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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-05 07:21:46 -0800
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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription
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+
+ Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
+ Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter
+ Text ist ~so markiert~.
+
+ Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
+ Buches.
+
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+
+Iwan Turgenieff / Rudin
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ Iwan Turgenieff
+
+ Rudin
+
+ *
+
+ München bei Georg Müller
+ 1927
+
+
+
+
+ Copyright 1926 by Georg Müller Verlag
+ A.-G., München / Printed in Germany
+
+
+
+
+I
+
+
+Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch
+am reinen Himmel, auf den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den
+eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und in dem noch feuchten
+und lautlosen Walde stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied
+an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge von oben bis unten mit
+reifendem Roggen bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. Nach
+diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, eine junge Frau in weißem
+Mousselinkleide und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm in der Hand.
+Ein kleiner, als Kosak gekleideter Dienstbursche folgte ihr in einiger
+Entfernung.
+
+Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände sie Vergnügen an ihrem
+Spaziergange. Rings umher auf dem langen und schwankenden Roggen zogen
+in silbergraulichem und rötlichem Farbenspiele langgestreckte Wogen mit
+sanftem Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. Die junge
+Frau kam aus dem ihr gehörigen größeren Dorfe, das etwa eine Werst von
+dem Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatte.
+Sie hieß Alexandra Pawlowna Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich
+begütert, und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten Bruder, Sergei
+Pawlowitsch Wolinzow, einem Stab-Rittmeister außer Diensten, welcher
+ihr Gut verwaltete.
+
+Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; sie blieb bei dem
+äußersten, sehr alten und verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren
+Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen und sich nach dem
+Befinden der Eigentümerin zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt
+von einem altersschwachen Bauer mit weißem Barte.
+
+»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.
+
+»Kann ich hineingehen?«
+
+»Warum nicht.«
+
+Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es war eng darin, beklommen und
+räucherig … Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. Alexandra
+Pawlowna sah sich um und gewahrte in dem Halbdunkel den gelben und
+runzeligen Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch umhüllte. Bis
+unter den Hals mit einem dicken Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und
+bewegte schwach ihre mageren Arme.
+
+Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran und berührte ihre Stirne
+mit der Hand; sie war brennend heiß.
+
+»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte sie, sich über die Ofenbank
+beugend.
+
+»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie Alexandra Pawlowna gewahr
+worden war. »Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen ist
+gekommen, mein Täubchen.«
+
+»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, Matrona. Hast du die
+Arznei eingenommen, die ich dir geschickt habe?«
+
+Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. Sie hatte die Frage
+nicht recht gehört.
+
+»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, der an der Türe
+stehengeblieben war.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.
+
+»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.
+
+»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber immer davon. Kann nicht
+sitzen bleiben: ein wildes Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter
+reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst zu alt: was kann ich
+helfen?«
+
+»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus tragen?«
+
+»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, wo man stirbt. Sie hat ihre
+Zeit abgelebt; es muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von der
+Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins Krankenhaus! Hebt man sie nur
+auf, so ist sie tot.«
+
+»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine schöne, gnädige Frau, meine
+Kleine, die Waise, verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von
+hier, du aber …«
+
+Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.
+
+»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es soll alles geschehen. Ich
+habe dir da Tee und Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, trinke …
+Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« setzte sie, mit einem Blick auf
+den Alten, hinzu.
+
+»Einen Samowar? Nein, einen Samowar haben wir nicht, man kann sich das
+aber verschaffen.«
+
+»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, so schicke ich dir einen.
+Und sage auch deiner Enkelin, sie solle nicht aus dem Hause laufen.
+Sage ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«
+
+Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den eingewickelten Tee und
+Zucker mit beiden Händen entgegen.
+
+»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich komme wieder
+zu dir, verliere den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich ein …«
+
+Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte sich gegen Alexandra
+Pawlowna vor.
+
+»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.
+
+Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, sie beugte sich über sie und
+küßte sie auf die Stirne.
+
+»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum Alten, »die Arznei muß ihr
+durchaus eingegeben werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee gebt
+ihr zu trinken.«
+
+Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte sich nur.
+
+Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie wieder in die frische Luft
+gekommen war. Sie schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits
+nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke der Hütte herum auf einer
+niedrigen Reitdroschke ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er
+hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge an und trug eine Mütze
+aus gleichem Stoffe. Als er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt
+er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht war breit und
+bleich, mit kleinen blaßgrauen Augen und hellblondem Schnurrbart; das
+Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.
+
+»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen Lächeln hervor, »was machen
+Sie denn hier, wenn ich fragen darf?«
+
+»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo kommen Sie aber, Michael
+Michailitsch?«
+
+Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, schaute ihr in die Augen und
+lächelte wieder.
+
+»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, »eine Kranke zu besuchen;
+wäre es aber nicht besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«
+
+»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«
+
+»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind Sie nicht Willens, es
+eingehen zu lassen?«
+
+»Eingehen lassen? Weshalb?«
+
+»Nun, so.«
+
+»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen der in den Kopf gekommen?«
+
+»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, und stehen, wie
+es scheint, unter ihrem Einflusse. Wie die nun sagt, sind ja
+Krankenhäuser, Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. Die
+Wohltätigkeit soll persönlich sein, ebenso die Bildung; das alles ist
+Sache der Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie sich aus. Wem
+sie das nachsingt, möchte ich aber wissen?«
+
+Alexandra Pawlowna lachte auf.
+
+»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich liebe und achte sie sehr;
+sie kann ja aber auch irren und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«
+
+»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte Michael Michailitsch, immer
+noch auf der Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren eigenen
+Worten keinen rechten Glauben. Es freut mich übrigens sehr, daß ich Sie
+getroffen habe.«
+
+»Wieso?«
+
+»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer angenehm wäre, mit Ihnen
+zusammenzukommen! Heute sind Sie ebenso frisch und freundlich, wie
+dieser Morgen.«
+
+Alexandra Pawlowna lachte wieder.
+
+»Worüber lachen Sie denn?«
+
+»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, mit welcher apathischen, kalten
+Miene Sie Ihr Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß Sie es ohne
+Gähnen zu Ende gebracht haben.«
+
+»Mit kalter Miene … Sie wollen immer Feuer haben; Feuer taugt aber zu
+nichts. Es lodert auf, qualmt und verlischt.«
+
+»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna hinzu.
+
+»Ja … und brennt auch.«
+
+»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist auch kein Übel! Immer noch
+besser als …«
+
+»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch ebenso sprechen, wenn Sie
+sich, auch nur einmal, tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach
+sie ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den Zügeln auf sein
+Pferd. »Leben Sie wohl!«
+
+»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief Alexandra Pawlowna, »wann
+sehen wir Sie bei uns?«
+
+»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«
+
+Und die Droschke rollte davon.
+
+Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch nach. Ein wahrer Mehlsack!
+dachte sie. Zusammengebückt, staubbedeckt, mit der in den Nacken
+geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche Büschel gelben Haares
+hervorguckten, war er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.
+
+Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf dem Wege nach Hause zurück.
+Gesenkten Blickes schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes
+in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und den Blick zu erheben … Ihr
+entgegen ritt ihr Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, mittleren
+Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem Röckchen, schmalem Halstüchelchen und
+leichtem grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der Hand. Schon von
+weitem lächelte er Alexandra Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah,
+daß sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf irgend etwas acht zu
+geben. Sie bemerkte ihn erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast
+zärtlich sagte:
+
+»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten Morgen!«
+
+»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« antwortete sie. »Sie kommen
+von Darja Michailowna?«
+
+»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht der junge Mann, »von Darja
+Michailowna. Sie hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen
+zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so wunderschön, es sind im ganzen
+nur vier Werst bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu Hause. Ihr
+Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka gegangen, er selbst war im
+Begriff aufs Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, Ihnen
+entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«
+
+Der junge Mann sprach russisch, rein und grammatikalisch richtig,
+jedoch mit einem fremden Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen
+war. In seinen Gesichtszügen lag etwas Asiatisches. Die lange, gebogene
+Nase, die großen, hervortretenden, starren Augen, die dicken roten
+Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze Haar, – alles an ihm
+bekundete die orientalische Abkunft.
+
+Sein Name war Pandalewski und als seine Heimat gab er Odessa an,
+obgleich er irgendwo in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen und
+reichen Witwe erzogen worden war. Eine andere Witwe hatte ihm eine
+Anstellung ausgewirkt. Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise Frauen
+reiferen Alters: er verstand es, von ihnen zu erlangen, was er wollte.
+
+Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei einer reichen
+Gutsbesitzerin, Darja Michailowna Laßunski, als Pflegesohn oder
+Kostgänger. Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll und im
+geheimen sinnlich, hatte eine angenehme Stimme, spielte nicht schlecht
+Klavier und pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken.
+Seine Kleidung war sehr sauber und hielt bei ihm lange vor, sein
+breites Kinn war sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.
+
+Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis zu Ende an und wandte sich
+darauf zu ihrem Bruder.
+
+»Heute begegne ich einem nach dem andern; soeben habe ich Leschnew
+gesprochen.«
+
+»Ah! wirklich!«
+
+»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, in einem linnenen
+Sackkittel, ganz von Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«
+
+»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«
+
+»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski verwundert.
+
+»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte Wolinzow. »Indessen,
+lebe wohl, Schwester: ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir
+Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich nach Hause begleiten.«
+
+Und Wolinzow trabte davon.
+
+»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin Diomiditsch und bot
+Alexandra Pawlowna seinen Arm.
+
+Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen den Weg zum
+herrschaftlichen Hause ein.
+
+ * * * * *
+
+Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu wandeln, erfüllte, wie es schien,
+Constantin Diomiditsch mit Glück und Stolz; er machte nur kurze
+Schritte, lächelte mit Behagen, und seine morgenländischen Augen
+wurden feucht, was übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete
+ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne fallen zu lassen. Und wem
+wäre es wohl nicht angenehm, ein hübsches, junges und schmuckes Weib am
+Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna sagte das ganze Gouvernement,
+sie sei reizend, und das Gouvernement täuschte sich nicht. Schon ihr
+gerades, unmerklich aufgeworfenes Näschen konnte jeden Sterblichen um
+den Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, braunen Augen,
+das goldblondene Haar und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer
+vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. Das Beste an ihr war
+jedoch der Ausdruck ihres lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit,
+Treuherzigkeit und Sanftmut rührte und zog es an. Alexandra Pawlowna
+hatte den Blick und das Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes
+fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr wünschen?
+
+»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, sagten Sie?« fragte sie
+Pandalewski.
+
+»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte er, und er sprach
+dabei den Buchstaben s, wie die Engländer das th aus, »sie wünschten
+durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten sie heute zu Mittag
+besuchen. Sie erwarteten einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von
+einer dritten Person redete, gebrauchte in der Regel die Mehrzahl) »und
+wünschten durchaus, daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker aus Petersburg. Darja
+Michailowna haben ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt
+und sind des Lobes über ihn voll, als über einen liebenswürdigen
+und gebildeten jungen Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch
+mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was für ein reizender
+Schmetterling! bitte, betrachten Sie … oder richtiger gesagt, mit
+politischer Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr interessante
+Frage geschrieben – und wünscht ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu
+unterwerfen.«
+
+»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«
+
+»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, in bezug auf den Stil.
+Es ist Ihnen wohl, denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch
+hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate gezogen und mein
+Wohltäter, der in Odessa lebende, hochehrenwerte, großwürdige Roxolan
+Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses Mannes ist Ihnen gewiß
+bekannt?«
+
+»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie gehört.«
+
+»Haben von diesem Manne nichts gehört? Merkwürdig! Ich wollte sagen,
+daß auch Roxolan Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung von den
+Kenntnissen Darja Michailownas in der russischen Sprache gehabt hat.«
+
+»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, im Gegenteil, man
+erkenne in ihm sogleich den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit
+solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den alten Fürsten Entzücken
+überkam … Das, muß ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das
+schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses herrliche Feldblümchen
+anbieten?«
+
+Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen und ließ es, einige Schritte
+weiter, auf den Weg fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch etwa
+zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor kurzem gebaut und weiß getüncht,
+schaute es mit seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus dem
+dichten Laube alter Linden und Ahornbäume hervor.
+
+»Was hätte ich also Darja Michailowna zu hinterbringen,« begann
+Pandalewski von neuem, ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches
+sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich zum Mittage hinbemühen?
+Darja Michailowna lassen Ihren Bruder auch einladen.«
+
+»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. Was macht Natascha?«
+
+»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund … Doch wir sind an dem
+Wege, welcher zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. Erlauben
+Sie, daß ich Abschied nehme.«
+
+Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen also nicht bei uns
+vorsprechen?« fragte sie zögernd.
+
+»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht befürchtete, zu spät
+zu kommen. Darja Michailowna haben gewünscht, eine neue Etüde von
+Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und einstudiert werden. Dann
+aber, muß ich gestehen, bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen
+irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«
+
+»Doch nein … warum aber …«
+
+Pandalewski stieß einen Seufzer aus und senkte beredt den Blick.
+
+»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« sagte er nach einigem Schweigen,
+verbeugte sich und trat einen Schritt zurück.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich um und ging nach Hause.
+
+Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg ein. Alles Süßliche
+war sogleich von seinem Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender,
+ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein Gang sogar war ein anderer
+geworden; er schritt jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei
+Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die Luft mit seinem Stöckchen
+zerteilend, als plötzlich das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er
+war hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches Bauernmädchen gewahr
+geworden, das Kälber aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin
+Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, dem Mädchen und
+redete es an. Anfangs antwortete es nichts, wechselte die Farbe und
+lachte vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem Ärmel, wandte
+sich ab und sagte:
+
+»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«
+
+Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem Finger und hieß sie ihm
+Kornblumen holen.
+
+»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du etwa Kränze flechten?«
+erwiderte das Mädchen, »nun, so geh doch, aber wirklich …«
+
+»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder Constantin Diomiditsch …
+
+»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das Mädchen, »sieh, da kommen
+die jungen Herren.«
+
+Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, auf dem Wege daher
+kamen Wanja und Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter ihnen
+her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein junger Mann von zweiundzwanzig
+Jahren, der eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow war ein
+langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, großer Nase, starken Lippen
+und kleinen Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich und
+gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich das Haar wachsen, – nicht
+um damit zu stolzieren, sondern aus Faulheit; – liebte zu essen und
+zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und anregende Unterhaltung;
+Pandalewski haßte er von ganzer Seele.
+
+Die Kinder der Darja Michailowna hatten Bassistow über alles lieb und
+nicht die geringste Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen stand
+er auf vertrautem Fuße, was der Dame des Hauses gerade nicht gefiel,
+obwohl sie oft behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.
+
+»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin Diomiditsch, »wie früh
+ihr heute spazieren geht! Ich bin auch schon zeitig vom Hause
+fortgegangen,« setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu; »meine
+Leidenschaft ist’s, in der Natur zu schwelgen.«
+
+»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur schwelgen,« brummte
+Bassistow.
+
+»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich in allem etwas … Ich kenne
+Sie!«
+
+Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem ähnlichen Leuten redete,
+so geriet er leicht in Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft
+etwas pfeifend aus.
+
+»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen nach dem Wege erkundigt?«
+sagte Bassistow, indem er den Blick bald rechts- bald linkshin
+schweifen ließ.
+
+Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr ins Gesicht blickte, und das
+war ihm äußerst peinlich.
+
+»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist und weiter nichts. Sie
+wollen in allem durchaus nur die prosaische Seite sehen …
+
+»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, »ihr seht auf der Wiese den
+Weidenbusch: wir wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin läuft …
+eins! zwei! drei!«
+
+Und über Hals und Kopf rannten die Kinder zu der Weide.
+
+Bassistow stürzte ihnen nach …
+
+Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben wird er die Jungen … Ein
+wahrer Bauernlümmel!
+
+Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes sauberes und nettes
+Figürchen musternd, betupfte Constantin Diomiditsch zweimal mit
+ausgespreizten Fingern die Ärmel seines Rockes, schob den Kragen
+zurecht und ging seines Weges. Auf seinem Zimmer angelangt, zog er
+einen abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter Miene
+ans Klavier.
+
+
+
+
+II
+
+
+Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast für das erste im ganzen
+Gouvernement. Massiv, steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke
+des vergangenen Jahrhunderts erbaut, erhob es sich großartig auf dem
+Gipfel eines Hügels, an dessen Fuße einer der bedeutendsten Ströme
+des mittleren Rußlands vorüberfloß. Darja Michailowna selbst war eine
+angenehme und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. Wenn auch
+Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, sie kenne ganz Europa und Europa
+kenne sie, – so kannte sie doch Europa wenig und spielte selbst in
+Petersburg keine bedeutende Rolle; in Moskau dagegen kannten sie alle
+und statteten ihr Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, und wurde
+für eine etwas sonderbare, nicht sehr gute, aber außerordentlich kluge
+Frau gehalten. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. Poeten
+hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute sich in sie verliebt, hohe
+Herren ihr den Hof gemacht. Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig
+bis dreißig Jahre verstrichen, und von den früheren Reizen war keine
+Spur zurückgeblieben. »Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie
+zum ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, gelbliche,
+spitznasige und noch nicht betagte Frau einst eine Schönheit gewesen
+wäre? Ist sie es wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern
+besungen wurde?« Und jedermann staunte innerlich über den Wechsel alles
+Irdischen. Es ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas Augen
+in wunderbarer Weise ihren alten Zauber behalten hatten; eben dieser
+Pandalewski aber behauptete ja auch, daß ganz Europa sie kenne.
+
+Darja Michailowna kam jeden Sommer auf ihr Landgut mit ihren Kindern
+(sie hatte deren drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und zwei
+Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt offenes Haus, das heißt,
+sie empfing bei sich Männer; besonders unverheiratete Edeldamen
+aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür ließen ihr diese
+Damen aber auch kein gutes Haar! Darja Michailowna war, nach deren
+Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare Tyrannin, und was
+die Hauptsache wäre, – sie erlaube sich solche Freiheiten in der
+Unterhaltung, daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna liebte es
+in der Tat nicht, sich auf dem Lande Zwang aufzulegen, und in der
+freien Einfachheit ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung
+einer großstädtischen Weltdame für die sie umgebenden, meistens
+unbedeutenden Persönlichkeiten hindurch … Selbst mit ihren städtischen
+Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja spöttisch um; doch fehlte
+dabei die Schattierung von Verachtung.
+
+Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß Leute, die im Kreise ihrer
+Untergebenen ungewöhnlich zerstreut zu sein pflegen, es niemals im
+Umgange mit höher gestellten Personen sind? Woher mag das kommen? Doch
+– wozu dergleichen Fragen!
+
+Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die Thalbergsche Etüde
+einstudiert hatte, begab er sich aus seinem netten und freundlichen
+Stübchen hinaus ins Empfangszimmer und fand dort die ganze Gesellschaft
+des Hauses bereits versammelt. Der Salon war schon geöffnet. Auf einer
+breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen und eine neue
+französische Broschüre in der Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor
+dem Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter Darja Michailownas,
+von der anderen Mlle. Boncourt, die Gouvernante, eine alte,
+vertrocknete Jungfer von sechzig Jahren mit einer schwarzen Haartour
+unter der farbigen Haube und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei
+der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen und las die Zeitung,
+während neben ihm Petja und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an den
+Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, stand ein Herr von mittlerem
+Wuchse, mit unordentlichem, grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe und
+kleinen, unruhigen, schwarzen Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit
+Namen.
+
+Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. Auf alles und alle
+erbittert – vorzüglich auf das weibliche Geschlecht, schalt er vom
+Morgen bis zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen ziemlich flach,
+immer jedoch mit Selbstbefriedigung. Er war reizbar wie ein Kind; sein
+Lachen, der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien von Galle
+getränkt. Darja Michailowna sah ihn gern bei sich: er ergötzte sie
+mit seinen Ausfällen. Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es
+war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte man zum Beispiel in
+seiner Gegenwart von einem Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf
+in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm durchbrochen, oder
+daß ein Bauer sich mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal
+fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie heißt _sie_?« nämlich
+wie das Weib heiße, das an dem Unglück schuld sei, – denn seiner
+Behauptung nach brauchte man nur tiefer auf den Grund zu gehen, um
+zu finden, daß jegliches Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde.
+Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm fast unbekannten Frau,
+die in ihn drang, etwas zu kosten, und beschwor sie unter Tränen,
+aber mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, sie wolle seiner
+schonen, er hätte nichts gegen sie verschuldet und werde sie künftig
+nie mehr besuchen. Ein anderes Mal ging ein Pferd mit einer der
+Waschfrauen Darja Michailownas einen Berg hinunter durch, warf in
+einem Graben um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow nannte
+später das Pferd nie anders als das wackere, wackere Rößchen, und der
+Berg selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus malerische
+Plätze. Pigassow hatte kein Glück im Leben gehabt – daher in der
+Hauptsache sein wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern Kind; die
+Beschäftigung seines Vaters war eine ziemlich untergeordnete gewesen,
+er hatte kaum lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung
+seines Sohnes gedacht; er hatte ihm Nahrung und Kleidung gegeben –
+das war alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, sie starb aber
+früh. Pigassow verdankte seine Bildung sich selbst; zuerst besuchte
+er die Kreisschule, dann das Gymnasium, erlernte die französische,
+deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, und nachdem er mit einem
+vorzüglichen Zeugnisse das Gymnasium absolviert hatte, begab er sich
+nach Dorpat, wo er unter fortwährendem Kampfe mit der Not, dennoch nach
+drei Jahren richtig sein Triennium beendigte. Pigassows Fähigkeiten
+waren keineswegs außergewöhnlicher Art; er zeichnete sich durch Geduld
+und Beharrlichkeit aus, besonders stark war jedoch in ihm der Ehrgeiz,
+das Verlangen nach guter Gesellschaft und die Sucht, anderen nicht
+nachzustehen, dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig und hatte die
+Dorpatsche Universität aus Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn
+auf und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und Verschlagenheit. Er
+hatte eine eigentümliche Art sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er
+sich eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit zu eigen
+gemacht. Seine Gedanken überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch
+war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für einen klugen, sondern
+sogar für einen geistreichen Menschen gelten konnte. Nachdem er den
+Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich dem Gelehrtenstande
+zu widmen, denn es war ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn
+hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er war bemüht, sich
+dieselben aus den höheren Ständen zu wählen und verstand es, sich
+ihnen gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, wenn auch
+immer mit Schelten. Doch da gebrach es ihm, um es einfach zu sagen,
+am nötigen Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, wußte
+Pigassow im Grunde zu wenig. Er fiel bei der Disputation schmählich
+durch, während ein anderer Student, sein Stubengefährte, über den er
+sich beständig lustig gemacht hatte, ein beschränkter Kopf, der jedoch
+eine regelmäßige und gründliche Bildung genossen hatte, vollständigen
+Triumph über ihn davontrug. Dieser Unfall erbitterte Pigassow aufs
+äußerste: er warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und trat in
+den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht schlecht damit: als Beamter
+war er zu allem gut, zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über die
+Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; er wollte nur zu rasch
+emporkommen – verwickelte sich, strauchelte und war gezwungen, seinen
+Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb er auf seinem wohlerworbenen
+Gütchen sitzen und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete
+Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner freien und spöttischen
+Manieren gefangen hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener
+und das Familienleben drückte ihn … Nachdem seine Frau einige Jahre
+mit ihm gelebt hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und verkaufte
+einem gewandten Abenteurer ihr Gut, in welchem Pigassow eben erst ein
+Wirtschaftsgebäude hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten Schlag
+bis ins Innerste erschüttert, fing er einen Prozeß gegen seine Frau
+an, den er jedoch verlor … So lebte er nun seine Tage allein, besuchte
+seine Nachbarn, die er selbst in deren Gegenwart aufzog und die ihn
+mit einem gewissen gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, doch
+flößte er ihnen keine besondere Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in
+die Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine Bauern litten nicht Not.
+
+ * * * * *
+
+»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, als Pandalewski ins
+Gastzimmer trat. »Kommt Alexandrine?«
+
+»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen und werden sich ein
+besonderes Vergnügen daraus machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch,
+sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, und mit dem dicken, aber
+weißen Händchen, dessen Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich
+das vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.
+
+»Und Wolinzow kommt auch?«
+
+»Wird auch kommen.«
+
+»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,« fuhr Darja Michailowna zu
+Pigassow gewendet fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?«
+
+Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer Seite hin, und er zuckte
+konvulsivisch mit dem Ellenbogen.
+
+»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton, – er sprach im heftigsten
+Anfall von Erbitterung langsam und deutlich, »ich sage, daß die jungen
+Mädchen im ganzen genommen – von den anwesenden, versteht sich’s, rede
+ich nicht …«
+
+»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im Sinne zu haben,« unterbrach
+ihn Darja Michailowna.
+
+»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte Pigassow. »Alle jungen
+Mädchen im allgemeinen sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke
+ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein junges Mädchen, erfreut oder
+betäubt sie etwas, das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper
+eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow seiner Gestalt eine
+angemessene Wendung und streckte die Arme voneinander) und dann erst
+kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder Schluchzen aus. Einmal
+übrigens,« und dabei lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei
+einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin gebracht, einen wahren,
+ungeheuchelten Gefühlsausdruck zu erzwingen.«
+
+»Auf welche Weise?«
+
+Pigassows Augen funkelten.
+
+»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle einen Stoß in die Seite.
+Wie sie aufschrie! Bravo! bravo! rief ich. Das war die Stimme der
+Natur, das war ein natürlicher Schrei. So müssen Sie es künftig halten.«
+
+Alle im Zimmer lachten auf.
+
+»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da, Afrikan Semenitsch!« rief Darja
+Michailowna. »Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten ein
+Mädchen mit einem Pfahle in die Seite gestoßen!«
+
+»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit einem ungeheuren, wie jene,
+die bei der Verteidigung von Festungen gebraucht werden.«
+
+»~Mais c’est une horreur ce que vous dites là, monsieur~,« rief mit
+Entsetzen Mlle. Boncourt, und warf einen strengen Blick auf die
+lachenden Kinder.
+
+»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja Michailowna, »kennen Sie ihn
+denn nicht?«
+
+Die entrüstete Französin konnte sich aber lange nicht beruhigen und
+fuhr fort, vor sich hinzubrummen.
+
+»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr mit gelassener Stimme Pigassow
+fort, »ich beteuere aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt habe. Wer
+könnte es denn besser wissen als ich? Dann werden Sie es wohl auch
+nicht glauben, daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst erzählt
+hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s erzählt, daß sie ihren
+eigenen Neffen umgebracht hat?«
+
+»Wieder eine schöne Erfindung!«
+
+»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie selbst. Vergessen Sie nicht,
+ich will sie nicht verleumden, ich habe sie sogar lieb, das heißt, so
+lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen Hause bei ihr kein Buch
+aufzutreiben, den Kalender ausgenommen, und lesen kann sie nicht anders
+als laut – diese Anstrengung treibt ihr den Schweiß auf die Stirn und
+sie klagt dann, daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten … Mit
+einem Wort, eine vortreffliche Frau, und ihre Dienstmädchen sind gut
+genährt. Warum sollte ich sie also verleumden?«
+
+»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser Afrikan Semenitsch hat
+sein Steckenpferd bestiegen – vor dem Abend steigt er nicht wieder
+herunter.«
+
+»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben deren drei und kommen niemals von
+denselben herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.«
+
+»Welches sind denn diese drei?«
+
+»Sticheln, Anspielen, Anklagen.«
+
+»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna, »Sie müssen gewiß
+nicht ohne Grund so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß Sie
+durchaus irgendeine …«
+
+»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach sie Pigassow.
+
+Darja Michailowna wurde etwas verwirrt; es fiel ihr die unglückliche
+Ehe Pigassows ein … und sie nickte bloß mit dem Kopfe.
+
+»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,« erwiderte Pigassow,
+»obgleich es eine gute, sehr gute Frau war …«
+
+»Wer war denn das?«
+
+»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut hervor.
+
+»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl kränken?«
+
+»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.«
+
+Darja Michailowna zog die Brauen zusammen.
+
+»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung nimmt eine trübe Wendung
+… Constantin, spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg vor …
+Vielleicht werden die Töne der Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat
+es doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.«
+
+Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier und trug die Etüde zu
+voller Befriedigung vor. Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu,
+fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort.
+
+»~Merci c’est charmant~,« äußerte Darja Michailowna, »ich liebe
+den Thalberg. ~Il est si distingué.~ Worüber sinnen Sie, Afrikan
+Semenitsch?«
+
+»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es gibt drei Sorten von
+Egoisten: solche, welche selbst leben und andere leben lassen;
+Egoisten, welche selbst leben und andere nicht leben lassen, und
+endlich solche, welche weder selbst leben, noch andere leben lassen …
+Die Weiber gehören größtenteils zu der dritten Gattung.«
+
+»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert, Afrikan Semenitsch, das ist
+die Zuversicht in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie niemals
+irren.«
+
+»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch der Mann kann sich irren!
+Aber, wissen Sie, worin der Unterschied besteht zwischen unserem Irren
+und dem eines Weibes? Sie wissen es nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein
+Mann zum Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht vier, sondern
+fünf oder dreiundeinhalb; ein Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht
+– ein Stearinlicht.«
+
+»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört … Erlauben Sie mir aber
+die Frage, in welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei Gattungen
+Egoisten zu der Musik, die wir soeben gehört haben?«
+
+»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf die Musik gehört.«
+
+»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich, ich ziehe
+mich zurück,« erwiderte Darja Michailowna, einen Vers aus Gribojedow
+variierend. »Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik Sie nicht
+anspricht? Literatur etwa?«
+
+»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der Gegenwart.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei einer Überfahrt über die Oka
+traf ich mit einem Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen
+Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände hinaufgeschleppt
+werden. Jener Herr hatte eine außerordentlich schwere Kalesche. Während
+die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen des Fuhrwerks abarbeiteten,
+stand der Herr auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich Mitleid
+mit ihm haben konnte … Da haben wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung
+des Systems der geteilten Arbeit! So ist es auch mit der Literatur der
+Gegenwart: Andere ziehen und verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.«
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens der Gegenwart,« fuhr der
+unerbittliche Pigassow fort, »tiefe Sympathie für die sozialen Fragen
+und wer weiß wie noch … Ach, über diese hochtönenden Worte!«
+
+»Die Frauen aber, die Sie so angreifen, sie wenigstens gebrauchen keine
+hochtönenden Worte.«
+
+Pigassow zuckte die Achseln.
+
+»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf – nicht verstehen.«
+
+Darja Michailowna errötete leicht.
+
+»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!« bemerkte sie mit
+erzwungenem Lächeln.
+
+Alle im Zimmer wurden still.
+
+»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal einer der Knaben Bassistow.
+
+»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,« nahm Pigassow das Wort, »im
+Herzen des Schopflandes[1].« (Er war froh, der Unterhaltung eine andere
+Wendung geben zu können.) »Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort,
+»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne weiteres kleinrussischer
+Dichter werden.«
+
+»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!« erwiderte Darja
+Michailowna, »kennen Sie denn die kleinrussische Sprache?«
+
+»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht nötig.«
+
+»Wieso nicht nötig?«
+
+»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen Papier und schreibe oben
+darauf: ›Duma‹[2]; dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und jeden
+Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische Interjektionen wie:
+graje, graje, woropaje, hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu,
+und das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die Druckerei und gebe
+es heraus. Der Kleinrusse wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen
+lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das ist nun einmal so eine
+gefühlvolle Seele!«
+
+»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen Sie da? Da hört aber
+alles auf. Ich habe in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne
+die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein vollständiger Unsinn.«
+
+»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch Tränen dabei vergießen. Sie
+sagen die Sprache … Gibt es aber denn eine kleinrussische Sprache? Ich
+bat einmal einen Kleinrussen, mir irgendeine Phrase zu übersetzen,
+und wie glauben Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte fast
+genau die von mir vorgesprochenen Worte, nur daß er durchgängig i in
+ü verwandelte. Ist das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache? Eine
+selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das zugebe, lasse ich meinen
+besten Freund in einem Mörser zerstoßen …«
+
+Bassistow wollte ihm etwas entgegnen.
+
+»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna, »Sie wissen ja, daß man von
+ihm außer Paradoxen nichts zu hören bekommt.«
+
+Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien und meldete die Ankunft
+Alexandra Pawlownas und ihres Bruders.
+
+Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste zu empfangen.
+
+»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend, »wie schön von
+Ihnen, daß Sie gekommen sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!«
+
+Wolinzow drückte Darja Michailowna die Hand und trat auf Natalia zu.
+
+»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter, wird er heute kommen?« fragte
+Pigassow.
+
+»Ja, er wird kommen.«
+
+»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft mit Hegel um sich.«
+
+Darja Michailowna antwortete nichts, ließ Alexandra Pawlowna auf der
+Couchette Platz nehmen und setzte sich selbst neben sie.
+
+»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der höhere Gesichtspunkt! Sind
+sie mir zum Ekel geworden, diese höheren Gesichtspunkte! Und was kann
+man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft jemand ein Pferd, so wird er
+nicht erst einen Turm besteigen, um es zu beschauen!«
+
+»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz bringen?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna mit übertriebener
+Gleichgültigkeit, »über die Beziehungen des Handels zu der Industrie
+in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir werden das jetzt nicht
+lesen … Ich habe Sie nicht deshalb eingeladen. ~Le baron est aussi
+aimable que savant.~ Und spricht sehr gut russisch! ~C’est un vrai
+torrent … il vous entraine.~«
+
+»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow, »daß er verdient hat,
+französisch gelobt zu werden.«
+
+»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch, brummen Sie nur immer zu … das
+paßt sehr gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum kommt er aber nicht?
+Wissen Sie aber, ~messieurs et mesdames~,« setzte Darja Michailowna,
+sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir wollen in den Garten gehen. Bis
+zum Essen ist es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …«
+
+Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab sich in den Garten.
+
+Der Garten Darja Michailownas reichte bis an den Fluß. Es waren in
+demselben viele dunkle und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in
+smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus Akazien und Fliederbäumen
+ausliefen.
+
+Wolinzow in Begleitung von Natalia und Mlle. Boncourt hatten sich in
+das Dickicht des Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia her und
+schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger Entfernung.
+
+»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?« fragte endlich Wolinzow
+und streichelte dabei die Spitze seines schönen, dunkelblonden
+Schnurrbartes.
+
+Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch zeigten seine Gesichtszüge
+weniger Beweglichkeit und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft,
+hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck.
+
+»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe das Schelten Pigassows mit
+angehört, habe am Stickrahmen genäht und habe gelesen.«
+
+»Und was haben Sie gelesen?«
+
+»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge gelesen,« brachte Natalia mit
+einigem Stocken hervor.
+
+Wolinzow blickte sie an.
+
+»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant sein.«
+
+Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in der Luft. Sie gingen noch
+etwa zwanzig Schritte weiter.
+
+»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft Ihre Mama gemacht
+hat?« fragte dann wieder Wolinzow.
+
+»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen; Mama lobt ihn sehr.«
+
+»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke hin.«
+
+»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich fühlt,« bemerkte Natalia.
+
+»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken. Es ist schon fast
+ganz zugeritten. Es soll mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich
+es bringen.«
+
+»~Merci~ … Es macht mich aber wirklich verlegen. Sie reiten es selbst
+zu … das soll ja sehr angreifend sein.«
+
+»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten, Sie wissen es, Natalia
+Alexejewna, bin ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …«
+
+Wolinzow stockte.
+
+Natalia blickte ihn freundlich an und sagte nochmals: ~merci~.
+
+»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach längerem Schweigen fort, »es
+gibt nichts … Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.«
+
+In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im Hause.
+
+»Ah! ~La cloche du dîner!~« rief Mlle. Boncourt, »~rentrons~.«
+
+~Quel dommage~, dachte bei sich die alte Französin, als sie hinter
+Natalia und Wolinzow die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, ~quel dommage
+que ce charmant garçon ait si peu de ressources dans la conversation~
+… was man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz nett, mein Lieber,
+aber etwas beschränkt.
+
+Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man wartete eine halbe Stunde auf
+ihn. Bei Tische wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts
+gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend Natalia an, neben welcher
+er saß, und schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski bemühte
+sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra Pawlowna, zu unterhalten:
+er zerfloß in Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete, das
+Gähnen zu unterdrücken.
+
+Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an nichts; selbst Pigassow
+war verstummt, und als Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute
+nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch: »Wann bin ich denn
+liebenswürdig? Es ist nicht meine Art …« Und setzte mit bitterem
+Lächeln hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur Kwas, ordinärer
+russischer Kwas; wenn aber Ihr Kammerjunker …«
+
+»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow wird eifersüchtig, zum
+voraus eifersüchtig!«
+
+Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern schaute finster vor
+sich hin.
+
+Es schlug sieben Uhr und alle versammelten sich wieder im Gastzimmer.
+
+»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte Darja Michailowna … Doch
+plötzlich ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer
+Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen Minuten erschien ein Diener
+im Gastzimmer und reichte Darja Michailowna einen Brief auf einem
+kleinen silbernen Präsentierteller. Sie durchlief denselben bis zum
+Ende und fragte dann, zum Diener gewendet:
+
+»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht hat?«
+
+»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen Sie, ihn herein zu nötigen?«
+
+»Bitte ihn her.«
+
+Der Diener verschwand.
+
+»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,« fuhr Darja Michailowna
+fort, »der Baron hat die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg
+zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch einen Herrn Rudin,
+seinen Freund. Der Baron wollte mir denselben vorstellen – er sagt von
+ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich hatte darauf gerechnet,
+der Baron werde hier einige Zeit zubringen …«
+
+»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der Diener.
+
+
+
+
+III
+
+
+Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig Jahren, hohem Wuchse, etwas
+gebückter Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, mit
+unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und klugen Zügen, feuchtem Glanze
+in den lebhaften, dunkelblauen Augen, gerader und breiter Nase und
+anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug war nicht neu und eng, als wäre
+er demselben entwachsen.
+
+Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, entbot ihr einen kurzen Gruß,
+sagte, daß ihn schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu werden,
+verlangt habe und daß sein Freund, der Baron, es sehr bedauere, nicht
+persönlich Abschied von ihr habe nehmen zu können.
+
+Die feine Stimme Rudins entsprach weder seinem hohen Wuchse noch seiner
+breiten Brust.
+
+»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie kennenzulernen,« sagte Darja
+Michailowna, und nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt
+hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder angereist sei?
+
+»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« erwiderte Rudin,
+den Hut auf den Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin in
+Geschäften hergekommen und habe meinen Wohnsitz fürs erste in Ihrer
+Kreisstadt genommen.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund von mir.«
+
+»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, wie man sagt, seine Sache
+verstehen. Und der Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«
+
+»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau und habe jetzt ungefähr
+eine Woche bei ihm zugebracht.«
+
+»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«
+
+»Gewiß.«
+
+Darja Michailowna führte die mit Kölnischem Wasser getränkte Ecke ihres
+Taschentuches an die Nase.
+
+»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« fragte sie.
+
+»Wer? Ich?«
+
+»Ja. Sie!«
+
+»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«
+
+Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde die Unterhaltung wieder
+allgemein.
+
+»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, sich zu Rudin wendend: »Sie
+kennen gewiß den Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt
+hat?«
+
+»Ich kenne ihn.«
+
+»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des Handels … oder, besser
+gesagt – der Industrie zum Handel in unserem Vaterlande … So, dünkt
+mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu sagen, Darja Michailowna?«
+
+»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte Darja Michailowna, die Hand
+an die Stirn führend.
+
+»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche Dinge,« fuhr Pigassow
+fort, »muß jedoch gestehen, daß mir allein schon der Titel des
+Aufsatzes sehr … wie sag’ ich das gelinder … sehr dunkel und konfus
+vorkommt.«
+
+»Woher scheint Ihnen das?«
+
+Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick auf Darja Michailowna.
+
+»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte er, sein Fuchsgesicht
+wieder zu Rudin wendend.
+
+»Mir? Ja gewiß.«
+
+»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«
+
+»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra Pawlowna Darja Michailowna.
+
+»Nein, es ist nichts … ~C’est nerveux.~«
+
+»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, mit etwas näselnder Stimme,
+wieder ein: »Ihr Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, glaube ich,
+heißt er?«
+
+»Ganz recht.«
+
+»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell mit politischer
+Ökonomie, oder widmet er dieser anziehenden Wissenschaft nur so
+nebenbei die Mußestunden, welche er nach den weltlichen Vergnügungen
+und Dienstobliegenheiten erübrigen kann?«
+
+Rudin blickte Pigassow scharf an.
+
+»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« erwiderte er mit leichtem
+Erröten, »es ist aber viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«
+
+»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, da mir der Aufsatz
+unbekannt ist … Ich erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der Baron
+Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze mehr von allgemeinen Theorien
+als von Tatsachen aus?«
+
+»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, die sich auf Tatsachen
+stützen.«
+
+»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden erlauben … ich darf wohl
+gelegentlich mein Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat
+zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen Theorien, Hypothesen,
+Systeme … nehmen Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme kein
+Blatt vor den Mund … taugen alle zu nichts. Das ist alles nur Klügelei
+– um die Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, weiter fordern
+wir nichts von euch.«
+
+»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn der Fakten muß doch
+gedeutet werden!«
+
+»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich
+sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das
+stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von
+seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere,
+daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«
+
+Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf.
+
+»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine
+Überzeugungen.«
+
+»Nein – es gibt keine.«
+
+»Das ist Ihre Überzeugung?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine
+ausgesprochen.«
+
+Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu.
+
+»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder …
+
+Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo,
+geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus
+Rudins Händen.
+
+»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig
+Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit
+Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man,
+widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«
+
+»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach.
+Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht
+an Überzeugungen.«
+
+»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!«
+
+»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«
+
+»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll.
+Indessen …«
+
+»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins
+Gespräch.
+
+»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin.
+
+»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie
+verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an
+nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«
+
+»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder
+weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach
+eigener Empfindung.«
+
+»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß
+die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie
+Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?«
+
+Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf
+Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.
+
+»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist
+sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.«
+
+»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider
+sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist
+tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …«
+
+»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von
+Unverschämtheit.
+
+Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen
+Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu
+verstummen.
+
+»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich
+wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren,
+wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …«
+
+»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.
+
+»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer
+sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze
+des Lebens …«
+
+»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …«
+
+»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der
+Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich
+zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch
+entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen,
+die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie
+zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus
+partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft
+des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …«
+
+»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme
+Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern
+in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«
+
+»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der
+Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für
+sich ein System vorstellt, eine Theorie …«
+
+»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich
+mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig,
+diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich
+für diese Ihre Bildung hingeben!«
+
+»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte
+Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und
+weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il
+faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß
+ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch.
+
+»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen
+fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung
+nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack.
+Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie
+an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich
+hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf
+Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind,
+weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die
+Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch
+den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen
+aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben,
+es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm
+nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch
+Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …«
+
+»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.
+
+»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem
+Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben,
+etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«
+
+»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen.
+
+»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit
+unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole
+es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen
+Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben
+von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie
+kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …«
+
+»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und
+trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken.
+
+Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.
+
+»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien
+Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem
+Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?«
+
+»Nikolai!«
+
+»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat
+niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren
+… Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher
+zu uns und lassen Sie uns plaudern.«
+
+Rudin rückte seinen Sessel näher.
+
+»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr
+Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch
+gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~«
+
+Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin.
+
+Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin
+und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte,
+er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch
+häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war
+angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit
+seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke,
+wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später
+vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn
+geschlossen.
+
+Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin
+sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große
+Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen
+zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig
+von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein
+so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen
+können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen,
+er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf
+ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt
+führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten
+Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra
+Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin
+gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war
+es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde
+neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich
+könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen
+waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem
+fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit
+geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört,
+wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr
+Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde
+dunkler und glänzender zugleich …
+
+»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu.
+
+»Ja, sie sind schön.«
+
+»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.«
+
+Natalia antwortete nichts.
+
+Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ
+sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund
+auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er
+hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow
+ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum
+schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen
+Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort
+abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich.
+
+»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf
+Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend
+greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«
+
+Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um
+zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein
+gelbes Gesicht wurde noch gelber.
+
+»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer
+Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze
+Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«
+
+»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben
+einflößen?« fragte Rudin.
+
+Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.
+
+»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem
+Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir
+selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger
+als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!«
+
+»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin.
+»Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung
+gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen
+trachten.«
+
+»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele
+ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch –
+sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er
+mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.«
+
+»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner
+Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«
+
+»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding
+verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was
+ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«
+
+»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung
+machen,« warf Darja Michailowna ein.
+
+Pigassow zuckte die Achseln.
+
+»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen
+selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber
+– nein, bewahre! Dies ist sie.«
+
+»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme
+zu erheben.
+
+»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was
+Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der
+Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert
+nicht.«
+
+»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu
+sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es
+denn, auf der Welt zu leben?«
+
+»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow,
+»ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne
+Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so
+vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die
+Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht
+daraus machen!«
+
+»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders
+wenn es in Verleumdung ausartet.«
+
+»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu
+hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich
+mürrisch zurück.
+
+Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr
+verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute,
+daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball
+aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat
+nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu
+bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem
+Wohle aller zum Opfer bringe …
+
+»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der
+selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren
+Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung,
+ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren
+Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu
+verschaffen, sich frei auszusprechen.«
+
+»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow
+an Bassistow.
+
+Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte.
+
+»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor.
+
+»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich
+sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden
+selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im
+Whist gleich.«
+
+»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu
+spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte
+Pigassow den Rücken.
+
+Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem
+Gesichte zeigte sich Verwirrung.
+
+Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.
+
+»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender
+Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«
+
+»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier,
+Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.«
+
+Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne.
+
+»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich
+nicht besser als Sie.«
+
+»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin.
+
+»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort.
+»Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri
+Nikolaitsch?«
+
+Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über
+das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.
+
+Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei
+den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck.
+Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf
+Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet.
+
+Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein
+aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten,
+einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft
+schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne
+verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus
+und – wandte sich um.
+
+»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen
+erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere
+Zusammenkünfte, unsere Serenaden …«
+
+»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna.
+
+»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in
+Berlin.«
+
+»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man,
+eine eigentümliche Kleidung tragen.«
+
+»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen
+Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen
+bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie
+jedermann.«
+
+»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra
+Pawlowna.
+
+Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen
+Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht,
+Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner
+Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der
+Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem
+Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er
+ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu.
+Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese
+Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz.
+
+Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau
+auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet
+kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht
+selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern
+Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte
+nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen,
+und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten
+Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten
+Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte.
+Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich
+alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der
+Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht
+recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen,
+ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg
+ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor …
+
+Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser
+Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster
+stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert
+durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger
+Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener
+Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie …
+der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den
+Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm
+selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des
+Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht.
+
+»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine
+Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen
+Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal
+kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt
+zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der
+Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel
+fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des
+Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das
+Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹
+… In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große
+geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum
+Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im
+Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …«
+
+Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln
+der Verwirrung.
+
+»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna.
+
+Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen.
+Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den
+Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen
+Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu
+bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«
+
+Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit
+nicht bemerkt.
+
+Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf
+trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über
+Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in
+der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins
+ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch,
+daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht
+ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken
+besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und
+der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch
+schwermütiger geworden.
+
+Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine
+seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr
+gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem
+Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze
+Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des
+Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde
+nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt,
+aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht
+einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das
+Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige
+schwere Seufzer hoben ihren Busen.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei
+ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins
+Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete
+ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht
+habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob
+Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder
+ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm
+bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja
+Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand,
+und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über
+seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja
+Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin
+aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar
+schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein
+vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la
+madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,
+ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren
+Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war.
+Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem
+Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets
+im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin
+umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten,
+hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen
+berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas
+zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren
+Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr
+bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von
+ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,
+wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze,
+immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten
+Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.
+
+ * * * * *
+
+Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder
+unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen
+Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu
+halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,
+den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner
+Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem
+Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von
+jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt
+sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten
+seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner
+ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.
+
+ * * * * *
+
+Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer
+Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte
+mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche
+Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand
+sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht
+unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.
+
+Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das
+Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin
+und verstummte.
+
+»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb
+Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die
+ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen
+und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die
+Schönheiten der Natur haben.«
+
+Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an.
+
+»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich;
+wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s
+nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier
+als der Geistreichste.«
+
+»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin.
+
+»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er
+heitert zuweilen auf.«
+
+»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg.
+Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es
+liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen
+Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für
+einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden
+viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen,
+Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals
+falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn
+Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend
+und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er
+stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den
+wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens
+– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste
+und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen,
+schelten darf nur, wer liebt.«
+
+»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie
+verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens
+würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt
+er ja doch ausschließlich seine eigene Person.«
+
+»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu
+dürfen,« fiel Rudin ein.
+
+Darja Michailowna lachte.
+
+»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! –
+A propos – was halten Sie von dem Baron?«
+
+»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und
+erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber
+Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein –
+Nichts … Es ist aber schade um ihn!«
+
+»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe
+seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~«
+
+»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen
+Rudin.
+
+Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer
+Zigarette.
+
+»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die
+Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts.
+Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait
+honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle.
+Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar
+unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder
+menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den
+Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen
+Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen
+schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn
+und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr
+wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein
+liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es
+durchaus werden.«
+
+»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.
+
+»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist
+verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich
+würde mich nur in solche Weiber verlieben.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische
+läßt sich nicht künstlich nachahmen.«
+
+»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der
+Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast
+greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte
+die Nase …
+
+»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin
+nicht gleichgültig wäre?« fragte er.
+
+»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus
+dieser Gegend.«
+
+Rudin erstaunte und erhob den Kopf.
+
+»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?«
+
+»Ja. Sie kennen ihn also?«
+
+Rudin schwieg.
+
+»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich,
+wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles
+zupfte.
+
+»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer
+Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch
+gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe
+ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen
+doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«
+
+Rudin nickte mit dem Kopfe.
+
+»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den
+fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,
+dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht
+schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis
+durch die Luft beschrieb.
+
+»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich,
+»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen
+Sinn absprechen.«
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch
+erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm
+über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir
+eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer
+Sonderling.«
+
+Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der
+Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in
+schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein.
+
+»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten
+Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à
+Canning~?«
+
+»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann,
+»befehlen Sie zu empfangen?«
+
+»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte
+ihn her!«
+
+Der Haushofmeister ging hinaus.
+
+»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten
+Stunde; er unterbricht unser Gespräch.«
+
+Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber
+zurück.
+
+»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart
+besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie
+das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~.
+Bleiben Sie?«
+
+Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb.
+
+Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett.
+Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen
+dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an
+den Teetisch heran.
+
+»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur
+Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie
+sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin
+deutend.
+
+Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar.
+
+»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung.
+
+»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin
+halblaut und schlug den Blick zu Boden.
+
+»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew
+kalt.
+
+Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat
+Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich.
+
+»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die
+Vermessung?«
+
+»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen
+gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht
+verwandt miteinander.«
+
+»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft,
+so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig
+zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.«
+
+»Das wußte ich.«
+
+»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft
+mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.«
+
+»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob
+die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?«
+
+»So ist es.«
+
+»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist
+lobenswert.«
+
+Leschnew schwieg einen Augenblick.
+
+»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,«
+sagte er.
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem
+Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«
+
+»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch.
+
+»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?«
+
+»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«
+
+»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen,
+Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie
+an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem
+so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus
+vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_
+Ihnen nicht?«
+
+»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir
+auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen
+gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen
+gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren
+Kreis.«
+
+»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael
+Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.«
+
+»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna!
+Nicht darauf kommt es an …«
+
+»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat
+man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?«
+
+»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb
+glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?«
+
+Darja Michailowna biß sich in die Lippen.
+
+»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich
+mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«
+
+»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich
+dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«
+
+Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes
+Schweigen trat ein.
+
+»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere
+Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß
+er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«
+
+»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig
+sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.«
+
+»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.«
+
+Darja Michailowna zuckte die Achseln.
+
+»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte
+sie.
+
+»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch
+bald nach Hause.«
+
+Darja Michailowna erhob sich.
+
+»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich
+darf Sie nicht aufhalten.«
+
+Leschnew verabschiedete sich.
+
+»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«
+
+»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging
+hinaus.
+
+»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl
+von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber
+doch alles!«
+
+»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem
+Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles,
+dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht
+und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in
+ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der
+Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den
+Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht
+unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht
+vorhanden!«
+
+»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der
+Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.«
+
+»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte
+eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt,
+geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener
+Mißverständnisse …«
+
+»Haben Sie sich entzweit?«
+
+»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer
+getrennt.«
+
+»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie
+mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für
+den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm
+verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum
+Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein
+Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est
+mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen
+denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz
+entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie
+bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft
+verschafft hat!«
+
+Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst,
+führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf
+die Terrasse, wo er Natalia traf.
+
+
+
+
+V
+
+
+Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten
+Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet,
+mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt.
+Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich
+etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat
+ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen
+hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,
+fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft
+geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die
+Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer
+Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen
+und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft …
+~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr
+vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den
+Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht
+zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern.
+Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie
+selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,
+wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes,
+vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de
+fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.
+»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht
+wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna
+täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.
+
+Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.
+
+»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna
+zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen
+Kopf für dich.«
+
+Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte
+ich nicht meinen Kopf für mich haben?
+
+Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle.
+Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu
+gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte
+aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr
+schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie;
+doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische
+Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen.
+Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen
+System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein
+französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen
+natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane
+las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders
+streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere
+historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die
+ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten
+Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den
+Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,
+den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren
+Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin
+auswendig.
+
+Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.
+
+»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.
+
+»Ja. Wir gehen in den Garten.«
+
+»Darf ich mich Ihnen anschließen?«
+
+Natalia sah Mlle. Boncourt an.
+
+»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte
+Jungfer.
+
+Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.
+
+Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben
+Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete
+an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr
+das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne
+Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so
+oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.
+
+»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit
+einem Seitenblick streifend.
+
+»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh,
+daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«
+
+»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es
+begreiflich: Sie sind jung.«
+
+Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine
+Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.
+
+»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist
+– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«
+
+Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.
+
+»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,«
+fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle
+unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie
+auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.
+
+Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.«
+
+»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch
+nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt
+uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt
+Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch
+Poesie.«
+
+»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So.
+Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich
+ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd
+in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«
+
+Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und
+ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange
+auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.
+
+»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin,
+wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet,
+und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu
+ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.«
+
+Natalia sah ihn erstaunt an.
+
+»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie
+schüchtern.
+
+Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.
+
+»Was wollen Sie damit sagen?«
+
+»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere
+sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen
+sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …«
+
+»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin.
+»Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über
+sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die
+feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte –
+ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich
+wohl lautere, mitfühlende Seelen? …«
+
+Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte
+so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich
+stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte,
+Hoffnung sprühende Reden gehört habe?
+
+»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne,
+»Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna,
+danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr
+dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir
+meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent,
+wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte
+nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem
+Gerede vergeuden …«
+
+ * * * * *
+
+Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön,
+begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über
+die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst
+Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus
+auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht
+mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der
+Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der
+nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die
+entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die
+nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß
+seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet,
+ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!«
+
+Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres
+vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische
+verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der
+Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art
+Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine
+Schicklichkeitsforderungen gestellt werden.
+
+Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend,
+machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren,
+um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum
+Frühstück habe einfinden wollen.
+
+»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen,
+die zum Hause führten, hinzu.
+
+Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung.
+
+Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon
+von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia
+wendend, fragte er:
+
+»Ah! Sie gehen spazieren?«
+
+»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause
+zurückzukehren.«
+
+»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.«
+
+Und alle machten sich nach dem Hause auf.
+
+»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders
+teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr
+freundlich gegen ihn gewesen.
+
+»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht
+heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich
+herkam?«
+
+»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen
+lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …«
+
+Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem
+Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow
+jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend
+Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute
+vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald
+in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow
+verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde
+etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden.
+Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach
+beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von
+jemand Abschied genommen zu haben.
+
+Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber
+noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem
+ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne –
+doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte
+auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete
+nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt
+haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für
+eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias
+Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher …
+
+War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm
+fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht
+war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er
+litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte.
+
+Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr.
+
+»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«
+
+»War Rudin da?«
+
+»Er war da.«
+
+Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm.
+
+»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da«
+– sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin
+ungewöhnlich klug und beredt ist.«
+
+Wolinzow brummte etwas in den Bart.
+
+»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle
+nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht
+gefällt.«
+
+»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.
+
+»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist
+ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn
+verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –,
+jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da –
+und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für
+sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht
+gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.«
+
+»Warum warst du denn aber bei ihr?«
+
+»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich
+ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen
+das!«
+
+»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer
+Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können.
+Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein
+vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …«
+
+»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu.
+
+»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der
+Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna
+gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,«
+setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie
+erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«
+
+»Aus Rudins Jugendjahren?«
+
+»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange
+mit ihm bekannt.«
+
+Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
+
+»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen
+seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen
+Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter
+allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie
+lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn
+aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten
+eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war,
+auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte
+… schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich
+befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm
+bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen
+ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«
+
+Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna
+folgte ihm mit den Blicken.
+
+»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst
+selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb
+auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem
+Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in
+T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau
+und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja
+liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4]
+werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig
+fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre
+Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich
+mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer
+russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch
+hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange
+schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein,
+entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu
+jener Zeit. Das ist alles.«
+
+Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie
+erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder.
+
+»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra
+Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig,
+Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was
+Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und
+dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt!
+Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu
+alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten
+Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen,
+wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch
+Verleumdung in ihrer Art!«
+
+Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.
+
+»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen,
+Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein
+Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in
+dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht
+verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit
+verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.«
+
+»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft
+mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre
+schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«
+
+»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?«
+
+Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem
+Schlafe gerüttelt.
+
+»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute
+Kopfweh.«
+
+»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna.
+
+»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer.
+
+Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen
+Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr
+war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin
+fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht
+mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu
+erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen
+wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab
+ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert
+von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend
+seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen
+Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand.
+
+»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu
+sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den
+Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann
+wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang.
+Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum
+Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als
+befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich
+selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab –
+nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!
+Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte,
+jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung
+gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine
+gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof.
+Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser
+nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder
+nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und
+seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich
+Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte
+er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow
+versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte
+heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll
+entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte
+sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu
+bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander
+freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …
+
+Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden
+und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn
+wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt
+sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in
+ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr
+… Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und
+ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen
+Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals
+in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew
+seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht
+seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr
+unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber
+hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich
+den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die
+Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine
+einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle
+unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach
+seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der
+Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte
+er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung,
+Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt;
+hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und
+schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war
+entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung
+folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen,
+einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes.
+– »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und
+schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig.
+
+Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und
+lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher
+zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger
+Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch
+daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses
+nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm.
+Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen.
+Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist
+nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich
+das alles anders einrichten.
+
+Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen
+schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte
+sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile
+ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs
+erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es
+aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für
+wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin
+im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer
+Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder
+Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr
+zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht
+gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen,
+und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und
+deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene
+höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem
+aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das
+Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik
+wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele
+über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen
+erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken
+der Entzückung …
+
+ * * * * *
+
+»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie
+vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl
+nach Petersburg fahren?«
+
+»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er
+herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu
+auftreibe, fahre ich hin.«
+
+Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über
+müßig gewesen.
+
+»Wie sollten Sie die nicht finden?«
+
+Rudin schüttelte den Kopf.
+
+»Ihnen deucht es so!«
+
+Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie.
+
+Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.
+
+»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster,
+»sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle
+seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …«
+
+»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia.
+
+»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen
+nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.«
+
+»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …«
+
+Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot.
+
+»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch
+hinzu.
+
+»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen
+– Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte
+Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz
+zustellen.«
+
+»Und werden ihn drucken lassen?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?«
+
+»Nun, wenn es für Sie wäre?«
+
+Natalia senkte den Blick.
+
+»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«
+
+»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden
+Bassistow, der in einiger Entfernung saß.
+
+»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin.
+»Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den
+Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir
+bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe
+klargemacht.«
+
+Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe
+war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die
+Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört;
+nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen
+zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen.
+
+»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe
+– das ist die unglückliche Liebe.«
+
+»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der
+Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen
+… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt,
+wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich
+plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange,
+wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,
+wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft
+ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine
+bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich
+zu lieben?«
+
+Rudin wurde nachdenkend.
+
+»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?«
+fragte er plötzlich.
+
+Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren
+Stickrahmen.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.
+
+»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend
+Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen
+Adels …«
+
+Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen,
+französischen Augen.
+
+Rudin ging einige Male durchs Zimmer.
+
+»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch
+auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein
+starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits
+hervorzubrechen beginnt?«
+
+»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.«
+
+»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken
+Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur
+eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«
+
+Natalia erwiderte nichts.
+
+»Was soll das bedeuten?« dachte sie.
+
+Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich.
+
+Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken
+auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte
+Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen
+aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte
+nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen,
+doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen
+Quelle.
+
+ * * * * *
+
+An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen
+Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch
+Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm
+herauszubringen.
+
+»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen
+nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt;
+jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine
+Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er
+Ihnen nicht gefällt.«
+
+»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie
+wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht
+böse werden …«
+
+»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«
+
+»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«
+
+»Gut, gut; fangen Sie an.«
+
+»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den
+Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein
+kluger Mensch …«
+
+»Das ist nicht zu leugnen!«
+
+»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …«
+
+»Das ist leicht gesagt!«
+
+»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber
+weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm
+sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge,
+nicht sehr kenntnisreich …«
+
+Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.
+
+»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.
+
+»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben
+Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle
+spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist
+es aber, daß er kalt ist wie Eis.«
+
+»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.
+
+»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist
+das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein
+gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht
+sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere
+dagegen setzen ihre Seele ein …«
+
+»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist
+ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von
+seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er
+ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und
+dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter
+ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine
+Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.«
+
+»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich,
+ob man sich zur Schau stellt oder nicht …«
+
+»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es
+kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein,
+ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner –
+und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?«
+
+»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große
+Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben
+und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte
+Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde
+richten.«
+
+»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?«
+
+Leschnew zögerte.
+
+»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber
+gleich darauf.
+
+»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer
+haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas
+daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …«
+
+»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich;
+dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder
+überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt
+zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer
+Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese
+Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften
+dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der
+Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist
+kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen
+Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches,
+leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen!
+Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«
+
+»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«
+
+»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für
+eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des
+Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien
+und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«
+
+Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an.
+
+»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das
+Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein,
+wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«
+
+»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein
+Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht
+irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und
+nicht anders geredet hat.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde böse.
+
+»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser
+zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis,
+wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu
+glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten.
+Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art
+Tartüffe.«
+
+»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der
+wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines
+Verstandes …«
+
+Leschnew hielt inne.
+
+»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger
+Mensch!«
+
+Leschnew erhob sich.
+
+»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht
+ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich
+habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich
+dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe
+lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen
+gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß
+ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu
+Ende anzuhören?«
+
+»Reden Sie, reden Sie!«
+
+»Wohlan denn!«
+
+Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit
+zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn.
+
+»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht,
+daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre
+keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im
+Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein
+ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten
+und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen
+das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale
+Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich
+hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige
+Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war
+verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung
+eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich
+lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu
+beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange
+ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich
+ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich
+zu sich.«
+
+»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon
+tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit
+wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name
+mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu
+sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir
+nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines,
+niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens.
+Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben
+durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen
+Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen
+eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des
+Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle
+lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie
+angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm
+wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem
+Fürstensöhnchen getrennt.«
+
+»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle
+zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und
+unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in
+meinen Ohren nach, und dabei
+
+ ›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute
+ Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹
+
+wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet
+unseres Kreises ausgedrückt hat.«
+
+»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna.
+
+»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin
+war schon damals zwanzigmal beredter als er.«
+
+Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.
+
+»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich
+mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr
+Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski,
+in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin
+entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte
+meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er
+stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und
+sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern
+und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien
+voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und
+beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde:
+dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere
+zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und
+Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist
+wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an
+ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen
+sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem
+ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte
+nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und
+wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein
+ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung
+auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch
+falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter
+Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß
+Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche
+nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu
+hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus
+notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien
+im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin
+auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen
+soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische
+Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem,
+was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die
+Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen
+Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten
+eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben
+– und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst,
+Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte,
+vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute,
+vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser
+Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine
+Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt
+disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten
+wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt
+zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang
+sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes
+vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem
+ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt,
+geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war
+Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig:
+aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam
+eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte
+Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer
+heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns
+belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem
+berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«
+
+»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum
+glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht
+lächerlich.«
+
+»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew
+fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich
+wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski
+stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen;
+Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen
+zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser,
+krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin
+nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels
+hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab
+es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft
+war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles
+zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein
+politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt
+habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen
+Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig
+Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.«
+
+»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja
+nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!«
+
+»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis
+Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte
+mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht,
+wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn
+ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel
+Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von
+fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es
+wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback
+dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere
+Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen,
+das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft
+der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von
+einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit
+untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine
+Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön,
+das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden
+Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit
+und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche,
+Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines
+beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines
+überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders
+feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes
+unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge
+horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt
+in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen,
+und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei
+uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit
+gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in
+Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar
+den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt
+und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich
+kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist
+es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht,
+welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie
+oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen!
+Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es
+bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das
+in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und
+finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch
+öffnet …«
+
+Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet.
+
+»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte
+Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick.
+
+»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als
+ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau
+hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen
+bösen Streich.«
+
+»Was war denn das?«
+
+»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu
+meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu
+verlieben.«
+
+»Sie?«
+
+»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun,
+ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum
+sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem
+wunderbarere Geschichte erzählen.«
+
+»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich
+neugierig.«
+
+»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht
+mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit
+einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und
+schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze
+Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob
+wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war
+ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine
+Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des
+›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst
+vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes
+Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern
+Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich
+machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …«
+
+»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes,
+allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und
+hellklingender Stimme.«
+
+»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun,
+dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich
+nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses
+junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee
+das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten
+hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon
+in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr
+aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind,
+können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich
+stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß
+es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der
+erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff.
+Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse
+Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner
+Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte
+mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große
+Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr
+… Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten
+auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine
+merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und
+lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger
+aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer
+Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte
+mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von
+Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft
+des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es
+selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.«
+
+»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn
+Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie
+können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe
+es getroffen!«
+
+»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im
+Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn
+mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert,
+obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank
+dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin
+wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner
+unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl
+wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die
+Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis,
+unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch,
+ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und
+Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in
+einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre
+aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet
+haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber
+immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen
+können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art –
+mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom
+Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die
+Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige
+Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen,
+und das hat er auch getan.«
+
+»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus.
+
+»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das
+Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals
+im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in
+demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte
+sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung –
+Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn
+ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er
+es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen
+aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.«
+
+»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra
+Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen
+heraufziehend.
+
+»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes,
+ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie
+weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein
+gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat
+wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen
+braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …«
+
+»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf
+Alexandra Pawlowna ein.
+
+»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind,
+als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die
+Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in
+der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm
+zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin
+erschien mir in seinem wahren Lichte.«
+
+»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?«
+
+»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von
+ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen,
+daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue,
+weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna
+betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf
+Ihren Bruder achtgeben.«
+
+»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?«
+
+»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?«
+
+Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.
+
+»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne
+ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …«
+
+»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß
+kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein
+solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in
+Erstaunen setzen.«
+
+»Wodurch meinen Sie?«
+
+»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu
+stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht
+nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und
+auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!«
+
+»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem
+solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan
+erscheinen.«
+
+»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon
+besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.«
+
+»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«
+
+»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …«
+
+Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew
+und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen.
+Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns
+und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines
+»melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen
+gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch
+schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von
+ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden
+unter seinen Füßen.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager.
+Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich
+insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet
+vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht
+zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die
+kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte
+fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses
+oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken
+hingegeben.
+
+Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte,
+daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich
+wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen
+gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem
+sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen
+günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es
+war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von
+kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig
+am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den
+Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große,
+glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem
+Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras,
+noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig
+die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die
+Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust,
+dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln
+des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie
+Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden
+Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber,
+ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das
+Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist
+es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor …
+
+Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in
+den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und
+beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles
+Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft …
+
+Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von
+Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden
+emporgeschossen, Rudin erschien.
+
+Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.
+
+»Sie sind allein?« fragte er.
+
+»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für
+eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.«
+
+»Ich werde Sie begleiten.«
+
+Und er ging an ihrer Seite hin.
+
+»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen.
+
+»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind,
+wie mir deucht, nicht aufgelegt.«
+
+»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen
+als Ihnen.«
+
+»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu
+sein?«
+
+»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«
+
+Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.
+
+»Was wünschen Sie?«
+
+»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es
+war … von der Eiche.«
+
+»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?«
+
+Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.
+
+»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?«
+
+Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen.
+
+»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und
+bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte,
+er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte.
+»Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner
+Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar
+nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in
+demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets
+für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig:
+Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus
+machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und
+wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der
+Freuden und Leiden viel erfahren …«
+
+Rudin hielt einen Augenblick inne.
+
+»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in
+gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch
+wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist
+für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und
+heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln
+zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt
+erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen
+sprechen.«
+
+»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie
+erwarten nichts mehr vom Leben?«
+
+»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der
+Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse
+entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben
+nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die
+Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert;
+ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen
+Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist
+das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte
+ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den
+Schultern zu behalten!«
+
+»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt,
+darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht
+imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil,
+es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute,
+jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich
+selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib
+ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es
+auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.«
+
+Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor
+ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so
+lange und feurige Rede vernommen haben.
+
+»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen
+gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß,
+meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte …
+doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie
+stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen,
+macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie
+wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an
+einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht
+unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig
+gewesen?«
+
+Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und
+sie tat dasselbe.
+
+»Sind Sie mir böse?« fragte er.
+
+»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …«
+
+»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr
+Geheimnis ist mir bekannt.«
+
+Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.
+
+»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und ich muß Ihnen sagen – eine
+bessere Wahl konnten Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher
+Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das Leben hat ihn noch nicht
+abgenutzt – seine Seele ist einfach und klar … er wird Sie glücklich
+machen.«
+
+»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«
+
+»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich spreche? Natürlich von
+Wolinzow. Wie? Sollte ich mich geirrt haben?«
+
+Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie war ganz außer Fassung.
+
+»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! Er hat nur Augen für Sie
+und folgt jeder Ihrer Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe
+verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht selbst gut? Soviel ich
+bemerken konnte, gefällt er auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, in ihrer Verwirrung die
+Hand nach einem nahestehenden Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist
+mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; ich versichere Ihnen
+aber, Sie irren sich.«
+
+»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich glaube es nicht … Ich habe
+zwar erst vor kurzem Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber bereits
+gut. Was bedeutet denn die Veränderung, die ich an Ihnen wahrnehme,
+deutlich wahrnehme! Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie vor
+sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia Alexejewna, Ihr Herz ist
+nicht ruhig.«
+
+»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, »Sie sind aber dennoch im
+Irrtum.«
+
+»Inwiefern?« fragte Rudin.
+
+»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« sagte Natalia und eilte
+raschen Schrittes dem Hause zu.
+
+Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich in ihr vorgegangen war.
+
+Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.
+
+»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese Unterredung darf kein
+solches Ende nehmen: sie ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll
+ich Sie verstehen?«
+
+»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.
+
+»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«
+
+Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er war bleich geworden.
+
+»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« sagte Natalia, riß
+ihre Hand aus der seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.
+
+»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.
+
+Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.
+
+»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen Gleichnisse hätte sagen
+wollen. So hören Sie es, ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von
+mir, von meiner Vergangenheit – und von Ihnen.«
+
+»Wie? Von mir?«
+
+»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen …
+Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich
+in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht
+gewagt haben …«
+
+Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu.
+
+Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit
+Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war,
+nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken
+an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja
+Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein
+paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia
+aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt,
+war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia
+in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß.
+Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit
+den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte,
+ohne selbst zu wissen, wohin und warum.
+
+Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die
+Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend.
+
+Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.
+
+Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein
+bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen
+lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit
+schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein
+Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten
+sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete,
+vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt
+werden!
+
+Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia
+war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen
+nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang
+sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich,
+daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war
+der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu
+beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz-
+und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze
+Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden
+Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen
+das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er
+mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber
+Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.«
+
+»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der
+Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren
+selbst gestutzt.«
+
+»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens
+bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue
+dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die
+Ohrengeschichte!«
+
+»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem
+Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet
+von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus
+als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«
+
+Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und
+verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen
+nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts.
+
+Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte
+vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten
+Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen
+Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte …
+
+Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von
+Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr:
+
+»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt?
+Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«
+
+Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor
+dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege
+er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:
+
+»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen
+… wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt
+gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,«
+dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen
+Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse
+einzufinden, ich werde Sie erwarten …«
+
+Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz
+überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte
+er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel
+seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten
+angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim
+Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm,
+wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen
+anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker
+gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte.
+
+»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp
+Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt.
+
+»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den
+Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja
+Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe
+auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und
+eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen«
+genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was
+Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen
+zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige
+Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage
+nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen,
+Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im
+Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe
+das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in
+Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte
+Pigassow recht.
+
+Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen,
+erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im
+Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der
+Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch
+das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen
+entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren,
+tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere
+Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder-
+und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als
+lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie
+rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten,
+länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es,
+als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll
+in dieser Stille verhallte.
+
+Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster
+Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem
+an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und
+Natalia trat in die Laube.
+
+Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie
+Eis.
+
+»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte
+Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen
+sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte,
+mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.«
+
+Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.
+
+»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen,
+so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia
+Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?«
+
+Natalia konnte kaum atmen.
+
+»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor.
+
+»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«
+
+»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.
+
+Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und wollte sie an sich
+ziehen …
+
+Natalia blickte sich rasch um.
+
+»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, mir deucht, es belauscht uns
+jemand … Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow ahnt etwas.«
+
+»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm heute nicht einmal geantwortet
+… Ach, Natalia Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns nichts
+mehr trennen!«
+
+Natalia blickte ihm in die Augen.
+
+»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, daß ich zurückkehre.«
+
+»Einen Augenblick,« bat Rudin.
+
+»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«
+
+»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«
+
+»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«
+
+»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch einmal …«
+
+»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte Natalia.
+
+»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich auf der Welt!
+Zweifeln Sie etwa?«
+
+Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr bleiches, edles, junges,
+aufgeregtes Gesicht – in dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim
+schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.
+
+»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die Ihre.«
+
+»O Gott!« rief Rudin aus.
+
+Natalia aber machte sich los und ging fort. Rudin blieb einige Zeit
+stehen, und verließ dann langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell
+sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen Lippen.
+
+»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich bin glücklich,«
+wiederholte er, als suchte er sich selbst dazu zu überreden.
+
+Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar zurecht und vertiefte
+sich in den Garten, lustig die Arme schwenkend.
+
+Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube die Zweige behutsam
+voneinandergebogen und es zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte
+er sich um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, sagte
+mit bezeichnendem Tone: »So stehen die Sachen! Davon muß man Darja
+Michailowna in Kenntnis setzen,« und verschwand.
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Als Wolinzow nach Hause gekommen war, war er niedergeschlagen und
+finster, gab so ungern der Schwester Antwort und verschloß sich so bald
+in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß, einen reitenden Boten zu
+Leschnew zu schicken. In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm
+ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde am folgenden Tage
+kommen.
+
+Wolinzow war auch am folgenden Morgen nicht heiterer gestimmt. Nach dem
+Tee dachte er seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte
+sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch in die Hand, was bei ihm
+nicht oft der Fall war. Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur,
+und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich wie ein Gedicht,«
+pflegte er zu sagen, und zur Bekräftigung seiner Worte folgende Strophe
+des Dichters Aibulat anzuführen:
+
+ Und bis zum Ende meiner trüben Tage
+ Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand
+ Des Lebens blutige Vergißmeinnichte
+ Entwenden mir mit rauher Hand!
+
+Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder besorgt an, belästigte ihn
+jedoch nicht mit Fragen. Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott sei
+Dank, Leschnew … Der Diener trat ein und meldete Rudin.
+
+Wolinzow warf das Buch auf den Boden und hob den Kopf in die Höhe.
+
+»Wer ist gekommen?« fragte er.
+
+»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der Diener.
+
+Wolinzow erhob sich.
+
+»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber, Schwester,« setzte er hinzu,
+sich zu Alexandra Pawlowna wendend: »laß uns allein.«
+
+»Weshalb aber?« wandte sie ein.
+
+»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »ich bitte dich.«
+
+Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn kalt, in der Mitte des Zimmers
+stehend, und reichte ihm nicht die Hand.
+
+»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin an, »gestehen Sie es,« und
+stellte seinen Hut auf das Fensterbrett.
+
+Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen. Ihm war nicht behaglich
+zumute; doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen.
+
+»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte Wolinzow, »nach dem
+gestrigen Tage hätte ich eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen
+erwarten können.«
+
+»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,« äußerte Rudin, sich setzend, »und
+Ihre Offenherzigkeit freut mich sehr. So ist es viel besser. Ich bin
+selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem Manne von Ehre.«
+
+»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte Wolinzow.
+
+»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich gekommen bin.«
+
+»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten Sie nicht zu mir kommen
+können? Und dann erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male die
+Ehre Ihres Besuches.«
+
+»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von Ehre zu einem Manne von
+Ehre,« wiederholte Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen
+Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen volles Vertrauen …«
+
+»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, immer noch in derselben
+Stellung, mit finsteren Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die
+Spitzen seines Schnurrbartes drehend.
+
+»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären hergekommen, das kann man
+aber nicht mit ein paar Worten abmachen.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Es ist noch eine dritte Person dabei im Spiel …«
+
+»Eine dritte Person? und welche?«
+
+»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«
+
+»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus nicht.«
+
+»Sie wünschen …«
+
+»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife reden!« unterbrach ihn Wolinzow.
+
+Er wurde im Ernste böse.
+
+Rudin zog die Brauen zusammen.
+
+»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß Ihnen sagen – übrigens kommen
+Sie gewiß selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig die Achseln)
+– ich muß Ihnen sagen, daß ich Natalia Alexejewna liebe und mit Grund
+vermuten darf, daß auch sie mich liebt.«
+
+Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch nichts; er trat ans Fenster
+und wandte Rudin den Rücken.
+
+»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin fort: »wenn ich nicht
+überzeugt wäre …«
+
+»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: »ich zweifle durchaus
+nicht … Nun, dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was zum Teufel Sie
+bewogen hat, mit dieser Nachricht zu mir zu kommen … Was habe ich damit
+zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, wer Sie liebt? Das
+ist mir unbegreiflich …«
+
+Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. Seine Stimme tönte hohl.
+
+Rudin erhob sich.
+
+»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen
+habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht
+zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor
+Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin
+ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor
+Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt …
+Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich
+bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch
+so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich
+gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen
+auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei
+Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«
+
+Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich
+zu beherrschen.
+
+»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich
+fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen,
+daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen,
+Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen.
+Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen
+gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur
+Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in
+Ihren Händen …«
+
+Wolinzow lachte gezwungen auf.
+
+»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich,
+wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen
+zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über
+Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer
+anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der
+Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?«
+
+Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.
+
+»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht
+unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.«
+
+»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und
+begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser,
+ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung
+für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen
+Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?«
+
+»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich
+nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie
+mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine
+Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch,
+daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir
+die Hand reichen …«
+
+Und Rudin näherte sich Wolinzow.
+
+»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, indem er sich zu Rudin
+wandte und einen Schritt zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten
+volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles sehr schön,
+sogar erhaben, wir sind aber schlichte Leute, an Marzipan nicht
+gewöhnt, wir sind nicht imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie
+des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig erscheint, dünkt uns
+zudringlich und unbescheiden … Was Ihnen einfach und klar vorkommt, ist
+für uns verwickelt und dunkel … Sie prahlen mit dem, was wir heimlich
+halten: wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen Sie mir: weder
+als meinen Freund kann ich Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen
+… Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst klein.«
+
+Rudin ergriff seinen Hut.
+
+»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er betrübt, »meine
+Erwartungen haben mich getäuscht. Mein Besuch war in der Tat etwas
+ungewöhnlich, ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow machte eine
+ungeduldige Bewegung) … Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon
+reden. Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht haben und
+nicht anders handeln konnten. Leben Sie wohl, und erlauben Sie mir
+wenigstens, daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die Lauterkeit
+meiner Absichten beteuere … Von Ihrer Verschwiegenheit bin ich
+überzeugt …«
+
+»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow zitternd vor Zorn, »ich
+habe mich Ihrem Vertrauen in keiner Weise aufgedrängt; und Sie haben
+darum durchaus kein Anrecht auf meine Verschwiegenheit!«
+
+Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch bloß die Arme
+auseinander, verneigte sich und verließ das Gemach, Wolinzow aber warf
+sich auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die Wand.
+
+»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür Alexandra Pawlownas Stimme
+vernehmen.
+
+Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und fuhr mit der Hand hastig über
+das Gesicht. »Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter Stimme:
+»warte noch etwas.«
+
+Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra Pawlowna von neuem der
+Tür.
+
+»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte sie, »willst du ihn sehen?«
+
+»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« Leschnew trat herein.
+
+»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich auf einen Sessel neben
+dem Diwan nieder.
+
+Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den Arm, blickte seinem
+Freunde lange, lange ins Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort
+für Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin hatte er nie vor
+Leschnew seiner Gefühle für Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten
+konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.
+
+»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« sagte Leschnew, als
+Wolinzow seine Erzählung beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten
+seinerseits war ich gefaßt; dies aber … Übrigens erkenne ich ihn auch
+hierin wieder.«
+
+»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das ist ja geradezu eine
+Frechheit! Fast hätte ich ihn zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor
+mir prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? Und zu welchem Ende?
+Wie kann man zu einem Menschen gehen …«
+
+Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schwieg.
+
+»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte Leschnew gelassen. »Du
+wirst mir’s nicht glauben, ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter
+Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das hat so einen Anstrich von
+Edelsinn und Offenherzigkeit, und bietet einen Vorwand zum Reden,
+der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das eben brauchen wir ja,
+ohne dergleichen könnten wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine
+Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat ihm aber auch recht brav
+gedient!«
+
+»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Feierlichkeit er
+hereintrat und seine Rede vorbrachte!«
+
+»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen Rock zu, so tut er’s, als
+erfüllte er eine heilige Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte
+Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, wie er da wohl
+schalten und walten würde. Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«
+
+»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels willen, soll das etwa
+Philosophie sein?« fragte Wolinzow.
+
+»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du hast recht – ist es in der
+Tat Philosophie – von der anderen ist es durchaus keine. Man darf doch
+nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last legen!«
+
+Wolinzow blickte ihn an.
+
+»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst du?«
+
+»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, weißt du – wir
+haben genug von ihm gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen
+anzünden, lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna herbitten … Wenn sie
+dabei ist, spricht sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie
+wird uns Tee machen.«
+
+»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, komm herein!« rief er.
+
+Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte ihre Hand und drückte sie fest
+an seine Lippen.
+
+ * * * * *
+
+Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen Stimmung nach Hause
+zurück. Er war ärgerlich auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über
+seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes Betragen. An
+ihm bewährte sich: daß es nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein,
+eine Torheit begangen zu haben.
+
+Reue marterte Rudin.
+
+»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, »mir den Gedanken eingeben
+mußte, zu diesem Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! Habe mir
+nichts als Grobheiten geholt! …«
+
+In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor.
+Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien
+auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die
+einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia
+auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als
+sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig
+an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als
+wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen
+wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen.
+Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow,
+unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen,
+lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener
+Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar
+Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas
+zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und
+meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war
+sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden.
+
+Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen
+von der Seite betrachtend.
+
+Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht,
+im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen
+finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er
+blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er
+Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte
+er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias
+Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr,
+nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere
+Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten
+Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein
+Entschluß muß gefaßt werden …
+
+~P. S.~ Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich
+Sie wissen lassen …«
+
+Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum,
+steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder,
+konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf
+war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.
+
+
+
+
+IX
+
+
+Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft
+bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig
+Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er
+so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den
+einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte
+man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein
+Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei
+riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen
+und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes
+Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am
+Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher
+wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen;
+vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme
+umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die
+ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet;
+wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht,
+erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten,
+längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue
+Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das
+niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären
+es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen
+schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten
+betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am
+Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen
+einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe
+Werst entfernt lag.
+
+Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich
+kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte,
+weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und
+Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit
+dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und
+ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen
+Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber
+nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und
+war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so
+mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen
+um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als
+er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen,
+der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer
+sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch
+nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin,
+der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu
+sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er
+sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace
+zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem
+armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit
+heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt
+sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch.
+
+Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld,
+auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte.
+
+»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte
+Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu
+halten.
+
+Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, ohne sich umzusehen.
+
+»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« rief Mascha zu wiederholten
+Malen. »Selbst das ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause
+gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht ist … Ein Glück,
+daß es nicht weit ist … Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie
+hinzu, als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins gewahr wurde, der
+malerisch auf dem Damme stand, »doch, warum steht denn der Herr so
+hoch, – besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«
+
+Natalia blieb stehen.
+
+»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte sie und schritt zu dem
+Teich hinab.
+
+Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert stehen. Einen solchen
+Ausdruck hatte er noch nicht auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen
+waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, der Blick war
+fest, ja fast strenge.
+
+»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben keine Zeit zu verlieren.
+Ich bin auf fünf Minuten hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß Mama
+alles weiß. Herr Pandalewski hat uns vorgestern belauscht und ihr von
+unserer Zusammenkunft erzählt. Er war immer Mamas Spion. Gestern rief
+sie mich zu sich …«
+
+»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! … Was hat Ihre Mama
+gesagt?«
+
+»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht gescholten, nur Vorwürfe
+machte sie mir über meinen Leichtsinn.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher mit dem Gedanken
+vertragen, daß ich stürbe, als daß ich Ihre Frau würde.«
+
+»Hat sie das wirklich gesagt?«
+
+»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs willens wären,
+mich zu heiraten, daß Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten,
+was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens wäre sie selbst
+daran schuld: warum habe sie es erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen
+zusammenkomme … sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr erstaunt über
+mein unüberlegtes Betragen … Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was
+sie mir sonst noch sagte.«
+
+Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast lautloser Stimme.
+
+»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben Sie ihr geantwortet?« fragte
+Rudin.
+
+»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte Natalia. »… Was
+beabsichtigen _Sie_ jetzt zu tun?«
+
+»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, »das ist hart! So rasch! … ein
+so unerwarteter Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«
+
+»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«
+
+»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«
+
+»Keine.«
+
+»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche Pandalewski! … Sie
+fragen mich, Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf geht mir
+in der Runde – ich kann keinen Gedanken fassen … Ich fühle nur mein
+Unglück … ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig sind! …«
+
+»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete Natalia.
+
+Rudin begann wieder auf dem Damme auf und ab zu gehen. Natalia verlor
+ihn nicht aus den Augen.
+
+»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« fragte er dann.
+
+»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«
+
+»Nun … und Sie sagten?«
+
+Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.«
+
+Rudin ergriff ihre Hand.
+
+»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, das Herz eines Mädchens ist
+wie lauteres Gold! Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in bezug
+auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung so entschieden geäußert?«
+
+»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist überzeugt, daß Sie
+selbst nicht daran denken, mich zu heiraten.«
+
+»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch habe ich das verdient?«
+
+Und Rudin faßte sich am Kopfe.
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir verlieren unnütz die Zeit.
+Denken Sie daran, ich sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht
+um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, ich weine nicht – ich
+kam, um mir Rat zu holen.«
+
+»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«
+
+»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war gewohnt, Ihnen zu vertrauen,
+ich werde Ihnen vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches sind
+Ihre Absichten?«
+
+»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich ihr Haus verschließen.«
+
+»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie mir, sie werde die
+Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen müssen … Sie antworten aber nicht auf
+meine Frage.«
+
+»Auf welche Frage?«
+
+»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«
+
+»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, »uns darein ergeben.«
+
+»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt und ihre Lippen wurden
+bleich.
+
+»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu
+machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das
+ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich
+kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die
+gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen?
+… Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht
+bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich
+geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.«
+
+Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in
+Tränen aus. Rudin trat an sie heran.
+
+»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um
+Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«
+
+Natalia erhob den Kopf.
+
+»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen
+glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben …
+Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht
+habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr
+erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat
+Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …«
+
+Ihre Stimme war gebrochen.
+
+»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme
+meine Worte nicht zurück … nur …«
+
+»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner
+Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber
+tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab
+ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein
+wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt:
+Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir
+getrieben …«
+
+»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin.
+
+Sie hörte aber nicht auf ihn.
+
+»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder
+glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen,
+davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.«
+
+»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir
+wollen zusammen erwägen, welche Mittel …«
+
+»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn,
+»wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich
+liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die
+Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich
+wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch
+vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt
+Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«
+
+Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias
+hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein
+Stachel für seine Eigenliebe.
+
+»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können
+nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie
+werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden
+begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie
+Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe
+ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender,
+wollte ich zu meinem Vorteile …«
+
+»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie
+recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich
+Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie
+Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen
+sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu
+allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken
+und mich zu verabschieden.«
+
+»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe
+nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie
+sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen.
+Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen
+selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher
+oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch
+bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …«
+
+Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet …
+Es ging nicht – er mußte schweigen.
+
+»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind,
+Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind
+nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese
+Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb
+hierhergekommen …«
+
+»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«
+
+»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies
+nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie
+lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.«
+
+»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.
+
+Natalia richtete sich auf.
+
+»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor,
+Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige
+Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für
+mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten
+Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht
+vergessen … Leben Sie wohl …«
+
+»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?«
+
+Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende
+Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben.
+
+»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen …
+Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine
+Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe
+nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken
+Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was?
+Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß
+ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen?
+›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies
+war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin?
+Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem
+Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …«
+
+Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer
+Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.
+
+»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach.
+Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause.
+Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle
+überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in
+Maschas Arme.
+
+Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er
+sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben
+weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von
+einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein
+außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht;
+sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte …
+Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und
+mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war
+ich im Vergleiche zu ihr!
+
+Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang Rudin, die Augen zu
+erheben. Ihm entgegen kam, auf seinem bekannten Traber, Leschnew
+gefahren. Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen Gruß, lenkte dann,
+wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging
+rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas weiter.
+
+Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, folgte ihm mit dem Blick,
+wandte nach kurzem Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu
+Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn noch
+schlafend, ließ ihn nicht wecken, setzte sich in Erwartung des Tees auf
+den Balkon und zündete sich die Pfeife an.
+
+
+
+
+X
+
+
+Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager und als er hörte, daß
+Leschnew bei ihm auf dem Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ
+ihn zu sich bitten.
+
+»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du wolltest ja nach Hause
+fahren.«
+
+»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet … Spaziert allein auf
+dem Felde und das Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach und
+kehrte um.«
+
+»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«
+
+»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich weiß selbst nicht, weshalb
+ich zurückgekommen bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: ich
+empfand das Verlangen, noch etwas bei dir zu sitzen, nach Hause komme
+ich noch früh genug.«
+
+Wolinzow lächelte bitter.
+
+»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, ohne zu gleicher Zeit
+auch an mich zu denken … He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe uns
+Tee.«
+
+Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew begann von
+Landwirtschaft zu sprechen, von einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe
+zu decken …
+
+Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel auf und schlug so heftig
+auf den Tisch, daß Tassen und Untertassen erklirrten.
+
+»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, es länger zu ertragen!
+Ich werde diesen Schöngeist fordern und mag er mich zusammenschießen,
+oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte Stirn jagen!«
+
+»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt Leschnew, »wie kann man so
+schreien! Ich habe dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was ist dir?«
+
+»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht gleichgültig anhören kann:
+alles Blut steigt mir zu Kopfe.«
+
+»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn nicht!« erwiderte
+Leschnew, die Pfeife vom Boden aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – Hol
+ihn der Teufel!«
+
+»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, indem er im Zimmer
+umherging … »ja! er hat mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im
+ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er hatte mich stutzig
+gemacht; und wer konnte es auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen,
+daß ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, diesen verdammten
+Philosophen, wie ein Feldhuhn über den Haufen schießen.«
+
+»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! Von deiner Schwester gar nicht
+zu reden. Eine bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir die
+Oberhand … wie solltest du an deine Schwester denken! Aber in betreff
+einer anderen Person, glaubst du, du werdest besser reüssieren, wenn
+du den ›Philosophen‹ tötest?«
+
+Wolinzow warf sich in einen Sessel.
+
+»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur fort von hier! Der Gram
+preßt mir hier das Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«
+
+»Du willst fort … das ist eine andere Sache! Damit bin ich ganz
+einverstanden. Und weißt du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen
+zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach Kleinrußland und uns an
+Mehlklößen gütlich tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«
+
+»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«
+
+»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna nicht mit uns reisen? Bei
+Gott, das wäre herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! Es
+soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es wünscht, werde ich ihr jeden
+Abend unter ihrem Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute
+will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, die Wege mit Blumen
+schmücken. Na, Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren sein;
+wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos hingeben und solche Wänste mit
+nach Hause bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird anhaben können!«
+
+»Du treibst immer Scherz, Mischa!«
+
+»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter Einfall von dir.«
+
+»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, »schlagen, schlagen will ich mich
+mit ihm! …«
+
+»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute ganz von Sinnen!«
+
+Der Diener trat mit einem Briefe in der Hand herein.
+
+»Von wem?« fragte Leschnew.
+
+»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. Der Diener aus dem
+Laßunskischen Hause hat ihn gebracht.«
+
+»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?«
+
+»An Sie.«
+
+»An mich … gib her.«
+
+Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew
+beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges
+Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme
+sinken.
+
+»Was gibt’s?« fragte Leschnew.
+
+»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief.
+
+Leschnew begann wie folgt zu lesen:
+
+ »Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
+
+Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es
+wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann
+Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich
+dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie
+lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen.
+Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun.
+Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz,
+einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete
+seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich
+entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen
+Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht.
+In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann
+dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den
+Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe
+mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch
+nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich
+reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen,
+daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der
+Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie
+mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal
+wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig
+achtende
+
+ D. R.
+
+~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich
+Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement,
+angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein
+von diesem Briefe nicht zu reden.
+
+~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich
+abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines
+Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …«
+
+»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief
+beendigt hatte.
+
+»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun
+kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger
+als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun!
+Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen
+Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus
+Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn
+dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew,
+mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu.
+
+»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir
+getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis
+erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!«
+
+Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar.
+Wolinzow erhob sich.
+
+»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was
+dies alles bedeutet …«
+
+»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du
+wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du
+mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich
+ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt!
+Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«
+
+»Woraus schließt du das?«
+
+»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig,
+ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft
+leisten.«
+
+»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will
+lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines
+Mantels zurecht zupfend.
+
+»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …«
+
+Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra
+Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn
+freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt
+ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins
+beunruhigte sie.
+
+»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?«
+
+»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«
+
+Alexandra Pawlowna schwieg.
+
+»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit
+Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …«
+
+»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um
+Abschied zu nehmen.«
+
+Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.
+
+»Wie – um Abschied zu nehmen?«
+
+»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.«
+
+»Verläßt sie?«
+
+»Für immer; so sagt er wenigstens.«
+
+»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …«
+
+»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist
+aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu
+stark gespannt, und sie ist – gerissen.«
+
+»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts;
+Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«
+
+»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies
+seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte
+aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise
+verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten
+Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen
+begonnen hatten.«
+
+»Was ist das für ein Unternehmen?«
+
+»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur
+Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es,
+speziell für Sie Sorge zu tragen …«
+
+»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken,
+auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich
+vermutlich Hungers sterben.«
+
+»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie
+glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie
+aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf
+den Knien zu liegen?«
+
+»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«
+
+Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne,
+Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot.
+
+»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt
+hervor.
+
+»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und
+tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen
+und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend
+zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn
+Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen
+Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …«
+
+Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch
+hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die
+Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.
+
+»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des
+Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«
+
+Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem
+großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu
+Alexandra Pawlowna.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause
+zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und
+zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits
+kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange
+gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und
+nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine
+geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte,
+steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige
+Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster
+und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …
+Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen,
+erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener
+und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar
+sei.
+
+Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte
+ihn.
+
+Rudin begab sich zu ihr.
+
+Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher.
+Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch,
+sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.
+
+Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte
+sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die
+lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch
+jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes
+vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß
+Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von
+ihrem Vorhaben unterrichtet sei.
+
+Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte
+sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch
+unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter
+Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!
+
+»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn
+daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn
+zu werden?«
+
+»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski
+eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu
+kennen, das wundert mich!«
+
+Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu
+leiden.
+
+Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin
+von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie
+ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter
+Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich
+Wasser plötzlich in festes Eis.
+
+»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre
+Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten
+von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«
+
+Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.
+
+Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er
+überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die
+klugen Köpfe!
+
+»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da
+zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen
+auch bald von hier fort.«
+
+»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach
+Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben,
+werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu
+machen.«
+
+Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch
+hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt
+in diesem Tone aus?
+
+»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?«
+fragte er mit gewohnter Ziererei.
+
+»Ja,« erwiderte Rudin trocken.
+
+»Mißernte vielleicht?«
+
+»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr
+Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause
+verbracht habe.«
+
+»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen
+unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«
+
+»Heute nach Tische.«
+
+»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens,
+wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie
+uns vielleicht hier noch treffen.«
+
+»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend.
+»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich
+meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«
+
+»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja
+Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der
+Zeit?« fragte sie.
+
+Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene,
+emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen,
+steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.
+
+»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.
+
+»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf
+Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«
+
+Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein
+eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen
+miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten
+Phrasen …
+
+Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie
+Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite
+werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen:
+wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett
+der Tombola, das nichts gewonnen hat.
+
+Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die
+Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen
+Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet
+an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß
+Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu
+begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An
+der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor
+ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.
+Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr
+als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein
+blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem
+Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin:
+solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen
+bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man
+dich jetzt!
+
+Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig
+von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht
+erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den
+Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und
+warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das
+war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln
+nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf
+Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn
+gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.
+
+Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow
+hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte
+sich zu ihm.
+
+»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf
+die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie
+sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der
+Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der
+kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein
+tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet
+zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt …
+Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen,
+dies zu empfinden!«
+
+Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen
+Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station
+sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren
+Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum
+Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm
+um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen
+fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es
+waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.
+
+ * * * * *
+
+Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.
+
+»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich
+entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe
+mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich
+mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse
+auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? …
+Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an
+Sie?
+
+»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart,
+müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,
+hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich
+rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich
+will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage
+sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …
+
+»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben
+recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner
+Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt,
+bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie
+mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und
+gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen.
+Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen
+hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte
+ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht
+einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können,
+ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die
+Strafe.
+
+»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das
+ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige;
+sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die
+Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt
+nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie,
+doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte
+sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise
+ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und
+nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß,
+ob ich einer solchen Liebe fähig bin!
+
+»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch
+verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in
+dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir
+die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner
+Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame
+Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:
+ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir …
+ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht …
+Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der
+Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt;
+die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als
+nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz,
+mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben.
+Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht
+einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und
+immer noch sich zur Tat zu rüsten!
+
+»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies
+ist meine Beichte.
+
+»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen
+einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind
+noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den
+Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,
+noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher,
+beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto
+besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben
+zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit
+stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich
+bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.
+
+»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz.
+Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja
+Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der
+Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben …
+Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre
+Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick?
+… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das
+Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte
+mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich
+zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins
+Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise
+ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit
+Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie
+nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin
+nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon
+reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem
+Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch
+nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow
+das zweite Postskriptum hinzugefügt.)
+
+»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem
+Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten
+Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der
+Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit
+zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das
+ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich
+auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich
+mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem
+Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die
+ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich
+wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für
+mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut
+gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger
+hervorgehen.
+
+»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich
+zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.
+
+ Rudin.«
+
+Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange
+unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief
+bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie
+recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von
+Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch
+fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es
+däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen
+und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste
+Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist
+dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht,
+und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia
+gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging,
+jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels,
+dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben
+entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte
+dem Lichte den Rücken gekehrt …
+
+Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend.
+Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust
+verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer
+leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen
+auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise
+entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf
+demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine
+Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß,
+war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen.
+
+Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete
+die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben
+Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster
+hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die
+ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf
+diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr
+Blick:
+
+ Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe
+ Das Schattenbild entschwundnen Glücks …
+ Für ihn hat alles Reiz verloren,
+ Erinnerung nur und Reue bohren
+ Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …
+
+Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf
+ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von
+oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab.
+
+Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe
+in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte
+ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast
+neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen
+aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in
+der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der
+Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt
+gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte
+hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu
+schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern
+ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten
+Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna
+verwirrt, ja erschreckten sie sogar.
+
+Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm
+eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische
+Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre.
+
+»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?«
+
+Natalia blickte ihre Mutter an.
+
+»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so
+schnell davongemacht hat?«
+
+»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort,
+wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie
+etwas über ihn hören.«
+
+»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«
+
+Natalia senkte den Kopf und wiederholte:
+
+»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …«
+
+»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich
+glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts
+mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt
+erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun,
+gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …«
+
+Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese
+drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.
+
+»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und
+meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein.
+Jetzt aber geh.«
+
+Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und
+dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle
+aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an
+Vergangenes … längst Vergangenes …
+
+Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen
+mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief
+sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund
+der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen
+vollkommen. So etwas schlug in sein Fach.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja
+Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch
+empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war
+unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen
+sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen
+nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen.
+
+Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte,
+fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will
+viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise
+gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte
+sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem
+Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es
+widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst,
+vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu
+sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr
+bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber
+jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber
+schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den
+Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben
+Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen
+Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste
+Tröstung …
+
+Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die
+ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und
+Gott sei es gedankt!
+
+
+
+
+XII
+
+
+Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war in den ersten Tagen des Mai.
+Auf dem Balkon ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt nicht mehr
+Lipin, sondern Leschnew; ungefähr vor einem Jahre hatte sie Michael
+Michailitsch geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur in der
+letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor dem Balkon, von welchem
+aus Stufen in den Garten führten, ging eine Amme umher mit einem
+rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen und weißem Besatz auf dem
+Hütchen. Alexandra Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem Kinde. Es
+schrie nicht, saugte mit wichtiger Miene an seinem Finger und schaute
+ruhig um sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger Sohn Michael
+Michailitschs.
+
+Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem Balkone unser alter Bekannter
+Pigassow. Er war seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, merklich
+ergraut, gebeugt, magerer geworden und zischte beim Sprechen: ein
+Vorderzahn war ihm ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch
+mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich mit den Jahren nicht
+vermindert, doch waren seine Witze stumpf geworden, und er verfiel
+häufiger in Wiederholungen. Michael Michailitsch war nicht zu Hause,
+man erwartete ihn zum Tee. Die Sonne war bereits untergegangen. Ein
+langer, blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich am Abendhimmel
+hin, während an dem entgegengesetzten Himmelsrande zwei solcher
+Streifen sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, obere,
+rötlich-veilchenblau. In der Höhe verschwammen leichte Wölkchen. Alles
+versprach anhaltend gutes Wetter.
+
+Plötzlich lachte Pigassow auf.
+
+»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich, wie ein Bauer zu seiner
+Frau, die gerade etwas redselig geworden war, sagte: knarre nicht!
+… Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre nicht! Und in der Tat,
+worüber können die Weiber denn reden? Sie wissen, ich habe die
+Anwesenden niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren klüger als wir.
+In ihren Legenden sitzt die Schöne am Fenster, mit einem Stern auf
+der Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So muß es auch
+sein. Und urteilen Sie selbst: da sagt zu mir vorgestern unsere Frau
+Adelsmarschallin – wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s vor den
+Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht meine Tendenz! Tendenz! Nun,
+frage ich sie, wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für alle, wenn
+sie, kraft irgendwelcher wohltuenden Verfügung der Natur, plötzlich des
+Gebrauches der Sprache beraubt worden wäre?«
+
+»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch, Sie ziehen immer
+gegen uns wehrlose … Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in seiner
+Art, gewiß. Sie tun mir leid.«
+
+»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens gibt es meiner Ansicht
+nach überhaupt nur dreierlei Unglück auf der Welt: im Winter in kalter
+Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel zu tragen und in einem Zimmer
+zu schlafen, wo ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver
+streuen darf. Übrigens bin ich nicht der friedfertigste Mensch von der
+Welt geworden? Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel bin
+ich geworden! So sittsam ist jetzt mein Betragen!«
+
+»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß es gestehen! Hat doch
+gestern noch Helena Antonowna sich bei mir über Sie beschwert.«
+
+»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt, wenn ich fragen darf?«
+
+»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen hindurch. auf alle ihre
+Fragen nur eine Antwort gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit so
+winselndem Tone …«
+
+Pigassow lachte.
+
+»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie doch zugeben, Alexandra
+Pawlowna …, wie?«
+
+»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl gegen eine Frau so
+unhöflich benehmen, Afrikan Semenitsch?«
+
+»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in Ihren Augen?«
+
+»Was ist sie denn in den Ihrigen?«
+
+»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche Trommel, worauf man mit
+Stöcken paukt …«
+
+»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna, um der Unterhaltung eine
+andere Richtung zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört habe, Glück
+wünschen?«
+
+»Wozu?«
+
+»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die Glinow-Wiesen sind Ihnen ja
+zugesprochen …«
+
+»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte finster Pigassow.
