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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 07:21:46 -0800 |
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Die Sonne stand schon ziemlich hoch +am reinen Himmel, auf den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den +eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und in dem noch feuchten +und lautlosen Walde stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied +an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge von oben bis unten mit +reifendem Roggen bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. Nach +diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, eine junge Frau in weißem +Mousselinkleide und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm in der Hand. +Ein kleiner, als Kosak gekleideter Dienstbursche folgte ihr in einiger +Entfernung. + +Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände sie Vergnügen an ihrem +Spaziergange. Rings umher auf dem langen und schwankenden Roggen zogen +in silbergraulichem und rötlichem Farbenspiele langgestreckte Wogen mit +sanftem Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. Die junge +Frau kam aus dem ihr gehörigen größeren Dorfe, das etwa eine Werst von +dem Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatte. +Sie hieß Alexandra Pawlowna Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich +begütert, und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten Bruder, Sergei +Pawlowitsch Wolinzow, einem Stab-Rittmeister außer Diensten, welcher +ihr Gut verwaltete. + +Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; sie blieb bei dem +äußersten, sehr alten und verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren +Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen und sich nach dem +Befinden der Eigentümerin zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt +von einem altersschwachen Bauer mit weißem Barte. + +»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte. + +»Kann ich hineingehen?« + +»Warum nicht.« + +Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es war eng darin, beklommen und +räucherig … Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. Alexandra +Pawlowna sah sich um und gewahrte in dem Halbdunkel den gelben und +runzeligen Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch umhüllte. Bis +unter den Hals mit einem dicken Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und +bewegte schwach ihre mageren Arme. + +Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran und berührte ihre Stirne +mit der Hand; sie war brennend heiß. + +»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte sie, sich über die Ofenbank +beugend. + +»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie Alexandra Pawlowna gewahr +worden war. »Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen ist +gekommen, mein Täubchen.« + +»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, Matrona. Hast du die +Arznei eingenommen, die ich dir geschickt habe?« + +Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. Sie hatte die Frage +nicht recht gehört. + +»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, der an der Türe +stehengeblieben war. + +Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm. + +»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie. + +»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber immer davon. Kann nicht +sitzen bleiben: ein wildes Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter +reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst zu alt: was kann ich +helfen?« + +»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus tragen?« + +»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, wo man stirbt. Sie hat ihre +Zeit abgelebt; es muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von der +Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins Krankenhaus! Hebt man sie nur +auf, so ist sie tot.« + +»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine schöne, gnädige Frau, meine +Kleine, die Waise, verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von +hier, du aber …« + +Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen. + +»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es soll alles geschehen. Ich +habe dir da Tee und Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, trinke … +Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« setzte sie, mit einem Blick auf +den Alten, hinzu. + +»Einen Samowar? Nein, einen Samowar haben wir nicht, man kann sich das +aber verschaffen.« + +»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, so schicke ich dir einen. +Und sage auch deiner Enkelin, sie solle nicht aus dem Hause laufen. +Sage ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.« + +Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den eingewickelten Tee und +Zucker mit beiden Händen entgegen. + +»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich komme wieder +zu dir, verliere den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich ein …« + +Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte sich gegen Alexandra +Pawlowna vor. + +»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie. + +Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, sie beugte sich über sie und +küßte sie auf die Stirne. + +»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum Alten, »die Arznei muß ihr +durchaus eingegeben werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee gebt +ihr zu trinken.« + +Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte sich nur. + +Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie wieder in die frische Luft +gekommen war. Sie schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits +nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke der Hütte herum auf einer +niedrigen Reitdroschke ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er +hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge an und trug eine Mütze +aus gleichem Stoffe. Als er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt +er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht war breit und +bleich, mit kleinen blaßgrauen Augen und hellblondem Schnurrbart; das +Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges. + +»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen Lächeln hervor, »was machen +Sie denn hier, wenn ich fragen darf?« + +»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo kommen Sie aber, Michael +Michailitsch?« + +Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, schaute ihr in die Augen und +lächelte wieder. + +»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, »eine Kranke zu besuchen; +wäre es aber nicht besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?« + +»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.« + +»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind Sie nicht Willens, es +eingehen zu lassen?« + +»Eingehen lassen? Weshalb?« + +»Nun, so.« + +»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen der in den Kopf gekommen?« + +»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, und stehen, wie +es scheint, unter ihrem Einflusse. Wie die nun sagt, sind ja +Krankenhäuser, Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. Die +Wohltätigkeit soll persönlich sein, ebenso die Bildung; das alles ist +Sache der Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie sich aus. Wem +sie das nachsingt, möchte ich aber wissen?« + +Alexandra Pawlowna lachte auf. + +»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich liebe und achte sie sehr; +sie kann ja aber auch irren und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.« + +»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte Michael Michailitsch, immer +noch auf der Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren eigenen +Worten keinen rechten Glauben. Es freut mich übrigens sehr, daß ich Sie +getroffen habe.« + +»Wieso?« + +»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer angenehm wäre, mit Ihnen +zusammenzukommen! Heute sind Sie ebenso frisch und freundlich, wie +dieser Morgen.« + +Alexandra Pawlowna lachte wieder. + +»Worüber lachen Sie denn?« + +»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, mit welcher apathischen, kalten +Miene Sie Ihr Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß Sie es ohne +Gähnen zu Ende gebracht haben.« + +»Mit kalter Miene … Sie wollen immer Feuer haben; Feuer taugt aber zu +nichts. Es lodert auf, qualmt und verlischt.« + +»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna hinzu. + +»Ja … und brennt auch.« + +»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist auch kein Übel! Immer noch +besser als …« + +»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch ebenso sprechen, wenn Sie +sich, auch nur einmal, tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach +sie ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den Zügeln auf sein +Pferd. »Leben Sie wohl!« + +»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief Alexandra Pawlowna, »wann +sehen wir Sie bei uns?« + +»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.« + +Und die Droschke rollte davon. + +Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch nach. Ein wahrer Mehlsack! +dachte sie. Zusammengebückt, staubbedeckt, mit der in den Nacken +geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche Büschel gelben Haares +hervorguckten, war er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich. + +Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf dem Wege nach Hause zurück. +Gesenkten Blickes schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes +in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und den Blick zu erheben … Ihr +entgegen ritt ihr Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, mittleren +Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem Röckchen, schmalem Halstüchelchen und +leichtem grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der Hand. Schon von +weitem lächelte er Alexandra Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah, +daß sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf irgend etwas acht zu +geben. Sie bemerkte ihn erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast +zärtlich sagte: + +»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten Morgen!« + +»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« antwortete sie. »Sie kommen +von Darja Michailowna?« + +»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht der junge Mann, »von Darja +Michailowna. Sie hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen +zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so wunderschön, es sind im ganzen +nur vier Werst bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu Hause. Ihr +Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka gegangen, er selbst war im +Begriff aufs Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, Ihnen +entgegen. Jawohl. Wie herrlich!« + +Der junge Mann sprach russisch, rein und grammatikalisch richtig, +jedoch mit einem fremden Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen +war. In seinen Gesichtszügen lag etwas Asiatisches. Die lange, gebogene +Nase, die großen, hervortretenden, starren Augen, die dicken roten +Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze Haar, – alles an ihm +bekundete die orientalische Abkunft. + +Sein Name war Pandalewski und als seine Heimat gab er Odessa an, +obgleich er irgendwo in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen und +reichen Witwe erzogen worden war. Eine andere Witwe hatte ihm eine +Anstellung ausgewirkt. Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise Frauen +reiferen Alters: er verstand es, von ihnen zu erlangen, was er wollte. + +Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei einer reichen +Gutsbesitzerin, Darja Michailowna Laßunski, als Pflegesohn oder +Kostgänger. Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll und im +geheimen sinnlich, hatte eine angenehme Stimme, spielte nicht schlecht +Klavier und pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken. +Seine Kleidung war sehr sauber und hielt bei ihm lange vor, sein +breites Kinn war sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt. + +Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis zu Ende an und wandte sich +darauf zu ihrem Bruder. + +»Heute begegne ich einem nach dem andern; soeben habe ich Leschnew +gesprochen.« + +»Ah! wirklich!« + +»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, in einem linnenen +Sackkittel, ganz von Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!« + +»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.« + +»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski verwundert. + +»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte Wolinzow. »Indessen, +lebe wohl, Schwester: ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir +Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich nach Hause begleiten.« + +Und Wolinzow trabte davon. + +»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin Diomiditsch und bot +Alexandra Pawlowna seinen Arm. + +Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen den Weg zum +herrschaftlichen Hause ein. + + * * * * * + +Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu wandeln, erfüllte, wie es schien, +Constantin Diomiditsch mit Glück und Stolz; er machte nur kurze +Schritte, lächelte mit Behagen, und seine morgenländischen Augen +wurden feucht, was übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete +ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne fallen zu lassen. Und wem +wäre es wohl nicht angenehm, ein hübsches, junges und schmuckes Weib am +Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna sagte das ganze Gouvernement, +sie sei reizend, und das Gouvernement täuschte sich nicht. Schon ihr +gerades, unmerklich aufgeworfenes Näschen konnte jeden Sterblichen um +den Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, braunen Augen, +das goldblondene Haar und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer +vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. Das Beste an ihr war +jedoch der Ausdruck ihres lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit, +Treuherzigkeit und Sanftmut rührte und zog es an. Alexandra Pawlowna +hatte den Blick und das Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes +fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr wünschen? + +»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, sagten Sie?« fragte sie +Pandalewski. + +»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte er, und er sprach +dabei den Buchstaben s, wie die Engländer das th aus, »sie wünschten +durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten sie heute zu Mittag +besuchen. Sie erwarteten einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von +einer dritten Person redete, gebrauchte in der Regel die Mehrzahl) »und +wünschten durchaus, daß Sie dessen Bekanntschaft machen.« + +»Wer ist das?« + +»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker aus Petersburg. Darja +Michailowna haben ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt +und sind des Lobes über ihn voll, als über einen liebenswürdigen +und gebildeten jungen Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch +mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was für ein reizender +Schmetterling! bitte, betrachten Sie … oder richtiger gesagt, mit +politischer Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr interessante +Frage geschrieben – und wünscht ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu +unterwerfen.« + +»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?« + +»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, in bezug auf den Stil. +Es ist Ihnen wohl, denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch +hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate gezogen und mein +Wohltäter, der in Odessa lebende, hochehrenwerte, großwürdige Roxolan +Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses Mannes ist Ihnen gewiß +bekannt?« + +»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie gehört.« + +»Haben von diesem Manne nichts gehört? Merkwürdig! Ich wollte sagen, +daß auch Roxolan Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung von den +Kenntnissen Darja Michailownas in der russischen Sprache gehabt hat.« + +»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, im Gegenteil, man +erkenne in ihm sogleich den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit +solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den alten Fürsten Entzücken +überkam … Das, muß ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das +schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses herrliche Feldblümchen +anbieten?« + +Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen und ließ es, einige Schritte +weiter, auf den Weg fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch etwa +zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor kurzem gebaut und weiß getüncht, +schaute es mit seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus dem +dichten Laube alter Linden und Ahornbäume hervor. + +»Was hätte ich also Darja Michailowna zu hinterbringen,« begann +Pandalewski von neuem, ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches +sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich zum Mittage hinbemühen? +Darja Michailowna lassen Ihren Bruder auch einladen.« + +»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. Was macht Natascha?« + +»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund … Doch wir sind an dem +Wege, welcher zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. Erlauben +Sie, daß ich Abschied nehme.« + +Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen also nicht bei uns +vorsprechen?« fragte sie zögernd. + +»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht befürchtete, zu spät +zu kommen. Darja Michailowna haben gewünscht, eine neue Etüde von +Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und einstudiert werden. Dann +aber, muß ich gestehen, bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen +irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.« + +»Doch nein … warum aber …« + +Pandalewski stieß einen Seufzer aus und senkte beredt den Blick. + +»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« sagte er nach einigem Schweigen, +verbeugte sich und trat einen Schritt zurück. + +Alexandra Pawlowna wandte sich um und ging nach Hause. + +Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg ein. Alles Süßliche +war sogleich von seinem Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender, +ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein Gang sogar war ein anderer +geworden; er schritt jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei +Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die Luft mit seinem Stöckchen +zerteilend, als plötzlich das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er +war hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches Bauernmädchen gewahr +geworden, das Kälber aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin +Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, dem Mädchen und +redete es an. Anfangs antwortete es nichts, wechselte die Farbe und +lachte vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem Ärmel, wandte +sich ab und sagte: + +»Geh doch, Herr, wahrhaftig …« + +Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem Finger und hieß sie ihm +Kornblumen holen. + +»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du etwa Kränze flechten?« +erwiderte das Mädchen, »nun, so geh doch, aber wirklich …« + +»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder Constantin Diomiditsch … + +»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das Mädchen, »sieh, da kommen +die jungen Herren.« + +Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, auf dem Wege daher +kamen Wanja und Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter ihnen +her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein junger Mann von zweiundzwanzig +Jahren, der eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow war ein +langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, großer Nase, starken Lippen +und kleinen Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich und +gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich das Haar wachsen, – nicht +um damit zu stolzieren, sondern aus Faulheit; – liebte zu essen und +zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und anregende Unterhaltung; +Pandalewski haßte er von ganzer Seele. + +Die Kinder der Darja Michailowna hatten Bassistow über alles lieb und +nicht die geringste Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen stand +er auf vertrautem Fuße, was der Dame des Hauses gerade nicht gefiel, +obwohl sie oft behauptete, von Vorurteilen frei zu sein. + +»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin Diomiditsch, »wie früh +ihr heute spazieren geht! Ich bin auch schon zeitig vom Hause +fortgegangen,« setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu; »meine +Leidenschaft ist’s, in der Natur zu schwelgen.« + +»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur schwelgen,« brummte +Bassistow. + +»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich in allem etwas … Ich kenne +Sie!« + +Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem ähnlichen Leuten redete, +so geriet er leicht in Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft +etwas pfeifend aus. + +»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen nach dem Wege erkundigt?« +sagte Bassistow, indem er den Blick bald rechts- bald linkshin +schweifen ließ. + +Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr ins Gesicht blickte, und das +war ihm äußerst peinlich. + +»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist und weiter nichts. Sie +wollen in allem durchaus nur die prosaische Seite sehen … + +»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, »ihr seht auf der Wiese den +Weidenbusch: wir wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin läuft … +eins! zwei! drei!« + +Und über Hals und Kopf rannten die Kinder zu der Weide. + +Bassistow stürzte ihnen nach … + +Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben wird er die Jungen … Ein +wahrer Bauernlümmel! + +Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes sauberes und nettes +Figürchen musternd, betupfte Constantin Diomiditsch zweimal mit +ausgespreizten Fingern die Ärmel seines Rockes, schob den Kragen +zurecht und ging seines Weges. Auf seinem Zimmer angelangt, zog er +einen abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter Miene +ans Klavier. + + + + +II + + +Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast für das erste im ganzen +Gouvernement. Massiv, steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke +des vergangenen Jahrhunderts erbaut, erhob es sich großartig auf dem +Gipfel eines Hügels, an dessen Fuße einer der bedeutendsten Ströme +des mittleren Rußlands vorüberfloß. Darja Michailowna selbst war eine +angenehme und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. Wenn auch +Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, sie kenne ganz Europa und Europa +kenne sie, – so kannte sie doch Europa wenig und spielte selbst in +Petersburg keine bedeutende Rolle; in Moskau dagegen kannten sie alle +und statteten ihr Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, und wurde +für eine etwas sonderbare, nicht sehr gute, aber außerordentlich kluge +Frau gehalten. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. Poeten +hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute sich in sie verliebt, hohe +Herren ihr den Hof gemacht. Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig +bis dreißig Jahre verstrichen, und von den früheren Reizen war keine +Spur zurückgeblieben. »Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie +zum ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, gelbliche, +spitznasige und noch nicht betagte Frau einst eine Schönheit gewesen +wäre? Ist sie es wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern +besungen wurde?« Und jedermann staunte innerlich über den Wechsel alles +Irdischen. Es ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas Augen +in wunderbarer Weise ihren alten Zauber behalten hatten; eben dieser +Pandalewski aber behauptete ja auch, daß ganz Europa sie kenne. + +Darja Michailowna kam jeden Sommer auf ihr Landgut mit ihren Kindern +(sie hatte deren drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und zwei +Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt offenes Haus, das heißt, +sie empfing bei sich Männer; besonders unverheiratete Edeldamen +aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür ließen ihr diese +Damen aber auch kein gutes Haar! Darja Michailowna war, nach deren +Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare Tyrannin, und was +die Hauptsache wäre, – sie erlaube sich solche Freiheiten in der +Unterhaltung, daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna liebte es +in der Tat nicht, sich auf dem Lande Zwang aufzulegen, und in der +freien Einfachheit ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung +einer großstädtischen Weltdame für die sie umgebenden, meistens +unbedeutenden Persönlichkeiten hindurch … Selbst mit ihren städtischen +Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja spöttisch um; doch fehlte +dabei die Schattierung von Verachtung. + +Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß Leute, die im Kreise ihrer +Untergebenen ungewöhnlich zerstreut zu sein pflegen, es niemals im +Umgange mit höher gestellten Personen sind? Woher mag das kommen? Doch +– wozu dergleichen Fragen! + +Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die Thalbergsche Etüde +einstudiert hatte, begab er sich aus seinem netten und freundlichen +Stübchen hinaus ins Empfangszimmer und fand dort die ganze Gesellschaft +des Hauses bereits versammelt. Der Salon war schon geöffnet. Auf einer +breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen und eine neue +französische Broschüre in der Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor +dem Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter Darja Michailownas, +von der anderen Mlle. Boncourt, die Gouvernante, eine alte, +vertrocknete Jungfer von sechzig Jahren mit einer schwarzen Haartour +unter der farbigen Haube und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei +der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen und las die Zeitung, +während neben ihm Petja und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an den +Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, stand ein Herr von mittlerem +Wuchse, mit unordentlichem, grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe und +kleinen, unruhigen, schwarzen Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit +Namen. + +Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. Auf alles und alle +erbittert – vorzüglich auf das weibliche Geschlecht, schalt er vom +Morgen bis zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen ziemlich flach, +immer jedoch mit Selbstbefriedigung. Er war reizbar wie ein Kind; sein +Lachen, der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien von Galle +getränkt. Darja Michailowna sah ihn gern bei sich: er ergötzte sie +mit seinen Ausfällen. Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es +war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte man zum Beispiel in +seiner Gegenwart von einem Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf +in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm durchbrochen, oder +daß ein Bauer sich mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal +fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie heißt _sie_?« nämlich +wie das Weib heiße, das an dem Unglück schuld sei, – denn seiner +Behauptung nach brauchte man nur tiefer auf den Grund zu gehen, um +zu finden, daß jegliches Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde. +Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm fast unbekannten Frau, +die in ihn drang, etwas zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, +aber mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, sie wolle seiner +schonen, er hätte nichts gegen sie verschuldet und werde sie künftig +nie mehr besuchen. Ein anderes Mal ging ein Pferd mit einer der +Waschfrauen Darja Michailownas einen Berg hinunter durch, warf in +einem Graben um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow nannte +später das Pferd nie anders als das wackere, wackere Rößchen, und der +Berg selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus malerische +Plätze. Pigassow hatte kein Glück im Leben gehabt – daher in der +Hauptsache sein wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern Kind; die +Beschäftigung seines Vaters war eine ziemlich untergeordnete gewesen, +er hatte kaum lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung +seines Sohnes gedacht; er hatte ihm Nahrung und Kleidung gegeben – +das war alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, sie starb aber +früh. Pigassow verdankte seine Bildung sich selbst; zuerst besuchte +er die Kreisschule, dann das Gymnasium, erlernte die französische, +deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, und nachdem er mit einem +vorzüglichen Zeugnisse das Gymnasium absolviert hatte, begab er sich +nach Dorpat, wo er unter fortwährendem Kampfe mit der Not, dennoch nach +drei Jahren richtig sein Triennium beendigte. Pigassows Fähigkeiten +waren keineswegs außergewöhnlicher Art; er zeichnete sich durch Geduld +und Beharrlichkeit aus, besonders stark war jedoch in ihm der Ehrgeiz, +das Verlangen nach guter Gesellschaft und die Sucht, anderen nicht +nachzustehen, dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig und hatte die +Dorpatsche Universität aus Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn +auf und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und Verschlagenheit. Er +hatte eine eigentümliche Art sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er +sich eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit zu eigen +gemacht. Seine Gedanken überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch +war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für einen klugen, sondern +sogar für einen geistreichen Menschen gelten konnte. Nachdem er den +Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich dem Gelehrtenstande +zu widmen, denn es war ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn +hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er war bemüht, sich +dieselben aus den höheren Ständen zu wählen und verstand es, sich +ihnen gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, wenn auch +immer mit Schelten. Doch da gebrach es ihm, um es einfach zu sagen, +am nötigen Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, wußte +Pigassow im Grunde zu wenig. Er fiel bei der Disputation schmählich +durch, während ein anderer Student, sein Stubengefährte, über den er +sich beständig lustig gemacht hatte, ein beschränkter Kopf, der jedoch +eine regelmäßige und gründliche Bildung genossen hatte, vollständigen +Triumph über ihn davontrug. Dieser Unfall erbitterte Pigassow aufs +äußerste: er warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und trat in +den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht schlecht damit: als Beamter +war er zu allem gut, zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über die +Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; er wollte nur zu rasch +emporkommen – verwickelte sich, strauchelte und war gezwungen, seinen +Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb er auf seinem wohlerworbenen +Gütchen sitzen und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete +Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner freien und spöttischen +Manieren gefangen hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener +und das Familienleben drückte ihn … Nachdem seine Frau einige Jahre +mit ihm gelebt hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und verkaufte +einem gewandten Abenteurer ihr Gut, in welchem Pigassow eben erst ein +Wirtschaftsgebäude hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten Schlag +bis ins Innerste erschüttert, fing er einen Prozeß gegen seine Frau +an, den er jedoch verlor … So lebte er nun seine Tage allein, besuchte +seine Nachbarn, die er selbst in deren Gegenwart aufzog und die ihn +mit einem gewissen gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, doch +flößte er ihnen keine besondere Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in +die Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine Bauern litten nicht Not. + + * * * * * + +»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, als Pandalewski ins +Gastzimmer trat. »Kommt Alexandrine?« + +»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen und werden sich ein +besonderes Vergnügen daraus machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch, +sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, und mit dem dicken, aber +weißen Händchen, dessen Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich +das vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd. + +»Und Wolinzow kommt auch?« + +»Wird auch kommen.« + +»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,« fuhr Darja Michailowna zu +Pigassow gewendet fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?« + +Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer Seite hin, und er zuckte +konvulsivisch mit dem Ellenbogen. + +»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton, – er sprach im heftigsten +Anfall von Erbitterung langsam und deutlich, »ich sage, daß die jungen +Mädchen im ganzen genommen – von den anwesenden, versteht sich’s, rede +ich nicht …« + +»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im Sinne zu haben,« unterbrach +ihn Darja Michailowna. + +»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte Pigassow. »Alle jungen +Mädchen im allgemeinen sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke +ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein junges Mädchen, erfreut oder +betäubt sie etwas, das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper +eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow seiner Gestalt eine +angemessene Wendung und streckte die Arme voneinander) und dann erst +kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder Schluchzen aus. Einmal +übrigens,« und dabei lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei +einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin gebracht, einen wahren, +ungeheuchelten Gefühlsausdruck zu erzwingen.« + +»Auf welche Weise?« + +Pigassows Augen funkelten. + +»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle einen Stoß in die Seite. +Wie sie aufschrie! Bravo! bravo! rief ich. Das war die Stimme der +Natur, das war ein natürlicher Schrei. So müssen Sie es künftig halten.« + +Alle im Zimmer lachten auf. + +»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da, Afrikan Semenitsch!« rief Darja +Michailowna. »Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten ein +Mädchen mit einem Pfahle in die Seite gestoßen!« + +»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit einem ungeheuren, wie jene, +die bei der Verteidigung von Festungen gebraucht werden.« + +»~Mais c’est une horreur ce que vous dites là, monsieur~,« rief mit +Entsetzen Mlle. Boncourt, und warf einen strengen Blick auf die +lachenden Kinder. + +»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja Michailowna, »kennen Sie ihn +denn nicht?« + +Die entrüstete Französin konnte sich aber lange nicht beruhigen und +fuhr fort, vor sich hinzubrummen. + +»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr mit gelassener Stimme Pigassow +fort, »ich beteuere aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt habe. Wer +könnte es denn besser wissen als ich? Dann werden Sie es wohl auch +nicht glauben, daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst erzählt +hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s erzählt, daß sie ihren +eigenen Neffen umgebracht hat?« + +»Wieder eine schöne Erfindung!« + +»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie selbst. Vergessen Sie nicht, +ich will sie nicht verleumden, ich habe sie sogar lieb, das heißt, so +lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen Hause bei ihr kein Buch +aufzutreiben, den Kalender ausgenommen, und lesen kann sie nicht anders +als laut – diese Anstrengung treibt ihr den Schweiß auf die Stirn und +sie klagt dann, daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten … Mit +einem Wort, eine vortreffliche Frau, und ihre Dienstmädchen sind gut +genährt. Warum sollte ich sie also verleumden?« + +»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser Afrikan Semenitsch hat +sein Steckenpferd bestiegen – vor dem Abend steigt er nicht wieder +herunter.« + +»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben deren drei und kommen niemals von +denselben herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.« + +»Welches sind denn diese drei?« + +»Sticheln, Anspielen, Anklagen.« + +»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna, »Sie müssen gewiß +nicht ohne Grund so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß Sie +durchaus irgendeine …« + +»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach sie Pigassow. + +Darja Michailowna wurde etwas verwirrt; es fiel ihr die unglückliche +Ehe Pigassows ein … und sie nickte bloß mit dem Kopfe. + +»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,« erwiderte Pigassow, +»obgleich es eine gute, sehr gute Frau war …« + +»Wer war denn das?« + +»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut hervor. + +»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl kränken?« + +»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.« + +Darja Michailowna zog die Brauen zusammen. + +»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung nimmt eine trübe Wendung +… Constantin, spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg vor … +Vielleicht werden die Töne der Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat +es doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.« + +Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier und trug die Etüde zu +voller Befriedigung vor. Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu, +fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort. + +»~Merci c’est charmant~,« äußerte Darja Michailowna, »ich liebe +den Thalberg. ~Il est si distingué.~ Worüber sinnen Sie, Afrikan +Semenitsch?« + +»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es gibt drei Sorten von +Egoisten: solche, welche selbst leben und andere leben lassen; +Egoisten, welche selbst leben und andere nicht leben lassen, und +endlich solche, welche weder selbst leben, noch andere leben lassen … +Die Weiber gehören größtenteils zu der dritten Gattung.« + +»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert, Afrikan Semenitsch, das ist +die Zuversicht in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie niemals +irren.« + +»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch der Mann kann sich irren! +Aber, wissen Sie, worin der Unterschied besteht zwischen unserem Irren +und dem eines Weibes? Sie wissen es nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein +Mann zum Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht vier, sondern +fünf oder dreiundeinhalb; ein Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht +– ein Stearinlicht.« + +»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört … Erlauben Sie mir aber +die Frage, in welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei Gattungen +Egoisten zu der Musik, die wir soeben gehört haben?« + +»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf die Musik gehört.« + +»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich, ich ziehe +mich zurück,« erwiderte Darja Michailowna, einen Vers aus Gribojedow +variierend. »Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik Sie nicht +anspricht? Literatur etwa?« + +»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der Gegenwart.« + +»Weshalb?« + +»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei einer Überfahrt über die Oka +traf ich mit einem Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen +Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände hinaufgeschleppt +werden. Jener Herr hatte eine außerordentlich schwere Kalesche. Während +die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen des Fuhrwerks abarbeiteten, +stand der Herr auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich Mitleid +mit ihm haben konnte … Da haben wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung +des Systems der geteilten Arbeit! So ist es auch mit der Literatur der +Gegenwart: Andere ziehen und verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.« + +Darja Michailowna lächelte. + +»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens der Gegenwart,« fuhr der +unerbittliche Pigassow fort, »tiefe Sympathie für die sozialen Fragen +und wer weiß wie noch … Ach, über diese hochtönenden Worte!« + +»Die Frauen aber, die Sie so angreifen, sie wenigstens gebrauchen keine +hochtönenden Worte.« + +Pigassow zuckte die Achseln. + +»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf – nicht verstehen.« + +Darja Michailowna errötete leicht. + +»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!« bemerkte sie mit +erzwungenem Lächeln. + +Alle im Zimmer wurden still. + +»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal einer der Knaben Bassistow. + +»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,« nahm Pigassow das Wort, »im +Herzen des Schopflandes[1].« (Er war froh, der Unterhaltung eine andere +Wendung geben zu können.) »Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort, +»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne weiteres kleinrussischer +Dichter werden.« + +»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!« erwiderte Darja +Michailowna, »kennen Sie denn die kleinrussische Sprache?« + +»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht nötig.« + +»Wieso nicht nötig?« + +»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen Papier und schreibe oben +darauf: ›Duma‹[2]; dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und jeden +Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische Interjektionen wie: +graje, graje, woropaje, hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu, +und das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die Druckerei und gebe +es heraus. Der Kleinrusse wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen +lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das ist nun einmal so eine +gefühlvolle Seele!« + +»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen Sie da? Da hört aber +alles auf. Ich habe in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne +die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein vollständiger Unsinn.« + +»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch Tränen dabei vergießen. Sie +sagen die Sprache … Gibt es aber denn eine kleinrussische Sprache? Ich +bat einmal einen Kleinrussen, mir irgendeine Phrase zu übersetzen, +und wie glauben Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte fast +genau die von mir vorgesprochenen Worte, nur daß er durchgängig i in +ü verwandelte. Ist das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache? Eine +selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das zugebe, lasse ich meinen +besten Freund in einem Mörser zerstoßen …« + +Bassistow wollte ihm etwas entgegnen. + +»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna, »Sie wissen ja, daß man von +ihm außer Paradoxen nichts zu hören bekommt.« + +Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien und meldete die Ankunft +Alexandra Pawlownas und ihres Bruders. + +Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste zu empfangen. + +»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend, »wie schön von +Ihnen, daß Sie gekommen sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!« + +Wolinzow drückte Darja Michailowna die Hand und trat auf Natalia zu. + +»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter, wird er heute kommen?« fragte +Pigassow. + +»Ja, er wird kommen.« + +»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft mit Hegel um sich.« + +Darja Michailowna antwortete nichts, ließ Alexandra Pawlowna auf der +Couchette Platz nehmen und setzte sich selbst neben sie. + +»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der höhere Gesichtspunkt! Sind +sie mir zum Ekel geworden, diese höheren Gesichtspunkte! Und was kann +man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft jemand ein Pferd, so wird er +nicht erst einen Turm besteigen, um es zu beschauen!« + +»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz bringen?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna mit übertriebener +Gleichgültigkeit, »über die Beziehungen des Handels zu der Industrie +in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir werden das jetzt nicht +lesen … Ich habe Sie nicht deshalb eingeladen. ~Le baron est aussi +aimable que savant.~ Und spricht sehr gut russisch! ~C’est un vrai +torrent … il vous entraine.~« + +»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow, »daß er verdient hat, +französisch gelobt zu werden.« + +»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch, brummen Sie nur immer zu … das +paßt sehr gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum kommt er aber nicht? +Wissen Sie aber, ~messieurs et mesdames~,« setzte Darja Michailowna, +sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir wollen in den Garten gehen. Bis +zum Essen ist es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …« + +Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab sich in den Garten. + +Der Garten Darja Michailownas reichte bis an den Fluß. Es waren in +demselben viele dunkle und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in +smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus Akazien und Fliederbäumen +ausliefen. + +Wolinzow in Begleitung von Natalia und Mlle. Boncourt hatten sich in +das Dickicht des Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia her und +schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger Entfernung. + +»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?« fragte endlich Wolinzow +und streichelte dabei die Spitze seines schönen, dunkelblonden +Schnurrbartes. + +Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch zeigten seine Gesichtszüge +weniger Beweglichkeit und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft, +hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck. + +»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe das Schelten Pigassows mit +angehört, habe am Stickrahmen genäht und habe gelesen.« + +»Und was haben Sie gelesen?« + +»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge gelesen,« brachte Natalia mit +einigem Stocken hervor. + +Wolinzow blickte sie an. + +»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant sein.« + +Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in der Luft. Sie gingen noch +etwa zwanzig Schritte weiter. + +»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft Ihre Mama gemacht +hat?« fragte dann wieder Wolinzow. + +»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen; Mama lobt ihn sehr.« + +»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke hin.« + +»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich fühlt,« bemerkte Natalia. + +»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken. Es ist schon fast +ganz zugeritten. Es soll mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich +es bringen.« + +»~Merci~ … Es macht mich aber wirklich verlegen. Sie reiten es selbst +zu … das soll ja sehr angreifend sein.« + +»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten, Sie wissen es, Natalia +Alexejewna, bin ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …« + +Wolinzow stockte. + +Natalia blickte ihn freundlich an und sagte nochmals: ~merci~. + +»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach längerem Schweigen fort, »es +gibt nichts … Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.« + +In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im Hause. + +»Ah! ~La cloche du dîner!~« rief Mlle. Boncourt, »~rentrons~.« + +~Quel dommage~, dachte bei sich die alte Französin, als sie hinter +Natalia und Wolinzow die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, ~quel dommage +que ce charmant garçon ait si peu de ressources dans la conversation~ +… was man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz nett, mein Lieber, +aber etwas beschränkt. + +Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man wartete eine halbe Stunde auf +ihn. Bei Tische wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts +gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend Natalia an, neben welcher +er saß, und schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski bemühte +sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra Pawlowna, zu unterhalten: +er zerfloß in Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete, das +Gähnen zu unterdrücken. + +Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an nichts; selbst Pigassow +war verstummt, und als Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute +nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch: »Wann bin ich denn +liebenswürdig? Es ist nicht meine Art …« Und setzte mit bitterem +Lächeln hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur Kwas, ordinärer +russischer Kwas; wenn aber Ihr Kammerjunker …« + +»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow wird eifersüchtig, zum +voraus eifersüchtig!« + +Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern schaute finster vor +sich hin. + +Es schlug sieben Uhr und alle versammelten sich wieder im Gastzimmer. + +»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte Darja Michailowna … Doch +plötzlich ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer +Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen Minuten erschien ein Diener +im Gastzimmer und reichte Darja Michailowna einen Brief auf einem +kleinen silbernen Präsentierteller. Sie durchlief denselben bis zum +Ende und fragte dann, zum Diener gewendet: + +»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht hat?« + +»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen Sie, ihn herein zu nötigen?« + +»Bitte ihn her.« + +Der Diener verschwand. + +»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,« fuhr Darja Michailowna +fort, »der Baron hat die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg +zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch einen Herrn Rudin, +seinen Freund. Der Baron wollte mir denselben vorstellen – er sagt von +ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich hatte darauf gerechnet, +der Baron werde hier einige Zeit zubringen …« + +»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der Diener. + + + + +III + + +Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig Jahren, hohem Wuchse, etwas +gebückter Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, mit +unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und klugen Zügen, feuchtem Glanze +in den lebhaften, dunkelblauen Augen, gerader und breiter Nase und +anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug war nicht neu und eng, als wäre +er demselben entwachsen. + +Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, entbot ihr einen kurzen Gruß, +sagte, daß ihn schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu werden, +verlangt habe und daß sein Freund, der Baron, es sehr bedauere, nicht +persönlich Abschied von ihr habe nehmen zu können. + +Die feine Stimme Rudins entsprach weder seinem hohen Wuchse noch seiner +breiten Brust. + +»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie kennenzulernen,« sagte Darja +Michailowna, und nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt +hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder angereist sei? + +»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« erwiderte Rudin, +den Hut auf den Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin in +Geschäften hergekommen und habe meinen Wohnsitz fürs erste in Ihrer +Kreisstadt genommen.« + +»Bei wem?« + +»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund von mir.« + +»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, wie man sagt, seine Sache +verstehen. Und der Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?« + +»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau und habe jetzt ungefähr +eine Woche bei ihm zugebracht.« + +»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!« + +»Gewiß.« + +Darja Michailowna führte die mit Kölnischem Wasser getränkte Ecke ihres +Taschentuches an die Nase. + +»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« fragte sie. + +»Wer? Ich?« + +»Ja. Sie!« + +»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.« + +Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde die Unterhaltung wieder +allgemein. + +»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, sich zu Rudin wendend: »Sie +kennen gewiß den Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt +hat?« + +»Ich kenne ihn.« + +»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des Handels … oder, besser +gesagt – der Industrie zum Handel in unserem Vaterlande … So, dünkt +mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu sagen, Darja Michailowna?« + +»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte Darja Michailowna, die Hand +an die Stirn führend. + +»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche Dinge,« fuhr Pigassow +fort, »muß jedoch gestehen, daß mir allein schon der Titel des +Aufsatzes sehr … wie sag’ ich das gelinder … sehr dunkel und konfus +vorkommt.« + +»Woher scheint Ihnen das?« + +Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick auf Darja Michailowna. + +»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte er, sein Fuchsgesicht +wieder zu Rudin wendend. + +»Mir? Ja gewiß.« + +»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.« + +»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra Pawlowna Darja Michailowna. + +»Nein, es ist nichts … ~C’est nerveux.~« + +»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, mit etwas näselnder Stimme, +wieder ein: »Ihr Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, glaube ich, +heißt er?« + +»Ganz recht.« + +»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell mit politischer +Ökonomie, oder widmet er dieser anziehenden Wissenschaft nur so +nebenbei die Mußestunden, welche er nach den weltlichen Vergnügungen +und Dienstobliegenheiten erübrigen kann?« + +Rudin blickte Pigassow scharf an. + +»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« erwiderte er mit leichtem +Erröten, »es ist aber viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.« + +»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, da mir der Aufsatz +unbekannt ist … Ich erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der Baron +Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze mehr von allgemeinen Theorien +als von Tatsachen aus?« + +»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, die sich auf Tatsachen +stützen.« + +»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden erlauben … ich darf wohl +gelegentlich mein Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat +zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen Theorien, Hypothesen, +Systeme … nehmen Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme kein +Blatt vor den Mund … taugen alle zu nichts. Das ist alles nur Klügelei +– um die Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, weiter fordern +wir nichts von euch.« + +»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn der Fakten muß doch +gedeutet werden!« + +»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich +sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das +stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von +seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, +daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!« + +Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf. + +»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine +Überzeugungen.« + +»Nein – es gibt keine.« + +»Das ist Ihre Überzeugung?« + +»Ja.« + +»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine +ausgesprochen.« + +Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu. + +»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder … + +Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo, +geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus +Rudins Händen. + +»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig +Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit +Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man, +widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.« + +»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach. +Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht +an Überzeugungen.« + +»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!« + +»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.« + +»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll. +Indessen …« + +»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins +Gespräch. + +»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin. + +»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie +verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an +nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?« + +»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder +weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach +eigener Empfindung.« + +»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß +die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie +Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?« + +Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf +Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder. + +»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist +sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.« + +»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider +sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist +tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …« + +»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von +Unverschämtheit. + +Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen +Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu +verstummen. + +»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich +wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, +wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …« + +»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow. + +»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer +sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze +des Lebens …« + +»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …« + +»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der +Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich +zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch +entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen, +die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie +zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus +partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft +des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …« + +»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme +Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern +in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.« + +»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der +Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für +sich ein System vorstellt, eine Theorie …« + +»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich +mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig, +diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich +für diese Ihre Bildung hingeben!« + +»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte +Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und +weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il +faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß +ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch. + +»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen +fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung +nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack. +Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie +an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich +hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf +Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind, +weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die +Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch +den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen +aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben, +es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm +nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch +Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …« + +»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow. + +»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem +Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben, +etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.« + +»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen. + +»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit +unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole +es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen +Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben +von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie +kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …« + +»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und +trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken. + +Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte. + +»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien +Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem +Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?« + +»Nikolai!« + +»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat +niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren +… Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher +zu uns und lassen Sie uns plaudern.« + +Rudin rückte seinen Sessel näher. + +»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr +Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch +gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~« + +Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin. + +Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin +und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, +er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch +häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war +angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit +seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke, +wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später +vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn +geschlossen. + +Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin +sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große +Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen +zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig +von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein +so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen +können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen, +er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf +ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt +führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten +Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra +Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin +gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war +es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde +neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich +könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen +waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem +fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit +geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört, +wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr +Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde +dunkler und glänzender zugleich … + +»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu. + +»Ja, sie sind schön.« + +»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.« + +Natalia antwortete nichts. + +Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ +sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund +auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er +hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow +ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum +schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen +Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort +abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich. + +»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf +Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend +greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.« + +Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um +zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein +gelbes Gesicht wurde noch gelber. + +»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer +Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze +Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.« + +»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben +einflößen?« fragte Rudin. + +Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht. + +»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem +Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir +selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger +als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!« + +»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin. +»Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung +gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen +trachten.« + +»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele +ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch – +sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er +mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.« + +»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner +Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …« + +»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding +verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was +ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?« + +»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung +machen,« warf Darja Michailowna ein. + +Pigassow zuckte die Achseln. + +»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen +selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber +– nein, bewahre! Dies ist sie.« + +»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme +zu erheben. + +»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was +Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der +Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert +nicht.« + +»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu +sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es +denn, auf der Welt zu leben?« + +»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow, +»ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne +Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so +vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die +Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht +daraus machen!« + +»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders +wenn es in Verleumdung ausartet.« + +»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu +hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich +mürrisch zurück. + +Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr +verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute, +daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball +aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat +nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu +bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem +Wohle aller zum Opfer bringe … + +»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der +selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren +Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung, +ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren +Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu +verschaffen, sich frei auszusprechen.« + +»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow +an Bassistow. + +Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte. + +»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor. + +»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich +sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden +selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im +Whist gleich.« + +»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu +spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte +Pigassow den Rücken. + +Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem +Gesichte zeigte sich Verwirrung. + +Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls. + +»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender +Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?« + +»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier, +Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.« + +Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne. + +»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich +nicht besser als Sie.« + +»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin. + +»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort. +»Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri +Nikolaitsch?« + +Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über +das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann. + +Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei +den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. +Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf +Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet. + +Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein +aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten, +einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft +schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne +verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus +und – wandte sich um. + +»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen +erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere +Zusammenkünfte, unsere Serenaden …« + +»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna. + +»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in +Berlin.« + +»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man, +eine eigentümliche Kleidung tragen.« + +»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen +Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen +bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie +jedermann.« + +»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra +Pawlowna. + +Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen +Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht, +Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner +Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der +Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem +Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er +ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. +Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese +Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz. + +Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau +auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet +kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht +selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern +Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte +nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen, +und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten +Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten +Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte. +Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich +alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der +Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht +recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen, +ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg +ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor … + +Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser +Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster +stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert +durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger +Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener +Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie … +der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den +Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm +selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des +Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht. + +»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine +Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen +Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal +kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt +zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der +Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel +fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des +Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das +Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹ +… In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große +geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum +Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im +Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …« + +Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln +der Verwirrung. + +»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna. + +Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen. +Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den +Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen +Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu +bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!« + +Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit +nicht bemerkt. + +Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf +trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über +Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in +der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins +ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, +daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht +ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken +besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und +der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch +schwermütiger geworden. + +Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine +seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr +gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem +Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze +Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des +Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde +nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt, +aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht +einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das +Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige +schwere Seufzer hoben ihren Busen. + + + + +IV + + +Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei +ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins +Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete +ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht +habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob +Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder +ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm +bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja +Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand, +und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über +seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja +Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin +aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar +schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein +vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la +madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf, +ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren +Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war. +Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem +Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets +im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin +umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten, +hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen +berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas +zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren +Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr +bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von +ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung, +wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze, +immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten +Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna. + + * * * * * + +Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder +unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen +Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu +halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder, +den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner +Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem +Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von +jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt +sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten +seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner +ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik. + + * * * * * + +Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer +Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte +mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche +Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand +sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht +unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte. + +Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das +Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin +und verstummte. + +»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb +Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die +ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen +und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die +Schönheiten der Natur haben.« + +Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an. + +»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich; +wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s +nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier +als der Geistreichste.« + +»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin. + +»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er +heitert zuweilen auf.« + +»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg. +Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es +liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen +Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für +einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden +viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen, +Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals +falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn +Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend +und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er +stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den +wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens +– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste +und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen, +schelten darf nur, wer liebt.« + +»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie +verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens +würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt +er ja doch ausschließlich seine eigene Person.« + +»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu +dürfen,« fiel Rudin ein. + +Darja Michailowna lachte. + +»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! – +A propos – was halten Sie von dem Baron?« + +»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und +erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber +Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – +Nichts … Es ist aber schade um ihn!« + +»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe +seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~« + +»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen +Rudin. + +Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer +Zigarette. + +»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die +Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. +Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait +honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle. +Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar +unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder +menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den +Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen +Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen +schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn +und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr +wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein +liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es +durchaus werden.