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HÆCKEL. + +Mit zahlreichen Holzschnitten. + +[Illustration] + + +Leipzig. + +Ernst Günther’s Verlag. + +1878. + + +Alle Rechte vorbehalten. + + + + +Für das tiefere Verständniss unserer heutigen Entwicklungslehre und +der darauf gegründeten einheitlichen Weltanschauung dürften wenige +Zweige der Naturwissenschaft von so fundamentaler Bedeutung sein, +wie die Naturgeschichte der niedersten Lebewesen, der sogenannten +~Protisten~. Denn die urwüchsige Einfachheit im Körperbau und in +den Lebens-Erscheinungen dieser unvollkommnen »Urwesen« öffnet uns +erst den wahren Weg für das Verständniss der viel entwickelteren und +schwierigeren Erscheinungen, welche uns die Anatomie und Physiologie +der höheren und vollkommneren Organismen, der echten Thiere und +Pflanzen darbietet. Dennoch ist die Bekanntschaft mit den Protisten +bisher fast nur auf die gelehrten Fachkreise beschränkt geblieben +und erst sehr wenig in weitere Kreise eingedrungen. Das ist auch +leicht erklärlich. Denn die grosse Mehrzahl jener einfachsten +Lebensformen, die wir im »Protistenreich« zusammenfassen, ist dem +unbewaffneten Auge völlig verborgen. Erst durch das Mikroskop können +wir sie erkennen, und meistens erst mit Hülfe starker Vergrösserungen +ihre Form-Verhältnisse genau erforschen. Aber auch dann ist diese +Erforschung noch mit vielen Schwierigkeiten und Hindernissen verknüpft. +Denn die allgemeinen Anschauungen vom lebendigen Organismus, die +gewöhnlichen Begriffe von den Organen und Functionen der Lebewesen, +welche wir aus der alltäglichen Anschauung des höheren Thier- und +Pflanzen-Lebens uns gebildet haben, passen nur wenig oder gar nicht auf +jene niedersten Lebensformen. Ausserdem ist aber auch die gründliche +wissenschaftliche Forschung der letzteren kaum vierzig Jahre alt; und +erst die sehr ausgedehnten und sorgfältigen Untersuchungen der letzten +zwanzig Jahre haben ihre Kenntniss auf eine solche Höhe gebracht, +dass wir gegenwärtig wenigstens eine befriedigende Vorstellung von +der Eigenthümlichkeit und eine klare Einsicht in die Bedeutung des +Protisten-Reiches gewonnen haben. + +Wenn wir nun hier den Versuch wagen, in allgemein-verständlicher Form +eine kurze Uebersicht über das ganze grosse Protistenreich zu geben, +und seine hohe Bedeutung für die Entwicklungslehre dem Verständniss der +gebildeten Kreise näher zu bringen, so sind wir uns der grossen damit +verknüpften Schwierigkeiten wohl bewusst. Wir glauben aber denselben +am besten zu begegnen, wenn wir uns auf die gedrungene Zusammenfassung +des Wichtigsten beschränken, und die Bekanntschaft mit dem höchst +mannigfaltigen und interessanten Detail dieses unendlich reichen +Forschungs-Gebietes dem Studium der Special-Werke überantworten. +Zunächst wird sicher für unsere moderne Entwicklungslehre und weiterhin +auch für unsere damit verknüpfte monistische Weltauffassung schon viel +gewonnen sein, wenn eine allgemeine Anschauung von dem weiten Umfang +des mikroskopischen Lebensreiches, von der Einfachheit und elementaren +Bedeutung des »kleinsten Lebens« sich einen Platz im Bewusstsein +unserer gebildeten Kreise erobert hat. + +Die niedersten Lebewesen, die wir hier als ~Protisten~, d. h. +»~Erstlinge~« oder »~Urwesen~« zusammenfassen, werden in weiteren +Kreisen auch heute noch sehr oft mit den unpassenden Namen Infusorien +oder ~Infusionsthierchen~ (im weiteren Sinne!) bezeichnet. In +den systematischen Lehrbüchern der Naturgeschichte werden sie +meistens als ~Urthiere~ (oder »~Protozoa~«) aufgeführt. Die beste +deutsche Bezeichnung für die ganze grosse Gruppe wäre vielleicht: +~Zellinge~ oder Zellwesen; denn es würde dadurch die wesentlichste +Eigenthümlichkeit ihrer Organisation, die autonome Selbständigkeit und +permanente Individualität ihres einfachen Zellen-Leibes in präcisester +Weise ausgedrückt. + +Obgleich Viele von der Existenz der meisten mikroskopischen Protisten +keine Ahnung haben, so kommt dennoch jeder Mensch unendlich oft +mit ihnen in Berührung. Jeder hat beim Wassertrinken, beim Essen +von Früchten, Austern und anderen rohen Speisen schon Tausende und +Millionen von lebenden Protisten verschluckt, ohne sich dessen bewusst +geworden zu sein. Denn obgleich diese merkwürdigen Geschöpfe von dem +unbewaffneten Auge des Menschen zum grössten Theile gar nicht erkannt +oder höchstens als ganz kleine Pünktchen wahrgenommen werden, sind sie +dennoch in zahllosen, höchst mannigfaltigen und interessanten Formen +allenthalben über unseren Erdball verbreitet. Unsere Mikroskope weisen +uns dieselben überall im süssen und salzigen Wasser nach. Alle Bäche +und Flüsse, alle Teiche und Seen, alle Tümpel und Gräben enthalten +solche Urthierchen, oft in unglaublicher Masse. Man kann keinen Stein, +keine Pflanze aus dem Wasser heben, ohne in dem daran haftenden +schleimigen Ueberzug wenigstens einzelne Infusorien zu finden. Ebenso +ist das Meer überall von ihnen belebt. Der weiche Schlamm, der den +Meeresgrund bedeckt, besteht zum grossen Theil aus dergleichen +Protozoen. Der feine schlammige Ueberzug, der bei ruhigem Wetter +den klaren Meeresspiegel überzieht, ist aus Milliarden schwimmender +Infusorien zusammengesetzt. Aber auch der Staub unserer Strassen, der +Sand unserer Dachrinnen, die Humus-Erde unserer Felder und Wälder, +enthält Millionen kleinster Infusorien-Keime, sowie eingetrocknete, +aber noch lebensfähige Körper derselben. Wir brauchen bloss diesen +Staub und Sand in einem Glase mit etwas Wasser zu übergiessen und +diesen Aufguss einige Zeit in der Sonne stehen zu lassen, um durch +unser Mikroskop Massen von beweglichen Infusorien wahrzunehmen; +theils haben sie sich in kürzester Zeit aus jenen Keimen entwickelt, +theils sind sie unter dem belebenden Einflusse des Wassers aus ihrem +Trockenschlafe zu neuem Leben erwacht. Ist es ja doch gerade diese +Erscheinung, die zu der Benennung: ~Infusoria~ oder Infusionsthierchen, +d. h. »~Aufgussthierchen~« Veranlassung gab. + +Es sind jetzt kaum zweihundert Jahre verflossen, seitdem die +mikroskopischen Infusorien durch den holländischen Naturforscher ~Anton +van Leeuwenhoek~ zuerst in einem Topfe voll stehenden Regenwassers +entdeckt wurden. Die Holländer haben die zweihundertjährige Jubelfeier +dieser Entdeckung, die damals das grösste Aufsehen erregte, vor wenigen +Jahren (1875) feierlichst begangen; und sie thaten Recht daran. Denn +die wissenschaftliche Tragweite derselben ist in der That unermesslich, +und je mehr wir mit unseren vervollkommneten Mikroskopen in die +tiefsten Geheimnisse des Lebens eindringen, desto mehr werden wir uns +ihrer Bedeutung bewusst. + +Unsere ganze Anschauung vom Wesen des ~Lebens~ und von der +~Entwicklung~ der organischen Gestalten ist durch die genauere +Erkenntniss dieser Urthierchen oder Infusionsthierchen unendlich +erweitert und gefördert worden. Anatomie und Physiologie, +Entwickelungsgeschichte und Systematik verdanken ihr die wichtigsten +Aufschlüsse. Selbst für die Geologie haben sie eine ausserordentliche +Bedeutung erlangt. Denn diese kleinsten Lebensformen haben keinen +geringeren Einfluss auf die Bildung der mächtigsten Gebirgsmassen +und auf die ganze Gestaltung unserer Erdrinde ausgeübt, als alle die +zahlreichen grossen Thiere und Pflanzen, die unsern Planeten seit +Millionen von Jahren belebt haben. Die mikroskopischen Kalkschalen +und Kieselgehäuse, welche sich die meisten Urthiere bilden, bleiben +nach dem Tode ihrer Bewohner unverändert übrig. Sie häufen sich +auf dem Grunde der Gewässer massenhaft an, bilden hier mächtige +Schlammschichten und werden im Laufe der Jahrtausende zu festem +Gesteine verdichtet. So sind z. B. die Kreide-Gebirge von England und +von der Insel Rügen, sowie die über der Kreideformation abgelagerten +eocänen Tertiärschichten zum grössten Theile, oft fast ausschliesslich, +aus den zierlichen Kalkschalen der Polythalamien zusammengesetzt. +Andere Gesteine, wie z. B. die tertiären Felsmassen von Barbados +und von den Nikobaren-Inseln, zeigen sich zum grössten Theile aus +den reizenden Kieselpanzern der Radiolarien gebildet. Viele von den +Gesteinen, welche solchen Urthierchen ihre Entstehung verdanken, +liefern ein vorzügliches Baumaterial; und manche unserer grössten +Städte sind vorzugsweise aus dergleichen Steinen erbaut, so z. B. Wien +und Paris. + + * * * * * + +Die berühmten Tiefsee-Forschungen der neuesten Zeit, zu denen die +erste Legung des atlantischen Telegraphen-Kabels den Anstoss gab, +haben jene felsbildende Macht des kleinsten Lebens in das hellste +Licht gestellt. Sie haben uns gezeigt, wie noch heute in den +tiefsten Abgründen des Meeres unaufhörlich kreideartiges Gestein +aus feinstem Meeresschlamm entsteht, und wie dieser Schlamm fast +ausschliesslich aus den Kalkschalen und Kieselpanzern unglaublicher +Massen von Urthierchen gebildet wird. Vor Allem sind es hier die +unvergleichlichen Entdeckungen der bewunderungswürdigen britischen +~Challenger~-Expedition, welche uns mit einer Fülle neuer und +überraschender Anschauungen über die »~Mikrogeologie~«, über das +reiche, räthselvolle, mikroskopische Leben der Tiefsee-Thäler +bereichert haben. + +Wie nun die eifrigen Forschungen des letzten halben Jahrhunderts unsere +Kenntniss vom Leben und Weben der Urthiere, von ihrer Gestaltung +und Entwickelung ungemein gefördert haben, so haben sie auch unsere +Ansichten von ihrer Stellung in der Natur und von ihrer systematischen +Gruppirung sehr wesentlich verändert. Das System der organischen Formen +ist ja immer mehr oder weniger der Ausdruck der Anschauungen, welche +wir von ihrer natürlichen Verwandtschaft besitzen, und so zeigen uns +denn auch die grossen Veränderungen, welche das System der Urthiere im +Verlauf der letzten Jahrzehnte erlitten hat, am klarsten den gewaltigen +Umschwung unserer bezüglichen Vorstellungen. Nachdem vor neunzig +Jahren (1786) ~Otto Friedrich Müller~ den ersten umfassenden Entwurf +eines Systems der Infusionsthierchen gegeben hatte, erschien vor +vierzig Jahren das grosse Prachtwerk des berühmten (1876 verstorbenen) +Naturforschers ~Ehrenberg~: »Die Infusionsthierchen als vollkommene +Organismen. Ein Blick in das tiefere organische Leben der Natur.« +Das war im Jahre 1838, in demselben für die Naturwissenschaft Epoche +machenden Jahre, in welchem der geniale Botaniker ~Schleiden~ in Jena +zuerst den Grund zu der höchst fruchtbaren ~Zellen-Theorie~ legte. In +der That ein merkwürdiger Zufall; eine seltsame Ironie des Schicksals. +Denn ~Ehrenberg~ war in seinem grossen Hauptwerke vor Allem bemüht, +das ihm eigene »~Princip überall gleich vollendeter Entwicklung~« +zur Geltung zu bringen. Er suchte bei den Infusorien eine eben so +vollkommene Organisation nachzuweisen, wie bei den höheren Thieren +und beim Menschen. Er glaubte überall Nerven und Muskeln, Darm und +Blutgefässe, männliche und weibliche Organe unterscheiden zu können. +Gerade dieses Prinzip war ~grundfalsch~; vielmehr sind die Infusorien +höchst einfache Organismen: die meisten haben nur die Bedeutung und den +Werth einer einzigen einfachen Zelle; und ihr wahres Verständniss wird +uns erst durch die Zellentheorie gegeben. + +Der alte Name »Infusionsthierchen« wird heute nur noch auf einen +kleinen Theil der mikroskopischen Wesen angewendet, welche ~Ehrenberg~ +in seinem grossen Werke als solche beschrieb. Nur die Wimperthierchen +oder ~Ciliaten~ und die Borstenthierchen oder ~Acineten~, oft +auch die Geisselschwärmer oder ~Flagellaten~ werden heute noch in +wissenschaftlichen Werken »Infusorien« genannt; die formenreichen +Kieselzellen oder ~Diatomeen~ werden dagegen meist von den Botanikern +zu den Algen gerechnet. Die Räderthierchen (_Rotatoria_), die für +~Ehrenberg~ gerade den Typus der Infusoria bildeten, sind Würmer, +also Thiere von viel höherer Organisation. Dagegen bilden die Amoeben +und ihre Verwandten heute eine besondere wichtige Protisten-Classe, +die wir Lappenthierchen oder ~Lobosa~ nennen. Neben diesen aber hat +die fortgeschrittene mikroskopische Forschung uns andere Classen von +Urthierchen kennen gelehrt, die viel zahlreichere, merkwürdigere und +mannigfaltigere Formen enthalten, als jene älteren Infusionsthierchen: +vor allen die wunderbare Classe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~; +die Sonnenthierchen oder ~Heliozoen~, die kalkschaligen ~Thalamophoren~ +und kieselschaligen ~Radiolarien~. Diesen schliessen sich eng die +sonderbaren Schleimpilze oder ~Myxomyceten~ an, welche die Botaniker +früher zu den echten ~Pilzen~ (_Fungi_) stellten. Aber auch die +Stellung dieser letzteren im Pflanzenreiche ist ganz zweifelhaft +geworden und es bestehen gewichtige Gründe dafür, sie aus letzterem +in das Protistenreich zu versetzen. Als eine besondere, interessante, +wenn auch nur sehr kleine Protisten-Classe dürfen wir die ~Catallacten~ +betrachten. Endlich finden wir unten auf der tiefsten Stufe jener +höchst einfachen, wunderbaren Wesen, mit denen das organische Leben in +denkbar einfachster Gestalt beginnt, die ~Moneren~. + +Schon beim ersten Blick auf die wunderbare Formenwelt, welche uns hier +das Mikroskop entschleiert, wird sich jedem Unbefangenen zunächst +die Frage aufdrängen: »Sind denn diese sogenannten Urthiere oder +Infusionsthiere wirkliche, echte ~Thiere~ und warum werden sie von +den Naturforschern in das Thierreich gestellt?« Diese Frage ist +vollständig berechtigt; sie gehört zu jenen schwierigen Grundfragen +der allgemeinen Biologie, deren Lösung durch unsere fortschreitende +Kenntniss eher erschwert als erleichert wird. Wenn wir nämlich +althergebrachter Maassen die ganze organische Natur in die beiden +grossen Hälften: Thierreich und Pflanzenreich eintheilen, und wenn wir +damit glauben den natürlichen Gegensatz zwischen zwei völlig getrennten +Hauptgebieten auszusprechen, so ist diese Unterscheidung zwar durch +die festgewurzelte Anschauung und den Sprachgebrauch von Jahrtausenden +geheiligt; aber logisch begründbar und wirklich naturgemäss ist sie +nicht. Vielmehr lehren uns gerade unsere Urthierchen das Gegentheil. +Je genauer wir deren Formen und Lebenserscheinungen studiert haben, +je vollständiger uns ihre ganze Entwicklungsgeschichte bekannt +geworden ist, desto klarer hat sich herausgestellt, dass sie eine +ununterbrochene Verbindungsbrücke zwischen den tiefsten Stufen des +Thierreichs und des Pflanzenreichs herstellen. So leicht und sicher +wir die höheren und vollkommneren Stufen der beiden grossen Reiche +von einander unterscheiden können, so schwer, ja so unmöglich wird +diese Trennung auf den niedrigsten und unvollkommensten Stufen. Denn +hier sind beide Reiche durch eine zusammenhängende Kette von einfachen +Uebergangsformen untrennbar verbunden. + +Die Erkenntniss dieser wichtigen Thatsache, welche heute unzweifelhaft +festgestellt ist, hat zu den lebhaftesten Streitigkeiten über die +Grenze zwischen Thierreich und Pflanzenreich Veranlassung gegeben. +Sie hat zugleich die abweichendsten Anschauungen über das Wesen der +zweifelhaften Infusorien hervorgerufen, die mitten zwischen den beiden +grossen Reichen der organischen Natur ein neutrales Grenzgebiet für +sich in Anspruch nehmen. + +Während nämlich viele Infusorien von den Zoologen für Thiere, +von den Botanikern dagegen für Pflanzen erklärt, und demnach von +Beiden annectirt wurden, hatten Andere gerade das entgegengesetzte +Schicksal: sie wurden von Beiden verschmäht; bei einer dritten +Gruppe von Infusorien schien sogar nur die Annahme übrig zu bleiben, +dass sie abwechselnd als Thiere und Pflanzen lebten. Der daraus +entspringende Streit über ihre wahre Natur scheint am einfachsten +dadurch entschieden zu werden, dass man den ~Begriff~ von ~Thier~ und +~Pflanze~ scharf umschreibt, und diese unzweideutige Begriffsbestimmung +auf jene zweifelhaften Mittelwesen anwendet. Aber diese gesuchte +Begriffsbestimmung selbst ist ein unlösbares Problem; je mehr Mühe +man darauf verwendet hat, desto klarer hat sich herausgestellt, dass +es überhaupt auf einer falschen Fragestellung beruht, und dass die +Begriffe von Thier und Pflanze nicht in der Natur begründet sind. + +Um nun den so entstandenen Schwierigkeiten zu entgehen, und um zu einer +vernünftigen Classification der organischen Wesen zu gelangen, ist +schliesslich nur ein Ausweg übrig geblieben: nämlich die Aufstellung +eines dritten, selbständigen Reiches von elementaren Organismen: +Das ist unser Reich der ~Protisten~ oder ~Zellinge~, das Reich der +neutralen Urwesen. Wir fassen demnach die ganze organische Natur, die +Gesammtheit aller lebenden Wesen unsers Erdballs, als ein grosses +einheitliches Ganze auf; und dieses umfassende Universalreich theilen +wir in drei Reiche: das Thierreich einerseits, das Pflanzenreich +andrerseits, mitten zwischen Beiden das neutrale Reich der Protisten. + + * * * * * + +Um nun die Aufstellung unseres ~Protistenreich~ zu rechtfertigen, +wollen wir einen flüchtigen Blick auf die verschiedenen +Character-Seiten des Thier- und Pflanzenreichs werfen. Es wird sich +dabei von selbst ergeben, dass unsere Protisten weder dem einen, noch +dem anderen vollständig entsprechen. Verweilen wir zunächst einen +Augenblick bei der äusseren Gesammterscheinung. So characteristisch +uns da einerseits das höhere Thier mit der Gliederung seines Leibes +und seiner Gliedmaassen, anderseits die höhere Pflanze mit ihrem +Stengel und ihren Blättern entgegentritt, so wenig reicht diese +äussere Gliederung hin, um die niederen Formen beider Reiche zu +unterscheiden. Viele unzweifelhafte Thiere, wie z. B. die Korallen, die +Schwämme, ahmen so vollkommen die Gestalt echter Pflanzen nach, dass +man sie früher allgemein für solche gehalten hat. Umgekehrt giebt es +viele unzweifelhafte Pflanzen, wie z. B. viele Orchideen und andere +Schmarotzer, welche die Gestalt echter Thiere nachahmen. Und was sollen +wir nun vollends zu den unendlich mannigfaltigen Figuren unserer +Protisten sagen? Da treffen wir allein schon in der einen Classe der +kieselschaligen Radiolarien alle möglichen Grundformen verkörpert an, +die überhaupt in der Natur vorkommen können; und in welcher zierlichen +und wundervollen Ausführung! Da finden wir in einem einzigen Tropfen +Meerwasser nebeneinander Kugeln, Kreuze, Körbchen, Schrauben, Sterne, +Schachfiguren, Hörner, Hauben, Helme, u. s. w.; kurz eine Fülle der +mannigfaltigsten und merkwürdigsten Gestalten. Gewiss wird Jedermann, +der diese Formen zum ersten Male sieht, sie für Kunstproducte halten, +oder vielleicht für abgelöste Theile von grösseren Organismen. Und +doch sind es vollkommen entwickelte und selbständige Lebewesen! Aber +Niemand wird geneigt sein, sie für echte Thiere oder echte Pflanzen +zu erklären. Ebenso wenig können wir aus der äusseren Körperform der +meisten anderen Protisten einen sicheren Schluss auf ihre wahre Natur +ziehen. Sehr Viele bewahren zeitlebens die einfache Kugelgestalt. +Andere zeigen beständig die einfache Form eines Cylinders, einer +Scheibe, eines Kegels, einer Pyramide u. s. w. Noch Andere endlich +haben überhaupt gar keine bestimmte Gestalt, so namentlich die Moneren +und die Amoeben. Der ganze Körper dieser höchst einfachen Urwesen +besteht aus einem lebenden mikroskopischen Schleimklümpchen, das in +unablässigem Wechsel seine Gestalt beständig ändert: daher der passende +Name »Aenderling«, den ~Oken~ diesen Amoeben beilegte. + +Doch verlassen wir die äussere Körperform! Denn dass diese ganz +unzureichend ist, um den Unterschied zwischen Thier und Pflanze zu +begründen, das ist längst allgemein anerkannt. Fragen wir uns lieber, +was denn eigentlich in der naiven Anschauung des täglichen Lebens +diese Unterscheidung begründet, und was dieselbe seit Jahrtausenden +in der Sprache und im Begriffsleben der Menschheit gerechtfertigt +hat. Unzweifelhaft sind es die Lebenserscheinungen der ~Empfindung~ +und ~Bewegung~, welche uns hier zunächst entgegentreten. Empfindung +und Bewegung sind es, welche in der allgemeinen Anschauung das +Thier gegenüber der Pflanze auszeichnen, und aus denen wir auf ein +»~Seelenleben~« des Thieres schliessen, ein Seelenleben, das wir +der Pflanze absprechen. Wie verschieden auch die psychologischen +Vorstellungen sind, und wie weit auch die Ansichten über das +eigentliche Wesen der Seele aus einander gehen, darüber sind wir doch +Alle einig, dass mindestens den höheren Thieren eine Art Seelenleben +zukommt. Denn die Hausthiere, die wir täglich um uns sehen, bewegen +sich zweifellos ebenso willkürlich, wie wir selbst. Sie empfinden +die Eindrücke der Lust und Unlust, der Freude und des Schmerzes +zweifellos ähnlich, wie wir selbst. Auch lehrt uns ja sofort jede +anatomisch-physiologische Untersuchung, dass das Nervensystem, das +Organ dieser Seelenthätigkeiten, bei den höheren Wirbelthieren im +Wesentlichen eine ähnliche Einrichtung besitzt, wie bei uns selbst. + +Von diesen augenfälligen Seelenthätigkeiten der höheren Thiere +ausgehend, schliessen nun die Zoologen, dass dieselben auch +allen anderen Thieren zukommen, und demgemäss werden seit alter +Zeit Empfindung und willkürliche Bewegung als charakteristische +Eigenschaften des Thieres betrachtet. Schon ~Linné~ sagt: »Die Pflanzen +leben, die Thiere leben und empfinden.« Und doch ist gerade diese, +allgemein angenommene Unterscheidung völlig unhaltbar. Wir brauchen nur +an den gewöhnlichen Badeschwamm zu denken, um uns davon zu überzeugen. +Dieser Badeschwamm, mit dem sich der Kulturmensch täglich zu waschen +pflegt, ist das todte Skelet, das innere Gerüst eines unzweifelhaften +Thieres. Im Leben stellt dieses Thier einen fleischigen, schwarzen, +formlosen Klumpen dar, der unbeweglich auf dem Meeresboden +festgewachsen ist. Aehnliche Seegewächse aus der Klasse der Schwämme +oder Spongien sitzen massenhaft auf dem Boden aller Meere, hunderte von +verschiedenen Arten. Die meisten zeigen keine Spur von Bewegung und +Empfindung; sie galten daher auch früher allgemein für Pflanzen. Erst +die genauesten Untersuchungen über ihre Entwickelungsgeschichte haben +uns in den letzten Jahren darüber belehrt, dass wir sie als echte, +unzweifelhafte Thiere betrachten müssen. + +Aehnliche echte Thiere, welche in vollkommen reifem und ausgebildetem +Zustande der Empfindung und Bewegung entbehren, kennen wir jetzt +in Menge. Die meisten leben festgewachsen auf dem tiefen Grunde +des Meeres. Sie gehören sehr verschiedenen Classen an: Würmern, +Ascidien, Mollusken u. s. w. Viele von ihnen werden auf italienischen +Fischmärkten unter den Namen »Seefrüchte« (_Frutti di mare_) feil +geboten, und sowohl der Fischer, der sie verkauft, wie der Fremde, der +sie mit Appetit verspeist, hält sie für die Früchte von Seegewächsen. + +Sogar unter den höheren Thierklassen, z. B. unter den Schnecken und +Krebsen, giebt es einzelne Arten, die in vollkommen reifem Zustande +einen formlosen runden Klumpen, ohne jede Spur von Bewegung und von +Empfindung, darstellen. In diesen Fällen ist es die schmarotzende +Lebensweise, durch welche das Thier seine »Seele« verloren hat. Das +gilt z. B. von der berühmten Wunderschnecke (_Entoconcha mirabilis_) +und von dem merkwürdigen Säckchenkrebse (_Sacculina_). Erstere lebt +als Parasit im Innern von Seegurken oder Holothurien: letzterer sitzt +schmarotzend auf andern Krebsen fest. Beide Thiere haben die Gestalt +eines einachen länglichen, runden Schlauches: und dieser Schlauch +enthält nichts weiter als Eier. Keine Spur von einem Kopfe und von +Sinnesorganen: keine Spur von Fühlhörnern und Beinen: keine Spur von +Empfindung und willkürlicher Bewegung. Gewiss würde kein Mensch in +diesen beiden seelenlosen Eierschläuchen wahre Thiere vermuthen, und +doch stellt die Entwickelungsgeschichte unzweifelhaft fest, dass das +eine eine Schnecke und das andere ein Krebs ist. + +Als Gegenstück zu diesen »~seelenlosen Thieren~« treffen wir auf der +anderen Seite »~seelenvolle Pflanzen~«, die uns noch mehr überraschen. +Wir betreten einen tropischen Urwald und wollen uns ein zierlich +gefiedertes Mimosenblatt abpflücken. Aber kaum berühren wir den zarten +Zweig der schamhaften Sinnpflanze (_Mimosa pudica_), so klappen alle +Blätter ihre zierlichen Fieder-Reihen zusammen und die Blattstiele +sinken wie gelähmt herab. Ja manche dieser akazienartigen Bäume sind so +reizbar, so empfindlich, dass schon die Erschütterung des Bodens durch +den Tritt des herannahenden Wanderers hinreicht, sämmtliche Blätter +zum Schliessen zu bringen. Nicht minder empfindlich sind neben vielen +Anderen die durch ~Darwin~ berühmt gewordenen »insektenfressenden +Pflanzen«. Sobald eine unvorsichtige Fliege sich auf das Blatt einer +»Fliegenfalle« (_Dionaea_) setzt, klappt das reizbare Blatt zusammen, +und die mörderische Pflanze verzehrt das erfasste Insect mit offenbarem +Wohlbehagen. Wollten wir diesen hochorganisirten Pflanzen eine Seele +absprechen, so müssten wir sie ganz ebenso auch bei den empfindlichen, +aber festgewachsenen, pflanzenähnlichen Korallen leugnen; denn diese +geben keine anderen Aeusserungen ihres Seelenlebens. + +Aber nicht allein solche hohe Empfindlichkeit, solche lebhafte +Beweglichkeit einzelner Körpertheile treffen wir vielfach bei echten +Pflanzen an. Nein, auch selbständige, freie Ortsbewegung, auch die +Willensthätigkeit, auf die wir aus der scheinbar willkürlichen Bewegung +schliessen, findet sich bei unzweifelhaften Pflanzen vor. Viele Algen, +z. B. viele von unsern einheimischen grünen Wasserfäden oder Conferven, +schwimmen in ihrer Jugend frei und lebhaft im Wasser umher. Die +jungen Pflänzchen bewegen sich dabei, ebenso wie viele junge Thiere, +durch zarte, haarförmige, schwingende Fäden, Geisseln oder Wimpern. +Bei dieser Schwimmbewegung äussern sie eben so viel Lebhaftigkeit, +eben so viel Ausdauer, eben so viel scheinbaren Willen, wie die ganz +ähnlichen, flimmernden Jugendformen vieler Thiere, z. B. die Gastrula. +Auf den Wiener Botaniker ~Unger~, der zuerst vor 35 Jahren (im Jahre +1843) diese frei beweglichen Jugendformen von Algen entdeckte, +machten dieselben einen so tiefen Eindruck, dass er seine bezügliche +Mittheilung betitelte: »Die Pflanze im Momente der Thierwerdung.