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@@ -0,0 +1,9021 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
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+ <title>
+ Rudin | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
+Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
+
+<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
+am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Iwan_Turgenieff_Rudin">Iwan Turgenieff / Rudin</h2>
+
+<figure class="figcenter illowp20" id="illu-001">
+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="Signet">
+</figure>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="h2">Iwan Turgenieff</p>
+
+<h1>Rudin</h1>
+
+<p class="center larger bold">*</p>
+
+<p class="center p2">München bei Georg Müller<br>
+1927</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="center s90">
+Copyright 1926 by Georg Müller Verlag<br>
+A.-G., München / Printed in Germany
+</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="I">I</h2>
+</div>
+
+<p>Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne
+stand schon ziemlich hoch am reinen Himmel, auf
+den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den
+eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und
+in dem noch feuchten und lautlosen Walde
+stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied
+an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge
+von oben bis unten mit reifendem Roggen
+bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen.
+Nach diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege,
+eine junge Frau in weißem Mousselinkleide
+und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm
+in der Hand. Ein kleiner, als Kosak gekleideter
+Dienstbursche folgte ihr in einiger Entfernung.</p>
+
+<p>Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände
+sie Vergnügen an ihrem Spaziergange. Rings
+umher auf dem langen und schwankenden Roggen
+zogen in silbergraulichem und rötlichem
+Farbenspiele langgestreckte Wogen mit sanftem
+Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen.
+Die junge Frau kam aus dem ihr gehörigen
+größeren Dorfe, das etwa eine Werst von dem<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
+Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte
+gerichtet hatte. Sie hieß Alexandra Pawlowna
+Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich begütert,
+und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten
+Bruder, Sergei Pawlowitsch Wolinzow,
+einem Stab-Rittmeister außer Diensten,
+welcher ihr Gut verwaltete.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht;
+sie blieb bei dem äußersten, sehr alten und
+verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren
+Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen
+und sich nach dem Befinden der Eigentümerin
+zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt
+von einem altersschwachen Bauer mit weißem
+Barte.</p>
+
+<p>»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.</p>
+
+<p>»Kann ich hineingehen?«</p>
+
+<p>»Warum nicht.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es
+war eng darin, beklommen und räucherig …
+Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte.
+Alexandra Pawlowna sah sich um und gewahrte
+in dem Halbdunkel den gelben und runzeligen
+Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch
+umhüllte. Bis unter den Hals mit einem dicken
+Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und bewegte
+schwach ihre mageren Arme.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
+und berührte ihre Stirne mit der Hand; sie war
+brennend heiß.</p>
+
+<p>»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte
+sie, sich über die Ofenbank beugend.</p>
+
+<p>»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie
+Alexandra Pawlowna gewahr worden war.
+»Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen
+ist gekommen, mein Täubchen.«</p>
+
+<p>»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden,
+Matrona. Hast du die Arznei eingenommen,
+die ich dir geschickt habe?«</p>
+
+<p>Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort.
+Sie hatte die Frage nicht recht gehört.</p>
+
+<p>»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte,
+der an der Türe stehengeblieben war.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.</p>
+
+<p>»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber
+immer davon. Kann nicht sitzen bleiben: ein wildes
+Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter
+reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst
+zu alt: was kann ich helfen?«</p>
+
+<p>»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus
+tragen?«</p>
+
+<p>»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich,
+wo man stirbt. Sie hat ihre Zeit abgelebt; es
+muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von
+der Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins
+Krankenhaus! Hebt man sie nur auf, so ist sie
+tot.«</p>
+
+<p>»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
+schöne, gnädige Frau, meine Kleine, die Waise,
+verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von
+hier, du aber …«</p>
+
+<p>Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.</p>
+
+<p>»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es
+soll alles geschehen. Ich habe dir da Tee und
+Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst,
+trinke … Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?«
+setzte sie, mit einem Blick auf den Alten,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Einen Samowar? Nein, einen Samowar
+haben wir nicht, man kann sich das aber verschaffen.«</p>
+
+<p>»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht,
+so schicke ich dir einen. Und sage auch deiner Enkelin,
+sie solle nicht aus dem Hause laufen. Sage
+ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«</p>
+
+<p>Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den
+eingewickelten Tee und Zucker mit beiden Händen
+entgegen.</p>
+
+<p>»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra
+Pawlowna, »ich komme wieder zu dir, verliere
+den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich
+ein …«</p>
+
+<p>Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte
+sich gegen Alexandra Pawlowna vor.</p>
+
+<p>»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand,
+sie beugte sich über sie und küßte sie auf die
+Stirne.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
+
+<p>»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum
+Alten, »die Arznei muß ihr durchaus eingegeben
+werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee
+gebt ihr zu trinken.«</p>
+
+<p>Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte
+sich nur.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie
+wieder in die frische Luft gekommen war. Sie
+schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits
+nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke
+der Hütte herum auf einer niedrigen Reitdroschke
+ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er
+hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge
+an und trug eine Mütze aus gleichem Stoffe. Als
+er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt
+er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht
+war breit und bleich, mit kleinen blaßgrauen
+Augen und hellblondem Schnurrbart; das
+Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.</p>
+
+<p>»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen
+Lächeln hervor, »was machen Sie denn hier,
+wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo
+kommen Sie aber, Michael Michailitsch?«</p>
+
+<p>Der Mann, der Michael Michailitsch hieß,
+schaute ihr in die Augen und lächelte wieder.</p>
+
+<p>»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort,
+»eine Kranke zu besuchen; wäre es aber nicht
+besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«</p>
+
+<p>»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span></p>
+
+<p>»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind
+Sie nicht Willens, es eingehen zu lassen?«</p>
+
+<p>»Eingehen lassen? Weshalb?«</p>
+
+<p>»Nun, so.«</p>
+
+<p>»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen
+der in den Kopf gekommen?«</p>
+
+<p>»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski,
+und stehen, wie es scheint, unter ihrem Einflusse.
+Wie die nun sagt, sind ja Krankenhäuser,
+Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen.
+Die Wohltätigkeit soll persönlich sein,
+ebenso die Bildung; das alles ist Sache der
+Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie
+sich aus. Wem sie das nachsingt, möchte ich aber
+wissen?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lachte auf.</p>
+
+<p>»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich
+liebe und achte sie sehr; sie kann ja aber auch irren
+und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«</p>
+
+<p>»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte
+Michael Michailitsch, immer noch auf der
+Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren
+eigenen Worten keinen rechten Glauben. Es
+freut mich übrigens sehr, daß ich Sie getroffen
+habe.«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer
+angenehm wäre, mit Ihnen zusammenzukommen!
+Heute sind Sie ebenso frisch und
+freundlich, wie dieser Morgen.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lachte wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p>
+
+<p>»Worüber lachen Sie denn?«</p>
+
+<p>»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten,
+mit welcher apathischen, kalten Miene Sie Ihr
+Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß
+Sie es ohne Gähnen zu Ende gebracht haben.«</p>
+
+<p>»Mit kalter Miene … Sie wollen immer
+Feuer haben; Feuer taugt aber zu nichts. Es
+lodert auf, qualmt und verlischt.«</p>
+
+<p>»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna
+hinzu.</p>
+
+<p>»Ja … und brennt auch.«</p>
+
+<p>»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist
+auch kein Übel! Immer noch besser als …«</p>
+
+<p>»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch
+ebenso sprechen, wenn Sie sich, auch nur einmal,
+tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach sie
+ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den
+Zügeln auf sein Pferd. »Leben Sie wohl!«</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief
+Alexandra Pawlowna, »wann sehen wir Sie bei
+uns?«</p>
+
+<p>»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«</p>
+
+<p>Und die Droschke rollte davon.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch
+nach. Ein wahrer Mehlsack! dachte sie. Zusammengebückt,
+staubbedeckt, mit der in den Nacken
+geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche
+Büschel gelben Haares hervorguckten, war
+er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.</p>
+
+<p>Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf
+dem Wege nach Hause zurück. Gesenkten Blickes<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
+schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes
+in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und
+den Blick zu erheben … Ihr entgegen ritt ihr
+Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann,
+mittleren Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem
+Röckchen, schmalem Halstüchelchen und leichtem
+grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der
+Hand. Schon von weitem lächelte er Alexandra
+Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah, daß
+sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf
+irgend etwas acht zu geben. Sie bemerkte ihn
+erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast zärtlich
+sagte:</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten
+Morgen!«</p>
+
+<p>»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!«
+antwortete sie. »Sie kommen von Darja Michailowna?«</p>
+
+<p>»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht
+der junge Mann, »von Darja Michailowna. Sie
+hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen
+zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so
+wunderschön, es sind im ganzen nur vier Werst
+bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu
+Hause. Ihr Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka
+gegangen, er selbst war im Begriff aufs
+Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen,
+Ihnen entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«</p>
+
+<p>Der junge Mann sprach russisch, rein und
+grammatikalisch richtig, jedoch mit einem fremden
+Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
+war. In seinen Gesichtszügen lag etwas
+Asiatisches. Die lange, gebogene Nase, die großen,
+hervortretenden, starren Augen, die dicken
+roten Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze
+Haar, – alles an ihm bekundete die
+orientalische Abkunft.</p>
+
+<p>Sein Name war Pandalewski und als seine
+Heimat gab er Odessa an, obgleich er irgendwo
+in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen
+und reichen Witwe erzogen worden war. Eine
+andere Witwe hatte ihm eine Anstellung ausgewirkt.
+Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise
+Frauen reiferen Alters: er verstand es, von
+ihnen zu erlangen, was er wollte.</p>
+
+<p>Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei
+einer reichen Gutsbesitzerin, Darja Michailowna
+Laßunski, als Pflegesohn oder Kostgänger.
+Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll
+und im geheimen sinnlich, hatte eine angenehme
+Stimme, spielte nicht schlecht Klavier und
+pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken.
+Seine Kleidung war sehr sauber und
+hielt bei ihm lange vor, sein breites Kinn war
+sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis
+zu Ende an und wandte sich darauf zu ihrem
+Bruder.</p>
+
+<p>»Heute begegne ich einem nach dem andern;
+soeben habe ich Leschnew gesprochen.«</p>
+
+<p>»Ah! wirklich!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
+
+<p>»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke,
+in einem linnenen Sackkittel, ganz von
+Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«</p>
+
+<p>»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«</p>
+
+<p>»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski
+verwundert.</p>
+
+<p>»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte
+Wolinzow. »Indessen, lebe wohl, Schwester:
+ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir
+Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich
+nach Hause begleiten.«</p>
+
+<p>Und Wolinzow trabte davon.</p>
+
+<p>»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin
+Diomiditsch und bot Alexandra Pawlowna
+seinen Arm.</p>
+
+<p>Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen
+den Weg zum herrschaftlichen Hause ein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu
+wandeln, erfüllte, wie es schien, Constantin Diomiditsch
+mit Glück und Stolz; er machte nur
+kurze Schritte, lächelte mit Behagen, und seine
+morgenländischen Augen wurden feucht, was
+übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete
+ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne
+fallen zu lassen. Und wem wäre es wohl nicht angenehm,
+ein hübsches, junges und schmuckes
+Weib am Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna
+sagte das ganze Gouvernement, sie sei<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
+reizend, und das Gouvernement täuschte sich
+nicht. Schon ihr gerades, unmerklich aufgeworfenes
+Näschen konnte jeden Sterblichen um den
+Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen,
+braunen Augen, das goldblondene Haar
+und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer
+vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken.
+Das Beste an ihr war jedoch der Ausdruck ihres
+lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit, Treuherzigkeit
+und Sanftmut rührte und zog es an.
+Alexandra Pawlowna hatte den Blick und das
+Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes
+fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr
+wünschen?</p>
+
+<p>»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt,
+sagten Sie?« fragte sie Pandalewski.</p>
+
+<p>»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte
+er, und er sprach dabei den Buchstaben s,
+wie die Engländer das th aus, »sie wünschten
+durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten
+sie heute zu Mittag besuchen. Sie erwarteten
+einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von
+einer dritten Person redete, gebrauchte in der
+Regel die Mehrzahl) »und wünschten durchaus,
+daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«</p>
+
+<p>»Wer ist das?«</p>
+
+<p>»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker
+aus Petersburg. Darja Michailowna haben
+ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt
+und sind des Lobes über ihn voll, als über
+einen liebenswürdigen und gebildeten jungen<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
+Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch
+mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was
+für ein reizender Schmetterling! bitte, betrachten
+Sie … oder richtiger gesagt, mit politischer
+Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr
+interessante Frage geschrieben – und wünscht
+ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu unterwerfen.«</p>
+
+<p>»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«</p>
+
+<p>»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna,
+in bezug auf den Stil. Es ist Ihnen wohl,
+denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch
+hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate
+gezogen und mein Wohltäter, der in Odessa lebende,
+hochehrenwerte, großwürdige Roxolan
+Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses
+Mannes ist Ihnen gewiß bekannt?«</p>
+
+<p>»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie
+gehört.«</p>
+
+<p>»Haben von diesem Manne nichts gehört?
+Merkwürdig! Ich wollte sagen, daß auch Roxolan
+Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung
+von den Kenntnissen Darja Michailownas in
+der russischen Sprache gehabt hat.«</p>
+
+<p>»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen,
+im Gegenteil, man erkenne in ihm sogleich
+den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit
+solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den
+alten Fürsten Entzücken überkam … Das, muß<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
+ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das
+schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses
+herrliche Feldblümchen anbieten?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen
+und ließ es, einige Schritte weiter, auf den Weg
+fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch
+etwa zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor
+kurzem gebaut und weiß getüncht, schaute es mit
+seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus
+dem dichten Laube alter Linden und Ahornbäume
+hervor.</p>
+
+<p>»Was hätte ich also Darja Michailowna zu
+hinterbringen,« begann Pandalewski von neuem,
+ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches
+sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich
+zum Mittage hinbemühen? Darja Michailowna
+lassen Ihren Bruder auch einladen.«</p>
+
+<p>»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt.
+Was macht Natascha?«</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund
+… Doch wir sind an dem Wege, welcher
+zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei.
+Erlauben Sie, daß ich Abschied nehme.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen
+also nicht bei uns vorsprechen?« fragte sie
+zögernd.</p>
+
+<p>»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht
+befürchtete, zu spät zu kommen. Darja Michailowna
+haben gewünscht, eine neue Etüde von
+Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und
+einstudiert werden. Dann aber, muß ich gestehen,<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
+bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen
+irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«</p>
+
+<p>»Doch nein … warum aber …«</p>
+
+<p>Pandalewski stieß einen Seufzer aus und
+senkte beredt den Blick.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!«
+sagte er nach einigem Schweigen, verbeugte sich
+und trat einen Schritt zurück.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich um und
+ging nach Hause.</p>
+
+<p>Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg
+ein. Alles Süßliche war sogleich von seinem
+Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender,
+ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein
+Gang sogar war ein anderer geworden; er schritt
+jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei
+Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die
+Luft mit seinem Stöckchen zerteilend, als plötzlich
+das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er war
+hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches
+Bauernmädchen gewahr geworden, das Kälber
+aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin
+Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater,
+dem Mädchen und redete es an. Anfangs antwortete
+es nichts, wechselte die Farbe und lachte
+vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem
+Ärmel, wandte sich ab und sagte:</p>
+
+<p>»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«</p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem
+Finger und hieß sie ihm Kornblumen holen.</p>
+
+<p>»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
+etwa Kränze flechten?« erwiderte das Mädchen,
+»nun, so geh doch, aber wirklich …«</p>
+
+<p>»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder
+Constantin Diomiditsch …</p>
+
+<p>»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das
+Mädchen, »sieh, da kommen die jungen Herren.«</p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich,
+auf dem Wege daher kamen Wanja und
+Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter
+ihnen her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein
+junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, der
+eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow
+war ein langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht,
+großer Nase, starken Lippen und kleinen
+Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich
+und gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich
+das Haar wachsen, – nicht um damit zu stolzieren,
+sondern aus Faulheit; – liebte zu essen
+und zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und
+anregende Unterhaltung; Pandalewski haßte er
+von ganzer Seele.</p>
+
+<p>Die Kinder der Darja Michailowna hatten
+Bassistow über alles lieb und nicht die geringste
+Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen
+stand er auf vertrautem Fuße, was der Dame
+des Hauses gerade nicht gefiel, obwohl sie oft
+behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.</p>
+
+<p>»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin
+Diomiditsch, »wie früh ihr heute spazieren geht!
+Ich bin auch schon zeitig vom Hause fortgegangen,«
+setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu;<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
+»meine Leidenschaft ist’s, in der Natur zu
+schwelgen.«</p>
+
+<p>»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur
+schwelgen,« brummte Bassistow.</p>
+
+<p>»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich
+in allem etwas … Ich kenne Sie!«</p>
+
+<p>Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem
+ähnlichen Leuten redete, so geriet er leicht in
+Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft
+etwas pfeifend aus.</p>
+
+<p>»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen
+nach dem Wege erkundigt?« sagte Bassistow, indem
+er den Blick bald rechts- bald linkshin
+schweifen ließ.</p>
+
+<p>Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr
+ins Gesicht blickte, und das war ihm äußerst
+peinlich.</p>
+
+<p>»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist
+und weiter nichts. Sie wollen in allem durchaus
+nur die prosaische Seite sehen …</p>
+
+<p>»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow,
+»ihr seht auf der Wiese den Weidenbusch: wir
+wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin
+läuft … eins! zwei! drei!«</p>
+
+<p>Und über Hals und Kopf rannten die Kinder
+zu der Weide.</p>
+
+<p>Bassistow stürzte ihnen nach …</p>
+
+<p>Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben
+wird er die Jungen … Ein wahrer Bauernlümmel!</p>
+
+<p>Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
+sauberes und nettes Figürchen musternd, betupfte
+Constantin Diomiditsch zweimal mit ausgespreizten
+Fingern die Ärmel seines Rockes,
+schob den Kragen zurecht und ging seines Weges.
+Auf seinem Zimmer angelangt, zog er einen
+abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter
+Miene ans Klavier.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="II">II</h2>
+</div>
+
+<p>Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast
+für das erste im ganzen Gouvernement. Massiv,
+steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke
+des vergangenen Jahrhunderts erbaut,
+erhob es sich großartig auf dem Gipfel eines Hügels,
+an dessen Fuße einer der bedeutendsten
+Ströme des mittleren Rußlands vorüberfloß.
+Darja Michailowna selbst war eine angenehme
+und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe.
+Wenn auch Pandalewski von ihr zu sagen pflegte,
+sie kenne ganz Europa und Europa kenne sie,
+– so kannte sie doch Europa wenig und spielte
+selbst in Petersburg keine bedeutende Rolle; in
+Moskau dagegen kannten sie alle und statteten ihr
+Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an,
+und wurde für eine etwas sonderbare, nicht sehr
+gute, aber außerordentlich kluge Frau gehalten.
+In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen.
+Poeten hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute
+sich in sie verliebt, hohe Herren ihr den Hof gemacht.
+Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
+bis dreißig Jahre verstrichen, und von den
+früheren Reizen war keine Spur zurückgeblieben.
+»Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie zum
+ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere,
+gelbliche, spitznasige und noch nicht betagte Frau
+einst eine Schönheit gewesen wäre? Ist sie es
+wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern
+besungen wurde?« Und jedermann staunte
+innerlich über den Wechsel alles Irdischen. Es
+ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas
+Augen in wunderbarer Weise ihren alten
+Zauber behalten hatten; eben dieser Pandalewski
+aber behauptete ja auch, daß ganz Europa
+sie kenne.</p>
+
+<p>Darja Michailowna kam jeden Sommer auf
+ihr Landgut mit ihren Kindern (sie hatte deren
+drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und
+zwei Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt
+offenes Haus, das heißt, sie empfing bei sich
+Männer; besonders unverheiratete Edeldamen
+aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür
+ließen ihr diese Damen aber auch kein gutes
+Haar! Darja Michailowna war, nach deren
+Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare
+Tyrannin, und was die Hauptsache wäre, – sie
+erlaube sich solche Freiheiten in der Unterhaltung,
+daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna
+liebte es in der Tat nicht, sich auf dem Lande
+Zwang aufzulegen, und in der freien Einfachheit
+ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung
+einer großstädtischen Weltdame für die<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
+sie umgebenden, meistens unbedeutenden Persönlichkeiten
+hindurch … Selbst mit ihren städtischen
+Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja
+spöttisch um; doch fehlte dabei die Schattierung
+von Verachtung.</p>
+
+<p>Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß
+Leute, die im Kreise ihrer Untergebenen ungewöhnlich
+zerstreut zu sein pflegen, es niemals
+im Umgange mit höher gestellten Personen sind?
+Woher mag das kommen? Doch – wozu dergleichen
+Fragen!</p>
+
+<p>Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die
+Thalbergsche Etüde einstudiert hatte, begab er sich
+aus seinem netten und freundlichen Stübchen hinaus
+ins Empfangszimmer und fand dort die
+ganze Gesellschaft des Hauses bereits versammelt.
+Der Salon war schon geöffnet. Auf einer
+breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen
+und eine neue französische Broschüre in der
+Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor dem
+Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter
+Darja Michailownas, von der anderen Mlle.
+Boncourt, die Gouvernante, eine alte, vertrocknete
+Jungfer von sechzig Jahren mit einer
+schwarzen Haartour unter der farbigen Haube
+und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei
+der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen
+und las die Zeitung, während neben ihm Petja
+und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an
+den Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken,
+stand ein Herr von mittlerem Wuchse, mit unordentlichem,<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
+grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe
+und kleinen, unruhigen, schwarzen
+Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit
+Namen.</p>
+
+<p>Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow.
+Auf alles und alle erbittert – vorzüglich auf
+das weibliche Geschlecht, schalt er vom Morgen bis
+zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen
+ziemlich flach, immer jedoch mit Selbstbefriedigung.
+Er war reizbar wie ein Kind; sein Lachen,
+der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien
+von Galle getränkt. Darja Michailowna sah ihn
+gern bei sich: er ergötzte sie mit seinen Ausfällen.
+Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es
+war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte
+man zum Beispiel in seiner Gegenwart von einem
+Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf
+in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm
+durchbrochen, oder daß ein Bauer sich
+mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal
+fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie
+heißt <em class="gesperrt">sie</em>?« nämlich wie das Weib heiße, das
+an dem Unglück schuld sei, – denn seiner Behauptung
+nach brauchte man nur tiefer auf den
+Grund zu gehen, um zu finden, daß jegliches
+Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde.
+Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm
+fast unbekannten Frau, die in ihn drang, etwas
+zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, aber
+mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen,
+sie wolle seiner schonen, er hätte nichts gegen sie<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
+verschuldet und werde sie künftig nie mehr besuchen.
+Ein anderes Mal ging ein Pferd mit
+einer der Waschfrauen Darja Michailownas
+einen Berg hinunter durch, warf in einem Graben
+um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow
+nannte später das Pferd nie anders als
+das wackere, wackere Rößchen, und der Berg
+selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus
+malerische Plätze. Pigassow hatte kein Glück
+im Leben gehabt – daher in der Hauptsache sein
+wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern
+Kind; die Beschäftigung seines Vaters war eine
+ziemlich untergeordnete gewesen, er hatte kaum
+lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung
+seines Sohnes gedacht; er hatte ihm
+Nahrung und Kleidung gegeben – das war
+alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt,
+sie starb aber früh. Pigassow verdankte seine
+Bildung sich selbst; zuerst besuchte er die Kreisschule,
+dann das Gymnasium, erlernte die französische,
+deutsche, ja sogar die lateinische Sprache,
+und nachdem er mit einem vorzüglichen Zeugnisse
+das Gymnasium absolviert hatte, begab er
+sich nach Dorpat, wo er unter fortwährendem
+Kampfe mit der Not, dennoch nach drei Jahren
+richtig sein Triennium beendigte. Pigassows
+Fähigkeiten waren keineswegs außergewöhnlicher
+Art; er zeichnete sich durch Geduld und Beharrlichkeit
+aus, besonders stark war jedoch in
+ihm der Ehrgeiz, das Verlangen nach guter Gesellschaft
+und die Sucht, anderen nicht nachzustehen,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
+dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig
+und hatte die Dorpatsche Universität aus
+Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn auf
+und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und
+Verschlagenheit. Er hatte eine eigentümliche Art
+sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er sich
+eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit
+zu eigen gemacht. Seine Gedanken
+überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch
+war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für
+einen klugen, sondern sogar für einen geistreichen
+Menschen gelten konnte. Nachdem er den
+Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich
+dem Gelehrtenstande zu widmen, denn es war
+ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn
+hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er
+war bemüht, sich dieselben aus den höheren
+Ständen zu wählen und verstand es, sich ihnen
+gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar,
+wenn auch immer mit Schelten. Doch da gebrach
+es ihm, um es einfach zu sagen, am nötigen
+Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft,
+wußte Pigassow im Grunde zu wenig. Er
+fiel bei der Disputation schmählich durch, während
+ein anderer Student, sein Stubengefährte,
+über den er sich beständig lustig gemacht hatte,
+ein beschränkter Kopf, der jedoch eine regelmäßige
+und gründliche Bildung genossen hatte,
+vollständigen Triumph über ihn davontrug. Dieser
+Unfall erbitterte Pigassow aufs äußerste: er
+warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
+trat in den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht
+schlecht damit: als Beamter war er zu allem gut,
+zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über
+die Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch;
+er wollte nur zu rasch emporkommen – verwickelte
+sich, strauchelte und war gezwungen, seinen
+Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb
+er auf seinem wohlerworbenen Gütchen sitzen
+und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete
+Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner
+freien und spöttischen Manieren gefangen
+hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener
+und das Familienleben drückte ihn …
+Nachdem seine Frau einige Jahre mit ihm gelebt
+hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und
+verkaufte einem gewandten Abenteurer ihr Gut,
+in welchem Pigassow eben erst ein Wirtschaftsgebäude
+hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten
+Schlag bis ins Innerste erschüttert, fing er
+einen Prozeß gegen seine Frau an, den er jedoch
+verlor … So lebte er nun seine Tage allein,
+besuchte seine Nachbarn, die er selbst in deren
+Gegenwart aufzog und die ihn mit einem gewissen
+gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen,
+doch flößte er ihnen keine besondere
+Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in die
+Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine
+Bauern litten nicht Not.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna,
+als Pandalewski ins Gastzimmer trat. »Kommt
+Alexandrine?«</p>
+
+<p>»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen
+und werden sich ein besonderes Vergnügen daraus
+machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch,
+sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend,
+und mit dem dicken, aber weißen Händchen, dessen
+Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich das
+vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.</p>
+
+<p>»Und Wolinzow kommt auch?«</p>
+
+<p>»Wird auch kommen.«</p>
+
+<p>»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,«
+fuhr Darja Michailowna zu Pigassow gewendet
+fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?«</p>
+
+<p>Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer
+Seite hin, und er zuckte konvulsivisch mit dem
+Ellenbogen.</p>
+
+<p>»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton,
+– er sprach im heftigsten Anfall von Erbitterung
+langsam und deutlich, »ich sage, daß die
+jungen Mädchen im ganzen genommen – von
+den anwesenden, versteht sich’s, rede ich nicht …«</p>
+
+<p>»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im
+Sinne zu haben,« unterbrach ihn Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte
+Pigassow. »Alle jungen Mädchen im allgemeinen
+sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke
+ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein
+junges Mädchen, erfreut oder betäubt sie etwas,<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
+das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper
+eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow
+seiner Gestalt eine angemessene Wendung
+und streckte die Arme voneinander) und dann
+erst kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder
+Schluchzen aus. Einmal übrigens,« und dabei
+lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei
+einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin
+gebracht, einen wahren, ungeheuchelten Gefühlsausdruck
+zu erzwingen.«</p>
+
+<p>»Auf welche Weise?«</p>
+
+<p>Pigassows Augen funkelten.</p>
+
+<p>»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle
+einen Stoß in die Seite. Wie sie aufschrie!
+Bravo! bravo! rief ich. Das war die
+Stimme der Natur, das war ein natürlicher
+Schrei. So müssen Sie es künftig halten.«</p>
+
+<p>Alle im Zimmer lachten auf.</p>
+
+<p>»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da,
+Afrikan Semenitsch!« rief Darja Michailowna.
+»Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten
+ein Mädchen mit einem Pfahle in die Seite
+gestoßen!«</p>
+
+<p>»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit
+einem ungeheuren, wie jene, die bei der Verteidigung
+von Festungen gebraucht werden.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Mais c’est une horreur ce que vous dites
+là, monsieur</em>,« rief mit Entsetzen Mlle. Boncourt,
+und warf einen strengen Blick auf die
+lachenden Kinder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p>
+
+<p>»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja
+Michailowna, »kennen Sie ihn denn nicht?«</p>
+
+<p>Die entrüstete Französin konnte sich aber lange
+nicht beruhigen und fuhr fort, vor sich hinzubrummen.</p>
+
+<p>»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr
+mit gelassener Stimme Pigassow fort, »ich beteuere
+aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt
+habe. Wer könnte es denn besser wissen als ich?
+Dann werden Sie es wohl auch nicht glauben,
+daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst
+erzählt hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s
+erzählt, daß sie ihren eigenen Neffen umgebracht
+hat?«</p>
+
+<p>»Wieder eine schöne Erfindung!«</p>
+
+<p>»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie
+selbst. Vergessen Sie nicht, ich will sie nicht verleumden,
+ich habe sie sogar lieb, das heißt, so
+lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen
+Hause bei ihr kein Buch aufzutreiben, den Kalender
+ausgenommen, und lesen kann sie nicht
+anders als laut – diese Anstrengung treibt ihr
+den Schweiß auf die Stirn und sie klagt dann,
+daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten
+… Mit einem Wort, eine vortreffliche Frau,
+und ihre Dienstmädchen sind gut genährt. Warum
+sollte ich sie also verleumden?«</p>
+
+<p>»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser
+Afrikan Semenitsch hat sein Steckenpferd bestiegen
+– vor dem Abend steigt er nicht wieder
+herunter.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p>
+
+<p>»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben
+deren drei und kommen niemals von denselben
+herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.«</p>
+
+<p>»Welches sind denn diese drei?«</p>
+
+<p>»Sticheln, Anspielen, Anklagen.«</p>
+
+<p>»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna,
+»Sie müssen gewiß nicht ohne Grund
+so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß
+Sie durchaus irgendeine …«</p>
+
+<p>»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach
+sie Pigassow.</p>
+
+<p>Darja Michailowna wurde etwas verwirrt;
+es fiel ihr die unglückliche Ehe Pigassows ein
+… und sie nickte bloß mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,«
+erwiderte Pigassow, »obgleich es eine gute, sehr
+gute Frau war …«</p>
+
+<p>»Wer war denn das?«</p>
+
+<p>»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut
+hervor.</p>
+
+<p>»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl
+kränken?«</p>
+
+<p>»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung
+nimmt eine trübe Wendung … Constantin,
+spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg
+vor … Vielleicht werden die Töne der
+Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat es
+doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span></p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier
+und trug die Etüde zu voller Befriedigung vor.
+Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu,
+fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Merci c’est charmant</em>,« äußerte Darja Michailowna,
+»ich liebe den Thalberg. <em class="antiqua">Il est si
+distingué.</em> Worüber sinnen Sie, Afrikan Semenitsch?«</p>
+
+<p>»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es
+gibt drei Sorten von Egoisten: solche, welche
+selbst leben und andere leben lassen; Egoisten,
+welche selbst leben und andere nicht leben lassen,
+und endlich solche, welche weder selbst leben,
+noch andere leben lassen … Die Weiber gehören
+größtenteils zu der dritten Gattung.«</p>
+
+<p>»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert,
+Afrikan Semenitsch, das ist die Zuversicht
+in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie
+niemals irren.«</p>
+
+<p>»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch
+der Mann kann sich irren! Aber, wissen Sie,
+worin der Unterschied besteht zwischen unserem
+Irren und dem eines Weibes? Sie wissen es
+nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein Mann zum
+Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht
+vier, sondern fünf oder dreiundeinhalb; ein
+Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht –
+ein Stearinlicht.«</p>
+
+<p>»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört
+… Erlauben Sie mir aber die Frage, in
+welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
+Gattungen Egoisten zu der Musik, die wir soeben
+gehört haben?«</p>
+
+<p>»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf
+die Musik gehört.«</p>
+
+<p>»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich,
+ich ziehe mich zurück,« erwiderte Darja
+Michailowna, einen Vers aus Gribojedow variierend.
+»Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik
+Sie nicht anspricht? Literatur etwa?«</p>
+
+<p>»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der
+Gegenwart.«</p>
+
+<p>»Weshalb?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei
+einer Überfahrt über die Oka traf ich mit einem
+Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen
+Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände
+hinaufgeschleppt werden. Jener Herr
+hatte eine außerordentlich schwere Kalesche.