« + +»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin. + +»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist +verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich +würde mich nur in solche Weiber verlieben.« + +»Wirklich?« + +»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische +läßt sich nicht künstlich nachahmen.« + +»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der +Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast +greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte +die Nase … + +»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin +nicht gleichgültig wäre?« fragte er. + +»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus +dieser Gegend.« + +Rudin erstaunte und erhob den Kopf. + +»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?« + +»Ja. Sie kennen ihn also?« + +Rudin schwieg. + +»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich, +wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles +zupfte. + +»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer +Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch +gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe +ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen +doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?« + +Rudin nickte mit dem Kopfe. + +»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den +fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen, +dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht +schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis +durch die Luft beschrieb. + +»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich, +»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen +Sinn absprechen.« + +Darja Michailowna lächelte. + +»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch +erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm +über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir +eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer +Sonderling.« + +Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der +Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in +schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein. + +»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten +Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à +Canning~?« + +»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann, +»befehlen Sie zu empfangen?« + +»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte +ihn her!« + +Der Haushofmeister ging hinaus. + +»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten +Stunde; er unterbricht unser Gespräch.« + +Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber +zurück. + +»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart +besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie +das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~. +Bleiben Sie?« + +Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb. + +Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett. +Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen +dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an +den Teetisch heran. + +»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur +Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie +sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin +deutend. + +Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar. + +»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung. + +»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin +halblaut und schlug den Blick zu Boden. + +»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew +kalt. + +Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat +Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich. + +»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die +Vermessung?« + +»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen +gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht +verwandt miteinander.« + +»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft, +so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig +zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.« + +»Das wußte ich.« + +»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft +mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.« + +»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob +die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?« + +»So ist es.« + +»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist +lobenswert.« + +Leschnew schwieg einen Augenblick. + +»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,« +sagte er. + +Darja Michailowna lächelte. + +»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem +Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.« + +»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch. + +»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?« + +»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.« + +»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen, +Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie +an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem +so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus +vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_ +Ihnen nicht?« + +»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir +auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen +gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen +gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren +Kreis.« + +»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael +Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.« + +»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna! +Nicht darauf kommt es an …« + +»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat +man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?« + +»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb +glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?« + +Darja Michailowna biß sich in die Lippen. + +»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich +mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.« + +»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich +dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.« + +Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes +Schweigen trat ein. + +»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere +Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß +er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?« + +»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig +sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.« + +»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.« + +Darja Michailowna zuckte die Achseln. + +»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte +sie. + +»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch +bald nach Hause.« + +Darja Michailowna erhob sich. + +»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich +darf Sie nicht aufhalten.« + +Leschnew verabschiedete sich. + +»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.« + +»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging +hinaus. + +»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl +von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber +doch alles!« + +»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem +Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, +dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht +und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in +ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der +Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den +Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht +unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht +vorhanden!« + +»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der +Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.« + +»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte +eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt, +geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener +Mißverständnisse …« + +»Haben Sie sich entzweit?« + +»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer +getrennt.« + +»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie +mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für +den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm +verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum +Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein +Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est +mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen +denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz +entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie +bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft +verschafft hat!« + +Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst, +führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf +die Terrasse, wo er Natalia traf. + + + + +V + + +Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten +Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, +mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt. +Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich +etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat +ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen +hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit, +fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft +geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die +Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer +Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen +und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft … +~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr +vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den +Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht +zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern. +Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie +selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich, +wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes, +vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de +fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten. +»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht +wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna +täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter. + +Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr. + +»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna +zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen +Kopf für dich.« + +Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte +ich nicht meinen Kopf für mich haben? + +Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle. +Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu +gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte +aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr +schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie; +doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische +Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen. +Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen +System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein +französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen +natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane +las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders +streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere +historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die +ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten +Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den +Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon, +den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren +Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin +auswendig. + +Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf. + +»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie. + +»Ja. Wir gehen in den Garten.« + +»Darf ich mich Ihnen anschließen?« + +Natalia sah Mlle. Boncourt an. + +»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte +Jungfer. + +Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen. + +Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben +Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete +an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr +das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne +Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so +oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz. + +»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit +einem Seitenblick streifend. + +»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh, +daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.« + +»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es +begreiflich: Sie sind jung.« + +Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine +Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam. + +»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist +– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.« + +Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden. + +»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,« +fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle +unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie +auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu. + +Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.« + +»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch +nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt +uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt +Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch +Poesie.« + +»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So. +Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich +ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd +in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?« + +Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und +ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange +auf dem Lande zu bleiben beabsichtige. + +»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin, +wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet, +und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu +ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.« + +Natalia sah ihn erstaunt an. + +»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie +schüchtern. + +Rudin wandte sein Gesicht ihr zu. + +»Was wollen Sie damit sagen?« + +»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere +sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen +sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …« + +»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin. +»Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über +sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die +feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte – +ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich +wohl lautere, mitfühlende Seelen? …« + +Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte +so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich +stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte, +Hoffnung sprühende Reden gehört habe? + +»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne, +»Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna, +danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr +dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir +meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent, +wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte +nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem +Gerede vergeuden …« + + * * * * * + +Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön, +begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über +die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst +Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus +auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht +mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der +Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der +nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die +entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die +nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß +seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet, +ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!« + +Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres +vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische +verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der +Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art +Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine +Schicklichkeitsforderungen gestellt werden. + +Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend, +machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, +um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum +Frühstück habe einfinden wollen. + +»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen, +die zum Hause führten, hinzu. + +Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung. + +Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon +von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia +wendend, fragte er: + +»Ah! Sie gehen spazieren?« + +»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause +zurückzukehren.« + +»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.« + +Und alle machten sich nach dem Hause auf. + +»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders +teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr +freundlich gegen ihn gewesen. + +»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht +heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich +herkam?« + +»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen +lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …« + +Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem +Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna. + + * * * * * + +Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow +jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend +Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute +vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald +in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow +verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde +etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden. +Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach +beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von +jemand Abschied genommen zu haben. + +Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber +noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem +ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne – +doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte +auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete +nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt +haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für +eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias +Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher … + +War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm +fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht +war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er +litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte. + +Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr. + +»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.« + +»War Rudin da?« + +»Er war da.« + +Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich. + +Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm. + +»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da« +– sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin +ungewöhnlich klug und beredt ist.« + +Wolinzow brummte etwas in den Bart. + +»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle +nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht +gefällt.« + +»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow. + +»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist +ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn +verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –, +jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da – +und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für +sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht +gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.« + +»Warum warst du denn aber bei ihr?« + +»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich +ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen +das!« + +»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer +Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können. +Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein +vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …« + +»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu. + +»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der +Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna +gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« +setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie +erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.« + +»Aus Rudins Jugendjahren?« + +»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange +mit ihm bekannt.« + +Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. + +»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen +seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen +Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter +allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie +lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn +aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten +eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war, +auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte +… schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich +befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm +bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen +ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …« + +Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna +folgte ihm mit den Blicken. + +»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst +selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb +auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem +Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in +T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau +und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja +liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4] +werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig +fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre +Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich +mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer +russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch +hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange +schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein, +entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu +jener Zeit. Das ist alles.« + +Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie +erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder. + +»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra +Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig, +Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was +Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und +dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt! +Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu +alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten +Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen, +wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch +Verleumdung in ihrer Art!« + +Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. + +»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen, +Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein +Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in +dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht +verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit +verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.« + +»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft +mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre +schließliche Meinung über ihn sagen wollen.« + +»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?« + +Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem +Schlafe gerüttelt. + +»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute +Kopfweh.« + +»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna. + +»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer. + +Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen +Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr +war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging. + + + + +VI + + +Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin +fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht +mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu +erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen +wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab +ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert +von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend +seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen +Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand. + +»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu +sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den +Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann +wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang. +Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum +Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als +befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich +selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab – +nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen! +Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte, +jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung +gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine +gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof. +Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser +nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder +nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und +seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich +Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte +er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow +versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte +heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll +entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte +sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu +bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander +freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten … + +Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden +und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn +wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt +sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in +ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr +… Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und +ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen +Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals +in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew +seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht +seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr +unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber +hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich +den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die +Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine +einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle +unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach +seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der +Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte +er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung, +Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt; +hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und +schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war +entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung +folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen, +einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes. +– »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und +schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig. + +Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und +lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher +zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger +Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch +daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses +nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm. +Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen. +Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist +nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich +das alles anders einrichten. + +Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen +schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte +sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile +ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs +erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es +aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für +wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin +im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer +Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder +Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr +zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht +gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen, +und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und +deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene +höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem +aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das +Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik +wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele +über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen +erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken +der Entzückung … + + * * * * * + +»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie +vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl +nach Petersburg fahren?« + +»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er +herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu +auftreibe, fahre ich hin.« + +Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über +müßig gewesen. + +»Wie sollten Sie die nicht finden?« + +Rudin schüttelte den Kopf. + +»Ihnen deucht es so!« + +Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie. + +Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne. + +»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster, +»sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle +seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …« + +»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia. + +»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen +nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.« + +»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …« + +Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot. + +»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch +hinzu. + +»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen +– Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte +Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz +zustellen.« + +»Und werden ihn drucken lassen?« + +»Nein.« + +»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?« + +»Nun, wenn es für Sie wäre?« + +Natalia senkte den Blick. + +»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.« + +»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden +Bassistow, der in einiger Entfernung saß. + +»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin. +»Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den +Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir +bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe +klargemacht.« + +Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe +war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die +Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört; +nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen +zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen. + +»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe +– das ist die unglückliche Liebe.« + +»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der +Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen +… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt, +wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich +plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange, +wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus, +wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft +ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine +bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich +zu lieben?« + +Rudin wurde nachdenkend. + +»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?« +fragte er plötzlich. + +Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren +Stickrahmen. + +»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise. + +»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend +Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen +Adels …« + +Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen, +französischen Augen. + +Rudin ging einige Male durchs Zimmer. + +»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch +auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein +starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits +hervorzubrechen beginnt?« + +»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.« + +»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken +Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur +eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.« + +Natalia erwiderte nichts. + +»Was soll das bedeuten?« dachte sie. + +Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich. + +Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken +auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte +Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen +aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte +nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen, +doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen +Quelle. + + * * * * * + +An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen +Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch +Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm +herauszubringen. + +»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen +nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; +jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine +Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er +Ihnen nicht gefällt.« + +»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie +wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht +böse werden …« + +»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.« + +»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.« + +»Gut, gut; fangen Sie an.« + +»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den +Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein +kluger Mensch …« + +»Das ist nicht zu leugnen!« + +»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …« + +»Das ist leicht gesagt!« + +»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber +weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm +sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge, +nicht sehr kenntnisreich …« + +Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen. + +»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus. + +»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben +Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle +spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist +es aber, daß er kalt ist wie Eis.« + +»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna. + +»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist +das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein +gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht +sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere +dagegen setzen ihre Seele ein …« + +»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra +Pawlowna. + +»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist +ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von +seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er +ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und +dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter +ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine +Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.« + +»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich, +ob man sich zur Schau stellt oder nicht …« + +»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es +kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein, +ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner – +und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?« + +»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra +Pawlowna. + +»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große +Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben +und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte +Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde +richten.« + +»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?« + +Leschnew zögerte. + +»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.« + +Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber +gleich darauf. + +»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer +haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas +daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …« + +»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich; +dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder +überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt +zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer +Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese +Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften +dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der +Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist +kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen +Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches, +leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen! +Übrigens ist auch dies in der Ordnung.« + +»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?« + +»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für +eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des +Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien +und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?« + +Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an. + +»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das +Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein, +wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …« + +»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein +Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht +irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und +nicht anders geredet hat.« + +Alexandra Pawlowna wurde böse. + +»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser +zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, +wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu +glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten. +Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art +Tartüffe.« + +»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der +wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines +Verstandes …« + +Leschnew hielt inne. + +»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger +Mensch!« + +Leschnew erhob sich. + +»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht +ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich +habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich +dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe +lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen +gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß +ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu +Ende anzuhören?« + +»Reden Sie, reden Sie!« + +»Wohlan denn!« + +Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit +zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn. + +»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht, +daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre +keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im +Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein +ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten +und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen +das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale +Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich +hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige +Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war +verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung +eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich +lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu +beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange +ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich +ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich +zu sich.« + +»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon +tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit +wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name +mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu +sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir +nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines, +niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens. +Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben +durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen +Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen +eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des +Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle +lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie +angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm +wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem +Fürstensöhnchen getrennt.« + +»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle +zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und +unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in +meinen Ohren nach, und dabei + + ›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute + Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹ + +wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet +unseres Kreises ausgedrückt hat.« + +»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna. + +»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin +war schon damals zwanzigmal beredter als er.« + +Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander. + +»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich +mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr +Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski, +in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin +entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte +meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er +stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und +sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern +und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien +voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und +beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde: +dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere +zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und +Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist +wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an +ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen +sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem +ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte +nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und +wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein +ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung +auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch +falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter +Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß +Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche +nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu +hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus +notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien +im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin +auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen +soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische +Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem, +was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die +Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen +Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten +eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben +– und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, +Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte, +vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute, +vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser +Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine +Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt +disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten +wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt +zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang +sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes +vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem +ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt, +geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war +Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig: +aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam +eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte +Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer +heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns +belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem +berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?« + +»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum +glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht +lächerlich.« + +»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew +fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich +wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski +stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen; +Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen +zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser, +krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin +nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels +hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab +es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft +war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles +zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein +politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt +habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen +Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig +Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.« + +»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja +nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!« + +»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis +Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte +mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht, +wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn +ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel +Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von +fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es +wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback +dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere +Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, +das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft +der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von +einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit +untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine +Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön, +das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden +Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit +und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche, +Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines +beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines +überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders +feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes +unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge +horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt +in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen, +und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei +uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit +gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in +Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar +den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt +und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich +kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist +es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht, +welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie +oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen! +Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es +bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das +in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und +finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch +öffnet …« + +Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet. + +»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte +Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick. + +»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als +ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau +hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen +bösen Streich.« + +»Was war denn das?« + +»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu +meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu +verlieben.« + +»Sie?« + +»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun, +ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum +sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem +wunderbarere Geschichte erzählen.« + +»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich +neugierig.« + +»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht +mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit +einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und +schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze +Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob +wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war +ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine +Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des +›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst +vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes +Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern +Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich +machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …« + +»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes, +allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und +hellklingender Stimme.« + +»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra +Pawlowna. + +»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun, +dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich +nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses +junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee +das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten +hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon +in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr +aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind, +können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich +stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß +es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der +erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff. +Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse +Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner +Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte +mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große +Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr +… Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten +auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine +merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und +lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger +aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer +Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte +mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von +Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft +des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es +selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.« + +»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn +Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie +können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe +es getroffen!« + +»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im +Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn +mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, +obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank +dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin +wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner +unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl +wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die +Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, +unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch, +ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und +Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in +einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre +aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet +haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber +immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen +können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art – +mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom +Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die +Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige +Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen, +und das hat er auch getan.« + +»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus. + +»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das +Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals +im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in +demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte +sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung – +Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn +ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er +es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen +aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.« + +»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra +Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen +heraufziehend. + +»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes, +ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie +weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein +gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat +wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen +braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …« + +»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf +Alexandra Pawlowna ein. + +»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind, +als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die +Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in +der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm +zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin +erschien mir in seinem wahren Lichte.« + +»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?« + +»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von +ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen, +daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue, +weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna +betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf +Ihren Bruder achtgeben.« + +»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?« + +»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?« + +Alexandra Pawlowna senkte den Kopf. + +»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne +ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …« + +»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß +kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein +solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in +Erstaunen setzen.« + +»Wodurch meinen Sie?« + +»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu +stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht +nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und +auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!« + +»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem +solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan +erscheinen.« + +»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon +besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.« + +»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!« + +»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …« + +Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew +und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen. +Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns +und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines +»melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen +gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch +schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von +ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden +unter seinen Füßen. + + + + +VII + + +Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager. +Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich +insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet +vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht +zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die +kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte +fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses +oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken +hingegeben. + +Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte, +daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich +wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen +gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem +sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen +günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es +war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von +kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig +am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den +Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große, +glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem +Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras, +noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig +die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die +Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust, +dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln +des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie +Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden +Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber, +ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das +Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist +es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor … + +Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in +den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und +beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles +Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft … + +Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von +Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden +emporgeschossen, Rudin erschien. + +Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht. + +»Sie sind allein?« fragte er. + +»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für +eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.« + +»Ich werde Sie begleiten.« + +Und er ging an ihrer Seite hin. + +»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen. + +»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind, +wie mir deucht, nicht aufgelegt.« + +»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen +als Ihnen.« + +»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu +sein?« + +»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.« + +Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter. + +»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie. + +»Was wünschen Sie?« + +»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es +war … von der Eiche.« + +»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?« + +Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin. + +»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?« + +Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen. + +»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und +bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte, +er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte. +»Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner +Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar +nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in +demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets +für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig: +Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus +machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und +wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der +Freuden und Leiden viel erfahren …« + +Rudin hielt einen Augenblick inne. + +»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in +gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch +wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist +für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und +heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln +zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt +erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen +sprechen.« + +»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie +erwarten nichts mehr vom Leben?« + +»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der +Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse +entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben +nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die +Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert; +ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen +Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist +das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte +ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den +Schultern zu behalten!« + +»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt, +darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht +imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil, +es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute, +jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich +selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib +ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es +auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.« + +Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor +ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so +lange und feurige Rede vernommen haben. + +»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen +gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß, +meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte … +doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie +stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen, +macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie +wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an +einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht +unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig +gewesen?« + +Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und +sie tat dasselbe. + +»Sind Sie mir böse?« fragte er. + +»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …« + +»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr +Geheimnis ist mir bekannt.« + +Fast erschrocken blickte Natalia ihn an. + +»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und ich muß Ihnen sagen – eine +bessere Wahl konnten Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher +Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das Leben hat ihn noch nicht +abgenutzt – seine Seele ist einfach und klar … er wird Sie glücklich +machen.« + +»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?« + +»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich spreche? Natürlich von +Wolinzow. Wie? Sollte ich mich geirrt haben?« + +Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie war ganz außer Fassung. + +»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! Er hat nur Augen für Sie +und folgt jeder Ihrer Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe +verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht selbst gut? Soviel ich +bemerken konnte, gefällt er auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …« + +»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, in ihrer Verwirrung die +Hand nach einem nahestehenden Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist +mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; ich versichere Ihnen +aber, Sie irren sich.« + +»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich glaube es nicht … Ich habe +zwar erst vor kurzem Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber bereits +gut. Was bedeutet denn die Veränderung, die ich an Ihnen wahrnehme, +deutlich wahrnehme! Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie vor +sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia Alexejewna, Ihr Herz ist +nicht ruhig.« + +»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, »Sie sind aber dennoch im +Irrtum.« + +»Inwiefern?« fragte Rudin. + +»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« sagte Natalia und eilte +raschen Schrittes dem Hause zu. + +Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich in ihr vorgegangen war. + +Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf. + +»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese Unterredung darf kein +solches Ende nehmen: sie ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll +ich Sie verstehen?« + +»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia. + +»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!« + +Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er war bleich geworden. + +»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« sagte Natalia, riß +ihre Hand aus der seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen. + +»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach. + +Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen. + +»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen Gleichnisse hätte sagen +wollen. So hören Sie es, ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von +mir, von meiner Vergangenheit – und von Ihnen.« + +»Wie? Von mir?« + +»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen … +Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich +in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht +gewagt haben …« + +Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu. + +Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit +Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war, +nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken +an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja +Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein +paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia +aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt, +war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia +in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß. +Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit +den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte, +ohne selbst zu wissen, wohin und warum. + +Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die +Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend. + +Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide. + +Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein +bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen +lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit +schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein +Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten +sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete, +vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt +werden! + +Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia +war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen +nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang +sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich, +daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war +der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu +beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz- +und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze +Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden +Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen +das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er +mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber +Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.« + +»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der +Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren +selbst gestutzt.« + +»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens +bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue +dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die +Ohrengeschichte!« + +»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem +Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet +von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus +als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!« + +Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und +verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen +nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts. + +Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte +vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten +Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen +Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte … + +Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von +Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr: + +»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt? +Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …« + +Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor +dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege +er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu: + +»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen +… wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt +gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,« +dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen +Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse +einzufinden, ich werde Sie erwarten …« + +Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz +überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte +er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel +seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten +angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim +Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm, +wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen +anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker +gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte. + +»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp +Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt. + +»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den +Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja +Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe +auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und +eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen« +genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was +Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen +zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige +Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage +nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen, +Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im +Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe +das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in +Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte +Pigassow recht. + +Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen, +erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im +Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der +Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch +das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen +entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren, +tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere +Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder- +und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als +lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie +rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten, +länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es, +als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll +in dieser Stille verhallte. + +Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster +Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem +an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und +Natalia trat in die Laube. + +Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie +Eis. + +»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte +Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen +sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, +mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.« + +Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen. + +»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen, +so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia +Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?« + +Natalia konnte kaum atmen. + +»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor. + +»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?« + +»Ich glaube … ja …« sagte sie leise. + +Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und wollte sie an sich +ziehen … + +Natalia blickte sich rasch um. + +»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, mir deucht, es belauscht uns +jemand … Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow ahnt etwas.« + +»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm heute nicht einmal geantwortet +… Ach, Natalia Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns nichts +mehr trennen!« + +Natalia blickte ihm in die Augen. + +»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, daß ich zurückkehre.« + +»Einen Augenblick,« bat Rudin. + +»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …« + +»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?« + +»Nein; ich habe keine Zeit mehr …« + +»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch einmal …« + +»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte Natalia. + +»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich auf der Welt! +Zweifeln Sie etwa?« + +Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr bleiches, edles, junges, +aufgeregtes Gesicht – in dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim +schwachen Lichte des nächtlichen Himmels. + +»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die Ihre.« + +»O Gott!« rief Rudin aus. + +Natalia aber machte sich los und ging fort. Rudin blieb einige Zeit +stehen, und verließ dann langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell +sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen Lippen. + +»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich bin glücklich,« +wiederholte er, als suchte er sich selbst dazu zu überreden. + +Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar zurecht und vertiefte +sich in den Garten, lustig die Arme schwenkend. + +Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube die Zweige behutsam +voneinandergebogen und es zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte +er sich um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, sagte +mit bezeichnendem Tone: »So stehen die Sachen! Davon muß man Darja +Michailowna in Kenntnis setzen,« und verschwand. + + + + +VIII + + +Als Wolinzow nach Hause gekommen war, war er niedergeschlagen und +finster, gab so ungern der Schwester Antwort und verschloß sich so bald +in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß, einen reitenden Boten zu +Leschnew zu schicken. In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm +ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde am folgenden Tage +kommen. + +Wolinzow war auch am folgenden Morgen nicht heiterer gestimmt. Nach dem +Tee dachte er seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte +sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch in die Hand, was bei ihm +nicht oft der Fall war. Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur, +und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich wie ein Gedicht,« +pflegte er zu sagen, und zur Bekräftigung seiner Worte folgende Strophe +des Dichters Aibulat anzuführen: + + Und bis zum Ende meiner trüben Tage + Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand + Des Lebens blutige Vergißmeinnichte + Entwenden mir mit rauher Hand! + +Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder besorgt an, belästigte ihn +jedoch nicht mit Fragen. Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott sei +Dank, Leschnew … Der Diener trat ein und meldete Rudin. + +Wolinzow warf das Buch auf den Boden und hob den Kopf in die Höhe. + +»Wer ist gekommen?« fragte er. + +»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der Diener. + +Wolinzow erhob sich. + +»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber, Schwester,« setzte er hinzu, +sich zu Alexandra Pawlowna wendend: »laß uns allein.« + +»Weshalb aber?« wandte sie ein. + +»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »ich bitte dich.« + +Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn kalt, in der Mitte des Zimmers +stehend, und reichte ihm nicht die Hand. + +»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin an, »gestehen Sie es,« und +stellte seinen Hut auf das Fensterbrett. + +Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen. Ihm war nicht behaglich +zumute; doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen. + +»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte Wolinzow, »nach dem +gestrigen Tage hätte ich eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen +erwarten können.« + +»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,« äußerte Rudin, sich setzend, »und +Ihre Offenherzigkeit freut mich sehr. So ist es viel besser. Ich bin +selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem Manne von Ehre.« + +»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte Wolinzow. + +»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich gekommen bin.« + +»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten Sie nicht zu mir kommen +können? Und dann erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male die +Ehre Ihres Besuches.« + +»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von Ehre zu einem Manne von +Ehre,« wiederholte Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen +Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen volles Vertrauen …« + +»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, immer noch in derselben +Stellung, mit finsteren Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die +Spitzen seines Schnurrbartes drehend. + +»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären hergekommen, das kann man +aber nicht mit ein paar Worten abmachen.« + +»Warum nicht?« + +»Es ist noch eine dritte Person dabei im Spiel …« + +»Eine dritte Person? und welche?« + +»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.« + +»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus nicht.« + +»Sie wünschen …« + +»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife reden!« unterbrach ihn Wolinzow. + +Er wurde im Ernste böse. + +Rudin zog die Brauen zusammen. + +»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß Ihnen sagen – übrigens kommen +Sie gewiß selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig die Achseln) +– ich muß Ihnen sagen, daß ich Natalia Alexejewna liebe und mit Grund +vermuten darf, daß auch sie mich liebt.« + +Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch nichts; er trat ans Fenster +und wandte Rudin den Rücken. + +»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin fort: »wenn ich nicht +überzeugt wäre …« + +»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: »ich zweifle durchaus +nicht … Nun, dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was zum Teufel Sie +bewogen hat, mit dieser Nachricht zu mir zu kommen … Was habe ich damit +zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, wer Sie liebt? Das +ist mir unbegreiflich …« + +Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. Seine Stimme tönte hohl. + +Rudin erhob sich. + +»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen +habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht +zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor +Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin +ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor +Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt … +Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich +bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch +so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich +gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen +auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei +Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.