+weiblichen Theilen niemals so weit, wie es bei allen echten Thieren
+und Pflanzen der Fall ist. Sie repräsentiren in jeder Beziehung jene
+~niedere~ älteste Bildungsstufe, welche jedenfalls der Entwickelung
+echter Thiere und echter Pflanzen vorausgegangen sein muss.
+
+Diese Betrachtungen führen uns auf denjenigen Weg, auf welchem
+allein eigentlich das Verhältniss der drei organischen Reiche zu
+einander entscheidend aufgeklärt werden kann, auf den Weg der
+~Stammesgeschichte~ oder ~Phylogenie~. Wenn wir ganz genau wüssten,
+wie sich das organische Leben auf unserem Erdball von Anfang an
+entwickelt hat, wie die Thiere, Protisten und Pflanzen ursprünglich
+entstanden sind, dann würden wir auch das Verhältniss der drei Reiche
+zu einander klar und unzweideutig beurtheilen können. Aber der sichere
+Weg der unmittelbaren Erfahrung bleibt uns für die Erkenntniss dieses
+wichtigen Verhältnisses auf ewig verschlossen. Kein lebendes Wesen
+und keine Schöpfungsurkunde kann uns erzählen, wie jener älteste
+Entwickelungsgang des organischen Lebens vor vielen Millionen von
+Jahren begonnen und wie er sich weiterhin zunächst gestaltet hat.
+Tausende von Arten und Gattungen, Millionen von Generationen sind in’s
+Grab gesunken, ohne uns sichtbare Spuren ihrer Existenz hinterlassen
+zu haben. Und gerade die wichtigsten von Allen, die ältesten und
+einfachsten Formen, konnten wegen des Mangels harter Körpertheile
+keine Versteinerungen zurücklassen.
+
+Aber wenn uns auch der streng empirische Weg der Erkenntniss in
+dieser hochwichtigen Ursprungsfrage unwiderruflich verschlossen
+ist, so bleibt uns doch hier, wie überall, zur Ausfüllung unserer
+Erkenntnisslücken der Weg der wissenschaftlichen Hypothese offen. Wenn
+diese ~historische Hypothese~ sich in umfassender Weise auf die bisher
+erkannten wissenschaftlichen Thatsachen stützt, so ist sie in der
+Naturgeschichte der Lebewesen ebenso berechtigt, wie in der Geologie,
+in der Archaeologie, der Culturgeschichte und anderen historischen
+Wissenschaften. Und wie uns die allgemein anerkannten geologischen
+Hypothesen dazu geführt haben, eine befriedigende Einsicht in den
+Entwickelungsgang unsers Erdballs zu gewinnen, so werden auch die
+phylogenetischen Hypothesen, die wir auf die von ~Darwin~ reformirte
+Descendenz-Theorie gründen, Licht über den Entwickelungsgang des
+organischen Lebens auf der Erde verbreiten.
+
+ * * * * *
+
+Wir können hier nicht auf eine Beleuchtung und Begründung aller der
+verschiedenen phylogenetischen Hypothesen eingehen, welche über
+diesen Entwickelungsgang aufgestellt worden sind. Nur auf diejenige
+Vorstellung wollen wir schliesslich noch einen flüchtigen Blick werfen,
+welche heuzutage am meisten innere Wahrscheinlichkeit für sich hat.
+Danach müssen wir annehmen, dass das Leben auf unserem Planeten mit
+der selbständigen Entstehung der allereinfachsten ~Protisten~ aus
+anorganischen Verbindungen begonnen hat. Diese ältesten Lebewesen der
+Erde werden den heute noch existirenden ~Moneren~ ähnlich gewesen sein:
+einfachste lebende Protoplasma-Stückchen ohne jegliche Organbildung.
+Daraus werden sich zunächst durch Sonderung eines Darmes im Inneren
+einzellige Protisten gebildet haben, und zwar höchst einfache, formlose
+und indifferente ~Zellen~, gleich den ~Amoeben~. Indem einige von
+diesen einzelligen Protisten, von geselligen Neigungen getrieben, sich
+daran gewöhnten, in kleinen Gesellschaften vereinigt zu leben, werden
+die ersten vielzelligen Organismen entstanden sein, und zwar zunächst
+auch nur wieder einfache Zellenhorden, lockere Gesellschaften von
+gleichartigen Zellen.
+
+Nun ist es wohl wahrscheinlich, dass diese ältesten und einfachsten
+Entwickelungsvorgänge des organischen Lebens sich an zahlreichen
+verschiedenen Stellen des jugendlichen Erdballs gleichzeitig und
+unabhängig von einander wiederholt haben. So können also verschiedene
+und vielleicht zahlreiche Formen von Protisten unabhängig von einander
+entstanden sein; zuerst einzellige, später vielzellige. Durch den
+allgemeinen Kampf um’s Dasein, der auch unter diesen Protisten
+frühzeitig sich geltend machte, werden dieselben allmählich zu höherer
+Sonderung und Vervollkommnung angetrieben worden sein. Als wichtigster
+Vorgang ist da sicher die gegensätzliche Sonderung von thierischen
+und pflanzlichen Lebens-Processen hervorzuheben. Die einen Protisten
+begannen mehr an thierische, die andere an pflanzliche Lebensweise
+sich anzupassen, und mit der Lebensweise in Wechselwirkung entstand
+die charakteristische Körperform. Eine dritte, conservative Gruppe von
+Protisten behielt den ursprünglichen neutralen Character bei. Indem
+jene Anpassungen sich im Laufe der Zeit durch Vererbung befestigten,
+bildeten sich neben einander die drei grossen organischen Reiche aus.
+
+Mit Beziehung auf den Stoffwechsel und die Ernährung würden wir
+freilich sagen können, dass diese ältesten Bewohner unseres Planeten
+~Pflanzen~ waren, — richtiger: Protisten mit pflanzlichem Stoffwechsel;
+Protisten, welche gleich echten Pflanzen aus Wasser, Kohlensäure und
+Ammoniak die wichtigste »Lebens-Basis«, das ~Plasson~, zusammensetzten,
+und dieses Plasson sonderte sich später in Protoplasma und Nucleus.
+
+Die ältesten ~Thiere~ hingegen — oder richtiger: die ältesten Protisten
+mit thierischem Stoffwechsel, waren ~Parasiten~, schmarotzende
+Protisten, welche es bequemer fanden, sich das von anderen Protisten
+gebildete Protoplasma anzueignen, als selbst solches zu bilden.
+Da eben ursprünglich viele Protisten-Stämme sich unabhängig von
+einander entwickelt haben können, von verschiedenen autogonen
+Moneren abstammend, so können auch diese Anpassungen sich mehrmals
+(polyphyletisch) wiederholt haben.
+
+Aber auch wenn wir diese vielstämmige (polyphyletische) Hypothese
+verwerfen und wenn wir mehr zu der einstämmigen (monophyletischen)
+Annahme hinneigen, dass der Ursprung aller lebenden Wesen auf eine
+einzige gemeinsame Stammform zurückgeführt werden muss, auch dann
+werden wir doch im Ganzen wieder zu ähnlichen Vorstellungen über das
+Verhältniss der drei Reiche gelangen. Auch in diesem Falle werden
+wir annehmen müssen, dass jene älteste ursprüngliche Stammform eine
+einfachste Cytode, ein ~Moner~ war, und dass sich aus den Nachkommen
+jenes Moners zunächst einfache ~Zellen~ entwickelten. Diese Zellen
+werden sich wieder in thierische und pflanzliche gesondert haben,
+und so wird sich nach einer Richtung hin das Thierreich, nach einer
+anderen das Pflanzenreich ausgebildet haben, zwei gewaltigen, weit
+verzweigten Stämmen vergleichbar. Aber aus der gemeinsamen Wurzel, in
+der diese beiden grossen Stämme zusammenhängen, haben sich ausserdem
+noch zahlreiche niedere und indifferente Wurzelschösslinge selbständig
+entwickelt; und diese bilden zusammen unser Reich der ~Protisten~.
+
+Gleichviel ob wir dieser einstämmigen oder jener vielstämmigen
+Hypothese den Vorzug geben, so bleibt jedenfalls so viel sicher, dass
+Thierreich und Pflanzenreich nur in ihren vollkommneren Formen sich
+schroff gegenüber stehen, in ihren niederen Formen dagegen durch
+das Protistenreich untrennbar zusammenhängen. Die wissenschaftliche
+Begründung dieser wichtigen Anschauung ist uns erst durch die
+grossartigen Fortschritte der letzten vierzig Jahre möglich geworden.
+Aber mit dem Genius des Propheten hat schon vor siebzig Jahren einer
+unserer tiefblickendsten Naturphilosophen, Deutschlands genialster
+Dichter, dieselbe Anschauung ahnungsvoll ausgesprochen. In Jena schrieb
+~Göthe~ 1806 den merkwürdigen Satz nieder: »Wenn man Pflanzen und
+Thiere in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind sie kaum
+zu unterscheiden. So viel aber können wir sagen, dass die aus einer
+kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach und
+nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich
+vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd und
+starr, das Thier im Menschen zur höchsten Beweglichkeit und Freiheit
+sich verherrlicht.«
+
+
+
+
+Bathybius und die Moneren.
+
+
+»Der vielbesprochene Bathybius existirt nicht; seine Annahme beruhte
+auf Täuschungen. So werden auch die übrigen Moneren nicht existiren;
+auch diese angeblichen Urorganismen werden das Erzeugniss irrthümlicher
+Beobachtungen sein. Mithin ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der
+modernen Entwickelungslehre gefallen; und so werden auch ihre übrigen
+Stützpfeiler auf Täuschungen und Irrthum gegründet sein. Der ganze
+Darwinismus ist ein grosses Luftschloss, die Selectionstheorie eine
+Seifenblase, und die Abstammungslehre ist überhaupt nicht wahr.«
+
+So ungefähr ist der Gedankengang zahlreicher Artikel, denen wir seit
+einem Jahre in den verschiedensten Zeitschriften begegnen. Einzig und
+allein auf die angebliche Nichtexistenz des ~Bathybius~ gestützt,
+behauptet man kurzweg, dass es überhaupt keine ~Moneren~ gebe, und
+dass damit die ganze Entwickelungslehre den schwersten Stoss erhalten
+habe. Am liebsten wird diese Behauptung natürlich von den Gegnern
+der Entwickelungslehre vorgetragen und in den mannigfaltigsten
+Tonarten variirt. Der Clerus triumphirt bereits über den völligen
+Untergang der Descendenztheorie. Aber selbst bei vielen Anhängern
+der Entwickelungstheorie gilt die Nichtexistenz des Bathybius als
+ausgemacht und es wird daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen
+gezogen, die als mehr oder minder gewichtige Einwürfe gegen
+hervorragende Hauptpunkte des Darwinismus Bedenken erregen. Diese
+Umstände, sowie die Unklarheit, in welcher sich der grösste Theil
+des dafür interessirten Publicums über den eigentlichen Thatbestand
+befindet, bestimmt uns, hier die Moneren-Frage mit besonderer Rücksicht
+auf den Bathybius zu erörtern. Ich selbst erscheine zu dieser
+Erörterung insofern besonders berechtigt, ja sogar verpflichtet, als
+ich das zweifelhafte Glück geniesse, bei dem »berüchtigten Urschleim
+der Meerestiefen« Gevatter gestanden zu haben. Als mein Freund ~Thomas
+Huxley~ 1868 ihm bei der Taufe den Namen _Bathybius Haeckelii_
+beilegte, konnte er freilich nicht ahnen, dass der arme Täufling, einem
+Icarus gleich, in kürzester Zeit zu einer biologischen Celebrität
+werden, die Sonnenhöhe irdischer Berühmtheit erlangen und noch vor
+Ablauf seines ersten Decenniums in den dunkeln Hades der Mythologie
+hinabstürzen werde! Sehen wir denn zu, ob er wirklich todt ist, ob
+er überhaupt nicht existirt hat. Und wenn wir wirklich seine bloss
+mythologische Schein-Existenz zugeben müssten, sehen wir weiter zu, was
+daraus für die Moneren folgt!
+
+
+I. Zur Geschichte der Moneren.
+
+Im Frühling des Jahres 1864 beobachtete ich im Mittelmeere bei
+Villafranca unweit Nizza schwimmende, winzige Schleimkügelchen von
+ungefähr einem Millimeter oder einer halben Linie Durchmesser, die mein
+höchstes Interesse erregten. Vorsichtig unter das Mikroskop gebracht,
+erschien nämlich jedes dieser Kügelchen wie ein kleiner Stern, dessen
+Mitte aus einem viel kleineren structurlosen Kügelchen bestand,
+während von der Oberfläche ringsum mehrere Tausend äusserst feine
+Fäden ausstrahlten. Die genaue Untersuchung bei starker Vergrösserung
+lehrte, dass der ganze Körper des sternförmigen Wesens aus einfacher
+eiweissartiger Zellsubstanz, aus ~Sarcode~ oder ~Protoplasma~
+bestehe, und dass die Fäden, welche allenthalben von der Oberfläche
+ausstrahlten, keine beständigen Organe seien, sondern ihre Zahl, Grösse
+und Gestalt beständig änderten. Sie erwiesen sich als ebenso wechselnde
+und unbeständige Fortsätze des centralen Protoplasma-Körpers, wie
+die längst bekannten »Scheinfüsschen oder Pseudopodien«, welche die
+einzigen Organe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~ darstellen. Während
+aber bei diesen Letzteren Zellkerne im Protoplasma zerstreut sind
+und ihr Körper somit den Formwerth von einer oder mehreren Zellen
+besitzt, ist das bei jenen in Nizza beobachteten Protoplasma-Kügelchen
+nicht der Fall. Im Uebrigen war kein Unterschied hier und dort zu
+finden bezüglich der Bewegungsform der fliessenden Schleimfäden und
+der Art und Weise, in welcher dieselben als Tastorgane zum Empfinden,
+als Contractionsorgane zum Kriechen, und als Ernährungsorgane zur
+Nahrungsaufnahme benutzt wurden. Um die Naturgeschichte des kleinen
+Protaplasmakügelchens von Nizza, das ich auf das Genaueste untersuchte,
+zu vervollständigen, fehlte es nur noch an der Beobachtung seiner
+Fortpflanzung. Auch diese glückte schliesslich. Nach einiger Zeit
+zerfiel das kleine Wesen durch einfache Theilung in zwei Hälften, von
+denen jede ihr eignes Leben in derselben Weise weiterführte, wie
+das erstere. Ich hatte somit den vollständigen Lebenscyclus eines
+denkbar einfachsten Organismus erkannt, und nannte denselben in
+Anerkennung seiner fundamentalen Bedeutung _Protogenes primordialis_,
+den »Erstgebornen der Urzeit«. Seine genaue Beschreibung gab ich im
+XV. Bande der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie (S. 360, Taf.
+XXVI., Fig. 1, 2).
+
+Schon im folgenden Jahre wurden zwei verschiedene, dem Protogenes
+sehr ähnliche, höchst einfache Organismen von dem ausgezeichneten
+Mikroskopiker ~Cienkowski~ beschrieben. Im ersten Bande des Archivs
+für mikroskopische Anatomie (S. 203, Taf. XII.-XIV.) veröffentlichte
+derselbe sehr interessante »Beiträge zur Kenntniss der Monaden.«
+Unter den verschiedenen Protisten, die ~Cienkowski~ hier unter dem
+alten, vieldeutigen und daher sehr unsicheren Begriffe der »Monaden«
+zusammenfasst, befinden sich zwei mikroskopische Bewohner des süssen
+Wassers, welche in der vollkommen einfachen und structurlosen
+Beschaffenheit ihres kernlosen, strahlenden Protoplasma-Körpers dem
+Protogenes gleichen, die Gattungen ~Protomonas~ (_Monas amyli_) und
+~Vampyrella~ (letztere mit drei verschiedenen Arten). Sie unterscheiden
+sich aber von dem ersteren durch die Art und Weise ihrer Fortpflanzung.
+Während der Protogenes, nachdem er durch Wachsthum ein gewisses
+Grössenmaass erreicht hat, dieses nicht weiter überschreitet, sondern
+ohne Weiteres in zwei Stücke zerfällt, ziehen Protomonas und Vampyrella
+ihre Strahlen ein und gehen in einen Ruhestand über, in welchem sich
+die kleine Protoplasmakugel einkapselt oder encystirt, mit einer
+Hülle (»Cyste«) umgiebt. Innerhalb dieser kleinen Hülle zerfällt die
+Protomonas in sehr zahlreiche Kügelchen, die Vampyrella in vier Stücke
+(Tetrasporen). Alle diese Theilstücke werden später frei und entwickeln
+sich durch einfaches Wachsthum zu der reifen Form.
+
+Inzwischen hatte ich selbst eine vierte ähnliche Gattung von höchst
+einfachen Organismen im süssen Wasser bei Jena beobachtet, welche einer
+gewöhnlichen Amoebe ganz gleich sich verhält, aber von dieser letzteren
+durch den Mangel eines Zellkerns und einer contractilen Blase sich
+unterscheidet. Ich nannte sie daher _Protamoeba primitiva_. Während
+bei den drei ersterwähnten Schleimkügelchen (Protogenes, Protomonas,
+Vampyrella) überall zahlreiche Fäden aus der Oberfläche des centralen
+Protoplasma-Körpers ausstrahlen, sehen wir statt deren bei Protamoeba
+— ganz wie bei der gewöhnlichen Amoeba — wenige kurze, fingerförmige
+Fortsätze sich ausstrecken, welche ihre Gestalt beständig ändern; sie
+werden eingezogen und an einer andern Stelle wieder vorgestreckt.
+Hat die Protamoeba durch Nahrungsaufnahme (die ebenfalls wie bei
+Amoeba erfolgt) eine gewisse Grösse erreicht, so zerfällt sie durch
+Theilung in zwei Hälften. Ich machte die erste Mittheilung darüber
+in meiner »generellen Morphologie« (Bd. I. S. 133). Später habe ich
+von Protamoeba primitiva Abbildungen gegeben, welche u. A. in die
+»Natürliche Schöpfungsgeschichte« (VI. Aufl. S. 167) und in die
+»Anthropogenie« (III. Aufl. S. 414) aufgenommen sind.
+
+Gestützt auf diese Beobachtungen, die späterhin durch die
+Untersuchungen anderer Forscher, wie durch meine eigenen noch
+beträchtlich erweitert wurden, gründete ich 1866 in der »Generellen
+Morphologie« für alle diese Organismen von einfachster Beschaffenheit
+eine besondere Classe unter dem Namen der ~Moneren~, d. h. der
+»~Einfachen~«. Im ersten Bande (S. 135) sagte ich damals:
+
+»Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen, bei denen
+wir weder mit dem Mikroskop, noch mit den chemischen Reagentien irgend
+eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers nachzuweisen vermögen,
+von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen zusammengesetzten
+Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir sie ein für allemal
+mit dem Namen der »Einfachen« oder »Moneren« belegen. Gewiss dürfen wir
+auf diese höchst interessanten, bisher aber fast ganz vernachlässigten
+Organismen besonders die Aufmerksamkeit hinlenken und auf ihre
+äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völliger Ausübung aller
+wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht legen, wenn es gilt,
+~das Leben zu erklären~, es aus der fälschlich sogenannten »~todten
+Materie~« abzuleiten, und die übertriebene Kluft zwischen Organismen
+und Anorganen auszugleichen. Indem bei diesen homogenen belebten
+Naturkörpern von differenten Formbestandtheilen, von »Organen«, noch
+keine Spur zu entdecken ist, vielmehr alle Moleküle der structurlosen
+Kohlenstoffverbindung, des lebendigen Eiweisses, in gleichem Maasse
+fähig erscheinen, sämmtliche Lebensfunctionen zu vollziehen, liefern
+sie klar den Beweis, dass der Begriff des Organismus nur dynamisch
+oder physiologisch aus den Lebensbewegungen, nicht aber statisch
+oder morphologisch aus der Zusammensetzung des Körpers aus »Organen«
+abgeleitet werden kann.«
+
+In den folgenden Jahren wurde der Kreis unserer Erfahrungen über
+diese wunderbaren »Organismen ohne Organe« wesentlich erweitert. Auf
+meiner Reise nach den canarischen Inseln (1866 und 1867) richtete
+ich natürlich meine ganze Aufmerksamkeit auf dieselben und war denn
+auch so glücklich, noch mehrere neue Moneren-Formen zu entdecken. Auf
+den weissen Kalkschalen, eines merkwürdigen Cephalopoden (_Spirula
+Peronii_), die zu Tausenden an den Küsten der canarischen Inseln
+angetrieben zu finden sind, bemerkte ich zuweilen zahlreiche rothe
+Pünktchen, welche sich unter der Lupe als zierliche Sternchen und
+bei starker Vergrösserung als orangerothe Protoplasma-Scheiben oder
+-Kugeln zu erkennen gaben, von deren Umfange zahlreiche baumförmig
+verästelte Fäden ausstrahlten. Die genauere Untersuchung zeigte, dass
+auch diese (verhältnissmässig colossalen) Protoplasma-Körper kernlos
+und structurlos waren und sich in ähnlicher Weise wie Protomonas
+fortpflanzten, nämlich dadurch, dass der kugelig zusammengezogene
+und eingekapselte Körper in zahlreiche kleine Stücke zerfiel. Ich
+nannte diese interessante neue Moneren-Gattung _Protomyxa aurantiaca_
+und habe sie zuerst auf Taf. I. der »Natürl. Schöpfungsgeschichte«
+abgebildet. Eine ähnliche stattliche Monerenform entdeckte ich sodann
+in demselben Jahre (1867) im Schlamme des Hafenbeckens von Puerto
+del Arrecife, der Hafenstadt der canarischen Insel Lanzarote, und
+bezeichnete sie als _Myxastrum radians_. Sie ist dadurch ausgezeichnet,
+dass die Theilstücke oder Sporen, in welche der kugelige Körper bei der
+Fortpflanzung zerfällt, sich radial gegen den Mittelpunkt der Kugel
+ordnen und spindelförmige Kieselhüllen ausschwitzen, aus denen später
+das junge Moner ausschlüpft.
+
+Gestützt auf alle diese Beobachtungen, veröffentlichte ich 1868 in
+der »Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft« eine ausführliche
+~Monographie der Moneren~. (Bd. IV, S. 64, Taf. II. und III). Hier sind
+alle eigenen und fremden Beobachtungen ausführlich zusammengestellt
+und erläutert. Es ergaben sich damals sieben verschiedene Gattungen
+von Moneren. Durch spätere Beobachtungen ist die Zahl der Arten auf
+16 gesteigert worden, worüber ich in den »Nachträgen zur Monographie
+der Moneren« berichtet habe (Jenaische Zeitschr. für Naturw. 1877. Bd.
+VI. S. 23). Die Unterschiede aller dieser Moneren beruhen nur darauf,
+dass die weiche, schleimige Körpermasse in verschiedener Form sich
+ausbreitet und bewegt, und dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung
+(durch Theilung, Sporenbildung u. s. w.) auf verschiedene Weise
+geschieht.
+
+
+II. Zur Geschichte des Bathybius.
+
+Das hohe Interesse, das die Moneren in morphologischer sowohl, als
+physiologischer Beziehung darbieten, wurde noch gesteigert, als
+1868 der erste Zoologe Englands, der berühmte ~Thomas Huxley~, eine
+neue, ganz eigenartige Moneren-Gattung unter dem Namen ~Bathybius
+Haeckelii~ beschrieb (Journal of microscop. science, Vol. VIII, N.
+S. p. 1, Pl. IV). Abweichend von den übrigen Moneren sollte dieser
+~Bathybius~ eigenthümlich geformte mikroskopische Kalkkörperchen
+einschliessen: ~Coccosphaeren~ und ~Coccolithen~ (~Discolithen~ und
+~Cyatholiten~); die formlosen Protoplasma-Klumpen desselben aber, von
+sehr verschiedener Grösse, sollten in ungeheuren Massen die tiefsten
+Abgründe des Meeres bedecken, unterhalb 5000 Fuss bis zu 25000 Fuss
+hinab. Mit diesem formlosen Ur-Organismus einfachster Art, der zu
+Milliarden vereinigt den Meeresboden mit einer lebendigen Schleimdecke
+überzieht, schien ein neues Licht auf eine der schwierigsten und
+dunkelsten Fragen der Schöpfungsgeschichte zu fallen, auf die Frage
+von der ~Urzeugung~, von der ersten Entstehung des Lebens auf unserer
+Erde. Mit dem ~Bathybius~ schien der berüchtigte »~Urschleim~« gefunden
+zu sein, von dem ~Oken~ vor einem halben Jahrhundert prophetisch
+behauptet hatte, dass alles Organische aus ihm hervorgegangen, und dass
+er im Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie im
+Meeresgrunde entstanden sei.
+
+Der Tiefseeschlamm, welcher die ~Bathybius~-Massen enthält, wurde
+zuerst bei Gelegenheit der grossartigen Tiefgrund-Untersuchungen
+entdeckt, die seit dem Jahre 1857 behufs Legung des transatlantischen
+Telegraphen-Kabels angestellt wurden. Man fand schon damals das
+»atlantische Telegraphen-Plateau«, jene mächtige Tiefsee-Ebene, welche
+sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 12,000 Fuss von Irland bis
+Neufundland erstreckt, allenthalben mit einem eigenthümlichen, grauen,
+äusserst feinpulverigen Schlamme bedeckt: Derselbe zeichnete sich
+durch zähe, klebrige Beschaffenheit aus und zeigte bei mikroskopischer
+Untersuchung Massen von kleinen kalkschaligen Rhizopoden, insbesondere
+Globigerinen, und ferner, als Hauptbestandtheile, die sehr kleinen,
+als Coccolithen bezeichneten Kalkkörperchen. Aber erst elf Jahre
+später, als ~Huxley~ 1868 mittelst eines sehr scharfen Mikroskopes
+eine erneute genaue Untersuchung desselben Schlammes, auch in
+chemischer Beziehung, vornahm, entdeckte er darin die nackten,
+freien, formlosen Protoplasma-Klumpen, welche neben den genannten
+Theilen die Hauptmasse des Schlammes bilden. »Diese Klumpen sind von
+allen Grössen, von Stücken, die mit blossem Auge sichtbar sind bis
+zu äusserst kleinen Partikelchen. Wenn man sie der mikroskopischen
+Analyse unterwirft, zeigen sie — eingebettet in eine durchsichtige,
+farblose und strukturlose ~Matrix~ — Körnchen, Coccolithen und zufällig
+hineingerathene fremde Körper.«
+
+~Lebender Bathybius~ wurde zuerst 1868 von Sir ~Wyville Thomson~
+und Professor ~William Carpenter~, zwei ebenso erfahrenen
+als scharfsichtigen Zoologen, während ihrer nordatlantischen
+Tiefsee-Expedition auf dem Kriegsschiffe »Porcupine« beobachtet. Sie
+berichten über den frisch heraufgeholten lebendigen Tiefsee-Schlamm:
+»Dieser ~Schlamm war wirklich lebendig; er häufte sich in Klumpen
+zusammen~, als ob Eiweiss beigemischt wäre; und unter dem Mikroskope
+erwies sich die klebrige Masse als ~lebende Sarcode~.« (Annals and
+magaz. of nat. hist. 1869, Vol. IV, p. 151). Ferner sagt Sir ~Wyville
+Thomson~ in seinem höchst interessanten Werke über die Meerestiefen
+(The depths of the Sea II. Edit. 1874. p. 410): »In diesem Schlamm
+(Globigerinen-Schlamm aus 2,435 Faden oder ca. 14,600 Fuss Tiefe,
+aus der Bay von Biscaya), wie in den meisten anderen Schlamm-Proben
+aus dem atlantischen Ocean-Bett, war eine beträchtliche Quantität
+einer weichen, gallertigen, organischen Materie nachweisbar, genug,
+um dem Schlamme eine gewisse Klebrigkeit zu geben. Wenn der Schlamm
+mit schwachem Weingeist geschüttelt wurde, fielen feine Flocken
+nieder, wie von geronnenem Schleime; und wenn ein wenig von demjenigen
+Schlamme, an welchem die klebrige Beschaffenheit am deutlichsten
+hervortritt, in einem Tropfen Seewasser unter das Mikroskop gebracht
+wird, können wir gewöhnlich nach einiger Zeit ein unregelmässiges
+Netzwerk von eiweissartiger Materie sehen, unterscheidbar durch seine
+bestimmten Umrisse und nicht mit Wasser mischbar. Man kann sehen, wie
+dieses Netzwerk seine Form allmählig ändert und die eingeschlossenen
+Körnchen und fremden Körper ihre relative Lage darin verändern. ~Die
+Gallert-Substanz ist daher eines gewissen Grades von Bewegung fähig,
+und es kann kein Zweifel sein, dass sie die Erscheinungen einer sehr
+einfachen Lebensform zeigt.~« So wörtlich Sir ~Wyville Thomson~ (a. a.
+O. S. 411).
+
+Meine eigenen Untersuchungen des ~Bathybius~-Schlammes betrafen,
+ebenso wie diejenigen von ~Huxley~, nur todtes, in Weingeist
+conservirtes Material. Das Fläschchen, in welchem ich denselben von
+den Far-Oer-Inseln zugesandt erhielt, trug die Aufschrift »Dredged
+of Professor Thomson und Dr. Carpenter with the Steamer Porcupine
+on 2435 fathoms. 22. July 1869. Lat. 47° 38'. Long. 12° 4'.« Es war
+also dieser ~Bathybius~-Schlamm derselbe, an welchem die genannten
+Forscher ihre Beobachtungen über amoeboide Bewegungen angestellt
+hatten. Die Resultate meiner Untersuchung habe ich ausführlich in
+meinen »~Beiträgen zur Plastiden-Theorie~« mitgetheilt (2. Bathybius
+und das freie Protoplasma der Meerestiefen. Jen. Zeitschr. für Naturw.
+1870. Bd. V. S. 499. Taf. XVII.) Die 80 Figuren, welche ich daselbst
+(auf Taf. XVII) von den verschiedenen formlosen Protoplasma-Stücken
+des Bathybius und den geformten Kalkkörperchen, die er einschliesst,
+gegeben habe, sind bei sehr starker Vergrösserung mit Hülfe der Camera
+lucida ganz genau gezeichnet. Einige dieser Figuren sind auch in den
+Aufsatz über »das Leben in den grössten Meerestiefen« übergegangen,
+welchen ich 1870 in Virchow-Holzendorff’s Sammlung publicirt habe. (Nr.
+110).
+
+Indem ich diesen, in starkem Alkohol sehr gut conservirten
+Bathybius-Schlamm mit Hülfe der neuesten Methoden möglichst genau
+untersuchte, und namentlich die vortheilhafte (von ~Huxley~ früher
+nicht angewandte) Methode der Färbung mit Carmin und Jod übte,
+suchte ich vor Allem die Quantität und Qualität der formlosen
+Protoplasma-Stücke näher zu bestimmen, die überall in Masse zwischen
+den geformten Kalktheilchen sich vorfanden. Diese eiweissartigen,
+durch Carmin roth gefärbten Stücke waren sehr gleichmässig durch den
+ganzen Schlamm verbreitet und schienen in den meisten untersuchten
+Proben mindestens ein Zehntel bis ein Fünftel des gesammten Volums
+zu betragen, in manchen Präparaten selbst die grössere Hälfte.
+Dieselben Massen, welche durch Carmin sich mehr oder minder intensiv
+roth färbten, nahmen durch Jod — und ebenso durch Salpetersäure —
+eine gelbe Färbung an und zeigten auch im Verhalten gegen andere
+chemische Reagentien ganz dieselben Eigenschaften, wie das gewöhnliche
+Protoplasma der Thier- und Pflanzenzellen. Die Form der meisten
+Stückchen war unregelmässig, rundlich oder mit stumpfen Fortsätzen,
+einer Amoebe ähnlich; andere Stückchen bildeten unregelmässige, kleine
+und grössere Sarcode-Netze, ähnlich denen der Myxomyceten.
+
+Ob die kleinen geformten Kalktheilchen, die Coccolithen und
+Coccosphären, welche in so grossen Massen im Bathybius-Schlamme
+vorkommen, — und zwar ebenso wohl zwischen den Protoplasma-Stückchen,
+als innerhalb derselben, von ihnen umschlossen, — wirklich zu
+ihnen gehören, oder nicht, diese Frage musste ich um so mehr offen
+lassen, als ich schon vorher ganz ähnliche Kalkkörperchen in dem
+Körper mehrerer pelagischen, an der Oberfläche des canarischen
+Meeres schwimmenden Radiolarien gefunden hatte (»_Myxobracchia_ von
+Lanzerote«). Diese sonderbaren Kalkkörperchen, welche bald die Gestalt
+einer einfachen, concentrisch geschichteten Scheibe, bald eines
+Hemdknöpfchens, bald einer aus vielen Scheibchen zusammengesetzten
+Kugel u. s. w. hatten, konnten ebensowohl Ausscheidungen der
+Bathybius-Sarcode sein, als fremde Körper, die zufällig (oder bei der
+Nahrungsaufnahme) in das Protoplasma hinein gelangt waren. In neuester
+Zeit hat sich die grössere Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der letzteren
+Annahme herausgestellt und die meisten Biologen nehmen jetzt an, dass
+alle diese Körperchen mikroskopische ~Kalk-Algen~ seien, verkalkte
+einzellige Pflanzen.
+
+Durch diese Untersuchungen, die von mehreren anderen Forschern
+bestätigt wurden, schien festgestellt, dass auf dem Boden des
+nordatlantischen Oceans, und zwar in Tiefen zwischen 5000 und 25000
+Fuss, ein feinpulveriger Schlamm sich findet, welcher u. A. grosse
+Mengen einer eigenthümlichen, noch kaum individualisirten Moneren-Art
+enthält. Der Fehler, den wir nun begingen, bestand darin, dass
+wir die Resultate dieser nordatlantischen Tiefsee-Untersuchungen
+allzurasch generalisirten und überall den Boden des tiefen Oceans mit
+ähnlichen Moneren bedeckt zu sehen erwarteten. Diese Erwartung wurde
+vollständig getäuscht. Die sehr genaue und umfassende Untersuchung der
+grossartigen ~Challenger~-Expedition, welche in 3½ Jahren die Erde
+umkreiste und in den Tiefen der verschiedenen Oceane sorgfältig nach
+dem Bathybius suchte, hat ihn nirgends wiedergefunden und erzielte
+nur negative Resultate. Wir haben keinen Grund, in die Sorgfalt und
+Genauigkeit der ausgezeichneten Naturforscher der bewunderungswürdigen
+Challenger-Expedition irgend einen Zweifel zu setzen, um so weniger,
+als ja der vorzügliche Director derselben, ~Sir Wyville Thomson~ selbst
+zuerst die Bewegungen am lebenden Bathybius wahrgenommen hatte. Wir
+müssen also wohl annehmen, dass an den vom Challenger untersuchten
+Stellen des tiefen Meeresbodens die Bathybius-Moneren wirklich fehlten.
+Folgt aber daraus, dass alle jene früheren Beobachtungen und Schlüsse
+unrichtig waren?
+
+Wie es sehr häufig in solchen Fällen zu gehen pflegt, so ging
+auch jetzt plötzlich die einseitig übertriebene Ansicht in das
+entgegengesetzte Extrem über. Vorher hatte man gehofft, ~überall~ im
+Schlamme des tiefen Meeresbodens die Protoplasma-Klumpen des Bathybius
+in Masse zu finden; jetzt wollte man sie mit einem Male ~nirgends~
+mehr anerkennen. Insbesondere glaubte man sich zu der Annahme
+berechtigt, der früher in Weingeist untersuchte Bathybius-Schlamm
+sei weiter nichts, als ein feiner Gypsniederschlag, wie er überall
+bei der Mischung von Weingeist mit Seewasser entsteht. Diese Ansicht
+wurde zuerst von einigen Naturforschern der Challenger-Expedition
+ausgesprochen und daraufhin widerrief Professor ~Huxley~ — wie mir
+scheint, zu frühzeitig — seine frühere Ansicht vom Bathybius. In der
+»~Nature~« (vom 19. Aug. 1875) und im »Quarterly Journal of microscop.
+science« (1875, Vol. XV. p. 392) sagt derselbe wörtlich: »Professor
+~Wyville Thomson~ theilt mir mit, dass die besten Bemühungen der
+Challenger-Forscher, lebenden Bathybius zu entdecken, fehlschlugen,
+und dass ernstlich vermuthet wird, das Ding, dem ich diesen Namen gab,
+sei wenig mehr als schwefelsaurer Kalk, in flockigem Zustande aus
+dem Seewasser durch den starken Alkohol niedergeschlagen, in welchem
+der Tiefseeschlamm aufbewahrt wurde. Das Sonderbare ist aber, dass
+dieser unorganische Niederschlag ~kaum von einem Eiweissniederschlag
+zu unterscheiden ist~, und er gleicht, vielleicht noch mehr, dem
+keimführenden Häutchen an der Oberfläche fauliger Aufgüsse, das
+sich unregelmässig, aber sehr stark, mit Carmin färbt, Stücke von
+bestimmtem Umriss bildet und in jeder Weise sich wie ein organisches
+Ding verhält. ~Professor Thomson spricht sehr vorsichtig und sieht
+das Schicksal des Bathybius noch nicht als ganz entschieden an.~ Aber
+da ich hauptsächlich für den eventuellen Irrthum verantwortlich bin,
+diese merkwürdige Substanz in die Reihe der lebenden Wesen eingeführt
+zu haben, so glaube ich richtiger zu verfahren, wenn ich seiner oben
+mitgetheilten Ansicht grösseres Gewicht beilege, als er selbst.«
+
+Dies sind die Worte des Professor ~Huxley~, welche so grosses Aufsehen
+erregten, und nach weit verbreiteter Ansicht dem armen Bathybius
+den Todesstoss versetzt haben. Je mehr aber hier die eigentlichen
+Eltern des Bathybius sich geneigt zeigen, ihr Kind als hoffnungslos
+aufzugeben, desto mehr fühle ich mich als Taufpathe verpflichtet,
+seine Rechte zu wahren und womöglich sein erlöschendes Lebensfünkchen
+wieder zur Geltung zu bringen. Und da finde ich denn glücklicherweise
+einen werthvollen Bundesgenossen in einem vielgereisten deutschen
+Naturforscher, der erst in neuerer Zeit wieder ~lebenden Bathybius~,
+und zwar an der Küste von Grönland, beobachtet hat. Der bekannte
+Nordpolfahrer Dr. ~Emil Bessels~ aus Heidelberg, der von dem
+Schiffbruche der Polaris glücklich zurückkehrte, macht bei Gelegenheit
+seiner Beschreibung der ~Haeckelina gigantea~ (eines colossalen
+Rhizopoden, der vielleicht mit der früher von ~Sandahl~ beschriebenen
+~Astrorhiza~ identisch ist) folgende wichtige Angaben: »Während der
+letzten amerikanischen Nordpol-Expedition fand ich in 92 Faden Tiefe
+in dem Smith-Sunde grosse Massen von freiem undifferenzirtem homogenem
+Protoplasma, welches auch keine Spur der wohlbekannten Coccolithen
+enthielt. Wegen seiner wahrhaft spartanischen Einfachheit nannte ich
+diesen Organismus, den ich lebend beobachten konnte, ~Protobathybius~.
+Derselbe wird in dem Reisewerk der Expedition abgebildet und
+beschrieben werden. Ich will hier nur erwähnen, dass diese ~Massen
+aus reinem Protoplasma~ bestanden, dem nur zufällig Kalktheilchen
+beigemischt waren, aus welchen der Seeboden gebildet ist. Sie stellten
+~äusserst klebrige, maschenartige Gebilde dar, die prächtige amoeboide
+Bewegungen ausführten, Carminpartikelchen sowie andere Fremdkörper
+aufnahmen und lebhafte Körnchenströmung zeigten~. (Jenaische Zeitschr.
+f. Naturw. 1875. Bd. IX., S. 277. Vgl. auch: Annual Report of the
+Secret. of the navy for 1873). An einem anderen Orte, in den von
+~Packard~ publicirten »Life histories of animals« (New-York, 1876 p.
+3) ist eine Abbildung der Protoplasma-Netze des ~Protobathybius~ von
+Dr. ~Bessels~ publicirt. Hiernach möchte ich annehmen, dass derselbe
+von unserm echten Bathybius nicht verschieden ist. Der Unterschied,
+dass letzterer gewöhnlich viele geformte Kalkkörperchen (Coccolithen
+etc.) umschliesst, der erstere dagegen nicht, verliert seine Bedeutung
+durch die immer wachsende Wahrscheinlichkeit, dass diese Kalkkörperchen
+einzellige, als Nahrung aufgenommene Kalkalgen sind.«
+
+
+III. Zur Kritik des Bathybius.
+
+Nachdem wir jetzt die historischen Angaben über den Bathybius
+zusammengetragen und die wichtigsten wörtlich angeführt haben, wenden
+wir uns zur Kritik desselben. Versuchen wir, aus einer unpartheiischen
+Würdigung jener Angaben uns ein selbständiges unbefangenes Urtheil
+über den vielverschrieenen und jetzt fast aufgegebenen Urschleim der
+grössten Meerestiefen zu bilden!
+
+Bezüglich des ~todten Bathybius~, des in Weingeist conservirten
+Tiefseeschlammes aus dem nord-atlantischen Ocean, sind alle Beobachter,
+die denselben genau untersucht haben, einig, dass derselbe mehr oder
+minder ansehnliche Mengen von geronnenem ~Protoplasma~ enthält, welches
+im morphologischen und chemisch-physikalischen Verhalten die grösste
+Aehnlichkeit mit gewissen Moneren besitzt. Die Resultate, welche
+~Huxley~ an seinem »Porcupine«-Material erhielt, und die ich selbst
+bestätigen und ergänzen konnte, sind von allen anderen Beobachtern, die
+denselben Schlamm untersuchten, als richtig anerkannt worden.
+
+Bezüglich des ~lebenden Bathybius~ liegen ~positive~ Angaben über
+die characteristischen rhizopodenartigen Bewegungen desselben von
+drei bewährten Beobachtern vor, von ~Sir Wyville Thomson~, Professor
+~William Carpenter~ und Dr. ~Emil Bessels~. Alle drei stellten
+diese Beobachtungen an Tiefseeschlamm aus dem nord-atlantischen
+Ocean an. Dagegen lieferten die Bemühungen der Challenger-Forscher,
+in verschiedenen Meeren jene älteren Beobachtungen über
+Bewegungs-Erscheinungen zu wiederholen und zu bestätigen, nur
+~negative~ Resultate.