+Während die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen
+des Fuhrwerks abarbeiteten, stand der Herr
+auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich
+Mitleid mit ihm haben konnte … Da haben
+wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung des Systems
+der geteilten Arbeit! So ist es auch mit
+der Literatur der Gegenwart: Andere ziehen und
+verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens
+der Gegenwart,« fuhr der unerbittliche Pigassow
+fort, »tiefe Sympathie für die sozialen<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
+Fragen und wer weiß wie noch … Ach, über
+diese hochtönenden Worte!«</p>
+
+<p>»Die Frauen aber, die Sie so angreifen,
+sie wenigstens gebrauchen keine hochtönenden
+Worte.«</p>
+
+<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf
+– nicht verstehen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna errötete leicht.</p>
+
+<p>»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!«
+bemerkte sie mit erzwungenem Lächeln.</p>
+
+<p>Alle im Zimmer wurden still.</p>
+
+<p>»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal
+einer der Knaben Bassistow.</p>
+
+<p>»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,«
+nahm Pigassow das Wort, »im Herzen des
+Schopflandes<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.« (Er war froh, der Unterhaltung
+eine andere Wendung geben zu können.)
+»Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort,
+»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne
+weiteres kleinrussischer Dichter werden.«</p>
+
+<p>»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!«
+erwiderte Darja Michailowna, »kennen
+Sie denn die kleinrussische Sprache?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht
+nötig.«</p>
+
+<p>»Wieso nicht nötig?«</p>
+
+<p>»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
+Papier und schreibe oben darauf: ›Duma‹<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>;
+dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und
+jeden Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische
+Interjektionen wie: graje, graje, woropaje,
+hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu, und
+das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die
+Druckerei und gebe es heraus. Der Kleinrusse
+wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen
+lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das
+ist nun einmal so eine gefühlvolle Seele!«</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen
+Sie da? Da hört aber alles auf. Ich habe
+in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne
+die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein
+vollständiger Unsinn.«</p>
+
+<p>»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch
+Tränen dabei vergießen. Sie sagen die Sprache
+… Gibt es aber denn eine kleinrussische
+Sprache? Ich bat einmal einen Kleinrussen, mir
+irgendeine Phrase zu übersetzen, und wie glauben
+Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte
+fast genau die von mir vorgesprochenen Worte,
+nur daß er durchgängig i in ü verwandelte. Ist
+das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache?
+Eine selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das
+zugebe, lasse ich meinen besten Freund in einem
+Mörser zerstoßen …«</p>
+
+<p>Bassistow wollte ihm etwas entgegnen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
+»Sie wissen ja, daß man von ihm außer Paradoxen
+nichts zu hören bekommt.«</p>
+
+<p>Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien
+und meldete die Ankunft Alexandra Pawlownas
+und ihres Bruders.</p>
+
+<p>Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste
+zu empfangen.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend,
+»wie schön von Ihnen, daß Sie gekommen
+sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!«</p>
+
+<p>Wolinzow drückte Darja Michailowna die
+Hand und trat auf Natalia zu.</p>
+
+<p>»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter,
+wird er heute kommen?« fragte Pigassow.</p>
+
+<p>»Ja, er wird kommen.«</p>
+
+<p>»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft
+mit Hegel um sich.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna antwortete nichts, ließ
+Alexandra Pawlowna auf der Couchette Platz
+nehmen und setzte sich selbst neben sie.</p>
+
+<p>»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der
+höhere Gesichtspunkt! Sind sie mir zum Ekel geworden,
+diese höheren Gesichtspunkte! Und was
+kann man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft
+jemand ein Pferd, so wird er nicht erst einen
+Turm besteigen, um es zu beschauen!«</p>
+
+<p>»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz
+bringen?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna
+mit übertriebener Gleichgültigkeit, »über<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
+die Beziehungen des Handels zu der Industrie
+in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir
+werden das jetzt nicht lesen … Ich habe Sie
+nicht deshalb eingeladen. <em class="antiqua">Le baron est aussi
+aimable que savant.</em> Und spricht sehr gut russisch!
+<em class="antiqua">C’est un vrai torrent … il vous
+entraine.</em>«</p>
+
+<p>»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow,
+»daß er verdient hat, französisch gelobt zu werden.«</p>
+
+<p>»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch,
+brummen Sie nur immer zu … das paßt sehr
+gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum
+kommt er aber nicht? Wissen Sie aber, <em class="antiqua">messieurs
+et mesdames</em>,« setzte Darja Michailowna,
+sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir
+wollen in den Garten gehen. Bis zum Essen ist
+es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …«</p>
+
+<p>Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab
+sich in den Garten.</p>
+
+<p>Der Garten Darja Michailownas reichte bis
+an den Fluß. Es waren in demselben viele dunkle
+und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in
+smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus
+Akazien und Fliederbäumen ausliefen.</p>
+
+<p>Wolinzow in Begleitung von Natalia und
+Mlle. Boncourt hatten sich in das Dickicht des
+Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia
+her und schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger
+Entfernung.</p>
+
+<p>»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?«<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
+fragte endlich Wolinzow und streichelte dabei die
+Spitze seines schönen, dunkelblonden Schnurrbartes.</p>
+
+<p>Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch
+zeigten seine Gesichtszüge weniger Beweglichkeit
+und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft,
+hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck.</p>
+
+<p>»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe
+das Schelten Pigassows mit angehört, habe am
+Stickrahmen genäht und habe gelesen.«</p>
+
+<p>»Und was haben Sie gelesen?«</p>
+
+<p>»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge
+gelesen,« brachte Natalia mit einigem Stocken
+hervor.</p>
+
+<p>Wolinzow blickte sie an.</p>
+
+<p>»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant
+sein.«</p>
+
+<p>Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in
+der Luft. Sie gingen noch etwa zwanzig
+Schritte weiter.</p>
+
+<p>»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft
+Ihre Mama gemacht hat?« fragte dann
+wieder Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen;
+Mama lobt ihn sehr.«</p>
+
+<p>»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke
+hin.«</p>
+
+<p>»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich
+fühlt,« bemerkte Natalia.</p>
+
+<p>»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken.
+Es ist schon fast ganz zugeritten. Es soll<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
+mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich
+es bringen.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Merci</em> … Es macht mich aber wirklich verlegen.
+Sie reiten es selbst zu … das soll ja sehr
+angreifend sein.«</p>
+
+<p>»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten,
+Sie wissen es, Natalia Alexejewna, bin
+ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …«</p>
+
+<p>Wolinzow stockte.</p>
+
+<p>Natalia blickte ihn freundlich an und sagte
+nochmals: <em class="antiqua">merci</em>.</p>
+
+<p>»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach
+längerem Schweigen fort, »es gibt nichts …
+Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im
+Hause.</p>
+
+<p>»Ah! <em class="antiqua">La cloche du dîner!</em>« rief Mlle. Boncourt,
+»<em class="antiqua">rentrons</em>.«</p>
+
+<p><em class="antiqua">Quel dommage</em>, dachte bei sich die alte
+Französin, als sie hinter Natalia und Wolinzow
+die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, <em class="antiqua">quel dommage
+que ce charmant garçon ait si peu de
+ressources dans la conversation</em> … was
+man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz
+nett, mein Lieber, aber etwas beschränkt.</p>
+
+<p>Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man
+wartete eine halbe Stunde auf ihn. Bei Tische
+wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts
+gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend
+Natalia an, neben welcher er saß, und<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
+schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski
+bemühte sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra
+Pawlowna, zu unterhalten: er zerfloß in
+Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete,
+das Gähnen zu unterdrücken.</p>
+
+<p>Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an
+nichts; selbst Pigassow war verstummt, und als
+Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute
+nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch:
+»Wann bin ich denn liebenswürdig? Es ist nicht
+meine Art …« Und setzte mit bitterem Lächeln
+hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur
+Kwas, ordinärer russischer Kwas; wenn aber
+Ihr Kammerjunker …«</p>
+
+<p>»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow
+wird eifersüchtig, zum voraus eifersüchtig!«</p>
+
+<p>Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern
+schaute finster vor sich hin.</p>
+
+<p>Es schlug sieben Uhr und alle versammelten
+sich wieder im Gastzimmer.</p>
+
+<p>»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte
+Darja Michailowna … Doch plötzlich ließ sich
+das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer
+Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen
+Minuten erschien ein Diener im Gastzimmer
+und reichte Darja Michailowna einen Brief
+auf einem kleinen silbernen Präsentierteller. Sie
+durchlief denselben bis zum Ende und fragte
+dann, zum Diener gewendet:</p>
+
+<p>»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht
+hat?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
+
+<p>»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen
+Sie, ihn herein zu nötigen?«</p>
+
+<p>»Bitte ihn her.«</p>
+
+<p>Der Diener verschwand.</p>
+
+<p>»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,«
+fuhr Darja Michailowna fort, »der Baron hat
+die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg
+zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch
+einen Herrn Rudin, seinen Freund. Der Baron
+wollte mir denselben vorstellen – er sagt von
+ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich
+hatte darauf gerechnet, der Baron werde hier
+einige Zeit zubringen …«</p>
+
+<p>»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der
+Diener.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="III">III</h2>
+</div>
+
+<p>Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig
+Jahren, hohem Wuchse, etwas gebückter
+Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe,
+mit unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen
+und klugen Zügen, feuchtem Glanze in den lebhaften,
+dunkelblauen Augen, gerader und breiter
+Nase und anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug
+war nicht neu und eng, als wäre er demselben
+entwachsen.</p>
+
+<p>Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu,
+entbot ihr einen kurzen Gruß, sagte, daß ihn
+schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu
+werden, verlangt habe und daß sein Freund, der<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span>
+Baron, es sehr bedauere, nicht persönlich Abschied
+von ihr habe nehmen zu können.</p>
+
+<p>Die feine Stimme Rudins entsprach weder
+seinem hohen Wuchse noch seiner breiten Brust.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie
+kennenzulernen,« sagte Darja Michailowna, und
+nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt
+hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder
+angereist sei?</p>
+
+<p>»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,«
+erwiderte Rudin, den Hut auf den
+Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin
+in Geschäften hergekommen und habe meinen
+Wohnsitz fürs erste in Ihrer Kreisstadt genommen.«</p>
+
+<p>»Bei wem?«</p>
+
+<p>»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund
+von mir.«</p>
+
+<p>»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll,
+wie man sagt, seine Sache verstehen. Und der
+Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«</p>
+
+<p>»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau
+und habe jetzt ungefähr eine Woche bei ihm
+zugebracht.«</p>
+
+<p>»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«</p>
+
+<p>»Gewiß.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna führte die mit Kölnischem
+Wasser getränkte Ecke ihres Taschentuches an die
+Nase.</p>
+
+<p>»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?«
+fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p>
+
+<p>»Wer? Ich?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie!«</p>
+
+<p>»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«</p>
+
+<p>Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde
+die Unterhaltung wieder allgemein.</p>
+
+<p>»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow,
+sich zu Rudin wendend: »Sie kennen gewiß den
+Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt
+hat?«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn.«</p>
+
+<p>»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des
+Handels … oder, besser gesagt – der Industrie
+zum Handel in unserem Vaterlande …
+So, dünkt mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu
+sagen, Darja Michailowna?«</p>
+
+<p>»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte
+Darja Michailowna, die Hand an die Stirn
+führend.</p>
+
+<p>»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche
+Dinge,« fuhr Pigassow fort, »muß jedoch gestehen,
+daß mir allein schon der Titel des Aufsatzes
+sehr … wie sag’ ich das gelinder …
+sehr dunkel und konfus vorkommt.«</p>
+
+<p>»Woher scheint Ihnen das?«</p>
+
+<p>Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick
+auf Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte
+er, sein Fuchsgesicht wieder zu Rudin wendend.</p>
+
+<p>»Mir? Ja gewiß.«</p>
+
+<p>»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
+
+<p>»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra
+Pawlowna Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Nein, es ist nichts … <em class="antiqua">C’est nerveux.</em>«</p>
+
+<p>»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow,
+mit etwas näselnder Stimme, wieder ein: »Ihr
+Bekannter, der Herr Baron Muffel … so,
+glaube ich, heißt er?«</p>
+
+<p>»Ganz recht.«</p>
+
+<p>»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell
+mit politischer Ökonomie, oder widmet er
+dieser anziehenden Wissenschaft nur so nebenbei
+die Mußestunden, welche er nach den weltlichen
+Vergnügungen und Dienstobliegenheiten erübrigen
+kann?«</p>
+
+<p>Rudin blickte Pigassow scharf an.</p>
+
+<p>»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,«
+erwiderte er mit leichtem Erröten, »es ist aber
+viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«</p>
+
+<p>»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren,
+da mir der Aufsatz unbekannt ist … Ich
+erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der
+Baron Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze
+mehr von allgemeinen Theorien als von Tatsachen
+aus?«</p>
+
+<p>»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien,
+die sich auf Tatsachen stützen.«</p>
+
+<p>»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden
+erlauben … ich darf wohl gelegentlich mein
+Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat
+zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
+Theorien, Hypothesen, Systeme … nehmen
+Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme
+kein Blatt vor den Mund … taugen alle zu
+nichts. Das ist alles nur Klügelei – um die
+Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren,
+weiter fordern wir nichts von euch.«</p>
+
+<p>»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn
+der Fakten muß doch gedeutet werden!«</p>
+
+<p>»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort,
+»nicht ausstehen kann ich sie, diese allgemeinen
+Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das
+stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen;
+ein jeder faselt von seinen Überzeugungen und
+verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, daß
+man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«</p>
+
+<p>Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft.
+Pandalewski lachte auf.</p>
+
+<p>»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer
+Ansicht nach, keine Überzeugungen.«</p>
+
+<p>»Nein – es gibt keine.«</p>
+
+<p>»Das ist Ihre Überzeugung?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine?
+Da haben Sie eben eine ausgesprochen.«</p>
+
+<p>Alle im Zimmer lächelten und warfen sich
+Blicke zu.</p>
+
+<p>»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann
+Pigassow wieder …</p>
+
+<p>Doch Darja Michailowna klatschte in die
+Hände und rief: »Bravo, bravo, geschlagen, Pigassow<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
+ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut
+aus Rudins Händen.</p>
+
+<p>»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude,
+gnädige Frau: ein wenig Geduld!« sagte Pigassow
+ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit
+Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen,
+beweisen soll man, widerlegen … Wir
+sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«</p>
+
+<p>»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die
+Sache ist ganz einfach. Sie glauben nicht an den
+Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht
+an Überzeugungen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an
+nichts glaube ich!«</p>
+
+<p>»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte
+Wort nützen soll. Indessen …«</p>
+
+<p>»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich
+Darja Michailowna ins Gespräch.</p>
+
+<p>»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski
+schmunzelnd vor sich hin.</p>
+
+<p>»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,«
+fuhr Rudin fort. »Sie verstehen es: weshalb
+sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an
+nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«</p>
+
+<p>»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine
+bekannte Sache, ein jeder weiß, was ein Faktum
+ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung,
+nach eigener Empfindung.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p>
+
+<p>»Die Empfindung kann Sie aber täuschen!
+Die Empfindung sagt Ihnen, daß die Sonne sich
+um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen
+Sie Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben
+auch ihm nicht?«</p>
+
+<p>Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter.
+Aller Augen waren auf Rudin gerichtet. Ein
+ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.</p>
+
+<p>»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow.
+»Freilich, das ist sehr originell, gehört aber
+nicht zur Sache.«</p>
+
+<p>»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte
+Rudin, »war leider sehr wenig Originelles.
+Alles dies ist schon längst bekannt und
+ist tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf
+kam es an …«</p>
+
+<p>»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit
+leichtem Anflug von Unverschämtheit.</p>
+
+<p>Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen
+gegen seinen Widerpart anzufangen, dann
+grob zu werden und endlich schmollend zu verstummen.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin
+fort: »ich kann mich wirklich nicht, ich muß es
+gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, wenn
+verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen
+über …«</p>
+
+<p>»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.</p>
+
+<p>»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was
+bringt Sie dies Wort so außer sich? Jedes System<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
+stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze
+des Lebens …«</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht
+kennen, nicht ergründen …«</p>
+
+<p>»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie
+zugänglich, und der Mensch ist dem Irrtum unterworfen.
+Sie werden mir aber wahrscheinlich
+zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser
+Grundgesetze dennoch entdeckt hat. Das war ein
+Genie, zugestanden; die Entdeckungen, die geniale
+Geister machen, sind aber eben dadurch
+groß, daß sie zum Gemeingute aller werden. Das
+Bestreben, allgemeine Gesetze aus partiellen Erscheinungen
+herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft
+des menschlichen Geistes, und unsere
+ganze Bildung …«</p>
+
+<p>»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn
+wiederum mit gedehnter Stimme Pigassow. »Ich
+bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht
+gern in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten
+Sie indessen, daß schon der Wille allein, ausschließlich
+ein praktischer Mensch zu sein, an und
+für sich ein System vorstellt, eine Theorie …«</p>
+
+<p>»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow,
+»Sie glauben wohl, mich mit diesem
+Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben
+sie sehr nötig, diese angepriesene Bildung! Nicht
+einen kupfernen Groschen möchte ich für diese
+Ihre Bildung hingeben!«</p>
+
+<p>»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
+Semenitsch!« bemerkte Darja Michailowna, im
+Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und weltmännische
+Artigkeit ihres neuen Gastes. <em class="antiqua">C’est
+un homme comme il faut</em>, dachte sie, Rudins
+Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß
+ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in
+Gedanken russisch.</p>
+
+<p>»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin
+nach einigem Schweigen fort, »die Bildung
+zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung
+nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder
+hat seinen eigenen Geschmack. Es würde uns
+übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir
+nur, Sie an einen alten Spruch zu erinnern:
+›Jupiter, du wirst böse, folglich hast du unrecht!‹
+Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf
+Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso
+zu bedauern sind, weil mit den Systemen zugleich
+die Menschen das Wissen überhaupt, die
+Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen,
+folglich auch den Glauben an sich selbst,
+an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen
+aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein
+können sie nicht leben, es wäre sündhaft, wenn
+sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm
+nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat
+sich von jeher durch Unfruchtbarkeit und Ohnmacht
+ausgezeichnet …«</p>
+
+<p>»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.</p>
+
+<p>»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen
+zu bemerken, daß mit dem Ausrufe ›Das sind<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
+nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben,
+etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«</p>
+
+<p>»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen
+zusammen.</p>
+
+<p>»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen
+wollte,« erwiderte Rudin mit unwillkürlicher,
+doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole
+es, wenn der Mensch keinen festen Grund
+hat, an den er glaubt, keinen Boden, auf dem
+er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft
+geben von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der
+Zukunft seines Volkes? Wie kann er wissen,
+was er selbst zu tun hat, wenn …«</p>
+
+<p>»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow
+hervor, verbeugte sich und trat auf die Seite,
+ohne jemand anzublicken.</p>
+
+<p>Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.</p>
+
+<p>»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann
+Darja Michailowna. »Seien Sie unbesorgt,
+Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit
+freundlichem Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr
+Vater?«</p>
+
+<p>»Nikolai!«</p>
+
+<p>»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri
+Nikolaitsch! Er hat niemand hier angeführt.
+Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren …
+Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen
+Sie sich aber näher zu uns und lassen Sie
+uns plaudern.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
+
+<p>Rudin rückte seinen Sessel näher.</p>
+
+<p>»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt
+geworden sind?« fuhr Darja Michailowna
+fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben
+Sie dies Buch gelesen? <em class="antiqua">C’est de Tocqueville,
+vous savez?</em>«</p>
+
+<p>Und Darja Michailowna schob Rudin eine
+französische Broschüre hin.</p>
+
+<p>Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand,
+blätterte ein wenig darin und erklärte, nachdem
+er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, er
+habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar
+nicht gelesen, doch häufig über die von ihm berührte
+Frage nachgedacht. Das Gespräch war
+angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen,
+er zögerte, mit seiner Meinung hervorzutreten,
+fand nicht immer sogleich die Ausdrücke,
+wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine
+Viertelstunde später vernahm man nur seine
+Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um
+ihn geschlossen.</p>
+
+<p>Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke
+neben dem Kamin. Rudin sprach klug, mit Geist
+und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große
+Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm
+einen bedeutenden Menschen zu treffen … Er
+war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so
+wenig von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich
+und auffallend, wie ein so geistreicher Mann
+so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen
+können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung,<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
+man könnte sagen, er bezauberte jeden,
+vor allen Darja Michailowna … Sie war
+stolz auf ihren Fang und dachte schon im voraus
+daran, wie sie Rudin in die Welt führen wolle.
+Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten
+Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches
+Feuer. Alexandra Pawlowna hatte, offen
+gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin
+gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt
+und erfreut; ihr Bruder war es nicht weniger;
+Pandalewski beobachtete Darja Michailowna
+und wurde neidisch; Pigassow dachte: wollte ich
+fünfhundert Rubel wegwerfen – ich könnte
+mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr
+als alle übrigen waren jedoch Bassistow und Natalia
+erstaunt. Bassistow war der Atem fast ausgegangen;
+er war die ganze Zeit über mit offenem
+Munde und weit geöffneten Augen sitzengeblieben
+und hatte mit einer Spannung zugehört,
+wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht
+war rot geworden und ihr Blick, den sie unverwandt
+auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde
+dunkler und glänzender zugleich …</p>
+
+<p>»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte
+ihr Wolinzow zu.</p>
+
+<p>»Ja, sie sind schön.«</p>
+
+<p>»Schade nur, daß seine Hände so groß und
+rot sind.«</p>
+
+<p>Natalia antwortete nichts.</p>
+
+<p>Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde
+allgemeiner, doch ließ sich an dem plötzlichen<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
+Verstummen aller, sobald Rudin den Mund auftat,
+gleich merken, wie überwältigend der Eindruck
+war, den er hervorgebracht hatte. Es kam
+Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow ein
+wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte
+ihn halblaut: »Warum schweigen Sie denn und
+zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen
+Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,«
+und ohne seine Antwort abzuwarten, winkte sie
+Rudin zu sich.</p>
+
+<p>»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,«
+sagte sie zu ihm, auf Pigassow deutend, »er ist
+ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend
+greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«</p>
+
+<p>Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von
+oben herab an: er war um zwei Kopflängen
+höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger,
+sein gelbes Gesicht wurde noch gelber.</p>
+
+<p>»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,«
+begann er mit unsicherer Stimme, »ich greife
+nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze
+Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«</p>
+
+<p>»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte
+Meinung von demselben einflößen?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens,
+in welchem ich mit jedem Tage mehr und
+mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere
+nach mir selbst. Das mag vielleicht ungerecht<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
+sein, und ich tauge viel weniger als andere; was
+wollen Sie aber? Gewohnheit!«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit
+Ihnen,« erwiderte Rudin. »Welche edle Seele
+hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung
+gehabt! Man sollte aber doch aus dieser
+schlimmen Lage herauszukommen trachten.«</p>
+
+<p>»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung,
+die Sie meiner Seele ausstellen,« erwiderte Pigassow,
+»mit meiner Lage hält sich’s noch – sie
+ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang
+aus ihr gibt, er mag bleiben, suchen will
+ich ihn nicht.«</p>
+
+<p>»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck
+– die Befriedigung seiner Eigenliebe dem Verlangen,
+in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«</p>
+
+<p>»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die
+Eigenliebe – das Ding verstehe ich, verstehen
+Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was
+ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«</p>
+
+<p>»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß
+Ihnen diese Bemerkung machen,« warf Darja
+Michailowna ein.</p>
+
+<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist
+Wahrheit? Die Philosophen selbst wissen nicht,
+was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel
+aber – nein, bewahre! Dies ist sie.«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?«
+fragte Rudin, ohne die Stimme zu erheben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
+
+<p>»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann
+nicht begreifen, was Wahrheit ist. Meiner Ansicht
+nach gibt es eine solche nicht auf der Welt,
+das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber
+existiert nicht.«</p>
+
+<p>»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen
+Sie sich doch, so zu sprechen, Sie alter Sünder!
+Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es denn,
+auf der Welt zu leben?«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte
+ärgerlich Pigassow, »ich bin der Meinung,
+daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne
+Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren
+Koch Stephan, der so vortreffliche Bouillons
+kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die
+Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen
+ließe sich doch nicht daraus machen!«</p>
+
+<p>»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja
+Michailowna, »besonders wenn es in Verleumdung
+ausartet.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt
+ist, aber sie zu hören ist freilich vielen
+schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich
+mürrisch zurück.</p>
+
+<p>Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu
+reden und sprach sehr verständig. Er bewies, daß
+der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute,
+daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch
+welchen der Erdball aus seiner Stellung gehoben
+werden könne; doch verdiene in der Tat nur derjenige
+»Mensch« genannt zu werden, der sein<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
+Selbstgefühl zu bändigen wisse, wie der Reiter
+sein Roß, der seine Persönlichkeit dem Wohle
+aller zum Opfer bringe …</p>
+
+<p>»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist
+Selbstmord. Der selbstsüchtige Mensch verdorrt
+gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren Baume;
+Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach
+Vervollkommnung, ist der Ursprung alles Großen
+… Ja! es muß der Mensch den starren
+Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr
+das Recht zu verschaffen, sich frei auszusprechen.«</p>
+
+<p>»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?«
+wandte sich Pigassow an Bassistow.</p>
+
+<p>Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von
+ihm verlangte.</p>
+
+<p>»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte
+er endlich hervor.</p>
+
+<p>»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin
+notieren. Notiere ich sie nicht, ich könnte sie vergessen,
+stehe nicht dafür! Und Sie werden selbst
+zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem
+großen Schlemm im Whist gleich.«</p>
+
+<p>»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über
+welche zu scherzen und zu spotten unschicklich ist!«
+erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte Pigassow
+den Rücken.</p>
+
+<p>Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten.
+Sie erhob sich und auf ihrem Gesichte zeigte sich
+Verwirrung.</p>
+
+<p>Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p>
+
+<p>»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit
+weicher, wohlwollender Stimme, als wäre er ein
+Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«</p>
+
+<p>»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht
+besonders. Hier, Constantin Diomiditsch spielt
+bedeutend besser als ich.«</p>
+
+<p>Pandalewski streckte sein Gesicht vor und
+fletschte die Zähne.</p>
+
+<p>»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna:
+ich spiele wirklich nicht besser als Sie.«</p>
+
+<p>»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?«
+fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja
+Michailowna das Wort. »Setzen Sie sich, Constantin
+… Sie lieben die Musik, Dimitri Nikolaitsch?«</p>
+
+<p>Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und
+fuhr mit der Hand über das Haar, als bereite
+er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.</p>
+
+<p>Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade
+gegenüber. Gleich bei den ersten Tönen erhielt
+sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. Seine
+tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von
+Zeit zu Zeit auf Natalia haften bleibend. Pandalewski
+hatte geendet.</p>
+
+<p>Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete
+Fenster. Ein aromatischer Duft lag gleich
+einer leichten Hülle auf dem Garten, einschläfernde
+Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen.
+Sanft schimmerten die Sterne. Wonnig<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
+war die Sommernacht und Wonne verbreitete
+sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen
+Garten hinaus und – wandte sich um.</p>
+
+<p>»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben
+in mir Erinnerungen erweckt an meine Studentenzeit
+in Deutschland, an unsere Zusammenkünfte,
+unsere Serenaden …«</p>
+
+<p>»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja
+Michailowna.</p>
+
+<p>»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und
+etwa ebensolange in Berlin.«</p>
+
+<p>»Und Sie kleideten sich wie die Studenten?
+Die sollen dort, sagt man, eine eigentümliche
+Kleidung tragen.«</p>
+
+<p>»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit
+Sporen und einen kurzen Leibrock mit Schnurbesatz
+getragen und das Haar lang wachsen lassen
+bis herab auf die Schultern … In Berlin
+kleiden sich die Studenten wie jedermann.«</p>
+
+<p>»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,«
+bat Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>Rudin begann seine Erzählung. Er war kein
+guter Erzähler. In seinen Schilderungen vermißte
+man die Färbung. Er verstand es nicht,
+Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von
+der Erzählung seiner Abenteuer im Auslande
+auf allgemeine Betrachtungen über, von der Bedeutung
+der Aufklärung und Wissenschaft, den
+Universitäten und dem Universitätsleben überhaupt.
+Mit breiten und kühnen Zügen entwarf
+er ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
+Aufmerksamkeit zu. Er sprach meisterhaft,
+hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese
+Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen
+eigentümlichen Reiz.</p>
+
+<p>Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin,
+sich bestimmt und genau auszudrücken. Ein
+Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet
+kühn, bald merkwürdig treffend, folgten
+Schlag auf Schlag. Nicht selbstgefällige Worthascherei
+des geschulten Schönredners, sondern
+Begeisterung sprach aus seinem ungestümen
+Redefluß. Er war um Worte nicht verlegen:
+folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen,
+und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer
+der vollständigsten Überzeugung, direkt aus der
+Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten Grade
+jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit«
+nennen könnte. Er verstand es, indem er
+gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich
+alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern
+zu machen. Es mag der Fall gewesen sein, daß
+der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht
+recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte
+er die Brust schwellen, ein Schleier schien von
+seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg
+ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken
+empor …</p>
+
+<p>Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft
+zugewandt zu sein; dieser Umstand verlieh ihnen
+das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
+stehend, niemand vorzugsweise anblickend,
+sprach er – und begeistert durch die Zustimmung
+und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger
+Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen
+von der Flut eigener Empfindungen – erhob
+er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie …
+der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig,
+vermehrte noch den Zauber; es schien, als redete
+aus seinem Munde etwas Höheres, ihm selbst
+Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was
+dem zeitlichen Leben des Menschen Bedeutung
+für die Ewigkeit verleiht.</p>
+
+<p>»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,«
+so beschloß er seine Rede. »Es sitzt ein König mit
+seinen Recken in einer langen, dunklen Halle um
+ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und
+nachts. Auf einmal kommt ein kleiner Vogel durch
+die offene Tür hereingeflogen und fliegt zur
+anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das
+Vöglein ist wie der Mensch auf Erden: aus dem
+Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel fliegt
+es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der
+Wärme und des Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert
+der Älteste der Krieger, ›das Vöglein wird
+auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest
+wiederfinden‹ … In der Tat, unser Leben ist
+kurz und vergänglich; doch alles Große geschieht
+durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren
+Mächten zum Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz
+sein für alle übrigen Freuden; im Tode selbst
+wird er sein Leben, sein Nest finden …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p>
+
+<p>Rudin hielt inne und senkte den Blick mit
+einem unwillkürlichen Lächeln der Verwirrung.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Vous êtes un poète</em>,« sagte halblaut Darja
+Michailowna.</p>
+
+<p>Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle,
+Pigassow ausgenommen. Ohne das Ende der
+langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise
+den Hut genommen und, sich entfernend, dem bei
+der Türe stehengebliebenen Pandalewski erbittert
+zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es
+mir zu bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«</p>
+
+<p>Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten,
+auch seine Abwesenheit nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Die Diener trugen das Abendessen auf, und
+eine halbe Stunde darauf trennte man sich.
+Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über
+Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte
+auf der Heimfahrt in der Kutsche ihrem Bruder
+unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins
+ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow
+stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, daß er sich zuweilen
+etwas unverständlich ausdrücke … das
+heißt nicht ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich,
+um seinen Gedanken besseren Ausdruck
+zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und
+der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet
+hielt, war noch schwermütiger geworden.</p>
+
+<p>Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen
+anschickend, seine seidengestickten Tragbänder<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
+löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr
+gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich
+mit strengem Blicke seinem Kammerdiener, das
+Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze
+Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus;
+bis zum Anbruch des Tages schrieb er ununterbrochen
+einen Brief an einen seiner Freunde
+nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet
+und zu Bette gelegt, aber gleichfalls nicht
+eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht
+einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt,
+hatte sie in das Dunkel hinausgeblickt; ihre
+Pulse pochten wie im Fieber und häufige schwere
+Seufzer hoben ihren Busen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="IV">IV</h2>
+</div>
+
+<p>Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen
+angekleidet, so erschien bei ihm ein Diener von
+Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu
+ihr ins Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin
+traf sie allein. Sie bewillkommnete ihn höchst
+freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut
+verbracht habe und schenkte ihm selbst eine Tasse
+Tee ein; sie fragte sogar, ob Zucker genug darin
+sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder
+ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie
+nicht früher mit ihm bekannt geworden sei. Rudin
+hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja
+Michailowna aber wies auf einen Diwan, der
+neben ihrem Sessel stand, und begann, sich ein<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
+wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über
+seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten
+zu befragen. Darja Michailowna sprach
+leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin
+aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen
+suche, ja, ihm sogar schmeichele: Nicht umsonst
+hatte sie also dieses Morgenstelldichein vorbereitet,
+nicht umsonst ein einfaches aber graziöses
+Kleid <em class="antiqua">à la madame Récamier</em> angelegt!
+Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,
+ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen,
+von ihren Jugendjahren und den Personen,
+mit denen sie bekannt gewesen war. Rudin
+hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar!