« + +Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich +zu beherrschen. + +»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich +fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen, +daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen, +Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen. +Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen +gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur +Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in +Ihren Händen …« + +Wolinzow lachte gezwungen auf. + +»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich, +wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen +zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über +Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer +anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der +Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?« + +Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen. + +»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht +unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.« + +»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und +begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser, +ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung +für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen +Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?« + +»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich +nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie +mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine +Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, +daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir +die Hand reichen …« + +Und Rudin näherte sich Wolinzow. + +»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, indem er sich zu Rudin +wandte und einen Schritt zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten +volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles sehr schön, +sogar erhaben, wir sind aber schlichte Leute, an Marzipan nicht +gewöhnt, wir sind nicht imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie +des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig erscheint, dünkt uns +zudringlich und unbescheiden … Was Ihnen einfach und klar vorkommt, ist +für uns verwickelt und dunkel … Sie prahlen mit dem, was wir heimlich +halten: wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen Sie mir: weder +als meinen Freund kann ich Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen +… Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst klein.« + +Rudin ergriff seinen Hut. + +»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er betrübt, »meine +Erwartungen haben mich getäuscht. Mein Besuch war in der Tat etwas +ungewöhnlich, ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow machte eine +ungeduldige Bewegung) … Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon +reden. Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht haben und +nicht anders handeln konnten. Leben Sie wohl, und erlauben Sie mir +wenigstens, daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die Lauterkeit +meiner Absichten beteuere … Von Ihrer Verschwiegenheit bin ich +überzeugt …« + +»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow zitternd vor Zorn, »ich +habe mich Ihrem Vertrauen in keiner Weise aufgedrängt; und Sie haben +darum durchaus kein Anrecht auf meine Verschwiegenheit!« + +Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch bloß die Arme +auseinander, verneigte sich und verließ das Gemach, Wolinzow aber warf +sich auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die Wand. + +»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür Alexandra Pawlownas Stimme +vernehmen. + +Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und fuhr mit der Hand hastig über +das Gesicht. »Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter Stimme: +»warte noch etwas.« + +Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra Pawlowna von neuem der +Tür. + +»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte sie, »willst du ihn sehen?« + +»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« Leschnew trat herein. + +»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich auf einen Sessel neben +dem Diwan nieder. + +Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den Arm, blickte seinem +Freunde lange, lange ins Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort +für Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin hatte er nie vor +Leschnew seiner Gefühle für Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten +konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren. + +»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« sagte Leschnew, als +Wolinzow seine Erzählung beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten +seinerseits war ich gefaßt; dies aber … Übrigens erkenne ich ihn auch +hierin wieder.« + +»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das ist ja geradezu eine +Frechheit! Fast hätte ich ihn zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor +mir prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? Und zu welchem Ende? +Wie kann man zu einem Menschen gehen …« + +Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schwieg. + +»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte Leschnew gelassen. »Du +wirst mir’s nicht glauben, ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter +Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das hat so einen Anstrich von +Edelsinn und Offenherzigkeit, und bietet einen Vorwand zum Reden, +der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das eben brauchen wir ja, +ohne dergleichen könnten wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine +Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat ihm aber auch recht brav +gedient!« + +»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Feierlichkeit er +hereintrat und seine Rede vorbrachte!« + +»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen Rock zu, so tut er’s, als +erfüllte er eine heilige Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte +Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, wie er da wohl +schalten und walten würde. Und der faselt dabei immer von Einfachheit!« + +»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels willen, soll das etwa +Philosophie sein?« fragte Wolinzow. + +»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du hast recht – ist es in der +Tat Philosophie – von der anderen ist es durchaus keine. Man darf doch +nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last legen!« + +Wolinzow blickte ihn an. + +»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst du?« + +»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, weißt du – wir +haben genug von ihm gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen +anzünden, lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna herbitten … Wenn sie +dabei ist, spricht sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie +wird uns Tee machen.« + +»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, komm herein!« rief er. + +Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte ihre Hand und drückte sie fest +an seine Lippen. + + * * * * * + +Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen Stimmung nach Hause +zurück. Er war ärgerlich auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über +seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes Betragen. An +ihm bewährte sich: daß es nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein, +eine Torheit begangen zu haben. + +Reue marterte Rudin. + +»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, »mir den Gedanken eingeben +mußte, zu diesem Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! Habe mir +nichts als Grobheiten geholt! …« + +In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor. +Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien +auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die +einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia +auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als +sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig +an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als +wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen +wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen. +Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow, +unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen, +lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener +Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar +Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas +zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und +meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war +sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden. + +Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen +von der Seite betrachtend. + +Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht, +im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen +finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er +blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er +Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte +er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias +Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr, +nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere +Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten +Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein +Entschluß muß gefaßt werden … + +~P. S.~ Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich +Sie wissen lassen …« + +Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum, +steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder, +konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf +war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte. + + + + +IX + + +Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft +bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig +Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er +so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den +einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte +man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein +Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei +riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen +und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes +Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am +Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher +wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen; +vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme +umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die +ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet; +wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht, +erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten, +längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue +Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das +niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären +es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen +schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten +betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am +Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen +einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe +Werst entfernt lag. + +Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich +kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte, +weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und +Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit +dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und +ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen +Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber +nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und +war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so +mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen +um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als +er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, +der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer +sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch +nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin, +der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu +sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er +sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace +zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem +armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit +heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt +sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch. + +Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld, +auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte. + +»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte +Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu +halten. + +Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, ohne sich umzusehen. + +»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« rief Mascha zu wiederholten +Malen. »Selbst das ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause +gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht ist … Ein Glück, +daß es nicht weit ist … Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie +hinzu, als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins gewahr wurde, der +malerisch auf dem Damme stand, »doch, warum steht denn der Herr so +hoch, – besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.« + +Natalia blieb stehen. + +»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte sie und schritt zu dem +Teich hinab. + +Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert stehen. Einen solchen +Ausdruck hatte er noch nicht auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen +waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, der Blick war +fest, ja fast strenge. + +»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben keine Zeit zu verlieren. +Ich bin auf fünf Minuten hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß Mama +alles weiß. Herr Pandalewski hat uns vorgestern belauscht und ihr von +unserer Zusammenkunft erzählt. Er war immer Mamas Spion. Gestern rief +sie mich zu sich …« + +»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! … Was hat Ihre Mama +gesagt?« + +»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht gescholten, nur Vorwürfe +machte sie mir über meinen Leichtsinn.« + +»Weiter nichts?« + +»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher mit dem Gedanken +vertragen, daß ich stürbe, als daß ich Ihre Frau würde.« + +»Hat sie das wirklich gesagt?« + +»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs willens wären, +mich zu heiraten, daß Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten, +was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens wäre sie selbst +daran schuld: warum habe sie es erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen +zusammenkomme … sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr erstaunt über +mein unüberlegtes Betragen … Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was +sie mir sonst noch sagte.« + +Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast lautloser Stimme. + +»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben Sie ihr geantwortet?« fragte +Rudin. + +»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte Natalia. »… Was +beabsichtigen _Sie_ jetzt zu tun?« + +»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, »das ist hart! So rasch! … ein +so unerwarteter Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?« + +»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.« + +»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?« + +»Keine.« + +»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche Pandalewski! … Sie +fragen mich, Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf geht mir +in der Runde – ich kann keinen Gedanken fassen … Ich fühle nur mein +Unglück … ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig sind! …« + +»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete Natalia. + +Rudin begann wieder auf dem Damme auf und ab zu gehen. Natalia verlor +ihn nicht aus den Augen. + +»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« fragte er dann. + +»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.« + +»Nun … und Sie sagten?« + +Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.« + +Rudin ergriff ihre Hand. + +»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, das Herz eines Mädchens ist +wie lauteres Gold! Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in bezug +auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung so entschieden geäußert?« + +»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist überzeugt, daß Sie +selbst nicht daran denken, mich zu heiraten.« + +»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch habe ich das verdient?« + +Und Rudin faßte sich am Kopfe. + +»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir verlieren unnütz die Zeit. +Denken Sie daran, ich sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht +um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, ich weine nicht – ich +kam, um mir Rat zu holen.« + +»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?« + +»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war gewohnt, Ihnen zu vertrauen, +ich werde Ihnen vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches sind +Ihre Absichten?« + +»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich ihr Haus verschließen.« + +»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie mir, sie werde die +Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen müssen … Sie antworten aber nicht auf +meine Frage.« + +»Auf welche Frage?« + +»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?« + +»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, »uns darein ergeben.« + +»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt und ihre Lippen wurden +bleich. + +»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu +machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das +ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich +kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die +gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen? +… Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht +bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich +geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.« + +Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in +Tränen aus. Rudin trat an sie heran. + +»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um +Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.« + +Natalia erhob den Kopf. + +»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen +glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben … +Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht +habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr +erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat +Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …« + +Ihre Stimme war gebrochen. + +»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme +meine Worte nicht zurück … nur …« + +»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner +Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber +tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab +ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein +wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt: +Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir +getrieben …« + +»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin. + +Sie hörte aber nicht auf ihn. + +»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder +glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen, +davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.« + +»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir +wollen zusammen erwägen, welche Mittel …« + +»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn, +»wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich +liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die +Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich +wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch +vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt +Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.« + +Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias +hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein +Stachel für seine Eigenliebe. + +»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können +nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie +werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden +begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie +Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe +ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender, +wollte ich zu meinem Vorteile …« + +»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie +recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich +Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie +Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen +sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu +allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken +und mich zu verabschieden.« + +»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe +nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie +sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen. +Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen +selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher +oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch +bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …« + +Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet … +Es ging nicht – er mußte schweigen. + +»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind, +Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind +nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese +Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb +hierhergekommen …« + +»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …« + +»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies +nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie +lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.« + +»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus. + +Natalia richtete sich auf. + +»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor, +Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige +Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für +mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten +Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht +vergessen … Leben Sie wohl …« + +»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?« + +Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende +Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben. + +»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen … +Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine +Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe +nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken +Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was? +Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß +ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen? +›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies +war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin? +Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem +Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …« + +Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer +Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen. + +»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach. +Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause. +Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle +überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in +Maschas Arme. + +Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er +sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben +weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von +einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein +außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; +sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte … +Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und +mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war +ich im Vergleiche zu ihr! + +Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang Rudin, die Augen zu +erheben. Ihm entgegen kam, auf seinem bekannten Traber, Leschnew +gefahren. Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen Gruß, lenkte dann, +wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging +rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas weiter. + +Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, folgte ihm mit dem Blick, +wandte nach kurzem Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu +Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn noch +schlafend, ließ ihn nicht wecken, setzte sich in Erwartung des Tees auf +den Balkon und zündete sich die Pfeife an. + + + + +X + + +Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager und als er hörte, daß +Leschnew bei ihm auf dem Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ +ihn zu sich bitten. + +»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du wolltest ja nach Hause +fahren.« + +»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet … Spaziert allein auf +dem Felde und das Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach und +kehrte um.« + +»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?« + +»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich weiß selbst nicht, weshalb +ich zurückgekommen bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: ich +empfand das Verlangen, noch etwas bei dir zu sitzen, nach Hause komme +ich noch früh genug.« + +Wolinzow lächelte bitter. + +»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, ohne zu gleicher Zeit +auch an mich zu denken … He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe uns +Tee.« + +Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew begann von +Landwirtschaft zu sprechen, von einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe +zu decken … + +Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel auf und schlug so heftig +auf den Tisch, daß Tassen und Untertassen erklirrten. + +»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, es länger zu ertragen! +Ich werde diesen Schöngeist fordern und mag er mich zusammenschießen, +oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte Stirn jagen!« + +»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt Leschnew, »wie kann man so +schreien! Ich habe dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was ist dir?« + +»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht gleichgültig anhören kann: +alles Blut steigt mir zu Kopfe.« + +»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn nicht!« erwiderte +Leschnew, die Pfeife vom Boden aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – Hol +ihn der Teufel!« + +»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, indem er im Zimmer +umherging … »ja! er hat mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im +ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er hatte mich stutzig +gemacht; und wer konnte es auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, +daß ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, diesen verdammten +Philosophen, wie ein Feldhuhn über den Haufen schießen.« + +»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! Von deiner Schwester gar nicht +zu reden. Eine bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir die +Oberhand … wie solltest du an deine Schwester denken! Aber in betreff +einer anderen Person, glaubst du, du werdest besser reüssieren, wenn +du den ›Philosophen‹ tötest?« + +Wolinzow warf sich in einen Sessel. + +»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur fort von hier! Der Gram +preßt mir hier das Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.« + +»Du willst fort … das ist eine andere Sache! Damit bin ich ganz +einverstanden. Und weißt du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen +zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach Kleinrußland und uns an +Mehlklößen gütlich tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!« + +»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?« + +»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna nicht mit uns reisen? Bei +Gott, das wäre herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! Es +soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es wünscht, werde ich ihr jeden +Abend unter ihrem Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute +will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, die Wege mit Blumen +schmücken. Na, Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren sein; +wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos hingeben und solche Wänste mit +nach Hause bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird anhaben können!« + +»Du treibst immer Scherz, Mischa!« + +»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter Einfall von dir.« + +»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, »schlagen, schlagen will ich mich +mit ihm! …« + +»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute ganz von Sinnen!« + +Der Diener trat mit einem Briefe in der Hand herein. + +»Von wem?« fragte Leschnew. + +»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. Der Diener aus dem +Laßunskischen Hause hat ihn gebracht.« + +»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?« + +»An Sie.« + +»An mich … gib her.« + +Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew +beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges +Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme +sinken. + +»Was gibt’s?« fragte Leschnew. + +»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief. + +Leschnew begann wie folgt zu lesen: + + »Mein Herr Sergei Pawlowitsch! + +Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es +wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann +Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich +dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie +lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen. +Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. +Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz, +einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete +seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich +entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen +Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. +In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann +dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den +Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe +mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch +nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich +reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen, +daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der +Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie +mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal +wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig +achtende + + D. R. + +~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich +Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement, +angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein +von diesem Briefe nicht zu reden. + +~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich +abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines +Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …« + +»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief +beendigt hatte. + +»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun +kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger +als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun! +Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen +Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus +Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn +dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, +mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu. + +»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir +getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis +erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!« + +Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar. +Wolinzow erhob sich. + +»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was +dies alles bedeutet …« + +»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du +wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du +mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich +ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt! +Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …« + +»Woraus schließt du das?« + +»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig, +ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft +leisten.« + +»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will +lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines +Mantels zurecht zupfend. + +»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …« + +Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra +Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn +freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt +ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins +beunruhigte sie. + +»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?« + +»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.« + +Alexandra Pawlowna schwieg. + +»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit +Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …« + +»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um +Abschied zu nehmen.« + +Alexandra Pawlowna erhob den Kopf. + +»Wie – um Abschied zu nehmen?« + +»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.« + +»Verläßt sie?« + +»Für immer; so sagt er wenigstens.« + +»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …« + +»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist +aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu +stark gespannt, und sie ist – gerissen.« + +»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts; +Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …« + +»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies +seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte +aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise +verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten +Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen +begonnen hatten.« + +»Was ist das für ein Unternehmen?« + +»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur +Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es, +speziell für Sie Sorge zu tragen …« + +»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken, +auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich +vermutlich Hungers sterben.« + +»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie +glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie +aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf +den Knien zu liegen?« + +»Das möchte ich wahrhaftig sehen!« + +Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne, +Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.« + +Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot. + +»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt +hervor. + +»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und +tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen +und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend +zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn +Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen +Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …« + +Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch +hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die +Gartentür gestützt, ins Weite hinaus. + +»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des +Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.« + +Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem +großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu +Alexandra Pawlowna. + + + + +XI + + +Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause +zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und +zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits +kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange +gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und +nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine +geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte, +steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige +Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster +und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern … +Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen, +erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener +und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar +sei. + +Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte +ihn. + +Rudin begab sich zu ihr. + +Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher. +Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, +sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr. + +Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte +sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die +lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch +jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes +vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß +Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von +ihrem Vorhaben unterrichtet sei. + +Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte +sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch +unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter +Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!! + +»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn +daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn +zu werden?« + +»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski +eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu +kennen, das wundert mich!« + +Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu +leiden. + +Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin +von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie +ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter +Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich +Wasser plötzlich in festes Eis. + +»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre +Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten +von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.« + +Darja Michailowna blickte Rudin scharf an. + +Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er +überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die +klugen Köpfe! + +»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da +zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen +auch bald von hier fort.« + +»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach +Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben, +werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu +machen.« + +Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch +hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt +in diesem Tone aus? + +»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?« +fragte er mit gewohnter Ziererei. + +»Ja,« erwiderte Rudin trocken. + +»Mißernte vielleicht?« + +»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr +Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause +verbracht habe.« + +»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen +unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?« + +»Heute nach Tische.« + +»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens, +wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie +uns vielleicht hier noch treffen.« + +»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend. +»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich +meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …« + +»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja +Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der +Zeit?« fragte sie. + +Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene, +emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen, +steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt. + +»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er. + +»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf +Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!« + +Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein +eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen +miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten +Phrasen … + +Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie +Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite +werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen: +wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett +der Tombola, das nichts gewonnen hat. + +Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die +Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen +Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet +an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß +Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu +begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An +der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor +ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf. +Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr +als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein +blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem +Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin: +solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen +bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man +dich jetzt! + +Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig +von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht +erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den +Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und +warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das +war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln +nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf +Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn +gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit. + +Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow +hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte +sich zu ihm. + +»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf +die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie +sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der +Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der +kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein +tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet +zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt … +Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen, +dies zu empfinden!« + +Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen +Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station +sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren +Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum +Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm +um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen +fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es +waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß. + + * * * * * + +Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief. + +»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich +entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe +mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich +mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse +auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? … +Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an +Sie? + +»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart, +müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene, +hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich +rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich +will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage +sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen … + +»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben +recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner +Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt, +bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie +mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und +gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen. +Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen +hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte +ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht +einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können, +ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die +Strafe. + +»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das +ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige; +sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die +Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt +nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie, +doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte +sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise +ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und +nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß, +ob ich einer solchen Liebe fähig bin! + +»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch +verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in +dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir +die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner +Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame +Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden: +ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir … +ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht … +Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der +Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt; +die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als +nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz, +mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben. +Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht +einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und +immer noch sich zur Tat zu rüsten! + +»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies +ist meine Beichte. + +»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen +einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind +noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den +Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen, +noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher, +beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto +besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben +zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit +stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich +bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen. + +»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz. +Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja +Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der +Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben … +Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre +Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick? +… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das +Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte +mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich +zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins +Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise +ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit +Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie +nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin +nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon +reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem +Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch +nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow +das zweite Postskriptum hinzugefügt.) + +»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem +Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten +Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der +Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit +zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das +ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich +auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich +mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem +Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die +ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich +wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für +mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut +gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger +hervorgehen. + +»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich +zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören. + + Rudin.« + +Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange +unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief +bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie +recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von +Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch +fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es +däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen +und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste +Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist +dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht, +und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia +gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging, +jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels, +dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben +entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte +dem Lichte den Rücken gekehrt … + +Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend. +Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust +verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer +leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen +auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise +entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf +demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine +Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß, +war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen. + +Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete +die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben +Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster +hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die +ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf +diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr +Blick: + + Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe + Das Schattenbild entschwundnen Glücks … + Für ihn hat alles Reiz verloren, + Erinnerung nur und Reue bohren + Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein … + +Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf +ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von +oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab. + +Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe +in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte +ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast +neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen +aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in +der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der +Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt +gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte +hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu +schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern +ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten +Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna +verwirrt, ja erschreckten sie sogar. + +Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm +eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische +Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre. + +»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?« + +Natalia blickte ihre Mutter an. + +»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so +schnell davongemacht hat?« + +»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort, +wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie +etwas über ihn hören.« + +»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?« + +Natalia senkte den Kopf und wiederholte: + +»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …« + +»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich +glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts +mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt +erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun, +gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …« + +Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese +drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter. + +»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und +meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein. +Jetzt aber geh.« + +Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und +dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle +aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an +Vergangenes … längst Vergangenes … + +Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen +mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief +sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund +der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen +vollkommen. So etwas schlug in sein Fach. + + * * * * * + +Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja +Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch +empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war +unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen +sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen +nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen. + +Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte, +fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will +viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise +gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte +sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem +Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es +widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst, +vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu +sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr +bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber +jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber +schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den +Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben +Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen +Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste +Tröstung … + +Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die +ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und +Gott sei es gedankt! + + + + +XII + + +Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war in den ersten Tagen des Mai. +Auf dem Balkon ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt nicht mehr +Lipin, sondern Leschnew; ungefähr vor einem Jahre hatte sie Michael +Michailitsch geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur in der +letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor dem Balkon, von welchem +aus Stufen in den Garten führten, ging eine Amme umher mit einem +rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen und weißem Besatz auf dem +Hütchen. Alexandra Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem Kinde. Es +schrie nicht, saugte mit wichtiger Miene an seinem Finger und schaute +ruhig um sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger Sohn Michael +Michailitschs. + +Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem Balkone unser alter Bekannter +Pigassow. Er war seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, merklich +ergraut, gebeugt, magerer geworden und zischte beim Sprechen: ein +Vorderzahn war ihm ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch +mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich mit den Jahren nicht +vermindert, doch waren seine Witze stumpf geworden, und er verfiel +häufiger in Wiederholungen. Michael Michailitsch war nicht zu Hause, +man erwartete ihn zum Tee. Die Sonne war bereits untergegangen. Ein +langer, blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich am Abendhimmel +hin, während an dem entgegengesetzten Himmelsrande zwei solcher +Streifen sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, obere, +rötlich-veilchenblau. In der Höhe verschwammen leichte Wölkchen. Alles +versprach anhaltend gutes Wetter. + +Plötzlich lachte Pigassow auf. + +»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich, wie ein Bauer zu seiner +Frau, die gerade etwas redselig geworden war, sagte: knarre nicht! +… Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre nicht! Und in der Tat, +worüber können die Weiber denn reden? Sie wissen, ich habe die +Anwesenden niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren klüger als wir. +In ihren Legenden sitzt die Schöne am Fenster, mit einem Stern auf +der Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So muß es auch +sein. Und urteilen Sie selbst: da sagt zu mir vorgestern unsere Frau +Adelsmarschallin – wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s vor den +Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht meine Tendenz! Tendenz! Nun, +frage ich sie, wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für alle, wenn +sie, kraft irgendwelcher wohltuenden Verfügung der Natur, plötzlich des +Gebrauches der Sprache beraubt worden wäre?« + +»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch, Sie ziehen immer +gegen uns wehrlose … Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in seiner +Art, gewiß. Sie tun mir leid.« + +»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens gibt es meiner Ansicht +nach überhaupt nur dreierlei Unglück auf der Welt: im Winter in kalter +Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel zu tragen und in einem Zimmer +zu schlafen, wo ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver +streuen darf. Übrigens bin ich nicht der friedfertigste Mensch von der +Welt geworden? Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel bin +ich geworden! So sittsam ist jetzt mein Betragen!« + +»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß es gestehen! Hat doch +gestern noch Helena Antonowna sich bei mir über Sie beschwert.« + +»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt, wenn ich fragen darf?« + +»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen hindurch. auf alle ihre +Fragen nur eine Antwort gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit so +winselndem Tone …« + +Pigassow lachte. + +»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie doch zugeben, Alexandra +Pawlowna …, wie?« + +»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl gegen eine Frau so +unhöflich benehmen, Afrikan Semenitsch?« + +»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in Ihren Augen?« + +»Was ist sie denn in den Ihrigen?« + +»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche Trommel, worauf man mit +Stöcken paukt …« + +»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna, um der Unterhaltung eine +andere Richtung zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört habe, Glück +wünschen?« + +»Wozu?« + +»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die Glinow-Wiesen sind Ihnen ja +zugesprochen …« + +»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte finster Pigassow. + +»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet und scheinen jetzt +nicht zufrieden.« + +»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,« brachte Pigassow langsam +hervor, »es kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben, als wenn +ein Glück zu spät kommt. Freude kann es Ihnen doch nicht bringen, +dagegen raubt es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht – das +Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige, ein spätes Glück ist nichts +als ein bitterer und beleidigender Spott. –« + +Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln. + +»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist Zeit, daß Mischa zu Bett +gebracht wird. Gib ihn hierher.« + +Und Alexandra Pawlowna machte sich mit ihrem Sohne zu schaffen, während +Pigassow sich brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog. + +Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem Wege, der längs dem +Garten hinlief, Michael Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor +derselben liefen zwei große Hofhunde her: der eine gelb, der andere +grau; er hatte sie sich vor kurzem erst angeschafft. Sie zerrten sich +unaufhörlich und waren die besten Freunde. Ein alter Dachshund kam +ihnen bis vor das Tor entgegen und sperrte das Maul auf, als wolle +er bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und er kehrte, mit dem +Schwanze ruhig wedelnd, wieder um. + +»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew schon von weitem seiner Frau +zu, »wen ich dir da mitbringe.« + +Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich die Person, die hinter ihrem +Manne saß. + +»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann. + +»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und was für vortreffliche +Nachrichten er bringt. Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.« + +Und er fuhr in den Hof hinein. + +Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow auf dem Balkon. + +»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme schließend, »Sergei heiratet!« + +»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt. + +»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier hat diese Nachricht aus +Moskau mitgebracht, und es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du, +Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines Sohnes erfassend, »Dein +Onkel heiratet! … Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit den +Augen dazu!« + +»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte die Amme. + +»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra Pawlowna trat, »ich bin +heute von Moskau im Auftrage von Darja Michailowna gekommen – die +Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch der Brief.« + +Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief ihres Bruders. Er bestand +aus nur wenigen Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete er der +Schwester, er habe um Natalia angehalten, ihre und Darja Michailownas +Einwilligung bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich zu +schreiben und umarmte und küßte in Gedanken alle. Er schrieb offenbar +in einer Art von Betäubung. + +Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich setzen. Man überschüttete +ihn mit Fragen. Alle, Pigassow sogar, waren über die erhaltene +Nachricht erfreut. + +»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe der Unterhaltung, »es sind +uns Gerüchte über einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen – +sollte an ihnen etwas Wahres sein?« + +Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher noch nicht kennengelernt +hat, war ein hübscher junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen und +wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und sah dabei so aus, +als wäre er kein lebendiger Mensch, sondern eine ihm selbst auf +Subskription errichtete Statue. + +»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow mit einem Lächeln. +»Darja Michailowna war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch nichts +von ihm wissen.« + +»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen, »das ist ja ein +Doppeltölpel, ein Erzperückenstock … ich bitte Sie. Wenn alle Leute +ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld zahlen lassen, wenn man +überhaupt leben sollte … wie ist das möglich!« + +»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der Welt spielt er jedoch keine +der letzten Rollen.« + +»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra Pawlowna aus, »lassen wir +ihn! Ach, wie bin ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist heiter, +glücklich?« + +»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen sie ja – sie scheint aber +zufrieden zu sein.« + +Der Abend verging unter angenehmen und heiteren Gesprächen. Man setzte +sich zu Tische. + +»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu Bassistow, indem er ihm +Lafitte einschenkte, »wissen Sie, wo Rudin weilt?« + +»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit. Vorigen Winter kam er +auf kurze Zeit nach Moskau und reiste dann mit einer Familie nach +Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander Briefe: in dem +letzten benachrichtigte er mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte +jedoch nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte ich nichts mehr +von ihm.« + +»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das Wort, »er sitzt irgendwo +und hält Reden. Dieser Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden, +die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und ihm Geld vorschießen. +Geben Sie acht, das Ende davon wird sein, er stirbt in irgendeinem +Provinzialstädtchen – in den Armen einer überreifen Jungfer mit +falschem Haar, die ihm, als dem genialsten Menschen von der Welt, ein +heiliges Andenken bewahren wird …« + +»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte Bassistow halblaut und +unzufrieden. + +»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow, »sondern der Wahrheit +getreu. Meiner Ansicht nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts. +Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er, zu Leschnew gewendet, +fort, »ich habe ja die Bekanntschaft jenes Terlachow gemacht, mit +welchem Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl, jawohl! Was der mir +von ihm erzählt hat, davon machen Sie sich keinen Begriff – das ist +wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle Freunde und Nacheiferer +Rudins mit der Zeit seine Feinde werden.« + +»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde auszuschließen!« +unterbrach ihn mit Feuer Bassistow. + +»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf Sie ist es auch nicht +gemünzt.« + +»Was war es denn, was Ihnen Terlachow erzählte?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die allerbeste Anekdote über +Rudin aber ist folgende: Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung +beschäftigt (diese Herren sind es fortwährend, während andere, +einfach gesagt, schlafen und essen – befinden sie sich im Momente +der Entwicklung des Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr +Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … Also mit seiner Entwicklung +fortwährend beschäftigt, war Rudin auf dem Wege der Philosophie zu dem +Vernunftschlusse gekommen, daß er sich verlieben müsse. Er stellte +Nachforschungen über den Gegenstand an, der einem so wunderbaren +Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte ihm. Er machte die +Bekanntschaft einer Französin, einer allerliebsten Putzhändlerin. Das +ereignete sich, merken Sie wohl, in einer deutschen Stadt am Rhein. +Er besuchte sie, brachte ihr allerlei Bücher und sprach mit ihr über +Natur und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin vor! sie +hielt ihn für einen Astronomen. Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht +übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. Endlich bestimmte er +eine Zusammenkunft, ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel +auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte ihr bestes Kleid an +und fuhr mit ihm in der Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen +zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß er sich diese ganze Zeit über +beschäftigte? Er hat der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll +den Himmel angeschaut und ihr mehrmals wiederholt, daß er ›väterliche‹ +Zärtlichkeit für sie fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach +Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow erzählt. Solch ein +Kerl ist er gewesen!« + +Und Pigassow lachte laut auf. + +»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra Pawlowna ärgerlich, +»indessen gewinne ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß selbst +diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm nichts Schlechtes nachsagen +können.« + +»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein beständiges Leben auf +fremder Leute Kosten, seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß hat +er auch von Ihnen geborgt?« + +»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann Leschnew, und sein Gesicht +nahm einen ernsten Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine Frau +weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit keine besondere Zuneigung zu +Rudin gefühlt und oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem +dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) will ich Ihnen folgenden +Vorschlag machen: wir haben soeben auf die Gesundheit unseres teueren +Bruders und seiner Braut getrunken; ich fordere Sie jetzt auf, auf die +Gesundheit Dmitri Rudins zu trinken!« + +Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen Leschnew mit Verwunderung an, +während Bassistow das Herz im Leibe hüpfte und er vor Freude rot wurde +und die Augen aufriß. + +»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von seinen Fehlern weiß ich +nur zu viel. Sie fallen um so mehr in die Augen, weil er selbst kein +Alltagsmensch ist.« + +»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow ein. + +»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte Leschnew, »aber Natur +– das ist eben das schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht davon, +von dem Guten, Seltenen in ihm wollte ich sprechen. Er ist voll +Begeisterung; das ist aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem +Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir sind alle +unausstehlich überlegt, gleichgültig und träge geworden; wir sind +schläfrig, erkaltet und müssen es demjenigen Dank wissen, der uns, wenn +auch nur auf einen Augenblick, aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die +höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach einmal mit dir von +ihm und beschuldigte ihn der Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht +zugleich. Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – daran ist er nicht +schuld – nicht aber im Kopfe. Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, +kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten nicht wie ein +Schleicher, sondern wie ein Kind … Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend +und Armut sterben; sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen? +Er selbst wird nie etwas vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur +und Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, daß er keinen +Nutzen bringen werde, nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine +Worte nicht schon viel guten Samen in junge Herzen gestreut haben, +denen die Natur nicht wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen +des Gedachten versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles +dieses an mir selbst erfahren … Sascha weiß, was Rudin in meinen jungen +Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich ferner, behauptet zu haben, +daß Rudins Worte keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten; +ich redete aber damals von Menschen, die mir meinem jetzigen Alter +nach gleichstanden, von Menschen, die das Leben bereits gekostet +haben, und die vom Leben etwas zerzaust sind. Ein falscher Ton in der +Rede – und sie verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling ist aber +glücklicherweise das Gehör noch nicht so ausgebildet, noch nicht so +verwöhnt. Wenn nur der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was kümmert +ihn da der Ton! Den wird er schon in sich selbst finden.« + +»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr ist das gesprochen! Was +jedoch Rudins Einfluß betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß +einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern ihn auch weiterschob, +ihm die Zeit nicht ließ, stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn +entflammte, begeisterte!« + +»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an Pigassow wendend, »welchen +Beweis brauchen Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; wenn Sie +von ihr reden, finden Sie nicht genug verächtliche Ausdrücke. Ich bin +ihr auch nicht besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht +von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen her! Philosophische +Spitzfindigkeiten und Träumereien werden an dem Russen nie haften; +dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; man darf aber auch +nicht die Philosophie als Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben +nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es ist Rudins Unglück, daß +er Rußland nicht kennt, und in der Tat ist das ein großes Unglück. +Das Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, aber keiner von +uns das Vaterland. Wehe dem, der da meint, daß er’s könne; doppelt +wehe über den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus – ist ein +Unding, der Kosmopolit – eine Null, ärger als eine Null; außerhalb +der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch Leben, gibt +es nichts. Ohne Physiognomie ist nicht einmal das ideale Gesicht; +nur das gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber wieder darauf +zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: sein Verhängnis ist es, ein +bitteres, schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß nicht vorwerfen +werden. Es würde uns zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum +Leute, wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen für das Gute, das +in ihm ist, dankbar sein. Dies ist leichter als ungerecht gegen ihn +zu sein, und wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine Strafe über +ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, es wäre auch unnütz: er hat sich +selbst viel strenger bestraft, als er es verdiente … Und gebe Gott, +daß das Unglück alles Schlechte aus ihm ausscheide und nur das Schöne +in ihm zurücklasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf +die Gesundheit des Kameraden meiner besten Jahre, ich trinke auf das +Wohl der Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres Vertrauens und +ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl von allem, was unsere zwanzigjährigen +Herzen schon klopfen machte und was im späteren Leben nichts Besseres +aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird … Ich trinke +auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl!« + +Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte im Eifer beinahe sein +Glas zerschlagen und stürzte dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, +Alexandra Pawlowna drückte Leschnew die Hand. + +»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, daß Sie so beredt +wären,« bemerkte Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich muß +gestehen, das hat sogar mich gepackt.« + +»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte Leschnew nicht ohne +Unwillen, »_Sie_ aber zu packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. +Doch genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …« + +»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er gleich? … Pandalewski! lebt der +immer noch bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow wendend. + +»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat ihm eine einträgliche Stelle +ausgewirkt.« + +Leschnew lächelte. + +»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür ließe sich bürgen.« + +Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen auseinander. Als Alexandra +Pawlowna mit ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie ihm zärtlich +ins Gesicht. + +»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte sie, seine Stirn sanft mit +der Hand streichelnd, »wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe +aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil Rudins hinreißen lassen, +wie ehemals zu dessen Nachteile …« + +»Den am Boden Liegenden schlägt man nicht[6] … überdies befürchtete +ich damals, daß er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,« fügte er +lächelnd hinzu. + +»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna, »er ist mir von jeher +zu gelehrt vorgekommen, ich fürchtete mich vor ihm und wußte nicht, +wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte. Pigassow hat sich aber +doch heute ziemlich boshaft über ihn lustig gemacht, scheint dir’s +nicht?« + +»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich nahm ich mit solcher +Wärme Rudin in Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn einen +Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht nach ist aber die Rolle, die +er, Pigassow, spielt, hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges +Vermögen, macht sich über alles lustig und schwänzelt bei Vornehmen und +Reichen herum! Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der mit solcher +Erbitterung auf alle und alles schimpft und über Philosophie und Weiber +herfällt, – weißt du wohl, daß er, als er sich noch im Amte befand, ein +Sportelreißer war und noch dazu ein arger!« + +»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna. »Das hätte ich nicht +erwartet … Höre, Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu, »was +ich dich fragen will …« + +»Nun?« + +»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit Natalia glücklich sein?« + +»Wie soll ich dir darauf antworten … allem Anschein nach, ja … die +Oberhand wird sie behalten – unter uns brauchen wir kein Geheimnis +daraus zu machen – sie ist klüger als er; er ist aber ein herrlicher +Mensch und liebt sie von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben wir +beide einander doch und sind glücklich, nicht wahr?« + +Alexandra Pawlowna lächelte und drückte Michael Michailitsch die Hand. + + * * * * * + +An demselben Tage, als das soeben Erzählte im Hause Alexandra Pawlownas +vorging – schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements +Rußlands, in der drückendsten Hitze, auf der Landstraße eine schlechte, +mit Matten bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt waren, +mühsam dahin. Auf dem Vorderrande hielt sich, die Füße schräg auf das +Strängeholz gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem Wams, +zog unaufhörlich an den Strickleinen und schwenkte dazu eine kleine +Peitsche; im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich gefüllten +Mantelsack ein Mann von hohem Wuchse in Mütze und altem, staubigem +Mantel. Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da und hatte den Schirm +seiner Mütze über die Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße des +Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf die andere, er schien nichts +zu empfinden, als wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete er +sich auf. + +»Wann werden wir denn endlich zur Station kommen?« fragte er den vorn +sitzenden Bauer. + +»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort und zog noch eifriger an +den Leinen, »sind wir erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben +nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! schläfst du … Ich will dich +lehren,« setzte er fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd mit +der Peitsche anzutreiben. + +»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« bemerkte Rudin, »wir +schleppen uns schon seit dem Morgen und können nicht ankommen. Singe +mir wenigstens etwas vor.« + +»Was soll man machen, Väterchen! Die Pferde, Sie sehen ja selbst, sind +ganz verhungert … und dazu noch die Hitze. Was nun das Singen betrifft +… das versteht unsereiner nicht: wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« +rief auf einmal der Bauer einem vorübergehenden Wanderer in braunem, +schlechtem Kittel und abgetretenen Bastschuhen zu, »heda, mache uns +Platz, Freundchen!