+
+Was folgt nun aus allen diesen Angaben, denen wir sämmtlich dieselbe
+Glaubwürdigkeit zuerkennen müssen, und die sich doch theilweise
+zu widersprechen scheinen? Angenommen, dass alle diese Angaben
+richtig sind, so folgt daraus einfach weiter gar nichts, als dass
+der ~Bathybius-Schlamm eine beschränkte geographische Verbreitung
+besitzt~, und dass es eine voreilige Verallgemeinerung war, alle
+tiefen Meeres-Abgründe mit demselben zu bevölkern. Daraus aber, dass
+die Challenger-Expedition den lebenden Bathybius nicht wiederfinden
+konnte, ist doch wahrlich nicht zu folgern, dass die ~an anderen
+Orten~ angestellten Beobachtungen der Porcupine-Expedition über
+lebenden Bathybius unrichtig waren! Oder sollen wir daraus, dass die
+Challenger-Expedition den merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« nur auf
+einen verhältnissmässig engen Verbreitungsbezirk des pacifischen Oceans
+beschränkt fand, und sonst nirgends wiederfinden konnte, den Schluss
+ziehen, dass derselbe überhaupt nicht existire? Wir wissen, dass die
+allermeisten Organismen-Arten einen beschränkten Verbreitungs-Bezirk
+haben. Warum soll denn nicht auch die Verbreitung des Bathybius
+beschränkt sein?
+
+Ich bekenne daher, nicht zu begreifen, wie ~Huxley~ seine Ansicht über
+den Bathybius so rasch und so vollständig ändern konnte. Noch viel
+weniger freilich begreife ich die Art und Weise, wie auf der deutschen
+Naturforscher-Versammlung in Hamburg (im September 1876) der Bathybius
+öffentlich zu Grabe getragen werden konnte. Ich finde darüber in der
+Berliner Nationalzeitung folgende merkwürdige Mittheilung (datirt
+Hamburg 21. September), betreffend einen von Professor ~Möbius~ aus
+Kiel gehaltenen trefflichen Vortrag über die marine Fauna und die
+Challenger-Expedition: »Ueber diese Ebenen — Tiefsee-Ebenen von 3700
+bis 4000 Meter Tiefe — sollte sich der geheimnissvolle Urschleim,
+der Bathybius ausbreiten, den der berühmte ~Huxley~ zu Ehren seines
+genialen Freundes in Jena ~Bathybius Haeckelii~ genannt hat. Leider
+aber passirte der Naturforschung ein böses Missgeschick. Der Bathybius,
+der so gut zu den modernen Anschauungen von dem Beginne des organischen
+Lebens passte, erwies sich als ein Kunstproduct, als Niederschlag von
+im Meere gelöstem Gyps, in Folge des den Proben zugesetzten Alkohols.
+Ueberall wo man die frischen Proben an Bord untersuchte, war keine
+Spur von ihm zu entdecken. Es machte einen geradezu erschütternden
+Eindruck auf die Zuhörer, als Herr ~Möbius~ den Bathybius nach einem
+so einfachen Recepte vor ihren Augen in einem mit Meerwasser gefüllten
+Glase durch Alkohol-Zusatz erscheinen liess!«
+
+In der That eine merkwürdige Logik! Weil Weingeist in Seewasser einen
+Gyps-Niederschlag erzeugt, deshalb ist der in Weingeist conservirte
+Bathybius-Schlamm nur ein Gyps-Niederschlag! Und diese Beweisführung
+machte auf alle Mitglieder einer deutschen Naturforscher-Versammlung
+»einen geradezu erschütternden Eindruck!« Dass starker Weingeist in
+Seewasser einen dünnen flockigen Gyps-Niederschlag erzeugt, weiss
+Jeder, der Seethiere in Weingeist gesammelt hat. Ebenso weiss aber
+auch Jeder, der den Bathybius-Schlamm der Porcupine-Expedition gleich
+~Huxley~ und mir genau untersucht hat, dass die darin massenhaft
+enthaltenen moneren-artigen Eiweisskörper wirklich aus einem
+~eiweissartigen~ Körper und ~nicht aus Gyps~ bestehen. Sie färben
+sich in Carmin roth, in Salpetersäure und in Jod gelb, werden durch
+concentrirte Schwefelsäure zerstört und geben alle übrigen Reactionen
+des ~Protoplasma~, was bekanntlich beim Gyps nicht der Fall ist.
+
+Wenn man gewisse Kreide-Arten oder kreidigen Mergel fein pulverisirt,
+so erhält man ein feinkörniges, weisses Mehl, welches zum Verwechseln
+dem merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« ähnlich ist, den die
+Challenger-Expedition in einem beschränkten Bezirke des Pacifischen
+Oceans (und ~nur hier~!) in einer Tiefe von 12,000–26,000 Fuss Tiefe
+gefunden hat. Dieser »Radiolarien-Ooze«, den ich eben jetzt untersuche,
+besteht fast ausschliesslich aus den zierlichsten und mannigfaltigst
+geformten Kieselschalen von zahllosen Radiolarien. Mit blossem Auge
+aber ist dieser getrocknete Schlamm — ein wundervolles, mikroskopisches
+Radiolarien-Museum — nicht zu unterscheiden von jenem pulverisirten
+Kreide-Mergel, der nicht eine einzige Radiolarien-Schale enthält. Ich
+schlage nun vor, auf einer nächsten deutschen Naturforscher-Versammlung
+den experimentellen Beweis zu führen, dass jene colossalen und
+höchst merkwürdigen, vom Challenger entdeckten Radiolarien-Lager in
+den Tiefen des Pacifischen Oceans nicht existiren. »Das Recept ist
+höchst einfach.« Man zerstösst in einem Mörser vor den Augen der
+versammelten Naturforscher einen von jenen Kreide-Mergeln, die keine
+Radiolarien enthalten. Das so erhaltene weisse Pulver enthält kein
+einziges Radiolar — also auch der pacifische (blos aus Radiolarien
+bestehende) Tiefsee-Schlamm nicht — denn beide sind mit blossem Auge
+nicht zu unterscheiden. Quod erat demonstrandum! Wir sind überzeugt,
+das schlagende Experiment wird auf alle Zuschauer »einen geradezu
+erschütternden Eindruck machen« — und der Radiolarien-Schlamm existirt
+nicht mehr!
+
+
+IV. Zur Kritik der Moneren.
+
+Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die »Nicht-Existenz
+des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt es sehr
+wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von ~Wyville Thomson~,
+~Carpenter~ und ~Emil Bessels~ über die Bewegungen des lebenden
+Bathybius richtig sind. Wir wollen nun aber einmal das Gegentheil
+annehmen und wollen zugeben, dass Bathybius kein Moner und überhaupt
+kein Organismus sei. Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert
+wird, — dass auch die ~Moneren überhaupt nicht existiren~? Oder dürfen
+wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht
+existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen
+giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der lebendig
+gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis, Platurus, Aepysurus
+etc.), welche meistens im indischen Ocean und Sunda-Archipel leben,
+aber keine beträchtliche Grösse erreichen.
+
+Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen, dass meine
+eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand gerichteten und
+möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz von mehr als einem
+Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils im Süsswasser, theils
+im Meere nachgewiesen haben. Um so mehr will ich aber hervorheben,
+dass diese Beobachtungen seitdem von einer Anzahl bewährter
+Forscher wiederholt und bestätigt worden sind. Einige von diesen
+Moneren scheinen sogar im süssen Wasser sehr verbreitet zu sein,
+so namentlich die Gattungen Protamoeba und Vampyrella. _P. agilis_
+und _V. spirogyrae_ kommen in Jena fast jeden Sommer gelegentlich
+zur Beobachtung. _P. primitiva_ und _V. vorax_ sind von mehreren
+verschiedenen Beobachtern in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden.
+Andere neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von ~Cienkowski~
+und ~Oskar Grimm~ beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit
+der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen Organismen
+zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss derselben sich noch
+beträchtlich erweitern und vertiefen wird.
+
+Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner ist oder
+nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl ~echter
+Moneren~, deren fundamentale Bedeutung von ersteren ganz unabhängig
+ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl von niedrigsten
+Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten existiren, welche
+nicht nur die einfachsten unter allen wirklich beobachteten
+Organismen, sondern überhaupt die ~denkbar einfachsten~ lebenden
+Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht in vollkommen entwickeltem
+und fortpflanzungsfähigem Zustande aus nichts weiter als aus
+einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen, dessen wechselnde,
+formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten gleichzeitig
+besorgen, Bewegung und Empfindung, Stoffwechsel und Ernährung,
+Wachsthum und Fortpflanzung. Morphologisch betrachtet ist der
+Körper eines solchen Moners so einfach wie derjenige irgend eines
+anorganischen Krystalles. Verschiedene Theilchen sind darin überhaupt
+nicht zu unterscheiden; vielmehr ist jedes Theilchen dem andern
+gleichwerthig. Diese wichtigen Thatsachen und die daraus sich
+ergebenden weitreichenden Folgerungen gelten für ~alle Moneren~ ohne
+Ausnahme — mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie
+ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht.
+
+Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen« bezeichnen,
+so ist damit nur ihre ~morphologische Einfachheit~, der Mangel
+jeder Zusammensetzung aus verschiedenen Organen, ausgesprochen.
+In chemisch-physikalischer Beziehung können dieselben noch sehr
+zusammengesetzt sein; ja wir werden ihnen sogar auf alle Fälle eine
+~sehr verwickelte Molecular-Structur~ zuschreiben müssen, wie allen
+eiweissartigen Körpern überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen
+Eiweisskörper der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung,
+Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch Andere
+als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen und
+fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere Auffassung und für
+die allgemeine biologische Bedeutung der Moneren von untergeordneter
+Bedeutung. Denn auf alle Fälle — mag diese oder jene Ansicht richtig
+sein — bleiben die Moneren in ~anatomischer~ Hinsicht ~vollkommen
+einfach~: Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich,
+dass das Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung
+des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener
+Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit
+der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige Substanz,
+welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine ~stickstoffhaltige
+Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem Aggregatzustande~.
+
+~Das Leben ist also nicht Folge der Organisation, sondern umgekehrt.~
+Das formlose Protoplasma bildet die organisirten Formen. Da ich
+die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche die Moneren in dieser
+Beziehung, wie in vielen andern Beziehungen besitzen, bereits in den
+früher angeführten Schriften ausführlich erörtert habe, kann ich hier
+einfach darauf verweisen. Nur die fundamentale Bedeutung, welche die
+Moneren für die hochwichtige Frage von der ~Urzeugung~ behaupten, sei
+hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben. ~Die ältesten Organismen,
+welche durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden, konnten
+nur Moneren sein.~
+
+Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die Lösung
+der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu einem
+besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die Gegner
+der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die Letzteren jede
+Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich wie es auch mit
+dem berühmten ~Eozoon canadense~ geschah, jener vielbestrittenen
+ältesten Versteinerung der laurentischen Formation. Die erfahrensten
+und urtheilsfähigsten Kenner der Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze
+Professor ~Carpenter~ in London und der verstorbene berühmte Anatom
+~Max Schultze~ in Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung
+gewonnen, dass das echte nordamerikanische ~Eozoon~ (aus den
+laurentischen Schichten in Canada) ein wirklicher ~Rhizopode~ und
+zwar ein dem ~Polytrema~ nächstverwandtes ~Polythalamium~ ist. Ich
+selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem Studium
+der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen, schönen
+Eozoon-Präparate von ~Carpenter~ und von ~Max Schultze~ selbst genau
+untersucht und hege danach nicht den mindesten Zweifel mehr, dass
+dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium und kein Mineral ist.
+
+Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung des
+Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen Erdgeschichte um
+viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte silurische Formation
+als verhältnissmässig junge erkannt und so der Entwickelungslehre ein
+grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb fahren die Gegner der
+letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das Eozoon kein organischer
+Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber die hohe Bedeutung des Eozoon
+durch diese fruchtlosen Angriffe unkundiger Gegner erst recht in ihr
+volles Licht gesetzt worden ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren
+— mit oder ohne Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester
+Grundstein der Entwickelungslehre!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Anhang.
+
+System der Protisten.
+
+
+Erste Classe des Protistenreiches.
+
+1. =Monera= (HAECKEL) =Urlinge=.
+
+Organismen ohne Organe. Der ganze Körper dieser einfachsten und
+niedrigsten Organismen besteht in vollkommen entwickeltem Zustande aus
+weiter nichts, als aus einem Stückchen ~Plasson~ oder »Urschleim«,
+einer eiweissartigen Verbindung, die noch nicht in Protoplasma und
+Nucleus differenzirt ist. Jedes Moner ist also eine ~Cytode~, noch
+keine Zelle. Form meistens unbestimmt, mit wechselnden Fortsätzen.
+Bewegung bald durch Lappenfüsschen, bald durch Wurzelfüsschen, bald
+durch Flimmerfüsschen. Nahrungsaufnahme verschieden. Fortpflanzung
+~ungeschlechtlich~, durch Theilung, Knospung oder Sporenbildung. Leben
+im Wasser, meistens im Meere, auch parasitisch in anderen Organismen.
+
+
+Erste Ordnung der Moneren:
+
+~Lobomonera~ (HAECKEL). Lappen-Urlinge. Fig. 47.
+
+Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch
+~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_) geschehen: stumpfe, fingerförmige, meist
+unverästelte Fortsätze, wie bei den ~Amoeben~.
+
+~Gattung~: Protamoeba (Arten: P. primitiva, P. agilis etc.) Fig. 47.
+
+
+Zweite Ordnung der Moneren:
+
+~Rhizomonera~ (HAECKEL). Wurzel-Urlinge. Fig. 48, 49.
+
+Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch
+~Wurzelfüsschen~ (_Pseudopodia_) geschehen: feine, lange, fadenförmige,
+meist verästelte und netzförmig sich verbindende Fortsätze, wie bei den
+~Rhizopoden~.
+
+~Gattungen~: Protomyxa (aurantiaca) Fig. 48. Vampyrella (Spirogyrae).
+Bathybius (Haeckelii) Fig. 49.
+
+
+Dritte Ordnung der Moneren:
+
+~Tachymonera~ (HAECKEL). Geissel-Urlinge. Fig. 50. (Synonym:
+_Schizomycetes_. Spaltpilze. ~Bacterien.~)
+
+Moneren von bestimmter, meist, stabförmiger oder fadenförmiger Gestalt,
+deren zitternde oder schwingende lebhafte Bewegungen (wohl immer)
+durch äusserst feine ~Geisseln~ (Flagella) geschehen, wie bei den
+Geisselschwärmern (_Flagellata_). Fortpflanzung ungeschlechtlich,
+meistens durch Quertheilung. Erzeugen Zersetzung und Fäulniss in den
+organischen Flüssigkeiten, in denen sie leben. Wahrscheinlich die
+Ursachen vieler Krankheiten.
+
+~Gattungen~: Bacterium (monas). Vibrio (lineola). Spirillum
+(tremulans). Fig. 50.
+
+
+Zweite Classe des Protistenreiches.
+
+2. =Lobosa= (CARPENTER). =Lappinge=.
+
+(Synonym: _Amoebina._ Infusoria rhizopoda. _Protoplasta._)
+
+Einzellige Organismen (selten Syncytien), deren Zellenleib bald
+nackt (_Gymnolobosa_), bald in einer verschieden gestalteten Schale
+theilweise verborgen (_Thecolobosa_) ist. Die Zellen bewegen sich
+durch ~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_): stumpfe, fingerförmige,
+meist unverästelte Fortsätze, die an verschiedenen Stellen der
+Oberfläche entstehen und vergehen. Die Nahrung wird durch diese
+Lappenfüsschen umflossen und in das Innere der Zelle hineingedrückt.
+Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich häufig in eine helle,
+structurlose, festere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine trübe,
+feinkörnige, weichere ~Markschicht~ (_Endoplasma_). Oft enthält
+derselbe eine oder mehrere contractile Blasen (Vacuolen); bald
+beständig, bald unbeständig. Der Zellkern oder ~Nucleus~ ist meist
+einfach, selten mehrfach vorhanden. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~,
+meist durch Theilung, seltener durch Knospung oder Sporenbildung. Die
+Lobosen leben meistens im Wasser, seltener in der Erde oder parasitisch
+in anderen Organismen.
+
+
+Erste Ordnung der Lobosen:
+
+~Gymnolobosa~ (HAECKEL). Nackte Lappinge. Fig. 1.
+
+Lobosen mit nacktem, weichem Zellenleibe, ohne Schale.
+
+~Gattungen~: Amoeba (princeps). Podostoma (filigerum). Petalopus
+(diffluens).
+
+
+Zweite Ordnung der Lobosen:
+
+~Thecolobosa~ (HAECKEL). Beschalte Lappinge. Fig. 5, 6. (Synonym:
+Lepamoebae. Arcellinae. Amoebae cataphractae).
+
+Lobosen mit einer Schale oder Zellmembran, von welcher der weiche
+Zellenleib theilweise bedeckt wird.
+
+~Gattungen~: Arcella (vulgaris). Difflugia (oblonga), Fig. 5. Quadrula
+(symmetrica), Fig. 6.
+
+
+Dritte Classe des Protistenreiches.
+
+3. =Gregarinae= (DUFOUR). =Gregaringe.=
+
+Einzellige Organismen oder Ketten von wenigen, an einander gereihten
+Zellen, deren Leib von einer weichen, dicken, dehnbaren Haut allseitig
+umschlossen ist. Diese ~Zellmembran~ ist glatt, ohne Oeffnung, an
+einem Ende des Körpers oft mit hakenförmigen Haftapparaten versehen.
+Das ~Protoplasma~ ist sehr dehnbar und contractil, mit vielen Körnchen
+durchsetzt. Der ~Zellkern~ gross, meist ein helles kugeliges Bläschen,
+mit einem Nucleolus. Die wurmähnlichen Bewegungen der kriechenden
+Zellen geschehen durch Zusammenziehungen der (unmittelbar unter der
+Membran liegenden) Rindenschicht des Protoplasma, welche bisweilen
+in muskelähnliche Fäserchen differenzirt ist. Alle Gregarinen leben
+~parasitisch~ im Darm oder in der Leibeshöhle (seltener in den
+Geweben) von Thieren (besonders von Würmern und Gliederthieren). Sie
+ernähren sich vom Safte dieser Wohnthiere, der durch die Membran der
+schmarotzenden Zellen in das Innere ihres Protoplasma hindurchschwitzt
+(Endosmose). Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung oder
+durch Sporenbildung. Im letzteren Falle zieht sich eine einzelne
+Gregarine, oder mehrere mit einander verschmelzende Gregarinen, kugelig
+zusammen und umgeben sich mit einer Kapsel. Die Zellkerne verschwinden
+und das Protoplasma zerfällt in zahlreiche Keimzellen oder ~Sporen~
+(Psorospermien, Pseudonavicellen). Später schlüpft aus jeder Spore
+ein ~Moner~ aus, welches sich durch Neubildung eines Nucleus in eine
+~Amoebe~ verwandelt. Indem letztere sich mit einen Membran umhüllt,
+wird sie zur ~Gregarine~.
+
+
+Erste Ordnung der Gregarinen:
+
+~Monocystida~ (STEIN). Einzellige Gregaringe.
+
+Gregarinen-Leib eine einfache Zelle, mit einem einzigen Kern.
+
+~Gattung~: Monocystis (agilis). Fig. 7.
+
+
+Zweite Ordnung der Gregarinen:
+
+~Polycystida~ (HAECKEL). Vielzellige Gregaringe.
+
+Gregarinen-Leib eine Kette von zwei oder drei (selten mehr) an einander
+gereihten Zellen, jede Zelle mit einem Kern.
+
+~Gattung~: Didymophyes (paradoxa).
+
+
+Vierte Classe des Protistenreiches.
+
+4. =Flagellata= (EHRENBERG). =Geisslinge.=
+
+(Synonym: _Mastigaria_. Geisselschwärmer. Geissel-Infusorien.)
+
+Einzellige Organismen, seltener Coenobien oder Zellenhorden: Gemeinden
+von mehreren oder vielen locker verbundenen Zellen. Bewegen sich durch
+~Geisseln~ (_Flagella_), einen langen, fadenförmigen Fortsatz (oder
+mehreren, an einem Punkte befestigten) des Protoplasma, welche hin und
+her schwingen, wie eine Peitsche. Zellenleib bald nackt, bald von einer
+Hülle umschlossen, aus deren Oeffnung die schwingende Geissel vortritt.
+Selten sind die Flagellaten auf Gegenständen im Wasser festgewachsen,
+meistens schwimmen sie frei umher. Bei vielen wechseln ruhende und
+bewegliche Zustände mit einander ab; und dann geschieht die Vermehrung
+meist während des Ruhezustandes, durch Theilung. Nahrungsaufnahme bald
+durch Aufsaugung (Endosmose), bald durch einen Zellmund (Cytostoma).
+Vermehrung ~ungeschlechtlich~, meist durch Theilung, seltener durch
+Knospung oder Sporenbildung. Bei einigen (Volvocinen) Anfänge
+geschlechtlicher Sonderung.
+
+
+Erste Ordnung der Flagellaten:
+
+~Nudoflagellata~ (HAECKEL). Nackt-Geissler. Fig. 8.
+
+Geisslinge mit nacktem Zellenleibe, ohne Wimperkranz.
+
+~Gattungen~: Euglena (viridis). Astasia (haematodes). Phacus
+(longicauda, Fig. 8).
+
+
+Zweite Ordnung der Flagellaten:
+
+~Thecoflagellata~ (HAECKEL). Hüll-Geissler. Fig. 10.
+
+Geisslinge, ohne Wimperkranz, deren Zellenleib von einer Hülle oder
+Schale umschlossen ist. Die Geisseln treten aus einer Oeffnung der
+Schale hervor. Oft ist die Schale auf einem sitzenden Stiele angeheftet.
+
+~Gattungen~: Salpingoeca (marina). Dinobryon (sertularia).
+
+
+Dritte Ordnung der Flagellaten:
+
+~Cilioflagellata~ (J. MÜLLER). Wimper-Geissler. Fig. 9.
+
+Geisslinge mit einem Kranze von kurzen Wimpern um die Mitte des
+Zellenleibes, welcher von einer zweiklappigen Schale umschlossen ist.
+Zwischen beiden Schalenhälften tritt frei die lange Geissel und der
+Wimperkranz vor.
+
+~Gattungen~: Peridinium (oculatum) Ceratium (tripus) Fig. 9.
+
+
+Vierte Ordnung der Flagellaten:
+
+~Cystoflagellata~ (HAECKEL). Blasen-Geissler. Fig. 11.
+
+Geisslinge ohne Wimperkranz, mit grossem, blasenförmigen Zellenleibe,
+welcher ausser der Geissel einen eigenthümlichen Peitschen-Anhang und
+einen stabförmigen Körper im Innern besitzt.
+
+~Gattungen~: Noctiluca (miliaris) Fig. 11. Leptodiscus (medusoides).
+
+
+Fünfte Classe des Protistenreiches.
+
+5. =Catallacta= (HAECKEL). =Mittlinge.=
+
+Einzellige Organismen, welche eine Zeitlang zu einer ~Zellenhorde~
+(~Coenobium~) vereinigt sind, später isolirt leben. Die Zellenhorden
+oder Coenobien sind schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus
+zahlreichen Zellen, welche im Centrum der Kugel durch Fortsätze
+vereinigt sind, während an der Oberfläche die schwingenden Flimmerhaare
+vortreten. Die ~Einsiedler-Zellen~ (~Monocyten~), welche durch
+Zerfall der Coenobien entstehen, bewegen sich anfangs schwimmend,
+gleich ~Flagellaten~ umher; dann verwandeln sie sich in kriechende
+~Amoeben~-ähnliche Zellen; schliesslich ziehen sie sich kugelig
+zusammen und kapseln sich ein. Innerhalb dieses Ruhezustandes
+entsteht durch wiederholte Theilung der Zelle ein neues kugelförmiges
+Coenobium, welches die Hülle durchbricht und frei umherschwimmt. Diese
+~ungeschlechtliche~ Fortpflanzung erinnert an die Eifurchung der
+Thiere. Die Catallacten leben theils im Meere, theils im Süsswasser.
+
+~Gattungen~: Magosphaera (planula) Fig. 46. Synura (uvella).
+
+
+Sechste Classe des Protistenreiches.
+
+6. =Ciliata= (J. MÜLLER). =Wimperlinge.=
+
+(Synonym: Infusionsthierchen oder Infusoria im engsten Sinne).
+
+~Einzellige~ Organismen, sehr selten ~Zellhorden~ oder Coenobien,
+welche aus mehreren, locker verbundenen Zellen zusammengesetzt sind.
+Bewegung durch zahlreiche kurze ~Wimpern~ (~Cilia~). Zellenleib
+meistens nackt, seltener von einer Hülle oder Schale theilweise
+umschlossen. Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich meist in
+eine helle, festere, hyaline Rindenschicht (_Exoplasma_) und eine
+trübe, feinkörnige, weichere ~Markschicht~ (_Endoplasma_). Aus der
+Rindenschicht treten stets zahlreiche kurze Wimperhärchen oder Cilien
+hervor, welche lebhaft und willkürlich bewegt werden. Meistens laufen
+oder schwimmen die Wimperthierchen rasch umher mittelst der Bewegungen
+ihrer Wimpern; bei festsitzenden dienen letztere dazu, durch den
+im Wasser erzeugten Strudel stets frisches Wasser und Nahrung dem
+Zellmunde zuzuführen. Der ~Zellmund~ (_Cytostoma_) ist eine constante
+Oeffnung in der Rindenschicht und lässt verschluckte Bissen in die
+innere weichere Markmasse des Zellenleibes eintreten, wo sie verdaut
+werden. An der Innenfläche der Rindenschicht liegt eine ~contractile
+Blase~ (eine constante Vacuole), welche meistens durch einen kurzen
+Kanal nach aussen zu münden scheint. Der ~Zellkern~ ist gross,
+verschieden gestaltet, meistens einfach, sehr selten mehrfach. Die
+Fortpflanzung geschieht meistens ~ungeschlechtlich~, durch Theilung
+(Quertheilung oder Längstheilung), seltener durch Knospung. Wie weit
+ausserdem Fortpflanzung durch Sporenbildung (oder vielleicht durch
+geschlechtliche Zeugung einfachster Art), verbunden mit Conjugation, in
+dieser Classe verbreitet ist, erscheint noch nicht sicher festgestellt.
+Die Classe der Wimperthierchen oder Wimperlinge ist sehr umfangreich
+und überall im Süsswasser und Meere verbreitet.
+
+
+Erste Ordnung der Ciliaten.
+
+~Holotricha~ (STEIN). Ueberall behaarte Wimperlinge.
+
+Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen feinen
+Wimperhärchen bedeckt.
+
+~Gattungen~: Glaucoma (scintillans). Paramecium (aurelia). Trachelius
+(ovum). Prorodon (teres) Fig. 15.
+
+
+Zweite Ordnung der Ciliaten.
+
+~Heterotricha~ (STEIN). Verschieden behaarte Wimperlinge.
+
+Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen feinen
+Wimperhärchen bedeckt; ausserdem noch ein Kranz oder Gürtel von
+stärkeren und grösseren Wimpern (Griffeln oder Borsten) um den Zellmund
+herum.
+
+~Gattungen~: Bursaria (truncatella). Stentor (polymorphus) Fig. 12.
+Freia (elegans) Fig. 14. Spirustomum (teres).
+
+
+Dritte Ordnung der Ciliaten:
+
+~Hypotricha~ (STEIN). Unterseits behaarte Wimperlinge.
+
+Zellenleib blattförmig zusammengedrückt, an der oberen (oder Rücken-)
+Seite nackt, an der unteren (oder Bauch-) Seite mit kleineren und
+grösseren Wimpern bedeckt.
+
+~Gattungen~: Chilodon (cucullulus). Euplotes (charon). Oxytricha
+(pellionella). Aspidisca (costata).
+
+
+Vierte Ordnung der Ciliaten:
+
+~Peritricha~ (STEIN). Ringförmig behaarte Wimperlinge.
+
+Zellenleib drehrund, grösstentheils nackt, nur mit einem Gürtel
+(seltener zwei Gürteln) von Wimperhaaren versehen.
+
+~Gattungen~: Dictyocysta (templum). Ophrydium (versatile). Trichodina
+(pediculus). Vorticella (campanula).
+
+
+Siebente Classe des Protistenreiches:
+
+7. =Acinetae= (EHRENBERG). =Starrlinge.=
+
+(Synonym: Infusoria suctoria. Saug-Infusorien.)
+
+~Einzellige~ Organismen, seltener ~Zellenhorden~ (Coenobia) oder
+Zellenfusionen (~Syncytia~), welche aus mehreren, locker oder enger
+verbundenen Zellen zusammengesetzt sind. Zellenleib von einer ~Membran~
+oder Kapsel umschlossen, durch welche sehr feine, zerstreute oder
+büschelförmig vereinigte ~Saugröhren~ hervortreten. Mittelst dieser
+borstenförmigen, am freien Ende mit einem Saugnäpfchen oder Knöpfchen
+versehenen Saugröhren heften sich die Acineten an Ciliaten und
+anderen Protisten an und saugen deren Protoplasma aus (ähnlich wie
+die Vampyrellen unter den Moneren). Im Innern des Protoplasma findet
+sich neben dem ~Zellkern~ oft eine contractile Blase (~Vacuole~).
+Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, bald durch Theilung, bald durch
+Knospung, bald durch Schwärmsporen. Letztere entstehen im Innern des
+Zellenleibes, durchbrechen denselben und schwimmen mittelst feiner
+Wimperhärchen umher, zwischen welchen feinste Saugröhrchen sitzen.
+Die Acineten leben sowohl im süssen Wasser als im Meere, und sitzen
+meistens unbeweglich auf Stielen fest; seltener schwimmen sie frei
+umher.
+
+
+Erste Ordnung:
+
+~Monacinetae~ (HAECKEL). Einzel-Starrlinge. Fig. 16, 17.
+
+Einzellige Acineten, deren einfacher Zellenleib nur einen einzigen Kern
+enthält.
+
+~Gattungen~: Podophrya (Cyclopum). Acinetella (mystacina).
+
+
+Zweite Ordnung:
+
+~Synacinetae~ (HAECKEL). Horden-Starrlinge.
+
+Mehrzellige Acineten, deren verästelter Zellenleib mehrere Kerne
+enthält.
+
+~Gattungen~: Dendrosoma (radians).
+
+
+Achte Classe des Protistenreiches.
+
+8. =Labyrinthuleae= (CIENKOWSKI). =Labyrinthinge.=
+
+~Zellenhorden~ (_Coenobia_), welche aus zahlreichen gleichartigen,
+beweglichen Zellen locker zusammengesetzt sind. Die Zellen sind
+meistens spindelförmig, umschliessen einen ~Kern~ und können ihre
+Gestalt ändern. Sie leben in grossen Haufen gesellig beisammen, und
+bewegen sich in eigenthümlicher, noch unerklärter Weise rutschend oder
+gleitend umher (ähnlich manchen Diatomeen). Die Bewegung geschieht
+nicht frei im Wasser, sondern ausschliesslich in einer eigenthümlichen
+~Fadenbahn~ (_Linodium_), einem Gerüste von starren, baumförmig
+verästelten und netzförmig verbundenen Fäden. Diese Fäden besitzen
+faserige Structur und werden von den wandernden Zellen ausgeschieden.
+Auf den mannigfachsten Umwegen gleiten die Spindelzellen in der
+Fadenbahn umher, sammeln sich später in Haufen und kapseln sich ein.
+Bei dieser ~Encystirung~ erhält jede Zelle eine Membran, und die ganze
+gesammelte Horde eine Rindenkapsel. In jeder einzelnen Zelle entstehen
+später vier junge Zellen (~Tetrasporen~). Die Labyrinthuleen leben im
+Meere.
+
+~Gattung~: Labyrinthula. (Arten: L. vitellina. L. macrocystis.)
+
+
+Neunte Klasse des Protistenreiches.
+
+9. =Bacillariae.= =Schachtlinge.=
+
+(Synonym: Diatomeae. Diatomaceae. Stabthierchen.)
+
+~Einzellige~ Organismen oder ~Zellenhorden~ (Coenobia); lockere
+Gesellschaften von mehreren Zellen, welche in Gallertmassen oder auf
+gemeinsamen, verzweigten Stielen vereinigt sind. Der Zellenleib ist
+stets von einer ~zweiklappigen Kieselschale~ umschlossen, deren beide
+Hälften so ineinander geschoben sind, wie eine ~Schachtel~ und ihr
+~Deckel~. Meistens bewegen sich die Zellen rutschend oder schwimmend
+umher, wahrscheinlich mittelst eines äusserst feinen Wimperkranzes,
+welcher in dem engen Spalte zwischen der Schachtel und ihrem Deckel
+frei vortritt. Ernährung und Stoffwechsel wie bei den einzelligen
+Algen. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung. Im Beginn
+der Theilung schieben sich die beiden Klappen der schachtelähnlichen
+Kieselschalen auseinander; der Kern theilt sich in zwei auseinander
+weichende Hälften, ebenso das Protoplasma. Darauf bildet sich
+jede Tochterzelle eine neue Schalenhälfte zu der alten Hälfte,
+die den Schachteldeckel bildet. Die so entstehenden Generationen
+werden fortgesetzt immer kleiner, bis zuletzt eine Generation (von
+~Auxosporen~) entsteht, welche die ganze Kieselschale abwirft, mächtig
+wächst und dann eine neue Kieselschale erster Grösse bildet. Die
+Diatomeen oder Bacillarien leben in zahllosen, zierlichen Formen
+überall im Meere und im Süsswasser.
+
+
+Erste Ordnung der Bacillarien:
+
+~Naviculatae~ (EHRENBERG). Kahn-Schachtlinge. Fig. 45.
+
+~Gattungen~: Navicula (gracilis). Cocconeis (placentula).
+
+
+Zweite Ordnung der Bacillarien:
+
+~Echinellatae~ (EHRENBERG). Palm-Schachtlinge.
+
+~Gattungen~: Cocconema (cistula). Achnanthes (longipes).
+
+
+Dritte Ordnung der Bacillarien:
+
+~Lacernatae~ (EHRENBERG). Gallert-Schachtlinge.
+
+~Gattungen~: Frustulia (salina). Gloeonema (paradoxum).
+
+
+Zehnte Klasse des Protistenreiches.
+
+10. =Fungi= (LINNE.). =Pilze.=
+
+~Polyplastide~ (sehr selten monoplastide) Organismen, deren Körper
+nicht aus echten (kernhaltigen) Zellen, sondern aus fadenförmigen
+(kernlosen) ~Cytoden~ zusammengesetzt ist (~Hyphen~). Diese
+Fadenschläuche oder Hyphen bilden durch seitliche Sprossung und
+quere Gliederung der Aeste ein vielfach verzweigtes ~Faden-Geflecht~
+(_Mycelium_), welches parasitisch in oder auf anderen Organismen
+(oder von deren Zersetzungs-Producten) lebt. Später entwickelt
+sich aus diesem Mycelium ein ansehnlicher, höchst mannigfaltig
+gebauter ~Fruchtkörper~ (_Stroma_), welcher an bestimmten Stellen
+ein ~Sporenlager~ (_Hymenium_) bildet. In letzterem entstehen
+die Keimzellen oder ~Sporen~ meistens ~ungeschlechtlich~, selten
+geschlechtlich (in Folge eines eigenthümlichen Befruchtungs-Vorganges).
+Der ~Stoffwechsel~ der Pilze ist ~thierisch~, nicht pflanzlich. Niemals
+bilden die Pilze Chlorophyll und Amylum, wie die echten Pflanzen.
+~Nirgends~ findet sich im Pilzkörper ein ~Zellkern~, wie er in den
+Zellen aller echten Thiere und Pflanzen überall vorkommt.
+
+
+Erste Ordnung der Pilze:
+
+~Phycomycetes.~ Tangpilze.
+
+~Gattungen~: Mucor (mucedo). Penicillium (glaucum).
+
+
+Zweite Ordnung der Pilze:
+
+~Coniomycetes.~ Rostpilze.
+
+~Gattungen~: Ustilago (segetum). Puccinia (graminis).
+
+
+Dritte Ordnung der Pilze:
+
+~Ascomycetes.~ Schlauchpilze.
+
+~Gattungen~: Morchella (esculenta). Claviceps (purpurea).
+
+
+Vierte Ordnung der Pilze:
+
+~Gastromycetes.~ Bauchpilze.
+
+~Gattungen~: Lycoperdon (bovista). Phallus (impudicus).
+
+
+Fünfte Ordnung der Pilze:
+
+~Hymenomycetes.~ Hutpilze.
+
+~Gattungen~: Agaricus (campestris). Boletus (laricis). Fig. 44.
+
+
+Elfte Classe des Protistenreiches.
+
+11. =Myxomycetes= (WALLROTH). =Netzinge.=
+
+(Synonym: ~Mycetozoa.~ ~Myxogasteres.~ Schleimpilze.)
+
+Organismen, welche in vollkommen entwickeltem und frei
+beweglichem Zustande ein ~Plasmodium~ darstellen: einen formlosen
+Protoplasmakörper, welcher aus vielen verschmolzenen Zellen
+zusammengesetzt ist, deren Kerne sich aufgelöst haben. Dieses
+Plasmodium kriecht frei umher, gleich einem colossalen Rhizopoden,
+und bildet ausgedehnte netzförmige Körper, indem an der Oberfläche
+formwechselnde, unbeständige ~Scheinfüsse~ (_Pseudopodia_)
+hervortreten, deren Aeste an den Berührungsstellen zusammenfliessen.
+Die Plasmodien ernähren sich von organischen Körpern ebenso wie die
+echten Rhizopoden (Thalamophoren) und Radiolarien. Nach vollendetem
+Wachsthum zieht sich das Plasmodium auf einen rundlichen Klumpen
+zusammen und verwandelt sich in einen blasenförmigen ~Fruchtkörper~
+(_Sporocystis_). Diese ~Sporenblase~ ist von einer festen,
+structurlosen Haut allseitig umschlossen. Innerhalb derselben
+zerfällt das Protoplasma in zahllose kleine ~Keimzellen~ (_Sporae_),
+zwischen welchen sich meistens ein Geflecht von haarfeinen Fäden
+entwickelt (_Capillitium_). Später platzen die Fruchtkörper und die
+Sporen werden frei. Aus der Hülle einer jeden Spore schlüpft eine
+amoebenartige, kernhaltige Zelle aus. Diese ~Amoeben~ verwandeln
+sich in ~Flagellaten~, indem an einem Ende eine schwingende Geissel
+vortritt. So schwimmen sie als »Schwärmsporen« umher, vermehren sich
+durch Theilung und gehen dann wieder in amoebenähnliche Zellen über,
+welche umherkriechen. Durch Zusammenfliessen vieler solcher Amoeben
+entstehen die Plasmodien. Diese leben schmarotzend auf verwesenden
+Pflanzen (faulen Blättern etc.).
+
+
+Erste Ordnung der Myxomyceten:
+
+~Physareae.~ Physareen.
+
+~Gattungen~: Physarum (albipes). Aethalium (septicum). Fig. 42, 43.
+
+
+Zweite Ordnung der Myxomyceten:
+
+~Stemoniteae.~ Stemoniteen.
+
+~Gattungen~: Stemonitis (typhoides). Diachea (elegans).
+
+
+Dritte Ordnung der Myxomyceten:
+
+~Trichiaceae.~ Trichiaceen.
+
+~Gattungen~: Licea (serpula). Arcyria (lateritia).
+
+
+Vierte Ordnung der Myxomyceten:
+
+~Lycogaleae.~ Lycogaleen.
+
+~Gattungen~: Lycogala (epidendron). Reticularia (maxima).
+
+
+Zwölfte Classe des Protistenreiches.
+
+12. =Thalamophora= (HERTWIG). =Kammerlinge.=
+
+(Synonym: Acyttaria. Reticularia. Rhizopoda.)
+
+Organismen, welche in entwickeltem Zustande ein ~Syncytium~ darstellen,
+einen beweglichen Protoplasma-Körper, der viele Zellkerne enthält;
+selten ist der Körper einzellig und enthält nur einen Kern. Von
+der Oberfläche des Protoplasma strahlen sehr zahlreiche und feine
+Scheinfüsschen (_Pseudopodia_) aus: dünne Fäden, welche sich
+verästeln und an den Berührungsstellen netzförmig verschmelzen. Diese
+Pseudopodien dienen sowohl zur Ortsbewegung und zur Empfindung, wie zur
+Ernährung, indem die Acyttarien fremde organische Körperchen mittelst
+derselben in ihr Inneres einziehen und dort auflösen. Stets ist das
+Syncytium von einer ~Schale~ umschlossen, die äusserst vielgestaltig
+ist. Die Pseudopodien treten entweder aus einer einzigen grösseren
+Oeffnung der Schale hervor (_Imperforata_), oder aus zahlreichen
+feinen Sieblöchern der Schale (_Foraminifera_). Meist besteht die
+Schale aus kohlensaurem Kalk, seltener aus Kieselerde oder aus einer
+organischen Substanz. Die Fortpflanzung erfolgt ~ungeschlechtlich~,
+selten durch Theilung oder Knospung, meistens durch Sporenbildung.
+Die meisten Acyttarien leben im Meere, einige im süssen Wasser; die
+meisten kriechen auf dem Boden, wenige schwimmen an der Oberfläche; nur
+einzelne sitzen auf einem Stiele fest.
+
+
+Erste Ordnung der Thalamophoren:
+
+~Monostegia~ (D’ORB.). Dichtschalige Einkammerlinge. Fig. 19.
+
+Schale einkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, nur mit einer
+einzigen grösseren Oeffnung an einem Pole der Axe, selten mit zwei
+grösseren Oeffnungen, an beiden entgegengesetzten Polen derselben.
+(_Imperforata monostegia_).
+
+~Gattungen~: Gromia (oviformis) Fig. 19. Lagynis (baltica). Squamulina
+(laevis). Cornuspira (planorbis).
+
+
+Zweite Ordnung der Thalamophoren:
+
+~Polystegia~ (HAECKEL). Dichtschalige Vielkammerlinge.
+
+Schale vielkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, mit einer
+einzigen grossen Oeffnung, am Ende der jüngsten Kammer. (_Imperforata
+polystegia_).
+
+~Gattungen~: Miliola (cyclostoma). Peneroplis (dendritina). Lituola
+(nautiloides). Parkeria (ingens).
+
+
+Dritte Ordnung der Thalamophoren:
+
+~Monothalamia~ (M. SCHULTZE). Siebschalige Einkammerlinge.
+
+Schale einkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern
+durchbrochen, ausserdem meist eine grosse Oeffnung an einem Pole der
+Längsaxe. (_Foraminifera monothalamia_).
+
+~Gattungen~: Orbulina (universa). Entosolenia (globosa). Lagena
+(vulgaris).
+
+
+Vierte Ordnung der Thalamophoren:
+
+~Polythalamia~ (BREYN). Siebschalige Vielkammerlinge. Fig. 20–24.
+
+Schale vielkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern
+durchbrochen, ausserdem oft eine grosse Oeffnung am Ende der jüngsten
+Kammer. (_Foraminifera polythalamia_).
+
+~Gattungen~: Nodosaria (radicula). Rotalia (veneta). Globigerina
+(bulloides). Textularia (variabilis). Alveolina (vulgaris). Nummulites
+(lentiformis).
+
+
+Dreizehnte Klasse des Protistenreiches.