+– von wem Darja Michailowna auch
+sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets
+im Vordergrunde und drängte jede andere zurück;
+dabei erfuhr Rudin umständlich, was Darja
+Michailowna namentlich zu dieser bekannten,
+hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß
+sie auf jenen berühmten Dichter ausgeübt
+hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas
+zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden
+unter ihren Zeitgenossen einzig und
+allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr bekannt
+zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu
+erwerben. Sie sprach von ihnen in einfacher
+Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,
+wie von ihr nahestehenden Personen;
+einige nannte sie sonderbare Käuze, immer aber
+reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
+gefaßten Edelstein, in strahlendem Kranze um
+den einen Namen: Darja Michailowna.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und
+schwieg; nur hin und wieder unterbrach er durch
+kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen
+Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine
+Unterhaltung im Gange zu halten, war ihm nicht
+eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,
+den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte,
+ließ sich in seiner Gegenwart zutraulich aus; so
+gefällig und ermunternd folgte der dem Faden
+der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit,
+viel von jener eigentümlichen Gutmütigkeit,
+welche Leuten eigen ist, die gewohnt
+sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im
+Wortstreit ließ er selten seinem Gegner das
+letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner
+ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Darja Michailowna sprach russisch. Sie
+prahlte mit der Kenntnis ihrer Muttersprache,
+obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische
+Worte mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie
+einfache, volkstümliche Ausdrucksweisen, doch
+nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr
+fand sich durch die buntscheckige Sprache in Darja
+Michailownas Munde nicht unangenehm berührt,
+wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.</p>
+
+<p>Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ
+den Kopf auf das Rückenkissen des Lehnstuhls<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span>
+zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin und
+verstummte.</p>
+
+<p>»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin,
+»begreife ich es, weshalb Sie jeden Sommer
+aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung;
+die ländliche Stille, nach dem Leben in der
+Hauptstadt, muß Sie erfrischen und stärken. Ich
+bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für
+die Schönheiten der Natur haben.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte Rudin von der
+Seite an.</p>
+
+<p>»Die Natur … nun ja … ja, freilich …
+ich liebe sie außerordentlich; wissen Sie aber,
+Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt
+sich’s nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s
+aber keinen. Pigassow gilt hier als der Geistreichste.«</p>
+
+<p>»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte
+Rudin.</p>
+
+<p>»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens
+nimmt man ihn schon mit – er heitert zuweilen
+auf.«</p>
+
+<p>»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht
+aber einen falschen Weg. Ich weiß nicht, ob Sie
+mir recht geben werden, Darja Michailowna, es
+liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten
+und vollständigen Verneinen. Verneinen Sie
+alles, und man wird Sie möglicherweise für einen
+klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt.
+Es werden viele in ihrer Einfalt sogleich
+bereit sein, den Schluß zu ziehen, Sie ständen<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
+höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber
+oftmals falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken
+finden, zweitens, wenn Sie auch recht hätten,
+bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend
+und ausschließlich zur Verneinung gestimmt,
+verliert seine Kraft, er stumpft ab. Indem Sie
+Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den
+wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben –
+der innere Wert des Lebens – entschlüpft Ihrem
+kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste
+und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher
+herab. Rügen, schelten darf nur, wer
+liebt.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Voilà Mr. Pigassoff enterré</em>,« sagte Darja
+Michailowna. »Sie verstehen es aber meisterhaft,
+die Menschen zu schildern! Übrigens würde
+Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen
+haben. Liebt er ja doch ausschließlich seine
+eigene Person.«</p>
+
+<p>»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu
+haben, andere schelten zu dürfen,« fiel Rudin ein.</p>
+
+<p>Darja Michailowna lachte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken
+Kopf auf den Gesunden! – A propos –
+was halten Sie von dem Baron?«</p>
+
+<p>»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher
+Mensch, mit gutem Herzen und erfahren …
+aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben
+ein halber Gelehrter, halber Weltmann, d. h.
+Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – Nichts …
+Es ist aber schade um ihn!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
+
+<p>»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja
+Michailowna. »Ich habe seinen Aufsatz gelesen
+… <em class="antiqua">Entre nous … cela a assez peu de
+fond.</em>«</p>
+
+<p>»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?«
+fragte nach einigem Schweigen Rudin.</p>
+
+<p>Darja Michailowna strich mit dem kleinen
+Finger die Asche von ihrer Zigarette.</p>
+
+<p>»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin,
+Alexandra Pawlowna, die Sie gestern gesehen
+haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. Ihr
+Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch,
+<em class="antiqua">un parfait honnête homme</em>. Den Fürsten Garin
+kennen Sie. Das sind sie alle. Es sind da
+noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und
+gar unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit
+ungeheuren Prätensionen oder menschenscheues,
+oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit
+den Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen.
+Wir haben wohl noch einen Nachbarn, einen sehr
+gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen
+schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer.
+Alexandrine kennt ihn und, wie es scheint, ist er
+ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr wirklich
+Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch:
+das ist ein liebes Wesen; sie müßte nur etwas
+ausgebildet werden, ja sie muß es durchaus werden.«</p>
+
+<p>»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.</p>
+
+<p>»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine
+wahre Unschuld. Sie ist verheiratet gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
+<em class="antiqua">mais c’est tout comme</em> … Wäre ich ein
+Mann, ich würde mich nur in solche Weiber verlieben.«</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten
+frisch und die Frische läßt sich nicht künstlich
+nachahmen.«</p>
+
+<p>»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen,
+was selten bei ihm der Fall war. Wenn
+er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen,
+fast greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen
+sich zusammen, er rümpfte die Nase …</p>
+
+<p>»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie
+Sie sagen, der Frau Lipin nicht gleichgültig
+wäre?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch,
+ein Gutsbesitzer aus dieser Gegend.«</p>
+
+<p>Rudin erstaunte und erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er,
+»ist der denn Ihr Nachbar?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie kennen ihn also?«</p>
+
+<p>Rudin schwieg.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon
+lange her. Er ist reich, wie man sagt?« fügte er
+hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles
+zupfte.</p>
+
+<p>»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich
+und fährt auf einer Reitdroschke gleich einem
+Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch gemacht,
+ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand
+haben; dann stehe ich auch gewissermaßen<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
+in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen
+doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«</p>
+
+<p>Rudin nickte mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort,
+»ich führe nichts von den fremdländischen Albernheiten
+bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,
+dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht,
+denke ich, nicht schlecht,« setzte sie hinzu, indem
+sie dabei mit der Hand einen Kreis durch die Luft
+beschrieb.</p>
+
+<p>»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,«
+bemerkte Rudin verbindlich, »daß diejenigen
+schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen
+praktischen Sinn absprechen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber
+was wollte ich Ihnen doch erzählen? Wovon sprachen
+wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit
+ihm über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals
+schon habe ich ihn zu mir eingeladen und
+erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie …
+ein wahrer Sonderling.«</p>
+
+<p>Der Vorhang an der Tür wurde behutsam
+zurückgezogen und der Haushofmeister, ein hochgewachsener,
+grauer Mann mit einer Glatze, in
+schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer
+Weste, trat ein.</p>
+
+<p>»Was willst du?« fragte Darja Michailowna
+und setzte mit einer leichten Wendung zu Rudin
+halblaut hinzu: »<em class="antiqua">n’est ce pas, comme il
+ressemble à Canning</em>?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span></p>
+
+<p>»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,«
+meldete der Mann, »befehlen Sie zu empfangen?«</p>
+
+<p>»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna,
+»er kommt wie gerufen. Bitte ihn her!«</p>
+
+<p>Der Haushofmeister ging hinaus.</p>
+
+<p>»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich,
+und doch nicht zur rechten Stunde; er unterbricht
+unser Gespräch.«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja
+Michailowna hielt ihn aber zurück.</p>
+
+<p>»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch
+in Ihrer Gegenwart besprechen, und dann
+wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen,
+wie das von Pigassow. Wenn Sie reden, <em class="antiqua">vous
+gravez comme avec un burin</em>. Bleiben Sie?«</p>
+
+<p>Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein
+wenig und blieb.</p>
+
+<p>Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt,
+trat ins Kabinett. Er hatte denselben
+grauen Paletot an und hielt in den gebräunten
+Händen dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen
+Darja Michailowna und trat an den Teetisch
+heran.</p>
+
+<p>»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich
+herzubemühen, Monsieur Leschnew!« sagte Darja
+Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie
+sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr
+sie fort, auf Rudin deutend.</p>
+
+<p>Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei
+sonderbar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p>
+
+<p>»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer
+kurzen Verbeugung.</p>
+
+<p>»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,«
+bemerkte Rudin halblaut und schlug den
+Blick zu Boden.</p>
+
+<p>»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,«
+sagte Leschnew kalt.</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte beide mit einigem
+Befremden an und bat Leschnew, Platz zu nehmen.
+Er setzte sich.</p>
+
+<p>»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann
+er, »es betrifft die Vermessung?«</p>
+
+<p>»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt
+Sie zu sehen gewünscht. Sind wir doch
+noch Nachbarn und auch wohl vielleicht verwandt
+miteinander.«</p>
+
+<p>»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was
+nun die Vermessung betrifft, so habe ich diese Angelegenheit
+bereits mit Ihrem Verwalter vollständig
+zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle
+seine Vorschläge ein.«</p>
+
+<p>»Das wußte ich.«</p>
+
+<p>»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige
+persönliche Zusammenkunft mit Ihnen die Papiere
+nicht unterzeichnet werden.«</p>
+
+<p>»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt.
+Darf ich wohl fragen, ob die Bauern bei Ihnen
+zinspflichtig sind?«</p>
+
+<p>»So ist es.«</p>
+
+<p>»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung
+gebracht? Das ist lobenswert.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
+
+<p>Leschnew schwieg einen Augenblick.</p>
+
+<p>»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft
+wegen hergekommen,« sagte er.</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen
+das in solch besonderem Tone … Gewiß hatten
+Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«</p>
+
+<p>»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew
+phlegmatisch.</p>
+
+<p>»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra
+Pawlowna?«</p>
+
+<p>»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«</p>
+
+<p>»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem
+Zwang auf … Indessen, Sie werden vergeben,
+Michael Michailitsch, ich bin älter als
+Sie an Jahren und darf Sie ein wenig schelten:
+wie können Sie an einem so zurückgezogenen Leben
+Vergnügen finden? Oder ist es <em class="gesperrt">mein</em> Haus
+vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht
+gefalle <em class="gesperrt">ich</em> Ihnen nicht?«</p>
+
+<p>»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und
+deshalb können Sie mir auch nicht mißfallen. Ihr
+Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen
+gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich
+habe nicht einmal einen gehörigen Frack, keine
+Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren
+Kreis.«</p>
+
+<p>»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie
+demselben an, Michael Michailitsch! <em class="antiqua">vous êtes
+des nôtres</em>.«</p>
+
+<p>»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
+lassen, Darja Michailowna! Nicht darauf kommt
+es an …«</p>
+
+<p>»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael
+Michailitsch! Was hat man davon, wie
+Diogenes in der Tonne zu sitzen?«</p>
+
+<p>»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei;
+zweitens, weshalb glauben Sie, daß ich nicht unter
+Menschen lebe?«</p>
+
+<p>Darja Michailowna biß sich in die Lippen.</p>
+
+<p>»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also
+nur zu bedauern, daß ich mich zu denen nicht
+zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«</p>
+
+<p>»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein,
+»treibt zu weit, wie mich dünkt, ein sonst sehr
+lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«</p>
+
+<p>Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin
+nur an. Ein kurzes Schweigen trat ein.</p>
+
+<p>»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend,
+»darf ich unsere Angelegenheit als erledigt betrachten
+und Ihren Verwalter bedeuten, daß er
+mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«</p>
+
+<p>»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe
+es, so wenig liebenswürdig sind … daß ich es
+Ihnen abschlagen sollte.«</p>
+
+<p>»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr
+Vorteil als mir.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück
+bei mir einnehmen?« fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p>
+
+<p>»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals,
+und dann muß ich auch bald nach Hause.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna erhob sich.</p>
+
+<p>»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans
+Fenster tretend, »ich darf Sie nicht aufhalten.«</p>
+
+<p>Leschnew verabschiedete sich.</p>
+
+<p>»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie,
+daß ich Sie belästigt habe.«</p>
+
+<p>»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte
+Leschnew und ging hinaus.</p>
+
+<p>»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna
+Rudin. »Ich hatte wohl von ihm gehört,
+er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt
+aber doch alles!«</p>
+
+<p>»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,«
+erwiderte Rudin, »dem Verlangen, originell zu
+erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, dieser
+den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus,
+viel Selbstsucht und wenig Wahrheit,
+wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in
+ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der
+Gleichgültigkeit und der Nachlässigkeit vor, da
+muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den Gedanken
+kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche
+Weise sein Licht unter den Scheffel
+stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht
+vorhanden!«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Et de deux!</em>« äußerte Darja Michailowna.
+»Sie sind furchtbar in der Charakterschilderung.
+Ihnen entgeht man nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p>
+
+<p>»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,«
+fuhr er fort, »ich sollte eigentlich nicht von Leschnew
+sprechen: ich habe ihn geliebt, geliebt wie
+einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener
+Mißverständnisse …«</p>
+
+<p>»Haben Sie sich entzweit?«</p>
+
+<p>»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie
+mir scheint, für immer getrennt.«</p>
+
+<p>»Das war es! Darum war Ihnen auch während
+seines Hierseins, wie mir deuchte, nicht
+wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr
+für den heutigen Morgen verbunden. Ich habe
+die Zeit überaus angenehm verbracht. Aber –
+alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum
+Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte
+gehen. Mein Sekretär, Sie haben ihn
+gesehen – <em class="antiqua">Constantin, c’est lui qui est mon
+secrétaire</em> – wartet gewiß schon auf mich. Ich
+empfehle Ihnen denselben: ein herrlicher, überaus
+dienstfertiger junger Mann und ganz entzückt
+von Ihnen. Auf Wiedersehen, <em class="antiqua">cher</em> Dmitri
+Nikolaitsch. Wie bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet,
+daß er mir Ihre Bekanntschaft verschafft
+hat!«</p>
+
+<p>Und Darja Michailowna reichte Rudin die
+Hand. Er drückte sie zuerst, führte sie dann an
+die Lippen und begab sich in den Saal und von
+da auf die Terrasse, wo er Natalia traf.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="V">V</h2>
+</div>
+
+<p>Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna,
+konnte auf den ersten Blick nicht gefallen.
+Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, mager,
+von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich
+etwas gebückt. Die Züge ihres Gesichtes jedoch
+waren edel und regelmäßig, obgleich etwas breit
+für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders
+schön trat ihre reine und glatte Stirn über den
+leicht geknickten Augenbrauen hervor. Sie sprach
+wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,
+fast unverwandten Blickes, als wollte sie
+sich über alles Rechenschaft geben. Sie war oft
+unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ
+die Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht
+den Ausdruck innerer Gedankentätigkeit …
+Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen
+und verschwand wieder; die großen dunklen
+Augen hoben sich sanft … <em class="antiqua">Qu’avez vous?</em>
+pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und
+ihr vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen
+nicht schicke, den Kopf hängen zu lassen und
+zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht zerstreut:
+im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und
+arbeitete gern. Sie fühlte tief und stark, aber im
+stillen; schon als Kind hatte sie selten geweint,
+jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,
+wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr
+ein wohlgesittetes, vernünftiges Mädchen, nannte
+sie scherzweise: <em class="antiqua">mon honnête homme de fille</em>,<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
+hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.
+»Meine Natascha ist kalt von Natur,«
+pflegte sie zu sagen, »nicht wie ich … um
+so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna
+täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter
+kennt ihre Tochter.</p>
+
+<p>Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein
+volles Vertrauen zu ihr.</p>
+
+<p>»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte
+einmal Darja Michailowna zu ihr, »sonst würdest
+du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast
+deinen Kopf für dich.«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und
+dachte: und warum sollte ich nicht meinen Kopf
+für mich haben?</p>
+
+<p>Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie
+eben mit Mlle. Boncourt ins Zimmer, um ihren
+Hut aufzusetzen und in den Garten zu gehen.
+Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt.
+Man hatte aufgehört, Natalia als Kind
+zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr schon lange
+keinen Unterricht mehr in der Mythologie und
+Geographie; doch mußte Natalia jeden Morgen
+– in ihrer Gegenwart – historische Bücher, Reisebeschreibungen
+und andere erbauliche Schriften
+lesen. Darja Michailowna traf die Auswahl,
+scheinbar einem ihr eigenen System folgend, in
+der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein
+französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte,
+ausgenommen natürlich Romane von
+Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
+las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt
+pflegte ganz besonders streng und sauer
+Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere
+historische Bücher las: nach den Begriffen
+der alten Französin war die ganze Geschichte voll
+unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten
+Männern des Altertums, Gott weiß warum,
+nur einzig und allein den Kambyses kannte, und
+aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,
+den sie nicht leiden konnte. Natalia las
+aber auch solche Bücher, deren Dasein Mlle.
+Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen
+Puschkin auswendig.</p>
+
+<p>Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.</p>
+
+<p>»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.</p>
+
+<p>»Ja. Wir gehen in den Garten.«</p>
+
+<p>»Darf ich mich Ihnen anschließen?«</p>
+
+<p>Natalia sah Mlle. Boncourt an.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Mais certainement, monsieur, avec plaisir</em>,«
+rief eilig die alte Jungfer.</p>
+
+<p>Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.</p>
+
+<p>Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an
+Rudins Seite auf demselben Gartenwege zu
+wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er
+richtete an sie Fragen über ihre Beschäftigungen,
+und auch darüber, wie ihr das Leben auf dem
+Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne
+Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende
+Befangenheit, die so oft für Schamhaftigkeit gehalten
+wird. Es klopfte ihr das Herz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
+
+<p>»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?«
+fragte Rudin, sie mit einem Seitenblick streifend.</p>
+
+<p>»Wie kann man auf dem Lande Langeweile
+empfinden? Ich bin sehr froh, daß wir hier sind.
+Ich bin hier sehr glücklich.«</p>
+
+<p>»Sie sind glücklich … Das ist ein großes
+Wort. Übrigens ist es begreiflich: Sie sind jung.«</p>
+
+<p>Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher
+Weise: es war wie eine Anwandlung von
+Neid und Beileid, die ihn überkam.</p>
+
+<p>»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben
+der Wissenschaft ist – mit Bewußtsein
+das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«</p>
+
+<p>Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte
+ihn nicht verstanden.</p>
+
+<p>»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit
+Ihrer Mama unterhalten,« fuhr er fort, »eine
+außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb
+alle unsere Poeten so großen Wert auf ihre
+Freundschaft legten. Lieben Sie auch Gedichte?«
+setzte er nach einigem Schweigen hinzu.</p>
+
+<p>Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte:
+»Ja, ich liebe sie sehr.«</p>
+
+<p>»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich
+selbst liebe Gedichte. Doch nicht in Gedichten
+allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt uns
+… Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an
+– von allen Seiten strömt Schönheit und Leben
+hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist
+auch Poesie.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p>
+
+<p>»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz
+nehmen,« fuhr er fort. »So. Mir scheint, ich
+kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie
+sich ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er
+blickte ihr hierbei lächelnd in die Augen), wir
+gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«</p>
+
+<p>Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen,
+dachte Natalia wieder, und ungewiß, was sie
+dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange
+auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.</p>
+
+<p>»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht
+auch den Winter. Ich bin, wie Sie wohl
+wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind
+zerrüttet, und dann habe ich es auch schon satt,
+von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist Zeit,
+daß ich mir Ruhe gönne.«</p>
+
+<p>Natalia sah ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>»Sie finden wirklich, daß es <em class="gesperrt">für Sie</em> Zeit
+sei auszuruhen?« fragte sie schüchtern.</p>
+
+<p>Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie damit sagen?«</p>
+
+<p>»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger
+Verwirrung, »daß andere sich wohl Ruhe gönnen
+dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten,
+müssen sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer
+denn wohl, wenn nicht Sie …«</p>
+
+<p>»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,«
+unterbrach sie Rudin. »Nutzen schaffen … das
+ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über
+sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er.
+»Wenn ich auch die feste Überzeugung hätte: auf<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
+welche Art ich Nutzen bringen könnte – ja, wenn
+ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte
+– wo fände ich wohl lautere, mitfühlende
+Seelen? …«</p>
+
+<p>Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene
+die Hand fallen und senkte so betrübt den Kopf,
+daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich
+stellte: ob sie denn wohl aus <em class="gesperrt">seinem</em> Munde
+tags zuvor so begeisterte, Hoffnung sprühende
+Reden gehört habe?</p>
+
+<p>»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm
+seine Löwenmähne, »Unsinn das, Sie
+haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna,
+danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte
+entschieden nicht, wofür er ihr dankte.) Ein Wort
+von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert,
+hat mir meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich
+muß handeln. Ich darf mein Talent, wenn ich
+es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine
+Kräfte nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem
+Geschwätz und eitlem Gerede vergeuden …«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom.
+Er sprach schön, begeistert, hinreißend – über
+Kleinmütigkeit und Trägheit, über die Notwendigkeit,
+Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst
+Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man
+leisten wolle, im voraus auszulassen, ebenso nachteilig
+wäre, wie wenn man eine reifende Frucht
+mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur
+nutzlose Vergeudung der Kräfte und Säfte. Er<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
+behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der
+nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden
+blieben, die entweder selbst noch nicht
+wüßten, was sie wollen, oder solche, die nicht
+wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange
+und schloß seine Rede damit, daß er Natalia
+nochmals dankte und ganz unerwartet, ihr die
+Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches,
+edles Wesen!«</p>
+
+<p>Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen,
+die, trotz ihres vierzigjährigen Aufenthaltes
+in Rußland, mit Mühe das Russische verstand
+und nur die anmutige Schnelligkeit und das
+Fließende in der Rede Rudins bewunderte. Er
+galt überhaupt in ihren Augen als eine Art Virtuos
+oder Künstler, und an Leute dieses Schlages
+durften keine Schicklichkeitsforderungen gestellt
+werden.</p>
+
+<p>Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid
+hastig zurechtklopfend, machte sie Natalia darauf
+aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, um
+so mehr, da <em class="antiqua">monsieur Volinsoff</em> (so nannte sie
+Wolinzow) sich zum Frühstück habe einfinden
+wollen.</p>
+
+<p>»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke
+nach einer der Alleen, die zum Hause führten,
+hinzu.</p>
+
+<p>Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger
+Entfernung.</p>
+
+<p>Mit unentschlossenen Schritten trat er näher,
+begrüßte alle schon von weitem und, mit leidendem<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
+Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia wendend,
+fragte er:</p>
+
+<p>»Ah! Sie gehen spazieren?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im
+Begriff, nach Hause zurückzukehren.«</p>
+
+<p>»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir
+gehen.«</p>
+
+<p>Und alle machten sich nach dem Hause auf.</p>
+
+<p>»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?«
+fragte Rudin mit besonders teilnehmender
+Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war
+er sehr freundlich gegen ihn gewesen.</p>
+
+<p>»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl.
+Sie wird vielleicht heute kommen … Sie unterhielten
+sich vorhin, wie mir schien, als ich herkam?«</p>
+
+<p>»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna
+hat ein Wort fallen lassen, das eine gewaltige
+Wirkung auf mich hervorgebracht
+hat …«</p>
+
+<p>Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das
+gewesen sei, und in tiefem Schweigen erreichten
+alle das Haus der Darja Michailowna.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder
+im Salon ein. Pigassow jedoch erschien nicht.
+Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend
+Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow
+schwieg und schaute vor sich hin. Natalia<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
+blieb der Mutter immer zur Seite und war bald
+in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit
+beschäftigt. Bassistow verwandte die Augen nicht
+von Rudin, immer in der Erwartung, er werde
+etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich
+einförmig drei Stunden. Alexandra Pawlowna
+kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich
+nach beendigter Tafel seine Kalesche anspannen
+und fuhr davon, ohne von jemand Abschied genommen
+zu haben.</p>
+
+<p>Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte
+er Natalia, hatte es aber noch nicht gewagt, ihr
+seine Neigung zu gestehen, und unter diesem
+ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste …
+Sie sah ihn gerne – doch blieb ihr Herz ruhig:
+darüber täuschte er sich nicht. Er hatte auch nicht
+gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete
+nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich
+vollkommen an ihn gewöhnt haben würde, ihm
+näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen?
+Was für eine Veränderung hatte er in diesen
+paar Tagen wahrgenommen? Natalias Benehmen
+gegen ihn war ganz so wie vorher …</p>
+
+<p>War es die Befürchtung: er kenne Natalias
+Charakter nicht, sie sei ihm fremder, als er geglaubt
+habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht
+war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von
+etwas Schlimmem … genug, er litt, so sehr er
+sich auch zu beherrschen suchte.</p>
+
+<p>Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew
+bei ihr.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p>
+
+<p>»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«</p>
+
+<p>»War Rudin da?«</p>
+
+<p>»Er war da.«</p>
+
+<p>Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit
+zu ihm.</p>
+
+<p>»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen
+Menschen da« – sie wies dabei auf
+Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin
+ungewöhnlich klug und beredt ist.«</p>
+
+<p>Wolinzow brummte etwas in den Bart.</p>
+
+<p>»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann
+Leschnew, »ich zweifle nicht an Rudins
+Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er
+mir nicht gefällt.«</p>
+
+<p>»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna
+gesehen. Er ist ja jetzt ihr Großwesir.
+Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn verabschiedet
+– von Pandalewski allein wird sie sich
+niemals trennen –, jetzt aber herrscht jener. Jawohl,
+ich habe ihn gesehen! Er saß da – und
+sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein
+Bester, was für sonderbare Kerle wir hier haben.
+Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht gewohnt,
+vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände
+davongefahren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span></p>
+
+<p>»Warum warst du denn aber bei ihr?«</p>
+
+<p>»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur
+ein Vorwand: sie wollte sich ganz einfach meine
+Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir
+kennen das!«</p>
+
+<p>»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend –
+das ist es!« sagte mit Feuer Alexandra Pawlowna,
+»das ist es, was Sie ihm nicht vergeben
+können. Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur
+Verstand, sondern auch ein vortreffliches Herz
+hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn
+er …«</p>
+
+<p>»Von hoher Tugend spricht …«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, setzte
+Leschnew hinzu.</p>
+
+<p>»Sie werden mich böse machen und zum Weinen
+bringen. Es tut mir in der Seele leid, daß
+ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna
+gefahren bin. Sie waren es nicht
+wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« setzte sie
+mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser
+sein, Sie erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«</p>
+
+<p>»Aus Rudins Jugendjahren?«</p>
+
+<p>»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten
+ihn gut und seien schon lange mit ihm bekannt.«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer
+auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie
+wollen, daß ich Ihnen seine Jugend erzähle?<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
+Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen
+Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er
+blieb mit der Mutter allein. Sie war eine herzensgute
+Frau und liebte ihn über alles; sie lebte
+sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie
+hatte, gab sie für ihn aus. Seine Erziehung hat
+er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten
+eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen
+und flügge geworden war, auf Rechnung eines
+reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert
+hatte … schon gut, verzeihen Sie, ich werde
+nicht mehr … mit welchem er sich befreundet
+hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde
+ich mit ihm bekannt und sehr intim. Von unserem
+damaligen Leben erzähle ich Ihnen ein anderes
+Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«</p>
+
+<p>Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und
+ab; Alexandra Pawlowna folgte ihm mit den
+Blicken.</p>
+
+<p>»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin
+seiner Mutter äußerst selten und hat sie nur
+einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb
+auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen,
+hat aber bis zu ihrem Todesstündchen nicht das
+Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in
+T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute,
+überaus gastfreie Frau und pflegte mir immer
+eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja
+liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
+Schule<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> werden Ihnen sagen, daß wir
+immer diejenigen lieben, die selbst wenig fähig
+sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß
+alle Mütter ihre Kinder lieben, besonders die
+fern von ihnen Weilenden. Später traf ich mit
+Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn
+eine Dame, eine unserer russischen Damen, an
+sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch
+hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf
+schickt. Ziemlich lange schleppte er sich mit ihr
+umher und ließ sie dann im Stich … doch nein,
+entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und
+auch ich verließ ihn zu jener Zeit. Das ist alles.«</p>
+
+<p>Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die
+Stirn und ließ sich wie erschöpft auf einen Lehnstuhl
+nieder.</p>
+
+<p>»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,«
+begann Alexandra Pawlowna, »Sie sind,
+wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig,
+Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt,
+daß alles, was Sie gesagt haben, wahr
+ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und
+dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie
+das alles dargestellt! Die alte Frau, ihre Mutterliebe,
+ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu
+alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das
+Leben des allerbesten Menschen mit solchen Farben
+schildern – ohne etwas hinzuzufügen, wohl<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
+verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird!
+Das ist auch Verleumdung in ihrer Art!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich und begann wieder im
+Zimmer auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen
+Entsetzen einzuflößen, Alexandra Pawlowna,«
+brachte er endlich heraus. »Ich bin kein Verleumder.
+Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen
+hinzu, »in dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil
+Wahrheit. Ich habe Rudin nicht verleumdet;
+doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit
+jener Zeit verändert – vielleicht bin ich ungerecht
+gegen ihn.«</p>
+
+<p>»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir
+also, daß Sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern,
+ihn gehörig ergründen und mir dann erst
+Ihre schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst
+du aber, Sergei Pawlitsch?«</p>
+
+<p>Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf,
+als hätte man ihn aus dem Schlafe gerüttelt.</p>
+
+<p>»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht.
+Übrigens habe ich heute Kopfweh.«</p>
+
+<p>»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow
+und verließ das Zimmer.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm
+nach und tauschten einen Blick miteinander, doch<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
+ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr
+war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows
+vorging.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VI">VI</h2>
+</div>
+
+<p>Über zwei Monate waren vergangen. Während
+dieser ganzen Zeit war Rudin fast nicht aus
+Darja Michailownas Hause gekommen. Sie
+konnte ihn nicht mehr entbehren. Es war ihr zur
+Gewohnheit geworden, ihm von sich zu erzählen
+und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte
+er abreisen wollen, unter dem Vorwande, seine
+Geldmittel seien erschöpft – sie gab ihm fünfhundert
+Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere
+zweihundert von Wolinzow zu borgen. Pigassow
+besuchte Darja Michailowna bedeutend seltener
+als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart
+auf ihn einen Druck aus, den übrigens Pigassow
+nicht allein empfand.</p>
+
+<p>»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,«
+pflegte er zu sagen, »seine Ausdrucksweise
+ist unnatürlich, ganz so wie bei den Helden
+in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt
+er an, hält dann wie gerührt inne … Ich, also,
+ich … Und er zieht die Worte so lang. Habt ihr
+geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen,
+warum Ihr geniest und nicht gehustet habt …
+lobt er euch, so klingt es, als befördere er euch
+zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an,
+sich selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu
+in den Schmutz herab – nun, denkt ihr, der
+darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
+Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so
+daß man glauben könnte, jene bitteren Worte
+hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung
+gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!«
+Pandalewski empfand eine gewisse Scheu vor
+Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den
+Hof. Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber,
+war eigentümlicher Art. Dieser nannte ihn einen
+Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein
+oder nicht, über die Maßen; Wolinzow aber
+konnte ihn nicht liebgewinnen, und seine schmeichelhaftesten
+Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich
+Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich
+wohl gar über mich lustig!‹ dachte er, und eine
+feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow
+versuchte Herr über sich zu werden; es
+ging nicht: die Eifersucht nagte heimlich an ihm.
+Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll
+entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und
+Geld bei ihm borgte, fühlte sich nichts weniger
+als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu
+bestimmen gewesen, was in beiden Männern
+vorging, wenn sie einander freundschaftlich die
+Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …</p>
+
+<p>Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste
+Hochachtung zu empfinden und jedes seiner Worte
+im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn
+wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen
+Morgen zu, unterhielt sich von den wichtigsten
+Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
+ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete
+er ihn nicht mehr … Es war demnach nur eitles
+Gerede gewesen, wenn er nach reinen und ergebenen
+Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit
+Leschnew, der mit seinen Besuchen bei Darja
+Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich
+niemals in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm
+auszuweichen. Leschnew seinerseits behandelte ihn
+gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht seine
+letzte Meinung über ihn laut werden, was
+Alexandra Pawlowna sehr unangenehm berührte.
+Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew
+aber hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja
+Michailownas unterwarfen sich den Launen Rudins:
+seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen.
+Die Verteilung der täglichen Beschäftigungen
+hing von ihm ab. Nicht eine einzige
+<em class="antiqua">partie de plaisir</em> konnte ohne ihn zustande kommen.
+Alle unerwarteten Ausflüge und Überraschungen
+waren übrigens nicht sehr nach seinem
+Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene
+am Spiel der Kinder, mit freundlicher
+und etwas gelangweilter Miene. Dagegen
+mischte er sich in alles: räsonierte mit Darja
+Michailowna über Gutsverwaltung, Kindererziehung,
+Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten
+überhaupt; hörte ihre Pläne an, schätzte
+auch Unwichtiges nicht zu gering und schlug Verbesserungen
+und Neuerungen vor. Darja Michailowna
+war entzückt darüber – doch dabei blieb
+es. Bezüglich der Gutsverwaltung folgte sie den<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
+Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen,
+einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen
+Schelmes. – »Das Alte ist fett, das Neue
+ist hager,« pflegte er zu sagen und schmunzelte
+und blinzelte dabei wohlgefällig.</p>
+
+<p>Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin
+mit niemandem so häufige und lange Unterredungen
+wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim
+Bücher zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr
+die ersten Seiten künftiger Aufsätze und Werke
+vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch
+daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie
+ihn nur anhörte. Dieses nahe Verhältnis zu Natalia
+war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm.