« + +Schon aus diesen wenigen Thatsachen, die wir noch durch Aufzählung +vieler ähnlicher Erscheinungen beträchtlich vermehren könnten, +geht unzweifelhaft hervor, dass die höheren Seelenthätigkeiten +der bewussten Empfindung und der willkürlichen Bewegung weder +allen Thieren eigenthümlich sind, noch allen Pflanzen fehlen. Sie +können daher nicht mehr in der üblichen Weise zur Unterscheidung +von Thier- und Pflanzenreich benutzt werden; und ebenso wenig sind +sie von systematischer Bedeutung für unser Protistenreich. Für die +Beurtheilung dieses letzteren ist es gleichgültig, ob sich die +Protisten sehr lebhaft bewegen und sehr fein empfinden, wie die meisten +Wimper-Infusorien; oder ob sie nur stumpfe Empfindung und träge +Bewegung besitzen, wie die meisten Wurzelfüssler. Viele Protisten +treten uns in zwei abwechselnden und ganz verschiedenen Zuständen +entgegen: einem unbeweglichen und unempfindlichen Ruhezustande, in +welchem sie uns als Pflanzen erscheinen; und einem frei beweglichen +und sehr empfindlichen Zustande, in welchem sie Thieren gleichen. +Wir dürfen von diesen merkwürdigen Urwesen geradezu sagen: sie +sind abwechselnd Thier und Pflanze. Und so sind sie auch wirklich +früher beurtheilt worden. So sind z. B. von manchen Flagellaten und +Myxomyceten die vegetativen Ruhezustände als Pflanzen, die animalen +Bewegungszustände als Thiere beschrieben worden, und erst viel später +wurde entdeckt, dass Beide nur verschiedene Lebens-Zustände eines und +desselben Protisten sind. + +Wollen wir nun aber vom Standpunkte der vergleichenden Psychologie zu +einem Schlusse über das Seelenleben aller dieser Geschöpfe kommen, so +kann dieser Schluss nur lauten: »~Alle lebenden Wesen sind beseelt~, +die Pflanzen so gut wie die Thiere, und die Protisten so gut wie +die Pflanzen.« Innere Bewegungs-Erscheinungen, die scheinbar ohne +äussere Ursachen entstehen und auf Ortsveränderungen kleinster Theile +beruhen, insbesondere Protoplasma-Störungen, sind allen Organismen +gemeinsam, und insofern ist jedes lebende Wesen beseelt, jedes ist +zugleich reizbar, im gewissen Sinne empfindlich. Stufenweise erhebt +sich die Seelenthätigkeit, von den unscheinbarsten und niedrigsten +Anfängen ausgehend, zu immer höheren und vollkommneren Leistungen. +Während die niedrigsten Thiere sich in dieser Beziehung nicht von den +meisten Pflanzen und Protisten unterscheiden, steigt das Seelenleben +der höheren Thiere, das Wollen und Empfinden, Vorstellen und Denken, zu +einer ähnlichen Stufe wie beim Menschen empor. + +Gleich der Seelenthätigkeit haben sich auch alle anderen Eigenschaften, +durch welche man Thiere und Pflanzen hat unterscheiden wollen, +als unzureichende Merkmale erwiesen. Unzweifelhaft der wichtigste +Unterschied zwischen Beiden beruht auf den entgegengesetzten +physiologisch-chemischen Verhältnissen ihrer Ernährung. Der gesammte +~Stoffwechsel~ in beiden Reichen, im Grossen und Ganzen betrachtet, +ist grundverschieden. Die Pflanzen allein besitzen das Vermögen, aus +den einfachen chemischen Verbindungen der leblosen anorganischen +Natur, aus Wasser, Kohlensäure und Ammoniak, jene verwickelten und +höchst zusammengesetzten, eiweissartigen Kohlenstoff-Verbindungen +herzustellen, welche als die wahren Träger aller eigentlichen +Lebens-Erscheinungen gelten, vor allen das ~Protoplasma~ oder den +Bildungsstoff (»_Plasson_«). Das können die Thiere nicht. Sie nehmen +die Eiweisskörper, die sie beständig verbrauchen und zersetzen, direct +oder indirect aus dem Pflanzenreich auf. Zur Aufnahme und Verdauung +ihrer Nahrung bedürfen sie einer Magenhöhle und einer Mundöffnung; und +das sind die am meisten characteristischen Organe des Thierkörpers, +welche dem Pflanzenorganismus stets fehlen. + +Mit diesem fundamentalen Gegensatze in der Ernährung hängen auch noch +andere wichtige Unterschiede beider Reiche zusammen. Die Pflanzen +athmen für gewöhnlich Kohlensäure ein und hauchen Sauerstoff aus; die +Thiere gerade umgekehrt. Die meisten Pflanzen bilden massenhaft jenen +eigenthümlichen grünen Farbstoff, das Chlorophyll oder Blattgrün, dem +unsere Erde den grünen Schmuck ihrer Vegetationsdecke verdankt. Die +meisten Thiere hingegen bilden kein Chlorophyll. Ebenso erzeugen die +meisten Pflanzen Massen von Stärkemehl (Amylum) und von Cellulose; von +jener wichtigen stickstofflosen Verbindung, welche die Grundlage des +Holzes bildet. Die meisten Thiere produciren kein Amylum und keine +Cellulose. Und so könnten wir noch eine ganze Anzahl anderer chemischer +Verbindungen anführen, welche den Gegensatz im Stoffwechsel des Thier- +und Pflanzenreichs bezeichnen. + +Unzweifelhaft ist dieser Gegensatz von der grössten Bedeutung. Denn +auf ihm beruht das beständige Gleichgewicht in der Oekonomie der +organischen Natur. Was das eine der beiden grossen Lebensreiche +ausgiebt, das nimmt das andere wieder ein. Was das eine als unbrauchbar +ausscheidet, das verzehrt das andere. Aber so bedeutungsvoll auch +diese Wechselwirkung jedenfalls ist, so wenig ist der damit verknüpfte +Gegensatz durchgreifend und zu einer beständigen Grenzmarke geeignet. +Denn zahlreiche ~Ausnahmen~ finden sich in jeglicher Beziehung. + +Als solche wichtige Ausnahmen sind vor allen die zahlreichen +Schmarotzerpflanzen zu nennen: z. B. viele Orchideen, Orobanchen, +Lathraeen u. s. w. Diese Parasiten, deren nahe Verwandtschaft zu +echten hochentwickelten Pflanzen feststeht, haben durch ~Anpassung~ an +schmarotzende Lebensweise ihren Stoffwechsel gänzlich geändert. Statt +gleich anderen Pflanzen mühsam Eiweisskörper zu produciren, finden +sie es bequemer, gleich den Thieren diese wichtigsten Lebenstoffe aus +anderen Pflanzen aufzunehmen. Damit ändert sich aber ihre gesammte +Ernährung. Sie bilden kein Blattgrün mehr, sie athmen Sauerstoff +ein und Kohlensäure aus; sie bilden Verbindungen, die sonst nur im +Thierkörper erzeugt werden. + +Umgekehrt finden wir nun wieder im Thierreiche merkwürdige Schmarotzer, +welche gleichfalls durch ~Anpassung~ an parasitische Lebensweise ihre +ganze Ernährung völlig geändert haben. Ausser den schon angeführten +Wunderschnecken und Säckchenkrebsen sind da besonders jene Würmer +(Bandwürmer, Kratzwürmer u. s. w.) hervorzuheben, welche im Innern +anderer Thiere leben und deren Säfte durch ihre Haut aufsaugen. +Mund und Magen sind dadurch überflüssig geworden und im Laufe der +Jahrtausende allmählich verloren gegangen. Die nächsten Verwandten +dieser darmlosen Parasiten besitzen einen wohl entwickelten Mund und +Darmkanal. Aber auch andere echte Thiere bieten in ihrem Stoffwechsel +beträchtliche Abweichungen dar, und einige produciren Verbindungen, +die sonst nur die Pflanzen erzeugen. So bilden sich z. B. die Ascidien +einen Mantel aus Cellulose; die grünen Süsswasserpolypen und einige +grüne Würmer erzeugen in ihrer Haut echtes Blattgrün oder Chlorophyll +u. s. w. + +Angesichts dieser zahlreichen Ausnahmen kann uns denn auch der +Stoffwechsel unserer Protisten keinen Aufschluss über ihre wahre Natur +geben. Wenn viele von ihnen Chlorophyll, Cellulose und Stärkemehl +erzeugen, so beweist das ebensowenig für ihre Pflanzen-Natur, als +die Bildung von Kalkschalen bei vielen Anderen für ihre Thier-Natur +Zeugniss ablegt. Vielmehr sprechen auch die Verhältnisse der Ernährung +und des Stoffwechsels, im Grossen und Ganzen betrachtet, für die +~neutrale~ Natur der Protisten. Allerdings wissen wir von den +physiologisch-chemischen Vorgängen ihres Stoffwechsels im Ganzen noch +sehr wenig. Aber dies Wenige reicht doch hin, um uns auch hierin ganz +eigenthümliche Verhältnisse erkennen zu lassen. So nehmen z. B. die +formlosen Amoeben und die formenreichen Wurzelfüssler zwar ihre Nahrung +ähnlich den Thieren auf, aber ohne Mund und Magen. An jeder Stelle der +nackten Körperoberfläche können die Nahrungsbissen in’s Innere dringen. +Auch die thierähnlichsten Protisten, die Wimperthierchen, besitzen +keinen wahren Darm, keinen wahren Mund und Magen. Dieser fehlt vielmehr +allen Protisten. + + * * * * * + +Wir sehen also, dass keine der verschiedenen Lebenserscheinungen +genügt, um uns über das Verhältniss der Protisten zu den Thieren und +Pflanzen vollkommen aufzuklären. Da nun auch die äussere Gestaltung uns +darüber keinerlei Aufschluss giebt, so bleiben uns nur noch diejenigen +Verhältnisse übrig, welche uns das Mikroskop im feineren Bau und in +der Entwicklungsgeschichte enthüllt. Ohne die genaueste Kenntniss +dieser Verhältnisse können wir uns ja überhaupt kein vollständiges Bild +von der Natur der Organismen machen. Alles nun, was wir bisher davon +erkannt haben, findet seinen umfassendsten Ausdruck in der berühmten +~Zellentheorie~, die seit 40 Jahren das wichtigste Fundament aller +biologischen Forschungen geworden ist. + +Bekanntlich lehrt uns diese Zellentheorie, dass alle die tausendfach +verschiedenen Formbestandtheile, die wir im Körper sämmtlicher Thiere +und Pflanzen mittelst des Mikroskopes unterscheiden, lediglich +verschiedene Abarten und Umbildungen eines einzigen Grundorganes, +eines einzigen ursprünglichen Form-Elementes sind. Dieses Form-Element +ist die ~Zelle~, ein kleines, für das blosse Auge meist unsichtbares +Körperchen, welches bis zu einem gewissen Grade ein selbständiges +Leben führt. So unendlich mannigfaltig die Form der Zelle auch +ist, so ist sie doch immer aus zwei verschiedenen Bestandtheilen +zusammengesetzt: aus einem Stückchen weicher, eiweissartiger Substanz, +dem Bildungsstoff oder ~Protoplasma~, und aus einem festeren, davon +umschlossenen Körperchen, dem Kern oder ~Nucleus~. Die ursprüngliche +Selbständigkeit der Zelle ist so vollkommen, dass man sie mit Recht +als den ~Elementar-Organismus~, als das Individuum erster Ordnung +bezeichnet hat. Da die Zellen jede organische Form bilden, können wir +sie auch die »Bildnerinnen« oder ~Plastiden~ nennen. Der ganze Körper +der meisten Thiere und Pflanzen ist aus Milliarden solcher Zellen +zusammengesetzt: und was dieses Thier, was diese Pflanze leistet, das +ist in Wahrheit die Leistung ihrer zahllosen Zellen. Auch unser eigener +menschlicher Leib besteht aus Milliarden derartiger Zellen, und alle +unsere Lebensverrichtungen sind das höchst verwickelte Resultat aus +der Thätigkeit dieser mikroskopischen Wesen. Jedes Härchen besteht +aus vielen Millionen Zellen. Ein kleinstes Blutströpfchen von einem +Cubik-Millimeter Rauminhalt umschliesst schon fünf Millionen Blutzellen. + +Für die richtige Auffassung der Zellentheorie, von der das ganze +Verständniss des Lebens abhängt, ist Nichts lehrreicher, als der +oft angewendete Vergleich des vielzelligen Organismus mit einem +wohlorganisirten menschlichen Staate. Die Existenz jeder geordneten +staatlichen Organisation, gleichviel ob wir Monarchie oder +Republik betrachten, beruht bekanntlich darauf, dass die einzelnen +Staatsbürger einen Theil ihrer persönlichen Freiheit aufgeben, sich +den Gesetzen des Staats unterwerfen und in die Arbeit des Lebens +theilen. Ebenso geniessen auch die Zellen in jedem vielzelligen +Organismus zwar bis zu einem gewissen Grade ihr selbständiges Leben; +aber sie sind doch zugleich den Gesetzen des Ganzen untergeordnet +und durch die Arbeitstheilung von einander abhängig. Wir können +diesen politischen Vergleich auch noch weiter ausdehnen, indem +wir den ~Pflanzen~-Organismus als eine Zellen-~Republik~, den +~Thier~-Organismus dagegen als eine Zellen-~Monarchie~ betrachten. +Denn die Pflanzenzellen sind durchweg selbständiger, gleichartiger, +unabhängiger von einander und vom Ganzen. Die Thierzellen hingegen sind +in Folge der vorgeschrittenen Arbeitstheilung ungleichartiger, mehr von +einander abhängig und zugleich in Folge der stärkeren Centralisation +der »Staatsidee« in höherem Maasse unterworfen. + +Nun lehrt uns aber ferner die Entwickelungsgeschichte, dass jedes +Thier und jede Pflanze im Beginne der individuellen Existenz eine +einzige einfache Zelle ist. Das Ei, aus dem sich jedes Thier wie +jede Pflanze entwickelt, ist weiter nichts als eine Zelle. Das ist +eine der bedeutungsvollsten Thatsachen. Denn das ganze Problem der +individuellen Entwickelung löst sich demnach in die Frage auf: Wie +kann der vielzellige Organismus mit allen seinen verschiedenen Organen +aus einer einzigen Zelle entstehen? Und die Antwort hierauf lautet +höchst einfach: Durch wiederholte Theilung entsteht aus der einfachen +Zelle eine Zell-Gemeinde oder ~Association~, eine Gesellschaft von +zahlreichen gleichartigen Zellen; diese werden durch ~Arbeitstheilung~ +ungleichartig und ordnen sich nach den Gesetzen der ~Vererbung~ und +~Anpassung~ zu einer centralisirten Einheit. + +Wie verhalten sich nun unsere kleinen Protisten zu diesen höchst +wichtigen Thatsachen und zu der darauf gegründeten Zellentheorie? +Ist auch ihr winziger Leib aus vielen und ungleichartig entwickelten +Zellen zusammengesetzt? Findet sich auch in ihrem Organismus jene +Arbeitstheilung der associirten Zellen, durch welche die verschiedenen +~Gewebe~ und ~Organe~ entstehen? Das Mikroskop antwortet uns: ~Nein!~ +Vielmehr ist bei den meisten Protisten der ganze Körper zeitlebens +~nur eine einzige Zelle~. Aber auch bei jenen Protisten, welche in +entwickeltem Zustande vielzellig sind, finden wir niemals wahre Gewebe +und Organe, niemals jene eigenthümliche Arbeitstheilung und Anordnung +der Zellen, welche den wahren Thierkörper und den wahren Pflanzenkörper +auszeichnet. Denn hier beherrscht immer die Gesammtform des Körpers +die ganze Anordnung und Bildung der Zellen, ihre Verbindung zu +den Geweben und Organen, aus denen er zusammengesetzt ist. Bei den +vielzelligen Protisten hingegen bewahren die gesellig verbunden Zellen +stets mehr oder weniger ihre Selbständigkeit; sie bilden immer nur +sehr lockere Gesellschaften, sociale Verbände ohne Arbeitstheilung, +die nicht als centralisirte Staaten anerkannt werden können. Wenn wir +vorher den einzelnen Organismus des Thieres wie der Pflanze einem +wohlorganisirten ~Culturstaate~ verglichen, so können wir dagegen die +lockeren Zellenhaufen der vielzelligen Protisten höchstens mit den +rohen Horden der uncultivirten ~Naturvölker~ vergleichen. Die meisten +Protisten bringen es aber, wie gesagt, nicht einmal zur Bildung solcher +~Zellen-Horden~, zu dieser niedersten Stufe der Association; sie ziehen +es vor, als Einsiedler für sich zu leben und ihre volle Selbständigkeit +in jeder Beziehung zu bewahren. Die meisten Protisten bleiben +zeitlebens einfache, isolirte Zellen, sie leben als ~Zellen-Einsiedler~. + + * * * * * + +Wenn man die hohe Bedeutung der Protisten für die monistische +Entwicklungslehre richtig verstehen will, wenn man sich von der +selbständigen Stellung des Protistenreichs zwischen dem Thierreiche +einerseits und dem Pflanzenreiche anderseits überzeugen will, so +muss man vor Allem den autonomen, ~unabhängigen Zellen-Charakter~ +ihres Organismus gehörig würdigen. Bei allen ~einzelligen~ Protisten, +die ihr ganzes Leben als »Zellen-Einsiedler« zubringen, versteht +sich das von selbst. Aber auch bei den vielzelligen Protisten, bei +den »Zellenhorden« finden wir immer die Individualität der locker +verbundenen Zellen gewahrt und vermissen jene Abhängigkeit derselben +von einander und vom Ganzen, welche wir in dem wohlorganisirten +Zellenstaate des Thier- und Pflanzenorganismus antreffen. + +In dieser Auffassung des Protisten-Organismus liegt nach unserer +Ansicht der Schwerpunkt seines Verständnisses. Es wird daher zunächst +erforderlich sein, den ~Begriff~ der organischen ~Zelle~ überhaupt +festzustellen. Dieser Begriff hat seit der Begründung der Zellentheorie +mancherlei Wandlungen erfahren. Gegenwärtig nimmt man fast allgemein +an, dass zum Begriff der Zelle zwei verschiedene Bestandtheile gehören. +Erstens: der eigentliche ~Zellenleib~, ein lebendiges Stückchen von +weichem, eiweissartigen Bildungsstoff oder ~Protoplasma~; und zweitens +ein davon umschlossener ~Zellkern~ oder ~Nucleus~; ein kleinerer, +meist festerer Körper, der ebenfalls aus einer eiweissartigen, aber +vom Protoplasma etwas verschiedenen Materie besteht. Als dritter +Hauptbestandtheil kommt dazu bei vielen Zellen noch eine äussere +Umhüllungshaut oder Schale, die ~Zellhaut~ oder ~Membran~. Die meisten +Pflanzenzellen sind von einer solchen Kapsel oder Membran umschlossen: +~Schlauchzellen~. Hingegen sind die meisten Thierzellen hautlos und +nackt: ~Urzellen~. Die meisten Protisten zeichnen sich durch die +Bildung ganz eigenthümlicher Kapseln oder Schalen aus, welche ihrem +Zellenleibe eine sehr characteristische und mannigfaltige Gestalt geben. + + * * * * * + +[Illustration: Fig. 1. Eine gewöhnliche ~Amoebe~ (~Amoeba vulgaris~) +in zwei aufeinander folgenden Zuständen der Bewegung dargestellt; in A +sind mehrere kurze, in B mehrere längere Fortsätze oder Lappenfüsschen +vorgestreckt. Im ~Protoplasma~ der nackten Zelle liegt der ~Kern~ (n) +und ausserdem einige fremde, als Nahrung aufgenommene Körperchen (i).] + +Wenn wir nun zunächst unter unsern Protisten diejenige Gattung +aufsuchen, welche uns auf der Höhe ihrer Entwickelung die einfachste +Form eines solchen einzelligen Organismus, gewissermassen das ~Ideal +der Zelle~, darstellt, so treten uns vor allen Andern die berühmten +~Amoeben~ entgegen. (Fig. 1). Weit verbreitet in unsern süssen und +salzigen Gewässern, sind dieselben wegen ihrer höchst einfachen Bildung +und ihrer bedeutsamen Beziehungen zu anderen Zellen von ganz besonderer +Wichtigkeit. Die Amoeben sind nackte Zellen ohne Hülle und ohne +bestimmte Form. Ihr weicher Körper, der nur einen einfachen Zellkern +enthält, bewegt sich langsam kriechend im Wasser umher. Dies geschieht +dadurch, dass eine wechselnde Anzahl von veränderlichen, lappenförmigen +oder fingerförmigen Fortsätzen aus beliebigen Stellen der Oberfläche +vorgestreckt und wieder eingezogen werden. So ändern die kriechenden +Amoeben immerfort ihre unbestimmte Gestalt. Kommen sie zufällig mit +kleinen Körperchen in Berührung, die zur Nahrung dienen können, so +drücken sie dieselben mittelst der Bewegungen ihrer Fortsätze an einer +beliebigen Stelle ihrer Körper-Oberfläche in diesen hinein. Auch +kleinste Wassertröpfchen werden so verschluckt. Die einzellige Amoebe +kann also essen und trinken, ohne dass sie Mund und Magen besässe. +Nachdem die Amoebe durch fortdauerndes Wachsthum eine gewisse Grösse +erreicht hat, zerfällt ihr einfacher Zellenleib durch Theilung in zwei +Zellen. Zuerst theilt sich dabei der Kern, darauf das Protoplasma. +Auf dieselbe Weise vermehren sich auch die Zellen, die unsern eigenen +Körper zusammensetzen, und von denen viele beständig verbraucht und +durch neue Zellen ersetzt werden. Die grösste Aehnlichkeit mit den +Amoeben haben die farblosen Blutzellen, die milliardenweise in unserem +Blute kreisen. Auch diese bewegen sich nach Amoeben-Art, indem sie +ihre unbestimmte Form ändern. Auch diese können fremde Körperchen in +ihr Inneres aufnehmen; wir können sie unter dem Mikroskop z. B. mit +Carminkörnchen füttern, mit denen sie sich in kurzer Zeit anfüllen. +(Fig. 2). + +[Illustration: Fig. 2. ~Fressende~, Amoeben ähnliche, farblose +~Blutzellen~ aus dem Blute einer nackten Seeschnecke (~Thetis +leporina~). Die Blutzellen führen in der Blutflüssigkeit lebhafte +Bewegungen, gleich echten Amoeben aus; und gleich Letzteren verzehren +sie feste Farbstoffkörnchen.] + +Von besonderer Wichtigkeit für die Entwickelungsgeschichte ist die +interessante Thatsache, dass auch die ~Eier~ der Thiere in ihrer +frühesten Jugend nackte, formlose Zellen sind, welche Amoeben zum +Verwechseln ähnlich sehen und gleich diesen langsame, unbestimmte +Bewegungen ausführen, wobei sie ihre Form beliebig verändern (Fig. 3). +Bei den Schwämmen oder Spongien unternehmen diese amoebenähnlichen +Eizellen, langsam fortkriechend, oft weite Wanderungen durch den +Körper des Schwammes und sind daher früher als »parasitische Amoeben« +beschrieben worden, welche als fremde Eindringlinge im Schwammkörper +schmarotzend leben sollten (Fig. 4). + +Es giebt auch Amoeben, welche ihren nackten Zellenleib theilweise +mit einer schützenden Schale umgeben, und diese bilden die Gruppe +der ~Arcellinen~ oder Thekolobosen. Bald schwitzen diese gepanzerten +Amoeben eine schleimige Masse aus, welche sofort erhärtet und mit +Sandkörnchen und anderen fremden Körperchen zu einer festen Kruste +zusammenbackt (_Difflugia_, Fig. 5). Bald wird die ganze Masse der +erhärteten Hülle blos von ausgeschwitzter organischer Substanz +gebildet, und diese zeigt oft eine sehr zierliche Structur, indem sie +aus sechseckigen oder viereckigen Täfelchen zusammengesetzt erscheint +(_Arcella_, _Quadrula_, Fig. 6). + +[Illustration: Fig. 3. Jugendliche ~Eizellen~ verschiedener Thiere, +amoebenähnliche nackte] Zellen, welche unter langsamer Formveränderung, +gleich echten Amoeben, Bewegungen ausführen. In dem dunkeln +feinkörnigen Protoplasma liegt ein heller, bläschenförmiger Kern, +und in diesem ein dunkles Kernkörperchen. — A 1–4. Eizelle eines +Kalkschwammes (Leucon) in vier verschiedenen, auf einander folgenden +Bewegungs-Zuständen. — B 1–8. Eizelle eines Schmarotzerkrebses +(Chondracanthus) in acht verschiedenen, auf einander folgenden +Bewegungs-Zuständen. — C 1–5. Eizellen der Katze, in verschiedenen +Bewegungs-Zuständen. — D. Junge Eizelle der Forelle. — E. Junge +Eizelle des Huhnes. — F. Junge Eizelle des Menschen. Alle diese +amoebenähnlichen Eizellen befinden sich noch in der ersten Jugend: +später nehmen sie sehr verschiedene Beschaffenheit an.] + +[Illustration: Fig. 4. Amoebenähnliche ~Eizelle~ eines Kalkschwammes +(Olynthus), weite Strecken im Körper des Letzteren fortkriechend.] + +[Illustration: Fig. 5. ~Difflugia~ (oblonga), eine gepanzerte Amoebe, +welche ihre länglich-eiförmige Schale (a) aus feinsten Sandkörnchen +zusammenklebt. Aus der einfachen Mündung des Gehäuses (oder der +incrustirten Zellmembran) tritt der vordere Theil des weichen +Zellenleibes (b) mit seinen wechselnden Lappenfüsschen vor (c). +Im hinteren Theile ist ein heller kugeliger Kern mit zahlreichen +Kernkörperchen sichtbar (d).] + +[Illustration: Fig. 6. ~Quadrula~ (symmetrica). Eine gepanzerte Amoebe, +deren Schale aus quadratischen Plättchen zierlich zusammengesetzt ist. +Oben liegt ein kugeliger Zellkern (n) im Protoplasma, unten treten +mehrere Lappenfüsschen vor (l).] + +[Illustration: Fig. 7. ~Monocystis~ (agilis), eine schmarotzende +~Gregarine~ aus der Leibeshöhle des Regenwurmes. Der langgestreckte, +wurmförmig sich bewegende Körper ist eine einfache Zelle mit fester +Haut (a), Protoplasma (b) und Kern (c).] + +Alle diese amoebenartigen Wesen, die echten, nackten Amoeben und +die gepanzerten zierlichen Arcellinen, können wir als besondere +Classe unter dem Namen Lappinge oder ~Lappenfüssler~ (_Lobosa_) +zusammenfassen, weil der auszeichnende Character dieser einzelligen +Urthiere die Bildung lappenförmiger Wechselfüsschen ist. An sie +schliessen sich aber ganz eng die sonderbaren Wesen an, welche die +besondere Gruppe der ~Gregarinen~ bilden. Alle Gregarinen leben +als Schmarotzer oder Parasiten im Innern anderer Thiere und sind +gewissen niederen Würmern so ähnlich, dass man sie früher selbst als +Eingeweide-Würmer beschrieben hat; auch stimmen die wurmförmigen +Bewegungen ihres kriechenden Körpers ganz mit denjenigen gewisser +Würmer überein. Trotzdem ist ihr ganzer, ziemlich grosser, oft mehrere +Millimeter langer Körper nichts Anderes, als eine einfache Zelle. Der +trübe, mit feinen Körnchen erfüllte Protoplasma-Leib (b) umschliesst +einen Zellkern (c) und ist von einer festen, homogenen, structurlosen +Hülle umgeben (a). Die flüssige Nahrung schwitzt aus den umgebenden +Säften des bewohnten Thieres durch diese Hülle oder Zellmembran +hindurch und dringt so in die Gregarine ein. Man kann die Gregarinen +als Amoeben betrachten, welche in das Innere von anderen Thieren +eingedrungen sind, sich hier an parasitische Lebensweise gewöhnt und +durch Anpassung mit einer schützenden Hülle umgeben haben. + +Eine ganz andere Bewegungsform, als die langsam kriechenden Amoeben und +Gregarinen, zeigen uns die schwimmenden ~Flagellaten~, die ~Geissler~ +oder Geisselschwärmer. Diese interessanten Protisten haben bis auf den +heutigen Tag unter einem ganz eigenthümlichen Schicksal zu leiden. +Wenn sie nämlich das Glück haben, grün gefärbt zu sein, werden sie von +vielen Naturforschern unbedenklich als echte Pflanzen betrachtet. Wenn +sie dagegen unglücklicherweise eine gelbe oder braune Farbe tragen, so +werden sie für echte Thiere erklärt; gewiss ein schlagendes Beispiel +von der Willkür der üblichen Classification. Zahlreiche Formen dieser +Geissler, die auch oft mit dem vieldeutigen Namen der ~Monaden~ belegt +werden, bevölkern das Süsswasser, wie das Meer, oft in unglaublichen +Massen. Wenn im Frühjahr zuweilen plötzlich unsere Teiche sich mit +einer grünen Schleimdecke überziehen, so beruht das gewöhnlich auf +der Entstehung zahlloser grüner Euglenen. Ebenso ist die seltener +auftretende blutrothe Färbung der Gewässer, die zur Sage vom Blutregen, +sowie zu vielen abergläubischen Vorstellungen und Hexen-Processen +Veranlassung gegeben hat, durch Milliarden rother Euglenen bedingt. +Durch verwandte rothe Protococcus-Formen wird auch der rothe Schnee +gebildet, der die Eisberge sowohl in den Polarmeeren, wie auf unseren +Alpenhöhen bisweilen in weiter Ausdehnung blutroth färbt. + +[Illustration: Fig. 8. ~Phacus~ (longicauda). Ein Geisselschwärmer mit +einer langen schwingenden Geissel am vorderen, einem fadenförmigen +Anhang am hinteren Ende; hinter ersterem ein rother Augenfleck.] + +[Illustration: Fig. 9. ~Peridinium~ (tripus). Ein Wimpergeissler, +dessen dreihörnige Kieselschale aus zwei Hälften zusammengesetzt ist.] + +Diese Protococcen und Euglenen sind Einsiedler-Zellen, während andere +Flagellaten sich zu kleinen Gesellschaften zusammenthun. Sie schwimmen +im Wasser umher mittelst eines feinen fadenförmigen Fortsatzes, der +wie eine Geissel oder Peitsche hin und her geschwungen wird (Fig. 8). +Manche setzen sich auch fest auf dünnen Stielen. Ausser der Geissel, +ihrem Haupt-Bewegungsorgan, besitzen manche Geisselschwärmer noch einen +Kranz von feinen Wimpern mitten um den Zellenleib; diese heissen +~Wimpergeissler~ (_Peridinia_, Fig. 9). Von letzteren bilden sich +viele eine Kieselschale, die aus zwei ungleichen Hälften besteht; +die grössere Hälfte trägt zwei lange Hörner, die kleinere ein Horn; +zwischen beiden Hälften tritt der Wimperkranz und die Geissel hervor. +Durch die Schwingungen der Geissel werden kleine Nahrungskörnchen +dem Zellenleibe der Flagellaten zugeführt und an deren Basis durch +eine Art Zellenmund aufgenommen. Ihre Vermehrung geschieht meistens +durch einfache Theilung. Bei vielen finden wir abwechselnd einen frei +beweglichen und einen Ruhezustand. Während des letzteren kapseln sie +sich ein und zerfallen innerhalb der Hülle in vier oder acht Zellen. +Diese treten später aus der Kapsel aus und schwimmen frei umher. + +[Illustration: Fig. 10. Ein Kugelthierchen (~Volvox globator~). Die +netzförmige Zeichnung an der Oberfläche der Gallertkugel entsteht +dadurch, dass die kleinen grünen, in den Knotenpunkten des Netzes +befindlichen Geisselzellen sich durch feine Fortsätze unter einander +verbinden. Im Innern der Kugel sind 6 Tochterkugeln (junge Colonien) +sichtbar.] + +Nahe Verwandte dieser einzelligen Flagellaten sind auch die grünen +sogenannten ~Kugelthierchen~ oder ~Volvocinen~ (Fig. 10); grüne +Gallertkügelchen, welche die Grösse eines Stecknadelknopfes erreichen. +In jedem Kügelchen sind zahlreiche grüne einzellige Flagellaten zu +einer Gesellschaft vereinigt; und durch die gemeinsamen Schwingungen +ihrer Geisseln wird die ganze Kugel umherbewegt. Im Innern der +Gallertkugeln entstehen neue Tochterkugeln. Ausserdem vermehren sich +die Volvocinen aber auch geschlechtlich, wie durch ~Cohns’~ sorgfältige +Untersuchungen dargethan worden ist; ihre Befruchtung geschieht in +ähnlicher Weise wie bei vielen Algen; sie schliessen sich dadurch schon +enger an das Pflanzenreich an. + +Eine sehr eigenthümliche Protistengruppe, die man auch noch zu den +Flagellaten rechnet, sind die grossen blasenförmigen ~Noctiluken~ +oder ~Meerleuchten~. (Fig. 11). Sie bedecken oft die Meeresoberfläche +in unglaublichen Massen, strahlen im Dunkeln ein helles Licht aus +und spielen eine Hauptrolle bei dem wundervollen Phänomen des +Meerleuchtens. Die gewöhnlichen Noctiluken sind colossale rundliche +Zellen, welche ½-1 Millimeter Durchmesser erreichen und die Gestalt +einer Pfirsiche besitzen (Fig. 11). Der Hohlraum der blasenförmigen +Zelle ist mit wässeriger Flüssigkeit erfüllt, in welcher sich +verästelte Stromfäden (g) des Protoplasma bewegen, ausgehend von der +Wandschicht des letztern, welche innen an der Zellhaut anliegt. Der +Kern ist eiförmig (b). An einer Stelle ist die Zellhaut von einer +Oeffnung, einem ~Zellmund~ (_Cystostoma_), durchbrochen, und hier wird +Nahrung direct in das Innere aufgenommen. Hier befindet sich auch neben +der zarten Geissel ein grosser peitschenförmiger quergestreifter Anhang +(a), sowie ein zahnförmiger Fortsatz (d). Die Fortpflanzung erfolgt +theils durch einfache Theilung, theils durch eine eigenthümliche Form +der Sporenbildung. + +[Illustration: Fig. 11. Eine Meerleuchte (~Noctiluca miliaris~). +1. Die ganze Geisselzelle von oben. 2. Im optischen Durchschnitt: +a Peitschenförmiger Anhang, b Kern, c Furche der Oberfläche, d +zahnförmiger Fortsatz, daneben die zarte Geissel; e, f grössere +Protoplasma-Ansammlung um den Kern herum; g, g verzweigte Stromfäden +des Protoplasma.] + +Neuerdings ist eine Noctiluken-Form entdeckt worden, welche zum +Verwechseln einer kleinen schirmförmigen Meduse ähnlich ist, und gleich +einer solchen sich durch Zusammenklappen des zarten concaven Schirmes +schwimmend bewegt (_Leptodiscus medusoides_). + +Während über die einzellige Natur der Geisselschwärmer und der Amoeben +heutzutage kein Zweifel mehr besteht, so ist diese dagegen bis vor +Kurzem streitig gewesen bei denjenigen Protisten, die man heute +vielfach als ~Infusionsthierchen~ im ~engeren~ Sinne bezeichnet. Dazu +gehören die beiden Klassen der Wimperthierchen oder ~Ciliaten~ (Fig. +12–15) und der Starrthierchen oder ~Acineten~ (Fig. 16, 17). Massenhaft +bevölkern sie alle stehenden und fliessenden Gewässer und sind auch in +allen Infusionen zu finden. + +[Illustration: Fig. 12. Ein Trompetenthierchen (~Stentor~ polymorphus). +Oben ist der grosse, den Mund umgebende Wimperkranz sichtbar, +links darunter der lange, rosenkranzförmige Kern. Rechts neben dem +Stentor sind zwei kleine, bewimperte Zellen sichtbar, die aus dem +Innern desselben ausgeschwärmt sind, entweder Junge oder Parasiten +(Acineten-Schwärmer).] + +[Illustration: Fig. 13. Ein Maiglocken-Thierchen (~Vorticella~ +microstoma). Der einzellige Leib ist auf einem dünnen Stiele befestigt, +der sich korkzieherartig zusammenziehen kann. a Wimperkranz um den +Mund: v contractile Blase: n Zellkern; k, p, zwei Knospen, die sich +ablösen.] + +Besonders die Ciliaten, die ~Wimperlinge~ oder ~Wimperthierchen~, +erscheinen in einer Fülle von niedlichen Formen; und durch die +Anmuth ihrer lebhaften Bewegungen fesseln sie uns stundenlang an +das Mikroskop. Nur einzelne Ciliaten sind schon mit blossem Auge +sichtbar, so z. B. das grosse Trompetenthierchen (_Stentor_, Fig. 12); +die meisten sind erst durch das Mikroskop erkennbar. Zahlreiche kurze +Wimperhärchen sind über den Körper zerstreut und werden willkürlich +schlagend bewegt. Wie die Geisseln der Flagellaten, so sind auch diese +Wimpern der Ciliaten directe Fortsätze vom Protoplasma des einzelligen +Körpers. Die meisten Wimperthierchen bewegen sich frei schwimmend oder +laufend mittelst dieser Wimpern umher. Es giebt aber auch festsitzende +Ciliaten, wozu die niedlichen Vorticellen (Fig. 13) und Freia (Fig. 14) +gehören. + +[Illustration: Fig. 14. Ein Lappenthierchen. (~Freia elegans~). Der +einzellige Körper ist in eine ovale, auf Wasserpflanzen (unten) +befestigte Hülle eingeschlossen, aus deren Oeffnung der Vordertheil der +Zelle mit der Mundöffnung und zwei grossen Wimperlappen vortritt.] + +[Illustration: Fig. 15. Ein Reusenthierchen (~Prorodon teres~). a +Mundöffnung (mit fischreusenähnlichem Schlundtrichter). b Contractile +Blase. c Verschluckte Nahrungsballen. d Zellkern (mit Kernkörperchen).] + +Bei diesen Ciliaten dient der durch die Wimpern erzeugte Strudel dazu, +frisches Wasser und Nahrung der Zelle zuzuführen. + +Das Protoplasma des Ciliaten-Körpers ist in eine festere +~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine weichere Markschicht +(_Endoplasma_), gesondert. In der ersteren befindet sich eine +beständige Oeffnung, eine Art ~Zellenmund~ (_Cytostoma_), durch welchen +sowohl feste Bissen als Wassertropfen verschluckt und in die weichere +Markmasse hineingedrückt werden. Bisweilen ist diese Mundöffnung zu +einem besonderen gefalteten Schlundtrichter erweitert, so z. B. bei +dem Fischreusen-Thierchen (Fig. 15 a). In dem weichen Protoplasma des +Inneren ballt sich die verschluckte Nahrung in Bissen (Fig. 15 c), +welche allmählig verdaut und aufgelöst werden; ~Ehrenberg~ beschrieb +diese Nahrungsballen als besondere Magensäcke und benannte deshalb +die Ciliaten »Vielmagenthierchen« (_Polygastrica_). Unsere magenlosen +Wimperthierchen können also essen und trinken, obwohl sie einfache +Zellen sind. Was aber noch mehr überrascht, das ist die Munterkeit +und die offenbare Willkür ihrer Bewegungen, der zarte und seelenvolle +Character ihrer Empfindungen. Gerade wegen dieser Eigenschaften werden +sie gewöhnlich als echte Thiere betrachtet. Dass sie das nicht sind, +geht aus ihrem feineren Bau und ihrer Entwickelung deutlich hervor. +Zeitlebens umschliesst ihr einfacher Zellenleib nur einen einzigen +Kern. Bald ist dieser ~Nucleus~ rundlich (Fig. 15 d), bald wurstförmig +(Fig. 13 n), bald langgestreckt, stabförmig oder rosenkranzförmig (Fig. +12). Die Ciliaten sind also wirklich ~einzellig~, wie zuerst der um die +Kenntniss der Protisten hochverdiente Zoologe ~Siebold~ dargethan hat. +Die Vermehrung der Ciliaten geschieht durch einfache Theilung; und wie +bei jeder gewöhnlichen Zellentheilung zerfällt zuerst der Kern, und +darauf das Protoplasma in zwei gleiche Hälften. Aber auch Fortpflanzung +durch Knospenbildung ist bei vielen Ciliaten zu finden, so z. B. bei +den Vorticellen (Fig. 13). Ausserdem scheinen sich Viele durch ~Sporen~ +zu vermehren, d. h. durch junge Zellen, welche sich im Inneren der +Mutterzelle bilden und wobei der Kern betheiligt ist (Fig. 12). + +Das Interessanteste an den Wimperthierchen, und diejenige Eigenschaft, +durch welche sie alle anderen Protisten übertreffen, ist der hohe +Grad von ~Empfindlichkeit~ und von ~Willens-Energie~, den sie bei +ihren lebhaften Bewegungen kundgeben. Wer lange und eingehend Ciliaten +beobachtet hat, kann nicht zweifeln, dass sie eine ~Seele~ so gut +wie die höheren Thiere besitzen. Denn die ~Seelenthätigkeiten~ der +Empfindung und der willkürlichen Bewegung üben sie eben so aus, wie +die höheren Thiere; und an diesen Thätigkeiten allein ist ja die +~Seele~ zu erkennen. Da nun der ganze Leib der Ciliaten bloss eine +einfache Zelle ist, so gewinnen sie die höchste Bedeutung für die +Theorie von der ~Zellseele~, für die Annahme, dass jede organische +Zelle ihre eigene individuelle »Seele« besitzt — oder vielmehr, +richtiger ausgedrückt: dass ~Seelenleben eine Thätigkeit aller Zellen +ist~. + +[Illustration: Fig. 16. Eine ~Acineta~, auf einem kurzen Stiele (unten) +befestigt. p Saugröhren der Zelle. v Contractile Blasen im Protoplasma. +e eine Spore. n Zellkern.] + +An die formenreiche Klasse der Wimperthierchen schliesst sich die +kleine Gruppe der naheverwandten Starrthierchen oder ~Acineten~ an +(Fig. 16, 17). Im Gegensatze zu ersteren zeigen diese letzteren nur +sehr wenig Beweglichkeit; sie sitzen meistens zeitlebens auf einem +Stiele fest. Statt der Wimperhärchen treten aus ihrem starren, +von einer Hülle umschlossenen Zellenkörper zahlreiche feine, oft +büschelförmig gruppirte Fortsätze hervor (Fig. 16 p). Dies sind sehr +feine Saugröhrchen, die am Ende mit einem Saugknöpfchen versehen +sind. Wenn ein schwimmendes Wimperthierchen unvorsichtig in die Nähe +einer solchen Acinete geräth, wird sie von den steif ausgestreckten +Saugröhren der letzteren festgehalten und ausgesaugt (Fig. 17). Das +Protoplasma des gefangenen Ciliaten (a) wandert langsam durch die +Saugröhren (f’’) in das Innere der Acinete hinein. Dass auch sie nur +eine einfache Zelle ist, beweist ihr Zellkern (n); im Protoplasma sind, +wie bei den Ciliaten, oft eine oder mehrere »contractile Blasen« oder +Vacuolen sichtbar, wassererfüllte kugelige Hohlräume, die sich langsam +zusammenziehen und wieder ausdehnen (Fig. 16v, Fig. 17x). + +[Illustration: Fig. 17. Eine ~Acineta~, welche mit ihren Saugröhren (f) +ein Wimperthierchen (Euchelys a) ergriffen hat und dasselbe aussaugt. +x, v Contractile Blasen. n Zellkern.] + +Die anhaltende Beobachtung der Acineten gewährt ebenso wie diejenige +der Ciliaten das höchste Interesse. An diesen Infusionsthierchen zeigt +uns die organische Zelle deutlich, wie weit sie es in ihrem idealen +Streben nach thierischer Vollkommenheit für sich allein bringen kann. +Wir können sagen: Die Wimperthierchen sind der gelungenste Versuch der +einzelnen ~Zelle~, sich zu einem wirklichen ~Thiere~ zu entwickeln. +Aber zu einem echten Thiere gehören ja mindestens zwei Keimblätter, +deren jedes aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt ist. Also können wir +doch die Ciliaten und Acineten nicht als wirkliche Thiere gelten lassen. + +Unter allen Protistenklassen die formenreichste und in geologischer +Beziehung die wichtigste ist die wunderbare Klasse der ~Wurzelfüssler~ +oder ~Rhizopoden~. Ausser mehreren kleineren Gruppen gehören dahin +die kalkschaligen Thalamophoren und die kieselschaligen Radiolarien. +Beide Abtheilungen sind in zahllosen, höchst phantastisch geformten +Arten in allen Meeren verbreitet. Die Thalamophoren leben zum grössten +Theile kriechend auf dem Grunde des Meeres, besonders auf Seetang; +die Radiolarien hingegen schwimmen in dichtgedrängten Schaaren an der +glatten Oberfläche des Meeres oder schweben in verschiedenen Tiefen +desselben. Die bekanntesten und geologisch wichtigsten Rhizopoden sind +die ~Thalamophoren~, ~Kammerlinge~ oder Kammerthierchen; ausgezeichnet +durch eine feste, meistens kalkige Schale, in welche sich diese +Urthierchen, wie die Schnecke in ihr Haus, zurückziehen können. Bald +enthält diese Kalkschale nur eine einzige Kammer (~Einkammerige~, +_Monothalamia_, _Monostegia_); bald mehrere, durch Thüren mit einander +verbundene Kammern (~Vielkammerige~, _Polythalamia_, _Polystegia_). +Solche zierlich geformte, oft einem Schneckenhaus ähnliche Kalkschalen +haben sich seit vielen Millionen Jahren in ungeheuren Massen auf +dem Meeresboden angehäuft und an der Gebirgsbildung unserer Erde +den wichtigsten Antheil genommen. Schon die ältesten, aus dem Meere +abgesetzten Flötzgesteine, die laurentischen, cambrischen und +silurischen Schichten, enthalten dergleichen Polythalamien-Schalen +und sind wahrscheinlich zum grossen Theile aus ihnen gebildet. Das +älteste von Allen ist das berühmte _Eozoon canadense_ aus den unteren +laurentischen Schichten, dessen Polythalamien-Natur mit Unrecht in +Zweifel gezogen wurde. Die mächtigste Entwickelung erreichen diese +Rhizopoden jedoch erst viel später, während der Kreide-Periode und +der älteren Tertiär-Periode. Jedes kleinste Körnchen unserer weissen +Schreibkreide lässt uns unter dem Mikroskope zahlreiche solcher +zierlichen Kalkschalen erkennen. Der Grobkalk von Paris, aus dem viele +Paläste dieser Weltstadt erbaut sind, besteht ebenfalls zum grössten +Theile aus solchen Kammerschalen. Ein Kubikcentimeter des Kalkes aus +den Steinbrüchen von Gentilly enthält ungefähr 20,000, ein Kubikmeter +demnach gegen 20 Millionen Schalen. Die grössten Polythalamien aber +lebten während der ältesten Tertiärzeit, während der Eocaen-Periode. +Unter ihnen sind die Riesen des Protisten-Reiches, die gigantischen +~Nummuliten~ (Fig. 18), deren scheibenförmige Kalkschalen die +Grösse eines Zweithalerstückes erreichen. Der von ihnen erzeugte +Nummuliten-Kalk, aus dem unter Anderen die egyptischen Pyramiden gebaut +sind, bildet die ungeheuren Gebirgsmassen des Nummulitensystems. +Dies ist eins der gewaltigsten Gebirgssysteme unserer Erde, das von +Spanien und Marokko bis nach Indien und China hinüberreicht, und an der +Bildung der Pyrenäen und Alpen, des Libanon und Kaukasus, des Altai und +Himalaya den bedeutendsten Antheil nimmt. + +[Illustration: Fig. 18. ~Nummulites~ (reticulatus). a, b, c in +natürlicher Grösse; d, e, f schwach vergrössert. Die linsenförmige +Scheibe ist in a vom Rande aus gesehen, in b und e von der Fläche, c +und d im Längsschnitt (Dickenschnitt).] + +In welchen ungeheuren Massen die Polythalamien auch gegenwärtig +noch unsere Meere bevölkern, geht daraus hervor, dass z. B. der +Sand der Mittelmeerküsten an vielen Stellen zur grösseren Hälfte +aus den Schalen lebender Polythalamien-Arten besteht. Schon einer +ihrer ersten Beobachter, ~Bianchi~, zählte im Jahre 1739 in einem +einzigen Esslöffel Seesand von Rimini 6000 Individuen; und derjenige +Naturforscher, dem wir die genauesten Untersuchungen über ihre +Naturgeschichte verdanken, der berühmte Anatom ~Max Schultze~, +berechnete ihre Menge in einem Esslöffel Seesand von Gaeta auf mehr als +Hunderttausend. + +Der weiche lebendige Körper der Kammerthierchen, welcher diese +wunderbaren Schalen- und Panzer-Bildungen erzeugt, ist stets von +höchst einfacher Bildung: ein Stück formloses Protoplasma, das +zahlreiche Zellenkerne einschliesst. Von der Oberfläche des weichen +Protoplasma-Leibes strahlen hunderte, oft tausende von äusserst feinen +Fäden aus. Diese Schleimfädchen, die den Namen ~Scheinfüsschen~ oder +~Pseudopodien~ führen, sind sehr empfindlich und beweglich. Sie können +sich verästeln, mit einander verschmelzen, Netze bilden und wieder in +die gemeinsame Centralmasse des Körpers zurückgezogen werden. Durch +die Zusammenziehungen dieser Fäden bewirken die Wurzelfüssler ihre +kriechende oder schwimmende Ortsbewegung. Wenn ein anderer Protist, +z. B. ein Wimperthierchen oder eine Bacillarie, in den Bereich dieser +Fäden gelangt, so wird es von ihnen erfasst, umschlungen und in das +Innere des Protoplasmakörpers hineingezogen, wo es einer höchst +einfachen Verdauung unterliegt. Wie bei den Amoeben kann jede Stelle +der Körperoberfläche dergestalt die Aufgabe eines Mundes und Magens +übernehmen. Auch die Vermehrung der Wurzelfüssler ist höchst einfach. +Der weiche Protoplasma-Leib des Kammerthierchens zerfällt in zahlreiche +kleine Stückchen. Jedes Stückchen erhält einen Zellkern, bildet also +eine echte Zelle, und diese nackte Zelle schwitzt alsbald wieder eine +Kalkschale aus. + +Die vielgestaltige Schale des Acyttarien-Körpers besteht meistens +aus kohlensaurem Kalk, seltener aus einer erhärteten organischen +Substanz, die mit Sandkörnchen u. dergl. verkittet ist. Bald +besitzt die Schale nur eine grössere Mündung, ist aber übrigens +undurchlöchert (_Imperforata_); bald ist die Schale überall von sehr +zahlreichen kleinen Löchern durchbrochen (_Foraminifera_). Mit Bezug +auf die Schalenform unterscheidet man bei den zwei Hauptgruppen: +Einkammerige und Vielkammerige. Die ~Einkammerigen~ (_Monothalamia_) +sind verhältnissmässig wenig formenreich. Einer ihrer bekanntesten, +häufigsten und grössten Vertreter ist die ~Gromia~ (Fig. 19). Sie +besitzt eine eiförmige Schale, mit dunkelbraunem Protoplasma erfüllt, +und erreicht die Grösse eines Stecknadelknopfes. Die Netze der +Scheinfüsschen, welche davon ausstrahlen, kann man schon mit blossem +Auge deutlich erkennen. + +[Illustration: Fig. 19. ~Gromia~ (oviformis). Die Hauptmasse des +eiförmigen einzelligen Körpers ist von einer biegsamen Schale +eingeschlossen. Durch die Oeffnung derselben tritt (unten) fliessendes +Protoplasma heraus, welches die ganze Schale umhüllt und von dem nach +allen Richtungen bewegliche Fäden ausstrahlen.] + +Die ~Vielkammerigen~ (_Polythalamia_) bilden die Hauptmasse der +Acyttarien. Die einzelnen Kammern, welche ihre Schale zusammensetzen, +sind durch unvollständige Scheidewände getrennt, oft sehr zahlreich. +Meistens sind dieselben mehr oder weniger in Spiralen geordnet. So +entstehen Gehäuse, welche die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen +gewisser Mollusken, namentlich Cephalopoden, besitzen (Fig. 20). Daher +wurden diese Rhizopoden von ihren ersten Entdeckern wirklich für +echte, mikroskopische Cephalopoden gehalten und auch später noch ihre +Organisation als solche beschrieben. + +Erst vor 40 Jahren lernte man, zuerst durch ~Dujardin~, ihre wahre +Natur kennen, und überzeugte sich, dass ganz ähnlich geformte Schalen +das eine Mal von einem höchst vollkommen organisirten Weichthiere +(_Nautilus_), das andere Mal von einem höchst einfach gebauten +Wurzelfüssler (_Polystomella_) gebildet werden. + +[Illustration: Fig. 20. ~Polystomella~ (venusta), ein Polythalam, +dessen Kammern in einer