+
+13. =Heliozoa= (HAECKEL). =Sonnlinge.=
+
+Organismen, welche in entwickeltem Zustande bald eine einzige
+kugelige ~Zelle~, bald ein kugeliges ~Syncytium~ darstellen,
+welches aus mehreren verschmolzenen Zellen besteht. Im ersteren
+Falle ist ein einziger ~Zellkern~, im letzteren mehrere Kerne im
+Innern der Protaplasma-Kugel eingeschlossen. Letztere ist in eine
+feinkernige innere ~Markmasse~ (_Endoplasma_) und eine schaumige
+äussere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) gesondert. Das Protaplasma
+der Rindenschicht bildet Vacuolen (oder vergängliche, contractile
+Wasserbläschen). Von seiner Oberfläche strahlen rings zahlreiche
+haarfeine Fäden aus, die gewöhnlich einfach, nicht verästelt, ziemlich
+starr sind und wenig Neigung zur Verschmelzung besitzen. Bald ist
+der Körper ganz weich und nackt; bald bildet er ein festes Skelet,
+welches aus vielen zerstreuten Nadeln (_Spicula_) zusammengesetzt ist,
+oder eine Gitterschale darstellt. Meistens schweben die Heliozoen
+frei im Wasser; seltener sind sie festgewachsen. Fortpflanzung
+~ungeschlechtlich~, bald durch Theilung, bald durch Sporenbildung. Die
+Heliozoen leben sowohl im süssen Wasser, als im Meere.
+
+
+Erste Ordnung der Heliozoen:
+
+~Aphrothoraca~ (HAECKEL). Nackte Sonnlinge. Fig. 40, 41.
+
+Nackte Heliozoen, mit weichem, schaumigem Körper, ohne Skelet.
+
+~Gattungen~: Actinophrys (sol). Actinosphaerium (Eichhornii).
+
+
+Zweite Ordnung der Heliozoen:
+
+~Chalarothoraca~ (HERTWIG). Bestachelte Sonnlinge.
+
+Heliozoen mit einem Skelet, welches aus Spicula oder zerstreuten
+Stäbchen (radialen Stacheln oder tangentialen Nadeln) zusammengesetzt
+ist.
+
+~Gattungen~: Acanthocystis (spinifera). Heterophrys (marina).
+
+
+Dritte Ordnung der Heliozoen:
+
+~Desmothoraca~ (HERTWIG). Beschalte Sonnlinge.
+
+Heliozoen mit einem Skelet, welches eine kugelige, von Löchern
+durchbrochene Schale bildet.
+
+~Gattungen~: Hedriocystis (pellucida). Hyalolampe (fenestrata).
+
+
+Vierzehnte Classe des Protistenreiches.
+
+14. =Radiolaria= (J. MÜLLER). =Strahlinge.=
+
+Organismen, welche in entwickeltem Zustande aus zwei verschiedenen
+Haupttheilen bestehen, einer inneren, festen, mit Zellen gefüllten
+~Central-Kapsel~ (_Capsula centralis_) und einem äusseren ~Syncytium~,
+einer Protoplasma-Masse, welche die erstere allseitig umgiebt, und
+von welcher ausserdem zahlreiche ~Scheinfüsschen~ oder ~Pseudopodien~
+ausstrahlen; letztere verhalten sich ganz wie diejenigen der
+Acyttarien. Der wesentliche Unterschied von den letzteren besteht in
+der stets vorhandenen Centralkapsel; diese ist der Sporenblase der
+Myxomyceten vergleichbar und stellt einen Fruchtkörper (_Sporangium_)
+dar, indem ihr gesammter Inhalt sich in ~Keimzellen~ (_Sporae_)
+verwandelt. Ausserhalb der Centralkapsel finden sich meist noch
+eigenthümliche ~gelbe Zellen~, welche ~Stärkemehl~ enthalten. Nur
+wenige Radiolarien sind weich und nackt; die meisten besitzen ein
+~Skelet~, welches aus Nadeln (_Spicula_), einem Balkengeflecht oder
+einer Schale besteht; diese ist meistens aus ~Kieselerde~ gebildet,
+von äusserst mannigfaltigen und zierlichen Formen. Die Ernährung der
+Radiolarien geschieht wie bei den Acyttarien durch die Pseudopodien.
+Die Fortpflanzung erfolgt ~ungeschlechtlich~, selten durch Theilung,
+meistens durch Sporenbildung. Die Sporen, welche innerhalb der
+Centralkapsel entstehen und aus dieser ausschwärmen, sind mit Geisseln
+versehene ~Schwärmsporen~. Alle Radiolarien leben im Meere und schweben
+theils an der Oberfläche, theils in verschiedenen Tiefen.
+
+
+Erste Ordnung der Radiolarien:
+
+~Pancollae~ (HAECKEL). Gallert-Strahlinge. Fig. 26.
+
+Radiolarien ohne Skelet, oder mit einem Skelet, welches bloss aus
+zerstreuten soliden Nadeln zusammengesetzt ist.
+
+~Gattungen~: Thalassicolla (nucleata). Collozoum (inerme).
+Thalassosphaera (bifurca). Sphaerozoum (punctatum).
+
+
+Zweite Ordnung der Radiolarien:
+
+~Panacanthae~ (HAECKEL). Stachel-Strahlinge. Fig. 32, 33.
+
+Skelet besteht aus radialen soliden Stacheln, welche im Mittelpunkt der
+Central-Kapsel in einander gestemmt, locker verbunden oder verwachsen
+sind. (Acanthometrida s. a.)
+
+~Gattungen~: Acanthometra (Mülleri). Dorataspis (bipennis).
+
+
+Dritte Ordnung der Radiolarien:
+
+~Pansoleniae~ (HAECKEL). Röhren-Strahlinge.
+
+Skelet besteht aus einzelnen hohlen Röhren, welche bald locker
+zerstreut, bald in radialer oder concentrischer Anordnung verbunden
+sind.
+
+~Gattungen~: Aulacantha (scolymantha). Aulosphaera (trigonopa).
+Coelodendrum (gracillimum).
+
+
+Vierte Ordnung der Radiolarien:
+
+~Plegmideae~ (HAECKEL). Schwamm-Strahlinge. Fig. 34.
+
+Skelet besteht aus einem lockeren oder dichteren Geflecht von feinen
+Kieselstäbchen, welche ohne bestimmte Anordnung (schwammähnlich)
+verbunden sind. (Wachsthum vielseitig).
+
+~Gattungen~: Acanthodesmia (vinculata). Spongurus (cylindricus).
+Spongodiscus (mediterraneus). Spongasteriscus (quadricornis).
+
+
+Fünfte Ordnung der Radiolarien:
+
+~Sphaerideae~ (HAECKEL). Kugel-Strahlinge. Fig. 25, 29, 30.
+
+Skelet besteht aus einer einzigen Gitterkugel oder aus mehreren
+concentrischen Gitterkugeln, welche durch radiale Stäbe verbunden sind.
+(Wachsthum radial).
+
+~Gattungen~: Ethmosphaera (siphonophora). Collosphaera (Huxleyi).
+Cladococcus (cervicornis). Haliomma (castanea). Actinomma (drymodes).
+
+
+Sechste Ordnung der Radiolarien:
+
+~Discideae~ (HAECKEL). Scheiben-Strahlinge. Fig. 37.
+
+Skelet scheibenförmig, aus zwei parallelen Siebplatten zusammengesetzt,
+zwischen welchen durch Kreuzung von concentrischen und radialen
+Gitterstäben zahlreiche kleine Kammern gebildet werden. (Wachsthum
+concentrisch).
+
+~Gattungen~: Trematodiscus (sorites). Euchitonia (Mülleri). Coccodiscus
+(Darwinii). Astromma (Aristotelis).
+
+
+Siebente Ordnung der Radiolarien:
+
+~Cyrtideae~ (HAECKEL). Kegel-Strahlinge. Fig. 35, 36.
+
+Skelet eine Gitterschale, welche durch eine Hauptaxe mit zwei
+verschiedenen Polen charakterisirt ist. Grundform daher kegelförmig.
+Durch ringförmige Einschnürungen ist die Schale oft in mehrere, hinter
+oder neben einander liegende Kammern abgetheilt. (Wachsthum unipolar).
+
+~Gattungen~: Cyrtocalpis (amphora). Petalospyris (arachnoides).
+Eucecryphalus (Gegenbauri). Eucyrtidium (lagena). Botryocampe
+(hexathalamia).
+
+[Illustration]
+
+
+Druck von Hüthel & Herrmann in Leipzig.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75352 ***
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+ Das Protistenreich | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75352 ***</div>
+
+<!-- Transcribers note -->
+
+<div class="transnote center">
+
+<p class="transhead">Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
+Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet.</em>
+
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
+
+<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. </p>
+</div>
+
+<!-- Cover picture -->
+
+<figure class="figcenter coversize" style="border:none">
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+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h1 style="margin-top: 3em">DAS PROTISTENREICH.</h1>
+
+<p class="center left">Eine populäre Uebersicht</p>
+<p class="center left small1">über das</p>
+<p class="center left big4">Formengebiet der niedersten Lebewesen.</p>
+<hr class="short">
+</div>
+
+<p class="center left">Mit einem wissenschaftlichen Anhange:</p>
+
+<p class="center left big4">SYSTEM DER PROTISTEN.</p>
+
+<p class="center left">Von</p>
+
+<p class="center left big4">E. HÆCKEL.</p>
+
+<p class="center left">Mit zahlreichen Holzschnitten.</p>
+
+<br>
+<figure class="figcenter w10p" style="border:none">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/p1.jpg">
+</figure>
+
+<p class="center left">Leipzig.</p>
+
+<p class="center left">Ernst Günther’s Verlag.</p>
+
+<p class="center left">1878.
+</p>
+<br><br>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="center left">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 title="Die Protisten"><span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+
+<p id="Fuer_das_tiefere_Verstaendniss_unserer_heutigen_Entwicklungslehre">Für das tiefere Verständniss unserer heutigen Entwicklungslehre
+und der darauf gegründeten einheitlichen Weltanschauung
+dürften wenige Zweige der Naturwissenschaft von so fundamentaler
+Bedeutung sein, wie die Naturgeschichte der niedersten Lebewesen,
+der sogenannten <em class="gesperrt">Protisten</em>. Denn die urwüchsige Einfachheit
+im Körperbau und in den Lebens-Erscheinungen dieser
+unvollkommnen »Urwesen« öffnet uns erst den wahren Weg für
+das Verständniss der viel entwickelteren und schwierigeren Erscheinungen,
+welche uns die Anatomie und Physiologie der höheren
+und vollkommneren Organismen, der echten Thiere und Pflanzen
+darbietet. Dennoch ist die Bekanntschaft mit den Protisten bisher
+fast nur auf die gelehrten Fachkreise beschränkt geblieben und
+erst sehr wenig in weitere Kreise eingedrungen. Das ist auch
+leicht erklärlich. Denn die grosse Mehrzahl jener einfachsten
+Lebensformen, die wir im »Protistenreich« zusammenfassen, ist dem
+unbewaffneten Auge völlig verborgen. Erst durch das Mikroskop
+können wir sie erkennen, und meistens erst mit Hülfe starker
+Vergrösserungen ihre Form-Verhältnisse genau erforschen. Aber
+auch dann ist diese Erforschung noch mit vielen Schwierigkeiten
+und Hindernissen verknüpft. Denn die allgemeinen Anschauungen
+vom lebendigen Organismus, die gewöhnlichen Begriffe von
+den Organen und Functionen der Lebewesen, welche wir aus der
+alltäglichen Anschauung des höheren Thier- und Pflanzen-Lebens
+uns gebildet haben, passen nur wenig oder gar nicht auf jene
+niedersten Lebensformen. Ausserdem ist aber auch die gründliche
+wissenschaftliche Forschung der letzteren kaum vierzig Jahre
+alt; und erst die sehr ausgedehnten und sorgfältigen Untersuchungen
+der letzten zwanzig Jahre haben ihre Kenntniss auf eine
+solche Höhe gebracht, dass wir gegenwärtig wenigstens eine befriedigende
+Vorstellung von der Eigenthümlichkeit und eine klare
+ <span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span>
+Einsicht in die Bedeutung des Protisten-Reiches gewonnen haben.</p>
+</div>
+
+
+<p>Wenn wir nun hier den Versuch wagen, in allgemein-verständlicher
+Form eine kurze Uebersicht über das ganze grosse
+Protistenreich zu geben, und seine hohe Bedeutung für die Entwicklungslehre
+dem Verständniss der gebildeten Kreise näher zu
+bringen, so sind wir uns der grossen damit verknüpften Schwierigkeiten
+wohl bewusst. Wir glauben aber denselben am besten
+zu begegnen, wenn wir uns auf die gedrungene Zusammenfassung
+des Wichtigsten beschränken, und die Bekanntschaft mit dem
+höchst mannigfaltigen und interessanten Detail dieses unendlich
+reichen Forschungs-Gebietes dem Studium der Special-Werke überantworten.
+Zunächst wird sicher für unsere moderne Entwicklungslehre
+und weiterhin auch für unsere damit verknüpfte monistische
+Weltauffassung schon viel gewonnen sein, wenn eine
+allgemeine Anschauung von dem weiten Umfang des mikroskopischen
+Lebensreiches, von der Einfachheit und elementaren Bedeutung
+des »kleinsten Lebens« sich einen Platz im Bewusstsein
+unserer gebildeten Kreise erobert hat.</p>
+
+<p>Die niedersten Lebewesen, die wir hier als <em class="gesperrt">Protisten</em>, d. h.
+»<em class="gesperrt">Erstlinge</em>« oder »<em class="gesperrt">Urwesen</em>« zusammenfassen, werden in
+weiteren Kreisen auch heute noch sehr oft mit den unpassenden
+Namen Infusorien oder <em class="gesperrt">Infusionsthierchen</em> (im weiteren Sinne!)
+bezeichnet. In den systematischen Lehrbüchern der Naturgeschichte
+werden sie meistens als <em class="gesperrt">Urthiere</em> (oder »<em class="gesperrt">Protozoa</em>«)
+aufgeführt. Die beste deutsche Bezeichnung für die ganze grosse
+Gruppe wäre vielleicht: <em class="gesperrt">Zellinge</em> oder Zellwesen; denn es würde
+dadurch die wesentlichste Eigenthümlichkeit ihrer Organisation,
+die autonome Selbständigkeit und permanente Individualität ihres
+einfachen Zellen-Leibes in präcisester Weise ausgedrückt.</p>
+
+<p>Obgleich Viele von der Existenz der meisten mikroskopischen
+Protisten keine Ahnung haben, so kommt dennoch jeder Mensch
+unendlich oft mit ihnen in Berührung. Jeder hat beim Wassertrinken,
+beim Essen von Früchten, Austern und anderen rohen
+Speisen schon Tausende und Millionen von lebenden Protisten
+verschluckt, ohne sich dessen bewusst geworden zu sein. Denn
+obgleich diese merkwürdigen Geschöpfe von dem unbewaffneten
+Auge des Menschen zum grössten Theile gar nicht erkannt oder
+ <span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span>
+höchstens als ganz kleine Pünktchen wahrgenommen werden, sind
+sie dennoch in zahllosen, höchst mannigfaltigen und interessanten
+Formen allenthalben über unseren Erdball verbreitet. Unsere
+Mikroskope weisen uns dieselben überall im süssen und salzigen
+Wasser nach. Alle Bäche und Flüsse, alle Teiche und Seen, alle
+Tümpel und Gräben enthalten solche Urthierchen, oft in unglaublicher
+Masse. Man kann keinen Stein, keine Pflanze aus dem
+Wasser heben, ohne in dem daran haftenden schleimigen Ueberzug
+wenigstens einzelne Infusorien zu finden. Ebenso ist das Meer
+überall von ihnen belebt. Der weiche Schlamm, der den Meeresgrund
+bedeckt, besteht zum grossen Theil aus dergleichen Protozoen.
+Der feine schlammige Ueberzug, der bei ruhigem Wetter
+den klaren Meeresspiegel überzieht, ist aus Milliarden schwimmender
+Infusorien zusammengesetzt. Aber auch der Staub unserer
+Strassen, der Sand unserer Dachrinnen, die Humus-Erde unserer
+Felder und Wälder, enthält Millionen kleinster Infusorien-Keime,
+sowie eingetrocknete, aber noch lebensfähige Körper derselben.
+Wir brauchen bloss diesen Staub und Sand in einem Glase mit
+etwas Wasser zu übergiessen und diesen Aufguss einige Zeit in
+der Sonne stehen zu lassen, um durch unser Mikroskop Massen
+von beweglichen Infusorien wahrzunehmen; theils haben sie sich
+in kürzester Zeit aus jenen Keimen entwickelt, theils sind sie
+unter dem belebenden Einflusse des Wassers aus ihrem Trockenschlafe
+zu neuem Leben erwacht. Ist es ja doch gerade diese Erscheinung,
+die zu der Benennung: <em class="gesperrt">Infusoria</em> oder Infusionsthierchen,
+d. h. »<em class="gesperrt">Aufgussthierchen</em>« Veranlassung gab.</p>
+
+<p>Es sind jetzt kaum zweihundert Jahre verflossen, seitdem die
+mikroskopischen Infusorien durch den holländischen Naturforscher
+<em class="gesperrt">Anton van Leeuwenhoek</em> zuerst in einem Topfe voll stehenden
+Regenwassers entdeckt wurden. Die Holländer haben die
+zweihundertjährige Jubelfeier dieser Entdeckung, die damals das
+grösste Aufsehen erregte, vor wenigen Jahren (1875) feierlichst
+begangen; und sie thaten Recht daran. Denn die wissenschaftliche
+Tragweite derselben ist in der That unermesslich, und je
+mehr wir mit unseren vervollkommneten Mikroskopen in die tiefsten
+Geheimnisse des Lebens eindringen, desto mehr werden wir
+uns ihrer Bedeutung bewusst.</p>
+
+<p>Unsere ganze Anschauung vom Wesen des <em class="gesperrt">Lebens</em> und
+ <span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+von der <em class="gesperrt">Entwicklung</em> der organischen Gestalten ist durch die
+genauere Erkenntniss dieser Urthierchen oder Infusionsthierchen
+unendlich erweitert und gefördert worden. Anatomie und Physiologie,
+Entwickelungsgeschichte und Systematik verdanken ihr
+die wichtigsten Aufschlüsse. Selbst für die Geologie haben sie eine
+ausserordentliche Bedeutung erlangt. Denn diese kleinsten Lebensformen
+haben keinen geringeren Einfluss auf die Bildung der
+mächtigsten Gebirgsmassen und auf die ganze Gestaltung unserer
+Erdrinde ausgeübt, als alle die zahlreichen grossen Thiere und
+Pflanzen, die unsern Planeten seit Millionen von Jahren belebt
+haben. Die mikroskopischen Kalkschalen und Kieselgehäuse,
+welche sich die meisten Urthiere bilden, bleiben nach dem Tode
+ihrer Bewohner unverändert übrig. Sie häufen sich auf dem Grunde
+der Gewässer massenhaft an, bilden hier mächtige Schlammschichten
+und werden im Laufe der Jahrtausende zu festem Gesteine verdichtet.
+So sind z. B. die Kreide-Gebirge von England und von
+der Insel Rügen, sowie die über der Kreideformation abgelagerten
+eocänen Tertiärschichten zum grössten Theile, oft fast ausschliesslich,
+aus den zierlichen Kalkschalen der Polythalamien zusammengesetzt.
+Andere Gesteine, wie z. B. die tertiären Felsmassen
+von Barbados und von den Nikobaren-Inseln, zeigen sich zum
+grössten Theile aus den reizenden Kieselpanzern der Radiolarien
+gebildet. Viele von den Gesteinen, welche solchen Urthierchen
+ihre Entstehung verdanken, liefern ein vorzügliches Baumaterial;
+und manche unserer grössten Städte sind vorzugsweise aus dergleichen
+Steinen erbaut, so z. B. Wien und Paris.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die berühmten Tiefsee-Forschungen der neuesten Zeit, zu denen
+die erste Legung des atlantischen Telegraphen-Kabels den Anstoss
+gab, haben jene felsbildende Macht des kleinsten Lebens in das
+hellste Licht gestellt. Sie haben uns gezeigt, wie noch heute in
+den tiefsten Abgründen des Meeres unaufhörlich kreideartiges
+Gestein aus feinstem Meeresschlamm entsteht, und wie dieser Schlamm
+fast ausschliesslich aus den Kalkschalen und Kieselpanzern unglaublicher
+Massen von Urthierchen gebildet wird. Vor Allem
+sind es hier die unvergleichlichen Entdeckungen der bewunderungswürdigen
+britischen <em class="gesperrt">Challenger</em>-Expedition, welche uns mit einer
+Fülle neuer und überraschender Anschauungen über die »<em class="gesperrt">Mikrogeologie</em>«,
+ <span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+über das reiche, räthselvolle, mikroskopische Leben der
+Tiefsee-Thäler bereichert haben.</p>
+
+<p>Wie nun die eifrigen Forschungen des letzten halben Jahrhunderts
+unsere Kenntniss vom Leben und Weben der Urthiere,
+von ihrer Gestaltung und Entwickelung ungemein gefördert haben,
+so haben sie auch unsere Ansichten von ihrer Stellung in der
+Natur und von ihrer systematischen Gruppirung sehr wesentlich
+verändert. Das System der organischen Formen ist ja immer
+mehr oder weniger der Ausdruck der Anschauungen, welche wir von
+ihrer natürlichen Verwandtschaft besitzen, und so zeigen uns denn
+auch die grossen Veränderungen, welche das System der Urthiere
+im Verlauf der letzten Jahrzehnte erlitten hat, am klarsten den
+gewaltigen Umschwung unserer bezüglichen Vorstellungen. Nachdem
+vor neunzig Jahren (1786) <em class="gesperrt">Otto Friedrich Müller</em> den ersten
+umfassenden Entwurf eines Systems der Infusionsthierchen gegeben
+hatte, erschien vor vierzig Jahren das grosse Prachtwerk
+des berühmten (1876 verstorbenen) Naturforschers <em class="gesperrt">Ehrenberg</em>:
+»Die Infusionsthierchen als vollkommene Organismen. Ein Blick
+in das tiefere organische Leben der Natur.« Das war im Jahre
+1838, in demselben für die Naturwissenschaft Epoche machenden
+Jahre, in welchem der geniale Botaniker <em class="gesperrt">Schleiden</em> in Jena zuerst
+den Grund zu der höchst fruchtbaren <em class="gesperrt">Zellen-Theorie</em> legte. In
+der That ein merkwürdiger Zufall; eine seltsame Ironie des Schicksals.
+Denn <em class="gesperrt">Ehrenberg</em> war in seinem grossen Hauptwerke vor
+Allem bemüht, das ihm eigene »<em class="gesperrt">Princip überall gleich vollendeter
+Entwicklung</em>« zur Geltung zu bringen. Er suchte
+bei den Infusorien eine eben so vollkommene Organisation nachzuweisen,
+wie bei den höheren Thieren und beim Menschen. Er
+glaubte überall Nerven und Muskeln, Darm und Blutgefässe,
+männliche und weibliche Organe unterscheiden zu können. Gerade
+dieses Prinzip war <em class="gesperrt">grundfalsch</em>; vielmehr sind die Infusorien
+höchst einfache Organismen: die meisten haben nur die Bedeutung
+und den Werth einer einzigen einfachen Zelle; und ihr wahres
+Verständniss wird uns erst durch die Zellentheorie gegeben.</p>
+
+<p>Der alte Name »Infusionsthierchen« wird heute nur noch
+auf einen kleinen Theil der mikroskopischen Wesen angewendet,
+welche <em class="gesperrt">Ehrenberg</em> in seinem grossen Werke als solche beschrieb.
+Nur die Wimperthierchen oder <em class="gesperrt">Ciliaten</em> und die Borstenthierchen
+ <span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span>
+oder <em class="gesperrt">Acineten</em>, oft auch die Geisselschwärmer oder <em class="gesperrt">Flagellaten</em>
+werden heute noch in wissenschaftlichen Werken »Infusorien«
+genannt; die formenreichen Kieselzellen oder <em class="gesperrt">Diatomeen</em> werden
+dagegen meist von den Botanikern zu den Algen gerechnet. Die
+Räderthierchen (<i>Rotatoria</i>), die für <em class="gesperrt">Ehrenberg</em> gerade den Typus
+der Infusoria bildeten, sind Würmer, also Thiere von viel höherer
+Organisation. Dagegen bilden die Amoeben und ihre Verwandten
+heute eine besondere wichtige Protisten-Classe, die wir Lappenthierchen
+oder <em class="gesperrt">Lobosa</em> nennen. Neben diesen aber hat die fortgeschrittene
+mikroskopische Forschung uns andere Classen von Urthierchen
+kennen gelehrt, die viel zahlreichere, merkwürdigere
+und mannigfaltigere Formen enthalten, als jene älteren Infusionsthierchen:
+vor allen die wunderbare Classe der Wurzelfüssler
+oder <em class="gesperrt">Rhizopoden</em>; die Sonnenthierchen oder <em class="gesperrt">Heliozoen</em>, die
+kalkschaligen <em class="gesperrt">Thalamophoren</em> und kieselschaligen <em class="gesperrt">Radiolarien</em>.
+Diesen schliessen sich eng die sonderbaren Schleimpilze oder <em class="gesperrt">Myxomyceten</em>
+an, welche die Botaniker früher zu den echten
+<em class="gesperrt">Pilzen</em> (<i>Fungi</i>) stellten. Aber auch die Stellung dieser letzteren
+im Pflanzenreiche ist ganz zweifelhaft geworden und es bestehen
+gewichtige Gründe dafür, sie aus letzterem in das Protistenreich
+zu versetzen. Als eine besondere, interessante, wenn auch nur
+sehr kleine Protisten-Classe dürfen wir die <em class="gesperrt">Catallacten</em> betrachten.
+Endlich finden wir unten auf der tiefsten Stufe jener höchst einfachen,
+wunderbaren Wesen, mit denen das organische Leben in
+denkbar einfachster Gestalt beginnt, die <em class="gesperrt">Moneren</em>.</p>
+
+<p>Schon beim ersten Blick auf die wunderbare Formenwelt,
+welche uns hier das Mikroskop entschleiert, wird sich jedem Unbefangenen
+zunächst die Frage aufdrängen: »Sind denn diese
+sogenannten Urthiere oder Infusionsthiere wirkliche, echte <em class="gesperrt">Thiere</em>
+und warum werden sie von den Naturforschern in das Thierreich
+gestellt?« Diese Frage ist vollständig berechtigt; sie gehört zu
+jenen schwierigen Grundfragen der allgemeinen Biologie, deren
+Lösung durch unsere fortschreitende Kenntniss eher erschwert
+als erleichert wird. Wenn wir nämlich althergebrachter Maassen
+die ganze organische Natur in die beiden grossen Hälften: Thierreich
+und Pflanzenreich eintheilen, und wenn wir damit glauben
+den natürlichen Gegensatz zwischen zwei völlig getrennten Hauptgebieten
+auszusprechen, so ist diese Unterscheidung zwar durch die
+ <span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+festgewurzelte Anschauung und den Sprachgebrauch von Jahrtausenden
+geheiligt; aber logisch begründbar und wirklich naturgemäss
+ist sie nicht. Vielmehr lehren uns gerade unsere Urthierchen
+das Gegentheil. Je genauer wir deren Formen und Lebenserscheinungen
+studiert haben, je vollständiger uns ihre ganze Entwicklungsgeschichte
+bekannt geworden ist, desto klarer hat sich herausgestellt,
+dass sie eine ununterbrochene Verbindungsbrücke zwischen den
+tiefsten Stufen des Thierreichs und des Pflanzenreichs herstellen.
+So leicht und sicher wir die höheren und vollkommneren Stufen
+der beiden grossen Reiche von einander unterscheiden können,
+so schwer, ja so unmöglich wird diese Trennung auf den niedrigsten
+und unvollkommensten Stufen. Denn hier sind beide Reiche
+durch eine zusammenhängende Kette von einfachen Uebergangsformen
+untrennbar verbunden.</p>
+
+<p>Die Erkenntniss dieser wichtigen Thatsache, welche heute
+unzweifelhaft festgestellt ist, hat zu den lebhaftesten Streitigkeiten
+über die Grenze zwischen Thierreich und Pflanzenreich Veranlassung
+gegeben. Sie hat zugleich die abweichendsten Anschauungen über
+das Wesen der zweifelhaften Infusorien hervorgerufen, die mitten
+zwischen den beiden grossen Reichen der organischen Natur ein
+neutrales Grenzgebiet für sich in Anspruch nehmen.</p>
+
+<p>Während nämlich viele Infusorien von den Zoologen für
+Thiere, von den Botanikern dagegen für Pflanzen erklärt, und
+demnach von Beiden annectirt wurden, hatten Andere gerade das
+entgegengesetzte Schicksal: sie wurden von Beiden verschmäht;
+bei einer dritten Gruppe von Infusorien schien sogar nur die Annahme
+übrig zu bleiben, dass sie abwechselnd als Thiere und
+Pflanzen lebten. Der daraus entspringende Streit über ihre wahre
+Natur scheint am einfachsten dadurch entschieden zu werden, dass
+man den <em class="gesperrt">Begriff</em> von <em class="gesperrt">Thier</em> und <em class="gesperrt">Pflanze</em> scharf umschreibt,
+und diese unzweideutige Begriffsbestimmung auf jene zweifelhaften
+Mittelwesen anwendet. Aber diese gesuchte Begriffsbestimmung
+selbst ist ein unlösbares Problem; je mehr Mühe man darauf verwendet
+hat, desto klarer hat sich herausgestellt, dass es überhaupt
+auf einer falschen Fragestellung beruht, und dass die Begriffe von
+Thier und Pflanze nicht in der Natur begründet sind.</p>
+
+<p>Um nun den so entstandenen Schwierigkeiten zu entgehen,
+und um zu einer vernünftigen Classification der organischen Wesen
+ <span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+zu gelangen, ist schliesslich nur ein Ausweg übrig geblieben:
+nämlich die Aufstellung eines dritten, selbständigen Reiches von
+elementaren Organismen: Das ist unser Reich der <em class="gesperrt">Protisten</em> oder
+<em class="gesperrt">Zellinge</em>, das Reich der neutralen Urwesen. Wir fassen demnach
+die ganze organische Natur, die Gesammtheit aller lebenden Wesen
+unsers Erdballs, als ein grosses einheitliches Ganze auf; und dieses
+umfassende Universalreich theilen wir in drei Reiche: das Thierreich
+einerseits, das Pflanzenreich andrerseits, mitten zwischen
+Beiden das neutrale Reich der Protisten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um nun die Aufstellung unseres <em class="gesperrt">Protistenreich</em> zu rechtfertigen,
+wollen wir einen flüchtigen Blick auf die verschiedenen
+Character-Seiten des Thier- und Pflanzenreichs werfen. Es wird
+sich dabei von selbst ergeben, dass unsere Protisten weder dem
+einen, noch dem anderen vollständig entsprechen. Verweilen wir
+zunächst einen Augenblick bei der äusseren Gesammterscheinung.
+So characteristisch uns da einerseits das höhere Thier mit der
+Gliederung seines Leibes und seiner Gliedmaassen, anderseits die
+höhere Pflanze mit ihrem Stengel und ihren Blättern entgegentritt,
+so wenig reicht diese äussere Gliederung hin, um die niederen
+Formen beider Reiche zu unterscheiden. Viele unzweifelhafte
+Thiere, wie z. B. die Korallen, die Schwämme, ahmen so vollkommen
+die Gestalt echter Pflanzen nach, dass man sie früher
+allgemein für solche gehalten hat. Umgekehrt giebt es viele unzweifelhafte
+Pflanzen, wie z. B. viele Orchideen und andere Schmarotzer,
+welche die Gestalt echter Thiere nachahmen. Und was
+sollen wir nun vollends zu den unendlich mannigfaltigen Figuren
+unserer Protisten sagen? Da treffen wir allein schon in der einen
+Classe der kieselschaligen Radiolarien alle möglichen Grundformen
+verkörpert an, die überhaupt in der Natur vorkommen können;
+und in welcher zierlichen und wundervollen Ausführung! Da
+finden wir in einem einzigen Tropfen Meerwasser nebeneinander
+Kugeln, Kreuze, Körbchen, Schrauben, Sterne, Schachfiguren,
+Hörner, Hauben, Helme, u. s. w.; kurz eine Fülle der mannigfaltigsten
+und merkwürdigsten Gestalten. Gewiss wird Jedermann,
+der diese Formen zum ersten Male sieht, sie für Kunstproducte
+halten, oder vielleicht für abgelöste Theile von grösseren Organismen.
+Und doch sind es vollkommen entwickelte und selbständige
+ <span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
+Lebewesen! Aber Niemand wird geneigt sein, sie für echte Thiere
+oder echte Pflanzen zu erklären. Ebenso wenig können wir aus
+der äusseren Körperform der meisten anderen Protisten einen
+sicheren Schluss auf ihre wahre Natur ziehen. Sehr Viele bewahren
+zeitlebens die einfache Kugelgestalt. Andere zeigen beständig
+die einfache Form eines Cylinders, einer Scheibe, eines Kegels,
+einer Pyramide u. s. w. Noch Andere endlich haben überhaupt
+gar keine bestimmte Gestalt, so namentlich die Moneren und die
+Amoeben. Der ganze Körper dieser höchst einfachen Urwesen
+besteht aus einem lebenden mikroskopischen Schleimklümpchen,
+das in unablässigem Wechsel seine Gestalt beständig ändert: daher
+der passende Name »Aenderling«, den <em class="gesperrt">Oken</em> diesen Amoeben beilegte.</p>
+
+<p>Doch verlassen wir die äussere Körperform! Denn dass
+diese ganz unzureichend ist, um den Unterschied zwischen Thier
+und Pflanze zu begründen, das ist längst allgemein anerkannt.
+Fragen wir uns lieber, was denn eigentlich in der naiven Anschauung
+des täglichen Lebens diese Unterscheidung begründet,
+und was dieselbe seit Jahrtausenden in der Sprache und im
+Begriffsleben der Menschheit gerechtfertigt hat. Unzweifelhaft
+sind es die Lebenserscheinungen der <em class="gesperrt">Empfindung</em>
+und <em class="gesperrt">Bewegung</em>, welche uns hier zunächst entgegentreten. Empfindung
+und Bewegung sind es, welche in der allgemeinen Anschauung
+das Thier gegenüber der Pflanze auszeichnen, und aus
+denen wir auf ein »<em class="gesperrt">Seelenleben</em>« des Thieres schliessen, ein
+Seelenleben, das wir der Pflanze absprechen. Wie verschieden
+auch die psychologischen Vorstellungen sind, und wie weit auch
+die Ansichten über das eigentliche Wesen der Seele aus einander
+gehen, darüber sind wir doch Alle einig, dass mindestens den
+höheren Thieren eine Art Seelenleben zukommt. Denn die Hausthiere,
+die wir täglich um uns sehen, bewegen sich zweifellos ebenso
+willkürlich, wie wir selbst. Sie empfinden die Eindrücke der Lust
+und Unlust, der Freude und des Schmerzes zweifellos ähnlich,
+wie wir selbst. Auch lehrt uns ja sofort jede anatomisch-physiologische
+Untersuchung, dass das Nervensystem, das Organ dieser
+Seelenthätigkeiten, bei den höheren Wirbelthieren im Wesentlichen
+eine ähnliche Einrichtung besitzt, wie bei uns selbst.</p>
+
+<p>Von diesen augenfälligen Seelenthätigkeiten der höheren Thiere
+ausgehend, schliessen nun die Zoologen, dass dieselben auch allen
+ <span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+anderen Thieren zukommen, und demgemäss werden seit alter
+Zeit Empfindung und willkürliche Bewegung als charakteristische
+Eigenschaften des Thieres betrachtet. Schon <em class="gesperrt">Linné</em> sagt: »Die
+Pflanzen leben, die Thiere leben und empfinden.« Und doch ist
+gerade diese, allgemein angenommene Unterscheidung völlig unhaltbar.
+Wir brauchen nur an den gewöhnlichen Badeschwamm
+zu denken, um uns davon zu überzeugen. Dieser Badeschwamm,
+mit dem sich der Kulturmensch täglich zu waschen pflegt, ist das
+todte Skelet, das innere Gerüst eines unzweifelhaften Thieres. Im
+Leben stellt dieses Thier einen fleischigen, schwarzen, formlosen
+Klumpen dar, der unbeweglich auf dem Meeresboden festgewachsen
+ist. Aehnliche Seegewächse aus der Klasse der Schwämme oder
+Spongien sitzen massenhaft auf dem Boden aller Meere, hunderte
+von verschiedenen Arten. Die meisten zeigen keine Spur von
+Bewegung und Empfindung; sie galten daher auch früher allgemein
+für Pflanzen. Erst die genauesten Untersuchungen über
+ihre Entwickelungsgeschichte haben uns in den letzten Jahren
+darüber belehrt, dass wir sie als echte, unzweifelhafte Thiere betrachten
+müssen.</p>
+
+<p>Aehnliche echte Thiere, welche in vollkommen reifem und
+ausgebildetem Zustande der Empfindung und Bewegung entbehren,
+kennen wir jetzt in Menge. Die meisten leben festgewachsen auf
+dem tiefen Grunde des Meeres. Sie gehören sehr verschiedenen
+Classen an: Würmern, Ascidien, Mollusken u. s. w. Viele von
+ihnen werden auf italienischen Fischmärkten unter den Namen
+»Seefrüchte« (<i>Frutti di mare</i>) feil geboten, und sowohl der Fischer,
+der sie verkauft, wie der Fremde, der sie mit Appetit verspeist,
+hält sie für die Früchte von Seegewächsen.</p>
+
+<p>Sogar unter den höheren Thierklassen, z. B. unter den Schnecken
+und Krebsen, giebt es einzelne Arten, die in vollkommen reifem
+Zustande einen formlosen runden Klumpen, ohne jede Spur von
+Bewegung und von Empfindung, darstellen. In diesen Fällen ist
+es die schmarotzende Lebensweise, durch welche das Thier seine
+»Seele« verloren hat. Das gilt z. B. von der berühmten Wunderschnecke
+(<i>Entoconcha mirabilis</i>) und von dem merkwürdigen
+Säckchenkrebse (<i>Sacculina</i>). Erstere lebt als Parasit im Innern
+von Seegurken oder Holothurien: letzterer sitzt schmarotzend auf
+andern Krebsen fest. Beide Thiere haben die Gestalt eines einachen
+ <span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+länglichen, runden Schlauches: und dieser Schlauch enthält
+nichts weiter als Eier. Keine Spur von einem Kopfe und von
+Sinnesorganen: keine Spur von Fühlhörnern und Beinen: keine
+Spur von Empfindung und willkürlicher Bewegung. Gewiss würde
+kein Mensch in diesen beiden seelenlosen Eierschläuchen wahre
+Thiere vermuthen, und doch stellt die Entwickelungsgeschichte
+unzweifelhaft fest, dass das eine eine Schnecke und das andere
+ein Krebs ist.</p>
+
+<p>Als Gegenstück zu diesen »<em class="gesperrt">seelenlosen Thieren</em>« treffen
+wir auf der anderen Seite »<em class="gesperrt">seelenvolle Pflanzen</em>«, die uns
+noch mehr überraschen. Wir betreten einen tropischen Urwald
+und wollen uns ein zierlich gefiedertes Mimosenblatt abpflücken.
+Aber kaum berühren wir den zarten Zweig der schamhaften Sinnpflanze
+(<i>Mimosa pudica</i>), so klappen alle Blätter ihre zierlichen
+Fieder-Reihen zusammen und die Blattstiele sinken wie gelähmt
+herab. Ja manche dieser akazienartigen Bäume sind so reizbar,
+so empfindlich, dass schon die Erschütterung des Bodens durch
+den Tritt des herannahenden Wanderers hinreicht, sämmtliche
+Blätter zum Schliessen zu bringen. Nicht minder empfindlich
+sind neben vielen Anderen die durch <em class="gesperrt">Darwin</em> berühmt gewordenen
+»insektenfressenden Pflanzen«. Sobald eine unvorsichtige
+Fliege sich auf das Blatt einer »Fliegenfalle« (<i>Dionaea</i>) setzt, klappt
+das reizbare Blatt zusammen, und die mörderische Pflanze verzehrt
+das erfasste Insect mit offenbarem Wohlbehagen. Wollten wir
+diesen hochorganisirten Pflanzen eine Seele absprechen, so müssten
+wir sie ganz ebenso auch bei den empfindlichen, aber festgewachsenen,
+pflanzenähnlichen Korallen leugnen; denn diese geben
+keine anderen Aeusserungen ihres Seelenlebens.</p>
+
+<p>Aber nicht allein solche hohe Empfindlichkeit, solche lebhafte
+Beweglichkeit einzelner Körpertheile treffen wir vielfach bei echten
+Pflanzen an. Nein, auch selbständige, freie Ortsbewegung, auch
+die Willensthätigkeit, auf die wir aus der scheinbar willkürlichen
+Bewegung schliessen, findet sich bei unzweifelhaften Pflanzen vor.
+Viele Algen, z. B. viele von unsern einheimischen grünen Wasserfäden
+oder Conferven, schwimmen in ihrer Jugend frei und lebhaft
+im Wasser umher. Die jungen Pflänzchen bewegen sich dabei,
+ebenso wie viele junge Thiere, durch zarte, haarförmige, schwingende
+Fäden, Geisseln oder Wimpern. Bei dieser Schwimmbewegung
+ <span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>
+äussern sie eben so viel Lebhaftigkeit, eben so viel Ausdauer,
+eben so viel scheinbaren Willen, wie die ganz ähnlichen, flimmernden
+Jugendformen vieler Thiere, z. B. die Gastrula. Auf den
+Wiener Botaniker <em class="gesperrt">Unger</em>, der zuerst vor 35 Jahren (im Jahre
+1843) diese frei beweglichen Jugendformen von Algen entdeckte,
+machten dieselben einen so tiefen Eindruck, dass er seine bezügliche
+Mittheilung betitelte: »Die Pflanze im Momente der Thierwerdung.«</p>
+
+<p>Schon aus diesen wenigen Thatsachen, die wir noch durch
+Aufzählung vieler ähnlicher Erscheinungen beträchtlich vermehren
+könnten, geht unzweifelhaft hervor, dass die höheren Seelenthätigkeiten
+der bewussten Empfindung und der willkürlichen Bewegung
+weder allen Thieren eigenthümlich sind, noch allen Pflanzen fehlen.