+Mag sie immerhin – dachte sie – mit
+ihm hier auf dem Lande schwatzen. Er findet Gefallen
+an ihr, wie an einem kleinen Mädchen.
+Gefahr ist nicht dabei, und jedenfalls lernt sie
+von ihm … In Petersburg will ich das alles
+anders einrichten.</p>
+
+<p>Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie
+ein kleines Mädchen schwatzte Natalia mit Rudin:
+sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte
+sich, in den Sinn derselben einzudringen und
+unterwarf seinem Urteile ihre Gedanken, ihre
+Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs
+erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem
+jungen Kopfe kocht es aber nicht lange, ohne daß
+das Herz auch ein Wort mitredet. Was für
+wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn,
+wie es oft vorkam, Rudin im Garten auf einer<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
+Bank, im leichten und lichten Schatten einer
+Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die
+Briefe Bettinas oder Novalis vorzulesen, und
+er sich dabei beständig unterbrach, um ihr zu erläutern,
+was ihr dunkel schien! Sie sprach das
+Deutsche nicht gut, wie fast alle unsere jungen
+Damen, verstand es aber vollkommen, und Rudin
+war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik
+und deutscher Philosophie versunken und zog
+Natalia nach sich in jene höheren Regionen. Eine
+unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem
+aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von
+den Seiten des Buches, das Rudin in der Hand
+hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik
+wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken
+unaufhörlich in ihre Seele über, und in ihrem
+Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen
+erschüttert worden, erglimmte und entbrannte
+sanft der heilige Funken der Entzückung …</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete
+sie ihn einst an, als sie vor ihrem Stickrahmen
+am Fenster saß, »Sie werden für den Winter
+wohl nach Petersburg fahren?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das
+Buch, in welchem er herumblätterte, auf die
+Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu
+auftreibe, fahre ich hin.«</p>
+
+<p>Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und
+war den ganzen Morgen über müßig gewesen.</p>
+
+<p>»Wie sollten Sie die nicht finden?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p>
+
+<p>Rudin schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ihnen deucht es so!«</p>
+
+<p>Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick
+auf sie.</p>
+
+<p>Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit
+der Hand nach dem Fenster, »sehen Sie jenen
+Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und
+Fülle seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des
+Genies …«</p>
+
+<p>»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt
+hat,« erwiderte Natalia.</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist
+aber für den Menschen nicht so ganz leicht, sie zu
+finden, diese Stütze.«</p>
+
+<p>»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit
+aber muß jedenfalls …«</p>
+
+<p>Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde
+rot.</p>
+
+<p>»Und was wollen Sie im Winter auf dem
+Lande anfangen?« setzte sie rasch hinzu.</p>
+
+<p>»Was ich anfangen werde? Ich werde meine
+große Abhandlung beendigen – Sie wissen –
+vom Tragischen im Leben und in der Kunst –
+ich setzte Ihnen vorgestern den Plan auseinander
+– und werde Ihnen den Aufsatz zustellen.«</p>
+
+<p>»Und werden ihn drucken lassen?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie
+denn arbeiten?«</p>
+
+<p>»Nun, wenn es für Sie wäre?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p>
+
+<p>Natalia senkte den Blick.</p>
+
+<p>»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«</p>
+
+<p>»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der
+Aufsatz?« fragte bescheiden Bassistow, der in einiger
+Entfernung saß.</p>
+
+<p>»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,«
+wiederholte Rudin. »Hier, Herr Bassistow wird
+ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den Grundgedanken
+angeht, noch nicht mit mir im reinen.
+Ich habe mir bis jetzt noch nicht hinreichend die
+tragische Bedeutung der Liebe klargemacht.«</p>
+
+<p>Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe
+aus. Beim Worte Liebe war Mlle. Boncourt bisher
+immer zusammengefahren und hatte die
+Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die
+Trompeten hört; nachher aber wurde sie es gewohnt
+und begnügte sich, die Lippen zusammenzuziehen
+und in Zwischenräumen Tabak zu
+schnupfen.</p>
+
+<p>»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern,
+»das Tragische in der Liebe – das ist die unglückliche
+Liebe.«</p>
+
+<p>»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher
+die komische Seite in der Liebe … Man muß
+diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen
+… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist
+alles Geheimnis, wie sie kommt, wie sie sich entwickelt,
+wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich
+plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag;
+bald glimmt sie lange, wie die Glut unter der
+Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
+wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie
+sich schlangenhaft ins Herz hinein und unerwartet
+wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine bedeutsame
+Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger
+Zeit? Wer erkühnt sich zu lieben?«</p>
+
+<p>Rudin wurde nachdenkend.</p>
+
+<p>»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch
+schon so lange nicht mehr?« fragte er plötzlich.</p>
+
+<p>Natalia wurde über und über rot und senkte
+den Kopf auf ihren Stickrahmen.</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.</p>
+
+<p>»Was für ein herrlicher, vortrefflicher
+Mensch,« sagte aufstehend Rudin. »Das ist einer
+der besten Vertreter des jetzigen russischen
+Adels …«</p>
+
+<p>Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite
+mit ihren kleinen, französischen Augen.</p>
+
+<p>Rudin ging einige Male durchs Zimmer.</p>
+
+<p>»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,«
+hub er an, sich rasch auf den Absätzen
+umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist
+ein starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft,
+wenn das neue bereits hervorzubrechen beginnt?«</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe
+das beobachtet.«</p>
+
+<p>»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter
+Liebe in einem starken Herzen: sie ist bereits abgestorben,
+hält sich aber noch immer; und nur
+eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p>
+
+<p>Natalia erwiderte nichts.</p>
+
+<p>»Was soll das bedeuten?« dachte sie.</p>
+
+<p>Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die
+Haare und entfernte sich.</p>
+
+<p>Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie
+in Nachdenken versunken auf ihrem Bettchen
+sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte Rudins
+nach, drückte plötzlich die Hände zusammen
+und brach in Tränen aus. Worüber sie geweint
+hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte
+nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie
+trocknete ihre Tränen, doch von neuem flossen
+sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen
+Quelle.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand
+eines Gesprächs zwischen Alexandra Pawlowna
+und Leschnew. Anfangs wollte letzterer
+sich durch Schweigen abfinden; sie hatte es aber
+darauf angelegt, etwas aus ihm herauszubringen.</p>
+
+<p>»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch
+gefällt Ihnen nach wie vor nicht. Ich
+habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; jetzt
+aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben,
+ob in ihm eine Veränderung vorgegangen ist, und
+ich wünsche zu erfahren, weshalb er Ihnen nicht
+gefällt.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem
+Phlegma, »wenn Sie wirklich so ungeduldig<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
+sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen
+nicht böse werden …«</p>
+
+<p>»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«</p>
+
+<p>»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«</p>
+
+<p>»Gut, gut; fangen Sie an.«</p>
+
+<p>»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew,
+sich langsam auf den Diwan niederlassend,
+»mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein
+kluger Mensch …«</p>
+
+<p>»Das ist nicht zu leugnen!«</p>
+
+<p>»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn
+auch im Grunde gehaltlos …«</p>
+
+<p>»Das ist leicht gesagt!«</p>
+
+<p>»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte
+Leschnew, »das tut aber weiter nichts: wir sind
+alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm sogar
+nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen
+Geistes ist, träge, nicht sehr kenntnisreich …«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.</p>
+
+<p>»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.</p>
+
+<p>»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew
+ganz in demselben Tone, »auch daß er es
+liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle
+spielen will und so weiter … das ist alles in der
+Ordnung. Schlecht ist es aber, daß er kalt ist
+wie Eis.«</p>
+
+<p>»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach
+ihn Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt
+den Feurigen. Schlecht ist das,« fuhr Leschnew,<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
+allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein
+gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich,
+nicht für ihn, versteht sich, keinen Kopeken, kein
+Härchen setzt er auf die Karte – andere dagegen
+setzen ihre Seele ein …«</p>
+
+<p>»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe
+Sie nicht,« sagte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er
+ein Mann von Geist ist, muß er den Wert seiner
+Worte kennen, – und doch läßt er sie von seinen
+Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen
+kämen … Nun ja, er ist beredt; seine Beredsamkeit
+ist aber nicht die eines Russen. Und dann –
+verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in
+seinem Alter ist es eine Schande, am Getön eigener
+Worte Gefallen zu finden, eine Schande, sich
+derartig zur Schau zu stellen.«</p>
+
+<p>»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den
+Zuhörer ist es ganz gleich, ob man sich zur Schau
+stellt oder nicht …«</p>
+
+<p>»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna,
+es ist nicht ganz gleich. Es kann mir jemand ein
+Wort sagen und es dringt mir durch Mark und
+Bein, ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort
+und vielleicht noch schöner – und es wird mir
+nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt
+das?«</p>
+
+<p>»Das heißt, <em class="gesperrt">Ihr</em> Ohr wird es nicht kitzeln,«
+unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich
+ich vielleicht große Ohren habe. Die Sache<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
+ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben
+und niemals zu Taten werden, dennoch aber
+können diese seine Worte Verwirrungen erzeugen
+in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde
+richten.«</p>
+
+<p>»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael
+Michailitsch?«</p>
+
+<p>Leschnew zögerte.</p>
+
+<p>»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede?
+Von Natalia Alexejewna.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick
+verwirrt, lächelte aber gleich darauf.</p>
+
+<p>»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare
+Einfälle Sie immer haben! Natalia ist
+noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch
+etwas daran, so werden Sie doch nicht glauben,
+daß Darja Michailowna …«</p>
+
+<p>»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin
+und lebt nur für sich; dann aber ist sie so sehr
+von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder
+überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um
+ihre Tochter besorgt zu sein. Bewahre! Wie
+könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer
+Blick – und alles muß wie am Drahte gehen.
+Das ist’s, woran diese Gnädige denkt, die sich
+eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften
+dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß
+was noch hält, in der Tat aber weiter nichts ist
+als ein altes Weltdämchen. Natalia ist kein
+Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren
+und tieferen Betrachtungen hin als wir beide.<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
+Und da mußte solch ein ehrliches, leidenschaftliches
+Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen
+Gecken stoßen! Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«</p>
+
+<p>»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«</p>
+
+<p>»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst,
+Alexandra Pawlowna, was für eine Rolle spielt
+er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das
+Orakel des Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft,
+in häusliche Klatschereien und Lappalien
+mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen
+an.</p>
+
+<p>»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,«
+sagte sie. »Das Blut ist Ihnen ins
+Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. –
+Nein, wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«</p>
+
+<p>»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau
+die Wahrheit auf sein Gewissen – sie wird sich
+nicht zufrieden geben, bevor sie nicht irgendeinen
+nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade
+so und nicht anders geredet hat.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde böse.</p>
+
+<p>»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an,
+die Frauen nicht besser zu behandeln, als Herr
+Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, wie
+scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir
+doch schwer, zu glauben, daß Sie in so kurzer
+Zeit alle und alles durchdringen konnten. Mir<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
+scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen
+wäre Rudin eine Art Tartüffe.«</p>
+
+<p>»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe
+ist. Tartüffe, der wußte wenigstens, um
+was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines
+Verstandes …«</p>
+
+<p>Leschnew hielt inne.</p>
+
+<p>»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie
+ungerechter, garstiger Mensch!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich.</p>
+
+<p>»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann
+er, »ungerecht sind Sie, nicht ich. Sie zürnen mir
+wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich
+habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern!
+Vielleicht habe ich dieses Recht nicht um billigen
+Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe lange mit
+ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach
+Ihnen gelegentlich, unser Leben in Moskau
+zu erzählen. Wie es scheint, muß ich es wohl
+jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben,
+mich bis zu Ende anzuhören?«</p>
+
+<p>»Reden Sie, reden Sie!«</p>
+
+<p>»Wohlan denn!«</p>
+
+<p>Leschnew begann langsamen Schrittes durch
+das Zimmer zu gehen, von Zeit zu Zeit blieb er
+stehen und senkte den Kopf nach vorn.</p>
+
+<p>»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an,
+»vielleicht auch nicht, daß ich früh als Waise zurückblieb
+und bereits im siebzehnten Jahre keine
+andere Autorität über mich kannte als die eigene.
+Ich lebte im Hause meiner Tante in Moskau und<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
+tat, was ich wollte. Ich war ein ziemlich hohler
+und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu
+brüsten und großzutun. Als ich die Universität
+bezogen hatte, war mein Betragen das eines
+Schuljungen und verwickelte mich bald in eine
+höchst fatale Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht
+erzählen: es lohnt nicht. Ich hatte mir eine Lüge
+zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige
+Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt,
+beschämt … ich war verwirrt und weinte
+wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung
+eines Bekannten, in Gegenwart unserer
+Gefährten. Alle machten sich lustig über mich,
+alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu
+beachten, mehr als die übrigen unwillig über
+mich gewesen war, solange ich verstockt blieb und
+meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich ihm
+vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den
+Arm und führte mich zu sich.«</p>
+
+<p>»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nein, es war nicht Rudin … das war ein
+Mensch … er ist jetzt schon tot … das war ein
+ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn
+mit wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht
+imstande, kommt sein Name mir auf die Lippen,
+dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen
+zu sprechen. Das war eine erhabene reine
+Seele und ein Geist, wie er mir nachher nicht
+wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein
+kleines, niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
+alten, hölzernen Häuschens. Er war sehr arm
+und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben
+durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal
+mit einer Tasse Tee seinen Gast zu bewirten
+imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen
+eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich
+sah. Dennoch, trotz des Mangels an Bequemlichkeiten,
+besuchten ihn viele. Es hatten ihn
+alle lieb und er zog die Herzen an. Sie können
+sich nicht vorstellen, wie angenehm und heiter es
+sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm
+wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals
+bereits von seinem Fürstensöhnchen getrennt.«</p>
+
+<p>»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an
+sich?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und
+Wahrheit – das zog alle zu ihm hin. Bei seinem
+hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig
+und unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt
+sein frohes Lachen in meinen Ohren nach, und
+dabei</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute</div>
+ <div class="verse indent0">Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="noind">wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus
+liebenswürdiger Poet unseres Kreises ausgedrückt
+hat.«</p>
+
+<p>»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra
+Pawlowna.</p>
+
+<p>»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
+nicht auffallend. Rudin war schon damals zwanzigmal
+beredter als er.«</p>
+
+<p>Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.</p>
+
+<p>»Pokorski und Rudin glichen einander nicht.
+An Rudin war gleich mehr Glanz und Effekt,
+mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr
+Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen
+als Pokorski, in der Tat aber war er, im
+Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin entwickelte
+ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken
+und disputierte meisterhaft; die Gedanken
+entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er
+stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war
+äußerlich ruhig und sanft, fast schwach – liebte
+die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern und
+würde von niemandem eine Beleidigung ertragen
+haben. Rudin schien voll Feuer, Kühnheit,
+Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und
+beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe
+nicht angefochten wurde: dann aber konnte er
+aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere
+zu beherrschen, tat es aber immer im Namen
+allgemeiner Prinzipien und Ideen und gewann
+dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist
+wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der
+einzige, der sich an ihn geschlossen hatte. Sein
+Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen
+sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals,
+sich mit dem ersten besten in Unterhaltung
+oder Wortstreit einzulassen … Er hatte nicht<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
+viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als
+Pokorski und wir alle, überdies besaß er einen
+systematischen Verstand und ein ungeheures Gedächtnis,
+dies alles aber verfehlt niemals seine
+Wirkung auf die Jugend! Ein Resultat muß sie
+haben, Abschlüsse, wenn auch falsche, aber es
+müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter
+Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der
+Jugend zu gestehen, daß Sie ihr reine Wahrheit
+nicht reichen können, weil Sie selbst solche nicht
+besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören
+wollen. Sie geradezu hinter das Licht führen
+können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus notwendig,
+daß Sie selbst, wenn auch nur zur
+Hälfte, glauben, Sie seien im Besitze der Wahrheit
+… Darum war denn auch die Wirkung, die
+Rudin auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun
+sehen Sie, ich sagte Ihnen soeben, daß er nicht
+viel gelesen hatte; es waren aber philosophische
+Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet,
+daß er aus dem, was er gelesen hatte,
+sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die
+Wurzel der Sache klammerte und dann erst von
+derselben aus, nach allen Seiten hin, klare und
+gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten
+eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen
+gestanden, Knaben – und nur oberflächlich
+gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, Wissenschaft,
+das Leben selbst – alles das waren für
+uns nur Worte, vielleicht auch Begriffe, anziehende,
+herrliche, aber zerstreute, vereinzelte<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
+Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange
+dieser Vorstellungen, von einem allgemeinen
+Weltgesetze hatten wir keine Ahnung, nichts
+davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir
+unbestimmt disputierten und uns abmühten, uns
+Licht darüber zu verschaffen. Hörten wir Rudin
+sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn
+endlich erfaßt zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang,
+wir wähnten, der Vorhang sei endlich
+vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe
+nicht Eigenes vorgetragen – was tat es! Eine
+regelmäßige Ordnung war in unserem ganzen
+Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich
+gesammelt, geschichtet und war vor uns aufgewachsen,
+wie ein Bau, überall war Licht und
+wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich,
+zufällig: aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit
+und Schönheit, alles bekam eine klare
+und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte
+Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord,
+und wir selbst, von einer heiligen Scheu,
+einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns
+belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre
+Werkzeuge, zu etwas Großem berufen …
+Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra
+Pawlowna gedehnt. »Warum glauben Sie das?
+Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht
+lächerlich.«</p>
+
+<p>»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,«
+fuhr Leschnew fort, »das muß uns alles<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span>
+jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich
+wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu
+verdanken. Pokorski stand unvergleichlich höher
+als er, dagegen ist nichts zu sagen; Pokorski
+flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte
+sich indessen zu gewissen Zeiten schlaff und
+wurde schweigsam. Er war ein nervöser, krankhafter
+Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete
+– Gott! Wohin nahm er dann seinen
+Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels
+hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und
+stattlichen Jungen, gab es viel Kleinliches; er
+machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft
+war es, sich in alles zu mischen, über alles sein
+Wort abzugeben, alles zu erklären. Seine rührige
+Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein
+politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich
+ihn damals gekannt habe. Er hat sich übrigens
+leider nicht verändert. Und auch in seinen Überzeugungen
+ist keine Veränderung eingetreten …
+bei fünfunddreißig Jahren! … Das kann nicht
+jeder von sich sagen.«</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna
+zu ihm, »Sie brauchen ja nicht wie ein Perpendikel
+das Zimmer zu durchlaufen!«</p>
+
+<p>»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew.
+»Kaum war ich in den Kreis Pokorskis hineingeraten,
+so war ich wie umgewandelt: ich demütigte
+mich, fragte, lernte, freute mich, empfand
+eine Art von Ehrfurcht, wie wenn ich in einen
+Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
+ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja,
+bei Gott, es war viel Gutes, ja Rührendes in
+ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von
+fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges
+Talglicht brennt, es wird ein abscheulicher Tee
+getrunken mit altem, ganz altem Zwieback dazu;
+zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter
+und hören unsere Reden! In den Blicken eines
+jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, das
+Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit,
+von der Zukunft der Menschen, von Poesie, –
+zuweilen auch Unsinn, lassen uns von einem
+Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski
+sitzt da, mit untergeschlagenen Beinen,
+seine Hand stützt die bleiche Wange: seine Augen
+leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und
+redet, redet schön, das treue Abbild eines jugendlichen
+Demosthenes vor dem brausenden Meere;
+Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt
+von Zeit zu Zeit und wie im Traume abgebrochene
+Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche,
+Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt,
+der wegen seines beständigen, unverbrüchlichen
+Schweigens unter uns sich den Ruf eines überaus
+tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf
+ganz besonders feierliche Weise – und der heitere
+Stschitow selbst, der Aristophanes unseres
+Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei
+Neulinge horchen mit begeistertem Entzücken
+auf … Und die Nacht zieht unbemerkt in stillem
+Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
+der Morgen, und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern
+– an Wein dachte man damals bei uns
+nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden
+Müdigkeit gehen wir auseinander …
+Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in Rührung
+zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte
+und sogar den Sternen zutrauliche Blicke
+zuwarf, als wären sie mir näher gerückt und verständlicher
+geworden … Oh! Die herrliche Zeit
+damals, und ich kann nicht glauben, daß sie nutzlos
+verlorengegangen ist! Und sie ist es auch
+nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen
+nicht, welche nachmals in der Alltäglichkeit
+des Lebens untergingen … Wie oft sind mir
+dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen!
+Man hätte glauben können, ganz
+vertiert wäre der Mensch, – und es bedürfte
+nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich
+alles Gute, das in ihm übriggeblieben war, rege,
+wie wenn man in einem schmutzigen und finsteren
+Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen
+voll Wohlgeruch öffnet …«</p>
+
+<p>Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte
+sich gerötet.</p>
+
+<p>»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit
+Rudin entzweit?« fragte Alexandra Pawlowna
+mit verwundertem Blick.</p>
+
+<p>»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich
+trennte mich von ihm, als ich ihn im Auslande
+genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
+hätten wir uns entzweien können. Schon damals
+spielte er mir einen bösen Streich.«</p>
+
+<p>»Was war denn das?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie
+soll ich mich ausdrücken? Zu meiner Figur paßt
+das nicht … ich war von jeher sehr geneigt,
+mich zu verlieben.«</p>
+
+<p>»Sie?«</p>
+
+<p>»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem
+ist aber doch so … Nun, ich verliebte mich also
+damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum
+sehen Sie mich denn so an? Ich könnte
+Ihnen von mir eine bei weitem wunderbarere
+Geschichte erzählen.«</p>
+
+<p>»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen
+darf? Sie machen mich neugierig.«</p>
+
+<p>»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau
+pflegte ich bei Nacht mich zu einem Rendezvous
+einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit
+einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich
+hielt ihren dünnen und schlanken Stamm umfangen,
+und es deuchte mir, ich umfasse die
+ganze Natur, und das Herz wurde mir weit und
+verging in Liebe, als ob wirklich die ganze Natur
+sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so
+war ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht
+auch, ich hätte damals keine Verse gemacht? Ich
+habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung
+des ›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden
+Personen kam ein Gespenst vor, mit
+Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
+sein eigenes Blut, sondern das Blut der Menschheit
+überhaupt … Ja, ja, also wundern Sie sich
+nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu
+erzählen. Ich machte also die Bekanntschaft eines
+jungen Mädchens …«</p>
+
+<p>»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?«
+fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen
+war ein herzensgutes, allerliebstes Geschöpfchen
+mit lebhaften, klaren Augen und hellklingender
+Stimme.«</p>
+
+<p>»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem
+feinen Lächeln Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte
+Leschnew. »Nun, dieses Mädchen wohnte
+bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich
+nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber
+wiederholen, daß dieses junge Mädchen wirklich
+herzensgut war – goß sie mir doch immer beim
+Tee das Glas bis zum Rande voll, wenn ich
+auch nur um ein halbes gebeten hatte! … Drei
+Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war
+ich schon in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten
+Tage hielt ich es nicht mehr aus und teilte Rudin
+alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt
+sind, können es nicht für sich behalten; ich beichtete
+also Rudin alles. Ich stand damals ganz unter
+seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß
+es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht
+wohltuend. Er war der erste, der mich nicht geringachtete,
+er gab mir den nötigen Schliff. Pokorski<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
+liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand
+eine gewisse Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin
+stand mir näher. Als er von meiner Liebe
+hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken,
+gratulierte mir, umarmte mich und begann sogleich
+mich belehren, mir die große Wichtigkeit
+meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war
+ganz Ohr … Nun, Sie wissen ja, wie er zu
+reden versteht. Seine Worte machten auf mich
+einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf
+einmal eine merkwürdige Achtung vor mir selbst,
+nahm eine ernsthafte Miene an und lachte nicht
+mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger
+aufzutreten, als trüge ich in der Brust
+ein Gefäß, mit kostbarer Flüssigkeit angefüllt, die
+ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte
+mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare
+Beweise von Wohlwollen zuteil wurden.
+Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft
+des Gegenstandes meiner Liebe zu machen,
+und vielleicht war ich es selbst, der darauf bestand,
+daß er ihm vorgestellt werde.«</p>
+
+<p>»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,«
+unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.
+»Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt,
+und Sie können es ihm bis jetzt nicht verzeihen
+… Ich wollte wetten, ich habe es getroffen!«</p>
+
+<p>»Und Sie würden Ihre Wette verlieren,
+Alexandra Pawlowna: Sie sind im Irrtum.
+Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
+und wollte ihn mir auch nicht abjagen; er
+hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, obgleich
+ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute
+betrachte, Dank dafür wissen möchte. Damals
+aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin
+wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil!
+Doch, getreu seiner unglückseligen Gewohnheit:
+jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl wie
+des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den
+Schmetterling an die Nadel, begann er uns über
+uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, unser
+gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang
+uns despotisch, ihm Rechenschaft abzulegen von
+unseren Gedanken, erteilte uns Lob und Tadel,
+ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit
+uns sogar in einen Briefwechsel ein! … Kurz,
+wir wurden durch ihn ganz und gar irre aneinander!
+Ich würde wohl damals schwerlich meine
+Schöne geheiratet haben, soviel gesunder Verstand
+war mir noch geblieben, wir hätten aber
+immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche
+Monate verbringen können; so aber kam es
+zu Mißverständnissen und Spannungen aller
+Art – mit einem Worte, es wurde ein völliger
+Wirrwarr daraus. Das Ende vom Liede war,
+daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen
+eigenen Reden die Überzeugung herausschälte: es
+läge ihm, als dem Freunde, die heilige Verpflichtung
+ob, den greisen Vater von allem in
+Kenntnis zu setzen, und das hat er auch getan.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span></p>
+
+<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna
+aus.</p>
+
+<p>»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung
+– das ist das Wunderbare! Ich erinnere
+mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals
+im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte
+sich und verrückte sich in demselben alles, wie in
+einer Camera obscura: was weiß gewesen,
+zeigte sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge
+schien Wahrheit, Einbildung – Pflicht geworden
+zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich
+beschämt, wenn ich daran denke! Rudin, – der
+verlor den Mut nicht … warum sollte er es
+auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse
+und Verwicklungen aller Art, wie die
+Schwalbe über den Teich.«</p>
+
+<p>»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?«
+fragte Alexandra Pawlowna, das Köpfchen
+naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen
+heraufziehend.</p>
+
+<p>»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes,
+ein beleidigendes, ungeschicktes, unnützerweise
+offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie
+weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde
+… Es hatte sich da ein gordischer Knoten zusammengezogen
+– er mußte durchhauen werden,
+das tat wehe! Übrigens fügt sich alles auf der
+Welt zum besten. Sie hat einen braven Mann
+geheiratet und lebt jetzt glücklich …«</p>
+
+<p>»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
+vergeben können …« warf Alexandra Pawlowna
+ein.</p>
+
+<p>»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint
+habe ich wie ein Kind, als ich bei seiner
+Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm.
+Die Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon
+damals, ein Stachel in der Seele steckengeblieben.
+Und als ich später im Auslande mit ihm
+zusammentraf … je nun, da war ich auch schon
+älter geworden … Rudin erschien mir in seinem
+wahren Lichte.«</p>
+
+<p>»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt
+hatten?«</p>
+
+<p>»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer
+Stunde erzählte. Doch genug von ihm. Vielleicht
+endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen,
+daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil
+fälle, ich es nicht tue, weil ich ihn etwa nicht
+kenne … Was indessen Natalia Alexejewna
+betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren;
+Sie aber mögen auf Ihren Bruder achtgeben.«</p>
+
+<p>»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit
+ihm?«</p>
+
+<p>»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie
+denn nichts?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder …
+seit einiger Zeit erkenne ich ihn nicht wieder …
+Glauben Sie aber wirklich …«</p>
+
+<p>»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew.
+»Natalia ist gewiß kein Kind mehr, glauben<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
+Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie
+ein solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen
+wird uns noch alle in Erstaunen setzen.«</p>
+
+<p>»Wodurch meinen Sie?«</p>
+
+<p>»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen
+sich ins Wasser zu stürzen, Gift zu nehmen und
+dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht nach
+ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften
+und auch Charakter, verlassen Sie
+sich darauf!«</p>
+
+<p>»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das
+Reich der Dichtung. Einem solchen Phlegmatiker
+wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan
+erscheinen.«</p>
+
+<p>»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd …
+»Was Charakter anbetrifft – davon besitzen Sie,
+Gott sei Dank, nichts.«</p>
+
+<p>»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«</p>
+
+<p>»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte
+Kompliment …«</p>
+
+<p>Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen
+Blick auf Leschnew und seine Schwester.
+Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen.
+Beide redeten ihn an; er würdigte aber
+ihre Scherze kaum eines Lächelns und hatte, wie
+sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene
+eines »melancholischen Hasen«. Es hat aber
+wohl kaum jemals einen Menschen gegeben, der
+nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben,
+eine noch schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
+fühlte, daß Natalia sich von ihm abwandte,
+mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand
+auch der Boden unter seinen Füßen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VII">VII</h2>
+</div>
+
+<p>Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia
+verließ spät ihr Lager. Tags zuvor war sie
+bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte
+sich insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht
+geruht. Halb angekleidet vor dem kleinen Klavier
+sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht
+zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder
+war, die Stirn an die kalten Tasten gedrückt,
+lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte fortwährend,
+nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr
+an dieses oder jenes seiner Worte gedacht
+und sich gänzlich ihren Eindrücken hingegeben.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer
+Erinnerung auf. Sie wußte, daß er sie liebe, doch
+sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich wieder
+… Sie empfand eine eigentümliche Aufregung.
+Als der Morgen gekommen war, kleidete
+sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem sie
+ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte,
+benutzte sie einen günstigen Augenblick, um sich
+allein in den Garten zu begeben. Es war ein
+heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit
+zu Zeit von kurzem Regen unterbrochen. Niedrige
+wollige Wolkenknäuel zogen ruhig am reinen
+Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
+und sandten den Feldern in Zwischenräumen
+heftige und plötzliche Regengüsse. Große, glänzende
+Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem,
+trocknem Geräusch; die Sonnenstrahlen
+spielten mitten durch den Regen; das Gras,
+noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich
+nicht: es sog gierig die Feuchtigkeit auf; das benetzte
+Laub zitterte an den Bäumen; die Vögel
+hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es
+war eine Lust, dem munteren Gezwitscher derselben
+beim kühlen Rauschen und Murmeln des
+vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine
+Staubwirbel zogen wie Rauch auf der Landstraße
+dahin, die von den heftig aufschlagenden
+Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist
+das Wölkchen vorüber, ein leichter Wind hat sich
+erhoben, in Smaragden und Gold spielt das
+Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt,
+und lichter ist es in dem Laube geworden
+… Starker Duft steigt überall empor …</p>
+
+<p>Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt,
+als Natalia sich in den Garten begab. Frische
+und Stille umfingen sie, jene sanfte und beglückende
+Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles
+Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches
+Verlangen hervorruft …</p>
+
+<p>Natalia wandelte den Teich entlang, in der
+langen Allee von Silberpappeln, als plötzlich
+vor ihr, wie aus dem Boden emporgeschossen,
+Rudin erschien.</p>
+
+<p>Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p>
+
+<p>»Sie sind allein?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich
+habe übrigens nur für eine Minute das Freie
+gesucht … Ich muß sogleich zurück.«</p>
+
+<p>»Ich werde Sie begleiten.«</p>
+
+<p>Und er ging an ihrer Seite hin.</p>
+
+<p>»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem
+Schweigen.</p>
+
+<p>»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe
+Frage vorlegen! Sie sind, wie mir deucht, nicht
+aufgelegt.«</p>
+
+<p>»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann
+man das leichter verzeihen als Ihnen.«</p>
+
+<p>»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte
+keine Ursache, betrübt zu sein?«</p>
+
+<p>»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«</p>
+
+<p>Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.</p>
+
+<p>»Was wünschen Sie?«</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das
+Sie gestern gebrauchten … es war … von der
+Eiche.«</p>
+
+<p>»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese
+Frage?«</p>
+
+<p>Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.</p>
+
+<p>»Warum … was wollten Sie mit dem
+Gleichnisse sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p>
+
+<p>Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in
+die Weite schweifen.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm
+eigenen, zurückhaltenden und bedeutungsvollen
+Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben
+machte, er äußere kaum den zehnten Teil von
+dem, was ihm die Brust schwellte. »Natalia
+Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß
+ich von meiner Vergangenheit wenig rede. Es
+gibt darin gewisse Saiten, die ich gar nicht berühre.