+
+»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet und scheinen jetzt
+nicht zufrieden.«
+
+»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,« brachte Pigassow langsam
+hervor, »es kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben, als wenn
+ein Glück zu spät kommt. Freude kann es Ihnen doch nicht bringen,
+dagegen raubt es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht – das
+Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige, ein spätes Glück ist nichts
+als ein bitterer und beleidigender Spott. –«
+
+Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln.
+
+»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist Zeit, daß Mischa zu Bett
+gebracht wird. Gib ihn hierher.«
+
+Und Alexandra Pawlowna machte sich mit ihrem Sohne zu schaffen, während
+Pigassow sich brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog.
+
+Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem Wege, der längs dem
+Garten hinlief, Michael Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor
+derselben liefen zwei große Hofhunde her: der eine gelb, der andere
+grau; er hatte sie sich vor kurzem erst angeschafft. Sie zerrten sich
+unaufhörlich und waren die besten Freunde. Ein alter Dachshund kam
+ihnen bis vor das Tor entgegen und sperrte das Maul auf, als wolle
+er bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und er kehrte, mit dem
+Schwanze ruhig wedelnd, wieder um.
+
+»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew schon von weitem seiner Frau
+zu, »wen ich dir da mitbringe.«
+
+Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich die Person, die hinter ihrem
+Manne saß.
+
+»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann.
+
+»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und was für vortreffliche
+Nachrichten er bringt. Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.«
+
+Und er fuhr in den Hof hinein.
+
+Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow auf dem Balkon.
+
+»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme schließend, »Sergei heiratet!«
+
+»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt.
+
+»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier hat diese Nachricht aus
+Moskau mitgebracht, und es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du,
+Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines Sohnes erfassend, »Dein
+Onkel heiratet! … Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit den
+Augen dazu!«
+
+»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte die Amme.
+
+»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra Pawlowna trat, »ich bin
+heute von Moskau im Auftrage von Darja Michailowna gekommen – die
+Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch der Brief.«
+
+Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief ihres Bruders. Er bestand
+aus nur wenigen Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete er der
+Schwester, er habe um Natalia angehalten, ihre und Darja Michailownas
+Einwilligung bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich zu
+schreiben und umarmte und küßte in Gedanken alle. Er schrieb offenbar
+in einer Art von Betäubung.
+
+Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich setzen. Man überschüttete
+ihn mit Fragen. Alle, Pigassow sogar, waren über die erhaltene
+Nachricht erfreut.
+
+»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe der Unterhaltung, »es sind
+uns Gerüchte über einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen –
+sollte an ihnen etwas Wahres sein?«
+
+Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher noch nicht kennengelernt
+hat, war ein hübscher junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen und
+wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und sah dabei so aus,
+als wäre er kein lebendiger Mensch, sondern eine ihm selbst auf
+Subskription errichtete Statue.
+
+»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow mit einem Lächeln.
+»Darja Michailowna war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch nichts
+von ihm wissen.«
+
+»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen, »das ist ja ein
+Doppeltölpel, ein Erzperückenstock … ich bitte Sie. Wenn alle Leute
+ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld zahlen lassen, wenn man
+überhaupt leben sollte … wie ist das möglich!«
+
+»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der Welt spielt er jedoch keine
+der letzten Rollen.«
+
+»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra Pawlowna aus, »lassen wir
+ihn! Ach, wie bin ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist heiter,
+glücklich?«
+
+»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen sie ja – sie scheint aber
+zufrieden zu sein.«
+
+Der Abend verging unter angenehmen und heiteren Gesprächen. Man setzte
+sich zu Tische.
+
+»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu Bassistow, indem er ihm
+Lafitte einschenkte, »wissen Sie, wo Rudin weilt?«
+
+»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit. Vorigen Winter kam er
+auf kurze Zeit nach Moskau und reiste dann mit einer Familie nach
+Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander Briefe: in dem
+letzten benachrichtigte er mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte
+jedoch nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte ich nichts mehr
+von ihm.«
+
+»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das Wort, »er sitzt irgendwo
+und hält Reden. Dieser Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden,
+die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und ihm Geld vorschießen.
+Geben Sie acht, das Ende davon wird sein, er stirbt in irgendeinem
+Provinzialstädtchen – in den Armen einer überreifen Jungfer mit
+falschem Haar, die ihm, als dem genialsten Menschen von der Welt, ein
+heiliges Andenken bewahren wird …«
+
+»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte Bassistow halblaut und
+unzufrieden.
+
+»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow, »sondern der Wahrheit
+getreu. Meiner Ansicht nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts.
+Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er, zu Leschnew gewendet,
+fort, »ich habe ja die Bekanntschaft jenes Terlachow gemacht, mit
+welchem Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl, jawohl! Was der mir
+von ihm erzählt hat, davon machen Sie sich keinen Begriff – das ist
+wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle Freunde und Nacheiferer
+Rudins mit der Zeit seine Feinde werden.«
+
+»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde auszuschließen!«
+unterbrach ihn mit Feuer Bassistow.
+
+»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf Sie ist es auch nicht
+gemünzt.«
+
+»Was war es denn, was Ihnen Terlachow erzählte?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die allerbeste Anekdote über
+Rudin aber ist folgende: Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung
+beschäftigt (diese Herren sind es fortwährend, während andere,
+einfach gesagt, schlafen und essen – befinden sie sich im Momente
+der Entwicklung des Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr
+Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … Also mit seiner Entwicklung
+fortwährend beschäftigt, war Rudin auf dem Wege der Philosophie zu dem
+Vernunftschlusse gekommen, daß er sich verlieben müsse. Er stellte
+Nachforschungen über den Gegenstand an, der einem so wunderbaren
+Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte ihm. Er machte die
+Bekanntschaft einer Französin, einer allerliebsten Putzhändlerin. Das
+ereignete sich, merken Sie wohl, in einer deutschen Stadt am Rhein.
+Er besuchte sie, brachte ihr allerlei Bücher und sprach mit ihr über
+Natur und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin vor! sie
+hielt ihn für einen Astronomen. Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht
+übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. Endlich bestimmte er
+eine Zusammenkunft, ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel
+auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte ihr bestes Kleid an
+und fuhr mit ihm in der Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen
+zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß er sich diese ganze Zeit über
+beschäftigte? Er hat der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll
+den Himmel angeschaut und ihr mehrmals wiederholt, daß er ›väterliche‹
+Zärtlichkeit für sie fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach
+Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow erzählt. Solch ein
+Kerl ist er gewesen!«
+
+Und Pigassow lachte laut auf.
+
+»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra Pawlowna ärgerlich,
+»indessen gewinne ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß selbst
+diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm nichts Schlechtes nachsagen
+können.«
+
+»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein beständiges Leben auf
+fremder Leute Kosten, seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß hat
+er auch von Ihnen geborgt?«
+
+»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann Leschnew, und sein Gesicht
+nahm einen ernsten Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine Frau
+weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit keine besondere Zuneigung zu
+Rudin gefühlt und oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem
+dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) will ich Ihnen folgenden
+Vorschlag machen: wir haben soeben auf die Gesundheit unseres teueren
+Bruders und seiner Braut getrunken; ich fordere Sie jetzt auf, auf die
+Gesundheit Dmitri Rudins zu trinken!«
+
+Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen Leschnew mit Verwunderung an,
+während Bassistow das Herz im Leibe hüpfte und er vor Freude rot wurde
+und die Augen aufriß.
+
+»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von seinen Fehlern weiß ich
+nur zu viel. Sie fallen um so mehr in die Augen, weil er selbst kein
+Alltagsmensch ist.«
+
+»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow ein.
+
+»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte Leschnew, »aber Natur
+– das ist eben das schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht davon,
+von dem Guten, Seltenen in ihm wollte ich sprechen. Er ist voll
+Begeisterung; das ist aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem
+Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir sind alle
+unausstehlich überlegt, gleichgültig und träge geworden; wir sind
+schläfrig, erkaltet und müssen es demjenigen Dank wissen, der uns, wenn
+auch nur auf einen Augenblick, aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die
+höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach einmal mit dir von
+ihm und beschuldigte ihn der Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht
+zugleich. Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – daran ist er nicht
+schuld – nicht aber im Kopfe. Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte,
+kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten nicht wie ein
+Schleicher, sondern wie ein Kind … Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend
+und Armut sterben; sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen?
+Er selbst wird nie etwas vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur
+und Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, daß er keinen
+Nutzen bringen werde, nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine
+Worte nicht schon viel guten Samen in junge Herzen gestreut haben,
+denen die Natur nicht wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen
+des Gedachten versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles
+dieses an mir selbst erfahren … Sascha weiß, was Rudin in meinen jungen
+Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich ferner, behauptet zu haben,
+daß Rudins Worte keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten;
+ich redete aber damals von Menschen, die mir meinem jetzigen Alter
+nach gleichstanden, von Menschen, die das Leben bereits gekostet
+haben, und die vom Leben etwas zerzaust sind. Ein falscher Ton in der
+Rede – und sie verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling ist aber
+glücklicherweise das Gehör noch nicht so ausgebildet, noch nicht so
+verwöhnt. Wenn nur der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was kümmert
+ihn da der Ton! Den wird er schon in sich selbst finden.«
+
+»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr ist das gesprochen! Was
+jedoch Rudins Einfluß betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß
+einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern ihn auch weiterschob,
+ihm die Zeit nicht ließ, stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn
+entflammte, begeisterte!«
+
+»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an Pigassow wendend, »welchen
+Beweis brauchen Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; wenn Sie
+von ihr reden, finden Sie nicht genug verächtliche Ausdrücke. Ich bin
+ihr auch nicht besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht
+von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen her! Philosophische
+Spitzfindigkeiten und Träumereien werden an dem Russen nie haften;
+dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; man darf aber auch
+nicht die Philosophie als Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben
+nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es ist Rudins Unglück, daß
+er Rußland nicht kennt, und in der Tat ist das ein großes Unglück.
+Das Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, aber keiner von
+uns das Vaterland. Wehe dem, der da meint, daß er’s könne; doppelt
+wehe über den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus – ist ein
+Unding, der Kosmopolit – eine Null, ärger als eine Null; außerhalb
+der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch Leben, gibt
+es nichts. Ohne Physiognomie ist nicht einmal das ideale Gesicht;
+nur das gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber wieder darauf
+zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: sein Verhängnis ist es, ein
+bitteres, schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß nicht vorwerfen
+werden. Es würde uns zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum
+Leute, wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen für das Gute, das
+in ihm ist, dankbar sein. Dies ist leichter als ungerecht gegen ihn
+zu sein, und wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine Strafe über
+ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, es wäre auch unnütz: er hat sich
+selbst viel strenger bestraft, als er es verdiente … Und gebe Gott,
+daß das Unglück alles Schlechte aus ihm ausscheide und nur das Schöne
+in ihm zurücklasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf
+die Gesundheit des Kameraden meiner besten Jahre, ich trinke auf das
+Wohl der Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres Vertrauens und
+ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl von allem, was unsere zwanzigjährigen
+Herzen schon klopfen machte und was im späteren Leben nichts Besseres
+aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird … Ich trinke
+auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl!«
+
+Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte im Eifer beinahe sein
+Glas zerschlagen und stürzte dessen Inhalt in einem Zuge hinunter,
+Alexandra Pawlowna drückte Leschnew die Hand.
+
+»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, daß Sie so beredt
+wären,« bemerkte Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich muß
+gestehen, das hat sogar mich gepackt.«
+
+»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte Leschnew nicht ohne
+Unwillen, »_Sie_ aber zu packen, glaub ich, ist keine leichte Sache.
+Doch genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«
+
+»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er gleich? … Pandalewski! lebt der
+immer noch bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow wendend.
+
+»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat ihm eine einträgliche Stelle
+ausgewirkt.«
+
+Leschnew lächelte.
+
+»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür ließe sich bürgen.«
+
+Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen auseinander. Als Alexandra
+Pawlowna mit ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie ihm zärtlich
+ins Gesicht.
+
+»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte sie, seine Stirn sanft mit
+der Hand streichelnd, »wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe
+aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil Rudins hinreißen lassen,
+wie ehemals zu dessen Nachteile …«
+
+»Den am Boden Liegenden schlägt man nicht[6] … überdies befürchtete
+ich damals, daß er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,« fügte er
+lächelnd hinzu.
+
+»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna, »er ist mir von jeher
+zu gelehrt vorgekommen, ich fürchtete mich vor ihm und wußte nicht,
+wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte. Pigassow hat sich aber
+doch heute ziemlich boshaft über ihn lustig gemacht, scheint dir’s
+nicht?«
+
+»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich nahm ich mit solcher
+Wärme Rudin in Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn einen
+Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht nach ist aber die Rolle, die
+er, Pigassow, spielt, hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges
+Vermögen, macht sich über alles lustig und schwänzelt bei Vornehmen und
+Reichen herum! Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der mit solcher
+Erbitterung auf alle und alles schimpft und über Philosophie und Weiber
+herfällt, – weißt du wohl, daß er, als er sich noch im Amte befand, ein
+Sportelreißer war und noch dazu ein arger!«
+
+»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna. »Das hätte ich nicht
+erwartet … Höre, Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu, »was
+ich dich fragen will …«
+
+»Nun?«
+
+»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit Natalia glücklich sein?«
+
+»Wie soll ich dir darauf antworten … allem Anschein nach, ja … die
+Oberhand wird sie behalten – unter uns brauchen wir kein Geheimnis
+daraus zu machen – sie ist klüger als er; er ist aber ein herrlicher
+Mensch und liebt sie von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben wir
+beide einander doch und sind glücklich, nicht wahr?«
+
+Alexandra Pawlowna lächelte und drückte Michael Michailitsch die Hand.
+
+ * * * * *
+
+An demselben Tage, als das soeben Erzählte im Hause Alexandra Pawlownas
+vorging – schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements
+Rußlands, in der drückendsten Hitze, auf der Landstraße eine schlechte,
+mit Matten bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt waren,
+mühsam dahin. Auf dem Vorderrande hielt sich, die Füße schräg auf das
+Strängeholz gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem Wams,
+zog unaufhörlich an den Strickleinen und schwenkte dazu eine kleine
+Peitsche; im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich gefüllten
+Mantelsack ein Mann von hohem Wuchse in Mütze und altem, staubigem
+Mantel. Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da und hatte den Schirm
+seiner Mütze über die Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße des
+Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf die andere, er schien nichts
+zu empfinden, als wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete er
+sich auf.
+
+»Wann werden wir denn endlich zur Station kommen?« fragte er den vorn
+sitzenden Bauer.
+
+»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort und zog noch eifriger an
+den Leinen, »sind wir erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben
+nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! schläfst du … Ich will dich
+lehren,« setzte er fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd mit
+der Peitsche anzutreiben.
+
+»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« bemerkte Rudin, »wir
+schleppen uns schon seit dem Morgen und können nicht ankommen. Singe
+mir wenigstens etwas vor.«
+
+»Was soll man machen, Väterchen! Die Pferde, Sie sehen ja selbst, sind
+ganz verhungert … und dazu noch die Hitze. Was nun das Singen betrifft
+… das versteht unsereiner nicht: wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!«
+rief auf einmal der Bauer einem vorübergehenden Wanderer in braunem,
+schlechtem Kittel und abgetretenen Bastschuhen zu, »heda, mache uns
+Platz, Freundchen!«
+
+»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer ihm nach und blieb
+stehen. »Moskauer Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes hinzu,
+schüttelte den Kopf und ging des Weges langsam weiter.
+
+»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde zu und zog wieder
+ruckweise an den Leinen; »ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«
+
+So gut es ging, erreichten die ermüdeten Pferde endlich den Posthof.
+Rudin stieg aus der Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht
+dafür dankte und das Geld lange in der hohlen Hand herumwarf – er
+hatte vermutlich ein größeres Trinkgeld erwartet –, und trug seinen
+Mantelsack selbst in das Postzimmer.
+
+Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben viel in Rußland
+umhergereist war, hat die Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem
+Stationszimmer Bilder hängen, welche Szenen aus Puschkins »Gefangenen
+im Kaukasus« oder russische Generale vorstellen, man bald Pferde
+bekommen kann; wenn dagegen die Bilder das Leben des berüchtigten
+Spielers Georges de Germany darstellen, der Reisende auf baldige
+Beförderung nicht rechnen darf: er wird Zeit genug haben, sich
+sattzusehen an dem emporgestrichenen Hahnenkamm, der weißen Weste
+mit breiten Aufschlägen und den außerordentlich engen und kurzen
+Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend und an seiner rasenden
+Physiognomie, als er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, in
+einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn erschlägt. In dem Zimmer,
+in welches Rudin trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig
+Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf seinen Ruf erschien der
+Stationshalter mit verschlafenem Gesichte (ich möchte wissen – ob wohl
+jemand einen Stationshalter mit einem nicht verschlafenen Gesichte
+gesehen hat?) und ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit träger
+Stimme, es seien keine Pferde da.
+
+»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde da,« erwiderte
+Rudin, »wenn Sie nicht einmal wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit
+Privatpferden hierhergekommen.«
+
+»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte der Posthalter. »Wohin
+wollen Sie denn?«
+
+»Nach …sk.«
+
+»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der Stationshalter und ging
+hinaus.
+
+Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf seine Mütze auf den Tisch. Er
+hatte sich in diesen zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber gelber
+geworden; hin und wieder schillerten silberne Fäden in dem Haar und
+die Augen, immer noch schön, schienen etwas matter geworden zu sein;
+leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen Denkens, zeigten sich
+an den Lippen, den Wangen und den Schläfen.
+
+Seine Kleidung war abgetragen und alt, von Wäsche war nirgends etwas zu
+sehen. Die Zeit seiner Blüte war offenbar vergangen, er war, wie der
+Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat geschossen.
+
+Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu lesen … ein beliebter
+Zeitvertreib sich langweilender Reisenden … plötzlich knarrte die Tür
+und der Stationshalter trat herein.
+
+»Pferde nach …sk sind keine da und werden noch lange nicht da sein,
+aber nach …ow sind Retourpferde zu haben.«
+
+»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich bitte Sie! das liegt ja gar
+nicht auf meinem Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie mir deucht,
+in der Richtung nach Tambow.«
+
+»Was tut es? Sie können dann aus Tambow weiter, oder wenn es Ihnen
+beliebt, werden Sie von …ow aus wieder hierher zurückkehren können.«
+
+Rudin überlegte.
+
+»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen Sie einspannen. Mir ist
+es ganz gleich; ich fahre nach Tambow.«
+
+Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin trug seinen Mantelsack hinaus,
+stieg in den Postkarren, setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf
+hängen.
+
+Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes in seiner gebeugten
+Gestalt … Und das Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter dem
+einförmigen Geklingel der Schellen dahin.
+
+
+
+
+Epilog
+
+
+Wiederum waren einige Jahre verstrichen.
+
+An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange des Hauptposthofes
+der Gouvernementsstadt S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich reckend
+stieg aus derselben ein Herr, er war noch nicht alt, besaß jedoch
+bereits jene Fülle des Leibes, die man »respektabel« zu nennen pflegt.
+Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen war, blieb
+er im Eingange des breiten Korridors stehen, und da er niemand gewahr
+wurde, forderte er mit lauter Stimme ein Zimmer. Sogleich hörte man
+eine Tür zuwerfen, ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen
+Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz auf der Rückseite und
+den Ärmeln seines abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich. Als
+der Fremde in sein Zimmer trat, warf er sogleich Mantel und Plaid ab,
+setzte sich auf einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie, blickte
+wie schlaftrunken umher und befahl sodann, seinen Bedienten zu rufen.
+Der Diener tat einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende
+war kein anderer als Leschnew. Er war der Rekrutenaushebung wegen von
+seinem Gute nach S. gekommen.
+
+Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger und rotwangiger
+Bursche, in grauem, mit blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen
+Filzstiefeln trat in das Zimmer.
+
+»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch angekommen,« sagte
+Leschnew, »und du hattest befürchtet, die Schiene am Rade werde
+abspringen.«
+
+»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte der Bediente, und
+versuchte über dem aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln, »wie
+aber die Schiene nicht abgesprungen ist, das …«
+
+»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im Korridor hören.
+
+Leschnew fuhr zusammen und horchte auf.
+
+»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme.
+
+Leschnew erhob sich, trat an die Tür und machte sie rasch auf.
+
+Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse, fast ganz ergraut und gebeugt,
+in einem alten Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte ihn
+sogleich.
+
+»Rudin!« rief er bewegt.
+
+Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht Leschnews, der mit
+dem Rücken gegen das Licht stand, nicht erkennen und blickte ihn
+zweifelhaft an.
+
+»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew ihn an.
+
+»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und streckte die Hand vor, wurde
+aber verwirrt und zog sie wieder zurück …
+
+Leschnew ergriff sie mit beiden Händen.
+
+»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu Rudin und führte ihn in
+sein Zimmer.
+
+»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew nach einigem Schweigen und
+unwillkürlich die Stimme senkend.
+
+»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem Blicke im Zimmer
+umherschweifend. »Die Jahre … Sie aber – sind wie früher. Wie geht es
+Alexandra … Ihrer Gemahlin?«
+
+»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt Sie hierher?«
+
+»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In diesem Hause befinde ich
+mich ganz zufällig. Ich suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich
+sehr …«
+
+»Wo speisen Sie?«
+
+»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem Gasthause. Ich muß heute noch
+fort von hier.«
+
+»Sie müssen?«
+
+Rudin lächelte bedeutsam.
+
+»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum Aufenthalt an.«
+
+»Speisen Sie mit mir.«
+
+Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade in die Augen.
+
+»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen zu speisen?« fragte er.
+
+»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden. Wollen Sie? Ich glaubte
+nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen und Gott weiß, wenn wir uns
+wiedersehen werden. Wir können doch so nicht voneinander scheiden!«
+
+»Gut, ich bin es zufrieden.«
+
+Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den Diener, bestellte das Essen
+und befahl, eine Flasche Champagner auf Eis zu stellen.
+
+ * * * * *
+
+Während des Essens unterhielten sich Leschnew und Rudin, gleichsam wie
+verabredet, ausschließlich von ihrem Studentenleben, kamen auf vieles
+zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene. Anfangs sprach Rudin
+gezwungen, doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken hatte, wurde er
+warm. Endlich nahm der Diener die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew
+stand auf, verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch, Rudin
+gerade gegenüber und stützte still sein Kinn auf beide Hände.
+
+»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles erzählen, was sich mit
+Ihnen zugetragen hat, seit ich Sie nicht gesehen habe.«
+
+Rudin warf einen Blick auf Leschnew.
+
+Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er aussieht, der arme Mensch!
+
+Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel verändert, besonders
+seit der Zeit, da wir ihn auf der Station trafen, obgleich bereits
+Spuren des nahenden Alters darin sichtbar waren, der Ausdruck war jetzt
+aber ein anderer. Die Augen blickten anders; aus seinem ganzen Wesen,
+aus seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, aus seiner
+schleppenden und gleichsam gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung,
+geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten Schwermut von
+früher durchaus nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer von
+Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe erfüllten Jugend so gut zu
+Gesichte steht.
+
+»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist?« begann er.
+»Alles läßt sich nicht erzählen und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt
+habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, nicht mit dem Körper
+allein – auch mit der Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren!
+Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! … Ja, mit wem,«
+wiederholte Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn mit besonderer
+Teilnahme anblickte. »Wie oft haben meine eigenen Worte mich angewidert
+– nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern auch in dem Munde
+jener Leute, die meine Ansichten teilten! Welche Übergänge habe ich
+durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit eines Kindes bis
+zur stumpfen Gefühllosigkeit des Pferdes, das nicht einmal mehr mit
+dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft … Wie viele Male
+habe ich mich umsonst gefreut, umsonst gehofft, gekämpft und mich
+erniedrigt! Wie oft habe ich wie ein Falke meine Fittiche ausgebreitet
+– und bin auf die Erde zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen,
+wie die Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … Wo bin ich nicht
+überall gewesen; welche Wege hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt
+schmutzige Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich etwas ab.
+
+»Sie verstehen,« fuhr er fort …
+
+»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst sagten wir ›du‹ zueinander
+… Willst du? Wir frischen das alte auf … Trinken wir auf das Du!«
+
+Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick flimmerte etwas, was
+keine Sprache wiederzugeben vermag.
+
+»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, laß uns trinken.«
+
+Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.
+
+»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung des Wortes »du« und
+lächelnd, »es sitzt in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt und mir
+nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt mich den Menschen entgegen – anfangs
+empfinden sie meinen Einfluß, nachher aber …«
+
+Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
+
+»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah, bin ich um mancherlei
+Erfahrungen reicher geworden … Mehrmals habe ich ein neues Leben
+angefangen, mehrfach die Hand an ein neues Werk gelegt – und da siehst
+du nun, wie weit ich gekommen bin!«
+
+»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam vor sich hin, Leschnew.
+
+»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … Etwas erbauen, das habe ich
+nie gekonnt! Und es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, wenn
+man keinen Boden unter sich fühlt, wenn man sein eigenes Fundament erst
+selbst legen muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, das heißt,
+all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, drei Vorfälle sollst du erfahren
+… jene Vorfälle aus meinem Leben, wo, wie es schien, der Erfolg mir
+bereits lächelte, oder nein, wo ich anfing, auf Erfolg zu hoffen – was
+nicht ganz dasselbe ist …«
+
+Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes Haar mit derselben
+Handbewegung zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er noch
+dunkles und volles Haar hatte.
+
+»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich mit einem ziemlich
+sonderbaren Menschen zusammen. Er war sehr reich und besaß
+beträchtliche Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, seine
+Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft war die Liebe zur
+Wissenschaft, zur Wissenschaft im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt
+nicht begreifen, wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! Sie stand
+ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. Er selbst konnte sich nur mit
+Mühe auf der Höhe der Vernunft behaupten und verstand es kaum, sich
+auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll die Augen und schüttelte
+bedenklich den Kopf. Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur,
+Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte an jene weiten
+Strecken im Smolenskischen Gouvernement, wo man nur Sand findet –
+Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches Gras, das kein Tier
+fressen mag. Es wollte ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus
+seinen Händen, alles, und obendrein war er noch darauf versessen,
+was leicht war, sich zu erschweren. Hätte es von ihm abgehangen, er
+würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, auf dem Kopfe zu
+gehen. Er arbeitete, schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen
+starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld stürzte er sich
+auf die Wissenschaften; sein Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein
+Charakter war eisern. Er lebte allein und galt für einen Sonderling.
+Ich wurde mit ihm bekannt und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte
+ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. Dann besaß er ein
+so schönes Vermögen, es ließ sich durch ihn so viel Gutes, so viel
+wahrhafter Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und fuhr endlich
+mit ihm auf sein Landgut. – Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir
+herum; ich träumte von vielen Verbesserungen, Neuerungen …«
+
+»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« bemerkte Leschnew mit
+gutmütigem Lächeln.
+
+»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten überzeugt, daß meine
+Worte unfruchtbar bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete sich vor
+mir ein Feld ganz anderer Art aus … Ich schleppte agronomische Bücher
+herbei … von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein einziges bis
+zu Ende gelesen habe … und dann machte ich mich an die Arbeit. Anfangs
+ging es nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien es gehen zu
+wollen. Mein neuer Freund schwieg zu allem und schaute zu, er störte
+mich nicht, das heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich
+nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte dieselben auch aus,
+aber starrsinnig, unnachgiebig und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er
+alles nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an jedem seiner
+Gedanken, wie der Sonnenkäfer an dem Grashalm, dessen Spitze er nur
+mit Anstrengung erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar seine Flügel
+zurechtzupfend, um weiterzufliegen – plötzlich aber herunterfällt, um
+nochmals hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht über diese Gleichnisse
+wundern. Schon damals hatten sie sich in meinem Innern angehäuft.
+Zwei Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte gingen schlecht,
+ungeachtet aller meiner Anstrengungen. Ich fing an, ihrer überdrüssig
+zu werden, mein Freund langweilte mich, und ich wurde ihm unbequem und
+erdrückend; sein Mißtrauen ging in schlecht verhehlte Erbitterung über,
+ein feindseliger Geist hatte sich unser beider bemächtigt, wir konnten
+miteinander von nichts mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich
+bemühte er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht meinem Einflusse
+fügte; meine Verordnungen wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen
+… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn Gutsbesitzer nur als Mittel
+zur geistigen Gymnastik diente … Ich war zu einer Art intelligenten
+Parasiten geworden! Schmerzlich ward es mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu
+vergeuden, schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und abermals mich
+in meinen Erwartungen getäuscht hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel
+ich verlor, wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht über mich,
+und eines Tages, infolge eines widerlichen und empörenden Vorfalles,
+dessen ich Zeuge war und der mir meinen Freund in einem wirklich zu
+unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte ich mich vollends mit ihm,
+reiste ab und ließ diesen aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups
+zusammengekneteten pedantischen Krautjunker fahren.«
+
+»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes fahren lassen,« wandte
+Leschnew ein und legte beide Hände auf Rudins Schulter.
+
+»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im leeren Raume. Fliege nun,
+wohin du willst … Ha, trinken wir eins!«
+
+»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob sich und küßte Rudin auf
+die Stirn. »Auf deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken … Er hat es
+auch verstanden, arm zu bleiben.«
+
+»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« sagte Rudin nach einer kleinen
+Pause. »Soll ich fortfahren, wie?«
+
+»Fahre fort, ich bitte dich.«
+
+»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort. Ich bin des Redens
+müde, Bruder … Nun, es sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen
+Stellen umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig erzählen, wie
+ich bei einem pflichtgetreuen hohen Beamten Sekretär wurde und wie das
+endete; es würde uns jedoch zu weit führen … nachdem ich mich also
+an verschiedenen Orten umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt …
+ich bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann, ein praktischer
+Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen: ich wurde mit einem gewissen
+… vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem gewissen Kurbejew
+bekannt …«
+
+»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich bitte dich, Rudin, wie
+konntest du mit deinem Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein
+Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel … Geschäftsmann zu sein?«
+
+»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache ist; was ist denn aber
+überhaupt meine Sache? … Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle
+ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer vor. Man sagt,
+ich wäre in früheren Jahren beredt gewesen. Ich bin im Vergleich
+zu ihm nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener Mann; ein
+schöpferischer Kopf, ein Kopf für Industrie und Handelsunternehmungen.
+Die kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in seinem Geiste. Wir
+traten zusammen und faßten den Entschluß, gemeinschaftlich unsere
+Kräfte einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.«
+
+»Welchem? Sage doch!«
+
+Rudin senkte den Blick.
+
+»Du wirst lachen müssen.«
+
+»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.«
+
+»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen Gouvernement schiffbar zu
+machen,« äußerte Rudin, verlegen lächelnd.
+
+»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?«
+
+»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und senkte still seinen
+ergrauten Kopf.
+
+Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne und faßte Rudins Hand.
+
+»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte er, »ich hatte das nun gar
+nicht erwartet. Nun, euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?«
+
+»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht. Wir mieteten Arbeiter … und
+gingen ans Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse. Erstens
+wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten, zweitens konnten wir
+mit dem Wasser ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine
+jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten wir in Erdhütten.
+Kurbejews einzige Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch
+nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend da herum ist
+wunderschön. Wir quälten und quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu
+überreden und sandten Briefe und Zirkulare in die Welt. Das Ende davon
+war, daß mein letzter Groschen bei diesem Projekte aufging.«
+
+»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war nicht schwer, deinen
+letzten Groschen daran aufgehen zu sehen.«
+
+»In der Tat war das nicht schwer … doch das Unternehmen war aber, bei
+Gott, nicht übel und hätte großen Gewinn abwerfen können.«
+
+»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?« fragte Leschnew.
+
+»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber ist er geworden. Und du
+wirst sehen, er wird sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.«
+
+»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht dahin bringen.«
+
+»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja übrigens, daß ich in deinen
+Augen von jeher für einen unnützen Menschen gegolten habe.«
+
+»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine Zeit, du hast recht, wo mir nur
+deine Schattenseiten in die Augen fielen; jetzt aber, glaube mir’s,
+habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen wirst du dir wohl nicht
+zusammenschlagen … Deshalb aber liebe ich dich …«
+
+Rudin lächelte matt.
+
+»Wirklich?«
+
+»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew, »verstehst du mich wohl?«
+
+Sie schwiegen beide.
+
+»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?« fragte Rudin.
+
+»Tu mir den Gefallen.«
+
+»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von dieser Nummer habe ich mich
+eben erst losgemacht. Langweilt es dich aber nicht?«
+
+»Erzähle, erzähle.«
+
+»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer Stunde der Muße … an Muße
+hat es mir niemals gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse besitze
+ich nicht wenig, ich wünsche das Gute du wirst doch nicht absprechen
+wollen, daß ich das Gute wünsche?«
+
+»Das fehlte noch!«
+
+»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger durchgefallen … warum
+sollte ich nicht Pädagog werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? …
+besser doch, als nichts zu tun …«
+
+Rudin hielt inne und schöpfte Atem.
+
+»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird es doch sein, wenn ich
+mich bestrebe, anderen das mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden
+sie aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich schöpfen. Meine
+Talente sind doch am Ende keine alltäglichen; die Gabe der Rede habe
+ich auch … Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu widmen. Mühe
+genug kostete es mir, eine Anstellung zu finden; Privatunterricht
+wollte ich nicht erteilen; an Elementarschulen war mein Platz nicht.
+Endlich gelang es mir, die Stelle eines Lehrers am hiesigen Gymnasium
+zu erhalten.«
+
+»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte Leschnew.
+
+»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich kann dir sagen, noch keine
+Sache habe ich mit solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke,
+auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. Drei Wochen war ich mit der
+Abfassung meiner Antrittsvorlesung beschäftigt.«
+
+»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.
+
+»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. Sie kam nicht schlecht
+heraus und fand Beifall. Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner
+Zuhörer vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem Ausdrucke der
+treuherzigsten Aufmerksamkeit, Teilnahme, ja selbst des Erstaunens.
+Ich bestieg das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im Fieber; ich
+hatte geglaubt, ich würde daran reichlich für eine Stunde haben, und
+in zwanzig Minuten war ich fertig. Der Inspektor war auch zugegen –
+ein trockener Alter mit silbergefaßter Brille und kurzer Perücke, –
+von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als ich zu
+Ende war und von meinem Sessel sprang, sagte er zu mir: ›Gut, doch
+etwas zu hoch und unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist zu wenig
+gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch geleiteten mich mit Blicken der
+Achtung … wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert der Jugend. Die
+zweite Vorlesung und auch die dritte hatte ich aufgeschrieben … dann
+aber improvisierte ich.«
+
+»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.
+
+»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden sich in Massen ein. Ich
+teilte ihnen alles mit, was mir auf der Seele lag. Unter denselben
+waren drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; die übrigen
+verstanden mich nur halb. Ich muß indessen gestehen, daß auch
+diejenigen, welche mich verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen
+verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber nicht. Liebten mich ja
+doch alle: bei den Repetitionen gab ich allen gute Zensuren. Da aber
+entspann sich gegen mich eine Intrige … oder nein! Eine Intrige war
+es nicht; ich war, einfach gesagt, nicht in meine Sphäre geraten.
+Ich war den anderen unbequem und die anderen waren es mir. Ich hielt
+Gymnasiasten Vorlesungen, wie man sie Studenten nicht immer hält, und
+meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen doch nicht so sehr förderlich
+… ich beherrschte die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte
+mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet war … Du weißt ja,
+das war immer meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen und
+schwöre dir, diese Reformen waren gut und ausführbar. Ich hoffte,
+sie mit Hilfe des Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, auf
+welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, durchzusetzen. Seine Frau
+stand mir bei. Ich habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher
+Frauen getroffen. Sie war bereits nahe den Vierzigern, glaubte aber
+noch an das Gute, liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges Mädchen
+und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, vor wem es auch sein mochte,
+offen auszusprechen. Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, ihre
+Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, hatte ich schon einen Plan
+entworfen, doch da wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet und
+ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders schadete mir ein Lehrer der
+Mathematik, ein unansehnlicher, bissiger und gallsüchtiger Mensch, der
+an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, aber bei weitem tüchtiger
+als er … ja, sage doch, lebt Pigassow noch?«
+
+»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine Dienstmagd geheiratet, die,
+wie man sagt, ihn prügeln soll.«
+
+»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, geht es ihr gut?«
+
+»Ja.«
+
+»Ist sie glücklich?«
+
+»Ja.«
+
+Rudin schwieg.
+
+»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht, vom Lehrer der Mathematik.
+Er hatte einen Haß auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich er
+mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, nicht ganz deutlichen
+Ausdruck auf und führte mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus
+dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache aber war, er hatte
+meine Absichten verdächtigt; meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie
+an eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem ich mich gleich
+anfangs nicht gut gestellt hatte, reizte den Direktor gegen mich auf;
+und es kam zu einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde heftig,
+die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, und ich ward gezwungen, meine
+Entlassung zu nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte zeigen,
+daß ich mit mir nicht so umspringen lasse … aber leider mußte ich
+einsehen, daß man mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt muß
+ich die Stadt verlassen.«
+
+Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen da mit gesenktem Kopfe.
+
+Rudin nahm zuerst wieder das Wort.
+
+»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit Koltzow[7] ausrufen: ›Wie
+hast du, meine Jugend, mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß
+nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich denn wirklich zu nichts
+gut, gab es denn wirklich gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich
+habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche Mühe ich mir auch
+gab, mich in meinen eigenen Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch
+unmöglich, in mir das Vorhandensein von Kräften nicht zu fühlen, mit
+denen nicht jedermann begabt ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte
+unfruchtbar? Und dann noch eins: erinnerst du dich, als wir zusammen im
+Auslande waren, war ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen
+… Es ist wahr, ich war damals nicht deutlich dessen bewußt, wonach mich
+verlangte, ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge und
+schenkte Trugbildern Glauben; jetzt aber, ich schwöre dir’s, darf ich
+laut, vor allen, gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen:
+ich bin im wahren Sinne des Wortes ein wohlgesinnter Mensch; ich werde
+demütig, will mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, strebe
+nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn auch nur geringen, Nutzen
+schaffen. Aber – es will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? Was
+hindert mich, zu leben und zu wirken, wie andere es tun? Ich trachte
+ja jetzt nach nichts Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine
+bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen Punkte Posto zu
+fassen, so stößt mich das Geschick unerbittlich fort. Ich fange an,
+Furcht zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das alles? Erkläre mir
+dies Rätsel!«
+
+»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist wahr. Warst du ja für mich
+selbst ein Rätsel. Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam,
+nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich wieder das Wort nahmst,
+daß uns das Herz im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal
+anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will … selbst damals verstand
+ich dich nicht: deshalb verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so
+viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben nach Idealen …«
+
+»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,« unterbrach ihn Rudin.
+
+»Die Taten fehlten! Was für Taten?«
+
+»Was für Taten? Eine blinde Großmutter und die ganze Familie mit seiner
+Hände Arbeit ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich – Da hast du
+eine Tat.«
+
+»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine Tat.«
+
+Rudin blickte schweigend Leschnew an und schüttelte still den Kopf.
+
+Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß mit der Hand über sein
+Gesicht.
+
+»Und so fährst du denn auf dein Gut?«
+
+»Ja, ich fahre hin.«
+
+»Hast du denn dein Gut behalten?«
+
+»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe Seele. Ein Winkel
+für mich, wo ich den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in diesem
+Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht ohne Phrase zu sagen.‹
+Die Phrasen, es ist wahr, sie haben mein Unglück verschuldet, mich
+aufgerieben, bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden können. Was
+ich aber soeben sagte, war keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist
+keine Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten Ellenbogen – sind
+keine Phrase. Du bist immer streng gegen mich gewesen und das war recht
+von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die Rede sein, wenn schon
+alles abgetan, in der Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits
+zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke zu verglimmen
+droht … Der Tod, Bruder, muß am Ende alles aussühnen …«
+
+Leschnew sprang auf.
+
+»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir das? Wodurch habe ich das von
+dir verdient? Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für ein Mensch
+würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke deiner eingefallenen Wangen und
+Runzeln, das Wort Phrase in den Sinn kommen könnte? Du willst wissen,
+was ich von dir denke? Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was hätte
+der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen können, über welche irdischen
+Güter würde er wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … und ich
+finde ihn hungernd und ohne Obdach …«
+
+»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin kaum hörbar hervor.
+
+»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein – das ist es. Was
+hinderte dich, lange Jahre bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten,
+zu verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm nur zu Gefallen
+hättest leben wollen, dein Auskommen wäre gesichert! Weshalb hast du
+es im Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer Mensch! –
+was auch dein jedesmaliges Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte
+dein Unternehmen allemal und durchaus damit enden, daß du deinen
+eigenen Vorteil zum Opfer brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in
+schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«
+
+»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« fuhr Rudin mit
+wehmütig-verächtlichem Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«
+
+»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille stehen, nicht weil ein Wurm
+in dir steckt, wie du vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein
+Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht dich, und wie man
+sieht, glüht sie ungeachtet aller Misere in dir selbst lebhafter als in
+vielen anderen, die sich nicht einmal für Egoisten erklärten und dich
+vielleicht gar einen Intriganten nennen. Ich an deiner Stelle hätte
+wahrlich schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht und Frieden mit
+allem geschlossen; du aber bist nicht einmal bitterer geworden, und ich
+bin überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, bereit, von
+neuem wie ein Jüngling ans Werk zu gehen.«
+
+»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte Rudin. »Es war für
+mich genug.«
+
+»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. Du sagst, der Tod sei ein
+Sühneopfer; glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt hat
+und gegen andere nicht nachsichtig geworden ist, der verdient selbst
+keine Nachsicht. Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht
+bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt hast, nach Kräften hast du
+gekämpft … Was verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«
+
+»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch als ich,« unterbrach ihn
+Rudin mit einem Seufzer.
+
+»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew fort, »vielleicht eben
+darum, daß mich, mit meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und
+unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts daran hinderte,
+ruhig sitzenzubleiben und, die Hände im Schoße, den Zuschauer zu
+machen, während du auf das Feld hinaus mußtest, um mit aufgestreiften
+Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. Unsere Wege gingen auseinander
+… siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden wir ja beide fast
+dieselbe Sprache, auf einen halben Wink verstehen wir einander, an
+denselben Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den Unserigen sind ja
+wenige nur noch übrig, Bruder; beide sind wir die letzten Mohikaner!
+In früheren Jahren, als wir noch das volle Leben vor uns hatten,
+konnten wir verschiedener Meinung sein, ja sogar feindlich einander
+gegenüberstehen; jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter wird, da
+neue Geschlechter an uns vorüberziehen, die anderen Zielen, als die
+unserigen es waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. Stoßen
+wir an, Bruder, und laß uns nach alter Art singen: ~Gaudeamus igitur!~«
+
+Die Freunde stießen mit den Gläsern an und sangen in gerührtem und
+falschem, d. h. echt russischem Tone das alte Studentenlied.
+
+»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm Leschnew wieder das Wort.
+»Ich glaube nicht, daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir nicht
+vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es mit dir enden wird. Vergiß
+aber nicht, daß, was sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen
+Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen kannst: mein Dach …
+hörst du, altes Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden und
+diese bedürfen eines Asyls.«
+
+Rudin erhob sich.
+
+»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! Ich werde es dir eingedenk
+sein. Doch eines Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben,
+und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie sich’s gebührt.«
+
+»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein jeder bleibt, wozu die Natur
+ihn gemacht hat, und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest du
+es nicht den ewigen Juden? … Wie kannst du es aber wissen, vielleicht
+bist du dazu bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst du
+dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes Verhängnis: nicht umsonst
+heißt es im Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter Gott stehen.
+Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! – Gehe also hin, wohin seine
+Hand dich leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß Rudin seine
+Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst du nicht für die Nacht?«
+
+»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … Mit mir endet es nicht gut.«
+
+»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«
+
+»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem Andenken.«
+
+»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, und vergiß nicht, was
+ich dir gesagt habe. Lebe wohl …«
+
+Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte sich rasch.
+
+Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, hielt beim Fenster still und
+sagte halblaut: »Armer Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch und
+fing einen Brief an seine Frau an.
+
+Draußen erhob sich der Wind und schlug mit unheilverkündendem
+Heulen schwer und wie erbost an die klirrenden Scheiben. Eine lange
+Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der in solchen Nächten ein
+Dach über sich weiß, einen warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge
+Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!
+
+ * * * * *
+
+In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni 1848, in Paris, als der
+Aufstand der »Arbeitervereine« fast unterdrückt war, stürmte ein
+Bataillon Linientruppen in einer der engen Quergassen der Vorstadt
+St. Antoine eine Barrikade. Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits
+in Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger derselben
+zogen sich zurück und waren nur noch auf ihre eigene Rettung
+bedacht, als plötzlich auf dem höchsten Punkte der Barrikade,
+auf dem eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens,
+ein hochgewachsener Mann sichtbar wurde in einem alten Rock, mit
+einer roten Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem weißen,
+unordentlichen Haare. In der einen Hand hielt er eine rote Fahne, in
+der anderen einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit angestrengter,
+scharfer Stimme, indem er bemüht war, höher hinaufzuklimmen und mit
+Fahne und Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger legte auf ihn
+an – ein Schuß fiel … dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – und
+wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein Gesicht, als wäre er jemandem
+zu Füßen gefallen … Die Kugel war ihm gerade durchs Herz gegangen.
+
+»~Tiens!~« sagte einer der fliehenden ~insurgés~ zu einem anderen, »~on
+vient de tuer le Polonais!~«
+
+»~Bigre!~« antwortete der andere, »~sauvons-nous!~« und beide warfen
+sich in das Kellergeschoß eines Hauses, an welchem die Laden alle
+verschlossen waren und dessen Wände überall Spuren von Kugeln und
+Kartätschen zeigten.
+
+Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [1] Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten
+ Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen
+ und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.
+
+ [2] So heißen die kleinrussischen Volkslieder.
+
+ [3] Aus Gribojedow.
+
+ [4] Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held
+ unserer Zeit«.
+
+ [5] Puschkin.
+
+ [6] Russisches Sprichwort.
+
+ [7] Russischer Volksdichter.
+
+
+
+
+Bücherverzeichnis des Verlags Georg Müller
+
+
+Friedrich Huch
+
+Neue Träume.
+
+Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und 10 ganzseitigen
+Lithographien von Alfred Kubin. Mit einer Vorrede des Verfassers und
+einer Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer einmaligen
+numerierten Auflage von 800 Exemplaren, von denen die Nummern 1–100 in
+Halbpergament gebunden wurden. Pappband 10 Mk., Halbpergt. 15 Mk.
+
+
+Shakespeare: Sonette.
+
+Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem Nachlaß.) Einmalige
+Auflage von 600 Exemplaren, davon 450 auf Bütten, den Titel und die
+zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner. Halbpergt. 12 Mk.
+
+*
+
+Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem Buch eines Lebens.
+
+Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.
+
+
+Humorbuch.
+
+Siehe unter Novellenauswahlbände.
+
+
+Huneker, James: Chopin.
+
+Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte Übersetzung von Lola
+Lorme und Heinrich Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer.
+3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh. 5 Mk., Halbleinen 7 Mk.
+
+
+Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik.
+
+Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung und Anhang von Stefanie
+Strizek. Mit 24 Bildbeigaben. 2. Auflage. Halbleder 15 Mk.
+
+
+Immermann, Karl.
+
+Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder.
+
+
+Der Indische Kulturkreis
+
+in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung von Helmuth
+von Glasenapp, Otto Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem
+Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring.
+
+
+Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst.
+
+Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In Leinen 32 Mk.
+
+
+Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien.
+
+Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit 230 Abbildungen auf Tafeln. In
+Leinen, 2 Bände 50 Mk.
+
+
+Indien. Volk und Kultur / Länder und Städte.
+
+Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen auf Tafeln. In
+Leinen geb. 32 Mk.
+
+
+Heilige Stätten Indiens.
+
+Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth von Glasenapp. In Leinen ca.
+32 Mk.
+
+
+Ceylon.
+
+ Von Dr. Friedrich M. Trautz.
+ Mit 128 Tafeln.
+ In Leinen geb. 32 Mk.
+
+Man verlange den illustrierten Prospekt »Der indische Kulturkreis«.
+
+Siehe auch unter Gregor Krause: Bali.
+
+
+Heinrich Eduard Jacob
+
+
+Der Zwanzigjährige.
+
+Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3.50 Mk.
+
+
+Beaumarchais und Sonnenfels.
+
+Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk.
+
+
+Jean Paul
+
+
+Die Briefe Jean Pauls.
+
+Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben und erläutert von
+Eduard Berend. 1. Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum.
+2. Band: 1794–1797. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797
+bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis 1805. Mit 6 Tafeln und einem
+Stammbaum. Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk., in Ganzleder
+50 Mk.
+
+
+Dr. Katzenbergers Badreise.
+
+2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May. Halbleinen 10 Mk.
+
+
+Jean Pauls Persönlichkeit.
+
+Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben von Eduard
+Berend. Mit 15 Bildbeigaben. Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk.
+
+
+Das heimliche Klaglied der heutigen Männer.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
+
+*
+
+Jenseitsrätsel.
+
+Siehe unter Novellenauswahlbände.
+
+
+Elisabeth Joest
+
+
+Jens Palmström.
+
+Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
+
+
+Vibrationen.
+
+Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb.
+4 Mk.
+
+*
+
+Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem zoge und, um seiner Frauen
+Reden, gen Konstantinopel, König Hugo zu sen.
+
+(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.) Nachdichtung aus
+dem Altfranzösischen von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer
+Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten von Hans Pape. In
+alter Fraktur gedruckt in einmaliger Aufl. von 250 numerierten
+und vom Künstler signierten Expl., davon 50 auf Bütten. Ausgabe A:
+Büttenausgabe in handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten in
+Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk. Ausgabe B: Handgearbeiteter
+Ganzpgtbd. (ohne Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk.
+
+
+Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts.
+
+Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen von Rudolf
+Großmann. Einmalige numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten mit der
+Hand als Halblederband gebunden 40 Mk., als Pappband gebunden 18 Mk.
+
+
+Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre der Reformation.
+
+Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt. Mit 8 Abbildungen.
+Halbleinen 4 Mk., geh. 2 Mk.
+
+
+Kant.
+
+Siehe unter Bibliothek der Philosophen.
+
+
+Karlchen.
+
+Siehe unter Ettlinger.
+
+
+Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied.
+
+Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
+
+
+Kataloge
+
+
+Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags Georg Müller. 1924/25.
+
+Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk.
+
+
+Katalog der Bücher des Verlags Georg Müller. 1923.
+
+Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius. 0.50 Mk.
+
+
+Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag.
+
+210 Seiten. 1918. 2 Mk.
+
+
+Bücher des Verlags Georg Müller.
+
+Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit zahlreichen Abbildungen. 150
+Seiten. 0.50 Mk.
+
+
+Literaturbericht des Verlags Georg Müller.
+
+Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk.
+
+
+Das Reich des Eros.
+
+Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos.
+
+
+Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller.
+
+16 Seiten. Kostenlos.
+
+
+Das Zeitalter Napoleons I.
+
+Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos.
+
+
+Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen.
+
+Mit Abbildungen. Kostenlos.
+
+*
+
+Kaus, Gina: Der Aufstieg.
+
+Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
+
+
+Gottfried Keller
+
+
+Sieben Legenden.
+
+Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt in 1200 Expl. Die
+Holzschnitte wurden von den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt.
+geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk.
+
+
+Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a.
+
+Halbleinen 2 Mk.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
+
+*
+
+Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers. Diapsalmata.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher und unter Bibliothek der
+Philosophen.
+
+
+Eugen Kilian
+
+
+Goethes Egmont auf der Bühne.
+
+Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels. Ein Handbuch der
+Regie. Geh. 4.50 Mk., Halbleinen 5.50 Mk.
+
+
+Dramaturgische Blätter.
+
+Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der
+Regiekunst und der Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.
+
+
+Aus der Praxis der modernen Dramaturgie.
+
+Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze und Studien aus
+dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der Regiekunst und der
+Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.
+
+
+Goethes Faust auf der Bühne.
+
+Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung des Gedichtes.
+Geh. 1.50 Mk.
+
+
+Shakespeare: Antonius und Kleopatra.
+
+Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins Übersetzung für die deutsche
+Bühne bearbeitet. 2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk.
+
+*
+
+Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
+
+
+Friedrich M. Kircheisen
+
+
+Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit.
+
+1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797, 3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799,
+5. Bd.: 1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen, Faksimiles,
+Karten und Plänen. Leder je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk.
+
+(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.)
+
+Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das Zeitalter Napoleons I.«
+
+
+Napoleon im Lande der Pyramiden und seine Nachfolger 1798–1801.
+
+Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und Plänen. Geh. 7 Mk.,
+Halbleder 20 Mk.
+
+
+Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe:
+
+Goethes Tagebuch der italienischen Reise
+
+(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher)
+
+
+Druck von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt
+
+
+
+
+ Weitere Anmerkung zur Transkription
+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+ Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie
+ im Original beibehalten.
+ Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
+
+ Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der
+ Titelseite zusammengesetzt und ist gemeinfrei (Public Domain.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***
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+ Rudin | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
+Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
+
+<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
+am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Iwan_Turgenieff_Rudin">Iwan Turgenieff / Rudin</h2>
+
+<figure class="figcenter illowp20" id="illu-001">
+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="Signet">
+</figure>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="h2">Iwan Turgenieff</p>
+
+<h1>Rudin</h1>
+
+<p class="center larger bold">*</p>
+
+<p class="center p2">München bei Georg Müller<br>
+1927</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="center s90">
+Copyright 1926 by Georg Müller Verlag<br>
+A.-G., München / Printed in Germany
+</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="I">I</h2>
+</div>
+
+<p>Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne
+stand schon ziemlich hoch am reinen Himmel, auf
+den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den
+eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und
+in dem noch feuchten und lautlosen Walde
+stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied
+an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge
+von oben bis unten mit reifendem Roggen
+bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen.
+Nach diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege,
+eine junge Frau in weißem Mousselinkleide
+und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm
+in der Hand. Ein kleiner, als Kosak gekleideter
+Dienstbursche folgte ihr in einiger Entfernung.</p>
+
+<p>Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände
+sie Vergnügen an ihrem Spaziergange. Rings
+umher auf dem langen und schwankenden Roggen
+zogen in silbergraulichem und rötlichem
+Farbenspiele langgestreckte Wogen mit sanftem
+Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen.
+Die junge Frau kam aus dem ihr gehörigen
+größeren Dorfe, das etwa eine Werst von dem<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
+Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte
+gerichtet hatte. Sie hieß Alexandra Pawlowna
+Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich begütert,
+und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten
+Bruder, Sergei Pawlowitsch Wolinzow,
+einem Stab-Rittmeister außer Diensten,
+welcher ihr Gut verwaltete.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht;
+sie blieb bei dem äußersten, sehr alten und
+verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren
+Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen
+und sich nach dem Befinden der Eigentümerin
+zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt
+von einem altersschwachen Bauer mit weißem
+Barte.</p>
+
+<p>»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.</p>
+
+<p>»Kann ich hineingehen?«</p>
+
+<p>»Warum nicht.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es
+war eng darin, beklommen und räucherig …
+Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte.
+Alexandra Pawlowna sah sich um und gewahrte
+in dem Halbdunkel den gelben und runzeligen
+Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch
+umhüllte. Bis unter den Hals mit einem dicken
+Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und bewegte
+schwach ihre mageren Arme.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
+und berührte ihre Stirne mit der Hand; sie war
+brennend heiß.</p>
+
+<p>»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte
+sie, sich über die Ofenbank beugend.</p>
+
+<p>»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie
+Alexandra Pawlowna gewahr worden war.
+»Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen
+ist gekommen, mein Täubchen.«</p>
+
+<p>»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden,
+Matrona. Hast du die Arznei eingenommen,
+die ich dir geschickt habe?«</p>
+
+<p>Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort.
+Sie hatte die Frage nicht recht gehört.</p>
+
+<p>»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte,
+der an der Türe stehengeblieben war.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.</p>
+
+<p>»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber
+immer davon. Kann nicht sitzen bleiben: ein wildes
+Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter
+reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst
+zu alt: was kann ich helfen?«</p>
+
+<p>»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus
+tragen?«</p>
+
+<p>»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich,
+wo man stirbt. Sie hat ihre Zeit abgelebt; es
+muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von
+der Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins
+Krankenhaus! Hebt man sie nur auf, so ist sie
+tot.«</p>
+
+<p>»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
+schöne, gnädige Frau, meine Kleine, die Waise,
+verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von
+hier, du aber …«</p>
+
+<p>Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.</p>
+
+<p>»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es
+soll alles geschehen. Ich habe dir da Tee und
+Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst,
+trinke … Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?«
+setzte sie, mit einem Blick auf den Alten,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Einen Samowar? Nein, einen Samowar
+haben wir nicht, man kann sich das aber verschaffen.«</p>
+
+<p>»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht,
+so schicke ich dir einen. Und sage auch deiner Enkelin,
+sie solle nicht aus dem Hause laufen. Sage
+ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«</p>
+
+<p>Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den
+eingewickelten Tee und Zucker mit beiden Händen
+entgegen.</p>
+
+<p>»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra
+Pawlowna, »ich komme wieder zu dir, verliere
+den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich
+ein …«</p>
+
+<p>Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte
+sich gegen Alexandra Pawlowna vor.</p>
+
+<p>»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand,
+sie beugte sich über sie und küßte sie auf die
+Stirne.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
+
+<p>»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum
+Alten, »die Arznei muß ihr durchaus eingegeben
+werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee
+gebt ihr zu trinken.«</p>
+
+<p>Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte
+sich nur.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie
+wieder in die frische Luft gekommen war. Sie
+schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits
+nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke
+der Hütte herum auf einer niedrigen Reitdroschke
+ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er
+hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge
+an und trug eine Mütze aus gleichem Stoffe. Als
+er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt
+er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht
+war breit und bleich, mit kleinen blaßgrauen
+Augen und hellblondem Schnurrbart; das
+Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.</p>
+
+<p>»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen
+Lächeln hervor, »was machen Sie denn hier,
+wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo
+kommen Sie aber, Michael Michailitsch?«</p>
+
+<p>Der Mann, der Michael Michailitsch hieß,
+schaute ihr in die Augen und lächelte wieder.</p>
+
+<p>»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort,
+»eine Kranke zu besuchen; wäre es aber nicht
+besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«</p>
+
+<p>»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span></p>
+
+<p>»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind
+Sie nicht Willens, es eingehen zu lassen?«</p>
+
+<p>»Eingehen lassen? Weshalb?«</p>
+
+<p>»Nun, so.«</p>
+
+<p>»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen
+der in den Kopf gekommen?«</p>
+
+<p>»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski,
+und stehen, wie es scheint, unter ihrem Einflusse.
+Wie die nun sagt, sind ja Krankenhäuser,
+Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen.
+Die Wohltätigkeit soll persönlich sein,
+ebenso die Bildung; das alles ist Sache der
+Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie
+sich aus. Wem sie das nachsingt, möchte ich aber
+wissen?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lachte auf.</p>
+
+<p>»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich
+liebe und achte sie sehr; sie kann ja aber auch irren
+und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«</p>
+
+<p>»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte
+Michael Michailitsch, immer noch auf der
+Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren
+eigenen Worten keinen rechten Glauben. Es
+freut mich übrigens sehr, daß ich Sie getroffen
+habe.«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer
+angenehm wäre, mit Ihnen zusammenzukommen!
+Heute sind Sie ebenso frisch und
+freundlich, wie dieser Morgen.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lachte wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p>
+
+<p>»Worüber lachen Sie denn?«</p>
+
+<p>»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten,
+mit welcher apathischen, kalten Miene Sie Ihr
+Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß
+Sie es ohne Gähnen zu Ende gebracht haben.«</p>
+
+<p>»Mit kalter Miene … Sie wollen immer
+Feuer haben; Feuer taugt aber zu nichts. Es
+lodert auf, qualmt und verlischt.«</p>
+
+<p>»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna
+hinzu.</p>
+
+<p>»Ja … und brennt auch.«</p>
+
+<p>»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist
+auch kein Übel! Immer noch besser als …«</p>
+
+<p>»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch
+ebenso sprechen, wenn Sie sich, auch nur einmal,
+tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach sie
+ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den
+Zügeln auf sein Pferd. »Leben Sie wohl!«</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief
+Alexandra Pawlowna, »wann sehen wir Sie bei
+uns?«</p>
+
+<p>»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«</p>
+
+<p>Und die Droschke rollte davon.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch
+nach. Ein wahrer Mehlsack! dachte sie. Zusammengebückt,
+staubbedeckt, mit der in den Nacken
+geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche
+Büschel gelben Haares hervorguckten, war
+er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.</p>
+
+<p>Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf
+dem Wege nach Hause zurück. Gesenkten Blickes<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
+schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes
+in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und
+den Blick zu erheben … Ihr entgegen ritt ihr
+Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann,
+mittleren Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem
+Röckchen, schmalem Halstüchelchen und leichtem
+grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der
+Hand. Schon von weitem lächelte er Alexandra
+Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah, daß
+sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf
+irgend etwas acht zu geben. Sie bemerkte ihn
+erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast zärtlich
+sagte:</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten
+Morgen!«</p>
+
+<p>»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!«
+antwortete sie. »Sie kommen von Darja Michailowna?«</p>
+
+<p>»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht
+der junge Mann, »von Darja Michailowna. Sie
+hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen
+zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so
+wunderschön, es sind im ganzen nur vier Werst
+bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu
+Hause. Ihr Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka
+gegangen, er selbst war im Begriff aufs
+Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen,
+Ihnen entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«</p>
+
+<p>Der junge Mann sprach russisch, rein und
+grammatikalisch richtig, jedoch mit einem fremden
+Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
+war. In seinen Gesichtszügen lag etwas
+Asiatisches. Die lange, gebogene Nase, die großen,
+hervortretenden, starren Augen, die dicken
+roten Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze
+Haar, – alles an ihm bekundete die
+orientalische Abkunft.</p>
+
+<p>Sein Name war Pandalewski und als seine
+Heimat gab er Odessa an, obgleich er irgendwo
+in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen
+und reichen Witwe erzogen worden war. Eine
+andere Witwe hatte ihm eine Anstellung ausgewirkt.
+Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise
+Frauen reiferen Alters: er verstand es, von
+ihnen zu erlangen, was er wollte.</p>
+
+<p>Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei
+einer reichen Gutsbesitzerin, Darja Michailowna
+Laßunski, als Pflegesohn oder Kostgänger.
+Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll
+und im geheimen sinnlich, hatte eine angenehme
+Stimme, spielte nicht schlecht Klavier und
+pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken.
+Seine Kleidung war sehr sauber und
+hielt bei ihm lange vor, sein breites Kinn war
+sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis
+zu Ende an und wandte sich darauf zu ihrem
+Bruder.</p>
+
+<p>»Heute begegne ich einem nach dem andern;
+soeben habe ich Leschnew gesprochen.«</p>
+
+<p>»Ah! wirklich!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
+
+<p>»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke,
+in einem linnenen Sackkittel, ganz von
+Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«</p>
+
+<p>»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«</p>
+
+<p>»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski
+verwundert.</p>
+
+<p>»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte
+Wolinzow. »Indessen, lebe wohl, Schwester:
+ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir
+Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich
+nach Hause begleiten.«</p>
+
+<p>Und Wolinzow trabte davon.</p>
+
+<p>»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin
+Diomiditsch und bot Alexandra Pawlowna
+seinen Arm.</p>
+
+<p>Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen
+den Weg zum herrschaftlichen Hause ein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu
+wandeln, erfüllte, wie es schien, Constantin Diomiditsch
+mit Glück und Stolz; er machte nur
+kurze Schritte, lächelte mit Behagen, und seine
+morgenländischen Augen wurden feucht, was
+übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete
+ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne
+fallen zu lassen. Und wem wäre es wohl nicht angenehm,
+ein hübsches, junges und schmuckes
+Weib am Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna
+sagte das ganze Gouvernement, sie sei<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
+reizend, und das Gouvernement täuschte sich
+nicht. Schon ihr gerades, unmerklich aufgeworfenes
+Näschen konnte jeden Sterblichen um den
+Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen,
+braunen Augen, das goldblondene Haar
+und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer
+vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken.
+Das Beste an ihr war jedoch der Ausdruck ihres
+lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit, Treuherzigkeit
+und Sanftmut rührte und zog es an.
+Alexandra Pawlowna hatte den Blick und das
+Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes
+fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr
+wünschen?</p>
+
+<p>»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt,
+sagten Sie?« fragte sie Pandalewski.</p>
+
+<p>»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte
+er, und er sprach dabei den Buchstaben s,
+wie die Engländer das th aus, »sie wünschten
+durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten
+sie heute zu Mittag besuchen. Sie erwarteten
+einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von
+einer dritten Person redete, gebrauchte in der
+Regel die Mehrzahl) »und wünschten durchaus,
+daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«</p>
+
+<p>»Wer ist das?«</p>
+
+<p>»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker
+aus Petersburg. Darja Michailowna haben
+ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt
+und sind des Lobes über ihn voll, als über
+einen liebenswürdigen und gebildeten jungen<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
+Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch
+mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was
+für ein reizender Schmetterling! bitte, betrachten
+Sie … oder richtiger gesagt, mit politischer
+Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr
+interessante Frage geschrieben – und wünscht
+ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu unterwerfen.«</p>
+
+<p>»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«</p>
+
+<p>»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna,
+in bezug auf den Stil. Es ist Ihnen wohl,
+denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch
+hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate
+gezogen und mein Wohltäter, der in Odessa lebende,
+hochehrenwerte, großwürdige Roxolan
+Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses
+Mannes ist Ihnen gewiß bekannt?«</p>
+
+<p>»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie
+gehört.«</p>
+
+<p>»Haben von diesem Manne nichts gehört?
+Merkwürdig! Ich wollte sagen, daß auch Roxolan
+Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung
+von den Kenntnissen Darja Michailownas in
+der russischen Sprache gehabt hat.«</p>
+
+<p>»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen,
+im Gegenteil, man erkenne in ihm sogleich
+den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit
+solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den
+alten Fürsten Entzücken überkam … Das, muß<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
+ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das
+schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses
+herrliche Feldblümchen anbieten?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen
+und ließ es, einige Schritte weiter, auf den Weg
+fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch
+etwa zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor
+kurzem gebaut und weiß getüncht, schaute es mit
+seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus
+dem dichten Laube alter Linden und Ahornbäume
+hervor.</p>
+
+<p>»Was hätte ich also Darja Michailowna zu
+hinterbringen,« begann Pandalewski von neuem,
+ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches
+sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich
+zum Mittage hinbemühen? Darja Michailowna
+lassen Ihren Bruder auch einladen.«</p>
+
+<p>»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt.
+Was macht Natascha?«</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund
+… Doch wir sind an dem Wege, welcher
+zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei.
+Erlauben Sie, daß ich Abschied nehme.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen
+also nicht bei uns vorsprechen?« fragte sie
+zögernd.</p>
+
+<p>»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht
+befürchtete, zu spät zu kommen. Darja Michailowna
+haben gewünscht, eine neue Etüde von
+Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und
+einstudiert werden. Dann aber, muß ich gestehen,<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
+bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen
+irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«</p>
+
+<p>»Doch nein … warum aber …«</p>
+
+<p>Pandalewski stieß einen Seufzer aus und
+senkte beredt den Blick.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!«
+sagte er nach einigem Schweigen, verbeugte sich
+und trat einen Schritt zurück.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich um und
+ging nach Hause.</p>
+
+<p>Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg
+ein. Alles Süßliche war sogleich von seinem
+Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender,
+ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein
+Gang sogar war ein anderer geworden; er schritt
+jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei
+Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die
+Luft mit seinem Stöckchen zerteilend, als plötzlich
+das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er war
+hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches
+Bauernmädchen gewahr geworden, das Kälber
+aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin
+Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater,
+dem Mädchen und redete es an. Anfangs antwortete
+es nichts, wechselte die Farbe und lachte
+vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem
+Ärmel, wandte sich ab und sagte:</p>
+
+<p>»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«</p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem
+Finger und hieß sie ihm Kornblumen holen.</p>
+
+<p>»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
+etwa Kränze flechten?« erwiderte das Mädchen,
+»nun, so geh doch, aber wirklich …«</p>
+
+<p>»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder
+Constantin Diomiditsch …</p>
+
+<p>»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das
+Mädchen, »sieh, da kommen die jungen Herren.«</p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich,
+auf dem Wege daher kamen Wanja und
+Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter
+ihnen her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein
+junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, der
+eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow
+war ein langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht,
+großer Nase, starken Lippen und kleinen
+Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich
+und gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich
+das Haar wachsen, – nicht um damit zu stolzieren,
+sondern aus Faulheit; – liebte zu essen
+und zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und
+anregende Unterhaltung; Pandalewski haßte er
+von ganzer Seele.</p>
+
+<p>Die Kinder der Darja Michailowna hatten
+Bassistow über alles lieb und nicht die geringste
+Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen
+stand er auf vertrautem Fuße, was der Dame
+des Hauses gerade nicht gefiel, obwohl sie oft
+behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.</p>
+
+<p>»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin
+Diomiditsch, »wie früh ihr heute spazieren geht!
+Ich bin auch schon zeitig vom Hause fortgegangen,«
+setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu;<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
+»meine Leidenschaft ist’s, in der Natur zu
+schwelgen.«</p>
+
+<p>»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur
+schwelgen,« brummte Bassistow.</p>
+
+<p>»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich
+in allem etwas … Ich kenne Sie!«</p>
+
+<p>Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem
+ähnlichen Leuten redete, so geriet er leicht in
+Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft
+etwas pfeifend aus.</p>
+
+<p>»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen
+nach dem Wege erkundigt?« sagte Bassistow, indem
+er den Blick bald rechts- bald linkshin
+schweifen ließ.</p>
+
+<p>Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr
+ins Gesicht blickte, und das war ihm äußerst
+peinlich.</p>
+
+<p>»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist
+und weiter nichts. Sie wollen in allem durchaus
+nur die prosaische Seite sehen …</p>
+
+<p>»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow,
+»ihr seht auf der Wiese den Weidenbusch: wir
+wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin
+läuft … eins! zwei! drei!«</p>
+
+<p>Und über Hals und Kopf rannten die Kinder
+zu der Weide.</p>
+
+<p>Bassistow stürzte ihnen nach …</p>
+
+<p>Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben
+wird er die Jungen … Ein wahrer Bauernlümmel!</p>
+
+<p>Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
+sauberes und nettes Figürchen musternd, betupfte
+Constantin Diomiditsch zweimal mit ausgespreizten
+Fingern die Ärmel seines Rockes,
+schob den Kragen zurecht und ging seines Weges.
+Auf seinem Zimmer angelangt, zog er einen
+abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter
+Miene ans Klavier.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="II">II</h2>
+</div>
+
+<p>Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast
+für das erste im ganzen Gouvernement. Massiv,
+steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke
+des vergangenen Jahrhunderts erbaut,
+erhob es sich großartig auf dem Gipfel eines Hügels,
+an dessen Fuße einer der bedeutendsten
+Ströme des mittleren Rußlands vorüberfloß.
+Darja Michailowna selbst war eine angenehme
+und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe.
+Wenn auch Pandalewski von ihr zu sagen pflegte,
+sie kenne ganz Europa und Europa kenne sie,
+– so kannte sie doch Europa wenig und spielte
+selbst in Petersburg keine bedeutende Rolle; in
+Moskau dagegen kannten sie alle und statteten ihr
+Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an,
+und wurde für eine etwas sonderbare, nicht sehr
+gute, aber außerordentlich kluge Frau gehalten.
+In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen.
+Poeten hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute
+sich in sie verliebt, hohe Herren ihr den Hof gemacht.
+Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
+bis dreißig Jahre verstrichen, und von den
+früheren Reizen war keine Spur zurückgeblieben.
+»Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie zum
+ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere,
+gelbliche, spitznasige und noch nicht betagte Frau
+einst eine Schönheit gewesen wäre? Ist sie es
+wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern
+besungen wurde?« Und jedermann staunte
+innerlich über den Wechsel alles Irdischen. Es
+ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas
+Augen in wunderbarer Weise ihren alten
+Zauber behalten hatten; eben dieser Pandalewski
+aber behauptete ja auch, daß ganz Europa
+sie kenne.</p>
+
+<p>Darja Michailowna kam jeden Sommer auf
+ihr Landgut mit ihren Kindern (sie hatte deren
+drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und
+zwei Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt
+offenes Haus, das heißt, sie empfing bei sich
+Männer; besonders unverheiratete Edeldamen
+aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür
+ließen ihr diese Damen aber auch kein gutes
+Haar! Darja Michailowna war, nach deren
+Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare
+Tyrannin, und was die Hauptsache wäre, – sie
+erlaube sich solche Freiheiten in der Unterhaltung,
+daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna
+liebte es in der Tat nicht, sich auf dem Lande
+Zwang aufzulegen, und in der freien Einfachheit
+ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung
+einer großstädtischen Weltdame für die<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
+sie umgebenden, meistens unbedeutenden Persönlichkeiten
+hindurch … Selbst mit ihren städtischen
+Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja
+spöttisch um; doch fehlte dabei die Schattierung
+von Verachtung.</p>
+
+<p>Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß
+Leute, die im Kreise ihrer Untergebenen ungewöhnlich
+zerstreut zu sein pflegen, es niemals
+im Umgange mit höher gestellten Personen sind?
+Woher mag das kommen? Doch – wozu dergleichen
+Fragen!</p>
+
+<p>Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die
+Thalbergsche Etüde einstudiert hatte, begab er sich
+aus seinem netten und freundlichen Stübchen hinaus
+ins Empfangszimmer und fand dort die
+ganze Gesellschaft des Hauses bereits versammelt.
+Der Salon war schon geöffnet. Auf einer
+breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen
+und eine neue französische Broschüre in der
+Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor dem
+Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter
+Darja Michailownas, von der anderen Mlle.
+Boncourt, die Gouvernante, eine alte, vertrocknete
+Jungfer von sechzig Jahren mit einer
+schwarzen Haartour unter der farbigen Haube
+und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei
+der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen
+und las die Zeitung, während neben ihm Petja
+und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an
+den Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken,
+stand ein Herr von mittlerem Wuchse, mit unordentlichem,<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
+grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe
+und kleinen, unruhigen, schwarzen
+Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit
+Namen.</p>
+
+<p>Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow.
+Auf alles und alle erbittert – vorzüglich auf
+das weibliche Geschlecht, schalt er vom Morgen bis
+zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen
+ziemlich flach, immer jedoch mit Selbstbefriedigung.
+Er war reizbar wie ein Kind; sein Lachen,
+der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien
+von Galle getränkt. Darja Michailowna sah ihn
+gern bei sich: er ergötzte sie mit seinen Ausfällen.
+Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es
+war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte
+man zum Beispiel in seiner Gegenwart von einem
+Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf
+in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm
+durchbrochen, oder daß ein Bauer sich
+mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal
+fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie
+heißt <em class="gesperrt">sie</em>?« nämlich wie das Weib heiße, das
+an dem Unglück schuld sei, – denn seiner Behauptung
+nach brauchte man nur tiefer auf den
+Grund zu gehen, um zu finden, daß jegliches
+Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde.
+Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm
+fast unbekannten Frau, die in ihn drang, etwas
+zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, aber
+mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen,
+sie wolle seiner schonen, er hätte nichts gegen sie<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
+verschuldet und werde sie künftig nie mehr besuchen.
+Ein anderes Mal ging ein Pferd mit
+einer der Waschfrauen Darja Michailownas
+einen Berg hinunter durch, warf in einem Graben
+um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow
+nannte später das Pferd nie anders als
+das wackere, wackere Rößchen, und der Berg
+selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus
+malerische Plätze. Pigassow hatte kein Glück
+im Leben gehabt – daher in der Hauptsache sein
+wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern
+Kind; die Beschäftigung seines Vaters war eine
+ziemlich untergeordnete gewesen, er hatte kaum
+lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung
+seines Sohnes gedacht; er hatte ihm
+Nahrung und Kleidung gegeben – das war
+alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt,
+sie starb aber früh. Pigassow verdankte seine
+Bildung sich selbst; zuerst besuchte er die Kreisschule,
+dann das Gymnasium, erlernte die französische,
+deutsche, ja sogar die lateinische Sprache,
+und nachdem er mit einem vorzüglichen Zeugnisse
+das Gymnasium absolviert hatte, begab er
+sich nach Dorpat, wo er unter fortwährendem
+Kampfe mit der Not, dennoch nach drei Jahren
+richtig sein Triennium beendigte. Pigassows
+Fähigkeiten waren keineswegs außergewöhnlicher
+Art; er zeichnete sich durch Geduld und Beharrlichkeit
+aus, besonders stark war jedoch in
+ihm der Ehrgeiz, das Verlangen nach guter Gesellschaft
+und die Sucht, anderen nicht nachzustehen,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
+dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig
+und hatte die Dorpatsche Universität aus
+Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn auf
+und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und
+Verschlagenheit. Er hatte eine eigentümliche Art
+sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er sich
+eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit
+zu eigen gemacht. Seine Gedanken
+überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch
+war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für
+einen klugen, sondern sogar für einen geistreichen
+Menschen gelten konnte. Nachdem er den
+Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich
+dem Gelehrtenstande zu widmen, denn es war
+ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn
+hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er
+war bemüht, sich dieselben aus den höheren
+Ständen zu wählen und verstand es, sich ihnen
+gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar,
+wenn auch immer mit Schelten. Doch da gebrach
+es ihm, um es einfach zu sagen, am nötigen
+Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft,
+wußte Pigassow im Grunde zu wenig. Er
+fiel bei der Disputation schmählich durch, während
+ein anderer Student, sein Stubengefährte,
+über den er sich beständig lustig gemacht hatte,
+ein beschränkter Kopf, der jedoch eine regelmäßige
+und gründliche Bildung genossen hatte,
+vollständigen Triumph über ihn davontrug. Dieser
+Unfall erbitterte Pigassow aufs äußerste: er
+warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
+trat in den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht
+schlecht damit: als Beamter war er zu allem gut,
+zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über
+die Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch;
+er wollte nur zu rasch emporkommen – verwickelte
+sich, strauchelte und war gezwungen, seinen
+Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb
+er auf seinem wohlerworbenen Gütchen sitzen
+und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete
+Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner
+freien und spöttischen Manieren gefangen
+hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener
+und das Familienleben drückte ihn …
+Nachdem seine Frau einige Jahre mit ihm gelebt
+hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und
+verkaufte einem gewandten Abenteurer ihr Gut,
+in welchem Pigassow eben erst ein Wirtschaftsgebäude
+hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten
+Schlag bis ins Innerste erschüttert, fing er
+einen Prozeß gegen seine Frau an, den er jedoch
+verlor … So lebte er nun seine Tage allein,
+besuchte seine Nachbarn, die er selbst in deren
+Gegenwart aufzog und die ihn mit einem gewissen
+gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen,
+doch flößte er ihnen keine besondere
+Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in die
+Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine
+Bauern litten nicht Not.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna,
+als Pandalewski ins Gastzimmer trat. »Kommt
+Alexandrine?«</p>
+
+<p>»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen
+und werden sich ein besonderes Vergnügen daraus
+machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch,
+sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend,
+und mit dem dicken, aber weißen Händchen, dessen
+Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich das
+vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.</p>
+
+<p>»Und Wolinzow kommt auch?«</p>
+
+<p>»Wird auch kommen.«</p>
+
+<p>»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,«
+fuhr Darja Michailowna zu Pigassow gewendet
+fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?«</p>
+
+<p>Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer
+Seite hin, und er zuckte konvulsivisch mit dem
+Ellenbogen.</p>
+
+<p>»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton,
+– er sprach im heftigsten Anfall von Erbitterung
+langsam und deutlich, »ich sage, daß die
+jungen Mädchen im ganzen genommen – von
+den anwesenden, versteht sich’s, rede ich nicht …«</p>
+
+<p>»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im
+Sinne zu haben,« unterbrach ihn Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte
+Pigassow. »Alle jungen Mädchen im allgemeinen
+sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke
+ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein
+junges Mädchen, erfreut oder betäubt sie etwas,<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
+das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper
+eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow
+seiner Gestalt eine angemessene Wendung
+und streckte die Arme voneinander) und dann
+erst kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder
+Schluchzen aus. Einmal übrigens,« und dabei
+lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei
+einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin
+gebracht, einen wahren, ungeheuchelten Gefühlsausdruck
+zu erzwingen.«</p>
+
+<p>»Auf welche Weise?«</p>
+
+<p>Pigassows Augen funkelten.</p>
+
+<p>»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle
+einen Stoß in die Seite. Wie sie aufschrie!
+Bravo! bravo! rief ich. Das war die
+Stimme der Natur, das war ein natürlicher
+Schrei. So müssen Sie es künftig halten.«</p>
+
+<p>Alle im Zimmer lachten auf.</p>
+
+<p>»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da,
+Afrikan Semenitsch!« rief Darja Michailowna.
+»Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten
+ein Mädchen mit einem Pfahle in die Seite
+gestoßen!«</p>
+
+<p>»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit
+einem ungeheuren, wie jene, die bei der Verteidigung
+von Festungen gebraucht werden.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Mais c’est une horreur ce que vous dites
+là, monsieur</em>,« rief mit Entsetzen Mlle. Boncourt,
+und warf einen strengen Blick auf die
+lachenden Kinder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p>
+
+<p>»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja
+Michailowna, »kennen Sie ihn denn nicht?«</p>
+
+<p>Die entrüstete Französin konnte sich aber lange
+nicht beruhigen und fuhr fort, vor sich hinzubrummen.</p>
+
+<p>»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr
+mit gelassener Stimme Pigassow fort, »ich beteuere
+aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt
+habe. Wer könnte es denn besser wissen als ich?
+Dann werden Sie es wohl auch nicht glauben,
+daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst
+erzählt hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s
+erzählt, daß sie ihren eigenen Neffen umgebracht
+hat?«</p>
+
+<p>»Wieder eine schöne Erfindung!«</p>
+
+<p>»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie
+selbst. Vergessen Sie nicht, ich will sie nicht verleumden,
+ich habe sie sogar lieb, das heißt, so
+lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen
+Hause bei ihr kein Buch aufzutreiben, den Kalender
+ausgenommen, und lesen kann sie nicht
+anders als laut – diese Anstrengung treibt ihr
+den Schweiß auf die Stirn und sie klagt dann,
+daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten
+… Mit einem Wort, eine vortreffliche Frau,
+und ihre Dienstmädchen sind gut genährt. Warum
+sollte ich sie also verleumden?«</p>
+
+<p>»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser
+Afrikan Semenitsch hat sein Steckenpferd bestiegen
+– vor dem Abend steigt er nicht wieder
+herunter.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p>
+
+<p>»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben
+deren drei und kommen niemals von denselben
+herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.«</p>
+
+<p>»Welches sind denn diese drei?«</p>
+
+<p>»Sticheln, Anspielen, Anklagen.«</p>
+
+<p>»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna,
+»Sie müssen gewiß nicht ohne Grund
+so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß
+Sie durchaus irgendeine …«</p>
+
+<p>»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach
+sie Pigassow.</p>
+
+<p>Darja Michailowna wurde etwas verwirrt;
+es fiel ihr die unglückliche Ehe Pigassows ein
+… und sie nickte bloß mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,«
+erwiderte Pigassow, »obgleich es eine gute, sehr
+gute Frau war …«</p>
+
+<p>»Wer war denn das?«</p>
+
+<p>»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut
+hervor.</p>
+
+<p>»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl
+kränken?«</p>
+
+<p>»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung
+nimmt eine trübe Wendung … Constantin,
+spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg
+vor … Vielleicht werden die Töne der
+Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat es
+doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span></p>
+
+<p>Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier
+und trug die Etüde zu voller Befriedigung vor.
+Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu,
+fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Merci c’est charmant</em>,« äußerte Darja Michailowna,
+»ich liebe den Thalberg. <em class="antiqua">Il est si
+distingué.</em> Worüber sinnen Sie, Afrikan Semenitsch?«</p>
+
+<p>»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es
+gibt drei Sorten von Egoisten: solche, welche
+selbst leben und andere leben lassen; Egoisten,
+welche selbst leben und andere nicht leben lassen,
+und endlich solche, welche weder selbst leben,
+noch andere leben lassen … Die Weiber gehören
+größtenteils zu der dritten Gattung.«</p>
+
+<p>»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert,
+Afrikan Semenitsch, das ist die Zuversicht
+in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie
+niemals irren.«</p>
+
+<p>»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch
+der Mann kann sich irren! Aber, wissen Sie,
+worin der Unterschied besteht zwischen unserem
+Irren und dem eines Weibes? Sie wissen es
+nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein Mann zum
+Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht
+vier, sondern fünf oder dreiundeinhalb; ein
+Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht –
+ein Stearinlicht.«</p>
+
+<p>»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört
+… Erlauben Sie mir aber die Frage, in
+welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
+Gattungen Egoisten zu der Musik, die wir soeben
+gehört haben?«</p>
+
+<p>»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf
+die Musik gehört.«</p>
+
+<p>»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich,
+ich ziehe mich zurück,« erwiderte Darja
+Michailowna, einen Vers aus Gribojedow variierend.
+»Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik
+Sie nicht anspricht? Literatur etwa?«</p>
+
+<p>»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der
+Gegenwart.«</p>
+
+<p>»Weshalb?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei
+einer Überfahrt über die Oka traf ich mit einem
+Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen
+Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände
+hinaufgeschleppt werden. Jener Herr
+hatte eine außerordentlich schwere Kalesche.
+Während die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen
+des Fuhrwerks abarbeiteten, stand der Herr
+auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich
+Mitleid mit ihm haben konnte … Da haben
+wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung des Systems
+der geteilten Arbeit! So ist es auch mit
+der Literatur der Gegenwart: Andere ziehen und
+verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens
+der Gegenwart,« fuhr der unerbittliche Pigassow
+fort, »tiefe Sympathie für die sozialen<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
+Fragen und wer weiß wie noch … Ach, über
+diese hochtönenden Worte!«</p>
+
+<p>»Die Frauen aber, die Sie so angreifen,
+sie wenigstens gebrauchen keine hochtönenden
+Worte.«</p>
+
+<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf
+– nicht verstehen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna errötete leicht.</p>
+
+<p>»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!«
+bemerkte sie mit erzwungenem Lächeln.</p>
+
+<p>Alle im Zimmer wurden still.</p>
+
+<p>»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal
+einer der Knaben Bassistow.</p>
+
+<p>»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,«
+nahm Pigassow das Wort, »im Herzen des
+Schopflandes<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.« (Er war froh, der Unterhaltung
+eine andere Wendung geben zu können.)
+»Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort,
+»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne
+weiteres kleinrussischer Dichter werden.«</p>
+
+<p>»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!«
+erwiderte Darja Michailowna, »kennen
+Sie denn die kleinrussische Sprache?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht
+nötig.«</p>
+
+<p>»Wieso nicht nötig?«</p>
+
+<p>»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
+Papier und schreibe oben darauf: ›Duma‹<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>;
+dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und
+jeden Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische
+Interjektionen wie: graje, graje, woropaje,
+hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu, und
+das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die
+Druckerei und gebe es heraus. Der Kleinrusse
+wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen
+lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das
+ist nun einmal so eine gefühlvolle Seele!«</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen
+Sie da? Da hört aber alles auf. Ich habe
+in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne
+die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein
+vollständiger Unsinn.«</p>
+
+<p>»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch
+Tränen dabei vergießen. Sie sagen die Sprache
+… Gibt es aber denn eine kleinrussische
+Sprache? Ich bat einmal einen Kleinrussen, mir
+irgendeine Phrase zu übersetzen, und wie glauben
+Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte
+fast genau die von mir vorgesprochenen Worte,
+nur daß er durchgängig i in ü verwandelte. Ist
+das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache?
+Eine selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das
+zugebe, lasse ich meinen besten Freund in einem
+Mörser zerstoßen …«</p>
+
+<p>Bassistow wollte ihm etwas entgegnen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
+»Sie wissen ja, daß man von ihm außer Paradoxen
+nichts zu hören bekommt.«</p>
+
+<p>Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien
+und meldete die Ankunft Alexandra Pawlownas
+und ihres Bruders.</p>
+
+<p>Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste
+zu empfangen.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend,
+»wie schön von Ihnen, daß Sie gekommen
+sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!«</p>
+
+<p>Wolinzow drückte Darja Michailowna die
+Hand und trat auf Natalia zu.</p>
+
+<p>»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter,
+wird er heute kommen?« fragte Pigassow.</p>
+
+<p>»Ja, er wird kommen.«</p>
+
+<p>»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft
+mit Hegel um sich.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna antwortete nichts, ließ
+Alexandra Pawlowna auf der Couchette Platz
+nehmen und setzte sich selbst neben sie.</p>
+
+<p>»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der
+höhere Gesichtspunkt! Sind sie mir zum Ekel geworden,
+diese höheren Gesichtspunkte! Und was
+kann man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft
+jemand ein Pferd, so wird er nicht erst einen
+Turm besteigen, um es zu beschauen!«</p>
+
+<p>»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz
+bringen?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna
+mit übertriebener Gleichgültigkeit, »über<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
+die Beziehungen des Handels zu der Industrie
+in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir
+werden das jetzt nicht lesen … Ich habe Sie
+nicht deshalb eingeladen. <em class="antiqua">Le baron est aussi
+aimable que savant.</em> Und spricht sehr gut russisch!
+<em class="antiqua">C’est un vrai torrent … il vous
+entraine.</em>«</p>
+
+<p>»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow,
+»daß er verdient hat, französisch gelobt zu werden.«</p>
+
+<p>»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch,
+brummen Sie nur immer zu … das paßt sehr
+gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum
+kommt er aber nicht? Wissen Sie aber, <em class="antiqua">messieurs
+et mesdames</em>,« setzte Darja Michailowna,
+sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir
+wollen in den Garten gehen. Bis zum Essen ist
+es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …«</p>
+
+<p>Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab
+sich in den Garten.</p>
+
+<p>Der Garten Darja Michailownas reichte bis
+an den Fluß. Es waren in demselben viele dunkle
+und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in
+smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus
+Akazien und Fliederbäumen ausliefen.</p>
+
+<p>Wolinzow in Begleitung von Natalia und
+Mlle. Boncourt hatten sich in das Dickicht des
+Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia
+her und schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger
+Entfernung.</p>
+
+<p>»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?«<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
+fragte endlich Wolinzow und streichelte dabei die
+Spitze seines schönen, dunkelblonden Schnurrbartes.</p>
+
+<p>Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch
+zeigten seine Gesichtszüge weniger Beweglichkeit
+und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft,
+hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck.</p>
+
+<p>»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe
+das Schelten Pigassows mit angehört, habe am
+Stickrahmen genäht und habe gelesen.«</p>
+
+<p>»Und was haben Sie gelesen?«</p>
+
+<p>»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge
+gelesen,« brachte Natalia mit einigem Stocken
+hervor.</p>
+
+<p>Wolinzow blickte sie an.</p>
+
+<p>»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant
+sein.«</p>
+
+<p>Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in
+der Luft. Sie gingen noch etwa zwanzig
+Schritte weiter.</p>
+
+<p>»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft
+Ihre Mama gemacht hat?« fragte dann
+wieder Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen;
+Mama lobt ihn sehr.«</p>
+
+<p>»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke
+hin.«</p>
+
+<p>»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich
+fühlt,« bemerkte Natalia.</p>
+
+<p>»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken.
+Es ist schon fast ganz zugeritten. Es soll<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
+mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich
+es bringen.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Merci</em> … Es macht mich aber wirklich verlegen.
+Sie reiten es selbst zu … das soll ja sehr
+angreifend sein.«</p>
+
+<p>»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten,
+Sie wissen es, Natalia Alexejewna, bin
+ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …«</p>
+
+<p>Wolinzow stockte.</p>
+
+<p>Natalia blickte ihn freundlich an und sagte
+nochmals: <em class="antiqua">merci</em>.</p>
+
+<p>»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach
+längerem Schweigen fort, »es gibt nichts …
+Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im
+Hause.</p>
+
+<p>»Ah! <em class="antiqua">La cloche du dîner!</em>« rief Mlle. Boncourt,
+»<em class="antiqua">rentrons</em>.«</p>
+
+<p><em class="antiqua">Quel dommage</em>, dachte bei sich die alte
+Französin, als sie hinter Natalia und Wolinzow
+die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, <em class="antiqua">quel dommage
+que ce charmant garçon ait si peu de
+ressources dans la conversation</em> … was
+man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz
+nett, mein Lieber, aber etwas beschränkt.</p>
+
+<p>Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man
+wartete eine halbe Stunde auf ihn. Bei Tische
+wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts
+gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend
+Natalia an, neben welcher er saß, und<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
+schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski
+bemühte sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra
+Pawlowna, zu unterhalten: er zerfloß in
+Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete,
+das Gähnen zu unterdrücken.</p>
+
+<p>Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an
+nichts; selbst Pigassow war verstummt, und als
+Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute
+nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch:
+»Wann bin ich denn liebenswürdig? Es ist nicht
+meine Art …« Und setzte mit bitterem Lächeln
+hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur
+Kwas, ordinärer russischer Kwas; wenn aber
+Ihr Kammerjunker …«</p>
+
+<p>»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow
+wird eifersüchtig, zum voraus eifersüchtig!«</p>
+
+<p>Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern
+schaute finster vor sich hin.</p>
+
+<p>Es schlug sieben Uhr und alle versammelten
+sich wieder im Gastzimmer.</p>
+
+<p>»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte
+Darja Michailowna … Doch plötzlich ließ sich
+das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer
+Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen
+Minuten erschien ein Diener im Gastzimmer
+und reichte Darja Michailowna einen Brief
+auf einem kleinen silbernen Präsentierteller. Sie
+durchlief denselben bis zum Ende und fragte
+dann, zum Diener gewendet:</p>
+
+<p>»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht
+hat?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
+
+<p>»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen
+Sie, ihn herein zu nötigen?«</p>
+
+<p>»Bitte ihn her.«</p>
+
+<p>Der Diener verschwand.</p>
+
+<p>»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,«
+fuhr Darja Michailowna fort, »der Baron hat
+die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg
+zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch
+einen Herrn Rudin, seinen Freund. Der Baron
+wollte mir denselben vorstellen – er sagt von
+ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich
+hatte darauf gerechnet, der Baron werde hier
+einige Zeit zubringen …«</p>
+
+<p>»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der
+Diener.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="III">III</h2>
+</div>
+
+<p>Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig
+Jahren, hohem Wuchse, etwas gebückter
+Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe,
+mit unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen
+und klugen Zügen, feuchtem Glanze in den lebhaften,
+dunkelblauen Augen, gerader und breiter
+Nase und anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug
+war nicht neu und eng, als wäre er demselben
+entwachsen.</p>
+
+<p>Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu,
+entbot ihr einen kurzen Gruß, sagte, daß ihn
+schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu
+werden, verlangt habe und daß sein Freund, der<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span>
+Baron, es sehr bedauere, nicht persönlich Abschied
+von ihr habe nehmen zu können.</p>
+
+<p>Die feine Stimme Rudins entsprach weder
+seinem hohen Wuchse noch seiner breiten Brust.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie
+kennenzulernen,« sagte Darja Michailowna, und
+nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt
+hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder
+angereist sei?</p>
+
+<p>»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,«
+erwiderte Rudin, den Hut auf den
+Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin
+in Geschäften hergekommen und habe meinen
+Wohnsitz fürs erste in Ihrer Kreisstadt genommen.«</p>
+
+<p>»Bei wem?«</p>
+
+<p>»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund
+von mir.«</p>
+
+<p>»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll,
+wie man sagt, seine Sache verstehen. Und der
+Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«</p>
+
+<p>»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau
+und habe jetzt ungefähr eine Woche bei ihm
+zugebracht.«</p>
+
+<p>»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«</p>
+
+<p>»Gewiß.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna führte die mit Kölnischem
+Wasser getränkte Ecke ihres Taschentuches an die
+Nase.</p>
+
+<p>»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?«
+fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p>
+
+<p>»Wer? Ich?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie!«</p>
+
+<p>»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«</p>
+
+<p>Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde
+die Unterhaltung wieder allgemein.</p>
+
+<p>»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow,
+sich zu Rudin wendend: »Sie kennen gewiß den
+Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt
+hat?«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn.«</p>
+
+<p>»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des
+Handels … oder, besser gesagt – der Industrie
+zum Handel in unserem Vaterlande …
+So, dünkt mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu
+sagen, Darja Michailowna?«</p>
+
+<p>»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte
+Darja Michailowna, die Hand an die Stirn
+führend.</p>
+
+<p>»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche
+Dinge,« fuhr Pigassow fort, »muß jedoch gestehen,
+daß mir allein schon der Titel des Aufsatzes
+sehr … wie sag’ ich das gelinder …
+sehr dunkel und konfus vorkommt.«</p>
+
+<p>»Woher scheint Ihnen das?«</p>
+
+<p>Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick
+auf Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte
+er, sein Fuchsgesicht wieder zu Rudin wendend.</p>
+
+<p>»Mir? Ja gewiß.«</p>
+
+<p>»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
+
+<p>»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra
+Pawlowna Darja Michailowna.</p>
+
+<p>»Nein, es ist nichts … <em class="antiqua">C’est nerveux.</em>«</p>
+
+<p>»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow,
+mit etwas näselnder Stimme, wieder ein: »Ihr
+Bekannter, der Herr Baron Muffel … so,
+glaube ich, heißt er?«</p>
+
+<p>»Ganz recht.«</p>
+
+<p>»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell
+mit politischer Ökonomie, oder widmet er
+dieser anziehenden Wissenschaft nur so nebenbei
+die Mußestunden, welche er nach den weltlichen
+Vergnügungen und Dienstobliegenheiten erübrigen
+kann?«</p>
+
+<p>Rudin blickte Pigassow scharf an.</p>
+
+<p>»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,«
+erwiderte er mit leichtem Erröten, »es ist aber
+viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«</p>
+
+<p>»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren,
+da mir der Aufsatz unbekannt ist … Ich
+erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der
+Baron Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze
+mehr von allgemeinen Theorien als von Tatsachen
+aus?«</p>
+
+<p>»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien,
+die sich auf Tatsachen stützen.«</p>
+
+<p>»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden
+erlauben … ich darf wohl gelegentlich mein
+Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat
+zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
+Theorien, Hypothesen, Systeme … nehmen
+Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme
+kein Blatt vor den Mund … taugen alle zu
+nichts. Das ist alles nur Klügelei – um die
+Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren,
+weiter fordern wir nichts von euch.«</p>
+
+<p>»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn
+der Fakten muß doch gedeutet werden!«</p>
+
+<p>»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort,
+»nicht ausstehen kann ich sie, diese allgemeinen
+Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das
+stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen;
+ein jeder faselt von seinen Überzeugungen und
+verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, daß
+man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«</p>
+
+<p>Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft.
+Pandalewski lachte auf.</p>
+
+<p>»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer
+Ansicht nach, keine Überzeugungen.«</p>
+
+<p>»Nein – es gibt keine.«</p>
+
+<p>»Das ist Ihre Überzeugung?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine?
+Da haben Sie eben eine ausgesprochen.«</p>
+
+<p>Alle im Zimmer lächelten und warfen sich
+Blicke zu.</p>
+
+<p>»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann
+Pigassow wieder …</p>
+
+<p>Doch Darja Michailowna klatschte in die
+Hände und rief: »Bravo, bravo, geschlagen, Pigassow<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
+ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut
+aus Rudins Händen.</p>
+
+<p>»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude,
+gnädige Frau: ein wenig Geduld!« sagte Pigassow
+ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit
+Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen,
+beweisen soll man, widerlegen … Wir
+sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«</p>
+
+<p>»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die
+Sache ist ganz einfach. Sie glauben nicht an den
+Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht
+an Überzeugungen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an
+nichts glaube ich!«</p>
+
+<p>»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte
+Wort nützen soll. Indessen …«</p>
+
+<p>»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich
+Darja Michailowna ins Gespräch.</p>
+
+<p>»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski
+schmunzelnd vor sich hin.</p>
+
+<p>»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,«
+fuhr Rudin fort. »Sie verstehen es: weshalb
+sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an
+nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«</p>
+
+<p>»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine
+bekannte Sache, ein jeder weiß, was ein Faktum
+ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung,
+nach eigener Empfindung.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p>
+
+<p>»Die Empfindung kann Sie aber täuschen!
+Die Empfindung sagt Ihnen, daß die Sonne sich
+um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen
+Sie Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben
+auch ihm nicht?«</p>
+
+<p>Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter.
+Aller Augen waren auf Rudin gerichtet. Ein
+ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.</p>
+
+<p>»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow.
+»Freilich, das ist sehr originell, gehört aber
+nicht zur Sache.«</p>
+
+<p>»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte
+Rudin, »war leider sehr wenig Originelles.
+Alles dies ist schon längst bekannt und
+ist tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf
+kam es an …«</p>
+
+<p>»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit
+leichtem Anflug von Unverschämtheit.</p>
+
+<p>Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen
+gegen seinen Widerpart anzufangen, dann
+grob zu werden und endlich schmollend zu verstummen.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin
+fort: »ich kann mich wirklich nicht, ich muß es
+gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, wenn
+verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen
+über …«</p>
+
+<p>»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.</p>
+
+<p>»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was
+bringt Sie dies Wort so außer sich? Jedes System<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
+stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze
+des Lebens …«</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht
+kennen, nicht ergründen …«</p>
+
+<p>»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie
+zugänglich, und der Mensch ist dem Irrtum unterworfen.
+Sie werden mir aber wahrscheinlich
+zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser
+Grundgesetze dennoch entdeckt hat. Das war ein
+Genie, zugestanden; die Entdeckungen, die geniale
+Geister machen, sind aber eben dadurch
+groß, daß sie zum Gemeingute aller werden. Das
+Bestreben, allgemeine Gesetze aus partiellen Erscheinungen
+herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft
+des menschlichen Geistes, und unsere
+ganze Bildung …«</p>
+
+<p>»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn
+wiederum mit gedehnter Stimme Pigassow. »Ich
+bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht
+gern in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten
+Sie indessen, daß schon der Wille allein, ausschließlich
+ein praktischer Mensch zu sein, an und
+für sich ein System vorstellt, eine Theorie …«</p>
+
+<p>»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow,
+»Sie glauben wohl, mich mit diesem
+Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben
+sie sehr nötig, diese angepriesene Bildung! Nicht
+einen kupfernen Groschen möchte ich für diese
+Ihre Bildung hingeben!«</p>
+
+<p>»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
+Semenitsch!« bemerkte Darja Michailowna, im
+Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und weltmännische
+Artigkeit ihres neuen Gastes. <em class="antiqua">C’est
+un homme comme il faut</em>, dachte sie, Rudins
+Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß
+ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in
+Gedanken russisch.</p>
+
+<p>»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin
+nach einigem Schweigen fort, »die Bildung
+zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung
+nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder
+hat seinen eigenen Geschmack. Es würde uns
+übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir
+nur, Sie an einen alten Spruch zu erinnern:
+›Jupiter, du wirst böse, folglich hast du unrecht!‹
+Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf
+Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso
+zu bedauern sind, weil mit den Systemen zugleich
+die Menschen das Wissen überhaupt, die
+Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen,
+folglich auch den Glauben an sich selbst,
+an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen
+aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein
+können sie nicht leben, es wäre sündhaft, wenn
+sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm
+nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat
+sich von jeher durch Unfruchtbarkeit und Ohnmacht
+ausgezeichnet …«</p>
+
+<p>»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.</p>
+
+<p>»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen
+zu bemerken, daß mit dem Ausrufe ›Das sind<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
+nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben,
+etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«</p>
+
+<p>»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen
+zusammen.</p>
+
+<p>»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen
+wollte,« erwiderte Rudin mit unwillkürlicher,
+doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole
+es, wenn der Mensch keinen festen Grund
+hat, an den er glaubt, keinen Boden, auf dem
+er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft
+geben von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der
+Zukunft seines Volkes? Wie kann er wissen,
+was er selbst zu tun hat, wenn …«</p>
+
+<p>»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow
+hervor, verbeugte sich und trat auf die Seite,
+ohne jemand anzublicken.</p>
+
+<p>Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.</p>
+
+<p>»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann
+Darja Michailowna. »Seien Sie unbesorgt,
+Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit
+freundlichem Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr
+Vater?«</p>
+
+<p>»Nikolai!«</p>
+
+<p>»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri
+Nikolaitsch! Er hat niemand hier angeführt.
+Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren …
+Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen
+Sie sich aber näher zu uns und lassen Sie
+uns plaudern.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
+
+<p>Rudin rückte seinen Sessel näher.</p>
+
+<p>»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt
+geworden sind?« fuhr Darja Michailowna
+fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben
+Sie dies Buch gelesen? <em class="antiqua">C’est de Tocqueville,
+vous savez?</em>«</p>
+
+<p>Und Darja Michailowna schob Rudin eine
+französische Broschüre hin.</p>
+
+<p>Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand,
+blätterte ein wenig darin und erklärte, nachdem
+er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, er
+habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar
+nicht gelesen, doch häufig über die von ihm berührte
+Frage nachgedacht. Das Gespräch war
+angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen,
+er zögerte, mit seiner Meinung hervorzutreten,
+fand nicht immer sogleich die Ausdrücke,
+wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine
+Viertelstunde später vernahm man nur seine
+Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um
+ihn geschlossen.</p>
+
+<p>Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke
+neben dem Kamin. Rudin sprach klug, mit Geist
+und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große
+Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm
+einen bedeutenden Menschen zu treffen … Er
+war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so
+wenig von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich
+und auffallend, wie ein so geistreicher Mann
+so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen
+können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung,<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
+man könnte sagen, er bezauberte jeden,
+vor allen Darja Michailowna … Sie war
+stolz auf ihren Fang und dachte schon im voraus
+daran, wie sie Rudin in die Welt führen wolle.
+Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten
+Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches
+Feuer. Alexandra Pawlowna hatte, offen
+gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin
+gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt
+und erfreut; ihr Bruder war es nicht weniger;
+Pandalewski beobachtete Darja Michailowna
+und wurde neidisch; Pigassow dachte: wollte ich
+fünfhundert Rubel wegwerfen – ich könnte
+mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr
+als alle übrigen waren jedoch Bassistow und Natalia
+erstaunt. Bassistow war der Atem fast ausgegangen;
+er war die ganze Zeit über mit offenem
+Munde und weit geöffneten Augen sitzengeblieben
+und hatte mit einer Spannung zugehört,
+wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht
+war rot geworden und ihr Blick, den sie unverwandt
+auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde
+dunkler und glänzender zugleich …</p>
+
+<p>»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte
+ihr Wolinzow zu.</p>
+
+<p>»Ja, sie sind schön.«</p>
+
+<p>»Schade nur, daß seine Hände so groß und
+rot sind.«</p>
+
+<p>Natalia antwortete nichts.</p>
+
+<p>Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde
+allgemeiner, doch ließ sich an dem plötzlichen<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
+Verstummen aller, sobald Rudin den Mund auftat,
+gleich merken, wie überwältigend der Eindruck
+war, den er hervorgebracht hatte. Es kam
+Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow ein
+wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte
+ihn halblaut: »Warum schweigen Sie denn und
+zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen
+Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,«
+und ohne seine Antwort abzuwarten, winkte sie
+Rudin zu sich.</p>
+
+<p>»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,«
+sagte sie zu ihm, auf Pigassow deutend, »er ist
+ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend
+greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«</p>
+
+<p>Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von
+oben herab an: er war um zwei Kopflängen
+höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger,
+sein gelbes Gesicht wurde noch gelber.</p>
+
+<p>»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,«
+begann er mit unsicherer Stimme, »ich greife
+nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze
+Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«</p>
+
+<p>»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte
+Meinung von demselben einflößen?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens,
+in welchem ich mit jedem Tage mehr und
+mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere
+nach mir selbst. Das mag vielleicht ungerecht<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
+sein, und ich tauge viel weniger als andere; was
+wollen Sie aber? Gewohnheit!«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit
+Ihnen,« erwiderte Rudin. »Welche edle Seele
+hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung
+gehabt! Man sollte aber doch aus dieser
+schlimmen Lage herauszukommen trachten.«</p>
+
+<p>»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung,
+die Sie meiner Seele ausstellen,« erwiderte Pigassow,
+»mit meiner Lage hält sich’s noch – sie
+ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang
+aus ihr gibt, er mag bleiben, suchen will
+ich ihn nicht.«</p>
+
+<p>»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck
+– die Befriedigung seiner Eigenliebe dem Verlangen,
+in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«</p>
+
+<p>»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die
+Eigenliebe – das Ding verstehe ich, verstehen
+Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was
+ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«</p>
+
+<p>»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß
+Ihnen diese Bemerkung machen,« warf Darja
+Michailowna ein.</p>
+
+<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist
+Wahrheit? Die Philosophen selbst wissen nicht,
+was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel
+aber – nein, bewahre! Dies ist sie.«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?«
+fragte Rudin, ohne die Stimme zu erheben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
+
+<p>»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann
+nicht begreifen, was Wahrheit ist. Meiner Ansicht
+nach gibt es eine solche nicht auf der Welt,
+das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber
+existiert nicht.«</p>
+
+<p>»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen
+Sie sich doch, so zu sprechen, Sie alter Sünder!
+Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es denn,
+auf der Welt zu leben?«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte
+ärgerlich Pigassow, »ich bin der Meinung,
+daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne
+Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren
+Koch Stephan, der so vortreffliche Bouillons
+kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die
+Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen
+ließe sich doch nicht daraus machen!«</p>
+
+<p>»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja
+Michailowna, »besonders wenn es in Verleumdung
+ausartet.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt
+ist, aber sie zu hören ist freilich vielen
+schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich
+mürrisch zurück.</p>
+
+<p>Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu
+reden und sprach sehr verständig. Er bewies, daß
+der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute,
+daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch
+welchen der Erdball aus seiner Stellung gehoben
+werden könne; doch verdiene in der Tat nur derjenige
+»Mensch« genannt zu werden, der sein<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
+Selbstgefühl zu bändigen wisse, wie der Reiter
+sein Roß, der seine Persönlichkeit dem Wohle
+aller zum Opfer bringe …</p>
+
+<p>»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist
+Selbstmord. Der selbstsüchtige Mensch verdorrt
+gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren Baume;
+Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach
+Vervollkommnung, ist der Ursprung alles Großen
+… Ja! es muß der Mensch den starren
+Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr
+das Recht zu verschaffen, sich frei auszusprechen.«</p>
+
+<p>»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?«
+wandte sich Pigassow an Bassistow.</p>
+
+<p>Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von
+ihm verlangte.</p>
+
+<p>»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte
+er endlich hervor.</p>
+
+<p>»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin
+notieren. Notiere ich sie nicht, ich könnte sie vergessen,
+stehe nicht dafür! Und Sie werden selbst
+zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem
+großen Schlemm im Whist gleich.«</p>
+
+<p>»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über
+welche zu scherzen und zu spotten unschicklich ist!«
+erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte Pigassow
+den Rücken.</p>
+
+<p>Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten.
+Sie erhob sich und auf ihrem Gesichte zeigte sich
+Verwirrung.</p>
+
+<p>Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p>
+
+<p>»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit
+weicher, wohlwollender Stimme, als wäre er ein
+Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«</p>
+
+<p>»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht
+besonders. Hier, Constantin Diomiditsch spielt
+bedeutend besser als ich.«</p>
+
+<p>Pandalewski streckte sein Gesicht vor und
+fletschte die Zähne.</p>
+
+<p>»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna:
+ich spiele wirklich nicht besser als Sie.«</p>
+
+<p>»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?«
+fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja
+Michailowna das Wort. »Setzen Sie sich, Constantin
+… Sie lieben die Musik, Dimitri Nikolaitsch?«</p>
+
+<p>Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und
+fuhr mit der Hand über das Haar, als bereite
+er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.</p>
+
+<p>Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade
+gegenüber. Gleich bei den ersten Tönen erhielt
+sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. Seine
+tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von
+Zeit zu Zeit auf Natalia haften bleibend. Pandalewski
+hatte geendet.</p>
+
+<p>Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete
+Fenster. Ein aromatischer Duft lag gleich
+einer leichten Hülle auf dem Garten, einschläfernde
+Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen.
+Sanft schimmerten die Sterne. Wonnig<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
+war die Sommernacht und Wonne verbreitete
+sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen
+Garten hinaus und – wandte sich um.</p>
+
+<p>»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben
+in mir Erinnerungen erweckt an meine Studentenzeit
+in Deutschland, an unsere Zusammenkünfte,
+unsere Serenaden …«</p>
+
+<p>»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja
+Michailowna.</p>
+
+<p>»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und
+etwa ebensolange in Berlin.«</p>
+
+<p>»Und Sie kleideten sich wie die Studenten?
+Die sollen dort, sagt man, eine eigentümliche
+Kleidung tragen.«</p>
+
+<p>»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit
+Sporen und einen kurzen Leibrock mit Schnurbesatz
+getragen und das Haar lang wachsen lassen
+bis herab auf die Schultern … In Berlin
+kleiden sich die Studenten wie jedermann.«</p>
+
+<p>»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,«
+bat Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>Rudin begann seine Erzählung. Er war kein
+guter Erzähler. In seinen Schilderungen vermißte
+man die Färbung. Er verstand es nicht,
+Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von
+der Erzählung seiner Abenteuer im Auslande
+auf allgemeine Betrachtungen über, von der Bedeutung
+der Aufklärung und Wissenschaft, den
+Universitäten und dem Universitätsleben überhaupt.
+Mit breiten und kühnen Zügen entwarf
+er ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
+Aufmerksamkeit zu. Er sprach meisterhaft,
+hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese
+Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen
+eigentümlichen Reiz.</p>
+
+<p>Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin,
+sich bestimmt und genau auszudrücken. Ein
+Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet
+kühn, bald merkwürdig treffend, folgten
+Schlag auf Schlag. Nicht selbstgefällige Worthascherei
+des geschulten Schönredners, sondern
+Begeisterung sprach aus seinem ungestümen
+Redefluß. Er war um Worte nicht verlegen:
+folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen,
+und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer
+der vollständigsten Überzeugung, direkt aus der
+Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten Grade
+jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit«
+nennen könnte. Er verstand es, indem er
+gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich
+alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern
+zu machen. Es mag der Fall gewesen sein, daß
+der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht
+recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte
+er die Brust schwellen, ein Schleier schien von
+seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg
+ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken
+empor …</p>
+
+<p>Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft
+zugewandt zu sein; dieser Umstand verlieh ihnen
+das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
+stehend, niemand vorzugsweise anblickend,
+sprach er – und begeistert durch die Zustimmung
+und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger
+Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen
+von der Flut eigener Empfindungen – erhob
+er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie …
+der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig,
+vermehrte noch den Zauber; es schien, als redete
+aus seinem Munde etwas Höheres, ihm selbst
+Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was
+dem zeitlichen Leben des Menschen Bedeutung
+für die Ewigkeit verleiht.</p>
+
+<p>»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,«
+so beschloß er seine Rede. »Es sitzt ein König mit
+seinen Recken in einer langen, dunklen Halle um
+ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und
+nachts. Auf einmal kommt ein kleiner Vogel durch
+die offene Tür hereingeflogen und fliegt zur
+anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das
+Vöglein ist wie der Mensch auf Erden: aus dem
+Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel fliegt
+es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der
+Wärme und des Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert
+der Älteste der Krieger, ›das Vöglein wird
+auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest
+wiederfinden‹ … In der Tat, unser Leben ist
+kurz und vergänglich; doch alles Große geschieht
+durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren
+Mächten zum Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz
+sein für alle übrigen Freuden; im Tode selbst
+wird er sein Leben, sein Nest finden …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p>
+
+<p>Rudin hielt inne und senkte den Blick mit
+einem unwillkürlichen Lächeln der Verwirrung.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Vous êtes un poète</em>,« sagte halblaut Darja
+Michailowna.</p>
+
+<p>Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle,
+Pigassow ausgenommen. Ohne das Ende der
+langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise
+den Hut genommen und, sich entfernend, dem bei
+der Türe stehengebliebenen Pandalewski erbittert
+zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es
+mir zu bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«</p>
+
+<p>Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten,
+auch seine Abwesenheit nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Die Diener trugen das Abendessen auf, und
+eine halbe Stunde darauf trennte man sich.
+Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über
+Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte
+auf der Heimfahrt in der Kutsche ihrem Bruder
+unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins
+ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow
+stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, daß er sich zuweilen
+etwas unverständlich ausdrücke … das
+heißt nicht ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich,
+um seinen Gedanken besseren Ausdruck
+zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und
+der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet
+hielt, war noch schwermütiger geworden.</p>
+
+<p>Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen
+anschickend, seine seidengestickten Tragbänder<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
+löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr
+gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich
+mit strengem Blicke seinem Kammerdiener, das
+Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze
+Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus;
+bis zum Anbruch des Tages schrieb er ununterbrochen
+einen Brief an einen seiner Freunde
+nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet
+und zu Bette gelegt, aber gleichfalls nicht
+eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht
+einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt,
+hatte sie in das Dunkel hinausgeblickt; ihre
+Pulse pochten wie im Fieber und häufige schwere
+Seufzer hoben ihren Busen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="IV">IV</h2>
+</div>
+
+<p>Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen
+angekleidet, so erschien bei ihm ein Diener von
+Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu
+ihr ins Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin
+traf sie allein. Sie bewillkommnete ihn höchst
+freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut
+verbracht habe und schenkte ihm selbst eine Tasse
+Tee ein; sie fragte sogar, ob Zucker genug darin
+sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder
+ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie
+nicht früher mit ihm bekannt geworden sei. Rudin
+hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja
+Michailowna aber wies auf einen Diwan, der
+neben ihrem Sessel stand, und begann, sich ein<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
+wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über
+seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten
+zu befragen. Darja Michailowna sprach
+leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin
+aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen
+suche, ja, ihm sogar schmeichele: Nicht umsonst
+hatte sie also dieses Morgenstelldichein vorbereitet,
+nicht umsonst ein einfaches aber graziöses
+Kleid <em class="antiqua">à la madame Récamier</em> angelegt!
+Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,
+ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen,
+von ihren Jugendjahren und den Personen,
+mit denen sie bekannt gewesen war. Rudin
+hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar!
+– von wem Darja Michailowna auch
+sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets
+im Vordergrunde und drängte jede andere zurück;
+dabei erfuhr Rudin umständlich, was Darja
+Michailowna namentlich zu dieser bekannten,
+hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß
+sie auf jenen berühmten Dichter ausgeübt
+hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas
+zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden
+unter ihren Zeitgenossen einzig und
+allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr bekannt
+zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu
+erwerben. Sie sprach von ihnen in einfacher
+Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,
+wie von ihr nahestehenden Personen;
+einige nannte sie sonderbare Käuze, immer aber
+reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
+gefaßten Edelstein, in strahlendem Kranze um
+den einen Namen: Darja Michailowna.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und
+schwieg; nur hin und wieder unterbrach er durch
+kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen
+Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine
+Unterhaltung im Gange zu halten, war ihm nicht
+eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,
+den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte,
+ließ sich in seiner Gegenwart zutraulich aus; so
+gefällig und ermunternd folgte der dem Faden
+der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit,
+viel von jener eigentümlichen Gutmütigkeit,
+welche Leuten eigen ist, die gewohnt
+sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im
+Wortstreit ließ er selten seinem Gegner das
+letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner
+ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Darja Michailowna sprach russisch. Sie
+prahlte mit der Kenntnis ihrer Muttersprache,
+obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische
+Worte mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie
+einfache, volkstümliche Ausdrucksweisen, doch
+nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr
+fand sich durch die buntscheckige Sprache in Darja
+Michailownas Munde nicht unangenehm berührt,
+wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.</p>
+
+<p>Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ
+den Kopf auf das Rückenkissen des Lehnstuhls<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span>
+zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin und
+verstummte.</p>
+
+<p>»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin,
+»begreife ich es, weshalb Sie jeden Sommer
+aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung;
+die ländliche Stille, nach dem Leben in der
+Hauptstadt, muß Sie erfrischen und stärken. Ich
+bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für
+die Schönheiten der Natur haben.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte Rudin von der
+Seite an.</p>
+
+<p>»Die Natur … nun ja … ja, freilich …
+ich liebe sie außerordentlich; wissen Sie aber,
+Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt
+sich’s nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s
+aber keinen. Pigassow gilt hier als der Geistreichste.«</p>
+
+<p>»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte
+Rudin.</p>
+
+<p>»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens
+nimmt man ihn schon mit – er heitert zuweilen
+auf.«</p>
+
+<p>»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht
+aber einen falschen Weg. Ich weiß nicht, ob Sie
+mir recht geben werden, Darja Michailowna, es
+liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten
+und vollständigen Verneinen. Verneinen Sie
+alles, und man wird Sie möglicherweise für einen
+klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt.
+Es werden viele in ihrer Einfalt sogleich
+bereit sein, den Schluß zu ziehen, Sie ständen<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
+höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber
+oftmals falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken
+finden, zweitens, wenn Sie auch recht hätten,
+bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend
+und ausschließlich zur Verneinung gestimmt,
+verliert seine Kraft, er stumpft ab. Indem Sie
+Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den
+wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben –
+der innere Wert des Lebens – entschlüpft Ihrem
+kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste
+und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher
+herab. Rügen, schelten darf nur, wer
+liebt.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Voilà Mr. Pigassoff enterré</em>,« sagte Darja
+Michailowna. »Sie verstehen es aber meisterhaft,
+die Menschen zu schildern! Übrigens würde
+Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen
+haben. Liebt er ja doch ausschließlich seine
+eigene Person.«</p>
+
+<p>»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu
+haben, andere schelten zu dürfen,« fiel Rudin ein.</p>
+
+<p>Darja Michailowna lachte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken
+Kopf auf den Gesunden! – A propos –
+was halten Sie von dem Baron?«</p>
+
+<p>»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher
+Mensch, mit gutem Herzen und erfahren …
+aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben
+ein halber Gelehrter, halber Weltmann, d. h.
+Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – Nichts …
+Es ist aber schade um ihn!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
+
+<p>»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja
+Michailowna. »Ich habe seinen Aufsatz gelesen
+… <em class="antiqua">Entre nous … cela a assez peu de
+fond.</em>«</p>
+
+<p>»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?«
+fragte nach einigem Schweigen Rudin.</p>
+
+<p>Darja Michailowna strich mit dem kleinen
+Finger die Asche von ihrer Zigarette.</p>
+
+<p>»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin,
+Alexandra Pawlowna, die Sie gestern gesehen
+haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. Ihr
+Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch,
+<em class="antiqua">un parfait honnête homme</em>. Den Fürsten Garin
+kennen Sie. Das sind sie alle. Es sind da
+noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und
+gar unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit
+ungeheuren Prätensionen oder menschenscheues,
+oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit
+den Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen.
+Wir haben wohl noch einen Nachbarn, einen sehr
+gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen
+schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer.
+Alexandrine kennt ihn und, wie es scheint, ist er
+ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr wirklich
+Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch:
+das ist ein liebes Wesen; sie müßte nur etwas
+ausgebildet werden, ja sie muß es durchaus werden.«</p>
+
+<p>»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.</p>
+
+<p>»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine
+wahre Unschuld. Sie ist verheiratet gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
+<em class="antiqua">mais c’est tout comme</em> … Wäre ich ein
+Mann, ich würde mich nur in solche Weiber verlieben.«</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten
+frisch und die Frische läßt sich nicht künstlich
+nachahmen.«</p>
+
+<p>»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen,
+was selten bei ihm der Fall war. Wenn
+er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen,
+fast greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen
+sich zusammen, er rümpfte die Nase …</p>
+
+<p>»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie
+Sie sagen, der Frau Lipin nicht gleichgültig
+wäre?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch,
+ein Gutsbesitzer aus dieser Gegend.«</p>
+
+<p>Rudin erstaunte und erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er,
+»ist der denn Ihr Nachbar?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie kennen ihn also?«</p>
+
+<p>Rudin schwieg.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon
+lange her. Er ist reich, wie man sagt?« fügte er
+hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles
+zupfte.</p>
+
+<p>»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich
+und fährt auf einer Reitdroschke gleich einem
+Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch gemacht,
+ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand
+haben; dann stehe ich auch gewissermaßen<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
+in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen
+doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«</p>
+
+<p>Rudin nickte mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort,
+»ich führe nichts von den fremdländischen Albernheiten
+bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,
+dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht,
+denke ich, nicht schlecht,« setzte sie hinzu, indem
+sie dabei mit der Hand einen Kreis durch die Luft
+beschrieb.</p>
+
+<p>»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,«
+bemerkte Rudin verbindlich, »daß diejenigen
+schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen
+praktischen Sinn absprechen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber
+was wollte ich Ihnen doch erzählen? Wovon sprachen
+wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit
+ihm über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals
+schon habe ich ihn zu mir eingeladen und
+erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie …
+ein wahrer Sonderling.«</p>
+
+<p>Der Vorhang an der Tür wurde behutsam
+zurückgezogen und der Haushofmeister, ein hochgewachsener,
+grauer Mann mit einer Glatze, in
+schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer
+Weste, trat ein.</p>
+
+<p>»Was willst du?« fragte Darja Michailowna
+und setzte mit einer leichten Wendung zu Rudin
+halblaut hinzu: »<em class="antiqua">n’est ce pas, comme il
+ressemble à Canning</em>?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span></p>
+
+<p>»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,«
+meldete der Mann, »befehlen Sie zu empfangen?«</p>
+
+<p>»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna,
+»er kommt wie gerufen. Bitte ihn her!«</p>
+
+<p>Der Haushofmeister ging hinaus.</p>
+
+<p>»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich,
+und doch nicht zur rechten Stunde; er unterbricht
+unser Gespräch.«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja
+Michailowna hielt ihn aber zurück.</p>
+
+<p>»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch
+in Ihrer Gegenwart besprechen, und dann
+wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen,
+wie das von Pigassow. Wenn Sie reden, <em class="antiqua">vous
+gravez comme avec un burin</em>. Bleiben Sie?«</p>
+
+<p>Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein
+wenig und blieb.</p>
+
+<p>Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt,
+trat ins Kabinett. Er hatte denselben
+grauen Paletot an und hielt in den gebräunten
+Händen dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen
+Darja Michailowna und trat an den Teetisch
+heran.</p>
+
+<p>»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich
+herzubemühen, Monsieur Leschnew!« sagte Darja
+Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie
+sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr
+sie fort, auf Rudin deutend.</p>
+
+<p>Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei
+sonderbar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p>
+
+<p>»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer
+kurzen Verbeugung.</p>
+
+<p>»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,«
+bemerkte Rudin halblaut und schlug den
+Blick zu Boden.</p>
+
+<p>»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,«
+sagte Leschnew kalt.</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte beide mit einigem
+Befremden an und bat Leschnew, Platz zu nehmen.
+Er setzte sich.</p>
+
+<p>»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann
+er, »es betrifft die Vermessung?«</p>
+
+<p>»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt
+Sie zu sehen gewünscht. Sind wir doch
+noch Nachbarn und auch wohl vielleicht verwandt
+miteinander.«</p>
+
+<p>»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was
+nun die Vermessung betrifft, so habe ich diese Angelegenheit
+bereits mit Ihrem Verwalter vollständig
+zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle
+seine Vorschläge ein.«</p>
+
+<p>»Das wußte ich.«</p>
+
+<p>»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige
+persönliche Zusammenkunft mit Ihnen die Papiere
+nicht unterzeichnet werden.«</p>
+
+<p>»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt.
+Darf ich wohl fragen, ob die Bauern bei Ihnen
+zinspflichtig sind?«</p>
+
+<p>»So ist es.«</p>
+
+<p>»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung
+gebracht? Das ist lobenswert.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
+
+<p>Leschnew schwieg einen Augenblick.</p>
+
+<p>»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft
+wegen hergekommen,« sagte er.</p>
+
+<p>Darja Michailowna lächelte.</p>
+
+<p>»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen
+das in solch besonderem Tone … Gewiß hatten
+Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«</p>
+
+<p>»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew
+phlegmatisch.</p>
+
+<p>»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra
+Pawlowna?«</p>
+
+<p>»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«</p>
+
+<p>»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem
+Zwang auf … Indessen, Sie werden vergeben,
+Michael Michailitsch, ich bin älter als
+Sie an Jahren und darf Sie ein wenig schelten:
+wie können Sie an einem so zurückgezogenen Leben
+Vergnügen finden? Oder ist es <em class="gesperrt">mein</em> Haus
+vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht
+gefalle <em class="gesperrt">ich</em> Ihnen nicht?«</p>
+
+<p>»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und
+deshalb können Sie mir auch nicht mißfallen. Ihr
+Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen
+gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich
+habe nicht einmal einen gehörigen Frack, keine
+Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren
+Kreis.«</p>
+
+<p>»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie
+demselben an, Michael Michailitsch! <em class="antiqua">vous êtes
+des nôtres</em>.«</p>
+
+<p>»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
+lassen, Darja Michailowna! Nicht darauf kommt
+es an …«</p>
+
+<p>»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael
+Michailitsch! Was hat man davon, wie
+Diogenes in der Tonne zu sitzen?«</p>
+
+<p>»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei;
+zweitens, weshalb glauben Sie, daß ich nicht unter
+Menschen lebe?«</p>
+
+<p>Darja Michailowna biß sich in die Lippen.</p>
+
+<p>»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also
+nur zu bedauern, daß ich mich zu denen nicht
+zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«</p>
+
+<p>»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein,
+»treibt zu weit, wie mich dünkt, ein sonst sehr
+lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«</p>
+
+<p>Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin
+nur an. Ein kurzes Schweigen trat ein.</p>
+
+<p>»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend,
+»darf ich unsere Angelegenheit als erledigt betrachten
+und Ihren Verwalter bedeuten, daß er
+mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«</p>
+
+<p>»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe
+es, so wenig liebenswürdig sind … daß ich es
+Ihnen abschlagen sollte.«</p>
+
+<p>»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr
+Vorteil als mir.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück
+bei mir einnehmen?« fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p>
+
+<p>»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals,
+und dann muß ich auch bald nach Hause.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna erhob sich.</p>
+
+<p>»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans
+Fenster tretend, »ich darf Sie nicht aufhalten.«</p>
+
+<p>Leschnew verabschiedete sich.</p>
+
+<p>»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie,
+daß ich Sie belästigt habe.«</p>
+
+<p>»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte
+Leschnew und ging hinaus.</p>
+
+<p>»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna
+Rudin. »Ich hatte wohl von ihm gehört,
+er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt
+aber doch alles!«</p>
+
+<p>»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,«
+erwiderte Rudin, »dem Verlangen, originell zu
+erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, dieser
+den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus,
+viel Selbstsucht und wenig Wahrheit,
+wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in
+ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der
+Gleichgültigkeit und der Nachlässigkeit vor, da
+muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den Gedanken
+kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche
+Weise sein Licht unter den Scheffel
+stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht
+vorhanden!«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Et de deux!</em>« äußerte Darja Michailowna.
+»Sie sind furchtbar in der Charakterschilderung.
+Ihnen entgeht man nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p>
+
+<p>»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,«
+fuhr er fort, »ich sollte eigentlich nicht von Leschnew
+sprechen: ich habe ihn geliebt, geliebt wie
+einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener
+Mißverständnisse …«</p>
+
+<p>»Haben Sie sich entzweit?«</p>
+
+<p>»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie
+mir scheint, für immer getrennt.«</p>
+
+<p>»Das war es! Darum war Ihnen auch während
+seines Hierseins, wie mir deuchte, nicht
+wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr
+für den heutigen Morgen verbunden. Ich habe
+die Zeit überaus angenehm verbracht. Aber –
+alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum
+Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte
+gehen. Mein Sekretär, Sie haben ihn
+gesehen – <em class="antiqua">Constantin, c’est lui qui est mon
+secrétaire</em> – wartet gewiß schon auf mich. Ich
+empfehle Ihnen denselben: ein herrlicher, überaus
+dienstfertiger junger Mann und ganz entzückt
+von Ihnen. Auf Wiedersehen, <em class="antiqua">cher</em> Dmitri
+Nikolaitsch. Wie bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet,
+daß er mir Ihre Bekanntschaft verschafft
+hat!«</p>
+
+<p>Und Darja Michailowna reichte Rudin die
+Hand. Er drückte sie zuerst, führte sie dann an
+die Lippen und begab sich in den Saal und von
+da auf die Terrasse, wo er Natalia traf.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="V">V</h2>
+</div>
+
+<p>Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna,
+konnte auf den ersten Blick nicht gefallen.
+Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, mager,
+von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich
+etwas gebückt. Die Züge ihres Gesichtes jedoch
+waren edel und regelmäßig, obgleich etwas breit
+für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders
+schön trat ihre reine und glatte Stirn über den
+leicht geknickten Augenbrauen hervor. Sie sprach
+wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,
+fast unverwandten Blickes, als wollte sie
+sich über alles Rechenschaft geben. Sie war oft
+unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ
+die Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht
+den Ausdruck innerer Gedankentätigkeit …
+Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen
+und verschwand wieder; die großen dunklen
+Augen hoben sich sanft … <em class="antiqua">Qu’avez vous?</em>
+pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und
+ihr vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen
+nicht schicke, den Kopf hängen zu lassen und
+zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht zerstreut:
+im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und
+arbeitete gern. Sie fühlte tief und stark, aber im
+stillen; schon als Kind hatte sie selten geweint,
+jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,
+wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr
+ein wohlgesittetes, vernünftiges Mädchen, nannte
+sie scherzweise: <em class="antiqua">mon honnête homme de fille</em>,<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
+hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.
+»Meine Natascha ist kalt von Natur,«
+pflegte sie zu sagen, »nicht wie ich … um
+so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna
+täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter
+kennt ihre Tochter.</p>
+
+<p>Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein
+volles Vertrauen zu ihr.</p>
+
+<p>»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte
+einmal Darja Michailowna zu ihr, »sonst würdest
+du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast
+deinen Kopf für dich.«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und
+dachte: und warum sollte ich nicht meinen Kopf
+für mich haben?</p>
+
+<p>Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie
+eben mit Mlle. Boncourt ins Zimmer, um ihren
+Hut aufzusetzen und in den Garten zu gehen.
+Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt.
+Man hatte aufgehört, Natalia als Kind
+zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr schon lange
+keinen Unterricht mehr in der Mythologie und
+Geographie; doch mußte Natalia jeden Morgen
+– in ihrer Gegenwart – historische Bücher, Reisebeschreibungen
+und andere erbauliche Schriften
+lesen. Darja Michailowna traf die Auswahl,
+scheinbar einem ihr eigenen System folgend, in
+der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein
+französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte,
+ausgenommen natürlich Romane von
+Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
+las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt
+pflegte ganz besonders streng und sauer
+Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere
+historische Bücher las: nach den Begriffen
+der alten Französin war die ganze Geschichte voll
+unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten
+Männern des Altertums, Gott weiß warum,
+nur einzig und allein den Kambyses kannte, und
+aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,
+den sie nicht leiden konnte. Natalia las
+aber auch solche Bücher, deren Dasein Mlle.
+Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen
+Puschkin auswendig.</p>
+
+<p>Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.</p>
+
+<p>»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.</p>
+
+<p>»Ja. Wir gehen in den Garten.«</p>
+
+<p>»Darf ich mich Ihnen anschließen?«</p>
+
+<p>Natalia sah Mlle. Boncourt an.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Mais certainement, monsieur, avec plaisir</em>,«
+rief eilig die alte Jungfer.</p>
+
+<p>Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.</p>
+
+<p>Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an
+Rudins Seite auf demselben Gartenwege zu
+wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er
+richtete an sie Fragen über ihre Beschäftigungen,
+und auch darüber, wie ihr das Leben auf dem
+Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne
+Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende
+Befangenheit, die so oft für Schamhaftigkeit gehalten
+wird. Es klopfte ihr das Herz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
+
+<p>»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?«
+fragte Rudin, sie mit einem Seitenblick streifend.</p>
+
+<p>»Wie kann man auf dem Lande Langeweile
+empfinden? Ich bin sehr froh, daß wir hier sind.
+Ich bin hier sehr glücklich.«</p>
+
+<p>»Sie sind glücklich … Das ist ein großes
+Wort. Übrigens ist es begreiflich: Sie sind jung.«</p>
+
+<p>Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher
+Weise: es war wie eine Anwandlung von
+Neid und Beileid, die ihn überkam.</p>
+
+<p>»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben
+der Wissenschaft ist – mit Bewußtsein
+das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«</p>
+
+<p>Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte
+ihn nicht verstanden.</p>
+
+<p>»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit
+Ihrer Mama unterhalten,« fuhr er fort, »eine
+außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb
+alle unsere Poeten so großen Wert auf ihre
+Freundschaft legten. Lieben Sie auch Gedichte?«
+setzte er nach einigem Schweigen hinzu.</p>
+
+<p>Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte:
+»Ja, ich liebe sie sehr.«</p>
+
+<p>»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich
+selbst liebe Gedichte. Doch nicht in Gedichten
+allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt uns
+… Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an
+– von allen Seiten strömt Schönheit und Leben
+hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist
+auch Poesie.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p>
+
+<p>»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz
+nehmen,« fuhr er fort. »So. Mir scheint, ich
+kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie
+sich ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er
+blickte ihr hierbei lächelnd in die Augen), wir
+gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«</p>
+
+<p>Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen,
+dachte Natalia wieder, und ungewiß, was sie
+dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange
+auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.</p>
+
+<p>»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht
+auch den Winter. Ich bin, wie Sie wohl
+wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind
+zerrüttet, und dann habe ich es auch schon satt,
+von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist Zeit,
+daß ich mir Ruhe gönne.«</p>
+
+<p>Natalia sah ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>»Sie finden wirklich, daß es <em class="gesperrt">für Sie</em> Zeit
+sei auszuruhen?« fragte sie schüchtern.</p>
+
+<p>Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie damit sagen?«</p>
+
+<p>»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger
+Verwirrung, »daß andere sich wohl Ruhe gönnen
+dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten,
+müssen sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer
+denn wohl, wenn nicht Sie …«</p>
+
+<p>»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,«
+unterbrach sie Rudin. »Nutzen schaffen … das
+ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über
+sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er.
+»Wenn ich auch die feste Überzeugung hätte: auf<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
+welche Art ich Nutzen bringen könnte – ja, wenn
+ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte
+– wo fände ich wohl lautere, mitfühlende
+Seelen? …«</p>
+
+<p>Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene
+die Hand fallen und senkte so betrübt den Kopf,
+daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich
+stellte: ob sie denn wohl aus <em class="gesperrt">seinem</em> Munde
+tags zuvor so begeisterte, Hoffnung sprühende
+Reden gehört habe?</p>
+
+<p>»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm
+seine Löwenmähne, »Unsinn das, Sie
+haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna,
+danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte
+entschieden nicht, wofür er ihr dankte.) Ein Wort
+von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert,
+hat mir meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich
+muß handeln. Ich darf mein Talent, wenn ich
+es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine
+Kräfte nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem
+Geschwätz und eitlem Gerede vergeuden …«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom.
+Er sprach schön, begeistert, hinreißend – über
+Kleinmütigkeit und Trägheit, über die Notwendigkeit,
+Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst
+Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man
+leisten wolle, im voraus auszulassen, ebenso nachteilig
+wäre, wie wenn man eine reifende Frucht
+mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur
+nutzlose Vergeudung der Kräfte und Säfte. Er<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
+behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der
+nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden
+blieben, die entweder selbst noch nicht
+wüßten, was sie wollen, oder solche, die nicht
+wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange
+und schloß seine Rede damit, daß er Natalia
+nochmals dankte und ganz unerwartet, ihr die
+Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches,
+edles Wesen!«</p>
+
+<p>Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen,
+die, trotz ihres vierzigjährigen Aufenthaltes
+in Rußland, mit Mühe das Russische verstand
+und nur die anmutige Schnelligkeit und das
+Fließende in der Rede Rudins bewunderte. Er
+galt überhaupt in ihren Augen als eine Art Virtuos
+oder Künstler, und an Leute dieses Schlages
+durften keine Schicklichkeitsforderungen gestellt
+werden.</p>
+
+<p>Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid
+hastig zurechtklopfend, machte sie Natalia darauf
+aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, um
+so mehr, da <em class="antiqua">monsieur Volinsoff</em> (so nannte sie
+Wolinzow) sich zum Frühstück habe einfinden
+wollen.</p>
+
+<p>»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke
+nach einer der Alleen, die zum Hause führten,
+hinzu.</p>
+
+<p>Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger
+Entfernung.</p>
+
+<p>Mit unentschlossenen Schritten trat er näher,
+begrüßte alle schon von weitem und, mit leidendem<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
+Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia wendend,
+fragte er:</p>
+
+<p>»Ah! Sie gehen spazieren?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im
+Begriff, nach Hause zurückzukehren.«</p>
+
+<p>»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir
+gehen.«</p>
+
+<p>Und alle machten sich nach dem Hause auf.</p>
+
+<p>»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?«
+fragte Rudin mit besonders teilnehmender
+Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war
+er sehr freundlich gegen ihn gewesen.</p>
+
+<p>»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl.
+Sie wird vielleicht heute kommen … Sie unterhielten
+sich vorhin, wie mir schien, als ich herkam?«</p>
+
+<p>»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna
+hat ein Wort fallen lassen, das eine gewaltige
+Wirkung auf mich hervorgebracht
+hat …«</p>
+
+<p>Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das
+gewesen sei, und in tiefem Schweigen erreichten
+alle das Haus der Darja Michailowna.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder
+im Salon ein. Pigassow jedoch erschien nicht.
+Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend
+Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow
+schwieg und schaute vor sich hin. Natalia<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
+blieb der Mutter immer zur Seite und war bald
+in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit
+beschäftigt. Bassistow verwandte die Augen nicht
+von Rudin, immer in der Erwartung, er werde
+etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich
+einförmig drei Stunden. Alexandra Pawlowna
+kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich
+nach beendigter Tafel seine Kalesche anspannen
+und fuhr davon, ohne von jemand Abschied genommen
+zu haben.</p>
+
+<p>Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte
+er Natalia, hatte es aber noch nicht gewagt, ihr
+seine Neigung zu gestehen, und unter diesem
+ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste …
+Sie sah ihn gerne – doch blieb ihr Herz ruhig:
+darüber täuschte er sich nicht. Er hatte auch nicht
+gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete
+nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich
+vollkommen an ihn gewöhnt haben würde, ihm
+näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen?
+Was für eine Veränderung hatte er in diesen
+paar Tagen wahrgenommen? Natalias Benehmen
+gegen ihn war ganz so wie vorher …</p>
+
+<p>War es die Befürchtung: er kenne Natalias
+Charakter nicht, sie sei ihm fremder, als er geglaubt
+habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht
+war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von
+etwas Schlimmem … genug, er litt, so sehr er
+sich auch zu beherrschen suchte.</p>
+
+<p>Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew
+bei ihr.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p>
+
+<p>»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«</p>
+
+<p>»War Rudin da?«</p>
+
+<p>»Er war da.«</p>
+
+<p>Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit
+zu ihm.</p>
+
+<p>»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen
+Menschen da« – sie wies dabei auf
+Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin
+ungewöhnlich klug und beredt ist.«</p>
+
+<p>Wolinzow brummte etwas in den Bart.</p>
+
+<p>»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann
+Leschnew, »ich zweifle nicht an Rudins
+Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er
+mir nicht gefällt.«</p>
+
+<p>»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna
+gesehen. Er ist ja jetzt ihr Großwesir.
+Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn verabschiedet
+– von Pandalewski allein wird sie sich
+niemals trennen –, jetzt aber herrscht jener. Jawohl,
+ich habe ihn gesehen! Er saß da – und
+sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein
+Bester, was für sonderbare Kerle wir hier haben.
+Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht gewohnt,
+vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände
+davongefahren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span></p>
+
+<p>»Warum warst du denn aber bei ihr?«</p>
+
+<p>»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur
+ein Vorwand: sie wollte sich ganz einfach meine
+Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir
+kennen das!«</p>
+
+<p>»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend –
+das ist es!« sagte mit Feuer Alexandra Pawlowna,
+»das ist es, was Sie ihm nicht vergeben
+können. Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur
+Verstand, sondern auch ein vortreffliches Herz
+hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn
+er …«</p>
+
+<p>»Von hoher Tugend spricht …«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, setzte
+Leschnew hinzu.</p>
+
+<p>»Sie werden mich böse machen und zum Weinen
+bringen. Es tut mir in der Seele leid, daß
+ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna
+gefahren bin. Sie waren es nicht
+wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« setzte sie
+mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser
+sein, Sie erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«</p>
+
+<p>»Aus Rudins Jugendjahren?«</p>
+
+<p>»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten
+ihn gut und seien schon lange mit ihm bekannt.«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer
+auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie
+wollen, daß ich Ihnen seine Jugend erzähle?<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
+Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen
+Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er
+blieb mit der Mutter allein. Sie war eine herzensgute
+Frau und liebte ihn über alles; sie lebte
+sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie
+hatte, gab sie für ihn aus. Seine Erziehung hat
+er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten
+eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen
+und flügge geworden war, auf Rechnung eines
+reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert
+hatte … schon gut, verzeihen Sie, ich werde
+nicht mehr … mit welchem er sich befreundet
+hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde
+ich mit ihm bekannt und sehr intim. Von unserem
+damaligen Leben erzähle ich Ihnen ein anderes
+Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«</p>
+
+<p>Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und
+ab; Alexandra Pawlowna folgte ihm mit den
+Blicken.</p>
+
+<p>»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin
+seiner Mutter äußerst selten und hat sie nur
+einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb
+auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen,
+hat aber bis zu ihrem Todesstündchen nicht das
+Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in
+T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute,
+überaus gastfreie Frau und pflegte mir immer
+eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja
+liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
+Schule<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> werden Ihnen sagen, daß wir
+immer diejenigen lieben, die selbst wenig fähig
+sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß
+alle Mütter ihre Kinder lieben, besonders die
+fern von ihnen Weilenden. Später traf ich mit
+Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn
+eine Dame, eine unserer russischen Damen, an
+sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch
+hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf
+schickt. Ziemlich lange schleppte er sich mit ihr
+umher und ließ sie dann im Stich … doch nein,
+entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und
+auch ich verließ ihn zu jener Zeit. Das ist alles.«</p>
+
+<p>Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die
+Stirn und ließ sich wie erschöpft auf einen Lehnstuhl
+nieder.</p>
+
+<p>»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,«
+begann Alexandra Pawlowna, »Sie sind,
+wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig,
+Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt,
+daß alles, was Sie gesagt haben, wahr
+ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und
+dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie
+das alles dargestellt! Die alte Frau, ihre Mutterliebe,
+ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu
+alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das
+Leben des allerbesten Menschen mit solchen Farben
+schildern – ohne etwas hinzuzufügen, wohl<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
+verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird!
+Das ist auch Verleumdung in ihrer Art!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich und begann wieder im
+Zimmer auf und ab zu gehen.</p>
+
+<p>»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen
+Entsetzen einzuflößen, Alexandra Pawlowna,«
+brachte er endlich heraus. »Ich bin kein Verleumder.
+Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen
+hinzu, »in dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil
+Wahrheit. Ich habe Rudin nicht verleumdet;
+doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit
+jener Zeit verändert – vielleicht bin ich ungerecht
+gegen ihn.«</p>
+
+<p>»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir
+also, daß Sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern,
+ihn gehörig ergründen und mir dann erst
+Ihre schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst
+du aber, Sergei Pawlitsch?«</p>
+
+<p>Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf,
+als hätte man ihn aus dem Schlafe gerüttelt.</p>
+
+<p>»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht.
+Übrigens habe ich heute Kopfweh.«</p>
+
+<p>»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow
+und verließ das Zimmer.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm
+nach und tauschten einen Blick miteinander, doch<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
+ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr
+war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows
+vorging.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VI">VI</h2>
+</div>
+
+<p>Über zwei Monate waren vergangen. Während
+dieser ganzen Zeit war Rudin fast nicht aus
+Darja Michailownas Hause gekommen. Sie
+konnte ihn nicht mehr entbehren. Es war ihr zur
+Gewohnheit geworden, ihm von sich zu erzählen
+und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte
+er abreisen wollen, unter dem Vorwande, seine
+Geldmittel seien erschöpft – sie gab ihm fünfhundert
+Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere
+zweihundert von Wolinzow zu borgen. Pigassow
+besuchte Darja Michailowna bedeutend seltener
+als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart
+auf ihn einen Druck aus, den übrigens Pigassow
+nicht allein empfand.</p>
+
+<p>»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,«
+pflegte er zu sagen, »seine Ausdrucksweise
+ist unnatürlich, ganz so wie bei den Helden
+in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt
+er an, hält dann wie gerührt inne … Ich, also,
+ich … Und er zieht die Worte so lang. Habt ihr
+geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen,
+warum Ihr geniest und nicht gehustet habt …
+lobt er euch, so klingt es, als befördere er euch
+zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an,
+sich selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu
+in den Schmutz herab – nun, denkt ihr, der
+darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
+Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so
+daß man glauben könnte, jene bitteren Worte
+hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung
+gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!«
+Pandalewski empfand eine gewisse Scheu vor
+Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den
+Hof. Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber,
+war eigentümlicher Art. Dieser nannte ihn einen
+Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein
+oder nicht, über die Maßen; Wolinzow aber
+konnte ihn nicht liebgewinnen, und seine schmeichelhaftesten
+Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich
+Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich
+wohl gar über mich lustig!‹ dachte er, und eine
+feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow
+versuchte Herr über sich zu werden; es
+ging nicht: die Eifersucht nagte heimlich an ihm.
+Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll
+entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und
+Geld bei ihm borgte, fühlte sich nichts weniger
+als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu
+bestimmen gewesen, was in beiden Männern
+vorging, wenn sie einander freundschaftlich die
+Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …</p>
+
+<p>Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste
+Hochachtung zu empfinden und jedes seiner Worte
+im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn
+wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen
+Morgen zu, unterhielt sich von den wichtigsten
+Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
+ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete
+er ihn nicht mehr … Es war demnach nur eitles
+Gerede gewesen, wenn er nach reinen und ergebenen
+Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit
+Leschnew, der mit seinen Besuchen bei Darja
+Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich
+niemals in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm
+auszuweichen. Leschnew seinerseits behandelte ihn
+gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht seine
+letzte Meinung über ihn laut werden, was
+Alexandra Pawlowna sehr unangenehm berührte.
+Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew
+aber hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja
+Michailownas unterwarfen sich den Launen Rudins:
+seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen.
+Die Verteilung der täglichen Beschäftigungen
+hing von ihm ab. Nicht eine einzige
+<em class="antiqua">partie de plaisir</em> konnte ohne ihn zustande kommen.
+Alle unerwarteten Ausflüge und Überraschungen
+waren übrigens nicht sehr nach seinem
+Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene
+am Spiel der Kinder, mit freundlicher
+und etwas gelangweilter Miene. Dagegen
+mischte er sich in alles: räsonierte mit Darja
+Michailowna über Gutsverwaltung, Kindererziehung,
+Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten
+überhaupt; hörte ihre Pläne an, schätzte
+auch Unwichtiges nicht zu gering und schlug Verbesserungen
+und Neuerungen vor. Darja Michailowna
+war entzückt darüber – doch dabei blieb
+es. Bezüglich der Gutsverwaltung folgte sie den<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
+Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen,
+einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen
+Schelmes. – »Das Alte ist fett, das Neue
+ist hager,« pflegte er zu sagen und schmunzelte
+und blinzelte dabei wohlgefällig.</p>
+
+<p>Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin
+mit niemandem so häufige und lange Unterredungen
+wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim
+Bücher zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr
+die ersten Seiten künftiger Aufsätze und Werke
+vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch
+daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie
+ihn nur anhörte. Dieses nahe Verhältnis zu Natalia
+war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm.
+Mag sie immerhin – dachte sie – mit
+ihm hier auf dem Lande schwatzen. Er findet Gefallen
+an ihr, wie an einem kleinen Mädchen.
+Gefahr ist nicht dabei, und jedenfalls lernt sie
+von ihm … In Petersburg will ich das alles
+anders einrichten.</p>
+
+<p>Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie
+ein kleines Mädchen schwatzte Natalia mit Rudin:
+sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte
+sich, in den Sinn derselben einzudringen und
+unterwarf seinem Urteile ihre Gedanken, ihre
+Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs
+erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem
+jungen Kopfe kocht es aber nicht lange, ohne daß
+das Herz auch ein Wort mitredet. Was für
+wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn,
+wie es oft vorkam, Rudin im Garten auf einer<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
+Bank, im leichten und lichten Schatten einer
+Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die
+Briefe Bettinas oder Novalis vorzulesen, und
+er sich dabei beständig unterbrach, um ihr zu erläutern,
+was ihr dunkel schien! Sie sprach das
+Deutsche nicht gut, wie fast alle unsere jungen
+Damen, verstand es aber vollkommen, und Rudin
+war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik
+und deutscher Philosophie versunken und zog
+Natalia nach sich in jene höheren Regionen. Eine
+unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem
+aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von
+den Seiten des Buches, das Rudin in der Hand
+hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik
+wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken
+unaufhörlich in ihre Seele über, und in ihrem
+Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen
+erschüttert worden, erglimmte und entbrannte
+sanft der heilige Funken der Entzückung …</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete
+sie ihn einst an, als sie vor ihrem Stickrahmen
+am Fenster saß, »Sie werden für den Winter
+wohl nach Petersburg fahren?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das
+Buch, in welchem er herumblätterte, auf die
+Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu
+auftreibe, fahre ich hin.«</p>
+
+<p>Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und
+war den ganzen Morgen über müßig gewesen.</p>
+
+<p>»Wie sollten Sie die nicht finden?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p>
+
+<p>Rudin schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ihnen deucht es so!«</p>
+
+<p>Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick
+auf sie.</p>
+
+<p>Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit
+der Hand nach dem Fenster, »sehen Sie jenen
+Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und
+Fülle seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des
+Genies …«</p>
+
+<p>»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt
+hat,« erwiderte Natalia.</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist
+aber für den Menschen nicht so ganz leicht, sie zu
+finden, diese Stütze.«</p>
+
+<p>»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit
+aber muß jedenfalls …«</p>
+
+<p>Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde
+rot.</p>
+
+<p>»Und was wollen Sie im Winter auf dem
+Lande anfangen?« setzte sie rasch hinzu.</p>
+
+<p>»Was ich anfangen werde? Ich werde meine
+große Abhandlung beendigen – Sie wissen –
+vom Tragischen im Leben und in der Kunst –
+ich setzte Ihnen vorgestern den Plan auseinander
+– und werde Ihnen den Aufsatz zustellen.«</p>
+
+<p>»Und werden ihn drucken lassen?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie
+denn arbeiten?«</p>
+
+<p>»Nun, wenn es für Sie wäre?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p>
+
+<p>Natalia senkte den Blick.</p>
+
+<p>»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«</p>
+
+<p>»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der
+Aufsatz?« fragte bescheiden Bassistow, der in einiger
+Entfernung saß.</p>
+
+<p>»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,«
+wiederholte Rudin. »Hier, Herr Bassistow wird
+ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den Grundgedanken
+angeht, noch nicht mit mir im reinen.
+Ich habe mir bis jetzt noch nicht hinreichend die
+tragische Bedeutung der Liebe klargemacht.«</p>
+
+<p>Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe
+aus. Beim Worte Liebe war Mlle. Boncourt bisher
+immer zusammengefahren und hatte die
+Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die
+Trompeten hört; nachher aber wurde sie es gewohnt
+und begnügte sich, die Lippen zusammenzuziehen
+und in Zwischenräumen Tabak zu
+schnupfen.</p>
+
+<p>»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern,
+»das Tragische in der Liebe – das ist die unglückliche
+Liebe.«</p>
+
+<p>»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher
+die komische Seite in der Liebe … Man muß
+diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen
+… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist
+alles Geheimnis, wie sie kommt, wie sie sich entwickelt,
+wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich
+plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag;
+bald glimmt sie lange, wie die Glut unter der
+Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
+wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie
+sich schlangenhaft ins Herz hinein und unerwartet
+wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine bedeutsame
+Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger
+Zeit? Wer erkühnt sich zu lieben?«</p>
+
+<p>Rudin wurde nachdenkend.</p>
+
+<p>»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch
+schon so lange nicht mehr?« fragte er plötzlich.</p>
+
+<p>Natalia wurde über und über rot und senkte
+den Kopf auf ihren Stickrahmen.</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.</p>
+
+<p>»Was für ein herrlicher, vortrefflicher
+Mensch,« sagte aufstehend Rudin. »Das ist einer
+der besten Vertreter des jetzigen russischen
+Adels …«</p>
+
+<p>Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite
+mit ihren kleinen, französischen Augen.</p>
+
+<p>Rudin ging einige Male durchs Zimmer.</p>
+
+<p>»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,«
+hub er an, sich rasch auf den Absätzen
+umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist
+ein starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft,
+wenn das neue bereits hervorzubrechen beginnt?«</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe
+das beobachtet.«</p>
+
+<p>»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter
+Liebe in einem starken Herzen: sie ist bereits abgestorben,
+hält sich aber noch immer; und nur
+eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p>
+
+<p>Natalia erwiderte nichts.</p>
+
+<p>»Was soll das bedeuten?« dachte sie.</p>
+
+<p>Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die
+Haare und entfernte sich.</p>
+
+<p>Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie
+in Nachdenken versunken auf ihrem Bettchen
+sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte Rudins
+nach, drückte plötzlich die Hände zusammen
+und brach in Tränen aus. Worüber sie geweint
+hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte
+nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie
+trocknete ihre Tränen, doch von neuem flossen
+sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen
+Quelle.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand
+eines Gesprächs zwischen Alexandra Pawlowna
+und Leschnew. Anfangs wollte letzterer
+sich durch Schweigen abfinden; sie hatte es aber
+darauf angelegt, etwas aus ihm herauszubringen.</p>
+
+<p>»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch
+gefällt Ihnen nach wie vor nicht. Ich
+habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; jetzt
+aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben,
+ob in ihm eine Veränderung vorgegangen ist, und
+ich wünsche zu erfahren, weshalb er Ihnen nicht
+gefällt.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem
+Phlegma, »wenn Sie wirklich so ungeduldig<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
+sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen
+nicht böse werden …«</p>
+
+<p>»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«</p>
+
+<p>»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«</p>
+
+<p>»Gut, gut; fangen Sie an.«</p>
+
+<p>»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew,
+sich langsam auf den Diwan niederlassend,
+»mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein
+kluger Mensch …«</p>
+
+<p>»Das ist nicht zu leugnen!«</p>
+
+<p>»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn
+auch im Grunde gehaltlos …«</p>
+
+<p>»Das ist leicht gesagt!«</p>
+
+<p>»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte
+Leschnew, »das tut aber weiter nichts: wir sind
+alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm sogar
+nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen
+Geistes ist, träge, nicht sehr kenntnisreich …«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.</p>
+
+<p>»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.</p>
+
+<p>»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew
+ganz in demselben Tone, »auch daß er es
+liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle
+spielen will und so weiter … das ist alles in der
+Ordnung. Schlecht ist es aber, daß er kalt ist
+wie Eis.«</p>
+
+<p>»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach
+ihn Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt
+den Feurigen. Schlecht ist das,« fuhr Leschnew,<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
+allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein
+gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich,
+nicht für ihn, versteht sich, keinen Kopeken, kein
+Härchen setzt er auf die Karte – andere dagegen
+setzen ihre Seele ein …«</p>
+
+<p>»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe
+Sie nicht,« sagte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er
+ein Mann von Geist ist, muß er den Wert seiner
+Worte kennen, – und doch läßt er sie von seinen
+Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen
+kämen … Nun ja, er ist beredt; seine Beredsamkeit
+ist aber nicht die eines Russen. Und dann –
+verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in
+seinem Alter ist es eine Schande, am Getön eigener
+Worte Gefallen zu finden, eine Schande, sich
+derartig zur Schau zu stellen.«</p>
+
+<p>»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den
+Zuhörer ist es ganz gleich, ob man sich zur Schau
+stellt oder nicht …«</p>
+
+<p>»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna,
+es ist nicht ganz gleich. Es kann mir jemand ein
+Wort sagen und es dringt mir durch Mark und
+Bein, ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort
+und vielleicht noch schöner – und es wird mir
+nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt
+das?«</p>
+
+<p>»Das heißt, <em class="gesperrt">Ihr</em> Ohr wird es nicht kitzeln,«
+unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich
+ich vielleicht große Ohren habe. Die Sache<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
+ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben
+und niemals zu Taten werden, dennoch aber
+können diese seine Worte Verwirrungen erzeugen
+in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde
+richten.«</p>
+
+<p>»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael
+Michailitsch?«</p>
+
+<p>Leschnew zögerte.</p>
+
+<p>»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede?