+Sie können daher nicht mehr in der üblichen Weise zur Unterscheidung
+von Thier- und Pflanzenreich benutzt werden; und
+ebenso wenig sind sie von systematischer Bedeutung für unser
+Protistenreich. Für die Beurtheilung dieses letzteren ist es gleichgültig,
+ob sich die Protisten sehr lebhaft bewegen und sehr fein
+empfinden, wie die meisten Wimper-Infusorien; oder ob sie nur
+stumpfe Empfindung und träge Bewegung besitzen, wie die meisten
+Wurzelfüssler. Viele Protisten treten uns in zwei abwechselnden
+und ganz verschiedenen Zuständen entgegen: einem unbeweglichen
+und unempfindlichen Ruhezustande, in welchem sie uns als Pflanzen
+erscheinen; und einem frei beweglichen und sehr empfindlichen
+Zustande, in welchem sie Thieren gleichen. Wir dürfen von diesen
+merkwürdigen Urwesen geradezu sagen: sie sind abwechselnd
+Thier und Pflanze. Und so sind sie auch wirklich früher beurtheilt
+worden. So sind z. B. von manchen Flagellaten und
+Myxomyceten die vegetativen Ruhezustände als Pflanzen, die
+animalen Bewegungszustände als Thiere beschrieben worden, und
+erst viel später wurde entdeckt, dass Beide nur verschiedene
+Lebens-Zustände eines und desselben Protisten sind.</p>
+
+<p>Wollen wir nun aber vom Standpunkte der vergleichenden
+Psychologie zu einem Schlusse über das Seelenleben aller dieser
+Geschöpfe kommen, so kann dieser Schluss nur lauten: »<em class="gesperrt">Alle
+lebenden Wesen sind beseelt</em>, die Pflanzen so gut wie
+die Thiere, und die Protisten so gut wie die Pflanzen.« Innere
+Bewegungs-Erscheinungen, die scheinbar ohne äussere Ursachen
+ <span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>
+entstehen und auf Ortsveränderungen kleinster Theile beruhen,
+insbesondere Protoplasma-Störungen, sind allen Organismen gemeinsam,
+und insofern ist jedes lebende Wesen beseelt, jedes
+ist zugleich reizbar, im gewissen Sinne empfindlich. Stufenweise
+erhebt sich die Seelenthätigkeit, von den unscheinbarsten und
+niedrigsten Anfängen ausgehend, zu immer höheren und vollkommneren
+Leistungen. Während die niedrigsten Thiere sich in
+dieser Beziehung nicht von den meisten Pflanzen und Protisten
+unterscheiden, steigt das Seelenleben der höheren Thiere, das
+Wollen und Empfinden, Vorstellen und Denken, zu einer ähnlichen
+Stufe wie beim Menschen empor.</p>
+
+<p>Gleich der Seelenthätigkeit haben sich auch alle anderen Eigenschaften,
+durch welche man Thiere und Pflanzen hat unterscheiden
+wollen, als unzureichende Merkmale erwiesen. Unzweifelhaft der
+wichtigste Unterschied zwischen Beiden beruht auf den entgegengesetzten
+physiologisch-chemischen Verhältnissen ihrer Ernährung.
+Der gesammte <em class="gesperrt">Stoffwechsel</em> in beiden Reichen, im Grossen
+und Ganzen betrachtet, ist grundverschieden. Die Pflanzen allein
+besitzen das Vermögen, aus den einfachen chemischen Verbindungen
+der leblosen anorganischen Natur, aus Wasser, Kohlensäure
+und Ammoniak, jene verwickelten und höchst zusammengesetzten,
+eiweissartigen Kohlenstoff-Verbindungen herzustellen,
+welche als die wahren Träger aller eigentlichen Lebens-Erscheinungen
+gelten, vor allen das <em class="gesperrt">Protoplasma</em> oder den Bildungsstoff
+(»<i>Plasson</i>«). Das können die Thiere nicht. Sie nehmen die
+Eiweisskörper, die sie beständig verbrauchen und zersetzen, direct
+oder indirect aus dem Pflanzenreich auf. Zur Aufnahme und Verdauung
+ihrer Nahrung bedürfen sie einer Magenhöhle und einer
+Mundöffnung; und das sind die am meisten characteristischen
+Organe des Thierkörpers, welche dem Pflanzenorganismus stets
+fehlen.</p>
+
+<p>Mit diesem fundamentalen Gegensatze in der Ernährung hängen
+auch noch andere wichtige Unterschiede beider Reiche zusammen.
+Die Pflanzen athmen für gewöhnlich Kohlensäure ein und hauchen
+Sauerstoff aus; die Thiere gerade umgekehrt. Die meisten Pflanzen
+bilden massenhaft jenen eigenthümlichen grünen Farbstoff, das
+Chlorophyll oder Blattgrün, dem unsere Erde den grünen Schmuck
+ihrer Vegetationsdecke verdankt. Die meisten Thiere hingegen
+ <span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>
+bilden kein Chlorophyll. Ebenso erzeugen die meisten Pflanzen
+Massen von Stärkemehl (Amylum) und von Cellulose; von jener
+wichtigen stickstofflosen Verbindung, welche die Grundlage des
+Holzes bildet. Die meisten Thiere produciren kein Amylum und
+keine Cellulose. Und so könnten wir noch eine ganze Anzahl
+anderer chemischer Verbindungen anführen, welche den Gegensatz
+im Stoffwechsel des Thier- und Pflanzenreichs bezeichnen.</p>
+
+<p>Unzweifelhaft ist dieser Gegensatz von der grössten Bedeutung.
+Denn auf ihm beruht das beständige Gleichgewicht in der
+Oekonomie der organischen Natur. Was das eine der beiden
+grossen Lebensreiche ausgiebt, das nimmt das andere wieder ein.
+Was das eine als unbrauchbar ausscheidet, das verzehrt das andere.
+Aber so bedeutungsvoll auch diese Wechselwirkung jedenfalls
+ist, so wenig ist der damit verknüpfte Gegensatz durchgreifend
+und zu einer beständigen Grenzmarke geeignet. Denn zahlreiche
+<em class="gesperrt">Ausnahmen</em> finden sich in jeglicher Beziehung.</p>
+
+<p>Als solche wichtige Ausnahmen sind vor allen die zahlreichen
+Schmarotzerpflanzen zu nennen: z. B. viele Orchideen, Orobanchen,
+Lathraeen u. s. w. Diese Parasiten, deren nahe Verwandtschaft
+zu echten hochentwickelten Pflanzen feststeht, haben durch
+<em class="gesperrt">Anpassung</em> an schmarotzende Lebensweise ihren Stoffwechsel
+gänzlich geändert. Statt gleich anderen Pflanzen mühsam Eiweisskörper
+zu produciren, finden sie es bequemer, gleich den Thieren
+diese wichtigsten Lebenstoffe aus anderen Pflanzen aufzunehmen.
+Damit ändert sich aber ihre gesammte Ernährung. Sie bilden
+kein Blattgrün mehr, sie athmen Sauerstoff ein und Kohlensäure
+aus; sie bilden Verbindungen, die sonst nur im Thierkörper erzeugt
+werden.</p>
+
+<p>Umgekehrt finden wir nun wieder im Thierreiche merkwürdige
+Schmarotzer, welche gleichfalls durch <em class="gesperrt">Anpassung</em> an parasitische
+Lebensweise ihre ganze Ernährung völlig geändert haben.
+Ausser den schon angeführten Wunderschnecken und Säckchenkrebsen
+sind da besonders jene Würmer (Bandwürmer, Kratzwürmer
+u. s. w.) hervorzuheben, welche im Innern anderer Thiere
+leben und deren Säfte durch ihre Haut aufsaugen. Mund
+und Magen sind dadurch überflüssig geworden und im Laufe
+der Jahrtausende allmählich verloren gegangen. Die nächsten
+Verwandten dieser darmlosen Parasiten besitzen einen wohl
+ <span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+entwickelten Mund und Darmkanal. Aber auch andere echte
+Thiere bieten in ihrem Stoffwechsel beträchtliche Abweichungen
+dar, und einige produciren Verbindungen, die sonst nur die Pflanzen
+erzeugen. So bilden sich z. B. die Ascidien einen Mantel aus
+Cellulose; die grünen Süsswasserpolypen und einige grüne Würmer
+erzeugen in ihrer Haut echtes Blattgrün oder Chlorophyll u. s. w.</p>
+
+<p>Angesichts dieser zahlreichen Ausnahmen kann uns denn auch
+der Stoffwechsel unserer Protisten keinen Aufschluss über ihre
+wahre Natur geben. Wenn viele von ihnen Chlorophyll, Cellulose
+und Stärkemehl erzeugen, so beweist das ebensowenig für ihre
+Pflanzen-Natur, als die Bildung von Kalkschalen bei vielen Anderen
+für ihre Thier-Natur Zeugniss ablegt. Vielmehr sprechen
+auch die Verhältnisse der Ernährung und des Stoffwechsels, im
+Grossen und Ganzen betrachtet, für die <em class="gesperrt">neutrale</em> Natur der
+Protisten. Allerdings wissen wir von den physiologisch-chemischen
+Vorgängen ihres Stoffwechsels im Ganzen noch sehr wenig.
+Aber dies Wenige reicht doch hin, um uns auch hierin ganz eigenthümliche
+Verhältnisse erkennen zu lassen. So nehmen z. B.
+die formlosen Amoeben und die formenreichen Wurzelfüssler zwar
+ihre Nahrung ähnlich den Thieren auf, aber ohne Mund und
+Magen. An jeder Stelle der nackten Körperoberfläche können
+die Nahrungsbissen in’s Innere dringen. Auch die thierähnlichsten
+Protisten, die Wimperthierchen, besitzen keinen wahren Darm,
+keinen wahren Mund und Magen. Dieser fehlt vielmehr allen
+Protisten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir sehen also, dass keine der verschiedenen Lebenserscheinungen
+genügt, um uns über das Verhältniss der Protisten zu
+den Thieren und Pflanzen vollkommen aufzuklären. Da nun
+auch die äussere Gestaltung uns darüber keinerlei Aufschluss
+giebt, so bleiben uns nur noch diejenigen Verhältnisse übrig,
+welche uns das Mikroskop im feineren Bau und in der Entwicklungsgeschichte
+enthüllt. Ohne die genaueste Kenntniss dieser
+Verhältnisse können wir uns ja überhaupt kein vollständiges Bild
+von der Natur der Organismen machen. Alles nun, was wir bisher
+davon erkannt haben, findet seinen umfassendsten Ausdruck
+in der berühmten <em class="gesperrt">Zellentheorie</em>, die seit 40 Jahren das wichtigste
+Fundament aller biologischen Forschungen geworden ist.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Bekanntlich lehrt uns diese Zellentheorie, dass alle die tausendfach
+verschiedenen Formbestandtheile, die wir im Körper sämmtlicher
+Thiere und Pflanzen mittelst des Mikroskopes unterscheiden,
+lediglich verschiedene Abarten und Umbildungen eines einzigen
+Grundorganes, eines einzigen ursprünglichen Form-Elementes sind.
+Dieses Form-Element ist die <em class="gesperrt">Zelle</em>, ein kleines, für das blosse
+Auge meist unsichtbares Körperchen, welches bis zu einem gewissen
+Grade ein selbständiges Leben führt. So unendlich mannigfaltig
+die Form der Zelle auch ist, so ist sie doch immer aus zwei
+verschiedenen Bestandtheilen zusammengesetzt: aus einem Stückchen
+weicher, eiweissartiger Substanz, dem Bildungsstoff oder
+<em class="gesperrt">Protoplasma</em>, und aus einem festeren, davon umschlossenen
+Körperchen, dem Kern oder <em class="gesperrt">Nucleus</em>. Die ursprüngliche Selbständigkeit
+der Zelle ist so vollkommen, dass man sie mit Recht
+als den <em class="gesperrt">Elementar-Organismus</em>, als das Individuum erster
+Ordnung bezeichnet hat. Da die Zellen jede organische Form
+bilden, können wir sie auch die »Bildnerinnen« oder <em class="gesperrt">Plastiden</em>
+nennen. Der ganze Körper der meisten Thiere und Pflanzen
+ist aus Milliarden solcher Zellen zusammengesetzt: und was dieses
+Thier, was diese Pflanze leistet, das ist in Wahrheit die Leistung
+ihrer zahllosen Zellen. Auch unser eigener menschlicher Leib
+besteht aus Milliarden derartiger Zellen, und alle unsere Lebensverrichtungen
+sind das höchst verwickelte Resultat aus der Thätigkeit
+dieser mikroskopischen Wesen. Jedes Härchen besteht aus
+vielen Millionen Zellen. Ein kleinstes Blutströpfchen von einem
+Cubik-Millimeter Rauminhalt umschliesst schon fünf Millionen
+Blutzellen.</p>
+
+<p>Für die richtige Auffassung der Zellentheorie, von der das
+ganze Verständniss des Lebens abhängt, ist Nichts lehrreicher, als
+der oft angewendete Vergleich des vielzelligen Organismus mit
+einem wohlorganisirten menschlichen Staate. Die Existenz jeder
+geordneten staatlichen Organisation, gleichviel ob wir Monarchie
+oder Republik betrachten, beruht bekanntlich darauf, dass die einzelnen
+Staatsbürger einen Theil ihrer persönlichen Freiheit aufgeben,
+sich den Gesetzen des Staats unterwerfen und in die Arbeit
+des Lebens theilen. Ebenso geniessen auch die Zellen in jedem
+vielzelligen Organismus zwar bis zu einem gewissen Grade ihr
+selbständiges Leben; aber sie sind doch zugleich den Gesetzen
+ <span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+des Ganzen untergeordnet und durch die Arbeitstheilung von einander
+abhängig. Wir können diesen politischen Vergleich auch
+noch weiter ausdehnen, indem wir den <em class="gesperrt">Pflanzen</em>-Organismus als
+eine Zellen-<em class="gesperrt">Republik</em>, den <em class="gesperrt">Thier</em>-Organismus dagegen als eine
+Zellen-<em class="gesperrt">Monarchie</em> betrachten. Denn die Pflanzenzellen sind
+durchweg selbständiger, gleichartiger, unabhängiger von einander
+und vom Ganzen. Die Thierzellen hingegen sind in Folge der
+vorgeschrittenen Arbeitstheilung ungleichartiger, mehr von einander
+abhängig und zugleich in Folge der stärkeren Centralisation
+der »Staatsidee« in höherem Maasse unterworfen.</p>
+
+<p>Nun lehrt uns aber ferner die Entwickelungsgeschichte, dass
+jedes Thier und jede Pflanze im Beginne der individuellen Existenz
+eine einzige einfache Zelle ist. Das Ei, aus dem sich jedes Thier
+wie jede Pflanze entwickelt, ist weiter nichts als eine Zelle. Das
+ist eine der bedeutungsvollsten Thatsachen. Denn das ganze Problem
+der individuellen Entwickelung löst sich demnach in die
+Frage auf: Wie kann der vielzellige Organismus mit allen seinen
+verschiedenen Organen aus einer einzigen Zelle entstehen? Und
+die Antwort hierauf lautet höchst einfach: Durch wiederholte
+Theilung entsteht aus der einfachen Zelle eine Zell-Gemeinde oder
+<em class="gesperrt">Association</em>, eine Gesellschaft von zahlreichen gleichartigen
+Zellen; diese werden durch <em class="gesperrt">Arbeitstheilung</em> ungleichartig und
+ordnen sich nach den Gesetzen der <em class="gesperrt">Vererbung</em> und <em class="gesperrt">Anpassung</em>
+zu einer centralisirten Einheit.</p>
+
+<p>Wie verhalten sich nun unsere kleinen Protisten zu diesen
+höchst wichtigen Thatsachen und zu der darauf gegründeten Zellentheorie?
+Ist auch ihr winziger Leib aus vielen und ungleichartig
+entwickelten Zellen zusammengesetzt? Findet sich auch in
+ihrem Organismus jene Arbeitstheilung der associirten Zellen, durch
+welche die verschiedenen <em class="gesperrt">Gewebe</em> und <em class="gesperrt">Organe</em> entstehen? Das
+Mikroskop antwortet uns: <em class="gesperrt">Nein!</em> Vielmehr ist bei den meisten
+Protisten der ganze Körper zeitlebens <em class="gesperrt">nur eine einzige Zelle</em>.
+Aber auch bei jenen Protisten, welche in entwickeltem Zustande
+vielzellig sind, finden wir niemals wahre Gewebe und Organe,
+niemals jene eigenthümliche Arbeitstheilung und Anordnung der
+Zellen, welche den wahren Thierkörper und den wahren Pflanzenkörper
+auszeichnet. Denn hier beherrscht immer die Gesammtform
+des Körpers die ganze Anordnung und Bildung der Zellen,
+ <span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>
+ihre Verbindung zu den Geweben und Organen, aus denen er
+zusammengesetzt ist. Bei den vielzelligen Protisten hingegen bewahren
+die gesellig verbunden Zellen stets mehr oder weniger
+ihre Selbständigkeit; sie bilden immer nur sehr lockere Gesellschaften,
+sociale Verbände ohne Arbeitstheilung, die nicht als
+centralisirte Staaten anerkannt werden können. Wenn wir vorher
+den einzelnen Organismus des Thieres wie der Pflanze einem
+wohlorganisirten <em class="gesperrt">Culturstaate</em> verglichen, so können wir dagegen
+die lockeren Zellenhaufen der vielzelligen Protisten höchstens mit
+den rohen Horden der uncultivirten <em class="gesperrt">Naturvölker</em> vergleichen.
+Die meisten Protisten bringen es aber, wie gesagt, nicht einmal
+zur Bildung solcher <em class="gesperrt">Zellen-Horden</em>, zu dieser niedersten Stufe der
+Association; sie ziehen es vor, als Einsiedler für sich zu leben
+und ihre volle Selbständigkeit in jeder Beziehung zu bewahren.
+Die meisten Protisten bleiben zeitlebens einfache, isolirte Zellen,
+sie leben als <em class="gesperrt">Zellen-Einsiedler</em>.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn man die hohe Bedeutung der Protisten für die monistische
+Entwicklungslehre richtig verstehen will, wenn man sich
+von der selbständigen Stellung des Protistenreichs zwischen dem
+Thierreiche einerseits und dem Pflanzenreiche anderseits überzeugen
+will, so muss man vor Allem den autonomen, <em class="gesperrt">unabhängigen
+Zellen-Charakter</em> ihres Organismus gehörig würdigen. Bei
+allen <em class="gesperrt">einzelligen</em> Protisten, die ihr ganzes Leben als »Zellen-Einsiedler«
+zubringen, versteht sich das von selbst. Aber auch
+bei den vielzelligen Protisten, bei den »Zellenhorden« finden wir
+immer die Individualität der locker verbundenen Zellen gewahrt
+und vermissen jene Abhängigkeit derselben von einander und
+vom Ganzen, welche wir in dem wohlorganisirten Zellenstaate
+des Thier- und Pflanzenorganismus antreffen.</p>
+
+<p>In dieser Auffassung des Protisten-Organismus liegt nach
+unserer Ansicht der Schwerpunkt seines Verständnisses. Es wird
+daher zunächst erforderlich sein, den <em class="gesperrt">Begriff</em> der organischen
+<em class="gesperrt">Zelle</em> überhaupt festzustellen. Dieser Begriff hat seit der Begründung
+der Zellentheorie mancherlei Wandlungen erfahren.
+Gegenwärtig nimmt man fast allgemein an, dass zum Begriff der
+Zelle zwei verschiedene Bestandtheile gehören. Erstens: der eigentliche
+<em class="gesperrt">Zellenleib</em>, ein lebendiges Stückchen von weichem, eiweissartigen
+ <span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>
+Bildungsstoff oder <em class="gesperrt">Protoplasma</em>; und zweitens ein davon
+umschlossener <em class="gesperrt">Zellkern</em> oder <em class="gesperrt">Nucleus</em>; ein kleinerer, meist
+festerer Körper, der ebenfalls aus einer eiweissartigen, aber vom
+Protoplasma etwas verschiedenen Materie besteht. Als dritter
+Hauptbestandtheil kommt dazu bei vielen Zellen noch eine äussere
+Umhüllungshaut oder Schale, die <em class="gesperrt">Zellhaut</em> oder <em class="gesperrt">Membran</em>.
+Die meisten Pflanzenzellen sind von einer solchen Kapsel oder
+Membran umschlossen: <em class="gesperrt">Schlauchzellen</em>. Hingegen sind die
+meisten Thierzellen hautlos und nackt: <em class="gesperrt">Urzellen</em>. Die meisten
+Protisten zeichnen sich durch die Bildung ganz eigenthümlicher
+Kapseln oder Schalen aus, welche ihrem Zellenleibe eine sehr
+characteristische und mannigfaltige Gestalt geben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn wir nun zunächst unter unsern Protisten diejenige
+Gattung aufsuchen, welche uns auf der Höhe ihrer Entwickelung
+die einfachste Form eines solchen einzelligen Organismus, gewissermassen
+das <em class="gesperrt">Ideal der Zelle</em>, darstellt, so treten uns vor allen
+Andern die berühmten <em class="gesperrt">Amoeben</em> entgegen. (<a href="#fig1c">Fig. 1</a>). Weit
+verbreitet in unsern süssen und salzigen Gewässern, sind dieselben
+wegen ihrer höchst einfachen Bildung und ihrer bedeutsamen Beziehungen
+zu anderen Zellen von
+ganz besonderer Wichtigkeit. Die
+Amoeben sind nackte Zellen ohne
+Hülle und ohne bestimmte Form. Ihr
+weicher Körper, der nur einen einfachen
+Zellkern enthält, bewegt
+sich langsam kriechend im Wasser
+umher. Dies geschieht dadurch, dass
+eine wechselnde Anzahl von veränderlichen,
+lappenförmigen oder fingerförmigen
+Fortsätzen aus beliebigen Stellen
+der Oberfläche vorgestreckt und wieder
+eingezogen werden. So ändern die
+kriechenden Amoeben immerfort ihre
+unbestimmte Gestalt. Kommen sie zufällig
+mit kleinen Körperchen in Berührung,
+die zur Nahrung dienen können, so drücken sie dieselben mittelst
+der Bewegungen ihrer Fortsätze an einer beliebigen Stelle ihrer
+ <span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+Körper-Oberfläche in diesen hinein. Auch kleinste Wassertröpfchen
+werden so verschluckt. Die einzellige Amoebe kann also essen
+und trinken, ohne dass sie Mund und Magen besässe. Nachdem
+die Amoebe durch fortdauerndes Wachsthum eine gewisse Grösse
+erreicht hat, zerfällt ihr einfacher Zellenleib durch Theilung in
+zwei Zellen. Zuerst theilt sich dabei der Kern, darauf das Protoplasma.
+Auf dieselbe Weise vermehren sich auch die Zellen, die
+unsern eigenen Körper zusammensetzen, und von denen
+viele beständig verbraucht und durch neue Zellen ersetzt werden.
+Die grösste Aehnlichkeit mit den Amoeben haben die farblosen
+Blutzellen, die milliardenweise in unserem Blute kreisen. Auch
+diese bewegen sich nach Amoeben-Art, indem sie ihre unbestimmte
+Form ändern. Auch diese können fremde Körperchen in ihr Inneres
+aufnehmen; wir können sie unter dem Mikroskop z. B. mit
+Carminkörnchen füttern, mit denen sie sich in kurzer Zeit anfüllen.
+(<a href="#fig2c">Fig. 2</a>).</p>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel14" id="fig1c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-16eb" alt="Eine gewöhnliche Amoeba" src="images/fig1c.jpg">
+ <figcaption>Fig. 1. Eine gewöhnliche <em class="gesperrt">Amoebe</em>
+(<em class="gesperrt">Amoeba vulgaris</em>) in zwei
+aufeinander folgenden Zuständen
+der Bewegung dargestellt; in A
+sind mehrere kurze, in B mehrere
+längere Fortsätze oder Lappenfüsschen
+vorgestreckt. Im <em class="gesperrt">Protoplasma</em>
+der nackten Zelle liegt
+der <em class="gesperrt">Kern</em> (n) und ausserdem einige
+fremde, als Nahrung aufgenommene
+Körperchen (i).</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel20" id="fig2c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-22eb" alt="Fressende Amoeben" src="images/fig2c.jpg">
+ <figcaption>Fig. 2. <em class="gesperrt">Fressende</em>, Amoeben ähnliche, farblose
+<em class="gesperrt">Blutzellen</em> aus dem Blute einer nackten Seeschnecke
+(<em class="gesperrt">Thetis leporina</em>). Die Blutzellen
+führen in der Blutflüssigkeit lebhafte Bewegungen,
+gleich echten Amoeben aus; und gleich Letzteren
+verzehren sie feste Farbstoffkörnchen.</figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Von besonderer Wichtigkeit
+für die Entwickelungsgeschichte ist die
+interessante Thatsache, dass auch die <em class="gesperrt">Eier</em> der Thiere in ihrer
+frühesten Jugend nackte, formlose Zellen sind, welche Amoeben
+zum Verwechseln ähnlich sehen und gleich diesen langsame, unbestimmte
+Bewegungen ausführen, wobei sie ihre Form beliebig
+verändern (<a href="#fig3c">Fig. 3</a>). Bei den Schwämmen oder Spongien unternehmen
+diese amoebenähnlichen Eizellen, langsam fortkriechend, oft weite
+Wanderungen durch den Körper des Schwammes und sind daher früher
+als »parasitische Amoeben« beschrieben worden, welche als fremde Eindringlinge
+im Schwammkörper schmarotzend leben sollten (<a href="#fig4c">Fig. 4</a>).</p>
+
+<p>Es giebt auch Amoeben, welche ihren nackten Zellenleib
+theilweise mit einer schützenden Schale umgeben, und diese bilden
+die Gruppe der <em class="gesperrt">Arcellinen</em> oder Thekolobosen. Bald schwitzen
+diese gepanzerten Amoeben eine schleimige Masse aus,
+welche sofort erhärtet und mit Sandkörnchen und anderen fremden Körperchen
+zu einer festen Kruste zusammenbackt (<i>Difflugia</i>, <a href="#fig5c">Fig. 5</a>).
+Bald wird die ganze Masse der erhärteten Hülle blos von ausgeschwitzter
+organischer Substanz gebildet, und diese zeigt oft eine
+sehr zierliche Structur, indem sie aus sechseckigen oder viereckigen
+Täfelchen zusammengesetzt erscheint (<i>Arcella</i>, <i>Quadrula</i>, <a href="#fig6c">Fig. 6</a>).
+
+ <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig3c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-16eb" alt="Jugendliche Eizellen" src="images/fig3c.jpg">
+ <figcaption>Fig. 3. Jugendliche <em class="gesperrt">Eizellen</em> verschiedener Thiere,
+amoebenähnliche nackte Zellen, welche unter langsamer Formveränderung,
+gleich echten Amoeben, Bewegungen ausführen. In dem dunkeln
+feinkörnigen Protoplasma liegt ein heller, bläschenförmiger Kern,
+und in diesem ein dunkles Kernkörperchen.
+— A 1–4. Eizelle eines Kalkschwammes (Leucon) in vier verschiedenen, auf einander
+folgenden Bewegungs-Zuständen. — B 1–8. Eizelle eines Schmarotzerkrebses
+(Chondracanthus) in acht verschiedenen, auf einander folgenden Bewegungs-Zuständen.
+— C 1–5. Eizellen der Katze, in verschiedenen Bewegungs-Zuständen.
+— D. Junge Eizelle der Forelle. — E. Junge Eizelle des Huhnes. — F. Junge
+Eizelle des Menschen. Alle diese amoebenähnlichen Eizellen befinden sich noch
+in der ersten Jugend: später nehmen sie sehr verschiedene Beschaffenheit an.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+<br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel14" id="fig4c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-14eb" alt="Amoebenähnliche Eizelle" src="images/fig4c.jpg">
+ <figcaption>Fig. 4. Amoebenähnliche
+<em class="gesperrt">Eizelle</em> eines
+Kalkschwammes (Olynthus),weite Strecken
+im Körper des Letzteren fortkriechend.
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel18" id="fig5c">
+ <img class="figcimg-6 figcimg-8eb" alt="Difflugia" src="images/fig5c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 5. <em class="gesperrt">Difflugia</em>
+(oblonga), eine gepanzerte Amoebe, welche
+ihre länglich-eiförmige Schale (a) aus
+feinsten Sandkörnchen zusammenklebt. Aus der
+einfachen Mündung des
+Gehäuses (oder der incrustirten Zellmembran)
+tritt der vordere Theil des weichen Zellenleibes
+(b) mit seinen wechselnden Lappenfüsschen vor
+(c). Im hinteren Theile ist ein heller kugeliger
+Kern mit zahlreichen Kernkörperchen sichtbar (d).
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig6c">
+ <img class="figcimg-10 figcimg-12eb" alt="Quadrula" src="images/fig6c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 6. <em class="gesperrt">Quadrula</em> (symmetrica).
+Eine gepanzerte Amoebe, deren
+Schale aus quadratischen Plättchen
+zierlich zusammengesetzt ist.
+Oben liegt ein kugeliger Zellkern
+(n) im Protoplasma, unten treten
+mehrere Lappenfüsschen vor (l).
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig7c">
+ <img class="figcimg-10 figcimg-6eb" alt="Monocystis" src="images/fig7c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 7. <em class="gesperrt">Monocystis</em>
+(agilis), eine schmarotzende <em class="gesperrt">Gregarine</em>
+aus der Leibeshöhle des Regenwurmes. Der langgestreckte,
+wurmförmig sich bewegende Körper ist eine einfache
+Zelle mit fester Haut (a), Protoplasma (b)und Kern (c).
+</figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Alle diese amoebenartigen Wesen, die echten, nackten Amoeben
+und die gepanzerten zierlichen Arcellinen, können wir als besondere Classe unter dem Namen Lappinge oder <em class="gesperrt">Lappenfüssler</em> (<i>Lobosa</i>)
+zusammenfassen, weil der auszeichnende Character dieser einzelligen
+Urthiere die Bildung lappenförmiger Wechselfüsschen ist. An sie
+schliessen sich aber ganz eng die sonderbaren Wesen an, welche
+die besondere Gruppe der <em class="gesperrt">Gregarinen</em> bilden. Alle Gregarinen
+leben als Schmarotzer oder Parasiten im Innern anderer Thiere
+und sind gewissen niederen Würmern so ähnlich, dass man sie
+früher selbst als Eingeweide-Würmer beschrieben hat; auch stimmen
+die wurmförmigen Bewegungen ihres kriechenden Körpers ganz
+mit denjenigen gewisser Würmer überein. Trotzdem ist ihr ganzer,
+ziemlich grosser, oft mehrere Millimeter langer Körper nichts
+Anderes, als eine einfache Zelle. Der trübe, mit feinen Körnchen
+erfüllte Protoplasma-Leib (b) umschliesst einen Zellkern (c) und
+ist von einer festen, homogenen, structurlosen Hülle umgeben (a).
+Die flüssige Nahrung schwitzt aus den umgebenden Säften des
+bewohnten Thieres durch diese Hülle oder Zellmembran hindurch und
+dringt so in die Gregarine ein. Man kann die Gregarinen als
+Amoeben betrachten, welche in das Innere von anderen Thieren
+eingedrungen sind, sich hier an parasitische Lebensweise gewöhnt
+und durch Anpassung mit einer schützenden Hülle umgeben haben.</p>
+
+<p>Eine ganz andere Bewegungsform, als die langsam kriechenden
+Amoeben und Gregarinen, zeigen uns die schwimmenden
+<em class="gesperrt">Flagellaten</em>, die <em class="gesperrt">Geissler</em> oder Geisselschwärmer. Diese interessanten
+Protisten haben bis auf den heutigen Tag unter einem
+ganz eigenthümlichen Schicksal zu leiden. Wenn sie nämlich
+das Glück haben, grün gefärbt zu sein, werden sie von vielen
+Naturforschern unbedenklich als echte Pflanzen betrachtet. Wenn sie
+dagegen unglücklicherweise eine gelbe oder braune Farbe tragen,
+so werden sie für echte Thiere erklärt; gewiss ein schlagendes
+Beispiel von der Willkür der üblichen Classification. Zahlreiche
+ <span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+Formen dieser Geissler, die auch oft mit dem vieldeutigen Namen
+der <em class="gesperrt">Monaden</em> belegt werden, bevölkern das Süsswasser, wie das
+Meer, oft in unglaublichen Massen. Wenn im Frühjahr zuweilen
+plötzlich unsere Teiche sich mit einer grünen Schleimdecke überziehen,
+so beruht das gewöhnlich auf der Entstehung zahlloser
+grüner Euglenen. Ebenso ist die seltener auftretende blutrothe
+Färbung der Gewässer, die zur Sage vom Blutregen, sowie zu
+vielen abergläubischen Vorstellungen und Hexen-Processen Veranlassung
+gegeben hat, durch Milliarden rother Euglenen bedingt.
+Durch verwandte rothe Protococcus-Formen wird auch der rothe Schnee
+gebildet, der die Eisberge sowohl in den Polarmeeren, wie auf unseren
+Alpenhöhen bisweilen in weiter Ausdehnung blutroth färbt.</p>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig8c">
+ <img class="figcimg-8 figcimg-10eb" alt="Phacus" src="images/fig8c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 8. <em class="gesperrt">Phacus</em> (longicauda).
+Ein Geisselschwärmer
+mit einer langen schwingenden
+Geissel am vorderen,
+einem fadenförmigen Anhang
+am hinteren Ende;
+hinter ersterem ein rother
+Augenfleck.
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig9c">
+ <img class="figcimg-14 figcimg-16eb" alt="Peridinium" src="images/fig9c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 9. <em class="gesperrt">Peridinium</em> (tripus).
+Ein Wimpergeissler,
+dessen dreihörnige Kieselschale
+aus zwei Hälften
+zusammengesetzt ist.
+</figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Diese Protococcen und Euglenen sind Einsiedler-Zellen,
+während andere Flagellaten sich zu kleinen Gesellschaften zusammenthun.
+Sie schwimmen im Wasser umher mittelst eines
+feinen fadenförmigen Fortsatzes, der wie eine Geissel oder Peitsche
+hin und her geschwungen wird (<a href="#fig8c">Fig. 8</a>). Manche setzen sich auch
+fest auf dünnen Stielen. Ausser der Geissel, ihrem Haupt-Bewegungsorgan,
+besitzen manche Geisselschwärmer noch einen
+Kranz von feinen Wimpern mitten um den Zellenleib; diese
+ <span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+heissen <em class="gesperrt">Wimpergeissler</em> (<i>Peridinia</i>,
+<a href="#fig9c">Fig. 9</a>). Von letzteren
+bilden sich viele eine Kieselschale, die aus zwei ungleichen Hälften
+besteht; die grössere Hälfte trägt zwei lange Hörner, die kleinere
+ein Horn; zwischen beiden Hälften tritt der Wimperkranz und
+die Geissel hervor. Durch die Schwingungen der Geissel werden
+kleine Nahrungskörnchen dem Zellenleibe der Flagellaten zugeführt
+und an deren Basis durch eine Art Zellenmund aufgenommen.
+Ihre Vermehrung geschieht meistens durch einfache
+Theilung. Bei vielen finden wir abwechselnd einen frei beweglichen
+und einen Ruhezustand. Während des letzteren kapseln sie
+sich ein und zerfallen innerhalb der Hülle in vier oder acht Zellen.
+Diese treten später aus der Kapsel aus und schwimmen frei umher.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig10c">
+ <img class="figcimg-16 figcimg-18eb" alt="Ein Kugelthierchen" src="images/fig10c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 10. Ein Kugelthierchen (<em class="gesperrt">Volvox
+globator</em>). Die netzförmige
+Zeichnung an der Oberfläche der
+Gallertkugel entsteht dadurch, dass
+die kleinen grünen, in den Knotenpunkten
+des Netzes befindlichen
+Geisselzellen sich durch feine Fortsätze
+unter einander verbinden. Im
+Innern der Kugel sind 6 Tochterkugeln
+(junge Colonien) sichtbar.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Nahe Verwandte dieser einzelligen
+Flagellaten sind auch die
+grünen sogenannten <em class="gesperrt">Kugelthierchen</em>
+oder <em class="gesperrt">Volvocinen</em> (<a href="#fig10c">Fig. 10</a>);
+grüne Gallertkügelchen, welche die
+Grösse eines Stecknadelknopfes erreichen.
+In jedem Kügelchen sind
+zahlreiche grüne einzellige Flagellaten
+zu einer Gesellschaft vereinigt;
+und durch die gemeinsamen
+Schwingungen ihrer Geisseln
+wird die ganze Kugel umherbewegt.
+Im Innern der Gallertkugeln
+entstehen neue Tochterkugeln.
+Ausserdem vermehren sich
+die Volvocinen aber auch geschlechtlich,
+wie durch <em class="gesperrt">Cohns’</em>
+sorgfältige Untersuchungen dargethan worden ist; ihre Befruchtung
+geschieht in ähnlicher Weise wie bei vielen Algen; sie
+schliessen sich dadurch schon enger an das Pflanzenreich an.</p>
+
+<p>Eine sehr eigenthümliche Protistengruppe, die man auch noch
+zu den Flagellaten rechnet, sind die grossen blasenförmigen
+<em class="gesperrt">Noctiluken</em> oder <em class="gesperrt">Meerleuchten</em>. (<a href="#fig11c">Fig. 11</a>). Sie bedecken
+oft die Meeresoberfläche in unglaublichen Massen, strahlen im
+Dunkeln ein helles Licht aus und spielen eine Hauptrolle bei dem
+wundervollen Phänomen des Meerleuchtens. Die gewöhnlichen
+ <span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+Noctiluken sind colossale rundliche Zellen, welche ½-1 Millimeter
+Durchmesser erreichen und die Gestalt einer Pfirsiche besitzen
+(<a href="#fig11c">Fig. 11</a>). Der Hohlraum der blasenförmigen Zelle ist mit
+wässeriger Flüssigkeit erfüllt, in welcher sich verästelte Stromfäden
+(g) des Protoplasma bewegen, ausgehend von der Wandschicht
+des letztern, welche innen an der Zellhaut anliegt. Der
+Kern ist eiförmig (b). An einer Stelle ist die Zellhaut von einer
+Oeffnung, einem <em class="gesperrt">Zellmund</em> (<i>Cystostoma</i>), durchbrochen, und hier
+wird Nahrung direct in das Innere aufgenommen. Hier befindet
+sich auch neben der zarten Geissel ein grosser peitschenförmiger
+quergestreifter Anhang (a), sowie ein zahnförmiger Fortsatz (d).
+Die Fortpflanzung erfolgt theils durch einfache Theilung, theils
+durch eine eigenthümliche Form der Sporenbildung.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig11c">
+ <img class="figcimg-22 figcimg-16eb"
+alt="Eine Meerleuchte" src="images/fig11c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 11. Eine Meerleuchte (<em class="gesperrt">Noctiluca miliaris</em>). 1. Die ganze Geisselzelle
+von oben. 2. Im optischen Durchschnitt: a Peitschenförmiger Anhang,
+b Kern, c Furche der Oberfläche, d zahnförmiger Fortsatz, daneben die zarte
+Geissel; e, f grössere Protoplasma-Ansammlung um den Kern herum; g, g verzweigte
+Stromfäden des Protoplasma.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Neuerdings ist eine Noctiluken-Form entdeckt worden, welche
+zum Verwechseln einer kleinen schirmförmigen Meduse ähnlich ist,
+und gleich einer solchen sich durch Zusammenklappen des zarten
+concaven Schirmes schwimmend bewegt (<i>Leptodiscus medusoides</i>).</p>
+
+<p>Während über die einzellige Natur der Geisselschwärmer und
+der Amoeben heutzutage kein Zweifel mehr besteht, so ist diese
+dagegen bis vor Kurzem streitig gewesen bei denjenigen Protisten,
+die man heute vielfach als <em class="gesperrt">Infusionsthierchen</em> im <em class="gesperrt">engeren</em>
+Sinne bezeichnet. Dazu gehören die beiden Klassen der Wimperthierchen
+ <span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+oder <em class="gesperrt">Ciliaten</em> (<a href="#fig12c">Fig. 12–15</a>) und der Starrthierchen
+oder <em class="gesperrt">Acineten</em> (<a href="#fig16c">Fig. 16</a>, <a href="#fig17c">17</a>). Massenhaft bevölkern sie alle
+stehenden und fliessenden Gewässer und sind auch in allen Infusionen
+zu finden.</p>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig12c">
+ <img class="figcimg-12 figcimg-10eb" alt="Ein Trompetenthierchen" src="images/fig12c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 12. Ein Trompetenthierchen
+(<em class="gesperrt">Stentor</em> polymorphus).
+Oben ist der grosse, den Mund
+umgebende Wimperkranz sichtbar,
+links darunter der lange,
+rosenkranzförmige Kern. Rechts
+neben dem Stentor sind zwei
+kleine, bewimperte Zellen sichtbar,
+die aus dem Innern desselben
+ausgeschwärmt sind, entweder
+Junge oder Parasiten (Acineten-Schwärmer).
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig13c">
+ <img class="figcimg-14 figcimg-16eb"
+alt="Ein Maiglocken-Thierchen" src="images/fig13c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 13. Ein Maiglocken-Thierchen
+(<em class="gesperrt">Vorticella</em> microstoma). Der einzellige
+Leib ist auf einem dünnen
+Stiele befestigt, der sich korkzieherartig
+zusammenziehen kann. a Wimperkranz
+um den Mund: v contractile Blase: n Zellkern; k, p, zwei
+Knospen, die sich ablösen.
+</figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Besonders die Ciliaten, die <em class="gesperrt">Wimperlinge</em> oder <em class="gesperrt">Wimperthierchen</em>,
+erscheinen in einer Fülle von niedlichen
+Formen; und durch die Anmuth ihrer lebhaften Bewegungen
+fesseln sie uns stundenlang an das Mikroskop. Nur einzelne
+ <span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+Ciliaten sind schon mit blossem Auge sichtbar, so z. B.
+das grosse Trompetenthierchen (<i>Stentor</i>, <a href="#fig12c">Fig. 12</a>); die meisten sind
+erst durch das Mikroskop erkennbar. Zahlreiche kurze Wimperhärchen
+sind über den Körper zerstreut und werden willkürlich
+schlagend bewegt. Wie die Geisseln der Flagellaten, so sind auch
+diese Wimpern der Ciliaten directe Fortsätze vom Protoplasma des
+einzelligen Körpers. Die meisten Wimperthierchen bewegen sich
+frei schwimmend oder laufend mittelst dieser Wimpern umher.
+Es giebt aber auch festsitzende Ciliaten, wozu die niedlichen Vorticellen
+(<a href="#fig13c">Fig. 13</a>) und Freia (<a href="#fig14c">Fig. 14</a>) gehören.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig14c">
+ <img class="figcimg-10 figcimg-12eb" alt="Ein Lappenthierchen" src="images/fig14c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 14. Ein Lappenthierchen.
+(<em class="gesperrt">Freia elegans</em>). Der einzellige
+Körper ist in eine ovale, auf Wasserpflanzen
+(unten) befestigte Hülle
+eingeschlossen, aus deren Oeffnung
+der Vordertheil der Zelle mit der
+Mundöffnung und zwei grossen
+Wimperlappen vortritt.
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig15c">
+ <img class="figcimg-16 figcimg-18eb"
+alt="Ein Reusenthierchen" src="images/fig15c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 15. Ein Reusenthierchen
+(<em class="gesperrt">Prorodon teres</em>). a Mundöffnung
+(mit fischreusenähnlichem
+Schlundtrichter). b Contractile
+Blase. c Verschluckte
+Nahrungsballen. d Zellkern (mit
+Kernkörperchen).