+Mein Herz … wer braucht überhaupt zu
+wissen, was in demselben vorgegangen ist?
+Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets für
+einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch
+bin ich aufrichtig: Sie erwecken mein Zutraun
+… Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus machen,
+daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie
+alle … Wann und wie? davon lohnt sich’s nicht
+zu sprechen; genug, mein Herz hat der Freuden
+und Leiden viel erfahren …«</p>
+
+<p>Rudin hielt einen Augenblick inne.</p>
+
+<p>»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er
+fort, »ließ sich in gewisser Hinsicht auf mich anwenden,
+auf meine jetzige Lage. Doch wahrlich,
+es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des
+Lebens ist für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt
+nur, mich auf staubiger und heißer Landstraße in
+elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln
+zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen
+– ob ich es überhaupt erreichen werde – das<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
+weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach
+ihn Natalia, »Sie erwarten nichts mehr
+vom Leben?«</p>
+
+<p>»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für
+mich … Der Tätigkeit, der Freude am Handeln
+werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem
+Genusse entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen
+und mein persönliches Glück haben nichts miteinander
+gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte
+er die Achseln) … die Liebe: – ist nicht für
+mich; ich bin … ihrer nicht wert; ein Weib,
+welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf
+den ganzen Mann, ganz aber kann ich mich nicht
+hingeben. Und dann – Gefallen ist das Ziel und
+das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie
+sollte ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott
+helfe mir, den meinen auf den Schultern zu behalten!«</p>
+
+<p>»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem
+hohen Ziele entgegenstrebt, darf nicht mehr an
+sich denken; warum aber wäre das Weib nicht
+imstande, einen solchen Menschen zu würdigen?
+Mich dünkt im Gegenteil, es würde sich eher von
+einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute,
+jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt
+– Egoisten, nur mit sich selbst beschäftigt, selbst
+wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib
+ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
+sie versteht es auch, sich selbst zum Opfer zu
+bringen.«</p>
+
+<p>Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und
+ihre Augen glänzten. Vor ihrer Bekanntschaft
+mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde
+eine so lange und feurige Rede vernommen haben.</p>
+
+<p>»Sie haben schon mehrmals meine Meinung
+von dem Berufe der Frauen gehört,« erwiderte
+Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen,
+daß, meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein
+Frankreich retten konnte … doch, nicht davon
+ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie
+stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer
+Zukunft zu sprechen, macht Vergnügen und ist
+nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie wissen,
+ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an
+Ihnen, wie etwa an einer Verwandten … darum,
+hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht unbescheiden
+finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz
+bis jetzt ganz ruhig gewesen?«</p>
+
+<p>Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts.
+Rudin blieb stehen und sie tat dasselbe.</p>
+
+<p>»Sind Sie mir böse?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus
+nicht erwartet …«</p>
+
+<p>»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir
+nicht zu antworten. Ihr Geheimnis ist mir bekannt.«</p>
+
+<p>Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.</p>
+
+<p>»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
+ich muß Ihnen sagen – eine bessere Wahl konnten
+Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher
+Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das
+Leben hat ihn noch nicht abgenutzt – seine Seele
+ist einfach und klar … er wird Sie glücklich
+machen.«</p>
+
+<p>»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«</p>
+
+<p>»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich
+spreche? Natürlich von Wolinzow. Wie? Sollte
+ich mich geirrt haben?«</p>
+
+<p>Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie
+war ganz außer Fassung.</p>
+
+<p>»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch!
+Er hat nur Augen für Sie und folgt jeder Ihrer
+Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe
+verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht
+selbst gut? Soviel ich bemerken konnte, gefällt er
+auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia,
+in ihrer Verwirrung die Hand nach einem nahestehenden
+Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist
+mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen;
+ich versichere Ihnen aber, Sie irren sich.«</p>
+
+<p>»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich
+glaube es nicht … Ich habe zwar erst vor kurzem
+Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber
+bereits gut. Was bedeutet denn die Veränderung,
+die ich an Ihnen wahrnehme, deutlich wahrnehme!
+Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
+vor sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia
+Alexejewna, Ihr Herz ist nicht ruhig.«</p>
+
+<p>»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia,
+»Sie sind aber dennoch im Irrtum.«</p>
+
+<p>»Inwiefern?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!«
+sagte Natalia und eilte raschen Schrittes dem
+Hause zu.</p>
+
+<p>Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich
+in ihr vorgegangen war.</p>
+
+<p>Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese
+Unterredung darf kein solches Ende nehmen: sie
+ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll ich
+Sie verstehen?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«</p>
+
+<p>Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er
+war bleich geworden.</p>
+
+<p>»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!«
+sagte Natalia, riß ihre Hand aus der
+seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.</p>
+
+<p>»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.</p>
+
+<p>Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.</p>
+
+<p>»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen
+Gleichnisse hätte sagen wollen. So hören Sie es,
+ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von
+mir, von meiner Vergangenheit – und von
+Ihnen.«</p>
+
+<p>»Wie? Von mir?«</p>
+
+<p>»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
+Sie nicht hintergehen … Jetzt wissen Sie, von
+welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle
+ich in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen
+Tage würde ich es nicht gewagt haben …«</p>
+
+<p>Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den
+Händen und lief dem Hause zu.</p>
+
+<p>Sie war dermaßen durch den unerwarteten
+Ausgang ihres Gesprächs mit Rudin erschüttert,
+daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen
+war, nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich,
+mit dem Rücken an einen Baum gelehnt.
+Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja Michailowna
+gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer
+getroffen, ihr ein paar Worte gesagt und
+sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia
+aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten
+eigentümlichen Instinkt, war er geradeswegs
+in den Garten gegangen und auf Rudin und
+Natalia in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre
+Hand der seinigen entriß. Wolinzow war es
+dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er
+Natalia mit den Blicken gefolgt war, verließ er
+den Baum und tat ein paar Schritte, ohne selbst
+zu wissen, wohin und warum.</p>
+
+<p>Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide
+blickten einander in die Augen, tauschten einen
+Gruß und trennten sich schweigend.</p>
+
+<p>Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.</p>
+
+<p>Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende
+des Gartens. Ein bitterpeinliches Gefühl hatte
+sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen lag es<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
+ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von
+Zeit zu Zeit schwer und heftig auf. Es fielen
+wieder Tropfen. Rudin war auf sein Zimmer
+zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel
+drehten sich die Gedanken in seinem Kopfe.
+Wer sollte durch die unerwartete, vertrauensvolle
+Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt
+werden!</p>
+
+<p>Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in
+Gang kommen. Natalia war sehr bleich, hielt
+sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen
+nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war,
+an ihrer Seite, und zwang sich von Zeit zu Zeit,
+das Wort an sie zu richten. Es traf sich, daß
+Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna
+speiste. Er war der Gesprächigste von allen
+bei Tische. Unter anderen suchte er zu beweisen,
+daß man die Menschen, wie Hunde, in
+zwei Klassen, in kurz- und langohrige, einteilen
+könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze
+Ohren, entweder von Geburt an oder durch
+eigene Schuld. In beiden Fällen sind sie zu beklagen,
+denn nichts gelingt ihnen – es fehlt
+ihnen das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen
+ist ein Glückskind. Er mag schlechter und
+schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber
+Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles
+bewundert ihn.«</p>
+
+<p>»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre
+zur Klasse der Kurzohrigen, und, was dabei<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
+das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren selbst
+gestutzt.«</p>
+
+<p>»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig
+Rudin ein, »was übrigens bereits lange vor
+Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue
+dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu
+aber da die Ohrengeschichte!«</p>
+
+<p>»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow
+bitter und mit funkelndem Blick, »lassen Sie
+jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man
+redet von Despotismus … Nach meiner Meinung
+gibt’s keinen ärgeren Despotismus als den
+der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«</p>
+
+<p>Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in
+Staunen geraten und verstummt. Rudin warf
+einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen
+nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen
+und sagte nichts.</p>
+
+<p>Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow
+bei sich; Natalia bebte vor Angst. Darja
+Michailowna maß Wolinzow mit einem langen,
+erstaunten Blick und nahm endlich das Wort; sie
+begann von einem ungewöhnlichen Hunde zu erzählen,
+der ihrem Freunde, dem Minister N. N.,
+gehörte …</p>
+
+<p>Wolinzow entfernte sich bald nach Tische.
+Beim Abschiednehmen von Natalia hielt er nicht
+mehr an sich und sagte zu ihr:</p>
+
+<p>»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie
+sich einer Schuld bewußt? Sie können sich –
+vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span></p>
+
+<p>Natalia hatte nichts verstanden und folgte
+ihm bloß mit den Augen. Vor dem Tee trat Rudin
+zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege
+er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:</p>
+
+<p>»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß
+Sie durchaus allein sprechen … wäre es auch
+nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt
+gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton,
+welches Sie suchten,« dann neigte er sich
+wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen
+Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube
+neben der Terrasse einzufinden, ich werde Sie
+erwarten …«</p>
+
+<p>Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin
+hatte ihm den Kampfplatz überlassen. Er
+machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst
+erzählte er von einem seiner Nachbarn, der dreißig
+Jahre unter dem Pantoffel seiner Ehehälfte
+gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten
+angeeignet hatte, daß er einst, im
+Beisein Pigassows, beim Überschreiten einer kleinen
+Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm,
+wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen.
+Dann kam er auf einen anderen Gutsbesitzer, der
+anfangs Freimaurer, dann Melancholiker gewesen
+war und endlich Bankier zu werden gewünscht
+hatte.</p>
+
+<p>»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer
+zu werden, Philipp Stepanitsch?« hatte
+ihn Pigassow gefragt.</p>
+
+<p>»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
+»ich ließ mir den Nagel des kleinen Fingers
+wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja Michailowna
+mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über
+die Liebe auszulassen und zu beteuern, auch nach
+ihm sei geseufzt worden, und eine feurige Ausländerin
+habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen«
+genannt. Darja Michailowna lachte,
+doch war es die Wahrheit, was Pigassow erzählte:
+er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen
+Siegen zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre
+leichter, als jedes beliebige Frauenzimmer verliebt
+zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage
+nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies
+auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und die
+übrigen Weiber seien bloß Lappen im Vergleich
+zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen,
+sie habe das Paradies auf den Lippen, Seligkeit
+in den Augen und wird sich in Sie verlieben.
+In der Welt kommt alles vor. Wer weiß,
+vielleicht hatte Pigassow recht.</p>
+
+<p>Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der
+Laube. Am fernen, erbleichenden Horizonte tauchten
+eben die ersten Sternchen auf; im Westen
+war der Himmel noch gerötet – auch war auf
+dieser Seite der Horizont heller und reiner; der
+Halbmond schimmerte wie Gold durch das dunkle
+Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume
+standen entweder vereinzelt mit durchscheinenden
+Laubkronen gleich finsteren, tausendäugigen Riesen
+da oder verschwammen in dichte, düstere
+Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
+Zweige der Flieder- und Akazienbäume strecken
+ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als
+lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte
+sich in Dunkel; wie rötlich gefärbte Streifen hoben
+sich an demselben die erhellten, länglichen
+Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch
+schien es, als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher
+Seufzer geheimnisvoll in dieser
+Stille verhallte.</p>
+
+<p>Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt
+und horchte mit äußerster Spannung. Sein Herz
+klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den
+Atem an. Endlich glaubte er leichte, hastige
+Schritte zu vernehmen und Natalia trat in die
+Laube.</p>
+
+<p>Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre
+Hände. Sie waren kalt wie Eis.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender
+Stimme an, »ich wollte Sie sehen …
+ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten.
+Ich muß Ihnen sagen, was ich vor dem heutigen
+Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, mir noch
+nicht bewußt war: ich liebe Sie.«</p>
+
+<p>Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich
+so lange mich täuschen, so lange nicht ahnen
+konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia
+Alexejewna … antworten Sie mir – und
+Sie?«</p>
+
+<p>Natalia konnte kaum atmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
+
+<p>»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie
+endlich hervor.</p>
+
+<p>»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«</p>
+
+<p>»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und
+wollte sie an sich ziehen …</p>
+
+<p>Natalia blickte sich rasch um.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich – es wird mir bange –,
+mir deucht, es belauscht uns jemand … Um
+Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow
+ahnt etwas.«</p>
+
+<p>»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm
+heute nicht einmal geantwortet … Ach, Natalia
+Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns
+nichts mehr trennen!«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihm in die Augen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit,
+daß ich zurückkehre.«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick,« bat Rudin.</p>
+
+<p>»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«</p>
+
+<p>»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«</p>
+
+<p>»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«</p>
+
+<p>»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch
+einmal …«</p>
+
+<p>»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte
+Natalia.</p>
+
+<p>»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen
+als mich auf der Welt! Zweifeln Sie etwa?«</p>
+
+<p>Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr
+bleiches, edles, junges, aufgeregtes Gesicht – in<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
+dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim
+schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.</p>
+
+<p>»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die
+Ihre.«</p>
+
+<p>»O Gott!« rief Rudin aus.</p>
+
+<p>Natalia aber machte sich los und ging fort.
+Rudin blieb einige Zeit stehen, und verließ dann
+langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell
+sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen
+Lippen.</p>
+
+<p>»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich
+bin glücklich,« wiederholte er, als suchte er sich
+selbst dazu zu überreden.</p>
+
+<p>Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar
+zurecht und vertiefte sich in den Garten,
+lustig die Arme schwenkend.</p>
+
+<p>Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube
+die Zweige behutsam voneinandergebogen und es
+zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte er sich
+um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen,
+sagte mit bezeichnendem Tone: »So
+stehen die Sachen! Davon muß man Darja Michailowna
+in Kenntnis setzen,« und verschwand.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII</h2>
+</div>
+
+<p>Als Wolinzow nach Hause gekommen war,
+war er niedergeschlagen und finster, gab so ungern
+der Schwester Antwort und verschloß sich
+so bald in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß,
+einen reitenden Boten zu Leschnew zu schicken.<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
+In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm
+ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde
+am folgenden Tage kommen.</p>
+
+<p>Wolinzow war auch am folgenden Morgen
+nicht heiterer gestimmt. Nach dem Tee dachte er
+seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte
+sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch
+in die Hand, was bei ihm nicht oft der Fall war.
+Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur,
+und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich
+wie ein Gedicht,« pflegte er zu sagen,
+und zur Bekräftigung seiner Worte folgende
+Strophe des Dichters Aibulat anzuführen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und bis zum Ende meiner trüben Tage</div>
+ <div class="verse indent0">Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand</div>
+ <div class="verse indent0">Des Lebens blutige Vergißmeinnichte</div>
+ <div class="verse indent0">Entwenden mir mit rauher Hand!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder
+besorgt an, belästigte ihn jedoch nicht mit Fragen.
+Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott
+sei Dank, Leschnew … Der Diener trat ein
+und meldete Rudin.</p>
+
+<p>Wolinzow warf das Buch auf den Boden und
+hob den Kopf in die Höhe.</p>
+
+<p>»Wer ist gekommen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der
+Diener.</p>
+
+<p>Wolinzow erhob sich.</p>
+
+<p>»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber,
+Schwester,« setzte er hinzu, sich zu Alexandra
+Pawlowna wendend: »laß uns allein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p>
+
+<p>»Weshalb aber?« wandte sie ein.</p>
+
+<p>»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit,
+»ich bitte dich.«</p>
+
+<p>Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn
+kalt, in der Mitte des Zimmers stehend, und
+reichte ihm nicht die Hand.</p>
+
+<p>»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin
+an, »gestehen Sie es,« und stellte seinen Hut auf
+das Fensterbrett.</p>
+
+<p>Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen.
+Ihm war nicht behaglich zumute; doch suchte er
+seine Verwirrung zu verbergen.</p>
+
+<p>»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte
+Wolinzow, »nach dem gestrigen Tage hätte ich
+eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen
+erwarten können.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,«
+äußerte Rudin, sich setzend, »und Ihre Offenherzigkeit
+freut mich sehr. So ist es viel besser.
+Ich bin selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem
+Manne von Ehre.«</p>
+
+<p>»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte
+Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich
+gekommen bin.«</p>
+
+<p>»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten
+Sie nicht zu mir kommen können? Und dann
+erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male
+die Ehre Ihres Besuches.«</p>
+
+<p>»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von
+Ehre zu einem Manne von Ehre,« wiederholte<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
+Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen
+Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen
+volles Vertrauen …«</p>
+
+<p>»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow,
+immer noch in derselben Stellung, mit finsteren
+Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die
+Spitzen seines Schnurrbartes drehend.</p>
+
+<p>»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären
+hergekommen, das kann man aber nicht
+mit ein paar Worten abmachen.«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Es ist noch eine dritte Person dabei im
+Spiel …«</p>
+
+<p>»Eine dritte Person? und welche?«</p>
+
+<p>»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus
+nicht.«</p>
+
+<p>»Sie wünschen …«</p>
+
+<p>»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife
+reden!« unterbrach ihn Wolinzow.</p>
+
+<p>Er wurde im Ernste böse.</p>
+
+<p>Rudin zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß
+Ihnen sagen – übrigens kommen Sie gewiß
+selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig
+die Achseln) – ich muß Ihnen sagen, daß ich
+Natalia Alexejewna liebe und mit Grund vermuten
+darf, daß auch sie mich liebt.«</p>
+
+<p>Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch
+nichts; er trat ans Fenster und wandte Rudin
+den Rücken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span></p>
+
+<p>»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin
+fort: »wenn ich nicht überzeugt wäre …«</p>
+
+<p>»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow:
+»ich zweifle durchaus nicht … Nun,
+dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was
+zum Teufel Sie bewogen hat, mit dieser Nachricht
+zu mir zu kommen … Was habe ich damit
+zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben,
+wer Sie liebt? Das ist mir unbegreiflich …«</p>
+
+<p>Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen.
+Seine Stimme tönte hohl.</p>
+
+<p>Rudin erhob sich.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch,
+weshalb ich mich entschlossen habe, zu Ihnen zu
+kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht
+zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen
+Neigung ein Geheimnis vor Ihnen zu machen.
+Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb
+bin ich gekommen; ich wollte nicht … wir
+beide wollten nicht Komödie vor Ihnen spielen.
+Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren
+mir bekannt … Glauben Sie mir, ich kenne
+meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich
+bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen;
+da es sich aber dennoch so gefügt hat, wären
+dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich gewesen?
+Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen
+auszusetzen, oder selbst nur einer
+solchen Szene wie der gestrigen bei Tische? Sergei
+Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span></p>
+
+<p>Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust,
+als koste es ihm Mühe, sich zu beherrschen.</p>
+
+<p>»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich
+habe Sie gekränkt, ich fühle es … aber mißverstehen
+Sie uns nicht … Sie müssen begreifen,
+daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere
+Achtung zu beweisen, Ihnen zu zeigen, daß
+wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen.
+Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde
+jedem anderen gegenüber unstatthaft gewesen
+sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur Pflicht.
+Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser
+Geheimnis in Ihren Händen …«</p>
+
+<p>Wolinzow lachte gezwungen auf.</p>
+
+<p>»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus,
+»obgleich ich, wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis
+zu wissen, noch das meinige Ihnen zu
+entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch
+darüber, wie über Ihr eigenes Gut. Erlauben
+Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer
+anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß
+Ihr Besuch und der Zweck desselben Natalia
+Alexejewna bekannt ist?«</p>
+
+<p>Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.</p>
+
+<p>»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem
+Vorhaben nicht unterrichtet; weiß jedoch,
+daß sie meine Ansicht teilt.«</p>
+
+<p>»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem
+Schweigen Wolinzow und begann mit den Fingern
+an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser,<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
+ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas
+… weniger Achtung für mich hätten. Die
+Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen
+Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich
+von mir?«</p>
+
+<p>»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas:
+ich will, daß Sie mich nicht für einen hinterlistigen
+und schlauen Menschen halten, daß
+Sie mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können
+auch schon jetzt meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel
+ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, daß
+wir als Freunde voneinander scheiden … daß
+Sie, wie ehemals, mir die Hand reichen …«</p>
+
+<p>Und Rudin näherte sich Wolinzow.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow,
+indem er sich zu Rudin wandte und einen Schritt
+zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten volle
+Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles
+sehr schön, sogar erhaben, wir sind aber schlichte
+Leute, an Marzipan nicht gewöhnt, wir sind nicht
+imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie
+des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig
+erscheint, dünkt uns zudringlich und unbescheiden
+… Was Ihnen einfach und klar vorkommt,
+ist für uns verwickelt und dunkel …
+Sie prahlen mit dem, was wir heimlich halten:
+wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen
+Sie mir: weder als meinen Freund kann ich
+Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen …
+Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst
+klein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p>
+
+<p>Rudin ergriff seinen Hut.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er
+betrübt, »meine Erwartungen haben mich getäuscht.
+Mein Besuch war in der Tat etwas ungewöhnlich,
+ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow
+machte eine ungeduldige Bewegung) …
+Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon reden.
+Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht
+haben und nicht anders handeln konnten. Leben
+Sie wohl, und erlauben Sie mir wenigstens,
+daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die
+Lauterkeit meiner Absichten beteuere … Von
+Ihrer Verschwiegenheit bin ich überzeugt …«</p>
+
+<p>»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow
+zitternd vor Zorn, »ich habe mich Ihrem Vertrauen
+in keiner Weise aufgedrängt; und Sie
+haben darum durchaus kein Anrecht auf meine
+Verschwiegenheit!«</p>
+
+<p>Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch
+bloß die Arme auseinander, verneigte sich und
+verließ das Gemach, Wolinzow aber warf sich
+auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die
+Wand.</p>
+
+<p>»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür
+Alexandra Pawlownas Stimme vernehmen.</p>
+
+<p>Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und
+fuhr mit der Hand hastig über das Gesicht.
+»Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter
+Stimme: »warte noch etwas.«</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra
+Pawlowna von neuem der Tür.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p>
+
+<p>»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte
+sie, »willst du ihn sehen?«</p>
+
+<p>»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.«
+Leschnew trat herein.</p>
+
+<p>»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich
+auf einen Sessel neben dem Diwan nieder.</p>
+
+<p>Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den
+Arm, blickte seinem Freunde lange, lange ins
+Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort für
+Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin
+hatte er nie vor Leschnew seiner Gefühle für
+Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten
+konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.</p>
+
+<p>»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,«
+sagte Leschnew, als Wolinzow seine Erzählung
+beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten
+seinerseits war ich gefaßt; dies aber …
+Übrigens erkenne ich ihn auch hierin wieder.«</p>
+
+<p>»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das
+ist ja geradezu eine Frechheit! Fast hätte ich ihn
+zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor mir
+prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen?
+Und zu welchem Ende? Wie kann man zu einem
+Menschen gehen …«</p>
+
+<p>Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen
+und schwieg.</p>
+
+<p>»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte
+Leschnew gelassen. »Du wirst mir’s nicht glauben,
+ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter
+Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das
+hat so einen Anstrich von Edelsinn und Offenherzigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
+und bietet einen Vorwand zum Reden,
+der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das
+eben brauchen wir ja, ohne dergleichen könnten
+wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine
+Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat
+ihm aber auch recht brav gedient!«</p>
+
+<p>»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher
+Feierlichkeit er hereintrat und seine Rede vorbrachte!«</p>
+
+<p>»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen
+Rock zu, so tut er’s, als erfüllte er eine heilige
+Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte
+Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten,
+wie er da wohl schalten und walten würde.
+Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«</p>
+
+<p>»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels
+willen, soll das etwa Philosophie sein?« fragte
+Wolinzow.</p>
+
+<p>»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du
+hast recht – ist es in der Tat Philosophie –
+von der anderen ist es durchaus keine. Man darf
+doch nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last
+legen!«</p>
+
+<p>Wolinzow blickte ihn an.</p>
+
+<p>»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst
+du?«</p>
+
+<p>»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen,
+weißt du – wir haben genug von ihm
+gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen anzünden,
+lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna
+herbitten … Wenn sie dabei ist, spricht<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
+sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie wird
+uns Tee machen.«</p>
+
+<p>»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha,
+komm herein!« rief er.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte
+ihre Hand und drückte sie fest an seine Lippen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen
+Stimmung nach Hause zurück. Er war ärgerlich
+auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über
+seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes
+Betragen. An ihm bewährte sich: daß es
+nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein,
+eine Torheit begangen zu haben.</p>
+
+<p>Reue marterte Rudin.</p>
+
+<p>»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne,
+»mir den Gedanken eingeben mußte, zu diesem
+Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee!
+Habe mir nichts als Grobheiten geholt! …«</p>
+
+<p>In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen
+Ungewöhnliches vor. Die Hausfrau
+selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und
+erschien auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh,
+wie Pandalewski, die einzige Person, die
+Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia
+auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer
+mit Mlle. Boncourt … Als sie mit ihm im
+Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig
+an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
+hatte sich verändert, als wenn seit dem gestrigen
+Tage ein Unglück über sie hereingebrochen wäre.
+Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen
+Rudin zu quälen. Um sich einigermaßen zu zerstreuen,
+machte er sich an Bassistow, unterhielt
+sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen,
+lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen
+und noch ungebrochener Glaubenskraft.
+Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für
+ein paar Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin
+war sie liebenswürdig, doch etwas zurückhaltend,
+bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die
+Nase und meist in Anspielungen … Sie war
+ganz Hofdame. In der letzten Zeit war sie scheinbar
+kälter gegen Rudin geworden.</p>
+
+<p>Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes
+Köpfchen von der Seite betrachtend.</p>
+
+<p>Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu
+warten. Gegen Mitternacht, im Begriff, sich auf
+sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen
+finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen
+Zettel zusteckte. Er blickte sich um und sah ein
+junges Mädchen davoneilen, in welchem er Natalias
+Kammerjungfer erkannte. Auf seinem
+Zimmer angelangt, schickte er seinen Diener fort,
+öffnete den Zettel und las folgende von Natalias
+Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie
+morgen früh gegen sieben Uhr, nicht später, zum
+Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine
+andere Stunde vermag ich nicht zu bestimmen!<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
+Wir werden uns dort zum letzten Male sehen
+und alles wird zu Ende sein, wenn nicht …
+Kommen Sie. Ein Entschluß muß gefaßt werden …</p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Komme ich nicht, dann sehen wir uns
+nie wieder: dann werde ich Sie wissen lassen …«</p>
+
+<p>Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel
+in den Händen herum, steckte ihn unter das
+Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder,
+konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche
+er suchte; sein Schlaf war unruhig und es war
+noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="IX">IX</h2>
+</div>
+
+<p>Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin
+als Ort der Zusammenkunft bezeichnet, hatte
+schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig
+Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen,
+und seit der Zeit war er so geblieben.
+Nur an dem ebenen und flachen Grunde der
+Vertiefung, den einst fetter Schlamm überzog,
+sowie an den Überresten des Dammes konnte man
+erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es
+hatte daneben auch ein Edelhof gestanden. Auch
+dieser war schon längst verschwunden. Zwei riesige
+Fichten allein erinnerten noch an denselben;
+mürrisch zogen und rauschten ewige Winde durch
+ihr spärliches, hoch oben wachsendes Grün …
+Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen
+Missetat, die am Fuße dieser Fichten vollbracht<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
+worden sei, ja man wollte sogar vorher wissen,
+keine derselben werde fallen, ohne jemandem den
+Tod zu bringen; vor Zeiten habe dort noch eine
+dritte gestanden, sei aber vom Sturme umgestürzt
+worden und habe im Falle ein kleines Mädchen
+getötet. Die ganze Gegend um den Teich
+herum wurde als nicht geheuer betrachtet; wüste
+und kahl und dabei verwildert und düster sogar
+bei Sonnenlicht, erschien sie noch düsterer und
+verwilderter durch die Nähe des alten, längst
+abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes.
+Einzelne graue Gerippe mächtiger Bäume ragten,
+finsteren Gespenstern gleich, über das niedrige
+Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen:
+als wären es böse Greise gewesen, die
+sich da versammelt hätten und irgendeinen schlimmen
+Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen
+ein selten betretener Fußweg hin. Wer
+nicht dazu gezwungen war, vermied es, am Awdjuchinteiche
+vorüberzugehen. Natalia hatte mit
+Absicht diesen einsamen Ort gewählt, der vom
+Hause Darja Michailownas kaum eine halbe
+Werst entfernt lag.</p>
+
+<p>Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin
+vor den Awdjuchinteich kam; es war aber
+kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte,
+weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen
+Himmel; mit Pfeifen und Heulen trieb der Wind
+sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit
+dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln
+bedeckten Damme auf und ab zu gehen. Er war<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
+nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen
+Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch
+auf, besonders aber nach dem gestrigen Zettel.
+Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und
+war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt
+hätte, der ihn so mit gesammelter Entschlossenheit,
+mit auf der Brust gekreuzten Armen
+um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht
+hatte Pigassow, als er einst von ihm sagte, daß
+bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, der
+Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch
+ein Kopf immer sein möge, so fällt es dem Menschen
+doch schwer, durch ihn allein auch nur das
+zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht
+… Rudin, der kluge, scharfsichtige Rudin,
+war nicht imstande, mit Gewißheit zu sagen, ob
+er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde,
+wenn er sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun
+mußte er, ohne den Lovelace zu spielen – diese
+Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –,
+einem armen Mädchen den Kopf verdrehen?
+Warum wartete er auf dasselbe mit heimlichem
+Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort:
+Niemand läßt sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser
+Mensch.</p>
+
+<p>Er schritt den Damm entlang, während Natalia
+geradeaus über das Feld, auf feuchtem
+Grase ihm entgegeneilte.</p>
+
+<p>»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die
+Füße naß machen,« sagte Mascha, ihr Kammermädchen,<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
+kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr
+zu halten.</p>
+
+<p>Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter,
+ohne sich umzusehen.</p>
+
+<p>»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!«
+rief Mascha zu wiederholten Malen. »Selbst das
+ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause
+gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht
+ist … Ein Glück, daß es nicht weit ist …
+Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie hinzu,
+als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins
+gewahr wurde, der malerisch auf dem Damme
+stand, »doch, warum steht denn der Herr so hoch,
+– besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«</p>
+
+<p>Natalia blieb stehen.</p>
+
+<p>»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte
+sie und schritt zu dem Teich hinab.</p>
+
+<p>Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert
+stehen. Einen solchen Ausdruck hatte er noch nicht
+auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen waren
+zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt,
+der Blick war fest, ja fast strenge.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben
+keine Zeit zu verlieren. Ich bin auf fünf Minuten
+hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß
+Mama alles weiß. Herr Pandalewski hat uns
+vorgestern belauscht und ihr von unserer Zusammenkunft
+erzählt. Er war immer Mamas Spion.
+Gestern rief sie mich zu sich …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p>
+
+<p>»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich!
+… Was hat Ihre Mama gesagt?«</p>
+
+<p>»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht
+gescholten, nur Vorwürfe machte sie mir über
+meinen Leichtsinn.«</p>
+
+<p>»Weiter nichts?«</p>
+
+<p>»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher
+mit dem Gedanken vertragen, daß ich stürbe, als
+daß ich Ihre Frau würde.«</p>
+
+<p>»Hat sie das wirklich gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs
+willens wären, mich zu heiraten, daß
+Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten,
+was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens
+wäre sie selbst daran schuld: warum habe sie es
+erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen zusammenkomme
+… sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr
+erstaunt über mein unüberlegtes Betragen …
+Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was sie
+mir sonst noch sagte.«</p>
+
+<p>Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast
+lautloser Stimme.</p>
+
+<p>»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben
+Sie ihr geantwortet?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte
+Natalia. »… Was beabsichtigen <em class="gesperrt">Sie</em> jetzt zu
+tun?«</p>
+
+<p>»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin,
+»das ist hart! So rasch! … ein so unerwarteter
+Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«</p>
+
+<p>»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p>
+
+<p>»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«</p>
+
+<p>»Keine.«</p>
+
+<p>»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche
+Pandalewski! … Sie fragen mich,
+Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf
+geht mir in der Runde – ich kann keinen Gedanken
+fassen … Ich fühle nur mein Unglück
+… ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig
+sind! …«</p>
+
+<p>»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete
+Natalia.</p>
+
+<p>Rudin begann wieder auf dem Damme auf
+und ab zu gehen. Natalia verlor ihn nicht aus
+den Augen.</p>
+
+<p>»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?«
+fragte er dann.</p>
+
+<p>»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«</p>
+
+<p>»Nun … und Sie sagten?«</p>
+
+<p>Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe
+ihr die Wahrheit gesagt.«</p>
+
+<p>Rudin ergriff ihre Hand.</p>
+
+<p>»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh,
+das Herz eines Mädchens ist wie lauteres Gold!
+Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in
+bezug auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung
+so entschieden geäußert?«</p>
+
+<p>»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist
+überzeugt, daß Sie selbst nicht daran denken,
+mich zu heiraten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p>
+
+<p>»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch
+habe ich das verdient?«</p>
+
+<p>Und Rudin faßte sich am Kopfe.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir
+verlieren unnütz die Zeit. Denken Sie daran, ich
+sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht
+um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen,
+ich weine nicht – ich kam, um mir Rat zu holen.«</p>
+
+<p>»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«</p>
+
+<p>»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war
+gewohnt, Ihnen zu vertrauen, ich werde Ihnen
+vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches
+sind Ihre Absichten?«</p>
+
+<p>»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich
+ihr Haus verschließen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie
+mir, sie werde die Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen
+müssen … Sie antworten aber nicht
+auf meine Frage.«</p>
+
+<p>»Auf welche Frage?«</p>
+
+<p>»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«</p>
+
+<p>»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin,
+»uns darein ergeben.«</p>
+
+<p>»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt
+und ihre Lippen wurden bleich.</p>
+
+<p>»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin
+fort. »Was ist dabei zu machen! Ich weiß
+gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich
+das ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
+bin arm … Freilich, ich kann arbeiten; doch,
+wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die
+gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den
+Zorn Ihrer Mutter ertragen? … Nein, Natalia,
+daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl
+nicht bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes
+Glück, von welchem ich geträumt hatte, ist
+mir nicht beschieden.«</p>
+
+<p>Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den
+Händen und brach in Tränen aus. Rudin trat
+an sie heran.</p>
+
+<p>»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit
+Wärme, »weinen Sie nicht, um Gottes willen,
+martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«</p>
+
+<p>Natalia erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann
+sie, und ihre Augen glänzten unter Tränen,
+»ich weine nicht über das, was Sie glauben …
+Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich
+mich in Ihnen getäuscht habe … Wie? ich suche
+bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und
+Ihr erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung!
+So also äußert sich durch die Tat Ihre Theorie
+von der Freiheit, von Opfern, welche …«</p>
+
+<p>Ihre Stimme war gebrochen.</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann
+Rudin bestürzt, »ich nehme meine Worte nicht
+zurück … nur …«</p>
+
+<p>»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft
+fort, »was ich meiner Mutter geantwortet habe,
+als sie mir erklärte, sie würde mich lieber tot wissen,<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
+als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen:
+ich gab ihr zur Antwort, daß ich lieber
+tot, als die Frau eines anderen sein wolle …
+Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch
+Recht gehabt: Sie haben wirklich zum Zeitvertreib,
+aus Langeweile Scherz mit mir getrieben …«</p>
+
+<p>»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre
+Ihnen …«, wiederholte Rudin.</p>
+
+<p>Sie hörte aber nicht auf ihn.</p>
+
+<p>»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum
+mußten Sie selbst … Oder glaubten Sie,
+auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich
+schämen, davon zu reden … es ist ja aber alles
+schon aus.«</p>
+
+<p>»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm
+Rudin wieder das Wort, »wir wollen zusammen
+erwägen, welche Mittel …«</p>
+
+<p>»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,«
+unterbrach sie ihn, »wissen Sie aber wohl,
+wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich
+liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe
+nicht für die Zukunft ein, reich mir die Hand
+und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich wäre
+Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem
+entschlossen! Doch vom Wort zur Tat ist’s weiter,
+als ich glaubte, und Sie haben jetzt Furcht,
+ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«</p>
+
+<p>Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete
+Begeisterung Natalias hatte ihn bestürzt<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
+gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein
+Stachel für seine Eigenliebe.</p>
+
+<p>»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,«
+fing er an, »Sie können nicht verstehen, wie
+grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie
+werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren
+lassen; Sie werden begreifen, was es mich
+gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie
+Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen
+auferlegte. Ihre Ruhe ist mir teurer, als alles
+auf der Welt, und ich wäre ein Elender, wollte
+ich zu meinem Vorteile …«</p>
+
+<p>»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia,
+»vielleicht haben Sie recht, und ich weiß
+nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich
+Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft
+bitte ich Sie, wägen Sie Ihre Worte ab,
+sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als
+ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich,
+was dies Wort bedeutet: ich war zu allem bereit
+… Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion
+zu danken und mich zu verabschieden.«</p>
+
+<p>»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia,
+ich beschwöre Sie. Ich habe nicht Ihre Verachtung
+verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen
+Sie sich aber auch in meine Lage. Ich muß für
+Sie wie für mich einstehen. Wenn ich Sie nicht
+grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich
+Ihnen selbst sogleich den Vorschlag machen, mit
+mir zu entfliehen … früher oder später würde
+Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
+… Doch bevor ich an mein eigenes Glück denken
+durfte …«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und
+fest auf ihn gerichtet … Es ging nicht – er
+mußte schweigen.</p>
+
+<p>»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie
+ein ehrlicher Mann sind, Dmitri Nikolaitsch,«
+äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind
+nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war
+es denn aber diese Überzeugung, die ich zu gewinnen
+gewünscht hatte, war ich deshalb hierhergekommen …«</p>
+
+<p>»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«</p>
+
+<p>»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen!
+Ja, Sie hatten alles dies nicht erwartet –
+Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich …
+Sie lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem
+auf.«</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.</p>
+
+<p>Natalia richtete sich auf.</p>
+
+<p>»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle
+Ihre Worte schweben mir vor, Dmitri Nikolaitsch.
+Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne
+völlige Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie
+stehen mir zu hoch, Sie passen für mich nicht …
+Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen
+warten Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen
+Tag werde ich nicht vergessen … Leben
+Sie wohl …«</p>
+
+<p>»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn
+so scheiden?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p>
+
+<p>Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb
+stehen. Seine flehende Stimme schien sie unschlüssig
+gemacht zu haben.</p>
+
+<p>»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in
+mir etwas gebrochen … Ich kam hierher, redete
+mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine
+Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie
+selbst sagten, es dürfe nicht sein. Mein Gott, als
+ich hierherging, nahm ich in Gedanken Abschied
+von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit
+– und was? Wen traf ich hier? Einen
+kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie,
+daß ich nicht imstande wäre, die Trennung von
+meiner Familie zu ertragen? ›Ihre Mama gibt
+nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹
+Dies war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind
+Sie es, sind Sie es, Rudin? Nein! Leben Sie
+wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in
+diesem Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein,
+nein, leben Sie wohl! …«</p>
+
+<p>Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha,
+die schon seit geraumer Zeit angefangen hatte,
+unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.</p>
+
+<p>»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!«
+rief Rudin Natalia nach. Sie gab nicht mehr
+acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause.
+Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum
+aber hatte sie die Schwelle überschritten, so verließen
+sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in
+Maschas Arme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p>
+
+<p>Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem
+Damme. Endlich raffte er sich zusammen, schritt
+langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben
+weiter. Er war tief beschämt … und erbittert.
+So etwas, dachte er, von einem achtzehnjährigen
+Mädchen! … Nein, ich kannte sie
+nicht … Ein außergewöhnliches Mädchen.
+Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; sie
+ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für
+sie fühlte … Fühlte? … fragte er sich selbst.
+Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und mußte
+alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich,
+wie nichtig war ich im Vergleiche zu ihr!</p>
+
+<p>Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang
+Rudin, die Augen zu erheben. Ihm entgegen kam,
+auf seinem bekannten Traber, Leschnew gefahren.
+Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen
+Gruß, lenkte dann, wie von einem plötzlichen
+Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging
+rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas
+weiter.</p>
+
+<p>Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen,
+folgte ihm mit dem Blick, wandte nach kurzem
+Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu
+Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte.
+Er fand ihn noch schlafend, ließ ihn nicht wecken,
+setzte sich in Erwartung des Tees auf den Balkon
+und zündete sich die Pfeife an.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="X">X</h2>
+</div>
+
+<p>Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager
+und als er hörte, daß Leschnew bei ihm auf dem
+Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ ihn
+zu sich bitten.</p>
+
+<p>»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du
+wolltest ja nach Hause fahren.«</p>
+
+<p>»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet
+… Spaziert allein auf dem Felde und das
+Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach
+und kehrte um.«</p>
+
+<p>»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«</p>
+
+<p>»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich
+weiß selbst nicht, weshalb ich zurückgekommen
+bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst:
+ich empfand das Verlangen, noch etwas bei dir
+zu sitzen, nach Hause komme ich noch früh genug.«</p>
+
+<p>Wolinzow lächelte bitter.</p>
+
+<p>»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken,
+ohne zu gleicher Zeit auch an mich zu denken
+… He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe
+uns Tee.«</p>
+
+<p>Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew
+begann von Landwirtschaft zu sprechen, von
+einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe zu
+decken …</p>
+
+<p>Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel
+auf und schlug so heftig auf den Tisch, daß Tassen
+und Untertassen erklirrten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
+
+<p>»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft,
+es länger zu ertragen! Ich werde diesen Schöngeist
+fordern und mag er mich zusammenschießen,
+oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte
+Stirn jagen!«</p>
+
+<p>»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt
+Leschnew, »wie kann man so schreien! Ich habe
+dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was
+ist dir?«</p>
+
+<p>»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht
+gleichgültig anhören kann: alles Blut steigt mir
+zu Kopfe.«</p>
+
+<p>»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn
+nicht!« erwiderte Leschnew, die Pfeife vom Boden
+aufhebend. »Denk nicht mehr daran! –
+Hol ihn der Teufel!«</p>
+
+<p>»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort,
+indem er im Zimmer umherging … »ja! er hat
+mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im
+ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er
+hatte mich stutzig gemacht; und wer konnte es
+auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, daß
+ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn,
+diesen verdammten Philosophen, wie ein Feldhuhn
+über den Haufen schießen.«</p>
+
+<p>»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat!
+Von deiner Schwester gar nicht zu reden. Eine
+bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir
+die Oberhand … wie solltest du an deine Schwester
+denken! Aber in betreff einer anderen Person,<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
+glaubst du, du werdest besser reüssieren,
+wenn du den ›Philosophen‹ tötest?«</p>
+
+<p>Wolinzow warf sich in einen Sessel.</p>
+
+<p>»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur
+fort von hier! Der Gram preßt mir hier das
+Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«</p>
+
+<p>»Du willst fort … das ist eine andere Sache!
+Damit bin ich ganz einverstanden. Und weißt
+du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen
+zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach
+Kleinrußland und uns an Mehlklößen gütlich
+tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«</p>
+
+<p>»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«</p>
+
+<p>»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna
+nicht mit uns reisen? Bei Gott, das wäre
+herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen!
+Es soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es
+wünscht, werde ich ihr jeden Abend unter ihrem
+Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute
+will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren,
+die Wege mit Blumen schmücken. Na,
+Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren
+sein; wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos
+hingeben und solche Wänste mit nach Hause
+bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird
+anhaben können!«</p>
+
+<p>»Du treibst immer Scherz, Mischa!«</p>
+
+<p>»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter
+Einfall von dir.«</p>
+
+<p>»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder,
+»schlagen, schlagen will ich mich mit ihm! …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
+
+<p>»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute
+ganz von Sinnen!«</p>
+
+<p>Der Diener trat mit einem Briefe in der
+Hand herein.</p>
+
+<p>»Von wem?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin.
+Der Diener aus dem Laßunskischen Hause
+hat ihn gebracht.«</p>
+
+<p>»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An
+wen?«</p>
+
+<p>»An Sie.«</p>
+
+<p>»An mich … gib her.«</p>
+
+<p>Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig
+und las. Leschnew beobachtete ihn aufmerksam:
+ein eigentümliches, fast freudiges Erstaunen
+war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er
+ließ die Arme sinken.</p>
+
+<p>»Was gibt’s?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte
+ihm den Brief.</p>
+
+<p>Leschnew begann wie folgt zu lesen:</p>
+
+<p class="center">
+»Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
+</p>
+
+<p>Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus,
+verlasse es für immer. Es wird Sie das befremden,
+zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann
+Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt,
+so zu verfahren; mich dünkt aber, ich müsse Sie
+von meiner Abreise benachrichtigen. Sie lieben
+mich nicht und halten mich sogar für einen
+schlechten Menschen. Ich beabsichtige nicht, mich<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
+zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. Meiner
+Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig
+und zudem unnütz, einem von vorgefaßten Meinungen
+befangenen Menschen das Unbegründete
+seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen
+will, wird mich entschuldigen, wer mich
+nicht verstehen will oder kann – dessen Beschuldigungen
+berühren mich nicht. Ich habe mich in
+Ihnen getäuscht. In meinen Augen werden Sie
+wie vorher als edler und ehrenhafter Mann dastehen;
+ich hatte aber gedacht, Sie würden es
+vermögen, sich über den Kreis, in welchem Sie
+auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe
+mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht
+das erste und wohl auch nicht das letztemal, daß
+mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich reise
+ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie
+werden gestehen, daß dies ein durchaus uneigennütziger
+Wunsch ist, und ich gebe mich der Hoffnung
+hin, Sie werden jetzt glücklich werden.
+Vielleicht werden Sie mit der Zeit Ihre Meinung
+über mich ändern. Ob wir einander noch
+einmal wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe
+aber dennoch der Sie aufrichtig achtende</p>
+
+<p class="mright">
+D. R.
+</p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Die zweihundert Rubel, welche ich
+Ihnen schulde, werde ich Ihnen zustellen, sobald
+ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement,
+angekommen sein werde. Ich bitte noch,
+in Darja Michailownas Beisein von diesem
+Briefe nicht zu reden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Noch eine letzte, doch wichtige Bitte:
+da ich unverzüglich abreise, hoffe ich, werden Sie
+gegen Natalia Alexejewna nicht meines Besuches
+bei Ihnen Erwähnung tun …«</p>
+
+<p>»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow,
+als Leschnew den Brief beendigt hatte.</p>
+
+<p>»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew.
+»Alles, was man tun kann, ist, wie die
+Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den
+Finger als Zeichen der Verwunderung in den
+Mund stecken. – Er reist ab … Nun! Möge
+der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s
+aber, daß er diesen Brief zu schreiben für Pflicht
+gehalten hat, ebenso wie er auch aus Pflicht getrieben
+wurde, dir einen Besuch zu machen …
+Bei diesem Herrn dreht sich’s immer um den
+Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, mit
+einem Lächeln auf das Postskriptum deutend,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Und was für Phrasen er da macht!« rief
+Wolinzow. »Hat sich in mir getäuscht: er hätte
+erwartet, ich werde mich über einen gewissen
+Kreis erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch!
+Noch ärger als Gedichte!«</p>
+
+<p>Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen
+ward ein Lächeln bemerkbar. Wolinzow erhob
+sich.</p>
+
+<p>»Ich will zu Darja Michailowna fahren,«
+sagte er, »ich will hören, was dies alles bedeutet …«</p>
+
+<p>»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen.<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
+Warum wolltest du wieder mit ihm zusammentreffen?
+Er verschwindet ja – was willst
+du mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst
+aus; du hattest dich ohnehin gewiß die ganze
+Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt!
+Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«</p>
+
+<p>»Woraus schließt du das?«</p>
+
+<p>»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber
+hin und schlafe ein wenig, ich will unterdessen
+zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft leisten.«</p>
+
+<p>»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich
+schlafen! … Ich will lieber die Felder besichtigen,«
+sagte Wolinzow, die Schöße seines Mantels
+zurecht zupfend.</p>
+
+<p>»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige
+die Felder …«</p>
+
+<p>Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte
+des Hauses zu Alexandra Pawlowna. Er traf sie
+in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn
+freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch
+erfreut, doch behielt ihr Gesicht einen betrübten
+Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins
+beunruhigte sie.</p>
+
+<p>»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew,
+»wie ist er heute?«</p>
+
+<p>»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna schwieg.</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
+Schnupftuches mit Aufmerksamkeit betrachtend,
+»Sie wissen nicht, warum …«</p>
+
+<p>»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu.
+»Ich weiß es: er kam, um Abschied zu nehmen.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Wie – um Abschied zu nehmen?«</p>
+
+<p>»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er
+verläßt Darja Michailowna.«</p>
+
+<p>»Verläßt sie?«</p>
+
+<p>»Für immer; so sagt er wenigstens.«</p>
+
+<p>»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen,
+nach allem, was …«</p>
+
+<p>»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt
+sich’s nicht, es ist aber so. Es muß dort etwas
+vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu stark
+gespannt, und sie ist – gerissen.«</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra
+Pawlowna, »ich verstehe nichts; Sie wollen,
+dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«</p>
+
+<p>»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen,
+er reist fort und teilt dies seinen Bekannten sogar
+brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte
+aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen,
+nicht übel; seine Abreise verhindert indessen die
+Ausführung eines der merkwürdigsten Unternehmen,
+welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu
+besprechen begonnen hatten.«</p>
+
+<p>»Was ist das für ein Unternehmen?«</p>
+
+<p>»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder
+den Vorschlag, zur Zerstreuung auf Reisen<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
+zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm
+es, speziell für Sie Sorge zu tragen …«</p>
+
+<p>»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna,
+»ich kann mir denken, auf welche Weise
+Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen
+mich vermutlich Hungers sterben.«</p>
+
+<p>»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil
+Sie mich nicht kennen. Sie glauben, ich sei ein
+Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen
+Sie aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie
+Zucker und tagelang auf den Knien zu liegen?«</p>
+
+<p>»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen
+Sie mich zum Manne, Alexandra Pawlowna,
+dann werden Sie es erleben.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde bis über die
+Ohren rot.</p>
+
+<p>»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?«
+brachte sie verwirrt hervor.</p>
+
+<p>»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was
+mir schon längst und tausendmal auf der Zunge
+geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen
+und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um
+Ihnen jedoch nicht störend zu sein, will ich mich
+jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn
+Sie meine Frau werden wollen … Wenn es
+Ihnen nicht zuwider ist, lassen Sie mich nur rufen;
+ich werde es schon verstehen …«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten,
+er ging aber rasch hinaus und begab<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
+sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf
+die Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm
+die Stimme des Kammermädchens hören, »die
+gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«</p>
+
+<p>Michael Michailitsch wandte sich um, faßte
+das Mädchen zu seinem großen Erstaunen beim
+Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="XI">XI</h2>
+</div>
+
+<p>Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen
+mit Leschnew, nach Hause zurückgekehrt war,
+hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen
+und zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow,
+den der Leser bereits kennt, und einen an
+Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er
+lange gearbeitet, vieles in demselben gestrichen
+und umgeändert, und nachdem er ihn säuberlich
+auf einen Bogen feines Postpapier ins reine
+geschrieben und ihn dann so klein als möglich
+zusammengelegt hatte, steckte er ihn in die Tasche.
+Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige Male
+im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl
+ans Fenster und stützte sich auf den Arm;
+eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …
+Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse
+zusammen, erhob er sich, knöpfte seinen
+Rock bis an den Hals zu, rief den Diener und<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
+hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen,
+ob sie für ihn sichtbar sei.</p>
+
+<p>Der Diener kehrte bald zurück und meldete,
+Darja Michailowna erwarte ihn.</p>
+
+<p>Rudin begab sich zu ihr.</p>
+
+<p>Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das
+erstemal, zwei Monate vorher. Jetzt aber war sie
+nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, sauber
+und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.</p>
+
+<p>Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich,
+und dieser begrüßte sie mit anscheinender
+Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die lächelnden
+Gesichter beider wäre jeder einigermaßen
+weltkundige Mensch jedoch leicht gewahr
+geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes
+vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt
+worden sei. Rudin wußte, daß Darja Michailowna
+böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er
+bereits von ihrem Vorhaben unterrichtet sei.</p>
+
+<p>Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt.
+Der Standeshochmut hatte sich in ihr geregt.
+Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt
+noch unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer
+Tochter – der Tochter Darja Michailowna
+Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!</p>
+
+<p>»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!«
+sagte sie, »was folgt denn daraus? Es könnte
+demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn
+zu werden?«</p>
+
+<p>»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,«
+hatte Pandalewski eingewandt. »Wie es möglich<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
+ist, seinen Platz in der Welt nicht zu kennen,
+das wundert mich!«</p>
+
+<p>Darja Michailowna war sehr aufgebracht und
+Natalia hatte darunter zu leiden.</p>
+
+<p>Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es,
+aber nicht mehr wie der Rudin von ehemals, der
+fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht
+wie ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast
+und nicht sehr befreundeter Gast. Alles dies war
+das Werk eines Augenblicks … So verwandelt
+sich Wasser plötzlich in festes Eis.</p>
+
+<p>»Ich komme, Darja Michailowna,« begann
+Rudin, »Ihnen für Ihre Gastfreundschaft Dank
+zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten
+von meinem Gütchen bekommen und muß heute
+noch dahin abreisen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.</p>
+
+<p>Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht,
+dachte sie. Er überhebt mich der lästigen
+Erklärungen, um so besser. Es leben die klugen
+Köpfe!</p>
+
+<p>»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm
+ist! Was ist da zu machen! Ich hoffe,
+Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir
+reisen auch bald von hier fort.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es
+mir möglich sein wird, nach Moskau zu kommen;
+sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden
+haben, werde ich es für meine Pflicht erachten,
+Ihnen meine Aufwartung zu machen.«</p>
+
+<p>Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
+bei sich: vor kurzem noch hast du hier als Sultan
+geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt in
+diesem Tone aus?</p>
+
+<p>»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten
+von Ihrem Gute erhalten?« fragte er mit gewohnter
+Ziererei.</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte Rudin trocken.</p>
+
+<p>»Mißernte vielleicht?«</p>
+
+<p>»Nein … etwas anderes … Glauben Sie
+mir, Darja Michailowna,« fuhr Rudin fort, »ich
+werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem
+Hause verbracht habe.«</p>
+
+<p>»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde
+mich immer mit Vergnügen unserer Bekanntschaft
+erinnern … Wann reisen Sie?«</p>
+
+<p>»Heute nach Tische.«</p>
+
+<p>»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine
+glückliche Reise! Übrigens, wenn Ihre Geschäfte
+Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie
+uns vielleicht hier noch treffen.«</p>
+
+<p>»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte
+Rudin, sich erhebend. »Entschuldigen Sie mich,«
+setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich meine
+Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem
+Gute …«</p>
+
+<p>»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!«
+unterbrach ihn Darja Michailowna, »wie können
+Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an
+der Zeit?« fragte sie.</p>
+
+<p>Pandalewski langte aus seiner Westentasche
+eine kleine, goldene, emaillierte Uhr hervor und<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
+die rosige Wange bedachtsam an den weißen,
+steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das
+Zifferblatt.</p>
+
+<p>»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.</p>
+
+<p>»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf
+Darja Michailowna hin. »Auf Wiedersehen,
+Dmitri Nikolaitsch!«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit
+Darja Michailowna trug ein eigenes Gepräge.
+So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen
+miteinander auf Konferenzen Diplomaten
+ihre zum voraus verabredeten Phrasen …</p>
+
+<p>Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die
+Erfahrung gemacht, wie Leute von Welt einen
+Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite
+werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz
+einfach fallen lassen: wie einen Handschuh nach
+dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett
+der Tombola, das nichts gewonnen hat.</p>
+
+<p>Rasch packte er seine Sachen ein und wartete
+mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle
+im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen
+Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal
+blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte
+nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß
+Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar,
+seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm
+aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An
+der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals,
+sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach
+Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
+Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski
+an ihn das Wort, und mehr als einmal
+spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen
+und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen.
+Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck
+in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige
+Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann
+man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen
+bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen,
+so also behandelt man dich jetzt!</p>
+
+<p>Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß
+fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied.
+Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er
+hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause
+scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe
+man ihn davon … Wie ist das alles gekommen?
+und warum brauchte ich so zu eilen? Doch
+das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was
+ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem
+Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum
+letzten Male warf er einen Blick auf Natalia,
+und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen
+waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges,
+vorwurfsvolles Geleit.</p>
+
+<p>Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang
+in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten,
+ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte
+sich zu ihm.</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem
+der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit
+Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
+Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen
+sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen?
+›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der
+kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist,
+wem der Himmel sein tägliches Brot beschert
+hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu
+sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand,
+empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein
+guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage
+kommen, dies zu empfinden!«</p>
+
+<p>Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und
+das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig
+in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station
+sprach Rudin von der Würde des Menschen, von
+der Bedeutung der wahren Freiheit – seine
+Worte waren warm, edel und aufrichtig – und
+als es zum Scheiden gekommen war, hielt es
+Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den
+Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin
+ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht
+darüber, daß er von Bassistow schied, es waren
+Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las
+Rudins Brief.</p>
+
+<p>»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er
+– »ich habe mich entschlossen, abzureisen. Ein
+anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe mich
+entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
+sagt, daß ich mich entfernen möge. Mit
+meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse
+auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu
+also noch zögern? … Dies alles ist richtig,
+werden Sie denken, warum aber schreibe ich an
+Sie?</p>
+
+<p>»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer,
+und es wäre gar zu hart, müßte ich annehmen,
+daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,
+hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt.
+Ich will weder mich rechtfertigen, noch irgend
+jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich will,
+so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse
+der letzten Tage sind so unerwartet, so plötzlich
+hereingebrochen …</p>
+
+<p>»Die heutige Zusammenkunft wird mir als
+Lehre dienen. Ja, Sie haben recht: ich kannte
+Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner
+Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder
+Gattung zu schaffen gehabt, bin mit vielen
+Frauen und Mädchen in Berührung gekommen;
+doch als Sie mir begegneten, fand ich zum ersten
+Male eine vollkommen reine und gerade Seele.
+Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie
+zu würdigen. Ich fühlte mich gleich am ersten
+Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen hingezogen
+– Sie müssen es bemerkt haben. – Viele
+Stunden verbrachte ich mit Ihnen und habe Sie
+nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht
+einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich
+habe mir einbilden können, ich empfinde Liebe<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
+zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt
+die Strafe.</p>
+
+<p>»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt
+… Das Gefühl, das ich für sie
+empfand, war ein gemischtes, und so war auch
+das ihrige; sie war aber kein Naturkind und so
+paßte denn eines zum anderen. Die Wahrhaftigkeit
+zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie
+auch jetzt nicht erkannt, als sie vor mir stand …
+Zuletzt erst erkannte ich sie, doch zu spät … Was
+vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben
+hätte sich in eins verschmelzen können – und
+wird es nun nimmer. Wie beweise ich Ihnen, daß
+ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des
+Herzens und nicht der Einbildung hätte lieben
+können, wenn ich selbst nicht weiß, ob ich einer
+solchen Liebe fähig bin!</p>
+
+<p>»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß
+es und will nicht aus falsch verstandener Scham
+bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in
+dieser für mich so bitteren, so schmachvollen
+Stunde … Ja, viel gab mir die Natur; und ich
+werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was
+meiner Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne
+von mir die geringste heilsame Spur zu hinterlassen.
+Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:
+ich werde die Frucht meiner Aussaat
+nicht ernten. Es gebricht mir … ich selbst
+weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich
+gebricht … Es gebricht mir vermutlich an dem,
+ohne welches weder die Herzen der Menschen<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span>
+sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern
+läßt; die Herrschaft aber über die Geister
+allein ist eben so unsicher als nutzlos. Sonderbar,
+fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich
+ganz, mit wahrer Gier, vollständig hin – und
+kann mich doch nicht hingeben. Das Ende wird
+sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich
+nicht einmal glaube, opfern werde … Mein
+Gott! fünfunddreißig Jahre alt und immer noch
+sich zur Tat zu rüsten!</p>
+
+<p>»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen,
+wie jetzt – dies ist meine Beichte.</p>
+
+<p>»Doch genug von mir. Mich verlangt, von
+Ihnen zu sprechen, Ihnen einige Ratschläge zu
+erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie
+sind noch jung; doch wie lange Sie auch leben
+mögen, folgen Sie stets den Eingebungen ihres
+Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,
+noch von fremdem Verstande beherrschen.
+Glauben Sie mir, je einfacher, beschränkter der
+Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt,
+desto besser ist es; es kommt nicht darauf an,
+neue Seiten in demselben zu entdecken, wohl
+aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit
+stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung
+gewesen‹<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> … Ich bemerke jedoch, daß diese Ratschläge
+weit mehr mich als Sie betreffen.</p>
+
+<p>»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir
+ist sehr schwer ums Herz. Ich habe mich niemals<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
+in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja
+Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können;
+ich lebe jedoch der Hoffnung, einen, wenn auch
+nur temporären Hafen gefunden zu haben …
+Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren.
+Was ersetzt mir Ihre Unterhaltung, Ihre Gegenwart,
+Ihren aufmerkenden und klugen Blick?
+… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden
+aber zugeben, daß uns das Schicksal wie vorsätzlich
+hart mitgespielt hat. Vor einer Woche
+ahnte mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern
+abend im Garten vernahm ich zum ersten Male
+aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich
+Ihnen ins Gedächtnis rufen, was Sie an dem
+Abend sagten – und schon heute reise ich ab,
+reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung
+mit Ihnen und trage keine Hoffnung mit
+mir davon … Und noch wissen Sie nicht, in
+welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen
+bin … Ich bin nun einmal so tölpelhaft
+offenherzig und geschwätzig … Doch wozu
+davon reden! Ich reise ab für immer.« (Hier
+hatte Rudin Natalia von seinem Besuche bei
+Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze
+Stelle jedoch nach einigem Überlegen gestrichen
+und sodann in dem Briefe von Wolinzow das
+zweite Postskriptum hinzugefügt.)</p>
+
+<p>»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie
+Sie heute früh mit grausamem Lächeln zu mir
+sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten
+Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
+doch imstande, mich in der Tat diesen Beschäftigungen
+zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit
+zu überwinden … Doch nein! Ich werde
+dasselbe unvollendete Wesen, das ich bisher gewesen
+bin, bleiben … Beim ersten Hindernis
+– falle ich auseinander; der Vorfall mit Ihnen
+hat es mir bewiesen. Hätte ich mindestens doch
+meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach
+eigenem Berufe zum Opfer gebracht; es war aber
+nur die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehmen
+sollte, über die ich erschrak, und darum bin
+ich wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht
+wert, daß Sie sich für mich aus Ihrer Sphäre
+losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles
+gut gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich
+vielleicht reiner und kräftiger hervorgehen.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie
+wohl! Erinnern Sie sich zuweilen meiner. Ich
+hoffe, Sie sollen noch von mir hören.</p>
+
+<p class="mright">
+Rudin.«
+</p>
+
+<p>Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie
+fallen und blieb lange unbeweglich mit auf den
+Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief bewies
+ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht
+hätten, wie recht sie gehabt hatte, als sie
+an diesem Morgen beim Abschiede von Rudin
+unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht
+liebe! Doch fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert.
+Regungslos saß sie da; es däuchte ihr, dunkle
+Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen
+und sie versänke in den Abgrund, stumm<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
+und erstarrt. Eine erste Enttäuschung preßt jedem
+das Herz ab; fast unerträglich aber ist dieselbe
+für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung
+sucht, und welcher Leichtfertigkeit und
+Übertreibung fremd sind. Natalia gedachte ihrer
+Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging,
+jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten
+Rande des Himmels, dorthin, wo das
+Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite
+desselben entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt
+das Leben vor ihr, und sie hatte dem Lichte den
+Rücken gekehrt …</p>
+
+<p>Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen
+sind nicht jedesmal wohltuend. Erquickend und
+heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der
+Brust verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs
+mit Anstrengung, dann immer leichter,
+immer ruhiger; die stumme Angst des Grames
+löst sich in ihnen auf … Es gibt jedoch kalte,
+spärlich rinnende Tränen: tropfenweise entpreßt
+sie dem Herzen mit seinem schweren und steten
+Druck das auf demselben lastende Leid; erquickungslos
+sind sie und bringen keine Erleichterung.
+Solche Tränen weint die Not, und wer
+sie nicht vergoß, war noch nicht unglücklich. Natalia
+lernte sie heute kennen.</p>
+
+<p>Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein
+Herz, stand auf, trocknete die Augen, zündete ein
+Licht an, verbrannte an der Flamme desselben
+Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf
+die Asche zum Fenster hinaus. Dann schlug sie<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
+aufs Geratewohl Puschkin auf und las die ersten
+Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich
+häufig auf diese Weise aus ihm wahrsagen zu
+lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr Blick:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schattenbild entschwundnen Glücks …</div>
+ <div class="verse indent0">Für ihn hat alles Reiz verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Erinnerung nur und Reue bohren</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem
+Lächeln einen Blick auf ihre Gestalt im Spiegel,
+machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung
+von oben nach unten und begab sich ins
+Gastzimmer hinab.</p>
+
+<p>Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt,
+so führte sie dieselbe in ihr Kabinett, hieß
+sie neben sich Platz nehmen, streichelte ihr freundlich
+die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam,
+fast neugierig in die Augen. In Darja Michailowna
+waren geheime Mutmaßungen aufgestiegen:
+es kam ihr zum ersten Male der Gedanke
+– daß sie in der Tat ihre Tochter nicht kenne.