Spirale aufgerollt sind, ganz ähnlich wie bei +Nautilus. Aus den feinen Löchern der Schale treten überall bewegliche +fadenförmige Scheinfüsschen hervor.] + +[Illustration: Fig. 21. ~Alveolina~ (Quoyi). Mehrere Reihen von Kammern +laufen in einer Spirale neben einander hin. Die durchschnittenen Wände +der Kammern sind weiss gezeichnet; die Verbindungsöffnungen mit den +darüber liegenden schwarz.] + +Bei manchen Polythalamien laufen mehrere Spiralen neben einander +im Gehäuse hin, indem innerhalb der Kammern sich wieder parallele +Scheidewände bilden (Fig. 21). Bei den grossen Orbituliten und +Nummuliten liegen solche Kammerreihen sogar in mehreren Stockwerken +übereinander. Die Kammerreihen sind hier bald in zusammenhängenden +Spirallinien, wie bei den Nummuliten (Fig. 18) geordnet, bald in +concentrischen Ringen, wie bei dem gigantischen _Cycloclypeus_ (Fig. +22). + +Die Gehäuse dieser letzteren sind runde Scheiben, welche sich am besten +mit einem Palaste vergleichen lassen, dessen Umfassungsmauern nach dem +Plane eines römischen Amphitheaters gebaut sind. + +[Illustration: Fig. 22. ~Cycloclypeus~, ein colossales Polythalam von 3 +Centimeter Durchmesser, in grossen Tiefen des Sunda-Meeres lebend. Man +sieht die eine Hälfte der in der Mitte durchschnittenen Schale, von der +links noch ein Stück der oberen Schicht abgeschnitten ist, um in die +Kammern hineinzublicken.] + +[Illustration: Fig. 23. ~Parkeria~, ein colossales Polythalam von +3 Centimeter Durchmesser. Man sieht blos ein Stück der eiförmigen +Schale, so durchschnitten, dass man nach allen Richtungen hin die +Zusammensetzung des Gehäuses aus zahllosen kleinen Kammern erkennen +kann.] + +Mehrere Stockwerke liegen übereinander, in jedem eine centrale +Hauptkammer, umgeben von vielen ringförmigen Corridoren, und jeder +Corridor durch viele Scheidewände in Kammern getheilt: alle diese +zahlreichen Stockwerke, Corridore und Kammern stehen durch Thüren mit +einander in Verbindung und kleine Fenster in der äusseren Schalenfläche +vermitteln die Verbindung mit der Aussenwelt, indem sie die feinen +Schwimmfüsschen durchtreten lassen. + +Zu den grössten und am meisten zusammengesetzten Polythalamien +gehören die Parkerien, deren Gehäuse grösstentheils aus Sandkörnchen +zusammengesetzt sind (Fig. 23). + +Während die grosse Mehrzahl der Thalamophoren auf dem Meeresboden +kriechend lebt, giebt es auch einige Arten, die an der Oberfläche des +Meeres schwimmen, und zwar oft in grossen Massen, mit Radiolarien +gemischt. Dahin gehören auch die merkwürdigen Pulvinulinen, +Globigerinen und Hastigerinen, letztere durch ihre sehr langen +borstenförmigen Kalkstacheln ausgezeichnet (Fig. 24). + +Wenn schon bei diesen merkwürdigen Polythalamien die formbildende Kunst +des formlosen Protoplasma unsere höchste Bewunderung erregt, so wird +dieselbe noch gesteigert, wenn wir die nahe verwandten ~Radiolarien~, +die »Gitterthiere« oder Strahlinge betrachten. Bei diesen höchst +interessanten Wurzelfüsslern treffen wir die grösste Mannigfaltigkeit +von zierlichen und sonderbaren Formen an, die überhaupt in der +organischen Welt zu finden ist. Ja, alle möglichen Grundformen, welche +man nur in einem promorphologischen Systeme aufstellen kann, finden +sich hier wirklich verkörpert vor. Das Material aber, aus welchem das +formlose Protoplasma hier die unendlich mannigfaltigen Skelettheile +bildet, ist nicht Kalkerde, wie bei den Polythalamien, sondern +Kieselerde. + +Der weiche lebendige Leib der Radiolarien ist übrigens etwas höher +organisirt, als derjenige der Polythalamien. Denn im Innern des +formlosen weichen Protoplasma-Körpers findet sich hier eine besondere +Kapsel, welche von einer festen Membran umschlossen ist, die +~Centralkapsel~ (Fig. 25). + +In dieser bilden sich Massen von kleinen Zellen, welche eine bewegliche +Geissel erhalten, später die Kapsel durchbrechen und ausschwärmen. + +[Illustration: Fig. 24. ~Hastigerina Murrayi.~ Ein Polythalam, dessen +Kalkschalen überall mit haarfeinen, sehr langen Kalkstacheln bewaffnet +ist.] + +Da der ganze Inhalt der Centralkapsel zur Bildung dieser Keime, +welche gleich Flagellaten umherschwimmen und sich dann zu Radiolarien +entwickeln, verwendet wird, so kann man die Centralkapsel auch als +Sporenbehälter (~Sporangium~) der Radiolarien betrachten. + +[Illustration: Fig. 25. ~Heliosphaera~ (inermis). Ein Radiolar, dessen +kugelige Gitterschale aus sechseckigen Maschen zusammengesetzt ist. +Im Innern schwebt eine kugelige Centralkapsel, welche einen dunkeln +Kern einschliesst, umgeben von kleinen gelben Zellen. Zahlreiche +fadenförmige Scheinfüsschen strahlen allenthalben aus, halten sich an +der Gitterschale fest und treten durch deren Löcher aus.] + +Sie ist umschlossen von einer Schicht Protoplasma, von welchem nach +allen Richtungen zahllose, äusserst feine Scheinfüsschen ausstrahlen. +Diese verhalten sich im Uebrigen ebenso wie bei den Polythalamien. + +Gewöhnlich finden sich im Protoplasma der Radiolarien ausserhalb der +Centralkapsel noch zahlreiche gelbe Zellen von unbekannter Bedeutung; +sie enthalten Stärkemehl. + +Ausserdem bilden sich bei einigen Radiolarien rings um die +Centralkapsel grosse helle Wasser-Blasen aus (Vacuolen), welche von +einer sehr dünnen Gallerte umschlossen sind, so namentlich bei den +erbsengrossen Thalassicollen (Fig. 26). + +[Illustration: Fig. 26. ~Thalassicolla~ (pelagica). Ein grosses nacktes +Radiolar (ohne Schale). Die innere kugelige Centralkapsel ist von +einem Mantel grosser Wasserblasen umgeben. An der Oberfläche strahlen +tausende von feinen Schleimfäden aus.] + +Es giebt auch zusammengesetzte Radiolarien (Polycyttarien). Diese +bilden grössere Gallertklumpen von cylindrischer oder kugeliger Form, +von 1 bis 3 Centimeter Durchmesser. Die Gallerte besteht grösstentheils +aus solchen Wasserblasen, und in der Oberfläche sind ältere, im Innern +dagegen jüngere Centralkapseln vertheilt (Fig. 27; s. folg. S.). Jede +der letzteren ist oft von einer gegitterten Kieselschale umschlossen +(Fig. 28). + +[Illustration: Fig. 28. Eine einzelne Kieselschale (stachelige +Gitterkugel) von ~Collosphaera~ (spinosa).] + +Bei sehr vielen Radiolarien ist die Kieselschale eine Gitterkugel (Fig. +25, 28, 29, 31); oft gehen lange, regelmässig vertheilte Stacheln +davon ab (Fig. 29). Bei den Ommatiden (Fig. 30, 31) finden wir mehrere +solcher Gitterkugeln concentrisch in einander geschachtelt und durch +radiale Stäbe verbunden, ganz ähnlich dem bekannten zierlichen +Spielzeug, das die Chinesen aus Elfenbein anfertigen. + +[Illustration: Fig. 27. ~Collosphaera~ (Huxleyi). Ein zusammengesetztes +Radiolar mit vielen Centralkapseln; die inneren kleineren ohne, die +äusseren grösseren mit Kieselschale. Zwischen den ausstrahlenden +Fäden sind zahlreiche kleine gelbe Zellen zerstreut. Im Centrum +der Colonie ist eine grosse Wasserblase sichtbar umgeben von einem +Protoplasma-Netz.] + +Es giebt solche Gitterkugeln, die aus zwanzig im Centrum in einander +gestemmten Stacheln zusammengesetzt sind; verästelte Querfortsätze +der Stacheln, die in gleichem Abstande vom Centrum abgehen, setzen +die Gitterschale zusammen (_Dorataspis_, Fig. 32). Den letzteren nahe +verwandt sind die merkwürdigen ~Acanthometren~ (Fig. 33), ebenfalls +mit 20 Stacheln, die nach einem bestimmten mathematischen Gesetze +regelmässig vertheilt sind. + +[Illustration: Fig. 29. ~Heliosphaera~ (actinota). Von der Gitterkugel +strahlen zwischen den Pseudopodien zahlreiche Kieselstacheln aus; im +Innern der Schale die Centralkapsel.] + +[Illustration: Fig. 30. ~Actinomma~ (asteracanthion). Die Kieselschale +besteht aus drei concentrischen Gitterkugeln, welche durch sechs +radiale Stäbe mit einander verbunden sind. Die äusseren Enden der +letzteren bilden starke dreikantige Stacheln, und dazwischen stehen auf +der Oberfläche zahlreiche, sehr feine borstenförmige Kieselstacheln.] + +[Illustration: Fig. 31. ~Haliomma~ (Wyvillei). Die Kieselschale +besteht aus zwei concentrischen Gitterkugeln, die durch zahlreiche +radiale Stacheln verbunden sind. Zwischen beiden Schalen findet sich +die Membran der Centralkapsel, so dass die eine innerhalb, die andere +ausserhalb der letzteren liegt.] + +[Illustration: Fig. 32. ~Dorataspis~ (bipennis). Die Kieselschale +wird durch die gabelförmigen Querfortsätze von zwanzig, regelmässig +vertheilten Stacheln zusammengesetzt.] + +[Illustration: Fig. 33. ~Xiphacantha~ (Murrayana). Eine Acanthometra, +deren 20 Stacheln kreuzförmige Querfortsätze tragen. Die Stacheln +bilden 5 parallele Zonen von je 4 Stacheln, die gleichweit von einander +abstehen.] + +Bei noch andern Radiolarien ist die centrale Gitterkugel von einem +lockern Kiesel-Schwammwerke umhüllt und mächtige dreikantige Stacheln +mit spiralig gedrehten Kanten ragen daraus hervor (_Spongosphaera_, +Fig. 34). + +Eine andere, äusserst formenreiche Gruppe von Radiolarien, die +~Cyrtiden~ oder Helm-Radiolarien, bilden Kieselschalen von der +Form eines Helmes (Fig. 35), einer Haube oder eines Körbchens, mit +siebförmig durchlöcherter Wand (_Podocyrtis_, Fig. 36). Noch Andere +gleichen einem Ordensstern (_Astromma_, Fig. 37), einer Sanduhr +(_Diploconus_, Fig. 38), einem dreiseitigen Prisma (_Prismatium_, Fig. +39) u. s. w. + +In der grossen Abtheilung der ~Acanthometren~ wird das Skelet stets aus +zwanzig Kieselstacheln gebildet, welche im Centrum in einander gestemmt +und nach einem sehr merkwürdigen mathematischen Gesetze vertheilt +sind; dies entdeckte zuerst der grosse ~Johannes Müller~, dem wir +überhaupt die ersten genaueren Kenntnisse der Radiolarien verdanken. + +Welche Bedeutung diese höchst mannigfaltigen, zierlichen und seltsamen +Formen besitzen; wie das formlose Protoplasma der Radiolarien dazu +kommt, sie zu bilden, — davon haben wir heute noch keine Ahnung. + +[Illustration: Fig. 34. ~Spongosphaera~ (streptacantha). Neun +dreikantige Stacheln ragen aus der kugeligen Centralkapsel hervor, +welche von kieseligem Schwammgeflecht umhüllt ist und eine centrale +Gitterschale einschliesst.] + +Neben den Thalamophoren und Radiolarien wird noch eine grosse Anzahl +von andern Protisten zur Klasse der Wurzelfüssler gerechnet. Viele +davon leben auch im süssen Wasser. Eines der häufigsten ist das +niedliche sogenannte »~Sonnenthierchen~«, welches vor nun hundert +Jahren (1776) vom Pastor ~Eichhorn~ in Danzig entdeckt und als +»lebendiger Stern« beschrieben wurde (_Actinosphaerium Eichhornii_, +Fig. 40). + +[Illustration: Fig. 35. ~Dictyophimus~ (Challengeri). Helmförmige +Gitterschale mit drei Füsschen und Gipfelstachel.] + +[Illustration: Fig. 36. ~Podocyrtis~ (Schomburgki). Die helmförmige +Gitterschale steht auf drei Füsschen und trägt auf dem Gipfel einen +Stachel; das Gitterwerk der drei Abtheilungen ist sehr verschieden.] + +[Illustration: Fig. 37. ~Astromma~ (Aristotelis). Die schwammige +Kieselschale hat die Form eines Ordenskreuzes.] + +[Illustration: Fig. 38. ~Diploconus~ (fasces). Die Kieselschale gleicht +einer Sanduhr, in deren Axe ein starker, an beiden Enden zugespitzter +Stab steht.] + +[Illustration: Fig. 39. ~Acanthodesmia~ (prismatium). Neun Kieselstäbe +sind so verbunden, dass sie die Kanten eines dreiseitigen Prisma +bilden. Im Centrum schwebt eine kugelige Centralkapsel, von gelben +Zellen umgeben.] + +[Illustration: Fig. 40. Das vielzellige grosse Sonnenthierchen +(~Actinosphaerium~ Eichhornii). Die innere dunkle Markmasse (c) +enthält, viele Zellkerne und einige Nahrungsbissen (d). Von der hellen, +schaumigen Rindenschicht (b), welche eben einen neuen Nahrungsbissen +(a) aufnimmt, strahlen zahlreiche Scheinfüsschen (e) aus.] + +[Illustration: Fig. 41. Das einzellige kleine Sonnenthierchen +(~Actinophrys~ sol). Im Innern der strahlenden Protoplasma-Kugel liegt +nur ein Zellkern (n). Eine contractile Blase tritt an der Oberfläche +des Protoplasma vor (v).] + +Es ist ein weiches, mit blossem Auge deutlich sichtbares, weiches +Schleimkügelchen, von der Grösse eines kleinen Stecknadelknopfes, oft +in Menge auf dem schlammigen Boden unserer Teiche und Gräben zu finden. +In der Mitte des schleimigen und blasigen Protoplasma-Kügelchens +liegen mehrere Zellkerne. Von der Oberfläche strahlen zahlreiche +empfindliche und bewegliche Fäden oder Pseudopodien aus. Durch diese +wird, wie bei den übrigen Wurzelfüsslern, die Nahrung aufgenommen. +Die Vermehrung ist erst kürzlich entdeckt worden. Das Sonnenthierchen +zieht dabei seine Fäden ein, umgiebt seinen kugeligen Körper mit einer +Gallerthülle und zerfällt in viele einzelne Kugeln. Jede von diesen +enthält einen Kern und schwitzt eine Kieselhülle aus, und jede dieser +kieselschaligen Zellen wird später zu einem neuen Sonnenthierchen. Man +kann dieselben aber auch künstlich vermehren. Man kann sie in mehrere +Stücke zerschneiden und aus jedem Stückchen wird alsbald wieder ein +selbständiges Wesen. Dasselbe gilt auch von vielen andern Protisten. + +Während das grosse Sonnenthierchen oder Strahlenkügelchen +(_Actinosphaerium_) einen nackten Rhizopoden darstellt, der viele +Zellkerne enthält, also aus vielen vereinigten Zellen zusammengesetzt +ist, zeigt uns dagegen ein anderer, sehr häufiger Süsswasserbewohner, +das ~kleine Sonnenthierchen~ (_Actinophris sol_) den Organismus der +Wurzelfüssler in seiner allereinfachsten Gestalt (Fig. 41), nämlich als +eine nackte einfache Zelle mit einem einzigen Kern; von der Oberfläche +desselben strahlen viele feine Fäden aus, und indem das Protoplasma +an gewissen Stellen Wasser aufnimmt und wieder abgiebt, bildet es +»contractile Blasen oder Vacuolen.« + +Eine der merkwürdigsten Protistenklassen, die ebenfalls oft zu den +Wurzelfüsslern gerechnet wird, sind die so genannten ~Schleimpilze~ +oder ~Myxomyceten~, von Anderen auch ~Pilzthiere~ oder ~Mycetozoen~ +genannt. Schon dieser doppelte Name bezeichnet ihre zweifelhafte +Protisten-Natur. Sie leben in zahlreichen verschiedenen Arten an +feuchten Orten, im abgefallenen Laube der Wälder, zwischen Moos, auf +faulendem Holze und dergl. Früher galten sie allgemein für Pflanzen, +und zwar für Pilze, weil ihr reifer Fruchtkörper täuschend dem +blasenförmigen Fruchtkörper der Gastromyceten oder Blasenpilze ähnlich +ist (Fig. 43B). Dieser Fruchtkörper bildet kugelige oder länglich +runde, oft auf einem Stiel festsitzende Blasen, meist von der Grösse +eines Stecknadelknopfes oder eines Hanfkorns, bisweilen aber auch von +mehreren Zoll Durchmesser. Die derbe äussere Hülle der Fruchtblasen +umschliesst ein feines Mehl, das aus Tausenden von mikroskopischen +Zellen besteht. Dies sind die Fortpflanzungszellen oder ~Sporen~. + +[Illustration: Fig. 42. ~Keimung einer Myxomycete~ (~Physarum album~). +1. Eine Keimzelle oder Spore. 2. Aus der dunkeln Hülle der Spore tritt +die nackte Zelle hervor (3). Diese verwandelt sich in eine Geisselzelle +(4, 5) und darauf in eine Amoebe (6, 7). Mehrere Amoeben fliessen +zusammen (8, 9, 10, 11) und bilden so ein Plasmodium (12).] + +Während aber bei den Blasenpilzen, wie bei allen anderen echten Pilzen, +sich aus diesen Sporen die characteristischen Pilzfäden oder Hyphen, +lange dünne Fadenschläuche entwickeln, entstehen daraus bei den +Myxomyceten ganz andere Keime. Aus der festen Zellmembran einer jeden +Spore schlüpft nämlich, sobald diese ins Wasser gelangt, eine nackte, +lebhaft bewegliche Zelle aus. (Fig. 42, 1–3). Anfangs schwimmt diese +Zelle mittelst eines langen Geisselfadens, den sie peitschenförmig nach +Art der Geisselschwärmer hin und her schwingt, frei im Wasser umher +(Fig. 42, 4, 5). Später sinkt sie zu Boden und nimmt die Form einer +Amoebe an (Fig. 42, 6, 7). Ganz gleich einer echten Amoebe kriecht +sie umher, indem sie veränderliche Fortsätze ausstreckt und wieder +einzieht. Auch nimmt sie nach Art der Amoeben ihre Nahrung auf. + +Viele solcher amoeboiden Zellen können nun späterhin zusammenfliessen +und mit einander verwachsen (Fig. 42, 8–11). Dadurch entstehen grosse +Protoplasma-Netze mit vielen Kernen (~Syncytien~, Fig. 42, 12). Indem +ihre Kerne sich auflösen, werden sie zu kernlosen ~Plasmodien~ (Fig. +43A). Solche grosse Plasmodien, oft ganz colossale Protoplasma-Netze, +kriechen gleich einem riesigen Rhizopoden langsam umher und ändern +beständig ihre unbestimmte Gestalt. + +[Illustration: Fig. 43. ~Myxomyceten.~ A. Ein grösseres Plasmodium (von +~Didymium leucopus~). B. Eine reife Frucht (von ~Arcyria incarnata~). +C. Dieselbe, nachdem die Wand (p) geplatzt und das Haarfaden-Geflecht +(Capillitium, cp) hervorgetreten ist.] + +Zu den grössten Plasmodien gehören die glänzend gelben (oft mehrere +Fuss grossen) Protoplasma-Geflechte von _Aethalium_, welche die +Lohbeete der Gerbereien durchziehen und unter dem Namen »~Lohblüthe~« +allen Gerbern bekannt sind. Haben die Plasmodien durch Wachsthum und +Nahrungsaufnahme eine gewisse Grösse erreicht, so ziehen sie sich auf +einen kugeligen, birnförmigen oder kuchenförmigen Haufen zusammen, +umgeben sich mit einer Hülle und das ganze Protoplasma zerfällt +in zahllose kleine Sporen, zwischen welchen sich meistens (jedoch +nicht immer) ein Geflecht von äusserst feinen Haarfäden ausbreitet +(_Capillitium_, Fig. 43cp). Wenn diese Fruchtkörper (Fig. 43B) ganz +reif sind, platzt die äussere Hülle (Fig. 43C); das Capillitium wird +vorgetrieben und das feine Sporen-Pulver zerstreut. + +Obgleich nun diese blasenförmigen Fruchtkörper mit ihrem Sporenpulver +und Capillitium die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen von gewissen +echten Pilzen besitzen, haben sie doch mit diesen letzteren keine Spur +von Verwandtschaft, wie ihre gänzlich verschiedene Entwickelung zeigt. +Will man überhaupt die Myxomyceten in nähere Beziehung zu irgend einer +anderen Organismen-Gruppe bringen, so bleiben nur die ~Rhizopoden~ +übrig. In der That gleichen die kriechenden netzförmigen Plasmodien der +Myxomyceten so sehr gewissen nackten Wurzelfüsslern (_Lieberkühnia_), +dass man sie gar nicht unterscheiden kann. Es giebt kein passenderes +Object, um sich die merkwürdigen Strömungen in dem kriechenden nackten +Protoplasma unmittelbar vor Augen zu führen, als die Plasmodien der +gemeinen Lohblüthe, die im Frühjahr auf den Lohbeeten der Gerbereien +sehr leicht zu haben ist und die Lohe in Form von gelben, rahmähnlichen +Schleimnetzen durchzieht. Bringt man ein wenig von diesem gelben +Protoplasma in einer feuchten Kammer auf ein Glasplättchen, so ist +letzteres schon nach 10–20 Stunden von einem feinen Faden-Netz +übersponnen, in dessen Fäden man unter dem Mikroskope die lebhafte +Protoplasma-Strömung prächtig verfolgen kann. + +Im Anschluss an die Myxomyceten müssen wir hier auch auf die echten +~Pilze~ (_Fungi_) einen Blick werfen, mit welchen man die ersteren +früher irrthümlich vereinigt hat. Die echten Pilze, welche in so +zahlreichen, ansehnlichen und mannigfaltigen Formen in unsern Wäldern +und Feldern, auf Pflanzen- und Thierkörpern schmarotzend leben, werden +oft auch als ~Schwämme~ bezeichnet. Sie haben aber mit den echten +Schwämmen oder Spongien gar nichts zu thun; denn diese letzteren, wozu +der gewöhnliche Badeschwamm gehört, und welche sämmtlich — mit einziger +Ausnahme des Süsswasser-Schwammes, _Spongilla_, — im Meere leben, sind +echte ~Thiere~ und besitzen ein Darmrohr mit Mundöffnung u. s. w. Die +Pilze dagegen bilden eine gänzlich verschiedene und sehr eigenthümliche +Classe von niederen Organismen. Zwar gelten sie heute noch allgemein +als echte ~Pflanzen~. Allein in den wichtigsten anatomischen und +physiologischen Beziehungen weichen sie so sehr von allen übrigen +Pflanzen ab, dass es wohl richtiger ist, sie als eine selbständige +Classe von ~Protisten~ zu betrachten. Ernährung und Stoffwechel der +Pilze ist thierisch, nicht pflanzlich. Sie bilden kein Protoplasma, +kein Chlorophyll, kein Stärkemehl, keine Cellulose, wie die echten +Pflanzen. Vielmehr bedürfen sie, wie die Thiere, zu ihrer Existenz und +Ernährung vorgebildetes Protoplasma, welches sie aus dem Körper anderer +Organismen, lebender oder todter Thiere, Pflanzen und Protisten, +entnehmen. + +Die Fortpflanzung der Pilze ist meistens ungeschlechtlich, und +auch da, wo sie geschlechtlich erscheint, ganz eigenthümlich. Das +Form-Element, aus dem sich der Körper aller Pilze aufbaut, ist nicht +eine echte, kernhaltige ~Zelle~, wie bei allen Thieren und Pflanzen, +sondern eine fadenförmige, kernlose ~Cytode~, die sogenannte ~Hyphe~ +oder der »Pilzfaden.