+</figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Bei diesen Ciliaten dient der durch die Wimpern erzeugte
+Strudel dazu, frisches Wasser und Nahrung der Zelle zuzuführen.</p>
+
+<p>Das Protoplasma des Ciliaten-Körpers ist in eine festere <em class="gesperrt">Rindenschicht</em>
+(<i>Exoplasma</i>) und eine weichere Markschicht (<i>Endoplasma</i>),
+ <span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>
+<span style="margin-left: 0.5em;">gesondert. In der ersteren befindet sich eine beständige</span>
+Oeffnung, eine Art <em class="gesperrt">Zellenmund</em> (<i>Cytostoma</i>), durch welchen
+sowohl feste Bissen als Wassertropfen verschluckt und in die
+weichere Markmasse hineingedrückt werden. Bisweilen ist diese
+Mundöffnung zu einem besonderen gefalteten Schlundtrichter erweitert,
+so z. B. bei dem Fischreusen-Thierchen (<a href="#fig15c">Fig. 15 a</a>). In
+dem weichen Protoplasma des Inneren ballt sich die verschluckte
+Nahrung in Bissen (<a href="#fig15c">Fig. 15 c</a>), welche allmählig verdaut und aufgelöst
+werden; <em class="gesperrt">Ehrenberg</em> beschrieb diese Nahrungsballen als
+besondere Magensäcke und benannte deshalb die Ciliaten »Vielmagenthierchen«
+(<i>Polygastrica</i>). Unsere magenlosen Wimperthierchen
+können also essen und trinken, obwohl sie einfache Zellen
+sind. Was aber noch mehr überrascht, das ist die Munterkeit und
+die offenbare Willkür ihrer Bewegungen, der zarte und seelenvolle
+Character ihrer Empfindungen. Gerade wegen dieser Eigenschaften
+werden sie gewöhnlich als echte Thiere betrachtet. Dass
+sie das nicht sind, geht aus ihrem feineren Bau und ihrer Entwickelung
+deutlich hervor. Zeitlebens umschliesst ihr einfacher
+Zellenleib nur einen einzigen Kern. Bald ist dieser <em class="gesperrt">Nucleus</em>
+rundlich (<a href="#fig15c">Fig. 15 d</a>), bald wurstförmig
+(<a href="#fig13c">Fig. 13 n</a>), bald langgestreckt,
+stabförmig oder rosenkranzförmig (<a href="#fig12c">Fig. 12</a>). Die Ciliaten sind also
+wirklich <em class="gesperrt">einzellig</em>, wie zuerst der um die Kenntniss der Protisten
+hochverdiente Zoologe <em class="gesperrt">Siebold</em> dargethan hat. Die Vermehrung
+der Ciliaten geschieht durch einfache Theilung; und wie bei jeder
+gewöhnlichen Zellentheilung zerfällt zuerst der Kern, und darauf
+das Protoplasma in zwei gleiche Hälften. Aber auch Fortpflanzung
+durch Knospenbildung ist bei vielen Ciliaten zu finden, so z. B.
+bei den Vorticellen (<a href="#fig13c">Fig. 13</a>). Ausserdem scheinen sich Viele
+durch <em class="gesperrt">Sporen</em> zu vermehren, d. h. durch junge Zellen, welche
+sich im Inneren der Mutterzelle bilden und wobei der Kern betheiligt
+ist (<a href="#fig12c">Fig. 12</a>).</p>
+
+<p>Das Interessanteste an den Wimperthierchen, und diejenige
+Eigenschaft, durch welche sie alle anderen Protisten übertreffen,
+ist der hohe Grad von <em class="gesperrt">Empfindlichkeit</em> und von <em class="gesperrt">Willens-Energie</em>,
+den sie bei ihren lebhaften Bewegungen kundgeben.
+Wer lange und eingehend Ciliaten beobachtet hat, kann nicht zweifeln,
+dass sie eine <em class="gesperrt">Seele</em> so gut wie die höheren Thiere besitzen.
+Denn die <em class="gesperrt">Seelenthätigkeiten</em> der Empfindung und der willkürlichen
+ <span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
+Bewegung üben sie eben so aus, wie die höheren Thiere;
+und an diesen Thätigkeiten allein ist ja die <em class="gesperrt">Seele</em> zu erkennen.
+Da nun der ganze Leib der Ciliaten bloss eine einfache Zelle ist,
+so gewinnen sie die höchste Bedeutung für die Theorie von der
+<em class="gesperrt">Zellseele</em>, für die Annahme, dass jede organische Zelle ihre
+eigene individuelle »Seele« besitzt — oder vielmehr, richtiger ausgedrückt:
+dass <em class="gesperrt">Seelenleben eine Thätigkeit aller Zellen ist</em>.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig16c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Eine Acineta" src="images/fig16c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 16. Eine <em class="gesperrt">Acineta</em>, auf einem kurzen Stiele (unten) befestigt. p Saugröhren
+der Zelle. v Contractile Blasen im Protoplasma. e eine Spore.
+n Zellkern.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>An die formenreiche Klasse der Wimperthierchen schliesst
+sich die kleine Gruppe der naheverwandten Starrthierchen oder
+<em class="gesperrt">Acineten</em> an
+(<a href="#fig16c">Fig. 16</a>, <a href="#fig17c">17</a>).
+Im Gegensatze zu ersteren zeigen
+diese letzteren nur sehr wenig Beweglichkeit; sie sitzen meistens
+zeitlebens auf einem Stiele fest. Statt der Wimperhärchen treten
+aus ihrem starren, von einer Hülle umschlossenen Zellenkörper
+zahlreiche feine, oft büschelförmig gruppirte Fortsätze hervor
+(<a href="#fig16c">Fig. 16 p</a>). Dies sind sehr feine Saugröhrchen, die am Ende mit
+einem Saugknöpfchen versehen sind. Wenn ein schwimmendes Wimperthierchen
+unvorsichtig in die Nähe einer solchen Acinete geräth,
+wird sie von den steif ausgestreckten Saugröhren der letzteren
+festgehalten und ausgesaugt (<a href="#fig17c">Fig. 17</a>). Das Protoplasma des gefangenen
+Ciliaten (a) wandert langsam durch die Saugröhren (f’’)
+ <span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+in das Innere der Acinete hinein. Dass auch sie nur eine einfache
+Zelle ist, beweist ihr Zellkern (n); im Protoplasma sind,
+wie bei den Ciliaten, oft eine oder mehrere »contractile Blasen«
+oder Vacuolen sichtbar, wassererfüllte kugelige Hohlräume, die
+sich langsam zusammenziehen und wieder ausdehnen
+(<a href="#fig16c">Fig. 16v</a>,<a href="#fig17c">Fig. 17x</a>).</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig17c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-20eb" alt="Eine Acineta" src="images/fig17c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 17. Eine <em class="gesperrt">Acineta</em>, welche mit ihren Saugröhren (f) ein Wimperthierchen
+(Euchelys a) ergriffen hat und dasselbe aussaugt. x, v Contractile Blasen.
+n&nbsp;Zellkern.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Die anhaltende Beobachtung der Acineten gewährt ebenso
+wie diejenige der Ciliaten das höchste Interesse. An diesen Infusionsthierchen
+zeigt uns die organische Zelle deutlich, wie
+weit sie es in ihrem idealen Streben nach thierischer Vollkommenheit
+für sich allein bringen kann. Wir können sagen: Die Wimperthierchen
+sind der gelungenste Versuch der einzelnen <em class="gesperrt">Zelle</em>,
+sich zu einem wirklichen <em class="gesperrt">Thiere</em> zu entwickeln. Aber zu einem
+echten Thiere gehören ja mindestens zwei Keimblätter, deren
+jedes aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt ist. Also können
+wir doch die Ciliaten und Acineten nicht als wirkliche Thiere
+gelten lassen.</p>
+
+<p>Unter allen Protistenklassen die formenreichste und in geologischer
+Beziehung die wichtigste ist die wunderbare Klasse der
+<em class="gesperrt">Wurzelfüssler</em> oder <em class="gesperrt">Rhizopoden</em>. Ausser mehreren kleineren
+Gruppen gehören dahin die kalkschaligen Thalamophoren und die
+kieselschaligen Radiolarien. Beide Abtheilungen sind in zahllosen,
+höchst phantastisch geformten Arten in allen Meeren verbreitet.
+ <span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+Die Thalamophoren leben zum grössten Theile kriechend auf dem
+Grunde des Meeres, besonders auf Seetang; die Radiolarien hingegen
+schwimmen in dichtgedrängten Schaaren an der glatten
+Oberfläche des Meeres oder schweben in verschiedenen Tiefen
+desselben. Die bekanntesten und geologisch wichtigsten Rhizopoden
+sind die <em class="gesperrt">Thalamophoren</em>, <em class="gesperrt">Kammerlinge</em> oder Kammerthierchen;
+ausgezeichnet durch eine feste, meistens kalkige Schale, in welche
+sich diese Urthierchen, wie die Schnecke in ihr Haus, zurückziehen
+können. Bald enthält diese Kalkschale nur eine einzige
+Kammer (<em class="gesperrt">Einkammerige</em>, <i>Monothalamia</i>, <i>Monostegia</i>); bald mehrere,
+durch Thüren mit einander verbundene Kammern (<em class="gesperrt">Vielkammerige</em>,
+<i>Polythalamia</i>, <i>Polystegia</i>). Solche zierlich geformte, oft einem
+Schneckenhaus ähnliche Kalkschalen haben sich seit vielen Millionen
+Jahren in ungeheuren Massen auf dem Meeresboden angehäuft
+und an der Gebirgsbildung unserer Erde den wichtigsten
+Antheil genommen. Schon die ältesten, aus dem Meere abgesetzten
+Flötzgesteine, die laurentischen, cambrischen und silurischen
+Schichten, enthalten dergleichen Polythalamien-Schalen und
+sind wahrscheinlich zum grossen Theile aus ihnen gebildet. Das
+älteste von Allen ist das berühmte <i>Eozoon canadense</i> aus den
+unteren laurentischen Schichten, dessen Polythalamien-Natur mit
+Unrecht in Zweifel gezogen wurde. Die mächtigste Entwickelung
+erreichen diese Rhizopoden jedoch erst viel später, während
+der Kreide-Periode und der älteren Tertiär-Periode. Jedes kleinste
+Körnchen unserer weissen Schreibkreide lässt uns unter dem Mikroskope
+zahlreiche solcher zierlichen Kalkschalen erkennen. Der
+Grobkalk von Paris, aus dem viele Paläste dieser Weltstadt
+erbaut sind, besteht ebenfalls zum grössten Theile aus solchen Kammerschalen.
+Ein Kubikcentimeter des Kalkes aus den Steinbrüchen
+von Gentilly enthält ungefähr 20,000, ein Kubikmeter demnach
+gegen 20 Millionen Schalen. Die grössten Polythalamien aber
+lebten während der ältesten Tertiärzeit, während der Eocaen-Periode.
+Unter ihnen sind die Riesen des Protisten-Reiches, die gigantischen
+<em class="gesperrt">Nummuliten</em> (<a href="#fig18c">Fig. 18</a>), deren scheibenförmige Kalkschalen die
+Grösse eines Zweithalerstückes erreichen. Der von ihnen erzeugte
+Nummuliten-Kalk, aus dem unter Anderen die egyptischen Pyramiden
+gebaut sind, bildet die ungeheuren Gebirgsmassen des
+Nummulitensystems. Dies ist eins der gewaltigsten Gebirgssysteme
+ <span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+unserer Erde, das von Spanien und Marokko bis nach Indien und
+China hinüberreicht, und an der Bildung der Pyrenäen und Alpen,
+des Libanon und Kaukasus, des Altai und Himalaya den bedeutendsten
+Antheil nimmt.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig18c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Nummulites" src="images/fig18c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 18. <em class="gesperrt">Nummulites</em> (reticulatus). a, b, c in natürlicher Grösse; d, e, f schwach
+vergrössert. Die linsenförmige Scheibe ist in a vom Rande aus gesehen, in
+b und e von der Fläche, c und d im Längsschnitt (Dickenschnitt).
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>In welchen ungeheuren Massen die Polythalamien auch gegenwärtig
+noch unsere Meere bevölkern, geht daraus hervor,
+dass z. B. der Sand der Mittelmeerküsten an vielen Stellen zur
+grösseren Hälfte aus den Schalen lebender Polythalamien-Arten
+besteht. Schon einer ihrer ersten Beobachter, <em class="gesperrt">Bianchi</em>, zählte
+ <span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+im Jahre 1739 in einem einzigen Esslöffel Seesand von Rimini
+6000 Individuen; und derjenige Naturforscher, dem wir die genauesten
+Untersuchungen über ihre Naturgeschichte verdanken,
+der berühmte Anatom <em class="gesperrt">Max Schultze</em>, berechnete ihre Menge
+in einem Esslöffel Seesand von Gaeta auf mehr als Hunderttausend.</p>
+
+<p>Der weiche lebendige Körper der Kammerthierchen, welcher
+diese wunderbaren Schalen- und Panzer-Bildungen erzeugt, ist
+stets von höchst einfacher Bildung: ein Stück formloses Protoplasma,
+das zahlreiche Zellenkerne einschliesst. Von der Oberfläche
+des weichen Protoplasma-Leibes strahlen hunderte, oft tausende
+von äusserst feinen Fäden aus. Diese Schleimfädchen, die
+den Namen <em class="gesperrt">Scheinfüsschen</em> oder <em class="gesperrt">Pseudopodien</em> führen, sind
+sehr empfindlich und beweglich. Sie können sich verästeln, mit
+einander verschmelzen, Netze bilden und wieder in die gemeinsame
+Centralmasse des Körpers zurückgezogen werden. Durch
+die Zusammenziehungen dieser Fäden bewirken die Wurzelfüssler
+ihre kriechende oder schwimmende Ortsbewegung. Wenn ein
+anderer Protist, z. B. ein Wimperthierchen oder eine Bacillarie,
+in den Bereich dieser Fäden gelangt, so wird es von ihnen erfasst,
+umschlungen und in das Innere des Protoplasmakörpers hineingezogen,
+wo es einer höchst einfachen Verdauung unterliegt.
+Wie bei den Amoeben kann jede Stelle der Körperoberfläche dergestalt
+die Aufgabe eines Mundes und Magens übernehmen. Auch
+die Vermehrung der Wurzelfüssler ist höchst einfach. Der weiche
+Protoplasma-Leib des Kammerthierchens zerfällt in zahlreiche kleine
+Stückchen. Jedes Stückchen erhält einen Zellkern, bildet also
+eine echte Zelle, und diese nackte Zelle schwitzt alsbald wieder
+eine Kalkschale aus.</p>
+
+<p>Die vielgestaltige Schale des Acyttarien-Körpers besteht meistens
+aus kohlensaurem Kalk, seltener aus einer erhärteten organischen
+Substanz, die mit Sandkörnchen u. dergl. verkittet ist. Bald besitzt
+die Schale nur eine grössere Mündung, ist aber übrigens
+undurchlöchert (<i>Imperforata</i>); bald ist die Schale überall von sehr
+zahlreichen kleinen Löchern durchbrochen (<i>Foraminifera</i>). Mit
+Bezug auf die Schalenform unterscheidet man bei den zwei Hauptgruppen:
+Einkammerige und Vielkammerige. Die <em class="gesperrt">Einkammerigen</em>
+(<i>Monothalamia</i>) sind verhältnissmässig wenig formenreich.
+Einer ihrer bekanntesten, häufigsten und grössten Vertreter ist die
+ <span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>
+<em class="gesperrt">Gromia</em> (<a href="#fig19c">Fig. 19</a>). Sie besitzt eine eiförmige Schale, mit dunkelbraunem
+Protoplasma erfüllt, und erreicht die Grösse eines Stecknadelknopfes.
+Die Netze der Scheinfüsschen, welche davon ausstrahlen,
+kann man schon mit blossem Auge deutlich erkennen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig19c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Gromia" src="images/fig19c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 19. <em class="gesperrt">Gromia</em> (oviformis). Die Hauptmasse des eiförmigen einzelligen
+Körpers ist von einer biegsamen Schale eingeschlossen. Durch die Oeffnung
+derselben tritt (unten) fliessendes Protoplasma heraus, welches die ganze Schale
+umhüllt und von dem nach allen Richtungen bewegliche Fäden ausstrahlen.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Vielkammerigen</em> (<i>Polythalamia</i>) bilden die Hauptmasse
+der Acyttarien. Die einzelnen Kammern, welche ihre Schale
+zusammensetzen, sind durch unvollständige Scheidewände getrennt,
+oft sehr zahlreich. Meistens sind dieselben mehr oder weniger
+in Spiralen geordnet. So entstehen Gehäuse, welche die grösste
+Aehnlichkeit mit denjenigen gewisser Mollusken, namentlich Cephalopoden,
+besitzen (<a href="#fig20c">Fig. 20</a>). Daher wurden diese Rhizopoden
+ <span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+von ihren ersten Entdeckern wirklich für echte, mikroskopische
+Cephalopoden gehalten und auch später noch ihre Organisation als
+solche beschrieben.</p>
+
+<p>Erst vor 40 Jahren lernte man, zuerst durch <em class="gesperrt">Dujardin</em>,
+ihre wahre Natur kennen, und überzeugte sich, dass ganz ähnlich
+geformte Schalen das eine Mal von einem höchst vollkommen
+organisirten Weichthiere (<i>Nautilus</i>), das andere Mal von einem
+höchst einfach gebauten Wurzelfüssler (<i>Polystomella</i>) gebildet werden.</p>
+
+
+
+<div class="figcontainer">
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig20c">
+ <img class="figcimg-12 figcimg-18eb" alt="Polystomella" src="images/fig20c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 20. <em class="gesperrt">Polystomella</em> (venusta),
+ein Polythalam, dessen Kammern in einer Spirale aufgerollt
+sind, ganz ähnlich wie bei Nautilus. Aus den feinen
+Löchern der Schale treten überall bewegliche fadenförmige
+Scheinfüsschen hervor.
+</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig21c">
+ <img class="figcimg-14 figcimg-20eb" alt="Alveolina" src="images/fig21c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 21. <em class="gesperrt">Alveolina</em> (Quoyi). Mehrere Reihen
+von Kammern laufen in einer Spirale neben einander
+hin. Die durchschnittenen Wände der
+Kammern sind weiss gezeichnet; die Verbindungsöffnungen
+mit den darüber liegenden schwarz.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+
+<p>Bei manchen Polythalamien laufen mehrere Spiralen neben
+einander im Gehäuse hin, indem innerhalb der Kammern sich wieder
+parallele Scheidewände bilden (<a href="#fig21c">Fig. 21</a>). Bei den grossen Orbituliten
+und Nummuliten liegen solche Kammerreihen sogar in
+mehreren Stockwerken übereinander. Die Kammerreihen sind
+hier bald in zusammenhängenden Spirallinien, wie bei den Nummuliten
+(<a href="#fig18c">Fig. 18</a>) geordnet, bald in concentrischen Ringen, wie bei
+dem gigantischen <i>Cycloclypeus</i> (<a href="#fig22c">Fig. 22</a>).</p>
+
+<p>Die Gehäuse dieser letzteren sind runde Scheiben, welche
+sich am besten mit einem Palaste vergleichen lassen, dessen
+Umfassungsmauern nach dem Plane eines römischen Amphitheaters
+gebaut sind.</p>
+
+<p> <span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig22c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Cycloclypeus" src="images/fig22c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 22. <em class="gesperrt">Cycloclypeus</em>, ein colossales Polythalam von 3 Centimeter Durchmesser,
+in grossen Tiefen des Sunda-Meeres lebend. Man sieht die eine Hälfte
+der in der Mitte durchschnittenen Schale, von der links noch ein Stück der
+oberen Schicht abgeschnitten ist, um in die Kammern hineinzublicken.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig23c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-18eb" alt="Parkeria" src="images/fig23c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 23. <em class="gesperrt">Parkeria</em>, ein colossales Polythalam von 3 Centimeter Durchmesser.
+Man sieht blos ein Stück der eiförmigen Schale, so durchschnitten, dass man
+nach allen Richtungen hin die Zusammensetzung des Gehäuses aus zahllosen
+kleinen Kammern erkennen kann.
+</figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>Mehrere Stockwerke liegen übereinander, in jedem eine
+centrale Hauptkammer, umgeben von vielen ringförmigen
+Corridoren, und jeder Corridor durch viele Scheidewände in
+Kammern getheilt: alle diese zahlreichen Stockwerke, Corridore
+und Kammern stehen durch Thüren mit einander in
+Verbindung und kleine Fenster in der äusseren Schalenfläche
+vermitteln die Verbindung mit der Aussenwelt, indem
+sie die feinen Schwimmfüsschen durchtreten lassen.</p>
+
+<p>Zu den grössten und am meisten zusammengesetzten Polythalamien
+gehören die Parkerien, deren Gehäuse grösstentheils
+aus Sandkörnchen zusammengesetzt sind (<a href="#fig23c">Fig. 23</a>).</p>
+
+<p>Während die grosse Mehrzahl der Thalamophoren auf dem
+Meeresboden kriechend lebt, giebt es auch einige Arten, die an der
+Oberfläche des Meeres schwimmen, und zwar oft in grossen Massen,
+mit Radiolarien gemischt. Dahin gehören auch die merkwürdigen
+Pulvinulinen, Globigerinen und Hastigerinen, letztere durch ihre
+sehr langen borstenförmigen Kalkstacheln ausgezeichnet (<a href="#fig24c">Fig. 24</a>).</p>
+
+<p>Wenn schon bei diesen merkwürdigen Polythalamien die
+formbildende Kunst des formlosen Protoplasma unsere höchste
+Bewunderung erregt, so wird dieselbe noch gesteigert, wenn wir
+die nahe verwandten <em class="gesperrt">Radiolarien</em>, die »Gitterthiere« oder
+Strahlinge betrachten. Bei diesen höchst interessanten Wurzelfüsslern
+treffen wir die grösste Mannigfaltigkeit von zierlichen
+und sonderbaren Formen an, die überhaupt in der organischen
+Welt zu finden ist. Ja, alle möglichen Grundformen, welche man
+nur in einem promorphologischen Systeme aufstellen kann, finden
+sich hier wirklich verkörpert vor. Das Material aber, aus welchem
+das formlose Protoplasma hier die unendlich mannigfaltigen
+Skelettheile bildet, ist nicht Kalkerde, wie bei den Polythalamien,
+sondern Kieselerde.</p>
+
+<p>Der weiche lebendige Leib der Radiolarien ist übrigens etwas
+höher organisirt, als derjenige der Polythalamien. Denn im Innern
+des formlosen weichen Protoplasma-Körpers findet sich hier eine
+besondere Kapsel, welche von einer festen Membran umschlossen
+ist, die <em class="gesperrt">Centralkapsel</em> (<a href="#fig25c">Fig. 25</a>).</p>
+
+<p>In dieser bilden sich Massen von kleinen Zellen, welche
+eine bewegliche Geissel erhalten, später die Kapsel durchbrechen
+und ausschwärmen.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig24c">
+ <img class="figcimg-14 figcimg-14eb" alt="Hastigerina Murrayi" src="images/fig24c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 24. <em class="gesperrt">Hastigerina Murrayi.</em> Ein Polythalam, dessen Kalkschalen
+überall mit haarfeinen, sehr langen Kalkstacheln bewaffnet ist.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Da der ganze Inhalt der Centralkapsel zur Bildung dieser
+Keime, welche gleich Flagellaten umherschwimmen und sich
+dann zu Radiolarien entwickeln, verwendet wird, so kann man
+die Centralkapsel auch als Sporenbehälter (<em class="gesperrt">Sporangium</em>) der Radiolarien
+betrachten.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig25c">
+ <img class="figcimg-16 figcimg-18eb" alt="Heliosphaera" src="images/fig25c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 25. <em class="gesperrt">Heliosphaera</em> (inermis). Ein Radiolar, dessen kugelige Gitterschale
+aus sechseckigen Maschen zusammengesetzt ist. Im Innern schwebt eine
+kugelige Centralkapsel, welche einen dunkeln Kern einschliesst, umgeben von
+kleinen gelben Zellen. Zahlreiche fadenförmige Scheinfüsschen strahlen allenthalben
+aus, halten sich an der Gitterschale fest und treten durch deren
+Löcher aus.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Sie ist umschlossen von einer Schicht Protoplasma, von
+welchem nach allen Richtungen zahllose, äusserst feine Scheinfüsschen
+ausstrahlen. Diese verhalten sich im Uebrigen ebenso
+wie bei den Polythalamien.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Gewöhnlich finden sich im Protoplasma der Radiolarien ausserhalb
+der Centralkapsel noch zahlreiche gelbe Zellen von unbekannter
+Bedeutung; sie enthalten Stärkemehl.</p>
+
+<p>Ausserdem bilden sich bei einigen Radiolarien rings um die
+Centralkapsel grosse helle Wasser-Blasen aus (Vacuolen), welche
+von einer sehr dünnen Gallerte umschlossen sind, so namentlich
+bei den erbsengrossen Thalassicollen (<a href="#fig26c">Fig. 26</a>).</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig26c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Thalassicolla" src="images/fig26c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 26. <em class="gesperrt">Thalassicolla</em> (pelagica). Ein grosses nacktes Radiolar (ohne
+Schale). Die innere kugelige Centralkapsel ist von einem Mantel grosser
+Wasserblasen umgeben. An der Oberfläche strahlen tausende von feinen
+Schleimfäden aus.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+
+<p>Es giebt auch zusammengesetzte
+Radiolarien (Polycyttarien). Diese bilden
+grössere Gallertklumpen von cylindrischer
+oder kugeliger Form, von 1
+bis 3 Centimeter Durchmesser. Die
+Gallerte besteht grösstentheils aus solchen
+Wasserblasen, und in der Oberfläche
+sind ältere, im Innern dagegen
+jüngere Centralkapseln vertheilt
+
+<a href="#fig27c">(Fig.27</a>; s. folg. S.). Jede der letzteren ist oft
+von einer gegitterten Kieselschale umschlossen
+(<a href="#fig28c">Fig. 28</a>).</p>
+
+<p> <span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>Bei sehr vielen Radiolarien ist die Kieselschale eine Gitterkugel
+(<a href="#fig25c">Fig. 25</a>, <a href="#fig28c">28</a>,
+<a href="#fig29c">29</a>, <a href="#fig31c">31</a>);
+oft gehen lange, regelmässig vertheilte
+Stacheln davon ab (<a href="#fig29c">Fig. 29</a>).
+Bei den Ommatiden (<a href="#fig30c">Fig. 30</a>, <a href="#fig31c">31</a>)
+finden wir mehrere solcher Gitterkugeln concentrisch in einander
+geschachtelt und durch radiale Stäbe verbunden, ganz ähnlich
+dem bekannten zierlichen Spielzeug, das die Chinesen aus Elfenbein
+anfertigen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig27c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Collosphaera" src="images/fig27c.jpg" >
+ <figcaption>
+Fig. 27. <em class="gesperrt">Collosphaera</em> (Huxleyi). Ein zusammengesetztes Radiolar mit
+vielen Centralkapseln; die inneren kleineren ohne, die äusseren grösseren mit
+Kieselschale. Zwischen den ausstrahlenden Fäden sind zahlreiche kleine gelbe
+Zellen zerstreut. Im Centrum der Colonie ist eine grosse Wasserblase sichtbar
+umgeben von einem Protoplasma-Netz.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig28c">
+ <img class="figcimg-16 figcimg-18eb" alt="Eine einzelne Kieselschale" src="images/fig28c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 28. Eine einzelne Kieselschale
+(stachelige Gitterkugel)
+von <em class="gesperrt">Collosphaera</em>
+(spinosa).
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+
+<p>Es giebt solche Gitterkugeln, die aus zwanzig im Centrum
+in einander gestemmten Stacheln zusammengesetzt sind;
+verästelte Querfortsätze der Stacheln, die in gleichem Abstande
+vom Centrum abgehen, setzen die Gitterschale zusammen (<i>Dorataspis</i>,
+<a href="#fig32c">Fig. 32</a>). Den letzteren nahe verwandt sind die merkwürdigen
+<em class="gesperrt">Acanthometren</em> (<a href="#fig33c">Fig. 33</a>), ebenfalls mit 20 Stacheln, die nach
+einem bestimmten mathematischen Gesetze regelmässig vertheilt sind.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig29c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Heliosphaera" src="images/fig29c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 29. <em class="gesperrt">Heliosphaera</em> (actinota). Von der Gitterkugel
+strahlen zwischen den Pseudopodien zahlreiche Kieselstacheln aus;
+im Innern der Schale die Centralkapsel.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig30c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Actinomma" src="images/fig30c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 30. <em class="gesperrt">Actinomma</em> (asteracanthion). Die Kieselschale besteht aus drei
+concentrischen Gitterkugeln, welche durch sechs radiale Stäbe mit einander
+verbunden sind. Die äusseren Enden der letzteren bilden starke dreikantige
+Stacheln, und dazwischen stehen auf der Oberfläche zahlreiche, sehr feine
+borstenförmige Kieselstacheln.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+ <span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig31c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Haliomma" src="images/fig31c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 31. <em class="gesperrt">Haliomma</em> (Wyvillei). Die Kieselschale besteht aus zwei concentrischen
+Gitterkugeln, die durch zahlreiche radiale Stacheln verbunden sind.
+Zwischen beiden Schalen findet sich die Membran der Centralkapsel, so dass
+die eine innerhalb, die andere ausserhalb der letzteren liegt.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig32c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Dorataspis" src="images/fig32c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 32. <em class="gesperrt">Dorataspis</em> (bipennis). Die Kieselschale wird durch die gabelförmigen
+Querfortsätze von zwanzig, regelmässig vertheilten Stacheln zusammengesetzt.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<p> <span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> </p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig33c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Xiphacantha" src="images/fig33c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 33. <em class="gesperrt">Xiphacantha</em> (Murrayana). Eine Acanthometra, deren 20 Stacheln
+kreuzförmige Querfortsätze tragen. Die Stacheln bilden 5 parallele Zonen von
+je 4 Stacheln, die gleichweit von einander abstehen.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Bei noch andern Radiolarien ist die centrale Gitterkugel
+von einem lockern Kiesel-Schwammwerke umhüllt und mächtige
+dreikantige Stacheln mit spiralig gedrehten Kanten ragen daraus
+hervor (<i>Spongosphaera</i>, <a href="#fig34c">Fig. 34</a>).</p>
+
+<p>Eine andere, äusserst formenreiche Gruppe von Radiolarien,
+die <em class="gesperrt">Cyrtiden</em> oder Helm-Radiolarien, bilden Kieselschalen von
+der Form eines Helmes (<a href="#fig35c">Fig. 35</a>), einer Haube oder eines Körbchens,
+mit siebförmig durchlöcherter Wand (<i>Podocyrtis</i>,
+<a href="#fig36c">Fig. 36</a>). Noch
+Andere gleichen einem Ordensstern (<i>Astromma</i>, <a href="#fig37c">Fig. 37</a>), einer
+Sanduhr (<i>Diploconus</i>, <a href="#fig38c">Fig. 38</a>), einem dreiseitigen Prisma (<i>Prismatium</i>,
+<a href="#fig39c">Fig. 39</a>) u. s. w.</p>
+
+<p>In der grossen Abtheilung der <em class="gesperrt">Acanthometren</em> wird
+das Skelet stets aus zwanzig Kieselstacheln gebildet, welche im
+Centrum in einander gestemmt und nach einem sehr merkwürdigen
+ <span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+mathematischen Gesetze vertheilt sind; dies entdeckte
+zuerst der grosse <em class="gesperrt">Johannes Müller</em>, dem wir überhaupt die
+ersten genaueren Kenntnisse der Radiolarien verdanken.</p>
+
+<p>Welche Bedeutung diese höchst mannigfaltigen, zierlichen und
+seltsamen Formen besitzen; wie das formlose Protoplasma der
+Radiolarien dazu kommt, sie zu bilden, — davon haben wir heute
+noch keine Ahnung.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig34c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Spongosphaera" src="images/fig34c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 34. <em class="gesperrt">Spongosphaera</em> (streptacantha). Neun dreikantige Stacheln ragen
+aus der kugeligen Centralkapsel hervor, welche von kieseligem Schwammgeflecht
+umhüllt ist und eine centrale Gitterschale einschliesst.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Neben den Thalamophoren und Radiolarien wird noch eine
+grosse Anzahl von andern Protisten zur Klasse der Wurzelfüssler
+gerechnet. Viele davon leben auch im süssen Wasser. Eines
+der häufigsten ist das niedliche sogenannte »<em class="gesperrt">Sonnenthierchen</em>«,
+welches vor nun hundert Jahren (1776) vom Pastor <em class="gesperrt">Eichhorn</em>
+in Danzig entdeckt und als »lebendiger Stern« beschrieben wurde
+(<i>Actinosphaerium Eichhornii</i>, <a href="#fig40c">Fig. 40</a>).</p>
+
+<p> <span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig35c">
+ <img class="figcimg-12 figcimg-14eb" alt="Dictyophimus" src="images/fig35c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 35. <em class="gesperrt">Dictyophimus</em> (Challengeri).
+Helmförmige Gitterschale
+mit drei Füsschen und Gipfelstachel.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig36c">
+ <img class="figcimg-10 figcimg-12eb" alt="Podocyrtis" src="images/fig36c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 36. <em class="gesperrt">Podocyrtis</em> (Schomburgki).
+Die helmförmige Gitterschale steht auf drei Füsschen und
+trägt auf dem Gipfel einen Stachel;
+das Gitterwerk der drei Abtheilungen ist sehr verschieden.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig37c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Podocyrtis" src="images/fig37c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 37. <em class="gesperrt">Astromma</em> (Aristotelis).
+Die schwammige Kieselschale hat die Form eines Ordenskreuzes.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig38c">
+ <img class="figcimg-10 figcimg-10eb" alt="Diploconus" src="images/fig38c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 38. <em class="gesperrt">Diploconus</em> (fasces).
+Die Kieselschale gleicht einer Sanduhr, in deren Axe
+ein starker, an beiden Enden zugespitzter Stab steht.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig39c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Acanthodesmia" src="images/fig39c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 39. <em class="gesperrt">Acanthodesmia</em> (prismatium).
+Neun Kieselstäbe sind so
+verbunden, dass sie die Kanten eines
+dreiseitigen Prisma bilden. Im Centrum
+schwebt eine kugelige Centralkapsel,
+von gelben Zellen umgeben.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<div class="figcontainer">
+
+
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig40c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-16eb" alt="Actinosphaerium" src="images/fig40c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 40. Das vielzellige grosse Sonnenthierchen
+(<em class="gesperrt">Actinosphaerium</em> Eichhornii).
+Die innere dunkle Markmasse
+(c) enthält, viele Zellkerne und einige
+Nahrungsbissen (d). Von der hellen, schaumigen
+Rindenschicht (b), welche eben einen
+neuen Nahrungsbissen (a) aufnimmt, strahlen
+zahlreiche Scheinfüsschen (e) aus.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figsub wparallel" id="fig41c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-22eb" alt="Actinophrys" src="images/fig41c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 41. Das einzellige kleine
+Sonnenthierchen (<em class="gesperrt">Actinophrys</em>
+sol). Im Innern der strahlenden Protoplasma-Kugel
+liegt nur ein Zellkern (n). Eine contractile Blase tritt an
+der Oberfläche des Protoplasma vor (v)..
+ </figcaption>
+</figure>
+
+</div>
+</div>
+
+<br>
+
+<p>Es ist ein weiches, mit blossem Auge deutlich sichtbares,
+weiches Schleimkügelchen, von der Grösse eines kleinen
+Stecknadelknopfes, oft in Menge auf dem schlammigen Boden
+ <span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+unserer Teiche und Gräben zu finden. In der Mitte des
+schleimigen und blasigen Protoplasma-Kügelchens liegen mehrere
+Zellkerne. Von der Oberfläche strahlen zahlreiche empfindliche
+und bewegliche Fäden oder Pseudopodien aus. Durch
+diese wird, wie bei den übrigen Wurzelfüsslern, die Nahrung
+aufgenommen. Die Vermehrung ist erst kürzlich entdeckt worden.
+Das Sonnenthierchen zieht dabei seine Fäden ein, umgiebt seinen
+kugeligen Körper mit einer Gallerthülle und zerfällt in viele einzelne
+Kugeln. Jede von diesen enthält einen Kern und schwitzt eine
+Kieselhülle aus, und jede dieser kieselschaligen Zellen wird später
+zu einem neuen Sonnenthierchen. Man kann dieselben aber auch
+künstlich vermehren. Man kann sie in mehrere Stücke zerschneiden
+und aus jedem Stückchen wird alsbald wieder ein selbständiges
+Wesen. Dasselbe gilt auch von vielen andern Protisten.</p>
+
+<p>Während das grosse Sonnenthierchen oder Strahlenkügelchen
+(<i>Actinosphaerium</i>) einen nackten Rhizopoden darstellt, der viele
+Zellkerne enthält, also aus vielen vereinigten Zellen zusammengesetzt
+ist, zeigt uns dagegen ein anderer, sehr häufiger Süsswasserbewohner,
+das <em class="gesperrt">kleine Sonnenthierchen</em> (<i>Actinophris sol</i>)
+den Organismus der Wurzelfüssler in seiner allereinfachsten Gestalt
+(<a href="#fig41c">Fig. 41</a>), nämlich als eine nackte einfache Zelle mit einem einzigen
+Kern; von der Oberfläche desselben strahlen viele feine Fäden
+aus, und indem das Protoplasma an gewissen Stellen Wasser
+aufnimmt und wieder abgiebt, bildet es »contractile Blasen oder
+Vacuolen.«</p>
+
+<p>Eine der merkwürdigsten Protistenklassen, die ebenfalls
+oft zu den Wurzelfüsslern gerechnet wird, sind die so genannten
+<em class="gesperrt">Schleimpilze</em> oder <em class="gesperrt">Myxomyceten</em>, von Anderen auch
+<em class="gesperrt">Pilzthiere</em> oder <em class="gesperrt">Mycetozoen</em> genannt. Schon dieser doppelte
+Name bezeichnet ihre zweifelhafte Protisten-Natur. Sie leben in
+zahlreichen verschiedenen Arten an feuchten Orten, im abgefallenen
+Laube der Wälder, zwischen Moos, auf faulendem Holze und dergl.
+Früher galten sie allgemein für Pflanzen, und zwar für Pilze,
+weil ihr reifer Fruchtkörper täuschend dem blasenförmigen Fruchtkörper
+der Gastromyceten oder Blasenpilze ähnlich ist (<a href="#fig43c">Fig. 43B</a>).
+ <span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>
+Dieser Fruchtkörper bildet kugelige oder länglich runde, oft auf
+einem Stiel festsitzende Blasen, meist von der Grösse eines Stecknadelknopfes
+oder eines Hanfkorns, bisweilen aber auch von mehreren
+Zoll Durchmesser. Die derbe äussere Hülle der Fruchtblasen
+umschliesst ein feines Mehl, das aus Tausenden von mikroskopischen
+Zellen besteht. Dies sind die Fortpflanzungszellen oder <em class="gesperrt">Sporen</em>.</p>
+
+<p>Während aber bei den Blasenpilzen, wie bei allen anderen
+echten Pilzen, sich aus diesen Sporen die characteristischen Pilzfäden
+oder Hyphen, lange dünne Fadenschläuche entwickeln,
+entstehen daraus bei den Myxomyceten ganz andere Keime.
+Aus der festen Zellmembran einer jeden Spore schlüpft nämlich,
+sobald diese ins Wasser gelangt, eine nackte, lebhaft bewegliche
+Zelle aus. (<a href="#fig42c">Fig. 42, 1–3</a>). Anfangs schwimmt diese Zelle
+mittelst eines langen Geisselfadens, den sie peitschenförmig nach
+Art der Geisselschwärmer hin und her schwingt, frei im Wasser
+umher (<a href="#fig42c">Fig. 42, 4, 5</a>). Später sinkt sie zu Boden und nimmt die
+Form einer Amoebe an (<a href="#fig42c">Fig. 42, 6, 7</a>). Ganz gleich einer echten
+Amoebe kriecht sie umher, indem sie veränderliche Fortsätze ausstreckt
+und wieder einzieht. Auch nimmt sie nach Art der Amoeben
+ihre Nahrung auf.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig42c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Keimung einer Myxomycete" src="images/fig42c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 42. <em class="gesperrt">Keimung einer Myxomycete</em> (<em class="gesperrt">Physarum album</em>). 1. Eine
+Keimzelle oder Spore. 2. Aus der dunkeln Hülle der Spore tritt die nackte
+Zelle hervor (3). Diese verwandelt sich in eine Geisselzelle (4, 5) und darauf
+in eine Amoebe (6, 7). Mehrere Amoeben fliessen zusammen (8, 9, 10, 11) und
+bilden so ein Plasmodium (12).
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Viele solcher amoeboiden Zellen können nun späterhin zusammenfliessen
+und mit einander verwachsen (<a href="#fig42c">Fig. 42, 8–11</a>). Dadurch
+ <span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+entstehen grosse Protoplasma-Netze mit vielen Kernen
+(<em class="gesperrt">Syncytien</em>, <a href="#fig42c">Fig. 42, 12</a>). Indem ihre Kerne sich auflösen, werden
+sie zu kernlosen <em class="gesperrt">Plasmodien</em> (<a href="#fig43c">Fig. 43A</a>). Solche grosse Plasmodien,
+oft ganz colossale Protoplasma-Netze, kriechen gleich einem
+riesigen Rhizopoden langsam umher und ändern beständig ihre
+unbestimmte Gestalt.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig43c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Myxomyceten" src="images/fig43c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 43. <em class="gesperrt">Myxomyceten.</em> A. Ein grösseres Plasmodium
+(von <em class="gesperrt">Didymium
+leucopus</em>). B. Eine reife Frucht
+(von <em class="gesperrt">Arcyria incarnata</em>). C. Dieselbe,
+nachdem die Wand (p) geplatzt und das Haarfaden-Geflecht (Capillitium, cp)
+hervorgetreten ist.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Zu den grössten Plasmodien gehören die glänzend gelben
+(oft mehrere Fuss grossen) Protoplasma-Geflechte von <i>Aethalium</i>,
+welche die Lohbeete der Gerbereien durchziehen und
+unter dem Namen »<em class="gesperrt">Lohblüthe</em>« allen Gerbern bekannt sind.
+Haben die Plasmodien durch Wachsthum und Nahrungsaufnahme
+eine gewisse Grösse erreicht, so ziehen sie sich auf einen kugeligen,
+birnförmigen oder kuchenförmigen Haufen zusammen, umgeben
+sich mit einer Hülle und das ganze Protoplasma zerfällt in
+ <span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+zahllose kleine Sporen, zwischen welchen sich meistens (jedoch
+nicht immer) ein Geflecht von äusserst feinen Haarfäden ausbreitet
+(<i>Capillitium</i>, <a href="#fig43c">Fig. 43cp</a>). Wenn diese Fruchtkörper (Fig. 43B)
+ganz reif sind, platzt die äussere Hülle (<a href="#fig43c">Fig. 43C</a>); das Capillitium
+wird vorgetrieben und das feine Sporen-Pulver zerstreut.</p>
+
+<p>Obgleich nun diese blasenförmigen Fruchtkörper mit ihrem
+Sporenpulver und Capillitium die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen
+von gewissen echten Pilzen besitzen, haben sie doch mit
+diesen letzteren keine Spur von Verwandtschaft, wie ihre gänzlich
+verschiedene Entwickelung zeigt. Will man überhaupt die Myxomyceten
+in nähere Beziehung zu irgend einer anderen Organismen-Gruppe
+bringen, so bleiben nur die <em class="gesperrt">Rhizopoden</em> übrig. In der
+That gleichen die kriechenden netzförmigen Plasmodien der
+Myxomyceten so sehr gewissen nackten Wurzelfüsslern
+(<i>Lieberkühnia</i>), dass man sie gar nicht unterscheiden kann.