+Als sie durch Pandalewski von der Zusammenkunft
+mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet
+als erstaunt gewesen, daß ihre verständige Natalia
+sich zu einem solchen Schritte hatte entschließen
+können. Als sie sie aber zu sich rief und
+sie zu schelten begann, nicht etwa im Tone einer
+feinen Weltdame, sondern ziemlich schreiend und
+unmanierlich, da machten die festen Antworten
+Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
+Darja Michailowna verwirrt, ja erschreckten
+sie sogar.</p>
+
+<p>Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche
+Abreise Rudins nahm eine Zentnerlast von
+ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische
+Anfälle gefaßt … Und abermals machte
+Natalias äußerliche Ruhe sie irre.</p>
+
+<p>»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna
+das Wort, »wie geht es heute?«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihre Mutter an.</p>
+
+<p>»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du
+nicht, weshalb er sich so schnell davongemacht
+hat?«</p>
+
+<p>»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme,
+»ich gebe Ihnen mein Wort, wenn Sie nicht
+selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir
+nie etwas über ihn hören.«</p>
+
+<p>»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«</p>
+
+<p>Natalia senkte den Kopf und wiederholte:</p>
+
+<p>»Sie werden von mir nie etwas über ihn
+hören …«</p>
+
+<p>»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja
+Michailowna lächelnd. »Ich glaube dir. Vorgestern
+aber, erinnerst du dich, wie … Nun,
+nichts mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und
+vergessen. Nicht wahr? Jetzt erkenne ich dich wieder;
+ich war aber wirklich ganz irre geworden.
+Nun, gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges
+Kind …«</p>
+
+<p>Natalia führte Darja Michailownas Hand<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span>
+an ihre Lippen und diese drückte einen Kuß auf
+den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.</p>
+
+<p>»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß
+nicht, daß du eine Laßunski und meine Tochter
+bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich
+sein. Jetzt aber geh.«</p>
+
+<p>Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna
+sah ihr nach und dachte: so war ich –
+die wird sich auch fortreißen lassen: <em class="antiqua">mais elle
+aura moins d’abandon</em>. Und Darja Michailowna
+versank in Erinnerungen an Vergangenes
+… längst Vergangenes …</p>
+
+<p>Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb
+lange unter vier Augen mit ihr eingeschlossen.
+Nachdem diese entlassen worden war, rief sie
+Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den
+wirklichen Grund der Abreise Rudins erfahren
+… Pandalewski beruhigte sie indessen vollkommen.
+So etwas schlug in sein Fach.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner
+Schwester zu Mittag. Darja Michailowna war
+immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal
+jedoch empfing sie diese Gäste mit ausnehmender
+Freundlichkeit. Natalia war unerträglich schwer
+zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig
+gegen sie, so schüchtern, wenn er das Wort an
+sie richtete, daß sie im Herzen nicht anders konnte,
+als ihm Dank dafür zu wissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p>
+
+<p>Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig,
+doch als man sich trennte, fühlte jeder sich wieder
+ins frühere Geleise gebracht; und das will
+viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das
+frühere Geleise gekommen … alle, ausgenommen
+Natalia. Als sie allein war, schleppte sie
+sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde,
+wie gebrochen mit dem Gesicht auf das Kissen.
+Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es widerte
+sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham
+vor sich selbst, vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß
+sie gewiß in diesem Augenblicke zu sterben bereit
+gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen
+ihr bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle
+Aufregungen; sie war aber jung – das Leben
+hatte für sie eben erst begonnen, das Leben
+aber schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was
+für ein Schlag den Menschen treffen mag, es
+wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben
+Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen
+Sie den trivialen Ausdruck – nach Essen
+verlangen, und da haben wir schon eine erste
+Tröstung …</p>
+
+<p>Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum
+ersten Male … Doch die ersten Leiden, wie auch
+die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und
+Gott sei es gedankt!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="XII">XII</h2>
+</div>
+
+<p>Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war
+in den ersten Tagen des Mai. Auf dem Balkon
+ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt
+nicht mehr Lipin, sondern Leschnew; ungefähr
+vor einem Jahre hatte sie Michael Michailitsch
+geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur
+in der letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor
+dem Balkon, von welchem aus Stufen in den
+Garten führten, ging eine Amme umher mit
+einem rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen
+und weißem Besatz auf dem Hütchen. Alexandra
+Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem
+Kinde. Es schrie nicht, saugte mit wichtiger
+Miene an seinem Finger und schaute ruhig um
+sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger
+Sohn Michael Michailitschs.</p>
+
+<p>Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem
+Balkone unser alter Bekannter Pigassow. Er war
+seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben,
+merklich ergraut, gebeugt, magerer geworden und
+zischte beim Sprechen: ein Vorderzahn war ihm
+ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch
+mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich
+mit den Jahren nicht vermindert, doch waren
+seine Witze stumpf geworden, und er verfiel häufiger
+in Wiederholungen. Michael Michailitsch
+war nicht zu Hause, man erwartete ihn zum Tee.
+Die Sonne war bereits untergegangen. Ein langer,
+blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
+am Abendhimmel hin, während an dem entgegengesetzten
+Himmelsrande zwei solcher Streifen
+sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere,
+obere, rötlich-veilchenblau. In der Höhe
+verschwammen leichte Wölkchen. Alles versprach
+anhaltend gutes Wetter.</p>
+
+<p>Plötzlich lachte Pigassow auf.</p>
+
+<p>»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?«
+fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich,
+wie ein Bauer zu seiner Frau, die gerade etwas
+redselig geworden war, sagte: knarre nicht! …
+Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre
+nicht! Und in der Tat, worüber können die Weiber
+denn reden? Sie wissen, ich habe die Anwesenden
+niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren
+klüger als wir. In ihren Legenden sitzt die
+Schöne am Fenster, mit einem Stern auf der
+Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So
+muß es auch sein. Und urteilen Sie selbst: da
+sagt zu mir vorgestern unsere Frau Adelsmarschallin
+– wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s
+vor den Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht
+meine Tendenz! Tendenz! Nun, frage ich sie,
+wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für
+alle, wenn sie, kraft irgendwelcher wohltuenden
+Verfügung der Natur, plötzlich des Gebrauches
+der Sprache beraubt worden wäre?«</p>
+
+<p>»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch,
+Sie ziehen immer gegen uns wehrlose<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span>
+… Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in
+seiner Art, gewiß. Sie tun mir leid.«</p>
+
+<p>»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens
+gibt es meiner Ansicht nach überhaupt nur dreierlei
+Unglück auf der Welt: im Winter in kalter
+Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel
+zu tragen und in einem Zimmer zu schlafen, wo
+ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver
+streuen darf. Übrigens bin ich nicht der
+friedfertigste Mensch von der Welt geworden?
+Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel
+bin ich geworden! So sittsam ist jetzt
+mein Betragen!«</p>
+
+<p>»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß
+es gestehen! Hat doch gestern noch Helena Antonowna
+sich bei mir über Sie beschwert.«</p>
+
+<p>»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt,
+wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen
+hindurch. auf alle ihre Fragen nur eine Antwort
+gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit
+so winselndem Tone …«</p>
+
+<p>Pigassow lachte.</p>
+
+<p>»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie
+doch zugeben, Alexandra Pawlowna …, wie?«</p>
+
+<p>»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl
+gegen eine Frau so unhöflich benehmen, Afrikan
+Semenitsch?«</p>
+
+<p>»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in
+Ihren Augen?«</p>
+
+<p>»Was ist sie denn in den Ihrigen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span></p>
+
+<p>»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche
+Trommel, worauf man mit Stöcken
+paukt …«</p>
+
+<p>»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna,
+um der Unterhaltung eine andere Richtung
+zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört
+habe, Glück wünschen?«</p>
+
+<p>»Wozu?«</p>
+
+<p>»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die
+Glinow-Wiesen sind Ihnen ja zugesprochen …«</p>
+
+<p>»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte
+finster Pigassow.</p>
+
+<p>»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet
+und scheinen jetzt nicht zufrieden.«</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,«
+brachte Pigassow langsam hervor, »es
+kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben,
+als wenn ein Glück zu spät kommt. Freude
+kann es Ihnen doch nicht bringen, dagegen raubt
+es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht –
+das Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige,
+ein spätes Glück ist nichts als ein bitterer und
+beleidigender Spott. –«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln.</p>
+
+<p>»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist
+Zeit, daß Mischa zu Bett gebracht wird. Gib ihn
+hierher.«</p>
+
+<p>Und Alexandra Pawlowna machte sich mit
+ihrem Sohne zu schaffen, während Pigassow sich
+brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p>
+
+<p>Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem
+Wege, der längs dem Garten hinlief, Michael
+Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor derselben
+liefen zwei große Hofhunde her: der eine
+gelb, der andere grau; er hatte sie sich vor kurzem
+erst angeschafft. Sie zerrten sich unaufhörlich
+und waren die besten Freunde. Ein alter
+Dachshund kam ihnen bis vor das Tor entgegen
+und sperrte das Maul auf, als wolle er
+bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und
+er kehrte, mit dem Schwanze ruhig wedelnd, wieder
+um.</p>
+
+<p>»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew
+schon von weitem seiner Frau zu, »wen ich dir
+da mitbringe.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich
+die Person, die hinter ihrem Manne saß.</p>
+
+<p>»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann.</p>
+
+<p>»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und
+was für vortreffliche Nachrichten er bringt.
+Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.«</p>
+
+<p>Und er fuhr in den Hof hinein.</p>
+
+<p>Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow
+auf dem Balkon.</p>
+
+<p>»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme
+schließend, »Sergei heiratet!«</p>
+
+<p>»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt.</p>
+
+<p>»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier
+hat diese Nachricht aus Moskau mitgebracht, und
+es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du,
+Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
+Sohnes erfassend, »Dein Onkel heiratet! …
+Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit
+den Augen dazu!«</p>
+
+<p>»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte
+die Amme.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra
+Pawlowna trat, »ich bin heute von Moskau im
+Auftrage von Darja Michailowna gekommen –
+die Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch
+der Brief.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief
+ihres Bruders. Er bestand aus nur wenigen
+Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete
+er der Schwester, er habe um Natalia angehalten,
+ihre und Darja Michailownas Einwilligung
+bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich
+zu schreiben und umarmte und küßte in
+Gedanken alle. Er schrieb offenbar in einer Art
+von Betäubung.</p>
+
+<p>Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich
+setzen. Man überschüttete ihn mit Fragen. Alle,
+Pigassow sogar, waren über die erhaltene Nachricht
+erfreut.</p>
+
+<p>»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe
+der Unterhaltung, »es sind uns Gerüchte über
+einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen
+– sollte an ihnen etwas Wahres sein?«</p>
+
+<p>Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher
+noch nicht kennengelernt hat, war ein hübscher
+junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen
+und wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
+sah dabei so aus, als wäre er kein lebendiger
+Mensch, sondern eine ihm selbst auf Subskription
+errichtete Statue.</p>
+
+<p>»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow
+mit einem Lächeln. »Darja Michailowna
+war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch
+nichts von ihm wissen.«</p>
+
+<p>»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen,
+»das ist ja ein Doppeltölpel, ein Erzperückenstock
+… ich bitte Sie. Wenn alle Leute
+ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld
+zahlen lassen, wenn man überhaupt leben sollte
+… wie ist das möglich!«</p>
+
+<p>»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der
+Welt spielt er jedoch keine der letzten Rollen.«</p>
+
+<p>»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra
+Pawlowna aus, »lassen wir ihn! Ach, wie bin
+ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist
+heiter, glücklich?«</p>
+
+<p>»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen
+sie ja – sie scheint aber zufrieden zu sein.«</p>
+
+<p>Der Abend verging unter angenehmen und
+heiteren Gesprächen. Man setzte sich zu Tische.</p>
+
+<p>»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu
+Bassistow, indem er ihm Lafitte einschenkte,
+»wissen Sie, wo Rudin weilt?«</p>
+
+<p>»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit.
+Vorigen Winter kam er auf kurze Zeit nach
+Moskau und reiste dann mit einer Familie nach
+Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
+Briefe: in dem letzten benachrichtigte er
+mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte jedoch
+nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte
+ich nichts mehr von ihm.«</p>
+
+<p>»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das
+Wort, »er sitzt irgendwo und hält Reden. Dieser
+Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden,
+die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und
+ihm Geld vorschießen. Geben Sie acht, das Ende
+davon wird sein, er stirbt in irgendeinem Provinzialstädtchen
+– in den Armen einer überreifen
+Jungfer mit falschem Haar, die ihm, als
+dem genialsten Menschen von der Welt, ein heiliges
+Andenken bewahren wird …«</p>
+
+<p>»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte
+Bassistow halblaut und unzufrieden.</p>
+
+<p>»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow,
+»sondern der Wahrheit getreu. Meiner Ansicht
+nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts.
+Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er,
+zu Leschnew gewendet, fort, »ich habe ja die Bekanntschaft
+jenes Terlachow gemacht, mit welchem
+Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl,
+jawohl! Was der mir von ihm erzählt hat,
+davon machen Sie sich keinen Begriff – das
+ist wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle
+Freunde und Nacheiferer Rudins mit der Zeit
+seine Feinde werden.«</p>
+
+<p>»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde
+auszuschließen!« unterbrach ihn mit Feuer
+Bassistow.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p>
+
+<p>»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf
+Sie ist es auch nicht gemünzt.«</p>
+
+<p>»Was war es denn, was Ihnen Terlachow
+erzählte?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die
+allerbeste Anekdote über Rudin aber ist folgende:
+Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung beschäftigt
+(diese Herren sind es fortwährend, während
+andere, einfach gesagt, schlafen und essen –
+befinden sie sich im Momente der Entwicklung des
+Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr
+Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) …
+Also mit seiner Entwicklung fortwährend beschäftigt,
+war Rudin auf dem Wege der Philosophie
+zu dem Vernunftschlusse gekommen, daß er sich
+verlieben müsse. Er stellte Nachforschungen über
+den Gegenstand an, der einem so wunderbaren
+Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte
+ihm. Er machte die Bekanntschaft einer Französin,
+einer allerliebsten Putzhändlerin. Das ereignete
+sich, merken Sie wohl, in einer deutschen
+Stadt am Rhein. Er besuchte sie, brachte ihr
+allerlei Bücher und sprach mit ihr über Natur
+und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin
+vor! sie hielt ihn für einen Astronomen.
+Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht
+übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel.
+Endlich bestimmte er eine Zusammenkunft,
+ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel
+auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte
+ihr bestes Kleid an und fuhr mit ihm in der<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
+Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen
+zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß
+er sich diese ganze Zeit über beschäftigte? Er hat
+der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll
+den Himmel angeschaut und ihr mehrmals
+wiederholt, daß er ›väterliche‹ Zärtlichkeit für sie
+fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach
+Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow
+erzählt. Solch ein Kerl ist er gewesen!«</p>
+
+<p>Und Pigassow lachte laut auf.</p>
+
+<p>»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra
+Pawlowna ärgerlich, »indessen gewinne
+ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß
+selbst diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm
+nichts Schlechtes nachsagen können.«</p>
+
+<p>»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein
+beständiges Leben auf fremder Leute Kosten,
+seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß
+hat er auch von Ihnen geborgt?«</p>
+
+<p>»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann
+Leschnew, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine
+Frau weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit
+keine besondere Zuneigung zu Rudin gefühlt und
+oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem
+dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser)
+will ich Ihnen folgenden Vorschlag machen:
+wir haben soeben auf die Gesundheit unseres
+teueren Bruders und seiner Braut getrunken; ich
+fordere Sie jetzt auf, auf die Gesundheit Dmitri
+Rudins zu trinken!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen
+Leschnew mit Verwunderung an, während Bassistow
+das Herz im Leibe hüpfte und er vor
+Freude rot wurde und die Augen aufriß.</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von
+seinen Fehlern weiß ich nur zu viel. Sie fallen
+um so mehr in die Augen, weil er selbst kein
+Alltagsmensch ist.«</p>
+
+<p>»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow
+ein.</p>
+
+<p>»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte
+Leschnew, »aber Natur – das ist eben das
+schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht
+davon, von dem Guten, Seltenen in ihm wollte
+ich sprechen. Er ist voll Begeisterung; das ist
+aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem
+Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft.
+Wir sind alle unausstehlich überlegt,
+gleichgültig und träge geworden; wir sind schläfrig,
+erkaltet und müssen es demjenigen Dank
+wissen, der uns, wenn auch nur auf einen Augenblick,
+aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die
+höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach
+einmal mit dir von ihm und beschuldigte ihn der
+Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht zugleich.
+Diese Kälte steckt bei ihm im Blute –
+daran ist er nicht schuld – nicht aber im Kopfe.
+Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, kein Betrüger,
+kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten
+nicht wie ein Schleicher, sondern wie ein Kind
+… Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend und<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
+Armut sterben; sollte man aber deshalb einen
+Stein auf ihn werfen? Er selbst wird nie etwas
+vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur und
+Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten,
+daß er keinen Nutzen bringen werde,
+nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine
+Worte nicht schon viel guten Samen in junge
+Herzen gestreut haben, denen die Natur nicht
+wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen
+des Gedachten versagt hat? Habe ich ja
+doch, ich vor allem, alles dieses an mir selbst erfahren
+… Sascha weiß, was Rudin in meinen
+jungen Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich
+ferner, behauptet zu haben, daß Rudins Worte
+keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten;
+ich redete aber damals von Menschen,
+die mir meinem jetzigen Alter nach gleichstanden,
+von Menschen, die das Leben bereits gekostet
+haben, und die vom Leben etwas zerzaust
+sind. Ein falscher Ton in der Rede – und sie
+verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling
+ist aber glücklicherweise das Gehör noch nicht so
+ausgebildet, noch nicht so verwöhnt. Wenn nur
+der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was
+kümmert ihn da der Ton! Den wird er schon in
+sich selbst finden.«</p>
+
+<p>»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr
+ist das gesprochen! Was jedoch Rudins Einfluß
+betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß
+einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern
+ihn auch weiterschob, ihm die Zeit nicht ließ,<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
+stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn
+entflammte, begeisterte!«</p>
+
+<p>»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an
+Pigassow wendend, »welchen Beweis brauchen
+Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter;
+wenn Sie von ihr reden, finden Sie nicht genug
+verächtliche Ausdrücke. Ich bin ihr auch nicht
+besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht
+von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen
+her! Philosophische Spitzfindigkeiten und
+Träumereien werden an dem Russen nie haften;
+dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand;
+man darf aber auch nicht die Philosophie als
+Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben
+nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es
+ist Rudins Unglück, daß er Rußland nicht kennt,
+und in der Tat ist das ein großes Unglück. Das
+Vaterland kann einen jeden von uns entbehren,
+aber keiner von uns das Vaterland. Wehe dem,
+der da meint, daß er’s könne; doppelt wehe über
+den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus
+– ist ein Unding, der Kosmopolit – eine
+Null, ärger als eine Null; außerhalb der Nationalität
+gibt es weder Kunst, noch Wahrheit,
+noch Leben, gibt es nichts. Ohne Physiognomie
+ist nicht einmal das ideale Gesicht; nur das
+gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber
+wieder darauf zurückkommen, Rudins Schuld ist
+es nicht: sein Verhängnis ist es, ein bitteres,
+schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß
+nicht vorwerfen werden. Es würde uns zu weit<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
+führen, wollten wir untersuchen, warum Leute,
+wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen
+für das Gute, das in ihm ist, dankbar sein. Dies
+ist leichter als ungerecht gegen ihn zu sein, und
+wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine
+Strafe über ihn zu verhängen, steht uns nicht zu,
+es wäre auch unnütz: er hat sich selbst viel strenger
+bestraft, als er es verdiente … Und gebe
+Gott, daß das Unglück alles Schlechte aus ihm
+ausscheide und nur das Schöne in ihm zurücklasse!
+Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich
+trinke auf die Gesundheit des Kameraden meiner
+besten Jahre, ich trinke auf das Wohl der
+Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres
+Vertrauens und ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl
+von allem, was unsere zwanzigjährigen Herzen
+schon klopfen machte und was im späteren Leben
+nichts Besseres aus unserem Gedächtnis verdrängen
+konnte, verdrängen wird … Ich trinke
+auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf
+Rudins Wohl!«</p>
+
+<p>Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte
+im Eifer beinahe sein Glas zerschlagen und stürzte
+dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, Alexandra
+Pawlowna drückte Leschnew die Hand.</p>
+
+<p>»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch,
+daß Sie so beredt wären,« bemerkte
+Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich
+muß gestehen, das hat sogar mich gepackt.«</p>
+
+<p>»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte
+Leschnew nicht ohne Unwillen, »<em class="gesperrt">Sie</em> aber zu<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
+packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. Doch
+genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«</p>
+
+<p>»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er
+gleich? … Pandalewski! lebt der immer noch
+bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow
+wendend.</p>
+
+<p>»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat
+ihm eine einträgliche Stelle ausgewirkt.«</p>
+
+<p>Leschnew lächelte.</p>
+
+<p>»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür
+ließe sich bürgen.«</p>
+
+<p>Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen
+auseinander. Als Alexandra Pawlowna mit
+ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie
+ihm zärtlich ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte
+sie, seine Stirn sanft mit der Hand streichelnd,
+»wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe
+aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil
+Rudins hinreißen lassen, wie ehemals zu dessen
+Nachteile …«</p>
+
+<p>»Den am Boden Liegenden schlägt man
+nicht<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> … überdies befürchtete ich damals, daß
+er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,«
+fügte er lächelnd hinzu.</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna,
+»er ist mir von jeher zu gelehrt vorgekommen,
+ich fürchtete mich vor ihm und wußte<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
+nicht, wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte.
+Pigassow hat sich aber doch heute ziemlich boshaft
+über ihn lustig gemacht, scheint dir’s nicht?«</p>
+
+<p>»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich
+nahm ich mit solcher Wärme Rudin in
+Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn
+einen Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht
+nach ist aber die Rolle, die er, Pigassow, spielt,
+hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges
+Vermögen, macht sich über alles lustig und
+schwänzelt bei Vornehmen und Reichen herum!
+Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der
+mit solcher Erbitterung auf alle und alles
+schimpft und über Philosophie und Weiber herfällt,
+– weißt du wohl, daß er, als er sich noch
+im Amte befand, ein Sportelreißer war und noch
+dazu ein arger!«</p>
+
+<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna.
+»Das hätte ich nicht erwartet … Höre,
+Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu,
+»was ich dich fragen will …«</p>
+
+<p>»Nun?«</p>
+
+<p>»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit
+Natalia glücklich sein?«</p>
+
+<p>»Wie soll ich dir darauf antworten … allem
+Anschein nach, ja … die Oberhand wird sie behalten
+– unter uns brauchen wir kein Geheimnis
+daraus zu machen – sie ist klüger als er;
+er ist aber ein herrlicher Mensch und liebt sie
+von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
+wir beide einander doch und sind glücklich, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lächelte und drückte
+Michael Michailitsch die Hand.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An demselben Tage, als das soeben Erzählte
+im Hause Alexandra Pawlownas vorging –
+schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements
+Rußlands, in der drückendsten Hitze,
+auf der Landstraße eine schlechte, mit Matten
+bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt
+waren, mühsam dahin. Auf dem Vorderrande
+hielt sich, die Füße schräg auf das Strängeholz
+gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem
+Wams, zog unaufhörlich an den Strickleinen
+und schwenkte dazu eine kleine Peitsche;
+im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich
+gefüllten Mantelsack ein Mann von hohem
+Wuchse in Mütze und altem, staubigem Mantel.
+Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da
+und hatte den Schirm seiner Mütze über die
+Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße
+des Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf
+die andere, er schien nichts zu empfinden, als
+wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete
+er sich auf.</p>
+
+<p>»Wann werden wir denn endlich zur Station
+kommen?« fragte er den vorn sitzenden Bauer.</p>
+
+<p>»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
+und zog noch eifriger an den Leinen, »sind wir
+erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben
+nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du!
+schläfst du … Ich will dich lehren,« setzte er
+fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd
+mit der Peitsche anzutreiben.</p>
+
+<p>»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,«
+bemerkte Rudin, »wir schleppen uns schon seit
+dem Morgen und können nicht ankommen. Singe
+mir wenigstens etwas vor.«</p>
+
+<p>»Was soll man machen, Väterchen! Die
+Pferde, Sie sehen ja selbst, sind ganz verhungert
+… und dazu noch die Hitze. Was nun das
+Singen betrifft … das versteht unsereiner nicht:
+wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« rief
+auf einmal der Bauer einem vorübergehenden
+Wanderer in braunem, schlechtem Kittel und abgetretenen
+Bastschuhen zu, »heda, mache uns
+Platz, Freundchen!«</p>
+
+<p>»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer
+ihm nach und blieb stehen. »Moskauer
+Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes
+hinzu, schüttelte den Kopf und ging des Weges
+langsam weiter.</p>
+
+<p>»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde
+zu und zog wieder ruckweise an den Leinen;
+»ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«</p>
+
+<p>So gut es ging, erreichten die ermüdeten
+Pferde endlich den Posthof. Rudin stieg aus der
+Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht dafür<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span>
+dankte und das Geld lange in der hohlen Hand
+herumwarf – er hatte vermutlich ein größeres
+Trinkgeld erwartet –, und trug seinen Mantelsack
+selbst in das Postzimmer.</p>
+
+<p>Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben
+viel in Rußland umhergereist war, hat die
+Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem Stationszimmer
+Bilder hängen, welche Szenen aus
+Puschkins »Gefangenen im Kaukasus« oder russische
+Generale vorstellen, man bald Pferde bekommen
+kann; wenn dagegen die Bilder das Leben
+des berüchtigten Spielers Georges de Germany
+darstellen, der Reisende auf baldige Beförderung
+nicht rechnen darf: er wird Zeit genug
+haben, sich sattzusehen an dem emporgestrichenen
+Hahnenkamm, der weißen Weste mit breiten
+Aufschlägen und den außerordentlich engen und
+kurzen Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend
+und an seiner rasenden Physiognomie, als
+er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle,
+in einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn
+erschlägt. In dem Zimmer, in welches Rudin
+trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig
+Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf
+seinen Ruf erschien der Stationshalter mit verschlafenem
+Gesichte (ich möchte wissen – ob
+wohl jemand einen Stationshalter mit einem
+nicht verschlafenen Gesichte gesehen hat?) und
+ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit
+träger Stimme, es seien keine Pferde da.</p>
+
+<p>»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
+da,« erwiderte Rudin, »wenn Sie nicht einmal
+wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit Privatpferden
+hierhergekommen.«</p>
+
+<p>»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte
+der Posthalter. »Wohin wollen Sie
+denn?«</p>
+
+<p>»Nach …sk.«</p>
+
+<p>»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der
+Stationshalter und ging hinaus.</p>
+
+<p>Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf
+seine Mütze auf den Tisch. Er hatte sich in diesen
+zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber
+gelber geworden; hin und wieder schillerten silberne
+Fäden in dem Haar und die Augen, immer
+noch schön, schienen etwas matter geworden zu
+sein; leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen
+Denkens, zeigten sich an den Lippen,
+den Wangen und den Schläfen.</p>
+
+<p>Seine Kleidung war abgetragen und alt, von
+Wäsche war nirgends etwas zu sehen. Die Zeit
+seiner Blüte war offenbar vergangen, er war,
+wie der Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat
+geschossen.</p>
+
+<p>Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu
+lesen … ein beliebter Zeitvertreib sich langweilender
+Reisenden … plötzlich knarrte die Tür
+und der Stationshalter trat herein.</p>
+
+<p>»Pferde nach …sk sind keine da und werden
+noch lange nicht da sein, aber nach …ow
+sind Retourpferde zu haben.«</p>
+
+<p>»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
+bitte Sie! das liegt ja gar nicht auf meinem
+Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie
+mir deucht, in der Richtung nach Tambow.«</p>
+
+<p>»Was tut es? Sie können dann aus Tambow
+weiter, oder wenn es Ihnen beliebt, werden Sie
+von …ow aus wieder hierher zurückkehren
+können.«</p>
+
+<p>Rudin überlegte.</p>
+
+<p>»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen
+Sie einspannen. Mir ist es ganz gleich; ich
+fahre nach Tambow.«</p>
+
+<p>Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin
+trug seinen Mantelsack hinaus, stieg in den Postkarren,
+setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf
+hängen.</p>
+
+<p>Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes
+in seiner gebeugten Gestalt … Und das
+Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter
+dem einförmigen Geklingel der Schellen
+dahin.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Epilog">Epilog</h2>
+</div>
+
+<p>Wiederum waren einige Jahre verstrichen.</p>
+
+<p>An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange
+des Hauptposthofes der Gouvernementsstadt
+S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich
+reckend stieg aus derselben ein Herr, er war noch
+nicht alt, besaß jedoch bereits jene Fülle des Leibes,
+die man »respektabel« zu nennen pflegt.
+Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen
+war, blieb er im Eingange des breiten
+Korridors stehen, und da er niemand gewahr
+wurde, forderte er mit lauter Stimme ein
+Zimmer. Sogleich hörte man eine Tür zuwerfen,
+ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen
+Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz
+auf der Rückseite und den Ärmeln seines
+abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich.
+Als der Fremde in sein Zimmer trat, warf er
+sogleich Mantel und Plaid ab, setzte sich auf
+einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie,
+blickte wie schlaftrunken umher und befahl sodann,
+seinen Bedienten zu rufen. Der Diener tat
+einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende
+war kein anderer als Leschnew. Er war der<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
+Rekrutenaushebung wegen von seinem Gute nach
+S. gekommen.</p>
+
+<p>Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger
+und rotwangiger Bursche, in grauem, mit
+blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen
+Filzstiefeln trat in das Zimmer.</p>
+
+<p>»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch
+angekommen,« sagte Leschnew, »und du hattest
+befürchtet, die Schiene am Rade werde abspringen.«</p>
+
+<p>»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte
+der Bediente, und versuchte über dem
+aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln,
+»wie aber die Schiene nicht abgesprungen ist,
+das …«</p>
+
+<p>»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im
+Korridor hören.</p>
+
+<p>Leschnew fuhr zusammen und horchte auf.</p>
+
+<p>»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme.</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich, trat an die Tür und
+machte sie rasch auf.</p>
+
+<p>Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse,
+fast ganz ergraut und gebeugt, in einem alten
+Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte
+ihn sogleich.</p>
+
+<p>»Rudin!« rief er bewegt.</p>
+
+<p>Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht
+Leschnews, der mit dem Rücken gegen das Licht
+stand, nicht erkennen und blickte ihn zweifelhaft
+an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
+
+<p>»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew
+ihn an.</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und
+streckte die Hand vor, wurde aber verwirrt und
+zog sie wieder zurück …</p>
+
+<p>Leschnew ergriff sie mit beiden Händen.</p>
+
+<p>»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu
+Rudin und führte ihn in sein Zimmer.</p>
+
+<p>»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew
+nach einigem Schweigen und unwillkürlich die
+Stimme senkend.</p>
+
+<p>»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem
+Blicke im Zimmer umherschweifend. »Die Jahre
+… Sie aber – sind wie früher. Wie geht es
+Alexandra … Ihrer Gemahlin?«</p>
+
+<p>»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt
+Sie hierher?«</p>
+
+<p>»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In
+diesem Hause befinde ich mich ganz zufällig. Ich
+suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich
+sehr …«</p>
+
+<p>»Wo speisen Sie?«</p>
+
+<p>»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem
+Gasthause. Ich muß heute noch fort von hier.«</p>
+
+<p>»Sie müssen?«</p>
+
+<p>Rudin lächelte bedeutsam.</p>
+
+<p>»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum
+Aufenthalt an.«</p>
+
+<p>»Speisen Sie mit mir.«</p>
+
+<p>Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade
+in die Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span></p>
+
+<p>»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen
+zu speisen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden.
+Wollen Sie? Ich glaubte nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen
+und Gott weiß, wenn wir uns
+wiedersehen werden. Wir können doch so nicht
+voneinander scheiden!«</p>
+
+<p>»Gut, ich bin es zufrieden.«</p>
+
+<p>Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den
+Diener, bestellte das Essen und befahl, eine
+Flasche Champagner auf Eis zu stellen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während des Essens unterhielten sich Leschnew
+und Rudin, gleichsam wie verabredet, ausschließlich
+von ihrem Studentenleben, kamen auf
+vieles zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene.
+Anfangs sprach Rudin gezwungen,
+doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken
+hatte, wurde er warm. Endlich nahm der Diener
+die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew stand auf,
+verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch,
+Rudin gerade gegenüber und stützte still sein
+Kinn auf beide Hände.</p>
+
+<p>»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles
+erzählen, was sich mit Ihnen zugetragen hat,
+seit ich Sie nicht gesehen habe.«</p>
+
+<p>Rudin warf einen Blick auf Leschnew.</p>
+
+<p>Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er
+aussieht, der arme Mensch!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p>
+
+<p>Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel
+verändert, besonders seit der Zeit, da wir ihn
+auf der Station trafen, obgleich bereits Spuren
+des nahenden Alters darin sichtbar waren, der
+Ausdruck war jetzt aber ein anderer. Die Augen
+blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, aus
+seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen,
+aus seiner schleppenden und gleichsam
+gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung,
+geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten
+Schwermut von früher durchaus
+nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer
+von Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe
+erfüllten Jugend so gut zu Gesichte steht.</p>
+
+<p>»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet
+ist?« begann er. »Alles läßt sich nicht erzählen
+und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt
+habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben,
+nicht mit dem Körper allein – auch mit der
+Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren!
+Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen!