« Durch seitliche Sprossung und fortgesetzte +Theilung in einer ~Axe~, bilden sie verzweigte gegliederte Fäden, und +zahllose solche Pilzfäden, in langen Ketten an einander gereiht, sich +verästelnd und netzartig verbindend, setzen alle Organe der Pilze +zusammen. Der bekannte gestielte »Hut« oder Schirm unserer grossen +Hutpilze, z. B. vom ~Champignon~ (Fig. 44) ist blos der ~Fruchtkörper~, +welcher sich zur Zeit der Reife aus einem unscheinbaren Fadengeflechte +entwickelt, dem Mycelium (Fig. 44, I m); die strahligen, blattförmigen +Rippen, welche sich an der Unterseite des regenschirmähnlichen Hutes +bilden, sind von der Fruchthaut (_Hymenium_) überzogen, in welcher +sich ungeschlechtlich die Fortpflanzungs-Cytoden (»Sporen«) bilden. +Je genauer man die eigenthümliche Anatomie und Keimungsgeschichte +der Pilze verfolgt, je unbefangener man sie vergleicht, desto mehr +überzeugt man sich, dass diese merkwürdigen Organismen keine echten +Pflanzen sind, sondern eine ganz selbständige Classe von neutralen +Protisten darstellen. + +Dasselbe gilt von der formenreichen Classe der ~Kieselzellen~ +(_Diatomeae_ oder ~Bacillariae~), die auch gewöhnlich zu den Pflanzen +gerechnet werden. Diese zierlichen kleinen Organismen bevölkern in +ungeheuren Massen die süssen und salzigen Gewässer unseres Erdballs. +In grossen Mengen angehäuft, bilden sie gewöhnlich einen gelben oder +gelbbraunen Schleim, der Steine, Wasserpflanzen u. s. w. überzieht. +Bald sind die Diatomeen einzeln lebende Einsiedlerzellen, bald Colonien +oder Gesellschaften (Coenobien), welche aus vielen gleichartigen, +locker verbundenen Zellen zusammengesetzt erscheinen. + +[Illustration: Fig. 44. Ein ~Champignon~, aus der Ordnung der +~Hutpilze~ (~Hymenomycetes~). A. Das Fadengeflecht (~Mycelium~), aus +verästelten und netzförmig verbundenen Reihen von Pilzfäden (~Hyphen~) +gebildet (m). Aus dem Mycelium sprossen solide birnförmige Fruchtkörper +hervor (I), in welchen sich ein ringförmiger Luftraum bildet (II, +III, l). Unterhalb sondert sich der Stiel (IV, st), oberhalb der +Schirm des Hutes (h), von welchem die Hymenium-Rippen in den Luftraum +hineinwachsen (V, l): der untere Boden des Luftraums platzt später und +hängt als Schleier (Velum) vom Rande des Hutes herab.] + +Viele Diatomeen sitzen fest; die meisten aber bewegen sich in ganz +eigenthümlicher Weise, langsam schwimmend oder fortrutschend, im +Wasser umher. Die Organe dieser Ortsbewegung sind noch gänzlich +unbekannt, vielleicht feinste Wimperreihen. + +Das Characteristische an dem Zellenkörper der Diatomeen ist die +eigenthümliche ~Kieselschale~, in welcher ihr Zellenleib eingeschlossen +ist. Diese Schale ist aus zwei Hälften zusammengesetzt, welche sich zu +einander genau so verhalten, wie eine ~Schachtel~ zu ihrem ~Deckel~ +(Fig. 45). Die kernhaltige Zelle, welche in dieser Schachtel lebt, +theilt sich in zwei Hälften, und jede Hälfte bildet sich zu ihrem +Schachteldeckel eine neue Schachtel. Dieser Process wiederholt sich +mehrfach, wobei natürlich jede folgende Generation kleiner wird. +Schliesslich aber entsteht eine Generation, welche beide Schalenhälften +abwirft, wieder bis zur Grösse der ersten, grössten Generation +heranwächst, und sich nun mit einer neuen Kieselschachtel erster Grösse +umgiebt. Wegen der unendlich mannigfaltigen und zierlichen Gestalt +dieser Kieselschale, sowie wegen ihrer äusserst feinen Sculptur, sind +die Diatomeen sehr beliebte Unterhaltungs-Objecte für mikroskopischen +Formgenuss. Wenn sich die Kieselschalen der todten Diatomeen massenhaft +auf dem Grunde der Gewässer ansammeln und zu Stein verkitten, können +sie ganze Gebirgsschichten zusammensetzen, so z. B. den Polirschiefer, +das Bergmehl u. s. w. + +[Illustration: Fig. 45. Eine Diatomee oder ~Bacillarie~ (~Surirella~ +dentata). Die Schachtelzelle ist vom Rande gesehen, so dass man sieht, +wie die beiden Schalenklappen (s u. d) übereinander greifen, gleich +einer Schachtel (s) und ihrem Deckel (d). In der Mitte der Kern (n). p +Protoplasma.] + + * * * * * + +Während die meisten, bisher von uns betrachteten Protisten-Gruppen +grosse und formenreiche Classen darstellen, giebt es nun noch eine +Anzahl von kleineren, isolirten, bisweilen nur durch eine oder wenige +Formen repräsentirten Protisten, deren Einreihung in das System sehr +schwierig ist. Dies gilt z. B. von den sonderbaren ~Labyrinthuleen~. +Gesellschaften von locker verbundenen, einfachen, spindelförmigen, +gelben Zellen, die in einer eigenthümlichen Fadenbahn umherrutschen. +Eine andere Gruppe, interessant wegen ihrer Mittelstellung +zwischen verschiedenen Protisten-Classen, bilden die ~Catallacten~, +durch die Gattungen _Synura_ und _Magosphaera_ repräsentirt. Sie +bilden schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus einer Anzahl +birnförmiger gleichartiger Zellen, welche mit ihren spitzen inneren +Enden im Centrum der Gallertkugel vereinigt sind. Später lösen sich +diese Zell-Gesellschaften oder Coenobien auf. Die einzelnen isolirten +Zellen schwimmen noch eine Zeit lang selbständig umher und können +jetzt mit Ciliaten verwechselt werden. Dann aber sinken sie auf den +Meeresboden nieder und verwandeln sich in Amoeben-ähnliche Zellen. +Gleich echten Amoeben kriechen diese umher, fressen, wachsen und +kapseln sich schliesslich ein; der Zellenkörper zieht sich kugelig +zusammen und umgiebt sich mit einer Gallerthülle. Innerhalb derselben +theilt sieh die Zelle später wiederholt, in 2, 4, 8, 16, 32 Zellen +u. s. w. Diese werden birnförmig, erhalten bewegliche Wimpern und +verbinden sich wieder zu einer Flimmerkugel. Nun dreht sich die +Kugel rotirend um ihren Mittelpunkt, sprengt ihre Hülle und schwimmt +wieder frei in der Form umher, von welcher wir ausgegangen sind (Fig. +46). Das Interesse dieser merkwürdigen Protisten liegt also weniger +in besonderen Eigenthümlichkeiten, als vielmehr in der neutralen +Mittelstellung, welche sie zwischen Amoeben, Infusorien und Volvocinen +einnehmen, und wodurch sie diese verschiedenen Protisten-Classen +verknüpfen. Wir nennen sie daher »Mittlinge oder ~Vermittler~« +(_Catallacta_). + +[Illustration: Fig. 46. ~Magosphaera~ (planula), eine schwimmende +Flimmerkugel von der norwegischen Küste. A von der Oberfläche, B im +Durchschnitt.] + + * * * * * + +Werfen wir einen vergleichenden Rückblick auf alle bisher betrachteten +Protisten-Classen, so sehen wir, dass darin die organische Zelle bald +ganz selbständig auftritt, und als ~Einsiedler-Zelle~ (_Monocyta_) +den ganzen Organismus repräsentirt, bald mit ihresgleichen sich zu +lockeren Gesellschaften verbindet und einfache ~Zellen-Gemeinden~ oder +Zellen-Horden (_Coenobia_) darstellt. Nun ist aber hiermit keineswegs +die tiefste Stufe der Organisation erschöpft, welche uns die organische +Welt darbietet. Vielmehr treffen wir noch unterhalb dieser einzelligen +Protisten jene niedrigste und unvollkommenste Classe von Organismen an, +die wir als ~Moneren~ bezeichnen. (Fig. 47, 48). + +[Illustration: Fig 47. ~Protamoeba~ (primitiva), ein Moner mit +lappenförmigen Pseudopodien, gleich einer Amoebe. a kriechend, b in +Theilung begriffen, c in zwei Hälften getheilt.] + +Da wir diese in dem nachstehenden Anhange (S. 68–85) zum Gegenstande +einer besonderen Besprechung machen werden, wollen wir hier nur ganz +kurz die wichtigsten Punkte hervorheben, welche den Moneren ihre hohe +Bedeutung für die Entwicklungslehre verleihen. + +Die ~Moneren~ sind wahre »Organismen ohne Organe«. Ihr ganzer +lebendiger Leib besteht in völlig entwickeltem Zustande nur aus einem +ganz einfachen Protoplasma-Stückchen, welchem selbst der Kern, der +Character der echten Zelle, noch fehlt. Bezüglich ihrer Bewegungen +gleichen diese denkbar einfachsten Organismen bald den Amoeben (Fig. +47), bald den Wurzelfüsslern (Fig. 48), bald den Geisselschwärmern. +(Fig. 50). Sie vermehren sich in einfachster Weise durch Theilung. Von +der grössten theoretischen Bedeutung sind sie für die dunkle Frage von +der ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Denn nur Moneren +können im Beginn des organischen Lebens auf unserm Planeten durch +Urzeugung entstanden sein; nur Moneren können die ältesten Stammältern +aller übrigen Organismen sein. Gerade in dieser Beziehung sind die +Moneren des Tiefseegrundes, und vor Allen der berühmte ~Bathybius~ +(Fig. 49) vom höchsten Interesse. + +[Illustration: Fig. 48. ~Protomyxa aurantiaca~, ein Moner mit +wurzelförmig verästelten fadenartigen Pseudopodien, gleich einem +Rhizopoden.] + +[Illustration: Fig. 49. ~Bathybius~ (Haeckelii). Ein Plasmodium aus +den Tiefen des Oceans. Die verästelten Plasson-Ströme, durch deren +Verbindung das Netz entsteht, ändern sich beständig.] + +[Illustration: Fig. 50. ~Zitterlinge~ (~Bacteria~), sehr stark +vergrössert. 1. ~Sarcine~, eine einfachste Cytode, im menschlichen +Magen schmarotzend, welche sich durch kreuzförmige Theilung vermehrt. +2. ~Bacillus~, gerade Stäbchen. 3. ~Vibrio~, korkzieherartig gewundene +Stäbchen. 4. ~Spirillum~, eben solche Spiralstäbchen, die aber an +beiden Enden eine äusserst feine, schwingende Geissel tragen.] + +Eine sehr wichtige und interessante Monerengruppe bilden die +~Zitterlinge~ (_Vibriones_ oder _Bacteria_, Fig. 50). Obgleich diese +winzigen Körperchen, die zu den allerkleinsten Organismen gehören, +meistens von den Botanikern zu den Pflanzen gerechnet und als +»~Spaltpilze~ (_Schizomycetes_)« den echten Pilzen angereiht werden, +geschieht das doch ohne jeden genügenden Grund. Mindestens haben +diejenigen Zoologen, welche sie als einfachste Thiere betrachten, +ebensoviel Recht dazu. Die ~Bacterien~ sind eben echte ~Protisten~, und +zwar kleinste ~Moneren~, deren höchst einfache Organisation und ganz +neutraler Character sie weder dem Thierreich, noch dem Pflanzenreich +anzuschliessen gestattet. + +Die Bacterien sind meistens stabförmige Körperchen, die sich lebhaft im +Wasser bewegen. Als Organ der Bewegung ist bei einigen grösseren Formen +eine äusserst feine, schwingende Geissel erkannt, die an beiden Enden +des Stäbchens vortritt, so bei _Spirillum_ (Fig. 50, 4). Wahrscheinlich +ist eine solche auch bei den kleineren Vibrionen vorhanden und nur +wegen ihrer ausserordentlichen Zartheit nicht wahrzunehmen. Die +Bewegung der Bacterien ist meistens sehr lebhaft, zitternd oder +wimmelnd, viele sind korkzieherartig gedreht und schrauben sich im +Wasser fort (Fig. 50, 3). In einem einzigen Wassertröpfchen können +Millionen solcher kleinsten Organismen vereinigt sein. Irgend +welche Organisations-Verhältnisse, namentlich ein Zellkern, sind an +denselben nicht nachzuweisen; sie sind daher auch nicht wirkliche +~Zellen~, sondern kernlose ~Cytoden~, gleich den anderen Moneren. +Ihre Fortpflanzung geschieht in einfachster Weise durch Theilung. Oft +zerfällt jedes Stäbchen in eine grosse Anzahl hinter einander gelegener +Stückchen. + +Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie die +Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken, in +welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen +Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen +Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache +vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten. +So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern +festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken +und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser tödtlichen +Krankheiten bewirken. + + * * * * * + +Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die Masse von +verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem Protistenreiche +vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit dieses letzteren +keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn es existirt noch heute eine +ungeheuere Menge von formenreichen, mikroskopischen Wesen, die wir +ohne willkürlichen Zwang weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich +rechnen können. Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen +Lebensreiche zu jenem ~neutralen~, zwischen Beiden mitten inne +stehenden ~Protistenreiche~ wird noch vielfacher Durchforschung und +Klärung bedürfen. Insbesondere wird die ~Entwickelungsgeschichte~ +der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen sein. +Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie überall, der +»wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen Erscheinungen +sein. + +Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und klare +Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen zu sein. +Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib aus zwei +ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen der ~Keimblätter~ +bekannt sind. + +[Illustration: Fig. 51. ~Gastrula~ (Darmlarve) eines Kalkschwammes, +~Olynthus~. A von der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres +Keimblatt (Hautblatt oder Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder +Entoderm). o Urmund. g Urdarmhöhle.] + +Aus dem äusseren oder animalen (_Exoderma_ oder ~Hautblatt~, Fig. 51 e) +entstehen die Organe der Empfindung und Bewegung; aus dem innern oder +vegetativen Keimblatte (_Entoderma_ oder ~Darmblatt~, Fig. 51 i) die +Organe der Ernährung. Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle, +die erste Anlage des Magens, oder den ~Urdarm~ (g), und dieser öffnet +sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den ~Urmund~ (o). Die +bedeutungsvolle Keimform, welche uns den Thierleib dergestalt, blos +aus zwei Keimblättern gebildet, vor Augen führt, ist die ~Gastrula~ +(Darmlarve oder Becherkeim). + +[Illustration: Fig. 52–57. ~Gastrula~ von sechs verschiedenen Thieren. +Fig. 52 (B) ~Wurm~ (Sagitta). Fig. 53 (C) ~Seestern~ (Uraster). Fig. 54 +(D) ~Krebs~ (Nauplius). Fig. 55 (E) ~Schnecke~ (Lymnaeus). Fig. 56 (A) +~Pflanzenthier~ (Gastrophysema). Fig. 57 (F) ~Wirbelthier~ (Amphioxus). +— Ueberall bedeutet: e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d +Urdarm, o Urmund.] + +[Illustration: Fig. 58. ~Gastrula~ eines ~Säugethieres~ (Kaninchen). +e Hautblatt (Exoderm). i Darmblatt (Entoderm). d eine centrale +Entoderm-Zelle, welche die enge Urdarmhülle ausfüllt. o eine +Entoderm-Zelle, welche die Urmundöffnung verstopft. Ebenso wie beim +Kaninchen verhält sich wahrscheinlich auch die ~Gastrula~ beim +~Menschen~.] + +Diese ~Gastrula ist das wahre Thier in einfachster~ Form. Denn +bei allen echten Thieren fängt die Entwickelung des Eies zur +verschiedenartigen Thierform mit der gleichartigen Bildung dieser +Gastrula an. Die niedersten Pflanzenthiere, die Physemarien (Fig. 56) +wie die Schwämme (Fig. 51), die niedrigsten Würmer (Fig. 52), ebenso +die Sternthiere (Fig. 53), die Gliederthiere (Fig. 54) ebenso wie die +Weichthiere (Fig. 55), ja sogar die niedrigsten Wirbelthiere (Fig. +57), durchlaufen in frühester Jugend diese ~Gastrula~-Keimform; die +anderen Thiere bilden zweiblättrige Keimformen, die nur als abgeänderte +Gastrula-Keime betrachtet werden können; so auch die Säugethiere, mit +Inbegriff des Menschen (Fig. 58); überall baut sich der echte Thierleib +ursprünglich ~aus zwei Keimblättern~ auf. Hingegen erhebt sich kein +einziges Protist zur Production von Keimblättern und zur Bildung einer +Gastrula. + + * * * * * + +Weniger klar und scharf lässt sich unser Protistenreich gegen das +~Pflanzenreich~ hin abgrenzen. Doch dürften auch hier die Verhältnisse +der individuellen Entwickelung und des feineren Baues die Handhabe +liefern, mit deren Hülfe wir die Grenzlinie ziehen können. Auch bei +den echten Pflanzen ordnen sich die Zellen, welche den Körper zunächst +aufbauen, in bestimmter Weise zu Zellenreihen oder ~Zellenschichten~; +und die charakteristische einfachste Pflanzenform der Art bildet +den sogenannten ~Thallus~ oder das »Zellenlager«. Bei den niederen +Pflanzen bleibt der Thallus als solcher zeitlebens bestehen, bei den +höheren sondert oder differenzirt er sich in Stengel und Blätter. Auch +vermehren sich alle echten Pflanzen auf geschlechtlichem Wege, während +dies bei den Protisten nicht der Fall ist. + +Eine ~absolute~ Grenze freilich zwischen den drei organischen Reichen +können und wollen wir nicht feststellen. Denn auch die echten Pflanzen, +wie die echten Thiere, durchlaufen in ihrer frühesten Entwickelung, +als einzelliges Ei, als einfacher Zellenhaufen u. s. w. niedere +Formzustände, welche gewissen Protisten gleichen. Nach unserem +biogenetischen Grundgesetze müssen wir daraus den Schluss ziehen, dass +sämmtliche Organismen, Thiere, Protisten und Pflanzen, von höchst +einfachen einzelligen Organismen abstammen; und wenn wir diese ältesten +Stammformen heute lebend vor uns hätten, würden wir sie jedenfalls für +neutrale ~Protisten~ erklären. + +Eine gute ~negative~ Charakteristik der Protisten, gegenüber den +echten Thieren und den echten Pflanzen, lässt sich darauf gründen, +dass sie weder eine ~Gastrula~ mit zwei Keimblättern bilden, wie die +ersteren, noch einen ~Thallus~ oder ein Prothallium, wie die letzteren. +Damit in Zusammenhang steht der Umstand, dass die Protisten niemals +wirkliche (aus vielen Zellen zusammengesetzte) ~Gewebe~ und ~Organe~ +bilden, wie alle echten Thiere und Pflanzen. Auch ist es sicher von +grosser Bedeutung, dass die grosse Mehrzahl aller Protisten sich +ausschliesslich auf ~ungeschlechtlichem~ Wege fortpflanzt (durch +Theilung, Knospenbildung, Sporenbildung). Aber selbst bei den wenigen +Protisten, welche sich bereits zur geschlechtlichen Zeugung in +einfachster Form erheben, geht der Gegensatz zwischen männlichen und +weiblichen Theilen niemals so weit, wie es bei allen echten Thieren +und Pflanzen der Fall ist. Sie repräsentiren in jeder Beziehung jene +~niedere~ älteste Bildungsstufe, welche jedenfalls der Entwickelung +echter Thiere und echter Pflanzen vorausgegangen sein muss. + +Diese Betrachtungen führen uns auf denjenigen Weg, auf welchem +allein eigentlich das Verhältniss der drei organischen Reiche zu +einander entscheidend aufgeklärt werden kann, auf den Weg der +~Stammesgeschichte~ oder ~Phylogenie~. Wenn wir ganz genau wüssten, +wie sich das organische Leben auf unserem Erdball von Anfang an +entwickelt hat, wie die Thiere, Protisten und Pflanzen ursprünglich +entstanden sind, dann würden wir auch das Verhältniss der drei Reiche +zu einander klar und unzweideutig beurtheilen können. Aber der sichere +Weg der unmittelbaren Erfahrung bleibt uns für die Erkenntniss dieses +wichtigen Verhältnisses auf ewig verschlossen. Kein lebendes Wesen +und keine Schöpfungsurkunde kann uns erzählen, wie jener älteste +Entwickelungsgang des organischen Lebens vor vielen Millionen von +Jahren begonnen und wie er sich weiterhin zunächst gestaltet hat. +Tausende von Arten und Gattungen, Millionen von Generationen sind in’s +Grab gesunken, ohne uns sichtbare Spuren ihrer Existenz hinterlassen +zu haben. Und gerade die wichtigsten von Allen, die ältesten und +einfachsten Formen, konnten wegen des Mangels harter Körpertheile +keine Versteinerungen zurücklassen. + +Aber wenn uns auch der streng empirische Weg der Erkenntniss in +dieser hochwichtigen Ursprungsfrage unwiderruflich verschlossen +ist, so bleibt uns doch hier, wie überall, zur Ausfüllung unserer +Erkenntnisslücken der Weg der wissenschaftlichen Hypothese offen. Wenn +diese ~historische Hypothese~ sich in umfassender Weise auf die bisher +erkannten wissenschaftlichen Thatsachen stützt, so ist sie in der +Naturgeschichte der Lebewesen ebenso berechtigt, wie in der Geologie, +in der Archaeologie, der Culturgeschichte und anderen historischen +Wissenschaften. Und wie uns die allgemein anerkannten geologischen +Hypothesen dazu geführt haben, eine befriedigende Einsicht in den +Entwickelungsgang unsers Erdballs zu gewinnen, so werden auch die +phylogenetischen Hypothesen, die wir auf die von ~Darwin~ reformirte +Descendenz-Theorie gründen, Licht über den Entwickelungsgang des +organischen Lebens auf der Erde verbreiten. + + * * * * * + +Wir können hier nicht auf eine Beleuchtung und Begründung aller der +verschiedenen phylogenetischen Hypothesen eingehen, welche über +diesen Entwickelungsgang aufgestellt worden sind. Nur auf diejenige +Vorstellung wollen wir schliesslich noch einen flüchtigen Blick werfen, +welche heuzutage am meisten innere Wahrscheinlichkeit für sich hat. +Danach müssen wir annehmen, dass das Leben auf unserem Planeten mit +der selbständigen Entstehung der allereinfachsten ~Protisten~ aus +anorganischen Verbindungen begonnen hat. Diese ältesten Lebewesen der +Erde werden den heute noch existirenden ~Moneren~ ähnlich gewesen sein: +einfachste lebende Protoplasma-Stückchen ohne jegliche Organbildung. +Daraus werden sich zunächst durch Sonderung eines Darmes im Inneren +einzellige Protisten gebildet haben, und zwar höchst einfache, formlose +und indifferente ~Zellen~, gleich den ~Amoeben~. Indem einige von +diesen einzelligen Protisten, von geselligen Neigungen getrieben, sich +daran gewöhnten, in kleinen Gesellschaften vereinigt zu leben, werden +die ersten vielzelligen Organismen entstanden sein, und zwar zunächst +auch nur wieder einfache Zellenhorden, lockere Gesellschaften von +gleichartigen Zellen. + +Nun ist es wohl wahrscheinlich, dass diese ältesten und einfachsten +Entwickelungsvorgänge des organischen Lebens sich an zahlreichen +verschiedenen Stellen des jugendlichen Erdballs gleichzeitig und +unabhängig von einander wiederholt haben. So können also verschiedene +und vielleicht zahlreiche Formen von Protisten unabhängig von einander +entstanden sein; zuerst einzellige, später vielzellige. Durch den +allgemeinen Kampf um’s Dasein, der auch unter diesen Protisten +frühzeitig sich geltend machte, werden dieselben allmählich zu höherer +Sonderung und Vervollkommnung angetrieben worden sein. Als wichtigster +Vorgang ist da sicher die gegensätzliche Sonderung von thierischen +und pflanzlichen Lebens-Processen hervorzuheben. Die einen Protisten +begannen mehr an thierische, die andere an pflanzliche Lebensweise +sich anzupassen, und mit der Lebensweise in Wechselwirkung entstand +die charakteristische Körperform. Eine dritte, conservative Gruppe von +Protisten behielt den ursprünglichen neutralen Character bei. Indem +jene Anpassungen sich im Laufe der Zeit durch Vererbung befestigten, +bildeten sich neben einander die drei grossen organischen Reiche aus. + +Mit Beziehung auf den Stoffwechsel und die Ernährung würden wir +freilich sagen können, dass diese ältesten Bewohner unseres Planeten +~Pflanzen~ waren, — richtiger: Protisten mit pflanzlichem Stoffwechsel; +Protisten, welche gleich echten Pflanzen aus Wasser, Kohlensäure und +Ammoniak die wichtigste »Lebens-Basis«, das ~Plasson~, zusammensetzten, +und dieses Plasson sonderte sich später in Protoplasma und Nucleus. + +Die ältesten ~Thiere~ hingegen — oder richtiger: die ältesten Protisten +mit thierischem Stoffwechsel, waren ~Parasiten~, schmarotzende +Protisten, welche es bequemer fanden, sich das von anderen Protisten +gebildete Protoplasma anzueignen, als selbst solches zu bilden. +Da eben ursprünglich viele Protisten-Stämme sich unabhängig von +einander entwickelt haben können, von verschiedenen autogonen +Moneren abstammend, so können auch diese Anpassungen sich mehrmals +(polyphyletisch) wiederholt haben. + +Aber auch wenn wir diese vielstämmige (polyphyletische) Hypothese +verwerfen und wenn wir mehr zu der einstämmigen (monophyletischen) +Annahme hinneigen, dass der Ursprung aller lebenden Wesen auf eine +einzige gemeinsame Stammform zurückgeführt werden muss, auch dann +werden wir doch im Ganzen wieder zu ähnlichen Vorstellungen über das +Verhältniss der drei Reiche gelangen. Auch in diesem Falle werden +wir annehmen müssen, dass jene älteste ursprüngliche Stammform eine +einfachste Cytode, ein ~Moner~ war, und dass sich aus den Nachkommen +jenes Moners zunächst einfache ~Zellen~ entwickelten. Diese Zellen +werden sich wieder in thierische und pflanzliche gesondert haben, +und so wird sich nach einer Richtung hin das Thierreich, nach einer +anderen das Pflanzenreich ausgebildet haben, zwei gewaltigen, weit +verzweigten Stämmen vergleichbar. Aber aus der gemeinsamen Wurzel, in +der diese beiden grossen Stämme zusammenhängen, haben sich ausserdem +noch zahlreiche niedere und indifferente Wurzelschösslinge selbständig +entwickelt; und diese bilden zusammen unser Reich der ~Protisten~. + +Gleichviel ob wir dieser einstämmigen oder jener vielstämmigen +Hypothese den Vorzug geben, so bleibt jedenfalls so viel sicher, dass +Thierreich und Pflanzenreich nur in ihren vollkommneren Formen sich +schroff gegenüber stehen, in ihren niederen Formen dagegen durch +das Protistenreich untrennbar zusammenhängen. Die wissenschaftliche +Begründung dieser wichtigen Anschauung ist uns erst durch die +grossartigen Fortschritte der letzten vierzig Jahre möglich geworden. +Aber mit dem Genius des Propheten hat schon vor siebzig Jahren einer +unserer tiefblickendsten Naturphilosophen, Deutschlands genialster +Dichter, dieselbe Anschauung ahnungsvoll ausgesprochen. In Jena schrieb +~Göthe~ 1806 den merkwürdigen Satz nieder: »Wenn man Pflanzen und +Thiere in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind sie kaum +zu unterscheiden. So viel aber können wir sagen, dass die aus einer +kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach und +nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich +vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd und +starr, das Thier im Menschen zur höchsten Beweglichkeit und Freiheit +sich verherrlicht.« + + + + +Bathybius und die Moneren. + + +»Der vielbesprochene Bathybius existirt nicht; seine Annahme beruhte +auf Täuschungen. So werden auch die übrigen Moneren nicht existiren; +auch diese angeblichen Urorganismen werden das Erzeugniss irrthümlicher +Beobachtungen sein. Mithin ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der +modernen Entwickelungslehre gefallen; und so werden auch ihre übrigen +Stützpfeiler auf Täuschungen und Irrthum gegründet sein. Der ganze +Darwinismus ist ein grosses Luftschloss, die Selectionstheorie eine +Seifenblase, und die Abstammungslehre ist überhaupt nicht wahr.