+Es giebt kein passenderes Object, um sich die merkwürdigen
+Strömungen in dem kriechenden nackten Protoplasma unmittelbar
+vor Augen zu führen, als die Plasmodien der gemeinen Lohblüthe,
+die im Frühjahr auf den Lohbeeten der Gerbereien sehr leicht zu
+haben ist und die Lohe in Form von gelben, rahmähnlichen Schleimnetzen
+durchzieht. Bringt man ein wenig von diesem gelben Protoplasma
+in einer feuchten Kammer auf ein Glasplättchen, so ist
+letzteres schon nach 10–20 Stunden von einem feinen Faden-Netz
+übersponnen, in dessen Fäden man unter dem Mikroskope die
+lebhafte Protoplasma-Strömung prächtig verfolgen kann.</p>
+
+<p>Im Anschluss an die Myxomyceten müssen wir hier auch auf
+die echten <em class="gesperrt">Pilze</em> (<i>Fungi</i>) einen Blick werfen, mit welchen man
+die ersteren früher irrthümlich vereinigt hat. Die echten Pilze,
+welche in so zahlreichen, ansehnlichen und mannigfaltigen Formen
+in unsern Wäldern und Feldern, auf Pflanzen- und Thierkörpern
+schmarotzend leben, werden oft auch als <em class="gesperrt">Schwämme</em> bezeichnet.
+Sie haben aber mit den echten Schwämmen oder Spongien gar
+nichts zu thun; denn diese letzteren, wozu der gewöhnliche Badeschwamm
+gehört, und welche sämmtlich — mit einziger Ausnahme
+des Süsswasser-Schwammes, <i>Spongilla</i>, — im Meere leben,
+sind echte <em class="gesperrt">Thiere</em> und besitzen ein Darmrohr mit Mundöffnung
+u. s. w. Die Pilze dagegen bilden eine gänzlich verschiedene
+und sehr eigenthümliche Classe von niederen Organismen. Zwar
+ <span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+gelten sie heute noch allgemein als echte <em class="gesperrt">Pflanzen</em>. Allein in
+den wichtigsten anatomischen und physiologischen Beziehungen
+weichen sie so sehr von allen übrigen Pflanzen ab, dass es wohl
+richtiger ist, sie als eine selbständige Classe von <em class="gesperrt">Protisten</em> zu
+betrachten. Ernährung und Stoffwechel der Pilze ist thierisch,
+nicht pflanzlich. Sie bilden kein Protoplasma, kein Chlorophyll,
+kein Stärkemehl, keine Cellulose, wie die echten Pflanzen. Vielmehr
+bedürfen sie, wie die Thiere, zu ihrer Existenz und Ernährung
+vorgebildetes Protoplasma, welches sie aus dem Körper
+anderer Organismen, lebender oder todter Thiere, Pflanzen und
+Protisten, entnehmen.</p>
+
+<p>Die Fortpflanzung der Pilze ist meistens ungeschlechtlich,
+und auch da, wo sie geschlechtlich erscheint, ganz eigenthümlich.
+Das Form-Element, aus dem sich der Körper aller Pilze aufbaut,
+ist nicht eine echte, kernhaltige <em class="gesperrt">Zelle</em>, wie bei allen Thieren und
+Pflanzen, sondern eine fadenförmige, kernlose <em class="gesperrt">Cytode</em>, die sogenannte
+<em class="gesperrt">Hyphe</em> oder der »Pilzfaden.« Durch seitliche Sprossung
+und fortgesetzte Theilung in einer <em class="gesperrt">Axe</em>, bilden sie verzweigte gegliederte
+Fäden, und zahllose solche Pilzfäden, in langen Ketten
+an einander gereiht, sich verästelnd und netzartig verbindend,
+setzen alle Organe der Pilze zusammen. Der bekannte gestielte
+»Hut« oder Schirm unserer grossen Hutpilze, z. B. vom <em class="gesperrt">Champignon</em>
+(<a href="#fig44c">Fig. 44</a>) ist blos der <em class="gesperrt">Fruchtkörper</em>, welcher sich zur
+Zeit der Reife aus einem unscheinbaren Fadengeflechte entwickelt,
+dem Mycelium (<a href="#fig44c">Fig. 44, I m</a>); die strahligen, blattförmigen Rippen,
+welche sich an der Unterseite des regenschirmähnlichen Hutes
+bilden, sind von der Fruchthaut (<i>Hymenium</i>) überzogen, in welcher
+sich ungeschlechtlich die Fortpflanzungs-Cytoden (»Sporen«) bilden.
+Je genauer man die eigenthümliche Anatomie und Keimungsgeschichte
+der Pilze verfolgt, je unbefangener man sie vergleicht,
+desto mehr überzeugt man sich, dass diese merkwürdigen Organismen
+keine echten Pflanzen sind, sondern eine ganz selbständige
+Classe von neutralen Protisten darstellen.</p>
+
+<p>Dasselbe gilt von der formenreichen Classe der <em class="gesperrt">Kieselzellen</em>
+(<i>Diatomeae</i> oder <em class="gesperrt">Bacillariae</em>), die auch gewöhnlich zu
+den Pflanzen gerechnet werden. Diese zierlichen kleinen Organismen
+bevölkern in ungeheuren Massen die süssen und salzigen
+Gewässer unseres Erdballs. In grossen Mengen angehäuft, bilden
+ <span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>
+sie gewöhnlich einen gelben oder gelbbraunen Schleim, der Steine,
+Wasserpflanzen u. s. w. überzieht. Bald sind die Diatomeen einzeln
+lebende Einsiedlerzellen, bald Colonien oder Gesellschaften
+(Coenobien), welche aus vielen gleichartigen, locker verbundenen
+Zellen zusammengesetzt erscheinen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig44c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-16eb" alt="Ein Champignon" src="images/fig44c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 44. Ein <em class="gesperrt">Champignon</em>, aus der Ordnung der <em class="gesperrt">Hutpilze</em> (<em class="gesperrt">Hymenomycetes</em>).
+A. Das Fadengeflecht (<em class="gesperrt">Mycelium</em>), aus verästelten und netzförmig
+verbundenen Reihen von Pilzfäden (<em class="gesperrt">Hyphen</em>) gebildet (m). Aus dem
+Mycelium sprossen solide birnförmige Fruchtkörper hervor (I), in welchen sich
+ein ringförmiger Luftraum bildet (II, III, l). Unterhalb sondert sich der Stiel
+(IV, st), oberhalb der Schirm des Hutes (h), von welchem die Hymenium-Rippen
+in den Luftraum hineinwachsen (V, l): der untere Boden des Luftraums
+platzt später und hängt als Schleier (Velum) vom Rande des Hutes herab.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Viele Diatomeen sitzen fest; die meisten aber bewegen sich
+in ganz eigenthümlicher Weise, langsam schwimmend oder fortrutschend,
+ <span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+im Wasser umher. Die Organe dieser Ortsbewegung
+sind noch gänzlich unbekannt, vielleicht feinste Wimperreihen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig45c">
+ <img class="figcimg-8 figcimg-10eb" alt="Eine Diatomee" src="images/fig45c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 45. Eine Diatomee
+oder <em class="gesperrt">Bacillarie</em>
+(<em class="gesperrt">Surirella</em>
+dentata). Die Schachtelzelle ist vom Rande
+gesehen, so dass man sieht, wie die beiden
+Schalenklappen (s u. d) übereinander greifen,
+gleich einer Schachtel (s) und ihrem Deckel (d). In
+der Mitte der Kern (n). p Protoplasma.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Das Characteristische an dem Zellenkörper
+der Diatomeen ist die eigenthümliche <em class="gesperrt">Kieselschale</em>,
+in welcher ihr Zellenleib eingeschlossen
+ist. Diese Schale ist aus zwei Hälften
+zusammengesetzt, welche sich zu einander
+genau so verhalten, wie eine <em class="gesperrt">Schachtel</em>
+zu ihrem <em class="gesperrt">Deckel</em> (<a href="#fig45c">Fig. 45</a>). Die kernhaltige
+Zelle, welche in dieser Schachtel lebt,
+theilt sich in zwei Hälften, und jede Hälfte bildet
+sich zu ihrem Schachteldeckel eine neue Schachtel.
+Dieser Process wiederholt sich mehrfach, wobei
+natürlich jede folgende Generation kleiner
+wird. Schliesslich aber entsteht eine Generation,
+welche beide Schalenhälften abwirft,
+wieder bis zur Grösse der ersten, grössten
+Generation heranwächst, und sich nun mit
+einer neuen Kieselschachtel erster Grösse umgiebt.
+Wegen der unendlich mannigfaltigen
+und zierlichen Gestalt dieser Kieselschale, sowie
+wegen ihrer äusserst feinen Sculptur, sind
+die Diatomeen sehr beliebte Unterhaltungs-Objecte
+für mikroskopischen Formgenuss.
+Wenn sich die Kieselschalen der todten Diatomeen
+massenhaft auf dem Grunde der Gewässer
+ansammeln und zu Stein verkitten, können
+sie ganze Gebirgsschichten zusammensetzen,
+so z. B. den Polirschiefer, das Bergmehl u. s. w.</p>
+
+<br>
+
+<p>Während die meisten, bisher von uns betrachteten Protisten-Gruppen
+grosse und formenreiche Classen darstellen, giebt es nun
+noch eine Anzahl von kleineren, isolirten, bisweilen nur durch
+eine oder wenige Formen repräsentirten Protisten, deren Einreihung
+in das System sehr schwierig ist. Dies gilt z. B. von
+den sonderbaren <em class="gesperrt">Labyrinthuleen</em>. Gesellschaften von locker
+verbundenen, einfachen, spindelförmigen, gelben Zellen, die in einer
+eigenthümlichen Fadenbahn umherrutschen. Eine andere Gruppe,
+ <span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+interessant wegen ihrer Mittelstellung zwischen verschiedenen Protisten-Classen,
+bilden die <em class="gesperrt">Catallacten</em>, durch die Gattungen
+<i>Synura</i> und <i>Magosphaera</i> repräsentirt. Sie bilden schwimmende
+Gallertkugeln, zusammengesetzt aus einer Anzahl birnförmiger
+gleichartiger Zellen, welche mit ihren spitzen inneren Enden im
+Centrum der Gallertkugel vereinigt sind. Später lösen sich diese
+Zell-Gesellschaften oder Coenobien auf. Die einzelnen isolirten
+Zellen schwimmen noch eine Zeit lang selbständig umher und
+können jetzt mit Ciliaten verwechselt werden. Dann aber sinken
+sie auf den Meeresboden nieder und verwandeln sich in Amoeben-ähnliche
+Zellen. Gleich echten Amoeben kriechen diese umher,
+fressen, wachsen und kapseln sich schliesslich ein; der Zellenkörper
+zieht sich kugelig zusammen und umgiebt sich mit einer
+Gallerthülle. Innerhalb derselben theilt sieh die Zelle später wiederholt,
+in 2, 4, 8, 16, 32 Zellen u. s. w. Diese werden birnförmig,
+erhalten bewegliche Wimpern und verbinden sich wieder zu einer
+Flimmerkugel. Nun dreht sich die Kugel rotirend um ihren Mittelpunkt,
+sprengt ihre Hülle und schwimmt wieder frei in der Form
+umher, von welcher wir ausgegangen sind (<a href="#fig46c">Fig. 46</a>). Das Interesse
+dieser merkwürdigen Protisten liegt also weniger in besonderen
+Eigenthümlichkeiten, als vielmehr in der neutralen Mittelstellung,
+ <span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+welche sie zwischen Amoeben, Infusorien und Volvocinen
+einnehmen, und wodurch sie diese verschiedenen Protisten-Classen
+verknüpfen. Wir nennen sie daher »Mittlinge oder <em class="gesperrt">Vermittler</em>«
+(<i>Catallacta</i>).</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig46c">
+ <img class="figcimg-22 figcimg-20eb" alt="Magosphaera" src="images/fig46c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 46. <em class="gesperrt">Magosphaera</em> (planula), eine schwimmende Flimmerkugel von der
+norwegischen Küste. A von der Oberfläche, B im Durchschnitt.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Werfen wir einen vergleichenden Rückblick auf alle bisher
+betrachteten Protisten-Classen, so sehen wir, dass darin die organische
+Zelle bald ganz selbständig auftritt, und als <em class="gesperrt">Einsiedler-Zelle</em>
+(<i>Monocyta</i>) den ganzen Organismus repräsentirt, bald mit
+ihresgleichen sich zu lockeren Gesellschaften verbindet und einfache
+<em class="gesperrt">Zellen-Gemeinden</em> oder Zellen-Horden (<i>Coenobia</i>) darstellt.
+Nun ist aber hiermit keineswegs die tiefste Stufe der Organisation
+erschöpft, welche uns die organische Welt darbietet. Vielmehr
+treffen wir noch unterhalb dieser einzelligen Protisten jene niedrigste
+und unvollkommenste Classe von Organismen an, die wir als
+<em class="gesperrt">Moneren</em> bezeichnen.
+(<a href="#fig47c">Fig. 47</a>, <a href="#fig48c">48</a>).</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig47c">
+ <img class="figcimg-22 figcimg-20eb" alt="Protamoeba" src="images/fig47c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig 47. <em class="gesperrt">Protamoeba</em> (primitiva), ein Moner mit lappenförmigen Pseudopodien,
+gleich einer Amoebe. a kriechend, b in Theilung begriffen, c in zwei
+Hälften getheilt.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Da wir diese in dem nachstehenden Anhange (<a href="#Seite_68">S. 68–85</a>)
+zum Gegenstande einer besonderen Besprechung machen
+werden, wollen wir hier nur ganz kurz die wichtigsten Punkte
+hervorheben, welche den Moneren ihre hohe Bedeutung für die
+Entwicklungslehre verleihen.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Moneren</em> sind wahre »Organismen ohne Organe«. Ihr
+ganzer lebendiger Leib besteht in völlig entwickeltem Zustande
+nur aus einem ganz einfachen Protoplasma-Stückchen, welchem
+selbst der Kern, der Character der echten Zelle, noch fehlt. Bezüglich
+ihrer Bewegungen gleichen diese denkbar einfachsten Organismen
+bald den Amoeben (<a href="#fig47c">Fig. 47</a>),
+bald den Wurzelfüsslern(<a href="#fig48c">Fig. 48</a>), bald den Geisselschwärmern.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig48c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Protomyxa aurantiaca" src="images/fig48c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 48. <em class="gesperrt">Protomyxa aurantiaca</em>, ein Moner mit wurzelförmig verästelten
+fadenartigen Pseudopodien, gleich einem Rhizopoden. (Fig. 50).
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<br>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig49c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-20eb" alt="Bathybius" src="images/fig49c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 49. <em class="gesperrt">Bathybius</em> (Haeckelii). Ein Plasmodium aus
+den Tiefen des Oceans. Die verästelten Plasson-Ströme, durch deren
+Verbindung das Netz entsteht, ändern sich beständig.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+ <span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+
+<p>Sie vermehren
+sich in einfachster Weise durch Theilung. Von der grössten
+theoretischen Bedeutung sind sie für die dunkle Frage von der
+ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Denn nur Moneren
+können im Beginn des organischen Lebens auf unserm
+Planeten durch Urzeugung entstanden sein; nur Moneren können
+die ältesten Stammältern aller übrigen Organismen sein. Gerade
+in dieser Beziehung sind die Moneren des Tiefseegrundes, und
+vor Allen der berühmte <em class="gesperrt">Bathybius</em>
+(<a href="#fig49c">Fig. 49</a>) vom höchsten Interesse.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig50c">
+ <img class="figcimg-18 figcimg-18eb" alt="Zitterlinge" src="images/fig50c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 50. <em class="gesperrt">Zitterlinge</em> (<em class="gesperrt">Bacteria</em>), sehr stark vergrössert. 1. <em class="gesperrt">Sarcine</em>, eine
+einfachste Cytode, im menschlichen Magen schmarotzend, welche sich durch kreuzförmige
+Theilung vermehrt. 2. <em class="gesperrt">Bacillus</em>, gerade Stäbchen. 3. <em class="gesperrt">Vibrio</em>, korkzieherartig
+gewundene Stäbchen. 4. <em class="gesperrt">Spirillum</em>, eben solche Spiralstäbchen,
+die aber an beiden Enden eine äusserst feine, schwingende Geissel tragen.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Eine sehr wichtige und interessante Monerengruppe bilden
+die <em class="gesperrt">Zitterlinge</em> (<i>Vibriones</i>
+oder <i>Bacteria</i>, <a href="#fig50c">Fig. 50</a>). Obgleich
+diese winzigen Körperchen, die zu den allerkleinsten Organismen
+gehören, meistens von den Botanikern zu den Pflanzen gerechnet
+und als »<em class="gesperrt">Spaltpilze</em> (<i>Schizomycetes</i>)« den echten Pilzen angereiht
+werden, geschieht das doch ohne jeden genügenden Grund.
+Mindestens haben diejenigen Zoologen, welche sie als einfachste
+Thiere betrachten, ebensoviel Recht dazu. Die <em class="gesperrt">Bacterien</em> sind
+eben echte <em class="gesperrt">Protisten</em>, und zwar kleinste <em class="gesperrt">Moneren</em>, deren höchst
+einfache Organisation und ganz neutraler Character sie weder dem
+Thierreich, noch dem Pflanzenreich anzuschliessen gestattet.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p>Die Bacterien sind meistens stabförmige Körperchen, die sich
+lebhaft im Wasser bewegen. Als Organ der Bewegung ist bei
+einigen grösseren Formen eine äusserst feine, schwingende Geissel
+erkannt, die an beiden Enden des Stäbchens vortritt, so bei
+<i>Spirillum</i> (<a href="#fig50c">Fig. 50, 4</a>). Wahrscheinlich ist eine solche auch bei
+den kleineren Vibrionen vorhanden und nur wegen ihrer ausserordentlichen
+Zartheit nicht wahrzunehmen. Die Bewegung der
+Bacterien ist meistens sehr lebhaft, zitternd oder wimmelnd, viele
+sind korkzieherartig gedreht und schrauben sich im Wasser fort
+(<a href="#fig50c">Fig. 50, 3</a>). In einem einzigen Wassertröpfchen können Millionen
+solcher kleinsten Organismen vereinigt sein. Irgend welche Organisations-Verhältnisse,
+namentlich ein Zellkern, sind an denselben
+nicht nachzuweisen; sie sind daher auch nicht wirkliche
+<em class="gesperrt">Zellen</em>, sondern kernlose <em class="gesperrt">Cytoden</em>, gleich den anderen Moneren.
+Ihre Fortpflanzung geschieht in einfachster Weise durch Theilung.
+Oft zerfällt jedes Stäbchen in eine grosse Anzahl hinter einander
+gelegener Stückchen.</p>
+
+<p>Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie
+die Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken,
+in welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen
+Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen
+Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache
+vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten.
+So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern
+festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken
+und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser
+tödtlichen Krankheiten bewirken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die
+Masse von verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem
+Protistenreiche vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit
+dieses letzteren keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn
+es existirt noch heute eine ungeheuere Menge von formenreichen,
+mikroskopischen Wesen, die wir ohne willkürlichen Zwang
+weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich rechnen können.
+Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen Lebensreiche
+zu jenem <em class="gesperrt">neutralen</em>, zwischen Beiden mitten inne stehenden
+<em class="gesperrt">Protistenreiche</em> wird noch vielfacher Durchforschung und Klärung
+ <span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+bedürfen. Insbesondere wird die <em class="gesperrt">Entwickelungsgeschichte</em>
+der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen
+sein. Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie
+überall, der »wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen
+Erscheinungen sein.</p>
+
+<p>Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und
+klare Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen
+zu sein. Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib
+aus zwei ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen
+der <em class="gesperrt">Keimblätter</em> bekannt sind.</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig51c">
+ <img class="figcimg-22 figcimg-20eb" alt="Gastrula" src="images/fig51c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 51. <em class="gesperrt">Gastrula</em> (Darmlarve) eines Kalkschwammes, <em class="gesperrt">Olynthus</em>. A von
+der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres Keimblatt (Hautblatt oder
+Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder Entoderm). o Urmund.
+g Urdarmhöhle.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>Aus dem äusseren oder animalen (<i>Exoderma</i> oder <em class="gesperrt">Hautblatt</em>,
+<a href="#fig51c">Fig. 51 e</a>) entstehen die Organe der Empfindung
+und Bewegung; aus dem innern oder vegetativen Keimblatte
+(<i>Entoderma</i> oder <em class="gesperrt">Darmblatt</em>, <a href="#fig51c">Fig. 51 i</a>) die Organe der Ernährung.
+Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle,
+die erste Anlage des Magens, oder den <em class="gesperrt">Urdarm</em> (g), und dieser
+öffnet sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den
+<em class="gesperrt">Urmund</em> (o). Die bedeutungsvolle Keimform, welche uns den
+Thierleib dergestalt, blos aus zwei Keimblättern gebildet, vor
+Augen führt, ist die <em class="gesperrt">Gastrula</em> (Darmlarve oder Becherkeim).</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig52-57c">
+ <img class="figcimg-20 figcimg-22eb" alt="Gastrula" src="images/fig52-57c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 52–57. <em class="gesperrt">Gastrula</em> von sechs verschiedenen Thieren.
+Fig. 52 (B) <em class="gesperrt">Wurm</em>(Sagitta). — Ueberall bedeutet:
+e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d Urdarm, o Urmund.
+&ensp;
+Fig. 53 (C) <em class="gesperrt">Seestern</em> (Uraster).
+&ensp;
+Fig. 54 (D) <em class="gesperrt">Krebs</em> (Nauplius).
+&ensp;
+Fig. 55 (E) <em class="gesperrt">Schnecke</em> (Lymnaeus).
+&ensp;
+Fig. 56 (A) <em class="gesperrt">Pflanzenthier</em> (Gastrophysema).
+&ensp;
+Fig. 57 (F) <em class="gesperrt">Wirbelthier</em> (Amphioxus).
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter w100" id="fig58c">
+ <img class="figcimg-14 figcimg-18eb" alt="Gastrula" src="images/fig58c.jpg">
+ <figcaption>
+Fig. 58. <em class="gesperrt">Gastrula</em> eines <em class="gesperrt">Säugethieres</em> (Kaninchen). e Hautblatt (Exoderm).
+i Darmblatt (Entoderm). d eine centrale Entoderm-Zelle, welche die
+enge Urdarmhülle ausfüllt. o eine Entoderm-Zelle, welche die Urmundöffnung
+verstopft. Ebenso wie beim Kaninchen verhält sich wahrscheinlich auch die
+<em class="gesperrt">Gastrula</em> beim <em class="gesperrt">Menschen</em>.
+ </figcaption>
+</figure>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">Gastrula ist das wahre Thier in einfachster</em> Form.
+Denn bei allen echten Thieren fängt die Entwickelung des Eies
+zur verschiedenartigen Thierform mit der gleichartigen Bildung
+dieser Gastrula an. Die niedersten Pflanzenthiere, die Physemarien
+(<a href="#fig52-57c">Fig. 56</a>) wie die Schwämme (<a href="#fig51c">Fig. 51</a>), die niedrigsten
+Würmer (<a href="#fig52-57c">Fig. 52</a>), ebenso die Sternthiere (<a href="#fig52-57c">Fig. 53</a>), die Gliederthiere
+(<a href="#fig52-57c">Fig. 54</a>) ebenso wie die Weichthiere (<a href="#fig52-57c">Fig. 55</a>), ja sogar
+die niedrigsten Wirbelthiere (<a href="#fig52-57c">Fig. 57</a>), durchlaufen in frühester
+Jugend diese <em class="gesperrt">Gastrula</em>-Keimform; die anderen Thiere bilden
+zweiblättrige Keimformen, die nur als abgeänderte Gastrula-Keime
+betrachtet werden können; so auch die Säugethiere, mit Inbegriff
+des Menschen (<a href="#fig58c">Fig. 58</a>); überall baut sich der echte Thierleib
+ursprünglich <em class="gesperrt">aus zwei Keimblättern</em> auf. Hingegen erhebt sich
+kein einziges Protist zur Production von Keimblättern und zur
+Bildung einer Gastrula.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Weniger klar und scharf lässt sich unser Protistenreich gegen
+das <em class="gesperrt">Pflanzenreich</em> hin abgrenzen. Doch dürften auch hier die
+Verhältnisse der individuellen Entwickelung und des feineren
+Baues die Handhabe liefern, mit deren Hülfe wir die Grenzlinie
+ziehen können. Auch bei den echten Pflanzen ordnen sich die
+Zellen, welche den Körper zunächst aufbauen, in bestimmter
+Weise zu Zellenreihen oder <em class="gesperrt">Zellenschichten</em>; und die charakteristische
+einfachste Pflanzenform der Art bildet den sogenannten
+<em class="gesperrt">Thallus</em> oder das »Zellenlager«. Bei den niederen Pflanzen bleibt
+der Thallus als solcher zeitlebens bestehen, bei den höheren sondert
+oder differenzirt er sich in Stengel und Blätter. Auch vermehren
+sich alle echten Pflanzen auf geschlechtlichem Wege, während dies
+bei den Protisten nicht der Fall ist.</p>
+
+<p>Eine <em class="gesperrt">absolute</em> Grenze freilich zwischen den drei organischen
+Reichen können und wollen wir nicht feststellen. Denn auch die
+echten Pflanzen, wie die echten Thiere, durchlaufen in ihrer frühesten
+Entwickelung, als einzelliges Ei, als einfacher Zellenhaufen
+u. s. w. niedere Formzustände, welche gewissen Protisten gleichen.
+Nach unserem biogenetischen Grundgesetze müssen wir daraus
+den Schluss ziehen, dass sämmtliche Organismen, Thiere, Protisten
+und Pflanzen, von höchst einfachen einzelligen Organismen
+abstammen; und wenn wir diese ältesten Stammformen heute
+ <span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+lebend vor uns hätten, würden wir sie jedenfalls für neutrale
+<em class="gesperrt">Protisten</em> erklären.</p>
+
+<p>Eine gute <em class="gesperrt">negative</em> Charakteristik der Protisten, gegenüber
+den echten Thieren und den echten Pflanzen, lässt sich darauf
+gründen, dass sie weder eine <em class="gesperrt">Gastrula</em> mit zwei Keimblättern
+bilden, wie die ersteren, noch einen <em class="gesperrt">Thallus</em> oder ein Prothallium,
+wie die letzteren. Damit in Zusammenhang steht der Umstand,
+dass die Protisten niemals wirkliche (aus vielen Zellen zusammengesetzte)
+<em class="gesperrt">Gewebe</em> und <em class="gesperrt">Organe</em> bilden, wie alle echten Thiere
+und Pflanzen. Auch ist es sicher von grosser Bedeutung, dass
+die grosse Mehrzahl aller Protisten sich ausschliesslich auf <em class="gesperrt">ungeschlechtlichem</em>
+Wege fortpflanzt (durch Theilung, Knospenbildung,
+Sporenbildung). Aber selbst bei den wenigen Protisten,
+welche sich bereits zur geschlechtlichen Zeugung in einfachster
+Form erheben, geht der Gegensatz zwischen männlichen und weiblichen
+Theilen niemals so weit, wie es bei allen echten Thieren
+und Pflanzen der Fall ist. Sie repräsentiren in jeder Beziehung
+jene <em class="gesperrt">niedere</em> älteste Bildungsstufe, welche jedenfalls der Entwickelung
+echter Thiere und echter Pflanzen vorausgegangen
+sein muss.</p>
+
+<p>Diese Betrachtungen führen uns auf denjenigen Weg, auf
+welchem allein eigentlich das Verhältniss der drei organischen
+Reiche zu einander entscheidend aufgeklärt werden kann, auf den
+Weg der <em class="gesperrt">Stammesgeschichte</em> oder <em class="gesperrt">Phylogenie</em>. Wenn wir
+ganz genau wüssten, wie sich das organische Leben auf unserem
+Erdball von Anfang an entwickelt hat, wie die Thiere, Protisten
+und Pflanzen ursprünglich entstanden sind, dann würden wir auch
+das Verhältniss der drei Reiche zu einander klar und unzweideutig
+beurtheilen können. Aber der sichere Weg der unmittelbaren
+Erfahrung bleibt uns für die Erkenntniss dieses wichtigen
+Verhältnisses auf ewig verschlossen. Kein lebendes Wesen und
+keine Schöpfungsurkunde kann uns erzählen, wie jener älteste
+Entwickelungsgang des organischen Lebens vor vielen Millionen
+von Jahren begonnen und wie er sich weiterhin zunächst gestaltet
+hat. Tausende von Arten und Gattungen, Millionen von Generationen
+sind in’s Grab gesunken, ohne uns sichtbare Spuren ihrer
+Existenz hinterlassen zu haben. Und gerade die wichtigsten von
+Allen, die ältesten und einfachsten Formen, konnten wegen des
+ <span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+Mangels harter Körpertheile keine Versteinerungen zurücklassen.</p>
+
+<p>Aber wenn uns auch der streng empirische Weg der Erkenntniss
+in dieser hochwichtigen Ursprungsfrage unwiderruflich
+verschlossen ist, so bleibt uns doch hier, wie überall, zur Ausfüllung
+unserer Erkenntnisslücken der Weg der wissenschaftlichen
+Hypothese offen. Wenn diese <em class="gesperrt">historische Hypothese</em> sich in
+umfassender Weise auf die bisher erkannten wissenschaftlichen
+Thatsachen stützt, so ist sie in der Naturgeschichte der Lebewesen
+ebenso berechtigt, wie in der Geologie, in der Archaeologie, der
+Culturgeschichte und anderen historischen Wissenschaften. Und
+wie uns die allgemein anerkannten geologischen Hypothesen dazu
+geführt haben, eine befriedigende Einsicht in den Entwickelungsgang
+unsers Erdballs zu gewinnen, so werden auch die phylogenetischen
+Hypothesen, die wir auf die von <em class="gesperrt">Darwin</em> reformirte
+Descendenz-Theorie gründen, Licht über den Entwickelungsgang
+des organischen Lebens auf der Erde verbreiten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir können hier nicht auf eine Beleuchtung und Begründung
+aller der verschiedenen phylogenetischen Hypothesen eingehen,
+welche über diesen Entwickelungsgang aufgestellt worden sind.
+Nur auf diejenige Vorstellung wollen wir schliesslich noch einen
+flüchtigen Blick werfen, welche heuzutage am meisten innere
+Wahrscheinlichkeit für sich hat. Danach müssen wir annehmen,
+dass das Leben auf unserem Planeten mit der selbständigen Entstehung
+der allereinfachsten <em class="gesperrt">Protisten</em> aus anorganischen Verbindungen
+begonnen hat. Diese ältesten Lebewesen der Erde
+werden den heute noch existirenden <em class="gesperrt">Moneren</em> ähnlich gewesen
+sein: einfachste lebende Protoplasma-Stückchen ohne jegliche Organbildung.
+Daraus werden sich zunächst durch Sonderung eines
+Darmes im Inneren einzellige Protisten gebildet haben, und zwar
+höchst einfache, formlose und indifferente <em class="gesperrt">Zellen</em>, gleich den
+<em class="gesperrt">Amoeben</em>. Indem einige von diesen einzelligen Protisten, von
+geselligen Neigungen getrieben, sich daran gewöhnten, in kleinen
+Gesellschaften vereinigt zu leben, werden die ersten vielzelligen
+Organismen entstanden sein, und zwar zunächst auch nur wieder
+einfache Zellenhorden, lockere Gesellschaften von gleichartigen Zellen.</p>
+
+<p>Nun ist es wohl wahrscheinlich, dass diese ältesten und einfachsten
+ <span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+Entwickelungsvorgänge des organischen Lebens sich an
+zahlreichen verschiedenen Stellen des jugendlichen Erdballs gleichzeitig
+und unabhängig von einander wiederholt haben. So können
+also verschiedene und vielleicht zahlreiche Formen von Protisten
+unabhängig von einander entstanden sein; zuerst einzellige, später
+vielzellige. Durch den allgemeinen Kampf um’s Dasein, der auch
+unter diesen Protisten frühzeitig sich geltend machte, werden dieselben
+allmählich zu höherer Sonderung und Vervollkommnung
+angetrieben worden sein. Als wichtigster Vorgang ist da sicher
+die gegensätzliche Sonderung von thierischen und pflanzlichen
+Lebens-Processen hervorzuheben. Die einen Protisten begannen
+mehr an thierische, die andere an pflanzliche Lebensweise sich anzupassen,
+und mit der Lebensweise in Wechselwirkung entstand
+die charakteristische Körperform. Eine dritte, conservative Gruppe
+von Protisten behielt den ursprünglichen neutralen Character bei.
+Indem jene Anpassungen sich im Laufe der Zeit durch Vererbung
+befestigten, bildeten sich neben einander die drei grossen organischen
+Reiche aus.</p>
+
+<p>Mit Beziehung auf den Stoffwechsel und die Ernährung würden
+wir freilich sagen können, dass diese ältesten Bewohner unseres
+Planeten <em class="gesperrt">Pflanzen</em> waren, — richtiger: Protisten mit pflanzlichem
+Stoffwechsel; Protisten, welche gleich echten Pflanzen aus Wasser,
+Kohlensäure und Ammoniak die wichtigste »Lebens-Basis«, das
+<em class="gesperrt">Plasson</em>, zusammensetzten, und dieses Plasson sonderte sich
+später in Protoplasma und Nucleus.</p>
+
+<p>Die ältesten <em class="gesperrt">Thiere</em> hingegen — oder richtiger: die ältesten
+Protisten mit thierischem Stoffwechsel, waren <em class="gesperrt">Parasiten</em>, schmarotzende
+Protisten, welche es bequemer fanden, sich das von anderen
+Protisten gebildete Protoplasma anzueignen, als selbst solches
+zu bilden. Da eben ursprünglich viele Protisten-Stämme sich unabhängig
+von einander entwickelt haben können, von verschiedenen
+autogonen Moneren abstammend, so können auch diese
+Anpassungen sich mehrmals (polyphyletisch) wiederholt haben.</p>
+
+<p>Aber auch wenn wir diese vielstämmige (polyphyletische)
+Hypothese verwerfen und wenn wir mehr zu der einstämmigen
+(monophyletischen) Annahme hinneigen, dass der Ursprung aller
+lebenden Wesen auf eine einzige gemeinsame Stammform zurückgeführt
+werden muss, auch dann werden wir doch im Ganzen
+ <span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+wieder zu ähnlichen Vorstellungen über das Verhältniss der drei
+Reiche gelangen. Auch in diesem Falle werden wir annehmen
+müssen, dass jene älteste ursprüngliche Stammform eine einfachste
+Cytode, ein <em class="gesperrt">Moner</em> war, und dass sich aus den Nachkommen
+jenes Moners zunächst einfache <em class="gesperrt">Zellen</em> entwickelten. Diese
+Zellen werden sich wieder in thierische und pflanzliche gesondert
+haben, und so wird sich nach einer Richtung hin das Thierreich,
+nach einer anderen das Pflanzenreich ausgebildet haben, zwei gewaltigen,
+weit verzweigten Stämmen vergleichbar. Aber aus der
+gemeinsamen Wurzel, in der diese beiden grossen Stämme zusammenhängen,
+haben sich ausserdem noch zahlreiche niedere
+und indifferente Wurzelschösslinge selbständig entwickelt; und
+diese bilden zusammen unser Reich der <em class="gesperrt">Protisten</em>.</p>
+
+<p>Gleichviel ob wir dieser einstämmigen oder jener vielstämmigen
+Hypothese den Vorzug geben, so bleibt jedenfalls so viel
+sicher, dass Thierreich und Pflanzenreich nur in ihren vollkommneren
+Formen sich schroff gegenüber stehen, in ihren niederen
+Formen dagegen durch das Protistenreich untrennbar zusammenhängen.
+Die wissenschaftliche Begründung dieser wichtigen Anschauung
+ist uns erst durch die grossartigen Fortschritte der letzten
+vierzig Jahre möglich geworden. Aber mit dem Genius des Propheten
+hat schon vor siebzig Jahren einer unserer tiefblickendsten
+Naturphilosophen, Deutschlands genialster Dichter, dieselbe Anschauung
+ahnungsvoll ausgesprochen. In Jena schrieb <em class="gesperrt">Göthe</em> 1806
+den merkwürdigen Satz nieder: »Wenn man Pflanzen und Thiere
+in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind sie kaum
+zu unterscheiden. So viel aber können wir sagen, dass die aus
+einer kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere
+nach und nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten
+Seiten sich vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt
+im Baume dauernd und starr, das Thier im Menschen zur
+höchsten Beweglichkeit und Freiheit sich verherrlicht.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Bathybius_und_die_Moneren">Bathybius und die Moneren.</h2>
+</div>
+
+
+<p>»Der vielbesprochene Bathybius existirt nicht; seine Annahme
+beruhte auf Täuschungen. So werden auch die übrigen Moneren
+nicht existiren; auch diese angeblichen Urorganismen werden das
+Erzeugniss irrthümlicher Beobachtungen sein. Mithin ist einer
+der wichtigsten Grundpfeiler der modernen Entwickelungslehre
+gefallen; und so werden auch ihre übrigen Stützpfeiler auf Täuschungen
+und Irrthum gegründet sein. Der ganze Darwinismus
+ist ein grosses Luftschloss, die Selectionstheorie eine Seifenblase,
+und die Abstammungslehre ist überhaupt nicht wahr.«</p>
+
+<p>So ungefähr ist der Gedankengang zahlreicher Artikel, denen
+wir seit einem Jahre in den verschiedensten Zeitschriften begegnen.
+Einzig und allein auf die angebliche Nichtexistenz des
+<em class="gesperrt">Bathybius</em> gestützt, behauptet man kurzweg, dass es überhaupt
+keine <em class="gesperrt">Moneren</em> gebe, und dass damit die ganze Entwickelungslehre
+den schwersten Stoss erhalten habe. Am liebsten wird diese
+Behauptung natürlich von den Gegnern der Entwickelungslehre
+vorgetragen und in den mannigfaltigsten Tonarten variirt. Der
+Clerus triumphirt bereits über den völligen Untergang der Descendenztheorie.
+Aber selbst bei vielen Anhängern der Entwickelungstheorie
+gilt die Nichtexistenz des Bathybius als ausgemacht
+und es wird daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen gezogen,
+die als mehr oder minder gewichtige Einwürfe gegen hervorragende
+Hauptpunkte des Darwinismus Bedenken erregen. Diese Umstände,
+sowie die Unklarheit, in welcher sich der grösste Theil des dafür
+interessirten Publicums über den eigentlichen Thatbestand befindet,
+bestimmt uns, hier die Moneren-Frage mit besonderer Rücksicht
+auf den Bathybius zu erörtern. Ich selbst erscheine zu dieser
+Erörterung insofern besonders berechtigt, ja sogar verpflichtet, als
+ich das zweifelhafte Glück geniesse, bei dem »berüchtigten Urschleim
+der Meerestiefen« Gevatter gestanden zu haben. Als
+mein Freund <em class="gesperrt">Thomas Huxley</em> 1868 ihm bei der Taufe den
+Namen <i>Bathybius Haeckelii</i> beilegte, konnte er freilich nicht
+ahnen, dass der arme Täufling, einem Icarus gleich, in kürzester
+Zeit zu einer biologischen Celebrität werden, die Sonnenhöhe irdischer
+Berühmtheit erlangen und noch vor Ablauf seines ersten
+Decenniums in den dunkeln Hades der Mythologie hinabstürzen
+ <span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+werde! Sehen wir denn zu, ob er wirklich todt ist, ob er überhaupt
+nicht existirt hat. Und wenn wir wirklich seine bloss mythologische
+Schein-Existenz zugeben müssten, sehen wir weiter zu,
+was daraus für die Moneren folgt!</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3>I. Zur Geschichte der Moneren.</h3>
+</div>
+
+<p>Im Frühling des Jahres 1864 beobachtete ich im Mittelmeere
+bei Villafranca unweit Nizza schwimmende, winzige Schleimkügelchen
+von ungefähr einem Millimeter oder einer halben Linie
+Durchmesser, die mein höchstes Interesse erregten. Vorsichtig
+unter das Mikroskop gebracht, erschien nämlich jedes dieser
+Kügelchen wie ein kleiner Stern, dessen Mitte aus einem viel
+kleineren structurlosen Kügelchen bestand, während von der Oberfläche
+ringsum mehrere Tausend äusserst feine Fäden ausstrahlten.
+Die genaue Untersuchung bei starker Vergrösserung lehrte, dass
+der ganze Körper des sternförmigen Wesens aus einfacher eiweissartiger
+Zellsubstanz, aus <em class="gesperrt">Sarcode</em> oder <em class="gesperrt">Protoplasma</em> bestehe, und
+dass die Fäden, welche allenthalben von der Oberfläche ausstrahlten,
+keine beständigen Organe seien, sondern ihre Zahl, Grösse
+und Gestalt beständig änderten. Sie erwiesen sich als ebenso wechselnde
+und unbeständige Fortsätze des centralen Protoplasma-Körpers,
+wie die längst bekannten »Scheinfüsschen oder Pseudopodien«,
+welche die einzigen Organe der Wurzelfüssler oder <em class="gesperrt">Rhizopoden</em>
+darstellen. Während aber bei diesen Letzteren Zellkerne im
+Protoplasma zerstreut sind und ihr Körper somit den Formwerth
+von einer oder mehreren Zellen besitzt, ist das bei jenen in Nizza
+beobachteten Protoplasma-Kügelchen nicht der Fall. Im Uebrigen
+war kein Unterschied hier und dort zu finden bezüglich der Bewegungsform
+der fliessenden Schleimfäden und der Art und Weise,
+in welcher dieselben als Tastorgane zum Empfinden, als Contractionsorgane
+zum Kriechen, und als Ernährungsorgane zur Nahrungsaufnahme
+benutzt wurden. Um die Naturgeschichte des kleinen
+Protaplasmakügelchens von Nizza, das ich auf das Genaueste untersuchte,
+zu vervollständigen, fehlte es nur noch an der Beobachtung
+seiner Fortpflanzung. Auch diese glückte schliesslich. Nach einiger
+Zeit zerfiel das kleine Wesen durch einfache Theilung in zwei
+Hälften, von denen jede ihr eignes Leben in derselben Weise
+ <span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+weiterführte, wie das erstere. Ich hatte somit den vollständigen
+Lebenscyclus eines denkbar einfachsten Organismus erkannt, und
+nannte denselben in Anerkennung seiner fundamentalen Bedeutung
+<i>Protogenes primordialis</i>, den »Erstgebornen der Urzeit«.