+… Ja, mit wem,« wiederholte
+Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn
+mit besonderer Teilnahme anblickte. »Wie oft haben
+meine eigenen Worte mich angewidert –
+nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern
+auch in dem Munde jener Leute, die meine Ansichten
+teilten! Welche Übergänge habe ich
+durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit
+eines Kindes bis zur stumpfen Gefühllosigkeit
+des Pferdes, das nicht einmal mehr mit<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
+dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft
+… Wie viele Male habe ich mich umsonst gefreut,
+umsonst gehofft, gekämpft und mich erniedrigt!
+Wie oft habe ich wie ein Falke meine
+Fittiche ausgebreitet – und bin auf die Erde
+zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, wie die
+Schnecke, deren Schale man zertreten hat! …
+Wo bin ich nicht überall gewesen; welche Wege
+hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt schmutzige
+Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich
+etwas ab.</p>
+
+<p>»Sie verstehen,« fuhr er fort …</p>
+
+<p>»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst
+sagten wir ›du‹ zueinander … Willst du? Wir
+frischen das alte auf … Trinken wir auf das
+Du!«</p>
+
+<p>Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick
+flimmerte etwas, was keine Sprache wiederzugeben
+vermag.</p>
+
+<p>»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder,
+laß uns trinken.«</p>
+
+<p>Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.</p>
+
+<p>»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung
+des Wortes »du« und lächelnd, »es sitzt
+in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt
+und mir nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt
+mich den Menschen entgegen – anfangs empfinden
+sie meinen Einfluß, nachher aber …«</p>
+
+<p>Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit
+der Hand.</p>
+
+<p>»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah,<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
+bin ich um mancherlei Erfahrungen reicher geworden
+… Mehrmals habe ich ein neues Leben
+angefangen, mehrfach die Hand an ein
+neues Werk gelegt – und da siehst du nun, wie
+weit ich gekommen bin!«</p>
+
+<p>»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam
+vor sich hin, Leschnew.</p>
+
+<p>»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! …
+Etwas erbauen, das habe ich nie gekonnt! Und
+es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen,
+wenn man keinen Boden unter sich fühlt, wenn
+man sein eigenes Fundament erst selbst legen
+muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer,
+das heißt, all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei,
+drei Vorfälle sollst du erfahren … jene Vorfälle
+aus meinem Leben, wo, wie es schien, der
+Erfolg mir bereits lächelte, oder nein, wo ich
+anfing, auf Erfolg zu hoffen – was nicht ganz
+dasselbe ist …«</p>
+
+<p>Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes
+Haar mit derselben Handbewegung
+zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er
+noch dunkles und volles Haar hatte.</p>
+
+<p>»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich
+mit einem ziemlich sonderbaren Menschen zusammen.
+Er war sehr reich und besaß beträchtliche
+Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten,
+seine Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft
+war die Liebe zur Wissenschaft, zur Wissenschaft
+im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt nicht begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
+wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war!
+Sie stand ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel.
+Er selbst konnte sich nur mit Mühe auf der Höhe
+der Vernunft behaupten und verstand es kaum,
+sich auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll
+die Augen und schüttelte bedenklich den Kopf.
+Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur,
+Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte
+an jene weiten Strecken im Smolenskischen
+Gouvernement, wo man nur Sand findet –
+Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches
+Gras, das kein Tier fressen mag. Es wollte
+ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus
+seinen Händen, alles, und obendrein war er noch
+darauf versessen, was leicht war, sich zu erschweren.
+Hätte es von ihm abgehangen, er
+würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben,
+auf dem Kopfe zu gehen. Er arbeitete,
+schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen
+starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld
+stürzte er sich auf die Wissenschaften; sein
+Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein Charakter
+war eisern. Er lebte allein und galt für
+einen Sonderling. Ich wurde mit ihm bekannt
+und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte
+ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich.
+Dann besaß er ein so schönes Vermögen, es ließ
+sich durch ihn so viel Gutes, so viel wahrhafter
+Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und
+fuhr endlich mit ihm auf sein Landgut. –
+Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir herum;<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
+ich träumte von vielen Verbesserungen,
+Neuerungen …«</p>
+
+<p>»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,«
+bemerkte Leschnew mit gutmütigem Lächeln.</p>
+
+<p>»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten
+überzeugt, daß meine Worte unfruchtbar
+bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete
+sich vor mir ein Feld ganz anderer Art aus …
+Ich schleppte agronomische Bücher herbei …
+von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein
+einziges bis zu Ende gelesen habe … und dann
+machte ich mich an die Arbeit. Anfangs ging es
+nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien
+es gehen zu wollen. Mein neuer Freund schwieg
+zu allem und schaute zu, er störte mich nicht, das
+heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich
+nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte
+dieselben auch aus, aber starrsinnig, unnachgiebig
+und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er alles
+nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an
+jedem seiner Gedanken, wie der Sonnenkäfer an
+dem Grashalm, dessen Spitze er nur mit Anstrengung
+erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar
+seine Flügel zurechtzupfend, um weiterzufliegen
+– plötzlich aber herunterfällt, um nochmals
+hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht
+über diese Gleichnisse wundern. Schon damals
+hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. Zwei
+Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte
+gingen schlecht, ungeachtet aller meiner Anstrengungen.
+Ich fing an, ihrer überdrüssig zu werden,<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
+mein Freund langweilte mich, und ich
+wurde ihm unbequem und erdrückend; sein Mißtrauen
+ging in schlecht verhehlte Erbitterung
+über, ein feindseliger Geist hatte sich unser beider
+bemächtigt, wir konnten miteinander von nichts
+mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich bemühte
+er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht
+meinem Einflusse fügte; meine Verordnungen
+wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen
+… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn
+Gutsbesitzer nur als Mittel zur geistigen Gymnastik
+diente … Ich war zu einer Art intelligenten
+Parasiten geworden! Schmerzlich ward es
+mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu vergeuden,
+schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und
+abermals mich in meinen Erwartungen getäuscht
+hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel ich verlor,
+wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht
+über mich, und eines Tages, infolge eines widerlichen
+und empörenden Vorfalles, dessen ich Zeuge
+war und der mir meinen Freund in einem wirklich
+zu unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte
+ich mich vollends mit ihm, reiste ab und ließ diesen
+aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups
+zusammengekneteten pedantischen Krautjunker
+fahren.«</p>
+
+<p>»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes
+fahren lassen,« wandte Leschnew ein und
+legte beide Hände auf Rudins Schulter.</p>
+
+<p>»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
+leeren Raume. Fliege nun, wohin du willst …
+Ha, trinken wir eins!«</p>
+
+<p>»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob
+sich und küßte Rudin auf die Stirn. »Auf
+deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken
+… Er hat es auch verstanden, arm zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,«
+sagte Rudin nach einer kleinen Pause. »Soll ich
+fortfahren, wie?«</p>
+
+<p>»Fahre fort, ich bitte dich.«</p>
+
+<p>»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort.
+Ich bin des Redens müde, Bruder … Nun, es
+sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen Stellen
+umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig
+erzählen, wie ich bei einem pflichtgetreuen
+hohen Beamten Sekretär wurde und wie das
+endete; es würde uns jedoch zu weit führen …
+nachdem ich mich also an verschiedenen Orten
+umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt … ich
+bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann,
+ein praktischer Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen:
+ich wurde mit einem gewissen …
+vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem
+gewissen Kurbejew bekannt …«</p>
+
+<p>»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich
+bitte dich, Rudin, wie konntest du mit deinem
+Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein
+Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel …
+Geschäftsmann zu sein?«</p>
+
+<p>»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache
+ist; was ist denn aber überhaupt meine Sache?<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
+… Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle
+ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer
+vor. Man sagt, ich wäre in früheren Jahren
+beredt gewesen. Ich bin im Vergleich zu ihm
+nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener
+Mann; ein schöpferischer Kopf, ein Kopf für
+Industrie und Handelsunternehmungen. Die
+kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in
+seinem Geiste. Wir traten zusammen und faßten
+den Entschluß, gemeinschaftlich unsere Kräfte
+einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.«</p>
+
+<p>»Welchem? Sage doch!«</p>
+
+<p>Rudin senkte den Blick.</p>
+
+<p>»Du wirst lachen müssen.«</p>
+
+<p>»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.«</p>
+
+<p>»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen
+Gouvernement schiffbar zu machen,« äußerte Rudin,
+verlegen lächelnd.</p>
+
+<p>»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?«</p>
+
+<p>»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und
+senkte still seinen ergrauten Kopf.</p>
+
+<p>Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne
+und faßte Rudins Hand.</p>
+
+<p>»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte
+er, »ich hatte das nun gar nicht erwartet. Nun,
+euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?«</p>
+
+<p>»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht.
+Wir mieteten Arbeiter … und gingen ans
+Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse.
+Erstens wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten,<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
+zweitens konnten wir mit dem Wasser
+ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine
+jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten
+wir in Erdhütten. Kurbejews einzige
+Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch
+nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend
+da herum ist wunderschön. Wir quälten und
+quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu überreden
+und sandten Briefe und Zirkulare in die
+Welt. Das Ende davon war, daß mein letzter
+Groschen bei diesem Projekte aufging.«</p>
+
+<p>»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war
+nicht schwer, deinen letzten Groschen daran aufgehen
+zu sehen.«</p>
+
+<p>»In der Tat war das nicht schwer … doch
+das Unternehmen war aber, bei Gott, nicht übel
+und hätte großen Gewinn abwerfen können.«</p>
+
+<p>»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?«
+fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber
+ist er geworden. Und du wirst sehen, er wird
+sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.«</p>
+
+<p>»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht
+dahin bringen.«</p>
+
+<p>»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja
+übrigens, daß ich in deinen Augen von jeher für
+einen unnützen Menschen gegolten habe.«</p>
+
+<p>»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine
+Zeit, du hast recht, wo mir nur deine Schattenseiten
+in die Augen fielen; jetzt aber, glaube<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
+mir’s, habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen
+wirst du dir wohl nicht zusammenschlagen …
+Deshalb aber liebe ich dich …«</p>
+
+<p>Rudin lächelte matt.</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew,
+»verstehst du mich wohl?«</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide.</p>
+
+<p>»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?«
+fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Tu mir den Gefallen.«</p>
+
+<p>»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von
+dieser Nummer habe ich mich eben erst losgemacht.
+Langweilt es dich aber nicht?«</p>
+
+<p>»Erzähle, erzähle.«</p>
+
+<p>»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer
+Stunde der Muße … an Muße hat es mir niemals
+gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse
+besitze ich nicht wenig, ich wünsche das Gute
+du wirst doch nicht absprechen wollen, daß
+ich das Gute wünsche?«</p>
+
+<p>»Das fehlte noch!«</p>
+
+<p>»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger
+durchgefallen … warum sollte ich nicht Pädagog
+werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer?
+… besser doch, als nichts zu tun …«</p>
+
+<p>Rudin hielt inne und schöpfte Atem.</p>
+
+<p>»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird
+es doch sein, wenn ich mich bestrebe, anderen das
+mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden sie
+aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
+schöpfen. Meine Talente sind doch am Ende keine
+alltäglichen; die Gabe der Rede habe ich auch …
+Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu
+widmen. Mühe genug kostete es mir, eine Anstellung
+zu finden; Privatunterricht wollte ich nicht
+erteilen; an Elementarschulen war mein Platz
+nicht. Endlich gelang es mir, die Stelle eines
+Lehrers am hiesigen Gymnasium zu erhalten.«</p>
+
+<p>»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte
+Leschnew.</p>
+
+<p>»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich
+kann dir sagen, noch keine Sache habe ich mit
+solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke,
+auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich.
+Drei Wochen war ich mit der Abfassung meiner
+Antrittsvorlesung beschäftigt.«</p>
+
+<p>»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.</p>
+
+<p>»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen.
+Sie kam nicht schlecht heraus und fand Beifall.
+Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner Zuhörer
+vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem
+Ausdrucke der treuherzigsten Aufmerksamkeit,
+Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. Ich bestieg
+das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im
+Fieber; ich hatte geglaubt, ich würde daran reichlich
+für eine Stunde haben, und in zwanzig Minuten
+war ich fertig. Der Inspektor war auch
+zugegen – ein trockener Alter mit silbergefaßter
+Brille und kurzer Perücke, – von Zeit zu Zeit
+neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als
+ich zu Ende war und von meinem Sessel sprang,<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
+sagte er zu mir: ›Gut, doch etwas zu hoch und
+unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist
+zu wenig gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch
+geleiteten mich mit Blicken der Achtung …
+wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert
+der Jugend. Die zweite Vorlesung und auch die
+dritte hatte ich aufgeschrieben … dann aber improvisierte
+ich.«</p>
+
+<p>»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden
+sich in Massen ein. Ich teilte ihnen alles mit,
+was mir auf der Seele lag. Unter denselben waren
+drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben;
+die übrigen verstanden mich nur halb. Ich muß
+indessen gestehen, daß auch diejenigen, welche mich
+verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen
+verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber
+nicht. Liebten mich ja doch alle: bei den Repetitionen
+gab ich allen gute Zensuren. Da aber entspann
+sich gegen mich eine Intrige … oder
+nein! Eine Intrige war es nicht; ich war, einfach
+gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. Ich
+war den anderen unbequem und die anderen
+waren es mir. Ich hielt Gymnasiasten Vorlesungen,
+wie man sie Studenten nicht immer hält,
+und meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen
+doch nicht so sehr förderlich … ich beherrschte
+die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte
+mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet
+war … Du weißt ja, das war immer
+meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
+und schwöre dir, diese Reformen waren gut
+und ausführbar. Ich hoffte, sie mit Hilfe des
+Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes,
+auf welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte,
+durchzusetzen. Seine Frau stand mir bei. Ich
+habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher
+Frauen getroffen. Sie war bereits nahe
+den Vierzigern, glaubte aber noch an das Gute,
+liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges
+Mädchen und scheute sich nicht, ihre Überzeugung,
+vor wem es auch sein mochte, offen auszusprechen.
+Ich werde niemals ihre edle Begeisterung,
+ihre Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend,
+hatte ich schon einen Plan entworfen, doch da
+wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet
+und ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders
+schadete mir ein Lehrer der Mathematik, ein unansehnlicher,
+bissiger und gallsüchtiger Mensch,
+der an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow,
+aber bei weitem tüchtiger als er … ja, sage
+doch, lebt Pigassow noch?«</p>
+
+<p>»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine
+Dienstmagd geheiratet, die, wie man sagt, ihn
+prügeln soll.«</p>
+
+<p>»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna,
+geht es ihr gut?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Ist sie glücklich?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Rudin schwieg.</p>
+
+<p>»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span>
+vom Lehrer der Mathematik. Er hatte einen Haß
+auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich
+er mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden,
+nicht ganz deutlichen Ausdruck auf und führte
+mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus
+dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache
+aber war, er hatte meine Absichten verdächtigt;
+meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie an
+eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem
+ich mich gleich anfangs nicht gut gestellt hatte,
+reizte den Direktor gegen mich auf; und es kam zu
+einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde
+heftig, die Geschichte kam den Oberen zu Ohren,
+und ich ward gezwungen, meine Entlassung zu
+nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte
+zeigen, daß ich mit mir nicht so umspringen lasse
+… aber leider mußte ich einsehen, daß man
+mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt
+muß ich die Stadt verlassen.«</p>
+
+<p>Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen
+da mit gesenktem Kopfe.</p>
+
+<p>Rudin nahm zuerst wieder das Wort.</p>
+
+<p>»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit
+Koltzow<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> ausrufen: ›Wie hast du, meine Jugend,
+mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß
+nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich
+denn wirklich zu nichts gut, gab es denn wirklich
+gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich
+habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
+Mühe ich mir auch gab, mich in meinen eigenen
+Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch unmöglich,
+in mir das Vorhandensein von Kräften
+nicht zu fühlen, mit denen nicht jedermann begabt
+ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte unfruchtbar?
+Und dann noch eins: erinnerst du
+dich, als wir zusammen im Auslande waren, war
+ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen
+… Es ist wahr, ich war damals nicht
+deutlich dessen bewußt, wonach mich verlangte,
+ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge
+und schenkte Trugbildern Glauben; jetzt
+aber, ich schwöre dir’s, darf ich laut, vor allen,
+gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen:
+ich bin im wahren Sinne des Wortes ein
+wohlgesinnter Mensch; ich werde demütig, will
+mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig,
+strebe nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn
+auch nur geringen, Nutzen schaffen. Aber – es
+will mir nicht gelingen! Was bedeutet das?
+Was hindert mich, zu leben und zu wirken, wie
+andere es tun? Ich trachte ja jetzt nach nichts
+Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine
+bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen
+Punkte Posto zu fassen, so stößt mich das
+Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, Furcht
+zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das
+alles? Erkläre mir dies Rätsel!«</p>
+
+<p>»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist
+wahr. Warst du ja für mich selbst ein Rätsel.
+Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam,<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
+nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich
+wieder das Wort nahmst, daß uns das Herz
+im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal
+anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will
+… selbst damals verstand ich dich nicht: deshalb
+verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so
+viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben
+nach Idealen …«</p>
+
+<p>»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,«
+unterbrach ihn Rudin.</p>
+
+<p>»Die Taten fehlten! Was für Taten?«</p>
+
+<p>»Was für Taten? Eine blinde Großmutter
+und die ganze Familie mit seiner Hände Arbeit
+ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich –
+Da hast du eine Tat.«</p>
+
+<p>»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine
+Tat.«</p>
+
+<p>Rudin blickte schweigend Leschnew an und
+schüttelte still den Kopf.</p>
+
+<p>Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß
+mit der Hand über sein Gesicht.</p>
+
+<p>»Und so fährst du denn auf dein Gut?«</p>
+
+<p>»Ja, ich fahre hin.«</p>
+
+<p>»Hast du denn dein Gut behalten?«</p>
+
+<p>»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe
+Seele. Ein Winkel für mich, wo ich
+den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in
+diesem Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht
+ohne Phrase zu sagen.‹ Die Phrasen, es ist wahr,
+sie haben mein Unglück verschuldet, mich aufgerieben,
+bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
+können. Was ich aber soeben sagte, war
+keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist keine
+Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten
+Ellenbogen – sind keine Phrase. Du bist immer
+streng gegen mich gewesen und das war recht
+von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die
+Rede sein, wenn schon alles abgetan, in der
+Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits
+zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke
+zu verglimmen droht … Der Tod, Bruder,
+muß am Ende alles aussühnen …«</p>
+
+<p>Leschnew sprang auf.</p>
+
+<p>»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir
+das? Wodurch habe ich das von dir verdient?
+Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für
+ein Mensch würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke
+deiner eingefallenen Wangen und Runzeln,
+das Wort Phrase in den Sinn kommen
+könnte? Du willst wissen, was ich von dir denke?
+Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was
+hätte der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen
+können, über welche irdischen Güter würde er
+wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! …
+und ich finde ihn hungernd und ohne Obdach …«</p>
+
+<p>»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin
+kaum hörbar hervor.</p>
+
+<p>»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein
+– das ist es. Was hinderte dich, lange Jahre
+bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, zu
+verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
+nur zu Gefallen hättest leben wollen, dein Auskommen
+wäre gesichert! Weshalb hast du es im
+Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer
+Mensch! – was auch dein jedesmaliges
+Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte
+dein Unternehmen allemal und durchaus damit
+enden, daß du deinen eigenen Vorteil zum Opfer
+brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in
+schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«</p>
+
+<p>»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,«
+fuhr Rudin mit wehmütig-verächtlichem
+Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille
+stehen, nicht weil ein Wurm in dir steckt, wie du
+vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein
+Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht
+dich, und wie man sieht, glüht sie ungeachtet
+aller Misere in dir selbst lebhafter als in vielen
+anderen, die sich nicht einmal für Egoisten
+erklärten und dich vielleicht gar einen Intriganten
+nennen. Ich an deiner Stelle hätte wahrlich
+schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht
+und Frieden mit allem geschlossen; du aber
+bist nicht einmal bitterer geworden, und ich bin
+überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke,
+bereit, von neuem wie ein Jüngling ans
+Werk zu gehen.«</p>
+
+<p>»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte
+Rudin. »Es war für mich genug.«</p>
+
+<p>»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben.
+Du sagst, der Tod sei ein Sühneopfer;<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
+glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt
+hat und gegen andere nicht nachsichtig geworden
+ist, der verdient selbst keine Nachsicht.
+Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht
+bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt
+hast, nach Kräften hast du gekämpft … Was
+verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«</p>
+
+<p>»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch
+als ich,« unterbrach ihn Rudin mit einem Seufzer.</p>
+
+<p>»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew
+fort, »vielleicht eben darum, daß mich, mit
+meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und
+unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts
+daran hinderte, ruhig sitzenzubleiben und, die
+Hände im Schoße, den Zuschauer zu machen,
+während du auf das Feld hinaus mußtest, um
+mit aufgestreiften Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten.
+Unsere Wege gingen auseinander …
+siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden
+wir ja beide fast dieselbe Sprache, auf einen
+halben Wink verstehen wir einander, an denselben
+Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den
+Unserigen sind ja wenige nur noch übrig, Bruder;
+beide sind wir die letzten Mohikaner! In
+früheren Jahren, als wir noch das volle Leben
+vor uns hatten, konnten wir verschiedener Meinung
+sein, ja sogar feindlich einander gegenüberstehen;
+jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter
+wird, da neue Geschlechter an uns vorüberziehen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
+die anderen Zielen, als die unserigen es
+waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten.
+Stoßen wir an, Bruder, und laß uns nach
+alter Art singen: <em class="antiqua">Gaudeamus igitur!</em>«</p>
+
+<p>Die Freunde stießen mit den Gläsern an und
+sangen in gerührtem und falschem, d. h. echt russischem
+Tone das alte Studentenlied.</p>
+
+<p>»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm
+Leschnew wieder das Wort. »Ich glaube nicht,
+daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir
+nicht vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es
+mit dir enden wird. Vergiß aber nicht, daß, was
+sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen
+Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen
+kannst: mein Dach … hörst du, altes
+Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden
+und diese bedürfen eines Asyls.«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich.</p>
+
+<p>»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank!
+Ich werde es dir eingedenk sein. Doch eines
+Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben,
+und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie
+sich’s gebührt.«</p>
+
+<p>»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein
+jeder bleibt, wozu die Natur ihn gemacht hat,
+und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest
+du es nicht den ewigen Juden? … Wie
+kannst du es aber wissen, vielleicht bist du dazu
+bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst
+du dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes
+Verhängnis: nicht umsonst heißt es im<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span>
+Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter
+Gott stehen. Ein Samenausstreuer bist du vielleicht!
+– Gehe also hin, wohin seine Hand dich
+leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß
+Rudin seine Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst
+du nicht für die Nacht?«</p>
+
+<p>»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank …
+Mit mir endet es nicht gut.«</p>
+
+<p>»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«</p>
+
+<p>»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem
+Andenken.«</p>
+
+<p>»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen,
+und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.
+Lebe wohl …«</p>
+
+<p>Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte
+sich rasch.</p>
+
+<p>Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab,
+hielt beim Fenster still und sagte halblaut: »Armer
+Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch
+und fing einen Brief an seine Frau an.</p>
+
+<p>Draußen erhob sich der Wind und schlug mit
+unheilverkündendem Heulen schwer und wie erbost
+an die klirrenden Scheiben. Eine lange
+Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der
+in solchen Nächten ein Dach über sich weiß, einen
+warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge
+Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni
+1848, in Paris, als der Aufstand der »Arbeitervereine«
+fast unterdrückt war, stürmte ein Bataillon
+Linientruppen in einer der engen Quergassen
+der Vorstadt St. Antoine eine Barrikade.
+Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits in
+Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger
+derselben zogen sich zurück und waren nur
+noch auf ihre eigene Rettung bedacht, als plötzlich
+auf dem höchsten Punkte der Barrikade, auf dem
+eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens,
+ein hochgewachsener Mann sichtbar
+wurde in einem alten Rock, mit einer roten
+Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem
+weißen, unordentlichen Haare. In der einen
+Hand hielt er eine rote Fahne, in der anderen
+einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit
+angestrengter, scharfer Stimme, indem er bemüht
+war, höher hinaufzuklimmen und mit Fahne und
+Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger
+legte auf ihn an – ein Schuß fiel …
+dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne –
+und wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein
+Gesicht, als wäre er jemandem zu Füßen gefallen
+… Die Kugel war ihm gerade durchs Herz
+gegangen.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Tiens!</em>« sagte einer der fliehenden <em class="antiqua">insurgés</em>
+zu einem anderen, »<em class="antiqua">on vient de tuer le Polonais!</em>«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Bigre!</em>« antwortete der andere, »<em class="antiqua">sauvons-nous!</em>«<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
+und beide warfen sich in das Kellergeschoß
+eines Hauses, an welchem die Laden alle
+verschlossen waren und dessen Wände überall
+Spuren von Kugeln und Kartätschen zeigten.</p>
+
+<p>Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.</p>
+
+<div class="footnotes"><p class="h3">Fußnoten:</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten
+Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen
+und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> So heißen die kleinrussischen Volkslieder.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Aus Gribojedow.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held
+unserer Zeit«.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Puschkin.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Russisches Sprichwort.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Russischer Volksdichter.</p>
+
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="h2">Bücherverzeichnis
+des Verlags Georg Müller</p>
+</div>
+
+<p class="h3">Friedrich Huch</p>
+
+<p class="booktitle">Neue Träume.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und
+10 ganzseitigen Lithographien von Alfred Kubin.
+Mit einer Vorrede des Verfassers und einer
+Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer
+einmaligen numerierten Auflage von 800 Exemplaren,
+von denen die Nummern 1–100 in
+Halbpergament gebunden wurden. Pappband
+10 Mk., Halbpergt. 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Shakespeare: Sonette.</p>
+
+<p class="noind">Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem
+Nachlaß.) Einmalige Auflage von 600 Exemplaren,
+davon 450 auf Bütten, den Titel und
+die zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner.
+Halbpergt. 12 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem
+Buch eines Lebens.</p>
+
+<p class="noind">Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk.,
+geb. 4 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Humorbuch.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p>
+
+<p class="booktitle">Huneker, James: Chopin.</p>
+
+<p class="noind">Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte
+Übersetzung von Lola Lorme und Heinrich
+Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer.
+3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh.
+5 Mk., Halbleinen 7 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik.</p>
+
+<p class="noind">Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung
+und Anhang von Stefanie Strizek. Mit 24 Bildbeigaben.
+2. Auflage. Halbleder 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Immermann, Karl.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder.</p>
+
+<p class="h3">Der Indische Kulturkreis</p>
+
+<p class="noind">in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung
+von Helmuth von Glasenapp, Otto
+Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem
+Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring.</p>
+
+<p class="booktitle">Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst.</p>
+
+<p class="noind">Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In
+Leinen 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien.</p>
+
+<p class="noind">Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit
+230 Abbildungen auf Tafeln. In Leinen, 2
+Bände 50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Indien. Volk und Kultur / Länder und
+Städte.</p>
+
+<p class="noind">Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen
+auf Tafeln. In Leinen geb. 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Heilige Stätten Indiens.</p>
+
+<p class="noind">Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth
+von Glasenapp. In Leinen ca. 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Ceylon.</p>
+
+<p class="noind">
+Von Dr. Friedrich M. Trautz.<br>
+Mit 128 Tafeln.<br>
+In Leinen geb. 32 Mk.
+</p>
+
+<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt »Der
+indische Kulturkreis«.</p>
+
+<p class="noind">Siehe auch unter Gregor Krause: Bali.</p>
+
+<p class="h3">Heinrich Eduard Jacob</p>
+
+<p class="booktitle">Der Zwanzigjährige.</p>
+
+<p class="noind">Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh.
+2 Mk., geb. 3.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Beaumarchais und Sonnenfels.</p>
+
+<p class="noind">Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Jean Paul</p>
+
+<p class="booktitle">Die Briefe Jean Pauls.</p>
+
+<p class="noind">Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben
+und erläutert von Eduard Berend. 1.
+Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem
+Stammbaum. 2. Band: 1794–1797. Mit 6
+Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797
+bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis
+1805. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum.
+Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk.,
+in Ganzleder 50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Dr. Katzenbergers Badreise.</p>
+
+<p class="noind">2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May.
+Halbleinen 10 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Jean Pauls Persönlichkeit.</p>
+
+<p class="noind">Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben
+von Eduard Berend. Mit 15 Bildbeigaben.
+Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Das heimliche Klaglied der heutigen Männer.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="center p2 larger">*</p>
+
+<p class="booktitle">Jenseitsrätsel.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p>
+
+<p class="h3">Elisabeth Joest</p>
+
+<p class="booktitle">Jens Palmström.</p>
+
+<p class="noind">Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Vibrationen.</p>
+
+<p class="noind">Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann
+Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem
+zoge und, um seiner Frauen Reden, gen
+Konstantinopel, König Hugo zu sen.</p>
+
+<p class="noind">(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.)
+Nachdichtung aus dem Altfranzösischen
+von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer
+Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten
+von Hans Pape. In alter Fraktur gedruckt
+in einmaliger Aufl. von 250 numerierten
+und vom Künstler signierten Expl., davon 50
+auf Bütten. Ausgabe A: Büttenausgabe in
+handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten
+in Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk.
+Ausgabe B: Handgearbeiteter Ganzpgtbd. (ohne
+Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts.</p>
+
+<p class="noind">Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen
+von Rudolf Großmann. Einmalige
+numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten
+mit der Hand als Halblederband gebunden 40
+Mk., als Pappband gebunden 18 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre
+der Reformation.</p>
+
+<p class="noind">Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt.
+Mit 8 Abbildungen. Halbleinen 4 Mk., geh.
+2 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kant.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Bibliothek der Philosophen.</p>
+
+<p class="booktitle">Karlchen.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Ettlinger.</p>
+
+<p class="booktitle">Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied.</p>
+
+<p class="noind">Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski.
+Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Kataloge</p>
+
+<p class="booktitle">Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags
+Georg Müller. 1924/25.</p>
+
+<p class="noind">Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Katalog der Bücher des Verlags Georg
+Müller. 1923.</p>
+
+<p class="noind">Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius.
+0.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag.</p>
+
+<p class="noind">210 Seiten. 1918. 2 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Bücher des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit
+zahlreichen Abbildungen. 150 Seiten. 0.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Literaturbericht des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Das Reich des Eros.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">16 Seiten. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Das Zeitalter Napoleons I.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen.</p>
+
+<p class="noind">Mit Abbildungen. Kostenlos.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kaus, Gina: Der Aufstieg.</p>
+
+<p class="noind">Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Gottfried Keller</p>
+
+<p class="booktitle">Sieben Legenden.</p>
+
+<p class="noind">Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt
+in 1200 Expl. Die Holzschnitte wurden von
+den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt.
+geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a.</p>
+
+<p class="noind">Halbleinen 2 Mk.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers.
+Diapsalmata.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher
+und unter Bibliothek der Philosophen.</p>
+
+<p class="h3">Eugen Kilian</p>
+
+<p class="booktitle">Goethes Egmont auf der Bühne.</p>
+
+<p class="noind">Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels.
+Ein Handbuch der Regie. Geh. 4.50 Mk.,
+Halbleinen 5.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Dramaturgische Blätter.</p>
+
+<p class="noind">Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen
+Dramaturgie, der Regiekunst und der
+Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Aus der Praxis der modernen Dramaturgie.</p>
+
+<p class="noind">Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze
+und Studien aus dem Gebiete der praktischen
+Dramaturgie, der Regiekunst und der Theatergeschichte.
+Geh. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Goethes Faust auf der Bühne.</p>
+
+<p class="noind">Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung
+des Gedichtes. Geh. 1.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Shakespeare: Antonius und Kleopatra.</p>
+
+<p class="noind">Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins
+Übersetzung für die deutsche Bühne bearbeitet.
+2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="h3">Friedrich M. Kircheisen</p>
+
+<p class="booktitle">Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit.</p>
+
+<p class="noind">1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797,
+3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799, 5. Bd.:
+1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen,
+Faksimiles, Karten und Plänen. Leder
+je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk.</p>
+
+<p class="noind">(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.)</p>
+
+<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das
+Zeitalter Napoleons I.«</p>
+
+<p class="booktitle">Napoleon im Lande der Pyramiden und
+seine Nachfolger 1798–1801.</p>
+
+<p class="noind">Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und
+Plänen. Geh. 7 Mk., Halbleder 20 Mk.</p>
+
+<p class="center s90 p2">Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe:</p>
+
+<p class="center large bold">Goethes Tagebuch der italienischen Reise</p>
+
+<p class="center s90">(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher)</p>
+
+<p class="center s80 p2">Druck von Mänicke &amp; Jahn A.-G., Rudolstadt</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter transnote" id="tnextra">
+
+<p class="h2">Weitere Anmerkung zur Transkription</p>
+
+<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie
+im Original beibehalten.
+Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
+<p>Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der Titelseite zusammengesetzt
+und ist gemeinfrei (Public Domain.</p>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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Binary files differ