« + +»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer ihm nach und blieb +stehen. »Moskauer Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes hinzu, +schüttelte den Kopf und ging des Weges langsam weiter. + +»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde zu und zog wieder +ruckweise an den Leinen; »ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …« + +So gut es ging, erreichten die ermüdeten Pferde endlich den Posthof. +Rudin stieg aus der Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht +dafür dankte und das Geld lange in der hohlen Hand herumwarf – er +hatte vermutlich ein größeres Trinkgeld erwartet –, und trug seinen +Mantelsack selbst in das Postzimmer. + +Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben viel in Rußland +umhergereist war, hat die Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem +Stationszimmer Bilder hängen, welche Szenen aus Puschkins »Gefangenen +im Kaukasus« oder russische Generale vorstellen, man bald Pferde +bekommen kann; wenn dagegen die Bilder das Leben des berüchtigten +Spielers Georges de Germany darstellen, der Reisende auf baldige +Beförderung nicht rechnen darf: er wird Zeit genug haben, sich +sattzusehen an dem emporgestrichenen Hahnenkamm, der weißen Weste +mit breiten Aufschlägen und den außerordentlich engen und kurzen +Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend und an seiner rasenden +Physiognomie, als er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, in +einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn erschlägt. In dem Zimmer, +in welches Rudin trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig +Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf seinen Ruf erschien der +Stationshalter mit verschlafenem Gesichte (ich möchte wissen – ob wohl +jemand einen Stationshalter mit einem nicht verschlafenen Gesichte +gesehen hat?) und ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit träger +Stimme, es seien keine Pferde da. + +»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde da,« erwiderte +Rudin, »wenn Sie nicht einmal wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit +Privatpferden hierhergekommen.« + +»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte der Posthalter. »Wohin +wollen Sie denn?« + +»Nach …sk.« + +»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der Stationshalter und ging +hinaus. + +Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf seine Mütze auf den Tisch. Er +hatte sich in diesen zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber gelber +geworden; hin und wieder schillerten silberne Fäden in dem Haar und +die Augen, immer noch schön, schienen etwas matter geworden zu sein; +leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen Denkens, zeigten sich +an den Lippen, den Wangen und den Schläfen. + +Seine Kleidung war abgetragen und alt, von Wäsche war nirgends etwas zu +sehen. Die Zeit seiner Blüte war offenbar vergangen, er war, wie der +Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat geschossen. + +Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu lesen … ein beliebter +Zeitvertreib sich langweilender Reisenden … plötzlich knarrte die Tür +und der Stationshalter trat herein. + +»Pferde nach …sk sind keine da und werden noch lange nicht da sein, +aber nach …ow sind Retourpferde zu haben.« + +»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich bitte Sie! das liegt ja gar +nicht auf meinem Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie mir deucht, +in der Richtung nach Tambow.« + +»Was tut es? Sie können dann aus Tambow weiter, oder wenn es Ihnen +beliebt, werden Sie von …ow aus wieder hierher zurückkehren können.« + +Rudin überlegte. + +»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen Sie einspannen. Mir ist +es ganz gleich; ich fahre nach Tambow.« + +Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin trug seinen Mantelsack hinaus, +stieg in den Postkarren, setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf +hängen. + +Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes in seiner gebeugten +Gestalt … Und das Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter dem +einförmigen Geklingel der Schellen dahin. + + + + +Epilog + + +Wiederum waren einige Jahre verstrichen. + +An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange des Hauptposthofes +der Gouvernementsstadt S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich reckend +stieg aus derselben ein Herr, er war noch nicht alt, besaß jedoch +bereits jene Fülle des Leibes, die man »respektabel« zu nennen pflegt. +Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen war, blieb +er im Eingange des breiten Korridors stehen, und da er niemand gewahr +wurde, forderte er mit lauter Stimme ein Zimmer. Sogleich hörte man +eine Tür zuwerfen, ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen +Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz auf der Rückseite und +den Ärmeln seines abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich. Als +der Fremde in sein Zimmer trat, warf er sogleich Mantel und Plaid ab, +setzte sich auf einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie, blickte +wie schlaftrunken umher und befahl sodann, seinen Bedienten zu rufen. +Der Diener tat einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende +war kein anderer als Leschnew. Er war der Rekrutenaushebung wegen von +seinem Gute nach S. gekommen. + +Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger und rotwangiger +Bursche, in grauem, mit blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen +Filzstiefeln trat in das Zimmer. + +»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch angekommen,« sagte +Leschnew, »und du hattest befürchtet, die Schiene am Rade werde +abspringen.« + +»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte der Bediente, und +versuchte über dem aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln, »wie +aber die Schiene nicht abgesprungen ist, das …« + +»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im Korridor hören. + +Leschnew fuhr zusammen und horchte auf. + +»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme. + +Leschnew erhob sich, trat an die Tür und machte sie rasch auf. + +Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse, fast ganz ergraut und gebeugt, +in einem alten Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte ihn +sogleich. + +»Rudin!« rief er bewegt. + +Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht Leschnews, der mit +dem Rücken gegen das Licht stand, nicht erkennen und blickte ihn +zweifelhaft an. + +»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew ihn an. + +»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und streckte die Hand vor, wurde +aber verwirrt und zog sie wieder zurück … + +Leschnew ergriff sie mit beiden Händen. + +»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu Rudin und führte ihn in +sein Zimmer. + +»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew nach einigem Schweigen und +unwillkürlich die Stimme senkend. + +»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem Blicke im Zimmer +umherschweifend. »Die Jahre … Sie aber – sind wie früher. Wie geht es +Alexandra … Ihrer Gemahlin?« + +»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt Sie hierher?« + +»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In diesem Hause befinde ich +mich ganz zufällig. Ich suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich +sehr …« + +»Wo speisen Sie?« + +»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem Gasthause. Ich muß heute noch +fort von hier.« + +»Sie müssen?« + +Rudin lächelte bedeutsam. + +»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum Aufenthalt an.« + +»Speisen Sie mit mir.« + +Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade in die Augen. + +»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen zu speisen?« fragte er. + +»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden. Wollen Sie? Ich glaubte +nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen und Gott weiß, wenn wir uns +wiedersehen werden. Wir können doch so nicht voneinander scheiden!« + +»Gut, ich bin es zufrieden.« + +Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den Diener, bestellte das Essen +und befahl, eine Flasche Champagner auf Eis zu stellen. + + * * * * * + +Während des Essens unterhielten sich Leschnew und Rudin, gleichsam wie +verabredet, ausschließlich von ihrem Studentenleben, kamen auf vieles +zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene. Anfangs sprach Rudin +gezwungen, doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken hatte, wurde er +warm. Endlich nahm der Diener die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew +stand auf, verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch, Rudin +gerade gegenüber und stützte still sein Kinn auf beide Hände. + +»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles erzählen, was sich mit +Ihnen zugetragen hat, seit ich Sie nicht gesehen habe.« + +Rudin warf einen Blick auf Leschnew. + +Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er aussieht, der arme Mensch! + +Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel verändert, besonders +seit der Zeit, da wir ihn auf der Station trafen, obgleich bereits +Spuren des nahenden Alters darin sichtbar waren, der Ausdruck war jetzt +aber ein anderer. Die Augen blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, +aus seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, aus seiner +schleppenden und gleichsam gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung, +geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten Schwermut von +früher durchaus nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer von +Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe erfüllten Jugend so gut zu +Gesichte steht. + +»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist?« begann er. +»Alles läßt sich nicht erzählen und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt +habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, nicht mit dem Körper +allein – auch mit der Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren! +Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! … Ja, mit wem,« +wiederholte Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn mit besonderer +Teilnahme anblickte. »Wie oft haben meine eigenen Worte mich angewidert +– nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern auch in dem Munde +jener Leute, die meine Ansichten teilten! Welche Übergänge habe ich +durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit eines Kindes bis +zur stumpfen Gefühllosigkeit des Pferdes, das nicht einmal mehr mit +dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft … Wie viele Male +habe ich mich umsonst gefreut, umsonst gehofft, gekämpft und mich +erniedrigt! Wie oft habe ich wie ein Falke meine Fittiche ausgebreitet +– und bin auf die Erde zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, +wie die Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … Wo bin ich nicht +überall gewesen; welche Wege hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt +schmutzige Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich etwas ab. + +»Sie verstehen,« fuhr er fort … + +»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst sagten wir ›du‹ zueinander +… Willst du? Wir frischen das alte auf … Trinken wir auf das Du!« + +Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick flimmerte etwas, was +keine Sprache wiederzugeben vermag. + +»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, laß uns trinken.« + +Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas. + +»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung des Wortes »du« und +lächelnd, »es sitzt in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt und mir +nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt mich den Menschen entgegen – anfangs +empfinden sie meinen Einfluß, nachher aber …« + +Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. + +»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah, bin ich um mancherlei +Erfahrungen reicher geworden … Mehrmals habe ich ein neues Leben +angefangen, mehrfach die Hand an ein neues Werk gelegt – und da siehst +du nun, wie weit ich gekommen bin!« + +»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam vor sich hin, Leschnew. + +»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … Etwas erbauen, das habe ich +nie gekonnt! Und es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, wenn +man keinen Boden unter sich fühlt, wenn man sein eigenes Fundament erst +selbst legen muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, das heißt, +all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, drei Vorfälle sollst du erfahren +… jene Vorfälle aus meinem Leben, wo, wie es schien, der Erfolg mir +bereits lächelte, oder nein, wo ich anfing, auf Erfolg zu hoffen – was +nicht ganz dasselbe ist …« + +Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes Haar mit derselben +Handbewegung zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er noch +dunkles und volles Haar hatte. + +»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich mit einem ziemlich +sonderbaren Menschen zusammen. Er war sehr reich und besaß +beträchtliche Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, seine +Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft war die Liebe zur +Wissenschaft, zur Wissenschaft im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt +nicht begreifen, wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! Sie stand +ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. Er selbst konnte sich nur mit +Mühe auf der Höhe der Vernunft behaupten und verstand es kaum, sich +auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll die Augen und schüttelte +bedenklich den Kopf. Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur, +Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte an jene weiten +Strecken im Smolenskischen Gouvernement, wo man nur Sand findet – +Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches Gras, das kein Tier +fressen mag. Es wollte ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus +seinen Händen, alles, und obendrein war er noch darauf versessen, +was leicht war, sich zu erschweren. Hätte es von ihm abgehangen, er +würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, auf dem Kopfe zu +gehen. Er arbeitete, schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen +starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld stürzte er sich +auf die Wissenschaften; sein Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein +Charakter war eisern. Er lebte allein und galt für einen Sonderling. +Ich wurde mit ihm bekannt und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte +ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. Dann besaß er ein +so schönes Vermögen, es ließ sich durch ihn so viel Gutes, so viel +wahrhafter Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und fuhr endlich +mit ihm auf sein Landgut. – Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir +herum; ich träumte von vielen Verbesserungen, Neuerungen …« + +»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« bemerkte Leschnew mit +gutmütigem Lächeln. + +»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten überzeugt, daß meine +Worte unfruchtbar bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete sich vor +mir ein Feld ganz anderer Art aus … Ich schleppte agronomische Bücher +herbei … von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein einziges bis +zu Ende gelesen habe … und dann machte ich mich an die Arbeit. Anfangs +ging es nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien es gehen zu +wollen. Mein neuer Freund schwieg zu allem und schaute zu, er störte +mich nicht, das heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich +nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte dieselben auch aus, +aber starrsinnig, unnachgiebig und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er +alles nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an jedem seiner +Gedanken, wie der Sonnenkäfer an dem Grashalm, dessen Spitze er nur +mit Anstrengung erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar seine Flügel +zurechtzupfend, um weiterzufliegen – plötzlich aber herunterfällt, um +nochmals hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht über diese Gleichnisse +wundern. Schon damals hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. +Zwei Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte gingen schlecht, +ungeachtet aller meiner Anstrengungen. Ich fing an, ihrer überdrüssig +zu werden, mein Freund langweilte mich, und ich wurde ihm unbequem und +erdrückend; sein Mißtrauen ging in schlecht verhehlte Erbitterung über, +ein feindseliger Geist hatte sich unser beider bemächtigt, wir konnten +miteinander von nichts mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich +bemühte er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht meinem Einflusse +fügte; meine Verordnungen wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen +… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn Gutsbesitzer nur als Mittel +zur geistigen Gymnastik diente … Ich war zu einer Art intelligenten +Parasiten geworden! Schmerzlich ward es mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu +vergeuden, schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und abermals mich +in meinen Erwartungen getäuscht hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel +ich verlor, wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht über mich, +und eines Tages, infolge eines widerlichen und empörenden Vorfalles, +dessen ich Zeuge war und der mir meinen Freund in einem wirklich zu +unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte ich mich vollends mit ihm, +reiste ab und ließ diesen aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups +zusammengekneteten pedantischen Krautjunker fahren.« + +»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes fahren lassen,« wandte +Leschnew ein und legte beide Hände auf Rudins Schulter. + +»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im leeren Raume. Fliege nun, +wohin du willst … Ha, trinken wir eins!« + +»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob sich und küßte Rudin auf +die Stirn. »Auf deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken … Er hat es +auch verstanden, arm zu bleiben.« + +»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« sagte Rudin nach einer kleinen +Pause. »Soll ich fortfahren, wie?« + +»Fahre fort, ich bitte dich.« + +»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort. Ich bin des Redens +müde, Bruder … Nun, es sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen +Stellen umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig erzählen, wie +ich bei einem pflichtgetreuen hohen Beamten Sekretär wurde und wie das +endete; es würde uns jedoch zu weit führen … nachdem ich mich also +an verschiedenen Orten umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt … +ich bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann, ein praktischer +Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen: ich wurde mit einem gewissen +… vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem gewissen Kurbejew +bekannt …« + +»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich bitte dich, Rudin, wie +konntest du mit deinem Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein +Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel … Geschäftsmann zu sein?« + +»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache ist; was ist denn aber +überhaupt meine Sache? … Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle +ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer vor. Man sagt, +ich wäre in früheren Jahren beredt gewesen. Ich bin im Vergleich +zu ihm nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener Mann; ein +schöpferischer Kopf, ein Kopf für Industrie und Handelsunternehmungen. +Die kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in seinem Geiste. Wir +traten zusammen und faßten den Entschluß, gemeinschaftlich unsere +Kräfte einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.« + +»Welchem? Sage doch!« + +Rudin senkte den Blick. + +»Du wirst lachen müssen.« + +»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.« + +»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen Gouvernement schiffbar zu +machen,« äußerte Rudin, verlegen lächelnd. + +»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?« + +»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und senkte still seinen +ergrauten Kopf. + +Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne und faßte Rudins Hand. + +»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte er, »ich hatte das nun gar +nicht erwartet. Nun, euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?« + +»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht. Wir mieteten Arbeiter … und +gingen ans Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse. Erstens +wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten, zweitens konnten wir +mit dem Wasser ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine +jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten wir in Erdhütten. +Kurbejews einzige Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch +nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend da herum ist +wunderschön. Wir quälten und quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu +überreden und sandten Briefe und Zirkulare in die Welt. Das Ende davon +war, daß mein letzter Groschen bei diesem Projekte aufging.« + +»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war nicht schwer, deinen +letzten Groschen daran aufgehen zu sehen.« + +»In der Tat war das nicht schwer … doch das Unternehmen war aber, bei +Gott, nicht übel und hätte großen Gewinn abwerfen können.« + +»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?« fragte Leschnew. + +»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber ist er geworden. Und du +wirst sehen, er wird sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.« + +»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht dahin bringen.« + +»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja übrigens, daß ich in deinen +Augen von jeher für einen unnützen Menschen gegolten habe.« + +»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine Zeit, du hast recht, wo mir nur +deine Schattenseiten in die Augen fielen; jetzt aber, glaube mir’s, +habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen wirst du dir wohl nicht +zusammenschlagen … Deshalb aber liebe ich dich …« + +Rudin lächelte matt. + +»Wirklich?« + +»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew, »verstehst du mich wohl?« + +Sie schwiegen beide. + +»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?« fragte Rudin. + +»Tu mir den Gefallen.« + +»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von dieser Nummer habe ich mich +eben erst losgemacht. Langweilt es dich aber nicht?« + +»Erzähle, erzähle.« + +»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer Stunde der Muße … an Muße +hat es mir niemals gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse besitze +ich nicht wenig, ich wünsche das Gute du wirst doch nicht absprechen +wollen, daß ich das Gute wünsche?« + +»Das fehlte noch!« + +»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger durchgefallen … warum +sollte ich nicht Pädagog werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? … +besser doch, als nichts zu tun …« + +Rudin hielt inne und schöpfte Atem. + +»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird es doch sein, wenn ich +mich bestrebe, anderen das mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden +sie aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich schöpfen. Meine +Talente sind doch am Ende keine alltäglichen; die Gabe der Rede habe +ich auch … Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu widmen. Mühe +genug kostete es mir, eine Anstellung zu finden; Privatunterricht +wollte ich nicht erteilen; an Elementarschulen war mein Platz nicht. +Endlich gelang es mir, die Stelle eines Lehrers am hiesigen Gymnasium +zu erhalten.« + +»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte Leschnew. + +»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich kann dir sagen, noch keine +Sache habe ich mit solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke, +auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. Drei Wochen war ich mit der +Abfassung meiner Antrittsvorlesung beschäftigt.« + +»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew. + +»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. Sie kam nicht schlecht +heraus und fand Beifall. Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner +Zuhörer vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem Ausdrucke der +treuherzigsten Aufmerksamkeit, Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. +Ich bestieg das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im Fieber; ich +hatte geglaubt, ich würde daran reichlich für eine Stunde haben, und +in zwanzig Minuten war ich fertig. Der Inspektor war auch zugegen – +ein trockener Alter mit silbergefaßter Brille und kurzer Perücke, – +von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als ich zu +Ende war und von meinem Sessel sprang, sagte er zu mir: ›Gut, doch +etwas zu hoch und unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist zu wenig +gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch geleiteten mich mit Blicken der +Achtung … wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert der Jugend. Die +zweite Vorlesung und auch die dritte hatte ich aufgeschrieben … dann +aber improvisierte ich.« + +»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew. + +»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden sich in Massen ein. Ich +teilte ihnen alles mit, was mir auf der Seele lag. Unter denselben +waren drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; die übrigen +verstanden mich nur halb. Ich muß indessen gestehen, daß auch +diejenigen, welche mich verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen +verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber nicht. Liebten mich ja +doch alle: bei den Repetitionen gab ich allen gute Zensuren. Da aber +entspann sich gegen mich eine Intrige … oder nein! Eine Intrige war +es nicht; ich war, einfach gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. +Ich war den anderen unbequem und die anderen waren es mir. Ich hielt +Gymnasiasten Vorlesungen, wie man sie Studenten nicht immer hält, und +meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen doch nicht so sehr förderlich +… ich beherrschte die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte +mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet war … Du weißt ja, +das war immer meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen und +schwöre dir, diese Reformen waren gut und ausführbar. Ich hoffte, +sie mit Hilfe des Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, auf +welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, durchzusetzen. Seine Frau +stand mir bei. Ich habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher +Frauen getroffen. Sie war bereits nahe den Vierzigern, glaubte aber +noch an das Gute, liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges Mädchen +und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, vor wem es auch sein mochte, +offen auszusprechen. Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, ihre +Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, hatte ich schon einen Plan +entworfen, doch da wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet und +ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders schadete mir ein Lehrer der +Mathematik, ein unansehnlicher, bissiger und gallsüchtiger Mensch, der +an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, aber bei weitem tüchtiger +als er … ja, sage doch, lebt Pigassow noch?« + +»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine Dienstmagd geheiratet, die, +wie man sagt, ihn prügeln soll.« + +»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, geht es ihr gut?« + +»Ja.« + +»Ist sie glücklich?« + +»Ja.« + +Rudin schwieg. + +»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht, vom Lehrer der Mathematik. +Er hatte einen Haß auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich er +mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, nicht ganz deutlichen +Ausdruck auf und führte mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus +dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache aber war, er hatte +meine Absichten verdächtigt; meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie +an eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem ich mich gleich +anfangs nicht gut gestellt hatte, reizte den Direktor gegen mich auf; +und es kam zu einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde heftig, +die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, und ich ward gezwungen, meine +Entlassung zu nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte zeigen, +daß ich mit mir nicht so umspringen lasse … aber leider mußte ich +einsehen, daß man mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt muß +ich die Stadt verlassen.« + +Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen da mit gesenktem Kopfe. + +Rudin nahm zuerst wieder das Wort. + +»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit Koltzow[7] ausrufen: ›Wie +hast du, meine Jugend, mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß +nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich denn wirklich zu nichts +gut, gab es denn wirklich gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich +habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche Mühe ich mir auch +gab, mich in meinen eigenen Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch +unmöglich, in mir das Vorhandensein von Kräften nicht zu fühlen, mit +denen nicht jedermann begabt ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte +unfruchtbar? Und dann noch eins: erinnerst du dich, als wir zusammen im +Auslande waren, war ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen +… Es ist wahr, ich war damals nicht deutlich dessen bewußt, wonach mich +verlangte, ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge und +schenkte Trugbildern Glauben; jetzt aber, ich schwöre dir’s, darf ich +laut, vor allen, gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen: +ich bin im wahren Sinne des Wortes ein wohlgesinnter Mensch; ich werde +demütig, will mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, strebe +nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn auch nur geringen, Nutzen +schaffen. Aber – es will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? Was +hindert mich, zu leben und zu wirken, wie andere es tun? Ich trachte +ja jetzt nach nichts Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine +bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen Punkte Posto zu +fassen, so stößt mich das Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, +Furcht zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das alles? Erkläre mir +dies Rätsel!« + +»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist wahr. Warst du ja für mich +selbst ein Rätsel. Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam, +nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich wieder das Wort nahmst, +daß uns das Herz im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal +anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will … selbst damals verstand +ich dich nicht: deshalb verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so +viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben nach Idealen …« + +»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,« unterbrach ihn Rudin. + +»Die Taten fehlten! Was für Taten?« + +»Was für Taten? Eine blinde Großmutter und die ganze Familie mit seiner +Hände Arbeit ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich – Da hast du +eine Tat.« + +»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine Tat.« + +Rudin blickte schweigend Leschnew an und schüttelte still den Kopf. + +Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß mit der Hand über sein +Gesicht. + +»Und so fährst du denn auf dein Gut?« + +»Ja, ich fahre hin.« + +»Hast du denn dein Gut behalten?« + +»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe Seele. Ein Winkel +für mich, wo ich den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in diesem +Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht ohne Phrase zu sagen.‹ +Die Phrasen, es ist wahr, sie haben mein Unglück verschuldet, mich +aufgerieben, bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden können. Was +ich aber soeben sagte, war keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist +keine Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten Ellenbogen – sind +keine Phrase. Du bist immer streng gegen mich gewesen und das war recht +von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die Rede sein, wenn schon +alles abgetan, in der Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits +zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke zu verglimmen +droht … Der Tod, Bruder, muß am Ende alles aussühnen …« + +Leschnew sprang auf. + +»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir das? Wodurch habe ich das von +dir verdient? Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für ein Mensch +würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke deiner eingefallenen Wangen und +Runzeln, das Wort Phrase in den Sinn kommen könnte? Du willst wissen, +was ich von dir denke? Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was hätte +der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen können, über welche irdischen +Güter würde er wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … und ich +finde ihn hungernd und ohne Obdach …« + +»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin kaum hörbar hervor. + +»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein – das ist es. Was +hinderte dich, lange Jahre bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, +zu verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm nur zu Gefallen +hättest leben wollen, dein Auskommen wäre gesichert! Weshalb hast du +es im Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer Mensch! – +was auch dein jedesmaliges Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte +dein Unternehmen allemal und durchaus damit enden, daß du deinen +eigenen Vorteil zum Opfer brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in +schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!« + +»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« fuhr Rudin mit +wehmütig-verächtlichem Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.« + +»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille stehen, nicht weil ein Wurm +in dir steckt, wie du vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein +Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht dich, und wie man +sieht, glüht sie ungeachtet aller Misere in dir selbst lebhafter als in +vielen anderen, die sich nicht einmal für Egoisten erklärten und dich +vielleicht gar einen Intriganten nennen. Ich an deiner Stelle hätte +wahrlich schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht und Frieden mit +allem geschlossen; du aber bist nicht einmal bitterer geworden, und ich +bin überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, bereit, von +neuem wie ein Jüngling ans Werk zu gehen.« + +»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte Rudin. »Es war für +mich genug.« + +»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. Du sagst, der Tod sei ein +Sühneopfer; glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt hat +und gegen andere nicht nachsichtig geworden ist, der verdient selbst +keine Nachsicht. Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht +bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt hast, nach Kräften hast du +gekämpft … Was verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …« + +»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch als ich,« unterbrach ihn +Rudin mit einem Seufzer. + +»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew fort, »vielleicht eben +darum, daß mich, mit meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und +unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts daran hinderte, +ruhig sitzenzubleiben und, die Hände im Schoße, den Zuschauer zu +machen, während du auf das Feld hinaus mußtest, um mit aufgestreiften +Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. Unsere Wege gingen auseinander +… siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden wir ja beide fast +dieselbe Sprache, auf einen halben Wink verstehen wir einander, an +denselben Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den Unserigen sind ja +wenige nur noch übrig, Bruder; beide sind wir die letzten Mohikaner! +In früheren Jahren, als wir noch das volle Leben vor uns hatten, +konnten wir verschiedener Meinung sein, ja sogar feindlich einander +gegenüberstehen; jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter wird, da +neue Geschlechter an uns vorüberziehen, die anderen Zielen, als die +unserigen es waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. Stoßen +wir an, Bruder, und laß uns nach alter Art singen: ~Gaudeamus igitur!~« + +Die Freunde stießen mit den Gläsern an und sangen in gerührtem und +falschem, d. h. echt russischem Tone das alte Studentenlied. + +»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm Leschnew wieder das Wort. +»Ich glaube nicht, daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir nicht +vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es mit dir enden wird. Vergiß +aber nicht, daß, was sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen +Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen kannst: mein Dach … +hörst du, altes Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden und +diese bedürfen eines Asyls.« + +Rudin erhob sich. + +»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! Ich werde es dir eingedenk +sein. Doch eines Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben, +und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie sich’s gebührt.« + +»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein jeder bleibt, wozu die Natur +ihn gemacht hat, und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest du +es nicht den ewigen Juden? … Wie kannst du es aber wissen, vielleicht +bist du dazu bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst du +dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes Verhängnis: nicht umsonst +heißt es im Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter Gott stehen. +Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! – Gehe also hin, wohin seine +Hand dich leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß Rudin seine +Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst du nicht für die Nacht?« + +»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … Mit mir endet es nicht gut.« + +»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?« + +»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem Andenken.« + +»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, und vergiß nicht, was +ich dir gesagt habe. Lebe wohl …« + +Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte sich rasch. + +Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, hielt beim Fenster still und +sagte halblaut: »Armer Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch und +fing einen Brief an seine Frau an. + +Draußen erhob sich der Wind und schlug mit unheilverkündendem +Heulen schwer und wie erbost an die klirrenden Scheiben. Eine lange +Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der in solchen Nächten ein +Dach über sich weiß, einen warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge +Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren! + + * * * * * + +In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni 1848, in Paris, als der +Aufstand der »Arbeitervereine« fast unterdrückt war, stürmte ein +Bataillon Linientruppen in einer der engen Quergassen der Vorstadt +St. Antoine eine Barrikade. Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits +in Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger derselben +zogen sich zurück und waren nur noch auf ihre eigene Rettung +bedacht, als plötzlich auf dem höchsten Punkte der Barrikade, +auf dem eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens, +ein hochgewachsener Mann sichtbar wurde in einem alten Rock, mit +einer roten Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem weißen, +unordentlichen Haare. In der einen Hand hielt er eine rote Fahne, in +der anderen einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit angestrengter, +scharfer Stimme, indem er bemüht war, höher hinaufzuklimmen und mit +Fahne und Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger legte auf ihn +an – ein Schuß fiel … dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – und +wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein Gesicht, als wäre er jemandem +zu Füßen gefallen … Die Kugel war ihm gerade durchs Herz gegangen. + +»~Tiens!~« sagte einer der fliehenden ~insurgés~ zu einem anderen, »~on +vient de tuer le Polonais!~« + +»~Bigre!~« antwortete der andere, »~sauvons-nous!~« und beide warfen +sich in das Kellergeschoß eines Hauses, an welchem die Laden alle +verschlossen waren und dessen Wände überall Spuren von Kugeln und +Kartätschen zeigten. + +Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin. + + +Fußnoten: + + [1] Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten + Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen + und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen. + + [2] So heißen die kleinrussischen Volkslieder. + + [3] Aus Gribojedow. + + [4] Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held + unserer Zeit«. + + [5] Puschkin. + + [6] Russisches Sprichwort. + + [7] Russischer Volksdichter. + + + + +Bücherverzeichnis des Verlags Georg Müller + + +Friedrich Huch + +Neue Träume. + +Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und 10 ganzseitigen +Lithographien von Alfred Kubin. Mit einer Vorrede des Verfassers und +einer Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer einmaligen +numerierten Auflage von 800 Exemplaren, von denen die Nummern 1–100 in +Halbpergament gebunden wurden. Pappband 10 Mk., Halbpergt. 15 Mk. + + +Shakespeare: Sonette. + +Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem Nachlaß.) Einmalige +Auflage von 600 Exemplaren, davon 450 auf Bütten, den Titel und die +zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner. Halbpergt. 12 Mk. + +* + +Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem Buch eines Lebens. + +Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. + + +Humorbuch. + +Siehe unter Novellenauswahlbände. + + +Huneker, James: Chopin. + +Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte Übersetzung von Lola +Lorme und Heinrich Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer. +3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh. 5 Mk., Halbleinen 7 Mk. + + +Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik. + +Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung und Anhang von Stefanie +Strizek. Mit 24 Bildbeigaben. 2. Auflage. Halbleder 15 Mk. + + +Immermann, Karl. + +Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder. + + +Der Indische Kulturkreis + +in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung von Helmuth +von Glasenapp, Otto Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem +Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring. + + +Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst. + +Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In Leinen 32 Mk. + + +Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien. + +Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit 230 Abbildungen auf Tafeln. In +Leinen, 2 Bände 50 Mk. + + +Indien. Volk und Kultur / Länder und Städte. + +Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen auf Tafeln. In +Leinen geb. 32 Mk. + + +Heilige Stätten Indiens. + +Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth von Glasenapp. In Leinen ca. +32 Mk. + + +Ceylon. + + Von Dr. Friedrich M. Trautz. + Mit 128 Tafeln. + In Leinen geb. 32 Mk. + +Man verlange den illustrierten Prospekt »Der indische Kulturkreis«. + +Siehe auch unter Gregor Krause: Bali. + + +Heinrich Eduard Jacob + + +Der Zwanzigjährige. + +Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3.50 Mk. + + +Beaumarchais und Sonnenfels. + +Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk. + + +Jean Paul + + +Die Briefe Jean Pauls. + +Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben und erläutert von +Eduard Berend. 1. Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. +2. Band: 1794–1797. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797 +bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis 1805. Mit 6 Tafeln und einem +Stammbaum. Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk., in Ganzleder +50 Mk. + + +Dr. Katzenbergers Badreise. + +2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May. Halbleinen 10 Mk. + + +Jean Pauls Persönlichkeit. + +Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben von Eduard +Berend. Mit 15 Bildbeigaben. Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk. + + +Das heimliche Klaglied der heutigen Männer. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + +* + +Jenseitsrätsel. + +Siehe unter Novellenauswahlbände. + + +Elisabeth Joest + + +Jens Palmström. + +Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Vibrationen. + +Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. +4 Mk. + +* + +Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem zoge und, um seiner Frauen +Reden, gen Konstantinopel, König Hugo zu sen. + +(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.) Nachdichtung aus +dem Altfranzösischen von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer +Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten von Hans Pape. In +alter Fraktur gedruckt in einmaliger Aufl. von 250 numerierten +und vom Künstler signierten Expl., davon 50 auf Bütten. Ausgabe A: +Büttenausgabe in handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten in +Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk. Ausgabe B: Handgearbeiteter +Ganzpgtbd. (ohne Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk. + + +Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts. + +Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen von Rudolf +Großmann. Einmalige numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten mit der +Hand als Halblederband gebunden 40 Mk., als Pappband gebunden 18 Mk. + + +Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre der Reformation. + +Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt. Mit 8 Abbildungen. +Halbleinen 4 Mk., geh. 2 Mk. + + +Kant. + +Siehe unter Bibliothek der Philosophen. + + +Karlchen. + +Siehe unter Ettlinger. + + +Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied. + +Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Kataloge + + +Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags Georg Müller. 1924/25. + +Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk. + + +Katalog der Bücher des Verlags Georg Müller. 1923. + +Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius. 0.50 Mk. + + +Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag. + +210 Seiten. 1918. 2 Mk. + + +Bücher des Verlags Georg Müller. + +Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit zahlreichen Abbildungen. 150 +Seiten. 0.50 Mk. + + +Literaturbericht des Verlags Georg Müller. + +Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk. + + +Das Reich des Eros. + +Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos. + + +Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller. + +16 Seiten. Kostenlos. + + +Das Zeitalter Napoleons I. + +Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos. + + +Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen. + +Mit Abbildungen. Kostenlos. + +* + +Kaus, Gina: Der Aufstieg. + +Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Gottfried Keller + + +Sieben Legenden. + +Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt in 1200 Expl. Die +Holzschnitte wurden von den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt. +geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk. + + +Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a. + +Halbleinen 2 Mk. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + +* + +Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers. Diapsalmata. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher und unter Bibliothek der +Philosophen. + + +Eugen Kilian + + +Goethes Egmont auf der Bühne. + +Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels. Ein Handbuch der +Regie. Geh. 4.50 Mk., Halbleinen 5.50 Mk. + + +Dramaturgische Blätter. + +Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der +Regiekunst und der Theatergeschichte. Geh. 3 Mk. + + +Aus der Praxis der modernen Dramaturgie. + +Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze und Studien aus +dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der Regiekunst und der +Theatergeschichte. Geh. 3 Mk. + + +Goethes Faust auf der Bühne. + +Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung des Gedichtes. +Geh. 1.50 Mk. + + +Shakespeare: Antonius und Kleopatra. + +Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins Übersetzung für die deutsche +Bühne bearbeitet. 2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk. + +* + +Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + + +Friedrich M. Kircheisen + + +Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit. + +1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797, 3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799, +5. Bd.: 1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen, Faksimiles, +Karten und Plänen. Leder je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk. + +(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.) + +Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das Zeitalter Napoleons I.« + + +Napoleon im Lande der Pyramiden und seine Nachfolger 1798–1801. + +Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und Plänen. Geh. 7 Mk., +Halbleder 20 Mk. + + +Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe: + +Goethes Tagebuch der italienischen Reise + +(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher) + + +Druck von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt + + + + + Weitere Anmerkung zur Transkription + + + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie + im Original beibehalten. + Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. + + Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der + Titelseite zusammengesetzt und ist gemeinfrei (Public Domain. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 *** diff --git a/75298-h/75298-h.htm b/75298-h/75298-h.htm new file mode 100644 index 0000000..cdd07fd --- /dev/null +++ b/75298-h/75298-h.htm @@ -0,0 +1,9021 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Rudin | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; 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Die Sonne +stand schon ziemlich hoch am reinen Himmel, auf +den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den +eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und +in dem noch feuchten und lautlosen Walde +stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied +an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge +von oben bis unten mit reifendem Roggen +bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. +Nach diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, +eine junge Frau in weißem Mousselinkleide +und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm +in der Hand. Ein kleiner, als Kosak gekleideter +Dienstbursche folgte ihr in einiger Entfernung.</p> + +<p>Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände +sie Vergnügen an ihrem Spaziergange. Rings +umher auf dem langen und schwankenden Roggen +zogen in silbergraulichem und rötlichem +Farbenspiele langgestreckte Wogen mit sanftem +Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. +Die junge Frau kam aus dem ihr gehörigen +größeren Dorfe, das etwa eine Werst von dem<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> +Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte +gerichtet hatte. Sie hieß Alexandra Pawlowna +Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich begütert, +und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten +Bruder, Sergei Pawlowitsch Wolinzow, +einem Stab-Rittmeister außer Diensten, +welcher ihr Gut verwaltete.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; +sie blieb bei dem äußersten, sehr alten und +verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren +Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen +und sich nach dem Befinden der Eigentümerin +zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt +von einem altersschwachen Bauer mit weißem +Barte.</p> + +<p>»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.</p> + +<p>»Kann ich hineingehen?«</p> + +<p>»Warum nicht.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es +war eng darin, beklommen und räucherig … +Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. +Alexandra Pawlowna sah sich um und gewahrte +in dem Halbdunkel den gelben und runzeligen +Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch +umhüllte. Bis unter den Hals mit einem dicken +Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und bewegte +schwach ihre mageren Arme.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> +und berührte ihre Stirne mit der Hand; sie war +brennend heiß.</p> + +<p>»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte +sie, sich über die Ofenbank beugend.</p> + +<p>»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie +Alexandra Pawlowna gewahr worden war. +»Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen +ist gekommen, mein Täubchen.«</p> + +<p>»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, +Matrona. Hast du die Arznei eingenommen, +die ich dir geschickt habe?«</p> + +<p>Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. +Sie hatte die Frage nicht recht gehört.</p> + +<p>»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, +der an der Türe stehengeblieben war.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.</p> + +<p>»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.</p> + +<p>»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber +immer davon. Kann nicht sitzen bleiben: ein wildes +Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter +reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst +zu alt: was kann ich helfen?«</p> + +<p>»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus +tragen?«</p> + +<p>»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, +wo man stirbt. Sie hat ihre Zeit abgelebt; es +muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von +der Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins +Krankenhaus! Hebt man sie nur auf, so ist sie +tot.«</p> + +<p>»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span> +schöne, gnädige Frau, meine Kleine, die Waise, +verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von +hier, du aber …«</p> + +<p>Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.</p> + +<p>»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es +soll alles geschehen. Ich habe dir da Tee und +Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, +trinke … Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« +setzte sie, mit einem Blick auf den Alten, +hinzu.</p> + +<p>»Einen Samowar? Nein, einen Samowar +haben wir nicht, man kann sich das aber verschaffen.«</p> + +<p>»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, +so schicke ich dir einen. Und sage auch deiner Enkelin, +sie solle nicht aus dem Hause laufen. Sage +ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«</p> + +<p>Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den +eingewickelten Tee und Zucker mit beiden Händen +entgegen.</p> + +<p>»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra +Pawlowna, »ich komme wieder zu dir, verliere +den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich +ein …«</p> + +<p>Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte +sich gegen Alexandra Pawlowna vor.</p> + +<p>»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, +sie beugte sich über sie und küßte sie auf die +Stirne.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p> + +<p>»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum +Alten, »die Arznei muß ihr durchaus eingegeben +werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee +gebt ihr zu trinken.«</p> + +<p>Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte +sich nur.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie +wieder in die frische Luft gekommen war. Sie +schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits +nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke +der Hütte herum auf einer niedrigen Reitdroschke +ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er +hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge +an und trug eine Mütze aus gleichem Stoffe. Als +er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt +er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht +war breit und bleich, mit kleinen blaßgrauen +Augen und hellblondem Schnurrbart; das +Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.</p> + +<p>»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen +Lächeln hervor, »was machen Sie denn hier, +wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo +kommen Sie aber, Michael Michailitsch?«</p> + +<p>Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, +schaute ihr in die Augen und lächelte wieder.</p> + +<p>»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, +»eine Kranke zu besuchen; wäre es aber nicht +besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«</p> + +<p>»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span></p> + +<p>»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind +Sie nicht Willens, es eingehen zu lassen?«</p> + +<p>»Eingehen lassen? Weshalb?«</p> + +<p>»Nun, so.«</p> + +<p>»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen +der in den Kopf gekommen?«</p> + +<p>»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, +und stehen, wie es scheint, unter ihrem Einflusse. +Wie die nun sagt, sind ja Krankenhäuser, +Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. +Die Wohltätigkeit soll persönlich sein, +ebenso die Bildung; das alles ist Sache der +Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie +sich aus. Wem sie das nachsingt, möchte ich aber +wissen?«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna lachte auf.</p> + +<p>»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich +liebe und achte sie sehr; sie kann ja aber auch irren +und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«</p> + +<p>»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte +Michael Michailitsch, immer noch auf der +Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren +eigenen Worten keinen rechten Glauben. Es +freut mich übrigens sehr, daß ich Sie getroffen +habe.«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer +angenehm wäre, mit Ihnen zusammenzukommen! +Heute sind Sie ebenso frisch und +freundlich, wie dieser Morgen.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna lachte wieder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p> + +<p>»Worüber lachen Sie denn?«</p> + +<p>»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, +mit welcher apathischen, kalten Miene Sie Ihr +Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß +Sie es ohne Gähnen zu Ende gebracht haben.«</p> + +<p>»Mit kalter Miene … Sie wollen immer +Feuer haben; Feuer taugt aber zu nichts. Es +lodert auf, qualmt und verlischt.«</p> + +<p>»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna +hinzu.</p> + +<p>»Ja … und brennt auch.«</p> + +<p>»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist +auch kein Übel! Immer noch besser als …«</p> + +<p>»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch +ebenso sprechen, wenn Sie sich, auch nur einmal, +tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach sie +ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den +Zügeln auf sein Pferd. »Leben Sie wohl!«</p> + +<p>»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief +Alexandra Pawlowna, »wann sehen wir Sie bei +uns?«</p> + +<p>»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«</p> + +<p>Und die Droschke rollte davon.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch +nach. Ein wahrer Mehlsack! dachte sie. Zusammengebückt, +staubbedeckt, mit der in den Nacken +geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche +Büschel gelben Haares hervorguckten, war +er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.</p> + +<p>Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf +dem Wege nach Hause zurück. Gesenkten Blickes<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> +schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes +in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und +den Blick zu erheben … Ihr entgegen ritt ihr +Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, +mittleren Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem +Röckchen, schmalem Halstüchelchen und leichtem +grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der +Hand. Schon von weitem lächelte er Alexandra +Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah, daß +sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf +irgend etwas acht zu geben. Sie bemerkte ihn +erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast zärtlich +sagte:</p> + +<p>»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten +Morgen!«</p> + +<p>»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« +antwortete sie. »Sie kommen von Darja Michailowna?«</p> + +<p>»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht +der junge Mann, »von Darja Michailowna. Sie +hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen +zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so +wunderschön, es sind im ganzen nur vier Werst +bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu +Hause. Ihr Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka +gegangen, er selbst war im Begriff aufs +Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, +Ihnen entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«</p> + +<p>Der junge Mann sprach russisch, rein und +grammatikalisch richtig, jedoch mit einem fremden +Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> +war. In seinen Gesichtszügen lag etwas +Asiatisches. Die lange, gebogene Nase, die großen, +hervortretenden, starren Augen, die dicken +roten Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze +Haar, – alles an ihm bekundete die +orientalische Abkunft.</p> + +<p>Sein Name war Pandalewski und als seine +Heimat gab er Odessa an, obgleich er irgendwo +in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen +und reichen Witwe erzogen worden war. Eine +andere Witwe hatte ihm eine Anstellung ausgewirkt. +Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise +Frauen reiferen Alters: er verstand es, von +ihnen zu erlangen, was er wollte.</p> + +<p>Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei +einer reichen Gutsbesitzerin, Darja Michailowna +Laßunski, als Pflegesohn oder Kostgänger. +Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll +und im geheimen sinnlich, hatte eine angenehme +Stimme, spielte nicht schlecht Klavier und +pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken. +Seine Kleidung war sehr sauber und +hielt bei ihm lange vor, sein breites Kinn war +sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis +zu Ende an und wandte sich darauf zu ihrem +Bruder.</p> + +<p>»Heute begegne ich einem nach dem andern; +soeben habe ich Leschnew gesprochen.«</p> + +<p>»Ah! wirklich!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p> + +<p>»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, +in einem linnenen Sackkittel, ganz von +Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«</p> + +<p>»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«</p> + +<p>»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski +verwundert.</p> + +<p>»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte +Wolinzow. »Indessen, lebe wohl, Schwester: +ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir +Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich +nach Hause begleiten.«</p> + +<p>Und Wolinzow trabte davon.</p> + +<p>»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin +Diomiditsch und bot Alexandra Pawlowna +seinen Arm.</p> + +<p>Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen +den Weg zum herrschaftlichen Hause ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu +wandeln, erfüllte, wie es schien, Constantin Diomiditsch +mit Glück und Stolz; er machte nur +kurze Schritte, lächelte mit Behagen, und seine +morgenländischen Augen wurden feucht, was +übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete +ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne +fallen zu lassen. Und wem wäre es wohl nicht angenehm, +ein hübsches, junges und schmuckes +Weib am Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna +sagte das ganze Gouvernement, sie sei<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> +reizend, und das Gouvernement täuschte sich +nicht. Schon ihr gerades, unmerklich aufgeworfenes +Näschen konnte jeden Sterblichen um den +Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, +braunen Augen, das goldblondene Haar +und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer +vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. +Das Beste an ihr war jedoch der Ausdruck ihres +lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit, Treuherzigkeit +und Sanftmut rührte und zog es an. +Alexandra Pawlowna hatte den Blick und das +Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes +fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr +wünschen?</p> + +<p>»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, +sagten Sie?« fragte sie Pandalewski.</p> + +<p>»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte +er, und er sprach dabei den Buchstaben s, +wie die Engländer das th aus, »sie wünschten +durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten +sie heute zu Mittag besuchen. Sie erwarteten +einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von +einer dritten Person redete, gebrauchte in der +Regel die Mehrzahl) »und wünschten durchaus, +daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«</p> + +<p>»Wer ist das?«</p> + +<p>»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker +aus Petersburg. Darja Michailowna haben +ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt +und sind des Lobes über ihn voll, als über +einen liebenswürdigen und gebildeten jungen<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> +Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch +mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was +für ein reizender Schmetterling! bitte, betrachten +Sie … oder richtiger gesagt, mit politischer +Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr +interessante Frage geschrieben – und wünscht +ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu unterwerfen.«</p> + +<p>»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«</p> + +<p>»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, +in bezug auf den Stil. Es ist Ihnen wohl, +denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch +hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate +gezogen und mein Wohltäter, der in Odessa lebende, +hochehrenwerte, großwürdige Roxolan +Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses +Mannes ist Ihnen gewiß bekannt?«</p> + +<p>»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie +gehört.«</p> + +<p>»Haben von diesem Manne nichts gehört? +Merkwürdig! Ich wollte sagen, daß auch Roxolan +Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung +von den Kenntnissen Darja Michailownas in +der russischen Sprache gehabt hat.«</p> + +<p>»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte +Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, +im Gegenteil, man erkenne in ihm sogleich +den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit +solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den +alten Fürsten Entzücken überkam … Das, muß<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> +ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das +schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses +herrliche Feldblümchen anbieten?«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen +und ließ es, einige Schritte weiter, auf den Weg +fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch +etwa zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor +kurzem gebaut und weiß getüncht, schaute es mit +seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus +dem dichten Laube alter Linden und Ahornbäume +hervor.</p> + +<p>»Was hätte ich also Darja Michailowna zu +hinterbringen,« begann Pandalewski von neuem, +ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches +sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich +zum Mittage hinbemühen? Darja Michailowna +lassen Ihren Bruder auch einladen.«</p> + +<p>»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. +Was macht Natascha?«</p> + +<p>»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund +… Doch wir sind an dem Wege, welcher +zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. +Erlauben Sie, daß ich Abschied nehme.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen +also nicht bei uns vorsprechen?« fragte sie +zögernd.</p> + +<p>»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht +befürchtete, zu spät zu kommen. Darja Michailowna +haben gewünscht, eine neue Etüde von +Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und +einstudiert werden. Dann aber, muß ich gestehen,<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> +bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen +irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«</p> + +<p>»Doch nein … warum aber …«</p> + +<p>Pandalewski stieß einen Seufzer aus und +senkte beredt den Blick.</p> + +<p>»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« +sagte er nach einigem Schweigen, verbeugte sich +und trat einen Schritt zurück.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wandte sich um und +ging nach Hause.</p> + +<p>Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg +ein. Alles Süßliche war sogleich von seinem +Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender, +ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein +Gang sogar war ein anderer geworden; er schritt +jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei +Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die +Luft mit seinem Stöckchen zerteilend, als plötzlich +das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er war +hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches +Bauernmädchen gewahr geworden, das Kälber +aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin +Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, +dem Mädchen und redete es an. Anfangs antwortete +es nichts, wechselte die Farbe und lachte +vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem +Ärmel, wandte sich ab und sagte:</p> + +<p>»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«</p> + +<p>Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem +Finger und hieß sie ihm Kornblumen holen.</p> + +<p>»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> +etwa Kränze flechten?« erwiderte das Mädchen, +»nun, so geh doch, aber wirklich …«</p> + +<p>»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder +Constantin Diomiditsch …</p> + +<p>»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das +Mädchen, »sieh, da kommen die jungen Herren.«</p> + +<p>Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, +auf dem Wege daher kamen Wanja und +Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter +ihnen her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein +junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, der +eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow +war ein langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, +großer Nase, starken Lippen und kleinen +Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich +und gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich +das Haar wachsen, – nicht um damit zu stolzieren, +sondern aus Faulheit; – liebte zu essen +und zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und +anregende Unterhaltung; Pandalewski haßte er +von ganzer Seele.</p> + +<p>Die Kinder der Darja Michailowna hatten +Bassistow über alles lieb und nicht die geringste +Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen +stand er auf vertrautem Fuße, was der Dame +des Hauses gerade nicht gefiel, obwohl sie oft +behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.</p> + +<p>»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin +Diomiditsch, »wie früh ihr heute spazieren geht! +Ich bin auch schon zeitig vom Hause fortgegangen,« +setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu;<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> +»meine Leidenschaft ist’s, in der Natur zu +schwelgen.«</p> + +<p>»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur +schwelgen,« brummte Bassistow.</p> + +<p>»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich +in allem etwas … Ich kenne Sie!«</p> + +<p>Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem +ähnlichen Leuten redete, so geriet er leicht in +Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft +etwas pfeifend aus.</p> + +<p>»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen +nach dem Wege erkundigt?« sagte Bassistow, indem +er den Blick bald rechts- bald linkshin +schweifen ließ.</p> + +<p>Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr +ins Gesicht blickte, und das war ihm äußerst +peinlich.</p> + +<p>»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist +und weiter nichts. Sie wollen in allem durchaus +nur die prosaische Seite sehen …</p> + +<p>»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, +»ihr seht auf der Wiese den Weidenbusch: wir +wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin +läuft … eins! zwei! drei!«</p> + +<p>Und über Hals und Kopf rannten die Kinder +zu der Weide.</p> + +<p>Bassistow stürzte ihnen nach …</p> + +<p>Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben +wird er die Jungen … Ein wahrer Bauernlümmel!</p> + +<p>Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> +sauberes und nettes Figürchen musternd, betupfte +Constantin Diomiditsch zweimal mit ausgespreizten +Fingern die Ärmel seines Rockes, +schob den Kragen zurecht und ging seines Weges. +Auf seinem Zimmer angelangt, zog er einen +abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter +Miene ans Klavier.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="II">II</h2> +</div> + +<p>Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast +für das erste im ganzen Gouvernement. Massiv, +steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke +des vergangenen Jahrhunderts erbaut, +erhob es sich großartig auf dem Gipfel eines Hügels, +an dessen Fuße einer der bedeutendsten +Ströme des mittleren Rußlands vorüberfloß. +Darja Michailowna selbst war eine angenehme +und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. +Wenn auch Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, +sie kenne ganz Europa und Europa kenne sie, +– so kannte sie doch Europa wenig und spielte +selbst in Petersburg keine bedeutende Rolle; in +Moskau dagegen kannten sie alle und statteten ihr +Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, +und wurde für eine etwas sonderbare, nicht sehr +gute, aber außerordentlich kluge Frau gehalten. +In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. +Poeten hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute +sich in sie verliebt, hohe Herren ihr den Hof gemacht. +Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> +bis dreißig Jahre verstrichen, und von den +früheren Reizen war keine Spur zurückgeblieben. +»Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie zum +ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, +gelbliche, spitznasige und noch nicht betagte Frau +einst eine Schönheit gewesen wäre? Ist sie es +wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern +besungen wurde?« Und jedermann staunte +innerlich über den Wechsel alles Irdischen. Es +ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas +Augen in wunderbarer Weise ihren alten +Zauber behalten hatten; eben dieser Pandalewski +aber behauptete ja auch, daß ganz Europa +sie kenne.</p> + +<p>Darja Michailowna kam jeden Sommer auf +ihr Landgut mit ihren Kindern (sie hatte deren +drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und +zwei Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt +offenes Haus, das heißt, sie empfing bei sich +Männer; besonders unverheiratete Edeldamen +aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür +ließen ihr diese Damen aber auch kein gutes +Haar! Darja Michailowna war, nach deren +Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare +Tyrannin, und was die Hauptsache wäre, – sie +erlaube sich solche Freiheiten in der Unterhaltung, +daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna +liebte es in der Tat nicht, sich auf dem Lande +Zwang aufzulegen, und in der freien Einfachheit +ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung +einer großstädtischen Weltdame für die<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> +sie umgebenden, meistens unbedeutenden Persönlichkeiten +hindurch … Selbst mit ihren städtischen +Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja +spöttisch um; doch fehlte dabei die Schattierung +von Verachtung.</p> + +<p>Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß +Leute, die im Kreise ihrer Untergebenen ungewöhnlich +zerstreut zu sein pflegen, es niemals +im Umgange mit höher gestellten Personen sind? +Woher mag das kommen? Doch – wozu dergleichen +Fragen!</p> + +<p>Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die +Thalbergsche Etüde einstudiert hatte, begab er sich +aus seinem netten und freundlichen Stübchen hinaus +ins Empfangszimmer und fand dort die +ganze Gesellschaft des Hauses bereits versammelt. +Der Salon war schon geöffnet. Auf einer +breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen +und eine neue französische Broschüre in der +Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor dem +Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter +Darja Michailownas, von der anderen Mlle. +Boncourt, die Gouvernante, eine alte, vertrocknete +Jungfer von sechzig Jahren mit einer +schwarzen Haartour unter der farbigen Haube +und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei +der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen +und las die Zeitung, während neben ihm Petja +und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an +den Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, +stand ein Herr von mittlerem Wuchse, mit unordentlichem,<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> +grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe +und kleinen, unruhigen, schwarzen +Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit +Namen.</p> + +<p>Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. +Auf alles und alle erbittert – vorzüglich auf +das weibliche Geschlecht, schalt er vom Morgen bis +zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen +ziemlich flach, immer jedoch mit Selbstbefriedigung. +Er war reizbar wie ein Kind; sein Lachen, +der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien +von Galle getränkt. Darja Michailowna sah ihn +gern bei sich: er ergötzte sie mit seinen Ausfällen. +Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es +war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte +man zum Beispiel in seiner Gegenwart von einem +Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf +in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm +durchbrochen, oder daß ein Bauer sich +mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal +fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie +heißt <em class="gesperrt">sie</em>?