« + +So ungefähr ist der Gedankengang zahlreicher Artikel, denen wir seit +einem Jahre in den verschiedensten Zeitschriften begegnen. Einzig und +allein auf die angebliche Nichtexistenz des ~Bathybius~ gestützt, +behauptet man kurzweg, dass es überhaupt keine ~Moneren~ gebe, und +dass damit die ganze Entwickelungslehre den schwersten Stoss erhalten +habe. Am liebsten wird diese Behauptung natürlich von den Gegnern +der Entwickelungslehre vorgetragen und in den mannigfaltigsten +Tonarten variirt. Der Clerus triumphirt bereits über den völligen +Untergang der Descendenztheorie. Aber selbst bei vielen Anhängern +der Entwickelungstheorie gilt die Nichtexistenz des Bathybius als +ausgemacht und es wird daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen +gezogen, die als mehr oder minder gewichtige Einwürfe gegen +hervorragende Hauptpunkte des Darwinismus Bedenken erregen. Diese +Umstände, sowie die Unklarheit, in welcher sich der grösste Theil +des dafür interessirten Publicums über den eigentlichen Thatbestand +befindet, bestimmt uns, hier die Moneren-Frage mit besonderer Rücksicht +auf den Bathybius zu erörtern. Ich selbst erscheine zu dieser +Erörterung insofern besonders berechtigt, ja sogar verpflichtet, als +ich das zweifelhafte Glück geniesse, bei dem »berüchtigten Urschleim +der Meerestiefen« Gevatter gestanden zu haben. Als mein Freund ~Thomas +Huxley~ 1868 ihm bei der Taufe den Namen _Bathybius Haeckelii_ +beilegte, konnte er freilich nicht ahnen, dass der arme Täufling, einem +Icarus gleich, in kürzester Zeit zu einer biologischen Celebrität +werden, die Sonnenhöhe irdischer Berühmtheit erlangen und noch vor +Ablauf seines ersten Decenniums in den dunkeln Hades der Mythologie +hinabstürzen werde! Sehen wir denn zu, ob er wirklich todt ist, ob +er überhaupt nicht existirt hat. Und wenn wir wirklich seine bloss +mythologische Schein-Existenz zugeben müssten, sehen wir weiter zu, was +daraus für die Moneren folgt! + + +I. Zur Geschichte der Moneren. + +Im Frühling des Jahres 1864 beobachtete ich im Mittelmeere bei +Villafranca unweit Nizza schwimmende, winzige Schleimkügelchen von +ungefähr einem Millimeter oder einer halben Linie Durchmesser, die mein +höchstes Interesse erregten. Vorsichtig unter das Mikroskop gebracht, +erschien nämlich jedes dieser Kügelchen wie ein kleiner Stern, dessen +Mitte aus einem viel kleineren structurlosen Kügelchen bestand, +während von der Oberfläche ringsum mehrere Tausend äusserst feine +Fäden ausstrahlten. Die genaue Untersuchung bei starker Vergrösserung +lehrte, dass der ganze Körper des sternförmigen Wesens aus einfacher +eiweissartiger Zellsubstanz, aus ~Sarcode~ oder ~Protoplasma~ +bestehe, und dass die Fäden, welche allenthalben von der Oberfläche +ausstrahlten, keine beständigen Organe seien, sondern ihre Zahl, Grösse +und Gestalt beständig änderten. Sie erwiesen sich als ebenso wechselnde +und unbeständige Fortsätze des centralen Protoplasma-Körpers, wie +die längst bekannten »Scheinfüsschen oder Pseudopodien«, welche die +einzigen Organe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~ darstellen. Während +aber bei diesen Letzteren Zellkerne im Protoplasma zerstreut sind +und ihr Körper somit den Formwerth von einer oder mehreren Zellen +besitzt, ist das bei jenen in Nizza beobachteten Protoplasma-Kügelchen +nicht der Fall. Im Uebrigen war kein Unterschied hier und dort zu +finden bezüglich der Bewegungsform der fliessenden Schleimfäden und +der Art und Weise, in welcher dieselben als Tastorgane zum Empfinden, +als Contractionsorgane zum Kriechen, und als Ernährungsorgane zur +Nahrungsaufnahme benutzt wurden. Um die Naturgeschichte des kleinen +Protaplasmakügelchens von Nizza, das ich auf das Genaueste untersuchte, +zu vervollständigen, fehlte es nur noch an der Beobachtung seiner +Fortpflanzung. Auch diese glückte schliesslich. Nach einiger Zeit +zerfiel das kleine Wesen durch einfache Theilung in zwei Hälften, von +denen jede ihr eignes Leben in derselben Weise weiterführte, wie +das erstere. Ich hatte somit den vollständigen Lebenscyclus eines +denkbar einfachsten Organismus erkannt, und nannte denselben in +Anerkennung seiner fundamentalen Bedeutung _Protogenes primordialis_, +den »Erstgebornen der Urzeit«. Seine genaue Beschreibung gab ich im +XV. Bande der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie (S. 360, Taf. +XXVI., Fig. 1, 2). + +Schon im folgenden Jahre wurden zwei verschiedene, dem Protogenes +sehr ähnliche, höchst einfache Organismen von dem ausgezeichneten +Mikroskopiker ~Cienkowski~ beschrieben. Im ersten Bande des Archivs +für mikroskopische Anatomie (S. 203, Taf. XII.-XIV.) veröffentlichte +derselbe sehr interessante »Beiträge zur Kenntniss der Monaden.« +Unter den verschiedenen Protisten, die ~Cienkowski~ hier unter dem +alten, vieldeutigen und daher sehr unsicheren Begriffe der »Monaden« +zusammenfasst, befinden sich zwei mikroskopische Bewohner des süssen +Wassers, welche in der vollkommen einfachen und structurlosen +Beschaffenheit ihres kernlosen, strahlenden Protoplasma-Körpers dem +Protogenes gleichen, die Gattungen ~Protomonas~ (_Monas amyli_) und +~Vampyrella~ (letztere mit drei verschiedenen Arten). Sie unterscheiden +sich aber von dem ersteren durch die Art und Weise ihrer Fortpflanzung. +Während der Protogenes, nachdem er durch Wachsthum ein gewisses +Grössenmaass erreicht hat, dieses nicht weiter überschreitet, sondern +ohne Weiteres in zwei Stücke zerfällt, ziehen Protomonas und Vampyrella +ihre Strahlen ein und gehen in einen Ruhestand über, in welchem sich +die kleine Protoplasmakugel einkapselt oder encystirt, mit einer +Hülle (»Cyste«) umgiebt. Innerhalb dieser kleinen Hülle zerfällt die +Protomonas in sehr zahlreiche Kügelchen, die Vampyrella in vier Stücke +(Tetrasporen). Alle diese Theilstücke werden später frei und entwickeln +sich durch einfaches Wachsthum zu der reifen Form. + +Inzwischen hatte ich selbst eine vierte ähnliche Gattung von höchst +einfachen Organismen im süssen Wasser bei Jena beobachtet, welche einer +gewöhnlichen Amoebe ganz gleich sich verhält, aber von dieser letzteren +durch den Mangel eines Zellkerns und einer contractilen Blase sich +unterscheidet. Ich nannte sie daher _Protamoeba primitiva_. Während +bei den drei ersterwähnten Schleimkügelchen (Protogenes, Protomonas, +Vampyrella) überall zahlreiche Fäden aus der Oberfläche des centralen +Protoplasma-Körpers ausstrahlen, sehen wir statt deren bei Protamoeba +— ganz wie bei der gewöhnlichen Amoeba — wenige kurze, fingerförmige +Fortsätze sich ausstrecken, welche ihre Gestalt beständig ändern; sie +werden eingezogen und an einer andern Stelle wieder vorgestreckt. +Hat die Protamoeba durch Nahrungsaufnahme (die ebenfalls wie bei +Amoeba erfolgt) eine gewisse Grösse erreicht, so zerfällt sie durch +Theilung in zwei Hälften. Ich machte die erste Mittheilung darüber +in meiner »generellen Morphologie« (Bd. I. S. 133). Später habe ich +von Protamoeba primitiva Abbildungen gegeben, welche u. A. in die +»Natürliche Schöpfungsgeschichte« (VI. Aufl. S. 167) und in die +»Anthropogenie« (III. Aufl. S. 414) aufgenommen sind. + +Gestützt auf diese Beobachtungen, die späterhin durch die +Untersuchungen anderer Forscher, wie durch meine eigenen noch +beträchtlich erweitert wurden, gründete ich 1866 in der »Generellen +Morphologie« für alle diese Organismen von einfachster Beschaffenheit +eine besondere Classe unter dem Namen der ~Moneren~, d. h. der +»~Einfachen~«. Im ersten Bande (S. 135) sagte ich damals: + +»Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen, bei denen +wir weder mit dem Mikroskop, noch mit den chemischen Reagentien irgend +eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers nachzuweisen vermögen, +von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen zusammengesetzten +Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir sie ein für allemal +mit dem Namen der »Einfachen« oder »Moneren« belegen. Gewiss dürfen wir +auf diese höchst interessanten, bisher aber fast ganz vernachlässigten +Organismen besonders die Aufmerksamkeit hinlenken und auf ihre +äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völliger Ausübung aller +wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht legen, wenn es gilt, +~das Leben zu erklären~, es aus der fälschlich sogenannten »~todten +Materie~« abzuleiten, und die übertriebene Kluft zwischen Organismen +und Anorganen auszugleichen. Indem bei diesen homogenen belebten +Naturkörpern von differenten Formbestandtheilen, von »Organen«, noch +keine Spur zu entdecken ist, vielmehr alle Moleküle der structurlosen +Kohlenstoffverbindung, des lebendigen Eiweisses, in gleichem Maasse +fähig erscheinen, sämmtliche Lebensfunctionen zu vollziehen, liefern +sie klar den Beweis, dass der Begriff des Organismus nur dynamisch +oder physiologisch aus den Lebensbewegungen, nicht aber statisch +oder morphologisch aus der Zusammensetzung des Körpers aus »Organen« +abgeleitet werden kann.« + +In den folgenden Jahren wurde der Kreis unserer Erfahrungen über +diese wunderbaren »Organismen ohne Organe« wesentlich erweitert. Auf +meiner Reise nach den canarischen Inseln (1866 und 1867) richtete +ich natürlich meine ganze Aufmerksamkeit auf dieselben und war denn +auch so glücklich, noch mehrere neue Moneren-Formen zu entdecken. Auf +den weissen Kalkschalen, eines merkwürdigen Cephalopoden (_Spirula +Peronii_), die zu Tausenden an den Küsten der canarischen Inseln +angetrieben zu finden sind, bemerkte ich zuweilen zahlreiche rothe +Pünktchen, welche sich unter der Lupe als zierliche Sternchen und +bei starker Vergrösserung als orangerothe Protoplasma-Scheiben oder +-Kugeln zu erkennen gaben, von deren Umfange zahlreiche baumförmig +verästelte Fäden ausstrahlten. Die genauere Untersuchung zeigte, dass +auch diese (verhältnissmässig colossalen) Protoplasma-Körper kernlos +und structurlos waren und sich in ähnlicher Weise wie Protomonas +fortpflanzten, nämlich dadurch, dass der kugelig zusammengezogene +und eingekapselte Körper in zahlreiche kleine Stücke zerfiel. Ich +nannte diese interessante neue Moneren-Gattung _Protomyxa aurantiaca_ +und habe sie zuerst auf Taf. I. der »Natürl. Schöpfungsgeschichte« +abgebildet. Eine ähnliche stattliche Monerenform entdeckte ich sodann +in demselben Jahre (1867) im Schlamme des Hafenbeckens von Puerto +del Arrecife, der Hafenstadt der canarischen Insel Lanzarote, und +bezeichnete sie als _Myxastrum radians_. Sie ist dadurch ausgezeichnet, +dass die Theilstücke oder Sporen, in welche der kugelige Körper bei der +Fortpflanzung zerfällt, sich radial gegen den Mittelpunkt der Kugel +ordnen und spindelförmige Kieselhüllen ausschwitzen, aus denen später +das junge Moner ausschlüpft. + +Gestützt auf alle diese Beobachtungen, veröffentlichte ich 1868 in +der »Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft« eine ausführliche +~Monographie der Moneren~. (Bd. IV, S. 64, Taf. II. und III). Hier sind +alle eigenen und fremden Beobachtungen ausführlich zusammengestellt +und erläutert. Es ergaben sich damals sieben verschiedene Gattungen +von Moneren. Durch spätere Beobachtungen ist die Zahl der Arten auf +16 gesteigert worden, worüber ich in den »Nachträgen zur Monographie +der Moneren« berichtet habe (Jenaische Zeitschr. für Naturw. 1877. Bd. +VI. S. 23). Die Unterschiede aller dieser Moneren beruhen nur darauf, +dass die weiche, schleimige Körpermasse in verschiedener Form sich +ausbreitet und bewegt, und dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung +(durch Theilung, Sporenbildung u. s. w.) auf verschiedene Weise +geschieht. + + +II. Zur Geschichte des Bathybius. + +Das hohe Interesse, das die Moneren in morphologischer sowohl, als +physiologischer Beziehung darbieten, wurde noch gesteigert, als +1868 der erste Zoologe Englands, der berühmte ~Thomas Huxley~, eine +neue, ganz eigenartige Moneren-Gattung unter dem Namen ~Bathybius +Haeckelii~ beschrieb (Journal of microscop. science, Vol. VIII, N. +S. p. 1, Pl. IV). Abweichend von den übrigen Moneren sollte dieser +~Bathybius~ eigenthümlich geformte mikroskopische Kalkkörperchen +einschliessen: ~Coccosphaeren~ und ~Coccolithen~ (~Discolithen~ und +~Cyatholiten~); die formlosen Protoplasma-Klumpen desselben aber, von +sehr verschiedener Grösse, sollten in ungeheuren Massen die tiefsten +Abgründe des Meeres bedecken, unterhalb 5000 Fuss bis zu 25000 Fuss +hinab. Mit diesem formlosen Ur-Organismus einfachster Art, der zu +Milliarden vereinigt den Meeresboden mit einer lebendigen Schleimdecke +überzieht, schien ein neues Licht auf eine der schwierigsten und +dunkelsten Fragen der Schöpfungsgeschichte zu fallen, auf die Frage +von der ~Urzeugung~, von der ersten Entstehung des Lebens auf unserer +Erde. Mit dem ~Bathybius~ schien der berüchtigte »~Urschleim~« gefunden +zu sein, von dem ~Oken~ vor einem halben Jahrhundert prophetisch +behauptet hatte, dass alles Organische aus ihm hervorgegangen, und dass +er im Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie im +Meeresgrunde entstanden sei. + +Der Tiefseeschlamm, welcher die ~Bathybius~-Massen enthält, wurde +zuerst bei Gelegenheit der grossartigen Tiefgrund-Untersuchungen +entdeckt, die seit dem Jahre 1857 behufs Legung des transatlantischen +Telegraphen-Kabels angestellt wurden. Man fand schon damals das +»atlantische Telegraphen-Plateau«, jene mächtige Tiefsee-Ebene, welche +sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 12,000 Fuss von Irland bis +Neufundland erstreckt, allenthalben mit einem eigenthümlichen, grauen, +äusserst feinpulverigen Schlamme bedeckt: Derselbe zeichnete sich +durch zähe, klebrige Beschaffenheit aus und zeigte bei mikroskopischer +Untersuchung Massen von kleinen kalkschaligen Rhizopoden, insbesondere +Globigerinen, und ferner, als Hauptbestandtheile, die sehr kleinen, +als Coccolithen bezeichneten Kalkkörperchen. Aber erst elf Jahre +später, als ~Huxley~ 1868 mittelst eines sehr scharfen Mikroskopes +eine erneute genaue Untersuchung desselben Schlammes, auch in +chemischer Beziehung, vornahm, entdeckte er darin die nackten, +freien, formlosen Protoplasma-Klumpen, welche neben den genannten +Theilen die Hauptmasse des Schlammes bilden. »Diese Klumpen sind von +allen Grössen, von Stücken, die mit blossem Auge sichtbar sind bis +zu äusserst kleinen Partikelchen. Wenn man sie der mikroskopischen +Analyse unterwirft, zeigen sie — eingebettet in eine durchsichtige, +farblose und strukturlose ~Matrix~ — Körnchen, Coccolithen und zufällig +hineingerathene fremde Körper.« + +~Lebender Bathybius~ wurde zuerst 1868 von Sir ~Wyville Thomson~ +und Professor ~William Carpenter~, zwei ebenso erfahrenen +als scharfsichtigen Zoologen, während ihrer nordatlantischen +Tiefsee-Expedition auf dem Kriegsschiffe »Porcupine« beobachtet. Sie +berichten über den frisch heraufgeholten lebendigen Tiefsee-Schlamm: +»Dieser ~Schlamm war wirklich lebendig; er häufte sich in Klumpen +zusammen~, als ob Eiweiss beigemischt wäre; und unter dem Mikroskope +erwies sich die klebrige Masse als ~lebende Sarcode~.« (Annals and +magaz. of nat. hist. 1869, Vol. IV, p. 151). Ferner sagt Sir ~Wyville +Thomson~ in seinem höchst interessanten Werke über die Meerestiefen +(The depths of the Sea II. Edit. 1874. p. 410): »In diesem Schlamm +(Globigerinen-Schlamm aus 2,435 Faden oder ca. 14,600 Fuss Tiefe, +aus der Bay von Biscaya), wie in den meisten anderen Schlamm-Proben +aus dem atlantischen Ocean-Bett, war eine beträchtliche Quantität +einer weichen, gallertigen, organischen Materie nachweisbar, genug, +um dem Schlamme eine gewisse Klebrigkeit zu geben. Wenn der Schlamm +mit schwachem Weingeist geschüttelt wurde, fielen feine Flocken +nieder, wie von geronnenem Schleime; und wenn ein wenig von demjenigen +Schlamme, an welchem die klebrige Beschaffenheit am deutlichsten +hervortritt, in einem Tropfen Seewasser unter das Mikroskop gebracht +wird, können wir gewöhnlich nach einiger Zeit ein unregelmässiges +Netzwerk von eiweissartiger Materie sehen, unterscheidbar durch seine +bestimmten Umrisse und nicht mit Wasser mischbar. Man kann sehen, wie +dieses Netzwerk seine Form allmählig ändert und die eingeschlossenen +Körnchen und fremden Körper ihre relative Lage darin verändern. ~Die +Gallert-Substanz ist daher eines gewissen Grades von Bewegung fähig, +und es kann kein Zweifel sein, dass sie die Erscheinungen einer sehr +einfachen Lebensform zeigt.~« So wörtlich Sir ~Wyville Thomson~ (a. a. +O. S. 411). + +Meine eigenen Untersuchungen des ~Bathybius~-Schlammes betrafen, +ebenso wie diejenigen von ~Huxley~, nur todtes, in Weingeist +conservirtes Material. Das Fläschchen, in welchem ich denselben von +den Far-Oer-Inseln zugesandt erhielt, trug die Aufschrift »Dredged +of Professor Thomson und Dr. Carpenter with the Steamer Porcupine +on 2435 fathoms. 22. July 1869. Lat. 47° 38'. Long. 12° 4'.« Es war +also dieser ~Bathybius~-Schlamm derselbe, an welchem die genannten +Forscher ihre Beobachtungen über amoeboide Bewegungen angestellt +hatten. Die Resultate meiner Untersuchung habe ich ausführlich in +meinen »~Beiträgen zur Plastiden-Theorie~« mitgetheilt (2. Bathybius +und das freie Protoplasma der Meerestiefen. Jen. Zeitschr. für Naturw. +1870. Bd. V. S. 499. Taf. XVII.) Die 80 Figuren, welche ich daselbst +(auf Taf. XVII) von den verschiedenen formlosen Protoplasma-Stücken +des Bathybius und den geformten Kalkkörperchen, die er einschliesst, +gegeben habe, sind bei sehr starker Vergrösserung mit Hülfe der Camera +lucida ganz genau gezeichnet. Einige dieser Figuren sind auch in den +Aufsatz über »das Leben in den grössten Meerestiefen« übergegangen, +welchen ich 1870 in Virchow-Holzendorff’s Sammlung publicirt habe. (Nr. +110). + +Indem ich diesen, in starkem Alkohol sehr gut conservirten +Bathybius-Schlamm mit Hülfe der neuesten Methoden möglichst genau +untersuchte, und namentlich die vortheilhafte (von ~Huxley~ früher +nicht angewandte) Methode der Färbung mit Carmin und Jod übte, +suchte ich vor Allem die Quantität und Qualität der formlosen +Protoplasma-Stücke näher zu bestimmen, die überall in Masse zwischen +den geformten Kalktheilchen sich vorfanden. Diese eiweissartigen, +durch Carmin roth gefärbten Stücke waren sehr gleichmässig durch den +ganzen Schlamm verbreitet und schienen in den meisten untersuchten +Proben mindestens ein Zehntel bis ein Fünftel des gesammten Volums +zu betragen, in manchen Präparaten selbst die grössere Hälfte. +Dieselben Massen, welche durch Carmin sich mehr oder minder intensiv +roth färbten, nahmen durch Jod — und ebenso durch Salpetersäure — +eine gelbe Färbung an und zeigten auch im Verhalten gegen andere +chemische Reagentien ganz dieselben Eigenschaften, wie das gewöhnliche +Protoplasma der Thier- und Pflanzenzellen. Die Form der meisten +Stückchen war unregelmässig, rundlich oder mit stumpfen Fortsätzen, +einer Amoebe ähnlich; andere Stückchen bildeten unregelmässige, kleine +und grössere Sarcode-Netze, ähnlich denen der Myxomyceten. + +Ob die kleinen geformten Kalktheilchen, die Coccolithen und +Coccosphären, welche in so grossen Massen im Bathybius-Schlamme +vorkommen, — und zwar ebenso wohl zwischen den Protoplasma-Stückchen, +als innerhalb derselben, von ihnen umschlossen, — wirklich zu +ihnen gehören, oder nicht, diese Frage musste ich um so mehr offen +lassen, als ich schon vorher ganz ähnliche Kalkkörperchen in dem +Körper mehrerer pelagischen, an der Oberfläche des canarischen +Meeres schwimmenden Radiolarien gefunden hatte (»_Myxobracchia_ von +Lanzerote«). Diese sonderbaren Kalkkörperchen, welche bald die Gestalt +einer einfachen, concentrisch geschichteten Scheibe, bald eines +Hemdknöpfchens, bald einer aus vielen Scheibchen zusammengesetzten +Kugel u. s. w. hatten, konnten ebensowohl Ausscheidungen der +Bathybius-Sarcode sein, als fremde Körper, die zufällig (oder bei der +Nahrungsaufnahme) in das Protoplasma hinein gelangt waren. In neuester +Zeit hat sich die grössere Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der letzteren +Annahme herausgestellt und die meisten Biologen nehmen jetzt an, dass +alle diese Körperchen mikroskopische ~Kalk-Algen~ seien, verkalkte +einzellige Pflanzen. + +Durch diese Untersuchungen, die von mehreren anderen Forschern +bestätigt wurden, schien festgestellt, dass auf dem Boden des +nordatlantischen Oceans, und zwar in Tiefen zwischen 5000 und 25000 +Fuss, ein feinpulveriger Schlamm sich findet, welcher u. A. grosse +Mengen einer eigenthümlichen, noch kaum individualisirten Moneren-Art +enthält. Der Fehler, den wir nun begingen, bestand darin, dass +wir die Resultate dieser nordatlantischen Tiefsee-Untersuchungen +allzurasch generalisirten und überall den Boden des tiefen Oceans mit +ähnlichen Moneren bedeckt zu sehen erwarteten. Diese Erwartung wurde +vollständig getäuscht. Die sehr genaue und umfassende Untersuchung der +grossartigen ~Challenger~-Expedition, welche in 3½ Jahren die Erde +umkreiste und in den Tiefen der verschiedenen Oceane sorgfältig nach +dem Bathybius suchte, hat ihn nirgends wiedergefunden und erzielte +nur negative Resultate. Wir haben keinen Grund, in die Sorgfalt und +Genauigkeit der ausgezeichneten Naturforscher der bewunderungswürdigen +Challenger-Expedition irgend einen Zweifel zu setzen, um so weniger, +als ja der vorzügliche Director derselben, ~Sir Wyville Thomson~ selbst +zuerst die Bewegungen am lebenden Bathybius wahrgenommen hatte. Wir +müssen also wohl annehmen, dass an den vom Challenger untersuchten +Stellen des tiefen Meeresbodens die Bathybius-Moneren wirklich fehlten. +Folgt aber daraus, dass alle jene früheren Beobachtungen und Schlüsse +unrichtig waren? + +Wie es sehr häufig in solchen Fällen zu gehen pflegt, so ging +auch jetzt plötzlich die einseitig übertriebene Ansicht in das +entgegengesetzte Extrem über. Vorher hatte man gehofft, ~überall~ im +Schlamme des tiefen Meeresbodens die Protoplasma-Klumpen des Bathybius +in Masse zu finden; jetzt wollte man sie mit einem Male ~nirgends~ +mehr anerkennen. Insbesondere glaubte man sich zu der Annahme +berechtigt, der früher in Weingeist untersuchte Bathybius-Schlamm +sei weiter nichts, als ein feiner Gypsniederschlag, wie er überall +bei der Mischung von Weingeist mit Seewasser entsteht. Diese Ansicht +wurde zuerst von einigen Naturforschern der Challenger-Expedition +ausgesprochen und daraufhin widerrief Professor ~Huxley~ — wie mir +scheint, zu frühzeitig — seine frühere Ansicht vom Bathybius. In der +»~Nature~« (vom 19. Aug. 1875) und im »Quarterly Journal of microscop. +science« (1875, Vol. XV. p. 392) sagt derselbe wörtlich: »Professor +~Wyville Thomson~ theilt mir mit, dass die besten Bemühungen der +Challenger-Forscher, lebenden Bathybius zu entdecken, fehlschlugen, +und dass ernstlich vermuthet wird, das Ding, dem ich diesen Namen gab, +sei wenig mehr als schwefelsaurer Kalk, in flockigem Zustande aus +dem Seewasser durch den starken Alkohol niedergeschlagen, in welchem +der Tiefseeschlamm aufbewahrt wurde. Das Sonderbare ist aber, dass +dieser unorganische Niederschlag ~kaum von einem Eiweissniederschlag +zu unterscheiden ist~, und er gleicht, vielleicht noch mehr, dem +keimführenden Häutchen an der Oberfläche fauliger Aufgüsse, das +sich unregelmässig, aber sehr stark, mit Carmin färbt, Stücke von +bestimmtem Umriss bildet und in jeder Weise sich wie ein organisches +Ding verhält. ~Professor Thomson spricht sehr vorsichtig und sieht +das Schicksal des Bathybius noch nicht als ganz entschieden an.~ Aber +da ich hauptsächlich für den eventuellen Irrthum verantwortlich bin, +diese merkwürdige Substanz in die Reihe der lebenden Wesen eingeführt +zu haben, so glaube ich richtiger zu verfahren, wenn ich seiner oben +mitgetheilten Ansicht grösseres Gewicht beilege, als er selbst.« + +Dies sind die Worte des Professor ~Huxley~, welche so grosses Aufsehen +erregten, und nach weit verbreiteter Ansicht dem armen Bathybius +den Todesstoss versetzt haben. Je mehr aber hier die eigentlichen +Eltern des Bathybius sich geneigt zeigen, ihr Kind als hoffnungslos +aufzugeben, desto mehr fühle ich mich als Taufpathe verpflichtet, +seine Rechte zu wahren und womöglich sein erlöschendes Lebensfünkchen +wieder zur Geltung zu bringen. Und da finde ich denn glücklicherweise +einen werthvollen Bundesgenossen in einem vielgereisten deutschen +Naturforscher, der erst in neuerer Zeit wieder ~lebenden Bathybius~, +und zwar an der Küste von Grönland, beobachtet hat. Der bekannte +Nordpolfahrer Dr. ~Emil Bessels~ aus Heidelberg, der von dem +Schiffbruche der Polaris glücklich zurückkehrte, macht bei Gelegenheit +seiner Beschreibung der ~Haeckelina gigantea~ (eines colossalen +Rhizopoden, der vielleicht mit der früher von ~Sandahl~ beschriebenen +~Astrorhiza~ identisch ist) folgende wichtige Angaben: »Während der +letzten amerikanischen Nordpol-Expedition fand ich in 92 Faden Tiefe +in dem Smith-Sunde grosse Massen von freiem undifferenzirtem homogenem +Protoplasma, welches auch keine Spur der wohlbekannten Coccolithen +enthielt. Wegen seiner wahrhaft spartanischen Einfachheit nannte ich +diesen Organismus, den ich lebend beobachten konnte, ~Protobathybius~. +Derselbe wird in dem Reisewerk der Expedition abgebildet und +beschrieben werden. Ich will hier nur erwähnen, dass diese ~Massen +aus reinem Protoplasma~ bestanden, dem nur zufällig Kalktheilchen +beigemischt waren, aus welchen der Seeboden gebildet ist. Sie stellten +~äusserst klebrige, maschenartige Gebilde dar, die prächtige amoeboide +Bewegungen ausführten, Carminpartikelchen sowie andere Fremdkörper +aufnahmen und lebhafte Körnchenströmung zeigten~. (Jenaische Zeitschr. +f. Naturw. 