+Von Natalia Alexejewna.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick
+verwirrt, lächelte aber gleich darauf.</p>
+
+<p>»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare
+Einfälle Sie immer haben! Natalia ist
+noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch
+etwas daran, so werden Sie doch nicht glauben,
+daß Darja Michailowna …«</p>
+
+<p>»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin
+und lebt nur für sich; dann aber ist sie so sehr
+von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder
+überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um
+ihre Tochter besorgt zu sein. Bewahre! Wie
+könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer
+Blick – und alles muß wie am Drahte gehen.
+Das ist’s, woran diese Gnädige denkt, die sich
+eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften
+dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß
+was noch hält, in der Tat aber weiter nichts ist
+als ein altes Weltdämchen. Natalia ist kein
+Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren
+und tieferen Betrachtungen hin als wir beide.<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
+Und da mußte solch ein ehrliches, leidenschaftliches
+Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen
+Gecken stoßen! Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«</p>
+
+<p>»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«</p>
+
+<p>»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst,
+Alexandra Pawlowna, was für eine Rolle spielt
+er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das
+Orakel des Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft,
+in häusliche Klatschereien und Lappalien
+mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen
+an.</p>
+
+<p>»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,«
+sagte sie. »Das Blut ist Ihnen ins
+Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. –
+Nein, wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«</p>
+
+<p>»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau
+die Wahrheit auf sein Gewissen – sie wird sich
+nicht zufrieden geben, bevor sie nicht irgendeinen
+nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade
+so und nicht anders geredet hat.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde böse.</p>
+
+<p>»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an,
+die Frauen nicht besser zu behandeln, als Herr
+Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, wie
+scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir
+doch schwer, zu glauben, daß Sie in so kurzer
+Zeit alle und alles durchdringen konnten. Mir<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
+scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen
+wäre Rudin eine Art Tartüffe.«</p>
+
+<p>»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe
+ist. Tartüffe, der wußte wenigstens, um
+was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines
+Verstandes …«</p>
+
+<p>Leschnew hielt inne.</p>
+
+<p>»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie
+ungerechter, garstiger Mensch!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich.</p>
+
+<p>»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann
+er, »ungerecht sind Sie, nicht ich. Sie zürnen mir
+wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich
+habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern!
+Vielleicht habe ich dieses Recht nicht um billigen
+Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe lange mit
+ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach
+Ihnen gelegentlich, unser Leben in Moskau
+zu erzählen. Wie es scheint, muß ich es wohl
+jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben,
+mich bis zu Ende anzuhören?«</p>
+
+<p>»Reden Sie, reden Sie!«</p>
+
+<p>»Wohlan denn!«</p>
+
+<p>Leschnew begann langsamen Schrittes durch
+das Zimmer zu gehen, von Zeit zu Zeit blieb er
+stehen und senkte den Kopf nach vorn.</p>
+
+<p>»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an,
+»vielleicht auch nicht, daß ich früh als Waise zurückblieb
+und bereits im siebzehnten Jahre keine
+andere Autorität über mich kannte als die eigene.
+Ich lebte im Hause meiner Tante in Moskau und<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
+tat, was ich wollte. Ich war ein ziemlich hohler
+und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu
+brüsten und großzutun. Als ich die Universität
+bezogen hatte, war mein Betragen das eines
+Schuljungen und verwickelte mich bald in eine
+höchst fatale Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht
+erzählen: es lohnt nicht. Ich hatte mir eine Lüge
+zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige
+Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt,
+beschämt … ich war verwirrt und weinte
+wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung
+eines Bekannten, in Gegenwart unserer
+Gefährten. Alle machten sich lustig über mich,
+alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu
+beachten, mehr als die übrigen unwillig über
+mich gewesen war, solange ich verstockt blieb und
+meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich ihm
+vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den
+Arm und führte mich zu sich.«</p>
+
+<p>»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nein, es war nicht Rudin … das war ein
+Mensch … er ist jetzt schon tot … das war ein
+ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn
+mit wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht
+imstande, kommt sein Name mir auf die Lippen,
+dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen
+zu sprechen. Das war eine erhabene reine
+Seele und ein Geist, wie er mir nachher nicht
+wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein
+kleines, niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
+alten, hölzernen Häuschens. Er war sehr arm
+und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben
+durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal
+mit einer Tasse Tee seinen Gast zu bewirten
+imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen
+eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich
+sah. Dennoch, trotz des Mangels an Bequemlichkeiten,
+besuchten ihn viele. Es hatten ihn
+alle lieb und er zog die Herzen an. Sie können
+sich nicht vorstellen, wie angenehm und heiter es
+sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm
+wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals
+bereits von seinem Fürstensöhnchen getrennt.«</p>
+
+<p>»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an
+sich?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und
+Wahrheit – das zog alle zu ihm hin. Bei seinem
+hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig
+und unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt
+sein frohes Lachen in meinen Ohren nach, und
+dabei</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute</div>
+ <div class="verse indent0">Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="noind">wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus
+liebenswürdiger Poet unseres Kreises ausgedrückt
+hat.«</p>
+
+<p>»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra
+Pawlowna.</p>
+
+<p>»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
+nicht auffallend. Rudin war schon damals zwanzigmal
+beredter als er.«</p>
+
+<p>Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.</p>
+
+<p>»Pokorski und Rudin glichen einander nicht.
+An Rudin war gleich mehr Glanz und Effekt,
+mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr
+Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen
+als Pokorski, in der Tat aber war er, im
+Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin entwickelte
+ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken
+und disputierte meisterhaft; die Gedanken
+entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er
+stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war
+äußerlich ruhig und sanft, fast schwach – liebte
+die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern und
+würde von niemandem eine Beleidigung ertragen
+haben. Rudin schien voll Feuer, Kühnheit,
+Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und
+beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe
+nicht angefochten wurde: dann aber konnte er
+aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere
+zu beherrschen, tat es aber immer im Namen
+allgemeiner Prinzipien und Ideen und gewann
+dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist
+wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der
+einzige, der sich an ihn geschlossen hatte. Sein
+Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen
+sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals,
+sich mit dem ersten besten in Unterhaltung
+oder Wortstreit einzulassen … Er hatte nicht<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
+viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als
+Pokorski und wir alle, überdies besaß er einen
+systematischen Verstand und ein ungeheures Gedächtnis,
+dies alles aber verfehlt niemals seine
+Wirkung auf die Jugend! Ein Resultat muß sie
+haben, Abschlüsse, wenn auch falsche, aber es
+müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter
+Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der
+Jugend zu gestehen, daß Sie ihr reine Wahrheit
+nicht reichen können, weil Sie selbst solche nicht
+besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören
+wollen. Sie geradezu hinter das Licht führen
+können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus notwendig,
+daß Sie selbst, wenn auch nur zur
+Hälfte, glauben, Sie seien im Besitze der Wahrheit
+… Darum war denn auch die Wirkung, die
+Rudin auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun
+sehen Sie, ich sagte Ihnen soeben, daß er nicht
+viel gelesen hatte; es waren aber philosophische
+Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet,
+daß er aus dem, was er gelesen hatte,
+sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die
+Wurzel der Sache klammerte und dann erst von
+derselben aus, nach allen Seiten hin, klare und
+gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten
+eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen
+gestanden, Knaben – und nur oberflächlich
+gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, Wissenschaft,
+das Leben selbst – alles das waren für
+uns nur Worte, vielleicht auch Begriffe, anziehende,
+herrliche, aber zerstreute, vereinzelte<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
+Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange
+dieser Vorstellungen, von einem allgemeinen
+Weltgesetze hatten wir keine Ahnung, nichts
+davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir
+unbestimmt disputierten und uns abmühten, uns
+Licht darüber zu verschaffen. Hörten wir Rudin
+sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn
+endlich erfaßt zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang,
+wir wähnten, der Vorhang sei endlich
+vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe
+nicht Eigenes vorgetragen – was tat es! Eine
+regelmäßige Ordnung war in unserem ganzen
+Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich
+gesammelt, geschichtet und war vor uns aufgewachsen,
+wie ein Bau, überall war Licht und
+wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich,
+zufällig: aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit
+und Schönheit, alles bekam eine klare
+und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte
+Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord,
+und wir selbst, von einer heiligen Scheu,
+einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns
+belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre
+Werkzeuge, zu etwas Großem berufen …
+Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«</p>
+
+<p>»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra
+Pawlowna gedehnt. »Warum glauben Sie das?
+Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht
+lächerlich.«</p>
+
+<p>»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,«
+fuhr Leschnew fort, »das muß uns alles<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span>
+jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich
+wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu
+verdanken. Pokorski stand unvergleichlich höher
+als er, dagegen ist nichts zu sagen; Pokorski
+flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte
+sich indessen zu gewissen Zeiten schlaff und
+wurde schweigsam. Er war ein nervöser, krankhafter
+Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete
+– Gott! Wohin nahm er dann seinen
+Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels
+hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und
+stattlichen Jungen, gab es viel Kleinliches; er
+machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft
+war es, sich in alles zu mischen, über alles sein
+Wort abzugeben, alles zu erklären. Seine rührige
+Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein
+politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich
+ihn damals gekannt habe. Er hat sich übrigens
+leider nicht verändert. Und auch in seinen Überzeugungen
+ist keine Veränderung eingetreten …
+bei fünfunddreißig Jahren! … Das kann nicht
+jeder von sich sagen.«</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna
+zu ihm, »Sie brauchen ja nicht wie ein Perpendikel
+das Zimmer zu durchlaufen!«</p>
+
+<p>»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew.
+»Kaum war ich in den Kreis Pokorskis hineingeraten,
+so war ich wie umgewandelt: ich demütigte
+mich, fragte, lernte, freute mich, empfand
+eine Art von Ehrfurcht, wie wenn ich in einen
+Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
+ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja,
+bei Gott, es war viel Gutes, ja Rührendes in
+ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von
+fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges
+Talglicht brennt, es wird ein abscheulicher Tee
+getrunken mit altem, ganz altem Zwieback dazu;
+zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter
+und hören unsere Reden! In den Blicken eines
+jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, das
+Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit,
+von der Zukunft der Menschen, von Poesie, –
+zuweilen auch Unsinn, lassen uns von einem
+Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski
+sitzt da, mit untergeschlagenen Beinen,
+seine Hand stützt die bleiche Wange: seine Augen
+leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und
+redet, redet schön, das treue Abbild eines jugendlichen
+Demosthenes vor dem brausenden Meere;
+Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt
+von Zeit zu Zeit und wie im Traume abgebrochene
+Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche,
+Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt,
+der wegen seines beständigen, unverbrüchlichen
+Schweigens unter uns sich den Ruf eines überaus
+tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf
+ganz besonders feierliche Weise – und der heitere
+Stschitow selbst, der Aristophanes unseres
+Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei
+Neulinge horchen mit begeistertem Entzücken
+auf … Und die Nacht zieht unbemerkt in stillem
+Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
+der Morgen, und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern
+– an Wein dachte man damals bei uns
+nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden
+Müdigkeit gehen wir auseinander …
+Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in Rührung
+zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte
+und sogar den Sternen zutrauliche Blicke
+zuwarf, als wären sie mir näher gerückt und verständlicher
+geworden … Oh! Die herrliche Zeit
+damals, und ich kann nicht glauben, daß sie nutzlos
+verlorengegangen ist! Und sie ist es auch
+nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen
+nicht, welche nachmals in der Alltäglichkeit
+des Lebens untergingen … Wie oft sind mir
+dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen!
+Man hätte glauben können, ganz
+vertiert wäre der Mensch, – und es bedürfte
+nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich
+alles Gute, das in ihm übriggeblieben war, rege,
+wie wenn man in einem schmutzigen und finsteren
+Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen
+voll Wohlgeruch öffnet …«</p>
+
+<p>Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte
+sich gerötet.</p>
+
+<p>»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit
+Rudin entzweit?« fragte Alexandra Pawlowna
+mit verwundertem Blick.</p>
+
+<p>»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich
+trennte mich von ihm, als ich ihn im Auslande
+genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
+hätten wir uns entzweien können. Schon damals
+spielte er mir einen bösen Streich.«</p>
+
+<p>»Was war denn das?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie
+soll ich mich ausdrücken? Zu meiner Figur paßt
+das nicht … ich war von jeher sehr geneigt,
+mich zu verlieben.«</p>
+
+<p>»Sie?«</p>
+
+<p>»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem
+ist aber doch so … Nun, ich verliebte mich also
+damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum
+sehen Sie mich denn so an? Ich könnte
+Ihnen von mir eine bei weitem wunderbarere
+Geschichte erzählen.«</p>
+
+<p>»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen
+darf? Sie machen mich neugierig.«</p>
+
+<p>»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau
+pflegte ich bei Nacht mich zu einem Rendezvous
+einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit
+einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich
+hielt ihren dünnen und schlanken Stamm umfangen,
+und es deuchte mir, ich umfasse die
+ganze Natur, und das Herz wurde mir weit und
+verging in Liebe, als ob wirklich die ganze Natur
+sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so
+war ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht
+auch, ich hätte damals keine Verse gemacht? Ich
+habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung
+des ›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden
+Personen kam ein Gespenst vor, mit
+Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
+sein eigenes Blut, sondern das Blut der Menschheit
+überhaupt … Ja, ja, also wundern Sie sich
+nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu
+erzählen. Ich machte also die Bekanntschaft eines
+jungen Mädchens …«</p>
+
+<p>»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?«
+fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen
+war ein herzensgutes, allerliebstes Geschöpfchen
+mit lebhaften, klaren Augen und hellklingender
+Stimme.«</p>
+
+<p>»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem
+feinen Lächeln Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte
+Leschnew. »Nun, dieses Mädchen wohnte
+bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich
+nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber
+wiederholen, daß dieses junge Mädchen wirklich
+herzensgut war – goß sie mir doch immer beim
+Tee das Glas bis zum Rande voll, wenn ich
+auch nur um ein halbes gebeten hatte! … Drei
+Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war
+ich schon in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten
+Tage hielt ich es nicht mehr aus und teilte Rudin
+alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt
+sind, können es nicht für sich behalten; ich beichtete
+also Rudin alles. Ich stand damals ganz unter
+seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß
+es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht
+wohltuend. Er war der erste, der mich nicht geringachtete,
+er gab mir den nötigen Schliff. Pokorski<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
+liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand
+eine gewisse Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin
+stand mir näher. Als er von meiner Liebe
+hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken,
+gratulierte mir, umarmte mich und begann sogleich
+mich belehren, mir die große Wichtigkeit
+meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war
+ganz Ohr … Nun, Sie wissen ja, wie er zu
+reden versteht. Seine Worte machten auf mich
+einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf
+einmal eine merkwürdige Achtung vor mir selbst,
+nahm eine ernsthafte Miene an und lachte nicht
+mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger
+aufzutreten, als trüge ich in der Brust
+ein Gefäß, mit kostbarer Flüssigkeit angefüllt, die
+ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte
+mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare
+Beweise von Wohlwollen zuteil wurden.
+Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft
+des Gegenstandes meiner Liebe zu machen,
+und vielleicht war ich es selbst, der darauf bestand,
+daß er ihm vorgestellt werde.«</p>
+
+<p>»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,«
+unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.
+»Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt,
+und Sie können es ihm bis jetzt nicht verzeihen
+… Ich wollte wetten, ich habe es getroffen!«</p>
+
+<p>»Und Sie würden Ihre Wette verlieren,
+Alexandra Pawlowna: Sie sind im Irrtum.
+Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
+und wollte ihn mir auch nicht abjagen; er
+hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, obgleich
+ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute
+betrachte, Dank dafür wissen möchte. Damals
+aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin
+wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil!
+Doch, getreu seiner unglückseligen Gewohnheit:
+jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl wie
+des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den
+Schmetterling an die Nadel, begann er uns über
+uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, unser
+gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang
+uns despotisch, ihm Rechenschaft abzulegen von
+unseren Gedanken, erteilte uns Lob und Tadel,
+ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit
+uns sogar in einen Briefwechsel ein! … Kurz,
+wir wurden durch ihn ganz und gar irre aneinander!
+Ich würde wohl damals schwerlich meine
+Schöne geheiratet haben, soviel gesunder Verstand
+war mir noch geblieben, wir hätten aber
+immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche
+Monate verbringen können; so aber kam es
+zu Mißverständnissen und Spannungen aller
+Art – mit einem Worte, es wurde ein völliger
+Wirrwarr daraus. Das Ende vom Liede war,
+daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen
+eigenen Reden die Überzeugung herausschälte: es
+läge ihm, als dem Freunde, die heilige Verpflichtung
+ob, den greisen Vater von allem in
+Kenntnis zu setzen, und das hat er auch getan.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span></p>
+
+<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna
+aus.</p>
+
+<p>»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung
+– das ist das Wunderbare! Ich erinnere
+mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals
+im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte
+sich und verrückte sich in demselben alles, wie in
+einer Camera obscura: was weiß gewesen,
+zeigte sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge
+schien Wahrheit, Einbildung – Pflicht geworden
+zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich
+beschämt, wenn ich daran denke! Rudin, – der
+verlor den Mut nicht … warum sollte er es
+auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse
+und Verwicklungen aller Art, wie die
+Schwalbe über den Teich.«</p>
+
+<p>»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?«
+fragte Alexandra Pawlowna, das Köpfchen
+naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen
+heraufziehend.</p>
+
+<p>»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes,
+ein beleidigendes, ungeschicktes, unnützerweise
+offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie
+weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde
+… Es hatte sich da ein gordischer Knoten zusammengezogen
+– er mußte durchhauen werden,
+das tat wehe! Übrigens fügt sich alles auf der
+Welt zum besten. Sie hat einen braven Mann
+geheiratet und lebt jetzt glücklich …«</p>
+
+<p>»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
+vergeben können …« warf Alexandra Pawlowna
+ein.</p>
+
+<p>»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint
+habe ich wie ein Kind, als ich bei seiner
+Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm.
+Die Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon
+damals, ein Stachel in der Seele steckengeblieben.
+Und als ich später im Auslande mit ihm
+zusammentraf … je nun, da war ich auch schon
+älter geworden … Rudin erschien mir in seinem
+wahren Lichte.«</p>
+
+<p>»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt
+hatten?«</p>
+
+<p>»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer
+Stunde erzählte. Doch genug von ihm. Vielleicht
+endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen,
+daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil
+fälle, ich es nicht tue, weil ich ihn etwa nicht
+kenne … Was indessen Natalia Alexejewna
+betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren;
+Sie aber mögen auf Ihren Bruder achtgeben.«</p>
+
+<p>»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit
+ihm?«</p>
+
+<p>»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie
+denn nichts?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder …
+seit einiger Zeit erkenne ich ihn nicht wieder …
+Glauben Sie aber wirklich …«</p>
+
+<p>»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew.
+»Natalia ist gewiß kein Kind mehr, glauben<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
+Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie
+ein solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen
+wird uns noch alle in Erstaunen setzen.«</p>
+
+<p>»Wodurch meinen Sie?«</p>
+
+<p>»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen
+sich ins Wasser zu stürzen, Gift zu nehmen und
+dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht nach
+ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften
+und auch Charakter, verlassen Sie
+sich darauf!«</p>
+
+<p>»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das
+Reich der Dichtung. Einem solchen Phlegmatiker
+wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan
+erscheinen.«</p>
+
+<p>»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd …
+»Was Charakter anbetrifft – davon besitzen Sie,
+Gott sei Dank, nichts.«</p>
+
+<p>»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«</p>
+
+<p>»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte
+Kompliment …«</p>
+
+<p>Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen
+Blick auf Leschnew und seine Schwester.
+Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen.
+Beide redeten ihn an; er würdigte aber
+ihre Scherze kaum eines Lächelns und hatte, wie
+sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene
+eines »melancholischen Hasen«. Es hat aber
+wohl kaum jemals einen Menschen gegeben, der
+nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben,
+eine noch schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
+fühlte, daß Natalia sich von ihm abwandte,
+mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand
+auch der Boden unter seinen Füßen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VII">VII</h2>
+</div>
+
+<p>Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia
+verließ spät ihr Lager. Tags zuvor war sie
+bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte
+sich insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht
+geruht. Halb angekleidet vor dem kleinen Klavier
+sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht
+zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder
+war, die Stirn an die kalten Tasten gedrückt,
+lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte fortwährend,
+nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr
+an dieses oder jenes seiner Worte gedacht
+und sich gänzlich ihren Eindrücken hingegeben.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer
+Erinnerung auf. Sie wußte, daß er sie liebe, doch
+sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich wieder
+… Sie empfand eine eigentümliche Aufregung.
+Als der Morgen gekommen war, kleidete
+sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem sie
+ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte,
+benutzte sie einen günstigen Augenblick, um sich
+allein in den Garten zu begeben. Es war ein
+heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit
+zu Zeit von kurzem Regen unterbrochen. Niedrige
+wollige Wolkenknäuel zogen ruhig am reinen
+Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
+und sandten den Feldern in Zwischenräumen
+heftige und plötzliche Regengüsse. Große, glänzende
+Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem,
+trocknem Geräusch; die Sonnenstrahlen
+spielten mitten durch den Regen; das Gras,
+noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich
+nicht: es sog gierig die Feuchtigkeit auf; das benetzte
+Laub zitterte an den Bäumen; die Vögel
+hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es
+war eine Lust, dem munteren Gezwitscher derselben
+beim kühlen Rauschen und Murmeln des
+vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine
+Staubwirbel zogen wie Rauch auf der Landstraße
+dahin, die von den heftig aufschlagenden
+Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist
+das Wölkchen vorüber, ein leichter Wind hat sich
+erhoben, in Smaragden und Gold spielt das
+Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt,
+und lichter ist es in dem Laube geworden
+… Starker Duft steigt überall empor …</p>
+
+<p>Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt,
+als Natalia sich in den Garten begab. Frische
+und Stille umfingen sie, jene sanfte und beglückende
+Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles
+Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches
+Verlangen hervorruft …</p>
+
+<p>Natalia wandelte den Teich entlang, in der
+langen Allee von Silberpappeln, als plötzlich
+vor ihr, wie aus dem Boden emporgeschossen,
+Rudin erschien.</p>
+
+<p>Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p>
+
+<p>»Sie sind allein?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich
+habe übrigens nur für eine Minute das Freie
+gesucht … Ich muß sogleich zurück.«</p>
+
+<p>»Ich werde Sie begleiten.«</p>
+
+<p>Und er ging an ihrer Seite hin.</p>
+
+<p>»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem
+Schweigen.</p>
+
+<p>»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe
+Frage vorlegen! Sie sind, wie mir deucht, nicht
+aufgelegt.«</p>
+
+<p>»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann
+man das leichter verzeihen als Ihnen.«</p>
+
+<p>»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte
+keine Ursache, betrübt zu sein?«</p>
+
+<p>»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«</p>
+
+<p>Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.</p>
+
+<p>»Was wünschen Sie?«</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das
+Sie gestern gebrauchten … es war … von der
+Eiche.«</p>
+
+<p>»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese
+Frage?«</p>
+
+<p>Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.</p>
+
+<p>»Warum … was wollten Sie mit dem
+Gleichnisse sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p>
+
+<p>Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in
+die Weite schweifen.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm
+eigenen, zurückhaltenden und bedeutungsvollen
+Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben
+machte, er äußere kaum den zehnten Teil von
+dem, was ihm die Brust schwellte. »Natalia
+Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß
+ich von meiner Vergangenheit wenig rede. Es
+gibt darin gewisse Saiten, die ich gar nicht berühre.
+Mein Herz … wer braucht überhaupt zu
+wissen, was in demselben vorgegangen ist?
+Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets für
+einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch
+bin ich aufrichtig: Sie erwecken mein Zutraun
+… Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus machen,
+daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie
+alle … Wann und wie? davon lohnt sich’s nicht
+zu sprechen; genug, mein Herz hat der Freuden
+und Leiden viel erfahren …«</p>
+
+<p>Rudin hielt einen Augenblick inne.</p>
+
+<p>»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er
+fort, »ließ sich in gewisser Hinsicht auf mich anwenden,
+auf meine jetzige Lage. Doch wahrlich,
+es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des
+Lebens ist für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt
+nur, mich auf staubiger und heißer Landstraße in
+elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln
+zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen
+– ob ich es überhaupt erreichen werde – das<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
+weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach
+ihn Natalia, »Sie erwarten nichts mehr
+vom Leben?«</p>
+
+<p>»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für
+mich … Der Tätigkeit, der Freude am Handeln
+werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem
+Genusse entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen
+und mein persönliches Glück haben nichts miteinander
+gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte
+er die Achseln) … die Liebe: – ist nicht für
+mich; ich bin … ihrer nicht wert; ein Weib,
+welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf
+den ganzen Mann, ganz aber kann ich mich nicht
+hingeben. Und dann – Gefallen ist das Ziel und
+das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie
+sollte ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott
+helfe mir, den meinen auf den Schultern zu behalten!«</p>
+
+<p>»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem
+hohen Ziele entgegenstrebt, darf nicht mehr an
+sich denken; warum aber wäre das Weib nicht
+imstande, einen solchen Menschen zu würdigen?
+Mich dünkt im Gegenteil, es würde sich eher von
+einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute,
+jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt
+– Egoisten, nur mit sich selbst beschäftigt, selbst
+wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib
+ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
+sie versteht es auch, sich selbst zum Opfer zu
+bringen.«</p>
+
+<p>Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und
+ihre Augen glänzten. Vor ihrer Bekanntschaft
+mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde
+eine so lange und feurige Rede vernommen haben.</p>
+
+<p>»Sie haben schon mehrmals meine Meinung
+von dem Berufe der Frauen gehört,« erwiderte
+Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen,
+daß, meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein
+Frankreich retten konnte … doch, nicht davon
+ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie
+stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer
+Zukunft zu sprechen, macht Vergnügen und ist
+nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie wissen,
+ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an
+Ihnen, wie etwa an einer Verwandten … darum,
+hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht unbescheiden
+finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz
+bis jetzt ganz ruhig gewesen?«</p>
+
+<p>Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts.
+Rudin blieb stehen und sie tat dasselbe.</p>
+
+<p>»Sind Sie mir böse?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus
+nicht erwartet …«</p>
+
+<p>»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir
+nicht zu antworten. Ihr Geheimnis ist mir bekannt.«</p>
+
+<p>Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.</p>
+
+<p>»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
+ich muß Ihnen sagen – eine bessere Wahl konnten
+Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher
+Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das
+Leben hat ihn noch nicht abgenutzt – seine Seele
+ist einfach und klar … er wird Sie glücklich
+machen.«</p>
+
+<p>»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«</p>
+
+<p>»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich
+spreche? Natürlich von Wolinzow. Wie? Sollte
+ich mich geirrt haben?«</p>
+
+<p>Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie
+war ganz außer Fassung.</p>
+
+<p>»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch!
+Er hat nur Augen für Sie und folgt jeder Ihrer
+Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe
+verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht
+selbst gut? Soviel ich bemerken konnte, gefällt er
+auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia,
+in ihrer Verwirrung die Hand nach einem nahestehenden
+Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist
+mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen;
+ich versichere Ihnen aber, Sie irren sich.«</p>
+
+<p>»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich
+glaube es nicht … Ich habe zwar erst vor kurzem
+Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber
+bereits gut. Was bedeutet denn die Veränderung,
+die ich an Ihnen wahrnehme, deutlich wahrnehme!
+Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
+vor sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia
+Alexejewna, Ihr Herz ist nicht ruhig.«</p>
+
+<p>»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia,
+»Sie sind aber dennoch im Irrtum.«</p>
+
+<p>»Inwiefern?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!«
+sagte Natalia und eilte raschen Schrittes dem
+Hause zu.</p>
+
+<p>Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich
+in ihr vorgegangen war.</p>
+
+<p>Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese
+Unterredung darf kein solches Ende nehmen: sie
+ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll ich
+Sie verstehen?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«</p>
+
+<p>Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er
+war bleich geworden.</p>
+
+<p>»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!«
+sagte Natalia, riß ihre Hand aus der
+seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.</p>
+
+<p>»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.</p>
+
+<p>Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.</p>
+
+<p>»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen
+Gleichnisse hätte sagen wollen. So hören Sie es,
+ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von
+mir, von meiner Vergangenheit – und von
+Ihnen.«</p>
+
+<p>»Wie? Von mir?«</p>
+
+<p>»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
+Sie nicht hintergehen … Jetzt wissen Sie, von
+welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle
+ich in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen
+Tage würde ich es nicht gewagt haben …«</p>
+
+<p>Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den
+Händen und lief dem Hause zu.</p>
+
+<p>Sie war dermaßen durch den unerwarteten
+Ausgang ihres Gesprächs mit Rudin erschüttert,
+daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen
+war, nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich,
+mit dem Rücken an einen Baum gelehnt.
+Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja Michailowna
+gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer
+getroffen, ihr ein paar Worte gesagt und
+sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia
+aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten
+eigentümlichen Instinkt, war er geradeswegs
+in den Garten gegangen und auf Rudin und
+Natalia in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre
+Hand der seinigen entriß. Wolinzow war es
+dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er
+Natalia mit den Blicken gefolgt war, verließ er
+den Baum und tat ein paar Schritte, ohne selbst
+zu wissen, wohin und warum.</p>
+
+<p>Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide
+blickten einander in die Augen, tauschten einen
+Gruß und trennten sich schweigend.</p>
+
+<p>Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.</p>
+
+<p>Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende
+des Gartens. Ein bitterpeinliches Gefühl hatte
+sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen lag es<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
+ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von
+Zeit zu Zeit schwer und heftig auf. Es fielen
+wieder Tropfen. Rudin war auf sein Zimmer
+zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel
+drehten sich die Gedanken in seinem Kopfe.
+Wer sollte durch die unerwartete, vertrauensvolle
+Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt
+werden!</p>
+
+<p>Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in
+Gang kommen. Natalia war sehr bleich, hielt
+sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen
+nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war,
+an ihrer Seite, und zwang sich von Zeit zu Zeit,
+das Wort an sie zu richten. Es traf sich, daß
+Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna
+speiste. Er war der Gesprächigste von allen
+bei Tische. Unter anderen suchte er zu beweisen,
+daß man die Menschen, wie Hunde, in
+zwei Klassen, in kurz- und langohrige, einteilen
+könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze
+Ohren, entweder von Geburt an oder durch
+eigene Schuld. In beiden Fällen sind sie zu beklagen,
+denn nichts gelingt ihnen – es fehlt
+ihnen das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen
+ist ein Glückskind. Er mag schlechter und
+schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber
+Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles
+bewundert ihn.«</p>
+
+<p>»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre
+zur Klasse der Kurzohrigen, und, was dabei<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
+das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren selbst
+gestutzt.«</p>
+
+<p>»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig
+Rudin ein, »was übrigens bereits lange vor
+Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue
+dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu
+aber da die Ohrengeschichte!«</p>
+
+<p>»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow
+bitter und mit funkelndem Blick, »lassen Sie
+jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man
+redet von Despotismus … Nach meiner Meinung
+gibt’s keinen ärgeren Despotismus als den
+der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«</p>
+
+<p>Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in
+Staunen geraten und verstummt. Rudin warf
+einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen
+nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen
+und sagte nichts.</p>
+
+<p>Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow
+bei sich; Natalia bebte vor Angst. Darja
+Michailowna maß Wolinzow mit einem langen,
+erstaunten Blick und nahm endlich das Wort; sie
+begann von einem ungewöhnlichen Hunde zu erzählen,
+der ihrem Freunde, dem Minister N. N.,
+gehörte …</p>
+
+<p>Wolinzow entfernte sich bald nach Tische.
+Beim Abschiednehmen von Natalia hielt er nicht
+mehr an sich und sagte zu ihr:</p>
+
+<p>»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie
+sich einer Schuld bewußt? Sie können sich –
+vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span></p>
+
+<p>Natalia hatte nichts verstanden und folgte
+ihm bloß mit den Augen. Vor dem Tee trat Rudin
+zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege
+er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:</p>
+
+<p>»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß
+Sie durchaus allein sprechen … wäre es auch
+nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt
+gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton,
+welches Sie suchten,« dann neigte er sich
+wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen
+Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube
+neben der Terrasse einzufinden, ich werde Sie
+erwarten …«</p>
+
+<p>Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin
+hatte ihm den Kampfplatz überlassen. Er
+machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst
+erzählte er von einem seiner Nachbarn, der dreißig
+Jahre unter dem Pantoffel seiner Ehehälfte
+gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten
+angeeignet hatte, daß er einst, im
+Beisein Pigassows, beim Überschreiten einer kleinen
+Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm,
+wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen.
+Dann kam er auf einen anderen Gutsbesitzer, der
+anfangs Freimaurer, dann Melancholiker gewesen
+war und endlich Bankier zu werden gewünscht
+hatte.</p>
+
+<p>»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer
+zu werden, Philipp Stepanitsch?« hatte
+ihn Pigassow gefragt.</p>
+
+<p>»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
+»ich ließ mir den Nagel des kleinen Fingers
+wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja Michailowna
+mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über
+die Liebe auszulassen und zu beteuern, auch nach
+ihm sei geseufzt worden, und eine feurige Ausländerin
+habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen«
+genannt. Darja Michailowna lachte,
+doch war es die Wahrheit, was Pigassow erzählte:
+er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen
+Siegen zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre
+leichter, als jedes beliebige Frauenzimmer verliebt
+zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage
+nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies
+auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und die
+übrigen Weiber seien bloß Lappen im Vergleich
+zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen,
+sie habe das Paradies auf den Lippen, Seligkeit
+in den Augen und wird sich in Sie verlieben.
+In der Welt kommt alles vor. Wer weiß,
+vielleicht hatte Pigassow recht.</p>
+
+<p>Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der
+Laube. Am fernen, erbleichenden Horizonte tauchten
+eben die ersten Sternchen auf; im Westen
+war der Himmel noch gerötet – auch war auf
+dieser Seite der Horizont heller und reiner; der
+Halbmond schimmerte wie Gold durch das dunkle
+Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume
+standen entweder vereinzelt mit durchscheinenden
+Laubkronen gleich finsteren, tausendäugigen Riesen
+da oder verschwammen in dichte, düstere
+Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
+Zweige der Flieder- und Akazienbäume strecken
+ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als
+lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte
+sich in Dunkel; wie rötlich gefärbte Streifen hoben
+sich an demselben die erhellten, länglichen
+Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch
+schien es, als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher
+Seufzer geheimnisvoll in dieser
+Stille verhallte.</p>
+
+<p>Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt
+und horchte mit äußerster Spannung. Sein Herz
+klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den
+Atem an. Endlich glaubte er leichte, hastige
+Schritte zu vernehmen und Natalia trat in die
+Laube.</p>
+
+<p>Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre
+Hände. Sie waren kalt wie Eis.</p>
+
+<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender
+Stimme an, »ich wollte Sie sehen …
+ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten.
+Ich muß Ihnen sagen, was ich vor dem heutigen
+Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, mir noch
+nicht bewußt war: ich liebe Sie.«</p>
+
+<p>Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich
+so lange mich täuschen, so lange nicht ahnen
+konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia
+Alexejewna … antworten Sie mir – und
+Sie?«</p>
+
+<p>Natalia konnte kaum atmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
+
+<p>»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie
+endlich hervor.</p>
+
+<p>»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«</p>
+
+<p>»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und
+wollte sie an sich ziehen …</p>
+
+<p>Natalia blickte sich rasch um.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich – es wird mir bange –,
+mir deucht, es belauscht uns jemand … Um
+Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow
+ahnt etwas.«</p>
+
+<p>»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm
+heute nicht einmal geantwortet … Ach, Natalia
+Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns
+nichts mehr trennen!«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihm in die Augen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit,
+daß ich zurückkehre.«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick,« bat Rudin.</p>
+
+<p>»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«</p>
+
+<p>»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«</p>
+
+<p>»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«</p>
+
+<p>»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch
+einmal …«</p>
+
+<p>»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte
+Natalia.</p>
+
+<p>»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen
+als mich auf der Welt! Zweifeln Sie etwa?«</p>
+
+<p>Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr
+bleiches, edles, junges, aufgeregtes Gesicht – in<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
+dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim
+schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.</p>
+
+<p>»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die
+Ihre.«</p>
+
+<p>»O Gott!« rief Rudin aus.</p>
+
+<p>Natalia aber machte sich los und ging fort.
+Rudin blieb einige Zeit stehen, und verließ dann
+langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell
+sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen
+Lippen.</p>
+
+<p>»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich
+bin glücklich,« wiederholte er, als suchte er sich
+selbst dazu zu überreden.</p>
+
+<p>Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar
+zurecht und vertiefte sich in den Garten,
+lustig die Arme schwenkend.</p>
+
+<p>Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube
+die Zweige behutsam voneinandergebogen und es
+zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte er sich
+um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen,
+sagte mit bezeichnendem Tone: »So
+stehen die Sachen! Davon muß man Darja Michailowna
+in Kenntnis setzen,« und verschwand.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII</h2>
+</div>
+
+<p>Als Wolinzow nach Hause gekommen war,
+war er niedergeschlagen und finster, gab so ungern
+der Schwester Antwort und verschloß sich
+so bald in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß,
+einen reitenden Boten zu Leschnew zu schicken.<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
+In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm
+ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde
+am folgenden Tage kommen.</p>
+
+<p>Wolinzow war auch am folgenden Morgen
+nicht heiterer gestimmt. Nach dem Tee dachte er
+seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte
+sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch
+in die Hand, was bei ihm nicht oft der Fall war.
+Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur,
+und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich
+wie ein Gedicht,« pflegte er zu sagen,
+und zur Bekräftigung seiner Worte folgende
+Strophe des Dichters Aibulat anzuführen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und bis zum Ende meiner trüben Tage</div>
+ <div class="verse indent0">Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand</div>
+ <div class="verse indent0">Des Lebens blutige Vergißmeinnichte</div>
+ <div class="verse indent0">Entwenden mir mit rauher Hand!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder
+besorgt an, belästigte ihn jedoch nicht mit Fragen.
+Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott
+sei Dank, Leschnew … Der Diener trat ein
+und meldete Rudin.</p>
+
+<p>Wolinzow warf das Buch auf den Boden und
+hob den Kopf in die Höhe.</p>
+
+<p>»Wer ist gekommen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der
+Diener.</p>
+
+<p>Wolinzow erhob sich.</p>
+
+<p>»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber,
+Schwester,« setzte er hinzu, sich zu Alexandra
+Pawlowna wendend: »laß uns allein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p>
+
+<p>»Weshalb aber?« wandte sie ein.</p>
+
+<p>»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit,
+»ich bitte dich.«</p>
+
+<p>Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn
+kalt, in der Mitte des Zimmers stehend, und
+reichte ihm nicht die Hand.</p>
+
+<p>»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin
+an, »gestehen Sie es,« und stellte seinen Hut auf
+das Fensterbrett.</p>
+
+<p>Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen.
+Ihm war nicht behaglich zumute; doch suchte er
+seine Verwirrung zu verbergen.</p>
+
+<p>»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte
+Wolinzow, »nach dem gestrigen Tage hätte ich
+eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen
+erwarten können.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,«
+äußerte Rudin, sich setzend, »und Ihre Offenherzigkeit
+freut mich sehr. So ist es viel besser.
+Ich bin selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem
+Manne von Ehre.«</p>
+
+<p>»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte
+Wolinzow.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich
+gekommen bin.«</p>
+
+<p>»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten
+Sie nicht zu mir kommen können? Und dann
+erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male
+die Ehre Ihres Besuches.«</p>
+
+<p>»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von
+Ehre zu einem Manne von Ehre,« wiederholte<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
+Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen
+Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen
+volles Vertrauen …«</p>
+
+<p>»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow,
+immer noch in derselben Stellung, mit finsteren
+Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die
+Spitzen seines Schnurrbartes drehend.</p>
+
+<p>»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären
+hergekommen, das kann man aber nicht
+mit ein paar Worten abmachen.«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Es ist noch eine dritte Person dabei im
+Spiel …«</p>
+
+<p>»Eine dritte Person? und welche?«</p>
+
+<p>»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus
+nicht.«</p>
+
+<p>»Sie wünschen …«</p>
+
+<p>»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife
+reden!« unterbrach ihn Wolinzow.</p>
+
+<p>Er wurde im Ernste böse.</p>
+
+<p>Rudin zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß
+Ihnen sagen – übrigens kommen Sie gewiß
+selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig
+die Achseln) – ich muß Ihnen sagen, daß ich
+Natalia Alexejewna liebe und mit Grund vermuten
+darf, daß auch sie mich liebt.«</p>
+
+<p>Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch
+nichts; er trat ans Fenster und wandte Rudin
+den Rücken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span></p>
+
+<p>»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin
+fort: »wenn ich nicht überzeugt wäre …«</p>
+
+<p>»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow:
+»ich zweifle durchaus nicht … Nun,
+dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was
+zum Teufel Sie bewogen hat, mit dieser Nachricht
+zu mir zu kommen … Was habe ich damit
+zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben,
+wer Sie liebt? Das ist mir unbegreiflich …«</p>
+
+<p>Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen.
+Seine Stimme tönte hohl.</p>
+
+<p>Rudin erhob sich.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch,
+weshalb ich mich entschlossen habe, zu Ihnen zu
+kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht
+zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen
+Neigung ein Geheimnis vor Ihnen zu machen.
+Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb
+bin ich gekommen; ich wollte nicht … wir
+beide wollten nicht Komödie vor Ihnen spielen.
+Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren
+mir bekannt … Glauben Sie mir, ich kenne
+meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich
+bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen;
+da es sich aber dennoch so gefügt hat, wären
+dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich gewesen?
+Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen
+auszusetzen, oder selbst nur einer
+solchen Szene wie der gestrigen bei Tische? Sergei
+Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span></p>
+
+<p>Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust,
+als koste es ihm Mühe, sich zu beherrschen.</p>
+
+<p>»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich
+habe Sie gekränkt, ich fühle es … aber mißverstehen
+Sie uns nicht … Sie müssen begreifen,
+daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere
+Achtung zu beweisen, Ihnen zu zeigen, daß
+wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen.
+Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde
+jedem anderen gegenüber unstatthaft gewesen
+sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur Pflicht.
+Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser
+Geheimnis in Ihren Händen …«</p>
+
+<p>Wolinzow lachte gezwungen auf.</p>
+
+<p>»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus,
+»obgleich ich, wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis
+zu wissen, noch das meinige Ihnen zu
+entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch
+darüber, wie über Ihr eigenes Gut. Erlauben
+Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer
+anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß
+Ihr Besuch und der Zweck desselben Natalia
+Alexejewna bekannt ist?«</p>
+
+<p>Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.</p>
+
+<p>»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem
+Vorhaben nicht unterrichtet; weiß jedoch,
+daß sie meine Ansicht teilt.«</p>
+
+<p>»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem
+Schweigen Wolinzow und begann mit den Fingern
+an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser,<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
+ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas
+… weniger Achtung für mich hätten. Die
+Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen
+Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich
+von mir?«</p>
+
+<p>»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas:
+ich will, daß Sie mich nicht für einen hinterlistigen
+und schlauen Menschen halten, daß
+Sie mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können
+auch schon jetzt meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel
+ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, daß
+wir als Freunde voneinander scheiden … daß
+Sie, wie ehemals, mir die Hand reichen …«</p>
+
+<p>Und Rudin näherte sich Wolinzow.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow,
+indem er sich zu Rudin wandte und einen Schritt
+zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten volle
+Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles
+sehr schön, sogar erhaben, wir sind aber schlichte
+Leute, an Marzipan nicht gewöhnt, wir sind nicht
+imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie
+des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig
+erscheint, dünkt uns zudringlich und unbescheiden
+… Was Ihnen einfach und klar vorkommt,
+ist für uns verwickelt und dunkel …
+Sie prahlen mit dem, was wir heimlich halten:
+wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen
+Sie mir: weder als meinen Freund kann ich
+Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen …
+Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst
+klein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p>
+
+<p>Rudin ergriff seinen Hut.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er
+betrübt, »meine Erwartungen haben mich getäuscht.
+Mein Besuch war in der Tat etwas ungewöhnlich,
+ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow
+machte eine ungeduldige Bewegung) …
+Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon reden.
+Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht
+haben und nicht anders handeln konnten. Leben
+Sie wohl, und erlauben Sie mir wenigstens,
+daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die
+Lauterkeit meiner Absichten beteuere … Von
+Ihrer Verschwiegenheit bin ich überzeugt …«</p>
+
+<p>»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow
+zitternd vor Zorn, »ich habe mich Ihrem Vertrauen
+in keiner Weise aufgedrängt; und Sie
+haben darum durchaus kein Anrecht auf meine
+Verschwiegenheit!«</p>
+
+<p>Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch
+bloß die Arme auseinander, verneigte sich und
+verließ das Gemach, Wolinzow aber warf sich
+auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die
+Wand.</p>
+
+<p>»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür
+Alexandra Pawlownas Stimme vernehmen.</p>
+
+<p>Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und
+fuhr mit der Hand hastig über das Gesicht.
+»Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter
+Stimme: »warte noch etwas.«</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra
+Pawlowna von neuem der Tür.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p>
+
+<p>»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte
+sie, »willst du ihn sehen?«</p>
+
+<p>»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.«
+Leschnew trat herein.</p>
+
+<p>»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich
+auf einen Sessel neben dem Diwan nieder.</p>
+
+<p>Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den
+Arm, blickte seinem Freunde lange, lange ins
+Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort für
+Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin
+hatte er nie vor Leschnew seiner Gefühle für
+Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten
+konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.</p>
+
+<p>»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,«
+sagte Leschnew, als Wolinzow seine Erzählung
+beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten
+seinerseits war ich gefaßt; dies aber …
+Übrigens erkenne ich ihn auch hierin wieder.«</p>
+
+<p>»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das
+ist ja geradezu eine Frechheit! Fast hätte ich ihn
+zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor mir
+prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen?
+Und zu welchem Ende? Wie kann man zu einem
+Menschen gehen …«</p>
+
+<p>Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen
+und schwieg.</p>
+
+<p>»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte
+Leschnew gelassen. »Du wirst mir’s nicht glauben,
+ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter
+Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das
+hat so einen Anstrich von Edelsinn und Offenherzigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
+und bietet einen Vorwand zum Reden,
+der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das
+eben brauchen wir ja, ohne dergleichen könnten
+wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine
+Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat
+ihm aber auch recht brav gedient!«</p>
+
+<p>»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher
+Feierlichkeit er hereintrat und seine Rede vorbrachte!«</p>
+
+<p>»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen
+Rock zu, so tut er’s, als erfüllte er eine heilige
+Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte
+Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten,
+wie er da wohl schalten und walten würde.
+Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«</p>
+
+<p>»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels
+willen, soll das etwa Philosophie sein?« fragte
+Wolinzow.</p>
+
+<p>»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du
+hast recht – ist es in der Tat Philosophie –
+von der anderen ist es durchaus keine. Man darf
+doch nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last
+legen!«</p>
+
+<p>Wolinzow blickte ihn an.</p>
+
+<p>»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst
+du?«</p>
+
+<p>»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen,
+weißt du – wir haben genug von ihm
+gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen anzünden,
+lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna
+herbitten … Wenn sie dabei ist, spricht<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
+sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie wird
+uns Tee machen.«</p>
+
+<p>»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha,
+komm herein!« rief er.</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte
+ihre Hand und drückte sie fest an seine Lippen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen
+Stimmung nach Hause zurück. Er war ärgerlich
+auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über
+seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes
+Betragen. An ihm bewährte sich: daß es
+nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein,
+eine Torheit begangen zu haben.</p>
+
+<p>Reue marterte Rudin.</p>
+
+<p>»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne,
+»mir den Gedanken eingeben mußte, zu diesem
+Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee!
+Habe mir nichts als Grobheiten geholt! …«</p>
+
+<p>In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen
+Ungewöhnliches vor. Die Hausfrau
+selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und
+erschien auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh,
+wie Pandalewski, die einzige Person, die
+Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia
+auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer
+mit Mlle. Boncourt … Als sie mit ihm im
+Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig
+an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
+hatte sich verändert, als wenn seit dem gestrigen
+Tage ein Unglück über sie hereingebrochen wäre.
+Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen
+Rudin zu quälen. Um sich einigermaßen zu zerstreuen,
+machte er sich an Bassistow, unterhielt
+sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen,
+lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen
+und noch ungebrochener Glaubenskraft.
+Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für
+ein paar Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin
+war sie liebenswürdig, doch etwas zurückhaltend,
+bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die
+Nase und meist in Anspielungen … Sie war
+ganz Hofdame. In der letzten Zeit war sie scheinbar
+kälter gegen Rudin geworden.</p>
+
+<p>Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes
+Köpfchen von der Seite betrachtend.</p>
+
+<p>Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu
+warten. Gegen Mitternacht, im Begriff, sich auf
+sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen
+finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen
+Zettel zusteckte. Er blickte sich um und sah ein
+junges Mädchen davoneilen, in welchem er Natalias
+Kammerjungfer erkannte. Auf seinem
+Zimmer angelangt, schickte er seinen Diener fort,
+öffnete den Zettel und las folgende von Natalias
+Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie
+morgen früh gegen sieben Uhr, nicht später, zum
+Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine
+andere Stunde vermag ich nicht zu bestimmen!<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
+Wir werden uns dort zum letzten Male sehen
+und alles wird zu Ende sein, wenn nicht …
+Kommen Sie. Ein Entschluß muß gefaßt werden …</p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Komme ich nicht, dann sehen wir uns
+nie wieder: dann werde ich Sie wissen lassen …«</p>
+
+<p>Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel
+in den Händen herum, steckte ihn unter das
+Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder,
+konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche
+er suchte; sein Schlaf war unruhig und es war
+noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="IX">IX</h2>
+</div>
+
+<p>Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin
+als Ort der Zusammenkunft bezeichnet, hatte
+schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig
+Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen,
+und seit der Zeit war er so geblieben.