+Seine genaue Beschreibung gab ich im XV. Bande der Zeitschrift
+für wissenschaftliche Zoologie (S. 360, Taf. XXVI.,
+<a href="#fig1c">Fig. 1</a>, <a href="#fig2c">2</a>).</p>
+
+<p>Schon im folgenden Jahre wurden zwei verschiedene, dem
+Protogenes sehr ähnliche, höchst einfache Organismen von dem
+ausgezeichneten Mikroskopiker <em class="gesperrt">Cienkowski</em> beschrieben. Im
+ersten Bande des Archivs für mikroskopische Anatomie (S. 203,
+Taf. XII.-XIV.) veröffentlichte derselbe sehr interessante »Beiträge
+zur Kenntniss der Monaden.« Unter den verschiedenen
+Protisten, die <em class="gesperrt">Cienkowski</em> hier unter dem alten, vieldeutigen
+und daher sehr unsicheren Begriffe der »Monaden« zusammenfasst,
+befinden sich zwei mikroskopische Bewohner des süssen
+Wassers, welche in der vollkommen einfachen und structurlosen
+Beschaffenheit ihres kernlosen, strahlenden Protoplasma-Körpers
+dem Protogenes gleichen, die Gattungen <em class="gesperrt">Protomonas</em> (<i>Monas
+amyli</i>) und <em class="gesperrt">Vampyrella</em> (letztere mit drei verschiedenen Arten).
+Sie unterscheiden sich aber von dem ersteren durch die Art und
+Weise ihrer Fortpflanzung. Während der Protogenes, nachdem
+er durch Wachsthum ein gewisses Grössenmaass erreicht hat, dieses
+nicht weiter überschreitet, sondern ohne Weiteres in zwei Stücke
+zerfällt, ziehen Protomonas und Vampyrella ihre Strahlen ein und
+gehen in einen Ruhestand über, in welchem sich die kleine Protoplasmakugel
+einkapselt oder encystirt, mit einer Hülle (»Cyste«)
+umgiebt. Innerhalb dieser kleinen Hülle zerfällt die Protomonas
+in sehr zahlreiche Kügelchen, die Vampyrella in vier Stücke
+(Tetrasporen). Alle diese Theilstücke werden später frei und entwickeln
+sich durch einfaches Wachsthum zu der reifen Form.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte ich selbst eine vierte ähnliche Gattung von
+höchst einfachen Organismen im süssen Wasser bei Jena beobachtet,
+welche einer gewöhnlichen Amoebe ganz gleich sich verhält,
+aber von dieser letzteren durch den Mangel eines Zellkerns
+und einer contractilen Blase sich unterscheidet. Ich nannte sie
+daher <i>Protamoeba primitiva</i>. Während bei den drei ersterwähnten
+Schleimkügelchen (Protogenes, Protomonas, Vampyrella) überall
+zahlreiche Fäden aus der Oberfläche des centralen Protoplasma-Körpers
+ <span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+ausstrahlen, sehen wir statt deren bei Protamoeba — ganz
+wie bei der gewöhnlichen Amoeba — wenige kurze, fingerförmige
+Fortsätze sich ausstrecken, welche ihre Gestalt beständig ändern; sie
+werden eingezogen und an einer andern Stelle wieder vorgestreckt.
+Hat die Protamoeba durch Nahrungsaufnahme (die ebenfalls wie
+bei Amoeba erfolgt) eine gewisse Grösse erreicht, so zerfällt sie
+durch Theilung in zwei Hälften. Ich machte die erste Mittheilung
+darüber in meiner »generellen Morphologie« (Bd. I. S. 133). Später
+habe ich von Protamoeba primitiva Abbildungen gegeben, welche
+u. A. in die »Natürliche Schöpfungsgeschichte« (VI. Aufl. S. 167)
+und in die »Anthropogenie« (III. Aufl. S. 414) aufgenommen sind.</p>
+
+<p>Gestützt auf diese Beobachtungen, die späterhin durch die
+Untersuchungen anderer Forscher, wie durch meine eigenen noch
+beträchtlich erweitert wurden, gründete ich 1866 in der »Generellen
+Morphologie« für alle diese Organismen von einfachster
+Beschaffenheit eine besondere Classe unter dem Namen der <em class="gesperrt">Moneren</em>,
+d. h. der »<em class="gesperrt">Einfachen</em>«. Im ersten Bande (S. 135) sagte
+ich damals:</p>
+
+<p>»Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen,
+bei denen wir weder mit dem Mikroskop, noch mit den
+chemischen Reagentien irgend eine Differenzirung des homogenen
+Plasmakörpers nachzuweisen vermögen, von allen übrigen, aus
+ungleichartigen Theilen zusammengesetzten Organismen bestimmt
+zu unterscheiden, wollen wir sie ein für allemal mit dem Namen
+der »Einfachen« oder »Moneren« belegen. Gewiss dürfen wir auf
+diese höchst interessanten, bisher aber fast ganz vernachlässigten
+Organismen besonders die Aufmerksamkeit hinlenken und auf ihre
+äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völliger Ausübung aller
+wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht legen, wenn
+es gilt, <em class="gesperrt">das Leben zu erklären</em>, es aus der fälschlich sogenannten
+»<em class="gesperrt">todten Materie</em>« abzuleiten, und die übertriebene Kluft
+zwischen Organismen und Anorganen auszugleichen. Indem bei
+diesen homogenen belebten Naturkörpern von differenten Formbestandtheilen,
+von »Organen«, noch keine Spur zu entdecken ist,
+vielmehr alle Moleküle der structurlosen Kohlenstoffverbindung,
+des lebendigen Eiweisses, in gleichem Maasse fähig erscheinen,
+sämmtliche Lebensfunctionen zu vollziehen, liefern sie klar den
+Beweis, dass der Begriff des Organismus nur dynamisch oder
+ <span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+physiologisch aus den Lebensbewegungen, nicht aber statisch oder
+morphologisch aus der Zusammensetzung des Körpers aus »Organen«
+abgeleitet werden kann.«</p>
+
+<p>In den folgenden Jahren wurde der Kreis unserer Erfahrungen
+über diese wunderbaren »Organismen ohne Organe« wesentlich erweitert.
+Auf meiner Reise nach den canarischen Inseln (1866
+und 1867) richtete ich natürlich meine ganze Aufmerksamkeit auf
+dieselben und war denn auch so glücklich, noch mehrere neue
+Moneren-Formen zu entdecken. Auf den weissen Kalkschalen,
+eines merkwürdigen Cephalopoden (<i>Spirula Peronii</i>), die zu
+Tausenden an den Küsten der canarischen Inseln angetrieben zu
+finden sind, bemerkte ich zuweilen zahlreiche rothe Pünktchen,
+welche sich unter der Lupe als zierliche Sternchen und bei starker
+Vergrösserung als orangerothe Protoplasma-Scheiben oder -Kugeln
+zu erkennen gaben, von deren Umfange zahlreiche baumförmig
+verästelte Fäden ausstrahlten. Die genauere Untersuchung zeigte,
+dass auch diese (verhältnissmässig colossalen) Protoplasma-Körper
+kernlos und structurlos waren und sich in ähnlicher Weise wie
+Protomonas fortpflanzten, nämlich dadurch, dass der kugelig zusammengezogene
+und eingekapselte Körper in zahlreiche kleine
+Stücke zerfiel. Ich nannte diese interessante neue Moneren-Gattung
+<i>Protomyxa aurantiaca</i> und habe sie zuerst auf Taf. I. der
+»Natürl. Schöpfungsgeschichte« abgebildet. Eine ähnliche stattliche
+Monerenform entdeckte ich sodann in demselben Jahre (1867)
+im Schlamme des Hafenbeckens von Puerto del Arrecife, der
+Hafenstadt der canarischen Insel Lanzarote, und bezeichnete sie
+als <i>Myxastrum radians</i>. Sie ist dadurch ausgezeichnet, dass
+die Theilstücke oder Sporen, in welche der kugelige Körper bei
+der Fortpflanzung zerfällt, sich radial gegen den Mittelpunkt der
+Kugel ordnen und spindelförmige Kieselhüllen ausschwitzen, aus
+denen später das junge Moner ausschlüpft.</p>
+
+<p>Gestützt auf alle diese Beobachtungen, veröffentlichte ich 1868
+in der »Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft« eine ausführliche
+<em class="gesperrt">Monographie der Moneren</em>. (Bd. IV, S. 64, Taf. II. und
+III). Hier sind alle eigenen und fremden Beobachtungen ausführlich
+zusammengestellt und erläutert. Es ergaben sich damals sieben
+verschiedene Gattungen von Moneren. Durch spätere Beobachtungen
+ist die Zahl der Arten auf 16 gesteigert worden, worüber
+ <span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+ich in den »Nachträgen zur Monographie der Moneren« berichtet
+habe (Jenaische Zeitschr. für Naturw. 1877. Bd. VI. S. 23). Die
+Unterschiede aller dieser Moneren beruhen nur darauf, dass die
+weiche, schleimige Körpermasse in verschiedener Form sich ausbreitet
+und bewegt, und dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung
+(durch Theilung, Sporenbildung u. s. w.) auf verschiedene Weise
+geschieht.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3>II. Zur Geschichte des Bathybius.</h3>
+</div>
+
+<p>Das hohe Interesse, das die Moneren in morphologischer
+sowohl, als physiologischer Beziehung darbieten, wurde noch gesteigert,
+als 1868 der erste Zoologe Englands, der berühmte <em class="gesperrt">Thomas
+Huxley</em>, eine neue, ganz eigenartige Moneren-Gattung unter
+dem Namen <em class="gesperrt">Bathybius Haeckelii</em> beschrieb (Journal of
+microscop. science, Vol. VIII, N. S. p. 1, Pl. IV). Abweichend von
+den übrigen Moneren sollte dieser <em class="gesperrt">Bathybius</em> eigenthümlich
+geformte mikroskopische Kalkkörperchen einschliessen: <em class="gesperrt">Coccosphaeren</em>
+und <em class="gesperrt">Coccolithen</em> (<em class="gesperrt">Discolithen</em> und <em class="gesperrt">Cyatholiten</em>);
+die formlosen Protoplasma-Klumpen desselben aber, von sehr verschiedener
+Grösse, sollten in ungeheuren Massen die tiefsten Abgründe
+des Meeres bedecken, unterhalb 5000 Fuss bis zu 25000
+Fuss hinab. Mit diesem formlosen Ur-Organismus einfachster Art,
+der zu Milliarden vereinigt den Meeresboden mit einer lebendigen
+Schleimdecke überzieht, schien ein neues Licht auf eine der
+schwierigsten und dunkelsten Fragen der Schöpfungsgeschichte
+zu fallen, auf die Frage von der <em class="gesperrt">Urzeugung</em>, von der ersten
+Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Mit dem <em class="gesperrt">Bathybius</em>
+schien der berüchtigte »<em class="gesperrt">Urschleim</em>« gefunden zu sein, von dem
+<em class="gesperrt">Oken</em> vor einem halben Jahrhundert prophetisch behauptet hatte,
+dass alles Organische aus ihm hervorgegangen, und dass er im
+Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie im
+Meeresgrunde entstanden sei.</p>
+
+<p>Der Tiefseeschlamm, welcher die <em class="gesperrt">Bathybius</em>-Massen enthält,
+wurde zuerst bei Gelegenheit der grossartigen Tiefgrund-Untersuchungen
+entdeckt, die seit dem Jahre 1857 behufs Legung des transatlantischen
+Telegraphen-Kabels angestellt wurden. Man fand schon
+damals das »atlantische Telegraphen-Plateau«, jene mächtige Tiefsee-Ebene,
+welche sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 12,000
+ <span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+Fuss von Irland bis Neufundland erstreckt, allenthalben mit
+einem eigenthümlichen, grauen, äusserst feinpulverigen Schlamme
+bedeckt: Derselbe zeichnete sich durch zähe, klebrige Beschaffenheit
+aus und zeigte bei mikroskopischer Untersuchung Massen
+von kleinen kalkschaligen Rhizopoden, insbesondere Globigerinen,
+und ferner, als Hauptbestandtheile, die sehr kleinen, als Coccolithen
+bezeichneten Kalkkörperchen. Aber erst elf Jahre später, als
+<em class="gesperrt">Huxley</em> 1868 mittelst eines sehr scharfen Mikroskopes eine erneute
+genaue Untersuchung desselben Schlammes, auch in chemischer
+Beziehung, vornahm, entdeckte er darin die nackten, freien, formlosen
+Protoplasma-Klumpen, welche neben den genannten Theilen die
+Hauptmasse des Schlammes bilden. »Diese Klumpen sind von
+allen Grössen, von Stücken, die mit blossem Auge sichtbar sind
+bis zu äusserst kleinen Partikelchen. Wenn man sie der mikroskopischen
+Analyse unterwirft, zeigen sie — eingebettet in eine
+durchsichtige, farblose und strukturlose <em class="gesperrt">Matrix</em> — Körnchen,
+Coccolithen und zufällig hineingerathene fremde Körper.«</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lebender Bathybius</em> wurde zuerst 1868 von Sir <em class="gesperrt">Wyville
+Thomson</em> und Professor <em class="gesperrt">William Carpenter</em>, zwei ebenso
+erfahrenen als scharfsichtigen Zoologen, während ihrer nordatlantischen
+Tiefsee-Expedition auf dem Kriegsschiffe »Porcupine« beobachtet.
+Sie berichten über den frisch heraufgeholten lebendigen
+Tiefsee-Schlamm: »Dieser <em class="gesperrt">Schlamm war wirklich lebendig;
+er häufte sich in Klumpen zusammen</em>, als ob Eiweiss
+beigemischt wäre; und unter dem Mikroskope erwies sich die
+klebrige Masse als <em class="gesperrt">lebende Sarcode</em>.« (Annals and magaz. of
+nat. hist. 1869, Vol. IV, p. 151). Ferner sagt Sir <em class="gesperrt">Wyville
+Thomson</em> in seinem höchst interessanten Werke über die Meerestiefen
+(The depths of the Sea II. Edit. 1874. p. 410): »In diesem
+Schlamm (Globigerinen-Schlamm aus 2,435 Faden oder ca. 14,600
+Fuss Tiefe, aus der Bay von Biscaya), wie in den meisten anderen
+Schlamm-Proben aus dem atlantischen Ocean-Bett, war eine beträchtliche
+Quantität einer weichen, gallertigen, organischen Materie
+nachweisbar, genug, um dem Schlamme eine gewisse Klebrigkeit
+zu geben. Wenn der Schlamm mit schwachem Weingeist geschüttelt
+wurde, fielen feine Flocken nieder, wie von geronnenem
+Schleime; und wenn ein wenig von demjenigen Schlamme, an
+welchem die klebrige Beschaffenheit am deutlichsten hervortritt,
+ <span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+in einem Tropfen Seewasser unter das Mikroskop gebracht wird,
+können wir gewöhnlich nach einiger Zeit ein unregelmässiges
+Netzwerk von eiweissartiger Materie sehen, unterscheidbar durch
+seine bestimmten Umrisse und nicht mit Wasser mischbar. Man
+kann sehen, wie dieses Netzwerk seine Form allmählig ändert
+und die eingeschlossenen Körnchen und fremden Körper ihre relative
+Lage darin verändern. <em class="gesperrt">Die Gallert-Substanz ist daher
+eines gewissen Grades von Bewegung fähig, und es
+kann kein Zweifel sein, dass sie die Erscheinungen
+einer sehr einfachen Lebensform zeigt.</em>« So wörtlich
+Sir <em class="gesperrt">Wyville Thomson</em> (a. a. O. S. 411).</p>
+
+<p>Meine eigenen Untersuchungen des <em class="gesperrt">Bathybius</em>-Schlammes
+betrafen, ebenso wie diejenigen von <em class="gesperrt">Huxley</em>, nur todtes, in Weingeist
+conservirtes Material. Das Fläschchen, in welchem ich denselben
+von den Far-Oer-Inseln zugesandt erhielt, trug die Aufschrift
+»Dredged of Professor Thomson und Dr. Carpenter with the
+Steamer Porcupine on 2435 fathoms. 22. July 1869. Lat. 47° 38'.
+Long. 12° 4'.« Es war also dieser <em class="gesperrt">Bathybius</em>-Schlamm derselbe,
+an welchem die genannten Forscher ihre Beobachtungen über
+amoeboide Bewegungen angestellt hatten. Die Resultate meiner
+Untersuchung habe ich ausführlich in meinen »<em class="gesperrt">Beiträgen zur
+Plastiden-Theorie</em>« mitgetheilt (2. Bathybius und das freie
+Protoplasma der Meerestiefen. Jen. Zeitschr. für Naturw. 1870.
+Bd. V. S. 499. Taf. XVII.) Die 80 Figuren, welche ich daselbst
+(auf Taf. XVII) von den verschiedenen formlosen Protoplasma-Stücken
+des Bathybius und den geformten Kalkkörperchen, die
+er einschliesst, gegeben habe, sind bei sehr starker Vergrösserung
+mit Hülfe der Camera lucida ganz genau gezeichnet. Einige dieser
+Figuren sind auch in den Aufsatz über »das Leben in den grössten
+Meerestiefen« übergegangen, welchen ich 1870 in Virchow-Holzendorff’s
+Sammlung publicirt habe. (Nr. 110).</p>
+
+<p>Indem ich diesen, in starkem Alkohol sehr gut conservirten
+Bathybius-Schlamm mit Hülfe der neuesten Methoden möglichst
+genau untersuchte, und namentlich die vortheilhafte (von <em class="gesperrt">Huxley</em>
+früher nicht angewandte) Methode der Färbung mit Carmin und
+Jod übte, suchte ich vor Allem die Quantität und Qualität der
+formlosen Protoplasma-Stücke näher zu bestimmen, die überall in
+Masse zwischen den geformten Kalktheilchen sich vorfanden.
+ <span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+Diese eiweissartigen, durch Carmin roth gefärbten Stücke waren
+sehr gleichmässig durch den ganzen Schlamm verbreitet und
+schienen in den meisten untersuchten Proben mindestens ein
+Zehntel bis ein Fünftel des gesammten Volums zu betragen, in
+manchen Präparaten selbst die grössere Hälfte. Dieselben Massen,
+welche durch Carmin sich mehr oder minder intensiv roth färbten,
+nahmen durch Jod — und ebenso durch Salpetersäure — eine
+gelbe Färbung an und zeigten auch im Verhalten gegen andere
+chemische Reagentien ganz dieselben Eigenschaften, wie das gewöhnliche
+Protoplasma der Thier- und Pflanzenzellen. Die Form
+der meisten Stückchen war unregelmässig, rundlich oder mit
+stumpfen Fortsätzen, einer Amoebe ähnlich; andere Stückchen
+bildeten unregelmässige, kleine und grössere Sarcode-Netze, ähnlich
+denen der Myxomyceten.</p>
+
+<p>Ob die kleinen geformten Kalktheilchen, die Coccolithen und
+Coccosphären, welche in so grossen Massen im Bathybius-Schlamme
+vorkommen, — und zwar ebenso wohl zwischen den Protoplasma-Stückchen,
+als innerhalb derselben, von ihnen umschlossen, —
+wirklich zu ihnen gehören, oder nicht, diese Frage musste ich um
+so mehr offen lassen, als ich schon vorher ganz ähnliche Kalkkörperchen
+in dem Körper mehrerer pelagischen, an der Oberfläche
+des canarischen Meeres schwimmenden Radiolarien gefunden
+hatte (»<i>Myxobracchia</i> von Lanzerote«). Diese sonderbaren Kalkkörperchen,
+welche bald die Gestalt einer einfachen, concentrisch
+geschichteten Scheibe, bald eines Hemdknöpfchens, bald einer aus
+vielen Scheibchen zusammengesetzten Kugel u. s. w. hatten, konnten
+ebensowohl Ausscheidungen der Bathybius-Sarcode sein, als fremde
+Körper, die zufällig (oder bei der Nahrungsaufnahme) in das Protoplasma
+hinein gelangt waren. In neuester Zeit hat sich die
+grössere Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der letzteren Annahme
+herausgestellt und die meisten Biologen nehmen jetzt an, dass
+alle diese Körperchen mikroskopische <em class="gesperrt">Kalk-Algen</em> seien, verkalkte
+einzellige Pflanzen.</p>
+
+<p>Durch diese Untersuchungen, die von mehreren anderen Forschern
+bestätigt wurden, schien festgestellt, dass auf dem Boden
+des nordatlantischen Oceans, und zwar in Tiefen zwischen 5000
+und 25000 Fuss, ein feinpulveriger Schlamm sich findet, welcher
+u. A. grosse Mengen einer eigenthümlichen, noch kaum individualisirten
+ <span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+Moneren-Art enthält. Der Fehler, den wir nun begingen,
+bestand darin, dass wir die Resultate dieser nordatlantischen
+Tiefsee-Untersuchungen allzurasch generalisirten und überall
+den Boden des tiefen Oceans mit ähnlichen Moneren bedeckt zu
+sehen erwarteten. Diese Erwartung wurde vollständig getäuscht.
+Die sehr genaue und umfassende Untersuchung der grossartigen
+<em class="gesperrt">Challenger</em>-Expedition, welche in 3½ Jahren die Erde umkreiste
+und in den Tiefen der verschiedenen Oceane sorgfältig
+nach dem Bathybius suchte, hat ihn nirgends wiedergefunden und
+erzielte nur negative Resultate. Wir haben keinen Grund, in die
+Sorgfalt und Genauigkeit der ausgezeichneten Naturforscher der
+bewunderungswürdigen Challenger-Expedition irgend einen Zweifel
+zu setzen, um so weniger, als ja der vorzügliche Director derselben,
+<em class="gesperrt">Sir Wyville Thomson</em> selbst zuerst die Bewegungen
+am lebenden Bathybius wahrgenommen hatte. Wir müssen also
+wohl annehmen, dass an den vom Challenger untersuchten Stellen
+des tiefen Meeresbodens die Bathybius-Moneren wirklich fehlten.
+Folgt aber daraus, dass alle jene früheren Beobachtungen und
+Schlüsse unrichtig waren?</p>
+
+<p>Wie es sehr häufig in solchen Fällen zu gehen pflegt, so
+ging auch jetzt plötzlich die einseitig übertriebene Ansicht in das
+entgegengesetzte Extrem über. Vorher hatte man gehofft, <em class="gesperrt">überall</em>
+im Schlamme des tiefen Meeresbodens die Protoplasma-Klumpen
+des Bathybius in Masse zu finden; jetzt wollte man sie mit einem
+Male <em class="gesperrt">nirgends</em> mehr anerkennen. Insbesondere glaubte man
+sich zu der Annahme berechtigt, der früher in Weingeist untersuchte
+Bathybius-Schlamm sei weiter nichts, als ein feiner Gypsniederschlag,
+wie er überall bei der Mischung von Weingeist mit
+Seewasser entsteht. Diese Ansicht wurde zuerst von einigen Naturforschern
+der Challenger-Expedition ausgesprochen und daraufhin
+widerrief Professor <em class="gesperrt">Huxley</em> — wie mir scheint, zu frühzeitig —
+seine frühere Ansicht vom Bathybius. In der »<em class="gesperrt">Nature</em>« (vom
+19. Aug. 1875) und im »Quarterly Journal of microscop.
+science« (1875, Vol. XV. p. 392) sagt derselbe wörtlich: »Professor
+<em class="gesperrt">Wyville Thomson</em> theilt mir mit, dass die besten Bemühungen
+der Challenger-Forscher, lebenden Bathybius zu entdecken,
+fehlschlugen, und dass ernstlich vermuthet wird, das Ding,
+dem ich diesen Namen gab, sei wenig mehr als schwefelsaurer
+ <span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+Kalk, in flockigem Zustande aus dem Seewasser durch den starken
+Alkohol niedergeschlagen, in welchem der Tiefseeschlamm aufbewahrt
+wurde. Das Sonderbare ist aber, dass dieser unorganische
+Niederschlag <em class="gesperrt">kaum von einem Eiweissniederschlag zu
+unterscheiden ist</em>, und er gleicht, vielleicht noch mehr, dem
+keimführenden Häutchen an der Oberfläche fauliger Aufgüsse, das
+sich unregelmässig, aber sehr stark, mit Carmin färbt, Stücke von
+bestimmtem Umriss bildet und in jeder Weise sich wie ein organisches
+Ding verhält. <em class="gesperrt">Professor Thomson spricht sehr
+vorsichtig und sieht das Schicksal des Bathybius
+noch nicht als ganz entschieden an.</em> Aber da ich hauptsächlich
+für den eventuellen Irrthum verantwortlich bin, diese
+merkwürdige Substanz in die Reihe der lebenden Wesen eingeführt
+zu haben, so glaube ich richtiger zu verfahren, wenn ich seiner
+oben mitgetheilten Ansicht grösseres Gewicht beilege, als er selbst.«</p>
+
+<p>Dies sind die Worte des Professor <em class="gesperrt">Huxley</em>, welche so grosses
+Aufsehen erregten, und nach weit verbreiteter Ansicht dem armen
+Bathybius den Todesstoss versetzt haben. Je mehr aber hier die
+eigentlichen Eltern des Bathybius sich geneigt zeigen, ihr Kind
+als hoffnungslos aufzugeben, desto mehr fühle ich mich als Taufpathe
+verpflichtet, seine Rechte zu wahren und womöglich sein
+erlöschendes Lebensfünkchen wieder zur Geltung zu bringen. Und
+da finde ich denn glücklicherweise einen werthvollen Bundesgenossen
+in einem vielgereisten deutschen Naturforscher, der erst
+in neuerer Zeit wieder <em class="gesperrt">lebenden Bathybius</em>, und zwar an
+der Küste von Grönland, beobachtet hat. Der bekannte Nordpolfahrer
+Dr. <em class="gesperrt">Emil Bessels</em> aus Heidelberg, der von dem Schiffbruche
+der Polaris glücklich zurückkehrte, macht bei Gelegenheit
+seiner Beschreibung der <em class="gesperrt">Haeckelina gigantea</em> (eines
+colossalen Rhizopoden, der vielleicht mit der früher von <em class="gesperrt">Sandahl</em>
+beschriebenen <em class="gesperrt">Astrorhiza</em> identisch ist) folgende wichtige Angaben:
+»Während der letzten amerikanischen Nordpol-Expedition
+fand ich in 92 Faden Tiefe in dem Smith-Sunde grosse Massen
+von freiem undifferenzirtem homogenem Protoplasma, welches auch
+keine Spur der wohlbekannten Coccolithen enthielt. Wegen seiner
+wahrhaft spartanischen Einfachheit nannte ich diesen Organismus,
+den ich lebend beobachten konnte, <em class="gesperrt">Protobathybius</em>. Derselbe
+wird in dem Reisewerk der Expedition abgebildet und beschrieben
+ <span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+werden. Ich will hier nur erwähnen, dass diese <em class="gesperrt">Massen aus
+reinem Protoplasma</em> bestanden, dem nur zufällig Kalktheilchen
+beigemischt waren, aus welchen der Seeboden gebildet ist.
+Sie stellten <em class="gesperrt">äusserst klebrige, maschenartige Gebilde
+dar, die prächtige amoeboide Bewegungen ausführten,
+Carminpartikelchen sowie andere Fremdkörper aufnahmen
+und lebhafte Körnchenströmung zeigten</em>. (Jenaische
+Zeitschr. f. Naturw. 1875. Bd. IX., S. 277. Vgl.
+auch: Annual Report of the Secret. of the navy for 1873). An
+einem anderen Orte, in den von <em class="gesperrt">Packard</em> publicirten »Life
+histories of animals« (New-York, 1876 p. 3) ist eine Abbildung
+der Protoplasma-Netze des <em class="gesperrt">Protobathybius</em> von Dr.
+<em class="gesperrt">Bessels</em> publicirt. Hiernach möchte ich annehmen, dass derselbe
+von unserm echten Bathybius nicht verschieden ist. Der Unterschied,
+dass letzterer gewöhnlich viele geformte Kalkkörperchen
+(Coccolithen etc.) umschliesst, der erstere dagegen nicht, verliert
+seine Bedeutung durch die immer wachsende Wahrscheinlichkeit,
+dass diese Kalkkörperchen einzellige, als Nahrung aufgenommene
+Kalkalgen sind.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3>III. Zur Kritik des Bathybius.</h3>
+</div>
+
+<p>Nachdem wir jetzt die historischen Angaben über den
+Bathybius zusammengetragen und die wichtigsten wörtlich angeführt
+haben, wenden wir uns zur Kritik desselben. Versuchen
+wir, aus einer unpartheiischen Würdigung jener Angaben uns ein
+selbständiges unbefangenes Urtheil über den vielverschrieenen
+und jetzt fast aufgegebenen Urschleim der grössten Meerestiefen
+zu bilden!</p>
+
+<p>Bezüglich des <em class="gesperrt">todten Bathybius</em>, des in Weingeist conservirten
+Tiefseeschlammes aus dem nord-atlantischen Ocean, sind
+alle Beobachter, die denselben genau untersucht haben, einig, dass
+derselbe mehr oder minder ansehnliche Mengen von geronnenem
+<em class="gesperrt">Protoplasma</em> enthält, welches im morphologischen und chemisch-physikalischen
+Verhalten die grösste Aehnlichkeit mit gewissen
+Moneren besitzt. Die Resultate, welche <em class="gesperrt">Huxley</em> an seinem
+»Porcupine«-Material erhielt, und die ich selbst bestätigen und
+ergänzen konnte, sind von allen anderen Beobachtern, die denselben
+Schlamm untersuchten, als richtig anerkannt worden.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>Bezüglich des <em class="gesperrt">lebenden Bathybius</em> liegen <em class="gesperrt">positive</em>
+Angaben über die characteristischen rhizopodenartigen Bewegungen
+desselben von drei bewährten Beobachtern vor, von <em class="gesperrt">Sir Wyville
+Thomson</em>, Professor <em class="gesperrt">William Carpenter</em> und Dr. <em class="gesperrt">Emil
+Bessels</em>. Alle drei stellten diese Beobachtungen an Tiefseeschlamm
+aus dem nord-atlantischen Ocean an. Dagegen
+lieferten die Bemühungen der Challenger-Forscher, in verschiedenen
+Meeren jene älteren Beobachtungen über Bewegungs-Erscheinungen
+zu wiederholen und zu bestätigen, nur <em class="gesperrt">negative</em>
+Resultate.</p>
+
+<p>Was folgt nun aus allen diesen Angaben, denen wir sämmtlich
+dieselbe Glaubwürdigkeit zuerkennen müssen, und die sich
+doch theilweise zu widersprechen scheinen? Angenommen, dass
+alle diese Angaben richtig sind, so folgt daraus einfach weiter
+gar nichts, als dass der <em class="gesperrt">Bathybius-Schlamm eine beschränkte
+geographische Verbreitung besitzt</em>, und dass es eine voreilige
+Verallgemeinerung war, alle tiefen Meeres-Abgründe mit demselben
+zu bevölkern. Daraus aber, dass die Challenger-Expedition
+den lebenden Bathybius nicht wiederfinden konnte, ist doch wahrlich
+nicht zu folgern, dass die <em class="gesperrt">an anderen Orten</em> angestellten
+Beobachtungen der Porcupine-Expedition über lebenden Bathybius
+unrichtig waren! Oder sollen wir daraus, dass die Challenger-Expedition
+den merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« nur auf
+einen verhältnissmässig engen Verbreitungsbezirk des pacifischen
+Oceans beschränkt fand, und sonst nirgends wiederfinden konnte,
+den Schluss ziehen, dass derselbe überhaupt nicht existire? Wir
+wissen, dass die allermeisten Organismen-Arten einen beschränkten
+Verbreitungs-Bezirk haben. Warum soll denn nicht auch die Verbreitung
+des Bathybius beschränkt sein?</p>
+
+<p>Ich bekenne daher, nicht zu begreifen, wie <em class="gesperrt">Huxley</em> seine
+Ansicht über den Bathybius so rasch und so vollständig ändern
+konnte. Noch viel weniger freilich begreife ich die Art und Weise,
+wie auf der deutschen Naturforscher-Versammlung in Hamburg
+(im September 1876) der Bathybius öffentlich zu Grabe getragen
+werden konnte. Ich finde darüber in der Berliner Nationalzeitung
+folgende merkwürdige Mittheilung (datirt Hamburg 21. September),
+betreffend einen von Professor <em class="gesperrt">Möbius</em> aus Kiel gehaltenen
+trefflichen Vortrag über die marine Fauna und die Challenger-Expedition:
+ <span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>
+»Ueber diese Ebenen — Tiefsee-Ebenen von
+3700 bis 4000 Meter Tiefe — sollte sich der geheimnissvolle Urschleim,
+der Bathybius ausbreiten, den der berühmte <em class="gesperrt">Huxley</em> zu
+Ehren seines genialen Freundes in Jena <em class="gesperrt">Bathybius Haeckelii</em>
+genannt hat. Leider aber passirte der Naturforschung ein böses
+Missgeschick. Der Bathybius, der so gut zu den modernen Anschauungen
+von dem Beginne des organischen Lebens passte,
+erwies sich als ein Kunstproduct, als Niederschlag von im Meere
+gelöstem Gyps, in Folge des den Proben zugesetzten Alkohols.
+Ueberall wo man die frischen Proben an Bord untersuchte, war
+keine Spur von ihm zu entdecken. Es machte einen geradezu
+erschütternden Eindruck auf die Zuhörer, als Herr <em class="gesperrt">Möbius</em> den
+Bathybius nach einem so einfachen Recepte vor ihren Augen in
+einem mit Meerwasser gefüllten Glase durch Alkohol-Zusatz erscheinen
+liess!«</p>
+
+<p>In der That eine merkwürdige Logik! Weil Weingeist in
+Seewasser einen Gyps-Niederschlag erzeugt, deshalb ist der in
+Weingeist conservirte Bathybius-Schlamm nur ein Gyps-Niederschlag!
+Und diese Beweisführung machte auf alle Mitglieder
+einer deutschen Naturforscher-Versammlung »einen geradezu
+erschütternden Eindruck!« Dass starker Weingeist in Seewasser
+einen dünnen flockigen Gyps-Niederschlag erzeugt, weiss
+Jeder, der Seethiere in Weingeist gesammelt hat. Ebenso weiss
+aber auch Jeder, der den Bathybius-Schlamm der Porcupine-Expedition
+gleich <em class="gesperrt">Huxley</em> und mir genau untersucht hat, dass die
+darin massenhaft enthaltenen moneren-artigen Eiweisskörper wirklich
+aus einem <em class="gesperrt">eiweissartigen</em> Körper und <em class="gesperrt">nicht aus Gyps</em>
+bestehen. Sie färben sich in Carmin roth, in Salpetersäure und
+in Jod gelb, werden durch concentrirte Schwefelsäure zerstört
+und geben alle übrigen Reactionen des <em class="gesperrt">Protoplasma</em>, was bekanntlich
+beim Gyps nicht der Fall ist.</p>
+
+<p>Wenn man gewisse Kreide-Arten oder kreidigen Mergel fein
+pulverisirt, so erhält man ein feinkörniges, weisses Mehl, welches
+zum Verwechseln dem merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« ähnlich
+ist, den die Challenger-Expedition in einem beschränkten
+Bezirke des Pacifischen Oceans (und <em class="gesperrt">nur hier</em>!) in einer Tiefe
+von 12,000–26,000 Fuss Tiefe gefunden hat. Dieser »Radiolarien-Ooze«,
+den ich eben jetzt untersuche, besteht fast ausschliesslich
+ <span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+aus den zierlichsten und mannigfaltigst geformten Kieselschalen
+von zahllosen Radiolarien. Mit blossem Auge aber ist dieser
+getrocknete Schlamm — ein wundervolles, mikroskopisches Radiolarien-Museum
+— nicht zu unterscheiden von jenem pulverisirten
+Kreide-Mergel, der nicht eine einzige Radiolarien-Schale enthält.
+Ich schlage nun vor, auf einer nächsten deutschen Naturforscher-Versammlung
+den experimentellen Beweis zu führen, dass jene
+colossalen und höchst merkwürdigen, vom Challenger entdeckten
+Radiolarien-Lager in den Tiefen des Pacifischen Oceans nicht
+existiren. »Das Recept ist höchst einfach.« Man zerstösst in einem
+Mörser vor den Augen der versammelten Naturforscher einen von
+jenen Kreide-Mergeln, die keine Radiolarien enthalten. Das so
+erhaltene weisse Pulver enthält kein einziges Radiolar — also auch
+der pacifische (blos aus Radiolarien bestehende) Tiefsee-Schlamm
+nicht — denn beide sind mit blossem Auge nicht zu unterscheiden.
+Quod erat demonstrandum! Wir sind überzeugt, das schlagende
+Experiment wird auf alle Zuschauer »einen geradezu erschütternden
+Eindruck machen« — und der Radiolarien-Schlamm existirt
+nicht mehr!</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3>IV. Zur Kritik der Moneren.</h3>
+</div>
+
+<p>Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die
+»Nicht-Existenz des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt
+es sehr wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von <em class="gesperrt">Wyville
+Thomson</em>, <em class="gesperrt">Carpenter</em> und <em class="gesperrt">Emil Bessels</em> über die
+Bewegungen des lebenden Bathybius richtig sind. Wir wollen
+nun aber einmal das Gegentheil annehmen und wollen zugeben,
+dass Bathybius kein Moner und überhaupt kein Organismus sei.
+Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert wird, — dass auch
+die <em class="gesperrt">Moneren überhaupt nicht existiren</em>? Oder dürfen
+wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht
+existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen
+giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der
+lebendig gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis,
+Platurus, Aepysurus etc.), welche meistens im indischen Ocean
+und Sunda-Archipel leben, aber keine beträchtliche Grösse erreichen.</p>
+
+<p>Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen,
+ <span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
+dass meine eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand
+gerichteten und möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz
+von mehr als einem Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils
+im Süsswasser, theils im Meere nachgewiesen haben. Um so
+mehr will ich aber hervorheben, dass diese Beobachtungen seitdem
+von einer Anzahl bewährter Forscher wiederholt und bestätigt
+worden sind. Einige von diesen Moneren scheinen sogar im
+süssen Wasser sehr verbreitet zu sein, so namentlich die Gattungen
+Protamoeba und Vampyrella. <i>P. agilis</i> und <i>V. spirogyrae</i> kommen
+in Jena fast jeden Sommer gelegentlich zur Beobachtung. <i>P.
+primitiva</i> und <i>V. vorax</i> sind von mehreren verschiedenen Beobachtern
+in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden. Andere
+neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von <em class="gesperrt">Cienkowski</em>
+und <em class="gesperrt">Oskar Grimm</em> beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit
+der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen
+Organismen zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss
+derselben sich noch beträchtlich erweitern und vertiefen wird.</p>
+
+<p>Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner
+ist oder nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl
+<em class="gesperrt">echter Moneren</em>, deren fundamentale Bedeutung von ersteren
+ganz unabhängig ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl
+von niedrigsten Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten
+existiren, welche nicht nur die einfachsten unter allen wirklich
+beobachteten Organismen, sondern überhaupt die <em class="gesperrt">denkbar einfachsten</em>
+lebenden Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht
+in vollkommen entwickeltem und fortpflanzungsfähigem Zustande
+aus nichts weiter als aus einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen,
+dessen wechselnde, formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten
+gleichzeitig besorgen, Bewegung und Empfindung,
+Stoffwechsel und Ernährung, Wachsthum und Fortpflanzung.
+Morphologisch betrachtet ist der Körper eines solchen Moners so
+einfach wie derjenige irgend eines anorganischen Krystalles. Verschiedene
+Theilchen sind darin überhaupt nicht zu unterscheiden;
+vielmehr ist jedes Theilchen dem andern gleichwerthig. Diese
+wichtigen Thatsachen und die daraus sich ergebenden weitreichenden
+Folgerungen gelten für <em class="gesperrt">alle Moneren</em> ohne Ausnahme —
+mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie
+ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen«
+bezeichnen, so ist damit nur ihre <em class="gesperrt">morphologische Einfachheit</em>,
+der Mangel jeder Zusammensetzung aus verschiedenen
+Organen, ausgesprochen. In chemisch-physikalischer Beziehung
+können dieselben noch sehr zusammengesetzt sein; ja wir werden
+ihnen sogar auf alle Fälle eine <em class="gesperrt">sehr verwickelte Molecular-Structur</em>
+zuschreiben müssen, wie allen eiweissartigen Körpern
+überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen Eiweisskörper
+der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung,
+Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch
+Andere als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen
+und fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere
+Auffassung und für die allgemeine biologische Bedeutung der
+Moneren von untergeordneter Bedeutung. Denn auf alle Fälle
+— mag diese oder jene Ansicht richtig sein — bleiben die Moneren
+in <em class="gesperrt">anatomischer</em> Hinsicht <em class="gesperrt">vollkommen einfach</em>:
+Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich, dass das
+Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung
+des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener
+Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit
+der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige
+Substanz, welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine
+<em class="gesperrt">stickstoffhaltige Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem
+Aggregatzustande</em>.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Leben ist also nicht Folge der Organisation,
+sondern umgekehrt.</em> Das formlose Protoplasma bildet die organisirten
+Formen. Da ich die ausserordentlich hohe Bedeutung,
+welche die Moneren in dieser Beziehung, wie in vielen andern
+Beziehungen besitzen, bereits in den früher angeführten Schriften
+ausführlich erörtert habe, kann ich hier einfach darauf verweisen.
+Nur die fundamentale Bedeutung, welche die Moneren für die
+hochwichtige Frage von der <em class="gesperrt">Urzeugung</em> behaupten, sei hier
+nochmals ausdrücklich hervorgehoben. <em class="gesperrt">Die ältesten Organismen,
+welche durch Urzeugung aus anorganischer
+Materie entstanden, konnten nur Moneren sein.</em></p>
+
+<p>Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die
+Lösung der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu
+einem besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die
+ <span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+Gegner der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die
+Letzteren jede Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich
+wie es auch mit dem berühmten <em class="gesperrt">Eozoon canadense</em> geschah,
+jener vielbestrittenen ältesten Versteinerung der laurentischen
+Formation. Die erfahrensten und urtheilsfähigsten Kenner der
+Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze Professor <em class="gesperrt">Carpenter</em> in
+London und der verstorbene berühmte Anatom <em class="gesperrt">Max Schultze</em> in
+Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung gewonnen,
+dass das echte nordamerikanische <em class="gesperrt">Eozoon</em> (aus den laurentischen
+Schichten in Canada) ein wirklicher <em class="gesperrt">Rhizopode</em> und zwar
+ein dem <em class="gesperrt">Polytrema</em> nächstverwandtes <em class="gesperrt">Polythalamium</em> ist. Ich
+selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem
+Studium der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen,
+schönen Eozoon-Präparate von <em class="gesperrt">Carpenter</em> und von <em class="gesperrt">Max Schultze</em>
+selbst genau untersucht und hege danach nicht den mindesten
+Zweifel mehr, dass dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium
+und kein Mineral ist.</p>
+
+<p>Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung
+des Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen
+Erdgeschichte um viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte
+silurische Formation als verhältnissmässig junge erkannt und so der
+Entwickelungslehre ein grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb
+fahren die Gegner der letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das
+Eozoon kein organischer Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber
+die hohe Bedeutung des Eozoon durch diese fruchtlosen Angriffe
+unkundiger Gegner erst recht in ihr volles Licht gesetzt worden
+ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren — mit oder ohne
+Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester Grundstein der
+Entwickelungslehre!</p>
+
+
+<figure class="figcenter w100" style="border:0">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/p085_deco.jpg">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak gesperrt" id="Anhang">Anhang.</h2>
+</div>
+
+<p class="big2">System der Protisten.</p>
+
+
+<p class="classe1 gesperrt">Erste Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">1. <b>Monera</b> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>) <b>Urlinge</b>.</p>
+
+<p>Organismen ohne Organe. Der ganze Körper dieser einfachsten
+und niedrigsten Organismen besteht in vollkommen entwickeltem
+Zustande aus weiter nichts, als aus einem Stückchen <em class="gesperrt">Plasson</em>
+oder »Urschleim«, einer eiweissartigen Verbindung, die noch nicht
+in Protoplasma und Nucleus differenzirt ist. Jedes Moner ist
+also eine <em class="gesperrt">Cytode</em>, noch keine Zelle. Form meistens unbestimmt,
+mit wechselnden Fortsätzen. Bewegung bald durch Lappenfüsschen,
+bald durch Wurzelfüsschen, bald durch Flimmerfüsschen.