1875. Bd. IX., S. 277. Vgl. auch: Annual Report of the +Secret. of the navy for 1873). An einem anderen Orte, in den von +~Packard~ publicirten »Life histories of animals« (New-York, 1876 p. +3) ist eine Abbildung der Protoplasma-Netze des ~Protobathybius~ von +Dr. ~Bessels~ publicirt. Hiernach möchte ich annehmen, dass derselbe +von unserm echten Bathybius nicht verschieden ist. Der Unterschied, +dass letzterer gewöhnlich viele geformte Kalkkörperchen (Coccolithen +etc.) umschliesst, der erstere dagegen nicht, verliert seine Bedeutung +durch die immer wachsende Wahrscheinlichkeit, dass diese Kalkkörperchen +einzellige, als Nahrung aufgenommene Kalkalgen sind.« + + +III. Zur Kritik des Bathybius. + +Nachdem wir jetzt die historischen Angaben über den Bathybius +zusammengetragen und die wichtigsten wörtlich angeführt haben, wenden +wir uns zur Kritik desselben. Versuchen wir, aus einer unpartheiischen +Würdigung jener Angaben uns ein selbständiges unbefangenes Urtheil +über den vielverschrieenen und jetzt fast aufgegebenen Urschleim der +grössten Meerestiefen zu bilden! + +Bezüglich des ~todten Bathybius~, des in Weingeist conservirten +Tiefseeschlammes aus dem nord-atlantischen Ocean, sind alle Beobachter, +die denselben genau untersucht haben, einig, dass derselbe mehr oder +minder ansehnliche Mengen von geronnenem ~Protoplasma~ enthält, welches +im morphologischen und chemisch-physikalischen Verhalten die grösste +Aehnlichkeit mit gewissen Moneren besitzt. Die Resultate, welche +~Huxley~ an seinem »Porcupine«-Material erhielt, und die ich selbst +bestätigen und ergänzen konnte, sind von allen anderen Beobachtern, die +denselben Schlamm untersuchten, als richtig anerkannt worden. + +Bezüglich des ~lebenden Bathybius~ liegen ~positive~ Angaben über +die characteristischen rhizopodenartigen Bewegungen desselben von +drei bewährten Beobachtern vor, von ~Sir Wyville Thomson~, Professor +~William Carpenter~ und Dr. ~Emil Bessels~. Alle drei stellten +diese Beobachtungen an Tiefseeschlamm aus dem nord-atlantischen +Ocean an. Dagegen lieferten die Bemühungen der Challenger-Forscher, +in verschiedenen Meeren jene älteren Beobachtungen über +Bewegungs-Erscheinungen zu wiederholen und zu bestätigen, nur +~negative~ Resultate. + +Was folgt nun aus allen diesen Angaben, denen wir sämmtlich dieselbe +Glaubwürdigkeit zuerkennen müssen, und die sich doch theilweise +zu widersprechen scheinen? Angenommen, dass alle diese Angaben +richtig sind, so folgt daraus einfach weiter gar nichts, als dass +der ~Bathybius-Schlamm eine beschränkte geographische Verbreitung +besitzt~, und dass es eine voreilige Verallgemeinerung war, alle +tiefen Meeres-Abgründe mit demselben zu bevölkern. Daraus aber, dass +die Challenger-Expedition den lebenden Bathybius nicht wiederfinden +konnte, ist doch wahrlich nicht zu folgern, dass die ~an anderen +Orten~ angestellten Beobachtungen der Porcupine-Expedition über +lebenden Bathybius unrichtig waren! Oder sollen wir daraus, dass die +Challenger-Expedition den merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« nur auf +einen verhältnissmässig engen Verbreitungsbezirk des pacifischen Oceans +beschränkt fand, und sonst nirgends wiederfinden konnte, den Schluss +ziehen, dass derselbe überhaupt nicht existire? Wir wissen, dass die +allermeisten Organismen-Arten einen beschränkten Verbreitungs-Bezirk +haben. Warum soll denn nicht auch die Verbreitung des Bathybius +beschränkt sein? + +Ich bekenne daher, nicht zu begreifen, wie ~Huxley~ seine Ansicht über +den Bathybius so rasch und so vollständig ändern konnte. Noch viel +weniger freilich begreife ich die Art und Weise, wie auf der deutschen +Naturforscher-Versammlung in Hamburg (im September 1876) der Bathybius +öffentlich zu Grabe getragen werden konnte. Ich finde darüber in der +Berliner Nationalzeitung folgende merkwürdige Mittheilung (datirt +Hamburg 21. September), betreffend einen von Professor ~Möbius~ aus +Kiel gehaltenen trefflichen Vortrag über die marine Fauna und die +Challenger-Expedition: »Ueber diese Ebenen — Tiefsee-Ebenen von 3700 +bis 4000 Meter Tiefe — sollte sich der geheimnissvolle Urschleim, +der Bathybius ausbreiten, den der berühmte ~Huxley~ zu Ehren seines +genialen Freundes in Jena ~Bathybius Haeckelii~ genannt hat. Leider +aber passirte der Naturforschung ein böses Missgeschick. Der Bathybius, +der so gut zu den modernen Anschauungen von dem Beginne des organischen +Lebens passte, erwies sich als ein Kunstproduct, als Niederschlag von +im Meere gelöstem Gyps, in Folge des den Proben zugesetzten Alkohols. +Ueberall wo man die frischen Proben an Bord untersuchte, war keine +Spur von ihm zu entdecken. Es machte einen geradezu erschütternden +Eindruck auf die Zuhörer, als Herr ~Möbius~ den Bathybius nach einem +so einfachen Recepte vor ihren Augen in einem mit Meerwasser gefüllten +Glase durch Alkohol-Zusatz erscheinen liess!« + +In der That eine merkwürdige Logik! Weil Weingeist in Seewasser einen +Gyps-Niederschlag erzeugt, deshalb ist der in Weingeist conservirte +Bathybius-Schlamm nur ein Gyps-Niederschlag! Und diese Beweisführung +machte auf alle Mitglieder einer deutschen Naturforscher-Versammlung +»einen geradezu erschütternden Eindruck!« Dass starker Weingeist in +Seewasser einen dünnen flockigen Gyps-Niederschlag erzeugt, weiss +Jeder, der Seethiere in Weingeist gesammelt hat. Ebenso weiss aber +auch Jeder, der den Bathybius-Schlamm der Porcupine-Expedition gleich +~Huxley~ und mir genau untersucht hat, dass die darin massenhaft +enthaltenen moneren-artigen Eiweisskörper wirklich aus einem +~eiweissartigen~ Körper und ~nicht aus Gyps~ bestehen. Sie färben +sich in Carmin roth, in Salpetersäure und in Jod gelb, werden durch +concentrirte Schwefelsäure zerstört und geben alle übrigen Reactionen +des ~Protoplasma~, was bekanntlich beim Gyps nicht der Fall ist. + +Wenn man gewisse Kreide-Arten oder kreidigen Mergel fein pulverisirt, +so erhält man ein feinkörniges, weisses Mehl, welches zum Verwechseln +dem merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« ähnlich ist, den die +Challenger-Expedition in einem beschränkten Bezirke des Pacifischen +Oceans (und ~nur hier~!) in einer Tiefe von 12,000–26,000 Fuss Tiefe +gefunden hat. Dieser »Radiolarien-Ooze«, den ich eben jetzt untersuche, +besteht fast ausschliesslich aus den zierlichsten und mannigfaltigst +geformten Kieselschalen von zahllosen Radiolarien. Mit blossem Auge +aber ist dieser getrocknete Schlamm — ein wundervolles, mikroskopisches +Radiolarien-Museum — nicht zu unterscheiden von jenem pulverisirten +Kreide-Mergel, der nicht eine einzige Radiolarien-Schale enthält. Ich +schlage nun vor, auf einer nächsten deutschen Naturforscher-Versammlung +den experimentellen Beweis zu führen, dass jene colossalen und +höchst merkwürdigen, vom Challenger entdeckten Radiolarien-Lager in +den Tiefen des Pacifischen Oceans nicht existiren. »Das Recept ist +höchst einfach.« Man zerstösst in einem Mörser vor den Augen der +versammelten Naturforscher einen von jenen Kreide-Mergeln, die keine +Radiolarien enthalten. Das so erhaltene weisse Pulver enthält kein +einziges Radiolar — also auch der pacifische (blos aus Radiolarien +bestehende) Tiefsee-Schlamm nicht — denn beide sind mit blossem Auge +nicht zu unterscheiden. Quod erat demonstrandum! Wir sind überzeugt, +das schlagende Experiment wird auf alle Zuschauer »einen geradezu +erschütternden Eindruck machen« — und der Radiolarien-Schlamm existirt +nicht mehr! + + +IV. Zur Kritik der Moneren. + +Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die »Nicht-Existenz +des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt es sehr +wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von ~Wyville Thomson~, +~Carpenter~ und ~Emil Bessels~ über die Bewegungen des lebenden +Bathybius richtig sind. Wir wollen nun aber einmal das Gegentheil +annehmen und wollen zugeben, dass Bathybius kein Moner und überhaupt +kein Organismus sei. Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert +wird, — dass auch die ~Moneren überhaupt nicht existiren~? Oder dürfen +wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht +existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen +giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der lebendig +gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis, Platurus, Aepysurus +etc.), welche meistens im indischen Ocean und Sunda-Archipel leben, +aber keine beträchtliche Grösse erreichen. + +Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen, dass meine +eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand gerichteten und +möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz von mehr als einem +Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils im Süsswasser, theils +im Meere nachgewiesen haben. Um so mehr will ich aber hervorheben, +dass diese Beobachtungen seitdem von einer Anzahl bewährter +Forscher wiederholt und bestätigt worden sind. Einige von diesen +Moneren scheinen sogar im süssen Wasser sehr verbreitet zu sein, +so namentlich die Gattungen Protamoeba und Vampyrella. _P. agilis_ +und _V. spirogyrae_ kommen in Jena fast jeden Sommer gelegentlich +zur Beobachtung. _P. primitiva_ und _V. vorax_ sind von mehreren +verschiedenen Beobachtern in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden. +Andere neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von ~Cienkowski~ +und ~Oskar Grimm~ beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit +der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen Organismen +zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss derselben sich noch +beträchtlich erweitern und vertiefen wird. + +Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner ist oder +nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl ~echter +Moneren~, deren fundamentale Bedeutung von ersteren ganz unabhängig +ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl von niedrigsten +Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten existiren, welche +nicht nur die einfachsten unter allen wirklich beobachteten +Organismen, sondern überhaupt die ~denkbar einfachsten~ lebenden +Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht in vollkommen entwickeltem +und fortpflanzungsfähigem Zustande aus nichts weiter als aus +einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen, dessen wechselnde, +formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten gleichzeitig +besorgen, Bewegung und Empfindung, Stoffwechsel und Ernährung, +Wachsthum und Fortpflanzung. Morphologisch betrachtet ist der +Körper eines solchen Moners so einfach wie derjenige irgend eines +anorganischen Krystalles. Verschiedene Theilchen sind darin überhaupt +nicht zu unterscheiden; vielmehr ist jedes Theilchen dem andern +gleichwerthig. Diese wichtigen Thatsachen und die daraus sich +ergebenden weitreichenden Folgerungen gelten für ~alle Moneren~ ohne +Ausnahme — mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie +ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht. + +Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen« bezeichnen, +so ist damit nur ihre ~morphologische Einfachheit~, der Mangel +jeder Zusammensetzung aus verschiedenen Organen, ausgesprochen. +In chemisch-physikalischer Beziehung können dieselben noch sehr +zusammengesetzt sein; ja wir werden ihnen sogar auf alle Fälle eine +~sehr verwickelte Molecular-Structur~ zuschreiben müssen, wie allen +eiweissartigen Körpern überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen +Eiweisskörper der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung, +Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch Andere +als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen und +fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere Auffassung und für +die allgemeine biologische Bedeutung der Moneren von untergeordneter +Bedeutung. Denn auf alle Fälle — mag diese oder jene Ansicht richtig +sein — bleiben die Moneren in ~anatomischer~ Hinsicht ~vollkommen +einfach~: Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich, +dass das Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung +des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener +Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit +der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige Substanz, +welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine ~stickstoffhaltige +Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem Aggregatzustande~. + +~Das Leben ist also nicht Folge der Organisation, sondern umgekehrt.~ +Das formlose Protoplasma bildet die organisirten Formen. Da ich +die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche die Moneren in dieser +Beziehung, wie in vielen andern Beziehungen besitzen, bereits in den +früher angeführten Schriften ausführlich erörtert habe, kann ich hier +einfach darauf verweisen. Nur die fundamentale Bedeutung, welche die +Moneren für die hochwichtige Frage von der ~Urzeugung~ behaupten, sei +hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben. ~Die ältesten Organismen, +welche durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden, konnten +nur Moneren sein.~ + +Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die Lösung +der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu einem +besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die Gegner +der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die Letzteren jede +Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich wie es auch mit +dem berühmten ~Eozoon canadense~ geschah, jener vielbestrittenen +ältesten Versteinerung der laurentischen Formation. Die erfahrensten +und urtheilsfähigsten Kenner der Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze +Professor ~Carpenter~ in London und der verstorbene berühmte Anatom +~Max Schultze~ in Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung +gewonnen, dass das echte nordamerikanische ~Eozoon~ (aus den +laurentischen Schichten in Canada) ein wirklicher ~Rhizopode~ und +zwar ein dem ~Polytrema~ nächstverwandtes ~Polythalamium~ ist. Ich +selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem Studium +der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen, schönen +Eozoon-Präparate von ~Carpenter~ und von ~Max Schultze~ selbst genau +untersucht und hege danach nicht den mindesten Zweifel mehr, dass +dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium und kein Mineral ist. + +Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung des +Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen Erdgeschichte um +viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte silurische Formation +als verhältnissmässig junge erkannt und so der Entwickelungslehre ein +grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb fahren die Gegner der +letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das Eozoon kein organischer +Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber die hohe Bedeutung des Eozoon +durch diese fruchtlosen Angriffe unkundiger Gegner erst recht in ihr +volles Licht gesetzt worden ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren +— mit oder ohne Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester +Grundstein der Entwickelungslehre! + +[Illustration] + + + + +Anhang. + +System der Protisten. + + +Erste Classe des Protistenreiches. + +1. =Monera= (HAECKEL) =Urlinge=. + +Organismen ohne Organe. Der ganze Körper dieser einfachsten und +niedrigsten Organismen besteht in vollkommen entwickeltem Zustande aus +weiter nichts, als aus einem Stückchen ~Plasson~ oder »Urschleim«, +einer eiweissartigen Verbindung, die noch nicht in Protoplasma und +Nucleus differenzirt ist. Jedes Moner ist also eine ~Cytode~, noch +keine Zelle. Form meistens unbestimmt, mit wechselnden Fortsätzen. +Bewegung bald durch Lappenfüsschen, bald durch Wurzelfüsschen, bald +durch Flimmerfüsschen. Nahrungsaufnahme verschieden. Fortpflanzung +~ungeschlechtlich~, durch Theilung, Knospung oder Sporenbildung. Leben +im Wasser, meistens im Meere, auch parasitisch in anderen Organismen. + + +Erste Ordnung der Moneren: + +~Lobomonera~ (HAECKEL). Lappen-Urlinge. Fig. 47. + +Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch +~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_) geschehen: stumpfe, fingerförmige, meist +unverästelte Fortsätze, wie bei den ~Amoeben~. + +~Gattung~: Protamoeba (Arten: P. primitiva, P. agilis etc.) Fig. 47. + + +Zweite Ordnung der Moneren: + +~Rhizomonera~ (HAECKEL). Wurzel-Urlinge. Fig. 48, 49. + +Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch +~Wurzelfüsschen~ (_Pseudopodia_) geschehen: feine, lange, fadenförmige, +meist verästelte und netzförmig sich verbindende Fortsätze, wie bei den +~Rhizopoden~. + +~Gattungen~: Protomyxa (aurantiaca) Fig. 48. Vampyrella (Spirogyrae). +Bathybius (Haeckelii) Fig. 49. + + +Dritte Ordnung der Moneren: + +~Tachymonera~ (HAECKEL). Geissel-Urlinge. Fig. 50. (Synonym: +_Schizomycetes_. Spaltpilze. ~Bacterien.~) + +Moneren von bestimmter, meist, stabförmiger oder fadenförmiger Gestalt, +deren zitternde oder schwingende lebhafte Bewegungen (wohl immer) +durch äusserst feine ~Geisseln~ (Flagella) geschehen, wie bei den +Geisselschwärmern (_Flagellata_). Fortpflanzung ungeschlechtlich, +meistens durch Quertheilung. Erzeugen Zersetzung und Fäulniss in den +organischen Flüssigkeiten, in denen sie leben. Wahrscheinlich die +Ursachen vieler Krankheiten. + +~Gattungen~: Bacterium (monas). Vibrio (lineola). Spirillum +(tremulans). Fig. 50. + + +Zweite Classe des Protistenreiches. + +2. =Lobosa= (CARPENTER). =Lappinge=. + +(Synonym: _Amoebina._ Infusoria rhizopoda. _Protoplasta._) + +Einzellige Organismen (selten Syncytien), deren Zellenleib bald +nackt (_Gymnolobosa_), bald in einer verschieden gestalteten Schale +theilweise verborgen (_Thecolobosa_) ist. Die Zellen bewegen sich +durch ~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_): stumpfe, fingerförmige, +meist unverästelte Fortsätze, die an verschiedenen Stellen der +Oberfläche entstehen und vergehen. Die Nahrung wird durch diese +Lappenfüsschen umflossen und in das Innere der Zelle hineingedrückt. +Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich häufig in eine helle, +structurlose, festere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine trübe, +feinkörnige, weichere ~Markschicht~ (_Endoplasma_). Oft enthält +derselbe eine oder mehrere contractile Blasen (Vacuolen); bald +beständig, bald unbeständig. Der Zellkern oder ~Nucleus~ ist meist +einfach, selten mehrfach vorhanden. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, +meist durch Theilung, seltener durch Knospung oder Sporenbildung. Die +Lobosen leben meistens im Wasser, seltener in der Erde oder parasitisch +in anderen Organismen. + + +Erste Ordnung der Lobosen: + +~Gymnolobosa~ (HAECKEL). Nackte Lappinge. Fig. 1. + +Lobosen mit nacktem, weichem Zellenleibe, ohne Schale. + +~Gattungen~: Amoeba (princeps). Podostoma (filigerum). Petalopus +(diffluens). + + +Zweite Ordnung der Lobosen: + +~Thecolobosa~ (HAECKEL). Beschalte Lappinge. Fig. 5, 6. (Synonym: +Lepamoebae. Arcellinae. Amoebae cataphractae). + +Lobosen mit einer Schale oder Zellmembran, von welcher der weiche +Zellenleib theilweise bedeckt wird. + +~Gattungen~: Arcella (vulgaris). Difflugia (oblonga), Fig. 5. Quadrula +(symmetrica), Fig. 6. + + +Dritte Classe des Protistenreiches. + +3. =Gregarinae= (DUFOUR). =Gregaringe.= + +Einzellige Organismen oder Ketten von wenigen, an einander gereihten +Zellen, deren Leib von einer weichen, dicken, dehnbaren Haut allseitig +umschlossen ist. Diese ~Zellmembran~ ist glatt, ohne Oeffnung, an +einem Ende des Körpers oft mit hakenförmigen Haftapparaten versehen. +Das ~Protoplasma~ ist sehr dehnbar und contractil, mit vielen Körnchen +durchsetzt. Der ~Zellkern~ gross, meist ein helles kugeliges Bläschen, +mit einem Nucleolus. Die wurmähnlichen Bewegungen der kriechenden +Zellen geschehen durch Zusammenziehungen der (unmittelbar unter der +Membran liegenden) Rindenschicht des Protoplasma, welche bisweilen +in muskelähnliche Fäserchen differenzirt ist. Alle Gregarinen leben +~parasitisch~ im Darm oder in der Leibeshöhle (seltener in den +Geweben) von Thieren (besonders von Würmern und Gliederthieren). Sie +ernähren sich vom Safte dieser Wohnthiere, der durch die Membran der +schmarotzenden Zellen in das Innere ihres Protoplasma hindurchschwitzt +(Endosmose). Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung oder +durch Sporenbildung. Im letzteren Falle zieht sich eine einzelne +Gregarine, oder mehrere mit einander verschmelzende Gregarinen, kugelig +zusammen und umgeben sich mit einer Kapsel. Die Zellkerne verschwinden +und das Protoplasma zerfällt in zahlreiche Keimzellen oder ~Sporen~ +(Psorospermien, Pseudonavicellen). Später schlüpft aus jeder Spore +ein ~Moner~ aus, welches sich durch Neubildung eines Nucleus in eine +~Amoebe~ verwandelt. Indem letztere sich mit einen Membran umhüllt, +wird sie zur ~Gregarine~. + + +Erste Ordnung der Gregarinen: + +~Monocystida~ (STEIN). Einzellige Gregaringe. + +Gregarinen-Leib eine einfache Zelle, mit einem einzigen Kern. + +~Gattung~: Monocystis (agilis). Fig. 7. + + +Zweite Ordnung der Gregarinen: + +~Polycystida~ (HAECKEL). Vielzellige Gregaringe. + +Gregarinen-Leib eine Kette von zwei oder drei (selten mehr) an einander +gereihten Zellen, jede Zelle mit einem Kern. + +~Gattung~: Didymophyes (paradoxa). + + +Vierte Classe des Protistenreiches. + +4. =Flagellata= (EHRENBERG). =Geisslinge.= + +(Synonym: _Mastigaria_. Geisselschwärmer. Geissel-Infusorien.) + +Einzellige Organismen, seltener Coenobien oder Zellenhorden: Gemeinden +von mehreren oder vielen locker verbundenen Zellen. Bewegen sich durch +~Geisseln~ (_Flagella_), einen langen, fadenförmigen Fortsatz (oder +mehreren, an einem Punkte befestigten) des Protoplasma, welche hin und +her schwingen, wie eine Peitsche. Zellenleib bald nackt, bald von einer +Hülle umschlossen, aus deren Oeffnung die schwingende Geissel vortritt. +Selten sind die Flagellaten auf Gegenständen im Wasser festgewachsen, +meistens schwimmen sie frei umher. Bei vielen wechseln ruhende und +bewegliche Zustände mit einander ab; und dann geschieht die Vermehrung +meist während des Ruhezustandes, durch Theilung. Nahrungsaufnahme bald +durch Aufsaugung (Endosmose), bald durch einen Zellmund (Cytostoma). +Vermehrung ~ungeschlechtlich~, meist durch Theilung, seltener durch +Knospung oder Sporenbildung. Bei einigen (Volvocinen) Anfänge +geschlechtlicher Sonderung. + + +Erste Ordnung der Flagellaten: + +~Nudoflagellata~ (HAECKEL). Nackt-Geissler. Fig. 8. + +Geisslinge mit nacktem Zellenleibe, ohne Wimperkranz. + +~Gattungen~: Euglena (viridis). Astasia (haematodes). Phacus +(longicauda, Fig. 8). + + +Zweite Ordnung der Flagellaten: + +~Thecoflagellata~ (HAECKEL). Hüll-Geissler. Fig. 10. + +Geisslinge, ohne Wimperkranz, deren Zellenleib von einer Hülle oder +Schale umschlossen ist. Die Geisseln treten aus einer Oeffnung der +Schale hervor. Oft ist die Schale auf einem sitzenden Stiele angeheftet. + +~Gattungen~: Salpingoeca (marina). Dinobryon (sertularia). + + +Dritte Ordnung der Flagellaten: + +~Cilioflagellata~ (J. MÜLLER). Wimper-Geissler. Fig. 9. + +Geisslinge mit einem Kranze von kurzen Wimpern um die Mitte des +Zellenleibes, welcher von einer zweiklappigen Schale umschlossen ist. +Zwischen beiden Schalenhälften tritt frei die lange Geissel und der +Wimperkranz vor. + +~Gattungen~: Peridinium (oculatum) Ceratium (tripus) Fig. 9. + + +Vierte Ordnung der Flagellaten: + +~Cystoflagellata~ (HAECKEL). Blasen-Geissler. Fig. 11. + +Geisslinge ohne Wimperkranz, mit grossem, blasenförmigen Zellenleibe, +welcher ausser der Geissel einen eigenthümlichen Peitschen-Anhang und +einen stabförmigen Körper im Innern besitzt. + +~Gattungen~: Noctiluca (miliaris) Fig. 11. Leptodiscus (medusoides). + + +Fünfte Classe des Protistenreiches. + +5. =Catallacta= (HAECKEL). =Mittlinge.