« nämlich wie das Weib heiße, das +an dem Unglück schuld sei, – denn seiner Behauptung +nach brauchte man nur tiefer auf den +Grund zu gehen, um zu finden, daß jegliches +Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde. +Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm +fast unbekannten Frau, die in ihn drang, etwas +zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, aber +mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, +sie wolle seiner schonen, er hätte nichts gegen sie<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> +verschuldet und werde sie künftig nie mehr besuchen. +Ein anderes Mal ging ein Pferd mit +einer der Waschfrauen Darja Michailownas +einen Berg hinunter durch, warf in einem Graben +um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow +nannte später das Pferd nie anders als +das wackere, wackere Rößchen, und der Berg +selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus +malerische Plätze. Pigassow hatte kein Glück +im Leben gehabt – daher in der Hauptsache sein +wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern +Kind; die Beschäftigung seines Vaters war eine +ziemlich untergeordnete gewesen, er hatte kaum +lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung +seines Sohnes gedacht; er hatte ihm +Nahrung und Kleidung gegeben – das war +alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, +sie starb aber früh. Pigassow verdankte seine +Bildung sich selbst; zuerst besuchte er die Kreisschule, +dann das Gymnasium, erlernte die französische, +deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, +und nachdem er mit einem vorzüglichen Zeugnisse +das Gymnasium absolviert hatte, begab er +sich nach Dorpat, wo er unter fortwährendem +Kampfe mit der Not, dennoch nach drei Jahren +richtig sein Triennium beendigte. Pigassows +Fähigkeiten waren keineswegs außergewöhnlicher +Art; er zeichnete sich durch Geduld und Beharrlichkeit +aus, besonders stark war jedoch in +ihm der Ehrgeiz, das Verlangen nach guter Gesellschaft +und die Sucht, anderen nicht nachzustehen,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> +dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig +und hatte die Dorpatsche Universität aus +Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn auf +und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und +Verschlagenheit. Er hatte eine eigentümliche Art +sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er sich +eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit +zu eigen gemacht. Seine Gedanken +überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch +war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für +einen klugen, sondern sogar für einen geistreichen +Menschen gelten konnte. Nachdem er den +Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich +dem Gelehrtenstande zu widmen, denn es war +ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn +hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er +war bemüht, sich dieselben aus den höheren +Ständen zu wählen und verstand es, sich ihnen +gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, +wenn auch immer mit Schelten. Doch da gebrach +es ihm, um es einfach zu sagen, am nötigen +Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, +wußte Pigassow im Grunde zu wenig. Er +fiel bei der Disputation schmählich durch, während +ein anderer Student, sein Stubengefährte, +über den er sich beständig lustig gemacht hatte, +ein beschränkter Kopf, der jedoch eine regelmäßige +und gründliche Bildung genossen hatte, +vollständigen Triumph über ihn davontrug. Dieser +Unfall erbitterte Pigassow aufs äußerste: er +warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> +trat in den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht +schlecht damit: als Beamter war er zu allem gut, +zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über +die Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; +er wollte nur zu rasch emporkommen – verwickelte +sich, strauchelte und war gezwungen, seinen +Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb +er auf seinem wohlerworbenen Gütchen sitzen +und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete +Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner +freien und spöttischen Manieren gefangen +hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener +und das Familienleben drückte ihn … +Nachdem seine Frau einige Jahre mit ihm gelebt +hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und +verkaufte einem gewandten Abenteurer ihr Gut, +in welchem Pigassow eben erst ein Wirtschaftsgebäude +hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten +Schlag bis ins Innerste erschüttert, fing er +einen Prozeß gegen seine Frau an, den er jedoch +verlor … So lebte er nun seine Tage allein, +besuchte seine Nachbarn, die er selbst in deren +Gegenwart aufzog und die ihn mit einem gewissen +gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, +doch flößte er ihnen keine besondere +Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in die +Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine +Bauern litten nicht Not.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, +als Pandalewski ins Gastzimmer trat. »Kommt +Alexandrine?«</p> + +<p>»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen +und werden sich ein besonderes Vergnügen daraus +machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch, +sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, +und mit dem dicken, aber weißen Händchen, dessen +Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich das +vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.</p> + +<p>»Und Wolinzow kommt auch?«</p> + +<p>»Wird auch kommen.«</p> + +<p>»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,« +fuhr Darja Michailowna zu Pigassow gewendet +fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?«</p> + +<p>Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer +Seite hin, und er zuckte konvulsivisch mit dem +Ellenbogen.</p> + +<p>»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton, +– er sprach im heftigsten Anfall von Erbitterung +langsam und deutlich, »ich sage, daß die +jungen Mädchen im ganzen genommen – von +den anwesenden, versteht sich’s, rede ich nicht …«</p> + +<p>»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im +Sinne zu haben,« unterbrach ihn Darja Michailowna.</p> + +<p>»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte +Pigassow. »Alle jungen Mädchen im allgemeinen +sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke +ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein +junges Mädchen, erfreut oder betäubt sie etwas,<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> +das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper +eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow +seiner Gestalt eine angemessene Wendung +und streckte die Arme voneinander) und dann +erst kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder +Schluchzen aus. Einmal übrigens,« und dabei +lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei +einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin +gebracht, einen wahren, ungeheuchelten Gefühlsausdruck +zu erzwingen.«</p> + +<p>»Auf welche Weise?«</p> + +<p>Pigassows Augen funkelten.</p> + +<p>»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle +einen Stoß in die Seite. Wie sie aufschrie! +Bravo! bravo! rief ich. Das war die +Stimme der Natur, das war ein natürlicher +Schrei. So müssen Sie es künftig halten.«</p> + +<p>Alle im Zimmer lachten auf.</p> + +<p>»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da, +Afrikan Semenitsch!« rief Darja Michailowna. +»Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten +ein Mädchen mit einem Pfahle in die Seite +gestoßen!«</p> + +<p>»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit +einem ungeheuren, wie jene, die bei der Verteidigung +von Festungen gebraucht werden.«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Mais c’est une horreur ce que vous dites +là, monsieur</em>,« rief mit Entsetzen Mlle. Boncourt, +und warf einen strengen Blick auf die +lachenden Kinder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p> + +<p>»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja +Michailowna, »kennen Sie ihn denn nicht?«</p> + +<p>Die entrüstete Französin konnte sich aber lange +nicht beruhigen und fuhr fort, vor sich hinzubrummen.</p> + +<p>»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr +mit gelassener Stimme Pigassow fort, »ich beteuere +aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt +habe. Wer könnte es denn besser wissen als ich? +Dann werden Sie es wohl auch nicht glauben, +daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst +erzählt hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s +erzählt, daß sie ihren eigenen Neffen umgebracht +hat?«</p> + +<p>»Wieder eine schöne Erfindung!«</p> + +<p>»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie +selbst. Vergessen Sie nicht, ich will sie nicht verleumden, +ich habe sie sogar lieb, das heißt, so +lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen +Hause bei ihr kein Buch aufzutreiben, den Kalender +ausgenommen, und lesen kann sie nicht +anders als laut – diese Anstrengung treibt ihr +den Schweiß auf die Stirn und sie klagt dann, +daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten +… Mit einem Wort, eine vortreffliche Frau, +und ihre Dienstmädchen sind gut genährt. Warum +sollte ich sie also verleumden?«</p> + +<p>»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser +Afrikan Semenitsch hat sein Steckenpferd bestiegen +– vor dem Abend steigt er nicht wieder +herunter.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p> + +<p>»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben +deren drei und kommen niemals von denselben +herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.«</p> + +<p>»Welches sind denn diese drei?«</p> + +<p>»Sticheln, Anspielen, Anklagen.«</p> + +<p>»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna, +»Sie müssen gewiß nicht ohne Grund +so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß +Sie durchaus irgendeine …«</p> + +<p>»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach +sie Pigassow.</p> + +<p>Darja Michailowna wurde etwas verwirrt; +es fiel ihr die unglückliche Ehe Pigassows ein +… und sie nickte bloß mit dem Kopfe.</p> + +<p>»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,« +erwiderte Pigassow, »obgleich es eine gute, sehr +gute Frau war …«</p> + +<p>»Wer war denn das?«</p> + +<p>»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut +hervor.</p> + +<p>»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl +kränken?«</p> + +<p>»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.«</p> + +<p>Darja Michailowna zog die Brauen zusammen.</p> + +<p>»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung +nimmt eine trübe Wendung … Constantin, +spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg +vor … Vielleicht werden die Töne der +Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat es +doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span></p> + +<p>Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier +und trug die Etüde zu voller Befriedigung vor. +Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu, +fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Merci c’est charmant</em>,« äußerte Darja Michailowna, +»ich liebe den Thalberg. <em class="antiqua">Il est si +distingué.</em> Worüber sinnen Sie, Afrikan Semenitsch?«</p> + +<p>»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es +gibt drei Sorten von Egoisten: solche, welche +selbst leben und andere leben lassen; Egoisten, +welche selbst leben und andere nicht leben lassen, +und endlich solche, welche weder selbst leben, +noch andere leben lassen … Die Weiber gehören +größtenteils zu der dritten Gattung.«</p> + +<p>»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert, +Afrikan Semenitsch, das ist die Zuversicht +in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie +niemals irren.«</p> + +<p>»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch +der Mann kann sich irren! Aber, wissen Sie, +worin der Unterschied besteht zwischen unserem +Irren und dem eines Weibes? Sie wissen es +nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein Mann zum +Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht +vier, sondern fünf oder dreiundeinhalb; ein +Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht – +ein Stearinlicht.«</p> + +<p>»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört +… Erlauben Sie mir aber die Frage, in +welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> +Gattungen Egoisten zu der Musik, die wir soeben +gehört haben?«</p> + +<p>»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf +die Musik gehört.«</p> + +<p>»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich, +ich ziehe mich zurück,« erwiderte Darja +Michailowna, einen Vers aus Gribojedow variierend. +»Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik +Sie nicht anspricht? Literatur etwa?«</p> + +<p>»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der +Gegenwart.«</p> + +<p>»Weshalb?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei +einer Überfahrt über die Oka traf ich mit einem +Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen +Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände +hinaufgeschleppt werden. Jener Herr +hatte eine außerordentlich schwere Kalesche. +Während die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen +des Fuhrwerks abarbeiteten, stand der Herr +auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich +Mitleid mit ihm haben konnte … Da haben +wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung des Systems +der geteilten Arbeit! So ist es auch mit +der Literatur der Gegenwart: Andere ziehen und +verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.«</p> + +<p>Darja Michailowna lächelte.</p> + +<p>»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens +der Gegenwart,« fuhr der unerbittliche Pigassow +fort, »tiefe Sympathie für die sozialen<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> +Fragen und wer weiß wie noch … Ach, über +diese hochtönenden Worte!«</p> + +<p>»Die Frauen aber, die Sie so angreifen, +sie wenigstens gebrauchen keine hochtönenden +Worte.«</p> + +<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf +– nicht verstehen.«</p> + +<p>Darja Michailowna errötete leicht.</p> + +<p>»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!« +bemerkte sie mit erzwungenem Lächeln.</p> + +<p>Alle im Zimmer wurden still.</p> + +<p>»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal +einer der Knaben Bassistow.</p> + +<p>»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,« +nahm Pigassow das Wort, »im Herzen des +Schopflandes<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.« (Er war froh, der Unterhaltung +eine andere Wendung geben zu können.) +»Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort, +»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne +weiteres kleinrussischer Dichter werden.«</p> + +<p>»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!« +erwiderte Darja Michailowna, »kennen +Sie denn die kleinrussische Sprache?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht +nötig.«</p> + +<p>»Wieso nicht nötig?«</p> + +<p>»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> +Papier und schreibe oben darauf: ›Duma‹<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>; +dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und +jeden Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische +Interjektionen wie: graje, graje, woropaje, +hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu, und +das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die +Druckerei und gebe es heraus. Der Kleinrusse +wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen +lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das +ist nun einmal so eine gefühlvolle Seele!«</p> + +<p>»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen +Sie da? Da hört aber alles auf. Ich habe +in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne +die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein +vollständiger Unsinn.«</p> + +<p>»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch +Tränen dabei vergießen. Sie sagen die Sprache +… Gibt es aber denn eine kleinrussische +Sprache? Ich bat einmal einen Kleinrussen, mir +irgendeine Phrase zu übersetzen, und wie glauben +Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte +fast genau die von mir vorgesprochenen Worte, +nur daß er durchgängig i in ü verwandelte. Ist +das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache? +Eine selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das +zugebe, lasse ich meinen besten Freund in einem +Mörser zerstoßen …«</p> + +<p>Bassistow wollte ihm etwas entgegnen.</p> + +<p>»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> +»Sie wissen ja, daß man von ihm außer Paradoxen +nichts zu hören bekommt.«</p> + +<p>Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien +und meldete die Ankunft Alexandra Pawlownas +und ihres Bruders.</p> + +<p>Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste +zu empfangen.</p> + +<p>»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend, +»wie schön von Ihnen, daß Sie gekommen +sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!«</p> + +<p>Wolinzow drückte Darja Michailowna die +Hand und trat auf Natalia zu.</p> + +<p>»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter, +wird er heute kommen?« fragte Pigassow.</p> + +<p>»Ja, er wird kommen.«</p> + +<p>»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft +mit Hegel um sich.«</p> + +<p>Darja Michailowna antwortete nichts, ließ +Alexandra Pawlowna auf der Couchette Platz +nehmen und setzte sich selbst neben sie.</p> + +<p>»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der +höhere Gesichtspunkt! Sind sie mir zum Ekel geworden, +diese höheren Gesichtspunkte! Und was +kann man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft +jemand ein Pferd, so wird er nicht erst einen +Turm besteigen, um es zu beschauen!«</p> + +<p>»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz +bringen?« fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna +mit übertriebener Gleichgültigkeit, »über<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> +die Beziehungen des Handels zu der Industrie +in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir +werden das jetzt nicht lesen … Ich habe Sie +nicht deshalb eingeladen. <em class="antiqua">Le baron est aussi +aimable que savant.</em> Und spricht sehr gut russisch! +<em class="antiqua">C’est un vrai torrent … il vous +entraine.</em>«</p> + +<p>»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow, +»daß er verdient hat, französisch gelobt zu werden.«</p> + +<p>»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch, +brummen Sie nur immer zu … das paßt sehr +gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum +kommt er aber nicht? Wissen Sie aber, <em class="antiqua">messieurs +et mesdames</em>,« setzte Darja Michailowna, +sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir +wollen in den Garten gehen. Bis zum Essen ist +es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …«</p> + +<p>Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab +sich in den Garten.</p> + +<p>Der Garten Darja Michailownas reichte bis +an den Fluß. Es waren in demselben viele dunkle +und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in +smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus +Akazien und Fliederbäumen ausliefen.</p> + +<p>Wolinzow in Begleitung von Natalia und +Mlle. Boncourt hatten sich in das Dickicht des +Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia +her und schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger +Entfernung.</p> + +<p>»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?«<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> +fragte endlich Wolinzow und streichelte dabei die +Spitze seines schönen, dunkelblonden Schnurrbartes.</p> + +<p>Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch +zeigten seine Gesichtszüge weniger Beweglichkeit +und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft, +hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck.</p> + +<p>»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe +das Schelten Pigassows mit angehört, habe am +Stickrahmen genäht und habe gelesen.«</p> + +<p>»Und was haben Sie gelesen?«</p> + +<p>»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge +gelesen,« brachte Natalia mit einigem Stocken +hervor.</p> + +<p>Wolinzow blickte sie an.</p> + +<p>»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant +sein.«</p> + +<p>Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in +der Luft. Sie gingen noch etwa zwanzig +Schritte weiter.</p> + +<p>»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft +Ihre Mama gemacht hat?« fragte dann +wieder Wolinzow.</p> + +<p>»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen; +Mama lobt ihn sehr.«</p> + +<p>»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke +hin.«</p> + +<p>»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich +fühlt,« bemerkte Natalia.</p> + +<p>»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken. +Es ist schon fast ganz zugeritten. Es soll<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> +mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich +es bringen.«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Merci</em> … Es macht mich aber wirklich verlegen. +Sie reiten es selbst zu … das soll ja sehr +angreifend sein.«</p> + +<p>»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten, +Sie wissen es, Natalia Alexejewna, bin +ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …«</p> + +<p>Wolinzow stockte.</p> + +<p>Natalia blickte ihn freundlich an und sagte +nochmals: <em class="antiqua">merci</em>.</p> + +<p>»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach +längerem Schweigen fort, »es gibt nichts … +Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.«</p> + +<p>In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im +Hause.</p> + +<p>»Ah! <em class="antiqua">La cloche du dîner!</em>« rief Mlle. Boncourt, +»<em class="antiqua">rentrons</em>.«</p> + +<p><em class="antiqua">Quel dommage</em>, dachte bei sich die alte +Französin, als sie hinter Natalia und Wolinzow +die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, <em class="antiqua">quel dommage +que ce charmant garçon ait si peu de +ressources dans la conversation</em> … was +man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz +nett, mein Lieber, aber etwas beschränkt.</p> + +<p>Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man +wartete eine halbe Stunde auf ihn. Bei Tische +wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts +gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend +Natalia an, neben welcher er saß, und<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> +schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski +bemühte sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra +Pawlowna, zu unterhalten: er zerfloß in +Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete, +das Gähnen zu unterdrücken.</p> + +<p>Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an +nichts; selbst Pigassow war verstummt, und als +Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute +nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch: +»Wann bin ich denn liebenswürdig? Es ist nicht +meine Art …« Und setzte mit bitterem Lächeln +hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur +Kwas, ordinärer russischer Kwas; wenn aber +Ihr Kammerjunker …«</p> + +<p>»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow +wird eifersüchtig, zum voraus eifersüchtig!«</p> + +<p>Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern +schaute finster vor sich hin.</p> + +<p>Es schlug sieben Uhr und alle versammelten +sich wieder im Gastzimmer.</p> + +<p>»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte +Darja Michailowna … Doch plötzlich ließ sich +das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer +Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen +Minuten erschien ein Diener im Gastzimmer +und reichte Darja Michailowna einen Brief +auf einem kleinen silbernen Präsentierteller. Sie +durchlief denselben bis zum Ende und fragte +dann, zum Diener gewendet:</p> + +<p>»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht +hat?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> + +<p>»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen +Sie, ihn herein zu nötigen?«</p> + +<p>»Bitte ihn her.«</p> + +<p>Der Diener verschwand.</p> + +<p>»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,« +fuhr Darja Michailowna fort, »der Baron hat +die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg +zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch +einen Herrn Rudin, seinen Freund. Der Baron +wollte mir denselben vorstellen – er sagt von +ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich +hatte darauf gerechnet, der Baron werde hier +einige Zeit zubringen …«</p> + +<p>»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der +Diener.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="III">III</h2> +</div> + +<p>Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig +Jahren, hohem Wuchse, etwas gebückter +Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, +mit unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen +und klugen Zügen, feuchtem Glanze in den lebhaften, +dunkelblauen Augen, gerader und breiter +Nase und anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug +war nicht neu und eng, als wäre er demselben +entwachsen.</p> + +<p>Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, +entbot ihr einen kurzen Gruß, sagte, daß ihn +schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu +werden, verlangt habe und daß sein Freund, der<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span> +Baron, es sehr bedauere, nicht persönlich Abschied +von ihr habe nehmen zu können.</p> + +<p>Die feine Stimme Rudins entsprach weder +seinem hohen Wuchse noch seiner breiten Brust.</p> + +<p>»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie +kennenzulernen,« sagte Darja Michailowna, und +nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt +hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder +angereist sei?</p> + +<p>»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« +erwiderte Rudin, den Hut auf den +Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin +in Geschäften hergekommen und habe meinen +Wohnsitz fürs erste in Ihrer Kreisstadt genommen.«</p> + +<p>»Bei wem?«</p> + +<p>»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund +von mir.«</p> + +<p>»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, +wie man sagt, seine Sache verstehen. Und der +Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«</p> + +<p>»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau +und habe jetzt ungefähr eine Woche bei ihm +zugebracht.«</p> + +<p>»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>Darja Michailowna führte die mit Kölnischem +Wasser getränkte Ecke ihres Taschentuches an die +Nase.</p> + +<p>»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« +fragte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p> + +<p>»Wer? Ich?«</p> + +<p>»Ja. Sie!«</p> + +<p>»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«</p> + +<p>Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde +die Unterhaltung wieder allgemein.</p> + +<p>»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, +sich zu Rudin wendend: »Sie kennen gewiß den +Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt +hat?«</p> + +<p>»Ich kenne ihn.«</p> + +<p>»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des +Handels … oder, besser gesagt – der Industrie +zum Handel in unserem Vaterlande … +So, dünkt mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu +sagen, Darja Michailowna?«</p> + +<p>»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte +Darja Michailowna, die Hand an die Stirn +führend.</p> + +<p>»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche +Dinge,« fuhr Pigassow fort, »muß jedoch gestehen, +daß mir allein schon der Titel des Aufsatzes +sehr … wie sag’ ich das gelinder … +sehr dunkel und konfus vorkommt.«</p> + +<p>»Woher scheint Ihnen das?«</p> + +<p>Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick +auf Darja Michailowna.</p> + +<p>»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte +er, sein Fuchsgesicht wieder zu Rudin wendend.</p> + +<p>»Mir? Ja gewiß.«</p> + +<p>»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p> + +<p>»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra +Pawlowna Darja Michailowna.</p> + +<p>»Nein, es ist nichts … <em class="antiqua">C’est nerveux.</em>«</p> + +<p>»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, +mit etwas näselnder Stimme, wieder ein: »Ihr +Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, +glaube ich, heißt er?«</p> + +<p>»Ganz recht.«</p> + +<p>»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell +mit politischer Ökonomie, oder widmet er +dieser anziehenden Wissenschaft nur so nebenbei +die Mußestunden, welche er nach den weltlichen +Vergnügungen und Dienstobliegenheiten erübrigen +kann?«</p> + +<p>Rudin blickte Pigassow scharf an.</p> + +<p>»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« +erwiderte er mit leichtem Erröten, »es ist aber +viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«</p> + +<p>»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, +da mir der Aufsatz unbekannt ist … Ich +erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der +Baron Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze +mehr von allgemeinen Theorien als von Tatsachen +aus?«</p> + +<p>»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, +die sich auf Tatsachen stützen.«</p> + +<p>»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden +erlauben … ich darf wohl gelegentlich mein +Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat +zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> +Theorien, Hypothesen, Systeme … nehmen +Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme +kein Blatt vor den Mund … taugen alle zu +nichts. Das ist alles nur Klügelei – um die +Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, +weiter fordern wir nichts von euch.«</p> + +<p>»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn +der Fakten muß doch gedeutet werden!«</p> + +<p>»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, +»nicht ausstehen kann ich sie, diese allgemeinen +Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das +stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; +ein jeder faselt von seinen Überzeugungen und +verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, daß +man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«</p> + +<p>Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. +Pandalewski lachte auf.</p> + +<p>»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer +Ansicht nach, keine Überzeugungen.«</p> + +<p>»Nein – es gibt keine.«</p> + +<p>»Das ist Ihre Überzeugung?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? +Da haben Sie eben eine ausgesprochen.«</p> + +<p>Alle im Zimmer lächelten und warfen sich +Blicke zu.</p> + +<p>»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann +Pigassow wieder …</p> + +<p>Doch Darja Michailowna klatschte in die +Hände und rief: »Bravo, bravo, geschlagen, Pigassow<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> +ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut +aus Rudins Händen.</p> + +<p>»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, +gnädige Frau: ein wenig Geduld!« sagte Pigassow +ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit +Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, +beweisen soll man, widerlegen … Wir +sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«</p> + +<p>»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die +Sache ist ganz einfach. Sie glauben nicht an den +Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht +an Überzeugungen.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an +nichts glaube ich!«</p> + +<p>»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«</p> + +<p>»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte +Wort nützen soll. Indessen …«</p> + +<p>»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich +Darja Michailowna ins Gespräch.</p> + +<p>»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski +schmunzelnd vor sich hin.</p> + +<p>»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« +fuhr Rudin fort. »Sie verstehen es: weshalb +sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an +nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«</p> + +<p>»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine +bekannte Sache, ein jeder weiß, was ein Faktum +ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, +nach eigener Empfindung.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p> + +<p>»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! +Die Empfindung sagt Ihnen, daß die Sonne sich +um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen +Sie Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben +auch ihm nicht?«</p> + +<p>Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. +Aller Augen waren auf Rudin gerichtet. Ein +ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.</p> + +<p>»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. +»Freilich, das ist sehr originell, gehört aber +nicht zur Sache.«</p> + +<p>»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte +Rudin, »war leider sehr wenig Originelles. +Alles dies ist schon längst bekannt und +ist tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf +kam es an …«</p> + +<p>»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit +leichtem Anflug von Unverschämtheit.</p> + +<p>Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen +gegen seinen Widerpart anzufangen, dann +grob zu werden und endlich schmollend zu verstummen.</p> + +<p>»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin +fort: »ich kann mich wirklich nicht, ich muß es +gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, wenn +verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen +über …«</p> + +<p>»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.</p> + +<p>»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was +bringt Sie dies Wort so außer sich? Jedes System<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> +stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze +des Lebens …«</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht +kennen, nicht ergründen …«</p> + +<p>»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie +zugänglich, und der Mensch ist dem Irrtum unterworfen. +Sie werden mir aber wahrscheinlich +zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser +Grundgesetze dennoch entdeckt hat. Das war ein +Genie, zugestanden; die Entdeckungen, die geniale +Geister machen, sind aber eben dadurch +groß, daß sie zum Gemeingute aller werden. Das +Bestreben, allgemeine Gesetze aus partiellen Erscheinungen +herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft +des menschlichen Geistes, und unsere +ganze Bildung …«</p> + +<p>»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn +wiederum mit gedehnter Stimme Pigassow. »Ich +bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht +gern in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«</p> + +<p>»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten +Sie indessen, daß schon der Wille allein, ausschließlich +ein praktischer Mensch zu sein, an und +für sich ein System vorstellt, eine Theorie …«</p> + +<p>»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, +»Sie glauben wohl, mich mit diesem +Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben +sie sehr nötig, diese angepriesene Bildung! Nicht +einen kupfernen Groschen möchte ich für diese +Ihre Bildung hingeben!«</p> + +<p>»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> +Semenitsch!« bemerkte Darja Michailowna, im +Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und weltmännische +Artigkeit ihres neuen Gastes. <em class="antiqua">C’est +un homme comme il faut</em>, dachte sie, Rudins +Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß +ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in +Gedanken russisch.</p> + +<p>»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin +nach einigem Schweigen fort, »die Bildung +zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung +nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder +hat seinen eigenen Geschmack. Es würde uns +übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir +nur, Sie an einen alten Spruch zu erinnern: +›Jupiter, du wirst böse, folglich hast du unrecht!‹ +Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf +Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso +zu bedauern sind, weil mit den Systemen zugleich +die Menschen das Wissen überhaupt, die +Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, +folglich auch den Glauben an sich selbst, +an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen +aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein +können sie nicht leben, es wäre sündhaft, wenn +sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm +nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat +sich von jeher durch Unfruchtbarkeit und Ohnmacht +ausgezeichnet …«</p> + +<p>»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.</p> + +<p>»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen +zu bemerken, daß mit dem Ausrufe ›Das sind<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> +nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben, +etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«</p> + +<p>»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen +zusammen.</p> + +<p>»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen +wollte,« erwiderte Rudin mit unwillkürlicher, +doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole +es, wenn der Mensch keinen festen Grund +hat, an den er glaubt, keinen Boden, auf dem +er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft +geben von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der +Zukunft seines Volkes? Wie kann er wissen, +was er selbst zu tun hat, wenn …«</p> + +<p>»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow +hervor, verbeugte sich und trat auf die Seite, +ohne jemand anzublicken.</p> + +<p>Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.</p> + +<p>»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann +Darja Michailowna. »Seien Sie unbesorgt, +Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit +freundlichem Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr +Vater?«</p> + +<p>»Nikolai!«</p> + +<p>»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri +Nikolaitsch! Er hat niemand hier angeführt. +Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren … +Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen +Sie sich aber näher zu uns und lassen Sie +uns plaudern.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p> + +<p>Rudin rückte seinen Sessel näher.</p> + +<p>»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt +geworden sind?« fuhr Darja Michailowna +fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben +Sie dies Buch gelesen? <em class="antiqua">C’est de Tocqueville, +vous savez?</em>«</p> + +<p>Und Darja Michailowna schob Rudin eine +französische Broschüre hin.</p> + +<p>Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, +blätterte ein wenig darin und erklärte, nachdem +er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, er +habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar +nicht gelesen, doch häufig über die von ihm berührte +Frage nachgedacht. Das Gespräch war +angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, +er zögerte, mit seiner Meinung hervorzutreten, +fand nicht immer sogleich die Ausdrücke, +wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine +Viertelstunde später vernahm man nur seine +Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um +ihn geschlossen.</p> + +<p>Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke +neben dem Kamin. Rudin sprach klug, mit Geist +und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große +Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm +einen bedeutenden Menschen zu treffen … Er +war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so +wenig von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich +und auffallend, wie ein so geistreicher Mann +so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen +können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung,<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> +man könnte sagen, er bezauberte jeden, +vor allen Darja Michailowna … Sie war +stolz auf ihren Fang und dachte schon im voraus +daran, wie sie Rudin in die Welt führen wolle. +Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten +Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches +Feuer. Alexandra Pawlowna hatte, offen +gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin +gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt +und erfreut; ihr Bruder war es nicht weniger; +Pandalewski beobachtete Darja Michailowna +und wurde neidisch; Pigassow dachte: wollte ich +fünfhundert Rubel wegwerfen – ich könnte +mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr +als alle übrigen waren jedoch Bassistow und Natalia +erstaunt. Bassistow war der Atem fast ausgegangen; +er war die ganze Zeit über mit offenem +Munde und weit geöffneten Augen sitzengeblieben +und hatte mit einer Spannung zugehört, +wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht +war rot geworden und ihr Blick, den sie unverwandt +auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde +dunkler und glänzender zugleich …</p> + +<p>»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte +ihr Wolinzow zu.</p> + +<p>»Ja, sie sind schön.«</p> + +<p>»Schade nur, daß seine Hände so groß und +rot sind.«</p> + +<p>Natalia antwortete nichts.</p> + +<p>Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde +allgemeiner, doch ließ sich an dem plötzlichen<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> +Verstummen aller, sobald Rudin den Mund auftat, +gleich merken, wie überwältigend der Eindruck +war, den er hervorgebracht hatte. Es kam +Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow ein +wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte +ihn halblaut: »Warum schweigen Sie denn und +zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen +Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« +und ohne seine Antwort abzuwarten, winkte sie +Rudin zu sich.</p> + +<p>»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« +sagte sie zu ihm, auf Pigassow deutend, »er ist +ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend +greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«</p> + +<p>Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von +oben herab an: er war um zwei Kopflängen +höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, +sein gelbes Gesicht wurde noch gelber.</p> + +<p>»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« +begann er mit unsicherer Stimme, »ich greife +nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze +Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«</p> + +<p>»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte +Meinung von demselben einflößen?« fragte Rudin.</p> + +<p>Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.</p> + +<p>»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, +in welchem ich mit jedem Tage mehr und +mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere +nach mir selbst. Das mag vielleicht ungerecht<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> +sein, und ich tauge viel weniger als andere; was +wollen Sie aber? Gewohnheit!«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit +Ihnen,« erwiderte Rudin. »Welche edle Seele +hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung +gehabt! Man sollte aber doch aus dieser +schlimmen Lage herauszukommen trachten.«</p> + +<p>»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, +die Sie meiner Seele ausstellen,« erwiderte Pigassow, +»mit meiner Lage hält sich’s noch – sie +ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang +aus ihr gibt, er mag bleiben, suchen will +ich ihn nicht.«</p> + +<p>»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck +– die Befriedigung seiner Eigenliebe dem Verlangen, +in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«</p> + +<p>»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die +Eigenliebe – das Ding verstehe ich, verstehen +Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was +ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«</p> + +<p>»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß +Ihnen diese Bemerkung machen,« warf Darja +Michailowna ein.</p> + +<p>Pigassow zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist +Wahrheit? Die Philosophen selbst wissen nicht, +was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel +aber – nein, bewahre! Dies ist sie.«</p> + +<p>»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« +fragte Rudin, ohne die Stimme zu erheben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> + +<p>»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann +nicht begreifen, was Wahrheit ist. Meiner Ansicht +nach gibt es eine solche nicht auf der Welt, +das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber +existiert nicht.«</p> + +<p>»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen +Sie sich doch, so zu sprechen, Sie alter Sünder! +Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es denn, +auf der Welt zu leben?«</p> + +<p>»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte +ärgerlich Pigassow, »ich bin der Meinung, +daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne +Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren +Koch Stephan, der so vortreffliche Bouillons +kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die +Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen +ließe sich doch nicht daraus machen!«</p> + +<p>»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja +Michailowna, »besonders wenn es in Verleumdung +ausartet.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt +ist, aber sie zu hören ist freilich vielen +schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich +mürrisch zurück.</p> + +<p>Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu +reden und sprach sehr verständig. Er bewies, daß +der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute, +daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch +welchen der Erdball aus seiner Stellung gehoben +werden könne; doch verdiene in der Tat nur derjenige +»Mensch« genannt zu werden, der sein<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> +Selbstgefühl zu bändigen wisse, wie der Reiter +sein Roß, der seine Persönlichkeit dem Wohle +aller zum Opfer bringe …</p> + +<p>»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist +Selbstmord. Der selbstsüchtige Mensch verdorrt +gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren Baume; +Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach +Vervollkommnung, ist der Ursprung alles Großen +… Ja! es muß der Mensch den starren +Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr +das Recht zu verschaffen, sich frei auszusprechen.«</p> + +<p>»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« +wandte sich Pigassow an Bassistow.</p> + +<p>Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von +ihm verlangte.</p> + +<p>»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte +er endlich hervor.</p> + +<p>»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin +notieren. Notiere ich sie nicht, ich könnte sie vergessen, +stehe nicht dafür! Und Sie werden selbst +zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem +großen Schlemm im Whist gleich.«</p> + +<p>»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über +welche zu scherzen und zu spotten unschicklich ist!« +erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte Pigassow +den Rücken.</p> + +<p>Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. +Sie erhob sich und auf ihrem Gesichte zeigte sich +Verwirrung.</p> + +<p>Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p> + +<p>»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit +weicher, wohlwollender Stimme, als wäre er ein +Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«</p> + +<p>»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht +besonders. Hier, Constantin Diomiditsch spielt +bedeutend besser als ich.«</p> + +<p>Pandalewski streckte sein Gesicht vor und +fletschte die Zähne.</p> + +<p>»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: +ich spiele wirklich nicht besser als Sie.«</p> + +<p>»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« +fragte Rudin.</p> + +<p>»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja +Michailowna das Wort. »Setzen Sie sich, Constantin +… Sie lieben die Musik, Dimitri Nikolaitsch?«</p> + +<p>Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und +fuhr mit der Hand über das Haar, als bereite +er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.</p> + +<p>Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade +gegenüber. Gleich bei den ersten Tönen erhielt +sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. Seine +tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von +Zeit zu Zeit auf Natalia haften bleibend. Pandalewski +hatte geendet.</p> + +<p>Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete +Fenster. Ein aromatischer Duft lag gleich +einer leichten Hülle auf dem Garten, einschläfernde +Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. +Sanft schimmerten die Sterne. Wonnig<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> +war die Sommernacht und Wonne verbreitete +sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen +Garten hinaus und – wandte sich um.</p> + +<p>»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben +in mir Erinnerungen erweckt an meine Studentenzeit +in Deutschland, an unsere Zusammenkünfte, +unsere Serenaden …«</p> + +<p>»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja +Michailowna.</p> + +<p>»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und +etwa ebensolange in Berlin.«</p> + +<p>»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? +Die sollen dort, sagt man, eine eigentümliche +Kleidung tragen.«</p> + +<p>»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit +Sporen und einen kurzen Leibrock mit Schnurbesatz +getragen und das Haar lang wachsen lassen +bis herab auf die Schultern … In Berlin +kleiden sich die Studenten wie jedermann.«</p> + +<p>»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« +bat Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>Rudin begann seine Erzählung. Er war kein +guter Erzähler. In seinen Schilderungen vermißte +man die Färbung. Er verstand es nicht, +Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von +der Erzählung seiner Abenteuer im Auslande +auf allgemeine Betrachtungen über, von der Bedeutung +der Aufklärung und Wissenschaft, den +Universitäten und dem Universitätsleben überhaupt. +Mit breiten und kühnen Zügen entwarf +er ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> +Aufmerksamkeit zu. Er sprach meisterhaft, +hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese +Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen +eigentümlichen Reiz.</p> + +<p>Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, +sich bestimmt und genau auszudrücken. Ein +Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet +kühn, bald merkwürdig treffend, folgten +Schlag auf Schlag. Nicht selbstgefällige Worthascherei +des geschulten Schönredners, sondern +Begeisterung sprach aus seinem ungestümen +Redefluß. Er war um Worte nicht verlegen: +folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen, +und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer +der vollständigsten Überzeugung, direkt aus der +Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten Grade +jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« +nennen könnte. Er verstand es, indem er +gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich +alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern +zu machen. Es mag der Fall gewesen sein, daß +der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht +recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte +er die Brust schwellen, ein Schleier schien von +seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg +ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken +empor …</p> + +<p>Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft +zugewandt zu sein; dieser Umstand verlieh ihnen +das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> +stehend, niemand vorzugsweise anblickend, +sprach er – und begeistert durch die Zustimmung +und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger +Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen +von der Flut eigener Empfindungen – erhob +er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie … +der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, +vermehrte noch den Zauber; es schien, als redete +aus seinem Munde etwas Höheres, ihm selbst +Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was +dem zeitlichen Leben des Menschen Bedeutung +für die Ewigkeit verleiht.</p> + +<p>»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« +so beschloß er seine Rede. »Es sitzt ein König mit +seinen Recken in einer langen, dunklen Halle um +ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und +nachts. Auf einmal kommt ein kleiner Vogel durch +die offene Tür hereingeflogen und fliegt zur +anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das +Vöglein ist wie der Mensch auf Erden: aus dem +Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel fliegt +es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der +Wärme und des Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert +der Älteste der Krieger, ›das Vöglein wird +auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest +wiederfinden‹ … In der Tat, unser Leben ist +kurz und vergänglich; doch alles Große geschieht +durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren +Mächten zum Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz +sein für alle übrigen Freuden; im Tode selbst +wird er sein Leben, sein Nest finden …«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p> + +<p>Rudin hielt inne und senkte den Blick mit +einem unwillkürlichen Lächeln der Verwirrung.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Vous êtes un poète</em>,« sagte halblaut Darja +Michailowna.</p> + +<p>Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, +Pigassow ausgenommen. Ohne das Ende der +langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise +den Hut genommen und, sich entfernend, dem bei +der Türe stehengebliebenen Pandalewski erbittert +zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es +mir zu bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«</p> + +<p>Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, +auch seine Abwesenheit nicht bemerkt.</p> + +<p>Die Diener trugen das Abendessen auf, und +eine halbe Stunde darauf trennte man sich. +Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über +Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte +auf der Heimfahrt in der Kutsche ihrem Bruder +unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins +ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow +stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, daß er sich zuweilen +etwas unverständlich ausdrücke … das +heißt nicht ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, +um seinen Gedanken besseren Ausdruck +zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und +der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet +hielt, war noch schwermütiger geworden.</p> + +<p>Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen +anschickend, seine seidengestickten Tragbänder<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> +löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr +gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich +mit strengem Blicke seinem Kammerdiener, das +Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze +Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; +bis zum Anbruch des Tages schrieb er ununterbrochen +einen Brief an einen seiner Freunde +nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet +und zu Bette gelegt, aber gleichfalls nicht +eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht +einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, +hatte sie in das Dunkel hinausgeblickt; ihre +Pulse pochten wie im Fieber und häufige schwere +Seufzer hoben ihren Busen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="IV">IV</h2> +</div> + +<p>Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen +angekleidet, so erschien bei ihm ein Diener von +Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu +ihr ins Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin +traf sie allein. Sie bewillkommnete ihn höchst +freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut +verbracht habe und schenkte ihm selbst eine Tasse +Tee ein; sie fragte sogar, ob Zucker genug darin +sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder +ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie +nicht früher mit ihm bekannt geworden sei. Rudin +hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja +Michailowna aber wies auf einen Diwan, der +neben ihrem Sessel stand, und begann, sich ein<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> +wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über +seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten +zu befragen. Darja Michailowna sprach +leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin +aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen +suche, ja, ihm sogar schmeichele: Nicht umsonst +hatte sie also dieses Morgenstelldichein vorbereitet, +nicht umsonst ein einfaches aber graziöses +Kleid <em class="antiqua">à la madame Récamier</em> angelegt! +Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf, +ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, +von ihren Jugendjahren und den Personen, +mit denen sie bekannt gewesen war. Rudin +hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! +– von wem Darja Michailowna auch +sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets +im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; +dabei erfuhr Rudin umständlich, was Darja +Michailowna namentlich zu dieser bekannten, +hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß +sie auf jenen berühmten Dichter ausgeübt +hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas +zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden +unter ihren Zeitgenossen einzig und +allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr bekannt +zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu +erwerben. Sie sprach von ihnen in einfacher +Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung, +wie von ihr nahestehenden Personen; +einige nannte sie sonderbare Käuze, immer aber +reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> +gefaßten Edelstein, in strahlendem Kranze um +den einen Namen: Darja Michailowna.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und +schwieg; nur hin und wieder unterbrach er durch +kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen +Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine +Unterhaltung im Gange zu halten, war ihm nicht +eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder, +den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, +ließ sich in seiner Gegenwart zutraulich aus; so +gefällig und ermunternd folgte der dem Faden +der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, +viel von jener eigentümlichen Gutmütigkeit, +welche Leuten eigen ist, die gewohnt +sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im +Wortstreit ließ er selten seinem Gegner das +letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner +ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Darja Michailowna sprach russisch. Sie +prahlte mit der Kenntnis ihrer Muttersprache, +obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische +Worte mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie +einfache, volkstümliche Ausdrucksweisen, doch +nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr +fand sich durch die buntscheckige Sprache in Darja +Michailownas Munde nicht unangenehm berührt, +wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.</p> + +<p>Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ +den Kopf auf das Rückenkissen des Lehnstuhls<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span> +zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin und +verstummte.</p> + +<p>»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, +»begreife ich es, weshalb Sie jeden Sommer +aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; +die ländliche Stille, nach dem Leben in der +Hauptstadt, muß Sie erfrischen und stärken. Ich +bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für +die Schönheiten der Natur haben.«</p> + +<p>Darja Michailowna blickte Rudin von der +Seite an.</p> + +<p>»Die Natur … nun ja … ja, freilich … +ich liebe sie außerordentlich; wissen Sie aber, +Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt +sich’s nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s +aber keinen. Pigassow gilt hier als der Geistreichste.«</p> + +<p>»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte +Rudin.</p> + +<p>»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens +nimmt man ihn schon mit – er heitert zuweilen +auf.«</p> + +<p>»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht +aber einen falschen Weg. Ich weiß nicht, ob Sie +mir recht geben werden, Darja Michailowna, es +liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten +und vollständigen Verneinen. Verneinen Sie +alles, und man wird Sie möglicherweise für einen +klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. +Es werden viele in ihrer Einfalt sogleich +bereit sein, den Schluß zu ziehen, Sie ständen<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> +höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber +oftmals falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken +finden, zweitens, wenn Sie auch recht hätten, +bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend +und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, +verliert seine Kraft, er stumpft ab. Indem Sie +Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den +wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – +der innere Wert des Lebens – entschlüpft Ihrem +kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste +und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher +herab. Rügen, schelten darf nur, wer +liebt.«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Voilà Mr. Pigassoff enterré</em>,« sagte Darja +Michailowna. »Sie verstehen es aber meisterhaft, +die Menschen zu schildern! Übrigens würde +Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen +haben. Liebt er ja doch ausschließlich seine +eigene Person.«</p> + +<p>»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu +haben, andere schelten zu dürfen,« fiel Rudin ein.</p> + +<p>Darja Michailowna lachte.</p> + +<p>»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken +Kopf auf den Gesunden! – A propos – +was halten Sie von dem Baron?«</p> + +<p>»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher +Mensch, mit gutem Herzen und erfahren … +aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben +ein halber Gelehrter, halber Weltmann, d. h. +Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – Nichts … +Es ist aber schade um ihn!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p> + +<p>»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja +Michailowna. »Ich habe seinen Aufsatz gelesen +… <em class="antiqua">Entre nous … cela a assez peu de +fond.</em>«</p> + +<p>»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« +fragte nach einigem Schweigen Rudin.</p> + +<p>Darja Michailowna strich mit dem kleinen +Finger die Asche von ihrer Zigarette.</p> + +<p>»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, +Alexandra Pawlowna, die Sie gestern gesehen +haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. Ihr +Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, +<em class="antiqua">un parfait honnête homme</em>. Den Fürsten Garin +kennen Sie. Das sind sie alle. Es sind da +noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und +gar unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit +ungeheuren Prätensionen oder menschenscheues, +oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit +den Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. +Wir haben wohl noch einen Nachbarn, einen sehr +gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen +schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. +Alexandrine kennt ihn und, wie es scheint, ist er +ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr wirklich +Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: +das ist ein liebes Wesen; sie müßte nur etwas +ausgebildet werden, ja sie muß es durchaus werden.«</p> + +<p>»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.</p> + +<p>»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine +wahre Unschuld. Sie ist verheiratet gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> +<em class="antiqua">mais c’est tout comme</em> … Wäre ich ein +Mann, ich würde mich nur in solche Weiber verlieben.«</p> + +<p>»Wirklich?«</p> + +<p>»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten +frisch und die Frische läßt sich nicht künstlich +nachahmen.«</p> + +<p>»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, +was selten bei ihm der Fall war. Wenn +er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, +fast greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen +sich zusammen, er rümpfte die Nase …</p> + +<p>»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie +Sie sagen, der Frau Lipin nicht gleichgültig +wäre?« fragte er.</p> + +<p>»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, +ein Gutsbesitzer aus dieser Gegend.«</p> + +<p>Rudin erstaunte und erhob den Kopf.</p> + +<p>»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, +»ist der denn Ihr Nachbar?«</p> + +<p>»Ja. Sie kennen ihn also?«</p> + +<p>Rudin schwieg.</p> + +<p>»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon +lange her. Er ist reich, wie man sagt?« fügte er +hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles +zupfte.</p> + +<p>»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich +und fährt auf einer Reitdroschke gleich einem +Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch gemacht, +ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand +haben; dann stehe ich auch gewissermaßen<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> +in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen +doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«</p> + +<p>Rudin nickte mit dem Kopfe.</p> + +<p>»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, +»ich führe nichts von den fremdländischen Albernheiten +bei mir ein, halte mich an dem Meinigen, +dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, +denke ich, nicht schlecht,« setzte sie hinzu, indem +sie dabei mit der Hand einen Kreis durch die Luft +beschrieb.</p> + +<p>»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« +bemerkte Rudin verbindlich, »daß diejenigen +schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen +praktischen Sinn absprechen.«</p> + +<p>Darja Michailowna lächelte.</p> + +<p>»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber +was wollte ich Ihnen doch erzählen? Wovon sprachen +wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit +ihm über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals +schon habe ich ihn zu mir eingeladen und +erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … +ein wahrer Sonderling.«</p> + +<p>Der Vorhang an der Tür wurde behutsam +zurückgezogen und der Haushofmeister, ein hochgewachsener, +grauer Mann mit einer Glatze, in +schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer +Weste, trat ein.</p> + +<p>»Was willst du?« fragte Darja Michailowna +und setzte mit einer leichten Wendung zu Rudin +halblaut hinzu: »<em class="antiqua">n’est ce pas, comme il +ressemble à Canning</em>?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span></p> + +<p>»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« +meldete der Mann, »befehlen Sie zu empfangen?«</p> + +<p>»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, +»er kommt wie gerufen. Bitte ihn her!«</p> + +<p>Der Haushofmeister ging hinaus.</p> + +<p>»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, +und doch nicht zur rechten Stunde; er unterbricht +unser Gespräch.«</p> + +<p>Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja +Michailowna hielt ihn aber zurück.</p> + +<p>»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch +in Ihrer Gegenwart besprechen, und dann +wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, +wie das von Pigassow. Wenn Sie reden, <em class="antiqua">vous +gravez comme avec un burin</em>. Bleiben Sie?«</p> + +<p>Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein +wenig und blieb.</p> + +<p>Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, +trat ins Kabinett. Er hatte denselben +grauen Paletot an und hielt in den gebräunten +Händen dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen +Darja Michailowna und trat an den Teetisch +heran.</p> + +<p>»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich +herzubemühen, Monsieur Leschnew!« sagte Darja +Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie +sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr +sie fort, auf Rudin deutend.</p> + +<p>Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei +sonderbar.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p> + +<p>»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer +kurzen Verbeugung.</p> + +<p>»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« +bemerkte Rudin halblaut und schlug den +Blick zu Boden.</p> + +<p>»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« +sagte Leschnew kalt.</p> + +<p>Darja Michailowna blickte beide mit einigem +Befremden an und bat Leschnew, Platz zu nehmen. +Er setzte sich.</p> + +<p>»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann +er, »es betrifft die Vermessung?«</p> + +<p>»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt +Sie zu sehen gewünscht. Sind wir doch +noch Nachbarn und auch wohl vielleicht verwandt +miteinander.«</p> + +<p>»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was +nun die Vermessung betrifft, so habe ich diese Angelegenheit +bereits mit Ihrem Verwalter vollständig +zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle +seine Vorschläge ein.«</p> + +<p>»Das wußte ich.«</p> + +<p>»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige +persönliche Zusammenkunft mit Ihnen die Papiere +nicht unterzeichnet werden.«</p> + +<p>»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. +Darf ich wohl fragen, ob die Bauern bei Ihnen +zinspflichtig sind?«</p> + +<p>»So ist es.«</p> + +<p>»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung +gebracht? Das ist lobenswert.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p> + +<p>Leschnew schwieg einen Augenblick.</p> + +<p>»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft +wegen hergekommen,« sagte er.</p> + +<p>Darja Michailowna lächelte.</p> + +<p>»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen +das in solch besonderem Tone … Gewiß hatten +Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«</p> + +<p>»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew +phlegmatisch.</p> + +<p>»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra +Pawlowna?«</p> + +<p>»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«</p> + +<p>»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem +Zwang auf … Indessen, Sie werden vergeben, +Michael Michailitsch, ich bin älter als +Sie an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: +wie können Sie an einem so zurückgezogenen Leben +Vergnügen finden? Oder ist es <em class="gesperrt">mein</em> Haus +vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht +gefalle <em class="gesperrt">ich</em> Ihnen nicht?«</p> + +<p>»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und +deshalb können Sie mir auch nicht mißfallen. Ihr +Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen +gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich +habe nicht einmal einen gehörigen Frack, keine +Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren +Kreis.«</p> + +<p>»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie +demselben an, Michael Michailitsch! <em class="antiqua">vous êtes +des nôtres</em>.«</p> + +<p>»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> +lassen, Darja Michailowna! Nicht darauf kommt +es an …«</p> + +<p>»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael +Michailitsch! Was hat man davon, wie +Diogenes in der Tonne zu sitzen?«</p> + +<p>»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; +zweitens, weshalb glauben Sie, daß ich nicht unter +Menschen lebe?«</p> + +<p>Darja Michailowna biß sich in die Lippen.</p> + +<p>»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also +nur zu bedauern, daß ich mich zu denen nicht +zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«</p> + +<p>»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, +»treibt zu weit, wie mich dünkt, ein sonst sehr +lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«</p> + +<p>Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin +nur an. Ein kurzes Schweigen trat ein.</p> + +<p>»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, +»darf ich unsere Angelegenheit als erledigt betrachten +und Ihren Verwalter bedeuten, daß er +mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«</p> + +<p>»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe +es, so wenig liebenswürdig sind … daß ich es +Ihnen abschlagen sollte.«</p> + +<p>»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr +Vorteil als mir.«</p> + +<p>Darja Michailowna zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück +bei mir einnehmen?« fragte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p> + +<p>»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, +und dann muß ich auch bald nach Hause.«</p> + +<p>Darja Michailowna erhob sich.</p> + +<p>»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans +Fenster tretend, »ich darf Sie nicht aufhalten.«</p> + +<p>Leschnew verabschiedete sich.</p> + +<p>»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, +daß ich Sie belästigt habe.«</p> + +<p>»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte +Leschnew und ging hinaus.</p> + +<p>»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna +Rudin. »Ich hatte wohl von ihm gehört, +er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt +aber doch alles!«</p> + +<p>»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« +erwiderte Rudin, »dem Verlangen, originell zu +erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, dieser +den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, +viel Selbstsucht und wenig Wahrheit, +wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in +ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der +Gleichgültigkeit und der Nachlässigkeit vor, da +muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den Gedanken +kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche +Weise sein Licht unter den Scheffel +stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht +vorhanden!«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Et de deux!</em>« äußerte Darja Michailowna. +»Sie sind furchtbar in der Charakterschilderung. +Ihnen entgeht man nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p> + +<p>»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« +fuhr er fort, »ich sollte eigentlich nicht von Leschnew +sprechen: ich habe ihn geliebt, geliebt wie +einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener +Mißverständnisse …«</p> + +<p>»Haben Sie sich entzweit?«</p> + +<p>»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie +mir scheint, für immer getrennt.«</p> + +<p>»Das war es! Darum war Ihnen auch während +seines Hierseins, wie mir deuchte, nicht +wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr +für den heutigen Morgen verbunden. Ich habe +die Zeit überaus angenehm verbracht. Aber – +alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum +Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte +gehen. Mein Sekretär, Sie haben ihn +gesehen – <em class="antiqua">Constantin, c’est lui qui est mon +secrétaire</em> – wartet gewiß schon auf mich. Ich +empfehle Ihnen denselben: ein herrlicher, überaus +dienstfertiger junger Mann und ganz entzückt +von Ihnen. Auf Wiedersehen, <em class="antiqua">cher</em> Dmitri +Nikolaitsch. Wie bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, +daß er mir Ihre Bekanntschaft verschafft +hat!«</p> + +<p>Und Darja Michailowna reichte Rudin die +Hand. Er drückte sie zuerst, führte sie dann an +die Lippen und begab sich in den Saal und von +da auf die Terrasse, wo er Natalia traf.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="V">V</h2> +</div> + +<p>Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, +konnte auf den ersten Blick nicht gefallen. +Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, mager, +von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich +etwas gebückt. Die Züge ihres Gesichtes jedoch +waren edel und regelmäßig, obgleich etwas breit +für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders +schön trat ihre reine und glatte Stirn über den +leicht geknickten Augenbrauen hervor. Sie sprach +wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit, +fast unverwandten Blickes, als wollte sie +sich über alles Rechenschaft geben. Sie war oft +unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ +die Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht +den Ausdruck innerer Gedankentätigkeit … +Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen +und verschwand wieder; die großen dunklen +Augen hoben sich sanft … <em class="antiqua">Qu’avez vous?</em> +pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und +ihr vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen +nicht schicke, den Kopf hängen zu lassen und +zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht zerstreut: +im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und +arbeitete gern. Sie fühlte tief und stark, aber im +stillen; schon als Kind hatte sie selten geweint, +jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich, +wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr +ein wohlgesittetes, vernünftiges Mädchen, nannte +sie scherzweise: <em class="antiqua">mon honnête homme de fille</em>,<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> +hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten. +»Meine Natascha ist kalt von Natur,« +pflegte sie zu sagen, »nicht wie ich … um +so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna +täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter +kennt ihre Tochter.</p> + +<p>Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein +volles Vertrauen zu ihr.</p> + +<p>»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte +einmal Darja Michailowna zu ihr, »sonst würdest +du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast +deinen Kopf für dich.«</p> + +<p>Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und +dachte: und warum sollte ich nicht meinen Kopf +für mich haben?</p> + +<p>Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie +eben mit Mlle. Boncourt ins Zimmer, um ihren +Hut aufzusetzen und in den Garten zu gehen. +Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. +Man hatte aufgehört, Natalia als Kind +zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr schon lange +keinen Unterricht mehr in der Mythologie und +Geographie; doch mußte Natalia jeden Morgen +– in ihrer Gegenwart – historische Bücher, Reisebeschreibungen +und andere erbauliche Schriften +lesen. Darja Michailowna traf die Auswahl, +scheinbar einem ihr eigenen System folgend, in +der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein +französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, +ausgenommen natürlich Romane von +Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> +las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt +pflegte ganz besonders streng und sauer +Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere +historische Bücher las: nach den Begriffen +der alten Französin war die ganze Geschichte voll +unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten +Männern des Altertums, Gott weiß warum, +nur einzig und allein den Kambyses kannte, und +aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon, +den sie nicht leiden konnte. Natalia las +aber auch solche Bücher, deren Dasein Mlle. +Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen +Puschkin auswendig.</p> + +<p>Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.</p> + +<p>»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.</p> + +<p>»Ja. Wir gehen in den Garten.«</p> + +<p>»Darf ich mich Ihnen anschließen?«</p> + +<p>Natalia sah Mlle. Boncourt an.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Mais certainement, monsieur, avec plaisir</em>,« +rief eilig die alte Jungfer.</p> + +<p>Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.</p> + +<p>Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an +Rudins Seite auf demselben Gartenwege zu +wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er +richtete an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, +und auch darüber, wie ihr das Leben auf dem +Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne +Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende +Befangenheit, die so oft für Schamhaftigkeit gehalten +wird. Es klopfte ihr das Herz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p> + +<p>»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« +fragte Rudin, sie mit einem Seitenblick streifend.</p> + +<p>»Wie kann man auf dem Lande Langeweile +empfinden? Ich bin sehr froh, daß wir hier sind. +Ich bin hier sehr glücklich.«</p> + +<p>»Sie sind glücklich … Das ist ein großes +Wort. Übrigens ist es begreiflich: Sie sind jung.«</p> + +<p>Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher +Weise: es war wie eine Anwandlung von +Neid und Beileid, die ihn überkam.</p> + +<p>»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben +der Wissenschaft ist – mit Bewußtsein +das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«</p> + +<p>Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte +ihn nicht verstanden.</p> + +<p>»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit +Ihrer Mama unterhalten,« fuhr er fort, »eine +außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb +alle unsere Poeten so großen Wert auf ihre +Freundschaft legten. Lieben Sie auch Gedichte?« +setzte er nach einigem Schweigen hinzu.