+Nahrungsaufnahme verschieden. Fortpflanzung <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>,
+durch Theilung, Knospung oder Sporenbildung. Leben im
+Wasser, meistens im Meere, auch parasitisch in anderen Organismen.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Moneren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Lobomonera</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+ Lappen-Urlinge. <a href="#fig47c">Fig. 47</a>.</p>
+
+<p>Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen
+durch <em class="gesperrt">Lappenfüsschen</em> (<i>Lobopodia</i>) geschehen: stumpfe,
+fingerförmige, meist unverästelte Fortsätze, wie bei den <em class="gesperrt">
+Amoeben</em>.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattung"><em class="gesperrt">Gattung</em>: Protamoeba (Arten: P. primitiva, P. agilis etc.)
+<a href="#fig47c">Fig. 47</a>.</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Moneren:</p>
+
+<p class="ordnung2"> <em class="gesperrt">Rhizomonera</em>
+(<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Wurzel-Urlinge.
+<a href="#fig48c">Fig. 48</a>, <a href="#fig49c">49</a>.</p>
+
+<p>Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen
+durch <em class="gesperrt">Wurzelfüsschen</em> (<i>Pseudopodia</i>) geschehen:
+feine, lange, fadenförmige, meist verästelte und netzförmig sich
+verbindende Fortsätze, wie bei den <em class="gesperrt">Rhizopoden</em>.</p>
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>:
+Protomyxa (aurantiaca) <a href="#fig48c">Fig. 48</a>. Vampyrella
+(Spirogyrae). Bathybius (Haeckelii) <a href="#fig49c">Fig. 49</a>.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Moneren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Tachymonera</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Geissel-Urlinge. <a href="#fig50c">Fig. 50</a>.
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: <i>Schizomycetes</i>. Spaltpilze.
+<em class="gesperrt">Bacterien.</em>)</p>
+
+<p>Moneren von bestimmter, meist, stabförmiger oder fadenförmiger
+Gestalt, deren zitternde oder schwingende lebhafte Bewegungen
+(wohl immer) durch äusserst feine <em class="gesperrt">Geisseln</em> (Flagella)
+geschehen, wie bei den Geisselschwärmern (<i>Flagellata</i>). Fortpflanzung
+ungeschlechtlich, meistens durch Quertheilung. Erzeugen
+Zersetzung und Fäulniss in den organischen Flüssigkeiten,
+in denen sie leben. Wahrscheinlich die Ursachen vieler Krankheiten.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Bacterium (monas). Vibrio (lineola). Spirillum
+(tremulans). <a href="#fig50c">Fig. 50</a>.</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Zweite Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">2. <b>Lobosa</b> (<span class="allsmcap">CARPENTER</span>).
+<b>Lappinge</b>.</p>
+<p class="synonym">(Synonym: <i>Amoebina.</i> Infusoria rhizopoda.
+<i>Protoplasta.</i>)</p>
+
+<p>Einzellige Organismen (selten Syncytien), deren Zellenleib
+bald nackt (<i>Gymnolobosa</i>), bald in einer verschieden gestalteten
+Schale theilweise verborgen (<i>Thecolobosa</i>) ist. Die Zellen bewegen
+sich durch <em class="gesperrt">Lappenfüsschen</em> (<i>Lobopodia</i>): stumpfe, fingerförmige,
+meist unverästelte Fortsätze, die an verschiedenen Stellen der
+Oberfläche entstehen und vergehen. Die Nahrung wird durch
+diese Lappenfüsschen umflossen und in das Innere der Zelle hineingedrückt.
+Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich häufig
+ <span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+in eine helle, structurlose, festere <em class="gesperrt">Rindenschicht</em> (<i>Exoplasma</i>)
+und eine trübe, feinkörnige, weichere <em class="gesperrt">Markschicht</em> (<i>Endoplasma</i>).
+Oft enthält derselbe eine oder mehrere contractile Blasen (Vacuolen);
+bald beständig, bald unbeständig. Der Zellkern oder
+<em class="gesperrt">Nucleus</em> ist meist einfach, selten mehrfach vorhanden. Fortpflanzung
+<em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, meist durch Theilung, seltener
+durch Knospung oder Sporenbildung. Die Lobosen leben meistens
+im Wasser, seltener in der Erde oder parasitisch in anderen Organismen.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Lobosen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Gymnolobosa</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Nackte Lappinge. <a href="#fig1c">Fig. 1</a>.</p>
+
+<p>Lobosen mit nacktem, weichem Zellenleibe, ohne Schale.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Amoeba (princeps). Podostoma (filigerum).
+Petalopus (diffluens).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Lobosen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Thecolobosa</em>
+(<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Beschalte Lappinge.
+<a href="#fig5c">Fig. 5</a>, <a href="#fig6c">6</a>.
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: Lepamoebae. Arcellinae.
+Amoebae cataphractae).</p>
+
+<p>Lobosen mit einer Schale oder Zellmembran, von welcher der
+weiche Zellenleib theilweise bedeckt wird.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Arcella (vulgaris).
+Difflugia (oblonga), <a href="#fig5c">Fig. 5</a>.
+Quadrula (symmetrica), <a href="#fig6c">Fig. 6</a>.</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Dritte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">3. <b>Gregarinae</b> (<span class="allsmcap">DUFOUR</span>). <b>Gregaringe.</b></p>
+
+<p>Einzellige Organismen oder Ketten von wenigen, an einander
+gereihten Zellen, deren Leib von einer weichen, dicken, dehnbaren
+Haut allseitig umschlossen ist. Diese <em class="gesperrt">Zellmembran</em> ist
+glatt, ohne Oeffnung, an einem Ende des Körpers oft mit hakenförmigen
+Haftapparaten versehen. Das <em class="gesperrt">Protoplasma</em> ist sehr
+dehnbar und contractil, mit vielen Körnchen durchsetzt. Der
+<em class="gesperrt">Zellkern</em> gross, meist ein helles kugeliges Bläschen, mit einem
+Nucleolus. Die wurmähnlichen Bewegungen der kriechenden
+Zellen geschehen durch Zusammenziehungen der (unmittelbar unter
+ <span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+der Membran liegenden) Rindenschicht des Protoplasma, welche
+bisweilen in muskelähnliche Fäserchen differenzirt ist. Alle Gregarinen
+leben <em class="gesperrt">parasitisch</em> im Darm oder in der Leibeshöhle (seltener
+in den Geweben) von Thieren (besonders von Würmern und
+Gliederthieren). Sie ernähren sich vom Safte dieser Wohnthiere,
+der durch die Membran der schmarotzenden Zellen in das Innere
+ihres Protoplasma hindurchschwitzt (Endosmose). Fortpflanzung
+<em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, durch Theilung oder durch Sporenbildung.
+Im letzteren Falle zieht sich eine einzelne Gregarine, oder mehrere
+mit einander verschmelzende Gregarinen, kugelig zusammen und
+umgeben sich mit einer Kapsel. Die Zellkerne verschwinden
+und das Protoplasma zerfällt in zahlreiche Keimzellen oder <em class="gesperrt">Sporen</em>
+(Psorospermien, Pseudonavicellen). Später schlüpft aus jeder Spore
+ein <em class="gesperrt">Moner</em> aus, welches sich durch Neubildung eines Nucleus
+in eine <em class="gesperrt">Amoebe</em> verwandelt. Indem letztere sich mit einen
+Membran umhüllt, wird sie zur <em class="gesperrt">Gregarine</em>.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Gregarinen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Monocystida</em> (<span class="allsmcap">STEIN</span>). Einzellige Gregaringe.</p>
+
+<p>Gregarinen-Leib eine einfache Zelle, mit einem einzigen Kern.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattung"><em class="gesperrt">Gattung</em>:
+Monocystis (agilis). <a href="#fig7c">Fig. 7</a>.</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Gregarinen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Polycystida</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Vielzellige Gregaringe.</p>
+
+<p>Gregarinen-Leib eine Kette von zwei oder drei (selten mehr)
+an einander gereihten Zellen, jede Zelle mit einem Kern.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattung"><em class="gesperrt">Gattung</em>: Didymophyes (paradoxa).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Vierte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">4. <b>Flagellata</b>
+(<span class="allsmcap">EHRENBERG</span>). <b>Geisslinge.</b>
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: <i>Mastigaria</i>.
+Geisselschwärmer. Geissel-Infusorien.)</p>
+
+<p>Einzellige Organismen, seltener Coenobien oder Zellenhorden:
+Gemeinden von mehreren oder vielen locker verbundenen Zellen.
+Bewegen sich durch <em class="gesperrt">Geisseln</em> (<i>Flagella</i>), einen langen, fadenförmigen
+ <span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+Fortsatz (oder mehreren, an einem Punkte befestigten) des Protoplasma,
+welche hin und her schwingen, wie eine Peitsche.
+Zellenleib bald nackt, bald von einer Hülle umschlossen, aus deren
+Oeffnung die schwingende Geissel vortritt. Selten sind die Flagellaten
+auf Gegenständen im Wasser festgewachsen, meistens schwimmen
+sie frei umher. Bei vielen wechseln ruhende und bewegliche
+Zustände mit einander ab; und dann geschieht die Vermehrung
+meist während des Ruhezustandes, durch Theilung. Nahrungsaufnahme
+bald durch Aufsaugung (Endosmose), bald durch einen
+Zellmund (Cytostoma). Vermehrung <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, meist
+durch Theilung, seltener durch Knospung oder Sporenbildung.
+Bei einigen (Volvocinen) Anfänge geschlechtlicher Sonderung.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Flagellaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Nudoflagellata</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Nackt-Geissler. <a href="#fig8c">Fig. 8</a>.</p>
+
+<p>Geisslinge mit nacktem Zellenleibe, ohne Wimperkranz.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Euglena (viridis). Astasia (haematodes). Phacus
+(longicauda, <a href="#fig8c">Fig. 8</a>).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Flagellaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Thecoflagellata</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Hüll-Geissler. <a href="#fig10c">Fig. 10</a>.</p>
+
+<p>Geisslinge, ohne Wimperkranz, deren Zellenleib von einer Hülle
+oder Schale umschlossen ist. Die Geisseln treten aus einer Oeffnung
+der Schale hervor. Oft ist die Schale auf einem sitzenden
+Stiele angeheftet.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>:
+ Salpingoeca (marina).
+Dinobryon (sertularia).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Flagellaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Cilioflagellata</em> (<span class="allsmcap">J. MÜLLER</span>).
+Wimper-Geissler. <a href="#fig9c">Fig. 9</a>.</p>
+
+<p>Geisslinge mit einem Kranze von kurzen Wimpern um die
+Mitte des Zellenleibes, welcher von einer zweiklappigen Schale
+umschlossen ist. Zwischen beiden Schalenhälften tritt frei die
+lange Geissel und der Wimperkranz vor.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Peridinium (oculatum)
+Ceratium (tripus) <a href="#fig9c">Fig. 9</a>.</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Flagellaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Cystoflagellata</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Blasen-Geissler. <a href="#fig11c">Fig. 11</a>.</p>
+
+<p>Geisslinge ohne Wimperkranz, mit grossem, blasenförmigen
+Zellenleibe, welcher ausser der Geissel einen eigenthümlichen Peitschen-Anhang
+und einen stabförmigen Körper im Innern besitzt.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>:
+Noctiluca (miliaris) <a href="#fig11c">Fig. 11</a>. Leptodiscus (medusoides).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Fünfte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">5. <b>Catallacta</b> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). <b>Mittlinge.</b></p>
+
+<p>Einzellige Organismen, welche eine Zeitlang zu einer <em class="gesperrt">Zellenhorde</em>
+(<em class="gesperrt">Coenobium</em>) vereinigt sind, später isolirt leben. Die
+Zellenhorden oder Coenobien sind schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt
+aus zahlreichen Zellen, welche im Centrum der
+Kugel durch Fortsätze vereinigt sind, während an der Oberfläche
+die schwingenden Flimmerhaare vortreten. Die <em class="gesperrt">Einsiedler-Zellen</em>
+(<em class="gesperrt">Monocyten</em>), welche durch Zerfall der Coenobien entstehen,
+bewegen sich anfangs schwimmend, gleich <em class="gesperrt">Flagellaten</em>
+umher; dann verwandeln sie sich in kriechende <em class="gesperrt">Amoeben</em>-ähnliche
+Zellen; schliesslich ziehen sie sich kugelig zusammen
+und kapseln sich ein. Innerhalb dieses Ruhezustandes entsteht
+durch wiederholte Theilung der Zelle ein neues kugelförmiges Coenobium,
+welches die Hülle durchbricht und frei umherschwimmt.
+Diese <em class="gesperrt">ungeschlechtliche</em> Fortpflanzung erinnert an die Eifurchung
+der Thiere. Die Catallacten leben theils im Meere, theils im Süsswasser.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>:
+Magosphaera (planula) <a href="#fig46c">Fig. 46</a>. Synura (uvella).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Sechste Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">6. <b>Ciliata</b>
+(<span class="allsmcap">J. MÜLLER</span>). <b>Wimperlinge.</b>
+
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: Infusionsthierchen oder
+Infusoria im engsten Sinne).</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Einzellige</em> Organismen, sehr selten <em class="gesperrt">Zellhorden</em> oder Coenobien,
+welche aus mehreren, locker verbundenen Zellen zusammengesetzt
+sind. Bewegung durch zahlreiche kurze <em class="gesperrt">Wimpern</em> (<em class="gesperrt">Cilia</em>).
+ <span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+Zellenleib meistens nackt, seltener von einer Hülle oder Schale
+theilweise umschlossen. Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert
+sich meist in eine helle, festere, hyaline Rindenschicht (<i>Exoplasma</i>)
+und eine trübe, feinkörnige, weichere <em class="gesperrt">Markschicht</em> (<i>Endoplasma</i>).
+Aus der Rindenschicht treten stets zahlreiche kurze Wimperhärchen
+oder Cilien hervor, welche lebhaft und willkürlich bewegt
+werden. Meistens laufen oder schwimmen die Wimperthierchen
+rasch umher mittelst der Bewegungen ihrer Wimpern; bei festsitzenden
+dienen letztere dazu, durch den im Wasser erzeugten
+Strudel stets frisches Wasser und Nahrung dem Zellmunde zuzuführen.
+Der <em class="gesperrt">Zellmund</em> (<i>Cytostoma</i>) ist eine constante Oeffnung
+in der Rindenschicht und lässt verschluckte Bissen in die
+innere weichere Markmasse des Zellenleibes eintreten, wo sie verdaut
+werden. An der Innenfläche der Rindenschicht liegt eine
+<em class="gesperrt">contractile Blase</em> (eine constante Vacuole), welche meistens
+durch einen kurzen Kanal nach aussen zu münden scheint. Der
+<em class="gesperrt">Zellkern</em> ist gross, verschieden gestaltet, meistens einfach,
+sehr selten mehrfach. Die Fortpflanzung geschieht meistens <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>,
+durch Theilung (Quertheilung oder Längstheilung),
+seltener durch Knospung. Wie weit ausserdem Fortpflanzung
+durch Sporenbildung (oder vielleicht durch geschlechtliche
+Zeugung einfachster Art), verbunden mit Conjugation, in
+dieser Classe verbreitet ist, erscheint noch nicht sicher festgestellt.
+Die Classe der Wimperthierchen oder Wimperlinge ist sehr umfangreich
+und überall im Süsswasser und Meere verbreitet.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Ciliaten.</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Holotricha</em> (<span class="allsmcap">STEIN</span>). Ueberall behaarte Wimperlinge.</p>
+
+<p>Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen
+feinen Wimperhärchen bedeckt.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Glaucoma (scintillans). Paramecium (aurelia).
+Trachelius (ovum). Prorodon (teres) <a href="#fig15c">Fig. 15</a>.</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Ciliaten.</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Heterotricha</em> (<span class="allsmcap">STEIN</span>). Verschieden behaarte Wimperlinge.</p>
+
+<p>Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen
+feinen Wimperhärchen bedeckt; ausserdem noch ein Kranz oder
+ <span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span>
+Gürtel von stärkeren und grösseren Wimpern (Griffeln oder Borsten)
+um den Zellmund herum.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Bursaria (truncatella). Stentor (polymorphus)
+<a href="#fig12c">Fig. 12</a>. Freia (elegans) <a href="#fig14c">Fig. 14</a>. Spirustomum
+(teres).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Ciliaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Hypotricha</em> (<span class="allsmcap">STEIN</span>). Unterseits behaarte Wimperlinge.</p>
+
+<p>Zellenleib blattförmig zusammengedrückt, an der oberen (oder
+Rücken-) Seite nackt, an der unteren (oder Bauch-) Seite mit
+kleineren und grösseren Wimpern bedeckt.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Chilodon (cucullulus). Euplotes (charon). Oxytricha
+(pellionella). Aspidisca (costata).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Ciliaten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Peritricha</em> (<span class="allsmcap">STEIN</span>). Ringförmig behaarte Wimperlinge.</p>
+
+<p>Zellenleib drehrund, grösstentheils nackt, nur mit einem Gürtel
+(seltener zwei Gürteln) von Wimperhaaren versehen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Dictyocysta (templum). Ophrydium (versatile).
+Trichodina (pediculus). Vorticella (campanula).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Siebente Classe des Protistenreiches:</p>
+
+<p class="classe2">7. <b>Acinetae</b>
+(<span class="allsmcap">EHRENBERG</span>). <b>Starrlinge.</b>
+
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: Infusoria suctoria.
+Saug-Infusorien.)</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Einzellige</em> Organismen, seltener <em class="gesperrt">Zellenhorden</em> (Coenobia)
+oder Zellenfusionen (<em class="gesperrt">Syncytia</em>), welche aus mehreren, locker oder
+enger verbundenen Zellen zusammengesetzt sind. Zellenleib von
+einer <em class="gesperrt">Membran</em> oder Kapsel umschlossen, durch welche sehr
+feine, zerstreute oder büschelförmig vereinigte <em class="gesperrt">Saugröhren</em> hervortreten.
+Mittelst dieser borstenförmigen, am freien Ende mit
+einem Saugnäpfchen oder Knöpfchen versehenen Saugröhren heften
+sich die Acineten an Ciliaten und anderen Protisten an und saugen
+deren Protoplasma aus (ähnlich wie die Vampyrellen unter den
+Moneren). Im Innern des Protoplasma findet sich neben dem
+ <span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+<em class="gesperrt">Zellkern</em> oft eine contractile Blase (<em class="gesperrt">Vacuole</em>). Fortpflanzung
+<em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, bald durch Theilung, bald durch Knospung,
+bald durch Schwärmsporen. Letztere entstehen im Innern des
+Zellenleibes, durchbrechen denselben und schwimmen mittelst feiner
+Wimperhärchen umher, zwischen welchen feinste Saugröhrchen
+sitzen. Die Acineten leben sowohl im süssen Wasser als im
+Meere, und sitzen meistens unbeweglich auf Stielen fest; seltener
+schwimmen sie frei umher.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Monacinetae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Einzel-Starrlinge. <a href="#fig16c">Fig. 16</a>, <a href="#fig17c">17</a>.</p>
+
+<p>Einzellige Acineten, deren einfacher Zellenleib nur einen einzigen
+Kern enthält.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Podophrya (Cyclopum). Acinetella (mystacina).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Synacinetae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Horden-Starrlinge.</p>
+
+<p>Mehrzellige Acineten, deren verästelter Zellenleib mehrere
+Kerne enthält.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Dendrosoma (radians).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Achte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">8. <b>Labyrinthuleae</b> (<span class="allsmcap">CIENKOWSKI</span>). <b>Labyrinthinge.</b></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Zellenhorden</em> (<i>Coenobia</i>), welche aus zahlreichen gleichartigen,
+beweglichen Zellen locker zusammengesetzt sind. Die Zellen sind
+meistens spindelförmig, umschliessen einen <em class="gesperrt">Kern</em> und können
+ihre Gestalt ändern. Sie leben in grossen Haufen gesellig beisammen,
+und bewegen sich in eigenthümlicher, noch unerklärter
+Weise rutschend oder gleitend umher (ähnlich manchen Diatomeen).
+Die Bewegung geschieht nicht frei im Wasser, sondern ausschliesslich
+in einer eigenthümlichen <em class="gesperrt">Fadenbahn</em> (<i>Linodium</i>), einem
+Gerüste von starren, baumförmig verästelten und netzförmig
+verbundenen Fäden. Diese Fäden besitzen faserige Structur und
+werden von den wandernden Zellen ausgeschieden. Auf den
+mannigfachsten Umwegen gleiten die Spindelzellen in der Fadenbahn
+ <span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+umher, sammeln sich später in Haufen und kapseln sich
+ein. Bei dieser <em class="gesperrt">Encystirung</em> erhält jede Zelle eine Membran,
+und die ganze gesammelte Horde eine Rindenkapsel. In jeder
+einzelnen Zelle entstehen später vier junge Zellen (<em class="gesperrt">Tetrasporen</em>).
+Die Labyrinthuleen leben im Meere.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattung"><em class="gesperrt">Gattung</em>: Labyrinthula. (Arten: L. vitellina. L. macrocystis.)</p>
+</div>
+
+
+<p class="classe1">Neunte Klasse des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">9. <b>Bacillariae.</b> <b>Schachtlinge.</b>
+
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: Diatomeae.
+Diatomaceae. Stabthierchen.)</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Einzellige</em> Organismen oder <em class="gesperrt">Zellenhorden</em> (Coenobia);
+lockere Gesellschaften von mehreren Zellen, welche in Gallertmassen
+oder auf gemeinsamen, verzweigten Stielen vereinigt sind. Der Zellenleib
+ist stets von einer <em class="gesperrt">zweiklappigen Kieselschale</em> umschlossen,
+deren beide Hälften so ineinander geschoben sind, wie eine
+<em class="gesperrt">Schachtel</em> und ihr <em class="gesperrt">Deckel</em>. Meistens bewegen sich die Zellen
+rutschend oder schwimmend umher, wahrscheinlich mittelst eines
+äusserst feinen Wimperkranzes, welcher in dem engen Spalte
+zwischen der Schachtel und ihrem Deckel frei vortritt. Ernährung
+und Stoffwechsel wie bei den einzelligen Algen. Fortpflanzung
+<em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, durch Theilung. Im Beginn der Theilung
+schieben sich die beiden Klappen der schachtelähnlichen Kieselschalen
+auseinander; der Kern theilt sich in zwei auseinander
+weichende Hälften, ebenso das Protoplasma. Darauf bildet sich
+jede Tochterzelle eine neue Schalenhälfte zu der alten Hälfte, die
+den Schachteldeckel bildet. Die so entstehenden Generationen
+werden fortgesetzt immer kleiner, bis zuletzt eine Generation (von
+<em class="gesperrt">Auxosporen</em>) entsteht, welche die ganze Kieselschale abwirft,
+mächtig wächst und dann eine neue Kieselschale erster Grösse
+bildet. Die Diatomeen oder Bacillarien leben in zahllosen, zierlichen
+Formen überall im Meere und im Süsswasser.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Bacillarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Naviculatae</em>
+(<span class="allsmcap">EHRENBERG</span>). Kahn-Schachtlinge. F<a href="#fig45c">ig. 45</a>.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Navicula (gracilis). Cocconeis (placentula).</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Bacillarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Echinellatae</em>
+(<span class="allsmcap">EHRENBERG</span>). Palm-Schachtlinge.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Cocconema (cistula). Achnanthes (longipes).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Bacillarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Lacernatae</em>
+(<span class="allsmcap">EHRENBERG</span>). Gallert-Schachtlinge.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Frustulia (salina). Gloeonema (paradoxum).</p>
+</div>
+
+
+<p class="classe1 gesperrt">Zehnte Klasse des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">10. <b>Fungi</b> (<span class="allsmcap">LINNE</span>.). <b>Pilze.</b></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Polyplastide</em> (sehr selten monoplastide) Organismen, deren
+Körper nicht aus echten (kernhaltigen) Zellen, sondern aus fadenförmigen
+(kernlosen) <em class="gesperrt">Cytoden</em> zusammengesetzt ist (<em class="gesperrt">Hyphen</em>).
+Diese Fadenschläuche oder Hyphen bilden durch seitliche Sprossung
+und quere Gliederung der Aeste ein vielfach verzweigtes <em class="gesperrt">Faden-Geflecht</em>
+(<i>Mycelium</i>), welches parasitisch in oder auf anderen
+Organismen (oder von deren Zersetzungs-Producten) lebt. Später
+entwickelt sich aus diesem Mycelium ein ansehnlicher, höchst
+mannigfaltig gebauter <em class="gesperrt">Fruchtkörper</em> (<i>Stroma</i>), welcher an
+bestimmten Stellen ein <em class="gesperrt">Sporenlager</em> (<i>Hymenium</i>) bildet. In
+letzterem entstehen die Keimzellen oder <em class="gesperrt">Sporen</em> meistens <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>,
+selten geschlechtlich (in Folge eines eigenthümlichen
+Befruchtungs-Vorganges). Der <em class="gesperrt">Stoffwechsel</em> der
+Pilze ist <em class="gesperrt">thierisch</em>, nicht pflanzlich. Niemals bilden die Pilze
+Chlorophyll und Amylum, wie die echten Pflanzen. <em class="gesperrt">Nirgends</em>
+findet sich im Pilzkörper ein <em class="gesperrt">Zellkern</em>, wie er in den Zellen
+aller echten Thiere und Pflanzen überall vorkommt.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Pilze:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Phycomycetes.</em> Tangpilze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Mucor (mucedo). Penicillium (glaucum).</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Pilze:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Coniomycetes.</em> Rostpilze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Ustilago (segetum). Puccinia (graminis).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Pilze:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Ascomycetes.</em> Schlauchpilze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Morchella (esculenta). Claviceps (purpurea).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Pilze:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Gastromycetes.</em> Bauchpilze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Lycoperdon (bovista). Phallus (impudicus).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Fünfte Ordnung der Pilze:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Hymenomycetes.</em> Hutpilze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Agaricus (campestris).
+Boletus (laricis). <a href="#fig44c">Fig. 44</a>.</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Elfte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">11. <b>Myxomycetes</b>
+(<span class="allsmcap">WALLROTH</span>). <b>Netzinge.</b>
+
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: <em class="gesperrt">Mycetozoa.</em>
+<em class="gesperrt">Myxogasteres.</em> Schleimpilze.)</p>
+
+<p>Organismen, welche in vollkommen entwickeltem und frei
+beweglichem Zustande ein <em class="gesperrt">Plasmodium</em> darstellen: einen formlosen
+Protoplasmakörper, welcher aus vielen verschmolzenen Zellen
+zusammengesetzt ist, deren Kerne sich aufgelöst haben. Dieses
+Plasmodium kriecht frei umher, gleich einem colossalen Rhizopoden,
+und bildet ausgedehnte netzförmige Körper, indem an der Oberfläche
+formwechselnde, unbeständige <em class="gesperrt">Scheinfüsse</em> (<i>Pseudopodia</i>)
+hervortreten, deren Aeste an den Berührungsstellen zusammenfliessen.
+Die Plasmodien ernähren sich von organischen Körpern
+ebenso wie die echten Rhizopoden (Thalamophoren) und Radiolarien.
+Nach vollendetem Wachsthum zieht sich das Plasmodium auf
+einen rundlichen Klumpen zusammen und verwandelt sich in
+einen blasenförmigen <em class="gesperrt">Fruchtkörper</em> (<i>Sporocystis</i>). Diese <em class="gesperrt">Sporenblase</em>
+ <span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span>
+ist von einer festen, structurlosen Haut allseitig umschlossen.
+Innerhalb derselben zerfällt das Protoplasma in zahllose kleine
+<em class="gesperrt">Keimzellen</em> (<i>Sporae</i>), zwischen welchen sich meistens ein Geflecht
+von haarfeinen Fäden entwickelt (<i>Capillitium</i>). Später platzen
+die Fruchtkörper und die Sporen werden frei. Aus der Hülle
+einer jeden Spore schlüpft eine amoebenartige, kernhaltige Zelle
+aus. Diese <em class="gesperrt">Amoeben</em> verwandeln sich in <em class="gesperrt">Flagellaten</em>, indem
+an einem Ende eine schwingende Geissel vortritt. So schwimmen
+sie als »Schwärmsporen« umher, vermehren sich durch Theilung
+und gehen dann wieder in amoebenähnliche Zellen über, welche
+umherkriechen. Durch Zusammenfliessen vieler solcher Amoeben
+entstehen die Plasmodien. Diese leben schmarotzend auf verwesenden
+Pflanzen (faulen Blättern etc.).</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Myxomyceten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Physareae.</em> Physareen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Physarum (albipes).
+Aethalium (septicum). <a href="#fig42c">Fig. 42</a>, <a href="#fig43c">43</a>.</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Myxomyceten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Stemoniteae.</em> Stemoniteen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Stemonitis (typhoides). Diachea (elegans).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Myxomyceten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Trichiaceae.</em> Trichiaceen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Licea (serpula). Arcyria (lateritia).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Myxomyceten:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Lycogaleae.</em> Lycogaleen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Lycogala (epidendron). Reticularia (maxima).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Zwölfte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">12. <b>Thalamophora</b>
+(<span class="allsmcap">HERTWIG</span>). <b>Kammerlinge.</b>
+
+</p>
+<p class="synonym">(Synonym: Acyttaria. Reticularia. Rhizopoda.)</p>
+
+<p>Organismen, welche in entwickeltem Zustande ein <em class="gesperrt">Syncytium</em>
+darstellen, einen beweglichen Protoplasma-Körper, der viele Zellkerne
+ <span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+enthält; selten ist der Körper einzellig und enthält nur
+einen Kern. Von der Oberfläche des Protoplasma strahlen sehr
+zahlreiche und feine Scheinfüsschen (<i>Pseudopodia</i>) aus: dünne
+Fäden, welche sich verästeln und an den Berührungsstellen netzförmig
+verschmelzen. Diese Pseudopodien dienen sowohl zur
+Ortsbewegung und zur Empfindung, wie zur Ernährung, indem
+die Acyttarien fremde organische Körperchen mittelst derselben
+in ihr Inneres einziehen und dort auflösen. Stets ist das Syncytium
+von einer <em class="gesperrt">Schale</em> umschlossen, die äusserst vielgestaltig
+ist. Die Pseudopodien treten entweder aus einer einzigen grösseren
+Oeffnung der Schale hervor (<i>Imperforata</i>), oder aus zahlreichen
+feinen Sieblöchern der Schale (<i>Foraminifera</i>). Meist besteht die
+Schale aus kohlensaurem Kalk, seltener aus Kieselerde oder aus
+einer organischen Substanz. Die Fortpflanzung erfolgt <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>,
+selten durch Theilung oder Knospung, meistens
+durch Sporenbildung. Die meisten Acyttarien leben im Meere,
+einige im süssen Wasser; die meisten kriechen auf dem Boden,
+wenige schwimmen an der Oberfläche; nur einzelne sitzen auf
+einem Stiele fest.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Thalamophoren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Monostegia</em> (<span class="allsmcap">D’ORB</span>.).
+Dichtschalige Einkammerlinge. <a href="#fig19c">Fig. 19</a>.</p>
+
+<p>Schale einkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, nur
+mit einer einzigen grösseren Oeffnung an einem Pole der Axe,
+selten mit zwei grösseren Oeffnungen, an beiden entgegengesetzten
+Polen derselben. (<i>Imperforata monostegia</i>).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>:
+Gromia (oviformis) <a href="#fig19c">Fig. 19</a>. Lagynis (baltica).
+Squamulina (laevis). Cornuspira (planorbis).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Thalamophoren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Polystegia</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Dichtschalige Vielkammerlinge.</p>
+
+<p>Schale vielkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, mit
+einer einzigen grossen Oeffnung, am Ende der jüngsten Kammer.
+(<i>Imperforata polystegia</i>).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Miliola (cyclostoma). Peneroplis (dendritina).
+Lituola (nautiloides). Parkeria (ingens).</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Thalamophoren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Monothalamia</em> (<span class="allsmcap">M. SCHULTZE</span>). Siebschalige Einkammerlinge.</p>
+
+<p>Schale einkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern
+durchbrochen, ausserdem meist eine grosse Oeffnung an einem
+Pole der Längsaxe. (<i>Foraminifera monothalamia</i>).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Orbulina (universa). Entosolenia (globosa). Lagena
+(vulgaris).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Thalamophoren:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Polythalamia</em> (<span class="allsmcap">BREYN</span>). Siebschalige Vielkammerlinge. <a href="#fig20c">Fig. 20–24</a>.</p>
+
+<p>Schale vielkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern
+durchbrochen, ausserdem oft eine grosse Oeffnung am Ende der
+jüngsten Kammer. (<i>Foraminifera polythalamia</i>).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Nodosaria (radicula). Rotalia (veneta). Globigerina
+(bulloides). Textularia (variabilis). Alveolina
+(vulgaris). Nummulites (lentiformis).</p>
+</div>
+
+
+<p class="classe1 gesperrt">Dreizehnte Klasse des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">13. <b>Heliozoa</b> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). <b>Sonnlinge.</b></p>
+
+<p>Organismen, welche in entwickeltem Zustande bald eine einzige
+kugelige <em class="gesperrt">Zelle</em>, bald ein kugeliges <em class="gesperrt">Syncytium</em> darstellen,
+welches aus mehreren verschmolzenen Zellen besteht. Im ersteren
+Falle ist ein einziger <em class="gesperrt">Zellkern</em>, im letzteren mehrere Kerne im
+Innern der Protaplasma-Kugel eingeschlossen. Letztere ist in eine
+feinkernige innere <em class="gesperrt">Markmasse</em> (<i>Endoplasma</i>) und eine schaumige
+äussere <em class="gesperrt">Rindenschicht</em> (<i>Exoplasma</i>) gesondert. Das Protaplasma
+der Rindenschicht bildet Vacuolen (oder vergängliche, contractile
+Wasserbläschen). Von seiner Oberfläche strahlen rings zahlreiche
+haarfeine Fäden aus, die gewöhnlich einfach, nicht verästelt, ziemlich
+starr sind und wenig Neigung zur Verschmelzung besitzen.
+Bald ist der Körper ganz weich und nackt; bald bildet er ein
+festes Skelet, welches aus vielen zerstreuten Nadeln (<i>Spicula</i>) zusammengesetzt
+ist, oder eine Gitterschale darstellt. Meistens schweben
+ <span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
+<span style="margin-left: 0.5em;">die Heliozoen frei im Wasser; seltener sind sie festgewachsen.</span><br>
+Fortpflanzung <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, bald durch Theilung, bald durch
+Sporenbildung. Die Heliozoen leben sowohl im süssen Wasser, als
+im Meere.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Heliozoen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Aphrothoraca</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Nackte Sonnlinge. <a href="#fig40c">Fig. 40</a>, <a href="#fig41c">41</a>.</p>
+
+<p>Nackte Heliozoen, mit weichem, schaumigem Körper, ohne
+Skelet.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Actinophrys (sol). Actinosphaerium (Eichhornii).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Heliozoen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Chalarothoraca</em> (<span class="allsmcap">HERTWIG</span>). Bestachelte Sonnlinge.</p>
+
+<p>Heliozoen mit einem Skelet, welches aus Spicula oder zerstreuten
+Stäbchen (radialen Stacheln oder tangentialen Nadeln) zusammengesetzt
+ist.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Acanthocystis (spinifera). Heterophrys (marina).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Heliozoen:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Desmothoraca</em> (<span class="allsmcap">HERTWIG</span>). Beschalte Sonnlinge.</p>
+
+<p>Heliozoen mit einem Skelet, welches eine kugelige, von
+Löchern durchbrochene Schale bildet.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Hedriocystis (pellucida). Hyalolampe (fenestrata).</p>
+</div>
+
+<hr class="hrclasse">
+<p class="classe1 gesperrt">Vierzehnte Classe des Protistenreiches.</p>
+
+<p class="classe2">14. <b>Radiolaria</b> (<span class="allsmcap">J. MÜLLER</span>). <b>Strahlinge.</b></p>
+
+<p>Organismen, welche in entwickeltem Zustande aus zwei verschiedenen
+Haupttheilen bestehen, einer inneren, festen, mit Zellen
+gefüllten <em class="gesperrt">Central-Kapsel</em> (<i>Capsula centralis</i>) und einem äusseren
+<em class="gesperrt">Syncytium</em>, einer Protoplasma-Masse, welche die erstere allseitig
+umgiebt, und von welcher ausserdem zahlreiche <em class="gesperrt">Scheinfüsschen</em>
+oder <em class="gesperrt">Pseudopodien</em> ausstrahlen; letztere verhalten sich ganz wie
+diejenigen der Acyttarien. Der wesentliche Unterschied von den
+letzteren besteht in der stets vorhandenen Centralkapsel; diese
+ <span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span>
+ist der Sporenblase der Myxomyceten vergleichbar und stellt einen
+Fruchtkörper (<i>Sporangium</i>) dar, indem ihr gesammter Inhalt sich
+in <em class="gesperrt">Keimzellen</em> (<i>Sporae</i>) verwandelt. Ausserhalb der Centralkapsel
+finden sich meist noch eigenthümliche <em class="gesperrt">gelbe Zellen</em>, welche
+<em class="gesperrt">Stärkemehl</em> enthalten. Nur wenige Radiolarien sind weich und
+nackt; die meisten besitzen ein <em class="gesperrt">Skelet</em>, welches aus Nadeln
+(<i>Spicula</i>), einem Balkengeflecht oder einer Schale besteht; diese
+ist meistens aus <em class="gesperrt">Kieselerde</em> gebildet, von äusserst mannigfaltigen
+und zierlichen Formen. Die Ernährung der Radiolarien geschieht
+wie bei den Acyttarien durch die Pseudopodien. Die Fortpflanzung
+erfolgt <em class="gesperrt">ungeschlechtlich</em>, selten durch Theilung, meistens durch
+Sporenbildung. Die Sporen, welche innerhalb der Centralkapsel
+entstehen und aus dieser ausschwärmen, sind mit Geisseln versehene
+<em class="gesperrt">Schwärmsporen</em>. Alle Radiolarien leben im Meere
+und schweben theils an der Oberfläche, theils in verschiedenen
+Tiefen.</p>
+
+
+<p class="ordnung1">Erste Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Pancollae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Gallert-Strahlinge. <a href="#fig26c">Fig. 26</a>.</p>
+
+<p>Radiolarien ohne Skelet, oder mit einem Skelet, welches bloss
+aus zerstreuten soliden Nadeln zusammengesetzt ist.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Thalassicolla (nucleata). Collozoum (inerme). Thalassosphaera
+(bifurca). Sphaerozoum (punctatum).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Zweite Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Panacanthae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Stachel-Strahlinge. <a href="#fig32c">Fig. 32</a>, <a href="#fig33c">33</a>.</p>
+
+<p>Skelet besteht aus radialen soliden Stacheln, welche im Mittelpunkt
+der Central-Kapsel in einander gestemmt, locker verbunden
+oder verwachsen sind. (Acanthometrida s. a.)</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Acanthometra (Mülleri). Dorataspis (bipennis).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Dritte Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Pansoleniae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Röhren-Strahlinge.</p>
+
+<p>Skelet besteht aus einzelnen hohlen Röhren, welche bald
+locker zerstreut, bald in radialer oder concentrischer Anordnung
+verbunden sind.</p>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Aulacantha (scolymantha). Aulosphaera (trigonopa).
+Coelodendrum (gracillimum).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Vierte Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Plegmideae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Schwamm-Strahlinge. <a href="#fig34c">Fig. 34</a>.</p>
+
+<p>Skelet besteht aus einem lockeren oder dichteren Geflecht
+von feinen Kieselstäbchen, welche ohne bestimmte Anordnung
+(schwammähnlich) verbunden sind. (Wachsthum vielseitig).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Acanthodesmia (vinculata). Spongurus (cylindricus).
+Spongodiscus (mediterraneus). Spongasteriscus
+(quadricornis).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Fünfte Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Sphaerideae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>). Kugel-Strahlinge.
+<a href="#fig25c">Fig. 25</a>, <a href="#fig29c">29</a>, <a href="#fig30c">30</a>.</p>
+
+<p>Skelet besteht aus einer einzigen Gitterkugel oder aus mehreren
+concentrischen Gitterkugeln, welche durch radiale Stäbe verbunden
+sind. (Wachsthum radial).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Ethmosphaera (siphonophora). Collosphaera
+(Huxleyi). Cladococcus (cervicornis). Haliomma
+(castanea). Actinomma (drymodes).</p>
+</div>
+
+
+<p class="ordnung1">Sechste Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Discideae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Scheiben-Strahlinge. <a href="#fig37c">Fig. 37</a>.</p>
+
+<p>Skelet scheibenförmig, aus zwei parallelen Siebplatten zusammengesetzt,
+zwischen welchen durch Kreuzung von concentrischen
+und radialen Gitterstäben zahlreiche kleine Kammern gebildet
+werden. (Wachsthum concentrisch).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Trematodiscus (sorites). Euchitonia (Mülleri).
+Coccodiscus (Darwinii). Astromma (Aristotelis).</p>
+</div>
+
+<p>
+ <span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+
+<p class="ordnung1">Siebente Ordnung der Radiolarien:</p>
+
+<p class="ordnung2"><em class="gesperrt">Cyrtideae</em> (<span class="allsmcap">HAECKEL</span>).
+Kegel-Strahlinge. <a href="#fig35c">Fig. 35</a>, <a href="#fig36c">36</a>.</p>
+
+<p>Skelet eine Gitterschale, welche durch eine Hauptaxe mit
+zwei verschiedenen Polen charakterisirt ist. Grundform daher
+kegelförmig. Durch ringförmige Einschnürungen ist die Schale
+oft in mehrere, hinter oder neben einander liegende Kammern
+abgetheilt. (Wachsthum unipolar).</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="gattungen"><em class="gesperrt">Gattungen</em>: Cyrtocalpis (amphora). Petalospyris (arachnoides).
+Eucecryphalus (Gegenbauri). Eucyrtidium (lagena).
+Botryocampe (hexathalamia).</p>
+</div>
+
+
+<figure class="figcenter w100" style="border:0">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/p104_deco.jpg">
+</figure>
+
+
+<p class="center left">Druck von Hüthel &amp; Herrmann in Leipzig.
+</p>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75352 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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