= + +Einzellige Organismen, welche eine Zeitlang zu einer ~Zellenhorde~ +(~Coenobium~) vereinigt sind, später isolirt leben. Die Zellenhorden +oder Coenobien sind schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus +zahlreichen Zellen, welche im Centrum der Kugel durch Fortsätze +vereinigt sind, während an der Oberfläche die schwingenden Flimmerhaare +vortreten. Die ~Einsiedler-Zellen~ (~Monocyten~), welche durch +Zerfall der Coenobien entstehen, bewegen sich anfangs schwimmend, +gleich ~Flagellaten~ umher; dann verwandeln sie sich in kriechende +~Amoeben~-ähnliche Zellen; schliesslich ziehen sie sich kugelig +zusammen und kapseln sich ein. Innerhalb dieses Ruhezustandes +entsteht durch wiederholte Theilung der Zelle ein neues kugelförmiges +Coenobium, welches die Hülle durchbricht und frei umherschwimmt. Diese +~ungeschlechtliche~ Fortpflanzung erinnert an die Eifurchung der +Thiere. Die Catallacten leben theils im Meere, theils im Süsswasser. + +~Gattungen~: Magosphaera (planula) Fig. 46. Synura (uvella). + + +Sechste Classe des Protistenreiches. + +6. =Ciliata= (J. MÜLLER). =Wimperlinge.= + +(Synonym: Infusionsthierchen oder Infusoria im engsten Sinne). + +~Einzellige~ Organismen, sehr selten ~Zellhorden~ oder Coenobien, +welche aus mehreren, locker verbundenen Zellen zusammengesetzt sind. +Bewegung durch zahlreiche kurze ~Wimpern~ (~Cilia~). Zellenleib +meistens nackt, seltener von einer Hülle oder Schale theilweise +umschlossen. Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich meist in +eine helle, festere, hyaline Rindenschicht (_Exoplasma_) und eine +trübe, feinkörnige, weichere ~Markschicht~ (_Endoplasma_). Aus der +Rindenschicht treten stets zahlreiche kurze Wimperhärchen oder Cilien +hervor, welche lebhaft und willkürlich bewegt werden. Meistens laufen +oder schwimmen die Wimperthierchen rasch umher mittelst der Bewegungen +ihrer Wimpern; bei festsitzenden dienen letztere dazu, durch den +im Wasser erzeugten Strudel stets frisches Wasser und Nahrung dem +Zellmunde zuzuführen. Der ~Zellmund~ (_Cytostoma_) ist eine constante +Oeffnung in der Rindenschicht und lässt verschluckte Bissen in die +innere weichere Markmasse des Zellenleibes eintreten, wo sie verdaut +werden. An der Innenfläche der Rindenschicht liegt eine ~contractile +Blase~ (eine constante Vacuole), welche meistens durch einen kurzen +Kanal nach aussen zu münden scheint. Der ~Zellkern~ ist gross, +verschieden gestaltet, meistens einfach, sehr selten mehrfach. Die +Fortpflanzung geschieht meistens ~ungeschlechtlich~, durch Theilung +(Quertheilung oder Längstheilung), seltener durch Knospung. Wie weit +ausserdem Fortpflanzung durch Sporenbildung (oder vielleicht durch +geschlechtliche Zeugung einfachster Art), verbunden mit Conjugation, in +dieser Classe verbreitet ist, erscheint noch nicht sicher festgestellt. +Die Classe der Wimperthierchen oder Wimperlinge ist sehr umfangreich +und überall im Süsswasser und Meere verbreitet. + + +Erste Ordnung der Ciliaten. + +~Holotricha~ (STEIN). Ueberall behaarte Wimperlinge. + +Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen feinen +Wimperhärchen bedeckt. + +~Gattungen~: Glaucoma (scintillans). Paramecium (aurelia). Trachelius +(ovum). Prorodon (teres) Fig. 15. + + +Zweite Ordnung der Ciliaten. + +~Heterotricha~ (STEIN). Verschieden behaarte Wimperlinge. + +Die ganze Oberfläche des Zellenleibes gleichmässig mit kurzen feinen +Wimperhärchen bedeckt; ausserdem noch ein Kranz oder Gürtel von +stärkeren und grösseren Wimpern (Griffeln oder Borsten) um den Zellmund +herum. + +~Gattungen~: Bursaria (truncatella). Stentor (polymorphus) Fig. 12. +Freia (elegans) Fig. 14. Spirustomum (teres). + + +Dritte Ordnung der Ciliaten: + +~Hypotricha~ (STEIN). Unterseits behaarte Wimperlinge. + +Zellenleib blattförmig zusammengedrückt, an der oberen (oder Rücken-) +Seite nackt, an der unteren (oder Bauch-) Seite mit kleineren und +grösseren Wimpern bedeckt. + +~Gattungen~: Chilodon (cucullulus). Euplotes (charon). Oxytricha +(pellionella). Aspidisca (costata). + + +Vierte Ordnung der Ciliaten: + +~Peritricha~ (STEIN). Ringförmig behaarte Wimperlinge. + +Zellenleib drehrund, grösstentheils nackt, nur mit einem Gürtel +(seltener zwei Gürteln) von Wimperhaaren versehen. + +~Gattungen~: Dictyocysta (templum). Ophrydium (versatile). Trichodina +(pediculus). Vorticella (campanula). + + +Siebente Classe des Protistenreiches: + +7. =Acinetae= (EHRENBERG). =Starrlinge.= + +(Synonym: Infusoria suctoria. Saug-Infusorien.) + +~Einzellige~ Organismen, seltener ~Zellenhorden~ (Coenobia) oder +Zellenfusionen (~Syncytia~), welche aus mehreren, locker oder enger +verbundenen Zellen zusammengesetzt sind. Zellenleib von einer ~Membran~ +oder Kapsel umschlossen, durch welche sehr feine, zerstreute oder +büschelförmig vereinigte ~Saugröhren~ hervortreten. Mittelst dieser +borstenförmigen, am freien Ende mit einem Saugnäpfchen oder Knöpfchen +versehenen Saugröhren heften sich die Acineten an Ciliaten und +anderen Protisten an und saugen deren Protoplasma aus (ähnlich wie +die Vampyrellen unter den Moneren). Im Innern des Protoplasma findet +sich neben dem ~Zellkern~ oft eine contractile Blase (~Vacuole~). +Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, bald durch Theilung, bald durch +Knospung, bald durch Schwärmsporen. Letztere entstehen im Innern des +Zellenleibes, durchbrechen denselben und schwimmen mittelst feiner +Wimperhärchen umher, zwischen welchen feinste Saugröhrchen sitzen. +Die Acineten leben sowohl im süssen Wasser als im Meere, und sitzen +meistens unbeweglich auf Stielen fest; seltener schwimmen sie frei +umher. + + +Erste Ordnung: + +~Monacinetae~ (HAECKEL). Einzel-Starrlinge. Fig. 16, 17. + +Einzellige Acineten, deren einfacher Zellenleib nur einen einzigen Kern +enthält. + +~Gattungen~: Podophrya (Cyclopum). Acinetella (mystacina). + + +Zweite Ordnung: + +~Synacinetae~ (HAECKEL). Horden-Starrlinge. + +Mehrzellige Acineten, deren verästelter Zellenleib mehrere Kerne +enthält. + +~Gattungen~: Dendrosoma (radians). + + +Achte Classe des Protistenreiches. + +8. =Labyrinthuleae= (CIENKOWSKI). =Labyrinthinge.= + +~Zellenhorden~ (_Coenobia_), welche aus zahlreichen gleichartigen, +beweglichen Zellen locker zusammengesetzt sind. Die Zellen sind +meistens spindelförmig, umschliessen einen ~Kern~ und können ihre +Gestalt ändern. Sie leben in grossen Haufen gesellig beisammen, und +bewegen sich in eigenthümlicher, noch unerklärter Weise rutschend oder +gleitend umher (ähnlich manchen Diatomeen). Die Bewegung geschieht +nicht frei im Wasser, sondern ausschliesslich in einer eigenthümlichen +~Fadenbahn~ (_Linodium_), einem Gerüste von starren, baumförmig +verästelten und netzförmig verbundenen Fäden. Diese Fäden besitzen +faserige Structur und werden von den wandernden Zellen ausgeschieden. +Auf den mannigfachsten Umwegen gleiten die Spindelzellen in der +Fadenbahn umher, sammeln sich später in Haufen und kapseln sich ein. +Bei dieser ~Encystirung~ erhält jede Zelle eine Membran, und die ganze +gesammelte Horde eine Rindenkapsel. In jeder einzelnen Zelle entstehen +später vier junge Zellen (~Tetrasporen~). Die Labyrinthuleen leben im +Meere. + +~Gattung~: Labyrinthula. (Arten: L. vitellina. L. macrocystis.) + + +Neunte Klasse des Protistenreiches. + +9. =Bacillariae.= =Schachtlinge.= + +(Synonym: Diatomeae. Diatomaceae. Stabthierchen.) + +~Einzellige~ Organismen oder ~Zellenhorden~ (Coenobia); lockere +Gesellschaften von mehreren Zellen, welche in Gallertmassen oder auf +gemeinsamen, verzweigten Stielen vereinigt sind. Der Zellenleib ist +stets von einer ~zweiklappigen Kieselschale~ umschlossen, deren beide +Hälften so ineinander geschoben sind, wie eine ~Schachtel~ und ihr +~Deckel~. Meistens bewegen sich die Zellen rutschend oder schwimmend +umher, wahrscheinlich mittelst eines äusserst feinen Wimperkranzes, +welcher in dem engen Spalte zwischen der Schachtel und ihrem Deckel +frei vortritt. Ernährung und Stoffwechsel wie bei den einzelligen +Algen. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung. Im Beginn +der Theilung schieben sich die beiden Klappen der schachtelähnlichen +Kieselschalen auseinander; der Kern theilt sich in zwei auseinander +weichende Hälften, ebenso das Protoplasma. Darauf bildet sich +jede Tochterzelle eine neue Schalenhälfte zu der alten Hälfte, +die den Schachteldeckel bildet. Die so entstehenden Generationen +werden fortgesetzt immer kleiner, bis zuletzt eine Generation (von +~Auxosporen~) entsteht, welche die ganze Kieselschale abwirft, mächtig +wächst und dann eine neue Kieselschale erster Grösse bildet. Die +Diatomeen oder Bacillarien leben in zahllosen, zierlichen Formen +überall im Meere und im Süsswasser. + + +Erste Ordnung der Bacillarien: + +~Naviculatae~ (EHRENBERG). Kahn-Schachtlinge. Fig. 45. + +~Gattungen~: Navicula (gracilis). Cocconeis (placentula). + + +Zweite Ordnung der Bacillarien: + +~Echinellatae~ (EHRENBERG). Palm-Schachtlinge. + +~Gattungen~: Cocconema (cistula). Achnanthes (longipes). + + +Dritte Ordnung der Bacillarien: + +~Lacernatae~ (EHRENBERG). Gallert-Schachtlinge. + +~Gattungen~: Frustulia (salina). Gloeonema (paradoxum). + + +Zehnte Klasse des Protistenreiches. + +10. =Fungi= (LINNE.). =Pilze.= + +~Polyplastide~ (sehr selten monoplastide) Organismen, deren Körper +nicht aus echten (kernhaltigen) Zellen, sondern aus fadenförmigen +(kernlosen) ~Cytoden~ zusammengesetzt ist (~Hyphen~). Diese +Fadenschläuche oder Hyphen bilden durch seitliche Sprossung und +quere Gliederung der Aeste ein vielfach verzweigtes ~Faden-Geflecht~ +(_Mycelium_), welches parasitisch in oder auf anderen Organismen +(oder von deren Zersetzungs-Producten) lebt. Später entwickelt +sich aus diesem Mycelium ein ansehnlicher, höchst mannigfaltig +gebauter ~Fruchtkörper~ (_Stroma_), welcher an bestimmten Stellen +ein ~Sporenlager~ (_Hymenium_) bildet. In letzterem entstehen +die Keimzellen oder ~Sporen~ meistens ~ungeschlechtlich~, selten +geschlechtlich (in Folge eines eigenthümlichen Befruchtungs-Vorganges). +Der ~Stoffwechsel~ der Pilze ist ~thierisch~, nicht pflanzlich. Niemals +bilden die Pilze Chlorophyll und Amylum, wie die echten Pflanzen. +~Nirgends~ findet sich im Pilzkörper ein ~Zellkern~, wie er in den +Zellen aller echten Thiere und Pflanzen überall vorkommt. + + +Erste Ordnung der Pilze: + +~Phycomycetes.~ Tangpilze. + +~Gattungen~: Mucor (mucedo). Penicillium (glaucum). + + +Zweite Ordnung der Pilze: + +~Coniomycetes.~ Rostpilze. + +~Gattungen~: Ustilago (segetum). Puccinia (graminis). + + +Dritte Ordnung der Pilze: + +~Ascomycetes.~ Schlauchpilze. + +~Gattungen~: Morchella (esculenta). Claviceps (purpurea). + + +Vierte Ordnung der Pilze: + +~Gastromycetes.~ Bauchpilze. + +~Gattungen~: Lycoperdon (bovista). Phallus (impudicus). + + +Fünfte Ordnung der Pilze: + +~Hymenomycetes.~ Hutpilze. + +~Gattungen~: Agaricus (campestris). Boletus (laricis). Fig. 44. + + +Elfte Classe des Protistenreiches. + +11. =Myxomycetes= (WALLROTH). =Netzinge.= + +(Synonym: ~Mycetozoa.~ ~Myxogasteres.~ Schleimpilze.) + +Organismen, welche in vollkommen entwickeltem und frei +beweglichem Zustande ein ~Plasmodium~ darstellen: einen formlosen +Protoplasmakörper, welcher aus vielen verschmolzenen Zellen +zusammengesetzt ist, deren Kerne sich aufgelöst haben. Dieses +Plasmodium kriecht frei umher, gleich einem colossalen Rhizopoden, +und bildet ausgedehnte netzförmige Körper, indem an der Oberfläche +formwechselnde, unbeständige ~Scheinfüsse~ (_Pseudopodia_) +hervortreten, deren Aeste an den Berührungsstellen zusammenfliessen. +Die Plasmodien ernähren sich von organischen Körpern ebenso wie die +echten Rhizopoden (Thalamophoren) und Radiolarien. Nach vollendetem +Wachsthum zieht sich das Plasmodium auf einen rundlichen Klumpen +zusammen und verwandelt sich in einen blasenförmigen ~Fruchtkörper~ +(_Sporocystis_). Diese ~Sporenblase~ ist von einer festen, +structurlosen Haut allseitig umschlossen. Innerhalb derselben +zerfällt das Protoplasma in zahllose kleine ~Keimzellen~ (_Sporae_), +zwischen welchen sich meistens ein Geflecht von haarfeinen Fäden +entwickelt (_Capillitium_). Später platzen die Fruchtkörper und die +Sporen werden frei. Aus der Hülle einer jeden Spore schlüpft eine +amoebenartige, kernhaltige Zelle aus. Diese ~Amoeben~ verwandeln +sich in ~Flagellaten~, indem an einem Ende eine schwingende Geissel +vortritt. So schwimmen sie als »Schwärmsporen« umher, vermehren sich +durch Theilung und gehen dann wieder in amoebenähnliche Zellen über, +welche umherkriechen. Durch Zusammenfliessen vieler solcher Amoeben +entstehen die Plasmodien. Diese leben schmarotzend auf verwesenden +Pflanzen (faulen Blättern etc.). + + +Erste Ordnung der Myxomyceten: + +~Physareae.~ Physareen. + +~Gattungen~: Physarum (albipes). Aethalium (septicum). Fig. 42, 43. + + +Zweite Ordnung der Myxomyceten: + +~Stemoniteae.~ Stemoniteen. + +~Gattungen~: Stemonitis (typhoides). Diachea (elegans). + + +Dritte Ordnung der Myxomyceten: + +~Trichiaceae.~ Trichiaceen. + +~Gattungen~: Licea (serpula). Arcyria (lateritia). + + +Vierte Ordnung der Myxomyceten: + +~Lycogaleae.~ Lycogaleen. + +~Gattungen~: Lycogala (epidendron). Reticularia (maxima). + + +Zwölfte Classe des Protistenreiches. + +12. =Thalamophora= (HERTWIG). =Kammerlinge.= + +(Synonym: Acyttaria. Reticularia. Rhizopoda.) + +Organismen, welche in entwickeltem Zustande ein ~Syncytium~ darstellen, +einen beweglichen Protoplasma-Körper, der viele Zellkerne enthält; +selten ist der Körper einzellig und enthält nur einen Kern. Von +der Oberfläche des Protoplasma strahlen sehr zahlreiche und feine +Scheinfüsschen (_Pseudopodia_) aus: dünne Fäden, welche sich +verästeln und an den Berührungsstellen netzförmig verschmelzen. Diese +Pseudopodien dienen sowohl zur Ortsbewegung und zur Empfindung, wie zur +Ernährung, indem die Acyttarien fremde organische Körperchen mittelst +derselben in ihr Inneres einziehen und dort auflösen. Stets ist das +Syncytium von einer ~Schale~ umschlossen, die äusserst vielgestaltig +ist. Die Pseudopodien treten entweder aus einer einzigen grösseren +Oeffnung der Schale hervor (_Imperforata_), oder aus zahlreichen +feinen Sieblöchern der Schale (_Foraminifera_). Meist besteht die +Schale aus kohlensaurem Kalk, seltener aus Kieselerde oder aus einer +organischen Substanz. Die Fortpflanzung erfolgt ~ungeschlechtlich~, +selten durch Theilung oder Knospung, meistens durch Sporenbildung. +Die meisten Acyttarien leben im Meere, einige im süssen Wasser; die +meisten kriechen auf dem Boden, wenige schwimmen an der Oberfläche; nur +einzelne sitzen auf einem Stiele fest. + + +Erste Ordnung der Thalamophoren: + +~Monostegia~ (D’ORB.). Dichtschalige Einkammerlinge. Fig. 19. + +Schale einkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, nur mit einer +einzigen grösseren Oeffnung an einem Pole der Axe, selten mit zwei +grösseren Oeffnungen, an beiden entgegengesetzten Polen derselben. +(_Imperforata monostegia_). + +~Gattungen~: Gromia (oviformis) Fig. 19. Lagynis (baltica). Squamulina +(laevis). Cornuspira (planorbis). + + +Zweite Ordnung der Thalamophoren: + +~Polystegia~ (HAECKEL). Dichtschalige Vielkammerlinge. + +Schale vielkammerig, dicht, nicht siebförmig durchlöchert, mit einer +einzigen grossen Oeffnung, am Ende der jüngsten Kammer. (_Imperforata +polystegia_). + +~Gattungen~: Miliola (cyclostoma). Peneroplis (dendritina). Lituola +(nautiloides). Parkeria (ingens). + + +Dritte Ordnung der Thalamophoren: + +~Monothalamia~ (M. SCHULTZE). Siebschalige Einkammerlinge. + +Schale einkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern +durchbrochen, ausserdem meist eine grosse Oeffnung an einem Pole der +Längsaxe. (_Foraminifera monothalamia_). + +~Gattungen~: Orbulina (universa). Entosolenia (globosa). Lagena +(vulgaris). + + +Vierte Ordnung der Thalamophoren: + +~Polythalamia~ (BREYN). Siebschalige Vielkammerlinge. Fig. 20–24. + +Schale vielkammerig, siebförmig von zahlreichen feinen Löchern +durchbrochen, ausserdem oft eine grosse Oeffnung am Ende der jüngsten +Kammer. (_Foraminifera polythalamia_). + +~Gattungen~: Nodosaria (radicula). Rotalia (veneta). Globigerina +(bulloides). Textularia (variabilis). Alveolina (vulgaris). Nummulites +(lentiformis). + + +Dreizehnte Klasse des Protistenreiches. + +13. =Heliozoa= (HAECKEL). =Sonnlinge.= + +Organismen, welche in entwickeltem Zustande bald eine einzige +kugelige ~Zelle~, bald ein kugeliges ~Syncytium~ darstellen, +welches aus mehreren verschmolzenen Zellen besteht. Im ersteren +Falle ist ein einziger ~Zellkern~, im letzteren mehrere Kerne im +Innern der Protaplasma-Kugel eingeschlossen. Letztere ist in eine +feinkernige innere ~Markmasse~ (_Endoplasma_) und eine schaumige +äussere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) gesondert. Das Protaplasma +der Rindenschicht bildet Vacuolen (oder vergängliche, contractile +Wasserbläschen). Von seiner Oberfläche strahlen rings zahlreiche +haarfeine Fäden aus, die gewöhnlich einfach, nicht verästelt, ziemlich +starr sind und wenig Neigung zur Verschmelzung besitzen. Bald ist +der Körper ganz weich und nackt; bald bildet er ein festes Skelet, +welches aus vielen zerstreuten Nadeln (_Spicula_) zusammengesetzt ist, +oder eine Gitterschale darstellt. Meistens schweben die Heliozoen +frei im Wasser; seltener sind sie festgewachsen. Fortpflanzung +~ungeschlechtlich~, bald durch Theilung, bald durch Sporenbildung. Die +Heliozoen leben sowohl im süssen Wasser, als im Meere. + + +Erste Ordnung der Heliozoen: + +~Aphrothoraca~ (HAECKEL). Nackte Sonnlinge. Fig. 40, 41. + +Nackte Heliozoen, mit weichem, schaumigem Körper, ohne Skelet. + +~Gattungen~: Actinophrys (sol). Actinosphaerium (Eichhornii). + + +Zweite Ordnung der Heliozoen: + +~Chalarothoraca~ (HERTWIG). Bestachelte Sonnlinge. + +Heliozoen mit einem Skelet, welches aus Spicula oder zerstreuten +Stäbchen (radialen Stacheln oder tangentialen Nadeln) zusammengesetzt +ist. + +~Gattungen~: Acanthocystis (spinifera). Heterophrys (marina). + + +Dritte Ordnung der Heliozoen: + +~Desmothoraca~ (HERTWIG). Beschalte Sonnlinge. + +Heliozoen mit einem Skelet, welches eine kugelige, von Löchern +durchbrochene Schale bildet. + +~Gattungen~: Hedriocystis (pellucida). Hyalolampe (fenestrata). + + +Vierzehnte Classe des Protistenreiches. + +14. =Radiolaria= (J. MÜLLER). =Strahlinge.= + +Organismen, welche in entwickeltem Zustande aus zwei verschiedenen +Haupttheilen bestehen, einer inneren, festen, mit Zellen gefüllten +~Central-Kapsel~ (_Capsula centralis_) und einem äusseren ~Syncytium~, +einer Protoplasma-Masse, welche die erstere allseitig umgiebt, und +von welcher ausserdem zahlreiche ~Scheinfüsschen~ oder ~Pseudopodien~ +ausstrahlen; letztere verhalten sich ganz wie diejenigen der +Acyttarien. Der wesentliche Unterschied von den letzteren besteht in +der stets vorhandenen Centralkapsel; diese ist der Sporenblase der +Myxomyceten vergleichbar und stellt einen Fruchtkörper (_Sporangium_) +dar, indem ihr gesammter Inhalt sich in ~Keimzellen~ (_Sporae_) +verwandelt. Ausserhalb der Centralkapsel finden sich meist noch +eigenthümliche ~gelbe Zellen~, welche ~Stärkemehl~ enthalten. Nur +wenige Radiolarien sind weich und nackt; die meisten besitzen ein +~Skelet~, welches aus Nadeln (_Spicula_), einem Balkengeflecht oder +einer Schale besteht; diese ist meistens aus ~Kieselerde~ gebildet, +von äusserst mannigfaltigen und zierlichen Formen. Die Ernährung der +Radiolarien geschieht wie bei den Acyttarien durch die Pseudopodien. +Die Fortpflanzung erfolgt ~ungeschlechtlich~, selten durch Theilung, +meistens durch Sporenbildung. Die Sporen, welche innerhalb der +Centralkapsel entstehen und aus dieser ausschwärmen, sind mit Geisseln +versehene ~Schwärmsporen~. Alle Radiolarien leben im Meere und schweben +theils an der Oberfläche, theils in verschiedenen Tiefen. + + +Erste Ordnung der Radiolarien: + +~Pancollae~ (HAECKEL). Gallert-Strahlinge. Fig. 26. + +Radiolarien ohne Skelet, oder mit einem Skelet, welches bloss aus +zerstreuten soliden Nadeln zusammengesetzt ist. + +~Gattungen~: Thalassicolla (nucleata). Collozoum (inerme). +Thalassosphaera (bifurca). Sphaerozoum (punctatum). + + +Zweite Ordnung der Radiolarien: + +~Panacanthae~ (HAECKEL). Stachel-Strahlinge. Fig. 32, 33. + +Skelet besteht aus radialen soliden Stacheln, welche im Mittelpunkt der +Central-Kapsel in einander gestemmt, locker verbunden oder verwachsen +sind. (Acanthometrida s. a.) + +~Gattungen~: Acanthometra (Mülleri). Dorataspis (bipennis). + + +Dritte Ordnung der Radiolarien: + +~Pansoleniae~ (HAECKEL). Röhren-Strahlinge. + +Skelet besteht aus einzelnen hohlen Röhren, welche bald locker +zerstreut, bald in radialer oder concentrischer Anordnung verbunden +sind. + +~Gattungen~: Aulacantha (scolymantha). Aulosphaera (trigonopa). +Coelodendrum (gracillimum). + + +Vierte Ordnung der Radiolarien: + +~Plegmideae~ (HAECKEL). Schwamm-Strahlinge. Fig. 34. + +Skelet besteht aus einem lockeren oder dichteren Geflecht von feinen +Kieselstäbchen, welche ohne bestimmte Anordnung (schwammähnlich) +verbunden sind. (Wachsthum vielseitig). + +~Gattungen~: Acanthodesmia (vinculata). Spongurus (cylindricus). +Spongodiscus (mediterraneus). Spongasteriscus (quadricornis). + + +Fünfte Ordnung der Radiolarien: + +~Sphaerideae~ (HAECKEL). Kugel-Strahlinge. Fig. 25, 29, 30. + +Skelet besteht aus einer einzigen Gitterkugel oder aus mehreren +concentrischen Gitterkugeln, welche durch radiale Stäbe verbunden sind. +(Wachsthum radial). + +~Gattungen~: Ethmosphaera (siphonophora). Collosphaera (Huxleyi). +Cladococcus (cervicornis). Haliomma (castanea). Actinomma (drymodes). + + +Sechste Ordnung der Radiolarien: + +~Discideae~ (HAECKEL). Scheiben-Strahlinge. Fig. 37. + +Skelet scheibenförmig, aus zwei parallelen Siebplatten zusammengesetzt, +zwischen welchen durch Kreuzung von concentrischen und radialen +Gitterstäben zahlreiche kleine Kammern gebildet werden. (Wachsthum +concentrisch). + +~Gattungen~: Trematodiscus (sorites). Euchitonia (Mülleri). Coccodiscus +(Darwinii). Astromma (Aristotelis). + + +Siebente Ordnung der Radiolarien: + +~Cyrtideae~ (HAECKEL). Kegel-Strahlinge. Fig. 35, 36. + +Skelet eine Gitterschale, welche durch eine Hauptaxe mit zwei +verschiedenen Polen charakterisirt ist. Grundform daher kegelförmig. +Durch ringförmige Einschnürungen ist die Schale oft in mehrere, hinter +oder neben einander liegende Kammern abgetheilt. (Wachsthum unipolar). + +~Gattungen~: Cyrtocalpis (amphora). Petalospyris (arachnoides). +Eucecryphalus (Gegenbauri). Eucyrtidium (lagena). Botryocampe +(hexathalamia). + +[Illustration] + + +Druck von Hüthel & Herrmann in Leipzig. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75352 *** |