</p> + +<p>Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: +»Ja, ich liebe sie sehr.«</p> + +<p>»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich +selbst liebe Gedichte. Doch nicht in Gedichten +allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt uns +… Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an +– von allen Seiten strömt Schönheit und Leben +hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist +auch Poesie.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p> + +<p>»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz +nehmen,« fuhr er fort. »So. Mir scheint, ich +kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie +sich ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er +blickte ihr hierbei lächelnd in die Augen), wir +gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«</p> + +<p>Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, +dachte Natalia wieder, und ungewiß, was sie +dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange +auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.</p> + +<p>»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht +auch den Winter. Ich bin, wie Sie wohl +wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind +zerrüttet, und dann habe ich es auch schon satt, +von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist Zeit, +daß ich mir Ruhe gönne.«</p> + +<p>Natalia sah ihn erstaunt an.</p> + +<p>»Sie finden wirklich, daß es <em class="gesperrt">für Sie</em> Zeit +sei auszuruhen?« fragte sie schüchtern.</p> + +<p>Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.</p> + +<p>»Was wollen Sie damit sagen?«</p> + +<p>»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger +Verwirrung, »daß andere sich wohl Ruhe gönnen +dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, +müssen sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer +denn wohl, wenn nicht Sie …«</p> + +<p>»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« +unterbrach sie Rudin. »Nutzen schaffen … das +ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über +sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. +»Wenn ich auch die feste Überzeugung hätte: auf<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> +welche Art ich Nutzen bringen könnte – ja, wenn +ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte +– wo fände ich wohl lautere, mitfühlende +Seelen? …«</p> + +<p>Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene +die Hand fallen und senkte so betrübt den Kopf, +daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich +stellte: ob sie denn wohl aus <em class="gesperrt">seinem</em> Munde +tags zuvor so begeisterte, Hoffnung sprühende +Reden gehört habe?</p> + +<p>»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm +seine Löwenmähne, »Unsinn das, Sie +haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna, +danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte +entschieden nicht, wofür er ihr dankte.) Ein Wort +von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, +hat mir meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich +muß handeln. Ich darf mein Talent, wenn ich +es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine +Kräfte nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem +Geschwätz und eitlem Gerede vergeuden …«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. +Er sprach schön, begeistert, hinreißend – über +Kleinmütigkeit und Trägheit, über die Notwendigkeit, +Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst +Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man +leisten wolle, im voraus auszulassen, ebenso nachteilig +wäre, wie wenn man eine reifende Frucht +mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur +nutzlose Vergeudung der Kräfte und Säfte. Er<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> +behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der +nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden +blieben, die entweder selbst noch nicht +wüßten, was sie wollen, oder solche, die nicht +wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange +und schloß seine Rede damit, daß er Natalia +nochmals dankte und ganz unerwartet, ihr die +Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, +edles Wesen!«</p> + +<p>Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, +die, trotz ihres vierzigjährigen Aufenthaltes +in Rußland, mit Mühe das Russische verstand +und nur die anmutige Schnelligkeit und das +Fließende in der Rede Rudins bewunderte. Er +galt überhaupt in ihren Augen als eine Art Virtuos +oder Künstler, und an Leute dieses Schlages +durften keine Schicklichkeitsforderungen gestellt +werden.</p> + +<p>Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid +hastig zurechtklopfend, machte sie Natalia darauf +aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, um +so mehr, da <em class="antiqua">monsieur Volinsoff</em> (so nannte sie +Wolinzow) sich zum Frühstück habe einfinden +wollen.</p> + +<p>»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke +nach einer der Alleen, die zum Hause führten, +hinzu.</p> + +<p>Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger +Entfernung.</p> + +<p>Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, +begrüßte alle schon von weitem und, mit leidendem<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> +Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia wendend, +fragte er:</p> + +<p>»Ah! Sie gehen spazieren?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im +Begriff, nach Hause zurückzukehren.«</p> + +<p>»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir +gehen.«</p> + +<p>Und alle machten sich nach dem Hause auf.</p> + +<p>»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« +fragte Rudin mit besonders teilnehmender +Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war +er sehr freundlich gegen ihn gewesen.</p> + +<p>»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. +Sie wird vielleicht heute kommen … Sie unterhielten +sich vorhin, wie mir schien, als ich herkam?«</p> + +<p>»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna +hat ein Wort fallen lassen, das eine gewaltige +Wirkung auf mich hervorgebracht +hat …«</p> + +<p>Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das +gewesen sei, und in tiefem Schweigen erreichten +alle das Haus der Darja Michailowna.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder +im Salon ein. Pigassow jedoch erschien nicht. +Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend +Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow +schwieg und schaute vor sich hin. Natalia<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> +blieb der Mutter immer zur Seite und war bald +in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit +beschäftigt. Bassistow verwandte die Augen nicht +von Rudin, immer in der Erwartung, er werde +etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich +einförmig drei Stunden. Alexandra Pawlowna +kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich +nach beendigter Tafel seine Kalesche anspannen +und fuhr davon, ohne von jemand Abschied genommen +zu haben.</p> + +<p>Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte +er Natalia, hatte es aber noch nicht gewagt, ihr +seine Neigung zu gestehen, und unter diesem +ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … +Sie sah ihn gerne – doch blieb ihr Herz ruhig: +darüber täuschte er sich nicht. Er hatte auch nicht +gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete +nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich +vollkommen an ihn gewöhnt haben würde, ihm +näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? +Was für eine Veränderung hatte er in diesen +paar Tagen wahrgenommen? Natalias Benehmen +gegen ihn war ganz so wie vorher …</p> + +<p>War es die Befürchtung: er kenne Natalias +Charakter nicht, sie sei ihm fremder, als er geglaubt +habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht +war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von +etwas Schlimmem … genug, er litt, so sehr er +sich auch zu beherrschen suchte.</p> + +<p>Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew +bei ihr.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p> + +<p>»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte +Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«</p> + +<p>»War Rudin da?«</p> + +<p>»Er war da.«</p> + +<p>Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit +zu ihm.</p> + +<p>»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen +Menschen da« – sie wies dabei auf +Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin +ungewöhnlich klug und beredt ist.«</p> + +<p>Wolinzow brummte etwas in den Bart.</p> + +<p>»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann +Leschnew, »ich zweifle nicht an Rudins +Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er +mir nicht gefällt.«</p> + +<p>»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.</p> + +<p>»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna +gesehen. Er ist ja jetzt ihr Großwesir. +Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn verabschiedet +– von Pandalewski allein wird sie sich +niemals trennen –, jetzt aber herrscht jener. Jawohl, +ich habe ihn gesehen! Er saß da – und +sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein +Bester, was für sonderbare Kerle wir hier haben. +Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht gewohnt, +vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände +davongefahren.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span></p> + +<p>»Warum warst du denn aber bei ihr?«</p> + +<p>»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur +ein Vorwand: sie wollte sich ganz einfach meine +Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir +kennen das!«</p> + +<p>»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – +das ist es!« sagte mit Feuer Alexandra Pawlowna, +»das ist es, was Sie ihm nicht vergeben +können. Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur +Verstand, sondern auch ein vortreffliches Herz +hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn +er …«</p> + +<p>»Von hoher Tugend spricht …«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>, setzte +Leschnew hinzu.</p> + +<p>»Sie werden mich böse machen und zum Weinen +bringen. Es tut mir in der Seele leid, daß +ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna +gefahren bin. Sie waren es nicht +wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« setzte sie +mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser +sein, Sie erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«</p> + +<p>»Aus Rudins Jugendjahren?«</p> + +<p>»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten +ihn gut und seien schon lange mit ihm bekannt.«</p> + +<p>Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer +auf und ab zu gehen.</p> + +<p>»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie +wollen, daß ich Ihnen seine Jugend erzähle?<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> +Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen +Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er +blieb mit der Mutter allein. Sie war eine herzensgute +Frau und liebte ihn über alles; sie lebte +sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie +hatte, gab sie für ihn aus. Seine Erziehung hat +er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten +eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen +und flügge geworden war, auf Rechnung eines +reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert +hatte … schon gut, verzeihen Sie, ich werde +nicht mehr … mit welchem er sich befreundet +hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde +ich mit ihm bekannt und sehr intim. Von unserem +damaligen Leben erzähle ich Ihnen ein anderes +Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«</p> + +<p>Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und +ab; Alexandra Pawlowna folgte ihm mit den +Blicken.</p> + +<p>»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin +seiner Mutter äußerst selten und hat sie nur +einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb +auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, +hat aber bis zu ihrem Todesstündchen nicht das +Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in +T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, +überaus gastfreie Frau und pflegte mir immer +eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja +liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> +Schule<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> werden Ihnen sagen, daß wir +immer diejenigen lieben, die selbst wenig fähig +sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß +alle Mütter ihre Kinder lieben, besonders die +fern von ihnen Weilenden. Später traf ich mit +Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn +eine Dame, eine unserer russischen Damen, an +sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch +hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf +schickt. Ziemlich lange schleppte er sich mit ihr +umher und ließ sie dann im Stich … doch nein, +entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und +auch ich verließ ihn zu jener Zeit. Das ist alles.«</p> + +<p>Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die +Stirn und ließ sich wie erschöpft auf einen Lehnstuhl +nieder.</p> + +<p>»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« +begann Alexandra Pawlowna, »Sie sind, +wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig, +Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, +daß alles, was Sie gesagt haben, wahr +ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und +dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie +das alles dargestellt! Die alte Frau, ihre Mutterliebe, +ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu +alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das +Leben des allerbesten Menschen mit solchen Farben +schildern – ohne etwas hinzuzufügen, wohl<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> +verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! +Das ist auch Verleumdung in ihrer Art!«</p> + +<p>Leschnew erhob sich und begann wieder im +Zimmer auf und ab zu gehen.</p> + +<p>»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen +Entsetzen einzuflößen, Alexandra Pawlowna,« +brachte er endlich heraus. »Ich bin kein Verleumder. +Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen +hinzu, »in dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil +Wahrheit. Ich habe Rudin nicht verleumdet; +doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit +jener Zeit verändert – vielleicht bin ich ungerecht +gegen ihn.«</p> + +<p>»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir +also, daß Sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern, +ihn gehörig ergründen und mir dann erst +Ihre schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«</p> + +<p>»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst +du aber, Sergei Pawlitsch?«</p> + +<p>Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, +als hätte man ihn aus dem Schlafe gerüttelt.</p> + +<p>»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. +Übrigens habe ich heute Kopfweh.«</p> + +<p>»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte +Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow +und verließ das Zimmer.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm +nach und tauschten einen Blick miteinander, doch<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> +ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr +war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows +vorging.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="VI">VI</h2> +</div> + +<p>Über zwei Monate waren vergangen. Während +dieser ganzen Zeit war Rudin fast nicht aus +Darja Michailownas Hause gekommen. Sie +konnte ihn nicht mehr entbehren. Es war ihr zur +Gewohnheit geworden, ihm von sich zu erzählen +und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte +er abreisen wollen, unter dem Vorwande, seine +Geldmittel seien erschöpft – sie gab ihm fünfhundert +Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere +zweihundert von Wolinzow zu borgen. Pigassow +besuchte Darja Michailowna bedeutend seltener +als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart +auf ihn einen Druck aus, den übrigens Pigassow +nicht allein empfand.</p> + +<p>»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« +pflegte er zu sagen, »seine Ausdrucksweise +ist unnatürlich, ganz so wie bei den Helden +in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt +er an, hält dann wie gerührt inne … Ich, also, +ich … Und er zieht die Worte so lang. Habt ihr +geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, +warum Ihr geniest und nicht gehustet habt … +lobt er euch, so klingt es, als befördere er euch +zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, +sich selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu +in den Schmutz herab – nun, denkt ihr, der +darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span> +Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so +daß man glauben könnte, jene bitteren Worte +hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung +gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« +Pandalewski empfand eine gewisse Scheu vor +Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den +Hof. Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, +war eigentümlicher Art. Dieser nannte ihn einen +Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein +oder nicht, über die Maßen; Wolinzow aber +konnte ihn nicht liebgewinnen, und seine schmeichelhaftesten +Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich +Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich +wohl gar über mich lustig!‹ dachte er, und eine +feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow +versuchte Herr über sich zu werden; es +ging nicht: die Eifersucht nagte heimlich an ihm. +Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll +entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und +Geld bei ihm borgte, fühlte sich nichts weniger +als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu +bestimmen gewesen, was in beiden Männern +vorging, wenn sie einander freundschaftlich die +Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …</p> + +<p>Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste +Hochachtung zu empfinden und jedes seiner Worte +im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn +wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen +Morgen zu, unterhielt sich von den wichtigsten +Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> +ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete +er ihn nicht mehr … Es war demnach nur eitles +Gerede gewesen, wenn er nach reinen und ergebenen +Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit +Leschnew, der mit seinen Besuchen bei Darja +Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich +niemals in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm +auszuweichen. Leschnew seinerseits behandelte ihn +gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht seine +letzte Meinung über ihn laut werden, was +Alexandra Pawlowna sehr unangenehm berührte. +Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew +aber hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja +Michailownas unterwarfen sich den Launen Rudins: +seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. +Die Verteilung der täglichen Beschäftigungen +hing von ihm ab. Nicht eine einzige +<em class="antiqua">partie de plaisir</em> konnte ohne ihn zustande kommen. +Alle unerwarteten Ausflüge und Überraschungen +waren übrigens nicht sehr nach seinem +Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene +am Spiel der Kinder, mit freundlicher +und etwas gelangweilter Miene. Dagegen +mischte er sich in alles: räsonierte mit Darja +Michailowna über Gutsverwaltung, Kindererziehung, +Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten +überhaupt; hörte ihre Pläne an, schätzte +auch Unwichtiges nicht zu gering und schlug Verbesserungen +und Neuerungen vor. Darja Michailowna +war entzückt darüber – doch dabei blieb +es. Bezüglich der Gutsverwaltung folgte sie den<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> +Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen, +einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen +Schelmes. – »Das Alte ist fett, das Neue +ist hager,« pflegte er zu sagen und schmunzelte +und blinzelte dabei wohlgefällig.</p> + +<p>Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin +mit niemandem so häufige und lange Unterredungen +wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim +Bücher zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr +die ersten Seiten künftiger Aufsätze und Werke +vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch +daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie +ihn nur anhörte. Dieses nahe Verhältnis zu Natalia +war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm. +Mag sie immerhin – dachte sie – mit +ihm hier auf dem Lande schwatzen. Er findet Gefallen +an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. +Gefahr ist nicht dabei, und jedenfalls lernt sie +von ihm … In Petersburg will ich das alles +anders einrichten.</p> + +<p>Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie +ein kleines Mädchen schwatzte Natalia mit Rudin: +sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte +sich, in den Sinn derselben einzudringen und +unterwarf seinem Urteile ihre Gedanken, ihre +Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs +erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem +jungen Kopfe kocht es aber nicht lange, ohne daß +das Herz auch ein Wort mitredet. Was für +wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, +wie es oft vorkam, Rudin im Garten auf einer<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> +Bank, im leichten und lichten Schatten einer +Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die +Briefe Bettinas oder Novalis vorzulesen, und +er sich dabei beständig unterbrach, um ihr zu erläutern, +was ihr dunkel schien! Sie sprach das +Deutsche nicht gut, wie fast alle unsere jungen +Damen, verstand es aber vollkommen, und Rudin +war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik +und deutscher Philosophie versunken und zog +Natalia nach sich in jene höheren Regionen. Eine +unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem +aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von +den Seiten des Buches, das Rudin in der Hand +hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik +wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken +unaufhörlich in ihre Seele über, und in ihrem +Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen +erschüttert worden, erglimmte und entbrannte +sanft der heilige Funken der Entzückung …</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete +sie ihn einst an, als sie vor ihrem Stickrahmen +am Fenster saß, »Sie werden für den Winter +wohl nach Petersburg fahren?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das +Buch, in welchem er herumblätterte, auf die +Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu +auftreibe, fahre ich hin.«</p> + +<p>Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und +war den ganzen Morgen über müßig gewesen.</p> + +<p>»Wie sollten Sie die nicht finden?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p> + +<p>Rudin schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ihnen deucht es so!«</p> + +<p>Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick +auf sie.</p> + +<p>Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.</p> + +<p>»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit +der Hand nach dem Fenster, »sehen Sie jenen +Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und +Fülle seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des +Genies …«</p> + +<p>»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt +hat,« erwiderte Natalia.</p> + +<p>»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist +aber für den Menschen nicht so ganz leicht, sie zu +finden, diese Stütze.«</p> + +<p>»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit +aber muß jedenfalls …«</p> + +<p>Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde +rot.</p> + +<p>»Und was wollen Sie im Winter auf dem +Lande anfangen?« setzte sie rasch hinzu.</p> + +<p>»Was ich anfangen werde? Ich werde meine +große Abhandlung beendigen – Sie wissen – +vom Tragischen im Leben und in der Kunst – +ich setzte Ihnen vorgestern den Plan auseinander +– und werde Ihnen den Aufsatz zustellen.«</p> + +<p>»Und werden ihn drucken lassen?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie +denn arbeiten?«</p> + +<p>»Nun, wenn es für Sie wäre?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p> + +<p>Natalia senkte den Blick.</p> + +<p>»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«</p> + +<p>»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der +Aufsatz?« fragte bescheiden Bassistow, der in einiger +Entfernung saß.</p> + +<p>»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« +wiederholte Rudin. »Hier, Herr Bassistow wird +ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den Grundgedanken +angeht, noch nicht mit mir im reinen. +Ich habe mir bis jetzt noch nicht hinreichend die +tragische Bedeutung der Liebe klargemacht.«</p> + +<p>Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe +aus. Beim Worte Liebe war Mlle. Boncourt bisher +immer zusammengefahren und hatte die +Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die +Trompeten hört; nachher aber wurde sie es gewohnt +und begnügte sich, die Lippen zusammenzuziehen +und in Zwischenräumen Tabak zu +schnupfen.</p> + +<p>»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, +»das Tragische in der Liebe – das ist die unglückliche +Liebe.«</p> + +<p>»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher +die komische Seite in der Liebe … Man muß +diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen +… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist +alles Geheimnis, wie sie kommt, wie sie sich entwickelt, +wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich +plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; +bald glimmt sie lange, wie die Glut unter der +Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> +wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie +sich schlangenhaft ins Herz hinein und unerwartet +wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine bedeutsame +Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger +Zeit? Wer erkühnt sich zu lieben?«</p> + +<p>Rudin wurde nachdenkend.</p> + +<p>»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch +schon so lange nicht mehr?« fragte er plötzlich.</p> + +<p>Natalia wurde über und über rot und senkte +den Kopf auf ihren Stickrahmen.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.</p> + +<p>»Was für ein herrlicher, vortrefflicher +Mensch,« sagte aufstehend Rudin. »Das ist einer +der besten Vertreter des jetzigen russischen +Adels …«</p> + +<p>Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite +mit ihren kleinen, französischen Augen.</p> + +<p>Rudin ging einige Male durchs Zimmer.</p> + +<p>»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« +hub er an, sich rasch auf den Absätzen +umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist +ein starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, +wenn das neue bereits hervorzubrechen beginnt?«</p> + +<p>»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe +das beobachtet.«</p> + +<p>»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter +Liebe in einem starken Herzen: sie ist bereits abgestorben, +hält sich aber noch immer; und nur +eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p> + +<p>Natalia erwiderte nichts.</p> + +<p>»Was soll das bedeuten?« dachte sie.</p> + +<p>Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die +Haare und entfernte sich.</p> + +<p>Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie +in Nachdenken versunken auf ihrem Bettchen +sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte Rudins +nach, drückte plötzlich die Hände zusammen +und brach in Tränen aus. Worüber sie geweint +hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte +nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie +trocknete ihre Tränen, doch von neuem flossen +sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen +Quelle.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand +eines Gesprächs zwischen Alexandra Pawlowna +und Leschnew. Anfangs wollte letzterer +sich durch Schweigen abfinden; sie hatte es aber +darauf angelegt, etwas aus ihm herauszubringen.</p> + +<p>»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch +gefällt Ihnen nach wie vor nicht. Ich +habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; jetzt +aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, +ob in ihm eine Veränderung vorgegangen ist, und +ich wünsche zu erfahren, weshalb er Ihnen nicht +gefällt.«</p> + +<p>»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem +Phlegma, »wenn Sie wirklich so ungeduldig<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> +sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen +nicht böse werden …«</p> + +<p>»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«</p> + +<p>»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«</p> + +<p>»Gut, gut; fangen Sie an.«</p> + +<p>»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, +sich langsam auf den Diwan niederlassend, +»mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein +kluger Mensch …«</p> + +<p>»Das ist nicht zu leugnen!«</p> + +<p>»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn +auch im Grunde gehaltlos …«</p> + +<p>»Das ist leicht gesagt!«</p> + +<p>»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte +Leschnew, »das tut aber weiter nichts: wir sind +alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm sogar +nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen +Geistes ist, träge, nicht sehr kenntnisreich …«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.</p> + +<p>»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.</p> + +<p>»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew +ganz in demselben Tone, »auch daß er es +liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle +spielen will und so weiter … das ist alles in der +Ordnung. Schlecht ist es aber, daß er kalt ist +wie Eis.«</p> + +<p>»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach +ihn Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt +den Feurigen. Schlecht ist das,« fuhr Leschnew,<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span> +allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein +gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, +nicht für ihn, versteht sich, keinen Kopeken, kein +Härchen setzt er auf die Karte – andere dagegen +setzen ihre Seele ein …«</p> + +<p>»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe +Sie nicht,« sagte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er +ein Mann von Geist ist, muß er den Wert seiner +Worte kennen, – und doch läßt er sie von seinen +Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen +kämen … Nun ja, er ist beredt; seine Beredsamkeit +ist aber nicht die eines Russen. Und dann – +verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in +seinem Alter ist es eine Schande, am Getön eigener +Worte Gefallen zu finden, eine Schande, sich +derartig zur Schau zu stellen.«</p> + +<p>»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den +Zuhörer ist es ganz gleich, ob man sich zur Schau +stellt oder nicht …«</p> + +<p>»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, +es ist nicht ganz gleich. Es kann mir jemand ein +Wort sagen und es dringt mir durch Mark und +Bein, ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort +und vielleicht noch schöner – und es wird mir +nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt +das?«</p> + +<p>»Das heißt, <em class="gesperrt">Ihr</em> Ohr wird es nicht kitzeln,« +unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich +ich vielleicht große Ohren habe. Die Sache<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> +ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben +und niemals zu Taten werden, dennoch aber +können diese seine Worte Verwirrungen erzeugen +in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde +richten.«</p> + +<p>»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael +Michailitsch?«</p> + +<p>Leschnew zögerte.</p> + +<p>»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? +Von Natalia Alexejewna.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick +verwirrt, lächelte aber gleich darauf.</p> + +<p>»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare +Einfälle Sie immer haben! Natalia ist +noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch +etwas daran, so werden Sie doch nicht glauben, +daß Darja Michailowna …«</p> + +<p>»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin +und lebt nur für sich; dann aber ist sie so sehr +von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder +überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um +ihre Tochter besorgt zu sein. Bewahre! Wie +könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer +Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. +Das ist’s, woran diese Gnädige denkt, die sich +eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften +dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß +was noch hält, in der Tat aber weiter nichts ist +als ein altes Weltdämchen. Natalia ist kein +Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren +und tieferen Betrachtungen hin als wir beide.<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> +Und da mußte solch ein ehrliches, leidenschaftliches +Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen +Gecken stoßen! Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«</p> + +<p>»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«</p> + +<p>»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, +Alexandra Pawlowna, was für eine Rolle spielt +er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das +Orakel des Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, +in häusliche Klatschereien und Lappalien +mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen +an.</p> + +<p>»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« +sagte sie. »Das Blut ist Ihnen ins +Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – +Nein, wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«</p> + +<p>»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau +die Wahrheit auf sein Gewissen – sie wird sich +nicht zufrieden geben, bevor sie nicht irgendeinen +nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade +so und nicht anders geredet hat.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wurde böse.</p> + +<p>»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, +die Frauen nicht besser zu behandeln, als Herr +Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, wie +scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir +doch schwer, zu glauben, daß Sie in so kurzer +Zeit alle und alles durchdringen konnten. Mir<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> +scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen +wäre Rudin eine Art Tartüffe.«</p> + +<p>»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe +ist. Tartüffe, der wußte wenigstens, um +was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines +Verstandes …«</p> + +<p>Leschnew hielt inne.</p> + +<p>»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie +ungerechter, garstiger Mensch!«</p> + +<p>Leschnew erhob sich.</p> + +<p>»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann +er, »ungerecht sind Sie, nicht ich. Sie zürnen mir +wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich +habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! +Vielleicht habe ich dieses Recht nicht um billigen +Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe lange mit +ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach +Ihnen gelegentlich, unser Leben in Moskau +zu erzählen. Wie es scheint, muß ich es wohl +jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, +mich bis zu Ende anzuhören?«</p> + +<p>»Reden Sie, reden Sie!«</p> + +<p>»Wohlan denn!«</p> + +<p>Leschnew begann langsamen Schrittes durch +das Zimmer zu gehen, von Zeit zu Zeit blieb er +stehen und senkte den Kopf nach vorn.</p> + +<p>»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, +»vielleicht auch nicht, daß ich früh als Waise zurückblieb +und bereits im siebzehnten Jahre keine +andere Autorität über mich kannte als die eigene. +Ich lebte im Hause meiner Tante in Moskau und<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> +tat, was ich wollte. Ich war ein ziemlich hohler +und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu +brüsten und großzutun. Als ich die Universität +bezogen hatte, war mein Betragen das eines +Schuljungen und verwickelte mich bald in eine +höchst fatale Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht +erzählen: es lohnt nicht. Ich hatte mir eine Lüge +zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige +Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, +beschämt … ich war verwirrt und weinte +wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung +eines Bekannten, in Gegenwart unserer +Gefährten. Alle machten sich lustig über mich, +alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu +beachten, mehr als die übrigen unwillig über +mich gewesen war, solange ich verstockt blieb und +meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich ihm +vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den +Arm und führte mich zu sich.«</p> + +<p>»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Nein, es war nicht Rudin … das war ein +Mensch … er ist jetzt schon tot … das war ein +ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn +mit wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht +imstande, kommt sein Name mir auf die Lippen, +dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen +zu sprechen. Das war eine erhabene reine +Seele und ein Geist, wie er mir nachher nicht +wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein +kleines, niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> +alten, hölzernen Häuschens. Er war sehr arm +und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben +durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal +mit einer Tasse Tee seinen Gast zu bewirten +imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen +eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich +sah. Dennoch, trotz des Mangels an Bequemlichkeiten, +besuchten ihn viele. Es hatten ihn +alle lieb und er zog die Herzen an. Sie können +sich nicht vorstellen, wie angenehm und heiter es +sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm +wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals +bereits von seinem Fürstensöhnchen getrennt.«</p> + +<p>»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an +sich?« fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und +Wahrheit – das zog alle zu ihm hin. Bei seinem +hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig +und unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt +sein frohes Lachen in meinen Ohren nach, und +dabei</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute</div> + <div class="verse indent0">Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="noind">wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus +liebenswürdiger Poet unseres Kreises ausgedrückt +hat.«</p> + +<p>»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra +Pawlowna.</p> + +<p>»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> +nicht auffallend. Rudin war schon damals zwanzigmal +beredter als er.«</p> + +<p>Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.</p> + +<p>»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. +An Rudin war gleich mehr Glanz und Effekt, +mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr +Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen +als Pokorski, in der Tat aber war er, im +Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin entwickelte +ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken +und disputierte meisterhaft; die Gedanken +entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er +stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war +äußerlich ruhig und sanft, fast schwach – liebte +die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern und +würde von niemandem eine Beleidigung ertragen +haben. Rudin schien voll Feuer, Kühnheit, +Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und +beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe +nicht angefochten wurde: dann aber konnte er +aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere +zu beherrschen, tat es aber immer im Namen +allgemeiner Prinzipien und Ideen und gewann +dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist +wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der +einzige, der sich an ihn geschlossen hatte. Sein +Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen +sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, +sich mit dem ersten besten in Unterhaltung +oder Wortstreit einzulassen … Er hatte nicht<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> +viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als +Pokorski und wir alle, überdies besaß er einen +systematischen Verstand und ein ungeheures Gedächtnis, +dies alles aber verfehlt niemals seine +Wirkung auf die Jugend! Ein Resultat muß sie +haben, Abschlüsse, wenn auch falsche, aber es +müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter +Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der +Jugend zu gestehen, daß Sie ihr reine Wahrheit +nicht reichen können, weil Sie selbst solche nicht +besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören +wollen. Sie geradezu hinter das Licht führen +können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus notwendig, +daß Sie selbst, wenn auch nur zur +Hälfte, glauben, Sie seien im Besitze der Wahrheit +… Darum war denn auch die Wirkung, die +Rudin auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun +sehen Sie, ich sagte Ihnen soeben, daß er nicht +viel gelesen hatte; es waren aber philosophische +Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, +daß er aus dem, was er gelesen hatte, +sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die +Wurzel der Sache klammerte und dann erst von +derselben aus, nach allen Seiten hin, klare und +gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten +eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen +gestanden, Knaben – und nur oberflächlich +gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, Wissenschaft, +das Leben selbst – alles das waren für +uns nur Worte, vielleicht auch Begriffe, anziehende, +herrliche, aber zerstreute, vereinzelte<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> +Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange +dieser Vorstellungen, von einem allgemeinen +Weltgesetze hatten wir keine Ahnung, nichts +davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir +unbestimmt disputierten und uns abmühten, uns +Licht darüber zu verschaffen. Hörten wir Rudin +sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn +endlich erfaßt zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, +wir wähnten, der Vorhang sei endlich +vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe +nicht Eigenes vorgetragen – was tat es! Eine +regelmäßige Ordnung war in unserem ganzen +Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich +gesammelt, geschichtet und war vor uns aufgewachsen, +wie ein Bau, überall war Licht und +wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, +zufällig: aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit +und Schönheit, alles bekam eine klare +und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte +Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, +und wir selbst, von einer heiligen Scheu, +einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns +belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre +Werkzeuge, zu etwas Großem berufen … +Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«</p> + +<p>»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra +Pawlowna gedehnt. »Warum glauben Sie das? +Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht +lächerlich.«</p> + +<p>»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« +fuhr Leschnew fort, »das muß uns alles<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span> +jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich +wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu +verdanken. Pokorski stand unvergleichlich höher +als er, dagegen ist nichts zu sagen; Pokorski +flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte +sich indessen zu gewissen Zeiten schlaff und +wurde schweigsam. Er war ein nervöser, krankhafter +Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete +– Gott! Wohin nahm er dann seinen +Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels +hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und +stattlichen Jungen, gab es viel Kleinliches; er +machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft +war es, sich in alles zu mischen, über alles sein +Wort abzugeben, alles zu erklären. Seine rührige +Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein +politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich +ihn damals gekannt habe. Er hat sich übrigens +leider nicht verändert. Und auch in seinen Überzeugungen +ist keine Veränderung eingetreten … +bei fünfunddreißig Jahren! … Das kann nicht +jeder von sich sagen.«</p> + +<p>»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna +zu ihm, »Sie brauchen ja nicht wie ein Perpendikel +das Zimmer zu durchlaufen!«</p> + +<p>»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. +»Kaum war ich in den Kreis Pokorskis hineingeraten, +so war ich wie umgewandelt: ich demütigte +mich, fragte, lernte, freute mich, empfand +eine Art von Ehrfurcht, wie wenn ich in einen +Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> +ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, +bei Gott, es war viel Gutes, ja Rührendes in +ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von +fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges +Talglicht brennt, es wird ein abscheulicher Tee +getrunken mit altem, ganz altem Zwieback dazu; +zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter +und hören unsere Reden! In den Blicken eines +jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, das +Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, +von der Zukunft der Menschen, von Poesie, – +zuweilen auch Unsinn, lassen uns von einem +Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski +sitzt da, mit untergeschlagenen Beinen, +seine Hand stützt die bleiche Wange: seine Augen +leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und +redet, redet schön, das treue Abbild eines jugendlichen +Demosthenes vor dem brausenden Meere; +Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt +von Zeit zu Zeit und wie im Traume abgebrochene +Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche, +Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, +der wegen seines beständigen, unverbrüchlichen +Schweigens unter uns sich den Ruf eines überaus +tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf +ganz besonders feierliche Weise – und der heitere +Stschitow selbst, der Aristophanes unseres +Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei +Neulinge horchen mit begeistertem Entzücken +auf … Und die Nacht zieht unbemerkt in stillem +Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> +der Morgen, und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern +– an Wein dachte man damals bei uns +nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden +Müdigkeit gehen wir auseinander … +Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in Rührung +zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte +und sogar den Sternen zutrauliche Blicke +zuwarf, als wären sie mir näher gerückt und verständlicher +geworden … Oh! Die herrliche Zeit +damals, und ich kann nicht glauben, daß sie nutzlos +verlorengegangen ist! Und sie ist es auch +nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen +nicht, welche nachmals in der Alltäglichkeit +des Lebens untergingen … Wie oft sind mir +dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen! +Man hätte glauben können, ganz +vertiert wäre der Mensch, – und es bedürfte +nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich +alles Gute, das in ihm übriggeblieben war, rege, +wie wenn man in einem schmutzigen und finsteren +Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen +voll Wohlgeruch öffnet …«</p> + +<p>Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte +sich gerötet.</p> + +<p>»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit +Rudin entzweit?« fragte Alexandra Pawlowna +mit verwundertem Blick.</p> + +<p>»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich +trennte mich von ihm, als ich ihn im Auslande +genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> +hätten wir uns entzweien können. Schon damals +spielte er mir einen bösen Streich.«</p> + +<p>»Was war denn das?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie +soll ich mich ausdrücken? Zu meiner Figur paßt +das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, +mich zu verlieben.«</p> + +<p>»Sie?«</p> + +<p>»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem +ist aber doch so … Nun, ich verliebte mich also +damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum +sehen Sie mich denn so an? Ich könnte +Ihnen von mir eine bei weitem wunderbarere +Geschichte erzählen.«</p> + +<p>»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen +darf? Sie machen mich neugierig.«</p> + +<p>»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau +pflegte ich bei Nacht mich zu einem Rendezvous +einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit +einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich +hielt ihren dünnen und schlanken Stamm umfangen, +und es deuchte mir, ich umfasse die +ganze Natur, und das Herz wurde mir weit und +verging in Liebe, als ob wirklich die ganze Natur +sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so +war ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht +auch, ich hätte damals keine Verse gemacht? Ich +habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung +des ›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden +Personen kam ein Gespenst vor, mit +Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> +sein eigenes Blut, sondern das Blut der Menschheit +überhaupt … Ja, ja, also wundern Sie sich +nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu +erzählen. Ich machte also die Bekanntschaft eines +jungen Mädchens …«</p> + +<p>»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« +fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen +war ein herzensgutes, allerliebstes Geschöpfchen +mit lebhaften, klaren Augen und hellklingender +Stimme.«</p> + +<p>»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem +feinen Lächeln Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte +Leschnew. »Nun, dieses Mädchen wohnte +bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich +nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber +wiederholen, daß dieses junge Mädchen wirklich +herzensgut war – goß sie mir doch immer beim +Tee das Glas bis zum Rande voll, wenn ich +auch nur um ein halbes gebeten hatte! … Drei +Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war +ich schon in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten +Tage hielt ich es nicht mehr aus und teilte Rudin +alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt +sind, können es nicht für sich behalten; ich beichtete +also Rudin alles. Ich stand damals ganz unter +seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß +es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht +wohltuend. Er war der erste, der mich nicht geringachtete, +er gab mir den nötigen Schliff. Pokorski<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> +liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand +eine gewisse Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin +stand mir näher. Als er von meiner Liebe +hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, +gratulierte mir, umarmte mich und begann sogleich +mich belehren, mir die große Wichtigkeit +meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war +ganz Ohr … Nun, Sie wissen ja, wie er zu +reden versteht. Seine Worte machten auf mich +einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf +einmal eine merkwürdige Achtung vor mir selbst, +nahm eine ernsthafte Miene an und lachte nicht +mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger +aufzutreten, als trüge ich in der Brust +ein Gefäß, mit kostbarer Flüssigkeit angefüllt, die +ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte +mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare +Beweise von Wohlwollen zuteil wurden. +Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft +des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, +und vielleicht war ich es selbst, der darauf bestand, +daß er ihm vorgestellt werde.«</p> + +<p>»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« +unterbrach ihn Alexandra Pawlowna. +»Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, +und Sie können es ihm bis jetzt nicht verzeihen +… Ich wollte wetten, ich habe es getroffen!«</p> + +<p>»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, +Alexandra Pawlowna: Sie sind im Irrtum. +Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> +und wollte ihn mir auch nicht abjagen; er +hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, obgleich +ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute +betrachte, Dank dafür wissen möchte. Damals +aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin +wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! +Doch, getreu seiner unglückseligen Gewohnheit: +jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl wie +des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den +Schmetterling an die Nadel, begann er uns über +uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, unser +gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang +uns despotisch, ihm Rechenschaft abzulegen von +unseren Gedanken, erteilte uns Lob und Tadel, +ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit +uns sogar in einen Briefwechsel ein! … Kurz, +wir wurden durch ihn ganz und gar irre aneinander! +Ich würde wohl damals schwerlich meine +Schöne geheiratet haben, soviel gesunder Verstand +war mir noch geblieben, wir hätten aber +immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche +Monate verbringen können; so aber kam es +zu Mißverständnissen und Spannungen aller +Art – mit einem Worte, es wurde ein völliger +Wirrwarr daraus. Das Ende vom Liede war, +daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen +eigenen Reden die Überzeugung herausschälte: es +läge ihm, als dem Freunde, die heilige Verpflichtung +ob, den greisen Vater von allem in +Kenntnis zu setzen, und das hat er auch getan.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span></p> + +<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna +aus.</p> + +<p>»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung +– das ist das Wunderbare! Ich erinnere +mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals +im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte +sich und verrückte sich in demselben alles, wie in +einer Camera obscura: was weiß gewesen, +zeigte sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge +schien Wahrheit, Einbildung – Pflicht geworden +zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich +beschämt, wenn ich daran denke! Rudin, – der +verlor den Mut nicht … warum sollte er es +auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse +und Verwicklungen aller Art, wie die +Schwalbe über den Teich.«</p> + +<p>»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« +fragte Alexandra Pawlowna, das Köpfchen +naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen +heraufziehend.</p> + +<p>»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, +ein beleidigendes, ungeschicktes, unnützerweise +offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie +weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde +… Es hatte sich da ein gordischer Knoten zusammengezogen +– er mußte durchhauen werden, +das tat wehe! Übrigens fügt sich alles auf der +Welt zum besten. Sie hat einen braven Mann +geheiratet und lebt jetzt glücklich …«</p> + +<p>»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> +vergeben können …« warf Alexandra Pawlowna +ein.</p> + +<p>»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint +habe ich wie ein Kind, als ich bei seiner +Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. +Die Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon +damals, ein Stachel in der Seele steckengeblieben. +Und als ich später im Auslande mit ihm +zusammentraf … je nun, da war ich auch schon +älter geworden … Rudin erschien mir in seinem +wahren Lichte.«</p> + +<p>»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt +hatten?«</p> + +<p>»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer +Stunde erzählte. Doch genug von ihm. Vielleicht +endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen, +daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil +fälle, ich es nicht tue, weil ich ihn etwa nicht +kenne … Was indessen Natalia Alexejewna +betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; +Sie aber mögen auf Ihren Bruder achtgeben.«</p> + +<p>»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit +ihm?«</p> + +<p>»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie +denn nichts?«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.</p> + +<p>»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … +seit einiger Zeit erkenne ich ihn nicht wieder … +Glauben Sie aber wirklich …«</p> + +<p>»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. +»Natalia ist gewiß kein Kind mehr, glauben<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> +Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie +ein solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen +wird uns noch alle in Erstaunen setzen.«</p> + +<p>»Wodurch meinen Sie?«</p> + +<p>»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen +sich ins Wasser zu stürzen, Gift zu nehmen und +dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht nach +ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften +und auch Charakter, verlassen Sie +sich darauf!«</p> + +<p>»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das +Reich der Dichtung. Einem solchen Phlegmatiker +wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan +erscheinen.«</p> + +<p>»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … +»Was Charakter anbetrifft – davon besitzen Sie, +Gott sei Dank, nichts.«</p> + +<p>»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«</p> + +<p>»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte +Kompliment …«</p> + +<p>Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen +Blick auf Leschnew und seine Schwester. +Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen. +Beide redeten ihn an; er würdigte aber +ihre Scherze kaum eines Lächelns und hatte, wie +sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene +eines »melancholischen Hasen«. Es hat aber +wohl kaum jemals einen Menschen gegeben, der +nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, +eine noch schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> +fühlte, daß Natalia sich von ihm abwandte, +mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand +auch der Boden unter seinen Füßen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="VII">VII</h2> +</div> + +<p>Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia +verließ spät ihr Lager. Tags zuvor war sie +bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte +sich insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht +geruht. Halb angekleidet vor dem kleinen Klavier +sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht +zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder +war, die Stirn an die kalten Tasten gedrückt, +lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte fortwährend, +nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr +an dieses oder jenes seiner Worte gedacht +und sich gänzlich ihren Eindrücken hingegeben.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer +Erinnerung auf. Sie wußte, daß er sie liebe, doch +sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich wieder +… Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. +Als der Morgen gekommen war, kleidete +sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem sie +ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, +benutzte sie einen günstigen Augenblick, um sich +allein in den Garten zu begeben. Es war ein +heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit +zu Zeit von kurzem Regen unterbrochen. Niedrige +wollige Wolkenknäuel zogen ruhig am reinen +Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> +und sandten den Feldern in Zwischenräumen +heftige und plötzliche Regengüsse. Große, glänzende +Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, +trocknem Geräusch; die Sonnenstrahlen +spielten mitten durch den Regen; das Gras, +noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich +nicht: es sog gierig die Feuchtigkeit auf; das benetzte +Laub zitterte an den Bäumen; die Vögel +hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es +war eine Lust, dem munteren Gezwitscher derselben +beim kühlen Rauschen und Murmeln des +vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine +Staubwirbel zogen wie Rauch auf der Landstraße +dahin, die von den heftig aufschlagenden +Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist +das Wölkchen vorüber, ein leichter Wind hat sich +erhoben, in Smaragden und Gold spielt das +Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, +und lichter ist es in dem Laube geworden +… Starker Duft steigt überall empor …</p> + +<p>Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, +als Natalia sich in den Garten begab. Frische +und Stille umfingen sie, jene sanfte und beglückende +Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles +Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches +Verlangen hervorruft …</p> + +<p>Natalia wandelte den Teich entlang, in der +langen Allee von Silberpappeln, als plötzlich +vor ihr, wie aus dem Boden emporgeschossen, +Rudin erschien.</p> + +<p>Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p> + +<p>»Sie sind allein?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich +habe übrigens nur für eine Minute das Freie +gesucht … Ich muß sogleich zurück.«</p> + +<p>»Ich werde Sie begleiten.«</p> + +<p>Und er ging an ihrer Seite hin.</p> + +<p>»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem +Schweigen.</p> + +<p>»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe +Frage vorlegen! Sie sind, wie mir deucht, nicht +aufgelegt.«</p> + +<p>»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann +man das leichter verzeihen als Ihnen.«</p> + +<p>»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte +keine Ursache, betrübt zu sein?«</p> + +<p>»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«</p> + +<p>Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.</p> + +<p>»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.</p> + +<p>»Was wünschen Sie?«</p> + +<p>»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das +Sie gestern gebrauchten … es war … von der +Eiche.«</p> + +<p>»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese +Frage?«</p> + +<p>Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.</p> + +<p>»Warum … was wollten Sie mit dem +Gleichnisse sagen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p> + +<p>Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in +die Weite schweifen.</p> + +<p>»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm +eigenen, zurückhaltenden und bedeutungsvollen +Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben +machte, er äußere kaum den zehnten Teil von +dem, was ihm die Brust schwellte. »Natalia +Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß +ich von meiner Vergangenheit wenig rede. Es +gibt darin gewisse Saiten, die ich gar nicht berühre. +Mein Herz … wer braucht überhaupt zu +wissen, was in demselben vorgegangen ist? +Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets für +einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch +bin ich aufrichtig: Sie erwecken mein Zutraun +… Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus machen, +daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie +alle … Wann und wie? davon lohnt sich’s nicht +zu sprechen; genug, mein Herz hat der Freuden +und Leiden viel erfahren …«</p> + +<p>Rudin hielt einen Augenblick inne.</p> + +<p>»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er +fort, »ließ sich in gewisser Hinsicht auf mich anwenden, +auf meine jetzige Lage. Doch wahrlich, +es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des +Lebens ist für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt +nur, mich auf staubiger und heißer Landstraße in +elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln +zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen +– ob ich es überhaupt erreichen werde – das<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> +weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen +sprechen.«</p> + +<p>»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach +ihn Natalia, »Sie erwarten nichts mehr +vom Leben?«</p> + +<p>»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für +mich … Der Tätigkeit, der Freude am Handeln +werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem +Genusse entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen +und mein persönliches Glück haben nichts miteinander +gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte +er die Achseln) … die Liebe: – ist nicht für +mich; ich bin … ihrer nicht wert; ein Weib, +welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf +den ganzen Mann, ganz aber kann ich mich nicht +hingeben. Und dann – Gefallen ist das Ziel und +das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie +sollte ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott +helfe mir, den meinen auf den Schultern zu behalten!«</p> + +<p>»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem +hohen Ziele entgegenstrebt, darf nicht mehr an +sich denken; warum aber wäre das Weib nicht +imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? +Mich dünkt im Gegenteil, es würde sich eher von +einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute, +jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt +– Egoisten, nur mit sich selbst beschäftigt, selbst +wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib +ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> +sie versteht es auch, sich selbst zum Opfer zu +bringen.«</p> + +<p>Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und +ihre Augen glänzten. Vor ihrer Bekanntschaft +mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde +eine so lange und feurige Rede vernommen haben.</p> + +<p>»Sie haben schon mehrmals meine Meinung +von dem Berufe der Frauen gehört,« erwiderte +Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, +daß, meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein +Frankreich retten konnte … doch, nicht davon +ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie +stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer +Zukunft zu sprechen, macht Vergnügen und ist +nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie wissen, +ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an +Ihnen, wie etwa an einer Verwandten … darum, +hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht unbescheiden +finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz +bis jetzt ganz ruhig gewesen?«</p> + +<p>Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. +Rudin blieb stehen und sie tat dasselbe.</p> + +<p>»Sind Sie mir böse?« fragte er.</p> + +<p>»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus +nicht erwartet …«</p> + +<p>»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir +nicht zu antworten. Ihr Geheimnis ist mir bekannt.«</p> + +<p>Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.</p> + +<p>»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> +ich muß Ihnen sagen – eine bessere Wahl konnten +Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher +Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das +Leben hat ihn noch nicht abgenutzt – seine Seele +ist einfach und klar … er wird Sie glücklich +machen.«</p> + +<p>»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«</p> + +<p>»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich +spreche? Natürlich von Wolinzow. Wie? Sollte +ich mich geirrt haben?«</p> + +<p>Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie +war ganz außer Fassung.</p> + +<p>»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! +Er hat nur Augen für Sie und folgt jeder Ihrer +Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe +verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht +selbst gut? Soviel ich bemerken konnte, gefällt er +auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«</p> + +<p>»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, +in ihrer Verwirrung die Hand nach einem nahestehenden +Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist +mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; +ich versichere Ihnen aber, Sie irren sich.«</p> + +<p>»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich +glaube es nicht … Ich habe zwar erst vor kurzem +Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber +bereits gut. Was bedeutet denn die Veränderung, +die ich an Ihnen wahrnehme, deutlich wahrnehme! +Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> +vor sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia +Alexejewna, Ihr Herz ist nicht ruhig.«</p> + +<p>»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, +»Sie sind aber dennoch im Irrtum.«</p> + +<p>»Inwiefern?« fragte Rudin.</p> + +<p>»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« +sagte Natalia und eilte raschen Schrittes dem +Hause zu.</p> + +<p>Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich +in ihr vorgegangen war.</p> + +<p>Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.</p> + +<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese +Unterredung darf kein solches Ende nehmen: sie +ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll ich +Sie verstehen?«</p> + +<p>»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.</p> + +<p>»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«</p> + +<p>Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er +war bleich geworden.</p> + +<p>»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« +sagte Natalia, riß ihre Hand aus der +seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.</p> + +<p>»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.</p> + +<p>Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.</p> + +<p>»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen +Gleichnisse hätte sagen wollen. So hören Sie es, +ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von +mir, von meiner Vergangenheit – und von +Ihnen.«</p> + +<p>»Wie? Von mir?«</p> + +<p>»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span> +Sie nicht hintergehen … Jetzt wissen Sie, von +welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle +ich in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen +Tage würde ich es nicht gewagt haben …«</p> + +<p>Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den +Händen und lief dem Hause zu.</p> + +<p>Sie war dermaßen durch den unerwarteten +Ausgang ihres Gesprächs mit Rudin erschüttert, +daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen +war, nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, +mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. +Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja Michailowna +gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer +getroffen, ihr ein paar Worte gesagt und +sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia +aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten +eigentümlichen Instinkt, war er geradeswegs +in den Garten gegangen und auf Rudin und +Natalia in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre +Hand der seinigen entriß. Wolinzow war es +dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er +Natalia mit den Blicken gefolgt war, verließ er +den Baum und tat ein paar Schritte, ohne selbst +zu wissen, wohin und warum.</p> + +<p>Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide +blickten einander in die Augen, tauschten einen +Gruß und trennten sich schweigend.</p> + +<p>Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.</p> + +<p>Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende +des Gartens. Ein bitterpeinliches Gefühl hatte +sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen lag es<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span> +ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von +Zeit zu Zeit schwer und heftig auf. Es fielen +wieder Tropfen. Rudin war auf sein Zimmer +zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel +drehten sich die Gedanken in seinem Kopfe. +Wer sollte durch die unerwartete, vertrauensvolle +Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt +werden!</p> + +<p>Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in +Gang kommen. Natalia war sehr bleich, hielt +sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen +nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, +an ihrer Seite, und zwang sich von Zeit zu Zeit, +das Wort an sie zu richten. Es traf sich, daß +Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna +speiste. Er war der Gesprächigste von allen +bei Tische. Unter anderen suchte er zu beweisen, +daß man die Menschen, wie Hunde, in +zwei Klassen, in kurz- und langohrige, einteilen +könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze +Ohren, entweder von Geburt an oder durch +eigene Schuld. In beiden Fällen sind sie zu beklagen, +denn nichts gelingt ihnen – es fehlt +ihnen das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen +ist ein Glückskind. Er mag schlechter und +schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber +Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles +bewundert ihn.«</p> + +<p>»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre +zur Klasse der Kurzohrigen, und, was dabei<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> +das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren selbst +gestutzt.«</p> + +<p>»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig +Rudin ein, »was übrigens bereits lange vor +Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue +dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu +aber da die Ohrengeschichte!«</p> + +<p>»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow +bitter und mit funkelndem Blick, »lassen Sie +jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man +redet von Despotismus … Nach meiner Meinung +gibt’s keinen ärgeren Despotismus als den +der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«</p> + +<p>Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in +Staunen geraten und verstummt. Rudin warf +einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen +nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen +und sagte nichts.</p> + +<p>Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow +bei sich; Natalia bebte vor Angst. Darja +Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, +erstaunten Blick und nahm endlich das Wort; sie +begann von einem ungewöhnlichen Hunde zu erzählen, +der ihrem Freunde, dem Minister N. N., +gehörte …</p> + +<p>Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. +Beim Abschiednehmen von Natalia hielt er nicht +mehr an sich und sagte zu ihr:</p> + +<p>»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie +sich einer Schuld bewußt? Sie können sich – +vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span></p> + +<p>Natalia hatte nichts verstanden und folgte +ihm bloß mit den Augen. Vor dem Tee trat Rudin +zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege +er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:</p> + +<p>»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß +Sie durchaus allein sprechen … wäre es auch +nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt +gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, +welches Sie suchten,« dann neigte er sich +wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen +Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube +neben der Terrasse einzufinden, ich werde Sie +erwarten …«</p> + +<p>Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin +hatte ihm den Kampfplatz überlassen. Er +machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst +erzählte er von einem seiner Nachbarn, der dreißig +Jahre unter dem Pantoffel seiner Ehehälfte +gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten +angeeignet hatte, daß er einst, im +Beisein Pigassows, beim Überschreiten einer kleinen +Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm, +wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. +Dann kam er auf einen anderen Gutsbesitzer, der +anfangs Freimaurer, dann Melancholiker gewesen +war und endlich Bankier zu werden gewünscht +hatte.</p> + +<p>»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer +zu werden, Philipp Stepanitsch?« hatte +ihn Pigassow gefragt.</p> + +<p>»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> +»ich ließ mir den Nagel des kleinen Fingers +wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja Michailowna +mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über +die Liebe auszulassen und zu beteuern, auch nach +ihm sei geseufzt worden, und eine feurige Ausländerin +habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen« +genannt. Darja Michailowna lachte, +doch war es die Wahrheit, was Pigassow erzählte: +er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen +Siegen zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre +leichter, als jedes beliebige Frauenzimmer verliebt +zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage +nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies +auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und die +übrigen Weiber seien bloß Lappen im Vergleich +zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, +sie habe das Paradies auf den Lippen, Seligkeit +in den Augen und wird sich in Sie verlieben. +In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, +vielleicht hatte Pigassow recht.</p> + +<p>Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der +Laube. Am fernen, erbleichenden Horizonte tauchten +eben die ersten Sternchen auf; im Westen +war der Himmel noch gerötet – auch war auf +dieser Seite der Horizont heller und reiner; der +Halbmond schimmerte wie Gold durch das dunkle +Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume +standen entweder vereinzelt mit durchscheinenden +Laubkronen gleich finsteren, tausendäugigen Riesen +da oder verschwammen in dichte, düstere +Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> +Zweige der Flieder- und Akazienbäume strecken +ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als +lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte +sich in Dunkel; wie rötlich gefärbte Streifen hoben +sich an demselben die erhellten, länglichen +Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch +schien es, als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher +Seufzer geheimnisvoll in dieser +Stille verhallte.</p> + +<p>Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt +und horchte mit äußerster Spannung. Sein Herz +klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den +Atem an. Endlich glaubte er leichte, hastige +Schritte zu vernehmen und Natalia trat in die +Laube.</p> + +<p>Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre +Hände. Sie waren kalt wie Eis.</p> + +<p>»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender +Stimme an, »ich wollte Sie sehen … +ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. +Ich muß Ihnen sagen, was ich vor dem heutigen +Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, mir noch +nicht bewußt war: ich liebe Sie.«</p> + +<p>Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.</p> + +<p>»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich +so lange mich täuschen, so lange nicht ahnen +konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia +Alexejewna … antworten Sie mir – und +Sie?«</p> + +<p>Natalia konnte kaum atmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p> + +<p>»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie +endlich hervor.</p> + +<p>»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«</p> + +<p>»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.</p> + +<p>Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und +wollte sie an sich ziehen …</p> + +<p>Natalia blickte sich rasch um.