+Nur an dem ebenen und flachen Grunde der
+Vertiefung, den einst fetter Schlamm überzog,
+sowie an den Überresten des Dammes konnte man
+erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es
+hatte daneben auch ein Edelhof gestanden. Auch
+dieser war schon längst verschwunden. Zwei riesige
+Fichten allein erinnerten noch an denselben;
+mürrisch zogen und rauschten ewige Winde durch
+ihr spärliches, hoch oben wachsendes Grün …
+Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen
+Missetat, die am Fuße dieser Fichten vollbracht<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
+worden sei, ja man wollte sogar vorher wissen,
+keine derselben werde fallen, ohne jemandem den
+Tod zu bringen; vor Zeiten habe dort noch eine
+dritte gestanden, sei aber vom Sturme umgestürzt
+worden und habe im Falle ein kleines Mädchen
+getötet. Die ganze Gegend um den Teich
+herum wurde als nicht geheuer betrachtet; wüste
+und kahl und dabei verwildert und düster sogar
+bei Sonnenlicht, erschien sie noch düsterer und
+verwilderter durch die Nähe des alten, längst
+abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes.
+Einzelne graue Gerippe mächtiger Bäume ragten,
+finsteren Gespenstern gleich, über das niedrige
+Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen:
+als wären es böse Greise gewesen, die
+sich da versammelt hätten und irgendeinen schlimmen
+Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen
+ein selten betretener Fußweg hin. Wer
+nicht dazu gezwungen war, vermied es, am Awdjuchinteiche
+vorüberzugehen. Natalia hatte mit
+Absicht diesen einsamen Ort gewählt, der vom
+Hause Darja Michailownas kaum eine halbe
+Werst entfernt lag.</p>
+
+<p>Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin
+vor den Awdjuchinteich kam; es war aber
+kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte,
+weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen
+Himmel; mit Pfeifen und Heulen trieb der Wind
+sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit
+dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln
+bedeckten Damme auf und ab zu gehen. Er war<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
+nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen
+Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch
+auf, besonders aber nach dem gestrigen Zettel.
+Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und
+war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt
+hätte, der ihn so mit gesammelter Entschlossenheit,
+mit auf der Brust gekreuzten Armen
+um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht
+hatte Pigassow, als er einst von ihm sagte, daß
+bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, der
+Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch
+ein Kopf immer sein möge, so fällt es dem Menschen
+doch schwer, durch ihn allein auch nur das
+zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht
+… Rudin, der kluge, scharfsichtige Rudin,
+war nicht imstande, mit Gewißheit zu sagen, ob
+er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde,
+wenn er sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun
+mußte er, ohne den Lovelace zu spielen – diese
+Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –,
+einem armen Mädchen den Kopf verdrehen?
+Warum wartete er auf dasselbe mit heimlichem
+Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort:
+Niemand läßt sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser
+Mensch.</p>
+
+<p>Er schritt den Damm entlang, während Natalia
+geradeaus über das Feld, auf feuchtem
+Grase ihm entgegeneilte.</p>
+
+<p>»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die
+Füße naß machen,« sagte Mascha, ihr Kammermädchen,<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
+kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr
+zu halten.</p>
+
+<p>Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter,
+ohne sich umzusehen.</p>
+
+<p>»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!«
+rief Mascha zu wiederholten Malen. »Selbst das
+ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause
+gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht
+ist … Ein Glück, daß es nicht weit ist …
+Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie hinzu,
+als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins
+gewahr wurde, der malerisch auf dem Damme
+stand, »doch, warum steht denn der Herr so hoch,
+– besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«</p>
+
+<p>Natalia blieb stehen.</p>
+
+<p>»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte
+sie und schritt zu dem Teich hinab.</p>
+
+<p>Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert
+stehen. Einen solchen Ausdruck hatte er noch nicht
+auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen waren
+zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt,
+der Blick war fest, ja fast strenge.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben
+keine Zeit zu verlieren. Ich bin auf fünf Minuten
+hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß
+Mama alles weiß. Herr Pandalewski hat uns
+vorgestern belauscht und ihr von unserer Zusammenkunft
+erzählt. Er war immer Mamas Spion.
+Gestern rief sie mich zu sich …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p>
+
+<p>»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich!
+… Was hat Ihre Mama gesagt?«</p>
+
+<p>»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht
+gescholten, nur Vorwürfe machte sie mir über
+meinen Leichtsinn.«</p>
+
+<p>»Weiter nichts?«</p>
+
+<p>»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher
+mit dem Gedanken vertragen, daß ich stürbe, als
+daß ich Ihre Frau würde.«</p>
+
+<p>»Hat sie das wirklich gesagt?«</p>
+
+<p>»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs
+willens wären, mich zu heiraten, daß
+Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten,
+was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens
+wäre sie selbst daran schuld: warum habe sie es
+erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen zusammenkomme
+… sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr
+erstaunt über mein unüberlegtes Betragen …
+Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was sie
+mir sonst noch sagte.«</p>
+
+<p>Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast
+lautloser Stimme.</p>
+
+<p>»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben
+Sie ihr geantwortet?« fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte
+Natalia. »… Was beabsichtigen <em class="gesperrt">Sie</em> jetzt zu
+tun?«</p>
+
+<p>»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin,
+»das ist hart! So rasch! … ein so unerwarteter
+Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«</p>
+
+<p>»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p>
+
+<p>»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«</p>
+
+<p>»Keine.«</p>
+
+<p>»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche
+Pandalewski! … Sie fragen mich,
+Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf
+geht mir in der Runde – ich kann keinen Gedanken
+fassen … Ich fühle nur mein Unglück
+… ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig
+sind! …«</p>
+
+<p>»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete
+Natalia.</p>
+
+<p>Rudin begann wieder auf dem Damme auf
+und ab zu gehen. Natalia verlor ihn nicht aus
+den Augen.</p>
+
+<p>»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?«
+fragte er dann.</p>
+
+<p>»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«</p>
+
+<p>»Nun … und Sie sagten?«</p>
+
+<p>Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe
+ihr die Wahrheit gesagt.«</p>
+
+<p>Rudin ergriff ihre Hand.</p>
+
+<p>»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh,
+das Herz eines Mädchens ist wie lauteres Gold!
+Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in
+bezug auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung
+so entschieden geäußert?«</p>
+
+<p>»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist
+überzeugt, daß Sie selbst nicht daran denken,
+mich zu heiraten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p>
+
+<p>»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch
+habe ich das verdient?«</p>
+
+<p>Und Rudin faßte sich am Kopfe.</p>
+
+<p>»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir
+verlieren unnütz die Zeit. Denken Sie daran, ich
+sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht
+um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen,
+ich weine nicht – ich kam, um mir Rat zu holen.«</p>
+
+<p>»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«</p>
+
+<p>»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war
+gewohnt, Ihnen zu vertrauen, ich werde Ihnen
+vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches
+sind Ihre Absichten?«</p>
+
+<p>»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich
+ihr Haus verschließen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie
+mir, sie werde die Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen
+müssen … Sie antworten aber nicht
+auf meine Frage.«</p>
+
+<p>»Auf welche Frage?«</p>
+
+<p>»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«</p>
+
+<p>»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin,
+»uns darein ergeben.«</p>
+
+<p>»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt
+und ihre Lippen wurden bleich.</p>
+
+<p>»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin
+fort. »Was ist dabei zu machen! Ich weiß
+gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich
+das ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
+bin arm … Freilich, ich kann arbeiten; doch,
+wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die
+gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den
+Zorn Ihrer Mutter ertragen? … Nein, Natalia,
+daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl
+nicht bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes
+Glück, von welchem ich geträumt hatte, ist
+mir nicht beschieden.«</p>
+
+<p>Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den
+Händen und brach in Tränen aus. Rudin trat
+an sie heran.</p>
+
+<p>»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit
+Wärme, »weinen Sie nicht, um Gottes willen,
+martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«</p>
+
+<p>Natalia erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann
+sie, und ihre Augen glänzten unter Tränen,
+»ich weine nicht über das, was Sie glauben …
+Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich
+mich in Ihnen getäuscht habe … Wie? ich suche
+bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und
+Ihr erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung!
+So also äußert sich durch die Tat Ihre Theorie
+von der Freiheit, von Opfern, welche …«</p>
+
+<p>Ihre Stimme war gebrochen.</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann
+Rudin bestürzt, »ich nehme meine Worte nicht
+zurück … nur …«</p>
+
+<p>»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft
+fort, »was ich meiner Mutter geantwortet habe,
+als sie mir erklärte, sie würde mich lieber tot wissen,<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
+als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen:
+ich gab ihr zur Antwort, daß ich lieber
+tot, als die Frau eines anderen sein wolle …
+Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch
+Recht gehabt: Sie haben wirklich zum Zeitvertreib,
+aus Langeweile Scherz mit mir getrieben …«</p>
+
+<p>»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre
+Ihnen …«, wiederholte Rudin.</p>
+
+<p>Sie hörte aber nicht auf ihn.</p>
+
+<p>»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum
+mußten Sie selbst … Oder glaubten Sie,
+auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich
+schämen, davon zu reden … es ist ja aber alles
+schon aus.«</p>
+
+<p>»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm
+Rudin wieder das Wort, »wir wollen zusammen
+erwägen, welche Mittel …«</p>
+
+<p>»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,«
+unterbrach sie ihn, »wissen Sie aber wohl,
+wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich
+liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe
+nicht für die Zukunft ein, reich mir die Hand
+und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich wäre
+Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem
+entschlossen! Doch vom Wort zur Tat ist’s weiter,
+als ich glaubte, und Sie haben jetzt Furcht,
+ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«</p>
+
+<p>Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete
+Begeisterung Natalias hatte ihn bestürzt<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
+gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein
+Stachel für seine Eigenliebe.</p>
+
+<p>»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,«
+fing er an, »Sie können nicht verstehen, wie
+grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie
+werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren
+lassen; Sie werden begreifen, was es mich
+gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie
+Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen
+auferlegte. Ihre Ruhe ist mir teurer, als alles
+auf der Welt, und ich wäre ein Elender, wollte
+ich zu meinem Vorteile …«</p>
+
+<p>»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia,
+»vielleicht haben Sie recht, und ich weiß
+nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich
+Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft
+bitte ich Sie, wägen Sie Ihre Worte ab,
+sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als
+ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich,
+was dies Wort bedeutet: ich war zu allem bereit
+… Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion
+zu danken und mich zu verabschieden.«</p>
+
+<p>»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia,
+ich beschwöre Sie. Ich habe nicht Ihre Verachtung
+verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen
+Sie sich aber auch in meine Lage. Ich muß für
+Sie wie für mich einstehen. Wenn ich Sie nicht
+grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich
+Ihnen selbst sogleich den Vorschlag machen, mit
+mir zu entfliehen … früher oder später würde
+Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
+… Doch bevor ich an mein eigenes Glück denken
+durfte …«</p>
+
+<p>Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und
+fest auf ihn gerichtet … Es ging nicht – er
+mußte schweigen.</p>
+
+<p>»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie
+ein ehrlicher Mann sind, Dmitri Nikolaitsch,«
+äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind
+nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war
+es denn aber diese Überzeugung, die ich zu gewinnen
+gewünscht hatte, war ich deshalb hierhergekommen …«</p>
+
+<p>»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«</p>
+
+<p>»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen!
+Ja, Sie hatten alles dies nicht erwartet –
+Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich …
+Sie lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem
+auf.«</p>
+
+<p>»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.</p>
+
+<p>Natalia richtete sich auf.</p>
+
+<p>»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle
+Ihre Worte schweben mir vor, Dmitri Nikolaitsch.
+Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne
+völlige Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie
+stehen mir zu hoch, Sie passen für mich nicht …
+Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen
+warten Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen
+Tag werde ich nicht vergessen … Leben
+Sie wohl …«</p>
+
+<p>»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn
+so scheiden?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p>
+
+<p>Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb
+stehen. Seine flehende Stimme schien sie unschlüssig
+gemacht zu haben.</p>
+
+<p>»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in
+mir etwas gebrochen … Ich kam hierher, redete
+mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine
+Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie
+selbst sagten, es dürfe nicht sein. Mein Gott, als
+ich hierherging, nahm ich in Gedanken Abschied
+von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit
+– und was? Wen traf ich hier? Einen
+kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie,
+daß ich nicht imstande wäre, die Trennung von
+meiner Familie zu ertragen? ›Ihre Mama gibt
+nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹
+Dies war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind
+Sie es, sind Sie es, Rudin? Nein! Leben Sie
+wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in
+diesem Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein,
+nein, leben Sie wohl! …«</p>
+
+<p>Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha,
+die schon seit geraumer Zeit angefangen hatte,
+unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.</p>
+
+<p>»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!«
+rief Rudin Natalia nach. Sie gab nicht mehr
+acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause.
+Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum
+aber hatte sie die Schwelle überschritten, so verließen
+sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in
+Maschas Arme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p>
+
+<p>Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem
+Damme. Endlich raffte er sich zusammen, schritt
+langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben
+weiter. Er war tief beschämt … und erbittert.
+So etwas, dachte er, von einem achtzehnjährigen
+Mädchen! … Nein, ich kannte sie
+nicht … Ein außergewöhnliches Mädchen.
+Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; sie
+ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für
+sie fühlte … Fühlte? … fragte er sich selbst.
+Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und mußte
+alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich,
+wie nichtig war ich im Vergleiche zu ihr!</p>
+
+<p>Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang
+Rudin, die Augen zu erheben. Ihm entgegen kam,
+auf seinem bekannten Traber, Leschnew gefahren.
+Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen
+Gruß, lenkte dann, wie von einem plötzlichen
+Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging
+rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas
+weiter.</p>
+
+<p>Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen,
+folgte ihm mit dem Blick, wandte nach kurzem
+Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu
+Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte.
+Er fand ihn noch schlafend, ließ ihn nicht wecken,
+setzte sich in Erwartung des Tees auf den Balkon
+und zündete sich die Pfeife an.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="X">X</h2>
+</div>
+
+<p>Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager
+und als er hörte, daß Leschnew bei ihm auf dem
+Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ ihn
+zu sich bitten.</p>
+
+<p>»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du
+wolltest ja nach Hause fahren.«</p>
+
+<p>»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet
+… Spaziert allein auf dem Felde und das
+Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach
+und kehrte um.«</p>
+
+<p>»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«</p>
+
+<p>»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich
+weiß selbst nicht, weshalb ich zurückgekommen
+bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst:
+ich empfand das Verlangen, noch etwas bei dir
+zu sitzen, nach Hause komme ich noch früh genug.«</p>
+
+<p>Wolinzow lächelte bitter.</p>
+
+<p>»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken,
+ohne zu gleicher Zeit auch an mich zu denken
+… He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe
+uns Tee.«</p>
+
+<p>Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew
+begann von Landwirtschaft zu sprechen, von
+einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe zu
+decken …</p>
+
+<p>Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel
+auf und schlug so heftig auf den Tisch, daß Tassen
+und Untertassen erklirrten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
+
+<p>»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft,
+es länger zu ertragen! Ich werde diesen Schöngeist
+fordern und mag er mich zusammenschießen,
+oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte
+Stirn jagen!«</p>
+
+<p>»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt
+Leschnew, »wie kann man so schreien! Ich habe
+dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was
+ist dir?«</p>
+
+<p>»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht
+gleichgültig anhören kann: alles Blut steigt mir
+zu Kopfe.«</p>
+
+<p>»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn
+nicht!« erwiderte Leschnew, die Pfeife vom Boden
+aufhebend. »Denk nicht mehr daran! –
+Hol ihn der Teufel!«</p>
+
+<p>»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort,
+indem er im Zimmer umherging … »ja! er hat
+mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im
+ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er
+hatte mich stutzig gemacht; und wer konnte es
+auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, daß
+ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn,
+diesen verdammten Philosophen, wie ein Feldhuhn
+über den Haufen schießen.«</p>
+
+<p>»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat!
+Von deiner Schwester gar nicht zu reden. Eine
+bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir
+die Oberhand … wie solltest du an deine Schwester
+denken! Aber in betreff einer anderen Person,<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
+glaubst du, du werdest besser reüssieren,
+wenn du den ›Philosophen‹ tötest?«</p>
+
+<p>Wolinzow warf sich in einen Sessel.</p>
+
+<p>»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur
+fort von hier! Der Gram preßt mir hier das
+Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«</p>
+
+<p>»Du willst fort … das ist eine andere Sache!
+Damit bin ich ganz einverstanden. Und weißt
+du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen
+zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach
+Kleinrußland und uns an Mehlklößen gütlich
+tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«</p>
+
+<p>»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«</p>
+
+<p>»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna
+nicht mit uns reisen? Bei Gott, das wäre
+herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen!
+Es soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es
+wünscht, werde ich ihr jeden Abend unter ihrem
+Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute
+will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren,
+die Wege mit Blumen schmücken. Na,
+Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren
+sein; wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos
+hingeben und solche Wänste mit nach Hause
+bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird
+anhaben können!«</p>
+
+<p>»Du treibst immer Scherz, Mischa!«</p>
+
+<p>»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter
+Einfall von dir.«</p>
+
+<p>»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder,
+»schlagen, schlagen will ich mich mit ihm! …«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
+
+<p>»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute
+ganz von Sinnen!«</p>
+
+<p>Der Diener trat mit einem Briefe in der
+Hand herein.</p>
+
+<p>»Von wem?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin.
+Der Diener aus dem Laßunskischen Hause
+hat ihn gebracht.«</p>
+
+<p>»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An
+wen?«</p>
+
+<p>»An Sie.«</p>
+
+<p>»An mich … gib her.«</p>
+
+<p>Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig
+und las. Leschnew beobachtete ihn aufmerksam:
+ein eigentümliches, fast freudiges Erstaunen
+war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er
+ließ die Arme sinken.</p>
+
+<p>»Was gibt’s?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte
+ihm den Brief.</p>
+
+<p>Leschnew begann wie folgt zu lesen:</p>
+
+<p class="center">
+»Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
+</p>
+
+<p>Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus,
+verlasse es für immer. Es wird Sie das befremden,
+zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann
+Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt,
+so zu verfahren; mich dünkt aber, ich müsse Sie
+von meiner Abreise benachrichtigen. Sie lieben
+mich nicht und halten mich sogar für einen
+schlechten Menschen. Ich beabsichtige nicht, mich<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
+zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. Meiner
+Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig
+und zudem unnütz, einem von vorgefaßten Meinungen
+befangenen Menschen das Unbegründete
+seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen
+will, wird mich entschuldigen, wer mich
+nicht verstehen will oder kann – dessen Beschuldigungen
+berühren mich nicht. Ich habe mich in
+Ihnen getäuscht. In meinen Augen werden Sie
+wie vorher als edler und ehrenhafter Mann dastehen;
+ich hatte aber gedacht, Sie würden es
+vermögen, sich über den Kreis, in welchem Sie
+auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe
+mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht
+das erste und wohl auch nicht das letztemal, daß
+mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich reise
+ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie
+werden gestehen, daß dies ein durchaus uneigennütziger
+Wunsch ist, und ich gebe mich der Hoffnung
+hin, Sie werden jetzt glücklich werden.
+Vielleicht werden Sie mit der Zeit Ihre Meinung
+über mich ändern. Ob wir einander noch
+einmal wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe
+aber dennoch der Sie aufrichtig achtende</p>
+
+<p class="mright">
+D. R.
+</p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Die zweihundert Rubel, welche ich
+Ihnen schulde, werde ich Ihnen zustellen, sobald
+ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement,
+angekommen sein werde. Ich bitte noch,
+in Darja Michailownas Beisein von diesem
+Briefe nicht zu reden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
+
+<p><em class="antiqua">P. S.</em> Noch eine letzte, doch wichtige Bitte:
+da ich unverzüglich abreise, hoffe ich, werden Sie
+gegen Natalia Alexejewna nicht meines Besuches
+bei Ihnen Erwähnung tun …«</p>
+
+<p>»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow,
+als Leschnew den Brief beendigt hatte.</p>
+
+<p>»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew.
+»Alles, was man tun kann, ist, wie die
+Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den
+Finger als Zeichen der Verwunderung in den
+Mund stecken. – Er reist ab … Nun! Möge
+der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s
+aber, daß er diesen Brief zu schreiben für Pflicht
+gehalten hat, ebenso wie er auch aus Pflicht getrieben
+wurde, dir einen Besuch zu machen …
+Bei diesem Herrn dreht sich’s immer um den
+Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, mit
+einem Lächeln auf das Postskriptum deutend,
+hinzu.</p>
+
+<p>»Und was für Phrasen er da macht!« rief
+Wolinzow. »Hat sich in mir getäuscht: er hätte
+erwartet, ich werde mich über einen gewissen
+Kreis erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch!
+Noch ärger als Gedichte!«</p>
+
+<p>Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen
+ward ein Lächeln bemerkbar. Wolinzow erhob
+sich.</p>
+
+<p>»Ich will zu Darja Michailowna fahren,«
+sagte er, »ich will hören, was dies alles bedeutet …«</p>
+
+<p>»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen.<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
+Warum wolltest du wieder mit ihm zusammentreffen?
+Er verschwindet ja – was willst
+du mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst
+aus; du hattest dich ohnehin gewiß die ganze
+Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt!
+Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«</p>
+
+<p>»Woraus schließt du das?«</p>
+
+<p>»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber
+hin und schlafe ein wenig, ich will unterdessen
+zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft leisten.«</p>
+
+<p>»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich
+schlafen! … Ich will lieber die Felder besichtigen,«
+sagte Wolinzow, die Schöße seines Mantels
+zurecht zupfend.</p>
+
+<p>»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige
+die Felder …«</p>
+
+<p>Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte
+des Hauses zu Alexandra Pawlowna. Er traf sie
+in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn
+freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch
+erfreut, doch behielt ihr Gesicht einen betrübten
+Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins
+beunruhigte sie.</p>
+
+<p>»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew,
+»wie ist er heute?«</p>
+
+<p>»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna schwieg.</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
+Schnupftuches mit Aufmerksamkeit betrachtend,
+»Sie wissen nicht, warum …«</p>
+
+<p>»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu.
+»Ich weiß es: er kam, um Abschied zu nehmen.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.</p>
+
+<p>»Wie – um Abschied zu nehmen?«</p>
+
+<p>»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er
+verläßt Darja Michailowna.«</p>
+
+<p>»Verläßt sie?«</p>
+
+<p>»Für immer; so sagt er wenigstens.«</p>
+
+<p>»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen,
+nach allem, was …«</p>
+
+<p>»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt
+sich’s nicht, es ist aber so. Es muß dort etwas
+vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu stark
+gespannt, und sie ist – gerissen.«</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra
+Pawlowna, »ich verstehe nichts; Sie wollen,
+dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«</p>
+
+<p>»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen,
+er reist fort und teilt dies seinen Bekannten sogar
+brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte
+aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen,
+nicht übel; seine Abreise verhindert indessen die
+Ausführung eines der merkwürdigsten Unternehmen,
+welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu
+besprechen begonnen hatten.«</p>
+
+<p>»Was ist das für ein Unternehmen?«</p>
+
+<p>»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder
+den Vorschlag, zur Zerstreuung auf Reisen<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
+zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm
+es, speziell für Sie Sorge zu tragen …«</p>
+
+<p>»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna,
+»ich kann mir denken, auf welche Weise
+Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen
+mich vermutlich Hungers sterben.«</p>
+
+<p>»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil
+Sie mich nicht kennen. Sie glauben, ich sei ein
+Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen
+Sie aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie
+Zucker und tagelang auf den Knien zu liegen?«</p>
+
+<p>»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen
+Sie mich zum Manne, Alexandra Pawlowna,
+dann werden Sie es erleben.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wurde bis über die
+Ohren rot.</p>
+
+<p>»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?«
+brachte sie verwirrt hervor.</p>
+
+<p>»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was
+mir schon längst und tausendmal auf der Zunge
+geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen
+und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um
+Ihnen jedoch nicht störend zu sein, will ich mich
+jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn
+Sie meine Frau werden wollen … Wenn es
+Ihnen nicht zuwider ist, lassen Sie mich nur rufen;
+ich werde es schon verstehen …«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten,
+er ging aber rasch hinaus und begab<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
+sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf
+die Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm
+die Stimme des Kammermädchens hören, »die
+gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«</p>
+
+<p>Michael Michailitsch wandte sich um, faßte
+das Mädchen zu seinem großen Erstaunen beim
+Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu
+Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="XI">XI</h2>
+</div>
+
+<p>Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen
+mit Leschnew, nach Hause zurückgekehrt war,
+hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen
+und zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow,
+den der Leser bereits kennt, und einen an
+Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er
+lange gearbeitet, vieles in demselben gestrichen
+und umgeändert, und nachdem er ihn säuberlich
+auf einen Bogen feines Postpapier ins reine
+geschrieben und ihn dann so klein als möglich
+zusammengelegt hatte, steckte er ihn in die Tasche.
+Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige Male
+im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl
+ans Fenster und stützte sich auf den Arm;
+eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …
+Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse
+zusammen, erhob er sich, knöpfte seinen
+Rock bis an den Hals zu, rief den Diener und<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
+hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen,
+ob sie für ihn sichtbar sei.</p>
+
+<p>Der Diener kehrte bald zurück und meldete,
+Darja Michailowna erwarte ihn.</p>
+
+<p>Rudin begab sich zu ihr.</p>
+
+<p>Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das
+erstemal, zwei Monate vorher. Jetzt aber war sie
+nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, sauber
+und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.</p>
+
+<p>Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich,
+und dieser begrüßte sie mit anscheinender
+Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die lächelnden
+Gesichter beider wäre jeder einigermaßen
+weltkundige Mensch jedoch leicht gewahr
+geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes
+vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt
+worden sei. Rudin wußte, daß Darja Michailowna
+böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er
+bereits von ihrem Vorhaben unterrichtet sei.</p>
+
+<p>Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt.
+Der Standeshochmut hatte sich in ihr geregt.
+Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt
+noch unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer
+Tochter – der Tochter Darja Michailowna
+Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!</p>
+
+<p>»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!«
+sagte sie, »was folgt denn daraus? Es könnte
+demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn
+zu werden?«</p>
+
+<p>»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,«
+hatte Pandalewski eingewandt. »Wie es möglich<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
+ist, seinen Platz in der Welt nicht zu kennen,
+das wundert mich!«</p>
+
+<p>Darja Michailowna war sehr aufgebracht und
+Natalia hatte darunter zu leiden.</p>
+
+<p>Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es,
+aber nicht mehr wie der Rudin von ehemals, der
+fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht
+wie ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast
+und nicht sehr befreundeter Gast. Alles dies war
+das Werk eines Augenblicks … So verwandelt
+sich Wasser plötzlich in festes Eis.</p>
+
+<p>»Ich komme, Darja Michailowna,« begann
+Rudin, »Ihnen für Ihre Gastfreundschaft Dank
+zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten
+von meinem Gütchen bekommen und muß heute
+noch dahin abreisen.«</p>
+
+<p>Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.</p>
+
+<p>Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht,
+dachte sie. Er überhebt mich der lästigen
+Erklärungen, um so besser. Es leben die klugen
+Köpfe!</p>
+
+<p>»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm
+ist! Was ist da zu machen! Ich hoffe,
+Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir
+reisen auch bald von hier fort.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es
+mir möglich sein wird, nach Moskau zu kommen;
+sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden
+haben, werde ich es für meine Pflicht erachten,
+Ihnen meine Aufwartung zu machen.«</p>
+
+<p>Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
+bei sich: vor kurzem noch hast du hier als Sultan
+geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt in
+diesem Tone aus?</p>
+
+<p>»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten
+von Ihrem Gute erhalten?« fragte er mit gewohnter
+Ziererei.</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte Rudin trocken.</p>
+
+<p>»Mißernte vielleicht?«</p>
+
+<p>»Nein … etwas anderes … Glauben Sie
+mir, Darja Michailowna,« fuhr Rudin fort, »ich
+werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem
+Hause verbracht habe.«</p>
+
+<p>»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde
+mich immer mit Vergnügen unserer Bekanntschaft
+erinnern … Wann reisen Sie?«</p>
+
+<p>»Heute nach Tische.«</p>
+
+<p>»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine
+glückliche Reise! Übrigens, wenn Ihre Geschäfte
+Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie
+uns vielleicht hier noch treffen.«</p>
+
+<p>»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte
+Rudin, sich erhebend. »Entschuldigen Sie mich,«
+setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich meine
+Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem
+Gute …«</p>
+
+<p>»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!«
+unterbrach ihn Darja Michailowna, »wie können
+Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an
+der Zeit?« fragte sie.</p>
+
+<p>Pandalewski langte aus seiner Westentasche
+eine kleine, goldene, emaillierte Uhr hervor und<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
+die rosige Wange bedachtsam an den weißen,
+steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das
+Zifferblatt.</p>
+
+<p>»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.</p>
+
+<p>»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf
+Darja Michailowna hin. »Auf Wiedersehen,
+Dmitri Nikolaitsch!«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit
+Darja Michailowna trug ein eigenes Gepräge.
+So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen
+miteinander auf Konferenzen Diplomaten
+ihre zum voraus verabredeten Phrasen …</p>
+
+<p>Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die
+Erfahrung gemacht, wie Leute von Welt einen
+Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite
+werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz
+einfach fallen lassen: wie einen Handschuh nach
+dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett
+der Tombola, das nichts gewonnen hat.</p>
+
+<p>Rasch packte er seine Sachen ein und wartete
+mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle
+im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen
+Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal
+blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte
+nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß
+Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar,
+seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm
+aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An
+der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals,
+sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach
+Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
+Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski
+an ihn das Wort, und mehr als einmal
+spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen
+und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen.
+Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck
+in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige
+Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann
+man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen
+bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen,
+so also behandelt man dich jetzt!</p>
+
+<p>Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß
+fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied.
+Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er
+hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause
+scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe
+man ihn davon … Wie ist das alles gekommen?
+und warum brauchte ich so zu eilen? Doch
+das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was
+ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem
+Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum
+letzten Male warf er einen Blick auf Natalia,
+und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen
+waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges,
+vorwurfsvolles Geleit.</p>
+
+<p>Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang
+in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten,
+ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte
+sich zu ihm.</p>
+
+<p>»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem
+der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit
+Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
+Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen
+sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen?
+›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der
+kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist,
+wem der Himmel sein tägliches Brot beschert
+hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu
+sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand,
+empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein
+guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage
+kommen, dies zu empfinden!«</p>
+
+<p>Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und
+das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig
+in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station
+sprach Rudin von der Würde des Menschen, von
+der Bedeutung der wahren Freiheit – seine
+Worte waren warm, edel und aufrichtig – und
+als es zum Scheiden gekommen war, hielt es
+Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den
+Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin
+ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht
+darüber, daß er von Bassistow schied, es waren
+Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las
+Rudins Brief.</p>
+
+<p>»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er
+– »ich habe mich entschlossen, abzureisen. Ein
+anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe mich
+entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
+sagt, daß ich mich entfernen möge. Mit
+meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse
+auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu
+also noch zögern? … Dies alles ist richtig,
+werden Sie denken, warum aber schreibe ich an
+Sie?</p>
+
+<p>»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer,
+und es wäre gar zu hart, müßte ich annehmen,
+daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,
+hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt.
+Ich will weder mich rechtfertigen, noch irgend
+jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich will,
+so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse
+der letzten Tage sind so unerwartet, so plötzlich
+hereingebrochen …</p>
+
+<p>»Die heutige Zusammenkunft wird mir als
+Lehre dienen. Ja, Sie haben recht: ich kannte
+Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner
+Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder
+Gattung zu schaffen gehabt, bin mit vielen
+Frauen und Mädchen in Berührung gekommen;
+doch als Sie mir begegneten, fand ich zum ersten
+Male eine vollkommen reine und gerade Seele.
+Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie
+zu würdigen. Ich fühlte mich gleich am ersten
+Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen hingezogen
+– Sie müssen es bemerkt haben. – Viele
+Stunden verbrachte ich mit Ihnen und habe Sie
+nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht
+einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich
+habe mir einbilden können, ich empfinde Liebe<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
+zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt
+die Strafe.</p>
+
+<p>»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt
+… Das Gefühl, das ich für sie
+empfand, war ein gemischtes, und so war auch
+das ihrige; sie war aber kein Naturkind und so
+paßte denn eines zum anderen. Die Wahrhaftigkeit
+zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie
+auch jetzt nicht erkannt, als sie vor mir stand …
+Zuletzt erst erkannte ich sie, doch zu spät … Was
+vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben
+hätte sich in eins verschmelzen können – und
+wird es nun nimmer. Wie beweise ich Ihnen, daß
+ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des
+Herzens und nicht der Einbildung hätte lieben
+können, wenn ich selbst nicht weiß, ob ich einer
+solchen Liebe fähig bin!</p>
+
+<p>»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß
+es und will nicht aus falsch verstandener Scham
+bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in
+dieser für mich so bitteren, so schmachvollen
+Stunde … Ja, viel gab mir die Natur; und ich
+werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was
+meiner Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne
+von mir die geringste heilsame Spur zu hinterlassen.
+Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:
+ich werde die Frucht meiner Aussaat
+nicht ernten. Es gebricht mir … ich selbst
+weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich
+gebricht … Es gebricht mir vermutlich an dem,
+ohne welches weder die Herzen der Menschen<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span>
+sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern
+läßt; die Herrschaft aber über die Geister
+allein ist eben so unsicher als nutzlos. Sonderbar,
+fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich
+ganz, mit wahrer Gier, vollständig hin – und
+kann mich doch nicht hingeben. Das Ende wird
+sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich
+nicht einmal glaube, opfern werde … Mein
+Gott! fünfunddreißig Jahre alt und immer noch
+sich zur Tat zu rüsten!</p>
+
+<p>»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen,
+wie jetzt – dies ist meine Beichte.</p>
+
+<p>»Doch genug von mir. Mich verlangt, von
+Ihnen zu sprechen, Ihnen einige Ratschläge zu
+erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie
+sind noch jung; doch wie lange Sie auch leben
+mögen, folgen Sie stets den Eingebungen ihres
+Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,
+noch von fremdem Verstande beherrschen.
+Glauben Sie mir, je einfacher, beschränkter der
+Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt,
+desto besser ist es; es kommt nicht darauf an,
+neue Seiten in demselben zu entdecken, wohl
+aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit
+stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung
+gewesen‹<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> … Ich bemerke jedoch, daß diese Ratschläge
+weit mehr mich als Sie betreffen.</p>
+
+<p>»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir
+ist sehr schwer ums Herz. Ich habe mich niemals<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
+in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja
+Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können;
+ich lebe jedoch der Hoffnung, einen, wenn auch
+nur temporären Hafen gefunden zu haben …
+Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren.
+Was ersetzt mir Ihre Unterhaltung, Ihre Gegenwart,
+Ihren aufmerkenden und klugen Blick?
+… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden
+aber zugeben, daß uns das Schicksal wie vorsätzlich
+hart mitgespielt hat. Vor einer Woche
+ahnte mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern
+abend im Garten vernahm ich zum ersten Male
+aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich
+Ihnen ins Gedächtnis rufen, was Sie an dem
+Abend sagten – und schon heute reise ich ab,
+reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung
+mit Ihnen und trage keine Hoffnung mit
+mir davon … Und noch wissen Sie nicht, in
+welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen
+bin … Ich bin nun einmal so tölpelhaft
+offenherzig und geschwätzig … Doch wozu
+davon reden! Ich reise ab für immer.« (Hier
+hatte Rudin Natalia von seinem Besuche bei
+Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze
+Stelle jedoch nach einigem Überlegen gestrichen
+und sodann in dem Briefe von Wolinzow das
+zweite Postskriptum hinzugefügt.)</p>
+
+<p>»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie
+Sie heute früh mit grausamem Lächeln zu mir
+sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten
+Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
+doch imstande, mich in der Tat diesen Beschäftigungen
+zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit
+zu überwinden … Doch nein! Ich werde
+dasselbe unvollendete Wesen, das ich bisher gewesen
+bin, bleiben … Beim ersten Hindernis
+– falle ich auseinander; der Vorfall mit Ihnen
+hat es mir bewiesen. Hätte ich mindestens doch
+meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach
+eigenem Berufe zum Opfer gebracht; es war aber
+nur die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehmen
+sollte, über die ich erschrak, und darum bin
+ich wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht
+wert, daß Sie sich für mich aus Ihrer Sphäre
+losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles
+gut gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich
+vielleicht reiner und kräftiger hervorgehen.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie
+wohl! Erinnern Sie sich zuweilen meiner. Ich
+hoffe, Sie sollen noch von mir hören.</p>
+
+<p class="mright">
+Rudin.«
+</p>
+
+<p>Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie
+fallen und blieb lange unbeweglich mit auf den
+Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief bewies
+ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht
+hätten, wie recht sie gehabt hatte, als sie
+an diesem Morgen beim Abschiede von Rudin
+unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht
+liebe! Doch fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert.
+Regungslos saß sie da; es däuchte ihr, dunkle
+Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen
+und sie versänke in den Abgrund, stumm<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
+und erstarrt. Eine erste Enttäuschung preßt jedem
+das Herz ab; fast unerträglich aber ist dieselbe
+für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung
+sucht, und welcher Leichtfertigkeit und
+Übertreibung fremd sind. Natalia gedachte ihrer
+Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging,
+jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten
+Rande des Himmels, dorthin, wo das
+Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite
+desselben entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt
+das Leben vor ihr, und sie hatte dem Lichte den
+Rücken gekehrt …</p>
+
+<p>Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen
+sind nicht jedesmal wohltuend. Erquickend und
+heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der
+Brust verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs
+mit Anstrengung, dann immer leichter,
+immer ruhiger; die stumme Angst des Grames
+löst sich in ihnen auf … Es gibt jedoch kalte,
+spärlich rinnende Tränen: tropfenweise entpreßt
+sie dem Herzen mit seinem schweren und steten
+Druck das auf demselben lastende Leid; erquickungslos
+sind sie und bringen keine Erleichterung.
+Solche Tränen weint die Not, und wer
+sie nicht vergoß, war noch nicht unglücklich. Natalia
+lernte sie heute kennen.</p>
+
+<p>Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein
+Herz, stand auf, trocknete die Augen, zündete ein
+Licht an, verbrannte an der Flamme desselben
+Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf
+die Asche zum Fenster hinaus. Dann schlug sie<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
+aufs Geratewohl Puschkin auf und las die ersten
+Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich
+häufig auf diese Weise aus ihm wahrsagen zu
+lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr Blick:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schattenbild entschwundnen Glücks …</div>
+ <div class="verse indent0">Für ihn hat alles Reiz verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Erinnerung nur und Reue bohren</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem
+Lächeln einen Blick auf ihre Gestalt im Spiegel,
+machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung
+von oben nach unten und begab sich ins
+Gastzimmer hinab.</p>
+
+<p>Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt,
+so führte sie dieselbe in ihr Kabinett, hieß
+sie neben sich Platz nehmen, streichelte ihr freundlich
+die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam,
+fast neugierig in die Augen. In Darja Michailowna
+waren geheime Mutmaßungen aufgestiegen:
+es kam ihr zum ersten Male der Gedanke
+– daß sie in der Tat ihre Tochter nicht kenne.
+Als sie durch Pandalewski von der Zusammenkunft
+mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet
+als erstaunt gewesen, daß ihre verständige Natalia
+sich zu einem solchen Schritte hatte entschließen
+können. Als sie sie aber zu sich rief und
+sie zu schelten begann, nicht etwa im Tone einer
+feinen Weltdame, sondern ziemlich schreiend und
+unmanierlich, da machten die festen Antworten
+Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
+Darja Michailowna verwirrt, ja erschreckten
+sie sogar.</p>
+
+<p>Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche
+Abreise Rudins nahm eine Zentnerlast von
+ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische
+Anfälle gefaßt … Und abermals machte
+Natalias äußerliche Ruhe sie irre.</p>
+
+<p>»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna
+das Wort, »wie geht es heute?«</p>
+
+<p>Natalia blickte ihre Mutter an.</p>
+
+<p>»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du
+nicht, weshalb er sich so schnell davongemacht
+hat?«</p>
+
+<p>»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme,
+»ich gebe Ihnen mein Wort, wenn Sie nicht
+selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir
+nie etwas über ihn hören.«</p>
+
+<p>»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«</p>
+
+<p>Natalia senkte den Kopf und wiederholte:</p>
+
+<p>»Sie werden von mir nie etwas über ihn
+hören …«</p>
+
+<p>»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja
+Michailowna lächelnd. »Ich glaube dir. Vorgestern
+aber, erinnerst du dich, wie … Nun,
+nichts mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und
+vergessen. Nicht wahr? Jetzt erkenne ich dich wieder;
+ich war aber wirklich ganz irre geworden.
+Nun, gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges
+Kind …«</p>
+
+<p>Natalia führte Darja Michailownas Hand<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span>
+an ihre Lippen und diese drückte einen Kuß auf
+den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.</p>
+
+<p>»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß
+nicht, daß du eine Laßunski und meine Tochter
+bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich
+sein. Jetzt aber geh.«</p>
+
+<p>Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna
+sah ihr nach und dachte: so war ich –
+die wird sich auch fortreißen lassen: <em class="antiqua">mais elle
+aura moins d’abandon</em>. Und Darja Michailowna
+versank in Erinnerungen an Vergangenes
+… längst Vergangenes …</p>
+
+<p>Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb
+lange unter vier Augen mit ihr eingeschlossen.
+Nachdem diese entlassen worden war, rief sie
+Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den
+wirklichen Grund der Abreise Rudins erfahren
+… Pandalewski beruhigte sie indessen vollkommen.
+So etwas schlug in sein Fach.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner
+Schwester zu Mittag. Darja Michailowna war
+immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal
+jedoch empfing sie diese Gäste mit ausnehmender
+Freundlichkeit. Natalia war unerträglich schwer
+zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig
+gegen sie, so schüchtern, wenn er das Wort an
+sie richtete, daß sie im Herzen nicht anders konnte,
+als ihm Dank dafür zu wissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p>
+
+<p>Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig,
+doch als man sich trennte, fühlte jeder sich wieder
+ins frühere Geleise gebracht; und das will
+viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das
+frühere Geleise gekommen … alle, ausgenommen
+Natalia. Als sie allein war, schleppte sie
+sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde,
+wie gebrochen mit dem Gesicht auf das Kissen.
+Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es widerte
+sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham
+vor sich selbst, vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß
+sie gewiß in diesem Augenblicke zu sterben bereit
+gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen
+ihr bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle
+Aufregungen; sie war aber jung – das Leben
+hatte für sie eben erst begonnen, das Leben
+aber schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was
+für ein Schlag den Menschen treffen mag, es
+wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben
+Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen
+Sie den trivialen Ausdruck – nach Essen
+verlangen, und da haben wir schon eine erste
+Tröstung …</p>
+
+<p>Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum
+ersten Male … Doch die ersten Leiden, wie auch
+die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und
+Gott sei es gedankt!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="XII">XII</h2>
+</div>
+
+<p>Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war
+in den ersten Tagen des Mai. Auf dem Balkon
+ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt
+nicht mehr Lipin, sondern Leschnew; ungefähr
+vor einem Jahre hatte sie Michael Michailitsch
+geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur
+in der letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor
+dem Balkon, von welchem aus Stufen in den
+Garten führten, ging eine Amme umher mit
+einem rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen
+und weißem Besatz auf dem Hütchen. Alexandra
+Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem
+Kinde. Es schrie nicht, saugte mit wichtiger
+Miene an seinem Finger und schaute ruhig um
+sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger
+Sohn Michael Michailitschs.</p>
+
+<p>Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem
+Balkone unser alter Bekannter Pigassow. Er war
+seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben,
+merklich ergraut, gebeugt, magerer geworden und
+zischte beim Sprechen: ein Vorderzahn war ihm
+ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch
+mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich
+mit den Jahren nicht vermindert, doch waren
+seine Witze stumpf geworden, und er verfiel häufiger
+in Wiederholungen. Michael Michailitsch
+war nicht zu Hause, man erwartete ihn zum Tee.
+Die Sonne war bereits untergegangen. Ein langer,
+blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
+am Abendhimmel hin, während an dem entgegengesetzten
+Himmelsrande zwei solcher Streifen
+sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere,
+obere, rötlich-veilchenblau. In der Höhe
+verschwammen leichte Wölkchen. Alles versprach
+anhaltend gutes Wetter.</p>
+
+<p>Plötzlich lachte Pigassow auf.</p>
+
+<p>»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?«
+fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich,
+wie ein Bauer zu seiner Frau, die gerade etwas
+redselig geworden war, sagte: knarre nicht! …
+Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre
+nicht! Und in der Tat, worüber können die Weiber
+denn reden? Sie wissen, ich habe die Anwesenden
+niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren
+klüger als wir. In ihren Legenden sitzt die
+Schöne am Fenster, mit einem Stern auf der
+Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So
+muß es auch sein. Und urteilen Sie selbst: da
+sagt zu mir vorgestern unsere Frau Adelsmarschallin
+– wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s
+vor den Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht
+meine Tendenz! Tendenz! Nun, frage ich sie,
+wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für
+alle, wenn sie, kraft irgendwelcher wohltuenden
+Verfügung der Natur, plötzlich des Gebrauches
+der Sprache beraubt worden wäre?«</p>
+
+<p>»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch,
+Sie ziehen immer gegen uns wehrlose<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span>
+… Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in
+seiner Art, gewiß. Sie tun mir leid.«</p>
+
+<p>»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens
+gibt es meiner Ansicht nach überhaupt nur dreierlei
+Unglück auf der Welt: im Winter in kalter
+Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel
+zu tragen und in einem Zimmer zu schlafen, wo
+ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver
+streuen darf. Übrigens bin ich nicht der
+friedfertigste Mensch von der Welt geworden?
+Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel
+bin ich geworden! So sittsam ist jetzt
+mein Betragen!«</p>
+
+<p>»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß
+es gestehen! Hat doch gestern noch Helena Antonowna
+sich bei mir über Sie beschwert.«</p>
+
+<p>»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt,
+wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen
+hindurch. auf alle ihre Fragen nur eine Antwort
+gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit
+so winselndem Tone …«</p>
+
+<p>Pigassow lachte.</p>
+
+<p>»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie
+doch zugeben, Alexandra Pawlowna …, wie?«</p>
+
+<p>»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl
+gegen eine Frau so unhöflich benehmen, Afrikan
+Semenitsch?«</p>
+
+<p>»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in
+Ihren Augen?«</p>
+
+<p>»Was ist sie denn in den Ihrigen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span></p>
+
+<p>»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche
+Trommel, worauf man mit Stöcken
+paukt …«</p>
+
+<p>»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna,
+um der Unterhaltung eine andere Richtung
+zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört
+habe, Glück wünschen?«</p>
+
+<p>»Wozu?«</p>
+
+<p>»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die
+Glinow-Wiesen sind Ihnen ja zugesprochen …«</p>
+
+<p>»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte
+finster Pigassow.</p>
+
+<p>»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet
+und scheinen jetzt nicht zufrieden.«</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,«
+brachte Pigassow langsam hervor, »es
+kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben,
+als wenn ein Glück zu spät kommt. Freude
+kann es Ihnen doch nicht bringen, dagegen raubt
+es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht –
+das Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige,
+ein spätes Glück ist nichts als ein bitterer und
+beleidigender Spott. –«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln.</p>
+
+<p>»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist
+Zeit, daß Mischa zu Bett gebracht wird. Gib ihn
+hierher.«</p>
+
+<p>Und Alexandra Pawlowna machte sich mit
+ihrem Sohne zu schaffen, während Pigassow sich
+brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p>
+
+<p>Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem
+Wege, der längs dem Garten hinlief, Michael
+Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor derselben
+liefen zwei große Hofhunde her: der eine
+gelb, der andere grau; er hatte sie sich vor kurzem
+erst angeschafft. Sie zerrten sich unaufhörlich
+und waren die besten Freunde. Ein alter
+Dachshund kam ihnen bis vor das Tor entgegen
+und sperrte das Maul auf, als wolle er
+bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und
+er kehrte, mit dem Schwanze ruhig wedelnd, wieder
+um.</p>
+
+<p>»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew
+schon von weitem seiner Frau zu, »wen ich dir
+da mitbringe.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich
+die Person, die hinter ihrem Manne saß.</p>
+
+<p>»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann.</p>
+
+<p>»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und
+was für vortreffliche Nachrichten er bringt.
+Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.«</p>
+
+<p>Und er fuhr in den Hof hinein.</p>
+
+<p>Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow
+auf dem Balkon.</p>
+
+<p>»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme
+schließend, »Sergei heiratet!«</p>
+
+<p>»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt.</p>
+
+<p>»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier
+hat diese Nachricht aus Moskau mitgebracht, und
+es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du,
+Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
+Sohnes erfassend, »Dein Onkel heiratet! …
+Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit
+den Augen dazu!«</p>
+
+<p>»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte
+die Amme.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra
+Pawlowna trat, »ich bin heute von Moskau im
+Auftrage von Darja Michailowna gekommen –
+die Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch
+der Brief.«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief
+ihres Bruders. Er bestand aus nur wenigen
+Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete
+er der Schwester, er habe um Natalia angehalten,
+ihre und Darja Michailownas Einwilligung
+bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich
+zu schreiben und umarmte und küßte in
+Gedanken alle. Er schrieb offenbar in einer Art
+von Betäubung.</p>
+
+<p>Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich
+setzen. Man überschüttete ihn mit Fragen. Alle,
+Pigassow sogar, waren über die erhaltene Nachricht
+erfreut.</p>
+
+<p>»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe
+der Unterhaltung, »es sind uns Gerüchte über
+einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen
+– sollte an ihnen etwas Wahres sein?«</p>
+
+<p>Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher
+noch nicht kennengelernt hat, war ein hübscher
+junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen
+und wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
+sah dabei so aus, als wäre er kein lebendiger
+Mensch, sondern eine ihm selbst auf Subskription
+errichtete Statue.</p>
+
+<p>»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow
+mit einem Lächeln. »Darja Michailowna
+war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch
+nichts von ihm wissen.«</p>
+
+<p>»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen,
+»das ist ja ein Doppeltölpel, ein Erzperückenstock
+… ich bitte Sie. Wenn alle Leute
+ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld
+zahlen lassen, wenn man überhaupt leben sollte
+… wie ist das möglich!«</p>
+
+<p>»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der
+Welt spielt er jedoch keine der letzten Rollen.«</p>
+
+<p>»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra
+Pawlowna aus, »lassen wir ihn! Ach, wie bin
+ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist
+heiter, glücklich?«</p>
+
+<p>»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen
+sie ja – sie scheint aber zufrieden zu sein.«</p>
+
+<p>Der Abend verging unter angenehmen und
+heiteren Gesprächen. Man setzte sich zu Tische.</p>
+
+<p>»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu
+Bassistow, indem er ihm Lafitte einschenkte,
+»wissen Sie, wo Rudin weilt?«</p>
+
+<p>»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit.
+Vorigen Winter kam er auf kurze Zeit nach
+Moskau und reiste dann mit einer Familie nach
+Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
+Briefe: in dem letzten benachrichtigte er
+mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte jedoch
+nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte
+ich nichts mehr von ihm.«</p>
+
+<p>»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das
+Wort, »er sitzt irgendwo und hält Reden. Dieser
+Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden,
+die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und
+ihm Geld vorschießen. Geben Sie acht, das Ende
+davon wird sein, er stirbt in irgendeinem Provinzialstädtchen
+– in den Armen einer überreifen
+Jungfer mit falschem Haar, die ihm, als
+dem genialsten Menschen von der Welt, ein heiliges
+Andenken bewahren wird …«</p>
+
+<p>»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte
+Bassistow halblaut und unzufrieden.</p>
+
+<p>»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow,
+»sondern der Wahrheit getreu. Meiner Ansicht
+nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts.
+Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er,
+zu Leschnew gewendet, fort, »ich habe ja die Bekanntschaft
+jenes Terlachow gemacht, mit welchem
+Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl,
+jawohl! Was der mir von ihm erzählt hat,
+davon machen Sie sich keinen Begriff – das
+ist wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle
+Freunde und Nacheiferer Rudins mit der Zeit
+seine Feinde werden.«</p>
+
+<p>»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde
+auszuschließen!« unterbrach ihn mit Feuer
+Bassistow.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p>
+
+<p>»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf
+Sie ist es auch nicht gemünzt.«</p>
+
+<p>»Was war es denn, was Ihnen Terlachow
+erzählte?« fragte Alexandra Pawlowna.</p>
+
+<p>»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die
+allerbeste Anekdote über Rudin aber ist folgende:
+Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung beschäftigt
+(diese Herren sind es fortwährend, während
+andere, einfach gesagt, schlafen und essen –
+befinden sie sich im Momente der Entwicklung des
+Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr
+Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) …
+Also mit seiner Entwicklung fortwährend beschäftigt,
+war Rudin auf dem Wege der Philosophie
+zu dem Vernunftschlusse gekommen, daß er sich
+verlieben müsse. Er stellte Nachforschungen über
+den Gegenstand an, der einem so wunderbaren
+Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte
+ihm. Er machte die Bekanntschaft einer Französin,
+einer allerliebsten Putzhändlerin. Das ereignete
+sich, merken Sie wohl, in einer deutschen
+Stadt am Rhein. Er besuchte sie, brachte ihr
+allerlei Bücher und sprach mit ihr über Natur
+und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin
+vor! sie hielt ihn für einen Astronomen.
+Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht
+übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel.
+Endlich bestimmte er eine Zusammenkunft,
+ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel
+auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte
+ihr bestes Kleid an und fuhr mit ihm in der<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
+Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen
+zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß
+er sich diese ganze Zeit über beschäftigte? Er hat
+der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll
+den Himmel angeschaut und ihr mehrmals
+wiederholt, daß er ›väterliche‹ Zärtlichkeit für sie
+fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach
+Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow
+erzählt. Solch ein Kerl ist er gewesen!«</p>
+
+<p>Und Pigassow lachte laut auf.</p>
+
+<p>»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra
+Pawlowna ärgerlich, »indessen gewinne
+ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß
+selbst diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm
+nichts Schlechtes nachsagen können.«</p>
+
+<p>»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein
+beständiges Leben auf fremder Leute Kosten,
+seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß
+hat er auch von Ihnen geborgt?«</p>
+
+<p>»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann
+Leschnew, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine
+Frau weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit
+keine besondere Zuneigung zu Rudin gefühlt und
+oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem
+dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser)
+will ich Ihnen folgenden Vorschlag machen:
+wir haben soeben auf die Gesundheit unseres
+teueren Bruders und seiner Braut getrunken; ich
+fordere Sie jetzt auf, auf die Gesundheit Dmitri
+Rudins zu trinken!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen
+Leschnew mit Verwunderung an, während Bassistow
+das Herz im Leibe hüpfte und er vor
+Freude rot wurde und die Augen aufriß.</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von
+seinen Fehlern weiß ich nur zu viel. Sie fallen
+um so mehr in die Augen, weil er selbst kein
+Alltagsmensch ist.«</p>
+
+<p>»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow
+ein.</p>
+
+<p>»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte
+Leschnew, »aber Natur – das ist eben das
+schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht
+davon, von dem Guten, Seltenen in ihm wollte
+ich sprechen. Er ist voll Begeisterung; das ist
+aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem
+Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft.
+Wir sind alle unausstehlich überlegt,
+gleichgültig und träge geworden; wir sind schläfrig,
+erkaltet und müssen es demjenigen Dank
+wissen, der uns, wenn auch nur auf einen Augenblick,
+aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die
+höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach
+einmal mit dir von ihm und beschuldigte ihn der
+Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht zugleich.
+Diese Kälte steckt bei ihm im Blute –
+daran ist er nicht schuld – nicht aber im Kopfe.
+Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, kein Betrüger,
+kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten
+nicht wie ein Schleicher, sondern wie ein Kind
+… Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend und<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
+Armut sterben; sollte man aber deshalb einen
+Stein auf ihn werfen? Er selbst wird nie etwas
+vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur und
+Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten,
+daß er keinen Nutzen bringen werde,
+nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine
+Worte nicht schon viel guten Samen in junge
+Herzen gestreut haben, denen die Natur nicht
+wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen
+des Gedachten versagt hat? Habe ich ja
+doch, ich vor allem, alles dieses an mir selbst erfahren
+… Sascha weiß, was Rudin in meinen
+jungen Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich
+ferner, behauptet zu haben, daß Rudins Worte
+keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten;
+ich redete aber damals von Menschen,
+die mir meinem jetzigen Alter nach gleichstanden,
+von Menschen, die das Leben bereits gekostet
+haben, und die vom Leben etwas zerzaust
+sind. Ein falscher Ton in der Rede – und sie
+verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling
+ist aber glücklicherweise das Gehör noch nicht so
+ausgebildet, noch nicht so verwöhnt. Wenn nur
+der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was
+kümmert ihn da der Ton! Den wird er schon in
+sich selbst finden.«</p>
+
+<p>»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr
+ist das gesprochen! Was jedoch Rudins Einfluß
+betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß
+einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern
+ihn auch weiterschob, ihm die Zeit nicht ließ,<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
+stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn
+entflammte, begeisterte!«</p>
+
+<p>»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an
+Pigassow wendend, »welchen Beweis brauchen
+Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter;
+wenn Sie von ihr reden, finden Sie nicht genug
+verächtliche Ausdrücke. Ich bin ihr auch nicht
+besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht
+von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen
+her! Philosophische Spitzfindigkeiten und
+Träumereien werden an dem Russen nie haften;
+dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand;
+man darf aber auch nicht die Philosophie als
+Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben
+nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es
+ist Rudins Unglück, daß er Rußland nicht kennt,
+und in der Tat ist das ein großes Unglück. Das
+Vaterland kann einen jeden von uns entbehren,
+aber keiner von uns das Vaterland. Wehe dem,
+der da meint, daß er’s könne; doppelt wehe über
+den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus
+– ist ein Unding, der Kosmopolit – eine
+Null, ärger als eine Null; außerhalb der Nationalität
+gibt es weder Kunst, noch Wahrheit,
+noch Leben, gibt es nichts. Ohne Physiognomie
+ist nicht einmal das ideale Gesicht; nur das
+gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber
+wieder darauf zurückkommen, Rudins Schuld ist
+es nicht: sein Verhängnis ist es, ein bitteres,
+schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß
+nicht vorwerfen werden. Es würde uns zu weit<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
+führen, wollten wir untersuchen, warum Leute,
+wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen
+für das Gute, das in ihm ist, dankbar sein. Dies
+ist leichter als ungerecht gegen ihn zu sein, und
+wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine
+Strafe über ihn zu verhängen, steht uns nicht zu,
+es wäre auch unnütz: er hat sich selbst viel strenger
+bestraft, als er es verdiente … Und gebe
+Gott, daß das Unglück alles Schlechte aus ihm
+ausscheide und nur das Schöne in ihm zurücklasse!
+Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich
+trinke auf die Gesundheit des Kameraden meiner
+besten Jahre, ich trinke auf das Wohl der
+Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres
+Vertrauens und ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl
+von allem, was unsere zwanzigjährigen Herzen
+schon klopfen machte und was im späteren Leben
+nichts Besseres aus unserem Gedächtnis verdrängen
+konnte, verdrängen wird … Ich trinke
+auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf
+Rudins Wohl!«</p>
+
+<p>Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte
+im Eifer beinahe sein Glas zerschlagen und stürzte
+dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, Alexandra
+Pawlowna drückte Leschnew die Hand.</p>
+
+<p>»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch,
+daß Sie so beredt wären,« bemerkte
+Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich
+muß gestehen, das hat sogar mich gepackt.«</p>
+
+<p>»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte
+Leschnew nicht ohne Unwillen, »<em class="gesperrt">Sie</em> aber zu<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
+packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. Doch
+genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«</p>
+
+<p>»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er
+gleich? … Pandalewski! lebt der immer noch
+bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow
+wendend.</p>
+
+<p>»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat
+ihm eine einträgliche Stelle ausgewirkt.«</p>
+
+<p>Leschnew lächelte.</p>
+
+<p>»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür
+ließe sich bürgen.«</p>
+
+<p>Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen
+auseinander. Als Alexandra Pawlowna mit
+ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie
+ihm zärtlich ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte
+sie, seine Stirn sanft mit der Hand streichelnd,
+»wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe
+aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil
+Rudins hinreißen lassen, wie ehemals zu dessen
+Nachteile …«</p>
+
+<p>»Den am Boden Liegenden schlägt man
+nicht<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> … überdies befürchtete ich damals, daß
+er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,«
+fügte er lächelnd hinzu.</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna,
+»er ist mir von jeher zu gelehrt vorgekommen,
+ich fürchtete mich vor ihm und wußte<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
+nicht, wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte.
+Pigassow hat sich aber doch heute ziemlich boshaft
+über ihn lustig gemacht, scheint dir’s nicht?«</p>
+
+<p>»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich
+nahm ich mit solcher Wärme Rudin in
+Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn
+einen Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht
+nach ist aber die Rolle, die er, Pigassow, spielt,
+hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges
+Vermögen, macht sich über alles lustig und
+schwänzelt bei Vornehmen und Reichen herum!
+Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der
+mit solcher Erbitterung auf alle und alles
+schimpft und über Philosophie und Weiber herfällt,
+– weißt du wohl, daß er, als er sich noch
+im Amte befand, ein Sportelreißer war und noch
+dazu ein arger!«</p>
+
+<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna.
+»Das hätte ich nicht erwartet … Höre,
+Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu,
+»was ich dich fragen will …«</p>
+
+<p>»Nun?«</p>
+
+<p>»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit
+Natalia glücklich sein?«</p>
+
+<p>»Wie soll ich dir darauf antworten … allem
+Anschein nach, ja … die Oberhand wird sie behalten
+– unter uns brauchen wir kein Geheimnis
+daraus zu machen – sie ist klüger als er;
+er ist aber ein herrlicher Mensch und liebt sie
+von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
+wir beide einander doch und sind glücklich, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna lächelte und drückte
+Michael Michailitsch die Hand.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An demselben Tage, als das soeben Erzählte
+im Hause Alexandra Pawlownas vorging –
+schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements
+Rußlands, in der drückendsten Hitze,
+auf der Landstraße eine schlechte, mit Matten
+bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt
+waren, mühsam dahin. Auf dem Vorderrande
+hielt sich, die Füße schräg auf das Strängeholz
+gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem
+Wams, zog unaufhörlich an den Strickleinen
+und schwenkte dazu eine kleine Peitsche;
+im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich
+gefüllten Mantelsack ein Mann von hohem
+Wuchse in Mütze und altem, staubigem Mantel.
+Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da
+und hatte den Schirm seiner Mütze über die
+Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße
+des Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf
+die andere, er schien nichts zu empfinden, als
+wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete
+er sich auf.</p>
+
+<p>»Wann werden wir denn endlich zur Station
+kommen?« fragte er den vorn sitzenden Bauer.</p>
+
+<p>»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
+und zog noch eifriger an den Leinen, »sind wir
+erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben
+nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du!
+schläfst du … Ich will dich lehren,« setzte er
+fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd
+mit der Peitsche anzutreiben.</p>
+
+<p>»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,«
+bemerkte Rudin, »wir schleppen uns schon seit
+dem Morgen und können nicht ankommen. Singe
+mir wenigstens etwas vor.«</p>
+
+<p>»Was soll man machen, Väterchen! Die
+Pferde, Sie sehen ja selbst, sind ganz verhungert
+… und dazu noch die Hitze. Was nun das
+Singen betrifft … das versteht unsereiner nicht:
+wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« rief
+auf einmal der Bauer einem vorübergehenden
+Wanderer in braunem, schlechtem Kittel und abgetretenen
+Bastschuhen zu, »heda, mache uns
+Platz, Freundchen!«</p>
+
+<p>»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer
+ihm nach und blieb stehen. »Moskauer
+Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes
+hinzu, schüttelte den Kopf und ging des Weges
+langsam weiter.</p>
+
+<p>»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde
+zu und zog wieder ruckweise an den Leinen;
+»ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«</p>
+
+<p>So gut es ging, erreichten die ermüdeten
+Pferde endlich den Posthof. Rudin stieg aus der
+Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht dafür<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span>
+dankte und das Geld lange in der hohlen Hand
+herumwarf – er hatte vermutlich ein größeres
+Trinkgeld erwartet –, und trug seinen Mantelsack
+selbst in das Postzimmer.</p>
+
+<p>Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben
+viel in Rußland umhergereist war, hat die
+Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem Stationszimmer
+Bilder hängen, welche Szenen aus
+Puschkins »Gefangenen im Kaukasus« oder russische
+Generale vorstellen, man bald Pferde bekommen
+kann; wenn dagegen die Bilder das Leben
+des berüchtigten Spielers Georges de Germany
+darstellen, der Reisende auf baldige Beförderung
+nicht rechnen darf: er wird Zeit genug
+haben, sich sattzusehen an dem emporgestrichenen
+Hahnenkamm, der weißen Weste mit breiten
+Aufschlägen und den außerordentlich engen und
+kurzen Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend
+und an seiner rasenden Physiognomie, als
+er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle,
+in einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn
+erschlägt. In dem Zimmer, in welches Rudin
+trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig
+Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf
+seinen Ruf erschien der Stationshalter mit verschlafenem
+Gesichte (ich möchte wissen – ob
+wohl jemand einen Stationshalter mit einem
+nicht verschlafenen Gesichte gesehen hat?) und
+ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit
+träger Stimme, es seien keine Pferde da.</p>
+
+<p>»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
+da,« erwiderte Rudin, »wenn Sie nicht einmal
+wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit Privatpferden
+hierhergekommen.«</p>
+
+<p>»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte
+der Posthalter. »Wohin wollen Sie
+denn?«</p>
+
+<p>»Nach …sk.«</p>
+
+<p>»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der
+Stationshalter und ging hinaus.</p>
+
+<p>Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf
+seine Mütze auf den Tisch. Er hatte sich in diesen
+zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber
+gelber geworden; hin und wieder schillerten silberne
+Fäden in dem Haar und die Augen, immer
+noch schön, schienen etwas matter geworden zu
+sein; leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen
+Denkens, zeigten sich an den Lippen,
+den Wangen und den Schläfen.</p>
+
+<p>Seine Kleidung war abgetragen und alt, von
+Wäsche war nirgends etwas zu sehen. Die Zeit
+seiner Blüte war offenbar vergangen, er war,
+wie der Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat
+geschossen.</p>
+
+<p>Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu
+lesen … ein beliebter Zeitvertreib sich langweilender
+Reisenden … plötzlich knarrte die Tür
+und der Stationshalter trat herein.</p>
+
+<p>»Pferde nach …sk sind keine da und werden
+noch lange nicht da sein, aber nach …ow
+sind Retourpferde zu haben.«</p>
+
+<p>»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
+bitte Sie! das liegt ja gar nicht auf meinem
+Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie
+mir deucht, in der Richtung nach Tambow.«</p>
+
+<p>»Was tut es? Sie können dann aus Tambow
+weiter, oder wenn es Ihnen beliebt, werden Sie
+von …ow aus wieder hierher zurückkehren
+können.«</p>
+
+<p>Rudin überlegte.</p>
+
+<p>»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen
+Sie einspannen. Mir ist es ganz gleich; ich
+fahre nach Tambow.«</p>
+
+<p>Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin
+trug seinen Mantelsack hinaus, stieg in den Postkarren,
+setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf
+hängen.</p>
+
+<p>Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes
+in seiner gebeugten Gestalt … Und das
+Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter
+dem einförmigen Geklingel der Schellen
+dahin.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Epilog">Epilog</h2>
+</div>
+
+<p>Wiederum waren einige Jahre verstrichen.</p>
+
+<p>An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange
+des Hauptposthofes der Gouvernementsstadt
+S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich
+reckend stieg aus derselben ein Herr, er war noch
+nicht alt, besaß jedoch bereits jene Fülle des Leibes,
+die man »respektabel« zu nennen pflegt.
+Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen
+war, blieb er im Eingange des breiten
+Korridors stehen, und da er niemand gewahr
+wurde, forderte er mit lauter Stimme ein
+Zimmer. Sogleich hörte man eine Tür zuwerfen,
+ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen
+Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz
+auf der Rückseite und den Ärmeln seines
+abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich.
+Als der Fremde in sein Zimmer trat, warf er
+sogleich Mantel und Plaid ab, setzte sich auf
+einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie,
+blickte wie schlaftrunken umher und befahl sodann,
+seinen Bedienten zu rufen. Der Diener tat
+einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende
+war kein anderer als Leschnew. Er war der<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
+Rekrutenaushebung wegen von seinem Gute nach
+S. gekommen.</p>
+
+<p>Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger
+und rotwangiger Bursche, in grauem, mit
+blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen
+Filzstiefeln trat in das Zimmer.</p>
+
+<p>»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch
+angekommen,« sagte Leschnew, »und du hattest
+befürchtet, die Schiene am Rade werde abspringen.«</p>
+
+<p>»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte
+der Bediente, und versuchte über dem
+aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln,
+»wie aber die Schiene nicht abgesprungen ist,
+das …«</p>
+
+<p>»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im
+Korridor hören.</p>
+
+<p>Leschnew fuhr zusammen und horchte auf.</p>
+
+<p>»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme.</p>
+
+<p>Leschnew erhob sich, trat an die Tür und
+machte sie rasch auf.</p>
+
+<p>Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse,
+fast ganz ergraut und gebeugt, in einem alten
+Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte
+ihn sogleich.</p>
+
+<p>»Rudin!« rief er bewegt.</p>
+
+<p>Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht
+Leschnews, der mit dem Rücken gegen das Licht
+stand, nicht erkennen und blickte ihn zweifelhaft
+an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
+
+<p>»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew
+ihn an.</p>
+
+<p>»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und
+streckte die Hand vor, wurde aber verwirrt und
+zog sie wieder zurück …</p>
+
+<p>Leschnew ergriff sie mit beiden Händen.</p>
+
+<p>»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu
+Rudin und führte ihn in sein Zimmer.</p>
+
+<p>»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew
+nach einigem Schweigen und unwillkürlich die
+Stimme senkend.</p>
+
+<p>»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem
+Blicke im Zimmer umherschweifend. »Die Jahre
+… Sie aber – sind wie früher. Wie geht es
+Alexandra … Ihrer Gemahlin?«</p>
+
+<p>»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt
+Sie hierher?«</p>
+
+<p>»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In
+diesem Hause befinde ich mich ganz zufällig. Ich
+suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich
+sehr …«</p>
+
+<p>»Wo speisen Sie?«</p>
+
+<p>»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem
+Gasthause. Ich muß heute noch fort von hier.«</p>
+
+<p>»Sie müssen?«</p>
+
+<p>Rudin lächelte bedeutsam.</p>
+
+<p>»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum
+Aufenthalt an.«</p>
+
+<p>»Speisen Sie mit mir.«</p>
+
+<p>Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade
+in die Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span></p>
+
+<p>»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen
+zu speisen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden.
+Wollen Sie? Ich glaubte nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen
+und Gott weiß, wenn wir uns
+wiedersehen werden. Wir können doch so nicht
+voneinander scheiden!«</p>
+
+<p>»Gut, ich bin es zufrieden.«</p>
+
+<p>Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den
+Diener, bestellte das Essen und befahl, eine
+Flasche Champagner auf Eis zu stellen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während des Essens unterhielten sich Leschnew
+und Rudin, gleichsam wie verabredet, ausschließlich
+von ihrem Studentenleben, kamen auf
+vieles zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene.
+Anfangs sprach Rudin gezwungen,
+doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken
+hatte, wurde er warm. Endlich nahm der Diener
+die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew stand auf,
+verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch,
+Rudin gerade gegenüber und stützte still sein
+Kinn auf beide Hände.</p>
+
+<p>»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles
+erzählen, was sich mit Ihnen zugetragen hat,
+seit ich Sie nicht gesehen habe.«</p>
+
+<p>Rudin warf einen Blick auf Leschnew.</p>
+
+<p>Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er
+aussieht, der arme Mensch!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p>
+
+<p>Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel
+verändert, besonders seit der Zeit, da wir ihn
+auf der Station trafen, obgleich bereits Spuren
+des nahenden Alters darin sichtbar waren, der
+Ausdruck war jetzt aber ein anderer. Die Augen
+blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, aus
+seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen,
+aus seiner schleppenden und gleichsam
+gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung,
+geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten
+Schwermut von früher durchaus
+nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer
+von Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe
+erfüllten Jugend so gut zu Gesichte steht.</p>
+
+<p>»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet
+ist?« begann er. »Alles läßt sich nicht erzählen
+und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt
+habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben,
+nicht mit dem Körper allein – auch mit der
+Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren!
+Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen!
+… Ja, mit wem,« wiederholte
+Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn
+mit besonderer Teilnahme anblickte. »Wie oft haben
+meine eigenen Worte mich angewidert –
+nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern
+auch in dem Munde jener Leute, die meine Ansichten
+teilten! Welche Übergänge habe ich
+durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit
+eines Kindes bis zur stumpfen Gefühllosigkeit
+des Pferdes, das nicht einmal mehr mit<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
+dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft
+… Wie viele Male habe ich mich umsonst gefreut,
+umsonst gehofft, gekämpft und mich erniedrigt!
+Wie oft habe ich wie ein Falke meine
+Fittiche ausgebreitet – und bin auf die Erde
+zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, wie die
+Schnecke, deren Schale man zertreten hat! …
+Wo bin ich nicht überall gewesen; welche Wege
+hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt schmutzige
+Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich
+etwas ab.</p>
+
+<p>»Sie verstehen,« fuhr er fort …</p>
+
+<p>»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst
+sagten wir ›du‹ zueinander … Willst du? Wir
+frischen das alte auf … Trinken wir auf das
+Du!«</p>
+
+<p>Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick
+flimmerte etwas, was keine Sprache wiederzugeben
+vermag.</p>
+
+<p>»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder,
+laß uns trinken.«</p>
+
+<p>Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.</p>
+
+<p>»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung
+des Wortes »du« und lächelnd, »es sitzt
+in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt
+und mir nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt
+mich den Menschen entgegen – anfangs empfinden
+sie meinen Einfluß, nachher aber …«</p>
+
+<p>Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit
+der Hand.</p>
+
+<p>»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah,<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
+bin ich um mancherlei Erfahrungen reicher geworden
+… Mehrmals habe ich ein neues Leben
+angefangen, mehrfach die Hand an ein
+neues Werk gelegt – und da siehst du nun, wie
+weit ich gekommen bin!«</p>
+
+<p>»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam
+vor sich hin, Leschnew.</p>
+
+<p>»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! …
+Etwas erbauen, das habe ich nie gekonnt! Und
+es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen,
+wenn man keinen Boden unter sich fühlt, wenn
+man sein eigenes Fundament erst selbst legen
+muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer,
+das heißt, all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei,
+drei Vorfälle sollst du erfahren … jene Vorfälle
+aus meinem Leben, wo, wie es schien, der
+Erfolg mir bereits lächelte, oder nein, wo ich
+anfing, auf Erfolg zu hoffen – was nicht ganz
+dasselbe ist …«</p>
+
+<p>Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes
+Haar mit derselben Handbewegung
+zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er
+noch dunkles und volles Haar hatte.</p>
+
+<p>»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich
+mit einem ziemlich sonderbaren Menschen zusammen.
+Er war sehr reich und besaß beträchtliche
+Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten,
+seine Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft
+war die Liebe zur Wissenschaft, zur Wissenschaft
+im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt nicht begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
+wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war!
+Sie stand ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel.
+Er selbst konnte sich nur mit Mühe auf der Höhe
+der Vernunft behaupten und verstand es kaum,
+sich auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll
+die Augen und schüttelte bedenklich den Kopf.
+Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur,
+Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte
+an jene weiten Strecken im Smolenskischen
+Gouvernement, wo man nur Sand findet –
+Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches
+Gras, das kein Tier fressen mag. Es wollte
+ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus
+seinen Händen, alles, und obendrein war er noch
+darauf versessen, was leicht war, sich zu erschweren.
+Hätte es von ihm abgehangen, er
+würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben,
+auf dem Kopfe zu gehen. Er arbeitete,
+schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen
+starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld
+stürzte er sich auf die Wissenschaften; sein
+Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein Charakter
+war eisern. Er lebte allein und galt für
+einen Sonderling. Ich wurde mit ihm bekannt
+und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte
+ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich.
+Dann besaß er ein so schönes Vermögen, es ließ
+sich durch ihn so viel Gutes, so viel wahrhafter
+Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und
+fuhr endlich mit ihm auf sein Landgut. –
+Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir herum;<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
+ich träumte von vielen Verbesserungen,
+Neuerungen …«</p>
+
+<p>»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,«
+bemerkte Leschnew mit gutmütigem Lächeln.</p>
+
+<p>»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten
+überzeugt, daß meine Worte unfruchtbar
+bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete
+sich vor mir ein Feld ganz anderer Art aus …
+Ich schleppte agronomische Bücher herbei …
+von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein
+einziges bis zu Ende gelesen habe … und dann
+machte ich mich an die Arbeit. Anfangs ging es
+nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien
+es gehen zu wollen. Mein neuer Freund schwieg
+zu allem und schaute zu, er störte mich nicht, das
+heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich
+nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte
+dieselben auch aus, aber starrsinnig, unnachgiebig
+und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er alles
+nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an
+jedem seiner Gedanken, wie der Sonnenkäfer an
+dem Grashalm, dessen Spitze er nur mit Anstrengung
+erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar
+seine Flügel zurechtzupfend, um weiterzufliegen
+– plötzlich aber herunterfällt, um nochmals
+hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht
+über diese Gleichnisse wundern. Schon damals
+hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. Zwei
+Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte
+gingen schlecht, ungeachtet aller meiner Anstrengungen.
+Ich fing an, ihrer überdrüssig zu werden,<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
+mein Freund langweilte mich, und ich
+wurde ihm unbequem und erdrückend; sein Mißtrauen
+ging in schlecht verhehlte Erbitterung
+über, ein feindseliger Geist hatte sich unser beider
+bemächtigt, wir konnten miteinander von nichts
+mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich bemühte
+er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht
+meinem Einflusse fügte; meine Verordnungen
+wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen
+… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn
+Gutsbesitzer nur als Mittel zur geistigen Gymnastik
+diente … Ich war zu einer Art intelligenten
+Parasiten geworden! Schmerzlich ward es
+mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu vergeuden,
+schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und
+abermals mich in meinen Erwartungen getäuscht
+hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel ich verlor,
+wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht
+über mich, und eines Tages, infolge eines widerlichen
+und empörenden Vorfalles, dessen ich Zeuge
+war und der mir meinen Freund in einem wirklich
+zu unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte
+ich mich vollends mit ihm, reiste ab und ließ diesen
+aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups
+zusammengekneteten pedantischen Krautjunker
+fahren.«</p>
+
+<p>»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes
+fahren lassen,« wandte Leschnew ein und
+legte beide Hände auf Rudins Schulter.</p>
+
+<p>»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
+leeren Raume. Fliege nun, wohin du willst …
+Ha, trinken wir eins!«</p>
+
+<p>»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob
+sich und küßte Rudin auf die Stirn. »Auf
+deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken
+… Er hat es auch verstanden, arm zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,«
+sagte Rudin nach einer kleinen Pause. »Soll ich
+fortfahren, wie?«</p>
+
+<p>»Fahre fort, ich bitte dich.«</p>
+
+<p>»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort.
+Ich bin des Redens müde, Bruder … Nun, es
+sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen Stellen
+umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig
+erzählen, wie ich bei einem pflichtgetreuen
+hohen Beamten Sekretär wurde und wie das
+endete; es würde uns jedoch zu weit führen …
+nachdem ich mich also an verschiedenen Orten
+umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt … ich
+bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann,
+ein praktischer Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen:
+ich wurde mit einem gewissen …
+vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem
+gewissen Kurbejew bekannt …«</p>
+
+<p>»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich
+bitte dich, Rudin, wie konntest du mit deinem
+Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein
+Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel …
+Geschäftsmann zu sein?«</p>
+
+<p>»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache
+ist; was ist denn aber überhaupt meine Sache?<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
+… Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle
+ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer
+vor. Man sagt, ich wäre in früheren Jahren
+beredt gewesen. Ich bin im Vergleich zu ihm
+nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener
+Mann; ein schöpferischer Kopf, ein Kopf für
+Industrie und Handelsunternehmungen. Die
+kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in
+seinem Geiste. Wir traten zusammen und faßten
+den Entschluß, gemeinschaftlich unsere Kräfte
+einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.«</p>
+
+<p>»Welchem? Sage doch!«</p>
+
+<p>Rudin senkte den Blick.</p>
+
+<p>»Du wirst lachen müssen.«</p>
+
+<p>»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.«</p>
+
+<p>»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen
+Gouvernement schiffbar zu machen,« äußerte Rudin,
+verlegen lächelnd.</p>
+
+<p>»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?«</p>
+
+<p>»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und
+senkte still seinen ergrauten Kopf.</p>
+
+<p>Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne
+und faßte Rudins Hand.</p>
+
+<p>»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte
+er, »ich hatte das nun gar nicht erwartet. Nun,
+euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?«</p>
+
+<p>»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht.
+Wir mieteten Arbeiter … und gingen ans
+Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse.
+Erstens wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten,<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
+zweitens konnten wir mit dem Wasser
+ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine
+jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten
+wir in Erdhütten. Kurbejews einzige
+Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch
+nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend
+da herum ist wunderschön. Wir quälten und
+quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu überreden
+und sandten Briefe und Zirkulare in die
+Welt. Das Ende davon war, daß mein letzter
+Groschen bei diesem Projekte aufging.«</p>
+
+<p>»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war
+nicht schwer, deinen letzten Groschen daran aufgehen
+zu sehen.«</p>
+
+<p>»In der Tat war das nicht schwer … doch
+das Unternehmen war aber, bei Gott, nicht übel
+und hätte großen Gewinn abwerfen können.«</p>
+
+<p>»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?«
+fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber
+ist er geworden. Und du wirst sehen, er wird
+sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.«</p>
+
+<p>»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht
+dahin bringen.«</p>
+
+<p>»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja
+übrigens, daß ich in deinen Augen von jeher für
+einen unnützen Menschen gegolten habe.«</p>
+
+<p>»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine
+Zeit, du hast recht, wo mir nur deine Schattenseiten
+in die Augen fielen; jetzt aber, glaube<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
+mir’s, habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen
+wirst du dir wohl nicht zusammenschlagen …
+Deshalb aber liebe ich dich …«</p>
+
+<p>Rudin lächelte matt.</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew,
+»verstehst du mich wohl?«</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide.</p>
+
+<p>»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?«
+fragte Rudin.</p>
+
+<p>»Tu mir den Gefallen.«</p>
+
+<p>»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von
+dieser Nummer habe ich mich eben erst losgemacht.
+Langweilt es dich aber nicht?«</p>
+
+<p>»Erzähle, erzähle.«</p>
+
+<p>»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer
+Stunde der Muße … an Muße hat es mir niemals
+gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse
+besitze ich nicht wenig, ich wünsche das Gute
+du wirst doch nicht absprechen wollen, daß
+ich das Gute wünsche?«</p>
+
+<p>»Das fehlte noch!«</p>
+
+<p>»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger
+durchgefallen … warum sollte ich nicht Pädagog
+werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer?
+… besser doch, als nichts zu tun …«</p>
+
+<p>Rudin hielt inne und schöpfte Atem.</p>
+
+<p>»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird
+es doch sein, wenn ich mich bestrebe, anderen das
+mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden sie
+aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
+schöpfen. Meine Talente sind doch am Ende keine
+alltäglichen; die Gabe der Rede habe ich auch …
+Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu
+widmen. Mühe genug kostete es mir, eine Anstellung
+zu finden; Privatunterricht wollte ich nicht
+erteilen; an Elementarschulen war mein Platz
+nicht. Endlich gelang es mir, die Stelle eines
+Lehrers am hiesigen Gymnasium zu erhalten.«</p>
+
+<p>»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte
+Leschnew.</p>
+
+<p>»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich
+kann dir sagen, noch keine Sache habe ich mit
+solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke,
+auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich.
+Drei Wochen war ich mit der Abfassung meiner
+Antrittsvorlesung beschäftigt.«</p>
+
+<p>»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.</p>
+
+<p>»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen.
+Sie kam nicht schlecht heraus und fand Beifall.
+Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner Zuhörer
+vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem
+Ausdrucke der treuherzigsten Aufmerksamkeit,
+Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. Ich bestieg
+das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im
+Fieber; ich hatte geglaubt, ich würde daran reichlich
+für eine Stunde haben, und in zwanzig Minuten
+war ich fertig. Der Inspektor war auch
+zugegen – ein trockener Alter mit silbergefaßter
+Brille und kurzer Perücke, – von Zeit zu Zeit
+neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als
+ich zu Ende war und von meinem Sessel sprang,<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
+sagte er zu mir: ›Gut, doch etwas zu hoch und
+unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist
+zu wenig gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch
+geleiteten mich mit Blicken der Achtung …
+wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert
+der Jugend. Die zweite Vorlesung und auch die
+dritte hatte ich aufgeschrieben … dann aber improvisierte
+ich.«</p>
+
+<p>»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.</p>
+
+<p>»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden
+sich in Massen ein. Ich teilte ihnen alles mit,
+was mir auf der Seele lag. Unter denselben waren
+drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben;
+die übrigen verstanden mich nur halb. Ich muß
+indessen gestehen, daß auch diejenigen, welche mich
+verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen
+verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber
+nicht. Liebten mich ja doch alle: bei den Repetitionen
+gab ich allen gute Zensuren. Da aber entspann
+sich gegen mich eine Intrige … oder
+nein! Eine Intrige war es nicht; ich war, einfach
+gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. Ich
+war den anderen unbequem und die anderen
+waren es mir. Ich hielt Gymnasiasten Vorlesungen,
+wie man sie Studenten nicht immer hält,
+und meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen
+doch nicht so sehr förderlich … ich beherrschte
+die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte
+mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet
+war … Du weißt ja, das war immer
+meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
+und schwöre dir, diese Reformen waren gut
+und ausführbar. Ich hoffte, sie mit Hilfe des
+Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes,
+auf welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte,
+durchzusetzen. Seine Frau stand mir bei. Ich
+habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher
+Frauen getroffen. Sie war bereits nahe
+den Vierzigern, glaubte aber noch an das Gute,
+liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges
+Mädchen und scheute sich nicht, ihre Überzeugung,
+vor wem es auch sein mochte, offen auszusprechen.
+Ich werde niemals ihre edle Begeisterung,
+ihre Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend,
+hatte ich schon einen Plan entworfen, doch da
+wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet
+und ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders
+schadete mir ein Lehrer der Mathematik, ein unansehnlicher,
+bissiger und gallsüchtiger Mensch,
+der an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow,
+aber bei weitem tüchtiger als er … ja, sage
+doch, lebt Pigassow noch?«</p>
+
+<p>»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine
+Dienstmagd geheiratet, die, wie man sagt, ihn
+prügeln soll.«</p>
+
+<p>»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna,
+geht es ihr gut?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Ist sie glücklich?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Rudin schwieg.</p>
+
+<p>»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span>
+vom Lehrer der Mathematik. Er hatte einen Haß
+auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich
+er mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden,
+nicht ganz deutlichen Ausdruck auf und führte
+mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus
+dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache
+aber war, er hatte meine Absichten verdächtigt;
+meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie an
+eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem
+ich mich gleich anfangs nicht gut gestellt hatte,
+reizte den Direktor gegen mich auf; und es kam zu
+einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde
+heftig, die Geschichte kam den Oberen zu Ohren,
+und ich ward gezwungen, meine Entlassung zu
+nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte
+zeigen, daß ich mit mir nicht so umspringen lasse
+… aber leider mußte ich einsehen, daß man
+mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt
+muß ich die Stadt verlassen.«</p>
+
+<p>Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen
+da mit gesenktem Kopfe.</p>
+
+<p>Rudin nahm zuerst wieder das Wort.</p>
+
+<p>»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit
+Koltzow<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> ausrufen: ›Wie hast du, meine Jugend,
+mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß
+nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich
+denn wirklich zu nichts gut, gab es denn wirklich
+gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich
+habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
+Mühe ich mir auch gab, mich in meinen eigenen
+Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch unmöglich,
+in mir das Vorhandensein von Kräften
+nicht zu fühlen, mit denen nicht jedermann begabt
+ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte unfruchtbar?
+Und dann noch eins: erinnerst du
+dich, als wir zusammen im Auslande waren, war
+ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen
+… Es ist wahr, ich war damals nicht
+deutlich dessen bewußt, wonach mich verlangte,
+ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge
+und schenkte Trugbildern Glauben; jetzt
+aber, ich schwöre dir’s, darf ich laut, vor allen,
+gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen:
+ich bin im wahren Sinne des Wortes ein
+wohlgesinnter Mensch; ich werde demütig, will
+mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig,
+strebe nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn
+auch nur geringen, Nutzen schaffen. Aber – es
+will mir nicht gelingen! Was bedeutet das?
+Was hindert mich, zu leben und zu wirken, wie
+andere es tun? Ich trachte ja jetzt nach nichts
+Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine
+bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen
+Punkte Posto zu fassen, so stößt mich das
+Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, Furcht
+zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das
+alles? Erkläre mir dies Rätsel!«</p>
+
+<p>»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist
+wahr. Warst du ja für mich selbst ein Rätsel.
+Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam,<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
+nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich
+wieder das Wort nahmst, daß uns das Herz
+im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal
+anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will
+… selbst damals verstand ich dich nicht: deshalb
+verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so
+viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben
+nach Idealen …«</p>
+
+<p>»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,«
+unterbrach ihn Rudin.</p>
+
+<p>»Die Taten fehlten! Was für Taten?«</p>
+
+<p>»Was für Taten? Eine blinde Großmutter
+und die ganze Familie mit seiner Hände Arbeit
+ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich –
+Da hast du eine Tat.«</p>
+
+<p>»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine
+Tat.«</p>
+
+<p>Rudin blickte schweigend Leschnew an und
+schüttelte still den Kopf.</p>
+
+<p>Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß
+mit der Hand über sein Gesicht.</p>
+
+<p>»Und so fährst du denn auf dein Gut?«</p>
+
+<p>»Ja, ich fahre hin.«</p>
+
+<p>»Hast du denn dein Gut behalten?«</p>
+
+<p>»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe
+Seele. Ein Winkel für mich, wo ich
+den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in
+diesem Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht
+ohne Phrase zu sagen.‹ Die Phrasen, es ist wahr,
+sie haben mein Unglück verschuldet, mich aufgerieben,
+bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
+können. Was ich aber soeben sagte, war
+keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist keine
+Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten
+Ellenbogen – sind keine Phrase. Du bist immer
+streng gegen mich gewesen und das war recht
+von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die
+Rede sein, wenn schon alles abgetan, in der
+Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits
+zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke
+zu verglimmen droht … Der Tod, Bruder,
+muß am Ende alles aussühnen …«</p>
+
+<p>Leschnew sprang auf.</p>
+
+<p>»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir
+das? Wodurch habe ich das von dir verdient?
+Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für
+ein Mensch würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke
+deiner eingefallenen Wangen und Runzeln,
+das Wort Phrase in den Sinn kommen
+könnte? Du willst wissen, was ich von dir denke?
+Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was
+hätte der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen
+können, über welche irdischen Güter würde er
+wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! …
+und ich finde ihn hungernd und ohne Obdach …«</p>
+
+<p>»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin
+kaum hörbar hervor.</p>
+
+<p>»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein
+– das ist es. Was hinderte dich, lange Jahre
+bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, zu
+verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
+nur zu Gefallen hättest leben wollen, dein Auskommen
+wäre gesichert! Weshalb hast du es im
+Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer
+Mensch! – was auch dein jedesmaliges
+Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte
+dein Unternehmen allemal und durchaus damit
+enden, daß du deinen eigenen Vorteil zum Opfer
+brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in
+schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«</p>
+
+<p>»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,«
+fuhr Rudin mit wehmütig-verächtlichem
+Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille
+stehen, nicht weil ein Wurm in dir steckt, wie du
+vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein
+Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht
+dich, und wie man sieht, glüht sie ungeachtet
+aller Misere in dir selbst lebhafter als in vielen
+anderen, die sich nicht einmal für Egoisten
+erklärten und dich vielleicht gar einen Intriganten
+nennen. Ich an deiner Stelle hätte wahrlich
+schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht
+und Frieden mit allem geschlossen; du aber
+bist nicht einmal bitterer geworden, und ich bin
+überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke,
+bereit, von neuem wie ein Jüngling ans
+Werk zu gehen.«</p>
+
+<p>»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte
+Rudin. »Es war für mich genug.«</p>
+
+<p>»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben.
+Du sagst, der Tod sei ein Sühneopfer;<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
+glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt
+hat und gegen andere nicht nachsichtig geworden
+ist, der verdient selbst keine Nachsicht.
+Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht
+bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt
+hast, nach Kräften hast du gekämpft … Was
+verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«</p>
+
+<p>»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch
+als ich,« unterbrach ihn Rudin mit einem Seufzer.</p>
+
+<p>»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew
+fort, »vielleicht eben darum, daß mich, mit
+meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und
+unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts
+daran hinderte, ruhig sitzenzubleiben und, die
+Hände im Schoße, den Zuschauer zu machen,
+während du auf das Feld hinaus mußtest, um
+mit aufgestreiften Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten.
+Unsere Wege gingen auseinander …
+siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden
+wir ja beide fast dieselbe Sprache, auf einen
+halben Wink verstehen wir einander, an denselben
+Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den
+Unserigen sind ja wenige nur noch übrig, Bruder;
+beide sind wir die letzten Mohikaner! In
+früheren Jahren, als wir noch das volle Leben
+vor uns hatten, konnten wir verschiedener Meinung
+sein, ja sogar feindlich einander gegenüberstehen;
+jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter
+wird, da neue Geschlechter an uns vorüberziehen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
+die anderen Zielen, als die unserigen es
+waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten.
+Stoßen wir an, Bruder, und laß uns nach
+alter Art singen: <em class="antiqua">Gaudeamus igitur!</em>«</p>
+
+<p>Die Freunde stießen mit den Gläsern an und
+sangen in gerührtem und falschem, d. h. echt russischem
+Tone das alte Studentenlied.</p>
+
+<p>»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm
+Leschnew wieder das Wort. »Ich glaube nicht,
+daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir
+nicht vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es
+mit dir enden wird. Vergiß aber nicht, daß, was
+sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen
+Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen
+kannst: mein Dach … hörst du, altes
+Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden
+und diese bedürfen eines Asyls.«</p>
+
+<p>Rudin erhob sich.</p>
+
+<p>»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank!
+Ich werde es dir eingedenk sein. Doch eines
+Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben,
+und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie
+sich’s gebührt.«</p>
+
+<p>»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein
+jeder bleibt, wozu die Natur ihn gemacht hat,
+und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest
+du es nicht den ewigen Juden? … Wie
+kannst du es aber wissen, vielleicht bist du dazu
+bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst
+du dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes
+Verhängnis: nicht umsonst heißt es im<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span>
+Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter
+Gott stehen. Ein Samenausstreuer bist du vielleicht!
+– Gehe also hin, wohin seine Hand dich
+leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß
+Rudin seine Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst
+du nicht für die Nacht?«</p>
+
+<p>»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank …
+Mit mir endet es nicht gut.«</p>
+
+<p>»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«</p>
+
+<p>»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem
+Andenken.«</p>
+
+<p>»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen,
+und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.
+Lebe wohl …«</p>
+
+<p>Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte
+sich rasch.</p>
+
+<p>Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab,
+hielt beim Fenster still und sagte halblaut: »Armer
+Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch
+und fing einen Brief an seine Frau an.</p>
+
+<p>Draußen erhob sich der Wind und schlug mit
+unheilverkündendem Heulen schwer und wie erbost
+an die klirrenden Scheiben. Eine lange
+Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der
+in solchen Nächten ein Dach über sich weiß, einen
+warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge
+Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni
+1848, in Paris, als der Aufstand der »Arbeitervereine«
+fast unterdrückt war, stürmte ein Bataillon
+Linientruppen in einer der engen Quergassen
+der Vorstadt St. Antoine eine Barrikade.
+Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits in
+Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger
+derselben zogen sich zurück und waren nur
+noch auf ihre eigene Rettung bedacht, als plötzlich
+auf dem höchsten Punkte der Barrikade, auf dem
+eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens,
+ein hochgewachsener Mann sichtbar
+wurde in einem alten Rock, mit einer roten
+Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem
+weißen, unordentlichen Haare. In der einen
+Hand hielt er eine rote Fahne, in der anderen
+einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit
+angestrengter, scharfer Stimme, indem er bemüht
+war, höher hinaufzuklimmen und mit Fahne und
+Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger
+legte auf ihn an – ein Schuß fiel …
+dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne –
+und wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein
+Gesicht, als wäre er jemandem zu Füßen gefallen
+… Die Kugel war ihm gerade durchs Herz
+gegangen.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Tiens!</em>« sagte einer der fliehenden <em class="antiqua">insurgés</em>
+zu einem anderen, »<em class="antiqua">on vient de tuer le Polonais!</em>«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Bigre!</em>« antwortete der andere, »<em class="antiqua">sauvons-nous!</em>«<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
+und beide warfen sich in das Kellergeschoß
+eines Hauses, an welchem die Laden alle
+verschlossen waren und dessen Wände überall
+Spuren von Kugeln und Kartätschen zeigten.</p>
+
+<p>Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.</p>
+
+<div class="footnotes"><p class="h3">Fußnoten:</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten
+Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen
+und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> So heißen die kleinrussischen Volkslieder.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Aus Gribojedow.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held
+unserer Zeit«.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Puschkin.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Russisches Sprichwort.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Russischer Volksdichter.</p>
+
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="h2">Bücherverzeichnis
+des Verlags Georg Müller</p>
+</div>
+
+<p class="h3">Friedrich Huch</p>
+
+<p class="booktitle">Neue Träume.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und
+10 ganzseitigen Lithographien von Alfred Kubin.
+Mit einer Vorrede des Verfassers und einer
+Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer
+einmaligen numerierten Auflage von 800 Exemplaren,
+von denen die Nummern 1–100 in
+Halbpergament gebunden wurden. Pappband
+10 Mk., Halbpergt. 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Shakespeare: Sonette.</p>
+
+<p class="noind">Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem
+Nachlaß.) Einmalige Auflage von 600 Exemplaren,
+davon 450 auf Bütten, den Titel und
+die zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner.
+Halbpergt. 12 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem
+Buch eines Lebens.</p>
+
+<p class="noind">Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk.,
+geb. 4 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Humorbuch.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p>
+
+<p class="booktitle">Huneker, James: Chopin.</p>
+
+<p class="noind">Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte
+Übersetzung von Lola Lorme und Heinrich
+Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer.
+3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh.
+5 Mk., Halbleinen 7 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik.</p>
+
+<p class="noind">Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung
+und Anhang von Stefanie Strizek. Mit 24 Bildbeigaben.
+2. Auflage. Halbleder 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Immermann, Karl.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder.</p>
+
+<p class="h3">Der Indische Kulturkreis</p>
+
+<p class="noind">in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung
+von Helmuth von Glasenapp, Otto
+Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem
+Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring.</p>
+
+<p class="booktitle">Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst.</p>
+
+<p class="noind">Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In
+Leinen 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien.</p>
+
+<p class="noind">Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit
+230 Abbildungen auf Tafeln. In Leinen, 2
+Bände 50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Indien. Volk und Kultur / Länder und
+Städte.</p>
+
+<p class="noind">Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen
+auf Tafeln. In Leinen geb. 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Heilige Stätten Indiens.</p>
+
+<p class="noind">Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth
+von Glasenapp. In Leinen ca. 32 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Ceylon.</p>
+
+<p class="noind">
+Von Dr. Friedrich M. Trautz.<br>
+Mit 128 Tafeln.<br>
+In Leinen geb. 32 Mk.
+</p>
+
+<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt »Der
+indische Kulturkreis«.</p>
+
+<p class="noind">Siehe auch unter Gregor Krause: Bali.</p>
+
+<p class="h3">Heinrich Eduard Jacob</p>
+
+<p class="booktitle">Der Zwanzigjährige.</p>
+
+<p class="noind">Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh.
+2 Mk., geb. 3.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Beaumarchais und Sonnenfels.</p>
+
+<p class="noind">Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Jean Paul</p>
+
+<p class="booktitle">Die Briefe Jean Pauls.</p>
+
+<p class="noind">Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben
+und erläutert von Eduard Berend. 1.
+Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem
+Stammbaum. 2. Band: 1794–1797. Mit 6
+Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797
+bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis
+1805. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum.
+Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk.,
+in Ganzleder 50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Dr. Katzenbergers Badreise.</p>
+
+<p class="noind">2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May.
+Halbleinen 10 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Jean Pauls Persönlichkeit.</p>
+
+<p class="noind">Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben
+von Eduard Berend. Mit 15 Bildbeigaben.
+Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Das heimliche Klaglied der heutigen Männer.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="center p2 larger">*</p>
+
+<p class="booktitle">Jenseitsrätsel.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p>
+
+<p class="h3">Elisabeth Joest</p>
+
+<p class="booktitle">Jens Palmström.</p>
+
+<p class="noind">Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Vibrationen.</p>
+
+<p class="noind">Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann
+Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem
+zoge und, um seiner Frauen Reden, gen
+Konstantinopel, König Hugo zu sen.</p>
+
+<p class="noind">(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.)
+Nachdichtung aus dem Altfranzösischen
+von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer
+Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten
+von Hans Pape. In alter Fraktur gedruckt
+in einmaliger Aufl. von 250 numerierten
+und vom Künstler signierten Expl., davon 50
+auf Bütten. Ausgabe A: Büttenausgabe in
+handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten
+in Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk.
+Ausgabe B: Handgearbeiteter Ganzpgtbd. (ohne
+Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts.</p>
+
+<p class="noind">Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen
+von Rudolf Großmann. Einmalige
+numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten
+mit der Hand als Halblederband gebunden 40
+Mk., als Pappband gebunden 18 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre
+der Reformation.</p>
+
+<p class="noind">Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt.
+Mit 8 Abbildungen. Halbleinen 4 Mk., geh.
+2 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Kant.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Bibliothek der Philosophen.</p>
+
+<p class="booktitle">Karlchen.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Ettlinger.</p>
+
+<p class="booktitle">Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied.</p>
+
+<p class="noind">Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski.
+Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Kataloge</p>
+
+<p class="booktitle">Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags
+Georg Müller. 1924/25.</p>
+
+<p class="noind">Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Katalog der Bücher des Verlags Georg
+Müller. 1923.</p>
+
+<p class="noind">Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius.
+0.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag.</p>
+
+<p class="noind">210 Seiten. 1918. 2 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Bücher des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit
+zahlreichen Abbildungen. 150 Seiten. 0.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Literaturbericht des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Das Reich des Eros.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller.</p>
+
+<p class="noind">16 Seiten. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Das Zeitalter Napoleons I.</p>
+
+<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos.</p>
+
+<p class="booktitle">Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen.</p>
+
+<p class="noind">Mit Abbildungen. Kostenlos.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kaus, Gina: Der Aufstieg.</p>
+
+<p class="noind">Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="h3">Gottfried Keller</p>
+
+<p class="booktitle">Sieben Legenden.</p>
+
+<p class="noind">Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt
+in 1200 Expl. Die Holzschnitte wurden von
+den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt.
+geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a.</p>
+
+<p class="noind">Halbleinen 2 Mk.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers.
+Diapsalmata.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher
+und unter Bibliothek der Philosophen.</p>
+
+<p class="h3">Eugen Kilian</p>
+
+<p class="booktitle">Goethes Egmont auf der Bühne.</p>
+
+<p class="noind">Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels.
+Ein Handbuch der Regie. Geh. 4.50 Mk.,
+Halbleinen 5.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Dramaturgische Blätter.</p>
+
+<p class="noind">Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen
+Dramaturgie, der Regiekunst und der
+Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Aus der Praxis der modernen Dramaturgie.</p>
+
+<p class="noind">Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze
+und Studien aus dem Gebiete der praktischen
+Dramaturgie, der Regiekunst und der Theatergeschichte.
+Geh. 3 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Goethes Faust auf der Bühne.</p>
+
+<p class="noind">Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung
+des Gedichtes. Geh. 1.50 Mk.</p>
+
+<p class="booktitle">Shakespeare: Antonius und Kleopatra.</p>
+
+<p class="noind">Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins
+Übersetzung für die deutsche Bühne bearbeitet.
+2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk.</p>
+
+<p class="center larger p2">*</p>
+
+<p class="booktitle">Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen.</p>
+
+<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p>
+
+<p class="h3">Friedrich M. Kircheisen</p>
+
+<p class="booktitle">Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit.</p>
+
+<p class="noind">1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797,
+3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799, 5. Bd.:
+1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen,
+Faksimiles, Karten und Plänen. Leder
+je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk.</p>
+
+<p class="noind">(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.)</p>
+
+<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das
+Zeitalter Napoleons I.«</p>
+
+<p class="booktitle">Napoleon im Lande der Pyramiden und
+seine Nachfolger 1798–1801.</p>
+
+<p class="noind">Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und
+Plänen. Geh. 7 Mk., Halbleder 20 Mk.</p>
+
+<p class="center s90 p2">Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe:</p>
+
+<p class="center large bold">Goethes Tagebuch der italienischen Reise</p>
+
+<p class="center s90">(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher)</p>
+
+<p class="center s80 p2">Druck von Mänicke &amp; Jahn A.-G., Rudolstadt</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter transnote" id="tnextra">
+
+<p class="h2">Weitere Anmerkung zur Transkription</p>
+
+<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie
+im Original beibehalten.
+Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
+<p>Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der Titelseite zusammengesetzt
+und ist gemeinfrei (Public Domain.</p>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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