</p> + +<p>»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, +mir deucht, es belauscht uns jemand … Um +Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow +ahnt etwas.«</p> + +<p>»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm +heute nicht einmal geantwortet … Ach, Natalia +Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns +nichts mehr trennen!«</p> + +<p>Natalia blickte ihm in die Augen.</p> + +<p>»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, +daß ich zurückkehre.«</p> + +<p>»Einen Augenblick,« bat Rudin.</p> + +<p>»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«</p> + +<p>»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«</p> + +<p>»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«</p> + +<p>»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch +einmal …«</p> + +<p>»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte +Natalia.</p> + +<p>»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen +als mich auf der Welt! Zweifeln Sie etwa?«</p> + +<p>Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr +bleiches, edles, junges, aufgeregtes Gesicht – in<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> +dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim +schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.</p> + +<p>»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die +Ihre.«</p> + +<p>»O Gott!« rief Rudin aus.</p> + +<p>Natalia aber machte sich los und ging fort. +Rudin blieb einige Zeit stehen, und verließ dann +langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell +sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen +Lippen.</p> + +<p>»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich +bin glücklich,« wiederholte er, als suchte er sich +selbst dazu zu überreden.</p> + +<p>Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar +zurecht und vertiefte sich in den Garten, +lustig die Arme schwenkend.</p> + +<p>Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube +die Zweige behutsam voneinandergebogen und es +zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte er sich +um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, +sagte mit bezeichnendem Tone: »So +stehen die Sachen! Davon muß man Darja Michailowna +in Kenntnis setzen,« und verschwand.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII</h2> +</div> + +<p>Als Wolinzow nach Hause gekommen war, +war er niedergeschlagen und finster, gab so ungern +der Schwester Antwort und verschloß sich +so bald in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß, +einen reitenden Boten zu Leschnew zu schicken.<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> +In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm +ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde +am folgenden Tage kommen.</p> + +<p>Wolinzow war auch am folgenden Morgen +nicht heiterer gestimmt. Nach dem Tee dachte er +seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte +sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch +in die Hand, was bei ihm nicht oft der Fall war. +Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur, +und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich +wie ein Gedicht,« pflegte er zu sagen, +und zur Bekräftigung seiner Worte folgende +Strophe des Dichters Aibulat anzuführen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und bis zum Ende meiner trüben Tage</div> + <div class="verse indent0">Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand</div> + <div class="verse indent0">Des Lebens blutige Vergißmeinnichte</div> + <div class="verse indent0">Entwenden mir mit rauher Hand!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder +besorgt an, belästigte ihn jedoch nicht mit Fragen. +Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott +sei Dank, Leschnew … Der Diener trat ein +und meldete Rudin.</p> + +<p>Wolinzow warf das Buch auf den Boden und +hob den Kopf in die Höhe.</p> + +<p>»Wer ist gekommen?« fragte er.</p> + +<p>»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der +Diener.</p> + +<p>Wolinzow erhob sich.</p> + +<p>»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber, +Schwester,« setzte er hinzu, sich zu Alexandra +Pawlowna wendend: »laß uns allein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p> + +<p>»Weshalb aber?« wandte sie ein.</p> + +<p>»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit, +»ich bitte dich.«</p> + +<p>Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn +kalt, in der Mitte des Zimmers stehend, und +reichte ihm nicht die Hand.</p> + +<p>»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin +an, »gestehen Sie es,« und stellte seinen Hut auf +das Fensterbrett.</p> + +<p>Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen. +Ihm war nicht behaglich zumute; doch suchte er +seine Verwirrung zu verbergen.</p> + +<p>»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte +Wolinzow, »nach dem gestrigen Tage hätte ich +eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen +erwarten können.«</p> + +<p>»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,« +äußerte Rudin, sich setzend, »und Ihre Offenherzigkeit +freut mich sehr. So ist es viel besser. +Ich bin selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem +Manne von Ehre.«</p> + +<p>»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte +Wolinzow.</p> + +<p>»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich +gekommen bin.«</p> + +<p>»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten +Sie nicht zu mir kommen können? Und dann +erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male +die Ehre Ihres Besuches.«</p> + +<p>»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von +Ehre zu einem Manne von Ehre,« wiederholte<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> +Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen +Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen +volles Vertrauen …«</p> + +<p>»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, +immer noch in derselben Stellung, mit finsteren +Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die +Spitzen seines Schnurrbartes drehend.</p> + +<p>»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären +hergekommen, das kann man aber nicht +mit ein paar Worten abmachen.«</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>»Es ist noch eine dritte Person dabei im +Spiel …«</p> + +<p>»Eine dritte Person? und welche?«</p> + +<p>»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«</p> + +<p>»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus +nicht.«</p> + +<p>»Sie wünschen …«</p> + +<p>»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife +reden!« unterbrach ihn Wolinzow.</p> + +<p>Er wurde im Ernste böse.</p> + +<p>Rudin zog die Brauen zusammen.</p> + +<p>»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß +Ihnen sagen – übrigens kommen Sie gewiß +selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig +die Achseln) – ich muß Ihnen sagen, daß ich +Natalia Alexejewna liebe und mit Grund vermuten +darf, daß auch sie mich liebt.«</p> + +<p>Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch +nichts; er trat ans Fenster und wandte Rudin +den Rücken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span></p> + +<p>»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin +fort: »wenn ich nicht überzeugt wäre …«</p> + +<p>»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: +»ich zweifle durchaus nicht … Nun, +dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was +zum Teufel Sie bewogen hat, mit dieser Nachricht +zu mir zu kommen … Was habe ich damit +zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, +wer Sie liebt? Das ist mir unbegreiflich …«</p> + +<p>Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. +Seine Stimme tönte hohl.</p> + +<p>Rudin erhob sich.</p> + +<p>»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, +weshalb ich mich entschlossen habe, zu Ihnen zu +kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht +zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen +Neigung ein Geheimnis vor Ihnen zu machen. +Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb +bin ich gekommen; ich wollte nicht … wir +beide wollten nicht Komödie vor Ihnen spielen. +Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren +mir bekannt … Glauben Sie mir, ich kenne +meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich +bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; +da es sich aber dennoch so gefügt hat, wären +dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich gewesen? +Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen +auszusetzen, oder selbst nur einer +solchen Szene wie der gestrigen bei Tische? Sergei +Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span></p> + +<p>Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, +als koste es ihm Mühe, sich zu beherrschen.</p> + +<p>»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich +habe Sie gekränkt, ich fühle es … aber mißverstehen +Sie uns nicht … Sie müssen begreifen, +daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere +Achtung zu beweisen, Ihnen zu zeigen, daß +wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen. +Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde +jedem anderen gegenüber unstatthaft gewesen +sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur Pflicht. +Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser +Geheimnis in Ihren Händen …«</p> + +<p>Wolinzow lachte gezwungen auf.</p> + +<p>»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, +»obgleich ich, wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis +zu wissen, noch das meinige Ihnen zu +entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch +darüber, wie über Ihr eigenes Gut. Erlauben +Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer +anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß +Ihr Besuch und der Zweck desselben Natalia +Alexejewna bekannt ist?«</p> + +<p>Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.</p> + +<p>»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem +Vorhaben nicht unterrichtet; weiß jedoch, +daß sie meine Ansicht teilt.«</p> + +<p>»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem +Schweigen Wolinzow und begann mit den Fingern +an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser,<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> +ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas +… weniger Achtung für mich hätten. Die +Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen +Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich +von mir?«</p> + +<p>»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: +ich will, daß Sie mich nicht für einen hinterlistigen +und schlauen Menschen halten, daß +Sie mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können +auch schon jetzt meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel +ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, daß +wir als Freunde voneinander scheiden … daß +Sie, wie ehemals, mir die Hand reichen …«</p> + +<p>Und Rudin näherte sich Wolinzow.</p> + +<p>»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, +indem er sich zu Rudin wandte und einen Schritt +zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten volle +Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles +sehr schön, sogar erhaben, wir sind aber schlichte +Leute, an Marzipan nicht gewöhnt, wir sind nicht +imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie +des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig +erscheint, dünkt uns zudringlich und unbescheiden +… Was Ihnen einfach und klar vorkommt, +ist für uns verwickelt und dunkel … +Sie prahlen mit dem, was wir heimlich halten: +wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen +Sie mir: weder als meinen Freund kann ich +Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen … +Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst +klein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p> + +<p>Rudin ergriff seinen Hut.</p> + +<p>»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er +betrübt, »meine Erwartungen haben mich getäuscht. +Mein Besuch war in der Tat etwas ungewöhnlich, +ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow +machte eine ungeduldige Bewegung) … +Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon reden. +Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht +haben und nicht anders handeln konnten. Leben +Sie wohl, und erlauben Sie mir wenigstens, +daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die +Lauterkeit meiner Absichten beteuere … Von +Ihrer Verschwiegenheit bin ich überzeugt …«</p> + +<p>»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow +zitternd vor Zorn, »ich habe mich Ihrem Vertrauen +in keiner Weise aufgedrängt; und Sie +haben darum durchaus kein Anrecht auf meine +Verschwiegenheit!«</p> + +<p>Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch +bloß die Arme auseinander, verneigte sich und +verließ das Gemach, Wolinzow aber warf sich +auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die +Wand.</p> + +<p>»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür +Alexandra Pawlownas Stimme vernehmen.</p> + +<p>Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und +fuhr mit der Hand hastig über das Gesicht. +»Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter +Stimme: »warte noch etwas.«</p> + +<p>Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra +Pawlowna von neuem der Tür.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p> + +<p>»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte +sie, »willst du ihn sehen?«</p> + +<p>»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« +Leschnew trat herein.</p> + +<p>»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich +auf einen Sessel neben dem Diwan nieder.</p> + +<p>Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den +Arm, blickte seinem Freunde lange, lange ins +Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort für +Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin +hatte er nie vor Leschnew seiner Gefühle für +Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten +konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.</p> + +<p>»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« +sagte Leschnew, als Wolinzow seine Erzählung +beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten +seinerseits war ich gefaßt; dies aber … +Übrigens erkenne ich ihn auch hierin wieder.«</p> + +<p>»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das +ist ja geradezu eine Frechheit! Fast hätte ich ihn +zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor mir +prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? +Und zu welchem Ende? Wie kann man zu einem +Menschen gehen …«</p> + +<p>Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen +und schwieg.</p> + +<p>»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte +Leschnew gelassen. »Du wirst mir’s nicht glauben, +ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter +Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das +hat so einen Anstrich von Edelsinn und Offenherzigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span> +und bietet einen Vorwand zum Reden, +der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das +eben brauchen wir ja, ohne dergleichen könnten +wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine +Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat +ihm aber auch recht brav gedient!«</p> + +<p>»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher +Feierlichkeit er hereintrat und seine Rede vorbrachte!«</p> + +<p>»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen +Rock zu, so tut er’s, als erfüllte er eine heilige +Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte +Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, +wie er da wohl schalten und walten würde. +Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«</p> + +<p>»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels +willen, soll das etwa Philosophie sein?« fragte +Wolinzow.</p> + +<p>»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du +hast recht – ist es in der Tat Philosophie – +von der anderen ist es durchaus keine. Man darf +doch nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last +legen!«</p> + +<p>Wolinzow blickte ihn an.</p> + +<p>»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst +du?«</p> + +<p>»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, +weißt du – wir haben genug von ihm +gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen anzünden, +lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna +herbitten … Wenn sie dabei ist, spricht<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> +sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie wird +uns Tee machen.«</p> + +<p>»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, +komm herein!« rief er.</p> + +<p>Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte +ihre Hand und drückte sie fest an seine Lippen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen +Stimmung nach Hause zurück. Er war ärgerlich +auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über +seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes +Betragen. An ihm bewährte sich: daß es +nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein, +eine Torheit begangen zu haben.</p> + +<p>Reue marterte Rudin.</p> + +<p>»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, +»mir den Gedanken eingeben mußte, zu diesem +Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! +Habe mir nichts als Grobheiten geholt! …«</p> + +<p>In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen +Ungewöhnliches vor. Die Hausfrau +selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und +erschien auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, +wie Pandalewski, die einzige Person, die +Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia +auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer +mit Mlle. Boncourt … Als sie mit ihm im +Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig +an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span> +hatte sich verändert, als wenn seit dem gestrigen +Tage ein Unglück über sie hereingebrochen wäre. +Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen +Rudin zu quälen. Um sich einigermaßen zu zerstreuen, +machte er sich an Bassistow, unterhielt +sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen, +lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen +und noch ungebrochener Glaubenskraft. +Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für +ein paar Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin +war sie liebenswürdig, doch etwas zurückhaltend, +bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die +Nase und meist in Anspielungen … Sie war +ganz Hofdame. In der letzten Zeit war sie scheinbar +kälter gegen Rudin geworden.</p> + +<p>Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes +Köpfchen von der Seite betrachtend.</p> + +<p>Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu +warten. Gegen Mitternacht, im Begriff, sich auf +sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen +finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen +Zettel zusteckte. Er blickte sich um und sah ein +junges Mädchen davoneilen, in welchem er Natalias +Kammerjungfer erkannte. Auf seinem +Zimmer angelangt, schickte er seinen Diener fort, +öffnete den Zettel und las folgende von Natalias +Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie +morgen früh gegen sieben Uhr, nicht später, zum +Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine +andere Stunde vermag ich nicht zu bestimmen!<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> +Wir werden uns dort zum letzten Male sehen +und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … +Kommen Sie. Ein Entschluß muß gefaßt werden …</p> + +<p><em class="antiqua">P. S.</em> Komme ich nicht, dann sehen wir uns +nie wieder: dann werde ich Sie wissen lassen …«</p> + +<p>Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel +in den Händen herum, steckte ihn unter das +Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder, +konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche +er suchte; sein Schlaf war unruhig und es war +noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="IX">IX</h2> +</div> + +<p>Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin +als Ort der Zusammenkunft bezeichnet, hatte +schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig +Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, +und seit der Zeit war er so geblieben. +Nur an dem ebenen und flachen Grunde der +Vertiefung, den einst fetter Schlamm überzog, +sowie an den Überresten des Dammes konnte man +erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es +hatte daneben auch ein Edelhof gestanden. Auch +dieser war schon längst verschwunden. Zwei riesige +Fichten allein erinnerten noch an denselben; +mürrisch zogen und rauschten ewige Winde durch +ihr spärliches, hoch oben wachsendes Grün … +Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen +Missetat, die am Fuße dieser Fichten vollbracht<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> +worden sei, ja man wollte sogar vorher wissen, +keine derselben werde fallen, ohne jemandem den +Tod zu bringen; vor Zeiten habe dort noch eine +dritte gestanden, sei aber vom Sturme umgestürzt +worden und habe im Falle ein kleines Mädchen +getötet. Die ganze Gegend um den Teich +herum wurde als nicht geheuer betrachtet; wüste +und kahl und dabei verwildert und düster sogar +bei Sonnenlicht, erschien sie noch düsterer und +verwilderter durch die Nähe des alten, längst +abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. +Einzelne graue Gerippe mächtiger Bäume ragten, +finsteren Gespenstern gleich, über das niedrige +Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: +als wären es böse Greise gewesen, die +sich da versammelt hätten und irgendeinen schlimmen +Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen +ein selten betretener Fußweg hin. Wer +nicht dazu gezwungen war, vermied es, am Awdjuchinteiche +vorüberzugehen. Natalia hatte mit +Absicht diesen einsamen Ort gewählt, der vom +Hause Darja Michailownas kaum eine halbe +Werst entfernt lag.</p> + +<p>Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin +vor den Awdjuchinteich kam; es war aber +kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte, +weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen +Himmel; mit Pfeifen und Heulen trieb der Wind +sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit +dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln +bedeckten Damme auf und ab zu gehen. Er war<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> +nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen +Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch +auf, besonders aber nach dem gestrigen Zettel. +Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und +war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt +hätte, der ihn so mit gesammelter Entschlossenheit, +mit auf der Brust gekreuzten Armen +um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht +hatte Pigassow, als er einst von ihm sagte, daß +bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, der +Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch +ein Kopf immer sein möge, so fällt es dem Menschen +doch schwer, durch ihn allein auch nur das +zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht +… Rudin, der kluge, scharfsichtige Rudin, +war nicht imstande, mit Gewißheit zu sagen, ob +er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, +wenn er sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun +mußte er, ohne den Lovelace zu spielen – diese +Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, +einem armen Mädchen den Kopf verdrehen? +Warum wartete er auf dasselbe mit heimlichem +Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: +Niemand läßt sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser +Mensch.</p> + +<p>Er schritt den Damm entlang, während Natalia +geradeaus über das Feld, auf feuchtem +Grase ihm entgegeneilte.</p> + +<p>»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die +Füße naß machen,« sagte Mascha, ihr Kammermädchen,<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> +kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr +zu halten.</p> + +<p>Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, +ohne sich umzusehen.</p> + +<p>»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« +rief Mascha zu wiederholten Malen. »Selbst das +ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause +gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht +ist … Ein Glück, daß es nicht weit ist … +Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie hinzu, +als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins +gewahr wurde, der malerisch auf dem Damme +stand, »doch, warum steht denn der Herr so hoch, +– besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«</p> + +<p>Natalia blieb stehen.</p> + +<p>»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte +sie und schritt zu dem Teich hinab.</p> + +<p>Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert +stehen. Einen solchen Ausdruck hatte er noch nicht +auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen waren +zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, +der Blick war fest, ja fast strenge.</p> + +<p>»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben +keine Zeit zu verlieren. Ich bin auf fünf Minuten +hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß +Mama alles weiß. Herr Pandalewski hat uns +vorgestern belauscht und ihr von unserer Zusammenkunft +erzählt. Er war immer Mamas Spion. +Gestern rief sie mich zu sich …«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p> + +<p>»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! +… Was hat Ihre Mama gesagt?«</p> + +<p>»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht +gescholten, nur Vorwürfe machte sie mir über +meinen Leichtsinn.«</p> + +<p>»Weiter nichts?«</p> + +<p>»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher +mit dem Gedanken vertragen, daß ich stürbe, als +daß ich Ihre Frau würde.«</p> + +<p>»Hat sie das wirklich gesagt?«</p> + +<p>»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs +willens wären, mich zu heiraten, daß +Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten, +was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens +wäre sie selbst daran schuld: warum habe sie es +erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen zusammenkomme +… sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr +erstaunt über mein unüberlegtes Betragen … +Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was sie +mir sonst noch sagte.«</p> + +<p>Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast +lautloser Stimme.</p> + +<p>»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben +Sie ihr geantwortet?« fragte Rudin.</p> + +<p>»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte +Natalia. »… Was beabsichtigen <em class="gesperrt">Sie</em> jetzt zu +tun?«</p> + +<p>»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, +»das ist hart! So rasch! … ein so unerwarteter +Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«</p> + +<p>»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p> + +<p>»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«</p> + +<p>»Keine.«</p> + +<p>»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche +Pandalewski! … Sie fragen mich, +Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf +geht mir in der Runde – ich kann keinen Gedanken +fassen … Ich fühle nur mein Unglück +… ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig +sind! …«</p> + +<p>»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete +Natalia.</p> + +<p>Rudin begann wieder auf dem Damme auf +und ab zu gehen. Natalia verlor ihn nicht aus +den Augen.</p> + +<p>»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« +fragte er dann.</p> + +<p>»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«</p> + +<p>»Nun … und Sie sagten?«</p> + +<p>Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe +ihr die Wahrheit gesagt.«</p> + +<p>Rudin ergriff ihre Hand.</p> + +<p>»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, +das Herz eines Mädchens ist wie lauteres Gold! +Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in +bezug auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung +so entschieden geäußert?«</p> + +<p>»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist +überzeugt, daß Sie selbst nicht daran denken, +mich zu heiraten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p> + +<p>»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch +habe ich das verdient?«</p> + +<p>Und Rudin faßte sich am Kopfe.</p> + +<p>»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir +verlieren unnütz die Zeit. Denken Sie daran, ich +sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht +um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, +ich weine nicht – ich kam, um mir Rat zu holen.«</p> + +<p>»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«</p> + +<p>»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war +gewohnt, Ihnen zu vertrauen, ich werde Ihnen +vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches +sind Ihre Absichten?«</p> + +<p>»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich +ihr Haus verschließen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie +mir, sie werde die Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen +müssen … Sie antworten aber nicht +auf meine Frage.«</p> + +<p>»Auf welche Frage?«</p> + +<p>»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«</p> + +<p>»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, +»uns darein ergeben.«</p> + +<p>»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt +und ihre Lippen wurden bleich.</p> + +<p>»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin +fort. »Was ist dabei zu machen! Ich weiß +gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich +das ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> +bin arm … Freilich, ich kann arbeiten; doch, +wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die +gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den +Zorn Ihrer Mutter ertragen? … Nein, Natalia, +daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl +nicht bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes +Glück, von welchem ich geträumt hatte, ist +mir nicht beschieden.«</p> + +<p>Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den +Händen und brach in Tränen aus. Rudin trat +an sie heran.</p> + +<p>»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit +Wärme, »weinen Sie nicht, um Gottes willen, +martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«</p> + +<p>Natalia erhob den Kopf.</p> + +<p>»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann +sie, und ihre Augen glänzten unter Tränen, +»ich weine nicht über das, was Sie glauben … +Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich +mich in Ihnen getäuscht habe … Wie? ich suche +bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und +Ihr erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! +So also äußert sich durch die Tat Ihre Theorie +von der Freiheit, von Opfern, welche …«</p> + +<p>Ihre Stimme war gebrochen.</p> + +<p>»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann +Rudin bestürzt, »ich nehme meine Worte nicht +zurück … nur …«</p> + +<p>»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft +fort, »was ich meiner Mutter geantwortet habe, +als sie mir erklärte, sie würde mich lieber tot wissen,<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> +als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: +ich gab ihr zur Antwort, daß ich lieber +tot, als die Frau eines anderen sein wolle … +Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch +Recht gehabt: Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, +aus Langeweile Scherz mit mir getrieben …«</p> + +<p>»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre +Ihnen …«, wiederholte Rudin.</p> + +<p>Sie hörte aber nicht auf ihn.</p> + +<p>»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum +mußten Sie selbst … Oder glaubten Sie, +auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich +schämen, davon zu reden … es ist ja aber alles +schon aus.«</p> + +<p>»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm +Rudin wieder das Wort, »wir wollen zusammen +erwägen, welche Mittel …«</p> + +<p>»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« +unterbrach sie ihn, »wissen Sie aber wohl, +wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich +liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe +nicht für die Zukunft ein, reich mir die Hand +und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich wäre +Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem +entschlossen! Doch vom Wort zur Tat ist’s weiter, +als ich glaubte, und Sie haben jetzt Furcht, +ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«</p> + +<p>Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete +Begeisterung Natalias hatte ihn bestürzt<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> +gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein +Stachel für seine Eigenliebe.</p> + +<p>»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« +fing er an, »Sie können nicht verstehen, wie +grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie +werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren +lassen; Sie werden begreifen, was es mich +gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie +Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen +auferlegte. Ihre Ruhe ist mir teurer, als alles +auf der Welt, und ich wäre ein Elender, wollte +ich zu meinem Vorteile …«</p> + +<p>»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, +»vielleicht haben Sie recht, und ich weiß +nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich +Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft +bitte ich Sie, wägen Sie Ihre Worte ab, +sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als +ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, +was dies Wort bedeutet: ich war zu allem bereit +… Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion +zu danken und mich zu verabschieden.«</p> + +<p>»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, +ich beschwöre Sie. Ich habe nicht Ihre Verachtung +verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen +Sie sich aber auch in meine Lage. Ich muß für +Sie wie für mich einstehen. Wenn ich Sie nicht +grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich +Ihnen selbst sogleich den Vorschlag machen, mit +mir zu entfliehen … früher oder später würde +Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> +… Doch bevor ich an mein eigenes Glück denken +durfte …«</p> + +<p>Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und +fest auf ihn gerichtet … Es ging nicht – er +mußte schweigen.</p> + +<p>»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie +ein ehrlicher Mann sind, Dmitri Nikolaitsch,« +äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind +nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war +es denn aber diese Überzeugung, die ich zu gewinnen +gewünscht hatte, war ich deshalb hierhergekommen …«</p> + +<p>»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«</p> + +<p>»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! +Ja, Sie hatten alles dies nicht erwartet – +Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … +Sie lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem +auf.«</p> + +<p>»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.</p> + +<p>Natalia richtete sich auf.</p> + +<p>»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle +Ihre Worte schweben mir vor, Dmitri Nikolaitsch. +Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne +völlige Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie +stehen mir zu hoch, Sie passen für mich nicht … +Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen +warten Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen +Tag werde ich nicht vergessen … Leben +Sie wohl …«</p> + +<p>»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn +so scheiden?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p> + +<p>Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb +stehen. Seine flehende Stimme schien sie unschlüssig +gemacht zu haben.</p> + +<p>»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in +mir etwas gebrochen … Ich kam hierher, redete +mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine +Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie +selbst sagten, es dürfe nicht sein. Mein Gott, als +ich hierherging, nahm ich in Gedanken Abschied +von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit +– und was? Wen traf ich hier? Einen +kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, +daß ich nicht imstande wäre, die Trennung von +meiner Familie zu ertragen? ›Ihre Mama gibt +nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ +Dies war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind +Sie es, sind Sie es, Rudin? Nein! Leben Sie +wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in +diesem Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, +nein, leben Sie wohl! …«</p> + +<p>Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, +die schon seit geraumer Zeit angefangen hatte, +unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.</p> + +<p>»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« +rief Rudin Natalia nach. Sie gab nicht mehr +acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause. +Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum +aber hatte sie die Schwelle überschritten, so verließen +sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in +Maschas Arme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p> + +<p>Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem +Damme. Endlich raffte er sich zusammen, schritt +langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben +weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. +So etwas, dachte er, von einem achtzehnjährigen +Mädchen! … Nein, ich kannte sie +nicht … Ein außergewöhnliches Mädchen. +Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; sie +ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für +sie fühlte … Fühlte? … fragte er sich selbst. +Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und mußte +alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, +wie nichtig war ich im Vergleiche zu ihr!</p> + +<p>Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang +Rudin, die Augen zu erheben. Ihm entgegen kam, +auf seinem bekannten Traber, Leschnew gefahren. +Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen +Gruß, lenkte dann, wie von einem plötzlichen +Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging +rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas +weiter.</p> + +<p>Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, +folgte ihm mit dem Blick, wandte nach kurzem +Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu +Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. +Er fand ihn noch schlafend, ließ ihn nicht wecken, +setzte sich in Erwartung des Tees auf den Balkon +und zündete sich die Pfeife an.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="X">X</h2> +</div> + +<p>Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager +und als er hörte, daß Leschnew bei ihm auf dem +Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ ihn +zu sich bitten.</p> + +<p>»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du +wolltest ja nach Hause fahren.«</p> + +<p>»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet +… Spaziert allein auf dem Felde und das +Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach +und kehrte um.«</p> + +<p>»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«</p> + +<p>»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich +weiß selbst nicht, weshalb ich zurückgekommen +bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: +ich empfand das Verlangen, noch etwas bei dir +zu sitzen, nach Hause komme ich noch früh genug.«</p> + +<p>Wolinzow lächelte bitter.</p> + +<p>»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, +ohne zu gleicher Zeit auch an mich zu denken +… He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe +uns Tee.«</p> + +<p>Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew +begann von Landwirtschaft zu sprechen, von +einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe zu +decken …</p> + +<p>Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel +auf und schlug so heftig auf den Tisch, daß Tassen +und Untertassen erklirrten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p> + +<p>»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, +es länger zu ertragen! Ich werde diesen Schöngeist +fordern und mag er mich zusammenschießen, +oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte +Stirn jagen!«</p> + +<p>»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt +Leschnew, »wie kann man so schreien! Ich habe +dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was +ist dir?«</p> + +<p>»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht +gleichgültig anhören kann: alles Blut steigt mir +zu Kopfe.«</p> + +<p>»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn +nicht!« erwiderte Leschnew, die Pfeife vom Boden +aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – +Hol ihn der Teufel!«</p> + +<p>»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, +indem er im Zimmer umherging … »ja! er hat +mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im +ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er +hatte mich stutzig gemacht; und wer konnte es +auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, daß +ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, +diesen verdammten Philosophen, wie ein Feldhuhn +über den Haufen schießen.«</p> + +<p>»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! +Von deiner Schwester gar nicht zu reden. Eine +bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir +die Oberhand … wie solltest du an deine Schwester +denken! Aber in betreff einer anderen Person,<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span> +glaubst du, du werdest besser reüssieren, +wenn du den ›Philosophen‹ tötest?«</p> + +<p>Wolinzow warf sich in einen Sessel.</p> + +<p>»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur +fort von hier! Der Gram preßt mir hier das +Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«</p> + +<p>»Du willst fort … das ist eine andere Sache! +Damit bin ich ganz einverstanden. Und weißt +du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen +zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach +Kleinrußland und uns an Mehlklößen gütlich +tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«</p> + +<p>»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«</p> + +<p>»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna +nicht mit uns reisen? Bei Gott, das wäre +herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! +Es soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es +wünscht, werde ich ihr jeden Abend unter ihrem +Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute +will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, +die Wege mit Blumen schmücken. Na, +Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren +sein; wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos +hingeben und solche Wänste mit nach Hause +bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird +anhaben können!«</p> + +<p>»Du treibst immer Scherz, Mischa!«</p> + +<p>»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter +Einfall von dir.«</p> + +<p>»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, +»schlagen, schlagen will ich mich mit ihm! …«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p> + +<p>»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute +ganz von Sinnen!«</p> + +<p>Der Diener trat mit einem Briefe in der +Hand herein.</p> + +<p>»Von wem?« fragte Leschnew.</p> + +<p>»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. +Der Diener aus dem Laßunskischen Hause +hat ihn gebracht.«</p> + +<p>»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An +wen?«</p> + +<p>»An Sie.«</p> + +<p>»An mich … gib her.«</p> + +<p>Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig +und las. Leschnew beobachtete ihn aufmerksam: +ein eigentümliches, fast freudiges Erstaunen +war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er +ließ die Arme sinken.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte Leschnew.</p> + +<p>»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte +ihm den Brief.</p> + +<p>Leschnew begann wie folgt zu lesen:</p> + +<p class="center"> +»Mein Herr Sergei Pawlowitsch! +</p> + +<p>Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, +verlasse es für immer. Es wird Sie das befremden, +zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann +Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, +so zu verfahren; mich dünkt aber, ich müsse Sie +von meiner Abreise benachrichtigen. Sie lieben +mich nicht und halten mich sogar für einen +schlechten Menschen. Ich beabsichtige nicht, mich<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> +zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. Meiner +Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig +und zudem unnütz, einem von vorgefaßten Meinungen +befangenen Menschen das Unbegründete +seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen +will, wird mich entschuldigen, wer mich +nicht verstehen will oder kann – dessen Beschuldigungen +berühren mich nicht. Ich habe mich in +Ihnen getäuscht. In meinen Augen werden Sie +wie vorher als edler und ehrenhafter Mann dastehen; +ich hatte aber gedacht, Sie würden es +vermögen, sich über den Kreis, in welchem Sie +auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe +mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht +das erste und wohl auch nicht das letztemal, daß +mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich reise +ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie +werden gestehen, daß dies ein durchaus uneigennütziger +Wunsch ist, und ich gebe mich der Hoffnung +hin, Sie werden jetzt glücklich werden. +Vielleicht werden Sie mit der Zeit Ihre Meinung +über mich ändern. Ob wir einander noch +einmal wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe +aber dennoch der Sie aufrichtig achtende</p> + +<p class="mright"> +D. R. +</p> + +<p><em class="antiqua">P. S.</em> Die zweihundert Rubel, welche ich +Ihnen schulde, werde ich Ihnen zustellen, sobald +ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement, +angekommen sein werde. Ich bitte noch, +in Darja Michailownas Beisein von diesem +Briefe nicht zu reden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p> + +<p><em class="antiqua">P. S.</em> Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: +da ich unverzüglich abreise, hoffe ich, werden Sie +gegen Natalia Alexejewna nicht meines Besuches +bei Ihnen Erwähnung tun …«</p> + +<p>»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, +als Leschnew den Brief beendigt hatte.</p> + +<p>»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. +»Alles, was man tun kann, ist, wie die +Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den +Finger als Zeichen der Verwunderung in den +Mund stecken. – Er reist ab … Nun! Möge +der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s +aber, daß er diesen Brief zu schreiben für Pflicht +gehalten hat, ebenso wie er auch aus Pflicht getrieben +wurde, dir einen Besuch zu machen … +Bei diesem Herrn dreht sich’s immer um den +Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, mit +einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, +hinzu.</p> + +<p>»Und was für Phrasen er da macht!« rief +Wolinzow. »Hat sich in mir getäuscht: er hätte +erwartet, ich werde mich über einen gewissen +Kreis erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! +Noch ärger als Gedichte!«</p> + +<p>Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen +ward ein Lächeln bemerkbar. Wolinzow erhob +sich.</p> + +<p>»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« +sagte er, »ich will hören, was dies alles bedeutet …«</p> + +<p>»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen.<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> +Warum wolltest du wieder mit ihm zusammentreffen? +Er verschwindet ja – was willst +du mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst +aus; du hattest dich ohnehin gewiß die ganze +Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt! +Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«</p> + +<p>»Woraus schließt du das?«</p> + +<p>»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber +hin und schlafe ein wenig, ich will unterdessen +zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft leisten.«</p> + +<p>»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich +schlafen! … Ich will lieber die Felder besichtigen,« +sagte Wolinzow, die Schöße seines Mantels +zurecht zupfend.</p> + +<p>»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige +die Felder …«</p> + +<p>Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte +des Hauses zu Alexandra Pawlowna. Er traf sie +in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn +freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch +erfreut, doch behielt ihr Gesicht einen betrübten +Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins +beunruhigte sie.</p> + +<p>»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, +»wie ist er heute?«</p> + +<p>»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna schwieg.</p> + +<p>»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> +Schnupftuches mit Aufmerksamkeit betrachtend, +»Sie wissen nicht, warum …«</p> + +<p>»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. +»Ich weiß es: er kam, um Abschied zu nehmen.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.</p> + +<p>»Wie – um Abschied zu nehmen?«</p> + +<p>»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er +verläßt Darja Michailowna.«</p> + +<p>»Verläßt sie?«</p> + +<p>»Für immer; so sagt er wenigstens.«</p> + +<p>»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, +nach allem, was …«</p> + +<p>»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt +sich’s nicht, es ist aber so. Es muß dort etwas +vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu stark +gespannt, und sie ist – gerissen.«</p> + +<p>»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra +Pawlowna, »ich verstehe nichts; Sie wollen, +dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«</p> + +<p>»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, +er reist fort und teilt dies seinen Bekannten sogar +brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte +aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, +nicht übel; seine Abreise verhindert indessen die +Ausführung eines der merkwürdigsten Unternehmen, +welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu +besprechen begonnen hatten.«</p> + +<p>»Was ist das für ein Unternehmen?«</p> + +<p>»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder +den Vorschlag, zur Zerstreuung auf Reisen<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span> +zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm +es, speziell für Sie Sorge zu tragen …«</p> + +<p>»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, +»ich kann mir denken, auf welche Weise +Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen +mich vermutlich Hungers sterben.«</p> + +<p>»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil +Sie mich nicht kennen. Sie glauben, ich sei ein +Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen +Sie aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie +Zucker und tagelang auf den Knien zu liegen?«</p> + +<p>»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«</p> + +<p>Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen +Sie mich zum Manne, Alexandra Pawlowna, +dann werden Sie es erleben.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wurde bis über die +Ohren rot.</p> + +<p>»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« +brachte sie verwirrt hervor.</p> + +<p>»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was +mir schon längst und tausendmal auf der Zunge +geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen +und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um +Ihnen jedoch nicht störend zu sein, will ich mich +jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn +Sie meine Frau werden wollen … Wenn es +Ihnen nicht zuwider ist, lassen Sie mich nur rufen; +ich werde es schon verstehen …«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, +er ging aber rasch hinaus und begab<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span> +sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf +die Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.</p> + +<p>»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm +die Stimme des Kammermädchens hören, »die +gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«</p> + +<p>Michael Michailitsch wandte sich um, faßte +das Mädchen zu seinem großen Erstaunen beim +Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu +Alexandra Pawlowna.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="XI">XI</h2> +</div> + +<p>Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen +mit Leschnew, nach Hause zurückgekehrt war, +hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen +und zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, +den der Leser bereits kennt, und einen an +Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er +lange gearbeitet, vieles in demselben gestrichen +und umgeändert, und nachdem er ihn säuberlich +auf einen Bogen feines Postpapier ins reine +geschrieben und ihn dann so klein als möglich +zusammengelegt hatte, steckte er ihn in die Tasche. +Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige Male +im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl +ans Fenster und stützte sich auf den Arm; +eine Träne zitterte auf seinen Wimpern … +Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse +zusammen, erhob er sich, knöpfte seinen +Rock bis an den Hals zu, rief den Diener und<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> +hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, +ob sie für ihn sichtbar sei.</p> + +<p>Der Diener kehrte bald zurück und meldete, +Darja Michailowna erwarte ihn.</p> + +<p>Rudin begab sich zu ihr.</p> + +<p>Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das +erstemal, zwei Monate vorher. Jetzt aber war sie +nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, sauber +und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.</p> + +<p>Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, +und dieser begrüßte sie mit anscheinender +Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die lächelnden +Gesichter beider wäre jeder einigermaßen +weltkundige Mensch jedoch leicht gewahr +geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes +vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt +worden sei. Rudin wußte, daß Darja Michailowna +böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er +bereits von ihrem Vorhaben unterrichtet sei.</p> + +<p>Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. +Der Standeshochmut hatte sich in ihr geregt. +Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt +noch unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer +Tochter – der Tochter Darja Michailowna +Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!</p> + +<p>»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« +sagte sie, »was folgt denn daraus? Es könnte +demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn +zu werden?«</p> + +<p>»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« +hatte Pandalewski eingewandt. »Wie es möglich<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> +ist, seinen Platz in der Welt nicht zu kennen, +das wundert mich!«</p> + +<p>Darja Michailowna war sehr aufgebracht und +Natalia hatte darunter zu leiden.</p> + +<p>Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, +aber nicht mehr wie der Rudin von ehemals, der +fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht +wie ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast +und nicht sehr befreundeter Gast. Alles dies war +das Werk eines Augenblicks … So verwandelt +sich Wasser plötzlich in festes Eis.</p> + +<p>»Ich komme, Darja Michailowna,« begann +Rudin, »Ihnen für Ihre Gastfreundschaft Dank +zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten +von meinem Gütchen bekommen und muß heute +noch dahin abreisen.«</p> + +<p>Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.</p> + +<p>Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, +dachte sie. Er überhebt mich der lästigen +Erklärungen, um so besser. Es leben die klugen +Köpfe!</p> + +<p>»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm +ist! Was ist da zu machen! Ich hoffe, +Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir +reisen auch bald von hier fort.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es +mir möglich sein wird, nach Moskau zu kommen; +sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden +haben, werde ich es für meine Pflicht erachten, +Ihnen meine Aufwartung zu machen.«</p> + +<p>Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> +bei sich: vor kurzem noch hast du hier als Sultan +geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt in +diesem Tone aus?</p> + +<p>»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten +von Ihrem Gute erhalten?« fragte er mit gewohnter +Ziererei.</p> + +<p>»Ja,« erwiderte Rudin trocken.</p> + +<p>»Mißernte vielleicht?«</p> + +<p>»Nein … etwas anderes … Glauben Sie +mir, Darja Michailowna,« fuhr Rudin fort, »ich +werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem +Hause verbracht habe.«</p> + +<p>»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde +mich immer mit Vergnügen unserer Bekanntschaft +erinnern … Wann reisen Sie?«</p> + +<p>»Heute nach Tische.«</p> + +<p>»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine +glückliche Reise! Übrigens, wenn Ihre Geschäfte +Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie +uns vielleicht hier noch treffen.«</p> + +<p>»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte +Rudin, sich erhebend. »Entschuldigen Sie mich,« +setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich meine +Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem +Gute …«</p> + +<p>»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« +unterbrach ihn Darja Michailowna, »wie können +Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an +der Zeit?« fragte sie.</p> + +<p>Pandalewski langte aus seiner Westentasche +eine kleine, goldene, emaillierte Uhr hervor und<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> +die rosige Wange bedachtsam an den weißen, +steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das +Zifferblatt.</p> + +<p>»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.</p> + +<p>»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf +Darja Michailowna hin. »Auf Wiedersehen, +Dmitri Nikolaitsch!«</p> + +<p>Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit +Darja Michailowna trug ein eigenes Gepräge. +So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen +miteinander auf Konferenzen Diplomaten +ihre zum voraus verabredeten Phrasen …</p> + +<p>Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die +Erfahrung gemacht, wie Leute von Welt einen +Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite +werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz +einfach fallen lassen: wie einen Handschuh nach +dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett +der Tombola, das nichts gewonnen hat.</p> + +<p>Rasch packte er seine Sachen ein und wartete +mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle +im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen +Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal +blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte +nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß +Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, +seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm +aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An +der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, +sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach +Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> +Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski +an ihn das Wort, und mehr als einmal +spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen +und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. +Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck +in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige +Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann +man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen +bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, +so also behandelt man dich jetzt!</p> + +<p>Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß +fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied. +Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er +hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause +scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe +man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? +und warum brauchte ich so zu eilen? Doch +das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was +ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem +Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum +letzten Male warf er einen Blick auf Natalia, +und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen +waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges, +vorwurfsvolles Geleit.</p> + +<p>Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang +in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten, +ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte +sich zu ihm.</p> + +<p>»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem +der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit +Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> +Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen +sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen? +›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der +kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, +wem der Himmel sein tägliches Brot beschert +hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu +sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, +empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein +guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage +kommen, dies zu empfinden!«</p> + +<p>Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und +das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig +in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station +sprach Rudin von der Würde des Menschen, von +der Bedeutung der wahren Freiheit – seine +Worte waren warm, edel und aufrichtig – und +als es zum Scheiden gekommen war, hielt es +Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den +Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin +ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht +darüber, daß er von Bassistow schied, es waren +Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las +Rudins Brief.</p> + +<p>»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er +– »ich habe mich entschlossen, abzureisen. Ein +anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe mich +entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> +sagt, daß ich mich entfernen möge. Mit +meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse +auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu +also noch zögern? … Dies alles ist richtig, +werden Sie denken, warum aber schreibe ich an +Sie?</p> + +<p>»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, +und es wäre gar zu hart, müßte ich annehmen, +daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene, +hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. +Ich will weder mich rechtfertigen, noch irgend +jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich will, +so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse +der letzten Tage sind so unerwartet, so plötzlich +hereingebrochen …</p> + +<p>»Die heutige Zusammenkunft wird mir als +Lehre dienen. Ja, Sie haben recht: ich kannte +Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner +Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder +Gattung zu schaffen gehabt, bin mit vielen +Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; +doch als Sie mir begegneten, fand ich zum ersten +Male eine vollkommen reine und gerade Seele. +Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie +zu würdigen. Ich fühlte mich gleich am ersten +Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen hingezogen +– Sie müssen es bemerkt haben. – Viele +Stunden verbrachte ich mit Ihnen und habe Sie +nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht +einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich +habe mir einbilden können, ich empfinde Liebe<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> +zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt +die Strafe.</p> + +<p>»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt +… Das Gefühl, das ich für sie +empfand, war ein gemischtes, und so war auch +das ihrige; sie war aber kein Naturkind und so +paßte denn eines zum anderen. Die Wahrhaftigkeit +zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie +auch jetzt nicht erkannt, als sie vor mir stand … +Zuletzt erst erkannte ich sie, doch zu spät … Was +vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben +hätte sich in eins verschmelzen können – und +wird es nun nimmer. Wie beweise ich Ihnen, daß +ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des +Herzens und nicht der Einbildung hätte lieben +können, wenn ich selbst nicht weiß, ob ich einer +solchen Liebe fähig bin!</p> + +<p>»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß +es und will nicht aus falsch verstandener Scham +bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in +dieser für mich so bitteren, so schmachvollen +Stunde … Ja, viel gab mir die Natur; und ich +werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was +meiner Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne +von mir die geringste heilsame Spur zu hinterlassen. +Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden: +ich werde die Frucht meiner Aussaat +nicht ernten. Es gebricht mir … ich selbst +weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich +gebricht … Es gebricht mir vermutlich an dem, +ohne welches weder die Herzen der Menschen<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span> +sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern +läßt; die Herrschaft aber über die Geister +allein ist eben so unsicher als nutzlos. Sonderbar, +fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich +ganz, mit wahrer Gier, vollständig hin – und +kann mich doch nicht hingeben. Das Ende wird +sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich +nicht einmal glaube, opfern werde … Mein +Gott! fünfunddreißig Jahre alt und immer noch +sich zur Tat zu rüsten!</p> + +<p>»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, +wie jetzt – dies ist meine Beichte.</p> + +<p>»Doch genug von mir. Mich verlangt, von +Ihnen zu sprechen, Ihnen einige Ratschläge zu +erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie +sind noch jung; doch wie lange Sie auch leben +mögen, folgen Sie stets den Eingebungen ihres +Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen, +noch von fremdem Verstande beherrschen. +Glauben Sie mir, je einfacher, beschränkter der +Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, +desto besser ist es; es kommt nicht darauf an, +neue Seiten in demselben zu entdecken, wohl +aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit +stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung +gewesen‹<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> … Ich bemerke jedoch, daß diese Ratschläge +weit mehr mich als Sie betreffen.</p> + +<p>»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir +ist sehr schwer ums Herz. Ich habe mich niemals<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span> +in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja +Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; +ich lebe jedoch der Hoffnung, einen, wenn auch +nur temporären Hafen gefunden zu haben … +Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. +Was ersetzt mir Ihre Unterhaltung, Ihre Gegenwart, +Ihren aufmerkenden und klugen Blick? +… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden +aber zugeben, daß uns das Schicksal wie vorsätzlich +hart mitgespielt hat. Vor einer Woche +ahnte mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern +abend im Garten vernahm ich zum ersten Male +aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich +Ihnen ins Gedächtnis rufen, was Sie an dem +Abend sagten – und schon heute reise ich ab, +reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung +mit Ihnen und trage keine Hoffnung mit +mir davon … Und noch wissen Sie nicht, in +welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen +bin … Ich bin nun einmal so tölpelhaft +offenherzig und geschwätzig … Doch wozu +davon reden! Ich reise ab für immer.« (Hier +hatte Rudin Natalia von seinem Besuche bei +Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze +Stelle jedoch nach einigem Überlegen gestrichen +und sodann in dem Briefe von Wolinzow das +zweite Postskriptum hinzugefügt.)</p> + +<p>»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie +Sie heute früh mit grausamem Lächeln zu mir +sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten +Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> +doch imstande, mich in der Tat diesen Beschäftigungen +zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit +zu überwinden … Doch nein! Ich werde +dasselbe unvollendete Wesen, das ich bisher gewesen +bin, bleiben … Beim ersten Hindernis +– falle ich auseinander; der Vorfall mit Ihnen +hat es mir bewiesen. Hätte ich mindestens doch +meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach +eigenem Berufe zum Opfer gebracht; es war aber +nur die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehmen +sollte, über die ich erschrak, und darum bin +ich wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht +wert, daß Sie sich für mich aus Ihrer Sphäre +losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles +gut gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich +vielleicht reiner und kräftiger hervorgehen.</p> + +<p>»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie +wohl! Erinnern Sie sich zuweilen meiner. Ich +hoffe, Sie sollen noch von mir hören.</p> + +<p class="mright"> +Rudin.« +</p> + +<p>Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie +fallen und blieb lange unbeweglich mit auf den +Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief bewies +ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht +hätten, wie recht sie gehabt hatte, als sie +an diesem Morgen beim Abschiede von Rudin +unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht +liebe! Doch fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. +Regungslos saß sie da; es däuchte ihr, dunkle +Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen +und sie versänke in den Abgrund, stumm<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> +und erstarrt. Eine erste Enttäuschung preßt jedem +das Herz ab; fast unerträglich aber ist dieselbe +für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung +sucht, und welcher Leichtfertigkeit und +Übertreibung fremd sind. Natalia gedachte ihrer +Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging, +jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten +Rande des Himmels, dorthin, wo das +Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite +desselben entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt +das Leben vor ihr, und sie hatte dem Lichte den +Rücken gekehrt …</p> + +<p>Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen +sind nicht jedesmal wohltuend. Erquickend und +heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der +Brust verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs +mit Anstrengung, dann immer leichter, +immer ruhiger; die stumme Angst des Grames +löst sich in ihnen auf … Es gibt jedoch kalte, +spärlich rinnende Tränen: tropfenweise entpreßt +sie dem Herzen mit seinem schweren und steten +Druck das auf demselben lastende Leid; erquickungslos +sind sie und bringen keine Erleichterung. +Solche Tränen weint die Not, und wer +sie nicht vergoß, war noch nicht unglücklich. Natalia +lernte sie heute kennen.</p> + +<p>Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein +Herz, stand auf, trocknete die Augen, zündete ein +Licht an, verbrannte an der Flamme desselben +Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf +die Asche zum Fenster hinaus. Dann schlug sie<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> +aufs Geratewohl Puschkin auf und las die ersten +Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich +häufig auf diese Weise aus ihm wahrsagen zu +lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr Blick:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe</div> + <div class="verse indent0">Das Schattenbild entschwundnen Glücks …</div> + <div class="verse indent0">Für ihn hat alles Reiz verloren,</div> + <div class="verse indent0">Erinnerung nur und Reue bohren</div> + <div class="verse indent0">Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem +Lächeln einen Blick auf ihre Gestalt im Spiegel, +machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung +von oben nach unten und begab sich ins +Gastzimmer hinab.</p> + +<p>Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, +so führte sie dieselbe in ihr Kabinett, hieß +sie neben sich Platz nehmen, streichelte ihr freundlich +die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, +fast neugierig in die Augen. In Darja Michailowna +waren geheime Mutmaßungen aufgestiegen: +es kam ihr zum ersten Male der Gedanke +– daß sie in der Tat ihre Tochter nicht kenne. +Als sie durch Pandalewski von der Zusammenkunft +mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet +als erstaunt gewesen, daß ihre verständige Natalia +sich zu einem solchen Schritte hatte entschließen +können. Als sie sie aber zu sich rief und +sie zu schelten begann, nicht etwa im Tone einer +feinen Weltdame, sondern ziemlich schreiend und +unmanierlich, da machten die festen Antworten +Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> +Darja Michailowna verwirrt, ja erschreckten +sie sogar.</p> + +<p>Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche +Abreise Rudins nahm eine Zentnerlast von +ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische +Anfälle gefaßt … Und abermals machte +Natalias äußerliche Ruhe sie irre.</p> + +<p>»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna +das Wort, »wie geht es heute?«</p> + +<p>Natalia blickte ihre Mutter an.</p> + +<p>»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du +nicht, weshalb er sich so schnell davongemacht +hat?«</p> + +<p>»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, +»ich gebe Ihnen mein Wort, wenn Sie nicht +selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir +nie etwas über ihn hören.«</p> + +<p>»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«</p> + +<p>Natalia senkte den Kopf und wiederholte:</p> + +<p>»Sie werden von mir nie etwas über ihn +hören …«</p> + +<p>»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja +Michailowna lächelnd. »Ich glaube dir. Vorgestern +aber, erinnerst du dich, wie … Nun, +nichts mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und +vergessen. Nicht wahr? Jetzt erkenne ich dich wieder; +ich war aber wirklich ganz irre geworden. +Nun, gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges +Kind …«</p> + +<p>Natalia führte Darja Michailownas Hand<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span> +an ihre Lippen und diese drückte einen Kuß auf +den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.</p> + +<p>»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß +nicht, daß du eine Laßunski und meine Tochter +bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich +sein. Jetzt aber geh.«</p> + +<p>Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna +sah ihr nach und dachte: so war ich – +die wird sich auch fortreißen lassen: <em class="antiqua">mais elle +aura moins d’abandon</em>. Und Darja Michailowna +versank in Erinnerungen an Vergangenes +… längst Vergangenes …</p> + +<p>Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb +lange unter vier Augen mit ihr eingeschlossen. +Nachdem diese entlassen worden war, rief sie +Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den +wirklichen Grund der Abreise Rudins erfahren +… Pandalewski beruhigte sie indessen vollkommen. +So etwas schlug in sein Fach.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner +Schwester zu Mittag. Darja Michailowna war +immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal +jedoch empfing sie diese Gäste mit ausnehmender +Freundlichkeit. Natalia war unerträglich schwer +zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig +gegen sie, so schüchtern, wenn er das Wort an +sie richtete, daß sie im Herzen nicht anders konnte, +als ihm Dank dafür zu wissen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p> + +<p>Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, +doch als man sich trennte, fühlte jeder sich wieder +ins frühere Geleise gebracht; und das will +viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das +frühere Geleise gekommen … alle, ausgenommen +Natalia. Als sie allein war, schleppte sie +sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, +wie gebrochen mit dem Gesicht auf das Kissen. +Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es widerte +sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham +vor sich selbst, vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß +sie gewiß in diesem Augenblicke zu sterben bereit +gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen +ihr bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle +Aufregungen; sie war aber jung – das Leben +hatte für sie eben erst begonnen, das Leben +aber schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was +für ein Schlag den Menschen treffen mag, es +wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben +Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen +Sie den trivialen Ausdruck – nach Essen +verlangen, und da haben wir schon eine erste +Tröstung …</p> + +<p>Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum +ersten Male … Doch die ersten Leiden, wie auch +die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und +Gott sei es gedankt!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="XII">XII</h2> +</div> + +<p>Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war +in den ersten Tagen des Mai. Auf dem Balkon +ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt +nicht mehr Lipin, sondern Leschnew; ungefähr +vor einem Jahre hatte sie Michael Michailitsch +geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur +in der letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor +dem Balkon, von welchem aus Stufen in den +Garten führten, ging eine Amme umher mit +einem rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen +und weißem Besatz auf dem Hütchen. Alexandra +Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem +Kinde. Es schrie nicht, saugte mit wichtiger +Miene an seinem Finger und schaute ruhig um +sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger +Sohn Michael Michailitschs.</p> + +<p>Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem +Balkone unser alter Bekannter Pigassow. Er war +seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, +merklich ergraut, gebeugt, magerer geworden und +zischte beim Sprechen: ein Vorderzahn war ihm +ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch +mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich +mit den Jahren nicht vermindert, doch waren +seine Witze stumpf geworden, und er verfiel häufiger +in Wiederholungen. Michael Michailitsch +war nicht zu Hause, man erwartete ihn zum Tee. +Die Sonne war bereits untergegangen. Ein langer, +blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span> +am Abendhimmel hin, während an dem entgegengesetzten +Himmelsrande zwei solcher Streifen +sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, +obere, rötlich-veilchenblau. In der Höhe +verschwammen leichte Wölkchen. Alles versprach +anhaltend gutes Wetter.</p> + +<p>Plötzlich lachte Pigassow auf.</p> + +<p>»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« +fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich, +wie ein Bauer zu seiner Frau, die gerade etwas +redselig geworden war, sagte: knarre nicht! … +Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre +nicht! Und in der Tat, worüber können die Weiber +denn reden? Sie wissen, ich habe die Anwesenden +niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren +klüger als wir. In ihren Legenden sitzt die +Schöne am Fenster, mit einem Stern auf der +Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So +muß es auch sein. Und urteilen Sie selbst: da +sagt zu mir vorgestern unsere Frau Adelsmarschallin +– wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s +vor den Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht +meine Tendenz! Tendenz! Nun, frage ich sie, +wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für +alle, wenn sie, kraft irgendwelcher wohltuenden +Verfügung der Natur, plötzlich des Gebrauches +der Sprache beraubt worden wäre?«</p> + +<p>»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch, +Sie ziehen immer gegen uns wehrlose<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span> +… Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in +seiner Art, gewiß. Sie tun mir leid.«</p> + +<p>»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens +gibt es meiner Ansicht nach überhaupt nur dreierlei +Unglück auf der Welt: im Winter in kalter +Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel +zu tragen und in einem Zimmer zu schlafen, wo +ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver +streuen darf. Übrigens bin ich nicht der +friedfertigste Mensch von der Welt geworden? +Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel +bin ich geworden! So sittsam ist jetzt +mein Betragen!«</p> + +<p>»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß +es gestehen! Hat doch gestern noch Helena Antonowna +sich bei mir über Sie beschwert.«</p> + +<p>»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt, +wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen +hindurch. auf alle ihre Fragen nur eine Antwort +gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit +so winselndem Tone …«</p> + +<p>Pigassow lachte.</p> + +<p>»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie +doch zugeben, Alexandra Pawlowna …, wie?«</p> + +<p>»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl +gegen eine Frau so unhöflich benehmen, Afrikan +Semenitsch?«</p> + +<p>»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in +Ihren Augen?«</p> + +<p>»Was ist sie denn in den Ihrigen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span></p> + +<p>»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche +Trommel, worauf man mit Stöcken +paukt …«</p> + +<p>»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna, +um der Unterhaltung eine andere Richtung +zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört +habe, Glück wünschen?«</p> + +<p>»Wozu?«</p> + +<p>»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die +Glinow-Wiesen sind Ihnen ja zugesprochen …«</p> + +<p>»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte +finster Pigassow.</p> + +<p>»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet +und scheinen jetzt nicht zufrieden.«</p> + +<p>»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,« +brachte Pigassow langsam hervor, »es +kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben, +als wenn ein Glück zu spät kommt. Freude +kann es Ihnen doch nicht bringen, dagegen raubt +es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht – +das Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige, +ein spätes Glück ist nichts als ein bitterer und +beleidigender Spott. –«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln.</p> + +<p>»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist +Zeit, daß Mischa zu Bett gebracht wird. Gib ihn +hierher.«</p> + +<p>Und Alexandra Pawlowna machte sich mit +ihrem Sohne zu schaffen, während Pigassow sich +brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p> + +<p>Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem +Wege, der längs dem Garten hinlief, Michael +Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor derselben +liefen zwei große Hofhunde her: der eine +gelb, der andere grau; er hatte sie sich vor kurzem +erst angeschafft. Sie zerrten sich unaufhörlich +und waren die besten Freunde. Ein alter +Dachshund kam ihnen bis vor das Tor entgegen +und sperrte das Maul auf, als wolle er +bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und +er kehrte, mit dem Schwanze ruhig wedelnd, wieder +um.</p> + +<p>»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew +schon von weitem seiner Frau zu, »wen ich dir +da mitbringe.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich +die Person, die hinter ihrem Manne saß.</p> + +<p>»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann.</p> + +<p>»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und +was für vortreffliche Nachrichten er bringt. +Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.«</p> + +<p>Und er fuhr in den Hof hinein.</p> + +<p>Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow +auf dem Balkon.</p> + +<p>»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme +schließend, »Sergei heiratet!«</p> + +<p>»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt.</p> + +<p>»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier +hat diese Nachricht aus Moskau mitgebracht, und +es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du, +Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span> +Sohnes erfassend, »Dein Onkel heiratet! … +Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit +den Augen dazu!«</p> + +<p>»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte +die Amme.</p> + +<p>»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra +Pawlowna trat, »ich bin heute von Moskau im +Auftrage von Darja Michailowna gekommen – +die Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch +der Brief.«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief +ihres Bruders. Er bestand aus nur wenigen +Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete +er der Schwester, er habe um Natalia angehalten, +ihre und Darja Michailownas Einwilligung +bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich +zu schreiben und umarmte und küßte in +Gedanken alle. Er schrieb offenbar in einer Art +von Betäubung.</p> + +<p>Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich +setzen. Man überschüttete ihn mit Fragen. Alle, +Pigassow sogar, waren über die erhaltene Nachricht +erfreut.</p> + +<p>»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe +der Unterhaltung, »es sind uns Gerüchte über +einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen +– sollte an ihnen etwas Wahres sein?«</p> + +<p>Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher +noch nicht kennengelernt hat, war ein hübscher +junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen +und wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> +sah dabei so aus, als wäre er kein lebendiger +Mensch, sondern eine ihm selbst auf Subskription +errichtete Statue.</p> + +<p>»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow +mit einem Lächeln. »Darja Michailowna +war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch +nichts von ihm wissen.«</p> + +<p>»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen, +»das ist ja ein Doppeltölpel, ein Erzperückenstock +… ich bitte Sie. Wenn alle Leute +ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld +zahlen lassen, wenn man überhaupt leben sollte +… wie ist das möglich!«</p> + +<p>»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der +Welt spielt er jedoch keine der letzten Rollen.«</p> + +<p>»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra +Pawlowna aus, »lassen wir ihn! Ach, wie bin +ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist +heiter, glücklich?«</p> + +<p>»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen +sie ja – sie scheint aber zufrieden zu sein.«</p> + +<p>Der Abend verging unter angenehmen und +heiteren Gesprächen. Man setzte sich zu Tische.</p> + +<p>»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu +Bassistow, indem er ihm Lafitte einschenkte, +»wissen Sie, wo Rudin weilt?«</p> + +<p>»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit. +Vorigen Winter kam er auf kurze Zeit nach +Moskau und reiste dann mit einer Familie nach +Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> +Briefe: in dem letzten benachrichtigte er +mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte jedoch +nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte +ich nichts mehr von ihm.«</p> + +<p>»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das +Wort, »er sitzt irgendwo und hält Reden. Dieser +Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden, +die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und +ihm Geld vorschießen. Geben Sie acht, das Ende +davon wird sein, er stirbt in irgendeinem Provinzialstädtchen +– in den Armen einer überreifen +Jungfer mit falschem Haar, die ihm, als +dem genialsten Menschen von der Welt, ein heiliges +Andenken bewahren wird …«</p> + +<p>»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte +Bassistow halblaut und unzufrieden.</p> + +<p>»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow, +»sondern der Wahrheit getreu. Meiner Ansicht +nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts. +Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er, +zu Leschnew gewendet, fort, »ich habe ja die Bekanntschaft +jenes Terlachow gemacht, mit welchem +Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl, +jawohl! Was der mir von ihm erzählt hat, +davon machen Sie sich keinen Begriff – das +ist wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle +Freunde und Nacheiferer Rudins mit der Zeit +seine Feinde werden.«</p> + +<p>»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde +auszuschließen!« unterbrach ihn mit Feuer +Bassistow.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p> + +<p>»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf +Sie ist es auch nicht gemünzt.«</p> + +<p>»Was war es denn, was Ihnen Terlachow +erzählte?« fragte Alexandra Pawlowna.</p> + +<p>»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die +allerbeste Anekdote über Rudin aber ist folgende: +Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung beschäftigt +(diese Herren sind es fortwährend, während +andere, einfach gesagt, schlafen und essen – +befinden sie sich im Momente der Entwicklung des +Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr +Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … +Also mit seiner Entwicklung fortwährend beschäftigt, +war Rudin auf dem Wege der Philosophie +zu dem Vernunftschlusse gekommen, daß er sich +verlieben müsse. Er stellte Nachforschungen über +den Gegenstand an, der einem so wunderbaren +Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte +ihm. Er machte die Bekanntschaft einer Französin, +einer allerliebsten Putzhändlerin. Das ereignete +sich, merken Sie wohl, in einer deutschen +Stadt am Rhein. Er besuchte sie, brachte ihr +allerlei Bücher und sprach mit ihr über Natur +und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin +vor! sie hielt ihn für einen Astronomen. +Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht +übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. +Endlich bestimmte er eine Zusammenkunft, +ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel +auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte +ihr bestes Kleid an und fuhr mit ihm in der<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> +Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen +zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß +er sich diese ganze Zeit über beschäftigte? Er hat +der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll +den Himmel angeschaut und ihr mehrmals +wiederholt, daß er ›väterliche‹ Zärtlichkeit für sie +fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach +Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow +erzählt. Solch ein Kerl ist er gewesen!«</p> + +<p>Und Pigassow lachte laut auf.</p> + +<p>»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra +Pawlowna ärgerlich, »indessen gewinne +ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß +selbst diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm +nichts Schlechtes nachsagen können.«</p> + +<p>»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein +beständiges Leben auf fremder Leute Kosten, +seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß +hat er auch von Ihnen geborgt?«</p> + +<p>»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann +Leschnew, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine +Frau weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit +keine besondere Zuneigung zu Rudin gefühlt und +oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem +dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) +will ich Ihnen folgenden Vorschlag machen: +wir haben soeben auf die Gesundheit unseres +teueren Bruders und seiner Braut getrunken; ich +fordere Sie jetzt auf, auf die Gesundheit Dmitri +Rudins zu trinken!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p> + +<p>Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen +Leschnew mit Verwunderung an, während Bassistow +das Herz im Leibe hüpfte und er vor +Freude rot wurde und die Augen aufriß.</p> + +<p>»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von +seinen Fehlern weiß ich nur zu viel. Sie fallen +um so mehr in die Augen, weil er selbst kein +Alltagsmensch ist.«</p> + +<p>»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow +ein.</p> + +<p>»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte +Leschnew, »aber Natur – das ist eben das +schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht +davon, von dem Guten, Seltenen in ihm wollte +ich sprechen. Er ist voll Begeisterung; das ist +aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem +Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. +Wir sind alle unausstehlich überlegt, +gleichgültig und träge geworden; wir sind schläfrig, +erkaltet und müssen es demjenigen Dank +wissen, der uns, wenn auch nur auf einen Augenblick, +aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die +höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach +einmal mit dir von ihm und beschuldigte ihn der +Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht zugleich. +Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – +daran ist er nicht schuld – nicht aber im Kopfe. +Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, kein Betrüger, +kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten +nicht wie ein Schleicher, sondern wie ein Kind +… Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend und<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> +Armut sterben; sollte man aber deshalb einen +Stein auf ihn werfen? Er selbst wird nie etwas +vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur und +Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, +daß er keinen Nutzen bringen werde, +nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine +Worte nicht schon viel guten Samen in junge +Herzen gestreut haben, denen die Natur nicht +wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen +des Gedachten versagt hat? Habe ich ja +doch, ich vor allem, alles dieses an mir selbst erfahren +… Sascha weiß, was Rudin in meinen +jungen Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich +ferner, behauptet zu haben, daß Rudins Worte +keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten; +ich redete aber damals von Menschen, +die mir meinem jetzigen Alter nach gleichstanden, +von Menschen, die das Leben bereits gekostet +haben, und die vom Leben etwas zerzaust +sind. Ein falscher Ton in der Rede – und sie +verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling +ist aber glücklicherweise das Gehör noch nicht so +ausgebildet, noch nicht so verwöhnt. Wenn nur +der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was +kümmert ihn da der Ton! Den wird er schon in +sich selbst finden.«</p> + +<p>»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr +ist das gesprochen! Was jedoch Rudins Einfluß +betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß +einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern +ihn auch weiterschob, ihm die Zeit nicht ließ,<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span> +stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn +entflammte, begeisterte!«</p> + +<p>»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an +Pigassow wendend, »welchen Beweis brauchen +Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; +wenn Sie von ihr reden, finden Sie nicht genug +verächtliche Ausdrücke. Ich bin ihr auch nicht +besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht +von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen +her! Philosophische Spitzfindigkeiten und +Träumereien werden an dem Russen nie haften; +dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; +man darf aber auch nicht die Philosophie als +Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben +nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es +ist Rudins Unglück, daß er Rußland nicht kennt, +und in der Tat ist das ein großes Unglück. Das +Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, +aber keiner von uns das Vaterland. Wehe dem, +der da meint, daß er’s könne; doppelt wehe über +den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus +– ist ein Unding, der Kosmopolit – eine +Null, ärger als eine Null; außerhalb der Nationalität +gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, +noch Leben, gibt es nichts. Ohne Physiognomie +ist nicht einmal das ideale Gesicht; nur das +gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber +wieder darauf zurückkommen, Rudins Schuld ist +es nicht: sein Verhängnis ist es, ein bitteres, +schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß +nicht vorwerfen werden. Es würde uns zu weit<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span> +führen, wollten wir untersuchen, warum Leute, +wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen +für das Gute, das in ihm ist, dankbar sein. Dies +ist leichter als ungerecht gegen ihn zu sein, und +wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine +Strafe über ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, +es wäre auch unnütz: er hat sich selbst viel strenger +bestraft, als er es verdiente … Und gebe +Gott, daß das Unglück alles Schlechte aus ihm +ausscheide und nur das Schöne in ihm zurücklasse! +Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich +trinke auf die Gesundheit des Kameraden meiner +besten Jahre, ich trinke auf das Wohl der +Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres +Vertrauens und ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl +von allem, was unsere zwanzigjährigen Herzen +schon klopfen machte und was im späteren Leben +nichts Besseres aus unserem Gedächtnis verdrängen +konnte, verdrängen wird … Ich trinke +auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf +Rudins Wohl!«</p> + +<p>Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte +im Eifer beinahe sein Glas zerschlagen und stürzte +dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, Alexandra +Pawlowna drückte Leschnew die Hand.</p> + +<p>»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, +daß Sie so beredt wären,« bemerkte +Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich +muß gestehen, das hat sogar mich gepackt.«</p> + +<p>»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte +Leschnew nicht ohne Unwillen, »<em class="gesperrt">Sie</em> aber zu<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> +packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. Doch +genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«</p> + +<p>»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er +gleich? … Pandalewski! lebt der immer noch +bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow +wendend.</p> + +<p>»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat +ihm eine einträgliche Stelle ausgewirkt.«</p> + +<p>Leschnew lächelte.</p> + +<p>»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür +ließe sich bürgen.«</p> + +<p>Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen +auseinander. Als Alexandra Pawlowna mit +ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie +ihm zärtlich ins Gesicht.</p> + +<p>»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte +sie, seine Stirn sanft mit der Hand streichelnd, +»wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe +aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil +Rudins hinreißen lassen, wie ehemals zu dessen +Nachteile …«</p> + +<p>»Den am Boden Liegenden schlägt man +nicht<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> … überdies befürchtete ich damals, daß +er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,« +fügte er lächelnd hinzu.</p> + +<p>»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna, +»er ist mir von jeher zu gelehrt vorgekommen, +ich fürchtete mich vor ihm und wußte<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> +nicht, wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte. +Pigassow hat sich aber doch heute ziemlich boshaft +über ihn lustig gemacht, scheint dir’s nicht?«</p> + +<p>»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich +nahm ich mit solcher Wärme Rudin in +Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn +einen Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht +nach ist aber die Rolle, die er, Pigassow, spielt, +hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges +Vermögen, macht sich über alles lustig und +schwänzelt bei Vornehmen und Reichen herum! +Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der +mit solcher Erbitterung auf alle und alles +schimpft und über Philosophie und Weiber herfällt, +– weißt du wohl, daß er, als er sich noch +im Amte befand, ein Sportelreißer war und noch +dazu ein arger!«</p> + +<p>»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna. +»Das hätte ich nicht erwartet … Höre, +Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu, +»was ich dich fragen will …«</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit +Natalia glücklich sein?«</p> + +<p>»Wie soll ich dir darauf antworten … allem +Anschein nach, ja … die Oberhand wird sie behalten +– unter uns brauchen wir kein Geheimnis +daraus zu machen – sie ist klüger als er; +er ist aber ein herrlicher Mensch und liebt sie +von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span> +wir beide einander doch und sind glücklich, nicht +wahr?«</p> + +<p>Alexandra Pawlowna lächelte und drückte +Michael Michailitsch die Hand.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An demselben Tage, als das soeben Erzählte +im Hause Alexandra Pawlownas vorging – +schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements +Rußlands, in der drückendsten Hitze, +auf der Landstraße eine schlechte, mit Matten +bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt +waren, mühsam dahin. Auf dem Vorderrande +hielt sich, die Füße schräg auf das Strängeholz +gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem +Wams, zog unaufhörlich an den Strickleinen +und schwenkte dazu eine kleine Peitsche; +im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich +gefüllten Mantelsack ein Mann von hohem +Wuchse in Mütze und altem, staubigem Mantel. +Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da +und hatte den Schirm seiner Mütze über die +Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße +des Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf +die andere, er schien nichts zu empfinden, als +wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete +er sich auf.</p> + +<p>»Wann werden wir denn endlich zur Station +kommen?« fragte er den vorn sitzenden Bauer.</p> + +<p>»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span> +und zog noch eifriger an den Leinen, »sind wir +erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben +nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! +schläfst du … Ich will dich lehren,« setzte er +fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd +mit der Peitsche anzutreiben.</p> + +<p>»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« +bemerkte Rudin, »wir schleppen uns schon seit +dem Morgen und können nicht ankommen. Singe +mir wenigstens etwas vor.«</p> + +<p>»Was soll man machen, Väterchen! Die +Pferde, Sie sehen ja selbst, sind ganz verhungert +… und dazu noch die Hitze. Was nun das +Singen betrifft … das versteht unsereiner nicht: +wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« rief +auf einmal der Bauer einem vorübergehenden +Wanderer in braunem, schlechtem Kittel und abgetretenen +Bastschuhen zu, »heda, mache uns +Platz, Freundchen!«</p> + +<p>»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer +ihm nach und blieb stehen. »Moskauer +Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes +hinzu, schüttelte den Kopf und ging des Weges +langsam weiter.</p> + +<p>»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde +zu und zog wieder ruckweise an den Leinen; +»ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«</p> + +<p>So gut es ging, erreichten die ermüdeten +Pferde endlich den Posthof. Rudin stieg aus der +Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht dafür<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span> +dankte und das Geld lange in der hohlen Hand +herumwarf – er hatte vermutlich ein größeres +Trinkgeld erwartet –, und trug seinen Mantelsack +selbst in das Postzimmer.</p> + +<p>Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben +viel in Rußland umhergereist war, hat die +Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem Stationszimmer +Bilder hängen, welche Szenen aus +Puschkins »Gefangenen im Kaukasus« oder russische +Generale vorstellen, man bald Pferde bekommen +kann; wenn dagegen die Bilder das Leben +des berüchtigten Spielers Georges de Germany +darstellen, der Reisende auf baldige Beförderung +nicht rechnen darf: er wird Zeit genug +haben, sich sattzusehen an dem emporgestrichenen +Hahnenkamm, der weißen Weste mit breiten +Aufschlägen und den außerordentlich engen und +kurzen Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend +und an seiner rasenden Physiognomie, als +er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, +in einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn +erschlägt. In dem Zimmer, in welches Rudin +trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig +Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf +seinen Ruf erschien der Stationshalter mit verschlafenem +Gesichte (ich möchte wissen – ob +wohl jemand einen Stationshalter mit einem +nicht verschlafenen Gesichte gesehen hat?) und +ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit +träger Stimme, es seien keine Pferde da.</p> + +<p>»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span> +da,« erwiderte Rudin, »wenn Sie nicht einmal +wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit Privatpferden +hierhergekommen.«</p> + +<p>»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte +der Posthalter. »Wohin wollen Sie +denn?«</p> + +<p>»Nach …sk.«</p> + +<p>»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der +Stationshalter und ging hinaus.</p> + +<p>Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf +seine Mütze auf den Tisch. Er hatte sich in diesen +zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber +gelber geworden; hin und wieder schillerten silberne +Fäden in dem Haar und die Augen, immer +noch schön, schienen etwas matter geworden zu +sein; leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen +Denkens, zeigten sich an den Lippen, +den Wangen und den Schläfen.</p> + +<p>Seine Kleidung war abgetragen und alt, von +Wäsche war nirgends etwas zu sehen. Die Zeit +seiner Blüte war offenbar vergangen, er war, +wie der Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat +geschossen.</p> + +<p>Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu +lesen … ein beliebter Zeitvertreib sich langweilender +Reisenden … plötzlich knarrte die Tür +und der Stationshalter trat herein.</p> + +<p>»Pferde nach …sk sind keine da und werden +noch lange nicht da sein, aber nach …ow +sind Retourpferde zu haben.«</p> + +<p>»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> +bitte Sie! das liegt ja gar nicht auf meinem +Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie +mir deucht, in der Richtung nach Tambow.«</p> + +<p>»Was tut es? Sie können dann aus Tambow +weiter, oder wenn es Ihnen beliebt, werden Sie +von …ow aus wieder hierher zurückkehren +können.«</p> + +<p>Rudin überlegte.</p> + +<p>»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen +Sie einspannen. Mir ist es ganz gleich; ich +fahre nach Tambow.«</p> + +<p>Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin +trug seinen Mantelsack hinaus, stieg in den Postkarren, +setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf +hängen.</p> + +<p>Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes +in seiner gebeugten Gestalt … Und das +Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter +dem einförmigen Geklingel der Schellen +dahin.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Epilog">Epilog</h2> +</div> + +<p>Wiederum waren einige Jahre verstrichen.</p> + +<p>An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange +des Hauptposthofes der Gouvernementsstadt +S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich +reckend stieg aus derselben ein Herr, er war noch +nicht alt, besaß jedoch bereits jene Fülle des Leibes, +die man »respektabel« zu nennen pflegt. +Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen +war, blieb er im Eingange des breiten +Korridors stehen, und da er niemand gewahr +wurde, forderte er mit lauter Stimme ein +Zimmer. Sogleich hörte man eine Tür zuwerfen, +ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen +Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz +auf der Rückseite und den Ärmeln seines +abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich. +Als der Fremde in sein Zimmer trat, warf er +sogleich Mantel und Plaid ab, setzte sich auf +einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie, +blickte wie schlaftrunken umher und befahl sodann, +seinen Bedienten zu rufen. Der Diener tat +einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende +war kein anderer als Leschnew. Er war der<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span> +Rekrutenaushebung wegen von seinem Gute nach +S. gekommen.</p> + +<p>Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger +und rotwangiger Bursche, in grauem, mit +blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen +Filzstiefeln trat in das Zimmer.</p> + +<p>»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch +angekommen,« sagte Leschnew, »und du hattest +befürchtet, die Schiene am Rade werde abspringen.«</p> + +<p>»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte +der Bediente, und versuchte über dem +aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln, +»wie aber die Schiene nicht abgesprungen ist, +das …«</p> + +<p>»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im +Korridor hören.</p> + +<p>Leschnew fuhr zusammen und horchte auf.</p> + +<p>»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme.</p> + +<p>Leschnew erhob sich, trat an die Tür und +machte sie rasch auf.</p> + +<p>Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse, +fast ganz ergraut und gebeugt, in einem alten +Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte +ihn sogleich.</p> + +<p>»Rudin!« rief er bewegt.</p> + +<p>Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht +Leschnews, der mit dem Rücken gegen das Licht +stand, nicht erkennen und blickte ihn zweifelhaft +an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p> + +<p>»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew +ihn an.</p> + +<p>»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und +streckte die Hand vor, wurde aber verwirrt und +zog sie wieder zurück …</p> + +<p>Leschnew ergriff sie mit beiden Händen.</p> + +<p>»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu +Rudin und führte ihn in sein Zimmer.</p> + +<p>»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew +nach einigem Schweigen und unwillkürlich die +Stimme senkend.</p> + +<p>»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem +Blicke im Zimmer umherschweifend. »Die Jahre +… Sie aber – sind wie früher. Wie geht es +Alexandra … Ihrer Gemahlin?«</p> + +<p>»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt +Sie hierher?«</p> + +<p>»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In +diesem Hause befinde ich mich ganz zufällig. Ich +suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich +sehr …«</p> + +<p>»Wo speisen Sie?«</p> + +<p>»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem +Gasthause. Ich muß heute noch fort von hier.«</p> + +<p>»Sie müssen?«</p> + +<p>Rudin lächelte bedeutsam.</p> + +<p>»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum +Aufenthalt an.«</p> + +<p>»Speisen Sie mit mir.«</p> + +<p>Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade +in die Augen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span></p> + +<p>»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen +zu speisen?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden. +Wollen Sie? Ich glaubte nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen +und Gott weiß, wenn wir uns +wiedersehen werden. Wir können doch so nicht +voneinander scheiden!«</p> + +<p>»Gut, ich bin es zufrieden.«</p> + +<p>Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den +Diener, bestellte das Essen und befahl, eine +Flasche Champagner auf Eis zu stellen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Während des Essens unterhielten sich Leschnew +und Rudin, gleichsam wie verabredet, ausschließlich +von ihrem Studentenleben, kamen auf +vieles zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene. +Anfangs sprach Rudin gezwungen, +doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken +hatte, wurde er warm. Endlich nahm der Diener +die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew stand auf, +verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch, +Rudin gerade gegenüber und stützte still sein +Kinn auf beide Hände.</p> + +<p>»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles +erzählen, was sich mit Ihnen zugetragen hat, +seit ich Sie nicht gesehen habe.«</p> + +<p>Rudin warf einen Blick auf Leschnew.</p> + +<p>Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er +aussieht, der arme Mensch!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p> + +<p>Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel +verändert, besonders seit der Zeit, da wir ihn +auf der Station trafen, obgleich bereits Spuren +des nahenden Alters darin sichtbar waren, der +Ausdruck war jetzt aber ein anderer. Die Augen +blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, aus +seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, +aus seiner schleppenden und gleichsam +gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung, +geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten +Schwermut von früher durchaus +nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer +von Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe +erfüllten Jugend so gut zu Gesichte steht.</p> + +<p>»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet +ist?« begann er. »Alles läßt sich nicht erzählen +und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt +habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, +nicht mit dem Körper allein – auch mit der +Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren! +Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! +… Ja, mit wem,« wiederholte +Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn +mit besonderer Teilnahme anblickte. »Wie oft haben +meine eigenen Worte mich angewidert – +nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern +auch in dem Munde jener Leute, die meine Ansichten +teilten! Welche Übergänge habe ich +durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit +eines Kindes bis zur stumpfen Gefühllosigkeit +des Pferdes, das nicht einmal mehr mit<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> +dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft +… Wie viele Male habe ich mich umsonst gefreut, +umsonst gehofft, gekämpft und mich erniedrigt! +Wie oft habe ich wie ein Falke meine +Fittiche ausgebreitet – und bin auf die Erde +zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, wie die +Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … +Wo bin ich nicht überall gewesen; welche Wege +hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt schmutzige +Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich +etwas ab.</p> + +<p>»Sie verstehen,« fuhr er fort …</p> + +<p>»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst +sagten wir ›du‹ zueinander … Willst du? Wir +frischen das alte auf … Trinken wir auf das +Du!«</p> + +<p>Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick +flimmerte etwas, was keine Sprache wiederzugeben +vermag.</p> + +<p>»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, +laß uns trinken.«</p> + +<p>Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.</p> + +<p>»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung +des Wortes »du« und lächelnd, »es sitzt +in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt +und mir nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt +mich den Menschen entgegen – anfangs empfinden +sie meinen Einfluß, nachher aber …«</p> + +<p>Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit +der Hand.</p> + +<p>»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah,<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span> +bin ich um mancherlei Erfahrungen reicher geworden +… Mehrmals habe ich ein neues Leben +angefangen, mehrfach die Hand an ein +neues Werk gelegt – und da siehst du nun, wie +weit ich gekommen bin!«</p> + +<p>»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam +vor sich hin, Leschnew.</p> + +<p>»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … +Etwas erbauen, das habe ich nie gekonnt! Und +es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, +wenn man keinen Boden unter sich fühlt, wenn +man sein eigenes Fundament erst selbst legen +muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, +das heißt, all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, +drei Vorfälle sollst du erfahren … jene Vorfälle +aus meinem Leben, wo, wie es schien, der +Erfolg mir bereits lächelte, oder nein, wo ich +anfing, auf Erfolg zu hoffen – was nicht ganz +dasselbe ist …«</p> + +<p>Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes +Haar mit derselben Handbewegung +zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er +noch dunkles und volles Haar hatte.</p> + +<p>»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich +mit einem ziemlich sonderbaren Menschen zusammen. +Er war sehr reich und besaß beträchtliche +Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, +seine Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft +war die Liebe zur Wissenschaft, zur Wissenschaft +im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt nicht begreifen,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> +wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! +Sie stand ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. +Er selbst konnte sich nur mit Mühe auf der Höhe +der Vernunft behaupten und verstand es kaum, +sich auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll +die Augen und schüttelte bedenklich den Kopf. +Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur, +Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte +an jene weiten Strecken im Smolenskischen +Gouvernement, wo man nur Sand findet – +Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches +Gras, das kein Tier fressen mag. Es wollte +ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus +seinen Händen, alles, und obendrein war er noch +darauf versessen, was leicht war, sich zu erschweren. +Hätte es von ihm abgehangen, er +würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, +auf dem Kopfe zu gehen. Er arbeitete, +schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen +starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld +stürzte er sich auf die Wissenschaften; sein +Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein Charakter +war eisern. Er lebte allein und galt für +einen Sonderling. Ich wurde mit ihm bekannt +und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte +ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. +Dann besaß er ein so schönes Vermögen, es ließ +sich durch ihn so viel Gutes, so viel wahrhafter +Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und +fuhr endlich mit ihm auf sein Landgut. – +Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir herum;<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span> +ich träumte von vielen Verbesserungen, +Neuerungen …«</p> + +<p>»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« +bemerkte Leschnew mit gutmütigem Lächeln.</p> + +<p>»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten +überzeugt, daß meine Worte unfruchtbar +bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete +sich vor mir ein Feld ganz anderer Art aus … +Ich schleppte agronomische Bücher herbei … +von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein +einziges bis zu Ende gelesen habe … und dann +machte ich mich an die Arbeit. Anfangs ging es +nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien +es gehen zu wollen. Mein neuer Freund schwieg +zu allem und schaute zu, er störte mich nicht, das +heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich +nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte +dieselben auch aus, aber starrsinnig, unnachgiebig +und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er alles +nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an +jedem seiner Gedanken, wie der Sonnenkäfer an +dem Grashalm, dessen Spitze er nur mit Anstrengung +erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar +seine Flügel zurechtzupfend, um weiterzufliegen +– plötzlich aber herunterfällt, um nochmals +hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht +über diese Gleichnisse wundern. Schon damals +hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. Zwei +Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte +gingen schlecht, ungeachtet aller meiner Anstrengungen. +Ich fing an, ihrer überdrüssig zu werden,<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> +mein Freund langweilte mich, und ich +wurde ihm unbequem und erdrückend; sein Mißtrauen +ging in schlecht verhehlte Erbitterung +über, ein feindseliger Geist hatte sich unser beider +bemächtigt, wir konnten miteinander von nichts +mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich bemühte +er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht +meinem Einflusse fügte; meine Verordnungen +wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen +… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn +Gutsbesitzer nur als Mittel zur geistigen Gymnastik +diente … Ich war zu einer Art intelligenten +Parasiten geworden! Schmerzlich ward es +mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu vergeuden, +schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und +abermals mich in meinen Erwartungen getäuscht +hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel ich verlor, +wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht +über mich, und eines Tages, infolge eines widerlichen +und empörenden Vorfalles, dessen ich Zeuge +war und der mir meinen Freund in einem wirklich +zu unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte +ich mich vollends mit ihm, reiste ab und ließ diesen +aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups +zusammengekneteten pedantischen Krautjunker +fahren.«</p> + +<p>»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes +fahren lassen,« wandte Leschnew ein und +legte beide Hände auf Rudins Schulter.</p> + +<p>»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> +leeren Raume. Fliege nun, wohin du willst … +Ha, trinken wir eins!«</p> + +<p>»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob +sich und küßte Rudin auf die Stirn. »Auf +deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken +… Er hat es auch verstanden, arm zu bleiben.«</p> + +<p>»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« +sagte Rudin nach einer kleinen Pause. »Soll ich +fortfahren, wie?«</p> + +<p>»Fahre fort, ich bitte dich.«</p> + +<p>»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort. +Ich bin des Redens müde, Bruder … Nun, es +sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen Stellen +umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig +erzählen, wie ich bei einem pflichtgetreuen +hohen Beamten Sekretär wurde und wie das +endete; es würde uns jedoch zu weit führen … +nachdem ich mich also an verschiedenen Orten +umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt … ich +bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann, +ein praktischer Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen: +ich wurde mit einem gewissen … +vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem +gewissen Kurbejew bekannt …«</p> + +<p>»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich +bitte dich, Rudin, wie konntest du mit deinem +Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein +Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel … +Geschäftsmann zu sein?«</p> + +<p>»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache +ist; was ist denn aber überhaupt meine Sache?<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> +… Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle +ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer +vor. Man sagt, ich wäre in früheren Jahren +beredt gewesen. Ich bin im Vergleich zu ihm +nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener +Mann; ein schöpferischer Kopf, ein Kopf für +Industrie und Handelsunternehmungen. Die +kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in +seinem Geiste. Wir traten zusammen und faßten +den Entschluß, gemeinschaftlich unsere Kräfte +einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.«</p> + +<p>»Welchem? Sage doch!«</p> + +<p>Rudin senkte den Blick.</p> + +<p>»Du wirst lachen müssen.«</p> + +<p>»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.«</p> + +<p>»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen +Gouvernement schiffbar zu machen,« äußerte Rudin, +verlegen lächelnd.</p> + +<p>»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?«</p> + +<p>»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und +senkte still seinen ergrauten Kopf.</p> + +<p>Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne +und faßte Rudins Hand.</p> + +<p>»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte +er, »ich hatte das nun gar nicht erwartet. Nun, +euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?«</p> + +<p>»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht. +Wir mieteten Arbeiter … und gingen ans +Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse. +Erstens wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten,<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> +zweitens konnten wir mit dem Wasser +ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine +jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten +wir in Erdhütten. Kurbejews einzige +Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch +nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend +da herum ist wunderschön. Wir quälten und +quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu überreden +und sandten Briefe und Zirkulare in die +Welt. Das Ende davon war, daß mein letzter +Groschen bei diesem Projekte aufging.«</p> + +<p>»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war +nicht schwer, deinen letzten Groschen daran aufgehen +zu sehen.«</p> + +<p>»In der Tat war das nicht schwer … doch +das Unternehmen war aber, bei Gott, nicht übel +und hätte großen Gewinn abwerfen können.«</p> + +<p>»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?« +fragte Leschnew.</p> + +<p>»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber +ist er geworden. Und du wirst sehen, er wird +sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.«</p> + +<p>»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht +dahin bringen.«</p> + +<p>»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja +übrigens, daß ich in deinen Augen von jeher für +einen unnützen Menschen gegolten habe.«</p> + +<p>»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine +Zeit, du hast recht, wo mir nur deine Schattenseiten +in die Augen fielen; jetzt aber, glaube<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> +mir’s, habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen +wirst du dir wohl nicht zusammenschlagen … +Deshalb aber liebe ich dich …«</p> + +<p>Rudin lächelte matt.</p> + +<p>»Wirklich?«</p> + +<p>»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew, +»verstehst du mich wohl?«</p> + +<p>Sie schwiegen beide.</p> + +<p>»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?« +fragte Rudin.</p> + +<p>»Tu mir den Gefallen.«</p> + +<p>»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von +dieser Nummer habe ich mich eben erst losgemacht. +Langweilt es dich aber nicht?«</p> + +<p>»Erzähle, erzähle.«</p> + +<p>»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer +Stunde der Muße … an Muße hat es mir niemals +gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse +besitze ich nicht wenig, ich wünsche das Gute +du wirst doch nicht absprechen wollen, daß +ich das Gute wünsche?«</p> + +<p>»Das fehlte noch!«</p> + +<p>»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger +durchgefallen … warum sollte ich nicht Pädagog +werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? +… besser doch, als nichts zu tun …«</p> + +<p>Rudin hielt inne und schöpfte Atem.</p> + +<p>»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird +es doch sein, wenn ich mich bestrebe, anderen das +mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden sie +aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> +schöpfen. Meine Talente sind doch am Ende keine +alltäglichen; die Gabe der Rede habe ich auch … +Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu +widmen. Mühe genug kostete es mir, eine Anstellung +zu finden; Privatunterricht wollte ich nicht +erteilen; an Elementarschulen war mein Platz +nicht. Endlich gelang es mir, die Stelle eines +Lehrers am hiesigen Gymnasium zu erhalten.«</p> + +<p>»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte +Leschnew.</p> + +<p>»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich +kann dir sagen, noch keine Sache habe ich mit +solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke, +auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. +Drei Wochen war ich mit der Abfassung meiner +Antrittsvorlesung beschäftigt.«</p> + +<p>»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.</p> + +<p>»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. +Sie kam nicht schlecht heraus und fand Beifall. +Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner Zuhörer +vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem +Ausdrucke der treuherzigsten Aufmerksamkeit, +Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. Ich bestieg +das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im +Fieber; ich hatte geglaubt, ich würde daran reichlich +für eine Stunde haben, und in zwanzig Minuten +war ich fertig. Der Inspektor war auch +zugegen – ein trockener Alter mit silbergefaßter +Brille und kurzer Perücke, – von Zeit zu Zeit +neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als +ich zu Ende war und von meinem Sessel sprang,<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span> +sagte er zu mir: ›Gut, doch etwas zu hoch und +unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist +zu wenig gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch +geleiteten mich mit Blicken der Achtung … +wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert +der Jugend. Die zweite Vorlesung und auch die +dritte hatte ich aufgeschrieben … dann aber improvisierte +ich.«</p> + +<p>»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.</p> + +<p>»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden +sich in Massen ein. Ich teilte ihnen alles mit, +was mir auf der Seele lag. Unter denselben waren +drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; +die übrigen verstanden mich nur halb. Ich muß +indessen gestehen, daß auch diejenigen, welche mich +verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen +verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber +nicht. Liebten mich ja doch alle: bei den Repetitionen +gab ich allen gute Zensuren. Da aber entspann +sich gegen mich eine Intrige … oder +nein! Eine Intrige war es nicht; ich war, einfach +gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. Ich +war den anderen unbequem und die anderen +waren es mir. Ich hielt Gymnasiasten Vorlesungen, +wie man sie Studenten nicht immer hält, +und meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen +doch nicht so sehr förderlich … ich beherrschte +die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte +mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet +war … Du weißt ja, das war immer +meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span> +und schwöre dir, diese Reformen waren gut +und ausführbar. Ich hoffte, sie mit Hilfe des +Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, +auf welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, +durchzusetzen. Seine Frau stand mir bei. Ich +habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher +Frauen getroffen. Sie war bereits nahe +den Vierzigern, glaubte aber noch an das Gute, +liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges +Mädchen und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, +vor wem es auch sein mochte, offen auszusprechen. +Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, +ihre Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, +hatte ich schon einen Plan entworfen, doch da +wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet +und ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders +schadete mir ein Lehrer der Mathematik, ein unansehnlicher, +bissiger und gallsüchtiger Mensch, +der an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, +aber bei weitem tüchtiger als er … ja, sage +doch, lebt Pigassow noch?«</p> + +<p>»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine +Dienstmagd geheiratet, die, wie man sagt, ihn +prügeln soll.«</p> + +<p>»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, +geht es ihr gut?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Ist sie glücklich?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Rudin schwieg.</p> + +<p>»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span> +vom Lehrer der Mathematik. Er hatte einen Haß +auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich +er mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, +nicht ganz deutlichen Ausdruck auf und führte +mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus +dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache +aber war, er hatte meine Absichten verdächtigt; +meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie an +eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem +ich mich gleich anfangs nicht gut gestellt hatte, +reizte den Direktor gegen mich auf; und es kam zu +einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde +heftig, die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, +und ich ward gezwungen, meine Entlassung zu +nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte +zeigen, daß ich mit mir nicht so umspringen lasse +… aber leider mußte ich einsehen, daß man +mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt +muß ich die Stadt verlassen.«</p> + +<p>Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen +da mit gesenktem Kopfe.</p> + +<p>Rudin nahm zuerst wieder das Wort.</p> + +<p>»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit +Koltzow<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> ausrufen: ›Wie hast du, meine Jugend, +mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß +nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich +denn wirklich zu nichts gut, gab es denn wirklich +gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich +habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> +Mühe ich mir auch gab, mich in meinen eigenen +Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch unmöglich, +in mir das Vorhandensein von Kräften +nicht zu fühlen, mit denen nicht jedermann begabt +ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte unfruchtbar? +Und dann noch eins: erinnerst du +dich, als wir zusammen im Auslande waren, war +ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen +… Es ist wahr, ich war damals nicht +deutlich dessen bewußt, wonach mich verlangte, +ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge +und schenkte Trugbildern Glauben; jetzt +aber, ich schwöre dir’s, darf ich laut, vor allen, +gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen: +ich bin im wahren Sinne des Wortes ein +wohlgesinnter Mensch; ich werde demütig, will +mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, +strebe nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn +auch nur geringen, Nutzen schaffen. Aber – es +will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? +Was hindert mich, zu leben und zu wirken, wie +andere es tun? Ich trachte ja jetzt nach nichts +Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine +bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen +Punkte Posto zu fassen, so stößt mich das +Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, Furcht +zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das +alles? Erkläre mir dies Rätsel!«</p> + +<p>»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist +wahr. Warst du ja für mich selbst ein Rätsel. +Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam,<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> +nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich +wieder das Wort nahmst, daß uns das Herz +im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal +anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will +… selbst damals verstand ich dich nicht: deshalb +verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so +viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben +nach Idealen …«</p> + +<p>»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,« +unterbrach ihn Rudin.</p> + +<p>»Die Taten fehlten! Was für Taten?«</p> + +<p>»Was für Taten? Eine blinde Großmutter +und die ganze Familie mit seiner Hände Arbeit +ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich – +Da hast du eine Tat.«</p> + +<p>»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine +Tat.«</p> + +<p>Rudin blickte schweigend Leschnew an und +schüttelte still den Kopf.</p> + +<p>Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß +mit der Hand über sein Gesicht.</p> + +<p>»Und so fährst du denn auf dein Gut?«</p> + +<p>»Ja, ich fahre hin.«</p> + +<p>»Hast du denn dein Gut behalten?«</p> + +<p>»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe +Seele. Ein Winkel für mich, wo ich +den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in +diesem Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht +ohne Phrase zu sagen.‹ Die Phrasen, es ist wahr, +sie haben mein Unglück verschuldet, mich aufgerieben, +bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span> +können. Was ich aber soeben sagte, war +keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist keine +Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten +Ellenbogen – sind keine Phrase. Du bist immer +streng gegen mich gewesen und das war recht +von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die +Rede sein, wenn schon alles abgetan, in der +Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits +zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke +zu verglimmen droht … Der Tod, Bruder, +muß am Ende alles aussühnen …«</p> + +<p>Leschnew sprang auf.</p> + +<p>»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir +das? Wodurch habe ich das von dir verdient? +Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für +ein Mensch würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke +deiner eingefallenen Wangen und Runzeln, +das Wort Phrase in den Sinn kommen +könnte? Du willst wissen, was ich von dir denke? +Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was +hätte der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen +können, über welche irdischen Güter würde er +wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … +und ich finde ihn hungernd und ohne Obdach …«</p> + +<p>»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin +kaum hörbar hervor.</p> + +<p>»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein +– das ist es. Was hinderte dich, lange Jahre +bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, zu +verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span> +nur zu Gefallen hättest leben wollen, dein Auskommen +wäre gesichert! Weshalb hast du es im +Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer +Mensch! – was auch dein jedesmaliges +Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte +dein Unternehmen allemal und durchaus damit +enden, daß du deinen eigenen Vorteil zum Opfer +brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in +schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«</p> + +<p>»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« +fuhr Rudin mit wehmütig-verächtlichem +Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«</p> + +<p>»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille +stehen, nicht weil ein Wurm in dir steckt, wie du +vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein +Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht +dich, und wie man sieht, glüht sie ungeachtet +aller Misere in dir selbst lebhafter als in vielen +anderen, die sich nicht einmal für Egoisten +erklärten und dich vielleicht gar einen Intriganten +nennen. Ich an deiner Stelle hätte wahrlich +schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht +und Frieden mit allem geschlossen; du aber +bist nicht einmal bitterer geworden, und ich bin +überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, +bereit, von neuem wie ein Jüngling ans +Werk zu gehen.«</p> + +<p>»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte +Rudin. »Es war für mich genug.«</p> + +<p>»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. +Du sagst, der Tod sei ein Sühneopfer;<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span> +glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt +hat und gegen andere nicht nachsichtig geworden +ist, der verdient selbst keine Nachsicht. +Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht +bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt +hast, nach Kräften hast du gekämpft … Was +verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«</p> + +<p>»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch +als ich,« unterbrach ihn Rudin mit einem Seufzer.</p> + +<p>»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew +fort, »vielleicht eben darum, daß mich, mit +meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und +unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts +daran hinderte, ruhig sitzenzubleiben und, die +Hände im Schoße, den Zuschauer zu machen, +während du auf das Feld hinaus mußtest, um +mit aufgestreiften Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. +Unsere Wege gingen auseinander … +siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden +wir ja beide fast dieselbe Sprache, auf einen +halben Wink verstehen wir einander, an denselben +Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den +Unserigen sind ja wenige nur noch übrig, Bruder; +beide sind wir die letzten Mohikaner! In +früheren Jahren, als wir noch das volle Leben +vor uns hatten, konnten wir verschiedener Meinung +sein, ja sogar feindlich einander gegenüberstehen; +jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter +wird, da neue Geschlechter an uns vorüberziehen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span> +die anderen Zielen, als die unserigen es +waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. +Stoßen wir an, Bruder, und laß uns nach +alter Art singen: <em class="antiqua">Gaudeamus igitur!</em>«</p> + +<p>Die Freunde stießen mit den Gläsern an und +sangen in gerührtem und falschem, d. h. echt russischem +Tone das alte Studentenlied.</p> + +<p>»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm +Leschnew wieder das Wort. »Ich glaube nicht, +daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir +nicht vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es +mit dir enden wird. Vergiß aber nicht, daß, was +sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen +Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen +kannst: mein Dach … hörst du, altes +Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden +und diese bedürfen eines Asyls.«</p> + +<p>Rudin erhob sich.</p> + +<p>»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! +Ich werde es dir eingedenk sein. Doch eines +Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben, +und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie +sich’s gebührt.«</p> + +<p>»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein +jeder bleibt, wozu die Natur ihn gemacht hat, +und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest +du es nicht den ewigen Juden? … Wie +kannst du es aber wissen, vielleicht bist du dazu +bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst +du dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes +Verhängnis: nicht umsonst heißt es im<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span> +Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter +Gott stehen. Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! +– Gehe also hin, wohin seine Hand dich +leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß +Rudin seine Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst +du nicht für die Nacht?«</p> + +<p>»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … +Mit mir endet es nicht gut.«</p> + +<p>»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«</p> + +<p>»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem +Andenken.«</p> + +<p>»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, +und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. +Lebe wohl …«</p> + +<p>Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte +sich rasch.</p> + +<p>Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, +hielt beim Fenster still und sagte halblaut: »Armer +Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch +und fing einen Brief an seine Frau an.</p> + +<p>Draußen erhob sich der Wind und schlug mit +unheilverkündendem Heulen schwer und wie erbost +an die klirrenden Scheiben. Eine lange +Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der +in solchen Nächten ein Dach über sich weiß, einen +warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge +Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni +1848, in Paris, als der Aufstand der »Arbeitervereine« +fast unterdrückt war, stürmte ein Bataillon +Linientruppen in einer der engen Quergassen +der Vorstadt St. Antoine eine Barrikade. +Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits in +Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger +derselben zogen sich zurück und waren nur +noch auf ihre eigene Rettung bedacht, als plötzlich +auf dem höchsten Punkte der Barrikade, auf dem +eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens, +ein hochgewachsener Mann sichtbar +wurde in einem alten Rock, mit einer roten +Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem +weißen, unordentlichen Haare. In der einen +Hand hielt er eine rote Fahne, in der anderen +einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit +angestrengter, scharfer Stimme, indem er bemüht +war, höher hinaufzuklimmen und mit Fahne und +Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger +legte auf ihn an – ein Schuß fiel … +dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – +und wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein +Gesicht, als wäre er jemandem zu Füßen gefallen +… Die Kugel war ihm gerade durchs Herz +gegangen.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Tiens!</em>« sagte einer der fliehenden <em class="antiqua">insurgés</em> +zu einem anderen, »<em class="antiqua">on vient de tuer le Polonais!</em>«</p> + +<p>»<em class="antiqua">Bigre!</em>« antwortete der andere, »<em class="antiqua">sauvons-nous!</em>«<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span> +und beide warfen sich in das Kellergeschoß +eines Hauses, an welchem die Laden alle +verschlossen waren und dessen Wände überall +Spuren von Kugeln und Kartätschen zeigten.</p> + +<p>Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.</p> + +<div class="footnotes"><p class="h3">Fußnoten:</p> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten +Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen +und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> So heißen die kleinrussischen Volkslieder.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Aus Gribojedow.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held +unserer Zeit«.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Puschkin.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Russisches Sprichwort.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Russischer Volksdichter.</p> + +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="h2">Bücherverzeichnis +des Verlags Georg Müller</p> +</div> + +<p class="h3">Friedrich Huch</p> + +<p class="booktitle">Neue Träume.</p> + +<p class="noind">Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und +10 ganzseitigen Lithographien von Alfred Kubin. +Mit einer Vorrede des Verfassers und einer +Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer +einmaligen numerierten Auflage von 800 Exemplaren, +von denen die Nummern 1–100 in +Halbpergament gebunden wurden. Pappband +10 Mk., Halbpergt. 15 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Shakespeare: Sonette.</p> + +<p class="noind">Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem +Nachlaß.) Einmalige Auflage von 600 Exemplaren, +davon 450 auf Bütten, den Titel und +die zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner. +Halbpergt. 12 Mk.</p> + +<p class="center larger p2">*</p> + +<p class="booktitle">Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem +Buch eines Lebens.</p> + +<p class="noind">Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk., +geb. 4 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Humorbuch.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p> + +<p class="booktitle">Huneker, James: Chopin.</p> + +<p class="noind">Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte +Übersetzung von Lola Lorme und Heinrich +Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer. +3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh. +5 Mk., Halbleinen 7 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik.</p> + +<p class="noind">Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung +und Anhang von Stefanie Strizek. Mit 24 Bildbeigaben. +2. Auflage. Halbleder 15 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Immermann, Karl.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder.</p> + +<p class="h3">Der Indische Kulturkreis</p> + +<p class="noind">in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung +von Helmuth von Glasenapp, Otto +Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem +Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring.</p> + +<p class="booktitle">Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst.</p> + +<p class="noind">Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In +Leinen 32 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien.</p> + +<p class="noind">Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit +230 Abbildungen auf Tafeln. In Leinen, 2 +Bände 50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Indien. Volk und Kultur / Länder und +Städte.</p> + +<p class="noind">Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen +auf Tafeln. In Leinen geb. 32 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Heilige Stätten Indiens.</p> + +<p class="noind">Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth +von Glasenapp. In Leinen ca. 32 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Ceylon.</p> + +<p class="noind"> +Von Dr. Friedrich M. Trautz.<br> +Mit 128 Tafeln.<br> +In Leinen geb. 32 Mk. +</p> + +<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt »Der +indische Kulturkreis«.</p> + +<p class="noind">Siehe auch unter Gregor Krause: Bali.</p> + +<p class="h3">Heinrich Eduard Jacob</p> + +<p class="booktitle">Der Zwanzigjährige.</p> + +<p class="noind">Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh. +2 Mk., geb. 3.50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Beaumarchais und Sonnenfels.</p> + +<p class="noind">Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk.</p> + +<p class="h3">Jean Paul</p> + +<p class="booktitle">Die Briefe Jean Pauls.</p> + +<p class="noind">Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben +und erläutert von Eduard Berend. 1. +Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem +Stammbaum. 2. Band: 1794–1797. Mit 6 +Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797 +bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis +1805. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. +Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk., +in Ganzleder 50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Dr. Katzenbergers Badreise.</p> + +<p class="noind">2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May. +Halbleinen 10 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Jean Pauls Persönlichkeit.</p> + +<p class="noind">Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben +von Eduard Berend. Mit 15 Bildbeigaben. +Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Das heimliche Klaglied der heutigen Männer.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p> + +<p class="center p2 larger">*</p> + +<p class="booktitle">Jenseitsrätsel.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Novellenauswahlbände.</p> + +<p class="h3">Elisabeth Joest</p> + +<p class="booktitle">Jens Palmström.</p> + +<p class="noind">Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Vibrationen.</p> + +<p class="noind">Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann +Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.</p> + +<p class="center larger p2">*</p> + +<p class="booktitle">Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem +zoge und, um seiner Frauen Reden, gen +Konstantinopel, König Hugo zu sen.</p> + +<p class="noind">(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.) +Nachdichtung aus dem Altfranzösischen +von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer +Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten +von Hans Pape. In alter Fraktur gedruckt +in einmaliger Aufl. von 250 numerierten +und vom Künstler signierten Expl., davon 50 +auf Bütten. Ausgabe A: Büttenausgabe in +handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten +in Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk. +Ausgabe B: Handgearbeiteter Ganzpgtbd. (ohne +Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts.</p> + +<p class="noind">Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen +von Rudolf Großmann. Einmalige +numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten +mit der Hand als Halblederband gebunden 40 +Mk., als Pappband gebunden 18 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre +der Reformation.</p> + +<p class="noind">Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt. +Mit 8 Abbildungen. Halbleinen 4 Mk., geh. +2 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Kant.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Bibliothek der Philosophen.</p> + +<p class="booktitle">Karlchen.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Ettlinger.</p> + +<p class="booktitle">Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied.</p> + +<p class="noind">Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski. +Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p> + +<p class="h3">Kataloge</p> + +<p class="booktitle">Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags +Georg Müller. 1924/25.</p> + +<p class="noind">Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Katalog der Bücher des Verlags Georg +Müller. 1923.</p> + +<p class="noind">Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius. +0.50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag.</p> + +<p class="noind">210 Seiten. 1918. 2 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Bücher des Verlags Georg Müller.</p> + +<p class="noind">Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit +zahlreichen Abbildungen. 150 Seiten. 0.50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Literaturbericht des Verlags Georg Müller.</p> + +<p class="noind">Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Das Reich des Eros.</p> + +<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos.</p> + +<p class="booktitle">Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller.</p> + +<p class="noind">16 Seiten. Kostenlos.</p> + +<p class="booktitle">Das Zeitalter Napoleons I.</p> + +<p class="noind">Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos.</p> + +<p class="booktitle">Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen.</p> + +<p class="noind">Mit Abbildungen. Kostenlos.</p> + +<p class="center larger p2">*</p> + +<p class="booktitle">Kaus, Gina: Der Aufstieg.</p> + +<p class="noind">Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.</p> + +<p class="h3">Gottfried Keller</p> + +<p class="booktitle">Sieben Legenden.</p> + +<p class="noind">Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt +in 1200 Expl. Die Holzschnitte wurden von +den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt. +geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a.</p> + +<p class="noind">Halbleinen 2 Mk.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p> + +<p class="center larger p2">*</p> + +<p class="booktitle">Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers. +Diapsalmata.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher +und unter Bibliothek der Philosophen.</p> + +<p class="h3">Eugen Kilian</p> + +<p class="booktitle">Goethes Egmont auf der Bühne.</p> + +<p class="noind">Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels. +Ein Handbuch der Regie. Geh. 4.50 Mk., +Halbleinen 5.50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Dramaturgische Blätter.</p> + +<p class="noind">Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen +Dramaturgie, der Regiekunst und der +Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Aus der Praxis der modernen Dramaturgie.</p> + +<p class="noind">Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze +und Studien aus dem Gebiete der praktischen +Dramaturgie, der Regiekunst und der Theatergeschichte. +Geh. 3 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Goethes Faust auf der Bühne.</p> + +<p class="noind">Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung +des Gedichtes. Geh. 1.50 Mk.</p> + +<p class="booktitle">Shakespeare: Antonius und Kleopatra.</p> + +<p class="noind">Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins +Übersetzung für die deutsche Bühne bearbeitet. +2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk.</p> + +<p class="center larger p2">*</p> + +<p class="booktitle">Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen.</p> + +<p class="noind">Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.</p> + +<p class="h3">Friedrich M. Kircheisen</p> + +<p class="booktitle">Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit.</p> + +<p class="noind">1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797, +3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799, 5. Bd.: +1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen, +Faksimiles, Karten und Plänen. Leder +je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk.</p> + +<p class="noind">(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.)</p> + +<p class="noind">Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das +Zeitalter Napoleons I.«</p> + +<p class="booktitle">Napoleon im Lande der Pyramiden und +seine Nachfolger 1798–1801.</p> + +<p class="noind">Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und +Plänen. Geh. 7 Mk., Halbleder 20 Mk.</p> + +<p class="center s90 p2">Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe:</p> + +<p class="center large bold">Goethes Tagebuch der italienischen Reise</p> + +<p class="center s90">(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher)</p> + +<p class="center s80 p2">Druck von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter transnote" id="tnextra"> + +<p class="h2">Weitere Anmerkung zur Transkription</p> + +<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie +im Original beibehalten. +Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> +<p>Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der Titelseite zusammengesetzt +und ist gemeinfrei (Public Domain.</p> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75298-h/images/cover.jpg b/75298-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..83c069b --- /dev/null +++ b/75298-h/images/cover.jpg diff --git a/75298-h/images/illu-001.jpg b/75298-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..126f5e0 --- /dev/null +++ b/75298-h/images/illu-001.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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